China Schilderungen aus Leben und Geschichte  VÖLKER EUROPAS WAHRET EURE HEILIGSTEN GÜTER Schilderungen aus Leben und Geschichte Krieg und Sieg Ein Denkmal den Streitern und der Weltpolitik Mit 30 farbigen Kunstblättern. 1 Gedenkblatt, 716 Textillustrationen und 2 Karten Leipzig Verlag von Hermann Zieger Ergänzungen und Berichtigungen werden dankbar entgegengenommen unter der Adresse des Herausgebers Geh. Hofrat Prof. Joseph Kürschner, Hohenhainstein ob Eisenach. Vorwort. Im 7. September 1901 hat in Peking die Unterzeichnung des Schlußprotokolles zn den Friedensverhandlungen zwischen China und den Verbündeten stattgefunden. Die "Wirren", die länger als Jahresfrist die Blicke der Welt auf sich zogen, und die namentlich bei ihrem Ausbruche und in ihrem ersten Verlaufe die Gemüter der Nationen in atemloser Spannung hielten, haben damit ihren Abschluß gefunden. Zurückgekehrt sind die Kämpfer, heimgekehrt ist der deutsche Feldmarschall, den das Vertrauen der verbündeten Mächte au die Spitze der Vertretung ihrer Interessen im fernen Osten gestellt hatte, der Mord an dem Vertreter des deutschen Kaisers ist an den Schuldigen gesühnt, die Bahn wieder frei zu friedlicher Entwickelung und gedeihlichem Verkehre auf wesentlich erweiterter Grundlage. Denn >vie auch immer die Geschehnisse von Seiten der Chinesen gedeutet werden mögen, das ist wohl sicher: sie haben dazu beigetragen, Mauern und Hemmnisse zu stürzen, und geholfen, in China abendländische Art und Bedeutung verständlicher zu machen. Und umgekehrt haben sie auch, so heiß zunachn berechtigte Empörung über angethane Schmach anflodern mochte, das Urteil über das gewaltige Reich und seine Bewohner klären helfen und gerechter gemacht. Den deutschen Waffen und deutscher Kriegskunst sind die "Wirren" zu einem Ruhmesblatt geworden. Waren auch keine gewaltigen Schlachten zu schlagen, an Thaten bewunderungswürdiger Wichtigkeit, an Bezeugung großartiger Schulung und vollwichtigen militärischen Könnens hat es in ihrem Verlause nicht gefehlt. Hätte Deutschland nichts weiter erreicht, als Zeugnis abgelegt zu haben für solne Leistungsfähigkeit in marinetechnischer Hinsicht, die Opfer, die das Reich gebracht hat, wären l'nht umsonst gewesen. Obgleich unerprobt in dem Übersee-Transporte großer Truppenkörper ans ^ole Tausende von Mellen, überrascht von den Ereignissen, haben doch alle in Betracht kommenden stellen die vom Kaiser befohlene Mobilmachung mit einer Sicherheit und Schnelligkeit vollzogen, die selbst deii Neidischen im Auslande Worte der Bewunderung eutlockteu. Und so sicher arbeitete unsere junge Marine, daß die Meerriesen, nachdem sie eben 15000 Seemeilen Fahrt hinter sich hatten, doch nach geringer Anffrischung sofort wieder teilnehmen konnten an den heimischen Flottenmanövern! Die Kämpfer selbst haben sich ihrer deutschen Abstammung würdig gezeigt. Wer läse ohne Rührung und frohen Stolz die Berichte von dem kleinen Häuflein Braver, das in Peking dem Anstürme einer entfesselten Volksleidenschaft siegreich Widerstand bot? Wem schlüge das Herz nicht höher bei der Schilderung der Kämpfe vor Takn, die dem deutschen Schiffe "Iltis", seinem todesmutigen Führer und seiner Mannschaft unvergänglichen Ruhm gebracht haben? Doch nicht in blutiger Kriegsarbeit allein, auch in ihrem Verhalten zu anderen Nationen und zu den Bewohnern des Feindeslandes haben die deutschen Soldaten gute Eigenschaften bewiesen. Die "Hunnenbriefe", in denen phantasiereiche Briefschreiber von blutigem Gemetzel und wildem Raube berichteten, haben sich als Aufschneidereien erwiesen, oder als Erfindungen Solcher, die das Vorgehen Deutschlands in Mißkredit zu bringen suchten. Was Kapitän Langrenter vom Dampfer "Cöln" des Norddeutschen Lloyd von den Sodenschen Leuten berichtete: "Keiner besaß einen Fetzen fremden Eigentums", das galt auch von den Angehörigen aller anderen deutschen Truppenteile. Das korrekte Verhalten unserer Soldaten wurde schließlich auch von den Chinesen erkannt und verstanden, sic näherten sich, wie der eben genannte Gewährsmann erzählt, "vertraulich den Deutschen". Der Verkehr mit Truppen anderer Nationen entwickelte sich, besonders mit Bezug auf die Franzosen, in einer fast herzlichen Form und hat sicher dazu beigetragen, auf beiden Seiten alte Vorurteile wcgzurünmen und so dem Gedanken des Friedens genützt. Das Ende der "Wirren" wird nicht das Ende unserer Beziehungen zu China sein, dafür hat Kaiser Wilhelm II. schon gesorgt, als er, längst bevor diese Unruhen ausbrachen, mit zielbewußtem Blicke für die gedeihliche Machtentwickelung des deutschen Reiches die deutsche Fahne über der Bucht von Kiautschon entfaltete. Die Voraussage des besten Kenners von China, Frhrn. v. Richthofen, daß Kiautschon zu einer höchst zukunstreichen Seestation zu werden bestimmt sei, hat sich erfüllt, und der frühere französische Marineminister Lockroy erklärte geradezu, daß Kiautschon auf dem besten Wege sei, der wichtigste Stützpunkt für den schon im Jahre 1901 von 600 deutschen Küstenfahrern betriebenen indisch-chinesischen und chinesisch-japanischen Verkehr zu werden. Die Kenntnis Chinas, auf dessen Boden deutsches Blut geflossen ist, auf dem sich deutsche Kräfte regten und in erhöhtem Maße regen werden, an dessen Küste der deutsche Aar zum Segen des Vaterlandes einen "Platz an der Sonne" fand — die Kenntnis dieses Landes erschließen und erweitern helfen, den Verlauf der "Wirren", vor allem den deutschen Anteil an ihnen zu schildern das hat sich das vorliegende, gemeinverständliche Buch zur Ausgabe gestellt. Das Werk null in seinem ersten Teile die Volksgenossen weitester Kreise vertraut machen mit der Eigenart des chinesischen Reiches unb seiner Bewohner, seinen Einrichtungen und Schöpfungen, seiner historischen Entwickelung von grauer Vorzeit bis zur Gegenwart. Im zweiten Teile läßt es noch einmal die "Wirren" an den Zeitgenossen vorüberziehen, iu sorgfältiger, den Ereignissen folgender Darstellung, die lebendig gemacht wird durch die Einflechtung von Augenzeugenberichten, die Wiedergabe von Reden und bedeutsamen Dokumenten. Gelang es mir für den ersten Teil die Unterstützung berufener Gelehrter und Schriftsteller zu finden, so für den zweiten mich des ersten Chronisten des chinesischen Feldzugs zu versichern und viele Teilnehmer an den Kriegserlebnissen zur Berichterstattung zu veranlassen. Besondere Sorgfalt widmete ich neben dem Texte auch der Illustration, die gerade bei der Schilderung von so vielem Fremdartigen wie selten am Platze war. Die Momentphotographie bot für den zweiten Teil eine Fülle von Material, wie sie bisher wohl nie dem Schilderer eines Feldzuges zur Verfügung stand. Diese Flille war kaum zu bewältigen und konnte ungeachtet des stattlichen Umsanges des vorliegenden Buches nur zum kleinen Teile zur Verwendung kommen. Fällt trotzdem eine gewisse Ungleichmäßigkeit in der Verteilung der Abbildungen auf, so ist dies aus dein Umstande zu erklären, daß die verschiedenen Abschnitte des Feldzuges der Zahl nach sehr verschieden seitens der Photographen berücksichtigt worden sind. Eine große Karte macht die Verfolgung der einzelnen Operationen auf dem Kriegsschauplätze möglich, eine kleinere orientiert besonders über Vertragshäfen und Eisenbahnen. Der Verlag hat Ieinerseits farbige Einzelbilder zu dem Buche beigesteuert, die Freunde finden werden; seinen Erwägungen dankt auch der dritte Teil sein Entstehen. Der Verlag ging dabei von dein Gedanken aus, weiteste Kreise um so sicherer zu fesseln, wenn ihnen neben dem rein Schildernden und Berichtenden auch Unterhaltendes geboten würde, das mit dem Gegenstände des ganzen Werkes im engsten Zusammenhänge stünde. Wie viele tüchtige Männer, Dichter, Erzähler und des Chinesischen kundige Übersetzer sich auch hier aus meine Bitte in den Dienst der Sache stellten, lehrt das Inhaltsverzeichnis. Die altchinesischen Erzählungen und Dichtungen werden das Verständnis für chinesisches Leben und chinesische Denkungsweise noch mehr unterstützen, als es beschreibende Darstellungen zu thun vermocht hätten. Karl Mays Reiseerzählung, die erst während des Erscheinens der einzelnen Lieferungen des Buches vollendet wurde, hat einen etwas anderen Inhalt und Hintergrund erhalten, als. ich geplant und erwartet hatte. Die warmherzige Vertretung des Friedengedankens, die sich der vielgelesene Verfasser angelegen sein ließ, wird aber gewiß bei Vielen Anklang finden. Eine angenehme Pflicht ist es mir, allen Mitarbeitern litterarischen und künstlerischen aufs angelegentlichste auch an dieser Stelle für ihre Unterstützung zu danken. Nicht minder warmen Dank spreche ich den zahlreichen Förderern meiner Arbeit aus, die durch Raterteilung, Beisteuer von Material jeder Art die Erfüllung der gegebenen Aufgabe erleichterten und möglich machten. Vor allem gilt dieser Dank Sr. Exzellenz dem Herrn Staatssekretär des Reichsmarineamts v. Tirpitz und dem Vorstande der Präsidialkanzlei in der k. u. k. Marinesektion Herrn Linienschiffskapitän Ritter v. Jedina, dessen Güte ich die Berichte der österreichischen Herren Offiziere verdanke, sowie Herrn Prof. vr. Friedrich Hirth. der zwar den anfänglich zugesagten Beitrag aus äußeren Gründen nicht beizusteuern vermochte, der aber aus dem reichen Schatze seiner Kenntnis Chinas mich mit trefflichen Ratschlägen unterstützte. Möge nun das Buch erfüllen, was von ihm erwartet wird, und ihm die Verbreitung beschieden sein, die es erstrebt. Hohenhainstein, am 18. Oktober 1901. ob Eisenach. Joseph Kürschner. II Inhalts Verzeichnis. Vorwort. Vom Herausgeber IX Inhaltsverzeichnis XVII Weltmachtpolitik und Flotte. Von Carl Frhrn. v. Beaulieu-Marconnay XXXIII icr Deutschen Meerfahrt. Faksimile eines Gedichtes von Max Schneckenburger, dom Dichter der "Wacht am Rhein".. XLI Kunstbeilagc: Seid einig! Bon Wilhelm No cgge. Decker cker nacbstekencten ckrei Ccilc beginnt mit neuen Seitenzahlen. Erster üeü. Land und Leute. Das Land. Der Chinese und chinesisches Leben. Von Univ.-Professor vrVRobert v. Lendenfeld. Lage, Grööe und Grenzen S. 1. Gebirge: Das Hoch lvnd von Tibet und eine Randgebirge S. 8, Das nordwestlickx antge rrge S. 33, ^stchina S. 37, Das Ostende der mediterraner Hauplkeite S. 43, Das südostchinesische Bergund Hügelland S. 45 6ewasser: Die Flußläufe S. 50, Die Seen und Kanal -s. — Mineralien, Pflanzenuncl Tierwelt S. 74. J,M,U,ftoat!0n'n: Randeinfaffung von H. L. Braune S. I, Die zwei Waise, Tibernu»^ m “"i; 3}8°n,m8 ®ö, Die Kowloonbucht bei Hongkong S. 8 T.beiamsche Grenzwache S. g, Ter Kantschindschinga van Tardschiling, voi Matiminmrn ^ S. il Der Gaurisankar, von deins. S. 13, »Das «mite **oÄr " 3}otben ®' 17' 'Ch°k°°bene und Sansibeigebirge S. 19 4m wLr f;mern°m ‘ Gebirge S. 20, 'Steppe im Kulunorgebiete S. 21 "ß,,.“.. urcr bes Kukunor S. 2S, Grassteppe im Süden des Kukunor, S. 24 .u-Nkgebirge am Oberen Hwangho S. 25, «Höhle im Dsuuinolun-Gebirge S. 20 -»eckend'U""'°l»''-Gebirge S. 27, 'Oase Sailiaugar am Nordrandc des Tarim ~ 7' Begclanonshugel mit Pappeln im westlichen Tarim S. 29, 'Vcge im 5°man5,cn lm westlichen Tarim <3. SO, 'Windhöhlc im Orant ifml im V?1' *5Im Sudwestrande der Schamowiiste S. 34, 'Durchbruchs in Me 3^/ÄlC<lr9lrrvbf“^ett ®-35' 'Einwehung von Flugsan! n die Thalschlucht im Tschollau irn bstlichen Toksun S. 37, Nankau bei Pekin, Peking S. 43, Dorf und Loßlandschast nordöstlich voi «" Ä“"9'Lößlandschaft nordöstlich von Kuugtfchaugfu S. 45, 'Kloste, Ämtern puhokhale S. 47, 'J,u südlichen Tsingiinschan <3. 48, In @ 5-, s49' 3m Tauhoihale ©.60, Am Unterlauf des TarimflusscE gl ^ "b"-» «wangho S. 59, 'Der obere Hwangho irn Steppenplateai °be>en Hwangho S. 62, 'Der Hwangho-Dnrchbrnch in bei"film™6*-86 ^ J'U Tjetschangthal S. 67, 'Der Weiho (Hwanghogebiet «m^anattL Vn', ^ Stromengen des Uangtszekiangs bei Jchong °S. 71 de?. Tarimb-se^P^I^ Pappelwald bei Tschadürknl im nordwestlichen Teil, «°ntschm7lm' ^®^ ""k Teilen der großen Mauer südöstlich vor J-7 J c Südwesten des SchamobcckenS S. 79, Beladener Uak S. 80. ' -nrfrf,netea ^bildungen find nach photographischen Ausnahmen des u»r,chungsreijenden Pros. vr. K. Fut lerer ausgesllhrt.) lniMm1'«8'" L®et Gaurisankar im Himalaya-Gebirge. Bon C. B. S. 12/13. >im Taifun. Von Willy St öwer S. 48/49. Von Armand Frhrn. v. Schweiger-Lerchenfeld. Allgemeine Kulturzustände S. 81, Abstammung, Rassenmerkmale S. 85, Die Lebensiveise des chinesischen Volkes S. 87, Mongolen, Tibeter und Miaotse S. 96, Die Mandschn S. 97, Die Stände S. 98, Liebe und Ehe S. 101, DaS Familienleben S. 108, Das Heim S. 112, Was >lnd wie der Chinese ißt und trinkt S. 117, Opiumgenuß S. 121, Wie der Chinese reist S. 122, Dorf und Stadt S. 128, Peking S. 130, Tientsin S. 134, Singanfu S. 136, Nanking S. 139, Schanghai S. 140, Hankon S. 141, Kialltschon S. 142, Canton S. 145, Hongkong S. 150, Macao S. 153, Die anderen großen Städte Chinas S. 155. allllstrationer,: Randeinfaffuug von H. L. Braune S. 81, Type» chinesischer Mädchen S. 83, Der Zopf des Chinesen S. 85, Typen chinesischer Arbeiter S. 86, Eine vornehme Mandschufamilie S. 87. Bettler S. 88, Gelehrter S. 8g, Handwerker S. 91, Landbewohner S. 93, Hofrauin eines Kaufmannes S. 95, Chinesisches Brautpaar S. 98, Hochzeitsprozession S. 99, Vornehme Chinesin S. 102, Schautuug-Danienschuh S. 103, Fuß einer Chinesin ohne Binde und in der Binde S. 104, Ahuenvcrehrung. lDer älteste Sohn der Familie verehrt seine Vorfahren am Familienaltar) S. 105, Leichenzng eines Mandarinen in Tientsin S. 107, Wahrsager S. llv, Haus eines Mandarinen in Peking S. 113, Bei der Mahlzeit S. 115, Ehstäbche» S. 116, Inneres eines chinesischen Restaurants S. 118, Opiumkneipe in Nanking S. 119, Karren S. 121, Sänfte S. 122, Dschunken S. 123, Kantoudschunken S. 126, Chinesischer Briefumschlag S. 128, Chinesischer Jahrmarkt S. 129, Stadtmauer von Peking S. 131, Broncclöwe im kaiserlichen Garten in Peking S. 181, Audienzhalle im Kaiserpalast in Peking S. 133, Handelsstraße in der Tatarenstadt in Peking S. 133, Der "Bund" in der Fremdenstadt von Tientsin S. 135, Straße in der Chincsenstadt in Tientsin S. 138, Straße in Nanking S. 139, Aus dem Chincsenviertcl in Schanghai S. 141, Straßcnbild von Kiautschou <AuS dein deutschen Kolonialmuseum in Berlin) S. 143, Die englische Briitke in Canton S. 145, Leben auf dem Cantonfluffe S. 147, Das Große Nordthor in Canton S. 149, Hongkong, vorn Hafen aus gesehen S. 151 Das NcgierungSgebäude in Hongkong S. 153, Ansicht von Macao S. 155. Kutistbellagen: Chinesische Typen. Von O. Gerlach. S. 96/97. — Straße in Peking. Anszug eines Mandarinen. Von O. Gerlach. S. 128/29. XIX  Inhaltsverzeichnis.  XX Regierung und flßandarinentum. Von Konsul Ernst v. Hesse Wartegg. Der Kaiser S. 157, Der kaiserliche Hof S. 162, Regierung und oberste Behörden S. 169, Verwaltung der Provinzen S. 172. Illustrationen: Randeinsassung von Hugo L. Braune S. 157, Die Andienzhalle im Kaiscrpalast in Pcling S. 159, Eingang zur roten oder verbotenen Stadt in Pcling S. 1L0, Chinesischer Kaiscrthron S. 161, Kaiserin-Witwe von China S. 162, EiugangSthor zum Tsnngli Namen in Peking S. 163, Prinz Ching, der während der Wirren abgesehte Präsident des Tsuugli Damen S.164, Offizieller Besuch durch einen Mandarinen S. 165, Orden deS doppelten Drachen (Erste Klaffe des zlveiten Grades) S. 168, Ein chinesisches Mandarinenboot mit Gesolge ans dem Pciho bei Tientsin S. 171, Wappen Chinas S. 174, Band des Orden? de§ doppelten Drachen (Mittelstiick und Enden) S. 173. llunstbeilage: Empfang eines europäischen Gesandten beim chinesischen Kaiser. Von O. Gerl ach. S. 160/61. * Rechtspflege. Von Konsulatsdolmetsch Karl Fr. Hi in ly. Erbrecht S. 175, Grundeigentum S. 177, Eigentum der einzelnen Unterthanen S. 178, Handel S. 179, Leibeigenschaft S. 180, Empörung und Verschwörung S. 181, Gerichtsverfassung S. 183, Strafarten S. 184, Folter S. 185, Ausländer S. 187. ölllurtrationen: Randeinfassung von Hugo L. Braune S. 175, Eine Gerichtssitzung S. 177, Bestrafung von Kupplerinnen S. 17g, Fnjiklotz, Halsklotz, Käfig S. 180, Enthauptung S. 181, Enthauptete chinesische Räuber, welche die Grenze eines Goldgräberbezirls überschritten hatten S. 183, Ein Kapitalvcrbrccher im Käfig S. 186. llunstbeilage: Chinesische Gerichtssitzung. Bon O. Gerlach. S. 184/85. r I)eer und flotte. Von General der Inf. z. D. Wilhelm o. Pfaff und Kontreadmiral z. D. Martin Plüddemann. Oas Heerwesen. Von Gen. d. Inf. z. D. W. v. Pfaff. S. 189, Die militärische Landescintcilnng S. 189, Die Bannertruppen S. 19l’ Die Truppen der grünen Fahne S. 192, Die Feldtrnppcn S. 193, Die chinesische Miliz S. 205, Die große Mauer S. 205, Befeslignngswesen S. 208, Schlnßbetrachtung S. 212. Vas chinesische Seelrriegswesen. Von Kontrcadmiral Z. D. M. Plüddemann. S. 21t, Fluhund Seefahrt S.212, Regiernngsnnd Kriegsdfchunkcn S. 215, Ausländisches Schiffsmaterial S. 217, Erfahrungen im Kriege mit Japan S. 221, Die Verhältnisse seit 1895 S. 221. Illustrationen: Randeinsassung von Hugo L. Braune S. 18g, Militärmandarin in Tsining S. 181, Alte chinesische Fahnen und Kricgsgerätc S. 194, Aus dem JnstruktionSbnchc der Fähnrichsschule zu Tientsin 3. 195, Die neue chinesische Landarmee S. 197, Kaiserliche Militärschnlc in Tientsin, jetzt zerstört (Artillerie nach deutschem Muster. Jnstrnktionsstuude) S. 19g, Kaiserliche Militärschnle, jetzt zerstört (Infanterie. Gefechtsüben) S. 201, Kanonenfabrik in Hanyang bei Hankou S. 203, Kommandierender General von Schantung S. 205, Grosse Mauer am Nankoupaß, 100 km nördlich von Peking. Nach einer Originalzeichnung von C. Wuttke. S. 209, Kriegs-Dschunke S. 211, Chinesische Dschunken an der siidlichen Küste S. 213, Stuf Deik einer KricgS-Dschnnke <3. 216. r Mas der Chinese glaubt. Von Pfarrer Dr. Max Christlieb. Die Mischung der Religionen S. 223, Die alte Reichsreligion S. 225, Der Confucianismns S. 227, Der Taoismus S. 235, Der Buddhismus S. 239, Zusammenfassung S. 242, Die Mohammedaner und Juden S. 244. Oie katholische Mission. Von Friedrich Schwager vom Missionshaus in Steyl. S. 245, Die katholische deutsche Mission in Süd'Schantung S. 250, [P. Anzer über seine Eindrücke in Puoli S. 250], [P. Freinademctz über die Behandlung der Neuchristen in China S. 253], sv. Frcinademetz über die gegen ihn verübten Grausamkeiten S.255], jP.Stcnz über die Ermordung der Missionare Heule und NieS S. 258]. Oie evangelische Mission in China. Von Pastor vr. Reinh. Grundemann S. 261. Illustrationen: Randeinsassung von F. Ronfort S. 223, Der Gelbe Tempel zu Peking S. 226, Der Tempel des Himmels in Peking S. 227, Allee zum Grabe des ConfuciuS in Kiufu S. 229, Confncins (Nach Louis le Comte "Das heutige China" 1699) S. 22g, Gedenktafeln im Parke beS Menciustcinpels in Tsinhsien S. 231, Figur eines kanonisierten chinesischen Helden S. 231, Jährliche Verehrung der Vorfahren an deren Gräbern S. 233, Ahnenhallc S. 234, Siebenstöckige Pagode S. 235, Taoistischer Tempel in Tsining S. 237, Der chincsische Glücksgott S. 238, Grabhügel zivischen Tientsin und Peking S. 239, Chinesische Götzen (Nach Neuhof "Gesandtschaft" 1655/57) S. 240, Buddhistischer HinimclSkönig S. 241, Der Tempel der fünf Pagoden (Wntaffe) bei Peking S. 243 P. Matthäus Ricci S. 246, P. Johann Adam Schall, ch 15. Ang. 1665 S 247* Bischof von Anzer S. 251, Hauptniederlassung der Missionen vom göttlichen Wort au? Stchl in Puoli S. 253, Provikar P. Freinademctz S. 255, Erste Niederlassung der Missionare vom göttlichen Wort aus Stehl in Puoli S. 256, Waisenkinder in Wangtschlvang S. 257, P. Henlc S. 259, P. Nies S. 260, Das katholische Missionsgebiet in Süd-Schantnng S. 262, Missionar v. Fabcr S. 263 Missionshaus in Tsingtau S. 265, Gehilfenhaus und christliche Kirche in Tsingtau S. 267, Da? Barmer Missionshospital in Tungkun S. 269, Berliner Findelhaus in Hongkong S. 271. feste und Vergnügungen. Von Konsulatsdolmetsch K. F. Himly. Feste S. 273, Fest des neuen Jahres S. 275, Frühlingsanfang S. 276, Laternenfest S. 276, Gräberfest S. 276, Drachenbootfest S. 279, Winter-Sonnenwende S. 280, Frühlings-Tagund Nachtgleiche S. 281, Schauspiele S. 281, Gaukler S. 282, Das Glückspiel und die Unterhaltungspiele S. 282, Kartenspiel und Domino S. 283, Brettspiele S. 287, Ballspiel und Bogenschuß S. 288. Illustrationen: Randeinsassung von Hugo L. Braune S. 273, Vorbereitungen zuin neuen Jahr <5. 275, Drachenbootfest S. 277, Theatervorstellung <3. 279, Ringen und Boxen S. 281, Akrobatenleiter S. 282, Chinesische Schauspieler de? 17. Jahrhunderts S. 283, Chinesische Gaukler des 17. Jahrhunderts S. 284, Glückspiel S. 284, Chinesische Karten, Würfel, Schachund Dominosteine S. 285. llunstbeilage. Neujahrsfest. Von O. Gerlach S. 276/77. * Sprache und Schrift. Von Univ.-Professor Dr. August Conrady. Einsilbigkeit S. 290, Stellungsgesetze S. 292, Neuere Sprache S. 293, Chinesische Schrift S. 294, Buchdruck 298. Illustrationen: Randeinsassung. Von Hugo L. Braune S. 289, Chinesische Schristzeichen S. 284—2S8. Oie chinesische Citteratur. Von Univ.-Professor Dr. August Conrady. Einleitung S. 299, Erste Periode. Die vorklassische Litteratur S. 802, Zweite Periode. Die klassische Litteratur S. 308, Dritte Periode. Dichtung S. 313, Viene Periode. Zeit der Erstarrung S. 318. Illustrationen: Randeinfassung. Von Hugo L. Braune S. 299. Oie chinesische presse S. 326. Illustrationen: Titel chinesischer Zeitungen S. 323, Verkleinerung einer Seite des "Ostasiatischen Lloyd" S. 325, Bruno Navarra, Begründer des "Ostasiatischen Lloyd" S. 326. Runst und Kunstgewerbe. Von Leopold Kätscher. Baukunst S. 327, Malerei S. 332, Lackkunst S. 335. Bronzekunst S. 337, Eniailknnst S. 339, Bildhauerei S. 340, Holzund XXI XXII |Ifenkinfcf)möeret S. 341, Steinschneiderei S. 342, Porzellan Musife. Von Dr. Karl Besl. S 847 TrWoctc Ming-At^Sg^^Miniaturvo^/ ®' 332' Bambus, Gemälde auä'bcr «“5«?^ l0tn^mcr junger Chinesinnen. Um 183°. Asket S. 338, Bronze' Gebetnitihle^S ^339 8« Betrachtung versunkener 2. 330. Basrelief z>. Ul-angts2 -rkb,8' Schnielzinosaik-Schachtel (36. Jahrh.) schnitzle,,, Holz S 33» Lowsblatt Ä' 341' P"°ngbüchse an» ge37. Jahrh S 333 dergkristall <s. 333, Schüssel von Porzellan. Flaschenkürbis' MchaZ°S 347 ^ At.sang des 38. Jahrsi S. 336, S. 347, Bambnsflöien T 338 2. 337, Saiteninstrument Glockenspiel S 33>, Klinoendelegendes Tier <On) S. 338, Trommel S. 33g, anfzeichnung , Marsch in MneM^^'k. Ä Th°"gefüb (Hiucn) S. 350, MnsikNotensystcm S. 350' Aufzeichnung nebst Übertragung in unser Candwirtschaft und Viehzucht. Von Leopold Kätscher. c-mchwirtsekE S. 351, Der Reis S. 355, Die Hirse S 358 IfÄÄ*\®r3"di«°®.360/Ä |*I; ; ° " S364. Viehjucht S. 368, Fischerei S. 369. pslug "mü Dr^iae'spann ^'Braune S. 353, Schau tnngHunan S. 356, Thceernten 361 "w? Wasserpnmpe S. 353, Reisfelder in S3°'' Mscher' ®'363‘ Siegel,hee sür Rußland Unterricht. Von Leopold Kätscher lunter Mitverwcndung der von Bruno »" -/ Auszeichnungen)"" ^ S?“,’itel Bemncf)ten ** SO,»,,»,!,« & 871, S. 380 9' " 37°' Erziehung S. 379, Wissenschaft Schule S. 375, Mauft!?zclNn'"für"di?^ S. 373, Chinesische TaS astronomische Observatorium in ^^"0»ng»arbeiten der Studenten S. 37!», o>elvat°r>um in Peinig nach einem Siiche von 1795 S. 38N Handel und Verkehr. Von I)r. Paul Dehn. Der1llu§,0hand?S^386 i®?' Handelsverträge S. 385, Industrielle Anfänge'S 393^Di^?°" Niederlassungen S. 389, und Gewichte S 397 lll’ ml ^"anzwirtschaft S. 395, Matze S. 399.' ~a§ Postwesen S. 398, Der Komprador Hermann^Schw7"^?399^"' Regiernngsrat a. D. m N-nt,chaifu S. 305, Verkehr auf einem Nebenflüsse des AangtszefluffcS S 307 Empfangshalle de? Bahnhofs in Peking S. 30g, Endstation der Bahn Tak,,-' Peking «. 333, W,e Li-Hnng-Tschang ans der Eisenbahn reist S. 33g, E v. Hesse» Warteggs Reisckarawanc im Hwangho-Thal S. 33g. KunstbeUaae: Auf einer chinesischen Landstraße. VonO.Gerlach. S. 320/23. Oie Geschichte Chinas. Von Or. Oskar Münsterberg. Die Zeit bis 1800 S. 421, Die halbhistorische Zeit S. 421 Die historische Zeit S. 421, Velkehr niit dem Westen S. 427 Die Mandschus S. 428, Der Opiurnlrrieg S. 432, Der HaipingHufstand S. 449, Der französischchinesische Krieg 1854 bis 1860 S. 456, Innere Kämpfe 1860-1880 S. 469, Die Slestmächtc 1860—1895 © 477, Der japanisch-chinesische Krieg S. 489, Innere Entwickelung 1895—1900 S. 503. Illustrationen : Randeinfassung von Hugo L. Braune 8.323, Derrnsslsche Gesandte JSbrant Passiert auf derLandreise nach Peking am 37.10.1693 die grobe Mauer 2.323, Grabdenkmäler der Ming-Dhnastie bei Peking S.323, Grundriß der Stadt und des Hafens Macao. <Mittc des 17. Jahrh.) S.325, Macao (Mitte des 17. Jahrh.) S.327, Kapcl Seeland, 1632 von den Holländern im Süden von Formosa errichtet und 1661 von Coxinga erobert S. 329, Kanghi, Kaiser von China (1662—1722) S. 333, Der russische Gesandte JSbrant wird am 12. II. 1693 zur Audienz in den KaiserPalast zu Peking geführt S.332, Plan von Peking. An? der Mitte des 17. Jahrh. S. 333, Kuanti, Gott der Krieges, dem über 1600 Staatstempcl errichtet sind S. 335, Gemeinsamer Empfang der Gesandten des Königs von Holland und des GropmognlS von Indien am 2. 10. 1656 im Kaifcrpalast zu Peking S. 337, Kienlong, Kaiser von China (1735-1795), zur Zeit der Audienz des Lord Macartnc» im Jahre 1793 S. 337, Der Landungsplatz "Praha Grande" in Macao (Anlang des 19. Jahrh.) S. 339, Das englische Schiff "Nemesis" 1839 S. 331, Kanton (Mitte des 17. Jahrh.) E.333, Sir Hcnrh Pöttinger S. 335, Die Schlacht de, Wusniig an, 36. Juni 1832, S. 337, Engländer und Tataren fechtend (chines. Karikatur ca. 1830) S. 339, Englische Soldaten, fouragiercnd (chines. Karikatur ca. 1830) S. 35°, Mitgliedskarte des DrcifaltigtcitSbnndeS S. 353, Tienwang der Taipingkaiser S. 355, Angriff der englisch-französischen Flotte auf die Flnß,°rtS des Pelho am 20. Mai 1858 S.359, I. B. Lord Elgin S.359, BefestigungsWerk bei Tientsin (Abbildung ans dem 37. Jahrh.) S. 382, Die Beschießnnq der TaknfortS durch die englisch-französische Flotte am 25. Inn! 3859 S. 363 Die Unterzeichnung des Friedens-Vertrags zivischen England und China in Tientsin am 26. Juni 3858 S. 363, Peking (Abbildung ans dem 17. Jahrh.) S 365 In den, »ralnfort "ach der Erstürmung im Jahre 1860 S. 367, Ruinen des Sommcrpalastes bc, Peking (386°) S. 369, Der Porzcllantnrm in Nanking, von den Taipings zerstört S. 373, Charles Kordon S. 373, Tfotsnngtang, General und Vicekonlg, kämpfte erfolgreich gegen die Taipings, fiel im japanischen Krieg 3895 Graf Eulenburg S. 379, Freih. v. Richthofen S. 380, Die Kaiserin. 'tll'e Tiuhst von China. Nach dem Originalgeniälde eines chinesischen Künstlers ,,,, Besitz der China Inland-Mission S. 381, Prinz Knng, Präsident des Tsnngli -.Zainen 1861,83 S. 383, Sir Robert Hart S. 383, Li-H"ng-Tfcha"g und der jetzt regierende Kwangsn, als vierjähriges »lind zum Kaiser erwählt S 385 Der regierende Kaiser Kwangsn und sein Vater, Prinz Tschnn S. 387, Untergang ciiies chinesischen Kriegsschiffes. Während der Schlacht von einen, japanischen Olstzicr photographisch anfgenomnici, S. 391, Seeschlacht bei Haihang. Nach einer japanischen Zeichnnng S. 393, Angriff auf das Hhönmu-Thor in Pjöng»ang. Nach einer japanischen Zeichnnng S. 393, Der Fall von Port Arthur. Nach einer japanische» Zeichnnng S. 395, Chinesische Torpedoboote von japanischen Kriegsschiffen verfolgt. Nach der Skizze eines Aiigenzeugen von C. Arenhold S. 397, w. M. Kanonenboot "Iltis", gestrandet im Wirbelsturm am 23/7. 1896 an der Sudostküste von Schantung S. 399, Felsen bei Amoy mit Inschrift zur Erinnerung an die Vertreibung der Japaner im 17. Jahrhundert S.501, Triumphbogen ,n Söul bei Rückkehr des siegreichen japanischen Heeres errichtet S. 503 Kanghuwei, Führer der Reformpartei, entfloh 3898 nach Japan S. 505, Li-HnngTschang bei a"rst Bisinarck in FriedrichSruh 1896 E. 509, Li-Hung-Tsthang in, Kaiferhof In Berlin 1896 S. 509, Empfang eines enropäischcn Gesandten bei Kaiser Kwangsü S. 511. Ilartenskizze der VcrtragShäfcn und Eisenbahnen in China. Schw7b?^Z" Regierungstat a.D. Herr Hung-Tschang über da" chniesischen Staalsbahneil S. 409 ©taalsbahnen S 41l yl7^'77'!-c7^"^°'t & 410>' Chine EisenbahnkonzesPonen S 417° S"3. W, S-418, Reichseisenbahnamt @.420°*'"" de>s°"enve Kasch-Banknote'ljn Kicni»m^°^"g L. Braune S. 388, Chin Große, S. ÜS^ Twu B ?».' '^^^ »->!, Bier Tian-Banknote -chantung s, zgg, Si^erdollar §' 396' Ti «erkehrSmünz. 2 "»d 5 Ce"t-Post,"arlc s ™ 4 Candarin-Postmarke S P lke S. 398, 1 Cent-Post»,arkc S. 398, Die große S Deutschland und China. Von Geheimen und Ober-Baurat Marine-Hafenbaudirektor Georg Frau zins. Li-Hung-Tschang und seine Anslandsreije L>. 516 Handelsbeziehungen Denlschlands zri China S. 520, Deutsche Eroberungen in China S. 521, Die Bucht von Kiautschon «. o/k, /Pachtvertrag Deutschlands mit China betr. ltiantschon S. 533s, Die Orgarilsation der Besatzung von Kiailtschou S. 537, UiNerbrinqnng der Besatzung S. 538. "Illustrationen: Artillerielager in Kiautschou S. 515, Stempel des Gouverneurs in Tsingtau S. 515, Chinesischer Text der Proklamation von der Besitzergreifung von Kiautschou S. 517, Im Artillerielager von Kiautschou S. 519, Soldaten der Chinesenkompagnic in Tsingtau S. 519, Die Uniformen der deutschen Truppen in Kiautschou S. 521, Tsingtau-Reede S. 523, Signalstatiou bei Tsingtau S. 524, Kopf des Amtsblattes für Kiautschou S. 525, Kapitän z. S. Truppel, zur Zeit Gouverneur von Kiautschou S. 525, Kapitän Jäschke, f Gouverneur von Kiautschou S. 526, Parade in Tsingtau am 27. Januar 1898 bei starkem Sturm S. 527, Straße in Tsingtau S. 529, Das Lager des chinesischen Generals Tschang S. 531, Admiral Otto v. Diederichs S. 534, Evangelische Kirche in Tsingtau S. 535, Die Landungsbrücke bei Tsingtau S. 537. ttunstbeilage: Kiautschou-Bucht. Bon Willy Stöwer. S. 528/29. Vrin; I)einrid> in Ostasien. Von Karl Wilke. S. 539. ülllustrstionsn: Prinz Heinrick' von Preußen S. 539, Abschied des Kaisers und seiner Söhne vom Prinzen Heinrich bei dessen Ansfahrt nach China am 10Dezember 1897 ®. 541, Ankunft des Prinzen Heinrich bei seiner Rückkehr ans Ostasien auf dem Bahnhof in Kiel am 15. Februar 1899 S. 543. Mas bat Deutschland von China ju erwarten? Was hat China von Deutschland zu erwarten? Welchen Weg muß Deutschland einschlagen, um sein Ziel zu erreichen? Von Eugen Wolf. S. 545. Karte von China (Maßstab 1:10 000 000), mit Kartons: Haliptzufahrtswege nach China, Umgebung von Peking und Tientsin (Maßstab 1:1600 000), Kiautschou-Gebiet (Maßstab 1:600000), östliches Tschili und Schantung (Maßstab 1:5000 000), Schweiz (im Maßstab der Hauptkarte zum Vergleich). .9 -A> <° e)~F 6 Zweiter üexl. Die Mrren 1900/1901* Von A. v. Müller, Oberleutnant im 1. Hanseatischen Infanterieregiment Nr. 75. Mit eingeschalteten Berichten zahlreicher Teilnehmer an dem Feldzüge, Erlassen, Reden, Depeschen rc. Die in den Inhaltsangaben des Textes klcingcdrnckten und in eckige Klanunern gestellten Angaben beziehen sich ans Angenzengenbcrichte, Erlasse, Reden, Depeschen rc. Erster Hbscbnitt: Die unmittelbare Veranlassung $um Husbrucbe der China-Klirren und die ersten Kämpfe der Verbündeten. Der Beginn des Boxeraufstandes: Die Veranlassung S. 1, IFreiherr von Ketteler über den Boxerausstand S. 7s, Eintreffen des Schlltzdetachements in Peking S. 7, Greuelthaten der Rebellen S. 9, Das gefahrbringende Anwachsen des Aufstandes S. 16, [General Rieh über de» Zusammenstoß der regulären Truppen mit de» Boxern S. 13s, Die chinesischen Streitkräste S. 16, Die Expedition des Generals SeyrnourS. 21, Kriegsgliederung des deutschen Expeditionskorps S. 23, Der Vormarsch S. 23, sK. K. SeckadcN Prochaska Über die Eisenbahnstrecke von Tientsin bis Lofa S. 25], fLent. z. S. Hilmers Über die Sachlage am 13. Juni S. 27s, Gefecht ÜM 14. Juni S. 28, sAns Lent. z. S. Hilmers Berichts. 28], Verschlimmerung der Lage S. 29, sBefehl des Kap. z. S. von Usedom am 17. Juni S. 30], ILcut. z. S. Hilmers über die Bahnzerstörunge» S. 30], Gefecht bei Langfang am 18. Juni S. 31, lBericht eines beteiligten Ossiziers über das Gefecht S. 32s, Rückzug S. 35, Rückzugsgefechte am 21. Juni bei Peithsang S. 37, Die Einnahme und Besetzung des Forts Hsiku 22.—26. Juni S. 39, [Seat. z. s. Hilmers über die Lage bei Ankunft im Fort Hsiku S. 43, über die Ankunst der Entsatzkolonne S. 4L, über Kap. Buchholz S. 47s, sAdmiral Schmour über die deutsche» Truppe» S. 48, über das österr. Matrosen-Detachenient S. 50s. — Die Erstürmung der Cakuforts S. 51, Die Beschießung S. 51, sDie letzten Stunden vor Taku von I. Herrings S. 55], sK. K. Linienschiffssähnrich Stenner über die Takn-Gesechte S. 72s, sKap. Lans über die Beschießung der Taknforts S. 76s. — Die Kämpfe um den Besitz von Cientsin S. 77, Die Lage in Tientsin Anfang Juni S. 77, [J>>gcnienr Tallerie über die Flucht von Paotingfu nach Tientsin S. 79s, [Gcneralkonsul Zimmermann über die Lage in Tientsin S. 83s, Die Einschließung S.85, IBcricht des Kapitän-Leutnant Kühne über Einnahme der chinesische» Militärschule S. 87s, sDcr österreichische Linienschiffsleutnant Jndrak erzählt von den Kämpfen am 19. Juni S. 94s, Der Entsatz S. 97, sMajor Christ über die deutschen Kämpfer S. 101], sHauptmann Ge» 6 über die Ereignisse des 23. Juni 1900 S. 101], [©in Beteiligter über das Biwaklebe» S. 104], Die Befreiung des Seymourschen Expeditionskorps S. 106, [Ein Offizier des III. Seebataillons über den Einzug der Kolonne Seymonr S. 106], Der Sturm aufs Nordost-Arsenal S. 107, [Ein Offizier vom III. Seebataillon übe den Abschied von den russischen Kameraden S. 108], [General Stößel an de» russischen Kriegsminister S. los], Verschlimmerung der Lage S. 109, [An Major Christ S. 111s, [Ansprache des Gouverneurs Jäschke S. 112s, [Knchenbcißer über die Thätigkcit des deutschen Freiwilligenkorps S. 118s, Die Einnahme der Chinesenstadt von Tientsin, S. 121, [Lt. Jndrak über das Verhalten der österreichischen Truppen S. 128s, [Leutnant Jndrak über den Zustand in Tientsin S. 128s. — Die Belagerung der Gesandtschaften in Peking S. 131, Die Ermordung des deutschen Gesandten S131, [Der Tsungli Name» an die fremde» Mächte S. 136s, [Der Tsungli Damen an die deutsche Gesandtschaft S. 139s, VerteidigungsMaßnahmen S. 141, Der erste Abschnitt der Belagerung S. 147, [Oberlazarettgast Dose vom deutschen Detachement über die Ereignisse des 22. bis 24. Juni 1900 S. 147s, sOberlazarettgast Dose über die Ereignisse am 1. und 2. Juli 1900 S. 153s, Der Waffenstillstand S. 156, [Prinz Tsching u. a. an die Gesandten S. 157s, [vr. Morrison, der Berichterstatter der Times, erzählt S. 158s, [Oberlazarettgast Loses Schilderung einiger Eindrücke ans der Zeit der Waffenruhe S. 159s. JUllLtrationen: Triumph Chinas über die Fremden. Verkleinerung eines chinesischen Spottbilderbogens, wie solche von den Boxern zur Aufreizung gegen die Fremden unter der chinesischen Bevölkerung verteilt wurden S. 1, Boxer S. l. Zwei Mitglieder de? Boxerbundes S. 4, Boxer-Amulett, einem gefallenen Boxer abgenommen von Oberleutnant v. Krohn vom Seymourschen Korps: die dunkelroten Flecken sind die Blntspuren des Gefallenen S. 5, Oberleutnant Gras v. Soden S. 8, Die Straße der Gesandtschaften in Peking S. 9, Aufhetzung der chinesischen Bevölkerung gegen die Christen durch Vorstellungen von Puppentheatern S. 12, Prinz Tuan S. 14, Ermordung des japanischen GesandtschaftSaitachäS A. Sngiyama in Peking, (Nach einem chinesischen Bilderbogen) S. 15, A. Sugitzama, Attachü der japanischen Gesandtschaft i» Peking S. 15, Das chinesische Heer und die bewaffneten Boxer lOriginalzeichnnng von Richard Knotet) S. 17, Uniform der chinesischen Küstenartillerie S. 19, Boxerfahne S. 20, Boxerzettel S. 20 u. 21, Admiral Seymonr S. 22, Vizeadmiral Vendemann, Chef des deutschen Geschwaders in Oslasien S. 23, Kapitän z. S. v. Usedom, Führer des deutschen Kontingents unter Admiral Seymonr S. 24, Skizze znm Gefecht am 14. Juni 1900 S. 28, Skizze zu dem Gefecht bei der Station Laugfang am 18. Juni S. 31, Angriff der Chinesen auf die Kolonne der Verbündeten bei Langfang S. 33, Skizze zu den Rückzugsgefechten am 21. Juni bei Peithsang S. 37, Kapitänleutnant Schlieper S. 38, Oberlentnaut z. S. v. Zerssen S. 38, Skizze zur Einnahme und Besetzung vom Fort Hsiku vom 22.-26. Juni S. 40, Das chinesische Arsenal am Peihofluß S. 41, Oberleutnant v. Krohn @. 41, Oberleutnant Lustig S. 43, Leutnant z. S. Hilmers S. 43, Leutnant z. S. Pfeiffer f ~ Bande bewaffneter Boxer S. 45, Generalmajor Stoeßel, Kommandant des russischen Landungskorps iu China S. 46, Korvettenkapitän Buchholz S. 47, Tientsin vom Dache des japanischen KonsnlgtS S. 49, Taknfort an der Mündung des PcihoflnsicS ©. 51, Kapitän z. <3. Pohl, Kommandant der "Hansa" in seiner Kaiutc 3. 53, Skizze zn der Eroberung der Takusorts S. 54, Korvettenkapitän Lans S. 5« Kriegsberichterstatter Herrings, Oberleutnant Nerger, Steuermann Lchiindl^. -.berleninant v Hippel, Oberleutnant v. Hoffmanu, Oberzahlmeister Koplik, aück, der Jltishund 3. 57, Korvettenkapitän Lan» auf der Kommandobrucke wahrend der Bcichicßung der Takusorts durch die "Iltis" 3. 59, Der "‘ot'e Deutscher, per die Navigiernng der "Iltis" während des ^Uvlllig leitete, (Nach einer im Albuin der "Iltis" enthaltenen Photographie, 62, Die Besatzung des deutschen Kanonenbootes "Iltis", die ^ Dakuforts im Feuer stand S,6S, "Iltis" und "Algerine" nach Einnahme der -rakukorts S, 67, Stellung der Schiffe am 17. VI, 2,80 morgens der Schiffe am 17, VI, 6Uhr morgens S, 70, Die erste AnsichtSL «lfm™1* ^ V^""i>latz, Mach dem hcktographisch auSgcführten Original vaui -b? oL"SÜ'P « 71' DiEroberung der Taknforis, Mach einer Sw/mk^G, S, 73, Linienschiffsfähnrich Stenncr S, 73, Die deutsche i-6ein-e.m-Cm i?t Roberten Geschütz der Takusorts, Vom ~ ™ “"f d'E Takusorts am 17, Jniii Igoo S. 75, Bahnhof in Tientsin » m' " 0-ü-u die [jtcmben aiifreizendeS Boxerplakat ©. 79, Europäer KUf ber SIlI(i>t Bot bcn Boxern ©. 81, Der große Kanal in Niede iüü E Europäischen Niederlassungen S, 88, Dorf der deutschen ^'Ed-rlvssung in Tientsin «, 85, Kapitänlcntnant Kühne S, 87, Chinesische ©etttcment in Tientsin, S, 89, Fort des Gouverneurs S üfS n; S*(,^ebratc und Fort bei Tientsin S, 93, Forts an, Peiho h"am D>°utsin ©.95. Teil der Victoria Road in Tientsin, T enrün a-on ^°ir d°>ill-daude. rechts das (1900 abgebrannte, Gebäude der D' E^FEUd ng Eo. S 98, Ma,°r Christ S, 100, Leutnant Friedrich S, 102, ?e,i Eiienba^b 1 ^bataillon, und Russen erwarten bei Tientsin liinter Ti7n^ n\benJCinb ®103' Pl°" »» den Kämpfen in und um boa n^' D°k'denk,che Klubhaus in Tientsin S, 109, Chinesischer BilderTie nn ", der Chmesenstadt in Tientsin S. 113, Pariser Straße in adn 7 ö d ", Brande S, 115, Pom Schlachtfeide bei Ti-ittstn S, 118, Vize®' 119' D-r Bahnhof in Tientsin nach dem Bombardement in Tientsin nach der Beschießung S, 123, wwl ^ch-ev'-ug S. 124, Der Turm im Fort von Tientsin nach Süd^ von K' EntwaffnetChinesen vor den, eroberten Fort S. 125, nack dem d°u dcn Chinesen besetzt S, 126, Bahnhof von Tientsin nahnre S räö ®' ®ie 3iuc bc Sranee in Tientsin nach der Einv, Ketteler nebst -b." ^anzosischen Niederlassung S, 130, Freiherr schatten unb ifirpr% nr'C 1clllcr Unterschrift S. 131, Lageplan der Gesandt133 Das Tillllen.I'E'd'gnngswerke ©, 182, Hans d-r deutschen Gesandtschaft des Frhrm v?Ze ?£ M°»d,chr,s.adt Pekings S. 133, Das Arbeitszimmer einem javailiickien ^°ufcre"z der diplomatischen Vertreter, Nach st7.° '"daniichen Bilderbogen S, 135, Dolmetscher Cordes S 137 Diici't rcrdeutschen^Geianb» ^»dtschaft in Peking S, 138, Enhais^ der Mörder des sand,sibakt S l4i 7^^''n^ ÄettcIer ®1J°. Die jetzt zerstör,japanische Gebe/ StebSlSS ENgliichGesaiidtschaft S, 142, Stabsarzt Dr. Gustav Velde, englischen Gesandtschaft ^.144, Verbarrikadierter Haupteingang zur LchnL"nonbos 7 !.o ^ Soden, Führer d-S deutschen Gesandtschaft ^ abgebrannte Hauptgebäude der österreichischen seinen Uvt,-,'o>nst".' "rellatteukapitän v. Thomann S, 148, Graf Soden mit Gesandtschaft ™ ^,^0Barrikade zivischen der russischen und amerikanischen Vorhof der^imi'iiu' m'f d-ruhmtc "internationale" Kanone im zerschossenen Veriiiauna »Ä " ©e'nubticfiaft, das einzige Geschütz, das den Belagerten zur Blick von^der or ?' 7' Das zerschossene Wohnhaus des Herrn v, Beloiv S, 153, w!,'cb»,"bb? d-,, Mauer über die deutsche Gesandtschaft S, 154, Barrikaden S°dm b-i,, Bam 7b" Ecsandtschaft und dem Hotel de Peking S, 155, Gras mittel S 159' dcnbau S, 156, Chinesen überbringen den Belagerten LcbenSict>inc-^^7o' ^da^" Wilhelm II, auf der Kommandobrücke eines Linicnnüt den ®t°wer S, 1, S, M, Kanonenboot "Iltis" im Gefecht Forts durch östI° m Stöwer S, 52/53, Erstürmung der TakuS Y-?' Matrosen und deutsche Marineinfanterie, Von O, Gerlach Von 2 Ger/ach ""^chinesischen Truppen auf der Bahnstrecke Tientsin-Peking, Zweiter Hbscbnitt: Die Rüstungen der flßäcbte. ®’ 161< tD-p-schKaiserWilhclmsll, S. 162], [®rcif Bülows bem ££ bCU‘We,t duudesstaaten S, 163], sBegründnng zu d-r S, 1631 (I??.1“9' 0111 15November 1900 zugegangcncn China-Vorlage S. 1701' rftaiW TO-1/« e,Imä n '^schied von den Soldaicn am 2, Juli 1900 Hambura-Amerik» eIm nan bic Arbeiter des Norddeutschen Lloyd und der 2IM [Sie Stadt Gera an den Kapitän der "Gera" [Kaiserlich-' aIt blc na® G^ina ll-h-nden Württcmbcrger S. 195], Wilhelms n baä Expeditionskorps S, 196], jAbschiedSwortc Kaiser s 2nil as; "r [Priur Heinrich an die Truppen des letzten Transports s2oij, Tie übrigen Mächte ©.201. Illustrationen: Kiel S. 161, Gcncralnrajor v. Hopfner mit den Osfiziercn und Mannschaften dckI. SecbataillonS S. 165, Das OssizicrkorpS des II. SeebataillonS S. 165, S. M. S. "Fürst Bismarck" S. 167, S. M. S. "Jaguar" S. 167, S. M. S. "Tiger" ©.168, S. M. S. "Luchs" S. 169, Kaiser Wilhelm II. an Bord S. M. S. "Luchs" vor der Ausreise nach China S. 169, Einschiffung von Krailkcnivagc» auf der "Frankfurt" S. 171, Einschiffung der Marinetruppeu in Wilhelmshaven auf dem Dampfer "Frankfurt" S. 171, Vorbeimarsch des I, SecbataillonS vor Kaiser Wilhelm II. in Wilhelmshaven S. 178, S. M. S. "Brandenburg" S. 174, S. M. S. "Weißcnbnrg" S. 175, Letzter Abschiedssalut S. M. S. "Kurfürst Friedrich Wilhelm" S. 176, S. M. S. "Hcla" S. 176, Kontreadmiral Geißler, Chef der deutschen Panzerdivision S. 178, Gen.-Major v. Groß, ge», v. Schwarzhoff, Kommandeur der 1. Ostasiat. Jiif,-Brigade S. 179, Gen.-Major v. Trotha, später Komniandeur der 1. Ostasiat. Jnf.-Brigade S 179, Gen.-Major v. Hoepfncr, Kvmmandcnr der 3. Ostasiat, Jnf.-Brigade S. 179, Gen.-Leutnant v, Lcssel, Konimandenr des dcntjchen Expeditionskorps für China S. 179, Gen.-Major v, Ketteler, Kommandeur der 2, Oftasiat. Jnf.-Brigade S. 180, Oberst v. Rohrschcidt, später Kommandeur der 3. Ostasiat. Jnf.-Brigade S. 180, Schwingbetten aus der "Gera" S. 181, Lazarettschiff "Gera" am Tage der Besichtigung durch die deutsche Kaiserin S. 181, Chefarzt, Apotheker und Leiter der äußeren, inneren und gemischten Station der "Gera" S. 183, SanitätSofstzierc des Kriegslazarettpersonals des Ostasiatischcn Expeditionskorps S. 185, Die Uniformen des deutschen Expeditionskorps für Ostasien. Von Richard Knötcl S. 187, Ostasiatische schivere Hanbitz-Batterie in Feuerstellung lBesichtignng durch den Gen.-Jnsp. der ülrtillcrie Edler v. der Planitz in Jiitcrbog) S. 189, GebirgSkanone für das Ostasiatischc Korps S. 190, Verbringung von Proviant an Bord der nach China fahrenden Schiffe S. 191, Ausrüstung der Marine-Infanterie 5. 192, Verabschiedung der nach China bestimmten württembcrgischen Freiwilligen vor König Wilhelm S. 193, Abmarsch der 2. bayerischen Trnppcnabteilnng d-S 6. Ostasiatischen Jnfanterie-NegimentS ans Würzbnrg am 23. August 1900 E. 195, Abfahrt der sächsischen Truppen für China auf dem Dresdner Bahnhof in Leipzig ©. 197, Ansprache des Kaisers an die am 22. Juli aus Bremerhaven abfahrcndcn Truppen deS Ostasiatischen Expeditionskorps S. 199, Russischer General Lcneivitsch, Oberbefehlshaber der internat. Truppen, die in Peking einrückten S. 201. S.M.S. "Hansa" S. 205, DaS österreichische Kriegsschiff "Zentn" S. 206, S.M.S."Gesion" S. 206. Illlnsrbeilagon i Deutsches Geschwader in Ostasten. Bon Willy Stöwcr S. 160/61, Abschied. Bon Hans Bohrdt S. 192/93, Osterr.-ungarische Kriegsschiffe in China. Von Willy Stöwer. S. 204/5. ¥ Dritter Hbscbnitt: Der Entsalz von Peking und diplomatische Zwischenspiele. Die ersten Nachrichten von den Gesandtschaften nach ihrer Einschliestung ©. 207, fKonsulatssekretär von Bclow an den deutschen Konsul S. 208], Diplomatisches Zwischenspiel S. 209, sMitteiinng des chinesische» Staatsrats S. 210], /Der Kaiser von China an Kaiser Wi Ih elm II. ©. 211], sGras Bülow an die chinesische Gesandtschaft ©.212], Der Marsch ans Peking ©.214, Der Sturm auf Peking ©. 221, /Oberstleutnant Wagner über die Befestig, mg Pekings S. 221], /Ein englischer Teilnehmer über den letzten Angriff ans Peking S. 223], Die letzten Kämpfe in Peking vor dem Entsatz ©. 226, sObcrlazarettgast Dose über den Entsatz S. 229], Die Flllcht des chinesischen Hofes ©. 231, /Fra» v. Rosthorn über die Pekinger Geschehnisse S. 233], Die Auffindung llnd Beisetzung der Leiche des delitschen Gesandten S. 240, Das Eintreffen deutscher Truppen in Peking, der Durchzug durch den Kaiserpalast und der Abmarsch des deutschen ©chutzdetachemenls ©. 242, /Ans dem Tagebuch des Obcrlazarcttgastcs Dose ©. 242], /Telegramm Kaiser Wilhelms II. ©. 214]. Illustration err: Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Viktoria Auguste gehen in Begleitung der beiden Prinzen vom Bord der "Rhein" in Bremerhaven ©. 209, Einschiffung auf der "Straßburg" S. 213, Skizze zur Schlacht bet Peithsang 5. August 1900 S. 219, Das österreichische Kriegsschiff "Aspern" S. 219, Die äußere Stadtmauer von Peking S. 221, Sir Alfred Gaseiec, engl. Generalleutnant S. 224, Die Deutschen und Japaner dringen zn gleicher Zeit in Peking ein (nach einem japanischen Bilderbogen) S. 225, Die eiurllckenden Entsatztrnppen der Mächte werden von den Befreiten mit Jubel begrüßt S. 227, Thor zun. Kaiserpalast S. 231, Versteigerung der Beute in der englischen Gesandtschaft in Peking S. 232, Frau Paula v. Rosthorn S. 233, K. u. k. LegationSrat v. illosthorn ©. 234, Die Gräber der in den Pekinger SchrcckcnStagen gefallenen Europäer aus dem internationalen Friedhose in der britischen Gcsandschaft S. 238, Auf dem für die österreichische Gesandtschaft gekauften Grunde S. 235, Beisetzung der Leiche des Freiherr» von Ketteler am 18. August im Garten der deutschen Gesandtschaft S. 241, Freifrau Maud von Ketteler, die Gattin des ermordeten deutschen Gesandten S. 246. IlunLlbeilagen: Schlacht bei Uangtsung 6. Aug. I960. Nach einem chinesischen Bilderbogen S. 216/17, Eintreffen der ersten Befreier in der englischen Gesandtschaft in Peking. Von O. Gerlach. S. 232/33. Gedcukblatt für die während der Belagerung der Gesandtschaften in Peking Gefallenen S. 240/41. Das deutsche Seesoldaten-Detachement. Die Ueberfahrt S. 245, Die Landung <3. 248, Quartiere in Peking <3, 251, Gefecht bei Langhsiang <3252, Gefecht bei Nanhnngmönn <3258. 3llustratiotien: Deutsche Artillerie plissiert den Takn-Road in Tientsin S. 249, Generalmajor t>. Hoepfner auf dem Marsch nach Peking 8. 250, Einmarsch des 1. deutschen SeebataillonS in Tientsin S. 258, Major v. Glasenapp S. 253, In der Offiziers»,esse deS 1. SeebataillonS S. 255, Deutsche Soldaten bei der Herrichtung von Quartieren in Peking S. 257. Die Einnahme von Langhsiang durch deutsche Infanterie und bengalische Lancers S. 263. «unstbeitagen: Ausschiffung von Truppen in China. Von Willy Stower. S. 248/49. Bengalische Lanzenrciter und deutsche Marine-Infanterie. Voll O. Gerl ach. S. 264/65. fünfter Hbscbnitt: Die Boxerbewegung in der Mandschurei und die Gegenmassregeln der Russen bis Hnfang September 1900. Ausbruch des Aufstandes in der Mandschurei S. 261, Gefechte ani Amur S. 266, Kämpfe in der nördlichen Mandschurei S. 268, Das Detachement Orlom S. 269, Das Detachement Rennenkampf S. 270, Das Detachenient Shacharow S. 271, Das Detachemeilt Tschitschagow S. 272, Die Lage in der südlichen Mandschurei <3.273. Illustrationen: Der russische Kriegshafen von Port Arthur in China S. 271, Wladiwostok, russischer KricgShafcn an der nordchincstschen Grenze S. 273. Sechster Hbscbnitt: Das Oberkommando und die Verstärkungen. Die Ernennung des Feldmarschalls Grafeli Waldersee zum Oberseldherrn S. 275, Der Stab des Grafen Waldersee S. 276, Der Abschied von der Heimat S. 278, [Kaiser Wilhelm II. an die Offiziere des Oberkommandos S. 280], [Erwiederung des Grafen Waldersee S. 282], Bon den Verstärkungen <3. 283, [Telegramm Kaiser Wilhelms II. an die Offiziere und Mannschaften des Expeditionskorps S. 283], [Antwort des Majors Lidl S. 284]. Illustrationen: Kriegsflaggc des Grafen Waldersee S. 275, Abreise des Grafen Waldersee von Berlin S. 277, Gcneralfcldmarschall Gras Waldersee S. 279, Generalmajor v. Groß, gen. v. Schwarzhoff, Chef des GcncralstabcS deS Grafen v. Waldersee S. 281, Generalmajor v. Gayl, Obcrgnartiermeistcr S. 281, Oberst Graf Aork v. Wartenburg S. 281, Freiherr Jobst-Knigge, Kommandant des Hauptquartiers S. 281, Hauptmann Wilberg, persönlicher Adjutant S. 282, Victor Graf zu Eulenburg, Kommandeur der Stabswache S. 282. Das ASbesthauS des Grafen Waldersee, Äußere Ansicht, Arbeitszimmer und Schlafziinmer S. 285, Gencralseldmarschall Graf Waldersee mit seinem Stabe S. 287, Abschiedsfeter des Grasen Waldersee in Kiel S. 289, Der Kaiser begleitet den Grafen Waldersee am 18. August in Cassel zum Bahnhof S. 290, König Victor Emanuel und Graf Waldersee in Rom S. 291. (leberfahrt und erste Tätigkeit des Ostasiatischen Expeditionskorps und des Oberkommandos. ®ic Ueberfahrt S. 293, [®i" deutscher Offizier über das Leben am Bord des Dampfers "Rhein" S. 293], [©in Offizier aus dem Stabe des Grafen Walderfcc über eine Episode von der Abfahrt aus Singapore S. 297] Die Landuna S. 299, [©in deutscher Offizier schildert die Eindrücke von der Ueberfahrt und Landung a 300] Bericht eines deutschen Offiziers ans Tongk.l S. 303, Dle Erstürmung der Peitang-FortS S. 308, Die rechte Kolonne S. 811, Linke Kolonne S. 314, [Bericht des k. " k Linienschifflentnants Alois Schnsterfchitz über die Erstürmung der Peitang-FortS Dm», fe ®«*n t Ansprache des bayrischen Majors Lidl bei der Abfahrt der Hannover" S 29s' Fähnriche der Marine-Akademie auf die Schiffnach ClMa L änd ert S' mov t. Salfenrjatjl.. ®. 299 Einschiffung auf der "Arkadia" S. 301 Die Velvirtung denach China abgchendeu deutschen ostasiatischcn Vorbercitnna?kommandos auf dem Bahnhof in Innsbruck S. 301, Die Weihe der SS w ostasiatischcn Regimenter im Zeughaus zu Berlin S. 303 Standarte dI ostaiiat.schen Reiterregiments S. 303, Fahne der ostasiat. Jnfanteri reaim-nt-r Die 5. Kompagnie des 3. ostasiatischen Infanterieregiments nacki de! Ausschiffung auf dem Bahnhof in Tongkn am 14. Sept. 1900 S 305 R,Misch Artlllcr,eo,stz,ere beobachten von chinesischen Grabbllaeln m, m, "1? G°sch°ffe ans die Peitang-FortS S. 309, L m^ Sch "L Ä m Peitang-FortS S. 311, Deutscher Posten im Pettang-Fort S. sich ^1° » d d-ntsch-u Lagers von Tientsin S. 318, Barackenbau im deutschen Lager zu Tientsin S. 319, Die Parade vor dem Grafen Waldersee in Schanghai S 301 ,,,,,,, Waldersee in Tientsin S. 323. «changpa, S. 321, Graf ^ »unstb-ilag-: Einbringung von, bei den Peitang-FortS eroberten Vorerlahnen. Von O. Gcrlach S. 312/13. " " voerien BoxerNeunter Hbscbnitt: Die Säuberung der Provinj PetscbiH. r". Einnahme von Schanhaikwan und Tfinghwangtau S. 325 Beteiligter über d,e Einnahme der Forts von Tsinghivangtau S. 326] Die Erpedttwn auf Paotiligfn S. 328, Dislokalion der Truppen in Petschlli S. 334, Die Erstürmung der Beste Tsukingknan S. 342 [Das Ge,echt bei Tsukingknan am 29.Oktober 1900. Bon vr. Georg Wegener. S. 34g], Die Expeditionen im November und Dezember 1900 S. 849. Illllstrationen: Deutsche Truppen in Tientsin vor Antritt der Erpedition nach Paotingfn «.327, Französische Infanterie auf dem Bahnhofe in SCientfin 'uri v°r d°m Ausbruche nach Paotingfn S. 329, Deutsche Off zi r zum Besuche beim Polizeimandarin von Paotingfn 8.331, Lager des deutschen 4 ES Infanterieregiments be, Paotingfn S. 333, Gesprengtes Borerouartler r,°, m tmgfu S. 335 Paroleausgabe in Paotingfn S. 335, Von Kaiser W i l h e l m il^T rechnete Tafeln der im September 1900 in Ostasien befindlichen Krisen D6e* UNdrmann, tam«,beu! S. o S. 343, Ma,or v. Förster, in China verwundet S. 344, Am Fuße deSR»,5 Nach einer Ausnahme von llr. Georg Weg en er S. 345, Haupt.nann G-ora Bar S. 346, Major v. Förster bei dem Bogenthor der Scharte. Rach eüler Aninabml vonOr Georg Wegener S.347, MajorWyneken S.347, DaSGrab mÄ' SS Dr®eors *C0enci's-348' ""st °uf J JSSS Kunstbeilagcn : G-neralfeldniarschall Waldersee die internationalen Trnvv». inspizierend. Von O Gerlach S. 324/25, Erschießung von Boxern durch Kon mandos der Marine-Infanterie. Von O. Gcrlach S. 336/37. ^ Ä Siebenter Hbscbnitt: Zehnter Hbscbnitt: Die diplomatische £age nach dem Entsatz von Peking. Die diplomatische Lage S. 285, [Kaiserlich-chinesische Depesche an LiH ung-Tschang S. 286], sZirknlartclegramm des Verwesers des russischen Ministeriums des Auswärtigen vom 23. Aug. S. 287]. Elfter Abschnitt: Die militärischen Operationen im ^sahre 1901 bis $um friedensscbluss. 2>ie militärischen Operationen S. 863, sBcricht eines Beteiligten über >e Expedition nach dem Antsulingpab S. 365], [gilt Beteiligter über die Expcdition nach Kuantschan, S. 370], ^Bericht eines Beteiligten über die Ledebursche Expedition. S. 374s, Verluste S. 379. : ®°® Dffizicrkorps des Ostasiatischen Reiterregiments S. 867 ^umant Ltrvedcl S.363, Oberst Hoffmeister S. 870, Major Graf v. Montgelas ^ ->l-' 8^r. v. Ledebur S. 374, Oberleutnant Graf v. Königsmarck Oberstleutnant Wallmenich S. 378, Prof. vr. Kohlstock, Oberarzt im KnegSlazaret S. 380. ' tlickoguoscierungsritt einer Abteilung des ostasiatischen n (urrf?*R*S Ultte>; Führung des sächsischen Oberleutnants Kirsten. Bon Om' r a' ®' 353/53' Die deutschen Pioniere im Antsnliug-Passe. Von ' Erlach S. 368/69, Umgehungsmarsch des bayrischen Bataillons ft. Regt.) »n der chinesischen Mauer. Von O. Gerlach S. 876,77. Zwölfter Abschnitt. friedensverbandlungen und Friedensschluss. il8iraVrr'C^ert^t,er^Qrt‘5^Urt9en ®. 381. [®cr Kaiser von China an Kaiser 7p -!m ®-88l], IKaiscr Wilhelm II. au den Kaiser von China S. 882s bnedensprotokoll S. 390. Beisetzung der Leiche des Freiherrn v. Kctteler in Münster beutM»,, ra r 1 1901 ®' 383 Erab des Freiherrn v. Kctteler im Garten der Cbiiia Eesandtschaft in Peking S. 385, Besuch der Brüder deS Kaisersvon v s, r.!'lr deutschen Gesandtschaft zu Peking S. 887, Reichskanzler Graf 1301 Mit ra-r' ®raf ^"Cdersee an Bord der "Gera" begrübt am 7. August Krieasn ®“'te 6ei bcr Ankunft in Brunshausen S. 331, Übergabe der deutschen der Kiel ®"En und der eroberten chinesischen Fahnen und Geschütze in Fahnen S zg ""Eademie am 4. März 1901 S. 333, Zwei erbeutete chinesische Hinrichtung des Mörders des deutschen Gesandten Freiherrn v°n Kettcler. Bon O. Gerlach S. 832,93. Dreizehnter Abschnitt. Die Rückkehr des Oberkommandos und der deutschen "Cruppen in die Heimat. ®". 395‘ iKroubefchl Kaiser Wilhelms II. S. 835s, sGras S. 404^ Hamburg S.401s, sKaiser Franz Josef an Graf Waldcrscc ß-mm' ^ .'vzregeut Luitpold von Bayern au Graf Waldersee S. 404s. Heimkchrend^Merlin und Wien S. 409. sKaiser Wilhelm II. au die lAuXX^iX"^"' ous dem Gefecht zurückgekehrte Besatzung der "Iltis", arüstuim. ™“1Im der "Iltis") S. 335, Einzug der Chinakämpfcr in Berlin: Beteten 0! ""Ich den Oberbürgermeister Kirschncr. Spitze des Zuges mit der erbeu16 Dev^Vfahne S. 337, Paradcansstellung der Chinakämpfcr in Berlin am Stcfitlinf'''x r 1900 ®' 399, Empfang der Chinalämpfer in Berlin: Der Festakt im Haien , °^L^gh"uses am 16. Dezember 1300 S. 401, Der Abmarsch der im tember fön>t gelandeten deutschen Chinakämpfcr zum Bahnhof am 26 Scp2. OitoN. EMajor v. Focrster, der Kommandeur des 2. Bataillons Frnni '^ogts. mit seinen Offizieren an Bord des österr. Lloyddampfers o Ferdinand" S. 405, Einzug der heimkehrendcn deutschen Chiuakricger in Wien am 27. September 1901: Das 2. Bataillon des 2. Ostasiat. JufanterieRcgiments auf dein Schioarzenbergplatz. — Dekorierung der Offiziere und Mannschaften im Hofe der AlbrechtSIasernc S. 407, Rückseite und Vorderseitcti der Chinamedailleu für Kombattanten und Nichtkombattanten S. 413. ¥ Vierzehnter Abschnitt. Die chinesische Sühnegesandtschaft in Deutschland. Prinz Tschun in Potsdam S. 411. sPrinz Tschu» an Kaiser Wilhelm II. S. 411s, sKaiser Wilhelm II. an Prinz Tschun S. -412], sDaS Handschreiben des Kaisers von China S. 418s. /Illustrationen: Prinz Tschun mit Gefolge und militärischer Begleitung S. 409, Prinz Tschun überreicht Kaiser Wilhelm II. am 4. September 1901 den Sühuebrief tut Neuen Palais zu Potsdam. Nach einer Zeichnung von Williatn Pape. S. 415. Die deutsche Feldpost. Von Oskar Klausmann. Anforderungen an die Beamten S. 417, Organisation S418, Feld-Telegramme S. 420, Packerei-Verkehr S. 421, Betrieb der Feldpost S. 425, Benutzung der Feldpost S. 426. sBncf eines deutschen Feldpost-Beamten aus Schanghai S. 427.] Illustrationen: Offizielle Feldpostkartc für Ostasien (verkleinert) S. 417, Postdirektor Schellhorn, Schanghai, der Leiter der deutschen Feldpost S.418, Die Kaiserliche Feldpost mit ihren Beamten S. 419, Das Personal der Postaustaltcn in Tientsin S. 428. llunstbeilage: Deutsche Feldpost in China. Von O. Gerlach S. 420,21. Die "Cbätigkeit des Roten Kreujes im ostasiatischen feldjuge. Von Dr. Julian Marcuse. Das Sanilätswesen des deutschen Heeres (5.427. sProf. vr.Küttner über den chinesischen Winter S. 431.] /Illustrationen: Graf Friedr. zu Solms, kaiserl. Kommissar für die fteiwilligc Krankenpflege im Felde S. 427, Herzog Victor v. Ratibor, Vorsitzender des deutschen Hilfskomitees für Ostasien S. 428, Vercinslazarett Äantsun mit Nmlvallnng S. 423, Bei der Wintcrbekleidnng der Baracken S. 430, Ausbau der transportablen Döckerschen Baracken S. 423, Das Vercinslazarett des Roten Kreuzes in Naugtsun. Ärzte und Lazarettpersonal S. 431. Das Vereinslazarett des Roten Kreuzes in Uangtsun: Rekonvaleszenten beim Schneemanubau S. 433. 6in Dachtrag $u den Berichten über die Gxpedition Seymours. Von Marine-Stabsarzt Dr. Schlick. S. 432. einige taktische Bemerkungen jum chinesischen f eldjuge. Von Generalleutnant z. D. A. v. Boguslawski. S. 439. ttunsibeilage: Deutsche GebirgSbatterie in Thätigkeit. Von O. Gerlach S. 440/41. JL XXXI  Inhaltsverzeichnis. BG XXXII Dritter 'Ceil. 6r|äblendes u. H. aus und von China. erster Abschnitt: 6t in terra pax. Reiseerzählung von Karl May. Erstes Kapitel: Am Thore des Orients S. 1. — Zweites Kapitel: Im Herzen des Islams S. 73. Drittes Kapitel: Am Thore Chinas S. 148. — Viertes Kapitel: Im Herzen von China S. 223. Mit 63 Illustrationen von Ferdinand Lindner. Zweiter Abschnitt: erzählendes u. H. von und aus China. Der Bonje Kay-Csang. Eine altchinesische Novelle. Mit 10 Illustrationen von Hngo L. Braune ©.289 Hus chinesischen Kinderstuben und Grabkammern. Von Marinepfarrer a. D. P. G. Heims ©.307 Bayrischer Hunnen briet. sg01t Dahn. Mit Randeinfassung von R. A. Jaumann ©.313 Der freebdaebs. Eine Geschichte ans China von Leo v. Torn. Mit 3 Illustrationen v. G. Martin... ©. 315 Hbscbiedsgruss an die Cbinahrieger. Von W. Schulte vom Brühl ©.321 Der Dämon. Chinesische Novelle. Mit 3 Illustrationen von R. A. Jaumann ©.323 Die goldene Lilie. Novelle von Karl Erdm. Edler. Mit 3 Illustrationen von Wilhelm Roegge ©.331 Beiträge jur chinesischen Lyrik. Von Pä-Lö-Thien. Übertragen von W. John-Antenorid ©. 339 Die bösen Boxer. Humoreske von Benno Rauchenegger. Mit 3 Illustrationen von Wilhelm Roegge. ©. 341 Deutschlands Wacht jur See. Von Fedor v. Koppen ©. 345 Chinas Heimkehr. Von E. v. Destouches. Mit Randzeichnung von Adolf Hug ©.347 Mahre Freundschaft. Eine chinesische Erzählung. Mit 10 Illustrationen. Von R. A. Jaumann ©. 349 Mond in der Kammer. Nach Li-tai-po. Von Otto Julius Bierbaum © 369 Das fßandaringewand. Von C. Eysell-Kilburger Mit 3 Illustrationen von Wilhelm Roegge ©.370 füsilier Schuldes Lina. Von Johannes Trojan.. ©. 377 Heimkehr. Von A. Gnndaeear v. Snttner. Mit 3 Illustrationen von R. A. Jaumann @ 379 Souvenir de Peking. Von K. Towska. Mit Illustration "Deutsch-französische Waffenbrüderschaft". Nach einer Momentaufnahme aus Tientsin ©.383 Der Wandschirm. Eine altchinesische Novelle. Mit 10 Illustrationen von Wilhelm Roegge © 385 Die Schwaben in China. Von Adolf Palm. Mit Rand^ Zeichnung von Peter Schnorr © 407 Der Friedensstifter. Eine Ehestandsgeschichte von Frhr. v. Schlicht. Mit 5 Illustrationen von G. Martin. © 409 Zur ffieerfahrt. Von Paul Fischer ©! 420 Soldatenliebe. Von K. T © 420 Verloren und Wiedergefunden. Eine altchinesische Mit 10 Illustrationen von Hugo L. Braune © 421 Der alte Kutscbke an seine Kameraden in China V°n Gotthelf Hoffmann-Kutschke. Mit Randzeichnung von G. Martin © 441 Gin deutscher Feldgottesdienst in Ostasien. Nach einer Zeichnung von O. Gerlach © 443 Die Expedition Cimpe. Ein lustiges Feldzugserlebnis von Kurt vom Walde. Mit 5 Illustrationen von GMartin 445 Chrysanthemen. Eine allchinesische Blumengeschichte. ©. 453 Dracbenprojession in fftacao. Nach MomentphotoSraphie Wippchens Rückblicke auf die chinesischen Wirren Von Julius Stetlenheim. Mit 1 Illustration.. .'©. 459 Crost in der fremde. Vom Prinzen Tschun in Basel gedichtet. Uebertragen von Marx Möller. Mit einem Porträt des Piinzen -ischnn nach einer Photographie. ©. 463 Die Heimat den heimkehrenden Kriegern. Marsch von F. Dannenberg © 465 Weltmarktpolitik und Flotte "Vrr Vrrizllck grhöri in unsere Faust." Wilhelm II. Durch das am 12. Juni 1900 von dem deutschen Reichstage mit überwältigender Stimmenmehrheit angenommene neue Flotteugesetz hat die Nation ein vollbewußtes und entschlossenes Glaubensbekenntnis auf jenes stolze Kaiserwort abgelegt. Die Annahme dieser, seit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs größten Marinevorlage ist charakteristisch für die neue deutsche Politik beim. Eintritt in das 20., das deutsche Jahrhundert. 2er in dem Flottengesetz trotz aller Abstriche klar zum Ausdruck kommende Grundgedanke, in kurzmöglichster 6rßt in den Vollbesitz zweier in sich abgeschlossener und taktisch homogener Schlachtkörper für die entscheidenden Hochseekämpfe zu gelangen, unter gleichzeitiger gesetzucher Festlegung dauernder Ersatzbauten und dadurch der garantierten Erhaltung jenes Bestandes, ist an und für 1>ch gleichbedeutend mit dem Eingeständnis, daß nun auch Deutschland als vollwichtiger Kämpfer in den Wettbewerb der Großmächte einzutreten und den ihm gebührenden Platz an der Sonne mit scharfem Schwerte Zu wahren gewillt sei. Weltmacht und Weltpolitik sind im parlamentarischen Streit und in den litterarischen Fehden der letzten -^ahre zu vielgebrauchten Schlagworten geworden und un Munde der Gegner tönt ihnen ein spöttisch-satyrischer Klang nach, wohl gemahnend an jenes historische Wort von dem preußischen Großiuachtkitzel. Aber mit der Entwickelung der modernen Verkehrs^sttel, niit dem Schwinden von Raum und Zeit und mit der Zunahme von Produktion und Güteraustausch stt die moderne Weltwirtschaft, vielen unbewußt und manchem ungewollt, für uns emporgewachsen, in welche das Deutsche Reich an der Jahrhundertwende mit tausend und abertausend Fäden eng verflochten erscheint. Das Bedürfnis kraftvoll aufstrebender Handelsmüchte, dem über die engen Grenzen und den spärlich bemessenen Boden der Heimat aufqnellenden Nachwuchse und dem Erzeugnisse emsiger Arbeit ihrer Söhne gebührenden Raum zu schaffen, ihre besten Volkskräfte nicht ungenutzt an fremde aufnahmebedürftige Staaten zu verlieren, sondern wenigstens mittelbar dem Mutterlande zu erhalten, führt folgerichtig zu einem weitsichtigen Streben nach der Bildung großer moderner Weltreiche. Weltreiche, nicht in dem historischen Sinne ängstlich gebundener, dynastischer Hoheitsrechte, nicht in dem Sinne einer für alle Zonen einheitlichen und gleichlautenden parlamentarischen oder republikanischen Verfassung, sondern vielmehr in dem klar zum Ausdruck kommenden Streben, lediglich vom Standpunkt der wirtschaftlichen Notwendigkeit, in sich abgeschlossene und existenzfähige große Zollgebiete zu schassen, innerhalb deren ein Differentialsystem den Verkehr zwischen Mutterland und Kolonien regelt, die nach außen aber um die weltfernen Grenzen ihres Reiches Zollschranken gegen die Weltreiche der großen, wettbewerbenden Nationen errichten. Sprache und Eigenart des Mutterlandes bleiben im Rahmen einer solchen Union auch in den überseeischen Interessensphären fester und nachhaltiger gewahrt als bisher, und mit diesen erstarkt auch jenseits des Ozeans mehr und mehr das Gefühl einer politischen Zusammengehörigkeit ntit der Stammesheimat, lote dies noch in jüngsten Tagen unverkennbar und überraschend in der opferwilligen Heeresfolge der englischen Kolonien in dem Transvaalkriege in die Erscheinung getreten ist. Träger dieses Imperialismus sind in erster Linie Großbritannien und die uordamerikanische Union. Aus den Kriegen des 17. und 18. Jahrhunderts mit dem Tage von Trafalgar für das 19. Jahrhundert zur nahezu unbestrittenen Hegemonie zur See emporgewachsen, behauptet England diesen Platz unter der einsichtigen Leitung seiner Staatsmänner mit Energie. Folgerichtig erwuchs nach und nach aus dieser politischen Stellung heraus der Gedanke des "Größeren Britanniens" zu einem volkstümlichen Begriff, und in den oben angedeuteten Bahnen sehen wir heute vor unserem Auge ein gewaltiges englisches Merkantilreich erstehen, welches in nicht ferner Zeit Kanada, Ostund Westindien, Südafrika und Australien, alten und neuen Besitz, in dem englisches Blut vergossen und geflossen, wieder angliedert an die kleine grüne Heimatsinsel — nicht in starrer Staatsform, aber durch moderne wirtschaftliche Bande. Jenseits der Atlantis in den Vereinigten Staaten von Nordamerika sind die imperialistischen Bestrebungen jüngeren Datums, als in dem älteren Reich der angelsächsischen Rasse, und erst im letzten Lustrum deutlich in die Erscheinung getreten. Der leitende Gedanke der Staatsmänner im Weißen Hause zu Washington, die Kräfte der neuen Welt gegenüber den alten Kulturmächten Europas zusammenzufassen zu einem auf der westlichen Hemisphäre omnipotenten Pan-Amerika, zeitigte als erste Konsequenz den Kampf gegen die absterbende Kolonialmacht Spanien um die Vorherrschaft im Karaibischen Meer. In der klaren Erkenntnis, daß mit dem Tage, welcher den ersten Schiffskiel ans der atlantischen See in den Pazifik durch den kommenden zentralamerikanischen Großschiffahrtsweg trägt, hier eine Hochstraße des Weltverkehrs entsteht, deren Beherrschung aller Berechnung nach von weit höherer Bedeutung werden wird, als der Besitz des Suez-Kanals, wurde das Sternenbanner der Union nach kurzen unrühmlichen Kämpfen auf den Eingangsthoren des Karaibischen Meeres gehißt. Und in weitschauender Berechnung wendet sich das Herrschergelüst des Union Jack auch dem großen Ozean zu. Ist auch die Schiffahrt und Großreederei an der Ostküste der Vereinigten Staaten heute noch nicht annähernd auf gleicher Höhe mit jenen alten Linien, welche ihre Flagge seit Jahrzehnten mit immer größerem Erfolge und in stetig wachsender Zahl über den Atlantic führen, so wird dennoch die Erschließung Ostasiens auch für den Aufschwung der amerikanischen Schiffahrt im Osten einen gewaltigen Hebel abgeben, und in Erkenntnis dieser Thatsache sicherte sich die Union auch jenseits des Stillen Ozeans eine bedeutsame, strategische Basis durch die Erwerbung der Philippinen und Hawais auf dem Wege. Gegenüber diesen beiden mächtigen Rivalen zeigt der Zweibund nur in seinem östlichen Teilnehmer einen für die weitere Zukunft ernstlich beachtenswerten und in lebensfähigster Entwickelung begriffenen Wettbewerber. Durch den Stillstand ihres Volkswachstums ist die französische Nation an einem bedenklichen toten Punkt angelangt, und das erwähnte Problem wird von ihren einsichtigen Staatsleitern mit der ernstesten Sorge betrachtet. Bei dem notorischen Rückgang der Geburten in Frankreich bedarf es schon im Mutterlande selbst der sorgfältigsten Maßnahmen, um die wirtschaftliche und politische Kraft des Landes wenigstens einigermaßen auf der erreichten Höhe zu halten. Eine Abgabe von französischem Blut an seine Kolonien und überseeischen Interessensphären, welches in letzter Linie die Vorbedingung zu ihrer Erstarkung und zur Verhütung eines dereinstigen Abfalls bildet, erscheint in der gegenwärtigen Lage so gut wie ausgeschlossen. Anders in Rußland. Mit rücksichtsloser, fast brutaler Energie schieben die leitenden Staatsmänner des Zarenreiches alle Expansionskräfte nach Osten. Mit zäher Konsequenz und unter Ansatz gewaltiger Mittel rückt die Stahlschiene und der elektrische Draht nach Osten und Südosten vor, begleitet von dem Hufschlag reisiger Kosaken und dem Gleichschritt sibirischer Schützenbataillone. Mit der Erschließung neuer Verkehrsstraßen und unter dem Schutz vorgeschobener Grenzbrigaden aus den Paßhöhen vom Kaspischen bis znm Gelben Meer werden gewaltige neue Bodenund Mineralschätze in den eigenen weiten Gebieten geöffnet und nutzbar gemacht, werden neue Absatzgebiete für die heimischen Produkte jenseits der Grenzen im Süden und Osten in den Schatten des Andreaskreuzes gerückt. Unverkennbar geht Hand in Hand damit der Drang nach dem südlichen Meer: die Dardanellen, der persische Golf und Port Arthur. Neben diesen Weltmächten, welche alle um die Jahrhundertwende bereits im Besitz mehr oder weniger bedeutsamer überseeischer Interessensphären und in der unausgesetzten Verstärkung ihrer maritimen Streitkräfte begriffen waren, ist nun das Deutsche Reich vor die i)vage gestellt, ob und womit es fernerhin seinen Platz im Konzert der Weltmächte sich erhalten wolle. ^M ersten Vierteljahrhundert seines Bestehens durch die beispiellose Entwickelung seiner Industrie und die unaufhaltsame Steigerung seines Bevölkerungszuwachses und seiner Bedürfnisse zur zweiten Handelsmacht der Erde emporgewachsen und in der Größe seiner Handelsflotte nur noch hinter der englischen Flagge zurückstehend, drängte die politische Machtfrage gebieterisch zur Entscheidung. Dank des fast durchweg friedlichen Charakters der bezeichneten Epoche, welche mit dem Hochgang des deutschen Handels zusammenfiel, dank der ruhigen und nur hin und wieder durch lokale Unruhen in ihrem Itillen Werdegang gestörten kolonialen Entwickelung Deutschlands in den von ihm als herrenlos annektierten afrikanischen und australischen Besitzungen, blieb uns zunächst die Zeit zum Ausbau unserer heimischen Wehrkraft und zur Festigung unserer europäischen Hegemonie, blieben uns durch ein gütiges Geschick aber auch andererseits jene bitterernsten Lehren erspart, welche die einen: verheißungsvollen Anfang durch fast zwei Jahrzehnte folgende schwere Vernachlässigung unserer Seemacht bei dem ersten blutigen Konflikte selbst mit Staatswesen zweiten oder dritten Ranges zur Folge gehabt hätte. Die entscheidende Wandlung war erst der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. Majestät Vorbehalten. Durch unermüdliche, nimmer versagende Arbeit von innen heraus, durch unablässige Hinweise allerorts und bei jedem Anlaß wußte er den seit fast zwei Jahrhunderten von der See abgekehrten Blick seines Volkes wieder auf das Meer zu lenken und der Erkenntnis siegreiche Bahn zu brechen, daß unsere Zukunft auf dem Wasser liegt, wenn wir leben und unsere in schweren Kämpfen von den Vätern errungene politische Stellung behaupten wollen. Und in der Reihe jener, fast ausnahmslos der Allerhöchsten Initiative entsprungenen Maßnahmen, welche den Wiederaufbau unserer maritimen Kraft zum Ziele hatten, gehört als ein hoch bedeutsames Glied die Erwerbung einer Flottenstation ersten Ranges für Operationen großen Stils in dem indo-chinesischen, australischen und pazifischen Ozean, die Schaffung einer strategischen Sekundärbasis für unsre Marine im fernen Osten, wie sie eine solche noch nie und nirgends besessen. Auf diesem Gebiete liegt die politische Bedeutung der Pachtweisen Annexion von Kiautschou. Gegenüber den bisherigen oben benannten kolonisatorischen Erfolgen der Deutschen beginnt hiermit, scharf Umrissen, eine neue Ära des Flaggenhissens. Einflußsphären erobert sich in friedlichem Wettkampf die deutsche Handelsflagge selbständig, wie die Geschichte ihrer Entwickelung lehrt; Politische Besitzergreifungen haben heute zu erfolgen unter dem Gesichtspunkt ihrer strategischen Bedeutung für die Kriegsflotte, welche unseren emporblühenden Handel in jenen Gebieten zu schützen berufen ist. Der Besitz einer Kriegsflotte erhält erst dadurch seinen wirklichen Wert für den Ernstfall, wenn ihre Operationen fern von der Heimat sich basieren können auf geeignete Stützpunkte zur geschützten Auffüllung ihrer Kohlenund Munitionsvorräte, zur sicheren Vornahme von Reparaturen und zur Retablierung ihrer Streitkräfte überhaupt. Gleichzeitig aber sollen solche Flottenstützpunkte dereinst die Träger und Hauptknoten eines kommenden deutschen Kabelnetzes fein, an dem es unserer Politik und unserem Handel bereits heute auf das Empfindlichste gebricht. — ist zwar mit der Annahme des Flottengesetzes von 1900 endlich ein guter Schritt vorwärts gethan, aber noch vieles bleibt uns nachzuholen. Die Lehren, welche die Vorgänge des letzten Jahres uns gegeben haben, die Quittung, welche auf den Abstrich der von der Regierung als Mindestmaß geforderten Auslandsschiffe durch den Ausbruch der chinesischen Wirren unmittelbar erteilt wurde, müssen zweifellos die patriotische und einsichtige Vertretung unserer Nation schon in naher Zsit zu dem Entschluß führen, den begangenen Fehler wieder gut zu machen und von der verantwortlichen stelle im Reich die Vorlage eines Gesetzes zu fordern, welches der Bedeutung der im Auslande zu schützenden deutschen Interessen vollauf Rechnung trägt. Die selbst von der Opposition unumwunden zu wiederholten Malen als äußerst bedenklich anerkannte Entblößung unserer heimischen Seeküsten durch die notwendig gewordene Entladung fast aller überhaupt verfügbaren Streitkräfte nach dem Osten, hat für das Bedürfnis einer Auslandsflotte nachdrücklichere Beweise erbracht, als alle Agitationen im Jnlande. Unsere beiden in langbemessenen Baufristen zu schaffenden heimischen Schlachtflotten dürfen nicht wieder wie diesmal durch die Fortnahme ihrer besten Kräfte für ihren eigentlichen Zweck geschwächt und in ihren taktischen Verbänden zerrissen werden. Für das Eingreifen der deutschen Kriegsflagge an den Brennpunkten überseeischer Konflikte muß eine besondere, in >lch unabhängige Auslandsflotte geschaffen werden, Welche als Kern mindestens zunächst eine Division nur chr zugehöriger besonderer Auslandslinienschiffe erhält, ^urch ihre höher zu bewertenden offensiven und defenNven Kampfeigenschaften sollen letztere nach und nach an die Stelle der nur wenig billigeren, dafür aber in taktischer Hinsicht nicht so wertvollen Panzerkreuzer treten, und der Begriff des Panzerkreuzers soll statt dessen allmählich übergehen auf den ganzen Typ der großen und kleinen Kreuzer überhaupt, denn ein ungepanzertes Kriegsschiff wird gerade für eine Nation, welche in Rücksicht auf ihre Finanzen nur das Allernotwendigste bauen kann, darum zu einem verbotenen Luxus, weil ein solches Schiss, abgesehen von einigen Spezialfahrzeugen, für den eigentlichen Kriegszweck in der Zukunft überhaupt nicht mehr in Frage kommen kann. Ein unter solchen Gesichtspunkten aus modernen Schiffen zusammengesetztes Auslandsgeschwader wird, auf strategisch günstig gelegene Sekundärbasen gestützt, in überseeischen Konflikten mit dem nötigen Nachdruck das größere Deutschland dort draußen so lange zu schützen vermögen, bis die in voller Kraft und unverminderter Stärke in den Heimatshäfen hinter ihr liegende Schlachtflotte, wenn es not thut, die eigentliche Entscheidung herbeigeführt hat. Denn solche Entscheidungskämpfe zwischen den großen Weltreichen des 20. Jahrhunderts werden in kommender Zeit ausgefochten in den Ozeanen, welche die Mutterländer unter sich verbinden: die Nordatlantis mit ihren Grenzmeeren. Und welche der großen Weltmächte es auch immer sein mögen, die den ersten scharfen Schuß auf blauem Wasser miteinander tauschen — wer hüben und drüben int Bundesvertrage stehen mag — auch die Fähigkeit, Bundesgenossen zu finden oder als Bundesgenosse gesucht zu werden, hängt in Welthändeln fast ausschließlich von dem Besitz einer starken Kriegsflotte ebenso sehr ab, wie die Möglichkeit, abseits vom Kampffelde, Gewehr bei Fuß, als Neutraler abwartend zu bleiben. Durch die Sicherung der politischen Stellung Deutschlands im Konzert der Weltmächte wird der Nation aber gleichzeitig auch die Erfüllung ihrer großen historischen Aufgabe gewährleistet; wie es schon Treitschke gefordert, mitzuwirken an der Beherrschung der Erde durch die weiße Rasse, durch die Errungenschaften deutscher Wissenschaft und Kultur in seinen überseeischen Besitzungen neue Kulturvölker deutschen Geistes zu schaffen. Und hiermit ergiebt sich ohne weiteres die letzte und tiefste Bedeutung der Flottenfrage überhaupt: ihr Einfluß aus die Volksseele. Nach jahrhundertelanger Zerrissenheit und blutigen Kämpfen hat das abgelaufene Jahrhundert dem heißen Sehnen und Träumen deutscher Patrioten glanzvolle Erfüllung gebracht; aus dem verschütteten Schacht des Kyffhäusers stieg machtvoller und leuchtender als je die goldene Kaiserkrone zur Sonne empor. Aber nach kurzer Frist und im Rausche jener großen Erfolge drohten gar bald die tiefen sittlichen und idealen Regungen in der Volksseele überwuchert zu werden durch krassen Materialismus. An die Stelle jenes hehren Ringens nach nationaler Einigung trat mehr und mehr ein dürstender Kampf um gleißendes Gold, und der jähe Aufstieg zur zweiten Handelsmacht der Welt, Hand in Hand mit tiefgehenden sozialen Spaltungen, verdunkelte die Erkenntnis für die weltgeschichtliche Mission Deutschlands jenseits der Grenzen der schwarz-weiß-roten Pfähle. Erst dem wiederauflebenden Flottengedanken an der Zeitwende war es beschieden, hierin Wandel zu schaffen. Wie einst die Großmachtstellung unter den Völkern Europas, gestützt auf den Besitz eines unüberwindlichen Heeres, die Zukunftsträume unserer Väter erfüllte, so ist heute der Heranwachsenden Jugend ein neues verheißungsvolles Ideal aufgerichtet für das deutsche Jahrhundert: die Erringung und Behauptung unserer Weltnmchtstellung, gestützt auf eine der Armee ebenbürtige Marine. Draußen wie drinnen. Nicht nur daheim schlägt das Herz höher, wenn die Flagge des Reichs von den Toppen mächtiger deutscher Geschwader weht, auch draußen, weit über See, an fremder Küste, fließt von dem schwarz-weißroten Banner ein heißer Strom deutscher Gesinnung und vaterländischen Bluts unbewußt in die Herzen jener Männer, die einst selbst oder schon von ihren Vätern her die engere Heimat verlassen, um draußen zu siedeln. Nicht nur ein bedeutsamer Machtfaktor zur Wahrung "Dann wollen wir auch auf äem ihrer realen Ansprüche, ihres Ansehens und Eigentums unter den Fremden, sondern mehr noch ein unschätzbares Moment zur Belebung und Vertiefung ihres Zusammengehörigkeitsgefühls mit der deutschen Heimat; und das thut uns wahrlich not im ureigensten Interesse, angesichts der Millionen Deutscher in anderen Weltteilen, angesichts der Milliarden deutschen Kapitals im überseeischen Handel. Werbend und wirkend für das größere Deutschland, welches entstehen soll, wird deutscher Arm und deutsches Gold jenseits der Meere sein, wenn ihn: dauernd über die Brücke der See die Heimat nahe bleibt, deutscher Laut und deutsches Lied in seinen Ohren und seiner Seele fortklingt, Und wenn erst über dem deutschen Bauer in den tiefsten Urwäldern Brasiliens, über dem deutschen Bergmann in den chinesischen Kohlengruben, über dem deutschen Seemann im einsamen Schoner ans ferner Südsee allüberall der stolze Adler des Reichs dräuend und schirmend mit scharf bewehrten Fängen schwebt, dann ist das stolze Wort in Erfüllung gegangen, daß nichts auf weiter Welt mehr geschehen kann ohne den deutschen Kaiser und ohne die deutsche Flagge: Meere cken ^necken gebieten." Erster Teil China, Cand und Leute. Lage, Größe und Grenzen. Die Staatenbildung geht gleich einem Krystallisationsprozesse vvn einem Mittelpunkte ans; die Bewohner dieses Centrnms gestalten die gesellschaftliche Ordnung der Bewohner der Nachbargcbiete, soweit dies möglich ist, der eigenen Gesellschaftsordnung gleich und verleiben die von jenen besiedelten Landstrecken dem eigenen Reiche ein; Land und Leute werden assimiliert. Ein solcher Staatenbildungsprozeß muß immer dann stattfindeu, wenn ein von einen: kulturell höher stehenden und zugleich kräftigeren Volke bewohntes Gebiet an eine Gegend grenzt, in welcher weniger >veit fortgeschrittene und schwächere Stämme sitzen. Begünstigen die physikalischen Verhältnisse, Klima, Bewässerung, Fruchtbarkeit an einer Stelle die fortschreitende Kräftigung der Bewohner mehr wie in den Nachbargebieten, so werden diese in ihrer Entwickelung den Nachbarn vorauseilen und jene Gegend wird zum Mittelpunkte einer Staatenbildung werden. Eine solche Gegend war das fruchtbare, durch reiche Bewässerung und ein günstiges Klima bevorzugte Gebiet zwischen dem Südostabfall des centralasiatischen Hochlandes und dem pazifischen Strande. Die etwa 5000 Jahren vom Innern Asiens aus in dieses gesegnete Land Eingewanderten entwickelten sich zu hoher Gesittung und bedeutender Kraft. Nach und nach ihre eigene Gesellschaftsordnung den weniger tüchtigen Nachbarn aufzwingend, breiteten sie das hier entstandene Reich so lange die Küste entlang nach Nord und Süd und landeinwärts nach Westen ans, bis sie an Staatcngebilde stießen, die ihnen an innerem Halt überlegen waren und eine weitere Ausdehnung unmöglich machten. Solche Staatengebilde waren im Norden und Osten das russische und im Süden das indobritische Reich. Diese Reiche haben sich von einem westlichen (Rußland), beztv. südlichen (Indien) Centrum aus geradeso nach Osten, bezw. Norden über den eurasischen Kontinent ausgebreitet, wie China von Südosten aus nach Westen. Naturgemäß üben die Bodenverhältnisse einen großen Einfluß auf die Raschheit der Staatenausbreitung aus. Auf flachem Lande, wo sich keine natürlichen Hindernisse derselben entgegenstellen, geht sie viel schneller vor sich, als dort, wo unwegsame Gebirgsmassen aufragen: sie erfolgt mehr oder weniger sprungweise von Schranke zu Schranke, und ist eine solche Schranke besonders schwer zu übersteigen, so wird dort die Staatenvergrößerung auf lange Zeit, ja vielleicht für immer zum Stillstand kommen. Der gewaltige Gebirgszug des Himalaya im Norden Vorderindiens und die dichtgedrängten, meridional verlaufenden Gebirgszüge Hinterindiens hemmteil die Ausbreitung sowohl des chinesischen Reiches nach Süden, wie des indobritischen Reiches nach Norden und Osten. Über diese Gebirge ist bis heute keines dauernd hinausgekommen und sie bilden jetzt die Südwestgrenze des chinesischen Reiches. Die beiden genannten Reiche haben nicht alle älteren Staatenbildungen jener Gegend absorbiert: an den Grenzen sind noch vier solche übrig geblieben, im Westen Afghanistan, im Himalaya Nepal und Bhutan, in Hinterindien Siam. Neuerlich hat Frankreich den südlichstell Teil Chinas, Anam (Tonkill), an sich gerissen. Gegenwärtig grenzt China im Süden an Tonkin, BritischJndien, Bhutan und Nepal. In ähnlicher Weise wie der Himalaya und die hinterindischen Gebirge die Ausbreitung Chinas llach Süden aufhielten, hemmten die centralasiatischcn Ketten die Ausbreitung nach Osten. Jene schiefe Kolonne von Bergketten, die Gebirge der Pamir, das Westende des Tienschan, der Tarbagatai, Altai, Tannu-Ola und Sajan, welche Centralasien von Südwesten nach Nordosten durchzieht, hat früher die Ausdehnung Chinas nach Westen aufgehalten und hält gegenwärtig die Ausdehnung des russischen Reiches nach Osten auf: über diese Gebirge zieht die Grenze zwischen den beiden Reichen hin. Im Norden gab es keine so schlver übersteiglichen Gebirgsketten, hier war es hauptsächlich die Rauheit des Klimas — in der Gegend liegt, unter 68° nördlicher Breite Jana, soweit bekannt, der Ort mit der niedersten mittleren Jahrestemperatur auf der ganzen Erde —,' welche die Ausbreitung des chinesischen Reiches hemmte. Rußland, welches sich durch die Unwirtlichkeit jener Gegend nicht davon abhalten ließ, dieselbe sich anzueignen, hat sich von hier aus — auf Kosten Chinas — nach Süden ausgebreitet und ist gegenwärtig bis znm Amurflusse gekommen. Im Westen grenzt China ans eine kurze Strecke an Afghanistan, im Nordlvcsteil lind Norden durchaus ans russische Reich. Die Chinesen silld keine Seefahrer, lveshalb das Meer ihrer Ausbreitung nach Osten über die Inseln der großen Guirlande, welche den Oststrand des eurasitcheil Kontinents verschleiert, eine schwer übersteigliche Schranke bot. Es gelangten zwar die Nächstliegenden kleinen und auch einige von den entfernteren, größeren Znscln in ihren Besitz, sie verloreil die letzteren, auf denen sie nie recht festen Fuß hatten fassen können, aber wieder, und selbst die Halbinsel Korea konnten sie nicht dauernd behaupten. Zudem sind ihnen in der allerneuesten Zeit von den europäischen Mächten kleine Teile ihres östlichen Grenzgebietes (Hongkong, Port Arthur, Klaut,chou) eutrissen worden. _ Gegenwärtig Frühling 1901, bald wird es vielleicht schon anders sein! — erstreckt sich das chinesisc)e Ir.eich von 18°9' bis 52° nördlicher Breite und 74° bis 135° östlicher Länge und nimmt (einschlreßlrch Krautschou w.) einen Flächenraum voll 11,115,650 qkm, mehr als ein Viertel von ganz Asien ein: China ist größer als ganz Europa. ^m ganzen hat China die Form eines annähernd gleich,eitrgen — natürlich sphärischen — Dreiecks. Die Ecken desselben sind die Südspitze der schmalen, nach Süden vorspringenden Halbinsel Leitschou bei der Küstenstadt Haionso in der Hainan-Straße, 20° 15'N, 20 0 im Südosten; der Bergkamm, welcher den großen Karakul-See im Süden einfaßt, 38° 40' N, 74° 0, im Westen; und Chabarowsk an der Einmündungsstelle des Ussuri in den Amur, 48° 24' kl, 135° 0, im Nordosten. Die Seiten des Dreiecks bilden die Südwest-, die Nordwestund die Südostgrenze. Das östliche Endstück der Südwestgrenze ist die Küstenstrecke Haionso-Moncay, welche den Golf von Tonkin im Norden einsaßt. Derselben ist die gebirgige Insel Hainau vorgelagert. Von Moncay bis zur Mündung des Namlöi in den Mekong grenzt China an das (französische) Tonkin. Die Grenze verläuft hier von Ost nach West, guer über die hinterindischen Bergketten. Von der Namlöi-Mündung zieht die Grenze, erst dem Mekongflusse folgend, dann wieder quer über Berg und Thal und einem Bergkamm entlang nach Norden bis znm Francis Garnier-Pcak bei Bonga. Weiter im Westen bildet die Grenze einen nach Süd vorspringenden Bogen, der sich bis Gangotri am Bhagirathiflussc erstreckt. Eine Einbuchtung dieser Grenzstrecke wird von Bhutan eingenommen. Östlich und ivestlich von Bhutan grenzt China an Indien, weiterhin an Nepal, dann wieder an Indien. Diese Grenzstrecke folgt dem Himalayagebirge. Im Osten haben die Chinesen das ganze Gebirge erobert. Nach Westen hin weicht die Grenze immer mehr zurück, und immer kleiner wird die Strecke, die die Chinesen in das Gebirge eingedrungen sind. Von Gangotri zieht die Grenze quer durch "Hie zwei Waisen" zwischen Aiukiang und Nganking. l-ie Gebirgsketten nach Norden bis zum Quellgebiete Jnrunkasch. Sie folgt hier im allgemeinen lener Linie, die entlang der Hochgebirgsketten des Karakorum in das tibetanische Tafelland ausläuft. erterhin zieht die Grenzlinie in westlicher Richung bis zur Mustaghkette; hier grenzt China an Indien Kaschmir). Nun wendet sich die Grenze nach ore und Nordwest und läuft über das Sarik-Gebirge zu i ent, den großen Karakul-See im Süden einfassenden, ^n westlichen Eckpunkt Chinas bildenden Bergkamm. ^n. owser Strecke grenzt China zunächst an Afghanistan, weiterhin an die zu Rußland gehörige Pamir. Bon dem westlichen Eckpunkte Chinas zieht die Grenze in nordöstlicher Richtung, viele Winkel bildend, » er ‘)en westlichen Tienschan, den Alatau, Tarbagatai, ^aioljugem und die westlichen Züge des Sajangebirges ^ Fort Udinskii in 53° 45' 97° 0. Weiterhin errn^E.^b.sich/ einen nach Süd vorspringenden Bogen J en“' ü' östlicher Richtung, über den Sajan zum '.lltu|'' ^eit sie bei Fort Abagaitui erreicht. Von hier ~ Chabarowsk, dem nordöstlichen Eckpunkte des )rna-Treieckes, bildet der, in einem nach Nord konvexen ^ogen nach Osten fließende Amur die Grenze. In der ganzen Strecke, vom Karakul bis Chabarowsk grenzt ^na an das russische Reich. Der nördliche Teil der Südostgrenze ist Landgrenze, er mittlere und südliche Küstenlinie. Von Chabarowsk z^eht die Grenze, dem Ussuriflusse folgend, zum Chankadann weiter, quer über die Höhenzüge nach hongheung. In dieser Strecke grenzt China an die rustrsche (sibirische) Küstenprovinz. Weiterhin folgt die vrenze dem Tumenflusse, dem Tschangpaischan und dem ^alukiang-Flusse bis zur Mündung des letzteren iit den bei Witschu. In dieser Strecke grenzt China an orea. Der übrige Teil der Südostgrenze ist — wenn wir Kiautschou noch zu China rechnen — die pazifische Küstenstrecke Witschu-Haionso. Ter nördliche Endteil dieser Küstenstrecke ist stark eingebuchtet und bildet einen im Osten von Korea eingefaßten Golf, welcher durch die zwei bedeutenden, in denselben hineinragenden Halbinseln von Liautnng (im Norden) und Schantung (im Süden) in drei große Buchten zerlegt: die (östliche) Korea-Bai; der (mittlere) Golf von Tschili, dessen nördlicher Teil Liautung-Golf heißt; und die (südliche) breite Bai des Äußeren Gelben Meeres. Weiterhin zieht die Küste, einen fast halbkreisförmigen, nach Südost vorspringenden Bogen bildend, im ganzen in südwestlicher Richtung bis zur Halbinsel Leitschou. In dem am weitesten nach Osten vortretenden Teile dieser halbkreisförmigen Küstenstreckc ist die Hangtschou-Bai eingeschnitten. Tie chinesische Mste ist reich gegliedert. Im Nordosten tritt das Tynschuilin-Gcbirge an das Meer heran. Tie südöstlichsten Ketten desselben laufen dem Strande parallel, weshalb hier die Küste eine nur schwach gegliederte Steilküste ist. Der breite Endteil der Liautnng-Halbinsel dagegen weist eine reiche Gliederung auf, weil hier die einzelnen Kämme des Gebirges in das Meer hinaus vorragen und das letztere weit in die dazwischen liegenden Längsthäler eindringt (Port Arthur, Port Adams). Tas Nordwestufer der Liautung-Halbinsel ist eine schwach gegliederte Steilküste, der Hintergrund der Liautnng-Bucht Flachküste. Im Nordwesten der Liautung-Bai treten wieder dem Strande parallele Bergketten an die Küste heran, ihr den Charakter einer wenig gegliederten Steilküste verleihend. Südlich vom 40. Breitengrade weicht das Gebirge von der Strandlinie zurück. Hier haben die Flüsse durch Ablagerung von Sedimentmassen den Hintergrund des Golfes von Tschili ausgefüllt und eine ausgedehnte Ebene gebildet, welche den Raum zwischen den Pekinger Gebirgen im Norden und den Schantung-Gebirgen im Süden einnimmt. Der Hintergrund des Golfes von Tschili ist Flachküste. Die Küste der Schantung-Halbinsel im Süden des Golfes von Tschili ist ziemlich reich gegliedert. Die wichtigsten Häfen sind im Norden Weihaiwei, Tschifu und Leitschou, im Südosten Tsinghai, Tingtszetswikon und Kiautschou. Ten Hintergrund des Äußeren Gelben Meeres faßt eine wenig gegliederte Flachküste ein. Die Küsten der Hangtschou-Bai sind gleichfalls Flachküsten. Dem großen Ästuarium des Pangtszekiang sind mehrere flache Inseln vorgelagert (Hsiteischa, Tsungming). Einen ganz anderen Charakter als die Küste im Norden der Hangtschou-Bai hat die Küste im Süden. Hier wechseln nicht wie dort, ausgedehnte Flachküstenbuchten mit großen, bergigen Halbinseln ab, sondern es ist diese ganze Küste von gleichartigem Charakter, bergig (Tajuschan) und ungemein reich an schmalen, oft reich gegliederten Buchten, kleinen vorspringenden Landzungen und vorgelagerten Jnselchen und Klippen. Die wichtigsten Buchten sind (von Nord nach Süd): die Nimrod-, Sanmun-, Taitschou-, Peiwan-, Wentschou-, Namkwan-, Samsah-, Haughoa-, Tschüantschou-, Tschangtschon-, Pungschan-, Tungao-, Hieschetschin-, Honghai-, Biasund Kanton-Bai. Die größten von den zahlreichen, dieser Küstenstrecke vorgelagerten Inseln sind Tschusan vorder Hangtschou-Bai, Tscheyangpao vor der Samsah-Bai, Haitan nördlich und Tungschan südlich von der Haughoa-Bai. Das an die chinesische Küste anstoßende Meer ist durchaus seicht. Ani nächsten kommt die Hundert-MeterTiefenlinie der Küste bei Hongkong, wo sie 100 km von derselben entfernt ist (Fall 1 :1000). Nach Nordosten hin wird der der Küste vorgelagerte Flachseestrcifen immer breiter, und fast das ganze Innere Gelbe Meer lst weniger als 100 m tief. Hier im Norden beträgt die Entfernung zwischen der Küstenlinie und der submarinen Isohypse von — 100 m 400 km (Fall 1 :4000). Im südlichen Teile der Straße von Formosa, zwischen 22° und 23° N, sowie namentlich vor der früheren (südlichen) Hwangho-Mündung zwischen 32° und 34° N |uti) der Küste zahlreiche Untiefen (10—20 m) und cm letzterer Stelle auch Sandbänke vorgelagert. Tie großen Flüsse, namentlich der Hwangho, führen sehr viel gelblich gefärbten Löß-Schlamm mit. Am Meere angelangt, breitet sich ihr wegen der Salzlosigkeit speziÖK) leichteres Wasser an der Oberfläche aus, weshalb das Neer selbst weithin gelb gefärbt ivird. Dem verdankt das Gelbe Meer (Hwaughai) seinen Namen. Gebirge. China nimmt den südöstlichen Teil des eurasischen L ontincnts ein, welcher aus dem verbreiterten östlichen Enitcile der mediterranen Hauptkette und dem mittleren S! \brf “Ä" • Abschnittes der pazifischen Hauptkette besteht. Zu China gehören die beiden großen östlichen Becken der ersteren, das Tarimunb SchamooLdcn, das südlich von diesen gelegene tibetanische Plateau mit einem Teile des Himalaya, ein Teil der Randgebirge, ^ welche jene Becken im Nordwcsten einsa, en, und die obere der beiden, zur pazifischen Haupttette gehörigen Stufen, mit denen der eurasische Kontinent nach Osten abdacht. Das Hochland von Tibet und seine Randgebirge. ^ Das Hochland von Tibet bildet den südwestlichen E,eil des chinesischen Reiches; in Bezug auf die vertikale, wie in Bezug auf die horizontale Entwicklung stellt dasselbe die bedeutendste Erhebung der Erdoberfläche dar. Ein westöstlich 3000 km langer und meridional 500 bis 1200 km breiter Landstrich, 2VS Millionen km2, Qljo ein Viertel so groß, wie ganz Europa, ragt per mehr als 4000 m über dem Meere auf. Tiefes Hochland wird im Süden durch den Himalaya, im Ssc]tcn durch die Gebirge der Pamir und im Norden urch den Kwenlün begrenzt. Nach Osten hin dacht es allmählich ab.' 7 Das tibetanische Hochland und die zu demselben gehörigen Gebirge lassen eine Gliederung in vier Abschnitte erkennen. Jene große, von WNW nach OSO streichende Längsl'urche, auf deren höchstem, wasserscheidenden, 4660 m über dem Meere gelegenen Punkte die ManasarowarSeen liegen, deren kleinerer nordwestUcher Teil vom Oberläufe des Indus und deren größerer südwestlicher -peil vom Oberläufe des Brahmaputra durchströmt wird, schneidet einen südwestlichenRandstreiseu von der Masse des Hochlandes ab. plese Masse selbst P aus dem, ihren Nordrand bildenden Kwenlün Gebirge und dem im Süden ^-tamsche daranstoßenden Plateau zusammengesetzt. Ersteres erreckt sich weit nach Osten über das tibetanische Hochland wnaus bis zur ostchinesischen Tiefebene. Letzteres wird on dem Tangla-Gebirge (90° 0) in ein westliches, abI utzloses Binnengebiet und ein östliches, nach 0 abachendes, von den Quellflüssen des Pangtszekiang, Meaug^und Salween entwässertes Gebiet, o Xtx südwestlich von der Jndus-BrahmaputraMrche gelegene, südwestliche Randteil des Hochlandes 0 as 5)imalayagebirge, über welches, wie oben eraa),it, die chinesische Grenze derart schief hinwegzieht, ^ lm Westen nur die nördlichen Randketten, im Osten "er die Gebirgskette in ihrer ganzen Breite zu Mmn gehörten. Tertiäre Schichten nehmen an seiner O^ung teil. Die Falten streichen von WNW nach . 0^ und bilden, da sie im Westen eine nordwestliche, un 0]ten aber eine rein östliche Richtung haben, einen "ach 8WS vorspringenden Bogen. Die Faltung ist on Nord nach Süd gerichtet und sehr intensiv, die südlichen Randfalten erscheinen vielfach nach Süden " erschoben. In der etwa 25 km breiten Zentralzone ,eä Himalaya, welcher die höchsten Erhebungen ange)oien, treten Urgesteine zu tage. An diese schließen sich im Norden und im Süden jüngere, aus palaeozoischen bis tertiären Schichten aufgebaute Nebenzonen an und wir begegnen im allgemeinen um so jüngeren Ablagerungen, je weiter lvir uns von den mittleren Ketten entfernen. Die südliche Nebenzone ist breiter als die nördliche. Als Nordwestgrenze des Himalaya kann der Jndusdurchbruch Gilgitmünduug--Attock (zwischen 73 und 75° 0), als seine Südostgrenze der Brahmapukradurchbruch Sardiya Thubri (zwischen 94 und 95° 0) angesehen werden. Der Himalaya ist 2400 km lang und durchschnittlich 155 km breit; der höchste gemessene (nachGraham giebt es noch höhere ungemessene) Gipfel ist der 8840 m hohe Gaurisankar, so weit bekannt, der höchste Berg der Erde. Ter ganze Himalaya gehört hydrographisch zudem Gebiete des Indischen Ozeans. Ter Sutledsch und der Gogra (Karuati)Fluß durchbrechen den Himalaya und teilen ihn in einen westlichen, mittleren und östlichen Abschnitt. Vom westlichen und mittleren Himalaya gehören nur die nördlichen Randteile zu China. Im chinesischen Teile des ersteren steigen die Berggipfel bis zu 6650 m Höhe an. Dem dem letzteren angehörenden, die Grenze bildenden Kamm entragen der 7740 m hohe Kämet und der 7820 m hohe Nanda Devi. Von dem östlichen Himalaya gehört der nördliche und östliche Teil zu China. Tie tiefste Partie dieses Gebirgsabschnittes ist das nur 200 m über dem Meere gelegene chinesische Grenzgebiet am Südfuße des Himalaya. Sehr rasch steigt von hier das Land nach Norden an. Schon die Böden der nächsten Längsthäler liegen 2—3000 m, jene der entfernteren 4000 m über dem Meere. Das Gebirge besteht aus einer Kolonne von W—0 streichenden Ketten; die höchsten Erhebungen liegen in jenem Kamme, welcher die Grenze bildet. Hier steht der 8020 m hohe Gosainthan, der 8480 m hohe Kanchiujunga und der höchste gemessene Gipfel der Erde, der 8840 m hohe Gaurisankar. Die nördlichen Kämme sind etwas niedriger, die Pässe in denselben 4500—5000 m hoch. Tie nördlichen Längsthäler sind zumeist abflußlose Becken mit kleinen Seen. Da int Himalaya nur die südlichen Luftströmungen Niederschläge bringen, diese aber schon beim Ansteigen der Luft an den südlichen Ketten und am Hanptkamrne fallen gelassen werden, ist die Niederschlagsmenge hier im Norden gering, die Schneegrenze liegt sehr hoch (über 5000 in), und die Vegetation ist eine spärliche Hochsteppenflora. Das abflußlose Binnengebiet, welches den westlichen Teil des tibetanischen Hochlandes bildet, wird allseitig von Randgcbirgen eingefaßt und im Innern von W—0 streichenden Ketten durchzogen, welche im Norden geradlinig verlaufen, int Süden aber nach Süd vorspringcnde Bogen bilden. Die nördlichen Ketten sind dem Kwanlün, die südlichen dem' Himalaya parallel. Die südliche Randkette dieser Hochlandmasse, welche die Jndus-Brahmaputra-Furche im Norden begleitet, besteht ans mehreren langen Kämmen, zwischen denen Längsthäler liegen, die zumeist von nördlichen Nebenflüssen des Brahmaputra entwässert werden. Einige von ihnen stellen abflußlose Binnengebiete dar. Nördlich schließen sich an diese Randkette im Westen die parallelen Höhenzüge des abflußlosen, nördlichen Tibet und im Osten die dichter gedrängten Gebirge von Lhasa an. Die Kämme der Randkette erreichen sehr bedeutende Höhen. Der westlichste von ihnen, welcher den Jndnsoberlauf im Norden begleitet, steigt in dem stark vergletscherten Aling Gangri zu 7320 in an. Im Norden der Mauasarowar-Seen erhebt sich die bis 6650 m hohe Kailas-Kettc; weiter östlich, im Norden des Brahmapntra der Rongpu-Gangri. Die Pässe liegen sehr ^ (Kh!lamba-Paß 5240 m, Gokhar-Paß 5070 m). L.:e Niederschlagsmenge ist in diesem Gebirge, namentlrch ur seinem westlichen Teile, noch geringer als im nördlichen Himalaya, die Schneegrenze steigt bis zu 6100 m empor und Vegetation giebt cs fast gar keine, pflanzenund gletscherlos, gelb und rot erscheint das ganze Gebirge. Tie Ketten des Inneren im Norden dieser Randkette werden durch breite Längsthäler voneinander getrennt, über deren Böden sie nur wenig emporragcn so _ daß diese Gegend Plateaucharakter hat. ^as Terrain steigt von West nach Ost an. Die tiefsten westlichen Thalböden liegen 4000 m, die tiefsten öst^en E in ü. d. M. Dieses Hochland, welches ,ich westostlich 1200 km und meridianal 800 km weit erstreckt, ist tektonisch ein Faltengebirge. Seinen gegenwärtigen Plauteaucharakter hat es infolge der äußerst geringen Niederschlagsmenge erlangt. Die täglichen Temperaturschwankungen, die hier wegen der Äquatornähe und der bedeutenden Meereshöhe ganz besonders stark sind, zersprengen oberflächlich das kahle Gestein Die Winde verwehen das zu Sand und Staub zersprengte Material — von den exponierten Höhen wird es sortgetragen, in den Tiefen wird es abgelagert Hierdurch werden die aufragenden Kämme erniedrigt und die Thüler ausgefüllt: so entstehen jene breiten Thalebenen über welche die Kämme nur wenig emporragen Wäre die Niederschlagsmenge eine größere, so würden die in 13 ben Thälern sich ansammclnden Wasscrmassen Flüsse bilden, welche Schutt und Sand fortführen und die 4-hüler nicht nur vor Ausfüllung bewahren, sondern noch mehr austiesen würden, wie es weiter östlich in der -vhat geschieht. Bei der herrschenden Trockenheit reichen ine fallenden Wässer aber nur hin, um sich in den tiefsten stellen der Thäler in Gestalt von größeren oder klcineren abflußlosen Seen zu sammeln. Das Wasser nimmt w löslichen Salze des Bodens auf. Wo die Nieder'/agsmengc eine bedeutendere ist und fließende, ins .;er sich ergießende Gewässer gebildet werden, führen u'>e das Salz fort und hinaus in das Meer. Wo dies aber, wie hier, nicht der Fall ist, bleibt das Salz znm ^cil un Boden, znm Teil sammelt es sich in den Binnenleen an, deren Wasser stets mehr oder weniger salzhaltig c a ° b'-schbint dieser westliche Teil des tibetanischen Hochlandes als ein Plateau, auf welchem relativ nie"'lge Bergkämme mit breiten Ebenen abwechseln, an ^eren tieften Stellen mehr weniger salzige, abflußlose , bbu sich ausbreiten. Der Boden ist salzig, zum Teil a)l, zum Teil mit einer kümmerlichen Hochsteppenslora bedeckt. Die südlichen Bergkamme dieses Gebietes bilden im «°nsen einen nach Süd konvexen Bogen. Im Westen ^ )ebt sich der Thatschaptscho, im Norden der Aling^ Südosten der Ning-Gangri, der * “? w hohe Galaringtscho und der 7670 m hohe Tschari, welcher sich nach Osten in die lange, an schneegekrönten Gipfeln reiche Kette der "Schneeberge", deren Pässe 5000 m über dem Meere liegen, fortsetzt. Zu beiden Seiten dieses Gebirgszuges finden sich zahlreiche große Binnenseen: etwa ein Dutzend von ihnen ist mehr als zehnmal so groß als der Genfer See. Im Norden der Schneeberge liegt, in einer Höhe von 4700 m, der Zilling-See, im Süden der See von Oinbo (4650 in ü. d. M.), der Tengri Nor (4850 ni ü. d. M.) und viele andere. Auch weiter südlich, zwischen dieser und der südlichen Naudkette, ragen mehrere bedeutende, bis 6000 m hohe Kämme auf. Südöstlich vom Tengri Nor erhebt sich die SW—NO streichende, bis 7360 m hohe Kette des Nhentschentangla, welche in dem, dein östlichen Tibet angehörigen Borgala-Gebirge seine nordöstliche Fortsetzung findet. Zwischen dem Nhentschentangla und der südlichen Randkette liegt das reich gegliederte, aus WSW—ONO streichenden Kämmen zusammengesetzte.Hochgebirge von Lhasa, dessen Thäler — Lhasa selbst liegt 3630 m über dem Meere — durchschnittlich 4000, dessen Pässe über 5000 und dessen Kammlinien über 6000 m hoch sind. Der nördliche Teil des westlichen Tibet scheint — beträchtliche Strecken sind hier noch unerforscht — weniger reich gegliedert zu sein. Breite Steppenebenen, von denen einige so groß wie Belgien sind, breiten sich hier ans, und nur wenige, W—0 streichende, wahrscheinlich zum Kwenlün-Shsteme gehörige Kämme durchziehen das Land. Die Trockenheit ist hier noch größer und die salzigen Binnenseen kleiner und weniger zahlreich. Gleichwohl giebl es auch hier schneebedeckte Berge, wie den Thatschap Gangri. Im Westen streichen die Ketten zum Teil WNW—OSO, so das bis 8000 m ansteigende Dnpleix-Gebirgc südlich vom Montealm-See und das Tangla-Gebirge, welches die Ostgrenze dieses Binncngebietes bildet. Der südöstliche von den Oberläufen der großen südost asiatischen Flüsse durchströmte Teil des tibetanischen Hochlandes ist aus dichtgedrängten, hohen und steilen Gebirgskämmen zusammengesetzt, zwischen denen tief eingeschnittenc Thäler liegen. Jene Kämme sowohl als diese Thäler streichen im westlichen Teile des Gebietes zum Teil (im Norden) von WNW nach OSO, zum Teil (tut Süden) von WSW nach ONO. Im Osten drängen sich die hier konvergierenden Ketten zusammen, um, nach Süden sich utnbiegend, eine südöstliche, weiterhiit eine meridionale Richtung anzunehmen. Zlvischen deit Oberlättfen des Brahmaputra und des Salween liegt eine Anzahl von 4—5000 m hohen Bergkämmen, die zwar recht unregelmäßig verlaufen, aber doch der Hauptsache nach von West nach Ost gerichtet sind. Die zwischen denselben eingesenkten Thäler werden von linken Nebenflüssen des Brahmaputra entwässert. Die Nordwestgrenze dieses Gebirgsabschnittes bildet das Borgalagcbirge. Int Norden des Salween-Oberlaufes, zwischen diesem und dem Mekong-Oberläufe — beide fließen hier von NW nach 80 — erhebt sich das NW—SO streichende, ebenfalls 4—5000 m hohe Tschagunla-Gebirge. Weiter im Nordosten zlvischen den Quellarmen des Mekoitg ragen die ebenso streichenden Gansumuund CharalinKetten ans. Jenseits, im Norden des Mekong-Oberlaufes dagegen werden SW—NO streichende Ketten (Scheromdsagarola und andere angetroffen, welche als die äußersten (westlichsten) Glieder der pazifischen Hauptkette, die sich hier zwischen die Ketten des mediterranen Systems einschieben, aufzufassen sind. Diese Ketten werden vom Pangtszekiang quer durchbrochen. Nördlich folgen wieder W—0 streichende (mediterrane) Ketten, im Westen Kangin, Dtntgburc und Kukuschili, im Osten Bajancharaula, Takzy, Solontaund Bajantukmu, die alle als südliche Nebenketten des großen Kwcnlün-Zuges aufgefaßt werden können. Das Bajantukmu-Gebirge setzt sich nach Osten in den Schachapaoschan fort, der sich bis zum Paischui-Flusse, in 106° östl. L. erstreckt. Bedeutenderen Höhen als in diesen Gebirgen begegnen wir in dem südöstlichen, aus größtenteils meridional streichenden Kämmen zusammengesetzten Endteile des Hochlandes. Die Thäler des Salween, Mekong und Iangtszekiang sind unter 28° nördl. Br. auf einen bloß 60 lern breiten Ratim znsammengedrängt und nur durch verhältnismäßig schmale Gebirgsketten voneinander getrennt. Östlich vom Pangtszekiang erheben sich weitere meridionale Kämme, das Tzumei-Gebirge und andere. Tie Thalsohlen liegen in dieser Gegend meist 2000 bis 2500 und die Pässe 4000 bis 4700 m hoch. Die höchsten Gipfel sind der Gambu (7700 nt), der Renda (6250 m) und der Tsara (7800 m). Weiter nach Osten hin nehmen die Höhen ab, und das östlichste Endglied dieser Kettenkolonne, der Taliangschan, erreicht die Höhe von4000m nicht mehr. Im Norden biegen sich diese Ketten nach NW, so daß zwischen ihnen und den weiter nördlichen W-—0 streichenden Ketten des Kwenlün-Systems, dem Kansonglin und Schimynschan (7480 m) eine Bucht entsteht, welche von verworrenen, im ganzen SW—NO streichen^cit Bergkämmen, dem Dschabaincharaula, Tasueschan, Hongschan (5000 nt) und anderen eingenommen wird. Das südöstliche Endglied dieses Systems, der Kintingschan, ist noch 5500 m hoch. osttibetanische Gebirgsland hat einen ganz anderen Charakter, wie das westliche Hochplateau. Dort im Westen weite Hochflächen, denen relativ niedrige Bergrücken entragen, hier im Osten schmale, tief eingeschnittene Thäler, steile Abhänge und hoch aufragende Kämme mit zackigen, gipfelreichen Graten. Dort salzige Binnenseen an den tiefsten Stellen der Hochebenen, hier wasserreiche Gebirgsströine, welche die Thäler durchrauschen. Tort salziger Boden und ohne Baumwuchs, nur^ mit ^ kümmerlicher Hvchsteppenflora bedeckt, hier üppige Vegetation, grünende Matten und Bambusbeständc in den Thälern, dichter Wald an den Berghängen. Alle diese auffallenden Unterschiede zwischen dem Westen und dem Osten des Hochlandes beruhen auf dem Unterschiede in der Niederschlagsinenge der beiden Gebiete. Im Westen ist sie so gering, daß dort das Wasser das Bodensalz nicht ganz entfernen kann, daß es keine erosionskräftigen Flüsse zu bilden vermag, welche im stände wären, die bei den tektonischen Störungen entstchendcn Erhöhungen in den Thalsohlen zu durchsägen, und daß es für eine üppigere Vegetation nicht ausreicht. "EM ~|tcit ist die Niederschlagsmenge so groß, daß der Regen alles Salz aus dem Boden wäscht, daß zahlreiche Flüsse gebildet werden, welche sich immer tiefer in das Gelände einschneiden und daß eine üppige Flora gedeihen kann. Es ist anznnehmen, daß das Binnenseen-Gebietsich früher viel weiter nach Osten erstreckte als gegenwärtig, und daß die, immer tiefer sich einschneidenden, südostasiatischen Flüsse stetig nach Westen sich ausdehnen und immer mehr Land den eigenen Stromgebieten cinverleiben. Ter den nördlichen Randteil des tibetanischen Hochlandes bildende Kwenlün ist eines der bedeutendsten Gebirgssysteme der Erde. Er durchsetzt ganz China von West nach Ost, das Reich in eine (etwas größere) nördliche und eine (etwas kleinere) südliche Hälfte zerlegend. Er liegt zwischen 30° und 40° N und erstreckt sich vom Markansu-Thale in der östlichen Pamir (75° 0) bis in die Nähe der pazifischen Küste, wo er (114° 0) unter die ostchinesische Alluvialebene hinab18 17 tftudjt. Das westliche Endstück des Kwenlün, die Kaschgarkette, hat eine meridionale, der weitaus größere, lm ganzen 4000 km lange, mittlere und östliche Teil ttne westöstliche Streichungsrichtung. Dort, wo die Kaschgar-Kette, nach Osten umbiegend, in den mittleren Kwenlün übergeht, wird das Gebirge vom Darkandslusse durchbrochen. Tie zwischen dem Harkanddurchbruche und dem -.karkansu-Thale liegende Kaschgarkette bildet die äußerste .^tgrenze des chinesischen Reiches. In der Mitte wird diese Kette von dem Ghezfluß durchschnitten. Süden desselben erheben sich der über 7000 m hohe ^scharkumberg und der 7860 m hohe Mustaghata. Große Mrnfelder und bis zu 4000 m Seehöhe herabreichende Gletscher bedecken diese gewaltige Bergmasse. Ter Wanderer in dem trockenen Wüstenboden des östlichen Tarimbeckens erblickt, wenn er nach Westen, den Pamirpässen Zu^trebt, schon aus weiter Ferne den glänzenden FirnIcheitel dieses Berges. Mit Jubel begrüßt er den Andlick, denn er verheißt das baldige Ende seiner Steppenund Wüstenfahrt, und auf die Knie fällt er nieder, um stnen "Vater der Eisberge" (das bedeutet Mustaghata), ihm weiterhin als Leitstern dient, zu verehren. Der uördlich vom Ghezdurchbruche gelegene Teil der Kaschgarkette ist ein schmaler Kamm mit einigen bis 7000m hohen Gipfeln. Der westöstlich streichende, östlich vom Parkanddurchbruche gelegene, bis 4000 km lange Haupttcil des Kwenlün ist von allen Faltengebirgen der Erde dasjenige, welches in der längsten Strecke die gleiche ^reichungsrichtung beibehält. Das Gebirge besteht größtenteils aus Urgestein, Gneis, Glimmer, Quarzit und Chloritschiefer mit Nephriteinlagerungen. In der Nähe des Kukunor bilden palaeozoische Schichten Kürschner, China l. einen wesentlichen Teil des Gebirges. Die azoischen und palaeozoischen Gesteinschichten des Kwenlün sind überall hoch und steil gefaltet. Jüngere am Aufbau des Gebirges teilnehmende Schichten, wie die Ablagerungen der Kreidezeit in der Gegend von Khotan zeigen ungestörte Lagerung, sind flach ausgebreitet und den hochgefalteten älteren Schichten diskordant aufgelagert. Dies zeigt, daß der Kwenlün nach der Zeit, in welcher die palaeozoischen Schichten von Kukunor und vor der Zeit, in welcher die Kreideschichten von Khotan abgelagert wurden, emporgetürmt worden ist. Der Kwenlün ist demnach ein viel älteres Gebirge als der Himalaya, und vermutlich eine der ältesten Ketten des ganzen mediterranen Systems. Vom Uarkanddurchbruche zieht der Kwenlün als schmale, einfache Kette erst in ost-südöstlicher, daun in östlicher Richtung zu dem in 82° 0 gelegenen Saryktus-Passe. §ieispaltet er sich in zwei Ketten, eine nördlichere, einen nach Nord vorspringenden Bogen bildende und eine südlichere geradlinig nach Osten weiterziehende. Der zwischen dem Iarkanddurchbruche und dem Saryktus-Passe gelegene Abschnitt des Kwenlün wird von mehreren Querthälern durchbrochen, durch welche die im südlichen Hochlande entspringenden Gewässer (Karakasch, Purung, Keria) nach Norden ins Tärimbeckcn hinabfließen. Der westlichste, zwischen dem Parkandund Karakasch-Durchbruch gelegene Teil dieser Gebirgsstrecke ist das Raskemgebirge, der zwischen dem Karakaschund Uurung-Durchbruche gelegene, das Purunggebirge, der zwischen Purnngund Keriadurchbruch gelegene, das Kiriagebirge, und endlich der östlichste, zwischen Keria und Saryktus-Paß gelegene, der Ljuschtag. Im Süden des westlichen und mittleren Teiles dieses Gebirges liegt eine große Längsfurche, ivclchc dort die Südgrcnze des Kwenlün bildet. Die Oberläufe des Harkand, Karakasch und Anrung durchströmen Strecken dieser Furche von Ost nach West und wenden sich dann nach Norden, um durch die erwähnten Durchbruchsthäler das nördliche Tarimbecken zu erreichen. Im Süden wird becken ist viel sanfter geneigt und reicher gegliedert. Beide Abhänge sind pflanzenarm, baumlos, öde und wüst. Blickt man aber hinaus über diesen trostlosen Vordergrund, so sieht man im Süden, jenseits des Karakaschthales, die gewaltigen Schneegipfel des Karakorum rmd im Norden, am Fuße des Gebirges, freundlichgrüne Wälder und Kulturen. Das zwischen dem Purungund Keriadnrchbruche gelegeneKiriagebirge und der östlich sich daranschließende Ljnschtag nehmen umsomehr Steppengebirgscharakter an, je weiter wir nach Osten Vordringen. Scharfe Gipfel und Kammlinien fehlen ebenso wie tiefer eingeschnittene Pässe; die Abhänge sind sandig und nur mit kümmerlicher Hochsteppenflora bedeckt. Die bedeutendsten Gipfel dieser Gebirge sind 5300—6000 m hoch. Die beiden Aste, in die sich der Kwenlün am SarykLhokacbcne und Sansibeigebirge. dementsprechend das Raskemgebirge vom oberen Parkandthale und das Pnrnnggebirge vom oberen Karakaschthale begrenzt. Tie Südgrenzc des westlichen Teiles des Kiriagebirges wird in ähnlicher Weise von dem oberen Uurungthale gebildet. Im Süden des östlichen Kiriagebirges und des Ljnschtag liegen trockene Thalebenen, welche nach Osten immer mehr den Hochsteppencharakter der tibetanischen Binnengebiete annehmen. Raskem und Iurung erscheinen als eine 6000 m hohe Bergmauer mit 5200—5800 m hohen Pässen und bis über 7000 m hohen Gipfeln. Sehr steil stürzen der Raskem und Inrung nach Süden zum Karakaschthale ab. Tie nördlichen Seitenschluchten dieses Thales sind steil und kurz, das Thal selbst eng, wild und von Felswänden eingefaßt. Die Nordabdachung gegen das TarimHochthal im Semenow-Gebirge. tus-Passe spaltet, Weichen, wegen der nach Nord konvexen Krümmung des nördlichen erst auseinander, um sich weiter im Osten wieder zu nähern. Im Westen erscheinen sie als ziemlich schmale Gebirge, im Osten verbreitern sic sich bedeutend. Zwischen denselben liegt ein großes Binnengebiet, das durch mehrere Höhenzüge in das mittlere Tsaidambecken, das nordöstliche Kukunor-Becken und ein westliches, von mehreren kleinen Becken eingenommenes Gebiet zerlegt wird. Nur der westliche Gudteil dieses Landstriches steht durch einige, den nördl^chen Gebirgsast durchbrechende Querthäler mit dem Tarimbecken in Verbindung. Ter westliche Teil des südlichen Kwenlünastes bildet den nördlichen Grenzwall des westtibetanischen Plateaus. Als einfache Kette verläuft er vom SaryktusPasse (82° 0 bis zum Schapkamouomacha (5900 m) (92° 0) in W—O-Richtung. Der westliche Teil dieser Sette ist der Akkatag, der östliche das Prshewalskij-Gebirge. Einer der Gipfel soll 7780 m hoch sein. Nach 0 setzt sich diese Kette in das 080 streichende MarcoPolo-Gebirge fort. Dieses Gebirge ist sehr hoch, die Pässe liegen bis 5000 in über dem Meere. Der westliche Teil desselben ist wüst und öde; int Osten herrschen sanft geneigte, mit Gras bewachsene, wildreiche Abhänge vor. (^ack, Murmeltier, Bär.) Unter 95° 0 beginnt sich dieser Gebirgsast zu verbreitern und in Parallelketten aufznlösen, deren Zahl nach Osten hiir zunimmt und die sich weiterhin mit den Ketten des Kwenlün-Nordastes und Dsttibets zu jener Masse von dichtgedrängten Bergkämwen zusammenschließen, welche das Land zwischen 99. und 103.° 0 erfüllt. Unter 100° 0 wird dieses Gebirge Uvin Hwangho durchbrochen. Wenig nördlich vom Marcopolo-Gebirge ragt eine im Westen einfache, im 2sten mehrfache Reihe von Ketten auf, die im Osten dem Marcopolo Gebirge parallel laufen, im Westen aber von demselben ab-, nordwestlich zunr nördlichen Kwenlün-Aste hinüberstreichen. Das aus dein Tsaidamgebirge, Columbusgebirge und deut Garynganla bestehende, die beiden Kwenlün-Äste verbindende Wcstcnde jener Kettenreihe steigt im Dschinri zu 6000 m an und trennt das zwischen den Kwenlün-Ästen gelegene Gebiet in ein westliches lind ein östliches Becken. Der westliche Teil des westlichen Beckens gehört hydrographisch zum Tarinibecken, mit dem es durch die die russische Kette durchbrechenden Flüsse verbunden ist. Im östlichen Teile desselben finden sich zwei große, salzige Binnenseen, der Atschikkul und der Tschongkumkul. Der Boden des Beckens liegt 3500—4000 in, der Atschik-See 3570 m ü. d. M. Tie einzelnen Teile des östlichen, dem MarcopoloGebirgc parallel laufenden Abschnittes des Kettensystems werden Dsucha-, Toraiund Tolai-Gebirge genannt. Östlich vom 96.° 0 setzen sich diese Ketten in dem Schugagebirge und dem 300 Irin langen, nach 080 gerichteten, von der großen Schlinge des Hwangho-Oberlaufes umflossenen Tischischan fort. An letzteres sind im Norden die Goschuli-, Burchanbudda-, Ngutiuiid SansibeiKetten angegliedert. Nördlich von diesem Gebirgsabschnitte breitet sich das mittlere Hauptbecken von Tsaidam aus, eine 2500 bis 2800 in über dem Meer gelegene W—0 in die Länge gestreckte, nach 8 abdachende Ebene von 750 Ion Länge und 250 km Breite. Der Salzgehalt des Bodens wird im Süden so groß, daß hier eine mehrere Centimeter dicke Salzkruste auf weite Strecken hin den Grund bedeckt. Seen und Flüsse fehlen fast ganz: das Land ist eine Wüste. Östlich vom Hwangho-Durchbruche vereinigen sich die beiden Kwenlün-Äste wieder. Der Kwenlün-Nordast zieht vom Saryktus-Paß zunächst als einfache Kette nach ONO. Es ist das die bis 6000 m hohe Russische Kette, welche, wie erwähnt, von mehreren am Nordabhange des Kwenlün-Südastes entspringenden Flüssen durchbrochen wird und nach Norden zum Tarimbecken abfällt. Nach Osten setzt sie sich in der Tokusdaban-Kette und den: Altyntag fort, eine schmale Kette mit 3—4000 m hohen Pässen, welche Mittel-Tsaidam vom Tarimbecken trennt. Wie erwähnt, ist der Altyntag durch mehrere nach 80 streichende Ketten mit breiten sich weite, lehmige Steppenebenen aus. dluf diese Gebirge folgen im Norden die Südkukunvrund Amasurgu-Kette, weiterhin die 4000 m hohe Ritterkette, das 4200 m hohe Hnmboldtgebirge, der Jemaschan, Suleischan, Tsingschiling, Petanin, Tahsüeschan, ^.choloschan, Malingschan und endlich, als nordöstliches Endglied der Kolonne das 500 Irin lange NichtHofen-Gebirge, welches nach Nordosten zum Schamobecken abfällt. Die dritte und vierte von diesen Ketten (Ritterund Humboldt-Gebirge) sind kürzer als die anderen, nur im Nordwesten entwickelt. In ihrer südöstlichen Fortsetzung liegt eine größere Mulde, in welcher sich zwei Seen ausbreiten, im Nordwesten der Karanor und im Südosten der Kukunor. Ersterer ist 70 km groß und liegt 3240 m über dem Meere. Sein Wasser ist sehr salzreich und er wird von einem 1—2 km breiten Gürtel von Salzsümpfen umgeben. Außerhalb des letzteren breitet sich eine von Süßwasserbächen durchrieselte, fruchtbare, grasbewachsene Zone aus, ans welcher große Herden weiden. Der Kukunor oder Blaue See ist ebenfalls salzig, bei 600 km2 groß und seicht; erliegt 3210 m über dem Meere und enthält (-, s mehrere Inseln. Sein Hauptzufluß rsr!^ " N^W fommenbe Buchaingol. Zwischen der südlichsten und der nächsten Kette liegen mehrere getrennte Becken mit kleinen Seen. Qnnn$a§/o$UiSBrUd^aI beg Hwangho liegt 1200 bis ?00°J° (Lantschou 1470 m) über dem Meer. Im Osten desselben erheben sich zahlreiche, W—0 streichende ®ctten' lt)e^e der Dazky-Schachapao-Kette kvlonncndem Kwenlün-Südaste verbunden. In 94° 0 löst sich der Altyntag in eine nach Osten hin immer breiter werdende Kolonne von zumeist WNW—OSO streichenden Ketten auf, welche das Tsaidamgebiet schief durchsetzen und sein mittleres, ebenes Becken von seineni nordöstlichen, gebirgigen Abschnitte trennen. Die westlichsten von diesen Ketten sind das 4000 m hohe Anembarulaund das Muschketaw-Gebirge. Weiter östlich lassen sich sieben Parallelketten in demselben unterscheiden. Die südlichsten bilden das Jnmikula-, Bainsarlykund Semenow-Gebirge. Das Semenow-Gebirge besteht in seinem mittleren bis 5000 m hohen Teil vorwiegend ans Granit, krystallinischen Schiefern und metamorphischen palaeozoischen Schichten. Jni Osten erheben sich ausgedehnte, weit nach diord vorspringende Ouarzporphyrniassen und weiterhin Kalkberge. Bunte Flechten überziehen die Felsen, blumenreicher Rasen (Enzian, Edelweiß u. s. w.) breitet sich an den Hängen aus, Strauchwerk erfüllt die Schluchten. Berghasen und Schneehühner sind häufig. Zwischen dem Kalkgebirge am CDbcrcit Kwangha. “^8 angliedern. Von Süd nach ? ord fortschreitend haben wir da den streckenweise aus silurischem Kalk begehenden Minschan, den Dsunmotun, Hsikingschan, Dschupar, Ulan, m welchem devonische Schieferund ^alkklippenreihen angetroffen werden, und mehrere, weiter nördlich belegene Ketten, welche in: Dschachar ^ne Höhe von 4970 in erreichen. Unter 36° 14 und 104—105° 0 treten an den nördlichsten von diesen Eämnien die NW—SO streichenden, südöstlichen, vom Hwangho abgefchnittenen Endteile desMalingschanund des Richthofengebirges heran. Nach Osten setzen sich die Ketten ^es KwenlünSüdastes im Peling und Tsinlingschan fort. liölste im Dsiiiimalnn. Gebirge. oder großen Binnensees dar, ivelches zur Tertiärzeit bestand und seither abgeflossen, beziehungsweise ausgetrocknet ist. Dieses zentralasiatische Meer war durchschnittlich etwa 1500m tief, in W—0 Richtung 3700 km lang und meridioual im Westen 700, im Osten 2000 km breit. Es glich in Bezug auf Lage und Gestalt dem heutigen, zwischen Europa und Afrika gelegenen Mittelmeer, und Das Hanhai. Nördlich von dem die erhöhte Nordrandkante des tibetanischen Plateaus darstellenden Kwenlün breitet sich ein großes Becken ans, Ivelches im Westen bis zum Kaschgargebirge, im Nordwesten bis zum Indwestlichen Teile der zentralasiatischen Kettenkoloune Tienschau-Sajan, im Norden bis zu dem Jablonowyistnd im Osten bis zum Großen Chinganund WutaiIchan-Gebirge reicht. Von Nordwesten her ragen die östlichen Teile des Tienschan und Altai ziemlich weit in diese Depression hinein, in der Mitte und im Südosten wird sie von einigen, weniger bedeutenden Bergketten durchsetzt. Im übrigen ist der Boden des Beckens ziemiich flach und liegt 400—1500 m über dem Meere. Die Chinesen nennen dieses Becken Hanhai, zu deutsch: "Ansgetrocknetes Meer", und mit Recht, denn es stellt dasselbe in der That den Boden eines Meeres wie bei diesem ragten auch bei jenem von Norden her lange Halbinseln, Italien und Griechenland vergleichbar, weit in dasselbe hinein. Der nordöstliche Teil dieses Beckens ist seither durch den Amur, welcher sich einen Weg zwischen dem Jablonowyiund Chingan-Gebirge gebahnt hat, mit dem Pazifik in Verbindung gesetzt worden; ebenso der südöstliche Teil durch den Hwangho, welcher sich ein Thor zwischen dem Wutaischan und dem Tsinlingschan geöffnet hat. Auch im Norden sind kleine Teile des Hanhai in die Stromgebiete der nördlichen Eismeerflüsse einbezogen worden. Alles übrige, der weitaus größte Teil des Beckens, steht mit dem Meere in keinem Zusammenhang. In dem mittleren, durch das weite Vortreten des Tieuschan-Ostendes stark eingeengten Teile der HanHai-Depression erhebt sich eine Reihe von Bergketten, das System des Beisan-Gebirges, durch welches das Hanhai in zwei Abschnitte, dem westlichen Tarimund dem östlichen Schamobecken zerlegt wird. Das Tarimbecken nimmt das schmale Westende des tzianhai ein, es ist gegen 2000 km lang und bis 700 km breit, hat eine Ausdehnung von ungefähr 3/4 Millionen qkm und erscheint als eine nach Osten abdachende, 790—1400 m über dem Meere gelegene Ebene. Am Rande des Beckens breiten sich allenthalben die Schüttkcgel der voll bcu umliegenden Bergen herabkommendenBäche und Ströme aus. Diese bestehen aus vollkommen pflanzenlosem, kahlem Geröll und bilden zusammen eilten sterilen Gürtel am Saume der Ebene. Innerhalb derselben finden sich flachere, lehmige, sluriatileAblagerungen, welche fruchtbar und hinreichend bewässert sind. Auf diesen gedeiht eine ziemlich reiche Vegetation, und beträchtliche Strecken stehen unter Kultur: ein Gürtel besiedelter Oasen schließt sich innen an den Geröllgürtel an. Im Westen, wo die wasserreichsten Ströme in das Tarimbecken eintreten, ist dieser Oasengürtel breit und ununterbrochen; nach Osten hin wird er immer schinäler, und immer ausgedehntere, öde Flächen unterbrechen das Kulturland. Gegen das Innere des Beckens hin, und zwar an der Linie, wo die Bergwässer versiegen, geht dieses fruchtbare Land sehr unvermittelt in jene pflanzenlose Sand Vase Lailiangar am Nordrande des Tarim-Beckens. Im Dsumnolun-Gcbirge. wüste über, welche den größten Teil des Inneren des Tarimbeckens einnimmt. An der Jnncngrenze des Oasengürtels finden sich, als äußerste Vorposten gegen die Wüste hin, Gruppen von Tamarisken, welche zwischen ihren Stämmchen den Staub abfangen und so kleine Hügel bilden, aus denen sie dann oben hervorwachsen. Nitraria und Lyciuni ruthenicum siedeln sich auf diesen Hügeln an, die, ganz durchsetzt von den Stämmchen, Ästen und Wurzeln der Tamarisken, den Wüstenstürmen Trotz zu bieten vermögen. In der nächsten Nähe der wenigen, das Becken, durchströmenden Flüsse finden sich Wälder, die zumeist aus Pappeln (?0pu1u8 balsamifera und Weiden bestehen. DieseBäume zeichnen sich durch ihr dichtes, bis zum Boden herabreichendes Geäst aus. Die sumpfigen Stellen an den Flüssen selbst sind init Schilf bedeckt. Von jenem Oasenrandgürtel und diesen die Flüsse begleitenden Waldstreifen abgesehen ist das Tarimbecken eine Sandwüste. Stellenweise giebt das Grnndwasser einzelnen dürren Bäumen die Möglichkeit zu bestehen, aber solche Bäume sind in größerer Entfernung von beit Flüssen ungemein feiten, und viele Tagereisen weit sieht man nichts als vollkommen vegetationslosen Sand, der durch den Wind zu mächtigen, parallelen Dünen znsammengcweht, der ganzen Gegend das Aussehen eines in hohe Wellen geworfenen und dann erstarrten Meeres verleiht. Ewig bewegt der Wind diesen Sand, die^ Lust ist mit seinem, salzreichem Stanbe erfüllt, und der Reisende stets in die dichten, von seinem Reittiere anfgewirbelten Staubwolken gehüllt. Die vom Tienschan im Nordwesten, vom Kaschgargebirge im Westen und vom westlichen Kwenlün im Südwesten herabkomnienden Ströme sind ziemlich wasserreich: ahne zu versiegen durchfließen sie den Boden dcs Beckens und vereinigen sich zu demTarim, sich in zahlreiche Arme ans und stehest mit ausgedehnten Sümpfen und Flachseen in Verbindung. Deshalb und wegen der Wärme und Trockenheit der Luft ist die Verdunstung eine sehr bedeutende. Je weiter die Ströme fließen, umso mehr Wasser wird ihnen durch die Verdunstung entzogen, ltitb die Seen, in die sie sich schließlich ergießen, sind seicht, schilfbedeckt und klein. Das Beisangebirge, welches dasTarimvomSchamoVegetationshügel mit Pappeln (Togras-Bäumen) im westlichen Tarim. welcher nach Osten und Südosten strömt, mehrere Sümpfe und Seen passiert ilnd schließlich in den Lvbuor, einen 790 m hoch gelegenen, abflußlosen Binnensee mündet. ^ Die weiter östlich vom Kwenlün herabkommenden blüsse versiegen im Sande, ohne den Tarim zu erreichen, nur der östlichste von ihnen, der Tschertschendarja, scheint zeitweise bis zum Tarim zu kommen. ^ Im östlichen Teil des Tarimbeckens werden zwei ströme, der Suleiho und Tanho, angetroffen, die nach Nordwesten fließen und sich nach ihrer Vereinigung in den kleinen Karanor-Binnensee ergießen. Alle diese Flüsse haben in ihren Nnterläufen nur geringes Gefälle, lösen Vegetationshiigel mit Tamarisken im westlichen Tarim. becken trennt, besteht aus mehreren W—0 streichenden Ketten, deren verschiedene Teile, Beisan, Sulnssan und Snssulin genannt werden. Es liegen hier fünf .Höhenzüge in einer Kolonne hintereinander. Der nördlichste (1.) ist ein abgerundeter Granitzug. Auf diesen folgt eine(2.) zackige, relativ 400 m hohe, aus kristallinischen Schiefern und palaeozoischen Sedimentgesteinen bestehende Kette, dann ein (3.) niedriger, ails ähnlichen Felsartei: aufgebauter, abgerundeter Rücken; weiterhin ein (4.) aus altvulkanischen Massen zusammengesetztes, reich gegliedertes, mit scharfen Gipfeln geschmücktes, relativ 450 und absolut 2200 m hohes Gebirge, und endlich (5.) ein Zug unbedeutender, niedriger Hügel. Die exponierten Felsen dieser Gebirge zeigen vielerorts schöne Winderosionen, Höhlungen, welche der vom Wind bewegte Wüstensand an ihnen ausgeschliffen hat. Die ebenen Flächen, welche sich zwischen beit Gebirgen ansbreiten, sind größtenteils mit kleinen Steinen (Kies) bedeckt, hie und da lehmig. Allenthalben bemerkt man an den Felsen der Bergzüge und an den Steinen der 31 EGE China, Land und Leute. 8 32 lVindhöhle im Granit im Beisangebirge. Ebenen glänzende, schwärzliche Überzüge, welche aus einer eisenreichen, durch die Wüsteneinflüsse gebildeten Emaille bestehen. Die Ebenen und exponierten Berghöhen sind größtenteils pflanzenlos. Wo der Boden lehmig ist und das Grundwasser höher ansteigt, finden sich in der Ebene Steppenpflanzcn. Die Gebirgsschluchten bergen Sträucher und Blumen. Bergschafe (Ovispoii), wilde Esel (Dschiggetai) und Gazellen sind häufig, und Reste von Bauwerken zeigen, daß diese jetzt unbewohnte Gegend vor nicht allzu langer Zeit besiedelt war. Sie ist, wie bekannt, die Heimat Dschingiskhans und seiner Horden gewesen. Das Schamobecken wird im Westen vom Karlyktagund BeisanGebirge, im Südwesten vom Richthofengebirge, im Süden vom Sintau, im Südosten vom Alaschan, Charanarynula, Scheitenula, Sumachada und den Ketten von Tschachary, im Osten vom großen Chingan, im Norden von jenem unbedeutenden, in 47° N verlaufenden Rücken, dem die Batuchanund Ulinberge angehören, und im Nordwesten durch die vom Jniiola-Berg (46° Ui, 103° 4' 0) zum Karlyktag ziehende, wenig ausgesprochene, wasserscheidende Höhe gebildet. Nordwestlich vom Jnilola-Karlyktag-Rücken liegen Binnengebiete, welche auch zum Hanhai gehören. Das innerhalb der angegebenen Grenzen liegende Schamobecken ist (ostwestlich) gegen 1900 km lang, (meridional) bis 600 km breit und etwa 3/<i Millionen km2 groß. Durch die Südost-Ausläufer des Großen Altai wird das Becken in einen kleineren, westlichen und einen größeren, östlichen Abschnitt zerlegt. Dieses Gebirge ist aus mehreren parallelen, NW—SO streichenden Kämmen (Arzybogdo, Gurbansaichan, Hurku rc.) zusammengesetzt. Der westliche Abschnitt des Schamv ist eine 1000 bis 1500 m über dem Meere gelegene Ebene, welche von westöstlich streichenden Höhenrücken(Holinschan,Tschuchunschan,Nvinbogdo-Gebirgerc.) durchzogen wird. Von: Richthofengebirge strömen kleine Flüsse (Edsingol rc.) in diesen westlichen Abschnitt des Schamo hinab. Sie enden in kleinen, salzigen Binnenseen (Schonobor, Tschauninchu rc.). Während die südlichen Randlandschaften, namentlich das Längsthal zwischen Richthofengebirge und Holischan infolge ihrer besseren Bewässerung eine reichere Vegetation aufweisen und gut besiedelt sind, erscheint der ganze mittlere Teil des Beckens als eine öde, unbewohnte Wüstensteppe. Der größere, östliche Abschnitt des Schamo ist teils eben, teils wellig und liegt 700—1150 m über dem Meere. Ans seinen Randteilen erheben sich im Südosten der 2260 m hohe Bogdoola, im Osten der Chologama und im Westen der Tailageinchara und andere Gebirge. Ausgedehnte Flächen sind vegetationslos und mit Kies bestreut. Achat, Chalcedon und Karneol sind hier häufig. Auf den Anhöhen wird Pflanzenwuchs, Gras und stellenweise sogar eine kleine Ulme angetroffen. Nach Norden nimmt die Feuchtigkeit zu und die Flora wird eine reichere. Wir wollen uns nun den teilweise oder ganz in die Stromgebiete der ozeanischen Ströme einbezogencn Randteilen des Hanhai zuwenden. Das Dsnngarische Becken wird im Südwesten von den nördlichen Randketten des Tienschan, dem Borohoro-Gebirge, dem Bogdoola und Edemekdaba, im Nordwesten von der Kettenkolonne, Alatau-Tarbagatai und in: Nordosten vom Großen Altai eingefaßt. Im Südosten steht es durch die breite Ebene von Santschou mit dem Schamo in Verbindung. Ihre Nordostecke gehört znm Jrtyschgebiet, das übrige besteht aus Binnengebieten mit Seen (Ebinor, Ajarnor, Ulungur). Die Dsungarische Mulde ist bedeutend tiefer als Tarim und Schamo. Tie tiefsten Punkte sind der Ajarsee, 210, und der Ulungursee, 470 m ü. d. M. In dem Becken erheben sich mehrere Höhenzüge. Ter Urungu und andere Flüsse bewässern das Gebiet, welches größtenteils herdenreiches Weideland ist. Das Kobdobecken wird im Südwesten vom großen Altai und voll der Ketteilkolonne des Saioljugem-Gebirges lind int Norden vom Sajan eingeschlossen. Im Südosten steht es durch die Gobi-Ebene mit dem Schamo iu Verbindung. Jnr Gegensätze zu den übrigen Teilen des Hanhai ist dieses Becken sehr reich an Gebirgen: es wird von den nordöstlichen Parallelketten des Großen Altai, den Südostausläufen des Sajoljugem, dein Tannuola und Changai-Gebirge durchzogen. Die nördlich von den letztgenannten Gebirgen gelegenen Teile von Kobdo sind in das Gebiet des Jenissei einbezogen worden. Diesem gehört der große, 1620 in über dem Meere gelegene Chubsngul-See an. Die südlich davon gelegenen sind Binnengebiete mit Seen (Karaussn-, Durga-, Kirgis-, Ubsanor). Diese Seen liegen 720 (Ubsa) bis 1170 (Karaussn) in hoch. Zahlreiche Flüsse, der Kobdo und andere, ergießen sich iu diese Seen. Nur kleine Teile von Kobdo haben Steppenoder Wüstencharakter, der größere Teil ist Weideland, mid die höheren Berge sind mit Coniferenwäldern bedeckt. Östlich von Kobdo liegt das Gebiet von Kyrylun, eine größtenteils ebene/ 1000—1200 m über dem Meere gelegene Steppe, die südlich in das Schamobecken übergeht und von dem Kyrylun-Flusse in östlicher Richtung durchströmt wird. Der letztere ergießt sich in den mit dem Amur in Verbindung stehenden Kulan-See. Jni Südosten haben wir das durch die nordwestliche Chananarhnula-Kette vom eigentlichen Schamo getrennte, flache, etwa 1000 m über dem Meere gelegene, trockene und öde Steppenund Wüstengebiet von Ordos mit einzelnen kleinen Binnenseen. Von Südwest her tritt der Hwangho unterhalb Lantschou in dieses Gebiet ein, durchfließt cs, einen nach Nord vorspringenden Bogen bildend, von West nach Ost und verläßt es bei Pjangkwan wieder. Tie nordwestlichen Randgebirge. Das Hanhai-Becken wird im Nordwesten von einer schiefen Kolonne W—0 streichender Bergketten eingefaßt. Diese Kolonne besteht aus dem Tienschan, Tarbagatai, Altai, Tannuola, Sajan und den zwischen diese Hauptketten eingeschobenen Nebenketten. Im allgemeinen zieht der Beckenrand quer über die Ketten weg, und diese erstrecken sich mehr oder weniger weit nach Südwesten in das Becken hinein. Das ist die Ursache der reichen Gliederung des nordwestlichen Hanhai. Der Tienschan ist ein sehr bedeutendes, IV—0 streichendcsFaltengebirge. Er ist 2600 km lang und liegt zwischen 39 und 45° N. Sein mittlerer Teil bildet die Nordgrenze der chinesischen Provinz Ost Turkestan, sein östlicher Teil liegt ganz in China. Tie Faltung der Gesteinschichten des Tienschan soll zur Triaszeit begonnen haben und in der Tertiürzeit fortgesetzt worden sein. Tie erste triassische Faltung wurde von Eruptionen, welche bedeutende vulkanische Massen auftürmten, begleitet. Später, im Tertiär, breitete sich über das teils gefaltete, teils vulkanische Terrain wieder das Meer aus, und es wurden auf demselben kalkige und sandige Schichten abgelagert. Hieraus trat die zweite -Haltung ein und es wurden nun auch diese Schichten cmporgesaltet, besonders hoch im Süden. Beide Faltungen sind von Nord nach Süd gerichtet. Im Norden herrschen die vulkanischen, int Süden die sedimentären Gesteine vor. Der Tienschan wird in seiner ganzen Lange von einer großen Längssurchc durchzogen, welche ihn in einen nördlichen und einen südlichen Abschnitt zerlegt. Der höchste (wasserscheidende) Punkt dieser Furche ist der unter 84° 0, 2990 m über dem Meere gelegene Nuratpaß. Der westlich davon gelegene Teil der Furche wird vom Jli-Flusse, dem Hauptzuflnsse des Balchaschsees durchströmt. Der östliche Teil ist ein Binnengebiet, welches im Osten mit dem Schamobecken zusammenhängt und deshalb besonderes Interesse beansprucht, weil er der tiefste Teil ganz Centralasiens ist. Die tiefste unter 89° 0 südlich von Turfan befindliche Stelle liegt 131 m unter dem Meeresniveau. Diese, durch außerordentlich starke Luftdruckschwankungen ausgezeichnete Gegend wird vom Algoiflnsse bewässert und ist fruchtbar. Turfan selbst liegt ganz in Bäumen versteckt. Nach Osten hin steigt der Boden und nimmt immermehr Wüstencharakter an. ...w.»Der südlich von dieser Furche gelegene, ludliche Tienschan ist ein ziemlich breites, aus zahlreichen Kämmen zusammengesetztes Kettengebirge. Die südlichen, zum Teil Kupfer führenden Randkämme gehen unter 74° 0 hart an dem Ende des nach Norden um35  £biiui, Ctutö unö iTcutc. 36 gebogenen westlichen Terminalteiles des Kwenlün vorüber und bilden die Nordeinfassung des Tarimbeckens und die Nordgrenze des chinesischen Reiches. Der bedeutendste von diesen Kämmen ist der Kokschaltau, welcher sich im Osten zu dem 7330 m hohen Chantengri, dem höchsten Gipfel des Tienschan erhebt. Dieser Berg ist stark vergletschert, einer von seinen Firnströmen, der Semenowgletscher, 26 km lang. Östlich von diesem Berge wendet sich die chinesische Grenze nach Norden: von hier an gehört der ganze südliche Tienschan zu China. Die Längsthäler dieses Waldund wiesenreichen Gebirgsabschnittes werden im Norden von Zuflüssen des Jli, im Süden von Zuflüssen des Tarim entwässert. Nach Osten setzt sich das Gebirge in den Tscholtau, Tiugetau und Knruktaa fort, zwischen denen trockene und öde, fast flußlose Längsthäler von Steppenund Wüstencharakter liegen. Als eine weitere östliche Fortsetzung des südlichen Tienschan sind wohl auch das System des Beisan-Gebirges und der lange Kamm des Tschuchunschan anzusehen. Der nördliche, nördlich von der Jli-Turfan-Furche gelegene Teil des Tienschan taucht aus der BalchaschEbene unter 78° 0 auf und erstreckt sich von hier in 080 und 0-Richtung bis 97° 0. Bei Urumtscha (87^/2° 0) wird dieses Gebirge vom Loklonflusse durchbrochen. Der westlich von diesem Durchbruche gelegene Teil ist die Borohoro-Kettc (Doßmegenora 6000 m), eine gewaltige, stark vergletscherte Bergmauer ohne tiefere Pässe. Östlich vom Loklan-Durchbruche erhebt sich der Bogdoola, der im Edemekdaba seine östliche Fortsetzung findet, Gebirge mit zahlreichen vergletscherten Gipfeln, welche nach Süden steil zur Turfan-Dcpression und der Wüstensteppen-Ebene von Cham absetzen. Nach Norden, gegen das Dsungarische Becken, ist die Abdachung eine sanftere: hier sind der Hauptkette mehrere niedrigere Parallelketten vorgelagert, welche Lärchenwälder tragen und öde Steppen-Längsthäler einschließen. Zwischen dem nördlichen Tienschan und dem Tarbagatai liegt an der Grenze des chinesischen Reiches eine Kolonne von Bergketten. Tie südlichste von diesen Ketten ist der in vielen Gipfeln die Schneegrenze überragende Alatau. Die nördlichen Ketten sind niedriger, und die Böden der zwischen denselben nach Westen herabziehenden Thäler liegen sehr tief (Bachty 450 m). Der Tarbagatai streicht west-östlich und bildet in Gestalt eines nach Süden konvexen Bogens die Südumwallung des Beckens des vom Jrtysch durchströmtenSaissanSees. Zwischen 83° 0 und 86° 0 ist sein Kamm die chinesische Grenze. Der Tarbagatai besteht aus altkrystallinischen, hochgefalteten Gesteinen und ist größtenteils mit Nadelwald bedeckt. In diesem herrscht die auch im Tienschan und Altai häufige Picea Schrenkiana vor. Die höchsten Teile des Gebirges sind baumlose Alpenmatten. Der Mustan (3630 m) und einige andere Gipfel sind vergletschert. Nördlich von: Tarbagatai, zwischen diesem und dem Altai, liegt das breite Thal des Jrtysch, hier Kararreyn genannt. Im Südosten geht dieses Thal in die Dsungarische Mulde über; es bildet den gangbarsten voir allen Durchbrüchen der zentralasiatischen Kettenkolouue. Im Nordosteil des oberen Jrtysch und der Tsungarischen Mulde erhebt sich der Altai, ein von NW nach SO streichender, gegen 2000 km langer Gebirgszug, welcher sich in 82° 0 aus der (russischen) Barabinskaja-Steppe erhebt, bei der Katunquelle unter 871/2° 0 in China eintritt und unter 106° 0 im südlichen Teil des Schamo endet. Der Altai besteht hauptsächlich aus hochgefalteten, azoischen und palaeozoischen Schichten. Die in China liegende Hauptkette wird der Große oder Ektag-Altai genanilt, ihr Hauptkamm ist 2000—3000 m hoch, größtenteils felsig und baumlos. Tie tieferen Hänge werden von Coniferenwäldern bekleidet, in den Thälern wachsen Weiden und Birken. Nach Osten hin nimmt die Üppigkeit der Waldvegetation ab. Im Südosten löst sich der Ektag-Altai in mehrere niedrigere, vegetationsarme Ketten (Etereng, Arzybogdo, Talagcinchara, Hurku 2C.) ans. Im Nordosten des SUtcti ragen zahlreiche, größtenteils NW—SO streichende Bergkamme auf, welche den westlichen Teil des Kobdobeckens erfüllen und sich zwischen 87° 0 und 90° 0 an der chinesischen Grenze zu jenem Sajoljugem-Gebirge zusammendrängen, das den Altai mit demTannuola-Gebirae verbindet. Ter Tannuola ist eine zwischen 50 und 52° N liegende, WO streichende, einen nach Norden konöexen Bogen bildende, etwa 2000 m hohe Kette, welche das Becken des Ubsanor^ees vom Thale des oberen Jrnissei trennt. Im Osten erhebt sich zwischen Altai und Tannuola das Changai-Gebirge, dessen bedeutendste Gipfel bei 3500 m hoch sind. Das W—0 streichende, reich gegliederte Sajangebirge, das nordöstliche Endglied der zentralasiatischen Kettenkolonne, nimmt den Raum zwischen den beiden Ouellarmen des Jenissei ein und bildet einen nach Nord öorspringenden Bogen, dem die chinesische Grenze folgt. Nach Osten setzt es sich in jene 80—NW streichenden Ketten fort, welche dem Südostufer des Baikalsees entlang ziehen. Im Munkosagan-Stock, nördlich vom Chubsugul-See, erhebt sich der Sajan zu 3490m. Die schluchtenreichen Abhänge dieses Bergmassivs sind unten mit dichten Kiefernund Tannenwäldern, weiter oben mit Lärchenwäldern bekleidet. Darüber folgen sumpfige Nlpenwiesen. Die Gipfel tragen ewigen Schnee und Gletscher. Zu erwähnen sind noch die östlich zwischen 107 und 112° 0 anfragenden 8W-Ausläufer des Jablonowyil^ebirges, die Kenteiund die Dutulun-Ketten, in dem nordöstlichen, dem Amurgebiete einbezogenen Randteil des Hanhai. Der östliche Teil Chinas gehört der pazifischen hauptkettc, und zwar der oberen der beiden großen Hauptstufen an, mit denen der eurasische Kontinent nach Osten abdacht. Die Streichnngsrichtung der Falten und großen Verwerfungen ist hier im allgemeinen eine südwest-nordöstliche, der Hauptrichtung der eurasischen Ostküste parallel. Die Kontinuität der Tektonik wird hier jedoch dadurch gestört, daß das Ostende der mediterranen Hauptkette von Westen her weit in das pazifische Land eindringt: die Ostausläufer des Kwenlün, der Tsinglinschan, Fnnjuschan und andere Ketten, die eine westöstliche Streichnngsrichtung der Gesteinsfalten aufweisen, nehmen den zwischen dem unteren Hwangho und dem unteren Iangtszekiang gelegenen Raum ein und unterbrechen hier die pazifischen Ketten und Bruchränder. Östlich schließt sich an diese Faltenund Stufenländer alluviales Terrain an. Es ist hiernach Ostchina in vier Regionen einzuteilen: das nördlich von dem medi terranen Keil gelegene, pazifische Gebiet, der mediterrane Keil selbst, das südlich davon gelegene pazifische Gebiet und das östliche Alluvialland. Das nordostchinesische, pazifische Gebiet hat den Charakter eines Stufenlandes, das mediterrane Gebiet ist Bergund Hügelland, das südostpazifische Gebiet ein teilweise auch sekundär gestuftes Bergund Hügelland, das alluviale Terrain ist eine Tiefebene. Das nordostchinesische Stufenland nimmtden Raum zwischen dem Ostrande des Hanhai, der Ostküste, dem Amur, dem Hwangho und den Nordwestrand der Tiefebene ein. Zwischen 41 und 54° N wird der Ostrand des Hanhai von einem 8W8—NON streichenden Gebirgszuge, dem Großen Chingan gebildet. Diese Kette dürfte nirgends die Höhe von 2000 m übersteigen; sie fällt nach Westen sehr sanft, nach Osten aber ziemlich steil ab und besteht, so weit bekannt, aus Urgestein, ail das sich in: Osten Löß anschließt. Der nördliche Teil ist mit Eichen-, Weidenund Lärchenwäldern bedeckt. Nach Süden hin tritt — namentlich am Westabhang — Steppenflora an Stelle des Waldes. Die bedeutendsten Kämiile des Chingan sind (von Nord nach Süd) der Jkechuli, Arutolaku, Jakschan, Gokiöl, Uchana, Suksuiu, Petscha ilud Norto. An das Südwestellde des Chingan schließt sich das hier den Südostrand des Hanhai bildende, aus SW— NO streichenden Ketten zusammengesetzte Bergland von Tschachary an, welches gleichfalls nach außen — Südosten — steil, nach innen — Nordwesten — sanft abfällt. Dieses Gebirge besteht größtenteils aus gelbem Kalkstein und erreicht im Kuluschan eine Höhe von 2350 in. Noch bedeutendere Höhen — bis zu 3000 m — werden in den nordwestlichen Randketten, namentlich in der Sumachada angetroffen, wo schroffe Bergsormen und an den Abhängen Laubwälder vorherrschen. Weiter im SW bilden der Lukwanlin und Liupiuschan die Hanhai-Umwallung. Die 8W-Ausläufer des letzteren treten bei Tsintschou (34V2° N, 106V2° 0) an die mediterrane Hauptkette heran. Die einzelnen Teile des zwischen diesen HanhaiRandgebirgen und der Ostküstc gelegenen Landstriches haben sehr verschiedenen Charakter. Am schmälsten, nicht ganz 300 km breit, ist er in der Gegend von Peking, im Norden verbreitert er sich bedeutend: in 50° N ist der Hanhai-Rand 1300 km von der Küste entfernt. In 48° N durchzieht ein besonders stark hervortretender, SW—NO streichender, bogenförmig nach 80 vorsprinegnder, erhöhter Stufenrand, welcher vom Amur durchbrochen wird, dieses Land. Der südwestliche, chinesische Teil dieses als eine Bergkette erscheinenden Stufenrandes ist der kleine Chingan. Nördlich vom kleinen Chingan, zwischen diesem und dem Amur, breiten sich bewaldete Hügellandschaften aus, südlich von ihm liegt die große, 150—200 m über dem Meere befindliche Tiefebene der Mandschurei. Die nördlichen und mittleren Teile dieser Ebene sind ziemlich niederschlagsreich und mit Wäldern und Wiesen bedeckt; der südliche Teil ist das östliche Gobi, ein flaches, niederschlagsarmes Binnengebiet von Steppencharakter mit kleinen Salzseen. Im Südosten wird die mandschurische Tiefebene von einem weitläufigen, aber nur in wenigen Gipfeln zu bedeutenderen Höhen ansteigenden Gebirge begrenzt. Dasselbe besteht aus zahlreichen SW—NO streichenden Kämmen und wird von dem am Tschangpaischan (2440m) entspringenden, nach Nord und Nordwest fließenden Kirinula, einem Nebenfluß des Sungari, quer durchschnitten. Nördlich von diesem Durchbruche erheben sich der Tschakulau-Nadanchatalaalin, der Kenteialin, der Tschangnanzailan, der Lojelin und der Jnnolojelin. Südlich von demselben liegt das Bergland von Liautung, der Jrchachung, Fynschuilin rc. Die nordwestlichen Randketten dieses Berglandes setzen sich über den Lianho-Fluß hinaus fort und treten mit jener als Rost von Peking bezeichneten Kettenkolonne in Verbindung, welche die mandschurische Ebene im Süden begrenzt. Der geologische Bau dieses Gebirges ist ein verwickelter. Sehr verschieden alte Sedimentbildungen, Kalke und Sandsteine, sowie Quarzite, ausgedehnte Granitmassen und vulkanische Bildungen nehmen an seinem Aufbane teil. Sein landschaftlicher Charakter ist ungemein abwechslungsreich. Die Vegetation ist ziemlich arm. Früher erstreckte sich wohl die Nordbucht des Golfes von Tschili, der Golf von Liautung, bedeutend weiter landeinwärts als gegenwärtig. Ter in denselben einmündende Fluß, der Liauho, hat ihren nördlichen Teil jedoch mit alluvialen Ablagerungen ausgefüllt und so die große Ebene von Niutschwang gebildet, aber auch jetzt noch ragt das Bergland von Liautung als eine große Halbinsel weit in das Gelbe Meer hinein vor. Südlich von der mandschurischen Tiefebene, dort wo der Hanhai-Rand am nächsten an den pazifischen Strand herantritt, in der Gegend von Peking, erhebt sich der "Rost von Peking". Im Nordwesten lehnt er sich an das Hanhai-Randgebirge, im Südosten erstreckt er sich bis zu dem Golfe von Tschili und der großen Tiefebene. Im Nordostcn wird er durch den Liauho vom Liauting und im Süden durch den Hntoho vom Schansi-Gebirge getrennt. Der Rost von Peking besteht aus zahlreichen, dichtgedrängten, annähernd parallelen, WSW—ONO sterichenden Kämmen. Außerdem kommen noch quer verlaufende, die Kämme verbindende Höhenzüge vor — hierauf bezieht sich die Bezeichnung "Rost". Dieser bemerkenswerte, auch im Liauting-Gebirge angedeutete Gebirgsbau beruht darauf, daß sich hier zwei tektonische Systeme, ein älteres mit W—0, und ein jüngeres mit SW—NO Streichungsrichtung kreuzen. Die jüngeren SW—NO Kämme, welche die erhöhten Randkanten der Sekundärstufen darstellen, mit denen das innere Hochland gegen die pazifische Küste absetzt, sind viel zahlreicher, kleiner und dichter gedrängt als die älteren WO Züge. Der Rostbau kommt in der Anordnung der Thäler sehr schön zum Ausdrucke. Der Lwanho, Paugho, Paiho und mehrere andere Flüsse dnrchschneiden, den alten WO-Synclinalen folgend, die jüngeren 8W-NO-Kämme quer, während ihre Zuflüsse den Längsthälern zwischen den letzteren folgen. Tie Höhe der einzelnen Kämme nimmt landeinwärts und von Nordost nach Südwest hin zu. Tie Roststruktur tritt in Liauhsi im Nordosten nicht so deutlich zu tage, als weiter im Südwesten, wo die Kämme relativ höher sind und mehr über die Stufen, deren Ränder sie krönen, aufragen. Das Fundament des Gebirges besteht aus Gneis und krystallinischen Schiefern, denen jüngere Ablagerungen aufgesetzt sind. Vielerorts werden steil abfallende Kalkfclsen angetroffen. In den Thalmulden, welche häufig alte, ausgefüllte Scebecken bergen, breiten sich Lößbildungen aus. Steinkohlen und Eisenerze werden an mehreren Stellen gefunden. Die südöstlichen, an die Küste dicht herantretenden Randketten von Liauhsi erscheinen als ein trockenes, ödes, bis 1000 m hohes Gebirge. Hinter denselben im NW liegt eine Niederschlagsund vegetationsarme Steppe mit kleinen Binnenseen. Westlich werden bis 1200 m hohe Ketten angetroffen, zwischen denen die Quellflüsse des Liauho nach Nordosten hinabströmen. Noch weiter westlich durchbricht der Lwanho, welcher jenseits des Hanhai-Randes entspringt, diesen, sowie den ganzen Rost. Im Südtvesten des Lwanhv, zwischen diesem und dem Nangho, einem Nebenflüsse des Paiho, werden bis 1700 m hohe Kämme (Nankou rc.) angetroffen. Noch höher sind die Bergketten südwestlich vom Paugho, wo der Kuluschan 2350 m, der Hsianwutaischan 3490 m, der Mantouschan 2750 m, der Wutaischml 2780 m und noch andere, wie der Hwangwaschan und 5zöngschan bedeutende 5zöhen erreichen. Ter letztgenannte Kamm bildet den Südostrand des Rostsystems gegen die TschiliEbene hin. Im Süden des Hutoho, zwischen diesem und dem Weihound Hwangho-Unterlaufe breitet sich im Westen das Bergland" von Schansi-Schensi, im Osten Tiefebene aus. Das elftere hat Plateaucharakter und dacht in breiten Stufen mit erhöhten Rändern nach Osten ab. Tie Unterlage bilden azoische Gesteine, denen karbonifche Schichten und Lös; anfgelagert sind. Wohl nirgends sonst erreicht die Löß-Formation eine solche Entwicklung wie hier im Schensi-Schansi-Hochlande, wo sie stellenweise bis 600 m mächtig ist. Ter Löß ist eine junge Festlandbildung. Er ist ln der Weise entstanden, daß die vom Hanhai kommenden nördlichen Winde den Staub, den sie in der Wüste mitgenommen, hier fallen ließen. Noch deutlicher alv in diesem Gebiete, wo alles im Löß begraben ist, läßt sich die Art der Bildung desselben weiter westlich im Tasurchanund Peling-Gebirge erkennen, wo die nördlichen Thallehnen (Leeseite) eine weit mächtigere Lößdecke tragen, als die südlichen (Windseite). Der Löß ist thonig und enthält Kalk, Sand und alkalische Salze. Schneckenschalen und Knochen von Landsäugetieren sind demselben eingebettet, und überall wird er von kleinen, röhrenförmigen Hohlräumen durchzogen, in welchen sich einstens Pflanzenwurzeln befanden. Der Löß ist, seiner Nankau bei Peking. äolischen Bildungsweise entsprechend, ungeschichtet. Tie fließenden Gewässer waschen tiefe Rinnsale in ihm aus. Da sie stets unten, am Fuße der Uferwände nagen, werden diese immer steiler, senkrecht und überhängend: weithin begleiten steile Lößwände die Thäler. Vielerorts, namentlich an den Stellen, wo zwei ^ solche Schluchten sich vereinigen, werden Säulen und Mauern aus dem Löß heraus modelliert, welche den Ruinen voll Titanenburgen gleich die Thaleingänge bewachen. Der Thalwanderer erblickt ans weite Strecken nur schroffe Lößwände, ersteigt er aber die Höhe, so steht er auf einem weiten, welligen, baumlosen Plateau, welches mit wogenden Getreidefeldern bedeckt ist. Die Fruchtbarkeit des Lößbodens ist eine sehr bedeutende. Ihr verdanken die Provinzen Scheust und Schansi ihren Reichtum an Produkten der Landwirtschaft. Aus diesem Hochlande treten besonders zwei stark erhöhte Stufenränder als Bergketten hervor. Die westliche Kette erscheint als ein ziemlich breites, nahezu meridional verlausendes Gebirge, dessen Kämme beträchtliche Höhen, der Ngoschan 1800 m und der Hoschan 2400 m erreichen. Die östliche Kette bildet den Südostrand des Hochlandes und hat die Gestalt eines 81V—NO 44 Im nordwestlichen Peling. streichenden, stark nach 80 vorspringenden Bogens. Das westliche Endstück desselben, der Föngtiauschan, erscheint als eine durch den Hwangho abgetrennte Fortsetzung der mediterranen Hauptkette. An den Föngtiau schließt sich im Osten der bis 2300 m hohe Joschönnschan und weiter der Taihangschan an, welcher den südlichen Teil der Tschili-Ebene im Westen begrenzt. Den Bewohnern der Ebene erscheint er als eine im Westen aufragende Wand, deren Einzelheiten durch den Tieflandsdunst verschleiert werden, und die deshalb ganz ungegliedert, so fern, blau und traumhaft aussieht. Sie nennen dieselbe Tai-Hangschan oder Hsischan, das Gebirge des Westens. Das Ostende der mediterranen Hauptkette. Das zu Ostchina gehörige Ostende der mediterranen Hauptkette erscheint als eine Fortsetzung der dem Kwenlün-Südzuge angehörigen Tasurchaiund Peling Ketten. Zwischen 33 und 35° N verlaufend, erstreckt es sich iitWORichtung von 106 bis 113° 0. In 109° 0 wird es von der Furche des Tankiang durchbrochen. Der westlich davon gelegene Teil ist der Tsinglinschan, während östlich von derselben der Hwaschan, Hsningörrschan, Funiuschanund andere Kämme aufragen. Der Tsinglinschan wird iin Norden von dem Weiho-, inr Süden von dem HankiangThale begrenzt. Er ist aus mehreren langen, dichtgedrängten, W—0 streichenden Parallelkämmen zusammengesetzt und besteht aus azoischen Gesteinen, rotem Granit, Gneis und Schiefer mit Granaten, denen im Norden karbonische Schichten und etwas Löß aufgelagert sind. Sowohl nach Norden wie nach Süden fällt das Gebirge steil ab. Die höchsten Erhebungen, der 3250 m hohe Tapaischan und der 3700 m hohe Lanhing gehören den nördlichen Kämmen an. Die Pässe liegen 1000—1500 m hoch. Der Tszpaischan und die anderen südlichen Kämme, welche von den linken Zuflüssen des Hankiang durchbrochen werden, sind niedriger. Hohe, nackte SchieferWände lvechseln mit tannenbestandenen Hängen ab, und reiche Kulturen bedecken die Thalsohlen. Thalabwärts im Süden treten die Wälder zurück, aber auch hier umgeben Baumgruppen die Ortschaften. Ter Hwaschan und Hsningörrschan sind unbedeutende, WSW—ONO streichende Kämme südlich von: Dorf und Lößlandschaft nordöstlich von Aungtschangfu. •15 ß Gebirge.  46 Hwangho-Knie. Weiter int SO erhebt sich eine tiefe Kolonne von^knrzen WNW—OSO streichenden Kämmen, welche un Osten unter die Ebene hinabtauchen. Die bedeutendsten von diesen Kämmen sind im Norden der bis 2500 m hohe^ Jutsaischan und im Süden der bis 2400 m hohe Miniuschan. Letzterer besteht aus krystallinischen Kalken, Schiefern und Granit, welch letzterer die kühn gestalteten bedeckt ist. Diese Becken sind ausgezeichnet kultiviert, dicht besiedelt und reich an großen Städten. Im ganzen stellt Südostchina eine nach 80 abdachende Fläche dar, welche im 80, nahe der Küste, von einem Randgebirge, dem Taiuschan, eingesäumt wird. Der Taiuschan besteht aus zahlreichen, bis über 1000 m hohen Ketten, dem Pailulau, Tatschin und anderen. Lößlandschaft nordöstlich von Anngtschangfu. 0'elsgipfel bildet. Das Gebirge wird von wilden Schluchten zerrissen. Tie tieferen Teile der Abhänge sind mit Kulturen, die höheren mit Gras bedeckt. Als äußerste Ostausläufer dieses Gebirgssystems können der 2000 m hohe -ipfongschan und die weiter südöstlich gelegenen, uiedrigcren Kämme des Hwai-Gebirges, wenigstens der nördt>ch vom Hwaiho gelegene Teil derselben, angesehen werden. Das südostchinesische Bergund Hügelland. 2er südlich vom Hwaiho und östlich vonr tibetanischen Hochlande gelegene Teil Chinas ist ein, von zahlreichen, nicht besonders hohen, SW—NO streichenden Kämmen durchzogenes Land. Die Kämme sind die aufragenden Teile der in gleicher Richtung streichenden Geßeinsfalten, in welche diese ganze Gegend gelegt ist. Sw bestehen aus azoischen, palaeozoischen und mesozoisthen Gesteineir teils schiefriger, teils kalkiger, teils sandiger Natur. Die thonhaltigen Sandsteine setzen vielerorts die höchsten Kämme und Gipfel zusammen: bei der -oerwitterung steile Wände bildend, verleihen sie dengroße landschaftliche Schönheit. Zwischen den Kämmen liegen fruchtbare Längsthäler. Stellenweise finoeii sich große Senkungsfelder, welche als Becken erscheinen, die von den großen Flüssen Südostchinas dnrchürömt werden. Zur Jurazeit waren die meisten von diesen Becken Meeresbuchten. Ihr ebener Boden besteht aus rotem, jurassischem Sandstein, welcher mit ungemein fruchtbaren, sluviatilen Ablagerungen mehr oder weniger Südostchina wird von zwei großen, westöstlich strömenden Flüssen, dem Iangtszekiang im Norden und Hsikiang im Süden in einen nördlichen, einen mittleren und einen südlichen Abschnitt zerlegt. Der Iangtszekiang durchströmt die große Niederung von Huppei, welche durch das breite Thal des Hwaiho mit der großen ostchinesischen Tiefebene verbunden ist. Östlich von der Huppei-Piederung erhebt sich der unbedeutende Hügelzug des Muling, nordöstlich das Hwaigcbirge, und nordwestlich der Wuschan und Tapaschan. Westlich von letzterem liegt eine andere weite Niederung, das außerordentlich fruchtbare Becken von Ost-Sztschwan, welches im Süden vom Pangtszekiang begrenzt und von mehreren Nebenflüssen dieses Stromes bewässert wird. Der westliche Endteil des zwischen Pangtszekiang und Hsikiang gelegenen Landstriches ist das 1500—2000 m hohe, erzreiche Plateau von Mnnan. Auf demselben liegen der Tiensche-See (1950 m) und der FnhienhuSee (1700 m ü. d. M.). Zwischen Mnnan und der Huppei-Niederung breitet sich ein reichgegliedertes Bergund Hügelland aus, das int Norden, int Pamienschan ztl einer Höhe von 2000 m ansteigt. Der südlich vom Hsikiang gelegene Teil Ostchinas ist im äußersten Westen Plateau — in der Mitte und im Osten Bergund Hügelland. Schantung und die große ostchinesische Tiefebene. Einstens erstreckte sich das Gelbe Meer viel weiter nach Westen als gegenwärtig, vermutlich bis an die östliche Randkette des Pekinger Rostes, den Hongschan, die östliche Randkcttc des Berglandes von ScheustSchallst, den Taihangschan und das Ostende der mediterranen Hauptkette, den Funinschan, denUutsaischan und das.HivaiGebirge. Mitten in diesem Meere lag damals eine gebirgige Insel: Schantung. Die nordöstlichen Höhenzüge Schantungs, der Laischan, streichen 8'kV—NO und erscheinen als südwestliche Fortsetzungen der jenseits des Meeres im Osten aufragenden Kämme von Liautung und Korea. In der Mitte von Schantung verlaufen die Kelten des Jschan in WO-, im Südwesten der Kiunüschan in 80-Richtnng. Die bedeutenAloster Zchinse im oberen Tauhothale. deren Bergkämme sind sämtlich über 1000 in hoch. Die Tektonik ist eine recht verwickelte. Es scheint, daß Schantung aus im ganzen W—0 streichenden, nach Osten fächerförmig ausstrahlenden Gcsteinsfalten besteht, welche in mehrere Schollen zerbrochen wurden, die sich später sehr erheblich gegen einander verschoben haben und im Süden emporgestiegen sind. Hauptsächlich nehmen azoische und palaeozoische Bildung an dem Aufbau Schantungs teil; Karbonablagerungen mit reichen Kohlenflözen sind weit verbreitet. Auch jnngvnlkanische Gesteine, Porphyr, Basalt, Trachyt, welche in Gestalt domförmiger Berge (Vulkankerne) auftreten, sind nicht selten. Einstens ganz mit Wald bedeckt, ist Schantung jetzt infolge der Waldverwüstung durch die südlichen TsinglinschanChinesen auf weite Strecken baumlos. Damals, als Schantung noch eine Insel war, mündete der Hwangho dieser gegenüber, zwischen dem Taihangschan und dem Putsaischan in Gelbe Meer. Hier lagerte er die Sandund SchlammMassen, die er ans dem Gebirge mitgebracht hatte, ab, und füllte damit allmählich diesen Teil des Gelben Meeres aus. Die Strandlinie rückte immer weiter nach Osten vor, bis sie endlich die Insel Schantung erreichte: von nun an war diese eine Halbinsel. Natürlich mußte der Hwangho öfters die Schuttfächer verlassen, die er selbst aufgetürmt, und dabei seinen Lauf ändern: er ergoß sich einmal im Süderr, einmal im Norden von Schantung ins Meer, tvobei — infolge weiterer Ablagerung — die Ebene zu bciderr Seiten Schantungs immer weiter nach Osten vorgeschoben wurde, bis sie endlich ihre heutige Ausdehnung erlangte. Tie Austrittsstelle des Hwangho aus dem Gebirge, seine einstige Mündung, liegt heute 120 m über dem Meere. Von hier dacht die Ebene mit dem sehr geringen Gefälle von 1 :5000 nach Osten ab. Sie hat eine Ausdehnung von mehr als Vs Millionen qkm; samt dem mit ihr in Zusammenhang stehenden Becken von Huppei am Yangtszekiang und dem Mündungsgebiete °dieses Im Innern Lchantungs. Stromes ist sie 445000 güm groß. Ter Hwangho, der gegenwärtig nördlich von Schantung mündet, seine nördlichen Nebenarme, die mit den letzteren in Verbindung stehenden, vom Pekinger Rost herabkommenden Flüsse, lowie der Lwanho bewässern den nördlichen Teil der Ebene. Der südliche Teil wird vom Hwaiho nnd seinen Nebenflüssen durchströmt. In der Ebene finden sich Mehrere Seen; die größten, der Hungsohu und der Kauyu, liegen im Südosten. Die ostchinesische Tiefebene ist sehr fruchtbar und hat dort, wo der Boden aus angeschwemmtem Lößmaterial besteht, eine gelbe Farbe. In dem stidlichen Teile der Ebene gedeihen Palmen und Orangen, und hier Merden vornehmlich Thee und Reis kultiviert. Im Norden hat sic Parkcharakter.Gartenähnlichc Felder wechseln mit Nambusund Cypresscngruppen und mit Pflanzungen von Kakibäumen ab. Der Hwangho überschwemmt oft weite Strecken, die Ebene, ähnlich wie der Nil Unterägypten, immer aufsneue befruchtend. Zuweilen, namentlich wenn er seinen Lauf erheblich ändert, richten diese Überschwemmungen großen Schaden an. Wir werden unten hierauf zurückkommen. Die ostchinesische Tiefebene ist größtenteils sehr dicht bevölkert. Die Gewässer. China ist zum Teil abflußloses Binnengebiet, zum Teil gehört es den Gebieten des Indischen Ozeans, des Nördlichen Eismeeres nnd des Pazifischen Ozeans an. Die Binnen gebiete, welche ein geschlossenes Areal bilden, nehmen mehr als die Hälfte des chinesischen Reiches ein. Die Grenzen derselben sind im Süden die Lobanmokburi— Rongpugangri-Kette (30°N) und im Südwesten die Kailasund Mingangri-Ketten. Weiter gegen Westen erstreckt sich das Binnengebiet über die chinesische Grenze hinaus. Im Nordwesten wird es vom Tarbagatai, dem Höhenrücken südlich vom oberen Jrtysch, einem Stück des Großen Altai und dem Sajoljugem-Gebirge eingefaßt. Im Norden bildet der Tannuola, Changai, der Rücken südlich vom Kyrylun und Chalchagol (46° N) und der Rücken im Süden des Taorha; im Osten und Südosten der Rücken westlich vom Tunglianho, der Rücken nördlich vom Schtramurcn, die nordwestlichen Randketten von Tschachary, der Kuluschan, das Syrnnbnlyk-Gebirge, der Mnninla (41° N), der Alaschan, der südöstliche Teil des RichtHofengebirges, Tsingschiling, Amasurga, Sansibei, westlicher Anine-Matschin, Bajanchara, Marcopolo, Kukuschili, Kangin, Tangla, die Höhen von Naktsehu und Nyentschentangla die Grenze desselben. Im Süden und Südwesten grenzt an dieses Binnenland das Gebiet des Indischen Ozeans. Die Nordostund Ostgrenze des letzteren gegen das Gebiet des Pazifischen Ozeans ist der Tschagunla und seine südliche Fortsetzung über Pungchang nach Meunglem. Im Norden schließt sich an das Binnengebiet das Gebiet des Nördlichen Eismeeres an, welches von dem Pazifischen Gebiete durch das Kentei-Gebirge und den Altanulugni (108° 0) getrennt wird. Tie Grenzen des im Südosten gelegenen pazifischen Gebietes ergeben sich aus obigem. Das Binnen gebiet zerfallt in mehrere große und mittlere und zahllose kleine, getrennte Becken. Ter westliche Endteil Chinas wird vom Tarimbecken eingenommen. Ter bedeutendste Fluß desselben und der chinesischen Binnengebiete überhaupt ist der Tarim. Derselbe entspringt als Parkanddarja außerhalb Chinas in Kashmir 5650 m ü. d. M., fließt nach Nord, dann durch ein Längsthal nach Westen, durchbricht das Westende des Kwenlün und strömt nordöstlich ins Tarimbecken hinab. Er durchfließt dieses in östlicher Richtung und mündet, schließlich nach Südost sich wendend, in den 790 m ü. d. M. liegenden Lobnor-See. Der Tarimsluß ist gegen 2000 km lang. Er nimmt links Kaschgar, Kysylkungai, Schaljar und Kantschedarja; rechts Khotandarja (Purunkasch und Karakasch) und Tschertschendarja auf. In seinem Mittelund Unterlaufe löst sich der Tarim vielerorts in Netze von Armen auf und ist von Schilfsümpfen eingefaßt. Von den Schneebergen im Norden des HorpatschoSees und vom Akkatag, welche das Tarimbecken im Süden einfassen, strömen mehrere Flüsse, der Keriadarja, Nijidarja, Tollanchodschan, Bostantograk und Karamuran, die Russische Kette durchbrechend, ins Tarimbecken hinab, um sich nach 200—400 km langem Laufe im Sande des Bodens desselben zu verlieren. Im östlichen Teile des Tarimbeckens begegnen wir zwei Flüssen, deren Quellen im Kwenlün-Nordaste liegen, dem 450 km langen Suleiho und dem Tanho. Beide strömen in nordwestlicher Richtung und münden, nachdem sie sich vereinigt haben, in den Karanor, einen kleinen Sumpfsee. Das westtibetanische Hochplateau wird von zahlreichen getrennten Binnengebieten eingenommen. Größere Wasserläufe finden sich in diesen nicht. Tie nördlichen scheinen ganz flußlos zu sein; in dem seenreicheren Süden begegnen wir einigen Flüssen, Boksangsanpo, Tsachasangpo, Gaikartschn und anderen. Der letztgenannte ist gegen 400 km lang und mündet in den Tengrinor-See. Südöstlich vom Tarimbecken liegt, zwischen den beiden Kwenlün-Ästen, das Becken von Tsaidam. Es wird durch das Tsaidamund Kukunor-Gebirge in einen westlichen, mittleren und östlichen Abschnitt zer legt. In dem westlichen Abschnitte finden sich einige nach Norden strömende, in den Tschongkumkul-See mündende Flüsse, der 200 km lange Peterik und andere. In den großen, flachen, mittleren Abschnitt fließt von SW her der 350 km lange Batysantu, von 80 her der 300 km lange Bajangol und von 0 her der ebenso lange Jchechalthngol hinein. Alle münden in Salzsümpfen oder Seen. Ter östliche Abschnitt wird von dem gegen 250 km langen, in den Kukunor-See mündenden Buchaingol in südöstlicher Richtung dnrchströmt. Im Osten des Tarimund Tsaidambeckens liegt das Schamobecken. Der mittlere Teil desselben ist ganz flußlos. Die Gewässer, welche von seinen Randgebirgen in dasselbe hinabströmen, verlieren sich im Sande oder enden in kleinen Salzseen, lange bevor sie den mittleren Teil des Beckens erreichen. Tie größten von diesen Flüssen sind im Süden der in seinem Oberläufe Cheiho genannte, 500 km lange Zeizilaho; im Osten die gegen 200 km langen Schiliingolund Dsirimgol; im Norden der Baidarikgool, Naryngool, Tningool und der 350 km lange Ongiin. Östlich vom Schamo liegt das Binnengebiet des östlichen Gobi. Vom Großen Chingan-Gebirge strömen zwei bedeutendere Flüsse in dasselbe hinab, der gegen 250 km lange Gathk und der gegen 350 km lange Khatsir. Beide enden in kleinen Binnenseen. Im Norden des Tarimbeckens liegt zwischen den nördlichen und südlichen Ketten des Tienschan die JliTurfan-Furche, deren östlicher Teil von dem kleinen Algoi, und deren westlicher Teil von dem Oberlaufe des in den Balchasch-See mündenden Jliflusses durchströmt wird. Tie obersten 400 km des letzteren liegen in China. Nördlich schließt sich an diese Furche das vom Tienschan und Altai eingeschlossene, an Seen und Flüssen verhältnismäßig reiche Tsungarische Becken an. Vom Borohoro-Gebirge (nördlicher Tienschan) strömen der Loklon, Mauas und Kiityn in dasselbe hinab, 200 bis 300 km lange Flüsse, welche sich in Sümpfe oder Seen (Ajarnor, Ebinor) ergießen. Vom Alatau im Westen kommt der gegen 250 km lange Borotala herab, der ebenfalls in den Ebinor mündet. Der nördliche Teil des Dsungarischen Beckens wird von dem, am Großen Altai entspringenden, nach Westen fließenden und in den Ulungur-See sich ergießenden, gegen 500 km langen Urungu durchströmt. Das vom Großen Altai und Tannuola eingeschlossene Kobdogebiet wird durch das Chanchuchei-Gebirge in ein südliches und ein nördliches Becken zerlegt. Ersteres wird von dem östlich fließenden, mehrere Seen passierenden und in den Kirgisnor mündenden, 600 km langen Kobdo und dem westlich fließenden, in den Unterlauf des Kobdo mündenden, ungefähr ebenso langen Dsapchyn durchströmt. Das Gebiet des Indischen Ozeans nimmt nur einen schmalen südwestlichen Randstreifen von China ein. Es wird durch die Wasserscheide auf dem Plateau der Manasarowar-Seen (82° 0) und durch das BorgalaGebirge, die Gebirge von Potodh und die Namkin-Kette ür einen westlichen, mittleren und östlichen Abschnitt zerlegt. Ter westliche Abschnitt zerfällt wieder in einen südlichen, vom oberen Sutledsch und einen nördlichen, vom oberen Indus durchströmten Teil. Ter Sutledsch entspringt als starker, 30 m breiter und 1 m tiefer Strom aus dem westlichen Manasarowar-See und verläßt das chinesische Gebiet nach einem west-nordwestlichen, gegen 300 Irin langen Lauf bei Schipki. Ter Indus entspringt weiter nördlich, über 6000 m hoch, bildet einen nach Nord konvexen Bogen und verläßt China nach einem nordwestlichen, gegen 350 km langen Lauf unterhalb Temtschok. Ter mittlere Abschnitt wird vom Oberlaufe des Brahmaputra, der hier Sangpo heißt, durchströmt. Tiefer Fluß entspringt östlich von denManasarowar-Seeu 4700 m über dem Meere. Er fließt von hier 1200 km weit den Nordfuß des Himalaya entlang in östlicher Richtung bis Tschunkar (94° 0), das 2500 m über dem Meere liegt, wendet sich dann nach rechts, durchbricht ^e südlich vorgelagerte Gebirgskette in südöstlicher Richtung und verläßt unter 95° 20' 0 bei Sadpia das Gebirge und zugleich das chinesische Gebiet in 100 m Meereshöhe. Tiefes 250 km lange, südöstlich gerichtete Stück des Brahmaputra wird Dihong genannt. Die ganze in China befindliche obere Flußstrecke des Brahmaputra hat eine Länge von etwa 1450 km. Tie obere, dem Gebirge parallele Stromstrecke ist einförmig, der Fluß hat hier ein mäßiges Gefälle und fließt durch breite, kahle Hochthäler dahin. Um so abwcchslungsreicher ist die untere, das Gebirge durchschncidende Stromstrecke. Hier hat der Brahmaputra auf 250 km Länge ein Gefälle von 2400 m, das ist 1 :104, und hier durchbricht er unter Bildung von wilden Stromschnellen in schauerlichen Engen die gewaltigen, 5—6000 m hoch ansteigenden Bergketten. Bei Sadpia, wo er das chinesische Gebiet verläßt, beträgt seine Wassermenge 1570 cbm in der Sekunde. Das Gebiet des oberen Brahmaputra ist sehr schmal und die Nebenflüsse desselben unbedeutend. Von linken Nebenflüssen wären zu nennen: der von der Rongpugangri-Kette herabkommende Tscharta-Sangpo, der an Lhasa vorüberfließende Kitschu, der noch wenig bekannte, von Osten kommende Nagongtschn und endlich der in West-Zaynl entspringende Tibong, der aber erst außerhalb Chinas in den Brahmaputra mündet. Tie vom Himalaya nach Norden hinabströmenden Gewässer sind klein und enden in den Binnenseen jenes Hochplatcaus, welches sich zwischen Himalaya und oberem Brahmaputrathal ausbreitet. Nur einer von ihnen, der Penanang, erreicht den Brahmaputra und erscheint als rechter Nebenfluß seines Oberlaufes. Ter Oberlauf des Subansir, der weiter unten außerhalb Chinas rechts in den Brahmaputra mündet, und seine Nebenflüsse Kamlapani und Khrn durchströmen chinesisches Gebiet. Ter östliche Abschnitt des indoozeanischen Gebietes wird vom Salween, dessen Oberund Mittellauf in China liegen, entwässert. Dieser Fluß entspringt zwischen dem Tanglaund Borgala-Gebirge, durchfließt in gewundenem Laufe mehrere kleine Seen und wendet sich dann, den Längsthälern folgend, nach Osten, Südosten und Süden, um das chiucsische Gebiet oberhalb Kunlong (24° bi, 108° 0) nach 1600 km langem Laufe zu verlassen. Tie einzelnen Teile des noch wenig erforschten Oberlaufes dieses Stromes führen verschiedene Namen. An der Quelle heißt er Urtschu, das nächste Stück wird Dschiamatschu, das folgende Dschiamanutschu und das letzte, in China befindliche, meridional liegende Lukiang genannt. Erst nachdem er China verlassen hat, führt der Strom den Namen Salween. Bedeutendere Nebenflüsse scheint der Salween in China nicht aufzunehmen. Tem Gebiet des Nördlichen Eismeeres gehören mehrere voneinander getrennte Teile des nordwestchinesischen Grenzgebietes an. Zwischen der Tsungarischen und Kobdo-Mulde schiebt sich, südlich vom Altai, jener Teil des Jrtyschgebietes in China ein, welcher von dem Oberlaufe des Jrtysch selbst in einer Länge von 400 km durchflossen wird. Das zwischen 4* dem Tannuola, Changai und Sajan gelegene Gebiet gehört dem Jenissei an, dessen zwei große Quellarme, der eigentliche Jenissei und der Angara, in demselben entspringen. Tie Quelle des ersteren liegt im Westen des Chubsu-Sees. Von hier strömt er als Chysyl nach Westen, um, nach 700 km langem Laufe, nach Norden sich wendend und den Sajan durchbrechend, das chinesische Gebiet zu verlassen. Von rechts her nimmt er den 450 km langen Beikehem, auf. Ter Angara durchfließt den Baikal-See. Ob dem See wird er Selenga genannt. Dieser entspringt als Eder im westlichen Changai und fließt von hier in ostnordöstlicher und nördlicher Richtung, um bei Kjachta das chinesische Gebiet nach 850 km langem Lauf zu verlassen. Von links her nimmt er in China den Telgirmuren und den Eginkol, den Abfluß des großen Chubsu-Sees, von rechts den Tachilotu und Orchou auf. Der letztere ist ein bedeutender, 700 km langer Strom, der seinerseits viele Zuflüsse, unter anderen den fast ebenso langen Tota hat. Das an großen Flüssen weitaus reichste ist das pazifische Gebiet, welches den nordöstlichen, östlichen und südöstlichen Teil Chinas einnimmt. Dieses Gebiet umfaßt nahezu die Hälfte des ganzen Reiches. Das pazifische Gebiet zerfällt (von Nord nach Süd) in folgende Abschnitte: 1. das Amurgebiet von der chinesischen Nordostgrenze, die der Amur selbst bildet, bis zum Schamound östlichen Gobi-Becken und der Wasserscheide im nördlichen Liautung (42—44° N); 2. das Gebiet des Dalukiang und der Küstenflüsse von Liautung, welches Südund Ost-Liautung umfaßt; 3. das Gebiet des Liauho im Süden des östlichen Gobi, West-Liautnng und den kiO-Abfall des Pekinger Rostes umfassend; 4. das Gebiet der Flüsse des mittleren und südlichen Teiles des Pekinger Rostes, Lwanho, Paiho rc. (zwischen 38 und 43° kl); 5. das Gebiet des Hwangho, des Hwaiho und der Küstenflüsse von Schantung, welches im Nordwesten an das Tsaidamund Schamobecken stößt, im Norden durch die das Bergland von Schansi durchziehende Wasserscheide und im Süden durch den Bajancharaula (35° kl, 95° 0), das Dakzy-, Soloma-, Bajantukum-Gebirge, dem Minschan, Peling, Tsinglinschan, Funiuschan und das Hwai-Gebirge begrenzt wird; 6. das Gebiet des Uangtszekiang und Tsientang, welches im NW* an das Tsaidam-Becken stößt und weiter nach Osten hin durch die oben angegebene Grenze vom Hwangho-Gebiete getrennt wird. Im Südwesten wird es vom Tangla-Gebirge, dem Lari-Zuge und den über Atenze und Waisi nach Süden streichenden Ketten begrenzt. Tie Südgrenze zieht, ungefähr dem 25. Breitengrade folgend, in 1V0-Richtung quer durch das südostchinesische Bergland bis zum Pailulan-Gebirge, dem und weiter dem Tatschin folgend sie sich nach Nordost wendet, um an der Spitze der Tschekiang-Halbinsel zu enden. 7. Das Gebiet der südöstlichen Küstenflüsse, welches den Südostabfall des Taiuschan einnimmt und nach Süden bis zum 23. Grad nördl. Br. reicht. 8. Das Gebiet des Hsikiang und der südlichen Küstenflüsse, welches den Südrand von Ostchina einnimmt und sich nach Westen bis 1021/2° 0 erstreckt. 9. Das Gebiet der hinterindischen Flüsse, welches den südwestlichen Randteil des pazifischen Gebietes bildet. Das Amur-Gebiet. Der Amur, der dieses Gebiet entwässert, ist 4700 km lang. Seine Quelle liegt am Ostabhang des Kentei-Gebirges unter 431/2° kl und 1801/«° o. Von hier fließt er als Onon in OklO-Richtung durch den Nordrand des Hanhai, um nach 300 km langem Laufe die chinesische Nordgrenze zu überschreiten. Seinen Weg in der gleichen Richtung durch russisches Gebiet fortsetzend, erreicht er die chinesische Grenze an der Mündung des Argun unter 53° kl, 1211/2° 0 wieder und bildet weiterhin in 8-förmiger Linie erst östlich, dann südöstlich und schließlich wieder östlich fließend, auf eine Strecke von 1400 km, bis 1341/2° 0 die Nordgrenze des chinesischen Reiches. Weiterhin wendet er sich nach Nordost seiner Mündung zu. Bei der Argunmündung ist der Amur bereits 1 km breit, 3 m tief und wird von Dampfern befahren. Die Ufer sind hier flach inid einförmig. 100 km stromab durchbricht er das Chingangebirge, wobei er auf 500 m Breite eingeengt und 6 m tief wird. Hier wechseln an seinen Ufern Klippen und steile Felswände mit bewaldeten Hängen ab. Jenseits des Gebirges wird der Strom wieder breiter und es treten Sandbänke auf, die bei niedrigem Wasserstande als Inseln hervortreten. Zu seinen Seiten liegen mit Kiefern und Lärchen bestandene Hügel, am Ufer selbst herrschen Laubbäume vor. Bei Albasin besteht das rechte chinesische Ufer aus roten Sandsteinfelsen, weiter stromab treten die Höhen zurück, und es breiten sich iin Süden des Stromes flache, blumenreiche Wiesen mit Pappel-, Eschenund Weidengruppen aus. Bis Blagowjeschtschensk hinab ist das Wasser des Amur durch den von ihm mitgerissenen dunklen Schlamm schwärzlich gefärbt. Bei dem genannten Orte mündet von Norden her die Seja, welche gelbes Lößschlammwasser führt, in ihn ein: stromab ist weithin dieses gelbe, neben dem schwarzen Wasser sichtbar. Er ist hier 1100 m breit und 41/2 m tief. Bald tritt er in welliges, fruchtbares, mit hohem Grase bedecktes Terrain ein und wird unterhalb Aigun in 60 m Seehöhe, den Charakter eines inselreichen Tieflandstromes annehmend, l3/4 km breit und 9 m tief. In 131° 0 durchbricht er die Kette des Kleinen Chingan-Foskon-Bureja-Gebirgszuges und wird dabei auf eine Breite von 60 m eingeengt und dabei 20 m tief. Die Ufer sind hier steiler, zum Teil felsig, zum Teil mit üppigen Wäldern und Wiesen bedeckt, mit klaren Bächen und Wasserfällen geschmückt und landschaftlich sehr schön. Jenseits dieses Durchbruches werden sie wieder flach und nehmen Steppencharakter an. Tie größeren, rechten, ganz oder zum Teil durch chinesisches Gebiet strömenden Nebenflüsse des Amur siud (von oben nach unten): Argun, Albasicha, Panza, Kumara, Gornaja, Churpi, Ui, Sungari und Ussuri. Die bedeutendsten sind der Argun, Sungari und Ussuri. Der Argun entspringt als Chailar am Westabhange 57 großen Chingan-Gebirges unter 49° N, strömt von Mr, eine Anzahl kleiner Zuflüsse ausnehmend, durch das Steppenland des nordöstlichen Hanhai nach W, biegt °ann unter 118° 0 nach Nordosten um und mündet nach uahezu 1000 km langem Laufe bei Pokrowskaja. Von seiner Biegungsstelle bis zur Mündung bildet er die chinesische Grenze. Der Argun steht durch einen nur 20 km langen, von seiner Biegungsstclle nach SW abgehenden Wasserlauf mit dem Kulun-See in Verbindung. In diesen See mündet der am Ostabhange des Altan -UluguiGebirges entspringende, nach ONO fließende, gegen 1000 km lange Kyrylun-Fluß und der um Arntolaku-Gebirge entspringende, nach Westen und Norden sließende, den Per-See durchströmende, 400 km luuge, in seinen! Oberlaufe Chalchagol genannte Urson ^in. Kyrhlun und Urson durchfließen flaches Wüstenuiid Steppenland und führen meist nur wenig Wasser, ^er Spiegel des Kulun-Sees liegt gewöhnlich tiefer als derjenige Teil des Argnn, der mit ihm in Verbindung ßeht, so daß sich ein Teil des Wassers des Argun in den See ergießt, der in diesem Falle als Binnensee aufZufassen ist. Wenn aber Kyrylun und Urson ungewöhnlich anschwellen, steigt der Seespiegel derart, daß umgekehrt das Wasser ans dein See zum Argun absließt. l)n diesem Falle ist er kein Binnensee, und seine Zuflüsse Und Nebenflüsse des Argun. Außer diesen nimmt der ^lrgun in China noch andere kleinere Zuflüsse auf, links ren Schiwegol, rechts Gau, Marckta und andere. Bis uahe an seine Mündung durchströmen der Argun und leine Zuflüsse Steppenund Wüstenland, nur seine unterste Laufstrecke wird von Waldland eingefaßt. Ter Sungari entspringt am Ostabhang des Jkechuli-Gebirges im nördlichen Chingan unter 51° N, .2° 0 und fließt von hier unter dem Namen Nonni ue südöstlicher, weiter in südlicher Richtung bis 45i// N, k'ejtbet sich dann nach Ost und Nordost und mündet nach 1600 m langem Laufe als 1000 m breiter Strom bei uosakewitscha. Seine Ufer sind zumeist Lößsteppen, und der Lößschlamm, den er mit sich führt, verleiht ihm eine gelbe Farbe. Er nimmt eine große Zahl von Zuflüssen links Tsinke, Chulan, Taunbira und andere; rechts ^obokuli, Gau (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Fluß auf der anderen Seite des Gebirges), Nominho, Alun, Dal, Tschoorho, Taorho, Kirinula, -Nudankiang und andere. Die bedeutendsten von fiesen Zuflüssen sind der 350 km lange, den Chingan lu>t in seiner ganzen Breite durchquerende Tschoorho, der 450 km lange Taorho und der gegen 500 km lange Uirinula, ein sehr starker, an kleinen Zuflüssen reicher Vergstrom. Ter Ussuri entspringt im Süden der russischen (sibirischen) Küstenprovinz, fließt nach Norden, erreicht ^-hina unter 46° N, 133° 0 und bildet von hier bis Au seiner Mündung bei Kosakewitscha, wo er 320 m bs^it und je nach dem Wasserstand 3—6 m tief ist, auf eine Strecke von 400 km die chinesische Ostgrenze. Von liuks nimmt er Sungatscha, Damuren und Nor auf. Der erstgenannte durchströmt den bei 4000 qkm großen Chanka-See und ist, sowie der Ussuri selbst, für Dampfer fahrbar. Das chinesische Ufer des Ussuri ist an seinem Oberlaufe hügelig, an seinem Unterlaufe flach. Das Gebiet von Ost-Liautung ist klein, der einzige größere Fluß desselben ist der in Korea entspringende, erst westnordwestlich, dann südwestlich fließende, in seinem Mittelund Unterlaufe die chinesische Südostgrenze bildende, bei Witschn in die Korea-Bai mündende, gegen 500 km lange Palukiang. Das Gebiet des Liauho ist ebenfalls unbedeutend. Ter Liauho selbst entsteht durch die Vereinigung mehrerer in den Längsthälern des Nordostabfalles des Pekinger Rostes nach Nordosten herabkommender Ströme, fließt erst nordöstlich, dann südöstlich, durchschneidet die ebene Steppe des Südrandes des östlichen Gobi, durchbricht den erhöhten Rand der östlichen Gobi-Stufe, wendet sich nach SWS, tritt in die Ebene von Niutschwang ein und mündet nach 800 km langen: Laufe bei Mngtszekou in den Golf von Liautung. Auf 300 km ist er für kleinere Schiffe fahrbar. Eine Strecke weit können auch große Seeschiffe Vordringen. Ter Liauho nimmt links den von mehreren Zuflüssen genährten, 500 km langen Schiramuren, einen echten Steppenfluß, den Tungliauho, den Hunho und andere Nebenflüsse auf. Tie bedeutendsten Flüsse des Gebietes des mittleren und südwestlichen Teiles des Rostes von Peking sind der Lwanho und Paiho. Zwischen Liauho und Lwanho münden der Talingho und andere kleine Küstenflüsse in den Golf von Liautung. Der Lwanho entspringt an der Südwestseite des Nortö-Gebirges, innerhalb des Hanhai, umfließt dasselbe im Westen, Norden und Osten und strömt dann, alle Ketten des Pekinger Rostes durchbrechend und die Nordostecke der großen ostchinesischen Tiefebene durchschncidend, in südöstlicher Richtung dem Meere zu, um nach 600 km langem Laufe unterhalb Pungping in den Golf von Tschili zu münden. Der größte Teil des vom Lwanho durchströmten Thales ist eine schmale, von steilen Abhängen eingefaßte, einst bewaldete, aber seit Jahrhunderten schon von den Chinese?: ihres Baumschmuckes beraubte Schlucht. Die untersten 70 km seines Laufes liegen in der Tiefebene. An der Mündung bildet er, in ein Netz von Armen aufgelöst, ein Delta. Das Paiho-System setzt sich aus einer Anzahl fächerförmig angeordneter, von Nordwest, West und Südwest herkommender, erst in der Ebene bei Tientsin sich vereinigender Flüsse zusammen. Der nördlichste ist der bis zur Vereinigungsstelle gegen 300 km lange, südöstlich fließende Paiho selbst. Dann folgt der 500 km lange, ostsüdöstlich fließende Hunho (Pangho und Sangkanho). Weiterhin der 350 km lange, östlich fließende, kurz vor Tientsin in den Hunho mündende Kouho. Endlich der nach Osten gerichtete, 650 km lange Hutoho. Das gemeinsame Endstück dieses Stromsystems, der untere Paiho, ist nach 080 gerichtet und — von Tientsin bis zu seiner Mündung bei Takü — 59  Cbitte!, Land und Leute. 60 65 km lang. In der Ebene angclangt, lösen sich diese Ströme zum Teil in Arme auf, durch welche sie miteinander und auch mit dem Stromsystem des Hwangho in Verbindung treten. Das von den Unterlaufen dieser Flüsse durchströmte Tiefland, die Ebene von Tschili, hat sehr geringes Gefälle, während die von ihren Oberläufen durchflossenen Thäler ziemlich stark geneigt sind und von steilen, ihres Waldschmuckes seit lange beraubten, kahlen Hängen eingefaßt werden. Tie öfters in bedeutender Menge fallenden Regenmassen fließen über die kahlen Lehnen ab; rasch schwellen die Flüsse an und mit großer Geschwindigkeit stürzen sie durch die stark geneigten Thäler hinaus in die Ebene. Hier nun stauen sich die Wassermassen infolge der Abnahme des Gefälles. Höher und höher steigen die Flüsse an und schließlich treten sie über den Uferrand, große Teile der Ebene überschwemmend. Wenn, was gar nicht selten ist, mehrere von den Flüssen des Paiho-Systems gleichzeitig derartig anschwellen, wird ganz Tschili Vs bis lL/2 m hoch überschwemmt, und dann schauen nur die auf künstlichen Erhöhungen erbauten Dörfer, die Bäume und Denkmäler, inselgleich aus der-weiten Wasserfläche hervor. Während diese Überschwemmungen befruchtend auf den Boden wirken, zerstören sie doch auch die Kulturen und sie haben seit der Waldverwüstung im Pekinger Roste so viel Schaden angerichtet, daß hunderttausende der Bewohner der Tschili-Ebene zur Auswanderung gezwungen worden sind. Der, Hauptstrom'des Hwanghound SchantnngGebietes ist der Hwangho, zu deutsch der "Gelbe Fluß". Er hat eine Länge von 4150 km, und sein ganz in China liegendes Stromgebiet ist über 1 Million 9km groß. Ter Hwangho entspringt in einer Seehöhe von etwa 5000 m am Nordostabhang des Bajanchara-Gebirgcs unter 35° N und 96° 0. Von hier fließt er, zwei 4270 m über dem Meere gelegene Seen, den Tscharingnor und den Oringnor passierend, durch ein breites, zwischen den südlichsten Kwcnlün-Ketten eingesenktes Längsthal 500 km weit nach Osten, bis zum Westabfall des Minschan, welches Gebirge ihn zwingt, unter 101V/ 0 nach Norden auszuweichen. Einen stark nach Westen vorspringenden Bogen bildend, durchbricht er nun alle Ketten des hier 500 km breiten Kwenlün-Gebirges, wobei er erst durch ein Längsthal nach Westen, dann quer durch das Gebirge nach Norden, weiterhin wieder 250 km weit nach Osten und schließlich nochmals nach Norden fließt. Sehr hohe und steile Berggipfel schließen das obere Hwangho-Thal ein. Tie Thalböden sind mit Schotter und Löß bedeckt und eben; sie haben Steppcncharakter. Diese Schottcr-Lößebenen sind — ähnlich wie in Scheust 'und Schansi — von tiefen Schluchten zerrissen, durch welche die Bäche unter häufiger Wasserfallbildung zu dem vielerorts in einer breiten canonartigen Hauptschlucht dahinfließenden Hwangho Hinabstürzen. Wo erbte einzelnen Ketten durchbricht, stürmt er durch enge Felsenklammen dahin. Pappelbäume und Sträucher, untermischtmit Steppcnpflanzen, säumen die Ufer ein, während an den höheren Abhängen stellenweise Nadelholz vorkommt. Der ostwestlich gerichtete Teil dieses Abschnittes des Hwangho durchfließt ein 5—7 km breites Thal und wird hier von einer 50 m hohen Lößund Schotter-Terrasse eingefaßt. Hier, in einer Seehöhe von 3350 m ist der Fluß 170—240 m breit und führt (im Herbst) gegen 1100 cbm Wasser in der Sekunde. Weiterhin bei Balekumgvmi in der oberen nördlichen Laufstrecke, ist das Hwangho-Thal 2—3 km breit und die Terrassen, welche die Ufer begleiten, zusammen über 500 m hoch. Drei Terrassen, eine obere 450 m hohe, eine mittlere 45 m hohe und eine untere 30 m hohe, liegen hier übereinander. Erdpyramiden sind häufig. Wo der Hwangho ans dem Durchbruche durch dieDschaPur-Kette hervortritt, führt er 3600 cbm Wasser in der Sekunde. Endlich erreicht der Strom, zwischen dem Sintauund Weikischan hcrvortretend, 2500 m tiefer als bei seinem Eintritte in das große Durchbruchsthal, den Boden des Hanhai-Beckens. Erst westlich vom Alaschan, später östlich vom Arbusula begleitet, strömt er nun in nordöstlicher Richtung in das Hanhai hinein, bis die Kette des Chananarynula seinem weiteren Vordringen nach Norden ein Ziel setzt und ihm unter 41—42° N zum Ausweichen nach Osten zwingt. Ode Flächen begleiten seine Ufer, und wie ein verirrter Fremdling schiveift der starke Bergstrom ziellos durch die trockene Salzsteppe von Ordos hin. Am oberen hwangho. Alte Flußläufe zeigen, daß der Hwangsho früher bis an den Chananarynula Heraugekommen ist; gegenwärtig erreicht er das Gebirge nicht mehr, sondern biegt ichon 60 km weiter südlich nach Osten ab, um diese Richtung bis HIU// 0 beizubehalten. Hier in einer ^e von 1000—1100 in ist der Strom 385 m breit und brciternd, im 0 in die große Tiefebene übergeht, in die der Strom oberhalb Kaiföng eintritt. Von den gefährlichen Stromschnellen im Hwaschan-Durchbruche abgesehen, ist diese Strecke des Flusses gut schiffbar. Wir haben oben darauf hingewiesen, daß die chinesische Tiefebene durch den Hwangho aufgebaut worden ist, sie kann als seine Delta-Ebene, beziehungsweise sein Schnttkegel betrachtet werden. Wenn ein Fluß, aus einem steiler geneigten Gcbirgsthale hervortretend, seinenWeg über eine Ebene fortsetzt, so muß er hier immerwährend seinen Lauf ändern. Den, von den oberen steilen Partien seines Bettes mitgebrachten Schutt, Schlamm und Saud in der Ebene ablagernd, baut er sich einen Damm, dessen Krone er folgt. £mt der Damm eine wer obere Hwangho im Steppenplateau. Ishr tief. Stellenweise löst er Al in mehrere Arme auf, welche trägen Laufes durch Ebenen, die einstens wohl vom hwangho durchströmte Seen waren, dahinfließen. Seine Userränder sind lehmig. Im festen breiten sich an seinem linken Ufer sumpfreiche, gut bewässerte Weidelandschaften, un Osten, östlich von 109° 0 "be, salzige Flächen mit Rohrund Tamariskengruppen aus. '[n seinem rechten Ufer liegt die öde Ordossteppe, der vom hwangho abgeschnittene, südöstliche Endteil des Hanhai. hu 1111/2° 0 trifft der hwangho auf den Westabsall des Rostes von Peking und wird durch ihn zum Ausweichen nach Süden gezwungen: er durchbricht die Hanhai-Randketten und fließt dann durch die monotonen hbstplateaus von Schensi-Schansi 700 km weit nach ^üden. In 311/2° N stellt sich dem weiteren Vordringen des Stromes nach Süden der Tsinglinschan entgegen. 2er Fluß wendet sich in scharfem Winkel nach OM), durchbricht die vom Tsinglinschan nach HO abgehende, granitische Kette Hwaschan-Föngtianschan und tritt, nachdem er die Felsencnge in Stromschnellen passiert hat, iu ein breites Längsthal ein, welches, allmählich sich verNebenschlucht des oberen hwangho. gewisse Höhe erlangt, so verläßt ihn der Strom, um, tieferen Stellen folgend, mit dem Aufbau eines neuen Dammes zu beginnen. Unter gewöhnlichen Umständen erfolgt die hierdurch bedingte Änderung der Laufrichtung allmählich, indem der Fluß das Ufer an einer Seite abwäscht und auf der anderen Seite Sedimente zurückläßt. Nur sehr selten ändert er plötzlich seinen Lauf, aber auch dann pflegt der neue Lauf ganz nahe beim alten zu liegen. Tie Niveauverhältnisse der chinesischen Tiefebene 63  Cfyiutl, llattö und ßTcutc.  64 bedingen es, daß die Änderungen der Laufrichtung des Ausschüttungsstromes hier viel bedeutendere Dimensionen annehmen. Ter Eintrittsstelle des Hwangho in die Ebene gegenüber erhebt sich das Bergland von Schantung, von welchem ein Rücken nach SW abgeht, der östlich von Kaiföng unter die Ebene hinabtaucht. Wenn nun derHwangho bei seiner normalen, allmählichen Stromverschiebung an das Ende dieses Rückens herankommt und in derselben Richtung seinen Lauf noch weiter verschiebt, so wird er seine untere Laufstrecke plötzlich auf die andere Seite von Schantung verlegen. Ta die Tiefebene reich kultiviert und dicht bevölkert ist, bedeutet — bei der kolossalen Wassermasse des Stromes — jede solche Stromänderung eine furchtbare Katastrophe. Nach den chinesischen Berichten strömte der Hwangho zur Zeit, als man Auszeichnungen über denselben zu machen begann, von seiner Eintrittsstelle in die Ebene ans nach Nordosten, folgte dem jetztigen Weiho-Lauf und mündete unter 39°N, weit nördlich von Schantung. Im 5., 3., 2. und 1. Jahrhundert vor, und im 1., 11. und 13. Jahrhundert nach Ehr. hat der Strom plötzlich seinen Lauf von einer Seite Schantungs auf die andere verlegt. Im 13. Jahrhundert floß er von seiner Eintrittsstelle in die Ebene aus nach Ostsüdost und mündete südlich von Schantung unter 33^// IST. Um die ununterbrochenen Änderungen der Laufrichtung des Stromes, welche der Kultur an den Ufern sehr abträglich waren, zu verhindern, errichtete man großartige Dämme, die fortwährend in demselben Maße erhöht werden mußten, in welchem der Fluß selbst durch Ablagerung von Sediment sein eigenes Bett erhöhte. Durch diese Dämme ward der Strom bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts bezwungen. Während der TaipangRevolution zu Anfang der fünfziger Jahre wurden die Tammbanten jedoch vernachlässigt, der Strom durchbrach die nördlichen Dämme und strömte, das Kulturland weithin überschwemmend, nun nach Nordosten, nördlich an Schantung vorbei dem Meere zu. 1887 durchbrach er dann bei besonders hohem Wasserstande die südlichen Dämme bei Tschöngtschou und wälzte, weite Kulturstrecken und zahlreiche Städte überflutend, seine Wassermassen wieder nach Südosten, wo sie schließlich durch das Bett des Waiho und den Hungtsohu-See einen Ausweg zum Meere fandeu. In 1889 wurde dann durch neue, großartige Dammbauten der Strom in sein nördlichcs. Bett zurückgedrängt, und gegenwärtig fließt er vonKaiföng aus in nordöstlicher Richtung den Nordwestfuß der Schantung-Gebirge entlang, dem Golf von Tschili zu, in den er unter 37—38° nördl. Br. mündet. Zu den Seiten der eigentlichen Hwangho-Mündung finden sich die Mündungen von Wasserläufen, welche mehr oder weniger mit dem Hwangho in Verbindung stehen und als Nebenmündungsarme desselben erscheinen. Die nördlichen, der Makiaho und Tuhsieho, stehen auch mit dein Paiho-Systeme in Verbindung. Tic linken (nördlichen) Nebenflüsse des Hwangho sind weder groß noch zahlreich. Tie bedeutendsten sind (von oben nach unten): Tatungho, Tscharyngol, Fönnho ccnd Tsinho. Der 450 lein lange Tatungho und der 300 km lange Tscharyngol entspringen nördlich vom Kukunor und fließen zwischen dem Tsingschiling, Malingschan und Richthofengebirge nach 80 hinab, um oberhalb Lantschou, nahe bei einander zu münden. Der 500 km lange Fönnho entspringt am Südfuße des Rostes von Peking, fließt südwestlich und mündet oberhalb Putschou. Der 300 km lange Tsinho fließt nach Süden und Osten und mündet oberhalb Kaiföng. Viel zahlreicher und größer sind die rechten (südlichen) Nebenflüsse des Hwangho. Tie bedeutendsten sind (von oben nach unten): Tahsiaho, Tauho, Tsinschuiho, Kiujoho, Suitoho, Ienho, oberer Loho, Wciho, unterer Loho und Wonnho. Der 300 km lange Tahsiaho fließt nach Osten und Norden und münden oberhalb Lantschou. Der 500 km lange Tauho entspringt am Minschan, fließt nach Ost, Nord und Nordwest und mündet oberhalb Lantschou. Der Kiujoho, Suitoho, Penho und oberer Loho sind 200—400 km lange Flüsse, welche am Südostrand des Hanhai entspringen und durch das LößPlateau von Schensi nach Südosten strömen, um in die nord-südliche Laufstrecke des Hwangho einzumünden. Diese Ströme und ihre Zuflüsse durchfließen tief eingeschnittene Lößschluchten. Der Weiho — es führen viele chinesische Flüsse den Namen Weiho, Hweiho, Waiho oder Hwai — entspringt nördlich vom Peling, fließt nach Osten und mündet nach 600 km langem Laus in das Hwangho Knie. Sein Endteil durchbricht die nördlichen Abzweigungen des Tsinglinschan in engen Schluchten. Der Weiho wird auf einer ziemlich weiten strecke mit Kähnen befahren. Er nimmt zahlreiche Zuflüsse ans, von denen der von Nordwcsten kommende, 350 km lange Kingho der bedeutendste ist. Der 350 km lange Untere Loho fließt in ostnordöstlicher Richtung und mündet bei Hwaiking. Tic Flüsse Schantungs sind zum Teil Küstenflüsse, zum Teil Zuflüsse des Stromnetzes der Ebene. Tie bedeutendsten sind die nördlichen Küstenflüsse Weiho und Kianlaiho, der nach Westen strömende, in den Hwangho einmündende Wonnho und die nach Süden fließenden, 2—300 km langen Flüsse Schuho und Jho, welche sich . in die küstennahen Seen von Kiangsu ergießen. Ter Hauptstrom des Gebietes des Yangtsze. klang und Tsientang ist der Yangtszekiang, welcher zwischen 31 und 32° N in den pazifischen Ozean mündet. Tie Tiefebene, welche sich im Norden des YangtszekiangÄstuariums ausbreitet, wird von dem Flußsystem des Hwaiho eingenommen. Ter Hwaiho ist 550 km lang. Er entspringt östlich von Fautschöng, durchfließt das breite, die ostchinesische Tiefebene mit dem Becken von Huppei verbindende Thal in östlicher Richtung und mündet, seinen Lauf nach Osten fortsetzend, in den küstennahen Hungsöhu-See, der durch verschiedene Wasserläufe mit anderen benachbarten Seen und durch den gegen 150 km langen Yenho-Kanal und andere Gewässer mit dem Meere in Verbindung steht. Ter Hwaiho nimmt von links eine Anzahl bedeutender, ihm in südöstlicher Richtung durch die Ebene zuströmender Nebenflüsse auf, den am Nordabhang des Funiuschan entspringenden, 500 km langen ^chaho, den 300 km langen Woho und andere. Zu diesem Flußsystem gehört auch der von Nordwesten kommende, in den Hungsöhu-See mündende, 250km lange Suiho. Manche von diesen Müssen lösen sich in ihrem Mittelund Unterlaufe in Arme auf, durch welche sie miteinander ui Verbindung treten. Der ^chaho fließt in jeneni Bette, welches sich der Hwangho bei winem letzten Ansbruche nach ^uden ausgewaschen hat. Die rechten Nebenflüsse des Hwaiho, welche im südlichen Htvai-George und im Muling entspringen, Intb weniger zahlreich und kleiner als die linken. Der bedeutendste >st der Beiho. Ter Jangtszekiang hat eine Länge von 5080 km. ^r ist per längste Strom Asiens und wird nur vom Missisippi, Amazonenstroin und Nil an Länge übertroffen. Sein Stromgebiet hat eine Ausdehnung von nicht ganz 2 Millionen qkm. Große Strecken seines Überlaufes sind nur ungenügend erforscht. Soweit begannt, entspringt er unter 34° dl und 90^// 0 am Nordabhang des Nordwestrandes des Tanglagebirges in einer Höhe von ungefähr 5000 m. Von hier fließt er durch ^n breites, 4000—4500 m hohes Steppenthal nach Ost und Ostnordost. Im oberen Teile dieser Laufstrecke wird br Toktonaiutanmuren, im unteren Murussn genannt, llnter 95° 0 wird er durch das Bajancharaula-Gebirge zum Ausweichen nach Süden gezwungen: er wendet sich plötzlich nach rechts, durchbricht die ScheroridsagarolaKetten und nimmt schließlich eine südöstliche Laufrichtung an, welche er auf 300 km beibehält. In dieser 3500—4000 m ü. d. M. gelegenen Strecke heißt er Ditschu. Bei Kegnetu durchbricht er noch mehrere Ketten und tritt dann in eines der tiefen Längsthäler des hinterindischen Gebirgssystems ein. Der Krümmung desselben lich anpassend, wendet sich der Strom nach 808 und 8, strömt — auch hier heißt er noch Ditschu — zwischen gewaltigen, bis über 7000 m hoch aufragenden Bergketten hin an dem 2480 m ü. d. M. gelegenen Batang vorüber, tritt unter 27° N in das nächstöstliche Parallel"ängsthal über und erreicht, seinen Lauf durch dieses sortsetzend, bei Likiang (1840 rn ü. d. M.) das Westende der Plateanlandschaft von Mnnan, welche er, große Windungen machend, in östlicher Richtung unter Bildung gelvaltiger Stromschnellen in wilden Schluchten durchKürschner. China I. fließt. Aus dem Gesteine wäscht er viel Gold heraus, das er dann mit Sand verinischt an Stellen mit geringerem Gefälle zurückläßt. Dem Goldreichtum seines Flnßsandes verdankt dieser Teil des Stromes den Namen Kinschakiang (Goldsandfluh). Nachdem der Uangtszekiang die Südausläufer des Hsiaoliangschan in engen Klammen durchbrochen hat, wendet er sich nach links und setzt, den Südostfuß des Hsiaoliangschan und des Lungtouschan entlang fließend, seinen Lauf in nordöstlicher Richtung bis Fukwan (29° 14, 300 rn ü. d. M.) fort. Auch diese Stromstrecke ist reich an Windungen und unzugänglichen Felsenklammen. Von Fukwan fließt der Jangtszekiang, der eigentlich erst von hier ab so heißt, schief, querdurch die SW—NO streichenden Höhenzüge von Sztschwan in 0N0-Richtnng bis Wan, durchbricht, im Bogen nach Ost und Südost sich wendend, in einer Reihe von schmalen Querthälern die Kämme des Wuschan und tritt in den überaus fruchtbaren Boden des gesegneten Beckens von Huppei ein. In vielfachen Krümnmngen, im ganzen aber einen nach Süd vorspringenden Bogen bildend, durchfließt er dasselbe von Westen nach Osten. Hierauf wendet er sich tvieder nach 80, durchbricht in einem landschaftlich sehr schönen Thale die Bergketten, welche die Hmppei-Senkung im Osten einfassen, durchströmt das kleine Becken von Hukou und setzt dann seinen Lauf in einem breiten Längsthale in nordöstlicher Richtung fort. Südlich von Nanking durchschneidet er nochmals eine Bergkette und fließt dann durch niedriges Marschland, schließlich, ein breites Astuarium bildend, dem Meere zu. Der unterhalb Nanking gelegene Teil des Aangtszekiang steht durch den Kaiser-Kanal und verschiedene andere Gewässer mit dem Hwaiho im Norden und dem Tsientang im Süden in Verbindung. Die unteren Teile des Stromes sind schiffbar, und es kann auch die Mündung — was bei den wenigsten chinesischen Flüssen der Fall ist — ohne Schwierigkeit von großen Ozeandampfern befahren werden. Die wichtigsten linken (nördlichen) Nebenflüsse des Daugtszekiang sind (von oben nach unten): Naptschitaiulanmuren, Reunho, Wuliaugho, Jaluugkiang, Minho, Tschungho, Kialingkiang und Hankiang. Der Naptschitaiulanmuren, in seinem Oberlaufe Tschumar genannt, ist ein 300 km langer, tibetanischer Hochsteppeufluß, welcher in südöstlicher Richtung fließt und unter 95° 0 mündet. Der Reunho und Wuliangho sind zwei durch Längsthäler des hinterindischen Gebirgssystems nach Süden hinabfließende Ströme. Der erstgenannte ist 250 km lang, der letztere, nördlich vom Gambuberge entspringende und unterhalb Likiang mündende ist gegen 600 km lang. Der Aalungkiang ist ein sehr bedeutender Strom, welcher südlich vom Dazky-Gebirge unter 97° 0 entspringt und nach 1200 km langem Laufe westlich von Huili unter 26Vs° N, 102° 0 mündet. Er wird in seinem Oberlaufe Dschatschu und in seinem Mittelläufe Nagtschu genannt. Der westliche Endteil des zwischen dem hinterindischen Gebirgssysteme und dem östlichen Kweulün gelegenen Raumes wird von WSW—ONO und SW—NO streichenden Bergketten eingenommen. Diese und auch die nordwestliche Randkette des hinterindischen Systems selbst durchbricht der anfangs ostsüdöstlich, dann südost südlich strömende Aalungkiang, um bei Kanzego (32° N) in eins der großen Längsthäler des hinterindischen Systems einzutreten und seinen Lauf in diesem erst in südöstlicher, dann in südlicher Richtung 400 km weit fortzusetzen. In 28° N, wo der Gebirgsbau unregelmäßiger wird, wendet sich der Strom nach Osten und erreicht, wieder eine südliche Richtung einschlagend, den Hauptstrom. Der bedeutendste von seinen Zuflüssen ist der 250 km lange, von links kommende, dicht oberhalb seiner Mündung in ihn eintretende Tschientschang. Auch der Minho ist ein bedeutender Strom. Er entspringt am Südabhang des Minschau, strömt unter dem Namen Songpanho in südöstlicher, dann südlicher Richtung, umfließt, einen nach West vorspringenden Bogen bildend, den Kiutiugschan, tritt bei Kwan aus dem Gebirge hervor und strömt dann den Ostfluß des hinterindischen Gebirgssystems entlang nach Süden, um nach 700 km langem Laufe bei Suifn zu münden. Außer mehreren kleineren Zuflüssen nimmt er den 700 km langen, von rechts her kommenden Tungho auf. Dieser entspringt am Südabhang des Bajantukmu-Gebirges, fließt erst nach 808, daun nach 0 und mündet bei Tschiating. An seiner Austrittsstelle aus dem Gebirge bei Kwan löst sich der Minho in zahlreiche Arme auf, welche, fächerförmig sich ausbreitend, das fruchtbare Becken vonTschengtu in südlicher, südöstlicher und östlicher Richtung durchfließen. Nur die westlichen von diesen Armen sammeln sich im Süden wieder zur Bildung der einfachen unteren Laufstrecke des Minho. Die östlichen dagegen treten mit einem, den Ostrand des Tschengtu-Beckens entlang nach Süden strömenden Gewässer zur Bildung eines andern Flusses, des Tschungho, zusammen, welcher, südostsüdlich strömend, nach 350 km langem Laufe oberhalb Hokiaug in den Jangtszekiang mündet. Der Kialinkiang entspringt am Westende des Tsiuglinschan und ströuit nach Süden, um nach 650 km langem Laufe bei Tschungkiug zu münden. Er nimmt ziemlich viele größere Zuflüsse auf: rechts den Tsingschui und den 450 km langen, vom Schymiuschan kommenden Foukiaug; links den Tialing, den Tungkiaug und den über 300 km langen Küho. Der Hankiang ist ein sehr bedeutender, bei 1000 km langer Strom. Er entspringt am Südabhang des westlichen Tsiuglinschan und fließt im Süden dieses Gebirges, zwischen demselben und den Höheuzügen des Tapaschan in großen Windungen nach Osten, um oberhalb Fantschöug, nach Südosten sich wendend, in das Becken von Huppei einzutreten, das er, einen nach SW Vorspringenden Bogen bildend, in südöstlicher Richtung durchfließt. Er mündet bei Hankon am Südostrande dieses Beckens. Von links her nimmt er zahlreiche Zullüsse, den 300 km langen Tankiang und andere auf. Der Unterlauf des Hünkiang steht durch mehrere nach rechts abgehende Wasserarme mit dem Aangtszekiaug und den Seen, die zwischen beiden liegen, in Verbindung. Die wichtigsten rechten (südlichen) Nebenflüsse des dangtszekiang sind (von oben nach unten): Akdam, Chischuiho, Wukiang, Tschingkiang, Auenkiang und Kiakiang. Der Akdam ist ein kaum 200 km langer, tibetanischer Hochsteppenfluß. Bis zu seinem Eintritte in Mnnan nimmt der Aangtszekiaug keine größeren rechten Nebenflüsse auf. In Aünnan treten mehrere kleine, nordöstlich strömende Nebenflüsse in ihn ein. Östlich von k0ö° 0 werden seine rechten Zuflüsse bedeutender. Da stt zunächst der über 300 km lange, nach Ost und Nord fließende, bei Hokiang mündende Chischuiho. Dann der ebenfalls östlich und nördlich fließende, bei Fu mündende, 850 km lange Wukiang. Dieser Strom nimmt mehrere bedeutende Zuflüsse auf. Der Tschingkiang ist ein kleiner, 250 km langer, nach Osten strömender Fluß, welcher bei Tschikiaug mündet. Viel bedeutender ist der Auenkiang. Derselbe entspringt bei Hwaugping, fließt, mehrere große Windungen bildend, in nordöstlicher Richlung und mündet nach 750 km langem Laufe in den großen, im südlichen Teile des Beckens von Huppei gelegenen Tungtinghu, einen 4000 qkm großen See, welcher im Nordosten bei Aotschou mit dem Aangtszekiang in Verbindung steht. Der Auenkiang nimmt ill seinem Oberlaufe mehrere bedeutende Zuflüsse auf, und außerdem münden mehrere größere Ströme — die auch als Zuflüsse des Auenkiang angesehen werden können — in den Tungtinghu-See. Der Hauptzufluß des obereu Auenkiang ist der 350 km lange, von Südwesten her kommende Tsinschui. In den See münden der von Westen kommende, 300 km lange Föngschui und der von Süden kommende, gegen 600 km lauge Hengkiang ein, welcher südöstlich von Kweiling entspringt und öie Provinz Hunan durchfließt. Er nimmt mehrere bedeutende Zuflüsse, den 450 km langen Lokiang und andere auf. Der Kiakiang, auch Kankiang genannt, entspringt am Pailulan-Gebirge und fließt durch das Becken von Ost-Kiangsi nach ölOids, nm nach mehr als 600 km langem Laufe in eine Anzahl von Delta-Armen aufgelöst, in den Poyanghu-See zu münden. Dieser See ist meridional in die Länge gestreckt, 110 km lang, über 2000 qkm groß und durch sein verschmälertes Nordende mit dem Aangtszckiang verbunden. Der Kiakiang nimmt eine Anzahl von Zuflüssen, links den Siangtschangkiang und Stuho, rechts den Kungkiang, Kankiang und Kinklang auf. Zu diesen Zuflüssen ist auch der von rechts her in den Poyanghu-See einmündende Tschangkiang zu rechnen. Südlich vom Yangtszekiang-Ästuarium breitet sich eine Tiefebene mit zahlreichen Seen aus, (Taihu und andere), welche von einem ziemlich engmaschigen Netz von Wasserläufen durchzogen wird. Im Süden dieses wasserreichen Flachlandes liegt die tief eindringende Bucht von Hangtschou, in deren Hintergrund der Tsientang ausmündet. Dieser Fluß entsteht durch die Vereinigung mehrerer, vom Nordostabhang des Taiuschan herabkommender Gewässer uud ist gegen 350 km lang. Der bedeutendste Strom des Gebietes der aus dem Taiuschan kommenden südöstlichen Küstenflüsse ist der 350 km lange, südlich von Lienkiang ausmüudende Minkiang, welcher südöstlich strömt und mehrere bedeutendere Nebenflüsse, den Taschisi und andere, aufnimmt. Außer diesem wären noch der in die Bai von Wentschou mündende Ngaukiang, der bei Tschangtschou mündende Riulungkiang und der gegen 300 km lange, nach Süden strömende, bei Schantou mündende Hangkiang, der mehrere größere Nebenflüsse aufnimmt, zu erwähnen. Der Hanptstrom des Gebietes des Hsikiang und der südlichen Küstenflüsse ist der Hsikiang. Dieser Stront ist 1550 km lang. Er entspringt in dem 1700 m ü. d. M. in Yünnan unter 241/2° N, 103° 0 gelegenen Fuhienhu-See und fließt, zahlreiche Windungen bildend, nach Ost und Ostsüdost, um bei Makao münden. In seinem Oberlaufe wird er Pata, weiterhin Hongkiang und Wunikiang genannt. Erst in seinem Unterlaufe führt er den Namen Hsikiang. Unterhalb Fatschang, wo der Fluß den letzten Bergkamm durchbricht, um, nach 80 sich wendend, in die Küstenniederung von Kanton hinauszutreten, gehen von ihm mehrere Arme nach Osten ab, welche sich zu einem Netze vereinigen, das mit der Bucht von Kanton in Verbindung steht. Die bedeutendsten linken (nördlichen) Nebenflüsse 5* Der Weiho (Hwanghogebiet) bei !)ienyangbsien. des Hsikiang sind (von oben nach unten): Tatschenkiang, Tschingho, Pangkiang, Pawangkiang, Longkiang, Kweikiang und Pekiang. Auch der in den Hintergrund der Bucht von Kanton mündende und mit dem Delta-Armnetz des Hsikiang in Verbindung stehende Tuugkiang ist "als linker Nebenfluß des Hsikiang anzusehen. Der gegen 200 km lange Tatschenkiang und der 300 km lange Tschingho entspringen auf dem Plateau von Nordost-Mnnan und fließen nach Süden. Auch der gegen 300 km lange Pangkiang und der 200 km lange Pawangkiang, welche in Kweitschou entspringen, haben eine im ganzen südliche Laufrichtung. Der über 400 km lange Longkiang entspringt westlich von Nantan und durchfließt Kwangsi in ostsüdöfllicher Richtung. Er nimmt von links den Pingkiang, den Miang und andere Zuflüsse auf. Der Kweikiang und Pekiang sind 3—400 km lange Ströme. Der erstere fließt südostsüdlich und mündet bei Wutschou, der letztere fließt südwestsüdlich und mündet bei Sanschua. Der gegen 400 km lange Tungkiang entwässert das Südwestende des Taiuschan und strömt südwestlich, um mit der Bucht von Kanton und dem Deltasystem des Hsikiang in Verbindung zu treten. Der einzige bedeutendere rechte (südliche) Nebenfluß des Hsikiang ist der 700krn lange Mkiang. Dieser entsteht im südöstlichen Minnan durch die Vereinigung einiger Quellflüsse, von denen einer nur 30 km südlich vom Hsikiang-Laufe entspringt. Er fließt dem Hauptstrome parallel nach 080 und 0 und wendet sich dann nach NO, um bei Hsintschou zu münden. Sein bedeutendster Zufluß ist der von rechts kommende, außerhalb Chinas entspringende Namkiang. Unterhalb des Mkiang mün den von rechts her noch zwei kleine Nebenflüsse, der Yungkiang und der Nunkiang in den Hsikiang ein. Der südlich vom Hsikiang-Gebiete liegende Küstenstrich ist sehr schmal lind die denselben entwässernden Küstenflüsse dementsprechend ganz unbedeutend. Zu nennen wären Hokiang, Hsimenkiang, Hengkiang und Ngannankiang. Das Gebiet der hinterindischen Flüssenimmt den Südwesten der Provinz Yünnan ein und schiebt sich zwischen den Gebieten des Aangtszekiang und Salween weit nach Nordwesten in das Hochland von Tibet hinein vor. Nur die -Oberläufe der diesem Gebiete angehörigen Hauptströme, des Songkhoi und des Mekong, liegen in China. Der Songkhoi entspringt in West Pünnan und fließt nach Südost. Die obersten 550 km seines Laufes liegen ganz oder teilweise (eine Strecke weit bildet er die Grenze) in China. Hier, in seinem Oberlaufe, nimmt er keine größeren Nebenflüsse auf, wohl aber liegen die obersten 350 km des dem Songkhoi parallelen, weiter westlich fließenden Papienkiang, der weiter unten von rechts her in den Songkhoi einmündet, in China. Der Mekong durchfließt auf eine Strecke von 2000 km chinesisches Gebiet. Er entspringt in einem kleinen See südlich vom Tangla-Gebirge unter 32p/z°N, 92V2° 0. Von hier fließt er, zumeist durch breite Längshochthäler, erst nach NO, dann nach OSO und SO. Die oberste Strecke des Stromes heißt Soktschu, weiterhin wird er Sertschu und Tschiamdotschu genannt. Über die oberen Stromstrecken ist nur wenig bekannt. Unter 291/2° N oberhalb Jerkalo wendet er sich, der Streichungsrichtung der Gebirgsketten folgend, nach Süden. Hier in einer Höhe von 2500 m ist er 120 m breit, fließt in engem Thale dahin und wird von hohen Gebirgen eingefaßt Von Derkalo abwärts führt der Fluß ben Namen Lantsankiang. Abwechselnd breitere Thalböden und Felsschluchten durchströmend, erreicht er die schauerlichen Engen von Ginnda und Goneah, wo er auf 40, ja, an einer Stelle auf 20 m Breite eingeengt wird. Wilde Stromschnellen bildend, stürmt er durch diese, von 6000 bis 7000 m hohen Bergen eingefaßten Klammen dahin. Unterhalb dieser Engen beginnen Sträucher und Bäume ssu seinen Ufern aufzutreten. Bei Lota tritt der ^trom in eine große Thalebene hinaus und wird 250—300 m breit. Oberhalb Schayang, in 1165 m Meereshöhe durchbricht er iu schmaler Schlucht wieder einen hohen Felsriegel. Die Berge sind hier niedriger und schneefrei, die Thalböden fruchtbar und gut kultiviert. Unterhalb Schayang fließt der Mekong eine Strecke weit nach 80, lim dann wieder eine südliche Laufrichtung anzunehmen. Weiterhin durchströmt er ein hügeliges Plateau und verläßt, nachdem er auf eine kurze Strecke die Grenze gebildet, unterhalb Kyenhung >u 580 m Seehöhe das chinesische Gebiet. Größere Nebenstüsse nimmt er innerhalb Chinas nicht auf. Zu erwähnen wären der über 300 km lange Gergu, ein tibetanischer Hochsteppenfluß, welcher von links her in seinen Oberlauf einmündet; der 200 km lange Dangpikiang in West-Pünnan, der ebenfalls links einmündet, und der von rechts kommende, kleine Namho, der dicht vor der Austrittsstelle des Stromes aus China mündet. Die Seen und Kanäle. Über die einzelnen Seen ist oben berichtet worden. Fw allgemeinen kann man China als ziemlich seenreich bezeichnen. Im Westen und in der Mitte des Reiches, w den Binnengebieten, werden zahllose, zum Teil recht große Seen angetroffen, welche seicht und salzig sind und keine Abflüsse besitzen. Die Höhe des Wasserspiegels dieser Seen und ihre, von dieser abhängige, größere oder geringere horizontale Ausbreitung häugt von den meteorologischen Verhältnissen, der Wasserzufuhr und dem Wasserverlust durch Verdunstung, ab, und ist beträchtlichen Schwankungen unterworfen. Bei reicheren Niederschlägen und bei geringerer Hitze, Lufttrockenheit und Luftbewegung vergrößern sie sich, in trockenen, heißen und windigen Jahren schrumpfen sie zusammen. In den Randgebieten sind manche von diesen Seen in die ozeanischen Flußgebiete einbezogen worden: sie haben einen Abfluß und damit auch Salzlosigkeit und eine größere Konstanz ihres Wasserstandes erlangt. In den Becken von Südostchina finden sich ebenfalls viele, zum Teil große und tiefere Seen, welche alle durch Abflüsse mit ozeanischen Strömen verbunden sind. In der ostchinesischen Tiefebene endlich kommen zahlreiche, ausgedehnte Sümpfe und seichte Seen von sehr schwankender Größe und Gestalt vor, welche zumeist infolge von Änderungen der Laufrichtnng der Ströme und der hierbei eintretenden Überschwemmungen entstehen. Allenthalben sind in China größere und kleinere Kanäle (siehe dazu das Kapitel "Handel nnd Verkehr") angelegt worden. In den westlichen Binnengebieten werden die Wässer der Bergströme durch Kanäle den Lehmgebieten zugeführt und diese dadurch in fruchtbare Oasen verwandelt. In der ostchinesischen Tiefebene durchziehen größere und kleinere Kanäle das ganze Land. Der bedeutendste von diesen Kanälen ist der große oder Kaiserkanal Mnho. Derselbe beginnt am Südufer der Bai von Hangtschou und erstreckt sich, im ganzen der Küste parallel laufend, 1100 km weit bis zum Paiho, auf den er bei Tientsin trifft. Er durchschneidet den Tsientaug, Yangtszekiaug und Hwangho und steht auch durch einen Kanalast, den Penho, der zugleich der Abfluß des Hungtsöhu-Sees ist, mit dem äußeren Gelben Meere in Verbindung. Dieser im siebenten Jahrhunderte angelegte Kanal ist 80—330 m breit. Er ist nicht in den Boden eingegraben, sondern erhöht und von mächtigen Dämmen eingefaßt. Alle Kanalbauten befinden sich in schlechtem Zustande, und auch dieser große Kaiserkanal, der einstens die Hauptverkehrslinie Chinas bildete, ist in den letzten Jahrzehnten dem Verfalle preisgegeben worden. Mineralien, pflanzenund Tierwelt. Es ist natürlich, daß in einem so großen Reiche, dessen Teile so verschiedenen geologischen Formationen angehören, der Reichtum an nntzbaren Mineralien ein sehr großer sein muß. Der allergrößte Teil des Reiches ist verhältnismäßig wenig bekannt, und sicherlich giebt es rat mittleren und westlichen China der wertvollen Erzlagerstätten, die noch ihres Entdeckers harren, genug. Die Chinesen haben bisher die Gewinnung von Nutzmincralien nur mit ganz unzureichenden M itteln beAm Hangtszekiang. 75 Thina, Eand und Leute.  76 trieben. Gold kommt hauptsächlich in Ostchina vor. Über die primären Goldlagerstätten daselbst ist jedoch nichts bekannt. Der Mngtszekiang und andere Ströme waschen das Gold ans diesen (unbekannten) Lagerstätten heraus und lagern es dann mit Sand und Schlamm vermischt weiter unten wieder ab. Stellenweise bedingen die lokalen Verhältnisse einen ziemlich bedeutenden Goldgehalt des Flußsandcs, und an solchen Stellen, die namentlich im Kukunor-Gebiete und am mittleren Mngtszekiang (Kinschakiang) angetroffen werden, waschen die Chinesen das Gold aus dem Flußsande heraus. Auch im Amurgebiete findet sich stellenweise, namentlich bei Moho, Gold. Andere Goldfundstätten sind Urumtschi und Tinkwan, wo 2000 Arbeiter mit der Goldgewinnung beschäftigt sind. Auch in den Provinzen Schensi, Kweitschou und Schantung wird Gold gewonnen, in der letztgenannten Provinz erst seit 1890. Silber wird hauptsächlich in der Provinz Mnnan gefunden, wo sich der jährliche Ertrag auf etwas über 30 Millionen Mk. beläuft. Auch in Schehol (Tschengte) und Tschili kommt Silber vor. Das meiste chinesische Silber ist etwas goldhaltig. Eisenerze kommen vielerorts vor, werden aber nirgends im Großen verarbeitet. Besonders vielversprechend sind die Lagerstätten von Lophing, Taijang und Nantsun, denn es findet sich in diesen nicht nur ausgezeichnetes Erz, sondern es befinden sich in der Nähe auch Steinkohlenlager, durch welche eine weitere Verarbeitung des Eisens an Ort und Stelle ermöglicht wird. Kupfer wird in Mnnan und, in geringeren Mengen, auch in den westlichen Binnengebieten (Nordrand des Tarimbeckens) und in der Provinz Kweitschou gewonnen. Die bedeutendsten Werke in Mnnan sind im Besitze einer unter staatlicher Aufsicht stehenden Aktiengesellschaft. Zinn, Blei, Quecksilber und Nickel werden ebenfalls hauptsächlich in Mnnan gewonnen. Von größter Bedeutung für die zukünftige Entwicklung der Industrie in China sind die Steinkohlenlager. Es giebt kein anderes Land, welches so reich an Kohlen wäre wie China. Vorläufig können nur jene Lager mit Vorteil abgebaut werden, welche entweder, wie jene von Wuhuschwei, dicht an zugänglichen Teilen der Küste liegen oder, wie jene von Kaiping in Tschili, durch eine Eisenbahn mit der Küste verbunden sind. Andere bedeutende Kohlenlager finden sich in Saimaki in OstPönsihu i Schimöntsai, Tschaitang, Jangkiafang, Fangschan, Siwan, Hutai und Möntoukou in Tschili, und in Tatungfu und an anderen Orten im Südwesteu von Schansi. Diese Kohlenlager von Schausi sind 6—9 m mächtig und über 30000 qkm ausgebreitet. Auch in den westlichen Binnengebieten werden Kohlenlager angetroffen. Auch Edelsteine (Opal, Türkis, Saphir, Rubin, Topas), Petroleum und Kochsalz werden gewonnen. An mehreren von den Salzseen des Inneren benützt man einfache Salinenanlagen zur Gewinnung des im Seewasser gelöst enthaltenen Salzes. In Sztschwan und Mnnan werden tiefe Bohrungen angelegt, aus denen Salzsoole artesisch hervorquillt. Einige liefern gleichzeitig brennbare Gase, die dann verbrannt und zum Eindampfen der Soole benützt werden. — Der südöstliche und östliche, zwischen der pazifischen Küste und dem südöstlichen Hanhai-Randgebirge gelegene Teil Chinas gehört dem ostasiatischen Florenreiche au. Diesem Gebiete schließt sich südlich von -14° N im Westen ein jenes Randgebirge bekleidender Streifen von Waldsteppen und Gebirgswäldern an, welcher im Südwesteu eine bedeutende Breite erlangt, denn er erstreckt sich hier weit durchs Mngtszekiang-Thal hinauf. An diesen Gürtel stoßen im Westen die mittelasiatischen Florengebiete an, ganz im Süden Hvchalpenflora und HimalayaBergwald, weiter (nach Norden hin) die tibetanische Hochsteppenflora und die Wüstenund Steppenflora des Schamo. Die Nordwestgrenze Chinas gehört zum -veil der Waldregiou des Tienschan und zum Teil der sibirischen Waldregion an. In den höheren Lagen wird Hochalpenflora augetroffen. Der Südwesten Chinas gehört zum Teil zum Übergangsgebiet Westtibets, des Karakorum und der Pamir, zum Teil zur tibetanischen Hochsteppenflora. Auch wird auf den Hochgebirgen Hochalpenflora gefunden. Das Tarimund Schamobecken sind teils wüst und pflanzenlos, teils mit Wüstensteppenflora bedeckt. Auf dem Hochlande von Tibet wird Hochfteppenslora und (in den höheren Lagen) Hochalpenflora angetroffen. Das ostasiatische Florenreich, welches den zwischen dem südöstlichen Hanhai-Rande und der pazifischen Küste gelegenen Raum einnimmt, ist nichts weniger als einheitlich. In meridionaler Richtung über 25 Breitegrade ausgedehnt, umfaßt es nordische, der gemäßigten Zone angepaßte, und subtropische Formen. Im Norden, in der Mandschurei, bedecken ausgedehnte Wälder von Nnßbäumen (Juglans mandschurica), Ahornen, Fichten und Tannen den Boden. Dazwischen liegen Moore, Wiesen und Steppen. Weiter im Süden, in der Umgebung des Golfes von Tschili, trifft man auf den Bergen Birkenund Haselgebüsche, in den Hügellandschaften und in der Ebene immergrüne Sträucher an. In der fruchtbaren Ebene ist die wildwachsende Flora von den Kulturen fast ganz verdrängt worden. Prächtige Zierbäume, Pinus bungeana, massoniana, Aesculus chinensis und andere schmücken die Gärten der Klöster und Villen, Sorghound Bataten-Felder breiten sich zwischen angepflanzten Gruppen von Trauerweiden, Ulmen und Pappeln aus. Nach Süden werden diese Bäume immer spärlicher, Kamelien-, Kampherund Olfirnißbäume, sowie Theesträucher treten an ihre Stelle. Palmen beginnen aufzutreten und die Vegetation nimmt einen subtropischen Charakter an. In den westlichen Provinzen Mnnan und Sztschwan giebt es noch große Wälder. Hier wachsen in den Thälern Palmen, Kamelien, Ficus, Bambus, Lorbeeren und Magnolien, an den Lehnen Nadelhölzer, Ulmen, Eichen und prächtig blühende Rhododendren. Bananen, Granatäpfel, Pfirsiche, Trauben, Kirschen, Gerste, Reis, Tabak, Mohn, Baumwolle und Gemüse werden kultiviert. Die Waldsteppenflora des südöstlichen HanhaiRandes zeichnet sich durch den raschen Wechsel zwischen wüsten, völlig pflanzenlosen Streckeil mit grünen Thalböden und bewaldeten Berghängen aus. Weiden, Birken, Fichten und weinumrankte Pappeln sind auf den letzteren häufig, während die Wiesenflora der Thalböden durch einen außerordentlichen Blumenreichtunl ausgezeichnet ist. Der Himalaya-Bergwald ist in den verschiedenen Höhenlagen verschieden. Am Südfnße des Gebirges breiten sich fast undurchdringliche, tropische Regenwälder aus, in denen Palmen (Phoenix acaulis, P. silvestris, Rotang-Liaue) und Dipterokarpeen vorherrschen. Au diese weit in die Thäler eindringende Vegetation schließt sich oben ein formenreicherer Mischwald an, zirsammengesetzt aus Laubbäumen und Coniferen, zwischen denen prächtige Rhododendren und Vaumfarne gedeihen. Bis zu 2000m hinauf hat der Wald einen subifopischen Charakter, hier wachsen Bambus, Weiden, immergrüne Eichen, Erlen, Kletterrosen, Rhus semialata und Pinus longifolia. Zwischen 2000 und 3500 m Seehöhe gedeihen zwischen Waldbäumen der gemäßigten Zone mit Bartflechten kleine Palilien und öiele Arten von Rhododendren. Über 3500 m bedecken Sträucher und noch in größeren Höhen niedrige Alpenkräuter den Boden. Die dem Übergaugsgebiet ungehörige Flora des äußersten Südwestens vereinigt manche Charaktere der Umliegenden Gebiete in sich. Weiden, Eschen und Birken sind häufig. Strauchförmige Pappeln kommen bis zu 4500 m, Tamarisken bis 5000 und niedrige Sträucher bis zu 5500 m Höhe vor. Wiesen von wildem Roggen und Hafer unterbrechen an den Lehnen vielerorts den Baumwuchs und die feuchteren Thalgründe sind mit prächtig blühenden Narzissen bedeckt. Die Hochsteppenflora von Tibet ist infolge der hohen Lage, der Kälte und Trockenheit größtenteils eine sehr ärmliche. Am wenigsten entwickelt ist die Flora in Nordwesttibet. Hier kommen nur stellenweise verkümmerte Coniferen (Krummholz), Dornsträucher, Gräser und Kräuter, Allium, Artemisia, Astragalus rc., sowie Salzpflanzen vor, während soust der Boden ganz pflanzenlos und wüst ist. Nach Osten und Süden hin bessern sich, mit der zunehmenden Feuchtigkeit und der abnehmenden Höhe die Verhältnisse. Zwar ist auch hier die Flora der breiten Thalebenen eine sehr spärliche, allein hu den Ufern der Wasserläufe und in schmaleren Thalstrecken werden Weiden, Pappeln und gelbblüheude Waldreben neben Tamarisken augetroffen. Im Osten geht diese Flora allmählich in jene des östlichen HanhaiRandes über. Die Hochalpenflora hat überall, im Himalaya, auf den Bergkämmen von Tibet, dem Kwenlün, Tienschan und den anderen nordwestlichen Randgebirgen einen ähnlichen Charakter, wie in den europäischen Alpen. Überall bildet sie einen Gürtel von niedrigen Kräutern unterhalb der Schneegrenze. Am spärlichsten entwickelt ist sie am Kwenlün und in Tibet. Die Wüstensteppenflora des Bodens des Hanhai (Tarim, Schamo, östliches Gobi rc.) ist eine sehr Pappelwald bei Tschadnrknl im nordwestlichen Leile des Tarimbeckens. ärmliche. Nur an den Ufern der wenigen Flüsse finden sich Bäume, und große Strecken sind absolut vegetationslose Saudoder Kiesflächen. Agriophyllum gobicum, eine 30 cm hohe Salzpflanze, Pugionium dolabratum, ein Rettig, und das eine Höhe von nahezu 3 m erreichende Lasiagrastis splenckens-Gras, der Chamykstrauch (Nitraria schoben) und die Tamariske charakterisieren diese Flora. Der häufigste Baum in den Wäldern der Waldregion des Tienschan ist die Tanne (Picea schrenkiana). An: Nordabhang des Gebirges steigt sie bis 2700 m, am Südabhang bis '2100 m empor. Auch Lärchen, Eschen, Geisblatt, Rosen und beerentragende Sträucher kommen hier vor. Der nördliche, an den Amur grenzende Teil von Ostchina, welcher zur sibirischen Waldregion gehört, ist mit Fichtenund Lärchenbeständen bedeckt, zwischen denen Wiesen und Steppen liegen. Im Innern des Landes, im Westen, nehmen die letzteren nach Süden hin an Zahl und Ausdehnung immer mehr zu, bis endlich der Baumwuchs ganz aufhört und lvir in das Gebiet der Wüstensteppe des Schamo eintreten. Der Küste zu im Osten geht der sibirische Wald allmählich in das ostasiatische Florengebiet über. Dazwischen, im Großen Chingan-Gebirge, erstreckt sich die sibirische Waldregion weiter nach Süden. Faunistisch gehört fast ganz China zur paläarktischen Region, und zwar der lvestliche und zentrale Teil des Reiches zur sibirischen, der südöstliche Teil zur 79 Dhina, Land und Leute. E 80 Steppe mit Teilen der großen Mauer südöstlich von Aantschou im Siidwesten des Schamobeckens. mandschurischen Subregion. Der Südrand von Ostchina gehört zur indochinesischen Subregion der orientalischen Region. Die der sibirischen Subregion der paläarktischen Region ungehörige Fauna von Westund Centralchina ist trotz des wenig günstigen Klimas eine ziemlich reiche. Von Säugetieren ist zunächst der Hak (Pcwpllagrw mntns), eine große Bisonart, zu nennen, lvelche auf dem Hochlande von Tibet in Herden bis zu 1000 Stück lebt. Der Hak wird gezähmt und vielfach als Reitund Lasttier benützt. Die Jagd auf denselben ist nicht ungefährlich, da die ganze Herde zuweilen einen Sturmangriff ans den Jäger unternimmt, dem er erliegen muß. Außer dem Hak sind noch einige Antilopen (Procapra, Pantholops) und Nectogole, ein eigentümlicher Maulwurf, charakteristisch für diese Subregion. Auch andere Antilopen, Wüstenratten, Moschustiere, Steinböcke, Hasen und Murmeltiere, solvie wilde Esel (Asinus kiang) und Pferde (Equus przewalskii in der Dsungarei) sind in den trockenen Gebieten des Westens, auf den Hochländern sowohl wie in den großen Becken, anzntreffen. Im östlicheil Teil des Tarimbeckens leben wilde Kamele. In den feuchteren nordwestlichen Randgebirgen kommen Wildschweine, Rehe und verschiedene Hirscharten vor. Auch die Zahl der Raubtiere ist groß. Bären finde,: sich fast überall, außer in der Wüste, Wölfe, wildeHunde, Füchse, Luchse, Wildkatzen und kleines Raubzeug (Wiesel, Iltis rc.) sind häufig. In die südlichen Teile dieses Gebietes sind auch einige Angehörige der orientalischen Region eingedrungen, so finden sich in Südtibet Affen und noch weiter im Norden Tiger. Das .Hochland von Tibet ist reich an Vögeln. Außer großen Raubvögeln, Krähen und kleineren Singvögeln kommen schöne Fasanarten, Rebund Steppenhühner hier vor. An den Seen und Sümpfen werden Wasserund Sumpfvögel, Gänse (Aiwsr indiarw), Enten, Reiher, Schnepfen rc. in großer Anzahl angetroffen. Eidechsen sind häufig, Schlangen aber ziemlich selten. Die Seen nnd Flüsse sind fischreich. In der mandschurischen Subregion der paläarktischen Region, welcher Ostchina angehört, werden Affen (Rhinopitheeus), Insektenfresser, waschbärartige Hunde, Moschustiere und merkwürdige geweihlose Hirsche, Antilopen, Aeluropus, ein Tier von Bärengröße,Wildschweine, Maulwürfe, Siebenschläfer rc. angetroffen. Von Raubtieren ist besonders der Tiger zu erwähnen, der indenschwach bevölkerten Teilen Ostchinas überall vorkommt. Unter den Vögeln wären der Pfau (wild in Südchina), Silberund Goldfasan, sowie das Sandhuhn (Syrrhaptes paradoxus), das in denletztenDezennien auch in Mitteleuropa (hier Steppenhuhn genannt) aufgetreten ist, zu nennen. Bekassinen und Strandläufer treiben sich in den Reisfeldern in großer Zahl herum. Schwimmvögel beleben die Teiche und ^een in ungeheuren Massen. Der Kormoran wird zum Fischfang abgerichtet. Reptilien sind im allgemeinen nicht zahlreich. Der Gecko jedoch kommt in jedem Hause vor. Von Amphibien wären einige plumpe Verwandte des japanischen Riesensalamanders zu erwähnen. Der indochinesischen Subregion der orientalischen Region gehört nur ein schmales, südliches Randgebiet von China, und auch dieses nicht ganz an, iveil selbst ganz im Süden, im Himalaya, die über 3000 m hoch gelegenen Gebirgsteile und Plateaus voll Zieren der paläarktischen Regioil bewohnt werden. Charakteristisch für die indochinesische Subregion sind Aalnrrw fulgens, ein dem Waschbär verwandtes Tier, die lvieselartigc Helicitis nepalensis, der Hornfasan u. a. Der Chinese und chinesisches Leben. Allgemeine Kulturzustände. China ist nicht nur "eine Welt für sich", wie die landläufige Charakterisierung lautet, sondern zugleich ein Begriff. Es ist das Starre, das Unbewegliche, das AbIvnderliche. Unnahbar und unbeeinflußbar, wie dieser erratische Block der Menfchl>kit den, Kulturforscher sich darbietet, hat man zu dem sinnbildlichen Vergleich von L®r »chinesischen Mauer" gegriffen. Das ist wieder nichts anderes als ein Begriff, ^as Schroffe und Jnsichgeschlossene des chinesischen Typus in Bezug auf Geschichte und Kultur hat etwas so Verblüffendes, daß alle Dinge, welche China betreffen, in einem Dogma erstarrt sind, nach welchem sie beurteilt werden. Je eingehender man sich mit dem chinesischen Wesen und allem, was drum und °ran hängt, beschäftigt, desto mehr gewinnt nian die Überzeugung, daß auch die chineslsche Mauer ihre Lücken hat, durch welche fremder Geist einsickert. Und nicht etwa unseren Tagen. Wäre China thatsächlich der Inbegriff des absolut Starren und Unbeweglichen: wie könnte mau sich die unzähligen Gegensätze erklären, die in diesem völkerpsychologischen Typus verkörpert sind? Die ausgesprochene Nüchternheit iusi der einen Seite, das Phantastische und Bizarre auf der anderen; inniges Familienleben und grausame Rechtspflege, Elternliebe und Kindermord, kühler Rativnaucunus und abenteuerlicher Zauberspuk, hochentwickelte Kunstfertigkeit und barbarische -Wildheit — soviele Antithesen, soviele Rätsel! Gewiß ist: die Menschengeschichte kennt kein Volk, das zuwege gebracht hätte, sich von der es umgebenden Welt hermetisch abzuschließen. Und China macht hiervon keine Ausnahme. Westliche Einflüsse sind unverkennbar. Mit dem Buddhismus sind indische Geisteselemente, Typen chinesischer Mädchen. mit dem Islam arabische in das chinesische Wesen eingesickert. Nicht auffällig und nicht umgestaltend, sondern gewissermaßen befruchtend, wie ein Tau, der sich niederschlägt. Übrigens darf nicht vergessen werden, daß die Chinesen einst über ganz Mittel-Asien bis zum Oxus im Hindukusch geboten. Die ersten Machtbestrebungen Chinas nach Westen hin machten sich mit Beginn der Han-Dynastie, d. i. im Jahre 163 v. Chr. geltend. Im Jahre 63 v. Chr., nachdem China inzwischen mindestens 500 deutsche Meilen westlich ihrer ursprünglichen Gemarkungen Fuß gefaßt hatte, war der centralasiatische Statthalter Kantschao unablässig bemüht, das fabelhafte "Meer des Occidents" zu erreichen, was ihm schließlich auch gelang. Unter diesem Meere ist offenbar die Kaspisee gemeint, an welcher der Untergeneral Kanching nur mit centralasiatischen Völkern in Berührung gekommen war. Nachdem diese Bestrebungen der chinesischen Machthaber, ihre Herrschaft nach Westen auszudehnen, historisch nachweisbar bis ins 8. Jahrhundert n. Chr. angedauert hatten, liegt hierin der Schlüssel zu den weiter oben berührten rätselhaften Erscheinungen. Übrigens weiß man, daß zur Zeit der Partherkriege Rom mit China einen lebhaften diplomatischen Verkehr unterhielt. Ferner ist zu beachten, daß manche der zahlreichen Dynastien, welche über das Niesenreich herrschten, ihre Wiege in sehr entlegenen Gebieten stehen hatten. So stammte beispielsweise die Wei-Dynastie aus Daurien, also aus dem baikalischen Bezirke Sibiriens, woraus sich die Expansionstendenz Chinas in jener Zeit nach Norden erklärt. Bis zum Ob, ja bis zum Eismeer drangen damals Reisende aus dem "Reiche der Mitte". Gleich anderen Kulturvölkern sind auch die Chinesen vor urdenklichen Zeiten aus ihren Stammsitzen inr Westen von Hochasien aufgebrochen, um den weiten Erdranm an und zwischen den großen Zwillingsströmen Hoangho und Iangtszekiang zu besiedeln. Sie nannten sich Limin (das "schwarzköpfige Volk") oder Pesin (die "hundert Familien"). Vor dieser Einwanderung war das centrale China von verschiedenen Stämmen bewohnt, welche, wenn auch von den Chinesen "Barbaren" genannt, gleichwohl nicht unkultiviert waren. Die Chinesen waren Ackerbauer; ihre Vorgänger mögen wohl auch, wie noch gegenwärtig der Urstamm der Miaotse, Ackerbau getrieben haben, vorwiegend aber waren sie Jäger, und sie wohnten noch bis zum 7. Jahrhundert v. Chr. auf den Bergen und in den Wäldern zwischen den in den Thälern und Ebenen angesiedelten Chinesen. Der Führer der einwandernden Chinesen war ein fabelhafter Heros namens Fohi, der die Schrift erfand und Netze zun: Jagen und Fischen verfertigte. Sein Nachfolger Sch in n im — gleichfalls eine Mythengestalt — fällte Bäume und verfertigte Pflugschare, führte den Handel ein und rief Jahrmärkte ins Leben. Dann kamen Hwanti, Dao und Schun, welche das begonnene Kulturwerk fortsetzten und das Waffenhandwerk förderten. Alle diese Bahnbrecher waren zugleich die ersten und ältesten "Kaiser", von welchen jedoch nicht festzustellen ist, um welche Zeit sie lebten. Jedenfalls ist es bezeichnend für das Alter der chinesischen Kultur, wenn die Tradition von dem dritten der vorgenannten "Urkaiser", Hwanti, sagt: "Er regierte die fünf Geister, regelte die fünf Maße und vermaß die vierWeltgegenden. Mit dem Fenerkaiser(?) Der Zopf des Chinesen. kämpfte er in den Gefilden von Pantfinen, er regelte die Oberund Unterkleider und führte gestickte Gewänder ein; er regierte das Volk, indem er es den Grenzen des Himmels und der Erde folgen hieß, kannte die Ursachen des Dunklen und Hellen. Zur rechten Zeit säete er hunderterlei Früchte; er erforschte Sonne, Mond, Planeten und Sternbilder, des Wassers Wesen, der Erde Gesteine, Metalle und Edelsteine. Er strengte Ohr und Auge an, wandte fleißig Herz lind Kräfte an, bediente sich des Wassers und Feuers, der Schätze und Dinge, um das Volk zu belehren, und das Volk hatte Nutzen davon. Nach 100 Jahren starb er; das Volk fürchtete seinen Geist 100 Jahre; dann wandte das Volk seine Lehre noch 100 Jahre an, bis es damit wechselte; deshalb spricht man von den 300 Jahren Hwantis." Abstammung — Rassenmerkmale. Ihres ethnischen Ursprunges nach gehören die Chinesen zu der großen Völkerfamilie der Mongolen. Zur engeren Charakterisierung dieser ethnischen Stellung sei erwähnt, daß der mongolische Stamm in zwei Gruppen zerfällt: in Völker mit mehrsilbigen Sprachen und Völker mit einsilbigen Sprachen; zu den ersteren gehören die UraUer, Altaier, Japaner und Koreaner; zu den Völkern mit einsilbigen Sprachen zählen die Tibeter und HimalayaVölker, die Birmanen und Lohita-Völker, die Thaioder ^chan-Völker, die Anamiten und die Chinesen. Eine dritte, ungleich kleinere Gruppe bilden die isolierten Völker der hinterindischen Halbinsel. Im Chinesen ist der mongolische Rassentypus nicht mehr völlig rein erhalten, wobei jedoch nicht an Rassenkreuzung gedacht werden darf; denn das Gesetz, das dem Chinesen verbietet, eine Ehe mit einer weiblichen Person anderen Stammes einzugehen, ist uralt und besteht auch heute noch zu Recht. Offenbar haben klimatische Einflüsse, sowie die gesäurte kulturelle Entwickelung des chinesischen Volkes im Laufe der Jahrtausende in der typischen Erscheinung des Chinesen jene vom mongolischen Urtypus abweichenden Rasseumerkmale zur Folge gehabt, ohne daß übrigens diese Differenzierung zu weit ginge. Denn der Hauptsache nach ist der Chinese eine Erscheinung von unverkennbarem mongolischen Habitus: die mittelgroße, zur Beleibtheit geneigte Gestalt, die vorstehenden Backenknochen, die kleine, etwas eingedrückte Nase, vor allem aber die schiefgeschlitzten Augenlider, das untrüglichste Kennzeichen der mongolischen Rasse. Als hervortretende Merkmale an der äußeren Erscheinung des Chinesen haben ferner zu gelten: das schlichte, grobe, schwarzglänzende Haar; der Mangel eines eigentlichen Bartwuchses, da sich derselbe nur auf den Schnurrbart und einem schüchternen Anflug am Kinn beschränkt; die gelbliche, mitunter einen Stich ins Bräunliche zeigende Hautfarbe, sowie die auffallend kleinen, immer tiefschwarzen Augen. Die Frauen zeigen die gleichen Rassenmerkmale wie die Männer, nur ist bei ihnen die Hautfarbe um eine Nüance heller, was auf die znrückgezogene Lebensweise, den Mangel an Beschäftigung in freier Luft u. bergl. zurückzuführen ist. Im allgemeinen sind die chinesischen Frauen zierlich und init einer natürlichen Anmut bedacht, die über manches Unschöne an ihrem Habitus hinwegtänscht. Auf dem runden, glatten Gesicht mit der auffällig kleinen Nase liegt nicht selten ein schelmischer Zug, der aber bei weitem nicht jenen pikanten Reiz hat, wie bei den blutsverwandten Japanerinnen. Eine Besonderheit ist die chinesische Haartracht, die übrigens nur bei den Männern zntrifft. Entgegen dem Vorgänge bei allen anderen Völkern der Erde, schert der Chinese das Haupthaar bis auf die Stelle auf dem Scheitel, von dem aus es sich frei entwickelt und zu einem Zopfe gedreht wird. Übrigens ist diese Sitte nicht chinesischen, sondern mandschurischen Ursprunges und fand erst mit der Eroberung Chinas durch die Mandschu Eingang. Bei den Chinesinnen ist in Bezug auf die Haartracht scharf zwischen Mädchen und Frauen zu unterscheiden; die ersteren tragen nämlich das Haar bis zu ihrer Verheiratung gelöst, frei herabwallend, während die Frauen es in einen Knoten schlingen und mit langen Holznadeln festmachen. Eine Besonderheit am Äußeren der chinesischen Frauen sind die verkrüppelten Füße, auf die wir in einem späteren Abschnitte noch zurückkommen. Die Lebensweise des chinesischen Volkes. Die Eroberung des Landes durch die Einwanderung der Chinesen brachte es mit sich, daß der Boden kein Freieigentum war. Gleichwohl befanden sich die Bauern nicht in der Stellung rechtloser Sklaven; die Weisheit der Eroberer ließ ihnen die persönliche Freiheit und verwendete sie als Pächter. Das patriarchalische VerBettler. sich davon zu überzeugen, daß alles in guter Ordnung sich befinde. Vasallen, deren Provinzen sich in blühendeni Zustande befanden, wurden befördert, jene, welche ihre hältnis zwischen Kaiser und Volk brachte es mit sich, daß elfterer jederzeit wie ein Vater für seine Kinder sorgte. In keiner anderen Staatengeschichte findet sich die Einrichtung, daß ein Herrscher für den Fall, daß seine Söhne mißraten waren, alsNachfolger irgend einen befähigten hochgestellten Beamten erwählte. Erst mit der Begründung der ersten Dynastie Hyao durch Ki trat die Erbfolge in Kraft. Trotzdem blieb der uralte Grundsatz fortbestehen, daß das Volk nicht des Kaisers, sondern der Kaiser des Volkes wegen da sei. Daher war es in alter Zeit Sitte, daß der Herrscher alle fünf Jahre ausgedehnte Reisen unternahm, um Pflichten vernachlässigt hatten, abgesetzt oder in die Grenzprovinzen verwiesen. In den vier Jahren, während der Kaiser nicht reiste, wußten die Vasallen bei Hof erscheinen, bei welcherGelegenheit das Staatsoberhaupt großen Prunk und Macht entfaltete, um den Fürsten ihre Abhängigkeit zu Gemüte zu führen. Diese Vorstellungen bei Hofe waren überdies eine Art Hochschule für Höflichkeit und feine Sitte. Bevor die Vasallen entlassen wurden, erhielten sie den Kalender für das kommende Jahr und bestimmte Weisungen bezüglich der Abgaben und der eiuzuhebenden Tribute. Die Fürsten wurden auch verhalten, sich gegenseitig zu besuchen, die Höflichkeit zu üben und gute Freundschaft zu halten; es wurde ihnen nahegelegt, den Reichtunl gering zu schätzen, dagegen den Segen der Arbeit hoch zu halten. Nur auf diese Weise könne im guten Sinne auf das Volk eingewirkt werden... Lehren, wie geschaffen für einen idealen Staat. Jahrtausende hindurch währte dieser patriarchalische Zustand in China, und er besteht auch heute noch, wenigstens in den Anschauungen des Volkes. Dieses sieht in seinem Kaiser nicht einen Fürsten von Gottes Gnaden, sondern seinen Vater, dem das Wohl des Landes am Herzen gelegen istDeshalb kennt der Chinese kein dynastisches Gefühl, und ebensowenig ist ihm der Begriff des Patriotiswus geläufig. Der erstere Umstand läßt es erklärlich erscheinen, weshalb die Dynastien so häufig wechseln konnten, ohne schwere politische Erschütterungen im Gefolge zu haben. Von Politik weiß ja der Chinese überhaupt nichts; er kennt nur das Herkommen, und es übersteigt sein Fassungsvermögen, daß irgend welche Neuerungen zum Wohle von Einrichtungen sein könnten, deren Zweckmäßigkeit sich durch Jahrtausende bewährt hat. Da der Staat im Großen und Ganzen den gleichen Anschauungen huldigt — und dies liegt im patriarchalischen System — so erklären sich die vielartigen Konfliktsmomente, welche der internationale Verkehr mit sich bringt und weshalb der chinesische Staat, sowie das Volk sich hartnäckig der Fremdeuinvasion und den vermeintlichen Segnungen der Postulate westländischer Civilisation zu erwehren bemühte und noch immer bemüht. Nichts bringt den Chinesen mehr in Erstaunen, als die Zumutung, sich für Dinge zu interessieren, die ihm fremd sind und seine uralten Überlieferungen durchkreuzen. Die Zauberformel, welche ihm die Kraft verleiht, allen Versuchen, ihn aus dem Bannkreise der uralten Traditionen herauszureißen, ist der "Fengschui". Wie das meiste am geistigen Chinesentum, ist auch dieses Wort ein Abstraktum. Es ist nicht einmal ein festumrissener Begriff, denn wörtlich übersetzt bedeutet es "Wind-Wasser"... Was soll man mit einem solchen Worte beginnen und welche Bedeutung hat es? Bald wird es als ein System von Geomantie bezeichnet, vermittelst welchem es möglich ist, günstige oder ungünstige Zeichen für örtliche Verhältnisse festzustellen; bald ist es das geheimnisvolle "Etwas", in welchem der Geist des aktiven und passiven Widerstandes gegen alles Fremde waltet; bald beeinflußt der Fengschui das Wohlergehen des Hauses, der Familie, einer Stadt, des ganzen Volkes. Ein unfaßbarer, unsichtbarer Geist, wie der Wind, den Händen entschlüpfend wieWasser. Und dennoch ist der Fengschui eine ungeheure Macht, das Schlagwort für Kampf und Vergeltung; er ist ebensosehr Fatalismus, als eiserner Wille, der allgegenwärtige Feuerhauch, welcher die Massen entflammt, das geheimnisvolle Mittel zum Zweck. Um das Rätselhafte an diesenr möglichst drastisch zu kennzeichnen, sei erwähnt, daß man im heutigen China einerseits an das Wunder Gelehrter. des Fengschui glaubt, anderseits darüber spottet. Das Wort ist allgemein im Gebrauch, aber im Grunde weiß niemand, welche Bewandtnis es damit hat. Gewiß ist, daß der fatalistische Glaube an den Fengschui, insofern er mit dem Wesen der Geomantie identisch ist, bislang die Ursache war, daß die Chinesen sich der Einführung solcher Neuerungen hartnäckig widersetzten, die — wie beispielsweise Eisenbahnen und Telegraph — störend in das geheimnisvolle System eingreifen, welches in den verwickelten Kombinationen zwischen Örtlichkeiten (Gräbern, Häusern, Ortschaften, Hügeln, Bergen u. s. w.) und den Schicksalen einer Gemeinde, einer Familie oder eines einzelnen Individuums besteht. Geistesanlagen und Charakter der Chinesen spiegeln sich, wie bei jedem anderen Volke der Welt, zunächst wohl in allen Dingen ab, welche die Grundlage der eigenartigen Kultur dieses Volkes bilden, doch genügt dieser Sachverhalt allein nicht, um sich über gewisse Eigenschaften und psychische Erscheinungen klar zu werden. In erster Linie entscheidend für chinesisches Wesen ist der mongolische Grundcharakter: Kindlichkeit, Naivität, Sanftmut. Das Aggressive, Impulsive fehlt diesem Volke gänzlich. Heldengestalten, große Männer der That, sind äußerst dünn gesäet. Man hat vom Chinesen gesagt, daß er der Utilitarier xaf e^o^v sei. stammte Phlegma durchbricht, hat man es sicher nur mit mehr oder weniger stimulierenden Ursachen rein praktischer Natur gu thun. Eine geschichtliche Angelegenheit, ein Familienereignis, ein die gewohnte Lhätigkeit in irgend einer Form störender Zwischenfall können den Chinesen wohl vorübergehend in ErHaiidwerker. In der That ist der Grundzug seines Wesens ein an völlige Entäußerung grenzender Sinn für das Praktische, Nützliche, absolut Notwendige. Sich für Dinge zu interessieren, welche außerhalb der täglichen Lebensbedürfnisse stehen, hält der Chinese für die denkbar größte Thorheit. Deshalb fehlt ihm jeder Sinn für das Ideale; sein Leben ist vielmehr sozusagen nach innen gekehrt, woraus sich eine gewisse Vertiefung in das Einheimische, in das Herkommen erklärt, was anderseits zur Folge hat, daß dem Sohne des Reiches der Mitte alles Fremdländische im Grunde seiner Seele verhaßt ist. Dieses Jnsichkonzentrieren benimmt dem Chinesen jede Initiative und prägt seinem Thun und Lassen jene sprichwörtlich gewordene Nüchternheit ans, welche das hervorragend Typische am chinesischen Charakter ist. Geistige Regsamkeit läßt sich bei solcher Sachlage naturgemäß nicht erwarten. Wo sie mitunter das angeregung versetzen, aber andauern wird dieser Zustand niemals. Daß im Hinblick auf eine Kultur, welche seit undenklichen Zeiten im Zustande der Stagnation sich befindet, geistige Fähigkeiten sich nur schwer entwickeln können, liegt ans der Hand. Der chinesischen Wissenschaft fehlt das belebende Element des Fortschrittes, der Entwickelung; daher tritt auch auf diesem Gebiete die weiter oben berührte Eigentümlichkeit des Versenkens aller geistigenThätigkeit in das Einheimische, Hergebrachte hervor. Das, was man bei uns "vergleichende"Wissenschaft nennt, ist in China undenkbar. Der bezopfte Mann der Wissenschaft lehnt alle fremdländische Gelehrsamkeit ab. Ähnlich verhält es sich mit der Kunst. Da aber diese (als Kunstgewerbe) in die Lebensbedürfnisse des Volkes eingreift, findet sie ausgedehntere Pflege, allerdings mit der Beschränkung, daß jeder nur jene Kunst ausübt, welche seinen Bedürfnissen entspricht, was übrigens auch außerhalb Chinas vorkommt. Was China an eigenartigen Erfindungen aufzuweisen hat, ist uralt und niemals bereichert worden. Es steht unverrückbar fest, wie die chinesische Mauer, wie die gesamte Kultur, wie das in seinem Grnndwesen unwandelbare Volk. Faßt man alles Gesagte zusammen, so kommt man zu dem Schlüsse, daß die Chinesen ein schwer arbeitendes, nüchternes, dabei im Großen und Ganzen glückliches die chinesischen Leser reichliches Material für ihre Neigung, Dinge, die nicht bestehen, zu erfinden und der Phantasie schrankenlosen Spielraum zn gewähren. Wie jeder professionelle Lügner, weiß der Chinese heute nicht mehr, was er gestern gesagt hat, er wird an sich selbst irre und glaubt schließlich an seine eigenen Lügen. Immerhin hat es den Anschein, daß in diesem Thun weniger eine bewußte Handlungsweise unlauterer Natur Ausdruck findet, sondern nur der Niederschlag jenes wundersamen Gegensatzes zwischen Nüchternheit, nnu-rernes, oavei nn Großen uno Ganzen gincliicpes jene».'  Volk sind, das eine Mittelstufe zwischen dem Reichtum Ehrlichkeit und praktischer Lebensweisheit und dem wirren, und der Kultur einerseits, dein Laster und der Armut abergläubischen Dämonenspuk und dem spnntististyen des Westens anderseits einnimmt. Daraiis erklärt sich ^ ^en am Statt auch die eigentümliche Erscheinung, daß China keine Nationalspiele besitzt; Sportvergnügungen siiid eine völlig unbekannte Sache, und selbst das Spazierengehen verachtet der Chinese als Ausdruck des Müßigganges. Daß die Chinesen unsere Tänze grimmig verspotten, ist eine allbekannte Thatsache. Gymnastik wird nur von Kulis, Pferdeknechten und überhaupt von Leuten, die physisch schwer zu arbeiten haben, getrieben. Eine unserer sportmäßigen Fechtakademien würde ein Ehiuese für eine Versammlung von Gauklern ansehen. Freilich ist es für den Sohn des Reiches der Mitte mit seinen 5 am langen Fingernägeln, deren jeder durch einen zierlichen silbernen Fingerhut geschützt ist, unmöglich, zu turnen oder zu fechten. Aber selbst dann, wenn dieses Hinderuis nicht vorhanden wäre, fände sich kein gebildeter Chinese, der sich zu Zerstreuungen hergäbe, die seiner Würde Abbruch thun könnten. Es fällt auf, daß ein im allgemeinen so nüchtern veranlagtes Volk schrankenlos dem Aberglauben ergeben ist. In gewisser verwandtschaftlicher Beziehung damit steht die in China so hochentwickelte Manie des Lügens. Kenner der Chinesen nennen dieselben "eine Nation von Lügnern". Die Chinesen lügen instinktiv; sie lügen aus Nachahmung, aus Bedürfnis; sie lügen überhaupt lieber als sie die Wahrheit sprechen. Selbst die Litteratur ist dieser Pest nicht entgangen, denn die chinesischen Reisewerke enthalten größtenteils Lügen, und aus der so sehr verbreiteten Romanlitteratur schöpfen Wunderwesen, das sich im chinesischen Leben auf Schritt und Tritt geltend macht, zu suchen ist. Wer solchen grotesken Dingen anhängt, ist dem Abenteuerlichen und Unmöglichen gewiß im höchsten Maße zugänglich. Diese ausschweifende Phantasie muß bei dem nüchternsten Volke der Welt besonders auffallen, umsomehr, als hier Störungen der geistigen Funktionen zn den größten Seltenheiten gehören. Geisteskrankheiten sind in China so gut wie unbekannt. Wahnsinn wird nur dann, und zwar von seiten der Richter vorgespiegelt, wenn es sich darum handelt, einen angeklagten Funktionär von schweren Strafen, einer zumeist grausamen Tortur, zu retten. Man darf indes nicht verschweigen, daß gerade die peinlichen Gerichtsprozeduren im Abendlande ungeheuer übertrieben worden sind. Die Gesetzvorschriften bieten dem Richter den weitgehendsten Spielraum bezüglich der Anwendung der Strafen und spielt das "Salomonische Urteil" eine große Rolle. Die Freiheit der Rechtsprechung bringt es mit sich, daß die Wächter des Gesetzes meist summarisch verfahren und sich mehr ans ihre in der That erstaunliche Menschenkenntnis, als ans den toten Paragraphen verlassen. Ein Übel freilich ist, daß es eilten Zeugeneid nicht gießt und der Indizienbeweis meistens entscheidend ist. Auch spielt die Geldgier der Amtspersonen überall als Korrektiv mit, so daß durch Bestechung alles zn erreichen ist. Schließlich darf man auch nicht übersehen, daß der Patriarchismus nichts als Autoritäten geschaffen hat, welchen sich der Chinese Landbewohner willenlos, mit gänzlicher Entäußerung seines Ich, unterwirft. Außer dem Kaiser, dem Vater der Väter, gängelt ein zahlloses Heer von Beamten die Geschicke des Volkes, und jeder Vorgesetzte ist gewissermaßen auch ein Vater seiner Untergebenen, so daß der Chinese vor lauter Vätern und Autoritäten sich in alles fügt, ja aus Pietät gegen die Autorität den Gesetzen und Einrichtungen seines Landes, die ja auf dem Althergebrachten fußen, eine tiefe Ehrfurcht entgegenbringt. Daraus erklärt sich zugleich der starre Konservatismus, der Widerstand gegen Reformen irgend welcher Art nach westländischem Muster, die Verachtung und der Haß, welche Hoch und Niedrig den Bestrebungen der christlichen Missionäre entgegenbringen, deren Wirken den Chinesen unverständlich ist, wie die abendländische Wissenschaft, Gesittung und Kultur. Der starre Buchstabenglaube, verbunden mit einem schrankenlosen Fatalismus, die Gleichgültigkeit gegenüber allem, was über die Bedürfnisse des Lebens hinausgeht, also auch gegenüber dem Tod, dem Jenseits, dem ewigen Leben: das alles erklärt die Zähigkeit, mit welcher der Chinese an seinem Volkstum und was damit zusammenhängt, hält. Er kennt und schätzt seine uralte Kultur, die er keiner anderen untergeordnet wissen will. Damit ist alles gesagt. Trotz alledem müssen die öffentlichen Zustände und die Handhabung der Gesetze als schlecht bezeichnet werden. Nirgends bestehen so viele geheime Gesellschaften, nirgend sonstwo sind Piraterie, Räuberunwesen und Bettel so entwickelt wie in China. Welche Macht die geheimen Gesellschaften erringen können, hat man seiner Zeit (1844) mit den Taipings (Gottesverehrern), und neuerdings mit den sogenannten Boxern erfahren. Ein wahres Nationalgebrechen ist die Spi eile idenschaft. Sie ist nirgend sonstwo auf Erden in gleichem INaße entwickelt, wie in China. Selbstverständlich ist hier nur an das Hazardspiel — den "Gamble" — gedacht. Es wird von jedermann, vornehmlich aber von den unteren^ Schichten der städtischen Bevölkerung, gespielt. Der Spielvorgang ist der folgende: Eine große Menge von Münzen wird ungezählt auf dem Tische aufgehäuft; einer der Bankhalter beginnt nun mittelst eines elfenbeinernen Stäbchens immer vier Stück der Münzen wegzuschreben. Er fährt damit so lauge fort, bis ein durch we Zahl 4 mcht mehr teilbarer Rest übrig bleibt. Auf diesen Rest ist das Spiel gegründet. Es 'können nämich 1, 2, s und 0 (4) Münzen Zurückbleiben. Der Spieler setzt somit auf die Chancen dieser Zahlen; bleibt die von chm besetzte Zahl als Rest, so erhält er als ewinn den einfachen Einsatz. Es werden auch Kombinationen zugelassen; so kann auf 1 und 3, 2 und 4 geletzt werden, und gewinnt man dann den halben Einsatz. Mongolen, Tibeter und Miaotse. Außer den eigentlichen Chinesen und den sie be)err; )en en Mandschu kommen in dem ausgedehnten Reiche noch drei weitere Völker in Betracht: Die Mongo en, die ^.ibeter und die Miaotse. Die ersteren zwar riegerisch und brutal, im ganzen jedoch ein Phlegmass )ev Nomadenvolk, bewohnen die Mongolei, ein )C ic von 3,8 Millionen Quadratkilometer, also von einem Drittel des Flächenraumes von Europa. Sie zerfallen in zwei Abteilungen: Die Kalla-Mongolen im Norden der Wüste Gobi, und die Schara-Mongolen im Süden bis gegen Tibet. Auch die Mongolen haben eine Patriarchalische Gesellschaftsordnung, und sie gleichen auch sonst in allem und jedem den Chinesen, mit der einzigen Ausnahme, daß der Mongole vorwiegend Viehzüchter ist. Die Miaotse sind die Urbewohner der südlichen Provinzen Szetschuan, Kweitschau, Hünan, Hupe, •Dünnem, Kwangsi und Teilen der Provinz Kuangtung. Ethnisch gehören sie zn den Schan-Völkern Hinterindiens (Siamesen). Sie haben den Ruf guter Ackerbauer und tüchtiger Viehzüchter. Ihre Feldarbeiter sind fahr emsig und großer Anstrengungen fähig. Im allgemeinen sind die sozialen Verhälltnisse unter den Miaotse mcht so erstarrt in alten Traditionen, wie bei den Chinesen, und wird der Individualismus nicht so sehr unterdrückt, wie bei jenen. Die Tibeter gehören der großen mongolischen Rasse au, doch unterscheiden sie sich in vielen Merkmalen, und zwar zu ihrem Vorteile, von ihren Brüdern, den eigeutiichen Mongolen und den Chinesen. Frank und frei in ^öort und Thal, in allem, was nicht mit der Religion ftu Zusammenhänge steht, generös im Umgänge und "u Handel mit den betrügerischen Chinesen, ziehen sie leider immer den kürzeren, wenn sic mit jenen verkehren. Sie sind als tapfere Krieger bei ihren Nachbarn gefürchlet, ihr Mut artet aber nie in Grausamkeit aus. Die Männer lieben gymnastische Übungen und sind außergewöhnlich gute Reiter. Gesellschaftlich bewegen sich die Wibeter viel freier als die Chinesen. Ihre Heimat ist bas gewaltige, zwischen dein Himalaya und dem Kwen-Lün gelegene Hochland, das zugleich der Hauptsitz des nördlichen Buddhismus (Lamaismus) ist. Zahlreiche Mönche Üftteu in den einsamen und ertragsarmen Thälern eine Existenz voll ernster Beschaulichkeit und Askese. Durch bie in Eis und Schnee begrabenen Hochgebirge, sowie durch unzugängliche Wüsten sind die Tibeter von der Außenwelt vollständig abgeschlossen. Die Mandschu. Was schließlich die in China herrschende Rasse, die Mandschu, anbetrifft, gehören sie zu der Völkergruppe der Altaier, und zwar zum tungusischen Zweig. Die Mandschu brachen unter ihrem Führer Schun um die Mitte des 17. Jahrhunderts vom Amur her in das eigentliche China ein und zwangen dessen Bewohner unter ihre Herrschaft (1644). Der genannte Häuptling nahm den Kaisertitel an und machte Peking zur Hauptlladt des neuen Reiches. Die von ihm begründete TsiugD Ynastie ist die noch jetzt herrschende. Die Mandschu der Eroberung waren ein kräftiges, tapferes, mit großer Energie begabtes Kriegsvolk, Eigenschaften, welche den Nachkommen verloren gingen, nachdem das Chinesentum um Hofe zu prävalisieren begann. Kürschner. China 7. Chinesisches Brautpaar. Die Stände. Die Gesellschaft in China teilt sich in zwei Klassen: in die Beamten und Nicht-Beamten. Im Grunde genommen übt die Beamten Hierarchie die volle Macht aus. Die Staatsbürger Chinas zerfallen in 4 Stände: Die Gelehrten, Handwerker, Ackerbauer und Kaufleute. Als außerhalb der Staatsbürger oder des "ehrlichen Volkes" stehend gelten Henker, Dienstboten, öffentliche Mädchen, Schauspieler und Vagabunden, d. i. Personen, die kein ständiges Heim haben. Der Gelehrtenstaud bildet gewissermaßen den Adel Chinas und findet keinerlei Beschränkung, da jedem Staatsbürger die Litteratenlaufbahn freigegeben ist. Reichtum verleiht innerhalb der Gesellschaft kein Ansehen und ist für diejenigen, die ihn repräsentieren, eine unversiegliche Quelle von Vexationcn seitens der Behörden und berufsmäßigen Erpresser. Vom sozialen Gesichtspunkte liegt in diesem Sachverhalt der Vorteil, daß die Sucht vom Glücke bevorzugter Personen, Rcichtümer zu sammeln, in China weniger scharf hervortritt, als anderwärts, wodurch eine gleichmäßigere Verteilung des Besitzes platzgreift. Im Vereine mit dem Mangel einer auf Geburt oder Reichtum basierten Kaste haben die Achtung vor dem persönlichen Verdienste, die jedem Staatsbürger gebotene Möglichkeit, seinen Wert einzusetzen und die Mißachtung des Reichtums, ganz wesentlich zur Festigung des chinesischen Staatsgebäudes beimit seiner Hand, was ihm kein anderer Mensch nachzuahmen vermöchte. So hervorragend indes die Leistungen der chinesischen Industrie sind, muß gleichwohl hervorgehoben werden, daß die Blütezeit derselben längst vorüber ist. Manche Fabrikationsgeheimnisse sind spurlos verschwungetragen und dasselbe in den Stürmen, welche dasselbe heimgesucht, unversehrt erhalten. In diesem Sinne fehlt daher der chinesischen Gesellschaft der Geburtsadcl nach herkömmlichem Begriff, denn die Prinzen bilden keine eigentliche Kaste, da sie lediglich dem Hofstaate angehören und keinen graduierten Rang bekleiden. Den zweiten Stand bilden die Ackerbauer, deu Kern des Gesamtvvlkes. Der Chinese ist der Ackerbauer an sich. Jeder Fleck Landes ist bebaut; Weideland kommt bei der beschränkten Benutzung von Rind und Pferd kaum in Betracht, und zu Begräbnisplätzen werden nur steinige oder unfruchtbare Landstriche benutzt. Neben dem Ackerbau sind besonders die Seidenzucht und der Baumwollenbau hervorzuhebeu, deren Produkte dem Chinesen den Flachs und das Leder ersetzen. Den dritten Stand bilden die Handwerker. An Stelle einer Industrie im westländischen Sinne vertritt dieser Stand die vielen, blühenden Zweige chinesischen Geiverbfleißes, der seit Jahrhunderten auf einer hohen Stufe der Entwickelung steht. Die Verarbeitung der Seide, die Fabrikation des Porzellans, des Papiers u. s. w. reichen in das graue Altertum zurück. Hierbei muß überraschen, daß die Produkte chinesischen Gewerbfleißes schon frühzeitig bei den westlichen Völkern bekannt waren. In einer arabischen Chronik des 9. Jahrhunderts heißt es, daß die Chinesen zu denjenigen Geschöpfen Gottes zählten, welche die größte Handfertigkeit besäßen. Sie würden in dieser Hinsicht von keinem anderen Volke übertroffen. In China mache ein Mensch den, was zur Folge hat, daß vielerlei Erzeugnisse früherer Zeit außerordentlich hoch im Preise stehen. Dies ist auch der Grund, weshalb der Handel mit Antiguitäten in China außerordentlich schwunghaft betrieben wird. Die Seidenindustrie zeigt eine Vollendung (geblümter Atlav und Crepes), die bis auf den Tag unübertroffen blieb. Bekannt sind auch die dauerhaften und lebhaften Farben, die feinen Tuschen, Papiere und andere Artikel, deren^ Herstellung zugleich Geduld, Geschicklichkeit und Sorgfalt erfordert. Bei alle dem überrascht nichts mehr, als die außergewöhnliche Billigkeit gewisser Erzeugnisse, deren Verfertigung zumeist einen großen Zeitaufwand erfordert. Dieser Sachverhalt ist das Resultat der gesellschaftlichen Zustände Chinas, die sich durch die vielen Jahrhunderte, unter der Einwirkung einer hochgesteigerten Konkurrenz bei thätigstem Gewerbflciße befestigte. Die Vermittler dieser reichen gewerblichenThätigkeit, die Kaufleute, bilden in China den vierten Stand. Sie sind in Gilden vereinigt, welche auf der Basis autonomer Rechte darüber wachen, daß der Geschäftsmoral kein Abbruch geschehe. Diese Einrichtung verhindert jedoch nicht, daß der chinesische Kaufmann außerhalb des Ringes, dem er angehört, in virtuoser Weise seinen Vorteil zu wahren versteht und demgemäß zu den geriebensten Geschäftsleuten der Welt zählt. Der Schachergeist ist bei dem Chinesen gewissermaßen ein Naturtrieb, den er mit auf die Welt bringt. Ein Kenner des chinesischen Volkes (Huch sagt: "Der erste Gegenstand, welcher das Kind reizt, ist die Münze; sprechen lernen und zählen lernen, sind dem Kinde gleichbedeutend. Sobald der Knabe den Pinsel halten kann, fängt er an, Zahlen zu schreiben, und sobald er sprechen und laufen kann, treibt er auch sogleich Handel, er kauft und verkauft. Wer in China einem Kinde den Auftrag giebt, etwas einzukaufen, darf dabei ganz getrost sein, denn das Kind läßt sich nicht betrügen. Selbst die Spiele der Kleinen sind von diesem Handelsgeiste durchsickert. Die Kinder halten offene Bude oder ein Pfandhaus und eignen sich frühzeitig die Handelsund Schacherausdrücke an.. ." Es trifft sich sehr häufig, daß die für gewöhnlich so phlegmatischen und vornehm-ruhigen Chinesen wie ein Schwarm alter Weiber außerordentlich lebhaft durcheinanderschwatzen. Man möchte meinen, daß es sich um hochwichtige Ereignisse handelt; belauscht mau aber das Gespräch, so wird man finden, daß es sich um Geld, wieder um Geld und zum drittenmal um Geld handelt. Liebe und Ehe. Wenn es schon im allgemeinen schwierig ist, sich tn das chinesische Wesen derart eiuzulebeu, um dessen Absonderlichkeiten einigermaßen verstehen zu lernen, um wievielmehr muß dieser Umstand in Dingen sich gellend machen, welche ihrer Natnr nach tief in der Seele ruhen und sonach der äußerlichen Beobachtung sich entziehen. Tie Nüchternheit des chinesischen Wesens würde von vornherein zu der Annahme berechtigen, daß dasselbe dem Liebeslebeu nach abendländischem Zuschnitte unzugänglich sei. In der Thal bietet die überaus reichhaltige belletristische Litteratur keinen Anhaltspunkt hierfür. Es 01 indes möglich, daß in den Romanen und Novellen alle seelischen Regungen absichtlich übergangen werden, von dem Bestreben geleitet, dem weiblichen Geschlechte felbst im Gewände der Dichtung keinerlei Konzessionen ru Bezug auf gewisse geistige und seelische Einflüsse zu machen. Da ist es nun merkwürdig zu sehen, daß die ältere und älteste Volkspoesie Chinas Töne anschlägt, welche dem "Ewig-Weiblichen" Geltung verschaffen, und die gewissermaßen versöhnend und läuternd durch die Wirrnis und durch das Dunkel der Existenz des Weibes klingen. Das rein Menschliche ist eben keinem Volke der Erde — vom rohen Wilden, der halb instinktiv handelt, abgesehen — fremd. Die chinesischen Liebeslieder sind naiv und kindlich, altertümlich, einfach, häufig zart und zierlich. Sind diese Herzensergüsse auch nicht der heutigen Generation entsprungen, indem sie ein ganz respektables Alter aufweisen, so gestatten sie gleichwohl einen Einblick in die Art poetischen Fühleus im chinesischen Volke. Die "Heiligkeit" mancher dieser Lieder will uns allerdings nicht einleuchten. In einem "Liebesgaben" überschriebenen Gedichte heißt es: Wie ist mein Mädchen lieb und hold! bsat mich bestellt an diesen Vrt, Ins Winkelchen der Mauer dort. Sie gab ein duftig Veilchen inir, Das sie im Feld für mich gepflückt. Rein schöner Blümlein giebt es hier; Doch hat nur dies inich dran entzückt, Daß sie's gegeben und gepflückt. In überquellendem Liebesverlaugen singt die schlitzäugige Schöne: Der Mond geht auf und scheint so rein! Der Mann so edel, hold und fein! Ich breit' die Arme aus, ihn zu umschließen, Doch soll mein Herz in Sehnsucht mir zerfließen. LI' vornehme Chinesin. Allerdings geht es in einem anderen Falle dem Geliebten nicht besser, wie beispielsweise jenem Galan, der von sich sagt: Die Schwalbe fliegt bald hoch, bald tief: Der Freundin gab ich das Geleit weit, weit. Ich sah ihr nach; doch ach, sie war dahin, Und nun verzehrt der Gram mir Herz und Sinn. Überhaupt ist es auffällig, daß in allen diesen Liebesliedern der sentimentale Einschlag eine so große Rolle spielt. Ein Mädchen, das die Tugend ihres Geliebten Pehi preist und darüber trauert, daß er in den Krieg gezogen, fügt sich klagend in ihr Geschick: Seit pehi gen Gsten zog, Flattern mir nun wild die Locken, Wie von Blumen durch den Wind Fortgewehte Sonnenflocken. Mag es regnen! Endlich strahlt Doch die Sonne aus der Höhe. Sein gedenkend schmerzt mein Haupt, Aber Ruß ist solches Wehe. In einem Liede "Verkannte Liebe" heißt es: Darf ich denn mit dir nicht leben, Möcht' ich doch, wenn ich gestorben, Linst mit dir im Grabe liegen! Der "Frühlingslockung" wird wie folgt Ausdruck gegeben: Li» volles Wasser läuft gern über, Die Goldfasanin singt ihr Lied, wie sic den Goldfasanen sieht, Und singt ihm zu, o komm, mein Lieber! Der Lebenslauf einer chinesischen Frau ist bald erzählt. Ist sie aus vornehmem.Hause, dann haben die Kinderjahre für sie immerhin einigen Reiz. Trotz ber Öde, ivelche das Familienleben im Banne hält, fehlt es nicht an Zügen, die das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern in einem besseren Lichte erscheinen lassen, als man schlechtweg annehmen möchte. Während indessen der Sohn früh mit Gunstbezeugungen überhäuft wird, waltet und schaltet das Mädchen still und bescheiden im Heim, ein Abbild der schweigsamen und trauernden Mutter. Früh wird sie einem passenden Manne versprochen, und die eheliche Verbindung erfolgt häufig im zartesten Alter. Die Trauung sc er emo nie ist ungemein einfach. Braut und Bräutigam trinken gemeinsam aus einer Schale, wobei erstere in Gold und Seide gehüllt ist und auf einem Thronsessel sitzt. Der Tag der Trauung wird stets durch Stellung des Horoskops bestimmt. Der Hochzeitstag ist der einzige Tag im Leben eines iveiblichen Wesens, an welchem ihm in aller Form gehuldigt wird. Ist diese Huldigung vorüber, dann beginnt für die Frau eine Kette lebenslänglicher Demütigungen, ein Dasein voll Unterwürfigkeit und Selbstlosigkeit. Die Frau ist nicht die ebenbürtige Genossin, sondern eine gehorsame Dienerin des Gatten. An seinen Mahlzeiten hat sie keinen Anteil. Stirbt der Gatte, dann übt der älteste Sohn die Rechte des Hausvaters aus und die eigene Mutter muß sich dessen Anordnungen fügen. Auch kommt es vor, vornehmlich in den höheren Ständen, das; die Witwe durch Selbstmord dem verstorbenen Gatten freiwillig im Tode nachfolgt, gestützt ans den Glauben des Fortbestandes der Ehe im Jenseits. In China ist es Sitte, >vie bei uns, für Verstorbene eine bestimmte Zeit hindurch Trauerkleidung zu tragen; die Tranerfarbe ist weiß. Wiederverheiratung ist nur den Männern gestattet. Eine eigentümliche Gepflogenheit ist ferner, daß Eltern verschiedener Familien ihre erst zu gewürtigenden Nachkommen durch vorzeitige Ehegelöbnisse aneinander binden; oder daß Kinder mit noch nicht Geborenen verlobt werden. Nur selten wird der vornehmen Chinesin gestattet, Besuche zu empfangen, noch seltener, solche zu machen. Jeder Ausgang erfolgt in einer Sänfte, in welche sie wie ein Vogel in einen goldenen Käfig eingesperrt wird. Atan sieht in China freilich genug Frauen in den Gassen, aber das sind keine vornehmen Damen; diese dürfen sich nie öffentlich zeigen. Wenn die Orientalen moslemischen Glaubensbekenntnisses ihre Frauen einsperren und ihnen jeden Verkehr mit der Außenwelt untersagen, geschieht dies vornehmlich aus persönlichem Egoismus und Eifersucht. In China geschieht diese Absperrung auf Grund uralter Überlieferungen. Ein Europäer kann sich übrigens schwer vorstellen, wieso das Äußere einer Chinesin Anfechtungen Hervorrufen könne. Klein und unansehnlich von Gestalt, hat sie schmale Schultern, zwischen denen ein kugelrunder Kopf mit gelbem, meist kränklich aussehendem Gesicht sitzt. Die schiefgeschlitzten Augen sollen zwar manchem Gesicht einen pikanten Anstrich verleihen, doch ist daran nicht recht zu glauben. Ebensowenig anziehend ist die abenteuerliche Frisur, die in einem riesigen Knoten besteht. Den Kopfschmuck bilden zumeist zierliche Blumen aus Goldund Silberfäden mit eingelegten kleinen Vogelfedern. Im einzelnen reizend, verunstaltet doch dieser Schmuck durch die Form und durch Überladung das mit vorstehenden Backenknochen, kurzer, platter Nase und fleischigen Lippen ausgestattete Gesicht. Die Kleidung der Chinesin besteht aus einer Anzahl langer Seiden oder Baumwollröcke von grüner oder rosenroter Farbe, von welchen immer ein kürzeres über ein längeres angelegt wird. Eine Eigentümlichkeit am Äußeren der Chinesin sind die verkrüppelten Füße. Diese Mode, wenn man sie so nennen darf, ist uralt. Nach, chinesischer Überlieferung soll es sich damit wie folgt verhalten. Eine Prinzessin hätte derart Fuß einer Chinesin. whne Binde. 3,, der Binde. Heine psüße besessen, daß alle Welt sie darum beneidete. Die anderen Schönen wollten nun gleichfalls zu diesem körperlichen Vorteil gelangen, und begannen ihre Füße in Hüllen zu pressen, die immer kleiner gewählt wurden. Der Erfolg, obwohl gering, bestimmte später die Mütter, Schantung-Damenschuh. 105 Liebe und Lhe. 106 die Verkleinerungsprozedur an ihren Kindern im zarteIten Alter vorzunehmen, und daraus entwickelte sich diese abschreckende, systematisch betriebene Verkrüppelungsprozedur. Der Vorgang hierbei ist der folgende. Hat das Kind ein Alter zwischen vierzehn und achtzehn Monaten erreicht, so werden die Füße mit zwei Leinwandbinden umwickelt, und zwar derart, daß die vier Nebenzehcn unter die Sohle gebogen werden, die große Zehe aber frei bleibt. So kommen die "Goldenen Lilien", wie die Damenfüßchen in China genannt werden, zu stände. 2ie gewaltsame Prozedur, welche, bis sie beendet ist, Dinger und Dingerchen aus Lack, Schildpatt, Porzellan, Elfenbein, Perlmutter, Goldund Silberfiligran, deren sich die chinesischen Frauen bedienen, repräsentieren häufig einen großen Reichtum. In der That zeugt diese Pracht nicht nur von seltenem Kunstsinn, sondern auch von großem Gewerbfleiß. Daher hat sich im Laufe der Zeit manches Gerät aus den chinesischen Boudoirs in jene der Europäerinnen eingeschlichen. Unvergleichlich schön, duftig und zart >vie veritable Blüten sind die Bouquets aus Gold und Silberfiligran, welche die chinesischen Damen anstecken. Bekannt sind ferner die kunst Ahnenverehrung. (Der älteste Sohn der Familie verehrt seine Vorfahren am Familienaltar.) das Gehen unmöglich macht, ist die Ursache, daß die unteren Extremitäten der Muskelthätigkeit entbehren und die Waden sich schlecht entwickeln. Die Schuhe, meist nur 12 bis 15 em lang, bieten so wenig Raum, daß eine Europäerin, besäße sie eine noch so kleine Hand, die Faust nur mit Anstrengung in den Schuh zu zwängen vermöchte. Was am meisten in Erstaunen setzt, ist, daß die Chinesinnen trotz ihrer verkrüppelten Füße sich verhältnismäßig leicht von der Stelle bewegen und ohne Anstrengung dein beliebten Ballspiele sich hingeben können. Die Frauen der reichen und vornehmen Chiuesen sind immer von einem gewissen Luxus umgeben, und der Putz spielt eine große Rolle. Die prächtigen Kleiderstoffe, die reichen Goldstickereien, die unzähligen voll gearbeiteten Elfenbeinkugeln (oft ein Dutzend, eine im Hohlraum der anderen) als Fächeranhängsel, Broschen aus Elfenbeinund Perlmuschelschnitzerei, eingelegte Schmuckkassetten, Schminkbehälter, Agraffen, Coiffüreu aus künstlichen Blumen niit Gold und Silberspangen und zahlreiche andere ähnliche Sachen. Was den Charakter der Chinesinnen anbetrifft, sind wir hauptsächlich auf das einheimische Urteil angewiesen, sowie auf die volkstümlichen Sprichwörter, die sich auf die Frauen und ihre Eigenschaften und Gewohnheiten beziehen. In dieser Hinsicht vernehmen wir folgendes... "Man muß seine Frau anhören, inan darf ihr aber nicht glauben."... "Der Geist der Frauen ist wie Quecksilber, ihr Her; aber ist wie Wachs."... "wenn Männer beisammen sind, hören sie an einander; Mädchen und Frauen besehen einander."... "Das furchtsamste Mädchen hat Mut genug, üble Nachrede zu führen."... "Neugierige Frauen schlagen gerne die Augen nieder, um angesehen zu werden."... "Die Tugend üben ist die Wissenschaft der Männer, auf diese Wissenschaft verzichten, ist die Tugend der Frauen."... Wie überall in der Welt, so ist auch in China zweierlei, ob man das Weib aus dem Volke, oder jenes der höheren Stände vor Augen hat. Das erstere selbst weibliche Besuche finden eine sehr beschränkte Anwendung. Das Familienleben. Die Familie ruht in China völlig auf patriarchalischer Grundlage und bildet eine in sich abgeschlossene Welt. Was außerhalb der Familie vorgeht, interessiert den Chinesen wenig oder gar nicht. Der Staat ist eigentlich nichts anderes als eine große Familie, und die Familie ein kleiner Staat. Daraus ergeben sich VerhältLeichenzug eines Mandarinen in Tientsin. teilt des Lebens tägliche Sorge und Mühe mit dem Gatten, wird von der Arbeit niedergedrückt und hat wenig Lichtblicke in seinem kümmerlichen Dasein. In den höheren Ständen gilt der Grundsatz: "Weiber haben keine Seele", und danach werden die bedauernswerten Geschöpfe behandelt. Kein orientalischer Harem kennt eine strengere Klausur als das Heim eines vornehmen Chinesen. Zwar ist die Polygamie gesetzlich verboten, "Nebenfrauen" aber dürfen unbeanstandet ins Haus genommen werden. Dazu gesellen sich noch gewisse "historische" Rechte des Gatten, unter welchen eines eine hervorragende Rolle spielt, das Recht, die Gattin zu verkaufen oder an einen anderen Mann eine Zeit hindurch "vermieten" zu dürfen. In ihrem Heim genießt die Chinesin fast gar keine Abwechslung, denn msse, die nicht nur deni Volkstum, sondern auch dem einzelnen ein bestimmtes, charakteristisches Gepräge im Hinblicke auf seine sittlichen Grundsätze und seine ganze Lebensführung verleihen. Der Fluch der Lächerlichkeit, der in so vielen Dingen die Chinesen trifft, spiegelt sich sehr häufig in unseren eigenen krausen Lebensgewohnheiten wieder, für die man das bezeichnende Wort "Chinesereien" erfunden hat. Übrigens ist das Auffallende an allem Thun und Gehaben hier und dort die vollständige Gegensätzlichkeit aller herrschenden Anschauungen: in China ist Weiß die Trauerfarbe; dem Chinesen ist ein Europäer mit blondem Haar und vorspringender Nase, blauen Augen und lichtem Barte eine fremdartige Erscheinung, die er mit seinem Schönheitsideale nimmer in Einklang zu bringen vermag. Wenn der Chinese speist, beginnt er mit Näschereien und endet mit der Suppe; Ehrentitel sind nicht erblich, sondern werden vielmehr den Verstorbenen verliehen. Die Sorge der Kinder für die Eltern ist häufig größer als umgekehrt, und es kommt vor, baß Mädchen nicht heiraten, um ihre Eltern pflegen zu können. Dann erhalten diese nach ihrem Ableben Denkmäler aus Stein oder Holz und man verewigt ihre Tugenden in Inschriften. Dagegen wird es dem Chinesen nie einfallen, verdienstvollen Leuten aus ihrer Mitte nach ihrem Tode ein Monument zu setzen. Der Ehrenplatz im gesellschaftlichen Verkehr ist nicht jener zur Rechten, sondern zur Linken, —damit der Gast dem Herzen des Gastgebers oder Begleiters näher stehe. Das Zeichen der Bejahung ist ein Kopfschütteln, während er nrckt, wenn er etwas verneinen will. Bei Beurteilung des chinesischen Wesens darf man nie übersehen, daß die Gesellschaft, in welcher der Chinese noch immer auf denselben Grundlagen ruht, wie vor mehreren Jahrtausenden. Das chinesische Familienleben hat zweifellos seine Schattenseiten, doch weist es nuch manche Lichtpunkte auf. Bemerkenswert ist vor allem die große Ehrerbietung der Kinder gegen ^hre Eltern, und zwar in einem Grade, wie sie sonst unter keinem großen Volke der Erde zu verzeichnen ist. Der Sohn ist der gehorsame Diener seines Vaters; er widerspricht nie, vollführt alle Aufträge auf das genaueste und begleitet auf Gängen seinen Vater aus ehrerbietigste Rleise, indem er nicht neben, sondern hinter ihm schreitet. Dieser außerordentliche Respekt ist indes kein Produkt der Erziehung, sondern hängt mit dem sogenannten Ahnenkultus zusammen. Der Chinese glaubt nämlich, daß seine Vorfahren unter irgend einer Gestalt des Daseins beständig um ihn versammelt seien, an allen Geschäften und häuslichen Angelegenheiten teilnehmen und auch bestimmten Einfluß aus das Thun und Gehaben der Lebenden ausüben. Deshalb ist in jeder Wohnung irgend ein passender Raum — ein Zimmer, eine Kammer, bei Reichen eine besondere Kapelle — der nicht bewohnt wird, sondern völlig den Abgeschiedenen gewidmet ist. Ihre Anwesenheit in diesem Raume ist eine Sache unumstößlicher Überzeugung. Auf Tafeln, die an den Wänden hängen, stehen die Namen aller Vorfahren vom Gründer der Familie an, oder auch bloß der Name dieses letzteren. In dem Ahnenzimmer finden sich die Familienglieder ein, um ihre religiösen Gebräuche auszuüben, und diese Ceremonien sind die eigentlichen Kultusformen des Foismus. Der Chinese kennt keine Hierarchie und keinen öffentlichen Cult, ausgenommen die wenigen symbolischen Handlungen, die zu bestimmten Zeiten in den Tempeln stattfinden. Hand in Hand mit dem Ahnenkultus geht die Kaltblütigkeit gegenüber dem Tode und die große Gleichgültigkeit für alles, was mit demselben irgendwie zusammenhängt. Man faßt es beispielsweise als ein außergewöhnliches Zeichen der Pietät auf, wenn der Sohn seinem kranken Vater einen Sarg ins Zimmer stellt. Ja, noch mehr, der Sarg gilt als eine Art Luxusartikel und wird den Möbeln beigesellt. In allen chinesischen Magazinen, in welchen Hausgeräte feilgeboten werden, findet sich immer eine große Zahl von kunstvoll gearbeiteten, bemalten und geschnitzten Särgen, die man jedermann anpreist, und die auch jedermann kauft, wie etwa ein Bett oder einen Tisch. Ein schön gearbeiteter Sarg ist nicht selten der Stolz des Hausherrn. Da dem Chinesen das Ableben eine, wenigstens für seine Person, sehr gleichgültige Angelegenheit ist, betrachtet er mit Vorliebe das "Möbelstück", das einst seine Behausung bilden soll. Selbstverständlich setzt eine solche Auffassung notwendigerweise einen hochgradigen Fatalismus voraus. In der Thal giebt es ans der ganzen Erde kein zweites Volk, das dem Aberglauben so sehr ergeben wäre, wie das chinesische. Die Chinesen glauben, daß ihr Lebenslauf nach unabänderlichen Gesetzen bis in die kleinste Einzelheit vorherbestimmt sei, und schreiben selbst die gewöhnlichsten Naturereignisse überirdischen Ursachen und Wirkungen zu. Den Regen gießt der "Donnergott" herab, der jenseits der Wolken thront; der Regenbogen bildet sich durch den Atem einer ungeheueren Auster; Blitzschläge und Hagel werden als Heimsuchungen eines beleidigten und erzürnten Gottes angesehen. Hochgestellte und gelehrte Personen verabscheuen es nicht, beispielsweise aus Anlaß einer Überschwemmung vor der ersten besten des Weges kriechenden Wasserschlangc ins Knie zu fallen, um durch diese Demütigung von dem Gotte des Wassers die Verringerung des Elends zu erwirken, das eine solche Hochflut angerichtet hat. Einen solchen Akt erzählt ein englischer Konsulatsbeamter von dem mächtigen, in letzter Zeit vielgenannten früheren Vizekönig von Petschili, Li-Hung-tschang, also einem Manne, der die civilisierten Völker kennen gelernt hat und vermöge seiner Intelligenz sich einen weiten Gesichtskreis über das Wesen der Dinge verschafft hat. Der Aberglaube ist Chinas schlimmster Feind, ein Schatten, den nur das Licht der Wissenschaft und Volksaufklärung zu verscheuchen vermag. In allen Straßen der Städte wimmelt es von Wahrsagern, welche öffentlich ihre Geschäfte verrichten und gegen festgesetzte Tarife in geringerem oder größerem Umfange die von ihren Kunden an die Zukunft gestellten Fragen beantworten. Ein trübes Kapitel in der Geschichte der chinesischen Familie ist der Kindermord. Während die Geburt eines Knaben in der Familie große Freude hervorruft, erweckt jene eines Mädchens ganz entgegengesetzte Empfindungen. Daraus erklärt sich der im blumigen Reiche wie nirgend sonstwo grassierende Kindermord, der immer die Mädchen trifft und der im ärmeren Volke sich nachgerade zur Sitte ausgewachsen hat. Über einfache Kinderwegleguug macht man sich nicht die geringsten Skrupel. Der Staat, oder wenn man will, der "oberste Familienvater" (der Kaiser), der so sehr für das geistige Wohl der Kinder sorgt und zu diesem Ende sogar des Nachts die Schulen offen läßt, damit die unter Tage anderwärts beschäftigten Kleinen das Versäumte uachholen können, — dieser Staat verfügt über zahlreiche Findelhäuser, in welchen die ausgesetzten Mädchen ein Unterkommen finden. Neben dieser Unsitte läuft noch eine andere, der Kinderverkauf. Er ist gesetzlich gestattet, und werden die zum Verkauf astgebotenen Knaben gewöhnlich Diener in den Palästen der Reichen, Gehilfen bei Kaufleuten oder sie erlernen ein Handwerk. Der in Europa allgemein verbreitete Glaube, daß neugeborene Mädchen gleich den jungen Hunden und Katzen einfach ertränkt würden, beruht nur insofern aus Wahrheit, als es sich um mißratene Geschöpfe, vornehmlich weiblichen Geschlechts handelt. Übrigens nimmt man diese Angelegenheit nicht so leicht, wie es den Anschein haben könnte; Beweis dessen eine ältere Verordnung, welche der vormalige Kriminalrichter der Provinz Kuangtung erließ, um dieser Barbarei zu steuern. Der weise Mann des Gesetzes dekretierte folgendes: "Der Kriminalrichter von Kuangtung verbietet auf das strengste, kleine Mädchen auszusetzen. Dieser abscheuliche Brauch muß aufhören und man muß die Lebenspflichten erfüllen; er verstößt gegen die Sittlichkeit und stört die Harmonie des Himmels.".. Nachdem der besagte Kinderfreund sich ausführlich über das Verhältnis zwischen den Eltern und Kindern ausspricht, erklärt er zum Schlüsse, daß es für die meisten zwar eine schwere Sache sei, ihre Töchter an den Mann zu bringen, doch liege darin kein Grund, sich derselben zu entledigen. .. "Die beiden Mächte des Himmels und der Erde verbieten solch scheußliche Handlungen" u. s. w. Im allgemeinen dürfte wohl auch für die Chinesin der Allerweltsspruch Gültigkeit haben: "Homo suni, humani nihil a me alienum puto.“ Heiterkeit und Zufriedenheit unter dem weiblichen Geschlechte sind durchaus keine seltenen Erscheinungen. Wo es Arbeit giebt, wie in den Reisfeldern und Baumwollpslanzungen, entrollen sich jene Bilder voll Bewegung und Lebensfreudigkeit, die eine Eigentümlichkeit aller dichtbevölkerten Kulturländer sind. Mädchen in dunkelblauen Anzügen, die jugendlichen Gesichter von großen Strohhüten beschattet, sammeln die blendendweiße Wolle von den Stauden, die m schnurgeraden Reihen gepflanzt sind. Manches der Mädchen arbeitet mit völlig entblößtem Oberkörper, doch gebärden sie sich deshalb keineswegs scheu, wenn Fremde in ihre Nähe kommen. Überhaupt bewegen sich die Mädchen ziemlich frei und man kümmert sich wenig um ihr Thun und Lassen. Deshalb entschließen sich viele derselben, sich einem Manne außerehelich zu überantworten, und solche illegitime Verhältnisse gehören zum mindesten bei der "Goldenen Jugend" Chinas zum guten Tone. Besonders gesucht sind die Mädchen von Sutschou; sie stehen hoch im Preise und finden viele Bewerber unter den Söhnen vornehmer Familien. Das Heim. Die Wohnungen der Chinesen sind eigentlich nur vergrößerte und aus festem Material aufgeführte Zelte, woran vornehmlich die Bedachung erinnert. Die Häuser sind fast nie über ein Stockwerk hoch, haben sehr kleine Gelasse, deren Papierfenster nicht nach der Gasse, sondern nach den Höfen und Gärten sich öffnen. Jni Norden des Reiches werden sie durch große, pritschenförmige Öfen aus Lehm, auf welchen die ganze Familie schläft, geheizt. Schlechte Luft und beispiellose Unreinlichkeit gestalten einen solchen Wohnraum zur Hölle. Keineswegs aber nach der Auffassung der Chinesen, welche sich innerhalb ihrer vier Pfähle sehr wohl fühlen. Anders freilich verhält es sich, wie überall in der Welt, mit den Wohnungen der Reichen und Vornehmen. Sie sind mit einem gewissen, nach europäischen Begriffen fremdartigen und bizarren Luxus ausgestattet. Große Sorgfalt wird auf Garteuaulagen verwendet, welche neben Laubgängen und Kiosken auch Weiher und Teiche mit Goldfischen, große Volieren, in denen Pfaue, Goldfasane und Hühner untergebracht sind, anfweisen. Besonderer Aufwand wird mit prächtigen und kostspieligen Vasen gemacht, die man als Blumentöpfe für Jasmin und andere Gewächse benutzt. ist: für die Lebenden und für die Verstorbenen. Er ist nämlich immer den "Ahnen" geweiht. An der Wand hängt die erwähnte Tafel, und da und dort stehen BronzeKandelaber oder schöne Vasen zum Verbrennen der Opferkerzen und wohlriechenden Sachen. An Möbeln ist nicht viel vorhanden; das Hauptrequisit ist der "Kang", der erwähnte pritschenartige Ofen, der zugleich als Sofa und als Bett dient. Beliebt sind kleine, rotlackierte Hans eines Mandarinen in Peking. Aus diesem Garten gelangt man in den großen Empfangssaal, der von den eigentlichen Wohnräumen durch ein Gitter getrennt ist. Zur Seite des Saales liegen das Schlafgemach des Herrn, der Speisesaal und mitunter ein Badezimmer, obwohl der Chinese ein notorischer Feind des Waschwassers ist. Alle übrigen Gemächer befinden sich im ersten Stocke, der übrigens bei den meisten Häusern fehlt. Der reichste Staat wird selbstverständlich auf den großen Empfangssaal aufgewendet, der ein Zusammenkunftsort im zweifachen Sinne Kürschner, China I. Tischchen und niedrige Tabourets. Den Boden bedecken Matten und die Wände zieren Bilder, ans sogenanntem "Reispapier" gemalt, während auf Etageren jene zahlreichen Dinge chinesischen Gewerbfleißes stehen, die eigentlich gar keinem Zweck dienen, obwohl förmliche Industriezweige ihrer Erzeugung obliegen. Da in China die Frauen keine gesellschaftliche Rolle spielen, entbehrt das chinesische Heim nach europäischen Begriffen seines eigentlichen Anziehungspunktes, des intimen Reizes. Dadurch bekommt der Verkehr mit außerhalb der Familie stehenden Personen ein überaus nüchternes, auf peinlichem Formenwesen beruhendes Gepräge. Wer übrigens geneigt ist, nicht jede Convenienz als eine Lächerlichkeit aufzufassen, wird auch den chinesischen Formenkram milder beurteilen. Am Ende ist es ja immer dasselbe Ding, da und dort. Wenn es beispielsweise einem chinesischen Grandseigneur nicht paßt, einen Besuch zu empfangen, läßt er sich so gut verleugnen, wie der überlaufenste abendländische Minister. Jedem Besuche geht die Abgabe einer Visitenkarte voraus. Sie besteht aus einem Bogen rotfarbigen Papiers von verschiedenem Format (je nach Rang und Zweck) und enthält außer dem Namen noch etliche Begrüßungsformeln und — was beiläufig bemerkt, sehr praktisch ist — den Zweck des Besuches. Die Sitze im Empfangssaale stehen in zwei geraden Reihen. Der Eintretende macht eine Verbeugung nach der Seite des Hausherrn und zwar so tief, daß die ineinandergelegten ausgestreckten Hände den Boden berühren. In den Südprovinzen ist die Südseite die Respektseite, im Norden umgekehrt. Der Besuchende thut so, als wolle er den Ehrenplatz nicht einnehmen. Ist diese peinliche Frage erledigt, so vollführt der Gast so viele Verbeugungen, als Besucher anwesend sind. Dieselben Umständlichkeiten wiederholen sich beim Niedersetzen, wobei es zum guten Tone gehört, sich nach dem zweiten oder dritten Sessel zu drängen, um vom Hausherrn gewissermaßen gewaltsam zum ersten zurückgeführt zu werden. Ist dies geschehen, dann thnt der Hansherr, als wische er mit seinem Rockzipfel das Sitzbrett ab, worauf der Gast sofort das gleiche am Sessel des Herrn thun muß. Dem Niedersetzen geht übrigens noch eine ceremoniöse Verbeugung vor dem Stuhle voraus. Man wird zugeben, daß die bezopften Söhne des blumigen Reiches geduldige Leute sind. Sie legen noch weitere Beweise dieser übermenschlichen Geduld ab, wenn der unvermeidliche Thee in kleinen Schalen serviert wird. Auf die Aufforderung des Hausherrn hin greift jeder nach seiner Schale, mit Ausnahme des Ranghöchsten in der Gesellschaft, dem sie vom Herrn mit einem Spruche überreicht wird. Der Anfang zum Trünke erfordert abermals ein Zeichen, und dann nippen alle gleichzeitig von den Schalen, wobei sie sich tief verbeugen. Nach Erledigung dieses Geschäftes fordert der Hausherr seine Gäste auf, die Fächer zu ergreifen, und nun erst beginnt die Konversation, die sich mindestens durch zwei Stunden über alle möglichen gleichgültigen Dinge erstreckt. Erst unmittelbar vor dem Ausbruche kommt der Besuchende auf sein Anliegen zu sprechen. Alle diese Ceremonien sind nicht einfach Umgangsformen, sondern uralte Überlieferungen. Confucius bezeichnet die Ceremonien als ein Abbild der Tugenden, welche bestimmt seien, diese letzteren zu erhalten, sie in Erinnerung zu bringen und in manchen Fällen als Ersatz an deren Stelle treten zu lassen. Daher rührt auch der höfliche und ceremoniöse Verkehr unter dem Landvolke, von dem man bei uns in Europa selten etwas verspürt. Im allgemeinen ist der chinesische Salon eine Stätte gräßlicher Ode. Dem Europäer ist er bisher völlig verschlossen gewesen; ein intimer Verkehr gehört auch heute noch zu den seltenen Ausnahmen. Offizielle Emsänge, denen sich beispielsweise die Würdenträger und andere Leute von Rang und Ansehen nicht entziehen können, gehören eigentlich nicht hierher. Sie unterscheiden sich der Form und dem Vorgänge nach wesentlich bon den intimen Empfängen, wenn die bezopften Söhne des himmlischen Reiches "unter sich" sind. Was und wie der Chinese iszt und trinkt. Man sagt vom Chinesen, er esse alles. Man darf den Ausspruch wörtlich nehmen, wenn man erwägt, daß von den ärmeren Klassen in China außer Reis — dem Hauptnahrungsmittel, Schweineund Hundefleisch, oder Fische — Dinge verzehrt werden, die überall sonst in der Welt verschmäht werden. So bekundet beispielsweise der Chinese große Leidenschaft für unreifes Obst und unreife Gurken, Regenwürmer, halb ausgebrütete Eier, Ratten u. s. w. In großen Mengen wird die Wasser-, meloue genossen, bis auf die äußere dünne Schale, welche, weggeworfen, noch immer einen leckeren Nachtisch für die Bettler abgiebt. Sie sollen gewaltige Mengen davon verzehren. Ein fortgeschrittener Grad von Fäulnis übt einen besonderen Reiz ans den Gaumen des Chinesen aus. Das niedere Volk stillt seinen Hunger meist unter den Augen des Publikums. Viele entledigen sich dieses Geschäftes an einer Straßenecke oder an der Straßenwand im Bereiche einer ambulanten Garküche. In den eigentlichen Einkehrhäusern geht es zumeist bunt und lärmend zu, doch wird es kein Fremder lange in deren Nachbarschaft aushalten, des widerlichen Geruches wegen, der diesen Spelunken entströmt. Bei all dem ist der arme Chinese mit seinem kärglichen Menü außerordentlich zufrieden. Für einen Betrag von etwa l5 Pfennig kann er sich leidlich satt essen. Die Kleinheit der umlaufenden Münze (der Käsch, etwa l/2 Pfennig, dann halbe und viertel Käsch) erleichtert das Auskommen. Um einen Käsch kauft man ein Stückchen Nuß, ein Schnittchen einer Birne, oder eines Zuckerrohrs, man erhält ein Dutzend Melonenkerne, oder ebensoviel geröstete Bohnen, eine Messerspitze irgend eines Gemüses, eine halbe Orange n. s. w. Die kleinen Industrien, welche ans diese Art ermöglicht werden, bedürfen nur eines Kapitals, das man nach wenigen Mark schätzen kann, und doch ernähren sie in China viele Millionen Menschen. Für die wohlhabenden Chinesen bestehen mitunter reich ausgestattete Restaurants, deren Namen der chinesischen Prahlerei entsprechen. Schmutzig sind sie über alle Begriffe, mögen diese Einkehrhäuser nun "Herberge Inneres eines chinesischen Restaurants. der erfüllten Wünsche", oder "Gasthaus zu den Glückseligkeiten", oder "Zum unerschöpflichen Überflüsse" n. s. w. heißen... Kleine Familien pflegen meist vordem Hanse, um ein kleines Tischchen herumhockend, ihre frugalen Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Im allgemeinen bekommt dem Volke seine Pflanzenkost ganz gut, und es sind, merkwürdig genug, trotz der haarsträubend undiätetischen Lebensweise, Krankheiten der Verdauungsorgane selten. Der Reis bildet gewissermaßen die Nationalspeise und fehlt auch ans dem Tische des Reichen nicht, dessen opulente Mahlzeiten ein ganz besonderes Kapitel der Gastronomie bilden. Gewisse Gerichte, sowie deren Reihenfolge müssen in einem Menü bei Nicht-Chinesen schwere Bedenken Hervorrufen. Da giebt es ostindische Schwalbennester, mongolische Baumschwämme (eine gallertartige, fast durchsichtige, geschmacklose Brühe), Haifischflossen (mit Schinken und Hühnerfleisch) in einer Brühe, hartgesottene Kibitzeier, Pilze mit Bambussprossen, Fleischpasteten in Mandelmilch, Pudding aus Reis mit Liliensainen, Zwiebeln und Mandeln; dann zum Nachtisch: Seerosenwnrzeln, gekochte Erdbeeren, Meloncnkerne u. s. w. Wie nicht anders zu denken, ist eine chinesische Schlemmerei sehr umständlich. Die Gäste (nur Männer) nehmen an den "acht Feentischen" Platz, auf welchen sich in langen Reihen Schalen und Untertassen mit Obst, Eiern, Schinkenschnitten, eingemachtem Kohl u. dergl. befinden. Das Gedeck besteht aus einer Untertasse, einer Weintasse, einem in zwei Teile geschiedenen Dessertteller (für Melonensamen und Mandeln), den bekannten Eßstäbchen, einem Löffel und einer zweizinkigen Gabel. Außerdem stehen jedem Gaste ein Haufen von Papierschnitzeln zur Verfügung, die dazu dienen, die vorerwähnten Eßrequisiten nötigenfalls zu reinigen. Der Inhalt der Schüsseln gehört nicht eigentlich zum Menü, sondern dient nur dazu, um durch gelegentliche Kostproben zwischen den einzelnen Gängen den Appetit zu reizen. Der Chinese, der im allgemeinen sehr genau ist, unterscheidet natürlich auch die Zahl und Anordnung der Gänge, Rang und Vermögen des Gastgebers. Es giebt Diners zu 8 großen und 8 kleinen Gängen, 6 großen und 6 kleinen, 8 großen und 4 kleinen, oder 6 großen und 4 kleinen Gängen. Die Schüssel, welche einen Gang ausmacht, wird auf den Tisch gestellt, und jeder Gast laugt entweder mit den Stäbchen oder dem Löffel zu. Die letzten vier großen Gänge werden nach einander auf den irisch gesetzt und nicht fortgenommeu. Darauf wird noch eine Schale Suppe aufgetragcu uub in kleinen Näpfdjeit Reis serviert, der mit Suppe übergossen wird. Damit i|t das Mahl zu Ende. Spülnapf und ein feuchtes Handtuch zur Reinigung des Mundes werden durch Diener gereicht. Den Traubenwein sollen die Chinesen schon 1000 Jahre v. Ehr. gekannt haben, älter und ungleich verbreiteter ist das aus Reis hergestellte Getränk: der Reis wein, dem übelste Folgen für seine starken Verehrer uachgesagt werden. Auch der Weiugeuuß ist da, wo er stattfindet, mit den unvermeidlichen Ceremonien verknüpft; daß aber selbst durch sie der Geist des Weines sich nicht abhalten läßt, einen poetischen Ausdruck in einem Trinkliede zu suchen, mag nachfolgende Übersetzung eines solchen von Rückert beweisen: Das Wasser, das frische, wir wackeren Unechte Das trinken die Zische, Bei Tische, Die Uarxfen, die hechte; wir trinken das Wasser, das echte. Karren. Den Beschluß eines Mahles bildet der Thee. Der Chinese meidet die Spirituosen meist, und biele können beispielsweise den Wein überhaupt nicht vertragen. Der Thee wird seit Jahrtausenden gebaut, besonders in den südlichen Provinzen, wo die Bedingungen zu seinem Gedeihen vorhanden sind: starke Regengüsse und darauffolgendes heißes Wetter. Reis und Thee bilden sozusagen das Um und Auf der Nahrungsund Genußmittel des kleinen Mannes. Zuweilen erfreut sich der unverwöhnte Gaumen an einem Schluck "Samtschu" (Reisbranntwein), während die Vornehmen des Weines nicht entraten können. Das Tabakrauchen ist in China so allgemein verbreitet, daß selbst die Frauen daran Anteil haben. Besonders erpichte Raucher lassen es sich nicht nehmen, zwischen den einzelnen Gängen einige Züge aus den kleinen Pfeifchen zu thun. Opimngemlsz. Was den Opiumgennß anbetrifft, der so vielfach die Agitation abendländischer Temperenzler herausgefordert hat, ist er in China der Natur der Sache nach wohl allgemein verbreitet, doch sind die unverbesserlichen und unmäßigen Opiumraucher im Großen und Ganzen Das Wasser, das frische, Das trinken die Asche, Die Welse, die Störe; Wir fröhlichen Chöre Bei Tische, Wir trinken, als ob sich's gehöre. Das Wasser, das frische, Das trinken die Zische, Die Barben, die Schmerle; iöhr rührigen ÜZuerle Bei Tische, Nun schlürfet vom Weine die perle. Das Wasser, das frische, Das trinken die Zische, Die Aale, die Lachse; führ traurigen Dachse Bei Tische, So trinket, daß Lust euch erwachse. Das Wasser, das frische, Das trinken die Zischs, Die Schleien, Zorellen; Wir freien Gesellen Bei Tische, verschlingen vom Weine die Wellen. nicht zahlreicher, als beispielsweise die Alkoholiker in den abendländischen Kulturstaaten. Auch ist das Opium teuer und daher dem gemeinen Manne unerschwinglich. In den Opiumhöhlen treiben sich zumeist nur ausschweifende Lebemänner oder demoralisierte Nichtsthuer herum, die über die entsprechenden Mittel verfügen. Es wäre dasselbe, wenn man die Europäer samt und sonders eine Saufbrüderschaft nennen lvollte, weil es unter ihnen niederund hochgeborene Trunkenbolde giebt. Arme Leute, die sich in China dem Opiumgenusse hingeben, werden von ihresgleichen geradeso verachtet, wie bei uns ein unverbesserlicher Säufer, der den sauer erworbenen Verdienst durch die Gurgel rinnen, seine Familie aber hungern läßt. Es steht fest, daß die Trunksucht beispielsweise im englischen Volke verbreiteter ist, als das maßlose Opiumraucheu in China. Aus den vornehmen Kreisen ist es keineswegs verbannt,, so wenig wie bei uns der Sekt oder sonstige kostspielige Tafelweine, wobei in beiden Fällen das MaßhaltendieVoranssetzung bildet, schon vomStandpunkte der guten Sitte und Wohlanständigkeit. Sänfte. Wie der Chinese reist. Der bezopfte Sohn des himmlischen Reiches haftet wie kaum ein anderer Erdenbewohner an der Scholle. Die ungeheure Ausdehnung des Reiches, die primitiven Verkehrsverhältnisse und die Unkenntnis von den Dingen, die sich im Umkreise einiger Tagereisen vom ständigen Wohnorte abspielen, erklären diese Stetigkeit. Indessen hat die lebhafte Auswanderung von chinesischen Arbeitern (Kulis) nach den Sunda-Jirseln, Indien und Australieit, ja über den Stillen Ocean hinweg nach Kalifornien und Nordamerika bis zu den westindischen Inseln gezeigt, daß der Chinese durchaus nicht fanatisch an der Scholle haften bleibt, wenn die Lebensverhältnisse größere Beweglichkeit erheischen, oder mit der Auswanderung irgend welche materielle Vorteile verknüpft sind. Es ist aber bemerkenswert, daß der Chinese den Aufenthalt in einem fremden Lande immer nur als eine Episode seines Lebens betrachtet. Hat er genug erworben, um seine alten Tage in einem bescheidenen Wohlleben beschließen zu können, so kehrt er in seine Heimat zurück, wobei er gar nicht so selten eine fremdländische Frau als Lebensgenossin mitbringt. Überrascht den Kolonisten der Tod, so übernehmen seine Gefährten die pietätvolle. Pflicht, den Leichnam des Verstorbenen nach der Heimat zu befördern, da es mit der Weltanschauung und den Sittengesetzen des Chinesen unvereinbar ist, in fremder Erde das letzte Ruheplätzchen zu finden. Die Frage, "wie der Chinese reist", bezieht sich natürlicherweise nur ans den internen Verkehr. Es ist bereits gesagt worden, daß der kleine Mann selten aus dem Bannkreise seiner engeren Heimat herauskommt. Kaufleute, Beamte, Militärs hingegen kommen in dem riesigen Reiche weit herum, wenngleich das Reisen ein langwieriges und umständliches und, der Räuber wegen, kein ganz ungefährliches Unternehmen ist. Sänften, Reittiere, Kanalund Flußboote sind im Innern des Landes die Mittel, ausgedehnte Ortsveränderungen vorzunehmen. Dabei bekundet sich in den intelligenteren Kreisen eine merkwürdige Sucht, zur Feder zu greifen und die Ergebnisse oder Zwischenfälle solcher Reisen litterarisch zu verwerten. Reisebeschreibnngen sind in China nicht nur eine weitverbreitete, sondern zugleich eine von allen Chinesen bevorzugte Lektüre. Dies erklärt sich daraus, daß die berufenen und unberufenen Reiseschilderer es sich ganz besonders angelegen sein lassen, ihre Berichte möglichst abenteuerlich anfzuputzen und über Naturerscheinungen oder allerlei groteske Dinge zu schreiben, die lediglich in der Einbildung des Schreibenden existieren. Alle Welt weiß, daß derlei Bücher fast lauter Erfindungen, Phantastereien und Lügen enthalten; dennoch werden sie mit großem Eifer gelesen. Auch wirkt diese Methode ansteckend. Mancher "gelehrte" Chinese unternimmt und beschreibt eine lveitlänfige Reise einzig nur aus dem Beweggründe, die Aufmerksamkeit seiner Mitbürger ans sich zu lenken, dadurch zu Ruhm und Ehre zu gelangen und "zu den zahlreichen Heroen der unvergänglichen Litteratur des Reiches der Mitte" gezählt zu werden. Je größer der Ehrgeiz des Schriftstellers, desto phantastischer dessen Werk. Das charakteristische Reisemittel Chinas ist die Sänfte das Palankin, das sich jedoch nur für kurze Strecken eignet. Je nach den zurückzulegenden Entfernungen werden 2, 4 oder mehr Träger verwendet. In den Städten bilden die Tragsessel eine charakteristische Staffage, und vereinigen sich deren Besitzer an allen Ecken und auf allen Plätzen. Ihre Eigner bilden einen speziellen Typus unter der Bevölkerung, denn das mühevolle Handwerk bringt körperliche Deformationen mit sich, die sofort in die Augen springen: langgestreckten Hals, einseitige Schulterbildung, hagere Gestalt. Die Sesselträger sind überdies recht dürftig gekleidet: blaue, sehr weite Pantalons und eine ebenso gefärbte, über die Hüften reichende Jacke. Gegen Sonnenbrand oder Regen schützt ein ungemein großer Hut von mitunter einem Meter Durchmesser. Die Sesselträger wohlhabender Familien erscheinen in blendendweißen Anzügen, die entweder rosa oder blau gesäumt sind und recht vorteilhaft sich ausnehmen. In den Sänften, lvelche auch von den Frauen gerne benutzt werden, befindet man sich sehr wohl, und man kommt bei den ausgiebigen und gleichmäßigen Schritten der Träger ziemlich rasch vorwärts. Bei Sonnenhitze wird über die Sänfte ein Schutzdach aus Leinen oder Holz gespannt. Größere Reisen werden zu Pferde unternommen, seltener zu Wagen, die in China äußerst primitiv gebaut sind. Die ärmere Klasse bedient sich schwerer, plumper Fuhrwerke, während reichere Kauflcute die leichteren, mit schwarzen lvasserdichten Stoffe eingedeckten Karren benutzen. Höhere Beamte fahren niemals, sondern bedienen sich nur der Sänften. Der zu Wagen reisende Chinese breitet auf den harten Brettern des Karren seine Schlafwatratze aus undverschläft, trotz der beständigen Erschütterung, fast die ganze Reise. Er kümmert sich um uichts, was um ihn vorgeht, hat kein Interesse für die Gegenden, welche er durchfährt, — er schläft und träumt. Selbst Unfälle, wenn z. B. der Karren in einen Graben Itürzt, bringen ihn nicht aus seiner Ruhe; er stopft seine Pfeife, macht einige Züge, legt sich wieder auf die Matratze und schläft weiter. Leichter und bequemer ist das Reisen auf den vielen großen Strömen und den Kanälen. Auf ihnen verkehren in der Regel starkbesetzte Omnibusbarken oder leichte Segelbarken, mit an dem Maste befestigten horizontalen Bambusstöcken und dazwischen ausgebreiteten Baumwollstreifen. Diese "Segel" werden >vie unsere Jalousien mittelst einer Schnur aufgezogen. Das Fahrzeug hat so wenig Stabilität, daß cs bei einem Windstöße unfehlbar kentert und die Bootsleute mitsamt den Passagieren ertrinken, da die wenigsten Chinesen — ihrer angeborenen Wasserscheu wegen — des Schwimmens kündig sind. Für Seereisen benutzt man die bekannten Küstenfahrzeuge — die Dschunken — von welchen es ganz stattliche Typen, bis zu 500 Tonnen Rauminhalt gicbt. Ihr Bau ist massig und kräftig, sie führen eür großes Steuer, welches über Wasser durchbrochen gearbeitet ist (um es gegen den Wellenschlag zu sichern) und haben ein hohes, jedoch offenes Hinterdeck. Die Bemastung ist unzureichend, weshalb solche Schiffe sich nicht auf die hohe See wagen dürfen. Charakteristisch für alle Dschunken ist das an beiden Bordseiten des Vorderteils angebrachte große schwarzweiße Augenpaar. Die Chinesen glauben sich dadurch gegen Zusammenstöße ans See oder andere llnglücksfälle zu schützen, indem sie der Aberglaube annehmen läßt, der Dschunke sei durch das Anmalen der Augen gleichzeitig seelisches Leben eingeimpft worden. Es ist wahrhaft erstaunlich, daß die wenig seetüchtigen Dschunken sich ans das südchinesische Meer wagen, wo neben den verderblichen Wirbelstürmen zahlreiche Klippen und Korallenriffe die Fahrzeuge mit Gefahren aller Art bedrohen. Daß diese Schiffahrt mit den geringsten nautischen Kenntnissen und Hilfsmitteln betrieben wird, ist bekannt. Einen Ersatz hierfür sollen Bcschwörungskünste gegenüber dem erzürnten Meergotte abgeben. Ein solcher Zauberer zieht aus seiner Kleidung ein Bündchen gelbes Strohpapier — kleine, viereckige Blätter, in deren Mitte ein Silberfleck aufgeklebt ist — und wirft es in drei Partien über Bord. Nachdem er sich dreimal verneigt hat, schleudert er noch drei Eßstäbchen ins Meer und beschließt die eigentümliche Ceremonie mit weiteren drei Verbeugungen. Wenn vom Reisen gesprochen wird, denkt man unwillkürlich an die Post. Man wird also fragen, wie es in China damit bestellt ist. Die Antwort geht dahin, daß allgemein gültige Posteinrichtungen Hierselbst unbekannt sind. Es gicbt sonach auch keine Persvnenposten, wenn es auch Vorkommen mag, daß ab und zu von einem der zahlreichen, auf den großen Strömen und Kanälen verkehrenden Postbooten, welche nur die Briefpost und Packete befördern, ein "blinder Passagier" mitgenommen wird. Die Posteinrichtungen, wo sie überhaupt ordnungsmäßig bestehen, dienen lediglich Staatszwecken, nach dem Muster der alten Kulturstaaten des Orients. Das Institut der reitenden Postboten hat nirgend sonstwo auch nur einen ähnlichen Umfang wie im Reiche der Mitte. Die berittenen Kuriere (Tschai-Kwan) stehen aber ausschließlich im Dienste der Regierung. Die Kaiserliche Centralpost in Peking verfügte bis 1900 über 500 Kurierpferde. Die Strecken, welche die Eilboten zurücklegen, sind, der Größe des Reiches entsprechend, ungeheuer. Die längste derselben ist jene von Peking bis Pünnan-sn (der Hauptstadt von Pünnan), welche fast 3000 km mißt. Auch die Fußboten der Kaiserlichen Centralpost bewältigen ganz unglaublich lange Strecken. Sie führen deshalb den bezeichnenden Namen "Starke Männer", oder "Tausend-li-Pferd" (1 Li— V2 km). Sie rekrutieren sich aus Männern von außerordentlicher Körperkraft, welche, mit Poststücken bis 40 kg und darüber beladen, ihren Weg laufend zurücklegen, unbekümmert um Hitze oder Kälte, bei Tag und Nacht. Die Körperstärke dieser Boten erfüllt übrigens noch eine andere Bedingung, nämlich die, daß sie sich bei räuberischen Überfällen der Strolche erwehren können. Nebenbei müssen die "Starken Männer" auch gegen Geister gefeit sein. China ist das klassische Land der Gespensterfnrcht, weshalb Reisen bei Nacht unerhört sind. Jene Boten aber üben, wie angedeutet, ihren Dienst auch bei Nacht aus, weshalb sie vor ihrer Bestallung ganz besonders auf ihre Eigenschaft, den Dämonen zu trotzen, geübt werden. Es geschieht dies aus Besorgnis, daß gegen diesen Zauber nicht gefeite Botenläufer ini Falle eines nächtlichen Schreckens, der sie überkäme, einenTeil ihrer Poststücke fortwerfen würden, um leichter die Flucht ergreifen zu können. Nach dem Muster der Staatspost arbeiten allenthalben Privatposten, welche durch die Bedürfnisse des Handels ins Leben traten und vornehmlich von den kaufmännischen Gilden und den Städte-Berwaltungen unterhalten werden. Freilich fehlt diesen Privatposten die Autorität, welche der Regierungspost zukommt. Man >veiß sich indes zu helfen, wie man kann, und verschmäht es nicht, mit Wegelagerern und anderem Gesindel durch Geldspenden sich abzufinden. Der pedantische Chinese, dem cs sehr am Herzen liegt, daß seine Briefschaften das Ziel erreichen, bekundet eine ans Groteske grenzende Genauigkeit in der Adressierung — sehr im Gegensätze zu den vielen Briefschreibern im Abendlande, welche es der Post überlassen, mangelhaft adressierte Sendungen an den Mann zu bringen. Ein Monstrum chinesischer Adressierung ist die folgende: "Inliegenden Privatbrief bitte ich das verehrte Briefbureau höflichft nach Ning-xo zu senden, in die innerhalb der Stadtmauer gelegene Lfsien-Lhien-Straße und denselben abzugeben nach eingezogener Erkundigung an die Westfluß-Tempel-Mao Familie, die ihn in Empfang nehmen wird. Dung-Chang von, Amoy-Lsandelsausschuß ersucht ergebenst" (um die Bestellung des Briefes). |-sJisirsJisirsJL5irHitsirsJlsir2JLsiraJisirsJisiraJt5ir2J[5iT” i m li ß Isi ß n jUU r 3fUy=rUqXLl Ü inn d □ 1——^pjiJli pi Iczz.irxUQipdii^pJaircriisKEj lSiraJlHirHJlSllH]\5U2]LSl [2,' rV'.T’ Chinesischer Briefumschlag. Dorf und Stadt. Das patriarchalische Gleichmaß, das im chinesischen Wesen zunr Ausdrucke kommt, prägt sich auch in den Heimstätten des Volkes ans. Das chinesische Haus erinnert an das Zelt des asiatischen Nomaden, das Dorf ist eine kleine, die Stadt eine große Anhäufung solcher Zelt-Hütten. Selbst die kaiserlichen Palastanlagen in Peking haben dieseir Typus: keine großartigen Baulichkeiten, keine Wunder der Architektur, sondern lediglich ein buntes Nebeneinander von Pavillons, ausgestattet mit verschwenderischer Pracht, kleinen Feentempeln inmitten voic cnärchenhaft anmutigen Gartenanlagen. Für das Verständnis chinesischer Ortsnamen ist es wichtig, die betreffenden Bezeichnungen zu kennen. Die Provinzialhauptstädte sollen rechtmäßig zu ihrem Namen das Suffix "äon" beigefügt haben, doch nennt nlan sie nach landläufiger Gewohnheit "kn", wie jede andere Kreisstadt. Die Silben "tsellon" und "schien" zeigen an, daß in der betreffenden Stadt ein höherer Beamter seines Amtes waltet, "tjsn" erhebt die Ortschaft zu einem Marktflecken, "ye“ bedeutet eine Reisestation, "pn" schlechtweg ein Dorf. Die Namen der Ortschaften selbst stehen gewöhnlich mit deren Entstehung oder anderen geschichtlichen Ereignissen, sowie mit ihrer geographischen Lage im Zusammenhang: z. B. Shanghai (Markt über dem Meere), Pe-king (nördliche Residenz), M-men (Thor des Mi, Nephrit) u. s. w. Die größeren Städten zunächstliegenden Dörfer kennzeichnen mit ihren Namen die Entfernung von der Stadt, z. B. Dan-schi-li-pu (30 Li-Dorf), Wu-schi-li-pu (50 Li-Dorf) u. s. w. Die großen Städte sind immer im Viereck aufgebaut, indem die vier Seiten der Umwallnng nach den Hauptweltgegenden orientiert sind. Diese Vorschrift ist uralt, und sie hat zur Folge, daß die chinesischen Städte sich einander völlig gleichen und jedes individuellen Reizes entbehren. In den Hauptund Residenzstädten (Nanking, Tschingtufu, Singanfu, Peking) bildete und bildet der Kaiserpalast ein großes umwalltes Rechteck im Herzen der betreffenden Stadtanlage. Charakteristisch sind ferner die zwei im rechten Winkel sich schneidenden Hauptstraßen, welche die großen Städte von Ost nach West und von Nord nach Süd durchziehen. Die Gassen und Straßen führen charakteristische Bezeichnungen wie "Weglänge des Durchweges der Menschlichkeit", oder "Die Gasse der buntfarbigen Kleider", oder "Gasse der Himmelobrigkeit". Auch die übrigen topographischen Einzelheiten führen solche Namen. Lo giebt es in Schanghai einen Kanal "Die Vortrefflichkeit des Beginnens", einen "Fluß des mittleren Herzens", eine "Brücke des zehntausendfachen Lebens", einen Wallturm "Die Erdstnfe des erschütternden Kriegsmutes" u. bergt. Chinesereien mehr. ^ Die chinesischen 'Stäbte sind eigentlich nichts anderes als Höfe, welche miteinander in Verbindung Itehen. Selten gepslastert und noch sellener kanalisiert, bilden die Straßen die ^>a mmelstellen für allen Erdenklichen Unrat und sind deshalb die Ursache epidemischer Krankheiten, die in regelwäßigen Pansen, verbunden mit Mißernten und Überschwemmungen, wahrhaft verheerend austreten und Millionen von Menlchen hinwegraffen, wodei in der Regel Hungersnöten in weilestemMaße Mitwirken. In den einzelnen Straßenhöfen, wenn u>an sich so ausdrücken öarf, sind die Bewohuer nach ihrem Handwerk oder sonstigen Beruf zunftmäßig vereinigt, wie man dies iui ganzen Orient, von Konstantinopel bis Tientsin antrifft. Die Durchgänge zwischen diesen "Quartieren" sind eng, die Thorwege mit eisernen Gittern versehen und von Wachtposten besetzt. Letztere sind Meist Angehörige der betreffenden Gilde, deren Läden, sich in der Nähe der Thorwege befinden. Bei dem ersten Rufe "Haltet den Dieb" werden sofort die Thore geschlossen und der Ubelthäter kann nicht leicht entkommen. Noch strenger als Tags über sind die Höfe des Nachts bewacht und darf niemand ohne Laterne, welche in großen Schriftzügen den Namen des Eigners Zeigt, ausgehen. Eine Besonderheit der chinesischen Städte des Nordens ist die, daß die Mandschn und die Chinesen räumlich streng geschieden sind, indem beide Bevölkerungsgruppen besondere, durch Mauern abgegrenzte Stadtteile bewohnen. Im Hinblick auf die außerordentlich dichte Besiedelung, welche China answeist, erklärt sich die große Anhäufung von Menschen in den großen chinesischen Städten. Kein anderes Reich der Erde weist ähnliche Verhältnisse auf. Man kann hier mit Fug und Recht von "Millionenstädten" sprechen, obwohl manche Angaben übertrieben sein mögen. Die größte Stadt in China dürfte Canton (Kwangtungfu) mit einer angeblichen Bewohnerzahl von 21/2 Millionen sein. Dann folgt Peking mit 1600000 Einwohnern. Millionenstädte sind: Siangtau, Tschantschau, Singan und Tientsin mit je rund 1 Million Einwohnern. Über 1/2 Million Menschen beherbergen die Städte Hangtschon, Hankon, Futschou, Schanghai, Sutschou und Nanking. Die Uniformität der chinesischen Riesenstädte bringt es mit sich, daß eine Charakterisierung jeder einzelnen derselben eine abwechslnngslose Wiederholung der gleichen Einzelheiten bedingt: eine Aneinanderreihung sich stets gleichbleibender Genrebilder, die ihre typische Verkörperung in den allerorts sich wiederholenden Erscheinungen des Chinesentums finden. Tazic kommt, daß diese Riesenanhäufungen von Wohnstätten durchweg des anziehenden Momentes entbehren und, wie bereits hervorgehoben wurde, jede Individualisierung, die in Europa und anderwärts den einzelnen Städten, besonders solchen mit reicher Vergangenheit, so viel Reiz verleihen, fast völlig ausschließen. Peking. Peking, d. i. "die nördliche Hauptstadt" (auch Suntien, "die dem Himmel gehorchende" Stadt genannt) liegt reizlos in der Ebene des kleinen Flüßchens Datungho, das dem Peiho znströmt, und hat einen Umfang von mehr als 30 llm, die Vorstädte ungerechnet. Der Grnndplan ist ein in der Himmelsrichtung NordSüd orientiertes Rechteck, dessen vier Seiten durch Eck und Thortürme verstärkte Wallmauern von >2 m Höhe und 5 bis 6 m Breite begrenzt werden. Das Innere der Riesenstadt zerfällt in drei, durch Wallmatiern völlig von einander geschiedene Städte: der "Chinesenstadt" (Laotsching), die "Tatarenstadt" (Kiugtsching) und der sogenannten "Kaiserlichen Stadt" mit dem innersten Kern der sogenannten "verbotenen Stadt". Die Hauptstraßen von Peking sind eigentlich nichts anderes, als breite, ungepflegte Verkehrsstraßen, ohne architektonische Merkwürdigkeiten, aber für den Fremden von Interesse wegen des auf ihnen und in den sie begrenzenden Kaufläden und Werkstätten sich abspielenden, ungemein bunten und eigenartigen Lebens. In dieser Beziehung gleichen sich die Chincsenstadt und die Tatarenstadt wie ein Ei dem andern. "Die Straße der immerwährenden Erholung" (Tschungngankiai) ist 56 m breit und gilt für die schönste der Stadt. Die Privathäuser Pekings zeigen nichts Bemerkenswertes und haben die übliche andernorts geschilderte Einteilung und Einrichtung. Dagegen sind einige Tempel wahre Prachtbauten chinesischer Architektur, so der "Himmelstempel" in der Chinesenstadt, dessen äußere Mauer über 4 l«n im Umfange hat und dessen Hauptteil ein kreisförmiger Bau ist, welcher den Himmel vorstellt und dessen drei Stockwerke verschiedene Farben haben: blau, gelb und grün. In diesem Tempel bringt der Kaiser an jedem Wintersolstitium (also unserem Weihnachten entsprechend) ein Opfer dar, zu welchem er sich durch drei Tage in vollster Zurückgezogenheit in dem zu diesem Zwecke neben dem Tempel liegenden Palaste vorbereitet. Eine ähnliche Ceremonie findet jeden Frühling im "Tempel des Ackerbaues" statt. Zu den berühmten Tempeln Pekings zählt ferner der "Twangmiao" in der Tatarenstadt, in welchem die Rahmen der großen chinesischen Kaiser liegen, von Fohi, dem Gründer des Reiches angefangen, bis zu der regierenden Dynastie der Tsing. In einer der Vorstädte im Norden der Tatarenstadt liegt der prachtvolle Tempel "Titsan". Unter den öffentlichen Anstalten ist in erster Linie das Hanlinguan, die erste Akademie des Reiches, von der alle anderen Schulen desselben abhängen, zu nennen. Die ehemalige Kaiserliche Sternwarte, welche seiner Zeit von Jesuiten eingerichtet wurde, besteht nicht mehr, da die Instrumente derselben durch die Occupationstruppen abgebrochen worden sind. Großartige Bücherschätze umfaßte bis vor kurzem die Kaiserliche Bibliothek, darunter eine 160000 Bände umfassende Encyklopüdie. Was von diesen Schätzen zur Zeit noch vorhanden ist, läßt sich nicht sagen, da der größte Teil durch eine Feuersbrunst Anfang Juni 1901 vernichtet wurde. Die Kaiserliche Stadt ist der ausgedehnteste Fürstensitz auf Erden. Von durch Thorimb Eckpavillons verstärkten Mauern eingeschlossen, stellt sich die Kaiserliche Stadt, deren Baulichkeiten durchweg eine gelbe Bedachung zeigen, als eine Anhäufung von Palästen, Wohngebäuden und Pavillons dar, welche zuin Teile ungeheure Höfe zu Paradezwecken bilden, oder Gassen und Promenadenwege einschließen, oder dicweitgcdehnten großartigen Parkanlagen mit ihren Seen, künstlichen Bergen und Tempeln umgeben. Den Kern der ganzen Anlage bildet eine innerste, von Wallmauern und mächtigen Thorbauten umschlossene "2tadt, die den Namen "Purpurgoldene" trägt, weil die Ilmwallung rot gefärbt ist und nur die Goldziegeldächer der inneren Palastbauten über ihr sichtbar sind. In diesem innersten Teile der Kaiserlichen Stadt, die von Unberufenen bei Todesstrafe nicht betreten werchenhafte Schönheit, wie beispielsweise jener ganz von Lotosblumen erfüllte See mit der ihn überspannenden schneeweißen Marmorbrücke und dem phantastischen Tempel, der zwischen Kiosken und üppigen Baumgruppen aufragt. Bekanntlich ist ein Teil dieser Anlagen der "pnrpurgoldenen Stadt" am 17. April 1901 abgebrannt. Tientsin. Diese in letzter Zeit vielgenannte Stadt ist bezeichnenderweise der "Vorhafen" von Peking genannt worden. Sic ist nächst Schanghai undchankou die bedeutendste Handelsstadt Chinas und teilt mit ihren Rivalinnen die Eigentümlichkeit, kein Seestapelplatz im eigentlichen Sinne zu sein. Von Hankou, der Stromstadt, abgesehen, liegt weder Schanghai, noch Tientsin unmittelbar am Meere. Den Zugang zu Tientsin bildet die ungemein ausgedehnte stroinartige Mündungsbucht des Peiho, und haben die Audienzhalle im Aaiserpalast in Peking. Handelsstraße in der Tatarenstadt in Peking. den darf, mattet das Mysterium, mit dern der chinesische Volksglaube den "Sohn des Himmels" umgiebt. Hier befinden sich die steifen Prunkhöfe mit den Staatspalästen, die Marmorterrassen, die zahllosen, meist aus Holz hergestellten Pavillons, inmitten von Parkanlagen, deren Bizarrerie nicht minder verblüfft, wie deren märSchiffc von Taku, am Eingänge zu dieser Bucht, bis Tientsin eine Strecke von 50 km zurückzulegen. Tientsin, der Verkehrsmittelpunkt von ganz NordOst-Chiua, ist eine der volkreichsten Städte des Reiches. Es zählt reichlich 1 Million Einwohner, ist also größer als Peking. Seine Lage in vollkommen flacher, baumloser Ebene zwischen dem Peiho und dein Kaiserkanal ist die denkbar eintönigste. Aber in Bezug auf Lebhaftigkeit des Verkehrs itnb Regsamkeit der Bevölkerung steht diese Stadt vielleicht noch über Schanghai. Die hübsche, mit schattigen Alleen und Gärten geschmückte Fremdenstadt ist ein Werk der Engländer, Deutschen und Amerikaner. Sie liegt 3 Irin von der ungeheuer weitläufig und reizlos angelegten Chinesenstadt entfernt, und zwar stromab des Peiho. Tientsin selbst besitzt kein einziges hervorragendes Bauwerk; dafür aber drängen sich unabsehbar Kaufläden, Magazine und dem Handel gewidmete Buden, und der Strom ist derart mit Schiffen aller Gattungen und Größen angefüllt, daß zuiveilen der freie Verkehr ernstlich gefährdet ist. Einen auffälligen Kontrast zu der lärmerfüllten geschäftigen Stadt bilden die etwas abseits gelegenen brandgeschwärztcn Trümmer der ehemaligen Kathedrale und des Lazaristenklosters, stunune Zeugen des grausigen Massakres voin 21. Juni 1870. Singanfu. Siefe uralte Residenzstadt der früheren Dynastien ist erst infolge der letzten Wirren dem allgemeinen Interesse näher gerückt worden. Die Rolle, welche diese Hauptstadt der Provinz Scheust vor Jahrhunderten, besonders unter der Tang-Dynastie (627 bis 650) gespielt hat, würde man ihr heute kaum mehr ansehen. Ihre Ausdehnung und Einwohnerzahl ist vielfach übertrieben worden. Singan bildet, gleich allen großen Städten des Himmlischen Reiches, ein großes Rechteck voll 3V2 zu 2Vs km Seitenlange, so daß es einen Raum von ungefähr 10 Geviert-üm einschließt. Ihr Grundriß ist genall nach den vier Hauptweltrichtungen orientiert, die Umwallung ähnlich wie jene Pekings: eine etwa 12 m hohe Mauer ans Lößziegeln, mit Verteidigungstürmen, welche von 150 zu 150 Schritten vorspringen. Den vier Hauptthoren entsprechend durchschneiden zwei Hauptstraßen derart den inneren Stadtraum, daß sic sich in der Mitte im rechten Winkel schneiden. Hier befindet sich, von einer hohen, bis zuletzt dem Verfall preisgegebenen Mauer im Viereck umschlossen, der alte Kaiserpalast, der einst glorreiche Zeiten erlebt hat, welche dem Volke nur dunkel iu Erinnerung geblieben sind. Er war die Residenz mehrerer Dynastien, von welchen die Wei-, Suiund die Tang-Dynastie besonders hervorzuheben sind. Der zweite Herrscher aus der letztgenannten Dynastie, Kaiser Tai-Tsnng, war ein großer Eroberer, der in seinen Bestrebungen an die llberlieferungen seiner großen Vorgänger der glanzvollen Tsin-Dynastie anknüpfte, und den tausend Jahre vorher in Mittel-Asien errungenen, nachmals wieder verlorenen Landbesitz neuerdings an sich zu bringen bemüht war. Tie Ereignisse, welche mit diesen Thaten zusammenhängen, sind in den berühmten "Tang-Annalen" (450 Bände und 5 Vorreden und Einleitungen) niedergelegt. Seitdem sind abermals mehr als tausend Jahre vorübergegangen, und der stolze Kaiserpalast, in welchem vor Zeiten so viel Glanz und geistiges Leben sich entfalteten, zerfiel langsam in Trümmer, um in unseren Tagen wieder zu seinen früheren Ehren zu gelangen. Wohl kaum im vollen Sinne des Wortes. Es mutet fast wie ein morgenländisches Märchen an, wenn man den flüchtigen chinesischen Hof in den verödeten, nach dem Volksglauben von Geistern bevölkerten Ruinenpalast einziehen sieht. Auch sonst ist das Bild, das man von einem der vier großen, verfallenen Ecktürme der Umwallnng der Kaiserresidenz überschaut, nicht danach, uns die Größe vergangener Jahrhunderte vor Augen zu führen: ein unübersehbares Chaos von Häusern und Häuschen, welche ein wahres Labyrinth von Sträßchen und Gäßchen bilden, vornehmlich im nordwestlichen Teile der Stadt. Den nordöstlichen und südöstlichen Teil nehmen fast nur Gärten ein. Das öffentliche Leben spielt sich nach der herkömmlichen Schablone allergroßen Städte in China ab. Dicht neben der Kaiserlichen Residenz erhebt sich der gleichfalls von einer Mauer im Rechteck eingeschlossene "Damen", der Palast des Gouverneurs. Die katholische Mission Kungsintang liegt an der Hauptstraße, die zum Westthore führt. Es ist das Hauptthor der Stadt, dreistöckig, mit kleinen viereckigen Fenstern, auf deren Bretterverschlägen wunderlicherweise Kanonenschlünde gemalt sind. Wenn man dieses Thor hinter sich hat, stößt man in geringer Entfernung im Südwesten ans einen rninenhaften Komplex von Baulichkeiten und verödeten Gärten mit zahlreichen chinesi schen Denkmalen — 4 bis 5 m hohen, von je einersteinernen Schildkröte getragenen Schäften — und einen verwahrlosten Buddhatempel. Alles in allem: ein trauriger Anblick. Aber diese Örtlichkeit steht in hohem Ansehen bei allen Erforschern chinesischer Geschichte und Kultur, eines Denkmals wegen, welches Zeugnis ablegt von dem Einflüsse, den die christliche Religion vor mehr als 12 Jahrhunderten in China hatte. Dieses Denkmal ist die berühmte "Nestoriairische Tafel, ein hochbedeutsames historisches Dokument, wie kein zweites in gleicher Wichtigkeit in Bezug ans das Christentum zu finden ist. Der Gedenkstein ist 3 m hoch und wird von einer meterhohen steinernen Schildkröte getragen. Eine aus dem Steine herausgemeißelte und geglättete Tafel meldet in chinesischer Schrift von den Thaten des frommen Kaisers Tai-Tsnng und von den vielen Kriegen, die durch sein Machtwort entstanden... Dieser Denkstein wurde im Jahre 1625 gelegentlich einer vorgenommenen Ausgrabung entdeckt, und dessen Inschriften (auch die Seitenflächen haben solche, und zwar in mongolischer Schrift) enthüllten ganz unbekannte Thatsachen, welche ein Helles Licht auf die kulturfreundliche Strömung in China in so weit entlegener Zeit warfen. Man denke: ein chinesischer Kaiser, der an der Weihnachtsfeier der Christen Anteil nimmt, sie bewirtet, die Priester als Träger der Gesittung und Nächstenliebe beschützt und ihnen in ihrem Wirkungskreise die vollste Freiheit gewährleistet. Es hat den Anschein, daß es in China hohe Würdenträger giebt, welche sich der Erkenntnis von dem segensreichen Einflüsse abendländischer Kultur und Gesittung nicht nur nicht verschließen, sondern ihr sogar stummen Tribut zollen. Ein Mann dieser Art mochte jener fromme Mandarin gewesen sein, der vor etwa einem halben Jahrhundert die zwischen uralten Trümmern in Vergessenheit geratene Nestorianische Tafel renovieren und an ihren jetzigen Standort bringen ließ. Sie meldet vergessene Dinge, wie sie die zerbröckelten Zinnen der in der Ferne grau aufstarrenden Stadtmauern melden, und wie sie in letzter Zeit dem jungen Kaiser vor Augen getreten sein mögen, wenn er die Räume durchschritt, in welchen vor mehr als Straße in Nanking. zwölfhundert Jahren sein großer Vorfahr Tai-Tsung das Leben eines hervorragenden und erleuchteten Herrschers führte, dessen Erscheinung der Erinnerung des herabgekommeneu fanatischen Volkes entschwunden ist. Nanking. Diese Stadt, der Regierungssitz der Provinz Kiangsi, mit etwa 500 000 Bewohnern, am Aangtszekiang gelegen, erlebte einst glänzende Tage, als sie die Residenz der Ming-Kaiser war. Sie hat eine ungeheure Ausdehnung, aber ihren Rauni füllen vielfach nur Ruinen oder Gärten und Äcker aus. Den ehemaligen Kaiscrpalast hatten 1645 die Mandschn dem Erdboden gleichgemacht. Zweihundert Jahre später fiel ein anderes Wunderwerk der Stadt, der weltberühmte Porzellanturm, in Trümmer. Seine Zerstörer waren die Taipings. Der Turm bildete ein achteckiges Gebäude von 13 m im Durchmesser an der Grundfläche und 62 m Höhe, und hatte neun Stockwerke, ein jedes durch ein zierliches Dach getrennt, das von der Mauer auszugehen schien. An jeder Ecke desselben hing eine Glocke. Nanking ist eine altehrwürdige, man möchte sagen: verschlafene Stadt, eine Reliquie aus glanzvollen Zeiten. Den Ruf großer Gelehrsamkeit, den ihre Litteraten u. s. w. genossen, hat sie noch immer nicht völlig eingebüßt. Sie besitzt reiche Büchersammlungeu und ist in Bezug auf den litterarischen Verkehr gewissermaßen das "Leipzig" Chinas. Groß ist die Zahl der Gelehrten, die hier ein ruhiges und beschauliches Leben führen. Aus der alten Zeit hat sich ein einziges bemerkenswertes Bauwerk erhalten, der "Tempel der Dankbarkeit" (Paongantse), den Kaiser Punglo (14. Jahrhundert) erbauen ließ. Durch seine centrale Lage im Pangtsze-Gebiete ist Nanking nicht ohne politische Bedeutung, und der hier residierende Vizeköuig nimmt unter seinesgleichen eine bevorzugte und einflußreiche Stellung ein. Schanghai. Schanghai ist der größte und wichtigste unter den sogenannten "Vertragshäfen". Seine Bewohnerzahl dürfte sich auf rund 400000 Seelen belaufen. Am Wusungflusse (einem Nebenflüsse des mächtigen Iaugtszekiang) gelegen, zerfällt Schanghai (Hauptstadt der Provinz Kiangsu) in die von 8 m hohen Mauern umschlossene Chinesenstadt und den sogenannten "Konzessionen", d. h. den Terraingebieten, welche die chinesische Regierung im Jahre 1842 den Engländern, Franzosen und Nordamerikanern für Ansiedelungszwecke auf 99 Jahre abgegeben hat. Auf diesen Gründen entstand seitdem eine Stadt nach europäischem Muster, deren Glanzpunkt die Quaipromenade (der "Bund") ist. Die chinesische Stadt zeigt dasselbe Gepräge, wie alle großen Niederlassungen im Reiche: enge, schmutzige Straßen, überfüllte kleine Plätze, buntes Treiben, gewerbliche Betriebsamkeit und haarsträubendes Elend. Unter den Tempeln ist die prachtvolle KungfuPagode bemerkenswert... Schanghai hat auch ein Arsenal, das im Süden der chinesischen Stadt am Waugpu-Flusse liegt, ein Werk europäischer Ingenieure, das von nachlässigen chinesischen Funktionären verwaltet ist. Der Hafen am Wusung bietet ein ungemein malerisches Bild. Hier befindet sich die "Wasserstadt", eine Anhäufung von kleinen, morschen, mit Strohdächern bedeckten Booten, die Wohnungen vielköpfiger Familien, ein Bild größten Elends, gepaart mit unglaublicher Genügsamkeit. Zur Vermittelung des Verkehrs im Hafen dienen sogenannte "Sampans" (Dreibrett), in Form einer Schildkröte gebaut und scheinbar schwerfällig, indes gleichwohl in dem raschfließenden Stromwasser sehrpraktisch verwendbar. In der Nähe von Schanghai befindet sich die große Missivnsanstalt der Jesuiten, Sikawei. Aus dein Chinesenvlertel in Schanghai. Hankou, etwa 800000 Bewohner beherbergend, am Jangtszekiang gelegen, und das noch etwas weiter flußauf liegende Jtschang sind die entferntesten Flußhäfen, welche durch die Tschifu-Konvention den Europäern eröffnet wurden. Der Flußhafen ist von unzähligen chinesischen Jnselschiffen förmlich blockiert, und nur für die Dampfschiffe ein Landungsplatz freigelassen. Eigentlich bildet Hankou nur einen Teil der Dreistadt, welche sich an den Ufern des Iangtsze und Hanho ausbreitet. Die beiden anderen Komplexe sind Hanyang und Wutschang, gesonderte Städte mit je einigen hunderttausend Einwohnern. Die Betriebsamkeit ist sehr bedeutend, das Hafenleben außerordentlich bunt, lärmend, voll geschäftiger Lebendigkeit. Ein Häusermeer breitet sich scheinbar unermeßlich vor den Blicken aus und unter diesen ungezählten Tausenden von Dächern plagen und mühen sich weit über 1200000 Menschen ab. Besonders lebhaft gestaltet sich der Verkehr zu Beginn des Sommers, denn um dieseZeit strömen zahllose Fremde zu, um auf dem größten Theemarkte Chinas ihre Einkäufe zu machen. Seit 1895, in welchem Jahre die chinesische Regierung dem Deutschen Reiche ein größeres Grundstück zu einer Nieder lassung abgetretenhatte, hat der deutsche Handel auch hier, tief im Innern von China, Fuß gefaßt. Leider ist die Bevölkerung, deren Haupteinnahmequelle der Handel mit Thee, Opium, Tabak und Fellen ist, den Fremden noch weniger wohlwollend gesinnt, als in den anderen Traktatshäfen. Die europäische Niederlassung befindet sich unfern des "Bund", der mit einer dichten Kastanienallee bepflanzten Quaipromenade am Strome. Das Klima ist extrem: sehr heiße Sommer und strenge Winter. Kiautschou. Am 1. November 1897 fielen in der Provinz Schautuug die beiden deutschen Missionäre Nies uitb Heule dem Fanatismus des chinesischen Pöbels zum Opfer. Deutschland forderte Genugthuung. Am 14. November ging das Laudungskorps der in Ostasieu stationierten Kreuzerdivision ans Land und hißte die schwarzweiß-rote Flagge. Die an China gestellten Forderungen zur Sühnung der Mordthat wurden gewährt und außerdem überließ ersteres auf Wunsch der deutschen Regierung die Bucht von Kiautschou pachtweise auf 99 Jahre. Das 540 qüm umfassende Territorium mit seinen etwa 80000 chinesischen Bewohnern wurde durch kaiserlichen Befehl vom 27. April 1898 zum Schutzgebiet erklärt, engere Gebiet umfaßt die Bucht und das Territorium der Hafenstadt Tsingtau: rings um diese Bucht, >» einer durchschnittlichen Entfernung von 50 Km, erstreckt lich das weitere Schutzgebiet mit der ansehnlichen Stadt Kiantschou... Tsingtau hat in der kurzen Zeit, es in deutschen Händen ist, sich erstaunlich rasch entwickelt. An Stelle des ehemaligen Fischerdorfes erhebt sich jetzt eine ansehnliche Stadt, mit den stattlichen Gebäuden der Verwaltung, Hotels, Privathäusern, Magazinen, öffentlichen Anstalten u. s. w. Unfern der Landungsbrücke liegt der Bahnhof der Schantung-Eisenbahn, dahinter erheben sich die katholische Kirche und fu, Tschingtufn und anderen Städten Chinas besteht sie aus zwei getrennten, durch Wallmanern isolierte Nie derlassungen: der Chinesenstadt und der Tatarenstadt. Die Mauern sind 7 bis 13 m hoch, 6 m dick und haben eine Gesamtlänge von 10 km. Nähert man sich der Stadt, so muß "um sich durch einen förmlichen Wall von Kanonenbooten, großen Dampfern, zahllosen kleinen Segelschiffen und chinesischen Dschonken hindurchwinden. Hunderte von Ruderbooten (Sampans) erwarten das Schiff. Sie sind meist von Chinesen bemannt, mitunter von Weibern, welche ihre Säuglinge auf den Rücken gebunden haben. Tie Boote sind ziemlich groß und in der Mitte mit einer vierDio englische Brücke in Lunten. das Observatorium, während längs des Schienenweges sich industrielle Anlagen ausbreiten. Das neue Tsingtau nimmt mindestens die zwölffache Bodenfläche des früheren Fischerdorfes ein, auf dessen Anhöhen eine Villenkolonie int Entstehen ist, während unten am Meere eine Strandpromenade angelegt worden ist. Das alles legt rühmliches Zeugnis von deutscher Thatkraft auf dem Gebiete der Kolonisation ab. Canton. Canton (Kwangtufu) ist die größte Stadt SüdChinas und die volkreichste des Kaiserreiches, denn sic soll, einschließlich der mehrere Kilometer längs des Tschukiang sich erstreckenden "Schiffstadt", annähernd 21/2 Millionen Bewohner beherbergen. Gleich Peking, SinganKürschner, China 1. eckigen Vertiefung versehen, au bereu Seiten die Sitzbänke angebracht sind. Oberhalb diesen hängen Bilder, Photographien, kleine Spiegel, Papierlampions, Papierblumen u. s. w. Der kleine Raum bietet 5 bis 6 Personen Platz und ist von einer runden Decke überdacht. Den Vordergrund von Canton nimmt die "Schiffstadt" ein, welche aus Tausenden von Booten jeder Form zusammengesetzt ist. Sie liegen in Reihen geordnet eng aneinander wie Häuserzeilen. Diese schwimmende Stadt hat Theehäuser, Buden und Bazars, Schenken und Einkehrhäuser. Sie erscheint mit ihren Sonderbarkeiten als eine Parodie der menschlichen Wohnsitze auf fester Erde; es fehlen nicht einmal die krüppelhaften Bettler, die sich, um Almosen flehend, durch die Wasserstraßen hindurchrudern! Zwischen den Fahrzeugen gewahrt man größere Schiffe mit malerischem Aufban, der gewöhnlich reich vergoldet und mit Schnitzereien verziert ist. Es sind die bekannten "Flower-Boats“ (Blumenboote), die ganz unverdienterweise in den Ruf gelaugt sind, Schlupfwinkel für lüderliche Leute zu sein, ivährend ihre wirkliche Bestimmung die öffentlicher Belustigungsstätteu ist, in welchen tadellose Sitte freilich nicht ihr Heim hat. Gewiß ist, daß ein Nachtfest auf den Blumenbooten durch deren effektvolle Beleuchtung ein außergewöhnlicher Anblick ist und auf jeden fremden Besucher einen nachhaltigen Eindruck hervorruft. Man schätzt die Zahl der in der Schiffstadt wohnenden Menschen auf 70000 bis 80000. Cauton, die "Kriegerische Stadt des Südens", soll nach chinesischen Überlieferungen schon im grauesten Altertum bestanden haben. Durch Jahrtausende >var sie die Hauptstadt des südlichen China. Ein blühendes Emporium mit einer außergewöhnlich rührigen, durch große Initiative sich auszeichnenden Bevölkerung, die zwar geistig nicht so gut veranlagt sein soll, wie die nordchinesische, dafür aber umso größere praktische Regsamkeit bethätigt. Das bringt wohl die Lage am Meere und die frühzeitigen Beziehungen zu fremden Völkern, sowie der lebhafte Seehandel mit sich. Ihr schwerstes Schicksal in den Wechselfällen der Jahrhunderte fällt in die Zeit der Tataren-Jnvasion. Im Jahre 1650 eroberten die mandschurischen Bauuerkorps Canton und machten es dem Erdboden gleich. Elf Tage soll das Gemetzel, verbunden mit anderen unerhörten Gräueln, gedauert haben, wobei 700000 Menschen hingeschlachtet wurden. Nur die Ringmauern blieben aufrecht, und innerhalb derselben legten die Eroberer eine neue Stadt au. Später wurde die neue Chiuesenstadt au der Südseite angebaut und mit Mauern umgeben, außerhalb welcher nun auch ausgedehnte Vorstädte liegen. Canton bietet kein malerisches Bild. Es ist eine ungeheure Anhäufung von unansehnlichen Häusern, deren schmutziggraues Dächermeer sich in weiter Ferne verliert. Aus diesem Chaos von Giebeln und Firsten ragen da und dort eigentümliche, festungsartige Gebäude gleich massigen Türmen hervor, welche niemand für das anseheu würde, was sic vorstelleu. Es sind nämlich feuerund einbruchsichere Leihanstalten, und ihre große Zahl spricht nicht für besonders günstige ökonomische Verhältnisse der Riesenstadt. Mau wird aber dieses Urteil einigermaßen ändern müssen, wenn man durch eines der sechzehn massiven Steinthore das Innere dieses Häusermeeres betritt und Zeuge einer außergewöhnlichen Geschäftigkeit wird. Man hat die Empfindung, als wäre man in einen Bienenschwarm geraten. Keine Feder vermöchte dieses Schieben und Drängen, Lärmen und Toben, Feilschen und Streiten einigermaßen zutreffend zu schildern. Dieses bunte, betäubende, verwirrende Leben spielt sich in zumeist beängstigend engen Gassen ab, die selten breiter als 3 in sind. Zahlreiche lange buntbemalte Firmentafeln, Aushängeschilder und Matten, welche an den Häusern dichtgedrängt hängen, sowie Vordächer und andere Anbauten tragen dazu bei, den Verkehr in den Straßen zu erschweren. Dem denkenden Besucher aber tritt ein Bild vor Augen, das seine Wirkung auf die Einbildungskraft nicht versagen wird: schon zweitausend Jahre stand hier eine mächtige und gcwerbfleißige Stadt, also zu einer Zeit, wo die Bewohner Europas noch in die Rohrund Bretterhütten ihrer Pfahldörfer unterkrochen! Damit ist mehr gesagt, als in seitenlangen Betrachtungen über das Alter der chinesischen Kultur vorgebracht werden könnte. In unmittelbarer Nachbarschaft der Schiffstadt erstreckt sich auf dem Festlandc die europäische Niederlassung Shamien. Reisende können nicht genug die Annehmlichkeiten dieses Aufenthaltsortes rühmen. Sein Glanzpunkt ist der "Bund", die Promenade entlang des Flusses Sikiang, eine Anlage von seltener Schönheit. Schattige Alleen, die selbst im Winter ihr grünes Laubdach nicht verlieren, ziehen längs des Ufers, mit breitem Fahrwege, an dessen Ostende sich ein prächtiger Park ausdehnt, der auch von chinesischen Ammen, einheimischen Dandys und würdigen Mandarinen fleißig zu angenehmen Mußestunden benutzt wird. Canton genießt den Ruf, und dies nicht mit Un^ccht, die reinste Stadt des chinesischen Reiches zu sein. 2b damit viel gesagt ist, möge dahingestellt bleiben. Im Vergleiche mit Schanghai, Amoi und anderen großen Städten Chinas erscheint Canton in der That als eine sehr reine Stadt. Auffällig sind die schönen Granitplatten, mit welchen die durch die Gassen ziehenden Kanäle überdeckt sind. In reichster Ausstattung zeigen sich ferner die Verkaufsgewölbe, die sich in unübersehbarer Zahl aneinanderdrängen. Die Masse der Artikel i>t erdrückend; doch kommt der Associationsgeist der Kaufleute, wonach dieselben Waren in größeren Massen in denselben Straßen, Thor an Thor, sich ansiedeln, der Besichtigung sehr zu statten. Pelzhändler, Fächerarbeiter, Seidensticker, Maler, Tischler, Porzcllanhändler: jedes Gewerbe hat seine besondere Straße. Handelshänser von Ruf halten darauf, sich knapp neben dem Konkurrenten niederzulassen, um demonstrativ zu zeigen, daß sie den Wettbewerb nicht zu scheuen haben. In der sogenannten "Jadestraße", die mit großen Quadern gepflastert ist, wird kaum ein europäischer Besucher der Verlockung widerstehen, den Inhalt seiner Börse zu entleeren, wenn er die Läden der Juweliere, Antiquitäten überholt und schließlich blühte in fabelhaft kurzer Zeit das nahegelegene Hongkong zum reichsten See-Emporium Ostasiens auf, wodurch Canton in den Hintergrund gedrängt wurde. Zn Zeiten war es überdies ein berüchtigter Piratenschlnpfwinkel, was dem Handel durchaus nicht förderlich sein konnte. Hongkong. Der Mündungsbucht des Canton-Flusses gegenüber liegt die Insel Hongkong (chinesisch: guter Hafen), 100 Seemeilen von der Hauptstadt Kwangtungs entfernt. Sie war ein nackter, öder Fels, als sie im Jahre 1841 von China an Großbritannien abgetreten wurde. Heute ist es einer der großartigsten Hafenplätze der Welt, mit einer jährlichen Schiffsfrequenz von mindestens 20000 Schiffen. Der Anblick der Stadt Viktoria, welche sich an den nördlichen, dem Hafen zugekehrten Abhängen terrassenförmig ausbaut, ist nicht unmalerisch, macht aber im Großen und Ganzen einen kalten Eindruck. Den unteren Teil nehmen lange Fronten palastähnlich gebauter Häuser ein, dahinter erheben sich Reihe für Reihe große, luftige Bauten, bis zu den hübschen, Das Große Nordthor in Canton. und Buchhändler abschreitet. Es ist ein Überfluß von von üppig grünenden Gärten umgebenen Landhäusern, kostbaren Schätzen, der alle Vorstellungen übersteigt. Darüber hinaus dehnen sich steile, grasbewachsene AbGenug davon. Canton war bislang die erste Seehänge, von Serpentinenwegen dnrchschlängelt, welche aus Handelsstadt Chinas. Dann wurde es von Schanghai die Höhe des Picks mit der Signalstation führen. Die Stadt Hongkong, vom Isafen aus gesehen Stadt zerfällt in zwei Quartiere, das europäische und das asiatische, welche ca. 8000, beziehungsweise 170000 Bewohner beherbergen. Das Verhältnis beider Stadtteile zu einander ist dementsprechend: das wenig ausgedehnte, aber mit allem Komfort ausgestattete Europäerviertel und das weitläufige, dabei gleichwohl im Sinne der Raumersparnis bis ins Unglaubliche.zusammengedrängte Chinesenviertel, jenes im Osten, dieses im Westen der Stadt. Auch Hongkong hat seine "Schiffstadt", sie ist aber nicht sehr ausgedehnt. Einen stattlichen Anblick gewährt die Hauptstraße von Viktoria, die "Queens Road", in welcher die Läden und Kontore der großen europäischen und chinesischen Handelshäuser sich befinden. Hier sowohl, >vie in den sauberen, zum Quai führenden Querstraßen sieht nian die schillernden, vergoldeten chinesischen Schilder mit den Firma-Ankündigungen. Das alles ist aber nicht geeignet, dem Besucher besonders zu imponieren. Dagegen wird sich ein anderes Bild dauernd seinem Gedächtnisse einprägen: der Überblick auf Stadt, Insel, Hafen und den weiteren Bereich von der Höhe des Viktoria-Picks, auf welchen eine Drahtseilbahn führt. Die Rundschau ist wahrhaft großartig, der Blick auf den von Dampfschiffen, Dschonken und Booten wimmelnden Hafen, aus die künstlich geschaffenen Anlagen mit ihren Palmenund Bananengruppen und auf die gegenüberliegende Festlandsküste, im höchsten Maße Anziehend. Dort, an der Festlandküste, liegt Kowluu, der Werfthafen von Hongkong. Er nimmt die Südspitze der gleichnamigenHalbinsel ein, welche ün Jahre 1899 ganz in englischen Besitz übergegangen ist. Auch an diesem öden Strande hat das Kolonisationswerk Wunder bewirkt; es hat eine wahre Feenlandschaft ans dem vormals dürren und verlassenen Fleck Erde hervorgezaubett, herrliche Gärten mit zierlichen Villen, Promenaden >uid lauschigen Winkeln. Und sozusagen mitten in diesem reizenden landschaftlichen Idylle liegen die großartigen maritimen Anlagen, die Trockendocks und Werften. Macao. An der breiten Mündung des Perlflusses, gegenüber von Hongkong im Westen, liegt auf einer Insel 1845 ist die Stadt zum Hanpthafen für die Verschiffung chinesischer Kulis nach Brasilien, Westindien n. s. >v. herabgesunken. Bis 1862 war das Ansehen des portugiesischen Gouverneurs durch die Aufsicht eines chinesischen Mandarins über die Polizei der Kolonie beschränkt und mußte von letzterer eine Art Tribut gezahlt werden. Jetzt ist diese beschämende Einrichtung beseitigt. Macao hat einen beschränkten .Hafen, der nur die alte portugiesische Kolonie Macao, "ein ehrwürdiges Denkmal des einstigen Unternehmungsgeistes der Portugiesen, aber gleichzeitig eines der wenigen Überbleibsel ihrer Herrlichkeit aus dem Zeitalter der Entdeckungen". Länger als drei Jahrhunderte weht dort das Banner jenes zwar kleinen, aber seiner Zeit an kühnen Männern reichen Landes, dem ein Breve des Papstes Alexander II. die Oberhoheit über alle neuentdeckten Länder auf der östlichen Erdhälfte zugesichert hatte. Lange Zeit war Macao der Mittelpunkt des Handels in Ostasien und die Wiege des einst unermeßlichen Handels von Danton. Dann aber kam der Verfall. Den Todesstoß erhielt Macao durch die Gründung von Hongkong. Seit Dschonken und kleinen Schiffen zugänglich ist. Die Stadt hat einen vorwiegend chinesischen Charakter, doch macht die Südseite, mit der "Praha" am Strande, eine Ausnahme hiervon. Eine Anzahl großer Kirchen und Klöster mit schönen Gärten trägt die sichtbaren Merkmale des Verfalles. Macao ist eine Stadt der Vergangenheit. Für den Litteratnrknndigen hat sie vornehmlich deshalb Interesse, weil hier Luis de Camoens in der Verbannung lebte und die "Lusiaden" dichtete. Im Hintergründe eines gänzlich verwilderten Gartens befindet sich die sogenannte "Camoensgrotte" auf dem Gipfel eines steilen Hügels. Es war das Lieblingsplätzchen des unglücklichen Dichters. Seinem Andenken ist eine Büste geweiht, auf deren Steinsockel Verse ans dem Nationalepos der Portugiesen — den "Lusiados" — eingemeißelt sind. Die anderen großen Städte Chinas sollen nur suinmarisch aufgeführt werdeil. Vor allem ist die Hauptstadt der Provinz Szetschuen, Tschingtnfu, zu nennen, die für die schönste Stadt des Reiches gilt. Sie hat fast eine Million Einwohner, ist im Viereck gebaut, von hohen, starken Mauern umschlossen und zeigt die herkömmliche Zweiteilung in eine Chinesenund eine Tatarenstadt. Innerhalb der ersteren liegt die von Wällen umgürtete kaiserliche Residenz. Die Bevölkerung ist weniger fremdenfeindlich gesinnt, als in den andere» großen Städten. — Futschon, die Hauptstadt der Provinz Fukien, mit reichlich 600000 Einwohnern, ist Traktatshafen und wichtiger Theemarkt. Wie alle großen Städte des Reiches ist auch Futschou von einer gewaltigen Mauer (9 m hoch, 3 m dick) eingeschlossen. Haupteinnahmsqnelle bildet der Thee (die schwarze Sorte), der hier in großen Mengen produziert wird. Seestapelplatz von Fukien ist Ämoi mit ca. 100000 Bewohnern und sehr thätigen chinesischen Reedern, welche ansehnliche Dschonkenflotten besitzen. In der Provinz Tschekiang liegt Hangtschon mit etwa 400000 Einwohnern, identisch mit der von Marco Polo geschilderten Hailptstadt des Reiches der Song (Kingfu), und einer der großen Seestapelplätze des Reiches, Der Handel erstreckt sich hauptsächlich auf Ostindien und Japan. Hervorragend ist die Seidenindustrie, die auch in Ningpo (300000 Einwohner) in hoher Blüte steht. Sntschoufu, mit fast einer Million Einwohner, am Kaiserkanal und am See Taihn gelegen, eine der gewerbfleißigsten Städte mit hochentwickelter Industrie (Seidenund Baumwollwaren, Elfenbein-, Holz-, Glasund Lackwaren)... Eine hervorragende Stadt im Innern ist noch Latschoufu, mit etwa 500000 Bewohnern. Sie liegt malerisch am Hoangho und zählt zu den großen Industriestädten des Reiches. Hanpterzeugnisse sind Seidenstoffe, Seidenstickereien, Holzund Steinschnitzereien, Silberund Nephritschmuck, Messinggefäße. Auch die Bodenproduktion steht in Blüte. Obst, Tabak und Thee werden in reichlicher Menge gewonnen. Eine aus Anlaß der chinesischen Wirren vielgenannte Örtlichkeit ist Mngden, die Hauptstadt der Mandschurei. Sie ist nicht sehr volkreich (etwa 170000 Einwohner), aber weitläufig angelegt, eine große, schöne Stadt, ähnlich wie Peking erbaut, mit starken Wallmauern und einer gleichfalls von Wällen umgebenen kaiserlichen Residenz. Mugden war bis 1631 Sitz der Maudschu-Khane, deren letzter von hier aus China eroberte und sich zum Kaiser des neuen Reiches aufschwang. Heute ist die Stadt in den Händen der Russen, während der hier residierende Tatarengeneral zum machtund willenlosen Werkzeuge des russischen Gouverneurs herabgesunken ist. Das Reich der Mitte ist eine absvlute Monarchie und war eine solche ohne irgendwelche nennenswerte Veränderung seit seinen ersten Anfängen. Eine Verfassung in unserem Sinne ist deshalb unbekannt. An der Spitze des Reiches steht der Kaiser, der seine Stellung und Macht unmittelbar vom Himmel ableitet. Er ist der Stellvertreter des Himmels, der Vollzieher der göttlichen Befehle ans Erden, und wird auch mit dem Namen Diente, d. h. Sohn des Himmels, bezeichnet. Im gewöhnlichen Leben wird er Tangtsching foye, d. h. der Buddha der Gegenwart, genannt; er selbst nennt sich Kuu-Ien, d. h. "der einsame Fürst". Nach dem Glauben der Chinesen steht der Kaiser durch die Seelen seiner Vorfahren auf dem Drachenthrone mit den himmlischen Kräften in Verbindung, und eine seiner vornehmsten Pflichten ist es, in jedem Jahre mit großer Feierlichkeit den Ahnen seiner Vorfahren und dem Himmel selbst Opfergaben darzubringen. Dieser Himmel wird durch Schangte, d. h. "der oberste Herr des Himmels, der Erde und aller Dinge" verkörpert, und kraft der Beziehungen des Kaisers zu Schangte regiert er das Reich, niemandem Rechenschaft schuldend, 1" als dem Himmel, was bei Hungersnot, Krieg, Epidemien u. dergl., welche das Reich heimsuchen, mit seltener Freimütigkeit in den kaiserlichen Edikten zum Ausdruck kommt. Der Kaiser klagt sich in solchen Fällen selbst beim Himmel an, und bittet, Buße thun zu dürfen. Unter diesen Umständen könnte inan annehmen, daß der Kaiser des chinesischen Reiches in seinen Handlungen vollständig unumschränkt sei. Aber thatsächlich ist er sich diesen geradezu sklavischen Vorschriften unbedingt unterwerfen. Thut er es nicht, weicht er von den alten, durch frühere große Herrscher geheiligten Überlieferungen der Sklave uralter Gebräuche, welche vor ihm alle Kaiser auf das Genaueste befolgt haben, und welche dadurch gewissermaßen geheiligt sind. Sein ganzes Thun und Lassen den Beamten ivie dem Volke gegenüber, ja sein Privatleben bis in die intimsten Einzelheiten wird durch diese von Generation zu Generation überlieferten Gebräuche eingeengt, und keine Staatsaktion, keine Hofceremonie wird unternommen, ohne daß vorher ein eigenes, wichtiges Hofamt, Lipn genannt, alle Einzelheiten auf das Genaueste feststellen würde. Für den kaiserlichen.Hof sind diese Vorschriften in einem zweihnndertbändigen Werke, dem Hwui-Tien enthalten. Sogar die Menge der Lebensmittel, welche vom kaiserlichen Verpflegungsamte täglich dem Kaiser, der Kaiserin, den Eunuchen, Konkubinen, Hofdgmen und Dienerinnen zu verabreichen sind, werden in diesem Buche auf das Genaueste bis ans die Wasserkrüge festgestellt. Ähnlich ist es auch mit den öffentlichen Regierungsaktcn, und jeder Kaiser, dem sein Thron lieb ist, wird Eingang zur roten oder verbotenen Stadt in Peking. tigste, der .Herrscher das geringfügigste Element der Nation." Gewissermaßen als Wächter dieser uralten Überlieferungen sind dem Kaiser Zensoren zur Seite gestellt, welche über jeden seiner Staatsund Privatakte Aufsicht führen und ihn auf Verletzungen der Tradition aufmerksam machen müssen. Von dem Zensnrrcchte wird häuab, versucht er Neuerungen einzuführen, für welche die große Masse des Volkes kein Verständnis oder kein Bedürfnis empfindet, so hilft sich das Volk selbst, indem es nötigenfalls mit den Waffen deni Kaiser entgegentritt. Die Geschichte des chinesischen Reihat viele solche Fälle aufzuweisen. Menzius, der große Apostel des chinesischen Lehrmeisters Confucius, hat diese Volkshilfe in einem heute noch anerkannten klassischen Werke mit folgenden Worten festgestellt: "Hat der Fürst roße Fehler, so soll man n zur Rede stellen; hört aber nicht auf wiederolte Warnungen, so soll abgesetzt werden, denn as Volk ist das wichin Empfang beim chinesischen Kaiser. 161 HRnrerereGrerererorenrarerarerereriranGnRnp Der kaiserliche Hof. GE 162 figer Gebrauch gemacht als mau annehmen sollte. In dieser Achtung vor bcn alten Gebräuchen liegt auch der Grund, warum das chinesische Reich im ganzen Großen allen abendländischen Neuerungen abgeneigt ist. Der Kaiser mag von der Nützlichkeit derselben persönlich übcrzengt sein, die erwähnten Umstände verhindern ihn jedoch an ihrer Einführung. Innerhalb der durch die Tradition gezogenen Grenzen ist der Kaiser die vornehmste Macht im chinesischen Reiche, der Gegensatz zu einem konstitutionellen Herrscher die Persönlichkeit, welche alle Ämter, Ehren und Würden zu vergeben hat, der oberste Priester der chinesischen Staatsreligion, der Einzige, dem es gestattet ist, den Himmel direkt anzubeten, der Herst über Leben und Tod seiger Unterthanen, der Eigentümer des ganzen Reiches. Verfassung, Macht, Regierung und Religion vereiuigen sich, wie man sieht, in der Person des Kaisers, und die Jahrtausende, die über diese Machtfülle hinwcggegangen sind, haben sie nicht ernstlich zu erschüttern vermocht. Immer noch richten sich beim ganzen ungeheuren Volke Hoch und Niedrig, Arm und Reich, die Blicke mit heiliger Scheu nach Peking, wie zu einem chinesischen Olymp. Indessen, so erhaben und ehrfurchterweckend dieser Olymp für den Chineseir vor den Kulissen auch sein mag, in Wirklichkeit bieten die einst vortrefflichen Einrichtungen durch die Habsucht und den Ehrgeiz der Höflinge, Eunuchen und Haremsdamen nur eilt Zerrbild dessen dar, was sie unter früheren Kaisern, auch noch unter solchen der jetzt regierenden Mandschu-Dynastiegewesen sind. Der kaiserliche Hof mit seinen Tansenden von Beamten, Eunuchen, Garden, Haremsdamen und Sklavinnen bildet ein Reich für sich mit eigenen Ministerien, eigener Gerichtsbarkeit, eigenen Finanzen, und der ganze Regiernngsapparat ist gewiß viel größer als jener so manchen deutschen Staates. Das Obersthofmcisteramt, hier Neiwufu genannt, ist in sieben verschiedene Ministerien oder Sekretariate abgeteilt, deren erstem die Verpflegung der Olympbewohner untersteht. Das zweite Sekretariat ist der persönlichen Sicherheit des Kaisers und seines Hofes gewidmet und besorgt die Leibwachen, die Bewachung der verbotenen oder Purpurstadt, d. h. der kaiserlichen Residenz, und endlich die Begleitung des Kaisers durch Leibgarden, wenn er sich auf der Reise befindet. Die Leibwache besteht zu gewöhnlichen Zeiten aus 700 bis 800 Mann, und gehört dem kaiserlichen gelben Banner an, das sich durchweg aus Mandschn zusammensetzt. Viele ihrer Offiziere sind Anverwandte des Kaisers und versehen gleichzeitig auch Dienst als Kammerherren. Bei Festlichkeiten tragen die Garden prächtige seidene Uniformen, reich vergoldete hohe Metallhelme mit dem kaiserlichen Emblem, dem fünfklanigen Drachen geschmückt, sind aber nicht mit Gewehren, sondern nur mit Hellebarden und Schwertern bewaffnet. Einzelne Abteilungen der Garden tragen auch noch Bogen und Pfeil. ie dritte Abteilung der kaiserlichen Hofhaltung regelt das Ceremoniell zwischen den einzelnen Mitgliedern der kaiserlichen Familie; die Herolde und Eunuchen dieses Amtes überwachen den Aufzug der Haremsdamen, wenn sie zur Huldigung in die kaiserlichen Gemächer befohlen werden, sie stellen das Gefolge, welches den Kaiser bei seinen seltenen Ausgängen begleitet und versehen den Dienst bei allen Festlichkeiten und Audienzen. Den Beamten der vierten Abteilung obliegt die Auswahl der Damen für den kaiserlichen Harem, und weil diese Damen die größten Unkosten der ganzen Hofhaltung verursachen, ist der vierten Abteilung auch die Einziehung der Steuern und kaiserlichen Nevenüen übertragen. Der fünften Abteilung sind die kaiserlichen Paläste und Gärten unterstellt, sie besorgt alle Reparaturen und Neubauten, und hat die Straßen der Hauptstadt reinigen und mit gelbem Sand bestreuen zu lassen, falls der KaiserAusgänge unternimmt. Obschon weder der Kaiser noch irgend ein Prinz, ja nicht einmal ein Mandarin jemals den Fuß wirklich auf den Boden setzt, sondern stets in Sänften getragen wird oder reitet, so müssen doch alle Wege, die passiert werden, mit Sand in der Kaiserfarbe, gelb, bestreut werden. Jedem Mitgliede des Kaiserhauses gebührt eine seinem Range entsprechende Menge Sand. Die sechste Abteilung verwaltet die kaiserlichen Stallungen, Meiereien und Herden, welche für den Gebrauch des Hofes gehalten werden; die siebente Abteilung ist das kaiserliche Familienamt, Tsungyenfu. Ihr obliegt die Gerichtsbarkeit über alle Mitglieder des Kaiserhauses, sie führt die Register über Geburten, Ehen, Todesfälle u. s. w. Neben diesen Hauptabteilungen bestehen jedoch eine Menge kleinere Hofämter, welche das Heer der Hofüeamten auf viele Hunderte anschwellen lassen. Über die wirkliche Zahl der zum Kaiscrhofe gehörigen Personen kann keine bestimmte Angabe gemacht werden. Es gicbt allein an 6000 kaiserliche Prinzen, aber nicht solche nach abendländischem Muster. In China besteht das Clan-Wesen ähnlich wie in Schottland, die Familienzusammengehörigkeit ist stark ausgeprägt, und wo immer möglich, wohnen die Mitglieder derselben Familie durch vier, fünf Generationen in einer Gruppe beisammen, welche zuweilen mehrere hundert Köpfe zählt. So wohnen in dem Geburtsort des großen chinesischen Lehrmeisters Confucius, Kiufu iit SüdSchantung unter den etwa 25000 Seelen nicht weniger als 18000 mehr oder minder direkte Nachkommen des Confucius, welche alle seinen Namen führen. Auch im Kaiserhause Prinz Thing, der während der wirren abgcsetzte Präsident des Tsungli Hamen. 11* Offizieller Besuch durch einen Mandarinen. (Lin wirkungsvoller, farbenprächtiger Aufzug Der Mann mit dem schachbrettartigen Schirme dient dem Mandarinen als Entschuldigung, wenn er verschiedenes nicht sehen will.) 107  nnö Mandarinentum. RRnnnnnn 168 gehören alle Nachkommen des ersten Kaisers der Dynastie zur kaiserlichen Familie und sind je nach dem Grade ihrer Verwandtschaft in zwölf Klassen mit verschiedenen Titeln und Bezügen eingeteilt. Die Brüder und Söhne des regierenden Kaisers sind Prinzen erster Klasse, deren Söhne Prinzen zweiter Klasse u. s. w. bis die Prinzen zwölfter Klasse nur mehr dem Namen nach zum kaiserlichen Clan gehören und auch nur etwa zwölf Mark monatlich, sowie einige Rationen erhalten. Die ganze prinzliche Gesellschaft ist in zwei große Gruppen geteilt, deren erste, die Tsungschih, nur die direkten Nachkommen des Gründers der Dynastie umfaßt. Als äußeres Abzeichen tragen sie einen gelben Gürtel. Die zweite Gruppe, Gioro, umfaßt alle Nachkommen der Nebenlinien, und ihre Mitglieder tragen einen roten Gürtel. Die vornehmeren Prinzen bekleiden häufig Hofämter oder Ministerstellen, andere je nach ihrem Range mindere Ämter, bis zu den Prinzen der untersten Klassen, die sich zuweilen als Gesandtschaftsdiener, Schreiber oder Dolmetscher anstellen lassen. Jeder Prinz der höheren Klassen besitzt seinen Harem mit einer Anzahl von Frauen, Dienerinnen und Eunuchen. Der Kaiser selbst soll in seinem Harem mehrere hundert Frauen verschiedener Klassen besitzen, mit einer in die Tausende reichenden Anzahl von Hofdamen und Dienerinnen. Im ganzen sollen sich in der Purpurstadt 6000 weibliche Wesen befinden, zu deren Aufsicht und Bedienung 3000 Eunuchen dienen. Diese letzteren rekrutieren sich vornehmlich aus den Söhnen aller wegen Familienmorden Hingerichteten Verbrecher, aber auch aus Knaben, welche von ihren Eltern und Anverwandten gegen Zahlung an die kaiserliche Hofhaltung abgetreten werden. Unter dieser Menge von Prinzen, Haremsfrauen, Eunuchen und Beamten wird nach Thunlichkeit strenge Ordnung gehalten, und Vergehen werden rücksichtslos bestraft. Die "Pekinger Staatszeitnng", dieses seit dem achten Jahrhunderte täglich erscheinende Regierungsblatt, enthält zeitweilig darüber bezeichnende Aufschlüsse. So.erschien beispielsweise vor einigen Jahren in derselben folgendes kaiserliche Edikt: "Ich, der Kaiser, habe folgende von mir getroffene Verfügung der allergnädigsten Kaiserin Ex-Regentin mitgeteilt: ,UnserHof hatseineFamilientraditionenund Gesetze, die streng und vernünftig sind. Dem Harem geziemt es nicht, sich in Staatsangelegenheiten zu mischen. —DieFrauen zweiten Ranges, Zsin und Tschehsen haben ihre bisherige Zurückhaltung aufgegebcn. Sie haben sich dem Prunk ergeben und wenden sich wiederholt an mich, den Kaiser, mit Bitten und Anliegen, mir viel Sorge bereitend. Das darf nicht wieder Vorkommen, denn werden sie nicht bestraft, so ist zu befürchten, daß die kaiserlichen Gemahlinnen von allen Seiten mit Anliegen und Jntriguen bestürmt werden, die doch nur allerlei Betrug zum Zwecke haben. Deshalb sind die Frauen Zsin und Tschehsen zu degradieren und die Strafen zur öffentlichen Kenntnis zu bringen. Jetzt wird wieder Ruhe und Ordnung im Palaste cinkehren. Gehorchet meinen Befehlen?" Noch strenger wird mit den Eunuchen verfahren, die, in der unmittelbaren Umgebung des Kaisers weilend, besonderen Einfluß und Gelegenheit haben, ihre Stellung zu allerhand trüben Machenschaften auszunützen. Deshalb werden sie seit Beginn des Jahrhunderts nicht mehr zu Mandarinen ernannt, aber noch jetzt veröffentlicht die Staatszeitung fast allmonatlich Edikte, denen zufolge schuldige Eunuchen geköpft oder in die Verbannung geschickt werden. — (Erste Alcifse des zweiten Grades.) -vw Haremsmädchen, welche nicht in die verschiedenen Rangklassen der kaiserlichen Frauen eingereiht sind, werden nach vollendetem fünfundzwanzigsten Lebensjahre wieder aus dem Hofstaate entlassen; Töchter des Kaisers und andere Prinzessinnen werden gewöhnlich an mongolische Tribut-Fürsten oder an hohe MandschuMandarine vermählt. Nirgends findet das bewährte Sprichwort: "Viele Köche versalzen die Suppe" bessere Beitätigung als bei dem vieltausendköpfigen Hofstaat des Kaisers von China. Alle Titel, Würden, Konzessionen, Ämter u. s. w. werden von Peking aus verliehen, in Peking ist der Mittelpunkt des ganzen ungeheuren Organismus, welcher das große chinesische Reich mit seinen ungezählten Millionen Einwohnern, seinen kolossalen Ländereien und Reichtümern, seinem ausgedehnten Handel und Wandel umfaßt. Am Pekinger Hose benutzen nun viele Prinzen der niedrigeren Grade, Eunuchen und Mandarine ihren Einfluß, um sich selbst zu bereichern. Statt daß die Umgebung des Kaisers die Brücke bilden würde, um den Verkehr des Volkes mit dem Kaiser zu vermitteln, ihm in ehrlicher Weise die Zustände in seinem Reiche darzulegen und ihm so die Möglichkeit zu geben, Mißstände zu beseitigen, zu derer allein die Macht besitzt, bildet diese Umgebung eine unübersteigbare Mauer um den Kaiser, hält das Volk dou ihm, ihn aber vom Volke ab. Wer immer irgend welches Amt, eine Auszeichnung, Würde, oder einen ^tel will, kommt viel rascher zum Ziele, wenn sein Unliegen von klingender Münze begleitet wird. Selbst Audienzen bei den hohen Prinzen, Ministern, sogar beim Kaiser müssen in sehr vielen Fällen durch hohe Summen erkauft werden. Je höher die Persönlichkeit, welche die Audienz begehrt, als desto zahlungsfähiger wird sie anlwlehen und desto größere Summen werden gefordert, -^iese elenden Zustände sind in Peking und bei der bwtzen Klasse der Klvan, d. h. Mandarine, offenkundig. .an kann sich daraus eine Vorstellung machen, wie es unt^ der chinesischen Centralregierung bestellt ist. Wo °nst wäre es möglich gewesen, daß eine kaiserliche Konkubine verschiedene Kaiser und Kaiserinnen beseitigen, u>tt Thronfolgern spielen, Regierungen wechseln und während vier Jahrzehnten geradezu unumschränkte HerrIcherin eines Reiches bleiben konnte? ^ Thatsächlich dreht sich alles um die alte Kaiserin ^suhsi, und nicht um den Kaiser. Sie ist die oberste Lenkerin der Geschicke Chinas während der drei letzten Inhaber des Kaiserthrones gewesen, sie ist es heute uoch, und wird es voraussichtlich bis zu ihrem Tode bleiben. Die Landesfarbe ist orangegelb. Das Wappen bildet ein fünfklauiger blauer Drache im gelben Felde. Flagge ist dreieckig, mit gezackten Rändern. Die untere Seite steht horizontal. In der Mitte befindet Och ein fünfklauiger blauer Drache, den Kopf gegen den Claggenstock gewendet. — An Orden besteht allein der Drden vomDoppeltenDrachen (Schuang-lnng-Pao-Sing) ber am 7. Februar 1882 vom Kaiser gegründet wurde. Er wird in fünf Klassen verliehen, von denen die drei ersten wieder in drei verschiedene Stufen cingctcilt sind. ^>c Ordensabzeichen sind bei jeder Klasse und jeder Stufe in Form und Aussehen, sowie in der Farbe der Vänder verschieden. Regierung und oberste Behörden. Die Chinesen haben keine Volksvertretung, kein Parlament. Sie sind die Regierten und lassen sich mit erstaunlicher Geduld von den Beamten regieren und bedrücken. Es giebt in China mich keine innere Staatsschuld und kein organisiertes Steuersystem. Braucht die Regierung Geld, so werden die Provinz-Gouverneure angewiesen, einfach bestimmte Geldsummen, die bis in die Millionen Taels steigen, nach Peking zu senden. Die Gouverneure treiben das Geld nicht als eine Anleihe, sondern einfach als Kontribution, natürlich mit einem entsprechend hohen Zuschlag für fich selbst, von den Distriktund Kreismandarinen ein, und diese thun ihrerseits das Gleiche mit dem Volke. Geld spielt in China eine noch größere Rolle als anderswo, und daß der Ver kauf von Beamtenstellen zeitweilig sogar gesetzlich anerkannt wird, geht aus den Edikten der Staatszeitung hervor. So z. B. enthält noch die Ausgabe vom 6. Juli 1895 folgende Auslassung: "Wenn die Staatsverwaltung früher den Ämterkanf zuließ, so war dies ursprünglich durch Geldnot bedingt. In der letzten Zeit nimmt jedoch dieser Stellenkauf dermaßen überhand, daß. Verwirrungen im Beamtenkorps entstehen und große Mißstünde eintreten. Wie können Leute, die nichts von Amtsgeschäftcn verstehen und sich mit Geld einen Posten erkauft haben, diesen befriedigend ausfüllcn? Das Finanzministerium soll deshalb zunächst den Verkauf von Taotaiund Präfektenstellen gänzlich einstellcn. Wegen der kleineren Ämter möge die Behörde ebenfalls in Erwägung ziehen, wie dem Verkaufe Einhalt gcthan werden kann." In der vom Kaiser oder vielmehr gegenwärtig von der Kaiserin-Mutter eingesetzten Regierung giebt es keine verantwortlichen Minister, sondern nur Tribunale, deren jedes aus mehreren Würdenträgern zusammengesetzt ist. Ebensowenig giebt es einen Reichskanzler oder Ministerpräsidenten. Die höchste Behörde des Reiches ist das Großsekretariat, das aus vier Sekretären und zwei Beisitzern besteht. Von diesen Großsckretären sind einzelne wieder Mitglieder der nächstniedrigen Behörde, des Staatsrats. Dieser besteht aus sechsRäten mit einem kaiserlichen Prinzen, augenblicklich Prinz Li, als Vorsitzer. Auf den Staatsrat folgt im Range der Tsnngli Damen, d. h. das Tribunal fürauswärtige Angelegenheiten, und dieses, mit Prinz Tsching an der Spitze, zählt unter seinen zehn Mitgliedern wieder mehrere Staatsräte. Die Vizekönige und Gouverneure der einzelnen Provinzen sind Bcisitzer dieses Auswärtigen Amtes. In ähnlicher Weise sind auch die sechs Ministerien ans verschiedenen Persönlichkeiten mit je einem Präsidenten an der Spitze, zusammengesetzt, und jeder dieser Ministcrialpräsidcnten ist gleichzeitig ein Staatsrat oder Mitglied des Tsnngli Damen. Ein eigenes Fremdenamt verwaltet dieAngelegenheiten der tributpflichtigen Länder. Außerhalb dieser obersten Reichsämter besteht durchaus selbständig das Zensoramt mit der Berechtigung, Klagen über alle Zweige der Verwaltung dem Kaiser vorznlegen, ja diesen selbst dcr Zensur zu unterwerfen und alle kaiserlichen Erlasse der öffentlichen Beurteilung zu unterbreiten. Gleichzeitig ist dieses Zensoramt der oberste Revisionsund AppellHof des Reiches. •— Unter den Mitgliedern der genannten Behörden giebt es zweifellos viele hochachtbare und ehrenwerte Persönlichkeiten, gute Patrioten und dem Kaiser ergeben, allein der Mangel an Schulbildung nach abendländischein Muster und die vollständige Unkenntnis des Auslandes und ausländischer Kultur läßt sie in den ausgefahrencn Geleisen der uralten Tradition wandeln. Von allen Ministern und Staatsräten, welche beim Ausbruch der jüngsten Wirren von 1900/1901 die Geschicke des Reiches lenkten, waren drei Viertel niemals über die nähere Umgebung von Peking hinausgekommen, und auch von dein kleinen Reste hatte mit Ausnahme vonLi-Hungtschang niemand die Grenzen Chinas überschritten! In Bezug auf das Ausland schöpfen diese Mandarine ihre Weisheit aus den chinesischen Beschreibungen, in welchen alle Völker jenseits der Grenzen heute noch als Barbaren bezeichnet werden, ja dieser Name kam noch bis vor wenigen Jahren in offiziellen Dokumenten an die Gesandten der fremden Mächte in Peking vor, bis diese gemeinsam gegen eine solche Bezeichnung Protest erhoben! Man wird unter diesen Umständen fragen, wie solche Reichsbeamte in den Verhandlungen mit fremdPunkte in ihrem Begehren zu verwirren, nicht ja, nicht nein zu sagen. Gedeihen die Verhandlungen bis nahe zum Abschluß, dann fehlt bald der eine, bald der andere Minister, Krankheit, Familienfeste, Trauer, unzählige andere Ausflüchte müssen herhalten, bis schließlich die Sache in Vergessenheit gerät oder zu einem nur halbwegs befriedigenden Abschluß gebracht wird. Verwaltung der Provinzen. Die Provinzen werden durch Mandarine verschiedener Rangklassen verwaltet, deren es für den Civillvie Militärdienst je neun giebt. Der Rang jedes MandaLiu chinesisches Mandarinenboot mit Gefolge auf dem jdciho bei Tientsin. ländischen Gesandten, vornehmlich beim Abschluß von Handelsund Friedensverträgen in den nwisten Fällen so große Vorteile für China erzielet: können? Ihre Unwissenheit wird eben durch die ihrer Rasse eigentümliche Schlauheit und Findigkeit, solvie eine ganz eigene Art voir Logik und Argumentierung ausgewogen, welchen Eigenschaften die fremdländischen Diplomaten geradezu machtlos gegenüberstehen, wollen sie nicht sofort mit Kriegsdrohungen bei der Hand sein. Selbst diese werden bei der Eigentümlichkeit der geographischen Lage Chinas nicht besonders ernst genommen. In den Verhandlungen der Gesandten mit dem Tsungli Damen ist es die Haupttaktik des letzteren, zu argumentieren, die Sache in die Länge zu ziehen, die Gesandten durch geschickt entdeckte schwache rins ist durch den Knopf auf seinem Hute, sowie durch das gestickte Brustund Rückenschild auf seinem Kleide und die Abzeichen auf seinem Gürtel zu erkennen. In China giebt es keinen Adel und keine bevorzugten Klassen nach abendländischem Muster, und der Ehrgeiz kann nur durch den Eintritt in die Beamtenoder militärische Laufbahn, wenn von einer solchen in China überhaupt die Rede sein kann, befriedigt werden. Jeder einzelne Chinese, sobald er nicht einem der geächteten Stände, also Barbieren, Schauspielern, Schifferknechten u. dergl. angehört, kann Mandarin werden, jedem stehen alle Stellen bis zu den Ministerien und zum Staatsrat offen, vorausgesetzt, daß er die nötigen Kenntnisse dazu besitzt. Diese bestehen nicht etwa aus solchen, wie sie in den abendländischen Hochschulen gelehrt werden, sondern aus der Vertrautheit mit den alten Klassikern, schöner Handschrift, blumenreichem Schnörkelstil, Gewandtheit in Aufsätzen, der Beherrschung der Lehren des Confucius, dessen Geist heute noch das ganze chinesische Volk beherrscht. Für alle BeamtenPoiten werden Wettprüfungen in diesen Fächern ausgeschrieben, die einen üt lokalen Distrikten, die anderen nr den Provinzhauptstädten, wieder andere in Peking. Wer diese, übrigens sehr strengen Prüfungen besteht, erhält dadurch die Befähigung, Beamter zu werden, und je besser er sich seiner Aufgaben entledigt hat, desto größer sit seine Aussicht, wirklich einen Posten zu erhalten. Indessen unterliegt dies auch noch Beschränkungen. So darf z. B. kein Chinese in seinem heimatlichen Distrikte Mandarin werden; um Begünstigungen vorzubeugen, darf er auch keine Verwandteil unter seine Untergebenen aufnehmen, und selbst in verschiedenen Nachbardistrikten dürfen Vettern nicht gleichzeitig Beamtenposten einnehmen. Zur Aufrechthaltnng der Unparteilichkeit dürfen Beamte keine Frau heiraten, die auter ihrem amtlichen Wirkungskreise steht. Sie dürfen sich niemals zu Fuß auf der Straße zeigen u. s. w. Dafür genießen sie neben ihren staatlichen Bezügen und Ehren, sowie der Möglichkeit, sich auf ungesetzlichem Wege zu bereichern, auch gewisse Vorrechte, zunächst l^nes, daß sie vor Gericht nicht gefoltert werden dürfen. Alles das hebt den Mandarin hoch über das Volk und verleiht ihm Macht und Ansehen seinen Untergebenen gegenüber. Dafür ist er in weitestem Maße wieder voll seinen Vorgesetzten abhängig, und diese Beziehungen zu einander machen die Mandarine zu einer eigeneil, fest zusammenstehenden Organisation, die treu zur Regierung in Pekiilg und zuni Kaiser als dem Urquell ihres Ansehens und ihrer Macht hält. Der oberste Beamte einer Provinz ist je liach der Eröße derselben Vizekönig oder Gouverneur, in vielen Dingen mit fast souveränen Vorrechten ausgeUattet, aber doch mit Leib und Seele voll Peking abhängig, das ihn über Nacht durch einen anderen Beamten ersetzen kann. Er verwaltet seine Provinz, die möglicherweise die Größe und Einwohnerzahl einer europäischen Großmacht besitzt, im Verein mit einem Provinzschatzvleister und einem Provinzrichter und eigenen Sekretariaten, die eine Art von Unterministerien genannt werden könnten. Sogar eine Abteilung für auswärtige Angelegenheiten befindet sich darunter. Jede Provinz ist in ein Dutzend oder mehr Präfekturen eingeteilt und jede Präfektur in sechs bis acht Distrikte, deren jedem ein Tistriktmandarin vorsteht. All diese Beamten haben bestimmte Bezüge, die für ihre persönlichen Bedürfllisse wohl hinreichen würden. Allein gewöhnlich bekonlinen sie erst nach einer mehrjährigen Wartezeit eiilcn Posten, und da es für Personen, lvelche die Provinzprüfungen abgelegt haben und litterarische Grade besitzen, nicht standesgemäß ist, irgend Handel oder Gewerbe zu treiben, so müssen sie auf ihren späteren Beamtengchalt Schulden machen. Haben sie endlich einen Posten ergattert, so können sie ihn nach dcil bestehenden Vorschriften nur drei Jahre behalten, um allen sich allmählich entwickelnden Fainilienund Freundeseinflüssen vorznbeugen. Von ihrem Gehalte haben sie noch ein Heer von Sekretären, Schreibern und Dienern zu füttern, welche vom Staate keinerlei Bezahlung erhalten, und denen die Chinesen nicht mit Unrecht die Bezeichnung "Klauen ihrer Vorgesetzten" beigelegt haben. Nach Ablauf der dreijährigen Amtsperiode wird es gewöhnlich von der Größe des Trinkgeldes, das der Mandarin seinen Vorgesetzten bezahlt, abhängen, ob er befördert wird oder überhaupt einen anderen Posten erhält. All das zwingt ihn dazu, sich auf krummen Wegen Geld zu verschaffen, und dasselbe gilt nicht nur für die unteren Mandarine, sondern durch alle Rangklassen bis hinauf an die Stufen des Kaiserthronesbis zur Kaiserin-Regentin. Indessen giebt es auch sehr viele tüchtige, ehrliche, auf das Wohl des Volkes und des Reiches bedachte Beamte, Leute von Talent und Energie. Wäre dies nicht der Fall, dann hätte sich das Volk, das sich ganz bedeutender persönlicher Freiheit erfreut, längst gegen die Mandarine erhoben. Im Ganzen genommen sind die Chinesen, vbschon übersteuert, doch keineswegs so bedrückt, wie die Bewohner mancher anderen Länder. Sie sind im allgemeinen mit ihren Regierern nicht unzufrieden. Sie kennen die Mißstünde des Mandarinentums, aber begreifen sie, weil sie die Ursachen kennen, und verzeihen sie, weil diese Mandarine aus ihnen selbst hervorgegangen sind, weil heute oder morgen ihr eigener Bruder oder Sohn selbst Mandarin werden kann, zu ihrem Stolz, ihrer Genngthuung. Jedes Volk besitzt die Regierung, die es verdient, und das gilt auch von dem größten Volke der Erde, von den Chinesen. Band dos Grdens vom doppelten Drachen. (Mittelstück und Enden.) Das jetzt in China herrschende Mandschu-Herrscherhans erbte auch von dem vorhergehenden einheimischen Herrscherhanse der Ming neben den bis ins kleinlichste gehenden Satznngen über Opfergebräuche, Trauer, Kleidnng u. s. w. ein wirkliches Gesetzbuch, welches 1647 umgearbeitet im Druck erschien und heute noch gültig ist, das Ta Thsing lü li, "Gesetze und Verordnnngen des Herrscherhauses der Mandschu". Es ist ein Strafgesetzbuch, aus welchem nur hie und da nebenbei ersichtlich ist, wie Eigentumsfragen zu entscheiden sind. Kennzeichnend ist hierfür das Gesetz 78 in der Abteilung, welche von der Eintragung der Unterthanen in die amtlichen Listen handelt. Das Gesetz soll vom Erbrechte sprechen und hebt an: "Wer sich ungesetzlich seinen Erben und Stellvertreter bestellt, soll mit 80 Stockschlägen bestraft werden." Nach diesem Eingänge folgen erst die Bestimmungen über das Erbrecht selber. Auch hier findet man nur durch Schlußfolgerungen heraus, daß der älteste Sohn der richtige Erbe ist. Wenn die Frau 50 Jahre alt ist und keine lebenden Kinder hat, folgt der älteste Sohn einer Beifrau. An Kindes Statt darf zunächst nur der nächstfolgende älteste Sohn des Bruders u. s. w. in Ermangelung eigener Söhne mit Erbberechtigung genommen werden. Ohne solche dürfen Findlinge unter drei Jahren angenommen werden, die dann den Namen des Annehmers erhalten. Erst aus dem 88. Gesetze geht hervor, daß die nächste Voraussetzung bei Antritt der Erbfolge das Wohnen der Geschwister unter einem Dache ist. Wenn nämlich die jüngeren Mitglieder der Familie über einen Teil des gemeinsamen Vermögens ohne Erlaubnis verfügen, so sollen sic bis zum Betrage von 10 Unzen Silber mit 20, höher hinaus für jede 10 Unzen mehr mit der entsprechenden Anzahl weiterer Hiebe bis zu 100 Hieben bestraft werden. Nach denselben Grundsätzen find ungerechte Teilungen des ältesten und der jüngeren Familienzweige zu behandeln. Es hätte hier gesagt werden müssen, daß zu gleichen Teilen geteilt wird, daß aber der Älteste einen -teil mehr zur Besorgung der Ahnenopfer erhält, welcher tNlch in einem Stücke Landes bestehen kann. Der Hausherr ist verpflichtet, in Ermangelung männlicher Nachkommenschaft, einen Erben desselben Sippennamens einMsetzen, dessen Abkunft von denselben Ahnen bekannt Erst wenn auch niemand aus der Verwandtschaft un vierten Grade vorhanden ist. steht die Wahl innerhalb aller Träger desselben Sippennamens frei. Sollte nachher doch noch ein männlicher Leibeserbe geboren werden, soll dieser mit dem angenommenen Erben zu gleichen Teilen abgefunden werden. Eine kinderlose Witwe, die keine zweite Ehe eingeht, bleibt im Besitz des Familieneigentums, soll nber nötigenfalls den nächsten Erben zum Antritte der Erbschaft aufforderu. Falle offener Feindschaft zwischen dem Erblasser und der Familie des nächsten Erben steht jenem die Wahl unter den Nachkommen derselben Voreltern frei. (Letzteres sind Zusätze zu dem Gesetze 78.) Bei vollständigem Mangel männlicher Leibeserben oder an Kindes Statt angenommener Erben erben erst die Töchter das Ganze. Gewöhnlich findet keine Teilung statt, solange die Mutter lebt oder unverheiratete Töchter im Hause sind. Grundeigentum wird im allgemeinen nach denselben Grundsätzen vererbt. Soll es verkauft oder verpfändet werden, so muß eigentlich das Vorkaufsrecht der oben genannten Verwandtschaft gewahrt werden. In früheren Jahrhunderten hat sich die Regierung mehrmals in das freie Recht des Grundbesitzes gemischt und seine Ausdehnung beschränkt. Diese Beschränkungen haben jedoch meistens aufgchört, seit sich die Herrschaft der Mandschu-Kaiser über ganz China befestigt hat. Vorher hatten Belehnungen von Mandschu-Kriegern, namentlich in der Provinz Tschili stattgefnnden. Statt der Grundsteuer wurden Kriegsdienste ausbedungen. Indessen scheinen diese erblichen Mandschu-Lehnsmänner meistens, wo nicht immer, ihr Land an Chinesen verpachtet zu haben, und so ist in neuester Zeit ein frei veräußerliches Eigentum daraus geworden. Eine besondere Stellung war, solange der Kaiserkanal für die Reiszufuhr benutzt wurde, die seiner Anwohner, welche gegen Erlaß eines Teiles der Kürschner, China I. Eine Gerichtssitzung. Grundsteuer Arbeiten zur Instandhaltung des wichtigen Verkehrsweges zu verrichten hatten. Übrigens lastet auf dem Grundbesitze die allgemeine Verpflichtung, die im Gemeindegebiete von den Verwaltungsbeamten für gut befundenen Arbeiten zu verrichten. Die Belastung des Grundbesitzes mit Schulden muß angezeigt werden, und eine zweite Belastung wird als Betrug bestraft, wenn es sich nur um Veräußerungen gegen Vorbehalt des Rückkaufsrechtes handelt. Letzteres gilt nach Verlauf von 30 Jahren als verjährt. Man findet häufig, daß Dörfer nach einem der ursprünglich 100, oder späteren mehreren Hunderten (jetzt zusammen über 1000) Sippennamen benannt sind (Posing, "die 100 Sippennamen", ist der gewöhnliche Ausdruck für "Volk"), >vie denn noch gelegentlich ein Dorf zu finden ist, wo in jedem Gehöfte derselbe Name wiederkehrt und eine gemeinsame Ahnenhalle besteht. Übrigens sind die Landwirte häufig auch Pächter und Eigentümer der auf den Grundstücken aufgeführten Häuser. Der Grundbesitz schwankt in den Küstenprovinzen, bezw. ihrer Nachbarschaft, zwischen weniger als 1 mu und 400000 mu. Meistens ist aber der Durchschnitt, wenn man einige binnenländische Provinzen hinzuzieht, etwa 66 mu (1 mu — 6,75 ar), soweit sich die 1888 von der Schanghaier Asiatischen Gesellschaft angeregten Untersuchungen erstrecken. Durch den Taiping-Aufstand ist viel herrenloses Land entstanden. Solches kann unter der Bedingung der Bebauung und Zahlung der Grundsteuer beliebig in Besitz genommen werden, eine Freiheit, welche aber an der Grenze der Mongolei schon gelegentlich zu ernsten Mißhelligkeiten mit den Viehzucht treibenden Mongolen geführt hat. — Im Gesetzbuche, dessen Einteilung bis auf einen allgemeinen Teil auf den "sechs Ämtern" (litt Pu, unseren Ministerien) beruht, gehören die bespröcheneil Gesetze über Erbrecht und Grundbesitz zu der Abteilung, die nach dem hu Pu oder "Amte der Einwohnerzahl" (unserem Finanzministerium) benannt ist, und zwar zu deren erstem und zweitem Buche. Im sechsten Buche ist vom Eigentum der einzelnen Unterthancn die Rede, und zwar handelt das 149. Gesetz von der Schuld aus Darlehen. An der Spitze steht ein Verbot des Wuchers, indem 3 o/g Zinsen monatlich, also 36 °/» jährlich, als höchstes Maß festgesetzt wird. Beamte dürfen in ihrem Sprengel überhaupt kein verzinsliches Darlehn geben. Wenn der Schuldner drei Monate nach der verabredeten Frist verstreichen läßt, setzt er sich einer je nach der Höhe des Betrages wachsenden Prügelstrafe ans. Eigenmächtige Pfändung ist unstatthaft. Bei Verpfändung von Weib und Kindern von Seiten des Schuldners trifft den Gläubiger schwere Strafe. Unter 151 ist vom Funde die Rede, welcher binnen fünf Tagen beim Kreisgerichtc abgeliefert werden muß. Öffentliches Eigentum muß ohne Entgelt abgeliefert werden, für anderes kann die Hälfte als Finderlohn verlangt werden; nach Verlauf von 30 Tagen, ohne daß der Eigentümer sich meldet, hat der Finder auf das Ganze Anspruch. Der Finder herrenloser, vergrabener Schätze kann solche auch behalten, wenn sich nach Verlauf von 30 Tagen kein Eigentümer meldet, ausgenommen Altertümer, Glocken, heilige Gefäße, amtliche Stempel u. s. w. — Wichtig für den Handel ist das 7. Buch über Verkäufe und Handelsplätze, indem darin die Ernennung von verantwortlichen Sachverständigen vorgesehen ist. Unter 154 sind Übertenerung und Unterbietung mit Strafe bedroht, unter 156 die Erzeugung minderwertiger Ware, z. B. von Seidenoder anderen Zeugen von dünnerem Gewebe, oder die kürzer oder schmäler, als üblich, sind. — Das ,3. Buch handelt von der Ehe. Hierbei sind passendes Alter und Gesundheit vorausgesetzt. Die Unterhandlungen finden durch Freiwerber statt, und der Vertrag soll schriftlich aufgesetzt werden, widrigenfalls die angenommenen Geschenke des Bräutigams an die Braut als Beweismittel gelten. Rücktritt von seiten des Vaters der Braut oder des Bräutigams soll Prügelstrafe nach sich ziehen und die Ausführung der Ehe nicht hindern. Die Begehung eines Verbrechens von seiten der BrautLußklofi. h-ilsklotz Käfig. leute gilt als Hindernis. Hat der unter väterlicher Gewalt oder Vormundschaft stehende, aber sonst fern von der Heimat selbständig gewordene Bräutigam in der Fremde bereits eine Ehe vollzogen, so bleibt es bei dieser, handelt es sich aber nur um ein Verlöbnis, so behält der Vater oder Vormund das Recht, ihn zu verheiraten. Zwischen Leuten, die denselben Sippennamen tragen, ist die Ehe verboten, was bei der geringen Anzahl derselben eine große Härte sein kann, da auf vier Fünftel der Bevölkerung nach Williams wenig mehr als 400 der gebräuchlicheren Sippennamen kommen. Verwaltungsbeamte dürfen mit Töchtern der Einwohner ihres Sprengels keine Ehe eingehen, ebenso nicht mit ausübenden Tvnkünstlerinnen oder Schauspielerinnen, was auch von den Söhnen und Enkeln der Beamten gilt, Uber Mitgift und Frauenkanf, welche beide üblich sind, scheint es kein besonderes Gesetz zu geben. Chinesen nnd Mandschu zerfallen in Bevorrechtigte, Freie und Leibeigene. Zu den Bevorrechtigten gehören die Verwandten des kaiserlichen Hauses, sowie der nur durch wenige vertretene erbliche Adel. Mit den Angelegenheiten dieser Mitglieder des kaiserlichen Hauses ist eine besondere Behörde betraut, das tsung-schön-fn oder "Ahnenamt", zu welcher zwei Prinzen gehören. Wenn gegen einen Bevorrechtigten etwas vorliegt, muß erst an den Kaiser berichtet werden, ehe weiter vorgegangen werden kann. Verrat, Empörung, Mord u. s. w. sind ausgenommen. Falls Beamte sich Vergehen zu schulden kommen lassen, welche 10—100 Stockschlüge nach sich ziehen würden, sollen statt derselben ihre Gehälter für einen Monat bis zu einem Jahre verwirkt werden, und von 70 Hieben an 1—4 Rangstufen; statt 100 Hiebe tritt außerdem Absetzung ein. Im Falle die Vergehen in keiner Verbindung mit dem Amte stehen, sind die Strafen schwerer und können völlige DienstEntlassung nach sich ziehen. — Leibeigenschaft ent-gesetzlich dadurch, daß Kiuder oder Großkinder mit ihrer Einwilligung verkauft werden. Rückkauf ist nicht ausgeschlossen. Der Kaufvertrag wird schriftlich aufgesetzt. Der oder die Leibeigene tritt in den Dienst des Käufers, wenn nicht Kindesstattannahme vorliegt. Armut, Hungersnot u. s. w. sind gewöhnlich die Veranlassung. Zmveilen tritt ein Kaufvertrag nur dem Namen nach für einen Mietvertrag ein, indem z. B. Knaben auf Zeit an Schauspieler vermietet werden. Kinder von Leibeigenen können an den Staatsprüfungen teilnehmen, uicht aber die von Schauspielern. Die Verleitung Erwachsener zur Leibeigenschaft ist mit schweren Strafen bedroht. Wird Zwang oder List ausgeübt, so kaun der dadou Betroffene der Strafe entgehen; wenn er jedoch selber freiwillig daraus eingeht, so ist er ebenfalls strafbar. Wird kein Lösegeld gezahlt, so kann die Nachkommenschaft bis zum Urenkel unfrei bleiben, dieser aber >vird von selber frei. Ein anderer Anlaß zur Leibeigenschaft ist Verschwörung oder Empörung, indem Weiber und Kinder der Verschwörer als Leibeigene unter den höheren Beamten verteilt werden. Äußerlich unterscheiden sich die Leibeigenen nicht von den Freien, sie sind Diener oder Knechte ohne Anspruch auf Lohn, die allerdings auch von ihrem Herrn verdungen werden können. Dem Herrn gegenüber ist der Leibeigene hinsichtlich der Strafbarkeit seiner Handlungen in ähnlicher Lage, wie der Sohn dem Vater gegenüber. Auf einem Schlage steht die Todesstrafe durch Enthauptung. H>iusichtlich der strafbaren Handlungen waren die Gesetzgeber so erfinderisch, wie sie da, wo es sich um bloße Rechtsfragen der Einzelnen handelt, schweigsam gewesen sind. Nur wenige, die breitereil Schichten der Gesellschaft betreffende Bestimmungen mögen hier angeführt werden. Empörung und Verschwörung sind mit Todesstrafe bedroht. Das Vermögen der Schuldigen wird eingezogen, Weiber und Kinder fallen, wie bemerkt, der Leibeigenschaft anheim. In keinem Lande der Welt hat es wohl mehr Aufruhr und gefährliche Aufstände gegeben, als von jeher in China. Unzufriedenheit mit den allgemeinen Zuständen, Notstände, Stammesfehden, Bildung von Räuberbanden auf der einen Seite, Übergriffe, Schwäche der Beamten, Unzulänglichkeit der Heeresmacht, große Ausdehnung des Reichsgebietes, unruhige Grenznachbarn, halb oder ganz unabhängige Eingeborene auf der andern Seite geben unaufhörlich Anlaß zu Unruhen. Als besonders gefährlich gilt der int Gesetzbuche eigens namhaft gemachte "Bund des Himmels und der Erde" (Thientihuei), welcher sich unter den chinesischen Auswanderern ans Java und in Amerika wiedergefunden hat. An einer ganz anderen Stelle des Gesetzbuches, wo es sich eigentlich um gottesdienstliche Gebräuche handeln sollte, wird unter den falschen, gottlosen Lehren die "Lehre des weißen Lotus" (Pelienkiao) erwähnt, deren Verbreiter mit Todesstrafe bedroht werden. Man meint jetzt, daß die beiden genannten Gesellschaften mit den Sanhohues oder "Bund der Dreieinigkeit", und I Hing oder "die vaterländische Erhebung" genannten dieselben sind. Gewisse geheimnisvolle Zeichen und eine Art Rotwälsch machen die Mi: glieder untereinander kenntlich. Die Gegenden, welchen dieselben meistens entstammen, Fukien und die beiden Kuang, sind auch sonst ein beständiger Gegenstand der Sorge für die Regierung. Die Küste wimmelt von Seeräubern, deren Keckheit auch vor fremden und größeren Schiffen nicht zurückschreckt. Chinesische und fremde, namentlich englische Kanonenboote suchen sic gelegentlich in ihren Schlupfwinkeln auf; aber die Landplage hat sich bis jetzt als unausrottbar erwiesen. Im Binnenlande wagen sich Räuberbanden gelegentlich bis in die Nähe der Hauptstadt. In neuerer Zeit ist namentlich auch Schantung von dem Übel heimgesucht worden. Allen voran stehen aber die tangutischen und tibetischen Banden. In ihrer Bedrängnis hat öfter die Regierung Gnade für Recht ergehen lassen und ist sogar ein Bündnis mit diesen mindestens zweifelhaften Mächten eingegangen, wie mit den "Schwarzen Flaggen" von der Grenze von Tungking. Sowohl bei der Eroberung des westlichen Formosas für China im 17., als neuerdings im 19. Jahrhundert bei seinem Enthauptung. 183 G Rechtspflege. G 184 Enthauptete chinesische Räuber, welche die Grenze eines Goldgräberbezirks überschritten hatten. Verluste an Japan, haben diese Freibeuter ihre Hand im Spiele gehabt. Damals, um die Zeit der Kämpfe zwischen den Herrscherhäusern der Ming und der Mandschu, wurde ihrem Anführer die erbliche Herzogswürde verliehen. Es ist ein landläufiger Irrtum, wenn man annimmt, daß der Chinese jedem Gottesdienste gegenüber immer gleichgültig und duldsam sei, obgleich der Grundsatz: san kiao i liao, "Die drei Lehren sind eins" (d. h. die des Knng-fu-tze, die Buddhaund die Tao-Lehre) sprichwörtlich geworden ist. Zu Zeiten sind die letzteren beiden verfolgt worden, zu anderen haben sich die Kaiser ihnen geneigt gezeigt. Allein das Gesetzbuch erlegt ihrer Verbreitung wenigstens eine gewisse Beschränkung ans, die nur zur Zeit nicht beachtet wird. Daß das Christentum lange Zeit zu den unerlaubten falschen Lehren gerechnet ivurde, ist bekannt. Nur die Verträge mit dem Auslande konnten zeitweise ausreichenden Schutz gewähren. Die Gerichtsverfassung ist einfach, da die Rechtspflege von der Verwaltung in den beiden unteren Instanzen nicht getrennt ist mrd ans den Kreisrichtern und Bezirksrichtern als Einzelrichtern beruht. Die Statthalter der Provinzen haben einen Oberlandesrichter neben sich, von dem dieBerufung weiter nach Peking an das "Strafamt" (hing-pn, unser Justizministerium') geht, welches im Falle eines Todesurteiles mit dem tuthschayüan (dem sog. "Censoramt") und dem Tnlisse (dem "großen Rechtshofe" der Berufungen) entscheidet und in Ermartgelnng der Stimmendinhelligkeit die Entscheidung des Kaisers einholt. Diese vereinigte Behörde heißt. Saufasse oder "die drei Gerichtshöfe". Bei Streitigkeiten über das Eigentum >vird auch das hupil hinzugezogen. In Zeiten der Ruhe muß auch ohne Berufung mit Hinrichtungen bis zum Herbste gewartet werden, wo die Entscheidung ans Peking eintrifft. Es ist dieses einer der Fälle, wo notgedrungen die in den Gerichten befindlichen Gefängnisse auch nach der Verurteilung benutzt werden müssen. Ein anderer Fall ist der, daß Bänkelsänger oder dergleichen, wo sonst Verbannung stattfinden würde, statt dessen zum Bchnfe öffentlicher Arbeiten zurückgehalten werden, abgesehen von der bestimmten Zahl Bambushiebe (Weiber können statt der Verbannung mit einer Geldstrafe abkommen). Im übrigen giebt cs in China keine eigentliche Gefängnisoder Zuchthausstrafe. Die unvollkommene Einrichtung der Gerichtshöfe läßt eigentlich außer für kurze Hast derartige Strafen nicht zu, da es besondere größere Gebäude zu dem Zwecke nicht giebt. Die gesetzmäßigen Strafen sind ursprünglich folgende:'l) Je nach der Größe der Schuld 10, 20, 30, 40, 50 Hiebe mit dem leichten Bambus, welche zu 4, 5, 10, 15, 20 Hieben ermäßigt sind; 2) 00, 70, 80, 90,100 Hiebes ermäßigt zu 20, 25, 30, 35, 40 mit dem schweren Bambus; 3) Verbannung bis zu 500 li (thu) und Chinesische Gerichtssitzung 1 Or 00 SGB Strafarte,— Folter  186 K auf 1, ].i/2, 2, 21/2 und 3 Jahre, woneben auf 60, 70, ' t 90, 100 Hiebe — ermäßigt wie oben — erkannt tmrb; 4) Verbannung auf Lebenszeit (liu) bis zu -000, 2500 und 3000 li neben 100 Hieben (gilt als vnadcnerweis bei verwirkter Todesstrafe); 5) Todeshlafe, und zwar als mildeste die durch den Strang, keine Zerstückelung stattfindet, als schwerere EnthaupUlt3 und als schwerste die langsame Todesstrafe. Mandschus werden, statt mit dem Bambus, mit Peitsche bestraft; statt der Verbannung haben sie A 25, 30, 35, 40, 45, 50, 55, 60, 70, 75, 80 oder 4age den Halsklotz (kia, fälschlich "Kang" genannt) tragen, welche letztere .Strafe übrigens jetzt z. B. chinesischen Einbrechern auserlegt wird. — Die Bambus flach und haben eine Breite von 1—2 tsun (1 tsun ~~ o,18 cm), eine Länge von 51/2 Fuß chinesisch und ein Oiewicht von 1V2—2 kin (1 lein = 601 g). Der Halsein Gestell, dessen Bretter um den Hals herum Ausammengeschlossen werden, ist etwas länger als ueit in,d hindert den Träger, die Hände zum Munde Au führe». Das Gewicht soll 25 kin betragen. Bei gfc Prügelstrafe wird der Gefangene ans den wnch gelegt, und die Schläge treffen das Gesäß. Ouuc andere Art von Züchtigung besteht darin, die Wangen des vor dem Richter Knieenden mit mieni Lederriemen geschlagen werden. Durch Bestechung er Gerichtsdiener kann die Wucht der Schläge gemildert >verden. Der Halsklotz (kia) ist eine an unfern ehe»wligen Pranger erinnernde Vorrichtung. Einbrecher >vcrden z. B. vor dem Orte des Einbruches ans die Knie niedergelassen und müssen vom Morgen bis zum Einssltt der Dunkelheit dort bleiben. Name und Verbrechen luid auf dem Klotze zu lesen. — Das Erdrosseln (kiao) geschieht durch Zusammendrehen eines Stranges, welker um den Hals gelegt und durch ein Loch gezogen ist, welches sich oben in dem Pfahle befindet, an dem der Schächer befestigt ist. Das Enthaupten (tschau) geschieht mit dem Richtschwerte. Die langsame Todcsiirafe (fing thschr) wird durch vorherige Verstümmelung ewirkt. — In den Sommermonaten findet eine kleine Ermäßigung der Prügelstrafe statt. Überhaupt aber dunen, schwere Fälle von Hochoder Landesverrat U-Jw. ausgenommen, alle Strafen durch Geldstrafen "4'rtzt werden, wenn der übelthäter das fünfzehnte Jahr noch nicht erreicht, oder das siebenzigste Jahr übcrschritf)'11 tei'ner Einäugige oder eines Gliedes Beraubte. Zw Falle der Todesstrafe sind das zehnte und das achtZlglte Jahr die gesetzlichen Grenzen, Die Geldstrafen wachse» mit dem höheren Rang, im Falle der kleinern Verbannung von 480 Unzen Silber (liang, tail, tael) dis zu 4800, im Falle der Verbannung auf Lebenszeit don 720 bis zu 7200 und im Falle der Todesstrafe von 1200 bis zu 12000 Unzen. Auch die Folter darf weder gegen die, wie vorstehend »ütgeteilt durch gesetzliche Bestimmung Begünstigten, uoch gegen sonst Bevorrechtigte angewandt werden; der Richter soll sich vielmehr mit Feststellung der Thatsachen cind Zeugenaussagen begnügen. Die Folter tritt bei hartnäckigem Leugnen des Angeschuldigten ein. Im Gesetzbuche sind zwei Arten derselben angegeben, das Quetschen der Finger mit kleinen Bambnsstäbchen und das Quetschen der Knöchel zwischen drei Stäben, die oben zusammengedreht werden. Außerdem giebt es aber eine Reihe von eigentlich unerlaubten Arten der Folter. Knien auf Ketten und Glassplittern, Aushängen an Händen und Füßen, allerlei Gerüste, in denen der Betreffende in der unbequemsten Lage oder Stellung zu verharren genötigt ist, namentlich ein Käfig (tschanlung), aus dem nur der Kopf hervorsieht, und in dem der Mann auf den Zehen stehen muß, um sich nicht durch sein eigenes Gewicht zu erwürgen, die Heißwasserschlangen (schang thang schö), mit heißem Wasser gefüllte zinnerne, gewundene Röhren, um die Arme und den Leib.zu legen, — das sind nur einige von den höllischen Werkzeugen, welche man zu dem Zwecke in China erfunden hat. Trotz aller Härten beruht Verwaltung und Rechtspflege auf einem an sich unanfechtbaren Grundsätze, dem der kindlichen Liebe. Im weiteren Sinne gelten auch die Beamten als Väter des Volkes, welches sich also unter einer Art väterlicher Gcivalt befindet. Ausländer, welche einer der Vertragsmächte angehören (Deutsche, Engländer, Franzosen, Russen, Bürger der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika, Niederländer, Belgier, Dänen, Schweden und Norweger, Spanier, Portugiesen, Italiener, Österreicher und Ungarn, Peruaner und Japaner), können in China den Rechten gemäß leben und reisen, welche die einzelnen Verträge ihnen gewähren, und vermöge der Bestimmung über die Meistbegünstigung alle den Angehörigen der übrigen Mächte darüber hinaus gewährten Vorteile genießen. Sie können Handel treiben unter der vertragsmäßigen Bedingung der Entrichtung gewisser Zölle und mit der Beschränkung aus die dem fremden Handel geöffneten Häfen, Grund erwerben, Häuser und Kirchen bauen, sowie ins Innere reisen, — letzteres in größerer Entfernung von den Vertragshäfen nach Lösung eines Geleitscheiues. In den geöffneten Häfen sind besondere bequem für die Schiffahrt gelegene Viertel (thsu kiai, Pachtgebiete) abgesteckt, in welchen sich die Fremden eine Art städtischer Verwaltung geben konnten. Letzteres geschah namentlich schon früh in Schanghai, wo das vom nördlichen Stadtgraben bis zu dem Dangkingpang genannten Flüßchen reichende Gebiet unter der Verwaltung des französischen Generalkonsuls und eines Geineinderates steht, der zur Hälfte aus Franzosen bestehen muß (concession franqaise). Weiter nördlich bis an den Sutschou-Fluß reicht die englische Niederlassung (English settlement), noch weiter nördlich und am östlichen Laufe des Huaugpu entlang erstreckt sich die ursprüngliche amerikanische Niederlassung (nach einem Flüßchen Huug-kou genannt). Die fremden Grundbesitzer in den letzteren beiden Niederlassungen vereinigten sich zur Wahl eines gemeinsamen Stadtrates (engl. Municipal Council), unter dessen durch eine zahlreiche, teils fremde, teils einheimische Polizeimanuschaft unterstützter Verwaltung, auch nachdem die Versammlungen der Grundbesitzer (lanärenters) durch solche der Steuerzahler (ratepa^ers) ersetzt wurden, sich eine weltbürgerliche Musterstadt ("rnodel settlement") ausgebildet hat. Doch wurde auch hier Rom nicht an einem Tage erbaut. Z. B. widersetzte sich eine Chinesin, die auf einem rings von Wasser umgebenen Grundstück wohnte und deshalb "Eiland-Königin" (Island Queen) genannt wurde, erst hartnäckig allen Anerbietungen der fremden Teufel, ihr das Grundstück für teures Geld abzukaufen. Auf den Kaufurkünden, welche dreifach ausgefertigt werden zur Aufbewahrung durch die oberste chinesische Behörde, den Taothai, den Konsul und den Käufer, wird zur Wahrung der chinesischen Oberhoheit der Ausdruck thsu, "Pacht" (engl, rent), für "Verkauf" (chin. mal, engl, sale) gebraucht und als Hauptbedingung die jährliche Zahlung der chinesischen Grundsteuer von 1500 11 (sog. "cash") für den mu (— 6,75 ar) hingestellt. Im übrigen sind die Ausländer der Gerichtsbarkeit ihrer Konsulate unterworfen; nur für die britischen Unterthanen besteht ein besonderes Obergericht (8m preme Court). Der leitende Grundsatz ist, daß der Kläger sich an den Gerichtshof des Beklagten zu wenden hat (lat. actor sequitur forum rei). Wenn beispielsweise eine Schiffsladung von einem Schiffe auderer Flagge geborgen wird, so wird der höhere oder geringere Bergelohn der beiden in Frage kommenden Handelsgesetze maßgebend dafür sein, ob der Schiffsführer die Ladung freigiebt und den Eigentümer des beschädigten Schiffes vor dessen Gericht wegen des Bergelohnes belangt, oder ob er die Ladung als Pfand behält und sich wegen Herausgabe desselben vor seinem eigenen Gerichtshöfe belangen läßt. Da es kein chinesisches Handelsgesetzbuch giebt, würde sich wahrscheinlich ein chinesischer Schiffseigentümer an das betreffende Konsulat zu wenden haben wegen Herausgabe der Ladung. Klagen Fremde wider Einheimische, oder umgekehrt, so soll eigentlich der Konsul mit dem dazu abgeordneteu chinesischen Beamten gemeinsam zu Gericht sitzen. In Schanghai jedoch ist ein besonderer "Gerichtshof für gemischte Gerichtsbarkeit" (huei schön kuug kuan, engl. Mixed Court, "gemischter Gerichtshof")' innerhalb der englischen Niederlassung errichtet, in welchem ein chinesischer Beamter wohnt und unter Beisitz eines des Chinesischen kundigen Beamten eines der verschiedenen Konsulate die von der Polizei wegen Übertretungen, oder leichterer Vergehen vorgeführten Chinesen (die auch in den Niederlassungen der Zahl der Köpfe nach bedeutend überwiegen), oder nicht unter dem Schutze eines Konsuls stehenden Fremden aburteilt. Schwerere Vergehen oder Verbrechen solcher gehören vor den Kreisrichter. Klagt ein Deutscher, ein britischer Unterthan oder Amerikaner u. s. w. wider einen Chinesen, so wird die Verhandlung im Konsulate schriftlich aufgesetzt und die Klage in chinesischer Übertragung behufs Anberaumung einer Sitzung dem chinesischen Richter des Gemischten Gerichtshofes zugesandt, welcher mit dem Vizekonsul oder Dolmetscher des Konsulates zu Gericht sitzt. Im Falle einer Berufung befinden der Konsul und der Taothai (die oberste Ortsbehörde) über die Sache, und weiterhin geht sie nach Peking, wo der Gesandte und das chinesische Auswärtige Amt (Tsungli Damen) den endgültigen Bescheid treffen. Für die französische Niederlassung ist ein besonderer chinesischer Beamter zu ähnlichen Zwecken eingesetzt, wie der des genannten "Gemischten Gerichtes". Man muß aber beachten, daß die Angehörigen der verschiedenen Vertragsmächte in den verschiedenen Niederlassungen bunt durcheinander wohnen. Chinesische Kläger pflegen sich von vornherein an das Konsulat des Angeklagten zu wenden. Das Heerwesen. Das chinesische Heer ist nicht wie die Heere der europäischen Staaten ein einheitlich gegliedertes Ganzes, sondern besteht nuS einzelnen, nach der Zeit ihrer Entstehung oder nach politischen und räumlichen Verhältnissen des gewaltigen Reiches sich unterscheidenden Teilen, die sich auch innerlich von völlig verschiedenem Wert darstellen. Es sind zwei in scharfer Trennung sich gcgenüberstehende Haupt-Heeresgruppen auseinander zu halten; die erste Gruppe, welche iu jeder Beziehung äußerlich und innerlich den Charakter einer minderwertigen Miliz trägt, umfaßt die Bannertruppen und die Truppen der grünen Fahne, die zweite Hauptgruppe, welche allein für die eigentliche militärische Verwendung in Frage kommt, bilden die Feldoder disciplinierten Truppen. Die militärische Landeseinteilung. Die Provinzialeinteilung des chinesischen Reiches und das damit verbundene System der Statthalterschaften ist für die Heeresorganisation insofern von bestimmendem Einfluß, als die militärische Laudeseinteilung sich der administrativen in Provinzen völlig anschließt und der nach der Zahl bedeutendste Teil des Heeres, die Truppen der grünen Fahne und der Hauptteil der Feldtruppen den Gouverneuren der Provinzen, bezw. den über mehrere Provinzen gesetzten Vizekönigen direkt unterstellt ist. Außer den Provinzen der Mandschurei, >velche jetzt unter russischer Militärhoheit stehen, der Mongolei, der Provinz Tibet und den drei Provinzen des sogenannten "neuen Gebietes" im äußersten Westen des Reiches, Ost-Turkestan, Jli und Tarbagatai, welche militärisch nicht in Betracht kommen, bestehen 18Provinzen des eigentlichen chinesischen Reiches und der besondere Bezirk der Stadt Peking. Dem Gouverneur ist die Verwaltung der Provinz mit weitgehendster Selbständigkeit und mit voller Verantwortung für Sicherheit und Ordnung meist auch in Kriegszciten übertragen. Ihm ist der von der Provinz aufzubringende Heeresteil zur selbständigen Verwaltung und.Verfügung direkt unterstellt; die Provinz zerfällt dazu wieder nach ihrer topographischen und politischen Einteilung in Militärkreise unter besonderen Kommandeuren. Die Bannertruppen (auch Putschtoder Mandschu8-Banncrheer) bilden die dem Kaiser direkt unterstellte "Kaiserliche Armee". In ihrer Entstehung zuruckzuführen auf die Nachkommen der Jnvasionsarmee, durch welche die heutige Dynastie der Mandschu oder Tsing ihre Herrschaft sich erkämpft hat, bilden sie mehr eine Art Militärkaste und sind in ihrer breiten Masse für eine Verwendung nach außen völlig wertlos. Dem entspricht auch ihre Bewaffnung, die neben alten, schlechten chinesischen Vorderladern (Gingals) und Luntenfliuten noch aus Speer, Pfeil und Bogen besteht. Ursprünglich nur Mandschu, sind sie trotz der ihre Isolierung bezweckenden Bestimmungen (Verbot des Heiratens von Chinesinnen u. s. w.) allmählich doch mit Mongolen und Chinesen gemischt; früher ivarcn ihnen in der Nähe ihrer Garnisonen, die sie ohne Erlaubnis nicht verlassen durften, Ländereien angewiesen, auch bezieht ein Teil der eigentlichen Mandschu heute noch von der Regierung Geld und Reisrationen, ohne eigentlich Dienst zu thun. Die aus der Zeit der alteu Mandschu Armee überkommene Einteilung in 8 (ursprünglich 4, das weiße, rote, gelbe, blaue) Banner ist lediglich eine administrative, zur Erleichterung der Verwaltung von Peking aus. Das Banner zerfällt in drei Unterabteilungen, deren je eine aus Mandschuoder Mongolenoder Chiuesenkompagnien besteht, im ganzen 678^/z Mandschu-, 221 Mougolcnund 266 Chiuesenkompagnien. Die Stärke der Bannertruppen wird zwischen 220000 und 270000 Manu geschätzt, wovon ca. 120000 Mann in Peking untergebracht waren. Die Hauptbestandteile dieser "Armee von Peking" sind die 3—4000 Mann starke Palastgarde, die Leibgarde der Kaiserin-Regentin, ca. 10000 Manu, ein ca. 10000 Mann starkes kaiserliches Korps unter dein Kommando eines kaiserlichen Prinzen, die zu verschiedenen Hofdiensten (für die Mausoleen, Hofjagden) verwendeten Teile, und die 15—20000 Mann starke Gendarmerie von Peking. Alle diese Teile der kaiserlichen Bannertruppen hatten während der chinesischen Wirren mit dem .Hof die Hauptstadt verlassen und umreit zu seinem Schutze in und um Singansu uutergebracht gewesen. Der übrige Teil der kaiserlichen Bannertruppen ist zu je 2—4000 Manu auf die einzelnen Provinzen verteilt (früher hauptsächlich in 25 Plätzen der Provinz Petschili), woselbst sie unter besonderen kaiserlichen Generalen die kaiserliche Gewalt repräsentieren. Die Ergänzung der eigentlichen Mandschu-Bauncr erfolgt durch die allgemeine Wehrpflicht aller innerhalb des Mandschuheeres geborenen männlichen Nachkommen, von welchen in Wirklichkeit jedoch höchstens die Hälfte von den Familien zum Dienst gestellt wird (früher noch weniger, 1879 z. B. nur 14o/o). Die Jahr'csansgaben betragen jährlich etwa 16 Millionen Taels ,(= 551/, Millionen Mark). Die Truppen der grünen Fahne (Luiny) stammen ihrer Entstehung nach aus den Überresten eines im 17. Jahrhundert von der MandschuDynastie (seit 1644) nach der Eroberung des Landes geschaffenen stehenden Heeres, sind aber jetzt lediglich eine Gendarmerieoder Polizeitruppe ohne militärische Bedeutung und nicht einmal in Zeiten innerer Unruhen mit Sicherheit zu verwenden; sic werden neben dem Garnisondienst auch zum Postdienst oder Straßenbau verwendet. Bewaffnung und Ausbildung stehen auf derselben niederen Stufe, wie diejenige der Baunertruppeu. Der Nationalität nach sind es vorherrschend Chinesen, ihre Ergänzung erfolgt durch Werbung aus der betreffenden Provinz. Die Truppen der grünen Fahne sind, wie schon erwähnt, den Gouverneuren direkt unterstellt; ihnen ist die Aufbringung, Ausbildung, Bewaffnung, Bekleidung und teilweise die Verpflegung völlig selbständig überlassen; ein kaiserliches Dekret bestimmt nur im allgemeinen, wie viel Truppen die einzelne Provinz aufzubringen hat. Die Gouverneure sind infolgedessen bestrebt, an die Centralregierung stets eine möglichst hohe Ziffer als Ist-Stärke zu melden, weil nach dieser die zn gewährenden Mittel bemessen werden und in der Differenz der wirklich vorhandenen Truppen gegenüber dieser Zahl neben der sparsamen minderwertigen Verwaltung eine einträgliche Quelle der Bereicherung für die Gouverneure begründet ist. Die stärke der Truppen der grünen Fahne ist darum auch schwer anzugeben. Neben der allgemeinen gewöhnlichen Schätzung auf 440000 Manu Sollstärke geben andere Nachrichten (Ostasiatischer Lloyd, Hesse-Wartegg) die «tärke der grünen Bannertruppen nach dem japanischen Krieg mit 651677 Mann an, von welchen z. B. in den während des letzten Krieges hauptsächlich in Betracht kommenden Provinzen verteilt waren: in Petschili 42500 Mann, in Schansi 25500 Mann, in Schantung (deutsche Interessensphäre) 20200 Mann, in den das Mündungsgebiet des Uangtszekiang umschließenbeir Provinzen Kiangsu 50100 Mann, Tschekiang 39000 Alaun. Nach Listen des chinesischen Kriegsministeriums in Peking betrug im Jahre 1894 die Zahl der Offiziere der Truppen der grünen Fahne nur 7100! Die Jahresnusgaben für die Truppen der grünen Fahne betragen ea. 141/2 Millionen Taels (50 Millionen Mark). ., Die beiden Teile k er vorstehend geschilderten Gruppe, die kaiserlichen Bannertruppen und die Provinzialtruphen der grünen Fahne, nach Ausbildung, Bewaffnung und militärischer Verwendbarkeit auf gleich niedriger ^tufe stehend, waren weder in dem Krieg gegen die Franzosen, 1884/85, noch im japanischen Krieg 1894/95 verwendet. Die Feldtruppen. Schon der Verlauf früherer Kriege Chinas, vor ulleui aber der tiefeingreifende, langandauernde Aufftanfc» der Taipiug (1850—65) unter dem religiösen Faiwtiker Hunglintsuen (wie er sich selbst uahnte Tienwang, himmlischer Fürst) hat den Anstoß gegeben zu der Bildung der zweiten Hauptgruppe der chinesischen Heereseinrichtung, zur Aufstellung der sogenannten disciplinierten oder Feldtruppen. Das gänzliche Versagen der alten Bannertruppen (der kaiserlichen und der Truppen der Gouverneure selbst gegen die kaum ein halbes Jahr organisierten, aber allerdings mächtig sanatisierten Truppen der Taiping, die sich überall überlegen zeigten, führte die von dem Aufstand berührten Gouverneure zur Bildung von Freiwilligenformationen, den sogenannten Fangying, neben welchen später nnt der Erweiterung der Heranziehung fremder Lehrmeister die Lienchün, besondere Lehrtruppen (je ca. 1000 Mann) in den meisten Provinzen aufgestellt wurden. Auch die Regierung mußte sich notgedrungen die Maßregel, besonders ausgebildete Truppen zu organisieren, zu eigen machen, als ihren Truppen in den Jahren 1860 und 1882 die Engländer und Franzosen als Gegner gegenübertraten. Dieser aus der breiten und Kürschner. China I. schwerfälligen Masse der alten und veralteten Mandschuund grünen Bannertruppen herausgehobene und militärisch ausgestaltete Teil des chinesischen Heerwesens ist es ausschließlich, der für die heutigen militärischen Verhältnisse, sei es in freundlicher oder feindlicher Beziehung zu den als Besatzung und Schutztruppe nach beendigtem Krieg zurückgelassenen europäischen Streitkräften in Betracht kommt. Das Lehrpersonal der Feldtruppen. Besonders energisch und erfolgreich verfolgte den Weg der Reorganisation durch Heranziehung ausländischer Instruktoren und die Einführung moderner Bewaffnung der frühere Vizekönig und Gouverneur der Provinz Petschili (bis 1894, später Vizekönig der Süd-Provinzen), der einflußreichste Vermittler in den Verhandlungen der chinesischen Regierung mit den europäischen Mächten, Li-Hung-Tschang, und nächst ihm, seinem Beispiel folgend, der Generalgouverneur von Wutschang, dem wichtigsten Handelsplatz am Aangtszekiaug. LiHung-Tschang war es, der zuerst den anfangs völlig machtlosen europäischen Jnstruktionsoffizieren eine thatsächliche Bedeutung und erfolgreiche Thätigkeit zu verschaffen wußte. Die von ihm als Gouverneur von Petschili organisierte Armee Ivar und ist heute noch die weitaus beste und tüchtigste, von ihr ging auch durch Entsendung geschulten Lehrpersonals die Organisation und Ausbildung der übrigen Provinzialarmeen aus. Die ersten Lehrmeister waren längere Zeit hauptsächlich französische, später auch englische Offiziere gewesen, nachdem durch deren Hilfe die endliche NiederAlte chinesische Fahnen und Ariegsgeräte. werfung des Taipingaufstandes gelungen und dadurch die Überlegenheit disciplinierter, gut bewaffneter und ausgebildeter Truppen der chinesischen Regierung vor Augen geführt war. Als jedoch später (1859 und insbesondere in Tonkin 1882/85) China mit England und Frankreich selbst in kriegerische Verwickelungen kam, mußten die Offiziere dieser Mächte den chinesischen Dienst verlassen; es entstanden Lücken, und es trat nun das deutsche Element mehr in den Vordergrund, hauptsächlich vertreten und unterstützt durch die seit langer Zeit in China angestellten deutschen Vertrauenspersonen des Vizekönigs Li-HungTschang, seinen Adjutanten, früheren preußischen Offizier C. v. Hanneken, und den Direktor der Seezölle in Tientsin, Detring. Verstärkt wurde der deutsche Einfluß noch durch die Erfolge der deutschen Waffen 1870/71. Seitens der Centralregierüng wurde allen Gouverneuren die Anwerbung deutscher Offiziere empfohlen, und so finden wir im Jahr 1885 neben vereinzelten russischen, amerikanischen und schwedischen Offizieren eine größere Anzahl deutscher Offiziere und Unteroffiziere als Lehrpersonal in den verschiedenen Küstenortcn und Lagern der Provinz Petschili thätig. Besonders in der ersten Zeit fand dieses Personal jedoch die größten Schwierigkeiten und den nachhaltigsten Widerstand gegen die Durchführung einer zeitgemäßen Heeresorganisation in der Abneigung und dem Mißtrauen der Militär-Mandarinen und überhaupt der chinesischen Offiziere, darunter nicht am wenigsten derjenigen, welche eine Zeit lang im Ausland die dortigen Heereseinrichtungen kennen gelernt hatten. Daß nach dem Friedensschluß von Tientsin (September 1885) die Neigung des Vizekönigs Li-HungTschang sich bald wieder den englischen Offizieren znwandte und überhaupt auch bei ihm eine allmähliche Abneigung gegen die fremden Elemente die Oberhand gewann, sei hier nebenbei bemerkt. Das chinesische Offizierkorps. Wie bereits bemerkt, ist Mißtrauen gegen alles Fremde und Widerstand gegen die europäischen Reformen ein Grundzug des chinesischen Offiziers; dazu kommt noch, daß eine militärwissenschaftliche Bildung zur Offizierlaufbahn gar nicht erforderlich ist; ein jeder Chinese, der seine Staatsexamen gemacht hat, gilt auch als befähigt für die höchsten Stellen in der Armee. Diese Stellen sind käuflich, und es ist nicht selten, daß hohe Kommandostellen von gänzlich ungebildeten Personen eingenommen werden; die niederen Stellen werben meist durch Protektion oder Familienbeziehungen verliehen. In dem Mandschu-8-Banncrheer sind die Offiziersstellen teilweise erblich. Es bestehen neun Offizier-Rangstufen. Als Beweis des geringen Ansehens, das der Offizier in der Gesellschaft genießt, mag auch gelten, daß er der entsprechenden Rangklasse der Civilbeamten gegenüber um eine Stufe tiefer steht. Bei dem niedrigen Bildungsgrad und dem Mangel an gutem Willen ist es daher auch begreiflich, daß die Erfolge der mit Einführung der deutschen Instruktoren errichteten Kriegsschulen in Tientsin und Kanton völlig ungenügende geblieben sind; es ist außerdem bezeichnend, daß heute noch die militärischen Prüfungen für die drei untersten Grade ebenso wie vor 100 Jahren noch im Reiten, Bogenschießen, Heben schwerer Steine, Speerwerfen abgehalten werden. So muß das Schlußurteil dahin lauten, daß das Offizierkorps auch bei den Feldtruppen ein durchaus minderwertiges ist. Noch in dem letzten chinesisch-japanischen Krieg haben sich die Truppenführer höchst unfähig erwiesen, es fehlte bei den Generalen an der nötigen Autorität, bei den Unterführern an Gehorsam und Zusammenwirken, vielfach sogar an Mut und persönlicher Tapferkeit. Ein Beispiel ans dem Krieg gegen die Japaner möge dieses Urteil noch illustrieren: Bei dem ersten ernsteren Zusammenstoß der Chinesen mit den Japanern beiSöughwair am 25. Juli 1894 verließ der die Chinesen befehligende General Nieh, der durch Unterdrückung der berittenen Räuberbanden in der Mandschurei unter LiHung-Tschang sich den Ruf eines tüchtigen Offiziers erworben hatte, bei dem Angriff der Japaner sein Lager in schmählicher Flucht unter Zurücklassung seiner wichtigsten Papiere, und entledigte sich sogar seiner Uniform, die ihn an der Flucht hinderte. Bei der Verfolgung fanden die Japaner in den koreanischen Ortschaften Uniformen, Hüte, Stiefeln u. s. w., welche von chinesischen Offizieren gegen koreanische Bauernkleider vertauscht worden waren. — Das Soldatenmaterial der Fcldtruppen. Dem widerstrebenden, aller Reform abgeneigten, mit mangelnder Bildung und Eigennutz verbundenen Geiste der chinesischen Offiziere und Beamten gegenüber treten die militärischen Eigenschaften der Chinesen als Soldatenmaterial in wesentlich günstigerem Lichte zu Tage. Alle maßgebenden Urteile, insbesondere auch des englischen Generals Gordon, der schon im Taipingaufstand die englisch-chinesischen Streitkräfte organisiert und befehligt hat, sprechen sich dahin aus, daß der Chinese durch seine Gewandtheit, seine Ausdauer und Genügsamkeit ein vorzügliches Rohmaterial für eine Armee bildet, die, regelrecht ausgebildet und gut geführt, jeder europäischen Truppe gewachsen sein würde. Auch das Preußische Militärwochenblatt schildert in jüngster Zeit die guten militärischen Eigenschaften des Chinesen: seine Genügsamkeit, seine Gewandtheit für mechanische Übungen, seine Zähigkeit und Ausdauer int Ertragen von Strapazen, seine sichere Hand und sein vorzügliches Auge. Als Fatalist ist er frei von Todesfurcht, zeigt auch physischen Mut bekannten Verhältnissen gegenüber, ist aber, wenn auch geistig nicht weit hinter dem Durchschnitt des europäischen Rekruten stehend, minderwertig, wo es sich um Bethätigung selbständiger Urteilskraft handelt. Die Franzosen haben z. B. im Jahr 1860 die Kulis bei Erstürmung der Taku-Forts als Träger der Sturmgeräte in vorderster Gefechtslinie mit bestem Erfolg verwendet. Auch die Engländer haben im Jahr 1898 nach Ausbruch der Wirren in den Kämpfen um Tientsin mit einem unter englischen Offizieren und Unteroffizieren zusammengestellten chinesischen Regiment durchaus günstige Erfahrungen gemacht. Selbst die undisciplinierten Truppen zeigten sich in früheren Kriegen tapfer und unternehmend, solange sie in großen Massen und in der Überzahl auftraten, dagegen verfielen sie sofort hilfloser Panik und feiger Flucht, sobald sie sich in der Flanke oder im Rucken bedroht sahen. Die Ergänzung der Feldtrnppen erfolgt durch für die Bagage eines Bataillons von 800 Mann etwa 1000 Kulis.) Über eine Einteilung in höhere Verbände fehlen genauere Nachrichten, jedenfalls ist eine solche nicht einheitlich durchgeführt. Ausbildung. Der Chinese hält immer noch an der Ansicht fest, daß die Erfolge der europüiKaifcrlicbc militärschule in Tientsin, jetzt zerstört. (Artillerie nach deutschen, Muster. Instruktionsstunde.) Werbung innerhalb der Provinz, und hat stets reichliches Material zur Verfügung; eigentümlich ist dabei die Art der Aushebung: neben einer flüchtigen Besichtigung des bis zur Hälfte entkleidcteir Anzuwerbenden durch den Offizier, muß derselbe als Probe seiner Diensttauglichkeit eilten etwa sechs Fuß langen Bambusstab, an dessen Enden runde Steine im Gesamtgewicht von 100 Kattics (ca. 65 kg) befestigt sind, vom Boden bis über den Kopf heben. Die Formation der Feldtrnppen. In der Formation der Feldtruppen hat sich allmählich eine gewisse Gleichmäßigkeit heransgebildet. Die Einheit ist, unserem Bataillon, bezw. der Eskadron entsprechend, die Liansa (Lian-Zsa), eine Abteilung von 500 Mann, bezw. 250 Pferden, bei der Infanterie an ihrer Spitze der Jnguan; sie ist in fünf Unterabteilungen (Kompagnien — Sa-u) geteilt. Mehrere Linusen — in der Regel fünf — werden von einem General befehligt. Die Artillerie ist entweder geschützweise (2—8) auf die Bataillone verteilt, oder in größeren Abteilungen zu 12—16 Geschützen vereinigt. Pionierformationen sind erst in neuerer Zeit entstanden, Trains im Frieden gar keine vorhanden; an ihrer Stelle sind die Abteilungen von einer unverhältnismäßig großen Zahl von Trägern (Kulis, für ein Bataillon 200) oder auch Tragetieren begleitet. (Selbst die Franzosen brauchten im Tonkingfeldzug bei den völlig ungenügenden Straßenverhältnissen schen Truppen in der Hauptsache der besseren Bewaffnung zuzuschreiben seien, und dies ist der Grund, daß die Ausbildung trotz aller europäischen Lehrmeister in taktischer Beziehung auch heute noch auf ganz niedriger Stufe steht und nicht viel über einen einfachen Exerzierdrill und eine primitive Massentaktik sich hat erheben können. Dies gilt selbst für die Musterarmee Li-Hung-Tschangs, während z. B. in der Provinz Kanton nach dem französischen Krieg wieder eine vollständige Rückkehr zur altchinesischen Taktik sich vollzogen hat. Im einzelnen hat sich die Schießausbildung der chinesischen Infanterie im Tonkinfeldzug auf Entfernungen bis zu 600 m als eine gute erwiesen, dagegen schoß die Artillerie schlecht und verstand auch nicht zu korrigieren. Verhältnismäßig gut zeigte sich die mongolische Reiterei, wenn auch von einem ausgebildeten Aufklärungsdienst oder geschlossenen Attaken keine Rede sein kann. Bewaffnung. Obwohl für die Bewaffnung der chinesischen Feldtruppen seit Jahren viele Millionen ausgegeben worden, ist dieselbe doch auch heute noch eine überaus bunte; auch hier ist es wieder vor allem die Armee Li-Hung-Tschangs, welche fast durchweg mit modernen Gewehren (meist M/71) unb Geschützen von Krupp ausgerüstet ist, daneben aber findet sich in den entfernteren Provinzen in den Händen der Truppen eine Musterkarte der verschiedensten alten und ältesten Gewehrmodelle, welche im Laufe der vialjre von den europäischen Staaten ausgeschieden und von China käuflich erworben worden sind. Verhältnis"läßig besser ist die Geschützansrüstnng, welche in der Hauptsache in den nördlichen Provinzen aus Kruppscheu, m Petschili außerdem aus englischen und in den südlichen Provinzen aus französischem Material besteht. Bekleidung. In der chinesischen Armee giebt es keine einheitliche Uniform im europäischen Sinn; erst neuerdings ist allmählich eine Art Uniform bei den Feldtruppen eingeführt, welche der Mann, mit Ausnahme der Jacke, selbst zu beschaffen hat: für die Infanterie eine blaue, bei der Kavallerie rote oder weiße Jacke ans Baumwollstoff mit rotem oder weißem Besatz, und einer blauen oder schwarzen Hose aus demselben Stoff (im Winterwattiert). Auf Rücken und Brust trägt meist eine weiße Tuchscheibe den Namen der Provinz und des Lagers oder die Bezeichnung des Truppenteils. Die Kopfbedeckung ist entweder der Tatarenhut aus Bambusgeflecht, auch der Mandarinenhut oder ein schwarzer Turban, "u Sommer ein ,Strohhut, in der Regenperiode mit rotem Wachstuch überzogen und teilweise mit rotem Haardusch. Als Fußbekleidung dient ein schwarzer Tuchstiefel vnt 4 am dicker Filzsohle, daneben allmählich auch der Lederstiefel, in den südlichen Provinzen dagegen noch häufig die Sandale. Die Rangabzeichen der Offiziere sind die nach Farbe und Stoff verschiedenen Knöpfe auf den Kopfbedeckungen, für die Offiziere außerdem k>ei festlichen Gelegenheiten verschiedene Tierbilder auf Brust und Rücken der reichgestickten Gewänder. — Unterbringung und Verpflegung. Die Unterbringung der Feldtruppen erfolgt überall (je für oine Liansa) in besonderen Lagern aus Zelten oder Erdhütten, umgeben von viereckigem, 8—10 m hohem und ca. 1 m breitem Erdwall mit Bankett und Graben und mit gemauerten Thoren. Bei den Bannertruppen wohnen auch die Frauen und Kinder der zahlreich verheirateten Soldaten mit in den Lagern. Der chinesische Soldat hat unter gewöhnlichen Verhältnissen seine Verpflegung aus der sehr spärlichen Löhnung (nach HesseWartegg 20—30 Pf. täglich, nach anderen Angaben 16 bis 24 Mark monatlich für den Infanteristen, und 28 bis 42 Mark für den Kavalleristen) zu beschaffen, nur wo dies mit Schwierigkeiten verbunden, wie in den Grcnzprovinzen oder -Distrikten, wird die Verpflegung durch die Behörden oder die Kommandeure gegen Bezahlung besorgt. Stärke und Dislokation der Feldtruppen. Ein Überblick über die Stärke und die räumliche Verteilung der Feldtruppen ist im allgemeinen nur schwer zu gewinnen. Einen brauchbaren Anhalt für eine allgemeine Orientierung giebt noch am ehesten die Verteilung der chinesischen Feldtruppen bei Beginn des Boxeraufstandes und der Wirren 1900/01. Die Feldtruppen sind teils "kaiserliche", Schenziin, teils Provinzialtruppen der Gouverneure. Den Kern der kaiserlichen Feldtruppen bildet die Armee von Peking, ca. 13000 Mann, früher in Peking untergebracht unter dem Kommando des Prinzen Tsching, welche 1900 mit dem kaiserlichen H>of nach Singanfu verlegt wurde. Sie rekrutiert sich aus dem Mandschu-8-Bannerheer und ist teilweise noch mit altchinesischen Gingals, teilweise mit modernen Gewehren und mit Kruppschen Geschützen ausgerüstet. Neben dieser Armee war im Jahr 1898 eine sogenannte "neue Armee" in der Formation begriffen und stand im Jahre 1899 unter dem General Iungtu in der Stärke von ca. 5000 Mann in Peking, von wo sie im Juni 1900 in Gemeinschaft mit den Boxern dem ersten Entsatzversuch der Verbündeten unter Vizeadmiral Seymour entgegentrat. Weitere kaiserliche Feldtruppen hatten, ca. 9000 Mann stark, in der Mandschurei gestanden, und eine ca. 35000 Mann starke kaiserliche Armee steht in den neuen Provinzen, kommt aber für die gegenwärtigen europäischen Verhältnisse nicht in Betracht. Von größerer Bedeutung als diese kaiserlichen Truppen sind die Feldtrnppen der Gouverneure, mit welchen die Truppen der Verbündeten echnen haben. Von diesen hatten zu Beginn des Boxeraufstandes gestanden in Petschili einschließlich Peking: Die ehemaligen Truppen Li-HungMann Tschangs, die sog. Huai-Tr uppen (davon die größere spätste unter dem oben erwähnten General Rieh, ca. 13000 Mann in Lägern bei Lutai), 112 Geschütze 23000 Die frühere Armee von Port Arthur unter General Mahnkun in Shanheikwan 10600 Die Truppen des Generals Tnngfnhsiang (sog. Kansu-Truppen), welche gleichfalls die Boxer unterstützten und hauptsächlich an den Kämpfen in Peking beteiligt waren !0000 Die Lehr truppen (Inen ellnn) in Tientsin und verschiedenen Garnisonen von Petschili 12000 Also in Petschili einschließlich der kaiserlichen Truppen zusammen ca. 73500 welche, ausgenommen die Truppen Tungfuhsiangs, dem Oberbefehl des Generals Pungln unterstellt waren. In der Provinz Schantung, deiit Hinterland der deutschen Interessensphäre von Kiautschon, standen: Die Truppen des Generalgouverneurs Mann Puanschikai, besonders gut geschulte und bewaffnete Truppen ca. 11000 und außer diesen, von geringerem militärischen Wert in verschiedenen Garnisonen der Provinz ca. _ 5000 Zusammen in der Provinz Schantung ca. 16000 In der Mandschurei hatte» jetzt von den Man» Aussen verdrängt 38000, nach anderen Angaben 60000 gestanden; auf die Provinzen in der Mitte des Reiches sind etwa 100000 zil rechnen, davon im Gebiet des Pangtszekiang, der Hauptverkehrsader nach dem Innern des Landes ca. 10000, einschließlich von 2600 Mann Lehrtruppen, und endlich in den südlichen Provinzen, die bisher dem Vizekönig Li-Hung-Tschang unterstellt waren, ca. 60000 ein Überrest der im Jahr 1885 errichteten Schwarzflaggen, schlecht ausgerüstet und schlecht ansgebildet und daher militärisch wenig in Betracht kommend. Die Gesamtmacht der Chinesen an Feldtruppen beziffert sich nach den vorstehenden Aufzählungen somit et>va auf 225000—250000 Mann, von welchen über ein Drittel (ca. 89000 Mann) in einer den europäischen Interessen bedrohlichen Nähe ui den Provinzen Schantung, dem wiederbesetzten Petschili und in den angrenzenden Provinzen Schansi und Honan und Kiangsu versammelt sein mag. Es muß dabei aber wiederholt betont werden, daß alle diese Stärkeangaben nur durchaus unbestimmte seiir können, da es sich zur Zeit jeder Kontrolle entzieht, welche Verschiebungen seit Ausbruch der Wirren stattgesunden haben, und welchen Zuwachs, sei es durch Boxer, sei es durch Bannertruppeu, die einzelnen Gruppen erfahren haben. — Die chinesische Miliz. Außer den vorstehend geschilderten mehr oder weniger militärisch organisierten Heereskräfteu verfügt China >» der Mongolei, in Tibet und in den neuen Provinzen über eine Miliz, welche wenigstens in der Mongolei die örtliche Verteidigung der heimatlichen Provinz übernehmen und dadurch die militärischen Kräfte für andere Zwecke freimachen kann; die Milizen in Tibet, ca. 65000 Mann, und in den neuen Provinzen können in dieser Beziehung teils mit Rücksicht auf die immer noch feindliche Stimmung der einheimischen Bevölkerung, Anfängen auf Befestigungsanlagen zurückgeführt, die der Kaiser Shyhuangdi der Dynastie Tsiu 214 v. Chr. gegen die Einfälle der Tataren aufführen ließ, es steht jedoch nach den neuesten Forschungen fest, daß die jetzt noch existierende Mauer mit diesen Anfängen nicht identisch ist, sondern ihre Entstehung einer längeren Bauperiode (etwa 1368—1644 n. Chr.) unter der Dynastie Ming verdankt. Ihr Volksname ist "Wanlitschangtscheng", "10000 Li lauge Feste" (1 Li — 500 m), in Karten heißt sie "bien tscheng", Grenzbefestigung. Der alte Grenzwall hatte weder die Festigkeit noch die Ausdehnung der heutigen Werke und seine fortifikatorische Bedeutung war eine weit geringere, als gewöhnlich angenommen wird. Er bestand in der Hauptsache aus Erdund cyklopisch aufgehäusten Steinwällen, die mit bloßen Holz Kommaildierender General von Schantung. teils aus lokalen Gründen nicht in Betracht kommen. In der Mongolei besteht die Miliz aus der gesamten männlichen Bevölkerung, soweit sic nicht den Bauuertruppeu angehört, und ist immerhin aus ca. 100000 Mann ,)u schätzen. Ihre Organisation beruht auf der Einteilung in Stämme, von denen jeder eine Anzahl Milizmanuschafteu zu stellen hat, welche in Abteilungen zu 100 bis 150 Mann eingeteilt und im Kriege in Korps vereinigt werden. Im Frieden wird ein Teil der Milizen als Grenzwache oder zum Bau und zur Bewachung von Straßen verwendet. Die Mongolei ist in zwei Generalgouvernements und in Militärdistrikte eingeteilt. Die große Mauer. Dieses Wunderwerk der alten Welt, auf dem zum er>ten Mal 1901 die deutsche Flagge wehte, wird in seinen verhauen wechselten. Seine weltgeschichtliche Bedeutung als ei» für damalige Zeit kolossales Unternehmen bleibt darum doch bestehen; er bezeichnete die Grenze des civilisierteu Landes gegen die halbwilden Nachbarn, und seine Wirkung lag weniger in der direkten Verteidigung, wie er ja auch vor verschiedenen Invasionen der Barbaren nicht schützte, als in dem moralischen Einfluß, den er auf die wilden Völker ausübte. Es ist in diesem Sinne nicht ohne Interesse, zu erwähnen, daß verschiedene Gelehrte, wie Richthofen, Ritter, Bastian, in der großen Mauer eine erste Veranlassung der Völkerwanderung erblicken, mit dem Hinweis, daß schon vom zweiten Jahrhundert v. Chr. sich ein Zurückfluten der Völkerwelle nach Westen geltend macht, die in den, an der chinesischen Mauer unüberwindlichen Widerstand fin> denden Hsinngnu, den alten Erbfeinden der Chinesen, ihren Anfang nahm, und im Lauf der Jahrhunderte sich zu der asiatisch-europäischen Völkerwanderung gestaltete. In Jahrhunderte dauernden Pausen finden wir in den chinesischen Geschichtsquellen Angaben über die Wiederaufnahme dieser Grenzbefestigungen durch die verschiedenen Dynastien, so in den Jahren 423—446 n. Chr., 555 durch den Kaiser Wenhsuandi, 607 u. a., bis die "große Mauer" dann auf lange Zeit aus der historischen Litteratur verschwindet und mit der Besitzergreifung von ganz China durch die Mongolen im 13. Jahrhundert die letzten Reste derselben ihre Bedeutung verlieren. Interessant ist das Massenaufgebot an Menschen, das zu diesen Arbeiten Tag und Nacht unter unsäglichen Anstrengungen verwendet wurde, meist 30—40000, im Jahr 555 1800000, im Jahr 607 1000000 Menschen. Unter dem Kaiser Dshungdsung wurden drei Festungen und 1300 Signaltürme in 60 Tagen erbaut; im Jahr 1474 von 40000 Menschen in weniger als drei Monaten ein Wall von ca. 800 km mit Graben, 11 Festungen, 819 Warten und gegen 100 Beobachtungstürme. In ein neues Stadium tritt die Geschichte der großen Mauer erst wieder mit der Herrschaft der M ing-Dynastie, 1368—1644, deren Gründer, der heldenhafte Dshuyüanschang, als Kaiser Hungwn oder Taidsu, gegen die wiederholten Versuche der Mongolen auf Wiedereroberung des Landes die Befestigung der Grenzen durch ein fortlaufendes Festungswerk alsbald in Angriff nahm. Die jetzt noch vorhandenen, in unseren Karten meist richtig angegebenen Reste dieser Verteidigungslinie, die nur an wenigen, den natürlichen Grenzen folgenden Stellen mit der alten Mauer zusammenfällt, beginnen im Westen der Provinz Kansu bei Sutschon nördlich des Nanschan-Gebirges und ziehen sich in einer Gesamtlänge von ea. 3000 km (etwa Madrid—Smolensk), in südöstlicher Richtung dem Rand des Gebirges bis zum Hwangho folgend, diesen Fluß als Sehne seines gegen Norden gerichteten Bogens zweimal überschreitend und die Hauptstadt Peking in weitem, dem Gebirgskamm sich anschmiegcnden Bogen umfassend, zum Meere bei Shanhaikwan. Östlich des Hwangho zweigt sich als doppelte Befestigungslinie bis zum Peiho zum verstärkten Schutz der Kaiserstadt die innere und stärker gebaute Mauer von der äußeren ab. Von Shanhaikwan setzte sich die Mauer als Pallisadenwall nach der Mandschurei bis zum Sungari-Fluß fort, von dem heute jedoch nur noch wenige Überreste von Türmen vorhanden sind. — Nach ihrer Bauart lassen sich vier verschiedene Systeme erkennen: am primitivsten tritt sie auf in ihrem Zug westlich der Vereinigung von innerer und äußerer Mauer als einfacher, nach oben sich verjüngender Lehmwall von 4—5 m Höhe und mit vierseitigen ' ca. 9 m hohen Warten aus Lehm oder auch gemauerten Türmen. Bei Kalgan bis zur östlichen Vereinigung der inneren und äußeren Mauer besteht sie aus einem Wall von gehäuften Steinen mit gemauerten Türmen; als dritte Form findet sich vollständiges Mauerwerk aus Granit und Porphyr mit einer Brüstung nach außen; hier bilden die Türme einfache vierseitige Warten ohne Kammern und Fenster, meist von der Mauer getrennt >lnd in größerer Entfernung voneinander. Die letzte und wohl neueste Bauart erinnert in ihrem ganzen Charakter an die gewöhnlichen Mauern und Stadtbefestigungen des 15. Jahrhunderts, so besonders an die aus dieser Zeit Itammende Stadtmauer von Peking; auf ca. 6 in breitem Fundament von Granitquadern erheben sich zwei starke Mauern von gebrannten Ziegeln, deren Zwischenraum mit Steinen und Lehni ausgefüllt und oben mit Ziegeln verschalt ist. Beide Seiten haben eine niedrige Brustwehr von Ziegeln mit Schießscharten; ihre Gesamthöhe beträgt 6—8 m, in unregelmäßigen Zwischenräumen erheben sich vierseitige Wachttürme. In dieser Form findet sich die Mauer in ihrem östlichen Teil bei Shanhaikwan, nordöstlich von Peking, am Paß und Thor Gubeikou und am Nankou-Paß. Im allgemeinen kann von eigentlichem Mauerwerk nür bei etwa einem Drittel der ganzen Linie, in den Provinzen Petschili und teilweise Shansi die Rede sein. Die jetzige, seit 1644 herrschende Dynastie der Mandschu oder Tsing hatte an der Erhaltung der durch die Ausdehnung des Reiches den Charakter eines Grenzschutzes verlierenden Mauer als Befestigungslinie kein Interesse mehr, und so blieb sic allmählich, mit Ausnahme einiger als Zollgrenzpunkte wichtigen Pässe (Kalgan, Tshadau u. s. w.), dem Zerfall preisgegeben und hat in militärischer Beziehung schon an und für sich durch ihren verwahrlosten Zustand und vollends unter der heutigen Artilleriewirkung keine nennenswerte Bedeutung mehr, höchstens, daß sie als Paßoder Thalsperre den Chinesen Stützpunkte für eine örtliche Verteidigung schwieriger Gebirgsübergänge bieten kann, und auch dies ohne nachhaltige Wirkung, wie die Zusammenstöße mit den deutschen Kolonnen glänzend gezeigt haben. Befestigungswesen. Das unermeßliche, über 11 Millionen qkm (Deutschland y2 Million qkm) umspannende chinesische Reich hat kein System größerer Festungsanlagen in europäischem Sinn. Die wenigen Befestigungen im Innern des Landes haben ebensowenig wie die große Mauer oder das alle größeren Städte umgebende Mauerwerk gegenüber den heutigen Geschützwirkungen eine ernstliche militärische Bedeutung. Die die Städte umgebenden Ringmauern, zwischen 8 und 15 m hoch, bestehen aus Quadersteinen oder doppelten mit Steinen oder Erde ausgefüllten Ziegelwänden und sind bei einer Breite von 5—8 m oben mit einer zur Infanterieund teilweise Geschützverteidigung eingerichteten Brustwehr abgeschlossen. Vor der Mauer zieht sich gewöhnlich ein breiter Wassergraben entlang; besonders stark sind die Mauern in der Nähe der häufig doppelten Thore, durch die daselbst auf die Mauer aufgesetzten Wachhäuser. Die Pekinger Stadtmauer erhebt sich bei einer Breite von 30 Große Mauer am llanfotipajj, ^uo Ailomtr. nördlich von Peking. Nach einer Vriginalzeichnnng von G. kvuttke bis 40 Fuß (40—12,5 m) zu einer Höhe von 40—50 Fuß (13—17 in); zu der oberen Fläche, welche gut gepflastert und Raum für zwei Wagen hat, führen breite Aufgänge; lhre Wachtürme erheben sich bis zu neun Etagen. — -Iber fast überall, besonders im Innern des Landes, befinden sich diese Bauwerke in völlig verwahrlostem ZuItand. Sie haben wohl iu den früheren Kriegen, besonders gegen die aufständischen Taiping, eine Rolle gespielt und können dies vielleicht chinesischen Truppen gegenüber auch heute noch thun, aber für europäische Truppen und Waffen kommen sie als Hindernisse nicht in Betracht. Küstenbefestigungen. Größere Bedeutung, weil «ach den Kriegen mit den Engländern und Franzosen und nach dem japanischen Krieg 1894/95 teilweise nach Kürschner, China I. neueren Anforderungen ergänzt oder erbaut und armiert, koinmt nur denBefestigungen zur Sicherung der Haupthäsen und der Einfahrtsstraßen der großen Ströme an der Küste zu, au lvelchen, als den Centralpunkten des Handels, ja zunächst auch vorherrschend das kulturelle und finanzielle Interesse der europäischen Staaten seinen Boden hat. Die wichtigsten dieser Befestigungsanlagen an der Küste des Golfs von Petschili und Liantong, welche die Zugangswege zu den nördlichen Provinzen und zu der Hauptstadt des Reiches, Peking, schützen sollten, sind heute durch die Ereignisse der letzten Jahre teils im Vertragswege, teils in jüngster Zeit nach kurzem Wider^ stand in den Besitz der europäischen Mächte übergegangen, wodurch für diese unter der drohenden Gegenwart ihrer Flotten ein jederzeit gesicherter Zugang zu dem widerstrebenden Reich der Mitte und seiner Hauptstadt geschaffen ist. Diese Befestigungen sind: Port Arthur mit Talienwan im Norden, Weihaiwei im Süden der Straße von Petschili, ersteres in russischem, letzteres iu englischem Besitz, die Taku-Forts zum Schutze der Peiho-Mündung und der Bahn Tientsin—Peking, von den verbündeten Truppen am 17. Juni 1900, ebenso wie die 12 km. von Tongku gelegenen Peitang-Forts am 19. September erstürmt und zerstört, deren Wiederherstellung den Chinesen voraussichtlich nicht mehr gestattet wird, und die Befestigungen von Shanhaikwan, dem Berührungspunkt der Kaiserstraße und der Eisenbahn Peking—Mukden, gleichfalls mit dem Hafenpunkt Tsingwantao seit dem 3. Oktober 1900 im Besitz der Verbündeten. Alle diese wichtigen Küstenpunkte gehen naturgemäß einer völligen, den neuen Verhältnissen angepaßten Umwandlung entgegen und ist eine Beschreibung derselben daher gegenstandslos. Weitere befestigte Küstenpunkte südlich der Provinz Schantuug sind das Fort Wusung bei Schanghai, Ningpo, Futschau, Amoy und Kanton. Von diesen Punkten hat mit dem Verlust des unbestrittenen Besitzes des Golfes von Petschili das Mündungsgebiet des Pangtszekiaug bei Schanghai an Bedeutung gewonnen: dieser mächtigste Strom Asiens bildet die Hauptverkehrsader uach dem Innern des Landes und ist selbst für größere Kriegsschiffe bis Hankou (900—1000 km von seiner Mündung) passierbar. — Alle diese Befestigungsbauten werden aber, abgesehen von ihrer den modernen Anforderungen kaum überall genügenden Anlage, trotz der teilweise modernen Armierung dem Ernstfall nirgends ein dauerndes Hindernis bieten, da ihnen stets, gegenüber den gewaltigen Schlacht schiffen der europäischen Mächte, die Unterstützung einer thatkräftigen, gut armierten Flotte fehlen wird. Schlttszbetrnchtung. Angesichts der geringen Kräfte der verbündeten Mächte, welche nach Abschluß des Friedens mit der chinesischen Regierung im Sommer 1901 als Gesandtschaftswachen und Sicherheitsbesatzungen in China zurückgeblieben sind, drängt sich als Abschluß der vorstehenden Schilderung die Betonung folgender Gesichtspunkte auf: Die Minderwertigkeit und Unzuverlässigkeit des chinesischen Heeres, >vie sie sich trotz aller Reformen auch jetzt noch darstellen, in Verbindung mit den mannigfachen regierungsfeindlichen Gegenströmungen der selbständigen, eigenmächtigen Gouverneure läßt die Befürchtung und den Zweifel nicht unberechtigt erscheinen, ob es der Regierung, ihren ernsten Willen dazu vorausgesetzt, gelingen wird, auf sich selbst angewiesen, mit dem ihr zur Verfügung stehenden Machtmittel ihres Heeres der fortwährend gührenden aufständischen Bewegung und der allem Fremden feindseligen Stimmung im Innern des Reiches bald ganz Herr zu werden und dem planmäßigen Gang fortschrittlicher Entwickelung den nötigen Schutz zu gewähren. Der andere Gesichtspunkt ist der, daß in dem Fanatismus und dem Fremdenhaß des unerschöpflichen Menschenmaterials des 400 MillioneuReiches ein Zündstoff aufgespeichert ist, der entweder gegen den Willen der Regierung, oder aber, selbstredend noch mehr unter der Führung der Regierung, trotz aller minderwertigen Ausbildung und Leistung des chinesischen Heeres, eine nicht zu unterschützende Gefahr ist und bleiben wird, und bei wiederholt eintretendett Verwickelungen die nicht ohne große Opfer durchführbare Entfaltung noch weit größerer Machtmittel der verbüu deten Mächte zu Wasser und zu Land erforderlich machen würde, als dies im Jahre 1900 der Fall gewesen ist. Dar chinesische Zeekriegswesen. Kriegs-Dschunke. Flnszund Seefahrt. China ist außerordentlich stark bevölkert, fast übervölkert: jede Spanne breit Landes ist unter Kultur, und doch reichen die Erträgnisse der Landwirtschaft kaum hin, die Völkerschaft mit Nahrung zu versehen. Ein großer Teil derselben wird daher dem Meere und den Flüssen entnommen, und so hat sich dort das Fischereigewerbe in besonders großem Maßstabe entwickelt. — Das Straßenwesen ist in China sehr dürftig entwickelt, einige Pässe sind allerdings mit großen Mühen hergestellt, aber sonstige Kunststraßen verbinden nur einige der größten Städte mit in der Nähe liegenden wichtigen Punkten, z. B. Schiffsladeplätzeu, oder sie führen zu Heiligtümern, !vie den Gräbern der kaiserlichen Dynastie. Von diesen Wegen werden aber nur diejenigen iu gutem Zustande erhalten, welche der Kaiser bei seinen wenigen Fahrten durch das Land, zur Sommerresidenz oder den genannten Heiligtümern ständig zu benutzen pflegt. Die übrigen sind einstmals gut angelegt, es ist aber nichts für ihre Erhaltung gethan. Die großen Blöcke, aus denen das Pflaster besteht, sind mit der Zeit ungleichmäßig eingesunken oder verkantet, die ^8ege ähneln einem Pfade über Felszacken, sind also streckenweise ganz unbefahrbar, kaum beschreitbar, und der Verkehr zieht sich neben ihnen auf dem gewachsenen Boden hin, wie z. B. zwischen Peking und seinem Hafenplatz Tungtschou. Jur übrigen giebt es im Lande nur Karrenpfade, schmal und ausgesuhren, auf dem gewachsenen Boden. Der Personenverkehr zu Pferde oder in Sänften geht noch einigerwußen, aber der Frachtverkehr ist auf das äußerste erschwert und mit großen Kosten verknüpft. Zuni Transport ans größere Entfernungen bedient man sich daher darauf geboren und bilden, wenn sie größer werden, mit der Frau die ganze Besatzung. Von Kindheit an lernen diese Leute kaum etwas anderes kennen, als was zur Flußund Seefahrt gehört, das aber — innerhalb ihrer althergebrachten, primitiven Einrichtungen — ausgezeichnet. Man muß es bewundern, wie diese Fahrzeuge ohne Ausweicheregeln im dichten Hafengewühl oder nachts ohne Laternen aneinander vorbeimanövrieren. Es steckt ein tüchtiger Kern in diesen unwissenden Leuten, und sie werden einstmals, nachdem sie ihren thörichten Dünkel abgelegt haben, auch in der Schiffahrt gefährliche Konkurrenten des Abendlandes Chinesische Dschunken an der südlichen Küste. mit Vorliebe der Schiffahrt, einmal längs der weitgestreckten Küste, dann aber auch ans den sich viele hundert Meilen ins Innere erstreckenden Flüssen. So kommt es, daß auch nach dieser Richtung das Schiffergewerbe einen außerordentlich hohen Prozentsatz der Bevölkerung beschäftigt. Die chinesischen Gewässer wimmeln buchstäblich bon Dschunken, wie die dortigen Fahrzeuge heißen; wan kairn tagelang an der chinesischen Küste hinfahren und stets Hunderte von Dschunken in Sicht haben. Die regsten europäischen Seeplätze erscheinen dagegen leer an Küstenund Flußfahrzeugen. Ein großer Teil der seefahrenden Bevölkerung ist dazu noch mehr sozusagen mit seinem Berns verwachsen, wie bei uns. Besonders ans kleineren Dschunken lebt die ganze Familie des Besitzers oder Pächters jahraus jahrein, ohne kaum das Land zil betreten. Tie Kinder werden werden, wenn man nicht aufhört, beit Chinesen — sozusagen zwangsweise — Wissenschaft, Technik und Organisierungskunst beizubringen. Tie Dschunken sind plumpe Fahrzeuge mit hohem Vorderlind Hinterteil, lvelche ähnlich unseren Küssen zwar gute Seeschiffe mit angenehmen Bewegungen sind, aber nicht viel Fahrt laufen können; werden sie, besonders die kleineren, durch Rudern fortbewegt, so geschieht dies nicht lvie bei llns durch Rudern an der Seite, sondern ein oder zwei sehr große, schwere Riemen (Ruder) zeigen nach hinten heraus. Durch Seitwärtsbewegen der schräg gestellten Ruderblätter wirkt dexen schiefe Ebene auf Vorwärtsbewegung. Bei uns wird diese Art noch hin und wieder angewendet, besonders wenn ein Mann ein kleines Boot bewegt; man nennt das "Wricken". An jedenl Riemen der Dschunken arbeiten oft eine große Anzahl Leute, und diese können dadurch eine Geschwindigkeit Hervorrufen, welche derjenigen unserer mit seitlichen Riemen ausgerüsteten Fahrzeuge nicht nachsteht. Tie Dschunken, besonders diejenigen des Südens, sind grell bemalt, keiner fehlen vorne ein paar gemalte Augen, ohne die das Fahrzeug ja seinen Weg nicht sehen kann. Alle Dschunken, welche das Meer oder die oft weit verzweigten Flußmündungen befahren, sind bewaffnet und führen meist Kanonen zum Schutz gegen Seeräuber. Tie Seeräuberei ist in China ein vorläufig so unausrottbares Übel, wie die Maffia in Italien. Es liegt in der Grundanschauung des Volkes, daß der Fremdling rechtlos ist und eine willkommene Beute des Stärkeren oder Schlaueren abgiebt. Der Seeräuber, welcher mit Beute in sein Heimatsoder Freundschaftsdorf kommt, wird, falls er etwas abgiebt, nicht verraten; sogar der Mandarin drückt, je nach dem Trinkgeld, ein bis zwei Augen zu. Der Seeräuber wird auch niemanden seiner Gegend berauben; mit seinen engeren Landsleuten fühlt er. sich solidarisch verbunden. Sic würden alle, wenn es sich gut machte, außerhalb rauben, und verbinden sich auch gelegentlich zu größeren Unternehmungen. Wenn viele friedlich bleiben, so geschieht das eben nicht aus Rechtsgefühl, sondern iveil sie eben nicht gerade im Raube ihren gewöhnlichen Erwerb suchen, sondern dies nur einigen besonders kecken Genossen überlassen. Die Dschunke aus einer anderenProvinz ist übrigens gerade so vogelfrei, wie ein europäisches Schiff, eigentlich noch mehr, denn um ein ausgeraubtes chinesisches Fahrzeug bekümmert sich die chinesische Beamtenschaft recht wenig, wenn sie nicht persönlich interessiert Ivird; den Ausräubungen europäischer Schiffe folgen aber in der Regel höchst unangenehme Untersuchungen unter dem Druck der betreffenden auswärtigen Regierung. So kann man cs denn den Dschunken, welche friedlichen Handelsverkehr betreiben, nicht verargen, wenn sie sich bis an die Zähne bewaffnen. Das Schlimme ist nun aber, daß man erstens aus dem Vorhandensein einer Armierung nicht darauf schließen kann, daß das betreffende Fahrzeug ein Seeräuber ist, und daß jedes friedliche Handelsfahrzeug sich, wenn es die Umstände gestatten und lohnender Erwerb in Aussicht steht, iu einen Piraten verwandeln kann. Regierungsund Kriegsdschunken. Fast lediglich um dem Uberhandnehmen der Piraterie zu steuern, haben denn die Gouverneure der verschiedenen Provinzen schon von je Regierungsoder Kriegsdschunken gehalten. Tie Kriegsleistungen dieser Fahrzeuge waren stets recht schwach. Den Raubzügen der numerisch so viel schwächeren Japaner waren sie nie gewachsen, und es gab eine Zeit, zu der Städte und Ortschaften im chinesischen Reiche wenigstens 100 Li — 31 Seemeilen — von der Küste entfernt angelegt und gehalten werden durften, da je weiter entfernt vom Meere, desto mehr die Übermacht der Chinesen zu Lande gegen plötzliche Überfälle zur Geltung kam. Der Grund für die Minderwertigkeit der chinesischen Kriegsdschunken lag aber mehr in der Zerfahrenheit der Organisation des chinesischen Reiches und dem korrumpierten Mandarinentum. Gelegentlich bewiesen auch Chinesen, daß cs ihnen nicht an Wagemut fehlte. Als im Jahre 1644 die Mandschu-Dynastie die Regierung au sich gerissen hatte, versuchte ein christlicher Chinese, Nicolaus mit Namen, und später sein Sohn Kuasching, derselben an der Spitze einer Flotte von 300 Fahrzeugen entgegenzutreten. Als letzterer nach sechs Jahren gcAnf Deck einer Kriegs-Dschunke. zwungen >var, Südchina vor den Tataren zu räumen, zog er sich mit seinen Scharen nach Formosa zurück. Auf dieser Insel hatten sich damals die Holländer festgesetzt, und diese waren inr Begriff, daraus ein zweites Java zu machen. Ein friedliches Verhältnis blieb nicht lange bestehen. In: Jahre 1660 brach offene Fehde aus, und es gelang Kuasching, die Festung Zeeland, nachdem er sic mehrfach längere Zeit zu Wasser unb Lande blockiert hatte, in eine so verzweifelte Lage zu bringen, daß die Holländer im Jahre 1662 nach einem Verluste von 1600 Mann sie und mit ihr Formosa anfgabcn. Admiral von Werner, dessen Reisebriefen mehrere der Angaben über die frühere chinesische Schiffahrt entnommen sind, schlug die Anzahl der im Jahre 1861 vorhandenen Kriegsfahrzeuge auf ü—6000 an, hielt ihren Nutzen aber geradezu für Null. Die Kriegsdschuuken unterschieden sich von den Handelsdschunken durch nichts, als die größere Besatzung, welche vielleicht auch etwas mehr Ordnung und Disziplin zeigte. Sie sind 217 9 (LS ctyiliefifcfyc 3ccft*icrtSU>cfcn.  218 außerordentlich plump gebaut, haben unverhältnismäßig starke Masten, welche durch kein Tauwerk gestutzt werden, und L-egel aus Matten. Ihre Anker sind aus Holz verfertigt, von irgend welchen mechanischen Hilfsmitteln keine Rede. Der Koinpaß, der doch in China erfunden Mt, hat seine ursprüngliche, schlecht brauchbare Form behalten. Auf den Handelsschiffen hat jeder Mann der Besatzung mit vielem Geschrei mitzureden, er hat das Recht, in Anbetracht des sehr mäßigen Lohns, ein bestimmtes Quantum an Waren mitzunehmen und beansprucht in der Führung des Schisses daher eine Stimme. Auf den Kriegsdschnnken fällt letzteres allerdings weg, dafür benutzen aber dieMandarine dieselben als Lastschiffe, natürlich um das Frachtgeld in die eigene Tasche zu stecke», und entziehen sie ihrem eigentlichen Dienste. Im Augenblick der Gefahr hört alle Ordnung und Disziplin auf, alles schreit durcheinander, mtb selten wird eine Dschunke aus gefährlicher Lage durch die eigene Besatzung befreit. Ausländisches Schiffsmnterial. Tie Wertlosigkeit der Kriegsdschnnken europäischen und amerikanischen Kriegsschiffen gegenüber konnte dem dünkelhaftesten urtb blödesten Kopfe nicht entgehen, wurden doch bei gelegentlichen Zusammenstößen 60—80 Dschunken von einem einzigen kleinen Kriegsdampfer in den Grund gebohrt, verbrannt oder iu die Flucht geschlagen, und so wurden denn einzelne Bizekönige angewiesen, europäische Kriegsschiffe anzuschaffen, und diese thaten es mit mehr oder meist weniger Verständnis. Anfangs erwarben sie natürlich nur das schlechteste, irgendwo abgestoßenc Material, stießen sich auch an den ihnen ungewohnt hohen Kosten größerer schiffe, und so sehen wir China im Jahre 1880 im Besitz von einem ganz kleinen Monitor, 2 Holzfregatten, einem Dutzend Korvetten und sonstigen Dampfern und 8 zwar nicht großen, aber nach einem Typ gebauten Kanonenbooten. Am energischsten und verständigsten ging der eifrige und intelligente Li-Hung-Tschang vor. Tiefer gab, den Kauf älterer und minderwertiger Schiffe verschmähend, außer einigen modernen Kreuzern bei anderen Werften, 2 Panzerschiffe, etwa von der Art der deutschen "Sachsen"-Klasse, bei dem Stettiner Vulkan in Auftrag. Zugleich wurden eine Anzahl junger Leute behufs Ausbildung zu Seeoffizieren bei verschiedenen fremden Marinen, besonders der nordamerikanischen, untergebracht. Die Organisation blieb aber dieselbe lockere, wie sic bisher bestanden hatte. Vier Vizekönige erhielten den Auftrag und die Mittel zur Beschaffung der Seestreitniittel, und vier voneinander unabhängige Geschwader ohne gemeinsamen Oberbefehl wurden dementsprechend gebildet, wie das ja auch in Bezug ans das Heerwesen Sitte war. Tie Geschwader wurden benannt und heißen noch heute: das nördliche oder Peiyang-Geschwadcr für den Peiho, das südliche oder Nanyang-Geschwader für den Iangtszekiang, das Geschwader von Futsch au und das von Kanton. Ehe eines dieser Geschivadcr leistungsfähig entwickelt war, erlitt die chinesische Marine einen schweren Schlag dadurch, daß die Flotte von Fntschan im Kriege mit Frankreich, welches sich damals anschickte, Tonking zu annektieren, am 23. August 1884 im Min-Flusse bei Fntschan selbst fast vollständig vernichtet wurde. 9 Schiffe dieses Geschwaders, sowie 2 Kanonenboote des Nordgeschwadcrs und einige Kriegsdschnnken wurden in den Grund gebohrt, ans dem Flaggschiffe "Pang-Wu" kam ein großer Teil der in Amerika ausgebildeten jungen Offiziere ums Leben, und auch das bei Fntschan errichtete Arsenal, welches unter Leitung europäischer Ingenieure zum selbständigen Ban von Kriegsschiffen eingerichtet wurde, entging nicht der Zerstörung. Mit einer sonst in China unbekannten Energie ging man dort nun aber daran, das Arsenal wieder herzustellen und das Nordgeschwader auszubauen. Hätte Li-Hung-Tschang die Macht gehabt, über die Mittel des Reichs oder wenigstens der Seeprovinzen zu verfügen, so hätte leicht eine Flotte geschaffen werden können, Ivelche, lvenigstens dem Material nach, dem chinesischen Reich eine recht bedeutende Seegeltung hätte verschaffen müssen. Mit den ihm zur Verfügung stehenden beschränkteren Mitteln konnte er nur das Nordgeschwader verhältnismäßig leistungsfähig schaffen, indem er ihm nur gute Schiffe zuführte. Auch Fntschan entwickelte einige Thätigkeit, und im nächsten Jahre wurde daselbst sogar an einem Kreuzer gebaut. Aber was Li-Hung-Tschang nicht schaffen konnte, das war, ganz abgesehen von der Einheitlichkeit der Organisation und des Oberbefehls, der militärisch seemännische Geist, die Ordnung und Disziplin, die Branchbarerhaltung des kostbaren Materials. Zwar zog der Vizekönig viele europäischen Instruktoren heran, und es gab eine Anzahl unter denselben, ivelche sich mit Lust und Liebe an die Arbeit machten, ein brauchbares Marinepersonal heranzubilden, die Resultate ihrer Mühen ivaren aber äußerst geringe, sie hatten eben einen Kamps mit der chinesischen Rasse tief eingewurzelten Vorurteilen, Untugenden und Fehlern auszufechten, wobei der Eigendünkel der Chinesen sich der Erkenntnis, daß dies wirklich Fehler seien, geflissentlich entzog. Viele tüchtige Elemente wurden durch Jntriguen herausgebissen, die weniger energischen mit größter Liebenswürdigkeit angehört, ihre Lehren aber nur in Äußerlichkeiten befolgt. So ivnrden denn nur langsam Fortschritte gemacht und hauptsächlich erst dann, als ein größerer Teil der Offiziere ans solchen bestand, welche in fremden Marinen ausgebildet worden waren. Diese hatten, fern von ihrer indolenten Sippe, einige Jahre gesehen, wie es gemacht werden milßte, hatten ihren Geist durch den Aufenthalt im Auslande gebildet und ivnrden nach ihrer Rückkehr besser geschätzt in ihren Anschauungen und ihrem Wissen, als die Instrukteure, oder vielmehr sie brachten ihren Genossen eine höhere Achtung für den Wert der europäischen Wissenszweige im Seewesen bei, wenn auch nur sehr langsam. Wie das chinesische Volk kein einheitliches Ganzes ist, sondern in den verschiedenen Provinzen auch verschiedene Charaktereigenschaften zeigt, ja verschiedene Sprachen spricht, so war die Aufnahmefähigkeit für europäische Einrichtungen und moralische Eigenschaften in den vier Geschwadern durchaus nicht gleichmäßig. Der Nordchinese ist schärfer denkend und ruhiger wie der Südchinese, welcher, ähnlich unseren Mittelmeeranwohnern, mehr augenblicklichen Jinpulsen und dann mit möglichst viel Lärm folgt, daher kam denn auch das Nordgeschwader, unterstützt durch die Oberleitung eines so weltkundigen Mannes, wie Li-Hung-Tschang, schneller zu einem gewissen Grade von Leistungsfähigkeit, wie die übrigen Geschwader. Über die Zustände ans den chinesischen Kriegsschiffen berichtete ein früherer deutscher Seeoffizier, welcher als Instruktor engagiert war, folgende Einzelheiten: Ter Chinese kennt von vorne herein nicht das Prinzip, sich inr Frieden auf den Krieg vorzubereiten, und wenn mit der Zeit einige maßgebende Persönlichkeiten der Regierung sich von der Nützlichkeit und Notwendigkeit solcher Vorbereitungen überzeugt haben, so gilt das durchaus nicht von Offizieren und Mandarinen. Sie nahmen, besonders in der Zeit vor der harten Lehre, die sie von den Japanern empfangen mußten, die Schiffe als etwas Gegebenes hin, mit dem sie äußerlich protzen und Staat machen konnten und purch welches sich manche Gelegenheit zuin Geldverdienen bot. Es wurde daher mit den Schiffen etwas umhergefahren, es wurde — außer auf dem Nordgeschwader, — kaum je exerziert, äußerlich wurde etwas geputzt, sonst verkamen die besten modernen Einrichtungen durch Nichtgebrauch, Schmutz und Rost. Häufig wären ordentliche allgemeine, z. B. Gefechts-Exerzitien, auch gar nicht durchzuführen gewesen, da das Personal meist unvollständig war. Tie Verwaltung lag in den Kinderschuhen, es war die althergebrachte Mandarinenwirtschaft. Der Kommandant erhielt das Geld für die gesamte Besatzung, es war seine Sache, sie anzuwerben und zu bezahlen. Das Geld für fehlende Leute blieb also in seiner Tasche. Löhne und Gehälter wurden meist erst nach Monaten gezahlt; jeder Chinese ist Geschäftsmann, das nicht ausgezahlte Geld trug dem Kommandanten in der Zwischenzeit Zinsen. Erneuerung von Inventar und Material war Sache des Kommandanten, er verdiente daran, ebenso an dem Zeug, welches sich die Mannschaft von ihm kaufen mußte. Aber noch mehr, der Kommandant nahm Passagiere gegen Bezahlung mit, er beköstigte sie nicht, sie kamen daher mit Eßund Kochgerät und Dienern an Bord; er nahm eventuell eine Ladung Reis mit, entweder auf eigene Rechnung oder gegen Frachtgeld, ja, er fuhr je nach der Handelskonjunktur nach einem Hafen, in dem er billig einkaufen konnte und brachte die Ladung nach einem Hafen mit höheren Preisen, ohne Rücksicht auf den Kohlenverbrauch. Tie Kohlen waren Domäne des Admirals, der an ihnen wieder verdiente. Es war sogar schon vorgekommen, daß Kriegsschiffe unter dem Schutz ihres Charakters zollpflichtige Waren aus dem Auslande einschmuggelten. Bei solchen moralischen Eigenschaften der Vorgesetzten ist es nicht zu verwundern, wenn auch keine militärische Zucht und Ordnung herrschte. Nichts wurde schnell ausgeführt, die Vorgesetzten hielten auch gar nicht darauf; wurde aber doch einmal aus irgend einem Grunde etwas getrieben, so glaubte jeder ein Recht zu haben, seine eigene Meinung auszusprechen oder zu räsonnieren, und es entstand bald ein Höllenlärm. Getrieben wurde aber selten, besonders wenn durch kräftiges Zufassen ein Jnventarienstück ruiniert oder gar einer der Leute beschädigt werden konnte, denn der Kommandant war für den Schadeir haftbar, er mußte auch den beschädigten Mann oder dessen Familie entschädigen. Geradezu unfaßbar für europäische Begriffe gestalteten sich die Verhältnisse zunr Neujahrsfest. Einen Sonntag kennen die Chinesen nicht, jeder Tag ist ein Arbeitstag, nur git Neujahr, Anfang Februar, wird mehrere Tage gefeiert, nun aber tüchtig. Die Kriegsschiffe suchten dann einen geschützten Ankerplatz auf, wo ihnen ein Unwetter schwer etwas anhaben konnte, lind nun kümmerte sich fünf Tage nicmand mehr um Schiff oder Schiffsdienst. Die Mannschaften gingen an Land und kamen wieder, wenn sie Lust hatten, sie betranken sich lind trieben allerhand Allotria. Kein Posten zog auf, die Boote lagen ohne Aufsicht, und an Bord herrschte ein wüster Lärm bis tief in pie Nacht. Man benutzte diese Gelegenheit, sich an mißliebigen Offizieren zu rächen und prügelte sie manchmal windelweich. Die Offiziere machten es nicht besser iil ihrer Art. Der Admiral und die Kommandanten hielten Bank in ihrer Kajüte und animierten jeden, ob Offizier, Matrose oder Diener, zum Spielen. Da die Leute so wenig beaufsichtigt wurden, war cs nicht zu verwundern, wenn Schmutz und Gestank an Bord vorherrschten. Alle paar Monate einmal wurde Zeug gewaschen, Nahrungsmittel, oft recht fraglicher Güte, da möglichst billig eingekauft, lagerten irgendwo in den Tecks, Küchenabfälle wurden irgendwohin ge>vorfeu. Geputzt wurde zwar mit Vorliebe, aber nur äußerlich, rein erhalten wurde nichts. Die Kruppschen Geschütze wurden zwar äußerlich geputzt, inwendig verrostcteir sie aber. Die Muilition dafür kam schon in ganz verwahrlostem Zustande an Bord. Die Geschosse waren, nachdem sie aus den Handelsschiffen ansgeladen waren, einfach über Felsen und Steine gerollt und hatten irgendwo in Schmutz und Sand gelagert; kein einziger der kupfernen Führungsringe war unverletzt. Da ein Teil der Kartuschen nach dein Ausladen verschwunden war, nahm man andere nicht passende mit chinesischem Pulver. Tie Offiziere wurden nicht nach ihrer Leistungsfähigkeit oder ihrem Dienstalter nach befördert, sondern nach Willkür, häufig wurde eine frei gewordene Stelle an den Meistbietenden vergeben. Daß kein einheitliches Oberkommando, somit auch keine einheitliche Ausbildung und Verwendung der Seestreitkräfte existierte, ist schon erwähnt. Die Bier-Geschwaderwirtschaft schuf aber auch eine Quelle ewiger Eifersüchteleien, Jntriguen, von Mißtrauen und Gehässigkeiten sowohl zwischen den Spitzen als bis tief hinab in die Reihen der Matrosen. Das Verhältnis der Geschwader zu einander machte den Eindruck, als wenn sie gar nicht derselben Nation angehörten. Der Adniiral des einen Geschwaders hatte dem Kommandanten des kleinsten Kanonenboots eines anderen Geschwaders nichts zu befehlen, letzterer hatte sich nicht einmal bei dem Admiral zu melden, die Besuche und Formalitäten vollzogen sich wie zwischen Kriegsschiffen fremder Nationen, nicht einmal in Äußerlichkeiten, wie z. B. der Flaggenparade, richtete sich der jüngere nach dem ältesten Kommandanten des anderen Geschwaders, während sich doch selbst die Schiffe der Kulturstaaten meist nach dem ältesten fremden Kommandanten richten. Erfahrungen im Kriege mit Japan. So konnte es beim kommen, daß in dem Kriege, welchen China vor wenigen Jahren mit Japan zu führen hatte, die übrigen Geschwader nicht ohne weiteres einem Oberstkommandierenden unterstellt wurden und gemeinsam mit dem in erster Linie beteiligten Nordgeschwader operierten, sondern daß ihre Hilfe erst requiriert werden mußte, und daß diese Hilfe nur lässig gestellt wurde, weil, wie man sagt, Li-Hung-Tschang sich nicht verpflichten wollte, für den bei dieser Hilfeleistung etwa entstehenden Schaden aufzukommen. Unter den geschilderten Umständen war es nicht verwunderlich, wenn die chinesische Marine in dem Kampfe mit Japan nichts leistete und fast vollständig vernichtet wurde. Ju der Schlacht am Jalu-Flusse am 17. September 1894 wurde die aktive chinesische Flotte, welche aus sämtlichen größeren Schiffen des Nordgeschwaders und einigen kleineren aus den übrigen Geschwadern bestand, von der schwächeren japanischen Flotte zum größten Teil vernichtet, und nur dem in Stärke und Güte vorzüglichen Material war es zu verdanken, daß die beiden in Deutschland gebauten Panzerschiffe sich mit einem Kreuzer zurückziehen konnten. Diesen so schlecht geführten Linienschiffen konnten die gut geführten Kreuzer der Japaner >veuig anhaben. Aber auch das Schicksal dieser Schiffe war nur aufgeschoben. In Weihaiwei fielen sie und einige weitere Schiffe und Torpedoboote, soweit sie nicht bei den wiederholten japanischen Torpedobootsangriffen zerstört wurden oder beim Versuch, sich nach Süden durchznschleichen, auf den Strand gejagt wurden, aiu 14. Februar 1895 den Japanern in die .Hände. Die Verhältnisse seit 1895. Nach dem Friedensschlüsse, welcher den Chinesen in seinen weiteren Folgen auch noch die nördlichen Kriegshäfen Port Arthur und Weihaiwei kostete, deren ersteren sich die Russen und letzteren die Engländer aneigneten, während die Bucht von Kiautschou von Deutschland pachtweise — in Besitz genommen wurde, blieb eigentlich alles so, wie es gewesen war, d. h. höchst minder wertig, mit einiger Tendenz zum Besserwerden im Norden. Der Versuch, in Peking ein gemeinschaftliches Oberkommando zu errichten, mißlang dank der Eifersucht der Vizeköuige. Trotz der damaligen Vernichtung des Nordgeschwaders ist dieses heutigen Tages durch die Energie Li-Hung-Tschangs das einzige, welches unter Umständen in Betracht zu ziehen wäre. Es hat wieder eine Anzahl moderner Schiffe, wenn jetzt auch nur geschützter Kreuzer, es exerziert und besitzt soweit gebildete Offiziere und sogar Ingenieure, daß es zur Not die Ausländer entbehren kann. Eine Verwaltung existiert nur im beschränktesten Maßstabe insofern, als der Vizekönig ein Marinesekretariat hat, welches sich aber nur mit der Jnventarieuund Materialienbestelluug befaßt, welche im Auslande zu erfolgen hat, die Verwaltungspauschqnanten an die Kommandanteil auszahlt und die Aufsicht über die in Tientsin errichtete Marineschule zur Heranbildung von Seeoffizieren und Ingenieuren hat. Ten Kommandanten liegt nach wie vor die Beschaffung aller im Jnlande zu beschaffenden Ausrüstungsartikel der Schiffe ob. Depots am Land existieren nicht; es fehlt daher gänzlich an Reserve-Inventar und -Material, so daß schon bei geringen Beschädigungen die Verwen dungsfähigkeit der Schiffe auf lauge Zeit in Frage gestellt sein kann. Die Mannschaften werden geworben; wenn ein Schiff Bedarf nach solchen hat, so wird dies durch Mauerauschläge in den Seeplätzen bekannt gemacht. Die Ordnung und Disziplin sind besser geworden, während die Sucht nach unlauterem Nebenverdienst noch immer vorhält. Die übrigen Geschwader haben minderwertige Schiffe, und ihre Besatzungen stehen ans der denkbar niedrigsten Stufe der Kriegstüchtigkeit. "Opiumrauchen, Spiel und monatelanger Urlaub sind die charakteristischen Merkmale des Nanyang-Geschwaders", wie Oberleutnant Boy in der Marine-Rundschau berichtet. Nach demselben Gewährsmanne hat sich ein hoher chinesischer Offizier des Nordgeschwaders dahin geäußert: "Das Beste, was die Nanyaug-Komniaudanten thuu könnten, wäre, Flagge und Wimpel niederzuholen und als Frachtschiffe zu fahren, dann wären sie China wenigstens zu etwas nütze." Die Kriegsdschunken sind von der See fast vollständig verschwunden. Sehr viele werden aber noch auf den Flüssen verwendet, wo sie hauptsächlich im Dienste der Polizei und der Zollverwaltung Verwendung finden, Dienstzweige, deren Personal nicht so vom militärischen geschieden ist, >vie bei uns. Als Endresultat der ganzen Betrachtung kann man wohl behaupten, daß die chinesische Marine sich nur durch eine grundlegende Reorganisation zu einer, den Seestreitkräften irgend einer der Kulturmächte, Japan eingeschlossen, nicht ungefährlichen Stärke und Tüchtigkeit entwickeln kann. Diese Reorganisation hat aber wenig Aussicht, so lauge nicht die Regierungsund Verwaltungsgrundlagen des Reichs von Grund ans umgestaltet sind. 7VV7T Mas der Chinese glaubt Dir Mischung der Religionen. Auf die Frage: Zu welcher Religion gehörst Du? ist die Antwort in China nicht so einfach zu geben, als int Abendlande. Bei uns ist der Einzelne entweder Christ oder Jude, entweder Protestant oder Katholik, oder er giebt sich als religionslos an, jede»' falls sind die einzelnen Religionsgemeinschaften scharf getrennt. In China giebt es drei herrschende Religionen, den Confueianismus, den Taoismus und den Buddhismus; aber die Schwierigkeit liegt eben darin, das; die Anhänger dieser drei Religionen sich nicht in drei scharf getrennte Gemeinschaften teilen, von denen man jedesmal die Zahlen angeben könnte, sondern ein und derselbe Chn nese gehört insofern alten drei Religionen zugleich an, als er die Ceremonien von alten dreien mitmacht und sich nicht ausschließlich der einen oder der andern Religionsgemeinschaft zurechnet. Dies thnn nur die Priester, Mönche und Nonnen, die in der That entlveder taoistisch oder buddhistisch sind. Dieses eigentümliche Mischungsverhältnis der Religionen in China muß bei der ganzen nachfolgenden Schilderung sorgfältig im Auge behalten werden: die Scheidung, die lvir in der Darstellung zwischen den drei Religionssystemen vornehmen, geschieht nur eben um der Klarheit der Darstellung willen und findet sich in der religiösen Praxis des einzelnen Chinesen nicht oder ganz wenig. Der Entstehungszeit nach sind alle drei Religionen etwa von gleichem Alter: Confucius und Buddha starben fast genau im selben Jahre, der erste 478 — beiläufig im Geburtsjahr des Sokrates —, der zweite nach der jetzt im Abendland geltenden Annahme 479 vor Christus; die Asiaten halten vorläufig an einer viel früheren Zeit, etwa 900 vor Christus, fest. Der Stifter des Taoismus, Laotse, war ein älterer Zeitgenosse des Confucius, ist geboren 604 und starb etwa im Jahre 520 vor Christus. Aber während Laotse und Confucius in China lebten, war Buddha ein Inder, und seine Lehre kam erst etwa 500 Jahre nach ihrem Entstehen, etwa zur Zeit des Apostels Paulus, nach China. Da nun der Coufucianismus eigentlich dasjenige System ist, das dem Chinesentum am meisten seinen Stempel ausgeprägt hat, ist die beste Ordnung, in der die drei Religiorien besprochen werden, die, daß zuerst der Coufucianismus, daun der Taoismus und zuletzt der Buddhismus zur Darstellung kommen; als Anhang wird dann noch vom Islam und vom Judentum die Rede sein. Aber noch vor dem Coufucianismus müssen wir unfern Blick auf die Reste des Religionssystems richten, das man sich gewöhnt hat, die alte chinesische Reichsreligion zu nennen. Die alte Ncichsreligion. Es ist längst bekannt, daß die ältesten Bücher der Chinesen, die wenigstens in gewissem Sinne religiöse Texte enthalten, von Confucius nur redigiert worden sind, daß ihnen aber eine Religionsanschauung zu Grunde liegt, die aus vorhistorischer Zeit stammt. Ja, man hat sogar in diese vorhistorische Zeit selbst einen Blick zu werfen gesucht. Ganz wie man für unsere Vorfahren, die noch nicht in Stämme geteilten Jndogermanen, aus den allen ihren Sprachen gemeinsamen Wurzeln Schlüsse auf ihre Kultur und Religion gezogen und z. B. die schöne Übereinstimmung gefunden hat, daß Inder, Griechen und Römer den obersten Gott alle drei Himmelsvater (Dyaush pitar, Zeus pater und Jupiter) nannten, so hat der bekannte Sinologe Faber aus den ältesten Schriftzeichen der Chinesen, die bekanntlich noch jetzt erkennbare Bilder darstellen, die religiösen Begriffe oder Anschauungen der Chinesen für die Zeit vor 1000 vor Christus zu entziffern gesucht. Aber auch in den klassischen Büchern, ja heute im Kürschner, China I. praktisch-religiöseu Lebeu, wirkt diese alte Reichsreligion noch erkennbar nach. Sie wird freilich von den heutigen Religionsforschern recht verschieden, ja fast entgegengesetzt beurteilt. Männer wie Happel, Strauß-Torney, Legge und andere erklären sie für einen fast reinen Monotheismus, in welchem Thian (der Himmel) oder Shang Ti (d. h. oberster Gott) verehrt wird, und befürworten darum auch den Gebrauch des Namens Shang Ti für den christlichen Gott. Bekanntlich sind nicht bloß die protestantischen und die katholischen Missionare, sondern auch die protestantischen unter sich nicht einig, mit welchem Wort man Gott übersetzen soll. Die, welche Shang Ti als Übersetzung verwerfen, begründen dies mit der entgegengesetzten Anschauung von der alten Reichsreligiou, die unter den Religionshistorikern vor allem Tiele vertritt, daß sie eigentlich ein Polytheismus gewesen sei, ja weil ihre Götter die eigentlich lebendige Persönlichkeit zu sehr vermissen lassen, nur ein Polydämonismus, der Glaube an Geister, deren oberster eben Shang Ti wäre. Diese Frage kann natürlich hier nicht entschieden werden; es scheint aber, daß beide Elemente in dieser alten Religion sich fanden, denn beide sind noch in ihren Nachwirkungen erkennbar. Der oberste Gott, der Gott des Himmels — oder der Himmel selbst, was bei der wenig hervortretenden Persönlichkeit der chinesischen Götter für die Chinesen selbst keinen so großen Unterschied auszumachen scheint, als für uns — wird heute noch vom chinesischen Kaiser mit den zur Zeit der Tagund Nachtgleiche dargebrachten Opfern verehrt, und es ist bezeichnend für die Anschauung der Chinesen, daß nur der Kaiser, der ja der Sohn des Himmels heißt, dieses Opfer an den höchsten Gott darbringen darf, während die Unterthanen mit Opfern an die untergeordneten Götter oder Geister sich begnügen müssen. Jedenfalls ist aber ans der andern Seite eine Quelle der Geist er Verehrung, die in ganz China eine so große Rolle spielt, auch in der alten Reichsreligion zu suchen. Und da die wichtigsten unter den Geistern die der Ahnen sind, so geht auch die Ahnenverehrung, die im Mittelpunkt aller chinesischen Religiosität steht, auf die alte Reichsreligion zurück. Mit der Verehrung der Ahnen ist aber selbstverständlich ein gewisser Glaube an die Unsterblichkeit gegeben, und da eine der wichtigsten Ceremonien, das Orakelsuchen, aus den Sprüngen einer erhitzten Schildkrötenschale, nachweislich in die vorhistorische Zeit zurückreicht, und das Mking, das Buch der Wandlungen, aus dessen 64 Gruppen von ganzen und geteilten Strichen (z. B, ,'Z) ebenfalls Orakel' gezogen werden, schon zu den von Confucins gesammelten klassischen Büchern gehört, so finden wir eigentlich fast alle Elemente der heutigen Religion in China schon vor Confucins gegeben. Der Confucianismus. Leben und Lehre des Confucius. Confucius selbst hat sich auch nur als Überlieferer und höchstens als Reiniger des Alten bezeichnet und es ausdrücklich ab gelehut, der Schöpfer von etwas Neuem zu sein. Ja, in seiner ganzen nach rückwärts in das goldene Zeitalter der ersten mythischen Kaiser ums Jahr 2200 vor Christus geivendeten Anschauung, in seiner unbedingten Verherrlichung des Alten und Hergebrachten gegenüber dem Neuen ist er nicht nur das Urbild des echten Chinesen, sondern hat auch seiner ganzen Nation bis heute den Stempel dieser Gemütsrichtung ausgeprägt und ist so der eigentliche Urheber des chinesischen Problems. Kungfutse (in China Kungtse, der Meister ans dem Geschlecht Kung genannt, von den jesuitischen Missionaren zu Confucius latinisiert), lebte von 551 bis 478 v. Chr. Sein Leben ist uns ziemlich genau bekannt. Er lebte in einer Zeit, da die Einheit des Reiches thatsächlich noch gar nicht bestand, zog an verschiedenen kleinen, unabhängigen Fürstenhöfen umher, war öfters als politischer Ratgeber eines der Fürsten angcstellt, verlor aber seine Stellungen meist durch die Jntriguen derer, die durch seine politischen Ideale, deren Verwirklichung er ähnlich wie Plato anstrebte, in ihren materiellen Interessen sich geschädigt glaubten. Ans seinen Wanderungen traf er auch einmal mit Laotse zusammen, der aber ein ziemlich geringschätziges Urteil über seine Bestrebungen aussprach. Confucius erscheint in den Schriften seiner Schüler, auf die wir ganz wie dies bei Sokrates, ja in gewissem Sinne auch bei Jesus der Fall ist, — für seine Charakteristik angewiesen sind, als ein Mann, der außerordentlich viel Wert auf die äußere Form, auf das Li, legt: die Art der Trauerceremonien um Verstorbene, der Schnitt der Kleidung, der Gang, die Hal. tnng — alles das wird mit einer Wichtigkeit und Feierlichkeit behandelt, als ob das Heil der Seele davon abhinge. Und doch giebt es für Confucius die Frage nach dem Seelenheil eigentlich gar nicht. Es ist ein, freilich weitverbreiteter, Irrtum, Confucius als eilten eigentlichen Religionsstifter zn betrachten und ihn daher mit Buddha, Jesus oder Mohammed in Parallele zu stellen. Seine beste Parallele findet er in Sokrates: Eonfncius ist wesentlich und ausschließlich ein Sittenlehrer gewesen. Fragen nach den Göttern und nach der Zukunft der Seele hat er ausdrücklich abgelehnt zu beantworten, "weil wir schon von der Welt und von diesem Leben so wenig wissen". Was er eigentlich wollte war, die patriarchalische Sitte und die peinliche Genauigkeit in der Beobachtung aller Ceremonien, die, wie er glaubte, in der Zeit der ersten Kaiser, nach chinesischer Annahme 1600 Jahre vor ihm selber, geherrscht hatten, auch seinen Zeitgenossen wieder einzuschärfen. Der Confueianismus als Religion. Während aber also die Lehre des Confueius selbst keine Religion war, ist der heutige chinesische Confueianismus Confueius in Ktufit. doch eilte Religion geworden. Hierzu haben zwei Dinge beigetragen: die Vergötterung des Confueius und die Ahnenverehrung. In den Schriften seiner Schüler erscheint Confueius durchaus als Mensch, und erst später haben sich einige, aber ganz wenige Legenden an seine Geburt geheftet. Es ist aber eine Eigentümlichkeit der ostasiatischen Religionen — denn dieselbe Erscheinung findet sich ganz ebenso in Japan —, daß gewisse Menschen ohne weiteres später zu Göttern gemacht werden, und zwar nicht etwa bloß Religionsstifter, sondern ganz weltliche Leute, Minister, Generale u. dergl. Und diese Vergötterung geschieht nicht ans dem langsamen Weg der Legendenoder Mythenbildung, sondern, etwa wie die Kanonisation eines Heiligen in der katholischen Kirche, durch die offizielle Erklärung der dazu Berechtigten, meist der Kaiser. In China vollends ist dieser Prozeß außerordentlich einfach: wenn schon die Seele jedes verstorbenen Ahnen eine Art von göttlicher Verehrung genießt, indem ihr Einfluß auf das Wohl und Wehe der Nachkommen zugeschrieben wird, so ist von hier nur ein kleiner Schritt bis dahin, der Seele eines so hervorragenden Mannes, der in unserem Sinne recht wohl der geistige Ahne des ganzen heutigen Chinas heißen könnte, einen hervorragenden oder gar übergeordneten Platz unter den übrigen einzuräumen. Besonders die Kaiser der seit etwa 1650 regierenden Maudschudynastie haben ihren Vorteil darin gesehen, den Konservatismus der Chinesen und ihre ganze nach rückwärts gewendete Verehrung zu stärken, und der größte unter diesen Kaisern, der auch in der Geschichte der katholischen Mission eine wichtige Rolle gespielt hat, Kanghi, hat in seinen Edikten ganz besonders die Vergötterung des Confucius betont und seine Verehrung eingeschärft. Es sind dem Confucius zahlreiche Tempel errichtet worden, darunter offizielle in allen Provinzialhauptstädten und an den wichtigeren Orten, in denen er während seines Lebens geweilt hat, so besonders in Pentschaufu, seiner Geburtsstadt, in denen ihm vor seinem Bilde oder vor einer Tafel mit seinem Namen Verehrung und Opfer dargebracht wird. Bei der schon erwähnten Mischung der Religionen ist dies aber für den Opfernden durchaus kein Hindernis, auch anderen, taoistischen und buddhistischen Göttern zu opfern. Die Ahnenverehrung. Das zweite religiöse Element im heutigen Confucianismus ist, wie gesagt, die Ahnenverehrung, das eigentliche Heiligtum aller chinesischen Religion, die den stärksten und maßgebendsten Einfluß auf das ganze chinesische Leben ausgeübt hat und noch immer ausübt. Die Geister der Ahnen werden durch Gebet und Opfer verehrt und dadurch veranlaßt, ihren Nachkommen nicht zu schaden, sondern zu nützen. Diese Verehrung geschieht meistenteils an ihren Gräbern, die sorgfältig im stände zu halten die Pflicht jedes guten Sohnes ist, andernteils im Hause: bei reichen Leuten in der eigens hierzu gebauten Ahnenhalle, bei ärmeren vor hölzernen Tafeln, die den Namen des Verstorbenen tragen und jedem Fremden beim Betreten einer chinesischen Straße zu allererst in die Augen fallen. Es wird Weihrauch vor ihnen verbrannt, Blumen, Speisen und Getränke vor sie hingestellt, und besonders die Geburtsund Todestage der Ahnen feierlich mit größeren Opfern begangen. Das ganze kunstvolle System der chinesischen Pietät ist eigentlich nur der Ahnendienst auf das sittliche Gebiet übertragen: alle sittlichen Verhältnisse beruhen auf der Unterordnung, des Sohnes unter den Vater, der Frau unter den Mann, des jüngeren Bruders unter den älteren, und aufs politische Gebiet übertragen des Unterthanen unter den Herrscher, der patriarchalisch als Vater vorgestellt wird; nur in dem letzten der von Confucius aufgestellten fünf Verhältnisse, dem des Freundes zum Freunde, herrscht Gleichheit. Mit der Ahnenverehrung hängt ferner der starke Familiensinn der Chinesen zusammen, der sich in doppelter Weise äußert: einmal zeigt er sich darin, daß die Nachkommen desselben Ahnen so lang als möglich beisammen, womöglich unter wirft und eine andere billigt, und so sind trotz der pademselben Dach wohnen bleiben, wobei der naheliegen-triarchalischen Unterordnung unter den Kaiser Revo lutionen und Usurpationen ebenfalls legitimierr. Die klassischen Bücher. Durch die von ihm redigierten, aber nur teilweise selbst geschriebenen klassischen Bücher, die 5 King und die 4 Shu, die in einem auderenZusammenhang besprochen werden und hier um so eher übergangen werden dürfen, als sie nur in einem sehr allgemeinen Sinn als religiöse Bücher bezeichnet werden können, hat Confucius den größten Einfluß auf das gesäurte litterarische und wissenschaftliche Leben seiner Nation ausgeübt, deren wichtigste Litteraturwerke sich ausschließlich mit diesen Büchern beschäftigen, etwa wie bei uns die Scholastik im Mittelalter, nur daß bei uns in immer steigendem Maße der Einfluß erst der römisch-griechischen Litteratur und dann der neueren unabhängigen Wissenschaft hinzukam, was in China nur teilweise in der buddhistischen Litteratur eine Parallele hat, da diese auf die eigentlich chinesische Bildung ohne Einfluß geblieben ist. Die eigentliche Parallele wäre der bis jetzt freilich noch ausgebliebene Einfluß unserer abendländischen Litteratur und Wissenschaft. Jedenfalls haben alle Gelehrten, die Bücherden Gefahr der Inzucht durch die weise Sitte vorgebeugt wird, daß niemand eine Frau mit dem gleichen Familiennamen heiratet, weshalb allerdings viele ihre Frauen aus einem andern Ort holen müssen, weil an vielen Orten alle Bewohner denselben Familiennamen führen. Die andere Äußerung des Familiensinns ist der Wunsch nach Erhaltung der Familie: jeder Chinese, ja, jeder Ostasiate steht zu dieser Frage ganz so, wie etwa bei uns der Sprosse eines altadeligen, ansässigen Geschlechtes. Der Wunsch nach Erhaltung der Familie wieder führt zu den frühen Heiraten der Söhne, er hat die Polygamie oder doch das Concubinat zur notwendigen Folge, falls die erste Frau kinderlos bleibt; er kann aber auch durch Adoption befriedigt werden, da der adoptierte Sohn in alle Rechte des natürlichen eintritt. Eine weitere Folge des religiösen und moralischen Ahnendienstes ist die Mißachtung des weiblichen Geschlechts: eine Tochter nützt der Familie nichts, da nur ein Sohn die Ahnenopfer darbringen kann und die Tochter doch in eine andere Familie hineinheiratet, und diese Mißachtung führt zu der barbarischen Sitte des Mädchenmordes: gegen 200000 Mädchen werden im ersten Bad ertränkt oder einfach ausgesetzt; ja, bei wiederholten Mädchengeburten wird das Kind grausam getötet und zerstückelt, weil man annimmt, daß boshafterwcise immer dasselbe Mädchen wiederkommt und so jedesmal die Geburt eines Knaben verhindert. So hängt das ganze Familienleben und die gesamte sittliche Anschauung des Confucianismus an der Pietät gegen die Ahnen und in letzter Linie am Ahnendienst. In der Politik dagegen haben die häufigen Dynastienwechsel zu der Auskunft geführt, daß in dem Willen des Volkes, das heißt thatsächlich in dem Erfolg, die Stimme des Himmels vernehmbar wird, der eine Dynastie verden, und die durch die Prüfungen aus ihnen hervorgehenden Beamten oder Mandarine eben infolge des Umstandes, daß die ganze Bildung in der Kenntnis der confucianischen klassischen Bücher besteht, ein so besonders nahes Verhältnis zum Confucianismus, daß dieser in China mit Recht j u Ki ao, die Religion der Gelehrten, genannt wird. Der Taoismus. Laotse und das Taoteking. Im Gegensatz zum Coufucianismus könnte man den Taoismus als die Religion der niedersten Volkskreise bezeichnen, wenn nicht auch hier die Mischuug der Religionen eine scharfe Scheidung verböte. Der heutige Taoismus ist polytheistischer Aberglaube, und es ist noch nicht ganz klar, wie er eigentlich mit seinem Stifter und dessen Buch zusammenhängt, so sehr ist er in das Gegenteil dessen umgeschlagen, was er in seinen Ursprüngen war. Laotse selbst, geboren 604, war, wie schon erwähnt, ein älterer Zeitgenosse des Confucius. Sein Leben und seine ganze Gestalt steht fast völlig im Dunkel bis auf die Unterredung mit Confucius. Dagegen ist uns sein Werk, das Taoteking, erhalten. King iß die Bezeichnung der heiligen Schriften, Te heißt Tugend, und Tao heißt wörtlich Weg, ist aber ein sehr vieldeutiges Wort. Es kommt schon in der alten Reichsreligion vor, wo von dem "Tao des Himmels" geredet wird in dem Sinne, daß es die Art bedeutet, wie der Himmel sich äußert und seinen Willen kundgiebt; auch Confucius gebraucht das Wort viel. Manche Forscher übersetzen Tao, so wie es in Laotses' Werk gebraucht wird, mit Vernunft, und man fühlt sich an den Logos des Johannesevangeliums und an seine vier Übersetzungen im Goetheschen "Faust" erinnert: Wort, Sinn, Kraft und That. Vielleicht kommt man dem Sinn am nächsten, wenn man dafür "das Absolute" unserer abendländischen Philosophie cinsetzt, besonders auch deshalb, weil damit die Frage, ob es eine Persönlichkeit sei, offen gelassen wird. Eine Entlehnung aus dem indischen Begriff des Absoluten, dem Brahman, an die man infolge der Bcrichte von Reisen Laotses nach dem Westen gedacht hat, ist indessen wohl nicht anzunehmen. Tao ist das Prinzip, das dem All zu Grunde liegt, und wird als solches im ersten Teil des Taoteking besprochen, die beiden andern Teile behandeln es als das Prinzip der Moral und der Politik. Trotzdem das Taoteking zu den am schwersten verständlichen Büchern der Welt gehört, ist doch so viel ausgemacht, daß die darin gelehrte Moral und Politik der confucianischen ganz entgegengesetzt ist: die Lehre Laotses ist eine Art quietistischer Mystik, d. h. man soll sich innerlich von der vergänglichen Welt ganz frei machen und das ewige Tao betrachten, dadurch kehrt man selbst in das Tao zurück. Bemerkenswert ist, daß sich in dem Buch der ganz christliche Satz findet: "Denen, die mir wohlthuu, thue ich Wohl, und denen, die mir nicht Wohlthun, thue ich doch Wohl", was Confucius direkt bestritten hat niit den Worten: "Womit willst du denn Güte vergelten? Vergilt Übel mit Gerechtigkeit und Güte mit Güte." Hieraus geht zugleich hervor, daß die goldene Regel des Confucius: "Thue andern nicht, was du nicht willst, daß sie dir thun", doch noch nicht dasselbe ist mit der Vorschrift Jesu: "Alles, was Ihr wollt, daß Euch die Leute thun sollen, das thut ihnen auch." Der Taoismus als Religion. Diese Lehre Laotses ist, ähnlich wie die des Confucius, nicht eigentlich eine Religion zu nennen; und volkstümliche Religion ist sie erst geworden, indem sie etwas ganz anderes wurde. Vielleicht war es die Lehre von der Rückkehr ins Tao, an die das populäre Verlangen nach Unsterblichkeit anknüpfte. Und diese Unsterblichkeit soll nun entweder durch Moral und Askese erlangt werden: hieraus konnte sich dann das Mönchswesen des heutigen Taoismus entwickeln, oder aber sie wird durch magische Mittel, durch allerlei Elixiere erlangt, und hieran knüpft sich der Hauptzug des heutigen Taoismus, sein Zauberwesen, in dem ähnlich wie bei unseren mittelalterlichen Alchemisten die Güter, die der Mensch am meisten begehrt, Gold und langes Leben, durch allerlei Hokuspokus verschafft werden sollen. Aber zu dieser an Üch natürlichen Entwicklung ist ein halbes Jahrtausend nach dem Tode Laotses der Einfluß des Buddhismus getreten, als dessen offenbar absichtliche Nachahmung der Taoismus sich auf den meisten Gebieten darstellt. Das maßgebende Buch der Taoisten ist nicht das Taoteking, sondern ein erst im 15. Jahrhundert verfaßtes Werk: "Von den Handlungen und deren Wied er Vergeltung", in dem in ziemlich kleinlicher Weise berechnet wird, wie viel Tage Abzug vom Leben die Strafe für diese oder jene böse That bilden, oder ll>ie viel gute Werke gethan werden müssen, um diese oder jene Belohnung, im Diesseits oder im Jenseits, Zu erhalten. Es wird, offenbar unter dem Einfluß des Buddhismus, an ein Fegfeuer, eine Hölle, ein Paradies und eine Art Seelenwanderung geglaubt. Seit etwa 500 nach Christus kam der Taoismus durch die Gunst der Kaiser in die Lage, auch äußerlich mit den: Buddhismus rivalisieren zu können in der Errichtung von Klöstern, deren Insassen freilich allgemein als tief unsittlich gelten, und von Tempeln, deren Priester ebenfalls als unwissend und unsittlich von den Litteraten verachtet werden; übrigens dürfen diese Priester heiraten. Die taoistische Hierarchie faßt sich zusammen Ul einer Art Papst. Unter dem Titel "Heiliger Meister" leben diese, stets aus einem und demselben Geschlecht durchs Loos erwählten Päpste seit dem ersten Jahrhundert nach Christus auf dem Lunghu-Gebirge in der Provinz Schansi, ähnlich wie die Dalai Lamas in Tibet, nur ohne politischen Einfluß. Dasjenige, wodurch der Taoismus den größten Einfluß auf das religiöse, ja auf das ganze Volksleben ausübt, ist seine Götterund Geisterlehre. Es giebt eine Anzahl Götter des allerverschiedensten Ursprungs. Einige, wie z. B. die "Drei Heiligen", deren Bilder in jedem taoistischen Tempel stehen, sind Nachahmungen buddhistischer Gestalten: andere sind zu Göttern erhobene Menschen; sogar Pu Hoang Shang Ti, der "edelsteingleichc, allerhöchste Gott", ist nur ein ver götterter Zauberpriester aus der päpstlichen Familie, der im 7. Jahrhundert nach Christus lebte. Andere Götter sind die fünf Elemente: Metall, Holz, Feuer, Wasser, Erde; andere die Gestirne, wieder andere Personifikationen, wie der Gott des Reichtums und der Langlebigkeit; einer der aller" ° verbreitetsten, dessen Bild fast in keinem Hause fehlt, ist der Küchengott. Auch die verschiedenen Stünde verehren bestimmte Götter: die Studenten den Gott der Litteratur, der im amtlichen Kultus sogar gleich neben Confucius kommt, die Soldaten den Kriegsgott, der ursprünglich ein Abenteurer des 2. Jahrhunderts vor Christus war, aber 1828 vom Kaiser zum Gott erklärt wurde, die Kaufleute und wohl noch manche andere den Gott des Reichtums u. s. w. Das Fengshui. Neben den Göttern giebt es noch Drachen und Geister, und die Furcht vor diesen hat zu einer Einrichtung geführt, die einen Hauptgrund der chinesischen Abneigung gegen abendländische Einrichtungen bildet, zu dem sogenannten Fengshui. Das Wort bedeutet eigentlich "Wind und Wasser" und bezeichnet die Lehre von den Drachen oder Geistern, die im Wind, Wasser oder der Erde wohnen und deren Einflüsse wie eine Art magnetischer Ströme einen Ortz. B. für die Anlegung eines Hauses oder eines Grabes geeignet oder ungeeignet machen. Von dieser Lehre gilt das Wort: "Ist es schon Wahnsinn, so hat es doch Methode"; die Angaben der taoistischen Geomanteu oder Erdkundigen beruhen nicht auf Willkür, sondern auf einem äußerst komplizierten System von Regeln, bei dem es auf die Höhe der Berge, auf den Lauf des Wassers, auf die vorherrschende Richtung des Windes u. s. w. ankommt und die in einer Art von magischem Kompaß zusammengefaßt sind. Manchmal kann ein ungünstig gelegener Ort verbessert werden durch Anlegen eines Wassergrabens, oder einer Pagode von bestimmter Höhe, meist aber sind die gegebenen Bedingungen nicht zu ändern, und der Chinese, der unwissende Bauer so gut wie der gelehrte Litterat, unterwirft sich blindlings den Vorschriften dieser Gcomanten. Ta nun vor allem die Gräber nur an ganz bestimmten, jedesmal einzeln festzustellenden Plätzen angelegt werden dürfen, so sind sie über das ganze Land zerstreut; da in ihrer Nähe eine Menge Dinge nicht geschehen dürfen, so hat man mit Recht gesagt, daß ein toter Chinese noch jahrhundertelang den Lebenden den Platz versperrt, und da eine in der Nähe des Grabes aufgerichtete Telegraphenstange, oder eine auf das Grab in ungünstiger Richtung zulaufende Schienenlinie das Fengshui des Ortes verschlechtert, wofür dann die Geister an den Nachkommen oder auch an den Nachbarn sich rächen, so läßt sich denken, welches Hindernis für alle modernen Veränderungen das Fengshui und mit ihm speziell der Taoismus bildet. Der Buddhismus. Die ursprüngliche Lehre Buddhas. Die beiden bisher besprochenen Religionen, der Confucianismus und der Taoismus, sind auf chinesischem Boden entstanden; die dritte der in China herrschenden Religionen, der Buddhismus, entstand in Indien gleichzeitig mit ihnen, wurde aber erst ein halbes Jahrtausend später, 61 nach Christus, in China eingeführt. Auch hier ist das Bild, das der gegenwärtige Zustand bietet, grundverschieden von dem, was diese ReligioninihremUrsprunge gewesen ist. Was der indische Fürstensohn Siddhasta, der als Bettelmönch sich Gautama nannte, und weil er die Erleuchtung (Bodhi) erhalten hatte, die ihn befähigte, der Verkünder einer neuen Lehre zu wer den, später den Beinamen Buddha, der Erleuchtete (chinesisch Fo), erhielt, was dieser Mann gelehrt hat, war ursprünglich gar keine eigentliche Religion, sondern eine philosophische Erlösungslehre. Aus dem Sansara, dem endlosen Wechsel der Wiedergeburten, dem jedes Geschöpf, auch die Götter, unterworfen sind, weil jede That (Karma) entweder Lohn oder Strafe in der künftigen Existenzform nach sich zieht, befreit sich der, der das Wissen der vier heiligen Wahrheiten vom Leiden, von seinem Ursprung, von seiner Aufhebung und von dem Weg zu ihr erlangt hat: er erreicht Nirvana, das Verlöschen aller Begierde und aller Existenz. Der Buddhismus als Religion. Das Rätsel, wie eine solche, noch dazu auf der abstrakten indischen Metaphysik aufgebaute Lehre Volksreligion werden konnte, löst sich einfach dadurch, daß das, was als buddhistische Volksreligion heute noch, zwar nicht mehr im eigentlichen Indien, aber in Ceylon und in Siam, Barma, Nepal, China und Japan sich darstellt, etwas ganz anderes geworden ist. Schon bald nach Buddhas Tode, 477 vor Christus, begann die Verehrung des vergötterten Stifters, seiner Religion und seiner Bilder, und während ursprünglich im Buddhismus keine Götter anerkannt worden waren — denn Wesen, die ebenso wie wir der Seelenwanderung unterworfen sind und im nächsten Leben vielleicht als Menschen oder Tiere wiedergeboren werden, sind keine eigentlichen Götter — nahm der Volksbuddhismus gar bald die Götter der indischen Volksreligion in den Himmel auf, zu dem das Nirvaua sich umgewandelt hatte. In dieser entarteten Gestalt kam der Buddhismus nach China, und wie dies bei jedem in die Fremde verpflanzten Polytheismus natürlich ist, nahm er auch die chinesischen Götter in sein Pantheon auf, was um so leichter möglich war, als man sie jederzeit für Erscheinungen Buddhas erklären oder mit den aus Indien mitgebrachten Göttern gleichsetzen konnte. Daß dabei manche Götter ihren Charakter und sogar ihr Geschlecht Buddhistischer ksimmelskönig. änderten, daß z. B. aus dem indischen Gott Avalokitesvara die chinesische Göttin Kwanyin wurde, verschlug bei der Systemlosigkeit dieser zahllosen Götter nichts, ebensowenig, daß der Herr des lvestlichen Paradieses, wo die Frommen hinkommen, den manche Selten verehren, Mito, eigentlich kein anderer als Buddha selbst unter seinem Beinamen Amitübha ist. In den ersten Jahrhunderten nach der Einführung des Buddhismus in China entwickelte sich ein in seiner Art ganz wissenschaftlicher Verkehr zwischen Indien und China: die buddhistische Litteratur wurde von Indern und Chinesen ins Chinesische übersetzt, wo sie jetzt als Sammlung von mehr als 5000 Bünden besteht, chinesische Pilger durchzogen das heilige Land Indien und lieferten wertvolle Nachrichten über das allmähliche Verschwinden des dortigen Buddhismus. Auch die philosophischen Spekulationen des späteren Buddhismus der Mahayana-Richtung wurden in China eifrig, wenn auch ohne originale Fortbildung, gepflegt. Ter Unsterblichkeitsglaube. Der Buddhismus des Volkes aber besteht auch in China ausschließlich aus Kultus in Form von Bilderund Reliquiendienst. Der Hauptbeitrag, den es zum chinesischen religiösen Denken Kurs cf) n e r, China I. geleistet hat, besteht in einer Weiterbildung des Unsterblichkeitsgedankens in der Richtung einer Belohnung oder Bestrafung im Himmel oder in der Hölle. Die taoistischen Vorstellungen hierüber sind aus dem Buddhismus entlehnt. Eigentümlich ist der Ausgleich, der mit früheren Vorstellungen getroffen wurde. In dem Ahnendienst ist zwar die Idee der Unsterblichkeit enthalten, aber abgesehen von dem nützlichen oder schädlichen Einfluß der Ahnengeister auf das Ergehen ihrer Familie besteht eigentlich gar keine Vorstellung von Lohn oder Strafe im Jenseits: die Seele des Ahnen ist im Ahnentäfelchen lokalisiert. Nach der Vorstellung, die dem taoistischen Fengshui zu gründe liegt, ist sie aber im Grabe lokalisiert; um nun die. Möglichkeit eines Aufenthaltes in Himmel oder Hölle zu gewinnen, hat man im populären Glauben dem Menschen drei Seelen zugeschrieben, von denen nun eine in der Ahnentafel und eine im Grabe weilt, während die dritte je nachdem in Himmel oder Hölle belohnt oder bestraft wird. Zu den Scharen der Ahnengeister sind nun noch die zahllosen Geister derer getreten, die, weil sie keine regelrechte Ahnenverehrung genießen, im Jenseits ein elendes Dasein führen und dem Lande Schaden bringen würden, wenn sie nicht durch offizielle, von Amtsund Provinzwegen veranstaltete große Opfer versöhnt würden. Der Buddhismus in Tibet. Neben seinen Mönchen, Nonnen und Priestern besitzt der Buddhismus im eigentlichen China keine Hierarchie, eine solche ist nur in Tibet entwickelt, wo der Dalai Lama in Lhassa — es giebt aber noch einen wenig bekannten Großlama neben ihm an einem andern Ort —• als Inkarnation des Buddha gilt und auch eine Art von weltlicher Geivalt ausübt. Diese Einrichtung besteht erst seit etwa sechs Jahrhunderten; vor etwa 150 Jahren hat die chinesische Regierung die Wahl des Dalai Lama vollständig unter ihren Einfluß gebracht. Die bekannten Gebetsmühlen und andere Einrichtungen, wodurch ans mechanischem Wege Gebete in Massen produziert werden, sind auf Tibet beschränkt und gehören nicht zur Religion des eigentlichen China. Zusammenfassung. Fassen wir nun zusammen. Die drei Religionen bestehen also, wie gesagt, nebenund durcheinander, und das Volk macht unterschiedslos von all ihren Tempeln und Gnadenmitteln Gebrauch. Der öffentliche Kultus in Opfern, Prozessionen, Wallfahrten u. dergl. hat Elemente aus allen dreien in sich, ebenso tvie er den Göttern und Geistern aus allen dreien gilt. Der private Kultus ist ebenfalls allen Chinesen gemeinsam und besteht in allererster Linie aus dem Ahnendienst, sodann aus der Verehrung bestimmter Götter, tvie des Küchengottes oder der Götter der Stände. Besonders chinesisch mutet uns der Gebrauch des Papiers an. Papier ist beim Opfer Surrogat für alles: papierene Speisen und Kleider, Geldstücke, ja sogar Pferde tmd Diener werden verbrannt und dadurch ihr realer Gegenwert dem Verstorbenen ins Jenseits übermittelt; ja, bedrucktes oder beschriebenes Papier ist an sich schon heilig, und es ist eine verdienstvolle Handlung, es aus dem Schmutz aufzuheben und zu verbrennen. Die Furcht vor Göttern und Geistern ist der Hauptzug der chinesischen Religion, und der thörichtste Aberglaube beherrscht die Chinesen vom niedrigsten Kuli bis hinauf zum Mandarinen und zum Pekinger Kaiserhvf, der in der seit über tausend Jahren bestehenden Pekinger Zeitung die unglaublichsten Proben davon ablegt. Wenn wir nun schließlich noch fragen, welche der drei Religionen wohl überwiegt, so kann die Antwort nicht zweifelhaft sein: es ist der Confucianismns. Tie gewöhnliche Annahme, die die Chinesen zu den Buddhisten rechnet, ist jedenfalls falsch. Auf die Frage, ob er eiu Buddhist sei, würde nur ein buddhistischer Priester oder Mönch mit Ja antworten. Daniit fällt aber zugleich der weitverbreitete Irrtum, als ob der Buddhismus von allen Religionen die zahlreichsten Anhänger zähle, vielmehr steht das Christentum mit etwa 500 Millionen an der Spitze, und der Buddhismus steht mit dem Islam mit 100 bis 200 Millionen an vierter und fünfter Stelle; an dritter Stelle stehen die hinduistischen Inder mit etwa 250 Millionen und an zweiter die Chinesen, die man, wenn man sie einer Religion zurechnen wollte, als Confucianer bezeichnen müßte, mit 300—350 Millionen. Die Mohammedaner und Juden. Tie Mohammedaner. Kurz seien schließlich noch erwähnt die Mohammedaner und die Juden in China, weil sie, ebenso wie die Christen, abseits von der chinesischen religiösen Welt stehen und auf dieselbe keinen Einfluß ansgeübt haben. Tie Berührungen der Mohammedaner mit China sind fast so alt als der Islam selbst, bestehen also seit etwa 750 nach Christus und geschahen teils auf dem Landwege durch Turkestau, teils auf dem Seewege. An: offensten war China für Einflüsse und Einwanderungen aus dem islamitischen Kulturkreis unter Dschingiskhan (um 1200) und seinen Nachfolgern. Die Zahl der meist in den Provinzen Pünnan, Schansi und Kansu, d. h. im Südund Nordwesten wohnenden Mohammedaner >vird —30 Millionen geschätzt; auch in Peking wohnen gegen 100000. Sie werden Hwui-Hwui oder HuiHui genannt und haben infolge von Bedrückungen schon große und langwierige Aufstände gemacht, besonders in den Jahren 1855—1875. Obwohl ihre jetzigen Berührungen mit dem Westen sehr spärlich sind, haben sie zum teil uoch Kenntnis des Arabischen und Persischen und halten im Innern des Landes oft mit den Christen gegen die übrigen Chinesen zusammen. Sie sind gewiß infolge ihrer bereits geschehenen Aufnahme von fremden Ideen ein Element, mit dem bei allen zukünftigen Bewegungen Chinas gerechnet werden muß. Dagegen sind die Juden in China jetzt wohl praktisch als ausgestorben zu betrachten. In Kaifongfu in der Provinz Honan befand sich eine jüdische Synagoge, über die zuerst der jesuitische Missionar Gozani 1704 berichtete. Nach den dort erhaltenen Inschriften, deren älteste von 1480 stammt, wären Juden aus Parthien schon im ersten Jahrhundert nach Christus ans Anlaß einer Verfolgung in China eingewandert; eine zweite Einwanderung hätte dann im 12. Jahrhundert stattgefunden; doch ist nicht sicher, wie weit diese Überlieferung auf Wahrheit beruht. Jedenfalls waren sie um 1300 schon in China. Zur Zeit Gozauis, also um 1700, zählte diese jüdische Kolonie, die uoch hebräische Bibeltexte besaß, einige Hunderttausende; ums Jahr 1860 waren sie bis auf wenige hundert zusammengeschmolzen, ganz verarmt, hatten alles Hebräisch vergessen, und ihre Synagoge lag in Trümmern. Der (reinpel der fünf Pagoden (lvntasse) bei Peking. 16* 245  Die katholische Mission. E 246 Die katholische Mission. Über den ersten Anfängen des Christentums in China liegt ein Schleier, der noch kaum gelüftet ist. Das älteste, bis jetzt bekannte christliche Erinnerungszeichen ist ein in Kiangsi anfgefundenes Andreaskreuz, welches den Namen des um 230 regierenden Kaisers Suinu und folgende chinesische Aufschrift trägt: rechts: "Tie vier Meere erfreuen sich des Friedens, den uns das Kreuz gebracht hat; es ist wie eine eiserne Säule, wie ein kostbares Licht"; links: "Alle Völker opfern Weihrauch in goldenen Schalen und verehren das Kreuz in Ewigkeit, dankerfüllt für die große Wohlthat." In Siuganfu, der Hauptstadt von Schensi, fand man 1625 einen Denkstein aus dem 8. Jahrhundert (782), der ein Kreuz trägt ähnlich wie das Kreuz auf dem Grabe des Apostels Thomas zu Meliapur in Indien; daraus schloß man, daß Thomas, oder doch von ihm bekehrte Christen dem Christentum in China Eingang verschafft hätten. Vielleicht auch ist der Denkstein uestorianischen Ursprungs, da der Nestorianismus int 6. und 7. Jahrhundert eine erfolgreiche Missiousthätigkeit im Reiche der Mitte ausübte. Erst im 13. Jahrhundert, in welchem die katholische Missionsthätigkeit überhaupt einen bedeutenden Aufschwung nahm, erhielt auch China wieder katholische Glaubensboten. Der Franziskaner Johannes von Monte Corvino fand 1292 in Kambalik, dem späteren Peking, bei dem begabten Großkhan Kublai wohlwollende Aufnahme. Seine zeitweilig durch die Nestorianer geftörte Thätigkeit hatte guten Erfolg; er selbst giebt die Zahl der Getauften auf 6000 und seine Anhänger auf 30000 an. Der tatarischen Sprache vollkommen mächtig, übersetzte er das Neue Testament und die Psalmen ins Tatarische. Elf Jahre mußte er allein arbeiten, bis ihm ein Deutscher, Bruder Arnold von Köln, ein treuer Mitarbeiter wurde. Papst Clemens V. sandte dem verdienten Missionar sieben Franziskaucrbischöfe zu Hilfe, welche ihm die Ernennung zum Erzbischof von Peking überbringen und die Bischofsweihe erteilen sollten. Nur drei derselben erreichten ihr Ziel 1308. 22 Jahre wirkte Joh. von Monte Corvino noch als Erzbischof in Peking, aber mit seinem Tode war auch das Ende der Mission nahe. Wohl traten 1338 gegen dreißig, 1370 sogar achtzig Missionare die Reise nach China au, doch ist nie bekannt geworden, ob sie an ihr Ziel gelangt sind. Als im Jahre 1369 der buddhistische Bonze Tschujueutschang als erster Fürst der christenfeindlichen MingTynastie den Thron bestieg und zugleich der Islam den Landweg nach China versperrte, blieb das Reich der Mitte der christlichen Mission für lange Zeit verschlossen. Fast zwei Jahrhunderte später drängte es Franz .Xaver, den hervorragendsten Missionar des Jesuitenordens, dessen Feuereifer schon in Indien und Japan bahnbrechend gewirkt hatte, auch in China der Mission die Wege zu bereiten, aber ein tödliches Fieber raffte ihn auf der Insel Sancian im Angesichte Chinas am 2. Dezember 1552 hinweg. Die nächsten Versuche der Dominikaner, Franziskaner und Augustiner, in China einzudringen, waren erfolglos. Den Ordensbrüdern Xavers gebührt das Verdienst, das Reich der Mitte für die Mission wieder eröffnet zu haben. Dem feingebildeten, mit der chinesischen Sprache und Sitte wohl vertrauten ?. Ruggieri gelang es 1582 zuerst, sich die Gunst des Vizekönigs von Kwangtung zu erwerben und eine Niederlassung in Kanton zu gründen. Da es der größten Vorsicht bedurfte, um nicht sofort den gewonnenen Platz zu verlieren, >var naturgemäß die Zahl der Bekehrten anfangs gering. Bald erhielt P. Ruggieri Mitarbeiter, darunter k. Matthäus Ricci, der ihm 1588 als Leiter der damals schon 3 Stationen zählenden ?. Matthäus Ricci. Mission folgte. Auch Ricci mußte, wie sein Vorgänger, der Unterhaltung mit wißbegierigen Mandarinen und Gelehrten viele Zeit widmen. Mannigfache Hemmnisse seines Werkes und die Scheu höherstehender Chinesen, sich öffentlich als Christen zu bekennen, ließen ihn den kühnen Plan Xavers wieder aufnehmen, den kaiserlichen Hof in Peking selbst für das Christentum zu gewinnen. Doch erst beim dritten Versuche hatten seine langjährigen Bemühungen den Erfolg, daß Kaiser Wanglie ihn in Peking behielt, ihm ein Jahrgeld auszahlte, und daß des Kaisers Gunst auch den übrigen Missionaren Ansehen und Schutz verlieh. Soweit seine Zeit es erlaubte, widmete sich Ricci der eigentlichen Missionsthätigkeit. Auch schriftstellerisch war er hierfür thätig. Seine berühmte Schrift: "Die wahre Lehre von Gott" wurde von Kaiser Kienlong unter die Sammlung der besten chinesischen Werke aufgenommen. Doch mußten sowohl er als die Nachfolger in seiner Stellung zu Peking ihre Hauptkraft auf wissenschaftliche, künstlerische unb technische Arbeiten, auf Befriedigung des Wissensdranges und der Launen der Kaiser und Mandarinen verwenden. Es lag somit die Bedeutung dieser Männer nicht so sehr in ihrer unmittelbaren Missionsthätigkeit, als vielmehr in dem unschätzbaren Pionierdienste, den sie den anderen Missionaren unter großen persönlichen Opfern leisteten. RElOAJtfNEi' AnAJVtViy iCHAU,,GKRMA25Vtf e iSoeietatelEiV Pftjtruu Sttarem, acRcg-ifMAtho., iUAhimTnlnin,disRd'ses;nulefj:{s<jpr0 Vomierst " onegnitiR tu ClumsO^erari^ ab sms so.xta.tsm?z ;  iJ. Johann Adam Schall, p lä. August (665. Ein heftiger Sturm brauste bald nach dem Tobe Riceis (1610) über die junge Mission hin, aber sie war schon festgewurzelt und fand in den christlichen Gelehrten Leo, Paul Ly und Michael Jang starken Rückhalt. 1629 wurden auf Veranlassung Paul Lys' P. A d a ui Schall, ein geborener Kölner, und P. Rho au den Hof nach Peking berufen zur Verbesserung des chinesischen Kalenders. Damit bekam die Mission wieder mehr Luft. Unter Kaiser Tienki (1627—1634) stieg die Zahl der Christen auf 13000, darunter einige Mitglieder der kaiserlichen Familie, der erste Minister Paul Ly, 13 hochstehende Mandarinen und 321 Gelehrte. Sechsundzwanzig Jesuitenmissionare leiteten die in acht Provinzen zerstreuten Gemeinden. Schalls Stellung bei Hose als Präsident des mathematischen Tribunals blieb unter drei ihm äußerst gewogenen Kaisern unerschüttert, obwohl zu jener Zeit das Land von großen Revolutionen heimgesucht wurde und selbst ein Dyuastiewechsel sich vollzog. Sogar zum Mandarin ersten Ranges wurde unser berühmter Landsmann ernannt. Übrigens war er nicht der einzige so geehrte deutsche Missionar. "Es gedeyet," schreibt P. Stöcklein, der Herausgeber des "Neuen Welt-Bott", Augsburg 1726, "der deutschen Nation zu sonderbahrem Ruhm, daß beide Sinische Kayser Schuutschi und Camhi Tatarischer Herkunft die Prüsideutenstelle über ihr höchstes Mathematische HofGericht zu Peking schier beständig einem teutschen Jesuiten, uemlich P. Adamo Schall, P. Ferdinands Verbiest, P. Antonio Thoma (beide letzteren Flamländer), P. Kiliano Stumpf und letzlich P. Jguatio Kögler (beide aus Bayern) anvertraut haben." Als Schall 1666 starb, war die Zahl der Christen schon auf etwa 300000 gestiegen, und da in demselben Jahre Kaiser Kanghi die Zügel der Regierung ergriff, begann für die Mission die Zeit ihrer höchsten Blüte. Die Orden der Dominikaner (seit 1631) und Franziskaner (seit 1633) hatten auch die Missionsthätigkeit in China begonnen und trotz einzelner Verfolgungen und ihrer ablehnenden Stellung gegenüber den chinesischen "Gebräuchen", d. h. der Ahnenund Coufutseverehrung, schöne Erfolge erzielt. Am Hofe gewann P. Verdiest das ganze Vertrauen Kanghis. Doch undmete er auch trotz vieler daraus entstehenden Beschäftigungen der Mission, insbesondere der mit der stetigen Verbreitung des Christentums immer dringlicheren Heranbildung eines einheimischen Klerus und eingeborener Laiengehülfen, die größte Aufmerksamkeit. Als Kanghi 1692 der christlichen Religion volle Freiheit gewährte, zählte man bald darauf in Peking 50000 Neugetaufte innerhalb zwei Jahren. Tie hoffnungsvollsten Aussichten auf die Bildung einer großen chinesischen Volkskirche hätten sich dargeboten, wenn nicht der Mission aus ihrem eigenen Lebenskreise ein großes Hindernis entstanden wäre, der leidige Streit um die chinesischen "Gebräuche". Die meisten Jesuiten schrieben der von anderen Missionaren für abergläubisch erklärten, tief ins Volksleben eingewurzelten Verehrung der Ahnen und des Confutse einen rein bürgerlichen Charakter zu nnb gestatteten sie daher. Die römische Behörde sprach sich nach langer, gründlicher Untersuchung endgültig gegen die Erlaubtheit der "Gebräuche" aus. Kaiser Kanghi, der, von den Jesuiten um eine Meinungsäußerung angegangen, ebenfalls die "Gebräuche" als rein bürgerlicher Natur bezeichnet hatte, fühlte sich durch die Erklärung Roms tief verletzt. Seitdem nahm sein Wohlwollen für die Mission ab, und 1717 erließ er sogar einen Verfolgungsbefehl gegen das Christentum. Unter den folgenden Kaisern Jungtsching und Kienlong hatte die Mission wegen unbegründeten politischen Verdachtes schwere Verfolgungen zu erleiden. In Peking, wo die Jesuiten noch immer zu künstlerischen und wissen249 EG Die katholische deutsche rnission in Süd-Schautung.  250 schaftlichen Arbeiten verwendet wurden, durfte der Gottesdienst stets öffentlich gefeiert werden. Doch war sowohl hier als in den Provinzen die Zahl der Abfallenden eine große, und zwar mehr infolge des Verbotes der "Gebräuche", als wegen der Verfolgung. In einzelnen Provinzen, so in Szetschuen, wo Franz Pottier, einer der bedeutendsten Missionare Chinas ans dein Pariser Missionsseminar, 10 Jahre allein und später als bischöflicher Missionsleiter wirkte, erfreute sich die Mission trotz vieler Hindernisse eines stetigen, wenn auch langsamen Fortschrittes. Einer der schwersten Schläge traf die chinesische Mission durch die 1773 erfolgte Aufhebung des Jesuitenordens, der immer noch die meisten Missionare für China gestellt hatte. Dem für ihn eintretenden Orden der Lazaristen fehlte es an Kräften, um alle Lücken zu fiillcn. lim das Unglück voll zu machen, wurden durch die französische Revolution Klöster und Missionsseminare ihrer Kräfte und Mittel zeitweilig beraubt, was alles die Mission im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts in eine überaus traurige Lage brachte. Die wenigen Missionare mußten sich wegen der feindlichen Haltung der Regierung heimlich einschleichen, die Christen bei Nacht und Nebel aufsuchen, Gottesdienst halten und Sakramente spenden. Allmählich mehrte sich indes die Zahl der Missionare wieder, und fehlte es auch seitdem nicht an Verfolgungen, denen manche Missionare — wir nennen hier nur Dufresse, Clet, Perbohre und Chapdelaine — und zahlreiche Christen zum Opfer fielen, so wurde doch durch die China 1844, 1858 und 1860 von Frankreich bezw. England aufgezwungenen Verträge von Tientsin und Peking soviel erreicht, daß das Christentum sich wieder an die Öffentlichkeit wagen und die Missionare im allgemeinen ihrer Thätigkeit obliegen konnten, ohne stets oine Ausweisung oder Schlimmeres befürchten zu müssen. Freilich ist inzwischen manches geschehen, was die traditionelle Abneigung der altchinesischen Partei zu hell aufloderndem Haß entfachen und über kurz oder lang notwendig zu den Wirren der letzten Jahre führen mußte. Die politische Haltung Frankreichs gegenüber Annam, die Besetzung von Kiautschon, Port Arthur, Weihaiwei und dem Hinterlande von Hongkong, das sich überstürzende Vorgehen der chinesischen Reformpartei, Eisenbahnen und Bergbau, die oft rücksichtslos über die dem Chinesen heiligen Gräber hinwegschreiten müssen, das alles mußte schließlich die Katastrophe von 1900 herbeiführen. Gegen 60 katholische Missionare und Missionsschwestern und vielleicht 20000 katholische Christen fielen ihr zum Opfer, ganz abgesehen davon, daß zahllose Überlebende ihrer Habe gänzlich beraubt und viele Kirchen und Missionsanstalten der Zerstörung anheimgefallen sind. Welch große Interessen bei den chinesischen Wirren für die katholische Kirche auf dem Spiele standen, zeigt die neueste, von den "Kath. Missionen" Oktober 1900 aufgestellte Generalstatistik der katholischen Missionen in China, nach welcher in China 952 europäische Priester, 90 Laienbrüder, 339 Schwestern, 445 einheimische Priester, 3709 einheimische Katechisten und Lehrer wirkten, während die Zahl der getauften Katholiken 762758, der Kirchen und Kapellen 4348, der Elementarschulen 4054, der Spitäler und Apotheken 395, der Druckereieil 7 betrug. Die katholische deutsche Mission in Snd-Schantung. Nicht sehr weit reichen die Anfänge der in letzter Zeit viel besprochenen Mission von Süd-Schantung zurück. Vor mehr als 200 Jahren freilich hatte sich schon die Thätigkeit der Jesnitenmissionare ans Schantung erstreckt, und sie besaßen dort vier größere Stationen, n. a. auch in Tsining und Jendschonfu, der durch die Erinnerung an Confutse (geboren ist er in dem nahegelegenen Küfu) den Chinesen heiligen Stadt. Ter spätere Niedergang fast der gesamten chinesischen Mission gegen Ende des 18. Jahrhunderts machte sich auch in Schantung fühlbar, und erst als der Franziskanerorden 1840 die Mission übernahm, fand das Christentum im nördlichen Teile Schantungs wieder weitere Verbreitung, während der südliche immer noch verwaist blieb. Da erstand im Jahre 1875 das von dem Priester Arnold Iaussen (geboren zu Goch am Nieder-Rhein) gegründete deutsche Missionshaus zu Steyl bei Venlo, —die damaligen Verhältnisse machten eine Gründung innerhalb der deutschen Reichsgrenze unmöglich — und ihm übertrug 1882 im Einverständnis mit dem Apostolischen Vikar von Schantung, Bischof Cosi, die Propaganda als Missionsgebiet den südlichen Teil von Schantung, welcher die drei Präfekturen Jendschonfu, Zaudschousu, Jdschoufu und den später zugetcilten Bezirk Tsining mit zusammen 10 Millionen Einwohnern umfaßt. Die ersten Stehler Missionare, Johann Baptist Anzer (geboren zu Pleystein in der bayerischen OberPfalz) und Joseph Freinademetz, ein Tiroler aus Abtey, waren schon 1879 zil Hongkong in die Missionsarbeit eingetreten, so daß sie bereits ziemliche Kenntnis der chinesischen Sprache und Landessittc, sowie auch des Missionslebens besaßen, als sie ihr neues Missionsgebiet in Angriff nahmen. P. Anzer übernahm die Leitung der Mission als Provikar und begann seine Wirksamkeit am 18. Januar 1882 in Puoli, einem im Nordwesten gelegenen Dorfe, wo er 158 Christen vorfand. Uber die ersten dort empfangenen Eindrücke berichtete er u. a.: LP. Anzer über seine Lindrücke in pnoli.s "Ich glaube, das; die Verhältnisse im Bezirke Iangkn (dem Umkreis von pnoli) besser sind, als ich anfangs erwartet hatte. Wenigstens sind die Christen voll Freude über meine Ankunft, und auch töeiden strömten von allen Seiten herbei, um den "großen europäischen Manu" zu sehen und zu hören. Ich benutzte ihre gute Stimmung, um den Zweck meiner Ankunft in China und die christliche Religion, soweit es meine mangelhafte Kenntnis der chinesischen Sprache und Litteratur erlaubte, ihnen auseinanderzusetzen. Alle klatschten Beifall und fanden nicht Worte genug, um die Schwere der vorgebrachten Gründe zu preisen. Leider aber wurde die Begeisterung gedämpft, als ein Litterat sich gegen mich erhob und mit Verachtung sprach: .Brüder, hört nicht auf ihn, den europäischen Teufel. Lr ist nur gekommen, um uns zu betrügen.' Nichtsdestoweniger nieldeten sich 50 kfeideu für das Ratechumenat (den christlichen Unterricht)." Nach wenigen Monaten schon waren in der Umgebung Pnolis, so in den Dörfern Wangdjadschuang lind Lotang denl Christentum neue Anhänger gewonnen, und im Sommer 1882 begab sich Provikar Anzer, der im Mai zwei weitere Mitarbeiter erhalten hatte, in den angrenzenden Kreis Wenschang und legte im Dorfe Litja den Grund zu einer Christengemeinde. Noch während desselben Jahres sollte die Mission auch in ihrem östlichen Teile festen Fuß fassen. Mehrere Anhänger einer chinesischen Sekte kamen im Oktober nach Puoli, um sich zu erkundigen, lvas es beim mit der "europäischen Sekte" auf sich habe. Das bot ?. Anzer Veranlassung, in dem zur Präfektur Jdschoufu gehörigen Bezirke Jschui Verbindungen anzuknüpfen. Nach dreimonatiger Arbeit, die nicht ohne Kampf und Verfolgung blieb, konnte er P. Freinademetz mehrere Hundert Katechumeneu und die junge Station Wangdschuang zur weiteren Hirteusorge übergeben. Betrug dieZahl der Getauften wegen der für die Katechumeneu notwendigen Prüfungszeit auch nur fünf, so konnte die Mission doch mit Befriedigung auf ihre erstjährige Thätigkeit zurückblicken, in der 687 Katechumeneu sich für den christlichen Unterricht gemeldet hatten und zwei bedeutendere Stützpunkte im Westen und Osten der Mission, drei Nebenstatiouen im Bezirke Jangku, zwei Kapellen, zwei Waisenhäuser mit elf Knaben und neun Mädchen entstanden waren. Im folgenden Jahre suchte Provikar Anzer in der südwestlichen Präfektur Zaudschoufu einen weiteren Mittelpunkt für die Mission zu gewinnen. Zähen, rohen, ja wilden Charakters sind freilich die Bewohner Zaudschoufus, haben sie aber einmal dem Guten sich hingegebeu, dann halten sie umso treuer daran fest, ein Charakterzug, der dem Christentum gerade in diesem Gebiete eine schöne Zukunft sichert. Gegenüber den ersten Missionsversuchen zeigten sich Volk und Behörden sehr feindlich. R Anzer, der die Stadt Zaudschoufu besucht hatte, um von den Mandarinen unter Hinweis aus die Verträge von Tientsin und Peking größere Duldung zu erlangen, mußte die Stadt verlassen. Vor dem Thore überfiel ihn der Pöbel, beschimpfte ihn und schlug ihn solange, bis mau ihn als tot liegen ließ. Sein Katechist fand, daß er noch Lebenszeichen von sich gab und brachte ihn zu einer wohlgesinnten Familie. Am folgenden Tage schickte ihm der Mandarin einen Wagen und ließ ihn zu seinem Hause bringen, wo er elf Tage verpflegt lvurde und sich allmählich erholte. Auch die ersten Christengemeinden in Zaudschoufu hatten jahrelang heftige Verfolgungen zu leiden und konnten sich so nur langsam entwickeln. Dafür aber wurde in den nächsten Jahren das Christentum in Jschui, Mungin und Tjüdschao, allerdings auch nicht ohne Verfolgung, fest begründet. In 3^/z Jahren hatten die fünf Missionare, unterstützt von 30 Katechisten, etwa 3000Kateckun,ereu in 150 Gemeinden gesammelt. Die äußere Entwicklung ging schnell vor sich, die Zahl der Missionare aber war gering, manche Gemeinden lagen weit entfernt. Daher ist erklärlich, daß die Missionare bald über die Lauheit mancher Christen, besonders in dem ohnehin religiös indifferenten Nordwesten der Mission klagten. Der Eifer der Bewohner von Puoli wurde gelobt. Manche Chinesen meldeten sich zum Katechumenat in der Hoffnung auf irdische Vorteile, auf eine Anstellung, auf Bezahlung, auf Schutz vor Feinden, Hilfe Bischof von Anzer. Hauptniederlassung der Missionen vom göttlichen Wort aus Stcyl in piioli. in Prozessen. Fand sich später, daß die Mission kein "Tischlein deck dich" sei, so fielen manche wieder ab. Andere aber, die sich anfangs aus unreinen Beweggründen gemeldet, wurden bei weiterem Unterricht von der Wahrheit des Christentums überzeugt und schlossen sich ihm mit geläuterten Absichten an. "Geistlicher Vater," sprach einst ein Christ ans Jangku zu ?. Freinademetz, "als ich vor zwei Jahren Christ wurde, war's meinerseits purer Schwindel; ich dachte nur au Sapeken und andere Vorteile, an meine Seele zu denken, wäre mir >m Traume nicht eingefallen... Ich bin ein anderer Mensch geworden." Ein aufrichtiger Wechsel der religiösen Überzeugung dollzieht sich kaum je ohne schlveren Seelenkampf. Für den Neuchristeu in China kommen zu den inneren Leiden »och schwere äußere Prüfungen. [R Freinabemetz über die Behandlung der Nenchristen in Lbina.l "Raum macht ein Heide Miene, Lhrist zu werden, und gar bald ertönt an seinen Ohren das ,Kreuzige ihn!' Line Legion von Spionen umspäht seine Schritte, seine alten Freunde kündigen ihm die Freundschaft, die verwandten wollen von keiner Verwandtschaft mehr wissen, das ganze Dorf behandelt ihn wie einen Fremden und unterhält keinen weiteren Verkehr mit ihm; die Rinder des Dorfes wollen mit ,dcn kleinen Teufeln' nichts zu thun haben, schließen sie von ihren Unterhaltungen aus, necken und schmähen sie an allen Lcken und Luden. Oft kommen noch dazu körperliche Mißhandlungen, Bedrohung mit dem Tode und anderes, viele werden dadurch abgeschreckt und treten vor Ablauf der prüsungszeit, die später auf drei Jahre angesetzt wurde, zurück." Sehr bald ergab sich die Notwendigkeit, mehr einheimische Kräfte im Missionsdienst zu verwenden, und das Jahr 1884 brachte die Gründung einer Katechistenschule (mit später zweijährigem Kursus) für die Aus bildung eingeborener Laiengehilfen, und eines Seminars zur Erziehung eines einheimischen Klerus, dessen Heranbildung 12—15 Jahre erfordert. In der Katcchistenschule befanden sich auch stets eine Reihe chinesischer "Gelehrten". 1885 wurde P. Anzer infolge des Fortschritts der Mission von Rom zum apostolischen Vikar ernannt und er erhielt am 24. Januar 1886 in der Kirche des Missionshauses zu Steyl die bischöfliche Weihe. Der Fortschritt der Mission steigerte sich noch in der Folgezeit, und die Wirksamkeit der Missionare dehnte sich auch über die Grenzen ihres Gebietes hinaus. So konnten sie den Franziskanern in Nord-Schantung, den Jesuiten in Kiängnan, den Mailänder Missionaren in NvrdHonan einzelne Gemeinden eröffnen. Ende 1887 zählte die Mission 1300 Getaufte und etiva 2300 Katechumenen. Im Zaudschoufu-Gebiet hatten sich dem Evangelium neue Thüren aufgethan. Bischof Anzer bemühte sich, der Mission auch in Tsining und Jendschoufn Eingang zu verschaffen, doch blieben ihm die Thore für jetzt noch verschlossen. Eine heftige Reaktion des Heidentums gegen den augenfälligen Fortgang der Mission blieb nicht ans. Es bildete sich, um die "europäischen Teufel" zu vertreiben, der "Ohne-Europäer-Bund", eine geheime Sekte. 800 Gelehrte von Jendschoufn schworen vor ihren Götzen in der Pagode, die katholische Kirche zu vernichten. Eine Flugschrift wurde in der Provinz gegen die Missionare und Christen verbreitet. Auf den Kopf des Bischofs war ein Preis von 10000 Mark gesetzt. Am 15. Nov. 1887 sollten alle Missionare ermordet werden. Doch machte ein energisches Schreiben des Bischofs an den Gonver Arme, riß mir ein großes Büschel Haare aus, band mich und warf inich endlich draußen vor der Stadt auf den Boden hin, wo ich in dieser Lage der edlen Botte, die fast ganz aus dem Mandarinate war, längere Zeit in aller Ruhe von der Erhabenheit unserer hl. Religion predigte, worauf sie mich laufen ließen... Den ganzen Tag irrte ich herum und die ganze Nacht dazu, bis ich endlich bei anbrechendem Morgen, als die Christen eben zum Morgcngobet sich versammelten, halbtot vor Erschlaffung in einer Christengemeinde ankam." Bei Übernahme der Mission konnte Bischof Anzer sein Vikariat nur unter dem damals in China allein geltenden französischen Schutze belassen. Im Januar 1890 kam es jedoch zu Verhandlungen zwischen ihm und der deutschen Reichsregierung, deren Ergebnis war, daß die Mission von Süd-Schantung im Einverständnis mit der chinesischen Regierung für die Zukunft unter deutschen Schutz gestellt wurde. Für die Reichsregirung mußte es als eine Ehrensache erscheinen, deutsche Missionare unter ihrem Schutze und nicht dem Frankreichs zu wissen. Von solchen Erwägungen geleitet, hatte sie selbst die ersten Schritte zu dem in Rede stehenden Übereinkommen gethan. Für den Bischof und seine Missionare machte sich einerseits das bekanntlich unter Stammesbrüdern im Auslande besonders lebhafte Gefühl der Zusammengehörigkeit geltend, andererseits erschien der Schutz des mächtigen deutschen Reiches wirksamer, als ihn das stark erschütterte, französische Ansehen bieten konnte^ Der Wechsel des Schutzverhältnisses, an welchem der damalige deutsche Gesandte in Peking, Herr v. Brandt, hervorragenden Anteil hatte, zeigte bald seine bedeutsamen Folgen. Vom missionarischen Standpunkte aus schien es durchaus notwendig, in den bedeu[P. Lreinademetz über die gegen ihn verübten Grausamkeiten.! "Hierauf warf man mich," so erzählte er einem vertranten freunde, "zu Boden und riß mich zur Thüre hinaus. Mit einem gewissen abscheulichen Schmutz schmierte mau mir das ganze Gesicht voll und schleifte mich so durch die Hauptstraßeu der Stadt, selbstverständlich unter bestäudigeu Verwünschungen, Todesandrohung u. s. w. Man verdrehte mir die Erste Niederlassung der Missionare vom göttlichen Wort aus Steyl in puoli. s.. Kapelle. 2. Wohnungen der Missionare. 3. Seminar. Wohnhaus und Vorratskammer. 5. Waisenhaus. 6. Schreinerhaus. 7. Küche. 8. Stallung. neur und der Tod der zwei am meisten feindlichen Mandarine der größten Gefahr ein Ende, die Christen aber mußten in einzelnen Gegenden hart leiden. Das Jahr 1888 brachte eine furchtbare Hungersnot, 1890 eine Überschwemmung des Hwangho. Das selbstlose Liebeswirken der Missionare in dieser Zeit der Not erwarb ihnen das Vertrauen vieler, und die Mission nahm einen erfreulichen Aufschwung, doch nicht ohne Widerstand zu finden. 1889 wurde Provikar ?. Freinademctz, der von dem Mandarin von Zauchien die Freilassung eines fälschlich angeklagten Christenvorstehers erwirken wollte, in seinem Absteigequartier überfallen und mit Stöcken geschlagen. Waisenkinder in Wangtschwang. tenden, durch centrale Lage ausgezeichneten Städten Tsining und Jendschoufu einen Stützpunkt zu erwerben. Frankreich hatte den Stolz der confutsianischen Gelehrten und den Widerstand der chinesischen Regierung nicht M brechen vermocht; deutsche Energie brachte das Werk Zu stände. 1891 öffnete Tsining, zum großen Vorteil für die Mission, seine Thore. "Schon allein der Ruf," schrieb Missionar P. Henninghaus, "daß wir in der ^tadt, unter den Augen der Mandarinen, missionieren, schlägt Hunderte von Vorurteilen nieder und giebt den armen Landleuten Mut, sich zum Christentum zu bekennen." Jendschoufu zögerte noch, doch machte die Mission inzwischen gute Fortschritte. Ostern 1895 zählte sie 5800 Getaufte, 13600 Katechumenen, 34 europäische und 3 chinesische Priester, 8 Laienbrüder, 6 höhere und ^8 Gemeindeschulen. Kaiser Kuangsü ernannte den Bilchof 1893 wegen seiner "Verdienste um die Förderung des Friedens" zum Großmandarin dritten Grades, 1895 zweiten Grades durch Verleihung des roten Knopfes, der das Abzeichen der Vizekönige ist. Bald nach Empfang dieser Auszeichnung besuchte v. Anzer (der Bischof wurde nach dem Wechsel des Protektorates von dem Prinz-Regenten von Bayern durch Verleihung des Ludwigsordens in den Adelsstand erhoben) den Taotai (den höchsten Beamten) von Jendschoufu. Tie Mandarinen ließen durch 40 bezahlte Männer einen Aufstand erregen, um ihn einzuschüchtern. Doch vergebens; auf Veranlassung der deutschen Regierung gestattete Kaiser Kuangsü 1896 die Niederlassung der katholischen Mission in Jendschoufu und befahl, dem Kürschner. China I. Bischof ein Haus an Stelle eines ihm früher widerrechtlich genommenen zu geben, in dem er oder ein anderer Missionar seine Wohnung nehmen könne. Ein nicht unbedeutender Erfolg nach zehnjährigem Kampf! Die "Gesellschaft vom großen Messer", chinesisch: Dadauhuidi (Boxer), hatte sich im japanisch-chinesischen Krieg 1894/95 gebildet, anfangs zum Schutze gegen die Räuber, mit denen Schantung so reichlich versehen ist. Bald richteten sie sich gegen das eingedrungene tatarische Herrscherhaus und gegen die Christen, welche mit den revolutionären Zielen der Boxer nichts gemein haben wollten. Die Christengemeinden in den Bezirken Zau, Tschöngwu und Sehen wurden verwüstet. Als auch die Heiden nicht mehr verschont wurden, griff die Regierung mit Waffengewalt ein, doch insgeheim glimmte das Feuer unter der Asche fort. Am 1. November 1897 fielen die Missionare P. .henke (geboren 21. Jnli 1865 zu Stetten in Sigmaringen) und P. Nies (geboren 11. Juni 1859 zu Rehringhausen in Westfalen) in Tschantjatschuang, acht Wegestunden nordwestlich von Tsining einer Boxerbande zum Opfer, während es eigentlich auf P. Stenz abgesehen war. P. Stenz schreibt darüber: [1*Stenz über die Lrinordung der Missionare Heute und Nies.s "Ich Ijntte P. Idente gebeten, bei mir das Allerheiligenfest zu begehen und mir zu helfen, die Beichten für Allerseelentag zu hören. Am Feste kam auch P. Nies, um am folgenden Tage zu P. peilten aufzubrechen, der von hier ca. \7 Stunden entfernt stationiert ist und vor einiger Zeit fast vergiftet wurde. Seit Atonalen hatten wir uns nicht mehr gesehen, viel gab es zu erzählen. Am Abend übten wir das Requiem ein und sangen einige Lieder, wobei ich mit der Zither begleitete. Niseremini mei, saltem vos amici mei, quia manus Domini tetigit me; ,Erbarmet euch meiner, wenigstens ihr, meine Freunde; denn die Hand des Herrn hat mich getroffen', war das letzte Lied; dann beteten wir das Abendgebet und gingen zur Ruhe. "Unsere Räumlichkeiten in der Mission sind bescheiden und arm; ich überließ den beiden Herren das beste Zimmer, während ich selbst in einem kleinen proviantzimmer unterhalb des großenThores schlief. <Ls regnete; niemand hätte für diese Nacht Gefahr gefürchtet. Raum war ich zur Ruhe, als ein Schuß fiel. Ich sprang auf, mein Zimmer wurde durch Fackellicht erleuchtet. Schuß folgte auf Schuß, ein höllischesSchreien undFluchen erscholl durch die Nacht. Da dröhnten schon Schläge an die Thür des besseren Zimmers. Die Fenster klirrten, dann wurde es für einige Augenblicke ruhig. Jetzt hörte ich P, Heule rufen schalio ginlio, ,fie haben einen getötet'. von neuem wieder das schreckliche Fluchen und Schießen; noch suchte man mich. Die Rirchenthüre wurde erbrochen, ich hörte, man wolle mir die Laut abziehen u. s. w. Mas sollte ich thun? Ich hatte nichts in der Hand als eine Eisenstange. Mit aller Rraft stemmte ich mich gegen die kleine Thüre. Nun hörte ich die Thristen herbeieilen. Zn wildem Geschrei ging es an meiner Thüre vorbei ins freie Feld. Die Thristen verfolgten die Mörder. "Zch hörte aus dem Zimmer der Mitbrüder ein trauriges Stöhnen. Noch glaubte ich nicht das Schrecklichste; ich eilte herbei, — ach, welch ein Anblick! Dort lagen die Mitbrüder ganz in Blut gebadet, der Zimmerboden mit Blut bedeckt, die wand mit Blut bespritzt. P. Nies war zu P. Heule geflohen und lag auf dem Gesichte; er gab kein Lebenszeichen mehr. P. Henle hatte noch Leben, ich gab ihm die Absolution und die hl. Gelung, dann war auch er eine Leiche. "welch eine Nacht! Nie im Leben werde ich sie vergessen. Die Thristen klagten und weinten. — was mögen die armen Gpfer gelitten haben! P. Heule hatte nenn schwere Wunden; der ganze Leib war mit Wunden bedeckt, die Finger fast abgeschnitten. Alles Stichwunden. P. Nies hatte .U Wunden. Der Ropf war gespalten, der rechte Arm ganz durchstochen ; eine harpunenartige Lanze war ihm in die Seite gedrungen und hatte dieselbe ganz aufgerissen. "Langsam, langsam wurde es Morgen. Zch las das Requiem. Nun kamen die Thristen. welch' ein Weinen und Klagen! Die Frauen und Kinder konnte ich gar nicht wegbringen aus dem Zimmer. Selbst die Heiden weinten. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich dis Nachricht. Tausende von Heiden kamen herbei, auch sie weinten; die Mandarinen kamen, auch sie weinten ..." Als Sühne für die Unthat sagte die chinesische Regierung zu: 1. Strenge Bestrafung der Mörder und Absetzung des Gouverneurs von Schantung, Lipinghcng, sowie Bestrafung von sechs Mandarinen und deren Entfernung aus der Provinz, weil sie die europäerfeindliche Stimmung großgezogen haben. — 2. Entschädigung von 3000 Tael für die geraubten und beschädigten Gegenstände. — 3. Die Regierung bewilligt zum Schutze der Missioilare in dem unruhigen Gebiete von Zaudschoufu den Bau sieben kleiner Residenzen, ferner auch je 66000 Tael zum Bau dreier Sühnekirchen inJendschoufu, Zaudschoufu und Tsining (letztere war schon begonnen); jede soll mit einer kaiserlichenSchntztafel versehen werden, auf der die Worte: Tsch’e tjen Tientschu t’ang, d.h. "Vom Kaiser erbaut", eingegraben werden. — Deutschland selbst benutzte die Gelegenheit, um, was schon lange beabsichtigt, einen Stützpunkt in Ostasien zu erwerben. Das deutsche Pachtgebiet und die deutsche Jnteressen-Sphäre, welche die vier Unterpräfekturen Kiantschon, Kanmi, Tsimi und Tschutscheng umfaßte, wurde als Missionsgebiet mit Süd-Schantung vereinigt. Provikar P. Freinademetz nahm dortselbst bald mit sieben neugeweihten chinesischen Priestern die Missionsarbeit ans. Als einmal die deutsche Fahne in Kiantschon sich entfaltet, wehte auch in den Mandarinaten Schantungs ein anderer Wind. Die Christen wurden gerecht, die Missionare zuvorkommend behandelt. Doch, kein Jahr, und es trat der vorauszusehende Rückschlag ein. Er begann im Novenlber 1898 zu Tschutscheng mit einer Mißhandlung des P. Stenz. Man hielt ihn drei Tage und zwei Nächte gefangen und mißhandelte ihn in gemeiner und grausamer Weise. Der Europäerhaß übertrug sich auch auf die Christen, und im ganzen Osten Süd-Schantungs brach eine große Verfolgung los. P. Freinademetz wurde sogar innerhalb der deutschen Jnteressen-Sphäre überfallen und mißhandelt. Der Westen der Mission war bisher noch ruhig geblieben. Alle Anzeichen einer Massenbewegung zum Christentum ivaren vorhanden, aber — der christenfeindliche Aufstand pflanzte sich nun auch bis zum Westen, ja über die Grenzen Süd-Schantungs hinaus fort und schlug immer höhere Wellen. Die Boxer, welche auch hier ihre Hand im Spiele hatten, wurden im geheimen durch den Vizekönig Jüchien von Süd-Schantung, einen eingefleischten Christenfeind, geschützt und aufgereizt. Die Missionare mußten fliehen, die Christen wurden ausgeraubt, viele Häuser und Kapellen verbrannt. Mehrere größere Missionsstationen waren schon früher, teilweise auf Rat der Mandarinen, zur Verteidigung gegen Räuber befestigt. Dorthin sammelten sich Scharen von Christen, denen nichts als das nackte Leben geblieben war. Lange, sehr lange hatten die europäischen Vertreter in Peking Geduld gehabt; endlich wurde Jüchien "bestraft", d. h. nach Schansi versetzt, wo er bald ein größeres Blutbad unter Europäern und Christen anrichtete. An seine Stelle trat der ebenso kluge als entschiedene Juen-Schikä. Dem neuen Gouverneur ging ein guter Ruf voraus. Die Boxerbanden fingen an, sich ruhig zu verhalten, und ein Stillstand der Verfolgung trat ein. Trotz der vielen kleinen Plackereien und größeren Verfolgungen hatte die Mission in der letzten Zeit erhebliche Fortschritte gemacht. Von Ostern 1898/99 wurden 3920, von 1899—1900 993 erwachsene Heiden getauft. Die Gesamtzahl der noch lebenden Christen belief sich 1899 auf 15252, die der Katechnmenen auf 37787, welche von etwa 240 Katechisten, 11 einheimischen und 32 europäischen Priestern versorgt wurden. — Dann kam das Jahr 1900 mit seinen Wirren. Während der kritischen Monate Mai und Juni konnten die Missionare Süd-Schantungs ungestört ihren Arbeiten obliegen. Erst als ein kaiserliches Edikt in den schärfsten Ausdrücken die Ausrottung der Fremden forderte, mußte sich die Mehrzahl der Missionare auf Drängen der Mandarine in das deutsche Schutzgebiet zurückziehen. Im Vergleich mit anderen Provinzen hat die deutsche Mission von SüdSchantung, wenngleich manche Christengemeinde zerstört und ihre Christen in die äußerste Not geraten sind, verhältnismäßig lvenig gelitten. Nur wenige Christen wurden getötet, von den Missionaren kein einziger. Ende Dezember 1900 konnten die Missionare lvieder auf ihr Arbeitsfeld zurückkehren, um zunächst das Zerstörte aufzubauen, die Zerstreuten zu sammeln, und die Gefallenen wieder zurückzuführen. Die neuesten Berichte der Missionare erzählen davon, daß sich in einzelnen Gegenden schon wieder eine Bewegung zum Christentum zeigt, sie enthalten aber auch die ernste Befürchtung, daß China in nicht zu ferner Zeit sich wiederum, neu gekräftigt und besser vorbereitet, gegen die Westmächte erheben und dann auch der Mission neue Verfolgungen bereiten lverde. Die evangelische Mission in China ist ein verhältnismäßig junges Werk. Mehr als ein Jahrhundert war verflossen, seitdem John Eliot evangelische Gemeinden ans den roten Indianern gesammelt, und seit Jahrzehnten bestanden solche in Westindien, Südafrika und im indischen Tamnlenlande, ehe man auf evangelischer Seite an die Christianisierung Chinas zu denken begann. Zwei Jahrhunderte früher war dort die katholische Mission unter günstigeren Verhältnissen eingetreten und hatte unter Kaiser Kanghi (1662 bis 1722) besonders durch ihre wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen die ausgedehntesten Erfolge gewonnen. Als aber unter seinem Nachfolger Jungtsching die furchtbare Verfolgung ausbrach, schmolzen die Scharen der chinesischen Christen zusammen und es trat jene Abschließungspolitik in Kraft, welche den europäischen Verkehr mit dem Reiche der Mitte bis zu dessen gewaltsamer Öffnung unmöglich machte. Unter der Ungunst dieser Verhältnisse hatte die evangelische Mission zu leiden, als ihr erster Sendbote Robert Morrison, entsandt von der Londoner Missionsgesellschaft, 1807 vor den verschlossenen Thoren eintraf. Vor Kanton war Europäern der Aufenthalt gestattet, aber nur unter großen Beschränkungen. Hier lernte Morrison die schwere Sprache. Ein Gehilfe, den er dazu gewonnen hatte, trug immer Gift bei sich, um sich schlimmsten Falles den Folterqualen entziehen zu können. Mit unermüdlichem Fleiße brachte es der Pionier dazu, daß er dem nachfolgenden Werke wichtige Vorarbeiten leisten konnte: Grammatik, Lexikon und Bibelübersetzung — letztere ein jetzt weit überholtes Anfängerwerk. Andere Vorarbeiten wurden in den chinesischen Kolonien des indischen Archipels gemacht, besonders in Malakka, wo man in einem Seminar die meisten der damals getauften Chinesen (freilich eine sehr geringe Zahl) zu Lehrern für ihre Landsleute auszubilden suchte. Unter den Vorarbeitern ragte bereits der Deutsche Karl Gützlaff hervor, der, ausgesendet von einer holländischen Gesellschaft, seit 1834 selbständig ans alle mögliche Weise versuchte, das Evangelium in China einzuführen, wobei ihm das Amt eines Dolmetschers in englischen Diensten zu statten kam. Mit seinem Namen ist der Beginn der eigentlichen evangelischen Missionsarbeit, die auf Hongkong und in den geöffneten Häfen seit 1842 möglich wurde, verknüpft. Sein unermüdlicher Eifer hatte leider einen stark enthusiastischen Zug, der beim Mangel an psychologischem Scharfblick die Arbeit in verfehlte Bahnen leitete. Die schnell gewonnenen und wenig vorgebildeten eingeborenen Gehilfen, mittels derer die systematische Christianisierung der 18 Provinzen des Reichs in Angriff genommen war, erwiesen sich größtenteils als schlaue Betrüger. Schwer enttäuscht wurde Gützlaff 1851 durch den Tod von seinem Arbeitsfelde abgerufen. Zahlreiche Missionare waren durch seine Veranlassung nach China gekommen oder seinen Spuren dahin gefolgt. Durch die große Enttäuschung wurde man auf die richtigeren Bahnen einer stillen, nüchternen, grundlegenden Arbeit geführt. Seitdem haben immer mehr evangelische Missionsgesellschaften, englische, amerikanische, deutsche und skandinavische, ihre Boten nach China gesandt. Abgesehen von kleineren China-Missionsvereinen, deren sich noch immer neue in den genannten Ländern bilden, sowie von manchen besonderen Hilfsorganisationen arbeiten jetzt dort gegen 30 größere evangelische Missionsgesellschaften (12 englische, 12 amerikanische, 5 deutsche*) und 3 skandinavische mit zusammen 973 Missionaren. Unter den vielen hingebungsvollen und tüchtigen evangelischen Arbeitern seien als besonders bezeichnend für die Entwicklung des Werkes zwei hervorgehoben. D. Ernst Faber, ausgesandt 1864 von Barmen, wirkte acht Jahre lang in der Provinz Kuangtung, später selbständig zu Schanghai, und seit 1885 im Dienste des Evang.-Protestant. Missions-Vereins bis an seinen Tod 1898. Er hatte sich eine doppelte Aufgabe gestellt, nämlich unter möglichst tiefem Eindringen in die Denkart der Chinesen einmal ihre hauptsächlichsten klassischen Schriften dem europäischen Verständnis zu erschließen, und andrerseits die Bibel und weitere christliche Litteratur dem chinesischen Bewußtsein zugänglich zu machen. Seine Übersetzungen und Erläuterungen chinesischer Klassiker bilden das wichtigste Hilfsmittel nicht nur für die angehenden Missionare, sondern für jeden Europäer, der wahrhaft in die chinesische Geisteswelt cindringen will. Sie sind von größter Tragweite — weit über die Grenzen des Missionswesens hinaus. Dagegen werden die chinesischen Kommentare Fabers über mehrere neutestamentliche Bücher nicht bloß überall bei der Ausbildung chinesischer Missionsgehilfen gebraucht, sondern auch von vielen chinesischen Gelehrten studiert. Die Gediegenheit und wissenschaftliche Tüchtigkeit dieser Arbeiten hat nach beiden Seiten die größte Anerkennung gefunden. Ebenso darf an dieser Stelle nicht ungenannt bleiben: Or. James Hudson Taylor, ein Mann von inniger, kindlicher Frömmigkeit, mit großer Selbstverleugnung bei außerordentlicher Energie und organisatorischer Begabung. Als erster Missionar eines auf Gützlaffs Anregung in England entstandenen Vereins kam er 1851 nach China. Später trennte er sich von dem letzteren, da ihm die Defizits desselben Gewissensbedenken machten. Er wirkte eine Reihe von Jahren ganz auf eigene Hand, sein Leben bescheidcntlich fristend von dem, was Freunde ihm unaufgefordert zukommen ließen. Krank nach England zurückgekehrt, gewann er andere Personen, die sich entschlossen, unter ähnlichen Verhältnissen als China zu gehen — Eheleute, einsowie auch unverheiratete junge Damen. Dieser Plan kam über Erwarten zur Ausführung. Taylor konnte 1865 mit einer ganzen Schiffsgesellschaft von Missionaren nach China zurückkehren. Das Unternehmen heißt die China-Jnland-Mission. Nirgends sonst konnten solche Massen von Missionsarbeitern nach einem Missionsfelde ausgesendet werden, wie durch diese Organisation. Der Bericht von 1898 giebt die Zahl der thätigen Mitglieder ans 773 an. Die Mehrzahl bilden freilich unverheiratete Damen. Die unaufgefordert eingehenden Beiträge überstiegen eine Million Mark. Man mag gegen Taylors Methode Einwendungen machen. Kein anderer Mann aber hat zur Ausbreitung der evangcl. Mission in China so viel geleistet wie er. Als er zuerst hinauskam, gab es 97 evangelische Missionare, die auf 7 von den 18 Provinzen des Reichs beschränkt waren, und auch in diesen nur kleine Kreise beeinflussen konnten. Jetzt ist die Mission in sämtlichen Provinzen in Thätigkeit und wirkt in ausgedehnten Gebieten. Die politische Entwicklung, welche den Europäern die Erlaubnis zum Aufenthalt im Lande erwirkte, hat natürlich mit dazu beigetragen; aber über265  Die evangelische Mission in China. rennnnnnrennnRnnnnrererarenr? 266 laschend bleiben doch die Scharen der Arbeiter, welche diese Ausdehnung der Mission ermöglichten. Auch die anders organisierten Missionsgesellschaften ul England und Amerika haben stets steigende Anstrengungen gemacht. Die amerikanischen Presbyterianer arbeiten mit 79 ordinierten Missionaren, die dortigen Methodisten mit 64, die englische Kirchenmission mit 58, die Londoner Mission mit 52. Im ganzen waren anr hat seine meisten und fruchtbarsten Stationen in dem herrlichen Berglande östlich von Kanton, jenseits des Ostflusses. Hier int sogenannten Oberlande haben beträchtliche Gruppen der ländlichen Bevölkerung das Christentum angenommen. Schwieriger ist die Arbeit int Unterlande, auf der großen, vielgebuchteten Halbinsel, welche Hongkong gegenüber liegt. Dort befinden sich auch die Rheinischen Stationen, z. B. in Tungkun, einer Stadt Missionshaus in Tsingtau. Schlüsse des Jahrhunderts 973 ordinierte Missionare in China thätig, von denen 279 der China-Jnland-Mission angehörten. Eine genaue Feststellung der Geldmittel, welche die evangelische Christenheit auf die Mission in China verwendet, ist sehr schwierig, doch wird eine Schätzung auf jährlich 7 Millionen Mark kaum zu hoch sein. Es kommen davon sicher auf England 3V2 Millionen, auf Amerika 3 Millionen. Genauer läßt sich berechnen, daß Deutschland 280000 Mark, die skandinavischen Länder 400000 Mark verwenden. Die deutschen Missionen, welche uns hier besonders interessieren, befinden sich weit überwiegend in der Provinz Kwangtung, wohin bereits ans Gützlaffs Anregung die Baseler und die Rheinische Missionsgesellschaft, sowie ein damals gestifteter chinesischer Hauptverein, der später in die Berliner evangelische MissionsGesellschaft (Berlin I) aufging, seine Boten entsandt hatte. Die Bevölkerung der Provinz besteht aus Punti und Hakka, die verschiedene Sprachen sprechen. Bei der ersteren, gebildeteren, arbeitet die Rheinische Mission auf 6 Stationen m^t 12 Missionaren. Die beiden anderen haben ihr Werl unter den gröberen Hakka, die jedoch ebenfalls im Besitze der chinesischen Kultur sind. Basel von 100000 Einwohnern. Auch die Berliner Missionsgesellschaft hatte einige Orte in dieser Gegend besetzt, in der Nähe des Ostslnsses. Wichtiger aber sind die Stationen dieser Gesellschaft hoch im Norden der Provinz am Nordflusse, von wo sich die Arbeit bereits über das Kausan-Gebirge nach der Provinz Kiangsi ausgedehnt hat. Auch arbeitet sie in Kanton selbst. Als Vorort für die deutschen Missionen ist Hongkong von Bedeutung, wo ein ebenfalls auf Gützlaffs Anregung in Berlin gebildeter Franenverein ein Findelhaus erhält, in welchem ausgesetzte chinesische Mädchen (meist vom Festlande herübergebracht), eine christliche Erziehung erhalten. Dies Haus, über welches auch Prinz Heinrich bei seinem Besuche sich sehr anerkennend anssprach, ist für Hunderte, die sonst verkommen oder von anderer Seite zur gewerbsmäßigen Unzucht erzogen sein würden, ein großer Segen geworden. In der zugehörigen Kapelle hatte die deutsche Gemeinde zu Hongkong bisher ihren kirchlichen Mittelpunkt. Die bis vor kurzem fast irur litterarisch thätigen Missionare des Allgemeinen Protestantischen MissionsVereins hatten ihren Wohnsitz in Schanghai, siedelten aber bei der Übernahme des Pachtgebietes von Kiautschou nach Tsingtau über. Ebendaselbst hat auch die Berliner 267  was der Lhtnese glaubt. Gchilfenhaus und christliche Kirche in Tsingtau. Missions-Gesellschaft nun bereits zwei Stationen gegründet. Beiderseits ist eine freundliche Teilung des Arbeitsgebietes erfolgt. Die Schwierigkeiten für die christliche Mission sind in eiirem alten Knlturlande wie China viel bedeutender als bei anderen, kulturarmen Völkern. Die evangelische Mission aber hatte eine besonders schwere Stellung, da sie ohne besondere Anknüpfungspuirkte in einer Zeit eintrat, in der die Feindschaft der Chinesen gegen die "fremden Teufel" durch den Opiumkrieg aufs höchste gesteigert war. Man kann sich nicht wundern, daß man den europäischen Missionaren mit äußerstem Mißtrauen begegnete. An sich ist der Chinese in religiöser Beziehung höchst tolerant. Die Einwurzelung des Buddhismus neben der Lehre des Confutse giebt den Beweis. Die Missionare der Jesus-Lehre, wie die evangelischen genannt werden, hielt man jedoch unter damaligen Verhältnissen für verkappte politische Agenten. Nur mit großer Mühe gelingt es, hier und da das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen und jenen Verdacht zu beseitigen. Dabei ist die Anwesenheit vieler anderer Europäer, die in wichtigen Nunkten sehr wenig geeignet sind, als Vertreter des Christentums zu gelten, sehr hinderlich. Sie erschweren es, der Bevölkerung eine zutreffende Vorstellung von dem zu geben, was die Mission eigentlich will, zumal der praktische, ja vorwiegend materiell gerichtete Chinese für die hohen religiösen Ziele an sich schon wenig Verständnis hat. Die Bemühungen, die neue Religioi: einzuführen, werden noch immer in weitesten Kreisen dahin mißdeutet, als sollte China den Europäern unterworfen und von ihnen ausgebeutet werden. Der Aberglaube traut z. B. den Missionaren zu, daß sie mit oder ohne Brille auf so oder so viele Meter den Erdboden durchschauen nitd die verborgenen Schätze entdecken können. Meist sind es die Missionare (und ihre Anhänger, die "fremden Teufelshunde"), welche die Zielscheibe der Volkswut werden, wo immer die Leidenschaften gegen die Fremden erregt sind. Die evangelischeMission hat bereits viele Märtyrer in China gehabt, bis neuestens mehr als 100 Personen ihrer europäischen und amerikanischen Vertreter den Zengentod erduldeten. Es würde zu weit führen, wollten tvir hier alle die Schwierigkeiten einzeln aufführen, welche der Kampf gegen das Heidentum selbst, mit seinem unsinnigen Aberglauben, seinem verderblichen Zaubereiwesen und seinen entsetzlichen Lastern mit sich bringt. Daneben sind andrerseits einige treffliche Züge in: chinesischen Charakter und den Sitten, wie sie sich in weniger verdorbenen Kreisen der Landbevölkerung erhalten haben, nicht zu übersehen. Wo es dein Missionar gelingt, persönliches Vertrauen zu gewinnen, findet er oft ein recht günstiges Ackerfeld. Durch derartige Erfahrungen bestimmt sich die Missionsmethode immer mehr dahin, daß der Anfang zu machen ist mit Werken christlicher Liebe und Barmherzigkeit, die selbst bei allen heidnischen und nationalen Vorurteile:: verständlich sind und ihre Wirkung niemals verfehlen. Vor allem ist die ärztliche Praxis geeignet, der Mission die Wege zu bahnen. Eine besondere, ärztliche Mission hat bereits eine ausgedehnte Thätigkeit und ist noch immer in: Wachsen. Man zählte an: Schlüsse des Jahrhunderts 124 fachniäßig gebildete Arzte und 59 ebensolche Ärztinnen. Aber auch'fast alle andern Missionare sind durch einen medizinischen Kursus oder sonstige Anleitung in der Lage, Kranke zu behandeln. Auch schon die sachverständige Pflege, getragen von christlicher Barmherzigkeit, hat eine außerordentliche Wirkung, die jeder verstehen kann, der etwas von der Vernachlässigung und den Verkehrtheiten der Chinesen ül Behandlung der Kranken sowie von der Quacksalberei ihrer Arzte weiß. Fast auf jeder größeren MissionsItatiou giebt es ein Krankenhaus und eine Poliklinik. 2ft kommen Kranke weit her; wenn geheilt, nehmen sie Samenkörner des Christentums in ihre Heimat. So sind die Keime zahlreicher Gemeinden oft in weiter Ferne aufgesproßt. Findelhäuser und Waisenhäuser sind hier auch kurz zu erwähnen. FerneristdieSchulthüjtigkeit zu nennen. Dem verknöcherten chinesischen Schulwesen gegenüber zeigt sich die europäische Unterweisung in ihrer Überlegenheit. Auch heidnische Cltern schicken ihre Kinder Ul Missionsschulen. Auf jeder Station findet sich ljine solche; oft mehrere. Höhere Schulen werden von den Anhängern der Reformpartei jetzt sehr gewünscht, und sind ihrer viele in den letzten Jahren gegründet worden. Bedeutungsvoll ist die christliche Gemeindeschule und das Seminar zur Heranbildung christlicher Lehrer und Prediger. Auch dieTöchterschule hat eine ausgedehnte Tüchtigkeit. Die Haupt-Missionsarbeit besteht jedoch in der Verkündigung des Evangeliums an öffentlichen Orten oder in besonderen Predigthallen. Die wichtige Voraussetzung, daß der Prediger nicht bloß in d>e sprachliche Form, sondern in den Geist der Sprache eingedrungen ist, wird von der evangelischen Mission ernstlich ins Auge gefaßt. Eine große Hilfe dabei sind jetzt schon überall eingeborene christliche Gehilfen. In weitem Umfange aber kann in China, wo die Kunst des Lesens weit verbreitet ist, das gedruckte Wort die Predigt ersetzen. Zahlreiche M.issionsdruckereien stehen in eifriger Arbeit, freilich giebt es in diesem Stücke noch mancherlei zu lernen. Es soll auch nicht bestritten werden, daß unter den Tausenden von ausgestreuten Schriften viele taube Körner gewesen sind. Immerhin darf man nicht die Wirkung der Presse unterschätzen, durch welche auch viele chinesische Gelehrte christlichen Einflüssen zugänglich geworden sind. Tie Zersplitterung der evangelischen Mission lu viele Denominationen ist oft von ihren Gegnern beton^ worden. In der That bietet China eine nahezu vollständige Mnsterkarte der verschiedenen Abteilungen der evangelischen Christenheit, die durch dogmatische Unterschiede oder Verfassungsfragen sich von einander getrennt halten. Es fehlt nicht die Richtung, welche geflissentlich diese Unterschiede zurückstellt. Dahin gehört die große China-Jnland-Mission, die aber mit ihren Eigentümlichkeiten selbst wieder hier und da zu andern in Gegensatz tritt. Es gilt jedoch auch hier, daß die Spaltungen zugleich eine Vielseitigkeit bedingen, in der Das Barmer Missionshospital in Tungkun. neben der angedeuteten Schwäche eine besondere Stärke des Protestantisnlus liegt, wenn bei den äußeren Unterschieden die,,Einheit im Geiste" gewahrt wird. Glücklicherweise können wir das von der evangelischen Mission in China in reichem Maße sagen. Daß hier und da Rivalität entsteht, läßt sich nicht vermeiden. Aber es giebt einen wichtigen Einigungspunkt der evangelischen Mission in China, die Konferenz in Schanghai, an der sich (mit nur einer Ausnahme) Vertreter aller Gesellschaften. beteiligen und in brüderlicher Einmütigkeit die Förderung des Werkes beraten. Die feste Übereinstimmung in den evangelischen Grundlehren kommt auch den Chinesen zum Bewußtsein, so daß sie die "Jesuslehre" als eine einheitliche Form des Christentums zusammenfassen, trotz sonstiger Verschiedenheiten bei den Denominationen. Vielleicht noch mehr wird dies durch die einheitliche evangelische Praxis bewirkt. Kein evangelischer Missionar duldet in irgend einer Form das Fortbestehen des Ahnenkultus, keiner tauft Kinder (mit Ausnahme ausgesetzter Findlinge) ohne Vorwisseu der Eltern, selbst nicht in der Gefahr des Todes, keiner tauft einen Erwachsenen ohne eine gründliche Unterweisung, die sich oft über Jahr und Tag ausdehnt, keiner verspricht den oft selbst in sehr zweifelhaften Fällen erwarteten Schutz vor den: chinesischen Gericht, keiner beansprucht bei Mißhandlung oder Schädigung ein Sühngeld, wenn auch der durch die europäischen Vertreter herbeigeführte angemessene Schadenersatz meist angenommen wird. Zuweilen aber wird auch auf den letzteren verzichtet (wie z. B. nach der mit dem Blutbade von Kutscheng verbundenen Plünderung), was auf die Chinesen einen tiefen Eindruck macht. Ties weist uns hinüber auf unseren letzten Punkt: die Erfolge der evangelischen Mission. Es ist behauptet worden, daß die gesammelten christlichen Gemeinden nur aus der Hefe des Volkes gewonnen sind, und nur durch materielle Interessen im Christentum erhalten werden. Dies ist völlig unzutreffend. Wohl kommt es sehr oft vor, daß sich Einzelne oder ganze Gruppen aus rein materiellen Gründen zum Übertritt melden. In der ausgedehnten Prüfungszeit aber werden die unlauteren Elemente im überwiegenden Maße abgestoßen. Dabei soll nicht bestritten werden, daß auch heute noch einzelne Missionare bei enthusiastischem Eifer und Mangel an Nüchternheit in ähnliche Fehler geraten, wie einst Gützlaff. Überhaupt liegt es uns fern, die evangelische Mission als eine unfehlbare Sache hinzustellen. Wir betonen sogar, daß sich hier und da an derselben Auswüchse finden, die jeder verständige Missionsfreund ernstlich ablehnen muß. Wir identifizieren uns z. B. nicht mit den Versuchen, durch Aufzüge singender junger Damen und dergleichen, mehr als zweifelhaften Mitteln, die Chinesen zu bekehren. Dergleichen aber kommt auch verhältnismäßig wenig vor. Im ganzen können wir sagen, daß die evangelische Mission in gesunder Weise arbeitet und daher auch gediegene Erfolge hat. Besonders erfreulich steht es bei den Gemeinden in ländlichen Distrikten. In der Provinz Fuhkien giebt es Dörfer, deren Einwohner größtenteils Christen sind. Solche Gemeinden schlichter, fleißiger Landleute bilden einen recht soliden Stamm der evangelischen chinesischen Christenheit. Es fehlt jedoch nicht an Christen aus höheren Ständen. Selbst in den Kreisen der Gelehrten giebt es einzelne, die im ernsten Suchen nach Wahrheit im Evangclio Frieden gefunden haben; auch Wohlhabende, die für kirchliche Zwecke bedeutende Stiftungen gemacht haben, erscheinen in den Berichten nicht selten. Daß die jungen Gemeinden einer weiteren Entwicklung im christlichen Leben bedürfen, darf niemand befremden. Es wäre unbillig, in allen Stücken das zu erwarten, was in den heimatlichen Christengemeinden auf Grund der Geschichte von Jahrhunderten besteht. Wie die Entwicklung in China sich gestalten wird, läßt sich noch nicht absehen. Allen einsichtigen Vertretern der evangelischen Mission ist das Ziel nicht zweifelhaft. Es kommt nicht darauf an, die verschiedenen kirchlichen Formen in China einzuwurzeln, sondern die Elemente des Christentums als lebendige Keime so einzupflanzen, daß durch die Entwickelung unter den gegebenen Verhältnissen sich schließlich eine selbständige chinesische Nationalkirche bildet. Wir schließen mit statistischen Angaben über die Erfolge, welche in Anbetracht der verhältnismäßig kurzen Arbeitszeit der -evangelischenMission in China, die nur wenig mehr als ein halbes Jahrhundert umfaßt, immerhin schon recht bedeutend sind. Nach einer eingehenden Berechnung auf Grund der Originalangaben, die mit manchen Lücken hinter der Wirklichkeit zurückbleiben, sind folgende, auf jeden Fall sichere Zahlen gefunden, denen wir zur Vergleichung die entsprechenden Zahlen von 1885 in Klammern beifügen. Es giebt in China 478 (154) ev. Stationen, 973 (335) Missionare, 297 ordinierte eingeborene Prediger, 2924 (1085) andere Gehilfen, 205747 (43528) Christen, von denen 92995 (23982) der engeren Abendmahlsgemeinschaft angehören. Im Jahre 1898/99 wurden 23528 (3089) Personen getauft. In 1823 (397) Schulen werden 37057 (9466) Schüler unterrichtet, darunter 8631 (3462) Mädchen. Berliner Findelhaus in Hongkong. Die F esttage der Chinesen richten sich teils nach dem Stande der Sonne, teils nach dem Wechsel des Mondes. Ihr Jahr besteht aus 354 Tagen, die sich auf 6 Monate zu 30 und 6 Monate zu 29 Tagen verteilen. Am 15. eines Monats ist Vollmond. Auf je 19 Jahre fallen 7 Schalnnonate. Beispielsweise sielen in den 4 Jahren 1897, 1898, 1899 und I960 ein Schaltmonat nach dem dritten Monat des Jahres 1898 und , einer nach dem achten Monat des Jahres 1900, Neujahr fiel aus den 2. Februar 1897, den 22 Januar 1898, den 10. Fest^ bruar 1899 und den 31. Januar 1900. -./-T Das Jahr zerfällt in 24 Abschnitte (tsie-ling), von denen 8 die Namen der 4 Jahreszeiten thschun "Frühling", liia "Sommer", thsiu "Herbst" und tung "Winter" tragen, von 'MM, // feste und Vergnügungen. ." E..tz;V. W-. 4Cv V I bemnt jedoch die Nachtgleichen und Sonnenwenden nicht als Anfang, sondern als Mitte der Jahreszeiten tielten (li thschun "Frühlingsanfang" — 5. Februar, thschun kön "Mitte Frühlings" — 20. März.) Zwischen biese 8 Abschnitte, die nach den Jahreszeiten benannt Kürschner, China I. sind, fallen 10 andere in entsprechenden Zwischenräumen, so daß zwei der letzteren immer zwischen z>vei der ersteren fallen. Ihre Namen beziehen sich mehr oder weniger auf die den Jahreszeiten eigentümlichen Wetterverhältnisse oder dergleichen, wie "große Hitze", "kleine Hitze", 18 275 Feste und Vergnügungen. nnnnnrennRnrennnnrarirerenrerarerer; 276 "große Kälte", "kleine Kälte" u. s. w. Nur einige wenige unter den 24 Abschnitten des Jahres machen sich durch gewisse Festlichkeiten bemerkbar. Das längste Fest ist das Fest des "neuen Jahres" (8iti nien), dessen Vorboten schon in den letzten Tagen des vorher» gehenden beginnen. Am zwanzigsten Tage des zwölften Monats werden die Stempel aller Behörden feierlich für einen ganzen Monat verschlossen. Bis zum Abend vor Neujahr müssen der Sitte — nicht dem Gesetze — gemäß alle in den verschiedenen Kaufläden ausgelaufenen Rechnungen bezahlt, auch müssen die nötigsten Einkäufe für mehrere Tage besorgt sein, da die Läden an denselben geschlossen bleiben. Hausvater und Angehörige opfern in den letzten Stunden des Jahres reichlicher als gewöhnlich vor den Ahnentäfelchen und den Bildern des Hansoder Küchengottes (yao schön), Schwärmer werden losgelassen, deren Prasseln von da an immer häufiger wird. Außer dem gewöhnlichen Weihrauch der aus geraspeltem Sandelholz bestehenden Stäbe werden Früchte, Gemüse und gekochtes oder gebratenes Fleisch geopfert und dann von den Mitgliedern des Haushaltes verzehrt. Kurz vor Mitternacht legt alles seine Festgewänder an; Diener und Angehörige erhalten ihre Nenjahrsgeschenke. Früh am Morgen bringt der Hausvater dem Himmel und der Erde das Reisopfer dar auf dem dazu bestimmten Tische des Gastzimmers, vor dem er sich niederwirft und bei jeder Kniebeugung dreimal den Kopf tief zur Erde neigt. Bei dieser Gelegenheit dankt er für das ihm während des vergangenen Jahres widerfahrene Gute und bittet um Segen für das neue Jahr. Nachdem auch die Hausgötter und die Namcnschilder der Ahnen auf dieselbe Weise verehrt sind, werfen sich Kinder und Enkel vor ihren Eltern und Großeltern nieder. Jetzt beginnen die Besuche, welche die männlichen Mitglieder des Haushaltes bei Verwandten, Bekannten und Vorgesetzten abzustatten haben. Die Beamten, welche mit großem Gefolge, in ihren grünen oder blauen Sänften — je nach dem Range — getragen, kommen, haben zuvor ihren Besuch durch zwei rote, mit ihren Zuund Beinamen sowie mit den vollständigen Amtsnamen versehene Karten anzeigen lassen, wobei auch allerlei Geschenke vorausgesandt werden, und werden mit Früchten und allerlei Leckerbissen, mit Thee und Reiswein bewirtet. Häufig werden Schauspiele den Gästen zu Ehren aufgesührt von eigens dazu geinieteten Truppen, und Banden von Spielleuten ziehen umher, um ihre Dienste anzubieten. Da bis zum 15. des Monats wenig Geschäfte verrichtet werden, bietet sich besondere Gelegenheit zu allerlei Festlichkeiten; auch werden vorzugsweise um diese Zeit im Hause oder in den Tempeln allerlei Gottheiten die besonderen Wünsche vorgetragen. Wenn der chinesische Frühlingsanfang (li thschun) nicht schon stattgefunden hat — falls nämlich das chinesische Neujahr später als Anfang des Februars fällt, — pflegen die Umzüge zu Ehren des Frühlings den allgemeinen Taumel zu erhöhen oder zu unterbrechen. Ein großer, aus Papier zusammengeklebter Büffel, das Bild des Zugtieres, mit denr die Reisfelder bestellt werden, wird umhergetragen in Begleitung des höchsten Beamten des Bezirks und nachher feierlich verbrannt. Auch das "Laternenfest" (yiia» siao), die "erste Nacht", d. h. der erste Vollmond des Jahres, fällt noch in diese Zeit, da es am 15. des ersten Monats gefeiert wird. Die Stadt schwimmt in einem Meer von Lichtern. Alles ergötzt sich mit Trunk und Spiel, selbst die sonst so streng ans Haus gefesselten Frauen begeben sich ins Freie, uni den Anblick zu genießen. Einen halben Monat nach der Mitte des chinesischen Frühlings (thschun Ion, am Tage thsing ming), welche unserem Frühlingsanfang entspricht, findet das Gräberfest statt. Nachdem die Gräber der Vorfahren gereinigt sind (sao mu), werden ihnen Opfer gebracht durch Verbrennung von Silberpapier, das Geld darstellt, und durch Vorsetzen von Speisen und Getränken, begleitet vom Geprassel der abgebrannten Schwärmer. Die Anwesenden machen die gewöhnliche Zahl von Kniebeugungen und Verneigungen, pflücken grüne Zweige oder Halme und bringen sie mit nach Hause, um sie in Blumenvasen zu stellen und vor die Ahnentäfelchen zu setzen. Außer den Friedhöfen der Armen giebt es keine gemeinsamen Begräbnisstätten für die städtischen Gemeinden; vielmehr findet man die Grabhügel ans eigenem oder gemietetem Grunde weit über das Land zerstreut. 279 E Feste und Vergnügungen.  280 Am fünften Tage des fünften Monats wird das Drachenbootfest (tuan wu) gefeiert, an welchem lange, wie Drachen gestaltete Boote (limg thschuan) beim Klange von Trommeln (ku) und Becken (lo, von Fremden gewöhnlich gong genannt) ein rechnet sind. Große, runde Kuchen werden gebacken, auf denen sich Darstellungen des Hasen mit dem Reismörser und anderer Gegenstände befinden, die man auf der Scheibe des Mondes erkennen will. Versteht man schon sonst, aus dem schwärzlichen Schlamme, der, an der Sonne gedörrt, die Backsteine zum Bau der Häuser lieTheatervorstellung. Wettfahren veranstalten. Den Drachen sind alle Gewässer geheiligt; meist aber wird eine ursprünglich örtliche Sage, die der Gegend um den Thung-thing-See entstammt, auf das ganze China ausgedehnt, um den Ursprung des Festes zu deuten. Über 300 Jahre vor unserer Zeitrechnung soll dort ein hoher Beamter des Königs Huai von Thsu, namens Kü Jüan, in Ungnade gefallen sein und, nachdem er vergebens das Herz des Königs durch das Klagelied Li Sao zu rühren gesucht, den Tod in den Wellen des Mi-Lo-Flnsses gesucht haben. Seitdem soll zuerst an diesem Orte selbst Reis in den Fluß geschüttet worden sein, um die Wassergeister zu versöhnen. Zum Andenken an diesen Vorgang wird in Schilf gewickelter Reis gegessen, und werden Büschel von Schilf an den Häusern befestigt. Um die Zeit des Vollmondes, der vor oder nach dem Tage der "Mitte des Herbstes" (tschung thsiu), unserer Herbst-Tagund Nachtgleiche, eintrifft, oder genauer vom 11. bis 15. des achten chinesischen Monats geben Die "Beschenkungen des Mondes" (sekang yüe) zu allerlei Gebräuchen Anlaß, welche auf die Kinder befert, allerlei artiges Spielzeug zu backen, so ist nun die Zeit da, die Kinder mit solchem zu beschenken. Der 9. des neunten Monats (etwa Anfang bis Ende Oktober) ist der "Steigetag" (tüng kao), angeblich, weil einst ein Mann, dem für den Tag Unheil geweissagt war, auf einen Berg gestiegen sein soll, um dem Unheil zu entgehen. Jetzt begnügt nian sich nicht, die Berge, Ivo Gelegenheit dazu sich bietet, zu besteigen, sondern läßt Papierdrachen von den verschiedenartigsten Gestalten fliegen (lang läng tschöng): gewaltige Tausendfüßer, Tiger, Drachen, das Sternbild des Bären mit sieben Lampen u. a. Zur Kurzweil bekleben manche die Stricke ihrer Drachen mit Glassplittern und suchen damit die Schnur eines Nebenbuhlers zu durchsägen. Zur Zeit der Winter-Sonnenwende (tung tschi) erweisen die höchsten Beamten dem Kaiser ihre Verehrung, indem sie vor dem "Schilde der zehntausend Jahre" (wan suei p'ai), einem Täfelchen, das sich in dem betreffenden Tempel befindet nnd die Worte rvan susi, rvan rvan snei ("zehntausend Jahre, zehntausendmal zehntausend Jahre!" — die nämlich dem Kaiser gewünscht werden) in goldenen Schriftzeichen trägt, die drei Kniebeugungen lind iienii Verneigungeii ansführen. — Das gewöhnliche Volk läßt diese Ehrenbezeigungen zu Hanse den eigenen Ahnen zn teil werden. In der Hauptstadt begeht zur Zeit der Frühlings-Tagnnd Nachtgleiche (ümokiun-kön) der Kaiser in Gegenwart von Prinzen und von Beamten des li-pu oder "Amtes der Sitten nnd Gebräuche", die bekannte Feierlichkeit, bei der er nach bestimmten Opfern selber ein Stück Land pflügt mit miein Pfluge von gelber (kaiserlicher) Farbe. Dem ^cmpel des Ackerbaues (Lisn-nrwg-tllan), der Stätte dieses Brauches, gegenüber befindet sich der Tempel des Himmels (thien-than), wo der Kaiser zur Zeit der Wintersonnenwende nach dreitägigem Fasten dem Himmel Opfer bringt. Außer diesen öffentlichen oder doch das ganze Land angehenden Festen giebt cs eine Unzahl, die an gewisse Örtlichkeiten gebunden sind, oder mit der Bnddhalehre l>nd der vom Tao zusammenhängen. Doch können die letzteren auch öffentliche Aufzüge mit sich bringen. Namentlieh aber sind Schauspiele, weiche in Ahnenhallen nnd Tempeln ohne sichtbaren Zusammenhang mit der Örtlichkeit auf Kosten wohlhabender Leute oder Vereine unentgeltlich aufgeführt werden, eine nicht ungewöhnliche Erscheinung. Übrigens Pebt es auch wirkliche Schauspielhäuser, die sich großen Zulaufes erfreuen und deren Nähe sich durch ein furchtbares Getöse von Beckenschlägen n. s. w. ankündigt. Äußerlich sind sie wenig bemerkenswert, und die Kleinheit der Bühne würde auch, eine noch weitergehende Beschränkung des Raumes ertragen, wenn sucht die Rücksicht auf die Zuschauer im Wege stünde, welche es sich wie in unseren Singspielhallen, bei Speise und Trank bequem machen. Die Bühneneinrichtungen sind dementsprechend mangelhaft. So steht z. B. ein belagerter Feldherr in fürchterlicher Maske hinter dem Stadtthore, welches viel niedriger ist als er, nnd verweigert dem feindlichen Feldherrn, der eine Maske von anderer Farbe trägt, den Eingang. Oder ein gefallener Krieger wälzt sich, um Platz zu machen, dem bald erreichten Hintergründe zu. Frauenrollen werden von Männern gegeben, deren Fistelstimme sich wenig von dem gewöhnlichen Vorträge unterscheidet. Tic Anzüge sind glänzend, und dem Zuschauer, der die Sprache der gedruckt zu kaufenden Schauspiele versteht und die nötige Stimmung mitbringt, um sich über Äußerlichkeiten hinwegzusetzen, hinterlassen die Vorstellungen keinen störenden Eindruck. Bis tief in die Nacht hinein sieht er die der Geschichte oder der Sage u. s. w. entnommenen Handlungen andächtig lauschend vorübergehen. Außer dein eigentlichen Theater fehlt cs auch an Schattennnd Puppenspielen nicht, die nicht selten einen ernsteren geschichtlichen Hintergrund haben. Für die gröberen Genüsse sorgen allerlei Gaukler, Feuernnd Schwertschlucker, Männer, die ihren Sohn schlachten n. a., die sämtlich für beliebigen, geringen Lohn auf offener Straße ihre Künste zeigen. Auch der Aberglaube mischt sich in dergleichen anscheinend unerklärliche Kunststücke; so soll es Kranken helfen, wenn Priester des Tao (tao — "Vernunft" ?) eine Leiter erklettern, deren Sprossen aus Schwerterklingen bestehen. Das Glückspiel und die Nuterhaltungspiele. Teils mehr oder weniger unerlaubten Zwecken des Erwerbes, teils harmlosem Zeitvertreibe sind die niannigfachcn Arten von Spielen gewidmet, unter denen einige sind, welche eine weltbürgerliche Verbreitung gefunden haben. Wie bei uns sind die eigentlichen Glückspiele nicht gerade sehr geistreich, während andere, wie das niit dem nnsrigen verwandte Schachspiel nnd das Üinringungspiel (wei lsti), viel Nachdenken erfordern und dennoch eine Unterhaltung bieten, die mit der Leidenschaft der Geldgier nichts gemein hat. Eins der einfachsten Spiele ist umso geräuschvoller, je weniger es der Beihilfe irgendwelcher Spielgerätschaften bedarf. Es ist dasselbe Fingerspiel, welches in Italien seit Jahrtausenden üblich ist, bei den alten Römern micare digitis ("Fingerkampf") genannt wurde und dort noch unter dem Namen morra bekannt ist. In China heißt elhuak'üan, "die Faust ausrufen", oder tlisai k'iian, "die Faust raten", und besteht darin, daß zwei Zecher zugleich eine beliebige Anzahl Finger derselben Hand emporschnellen nnd dabei die Zahl der Finger des Gegners zn erraten suchen nnd ausrufen. Auf das Mißlingen folgt ein Schluck zur Strafe. Alles muß rasch geschehen, was ein gegenseitiges Überschreien zur Folge hat, von dem die Wirtshäuser oft bis tief in die Nacht hinein widerhallen. — Sehr auffallend ist der allgemeine Hang znmLosen (thschou thsien), wozu gewöhnlich schmale, platte Bambusstäbe genommen werden, die in einem hohlen Bambusgefäße stecken und an ihrem unteren Ende Zahlen oder sonstige Merkmale tragen. Das betreffende Los füllt entweder beim Schütteln heraus oder es wird gezogen. Derartige Lose bestimmen z. B. darüber, ob auf der Straße der Leckerbissen eines Hökers gewonnen wird, oder ob, wenn das Los in einem Tempel vor einem Götzenbilde geworfen wird, dieses oder jenes mit derselben Zahl versehene Gottesurteil maßgebend sein soll. Im allgemeinen ist das Glückspiel verboten, aber da sitzt der Eigentümer einer in verschiedene Fächer geteilten Glückscheibe, die an das Roulette erinnert, auf der Straße unbehelligt; handelt es sich doch nur um einige Kupferstücke, deren Vervielfachung oder Verlust von der Anzahl der Drehungen eines schwebenden Stabes abhängt. Oft wühlt der Bankhalter selber den Gegenstand aus, der geraten werden soll und legt ihn verdeckt beiseite, oder giebt — eine Ausnahme von der gewöhnlichen Geistlosigkeit des Glückspieles — Rätsel auf in gebundener Rede. gewiesen sind, und es an so frühen Nachweisen in den Ländern des Islams fehlt, da ferner die chinesischen Karten untereinander und von den europäischen sehr verschieden sind, in Japan hingegen unter den dortigen, ebenfalls sehr von einander und von den chinesischen abweichenden Spielkarten eine Art entschieden portugiesischer Abkunft ist, muß man in der Erörterung der offenen Streitfrage wegen eines etwaigen gemeinsamen Ursprunges der Spielkarten vorsichtig sein. In China scheint wenigstens eine Kartenart, die der sogenannten tien-tze-p'ai mit den Dominosteinen gleichen Ursprungs zu sein, wie diese sich aus den Würfeln entwickeln. Die Dominosteine (ku p"ai ----"KnochenChinesische Gaukler des \7. Iahrh. fchilder", ya p'ai = "Elfenbeinschilder") sind nach der chinesischen Annahme um 1120 n. Ehr. erfunden, und haben sich von China weiter nach Korea und Japan verbreitet; der gleiche Ursprung mit dem europäischen Domino ist augenfällig, aber bis jetzt nicht geschichtlich nachznweisen gewesen. Wenn man zwei Würfel zu Grunde legt, so ergeben sich als mögliche Fälle die Augen 1 und 1, 1 und 2 u. s. w. bis 6 und 6, also 21. Diese Augenzahlen liegen allen chinesischen Dominospielen zu Grunde. Sie finden sich gelegentlich in achtfacher Wiederholung in Spielen von 168 Steinen. Demgemäß haben auch von den SpielKartenspiel und Domino. Als der spanische Geistliche Navarrete um 1665 in Kanton war, fielen ihm der Gebrauch der Spielkarten und die Spielwut des gemeinen Mannes auf, der im stände wäre, seine auf dem Leibe getragene Kleidung zu verspielen. Die Karten, meinte er, niöchten wohl durch die Mauren dorthin gebracht sein. In Kanton befindet sich nämlich eine sehr alte arabische Gemeinde, und in Spanien war es herkömmlich, die Spielkarten (naipe8) als ein Geschenk der Mauren zu betrachten. Da aber die Karten schon im 14. Jahrhundert in Katalonien nachkarten (tscln "Papierkarten") die sogenannten tientze p'ai oder "Würfelaugenkarten" als überall zu Grunde liegenden Bestandteil eine gewisse Anzahl von Zählkarten, die nur mit diesen Würfelaugen bezeichnet sind, während die wahrscheinlich erst später hinzugekommenen Bilderkarten öfter von einander abweichen. So besteht ein Spiel ans Tschökiang ans 126 Blättern und zwar 63 (—3 x 21) schlichten, 42 (=2 x 21) verzierten und 21 bunten und Chinesische Karten, Würfel, Schachund Dominosteine. Bilderkarten; eines aus Schanghai aus 135 Blättern mit ebenfalls 63 schlichten und 42 verzierten Zählkarten und 21 Bilderkarten, aber außerdem 9 anderen Karten, von denen 6 nur eine Bambusver-Zierung, die übrigen 3 die Schriftzeichcn wön = "Gelehrter", wu — "Krieger" und tsung = "allgemein" tragen. Eine dritte Abart aus Sutschon besteht aus 133 Blättern, nämlich 63 schlichten wie oben, 21 mit den Würfelaugen und Verzierungen, 42 mit Bildern und Würfelaugen und 7 mit Bildern ohne Würfelaugen. Die Bilder stellen den Spielgott als Tiger mit einem Geldstücke (hu schöng kung, den "heiligen Herzog Tiger"), Drachenkönige, Elfen oder Berggeister (8ieu), verschiedene Götter des Reichtums (thsai schön) u. s. w. dar. Diese tien-tze p'ai sind nur im mittlereu China gebräuchlich. Eine andere Art, die siang k'i p'ai oder "Schachkarten", trügt die Namen der Schachsteine: tsiang (schuai = "Feldherr", sein = "Gelehrter", siang = "Elefant" (siang — "Gehilfe"), ma — "Rössel", kü = "Wagen", p'ao = "Geschütz", ping (tsu) = "Krieger", hat aber mit dem weiter unten zu besprechenden Schachspiele (siang k'i) nur diese Namen gemein. Eine dritte Art von Spielkarten sind die schi-huP'ni oder "Karten (eigentlich "Schilder") der zehn hu" oder "Folgen". Sie sinh in verschiedenen Abarten durch ganz China von Peking bis Kanton verbreitet. Wie bei den tien-tze p'ai wegen der zu Grunde liegenden Würfel die Siebenzahl die Hauptrolle spielt, so handelt es sich hier bei den ursprünglichen drei "Farben" oder Arten von Zählkarten um eine Neunzahl. Drei verschiedene Einheiten von Geld werden durch diese drei "Farben" dargestellt, nämlich die einzelne Kupfermünze, die großenteils an dem Loche in der Mitte kenntlich ist, aber hier auch gelegentlich die Gestalt eines viereckigen Kuchens (ping) angenommen hat. — wie es denn früher Münzen dieses Namens gegeben hat —, zweitens Stränge (so) von 100 Kupfermünzen, drittens die Zehntausende (wan), welche letzteren aber, abgesehen von den kleinen Bambuskarten von Ningpo, neben den Zahlen noch männliche Bildnisse tragen. So besteht denn der ursprünglich gemeinsame Teil der verschiedenen Spiele dieser Art aus den ping von 1 bis 9, den so von 1 bis 9 und den wan von 1 bis 9, und da die Blätter meistens vierfach Vorkommen, aus 108 Karten. Hierzu kommen dann noch Bilderkarten, deren Art und Anzahl in den verschiedenen Gegenden Chinas nicht immer gleich sind. Am verbreitetsten sind die Thsien wan (eigentlich 1000x10000), lao thsien ("alten Tausende") oder tschao thsai thsien wan (Thsien wan, "die den Reichtum herbeirufen"), also wohl auch Götter des Reichtums (s. o.), der Wang Ying aus dem Rüuberroman Schuei-hu-thschuan und die sogenannten tschi hua ("Zweige und Blumen")Im allgemeinen schwanken die Spiele zwischen einer Anzahl von 120 und 160 BlätternIhrem Stoffe nach verschieden, aber wegen der ping, so und wan zu den schi-hu p'ai zu rechnen sind die Bambuskarten von Ningpo, kleine Klötzchen von etwa 1 am Ticke, 1V3 cm Länge und 12 mm Breite, deren das Spiel 148 enthält. Brettspiele. Unter den Spielen, welche China und dem Abendlande gemeinsam sind, steht das Schachspiel obeuau. Zwar ist der Name siang kl ("Bilber-Brettspiel"), den das chinesische Spiel jetzt führt, schon Jahrhunderte vorder Zeit, aus der die erste sichere Nachricht vom Vorhandensein einer Art Schachspiel in China stammt, für andere Brettspiele im Schwange gewesen, und die chinesischen Bücher schweigen von einer Einführung aus dem Auslande, die sie doch im Falle des Puffspieles zugeben; aber das Gesamtbild des ein Abbild des Krieges vorstelleuden Spieles und die Nebenumstände sprechen dafür, das; es sich von Vorderindien aus nach Osten und Westen verbreitet hat. Der ursprüngliche Name tschaturanga = "die vier Glieder" (des Heeres) ist altindisch und bezieht sich ans die 4 Waffengattungen: Fußvolk, Sreitwageu, Reiterei und Elefanten. Zu diesen sind in China noch die Geschütze (p'ao) gekommen, und zwar waren damit zunächst ähnliche Schleudervorrichtungen gemeint, wie sie auch im Abendlande vor Erfindung des Schießpulvers angewandt würden. Die erste Erwähnung des chinesischen Schachspieles kommt in einem Werke des achten Jahrhunderts vor und führt den "Feldherrn" (schuai), den "Wagen" (kü), das "Rössel" (ma) und das Steine schleudernde "Geschütz" (p'ao) schon unter den jetzigen Benennungen an, während die damaligen "sechs Geharnischten" (liu kia) den jetzigen fünf ping gegenüberstehen. Auch im Abendlande hat das Schachspiel große Wandlungen durchgemacht durch Ausdehnung der Gangarten des Läufers und des Rates, welcher ursprünglich nur einen Schritt schräg ging und nunmehr, im christlichen Europa in eine Königin verwandelt, in allen Richtungen über das ganze Brett geht. In Siam hat sich noch die alte Gangart des Rates erhalten, ebenso in China, wo aber, des Ebenmaßes wegen, zwei sein oder "Gelehrte" dem "Feldherrn" (tsiaug oder schuai) zur Seite stehen. Weiter rechts und links folgen bei uns die Läufer da, wo, wenn man statt der Mitte der Felder deren Ecken nimmt, in China die "Elefanten" (siaug) stehen, was genau dem Umstande entspricht, daß der Läufer noch heute in Spanien den arabischen Namen des Elefanten (alfil) trägt. Weiterhin folgen auch hier die beiden Springer (ma — "Roß"), und an Stelle unserer Türme (Rochen) die "Wagen" (hä), welche bei uns von jenen verdrängt worden sind. Da vor der dem Spieler zunächst liegenden Reihe mit diesen neun Steinen die beiden Geschütze Platz gefunden haben, bleiben für die vorderste, dem Gegner zugekehrte Reihe nur fünf Krieger (ping oder tsu), um die gewöhnliche Anzahl von 16 Steinen voll zu machen. Der Fluß in der Mitte scheint (als ursprüngliche Milchstraße?) einem der früheren siaug kl (s. o.) entnommen zu sein, welches mit Sonne, Mond und Sternen gespielt wurde. Doch ist es auch möglich, daß wirklich der Huangho (oder der Pangtßekiang?) ursprünglich gemeint war. Ein sehr verbreitetes Brettspiel, welches trotz seiner anscheinenden Einfachheit von vielen dem Schach vorgezogen wird, ist das wei kl oder "Umringungsspiel", in Japan go genannt und unter letzterem Namen auch in Deutschland heimisch geworden. Nach der japanischen Überlieferung soll Kibidaizin das Spiel aus China mitgebracht haben, welcher sich zur Zeit des Thang-Kaisers Ming-Huang (713—762) lange dort aufhielt. Man nennt das Spiel auch wohl sien kl — "Elfenspiel" oder "Brettspiel der Berggeister", nach einer Sage, der zufolge ein Holzhauer namens Waug Tschr sich zur Zeit der Tsin-Kaiser (265—419) am Berge Schischischan in Tschökiang befunden und zwei der acht Berggeister mit dem Spiel beschäftigt angetroffen haben soll. Das Spiel wird mit 180 weißen und ebensoviel schwarzen Steinchen, deren — freilich kleinere —Gestalt an die lakrunculi der alten Römer erinnert, auf einem Brette gespielt, welches von 18 Strichen der Länge nach und ebenso vielen quer geteilt ist, so daß sich mit den Rändern 361 Ecken ergebeu. Das Puffspiel, chinesisch schuaug liu ("Zweimal sechs") genannt, ist ähnlich wie bei uns und wird mit je 15 Steinen oder kleinen Kegeln von verschiedener Farbe von zwei Spielern mit zwei Würfeln gespielt. Es stammt weder aus Europa, noch aus China, sondern würde nach chinesischen Quellen im dritten Jahrhundert aus Indien eingeführt. Unter denk Namen uei'd war es schon im Mittelalter in Persien bekannt und wurde in Japan im siebenten Jahrhundert von einem Spielverbote betroffen. Auch das Mühlespiel ist in China nicht unbekannt, sein Ursprung jedoch noch nicht ganz aufgehellt. Ballspiel und Bogenschuß. Von den Spielen, welche zugleich Leibesübungen sind, mögen verschiedene Arten des Ballspieles erwähnt werden, z. B. das Federballspiel, bei dem der Ball oder sonst ein befiedertes Werkzeug mit dem Knöchel des Fußes aufgefangen wird. Das Bogenschießen zu Fuße und zu Pferde gehört eigentlich zur kriegerischen Ausbildung. Doch sieht man häufig die Pfauenfeder als kaiserlichen Gnadenbeweis für Auszeichnung in dieser ritterlichen Übung auf den Hüten von allerlei Beamte», die mit Verwaltung und Gerichtsbarkeit zu thun haben. Eins der ältesten Spiele überhaupt ist das des "Werfens nach dem Topfe" (thou hu), von welchem schon der vierzigste Abschnitt des li-ki oder "Buches der Gebräuche", eines der heiligen Bücher, handelt. Die Teilnehmer werfen mit Stäben nach der Mündung ititb den beiden Ohren eines aufrecht stehenden Gefäßes. Wie dem chinesischen Volke, so geht es auch seiner Schrift und Sprache: sie werden viel verkannt. Ein englischer Schriftsteller sagt einmal: "In einem Lande, wo die Magnetnadel nach Süden zeigt und man sich zum Zeichen der Verlegenheit den Antipoden des Kopfes kratzt; wo links die Ehrenseite und der Sitz des Verstandes im Magen wo den Hut abzunehmen für eine Unverschämtheit und Meiß für die Farbe der Trauer gilt, — da darf man sich nicht wundern, eine Schrift ohne Alphabet und eine Sprache ohne Grammatik anzutreffen." Nichts ist irriger. Die chinesische Sprache ist wohl eigenartig, aber weder ohne Grammatik, noch ohne Formentwickelung, noch einzig in ihrer Art; sie verkörpert vielwehr eine Entwickelnngsphase, der viele, vielleicht die meisten menschlichen Sprachen entgegenwachsen; und keine andere Schrift ist ihrer Sprache so kongenial, so bis zum Ausschluß jeder anderen Schrift für sie geeignet, wie diese. ~~ Betrachten wir nun zunächst die Sprache. Das Chinesische wird als Muttersprache geredet im ganzen eigentlichen China (also etwa vom 100.—120.° östl. Länge und vom 22.—42.° nördl. Breite), darüber hinaus als Beamtensprache in den unterthänigen Provinzen und sporadisch überall, wo sich Chinesen in größerer Anzahl niedergelassen haben: im malaiischen Archipel, in Siam u. s. w.; es ist ferner die Litteratursprache in Annam, Korea und vorläufig auch noch in Japan. Bei all dieser riesigen Ausdehnung ist es doch nur ein Glied einer größeren Einheit, der sogen, indochinesischen Sprachfamilie, die sich in ununterbrochenem Zusammenhänge von der Nordgrenze Indiens über ganz Tibet, China und den größten Teil Hinterindiens ausdehnt. Allen diesen Sprachen ist gemeinsam, daß sie einsilbig, isolierend und meistens auch singend sind oder doch die ausgesprochene Tendenz dazu haben, und diese Grundlage der Sippe zeigt das Chinesische in seiner älteren Form am reinsten und höchsten ausgebildet. So bestehen also — um mit der Einsilbigkeit zu beginnen — die Stammwörter des Chinesischen nur aus einer einzigen Silbe und zwar, da es keine Konsonantenverbindnngen duldet, meist ans einer Silbe allereinfachster Form, wie i, li, muk, nan, yit, die kompliziertesten sind Silben wie kiang, liau, yuet, kieu. Bei manchen dieser Lautkomplexe (wenigstens in ihrer heutigen -OUfi Q 291  Sprache und Schrift. nRnnnrcrcrenrererarerjrjrir? 292 Form), wie z. 23. bei ssü, das nur aus einem scharf gezischten 8 mit einem eigentümlichen dumpfen vokalischcn Nachklang besteht, muß man wirklich an die liebenswürdige Parodie in Andersens Märchen vom Kaiser und der Nachtigall denken, wo der höchste Mandarin bloß P sagt, so vornehm war er. Ja, die Einsilbigkeit erscheint uns seltsam, und doch giebt es eine europäische Sprache, die sich ihr stark nähert: das Englische. Und wie sie hier nichts Ursprüngliches ist, so auch im Chinesischen; denn ein großer, wenn nicht der größte Teil seiner Wörter ist wohl erst durch lange Abschleisnng einsilbig geworden. Da nun das chinesische Lautsystem nur 22 Konsonanten und 24 Vokallante besitzt, so muß die Zahl der aus ihnen gebildeten Silben verhältnismäßig klein sein, um so mehr, als bei der Lautverbindung gewisse Einschränkungen und Wahlverwandtschaften bestehen. In der That hat das Altchinesische wohl kaum mehr als 1000 bis 15OO verschiedene Silben gehabt; das heutige Nordchinesisch hat gar nur 420. Diesem Mangel steuert jene andere Eigentümlichkeit, die dem Chinesischen und seinen Verwandten den Namen "singende Sprachen" eingetragen hat. Sie besteht darin, daß jedem Worte ein ganz bestimmter, nur nach bestimmten Gesetzen sich wandelnder Tonfall anhaftet, der sogen. Tonaccent. Das Altchinesische, und so noch jetzt eine Anzahl altertümlicher Mundarten, besitzt deren 8, das südliche Hochchinesisch hat 5, nämlich den hohen und tiefen gleichen Ton, die ohne jede Stimmbiegung, der eine hoch, der andere tief, gesprochen werden, den steigenden Ton (unserem Frageton entsprechend), den fallenden Ton (mit Senkung der Stimme am Schluffe) und den eingehenden Ton (kurz abgebrochen, etwa wie frz. mot, cliat). Im Nordchinesischen ist dieser letzte selber eingegangen. Durch diese Tonaccente, welche zugleich die Silbenzahl mindestens vervierfachen, wenn freilich auch noch gleichlautende genug übrig bleiben, erhält die Silbe erst eine Bedeutung, wird sie aus einem leeren Schalle zum Wort, z. B. 1i (tief. gl. T.) "Birne", ü (steig. T.) "Pflaume", 11(1) (eingeh., nordchin. jetzt fall. T.) "Kastanie". Wir find gewöhnt, diese Betonungen nur als rhetorische anzuwenden, gleichwohl haben nicht wenige europäische Sprachen (Serbisch, Schwedisch, niederdeutsche Dialekte) echte Tonaccente, und zwar als Folge von Kontraktionen. Ganz ebenso sind sie im Chinesischen vermutlich ein Produkt jener Abschleisnng. Diese chinesischen Wörter nun — und damit kommen wir zur Isolierung — sind in der Regel unveränderlich — auch dies bis zu einem gewissen Grade eine Folge der Abschleifung. Fest in sich geschlossen stehen sie da, durch keine Formveränderung kommen sie dem Nachbarwort und dem Verständnis entgegen: muk heißt "Auge, Augen, des Auges" u. s. w., kiän "sehen, ich sehe, du siehst sah, werde gesehen" u. s. w.; Flexion giebt es nicht. Aber damit nicht genug: fast jedes Wort, obzwar von Hause aus einer bestimmten grammatischen Kategorie zugehörig, kann in eine andere übergehen, z. B. das Verbum als Substantiv, das Substantiv, auch das Konkretum, ja das mit Attribut versehene, als Verbum gebraucht werden, wie muk "Auge" und "beäugen", tsch’in "Beamter" und "beamten" ("als B. anstellen"), tschüjig-kuok "Mittelreich, China" und "als Chinesen behandeln" n. s. w. Beim Verbum erklärt sich das unschwer daraus, daß es ein Verbalnomen, ein Infinitiv ist, der nicht sowohl eine Thütigkeit, als — sozusagen den Fatalismus des Mongolentums widerspiegelnd — ein Sichereignen bezeichnet; beim Hauptwort ist es uns befremdlicher. Doch bietet wiederum das Englische die willkommene Parallele: lo hand, to eye, ja "to new-skylight themarket-place“, "to kee’s-wax“ (Pickw. Pap.), wie denn hier auch die Unveränderlichkeit der Form eine große Rolle spielt (z. B. cutj. Es liegt eine gewaltige Kraft in dieser scheinbaren Unbeholfenheit, aber man fragt sich, wie wird die Sprache über die Schwierigkeiten Herr, die sie dem Gedankenausdrnck bereitet? Das geschieht, indem sie ihre Wörter unter feste Stellnngsgesetze zwingt. Die wichtigsten davon sind diese drei: 1.) das Subjekt steht vor dem Prädikat: t8Ü yuet "der Meister sprach", t’ien tä "der Himmel (ist) groß"; 2.) das Objekt folgt dem Verbum: ngäi zin (z tote frz. j) "lieben die Menschen"; 3.) das Näherbestimmende (Genitiv, Adjektiv, Adverb u. s. w.) geht dem Näherzubestimmenden voran: huäng t’ien "der erhabene Himmel", t’ien ming "des Himmels Befehl", put tschi "nicht wissen". Vereinfache Objektsatz hat also die Form Subjekt—VerbumObjekt, z. B. wäng tschk kuok "der König regiert das Reich", oder erweitert: kiün-tsü put tsch’i k’i ts’ln "der Edle (eig. Fürstensohn) nicht vernachlässigt seine Verwandten". Durch diese einfachen Mittel wird dem Worte seine jeweilige Funktion im Satze angewiesen; ob das Substantiv im Genitiv, Akkusativ u. s. w., das Verbum im Aktiv, Passiv, Kausativ steht, ob jenes als Verbum, dieses oder das Adverb als Substantiv fungiert, das zeigt die Stellung an. Steht z. B. ein Transitivum hinter seinem Objekt, so wird es Passiv: king täo "einen Weg gehen", täo hing "der Weg wird gegangen". Man sieht, das Wort gewinnt Leben und Bestimmtheit erst im Satze. Aber auch für diesen gelten im allgemeinen dieselben Gesetze wie für die Wörter. Subjektund näherbestimmende Sätze (Kausal-, Relativ-, Temporalsätze u. s. w.) gehen dem Hauptsatz in der Regel voran, Objektund Finalsätze folgen ihm. Ja, der Satz wird häufig auch äußerlich als zusammengesetztes Wort (Substantivum) behandelt, was ja durch die infinitivische Bedeutung des Verbs verständlich wird, z. B. i scliän tsch’ut ts’ü scheu, wörtlich: "durch des Gebirgs Erzeugen dieses Tier", d. h. "weil das G. dies T. erzeugt". Vgl. englisch "on account of the mountain’s producing this animal“. Aber freilich können die Stellungsgesetze nicht immer genau die Funktion bezeichnen, weil natürlich verschiedene Funktionen durch dieselbe Stellung ausgedrückt werden müssen. Da treten unterstützend andere Hilfsmittel hinzu: Hilfswörter, Zusammensetzungen, der Gebrauch, der wie in jeder Sprache eine große Rolle spielt, der ganze Zusammenhang, endlich auch der Rhythmus und der damit zusammenhängende Parallelismus, d. h. die Anordnung der Gedanken in rhythmisch und grammatisch gleichgebaute, mehr oder minder stark antithetische Sätze — beides Eigentümlichkeiten, welche die ganze chinesische Redeweise, von der Poesie bis zur nüchternsten Prosa herab, durchdringen. Folgendes Beispiel dafür möge zugleich eine Probe chinesischen Stiles geben: täoi tek tscküng, tsek tck kuok, sckit tscküng, tsek sckit kuok. Scki-kü kilin-tfü sien sckin M tek. Yeu tck, ts’u yeu Lin: yeu rin, ts’ü yeu t’ü; yeu t’ü, ts’ü yeu tsai; yeu ts’äi, ts’ü yeu yüng. Tck-tsche, pen-ye; ts’äi-tscke, mot-ye. ^ Nguäi pen nei mot, tscking min sclii tot. Schi-kü ts’äi tsiti, tsek min sän; ts’äi säu, tsek min tsiii. Schi-kü yen pei ri tsck’ut-tsche, yik pei ri Zip, huö pei ri Zip-tscke, yik pei r'i tseh’ut. "(Dies) zeigt: gewinnt man das Volk (d. h. seine Liebe), so gewinnt man das Reich; verliert man das Volk, so verliert man das Reich. Deshalb sorgt der Edle zuvörderst für (eigene) Tugend. Hat er die Tugend, so hat er dadurch die Menschen; hat er die Menschen, so hat er dadurch das Land; hat er das Land, so hat er dadurch (dessen) Reichtümer; hat er die Reichtümer, so hat er dadurch (ihren) Gebrauch. Tugend ist die Wurzel, Reichtümer sind die Zweige. Strebt er zuletzt nach der Wurzel und zuerst nach den Zweigen, so kommt er in Streit mit dem Volke lind lehrt es Raub. Deshalb, wird Reichtum gesammelt, dann wird das Volk zerstreut; wird Reichtum (unter das Volk) zerstreut, dann wird das Volk gesainmelt. Deshalb, gehen Verordnungen unrecht hinaus (unter das Volk), so kommen sic auch unrecht (wieder) herein; kommt Reichtum unrecht herein, so geht er auch unrecht (wieder) hinaus." Bei alledem ist die alte Sprache, wie man sieht, überaus knapp, aphoristisch, alles auszudrücken vermeidend, was sich ans dem Zusammenhänge von selbst ergeben kann, wie Numerus, Tempus, Person u. dergl.; sie ist generasisierend, nicht individualisierend wie die flektierenden Sprachen. Dennoch ist sie vollkommen verständlich, wie das vielleicht schon dieses Beispiel zeigt. Es läßt auch erwnuen, daß das gesprochene Altchinesisch kaum den zerhackten Eindruck gemacht haben kann, den man von einer einsilbigen Sprache erwarten sollte. Denn der Rhythmus setzt einen kräftigen Satzaccent voraus, der die zusammengehörigen Wörter zu einer Einheit verbindet. Dieser llccent ist es auch gewesen, der in der Urzeit die Einsilbigkeit und damit ihre Folgeerscheinungen herbeigeführt Die neuere Sprache, die ungefähr seit dem Jahre 1200 auftritt, unterscheidet sich von der alten, die übrigens noch heutzutage als die höhere Schriftsprache gebraucht wird, zunächst durch ein etwas verändertes Lautsystem, daun aber namentlich dadurch, daß sie die Ansätze jener zur Mehrsilbigkeit weiter ausgebildet hat. Läßt sich schon bei der klassischen im Verhältnis zur vorklassischen Sprache sin Fortschritt in dieser Richtung wahrnehmen: in dem stärkeren Gebrauch von Zusammensetzungen und Hilfswörtern, so finden wir jetzt, daß die Mehrzahl der Stoffwörter teils durch Verbindung mit Synonymen, teils durch enklitische Anhängsel mehrsilbig (zweibis vier-, ja fünfsilbig) geworden ist. Auch die einzelnen Redeteile, die ^asus, die Tenipora u. s. w. können durch Hilfswörter charakterisiert werden. Infolgedessen ist auch die Wortstellung gelegentlich freier. Daher kann man das Neuchinesische fast nicht mehr eine einsilbig-isolierende Sprache nennen, es macht in der That schon wegen seiner ausgeprägten Wortund Satzbetonung den Eindruck einer polysyllabischen Sprache. Ein Beispiel möge seinen Unterschied von der alten Sprache zeigen. Das alte Sprichwort: tsell'ün»tsiäng yeu-zit ssü wü-zit "immer in des Habens Tagen gedenke der Nichthabens-Tage" drückt sie aus: yü na yö-tscli’ieri-tl schy-h'örh, tscliiii yäo lisiäng meitsch’ien-ti zy-tse — also durch mehr als doppelte Wortzahl. So ist das Neuchinesische also — wie dies denn der Kreislauf vieler Sprachen zu sein scheint — beinahe zum Ausgangspunkte, der Agglutination, zurückgekehrt, vielleicht, um diesen Kreislauf aufs neue zu beginnen. Es zerfällt in mindestens 11 größere Mundarten, die sich in 4 große Gruppen zusammenfassen lassen: 1) Das Kuan-hua, die "Beamtensprache", d. h. die Umgangssprache der Gebildeten oder das Hochchinesische, das die Muttersprache von mindestens zwei Dritteln des Reiches und etwa 300 Will. Menschen ist, und wieder in die Unterdialekte des südlichen (Nanking), westlichen (Provinz Ssütsch'uan) und nördlichen (Peking) zerfällt. Dieser letztere, der lautürmste und abgeschliffenste von allen, wird, z. T. eben deswegen, immer mehrdie allgemeine Umgangssprache. 2) Die Tschekiang-Gruppe in der gleichnamigen Provinz, mit den Dialekten von Sutschou-Schanghai, Ningpo und Wentschou. 3) Die Gruppe von Fukien, südlich von der vorigen. Zu ihr gehören die Mundart von Amoy (das sogen. Hokkien), die von Swatou (auch Tietschiu oder Hoklo genannt), und der von Futschou-fo, der Hauptstadt Fukiens. Endlich 4) die in Kuaugtung heimische Gruppe, welche neben dem Hakka als Hauptdialekt den von-Kanton (das Penti) enthält. Die drei letzten Gruppen charakterisieren sich durch große Altertümlichkeit im Lautund Tonsystem. Sonst unterscheiden sich die Mundarten hauptsächlich nur in Wortschatz und Phraseologie, während der grammatische Bau überall im wesentlichen derselbe ist; doch die Unterschiede gehen allerdings bis zur gegenseitigen Unverständlichkeit. Wie könnte auch z. B. der Kantonese dem Pekinger hsiie anhören, daß es das Wort ist, tvelches er hole ausspricht? Aber sie werden zusammengehalten durch die beiden starken Bande der gemeinsamen alten Schriftsprache und der gemeinsamen Schrift: gleich jener steht auch diese als eine höhere Einheit über den Dialekten. Denn die chinesische Schrift ist eine Wortschrift, d. h. jedes ihrer Zeichen stellt nicht einen Laut, nicht eine Silbe dar, sondern ein Wort, und zwar in der Regel nur ein Wort; glcichlautige und gleichtonige, aber Verschiedenes bedeutende Wörter werden genau unterschieden, z. B. Kann also jedes Schriftzeichen vermöge dieser Eigentümlichkeit der Schrift von jeder Mundart in ihrer Anssprache gelesen und verstanden werden, so ist sie dennoch keine Pasigraphie, gleich unseren Zahlzeichen, kein Schriftvolapük, wie man wohl gemeint hat. Nur wer der Sprache mächtig ist, vermag zu verstehen, was die Schrift sagt. Denn sie ist keine Bilderoder Vorstellnngsschrift — nur ein geringer Bruchteil ihrer Zeichen trägt diesen Hieroglyphencharakter —, sondern die erdrückende Mehrzahl ist zugleich lautangebend. So kann sie nicht gedeutet, erraten, sondern muß gelesen werden, ist also eine echte Schrift. Aber sie ist ans einer primitiven Bilderschrift entstanden und hat nach Form und Wesen eine lange Entwicklung durchgemacht, der es interessant ist nachzugehen. — Die ersten Versuche einer Schrift, in grauester Vorzeit geübt, sollen nach alter chinesischer Überlieferung geknotete Schnüre (quippns) gewesen sein, wie sie andere indochinesische Völker übrigens noch in historischer Zeit besessen haben. Manche nehmen an, daß die 64 sogen. Hexagramme (sechsstellige Kombinationen einer ganzen und einergebrochenen geraden Linie, die seit alter Zeit zum Wahrsagen gebraucht werden) eine Weiterbildung, sozusagen eine Stilisierung dieser Knotenschrift gewesen seien; doch in einigen davon wollen die Chinesen Bilder von Gegenständen erkennen, z. B. in dem Hexagr. ting "Dreifuß" Ö (spätere Schriftform Ljjj stellen soll. Wie dem sei, man war damit auf ein totes Geleise geraten; denn die eigentliche Schrift ist wenigstens der Form nach anscheinend nicht die Fortsetzung davon. Ihre Erfindung wird denn auch gewöhnlich in etwas spätere Zeit, ins 3. Jahrtausend v. Ehr., gesetzt und dem mythischen Ts'ang-kiet zugeschrieben, der nach den Fußspuren der Vögel die Schriftzeichen — also Krähenfüße! — gebildet habe. Er soll auch der erste Maler gewesen sein — ein bedeutsamer Zusammenhang, denn wie die älteste Schrift Malerei war, so hat sie späterhin wieder ans diese hemmend eingewirkt, indem sie ihr die Plastik raubte und nur die Kontur ließ. — Jene Tradition wird nun nicht allzuweit vom Richtigen entfernt sein; denn die Thatsachen — nämlich die wenigstens bis ins 18. Jahrh. v. Ehr., wenn nicht weiter hinaufreichenden geschichtlichen Aufzeichnungen und eine Anzahl nicht viel jüngerer Inschriften — zwingen doch wohl zu dem Schlüsse, daß die Chinesen mindestens im 18. vorchristlichen Jahrhundert, vermutlich früher, eine schon einigermaßen entwickelte Schrift besessen haben. Wenn einige annehmcn, daß sie erst im 9. Jahrh. v. Ehr. entstanden sei, so kann das ebensowenig überzeugen, wie die andere These, die sie aus der Keilschrift ableiten will. Diese älteste Schrift nun bestand hauptsächlich aus Bildern von Gegenständen und aus Symbolen. Die umgebende Natur, belebte und unbelebte, die Teile des Körpers, die Geräte u. s. w. wurden in rauhen Umrissen dargestellt, einfache Vorstellungen durch Striche oder durch Wendnng oder Kombination von Bildern ausgedrückt. Nase und Hund: tsch’eu "riechend"; i$rctu' ®anb Unb ^bsen: ts’i "Gattin" — "die Hand, die Samstag ihren Besen führt, wird Sonntags dich am besten karessieren"; j. "nach einer Erklärung = Mensch, eins und Mund, d. h. der allein etwas zu sagen hat: heu "Fürst". Umgewendet j. ssu "Beamter". Die Symbole sind gewöhnlich sehr treffend und zeugen namentlich oft von der feinen Naturbeobachtung des alten Bauernvolkes. Nicht selten sind sie poetisch und sinnig, wie Vogel auf dem Neste: 81 "Abend, Westen"; und zwei Strichen darüber): 8in "aufrichtig"; jj^ j. Weib und Kind: häo "lieben"; 3^ j. ver bundene Hände (vgl. unser Symbol): yeu "Freund". Nicht wenige endlich zeigen den chinesischen Humor, z. B. Izwei Weiber beisammen: wan "Zank"; Hand, die einen Schwanz packt: täi "ergreifen". So erzählt uns diese anscheinend so stumme Schrift die Kulturgeschichte des alten Chinesen und daneben ein gutes Teil seiner Weltanschauung. Man sieht zugleich an der knappen Skizzierung, daß man schon frühzeitig nicht nach getreuer bildlicher, sondern nach graphischer Darstellung strebte; mau wollte nicht zeichnen, sondern schreiben. — Aber man ist doch schon in der ältesten Zeit inne geworden, daß eine wirkliche Schrift mit Bildern und Symbolen allein nicht auskommen kann. Es giebt ja genug Wörter — z. B. die Partikeln — die sich auf keine dieser beiden Arten ausdrücken lassen. Also auch der Laut verlangte sein Recht. Da half man sich anfangs damit, daß man ein Bild oder Symbol auch für Wörter ganz anderer Bedeutung, aber desselben oder ähnlichen Lautes, also als Lantzeichen anwandte. Z. B.: j ^ ri, für die gleichlautende Partikel in "und"; j. bas Bild des Löffels, tschok (alt *tok) für das ähnlich lautende tiäo (alt *tek) "angeln". Es war ein immenser Fortschritt, die Entdeckung, daß das Wort auch ein lautliches Substrat, gewissermaßen auch einen Körper, nicht bloß eine Seele hat. Allein so fortgesetzt hätte diese Methode die Schrift vollends zu einem Rebus gemacht — Zeuge dessen z. B. die ebenso eingerichtete altjapanische Schrift, llnd so that man denn endlich den letzten Schritt, man setzte zu diesen phonetisch fungierenden Bildern ein sinnangebendes hinzu, z. B. zu tscliok, um den Begriff "angeln" auszudrücken, das Bild für "Metall" ^ j. : ^ j. Denselben Ausweg hat übrigens z. B. auch die Hieroglyphenschrift gefunden. Im Chinesischen entsprach das vielleicht auch einem Zug der Sprache. Denn auch diese liebt es, wenn das auch in ihrer ältesten Form nicht so hervortritt, dem speziellen Worte ein allgemeines, ein Gattungswort nach der Art unseres "Tannenbaum", "Walfisch" hinzuzufügen. Damit war also der Übergang von der Vorstellungsschrift zur Lautschrift vollzogen. Er fällt schon in die Zeit der ältesten Schriftdenkmale. Hier sind der so zusammengesetzten Zeichen noch wenige, aber die neue Erfindung erwies sich rasch als ungemein fruchtbar, und schon im 12. Jahrh. unserer Zeitrechnung betrugen die ans sinnund lautangebendem Bestandteil zusammengesetzten Schriftzeichen etwa °/i0 von allen, nämlich 21810 von 24235. Die chinesische Lexikographie hat dem Rechnung getragen, indem sie alle Schriftzeichen als solche Zusammensetzungen behandelt und unter 214 sinnangebeude (Klassenhäupter) einordnet. Die Lautbezeichnung durch die phonetischen Elemente ist allerdings meistens nur approximativ, so hat z. B. das Wort yäo als phonetisches Element die Lautwerte yao, nao, liiao, zao; allein abgesehen davon, daß viel davon auf Rechnung der Lautentwickelung geht — man vergleiche das Verhältnis der englischen oder französischen Schreibung zur Aussprache! — so muß man doch sagen, daß wohl das Höchste erreicht ist, was mit den Mitteln der Wortschrift zu erreichen war. — Hand in Hand mit dieser Entwickelung des Wesens ging die Entwickelung der Form, von der die Tafel Probe giebt. Wir können darin folgende Hanptphascn (nutzer der ältesten Schrift, kü-wen, wovon eine zusammenhängende Probe in Nr. 1 nebenstehender Tafel) unterscheiden, die aber alle noch jetzt in Druck nnd Schrift angewendet werden und nur sozusagen in Rangklasscn gegliedert sind: die tä-tscbuen, die ca. 800 v. Chr. aufkain und von der die sogen. "Siegelschrift", weil noch jetzt auf Siegeln angewendet, eine ornamentale Nebenform ist, — sie wie ihre etwa 200 v. Chr. auftauchende Vereinfachung, die siäo-tselruön (Nr. 2) noch unfrei, ohne Haarund Grundstriche, weil sie mit groben Bambuspinscln ans sprödes Material (Bambus u. s. w.) geschrieben oder mit dem Messer eingeritzt wurde — Jnschristenduktus. Die Erfindung des Haarpinsels — angeblich 220 v. Chr. —, welche die Ii-8ebü "Kurialschrift" (Nr. 3) und die ts'äo-seirü (Nr. 4) "Grasschrift", eine flüchtige Kursive hcrvorrief, milderte diese Härten wesentlich, aber erst die weitere Vervollkommnung des Schreibmaterials, in erster Linie die Erfindung des Papiers (104 n.Chr.) gaben diesen wesentlichen Verbesserungen die Vollendung. Im 4. Jahrh. entstand die k'iäi-sebü "Normalschrift", die als gewöhnlichste Druckschrift und sonst noch, z. B. in Eingaben an den Kaiser, verwendet wird, nnd endlich im 11. Jahrh. die ki'äi-billA-8oIiu (Nr. 5) oder "Normalkursive". Diese ist, wie mau mit Recht bemerkt hat, eine der anmutigsten Schriften, die es giebt, ja von geradezu künstlerischer Schönheit, weil sie das edelste Gleichmaß der Teile fordert und zeigt. So hat sie das Ziel erreicht, deni weniger erfolgreich — ausgenommen vielleicht die kiäi-schu — die älteren Formen zustrebten. Sie hat aber damit zugleich auch aufs höchste entwickelt ihren gewissermaßen mvnosyllabischeu Charakter: die beiden Bestandteile der Zeichen: sinnund lautangebender, schmiegen sich innig an, verwachsen zusammen, wie in der Sprache die zweisilbigen Komposita von jeher zu Einsilblern verschmolzen sind. Und so ist die chinesische Wortschrift — die übrigens durchaus nicht ungeschickt oder unpraktisch ist, kann man sie doch sogar, und ans eine sehr einfache Weise, zum Telegraphieren verwenden! — so ist sie überhaupt das organische Produkt und der zweckmäßigste äußere Ausdruck einer Sprache, der das Wort, nicht der Laut, als letzte phonetische Einheit gilt und wo die Homophonie der Wörter eine Buchstabenschrift mindestens undeutlich machen würde. Nur eine solche Schrift, die über den Launen der vielgestaltigen Aussprache innerhalb desselben Sprachkörpers steht, vermag allen seinen Gliedern als Interpret zu dienen für seine höchsten Güter, die niedergelegt sind in seiner Litteratur. Für die weiteste Verbreitung dieser Litteratur sorgt dann die Buchdruckerkunst, die in China schon im 7. Jahrh. n. Chr. erfunden worden ist, aber erst seit dem 10. dauernd und allgemein gebraucht wird. Man übt indessen nur den Plattendruck; bewegliche Lettern (huot-pän "lebende Platten") sind zwar schon seit dem 9. Jahrh. bekannt, haben aber trotz der Bemühungen der Jesuiteumissionare im 17. Jahrh. nicht die Herrschaft zu erringen vermocht. Die chinesische Citteratur. Die chinesische Litteratur gehört zu den reichsten, die es giebt. Nicht etwa nur durch die Masse ihrer Produkte — obwohl die von den wenigsten Litteraturen erreicht, vielleicht von keiner übertroffen wird —, sondern auch nach Stoff und Inhalt, also nach ihrem Wert: sie hält nicht bloß das Zählen und Wiegen, sie hält auch das Wägen ans. Denn wohl auf den meisten Gebieten menschlichen Denkens und Wissens hat sich auch der chinesische Geist, und noch dazu ganz selbständig, versucht: Philosophie und Philologie, Astronomie, Mathematik, Jurisprudenz, Geschichte und Geographie, Kunstgeschichte und schone Litteratur — sie alle und viele andere Fächer noch sind durch zahlreiche und tüchtige, ja oft bedeutende Werke vertreten, und ein großer Teil dieser Fächer ist auch nach allen Richtungen hin bearbeitet. So hat z. B. die chinesische Philosophie ihren Optimismus und Pessimismus, ihre Realisten, Idealisten, Cyniker und Theosophen so gut wie die europäische. An sittlichem Werte steht diese Litteratur den übrigen sicherlich gleich, ja sie ist — mit Ausnahme eines Zweiges, der aber, vielleicht mit deshalb, nicht zur höheren Litteratur gerechnet wird — völlig x,_ retit. Hub hier wie bei uns finden wir wahre und tiefe Empsindung, Liebe, Treue, Sehnsucht und Entsagung, tiefen Ernst und leichten Scherz, Pathos, Witz, Humor und Spott, und staunend erkennen wir, daß auch unter der Seidenjacke ein Menschenherz schlägt, daß auch der Chinese von sich sagen darf: liumani nil a me alienum puto. Uiib dennoch — wenn eine Litteratur ganz nur sich selber gleich ist, so ist es diese! Das zeigen höchst charakteristisch schon ihre ersten Anfänge. Denn nicht, wie sonst wohl bei jngend> lichen Kulturvölkern, mit dem Epos beginnt sie, sondern aufs höchste — wenn sie wirklich das älteste wären — mit ein paar friedlich-nüchternen Opferliedern an die Geister der Ahnen, — Liedern, die um einen ganzen Himmel entfernt sind von den glühenden Hymnen der Inder —, oder wahrscheinlicher noch, mit Geschichtschreibung oder vielmehr Staatsmoral; ruhig und gesetzt, altbärtig und wohlweise tritt sie in die Welt, sie beginnt, wo andere ungefähr aufhören. Echt chinesisch! wird man hier sagen — und diesmal mit Recht. Denn dies kommt nicht daher, daß etwa Vorstufen verloren gegangen wären, auch nicht, wie man gemeint hat, daher, daß die Mythologie gefehlt hätte (was gar nicht der Fall ist): zügen der chinesischen an plastischer Ge301  Die vorklassische Litteratur.  302 staltungskraft und dem Überwiegen des NüchternPraktischen, Verstandesmäßigen. Diese beiden durchdringen alle Gebiete der Geistesbethätignng des Chinesen. Darum sind seine mythischen Wesen blntund farblose Schemen, seine Götter gleich der "wohlbekannten Schar, die schwebend sich im Dunstkreis überbreitet",— nicht einmal "gasförmige Wirbeltiere" —; darum ist seine Religion im letzten Grade nur ein Schamanismus, aber aufs höchste veredelt: zur praktischen Sittlichkeit nämlich, und ihr Ziel ein glückliches Diesseits. Darum hat ferner feine Malerei — samt der Plastik, die er aber dem Auslande dankt — niemals ein Historienbild großen Stiles oder ein Werk hervorgebracht, wie es begeisterter Glaube schafft, sondern nur Einzelfiguren, Genrebildchen, Idyllen; sie sieht nur, oft mit erstaunlicher Schärfe, das Detail, das Charakteristische, besonders das Äußerliche, aber der Blick für das Ganze fehlt — es ist, neben dem Mangel der Inspiration, sozusagen ein Mangel an Perspektive, an dem sic leidet. Dieser letztere im wesentlichen ist es auch, der Gottesdienst und Ceremoniell, Größtes und Kleinstes, als gleichwertig zusammengeworfen hat. Und auf jene Grnndanlagen geht es zurück, daß auch die Sprache so eigenartig ist: generalisierend, mit sozusagen abstrakten Wörtern ohne Persönlichkeit, ohne Individualisierung, mehr durch logisches Denken als durch Formen verständlich, und eben darauf geht es zurück, daß auch die Schriftzeichen eher eine Definition, als eine plastische, körperliche Darstellung der Wörter geben. Und so ist es denn auch mit dem Zwillingsschößling der Sprache: mit der Litteratur. Wie man bemerkt haben wird, fehlt ihr ein ganzes, anderswo so reichbestelltes Gebiet: die Theologie. Sie muß wohl fehlen, weil keine eigentliche Religion, vor allem keine offenbarte, vorhanden ist. Dafür ist einerseits die Philosophie, und zwar fast immer als praktische Moralphilosophie, und andererseits die Etikettenlehre aufs Höchste ausgebildet. Auch die reichentwickelte Geschichtschreibung mag bis zu einem gewissen Grade dazu, gehören, weil sie doch mit vom Ahnenkultus hervorgernfen sein wird; hochentwickelter historischer Sinn, wie ihn der Chinese hat, hängt ja wohl überall mit diesem zusammen. Doch wirkt hier auch stark der Sinn sür das Thatsächliche mit. Wie nun sie in der gleichmütigen Nebeneinanderstellung von Wichtigem und Unwichtigem u. dergl. ebenfalls jenen Mangel an Perspektive zeigt, so vergleicht sich die Poesie ohne weiteres der Malerei: auch in ihr keine stürmende Leidenschaft, kein hinreißender Schwung, sondern ruhige, wenn auch oft tiefe Empfindung, freundliches, friedliches Stillleben zumeist. Dabei ist ein großer Prozentsatz der Gedichte didaktisch, und gerade diese Gattung ist sehr beliebt; hat man die Poesie doch direkt als ein "Produkt ernsten Nachdenkens" bezeichnet! So spielt auch in dieses Reich die nüchterne Verstandesmäßigkeit hinein. Ta ist es kein Wunder, daß die praktischen und lehrhaften Disziplinen wie Astronomie, Mathematik, dann Philosophie, Geschichte, Geographie u. s. w. den weitaus größten Teil der Litteraturprodukte ausmachen. So klingen schließlich auf ihrem ganzen Gebiet ans allen Akkorden jene zwei Grundtöne heraus. Aber andererseits — trotz dieser Einseitigkeit eine solche Vielseitigkeit! Man wird in der That weit suchen dürfen, bis man eine zweite Litteratur findet, die mit so beschränkten inneren wie äußeren Mitteln so Großes geleistet hat. Indessen würde man irren, wenn man den Chinesen die Phantasie ganz absprüche. Sie ist unzweifelhaft vorhanden und schon durch sehr alte Werke beglaubigt —wenngleich auch sie etwas Unplastisches und dafür umsomehr Ausschweifend-Groteskes hat, mehr Phantastik ist—, ja sie alterniert sogar mit der verstandesmäßigen Richtung; denn einer langen Litteraturperiode giebt sie die Signatur, um dann wieder von jener abgelöst zu werden und nur noch auf der Wildbahn nebenherznlanfen. Dadurch könnte man sich nun versucht fühlen, hierauf die Einteilung der chinesischen Litteraturgeschichte zu gründen. Aber es ist doch auch noch Anderes zu berücksichtigen: kulturgeschichtliche, soziale, politische Strömungen, Sprachentwicklung. Danach scheint sich die Einteilung in folgende Perioden zu empfehlen (die nur der Einfachheit wegen nicht noch weiter zerlegt werden): 1.) Periode der vorklassischen Litteratur, von ca. 2000 bis ca. 600 vor Chr.; 2.) Periode der klassischen Litteratur, von ca. 600 bis ca. 200 v. Ehr.; 3.) Periode der Dichtung, ca. 200 v. Chr. bis ca. 1000 n. Chr.; und 4.) Periode der Erstarrung, ca. 1000 n. Ehr. bis jetzt. Erste Periode. Die vorklassische Litteratur. Die Chinesen freilich teilen ganz anders ein: in kanonische Bücher (lang), Geschichte (ssü), Philosophie (tsü) und Schöne Litteratur (tsip). Aber eine Geschichte der Littcratur kann damit nichts anfangen, wenn sie nicht auf alle Übersichtlichkeit und auf die Darstellung der Entwicklung verzichten will. Ein Stück Weges jedoch gehen beide zusammen. Denn an die Spitze stellen die Chinesen die ngü lang und ssü scliü, die "5 kanonischen" und die "4 heiligen Bücher", d. h. die heiligen Schriften des Confucianismus, die, mittelbar oder unmittelbar von Confucius herrührend, die Grundlagen ihres Glaubens und ihrer Weltanschauung bilden, — und zu den ngü lang gehören auch die ältesten Werke der chinesischen Litteratur. 1. Das älteste wieder von ihnen mag das Schn-ktng, das "kanonische Buch der Urkunden" sein, welches geschichtliche Dokumente von angeblich ca. 2300 v. Chr. bis zum Ende des 7. vorchristlichen Jahrhunderts enthält. Man hat die Echtheit seiner ältesten Teile bezweifelt und möchte die beglaubigte Geschichte Chinas erst mit dem 9., allenfalls dem 11. Jahrh. v. Chr., mit dem Auftreten des Kaiserhauses der Tschen, beginnen lassen. Mit Recht, was die zusammenhängende Geschichte betrifft. Aber es erscheint doch sicher, daß es mehrere Dynastien vor den Tschen gegeben hat, und daß etliche echte und auf gleichzeitigen Urkunden beruhende Dokumente von ihnen im Schü-ktng enthalten sind; einzelne davon mögen wohl bis zum Anfang des 2. Jahrtausends hinaufreichen. Wer nun aber im Schn-ktng 303 Die chinesische Litteratur. C3C3t3EC3BBC3KC3£3C3C3Et3BC3SBC3BC3BBl3 304 eigentliche Geschichte sucht, wird sehr enttäuscht werden. Denn seinen Hauptinhalt bilden vielmehr Reden und Erlasse der alten Kaiser und Fürsten über Staatsweisheit und Moral, und wenn geschichtliche Thatsachen erwähnt werden — wobei öfters das charakteristische Nebeneinander von Wichtigem und Unwichtigem zn beobachten ist —, so geschieht es vielleicht weniger um ihrer selber willen, als um jene Reden daran anzuknüpfen — ganz ähnlich, wie die chinesische Erörterung überhaupt von Thatsächlichem auszugehen liebt. So enthält das Schn-klug weniger objektive, als reflektierte Geschichte, ist viel mehr ein Lehrbuch der Staatsmoral, als der Geschichte, viel mehr ein didaktischlyrisches, als ein historisches, ein episches Werk. Freilich ist es von Cvnfncius redigiert, und tendenziös redigiert worden; er hat aus den alten Urkunden diejenigen ausgewählt, welche ihm ani besten die Lehren des Altertums zn predigen schienen, die auch die seinen waren. Ob es jedoch erst dadurch diesen Charakter bekommen hat, ist zweifelhaft. So ist es mitunter ermüdend zu lesen, aber für manche Eintönigkeit entschädigen reichlich Stellen wie die folgende (die man freilich für eine Rekonstruktion ans sehr später Zeit erklärt hat, die aber schon von Confucius citiert wird); sie ist ans der Ansprache eines Kaisers aus dem 18. Jahrh. v. Ehr. an die Fürsten: "Es ist verliehen worden mir dem Einen Mann, Eintracht und Frieden zu geben euern Staaten und Häusern. Nicht weih ich nun, ob ich nicht fehlen mag gegen Die droben und drunten; besorgt bin ich und angstvoll zage ich, gleich als sollt' ich in einen tiefen Abgrund stürzen. In allen Staaten, die nun neu unter mir beginnen, nicht wollet, ihr Fürsten, üblen Wegen folgen, nicht wollet euch wenden zu liederlicher Ausschweifung; sondern haltet euer Jeglicher seine Gesetze, auf daß wir den Segen des Himmels empfangen. So ihr Gutes thnt, nicht will ich es zn verbergen wagen; so an meinem Leibe Schuld erfunden wird, nicht will ich sie mir zu vergeben wagen: sondern ich will dieses Alles erforschen nach den Gedanken Gottes. Fehlet Einer unter euch, die ihr dies weite Reich bewohnet, so falle die Schuld auf mich, den Einen Mann; fehle ich, der Eine Mann, so soll es nicht an Euch, die ihr dies weite Reich bewohnet, gerochen werden. O lasset uns trachten nach Aufrichtigkeit in diesem, so wird sich auch Alles glücklich vollenden." Zugleich der Gegensatz und das Gegenstück zum Schü-ktug ist das "kanonische Buch der Lieder", das Sch l-ktng, an Würde und Alter das nächste, denn es enthält Lieder aus fast diesem ganzen Zeitraum, wenn auch nur 5 oder 6 von den 306 aus dem 18.—13. Jahrh. stammen. Der Gegensatz des Schü-king — denn nicht bloß die Form ist anders. Dort hören wir die Herrschenden, hier spricht zumeist das Volk; dort ist die graue Theorie, hier das Leben, das China, wie es war, nicht wie es sein sollte, ein farbenreiches Bild seiner Kultur und Sitte; dort der Text, hier die Illustration — und der Kommentar, und oft ein recht bitterer Kommentar. Denn in der That — und schon deshalb ist es eben auch das Gegenstück zum Schn-ktng —, das Liederbuch enthält soviel Geschichte wie jenes. Der Chinese ist ein fcoov no).niy.6v im höchsten Grade. Er geht im Staate auf; denn der Staat ist ihm eine Verkörperung seiner religiösen Anschauungen, der Staatsdienst eine Form der Religion — nebenbei bemerkt, ein Hauptgrund, und ein sehr berechtigter, zum Widerstand gegen die Missionierung; denn wer ihm seine Religion antastet, untergrübt seinen Staat. Darum ist ihm also ein politisch Lied kein garstig Lied, sondern er hat von jeher gern und bewußt seine Lyrik zn den Zeitereignissen in Beziehung gesetzt. So sind denn auch eine große Anzahl der Schi-kingLieder direkte politische Kundgebungen. Mahnend, warnend, klagend, ironisch oder mit beißendem Spott, und immer höchst freimütig, weisen sie auf die Schäden und Mißgriffe der Regierung hin. Jetzt wird das irreligiöse Benehmen des Königs, das böses Beispiel giebt, jetzt seine Zügellosigkeit, jetzt des Fürsten unzeitige und darum verwirrende Geschäftigkeit getadelt oder das schamlose Treiben bei Hofe verdammt, dann wieder die Ranbsncht oder Faulheit der Beamten gegeißelt. Hier tönt die Mahnung an gerechtes und mildes Regiment, die Warnung vor der unausbleiblichen Strafe des Himmels, dort vernehmen wir Klagen über die Lauheit bei den Wirren der Zeit, über die unmäßige Last des Dienstes, zumal Kriegsdienstes, die keine Zeit läßt, der höchsten Pflicht, der gegen die Eltern, zn genügen, und häufig und ergreifend sind die Klagen über den Verfall des Staates, wie folgender Auszug zeigen möge: Der milde Himmel zürnt ergrimmt, Der Himniel schickt, was uns vernichtet. Er peinigt uns mit Hungersnot, Rings wandert aus das Volk und flüchtet, Heimat und Grenzen sind zu Grund gerichtet. Der Himmel wirft sein Strafnetz auS: Freßwürmer, die ani Innern zehren, Dummköpfe, Harte, Leut' ohn' Ehren, Verwirrungstifter, Rechtsverdreher — Die herrschen, unserm Lande Zucht zu lehren. Empfingen Könige vordem ihr Amt, So gab es des Schao-Fürston Gleichen, Die fügten täglich hundert Li zum Reich, Jetzt — täglich mindern sie um hundert Li das Reich. O weh der jammervollen Lage! Ist von den Männern dieser Tage Denn keiner mehr den Alten gleich?*) Doch auch das Licht fehlt nicht: die Lobgesänge ans gute Fürsten; und oft merkt man ihnen an, daß sie recht aus dem Herzen des dankbaren Volkes kommen, wie das schlichte Liedchen: Den schattenreichen Sorbenbaum, — Nicht hauet ihn, nicht ihn zcrkcilt! Schaos Vater hat an ihm geweilt. Den schattenreichen Sorbcnbaum, — Nicht hauet ihn, kein Leid ihm thut! Schaos Vater hat an ihm geruht. Den schattenreichen Sorbenbaum, — Nicht hauet ihn, beugt keinen Ast! Schaos Vater war bei ihm zu Rast. *) Die Schi-king-Citatc stammen aus der vortrefflichen, so getreuen wie geschmackvollen Übersetzung von Victor v. Strauß: Schl-kmg. Das kanonische Liederbuch der Chinesen. (Heidelberg 1880.) Andere endlich, und es sind nicht wenige, knüpfen nur an die politischen Sänfte an: die Lieder der Soldaten im Grenzhcere, die eine alte Mutter, eine Braut verlassen mußten, um gegen die Hunnen zu fechten, das sehnsüchtige Lied der Frau, der der Gatte im Königsdienste zurückgehalten wird, u. a. m. So geben diese direkt oder indirekt politischen Gedichte ein getreues, oft erschütterndes Bild der chinesischen Geschichte, so getreu, daß sie mitunter die Lücken des Schü-klng ausfüllen lassen; und gleich diesen sind sie reflektierte — nur in anderem Spiegel reflektierte — Geschichte, und in didaktisch-lyrischer Form. Daneben aber, wenn wir von den "Feiergesängen" absehen, die beim fürstlichen Ahnenopfer erklangen, findet sich ein gut Teil Lieder, in denen gar nichts Politisches zu spüren ist (wenn das auch die chinesischen Interpreten nicht zngeben wollen), sondern nur das rein Menschliche, Lieder, in denen das frohe oder betrübte Menschenherz seine einfache und doch so verständliche Sprache redet. Meist sind es Liebeslieder, und dies uralte Thema wird so gründlich und vielseitig abgehandelt, wie wir's den Chinesen gar nicht zutrauen; wir bekommen ordentlich Respekt vor ihnen. Da ist Neckerei und Spott und Schmollen, da ist Eifersucht, da prahlt Einer mit seinen "drei Brauten", an denen natürlich kein wahres Wort ist; da giebt es Tagelieder, Stelldicheins im Walde; da erscheint gar die alte Jungfer und mahnt herzbeweglich: Geschüttelt sind die Pflaumen, llnd übrig sind noch sieben, oh. Die ihr mich wollt, ihr jungen Herrn, Jetzt ist die Zeit zum Lieben, oh. Und ans der andern Seite, wie ergreifend ist die Klage der Verlassenen: einst sorgt' ich angstvoll mich um's Nöt'ge bleich, Versank in Not mit dir zugleich; Jetzt kannst du leben, bist du reich, llnd ich bin dir dem Gifte gleich" — wie ganz vom Zauberlichte mädchenhafter Scham und Unschuld umstrahlt ist die "Mädchenbitte": ich bitte, Tschung-tse, höre mich! Steig über unfern Wall nicht wieder, Brich nicht die Manlbeerpflanzen nieder! Wie wagt' ich cs und liebte dich? Ich fürchte meine altern Brüder. Du, Tschnng, magst mir im Sinne sein, Doch vor der altern Brüder Reden Mag ich der Furcht wohl inne sein." Und wie rühreitd endlich in seiner stillergebenen Trauer das Lied der treuen Witwe: "Das Kö wächst über'n Strauch herein, Die Winde schlingt sich fort im Frei'n. Mein Vielgeliebter ist nicht mehr; Wer ist noch mein? Ich bin allein. Das Kö am Dorn wächst kräftiglich, Die Winde schlingt um Gräber sich. Mein Vielgeliebter ist nicht mehr; Wer ist noch mein? Allein steh' ich. Der Pfühl fürs Haupt, so schön und fein! So reich der Decke Slickerei'n! Kürschner. China I. Mein Vielgeliebter ist nicht mehr; Wer ist noch mein? Mir tagt's allein. * * * Nach manchem Sommertag, Nach mancher Winternacht, Wohl hundert Jahre hinterdrein, Geh' ich, wo er nun Wohnung macht. Nach mancher Wintcrnacht, Rack manchem Sonnnertag, Wohl hundert Jahre hinterdrein. Geh' ich zu ihm in sein Gemach." Neben dieser Liebeslyrik, die sich noch viel genauer spezifizieren ließe und deren ein großer Teil bezeichnenderweise von Frauen herstammt, giebt es dann allerlei Anderes: Arbeitslieder, Lob des Ackerbaus, Trutzliedchen u. dgl. mehr. Die meisten der Lieder sind kurz, mit ein paar Strichen hingeworfeite Bildchen, viele gewiß Kinder des Augenblicks, Improvisationen; denn der Chinese hat eine behende Zunge und, wie wir von andern alten Liedern wissen, bei denen noch die Entstehung angegeben ist, zumal der Spottvers sitzt ihm so locker, wie einst dem Italiener das Sonett, oder noch besser, wie dem Älpler sein Schnadahüpfl. In der That, Schnadahüpfeln gleichen sie vielfach auch in der Form, — und nicht zum wenigsten darin, daß sie wie jene (z. B. das steirische "Zwoa schwarzbraune Kirschkerit, un's Dirndl Hot mi kreuzgern" t>. s. w.) so gern an eine Erscheinung der Natitr anknüpfen, die ein näher oder ferner liegendes Gleichnis enthält. Dergleichen ist ja auch unserer Lyrik geläufig, um Stimmung zu machen, und hie und da entspricht ein solcher chinesischer Vergleich völlig dem unfern, z. B.: "Stark fiel der Reif zur Sommerzeit, mein Herz ist weh vor Traurigkeit". Aber es ist ganz speziell die Art eines Volkes, das ganz mit der Natur lebt, eines Bauernvolkes; und vielleicht kein Bauernvolk, uns Deutsche ausgenommen, hat das so innig gethan und sie so fein und liebevoll beobachtet, wie die Chinesen. Besonders das Tierleben ist ihnen ein unerschöpflicher Quell solcher Vergleiche. Die eigenartige und fast in allen diesen Liedern wiederkehrende Variation des Themas aber mag vielleicht der Melodie zuliebe gemacht sein, die man gern noch einmal sang — denn gesungen wurden die Lieder —; zugleich aber scheint sich hier die oben erwähnte Vorliebe für den Parallelismus gütlich gethan zu haben, denn solche Lieder sind formell nichts anderes als regelrechte Parallelsätze. Gelegentlich kommt übrigens auch bei uns dergleichen vor, z. B. in G. Pfarrius' Liede "Am Felsenborn". Das äußere Mittel der chinesischen Poesie, und so auch dieser Lieder, ist der Reim (nur wenige sind ungereimt). Er — sowie das Wortspiel, das der Chinese auch sehr liebt — bietet sich ja in einer Sprache, die so reich an Homophonen ist, von selber dar. Sonst unterscheiden sie sich äußerlich wenig oder gar nicht von der Prosa; denn der Vers ist in der Regel viersilbig, und dies ist auch dort der beliebteste Rhythmus. Aber man sieht vielleicht doch auch an den wenigen Proben schon, daß sie weit mehr sind als gereimte Prosa. — 20 °07 E Die chinesische Litteratur.  308 Ist gleich dem Schu-king auch das Liederbuch, und zwar nach Text wie nach Melodie, von Confueius redigiert resp. in seine jetzige Gestalt zurechtgestrichen (und dabei vielleicht ein Schatz uralter Volkspoesie, angeblich mehr als dritthalbtausend, der ewigen Vergessenheit überliefert) worden, so gilt dies, entgegen der einheimischen Ansicht, wohl nicht von den übrigen Werken der klassischen Litteratur: dem Aik-ktng oder "kanonischen Buche der Wandlungen" und den Ritualbüchern. Das erstere betrachten die Chinesen als ihr ältestes und verehrungswürdigstes Buch. Denn es ist nicht bloß das dunkelste, sondern auch das einzige, das durch übernatürliche Mitwirkung entstanden sein soll, — indem nämlich ein geheimnisvolles "Drachenpferd" dem mythischen Autor, einem chinesischen Nostradamus, die Grundlagen dazu gebracht habe. Also doch eine Offenbarung? Allerdings, aber keine sehr deutliche, und vor allem nicht Religion, sondern Philosophie. Denn seinen "Grundtext" (dem Kommentare aus dem 12. bis ca. 4. vorchristlichen Jahrhundert angefügt sind) bilden die schon erwähnten Hexagramme, und diese sollen durch die verschiedenartige Kombination der ganzen und gebrochenen Linie als der Repräsentanten des männlichen und weiblichen Urprinzips alle Beziehungen des Universums formelhaft versinnbildlichen und so die Urkeime aller Philosophie, Moral, Staatsweisheit, aller Wissenschaften u. s. w. enthalten. Daher haben später die meisten philosophischen Systeme daran angeknüpst. Zugleich wird das Werk, wie erwähnt, seit ältester Zeit auch zum Wahrsagen gebraucht — ganz ähnlich übrigens, wie bei unfern Altvordern oft die Bibel. Was das Buch wirklich bedeutet, ist noch zweifelhaft. Am bestechendsten erscheint die neueste Hypothese, daß die Hexagramme uralte Schriftzeichen seien, deren Bedeutung ihre von dem ältesten Kommentar zugefügten "Namen" angeben; dann wäre es ein Handbuch der Philosophie und Staatsmoral in Stichwörtern, und zwar derselben Staatsmoral, die seit der Tschen-Zeit geltend war. Aber warum sollte ein Volk, dem die Pflanze, aus der man die Losstäbchen schnitt, und die Schildkröte, aus deren Schalenzeichnung man Orakel ablas, für beseelte, "heilige" Wesen galten, nicht auch ein uraltes heiliges Orakelbuch besitzen? Wie dem sei, in keinem Falle gehört das Werk an die Spitze der Litteratur. Viel begründeteren Anspruch auf den Namen einer chinesischen Bibel haben die Ritualbücher: das (wohl mit Unrecht von Einigen als spätere Fälschung aufgegefaßte) Tscheu-li, das Ngi-li und namentlich das Li-ki — dies erst in späterer Zeit, aber sicherlich zum großen Teile nach alten Vorbildern zusammengestellt. Sie alle handeln vom Li. Es giebt kaum ein Wort, das mit so wenig Lauten einen so weiten Begriff bezeichnete. Gewöhnlich wird es durch "Ceremoniell", "Etikette", wohl auch durch "Ritus" oder "Schicklichkeit" übersetzt. Aber das alles deckt bei weitem nicht. Denn li umfaßt, wie schon das Schriftzeichen augiebt, das aus dem Symbol für Gottheit und dem Bild einer Opfergabe besteht, alles was dem Chinesen Religion ist: die Pflichten gegen die Gott heit, gegen den Staat, gegen den Nebenmenschen, die Summe seiner ethischen und moralischen Forderungen; aber freilich gehört ihm auch die präzise Erfüllung äußerer Formen, der "gute Ton in allen Lebenslagen" zu ihnen, ja er nimmt einen sehr breiten Raum darunter ein. Der Chinese hat eben eine Vorliebe für Äußerliches und Detail, und überdies fließt ihm ja Großes und Kleinstes, hier also Form und Gehalt, Ethik und Etikette, leicht ineinander. Dafür giebt gerade das Li-ki eklatante Beispiele genug, so z. B. wenn es direkt hintereinander vvrschreibt: "Der Knabe schaue immer nur, was ohne Trug ist (Rechtschaffenheit). Der Knabe unter fünfzehn trage nicht Pelzjacke noch Schurz; wenn er steht, so sei es gerade und korrekt, nicht höre er mit geneigten: Kopfe." Vieles von dem, was jetzt als Äußerliches erscheint, mag allerdings ehedem einen höheren Inhalt gehabt haben, mag Symbol gewesen sein. Aber der Buchstabe tötet; was formelhaft fixiert ist, hat Neigung so zu erstarren, veräußerlicht zu werden. In welcher Religion wäre das nicht geschehen? Und so mögen gerade die Ritualbücher, vorab das Li-ki, dazu beigetragen haben, daß den Chinesen häufig die Sittlichkeit in der Sitte verkörpert, die Religion zur Schicklichkeit verblaßt ist. Zweite Periode. Die klassische Litteratur. Das Li-ki bildet nun auch Vermittler und Bindeglied zwischen der besprochenen und der nächsten Periode, denn es kodifiziert neben den Bräuchen ältester Zeit auch die der klassischen; und es stellt sich gewissermaßen als eine Versöhnung der streitenden Gedankenkreise der letzteren dar. Dieser Streit und überhaupt die ganze Litteraturentwicklung der folgenden Zeit wird nur verständlich durch die geschichtliche und soziale Entwicklung dieser Epoche. Wie schon die jüngeren Lieder des Schi-klug zeigen, fing der Staat der Tscheu — ein Feudalstaat — im 9. Jahrh. v. Chr. zu verfallen an. Die Lehensfürsten, zumal der Grenzproviuzen, die durch Aufsaugung der umwohnenden Barbaren stark und stärker geworden waren, emanzipierten sich immer mehr von dem Throne, auf dem überdies nieist liederliche Schwächlinge saßen, die kleinen erlagen den größeren, diese den größten: kurz, es begann eine neue Phase des allgemeinen historischen Prozesses, der die Horden zum Staate, die Staaten zum Reiche, zum Volksreiche zusammengefaßt, um je nachdem mit dem Weltreich zu enden. Es war in jeder Weise ein Kultursortschritt, aber er vollzog sich hier in besonders harter Weise. Beständige Kriege und Fehden, Unsicherheit des Lebens und der Nahrung, bitterste Not im Volke, in den Palästen aber Schwelgerei und jegliche Üppigkeit, dazu, was das Schrecklichste war, der Rechtsvergang und Sittenverfall, das sind die hervorstechenden Züge der Zeit bis ins 3. Jahrh. hinein. Das Volk litt furchtbar, manche glaubten das Ende der Welt herbeigekommeu, und durch alle Schichten ging ein Stöhnen nach Erlösung, nach dem Retter, der die goldenen Tage des Altertums wiederbrächte. Anderswo hätten solche Zeiten eine Religion geboren, hier entstanden, das^ chinesische Äquivalent einer solchen, moralphilosophische Systeme. Sie sind es, in denen man das Heil suchte, und es ist bezeichnend, daß in mehreren davon die Rechte des Volkes stärker als je betont werden, und so auch in der Litteratur die demokratische Strömung hervortritt, die in der Politik bald darauf den Sieg erringen sollte. Die Philosophie also giebt der klassischen Zeit, diesem Reformationszeitalter Chinas, das Gepräge. Die größten (und mit einer Ausnahme auch die ersten) dieser Reformatoren aber sind Confucius (K'üng-tsü) und Läo-tsu. Es würde viel zu weit führen, sollten die Lehren dieser beiden hier genau auseinandergesetzt werden. Conßicius hat die seiuigen überhaupt nicht in ein System gebracht. Denn das einzige Werk, das er geschrieben hat, das Tsch'ün-ts'ien, ist eine Geschichte seines Heimatstaates L u in Schantung — ein großartiges Werk, wenn man nach der höchst plausibeln Hypothese Wilhelm Grubes den bisher einem sonst ganz unbekannten Autor zugeschriebenen Kommentar dazu als die eigentliche Arbeit des Meisters ansieht. Seine philosophischen Lehren aber muß man sich ans drei anderen Werken abstrahieren, die unter seinem Namen gehen, aber erst von seiner Schule znsammengestellt sind: den "Gesprächen" (Lün-iü), der "Lehre von der rechten Mitte" (Tschüng-yüng) und der "Großen Lehre" (Tä-hiok). Und da ergiebt sich denn, daß sie nichts Neues, sondern lsn wesentlichen eine Wiederbelebung der Weltanschauung sind, die in alter Zeit und zwar bei den Gründern der Tscheu-Dynastie herrschend gewesen war; er war ein Erneuerer, kein Neuerer, oder, wie er sich selber nennt, "ein Uberlieferer und nicht ein Schöpfer". Es ist praktische Sittlichkeit, Staatsmoral, was er lehrt; er fordert höchste Selbstvervollkommnung, aber weniger um ihrer selbst willen, als im letzten Grunde damit man die fünf Grnndpflichten erfüllen könne, auf denen der Staat beruht. Wenn er aber i>abei einen hohen Wert auch auf peinlichste Beobachtung der Etikette legt — er selbst ein Formenkrämer ersten Ranges! —, so ist es doch wahrlich kein niederes Ziel, das er sonst steckt, seine Ethik stellt Ansprüche an den Menschen: "Treue und Aufrichtigkeit seien dir das Höchste!" — "FehlerHaben und sie nicht ablegen, das wohl heißt Fehler haben". — " Güte vergilt mit Güte, Feindschaft mit Gerechtigkeit!" — -Das Rechte sehen und es nicht thun, ist Feigheit." — "Der Weise und der Tugendhafte suchen nicht auf Kosten ihrer Tugend zu leben; sie werden sich töten, um ihre Tugend ganz zu erhalten." — Und endlich, was er zuerst in China ausgesprochen und selber als einen Kardinalpunkt seiner Lehre bezeichnet hat, die goldene Regel der "Gegenseitigkeit": "Was du selbst nicht wünschest, das thu' nicht andern an!» Neben diesen finden wir noch eine Fülle von bedeutenden, wahrhaft weisen und edlen Aussprüchen, wie KB. das an Lessings bekanntes Gebet erinnernde schöne Wort: "Aufrichtigkeit ist der Weg des Himmels, das Streben nach Aufrichtigkeit ist der Weg des Menschen." Aber freilich, im ganzen ist es eine kühle, korrekte, steifleinene und nüchterne Lehre, die er predigt; auch das Moralische ist ihm eher eine Forderung des Verstandes, als des Herzens. Und gerade in diesem ihrem Charakter liegt wohl das Geheimnis des Erfolges ohne Gleichen, den sie bald gewann. Man spricht so viel davon, daß Confucius durch diese Lehre das Chinesentum geradezu geknebelt und jede freiere Entfaltung seines Wesens erstickt habe. Aber warum nahm sie der Chinese so bereitwillig an und bewahrte sie so dauerhaft, wenn sie ihm widerstrebte? Nein, gerade sie entsprach ja dem Ideal, das sich seine Ahnen, und als den Ausdruck ihres eigensten Wesens, geschaffen hatten, und darum mußte es auch dem Erben dieses Wesens kongenial sein. Dazu die Persönlichkeit des Meisters, des "ungekrönten Königs", der ihnen nach seinerganzen Denkweise als eine Verkörperung chinesischer Art, ein chinesischer Luther, erscheinen mochte. Aber freilich, man muß dies alles vielleicht auf die höheren Stände beschränken; denn Confucius' Lehre war im Grunde aristokratisch. Eine Lehre, die mehr dein Volke Rechnung trug, mußte ihr, besonders damals, ernstlich Konkurrenz machen. Und eine solche nahm ihren Anfang durch des Confucius wenig älteren Zeitgenossen, durch Läo-tsü. "Es gab ei» Wesen, unbegreiflich vollkommen, ehe denn Himmel und Erde entstanden. So still! so übersinnlich! Es allein beharrt und wandelt sich nicht. Durch alles geht's und gefährdet sich nicht. Man darf es ansehen als der Welt Mutter. Ich kenne nicht seinen Namen; bezeichn' ich es, nenn' ich's Tao. Bemüht, ihm einen Namen zu geben, nenn' ich's Groß; als groß nenn' ich's Überschwänglich; als überschwänglich nenn' ich's Entfernt; als entfernt nenn' ich's Zurückkehrend." — "Der Welt Allernachgiebigstes überwältigt der Welt Allerhöchstes. Das Nichtseiende dnrchdringt das Zwischenraumlose. Daraus erkenne ich des Nichtthuns Vorteil." — "Die fünf Farben machen des Menschen Aug' zu Raub, Die fünf Töne machen des Menschen Ohren taub, Die fünf Schniäcke machen des Menschen Mund verstört, Feld'jagd und Pferderennen machen des Menschen Herz bethört, Ünd Schätze, schwer erreichbar, machen des Menschen Gang verkehrt. Deshalb des Hcil'gen Thun ist seine Brust, Nicht Augenlust." "Kehrt man zurück zum Lichte, so verliert man nichts bei des Körpers Zerstörung. Das heißt Ewigkeit anziehen." — "Wer andere kennt, ist klug; wer sich selbst kennt, ist erleuchtet. Wer andere überwindet, hat Stärke, wer sich selbst überwindet, ist tapfer.» — "Der heilige Mensch ist immer ein guter Helfer der Menschen, drum verläßt er keinen Menschen, immer ein guter Helfer der Geschöpfe, drum verläßt er kein Geschöpf. Das heißt herrlich leuchten. Drum ist der gute Mensch des nichtgnten Menschen Erzieher, der nichtgute Mensch des guten Menschen Schatz." — "Vergilt Feindschaft mit Wohlthun!"*) In solchen Sprüchen redet Läo-tsü zu uns, jetzt kühnen Geistes hinabsteigend in die dunklen Tiefen mystischer Spekulation, jetzt sich erhebend zu den reinen Höhen einer Ethik, deren Forderungen den höchsten des Christentums ebenbürtig sind. Einer Perlenschnur gleich sind sie aufgereiht in dem Werke, das seine Lehre birgt, dem (gewiß mit Unrecht fürapokryph erklärten) grandiosen Täo-tek-king, dem "Kanon *) Nach der Übersetzung von V. v. Strauß, Läo-Tse's Tao Te King. Leipzig 1870. 311 rarsrarjrarafsrjrarararsFsriBPPi^nRnnHR Die chinesische Litteratur. GE 312 vom Ewigen und der Tugend," einer der erhabensten Schöpfungen des Menschengeistes. Alles Unheil der Welt, vorab der namenlose Jammer seiner Zeit, kommt ihm danach durch den Abfall vom Tao, dem mystischen Urprinzip, der Gottheit, die Schöpferin und Erhalterin der Welt und der Inbegriff aller Tugend ist. Seit man ihr untreu wurde, sind an Stelle ihrer göttlichen Urbilder die menschlichen "Tugenden" in die Welt gekommen: Menschenliebe, Gerechtigkeit, Anständigkeit (li), sie, die "der Treue und Redlichkeit Außenseite und der Unbvtmäßigkeit Beginn" ist, dazu Wissen und Bildung; es sind in die Welt gekommen Gesetze und Strafen, Krieg, Hader, Heuchelei und Diebstahl. Drum nur die Rückkehr zum Täo kann frommen, und die geschieht durch Abthun alles dieses Menschenwerkes, der Bräuche, der sogen. Humanität, und vor allem durch Demut, "Weichheit", Begehrenslosigkeit und Nichthandeln. Dann kehren die seligen Tage der Urzeit wieder, da es wohl einen Fürsten, aber sonst nicht Rang noch Stand, noch Gesetze und Regierung gab, und ein friedliches Volk in Sitteneinfalt seine Scholle baute. Es ist ein erschütternder Protest gegen eine wilde, verdorbene, innerlich hohle und nur mit dem glänzenden Firniß der Formen übertünchte Zeit, diese utopische Lehre. Aber es ist zugleich wahrscheinlich, daß sie an eine uralte Volksreligion anknüpft, die sie vertieft und vergeistigt hat: das Täo z. B— das als das "tiefe Weibliche", die "Allmntter", wie es genannt wird, fast wie eine Erinnerung an mutterrechtliche Zeiten aussieht! — könnte im ältesten Glauben wurzeln. Wie also vielleicht aus dem Volke entstanden und ein Symptom für das Aufsteigen des tiers etat, so ist sie jedenfalls, gewollt oder ungewollt, für das Volk; kein Wunder, wenn sie auch besonders in jenen Klassen Boden fand, bis zu denen, wie es im Li-ki heißt, "das li nicht hinabsteigt". — Und welch ein Gegensatz zwischen Läo-tsn und Confucius! Dieser, der konservative Aristokrat, jener der Radikale, der Sozialist; dieser der Staatsmann, der Diesseiter, der nüchtern verständig immer mit den Füßen auf der Erde bleibt, jener der weltabgewandte Träumer und Schwärmer, der Theosoph, der, wie Confuz gesagt haben soll, "dem Drachen gleich in Wolkenhöhen steigt"; dieser der Mann des Verstands, jener der Phantasie — so sind sie gewissermaßen die Verkörperungen der beiden Seelen, die in der Brust des Chinesen wohnen. Zwei so grundverschiedene Systeme mußten sich anseinandersetzen, so unvermeidlich wie Buddhismus und Brahmanismus, Christentum und Römerstaat. Und in der That, ihr stiller Kampf um die Hegemonie, der anfangs Hand in Hand ging mit dem der beiden Volksschichten und vielleicht auch von einem Ausgleich ethnographischer Gegensätze beeinflußt war, hat wohl über ein Jahrtausend gedauert. Beide Parteien fanden im 4. Jahrh. tüchtige Bannerträger: die Lehre des Confuz in Men eins (Meng-tsü), dem sie sogar ihre eigentliche Festigung verdankt und dessen in Dialogform geschriebenes Buch, das letzte der "vier heiligen Bücher", seine Lehre und seine Methode — die oft an die sokratische erinnert — lebendig vor Augen stellt, der Taoismus in dem geistvollen Tschuäng-tsn. Das brillant geschriebene Werk voll krausen Humors und origineller, mitunter fast moderner Gedanken, das dieser hinterlassen hat, ist nicht zum wenigsten deshalb so anziehend, weil — wie es scheint, bei ihm zuerst — eine gewisse Plastik in die Begriffe kommt; er personifiziert sie gern und läßt sie debattieren: "Große Reinheit" z. B. unterhält sich mit Herrn "Unendlichkeit", "Nichtsthun" und "Anfanglos", der "Wolkengeist" mit dem "Uräther", der wie ein Vogel nmherhüpft und sich den Bauch klopft u. s. w. Auch die Tiere beginnen zu reden. Ob dies eine selbstständige Entwicklung ist, oder ob schon die ersten indischen Einflüsse Hineinspielen, muß noch dahingestellt bleiben, jedenfalls ist es typisch für die tavistische Anschauungsweise. Beide Philosophen haben aber die überkommene Lehre etwas verändert, am meisten Tschuäng-tsn. Überhaupt ist Läo-tsn von keinem seiner Anhänger verstanden worden, und so ist seine edle Lehre je länger je mehr, zumal unter den plumpen Händen der Menge, entstellt worden und endlich, mit dem in manchem wohlverwandten Buddhismus verschmolzen, zu einem rohen Aberglauben ausgeartet. Die Einflüsse des Taoismus aber verspürt man wohl wenigstens in einem anderen philosophischen Systeme des 4. Jahrhunderts: bei Mek-tik, dem Apostel der allgemeinen Menschenliebe. Daneben bestanden noch eine ganze Anzahl anderer: Cyniker, Epiknräer u. a. m. Fast am Ende dieses philosophischen Zeitalters tritt ein Werk ganz anderer Gattung auf: die "Elegien von Ts'ü", eine Anzahl von Dichtungen meist desselben Verfassers, des bis zum heutigen Tage hochgefeierten K'iük-ynen (st durch Selbstmord 250 v. Ehr.), eines hohen Beamten, der sie in der Verbannung schrieb, Dichtungen ganz eigener Art. Ihre merkwürdigste ist das Li-säo ("Geraten in Ungemach"). Regellos —. wie bei ihnen allen — die Rhythmen, schrankenlos, mitunter von danteskem Schwünge, die Phantasie. Der Dichter, verbannt, verkannt, erschüttert von des Vaterlands Not, legt darin zuvörderst die Reinheit seines Wandels und seiner Absichten dar und beklagt die Verblendung seines Königs und den Verfall der alten Grundsätze und damit des Staates. Da kommt ihm plötzlich der Gedanke, er müsse nach einen, Fürsten suchen, und sollte es einer der alten Kaiser im Paradiese sein, der ihm und dem Lande helfe. Und sieh! ein drachenbespannter Wagen erscheint, in Staub und Sturm fährt er zur Höhe und zwischen dräuenden Wolken und Regenbogen, den Mond zum Führer, den Gott des Donners zum Gefolg, durchnäßt er die Gefilde des Himmels bis zu den Pforten Gottes — er findet ihn nicht. Noch einmal wagt er den Versuch, durch alle Schauer des Hochgebirges und der Wüste, durch die reißenden Wasser des Stromes, wo er "dem Drachen winkt, zu brücken ihm die Flut", bis an den Rand der Erde dringt er vor — aber er findet ihn nicht. Da beschließt er zu sterben. Ähnlichen Geistes sind die übrigen. Unter üppigem Rankenwerk von Allegorien und plastischen Gebilden der taoistischen Mythologie und trotz aller lehrhaften Zuthat bei ihnen allen als Grnndzug der bittere Gram über den unverdienten Undank und über die Not des Landes. Und so sind diese Tristien doch echte Kinder ihrer Zeit und nahe verwandt den übrigen; denn nur in anderem Gewände bergen sie den einen Gedanken dieser Periode: die Sehnsucht nach dem Retter aus all der Trübsal. Dritte Periode. Dichtung. Der Retter kam, und mit ihm auf allen Gebieten eine neue Zeit. Im Jahre 246 v. Chr. zerbrach Schi Hoäng-ti, der "erste erhabene Kaiser", wie er sich von 221 an nannte, den morschen Staatsban der Tscheu, und China wurde aus einem verrotteten Feudalstaat ein einheitliches Kaiserreich, aus einem dezentralisierten ein zentralisiertes Reich. Das bedeutete den Sieg auch des Volkes; denn damit war das demokratische (d. h. dem Volke dieselben Rechte wie dem Adel einräumende) Kaiserreich begründet, das China seitdem ist, und auch dem Taoismus, dem der Kaiser selbst znneigte, war Stütze und Förderung gegeben. Nicht mit Unrecht hat er sich daher den Titel der alten Sagenkaiser beigelegt, zu denen das Volk sehnend aufgeschaut hatte. Durch jene Zentralisierung, die er durch die Vollendung der Großen Mauer als eines kräftigen Bollwerks gegen die beständigen Einbrüche der Nordbarbaren noch festigte, bereitete er zugleich auch die Ausbreitung Chinas über seine Grenzen hinaus — die er selber durch die Eroberung des heutigen Südchinas schon begann — also das Weltreich, und damit das Zusammentreffen mit den großen Kulturstaaten des Westens und Südens, Europas und Indiens, vor, welche auch ihrerseits durch die Weltreligion des Buddha und das Weltreich Alexanders einer solchen Verbindung entgegengewachsen waren. So ist Schi Hoäng-ti nicht bloß, als der Gründer des neuen Chinas, ein Wohlthäter seines Landes, er ist auch ein Großer der Weltgeschichte, wenn anders die Forderung des Weltverkehrs ein Verdienst um den Fortschritt der Menschheit ist. Dennoch ist er den Chinesen ein Gegenstand des höchsten Abscheus, und das verdankt er einer That, die allerdings ein ewiges Brandmal für ihn bleiben wird: er befahl im Jahre 213, daß alle Bücher mit Ausnahme seiner Familiengeschichte und der Werke über Landwirtschaft, Medizin und Wahrsagung bei schwerer Strafe verbrannt würden, und der Befehl wurde mit rücksichtsloser Strenge durchgeführt. Hunderte von Gelehrten sind damals zu Märtyrern ihres Glaubens geworden. Der Schlag ging hauptsächlich gegen die Einrichtungen der Tscheu, die er vernichten wollte, also gegen den Confucianismus, und deshalb kann ihn der Chinese nicht vergeben — obwohl Schi Hoäng-ti im Grunde nur das Gleiche, wenn auch brutaler, gethan hat, wie ehedem Confucius selbst. Daß diese Ereignisse, und nicht zum wenigsten das letzte, unter allen Umständen einen bedeutenden Einfluß auf die Litteraturentwicklung haben mußten, das liegt auf der Hand. Nur kam es ganz anders, als man erwarten sollte. Statt des einheitlichen Typus zeigt die Litteratur dieser Periode deutlicher als die anderen einen Januskopf, hier ein trocken verständiges, dort ein schwärmerisch melancholisches Gesicht: neben einer lyrischen geht eine verstandesmäßige, philosophisch-historische Strömung her. Denn die Ironie der Geschichte hat es gefügt, daß die Bücherverbrennung gerade das Gegenteil des Gewollten herbeiführte. Als nämlich Schi Hoäng-ti's Haus gestürzt wurde (202 v. Chr. schon; "wer ein Reich nimmt, der verliert es" hatte Läo-tsu prophetisch gerufen), da suchte die neue Dynastie der Hän an die Tscheu-Zeit anzuknüpfen, und ließ alles sammeln, was von ihren Werken den Sturm überdauert hatte. Aus Hauswänden und anderen Verstecken kamen Exemplare der heil. Bücher hervor, und ein eifriges Studium begann; kräftiger denn zuvor erhob der Confucianismus sein Haupt, ja jetzt wurde er Staatsreligion und sein Stifter wurde heilig gesprochen. So hat gerade Schi Hoäng-ti mehr zu der vermeintlichen Knebelung des chinesischen Geistes beigetragen, als der Meister selbst; hier, in dieser Zeit, liegen die ersten Keime der späteren Erstarrung des Chinesentums. Eines ihrer ersten Produkte und zugleich ein starkes Fördernis ihrer Entwicklung ist das Li-ki, das ja, wenn auch als ein Kind seiner Zeit durchaus nicht frei von taoistischeu Lehren, im wesentlichen doch das Glaubensbekenntnis des Confucianismus enthält. Durch diesen Umschwung kommt denn also zunächst eine philologisch-kritische Richtung auf. Die alten Texte hatten sehr gelitten, sie mußten geprüft, wiederhergestellt, erläutert werden. Gefördert, wie die übrigen Disziplinen, durch die Erfindung des Papiers und des verbesserten Schreibgerätes, erwuchs so nach und nach eine bändereiche Litteratur um sie, und es entstand zugleich eine vollendete wissenschaftliche Prosa. Die Wiederfindnng der heil. Bücher begünstigte sodann den Aufschwung der Geschichtschreibung. Denn die alten Urkunden waren es, auf welche Ssü-mä Tsien sein berühmtes Ssü-ki (Schi-ki), die "historischen Berichte", basierte, eine Geschichte Chinas von den Anfängen bis zum Jahre 104 v. Chr. Mit Recht hat man ihn Chinas Herodot genannt; denn wenn das Schi-ki auch, echt chinesisch, nicht die großen Zusammenhänge erfaßt und darstellt, sondern sie in Einzeldarstellungen und Biographien, in Einzelbilder, zerpflückt: es ist doch ein gewaltiges Werk und es ist die erste Reichsgeschichte. So ist es denn auch für die ganze spätere chinesische Geschichtschreibung, die sich übrigens durch Genauigkeit und unbestechliche Treue auszeichnet, das Vorbild geblieben. Aber es wäre wohl nicht geschrieben, ja nicht einmal konzipiert worden ohne die vorhergegangene Einigung Chinas. In der That, das Schi-ki ist nach Auffassung und Inhalt, mit seiner allgemeinen Wirtschaftsgeschichte, seinen Biographien verdienter Männer aus allen Kreisen u. s. w., der litterarische Ausdruck des zentralisierten Kaiserreichs auf demokratischer Grundlage. Und in diesem Sinne führt es hinüber zu der ganz heterogenen Litteraturgattung, die in diesem Zeitraum alle andern überstrahlt und ihm direkt das Gepräge verleiht: der Lyrik. Denn die steht fast ganz unter dem Einfluß der Folgen, welche die Zentralisierung hatte. Diese brachte die Eroberung Südchinas mit der Roniantik seiner Landschaften und vielleicht auch mit einem Zuwachs von Phantasie durch seine Bevölkerung — beim auch sonst wohl ist ja der Süden dadurch von dem verstandesmäßigeren Norden verschieden und der Typus der Litteratur durch Volks315 Die chinesische L'itteratur. BBBSBBBcar^Psrsrsrgrsrgrsrgrsrsrsrarsr?^^ 316 stamm und Himmelsgegend bestimmt; — sie brachte die Eroberungszüge bis tief in das Herz Asiens hinein mit all ihrer Unrast und Gefahr, aber auch mit ihrer enormen Erweiterung des Gesichtskreises — um eine halbe Erde —; sie führte auf gesicherten Handelspfaden neue Waren, neue Ideen, neue Kunst, besonders die ^griechische Plastik, ins Land; sie brachte vor allem endlich (oder vielleicht nur endgültig) den Buddhismus und mit ihm sein ganzes Gefolge: seinen Weltschmerz und sein Paradies, seine Sagen und Mären, seine Kunst (ein Kind der griechischen) und seine Kraft der Personifizierung, dieses Urelements der Poesie. Dies alles verwebte sich mit den Ideen des Taoismus, der, trotz des offiziellen Confucianismus selbst von den Kaisern begünstigt, stark und weitverbreitet war, und mit den Empfindungen der Not und Unsicherheit, welche durch die häufigen Bürgerkriege und ihre Folgen ansgelöst wurden, wie Einschlag und Kette. Kein Wunder also, wenn in diesem Zeitraum die Phantasie dominiert, und wenn seine Grundstimmung das "Element der Melancholie", die elegische, ist. Auf diesem dunkeln Grunde aber ist die Lyrik im einzelnen vielfach abschattiert. Da wird z. B. das Abenteuerliche. Phantastische in der Natur besungen, etwa eine romantische Landschaft, auf deren bizarre Felsgebilde aus seltsam gestalteten Wolken hervor der Mond sein bleiches Licht gießt — Bildchen, wie sie auch die chinesische Malerei so gern hervorgebracht hat —, und daran die Empfindung geknüpft; da hören wir das Lied des fahrenden Söldners, der im Heere des Kaisers reitet; da erklingen vielgestaltig und zahlreich die Liebeslieder, und einen breiten Raum nehmen die Lieder ein, die dem Lebensgenüsse, zumal den Freuden der Trunkenheit gewidmet sind. Aber der Gesang des Kriegers klingt trübe, die Minnelieder wissen weniger von der Liebe Glück zu sagen, als von ihrem Leide, von Sehnsucht, Trennungsweh und Untreue: "Daß die Blütenpracht Ach so bald vergeht! Und ein LiebeSschwnr Ach so schnell verweht!" oder: "Seitdem du fort, Hab' im Gefäß von Erze Ich Weihrauch nie mehr dargebracht; Stets dein gedenkend gleiche ich der Kerze, Die sich verzehrt in stiller Nacht." oder das Liedchen, das ein wenig an Brentano's "Laurenburger Els" erinnert: "Schräg fällt herab des Mondes Licht Und lang die Schatten scheinen; .Der Blütenstaub im Winde fliegt, «Ich denk', er ist's, doch ist er's nicht; i Möcht' lächeln — und muß weinen." Und der Wein ist nicht, wie einst im Scht-ktng der Genosse friedlicher Feste, er ist nur der Sorgenbrecher, der die trüben Gedanken über die Vergänglichkeit der Kraft und Jugend, über die Kürze und Not des Lebens unb die Unvermeidlichkeit des Todes, der auch vor des Kaisers Majestät nicht Halt macht, auf eine kurze Weile zu bannen vermag. Gewiß, auch Lieder voll fröhlichen Behagens und Humors, Lieder von beglückter, treuer Liebe und Idyllen, zumal Klosteridylleu, fehlen nicht ganz. Aber sie sind rarae nantes in gurgite vasto; überall sieht der Dichter sonst "die Galle in dem Honige schweben". Und dies einer der Hauptnuterschiede dieser Lyrik von der des Scht-ktng. Ein anderer ist die größere Gestaltungskraft — wie z. B., wenn die Phantasie den Sänger zum Himmel emporträgt: "von den Schultern mein als Mantel niederwallt die Morgenröte", — "meine Augen schaun den Herrgott, wie er am Westfenster thronet", oder wenn die Gefühle in das Gespräch zweier Vögel gekleidet werden u. dgl. m. Endlich steht auch der Staat weniger im Vordergründe, und mehr die Person; die Lyrik ist mit dem Volke individueller und durch die fremden Einstüsse plastischer geworden, es ist die Poesie eines Volkes, das mehr erlebt hat. Im allgemeinen aber durchweht sie doch derselbe Geist wie das Scht-ktng, sie sind, wie auch die Chinesen annehmeu, eine Fortentwicklung davon. Und eine solche läßt sich auch in diesem Zeiträume selbst erkennen. Zuerst eine Lyrik, die so regellos in der Form und so wildschweifenden Inhalts ist, wie die "Elegien von Ts'ü", die sich also in jeder Beziehung als einen Übergang zu dieser Periode erweisen; dann eine allmähliche Festigung und Abklärung, bis endlich mit einem zweiten großen Aufschwung, der durch die neuerliche Zentralisation und die Wiederbelebung des Weltverkehrs hervorgerufen ist, im 8. Jahrh., unter der Dynastie des Tang, die Blütezeit erscheint, in welcher Form und Inhalt ihre Vollendung gewinnen. Sie ist durch einen reichen Kranz bedeutender Dichter ausgezeichnet, aus denen sich wieder als die größten herausheben der geniale Lump Li T'äi-pek (699—762) und der ernstere und tiefere Tü-fü (712—770). Einige Proben ihrer Poesie mögen hier ihre Stelle finden. Lj T'äi-pek: Auf grünen Weiher Die Herbstsonn' blickt, Wo weiße Froschbiß Ein Rud'rer pflückt. Die Lotos schau'n ihn Wie kosend an. Zum Tod betrübt ist Der Mann im Kahn. * * * Hsien-yang beginnt zu blühen Zur holden Zeit des Maien: Viel tausend Blumen glühen Wie Seidenstickereielt. Wer bleibt m diesen Tagen Des Lenz in Schnierz versuilken? Jetzt heißt's: bei froh'n Gelagen Vom Weine frisch getrunken! Mühsale, Glück und Frieden, Auch kurz' und langes Leben Es wird uns all'n hienieden Vom Schicksal nur gegeben. Ein Humpen voll! — dann achtet Man gleich: tot und lebendig. Die Dinge man betrachtet Als einerlei vollständig. Wenn man berauscht vom Weine, Dann hört man auf zu wissen Bon dieser Welt; alleine Ruht man auf seinem Kissen. Znm höchsten Glück erlesen Ist man, wenn man verlieret Die Ahnung, daß als Wesen Man. selber existieret. * * * Auf dem Kusu-Palast geht ein Rabe zur Ruh', In dem Schloß mit Hsi-shih schwelgt der König von Wu: Schaut den Tanzenden zu und den Sängern und lauscht; Die Königin ist schon vom Weine berauscht. Halb verschlingt bald der bläuliche Berg die Sonn', Der König noch schwelget in Freude und Wonn', Aus goldener Uhr mit silbernem Pfeil Das Wasser rinnet und rinnet die Weil. Wohlan! seht den herbstlichen Mond, den hell'n, Auch er versinkt in des Stronies Well'n. Im Osten schon kehrt die Sonne zurück. Und was bleibt dem König von alle dem Glück? Ich sitze in einem Blütenhain, Vor mir voll Wein eine Kann', Ich muß ihn trinken für nnch allein, Denn es fehlt mir ein Zechkumpan. Wohlan! ich hebe den Becher empor Und lade den Mond mir ein. Sieh da! dort kommt auch mein Schatten hervor! Hallo! jetzt sind wir zu drei'n. Allein mein lieber Freund der Mond Versteht sich auf's Trinken nur schwach, Mein Schatten hingegen ist's besser gewohnt, Er thut es in allem mir nach. Kaum lass' ich ertönen meinen Gesang, So wiegt sich der Mond hin und her, Und jedesmal, wenn ich zu tanzen anfang', Mein Schatten, so hüpfet auch der. Wir halten zusammen fröhliche Zech', So lang wir noch nüchtern sind, Doch geht ein jeder den eigenen Weg, Sobald erst der Rausch beginnt. (Gekürzt.)*) Tü-fu: Sprudelnd schießt der Bach dahin, ein rauher Wind seufzt in den Tannen, Die grauen Ratten flieh'n unter den Schutz der alten Ziegel, da ich nahe. Weiß man heut' noch, wer einst dies Schloß erbaute? -Weiß man noch, wer diese Trümmer schuf am Fuße des Berghangs? JnblauerFlammen Gesialtschweben die Geisterin diesen Gemächern, lind im zerfall'nen Gewölb' tönt es wie Klagegestöhn. A-'ohl stimmen zusammen die tausend Stimmen der Natur, Und das herbstliche Laub paßt zu bcm traurigen Bild. schöne Töchter halte der Fürst — jetzt sind sie Erde, Erde die Farben ihres Gesichts, die auch nur Lüge waren. Er hatte Trabanten, seinen gold'nen Wagen zu führen — Und von so viel Pracht ist dieß steinerne Roß alles was überblieb. Uefe Trauer befällt mich, ich lag're im dichten Grase Und beginne ein Klagelied, doch meine Thränen, reichlich rinnend, m, ,, ersticken cs. auf dem Wege des Lebens, der keinem erspart ist, Wer möchte lange wandern! — *) Diese wie die vorigen Übersetzungen sind ans A. Forke's -oluten chinesischer Dichtung (Magdeburg 1898) genommen. Vierte Periode. Zeit der Erstarrung. Aber es ist dvch, scheint es, auch etwas Ungesundes in dieser jetzt hypersentimentalen, jetzt bacchisch ausgelassenen, aber immer wehmütigen Poesie des Zeitraums. Es ist wie Fieberstimmung darin. Und es lag auch ein Fieber über dem Lande; der Riesenkörper mühte sich, alles das Neue zu verarbeiten oder in krampfhaften Zuckungen auszustoßen: mehr als einmal gab es heftige Kämpfe zwischen altem und neuem Glauben, und blutige Verfolgung der Fremden und des Buddhismus. Und so kam endlich, nicht durch Zufall gleichzeitig mit der größeren politischen Abschließung Chinas, die Reaktion, oder richtiger vielleicht, wenigstens in chinesischem Sinne, die Genesung. Der altchinesische Geist, der sich ja durch die ganze Epoche neben dem neuen behauptet hatte, gewann endgültig die Oberhand, es siegte der Confucianismus. Das Denkmal und zugleich wohl der mächtigste Förderer seines Sieges ist ein philosophisches System, an welchem ein Jahrhundert gebaut hatte, dessen definitive Ausgestaltung aber ein Werk des großen Philosophen, Philologen und Staatsmannes Tschn 1)1(1130—1200) ist: das sogen. Sing-li. Darin ist der großartige Versuch unternommen, das ganze Wissen und Glauben der Zeit, die ganze Naturund Geistesphilosophie zu einer Einheit zusammenzufassen — gleichsam eine Zentralisation auf geistigem Gebiete. Grundund Hauptmauern des gewaltigen Gebäudes sind confucianisch, aber es ist auch mancher Stein aus anderer Werkstatt hinein vermauert, und so stellt es eine gewisse Versöhnung der Gegensätze dar. Ja, es sieht fast ans, als habe sogar der Buddhismus etwas beigesteuert, zwar nicht von seinem Inhalt, aber von seiner Form, der Kirche. Doch mag da auch die Staatsform mitgespielt haben. Jedenfalls ist die Wirkung, die das System gehabt hat, die einer Staatskirche, seine Lehren haben die Autorität kirchlicher Dogmen gewonnen. Denn bis zum heutigen Tage hat es das Chinesentum in seine Bande geschlagen — in seiner Verbreitung unterstützt durch die Popularisierung, die ihm Tschn Hi in seiner "Jugendlehre" (Siäo-hiok) gab, und durch die Erfindung resp. den Aufschwung der Buchdruckerkunst (die übrigens die ganze Litteraturprodnktion frisch beflügelt hat). Durchaus und bis ins einzelste hinein beherrscht das System das Wissen, Denken und Fühlen der Chinesen. In Wissenschaft, Philosophie, Poesie, kurz auf jeglichem Gebiete konnte fortan Anerkennung nur finden, wer im Geiste dieses Systems, als des Repräsentanten des Altertums, arbeitete, und wer es überdieß auch in den Formen des Altertums that, denn auch die Sprache des Litteratnrwerks mußte unweigerlich die der alten, klassischen Zeit, die Reime des Gedichts von jetzt ab die der T'äng-Epoche sein, obgleich sie wohl schon damals nicht mehr reimten. So ist der beste Freund des Dichters das Reimlexikon geworden. Und dasselbe ist es auf allen anderen Gebieten. Dies ist die sogen. "Erstarrung des Chinesentums". Sie erregt unseren Spott, ja unsere tugendhafteste Entrüstung — besonders weil sie uns erschwert, dem Chi 319 Die chinesische Litteratur. BC3BBC3C3C3C3C3BG:C3t3BC3BC3BC3(3C3BGC3C3 320 nefen für die "Segnungen unserer Kultur" fein Geld abzunehmen. Aber wir dürften schon toleranter fein; nicht bloß in China giebt es einen Index librorum prohibitorum, und Tschü Hl ist nichts anderes als Chinas siebenter Gregor. Im übrigen ist sie dort das Ergebnis einer ganz naturgemäßen Entwicklung; ein Volk, dessen Religion der Ahnenkultns ist, kann nur konservativ sein, — und sie ist ja der Triumph des Konservatismus. Aber freilich, wie eine zweite chinesische Mauer — nur von entgegengesetzter Wirkung wie die leibhaftige, die ja den Zusammenstoß mit dem Ausland gerade begünstigt hat — umgiebt sie den chinesischen Geist; was keinen Widerhall im Inneren findet, dem bleiben die Thore verschlossen. So ist es denn auch, gleich zu Anfang, den beiden Litteraturgattnngen ergangen, die im 13. Jahrh., mit der Mongolendynastie, ganz unvermittelt auftauchen: dem Roman und dem Drama. Beide sind höchst wahrscheinlich "nicht in dem Thal geboren" — es wäre ja auch merkwürdig, wenn gerade diese Zeit etwas ganz Neues hervorgebracht hätte, selbst wenn die Vorbedingungen kräftiger ausgebildet vorhanden gewesen wären —, sondern sie sind Kinder der Fremde. Nur weiß man noch nicht bestimmt, woher; man vermutet neuerdings mongolische Abkunft, doch beim Drama wenigstens hat es mehr für sich, den Buddhismus verantwortlich zu machen. In diesem Falle wäre das chinesische Drama vielleicht der jüngste — und entartetste — Sprößling der griechischen Muse; denn die Inder haben das ihre nicht unwahrscheinlich von den Griechen empfangen. Indessen von ausländischer Herkunft ist bei beiden nichts mehr zu spüren, sie sind wie die meisten Eindringlinge in das alte Kulturreich sogleich zu Chinesen geworden. Ja sogar zu sehr gesinnungstüchtigen; denn im allgemeinen sind Roman wie Drama von eonfucianischem Geiste diktiert und predigen die moralischen und politischen Ideen des Confueianismus. Freilich ist auch darin abgelagert, was seit fast zwei Jahrtausenden von Kulturströmungen über China hingeslutet war, vermischt mit den phantastisch-bizarren Gebilden des Volksglaubens: Geister, Feen und Fabelwesen, der ganze Zanberspnk und Hexensabbat des entarteten Taoismus, dazu Buddhistenmönche, taoistische Gaukler n. dgl. — das alles zieht in tollem Spiele der Phantasie an uns vorüber. Doch nichts mehr hier von dem Weltschmerz der vorigen Epoche! Eine gesunde Lebensfreude weht uns erfrischend an, und Taoist wie Buddhist sind in der Regel zu komischen Figuren geworden. Die Helden aber sind meistens Consueianer, wackere Staatsbürger, die am glücklichen Schlüsse die Hand der Geliebten, ebenso oft aber auch ein höheres Staatsamt oder eine glänzende Zensur im Staatsexamen bekommen, und das Schicksal, der Den8 ex machina, ist ein hoher Beamter oder ein kaiserliches Patent — denn der Staat ist ja doch einmal das Ideal des echten Consneianisten. Doch sind Roman und Drama darum keineswegs etwa langweilig oder eintönig. Es giebt ja, wie überall, viele Ausnahmen, sehr oft aber finden wir doch eine reiche Fülle von Charakteren, mitunter brillant gezeichnet, spannende Situationen, gut geführte Handlung; die ganze Skala der Leidenschaften vom hohen Pathos zur Sentimentalität ist vertreten und — natürlich — Humor und Witz spielen eine große Rolle. Doch liegt die Stärke des chinesischen Autors nicht im Pathos und der Schilderung der Leidenschaft (weshalb Tragödien sehr selten sind), sondern hier wie auf allen Gebieten seiner Kunst in der Darstellung des alltäglichen Lebens. Der bürgerliche Roman und das bürgerliche Schauspiel mit ihrer scharfen Beobachtung, ihrer Realistik und ihren vorzüglichen, wenn auch selbstverständlich oft in Detailmalerei ausartenden Sittenschilderungen — das ist sein Feld. Die Realistik ist freilich oft allzu derb, die Zote leider recht häufig; aber das ist nicht Selbstzweck, im allgemeinen liegt eine sittliche Idee zu Grunde, die zum Siege geführt wird. — Neu wie die beiden Gattungen selber ist auch die Sprache, deren sie sich bedienen. Von den ältesten Stücken abgesehen ist sie nur in gehobenen, pathetischen Stellen und in den reichlich eingestrenten lyrischen Ergüssen — die oft ergreifende Töne zu finden wissen! — die alte Schriftsprache, sonst aber der gewöhnliche Konversationston, die Umgangssprache, die etwa seit Tschü Hl's Zeit auch in die Litteratur eingedrnngen war. Hier hätten nun vielleicht die Keime einer Regeneration der Litteratur gelegen, die sie zu einer Volkslitteratnr im edelsten Sinne, als dem Gemeingut des ganzen Volkes und einem getreuen Spiegel der Volksseele, gemacht hätte; gerade die allgemeine Umgangssprache der Gebildeten wäre ihr berufener Träger gewesen. Allein beides, Gattung und Form, hatte nicht den "Duft des Altertums", und das System wandte sich vornehm davon ab; es benutzt sie zwar, um in richtiger Erkenntnis ihres erzieherischen Wertes, dem Volke seine Dogmen unvermerkt einzuflößen — aspersi di soave licor gli orli del vaso —, der Gebildete hört und liest sie gern und bereichert sie — oft anonym — auch selber: aber was bei uns zu den höchsten Entwicklungsformen gezählt wird, das ist ihm "niedere Litteratur". Diese Ungnade hat Roman und Drama nichts geschadet, ja ihrer Entwicklung, zumal der des Dramas, war sie zunächst eher förderlich. Leider verbietet der Raum, diese näher ins Auge zu fassen oder auch nur eines oder das andere Stück genauer zu analysieren. Sind doch die Romane, um zuerst über diese ein Wort zu sagen, meist außerordentlich lang und künstlich verwickelt. So treten in einem der berühmtesten historischen Romane, der "Geschichte von den Seeräubern", die im 11. Jahrh. spielt und 64 Bücher hat, nicht weniger als hundert Hauptpersonen ans und vierhundert verschiedene Jntriguen sind ineinander verwoben. Die Zahl der Episoden, Ereignisse und Abenteuer ist Legion: Epidemien, Turniere, Theaterschilderungen, buddhistische Bräuche, dazwischen allerlei Jntriguen, dann wieder Abenteuer mit Räubern, Tigern, Feen und Dämonen — das alles löst sich in buntem Wechsel ab. Trotzdem ermüdet die Aufmerksamkeit nicht, weil sich das Interesse doch auf einige wenige Personen konzentriert; auch die amüsanten und witzigen Gespräche und die alle Stünde, vom Kaiser bis zum armen Fischersmann, umfassenden Sittenschildernngen halten sie wach. — Kürzer sind in oer Siegel die Werke der beiden andern Romangattungen: des P h a n t a sti s ch e n, der die Geisterwelt unter sich oder int Verkehr int dem Menschen zeigt und bald einen heiteren, bald einen düsteren und grausigen Charakter tragt, und des bürgerlichen. Aber auch sie sind immer noch lang genug, und manche, wie der "Traum des roten Zimmers" — vielleicht die Mte chinesische Novelle — tritt seinen 120 Kapiteln und ebenfalls vierhundert Jntriguen geben den historischen nichts nach. Ans denselben Gebieten wie der Roman bewegt sich das Drama: auch hier die drei großen Abteilungen des historischen, des bürgerlichen und des Zanberdramas. sich aber sind sie wieder mannigfaltig gegliedert; neben dem^ Trauerspiel und Schauspiel giebt es Lustspiel und Posse, giebt es Kriminaldramen, Jntriguenund Charakterstücke. Und nicht gering ist die Auswahl wie von Stoffen ° Oon Typen, zumal in den beiden letzten Gattungen, die Rhsi beliebt sind. Da finden wir den Geizigen und den Verschwender, den Don Juan, den Fanatiker, den Gatten, ^er sich in seine Frau verliebt; da sind als stehende Figuren die Kurtisane, der Bettelmönch, das Kammerkätzchen u. dgl. ni. — sie alle nicht viel anders gezeichnet als bei »ns. Man mochte fast sagen, diese Stücke — schon die davon — haben etwas Modernes. Öfter erinnern sie auch an die Commedia dell’ arte in der ^oldonischen Manier. So z. B. eines der gefeiertsten Stücke, "r "Pavillon des Westens", mit seiner intriguanten Zofe, me Helden und Heldin zusammenbringeu will und heimlche Briefchen hinund herträgt, mit der gestrengen Mama, mo einen anderen Schwiegersohn möchte, mit dem senfzen"n Liebhaber, der vor Sehnsucht so mager wird, daß ihm me Kleider am Leibe schlottern, aber durch ein Billetmmx der Liebsten flugs gekräftigt im Mondschein dem Rendezvous entgegenseuszt, zu welchem die kokette Schone sucht erscheint. Als er endlich durch die Zofe herbeigeführt !?' muß er, ein zweiter Romeo, aber ängstlicher, denn er llt ein Baccalaureus artium, an dem Spalier der Geliebten emporklettern und küßt droben in der Verwirrung die Zofe siatt der Herrin. Der Schluß aber ist echt chinesisch: endlich erhört, wird er von der Schwiegermama gezwungen, zuerst sein Doktorexamen zu machen! Die Darstellung geschieht mit außerordentlich einfachen Mitteln. Eine wandernde Truppe zieht heran; mietet sie nicht ein reicher Bürger, um sie seinen Gästen im Theatersaale seiner Wohnung vorzuführen, oder ein großer Tempel Mnr Kirchweihfeste, so subskribieren das Dorf oder ein paar . ?rußen für die Kosten, rasch ist die Bühne aufgeschlagen und m)vn sitzt alles erwartungsvoll vor der Szene. Kulissen und Szenenwechsel giebt es nicht, der Phantasie sind keinerlei Schranken gesetzt. Da tritt z. B. ein Schauspieler auf, erurt, er sei der General So und So und habe Befehl, da und dahin zu marschieren. Hierauf nimmt er etwa eine Reitgerte in die Hand, chassiert unter ohrenbetäubendem Trommelwirbel und allenfalls einigen Purzelbäumen über die mhne und konstatiert, daß er nun angekommen sei. Und so Rcht das Stück weiter; nur die Kostünie müssen getreu und owglichst reich sein. Die Regierung aber sieht darauf, daß Kürschner, China I. die Stücke moralisch sind; denn diese altmodischen Chinesen fassen has Theater ja noch als ein Erziehnngsinstitut auf. Ist dies, wie erwähnt, die einzige Art, in der sich das "Shstem" ofsiziell um diesen Litteraturzweig kümmert, so hat es dennoch ungewollt auch anders darauf eingewirkt, und nicht znm Guten: auch das Drama ist allmählich den Einwirkungen der Erstarrung erlegen, es ist breiter, nicht stärker, feiner im einzelnen, aber lockerer im ganzen geworden. War es in seiner Blütezeit (im 13. Jahrh.) meist ähnlich dem unfern in fünf Akte gegliedert, so ging man später wieder auf die ältesten Formen mit ihrer Menge von Einzeltableaux zurück. Das zeigt z. B. das P'i-p'ä-ki, die "Geschichte von der Laute", eines der beliebtesten Dramen und ein Werk sonst von großem poetischen Wert, oft von ergreifender Schönheit, wenn es auch zu viel Dogmatik ans dem Li-ki enthält — aber es hat 24 oder gar 42 Akte! Das ist eben der Fluch einer solchen dogmatischen Festlegung, daß sie, sozusagen, dem Baum die Krone kappt, er muß in Blätter schießen, die Kraft, die nicht ans Großes gerichtet werden darf, muß sich in Kleinigkeiten verzetteln; Formvollendung wird zur Förmelei und die Form triumphiert zuletzt über den Inhalt. Dies ist denn, wie hier, wie in der bildenden Kunst (und besonders der Malerei), im allgemeinen auch in der höheren Litteratur die Folge der Erstarrung gewesen: überall Wachsen in die Breite, massige Rekapitulationen, daneben Ausfeilung und Ciselierung im einzelnen, mit einem Worte: Epigonentum. Jetzt wurde das Shstem auf das genaueste ausgebaut, Kommentar über Kommentar zu den heiligen Werken geschrieben, in Wörterbüchern und Encyklvpädien das Wissen zusammengefaßt — ganz ähnlich übrigens, wie in der verwandten Zeit der Hän-Dhnastie, nur alles riesenhafter jetzt: die 1407 vollendete Encyklopädie Jüng-lok-tä-tien z. B., an deren Sammlung über 2000 Gelehrte thätig waren, hatte nahezu 23000 Bücher; sie war so groß, daß selbst der kaiserliche Säckel den Druck nicht wagte. Jetzt ist das Riesenmanuskript in Peking ein Raub der Flammen geworden. — Vielleicht am meisten hat die Poesie gelitten. Sie ist je länger je mehr zu einem — Reimgeklingel kann man nicht sagen, denn die Reime sind ja nur theoretisch — sondern zu einem leeren, bleichen Schalten der alten T'äng-Lyrik geworden; es ist der alte Wein in den alten Schläuchen. Das Dichten ist ja aber auch vbligatvrisch für jeden Gebildeten! Freilich, eine solche Wirkung hatte man nicht gewollt. Ter Dichter sollte durchaus nicht ein sklavischer Nachahmer der Alten sein, sondern in ihrem Gedankenkreise und mit ihren Formen Neues schaffen können, er sollte sein "gleich dem Fischer, der des Netzes vergißt, wenn er den Fisch gefangen hat". Ja, wenn es nur so leicht wäre, den Fisch zu fangen! Aber dennoch, wenn es den meisten mißlungen ist, einigen ist es geglückt. Dahin gehört z. B. Süng-schi (15. ans 10. Jahrh.). Wie hübsch ist sein Liedchen auf den "Tod der Goldammer": "Froh der ersten Strahlen der Frühlingssonne hüpft in ihrem gelben Federkleide Die Goldammer von Zweig zu Zweig und erschreckt mit ihrem regelmäßigen Ruf die benachbarten Elstern. 21 323 G Die chinesische Litteratur.  324 Der Sonnenstrahl läßt ihr Gefieder noch goldncr glänzen Und macht daS Kirschrot ihres Schnabels noch lebhafter. Aber der listige Feind, ans der Lauer im Busche, verborgen durchs Laub, Bewacht ihre raschen Bewegungen und folgt mit dem Aug' dem verräterischen Gefieder. Die Ammer setzt sich auf einen Zweig, den sie leise vibrieren macht, Sie schmettert ihren Ruf hinaus — ach, es ist der letzte! Ihr Lied hat ihr Versteck verraten, der Jäger har den Pfeil gesandt, Mitten in die Brust getroffen stürzt sie herab, von Zweig zn Zweig, Und sinkt sterbend auf das grüne Moos am Fuße des Baumes. Ihr Auge schließt sich halb, vergebeuS öffnet sich noch der kleine Schnabel — die Goldammer ist nicht mehr! Gewiß, es ist nichts Großes, man sieht vielmehr so recht daran, wie sich die Poesie in Stoff und Behandlung dein Kleinen zugewandt hat; aber ist's auch ein Nippfigiirchen, es ist doch ein Kabinettstück. Übrigens hat Süng-schi auch warm empfundene patriotische Lieder geschrieben. — Es gehört ferner dahin Auen Tsi-ts'äi (1715—97), der berühmteste neuere Dichter, ein geistreicher Plauderer, dem selbst ein Kochbuch, wie er es geschrieben hat, zu einem fesselnden Essay wurde, voll sprudelnden Witzes in seinen Briefen, in seinen Gedichten auch er meist das Kleine malend: die Reize seines Tusknlums. Aber es stehen ihm auch andere Tone zu Gebote. Wie echt menschlich schön, wie tief rührend ist z. B. sein Gedicht auf den Tod seines jüngsten Töchterchens, das sein Trost und der Sonnenschein seines Hauses war; wie ergreifend die zagende Hoffnung, in die es ausklingt: wird mir die Seelenwanderung, von der die Buddhisten sagen, vielleicht in einem andern Kinde das verlorene wiederbringen? Da vergißt auch der Leser wahrlich des "Netzes"! Und so treffen wir auch auf den übrigen Gebieten der höheren Litteratur doch eine ganze Anzahl tüchtiger und origineller Schriftsteller, Männer, wie beispielsweise Tsung Tsch'ien, den Satyriker, aus dem 16., oder Län Tiug-yuen aus dem vorigen Jahrhundert — ihn, der das schöne Wort geschrieben hat: "Die Reinigung der Sitten ist seit den Tagen der Schöpfung bis heute immer von den Frauen ausgegangen". Es würde jeder abendländischen Litteratur Ehre machen. Man darf also die Erstarrung doch nicht so auffassen, als ob nun gar nichts Selbstständiges, Neues, Eigenartiges mehr unter ihr aufkommen könne. Sie ist nicht identisch mit Rückschritt oder Verfall, und nicht ein Symptom greisenhafter Abgelebtheit — wie hätte ihr System sonst die Sprachumwälzung überwinden und samt den neuen Littcraturgattungen in ihre eigenen Bahnen zwingen können? Ein starker Panzer ist sie wohl, aber unter ihm ist gesunde Kraft und kluger Sinn, der gerne aufnimmt, was ihm znsagt. Darum sind die Aussichten auf eine Verständigung Chinas mit dem Abendlande, auf eine Kulturbeeinflussung durch das Abendland, doch wohl nicht hoffnungslos. Aber sie wird, wenn sie dauernd sein soll, wohl nicht durch den Handel, nicht durch Opium, Tabak, baumwollene Regenschirme und Kanonen und was man sonst jetzt öfters unter europäischer Kultur versteht, und gewiß nicht auf der weder würdigen noch auch sehr sichern Basis des oderint dum metuant vollzogen werden können, ja auch wohl nicht durch die Religion, wenn sie nicht zu einer hohlen Form oder zum Schanianismus werden will; denn für ihren eigentlichen Gehalt fehlt dem Chinesen der Sinn, während er selber, was man immer wieder vergißt, eine keineswegs niedrig stehende Religion besitzt. Die Verständigung wird vielmehr, wie es scheint, durch die Litteratur, als Zweck und als Mittel, geschehen müssen. Der Chinese muß die europäische Litteratur kennen lernen! Das Beste daraus, hauptsächlich wohl aus Philosophie und Poesie und was sonst in seiner Anlage eine Anknüpfung findet, sollte ihm durch geeignete Übersetzungen zugänglich gemacht werden; Verbreitung wird es bei diesem Litteraturvolke reichlich finden. Auch die Zeitungen, deren es ja, auch europäische, genug und von alters her angesehene in China giebt, könnten hier, Aufklärung verbreitend, viel Gutes wirken. Umgekehrt müssen aber auch wir uns bemühen, dem Chinesen dorthin zu folgen, wo er seine Ideale niedergelegt hat: eben in seine Litteratur. Dann werden vielleicht beide Teile allmählich ihren Knlturstolz dem anderen gegenüber in die Tasche stecken und einander wenn nicht verstehen, so doch achten lernen. So und nur so >vird ein wahrhaft sittliches Verhältnis und damit die Grundlage dauernder Beziehungen geschaffen und so schließlich erreicht werden, worauf die Entwicklung der letzten drittChinesische Zeitungen. J.? (Auf der Vorlage nicht zu erkennen.) 2. ^chen-pao. 3. Schen-pao-fu-tschang. T'ung-wen-hu-pao. 5. Tschung-wai-jüe-pao. 6. Auo-wen-pao. 7. Hsin-wen-pao. 8. Su-pao. 9Hai-schang-jüe-pao. JO. gu-bsi-pao. 325  Die chinesische Presse. 326 er (Öftoiatwchc JCtoncl * N Der “Ostasiatisohe Lloyd," die einzige deutsche Zeitung Ostasiens, erscheint in Schanghai ein Mal wöchentlich. Das Abonnement, mit Ausschluss des Portos, betragt pro Quartal für Ostasien $3.00 ; Porto 25 Cents. Einzelno Exemplare in der Expedition (Kiukiang Road No. 2) zu 35 Cents oder drei Exemplare für f 1.00. Herausgeber und verantwortlicher Schriftleiter: B. R. A. Navarra. * Heimische Abonnenten werden ersucht, sich behufsErlangung einerProbenummer, bzw. Abonnements an Max Pasch, HofBuchdrucker Sr. Maj. des Kaisers, Rit'terstrassa 50, Berlin S.W., oder an die London Office desselben: 9, Hill's Place, Oxford Street, zu wenden, welche nähere Auskunft über den Abonnements-Preis u.s.w. ertheilen. Alleinige Annahme von Inseraten in Deutschland. ORGAN FÜR DIE DEUTSCHEN INTERESSEN IM FERNEN OSTEN. XIII. Jahrgang. SCHANGHAI, 21. NOVEMBER 1898. Nummer 8. BEKANNTMACHUNG. Infolge des letzthin stattgehaltenen Verkanfs eines grosseren Landgebiets und der Auslegung des Strassenetzes stehen grössere Veränderungen im Gelände, insbesondere solche durch Erdarbeiten, bevor. Die bei diesen Veränderungen betheiligten Personen, in Sonderheit die Besitzer der verkauften Landparzellen und die das ßtraseennetz ausbauenden Unternehmer werden hiermit aufgefordert, bei den ihnen vorzunehmenden Erdarbeiten strenge darauf zu halten, dass sämratliche von Seiten der' Vermessungsbeamten gesetzten Grenzpfähle, Grenzsteine und unterirdische Markzeichen (Drainröhren) in ihrer Stellung völlig. unversehrt. Sollten bleiben in einzelnen Pälleu derartige Marken bei den Erdarbeiten nnbedingt zu versetzen sein, so darf dies nicht durch dje Interessenten veranlasst werden, sondern es haben sich die Letztem dieserbalb direct an die “ Vermessang Kiautschon " (Strandlager) zu wenden. Es werden dann von dieser Behörde die notbwendigen Verlegungen der Markzeichen • n möglichster Kürze veranlasst werden. Grundbesitzer, welche von den von ihnen erworbenen Grundstücken amtliche Lageplacue zu haben wünschen, 'vollen sich mit ihren Anträgen an die “ Vermessung Kiautschon " wenden, wo ihnen diese Pläne nach Möglichkeit gegen Zahlung von 3 Dollars für je eine Parzelle ungefertigt werden werden. Dbr Gooverneor des Kiadtschod-Gebiets gez. ROSENDAHL BEKANNTMACHUNG-. Io das hiesige Handelsregister ist heute eingetragen "orden, dass die Firma A n z & Co. ,n Tschifn am 5. September 1898 eine Zweigniederlassung ,n Tsintau im Deutschen Kiautschau-Gebiet errichtet hat. Tschifn, den 19. Oktober 1898! Kaiserlich Dedtsches Konsular-Gericht. DR. LENZ. Konsul. L Deutscher Gottesdienst. Union Church. .Am Sonntag, den 6. November, findet um 9£ Uhr "Vormittags deutscher Gottesdienst statt, wozu jeder herzlich eingeladon ist. Lic. H. HACKMANN, Pastor. Personal-IM ach richten. Die Kniserin-Wittwe von China feiert am 23. d. Mts. ihren 64 Gebartstag. Wie im vergangenen Jahre hat anch heuer der Intendant des Schaughai-Districts,. Herr Tautai Tsai, in liebenswürdiger Weise einen grossen Ball arrangirt, der im Bureau für fremde Angelegenheiten atattfinden wird, und zu dem über eintausend Einladnngen ausgesandt worden sind. Voraussichtlich wird S.X.H. Prinz Heinrich dem Balle beiwohnen. Die Enthuellung des “ Iltis "-Denkmals. Ergreifend Denkmal!—ein gebroch’ner Mast WieEisen fest—und doch vom Sturm zersplittert, Noch ungebeugt von grauer Jahre Last Und doch vom Todeshauche schon umwittert! Ergreifend !—Dem gefällten Maste gleich So sind auch s i e vom Sturme fortgetrieben, In Manneskraft, an Jugendstärke reich Sie, die im Tode Sieger noch geblieben! Erhebend Denkmal!—jedem deutschen Herz Ein Zeichen,dass wir Deutschen nicht verderben, Hier steht gegraben es in Stein und Erz, Wie tapfer Deutschlands Heldensöhne sterben! Ermahnend uns, dass treu in jeder Pflicht Bis in den Tod das Vaterland uns findet! — Das ist es, was dies Denkmal zu uns spricht, Und was es schlicht und ernst uns heute kündet! Diese tiefempfundenen Reime, die wir der Liebenswürdigkeit einer hochgeschätzten Dame Schanghais verdanken, werden zweifellos in den Herzen aller unserer Leser einen lauten Widerhall finden. Denn in den Annalen der Heroen, die seit Menschengedenken eines bewunderungwertlien Heldentodes gestorben sind, verdient die Verkleinerung einer 5citc des "©ftafiatijcben Lloyd". Halbtausend Jahre hüben und drüben hingezielt hat: die Zusammenfassung der Welt zu einer Kultureinheit. Anknüpfungspunkte sind, wie die gegenwärtige Skizze gezeigt haben möchte, bei allein Unterschied der Anlagen in China genug vorhanden. Tie chinesische Presse. Die Tagespresse findet ihre Hauptvertretung in Schanghai, Tientsin und Kanton. Die Neuigkeiten von Wichtigkeit, die kaiserlichen Beschlüsse, die Befehle der Mandarinen u. s. w. werden auf Vierecke von rotem Papier gedruckt und auf die Mauern der "Hamens" geklebt. Vor dem Staatsstreich von Peking im Oktober 1888 fing man an, einige Zeitungen herauszugeben, aber seit dieser Zeit stellten sie auf Befehl der Kaiserin ihr Erscheinen ein. Die Zeitungen, welche noch bestehen, werden in Schanghai, Tientsin und Kanton veröffentlicht. Früher bediente man sich ausschließlich eines sehr feinen, gelblichen Papiers, das nur auf einer Seite bedruckt werden konnte. Jetzt wendet man mit wenigen Ausnahmen widerstandsfähigeres und weißeres Papier an und bedruckt beide Seiten. Revuen, die einen besonderen Stoff behandeln (Mathematik, Landwirtschaft u. s. w.), flieht es in China etwa 50. Die hauptsächlichsten politischen Zeitungen fiitb: 1. Die "Kaiserzeitung von Peking", gewiß das älteste Blatt der Welt, das über tausend Jahre besteht. DieBlätter dieserZeitung sind in einem gelben Umschlag geheftet, auf dem der Titel "Tsch iug-p ao" mit roten Lettern aufgedruckt ist. Das Blatt, das die offizielle Stimme des Kaisers ist, veröffentlicht die kaiserlichen Beschlüsse, die Berichte der Statthalter, der Provinzen und Minister, Ernennungen u. s. w. 2. Der "Schen-pao " erscheint in Schanghai, »ach der alten Art auf Reispapier und nur aus einer Seite gedruckt. Zn ihm erscheint ein Beiblatt 3. "Schenpno-fu-tschang". 4. Der "T'ungwen-hu-pao", in Schanghai, aus ein festeres rosa Papier gedruckt, von freier Haltung. Noch liberaler in seinen Anschauungen ist 5. der "Tschung-wai-jüe-pao", der früher "Fortschritt" hieß und in englischer Sprache die Bezeichnung "Allgemeine Zeitung" führt. An seiner Spitze stand früher der Reformator KangYuwei. Wenigerbedeutend alsdieseBlätter sind die solgenden, die aber doch auch in einigen tausend Exemplaren erscheinen. Es sind dies: Der "Kuo-wen-pao" in Tientsin, der "Hsin-wen-pav" in Schanghai, der "Su-pav" inFutschau. Fernerder "Haischang-jüe-pao" in Schanghai und das humoristische Blatt " Ju-hsi-pao ", das ebenfalls in Schanghai erscheint. Der A banne in entspreis ist verschieden, in Kanton wo drei oder vier Zeitungen erscheinen, beträgt er kaum mehr als 3 Dollars das Jahr, in Schanghai 4 bis 6. Der Chinese ist ein großer Freund des Zeitungslesens, ebenso der Anzeigen und Anschlagzettel, und sicher wird die Zeit kommen, wo man auch in China auf Tagesneuigkeiten wartet, und eine billige Presse sich ernsthaft mit Politik beschäftigt und die Bewegungen und Meinungen der Menge vertritt. — Die älteste deutscheZeitung Ostnsieiis ist der " Osta s i a t i s ch e L l o y d" in Schanghai, der 1886 von Bruno Navarra begründet wurde. Kunst und Kunstgewerbe Die Kunst der Chinesen weicht in allen Gebieten ganz C <VV erheblich von der des Abendlandes ab. Das liegt nicht nur/ AAV an der Verschiedenheit der Kulturen und des Volksgeistes, sonr, XX\\? dein ebenso sehr an dem Umstand, daß in China die Kunst1/ formen infolge amtlicher Bevormundung und anderer Ursachen U \||r im allgemeinen mehr oder minder erstarrt sind. Der mecha1 !|.|| nische, steife, konservative, eintönige Grundzng der chinesischen |j jf| Kunst, die uralt ist, verhindert aber nicht, daß diese von Zeit zu v «/ Zeit, freilich nicht in sehr hohem Maße, aus der Berührung mit W fremden Kulturen fruchtbringende Anregungen schöpfte. Bei aller / Abgeschlossenheit gegenüber der Außenwelt hat das Reich der Mitte nicht vermeiden können, daß seine Überlieferungen und die AufH sassungen seiner Künstler vom Ausland beeinflußt wurden, ganz besonders durch den gegen das Ende des 1. Jahrhunderts unsrer 9 Zeitrechnung in China eingeführten Buddhismus, ferner durch chab däische, assyrische, persische und arabische Vorbilder, endlich — in re ringem Grad — durch altrömische und neu-europäische Einwirkungen. Baukunst. Mit wenigen Ausnahmen bieten alle Häuser fast den « gleichen Anblick dar. Die architektonische Eintönigkeit der ^ p\1 \ Städte ist daher eine auffallende. Seit undenklichen Zeiten herrscht 1 ein einziger Bautypns. allgemein vor. Hinsichtlich des Altertums s si ist man übrigens durchaus auf die vorhandenen Schilderungen/ i lj\ und Abbildungen angewiesen, denn es giebt keinerlei Baudenkd jll/h mäler, die hinter das 11. Jahrhundert unsrer Zeitrechnung [V W/i zurückreichen würden — ausgenommen die berühmte große A) jJksi Mauer, die jetzt beinahe 2200 Jahre alt ist. "Im ganzen W / Reich," schreibt Wells Williams ("IMiddle Kiiigdom“), "giebt es nichts, was als Bauruine bezeichnet werden könnte, % so daß wir nicht wissen können, ob die Bauten früherer Ge1-ff schlechter glänzender oder armseliger waren als die heutigen." /M Immerhin läßt sich bestimmt annehmen, daß schon vor 2300 bis 2500 Jahren sowohl die Häuser M? als auch die Denkmäler nach Wx demselben Plan errichtet i kwurden, der .W f~\X ^ uvch jetzt ,j Von jeher sind als Baumaterial fast ausschließlich Ziegel und Holz zur Anwendung gelangt. Obgleich das Land an Steinen sehr reich ist, benutzt man diese nur selten und nur nebenbei. Die einzigen Bauten, bei denen lediglich Stein verwendet wird, sind die sogen. Triumphbogen, 12—15 Meter hohe, mit Bildhauerarbeit geschmückte Monumente zu Ehren verdienstvoller Personen, namentlich hervorragender Krieger, Staatsmänner, Gelehrter, wohlthütiger Bürger, tugendhafter Ehefrauen und Witwen, pflichtgetreuer Söhne oder Töchter. Diese Bauten ersetzen unsere Marmoroder Erz-Statuen und sind gewöhnlich aus Granit, Marmor oder rotem Sandstein, seltener aus Ziegeln. Sie werden mit Erlaubnis des Kaisers errichtet, spielen eine große Rolle und bilden eine strenge Eigentümlichkeit Chinas. Sic bestehen aus einem dreifachen Thorweg. Eine Steinplatte über dem großen Mittelthor trägt eine Inschrift, welche den Zweck des Bogens mitteilt. Die schönste aller solchen Pforten ist die vor dem Pekinger Konfucinstempel stehende; die größte befindet sich zu Tungpingtschau (Provinz Schantung) und verewigt einen Litteraten, dem es noch in seinem 82. Lebensjahr gelang, bei den Hanlin-Prüfungen den größten Sieg davonpforte vor dem Pekinger Aonfucius-erempel. zutragen. Die wegen ihrer schönen Ehrenbogen berühmteste Stadt ist Hutschaufu, wo diese Pforten einen Teil der großen Südstraße ausfüllen. Das.Gewölbe haben die Chinesen von jeher gekannt, aber selten benutzt, und zwar fast nur bei Brücken und Wallthorcn, hier jedoch mit beträchtlicher Kühnheit und die noch vorhandenen Beispiele ermangeln nicht der Größe. Bis zu wirklichen Kuppeln ist die Wölbung niemals gediehen; die Rundungen der buddhistischen Stupas erinnern bloß äußerlich an Kuppeln. Die übliche Bauform heißt T’ing •— das wohlbekannte, zurückgebogene, überhangende, von kurzen Säulen getragene Dach, welches mit seiner Krümmung lebhaft an ein Zelt erinnert; der Mangel an einer Decke und an Seitenfenstern, sowie die Niedrigkeit der meisten Häuser vervollständigen die Aehnlichkeit. Man nimmt daher an, die auf uralten Vorschriften beruhende Bauart T'ing sei in der That den Zelten der Nomadenzeit nachgebildet. Sämtliche Gebäudegattungen — Tempel, Paläste, Stadtthore, Ehrenpforten, Privatwohnhünser rc. — unterliegen der offiziellen I'ing-Form; ausgenommen sind nur eine Anzahl buddhistischer Bauten. Ter Eindruck der Monotonie wird erhöht durch das Uebergewicht, welches dem in der abendländischen Architektur wenig Bedeutung besitzenden Dachwerk verliehen >vird. Dieses ist überall die Hauptsache, von der die Schönheit oder Einfachheit, die Großartigkeit oder Nichtigkeit einer Baulichkeit abhängt. Um die Wirkung zu erhöhen, greift man, besonders bei Palästen und Tempeln, häufig zur Verdoppelung und selbst Verdreifachung des Daches; ein bekanntes Beispiel bietet der Haupttempel des Grabmals des Kaisers Junglu bei Peking. In der Regel aber wird darauf gesehen, daß das Dach, wenn es einfach bleibt, durch seine Ausschmückung Aufmerksamkeit errege. In erster Reihe steht die reichliche Verwendung von Sä ulen, die jedoch selten aus Stein, zumeist aus Holz sind; bei gewöhnlichen Häusern und kleinen Tempeln sind es die landläufigen Holzarten, bei Palästen und großen Tempeln ist es die aus den südlichen Provinzen oder aus Indo-China kommende Ceder. Was die erwähnten staatlichen Bau ge setze betrifft, so sind sie in einer alle Einzelheiten aufs genaueste regelnden Weise in einer fünfzigbändigen offiziellen Veröffentlichung aus dem 18. Jahrhundert niedergelegt. Zu den Hauptvorschriften gehören das Vorherrschenlassen der wagrechtcn Linien und die Beobachtung einer weitgehenden pedantischen Symmetrie. Die meisten Häuser sind ebenerdig; nur die kaiserlichen Paläste, die Landhäuser, die Gasthöse und die Theater pflegen noch ein Stockwerk zu haben, wobei vorgeschrieben ist, daß dieses um ein Drittel niedriger sei als das untere und daß seine Säulen im Durchmesser um ein Fünftel weniger messen als die unteren. Tic chinesischen Architekten versuchen die Einfachheit und Eintönigkeit ihrer Ideen durch eine Fülle von Verzierungen zu heben. "Drachen, Phönixe, Schildkröten, eine ganze Menagerie fabelhafter und phantastischer Tiere aus Terrakotta oder geschnitztem H>olz," sagt Paläologue, "überladen die Firste oder laufen die Friesen entlang. Figürchen und Blumen aus bemaltem Thon erdrücken die Giebel, Karnießcn und Traufdächer. Grelle, schreiende Farben machen die Säulenkapitäle utid die Balken buntscheckig; gelb, blau und grün gefirnißte Ziegel verleihen den Dächern Glanz. Ein wirres Gedränge von Verzierungen überflutet alle Teile der Baulichkeit." Für die Rolle, die die soziale Rangstufenleiter in China spielt, ist es sehr bezeichnend, daß die Baugesetze anordnen, daß sich die Größe der Bauten und der Dimensionen all ihrer Bestandteile nach dem Rang des Bewohners, des Beamten, des Gelehrten u. s. w. richten müsse. Doch werden heutzutage die Baugebote mit Duldung der lässigen Behörden oft umgangen, namentlich dadurch, daß man bloß das Thor, die Fassademauer und den ersten Hof vorschriftsmäßig gestaltet, im übrigen aber beliebig verfährt. Die gesellschaftlichen Ungleichheiten hören auch nach dem Tode nicht auf und finden in den für die Grabstätteu-Architektur geltenden Regeln einen höchst charakteristischen Ausdruck. Der Eingang zu den Wohnhäusern wird durch große Flügelthüren bewerkstelligt. Da die Mauern auf der Straßenseite keine Fenster Haben, ähneln die .Häuser Partie aus dem Kaiserlichen Sommerpalast. nicht selten Feldlagern, insbesondere wenn sie einzelnstehend sind. Die Häuser haben weder Oefen noch Kamine; man wärmt sich mittels kupferner oder irdener Geschirre, die mit glühender Holzkohle gefüllt werden. Was die Bauten kirchlicher Natur betrifft, so lassen sie sich von außen auf den ersten Blick schwer von den Palästen unterscheiden, da sie mit wenigen Ausnahmen •— zu denen in erster Reihe die beiden ausschließlich für den Kaiser bestimmten, sehr bemerkenswertett Tempel des Himmels und der Erde zu Peking gehören — nach dem Universaltypus gebaut sind. Erst das Innere belehrt den Fremdling über die religiöse Bestimmung. Fast jeder Tempel besteht aus mehreren, durch Sgöfe verbundenen Gebäuden. Die innere Ausstattung ist beinahe stets höchst einfach. Eine eigenartige Erscheinung bilden die Pagoden, symbolische Türme buddhistischen Ursprungs und Gepräges, in China vor Einführung des Buddhismus unbekannt, jetzt aber entschieden zu den Sehenswürdigkeiten gehörend. Sie sind oft sieben, neun und selbst dreizehn Stockwerke hoch und zumeist achteckig. Je höher hinauf, desto mehr nimmt die Breite ab. Die Stockwerke werden durch Tachvorsprünge ans Backsteinen voneinander abgegrenzt, welch letztere zumeist grün glasiert sind. Jede Ecke jedes Vordachs ist mit einer Glocke geschmückt. Die Mehrzahl der größeren Pagoden ist aus Ziegeln und mit Stein verkleidet; in manchen Gegenden ist ihr Baumaterial Eisen. Die Stockwerke stellen die übereinander liegenden buddhistischen Himmel vor, in denen die Boddhisatwas ihre Buddha-Werdnng abwarten. Der Aufstieg erfolgt mittels steinerner Wendeltreppen, die zwischen der äußern und der innern Mauer der Pagode liegen. Es giebt aber auch treppcnlose Pagoden, die ans solidem Mauerwerk bestehen. Besonders berühmt war eine vor etwa 500 Jahren erbaute, ungemein zierliche Nankinger Pagode, deren Außenwände gänzlich aus feinstem weißen Porzellan bestanden, während die Jnnenmauern mit teurem Porzellan von roter und gelber Farbe verkleidet waren. Dieses Meisterwerk, welches vier Millionen Mark (damals!) gekostet haben soll, galt als ein Weltwunder, bis es 1856 durch die Taipingrebellen vollständig zerstört wurde. Malerei. , Wenngleich die Malkunst, wie anderwärts, auch in China eine gewisse geschichtliche Entwickelung durchgemacht hat, ist doch von jeher zu allen Zeiten und bei aller Verschiedenheit der Schule oder des Genres eine bestimmte Einheitlichkeit der Prinzipien ausgetreten. Das auffälligste und beständigste der gemeinsamen Merkmale ist der graphische Charakter der chinesischen Malerei; die Maler des Reiches der Mitte sind stets in erster Reihe Zeichner und Kalligraphen gewesen. Jedes Kompositionsmotiv zerfällt in eine Anzahl von Bestandteilen, ! deren jeden der Künstler abgesondert zu behandeln sucht, wie er auch lernt, jeden der Züge — Haarstrich, Schattenstrich n. s. w. — eines Schriftzeichens getrennt zu zeichnen. Tie Gruppierung aller Elemente des Antlitzes und die betr. Größenverhältnisse sind durch Vorschriften geregelt. Und in angemessen ähnlicher Weise wie bei Menschen und Tieren wird auch bei Pflanzen, Landschaften, Bauten re. verfahren. Tiefe Art, die Darstellung der Objekte aufzufassen, mußte dazu führen, der Linienzeichnung eine übermäßige Bedeutung beizulegen. In dieser Hinsicht bemerkt der schon oben angeführte Paleologue: "Die Leiber erschienen den Künstlern nicht so, wie sie in Wirklichkeit beschaffen sind — d. h. kräftig hervortretend und von Licht umspielt — sondern in bestimmten KonBambus, Gemälde aus der Miug-Zeit. turen umschrieben und durch einen sichtbaren Umriß von der sie umgebenden Luft geschieden. Auch haben die chinesischen Maler niemals Sinn gehabt für die Modellierung der Körper und das Relief der Gegenstände. Selbst in der schönsten Blüte ihrer Kunst waren sie unfähig, wesenhafte und lebensvolle Gestalten zu schaffen." Dieser Unzulänglichkeit an plastischer Einbildungskraft entspricht eine vollkommene Unkenntnis der menschlichen Anatomie. Die Personenwicdergaben nehmen keinerlei Rücksicht auf die anatomische Wirklich keit. Tie Arme und Beine sind willkürlich angefügt und gegliedert, die Größenverhältnisse des Ganzen verfälscht. Ter Kopf ist zumeist zu umfangreich und hat einen starren, unbeweglichen Ausdruck; die Hände werden nicht individualisiert, sonder,: nach einer sich immer gleichbleibenden Schablone gemalt. Dagegen haben die Maler eine ziemlich richtige Empfindung für die Linienperspektive. Sie wissen ganz gut, daß die Entfernung den Umfang der Tinge scheinbar verändert. Allein auch dieser Vorzug wird teilweise zunichte durch den Fehler, daß sie es niemals bis zur Kenntnis der wahren Gesetze der Verkürzung von Gestalten gebracht haben. Daher nehmen sie, wenn sie einen Hintergrund mit Entfernungen andeuten wollen, ihre Zuflucht zu dem eigentümlichen Verfahren, den Gesichtspunkt sehr hoch anzubringen und die Personen oder Gegenstände staffelförmig übereinander zu placieren, und zwar je höher, desto kleiner. Was die Komposition und die Anordnung betrifft, so zeugen gewisse Gemälde von Verständnis für die allgemeine Harmonie, die in den Hauptlinien, in der Verteilung der Gestalten u. s. w. herrschen soll. Hierbei kommt den Chinesen ihr bekanntlich sehr ausgeprägter Sinn für Symmetrie zustatten. Allerdings wird das Gleichmaß gewöhnlich derart übertrieben, daß der Komposition eine schwerfällige Nnbeweglichkeit anhaftet. Noch ernster ist eine andere Schattenseite: die übermäßige Berücksichtigung der Einzelheiten auf Kosten der Einheitlichkeit des Vorwurfs. An Farbensinn hat es den chinesischen Malern nie gemangelt. Besonders hinsichtlich der Farbenschwingungen erweisen sie sich als wahre Koloritkünstler; diese gute Eigenschaft macht sich vornehmlich in der Seidenund vielleicht noch mehr in der Porzellanmalerei geltend. Ihr steht der Nachteil gegenüber, daß sie, wenigstens bei der Darstellung von Menschen, kein Verständnis für die Verteilung von Licht und Schatten haben, den Begriff des Helldunkels nicht kennen, während es ihnen, wenn es sich um Landschafteu handelt, oft vortrefflich gelingt, die zartesten Wirkungen des Halbdunkels zu künstlerischem Ausdruck zu bringen. Insbesondere die große Landschafterschnle der Thang-Tynastie schuf in diesem Belang Meisterwerke. Tie ganze religiöse Malerei trägt das Gepräge des Buddhismus. Die ersten Maler waren größtenteils Mönche und Bonzen. Anfänglich wogen die kirchlichen Darstellungen mit ihrer frommen Naivetät und ihrem Streben nach göttlichen Idealen vor; allmählich jedoch wandelten sich die Scenen aus dem Leben Sakja-Munis zu Vorwändeu für kunstvolle Kompositionen und glänzende Gestaltungen, denen die ursprüngliche reine Eingebung fehlte. Nächst der Religionsmalerei haben die Chinesen es am weitesten in der Landschafterei gebracht; die Natur hat ihnen echte Begeisterung eingeflößt, und sie verdolmetschen sie nicht selten mit zartem Reiz und wirklicher Poesie. Die Historienmalerei wird lediglich vom anekdotischen Standpunkt aufgefaßt. In der Porträtmalerei muß ganz en face "gesessen" werden, damit die beiden Seiten des Gesichtes völlig gleichmäßig znr Darstellung gelangen können. Das Hauptgewicht wird auf Einzelheiten gelegt; es handelt sich dem Maler nicht so sehr um die Nachbildung denkender und fühlender Wesen, als vielmehr um die Darstellung von Personen dieses oder jenes Ranges, dieser oder jener Stellung w. Besser ist es mit der Tierund Blumenmalerei bestellt, von der man bei aller Einförmigkeit der Mache sagen kann, daß sie jederzeit Gutes hervorgebracht hat. Seit der Herrschaft der gegenwärtigen mandschntatarischen Dynastie, also seit rund dritthalb Jahrhunderten, verfällt die Malerei immer mehr. Sie verlegt sich fast ganz auf sinnreiche Kombinationen einer gewissen Anzahl von Formeln. Die von Jesuitenmissionaren im 18. Jahrhundert gemachten, von einigen Kaisern wohlwollend ansgenommenen Versuche, europäische Malweisen einzuführen, scheiterten nach kurzer Zeit vollständig; die abendländischen Auffassungen scheinen eben mit den chinesischen unvereinbar zu sein. Dennoch ließ sich's um 1830 der Kantoner Maler Län-kua, der Miniaturporträts vornehmer junger Chinesinnen. Um tSöO. von einem englischen Künstler unterrichtet worden war, nicht nehmen, in dem von ihm eröffneten Atelier europäische Kunstmanieren ausüben zu wollen. Allein trotz aller Anstrengungen mißlang ihm dieses Vorhaben so gründlich, daß er keine Schule machte. Lack-Künst. In dieser Kunst können sich die Chinesen nicht mit den Japanern messen, sei es hinsichtlich der Farbenharnionie oder der Reflex-Intensität, sei es bezüglich der zarten Feinheit der Zeichnung oder der Lebenswahrheit des ästhetischen Empfindens. Immerhin jedoch zählen sie nicht wenige bemerkenswerte Schöpfungen, die sich durch kraftvolle Komposition, Milde der Töne und strenge Stilgröße auszeichnen. Der chinesische Lack besteht hauptsächlich aus einem von unterschiedlichen Baumarten — von den Zopfträgern mit dem Sammelnamen "Lackbäume" ("tsi“) bezeichnet — herrührenden Harzgummi. Der rohe Lack unterliegt vor seiner Verwendung einer langen Reihe von Vorbereitungen und Bearbeitungen. Meist werden Kamellienöl, Tong-jauOel, Eisensulfat und Reisessig beigemischt/ und zwar in Mengen, die dein jeweilig beabsichtigten Grade der Konsistenz und Durchsichtigkeit des Lacks entsprechen. Tie Lacke nehmen die verschiedensten Färbungen an, welche durch längst feststehende Beimischungen — Elfenbein, Baumöl, Schweinsgalle rc. —erzielt werden; die üblichsten sind: schwarz, durchsichtig-gelb und vergoldet. Sehr reich besetzt ist die Palette; sie enthält: zinnoberrot, saflorrosa, schwefelarsengelb, indigoblau, kolkotharlilla, elfenbeinweiß, olivengrün, kantharidengrün, schieferblau, ockergelb, terrasienagelb, eierpflanzviolett, weinhefenrot, hammelleberrot, rußbraun, korallenrosa u. s. w., wozu noch das Gold kommt, welches man entweder rein oder mit einer leichten Beimengung von Silber benutzt. Das zu lackierende Holz wird gehobelt oder sorgfältig poliert, worauf mittels eines Mcißelchens die Herstellung der notwendigen Nuten erfolgt, in die feines Werg kommt. Sodann werden die Fugen mit schmalen Streifen von Brussonetiapapier beklebt, während man die ganze Oberfläche mit dünnem Seidenstoff oder feinem koreanischen Papier überdeckt. In diesem Zustand wird das Holz mittels einer harten Bürste sehr gleichmäßig mit einer Mischung belegt, welche aus Schmirgeloder rotem Sandsteinpulver, aus Zinnoberoder Gummiguttpnlver und aus Rindsgalle besteht. Nach dem Trocknen an der Luft sieht der Ueberzug rotbraun und körnig aus; nunmehr kann er mit Bimsstein, Kohlenpulver und Sandsteinfeilen poliert werden. Eine mehrmalige Wiederholung dieses ganzen Verfahrens crgiebt nach einigen Wochen die zum Verzieren bestimmte Grundmasse. Tie Zahl der nunmehr auf dem Holz angebrachten Lackschichten schwankt zwischen drei und achtzehn — je nach Bedürfnis. Tie Auftragung des Lackfirnisses geschieht in auf allen Seiten gegen Wind und Staub geschützten Räumen ungemein gleichmäßig mit Hilfe von flachen, sehr feinen Pinseln. Die gefirnißten Stücke werden in kühlen, feuchten Kammern getrocknet und dann mit Laohangschi — einer weichen Schicfergattnng — poliert. Dieselben umständlichen, langsamen, große Aufmerksamkeit verlangenden Vorgänge wiederholen sich bei jeder Schichte, bis der Lack endgültig zur künstlerischen Bearbeitung reif ist, d. h. sei es zur glatten, sei es znr erhabenen Malerei. Tie Erzeugung geschnitzter Lackgegenstände — in der Regel Schmuckkästchen, Schreibpinselschachteln, Schränkchen, Theeoder Riechbüchsen, Fruchtoder Blumenschalen, Lichtschirme n. dgl. m. — nimmt immer mehr ab. Tic ältesten vorhandenen Stücke dieser Art stammen aus der letzten Regierungszeit der Ming-Tynastie, sind also nicht über dreihundert Jahre alt. Die Lacke jener Periode sind äußerst selten geworden und werden sehr teuer bezahlt. Der Schnitzlack wird zunächst nach den Umrissen einer abgeklatschten Zeichnung ziseliert und dann zinnoberrot gefirnißt. Die Lackmasse ist 1 bis W2 cm dick und setzt sich aus Eierschalen, Brussonetiapapier (Brnssonetia ist der Japanische Papierbaum) und feinem Werg der urtiea nivea zusammen '— eine Mischung, welche gerührt, zerrieben und mit Kamellienöl verdickt, nach dem Trocknen ungewöhnlich hart wird. Die Bestandteile des in mehreren Lagen aufgetragenen roten Firnisses sind unbekannt. Was die Mal-Lacke betrifft, so zeichnen sich die in Futschau hergestellten durch vorzügliche Qualität, vollkommene Gleichheit der Firnißfläche, Intensität der Futschaner Lackschränkchen. Nüancen, Kühnheit der Komposition und andere wertvolle Eigenschaften ans. Zur erhabenen Einlege-Arbeit verwendet man zumeist Gold, Elfenbein, Nephrit (Jade), Korallen, Perlmutter, Malachit und Lasurstein mit Stichelgravierung. Soll der Lack lediglich glatt bemalt werden, so macht der Künstler oder Arbeiter eine Bleiweiß-Skizze auf dem Lack selbst oder er klatscht seine auf der Rückseite mit flüssigem Schwefelarsen bestrichene Papierzeichnung vermittelst eines Holzstiftes ab; dann übermalt er den Abklatsch oder die Skizze, wobei die harzige Konsistenz des Lacks eine außerordcntlicheFingersertigkeit erfordert, wenn die Feinheit der Zeichnung und die Zartheit der Umrisse künstlerisch wiedergegeben werden sollen. Diese Arbeit ist um so schwieriger, als bei der geringsten Verfehlung das Ganze abgewaschen und von vorn begonnen werden muß, da Verbesserungen uöllig ausgeschlossen sind. Bronzekunst. Schon in den ältesten geschichtlichen Zeiten, also vor mindestens 4600 Jahren, verstanden die Chinesen Erz zu gießen und zu ziselieren und im Jahre 2220 vor Chr. war die Bronzetechnik so weit gediehen, daß Gefäße mit der bildlichen Darstellung der Provinzen des damaligen Reiches der Mitte versehen werden konnten. Im Anfang des 12. Jahrhunderts vor unsrer Zeitrechnung war die Bronze-Bearbeitung bereits eine wirkliche Kunst. Diese befaßte sich jederzeit vorwiegend mit der Erzeugung von für die Zeremonien des Konfuzianismus bestimmten geheiligten Gegenständen, denen die in China alle Lebensverhältnisse beherrschende Bevormundung durch staatliche Vorschriften gewisse Formen und Ausschmückungsweisen verlieh. Die betr. Riten sind so umständlich und gebieterisch abgefaßt, daß die heutigen Kirchenbronzen noch dieselben Legierungen, Umrisse, Dimensionen und Gewichtsgrößen haben, wie die vor mehr als dritthalb Jahrtausenden gegossenen. Diese Einengung der Aesthetik richtete großen Schaden an, denn sie entfremdete die Künstler jeder persönlichen Eingebung und zwang sie von jeher zur sklavischen Nachahmung starrer Vorbilder. Die ungeheuer lange Absonderung Chinas von der Außenwelt konnte diesen Zustand nur verschärfen, da sie die fremden Anregungen und Befruchtungen mit seltenen Ausnahmen fernhielt. Es ist daher kein Wunder, daß nur wenige Bronzen elegante Formen und reine Umrisse haben, die meisten aber schwerfällig, unproportioniert und von barbarischem Geschmack sind. Immerhin brachte die Einführung des Buddhismus eine größere Geschmeidigkeit, eine gewisse Leichtigkeit und richtigere Verteilungsverhältnisse zuwege. Auch die Berührungen mit Arabien und Persien beeinflußten die heimische Bronzekunst günstig, indem sie mehr Abwechselung der Formen und Verzierungen herbeiführten und mohammedanischen Motiven Eingang verschafften. Die Verzierungen der älteren Bronzen beruhen entweder aus geometrischen oder auf natürlichen Formen. Unter den ersteren ist das Motiv "leiwen“ (wörtlich: "Blitzförmige Schweifung") am üblichsten — dasselbe, welches in der griechischen und etrurischen Töpferei eine so große Rolle spielte. Mehr Abwechslung bieten die Naturformen, die in zwei Arten zerfallen: der Wirklichkeit entnommene (Tiere, Berge, Wolken u. s. w., doch weder.Menschen noch Pflanzen) und phantastische (Ungeheuer k.). Die fabelhaften, mächtigen Schöpfungen der letzteren Gattung bilden eine ganz spezielle Ausgeburt des chinesischen Nationalgeistes. Man begegnet ihnen schon in den ersten Anfängen der chinesischen Kunst, diesen Drachen, Phönixen, Riesenschildkröten und Einhörnern von monströser Gestalt und übernatürlichem Umfang. Emailkunst. Das Bestreben, die Wirkung der Bronzen möglichst zu heben, brachte die chinesischen Künstler daraus, siemit Grubenschmelz und mit Schmelzmosaik zu schmücken. Die letztere übernahmen sic von Europa und vervollkommneten sie in hohem Maße. Sie bedienen sich bei ihren Emailarbeiten einer großen Anzahl von Nuancen, von denen viele am Feuer einen gewissen Durchschein erlangen, der ihnen den schimmernden Glanz der Edelsteine verleiht; um sie undurchsichtig zu machen und abzutönen, mischt man dem Glasstaub etwas weißen Schmelz bei, worauf sie das mildere Aussehen von Elfenbein, Lasurstein, Türkis re. bekommen. Ursprünglich verfügten die chinesischen Emailleure keineswegs über eine so reichbesetzte Palette wie später. Früher war ihreSchmelzmosaik fast stets von dunkler Färbung. Tie Blüte der Emaillierkunst fiel in die Regierung der TsiugKaiser Changhi und Kieuloug (1662—1796). Später aber trat allmählich ein derartiger Verfall ein, daß nur noch eine Industrie übrig blieb, welche die glückliche Eingebung, beit feinen Geschmack, den ausgeprägten Sinn für Schattierungen — kurz, die meisten Vorzüge der Blütezeit vermissen läßt. Die Schuld au dieser ungünstigenWendung ist in der durch die gesteigerte Nachfrage europäischer Sammler verursachten Fabrikmüßigkeit der Erzeugung zu suchen. Im 18. Jahrhundert kamen durch die abendländischen Missionäre die bemalten Emails ü In Limoges auf, deren Herstellung in den kaiserlichen Werkstätten zu Peking stattfand; allein der Einfluß der Fremdlinge war von zu kurzer Dauer, als daß er hätte ernstlich Schule machen und zur Erreichung einer vollkommenen Technik führen können. Doch ermangeln manche Stücke aus jener Zeit —4 jetzt werden längst keine mehr erzeugt — nicht des zarten Kolorits und der glücklichen Komposition. Bildhauerei. lieber die Anfänge der Bildhauerei in China weis; man so gut wie nichts, obgleich sie lange nicht so alt zu sein scheinen wie die mancher andern Kunst, denn sie dürften kaum hinter das 3. oder 4. Jahrhundert vor Christus zurückreichen. Auch sind nicht sehr viele Skulpturen aus früheren Zeiten vorhanden. Dies rührt davon, daß die Bildhauerei von jeher in erster Reihe als eine Hilfskunst der Architektur betrachtet wurde — insbesondere des Grabmalbaues —, so daß mit den Bauten auch die zu ihnen gehörigen Skulpturen zu verschwinden pflegten. Das im 18. Jahrhundert verfaßte Buch "Kiugscheso" (= "Verkettung der Metalle und der Steine") enthält ein chronologisches Verzeichnis der von absichtlicher Zerstörung oder unabsichtlichem Verfall verschont gebliebenen alten Skulpturen. Nach den beigegebeuen Abbildungen zu schließen, steckte die chinesische Bildhauerkunst vom 2. Jahrhundert vor bis zum 3. Jahrhundert nach Christus noch in den Kinderschuhen, die sie auch bei anderen Völkern getragen hat. Daher rührt die scheinbare Aehnlichkeit ihrer damaligen Leistungen mit denen der chaldäisch-assyrischen Kunst, obgleich diese schon mindestens ein halbes Jahrtausend vorher ihre Entwickelung vollendet hatte und es daher ausgeschlossen ist, daß sie der chinesischen als Vorbild gedient habe. Trotz aller Unbeholfenheit läßt sich einzelnen dieser alten Denkmäler ein glücklicher Anflug von Perspektive nicht absprechen. Das ist aber auch alles. Die Gesichtszügc sind ausdruckslos, die Haltung bleibt immer dieselbe; von Kenntnis der Modellierung, der Formschöuheit und der Größeuverhältuisse des menschlichen Körpers zeigt sich keine Spur. Nur bei der Darstellung von Pferden ist eine ziemlich gute Beobachtung der Haltung und des Ganges zu bemerken. Dem Einfluß des Buddhismus blieb es Vorbehalten, eine Wandlung zum Bessere» herbeizuführen. Tie aus Indien gekommenen Götzenbilder brachten die Chinesen darauf, ihre erste» Statuen zu machen, während sie sich bislang auf flache Basreliefs beschränkt hatten, ohne an Rundwerk zu denken. Deshalb bestehen die ältesten bekannten Bildsäulen der Chinesen in Darstellungen buddhistischer Gottheiten — sklavischen Nachahmungen fremder Vorbilder. Aber die Wandlung war so wenig gründlich, die begonnene Fortentwickelung von so kurzer Tauer, daß die Produktion immer geringer wurde und schließlich aufhörte, ohne daß eine wirklich künstlerische Stufe erreicht worden wäre. Holzund Elfenbeinschnitzerei. Tie Anfänge der Holzschnitzerei als Kunst dürften höchstens 1800 Jahre alt sein und mit der Einführung des Buddhismus zusammeufallen. Vorher waren ihre Erzeugnisse ohne jeden ästhetischen Wert. Die zwischen dem 3. und dem 8. Jahrhundert unsrer Zeitrechnung von chinesischen Pilgern aus Indien heimgebrachten hölzernen Götzenund Heiligenbilder wurden eifrig nachgemacht und der Einfluß der anderen Künste bewirkte, daß die Schnitzerei im Kunstgewerbe allmählich eine sehr hohe Stellung einnahm. Die Schnitzhölzer sind: Bambus, Teka, Ceder, Kampher-, Sandel-, Rosen-, Eisenuud Hartholz. Besonders geschätzt ist das Rosenholz, weil es im Laufe der Zeit eine schöne rote Patina bekommt. Es wird zu Kästchen, Schränkchen, Schreibkassetten u. dgl. verwendet und mit Perlmutter oder Elfenbein eingelegt. Tie Eisenholzschnitzereien erhalten in der Regel Einlagen aus Nephrit, Lasurstein, Korallen oder Elfenbein, das Hartholz solche aus Malachit, Gold, Silber, Perlmutter, Nephrit oder Korallen. Hinsichtlich der Elfenbeinschnitzerei kann kein Volk die Chinesen in der künstlerischen Behandlung dieses ebenso schönen wie kostbaren Materials übertreffen; sie verstehen es meisterlich, aus demselben in jedem Belang herauszuholen, was herauszuholen ist. Nur die europäischen Schnitzer des 15. und 16., sowie die japanischen des 18. Jahrhunderts können sich mit den chinesischen messen. Neben den heute immer seltener werdenden älteren Elfenbein-Schnitzereien von hohem Wert gicbt es eine wahre Flut von in Kanton für den Bedarf der "weißen Teufel" erzeugten Arbeiten ohne jede künstlerische Bedeutung, sowie eine Menge von bizarren Gegenständen, die zwar Wunder geduldiger Arbeit und technischer Geschicklichkeit sind, aber den guten Geschmack und die höhere Eingebung vollständig vermissen lassen. Steinschneidern. Tiefer Kunstzweig spielt in China eine wichtige Rolle, vornehmlich soweit der Nephrit (Jade) in Betracht kommt. Dieser ist ein harter, schwerer, durchscheinender, feingekörnter, fettig aussehender und sich fettig anfühlender Stein, dessen Färbungen zwischen schmutzigweiß und oliv-dunkelgrün schwanken — je nach seinem Eisenoxydoder Chromoxyd-Gehalt. Seine Härte ist so groß, daß er Glas und Quarz ritzt und bei der Bearbeitung eine besondere Sorgfalt und Ausdauer erfordert; nicht selten dauert es fünfbis sechshundert Tage, ehe ein Arbeiter einem Stück den vollen Glanz verleihen kann, dessen cs fähig ist. Tie Verzierung erfolgt gewöhnlich durch Gravierung mit einem Diamantstift, das Schleifen anfangs mittels des Schleifsteins, zuletzt mittels Schmirgeloder Diamantstaubs. Obgleich der Nephrit keineswegs selten ist, vielmehr gerade in China in reichlicher Menge vorkommt, genießt er bei der Bevölkerung dieses Landes höhere Wertschätzung als irgend ein andrer Stoff; er gilt ihnen für das edelste Kunstmaterial — eine dem Westen übertrieben dünkende Vorliebe, die ihre Erklärung darin findet, daß der Nephrit wegen seiner außerordentlichen Haltbarkeit bereits im Altertum — und zwar schon etwa 1200 Jahre vor unserer Zeitrechnung — vorschriftsmäßig zur Herstellung der allerwichtigsten rituellen Gegenstände benutzt lunrbe, da es noch zu wenig Gold und Silber gab. Die Einführung des Buddhismus wirkte auf die Nephritschneidekunst sehr belebend, indem sie eine große Fülle neuer, schöner, verfeinerter, naturwahrer Formen, vorwiegend dem Pflanzenreich entnommen, zur Entfaltung brachte. So giebt es denn zahlreiche prachtvolle Jade-Arbeiten von echt künstlerischer Ausführung, die zu Geschenkzwecken trotz der hohen Preise sehr begehrt sind — ganz besonders, wenn sie, was zur Abwechslung manchmal geschieht, mit Gold oder Edelsteinen eingelegt werden. Auch die Quarzschneidearbeiten erfreuen sich seit 22* 343  Auilst un& Aunstgewerbe. mRRnmRnnRmnRRmRRRrinm 344 jeher großer Beliebtheit. Tie Kunst, quarzartige Steine schön zu verzieren, ihren Glanz zu erhöhen, ihre Durchsichtigkeit, ihre reichen, harmonischen Farbentöne, ihr wechselndes Geäder zu köstlicher Wirkung zu bringen, hat frühzeitig einen hohen Grad von Vollkommenheit erreicht. Das gesuchteste Material sind der Bergkrystall, der Amethyst, das Karneol, der Chalcedou, der Heliotrop, der Chrysopras, der Onyx, der Sardonyx und alle orientalischen Achate. Diese Steingattungcn erlegen ihren Bearbeitern noch härtere Geduldproben auf als der Nephrit. Zudem erfordern sie außerordentlichen Scharfsinn und eine nuLotusblatt aus Bergkristall. gemein geschmeidige Einbildungskraft, denn die Einzelheiten der inneren Beschaffenheit des Materials sind höchst unberechenbar. Das Aussehen des letzteren Pflegt sich fortwährend zu ändern und demgemäß muß der Künstler seine Absichten bei manchem Stück wiederholt aufgebcn, um schließlich etwas ganz anderes herzustellen, an das er ursprünglich gar nicht dachte. Die Steinschneider sind aber oft so tüchtig und geübt, daß sie viele durch alle möglichen Vorzüge hervorragende Meisterwerke geschaffen haben. Ganz besonders haben sie sich jederzeit durch die wahrhaft künstlerische Geltendmachung der ungleichen Schichten einer Kamee ausgezeichnet. Namentlich die bekannte Semallesche Sammlung weist an ihren chinesischen Tabatiören eine angesichts der Härte der Quarzsteine kaum glaublich erscheinende Feinheit und Leichtigkeit der Ausführung auf, verknüpft mit großem Reichtum der Motive. Auch die Bearbeitung von minder harten Steinen hat stets einen bedeutenden Umfang gehabt. Einige mehrschichtige Schieferarten liefern zarte, kunstvolle Erzeugnisse; hauptsächlich kommt jedoch der Speckstein (Steatit) in Frage, aus welchem erhebliche Mengen von Blumenvasen, Obstschalen, Schreibzeugbüchsen, Götzenbildchen u. dgl. m. hergestellt werden, denen allerdings selten ein wirklicher Kuustwert iuuewohnt. Porzellan. Zu den uralten großen Erfindungen der Chinesen gehört neben der Buchdruckerei, dem Seidenbau und dem Schießpulver bekanntlich auch das Porzellan. Im Blumigen Reich wurde nachgewiesenermaßen schon im Altertum Porzellan von trefflicher Güte und sehr geschmackvoller Ausführung erzeugt. Entreolles schätzt das Alter dieses Kunstgewerbezweiges auf mindestens 4250 Jahre; er sah vor rund 200 Jahren Gefäße aus diesem herrlichen Stoff, die nach Versicherung der Chinesen unter den Kaisern Jan und Schun (ca. 2350 vor Chr.) verfertigt wurden. Mehrere neuere Egyptenforscher berichten von in alten thebanischen Grüften gefundenen chinesischen Porzellaugefäßen aus der Pharaonenzeit. Eines davon ist im Pariser Louvre zü sehen. Ten besten Thon liefern die Bezirke Pingli und Kothau in der Provinz Kiangsi. In jener Gegend wird denn auch das wertvollste chinesische Porzellan fabriziert — in der Nähe der Großstadt Kintitschiug. Da das technische Verfahren von den in Europa üblichen Herstellungsarten erheblich abweicht, sei der in Kiangsi beobachtete Vorgang auf Grund der zuverlässigsten Quellen hier geschildert, wobei wir vorausschicken müssen, daß die vorzüglichen Thongattungen der genannten Region in die Gruppen "Kaolin" und "Petuutsc" zerfallen. Den im Steinbruck) gewonnenen Thon schlügt man mit Pickäxten in Stücke von verschiedener Größe, die in Körben zu den stets in der Nähe befindlichen, durch Wasserräder getriebenen Stampfmühlen getragen und dort von gewaltigen Stampfen in Riesenmörsern pulverisiert werden. Das Pulver wird nun in Körben zum ersten Teich getragen und hineingeworfen, damit es sich mit dem Wasser vermische. Die schwereren Teile sinken unter, während die feineren nach einigen Tagen an der Oberfläche des Teiches eine rahmähuliche Masse bilden, welche a bgeschöpft und in ein zweites Reservoir geschüttet wird, in welchem die Füße der zu diesem Zwecke darin hin und hergehenden Arbeiter sie tüchtig umrühren, worauf man sie einige Zeit ruhig liegen läßt. Sobald der letzte Rest dieser feinen Masse auf den Grund des Wassers gesunken, läßt mau dieses ab, entfernt jene und formt sie zu Ziegeln, die wegen ihrer Farbe "Paktan" ("weiße Ziegel") genannt werden. Die im ersten Teiche zu Boden gesunkenen Pulverteile kommen als zu grob in die Stampfmühle zurück, um feiner gestoßen und dann wie oben behandelt zu werden. Sobald die Ziegel zur Bearbeitung bestimmt sind, werden sie neuerdings zu Pulver zermalmt und dieses sorgfältig in Quellwasser gewaschen. Dann werden Petuntse und Kaolin 345 Porzellan. G 346 ZU gleichen Teilen Zn einen! Brei vermengt, dessen Knetung entweder durch Männer oder durch Büsfel erfolgt, welche in dem betreffenden Bassin hin und herlaufen. Jetzt ist die Masse für den Töpfer benutzbar geworden, der ans ihr mit Hilfe der Töpferscheibe Gefäße formt. "Nach dem Formen kommt, je nachdem, entweder das Trocknen an der Sonne oder in einer diesem Zwecke dienenden Kammer," schreibt John Henry Gray. "Nach Beendigung dieses Prozesses gelangen diejenigen Gefäße, welche Henkel und Ausgüsse erhalten sollen, in die Hände von Arbeitern, die diese Anhängsel mittels flüssigen Thons anfügen. Das nächste Verfahren Üt das Glasieren. Bei kleineren Gegenständen geschieht dies durch Eintauchen iu eine Mischung von Firnis mit Wasser; nach dem Eintauchen wird das Gefäß ans der Kufe genommen und an der Luft so geschickt hin und her gedreht, daß sich der Ueberzng gleichmäßig auf die ganze Oberfläche verteilt. Die Glasierung großer Gegenstände erfolgt mittels eines, an einem Ende mit Seidenslor umhüllten Bambusrohres, aus welchem die erwähnte Mischung auf die Gefäße geblasen wird." Nach der Verglasung sind die Gefäße zum Brennen geeignet. Nicht selten befinden sich die Oefen in ziemlicher Entfernung Don der eigentlichen Fabrik. Diesfalls tragen Arbeiter die Vasen rc. auf flachen Brettern ohne jede SicherheitsVorrichtung auf dem Kopfe zum Ofen, wobei trotz der Enge und des Gedränges der Straßen erstaunlicherweise kaum je etwas herabfällt. Ehe die zu brennenden Gefäße in den Ofen kommen, werden sie in sogenannte Kapseln gethan. Die Kapseln find aus einer Mischung von braunem, rotem und weißem Schmelzticgclthon zu gleichen Teilen und mit etwas Gummizusatz hergestellt. Sobald der Ofen gefüllt, wird der Eingangsweg mittels einer BacksteinMauer geschlossen und durch Kalkbewurf luftdicht gemacht. Anfänglich — bis zum ständigen Trocknen der Gefäße — bleibt das Feuer mäßig; allmählich jedoch steigert man es auf Weißglühhitze, um es drei Tage nach dem Anzünden ausgehen zu lassen. Um nicht durch allzu rasche Abkühlung ein Springen der Gegenstände Zu veranlassen, öffnet man den Ofen erst vierundzwanzig Schüssel von Porzellan, §mailliert in Grün von niedreren Tonen; in Blau, Manga.wiolett und Gelb über schwarzer Zeichnung. J^7. Iahrh. Durchm. 55 cm. Stunden später. Trotz aller Vorsicht springen viele Sachen; dieselben werden ans Flußufer geworfen und bleiben dort liegen, bis Regengüsse sie ins Wasser schwemmen. Demgemäß ist das Flußbett meilenweit mit zerbrochenem Porzellan gepflastert. Sofort nach seiner Entleerung wird der Ofen mit anderen Gefäßen angefüllt. Die in ihm verbliebene Temperatur gestattet, auch solche Gegenstände, die die Sonne noch nicht genügend getrocknet hat, hiucinzustellen, ohne daß die Gefahr des Springens groß wäre. Tie nicht gesprungenen Gefäße gelangen in die Hände des Malers. In der Porzellanmalerei ist eine ausgebildete Arbeitsteilung durchgeführt, indem das Zeichnen des Entwurfs und das Malen von Menschen, Vögeln, Schmetterlingen, Bäumen, Flüssen, Gebäuden, Landschaften rc. unter sechs bis acht Künstler verteilt wird. Diese Spezialisten zeichnen sich durch genaue Kenntnis der Farbenmischungen aus, die das Feuer am besten vertragen. Ein Oel, namens Wanschaongsau, mengt man unter die Farben, um diesen Glätte zu verleihen; zur Haltbarmachung dient bei dünnen Farben Gummiwasser, bei dick aufgetragenen reines Wasser. Die Pinsel gleichen den in der gewöhnlichen Malerei verwendeten. Die kleineren der zu bemalenden Gegenstände werden auf Tische, die größeren auf die Erde gestellt, um nach dem Bemalen behufs Befestigung der Farben in Brennöfen zu kommen, und zwar gelangen die kleineren in einen Mingfo (helles Feuer), die größeren in einen Omfo (dunkles Feuer). Diese Oefeu sind kreisförmig und bestehen aus zwei Mauern, deren innere von Dachziegeln errichtet ist, während die äußere aus Backsteinen hergestellt wird. Auf dem Boden befinden sich mehrere rostartige kleine Oeffnungen. Im Mingfo kommt der Brennstoff — Holzkohle —, zwischen die beiden Wände zu liegen und der offene Oberteil des Ofens wird mit zerbrochenen Zicgelstücken ausgefüllt, welche die Vasen rc. bedecken. Um die Hitze zu steigern, belegt man die Ziegelstücke mit heißer Holzkohlenasche. Im Omfo wird der Brennstoff einfach durch die obere Oeffnung auf die Gefäße geschüttet. Beide Oefeu werden vierundzwauzig Stunden lang geheizt. Schale von Porzellan, gemalt mit Blüten in grüner und roter Schmelzmalerei. Anfang des Jahrhunderts. Durchm. 5{ cm. Flaschenkürbis (Tscheng). lsolzkiste (Tschau). Musik. Barnbus flöten. Liegendes Tier (Gn). Die ersten nachweisbaren Anfänge einer Musik lassen sich im Reiche der Mitte schon vor jetzt 4V2 Jahrtausenden finden. Freilich ist die Art der Aufzeichnung eine phantastische, aber an der Thatsache lassen die Quellen keinen Zweifel. Es hatte da lvieder einmal ein Kaiser — HoangTy hieß er — den Thron an sich gerissen; aber diesmal war das Bessere dem Schlechteren gefolgt, anregende wissenschaftliche Strömungen kamen durch ihn in das damals schon vielfach verknöcherte Land. Die vielen im Volke vorhandenen Melodien erregten seine lebhafte Aufmerksamkeit so sehr, daß er einem seiner Lieblinge, Linglun, den Auftrag gab, fortzugehen und aus diesen Weisen eine feingeregelte Wissenschaft, die Musik, nach Hause zu bringen. Linglun gehorchte schweigend. Er kam in das Land Sitzung, in die mächtigen Bambusivälder an den Quellen des Hwangho. Hier wollte er das Rätsel lösen. Er setzte sich hin und versank in tiefes Grübeln. Eines Morgens — er hatte sich eben Pfeifen von verschiedener Länge aus dem Bambus geschnitten — ward ihm eine große Gnade zu teil. Der Wundervogel Funghoang kam, und das bedeutete immer eine Wohlthat für die ganze Menschheit. Das Männchen Fung sang sechs Töne, das Weibchen sechs andere. Als Linglun sich von seinem Staunen erholt hatte, ahmte er die Töne auf seiner Pfeife nach. Ter erste Ton des Wundervogels stimmte genau mit dem Rauschen des Hwangho überein — das mußte also der Grundund Urton in der Natur sein. Für diesen schnitt er die tiefste Röhre Hnangtschung, "die gelbe Glocke" (unserem 1 entsprechend). Die anderen Töne hielt er nun gleichfalls durch verschieden lange Bambusröhrchen fest und gab zugleich ciue feststehende Dimension, indem er den Inhalt jeder einzelnen Röhre durch die Zahl der eingeschnittenen Körner einer Hirsenart bestimmte. So konnte er denn wohlgemut an die Sonne des Hofes zurückkehren; dort forschte er, von Ehren fast erdrückt und mit reichen Mitteln versehen, weiter und baute sein System ganz erheblich aus. Aber schon nach einigen Jahrhunderten hatte Unverständnis das Errungene zu einem Zerrbild gemacht, so sehr, daß Kaiser Tschun der Musik eine andere Richtung anbefahl. Man sieht, damals ging es ein wenig anders her als bei unseren heutigen Parteikämpfen in der Kunst. Dieser Kaiser muß ein sehr feines Verständnis gehabt haben. Ein Beweis dafür ist sein Befehl an den mnsikkundigen Quei, "Die Musik soll dem Sinne der Worte folgen, lasse sie einfach und natürlich sein. Musik ist der Ausdruck der Seelenempfindung... ." Queis Kompositionen wirkten auf den großen Confucius so mächtig, daß er monatelang daran dachte und selbst die köstlichsten Speisen verschmähte. — Die ursprüngliche Tonleiter hatte nur fünf Töne (Ambros): f, genannt kung — der Stammton. Die Modulation, der er zu Grunde liegt, bedeutet den "Kaiser" voll Würde und Erhabenheit. g, genannt tschang — die daraus entspringende Modulation ist scharf und strenge — "die Minister". a, genannt kio — sanft und milde — das unterthänig gehorchende Volk. c, genannt tsche — schnell und energisch — die "Staatsangelegenheiten". cl, genannt yu — glänzend und prächtig — das Gesamtbild aller Töne. Für unsere Begriffe fehlten also noch Quinte und Quarte. Diese beiden brachte ein heißer Kunststreit um das Jahr 1100 v. Ehr. Die ursprünglichen 12 Halbtöne des ersten Musikforschers suchte man nun einzureihen und endlich gelang es auch, Einheitlichkeit herzustellen. Man hatte eine aus 14 Tönen bestehende Skala, mit dem Tetrachorde h, c, d, e beginnend, daran anschließend eine Oktave und drei Töne. Das Oktavensystem liegt also auch der chinesischen Musik zu Grunde. Mit den 12 Halbtönen fingen sie nun Kombinationen an. Die Skala konnten sie damit schon zwölfmat transponieren, nun kann aber auch noch jeder Lü (Halbton) in der aus ihm entspringenden Skala siebenmal den Platz wechseln, was die stattliche Anzahl von 84 Tonarten ergiebt. — Womit machen nun die Chinesen ihre Musik? Die Stoffe, aus denen die Instrumente gemacht sind, ergeben die Einteilung. Sie haben acht Arten von Klängen. Auf Befehl des Kaisers Puugtscheng entstand ein Katalog, der pedantische Aufzeichnungen der Stoffe und Verwendung derselben enthält. Da ist der erste: der Flaschenkürbis, er dient zum "Tscheng“, einem Mitteldinge zwischen Panspfeife und kleiner Orgel. Es i)t zugleich das Normalund Stimmungsinstrument; Bambus bildet das Material zu den Flöten; Holz liefert "Ou“ und "Tschou“. Mit drei Schlägen auf den Kopf des Tieres wird den Zuhörern mitgeteilt, daß nun das Stück zu Ende sei. Das Tschou ist nur eine einfache Holzkiste, deren Innenseiten mit einem Hammer bearbeitet werden. Gebrannte Erde ist das Material zu dem ehrwürdigsten Instrumente, dem "Hiuen“; ein Tongefäß, oben offen, vorne drei, hinten zwei Öffnungen für die Töne der Urskala. Mit gegerbter Tierhaut werden Trommeln und Pauken überspannt. Ans Metall entstehen die Glocken, sechs Teile Kupfer, sechs Teile Zinn. Das Instrument ist sehr einfach zu spielen, weil nicht etwa ans die einzelnen Glöckchen geschlagen wird, sondern ans den Rahmen, um alles auf einmal ertönen zn lassen. .Gedrehte Seide wird zn den Saiten des "Lin", eines für vornehm geltenden Instrumentes verwandt. Zn den edelsten Instrumenten, den "Kings“ liefern klingende, aufgehängte Steine die Töne. In diese Familie gehört das "Nio-king“, die Krone aller Instrumente. An ihm hängen die edelsten Klingsteine, die nur die Provinz Leangtschen liefert. Der Kaiser allein darf es spielen, und selbst er mir bei ganz hochheiligen Handlungen. — Trommel. Glockenspiel. Klingende kleine. Thongefäß (ksinen). Die große Neigung der Chinesen zn mystischer Naturphilosophie zeigt sich stark in der Begründung aller Vorgänge in der Musik. Den Mondlänfen des Jahres entsprechen die 12 Halbtönc; der erste Mond "cl“ erzeugt den zweiten Mond "a“ und so im Qnintenzirkel weiter. Im Buche lksaknan stößt man ans ganz pythagoräische Ausführungen. Da lesen wir: "Ans eins und sechs entsteht Wasser und der Ton yu (fZ); ans zwei und sieben Feuer und der Ton tsche (c); ans drei und acht Holz und der Ton kio (a); ans suer und nenn Metall und der Ton tschang (</); ans fünf und zehn Erde und der Ton koung (/); die fünf chinesischen Elemente also zugleich in Einklang mit den fünf Tönen der alten Skala gebracht. — Der Zweck der Musik ist in China ein doppelter; einmal soll sie bessernd ans die Moral wirken und dann soll sie den feierlichen Gelegenheiten ein festlicheres Gepräge geben; zwei Gründe, daß sich die Regierung viel mit der Regelung der Musik befaßte. Die Kaiser selbst verschmähten es keineswegs, eifrig dieser Kunst zn obliegen. Von einem, dem Kaiser Kanghi (1680 n. Ehr.), wissen wir, daß er ein für chinesische Begriffe hervorragender Komponist war. Er ließ auch ein Konservatorium gründen und dies von einem seiner Söhne leiten. Bei feierlichen Gelegenheiten, religiösen wie weltlichen, spielt die Musik eine große Rolle. Genau nach der Bedeutung des Falles ist die Größe des zur Verwendung kommenden musikalischen Apparates festgclegt. Das kleinste Fest erfordert schon 2 Mandarinen (hier —Ceremonienmeister), 2 Sänger und 12 Jnstrnmentalisten; für Hanptfeste aber sind 4 Sänger, 13 Mandarinen und 52 Jnstrnmentalisten notwendig. Genau wie der Apparat ist auch jede einzelne Bewegung bis ins kleinste vorgeschrieben, so daß eine Vorführung solch ceremoniöser Feierlichkeiten für uns Europäer einen lächerlich traurigen Eindruck macht. Man glaubt eben, steife Marionetten vor sich zn haben, aber keine lebenden Wesen. Wie sehr darunter ein wirklich künstlerisches Ansüben des Berufes erschwert, ja man darf sagen unmöglich gemacht wird, begreift man, wenn man die Kompliziertheit der Zeremonien und die Vielfältigkeit bei den einzelnen Festen sieht. Weitaus die größte Zeit der "Künstler" nimmt eben das Einstndieren dieser Bewegungen in Anspruch. — Für die einzelnen Festtage sind natürlich die entsprechenden Kompositionen vorhanden: am Tage, an dem das Lob des Kaisers vorgelesen wird, ertönt sinnig "die Musik des Aufruhrs", und am Tage der Sonnenwende erklingt während des Opfers am runden Altar der Erde eine ganz besonders pompöse Festmnsik — vor dem Thore der Ruhe und Stille. Besonders eigentümlich ist die Verwendung der Musik im chinesischen Theater. Ob Komödie oder Tragödie: bei einer gesteigerten Gemütsbewegung hört die einfache Rezitation ans und als Effektmittel kommt im Schauspiel — eine Arie! Zwischenaktsmusik ist ein Lärmen und Toben von Becken und Pauken. Statt umständlicher Erklärungen der Mnsikanfzeichnnng mag Original und Übersetzung einer heiligen Weise, "Tao-yin“, folgen: Landwirtschaft. In keinem Lande der Erde spielt der Landbau eine so hochwichtige Rolle wie im "Reiche der Mitte". Die Chinesen gehören wahrscheinlich zu den ältesten ackerbautreibenden Völkern der Welt. Die abendländischen Kulturnationen haben es im richtigen Betrieb der Landwirtschaft zwar viel weiter gebracht als China, trotz des hohen Alters seiner Agrikultur, aber keine Nation erreicht die chinesische in der Hingabe an den Landban und in der Intensität der Bodenbewirtschaftnng. In jedem Dorf des Riesenreichs giebt es eine landwirtschaftliche Aufsichtsbehörde, welche von drei oder vier alten Landwirten, die auf der achten Bcamtenrangstufe stehen, geleitet wird. Diese Behörde soll darauf achten, daß jeder Landwirt, wenn irgend möglich, seine gesamten Ackergründe bebaue und alles Nötige zur gehörigen Zeit ihue. Wer in dieser Hinsicht nachlässig ist, wird auf Antrag der Agrikulturbehörde vor Gericht gestellt und zu einer Prügelstrafe verurteilt, wobei sich die Anzahl der Stockstreiche nach dem Flächeninhalt der unbebaut gelassenen Felder richtet. Das Gesetz schreibt vor, daß nicht nur die Pächter von Staatsgütern, sondern auch die in eigener Regie wirtschaftenden Privatgrnndbesitzer ihre Felder möglichst vollständig anzubauen haben, widrigenfalls sie Gefahr laufen, den vernachlässigten Boden von der Krone beschlagnahmt zu sehen. Der Frühling und zugleich die Anbauzeit werden mit Festund Feierlichkeiten eingeleitet. Niemand soll zu pflügen beginnen, ehe zu Ehren der Gottheiten des Frühlings und der Landwirtschaft gewisse Staatsceremonien beobachtet worden sind. Diese zeugen von der die Chinesen auszeichnenden hohen Verehrung des Landbaues und von der politischen Wichtigkeit der ackerbautreibenden Bevölkerung in diesem Reiche. Die Feierlichkeiten werden in Peking vom Kaiser, anderswo von den Gouverneuren, Präfekten und Bezirksstatthaltern dnrchgeführt. Was die Bodenbeschaffenheit anbelangt, so bestehen die Felder in der Regel aus jüngstem Alluvium. In den meisten Gegenden kann das ganze Jahr hindurch gearbeitet, im Süden sogar jederzeit gesäet, gepflanzt, geerntet werden. Die Hauptarbeiten beginnen im März und enden etwa im November. Die hervorragendsten Erzeugnisse der chinesischen Landwirtschaft sind: Reis, Thee, Maulbeerbäume, Baumwolle, Hirse, Zuckerrohr, Weizen, Bohnen, Tabak. Der Feldbau leidet, da der Reis — der Hauptartikel — gewöhnlich in den Fluß353 Landwirtschaft. 354 Schantungpflug mit Dreigespann. thälern angebairt ist, häufig an folgenschweren, umfangreichen Überschwemmungen und die planlose Ausrodung der Wälder zieht sehr oft arge Dürre nach sich — zwei Übel, welche bekanntlich nicht selten schlimme Hungersnot herbeiführen. Zahllose landwirtschaftliche Bauten sind regelrecht befestigt und ähneln Ritterburgen; die Ursache hierfür ist in dem Wunsch der Landleute nach Schutz gegen Überfälle bewaffneter Räuber oder anderer Feinde zu suchen. Die landwirtschaftlichen Geräte sind primitiv und wenig zahlreich. Außer dem Pflug, der Egge, der Haue, dem Spaten und dem Flegel benutzen die Zopfträger nur noch die Schwingmaschine, die Sichel und einige der Bewässerung dienende Vorrichtungen. Der Pflug besteht aus einem Grendelgriff nebst einer Pflugschar mit einem Holzstiel und einer hinteren Stütze, die das Streichbrett vertritt. Naturgemäß kann mit einem so einfachen Behelf nicht tief gepflügt werden. Wollten die Chinesen Untergrundpflüge benützen, könnten sie viel reichlichere Ernten erzielen. Ihre Pflüge sind so leicht, daß die Landleute sie oft nach des Tages Arbeit ohne Beschwer auf der Schulter heimzntragen pflegen und daß die Eingeborenen sie zuweilen von ihren Weibern ziehen lassen. Viele Kleinhänsler benutzen statt eines Pfluges nicht selten sogar nur eine größere, eisenbeschlagene Haue zum kkmgraben ihrer Brachen, so daß sie kein Zugvieh anzuschaffen brauchen. Handelt es sich um die sehr ertragreiche, terrassenförmige Bebauung von Hügelland, so wenden sämtliche Klassen von Landwirten ausschließlich die Haue an. Die Reisegge ist mit drei Reihen Eisenzähnen versehen, über denen sich der Griff befindet, mittels dessen der Landmann sie in die Erde drückt. Die gewöhnliche chinesische Gctreideegge — hauptsächlich in den Weizen, Gerste und Hirse erzeugenden nördlichen und mittleren Provinzen gebräuchlich — ähnelt so ziemlich den in Europa üblichen Eggenarten. Nach Abhaltung der erwähnten landwirtschaftlichen Feierlichkeiten beginnt die Bearbeitung der Felder. Die Reisfelder werden zunächst mit Kalk bedeckt, der in großen Mengen durch das Verbrennen von Austernund Muschelschalen in Kalköfcn gewonnen wird. Sodann wird der Boden bewässert, wenn nicht häufige und ergiebige Regenfälle eingetreten sind. Zu den üblichsten Bewässerungsarten gehört die durch Tiefbrunnen, wie es Kürschner, China I. deren in vielen Gegenden auf jeden: Felde giebt. In der Nähe des Tiefbrunnens steht ein etwa drei Meter hoher Holzpfosten, auf dessen Gipfel ein mit einem Gewicht — in der Regel ein großer Stein — beschwerter Schwengel sich befindet; ein langes Seil, an dessen Ende ein Wassereimer befestigt ist, vervollständigt die Ausstattung. Das gehobene Wasser gießt der Arbeiterin die vorbereiteten Furchen, welche es über das ganze Feld verbreiten, so daß dieses bald völlig unter Wasser steht. In den nördlichen Provinzen ist es gebräuchlich, über der Öffnung des Brunnens eine Winde zu errichten. In manchen Gegenden wird der Eimer an einer langen Kette angebracht, die über eine Rolle läuft und an den Hals oder Nacken eines Stieres befestigt ist. Wo es keine Brunnen giebt, benutzen die Landleute zur Bewässerung Teiche, denen man das Wasser in verschiedenen Weisen entnimmt. Eine andere Art der Bewässerung ist die mit der Kettenpnmpe, die dazu dient, Wasser aus einer Zisterne in eine zweite zu leiten oder es aus Flüssen oder Kanälen auf Anhöhen zu heben. In der Regel wird diese Vorrichtung dadurch betrieben, daß ein Büffel vor ein großes, wagerechtes Rad gespannt wird, welches mittels Kämme mit der Achse der Rollen verbunden ist, über welche die Hebedanmen laufen. In Ermangelung von Büffeln kommen auch Esel, Maultiere oder Ponies zur Verwendung. In einzelnen Gegenden erfolgt der Betrieb der Kettenpnmpe (Patcrnosterwerk) durch Menschenhände; doch ist das wagerechte Rad dann kleiner. Wo die Felder hoch über dem Spiegel des Flusses u. s. w. liegen, müssen die Landwirte zum Wasserrad greifen, welches je nach der Uferhöhe 6 bis 12 ni hoch ist und im Bedarfsfälle durch einen großen Trog einen beständigen Wasserstrom in Betten auf die Acker leitet. Auf Formosa geschieht die Bewässerung durch das von den Abhängen der hohen Berge herabfließende Wasser, so daß weder Kettenpumpen, noch Räder erforderlich sind. Auf die Berieselung folgt die Düngung, die in Lljtnesische lvasserpumpe. 23 355 Landwirtschaft und Viehzucht. EGE 356 China eine größere Rolle als sonstwo spielt. Der gebräuchlichste Dünger besteht in Tierexkrementen, Gänse-, Hühnerund Entenfedern, peruanischem Guano, Knochenstaub, Bohnenkuchen, Menschenhaar (die Barbiere verkaufen es an die Landwirte) und einer Mischung aus feiner Erde mit Pferde-, Kuhund Schweinedünger. Sehr geschätzt ist auch der Urin von Pferden und Kühen. Als der allerwertvollste gilt jedoch der Abtrittsdünger. Am Eingang jedes Dorfes kann man ganze Reihen umfangreicher irdener Gefäße aufgestellt sehen, welche zur Aufnahme solchen übelriechenden trockenen und flüssigen Düngers bestimmt sind. In allen Großstädten werden lebhafte Abtritts-Düngermärkte abgehalten, auf denen die verkaufte Ware in Kufen oder Gruben geleert wird. Alsbald bringen große Boote mit flachem Boden den beliebten "Artikel" aufs Land, wo die Käufer ihn in Cisternen aufbewahren, denen dicke Schichten von Tschunam-Mörtel Wasserdichtigkeit verleihen. In diesen Cisternen, die gewöhnlich in den Winkeln der Felder sich befinden, bleibt der Dünger, bis er benutzt werden kann. Zu den meisten landwirtschaftlichen Bauten gehört auch eine von Mauern und einem Dach umschlossene Cisterne zur Aufnahme menschlichen Urins für Düngerzwecke. Nach der Düngung beginnt das Pflügen. Der Chinese sieht weniger auf die Erzielung gerader Furchen, als auf eine gründliche Vermengung der Ackererde mit dem Dünger und dem Berieselungswasser. In Südchina und auf Formosa werden die Reisfelder mit Büffeln gepflügt, die nebst ihren Führern bis zu den Knien im Schlamme waten. Viel leichter ist das Pflügen von Weizen-, Gersteund Hirsefeldern, denn diese brauchen nicht bewässert zu werden. Nach Beendigung des Pflügens kommt das Eggen an die Reihe. Für die Säearbeiten müssen die "Glückstage" bestimmt werden, als Unglückstag gilt allgemein der zweite Tag eines jeden sechzigtägigen "Cyklus". An diesem Tag, welcher "Int" heißt, würde niemand säen oder pflanzen, da sonst die Ernte vermeintlich sehr schlecht ansfallen müßte. Der Reis. Der Reissame wird tüchtig eingewässert, dann aber nicht, wie Getreide, breitwürfig, sondern in einem Winkel sehr dicht gesäet, nachdem der Boden vorher gehäufelt worden. Sobald nun die Schößlinge einige Zoll hoch gewachsen sind, nimmt man sie ab und verpflanzt sie über das Grundstück. Das Wachstum des Reises ist ein so schnelles, daß die Felder schon nach wenigen Tagen in üppigem Grün prangen; sie müssen jedoch fortwährend reichlich mit Wasser versehen sein, wenn die Ernte nicht gefährdet werden soll. Auf schädliches Unkraut wird sehr geachtet; bemerkt ein Arbeiter Unkraut in nächster Nähe einer Pflanze, so nimmt er diese aus, um sie nach Beseitigung des Unkrauts wieder einzusetzen. Ein gewisser reisfeindlicher Wurm, der dem gewöhnlichen Erdwurm sehr ähnelt, wird sorgfältig gesammelt, aber nicht weggeworfen, sondern auf den städtischen Märkten als vielbegehrte Delikatesse verkauft. Auch ein heuschreckenähnliches Insekt, das oft in dichten Schwärmen durch die Luft fliegt, kann die Reisernte stark beinträchtigen. Die Erntereife des Reises tritt meist hundert Tage nach dem Säen ein —im Juni. Geerntet wird mit der Sichel. In manchen Provinzen schneidet man nur die Köpfe der Ähren ab und läßt das Stroh stehen. Die kleinen Garben, die nunmehr gebunden werden, kommen in aufrechter Stellung auf die Erde zu stehen. Sehr bald erfolgt das Dreschen, und zwar so, daß Arbeiter die Garben in die Hand nehmen und kräftig Reisfelder in Birnau. an die Innenwände von Fässern schlagen, in welche die Körner fallen. Doch giebt es Reissorten, die nicht in dieser Weise gedroschen werden können. In solchen Fällen tragen Männer die Garben ans Bambusstäben zum Gehöft, um sie dort mittels Flegels zu dreschen, aber nicht in einer Scheune, sondern auf der Tenue, die sich auf jeder Wirtschaft findet, Überdies ist jedes Dorf mit einer öffentlichen Tenne ausgerüstet, welche den Kleinhäuslern zu gute kommt. In einzelnen Gegenden benutzen die Bauern Büffel zum Austreten der Garben; anderwärts bedienen sie sich zu diesem Zweck der Esel, Maulesel oder Ponics. In den Provinzen Hupeh, Kiangsi und Kiangsu erfolgt der Drusch sehr oft durch Walzen, welche von Ochsen, Maultieren, Pferden oder Eseln gezogen werden. Für das Wannen (Worfeln, Reutern) der Körner bürgert sich bereits vielfach die europäische Schwingmaschine ein. Doch ist eine andere, viel einfachere Methode mehr im Gebrauch. Die Arbeiter stellen sich, während eine frische Brise weht, mit dem Rücken gegen den Wind ans und lassen die Körner langsam aus Mulden niederfallcn oder sie stoßen die Körner mit Gabeln gegen den Wind in die Höhe. Die Schlußreinigung erfolgt auf Bambusoder Rotangbehältern, die tüchtig geschüttelt werden, so daß die Körner emporfliegen und zurückfallen. Nach der Juni ernte wird der Boden für eine zweite Aussaat vorbereitet, die Ende Juli stattfindet. Die zweite Reisernte wird hundert Tage später — anfangs November — bewirkt. Diesmal drischt man nicht sofort, sondern formt auf dem Gehöft die Garben zu Schobern, die zum Schutze gegen Ratten und anderes schädliche Getier in der Regel auf hohen Granitfäulen Platz finden, bis der Reis benötigt wird; dann erst kommt dieser zum Drusch, es sei denn, daß er in wucherischer Absicht zurückgehalten werde, bis die Preise steigen. Zwar verbietet das Gesetz das ZurückHalten von Reis in Zeiten der Not unter allen Umständen, allein die Getreidcwucherer brauchen, um diese Vorschrift ungestraft mißachten zu können, nur die Beamten zu bestechen. In jeder Provinz bestehen zahlreiche staatliche Reisspeicher — teils zur Versorgung der Garnisonen, teils zum Verkauf nach Mißernten und bei drohender oder ausgebrochener Hungersnot. In Kwangtung, der wichtigsten Provinz des Südens, ist es den Landwirten streng verboten, Reis ausznführen; dagegen ermuntert rnan die Reiseinfuhr aus Kochinchina und anderen Nachbarländern nach Kräften. Wer so viel Reis von auswärts bezieht, daß dadurch der Kantoner Marktpreis gedrückt wird, pflegt vom Kaiser durch Verleihung eines hohen Ranges belohnt zu werden. Außer den Regierungsspeichern bestehen noch schäit’songs“, d. h. kleine Speicher, und zwar in den allermeisten Dörfern; sie dienen zur Aushilfe in Notoder Kriegszeiten, und die tn ihnen vorhandenen Vorräte gelangen um einen Zehntel-Tael der Pikul (= 601/2 kg) unter dem Marktpreise zum Verkauf. Aus diesen Dorfspeichern erhalten arme Kleinhäusler im Frühling nötigenfalls Aussaatreis als Darlehen, welches im Herbst zur Wiederfüllung der Speicher zurückgezahlt werden muß, und zwar mit Zinsen. Viele Großgrundbesitzer haben eigene Speicher. Sehr klein sind die, der Form nach den in England üblichen Weizenschobern ähnelnden hölzernen Speicher auf den Weizen-, Gersteund Hirsewirtschaften Nordchinas. Die Aufbewahrung des Reises in den Speichern geschieht zumeist mit der Hülse, da er in diesem Zustand weniger Aufmerksamkeit erfordert, als der enthülste, welcher große Sorgfalt verlangt. Vor Kornwürmern und anderen Insekten bewahren die Chinesen den enthülsten Reis durch Kohlenstoff. Sie verbrennen Reishülsen und erhalten mit der Asche weißen KohlenDie Hirse, egeeeegeeeeggbeggeeggeeeggb 358 stoff, den sie tüchtig unter den Reisvorrat mischen. Aber obgleich sie die insektenfeindliche Eigenschaft des Kohlenstoffs genau kennen, läßt ihre abergläubische Veranlagung nicht zu, daß sie ihre Speicher an: ersten Tag des sechzigtägigen Cyklus öffnen; sie fürchten nämlich, daß andernfalls die Vorräte sofort von Würmern oder vom Brand angegriffen werden würden. Die Chinesen genießen ungemein viel Reis, er bildet ihr hauptsächlichstes Nahrungsmittel. In Mehlform verwenden sie ihn fast lediglich zur Bereitung von Reiskuchen und bedienen sich dabei zum Mahlen der gewöhnlichen orientalischen Handmühle, die aus flachen, kreisrunden Steinen besteht, die gegeneinander gerieben werden. In mehreren Landesteilen bepflanzt man die Reisfelder nach der zweiten Ernte mit Zwiebeln, Kartoffeln, Kohl, Rüben und ähnlichem. Dabei spielt dann der flüssige Dünger eine große Rolle; er wird vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang aus Fässern mit langen Speiröhren über die Beete gegossen. Selbstverständlich entsteht dadurch ein für abendländische Nasen entsetzlicher Gestank, der indes die schlitzäugigen Zopfträger nicht im geringsten zu stören scheint. In anderen Gegenden wird im Herbst auf den ausgetrockneten Reisfeldern Theckamellienöl(t8olln-juu) angebaut, dessen Ernte im Vorfrühling erfolgt. Die blaßgelbe Theeamellie erfüllt die Luft mit köstlichem Duft; ihr Öl ist sehr gesucht, da es von den Damen znm Salben des Kopfes benutzt wird. Das Ol wird aus dem Samen gepreßt, nachdem dieser gut zerstoßen und über siedendes Wasser gehalten worden ist, um tüchtig erweicht zu werden. Die ausgepreßten Samenknchen werden in kleine Stücke geschnitten, die, zu Pulver zerrieben, als Toiletteseife Verwendung finden. In den südlichen Provinzen Kwangtung und Kwangsi bauen die Landwirte nach Beendigung der zweiten Reisernte Weizen und Gerste. Der Samen wird hierbei, wie bei uns, breitwürfig gesäet. Das geschieht im Herbst und die Ernte erfolgt unmittelbar vor der Zeit, da die Vorbereitungen für die erste Reisaussaat fällig werden. Im Norden jedoch säet und erntet inan Weizen und Gerste aus klimatischen Gründen ungefähr zu denselben Jahreszeiten, wie in Norddeutschland oder England. In der Mongolei mäht man Weizen, Gerste oder Hafer nicht immer mit der Sichel, sondern auch oft mit der Sense, an deren Rücken ein Korb befestigt ist, in welchen nach jedem Schnitt die Ähren hineinfallen, um dann heimgefahren zu werden. Häufig reißen die Mäher das Getreide mitsamt der Wurzel ans; in diesem Falle oder bei Sichelmähnng wird es in Garben gebunden und bleibt in Gestalt von "Puppen" (Dutzendoder Mandelhaufen) auf dem Felde, bis es trocken genug ist, um aufs Gehöft gebracht zu werden. Die Hirse. Von großer Bedeutung ist in China die Hirse, die namentlich in den nördlichen und mittleren Provinzen 23* 359 E Landwirtschaft und Viehzucht.  360 in beträchtlichen Mengen angebaut wird. Besonders üppig gedeiht sie in sandigem Boden. Der Anbau geschieht, um das Jäten und Graben zu erleichtern, ziemlich lose. Bon dieser Frucht, welche 2—3 in hoch wächst, kommen zwei Gattungen vor: die vom Volke gegessene feinere und die als Viehund Geflügelfutter dienende gröbere, aus der übrigens auch eine Art Wein gewonnen wird. Die Stengel der Hirse sehen wie schlankes, knotiges Schilfrohr aus und dienen zur Herstellung von Einzäunungen, während die den Knoten entsprießenden breiten Blätter und die Rispen als Viehfutter dienen. Zum Mahlen der Hirse hat mair auf dem Gehöft eine große, runde, meterhohe Erhöhung aus Steinmauerwerk, in dessen Mitte sich ein Holzpfosten befindet, welchen ein von einem Esel bewegtes Holzfachwerk umgiebt, in dessen Mitte eine große, drehbare Steinwalze angebracht ist. Die Hirsemühlen werden durchweg von Weibern bedient. Das Zuckerrohr. China ist das Vaterland, die Urheimat des Zuckerrohrs, das dort noch heute in ausgedehntem Maße gebaut wird und jährlich zwei Ernten liefert. Der Boden muß tüchtig mit Erbsenoder Bohnenkuchen gedüngt und dann zu langen Reihen oder Rainen geformt werden, mit Zwischenräumen von je 1,2 m. Die Arbeiter durchlöchern nun die Raine mit Hauen, wobei sie zwischen den einzelnen Löchern Abstände von rund zwei Schuh lassen. In die Öffnungen stecken sie halbmetcrlange Zuckerrohrstückchen, die aus einem Oberteil und zwei bis drei der oberen ringförmigen Knoten bestehen, während die Blätter abgeschnitten werden. Jetzt begießt man die Reihenzwischenräume reichlich mit Wasser. Zum Schutz gegen die gefährlichen Landkrabben und andere Feinde sind die Brechen von zwei bis drei Fuß hohen Mattenhecken umgeben. Nach Eintritt der Reife wird das Rohr dem Boden möglichst nahe abgeschnitten, weil die längeren Kuoten am saftreichstcn sind. Zunächst bindet man das Rohr zu Bündeln, die unverzüglich in die Mühle gelangen, in deren Hof vor allem die obersten Knoten abgeschnitten werden. Letztere dienen entweder als Viehfutter oder als Heizstoff. Sodann erfolgt die Auspressung zwischen zwei aufrechten Steincylindern, deren einer von einem Joch Büffel in Bewegung gesetzt wird und durch Kämme den andern mitdreht. Der Saft wird sofort gekocht, da er sonst sauer werden würde. Vor dem Kochen klärt man ihn durch Zusatz von Kalk. Dem kristallisierten Zucker wird die Melasse dadurch entzogen, daß man den Saft in kleine, weithalsige, irdene Krüge gießt, die sich gegen eine verschlossene untere Öffnung verengen. Hier granuliert der Shrup binnen einigen Tagen, worauf das untere Loch geöffnet wird und die Melasse abfließt. Übrigens wird nicht alles Zuckerrohr zur Erzeugung von Zucker verwendet; ein Teil gelaugt zum Verkauf an die Obsthändler, die es in Stücken von 14 bis 24 cm Länge in ihren Läden als beliebtes Genußmittel feilhalten. Das beste Zuckerrohr wächst im Bezirk Scheklung (Provinz Kwangtung); diese Sorte erzielt die höchsten Preise. Der Indigo. Zu den wertvollsten Produkten des chinesischen Landbaues gehört der Indigo, dessen Behandlung hier von der in Ostindien üblichen in manchen Punkten erheblich abweicht. Als der vorzüglichste chinesische Indigo gilt der aus der Umgebung von Paklu in Kwangtung, einer tropischen Gegend; aber auch in mehreren mittleren und nördlichen Provinzen, sowie in der Mongolei und auf Formosa gedeiht guter Indigo. Die Aussaat erfolgt in langen, schmalen, etwa 7 cm tiefen, 24 bis 28 cm voneinander entfernten Furchen. Schon nach einigen Tagen tritt die Pflanze zutage und nach zwei Monaten steht sie staudenartig in voller Blüte. Um diese Zeit enthält sie den größten Reichtum an Farbstoff — vorausgesetzt, daß der Boden andauernd sorgfältig von Unkraut freigehalten worden ist — und kann geerntet werden. Der Schnitter hält die Pflanzen in der Linken, mäht sie mit der Sichel ab und bindet sie dann in Garben. Dieselben Wurzeln ergeben bereits nach sechs bis sieben Wochen eine zweite Ernte; sehr häufig folgt noch eine dritte und auch eine vierte, doch sind sie nicht mehr so wertvoll wie die zwei ersten, denn nach der zweiten erscheinen die Wurzeln erheblich abgeschwächt. Die Garben gelangen in steinerne oder eementierte Tonnen, welche Wasser enthalten, in das oft Kalk gemischt wird. Binnen 10 bis 20 Stunden tritt Gährung ein — je nach der Lufttemperatur. Nach längerer Gährung — deren Dauer zu beurteilen von großer Wichtigkeit ist und viel Erfahrung erfordert — läßt man die Flüssigkeit durch Hähne in andere Tonnen abfließen, in denen sie mittels Rührstangen gehörig geschlagen werden. Das macht den Farbstoff dunkelblau und erzeugt einen Niederschlag; nach zwei Stunden wird die Flüssigkeit abzogen und der Niederschlag bis zur vorgeschriebenen Konsistenz gekocht, um nachher in Seihsäcken oder Spitzbeuteln an Balken zum Abtropfen aufgehängt zu werden. Die gänzliche Austrocknung geschieht an der Sonne und das Pressen in die im Handel wohlbekannte Form vollendet den Herstellungsprozeß. Andere Hauptartikel der chinesischen Landwirtschaft sind: Baumwolle, Tabak, Zimmt, Bohnen, Erbsen, Opium, vor allem aber Thee und Seide, bezw. Maulbeerbäume. Der Thee. Die Theestaude gehört zu den immergrünen Pflanzen, erinnert einigermaßen an die Myrte und wächst vier bis acht Schuh hoch. In China wird sie in den mittleren, südlichen und nördlichen Provinzen und sogar in der kalten Jnnermongolei gebaut; doch gedeiht sie am besten in den Provinzen Fokien, Kiangsu, Hunan und Hupe, wo sie ungeheuren Menschenmengen Beschäftigung bietet. Im Oktober wird der Same gesammelt und zum Zweck vollkommener Austrocknung den Sonnen361 nrenrere Der Thee. gegggggggegggggggggggggggggggg 362 strahlen ausgesetzt. Während der nächsten drei bis vier der zweiten Aprilhälfte, Ende Mai oder anfangs Juni Monate sorgfältig aufbewahrt, wird er im Februar — und anfangs Juli. Nach acht bis zehn Jahren tritt in manchen Gegenden erst im März — auf 24 Stunden Unfruchtbarkeit ein und es wachsen dann nur noch wenige in kaltem Wasser erweicht und dann in Tuchsäcken in mäßig und grobe Blätter. Um die Staude nicht vorzeitig zu erTheeernte. erwärmten Räumen (Küche n. s. w.) zum langsamen Trocknen aufgehängt — nicht an der Sonne. Nachdem er halbwegs trocken geworden, befeuchtet mau ihn abermals niit Wasser. Die Abwechslung zwischen Halbtrocknung und Anfeuchtung wird so lange fortgesetzt, bis das Keimstadium eintritt. Nunmehr werden die Schößlinge in dünnen Erdschichten auf Flechtwerk oder Matten gelagert, etwa einen Centimeter voneinander entfernt. In den ersten vier Tagen beanspruchen sie große Sorgfalt. Sie werden jeden Morgen tüchtig begossen und der Sonne ausgesetzt, nachtsüber jedoch in einer Kammer aufbewahrt; von der fünften Nacht an bleiben sie gänzlich im Freien, es sei denn, daß es regnet; Regen muß, Tau soll vermieden werden. Sobald die Schößlinge etwa zehn Centimeter hoch gewachsen sind, Pflanzt man sie in Zwischenräumen von zwei Fuß in den Boden. Da die Drainierung von außerordentlicher Wichtigkeit ist, eignet sich hügeliger Boden besser für den Theeban als flacher. Die Theestaude liefert den ersten Ertrag am Schluß des dritten Jahres. Nimmt man ihr die Blätter früher ab, so nimmt sic leicht großen Schaden. Wartet man dagegen mit der ersten Ernte länger als drei Jahre, so würde dieselbe nach Menge und Güte sehr armselig ausfallen. Alljährlich finden drei Ernten statt: in schöpfen, pflückt man nicht sämtliche Blätter. Um wieder eine reiche Ernte an Blättern und Schößlingen zu erzielen, schneiden die Bauern die Stauden nach ihrer Erschöpfung bis auf die Stämme ab. Das Pflücken der Blätter geschieht mit großer Sorgfalt. Bor dem Pflücken muß jeder Arbeiter sich die Hände waschen, und die abgerissenen Blätter werden in reine Flechtwerkkörbe gelegt. Ein geschickter Sammler kann an einem Tage etwa 5 kg Blätter sammeln. Im Handel mit Europa und Amerika giebt es die folgenden sieben Hanptsorten, deren jede mehrere Unterarten hat: Kongn, Suschong, Pekkoblüten, Ulong, wohlriechender Orangenpekko, schwarzer Kugelthee, grüner Thee. Der auf Formosa wachsende Thee ist sehr geringwertig, wird aber in Massen nach Fokien geschickt, weil die Bevölkerung dieser Provinz ihn wegen seiner angeblichen Heileigcnschaftcn schätzt. Von dem sogenannten Ziegelthee kommen zwei Sorten in den Handel: grüner und schwarzer. Der grüne wird aus Theeblättern erzeugt, die infolge heftigen Windes oder sonstiger Wettereinflüsse von selbst abgefallen sind. Sobald diese Blätter gesammelt worden sind, nrischt sie der Landmann mit Stengeln oder Stielen von in gewöhnlicher Weise gepflückten Theeblättern, dann legt er die Mischung in Flechtwerkkörbe, deren jeder auf eine bis zum Rand mit fortgesetzt kochend erhaltenem Wasser gefüllte eiserne Pfanne gestellt wird, so daß der anfsteigende Dampf den Inhalt des Korbes tüchtig dnrchdampft. Schließlich wird die Mischung in Mulden geleert und mittels schwerer Gewichte znsammengepreßt. Die Herstellung des grünen Ziegelthees dauert einen Monat, die des schwarzen, der ebenfalls ans abgefallenen Blättern und ans Stengeln gepflückter besteht, nur drei Wochen. Nicht nur die Güte, sondern auch das Aussehen beider Ziegeltheegattungen ist sehr schwankend. Äußerlich sind die Ziegel bald glatt, bald rauh, bald einfach, bald mit BlumenmusterPressung versehen. Auch die Größe ist oft grundverschieden; so z. B. enthält die Graysche Privatsammlnng Theeziegel von 1^/z bis 2^ om Dicke, 11 bis 15 am Breite und 21 bis 34 am Länge. Der Ziegelthee der Provinz Jünnan und des Bezirks Nangninen heißt "Pnnifn", ist kreisrund und hat einen Umfang von ungefähr 1/2 mDie Chinesen schätzen ihn sehr — sowohl wegen seines Wohlgeschmacks als auch wegen seiner Heilwirkung bei Gallenleiden und Hämorrhoiden. Je älter ein Ziegel, desto wirksamer ist sein Absud. Alljährlich gehen mehrere größere Sendungen für den kaiserlichen Hof nach Peking ab. Auch in der Provinz Folien wird Ziegelthee erzeugt, doch sind dort die Ziegel ziemlich klein. Sie bestehen aus mit anderen Bestandteilen gemischten groben Theeblättern, lvelche mit der Hand gesammelt und dann mindestens zehn Jahre lang aufbewahrt worden sind. Diese Sorte gilt fast im ganzen Lande für ein gutes Fiebermictel. Ans groben Theeblättern, die vorher in Mörsern zu einem feinen Pulver zerstoßen worden, dem das Harz eines bestimmten Baumes zngesetzt wird, bereitet man "Theekuchen" (tscha-peng), welcher dünn und rund ist und ebenfalls als ein Fiebermittel allgemeine Wertschätzung genießt, namentlich in der Provinz Kwangtung. Seidenbau. Der Seidenwurm ist in China zu Hanse und war vermutlich sehr lange ans dieses Land beschränkt. Nahezu ein Jahrtausend vor der ersten europäischen Seidenerzengnng, die in den Anfang des sechsten Jahrhunderts fällt, bestand ein ausgedehnter Seidenhandel zwischen China und Persien, wurden chinesische Seidenstoffe ans allen Märkten Griechenlands feilgehalten. Die erste Seidenranpenzüchterin der Welt soll die chinesische Kaiserin Si Lingtschi (um 2700 v. Chr.) gewesen sein, und seit ihrer Zeit haben sich, wie es heißt, sämtliche Kaiserinnen nebst allen Damen der kaiserlichen Hofhaltung für die Ranpenzncht interessiert und die Herstellung der für die Hauptgötzen bestimmten Seidengewänder überwacht, während Si Lingtschi längst zur Göttin der Seidenwürmer erhoben worden ist, der zu Ehren alljährlich ein "Kokonfest" gefeiert wird. An einem "Glückstag" des neunten Monats begiebt sich die Kaiserin — im Verhinderungsfall läßt sie sich vertreten — in Begleitung eines aus Prinzessinnen und Hofdamen bestehenden Gefolges zum Altar der Göttin, um zu opfern und dann mit goldenen bezw. silbernen Geräten die für die "kaiserlichen" Seidenwürmer erforderlichen Maulbeerblätter einzusammeln. Die Ceremonien enden mit dem Aufwinden der Seide einiger Kokons — einem Seitenstück zur Handhabung des Pfluges durch die männliche Hofhaltung beim landwirtschaftlichen Frühlingsfest. Übrigens wird Si Lingtschi auch im Frühjahr angebetet, und zwar in der Provinz Tschekiang, wo ihr mehrere hervorragende Tempel gewidmet sind, in denen die Mandarine an einein "Glückstag" Prunkgottesdienste abhalten. Für die Seidenwürmerzucht werden nur jene Motten, deren Flügel bei der Geburt ausgebreitet sind, für tauglich gehalten. Solche mit zerdrückten Flügeln, rotem Unterleib, trockenem Schwanz oder ohne Augenbrauen oder Härchen gelten für wertlos und werden vernichtet. Die Männchen dürfen sich nur mit solchen Weibchen paaren, die an demselben Tage ausgekrochen sind wie sie; ein Abweichen von dieser Regel würde den chinesischen Züchtern völlig unzulässig dünken. Einen Tag nach dem Beginn der Paarung werden die Männchen entfernt und jedes Weibchen wird auf einen Bogen groben Papiers, im rauhereil Norden auf eilt Stück Tuch gelegt. Nach 18 Tagen werden die inzwischen gelegten Eier sorgfältig mit Quellwasser gewaschen und das Papier oder Tuch wird langsam durch in einer Schüssel enthaltenes Quellwasser gezogen. Den Herbst über bleiben die Eier in einer kühlen Kammer verwahrt, während die Papieroder Tuchstücke von wagerechten Bambusstäben herabhängen, bis sie im November zusammengerollt und in einem gutgcfegten, von alleil schädlichen Einflüssen freigehalteneil Raum nntergebracht werden. Etwa zwei Monate später — am dritten Tag des zwölften chinesischen Monats — wäscht der Züchter die Eier abermals und läßt sie an der Luft trocknen. Im Frühling, wenn die Eier reif geworden sind, werden die Papierbogen u. s. w. auf Matten und diese auf ein Bambusbrett gelegt. Das geschieht in einem reingekehrten und wohlerwärmten Saal, an dessen Wänden sich zahlreiche solcher Bambusgestelle befinden. Die Geruchlosigkeit des Bainbus erklärt dessen ausschließliche Verwendung für diesen Zweck, denn riechendes Holz gilt für schädlich. Die Würmer werden anfangs 48 mal, später 30mal und zuletzt nur 3—4mal innerhalb 24 Stunden gefüttert. Im ersten Monat erhalten sie ab und zu — gewöhnlich zweimal — Maulbeerblätter, die mit dem Mehl von grünen Erbsen, schwarzen Bohnen und Reis vermengt sind. Sofort nach dem Einspinnen gelangen die Gestelle mit den Kokons in die Nähe eines langsam brennenden Holzoder Holzkohlenfeuers, welches die Puppen zerstört; doch werden diese nicht weggeworfcn, sondern von den Seidenarbeitern, die sie als eine Delikatesse betrachten, verzehrt. Die Kantoner Seidenbezirke erzielen nicht weniger als sieben "Ernten". Bei der im April stattfindenden ersten beanspruchen die Eier wenig oder gar keine Sorgfalt; das Ausbrüten geht ohne jede Aufsicht vor sich. Bei den fünf nächsten Ausbrütungen wenden die Leute ein Mittel an, um dieselben zu beschleuuigeu und alle Eier gleichzeitig zum Ausbrüten zu bringen, wodurch große Verluste vermieden werden. Sie mischen nämlich kaltes und heißes Wasser in ganz gleichen Mengen und begießen damit die Eier langsam, so eine gleichmäßige Temperatur künstlich erzeugend. Die im November übliche siebente Brütsaison heißt "Kaltwetter-Saison". Kaum ist sie zu Ende, werden die Manlbeerstauden dem Boden ganz nahe abgeschnitten, wobei sorgsam auf Schonung der Wurzeln geachtet wird. Bleiben diese unverletzt, so erscheinen im nächsten Frühling wieder zarte, mit Blättern beladene Schößlinge. Die abgeschnittenen Zweige gelangen, zu Bündeln gebunden, als Heizmaterial zuin Verkauf. In den südlichen Seidenbangegenden läßt man den Maulbeerbaum nur vier bis fünf Schuh hoch wachsen. Er gedeiht am besten in ebenem Boden, der zerrieben und wellig gemacht worden ist. Übrigens sind nicht alle Manlbeerpflanzer auch Seidenwnrmzüchter; viele ziehen den geschätzten Strauch nur, um die Blätter an Züchter zu verkaufen. In verschiedenen Gegenden giebt es eigene große Maulbeerblättermärkte, auf denen ungeheure Umsätze erzielt werden. Dem Bedarf entsprechend, ist die Maulbeerbaumzucht eine sehr ausgedehnte, besonders in Kwangtung. In China giebt es übrigens — namentlich in der Umgebung von Tschifu, in der Mongolei und Mandschurei — auch eine Gattung von großen Seidenwürmern, die nicht von Maulbeer-, sondern von Eichenblättern leben und von denen die sogenannte "Bergseide" gewonnen wird, welche zu groben Seidenstoffen verwendet wird. Die Sorgfalt der Behandlung der Seidenwürmer durch die chinesischen Züchter zeitigt manche Erscheinung, die ebenso interessant wie originell ist. Die so wichtige Temperatur in den Zuchtsälen wird nicht mittels Thermometers festgestellt, sondern dadurch, daß die Wärter sich von Zeit zu Zeit vollständig entkleiden: verspüren sie auch nur die geringste Kühle oder Feuchtigkeit, so wird unverzüglich nachgeheizt. Vom Blitz glaubt man, er schade den Würmern sehr; daher bedeckt man, wenn ein Gewitter droht, die Gestelle mit dickem, braunem Papier. Auch dem Donner wird ein ungünstiger Einfluß zugeschrieben. Überhaupt sucht man ihnen jedes Geräusch fernzuhalten; so z. B. dürfen die Wärter im Znchtsaal nur gedämpften Tones sprechen. Die Maulbeerblätter müssen von jeder Feuchtigkeit frei sein und daher bei etwaiger Nässe sorgsam gerrocknet werden, ehe die Tierchen sie vorgelegt erhalten. Die Züchter glauben, daß die Kokons mangelhaft sein und rauhe, geringwertige Fäden ergeben würden, wenn man unterließe, sie bei schönem, klarem Wetter auf die Gestelle zu legen. Manche der Vorsichtsmaßregeln gegen schädliche Einflüsse sind geradezu komisch. So z. B. darf keine Frau in gesegneten Umständen einen Raum betreten, in dem Seidenwürmer gehalten werden. Wer um einen Verstorbenen trauert, muß es während der ersten 49 Tage streng vermeiden, den Raupen in die Nähe zu kommen. Alle bei der Seidenzucht beschäftigten Personen haben sich des Genusses von Tsamtaubohnen und Ingwer zu enthalten; auch dürfen sie sich nicht mit dem Backen von Fleisch in Ol abgeben und nichts Wohlriechendes bei sich tragen oder an sich haben. Sie betreten die Zuchtgemächer niemals, ohne sich vorher mit Wasser zu besprengen; zu diesem Behufe steht an der Thüre jeder solchen Räumlichkeit ein gefülltes Waschbecken. In ntanchen Gegenden werden auch die Fremden bei der Besichtigung eines Zuchtsaales mittels eines Maulbeerblätterbüschels mit Wasser bespritzt. In den nördlichen Seidenbezirken streut man jeder Person, die eine Züchtungsräiuulichkeit betritt oder verläßt, einige Sandkörner auf den Kopf. Die Seidenstädte von Kwangtung sind besonders rein gehalten und haben eigene Rohseidenmärkte mit Ziegeldächern und hohen Mauereiufriedigungen. In jeder der Nischen, in welche die Markthalle geteilt ist, sitzt an den Markttagen ein Züchter, und hat Muster seiner Ware auf einem Tischchen vor sich liegen. Ein großer Teil der Rohseide gelangt in die Hände ansässiger Europäer, die sie nach England und anderen westlichen Ländern ausführen. Sehr viel wird jedoch von den ob ihrer Geschicklichkeit und ihres Geschmacks berühmten Webern von Kanton und Umgebung zu Gaze, Atlas und Reinseide verarbeitet. Die bekannten prachtvollen Gewebe werden durch herrliche Stickereien noch mehr gehoben. Eine Spezialität bilden die sehr begehrten breiten Bänder, in welche die chinesischen Damen ihre Klumpfüßchen zu hüllen pflegen. Die Stühle zum Schweifen und Aufbäumen weichen mehrfach von den in Europa üblichen ab. Zum Weben geblümter oder gemusterter Stoffe dient noch immer der vorsintflutliche Zugstuhl, als ob nie ein Jacquard gelebt hätte. Zum Sticken wird ein wagerechter Rahmen, neben welchem die stickende Person auf einem Schemel sitzt, benutzt. Viehzucht. In der Viehzucht nimmt der vielseitig verwendbare und in riesigen Mengen vorkommende Büffel die erste Stelle ein. Auch der Grunzochse (Jak) ist als Zugtier hochgeschätzt. Obgleich der Milchgenuß bei den Chinesen keineswegs üblich ist, halten sie zahlreiche Kühe. Eine große Rolle spielt die Schafzucht in Nordchina und der Mongolei, nicht aber im Süden. Angesichts der außerordentlichen Beliebtheit des Schweinefleisches bei den Unterthanen des "Sohnes der Sonne" ist der beträchtliche Umfang ihrer Schweinezucht erklärlich. Die chinesischen Schweine sind kleiner als die europäischen und im Süden zumeist weiß oder schwarzweiß, in: Norden aber und in der Mongolei durchweg schwarz. Pferde giebt es unverhältnismäßig wenige, namentlich im Süden; in den meisten Teilen der Provinzen Kwangtung und Kiaugsi findet man überhaupt keine. Dagegen sind sehr viele Esel und Maulesel vorhanden, und sie finden mannigfaltige Verwendungen, insbesondere im Landwirtschaftsbetrieb. Auch das Kamel dient den Chinesen häufig als Zugtier. Hinsichtlich der Geflügelzucht ist nur hervorzuhebeu, daß sie sich hauptsächlich auf Gänse, Enten, Hühner und Tauben erstreckt. In China ist, im Gegensatz zu Europa, das Geflügel nicht nur den bemittelten Klassen, sondern auch den Massen ebenso leicht zugänglich wie der Reis, das Schweinefleisch und die Fische. 370 Fischerei: Das chinesische Fischereiwesen gewährt ein besonderes Interesse. Die Fahrzeuge, die Netze, die Fangmethoden, die behördlichen Vorschriften — kurz, alles weicht von den abendländischen Begriffen vollständig ab. Den größten Umfang hat die Fischerei in der bekannten Vertragshafenstadt Swatau. Die Netze sind an Größe, Stärke, Aussehen und Material grundverschieden. Kleine Fische werden mit Seidennetzcn gefangen, die sehr kräftig und dauerhaft sind. Ändere Netze sind so umfangreich, daß sie sich auf 1V2 bis 2 km ausdehnen lassen. Es giebt zahlreiche Arten von Handnetzen, darunter ganz merkwürdige, z. B. quadratische Streichnetze mit einem Bambusrahmen, der mit Gewichten beschwert ist und von einer am Ufer oder auf dem Boot selbst angebrachten Stange herabhängt, welche beliebig hebund senkbar ist. Mit dieser Netzgattung sollen ungewöhnlich befriedigende Fischzüge erzielt werden. Für sehr erfolgreich gilt auch die sonderbare, netzlose Art des Fischens mittels des "Pantoffelbootes" (pa-paktang). Dieses etwa 7V2 m lange, 44 cm breite Fahrzeug geht paarweise auf den Fang, aber nur in mondhellen Nächten. Auf der einen Seite befindet sich ein langes, fußbreites, weißes Brett. Mittschiffs wird ein an einem Strick befestigter Stein in den Fluß hinabgelassen; beim Weiterrudern erzeugt derselbe ein sausendes Geräusch, welches die Fische so sehr erschreckt, daß sie auf das im Mondschein glänzende Brett znspringen und dabei meist ins Boot geraten. Von bezeichnendem Scharfsinn ist auch die folgende Fangmethode, die nur bei vollständiger Dunkelheit zur Anwendung gelangt. Aus kleinen, offenen Booten, deren Heck schwalbenschwanzartig aussieht, wird ein großes Rundnetz ins Wasser geworfen. Inmitten des Kreises, den die Korke des Netzes ziehen, bleibt ein Boot stehen, in dessen Bug zwei Mann ein helles Rotangfeuer anmachen und unterhalten. Die Bemannung der übrigen Boote, die außerhalb des Kreises bleiben, schlagen das Wasser heftig mit Bambusstangen, um die Fische zu erschrecken, die nun auf das Feuer zustürzen und dabei iu§ Netz geraten. In manchen fischreichen Gegenden werden Fische in sehr gewandter Weise nrit der Hand gefangen, auf dem Kantonflusse mit gutem Ergebnis sogar Aale; die Fischer bekommen mit der Zeit solche Übung, daß sie erstaunlich lange unter Wasser bleiben können. Die überraschendste Art des Fischens wird in seichten Gewässern angewendet: die durch Scharben (Kormoranc), welche dazu regelrecht abgerichtet werden. Ein Ring um den Hals, der das Atmen gestattet, verhindert beit nützlichen Vogel am Verschlingen der mit dem scharfen Hakenschnabel aufgestöberten Bente, die er getreulich abliefert, wofür er in den Ruhepausen mit einigen Fischen belohnt wird. Im Bezirk von Swatau, namentlich in Namoa, findet das Staknetz umfassende Anwendung. In vielen Landesteilen fängt man die Fische mit dreizackigen Spießen. Im oberen Thal des Hanflusses wird Gift ans den Wasserspiegel gestreut! Der Strom ist aber so fischreich, daß die Behörden gegen diese Fangweise nichts einIvenden. Auch die Austerund Perlmuschelfischerei ist sehr ansehnlich. An der Auster in rohem Zustande findet der Chinese übrigens keinen Geschmack, er verzehrt sie nur gebacken. Die leeren Schalen werden dort, wo es keinen Kalkstein giebt, in der Kalkerzeugung verwendet. Mit Öl vermengt, bildet der Muschelkalk eine vorzügliche Kittmasse, die zum Festigen von Särgen und zur Herstellung von Unterlagen für die Fresken benutzt wird, mit denen die Giebel vieler Tempel und Privathäuser geschmückt sind. Manche lebende Schaltiergattungen zwingt man in schlauer Weise zur Hervorbringung Fischfang. von Perlmutter und verbindet damit einen Religionsbetrug. Man öffnet die Schale, legt einige kleine Buddhabildnisse aus Blei oder Holz hinein, schließt sie wieder und legt sie ins Wasser zurück; was bleibt der armen Molluske übrig, als den lästigen Eindringling mit ihrer so geschätzten weißen Ausscheidung zu bedecken? Nach einiger Zeit verkauft man die Götzen zu entsprechend hohen Preisen und redet den Leuten ein, es seien natürliche Erzeugnisse der Schaltiere. Hinsichtlich des Fischhandels legen die Chinesen ebenfalls praktischen Erfindergeist an den Tag. Dasselbe gilt von ihrerFischzucht. Das Fischervolk steht unter strenger behördlicher Aufsicht. Jede Einzelheit des Gewerbes ist haarklein geregelt. Die Lizenzen müssen in vielen Gegenden jedes Halbjahr, anderwärts alle fünf Jahre, erneuert werden. Die Fahrzeuge haben oft die seltsamsten Formen und Einrichtungen, Die Mannschaft ist stets an dem Erlös der Ausbeute beteiligt. Bemerkt sei schließlich, daß beint Fischfang und -Handel nicht nur Männer, sondern auch zahlreiche Weiber Beschäftigung finden. Unterricht Erziehung und Wissenschaft Schulwesen. Trotz der außerordentlichen Wichtigkeit, die dem, was die Chinesen Bildung nennen, in ihrem Lande beigemessen wird, thnt der Staat ungemein wenig für das Schulwesen. Es giebt fast gar keine unter seiner Überwachung stehende oder ans seine Kosten erhaltene Unterrichtsanstaltcn und kaum etwelche öffentliche Büchereien für arme Stn\ deuten. Auch kommt es äußerst selten vor, daß reiche Wohlthäter Freischulen errichte». Die Erklärung für diese Erscheinungen ist darin zu suchen, daß es an der moralischen Notwendigkeit fehlt, da jeder Chinese, dem es irgendwie möglich ist, seine Söhne ohnehin nur zu gern freiwillig zur Schule schickt, denn in der Regel hängt die Erlangung einer öffentlichen Anstellung — das höchste Ziel, welches den meisten Chinesen für ihre männlichen Sprößlinge vorschwebt — von der Erlangung akademischer Grade auf Grund strenger Prüfungen ab. Die Anstellung der Beamten ist mit dem seit 178 unserer Zeitrechnung unverändert bestehenden Prüfungssystem so eng verknüpft, daß der Ehrgeiz die Schulen bevölkert, ohne daß ein amtlicher Zwang erforderlich wäre. Materielle Opfer bringt der Staat eigentlich nur für die "studierten" Söhne einer Anzahl hoher Staatsbeamten und adeliger Mandschus; sie werden in einem nationalen Lehrinstitut zu Peking im Englischen, Französischen, Russischen, Deutschen, Mongolischen und Mandschurischen, ferner in den Naturwissenschaften unterrichtet und soin die verschiedenen Provinzen verteilt, wo sie das Freiwerden wichtigerer Stellen, diplomatischen Dienst, abwarten. Die Schüler erhalten Stipendien von 5—10 Taels jenigen von ihnen, die sich besonders auszeichnen, erhalten noch einen Unterricht, der Astronomischen Rat zu sitzen, dem die Hauptaufgabe obliegt, den Kaiser von bevorund Mondfinsternissen — die dann freilich nicht immer eintreffen — in Kenntnis Leistungsfähigkeit des tnuss-rveu-ünau (so heißt die in Rede stehende Hochschule) schon seit 1861 besteht, noch immer eine Die Prüfungen sind ledig! daher "litterarische Auszeichnungen zahlreiche "Litteraten" (= Graselbstverständlich bei weitem nicht unbedeutende. litterarischer Chinesischen, dann als Attaches namentlich im monatlich. Diesie befähigt, im stehenden Sonnenzu setzen. Die ist, obgleich es mischen Grade sehnt, giebt es so duierte), daß sie alle angestellt werden können. Ein großer Teil des Überschusses hat keine andere Wahl als sich dein Schulfach zu widmen. Die Menge der Lehrer ist demgemäß sehr beträchtlich — so daß viele kaum das Allerdringendste verdienen können. Auf dem Lande verbinden sich in der Regel mehrere Familien zur Anstellung eines gemeinsamen Lehrers. In den Städten wird dieser Vorgang ebenfalls-oft befolgt, zumeist jedoch schickt man die Kinder in die von Lehrern gehaltenen Privatschulen, die zuweilen Pensionate, im allgemeinen jedoch Extcrnate sind. Die letzteren haben ihren Sitz entweder im Atrium eines schwachbesnchten Tempels oder in den überzähligen Zimmern eines Zunftgebäudes. Eigene Schulgebäude giebt es beinahe gar nicht. Das Lehrjahr beginnt zwei Wochen nach dem chinesischen Neujahr und wird zweimal von ergiebigen Ernteferien unterbrochen, welche 2—3 Monate verschlingen, während die Schlußferien nur 1 Monat dauern. Der Unterricht findet im übrigen tagtäglich — ohne freie Tage — statt, und zwar von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit alleiniger Ausnahme einer zweistündigen Mittagspause. Der Schulbesuch beginnt mit dem 6. oder 7. Lebensjahr. Bei der Wahl eines Lehrers beobachtet man nach chinesischen Begriffen große Sorgsalt. Ist einer gewählt, so regelt ein gemeinsamer Freund desselben und des betr. Vaters die pekuniäre Seite der Frage und setzt eine schriftliche Abmachung auf. Dann geben die Eltern dem Lehrer ein Mittagsmahl, in reichen Häusern werden sogar Theatervorstellungen veranstaltet. Jeder Knabe erhält außer dem Pult einen Sessel, eine Tnschschale und ein Schreibpinselchen. Die Anordnung der Pulte verhindert, daß die Kinder miteinander schwatzen. Die Zahl der Schüler einer Klasse überschreitet selten ein Dutzend; ein Mehr wäre nicht gut möglich, weil alles Eingetrichterte in der Schulstube selbst —in Gegenwart des Lehrers — auswendig gelernt werden muß. Der Lehrer liest dem Schüler eine Zeile vor und der Knabe wiederholt die Worte, wobei namentlich auf die Betonung, die in der chinesischen Sprache eine große Rolle spielt, acht gegeben werden muß. Navarra schreibt: "Glaubt der Bub' seine Lektion erlernt zu haben, so sagt er sie auf, mit dem Rücken gegen den Lehrer gewendet. Die Aufmerksamkeit des Schülers ist ausschließlich gerichtet aus die Wiederholung der Schriftzeichen, in derselben Reihenfolge wie sie im Buche stehen, und darauf, daß er sie möglichst schnell hersagen könne. Die Bedeutung lernt er nicht, denn die Zeichen stellen Ideen dar, die ihm böhmische Dörfer sind." Allmählich wird Buch um Buch auswendig gelernt. Das geht jahrelang so fort in einem Zustand geistiger Betäubung, "Nach der Ansicht tüchtiger chinesischer Lehrer darf man nicht erwarten, daß selbst die intelligentesten Schüler ein Hundertstel von dem verstehen, was sie auswendig gelernt haben . .. Alles, worauf der Lehrer abzielt, ist, seine Schüler so weit zu bringen, daß sie bei den öffentlichen Prüfungen zum Mitbewerb zugelassen werdeu und Aufsätze schreiben können, die von den Examinatoren gut befunden werden... Hierzu ist aber durchaus notwendig, daß die Schüler sich die orthodoxe Auslegung der Klassiker zu eigen machen; sie stammt ans dem zwölften Jahrhundert unsrer Zeitrechnung." Das viele Auswendiglernen zeitigt große Nachteile -— insbesondere eine Abstumpfung des Denkvermögens — aber auch Vorzüge: Fleiß, Ausdauer, starkes Gedächtnis und eine außerordentliche Konzentrationsfähigkeit. Hand in Hand mit dem mündlichen Lernen geht der Schreibnnterricht. Das Schönschreiben ist von hoher Wichtigkeit und gilt bei den Prüfungen fast so viel wie der Stil; hat es doch die Bestimmung, Mißverständnisse und Verwechslungen zu verhüten! Nach dem Lernen und Schreiben spielt die Hauptrolle in der Schule — die Rute. Da die chinesischen Lehrer bei ihren Zöglingen vielfach Elternstelle vertreten und daher dem Grundsatz "Wer die Rute schont, verdirbt sein Kind" huldigen, fehlt dieses Züchtigungsmittel in keiner Schule und die Kinder werden wegen jedes Verstoßes gegen die Vorschriften tüchtig durchgeblänt. Die Fibel der ABC-Schützen heißt san-tse-king ("Buch der drei Worte" oder "trimetrischer Klassiker"), weil ihre Sätze durchweg aus drei leichtverständlichen Schriftzeichen bestehen. Die Durchstndierung dieses Werkchens verhilft dazu, daß der Lernende etwa dreihundert Wörter schreiben kann und eine Menge geschichtlicher, litterarischer, biographischer und naturhistorifcher Anspielungen innehat. Sehr viele Bauern — vielleicht die Mehrheit —• sind zufrieden, wenn ihre Söhne es so weit gebracht haben und verlangen nicht mehr. Soll der Knabe aber weiter studieren, so wird ihm zunächst der "Tansend-Buchstaben-Klassiker" tsien-tse-king ("Buch mit tausend Schriftzeichen") eingetrichtert, dessen Sätze je vier Worte enthalten. Je zwei Sätze bilden eine gereimte Strophe, die leicht im Gedächtnis haftet. Sodann kommt ein Werk mit Sätzen aus fünf Worten an die Reihe: "Des jungen Schülers Gedichtbuch", dessen Hauptzweck in der Aneiferung zu emsigem Studium besteht behufs Erlangung des "Schlüssels zu Macht, Ruhm und Reichtum: großer Gelehrsamkeit". Nun folgt das Studium der "vier Schu", nach den "fünf King" das klassischste Werk der Chinesen, ferner der Kings selber und endlich des letzten klassischen Buches: "Die kindliche Liebe", welches dem Konfuzius zugeschrieben wird, von dem auch die Kings herrühren, während die Schus von Tsangfuzius, Tsesze und Menzius verfaßt wurden. Die "Klassiker" lehren, daß und in welcher Weise die Menschen Tugend üben sollen, um ihre Pflichten im politischen und gesellschaftlichen Leben ehrenvoll und erfolgreich erfüllen zu können. Ihre metaphysischen Theorien stehen auf einer viel niedrigeren Stufe als ihre ethischen Lehren. Dem Hauptzweck des Unterrichtswesens, der Einprägung moralphilosophischer Begriffe und Gebote, entsprechen die Klassiker ganz vortrefflich. Dem Studium der Geschichte obliegen nur die Prüflinge der höheren Grade, und auch sie nicht in besondersumfassender Weise. Die Mittelschulen werden von Knaben im Alter von 18 Jahren und darüber besucht. Jeder Zögling bewohnt eine besondere Kammer; doch erscheinen zu gewissen Tagesstunden sämtliche in dem gemeinsamen Hörsaal, um den Vorträgen über die chinesischen Klassiker zu lauschen. Diese Gattung von Lehranstalten dient zur Vorbereitung auf die Bakkalanreatprüfung, ohne deren Ablegung man nicht auf eine Hochschule kommen kann. Mädchen erhalten im allgemeinen gar keinen und kaum je einen höheren Unterricht. Das kann in einem so außerordentlich konservativen Lande nicht überraschen — umso weniger als die Stellung des weiblichen Geschlechts eine äußerst untergeordnete ist. Im Norden lassen auch die vornehmsten Väter ihre Töchter in vollständigster Unwissenheit aufwachsen; in den südlichen Provinzen jedoch lernen seit kurzer Zeit schon die meisten Mädchen, wenngleich nur oberflächlich, lesen und schreiben. Dies geschieht gewöhnlich im Elternhause durch Privatlehrer, viele reiche Eltern jedoch schicken ihre Töchter in die Pensionate, zu deren Gründling man sich in den mit Ausländern in engere Berührung kommenden Landesteilen bereits seit einigen Jahrzehnten anfgeschwungen hat. Das Prüfungswesen. Hat sich der Student den geschilderten Lehrstoff angeeignet, so ist er für die Bakkalaureatsprüfung reif. Die Prüfungen für diesen niedrigsten akademischen Grad finden in ganz China jede achtzehn Monate statt, jene für den zweiten — der unserm Doktor der Philosophie oder dem englischen Magister entspricht — nur einmal in drei Jahren statt. Die Bakkalaureatsprüfungen werden in sämtlichen Präfekturhauptstädten in großen Sälen oder Hallen abgehalten, und zwar von einer Kommission, welcher der Präfekt, der Bezirksstatthalter und der betr. "Litteraturkanzler" angehören. Ehe der Kandidat sich zur Prüfung begiebt, hinterlegt er beim Statthalter seines Heimatbezirks ein von einheimischen Vornehmen unterschriebenes Schriftstück, welches außer Ort und Zeit seiner Geburt die Erklärung enthält, daß er als freigeborner Reichsunterthan zur Ablegung jenes Examens berechtigt ist und von dem die Abkömmlinge von Schauspielern, Polizisten, Schiffern, Henkern, Kerkermeistern re. von allen Prüfungen ausschließenden Gesetz nicht berührt wird. Eine Vorbedingung der Zulassung ist fer ner, daß sein Vater alle rückständigen Steuern bezahlt habe. — Ein Kanonenschuß zeigt den Beginn der Prüfung nn; während ihrer Dauer bleiben die Saalthüren geschlossen, damit kein Kandidat fortgehen und kein Unberufener eintreten könne. Nachdem die Studenten an langen Tischen Platz genommen, gelangen die Themata .oder auszuarbeitenden Aufsätze zur Verteilung — zwei für jeden Jüngling. Nach ihrer Niederschrift muß jeder ein Gedicht zu zwölf Zeilen zu fünf Schriftzeichen verfassen und ein Stück aus den Klassikern entweder auswendig hersagen oder aus dem Gedächtnis niederschreiben. Den Schluß der Prüfung zeigt ebenfalls ein Kanonenschuß an und die Prüflinge entfernensich. Am nächsten Tage lesen die Examinatoren die abgelieferten Arbeiten durch und eiuigeTage darauf wird das Verzeichnis der auf Grund derselben Graduierten im Prüfnngssaal ausgehängt. Die Durchgefallenen bleiben von der Teilnahme an den nächsten sechs Prüfungen ausgeschlossen. (Doch dürfen sie sich später wieder zu der gleichen Prüfung melden.) Dagegen legen die Erfolgreichen im Damen und in Gegenwart des Präfekten zunächst die zweite Prüfung ab, bei welcher sie je zwei Aufsätze machen müssen, wobei je ein Thema den "vier Schn" und den "fünf King" entnommen ist. Wer durchkommt, unterzieht sich beim "Litteraturkanzler" einem dritten Examen; diesmal wird ein Aufsatz über eine These aus deu Schus, eiu zwölfzeiliges Gedicht und eine Abhandlung über die Urkräfte der Natur aufgegeben. Auch die vier nächsten Prüfungen leitet der Litteraturkanzler. Von den sechsbis siebentausend Bewerbern, die sich zur ersten Prüfung gemeldet hatten, sind bei der letzten nur noch etwa hundert erschienen; wenn ihrer aber auch viel mehr wären, den Grad eines Bakkalaureus können bloß sechzig erhalten, denn diese Zahl ist, ohne Rücksicht aus die Zahl der erfolgreichen Kandidaten, vom Gesetz als die in jedem Prüfungsjahr zu verleihende festgesetzt. Im Damen des Litteraturkanzlers wird jedem der glücklichen Sechzig eine an der Spitze der Mütze zu tragende goldene Blume, die einem Verdienstorden gleichkommt, als Geschenk des Kaisers überreicht und ein reichgestickter Ehrenkragen angelegt. Diese Ceremonie heißt kum-fa. Die Bakkalaurei heißen schiu-tsai ("knospendes Chinesische Schule. 377 nrererererererereprerererarerererenrsnnrerennr; Das Prüfungswesen. E 378 Genie"), sind social den Mandarinen des neunten Ranges gleichgestellt und bereiten sich, wenn sie wollen und können, auf das Doktorat an einer der Hochschulen vor, die es in jeder befestiqteu Stadt giebt. Die Doktorprüfungen finden ausschließlich in der Hauptstadt jeder Provinz statt und locken oft siebenbis achttausend Bewerber an. Über die Prüfungsbauten (llunZ-Mon) sagt A. H. Smith: "Man denke sich einen weiten Umkreis, der von hohen Mauern umschlossen und von mehreren Straßen und zahlreichen Gäßchen durchschnitten ist. In der Mitte steht das Gebäude der Prüfungskommissare und ringsum sieht man tausende und tausende von Zellen, die etwa 3^/z m im Geviert haben. Die Einrichtung beschränkt sich auf zwei Bretter, vou denen das eine als Tisch, das andere als Stuhl benutzt wird. Nachts dieneu die beiden Bretter, nebeneinander gelegt, als Schlafbank." Unter Tamtamschlägen werden am 8. Tag des 8. Monats jedes dritten Jahres die Thore geöffnet. Die herbeiströmenden Kandidaten unterliegen einer Durchsuchung, danrit sie keine Hilfsbücher einschmuggeln. Dann wird jedem eine nummerierte Zelle zugewiesen; die Nummerierung bezweckt die leichte Auffindbarkeit eines Prüflings für den Fall, daß die Exa-' minatoren seiner bedürfen. Das notwendige Schreibpapier muß, auf daß auch der Staatsschatz bei der Sache etwas Tüchtiges profitiere, vou einem Mandarin gekauft werden. Die Doktorprüfungen sind physisch ungemein anstrengend, denn niemand darf während ihrer dreimal zweitägigen Dauer seine Zelle verlassen; dies darf bloß an dem je einen Zwischentag geschehen. Die Studenten müssen alles Erforderliche mitbringen und sich ihr Essen selbst bereiten. In dem winzigen Raun: müssen sie arbeiten, speisen, schlafen u. s. w. Die Aufgaben werden ans Papierstreifen verteilt und bestehen bei der ersten Prüfung im Abfassen von drei Essais über. Leitsätze aus den Schus und von zwölf fünffüßigen Verszeilen, bei der zweiten in der Niederschrift von fünf, auf den Kings beruhenden Abhandlungen, während die dritte fünf Aufsätze über von den Kommissaren nach Belieben gewählte Stoffe beansprucht. Sämtliche Arbeiten werden seitens der Studenten den betr. Beamten übergeben und von diesen an andere abgeliefert, die das Abschreiben derselben mit roter Tusche beaufsichtigen. Nach Vergleichung der Abschriften mit den Originalen und Uberklebuug der Verfassernamen' gelangen die Arbeiten in die Hände der Examinatoren. Sobald die endgiltigen Entscheidungen gefallen sind, erfolgt die Veröffentlichung der Namen der vom Glück begünstigten neugebackenen Doktoren der Philosophie (llu-jin, d. h. "beförderter Student") in der Reihenfolge ihrer Klassifizierung. Der an der Spitze der Liste stehende erhält den Ehrentitel llui-juon. Alle erhalten im Amtszimmer des Generalgouverneurs der Provinz eine Goldblume nebst einem Kragen mit reicherer Stickerei als der der Schiutsai und werden dann mit einem Galadiner bewirtet, welchem auch alle höheren Mandarine der Stadt und der ganzen Gegend beiwohnen. Kehrt ein Promovierter heim, so darf er über seiner Hausthüre das Wort üu-fin und das Datum seiner Promotion anschreiben lassen. Freunde und Verwandte geben ihm Feste, empfangen seine Staatsbesuche und begleiten ihn mit Bannerträgern und Musikanten zum Ahnensaal seines Geschlechts, wo er den Manen seiner Vorfahren huldigt. An den Wänden des Ahuensaales befinden sich Täfelchen mit den Namen der Familienmitglieder, die es bis zum Kujin gebracht haben. Will man den dritten akademischen Grad (t8in-8ze = "fürs Amt bereit") erlangen, so studiert man weiter und kann sich am 6. Tage des 3. Monats des nächsten Jahres zur Prüfung melden. Diese wird nur in Peking abgehalten, und zwar von einer fünfgliedrigen Kommission, welcher u. a. der Präsident des Staatsrates und ein kaiserlicher Prinz angehören. Der Vorgang ähnelt dem bei den früheren Prüfungen beobachteten. Diejenigen Tsinsze, welche nicht auf eine der gerade freien untergeordneten Stellungen Anspruch machen, sondern es weiter bringen wollen, bleiben, statt heimzureisen, in Peking und bereiten sich auf die den vierten und höchsten Grad (llun-Iin) verheißende letzte Prüfung vor, welche im Hanlin-Saal des kaiserlichen Palastes, unter Leitung des Kaisers vor sich geht und in der schriftlichen Beantwortung einer Frage besteht, die der Herrscher nach eigenem Ermessen stellt. Gewöhnlich erscheinen 2—300 Kandidaten. Die befriedigend Antwortenden werden zu "Hanlins" (ungefähr dem Doktor der Rechte gleichkommend) befördert und in vier Gruppen geteilt. Den Mitgliedern der ersten fallen die'wichtigsten StaatsPosten zu, die der zweiten werden Mitglieder des Inneren Rates, die der dritten erhalten andere Pekinger Regierungsaustellungen, während die der vierten Bezirksstatthalter werden. Die neugebackenen Hanlins speisen beim Kaiser und genießen dabei die besondere Auszeichnung, jeder au einem eigenen Tisch sitzen zu dürfen. Der im Hanlin-Verzeichnis obenan stehende Doktor erhält den Ehrennamen ellrvunZ-Mon ("Mustergelehrter des Reiches") und sein Ruf wird alsbald im ganzen Land verbreitet, indem Wauderboteu seinen Namen bis in die entlegensten Gegenden tragen. Hoch und Niedrig trachtet, sich mit den Einzelheiten seines Lebenslaufs bekannt zu machen. "Ist er auf Reisen, so fühlt sich jeder Wirt durch seine Gegenwart ungemein geschmeichelt", bemerkt Gray, und W. A. P. Martin schreibt: "Herolde bringen in größter Eile die frohe Botschaft der Familie des Siegers, des Chwangjüeu. Wir haben dieselben in eine ärmliche Hütte treten und unter Trompetenstößen und Fahncngeflatter den überraschten Insassen verkünden sehen, einer der Ihrigen sei vom Kaiser in höchsteigener Person gekrönt worden, llud so hoch schätzt das Volk jenen Erfolg, daß seine Frau ersucht wird, die sechs Thore der Stadt zu besuchen und vor jedem eine Handvoll Reis auszustreuen, damit die ganze Bevölkerung am Glück ihres Haushalts teilnehmen könne." Der Geburtsort des Chwangjüeu hat das Recht, durch die südliche Stadtmauer ein Thor zu brechen, durch das lediglich der Kaiser und die Chwangjüens gehen oder getragen werden dürfen, sonst niemand. Angesichts der großen Zahl der Prüfungen und der beträchtlichen Verschiedenheit der Prüfungsbehörden hält es schwer, akademische Grade anders als durch ehrliche Ablegung aller vorgeschriebenen Examina zu erlangen, also durch Bestechung, Betrug oder Protektion. Auch stehen darauf strenge Strafen, zuweilen sogar der Tod. Dennoch geschieht es nicht selten — bei der Ausbreitung der Beamtenkorruption kein Wunder. Erziehung. In der Theorie kennen die Chinesen die Grundsätze einer guten Erziehung ganz genau. Beweis dessen der folgende Auszug aus den berühmten, sechzehn Abteilungen umfassenden "Heiligen Edikt" des Kaisers Jungtsching: "Alle erziehlichen Bemühungen sollten in den ersten Lebensjahren darauf gerichtet sein, die Aufmerksamkeit auszubilden und schlechte Gewohnheiten zu bekämpfen, z. B. die, etwas mit den Lippen zu wiederholen, während der Geist sich mit etwas anderem beschäftigt •.. Die Kinder sollten gelehrt werden, nicht zu leicht befriedigt zu sein, vielmehr durch fleißige Fragestellung sich Wissensdurst anzueignen.... Der erste Gedanke eines Schülers sollte dahin gehen, einen Entschluß zu fassen, denn anerkannte» maßen erreicht man ein Ziel, wenn man sich's mit Entschiedenheit vorzcichnet. Neben dem Willen ist für die Erzielung von Erfolgen die Ausdauer von Wichtigkeit. Solche Grundsätze üben nicht nur auf den Erfolg, sondern auch auf die Charakterbildung einen wirksamen Einfluß aus." Leider aber verstehen die Chinesen es nicht, die ihnen aus den Werken ihrer Nationalweisen und den Verordnungen ihrer Herrscher wohlbekannten Erziehungsprinzipien in der Praxis anzuwenden. Außer zum kindlichen Gehorsam und zur Ahnenanbetung werden sie nur wenig angeleitet, sondern fast gänzlich sich selber überlassen. Erregen sie irgendwie den Zorn des Vaters, so kommt die Rute an die Reihe oder sie werden arg gescholten. Selten steht die Strafe im richtigen Verhältnis zum Verstoß oder Versehen. Ob es sich um bloße Unwissenheit, um Irrtum oder um ein absichtliches Vergehen handelt, ist einerlei — anders als durch Zornaufwallungen scheint der Chinese nicht strafen zu können. Schlimm ist, daß er für Lügen, Jähzorn oder Schimpfredcn seiner Kinder in der Regel keine Strafe, sondern nur ein Lächeln hat. Wissenschaft. "Eine einzige Maxime des Confucius, ein einziges unklares Gedicht aus dem Schiking gilt dem Langzopf mehr als die ganze moderne Wissenschaft", schreibt Smith. In der That wird in den Schulen nirgends so wenig fürs Leben gelehrt wie bei ihnen. Man lernt eben ausschließlich für die Prüfungen. Die große Einseitigkeit des Unterrichts bewirkt, daß häufig selbst die besten "Litteraten" in den praktischen Dingen gänzlich unbewandert sind. Man lernt alle Klassiker auswendig, weiß aber wenig oder nichts von Geschichte oder Geographie. Das Rechnen und die Buchführung werden an keiner Lehranstalt vorgetragen; man kann sie nur durch Einübung in Kontoren oder Läden erlernen. Navarra sagt: "Gar oft kann der graduierte Student nicht einmal einen vernünftigen Brief schreiben... Das ganze System ist ein geistiger Kindermord... Der Jdeenkreis der Klassiker ist zu oberflächlich und begrenzt. Epigrammatische Sittengrundsätze, Bruchstücke ans der Geschichte, Fragmente von Lebensbeschreibungen, Regeln der Ethik u. bergt, m. sind ohne Plan, Symmetrie oder Fortschritt des Gedankens untereinander gemischt." So viele philosophische und ethische Vorzüge ihnen auch anhaften mögen, so unzweckmäßig und unzulänglich sind sie längst als einzige Leitsterne des ganzen Lebens eines uralten großen Volkes geworden. Seit etwa zwölfhundert Jahren besitzt China auch eiue Art Akademie der Wissenschaften: die HanlinAkademie genannt — die bei weitem älteste und.exklusivste Gelehrtengesellschaft auf Erden. Sie ergänzt sich aus den Chwangjüens und anderen hervorragenden Hanlin-Doktoren; sonst kann niemand Mitglied werden. Die Akademiker haben verschiedene Aufgaben; sie spielen bei 381 3 Wissenschaft. S 382 ben Prüfungen bie Rolle von Examinatoren, Kommissaren ober Litteraturkanzlern, verfassen bei besonberen Anlässen Gebete für ben Gebrauch des Kaisers ober Inschriften für bie Tempel, sinb Hofbichtcr nnb Reichshistoriker, rebigieren Wörterbücher nnb Encyklopäbien rc., leisten aber für bie wirkliche Wissenschaft so wenig wie bie Millionen anberer Schristgelehrten. Der Litteratenstanb hält nämlich zäh an ber Überzeugung fest, baß nur das Althergebrachte gut sei, baß es nur in China eine Wissenschaft gebe unb baß aus sremben Länbern nichts wahrhaft Wissensnnb Annehmenswertes kommen könne. Diese Einbildungen verhinbern, wie im Staatswesen, so auch in ber Wissenschaft jeben Fortschritt. Dieselbe steht heute noch auf denselben naiven Standpunkten wie vor dritthalbtanscnd Jahren. Die medizinischen, physikalischen, chemischen und astronomischen Kenntnisse ber Bewohner des'Reiches ber Mitte sinb von unglaublichster Einfachheit und von einem Rattenkönig des komischsten Aberglaubens beherrscht. Da man von der Anatomie keine Ahnung hat, steht namentlich die Heilkunde auf einer erstaunlich , niedrigen Stufe. Die Himmelskunde ist eine Astrologie ärgster Sorte, deren kindische Naivetüt trotz der Bemühungen der Jesuiten-Missionäre (17. Jahrhundert), richtige astronomische Kenntnisse zu verbreiten, noch heute die alte ist. Bekanntlich wurden die von den Jesuiten einst in China eingeführten sternkundlichen Instrumente jüngst aus Anlaß der Wirren nach Deutschland zurückgebracht und in Potsdam ausgestellt. Ebenso arg wie mit der Astronomie ist es auch mit allen übrigen Wissenszweigen bestellt. Gewohnt, die Lehren der alten Nationalweisen für weit wertvoller zu halten als alles Spätere, haben die Chinesen — einst bekanntlich große Erfinder — seit vielen Jahrhunderten nichts Nennenswertes geleistet. Ihr litterarischer Dünkel bewirkt, daß sie nur ans thunlichste Erhaltung des Überlieferten ausgehen und sich, solange es irgend möglich, gegen alles Neue wehren und verschließen. Zwar hieß es 1898, daß in Peking eine moderne Universität errrichtet werden würde, an der auch die abendländischen Wissenschaften gelehrt werden sollten. Es waren 10 Fakultäten geplant: 1. für Astronomie und Mathematik, 2. Geographie und Geschichte, 3. Philosophie und Religion, 4. Politik, 5. Litteratur und Sprachen, 6. Militärund Marinewesen, 7. Landwirtschaft, 8. Jngenieurkünste, 9. Handelswissenschaften, 10. Heilkunde und Heilmittellehre. Über die Verwirklichung dieses schönen Planes haben wir noch nichts in Erfahrung gebracht. Die bekannten Bemühungen des jetzigen Kaisers Kwang-sü (1898), das Unterrichtsund Prüfungswesen zu reformieren, scheiterten an dem Widerstande der Kaiserin-Witwe und der Regierung, obwohl sie von sehr zahlreichen "Litteraten" willkommen geheißen wurden. So bilden denn vorläufig die von den christlichen Missionären errichteten Schulen die einzigen halbwegs modernen Lehranstalten des blumigen Reichs der Mitte. Ihre Schüler zählen bereits nach Hunderttausenden. Die Wege nach China. Die Eröffnung des Suezkanals hat belebend auch auf den Verkehr mit China gewirkt. Vordem war China von Europa aus nur erreichbar auf dem weiten Umwege über das Kap der guten Hoffnung. Heute wird dieser Weg nur noch ausnahmsweise benützt. Drei Wege mit regelmäßigen Verbindungen führen nach China: 1. Von Bremen oder Genna durch den Snezkanal und das Indische Meer nach Schanghai (21575 km). 2. Von Bremen nach Newyork, von da mit der nordamerikanischen Überlandbahn nach San Franzisko und sodann durch das Stille Meer (19000 km). 3. Mit der sibirischen Eisenbahn von Bremen nach Wladiwostock (11000 km). Von Bremerhaven und Hamburg aus fahren die Dampfer des Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Amerika-Linie alle zwei Wochen ab, laufen Neapel an und erreichen von dort in 27 Tagen Hongkong, in 31 Tagen Schanghai und in 34 Tagen Tsingtau. Außerdem werden von beiden Gesellschaften Frachtdampferfahrten ansgeführt, so daß monatlich drei Frachtdampfer abgefertigt werden. Die Post wird auch mit englichen und französischen Linien befördert. Die Fahrpreise betragen in 1. Klasse nach Schanghai von Bremen oder Hamburg 1500 (hin und zurück 2360) und von Genua 1400 (hin und zurück 2160) Mk., in 2. Klasse nach Schanghai 860 (hin und zurück 1535) bezw. 760 (1335) Mk. und in 3. Klasse 490 bezw. 460 Mk. (mit 20 Proz. Ermäßigung für die Rückfahrt). Frachtgut berechnet der Norddeutsche Lloyd von Bremen nach Schanghai sogar auf seinen schnellen Postdampfern mit 221/2 bis 32'/2 Mk. für 1000 kg, je nach der Güterklasse. In umgekehrter Richtung sind die Frachtsätze noch etwas niedriger. Dieser Weg ist der vorteilhafteste, auch landschaftlich von großem Reiz. Der zweite Weg benützt die Dampfer von Bremen-Hamburg nach Newyork oder Queenstown, sodann die nordamerikanische Überlandbahn und die japanischen und nord amerikanischen Dampferlinien von San Franzisko oder Vancouver ans nach Jokohama. Nach Japan gelangt man schneller auf diesem Wege, . .-V* 385 Die HanSelsverträge. Der Außenhandel. pnnnnRnnnnnnnRnnRrenra 386 der kostspieliger und weniger reizvoll ist, aber durch die Hamburg-Amerika-Linie derart ausgestattet werden soll, daß auch China am schnellsten über Nordamerika und das Stille Meer zu erreichen ist. Die sibirische Bahn ist vorerst noch ininderwertig und unvollendet, die Lücke wird ausgefüllt durch die Schifffahrt auf dem Schilka und Amur, aber mit häufigen Stockungen. Auf diesem Wege befördert die Reichspost Briefsendungen nach Peking in 44 Tagen. Nach Erneuerung des Oberbaues nicht vor dem Jahre 1907 wird man nach Port Arthur in annähernd 35 Tagen gelangen können. Von Petersburg nach Wladiwostok kostet nach russischen Angaben die Fahrt einschließlich Verfrachtung in 1. Klasse 500 Mk., aber einen Monat im Eisenbahnwagen! Für die Versendung von Gütern nach China kommt die sibirische Bahn nicht in Betracht, da sie selbst bei dem niedrigen Satz von 1 Pfg. für den Tonnenkilometer von Bremen nach Schanghai 110 Mk. berechnen müßte, während der Lloyd sich nur mit 1/i bis V3 dieses Satzes begnügt, und zwar bei gleicher Lieferzeit (46 Tage) und bei ungleich größerer Leistungsfähigkeit. Die Handelsverträge. Bis zum Jahre 1840 war China dein fremden Handel so gut wie verschlossen. In den sechziger Jahren begannen die Handelsbeziehungen mit Europa lebhafter zu werden. Ende der fünfziger Jahre schloß England mit China im großen und ganzen diejenigen Freundschafts-, Handelsund Schiffahrtsverträge ab, die später von allen übrigen Mächten und den meisten Staaten, auch von Deutschland, eingcgangen wurden und noch heute in Kraft stehen. Der Vertrag mit dem deutschen Zollverein stammt aus dem Jahre 1861. Diese Verträge beruhen auf der allgemeinen Meistbegünstigung. Alle Angehörigen der fremden Mächte haben gleiche Rechte in jeder Hinsicht, insbesondere beim Zollverfahren; es ist ihnen erlaubt, sich in den geöffneten Häfen und Städten niederzulassen, Handel und Industrie zu betreiben, Häuser zu kaufen, Land zu pachten, Kirchen und Krankenhäuser zu errichten u. s. w. Gegenwärtig sind dem fremden Verkehr 32 Häfen und Städte freigegeben. Nach anderen Häfen dürfen die fremden Schiffe nicht fahren, bei Vermeidung der Beschlagnahme. Insofern gewährt China wenigstens formell nicht die sonst selbstverständliche Gegenseitigkeit, als es auf seinem Gebiet die Handelsfreiheit wie die Freizügigkeit beschränkt. Gewisse Waren sind zollfrei, darunter namentlich viele Verbrauchsartikel der fremden Angehörigen in den Vertragshäfen. Ursprünglich war der Zollsatz auf durchschnittlich 5 Prozent vom Wert der Ware angesetzt, beläuft sich aber wegen der gesunkenen Warenund Silberpreise gegenwärtig nur noch auf 2 V? bis 3^/y Prozent vom Wert. Außerdem haben die eingeführten Waren, wenn sie nicht im Hafen verbleiben, bei der WeiterbeKLrschner, China l. förderung in das Innere noch 5 Prozent Zwischenzoll (Likin) zu zahlen. Verhältnismäßig sind also die Zölle niedrig. Anderen Abgaben dürfen die Einfuhrwaren nicht unterworfen werden. Daneben bestehen Aiisfuhrzölle in Höhe von 5 Prozent vom Wert. Die Einfuhr von Waffen, Munition und Salz ist verboten. Nach der Neuregelung der chinesischen Seezölle durch das Pekinger Protokoll vom August 1901 unterliegen alle Waren einem Zoll von 5 Proz. des Wertes, auch diejenigen, die bis dahin zollfrei waren (wie namentlich gewisse Verbrauchsgegenstände für Europäer: konserviertes Fleisch und Gemüse, Käse, Butter, Kleider, Parfümerien, Seife, Kerzen, Zigarren, Wein, Bier, Spirituosen, Arzneien u. s. w.). Zollfrei bleiben nur Reis, Getreide, Mehl, Gold und Silber. Doch ist der Wertzoll nur nominell. Die Erhebung findet in Form von festen Zöllen statt, die berechnet werden nach dem Durchschnittswert der Waren in den Jahren 1897, 1898 und 1899. Die Durchführung fester Zölle vereinfacht und erleichtert das Zollverfahren. Der Außenhandel. Alle Angaben der chinesischen Seezollbehörde über den Außenhandel beziehen sich nur auf den Verkehr der 32 Vertragshäfen, und auch da nur auf den Dampferverkehr, sie schließen nicht den Dschunkenverkehr ein, ferner nicht den Landhandel mit der Mongolei und Sibirien und mit Tibet und Hinterindien. Außerdem werden die Wertzahlen durch die Silberschwaukungcn erschüttert. Endlich läßt sich aus der Seezollstatistik, wenigstens in Bezug auf das festländische Europa, nicht ersehen, wohin die Waren gehen und ivoher sie kommen. Der englische Freihafen Hongkong, der besonders behandelt wird, verwirrt vollends das Bild. Die Aufzeichnungen über Herkunft und Bestimmung der Waren erfolgen nach der Flagge der befördernden Schiffe. So gilt als deutsche Einfuhr und Ausfuhr, was mit deutschen Schiffen befördert wird. Viele Waren aus oder nach Deutschlaud werden über englische Häfen oder über Hongkong mit englischen Schiffen verfrachtet und mit Unrecht als englische behandelt. Im großen und ganzen dürften am chinesischen Außenhandel England mit 65 und Deutschland mit 20 Prozent beteiligt sein. Nach den Ermittelungen der Seezollbehörde belief sich die Ausfuhr Chiuas in 1890 auf 435, in 1900 auf 502 Mill. Mk., die Einfuhr Chinas in 1890 auf 635, in 1900 auf 669 Mill. Mk. Hauptausfuhrerzeugnisse sind Seide und Thee. Ausgeführt wurden 1899 Rohseide für 213, Seidenwaren für 30 und Thee für 93 Mill. Mk. In beiden Erzeugnissen hat die Ausfuhr seit zehn Jahren etwas abgenoinmen, in Seide wegen verminderter Erzeugung, in Thee wegen der indischen Konkurrenz. Auch in den übrigen Erzeugnissen hat die Ausfuhr nicht zugenommen, sie wurde für 1899 bewertet in Bohnen auf 27, in Häuten und Fellen auf 22, in Wolle auf 12, in Matten auf 11, in Zucker, Baumwolle und 25 387 Handel und Verkehr. 388 Strohgeflechten auf je 9, in Tabak auf 7, in Kleidern und Schuhen auf 6, in Proviant und Gemüse auf 6, in Papier und Ol auf je 6, endlich in Porzellanund Töpferwaren auf etwas über 5 Mill. Mk. Haupteinfuhrwaren sind Baumwollgarne und Baumwollstoffe (1899 für 310 Mill. Mk.); sie machen annähernd die Hälfte der gesamten Einfuhr aus und kommen zum größten Teil aus England, doch sind in den letzten Jahren in zunehmenden Mengen billige indische, nordamerikanische, japanische Erzeugnisse auf den Markt gebracht worden, ferner auch deutsche bessere und gefärbte Stoffe in kleineren Mengen. Seit 1895 hat sich in Baumwollwaren die englische Einfuhr um 25 Prozent vermehrt, die japanische verdoppelt, die nordamerikanische sogar vervierfacht. Wollwaren, in denen Teutschland so groß ist, bezieht China sehr wenig, sie bilden nur y20 seiner Textilwareneinfnhr. Weitere Haupteinfuhrwaren sind Opium für 106, Reis für 55, Petroleum für 39, Zucker für 30, Kohlen für 18, Eisen für 12, Fische für 10, Wollgewebe für 10, Baumwolle für 10, Mehl für 9 und Zündhölzchen für 9 Mill. Mk. Hauptabnehmer chinesischer Erzeugnisse sind Frankreich (bezog 1898 für 110 Mill. Mk. Seide und Seidenwaren), England (für Seide und Thee, doch hat sich in den letzten fünf Jahren der englische Bedarf an chinesischem Thee um die Hälfte vermindert, seitdem die Engländer den Ceylon-Thee bevorzugen), Nordamerika (Seide, Thee u. s. w.), Italien (1897 für 15 Mill. Mk. Seide), Rußland, Japan und nicht zuletzt Deutschland (bezog 1899 nach der deutschen Statistik für 29 Mill. Mk. Waren, und zwar Rohseide für 1,1 und Thee für 3 Mill. Mk., mittelbar aber viel mehr. Crefeld und Elberfeld verbrauchten 1898 zusammen 209000 chinesische Rohseide). Nach der Statistik der betreffenden Staaten sandten nach China England 1897 für 480 Mill. Mk., Nordamerika 1899 für 256 Mill. Mk., Deutschland 1900 für 53 Mill. Mk., davon für 5,5 nach Kiantschon, Belgien 1898 für 9 Mill. Mk. und Frankreich 1898 für 3,5 Mill. Mk. Ter deutsch-chinesische Güteraustausch hatte zu Anfang der neunziger Jahre einen Gesamtumsatz von 51 Mill. Mk. und war iin Jahre 1900 auf 89 Mill. Mk. gestiegen. Aus China führte Deutschland 1899 für 29 Mill. Mk. Waren ein, darunter für 3 Mill. Mk. Thee, für 1,1 Mill. Mk. Rohseide, für 3,4 Mill. Mk. Bettfedern, für 2,7 Mill. Mk. Borsten, für 2 Mill. Mk. Galläpfel, für 1 Mill. Mk. Kampher, für 1 Mill. Mk. Strohbänder u. s. w. Dagegen versandte Deutschland nach China 1899 für 6,7 Mill. Mk. Theerfarben, für з, 3 Mill. Mk. Eisenwaren, für 5,4 Mill. Mk. Nähnadeln, für 4,4 Mill. Mk. Gewehre, für 2,7 Mill. Mk. Dampfschiffe, für 5,5 Mill. Mk. Wollwaren, für 0,6 Mill. Mk. baumwollene Strumpfwaren, für 1 Mill. Mk. Bier и. s. w. Im Jahre 1898 hatte Deutschland für 15,2 Mill. Mk. Fahrzeuge geliefert. In Wirklichkeit dürfte die deutsche Ausfuhr nach China noch größer sein, da deutsche Waren in ansehnlichen Mengen durch englische Vermittlung oder auch über belgische und holländische Häfen, endlich über Genua und Marseille nach China gehen und dort als Einfuhr anderer Staaten verzeichnet werden. Für die deutsche Eisen-, Textillinb chemische Industrie, aber auch für andere Industriezweige dürfte sich in China künftig noch größerer Absatz erzielen lassen. Handelsaussichten. Im Verhältnis zu seiner Bevölkerung ist der Außenhandel Chinas noch wenig entwickelt und großer Zunahme fähig. Schon in den letzten Jahren war eine stetige Steigerung der Einfuhr zu bemerken, namentlich auch infolge der Eisenbahnbauten, der Gründung neuer Fabriken und für die chinesische Schiffahrt. Wird das Reich durch Eisenbahnen allmählich aufgeschlossen, so ist nicht zu bezweifeln, daß die 400 Millionen Menschen verbrauchskräftiger auch für europäische Erzeugnisse gemacht und in die Lage versetzt werden, ihre Erzeugung für die Ausfuhr entsprechend zu vermehren und für die steigende Einfuhr genügende Gegenwerte zu schaffen. Tic Zollverwaltung. Die chinesische Seezollbehörde (Imperial Maritime Customs Service) entstand, als die chinesischen Beamten sich unfähig zeigten, das Verzollungsgeschäft sachkundig und ehrlich zu besorgen, und beruht auf den Verträgen von 1858 und 1860. Sie ist auf europäische Art organisiert und hat den Warenverkehr in den Vertragshäfen zu überwachen, soweit er mit europäischen oder europäisch gebauten Schiffen befördert wird, und die entfallenden Zölle zu erheben. Im Laufe der Zeit hat sie ihr Wirkungsgebiet ausgedehnt, sie inspiziert die Häfen, besorgt die Küstenbeleuchtung, unterhält zur Bekämpfung des Schmuggels sechs bewaffnete Kreuzer und eine Anzahl kleinerer Dampfboote und hat sich einen eigenen Postdienst eingerichtet. Unterstellt ist sie formell der obersten chinesischen Behörde, arbeitet aber durchaus selbständig. Die Beamten werden von der chinesischen Regierung angestellt, aber auf Empfehlung des Generalzollinspektors Sir Robert Hart in Peking, der seit 1863 diese Stelle bekleidet. Dieser Generalzollinspektor verfügt über ein Heer von annähernd 4500 Beamten, darunter gegen 800 Europäer, zumeist Engländer. In Peking befindet sich die Generälzollinspektion. In den wichtigsten Plätzen und Häfen haben Zolldirektoren ihren Sitz, darunter verschiedene Deutsche, wie P. von Möllendorf (f 1901) in Ningpo, G. Detring in Tschinwangtoo, E. Ohlmer in Kiantschon u. s. w., insgesamt finden sich in 34 Plätzen Zolldirektoren, daneben noch in 6 Plätzen Zolldirektoren für die Erhebung der Zwischenzölle. In den regelmäßigen Berichten veröffentlicht diese Seezollverwaltung zahlreiche Angaben über die Entwicklung des chinesischen Außenhandels, über das Ergebnis der Zolleinnahmen und endlich über ihre eigene Verwaltung. In den letzten Jahren beliefen sich ihre Einnahmen durchschnittlich auf 80 Mill. Mk. und betrugen 389 KRRnrennrarenrarerareranrerarersnrenri Die fremden Niederlassungen.  390 1900 rund 68 Mill. Mk. Die Zollverwaltung selbst erfordert einen Aufwand von 8 Mill. Mk. jährlich. Die fremden Niederlassungen. In den Vertragshäfen haben die Fremden besondere Konzessionen zur Erbauung vonWohnund Warenhäusern in gewissen Vierteln erhalten. Diese fremden Niederlassungenstehen, wo sie englisch sind, unter englischem Schutz, sonst aber unter dem Schutz aller interessierten Vertragsmächte. Deutschland besitzt solche Konzessionen in Tientsin und Hankau. In Schanghai, wo die .Hälfte aller Fremden wohnt, besteht eine europäische Gemeindeverwaltung mit den Konsuln als Vertretern gegenüber der chinesischen Regierung. In Schanghai erwarb im Frühjahr 1901 die Hamburg-Amerika-Linie durch ihren Direktor Ballin ein sehr günstiges Ufergelände für den deutschen Schiffsverkehr, der sich nun freier und leichter entwickeln kann. Auf diesem Gelände, das eine Wasserfront von 3000 Fuß Länge hat, sollen Docks, Lagerhäuser u. s. w. errichtet werden. Gleichzeitig pachtete die Hamburg-Amerika-Linie einen großen Teil der Landungsanlagen der China-Narchant-Steamship-Co. auf die Dauer von 25 Jahren. Nächst Schanghai ist in den letzten Jahren Tientsin hervorgetreten, die während des Krieges vielgenannte Millionenstadt auf dem Wege von der Küste nach Peking. In Tientsin findet man eine deutsche Niederlassung und ein deutsches Postamt, viele Haudelshäuser und Banken u. s. w. Ferner ist Tientsin Sitz verschiedener Missionsgesellschaften, der nordchinesischen Rcichseisenbahnen, der Nordischen TelegraphenGesellschaft u. s. w. Ende 1898 waren in den Vertragshäfen 13421 Ausländer ansässig gegen 9755 Ende 1895. Unter den Ausländern befanden sich 5148 Engländer, 2056 Amerikaner, 1694 Japaner, 1082 Portugiesen, 1041 Deutsche, 908 Franzosen u. s. w. Indessen befinden sich unter den Engländern viele (600) Angestellte der Seezollverwaltung, ferner unter den Engländern, Amerikanern und Franzosen verhältnismäßig viele Missionare, während die Deutschen überwiegend dem Geschäftsleben angehören. Zieht man die Handelsfirmen in Betracht, so bestanden Ende 1899 398 englische, 107 deutsche, 47 amerikanische, 37 französische u. s. w. Abgesehen von Japan steht Deutschland hierin an zweiter Stelle. Im Jahre 1900 ist nach englischen Berichten die Zahl der reichsdeutschen Firmen in den Vertragshäfen auf 120 mit 1343 Angestellten gestiegen. Thatsächlich sind die deutschen Häuser in hervorragendem Maße an dem Einund Ausfuhrgeschäft beteiligt und sollen jährlich einen Umsatz von 200 Mill. Mk. machen. Nach einer englischen Angabe waren 1897 von 99 deutschen Firmen nicht weniger als 87 im Großhandel thätig. In Schanghai, dem Haupteinfuhrhafen für Baumwollwaren, überwiegen die Engländer. Gleichwohl entfällt auch dort etwa die Hälfte aller übrigen Einfuhrwaren fast zu gleicheu Teilen auf deutsche und englische Firmen. In Hongkong stehen die Deutschen so günstig da, daß der frühere Gouverneur von Hongkong befürchtete, es könne dieser Handelsplatz immer mehr "in deutsche Hände fallen". In den übrigen Vertragshäfen bestanden 1897 47 deutsche und 54 englische Firmen. In Tientsin und Kanton haben die Deutschen bereits das Übergewicht. Auch in China werfen sich die Engländer auf wenige große Stapelartikel, während die Deutschen sich für alle Erzeugnisse interessieren und, wie sich der Gouverneur von Hongkong ausdrückte, bereit sind, den Chinesen mit allem zu versorgen, "vom gewöhnlichen Streichholz bis zur Menagerie". So machen die Deutschen auch unansehnliche Dinge allmählich zu einem beträchtlichen Geschäft — nicht nur in der Einfuhr, sondern auch in der Ausfuhr, die sie durch rasche Erkennung des Wertes neuer Erzeugnisse vielleicht am nachhaltigsten gefördert haben. In manchen Waren, wie in chinesischen Strohmatten und Feuerwerkskörpern, gelang es ihnen, die Ausfuhr auch nach anderen Ländern hin fast zu inouopolisiercu. Auch viele fremde Erzeugnisse, wie englische, nordamerikanische Baumwollwaren, englische und belgische Eisenwaren, Petroleum u. s. w. werden durch deutsche Handelshäuser nach China eingeführt. Deutsche Warenhäuser finden sich in den meisten Vertragshäfen, namentlich in Hongkong, Swatau, Amoy, Futschou, Tschifu, Tientsin und Schanghai, nach nordamerikanischen Schätzungen mit einem Gesamtkapital von 60 Mill. Mk. Unter den großen deutschen Häusern Schanghais sind zu nennen: Arnhold, Karlberg u. Co., Siemssen u. Co., Melchers u. Co. und Carlowitz u. Co. Daneben bestehen auch kleinere deutsche Häuser, iu denen zum Teil größere Firmen in der Heimat mit Kapitalseinlagen beteiligt sind. In den Vertragshäfen ist das Englische die vorherrschende Geschäftssprache. Die fremden Banken. Die älteste und bedeutendste Bank in Ostasien ist die Hongkong and Schanghai Banking Corporation mit einem Aktienkapital von 20 Mill. Mk. und mit Nebenstellen in Ainoy, Futschou, Hankau, Peking und Tientsin. Unter 11 Vorstandsmitgliedern befinden sich 4 deutsche. Dazu trat im Jahre 1890 die Deutsch-asiatisch-e Bank in Berlin, mit einer Hauptstelle in Schanghai und Nebenstellen in Tientsin, Hankau und Tsingtau. Außerdem sind noch zu nennen die englische Charternd Bank of India, Australia & China und die russisch-chinesische Bank und eine Nebenstelle des Pariser Comptoir d'Bscompto. Nirgends sind die Banken für den Handel so wichtig wie in China, schon im Hinblick auf die schwankenden Währungsverhältnisse. Bei jedem Geschäft wirken sie mit, sie gewähren Lombarddarlehen und in höherem Maße als anderwärts Personalkredit, weil sich unter den Kaufleuten und Bankleitern persönliche Beziehungen ausbilden, die dann auch geschäftlich von Wert sind. Die Deutsch-asiatische Bauk wird als eine starke Stütze für die Entwicklung des deutsch-chinesischen Handelsverkehrs gerühmt. Fremde Schiffahrt. Im letzten Jahrzehnt hat sich auch der europäische Schiffsverkehr in China ansehnlich entwickelt. In den chinesischen Häfen kamen 1890 über 15000 Schiffe an, 1900 nahezu 35000, letztere mit 20,4 Millionen Tonnen. Davon entfielen auf Großbritannien 11,5 Mill. Tonnen — 261/2 °/o, auf Deutschland 2 Mill. Tonnen — 10%, auf Japan 1,9 Mill. Tonnen = 9,6 o/o, auf Frankreich 1,6 o/o, auf Amerika 1,1 o/o, auf Rußland 0,7 o/0. Großbritanniens Anteil erhöhte sich gegen 1890 um 3 Mill. Tonnen, Deutschlands Anteil dagegen verdoppelte sich. Die deutsche Flagge steht in den chinesischen Häfen an zweiter Stelle, wird von der englischen zwar weit übertroffen, läßt aber die übrigen europäischen Flaggen, wie die nordamerikanische weit hinter sich. In den Vertragshäfen des Iangtszekiang stieg der deutsche Schiffsverkehr in 1900 auf 1969 Schiffe mit 2,6 Mill. Tonnen, er betrug 10 Proz. des Gesammtverkehrs und vermehrte sich gegen das Vorjahr um das Vierfache, während die englische Pangtszekiang-Schisffahrt in dieser Zeit von 60 auf 55 Proz. des Gesamtverkehrs zurückging. Europäische Stadtverwaltungen in China. Nach der Besetzung der Provinz Tschili durch die verbündeten Truppen wurden in Tientsin, Peking und Paotingfu provisorische Stadtausschüsse, bestehend aus je einem Offizier der beteiligten Truppen, eingesetzt mit der Aufgabe, alle städtischen Verwaltungsbefugnisse aus zuüben, insbesondere für Ordnung, Sicherheit, Armenpflege, Volksernährung, Gesundheit u. s. w. zu sorgen und die Steuern einzuziehen. Als beratende Mitglieder zog man mehrfach chinesische Beamte heran. Mit diesen militärischen Stadtausschüssen sollen die Chinesen sehr zufrieden sein, sie sorgen in Peking sogar für Volksküchen und Wärmehallen und haben daselbst bereits die Reinigung und Beleuchtung der Straßen eingeführt, worüber die Chinesen, denen diese Einrichtungen unbekannt waren, nicht wenig staunten. Telegraph. Der Drahtverkehr zwischen Mitteleuropa und China wird zumeist über die englischen Kabel bis Hongkong geleitet und dort von der dänischen Großen Nordischen Telegraphen-Gesellschaft übernommen, die das Kabel von Hongkong durch den Kanal von Formosa nach Schanghai besitzt und betreibt. Weniger in Betracht kommt die russische Telegraphenlinie quer durch Sibirien über Kiachta und Urga nach Peking, weil sie vielfachen Störungen ausgesetzt ist und schließlich nur nach Peking führt. Schanghai ist der Mittelpunkt eines chinesischen, halb staatlichen, halb privaten Telegraphennetzes von 23000 km Säuge, 1881 bis 1895 mit dänischer Hilfe erbaut, das über Wladiwostok an die russischen Drähte und über Hongkong an die internationalen Kabelleitungen anschließt. Unabhängig von dem chinesischen Netz sind die Kabelleitungen unter europäischer Verwaltung, die die Vertragshäfen miteinander verbinden. Darunter befinden sich seit 1900 auch zwei deutsche Kabelleitungen, von Tsingtau nachTschifn und von Schanghai nach Tschifu. Tschifu ist ein wichtiger Kabelmittelpunkt. Das Konsulatswesen ist ans Grund der Meistbegünstignngsverträge geregelt worden, mit Deutschland durch den Vertrag von 1861. Fast alle Staaten sind durch Konsuln in den Vertragshäfen vertreten. Deutschland besitzt außer der Gesandtschaft in Peking Konsulate in Amoy, Kanton, Futschou, Hankau, Schanghai, vier-Tiau-Banknote (halbe Größe). Swatow, Tientsin, Tschifu nnd Kiungtschau. Dem Konsulat zu Hankau steht ein kaufmännischer Beirat zur Seite. Merkwürdigerweise unterhält Österreich-Ungarn in China nur ein Berufskonsulat und zwar in Schanghai, und weist im übrigen seine Augehörigen, soweit sie konsularische Unterstützung oder Förderung suchen, an die englischen Konsuln. Alle Fremden sind exterritorial, d. h. sie unterstehen der Gerichtsbarkeit ihrer Konsuln. (Vgl. S. 188.) Wer Reisen ins Innere unternehmen will, hat sich einen Paß ausstellen zu lassen, der für 13 chinesische Monate gültig ist. Auch den deutschen Angehörigen ist es vertragsmäßig ausdrücklich erlaubt, die chinesische Sprache zu lernen oder die Chinesen in fremden Sprachen zu unterrichten. Deutsche Bücher können ungehindert verkauft und chinesische angekauft werden. Industrielle Anfänge. In den Vertragshäfen sind mit europäischem und nordamerikanischem Kapital Fabriken gegründet worden und es ist nicht zu zweifeln, daß mit der Ausgestaltung des Eisenbahnnetzes, mit der Ausbeutung der Kohlenlager und Bergwerke auch in China die Industrie sich in einem noch nicht absehbaren Umfange entwickeln wird, da die Erzeugungsbedingungen in Gestalt zahlreicher Wasserkräfte, billiger Arbeiter und wohlfeiler Rohstoffe überaus günstig sind, auch der chinesische Markt selbst sehr aufnahmefähig ist. Nach dem Frieden von Schimonoseki entstanden in Schanghai und anderen Plätzen zunächst Spinnereien und Webereien sozusagen über Nacht, die dann wegen Mangel an Rohstoffen und wegen ungeschulter Arbeiter vorübergehend in eine üble Lage kamen. Ende 1899 zählte man in Schanghai und Mittelchina 33, in Canton 20 Seidenspinnereien, ferner 14 Baumwollspinnereien mit 500000 Spindeln für grobe Garne, die in Konkurrenz gegen Indien bereits die Hälfte der chinesischen Baumwollernte verarbeiten. Außerdem waren 3 Albuminfabriken vorhanden, die Albumin aus dem Eiweiß von Enteneiern erzeugten, ferner 2 Dampfmühlen, Docks und Schiffsbau anstalten für Küstendampfer, Lichtcrschiffe und Reparaturen. An der industriellen Entwicklung haben die Deutschen hervorragenden Anteil. Nach Professor vr. Schumacher, einem Mitglieds der deutschen Handelsexpedition vom Jahre 1897, sind den Deutschen hauptsächlich die Anfänge der Albumin-, Glasund Seifenfabrikation, sowie der Federnverarbeitung zu danken. Hand in Hand mit den Engländern sind sie an zahlreichen größeren Fabriken beteiligt, so in Schanghai an 4 Baumwollspinnereien und 6 Seidenfilaturen, ferner an 3 Dockanlageu, einer Schleppergesellschaft, einer Leichtergesellschaft, einer Werftanlage, einer Mahlmühle, einer Gasanstalt und einer Landgesellschaft. Schon im Jahre 1897 wurde das in solchen gemeinsamen Unternehmungen angelegte deutsche Kapital auf 10 Mill. Mk. geschätzt. Inzwischen ist es noch gewachsen. Welche Rückwirkungen die Ausschließung Chinas ausüben wird, läßt sich noch nicht abseheu. Kein Geringerer als Freiherr von Richthofen, der beste ChinaKenner, hat einmal von der Industrialisierung Chinas gewarnt und gesagt, jede Kohlengrube, die geöffnet wird, jede Fabrik, die daraufhin für die Chinesen angelegt >vird, jede Eisenbahn, die man ihnen aufzwängt, sei ein Teil des Selbstmordprozesses, den Europa dort zu begehen sich anschickt. Aber so lange die fremden Mächte von ihren festen Küstenplätzen aus das Laud schützen, werden sie die Fäden der Erstarkung Chinas in ihrer Hand behalten. Außerdem hat man bisher überall die Erfahrung gemacht, daß niit der industriellen Entwicklung eines Volkes seine Kaufkraft, seiu Verbrauch uud seine Einfuhr steigen. Zeitweilig hat man ernste Gefahren von der AufschließungChinas und von der Mobilisierung seiner ungezählten Millionen Arbeitskräfte befürchtet und es für nicht unmöglich erachtet, daß die gelbe Rasse mit ihrer eigentümlichen Überlegenheit in friedlichem Wettbewerb auf dem Weltmärkte die weiße Rasse verdrängen könnte. Indessen ist diese Gefahr, falls man überhaupt davon reden kann, noch sehr weit entfernt. Deckt die künftige chinesische Industrie in Massenwareir einmal den eigenen Bedarf und wird sie in gewissen Spezialitäten ausfuhrkräftig, so erhöht sich in anderen Waren die Nachfrage Chinas. Eine Massenzuwanderung chinesischer Arbeiter kann aber nötigenfalls verboten werden, wie es die nordamerikanische Republik gethan hat. Die Finanzwirtschaft. Im hohen Grade undurchsichtig ist der chinesische Reichshaushalt. Zuverlässige Angaben fehlen. Alle Zahlen beruhen auf Schätzungen nach den Berichten der Provinzgouverneure, die die Stenern einheben. Von Peking aus verlangt man alljährlich von jedem Provinzgouvernenr einen bestimmten Betrag. Was die Provinzgonverneure einnehmen, entzieht sich jeder Schätzung. Man behauptet, daß 50 bis 70 o/g mehr Steuern eingetrieben als abgeführt werden. Die Differenz verbleibt der chinesischen Verwaltungskorruption. Nach den Schätzungen des früheren deutschen Gesandten von Brandt gehen bei der Pekinger Regierung jährlich etwa 300 Mill. Mk. ein, wovon etwa 100 auf die Grundsteuer, 70 auf die Seezölle, 36 auf die Durchgangszölle, 30 ans eigene Zölle, 30 auf das Salzmonopol und etwa 30 auf andere Einnahmen entfallen. Auch die Naturallieferungen von Reis u. s. w. nach Peking entziehen sich jeder Berechnung. Ende 1899 belief sich die auswärtige Schuld Chinas auf über 1200 Mill. Mk. und erforderte zu ihrer Verzinsung und Tilgung jährlich einen Betrag von 65 Mill. Mk., also annähernd die Seezolleinnahme. Die meisten Anleihen wurden abgeschlossen unter Verpfändung dieser Seezölle. Zur Zahlung der Kriegsentschädigung in Höhe von 1350 Mill. mußte China neue Unterpfänder beschaffen, um die Verzinsung und Tilgung zn sichern. Zu diesem Zwecke wurde von allen Sachverständigen die Verdoppelung der bisherigen Seezölle von 5 auf 10 °/o und außerdem noch nach Bedarf die Erhebung des fünfprozentigen Binnenzolles gleich bei der Einfuhr vorgeschlagen, so daß die Zölle im ganzen von 5 auf 15 o/0 erhöht werden würden. Auch der deutsche Reichskanzler Graf Bülow hatte die Seezölle als die beste und sicherste Unterlage für die Tilgung und Verzinsung einer künftigen chinesischen Kriegsentschädigungsanleihe bezeichnet und in Übereinstimmung mit Sachverständigen die Erhöhung der Seezölle schon deshalb als berechtigt erklärt, weil sie tatsächlich gar nicht mehr 5 o/o vom Werte der Ware betragen, wie bei Abschluß der Verträge, sondern infolge des gesunkenen Silberwertes und anderer Umstände nur 21/2—3V2 o/o vom wirklichen Werte ausmachen, also verhältnismäßig niedrig sind und eine Erhöhung zulassen, ohne daß eine ernstliche und dauernde Schädigung des fremden Handels eintritt. Indessen erhob England dagegen Wider spruch, weil es von einer beträchtlichen Erhöhung der chinesischen Seezölle eine wesentliche Schädigung seines Ausfuhrhandels befürchtet, und machte andere Vorschläge, insbesondere auf Einführung neuer Abgaben auf Stempel, Opium, Gebäude, Salz, Dschunken u. s. w., deren Einhebung indessen die Organisation besonderer Verwaltungen nach europäischem Muster voraussetzt, also mit außerordentlichen Schwierigkeiten verbunden ist. In dem Pekinger Protokoll vom August 1901 wurde bestimmt, daß die chinesische Kriegsentschädigung von 1350 Mill. Mk., wovon 280 Mill. Mk. auf Deutschland entfallen, in 39 Jahren zu tilgen und in halbjährlichen Raten mit 4 Proz. zu verzinsen ist. Als Sicherheit dafür wurden angewiesen der Überschuß der Seezöllc infolge ihrer Erhöhung auf 5 Proz., ferner der Überschuß aus den einheimischen Zöllen von den offenen Häfen und der Ertrag der Salzsteuer, soweit er nicht für fremde Anleihen als Sicherheit dient. Münzverhältnisse. Die althergebrachten Zahlungsmittel sind sehr ehrwürdig, aber auch sehr schwerfällig. Rechnungseinheit ist der Tael, aber nach Ge5i>bordollar. wicht und Feingehalt in den einzelnen Provinzen verschieden. Ein Schanghai-Tael wiegt 36,67 § Silber, ein Haikuan-Tael 38,246 g. Die Taels unterliegen als Silberware den starken Schwankungen des Silbers. Vor 20 Jahren bei hohem Silberpreise galt der HaikuanTael 5 .bis 6 Mk., er stand 1897 auf 3,03, 1898 auf 2,94, 1899 auf 3,06 und Ende 1900 auf 3,12 Mk. Von der Seezollbehörde, die bei Zollzahlungen nach HeikuanTael rechnet, wird allmonatlich das Wertverhältnis zum Kurse der ausländischen Münzen festgesetzt. Im inneren Verkehr ist die ureigentümliche Münze der Kupferkäsch, aus einer Mischung von Kupfer und Zink geprägt, mit einem viereckigen Loch in der Mitte zum Aufreihen, 4 Gramm schwer, im durchschnittlichen Wert von 1/5 Pfg., ein außerordentlich schwerfälliges Zahlungsniittel. Ursprünglich kamen 1000 Käsch aus den Tael. Inzwischen ist der Tael mit dem Silberpreis gefallen und der Käsch mit dem Kripferpreis gestiegen. Auch wird überMünzverschlechternng geklagt. Aber auch der Käschwert schwankt für den Kaufmann im Verhältnis zum Silbertael. Im Innern des Landes wird alles nach Kupferkäsch bezahlt. Steht in den Vertragshäfen der Tael niedrig, so ist der Wert des Käsch höher, und umgekehrt. So muß der fremde Kaufmann in China mit doppelten Kursschwankungen rechnen, einmal mit den Schwankungen des Silberwerts in Europa, und dann mit den Rückwirkungen dieser Schwankungen ans das Verhältnis des Käsch zum Tael. Steigen die Käsch, so wird die Ausfuhr erschwert, während ein niedriger Silberstand für den Ausfuhrhandel vorteilhaft ist. Andrerseits ist das Sinken des Silbers ungünstig für die Einfuhr. Der Einfuhrinteressent wünscht einen möglichst hohen Silberkurs, weil er dann für seine Taels mehr europäisches Geld erhält. In den Vertragshäfen wird zumeist nach mexikanischen Silberdollars gerechnet, die ebenfalls schwanken, ursprünglich im Wert von 4,25 Mk., Kursstand 1901 auf 2,20 Mk., neuestens auch nach japanischen Jens infolge der zunehmenden Handelsbeziehnngen mit Japan. Größere Zahlungen im Jnlande werden in Silberund Goldbarren geleistet. Für große Zahlungen und Umsätze bedienen sich die chinesischen Banken der sog. Sycees im Gewicht von 50 Taels. Daneben laufen überall Banknoten um, ausgegebcn von den zahllosen chinesischen Privatbanken, die in Tientsin und Peking zu Hunderten vorhanden sind, doch gelten ihre Noten int Wert von 1000 Taels bis zu 0,10 Dollars nur anr Sitz der Ausgabestelle im engsten örtlichen Verkehr, nur für einen bestimmten Stadtteil, ja zuweilen nur für eine Straße. Der Zinsfuß bei Geldgeschäften schwankt zwischen 9 und 12 Proz. Sparkassen sind unbekannt, dagegen bestehen eigentümliche Sparund Leih-Vereinigungen. Dringend notwendig wäre eine Reform des chinesischen Münzwesens nach dem Bedürfnisse der veränderten Handelsverhältnisse. Aber derartige Reformen sind äußerst schwer durchzuführen, wie das Beispiel der Türkei Zeigt. Masze und Gewichte. Im Zollverfahren gelten als Längenmaße der Tschang (3,55 in) und der Tschi (355 mm). Das Meilenmaß ist der Li mit einer Länge von 575,5 m. Gewogen wird nach Piculs (60,453 kg) zu je 100 Kattis zu je 16 Taels oder Unzen. Flüssigkeiten werden meist nach Gewicht gehandelt. Das Postwesen. Bis Anfang 1897 war China ohne staatliche Post. Eine Staatsund Reichspost bestand zwar und besteht noch, sie besitzt 8000 Postämter unter Verwaltung der Ortsbehörden, aber sie befördert ausschließlich amtliche Sendungen. Den Privatpostverkehr besorgten und besorgen im wesentlichen noch zahlreiche Privatunternehmnngen, die in den größeren Orten ihren Sitz haben und miteinander in Austausch stehen. Feste Tarifsätze kannte man nicht. Nach langwierigen Verhandlungen entschloß man sich endlich 1897 zur Schaffung einer kaiserlich chinesischen Postverwaltung nach den Vorschlägen Sir Robert t Ccntbctrtti z Canbarttts czarts ppZ Ober(rol), (rosenrot). iyu.H.0, vcv HJUia 1,891 zur Feier deGeburtstags der Kaiserin Hauptes der Seezollbeausgegeben. Hörde. Nach der neuen Organisation ist Peking der Sitz des Oberreichspostamtes, während Schanghai als Hauptdnrchzugspunkt an zweiter Stelle steht. Zunächst übernahm die neue Verwaltung die Postämter der Zollstellen, die in den Vertragshäfen bestehen und von der [_TTa\nTrTjrrLn.rL'mnn_: 1/2 Cent (bräunlich). 2 Cents 5 Cents (rotgelb). (rosenrot). J897 ausgegeben. chinesischen Seezollbehörde, d. h. von Sir Robert Hart gegründet wurden. Leiter dieser Zollämter sind die betreffenden Zollkommissare. Sodann will die chinesische Postbehörde noch Zweiganstalten in wichtigen Orten nächst den Vertragshäfen und ferner an den Eisenbahnund Telegraphenstationen einrichten. Bei der Organisation der chinesischen Reichspost ist man sehr vorsichtig vorgegangen und hat an das Bestehende angeknüpft, man hat die vorhandenen Privatpostgesellschasten ^ ^ent in Thätigkeit belassen und über(s-lbbiau). pp ausgegeb. mittelt ihnen für das Inland die Beförderung der Briefsendungen. Nichtsdestoweniger hat die neue Organisation große Unzufriedenheit bei den Chinesen erregt, hauptsächlich weil sie mit der Einführung des bis dahin unbekannten Postzwanges verbunden war. Vordem konnte jedermann in China nach Belieben durch eigene 399 Handel und Verkehr. 400 Boten oder irgend welche Anstalten Briefe versenden. Das ist jetzt nicht mehr gestattet bei Strafen bis zu 1500 Mk. für Reeder, Kapitäne, Matrosen und Passagiere, die auf den Dampfern zwischen den Vertragshäfen geschlossene Briefe unbefugt besorgen. Die Überwachung wird übermäßig scharf geübt, und zwar durch Agenten, die einen Teil der Strafgelder als Belohnung erhalten. Nach der Bekanntmachung der neuen Postbehörde kostet ein Brief innerhalb Chinas ohne Unterschied der Entfernung, auch nach Hongkong, Macao oder Formosa, bis 7 g 2 Cents (nach dem Kurse des mexikanischen Dollars von je 100 Cents, etwa 44/Z Pf.) und für je 7 g mehr weitere 2 Cents. Dieser Satz hat besondere Unzufriedenheit erregt, da die Privatanstalten es mit dem Gewicht der Briefe nicht genau nahmen. Eine Postkarte kostet 1 Cent, einheimische Zeitungen unter Kreuzband Vs Cent, fremde 1 Cent, sonstige Kreuzbänder und Warenproben für je 57 g 2 Cents. Die Einschreibegebühr beträgt 4 Cents. Pakete werden bis zu 5 kg befördert, das erste Pfund (454 g) für 10 Cents, jedes weitere Pfund für 5 Cents. Mit den Silberund Kupferschwankungen ändern sich für das Ausland auch diese Sätze. Anfang 1898 wurden neue Postmarken im Werte von 1 Cent ausgegeben, gelbbraun, in der Mitte auf weißem Grunde der chinesische Drache, umschlossen von einem weißen, runden Band mit der Inschrift "Kaiserlich chinesische Post" in englischer Sprache und chinesischen Schriftzeichen. Nach dem Vorgänge der anderen Mächte schritt auch Deutschland zur Errichtung von Reichspostanstalten, als sein Verkehr mit China seit Herstellung der Reichspostdampferverbindnng nachdrücklich gefördert wurde. Im Jahre 1886 wurde in Schanghai eine deutsche Postanstalt eröffnet. Dazu kamen später Postagenturen in Tientsin und Tsingtau, ferner eine Poststelle in Tschifn und endlich, während des letzten Krieges, noch Feldpoststationen in Tongku, Pangtsun, Peking, Paotingfu und Shanheikwan. China gehört formell noch nicht dem Weltpostverein an, steht aber durch die freniden Postämter, iusbesondere durch die deutschen, mit dem Weltpostverein in Verbindung und Austausch. Der Komprador. Eigentümlich und unentbehrlich ist für den europäischen Handel in den chinesischen Vertragshäfen der Kom prador (portugiesisch koinxrn — kaufen), der Hauptvermittler in allen Geschäften zwischen Chinesen und Ausländern. Anfangs, vor einem halben Jahrhundert, bedienten sich die europäischen Kaufleute aus Bequemlichkeit dieses Vermittlers, der bei ihren Geschäftsverbindungen mit Chinesen zunächst Dolmetscher war. Mit der Zeit wuchs indessen der Komprador, wurde immer wichtiger und unentbehrlicher, wurde wohlhabend und reich, vielfach Geschäftsteilhaber, nicht selten der Gläubiger seines europäischen Chefs, und heute ist er gewissermaßen der Herr des Marktes, der alles übersieht. Er vermittelt auf Grund seiner Sprach-, Ortsund Pcrsonalkenntnis für die Europäer in den Vertragshäfen nicht nur den Absatz der Einfuhr, sondern auch den Ankauf der Ausfuhr. Nachdem es in China Brauch geworden ist, daß kein chinesischer Händler unmittelbar mit Europäern abschließt, und auch umgekehrt, hat der Komprador eine feste Stellung errungen, organisierte sich zünftig und trat in Kartell mit den anderen Zünften. Thatsächlich sind alle bisherigen Versuche der europäischen Händler, den Komprador abzuschütteln, vergeblich gewesen. Durch den Komprador wurde der europäische Kaufmann mehr und mehr zurückgedrängt aus früheren Stellungen im Binnenlande auf die beiden Hauptstapelplätze Schanghai und Hongkong und ans das bloße Kommissionsgeschäft. Der europäische Eigenhandel ist zurückgegangen. Die chinesischen Kaufleute sind erstarkt, nicht zuletzt infolge ihrer hochentwickelten Berufsorganisation, sie haben ihren Einfluß ans den Fremdhandel vermehrt und den Binnenhandel thatsächlich monopolisiert. Dadurch ist zwar der Auslandshandel nicht merklich beeinträchtigt, wohl aber ist er in China selbst mehr und mehr chincsiert worden. Als ein Mittel zur Wiedererlangung größerer Selbständigkeit im Handel empfehlen Landeskundige, wie der Deutsche Or. Schumacher, das Erlernen der chinesischen Sprache, wenigstens soweit, was nicht sehr schwierig sein soll, daß sich die Deutschen mit den chinesischen Kanfleilten in gewissen Gegenden leidlich verständigen können. Wenn der deutsche Kaufmann sich dazu entschließt, dann wird er in China sich bald eine Stellung erringen können, wie sie die Engländer früher besaßen, in neuerer Zeit aber mehr und mehr verloren haben, dann eröffnen sich für die Entwicklung der deutschen Ausfuhr nach China die günstigsten Aussichten. Die Binnenwasserstraßen. Seitdem Deutschland begonnen hat, sich an der wirtschaftlichen Erschließung Chinas in hervorragender Weise zu beteiligen, ist auch die Notwendigkeit hervorgetreten, sich über die dort bestehenden Verkehrsverhältnisse, insbesondere über den Zustand der Wasserstraßen näher zu unterrichten. Die Binnenwasserstraßen haben in China eine weit größere Bedeutung, wie in anderen Ländern, da die Güterbeförderung auf den Landstraßen, die teils unbe festigt sind, teils, wie in Süd-China, nur aus Saumpfaden bestehen, eine sehr kostspielige, langsame und wenig leistungsfähige ist, der Eisenbahnbau sich noch in den ersten Stadien der Entwickelung befindet, infolge der chinesischen Wirren die Ausführung der zahlreichen und großartigen Eisenbahnprojekte wohl sehr verzögert werden dürfte, und daher bei der ungeheuren Ausdehnung des chinesischen Reiches die Binnenwasserstraßen noch für lange Zeit die Hauptverkchrsmittel bilden werden. 401 Die Binnenwasserstratzen. 402 Die schiffbaren Wasserstraßen des chinesischen Reiches, die für den ausländischen Verkehr vorzugsweise in Betracht kommen und für deren Darstellung die gleichen Quellen benutzt wurden, die S. 409 unter Eisenbahnen erwähnt sind, sind der Reihenfolge von Süden nach Norden aufgeführt, folgende: Der Hsikiang oder Westfluß, erst in den letzten Jahren dem fremden Handel eröffnet, durchzieht das südliche China in west-östlicher Richtung, beginnt 900 km von der Mündung des Westflusses entfernt bei der zum Vertragshafen erklärten Handelsstadt Nanning und endet bei Kanton. Die wichtigeren Nebenflüsse sind der Nordfluß, der ebenfalls von Norden kommende und 150 km unterhalb bei Wutschou mündende Kweifluß oder Fuho, der durch einen Kanal bei Hingan-Hhsien mit dem Oberlauf des Siangflusses, einem Nebenflüsse des Yangtszekiang, verbunden ist, und der 170 km weiter bei Samschui mündende Pekiang. An dem Westflusse liegen vier Vertragshäfen: Nanning, Samschui, Wutschou, der größte und wichtigste Platz der Provinz Kwangsi, und der für den Westfluß bedeutendste Vertragshafen, das 2^/2 Millionen Einwohner zählende Kwangtschou, wie es die Chinesen, oder Kanton, wie es die Ausländer nennen. An der Ausmündung des Meerbusens, in welchen sich der Westfluß in zahlreichen Armen in die See ergießt, liegt östlich Kaulnng und vor demselben der britische Freihafen Hongkong, westlich Macao (portugiesisch) und das demselben vorgelagerte Lappa. Zwischen den: Westflusse und dem Yangtszekiang mündet der Hanfluß, in dessen Mündungsgebiet der etwa 35000 Einivohner zählende, einen vortrefflichen Ankerplatz bietende Ort Swatan liegt, und der Minfluß von etwa 450 km Länge. An ihm liegt, ungefähr 54 km von der Mündung entfernt, die etwa 600000 Einwohner zählende Provinzial-Hanptstadt Futschou. Der Yangtszekiang, fern in Central-Asien entspringend, berührt mit seinem 5300 km langen Hauptlaufe acht von den 18 chinesischen Provinzen und bietet bis an die Grenzen Tibets eine schiffbare Wasserstraße, die rund 1000 km von der Strommündung, bezw. von Schanghai bis Hankau für Seeschiffe, und 600 weitere km bis zum Vertragshafen Jtschang für Flußdampfer bis zu 2 m Tiefgang schiffbar ist. Dann treten allerdings auf der etwa 500 km langen Strecke bis Chunking, an der Mündung des Kialingflusses, auf welcher Strecke sich der Strom, durch hohe Gebirgsnfer — die sogenannten Gorges — eingeengt, über zahlreiche Stromschnellen stürzt, der Schiffahrt größere Schwierigkeiten entgegen, die auch zum Untergang des Dampfers "SuiChang" des Norddeutschen Lloyd und der Rickmersschen Reederei geführt haben. Auf der weiteren 400 km langen Strecke fließt der Yangtsze in ruhigem Laufe, nur vereinzelt von Stromschnellen unterbrochen, durch eine flache Hochebene dahin und verliert erst 2500 km von der Mündung bei Suifu (Süchou), dem wichtigsten Platz Kürschner, China I. am Yangtsze, für die Verbindung nach der Provinz Yünnan seine Schiffbarkeit. Erfolg versprechende Untersuchungen und Vorbereitungen sind jedoch im Gange, um auch diesen letzten Abschnitt des Yangtsze und damit den ganzen, 2500 km langen, schiffbaren Stromlauf der Dampfschiffahrt zu erschließen. Das chinesische Kanonenboot "Ling-Fung", an dessen Bord sich der Schiffsleutnant Couchepon-Aumot befand, hat nach dessen Angabe bereits die 2500 km lange Bergfahrt in etwa vier Wochen ohne Unfall zurückgelegt. Die wichtigsten schiffbaren Nebenflüsse des Yangtsze, dessen Bedeutung noch erhöht wird durch die beiden mit ihm in Verbindung stehenden großen Binnenseen, dem Tungtingsee, für den Verkehr der westlichen Nachbarprovinz Hunan, und dem Poyangsee, ein Sammelbecken des Verkehrs der Provinz Kiangsi, sind auf dem rechten südlichen Ufer der Yuenfluß, in den Tungtingsee sich ergießend und für chinesische Fahrzeuge bis Hwangping und Tschöni-Yuen schiffbar, an seinem Laufe liegt die zweitwichtigste Handelsstadt Chiangtu. Ferner der Hsiangfluß, der bedeutendste von den vier größeren, sich in den Tungtingsee ergießenden Flüssen, welcher noch etwa bis 100 km oberhalb des an ihm liegenden Handelsmittelpunktes Hsiangtan für Dampfer schiffbar und durch einen Kanal mit dem Stromsystem des Westflnsses verbunden ist. Endlich der Kanfluß, der größte unter den in den Poyangsee mündenden Flüssen. Etwas oberhalb des Ausflusses des Sees liegt die Stadt Kinkiang, welche zu den drei ersten Häfen gehört, die am Yangtsze dem Fremdenhandel erschlossen wurden. Auf dem linken nördlichen Ufer des Yangtsze münden der Minfluß, der für die Schiffahrt in Szechuan wichtigste Nebenfluß des Yangtsze, ergießt sich in denselben bei Suchon, steht von dem Hafenplatze Kiangtou aus mit der Hauptstadt von Szechuan, Changtu, in schiffbarer Verbindung, bildet im Verein mit dem oberen Lauf des Tokiang das wunderbare Kanalsystem der reichen Chengtu-Ebene und ist für Dampfschiffe bis Kiating schiffbar. Dann der Kialingfluß, bei dem Vertragshafen Chunking in den Yangtsze mündend, ist bis Paischuikiang an der Grenze von Schensi schiffbar und verbindet den Yangtsze mit den wichtigen Prodnktionsgebieten von Hochou (Kohle). Schließlich der Hanfluß, der bedeutendste aller Nebenflüsse des Yangtsze, ergießt sich in denselben an einer Stelle, die als die verkehrsreichste auf dem ganzen Laufe des Yangtsze bezeichnet werden kann, da hier, nur durch die beidcu Flüsse voneinander getrennt, mit zusammen 2 Millionen Einwohnern Wutschang, die Residenz des Vizekönigs der beiden Huprovinzen, Hanyang mit seinen Eisenwerken und Hankau, der gemeinsame Handelsplatz, liegen. Außer dem einheimischen Schiffsverkehr, der auf jährlich zu 23500 Dschunken mit zusammen 1 Million Tonnen angegeben ist, wird der europäische Handel von Hankau auf jährlich 150 Millionen Mark geschätzt, so daß es nach den Haupthandelsplätzen Chinas: Hongkong, Schanghai und Tientsin die vierte Stelle einnimmt und nach Ausführung der projektierten Eisenbahnen als Hauptknotenpnnkt eine noch bedeutendere Stelle einnehmen wird. Der Hauptarm des Hanflusses, in Hankau gewöhnlich Siangho genannt, wird an den bedeutenderen Handelsplätzen Siangyang, Laohokou und Mnyang vorüber bis Hanchung in Scheust auf 2000 km von chinesischen Dschunken befahren; oberhalb Laohokou wegen der zahlreichen Stromschnellen jedoch nur von Dschunken mit IV2 Fuß Tiefgang, während auf der 780 km langen Strecke Hankau—Laohokou bei einem Wasserwechsel von 2 m Dampfschiffe acht bis neun Monate im Jahre verkehren können. Auch der in Laohokou mündende Tanflnß ist in der guten Jahreszeit noch auf etwa 400 km für chinesische Dschunken fahrbar. Dadurch, daß der Iangtsze auf seinem rechten Ufer in den Nebenflüssen Uuen Hsiang und Kan, von welchen der Hsiang mit dem Westflusse in Verbindung steht, auf dem linken Ufer in den Nebenflüssen Min, Kialing und Han, sowie in dem bis Peking reichenden Kaiserkanal Verkehrswege von großer Ausdehnung nach allen Richtungen eröffnet, so daß die meisten Binnenwasserstraßen im Thale des Iangtsze zusammenlaufen, gewinnt dieser Riesenstrom mit dein südlich der Ausmündung ins Meer gelegenen englischen Freihafen Schanghai, welcher den Seeverkehr beherrscht, mit den drei Vertragshäfen Hankau, Jtschang und Tschinkiang und mit den übrigen großen Städten eine außerordentliche Bedeutung für die Binnenschiffahrt Chinas. Der Kaiserkanal beginnt bei Hantschou an der Mündung des Tsientangflnsses, ungefähr 300 km südlich vom Iangtsze, dnrchschneidet den letzteren bei dem Vertragshafen Tschinkiang und setzt vom anderen Ufer aus für eine weitere Strecke von 800 km in nördlicher Richtung seinen Lauf, den Hwangho an der Westgrenze von Schantung durchschneidend, bis Tientsin fort. In dem südlich vom Mngtsze gelegenen Teile zuerst ausgeführt, ist die nördliche Fortsetzung, das eingedeichte Bett des Weihoflusses benutzend, hauptsächlich zu dem Zwecke erfolgt, um eine Verbindung zwischen dem Iangtsze, Hwangho und Peiho zur Beförderung des Tributreises aus den südlichen und mittleren Provinzen nach Peking zu gewinnen. Während überall — mit Ausnahme der kurzen Kanalverbindung zwischen dem Hsiang und den: Westfluß — die natürlichen, in westöstlicher Richtung fließenden Wasserstraßen den Verkehr vermitteln, ist durch den Kaiserkanal eine Verbindung derselben von Süden nach Norden hergestellt. Der Kaiserkanal hat zwar in neuerer Zeit viel an seiner Bedeutung verloren, und zwar einerseits dadurch, daß der Hwangho seit 1851 seinen alten Lauf verlassen und vom Süden der Schantung-Halbinsel nach dem Nörchen derselben verlegt hat, andererseits dadurch, daß der Kaiserkanal gegen den Hwangho durch einen Damm ans jeder Seite abgeschlossen worden ist, die nur für die den Tributreis führenden Dschunken geöffnet tverden, so daß dadurch der Durchgangsverkehr auf dem Kanal fast ganz aufgehört hat. Dessenungeachtet ist der Kaiserkanal noch immer eine der größten Handelsstraßen ChiTta§geblieben. Der Hwangho oder gelbe Fluß. Während die Mitte des Reiches von der fast 1000 km weit für Seedampfer brauchbaren, mächtigen Wasserstraße des Pangtszestromes durchzogen, auch der Süden durch den weitverzweigten Westfluß erschlossen wird, hat die nördliche Hälfte des Landes keine Wasserstraße von gleicher Bedeutung aufzuweisen. Zwar besitzt der Norden in dem Hwangho ebenfalls einen Strom von ähnlicher Länge, wie der Yangtszekiang, dagegen aber von äußerst geringer wirtschaftlicher Bedeutung, da der Hwangho, abgesehen von seiner geringen und sehr wechselnden Fahrtiefe, für Seeschiffe nicht zugänglich ist, weil vor seiner Mündung eine Barre liegt, die bei Niedrigwasser kaum 2 m Fahrtiefe, bei Flutzeit auch nur wenig mehr zeigt. Der Hwangho ist in seinem unteren Laufe für kleinere Fahrzeuge schiffbar von Mengtsi-Hsien in Honan bis Tsitung-Hsien in Schantung, wird aber, abgesehen vom lokalen Verkehr, für die Schiffahrt wenig benutzt. Der Peiho. Der aus dem Gebirge nördlich von Peking kommende Peiho, welcher im Jahre 1900 bei der Einnahme der Taku-Forts, von Tientsin, sowie bei dem Vorrücken gegen Peking so oft genannt worden ist, und besonders während der Zerstörung der Eisenbahn Tongkn-Peking so wesentlich beigetragen hat, die Verproviantierung der verbündeten Truppen zu erleichtern, hat ungeachtet des verhältnismäßig kurzen, schiffbaren Stromlaufes eine große Bedeutung, da er den Zugang zum Meere bildet für die Hauptstadt des Reiches, Peking, niit 2 Millionen Einwohnern, sowie für Tientsin mit 950000 Einwohnern. Der Verkehr mit Peking findet durch den Tungwhui statt, welcher bei Tungtschon, 15 km östlich von Peking, in den Peiho mündet, da dieser Verkehr jedoch bei der geringen Wassertiefe nur durch Dschunken erfolgen kann, so bildet Tientsin, bis wohin zur Flutzeit eine Fahrtiefe von 4 m vorhanden ist, den Hafen von Peking und den wegen der Mündung des Kaiserkanals zugleich wichtigsten Hafen des Nordens. Allerdings hat derselbe den Nachteil, daß die Schifffahrt durch Eis vier Monate im Jahre geschlossen ist und daß außerdem vor der Peihomündung sich eine große breite Barre, die Taku-Barre, gebildet hat, die zwar heute noch zur Zeit der Flut einen Wasserstand von über 4 m aufweist, aber infolge Verschlickung sich zusehends verflacht. Der kleine Ort Tongku, Knotenpunkt der Eisenbahnen nach Peking und Schanhaikwan, bildet den Vorhafen für Tientsin. Die Binnenschiffahrt, die noch vor wenigen Jahrzehnten ausschließlich mit Dschunken betrieben wurde, ist immer mehr zur Dampfschiffahrt übergegangen, da die drei großen Dampfergesellschaften — zwei englische und eine chinesische — von denen jede über 40—50 meist gut gebaute und zweckmäßig eingerichtete Dampfer verfügt, neben ihrer Hauptthätigkeit, der chinesischen Küstenschiffahrt, ihren Betrieb auch auf den PerDie große Brücke in ventschaifu. sonenund Güterverkehr der Binnenschiffahrt ausgedehnt und hierbei sich ein gewisses Monopol gesichert haben, da sie untereinander kartelliert sind und ihnen bis vor kurzem kaum eine größere Gesellschaft gegenüberstand. Auf der Großschiffahrtsstraße des Pangtszekiang, und zwar von Schanghai nach Hankau, tritt täglich mindestens ein Dampfer die stromaufwärts drei Tage dauernde Fahrt an, während auf der weiteren Strecke zwischen Hankau und Jtschang in etwas größeren Zwischenzeiten kleinere Dampfer von etwa 1000 1 Ladefähigkeit verkehren. Nachdem das Verbot der Dampfschiffahrt auf anderen Binnenwasserstraßen außer dein Pangtszekiang in neuerer Zeit seitens der chinesischen Regierung aufgehoben worden ist und seit Mitte 1898 in allen Provinzen, in denen ein Handelsverkehr mit fremden Nationen bereits besteht, die Schiffahrt mit kleinen Dampfern Fremden wie Einheimischen auf allen Binnenwasserstraßen unter bestimmten Bedingungen gestattet worden ist, wird die Dampfschiffahrt und die bereits vielfach in Aufnahme gekommene Dampf-Schleppschiffahrt erheblich an Ausdehnung gewinnen und ist schon in zahlreichen Fällen, u. a. mit dem 300 km langen Unterlauf des Westflusses bis Wutschou zur Einführung gekommen. Deutscher Anteil. Infolge der Konkurrenz der vorerwähnten drei großen, untereinander kartellierten Dampfergesellschaften >var der Anteil der deutschen Flagge von fast 10°/o in den Jahren 1885—1887 auf kaum 3VzO/o im Jahre 1898 gesunken; auf dem Hangtszekiang war sogar die deutsche Flagge fast ganz verschwunden und uahm hinter Engländern, Chinesen und Japanern erst die vierte Stelle ein. Glücklicherweise haben sich in neuester Zeit diese Verhältnisse zu gunsten Deutschlands wesentlich gebessert; nicht nur ist seitens der Reederfirma Jebsen mit Unterstützung der Reichspostverwaltung eine regelmäßige Dampferverbindnng zwischen Schanghai, Kiautschou, Tschifu und Tientsin eingerichtet worden, sondern es ist auch die sogenannte Holt-Linie und die Scottish Oriental steamship Company mit ihren Verbindungen zwischen Bangkok-Hongkong-Swatan an den Norddeutschen Lloyd übergegangen, so daß nunmehr die gesamte Küstenschiffahrt im südchinesischen Meere im wesentlichen in deutsche Hände gelangt ist. Ferner hat der Norddeutsche Lloyd nach dem Geschäftsbericht für 1900 bereits im Laufe dieses Jahres die drei Dampfer "Mei-Len", "Mei-Schun" und "MeiDah" in die Fahrt Schanghai-Chinkiang-Hankan eingestellt, während die Verbindung auf dem mittleren Dangtszekiang zwischen Hankau-Jtschang erst mit Beginn des Sommers 1901 durch den Dampfer "Mei-Pu" eröffnet werden soll. Der Beginn der Pangtszekiangfahrt leidet an dem Mangel genügender Ladung, während der chinesische Passagierverkehr befriedigende Ziffern aufweist. Leider ist der seitens des Norddeutschen Lloyd in Verbindung mit der Rickmersschen Reederei gemachte Versuch durch einen besonders zu diesem Zweck erbauten Dampfer "Sui-Shang", die Fahrten zwischen Jtschang und Chnnking zu eröffnen, vorläufig daran gescheitert, daß der Dampfer im Dezember 1900 bei der Bergfahrt durch die in den Felsschluchten unterhalb Kweitschon befindlichen Stromschnellen des Pangtszekiang vollständig zu Grunde gegangen ist. Zur Zeit ist auf dem unteren Stromlauf eine dreimal wöchentliche, auf den: oberen eine vierzchntägige Schiffahrtsverbindung eingerichtet worden. Pcrsoncngcldtarife auf den chinesische» Binnenwasserstraßen. Tarifsatz sür 1 Personen^ Bemerkungen. BcsörderungSweise Mit Dampfern aus dem unteren Yangtsze 12,5 Pf. 1,25 .. Auf kleineren chinesischen Schiffen Auf größeren chinesischen Schiffen 0,6 Pf. 0,66—0,92 Pf. Für Ausländer, .. Chinesen, mit beliebigem Freigepäck und täglich zwei Mahlzeiten. Dazu kommen außer den Kosten für Ernährung, die sich für eine aus Reis bestehende Mahlzeit auf etwa 9 Pf. stellen, ein sogenanntes Weingeld und Ausgaben für die Räucherungen ilnd Schwärmer, mit denen die bösen Geister jeden Morgen und Abend beschwichtigt werden müssen. Wasserstraßen und Eisenbahnen. Die nachstehende Zusammenstellung läßt bei aller Verschiedenheit der Sätze, welche für 1 tkm zwischen 0,57 Pfg. auf der Thalfahrt und 14 Pfg. auf der Bergfahrt schwanken, doch erkennen, daß ein großer Teil voll China, insbesondere Mittelund Süd-China sich eines so billigen Wassertransportes erfreut, daß die projektierten, insbesondere wegen der zahlreichen großen Strombrücken voraussichtlich sehr kostspieligen Eisenbahnen mit dem Wettbewerb der Wasserstraßen umsomehr zu rechnen haben werden, als einerseits für die Verbesserung der Wasserstraßen noch sehr wenig geschehen ist und andererseits Hand in Hand mit auch nur oberflächlichen Regulierun26* 407 f^RnnnnrnRnnramara^nnraRriRFasn Handel und Verkehr. 408 gen der Wasserstraßen sich auch manche Verbesserungen der Schiffahrtsbetriebe durch Verwendung flachgehender Schleppdampfer werden einführen lassen. Gütertarife auf den chinesischen Binnenwasserstraben. Angabe der ^ ^ l BefördeSchiffahrtsstrecken rungswcise Länge der Strecke Tar für 1 Bergfahrt Pf. fsatz tkm Thalfahrt Pf. 1. Auf dem Jangtse. Bon Schanghai bis Hankau... M. Dampsern 1000 1,35 .. .. " Jtschang.. (dem Ende der Dampfschiffahrt,) Bon Jtschang bis Tschunking.. Desgl. 1600 1,47 Mit 500 14 (über die Stromschnellen des Yangtsze.) Bon Tschnnling bis Hsütschon (@ni) Dschunken Mit den 500 3 (ans welcher Strecke der Schiffahrt wenig. Hindernisse enlgegentreten.) 2. Ans de» Nebensliissen des Yangtsze. Auf dem Minflusse... größten Dschunken 700 14 7 (zioischen Tschunking am Yangtsze und Kiating am Min.) Bon Kiating bis Jatschou... 150 14 7 (dem Endpunkte der Schiffahrt, nur für den Tibethandet wichtig.) Auf dem Hsiaug bis Hsiangtou Von Hsiangtou bis Hanla»... (für Besördcrung der Lnigangkohlen.) Ans dein bedeutendsten Nebenflüsse ans dem linken User des Yangtsze, und zwar von dem ivichtigen Umschlaghasen Fantschöng bis zur Mündung Aus der Strecke nach Tschinkiang auf dem Yingund Hwaiflub. Auf dem Westflusse. Von Hongkong nach Wutschon.. Dampfschiffahrt 220 380 500 750—800 320 4 2,6 0,57 1,7 " Wutschou stromaufwärts.. Rur Dschunken 700 10 Auf dem Ynenflnsse in der Provinz Kweitschou. Von Tfchangte nach Tschöni-Yuen 800 7—10 1,2—1,5 Allerdings ist insbesondere in den Gegenden, in denen Wasserstraßen nicht vorhanden sind, der Verbesserung der Verkehrsverhältnisse und der wirtschaftlichen Erschließung des Landes durch Eisenbahnen noch ein weites Feld gelassen, da die Güterbeförderung auf den Landstraßen, die in der Südhälfte Chinas, wo nur schmale Saumund Fußpfade, und daher auch keine Wagen vorhanden sind, weder befestigt noch entwässert werden, eine sehr langsame und kostspielige, sowie wenig leistungsfähige ist. In Süd-China fehlt es sogar nicht nur an Wagen, sondern auch an Transporttieren, so daß die Personenund Güterbeförderung ausschließlich durch Menschen bewirkt wird. Die Warenbeförderung erfolgt dabei durch Kulis, teils auf dem Rücken, überwiegend aber auf Tragstangen bei einer Last von 45 kg und einer täglichen Leistung von 35 km; die Beförderungskosten stellen sich hierbei auf etwa 31 bis 36 Pf. für 1 tkm. Wesentlich ermäßigte Sätze ergeben sich in den Provinzen, in denen, wie besonders im Norden Chinas, ein Wagenverkehr stattfindet. Im allgemeinen wird man annehmen können, daß die Kosten der Güterbeförderung auf Karren wie auch mittels Tragstange nur in Ausnahmefällen über 20 bis 25 Pf. für 1 tkm hinansgehen, meistens darunter, vielfach erheblich darunter bleiben. So lange daher in China die Lohnsätze so niedrig sind, und die Zeit so geringen Wert hat, so lange wird auch aus diesem Grunde der Schiffahrt gegenüber den Eisenbahnen der Wettbewerb auf nur einigermaßen leistungsfähigen Wasserstraßen mit Dampfschisfahrtsbetrieb erleichtert werden. Bei dieser Bedeutung der chinesischen Binnenschifffahrt für die wirtschaftliche Erschließung des Landes ist daher zu wünschen, daß die deutsche Flagge in den chinesischen Gewässern mehr und mehr an Ausdehnung und Einfluß gewinnen möge, um dadurch auch die Interessen zu unterstützen, welche zur Erwerbung von Kiautschou geführt haben. Verkehr auf einem Nebenflüsse des vangtszefluffes. Empfangshalle des Bahnhofs in Peking. Das Eisenbahnnetz. Anregung zur wirtschaftlichen Erschließung Chinas hervorgernfen worden ist, sondern daß schon vor etwa 20 Jahren der chinesische General Liuwingtschwan nachstehende 4 Eisenbahnprojekte zur Ausführung empfohlen hatte: 1. Von Tschinkiang am SchnittpunktedesPangtszestromes und des Kaiserkanales durch West-Schantnng nach Peking. 2. Von Hank au an der Mündung des Han, des größten Nebenflusses des Iangtsze, durch die Provinz Honan nach Peking. 3. Von Peking nach der Mandschurei. 4. Von Peking nach der Provinz Kansu. Diese Eisenbahnprojekte, von denen zunächst das erste — Tschinkiang-Peking — zur Ausführung empfohlen wurde, fanden beim Vizekönig Li-Hung-Tschang lebhafte Unterstützung. Unter den verschiedenen Gründen, welche der letztere zu gunsten der projektierten Eisenbahnen anführt, ist der folgende von besonderem Interesse: fLi-Bnng-Tschang über das Lirnningtschwan-Lisenbahnxrojekt.j "Die Provinzen, die im Norden des pangtsze und des Bwcü liegen, haben der Hauptsache nach nur Landwege für den verkehr und sind in jeder Beziehung mit den südlichen Provinzen, die von schiffbaren Flüssen und Kanälen durchschnitten werden, nicht zu vergleichen. Diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß von den 20—30000000 Taels, die dem Staatsschatz an Inlandssteuern und Zöllen zufließen, 9/10 von den südlichen Provinzen gezahlt werden, während die nördlichen nur Vio beitragen. Wenn man Eisenbahnen baut, wird ein reger lhandclsverkehr sich über das ganze Gebiet des Reiches entwickeln, und die Bewohner der nördlichen Provinzen, obwohl sie von bsaus aus indolent sind, werden arbeitsamer und strebsamer werden. Sie werden alle ihre Kräfte anspannen, um durch gute Bestellung-aus dem Boden den größtmöglichsten Gewinn zu ziehen, und nach und nach werden die nördlichen Provinzen ein gesegnetes Land werden." Aus Gründen, deren Mitteilung hier zu weit führen würde, sind von den vorgenannten 4 Eisenbahnprojekten Die chinesischen Staatsbahnen. Ter Wetteifer zwischen den zahlreichen, den verschiedensten Nationen angehörenden Syndikaten, welche sich für die Anlage von Eisenbahnen in China gebildet und znm Teil auch bereits ausgedehnte Konzessionen erlangt haben, hat den Anschein erweckt, daß dies ungeheure Reich von 11574356 qkm und 400000000 Einwohnern in Betreff seiner Verkehrsverhältnisse noch auf der rintersten Stufe der Kultur stehe und daß bei den in den verschiedenen Provinzen des Reiches projektierten Eisenbahnen ohne Frage eine sichere Rentabilität zu erwarten sei. Daß dies nicht durchweg zutrifft, und daß, abgesehen von den seitens des Berliner Syndikats projektierten Schantungbahnen, ein großer Teil der projektierten Bahnen ernstlich mit dem Wettbewerb des sehr ausgedehnten und weit verzweigten Wasserstraßennetzes zu rechnen haben lvird, lehren die ausführlichen und sehr interessanten, unter "die Binnenwasserstraßen" im wesentlichen wiedergegebcnen und anderweit vervollständigten Mitteilungen, welche Dr. Hermann Schumacher in Konrads Jahrbüchern für Nationalökonomie und Geschichte, solvie im Archiv für Eisenbahilwesen über "Eisenbahnban und Eisenbahnpläne in China", veröffentlicht hat und welche sich außer auf die grundlegenden Arbeiten von v. Richthofen bereits auf die Ergebnisse der letzten englischen (Mission of the Blackburn Chamber of Commerce) und französischen Mission (La Mission Lyonnaise d’exploration en Chine) stützen. Dr. Schumacher gehörte der deutschen Kommission gewerblicher Sachverständiger, welche im Jahre 1897 Ostasien bereiste, als wissenschaftliches Mitglied an; er hat natürlich die Ergebnisse dieser Reise in erster Linie verwertet und schöpft aus eigener Anschauung. Aus diesen Mitteilungen ist zunächst ersichtlich, daß der Ausbau des chinesischen Eisenbahnnetzes nicht erst durch die in den letzten Jahren vom Auslande erfolgte nur die unter 2, 3 und 4 angegebenen Linien bisher teilweise zur Ausführung gekommen. Tie Eröffnung der ersten Eisenbahn, und zwar der 16 km langen Schmalspurbahn Schanghai-Wusnng ist zwar schon im August 1876 für den öffentlichen Verkehr erfolgt. Da indessen diese von Schanghaier Kauflentcn ohne Genehmigung des Gouverneurs von Nanking erbaute Bahn auf Veranlassung desselben nach einjährigem Betriebe wieder vollständig beseitigt werden mußte und erst jetzt wieder von neuem angelegt worden ist, so kann doch erst der im Jahre 1881 von der KaiPing-Kohlenbergbaugesellschaft begonnene Eisenbahnbau, aus dem sich dann durch Fortsetzung nach Süden und Norden die chinesische Staatsbahn entwickelte, als der eigentliche Ausgangspunkt des chinesischen Eisenbahnwesens angesehen werden. Die Gesamtlage der chinesischen Eisenbahnen stellt sich zur Zeit wie folgt dar: Chinesische Staatsbahnen: 1. Peking (Bahnhof Machiapu)-FengtaiTientsin-Tongku (Vorhafen von Tientsin) 171 km 2. Von Tongku bis zum östlichen Thor der chinesischen Mauer bei Schanhaikwan 235 km 3. Tie nördliche Verlängerung von Schanhaikwan bis Tschunhoso 64 km 4. Von Peking (Lukontschiau) bis Paotingfu, Teilstrecke der Linie Peking-Hankan 127 km 5. Anschlußbahn von Fengtai, Station der Linie Peking-Tientsin, nach Lukontschiau 7 km zusammmen 604 km Von diesen Strecken sind die unter 1—3 bezeichueten seit Ende 1897 im Betriebe, sowie außerdem noch die erste Teilstrecke Peking-Paotingsn dem Verkehr übergeben, alle übrigen Strecken dagegen noch in der Ausführung begriffen, insbesondere die nördliche Verlängerung von Tschunhoso einerseits nach Hsinmuntun in der Nähe von Mnkden, anderseits nach dem Vcrtragshafen Niutschwang zum Anschluß an die von dem russisch-chinesischen Syndikat in der Ausführung begriffene südmandschurische über Niutschwang nach Talienwan bis Port Arthur führende Eisenbahn. Ferner sollen auch die im Tschauyang-Distrikt der Provinz Tschili bei Naupiau nördlich der chinesischen Mauer gelegenen Kohlenlager, welche als die reichsten und besten in diesem Teile Chinas gelten, demnächst aufgeschlossen und durch eine Zweigbahn mit der.Hauptlinie verbunden werden. Zur Erläuterung der vorerwähnten Linien der chinesischen Staatsbahn ist noch zu erwähnen, daß die Linie Tientsin-Peking nicht bis zur Hauptstadt selbst, sondern, nur bis zu dem über 3 km vom Südthor von Peking entfernten Machiapu geführt werden durfte. Seit der im Mai 1897 erfolgten Eröffnung dieser Strecke ist jedoch die Verbindung zwischen Machiapu und Peking durch eine von der Firma Siemens u. Halske erbaute, im Juui 1899 eröffnete elektrische Bahn hergestellt worden. Auch die unter 4. bezeichnete Teilstrecke der Linie Peking-Hankau beginnt nicht in Peking selbst, sondern etwa 10 km davon entfernt in Likoutschiau bei der sogenannten Marko-Polo-Brücke und ist durch die unter 5. genannte Zweigbahn mit der Station Fengtai (Werkstätten) der Linie Peking-Tientsin verbunden. Nach einem in der Presse veröffentlichten Feldpostbriefe aus Uangtsun vom 21. Januar 1901 ist es inzwischen der mit der Wiederherstellung der durch die Boxer zerstörten Eisenbahnstrecke Iangtsun-Peking beauftragten deutschen Eisenbahnbau-Kompagnie gelungen, die Bahn unter Durchbrechung der 12 m hohen und 20 m starken Stadtmauer in das Innere von Peking weiterzuführen, und ans dem Platze des Himmelstempels einen neuen Bahnhof anzulegen, der zur größten Überraschung der chinesischen Bevölkerung am 15. Dezember 1900 dem Betriebe übergeben wurde. Ebenso ist telegraphischen Nachrichten zufolge die Anlage einer Zweigbahn von Peking nach Tungtschou am Peiho in Angriff genommen, die Länge der vorgenannten beiden Strecken ist jedoch noch nicht bekannt. Das Netz der chinesischen Staatsbahnen, welche durchweg die normale Spurweite von 1,435 m besitzen, ist von der unter dem Protektorat des Vizekönigs LiHung-Tschang 1878 gegründeten Kaiping-Kohlengrubengesellschaft unter Oberleitung des englischen Ingenieurs Kinder ausgeführt worden. Der Verkehrs dienst liegt mit Ausnahme der Stellen der Fahrkarteneinnehmer, welche, bei der unüberwindlichen Neigung der Chinesen zu Betrügereien, durch Europäer besetzt werden müssen, ausschließlich in der Hand der chinesischen Verwaltung; abgesehen hiervon aber ijt das Personal englisch und steht auch jetzt noch unter dein Oberingenieur und Betriebsdirektor Kinder mit der Aufgabe, die Bahnen zu bauen, zu unterhalten und zu betreiben, sowie die Chinesen für den Eiseubahndienst, insbesondere zu Heizern und Lokomotivführern auszubilden, zu welchem Zweck eine besondere Eisenbahnschule errichtet worden ist. Neuerdings ist dieses Programm noch dahin erweitert worden, daß neben der Anfertigung der zahlreichen Brückenkonstruktionen für die Neubaustrecken auch beabsichtigt wird, in den Werkstätten von Tong-Schan, in denen etwa 2000 Arbeiter beschäftigt sind, außer der Unterhaltung von 80 Lokomotiven auch mit dem Neubau von Lokomotiven und Wagen vorzugehcn. Die Kosten der Peking-Linie—128,8 km sind zweigleisig hergestellt — belaufen sich einschließlich Betriebsmittel und Werkstätten durchschnittlich auf 102000 Mk. für 1 km. Die während der chinesischen Wirren an vielen Stellen gründlich zerstörte Eisenbahn Peking-TongkuSchanhaikwan ist durch die energische Thätigkeit der deutschen und russischen Feldeisenbahn-Abteilung in verhältnismäßig kurzer Zeit wieder hergcstellt worden. 413 S Andere chinesische Lahnen. 414 Andere chinesische Bahnen. Die russisch-chinesische Ostbahn, welche von der russisch-chinesischen Bank ausgeführt wird, besteht aus der 1540 km laugen Hauptlinie Stretensk-Wladiwostok, die einen Teil der großen transsibirischen Bahn bildet und aus der 1049 km langen südmandschurischen Zweigbahn, die sich von der erstgenannten Hauptlinie nach Überschreitung des Flusses Sungari abzweigt, Kirin und Mugden berührend, sich voraussichtlich in Hsinmuntun an die chinesische Staatsbahn anschließen wird und über Niutschwang, dem an Liao-Ho etwa 40 km vom Meere gelegenen Vertragshafen, an der Westküste der Halbinsel Liaotung entlang laufend, nach Talienwan und Port Arthur führt. Tie Bahn, welche eine Gesamtlänge von etwa 2589 km erhalten soll, ist zwar bereits seit dem August 1897 in der Ausführung begriffen, auch wird beabsichtigt, die Strecke von Port Arthur ab zunächst fertigzustellen und dem Betriebe zu übergeben. Dessenungeachtet scheint aber die Linie nördlich von Niutschwang, sowie der Anschluß an die sibirischen Bahnen noch nicht festzustehen. Mit der Ausführung der chinesischen Ostbahn fiel die Notwendigkeit des Baues der schwierigen Amnrthalbahn um so mehr fort, als von Stretensk, dem Endpunkt der Transbaikalbahn, aus das ungeheure Wasserstraßennetz des Amur für Dampfschiffe fahrbar ist, das ans der Schilka und dem Amur — 2400 km lang — einen Ausweg zum Meere darbietet, mit dem Sungari tief in die Mandschurei, mit dem Ussnri weit nach Süden in die russische Küstenprovinz hineinreicht. Während der Wirren ist seitens der Chinesen eine Planmäßige und gründliche Zerstörung der Bahn erfolgt, so daß über die Wiederherstellung derselben und die spätere Eröffnung noch keine Nachrichten vorliegen. Die Linie Peking-Hankau, die sogenannte Luhan-Eisenbahn (1120km) ist dazu bestimmt, die erste Hauptstadt des chinesischen Reiches mit dem amPangtszekiang gelegenen, für Seeschiffe noch zugänglichen Hankau zu verbinden, dem Handelszentrum von ganz Mittel-, Nordwestund Westchina mit einem Gesamtverkehr, der sich, soweit er unter die Kontrolle der fremden Zollämter kommt, auf jährlich 208000000 Mk. bewertet (davon 134000000 Mk. Einfuhr, fremde und einheimische, sowie 74000000 Mk. Ausfuhr). Außerdem ist Hankau der Mittelpunkt der großen industriellen Unternehmungen, welche Tschangtschitung, der Vizekönig der beiden Hu-Provinzen, in Hastjang angelegt hat, der dritten Stadt, die sich mit Hankau und Wntschang zu einem nur durch den Pangtsze mit dem dort einmündenden Hanfluß getrennten BevölkerungsMittelpunkt von mehr als 2000000 Köpfen zusammenschließt. Die Go vernement Iron and Steel Works oder Hanjanwerke bestehen aus zwei Hochöfen, einem Puddel-, Bessemerund Martin-Stahlwerk, einem Schienenwalzwerk sowie einer Abteilung für Eisenkonstrnktionen und einer Abteilung für Eisenbahn und Schiffsbau, Gießerei u. s. w. Die Gesamtanlagekosten sollen die Summe von 30000000 Mk. erreichen. Eine angemessene Rentabilität ist jedoch bisher nicht erzielt worden, teils wegen der Schwierigkeiten der Beschaffung geeigneter Erze und coaksfähiger Kohlen, teils wegen der echt chinesischen Wirtschaft. Die Hanjanwerke sind von Scheng, dem bisherigen Taoti von Tientsin.und späteren Eisenbahndirektor, angeblich für 4000000 Taels oder etwa 12000000 Mk. übernommen worden. Alle Versuche, die Werke an Krupp, Armstrong u. s. >v. zu verkaufen, sind bisher vergeblich gewesen. In Beziehung zu den Hanjanwerken steht die 26 km lange normalspurige Tayehbahn von Endstation der Bahn Takn-Pcking. 415 Handel und Verkehr. 416 dem etwa 110 lein unterhalb Hanjaug bezw. Hankau gelegenen Pangtsze-Hafen Schihuiyau nach den Eisenerzgruben von Tiehschan zur Beförderung der für die Hanjanhochöfen bestimmten Eisenerze, welche auf dem Pangtsze durch kleine Schlepper nach Hanjan verschifft werden. Die Bahn ist von dem preußischen Eiscnbahnbauinspektor H. Hildebrand erbaut. Die Linie Peking-Hankau, für welche bereits Ende 1895 im Aufträge des Vizekönigs Liukunyi durch deutsche Ingenieure unter Oberleitung des oben genannten Bauinspektors Hildebrand die Vorarbeiten in einer Ausdehnung von 550 km gemacht worden waren und deren Konzession nach Abberufung des Vizekönigs einem französisch-belgischen Syndikat verliehen wurde, ist im Bau begriffen. Die erste 127 km lange Strecke Lukoutschian-Paotingfu ist, wie schon erwähnt, von der chinesischen Staatsbahn ausgeführt worden und bereits im Betriebe. Die Ergebnisse derselben sollen sehr günstig sein. Während des Krieges ist die Bahn mehrfachen und großen Zerstörungen ausgesetzt gewesen; dessen ungeachtet ist es gelungen, einen neuen, 32 km langen Bahnabschnitt bis Uan-Tut zu eröffnen. Die russisch-chinesische Bank hat mit der chinesischen Regierung einen Vertrag abgeschlossen, durch den sie das Recht erworben hat, voll der Hauptlinie PekingHankau eine etwa 210 km lange westliche Seitenbahn von Tschöngting nach Taiyuen, der Hauptstadt der kohlenund erzreichen Provinz Schansi, zu bauen. 4. Die erste Teilstrecke Wusuug-Schaughai (16 km) der projektierten normalspurigen Eisenbahnlinie Wusung-Schanghai-Sutschou-Tschinkiang-Nanking am Aangtszekiang nach Haugtschou und Wentschou ist von den deutschen Ingenieuren ebenfalls unter Oberleitung des vorerwähnten Bauinspektors. Hildebrand, welcher als Chef-Ingenieur und Berater des Vizekönigs Tschallgtschituilg in allen Eisenbahnund industriellen Fragen wirkte, ausgeführt und am 1. September 1898 dem öffentlichen Verkehr übergeben worden. Die Bahn hat den Zweck, den Dampfern die oft sehrschwierige Fahrt über die im Wusungflnß liegende Barre zu ersparen und es ihnen zu ermöglichen, die Ladung zu löschen und zu speichern. Das Betriebspersonal der Bahn besteht mit Ausnahme eines deutschen Regierungsbaumeisters und -Werkmeisters lediglich aus chiuesischen Beamten und Arbeitern, die in verhältnismäßig kurzer Zeit für die Dienstleistung als Stationsvorsteher, Telegraphisten, Lokomotivführer, Heizer, Weichenund Bahnwärter u. s. w. vorbereitet werden konnten. Außer der Fortführung der Bahn von Schanghai nach Sutschou ist eine Ringbahn projektiert, welche von der Station Schanghai einerseits um die englische und französische Niederlassung, sowie um die Chinesenstadt herum bis an die Werften von Wangpoo und anderseits um Hongkou, dem Nordteil von Schanghai herum, bis zu den Hvngkou-Werften führt. Schangtungbahuen. Unter dem 1. Juli 1899 ist unter Führung der Diskonto-Kommandit-Gesellschaft zu Berlin einem Syndikat, welches sich aus Kreisen der Industrie und des Handelsstandes aus allen Teilen Deutschlands vereinigt hatte, vom Reichskanzler für eine zu bildende deutsch-chinesische Aktiengesellschaft die Konzession zuin Bau und Betriebe einer Eisenbahn von Tsingtau über Weihsien nach Tsinanfu, der Provinzialhauptstadt von Schantung, nebst einer Zweigbahn nach Poschan verliehen worden. Die Gesellschaft besitzt ein Grundkapital von 54000000 Mk., wovon 13500000 Mk. bei der Gründung eingezahlt worden sind. Sie hat sich verpflichtet, die vorbezeichneten Bahnen innerhalb einer Frist von fünf Jahren, die Bahnstrecke von Tsingtau nach Wachsten innerhalb einer Frist von drei Jahren zu erbauen und in Betrieb zu nehmen. Die Gesamtlänge dieser Linien umfaßt rund 450 km, die Teilstrecke Tsiugtau-Waihsien rund 180 km. Die Baufoften für 1 km sind somit zu 120000 Mk. angenommen. Tie Bahn wird eingleisig mit der Normalspurweite von 1,435 m hergestellt, der Grunderwerb jedoch für zwei Gleise vorgesehen. Die Lieferung des Oberbaumaterials ist für die ganze Bahnlinie an deutsche Werke vergeben worden; ebenso sind mit deutschen Unternehmern Verträge über die Lieferung und Montierung der Brücken, sowie über die Beschaffung der bei der Betriebseröffnung zunächst erforderlichen Lokomotiven, Personenund Güterwagen abgeschlossen worden. Mit dem Bauangriffe selbst ist nach Ausführung der zur Feststellung der Bahnlinie erforderlichen Vorarbeiten bereits im September 1899 der Anfang gemacht worden, indem sowohl von Tsingtau, als vou der chiuesischen Stadt Kiautschou ans mit den Erdarbeiten begonnen wurde. Nachdem die durch die chinesischen Wirren unterbrochenen Bauarbeiten unter dem Schutze der deutschen Truppen wieder ausgenommen worden sind, schreiten die Arbeiten rüstig vorwärts. Die erste 70 km lange Teilstrecke Tsingtau-Kiautschou wird bereits von Zügen befahren. Die Linie Tientsin-Tschinkiang, die einem deutsch-englischen Syndikat konzessioniert ist, und die von Tientsin, am unteren Laufe des Peiho, die Richtung des Kaiserkanals, östlich desselben, verfolgend, sich in Tsinangfn an die Schantungbahnen anschließt, führt über Jhsien nach Tschinkiang an der Mündung des Pangtszekiang. Tie Bahn besteht aus zwei Teilen, aus der etwa 650 km langen nördlichen Strecke Tientsin-Jhsien, welche von dem deutschen Teile des Syndikats gebaut werden soll, und der von dem englischen Teile des Syndikats zu bauenden südlichen, etwa 330 km langen Strecke Jhsien-Tschinkiang. Vorbereitende Schritte zur Ausführung scheinen noch nicht gethan zu sein. Das vorstehende Projekt steht, wie schon erwähnt, an der Spitze der vier Eisenbahnlinien, deren Ausführung zuerst von der chinesischen Regierung in Aussicht Auf einer chinesischen Landstraß V'. 417 rerararapptararareraffrererJRrercrarsHnn weitere Lisenbahnkoiizessioncii.  418 genommen war. Der Grund, weshalb der Pcking-Tschinkiang-Eisenbahn besondere Wichtigkeit für das chinesische Reich beigelegt wird, dürfte wohl darin zu suchen sein, daß der Transport des Tributreises auf dem Kaiserkanal durch dessen Versandung, durch das auf dem Rückwege notwendige Warten auf hohes Wasser, sowie durch die Gefahr, welche mit dem Durchkreuzen des gelben Flusses verbunden ist, immer schwieriger und kostspieliger wird. Infolge der chinesischen Wirren scheinen weitere Schritte zur Verwirklichung der projektierten Eisenbahnlinie Ticntsin-Tschinkiang nicht erfolgt zu sein. Die schmalspurige Tonking-chinesische Grenzbahn führt von Hanoi, der Hauptstadt Tonkings, welche in regelmäßigem Dampferverkehr mit dem wichtigsten Handelsplatz der Kolonie — Haiphong — steht, in einer Länge von 150 km nach Langson an der chinesischen Grenze und ist auf Kosten der französischen Regierung bereits in der Ausführung begriffen. Der Weiterbau der Bahn von Langson nach Luugtschou bezw. bis zum Vertragshafen Nanning am Westfluß, der bereits der Compagnie de Fives-Lille konzessioniert war, ist vorläufig wieder anfgegeben, weil befürchtet wird, daß die Bahn, anstatt den chinesischen Verkehr nach Tonking zu lenken, im Gegenteil den Verkehr von Tonking nach dem Westfluß ablenken würde. Die Linie Haiphong-Hanoi-Loukai (400km), welche Tonkings Hauptseehafen im Thale des roten Flusses mit Jünnan verbinden soll und in der Vorbereitung zum Ban begriffen ist. Das Aktienkapital von 50000000 Francs ist durch eine Zinsgarantie von IndoChina gesichert. Weitere Eisenbahnkonzessionen. Außerdem sollen dem Vernehmen nach von der chinesischen Regierung noch folgende Eisenbahn-Konzessionen bewilligt worden sein, die bis jetzt jedoch noch nicht weiter verfolgt ivorden sind: Britische: Kaulun-Kanton; Kanton-Tschengtu (1700 km); von der birmanischen Grenze (KulongFcrry) nach Talifn, Mnnanfu, Suifu und Tschungking. Britisch-chinesische: Kanton-Tschengtu. Britisch-italienische: Taiyuen-Singan-SingYan. Französische: Langson-Mnnan; Langsou-Kanton; von Pakhoi (am Tonking-Golf) nach Nanning, Loukai-Uünnan. Belgische: Tschingling-Hankau. Amerikanische: Kanton-Hankau: dem Vernehmen nach an ein englisches Syndikat abgetreten. lieber den Ban und Betrieb der chinesischen Eisenbahnen besitzen wir bis jetzt nur dürftige Angaben; immerhin wird ihre Mitteilung bei den in vielcrBezichnng so abweichenden Verhältnissen von Interesse sein. Der Monatslohn der chinesischen Eisenbahnangcjtellten betrug 1897 in Silberdollars (im Werte von etwa 2 Mk.): Kürschner, China I. i Lokomotivführer 20—24 Silberdollars, Lokomotivheizer 6 " Lokomotivputzer 4 " Zugführer (der englisch spricht) 16 " Eisenbahn-Polizist 17 " Fahrkarten-Kontrolleur 8 " Die gewöhnlichen Kulis erhalten den ortsüblichen Tagclohn, der seit der Eröffnung der Minen und Eisenbahnen von 100 Kupferkäsch oder etwa 10 Silbercents (nach heutigem Werte ungefähr 20 Pfg.) auf 120 bis 150 Kupferkäsch gestiegen ist. Besser als die Nordchinesen, die allerdings als zuverlässiger und treuer gelten, werden die sogen. "Kantonesen" bezahlt, dies sind Südchinesen, die in den Hongkong-Docks arbeiten und sich eine gewisse fachmännische Ausbildung angecignet haben. Sie erhalten als Lokomotivführer ein monatliches Gehalt bis zu 70 Doll., als Telegraphisten bis zu 37 Doll. Die chinesischen Lokomotivführer fangen als Kulis an und steigen dann langsam zum Putzer, Heizer und Lokomotivführer empor: man ist wohl mit ihnen zufrieden, wenn sie auch in außergewöhnlichen Verhältnissen sich leicht ihrer Aufgabe nicht gewachsen zeigen. Pcrsoncngcldsätze chinesische Staatsbahn SchanghaiWvsnng Tahehbahn Schihninail-TiehPekingTientsinTientsin Tschunhofo Grnbenbahn Bemerkungen Länge der Strecke 128 km 342 km 16 km 26 km Wagen klasse Betrag für 1 km in Pfennig I. 4 22/3 etwa 10 | Das Person enl geld f. die ganze Die Fahrpreise sind in lokalen II. 2 1V» » 7*/r l Strecke beträgt ) LOKäsch vd.IgPs. chinesischen Knpscrmnnzen, III. — — " 33|4 0,06 den sogen, grogcn "Kasch" festgesetzt. Freigepäck tu der Freigepäck Die Personenvon denen enva I.Klasse 1 Niknl «Oka soweit besördernng findet üOO Stück den IN .. % " —30 " gestattet, als es die Mitreisenden nicht belästigt. in den Grnbenwagen statt. Wert eines Silberdollars im Werte von enva 2 M. ausmachen. Die großen Käsch haben einen stets wechselnden Tageskurs. Gütertarife. Über die auf den chinesischen Bahnen ein geführten Gütertarife besitzen wir nur wenige Angaben, u. a. den nachstehenden Gütertarif der Schanghai-Wusung-Eisenbahn. Auf derselben sind an Fracht zu zahlen für jede 100 chinesische Pfund (= 60 kg): für Stückgüter 7 Cents, " sperrige Güter 12 " " Massengüter: Klasse A von 10000—20000 Pfund 6 " Klasse B von 20000 Pfund aufwärts 5 " Für größere und regelmäßige Transporte von Massengütern werden weitere Tarifermäßigungen gewährt. Gewohnheiten im Personenverkehr. In Bezug auf den Personenverkehr herrschen übrigens in China noch sehr eigentümliche Gewohnheiten. So ziehen es z. B. die wohlhabenden Chinesen vor, wenn sie mit ihren Frauen und Kindern reisen, einen , 27 3250000 Mk.) oder ungefähr 7000 Mk. für 1 Irin, so daß ein Einnahmeüberschuß von etwa 4500 Mk. für 1 Ion verbleibt, was eilte Verzinsung von 5 o/o für das auf 16000000 Tacls geschätzte Anlagekapital ergeben würde. tvic Li-Hung-Tschang auf der Eisenbahn reist. Ncichseisenbahnamt. bedeckten Güterwagen zu mieten, in dem sie dann vor den offenen Schiebethüren, inmitten ihres Gepäcks, gemütlich Tabak oder Opium schmauchend, umhersitzen oder liegen. Ebenso lassen sich die unbemittelten Chinesen am liebsten in offenen Güterwagen befördern, in denen sie auch mit ihrem Gepäck, von dem sie sich aus Mißtrauen gegen die Mitreisenden und gegen die Bahnverwaltung höchst ungern trennen, zusammenbleiben können. Über die Rentabilität der chinesischen Eisenbahn sind noch keine näheren Angaben vorhanden. Die zuverlässigste Mitteilung, die in dieser Beziehung gemacht werden kann, ist eine Schätzung des Oberingenieurs und Betriebsdirektors Kinder der chinesischen Staatsbahn. Nach dem Urteil desselben beziffern sich auf den 470 km langen, Ende 1898 im Betriebe befindlichen Netze jährlich die Einnahmen auf rund 2000000 Taels (etwa 5400000 Mk.) oder ungefähr 11500 Mk. für 1 km, und die Ausgaben auf rund 1200000 Taels (etwa Schließlich ist noch zu erwähnen, daß die chinesische Regierung durch kaiserlichen Erlaß vom 2. August 1898 als Aufsichtsbehörde für die Eisenbahnen ein Reichseisenbahnamt eingesetzt und zum Beirat desselben einen Deutschen, den Seezolldirektor in Tientsin und langjährigen Vertrauten von Li-Huug-Tschaug, Detring, ernannt hat, sowie daß Schenghsüanhwai oder abgekürzt Scheng, der frühere Taoti von Tientsin und dort langjähriger Vertreter von Li-Hung-Tschang, an der Spitze der Telegraphenverwaltung steht, der es in erstaunlicher Weise in der kurzen Frist weniger Jahre gelungen ist, das große Reich mit einem Telcgrapheunctz zu überziehen. Da infolge der Wirren sich noch gar nicht übersehen läßt, welchen Verlauf die inneren Verhältnisse Chinas nehmen werden, so ist auch, abgesehen von den Schantung-Bahnen, deren Vollendung und Betrieb außer Zweifel steht, die Verwirklichung aller übrigen Eisenbahnprojekte noch vollständig ungewiß. Das gebräuchlichste Verkehrsmittel m nördlichen China, sowie in Schantung sind zweiraderige, federlose Karren, aus nebenstehender Abbildung der Reisskarawane E. v. HesieWarteggs ersichtlich. Auf der Achse zwischen den Rädern sitzt der gedeckte Wagenkasten, in welchem sich kein Sitz befindet, und in welchem der Reisende auf dem Holzboden oder auf darüber gebreiteten Kissen Platz nimmt. Als Bespannung dienen je nach dem Zustand der Wege zwei oder drei, zuweilen vor einander gespannte Pferde oder Maultiere. Der Kutscher sitzt auf der Gabeldeichsel. Da der Reisende bei den elenden Herbergsverhältnissen auch Bettzeug, Lebensmittel, dazu viele Kilogramme der gebräuchlichen Käschmünzen mit sich führen muß, sind gewöhnlich neben dem eigentlichen Reisekarren noch ein oder mehrere andere derartige Karren erforderlich. Die Geschichte Chinas. Tie Zeit bis 1800. Die halbhistorische Zeit. Die chinesische Litteratur kennt die Namen der Herrscher von 3341—2205 v. Chr., aber die Darstellung erscheint legendenhaft. Halbhistorisch kann die Zeit der Hsia-Dynastie (2205—1766 v. Chr.) und der Shang-Dynastie (1766 bis 1122) gelten. Das damalige China mit seinen zahlreichen Lehensfürsten war in 9 Dschon geteilt, die nördlich vom Jangtszekiang lagen. . Graf Dschon an der Spitze von 800 Lehensfürsten stürzte den grausamen Herrscher Dschousin und wurde Begründer der Dschou-Dynastie (1122—249). An Stelle des Titels Ti — Kaiser — nahm er die Bezeichnung Wang — König — an. Nach der Größe des Grundbesitzes wird der erbliche Adel in fünf Rangklassen festgesetzt. DieDomänen werden unter Familienmitglieder aufgeteilt und das Feudalsystem allgemein durchgeführt. Unter Tscheng-Wang soll das erste staatliche Münzamt errichtet sein. Die Sonnenfinsternis vom 29. August 775 v. Chr. giebt einen genauen Anhaltspunkt Feststellung der Zeitrechnung und gilt von diesem Tage die historische Zeit. Die wachsende Macht der Feudalherren führte zu vielfachen Kämpfen zwischen den Fürsten, denen die Centralregierung ohnmächtig zusehen mußte. Unter Ling-Wang lebte Confucius (551 bis 480), der als Beamter viele Reformen einführte, welche in seinem philosophischen System vorbildlich für die weitere Entwickelung blieben und die Macht der Litteratur gegenüber der Soldatengewalt begründeten. Etwas früher lebte der Philosoph Laotse, etwas später Mencius. Im Fürstentum Thsin wurden 360 zum erstenmal in China Steuern erhoben. Die Verwaltungsbezirke wurden neu organisiert, und die Beamten erhielten feste Gehälter meist in Natürallieferung. Damals wurde auch die Haftbarkeit der Familienverbände für die Handlungen jedes einzelnen Angehörigen festgelegt. Als von 249 bis 221 kein Kaiser vorhanden war, übte Thsin die thatsächliche Suprematie aus, besiegte die übrigen Fürsten, annektierte deren Länder und machte sich zum Alleinherrscher. Als Schyhuangdi wurde er der Begründer der Thsin-Dynastie (221—206). 213 wurde das Riesenwerk der großen Mauer gegen Norden begonnen, aber damals meistens als Erdwall, noch nicht in seiner heutigen Gestalt, ausgeführt. Im gleichen Jahre erfolgte der Befehl zur Vernichtung aller Bücher, um den eigenen Ruhm nicht durch die Erinnerung an die Vergangenheit zu schmälern. Das wieder geeinte Reich wurde in 36 Dhsin geteilt. Unter seinem Nachfolger erhoben sich die alten Feudalherren, und von 209—202 wüteten Revolutionen, die Fürst Liubang, später Fürst von Han, siegreich beendete. Als Begründer der Han-Dynastie (206 v. Eh. bis 220 n. Ehr.) nennt er sich Gaodsn (206 bis 194). Die Wissenschaft kommt wieder zu Ansehen und das Hofund Opfer-Ceremoniell wird schriftlich festgestellt. Unter seinen Nachfolgern werden anstatt der allgemeinen Wehrpflicht Kolonien an der Grenze zur Bewachung des großen Walles unter Steuerbefreiung angesiedelt. Durch siegreiche Kämpfe werden die Grenzen nach Süden und Westen erweitert. 108 wird Korea erobert. Das ganze Reich wird in 13 Provinzen geteilt, an deren Spitze Statthalter, an Stelle der früheren Feudalherren, treten. Letztere bewirken, unterstützt von den Grenzvölkern, wiederholt Rebellionen, so daß von 25—220 n. Ehr. die Herrschaft unter der "östlichen HanDynastie" auf einen Teil des Reiches beschränkt war. Unter Wudi (140—86 v. Ehr.) wurde die "Akademie des Studiums" geschaffen und eine umfangreiche Bibliothek begründet. Erst gegen 200 v. Ehr. wurde Papier und Pinsel erfunden. Unter Mingdi wurde 61 n. Ehr. der Buddhismus aus Indien eingeführt, welchem noch heute ein großer Teil des Volkes angehört. Damals sollen die ersten Beziehungen mit dem Westen stattgefundcn haben. Um den direkten Handel mit dem römischen Reich zu erlangen, kan: 94 n. Ehr. Kanjing bis zu den Partern, aber nach chinesischen Quellen kamen erst 166 Römer als Abgesandte von Mark Anton auf dem Seewege nach China. Römische Nachrichten fehlen, aber es steht fest, daß im zweiten Jahrhundert in Rom chinesische Seidenstoffe bekannt waren. Auch ist festgestellt, daß jüdische Einwanderungen stattgefnnden haben, welche sich z. B. in Kaefunfn bis in dieses Jahrhundert als geschlossene Gemeinde erhalten haben. Vielfach wurden Kinder auf den Thron gesetzt, und die Mütter oder die Minister regierten. Rebellionen der Eunuchen oder Generale, sowie Volksaufstände wiederholten sich und wurden durch blutige Kämpfe oder Meuchelmord unterdrückt, bis die drei Staaten (220 bis 265) Wei, Shu-Han und Wn sich als unabhängige Reiche erklärten und gegeneinander Krieg führten. Wudi, der Begründer der Dhsin-Dynastie (265—420), einte wieder das Reich und teilte es in 19 Provinzen ein. Nomadenstämme im Norden wurden mit gleichen Rechten wie die. Chinesen angesiedelt und zum Staatsdienst zugclassen. Unter den Nachfolgern fanden wieder zahlreiche Rebellionen statt, welche die Macht der Zcntralgcwalt schwächten und zur Selbständigkeit verschiedener Ländertcile führten. Die Sui-Dynastie (589—618) vereinte größere Teile des Reiches, hielt einen glänzenden Hof und führte wiederholt ergebnislose Kriege gegen Korea. Gaodsn, der Begründer der Tang-Dynastie (618—906) mußte fünf Jahre gegen elf Könige und Kaiser erfolgreich kämpfen. Erst 628 wurde der letzte unabhängige Staat erobert und eine einheitliche Regierung thatsächlich durchgeführt. Araber kamen zahlreich nach China und berichteten 850 von der Ernährung des Volkes aus öffentlichen Speichern bei Hungersnot, von der Salzsteuer, welche noch heute besteht, vom Gebrauch des Thees, vom Porzellan und vom Reisbranntwein; sie wurden die ersten Lehrer der Chinesen in der Astronomie. Wieder entstanden Aufstände durch Statthalter und entlassene Offiziere, Palastrevolutionen durch Fanrilienmitglieder, besonders Frauen, und als 906 die TangDynastie aufhörte, waren zahlreiche selbständige Reiche entstanden. Von 890—979 haben 12 selbständige Staaten bestanden. Bei der Eroberung von Hangtschon 878 sollen 120000 Araber, Perser, Christen und Juden in der dortigen Colonic ansässig gewesen sein. Nestorianische Christen waren bereits um 636 unter dem Missionar Olopen eingewandert. Am Anfang des zehnten Jahrhunderts war ein tungusinischer Volksstamm vom Norden nach Süden vorgedrungen, eroberte Nordchina und begründete unter der Liao Dyn astie (927—1125) ein selbständiges Reich, welches im Süden durch die Sung-Kaiser und im Norden von den Mandschus vernichtet wurde. Letztere wurden Herren der ganzen nördlichen Hälfte Chinas, so daß die "südliche SungDynastie" (1127 bis 1278) ihre Hauptstadt nach Nanking verlegen mußte. Die Mandschns wurden in ihrem Ervbernngszng aufgehalten durch die von Norden nachdringenden Mongolenhorden unter Dschengiskhan (1214), welche 1234 zuerst ein Bündnis mit demSnngherrscher abschlossen und später allein das Mandschureich eroberten. 1259 verpflichtete Knblaikhan (1259—1295) auch die Chinesen im Süden zu Tributzahlungen als "Vasallen", bis er 1279 als Begründer der mongolischen Ywan-Dynastie (1280—1367) Pie Alleinherrschaft ausübte. Tie Residenz wurde nach dem heutigen Peking verlegt und Kriegszüge bis nach Birma und Annam ausgedehnt. i 1246 kam der erste europäische Christ, der Franziskaner Johannes de Monte Corrino nach Peking und blieb dort lange Jahre, viele Chinesen wurden getauft, aber es blieben europäische Nachfolger ans. 1274 be gleitete Marko Polo venezianische Kaufleute, welche Kublai aufgefordert hatte, beim Papst die Absendung einiger Missionare zu erwirken, und blieb 17 Jahre am Hofe in Peking. Im Mongolendienste durchkreuzte er fast das ganze chinesische Reich und seine Aufzeichnungen bilden die Grundlage der asiatischen Geographie. Seine vergoldete Statue steht im Tempel Walemdsy ("Ruhmeshain") zu Kanton. 1291 wurde das Reich in 12 Provinzen eingeteilt. Ter Kaiserkanal, teilweise schon in früheren Jahrhunderten angelegt, wurde von Shidsn (1280—1295) in seiner heutigen Gestalt ausgebaut. Unter Shnndi (1330—1360) brachen vielfach Aufstände aus. Dschuyüandschang, aus niederer Abstammung, würde 1368 nach völliger Vertreibung der Mongolen unter dem Namen Taitsu Stifter der Ming-Dynastie (1368—1644). Korea und Annan: sandten Tribute. Die Mongolen beschränkten sich aus ihre nordwestliche Heimat. Das Reich wurde in 13 Provinzen, im wesentlichen in der noch heute geltenden Form eingeteilt. Unter den Nachfolgern waren wiederholt Kämpfe mit den nordischen Nomadenvölkcrn notwendig, doch beschränkten sich dieselben auf Verteidigung ohne Eroberung. In dieser Zeit wurde auch der westliche Teil der großen Mauer hergestellt. Auch wurden wiederholt Einfälle von japanischen Seeräubern zurückgeschlagen. 1592—1598 wurwurde er 1601 am Hofe des Kaisers empfangen, wo er großen Einfluß gewann. Die Portugiesen führten die Feuerwaffen ein und lehrten Kanonen gießen. 1596 scheiterten die ersten englischen Schiffe auf der Reise nach China, und erst 1637 unter Kapitän Weddell landeten die Engländer in Macao. Die Portugiesen hatten die Engländer bei den Chinesen als Seeräuber angeschwärzt, und es wurde denselben daher die Einfahrt nach Kanton verboten. Während die Portugiesen sich allen Demütigungen unterworfen hatten Macao. (Mitte des : 7. Jahrhunderts.) den die vordringenden Japaner aus Korea zurückgetrieben. Verkehr mit dem Westen. 1517 kamen die ersten Portugiesen unter Perez de Andrade nach Kanton, nachdem über 200 Jahre jeder Verkehr mit Europa gestockt hatte. 1520 ging die erste portugiesische Gesandtschaft nach Peking, ohne die Erlaubnis zum Bau von Faktoreien zu erhalten. Neben den Kaufleuten kamen auch viele Seeräuber und Banditen an die Küstenplätze; erst allmählich lernten die Chinesen ehrliche Kauflcute und beutegierige Abenteurer zu unterscheiden. Der Handel wurde in verschiedenen Stationei: etabliert, aber schließlich auf Macao beschränkt, welches der Stützpunkt der Portugiesen unter chinesischem Civilgouverncnr wurde. Die Zeit der Gründung ist unbekannt. 1537 sollen bereits die ersten Schuppen daselbst errichtet sein. 1573 wurde durch eine Mauer quer über die Landenge der Verkehr mit dem Hinterland abgeschnitten. Die Einwohner galten als chinesische Unterthanen und erhielten erst in diesen: Jahrhundert ihre Selbständigkeit. 1583 kam der katholische Missionar Matthäus Ricci nach China. Als Gelehrter gekleidet, und durch Bestechung und Unterwürfigkeit den Handel erreichten, traten die Engländer energisch auf, stürmten das Fort und hißten die erste europäische Flagge auf dem Festungswerke der Bocca Tigris. Ein Handclsverkehr kam trotzdem nicht zu stände. 1624 kamen die ersten Holländer nach den Pescadaresinseln und an die Südküste von Formosa, wo sie die Festung Seeland errichteten. China übte einen bedeutenden Handel aus, und chinesische Händler gelangten bis Dscheddha, dem Hafen vom heiligen Mekka. Die Mandschus, welche 1234 von den Mongolen verdrängt waren, belästigten fortgesetzt die Nordgrenze und machten 1616 einen Eroberungszug bis an die Grenze von Peking, welches sie aus Angst vor den Kanonen der Portugiesen nicht betraten. Die Mandschureiterei war überall siegreich, begnügte sich aber mit Plünderungen und Niedermetzeluug der Feinde und behielt nur die Halbinsel Liaotong in: Besitz. Am Hofe zu Peking bekämpften sich zwei Parteien. Im Innern von China waren Rebellionen ausgebrochen, und ein Rebell hatte sich 1641 der Macht in Peking bemächtigt. Ein einziger Heerführer war der MingDynastie tren geblieben und rief die Mandschus zn Hilfe gegen den Usurpator, welcher mit allen aufgefpeicherten Schätzen floh. Peking wurde erobert, aber die Mandschus nahmen nunmehr deir Thron für sich selbst in Anspruch und begründeten die noch heute bestehende Th sing-Dynastie. Blutige Revolutionen durchwogten das ganze Reich, und erst 1662 wurde der letzte Anhänger der im Süden aufgestellten Gegenkaiser vernichtet. Die aus Sparsamkeitsrücksichten entlassenen Heere bewirkten neue Aufstände und erst 1684 war die Herrschaft der Mandschus endgültig über ein entvölkertes und verwüstetes Reich befestigt. Die Mandschus schonten das Leben der Feinde, aber verlangten, als Zeichen der Unterwerfung ihre Haartracht in Gestalt des Zopfes und des abrasierten Kopfes anzunehmen. Die in Peking weilenden Jesuiten wurden die Ratgeber und Freunde der neuen Dynastie, und besonders Adam Schall aus Cöln (vgl. S. 247) genoß das volle Vertrauen des Kaisers Kanghi und wurde als Präsident des mathematischen Tribunals Ratgeber und Begleiter. Zahlreiche Kirchen wurden in allen größeren Städten gebaut und in Peking selbst wurden zwei Kirchen und das Observatorium errichtet. Später kamen auch Dominikaner und es entstanden Streitigkeiten über Zugeständnisse des Christentums an chinesische Gebräuche. Infolge dieser Formstreitigkeiten wurde 1662 das erste Verbot gegen weitere Bekehrungen erlassen, aber 1692 wieder ausgehoben. Der Papst verbot Zugeständnisse an chinesische Sitten, und hierdurch kamen so viel Streitigkeiten, daß 1723 alle Missionare als Ruhestörer vertrieben wurden. Bald darauf ging man auch gegen die chinesischen Christen strenge vor, und nur im Geheimen blieben einzelne Gemeinden bestehen. Vereinzelt waren katholische und seit 1806 auch protestantische Missionare thätig, aber erst 1860 wird Religionsfreiheit und -Schutz den Missionaren zngestanden. Flüchtlinge aus Süd-China eroberten 1661 Formosa unter Coxinga, vertrieben die Holländer und gründeten einen selbständigen Staat, welcher sich bis 1683 siegreich behauptete. Wiederholt wurden holländische Gesandtschaften nach Peking ausgerüstet, aber die Erlaubnis zur Anlegung eigner Handclsstationen wurde nicht erteilt. Der Handel blieb ans den portugiesischen Platz Macao beschränkt. Dorthin. kamen seit 1664 auch englische Schiffe, welche in Amoi und Ningpo Niederlassungen errichteten, dieselben aber 1681 wieder aufgeben mußten. Die Spanier hatten ebenfalls das Recht erworben, in Macao Handel zu treiben. Mit den Russen waren wiederholt Grenzstreitigkeiten entstanden, welche am 8. September 1688 durch einen Vertrag, den ersten mit einer europäischen Macht, beigelegt wurden. Ein Handelsverkehr durch Karawanen fand seit dieser Zeit statt. 1693 kam Jsbrant Jdes als erster Gesandter auf dem Landwege nach Peking, und 1720 folgte eine zweite Abordnung; aber erst 1727 wurde der Abschluß eines Freundschaftsvertrages erreicht und die Errichtung einer ständigen Mission und Dolmetscherschule in Peking gestattet. Auch französische Schiffe kamen seit 1660 nach China. Die Mandsch'us nahmen die chinesische Sitte und Kultur an, unterstützten die Wissenschaften und das Littcratenwesen, nur mit der Einschränkung, daß die stehenden Heere ausschließlich ans Tataren in abgeschlossenen, über das ganze Reich zerstreuten Feldlagern, gebildet werden. Während der sechzigjährigen Regierung von Kanghi (1662—1722) und der ebenso langen Regierungszeit des noch gewaltigeren Kaisers Kienlong (1735 bis 1795) war nicht nur eine gesunde Verwaltung im ganzen Reiche, sondern auch eine hohe Blüte der Kunst und Wissenschaft. Solange die Kaiser persönlich Inspektionsreisen ausübten und an der Spitze ihrer Truppen kämpften, ivar Ruhe im Lande. Erst die Abschließung und Verweichlichung des Hofes beförderte die Korruption der Beamten und den Stillstand in der kulturellen Entwickelung, welche zu großen Umwälzungen in diesem Jahrhundert führten. Ter Opiumkrieg. Um das Verhältnis der europäischen Mächte zu China richtig zu verstehen, scheint es notwendig, nicht nur unseren, sondern auch den chinesischen Standpunkt an Hand der historischen Entwickelung und den kulturellen Einflüssen zu begreifen. Der Chinese erkennt die Überlegenheit unserer Schiffe und Kanonen an und hält uns für bessere Krieger, aber in Bezug auf die geistige Kultur hält er sich selbst für überlegen. Schon Laotse hat Jahrhunderte vor Christi Geburt gesagt, daß der wenigst ruhmreiche Friede den glänzendsten Erfolgen eines Krieges vorzuziehen ist, denn der glänzendste Sieg ist nur der Wiederschein einer Feuersbrunst. Charakteristisch für diese Auffassung ist die übliche Darstellung des Kriegsgottes (Kuanti) als Mandarin am Tische über Büchern sitzend und das Kriegshandwerk selbst dem hinter ihm stehenden Soldaten überlassend. Tic fortgesetzte Beschäftigung mit der Philosophie führte dazu, als Herrscher den Besten und Klügsten, nicht aber den Stärksten anzuerkennen. Der Sohn des Himmels ist nicht der erbliche Besitzer seines Reiches, sondern als der Weiseste, der göttliche Lenker des Volkes. Es war daher folgerichtig, daß alle erblichen Vorrechte beseitigt wurden. In gleicher Weise sind für die Wahl eines Beamten nicht Vermögen und Familie maßgebend, sondern die Examina, zu Ivelchen fast jeder ohne Ansehen der Geburt Zutritt hat. Wenn auch der Chinese von Peking den von Kanton im Sprechen nicht verstehen kann, so ist die Schriftsprache — die Sprache der klassischen Litteratur — allen gemeinsam. Die Entwickelung der geistigen Fähigkeiten wird als höchstes Ideal angestrebt, dagegen die ritterlichen Tugenden der Tapferkeit und des Mutes vernachlässigt. Diese durch Traditionen geheiligte Art der Erziehung führte dazu, daß jeder kraftvoll auftretende Fremde, sei er Mandschu oder Mongole, sei er Soldat oder Rebell, die Herrschaft über das Reich oder einzelne Teile desselben erlangen und auch festhalten konnte, insofern das Volk Vertrauen zur Weisheit des Leiters erhielt. Umgekehrt sehen >vir den Chinesen immer bereit, eine Revolution zu unterstützen, sobald er zu der Überzeugung gelangt, daß der thatsächlich .Herrschende nicht auch zugleich der, den Schriften der großen Gelehrten entsprechende, weise Führer des Volkes ist. Der Verachtung der robusten Kraft folgend, hat China niemals Erobernngszüge über seine irächsten Grenzen hinaus unternommen, niemals die Herrschaft der Welt angestrebt; daher hat es auch niemals Fühlung mit den westlichen Mächten gehabt und kein Verständnis für diese erlangt. Abgeschlossen von aller Welt, kennt die chinesische Litteratur nur ihr eigenes Volk und bezeichnet alle anderen Volksstämme der Welt als Vasallen und Barbaren. Die von Europa nach Peking reisenden Gesandten wurden nicht als Vertreter einer gleichberechtigten Macht angesehen, sondern ausschließlich als Vasallen. Die Ausländer wurden am Hofe formell höflich, aber sachlich entivürdigend behandelt. Selbst der Kotau, jenes Niederknien und Berühren des Fußbodens mit der Stirn, ioitrbe verlangt und wiederholt von Holländern ausgeführt, ohne daß sie dadurch mehr erreichten, als die Engländer, welche von vornherein jede Demütigung ablehnten. Lord Macartneh ging als englischer Gesandter mit glänzendem Gefolge 1792 zum Kaiser Kienlong nach Peking. Wenn auch der Empfang ehrenvoll war, so wurde sachlich gar nichts erreicht. Die Flaggen auf den zur Flnßreise gestellten Booten bezeichneten die Reisenden als tribntbringende Gesandten, und als solche Kürschner, China I. behandelte sie auch der Kaiser lind die Minister, welche jeden schriftlichen Vertrag auf Gegenseitigkeit ablehnten und alle Zugeständnisse nur als Gnade und Herablassung des chinesischen Kaisers auffaßten. Der Handel mit den europäischen Nationen wurde nicht alsAngelegenheit der einzelnen Provinz, son dern als Staatsangelegenheit betrachtet und daher stets von Peking aus festgesetzt, so daß ohne kaiserliche Genehmigung keine Änderungen vorgenommen werden durften. Die Chinesen schätzten den Vorteil des Handels mit den zugleich verbundenen Einkünften in Gestalt von Hafengebühren lind Steuern und beschränkten, zur besseren Kontrolle, den Handel auf Kanton, >vo eine besondere Organisation geschaffen wurde. Der direkte Verkehr zwischen chinesischen und europäischen Kaufleuten war verboten und eine besondere privilegierte Kompagnie der Hong-Kaufleute 1728 geschaffen. Trotz all dieser Schwierigkeiten hatte sich ein so bedeutender Handel mit England entwickelt, daß 1802 und 1808 zur Sicherung desselben gegen französische Störungen englische Flotten nach Macao segelten. Die Portugiesen befürchteten Wegnahme ihrer Stadt und erreichten durch geheime Beschwerden beim chinesischen Kuanti, Gott des Krieges, dem über tsoo Staatstempel errichtet sind. Vizekönig, daß derselbe die Landung der englischen Truppen verbot. Der englische Admiral fuhr zwar nach Kanton, als er aber mit Kugeln empfangen wurde, kehrte er unverrichteter Sache um, und die triumphierenden Chinesen erbauten eine Siegespagode. Dieses Nachgeben führte zu weiteren Differenzen, bis 1814 die Engläuder die chinesischen Mandarinen durchschauten und energisch auftretend, jeden Handel ablehnten, bevor nicht die gewünschten Zugeständnisse gemacht seien. Sofort sendete der Vizekönig eine Deputation der Hong-Kaufleute und versprach, in Erörterungen aller Beschwerden zir treten. Die Hauptforderungen wurden auch bewil ligt, und zum erstenmal in China wurde den Engländern das Recht zugestanden, in chinesischer Sprache mit der Provinzialregierung direkt zu korrespondieren, Chinesen als Diener anzunehmen und den chinesischen Beamten das Betreten der englischen Faktoreien zu verbieten. Nur durch energisches Auftreten war somit ein großer Erfolg erlangt. Hierdurch ermutigt, lvurde 1816 eine weitere Gesandtschaft unter Lord Amherst nach Peking geschickt, ivelche ebenso wie die seines Vorgängers vollkommen scheiterte. Die Engländer wurden überhaupt nicht vorgelassen, vermutlich, weil sie es ablehnten, den Kotau auszuführen. Zu gleicher Zeit lvurde den englischen Kriegsschiffen verboten, Proviant einzukaufen, da es ein "Tributschiff" sei. Kapitän Maxwell ließ sich nicht beirren, brachte das Feuer der entgegenfahrenden Kriegsdschunken und die Werke der Bocca mit wenigen Schüssen zum Schweigen, und sofort wurde er aufs beste verproviantiert. Trotz vereinzelter Differenzen blieb dann der .Handel bis 1828 ungestört. Die Zahl der Hong-Kaufleute hatte sich auf sechs vermindert, welche dem ausgedehnten Handel nicht gcwachsen waren. Das Monopol brachte bei großem Gewinn mancherlei Schwierigkeiten und Verantwortlichkeiten mit sich, so daß es schwer war, neue Kapitalisten zu finden, während andererseits die Houg-Kompaguie selbst eine Teilung ihres Gewinnes nicht wünschte. Die englisch-ostindische Kompagnie verlangte daher energisch Abänderung. Der Vizekönig gab teilweise nach, indem drei neue Houg-Kaufleute ernannt wurden, führte aber in den folgenden Jahren eine Reihe erschwerender Bestimmungen ein, so daß sich die Differenzen steigerten. 1831 brachte ein englisches Kriegsschiff ein Schreiben des Generalgouverneurs von Indien, mit der Aufforderung zur Erleichterung des Handels. Das chinesische Antwortschreiben fiel so unhöflich aus, daß seine Annahme verweigert wurde. Als am 22. April 1834 das Monopol der ostindischen Kompagnie erlosch, bekam der gesamte Handel eine neue Gestaltung. Ans Indien wurde Opium von den Portugiesen bereits seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts und später von den Engländern eingeführt. Die chinesische Regierung erhob zunächst eine geringe Abgabe, als aber der Schaden für die Gesundheit der Raucher erkannt war, wurde die Einfuhr verboten. Zu gleicher Zeit verbreitete sich das Opiumrauchen über das ganze Reich, und, neben der geringen Jnlandsproduktion, war eine bedeutende Einfuhr notwendig, welche ausschließlich durch Schleichhandel in großen Dimensionen besorgt wurde. Um den Chikanen der Portugiesen nicht ausgesetzt zu sein, verlegten die Engländer den Stapelplatz des Opiumschmuggels auf die kleine Insel Lintin an der Mündung des Perlflusses. Die Mandarinen wurden mit namhaften Summen bestochen und waren daher gezwungen, alle Ungesetzlichkeiten zu ignorieren. Während auf Gemeinsamer Empfang der Gesandten des Königs van Holland der einen Seite offizielle Streitigkeiten um Vorrechte und Formen geführt wurden, mußten die chinesischen Beamten sich blind der Willkür des Schmugglergesindels fügen, mit dem es wiederholt zu blutigen Kämpfen kam. Allen überraschend erschien Lord Rapier am 15. Juli 1834 in Macao als Vertreter der englischen Regierung mit leider sehr begrenzten Vollmachten. Rapier ging nach Kanton, um dem Vizekönig seine Ankunft schriftlich zu melden. Das Schreiben wurde zurückgewiesen, da es nicht den Ausdruck "Gesuch" enthielt, entsprechend den Bestimmungen für Schreiben der Kauflcute an chinesische Behörden. Lord Rapiers Stellung machte es unmöglich, wie ein Kaufmann zu verhandeln, während er andererseits die Form einer Gesandtschaft mit vorher geschehener Anmeldung nicht ge wahrt hatte. Der Vizekönig nahm die chinesische Diener Kienlong, Kaiser van China (1735 — 1 ‘9ö), zur Zeit der Audienz des Lord lllacartney im Jahre i?93. und des Großmoguls von Indien am 2./ io. 1656 im Kaiserpalast zn Peking. schaft lveg, verweigerte alle Lebensmittel und ließ die Wohnung mit Soldaten umstellen. Als die englischen Kriegsschiffe unter Vernichtung der Forts zur Hilfe kamen, erlaubte der Vizekönig die Fortsetzung des Handels, wenn die Kriegsschiffe abzögen. Lord Rapier wollte den Handel nicht stören, ging thatsächlich nach Lintin zurück und starb nach wenigen Wochen in Macao. Sein Nachfolger, Fr. Dewis, stellte ein leidliches Verhältnis her, aber es fehlte jede offizielle Stelle, welche, wie der bisherige Ausschuß der ostindischen Kompagnie, eine Regelung des Handels vornehmen konnte. Das Jahr 1839 ist für die Entwicklung der Schiffahrt insofern interessant, als damals zum erstenmale ein eisernes Schiff, die "Nemesis", speziell für den Flußdienst gebaut, das Kap der guten Hoffnung umsegelte. Es war ein technisches Experiment, das viel Aufsehen erregte. 439 G Die Geschichte Chinas. GSERE 440 Der Schleichhandel nahm ungeheure Dimensionen an und erstreckte sich auf alle möglichen Artikel. Der englische Kommissar Elliot berichtete selbst, daß die freche Ausübung des Schleichhandels dazu führen muß, daß die chinesische Regierung der steigenden Verwegenheit umgeben. Um das Leben der Engländer zu retten, befahl Elliot, ohne eigentlich die offizielle Vollmacht hierzu zu besitzen, allen seinen Landsleuten, ihm unter seiner eigenen Bürgschaft alles Opium auszuliefern. 20283 Kisten Opium wurden der chinesischen Obrigkeit Der Landungsplatz "Praya Grande" in Macao. (Anfang des Jahrhunderts.) der fremden Schmuggler entgegentreten und ihre Verbindung mit dem räuberischen Gesindel der großen Städte unterdrücken muß. Es fehlte eine ausreichende Amtsgewalt zur Bestrafung der Europäer, welche, durch die Straffreiheit ermutigt, zu allem fähig waren. Da erschien im Januar 1839 ein chinesischer Erlaß, worin die Entfernung der Opiumschiffe verlangt wurde und das Erscheinen eines kaiserlichen Bevollmächtigten verheiße» wurde, welcher auch am 22. März in Kanton eintraf. Derselbe verlangte Auslieferung des auf den Schiffen befindlichen Opiums uud schriftliche Verpflichtung, daß die Schiffe in Zukunft kein Opium mehr bringen, und wenn es heimlich geschehe, die ganze Ladung dem chinesischen Staate verfallen sei. Kapitän Elliot begab sich sofort in die Faktoreien zu Kanton. Der kaiserliche Kommissar Lin, ein ehrenhafter Mann, aber Vertreter der altchinesischen reaktionären Anschauungen, verlangte, daß einer der angesehensten Kaufleute vor ihm erscheinen solle, wozu sich aber keiner ohne Bürgschaft bereit fand. Noch in derselben Nacht wurde jeder Verkehr mit den Fremden abgeschnitten und die Faktoreien von bewaffneten Haufen übergeben und von dieser mit Kalk gemischt ins Wasser geschüttet. Am 25. Mai verließ Kapitän Elliot als letzter Engländer Kantou. Während die Amerikaner auch unter den neuen Beschränkungen in den alten Faktoreien blieben, siedelten sich die meisten Briten in Macao an, während die englischen Kauffahrteischiffe im sicheren Hafen der Insel Hongkong, einer damals fast unbewohnten Felseninsel, ankerten. Als nach der Tötung eines Chinesen die Auslieferung eines Engländers zur Sühne abgelehnt wurde, rückte Liu mit 2000 Manu gegen Macao vor, schnitt die Zufuhr ab und vertrieb alle chinesischen Dienstboten. Der portugiesische Gouverneur erklärte sich unfähig, die Engländer zu schützen. Zu gleicher Zeit kam ein englisches Kriegsschiff, dem die Portugiesen jede Hilfeleistung unter dem Vorwände der Neutralität ablehnten. Sämtliche Engländer begaben sich auf die Schiffe, und ohne daß ein Krieg erklärt lvar, wurden mehrere Seegefechte ausgeführt, ivelche stets unglücklich für die Chinesen endeten. Da beide Parteien eine Fortsetzung des Handels wünschten, so wurde ein Waffenstillstand vereinbart uud der Handelsverkehr außerhalb der Befesti441  Der (»piu,»krieg.  442 gmtfleit wieder eröffnet, dagegen jede Unterschrift eines Reverses hinsichtlich des Opiumhandels abgelehnt. Jnzwischen kam ein englisches Kanffahrteischiff in Unkenntnis der Verhältnisse nach Kanton, unterschrieb die Opiumverpflichtung und erhielt sofort die Erlaubnis zuni Handel in Kanton. Nunmehr verlangten die Chinesen, daß auch die übrigen englischen Handelsschiffe unter den gleichen Bedingungen in den Fluß einlaufen oder binnen drei Tagen die chinesischen Inseln verlassen sollten. Zu gleicher Zeit unterstützte ein chinesisches Dschunkengeschwader diese Forderung. Die Engländer griffen am 2. November an, vier Dschunken wurden vernichtet und viele leck gemacht. Nach ^stündigem Kampf war das ganze chinesische Geschwader im Rückzug begriffen. Leider ließen die Engländer die übrigen Schiffe unbehelligt, in der Hoffnung, daß die Chinesen eingeschüchtert seien. Letztere legten es aber als Schwäche aus und hielten sich für die Sieger, als die englischen Schiffe nach Macao zur Deckung der britischen Unterthanen zurückkehrten. Ein kaiserliches (SbiEt verbot allen direkten und indirekten Handel mit englischen kind indischen Schiffen und Waren und erklärte die Engländer als vogelfrei. Jetzt endlich entschloß sich der Generalgouvernenr von Ostindien, China den Krieg zu erklären, und in Hongkong wurden im Mai 1840 zunächst drei LinienGenerale stellten dagegen in ihren Berichten ihre Armee als unüberwindlich und wohlausgerüstxt dar und versprachen die Vernichtung der Barbaren, von deren technischen Vollendung in der Kriegskimst sie überhaupt keine Vorstellung besaßen. Nur aus dieser vollkommenen Unkenntnis und Unterschätzung des Gegners ist es zu verstehen, wenn die einfachsten Forderungen um freundschaftlichen Handelsverkehr schroff abgelehnt und der von den Engländern nicht gewünschte Krieg erzwungen wurde. Die Engländer griffen nicht, wie die Chinesen erwarteten, Kanton au, sondern segelten nach den TsusanJnselkr in der Nähe von Ningpo. Am 5. Juli 1840 wurden innerhalb neun Minuten durch Geschützscuer die Dschunken und ciu Teil der Hauptstadt Tinghai zerstört, welche besetzt und gegeu plündernde chinesische Diebesbanden verteidigt wurde. Wenn auch die Bevölkerung bald Vertrauen zu den Engländern faßte, so wurde doch durch die Mandarinen die Verpflegung der Garnison unterbunden, und Seuchen rafften viele Engländer hin. Während die Chinesen einen Angriff auf die großen Handelsplätze im Innern befürchteten, segelten die Engländer nach Norden und erschienen am 28. Juli überraschend an der Peiho-Mündung, um von dort nach Peking zu marschieren. Wie der Kaiser von China in Das englische Schiff "Nemesis". (1829.) schiffe und vier Dampfer nebst 4000 Manu Landtruppen unter Admiral Elliot konzentriert. In Peking herrschte damals Taokuang (1820 bis 1850), ein Mann voller Rechtlichkeitsgefühl, aber mehr Geschäftsmann als Herrscher. Trotz aller Erlasse blieb Heer und Flotte nur eine zwecklose Staatsausgabe. Die vollkommener Unkenntnis den Feind unterschätzte, so andererseits haben die Engländer ihren Gegner überschätzt und den Wert der Befestigung von Peking verkannt, indem sie sich auf diplomatische Verhandlungen einließeu und nicht den direkten Vorstoß gegen die Hauptstadt wagten. So kam es, daß Elliot zur Rückkehr bestimmt wurde durch das Versprechen, daß in Kanton, >vo der Streit entstanden sei, eine eingehende Untersuchung geführt werden sollte. Die Verhandlungen wurden thatsächlich begonnen, aber sofort abgebrochen, als die Engländer am 6. Januar 1841 einen geheimen Erlaß entdeckten, gemäß welchem alle englischen Unterthanen und Schiffe vernichtet werden sollten. Am nächsten Tage wurden die Werke der Flußmündung zerstört, 173 Geschütze unbrauchbar gemacht und 13 große Kriegsdschunken verbrannt. Am folgenden Morgen bat Admiral Kwan unt Waffenstillstand. Die Verhandlungen be-' gannen von neuem und führten zu einer Konvention, nach welcher die Insel Hongkong der englischen Regierung abgetreten, eine Entschädigung von 6 Millionen Dollar für das zerstörte Opium gezahlt, der Handel binnen zehn Tagen eröffnet und den englischen Beamten der direkte Verkehr mit den Mandarinen auf dem Fuße der Gleichberechtigung zugestanden werden sollte. Am 26. Januar wurde förmlich von Hongkong Besitz genommen. Der Kaiser begriff noch nicht die wahre Sachlage, ließ den chinesischen Vermittler degradieren und in Ketten nach Peking bringen, erkannte den Vergleich nicht an und setzte die Feindseligkeit fort. Am 26. Februar schoß Sir Gordon Bremer die ganzen Werke an der Bocea zusammen, und nachdem die chinesischen Heere vernichtet oder geflohen waren, nahmen die Engländer solche Stellungen ein, daß Kanton und der Fluß beherrscht, nicht aber die Stadt selbst erobert wurde. Unter der von den Chinesen verlangten Waffenruhe wurde der Handel wieder ausgenommen, aber zugleich den Chinesen Zeit zu neuen Vorbereitungen gewährt. Aus den verschiedensten Provinzen rückten Truppen nach Kanton, die Mandarinen ließen Kanonen gießen, Pulverbereiten, Brander und Feuerflosse in großer Menge rüsten und übten ihre Soldaten. Trotzdem ließen die Engländer die Zeit verstreichen und die heiße Jahreszeit herankommen. Noch einen Tag vor dem Angriff der Chinesen wurde durch eine offizielle Bekanntmachung die Sicherheit der Engländer eingeschläfert. Es befand sich nur noch ein englischer Schoner und ein Kutter in Kanton, als die Chinesen am 21. Mai plötzlich aus versteckten Geschützeir feuerten. Die Engländer schifften ein starkes Korps unterhalb der Stadt aus und besetzten die Höhen, welche im Norden beherrschend sind. Die Chinesen wurden aus allen Positionen vertrieben, und die Engländer litten nicht sowohl unter dem schlechten Gewehrfeuer, als unter der Hitze und der Feuchtigkeit. Die Schiffsgeschütze entzündeten Feuersbrünste in der Stadt und die chinesischen Truppen plünderten, statt zu kämpfen, so daß die Bürger sich gegen diese verteidigen mußten. Das Volk stand in Massen auf und die Metzelei wurde allgemein. Am 26. Mai wehte auf allen Wällen die weiße Flagge. Trotz einiger Zwischenfälle kam ein Frieden am 27. Mai zustande, unter der Bedingung der schleunigen Zahlung von 6 Millionen Dollar und Eröffnung des Handels. Die englischen Truppen hatten nur 15 Tote und zogen sich nach Hongkong zurück. Wieder war es ein Fehler, daß die Engländer nicht ihren Sieg ausnutzten und die Stadt eroberten. Die Zahlung mußte von den Houg-Kaufleuten geleistet werden. Mit dieser Konvention war man in Peking trotz • der gefälschten Berichte wieder nicht einverstanden, und die Mandarinen wurden entsprechend bestraft. Das Volk in Kanton blieb fremden feindlich, und die Maueranschläge verkündeten, daß sie die Barbaren vertrieben haben würden, wenn die Mandarinen sie nicht verraten hätten. Auch die englische Regierung war mit dem Vertrage nicht zufrieden. Die bisherigen Leiter wurden abberufen, und Sir Henry Pöttinger als Bevollmäch445 Der Gxiumkrieg. 446 tigter und Sir William Parker als Oberbefehlshaber der Flotte trafen Mitte August 1841 in Macao ein und beschlossen, unverzüglich gegen die mittelchinesische Küste vorzugehein Dieser Entschluß kam den Chinesen vollkommen überraschend und wurde zunächst nicht für ernst gehalten. Die Rüstungen an der Küste wurden fortgesetzt. Man glaubte durch ihren Umfang die Qualität ersetzen zu können und verschleuderte unmäßige Summen für Kanonen, die beim ersten Schüsse zerplatzten, oder von den Lafetten fielen, für Bollwerke, die vollkommen zwecklos waren, für Soldaten, die meist schon nach dem ersten Soldvorschuß, sicher aber beim ersten Schuß fortliefen. Unsummen wurden verausgabt, die aber meist in die Sir üciiry Pöttinger. Taschen der Mandarinen verschwanden. Jeder Sinn für Organisation und Disciplin, für Ehrlichkeit und Ordnung fehlte. Die Truppen lebten vom Plündern, so daß die Bevölkerung sich oft mit Waffengewalt schützen mußte. Der Handel hörte auf; die Steuern blieben aus; die Sicherheit des Eigentums war gefährdet. Am 20. August segelte das englische Geschwader nach der Küste von Folien, wo Amoh ohne erheblichen Widerstand gestürmt lvurde. Auf der die Stadt beherrschenden Felseninsel blieb eine kleine Garnison, welche von dem chinesischen Volk als Beschützer freudig unterstützt wurde. Der Küstenhandel lvurde wie im tiefsten Frieden fortgesetzt. Die Weiterfahrt der englischen Flotte betrachteten die Mandarinen als Sieg ihrerseits, da die Barbaren geflohen seien. Am 1. Oktober wurde die Tsnsan-Jnsel zurückerobert. Die Angriffsweise blieb immer die gleiche. Die Chinesen hatten in der Vorderfront starke Vertei digungswerke gebaut und beklagten sich stets über die Unbilligkeit des englischen Angriffs, lvelcher regelmäßig von der ungedeckten Flanke erfolgte. Ernsthafter Widerstand wurde nirgends geleistet, sobald die Chinesen sich umgallgen sahen. Mit einem Verlust von 2 Toten und 27 Verwundeten wurde gegen Tausende gekämpft. Am 10. Oktober landete die englische Flotte vor Tinghai 2200 Mann; das chinesische Heer, an Zahl bedeutend überlegen, machte zwar einen Angriff, aber wurde sofort vollkommen geschlagen. Da ein Pardon geben vollkommen unbekannt war, töteten sich viele selbst, und nur wenige gerieten in Gefangenschaft. Zu gleicher Zeit wurden die Festungswerke von englischen Schiffen beschossen, während die chinesische Artillerie diese nicht erreichen konnte. Die Engländer, durch die Monsunwinde im weiteren Vordringen aufgehalten, stationierten in Ningpo. Inzwischen waren neue kaiserliche Erlasse int Volke verbreitet und eine große Armee sollte gesammelt werden. Ein einheitlicher Schlachtplan bestand nirgends, sondern truppweise zog das zusammengelanfene Gesindel im Lande herum, meistens den Chinesen durch ihr Plündern gefährlicher, als den Engländern. Endlich rafften sich die Chinesen ans und machten Anfang März 1842 einen Sturm ans die Thore von Ningpo, sowie auf Tinghai. Beide tapfer ansgeführte Angriffe wurden durch Kartätschund Gewehrfeuer blutig abgeschlagen. Am 7. Mai setzten die Engländer ihren Siegeszug fort und eroberten zunächst Tschapu. Hier wurde ein überraschend ehrenvoller Widerstand geleistet, und den wenigen Gefangenen schenkten die Engländer die Freiheit, eine Handlung, die seit Bestehen des chinesischen Reiches zum erstenmal erlebt worden sein mag. In Angst vor der Niedermetzelung hatten sich der Sitte gemäß Frauen und Kinder der tatarischen Garnison getötet. Am 13. Juni lief das britische Geschwader in den Pangtszekiang ein und stürmte auch hier nach kurzer artilleristischer Gegenwehr alle Befestigungen. Am 16. Juni wurde Wusung gestürmt, und dann Schanghai besetzt. Hunderte von Geschützen wurden erobert. Das baldige Weiterrücken der Engländer wurde wieder als siegreiche Vertreibung amtlich verkündet. 15 Kriegsschiffe, 5 Dampfer und beinahe 50 Transportschiffe fuhren den Pangtszekiang hinauf bis Tschinkiang, welches, von Tataren hartnäckig verteidigt, im Straßenkampfe am 21. Juli erobert wurde. Während die chinesischen Regimenter stets flohen, leisteten die Tataren tapferen Widerstand. Mit der Eroberung dieser Festung war England in der Lage, ganz Nordchina aushungern zu können, da der Kaiserkanal in der Nähe mündete und die Seezufuhr durch das englische Geschwader abgeschnitten werden konnte. Wo der Krieg bisher gehaust hatte, waren die Mandarinen kopflos geflohen, das Volk zügellos und die besitzenden Klassen dem plündernden Pöbel ausgeliefcrt. Räuberbanden durchzogen das Land, Seeund FlußLord Gough. 5ir £). Pöttinger. Kcying. Unterzeichnung des Friedensvertrages von Nanking, an Bord des Schiffes "Lornwallis" am 29. August 18-^2. Piraten beunruhigten die Küsten, und die englischen Soldaten wurden überall als Beschützer begrüßt. Am 8. August ankerte das englische Geschwader vor Nanking, auf dessen Mauern die weiße Flagge wehte. Jetzt endlich erkannte man die volle Bedeutung der englischen Kriegskunst. Der Kaiser fürchtete für seine Dynastie und eine schleunige Flucht nach deni Norden wurde vorbereitet, wobei 9 Millionen Taels Silber spurlos verschwunden sein sollen. Alle Mandarinen empfahlen nunmehr Abschluß eines Friedensvertrages, welcher endlich am29. August 1842 an Bord des "Cornwallis" unterzeichnet wurde: China zahlt innerhalb drei Jahren 21 Millionen Dollar Kriegskosten. Die Häfen von Kanton, Amoy, Futschon, Ningpo und Schanghai werden allen Nationen geöffnet und Konsuln zur Aussicht und Zollbcratung eingesetzt. Hongkong bleibt in Englands Besitz. England wird als vollkommen gleichberechtigt und ebenbürtig mit China in allen zukünftigen Verhandlungen angesehen. Am 15. September, nach Erfüllung der Formalitäten und nach Zahlung der ersten 6 Millionen'Taels verließ das englische Geschwader den Iangtszekiang, und nach völliger Tilgung der Kriegsschuld wurden auch die übrigen Plätze geräumt. Der Taiping-Aufstand. Die geographischen Verhältnisse des Landes haben die Volksentwicklung in den einzelnen Bezirken verschiedenartig beeinflußt. Die nördlichen Provinzen Chinas sind weniger fruchtbar, so daß die Ernährung des Hofes und des Heeres von der Zufuhr aus den südlichen Bezirken abhängig ist. Auf den weiten Steppen im Norden haben sich jene kraftvollen Nomadenvölker entwickelt, welche von Zeit zu Zeit in: Vorstoß nach Süden der Bevölkerung frische Kräfte Angeführt haben. In Mittelchina sind die reichen Theeund Seidendistrikte, die ihre Produkte auf dem Bangtszekiang über die Grenzen des Reiches hinaus versenden. Der Ackerbail ist überall der Lebensnerv Chinas. Während in den fruchtbaren Ebenen lind den Städten der Chinese Gewerbe und Handel treibt und durch Luxus verweichlicht ist, sind an der Küste Schiffervölker entstanden, deren fortgesetzten Seeräubereien die kaiserliche Regierung niemals vollkommen Herr geworden ist. In südwestlichen Gebirgsgegenden giebt es Volksstämme, — die Miaotse, — welche nur dem Namen nach unter chinesischer Herrschaft stehen, aber in Wirklichkeit ihre Freiheit bewahrt haben und als die Autochthonen des Landes gelten. Im Süden hat die Erinnerung an die einheimische Dynastie der Mings niemals ganz aufgehört. Der Gegensatz zwi///llSll'Ä, scheu den herrschenden Mandschuleuten und denbesiegten Chinesen blieb stets erhalten, da die tatarischen Soldaten, ungebildet und roh, von den litterarisch gebildeten Chinesen verachtetwurden. Für die Chinesen galt nur das Examen als Mittel zur Beförderullg, den Tataren wur den Ämter auch verliehen; durch den Geldmangel war jetzt sogar die Käuflichkeit von Stellungen ermöglicht, und der habsüchtige, bestechende und zu jedem Streiche fähige Beamte geschaffen. Im Gegensatz zu den strengen, aber gerechten Gesetzesgebräuchen wurde die Ablösung vonStrafen durch Geldbußen eingeführt. So wurde das überlieferte Rechtsbewußtsein des Volkes aufs heftigste erschüttert. Die Abgeschlossenheit des Kaisers machte jedes persönliche Eingreifen unmöglich, und die Berichte der Mandarinen, wenn auch itoch so lügenhaft, wurden geglaubt, wenn nur die Steuern pünktlich eingingen. Um diese zu erreichen, sogen die Beamten das Volk aus. Während die bestehende Freizügigkeit und Handelsfreiheit, der freie Kauf und Verkauf von Land mit vollkommenster Teilbarkeit bei den günstigen klimatischen Verhältnissen einen enornren Zuwachs der Bevölkerung mit großem Reichtum in Handel und Produktion erzeugte, fehlte die Tüchtigkeit der Beamten, um den schädlichen Wirkungen der elementaren und gesellschaftlichen Gewalt vorzubeugen; so herrscht in einzelnen Provinzen Überfluß, während andere unter Hungersnöten leiden; Erdbeben, große Überschwemmungen und Rebellionen vernichten ganze Distrikte. Die Regierungsmaschine arbeitet wie ein Automat in einer gewissen Routine, ohne Verständnis für die stetig sich verändernden Tagesbedürfnisse. So giebt es verschiedenartige Veranlassung, um die Zahl der Unzufriedenen in allen Gegenden des Reiches zu vermehren. Geheime Gesellschaften, besonders in den südchinesischen Gebirgsgegenden, wurden zahlreich gegründet. Wiederholt durchzogen rebellische Banden, unterstützt von allen Unzufriedenen, die Provinzen, aber das Volk wagte nicht, sich anznschließen, aus Furcht vor den Mandschutruppen, so daß diese Züge der politischen Bedeutung entbehrten und sich auf Plünderungen beschränkten. Der Kaiser Kiaking, ein Wüstling und Verschwender, wurde wenig geachtet und 1803 von Mördern angefallen. 1812 veranlaßte eine Hungersnot einen Aufstand in den nördlichen Provinzen. Selbst der kaiserliche Palast wurde gestürmt, und der Kaiser konnte knapp sein Leben retten. Mit blutiger Grausamkeit wurde dieser Aufstand niedergeschlagen. Ganz Türke st an war unter dem Kaiser Kienlong erobert und ein bedeutender Handel nach Buchara hatte sich entwickelt. Erpressungen der Zollbeamten veranlaßten 1826 einen Aufstand unter Jehangir, der nur mit großen Opfern und Mühen, teils durch Grausamkeit, teils durch Bestechung, unterdrückt werden konnte. Als 1830 von neuem der Aufstand ausbrach, soll der Frieden sehr schnell durch bedeutende Zahlungen erkauft worden sein. 1832 erhoben sich die südlichen Bergbewohner, die Miaotse, besiegten die kaiserlichen Truppen und beguemtcn sich erst zu einem Frieden, als ihnen bedeutende Zahlungen geleistet und gewisse Freiheiten zugestanden waren. In gleicher Weise wurden durch Bestechung Aufstände in den nördlichen Provinzen beigelegt. Auch als 1847 in einem neuen Aufstaude Kaschgar verloren wurde, ging an Stelle von Soldaten ein Diplomat ins feindliche Lager und verlangte, daß die Anführer die Annahme einer größeren Geldsumme einem zweifelhaften Kriege vorzogen. Bisher war es den Chinesen verboten, WafLnglischc Soldaten, fonragierend (chincs. Karikatur, ca. wo). 451 EGEG Die Geschichte Chinas. 452 fen zu besitzen, aber im Opiumkrieg waren solche ausgeteilt und deren Rückforderung unterlassen worden. Die von den Behörden bewaffnete Küsteubevölkerung trieb das Piratenhandwerk auf eigene Faust. Bei Amoy wurden zwei Opiumschiffe überfallen und die Mannschaften ermordet. Eine englische Korvette faßte Piraten ab, als sie eine Handelsdschunke gerade gekapert hatten, und 86 Seeräuber wurden enthauptet. Die vertriebenen Piraten zogen ins Innere und verstärkten die dortigen Räuberbanden. Gegen diese erhob sich wieder das bewaffnete Volk, welches auch vielfach gegen die gelderpressenden Mandarinen vorgiug. So wurden 1845 in Ningpo von anerkannt ruhigen Bürgern Mandarinen und ihre Truppen getötet. Ganze Landschaften verweigerten die Steuerzahlung. In Kanton wurde das Haus des tatarischen Generals vom Volke zerstört, und nur durch Nachgiebigkeit ein allgemeiner Aufstand verhütet. Die Regierung war nirgends in der Lage, energisch Vorgehen zu können, sondern mußte häufig durch Bestechungen und Versprechungen weiteren schlimmen Folgen Vorbeugen. Die Warnungen einzelner Beamten, dein Volke keine Waffen zu liefern, wurden in Peking überhört und immer weitere Volksmassen, besonders in Kauton, gegen die Fremden bewaffnet und aufgehetzt, während jede organisierte Führung fehlte. So wuchs in den Provinzen Kwangtung und Kwangsi ein Zustand völliger Anarchie heran. Die bedeutendste der geheimen Sekten, der Dreifaltigkeitsbund, hatte das Motto: "Nieder mit den Maudschu, hoch die Ming." Am Nordthore von Kanton wurde im Juli 1850 die Proklamation eines Ming-Prütendenten angeschlagen, welche bereits das Datum des zweiten Jahres der neuen Ming-Dynastie enthielt. Ein erfolgreiches Vorgehen wurde erst durch die strenge Organisation der Taiping erreicht. Der Begründer der Taipingsekte, Hungsiutschuen, war 1813 in der Nähe von Kanton als Kind armer Leute geboren, die ihm den regelmäßigen Schulbesuch nur bis zum 16. Jahre ermöglichen konnten. .Hung mußte das Vieh weiden, setzte aber seine Arbeiten zum Staatsexamen fort, welches er nicht bestand. Als er zu demselben in Kanton weilte, erhielt er von einem protestantischen Chinese,: ein religiöses Schriftchen, welches einige Kapitel aus dem alten und neuen Testament nebst Erklärungen enthielt. 183-7 versuchte er nochmals das Examen zu bestehen, aber wieder ohne Erfolg. Hierüber verzweifelt, verfiel er in eine schwere Nervenkrankheit und hatte im vierzigtägigen Fieber allerlei Visionen, welche teils an confucianische und teils an christliche Erinnernugen anknüpften. Er glaubte sich berufen, als Verkünder des wahren persönlichen Gottes, welchen die früheste chinesische Zeit vor Coufucius kannte, zu wirken. Ohne selbstsüchtiges Streben predigte er gegen den Götzendienst und sammelte zahlreiche Gläubige um sich. Hung fand einen Genossen Fung, einen Schulmeister im Nachbardorfe. Beide zogen arm durchs Land und hofften, jene selbständigen Gebirgsbewohner, die Miaotsc zu bekehren, konnten aber wegen. Unkenntnis der Sprache ihren Zweck nicht erreichen. Hierdurch nicht entmutigt, ging Fung mit einigen Erdarbeitern nach dein Distelberge int Kweipinbezirk, schleppte mit ihnen Erde und bekehrte in kurzer Zeit nicht nur seine Mitarbeiter, sondern auch seine Arbeitgeber. Er gründete dort die Gemeinde von "Gottesverehreru", welche den Kern der späteren politischen Bewegung bildeten. Hung lvanderte indessen nach der Heimat zurück, predigte dort und schrieb Aufsätze über religiöse Fragen. Im Sommer 1847 lernte er den amerikanischen Geistlichen Roberts kennen und wurde von diesem in der christlichen Lehre unterwiesen, ohne die Taufe zu eiupfangen. Bald darauf vereinigte er sich wieder mit Fung, welcher bereits über 2000 Mitglieder in seiner Gemeinde zählte. Durch die Zerstörung eines Götzenbildes in Kwangsi wurde der erste unbedeutende Konflikt mit der Regierung herbeigeführt. Überall zogen die Verkünder der neuen Lehre arm und predigend umher. Da starb 1850 der Kaiser Taokuang. Ermutigt durch die rebellierende Stimmung in der Provinz faßte Hung den Gedanken, seine religiöse Revolution mit der politischen zu vereinen und die Auflehnung gegen die Maudschuherrschaft zu predigen. Während die militärische Leitung hauptsächlich in die Hände von Pansiutsin überging, war Hung der geistliche Lehrer, welcher in puritanischer Strenge die Scharen mit Hilfe des neuen göttlichen Glaubens zusammenhielt. Die Mandarinen wollten die Rebellen gefangen nehmen, aber im Oktober 1850 wurden zum erstenmal die kaiserlichen Truppen von den Aufständischen besiegt und die Gefangenen befreit. Jetzt erließ Hung Aufrufe an alle zerstreuten Gemeinden, und in dichten Scharen strömten Jung und Alt, Hoch und Niedrig zu seinen Waffen. Während alle Feldschlachten vermieden wurden, gelang cs doch, eine Reihe von Städten zu besetzen, und die gute Ordnung, im Gegensatz zu den zügellos plündernden kaiserlichen Truppen, vermehrte die Zahl der Anhänger. Die kaiserlichen Befehlshaber kämpften ohne genügende Streitmacht, und die Taipings benutzten die Zeit, ihre Scharen gut zu organisieren. Viele Rebellenführer, so u. a. auch zwei weibliche, jede mit 2000 Mann, unterwarfen sich Hung und nahmen seine Lehren au, während andere Banden zu den Kaiserlichen übergingen. Obgleich der Dreifaltigkeitsbund in der Vernichtung der Maudschu-Dynastie den gleichen Zweck verfolgte, so verbot doch Hung die Aufnahme seiner Mitglieder, da dieselben vom Götzendienst nicht lassen wollten. Wir ersehen hieraus, wie der religiöse Gedanke das tiefe Leitmotiv der ganzen Bewegung damals bildete. Solange dieser Sinn, verbunden mit strenger Mannszucht und Gütergemeinschaft, erhalten blieb, wurden große Erfolge erreicht. Hung, in der Fülle der Macht, nannte sich "himmlischer Fürst" und "jüngerer Bruder Christi". Obgleich auserlesene Truppen von Peking nach dem Süden befohlen wurden, klagten die Tatarengenerale, daß die Geldmittel erschöpft und die Trnppcnzahl zu gering, daß die Offiziere uneinig und die Soldaten feige seien. So mußten auch diese jedes angreifende Vorgehen vermeiden. Die Taipings eroberten inzwischen die Bezirksstadt Junnan und richteten hier ihre erste Regierungsform ein. Hung machte sich selbst zum Kaiser der neuen Dynastie und nannte sich Tienwang. Die kleine Schar fanatischer Streiter schnitt den tatarischen Zopf ab und ließ als äußeres gemeinsames Zeichen das Haar in der altchinesischen Weise wieder voll wachsen. Junnan wurde zwar von den Kaiserlichen umlagert, aber am 7. April 1852 gelang ein Ausfall, und das kaiserliche Heer geriet in vollkommene Auflösung. Nach einer vergeblichen Belagerung der Hauptstadt Kwailin marschierten die Rebellen nach Norden und nahmen in den folgenden Monaten eine Stadt nach der anderen in Besitz. Überall verlangten sie ausschließlich Proviant für ihre Truppen, während jedes Plündern verboten blieb, um sich die Unterstützung des Volkes zu sichern. Auf Flußbarken wurde der Aangtszekiang im Dezember erreicht und Hankau und Hanyan besetzt, während die gegenüberliegende Hauptstadt Wutsan am 12. Januar 1853 erstürmt wurde. Siegreich vordringend, standen die Truppen am 8. März vor Nanking. Ein Stück der nördlichen Stadtmauer wurde durchbrochen und die Stadt erstürmt. Tausende von Tatarensoldaten flehten um Gnade, wurden aber erbarmungslos nicdergemetzelt. Den Fluß herauf wurden alle Positionen bis zur Mündung, oft mühelos, erobert und entsprechend befestigt. Würden die Taipings eine Flotte zur Verfügung gehabt haben, so hätten sic, wie 10 Jahre vorher die Engländer, den ganzen Norden anshungern können. Statt seinen Siegeszug weiter fortznsetzen und erst auf dem Throne in Peking Halt zu machen, begnügte sich Hung mit dem Erreichten, häufte in Nanking Schätze auf, ivelche als gemeinsame Kasse seine Anhänger ernährten. Hung und seine Mitstreiter hatten sich als erfolgreiche Heerführer bewiesen, aber bei ihrer mangelnden Bildung fehlte ihnen der Geist für eine eigene Organisation, und so mußten sie sich auf die altüberlieferten chinesischen Traditionen stützen. Der puritanische Geist wurde durch verweichlichenden Luxus verdorben. Die nötigen Mittel mußten gewaltsam herbeigeschafft werden, so daß die folgenden Expeditionen nicht mehr politische Eroberungszüge einer neuen Idee, sondern plündernde Ranbzüge von Rebellen waren. Hungs Nervosität führte zum religiösen Wahnsinn, und, iin Gegensatz zu seinen früheren Verordnungen, ließ er sich vergöttern. Die alten fanatischen Soldaten starben aus, und es fehlte die Begeisterung und die Schlichtheit, um neue Truppen mit gleicher unwiderstehlicher Siegeskraft auszugestalteu. So sank die Qualität des Heeres allmählich auf die Stufe der kaiserlichen Heere herab. Die kaiserlichen Generale wagten keinen Angriff, sondern hielten sich abwartend in den Provinzen auf. Viele Flüchtlinge hatten sich in Schanghai versammelt, und in der Befürchtung der Eroberung dieses Platzes, ging man die Engländer um Hilfe an, welche erklärten, volle Neutralität zu beobachten. Im April 1853 Tienwang, der Taipnigkaiser. dampfte Sir George Bonham nach Nanking zu einer Unterredung mit den Taipingführern. Hier zeigte sich bereits der volle Größenwahn der Rebellen, indem sie die Engländer nicht als gleichberechtigt anerkennen wollten, wie es selbst der Kaiser im letzten Friedenstraktat gethan hatte. Diese Besuche, sowie spätere von Franzosen und Amerikanern, blieben bedeutungslos. Der Dreifaltigkeitsbnnd eroberte Schanghai und Amoy und bot den Taipings ein Bündnis an, diese lehnten es aber wegen der religiösen Meinungsverschiedenheit ab. Mit Hilfe französischer Kriegsschiffe und Soldaten eroberten die kaiserlichen Truppen die Plätze wieder zurück. Jnr Süden war der Dreifaltigkeitsbnnd erfolgreich bis an die Grenzen von Kanton vorgedrnngen, wagte aber ans Rücksicht ans die Europäer nicht die Erstürmung. Diesem Siegeszuge wurde 1855 durch einen Aufstand der Bevölkerung eine Grenze gezogen. Im Mai 1853 rüsteten die Taipings unter der Leitung untergeordneter Offiziere einen Streifzug nach dem Norden aus, schlugen wiederholt die MandschnTruppen, eroberten eine Reihe von Plätzen und standen im Oktober kaum 20 Meilen von Peking entfernt. .Hier verhinderten aber die Kerntruppen der Tataren und Mongolen das weitere Vordringen. Die Taipingarmee, abgeschnitten von der Verbindung mit Nanking, mußte auf ihren Rückzug bedacht sein. Die kaiserlichen Truppen rückten zwar überall vor, aber sie besaßen zu einem vernichtenden Angriffe nicht die Thatkraft. Obgleich die Mandschn-Regiernng durch viele lokale Rebellionen und einen neuen englisch-französischen Krieg stark beschäftigt war, fehlte bei den Taipings die energische Führung, um diese Zeit zum machtvollen Vordringen auszunutzen. 1856 wurde durch die Chinesen Wntschang und Han kau zurückerobert, während I nun an von aufständischen Mohammedanern erobert wurde. Somit beschränkte sich die Herrschaft der Taipings 1857 nur noch auf wenige Städte am Pangtszekiang. Die Zeit von 1857—1859 verging beinahe ohne Kämpfe. Bei den Taipings war eine Zeit der Ermüdung nach ihrem glänzenden Siegesläufe eingetreten, und die Kaiserlichen waren in ernstliche Verwickelungen mit den europäischen Mächten beschäftigt. Der französisch-chinesische Krieg 1854—1860. Taoknang' (1820—1850) war aus der Zahl der Prinzen als Nachfolger auserwählt in Anerkennung seines energischen Eingreifens beim Überfall des Palastes (1813) und wurde auch von der Kaiserin, zum Schaden ihres leiblichen Sohnes, als solcher anerkannt. Aus Dankbarkeit verehrte der junge Kaiser die Kaiserin-Witwe als eigene Mutter. Genau wie bei dem heute regierenden Herrscher wird die ganze Regiernngszeit durch den Einfluß der Kaiserin-Witwe beherrscht. Soweit aus Berichten über den in völliger Abgeschlossenheit lebenden Hof ersichtlich ist, scheint der Kaiser vom besten Willen beseelt gewesen zu sein, sein Volk zu beglücken. Amnestien wnrden erlassen, Stenern geschenkt und das Hofleben vereinfacht. Die geheiligten sittlichen Grundsätze kamen wieder zur Geltung, und zu diesen gehörte an erster Stelle die Verehrung der Eltern, der Kaiserin-Mutter. Diese wiederum übte ihren bedeutenden Einfluß auch auf die politischen Entschließungen des Kaisers aus, und sie war es hauptsächlich, welche immer wieder mit starrem, konservativem Sinn allen Neuerungen feindlich gegenüberstand. Es wird berichtet, daß die Kaiserin-Mutter ihrem Sohne erklärte, wenn er nicht Krieg führe, bis die gottlose Barbarenbrnt vernichtet wäre, würden seine Ahnen ihn im Himmel niemals anerkennen. "Eine Partei müsse fallen, da die Engländer mit den Chinesen unter deni Himmelszelt nicht gemeinsam existieren könnten." Zugleich wurden diejenigen Minister, welche einsichtsvoll zum Frieden mahnten, als Landesverräter angeklagt und verurteilt. Als die Kaiserin-Mutter das 70. Jahr erreichte, wurde durch Stenernachlaß und Strafentbindnng eine besondere Feier im Reiche veranstaltet. Das Verhältnis zwischen dem Kaiser und der von ihm vergötterten Adoptivmutter war derart innig, daß, als im Jahre 1850 diese starb, auch der Kaiser aus Gram ihr bald folgte. Sein Nachfolger, Hienfung (1850 bis 1861), gehörte ganz der reaktionären Strömung der verstorbenen Kaiserin-Witwe an. Die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika schlossen am 3. Juli 1844 in Wanghia einen besonderen Handelsvertrag, welcher im wesentlichen die englischen Konzessionen auch den Amerikanern zugänglich machte. Frankreich schloß am 23. Oktober 1844 ebenfalls einen besonderen Vertrag unter den gleichen Bedingungen, erreichte aber als Vertreter der katholischen Religion, daß in einem besonderen Artikel allen Chinesen die Annahme des Christentums erlaubt wurde. Die Chinesen erblickten hierin eine neue Demütigung und unterließen die offizielle Publikation des Unterzeichneten Artikels. 1847 haben sodann Schweden und Norwegen und 1848 der Papst einen besonderen Vertrag geschlossen. Durch die Verträge entstanden vielfache Zwistigkeiten, und diese gaben den: Fremdenhaß in allen offizielleil Kreisen immer neue Nahrung. Als 1846 die Portugiesen eine Schiffssteuer erhoben, kam es gu einem Angriffe auf Macao, der abgeschlagen wurde. Die Regierung war nicht stark genug, die Fremden in den eingeräumten Rechten zu schützen. Die Einivohner von Kanton widersetzten sich der Zulassung der Europäer, und trotz laugen Verhandlungen und wiederholtelr kriegerischen Demonstrationen wurde 1849 dieses Begehren auch von Peking aus, im Hinblick auf die feindselige Haltung des Volkes, rundweg abgeschlagen. Die Engländer erklärten sich daher bereit, den Tag der Durchführung des Vertrages zunächst zu verschieben. Hier zeigte sich aber stets dasselbe Bestreben der Chinesen, zunächst Aufschub zu erlange,:, die Verhandlungen hinzuziehen uild schließlich durch unklare Fassungen den ganzen Zweck zu vereiteln. Es blieb stets das Bestreben der chinesischen Regierung, durch die einzelneil Ausführungsbestimmungen des Vertrages den Wert des letztereil vollkommen illusorisch zu machen. Mit den Portugiesen entstanden neue Differenzen, als einige Chinesen den portugiessischen Gouverneur ermordet hatten, ohne daß der chinesische Kommissar Geuugthuung geben wollte. Die Instruktion der englischen Beamten ging dahin, mit äußerster Mäßigung unter Vermeidililg eines Krieges, die Erfüllung des Vertrages durchzusetzen. 1854 wurde Bowring nach Hongkong berufen und ging, nach ergebnislosen Korrespondenzen mit dem Vizeköuig von Kanton, am 24. Mai mit dem vorhandenen Kriegsschiffe nach dem Norden. In Schanghai traf er den amerikanischen Bevollmächtigten Macklong, und beide erschienell mit einem englischen und drei amerikanischen Schiffen an der Peiho-Müuduug. Es fanden Verhandlungeil mit deill Generalgouverncur statt, aber es blieb bei leereil Versprechungen, als Boivriug im August nach Hongkong zurückkehrte. Die folgenden Ereignisse lassen die Vermutung aufkommen, daß England bestrebt war, irgend eine Ursache zu suchen, um Krieg mit China anzufangen, denn sonst wäre es nicht verständlich, daß einem chinesischen Fahrzeug Schutz gewährt wurde, weil es unter englischer Flagge fuhr, trotzdem die Schiffspapiere bereits seit Monaten erloschen waren. Dieses Schiff hatte mehrere Seeräuber zur Besatzung, welche voll den chinesischen Behörden scstgeuommeil wurden unter gleichzeitiger Beschlagnahme des Schiffes. Bowring forderte zunächst Rückgabe der Besatzlingsnlaunschaften und ließ eine Handelsdschunke, die er für eine kaiserliche hielt, wegnehmen. Als die 12 verhafteten Chiueseil thatsächlich dem englischen Konsul ausgeliefert wurden, verlangte er die Begleitung eines höhereil Beamten und schriftliche Entschuldigung. Der Vizeköuig Ai lehnte dieses Verlangen ab und bat zugleich, daß die englische Flagge nicht an Seeräuber verkauft würde. Das Recht scheint hier unbedingt auf seiten der Chinesen. Am 23. Oktober 1854 nahm Admiral Seymour die ersten Festungeil an der Bocca ohne Widerstaild, und in den folgenden Tagen wurden alle Befestigungen erobert, die englischen Faktoreien in Verteidigungszustand gesetzt ulld ein Angriff der chinesischen Truppen zurückgewieseu. Als Ai hierdurch nicht eingeschüchtert war, verlangten die Engländer nunmehr Zulassung in Kanton, worüber zur Zeit gar nicht verhandelt worden war. Der Vizeköuig berief sich auf die unklaren Erklärungen des englischen Vertreters, daß England selbst die Unzweckmäßigkeit dieser Durchführung in Anbetracht der Feindschaft der Kantouesen anerkannt hatte und lehnte unter Berufung auf ein kaiserliches Edikt dieses Verlangen ab. Am 28. Oktober wurde der RegierungsPalast zusammeugeschossen und in den folgenden Tagen mit geringem Widerstand die Stadt selbst bombardiert, so daß ein großer Teil der südlichen Stadt in Flammen aufging. Als Pi immer noch unerschütterlich blieb, wurden die Straßeil au der englischen Faktorei niedergerissen und die öffentlichen Gebäude bombardiert. Viele Kricgsdschunken wurden vernichtet, aber andererseits wurden nachts Angriffe auf die englischen Schiffe unternommen, Brailder losgelassen und die Werke an der Barre wieder armiert. Nachdem die Amerikaner wegen Beschießung eines ihrer Schiffe die Befestigungen geschleift, versprach Pi, die amerikanische Flagge zu respektieren. Kantonesische reiche Kausleute flehen, mit dem Brennen und Morden aufzuhören, aber der englische Bevollmächtigte verweist sie an Pi. Bowring geht selbst nach Kanton und bittet den Vizeköuig vergebens um eine Zusammenkunft. Nach neuem Bombardement lehnt Pi immer rroch jede Verhandlung ab illld erhöht die Belohnung auf englische Köpfe von 30 auf 100 Taels. Sicher war es nicht die Absicht von Bowring, die Stadt, mit der er Handel treiben wollte, vollkommen zil vernichten, sondern er erwartete, daß ein energisches Vorgehen einschüchternd wirken würde. Ohne Zweifel hätte er bei chinesischen Soldaten und den meisten Mandarinen seinen Zweck erreicht, hier aber kämpfte er gegen einen der Dorf Taku. Angriff der englisch-französischen Flotte auf die Flußforts des Peiho anr 20. Mai ^«58. tüchtigsten Vizekönige und gegen eine seit Jahrzehnten im Fremdenhaß genährte Bevölkerung. Int Dezember brannten die Chinesen die englische Faktorei nieder; nur die Kirche und ein Haus blieben stehen, so daß am 17. Dezember sich der Admiral init einer kleinen Besatzung verschanzen mußte. Die Lieferung von Lebensmitteln nach Hongkong wurde ebenso wie aller sonstiger Handel verboten. Kein Chinese durfte im Dienste der Engländer bleiben, und diese wurden teils durch Dirnen, teils durch Kaufleute in Hinterhalte ge3L. Lord Eigin. lockt oder auf ihren eigenen Schiffen ermordet. Viele Dschunken wurden zur Sperrung des Fahrwassers versenkt. Am 12. Januar 1857 machten die Engländer den Versuch, die Stadtmauer zu stürmen, wurden aber zurückgeschlagen und am 14. Januar gezwungen, sich flußabwärts auf die Forts und die Stadt Macao zurückzuziehen. Das ganze, militärisch unvorbereitete und diplomatisch ungeschickte Vorgehen erregte in den: englischen Parlament einen Sturm der Entrüstung. Nach der Auflösung desselben gab das Volk in den Neuwahlen sein Votum für ein energisches Vorgehen ab, um in China nachdem die Fahne engagiert lvar, die führende Stellung zu behalten. 5000 Mann unter Lord Elgin, als neuem Bot-schafter, wurden ausgesandt und ein Bündnis mit Frankreich geschlossen, welches wegen der Anerkennung der christlichen Missionare ebenfalls ein Interesse am energischen Vorgehen hatte. Zn gleicher Zeit brach in Indien der große Aufstand der Eingeborenen aus, so daß ein Teil der nach China bestimmten Truppen nach dort dirigiert wurde, und als Ersatz kamen einstweilen nur ein Infanterieregiment und 1500 Marinesoldaten. Die Besatzung war zu schwach, um bereits jetzt nach Norden vorzugehen. Baron Gros, der französische Kommissar, traf Mitte Oktober in Hongkong ein, und als weitere Truppeil angelangt ivaren, wurden am 13. Dezember zunächst Verhandlungen mit dem Vizekönig Yi begonnen. Auch jetzt lehnt Yi jeden Zutritt in Kanton ab und beruft sich immer von neuem auf die früheren Verhandlungen. Es wird auch besonders darauf hingewiesen, daß das damalige Vorgehen von der Königin von England gebilligt und durch eine Ordensverleihung belohnt worden war. In der Beurteilung des Einzelfalles hatte sicher der Vizekönig recht, auch erfüllte er nur die Befehle seines Kaisers. Statt letzteren direkt zur Verantwortung zu ziehen, mußte wiederum die Stadt Kanton den Hauptschaden davontragen. Am 15. Dezember wurde die Insel Honan von 400 Engländern und 150 Franzosen besetzt, und die vereinten Flotten dampften unter Kantons Mauern. Der Bevölkerung wurden einige Tage Zeit zum Auswandern gegeben und am 24. Dezember die Übergabe binnen 48 Stunden verlangt. Am 28. Dezember wurde das Bombardement eröffnet, welches 27 Stunden ohne Unterbrechung dauerte. Am Neujahrstage 1858 wurde in feierlicher Prozession Besitz von der Stadt genommen, welche über die militärisch notwendige Forderung hinaus verwüstet war. Yi wurde verhaftet und nach Kulkutta gebracht. Kanton wurde als Pfand imBesitze der Alliierten gehalten, aber um die öffentliche Sicherheit aufrecht zu erhalten, wurde eine chinesische Verwaltung unter europäischer Oberhoheit eingesetzt. Am 6. Februar wurde der Handel wieder eröffnet. Das Zollarnt arbeitete für Rechnung der kaiserlichen Regierung. Der Fremdenhaß blieb stets so bedeutend, daß der chinesische Gouverneur zuerst mit großer Strenge Vorgehen mußte, und sich erst im jahrelangen Verkehr freundschaftlichere Beziehungen herausstellten. Rußland hatte 1806 den Versuch gemacht, durch den Admiral Krnsenstern den Sechandel zu eröffnen, aber ohne Erfolg. Die Mitglieder der seit alter Zeit in Peking unterhaltenen geistlichen Mission waren, nach Vertreibung der letzten Missionare, die einzigen Europäer in Peking und unterrichteten laufend Petersburg. Auch Rußland versuchte jetzt neuen Einfluß zu gewinnen durch Entsendung des Gesandten Graf Putiatine. Dieser konnte von Sibirien aus den Zutritt nach Peking nicht erreichen und entschloß sich daher, nach Hongkong zu gehen, um sich dem englischen Gesandten anzuschließen. Zu gleicher Zeit begab sich der amerikanische Gesandte Reed zum englischen Geschwader. Als im Frühjahr 1858 genügende Verstärkung eingetroffen war, schickten die Gesandten von England, Frankreich, Rußland und Amerika eine gemeinschaftliche Note nach Peking und verlangten die Absendung eines bevollmächtigten Würdenträgers im gleichen Range, wie sie selbst waren, nach Schanghai. Englische Abgesandte gingen mit den gemeinsamen Noten nach Schanghai, und da sie dort keine Beamten von Rang antrafen, segelten sie in 17 Kanalbooten nach Sntschan, wo sie von dem Stadthalter zuvorkommend empfangen wurden. Der Verkehr >var so freundlich, als ob niemals Zerwürfnisse stattgefunden hätten. Die eigentümliche Verwaltungsorganisation Chinas in lauter selbständige Provinzen ermöglicht es, daß der eine Vizekönig Krieg führt, während der andere in Freundschaft verkehrt. Die in Schanghai eintreffende Antwort befriedigte durchaus nicht. Der Staatssekretär In lehnte jeden direkten Verkehr ab und verlangte die Regelung der Barbarenangelegenheit in Kanton mit dem neuernannten Vizekönig Wang. Lord Elgin lehnte auf Grund des Vertrages von Nanking eine derartige Behandlung der Angelegenheit ab, und jetzt endlich waren die westlichen Mächte darüber einig, daß nur in Peking im direkten Verkehr mit dem kaiserlichen Hofe eine ernstliche Änderung der bestehenden Verhältnisse möglich sei. Am 14. April langte ein starkes englisches Geschwader an der Peiho-Mündung an. Auch die anderen Gesandten auf ihren eigenen Kriegsschiffen waren in wenigen Tagen dort versammelt. Lord Elgin verlangte, daß binnen sechs Tagen ein beglaubigter Staatsbeamter in Taku oder auf seinem Schiff zur Verhandlung erscheine. Am 24. April wollten die Boote der vier vereinten Mächte landen, aber nur dem russischen itnb amerikanischen Offizier wurde das Betreten des Ufers gestattet, während es den Engländern und Franzosen verboten wurde. Inzwischen waren auch die weiteren englischen und französischen Schiffe, letztere unter Admiral Rigault de Gsnouilly, eingetroffen. Nur ein Teil der Schiffe konnte infolge der Barre in den Fluß einlaufen. Am 30. April kamen hohe Mandarinen nach Takn zur Verhandlung, aber mit vollkommen ungenügenden Vollmachten, so daß sie nur als Überbringer der Wünsche nach Peking dienen konnten. Am 19. Mai wurde ein Ultimatum gestellt, die Befestignngswerke bin nen zwei Stunden zu räumen. Das Kanonenboot "Cormorant" durchbrach die fünf ans siebenzölligen Bambuskabeln gefügten Sperrketten, und fuhr den anderen Schiffen voran, unter dem Feuer der Forts, den Fluß hinauf. Die Kanonen brachten einige Forts zum Schweigen und andere wurden von ihren Truppen verlassen, sobald die Alliierten stürmend vordrangen. Takn wurde besetzt. Die Bewohner kamen den Siegern freundlich entgegen. Am 26. Mai langten die Admirale in Tientsin an, wo allgemeine Bestürzung herrschte. Das energische Vorgehen zeigte auch dem kaiserlichen Hofe die Größe der nahenden Gefahr, und jetzt endlich, am 29. Mai, kam ein Schreiben, welches die Ankunft des Hauptstaatssekretärs und des Präsidenten des Ministeriums der Civilverwaltnng, zweier einflußreicher Staatsleute mit ausreichenden Vollmachten meldete. Bei der Prüfung ergab sich aber, daß das zur Gültigkeit einer Unterschrift notwendige Amtssiegel nicht mitgeschickt war. Lord Elgin lehnte daher kurzerhand jede Verhandlung ab, und nunmehr wurde auch dieses äußere Zeichen der wirklichen Vollmacht unverzüglich herbeigeschafft. Trotz einiger Zwischenfälle, bei denen sogar der englische Admiral vom Pöbel angefallen und mit Steinen geworfen war, kam dennoch nach kurzer Verhandlung am 26. Juni 1858 ein Vertrag mit den vier Mächten zu stände, welcher neben den früheren Forderungen weiteren Städten den Handel öffnete und die Einrichtung ständiger Gesandtschaften in Peking erlaubte. Lord Elgin konnte nicht sofort nach Peking reisen, da inzwischen aus Kanton und Hongkong bedenkliche Nachrichten kamen. Die Forderung, den Vizekönig in Kanton sofort abzuberufen und die Feindseligkeiten im Süden einznstellen, wurde abgelehnt, da der Vertrag von Tientsin noch nicht amtlich publiziert worden sei. Als die unmittelbare Gefahr für den kaiserlichen .Hof gewichen, begann wieder das alte Spiel der diplomatis ch en Verzögerung. Die chinesischen Vertreter erschienen ohne genügende Vollmachten und die ganzen Verhandlungen mnßten von neuem beginnen. Vor allem erschien es den chinesischen Anschannngen vollkommen unmöglich, daß die Barbarenvölker in der geheiligten Hauptstadt gleichberechtigte Gesandten mit militärischer Bedeckung unterhalten sollten. Die Kommissare waren zwar bemüht, die Vertragsbestimmungen auch thatsächlich dnrchznführen, aber der Die Forts von Taku. Kaiser lehnte alles ab, bestrafte die Mandarinen und versagte die Einstellung der Feindseligkeiten in Kanton; es wurde sogar dort unter Staatspapieren ein geheimer Erlaß des Kaisers gefunden, welcher das Volk znm Aufstand gegen die Engländer ermutigte. Dieser Erlaß wurde von der Regierung abgelengnet und als Fälschung bezeichnet, aber die weiteren Verhandlungen zeigten, daß die Regierung alle Mittel versuchte, um den Vertrag zu umgehen. Besonders wurde die Reise des Gesandten nach Peking ans jede Weise Hintertrieben und es wurde offen ansgesprochen, daß der Kaiser nur durch Waffengewalt zur Ausführung dieser Vertragsbestimmungen gezwungen werden könnte. Daher ging Admiral Hope mit seinem ganzen Geschlvader wiederum nach dem Norden und traf am 20. Juni 1859 ans der Rhede des Peiho ein. Die Zwischenzeit hatten die Chinesen benutzt, nur überall die Forts und die Flnßsperren zu verstärken. Der erste Angriff ans die mit europäischen Kanonen ausgerüsteten Befestigungen endete ungünstig für die Engländer; von 1300 Mann waren 464 tot oder verwundet, und die Einfahrt in den Fluß konnte nicht erzwungen werden. Die Amerikaner leisteten freiwillig den Engländern treue Hilfe. Damals fiel das zündendeWort: "Blnt ist dicker denn Wasser." Dieser chinesische Sieg, der erste in den jahrzehntelangen Kämpfen, gegenüber Europäern, machte die Tataren so siegesübermütig, daß offen jedes weitere Zugeständnis abgelehnt wurde. Am 14. April wurden die Tsnsan-Jnseln besetzt, aber erst im Juli 1860 waren 41 englische Kriegsfahrzeuge nebst 126 Transportschiffen mit ca. 10000 Mann und 29 französische Kriegsschiffe mit ca. 9000 Mann versammelt. Die Alliierten wollten die Unterstützung der Hafenstädte in Mittelchina nicht einbüßen uitb erlaubten daher mit diesen den Handel, der wiederum ihnen Proviant und Hilfe brachte. Die Chinesen hatten ihre Befestigungen noch weiter verstärkt. Die Forts waren früher nach dem Lande offen und wurden wiederholt umgangen, jetzt waren sie ringsum geschlossen, mit Gräben umzogen und von spitzigenBambnspallisadcn geschützt. Am 12, August rückten die alliierten Truppen auf das Dorf Sinho vor, und über Brücken undausgebesserteWege gelangte man bis an den Peiho. Bei Tanko wurde die Flagge der Alliierten auf der ersten eroberten Schanze entfaltet. Während immer wieder neue Noten von chinesischer Seite gebracht werden, die eine diplomatische Bei* legnng der Differenzen befürworten sollen, setzt Lord Elgin die Vorbereitungen zur Eroberung der TaknForts fort. Auf chinesischer Seite wird der Artilleriekampf mit Fleiß und Geschick verfolgt, aber die Geschütze der englischen Kanonenboote haben eine weitere Tragfähigkeit. Die Alliierten gehen zum Sturm der stark befestigten Umwallungen über, die Chinesen wehren sich verzweifelt. Die Gräben und Bambuspfähle, gegen das Eindringen der Erstürmenden errichtet, hindern jetzt die Flucht der Besiegten. In wenigen Stunden sind alle Forts erobert. Mehrere Kriegsschiffe gehen den Peiho hinauf und ankern unterhalb von Tientsin. Die mit enormen Summen errichteten Umwallungen werden ohne Verteidigung überlassen. Wiederum finden resultatlos verlaufende Kürschner, China I. 80 Peking. (Nach einer Abbildung aus deni {7. Jahrhundert.) Im Takufort nach der Erstürmung im Jahre ^60. Verhandlungen statt. Am 9. September setzt sich die erste englische Kolonne zum Marsch ans Peking in Bewegung. Auch jetzt noch kommen chinesische Kommissare, die die Truppen zur Rückkehr nach Tientsin bitten, um dort die Verhandlungen aufzunehmen. Immer neue Vorschläge werden gemacht, und wirklich kommen neue Verhandlungen zustande, welche auch den Engländern aus militärischen Rücksichten angenehm sind. Während somit scheinbar das Bestreben einer srenndschaftlichen Verständigung gezeigt wird, werden am 18. September in plötzlichem Überfall die zu den Verhandlungen gerittenen europäischen Offiziere und Mannschaften gefangen genommen. Zu gleicher Zeit rücken die Kaiserlichen, besonders Tatarenkavallerie, von allen Seiten heran und drohen die Verbündeten einzuschließen. Versteckte Batterien eröffnen auf den verschiedenstenSeiten das Feuer. Im vierstündigen Kampf wird die Artillerie zum Schweigen gebracht, über 80 Geschütze erobert und mit dem Tode von 35 Verbündeten wird die vollkommene Zersprengung einer feindlichen Streitmacht von angeblich 20000 Mann erreicht. Noch einmal stellen sich zahlreiche Tatarenheere dem Vordringen entgegen, aber in den glänzenden Kämpfen an der Marmorbrücke von Palikao, in der Nähe von Peking, werden auch diese am 21. September vollkommen geschlagen. Von einer sofortigen Eroberung Pekings sah man ab, weil die Truppen noch nicht vollzählig versammelt waren und man befürchtete, daß die gefangenen Parla mentäre getötet würden. Am 6. Oktober gingen die englischen Truppen gegen die nordöstliche Ecke der Tatarenstadt vor, wo der chinesische Exerzierplatz von der Garnison verlassen ist. Am 8. Oktober wurden die meisten der gefangenen Engländer und Franzosen ausgcliefert. Während die englische Infanterie und Artillerie bei dem Lama-Tempel lagerten, marschierten die französischen Truppen mit der englischen Reiterei nach dem kaiserlichen Sominerpalast und plünderten dort die wertvollen Schätze, welche im Laufe von Jahrhunderten aufgespeichert waren. Neben chinesischen Kunstgegenständen befanden sich dort viele Pariser Lnxussachen ans dem vorigen Jahrhundert, auch waren Pelze und Seidenstoffe, Gold und Silberbarren angehüuft. Auch viele wichtige Dokumente fand man in den Wohngemächern des Kaisers. Was nicht geraubt werden konnte, wurde zerschlagen oder vernichtet. Hauptsächlich begingen die Franzosen diesen Vandalismus, welcher von der öffentlichen Meinung in Europa laut gemißbilligt wurde. Auch die Engländer waren beteiligt, dieselben mußten aber ihre Beute dem Oberkommando abliefern, welches die Gegenstände versteigerte und den Erlös unter die ganze Armee verteilte. Am 13. Oktober wurde ein Ultimatum gestellt zur Übergabe eines Stadtthores. Als die Geschütze bereits geladen und gerichtet waren, wenige Minuten vor der abgelaufenen Frist, öffneten sich die Thorflügel, und die Truppen der Verbündeten zogen in Peking ein. Die Feldgeschütze wurden auf die Mauern der Befestigung gebracht, welche Peking vollkommen beherrschte. Jetzt erst wurden die letzten überlebenden gefangenen Europäer ausgeliefert, welche den Gebrauch ihrer Glieder infolge unmenschlicher Mißhandlung zum Teil verloren hatten. Die Verbündeten waren empört über dieses rohe Vorgehen gegenüber unrechtmäßigerweise gefangenen Parlamentären. Die Erbitterung wuchs. Die Auslieferung der Schuldigen, überhaupt jede Untersuchung erschien unmöglich, und so beschloß am 18. Oktober Lord Elgin, außer der Zahlung einer Entschädigung an die Gefangenen, zur Sühne den Sommerpalast, die eigentliche Residenz desKaisers, niederzubrennen. Leider wurde zugleich die Bibliothek vernichtet, welche einen unersetzlichenSchatzder Wissenschaft gebildet hatte. Jetzt endlich war der Widerstand gebrochen, und am 24. Oktober 1860 wurde in der Ceremonienhalle eine Konvention vereinbart und der Vertrag von 1858 endgültig ratifiziert. Prinz Kun g Unterzeichnete als Bevollmächtigter des Kaisers. Am folgenden Tage kam auch mit Frankreich ein gleiches Übereinkommen zustande. Kurz darauf bezog Lord Elgin einen prinzlichen Palast und wechselte mit dem Prinzen Kung Höflichkeitsbesuche, bei welchen letzterer sich für zeitgemäße Reformen durchaus zugänglich zeigte. Der Kaiser sandte am 2. November aus einem Jagdschloß in der Tatarei die offizielle Bestätigung der Konvention. Am 8. November verließen die letzten Truppen der Verbündeten Peking. Tientsin und Taku wurden von 4000 Mann als Pfand für die Zahlung der Kriegsentschädigung besetzt gehalten. Innere Kämpfe 1860—1880. Während die Kriege mit den Westmächten an der Küste sich abspielten, durchbrausten wilde Revolutionen das Innere von ganz China. Die Taipings hatten in Nanking ihre Herrschaft befestigt und waren die thatsächlichen Herren desPangtszekiang. 1859 vereinigten sich die kaiserlichen Heere, um die Hauptstadt durch Aushnngern zur Übergabe zu zwingen, aber die Rebellen rafften ihre gesamten Kräfte zusammen, ein starkes Entsatzheer kam zu Hilfe, und am 3. Mai 1860 wurden die Belagerer vollkommen zerstreut und ihre Vorräte erbeutet. Jetzt gingen die Taipings angriffsweise vor, schlugen die Tatarengenerale wiederholt und eroberten die reiche Stadt Sutschou und weitere Plätze des Seidendistriktes. Schanghai war bedroht, und die Alliierten kamen darin überein, zwarnicht einen fragtvürdigen Kampf gegen die Rebellen, deren Stärke unbekannt war, zu unternehmen, wohl aber den offenen Handelsplatz gegen jede Eroberung zu schützen.. Im August rückten die Taipings, die reichen Vorstädte niederbrennend, vor die Thorc von Schanghai, welche von englischen Seesoldaten und indischer Infanterie besetzt waren. Der Angriff wurde unvorsichtig und unzureichend ansgeführt und endete mit der vollkommenen Vernichtung der Angreifenden. Von einzelnen Missionaren waren die Taipings als christliche Sekte aufgefaßt. Je mehr man aber in Berührung mit denselben kam, stellte sich heraus, daß unter dem Deckmantel falsch angeivendeter christlicher Namen der Geist des verwerflichsten Götzendienstes herrschend war. Hatte man früher gehofft, durch die Rebellen eine Reform ganz Chinas im christlichen Sinne zu erleben, so war durch das Auftreten in den letzten Jahren, durch die völlige Verwüstung der eroberten Landstriche, durch das Plündern der Städte, durch die Verrohung der Truppen die Sympathie bei den Europäern vollkommen beseitigt. Während bei den Taipings auffallend viele Knaben Einfluß erlangten und selbst Generäle wurden, waren die gebildeten Stände fast gar nicht vertreten. Selbst die Manifeste zeigen den geringsten Grad litterarischer Bildung. Es fehlten geistig führende Männer. Die reich gewordenen Abenteurer schlemmten in Üppigkeit. Damals wurde auch mutwillig der berühmte Porzellanturm in Nanking zerstört. Eine andere selbständige Rcbellcnmacht in den nördlichen Provinzen, die Nienfei, nahmen zwar nicht die Lehren der Taipings an, operierten aber wiederholt mit diesen gemeinsam. In der Nähe der Mündung des Der Porzellanturin in Nanking, von den Taipings zerstört. großen Kanals in den Pangtsze wurden sie von den Kaiserlichen geschlagen und in die Gebiete am Hwanghofluß zurückgetrieben. Eine neue Gefahr drohte von den SalzdschunkenRcbeilen im Norden. Das Salz wurde bisher von Staatsbooten im Monopolhandel verfrachtet. Da aus Geldmangel die Mannschaft nicht beschäftigt werden konnte, thaten sie sich zusammen, um der Hauptstadt die Zufuhr abzuschneiden. Auch diese Rebellen gingen zunächst erfolgreich gegen die Chinesen vor. Trotz dieser Kämpfe erlangte der Handel einen gewissen Aufschwung. Es muß anerkannt werden, daß unter der Herrschaft der Taipings die Seidenund Theeausfuhr zunahm. Tie Engländer hofften in neu errichteten Handelsstationen diesen .Handel zu konzentrieren. In kurzer Zeit wuchsen die zerstörten Plätze am Pangtszekiang zu neuer Blüte empor, und der verlassene Fluß war wieder angefüllt mit handeltreibenden Fahrzeugen. 1861 begannen die Taipings von neuem vorzudringen. Wiederholt wurden die Tataren geschlagen und die Provinzen Tschckiang und Kiangfn mit Ausnahme der Umgebung von Schanghai erobert. Am 9. Dezember wurde im Sturm Ningpo und dann Hangschou genommen. England hatte bisher strikte Neutralität gegenüber den kämpfenden Parteien bewahrt. In der Befürchtung, daß die Handelsinteressen leiden könnten, wurden Verhandlungen in Nanking geführt. Das ergebnislose Resultat hatte zur Folge, daß die Taipings nunmehr gegen Schanghai vorrückten und die Engländer sie als Feinde betrachteten. Dort hatte sich unter Leitung des Amerikaners Ward auf Kosten chinesischer Kaufleute ein Freikorps gebildet, welches jetzt den Stamm zu einer staatlichen Fremdenlegion unter der Leitung englischer Offiziere bildete. Die Mannschaften bestanden vielfach aus früheren europäischen Seeleuten und Soldaten, und nur teilweise aus Chinesen. Die Ausrüstung geschah durchweg mit guten europäischen Waffen. Dem Freikorps mußte in echt asiatischer Kriegsführung jede eingenommene Stadt zur Plünderung überlassen werden. Erst Gordon verbot diese Auflösung. Auch ein französischchinesisches Freikorps wurde gebildet. Auf Antrag des Prinzen Kung erklärten die Westmächte, im Interesse des Handels sich an der Niederwerfung der Rebellen beteiligen zu wollen. Die europäischen Flotten wurden zur gemeinsamen Operation mit den Kaiserlichen beauftragt. Dieses Vorgehen wurde in Europa heftig getadelt, besonders, da an den nun folgenden Greuelthatcn auch europäische Offiziere beteiligt waren. Auch die Grundlagen einer chinesischen Flotte, die allerdings später wieder verauktioniert wurde, wurden damals im Aufträge der kaiserlichen Regierung durch englische Marineoffiziere gelegt. Englische und indische Regimenter, Marinesoldaten und französische Seeleute, mit Kanonen ausgerüstet, gingen nunmehr gemeinsam mit der Fremdenlegion und den Tataren gegen die Taipings vor. Bald auch kamen neue kaiserliche Regimenter zur Verstärkung unter Leitung von Li-Hung-Tschang. Mehr und mehr gelang es, die Aufständischen von den Seeprovinzen zurückzutreiben. Trotz tapferen Widerstandes konnten die Taipings den Kanonen nicht standhalten, und eine Stadt nach der andern ging verloren. Am 10. Mai 1862 wurde Ningpo durch 80 kaiserliche, mit Kanonen armierte Lorchas, unterstützt von europäischen Kriegsschiffen, beschossen und dann im Sturm genommen. Immer wieder gingen die Taipings vor, und das Kriegsglück schwankte. Auf beiden Seiten wurde mit größter Grausamkeit der Krieg geführt, und gefangene Rebellen wurden wiederholt truppweise vor die Mündungen der Kanonen gebunden und unter der Leitung englischer Offiziere zerschossen. Eine entscheidende Wendung bekam erst der Krieg, als der englische Major Gordon am 25. März 1863 den Oberbefehl über die Fremdenlegion übernahm. Gordon begann, die Truppen einheitlich mit Flinten zu bewaffnen, zu drillen und für ihre regelmäßige Besoldung zu sorgen. Auch eine Artillerie mit 50 Kanonen wurde von ihm einexerziert, und eine Rudergaleerenflotte auf dem Pangtsze mit englischen Kanonen armiert. Während Gordon am Pangtsze entlang überall siegreich vordrang, hatten tatarische Feldherren im Norden wiederholt Mißerfolge zu verzeichnen. Dagegen erzwang das französisch-chinesische Korps nach längerer Belagerung im März 1864 die Übergabe von Hangschou, der Hauptstadt von Tschckiang. Li-Hung-Tschang hatte eine Armee von angeblich 70000 Mann zusammengebracht, während Gordon ca. 6000 befehligte. Unterstützt von Kanonenbooten wurde Sutschou belagert und wiederholt der Sturm gewagt, aber ohne entscheidenden Erfolg. Gordon selbst, stets ohne Waffen, nur mit dem Kommaudostab in der Hand, war ein leuchtendes Beispiel des kaltblütigen Kriegers mitten in: Kugelregen. Da kam ein Verrat unter den Taipingführern Gordon zu Hilfe. Der Generalissimus der Belagerten wurde ermordet, und die Verräter übergaben, nachdem ihnen Straffreiheit von Gordon in Aussicht gestellt worden war, die Stadt. Am 6. Dezember 1863 zog das tatarische Heer unter Tsching in die verratene Stadt ein. Während Gordon anderweitig beschäftigt war, ließ Tsching, trotz des Versprechens, ein grausames Blutbad unter den Taipings anrichten. Als das Köpfen zu lauge Zeit erforderte, wurden die Gefesselten mit Kartätschen niedergeschmcttert. Gordon war empört über diesen Wortbruch und legte sofort das Kommando nieder, unter heftigen Vorwürfen an Li-HnngTschang, der sich überhaupt nicht sehen ließ. An 3000 Menschen sollen dainals gemordet worden sein, nachdem sich dieselben freiwillig ergeben hatten. Alle Vorräte wurden fortgeschlcppt oder zerstört, sogar die Maulbeerbäume wurden umgehauen und somit die Seidcnknltur für mehrere Jahre vernichtet. Die chinesische Regierung sandte Gordon eine goldene Medaille und 70000 Mk. als Geschenk, während Gordon ablehnte, etwas von einer Regierung zu emfangen, die ihr Wort gebrochen hat. Li-Hnng-Tschang, dessen Handlung stets zweideutig war, wurde von seiner Regierung gezwungen, eine Proklamation zu erlassen, welche Gordon rechtfertigte. Als die Regierung weiterhin versprach, daß in Zukunft nicht mehr seinen Anordnungen zuwider gehandelt werden sollte, erklärte er sich bereit, als Lieutenant-Colonel die Führung des kaiserlichen Heeres zu übernehmen. Am 20.März wurde Kiutang wiederholt vergeblich gestürmt und Gordon am rechten Schenkel durch einen Schuß verwundet. Trotzdem hier und da die Rebellen siegreich waren, konnten sie auf die Dauer den europäischen Kanonen nicht standhalten und mußten sich immer weiter zurückziehen. Die ganze tatarische Streitmacht konzentrierte sich bei Tschangtschou, um am 24. April ein furchtbares Bombardement zu eröffnen, aber erst am 11. Mai gelang es, die Wälle zu ersteigen und im Straßenkampfe die Stadt zu erobern. Die zersprengten Streitkräfte der Taipings waren von ihrer Hauptstadt abgeschnitten und wandten sich nach dem Süden. Somit war die ganze .Herrschaft der Taipings auf Nanking und Hutschou beschränkt und ihre Macht als selbständige Regierung gebrochen. Die englische Regierung erklärte die Mission Gordons damit erfüllt. Gordon legte den Oberbefehl nieder und lehnte auch jetzt jedes Geldgeschenk von der chinesischen Regierung ab; arm, wie er gekommen, verließ er China. Der Kaiser ernannte ihn zum Generalissimus und verlieh ihm die höchste Auszeichnung, welche China zu vergeben hat: die gelbe Reitjacke mit der Pfauenfeder. Die tatarischen Heere, alle Feinde vor sich hertreibend, konzentrierten sich um Nanking. Obgleich dort große Vorräte aufgespeichert wären, reichten dieselben für die zusammengeströmten Massen nicht aus. Greise, Frauen und Kinder wurden mit Waffen versehen und halfen beim Werke der Verteidigung. Unter der Leitung von ausländischen Offizieren errichteten die Belagerer Schanzen, welche immer weiter vorgeschoben wurden. Anr 15. Juli 1864 begannen die Batterien ihre Geschosse in die Stadt zu werfen. Der Taipingkaiser Tienwang sah keine Rettung und vergiftete sich, nachdem er seine sämtlichen Frauen hatte erdrosseln lassen. Am 19. Juli wurde der Sturm begonnen, nachdem durch eine Mine eine breite Bresche geschaffen war. Wieder folgte das übliche Blutbad, und nur eine kleine Schar Rebellen konnte an der Südseite der Stadt entfliehen. Somit war nur noch Hutschou der einzige befestigte Platz in den Händen der Taipings, und auch dieses fiel, nachdem die Garnison die Belagerungsarmee der Chinesen und des französischen Freikorps kühn durchbrochen hatte. So endete diese gewaltige Revolution der Taipings mehr durch die Fehler ihrer Führer, als durch den Zwang der wirtschaftlichen Verhältnisse oder die Energie der chinesischen Regierung. Streitigkeiten zwischen den chinesischen und europäischen Befehlshabern bereiteten der Regierung des Prinzen Kung vielfache Verlegenheit, so daß im Oktober 1864 die.Fr emdenleg io n aufgelöst wurde. Die Revolution war an der Küste und an den Flüssen, so weit europäische Kauouen reichten, niedergeschlagen, aber nicht an den westlichen Grenzen, in den entfernten Steppen und den unwirtlichen Gebirgen. Die zersprengten Anhänger der Taipings bildeten einzelne Banden. So eroberte im Oktober 1864 ein größeres Heer Tschangtschou bei Amoy. Erst im Frühjahr 1865 wurden die Rebellen von den Chinesen unter englischer Leitung wieder vertrieben und vereinigten sich mit einer anderen Truppe der Taipings in Kiangsi, welche im Januar 1866 Kiayungtschou eroberten. Eine dritte Rebellenschar hatte sich in Szetschwan zusammengefunden und dem alten Nienfei-Bunde am Wanghoflusse angeschlossen. Mit letzteren vereinigten sich auch die zersprengten Taipings aus dem Süden. Die Reste der Geschlagenen waren gezwungen, diesen Aufständischen sich anzuschließen, da im Falle der Gefangenschaft ihnen die Köpfung gewiß war. So wuchs die Nienfei-Sekte zu einer starken Heeresmacht an, und zu ihrer Besiegung wurden nach der Niederwerfung der Taipings alle Kräfte gesammelt. Der erfolgreiche Feldherr Tsotsungtang wurde Vizekönig von Scheust und Kansu, und innerhalb zweier Jahre (1871 bis 1873) hatte er Schensi von allen Rebellen gesäubert. Weitere Schwierigkeiten wurden der chinesischen Regierung durch die Mohammedaner bereitet. Hierbei sind die südlichen und die nordwestlichen Mohammedaner zu unterscheiden. Kublaikhan (1259 bis 1295) hatte den Mohammedaner Omar zum Gouverneur von Dünnan ernannt, welcher die damals noch unzivilisierten wilden Stämme erfolgreich bekehrte. Wiederholt entstanden Auflehnungen gegen die Bedrückung der chinesischen Mandarinen. 1855 war die ganze Provinz im Aufstand, und die einzelnen Führer bekämpften sich gegenseitig, bis Tu Wensin, als Sultan Suliman, sich zum alleinigen Herrscher aufschwang und Tali zur Hauptstadt machte. Erst 1872 gelang es den Chinesen unter General Dang Puko, das Land von Rebellen zu säubern und die Hauptstadt einzuschließen. Am 15. Januar 1873 erklärte sich der Sultan bereit, sich selbst auszuliefern, um sein Volk zu retten. Dieser Vorschlag wurde angenommen, und Snleiman ließ sich in seiner gelben Kaisersänfte ins feindliche Lager tragen; aber unterwegs nahm er Gift, und die Feinde fanden nur eine Leiche. Sein Kopf, in Honig gelegt, wurde als Zeichen des Sieges nach Peking geschickt. Die Kaiserlichen zogen in die übergebene Stadt und gaben einige Tage später ein großes Siegesfest, zu dem sie alle mohammedanischen Führer einluden. Mit echt chinesischer Treulosigkeit und Grausamkeit ist dieses Fest gefeiert! Auf ein gegebenes Zeichen wurden nicht nur die Gäste, sondern auch die unglücklichen Einwohner der Stadt und Umgebung abgeschlachtet. Es sollen 30000 Menschen damals verräterisch getötet worden sein. Damit war die Rebellion niedergeschlagen, aber auch die Provinz verödet und verarmt. Ganz unabhängig von diesen bekehrten Ureinwohnern ist auf dem Überlandwege der Islam im Nordwesten des Reiches durch Einwanderer verbreitet, welche türkisch-persischen Ursprungs sind, vermischt mit Tataren. Dieselben sind fast ausschließlich in Turkestan und den Provinzen Kangsu und Schensi angesiedelt, während im übrigen Reiche, außer Mnnan, nur zerstreut Mohammedaner Vorkommen. Die Bekenner des Islam waren seit 1525 als vollkommen gleichberechtigt mit den Buddhisten und den Anhängern des Confucius anerkannt und häufig in hohe Ämter berufen. Die verschiedenen Aufstände sind daher nicht als Religionskämpfe anzusehen, sondern ausschließlich als lokale Aufstände politischer Natur. Die türkisch-tatarischen Einwohner von Turkestan — Dung amen — in. Sitte und Tracht von'den Chinesen verschieden, benutzten die schwierige Lage Chinas, um sich selbständig zu machen. 1861 begann der Dunganenanfstand in Kutscha und verbreitete sich schnell in einigen anderen Garnisonsplätzen. Als chinesische Mandarinen auf ihren isolierten Stellungen die Mohammedaner ihrer Garnisonen aus Angst töteten, wurde eine Niedermetzelung aller Chinesen durch die Mohammedaner in Parkand und anderen Plätzen hervorgerufen und der Aufstand beschleunigt. Den Dunganen entstand ein Gegner in Jakub B e g, der 1865 mit seinen Kirgisen im glänzenden Siegeszuge viele Städte eroberte und sich selbst zum Regenten von Kaschgarien erklärte. Die chinesischen Garnisonen wurden geschlagen, und ganz Nordchina zitterte vor ihm. Er sandte Gesandtschaften nach Petersburg und Kalkutta. Während die Dunganen nördlich vom Himmelsgebirge — der Nordgrenze von Turkestan — selbständig blieben, drang Beg gegen Osten bis S nt schon erobernd vor. Obgleich bereits im Januar 1873 dieser Platz von dem Vizekönig Tsotsungtang belagert wurde, konnte er erst im Oktober zurückerobert werden. Zn gleicher Zeit erhoben sich die Sarantschis im Quellgebiete des Jliflusses und belästigten die russische Grenze, so daß Rußland genötigt war, dieses Gebiet militärisch zu besetzen. Über die Rückgabe fanden später diplomatische Verhandlungen statt. Die infolge der geographischen Lage zu überwindenden Schwierigkeiten für die Chinesen waren in diesem Feldzuge sehr bedeutend, und die Umsicht Tsos, auch als Organisator des verwüsteten Landes, verdient volle Anerkennung. Mit 25000 Mann, einigen Geschützen und mongolischer Kavallerie zog 1874 der General Kinshun durch die Wüste Gobi und eroberte im folgenden Jahre einige Dnnganenplätze im äußersten Norden des Reiches. Erst im August 1876 waren die Streitkräfte bei Uruntsi vereint; zweimal zurückgeworfen, wurde nach 24stündigem Bombardement die Festung im Sturm genommen. Wie üblich, wurden alle Feinde, 6000 an der Zahl, getötet. Noch schwieriger war die Eroberung der Festung Manas. Auf beiden Seiten wurde mit verzweifeltem Mute gekämpft. Der wiederholte Ansturm wurde stets blutig abgewiesen, so daß die Belagerer zum Unterminieren der Befestigungen schreiten mußten. Wiederholt wurden die Wälle zersprengt, aber auch jetzt erfolgte stets eine blutige Abweisung beim Vordringen. Nach zweimonatlicher Belagerung bot die ruhmreiche Garnison die Übergabe der Stadt an. Am 6. November verließen 2—3000 tapfere Soldaten, in der Mitte ihre Frauen und Kinder führend, die Stadt; aber auch hier handelten die Chinesen verräterisch. Sie gaben vor, einen Überfall zu befürchten, da die Belagerten ihre Waffen trugen, und säbelten sie erbarmungslos nieder; nur die Frauen und Kinder blieben verschont. Die Dunganen waren besiegt, denn sie hatten aufgehört zu existieren. Die siegreichen Chinesen drangen nunmehr nach Süden gegen Jakub Beg vor, der, nach Korla zurückgetrieben, am 1. Mai 1877 starb. Die Mohammedaner teilten sich in zwei Parteien; Hakim Khan floh nach Rußland, und Kuli Beg behauptete die Herrschaft. Die Chiuesen draugcu langsam, aber siegreich vor, und bald waren alle Städte erobert, bis auf Kasch gar, zu dessen Belagerung erst alle Truppen zusammengezogen werden mußten. Am 26. Dezember 1877 fiel auch diese letzte Rebellenstadt. Kuli Beg floh nach Rußland, und über Turkestan wehte wieder die chinesische Flagge. So waren die Aufstände mit blutiger Faust überall niedergeschlagen, aber die Ursache der Unzufriedenheit, die drückende Mandarinenherrschaft, ist bestehen geblieben. Sobald die Bevölkerung genügend zahlreich angewachsen sein wird, dürfte auch der Aufstand gegen das falsche System von neuem beginnen. Die Westmächte 1860-1895. Eine neue Zeit war angebrochen durch den Verkehr mit dem technisch überlegenen Westen. Einzelne Mandarinen erhoben ihre Stimme zu Gunsten von Reformen, aber meistens war die Degradierung der Betreffenden der einzige Erfolg. Der Kaiser ernennt die Mandarinen, leitet die auswärtige Politik und empfängt den Tribut von den einzelnen Provinzen, aber letztere bilden selbständige Glieder des Reiches, welche bei der hoch entwickelten Landwirtschaft sich selbst ernähren und von einander unabhängig sind. Hierin liegt die Ursache, daß einzelne Provinzen vollkommen vernichtet werden können, ohne daß die Regierungsmaschine des Reiches zusammenstürzt. Die Krankheit einzelner Glieder überwindet der gewaltige Körper. Die Masse ist zu groß, um von selbst zusammenzubrechen. Dieses gewaltige Reich, das den inneren Revolutionen von ungeheurer Allsdehnung erfolgreich Widerstand geleistet hat, kann wohl von Fremden besiegt, aber niemals erobert werden. Eine militärische Besetzung des inneren Reiches ist unmöglich. Eine europäische Machtsphäre kann sich nur so weit erstrecken, als die Kanonen der Kriegsschiffe reichen, das heißt auf die Küstenplätze, welche den Küstenhandel zwischen den Eingangshäfen der natürlichen Verkehrsadern, der schiffbaren Flüsse, vermitteln. Diese Plätze sind leicht zu verteidigen, und die Ernährung der Einwohner kann vom Hinterlande unabhängig geordnet werden. Deshalb war das bisherige Bestreben der seefahrenden Mächte, Handelsstationen an der Küste anzulegen und aus dem Tausch der Wareu Gewinn zu ziehen. Die Verbindung war zunächst eine rein kommerzielle. Erst als bei der Ausführung des Handels vielfache Differenzen entstanden, wurde eine politische Ordnung der Angelegenheiten notwendig. Die europäischen Schiffer ohne eigene juristische Oberhoheit arteten zu Seepiraten aus; aus den Kaufleuten wurden Aberteurer; Schmuggel und Betrug nahmen überhand. Andererseits erschien es ausgeschlossen, daß Europäer sich einem chinesischen Rechtsspruch unterwarfen, welcher die christliche Kultur nicht berücksichtigte und häufig von Grausamkeit und Nationalitätenhaß diktiert wurde. So entstand die Notwendigkeit, auch politische Verträge abzuschließeu, deren Grenzen durch die Handelsinteressen gegeben waren. In diesem Sinne sind die französischen und englischen Verträge von 1858 abgefaßt. Neben der Entschädigung für Kriegskosten wird die Öffnung einer Reihe von Handelsplätzen, sowie die Berufung eigener Konsuln ohne viel Schwierigkeiten von der chinesischen Regierung zugestanden, während die Einrichtung eigener Gesandtschaften in Peking erheblichem Widerstand begegnet. Der unterschriebene Vertrag, die veröffentlichte Proklamation wird bei dem mangelnden Gefühl für internationales Völkerrecht in China stets vergessen sein, wenn die Macht aufgehört hat, die Durchführung zu erzwingen. Die politische Klugheit verlangt daher, nur so viel zu fordern, als im handelspolitischen Interesse unbedingt notwendig ist lind im Notfall mit bewaffneter Faust durchgesetzt werden kann. 1862 ging Graf Eulenburg, als Gesandter Preußens, nach Peking, um für die deutschen Zollvereinsstaaten ebenfalls einen Handelsvertrag abzuschließen. In seiner Begleitung befand sich auch der Geograph Freiherr von Nicht Hofen, der in den folgenden zwölf Jahren ganz China durchkreuzte, um Material für seine umfassende Darstellung Chinas im wissenschaftlichen Sinne zusammenzutragen. Dieses deutsche Werk ist heute noch nicht von einer anderen Nation erreicht. Mancherlei Widerstände mußten von Eulenburg überwundenwerden, selbst solche der englischen und französischen Gesandten, welche befürchteten, daß durch eine Pression der aufgeklärte PrinzKung an Ansehen verlieren und die sremdenfeindlichen Parteien wieder zur Herrschaft gelangen Graf Lulenburg. könnten. Graf Eulenburg begann im Mai mit den chinesischen Kommissaren in Tientsin die Verhandlungen, nachdem deren Vollmachten als genügend befunden worden waren. Die Kommissare erklärten sich bereit, einen Handelsvertrag abzuschließen, lehnten aber einen politischen Vertrag ab. An Stelle eines Gesandten in Peking sollten ein Generalkonsul in Schanghai und Konsuln in den anderen Häfen ernannt werden; diese sollten Beamte und nicht Kaufleute sein, insofern andere Funktionen als rein kaufmännische zur Ausführung gelangen; auch sollte der chinesische und nicht der deutsche Text als maßgebend gelten. Diesen Forderungen gegenüber bestand Gras Eulenburg energisch ans Errichtung einer Gesandtschaft. Als die Verhandlungen nicht vorwärts kamen, entschloß er sich, auf eigene Faust, ohne Erlaubnis der Behörden, nach Peking zu reisen. Ter Attache von Brand — unser späterer erfolgreiche Gesandte in Peking — reiste voraus, um eine würdige Unterkunft des Gesandten zu sichern. Der kaiserliche Hof war empört über dieses Vorgehen, und Prinz Kung sandte am 23. Juni eine Note nach Tientsin, in welcher jede weitere Verhandlung abgelehnt und die Entfernung der in Peking eingedrungenen Beamten verlangt wurde. Um keine ernsten Konflikte herbeizuführen, wurde dem Wunsche nachgegeben. Die Verhandlungen wurden in Tientsin wieder angeknüpft, und eine Einigung auf der Grundlage des englischen Vertrages erreicht, nur gestand Preußen zu, von dem Rechte der Errichtung einer Gesandtschaft erst in fünf Jahren Gebrauch zu machen. Ein französischer Text sollte bei Differenzen maßgebend sein. Am 12. August wurde der so fertiggestellte Vertrag nach Peking gesandt. Da starb am 21. August der Kaiser Tienfnn, aber zwei Tage vorher hatte er den preußischen Vertrag urkundlich genehmigt. Am 2. September Freiherr, v. Richthofen. 1861 wurden die Urkunden in feierlicher Versammlung ausgetanscht. Dieser Vertrag ging später auf den "Norddeutschen Bund" und dann auf das Deutsche Reich über, welches am 31. März 1880 eine Zusatz-Konvention in Peking vereinbarte. In den folgenden Jahren wurden ähnliche Verträge zuerst mit Spanien, Portugal, Belgien und dann mit Dänemark, Holland, Italien und Österreich abgeschlossen. Somit wurde ein regelmäßiger handelspolitischer und diplomatischer Verkehr mit fast allen Seemächten angebahnt, ein Erfolg, dessen Kosten England und Frankreich allein getragen hatten. Der Nachfolger des verstorbenen Kaisers war sein erst sechsjähriger Sohn Tungtschin, dessen noch heute regierende Mutter Tsuhsi als Mitregentin neben der Witwe des Kaisers eingesetzt war. Der noch von dem verstorbenen Kaiser ernannte Regentschastsrat bestand im wesentlichen aus reaktionären Mandarinen, so daß Prinz Knng, durchdrungen von der Notwendigkeit der Einhaltung der Verträge und der Einführung einzelner Neuerungen, sich mit den Kaiserinnen verband, die Regentschaft stürzte und eine ihm ergebene Regierung einsetzte. Unter dieser Leitung wurden die angebahnten Beziehungen mit dem Auslande weiter verfolgt und in einem damals als fortschrittlich geltenden Geiste durchgeführt. Die Kaiserin-Mutter Tsuhsi war beim Antritt der Regentschaft 27 Jahre alt. Sie verstand es, zuerst in Gemeinschaft mit der Kaiserin-Witwe, später allein, sich den größten Einfluß auf die Regierung zu sichern. Ohne Frage ist sie eine bedeutende Persönlichkeit, und es läßt sich die Anschauung vertreten, daß bei dem völligen Mangel an führenden Männern innerhalb des kaiserlichen Hauses die Energie dieser Frau China zunächst Ruhe und Kräftigung verschafft hat. Als ihr Sohn 1875 ohne Leibeserbeu starb, war sie es, welche kurz entschlossen, mit Unterstützung von Li-HungTschang, im Gegensatz zur traditionellen Erbfolge, ihren Neffen, ein Kind von 4 Jahren, den jetzt regierenden Kwangsü, auf den Thron setzte. Während der Minderjährigkeit blieb sie die alleinige Regentin des Reiches und übergab erst 1889 dem jungen Kaiser die Leitung der Staatsangelegenheiten, ohne ihren Einfluß ganz aufzugeben. Das Verhältnis blieb ein sehr intimes und Kwangsü vergötterte in zärtlicher Liebe seine Tante. Die Kaiserin liebt den Luxus und verschwendet — trotz des finanziellen Ruins des Staates und vielfacher Warnungsschriften von patriotischen Beamten ’— fortgesetzt große Summen für den Bau ihrer Paläste und für Feste mit großer Prachtentfaltung. Ihr sechzigjähriger Geburtstag wurde als Nationalfest in ganz besonderer Weise 1895 gefeiert. Wenn , auch mancher Erlaß der letzten Jahrzehnte uns Europäern zopfig und reaktionär erscheint, so muß bei der Beurteilung Rücksicht auf die historische Überlieferung und Religion, auf die bestehende Verwaltung und die Gegenströmungen genommen werden. Jedes Überhasten kann mehr schaden als nützen, und erfolgreiche Reformen können nur langsam und allmählich durchgcführt werden. Daß aber die Kaiserin fremdenfreundlich und neuen Gedanken zugänglich ist oder wenigstens war, beweist der freiwillige, sehr liebenswürdige Empfang der Damen des Botschafters am Hofe, eine Maßregel, welche aller Überlieferung und der Stellung der chinesischen Frauen im eigenen Lande widerspricht, und beweist vor allem die Erziehung des jungen Kaisers. Die in Europa gehegten Erwartungen, daß in China sich europäische Bedürfnisse entwickeln würden, bestätigten sich nicht. Der Handel blieb an der Küste auf gewisse Artikel in althergebrachter Weise beschränkt. Um den Verkehr mit den europäischen Mächten zu erleichtern, wurde am 19. Januar 1861 der Tsungli Pamen, eine Art auswärtiges Amt, gegründet, an dessen Spitze Prinz Kung trat und bis 1884 der maßgebende Leiter blieb. 10 Mitglieder gehörten dem Rate an, aber nur einer von ihnen, Tschangyinschian, hatte Chinas Grenzen überschritten. Um die Gleichberechtigung der Westmächte äußerlich zu bekunden, wurde durchgesetzt, daß die Schreiben der Gesandten in einer Audienz dem Kaiser persönlich überreicht wurden. Dieses Zugeständnis blieb aber eine leere Form, da irgend ein persönlicher Verkehr mit dem Monarchen niemals zu stände kam. Der Kaiser saß auf seinem Thron, während die Schreiben verlesen und dann durch Beamte überreicht wurden. Des Kaisers Antwort beschränkte sich stets auf wenige Höflichkeitsphrasen. Die erste Audienz fand 1873 statt, aber erst seit 1891 wurden jährliche Neujahrsempfänge vom jungen Kaiser angcordnet. Unter den Staatsmännern treten der Vizekönig Tschangtschutung in Nanking und Li-Hnng-Tschang hervor. Beide vertraten entgegengesetzte Richtungen und waren infolgedessen Todfeinde. Tschang, ein hervorragender Litterat, war wildester Fremdenhasser, erkannte aber die Erfolge europäischer Technik insofern an, daß er China mit den Waffen moderner Zivilisation ausgerüstet sehen wollte, um die europäische Zivilisation zu bekämpfen. Mit dem Aufwande bedeutender Mittel erbaute er ausgedehnte Fabriken zur Herstellung von Stahlschicnen und Eisenbahnmaterial, um eine Eisenbahn zwischen Peking und Hankan ohne fremde Hilfe selbst fertigznstellen. Das Riesenunternehmen schlug vollkommen fehl, und alles Geld, sogar das eigene Vermögen des Vizekönigs, wurde verloren. Er war ein unpraktischer Fanatiker, aber sein persönlicher Charakter ist niemals angezweifelt worden. Die Kaiserin-Witwe Tsuhsi von Thina. Nach dem Vriginalgemälde eines chinesischen Aünstlers im Besitze der China-Inlcmd-lNission. Sein Gegner Li-Hung-Tschang hat einige oberflächliche Kenntnisse der abendländischen Denkweise erlangt, ohne den tiefen Geist der westlichen Kultur erfaßt zu haben. Mit berechnendem Verstände und großer Schlauheit begabt, scheut er vor keinem Mittel zurück und weiß seinen eigenen Vorteil stets zu wahren. Er gilt als einer der reichsten Leute Chinas, aber ihm wird zugleich nachgesagt, daß Bestechungen in seiner Umgebung durchaus üblich sind. Er ist der Erbauer der ersten und lange Zeit einzigen Eisenbahn in China, von Tientsin nach Schanhaikwan und bis vor die Thore von Peking. Er kaufte Schiffe und europäische Kanonen, baute Befestigungen und armierte dieselben; er steckte Chinesen in bunte Uniformen und glaubte, dadurch den Europäern gegenüber gerüstet zu sein. Es fehlte aber jede Disziplin und vor allem jede Leitung. Prinz Kung, Präs, des Tsungli Namen \86\l84; Große Summen wurden von einzelnen Provinzen auf die Bildung einer Kriegsflotte nach europäischem Muster verwandt. 1877 bestand sie aus 12 Schlachtschiffen und 38 Kanonenbooten. Aber da die Kosten von den einzelnen Vizekönigen anfzubringen waren, so unterstanden sie auch, in verschiedene Geschwader geteilt, denselben, und ein einheitliches Operieren war völlig ausgeschlossen. Die chinesische Armee soll im ganzen im Frieden 300000 Mann stark sein. Unter dem Befehl von LiHung-Tschang in Chili standen 50000 auserlesene Kerntruppcn, mit europäischen Waffen und Munitionen ausgerüstet und meist von deutschen Offizieren und Unteroffizieren ausgebildet, während die Truppen in andern Gebieten des Reiches im alten Schlendrian blieben. Die einzige umgestaltende Einrichtung nach europäischem Muster bildet die Seezollverwaltung, welche 1860 begründet, seit 1863 unter der glänzenden Leitung von Sir Robert Hart, als Generalinspektor, steht. Durch diese Einrichtung ist die einzige sichere Staatseinnahme geschaffen, welche als Unterlage für einen Kredit dienen kann. Europäer aller Nationalitäten werden angestellt und gut bezahlt, so daß — im bewußten Gegensatz zur Mandarinenwirtschaft — Veruntreuungen ausgeschlossen sind. Als die Seezölle allein zur Deckung der Anleihen nicht mehr ausreichten, sind auch einzelne Jnnenzölle der europäischen Verwaltung unterstellt worden, ohne daß den Mandarinen für den Ausfall die versprochene Entschädigung gewährt wurde. Es ist nicht zu bezweifeln, daß dieser pekuniäre Verlust den Haß gegen die Fremdenverwaltung bei den Mandarinen geschürt hat. Die europäischen Gesandten ließen sich in Peking nieder, während chinesische Gesandtschaften auch in Europa errichtet wurden. Jetzt werden solche in Berlin, Paris, London, St. Petersburg, Madrid, Washington, Birma und Japan unterhalten. Unter den chinesischen Gesandten hatte besonders Marquis Tseng in London viele Erfolge aufzuweisen. Sein Einfluß in China war einzig, als er aus Europa znrückkehrte und für die Einsetzung einer Marine und andere Neuerungen wirkte. Ein früher Tod hat China dieses Mannes beraubt, der berufen schien, als Reformator seines Vaterlandes zu wirken. Missionare zogen immer zahlreicher nach China und hatten wiederholt unter dem Fremdenhaß zu leiden. Die Westmächte unterließen es in jedem einzelnen Falle, energisch vorzugehen, und hierdurch wurden die Chinesen ermutigt, so daß fast jedes Jahr sich Belästigungen wiederholten. Stets versprach die Regierung eingehende Untersuchung, und nach Monaten oder selbst Jahren wurden auch meist einige Kulis oder Unterbeamten bestraft, aber die wirklich Verantwortlichen wurden niemals zur Rechenschaft gezogen. Als am 29. Juni 1870 Priester und Nonnen von der französischen Mission in Tientsin niedergemetzelt waren, ist eine entsprechende Sühne nur dadurch verhindert worden, daß die Nachricht erst am 17. Juli in Paris eintraf, kurz nachdem die Kriegserklärung gegen Preußen erfolgt war. Den Diplomaten gelang cs wiederholt , Streitigkeiten mit dem Auslande ans friedlichem Wege beizulegen. Als Japaner in Formosa beraubt waren und keine Entschädigung erlangen konnten, rüstete die Regierung des Mikado, um sich selbst Genugthuung zu verschaffen. Da gelang es den Bemühungen des englischen Gesandten zu Peking, im November 1874 einen ausgleichenden Vertrag zu stände zu bringen. Auch mit England entstanden Differenzen. Li-Hung-Tschang und der jetzt regierende Kwangsü, als vierjähriges Aind zum Kaiser erwählt. Der Ingenieur Margary, das Mitglied einer .Handelsexpedition, war in Aünnan an der Birmagrenze getötet worden. Nachdem eine englisch-chinesische Kommission am Orte der Thal eine genaue Untersuchung vorgenommen hatte, erließ die kaiserliche Regierung eine Erklärung, in welcher die Ermordung aufs lebhafteste bedauert wurde. Zugleich wurde in der Chifu-Konventiou vom September 1876 ausdrücklich vereinbart, daß es den Fremden gestattet sei, unter dem Schutze der Regierung das Innere des Landes zu bereisen, tlnd daß weitere Handelsplätze dem Verkehr zu öffnen seien. Auch wurde ein Dekret veröffentlicht, welches das Wort "Barbar" zur Bezeichnung der fremden Nationen verbot. Im gleichen Jahre hatte auch das Deutsche Reich auf diplomatischem Wege einen Erfolg zn verzeichnen. Seeräuber hatten an der chinesischen Küste den deutschen Schoner "Anna" angegriffen, und Deutschland verlangte Ordnung gegenüber dem Seeund Strandräuberwesen. Deutschland hatte sich der Unterstützung von England, Rußland und Nordamerika versichert, so daß 36 Schisse der vereinten Mächte die Forderung unterstützten. Diese Flottendemonstration erreichte, daß China die verlangte Genugthuung gewährte und zugleich eine allgemein gü tige Strandordnung erließ, welche bis auf den heutigen Tag gute Dienste geleistet hat. Die freundschaftlichen Beziehungen mit dem Deutschen Reiche fanden ihren formellen Ausdruck in einen: telegraphischen Glückwunsch des damals 14jährigen Kaisers Kwangsü zur Silberhochzeit des Kronprinzen Friedrich. Mit Amerika entstanden 1882 Differenzen bezüglich der Kulifrage. Bei der starken Übervölkerung und den geringen Lebensbedürfnissen der Chinesen war eine starke Auswanderung nach Amerika erfolgt, ohne welche der Bau der Eisenbahnen in ihrer ungeheuren Ausdehnung kaum denkbar gewesen wäre. Andererseits aber drängten sich die Chinesen auch in andere Arbeitsgebiete hinein und machten der weißen Rasse eine schädliche Konkurrenz. Eine Vermischung der Rassen fand nicht statt. Der Chinese blieb Chinese und trug seine Ersparnisse wieder in die Heimat zurück. Als immer neue Mcnschenmassen eingeführt wurden, meist auf Grund von Kontrakten, welche die Arbeiter zu Sklaven stempelten, da beschlossen die Parlamente der Vereinigten Staaten, znm Schutz der weißen Rasse die Einwanderung zu verbieten, währendChina alsGegcnmaßrcgel mit der Ausweisung aller nordamerikanischen Bürger drohte. Amerika war damals noch zu sehr mit der Entwickelung seiner eigenen Kräfte beschäftigt, um einen Krieg mit China herbeiführen zu wollen, so daß sich der Präsident der Vereinigten Staaten entschloß, vorläufig von der Vollziehung des Gesetzes abzustehen und China einen momentanen diplomatischen Erfolg einzuräumen. Frankreich begann, die Politik Ludwigs XIV. wieder aufzunehmen und die Schaffung eines großen hinterindischen Reiches zu verwirklichen. 1864 wurde Saigon erobert und die Herrschaft allmählich ausgedehnt. Nachdem das Protektorat über Canibodja erlangt war, wurde ein solches auch über' Annam beansprucht, welches unter chinesischer Oberlehnshoheit stand. Die diplomatischen Verhandlungen scheiterten, und so ging Frankreich energisch vor und bemächtigte sich des Flußdeltas in Tonkin unter Zurücktreibung der dort hausenden chinesischen Truppen. Annam erkannte die französische Hoheit an und die Chinesen fühlten sich nicht stark genug, um dem Vordringen entgegenzutreten. 1884 wurde zwischen Li-Hung-Tschang und dem französischen Gesandten Fournier in Tientsin ein Vertrag abgeschlossen, demzufolge Tonkin an Frankreich abgetreten wurde, und die Zurückziehung der Truppen versprochen wurde. Als die Franzosen bei der Besitzergreifung nach dem Norden marschierten, wurde eine Abteilung oberhalb von Baclß in einem Hohlwege hinterlistig überfallen. Frankreich war empört, klagte über Vertragsverletzung und verlangte eine hohe Geldentschädigung. Als diese abgelehnt wurde, ging es sofort zuRepressalien über. Das Arsenal zu Futschou — von Franzosen erbaut, so daß die Pläne desselben bekannt waren, — wurde zerstört und in Formosa eingedrungen. Zahlreiche kleinere Gefechte fanden im Osten und Westen der Nordgrenze Tonkins statt, welche zum  Teil zu Gunsten der Chinesen ausfielen. Als bei Langson die Franzosen im März 1885 geschlagen wurden und neue Heere ans Aünnan angriffsweise vordrangen, erschien das Endergebnis durchaus zweifelhaft. Da kam der englische Einfluß, in Erinnerung an die alte Waffengemeinschaft, zur Hilfe, und am 9. Juni wurde ein Frieden vereinbart, in dem die Oberhoheit von Annam und die Einverleibung von Tonkin den Franzosen definitiv zugestandcn wurde, während Formosa geräumt werden mußte. Die politischen Grenzen von Annam standen nicht fest, und Frankreich wünschte dieselben bis zum Mekongfluß ausgedehnt zu haben. Am mittleren und oberen Mekong tvohnte eine Anzahl halb unabhängigewStämme, welche teils Siam oder Annam, theils China oder Birma Tribut gezahlt hatten. Nach vielfachen diplomatischen Verhandlungen mit Siam, welches sich immer weiter nach Osten ausdehnte, und mit England, welches 1885 Birma annektiert hatte, erreichte schließlich Frankreich 1894 sein Ziel. Bei der Regulierung der englisch-chinesischen Grenze bei Birma war der Schanstaat Kianghung an China abgetreten unter der Bedingung, daß keinem andern Staate dieses Gebiet überlassen werden dürfte. Ein Jahrspäter erzwang trotzdem der französische Gesandte, unter dem Protest Englands, die Abtretung. Zum Ausgleich dieses Streites wurde am 15. Januar 1896 zwischen England und Frankreich ein Vertrag unterzeichnet, welcher endgültig zu Gunsten Frankreichs die Grenze festsetzte. In dem Vertrage mit China waren auch Gerechtsame zur Ausbeutung der Minen in den südlichen Provinzen den Franzosen zugestandcn, und diese Rechte gingen nunmehr zur Mitbenutzung auf England über. Der Verkehr mit Rußland ist insofern von ganz besonderer Bedeutung, als, neben der Erschließung von auch die Öffnung des Reiches vom Lande, an der Grenze Rußlands, den ganzen Norden Chinas entlang, begonnen wurde. War bisher England zur See führend gewesen, so gewann in dieser neuen Entwicklung Rußland den maßgebenden Einfluß in Peking. Die Eroberung des ausständigen Jligcbietes mit der Hauptstadt Kuldscha im fernen Nordwesten ist schon früher erwähnt worden. Damals versprach Rußland die Rückgabe des Gebietes, sobald die Ruhe wieder hergestellt sei. Nachdem 1877 der Mohammedaner-Aufstand niedergeworfen war, erinnerte China an das Versprechen, und Rußland erklärte sich auch zur Rückgabe bereit, verlangte aber Entschädigung seiner Auslagen und Garantien für zukünftige Ruhe. Trotzdem schloß der chinesische Gesandte in Petersburg im September 1879 einen Vertrag ab, in dem gegen 5 Millionen Rubel ein Teil des sollte. Dieser Vertrag wurde in Peking nicht nur nicht anerkannt, sondern der Gesandte wurde zurückgerufen und wegen Aufgabe vonKronrechteu zum Tode verurteilt, aber später begnadigt. Rußland rüstete sofort zum Kriege, so daß China ebenfalls gezwungen wurde, Truppen an die Grenze zu senden. Da gelang es dem chinesischenGesaudtenMarquis Tseng, im Februar 1881 einen Ausgleich herbeizuführen, demzufolge Rußland das eroberte Gebiet gegen Geldentschädiguug zurückgab, aber China, außer früheren Zugestäuduisseu, weitere Plätze dem russischen Handel öffnete. Da diese Plätze meist durch Wüsten vom eigentlichen China entfernt sind, so dürfte der russische Einfluß in denselben allmählich der mächtigere werden. Eine weitere Stärkung bedeutet auch die 1893 erfolgte Abtretung vom chinesischen Pamirgebict. Eine andere Einflußsphäre sicherte sich Rußland an der See, indem es am 14. November 1860 die vollständige Abtretung des Amurgcbietes durchsetzte, so daß die sibirische Eisenbahn wenigstens bis Wladiwostok geplant werden konnte; aber noch fehlte ein eisfreier Hafen, und der Weg mußte in großem Bogen die Mandschurei umgehen. Obgleich in dem Vertrag von 1860 die Bestimmung enthalten war, daß den Fremden gestattet sein sollte, Handel und Industrie zu treiben, so hatte, trotz allen Drängens der Vcrtragsmüchte, China es bisher verstanden, sich der Ausübung von Industrien zu widersetzen. 1863 wurde sogar die Einfuhr von Maschinen für Fremde überhaupt untersagt. Eine Änderung der Verhältnisse war auf gütlichem Wege nicht zu erreichen, und einem Kriege gingen alle Westmächte aus dem Wege, bis Japan energisch zugriff und eine neue Phase in der Entwicklung der chinesischen Verhältnisse bewirkte. Der japanisch-chinesische Krieg. Der Verkehr mit jden westlichen Seemächten war.vorwiegend auf den kommerziellen Küstenverkehr beschränkt, und England hatte durch seine mächtige Flotte sich den Hauptanteil am Handel gesichert, so daß sein Einfluß auch in Peking führend war. Inzwischen verfolgten Frankreich und Rußland ihr Ziel, Chinas Grenzen von Süden und Norden zu umspannen, Frankreich suchte für sein indochinesisches Reich die wirtschaftliche Abhängigkeit Südchinas, während Rußland, mit dem Bau der sibirischen Eisenbahn beschäftigt, seine Interessensphäre iiu Norden erweiterte. Einen neuen Faktor in der ostasiatischen Politik bildete Japan, welches nach Niederschlagung der inneren Revolution einen, von der ganzen Welt bewunderten Entwickeluugsprozeß durchgemacht hatte. Diese junge, strebsame Nation hatte das Bedürfnis, vor aller Welt die Beweise ihrer Entwickelung zu zeigen. Unterstützt wurde dieses Streben durch die zahlreichen Feudalherren der früheren Zeit mit ihren bewaffneten Lehnsleuten, welche als geborene Soldaten jetzt das. Ma terial für das nach europäischem Muster ausgebildete Nationalheer bildeten. Schon am Ende des 16. Jahrhunderts hatten japanische Heere den südlichen Teil von Korea erobert, aber später wieder geräumt. Jetzt wurde die alte Sehnsucht, die Grenzen Japans nach Westen zu erweitern, wieder lebendig. In Korea, jener vorgestreckten Halbinsel, welche den natürlichen Mittelpunkt zwischen den Ostgrenzen des russischen Reiches, China und Japan bildet, war der König zwar in der inneren Verwaltung vollkommen selbständig, aber einer gewissen chinesischen Oberhoheit von altersher unterworfen. Li-HungTschang, der Vizegouverneur von Tschili, war als solcher zugleich der Vermittler zwischen Peking und dem koreanischen Hofe. Trotz vereinzelter Reisen von Kaufleutcn, Missionaren und Forschern war eine wirkliche Ausschließung des Landes noch nicht begonnen. Nach vielfachen vergeblichen Versuchen, die früheren Beziehungen zu Korea aufzunehmeu, wurde 1876 ein Handelsund Schiffahrtsvertrag abgeschlossen, in dein Japan die Unabhängigkeit Koreas anerkannte, um zugleich die Abhängigkeit von China in Frage zu stellen. China wiederum veranlaßte Korea zu Abschlüssen mit den Westmächten, um ein Anwachsen der japanischen Macht zu verhindern. So wurden 1882 mit den Vereinigten Staaten, England und dem Deutschen Reiche, mit Frankreich, Italien und den übrigen seefahrenden Mächten Verträge zu Staude gebracht. Auch mit China selbst wurde, ohne Aufhebung der bisher bestehenden Beziehungen, ein Handelsvertrag abgeschlossen. Als im Anfang der achtziger Jahre wiederholt Unrnhen in Söul, der Hauptstadt, ausbracheu, richteten sich dieselben auch gegen die dort weilenden Japaner. Zu Streitigkeiten der Mächte kam es damals nicht, da es Li-Hung-Tschang gelang, mit den: japanischen Gesandten Jto im April 1885 ein Abkommen zu treffen, demzufolge sich beide Mächte verpflichteten, ihre Truppen zurückzuziehen, und im Fall ein Staat gezwungen werden sollte, aus irgend welcher Veranlassung Truppen nach Korea zu senden, dem andern Staate davon Kenntnis gegeben werden sollte. Auf jeden Fall sollten dieTruppen stets zurückbeordert werden, sobald die Veranlassung zur Absendung erledigt wäre. Als 1894 ein Aufstand der Tonghaks ausgebrochen war, erbat die koreanische Regierung chinesische Hilfe. Tie militärische Überlegenheit Chinas über Japan wurde damals von England nicht angezweifelt, während Japan und Rußland offenbar viel besser informiert waren. Die Kerntruppen von Li-Hung-Tschang waren zwar mit den modernsten Waffen ausgerüstet, und die in England und Deutschland gebaute Flotte hatte in Manövern sich glänzend bewährt, aber cs fehlte noch die Probe, ob die Soldaten im Feuer bestehen würden und die Heerführer die Fähigkeit einer organisierten Leitung besäßen. So entschloß sich Li-Hung-Tschang, unter englischem Einfluß, Truppen nach Korea zu schicken, und benachrichtigte zugleich, gemäß dem Vertrage, Japan von dieser Absendung. Es folgten diplomatische Verhandlungen, die nur zum Scheine geführt sein dürften, denn bereits am 5. Juni wurde ein größerer Soldatentransport von Japan ausgerüstet, unter der begeisterten Zustimmung des japanischen Volkes. Es wurde kein Hehl daraus gemacht, daß man durch das Vorgehen in Korea sich die japanischen bedeutend überlegen, während letztere nach englischem Vorbilde über eine größere Zahl schneller und vorzüglich armierter kleinerer Fahrzeuge verfügte. Ein Angriff der chinesischen Küste erschien durch die fast unangreifbaren Kricgshäfen Weihaiwei und Port Arthur sehr gewagt. Letzteres besaß auch Docks und Marinearsenale, während die japanischen Kriegsschiffe zur Ausbesserung das Meer durchkreuzen mußten. Trotz der Untergang eines chinesischen Kriegsschiffes, während der Schlacht von einem japanischen Offizier photographisch ausgenommen. Vorherrschaft in Ostasien zugleich auch gegenüber dem russischen und französischen Vordringen sichern wollte. Am 8. Juni waren die ersten 500 Chinesen bei Asan gelandet und diese Truppe unter General De bis Ende des Monats auf etwa 3000 Mann erhöht, während bereits 8000 Japaner in Söul und Chemulpo unter General Oshima, als Befehlshaber des ersten Armeekorps, vereinigt waren. In China wurden die kriegerischen Vorbereitungen nur langsam gefördert. Der Vormarsch erfolgte teils über Land mit 7000 Mann auf Pjöngjang, teils auf dem Wasserwege mit 11000 Mann. Bei der Durchführung dieser Transporte wurde der englische Dampfer Kowsching mit 1200 Chinesen an Bord von japanischen Kreuzern angegriffen und am 25. Juli in den Grund gebohrt, da der englische Kapitän durch die chinesischen Truppen an der Übergabe gehindert wurde. Nur wenige Menschen retteten sich schwimmend ans Ufer, unter ihnen der in chinesischen Diensten stehende preußische Leutnant a. D. von Hann ecke. Kurz darauf wurde auch eine chinesische Korvette gekapert, während ein zweites chinesisches Fahrzeug entkam. Die chinesische Flotte war an Schlachtschiffen der maritimen Überlegenheit unterließen es die Chinesen, irgendwie offensiv vorzugehen. Auf dem Lande waren inzwischen die ersten entscheidenden Schritte gethan. Am 23. Juli hatten die Japaner sich des Königspalastes in Söul bemächtigt und eine neue Regierung aus ihren Anhängern eingesetzt. Wenige Tage darauf vertrieb der japanische General Oshima eine chinesische Abteilung bei Söngtwan in der Nähe von Asan, und General Pe konzentrierte, unter Umgehung von Söul, seine gesamten Truppen im Norden von Korea bei Pjöngjang. Erst am 1. August erfolgte eine offizielle Kriegserklärung von beiden Seiten. Japan, offenbar in Furcht vor einer Intervention der Westmächte, legte darauf Wert, im schnellsten Tempo vorzugehen und Thatsachen zu schaffen, während China sein altes Spiel der diplomatischen .Verhandlungen wieder begann, um Zeit zu gewinnen. Ende August war die dritte japanische Division mit 14000 Mann und 26 Geschützen in Korea versammelt und rückte dem fast gleich starken chinesischen Heere bei Pjöngjang entgegen. Am 1.5. September in der frühesten Morgenstunde wurde der Feind, von der Feier des Erntefestes noch ermüdet, überrascht und von drei Seiten zugleich angegriffen. Die vorgeschobenen Forts wurden gestürmt und die Stadt freiwillig von den Chinesen geräumt. Hier fiel auch der General Tsotsungtang, der seit 30 Jahren stets siegreich vorgegangen war. Der Rückzug, teils in völliger Auflösung, teils in direkter Meuterei gegen die Führer, war allgemein und kam erst hinter der chinesischen Grenze am Daluflusse zum Stehen. Zwar wurde ans kaiserlichen Befehl der chinesische General Wei wegen Feigheit nachträglich hingerichtet, aber das verhinderte nicht, daß Japan der thatsächliche Herr von Korea war. In der Zwischenzeit war die chinesische Flotte vollkommen unthätig gewesen. Als endlich der Befehl kam, eine Anzahl Truppen zur Unterstützung an der Dalumündung zu landen, kam bereits die Nachricht, daß Pjöngjang gefallen war. Trotzdem wurde die Ausschiffung der Soldaten unter dem Schutze der versammelten chinesischen Nordflotte ausgeführt. Jetzt ging auch die japanische Flotte angriffswcise vor, und die vereinten zwölf Schiffe suchten das chinesische Nordgeschwader. Am 17. September wurde der Feind an der Mündung des Paluflusses angetroffen und das Feuer sofort eröffnet. Sieben Stunden dauerte der Kampf. Fünf Schiffe der chinesischen Flotte waren verloren, und die übrigen mußten den Rückzug nach dem Hafen Port Arthur antreten. Aber auch die japanische Flotte war stark in Mitleidenschaft gezogen, so daß sie von einer Verfolgung absehen mußte. Es wird berichtet, daß ihr Schaden noch größer gewesen wäre, wenn nicht viele chinesische Granaten statt Pulver — Cementfüllung gehabt hätten. Tie Chinesen ließen auch jetzt wieder den Gegnern Zeit, die notwendigen Ausbesserungen vorzunehmen und beschränkten sich auf die Verteidigung. In Korea ivaren inzwischen weitere japanische Truppen gelandet, aber nur in auffallend langsamem Tempo wurde die Verfolgung des Feindes ausgenommen; erst am 25. Oktober fand nach einem kurzen Gefecht der Übergang über den Palufluß statt. Ein zweites japanisches Armeekorps war inzwischen unter dem MarschallOyama gebildet und in Ermangelung eines besseren Hafens in Pitzewe an der Ostküste der Liaudung-Halbinsel gelandet. Am 6. November wurde Kinschan nach kurzem Kampfe genommen, und am nächsten Tage konnten, ohne Widerstand zu finden, die Forts von Talienwan besetzt werden, Ivo man nicht weniger als 129 Feldgeschütze, darunter 80, teils Kruppsche schwere Kanonen, zahlreiche Munition, Pferde und vielen anfgespeicherten Reis vorfand. Die auf den Bergen angelegten Forts beherrschten vollkommen den mächtigen Hafen mit seinem vorzüglichen Dock, ausreichend zur Ausbesserung der größten Kriegsschiffe. Die Sieger fanden auch einen Plan der gelegten Minen und Torpedos, so daß deren Beseitigung keine Schwierigkeiten bereitete. Als die japanische Flotte zur Unterstützung der Landarmee herankam, wehte bereits die Flagge der Eroberer über allen Befestigungen. Noch in demselben Monat wurde mit geringem Widerstande Port Arthur erobert, wo ebenfalls 42 Kruppgeschütze, 13 Schnellfeuerkanonen und 50 andere Geschütze vorgefunden wurden. Somit war an einem Tage eine Festung genommen, die mit dem besten Verteidigungsmaterial der Welt ausgerüstet, als uneinnehmbar in den Händen von europäischen Soldaten nach dem Urteil aller Sachverständigen galt. An der Stadtmauer des Ortes waren die Köpfe Hingerichteter Japaner aufgehängt, und hierdurch zur Rache entbrannt, ließen sich die Japaner vcrleiten, auch ihrerseits Grausamkeiten auszuführen und die Stadt mehrere Tage zu plündern, ein Vorgehen, welches der japanischen Übung durchaus nicht entsprach, wohl aber die überlieferte Form der Kriegsführung bei den Chinesen bildete. Die Vernichtung des chinesischen Absatzmarktes war der englischen Regierung ebenso unangenehm, wie eine Vorherrschaft Japans in den Angriff auf das hyönmu-Thor asiatischen Gewäs'» Pjöngjang, fern. Infolgedessen ei,,cr wurde englischerseits tut Oktober ein Vermittelnngsv er such eingeleitct, der aber in Tokio abgelchnt wurde. Es folgte dann ein Versuch der Vereinigten Staaten, welcher aber ebenso wenig Erfolg hatte, wie die Absendung des Zollkoinmissars Detring, eines hervorragenden Deutschen in chinesischen Diensten, da dieser wegen mangelnder Vollmacht gar nicht empfangen wurde. Die Vereinigten Staaten hatten wenigstens so viel erlangt, daß ein ausreichend bevollmächtigter Spezialgesandter Chinas empfangen werde,t sollte. Infolgedessen begab sich Changyinghuan mit zahlreicher Begleitung, unter ihnen als Berater der frühere amerikanische Staatssekretär Förster, nach Hiroschima, aber auch dieser wurde als Gesandter nicht anerkannt, da die Vollmachten wiederum nicht genügend waren. Jedenfalls hatte Japan recht, wenn es unter Hinweis auf die zahlreichen Fälle chinesischer Vertragsdeutungen auf Erfüllung der strengsten Formalität bestand. Inzwischen gingen die Japaner unaufhörlich weiter, und das stürmische Jung-Japan verlangte die Friedens bedingungen in Peking zu diktieren, während die verantwortlichen Leiter nur bedächtig operierten und Verwicklungen mit den Westmächten vermieden. Die Landarmee hatte von der Kälte stark zu leiden und rückte nur sehr langsam vorwärts. Nach vielfachen, stets siegreichen Gefechten waren die. Feinde auf die Linie von Mukden zurückgegangen, während die Japaner nach und nach das Zwischenland bis zur Mündung des Liauflusses besetzten. Der neu ernannte General Snng versuchte zwar wieder offensiv vorzugehen und leistete wiederholt tapferen Widerstand, aber' das Endresultat war stets ein Sieg der Japaner. Am 4. März wurde Niutschuang nach erbittertem Straßenkampfe genommen und bald darauf bei Tienschuangtai das chinesische Heer vollkommen geschlagen. Die Japaner lagerten bereits am jenseitigen Ufer des Liauflusses, als der Waffenstillstand vom 30. März ein weiteres Vordringen verhinderte. Die Flotte war während dieser Zeit ebenfalls nicht unthätig. Am 30. Januar wurde der Angriff auf Weihaiwei begonnen, und 14 Tage später waren alle Forts, die von der See aus wegen der starken Armierung als uneinnehmbar galten, vom Lande aus besetzt. Zuerst wurden von der Ostspitze von Schantnng aus die 3 Süd forts mit 12 schweren Kanonen erobert, die in bestem Zustande vorgcfunden, nun mehr gegen die bisherigen Belitzcr gerichtet wurden. Ein weiterer Angriff erfolgte von Westen her, wo bei den Nordforts die Chinesen bereits auf der Flucht getroffen wurden. Mit den, Verluste von nur 27 Toten waren die Forts mit 55 schweren Geschützen und über 5000 Gefangenen genommen. Der Rest der chinesischen Flotte war im Hafen eingeschlosten unter dem energischen Admiral Sing. Die Japaner beschränkten sich zunächst darauf, nachts Torpcdoangriffe auszuführen, und brachten 4 Schiffe zum sinken. Dann folgte ein Ausbruch von 13 chinesischen Fahrzeugen, aber von den schneller fahrenden Japanern wurden bis auf zwei Torpedoboote sämtliche abgefangen. Als ein glücklicher Schuß einen weiteren Panzer zum Sinken brachte, und ein anderer das Pulvermagazin eines Jnselforts in die Luft sprengte, war die Übergabe des Hafens nicht mehr aufzuhalten. Der chinesische Admiral Sing hatte Selbstmord begangen, und seine Leiche wurde von den ritterlichen Japanern in Anerkennung seiner persönlichen Tapferkeit unter militärischen Ehrenbezeugungen nach der Heimat befördert. Nach den fortgesetzten Mißerfolgen wollte der Hof in Peking unter allen Umständen Frieden schließen. Li-Hung-Tschang, dem nach den ersten Mißerfolgen des Krieges alle Auszeichnungen genommen waren, wurde mit denselben wieder beließen und zum kaiserlichen Friedensunterhändler ^ mit genügender Vollmacht ernannt. Am 18. März traf der greise Staatsmann in Schimonoseki ein, und am zweiten Tage begannen die Verhandlungen. Li-Hung-Tschang wollte zunächst einen Waffenstillstands derselbe wurde aber nur unter so harten Bedingungen angeboten, daß er eine vollkommene Auslieferung des Reiches bedeutet hätte. ^ Auf der Rückkehr von dieser Konferenz feuerte ein -6 jähriger Fanatiker seinen Revolver gegen den chinesischen Gesandten und verletzte ihn nicht unerheblich am linken Auge, jFN Japan selbst brach ein Sturm der Entrüstung gegen dieses Attentat aus. Der Kaiser von Japan ließ persönlich sein Mitleid über den Vorfall zum Ausdruck bringen und gewährte jetzt, am 30. März, aus Rücksicht auf den bedauernswerten Vorfall, den ursprünglich abgelehnten, bedingungslosen Waffenstillstand auf 21 Tage. ^»n den eigentlichen Friedensverhandlungen stellte zunächst Japan sehr scharfe Forderungen auf, besonders auch solche, welche allen anderen Vertragsmächten zugleich zu gute gekommen wären, offenbar, um hierdurch die EinMischung des Auslandes zu verhindern. Nach langen Verhandlungen wurde schließlich eine Einigung auf folgender Basis erzielt: die Unabhängigkeit Koreas wird von chinesischer Seite anerkannt; Formosa, die Peskadoresinseln und der südliche Teil der Provinz Schengking werden an Japan abgetreten; eine Kriegsentschädigung von 200 Millionen Taels wird bezahlt und Weihaiwei bis zur Bezahlung besetzt gehalten; ein neuer Handelsund Schiffahrtsvertrag nach dem Vorbild der S. 11t. Kanonenboot "Iltis", gestrandet im wirbelsturme am 23./7. *896 an der Süd-Mstküste von Schantung. meist begünstigten Nation soll abgeschlossen werden; einige weitere Handelsstationen werden eröffnet, sowie japanische Dampfschiffe auf dem oberen Pangtszekiang, auf dem Wusungfluß und dem Kanal nach Sntschou und Hangschon zngelassen, und das Recht, Industrie in China zu betreiben, eingeräumt. Am 17. April wurde der Vertrag unterzeichnet, und die Ratifizierung des Vertrages sollte am 8. Mai stattfinden; es wurde aber später eine Verlängerung dieser Frist zugestanden. In China war man empört über diese Zumutungen. Li-Hung-Tschang wurde als Fremdenund Christenfreund befeindet. Im Widerstande gegen die alten reaktionären Parteien hatte er seine Armee und die Nordflotte, die Befestigung von Port Arthur und Weihaiwei mit Aufwand von vielen Millionen unter der bewundernden Anerkennung Englands durchgeführt, und diese neue Reform war vollkommen gescheitert. So triumphierte Alt-China am Hofe, und der Kaiser wurde von allen Seiten bestürmt, den schmachvollen Frieden nicht anzuerkennen. Am Hofe bekämpften sich beide Parteien, und endlich, unterstützt von Rußland, Frankreich und auch von Deutschland, entschloß sich der Kaiser, dem Vertrage endgültig zuzustimmen. Nach Rückberufung der kaiserlichen Beamten aus Formosa wurde die feierliche Übergabe der Insel am 2. Juli 1895 durch Auswechselung der betreffenden Schriftstücke auf einem Schiff durchgeführt. In Formosa selbst erhob sich ein Aufstand unter einem Hakkahäuptling. Am 24. Mai wurde die Republik unter dem bisherigen chinesischen Gouverneur als Präsident ausgerufen, und der Chef der rebellischen Schwarzflaggcn wurde der Führer der Truppen. Sogar eine offizielle Bekanntmachung wurde an alle europäischen Mächte versandt. Am 3. Juni eroberten die Japaner Kilung, während die chinesischen Truppen die Läden und Häuser, das Arsenal und die Werkstätten der Regierung plünderten. Ein Teil der Beamten, Offiziere und Soldaten flüchtete auf fremde Schiffe und wurde von den Zurückbleibenden beschossen. Das Fort Hobe feuerte auf den deutschen Dampfer "Arthur", welcher Soldaten und Geld ausgenommen hatte, bis das deutsche Kanonenboot "Iltis" — jenes unglückliche Schiff, welches am 23. Juli 1896 in: Wirbelsturme mit seiner heldenmütigen Besatzung an der Ostküste von Schantung strandete — sich längsseits legte und mit drei wohlgezielten Schüssen die feindliche Batterie zum Schweigen brachte. Damit war auch die Herrschaft der Republik beendet. Im Süden von Formosa hatte der General Linyungfn die selbständige Verteidigung gegen die vordringenden Besitzer der Insel unternommen. Aber auch er konnte sich auf die Dauer nicht halten und floh, als die Übergabeverhandlungen gescheitert waren. Ende Oktober 1895 waren die Japaner die that;ächliehen .Herren auf der Insel und hatten damit ein Ziel erreicht, welches sie nach den Berichten von Anton de Morga und den chinesischen Steininschriften bei Amoy bereits vor 200 Jahren verfolgten. Die Kriegsentschädigung wurde in Gold bezahlt, nachdem sich China durch Anleihen die nötigen Mittel von den europäischen Mächten verschafft hatte. Am 21. Juli 1896 wurde auch ein Frenndschaftsund Handelsvertrag und am 19. Oktober ein Zusatzprotokoll unterzeichnet. Rußland hatte Schiff auf Schiff nach Asien gesendet und seine Flotte in einer solchen Stärke versammelt, daß es thatkräftig in die Gestaltung der neuen Verhältnisse Eingreifen konnte. Japan wurde zwar gewarnt, seine Ansprüche nicht zu hoch zu schrauben, aber die jung-japanische Partei in ihrem Siegesübermnt drängte die Regierung vorwärts. Es bleibt dahingestellt, ob Li-Hung-Tschang sich bereits vor seiner Reise den Einspruch Rußlands gesichert hatte und gerade deshalb der Abtretung von Liautung keinen Widerstand entgegensetzte. Jedenfalls durfte Rußland, im Einklang mit der seit Jahrzehnten verfolgten Politik, der Abtretung dieses Landstriches innerhalb seiner Interessensphäre nicht zustimmen. Andererseits hatte auch Frankreich ein politisches Interesse daran, lieber mit dem kranken Manne in China zu verhandeln, als die neu aufsteigende Vormacht Ostasiens, Japan zu unterstützen. Wenn Deutschland sich diesem Bunde anschloß, so dürfte der Wunsch maßgebend gewesen sein, bei der endgültigen Abrechnung mitsprechen zu dürfen und einen festen Stützpunkt in der ostasiatischen Politik zu erlangen. England blieb dagegen isoliert und wurde nunmehr gezwungen, nachdem es am chinesischen Hofe seinen Einfluß verloren hatte, mit Japan znsammenzugehen. Die englische Politik seit 1860 hatte im wesentlichen darin bestanden, Flottendemonstrationen zu veranstalten, ohne aber jene Thatkraft zu entfalten, welche um die Mitte des Jahrhunderts den seefahrenden Mächten den Einzug in China ermöglicht hatte. Im wesentlichen wich es vor den energisch auftrctenden Mächten Rußland und Frankreich stets zurück. Der so entstandene Dreibund widersetzte sich der Abtretung von Liantnng, und nach langen Verhandlungen mußte Japan sich mit einer Erhöhung der Kriegsentschädigung begnügen, da es sich nicht stark genug fühlte, mit seinen reparaturbedürftigen Schiffen der russischen Flotte gegcnüberzutreten. Die Folge dieses Zwanges war die Bewilligung bedeutender Summen im japanischen Parlament zur Vermehrung der Flotte, um derartigen Demütigungen für die Zukunft vorzubeugen. Für diesen Dienst erzwangen sich die Westmächte verschiedene Vorteile von China, die eine neue Ära in der Ausschließung Chinas bedeuten. War das Augenmerk Englands bisher auf den Schiffahrtshandel gerichtet, so war cs das Bestreben der Grenznachbarn, im Norden und Süden auch einen Jnlandsverkehr herbeizuführen, neue Wege der Entwickelung des Handels zu bahnen tind die reichen, noch ungehobenen Naturschätze des Landes auszubeuten. Neben der Eröffnilng einer Reihe weiterer Handelsplätze werden Eisenbahnund Jndustriekonzessionen erteilt, an welchen sich auch die übrigen Westmächte beteiligen. Die in den folgenden Jahren gebauten, bezw. konzessionierten Eisenbahnen sind am besten aus der beigegebenen Karte zu ersehen und kann daher von einer Einzelaufführung abgesehen werden. Für Rußland lag ein wesentlicher Erfolg in der Leitung der sibirischen Bahn quer durch die Mandschurei, da die technische Ausführung der Trace durch das Amurgebiet große Schwierigkeiten bereitete. Ein weiterer Erfolg war die Abzweigung der Bahn nach dem eisfreien Hafen Port Arthur. Für Frankreich war ein bedeutender Vorteil zur Ausschließung seines hinterindischen Reiches die Verlängerung seiner Eisenbahnlinien ins chinesische Gebiet, wodurch die südlichen Provinzen wirtschaftlich Tonkin näher gebracht wurden. An Landabtretungen sicherte sich Rußland in der Pachtung von Port Arthur und Talienwan eine starke Befestigung und einen eisfreien Hafen. England verlangte den gegenüberliegenden Hafen Weihaiwei, sowie das der Insel Hongkong gegenüberliegende Inselund Festlandsgebiet, da die kleine Felseninsel nicht mehr den wachsenden Interessen genügte. Deutschland sicherte sich neben Kronkonzessionen in Hankau und Tientsin die Pachtung von Kiautschon. Frankreich erlangte in Kwangtschauwan das Recht einer Flottenstation und die Einrichtung und Verwaltung des Arsenals von Futschau. Um einer weiteren Aufteilung von China vorzubeugen, verlangte England die Verpflichtung Chinas, daß das Gebiet des Pangtszekiang an keine andere Macht abgetreten würde, und Frankreich sicherte sich das gleiche Recht auf der Insel Hainau und die Provinzen Kwantung, Kwangsi und Tjünnau. Die Bergwerkskonzessionen wurden im wesentlichen entsprechend den neugebildeten Interessensphären verteilt, so daß Frankreich und England im Südlichen, Rußland im Nördlichen und Deutschland in Schantung entsprechende Zugeständnisse erhielten. Die Errichtung von Fabriken war von Japan ebenfalls zu Gunsten aller Staaten durchgesetzt worden, und die Folge war der Bau zahlreicher Baumwollspinnereien in Schanghai und einzelner anderer Fabriken. Die dem Handel mit dem Auslande geöffneten Plätze sind auf der beigegebenen Karte am besten zu übersehen. 503 Die Geschichte Chinas. E 504 Schließlich müssen hier noch die Anleihen erwähnt werden, welche die wirtschaftliche Abhängigkeit Chinas vom Auslande bedeutend erhöhen und auch für die Zukunft das wesentliche Bcrechtigungsmoment für die Kontrolle und Einmischung der Westmächte in die chinesischen Angelegenheiten bilden dürften. Bei diesen Verhandlungen zeigte sich der überwiegende Einfluß Rußlands. Nicht nur wurden die ersten Anleihen unter russischer Garantie in Verbindung mit Frankreich abgeschlossen, sondern auch eine russisch-chinesische Bank wurde gegründet, welche wiederum die Gründung einer chinesischen Ostbahngesellschaft durchführte. Auch wurden vom englisch-deutschen Konsortium Anleihen zum Abschluß gebracht. Alle diese Zugeständnisse, mit Ausnahme der Besetzung der Hafenplätze, sind aber hinfällig, wenn nicht eine starke Regierung Schutz gegen diejenigen einheimischen Parteien gewährt, welche alles Unglück der letzten Jahrzehnte auf den Einfluß der Fremden zurückführen und den Fremdenund Christenhaß stets von neuem zur Empörung anfachen. Triumphbogen in Söul bei Rückkehr des siegreichen japanischen Leeres errichtet. Innere Entwickelung 1895—1900. Bei der vollkommenen Abgeschlossenheit des kaiserlichen Hofes ist es unmöglich, ein genaues Bild zu erhalten über die mannigfachen Strömungen, welche auf den Kaiser und die Kaiserin-Witwe beeinflussend gewirkt haben. Wenn man den Versuch machen will, aus den gleichsam tropfenweise in die Außenwelt gedrungenen Berichten ein Bild zusammenztlstellen, so dürften die folgenden Ausführungen vielleicht der Wahrheit nahekommen. Der.junge Kaiser Kwangsü, als vierjähriges Kind auf den Thron gesetzt, ist in seiner Erziehung hauptsächlich von seiner Tante der Kaiserin-Regentin und dem Prinzen Kung in durchaus fortschrittlichem Geiste beeinflußt worden. Letztere hatten sowohl in Anerkennung der kriegstechnischen Überlegenheit als auch zur Befestigung ihrer eigenen Stellung eine Annäherung an die europäischen Mächte jederzeit befürwortet und die Erfüllung der Verträge angestrebt, wenn auch der Abschluß derselben mit Gewalt erzwungen war. Andererseits hielten sich weite Kreise, bis hinauf in die höchsten Beamtenstellen und die kaiserliche Familie, diesem modernen Geiste gegenüber durchaus ablehnend und bekämpften ihn von ihrem altchinesischen Standpunkt ans. Bei der großen Eifersucht der Beamten und sclblt der Mitglieder des kaiserlichen Hauses untereinander, wurden diese politischen Anschauungen zu vielfachen Jntriguen und inneren Kämpfen benutzt. So wurde der japanisch-chinesische Krieg nicht als ein allgemeines Unglück der Nation aufgefaßt, sondern nur als eine Angelegenheit für Li-Hung-Tschang, welcher als Gouverneur der Provinz Tschili für den Schutz der Hauptstadt verantwortlich ist. Bei dieser Auffassung der Selbständigkeit jeder Provinz wird es verständlich, daß jede Reform von dem einen Vizekönig empfohlen, von dem andern, oft schon aus persönlichen Motiven, befehdet wird. Die einzige Persönlichkeit, welche in diesem Kampfe von Neid und Rachsucht, von Strebertum und Geiz einen kraftvollen Mittelpunkt bildete, war die Kaiserin Tsuhsi. Wie weit dieselbe es verstanden hat, über den Parteien zu stehen, bezw. die Parteien gegeneinander auszuspielen, dürfte niemals bekannt werden. Jedenfalls ist ersichtlich, daß von dem Tage an, da Li-HungTschang behilflich war, ihren Neffen auf den Thron zu setzen und ihr selbst die Regentschaft zu sichern, ein treues Zusammenhalten dieser beiden stattgefunden hat. Li-Hung-Tschang selbst aber ist kein Mann des mutvollen Vorgehens, der seine volle Kraft im Interesse des Staates einsetzt, sondern ein schlauer Intrigant, der offenbar immer bestrebt ist, einen Ausgleich zwischen den Gegensätzen zu seinem persönlichen Vorteil zu schaffen, ohne irgend eine feststehende Ansicht zu vertreten. Die Vertreter der alten Generation haben zwar hier und da eine anerkannt kriegstechnische odersonstige wirtschaftliche oder technische Überlegenheit des Auslandes als Vorbild genommen, aber sie blieben trotzdem stets Chinesen und wußten bei ihren Entschließungen jene Grenzen zu ziehen, welche eine gesunde Vorwärtsentwickelung des überlieferten Chinesentnms von einem überhasteten, gefährlichen Umsturz unterscheiden. In dem jungen Uaiser war die neue Generation vertreten, welche, bereits in diesem fortschrittlichen Sinne erzogen und von fremden Elementen getrieben, immer weiter strebte und so jenen sicheren Boden der Überlieferung verließ. Dieser moderne Geist empfing vielfache Anregung, teils durch jung-chinesische Littcraten, teils durch aufgeklärte Kantonesen, welche früher am stärksten fremdenfeindlich, aber jetzt im langjährigen Verkehr mit den Europäern, einen gewissen Begriff westlicher Kultur empfangen hatten. So hatte sich eine neue Partei gebildet, welche im jugendlichen Ungestüm weit über das Ziel hinausschoß und leitend auf den unerfahrenen Kaiser einwirkte. Der Führer unter ihnen, Kangyuwci, der Sohn eines hohen Beamten, wurde ein intimer Freund des Kaisers. Unterstützt wurde diese Bewegung von denJapanern, welche glaubten, durch. Reformen China bündnisfähig zu machen, für eine Waffenbrüderschaft der gelben Rasse, zur Austreibung aller Fremden aus Asien. Japan, das sonst über chinesische Verhältnisse so vorzüglich unterrichtet ist, hat hier vollkommen die Verschiedenheit der wirtschaftlichen Entwickelung zwischen sich und seinem Nachbarreich verkannt. Dort wird die herrschende Klasse gebildet von den Rittergeschlcchtern der Feudalherren mit ihrem bewaffneten Adel, hier von erwählten Beamten und Sitteraten; dort wird Ehre und Ruhm, hier Vorteil und Vorwärtskommen erstrebt. Gilt im Jnselreich das Schwert, so gilt aus dem Festland der Pinsel und daneben das Silber. ^ Entsprechend dem bei den Chinesen stark entwickelten Familiensinn und der damit verknüpften Verehrung der Ahnen, d. h. der älteren Generation, war auch das Verhältnis zwischen dem Kaiser und seiner Tante durchaus herzlich. Täglich besuchte der junge Herrscher die Regentin und sicher sind alle wichtigen Staatsbeschlüsse von ihr gebilligt und unterstützt worden. So wurden seit 1891. in jährlicher Audienz die fremdländischen Gesandten empfangen, und auch die -vamen derselben wurden einmal von der Kaiserin in freundlicher Weise eingeladen und bewirtet. Die Feier des Geburtstages der Kaiserin 1895, als Nationalfest gefeiert, scheint den Höhepunkt dieses gemeinsamen Strebens zwischen Tante und Neffen zu bedeuten. 1896 fand jene denkwürdige Reise des greisen Li-Hung-Tschang nach Europa statt, welche allgemein m ihren Erfolgen enttäuschte. Während eine neue Ära drr Ausschließung erwartet wurde und besonders die industriellen Kreise Europas großeBestellungen erhofften, beschränkte sich Li darauf, allen freundlich die Hand zu drücken. Uns Deutschen wird aber der Besuch besonders deshalb in Erinnerung bleiben, da der Vertreter des großen Ostreiches unserm Bismarck in Friedrichsruh seine Huldigung darbrachte. Als der japanische Krieg so unglücklich verlief, erhob die ultra-konservative Partei wieder ihr Haupt und verlangte, den schändlichen Frieden abzulehnen. Aber es entspricht dem fortschrittlichen Sinne des Kaisers, daß er den Vertrag trotzdem genehmigt hat. Diese Niederlage der chinesischen Einrichtungen gegenüber dem modernisierten Japan benutzte die Partei Jung-Chinas iu geschickter Weise, um den Kaiser auf dem Wege der Reform immer weiter zu drängen. Es folgen eine Reihe von Erlassen, welche von diesem Geiste beseelt sind, und sogar ein ganzes Reformprogramm wurde ausgearbeitet. Das Prüfungswesen der Beamten sollte abgeschafft, Universitäten und Schulen im europäischen Sinne gegründet, fremde Sprachen gelernt, das Ausland von Beamten bereist und ein Budget über die Staatseinnahmen und Ausgaben aufgestellt werden. Auch äußerlich wollte man den Bruch mit der alten Überlieferung durch Abschneiden der Zöpfe und Anlegen europäischer Kleidung bezeugen. Auch wird erzählt, daß der Kaiser selbst bereits europäische Kleider in seinem Palast getragen habe. Es ist klar, daß die Einführung solcher tiefeinschneidenden Änderungen nicht eine Reform, sondern eine Anarchie zur Folge gehabt haben würden. Aangyuwei, Führer der Reformpartei, entfloh 18Y8 nach Japan. Die Reformer waren bereit, selbst mit Gewalt ihren Ideen zum Siege zu verhelfen und versicherten sich daher einer militärischen Macht, um einen Staatsstreich durchzuführen. Zunächst wurdeLi-Hnng-Tschang entlassen, indem man als Vorwand die niemals widerlegte Beschuldigung des englischen Gesandten benutzte, daß er von Rußland Geld genommen habe. Dann beschloß man, die Kaiserin-Witwe mit Gewalt nach Mulden in die Verbannung zu bringen. Der chinesische General Auln sollte diesen Plan durchführen, aber derselbe kam ohne Truppen, allein, nach Peking und verriet alles der Kaiserin, welche nunmehr ihrerseits energisch eingrisf. Der Kaiser wurde gefangen genommen und am 21. Sept. 1898 zu einer Erklärung gezwungen, die zwar nicht einer formellen, wohl aber einer thatfächlichen Entsagung der Herrschaft gleich kommt. Kangyuwei entfloh nach Japan, wo auch andere politische Flüchtlinge Schutz fanden, während sechs junge Litteraten enthauptet wurden. Li-Hung-Tschang wurde wieder eingesetzt. Tschangyinhuan, ein angesehenes Mitglied des Tsungli Damen und außerordentlicher Gesandter bei dem Jubiläum der Königin Viktoria in England, wurde zum Tode verurteilt und dann zur Verbannung begnadigt. Wie weit europäische Einflüsse bei dieser Krisis maßgebend gewesen sind, läßt sich nur insofern vermuten, als der Sturz Li-Hung-Tschangs von England als Sieg ihrer Diplomatie gefeiert wurde, während Rußland ans die Kaiserin nach der Krisis einen ausschlaggebenden Einfluß erlangt hat. Welche Rolle der Kaiser in dieser schwierigen Zeit gespielt hat, steht nicht fest. Das jetzt bestehende Verhältnis ist durchaus eigentümlich. Die Kaiserin-Witwe ist die thatsächliche Regentin, welcher allein die Entscheidung zusteht, aber trotzdem werden alle Publikationen vom Kaiser unterzeichnet, und auch er empfängt, wenn auch ohne die frühere Prachtentfaltung, die Gesandten. Aus diesem Verhältnis ist zu entnehmen, daß der Kaiser eine unselbständige Natur ist und wie früher von den Männern der Reformpartei, so jetzt von der Kaiserin geleitet wird, ein Zustand, der bedenklich werden kann, wenn Kwangsü die Regentin überleben sollte. Jedenfalls muß China der Kaiserin dankbar sein, daß sie das Land vor einer Revolution geschützt hat, welche unvermeidlich gewesen wäre, wenn das Programm der jugendlichen Reformschwärmer thatsächlich zur Durchführung gelangt wäre. Die Folge dieser Krisis ist zunächst eine Reaktion, welche nach der anderen Seite wieder weit über die Grenzen der gesunden Entwickelung hinausgeht. Die ultra-reaktionäre Partei, vertreten durch Männer wie Prinz Tuan, sind an die Spitze getreten und die Zukunft wird zeigen, ob die Kaiserin noch die thatsächliche Machthaberin, oder selbst nur ein Werkzeug dieser Partei ist. Die weiten Schichten der chinesischen Bevölkerung sind ebenso wenig über die wahren Ursachen des Staatsstreiches unterrichtet, wie das Ausland, aber sofort waren alle Parteien darin einig, daß den Ausländern die Schuld beizumesscn sei. Wie in Europa, so auch hier, lenkte die Regierung die Aufmerksamkeit des Volkes auf das Ausland, um sich selbst Ruhe im Innern zu wahren. Die Mandarinen in den Provinzen unterstützten jeden Angriff auf die Fremden, da diese stets nur der Centralregierung auf Kosten der Beamten Vorteil gebracht hatten. Das Volk in seinen niederen Schichten ist stets bereit, loszuschlagen und folgt blind den Führern, besonders wenn es gegen einen Gegner geht, gegen den seit Jahrzehnten systematisch von oben gehetzt ist. Der Fremdenhaß erhielt immer neue Nahrung, und wiederholt wurden Missionare, besonders fran zösische, die Zielscheibe ruchloser Angriffe. Als 1897 zwei deutsche Missionare ermordet wurden, gab dieses der deutschen Regierung die Veranlassung, energisch vorzngehen und Kiautschou zu besetzen. Mit Duldung der Beamten wurden Europäer selbst in Peking thätlich angegriffen und verletzt, so daß die Gesandten beschlossen, eine internationale Schutzwache von je 30 Mann jeder Nationalität nach Peking zu rufen. So zogen 1898 zum erstenmal europäische Truppen in die geheiligte Stadt, welche seit der Eroberung durch die Mandschus noch kein fremder Soldat betreten hatte. Zwar wurden die Truppen später entlassen, aber, als neue llnruhen befürchtet wurden, im Mai 1900 zurückgeholt. Auch im fernen Westen des Reiches waren wieder Erhebungen entstanden, aber es gelang der kaiserlichen Regierung, dieselben in kurzer Zeit niederzuschlagen, da die kaiserlichen Truppen in ihren Kanonen und Gewehren bereits eine militärische Überlegenheit gegenüber den Rebellen besaßen. Wenn man die heutigen Strömungen in China in ihren wesentlichen Momenten charakterisieren will, so dürften drei Parteien um die Palme der Vorherrschaft kämpfen. Der altreaktionären Partei, die in völliger Unbildung und überliefertem Dünkel an der Tradition mit zäher Unduldsamkeit festhält, steht JungChina mit Reformen gegenüber, welche weit über ein erreichbares Ziel hinausschießen. Die elftere Partei wird unterstützt durch die machthabenden Mandarinen, welche für ihre eigene Existenz kämpfen, während die letztere in den jungen Litteraten ihren Stützpunkt erhält. Gewissermaßen zwischen beiden Parteien stehen jene Patrioten, welche sich der Notwendigkeit von Reformen nicht verschließen, aber doch nur ein maßvolles Vorgehen, teils aus liebgewordener Tradition für das Alte, teils ans Furcht vor ungeahnten politischen Umwälzungen, teils aus Mangel an Macht, befürworten, ähnlich wie es Li-Hnng-Tschang, Prinz Kung und die Kaiserin-Witwe in den ersten Jahrzehnten ihrer Regierung gethan haben. Zu uns dringen nur die Namen einzelner Beamten, welche meist als Vollzugsorgane fungieren, aber wir wissen nicht, wie viel dieselben zwingenden Einflüssen gehorchen müssen. Li-Hung-Tschang hat einmal sehr treffend geäußert, als er mit Bismarck verglichen wurde: "An Fähigkeiten bin ich allerdings Bismarck gleich, aber ich habe nie die Macht besessen, die er inne gehabt hat. Bismarck konnte alles ausführen, was er wollte, ich habe nie diesen Einfluß gehabt. Das Reich ist in 18 Provinzen geteilt, und ich habe nur eine von diesen 18". Ist schon der Neid zwischen den einzelnen Vizekönigen so groß, daß die Niederlagen des einen hie Freude des anderen bedeuten, so sind auch die wirtschaftlichen Verhältnisse so vollkommen verschieden, daß ein einheitliches Vorgehen ohne starkes nationales Heer nnt einem energischen Kaiser an der Spitze undenkbar ist. Da aber letzteres an dem Widerstande der Machthaber scheitert, wie es auch eine ständige Gefahr für die europäischen Mächte bilden würde, so dürfte der jetzige Zustand, wie er seit Jahrtausenden besteht, auch noch weitere Jahrtausende als für die dortigen Verhältnisse am geeignetsten bestehen bleiben. Die Chinesen sind ein ackerbautreibendes Handelsvolk, aber keine Soldaten. Wohl können Soldaten ausgebildct werden, aber jene Achtung dieses Berilfes in den Augen der großen Menge wird stets fehlen, und ein Heer, ohne ein hochentwickeltes Ehrgefühl >vird immer wieder in Friedenszeiten zu einer führerlosen Bande herabsinken. Auch vom europäischen Standpunkte aus erscheint die Stärkung der militärischen Centralgeivalt durchaus ungeeignet, während andererseits für den Zusammenhalt des Riesenreiches ilnd die Erhaltung des Friedens die einheitliche Kaiserherrschaft bestehen bleiben muß. Zugleich muß aber als Grundsatz aufgestellt werden, daß die chinesischen Truppen ausschließlich als Polizeitruppen zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Innern und an der Küste anzusehen sind und nicht auf die Höhe europäischer Kriegstechnik gehoben werden dürfen zum Kampfe gegen das Ausland. Die Einfuhr und Fabrikation von Kanonen und Gewehren müßten der europäischen Kontrolle unterstellt sein, und vor allem müssen die europäischen Importeure verpflichtet werden, nicht Waffen gegen ihre eigenen Landsleute zu liefern. Wenn heißblütige Politiker die Aufteilung Chinas fordern, so sind derartige Vorschläge nicht ernsthaft §11 diskutieren. Dagegen kein Geringerer, als Sir Hart, der beste Kenner chinesischer Verhältnisse, empfiehlt die Abtretung der Hafenplätze an die Westmächte. In diesem letzteren Sinne wurde diePolitik nach dem Frieden von Schimonosecki eingeleitet, und wir sehen Deutschland, Rußland, England und Frankreich feste Stützpunkte am Festlande erwerben. Diese Plätze militärisch ansgebaut und von europäischen Truppen besetzt, werden einen besseren Stützpunkt der chiuesischeuRegierung geben, als ihre eigenen Soldatenhaufen. Diese Plätze, verbunden durch Eisenbahnen und Schiffahrtslinien, werden Krystallisationspunkte einer neuen Ära in der Entwickelung Chinas bilden, von denen langsam moderne Gedanken auch in das dunkle Innere ausstrahlen dürften. Der Chinese muß das Gefühl empfangen, daß es sich nicht um politische Ausdehnungen der Machtsphäre und um Länderraub von Seiten des Auslandes handelt, sondern ausschließlich, um unter dem Schutze der Kanonen die friedliche Verbreitung der westlichen Kultur zu sichern. Diese Sprache der Thatsachen wird mehr Erfolg haben, als alle Kriegszüge oder diplomatischen Verhandlungen. Die Hauptaufgabe muß nicht darin bestehen, Schrecken zu verursachen und Furcht einzuflößen, sondern vorbildlich zu wirken zur Entwickelung einer wertvollen Freundschaft. Andererseits muß energisch eingegriffen werden zur Durchführung der bestehenden Verträge und zum Schutz der Europäer. Aber niemals darf über den Zweck des Unternehmens hinaus vorgegangen werden, da sonst die militärischen Erfolge des Momentes leicht von politischen Mißerfolgen in der Zukunft übertroffen werden dürften. Von vielen Seiten wird die industrielle Entwickelung Chinas ganz besonders betont; aber schon Freiherr v. Richthofen hat darauf hingewiesen, daß ein industrielles China einen wirtschaftlichen Kampf gegen die alten Kulturländer bedeutet, wie Japans Vorgehen zur Genüge bewiesen hat. Wohl empfiehlt es sich, die Rohstoffe dem Weltgebrauch dienstbar zu machen, aber die Verarbeitung sollte den alten Kulturmächten Vorbehalten bleiben. In diesem Sinne dürfte sich nicht nur die Unterstützung, sondern im Gegenteil die Kontrolle der industriellen Entwickelung durch die interessierten Mächte empfehlen. Die Geschichte Chinas hat gezeigt, wie der fruchtbare Boden mit seiner intensiven Bearbeitung zur Ernährung einer noch bedeutend größeren Bevölkerung ausreicht. Die Vermehrung der Bewohner und ihre Wohlhabenheit sind aber wichtigere Bedingungen für die Absatzfähigkeit, als die Produktion einzelner Stapelartikel unter Ausnutzung der billigen Menschcnkraft in Konkurrenz zur weißen Rasse. Eine Reform Chinas kann nicht durch ein kaiserliches Dekret oder durch den Zwang des Auslandes erreicht, sondern nur, getragen von den Interessen weiter Schichten der Bevölkerung, von innen heraus langsam bewirkt werden. So ist der Telegraph eingeführt, aus politischen Rücksichten zur Verbindung der 18 Provinzial-Hauptstädte mit Peking. So haben die Seezollämter unter europäischer Verwaltung ein Netz über China gespannt, welches zugleich die ersten Stationen einer geregelten Postverbindnng bedeutet und sicher weiter ausgebildet wird, sobald Kaufleute und Mandarinen ihren Vorteil hierin erkennen werden. Unter dem Schutze europäischer Kanonen wird in den Hafenplätzen das Geschäftslebcn sich weiter entwickeln, und wenn das Vertrauen der Kapitalisten errungen ist, werden auch chinesische Gelder in Banken und Eisenbahnen zinstragend angelegt werden. Heute sind noch große Edelmetallschätze vergraben, weil eine Ausräubung unter irgend einem. Vorwände seitens der Mandarine jederzeit befürchtet werden muß, sobald der Besitz bekannt wird. Wie wenig selbst der kaiserliche Wille gegen die Interessen der Kapitalisten ausrichten kann, zeigt, daß jener Erlaß zum Bau von Staatsbahneu mit chinesischem Gelde nicht ausgeführt werden konnte, da die Chinesen in richtiger Beurteilung einer chinesischen Mandarinenverwaltung kein Geld hergaben. Die Konzessioil mußte später einem europäischen Konsortium zur Durchführung übertragen werden. Wenn aber die maßgebenden Kreise ihren Vorteil eiugesehen und Vertrauen zur gerechten Verwaltung gewonnen haben werden, daun wird die Entwickelung unaufhaltsam, selbst ohne Rücksicht auf das Volk, vorwürtsgehen und von Bestand sein. Vorläufig fehlen noch alle grundlegenden Einrichtungen, Gesetze und Anschauungen, um das komplizierte Gebäude des europäischen Handels dort in gleicher Weise wie in der alten Welt aufzubauen. Die Einführung von Eisenbahn und Industrien werden Arbeitsteilung und Löhnung in einer bisher unbekannten Form einführen und dadurch die Kaufkraft einzelner Kreise heben, welche bisher kaum bares Geld gesehen haben. Geld, als einheitliche Münze, fehlt, da das Silber als Ware gehandelt wird und die kleine Kupfermünze nur als Scheidemünze in Frage kommt. Unser europäischer Handel wäre undenkbar ohne gesetzlich geregelten Münzfuß. Es scheint nur eines Dekrets zu bedürfen, um Geld einzuführen, aber man bedenke, daß nur die Centralregierung davon Vorteil hätte, während alle Kaufleute, Banken und Bankiers, fremde sowohl wie einheimische, vor allem alle Beamten und Steuereinnehmer gegenüber dem jetzigen Zustande Verluste erleiden würden. Daher würde der Widerstand allgemein sein, dazu käme, daß Fälschungen in dem gewaltigen Reiche gar nicht verhindert werden könnten. Ein solches Gesetz würde somit nur Unfrieden bringen und voraussichtlich vollkommen fehlschlagen, da die Regierung nicht in der Lage ist, die Durchführung zu ordnen und zu kontrollieren. Genau so bringt jede Öffnung eines weiteren Hafens, jede Eisenbahn, jedes Bergwerk und jede Fabrik nur der Centralregierung in Form von Steuern und Abgaben Vorteil und schmälert die Einnahmen der Provinzialbehörden. Auch werden viele Berufsklassen, so die zahlreichen Dschunkenbemannungen, Lastenträger, Handarbeiter, durch die Neuregelung in ihrem Erwerb gestört und bilden die natürlichen Gegner der Einrichtung. Wenn auch der kaiserliche Hof zur Sicherung der Dynastie die Entfesselung aller dieser feindlichen Strömungen möglichst vermeiden möchte, so ist doch ein gewisser Zwang durch die ausländischen Anleihen gegeben. Die Zinsen für diese müssen pünktlich bezahlt werden, und daher ist zur Beschaffung der Mittel die Einführung solcher Maßregeln notwendig, die eine dauernde Einnahme verbürgen. So werden einzelne wesentliche Rechte aus den Händen der Vizeköuige in die der Centralregierung hinübergeführt und letztere wird durch diese Monopole zu jener machtvollen Stärke vorbereitet, welche notwendig ist, um weitere Verbesserungen mit Ersotg durchführen zu können. So wird der Kaiser wieder allmählich jene maßgebende Macht erlangen, die er vor 200 Jahren besessen hat. Bevor diese für jede Industrie und Handel notwendigen Gruudelemente gesichert sind, ist entschieden abznraten, ein künstliche Beschleunigung der Entwickelung im Innern anzustreben. Wenn nicht das volle Vertrauen in weiten Kreisen der Bevölkerung errungen ist, werden immer wieder reaktionäre Strömungen zur Herrschaft gelangen und immer wieder werden die vorgeschobenen Posten der Europäer als Opfer einer falsch geleiteten Erschließuugspvlitik fallen. Die kommenden Jahrzehnte werden der kommerziellen Ausschließung Chinas gewidmet sein, aber nur Schritt für Schritt wird die Überwindung der Widerstände gelingen. Die europäischen Niederlassungen und Eisenbahnen müssen der Regierung und dem Volke praktische Erfolge vorführen und der Chinese Ivird versuchen zu folgen. Aber auch dann wird die Entwickelung nicht iin europäischen Sinne erfolgen, sondern unter Anpassung an die eigenartigen Verhältnisse des Landes doch stets chinesisch bleiben. Im Grunde genommen wird auch das modernisierte China immer ein China sein und bleiben. Die gelbe Gefahr. Der Verlauf des japanisch-chinesischen Krieges ließ das staunende Europa erkennen, welche ungeahnte JntelStempel des Gouverneurs ligenz, ^vhatkraft und Leißluegsin Tientsin. fühigkeit dem bisher nnterschätzten japanischen Volke innewohnt. Man vergegenwärtigte sich jetzt plötzlich, Ivie gefährlich die Konkurrenz eines vor den Thüren Chinas liegenden Rivalen in dem bisher fast ausschließlich von Europäern geführten Wettkampf auf wirtschaftlichem und politischem Gebiete in Ostasien werden müsse. Noch weiter voraus sah Kaiser Wilhelm II., indem er sich im Geiste ausmalte, wie dieser junge, selbstbewußte, nachThaten lechzende japanische Sieger den überwältigten Riesen China in seinen Dienst zwingen und neu beleben könnte, so daß vielleicht in nicht zu ferner Zeit eine zweite Gottesgeißel mit ihren Mongolenscharen die ganze Kultur Europas bedrohe. Der kaiserliche Mahnruf erschallte: "Völker Europas, wahrt Eure heiligsten Güter." Deutschland, Rußland und Frankreich bewahrten das am Boden liegende "Reich der Mitte" vor zu harten Schlägen und gaben ihm die von Japan schon entrissene Halbinsel Liaotong zurück. Nur sehr langsam und widerstrebend erkannte die öffentliche Meinung Deutschlands die Richtigkeit solcher Politik an, denn sie hatte beim Ansbruch des Krieges fast durchweg für das kleine, mutige, europäischer Kultur geneigte Jnselvolk Partei genoinmen. Lag doch auch ein Vergleich mit den ruhmvollen Kämpfen der Griechen gegen die gewaltige Übermacht der Perser nicht ganz fern, wenn immerhin der Unterschied bestand, daß der Koloß China nicht daran und Ldma. dachte, seinen kleinen Nachbarn zu unterjochen, vielmehr nichts sehnlicher wünschte, als seinen uralten Traum, an Weisheit, Macht und Ruhm alle Völker der Erde weit zu übertreffen, ungestört fortsetzen zu können. Hatten ihn doch auch die Stiche ungebetener europäischer Gäste, welche er gelegentlich überfiel und die ihm als Sühne dafür bald hier bald da eine Niederlassung oder einen Vertragshafen abzwackten, nie ganz aufwecken können. Etwas kräftiger wurde er jetzt allerdings aufgerüttelt. Machte der Sieg Japans auch keinen Eindruck auf das chinesische Volk, das im Süden des Reiches von dem Kriege kaum etwas erfahren hatte, so schien doch der chinesischen Regierung eine Ahnung von der Notwendigkeit aufzugehen, dem Beispiele Japans folgend Heer und Marine etwas mehr nach europäischem Muster nmzugestalten und >vohl gar den Fortschritten der Technik entsprechende Verkehrsanstalten, in erster Linie Eisenbahnen, zu schaffen. Li-Hung-Tschang und seine Auslandsreise. Tie einigen solchen Reformen geneigte Partei, an deren Spitze Li-Hung-Tschang, der alte Freund und Günstling der Kaiserin-Mutter, ferner der Vizekönig Tschangtschitnng, der Taotai Tseng u. a. standen, bewirkten, daß Li 1896 nach Europa entsandt wurde, um nicht nur die Höfe der Großmächte zu besuchen, sondern um auch durch eigene Anschauung sich über die thatsächliche Bedeutung der Länder, ihre Größe und Macht, militärische und wirtschaftliche Bedeutung zu unterrichten. Li-Hung-Tschang Ivar damals der einflußreichste chinesische Staatsmann. Er hatte mit rücksichtsloser Energie die Taiping-Revolution unterdrückt und im letzten Kriege die Friedensverhandlnngen mit Japan geführt. Seine persönlichen Beziehungen zur Kaiserin-Mutter hatten es ihm erleichtert, durch Aussaugung seiner Unterthanen als Vizekönig der Provinz Petschili große Reichtnmer zu erwerben. Dabei schloß er sich nicht gegen den Verkehr mit Europäern ab, sondern suchte die letzteren in chinesische Dienste zu ziehen und den militärisch-technischen Betrieben, wenigstens äußerlich, einen europäischen Zuschnitt zu geben. Mit außerordentlicher Geschicklichkeit verstand er es, sich durch die Schwierigkeiten zu winden, welche ihm aus der Eifersucht der europäischen Großmächte, namentlich Englands und Rußlands, erwuchsen, indem er sich bald diesem, bald jenem Einfluß mehr zugänglich zeigte, je nach der Stärke des Geschwaders, welches diese oder jene Macht augenblicklich in den chinesischen Gewässern zur Verfügung hatte. Jetzt begab sich Li-Hung-Tschang mit der höchsten chinesischen Auszeichnung, der gelben Jacke, geschmückt, als außerordentlicher Gesandter des riesigen Reiches nach Europa. In seiner Begleitung befand sich n. a. der chinesische Zolldirektor Detring, ein Deutscher, dessen Name auch hier erwähnt sein muß, weil er zuerst wieder in Deutschland auf die schon 1869 von dem Professor der Geologie Freiherrn von Richthosen hervorgehobene Bedeutung der Bucht von Kiantschou aufmerksam machte. Li-Hung-Tschang besuchte Rußland,Deutschland, Österreich, Frankreich und England fast wie in einem Triumphzuge. Hielten auch einzelne Regierungen, eingedenk der bescheidenen Ansprüche, welche die Gesandten europäischer Höfe in ihrem Verkehr mit dem Kaiser von China bislang erheben durften, in ihren Ehrungen dem Asiaten gegenüber zurück und ließ besonders der deutsche Kaiser ihn keinen Augenblick darüber in Zweifel, daß er seinen Versprechungen nicht traue, so suchten sich namentlich die industriellen Kreise aller Länder in Aufmerksamkeiten und festlichen Veranstaltungen zu überbieten. .Hoffte man doch, Li würde mit vollen Händen Bestellungen auf Schiffe, Kanonen, Eisenbahnen und Maschinen aller Art ausstreuen und galt es deshalb, sich überall im Chinesischer Text der Proklamation von der Besitzergreifung von Kiantschou. liebersetz nutz: Am *4. November *89? machte Seine Lxcellenz der Chef des Kreuzergeschwaders in einer Proklamation bekannt, das; er die Kiautschoubucht in den von ihm damals angegebenen Grenzen besetzt habe, um Bürgschaft zn haben für die Erfüllung der Sühnefordernngen, welche wegen der Ermordung deutscher Missionare in Schantung an die chinesische Regierung gestellt werden mußten. )n der Proklamation wurde erklärt, daß die deutschen Behörden die friedlichen Bürger in ihrem Handel nnd Wandel schützen und Rnhe und Ordnung ausrecht erhallen, aber Uebelthäter strenge und nach den geltenden chinesischen Gesetzen bestrafen würden. Sollten Ruchlose etwas gegen die anwesenden Deutschen unternehmen, so verfallen sie den strengen deutschen Kriegsgesetzen. Nunmehr haben Ihre Majestäten der Deutsche Kaiser und der Kaiser von China einen freundschaftlichen vertrag geschlossen, wonach China an Deutschland einen Teil des früher besetzten Gebietes verpachtet. Unsere in Tsimo und Kiantschou stationierten Truppen werden deshalb innerhalb des an uns verpachteten Gebiets, dessen Grenzen später genau bestimmt werden müssen, zurückgezogen werden. Ich ermahne alle Bewohner dieses Gebiets, Ruhe und Ordnung zu halten und sich meinen Anordnungen nicht zu widersetzen. Jede Widersetzlichkeit wird nach den Gesetzen streng bestraft werden. Soldaten der Chinesenkompagnie in Tsingtau. kein Reich der Erde für China so gefährlich sein wird, wie. Rußland, und von dieser Unterredung soll sich der bislang nicht gebrochene Einfluß Rußlands auf China mtb insbesondere auf Li-Hung-Tschang herschreiben. Im übrigen verhehlte dieser bei seiner über Nordamerika bewirkten Rückreise nicht, daß England mit seiner gewaltigen Industrie ihm den mächtigsten Eindruck gemacht habe, und er arbeitete alsbald darauf hin, für die Ausbildung der Im Artillerielager in Kiautscho». diesen und den Ingenieuren, als Leitern technischer Betriebe, kamen nun immer mehr Elemente nach China, welche nicht, wie Missionare und Kaufleute meistens, darauf verzichteten, Rechtsansprüche zu erheben, sondern auf Erfüllung ihrer mit dem Staate abgeschlossenen Verträge hielten und diesem durch berechtigte und vielleicht auch unberechtigte Ansprüche gewisse Schwierigkeiten bereiteten, die bisweilen, lvie in Nanking, durch deutsche Kriegsschiffe noch vermehrt wurden. Li hat deshalb seiner Anschauung wiederholt Ausdruck gegeben, daß ihm die Deutschen früher sympathischer gewesen seien, als sic, wie die Belgier, noch keine Kriegsschiffe in chinesischen Gewässern hielten. Insbesondere fühlte er sich zu Sr. Majestät dem deutschen Kaiser nicht hingezogen, während ihm Prinz Heinrich von Preußen so gefallen hatte, daß er die Reise desselben nach China bei jeder Gelegenheit herbeiwünschte. Handelsbeziehungen Deutschlands zu China. Nach dem Frieden von Schimonoseky nahm der Handel Europas mit China, der während des japanisch besten Lichte und als vorzugsweise leistungsfähig und chinesischen Marine Engländer heranzuziehen. Die entgegenkommend zu zeigen. Land truppen sollten dagegen nach deutschem Muster Tic Enttäuschung blieb nicht ans. Die Aufträge gedrillt werden, und an verschiedenen Plätzen, Schanghai, flössen nur tropfenweise. Aber der alte vorsichtige Herr, Nanking, Wutchang wurde deutschen Offizieren die der nach chinesischer Sitte seinen Sarg mit sich führte, Schulung chinesischer Abteilungen übertragen. Mit um auch dann in angemessener Weise ins Vaterland zurückgebracht zu werden, falls er nun durch die Liebenswürdigkeit der Europäer erdrückt würde, wie er kurz vorher in Japan fast dem Hasse des Volkes zum Opfer gefallen war, hatte den Zweck seiner Reise erreicht. Er hatte mit den einflußreichsten Persönlichkeiten Europas selbst verhandelt, mit seinen offenen Augen einen Einblick in die europäische Kultur gethan, ja sogar einen ge» wissen Eindruck von der Macht und Größe der einzelnen Länder und ihrer Brauchbarkeit für seine politischen Ziele gewonnen. Das wichtigste Ergebnis war jedenfalls eine lange geheime Unterredung mit dem Kaiser von Rußland. Li scheint eingesehen zu haben, daß nach Vollendung der sibirischen Eisenbahn chinesischen Krieges sehr gestockt hatte, einen erneuten Aufschwung und ließ überall erkennen, welche Bedeutung die Ausfuhr nach diesem mit ungezählten Millionen bevölkerten Lande gewinnen könne. War auch die Zahl der unter deutscher Flagge fahrenden Schiffe in den Jahren 1892 bis 1895 von 2016 mit 1,5 Millionen Tonnen auf 2684 mit 2,4 Millionen Tonnen gestiegen, so war doch der Handel nach wie vor fast ganz in englischen Händen. An den Einnahmen der Seezölle war Deutschland mit nur 8 Prozent beteiligt. Unter englischer Flagge fuhren 1895 an der Küste 19579 Schiffe mit 20,5 Millionen Tonnen. 5 Prozent derselben waren deutsche Schiffe. In Deutschland aber begann die Industrie mehr und mehr zu wachsen, und damit das Bedürfnis, neue Absatz quellen zu erschließen. Es ist begreiflich, daß man auf Mittel sann, die Ausfuhr im allgemeinen, insbesondere aber auch die nach China zu heben. Die Gründung von Kolonien, wie man sie zu der Zeit in Afrika begann, konnte in Asien nicht in Frage kommen. Abgesehen davon, daß zwischen Deutschland und China Frieden und das beste Einvernehmen bestand, da Deutschland mit Rußland und Frankreich dem japanischen Zieger in den Arm gefallen war, so konnten auch die Erfahrungen Frankreichs mit seiner chinesischen Kolonie Tonking schwerlich zur Nachahmung eines so überaus kostspieligen Unternehmens reizen. Weit aussichtsvoller schien der von England dort betretene Weg, das Hohheitsrecht an einem Küstenpunkte zu gewinnen, der dann als fester Stützpunkt und zugleich als Ausgangspunkt für Handel und Verkehr mit China dienen konnte. Deutsche Eroberungen in China. Tie beiden kleinen Gebiete, welche Deutschland zur Gründung von Niederlassungen in Tientsin am Peiho und in Hankau am Pangtszekiang von China gekauft hatte, paßten nicht für die Gründung eines Seehafens, der zwar nicht dem Umfange nach, aber doch in seiner Bedeutung für den deutschen Handel das werden sollte, was Hongkong für Englands wirtschaftliche und militärische Interessen in Ostasien im Laufe eines halben Jahrhunderts geworden ist. Damit soll der Wert dieser beiden Uferstrecken nicht herabgesetzt werden, denn derselbe ist in der That ein ganz bedeutender und wird erst dann voll gewürdigt werden, wenn bei Tientsin durch Regulierung des Peiho größere Wassertiefen geschaffen sind und Hankau Kreuznngspnnkt der Eisenbahn PekingCanton mit dem Dangtszekiang geworden ist. Wird die nördliche Strecke Peking-Hankau dieser unzweifelhaft wichtigsten Bahn Chinas jetzt leider auch mit französischrussischem Geldc von Belgiern erbaut, so ist sie doch von dem deutschen Baumeister 5). Hildebrand, der jahrelang die rechte Hand des Generaldirektors der chinesischen Eisenbahnen, des oben erwähnten Tseng war, entworfen und begonnen, und diesem Umstand ist es zu danken, daß der Bahnhof Hankau in unmittelbarer Nähe der deutschen Niederlassung liegt. Giebt es also in China wohl wenig Plätze, welche in Zukunft für Handelszwecke günstiger gelegen sind, als die beiden Niederlassungen in Tientsin und noch mehr in Hankau, so war doch an die Erlangung eines Hoheitsrechts an einem dieser Plätze nicht zu denken. Selbst wenn China zur Überlassung eines solchen geneigt gewesen wäre, würden die russischen Interessen im Norden und die englischen am Pangtsze die Eindrängung einer anderen europäischen Großmacht an diesen Punkten nie zugelassen haben. Ter Stützpunkt deutscher Handelsinteressen in Ostasien mußte so gewählt werden, daß bereits deutlich erkennbare Interessensphären anderer Nationen nicht bedroht wurden, sich vielmehr eine eigene, vom Verkehr bislang wenig berührte wirtschaftliche Zone bilden ließ. Ter unter deutscher Verwaltung und deutschem Hoheitsrecht zu gründende Platz mußte jederzeit von der See unmittelbar für die größten Schiffe zugänglich feilt und ein Hinterland besitzen, das durch Wasserstraßen oder Eisenbahnen ohne große Schwierigkeit zu erreichen und dabei womöglich nicht nur kaufkräftig zur Aufnahme der deutschen Einfuhr, sondern auch im Besitz von Erzeugnissen für die Ausfuhr war. Das Klima durfte nicht unerträglich sein. Diesen außerordentlich schwer zu erfüllenden, aber nicht zu umgeheitdeir wirtschaftlichen Bedingungen gegenüber waren die in militärischer und technischer Hinsicht zu stellenden Forderungen weniger von Bedeutung. Die Möglichkeit einer genügenden Verteidigungsfähigkeit des Platzes ließ sich durch eine geschickte Wahl der Grenzen des zu erwerbenden Gebiets ziemlich sicher stellen und ungünstige Bodenund Wasserverhältnisse lassen sich ja mit ausreichenden Mitteln meistens genügend verbessern, die wirtschaftlich falsche Lage eines Hafens dagegen fast nie. Die militärische Bedeutung des Stützpunktes wurde überdies insofern nicht sehr hoch angeschlagen, als wohl für absehbare Zeit nicht daran zu denken ist, daß unser Kreuzergcschwader im stände sein könnte, den Platz gegen die Flotte einer der großen Seemächte zu schützen. War auch die Versorgung unserer Kriegsschiffe mit Kohlen, namentlich im Falle eines auch Deutschland umfassenden Krieges, von größter Wichtigkeit, so war doch weder die Gewinnung einer Kohlenstation, noch die Schaffung eines militärischen Stützpunktes in Ostasieu der Schwerpunkt unserer Bestrebungen in China, sondern die Erwerbung eines unseren wirtschaftlichen Bedürfnissen entsprechenden sicheren Zugangs in das mächtige Reich, und zwar in Gestalt eines unter deutscher Verwaltung stehenden Freihafens. Wenn man erwog, welche materiellen Vorteile die Chinesen aus der Erschließung des Landes, z. B. au Plätzen wie Hongkong, Schanghai, Tientsin u. s. w. gewonnen haben, wo der Zwischenhandel, also die Verteilung der eingeführten und die Ansammlung der auszuführenden Güter, zum größten Teil in den Händen chinesischer Kaufleute liegt und diesen große Reichtümer gebracht hat, so durfte mtm wohl erwarten, daß die chinesische Regierung sich den Wünschen Deutschlands um Überlassung eines geeigneten Platzes zur Anlegung eines Freihafens nicht abgeneigt zeigen würde, zumal Rußland neuerdings wieder Zugeständnisse in der Mandschurei, Frankreich im Süden Chinas, am Westfluß, und selbst England, das sich um die Unterstützung Chinas Japan gegenüber keinen Dank verdient hatte, solche im Pangtsze-Gebiet erlangte. Aber es zeigte sich auch hier wieder, daß es aussichtslos ist, von China irgendwelche Zugeständnisse auf nur gütlichem Wege zu erreichen. Die Verhandlungen wurden immer wieder hiuausgeschobeu und würden wohl nie zu Ende gekommen sein, wenn sich nicht durch die Ermordung zweier deutscher Missionare in der Provinz Schautung die Gelegenheit geboten hätte, mit bewaffneter Hand von China die pachtweise Überlassung eines Platzes zu verlangen. Glücklicherweise war sich die deutsche Regierung zu der Zeit, als sich diese Gelegenheit zur Erreichung des Ziels im November 1897 bot, bereits ganz klar geworden, welchen Platz sie für die Entwicklung der wirtschaftlichen deutschen Interessen am geeignetsten zu fordern habe. Vom rein militärischen Standpunkte aus wäre zur Gründung einer Flottenstation wohl kein Platz günstiger gewesen, als der Tschusan-Archipel wegen seiner vorzüglichen Lage mitten vor dem Pangtszekiang, der Hauptverkehrsader des ganzen Reiches und unmittelbar an der großen Schiffahrtsstraße Ostasiens gelegen, aber die Erwerbung einer dieser Inseln würde voraussichtlich unüberwindliche Schwierigkeiten gehabt haben, weil England das Paugtsze-Gebiet als seine Interessensphäre nnsieht und behauptet, ein Vorkaufsrecht auf diese Inseln zu besitzen. Für die wirtschaftlichen Zwecke Deutschlands waren dieselben überdies nicht geeignet, weil sich dort wohl ein Stapelplatz zur Verteilung der europäischen Waren auf dem Wasserwege finden ließ, aber nicht das nötige Eingaugsthor zur Beförderung der eingeführteu Güter auf Eisenbahnen ins Innere des Reiches. Diesem größeren Zwecke konnte nur ein Hafen an der Küste des Festlandes genügen, und es waren deren drei in Vorschlag gebracht: der dem Handel seit Jahren geöffnete Hafen Amoy, die Samsah-Bucht und die Bucht von Kiautschou. Amoy liegt in der Provinz Fokien an der Straße von Formosa auf einer Insel, die aber vom Festlande nur durch einen unschwer zu überbrückenden Meeresarm getrennt ist. Seewärts erhebt sich aus dem Meere eine zweite kleinere Insel, Kulangsn, und zwischen beiden befindet sich eine ziemlich geschützte Wasserfläche, der Hafen von Amoy. Das Klima ist im Winter angenehm, im Sommer aber sehr ungesund. In der etwa 70000 Chinesen umschließenden Stadt, die auch die Geschäftshäuser der europäischen Kanfleute enthält, herrschen Typhus, Fieber und Cholera fast immer. Die Pest wird oft eingeschleppt. Ans Kulangsu ist es etwas besser, weil dort vorzugsweise nur Europäer und im Anslande wohlhabend gewordene Chinesen wohnen. Ans der ungemein stark bevölkerten Umgegend von Amoy findet eine besonders starke Auswanderung statt, deren Umfang je nach dem Ausfall der Ernte jährlich von den Ältesten der großen Familienverbände festgesetzt wird und z. B. 1895 sich auf 113000 Chinesen belief, von denen nur 74000 im Laufe des Jahres zurückkehrten. Amoy ist Vertragshafen und in der Stadt befindet sich eine kleine englische Niederlassung. Der Schiffsverkehr ist infolge der regelmäßig anlaufenden Küstendampfer noch ziemlich lebhaft, aber der Handel Amoys hat durch verschiedene Umstände sehr an Bedeutung ver loren. Zunächst durch die Konkurrenz des benachbarten Freihafens Hongkong und des ebenfalls nicht weit entfernten Vertragshafens Schanghai, welche beide die Verteilung der Einfuhr fast ganz an sich genommen haben. Sodann durch den Rückgang des Theegeschäfts. England bezieht seinen Thee ganz überwiegend aus Ostindien. Formosa liefert den seinigen nicht mehr wie früher nach Amoy und Futschou, sondern, seitdem es japanisch geworden ist, nach Japan. Während man nun in Ostindien alles ausbietet, den Thee durch verbesserte Kultur und geeignete Behandlung der Blätter gu veredeln, ist der chinesische Theebauer hierzu nicht im stände, und cs fehlen ihm die Mittel dazu mit dem Rückgänge des Handels immer mehr. So ist denn der Handel Amoys ständig int Rückgang begriffen, während er sich fast in allen anderen Hafenplätzen Chinas, besonders in den nördlichen, immer hob. Durch die Abtretung Formosas an Japan ist das Hauptgeschäft Amoys, der Theehandel, unrettbar verloren, es sei denn, daß Amoy, wie es in jüngster Zeit erstrebt zu werden scheint, in japanische Verwaltung geriete. Noch ungünstiger sind die Aussichten, von diesem Punkte der Küste aus eine kräftige Einfuhr ins Innere ins Leben zu rufen. Der Anlegung von Eisenbahnen stehen in Gestalt bedeutender Höhenzüge auf dem Festlaude sehr große Schwierigkeiten gegenüber. Das eigentliche Hinterland Amoys ist nicht von hier aus zugänglich, sondern, so weit es die Provinz Fokien betrifft, von der etwas nördlicher gelegenen alten Hafenstadt Futschou aus, und nach Westen zu, wo sich die Provinz Kiangsi anschließt, gehört alles zum Gebiet des Iaugtszc. Sämtliche Flüsse führen dorthin, und auf ihnen, über Niederungen ab, aber er wälzte seine trüben Wasserden Poyang-See, ist ein lebhafter Verkehr nach Hankau, Massen über blühende, reich bevölkerte Landschaften, die dem Haupttheemarkt Chinas, vorhanden. sich vielleicht Jahrhunderte schon vor ihm sicher gewähnt Wollte man etwa versuchen, die Einfuhr Amoys hatten, und vernichtete dabei Hunderttausende von durch Umwandlung des Vertragshafens in einen Freihafen zu heben, so würde das in den Nachbarhäfen Hongkong und Schanghai seit Jahren thätige deutsche Kapital schwerlich großes Interesse für Amoy zeigen, und andererseits müßte man China den Ausfall an Seezöllen und Hafenabgaben ersetzen, was alles bei noch nicht geöffneten Häfen weit günstiger sich gestalten würde. Es wurde deshalb auch die fast ganz unbekannte, nördlich von Futschon gelegene Samsah-Bucht mit in Betracht gezogen. Sie war bislang vereinzelt als Zufluchtshafen angelaufen, wurde nun aber 1896 und 1897 nach jeder Richtung hin auf ihre Brauchbarkeit für die genannten Zwecke untersucht. Es zeigte sich, daß ein durch Eisenbahnen aufzuschließendes Hinterland hier noch viel weniger vorhanden war, als in Amoy, und daß die Bucht lediglich für rein militärische Zwecke dienen konnte. Die Bucht von Kiautschou. Ter dritte in Vorschlag gebrachte Platz war die Bucht von Kiautschou in der Provinz Sch antun g. Diese zwischen dem 34. und 38. Grad nördlicher Breite gelegene Provinz umfaßt etwa 150000 qkm, wovon mehr als die Hälfte bergig ist und halbinsclartig vor dem eigentlichen großen asiatischen Festland liegt, mit diesem durch eine weite Ebene verbunden, die durch zahlreiche, von Gebirgen Mittelasiens herabfallende Flüsse angeschwemmt ist. Unter letzteren ist der Hoangho, der gelbe Fluß, weitaus der bedeutendste, der seit den ältesten Zeiten die Richtung seines Laufes stets wechselt, zeitweise ganz nach Norden ging und selbst den Peiho aufnahm, dann wieder nach Osten und Südosten durchbrach, bald dies, bald jenes Flußbett wählend. Zwar lagerte er bei seinen Überschwemmungen fruchtbaren Schlamm auf den Menschenleben. Das hat ihm den Namen "Chinas Kummer" eingetragen. Von einer Festlegung und einheitlichen Regulierung seines Laufes ist bei seiner großen Länge begreiflicherweise nie die Rede gewesen. Man hat Deiche da hergestellt, wo sie an: notwendigsten und billigsten herzustellen waren. Die Querschnitte sind deshalb für die niedrigen Wasserstände oft zu weit und für die hohen zu gering, und so hat der Strom die mitgeführten Sinkstoffe, namentlich sandige Teile, in dem zu großen Bett fallen lassen, seine Sohle dadurch allmählich bis über die Ebene erhöht und dann bei besonders starkem Zufluß die Deiche durchbrochen und sich nicht mehr in das zu hohe Bett zurückleiten lassen. Seines starken Gefälles wegen leistet er nicht einmal der Schiffahrt große Dienste und hat sogar seine Mündung durch mächtige Barren allen tiefgehenden Schiffen verschlossen. Seit 1852 mündet er wieder nördlich von Schantung im Busen von Petschili, während er vorher mehr als 500 Jahre lang an der Südseite der Provinz ins Gelbe Meer geflossen war. Neben diesem mächtigen Strome ist für Schantung noch eine künstliche Wasserstraße von wesentlicher Bedeutung, der Große oder Kaiser-Kanal, der südlich vom Pangtsze beginnend, diese Hauptader Chinas bei Tschingkiang kreuzt, an beiden Seiten eingedeicht sich nordwärts richtet, 600 km vom Pangtsze entfernt den heutigen Lauf des Hwangho schneidet und bei Tientsin in den Peiho mündet. Ans diesem zwar sehr schlecht unterhaltenen 1300 km langen Kanäle ist noch heute ein lebhafter Dschunkenverkehr vorhanden, trotzdem die großen Küstendampfer der Binnenschiffahrt erhebliche Konkurrenz bereiten. Das flache Land und die Thäler der Provinz sind reich angebaut, die Berge dagegen kahl, weil hier Wie in ganz China der Wald verwüstet rst. Die Bevölkerung gebraucht nicht nur das Holz, sondern Gras und Kräuter znm Brennen. Nur da, wo die Steinkohlen fast zu Tage liegen, werden auch diese mit zur Feuerung benutzt. Die Berge sollen aber reich an mineralischen Schätzen, Eisenerzen, Blciglanz, Kupferkies, Zinkblende u. s. w. sein. Auch Spuren von Gold sind gefunden. Zuverlässige Angaben lagen aber damals nur über das Vorkommen der Steinkohle vor. Freiherr von Richthofen hatte die Kohlcnfelder von Weihsien, Poschan und Jtschoufn nicht nur selbst besucht, sondern auch durch Analysen der königlichen Bergakademie in Berlin die vorzügliche Beschaffenheit dieser Kohlen feststellen lassen. Wie stark die Flöze sind, ist allerdings noch nicht ermittelt, doch sind inzwischen abbauwürdige Lager bereits gefunden. Die Bevölkerung (etwa 25—30 Millionen) ist eine doppelt so dichte, wie die des Deutschen Reichs. Sie lebt fast ausschließlich vom Ackerbau und ist verhältnismäßig wohlhabend. Der Handel in den Städten und Hauptmärkten befindet sich größtenteils in den Händen von Angehörigen anderer Provinzen, namentlich Cantonesen. Die Provinzial-Hauptstadt Tsinanfu liegt im Norden am Hwangho, der bedeutendste Seehasen Tschifn dagegen an der nordöstlichen Ecke der Halbinsel. Der Ackerbau wird mit außerordentlicher Sorgfalt betrieben. Die Ebenen werden wie bei uns in Feldern bebaut, die Abhänge der Gebirge in Terrassen mit gartenartigen Beeten, wie unsere Weinberge. Für Bewässerung wird mit größter Umsicht und unermüdlichem Fleiß gesorgt. Weizen, Gerste, Hirse, Bohnen sind die Hauptfrüchte. Dazu kommen Ölpflanzen, wie Sesam, Raps und Erdnuß, zahlreiche Gemüse, Hanf, Tabak, Melonen u. s. w. Zur Seidenraupenzucht werden Maulbeerbaum, Götterbaum und besonders eiuc großblättrige Eiche gepflanzt. Die sogenannte wilde Seide, die vorzugsweise von Tschifn ausgeführt wird und größere Haltbarkeit besitzt als die des Maulbeerspinners, wird in China sehr geschätzt. Für den Handel kommen noch Häute und besonders Strohflechtereien in Betracht. Sie werden in großen Älengcn ausgeführt. Auch von einer Industrie auf dem Gebiete der Glasund Email-Waren sind alte Reste vorhanden, die sich neu beleben lassen, und wenn sich die Eisenerzlager ebenso abbauwürdig erweisen sollten, wie die Kohlenflöze, so würde sich eine Eisenindustrie vermutlich rasch entwickeln, falls es möglich wäre, die aufblühende Industrie durch Eisenbahnen mit einem Punkte der Küste Kürschner, China I. zu verbinden, welcher als Seehafen gestattete, das Seeschiff nahe heranzubringen. Der einzige vorhandene Hafen von einiger Bedeutung, Tschifn, liegt aber durch Gebirgsländ von der Jndustriegegend getrennt am äußersten Ende der Halbinsel, und somit sehr ungeeignet. Tie ganze nördliche Küste der Provinz ist für tiefgehende Schiffe unzugänglich. Unwillkürlich fällt der Blick bei Betrachtung der Karte auf eine an der südlichen Küste gelegene Bucht, von welcher sich durch einen nach Norden gehenden breiten Thaleinschnitt eine Eisenbahn nach Norden, nach den Kohlenlagern von Weihsien und Poschan und von da über die Hauptstadt Tsinanfn nach Westen ins Innere Chinas führen ließe. Das ist die Bucht von Kiautschou. Das erforderliche Hinterland wäre also vorhanden, und gtinstig ist nicht nur die ein gemäßigteres Klima verbürgende geographische Lage des Landstrichs, als auch vom politischen Standpunkte aus der Umstand, daß die Provinz Schantung bislang weder in die englische noch in irgend eine andere Interessensphäre hincinfällt. Freilich fängt Rußland auch hier in Tschifn an, die ersten Haken einzuschlagen, nnb hat auch die Bucht von Kiautschou im Winter 1896/97 für sein Geschwader zeitweise als Ankerplatz benutzt, es läßt auch versuchsweise durch die Presse verbreiten, die Bucht sei Rußland von Li-Hung-Tschang vertragsmäßig als Flottenstation zugestanden, aber Kaiser Wilhelm II. glaubt nicht daran und verfügt eine genaue Erforschung aller Verhältnisse des Platzes. So wurde denn die Bucht von Kiautschou von deutschen Kriegsschiffen mehrmals augelaufen, und auf einer solchen Fahrt war cs, daß am 23. Juli 1896 in einem gewaltigen Wirbelsturm S. M. Kanonenboot "Iltis" an der südöstlichen Spitze der Halbinsel auf ein Riff geworfen wurde und 71 brave deutsche Seeleute mit dreimaligem Hurra aus Se. Majestät den Kaiser den Heldentod starben. Es waren die ersten Opfer, welche die Erwerbung Kiautschons forderte. Im Frühjahr 1897 erfolgte eine eingehende Untersuchung der Bucht in Hinsicht auf ihre technische Brauchbarkeit und Bedeutung kür die wirtschaftliche Erschließung des Hinterlandes. Sie ergab folgendes: Tie Bucht hat eine gegen die herrschenden Winde, Nordost und Südwest-Monsun, gut gedeckte, 2 Seemeilen weite Einfahrt und mißt m 'jeder Richtung etwa 12 Seemeilen, doch fallen weite Flächen bei Niedrigwasser trocken, so daß der für tiefgehende Schiffe in Frage kommende Raun: etwa einer Kreisfläche mit 4 Seemeilen Durchmesser entspricht. An dieses Becken schließt sich nach Nordost noch eine Rinne von 4 Seemeilen Länge mit 1000 m Breite und mindestens 6 m Tiefe bei Niedrigwasser an. Der durch Ebbe und Flut erzeugte Wasserwechsel beträgt, ähnlich wie an unserer Nordseeküste, 3—4 in. Im Osten der Bucht erheben sich die rund 1000 m hohen Granitfelsen des Lauschan-Gebirges, im Süden wird sie von einer schmalen Landzunge mit etwa 200 in hohen Bergen umschlossen, nach Norden und Westen ragen a::s der Ebene nur einzelne Bergkegel empor. Die verwitterten Gneißund Granitfelsen haben im Laufe der Zeit Unmassen von Sand geliefert und ausgedehnte Wattflächen erstrecken sich namentlich von Nord und West in die Bucht, während sich am östlichen Ufer noch große Wassertiesen finden. Hier ist deshalb der Platz für den zu schaffenden Hafen, der jedoch gegen die im Winter aus Nordwest kommenden Stürme durch kräftige Dämme geschützt werden muß. Das Klima entspricht etwa dem Nord-Italiens, ist aber im Winter bei großer Trockenheit etwas kälter und im Sommer noch Würmer und regenreicher. Schnee und Nebel sind selten, die Bucht bedeckt sich aus den Wattflächen wohl mit Eis, friert aber niemals ganz zu. Da die Watten nur wenig Schlick enthalten, vielmehr fast ganz aus Sand bestehen, so sind Fieber nicht zu fürchten. Fälle von Ruhr und Typhus sind auf mangelhafte Beschaffenheit des Trinkwassers zurückzuführen, das aus ganz flachen Brunnen gewonnen und bei der chine sischen Unsaubcrkeit sehr bald verschmutzt wird. Südund Ostseite der Bucht sind der Berge wegen schwach bevölkert, Nordund Westseite dagegen voll von Dörfern und bis auf die kleinste Fläche als Acker ausgenutzt und sorgfältig bebaut. Zwei Plätze sind besonders von Bedeutung, Tsingtau, an dem Eingang zur Bucht im Südosten gelegen, seit kurzem von den Chinesen mit fünf bis sechs Lagern umgeben, die von mehreren Tausend Soldaten unter einem General besetzt sind. Tenn China hat sich plötzlich entschlossen, den Fremden zuvorzukommen und in der Bucht von Kiautschou einen Kriegshafen selbst anzulegen. Ter zweite Platz ist die im Nordwesten gelegene alte Stadt Kiautschou mit etwa 70000 Einwohnern. Durch die immer zunehmenden Sandablagerungen des Kiau-Flusses ist sic allmählich aus einer Hafenstadt eine Landstadt geworden und hat an Bedeutung verloren. Immerhin ist sie der größte Platz der Umgegend, und ihre hohen, mit Zinnen gekrönten Mauern geben ihr noch heute ein stattliches Aussehen. Ta dieser Teil der Provinz Schantung fast ganz unbekannt war und auch Freiherr von Richthofen bei seinem Besuch der Kohlenfelder von Weihsicn nicht selbst die Straße nach Kiautschou gesehen hatte, so war es fraglich, welche Schwierigkeiten der Anlegung einer Eisenbahn von der Bucht ins Hinterland erwachsen könnten. Es zeigte sich nun, daß nördlich von Kiautschou die fruchtbare Ebene sanft anstieg, in einer Entfernung vom etwa 25 km die Wasserscheide nach Norden erreicht wurde und dann das Gelände wieder vollständig eben mit ganz geringem Gefälle zur Bucht von Petschili abfiel. Der südliche und der nordwärts gerichtete Kiau-Fluß sind auf der Wasserscheide durch einen vor 600—700 Jahren hergestellten, noch erhaltenen, aber der Schiffahrt nicht mehr dienenden Kanal verbunden. Es wurde also festgestellt, daß irgendwelche besonderen Schwierigkeiten bei Anlage einer Eisenbahn von der Bucht nach den Kohlenfeldern von Wcihsien nicht zu erwarten waren und daß so unzweifelhaft der günstigste Weg in das große, unaufgeschlossene .Hinterland der Provinzen Schantung, Schansi u. s. w. geschaffen werden könne. Im Sommer 1897 war die deutsche Regierung sich darüber klar, daß die Bucht von Kiautschou der geeignetste Platz an der chinesischen Küste als zukünftiger Ausgangspunkt unserer wirtschaftlichen Bestrebungen sei und versuchte auf dem Wege diplonratischer Verhandlungen den Platz von China zu pachten. Diese Verhandlungen wären vielleicht heute noch nicht mit Erfolg abgeschlossen, wenn nicht im November 1897 in der Provinz Schantung von der fanatischen Bevölkerung zwei deutsche Missionare, Nies und Heule, ohne jede eigene Schuld ermordet uild die Missionsanstalten des kathoLager des chinesischen Generals. 533 Die Bucht von Aiautschou. EnRnnnnnrerercnnnnnRRnrirerererers 534 lischen Vikariats Süd-Schantung unter Bischof Anzer überfallen worden wären. Kaiser Wilhelm II. forderte nicht allein die sofortige strengste Sühne für das Verbrechen, sondern ergriff mit kühner und starker Hand die Gelegenheit zur Beschleunigung der mit China schwebenden Verhandlungen und beseitigte gleichzeitig durch persönliche Verständigung mit dem Kaiser von Rußland die von der russischen Regierung gemachten Schwierigkeiten. Die unter dem Kommando des Admirals von Aiederichs stehende Kreuzerdivision erhielt den Befehl, die Bucht von Kiautschou als Bürgschaft fiir die Erfüllung der deutschen Forderungen zu besetzen, und schon am 14. November erfolgte die Besitzergreifung durch S. M. S. "Kaiser", "Prinzeß Wilhelm" und "Cormoran". Das etwa 700 Mann zählende Laudungskorps fand bei Besetzung der Munitionshäuser und Lager Tsingtaus keinen Widerstand, da der chinesische General Tschang vollständig überrascht war und nach einigem Besinnen einwilligte, mit seiner fast dreimal so starken Truppe sich auf 15 km von Tsingtau zurückzuziehen. Die Besetzung war also ohne Blutvergießen erfolgt, und die Sühneforderungen der deutschen Regierung regelten sich in Peking jetzt sehrrasch/ Der wichtigste Punkt darin war die Abschließung eines Pachtvertrages, der im Eingang etwa folgenden Wortlaut besitzt: Pachtvertrag Deutschlands mit China vetr. Lliautfchous.f "Die kaiserl. chinesische Regierung, um den berechtigten Wunsch der deutschen Regierung zu erfüllen, ebenso wie andere Mächte in den ostasiatischcn Gewässern einen Hnnkt zu besitzen, wo deutsche Schiffe ausgebcssert und ausgerüstet, die Materialien und Vorräte dafür niedergelegt, sowie sonstige zugehörige Einrichtungen getroffen werden können, überläßt der deutschen Regierung pachtweise vorläufig auf W Jahre das auf beiden Seiten des Eingangs der Bai von Kiautschou in Süd-Schantung bclegene, weiter unten näher bestimmte Gebiet dergestalt, daß es der deutschen Regierung frei steht, innerhalb dieses Gebietes alle nötigen Baulichkeiten und Anlagen zu errichten und die zu deren Schutze erforderlichen Maßnahmen zu treffen." Nachdem das Gebiet genau festgesetzt ist, wird hiuzugefügt: "Außerdem verpflichtet sich die chinesische Regierung in einer «Zone von 50 km im Umkreise rings um die Bucht keine Maßnahmen oder Anordnungen ohne Zustimmung der deutschen Regierung zu treffen und insbesondere einer etwa notwendig werdenden Regulierung der Wasserläufe keine Hindernisse entgegcnzusetzcn." Tic sonstigen wichtigsten Zugeständnisse waren folgende: Auf dem Pachtgebiete geht das Hohcitsrccht an Deutschland über. Die chinesische Regierung gestattet den Ban einer Eisenbahn nach den nordund westwärts gelegenen Kohlenfeldern bis zum Anschluß an das große projektierte Eisenbahnnetz (Peking-Hankau). Tie Ausbeutung der Kohlenfelder von Weihsien, Poschan und Jtschoufu soll deutschen Unternehmern gestattet sein. Ter zu bildenden Eisenbahngesellschaft sollen mindestens ebenso günstige Bedingungen gewährt werden, wie sie irgend eine andere europäisch-chinesische Eisenbahngesellschaft in China erhalten hat. Die Grenzen des etwa 540 qlan umfassenden und 60—80000 Einwohner zählenden Pachtgebiets sind so gewählt, daß zunächst die ganze Bucht bis zum höchsten Wasserstande mit den Inseln, sodann die Einfahrt und z>l beiden Seiten der letzteren genügendes Land umschlossen wird, um nicht nur diesen seeseitigen Zugang sicher verteidigen, sondern auch die am östlichen Ufer zu gründende Hafenstadt landseitig gut schützen zu können. Es ist also der größte Teil des bis zu 1000 m hohen Lanschan mit in das Gebiet hineingezogen, wodurch Admiral Btto v. Diederichs. zugleich die Gewinnung guten Trinkwassers gesichert und für später die Anlage klimatischer Kurorte, wie sie zur Zeit Japan schon bietet, ermöglicht ist. Das energische und erfolgreiche Vorgehen der deutschen Regierung fand nicht nur im deutschen Volke, sondern auch bei allen in Ostasien lebenden Fremden lebhaften Beifall. Bald wurde jedoch in der Presse Englands und Japans, zum Teil auch in der Rußlands und Frankreichs die Befürchtung laut, Deutschland könne in China großen Landerwerb erstreben, und da die Verhandlungen in Peking noch nicht zum Abschluß gekommen waren, mußte die deutsche Regierung ans neue Verschleppungsversuche Li-Hnng-Tschangs gefaßt sein. Um deshalb keinen Zweifel darüber aufkommen zu lassen, daß Kiautschou unbedingt als deutscher Stützpunkt festgehalten werden solle, entsandte Kaiser Wilhelm II. eine zweite Kreuzerdivision unter dem Oberbefehl des Prinzen Heinrich von Preußen. In der Abschiedsrede ans dem Schloß zu Kiel am 15. Dezember 1897 sprach der Kaiser, an die Zeit der "Hansa" erinnernd, aus, daß das neuerstandene Deutsche Reich die Pflicht habe, der unter staunenswerter Entwickelung des Handels neu erblühten deutschen Hansa seinen Schutz zu gewähren, daß aber Reichsgewalt und Seegewalt nicht ohne einander bestehen können. Es war dem Prinzen Heinrich damals nicht beschieden, sich mit gepanzerter Faust Lorbeeren zu holen, oberes >var ihm vergönnt, an der Gründung der jungen Kolonie begeisterten Anteil zu nehmen und durch seinen Besuch beim Kaiser von China die Beziehungen zwischen beiden Ländern freundlicher zu gestalten. Wodurch es möglich war, daß trotzdem bald darauf neue blutige Wirren in China ausbrachen, ist an anderer Stelle behandelt worden. Es bleibt jedoch noch zu sagen, was inzwischen ans Kiautschou oder richtiger Tsingtau, geworden ist, denn an letzterem Orte erblüht das junge deutsche Gemeinwesen. Ist auch das östliche User der inneren Bucht für die eigentlichen Hafenanlagen bestimmt, an die sich die Fabrikstadt und das Chinesenviertel anschließen werden, so hat man doch vorgezogen, die Regierungsgebäude und die europäischen Handelshäuser au dem vor den kalten Winterstürmen geschützten Südabhauge der Ausläufer des Lauschan zu errichten. Von großen Gesichtspunkten aus ist ein für Jahrzehnte ausreichender Bebauungsplan ausgestellt und sofort mit dem Bau der -Hauptstraßen begonnen. Große Schwierigkeiten boten dabei die zahllosen, durch Regenfluten ausgewaschenen Rinnen und Schluchten, die durch ein, tropischen Gewitterregen angepaßtes Kanalsystem ersetzt sind. An den Straßen erheben sich bereits zahlreiche stattliche, massive Gebäude, und bei der Einfahrt in die Bucht von Kiautschou glaubt mau schon hinter der Reede von Tsingtau eine ausgedehnte Stadt zu erblicken. Das zur Auscgeluug bestimmte große Leuchtfeuer auf der Insel Tschalicntau ist noch im Bau, aber das kleinere, auf Dunuisau zeigt den in die Bucht laufenden Schiffen schon die Einfahrt an. Im Innern der Bucht ist neben dem Hufeisenriff ein kleinerer Hafen mit 6 in Tiefe unter Niedrigwasser für den Verkehr der Küstendampfer und znm Löschen der Baumaterialien angelegt, während der eigentliche Handelshafen sich etwas weiter nördlich an die Fraueninsel anschließt. Er wird durch Umschließung einer bei Niedrigwasser zum Teil trocken fallenden Wasserfläche mit Steindämmen und durch Ausbaggerung des fall nur aus Saud bestehenden Bodens hcrgestellt. Der Felsen liegt glücklicherweise so tief, daß fast gar keine Sprengarbeiten nötig sind. An der Ostseite werden breite Molen, für die größten Handelsschiffe ausreichend, • und namentlich auch für die Kohlenausfuhr bestimmt, errichtet. An der Westseite liegen Reparaturanstalten der Marine und das große, allen Schiffen zugängliche Schwimmdock. Alle Kais sind durch Geleise mit der von Tsingtau ausgehenden, um die Bucht herum nach Kiautschou und von dort nordwärts nach Weihsien führenden Eisenbahn verbunden. Der Bau der letzteren ist von der in Berlin gegründeten Schantung-Eisenbahngesellschaft, welcher die Konzession für die 450 üm lange Bahn Tsingtau Tsinanfu mit Seitenbahncn in die Kohlenselder erteilt ist, derart gefördert, daß die Strecke Tsingtau-Kiautschou schon im April 1901 dem Betriebe übergeben wurde. Die Ausführung leitet der oben erwähnte Baudirektor Hildebrand. Die Verwaltung des Kiautschou-Gcbictes ist dem Reichs-Mariueamt übertragen und demgemäß steht ein Marineoffizier als Gouverneur au der Spitze derselben. Nicht als ob die Interessen der kaiserlichen Marine in erster Stelle stehen sollten, denn, wie gesagt, von vornherein war die Handelskolonie als Stützpunkt der deutschen wirtschaftlichen Interessen in Ostasien der Hauptzweck des Unternehmens. Aber man glaubte wohl einerseits einen Militärgouverneur wenigstens zeitweise nicht entbehren zu können, und andererseits in den Kreisen unserer Marineoffiziere vorurteilsfreies, durch den Besuch der verschiedenartigsten Kolonien gebildetes Verständnis für die Bedürfnisse eines allen Nationen offenstehenden Freihafens zu finden. Nichts würde hier schädlicher sein, als engherzige, bureaukratische Verwaltung. Als Grundsätze sind vielmehr aufgestellt: größte Selbständigkeit des Gouverneurs den heimischen Behörden gegenüber; Zurücktreteu der staatlichen Verwaltung zu gunsten einer sich immer weiter entwickelnden Selbstverwaltung, namentlich bei allen Maßnahmen auf dem Gebiete von Handel und Industrie; Zollfreiheit und Gewerbefreiheit. Ein teils aus den höchsten Beamten, teils aus Vertretern der Civilgemeinde gebildeter Gouvernemeutsrat steht dem Gouverneur beratend zur Seite. Auch das chinesische Element wird mit heraugezogeu und fühlt sich augenscheinlich sehr wohl, obgleich den chinesischen Grundbesitzern schon am Tage der Besitzergreifung gewisse Beschränkungen im Verkauf des Landes auferlegt sind. Diese außerordentlich zweckmäßige Anordnung, nach welcher mit den Grundbesitzern sofort Verträge über ein Vorkaufsrecht des Gouvernements zu fest vereinbarten Preisen geschlossen wurden, hat die an vielen andern Plätzen Ostasiens beobachtete maßlose Grundstücksspekulation nicht nur der eingeborenen, sondern auch der eiugewanderten Besitzer hier unmöglich gemacht. Der Gouverneur kauft von Zeit zu Zeit so viel Land als nötig und verkauft oder verpachtet das, >vas nicht für die Regierung unbedingt nötig ist, meistbietend an Private. Ein genaues Grundbuch, verständige Bauordnung sind sofort ins Leben gerufen. Das gesamte deutsche Pachtgebiet bildet einen allen Nationen geöffneten Freihafenbezirk. In Tsingtau befindet sich ein chinesisches Seezollamt, welches den vertragsmäßigen chinesischen Einfuhrzoll aus die vom Auslande eingeführten Waren erst erhebt, wenn diese über die Grenze des deutschen Gebietes in das Hinterland gebracht werden, und umgekehrt den Ausfuhrzoll, wenn die aus dem Innern Chinas nach Tsingtau gebrachten Waren nach anderen Orten verschifft werden. Durch diese bequeme Zolleinrichtung ist Tsingtau sehr geeignet, als Stapelplatz für nach und nach zu verteilende Güter zu dienen. Eine erhebliche Anzahl angesehener deutscher China-Firmen hat sich deshalb auch schon dort niedergelassen, der beste Beweis für das Vertrauen, welches mau in diesen sachverständigen Kreisen für die Entwickelung des Platzes hegt. Daß die Bucht von Kiautschou auch einen erheblichen militärischen Wert für uns besitzt, liegt auf der Hand. Tie Reede ist groß genug, um auf ihr die Flotten der ganzen Erde zu vereinigen; die Werftuttb Hafenanlagen werden unserer Marine jederzeit eine rasche, gute und preiswürdige Ausbesserung und Ausrüstung der Schiffe mit Kohlen und allem sonstigen Bedarf sichern, und die kleine Landmacht in den Kasernen Tsingtaus ist jeden Augenblick marschbereit, im Hinterlande entstehende Unruhen inr Keime zu ersticken. Die Organisation der Besatzung von Kiautschou. Die Besatzung von Kiautschou besteht vorwiegend aus dem 3. Seebataillon und einem Matrosen-Artilleriedetachement. Ersteres zählt zur Zeit 18 Offiziere, 112 Unteroffiziere und 1004 Gemeine, letzteres 4 Offiziere, 30 Deckund Unteroffiziere und 205 Gemeine. An sonstigem militärischen Personal sind zu nennen: Marinefeldartillerie mit 110 Köpfen, Chinesen-Kompagnic mit 141 Köpfen, Personal der Matrosendivision und der Werftdivision mit 62 Köpfen, Sanitätspersonal mit 40 Köpfen u. s. w. Auch ein Reiterdetachement ist in der Bildung begriffen. Die Gesamtstärke der Besatzung beläuft sich auf 43 Offiziere und Ärzte, 214 Deckund Unteroffiziere, 1326 Gemeine. Die Ergänzung erfolgt aus den Stammkompagnien, welche in einer Stärke von 755 Köpfen in der Heimat stationiert sind und soll möglichst durch Freiwillige bewirkt werden. Sämtliche für Kiautschou bestimmten Leute Missen für den Tropendienst tauglich befunden sein. Das Kommando dauert in der Regel nicht unter 2 Jahre. In jedem Jahr soll thunlichst die Hälfte der gesamten Besatzung abgelöst werden. Die Mannschaften verbringen von der gesetzlichen dreijährigen Dienstzeit die ersten 7 oder 8 Monate in der Heimat bei den Stammkompagnien und auf der Ausreise, 24 Monate bei der Besatzung in Kiautschou und etwa 2 Monate auf der Rückreise. Unterbringung der Besatzung. Die Stäbe und das Gros der Besatzung liegen in Tsingtau in zwei im April 1901 bezogenen KompagnieKasernen am. Jltisberge, ferner in den alten chinesischen Lagern und in den neben denselben errichteten Baracken. Kleinere Detachements befinden sich in der Stadt Kiautschou, in Schatzykou und Tsangkou, die Chinesen-Kompagnie in Litsun. Es mag zum Schlüsse noch auf eine besondere demnächstige Bedeutung Tsingtaus mit einigen Worten hingewiesen werden. Das heiße und zum Teil recht ungesunde Klima Süd-Chinas bis zum Pangtsze hinauf erschlafft den Menschen auf die Dauer, und auch der Kräftigste bedarf von Zeit zu Zeit einer Erholung in nördlichen Breiten. Eine Reise nach Deutschland kostet viel Zeit und Geld. Häufig kommt auch die Erziehung der Kinder in Frage. Gelingt es nun unzweifelhaft, da vorzügliches Trinkwasser in allernächster Zeit zugeleitet sein wird, Tsingtau zu einem besonders gesunden Aufenthalt zu machen, sind die schon jetzt mit äußerster Sorgfalt aufgeforsteten großen Flächen zu schönen Waldungen Heraugewachsen, so wird der deutsche Wald am Fuße des zackigen Felsgebirges und der ausgezeichnete Strand am offenen Meer mit seinen erfrischenden Winden gewiß Vielen die verlorene Spannkraft zurückgeben. Und manche deutsche Mutter in China wird den Schulen Tsingtaus ihre Kinder anvertrauen, sie aber zu jeder Ferienzeit wieder in die Arme schließen können. Wird also die Bucht von Kiautschou die wirtschaftlichen Bestrebungen Deutschlands hoffentlich künftig fördern und erkennen lassen, was deutsche Thatkraft, Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit leisten können, so soll Tsingtau — >vo das vom Prinzen und der Prinzessin Heinrich von Preußen ins Leben gerufene großartige Seemannshaus die Reihe der zu schaffenden gemeinnützigen Anlagen schon so glücklich eröffnet hat — ein Mittelpunkt deutscher Gesiunuug und Sitte, eine Stätte deutschen Familienlebens und auch ein Vorbild für die Übertragung deutscher sozialer Anschauungen nach Ostasien werden, kurzum ein Segen sowohl für Deutschland wie für die der heutigen Weltanschauung noch so wenig zugängliche chinesische Bevölkerung. Daß die deutsche Flagge im Kiautschougebiet nicht auf einem verlorenen Posten weht, sondern auf allen Schiffahrtsstraßen des ganzen Ostasiens stolz iin Winde flattert, ist zn einem großen Teil auf die Sendung des Prinzen Heinrich, des einzigen Bruders des Kaisers Wilhelm II., nach dem fernen Osten zürückzuführen. Prinz Heinrich, Kontre-Admiral, übernahm auf Befehl seines kaiserlichen Bruders am 10. Dezember 1897 den Oberbefehl über die nach den ostasiatischen Gewässern bestimmte 2. Kreuzerdivision, die sich aus dem Panzerkreuzer 1. Klasse "Deutschland", dem Kreuzer 2. Klasse "Kaiserin Augusta"und deni Kreuzer 3. Klasse "Gefion" zusammensetzte. Zur Unterstützung des Krcuzergeschwaders gingen an Bord der beiden Lloyddampfer "Darmstadt" und "Krefeld" ein kriegsstarkes Seebataillon von 1200 Mann unter Major Kopka v. Lossow, eine über 200 Mann starke Kompagnie Matrosenartillerie unter Kapitänleutnant Grapow und ein Detachement Pioniere von Wilhelmshaven nach China ab. Zum erstenmal waren zur Bildung dieses überseeischen Expeditionskorps auch Freiwillige der Armee herangezogeu worden. Am Vormittag des 16. Dezember 1897 lichtete Prinz Heinrich die Anker, vom Kieler Hafen bis Rendsburg von seinem kaiserlichen Bruder begleitet. An der westlichen Mündung des Kaiser Wilhelm-Kanals in Brunsbüttel-Koog war Prinzessin Heinrich mit dem Prinzen Waldemar erschienen, um dem auf Jahre scheidenden Gemahl und Vater Lebewohl zu sagen. Nach einem kurzen Besuch des Prinzen am englischen Königshofe dampfte die deutsche Kreuzerdivision in den Atlantischen Ocean und schlug nun den bekannten Weg durch die Straße von Gibraltar, das Mittelländische Meer, den Suezkanal, das Rote Meer, Bab-elMandeb, den Indischen Ocean und die Chinesische See ein. Am 8. März 1898 wurde Hongkong erreicht, wo der Hohenzollernprinz als Enkel der Königin Viktoria sowohl von den britischen Civilund Militärbehörden als auch von der englischen Kolonie auf das Begeistertste gefeiert wurde. Am 13. April verließ der Prinz-Admiral au Bord der "Gefion" den Hafen von Hongkong und ging nach Schanghai in See. Am 16. langte das Schiff vor der Mündung des Wusuug-Flusses an, und am 17. ging Prinz Heinrich an Land, um noch au demselben Tage bei der Pagode von Lunghwa im Kreise der deutschen Kolonie frohe Stundeit zu verleben. Während seiner Anwesenheit in Schanghai hatte Prinz Heinrich Gelegenheit, sich auf dem Manöverfelde bei Wusung von den Fortschritten zu überzeugen, die ein aus 2500 Mann bestehendes chinesisches Elitekorps aller Waffengattungen während der letzten zwei Jahre unter der Leitung deutscher Instrukteure, vorab des Majors v. Reitzenstein, gemacht hatte. Der damalige deutsche Gesandte in Peking, Freiherr v. Heyking, hatte es durchzusetzen gewußt, daß mau am chinesischen Kaiserhofe mit der nicht mehr aufrecht zu erhaltenden Tradition brach, alle Fürsten der Erde als Vasallen des "Sohnes des Himmels" zu betrachten. Kaiser Kwaugsü erklärte sich vielmehr bereit, den Prinzen Heinrich als den Angehörigen eines im Range völlig gleichstehenden Herrscherhauses zu empfangen. Dieses Zugeständnis >var ein großartiger Erfolg für Deutschland in Anbetracht der unerschütterlich scheinenden Macht, die die Überlieferung im Orient allerorten über die Gemüter ausübt. Von Kiautschou traf der Prinz am 12. Mai auf der Reede von Takn ein. Bei der Ausschiffung am folgenden Tage wurde er vom Vizeköuig von Petschili feierlich begrüßt und zum Bahnhof in Tongku geleitet, ivo ein Sonderzug nach Peking bereit stand, der ain Nachmittag die Endstation vor der chinesischen Hauptstadt erreichte, wo außer dem Baron v. Heyking und den anderen Mitgliedern der deutschen Gesandtschaft der kaiserliche Prinz Tsching, der greise Li-Hung-Tschang und die Mitglieder des TsnngliPamen in einem Empfangspavillon den hohen Besuch erwarteten. Inmitten einer unzählbaren Volksmenge hielt der Prinz in einer dunkelgrünen, zum Zeichen seines Ranges mit gelben Schnüren versehenen Sänfte, die ein Detachement deutscher Seesoldaten in Paradeuniform umgab, seinen Einzug in die Hauptstadt Chinas, wo er in der deutschen Gesandtschaft absticg. Am 15. Mai fand der in mehr als einer Beziehung denkwürdige Besuch des Bruders Kaiser Wilhelms bei dem Herrscher Chinas und der Kaiserin-Witwe Tsuhsi, in der prächtigen und herrlich gelegenen Sommerresidenz Wanschuschan, drei Wegstunden nordwestlich von Peking, statt. Der Prinz überreichte dem Kaiser Kwangsü prächtige Vasen aus der königlich preußischen Porzellan -Manufaktur im Auftrag des deutschen Kaisers als Geschenk. Der chinesische Monarch gab mehr als einmal seinerFreude über die Ankunft des Prinzen ungeschminkten Ausdruck und säumte nicht, nach kurzer Frist in dem als Absteigequartier des hohen Gastes hergerichteten Pavillon seinen Gegenbesuch zu machen. Bei dieser Gelegenheit fand zwischen dem reformfreundlichen chinesischen Herrscher und dem Hohenzollern ein vertrautes Gespräch statt, dem nur der GesandtschaftsDolmetscher beiwohnte. Bei der Verabschiedung des Sprossen der Mandschu-Dynastie präsentierten die vordem Pavillon in Parade aufgestellten deutschen Marineinfantesillen das Gewehr, während der Tambour einen Wirbel schlug. Das war die erste Ehrenbezeugung, die deutsche, wie überhaupt abendländische Soldaten dem Herrscher des Reiches der Mitte erwiesen. Nach der Rückkehr von Wanschuschan war Prinz Heinrich unermüdlich in Besichtigung der Sehenswürdigkeiten von Peking und dessen nächster Umgebung. Am 19. Mai wurde nach den Gräbern der MingDynastie, die 1368—1644 das damals blühende chinesische Reich beherrschte, und nach der Großen Mauer aufgebrochen, von wo am 22. die Rückkehr nach Peking cr^gte. Am folgenden Tage stattete 'der Prinz dem ^-sungli-Pamen einen längeren Besuch ab, um hier den vom deutschen Kaiser dem Kaiser Kwangsü verliehenen Schwarzen Adlerorden zu übergeben. Tags darauf kain der chinesische Herrscher von seiner Sommerresidenz Wanschuschan nach Peking, um vom Prinzen die Mitteilung dieser Ordensverleihung entgegenzunehmen und hierauf wieder znrückzukehren. Am 25. Mai verließ der Prinz Peking und begab sich wiederum mit der Eisenbahn über Tientsin nach Takn, von wo er tags darauf mit seinem Geschwader nach dem von den Russen besetzten Port Arthur auf der Halbinsel Liautong in See ging. Am 27. liefen die deutschen Schiffe in den russischen Kriegshafen ein, lichteten aber schon am folgenden Tage zur Abfahrt nach dein von den Engländern occupierten Weihaiwei die Anker. Am 1. Juni war der Prinz wieder in Kiautschou; in der ersten Dekade dieses Monats wurde ein fünftägiger Ausflug in das Innere des deutschen Schutzgebietes unternommen. Am 25. Juli lmirbe vou dem aufblühendenTsingtau aus mit dem Kreuzer "Deutschland" die Fahrt nach der russischen Küste Ostasiens angetretcjt; am 28. wurde der Hafen Fusan an der Südostspitze Koreas, am 10. August Korsakorskoje auf Sachalin, am 15. Alexandrowskoje angelaufen. Von dort Castricsbai an der Staats,err. Lirptg. Ha,,er Wilhelm II. prmz Heinrich. Die kaiserlichen Prinzen. übschied Kaiser Wilhelms und seiner Söhne vom Prinzen Heinrich bei dessen Ansfahrt nach China am \6. Dezember ^8I7. wurde die Fahrt nach der de Ostküstc des Ussurigebiets fortgesetzt, wo die Ankunft am 19. erfolgte. Von hier ab wurde südlicher Kurs gesteuert, und am 8. September lief Prinz Heinrich mit der "Deutschland" und "Gefion" in den Hafen von Wladiwostok ein, das vor der Besetzung von Port Arthur als Kriegshasen der Russen am Großen Ozean und als voraussichtlicher Endpunkt der Sibirischen Bahn eine größere Rolle spielte, als heute. Am 16. September wurde über Land Chabarowsk, der Sitz des Generalgouverneurs des Küstengebiets, der Amurprovinz und Transbaikaliens erreicht, wo der Prinz, von den Spitzen der Behörden feierlich empfangen, beim Generalgouverneur abstieg. Hier genoß der Bruder des deutschen Kaisers nicht allein die Gastfreundschaft dieses Würdenträgers, sondern auch die des gesamten Offizierkorps der Garnison. Am 22. kehrte Prinz Heinrich nach Wladiwostok zurück und trat am 24. September die Rückfahrt nach Kiautschou an. In diese Tage fiel der verhängnisvolle Rückschlag am chinesischen H>ofe, der die reaktionäre Partei ans Ruder brachte. In jener Zeit, da neue Wolken am politischen Horizont Ostasiens gewitterschwer aufzusteigen begannen, hatte Prinz Heinrich die große Freude, den Besuch seiner Gemahlin zu erhalten. Am fünfzehnten Dezember traf die hohe Frau in Hongkong ein und wurde dort von ihrem Gemahl empfangen. Das Weihnachtsfest verlebte das prinzliche Paar gemeinschaftlich in Kiautschou. Anfang März 1899 wurde der Prinz zum Kommandeur des gesamten Kreuzergeschwaders in den ostasiatischen Gewässern ernannt und am 20. dssselben Monats Prinz Waldemar, der ältere der beiden Söhne der im fernen Osten weilenden Eltern, altem Brauch des Hohenzollernhauses gemäß, zu seinem zehnten Geburtstagsfcste durch kaiserliche Kabinettsordre zum Leutnant inr 1. Garderegiment zu Fuß und gleichzeitig zum Leutnant zur See ernannt. Das Kaiserpaar verschönte durch einen Besuch in Kiel diesen Ehrentag des Neffen. Nach einem erinuerungsreichen, unvergeßlichen Beisammensein von vier Monaten schlug dem prinzlichen Paar erneut die Trennungsstunde; am 22. April trat Prinzessin Heinrich von Schanghai aus au Bord desselben Schiffes, wie aus der Herfahrt, die Heimreise an, landete am 24. Mai in Genua und war am 16. Juni mit ihren beiden Söhnen wieder daheim in Kiel. In den Sommer des Jahres 1899 fällt die Stromfahrt des Prinzen Heinrich den Pangtszekiang aufwärts nach Hank au, wobei in Wutschang eine bedeutsame Zusammenkunft mit dem geistig hervorragenden Gencralgouverneur der Kiangsu-Provinzen, Tschantschitung, stattfaud. Dieser Besuch bei dem bedeutenden chinesischen Staatsmanne hat nicht wenig zur Hebung des deutschen Ansehens im südlichen China beigetragen. Der Handel der deutschen Kaufleute und die Zukunft deutscher Unternehmungen im südlichen China sind daourch nicht unwesentlich gefördert und ermutigt worden; die seit jener Zeit ins Leben getretene deutsche RickmersDampferliuie, die den Aangtsze stromaufwärts bis Tschungking verkehrt, ist hierfür ein schlagender Beweis. Auch hier ist der deutsche Kaufmann und Reeder mit dem früher alleiuhcrrschenden Briten erfolgreich in Wettbewerb getreten. Im Juni besuchte der Prinz Korea, im Juli Japan, wo er am Hofe des Mikado mit großer Auszeichnung empfangen wurde. Kurz vor der Abreise aus China wurde der Prinz zum Vizeadmiral befördert. Den Abschluß der ostasiatischen Mission des Bruders Kaiser Wilhelms II. bildete der vom 17. bis 29. Dezember 1899 währende Besuch am siamesischen Hof zu Bangkok. Am 13. Februar traf Prinz Heinrich, der auf der Rückreise von Italien ab den kürzeren Landweg über Wien gewählt hatte, wieder in Berlin ein, wo ihm durch den Kaiser und die Hauptstadt des Deutschen Reiches ein ebenso warmer und herzlicher als ehrenvoller Empfang bereitet wurde. Zwei Tage später weilte der deutsche Heinrich der Seefahrer wieder in seinem Familienheim au der Kieler Föhrde, von wo er 26 Monate früher hinausgezogen war, um in den Reichen des fernen Ostasiens in persönlicher Fühlung mit den Höfen von Peking, Söul, Tokio und Bangkok Beziehungen auzubahnen, die dem Deutschen Reiche und Volke Ansehen und Nutzen bringen sollen und werden. Sollte es dereinst sich darum handeln, daß die Würfel falten über die Geschicke der Länder am Hwangho und Aangtszekiang, so wird Deutschland nicht wieder leer ausgehen wie zur Zeit der spanischen und portugiesischen Couquistadoren. Beizeiten dafür vorgesorgt zu haben ist das unbestreitbare Verdienst Kaiser Wilhelms II. und seines Bruders, des Prinzen Heinrich. Was hat Deutschland von China zu erwarten? Was hat China von Deutschland zu erwarten? Welcher: Weg mutz Deutschland einschlagen, um sein Ziel zu erreichen? Auf diese Fragen giebt Eugen Wolf in München, der mit den chinesischen Verhältnissen der Gegenwart besonders vertraute Reisende, Antwort in nachfolgenden Auslassungen: Bei Betrachtung der zukünftigen Gestaltung der Dinge in China stehen Deutschlands Beziehungen zu China und Chinas Beziehungen zu uns im Vordergründe. Diese Betrachtung läuft auf drei Fragen aus: I. Was hat Deutschland von China zu erwarten? IIWas hat China von Deutschland zu erwarten? III. Welchen Weg muß Deutschland eiuschlageu, um sein Ziel zu erreichen? Diese Fragen lassen sich dahin beantworten: Politisch hat Deutschland von China nach wie vor denselben passiven mit liebenswürdiger Etikette verbundenen Widerstand zu erwarten. Politisch hat Deutschland in China ferner den Widerstand der anderen Großmächte zu erwarten, da vielen derselben die Ausbreitung unseres Handels und unserer Schifffahrt im fernen Asien ein Dorn im Auge ist; so z. B. sind wir England unbequem auf dem Pangtszcfluß, anderen Mächten wegen unserer Eisenbahnen von Kiautsthou, in die Kohlengebiete u. s. w. Dagegen erwartet Deutschland in China in näherer und fernerer Zukunft bezüglich Ausbreitung und Förderung seines Handels und seiner Industrie nur Gutes. Ausfuhr von Thee, Tabak, Strohflechtereien, Porzellan, Öle, Lackwaren, Häuten, Fellen, Wolle, Rohseide, Gerbstoffen, Kampher, Lacke, Moschus, Gold, Pelzwerk, Tusche, Petroleum, vegetabilisches Wachs, Erdwachs, Baumwolle, Hölzer, Kohle, Ginseng, Jngiver re.; Einfuhr von Maschinen, Chemikalien, Arzeneien, Zeugen, Stoffen, Lampen, Wagen, Fahrrädern, Farbstoffen, Möbeln, Eisenbahnmaterial, Automobilen, Qnincailleriewaren, Schuhwaren re. Kulturell steht Deutschland in China für die nächste Zeit als Folge der Wirren passiver, vielleicht auch aktiver Widerstand entgegen; letzterer bezüglich der Missionen, für die es geraten wäre, sich abwartend zu verhalten, ihre Thätigkeit in die Nähe erreichbaren Schutzes zu verlegen. Dies jedoch nur vom politischen Standpunkte aus. Anzunehmen ist weiterer Verlust an Menschenleben, falls diese Vorsicht nicht geübt wird. KLrsMicr. Gljltm I. China und die Chinesen haben von Deutschland nur Gutes zu erwarten. Die Eisenbahnen, die wir bauen, werden ebenso wie das Befahren der großen Wasseradern mit deutschen Dampfern, dem Land und seinen Bewohnern Nutzen bringen. Unsere technischen Hilfsmittel werden den Chinesen p gute kommen, so z. B. die Vorteile unserer Montanindustrie, die es den Chinesen möglich machen werden, Kohle, Graphit, Gold, Silber, Kupfer, Blei, Petroleum, Erdpech, Edelsteine rc. ganz anders wie seither an den Tag zu fördern, ebenso in der Baumwoll-, Seidenund manch anderer Industrie. Chinesischer Handel und Export haben mit unseren Großkanflenten und Reedern von jeher gerne verkehrt, weil die deutschen Kaufleute im festgegründeten Rufe hochanständigen Handelns und zuverlässiger Erfüllung abgeschlossener Verträge stehen, verbunden mit promptester Solvenz. Auch von der Annahme mancher unserer Verkehrseinrichtungen, z. B. des Postund Telegraphenwesens, kann für China nur Vorteil erwachsen. China wird durch Entsendung intelligenter junger Leute auf unsere Hochschulen, durch Einrichtung westlicher Universitäten (wie ich solche z. B. als Internationales Institut Ketteler in Peking vorgeschlagen habe), an welchen deutsche Fachgelehrte anzustellen sind, demnach durch vorsichtig ihren Weg tastende, erziehende Einwirkung manches von uns abnehmen, was für das Land von Vorteil werden wird. China hat von uns keinerlei kriegerische Handlung zu erwarten. Den Eingang in das chinesische Reich haben wir vorsichtig gesucht und erreicht; derselbe genügt vorläufig für unsere Zlvecke. Weiteres Vorgehen nach dieser Richtung hängt nicht von China oder von Deutschland ab; es Ivird sich ergeben aus der Aktion der anderen Mächte. Für Deutschlands Verhalten in China ist der Weg vorgezeichnet: Vermeidung Sichaufdrängens bei dem Chinesenvolke und seiner Regierung. Vermeidung Mißtrauen erweckender Verfügungen und Einrichtungen; Vermeidung öffentlicher Mißachtung Jahrtausende alter Gebräuche und Sitten, welche Rücksicht jedoch nicht zu weit zu nehmen ist, z. B. sich nicht auf das Fung ShuiAusbeutesystem der Chiromanten beziehen darf. Geradheit und Ehrlichkeit gepaart mit äußerster Vorsicht im Verkehr mit Chinesen jeden Standes, in Politik, Handel, Industrie und Verwaltung deutscher Interessensphären, Eisenbahnen oder sonstiger von uns geschaffener Einrichtungen. Festigkeit seitens der in China gleichviel in welcher Eigenschaft thätigen Deutschen. Ahndung mit fester Hand da, wo uns die Chinesen etwas in den Weg legen, vorausgesetzt, daß wir in unserem Rechte sind. Nachdem wir uns im fernen Osten einen Platz an der Sonne gesichert, muß für das, was Deutschland in Zukunft in China erreichen will, die Parole gelten: Nur nöt auslass'n! — Oben Gesagtes ist eine Wiederholung dessen, was ich im November 1896, ein Jahr vor der Besetzung Kiantschous, von Peking nach Deutschland berichtet habe. Deshalb verweise ich diejenigen, welche ein wirklich ernstes Interesse an Deutschlands Zukunft in Ostasien nehmen, auf das bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart von mir erschienene Buch: "Im Innern Chinas". Der Beginn der Boxer-Aufstandes. Die Veranlassung. Der innere Grund zum Ausbruch der China-Wirren war der Fremdenhaß. Noch nie ist derselbe in China ausgestorben, derselbe wird dem Chinesen gleichsam angeboren, er wächst darin auf, er wird darin bestärkt durch die Mandarinen, die obersten Beamten des Reichs, denn bei diesen gehört der Haß mit zur Lebensfrage. Vor der Erlaubnis fremder Einwanderung und fremden Handels in China waren jene die allein Klugen, die Großkanfleute, die Besitzenden. Von ihrer Gunst und Gnade lebte das Volk und ließ sich dabei aufs Grausamste oon ihnen schröpfen. Denn von jedem Geschäfte nahm der Mandarin den squeeze, d. h. Zoll. Durch die Einivanderung der Europäer wurde die Autorität der Mandarinen untergraben und durch die europäischen Kaufleute ihnen Konkurrenz gemacht. Es ist daher nichts Wunderbares, daß sie den Europäern nicht freundlich gegenüberstanden. Dadurch, daß nun gar die christliche Mission den gewöhnlichen Mann im chinesischen Volke sozial und geistig zu heben suchte und die Bildung der Mandarinen in ein zweifelhaftes Licht setzte, vielleicht auch hin und wieder ihr wirtschaftliches Vorgehen nicht 1 Kürschner, China II. Boxer. 3 QQOQQOOQQOOQQOOQQQWQQQQQQQQ Die wirreil WOO l\*)0[. OVWQ<JQOVWOOQVZIOVVOV<3<3QOOVQ 4 billigte, wurden ihnen die Europäer immer verhaßter. Sie wendeten ihren ganzen Einfluß auf, um das Volk gegen diese einzunehmen. Denn ihnen mußte daran gelegen sein, das Volk in der Unwissenheit zu erhalten, dann konnten sie dasselbe weiter nach Herzenslust ausbeuten. War schon von diesem Gesichtspunkte aus der infolge dieser Behandlungsweise ausbrechende Aufstand indirekt eine soziale Revolution, so kamen dazu noch weitere direkte Gründe. Der Wohlstand der niedrigen Volksklassen war besonders in der Provinz Petschili in den letzten Jahren bedeutend gesunken und hatte teilweise einer völligen Verarmung Platz gemacht. Die Ernten waren infolge schlechter Witterung ungünstig gewesen. Die Regenzeit, von der namentlich der Norden Chinas sehr abhängig ist, hatte nicht genügend Niederschläge gebracht, Heusch recken sch wärme vernichteten die Ernte ganzer Landstriche. Besonders unheilvoll traten letztere im Frühjahr des kritischen Jahres 1900 auf, sie waren so zahlreich vorhanden, daß sie von weitem einer Wolke glichen und dort, wo sie einfielen, ein kahles Feld zurückließen. Ferner beeinträchtigte der fortschreitende Eisenbahn bau große Teile des niederen Volkes in ihrem Erwerbsleben. Am Peiho (pei — Nord, ho — Fluß) liegen viele Dörfer, deren zahlreiche Bevölkerung von Kulidiensten lebte. Wenn man die öde, flache Gegend rechts und links des Flusses sieht und in ihr die volkreichen Dörfer, so muß man sich die Frage vorlegen, wie diese vielen Menschen trotz aller chinesischen Anspruchslosigkeit sich ernähren können. Das ging auch in der That nur so lange, wie lohnender Verdienst vorhanden war. Seit Eröffnung der Eisenbahn nahm diese den Transport der Waren und Personen den Fluß hinauf in die Hand, und von dem regen Güterverkehr legten die zahlreichen Güterwagen auf der ganzen Strecke beredtes Zeugnis ab. Die im Laufe der Wirren bekannter gewordenen Dörfer Taku, Tiku und Tongku z. B. verloren dadurch ein gutes Teil ihrer Einnahmen. Es war daher erklärlich, daß sich die Wut der Aufrührer in erster Linie gegen die Bahnen richtete, deren Zerstörung sic so gründlich später Vornahmen, daß auf weite Strecken nicht eine Spur von den Schienensträngen und Unterbauten vorhanden war. Tie Mandarinen und ihre Helfershelfer hatten daher in den letzten Jahren leichte Arbeit, gegen die Europäer und Christen aufznhetzen und fanden in den zahlreichen Geheimbünden, welche in China von altersher bestanden, willige Werkzeuge im Dienste ihrer Wühlarbeit. Es bedurfte nur eines wirksamen Aufrufs, um alle unzufriedenen Elemente unter der Parole "China den Chinesen" zu sammeln. Der Bewegung und dem Fanatismus, mit dem die Massen sich erhoben, kam der wahnwitzige Aberglaube, welcher als Zeichen einer niedrigen Bildungsstufe im Volke herrschte, und die unausrottbare Ansicht >veitcr Kreise des Chinesentums zu statten, daß im Schoße der christlichen Gemeinden die furchtbarsten Greuel verübt wurden. Menschenraub, Verstümmelung des menschlichen Körpers, Ausgrabung Toter, — als Entheiligung derselben nach den Anschauungen der Chinesen ein besonders schweres Vergehen, — Zum Zwecke der Bereitung wirksamer Heilmittel aus ihren Gebeinen und andere Teufeleien, die mau nicht einmal audeuten kann, wurden ihnen laut uub leise uachgesagt, so daß cs nicht zu verwundern war, wenn die Missionskapellen, die in der Nähe von Gräbern errichtet wurden, gefährliche Volksaufläufe verursachten. Die Litteraten, der sogenannte gebildete Teil des Volkes, sorgten dafür, daß solche Anschauungen, aus denen natürlich Aufstände mit leichter Mühe angefacht werden konnten, lebendig erhalten blieben. Zündstoff ivar also genügend vorhanden, und eine hungrige Menge war leicht aufzuhctzen. In den letzten Jahren hatte besonders die Gesellschaft "vom großen Messer", fälschlicherweise auch "Faustkämpfer" genannt, woher sich der englische Ausdruck "Boxer" herleitet, au Bedeutung und Zulauf gewonnen. Sie hatte ihren Namen von der Waffe, einem großen Messer, etwa unfern Jagdmessern gleichend, erhalten. Wehe dem, welcher in den Bereich dieses großen Messers kam! Er wurde bei der unmenschlich grausamen Veranlagung der Chinesen buchstäblich in Fetzen geschnitten. Aber auch andere Waffen traten im Laufe des späteren Aufstandes hinzu: Schwerter in einer Scheide, und dreispitzige Spieße, mit unseren Heugabeln vergleichbar. Das gemeinsame Motto, unter welchem sich die Mitglieder dieses großen Bundes zusammenscharten, lautete ^"Verjagt die fremden Teufel! Zerstört die Eisenbahn! Zerschneidet die Telegraphen! Versenkt die Dampfschiffe!" Von Mandarinen und selbst bis in die obersten Hofkreise unterstützt, begannen obige Worte im Laufe des Mai 1900, nachdem schon in den letzten Jahren wiederholt Angriffe auf Fremde unb deren Eigentum stattgefunden hatten, sich in die That umzusetzcii. Die ersten Greuelthaten wurden das Signal zum allgeBoxer-Amulett. «Einem gefallenen Boxer «[«genommen von (Überleutnant v. Rrohn vorn Sex,»o,Irschen Aoips. Die dunkelroten Flecken find die Blntfpnren des Gefallenen. 7 WVVQQVOVVOOQVOVQ9WOQQVWV Die wirren meinen Aufstande, welcher binnen kurzem mit solcher rasenden Schnelligkeit um sich griff, daß selbst die beteiligten Europäer und Kenner der chinesischen Verhältnisse vollkommen überrascht worden sind. Und zu dem Fremdenhasse gesellte sich noch die aus grenzenloser Selbstüberhebung entspringende Verachtung alles Fremden. China ist nach Ansicht jedes Chinesen das Reich der Mitte, der Mittelpunkt der Welt, und der chinesische Kaiser der Sohn des Himmels, der von sich sagt: "Wie nur eine Sonne am Himmelszelt, so auch nur ein Herrscher unter dem Himmelszelt." Seine Macht und Gewalt reichen hinab bis in die Welt der Toten und Geister. So trafen eine große Reihe von Faktoren zusammen, welche die anfängliche Hartnäckigkeit und Größe des Boxer-Aufstandes erklärlich machten. Uber den unmittelbaren Ausbruch desselben berichtete der deutsche Gesandte in Peking, Freiherr von Ketteler, welcher selbst ein Opfer von chinesischem Fanatismus werden sollte, unter dem 31. Mai 1900 an seine Regierung folgendermaßen: ^Freiherr v. Ltetteler über den Boxeraufstand.i "Nachdeni die Anhänger der fremdenund christenfeindlichen Gesellschaft der Boxer in der Nähe der provinzialhauptstaLt paotingfn und in der Umgegend von Peking Missionsanstaltcn, Kapelle» und Wohnstätten der Christen der französischen Mission zerstört, in einem Dorfe 70 Christen massakriert und endlich einen gegen dieselben ausgesandten chinesischen Oberst getötet und dessen Truppe zersprengt hatten, wandten sie sich am 27. d. M. gegen die Eisenbahnlinien und deren Angestellte, mithin offenkundig gegen die Fremden und ihre Unternehmungen innerhalb Chinas. In der Nacht vor dem 28. Mai wurde die Eisenbahnlinie Peking-Lsankau in ihrer Anfangsstrecke zwischen hier und paotingfu von den Aufrührern zerstört, die fremden tvohnnngen umzingelt und die sich außerhalb derselben befindlichen Angestellten mit Steinen beworfen, wobei ein französischer Ingenieur am Kopf schwer verletzt wurde. Nachdem sodann folgenden Tages die in den Häusern belagerten Frauen und Rinder der französischen und belgischen Lisenbahnbediensteten durch eine Anzahl bewaffneter Europäer befreit und nach hier in Sicherheit gebracht worden waren, tauchten zum erstenniale die von der hiesigen Regierung angeblich zum Schutze entsandten chinesischen Soldaten auf, plünderten die Häuser und steckten sie, während die Fliehenden noch in Sicht waren, in Brand. Am Nachmittage des 28. Mai wurde auch die Tientsin-PekingBahn auf deren vorletzter Station Fentai, etwa 30 km von hier, zerstört, das Stationsgebäude, Lokomotivund Wagenschuppen in Brand gesteckt und die Angestellten vertrieben. Auch die elektrische Bahn, welche die Firma Siemens L Halske vor Jahresfrist der chinesischen Eisenbahnverwaltung zum Betriebe vom Bahnhofe bis zum Stadtthor übergeben hatte, wurde bei ihrer Rraftstation von dem Pöbel derart bedroht, daß der leitende Ingenieur, ein Deutscher, sich hierher flüchten mußte. Trotz der fortgesetzten eindringlichen Mahnungen und ernstlichen Verwarnungen des diplomatischen Rorps ließ die hiesige Regierung weder den Willen, noch den versuch erkennen, diesen fremdenfeindlichen Ausschreitungen Einhalt zu thun." Eintreffen der Schutzdetachemcnts in Peking. Infolge dieser Verschärfung der Lage sahen sich die Gesandten der fremden Mächte genötigt, besondere Schutzdetachements für die Gesandtschaftsgebäude, die Mitglieder der fremden Vertretungen und die etwa 500 in Peking ansässigen Staatsangehörigen aller Nationen, von ihren Regierungen zu erbitten. Schon am 31. Mai trafen gemäß dieses Wunsches die von der englischen, amerikanischen, japanischen, russischen, französischen und italienischen Gesandtschaft requirierten Abteilungen in einer Gesamtstärke von 13 Offizieren und 309 Matrosen mit zwei Revolverkanonen vermittelst Extrazuges von Tientsin aus in später Abendstunde in Peking ein. Ihnen folgte am 3. Juni das deutsche und österreichische Detachement. Ersteres in der Stärke von 1 Offizier (Oberleutnant Graf von Soden), 1 Vizefeldwebel, 4 Unteroffizieren und 45 Mann, wurde dem iu Tsingtau an der Kiautschoubucht stationierten III. Seebataillon entnommen und am 30. Mai an Bord S. M. S. "Kaiserin Augusta" nach der TakuReede transportiert. Dort erfolgte am 3. Juni morgens 5 Uhr die Ausschiffung. Auf Leichterfahrzeugen im Tau eines Schleppdampfers konnten die Seesoldaten in die unmittelbare Nähe des BahnOberleutnant Gras v. Soden. Hofs Tongku gebracht werden, wo S. M. Kanonenboot "Iltis" bereits seit einigen Tagen auf Wache lag. Von dort benutzte die Truppe den um 9 Uhr morgens abgehenden fahrplanmäßigen Zug nach Peking. In Tientsin, wo um Mittag ein kurzer Aufenthalt stattfand, hatte es die deutsche Kolonie sich nicht nehmen lassen, die deutschen Soldaten und das gleichzeitig mit ihnen eintreffende österreichische Schutzdetachement vom kleinen Kreuzer "Zeuta" auf dem Bahnhofe zu begrüßen und reichlich zu bewirten. Um 3 Uhr nachmittags trafen die Detachements auf dem außerhalb Peking liegenden Bahnhofe Machinzu ein, woselbst der kaiserlich deutsche Gesandte die Ankunft der Truppen erwartete. Wohl keiner der Beteiligten ahnte, welch schwerer Zeit sie alle mit dem Betreten des Weichbildes von Peking entgegengehen würden. In bereitgestellten Wagen der von der Firma Siemens und Halske angelegten elektrischen Straßenbahn wurde die Strecke bis au das äußerste Stadtthor der Hauptstadt schnell zurückgelegt. Nachdem sich der deutsche Gesandte mit dem Detachementsführer zu Pferde an die Spitze der Truppe gesetzt hatte, erfolgte der Einmarsch in die Stadt, angestaunt von einer zu beiden Seiten des Weges dichtgedrängten, hunderttausendköpfigen Chinesenmenge, welche sich während des Einmarsches der Truppen kleinlaut und zaghaft verhielt. Der nahezu eine Stunde währende Marsch durch die Hauptverkehrsader Pekings wurde durch keinerlei Zwischenfall gestört. In die Gesandtenstraße einbiegend, Die Straße der Gesandtschaften in Peking. wurde zu beit Klängen des Prenßenmarsches Tritt gefaßt und bie letzte kurze Strecke bis ail bie Kaiserliche Gesandtschaft unter beit Augen zahlreicher chinesischer Bewohner »ub ber aus allen Gesaubtschaften unb fremden Häusern heraustretenden Fremden marschiert, welche dabei Gelegenheit hatten, das frische Aussehen der deutsch-österreichischen Truppe, bereu straffe Haltung unb ihren mustergültigen Anzug zu bewundern. Nach einer kernigen Ansprache des Freiherrn von Ketteler bezogen die Seesoldaten ihre Quartiere im Nebengebäude der deutschen bezw. österreichischen Gesandtschaft. Scheinbar war in Peking selbst noch alles ruhig, dagegen kamen aus der Provinz täglich bedenklichere Nachrichten. Schott seit dem 28. Mai war der Eisenbahnverkehr auf der Linie Paotingsu-Peking infolge Zerstörung des Bahnkörpers, Verbrennung des rollenden Materials und der Stationsgebäude, Vertreibung der Angestellten, unterbrochen. Kurz nach Eintreffen des deutschen Detachements geschah das Gleiche mit der Strecke Peking-Tientsin. Grenelthaten der Rebellen. Die Belvegung wurde volkstümlicher und dreister. Angriffe und Bedrohungen von Missionen, Bahnhöfen unb Bahnarbeiten mehrten sich und blieben unbestraft. Tie Christcnverfolgungen nahmen in bedenklicher Weise zu. Kapellen und Häuser der Missionen wurden zerstört und niedergebrannt. Als Ende Mai Tientsin und später sogar Peking bedroht waren, als die Ausschreitungen sich nicht mehr gegen Chinesenchristen beschränkten, sondern einen allgemeinen fremdenfeindlichen Charakter anzunehmen begannen, entschloß sich endlich die chinesische Regierung dazu, Truppen gegen die Aufrührer zu senden. Jedoch geschah dies in so wenig energischer Weise, die Haltung der Führer war so zweideutig und unzuverlässig, ja, die Soldaten fraternisierten so offenkttndig mit den Rebellen, gingen sogar teils zu ihnen über, daß diese Maßregeln die Bewegung nur mehr förderten als hemmten. Sie führten jedenfalls dazu, daß die mordlustige Aufrührermeuge zur blutigen That überging. Ein großes Morden begann. Zu Tausenden wurden Chinesenchristen hingemordet, ganze Dörfer, in denen solche sich aufhielten, in Schutt und Asche verwandelt, und die, Europäer, welche diesen Mordbuben in die Hände fielen, auf die grausamste und raffinierteste Weise zu Tode gemartert. In Europa macht man sich überhaupt keinen Begriff von der bestialischen Roheit, mit welcher dieses Volk seine Blutgerichte durchführte. Es sei hier nur das Beispiel vou dem Tode eines Bischofs und zweier Missionare in Hankau erwähnt. Der erstere wurde mit einem ihn begleitenden Missionar in der Nähe seines Bischofssitzes von einer wütenden Menge und ohne jegliche Veranlassung seinerseits umringt, geknebelt und zu Boden geworfen. Man beraubte den Bischof seiner sämtlichen Kleider und hieb und stieß wütend mit Bambusstöcken auf ihn ein. Ein Unmensch stieß dann unter dem Freudengeheul der Menge von unten einen Stock in den Leib des schon ohnmächtigen Bischofs, während zwei andere ihm beide Augen ausstachen. Das Übermaß der Schmerzen ließ den unglücklichen Oberhirten fiir einige Augenblicke zur Besinnung kommen, so daß er sogar den Versuch machte, den die Eingeweide zerreißenden Stock herauszuziehcn. Kaum hatte mau dies bemerkt, als mau unter Spott und Hohn schon zu einem starken Bambusrohre griff und dieses nun mit Gewalt auf dieselbe Weise den Körper hinauftrieb, so daß das obere Ende zum Halse heraustrat. Nach dreistündigem Martyrium gab das unglückliche Opfer endlich seinen Geist auf. Sciu Begleiter war in derselben Weise zu Tode gemartert worden. Nun stürzte sich die rohe Menge auf das Missionsgebäude, holte den anderen Missionar heraus, umwickelte ihn mit Baumwolle, goß Petroleum darüber und verbrannte ihn. 13 0000000000000C>000000C<3C>0C>00 Der Boxer-Aufstand. OVOOVQOOOOVVQQQOVVOVVVVQ9VO 14 Weder Frauen noch Kinder fanden Schonung vor denc Blutdurst der Aufrührer. In Paotingfu waren kleine Mädchen von 7 Jahren erst vergewaltigt, dann von unten mit einem Speer aufgespießt worden, so daß die Spitze am Munde heraustrat. Auch hatte man vorher den Speerschaft mit Petroleum durchtränkt, nach dem Durchstoßen wurde das untere Ende mit Werg umwickelt, das Ganze angesteckt, so daß die Flammen an dem noch zuckenden Körper emporzüngelten. Ähnlichen und noch schlimmeren, hier gar nicht wiederzugebenden Martern waren Frauen ausgesetzt. Und alle diese Greuelthaten geschahen nicht nur unter den Augen der Behörden, sondern teilweise unter deren Schutz und Mitwirkung. Alle Bande der Ordnung und Menschlichkeit waren gelöst und eine Zeit hereingebrochen, der gegenüber die dunkelste Geschichte des Mittelalters milde erscheinen mußte. Das gefahrbringende Anwachsen des Aufstandes. Nur spärlich drangen die Gerüchte von den Unthaten im Lande nach Peking, so daß die Gesandten noch immer nicht an einen drohenden Ernst der Lage glauben wollten, obivohl sich schon warnende Stimmen in großer Zahl erhoben. Freiherr von Ketteler sagte in dem schon oben erwähnten Berichte, daß er der Bewegung der aufrührerischen Sekten, gleichviel unter welchem Namen, eine staatsumwälzende Kraft nicht beizumessen vermöchte. Die Zahl ihrer Anhänger wäre nicht groß genug, ihre Organisation zu schlecht, und die ihnen zu Gebote stehenden Waffen zu primitiv, um sie au sich gefährlich erscheinen zu lassen. Seitens derGesaudten beguügteman sich damit, von der chinesischen Regierung ein kaiserliches Edikt gegen die Boxerbewegung zu veranlassen; als dasselbe jedoch so schwach und zweideutig ausfiel, daß man kaum daraus erkennen konnte, ob die chinesische Regierung für oder gegen den Aufruhr sprach, verlangten die Vertreter der Mächte einen strenger gehaltenen Wortlaut. Es folgte ein zweites, allerdings schärfer abgefaßtes Edikt, welches aber noch immer so von Milde triefte, daß es seine Wirkung gänzlich verfehlte. Tie Gefahr stieg durch die Zusammenziehuug größerer Truppenmassen in und bei der Hauptstadt, angeblich zur Bekämpfung der Aufrührer. Allerdings wurde der General Rieh mit einer Armee von 4000 Manu ausgesandt, um die an der Bahn Peking-Tientsin angesammelten starken Boxerbanden zu zerstreuen. Bei Langfang, einer Station dieser Bahnstrecke, kam es auch zu einem unentschiedenen Gefechte, da die regulären Truppen gemessene Befehle hatten, nach Möglichkeit ohne Blutvergießen die Aufrührer zu zerstreuen. Von Interesse ist der Bericht, welchen General Rieh über diesen Zusammenstoß mit den Boxern an den Großsekretär und Generalgouverncur Punglu in Tientsin machte: ! General Nich über den Ausanrnrenstotz der regulären Truppen init den Boxern.j "Soeben zerstörten zahlreiche llebelthäter in ihrer unruhigen Verrücktheit die Bahnhöfe von Fuangtsnn bis tangfang einschließlich, vertrauend auf ihre große Zahl, fürchteten sic nicht die Gesetze und unterbrachen den Verkehr auf der Eisenbahn Peking-Tientsin. Ghne sie gefangen zn nehmen oder zu schlagen, war die Sache nicht zu erledigen. Ich erhielt den kaiserlichen Befehl, zu schützen. Dies war meine Verantwortlichkeit. Meine Gewissenhaftigkeit in Staatsgeschäften geht bis zur Furcht und Krankheit. Im Angesichte der gegenwärtigen Frechheit der llebelthäter habe ich incinc Kavallerie und Infanterie selbst gegen jene geführt und sie mit der äußersten Energie geschlagen. Ich hatte keine Zeit übrig, vorher Befehle einzuholen. Monn die hohe Regierung später beschließen wird, mich dafür zu bestrafen, so werde ich nicht wagen, mich dagegen aufzulehnen." Der chinesische General vermutete richtig, denn in der That kam schon am 7. Juni aus Peking der direkte Befehl, die Unternehmungen einzustellen, den: in der Nacht vom 7./8. Juni die weitere kaiserliche Ordre folgte, die Truppen umgehend zurückzuziehen. Demzufolge marschierte am 8. Juni Nieh mit einem Teile seiner Armee durch Tientsin nach dem Lutai-Lager (nördlich der Peitang-Forts). Jetzt nahm die Bewegling eine ungezügelte, lawinenartige Verbreitung. Immer mehr stellte es sich heraus, daß die fremdenfeindliche Strömung am Hofe, an ihrer Spitze Prinz Tuau, die Oberhand gewann und damit die B o x e rbewegung hoffähig wurde. Peking und Tientsin wurden von Boxerbanden ein geschlossen und die geregelte Verbindung der Hauptstadt mit dem auf der Taku-Reede liegenden Geschwader der Mächte unterbrochen. Auf das Verlangen des deutschen Konsuls ließ Vizeadmiral Bendemann, der deutsche Geschwadcrchef, vom Kanonenboot "Iltis" eine Matrosenwache in Tientsin landen, welche später gegen Mannschaften der "Kaiserin Augusta" ausgewechselt und auf eine Stärke von 120 Mann unter Kapitänleutnant Kühne gebracht wurde. Ähnliche Maßregeln trafen auch die anderen'Geschwaderchefs, so daß die Fremdenniederlassung von Tientsin eine Besatzung von 815 Mann bekam. Nachdem das außerhalb der Thore Pekings befindliche Missionseigentum, sowie ein dem Fremdenklnb gehöriges Sommerhaus in Brand gesteckt, jeder Ausländer auf den Straßen und Landwegen angegriffen und schließlich jede Möglichkeit unterbunden war, über die Mauern der Hauptstadt hinaus in Verkehr mit der Außenwelt zu treten, hielten endlich die Gesandten den Augenblick für gekommen, weitere Schutzwachtmaunschaftcn von den Befehlshabern der maritimen Streitkräfte zur Entsetzung Pekings, d. h. zur Befreiung der dort lebenden Fremden zu beantragen. Der englische Gesandte übernahm es, Prinz Tuau. 15 OOOOOOOOOOOQOOOQOÜQQOOOQOQO Die wirren <000/^00^. OOOOCKJPOOPCJOOOOOOOOOPOOOQQC? 16 eine Depesche dieses Inhalts am 9. Juni nach der TakuReede zu befördern. Es war zu spät, denn inzwischen waren Ereignisse eingetreten, welche die ganze furchtbare Schwere und Bedeutung der Bewegung erkennen und nicht mehr darüber im Zweifel ließen, daß die gesamte Bevölkerung mit den Regierenden und dem Beamtentum an der Spitze den Tod aller Europäer wünschten, und daß ihnen nur der Mut fehlte, denselben mit offener Gewalt herbeizuführen. Es entsprach mehr dem chinesischen Charakter, mit Hinterlist, verstecktem Mord, mit Zweideutigkeit, Ränkespiel und Doppelzüngigkeit zu arbeiten. Der hinterhältige Charakter dieser gelben Rasse offenbarte sich und trieb die scheußlichsten Blüten. Ermordung dos japanischen Gesandt schaftsattaches A. Lugiyaina in Peking. (Nach einem japanischen Bilderbogen.) Am 9. Juni wurde der japanische Attache Sugiyama auf dem Wege zum Bahnhofe ermordet und seiner Leiche der Kopf abgeschlagen. In der Nacht darauf Attache der japanischen gmg otc unter chinesischer OberGesandtschaft in Peking. Hoheit stehende englische Sommerresidenz in Flammen auf, und schließlich wurde am 10. Juni der erwähnte Prinz Tuan, der Vater des Thronfolgers, neben dem Prinzen Tsching zum Mitleiter des TsuugliAamens ernannt. Derselbe wurde unbeschränkter Herr von Peking und hatte die Kaiserin-Mutter und den Kaiser vollkommen in der Gewalt. Er wird geschildert als ein Mensch, dessen Brutalität nur noch von seiner Unwissenheit übertroffen wurde. Er war stets das offen anerkannte Oberhaupt der Boxer und hatte ihnen Zutritt zum kaiserlichen Palast verschafft, sie zu einer politischen Partei organisiert und ihnen Geldmittel in die Hand gespielt, ohne die selbst in China eine so wüste Agitation nicht möglich war. Jetzt hatte diese Seele des ganzen Aufstandes die höchste Staatsstellung im Reiche erlangt, der 10. Juni bedeutete daher die entscheidende Wendung in den China-Wirren und gleichzeitig den Beginn der kriegerischen Aktion der Mächte. Die chinesischen Ztreitkräfte. So lange sich die fremdenfeindliche Bewegung auf die undisziplinierten und schlecht bewaffneten Boxerscharen beschränkte, war die Gefahr noch nicht groß, und es hätte den zum Schutze der Gesandtschaften entsandten Schutzwachen und kleinen Landungskorps wohl gelingen können, den Aufstand rasch und unblutig zu ersticken. Anders wurde die Sachlage, als die chinesische Regierung aus ihrer Nachlässigkeit gegen die Aufrührer zur geflissentlichen Förderung und schließlich zur offenen Parteinahme übertrat. Mit diesem Moment trat die Gefahr in dräuender Gestalt auf, daß die regulären Truppen, wie es auch thatsächlich wenige Tage nach den geschilderten Ereignissen geschah, gegen die Fremden losgelassen wurden, besonders da der Generalissimus der chinesischen Armee, Yung-lu, fremdenfeindlich gesinnt war. Deswegen mußte seitens der verbündeten Mächte neben Teilen der minderwertigen Bannertruppen in erster Linie mit der regulären chinesischen Armee gerechnet werden. Dieselbe war nach dem kläglichen Fiasko der Bannertruppen in dem Feldzuge gegen die verbündeten Engländer und Franzosen im Jahre 1860 von LiHung-Tschang organisiert worden. Schon zur Niederwerfung des Taiping-Aufstandes mußte man Freiwilligentruppen bilden, welche von englischen Offizieren und Unteroffizieren gedrillt und geführt, wertvolle Dienste leisteten. Nach Beendigung des Krieges wurden diese Truppen nur zum Teil entlassen, der Rest wurde als Verteidigungsarmee der wichtigsten Städte und Provinzen zurückbehalten, zum größten Teile in Petschili. Hier sorgte Li-Hung-Tschang für eine Ausbildung und Bewaffnung nach europäischem Muster, indem er deutsche Instrukteure heranzog und Waffen aus Deutschland bezog. Andere Gouverneure ahmten seinem Beispiele nach, indem sie aus allen möglichen militärisch bedeutenden Ländern Kriegsmaterial und Lehrmeister bezogen. Tie Bewaffnung bestand aus den verschiedensten Gewehrund Geschützmodellen, vom alten Zündnadelbis zum neuesten Mehrlade-Gewehr. Glatte Kanonen waren neben den neuesten Schnellfeuergeschützen vertreten. Die Offiziere, welche sozial auf einer äußerst niedrigen Stufe standen, wurden auf Kriegsschulen nach deutschem Muster herangebildet. Ihre Ausbildung wurde jedoch sehr behindert durch ihre grenzenlose Überhebung, Indolenz und angeborene Verachtung aller von Fremden hereingebrachten Neuerungen. 17 9000000000900000000000000 Die chinesischen Streitkräfte, yyyyyyyyyyyvvvvvyyvyyvvvv 18 Ebenso wie die Bewaffnung war auch die Uniformierung eine sehr verschiedenartige. Am meisten wurden blaue Jacken, blaue oder schwarze Beinkleider getragen, und als Kopfbedeckung im Sommer ein Strohhut, im Winter ein national-eigentümlicher Turban. Nur die taktische Gliederung war leidlich gleichmäßig, in Liansen, indem die Infanterie als kleinste Einheitsform eine Lianse zu 500 Mann (= Bataillon), die Kavallerie eine Lianse zu 250 Pferden (— Eskadron) hatte, während eine Gliederung der Artillerie nicht vorhanden war, sondern diese Waffe meist den Infanterie-Abteilungen beigegeben wurde. Reguläre Infanterie. Tambourmajor der regulären Infanterie. Lestungsartillerie. Bewaffnete Barer. Das chinesische tfeer und die bewaffneten Boxer. (Vriginalzeichnung von Richard Anötel.) Folgende Teile der Verteidigungsarmee nahmen an dem Kampfe gegen die Verbündeten in der Provinz Petschili teil: 1. Die Pekinger Feldtrnppen, während des japanischen Krieges zunc unmittelbaren Schutze der Hauptstadt geschaffen, waren zu diesen: Zwecke im kaiserlichen Jagdpark bei Peking untergebracht. Ihre Stärke betrug etwa 12000 Mann, sie standen unter dem Befehle des erwähnten Prinzen Tsching. Ihre Bewaffnung war nur teilweise modern. 2. Die Armee des früheren Vizekönigs von Petschili, Li-Hung-Tschang. Die von deutschenJnstrukteuren ausgebildetc Armee wurde kaiserlich und den aus dem japanischen Feldzuge her bekannten Generalen Nieh und Sung unterstellt. Die deutschen Instrukteure Kürschner, China II. ersetzte mau infolge des wachsenden russischen Einflusses durch Russen. Ihr kamen hauptsächlich die großen Neuanschaffungen an Gewehren und modernem Geschützmaterial zu gute, von denen in den letzten Jahren große Mengen aus Europa, besonders auch ans Deutschland, bezogen worden waren. Die Armee war etwa 23000 Mann stark und bestand aus 36 Bataillonen Infanterie, 7 Eskadrons Kavallerie, 7 Abteilungen Feldartillerie, 2 Bataillonen Pioniere und befand sich vor dem Aufstande in mehreren Lagern bei Lutai, bei Schanhaikwan, bei Peitang und Taku. 3. Die Kansu-Armee, damals unter dem Befehle des fremdenfeindlichen muhammedanischen Generals Tung. Diese, in der Stärke von 18 Bataillonen, 6 Eskadrons und 1 Abteilung Artillerie —10000 Mann, war in der Provinz Kansu gebildet nnd bei der Reaktion 1898 nach Pell.lg gezogen. Ans Drängen der Gesandten, für welche sie eine dauernde Gefahr bildete, zog die Regierung sie wieder ans der Hauptstadt nach Norden zurück. Neuerdings wieder nach Peking beordert, hat sie der fremdenfeindlichen Bewegung zur Belagerung der Gesandtschaften gedient. 4. Die Reste der Besatzung von Port Arthur, welche nach der Besetzung dieses Kriegshafens durch die Russen nach Schanhaikwan gezogen wurden. Ihre Bewaffnung und Ausbildung ist sehr mangelhaft. Die Stärke betrug ebenfalls 10000 Mann. Vorbereitungen für eine Mobilmachung waren natürlich bei all diesen Heeresteilen nicht vorhanden, ebenso fehlten technische Truppen, organisierte Trains und Sanitätstruppen. Aber im Laufe der letzten Jahre war in den Arsenalen eine ungeheure Menge modernen Kriegsmaterials aufgespeichert worden. Man berechnete allein den Wert der Einfuhr aus Deutschland in den letzten beiden Jahren auf über 8 Millionen Mark, ein Zeichen, daß die Regierung in Peking sich über kurz oder lang dem Eindringen fremder Einflüsse mit Waffengewalt widersetzen wollte; besonders ging dies aus der Thatsache hervor, daß diese Einfuhr sehr geheimnisvoll und unauffällig, betrieben worden war. Die Boxer, die eigentlichen Feinde der Verbündeten, waren natürlich nur regellose, zusammengewürfelte Horden, welche durch Zulauf von Bannersoldaten etwas militärischen Schliff erhielten. Sie kennzeichneten sich äußerlich durch ein rotes Tuch um den Kopf, eine rote Schärpe und rote Litzen auf den Aermeln des gewöhnlichen blauen Chinesenkittels. Den Zopf trugen sie aufgerollt unter dem Kopftuch. Als Waffen dienten ihnen die bekannten Messer und lange Spieße; Feuerwaffen und zwar nur ältere Modelle, sah man seltener. Die Fahnen, um welche sich diese Horden sammelten, bestanden ans einem roten, dreieckigen Tuch mit weißen Inschriften, welche verschiedenen Wortlaut hatten, z. B.: "Tod den fremden Teufeln". Später fanden sich auch solche, ans denen geschrieben war: "Auf kaiserlichen Befehl"; wieder einer von den vielen Beweisen, daß die chinesische Regierung sich in den Dienst der Bewegung gestellt hatte. Die wichtigste Ausrüstung war die scheinbar unscheinbarste: ein Amulett. Die Boxerführer, Mandarinen und gebildeten Chinesen benutzten den Aberglauben und die geringe Bildung der Massen zu ihren Zwecken. Sie verteilten sogenannte Boxerzettel, 30 cm lange, 5 cm breite gelbe Papierstreifen, auf denen mit roten Buchstaben die Worte standen: "Ter Inhaber ist. unverwundbar". Thatsüchlich glaubten die Boxer an die Kraft dieser Zettel, so daß die fanatisierten Horden, Messer und Schwerter schwingend, tanzend und lärmend, Kinder und Greise nebeneinander, ohne Rücksicht auf die feindlichen Geschosse gegen die Schützenlinien anstürmten, und nun natürlich reihenweise niedergeschossen wurden, ohne daß das Amulett sie schützte. Doch die Führer wußten sich zu helfen. Sie redeten der leichtgläubigen Menge ein, die Gefallenen würden nach 24 Stunden wieder aufstehen il»d verlängerten später diese Frist auf 3, dann auf 8 Tage. Als dieses natürlich sich auch nicht bewahrheitete, sagte man: "Wer dann nicht wieder lebendig wird, war eben kein richtiger Boxer." Nnd man glaubte und vertraute ihnen bombenfest. Die Hartnäckigkeit des Aufstandes und die sonst dem Chinesen gar nicht eigentümliche Bravour findet in diesen seltsamen Umständen ihre Erklärung. An und für sich wäre diese Art Gegner von den Verbündeten leicht zu bekämpfen gewesen, das Schlimme aber lvar, daß sie es nicht mit einem ehrlichen Feinde zu thun hatten. Den Boxern war jedes Mittel recht, um ihren Gegnern Abbruch zu thuu. Meuchelmord und hinterlistiger Überfall bildeten die wichtigste Kampfart. Tie Verwundeten und Gefangenen waren viel gefährlicher als der Gegner im offenen Gefecht, da sie von rückwärts die europäischen Soldaten aufielen und massakrierten. Natürlich wurden seitens der Verbündeten keine Gefangenen mehr gemacht, sondern alles rücksichtslos niedergemacht, was in den Weg trat. Wehe aber dem fremden Soldaten, welcher verwundet oder gefangen in die Hfinde dieses Mordgesindels fiel. Unter den grausamsten Martern, welche der menschliche Geist erfinden konnte, wurden sie hingeschlachtet und auch noch die Boxerzettel, toten Leiber geschändet. Das het natürlichen Größe. k-i,-rlich-Worti "P»rd°nwird nicht gegeben", war daher eine naturnotwendige Mahnung zur Selbsterhaltung. Die Expedition des Admirals Zeymour. Als die Lage in der Provinz Petschili einen drohenden Charakter anzunehmen begann, zogen die Mächte ihre in Ostasien stationierten Schiffe auf der Taku-Reede zusammen, so dass sich dort am 8. Juni, dem Tage des Eintreffens S. M. S. "Hertha" mit dem deutschen Gcschwaderchef, Vizeadmiral Bendemann, ein internationales Geschwader mit folgender Zusammensetzung versammelt hatte: D e n t s ch l a n d: Die großen Kreuzer "Kaiserin Augusta", "Hertha", "Hansa", die kleinen Kreuzer: "Irene", "Gefion". Österreich: Der Kreuzer "Zenta". England: Das Linienschiff "Centurion", die Kreuzer I. Kl. "Endymion", "Aurora", "Orlando", der Kreuzer III. Kl. "Alacrity", der Torpedobootzerstörer "Fame". Rußland: Ter Kreuzer "Rossia", das Linienschiff "Sissoi Veliki", das Kanonenboot "Giljak", der Torpedokreuzer "Gaidamak". Frankreich: Ter Kreuzer I. Kl. "D'Entrecasteaux", der Kreuzer III. Kl. "Jeau Bart", "Descartes", Kanonenboot "Liou". Japan: Der Kreuzer II. Kl. "Kasagi". Vereinigte Staaten vouNordamerika: Ter Panzerdeckkreuzer "Newark". Italien: Tie Panzerdeckschifse "Elba" und "Calabria". Außerdem befanden sich im Pcihv die Kanonenboote "Iltis" (deutsch), "Algerine" (engl.), "Bobr", "Korrejetz" (rnss.), "Atago" (jap.). Diese Flottenmacht war zunächst die einzig verfügbare Streitkraft der von denen nur Deutschland, Rußland und England in der Lage waren, auch Landtruppen in ganz kurzer Frist ans Tsingtau, Port Arthur und Weihaiwei herbeischaffen zu können. Wollte man also sofort über Landungstruppen verfügen, mußte man sie den Besatzungen der Schiffe entnehmen. Zwischen den verschiedenen Geschwaderchefs herrschte von Anfang an die Ansicht vor, daß bei der gemeinsamen Bedrohung der Interessen ihrer Nationen auch ein ge meinsames Handeln notwendig war. Diese Übereinstimmung der Meinungen kam in erfreulicher Weise gelegentlich einer Sitzung der Admirale, welche unter dem Vorsitz des rangältesten Offiziers, des englischen Vizeadmirals Seymour, am 9. Juni 4 Uhr nachmittags stattfand, zum Ausdruck. Ter bei dieser Gelegenheit stattfindende Austausch der Nachrichten ließ bei dem deutschen Geschwaderchef die Überzeugung aufkommen, daß die Lage in Peking viel bedrohlicher und gefährlicher aussah, als es nach den letzten Berichten des kaiserlichen Admiral Sey.iiwur. Gesandten den Anschein hatte. In unerwartet rascher Weise erfuhr diese Beurteilung ihre Bestätigung. Noch in der Nacht um 1230 lief beim Vizeadmiral Bendemann ein Brief des englischen Geschwaderchefs ein mit dem Inhalte, daß er auf Grund eines soeben eingegangenen Telegramms vom englischen Gesandten in Peking, welches in dringendster Form um sofortigen Entsatz ersuchte, mit allen verfügbaren Streitkräften sofort landen werde und auf Unterstützung des deutschen Admirals hoffe. Die gleiche Aufforderung war an alle übrigen Flottenführer ergangen. Lange Überlegung war angesichts des Notschreies ans Peking nicht mehr am Platze, hier mußte rasch gehandelt werden. Admiral Bendemann gab daher unverzüglich den Befehl, die Landungskorps der Schiffe klar zu machen. Schon um 4 Uhr morgens begann die Ausschiffung derselben und Überführung mittels Prähmen und Schiffsbooten nach dem Bahnhofe Tongku. Dort war um 3 Uhr nachmittags am 10. Juni das deutsche Landungskorps marschbereit, diejenigen der anderen Nationen waren mit dem Führer des Expeditionskorps Admiral Seymour größtenteils schon voraufgefahren. 23 000000000000090009079099000 Die wirren 1900/1901. yyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyy 24 Nriegsglie-erung des deutschen Expeditionskorps. Kommandeur: Kapitän z. S. v. Usedom. Adjutant: Oberleutnant z. S. Freiherr v. Kottwitz. Infanterie: 1. (Hertha) Kompagnie: Führer Kap.-Lt. Hecht, OberVizeadmiral Bendemann. Cljcf bcs deutschen Geschwaders in Mstasien. Lt. z. S. Bunnemann, Ober-Lt. z. S. Schnabel, Lt. z. S. Berendes. 2. (Hansa) Kompagnie: Führer Kap.-Lt. Schlieper, Ob.-Lt. z. S. v. Zerßen, Ob.-Lt. z. S. Röhr, Lt. z. S. Schultz (Max), Lt. z. S. Becker. 3. (Kaiserin Augnsta) Kompagnie: Führer Korv.Kapt. Bnchholtz, Ob.-Lt. z. S. v. Bülow (Hermann), Lt. z. S. Schütte, Stückmeister Wehde. 4. (Gefion) Kompagnie: Führer Kap.-Lt. Weniger, Ob.-Lt. z. S. v. Krohn, Ob.-Lt. z. S. Lustig. Artillerie: 2 Maschinengeschütze: Lt. z. S. Pfeiffer. Pioniere: Lt. z. S. Blockhuis. Sanitäts-Detachement: Stabsarzt Dr. Schlick, Oberassistenzarzt Dr. Presnhn, 16 Krankenträger und Sanitätssoldaten. Gesamtstärke: 20 Offiziere, 189 Unteroffiziere und Mannschaften. Der Vormarsch. Da bisher schon wiederholt kleine Marine-Detachements unbehelligt in Peking hatten einziehen dürfen, so konnte man mit Recht annehmen, daß ein großes Landungskorps unter Beförderung mit der Eisenbahn ohne große Schwierigkeiten in etwa zwei Tagen Peking erreichen würde. Den einzigen Aufenthalt konnte die zerstörte Eisenbahn verursachen, doch diese ließ sich durch das mitgenommene technisch geschulte Maschinenund Heizerpersonal (deutscherseits Lt. z. S. v. Wolf mit 60 Mann) ausbessern. Infolgedessen war die Ausrüstung des Korps für einen längeren Feldzug mitten in Feindesland nicht ausreichend. Das deutsche und besonders das österreichische Landungskvrps war noch anr besten ausgerüstet; es führte beim Abmarsch eine Proviantmenge für acht Tage mit sich, welche durch Nachschub auf sechzehn Tagesrationen erhöht wurde, ferner wasserdichte Unterlagen und wollene Decken für die Nacht. Die notwendigsten Bedürfnisse trug jeder Mann in einem Rucksacke mit sich, vor Sonnenstrahlen schützte der Tropenhelm. Das schwere Gepäck, Proviant und Ausrüstungsgegenstände sollten mit der Eisenbahn nachgefahren werden. Die Ausrüstung der Engländer lvar dagegen sehr mäßig, sie hatten Proviant für zwei Tage mit sich und waren nur ans eine kurze Spazierfahrt eingerichtet. Lord Seymour konnte auch nicht umhin, dem deutschen Geschwaderchef später seine Anerkennung wegen der guten Ausrüstung des deutschen Landungskorps auszusprechen. In Tongku wurde das ganze deutsche Landnngskorps nebst 10 Engländern mit 1 Geschützen in einen Zug verladen. Nachdem die Bahnfahrt Tongku-Tientsin ohne Störung verlaufen war, legten schon in Tientsin die chinesischen Behörden Schwierigkeiten in den Weg. Kapitän von Usedom mußte gewaltsam eine Lokomotive requirieren und deren Führer und feiger durch eine Geldsumme zum Mitgehen bewegen. Um 530 nachmittagskonnte die Weiterfahrt erfolgen. Zu Seiten des Bahndamms sah man chinesische Truppen, welche sich aber passiv hielten. Kleine Zerstörungen des Bahnkörpers durch Beschädigung der Schwellenenden vermochten nicht die Fahrt Zuges aufznhalten. Dagegen zeigten sich die Telegraphenlinien mit zunehinender Entfernung von Tientsin immer gründlicher zerstört. Um 7 Uhr abends erreichte der deutsche ..... .... ^ .... ff '/ Kapitän z. S. v. tpodom. ZNg snns .Nlt0Führer d. deutschen Nontingents unier Adm. Sexinour 25 OOOOOOOCOOOOOOOOOO Ariegsgliederung des deutschen Expeditionskorps. 900000000000090900 26 Meter vor der Station Lofa den in zwei Zügen untergebrachten anderen Teil des Expeditionskorps, welcher infolge einer Brückenzerstörung die Fahrt nicht hatte fvrtsetzen können. Der Führer des kleinen österreichischen Detachements, Seekadett Prochaska, welcher der englischen Abteilung zngeteilt war, berichtet über seine Eindrücke bei der Eisenbahnfahrt: [K. K. Seekadett prochaska über die Lisenbahnstrecke von Tientsin bis Lofa.j "Der Zustand der Bahnstrecke war anfangs kein gar so schlechter. Bis tsangtsun, wo die Truppen des Generals Nieh standen war die Strecke tadellos, von hieran waren kleine Reparaturen nötig. Die Boxer hatten hie und da die Schwelten und Schienen herausgerissen, auf den Brücken die Schwellen mit Stroh umwickelt und angezündet, Werkzeuge hatten die Boxer nicht; sie hatten die Schraubenköpfe mit Steinen abgeschlagen. Je mehr wir uns aber Peking näherten, desto gründlicher fanden wir die Linie zerstört. Auf lange Strecken hin sah man ani Bahnkörper überhaupt keine Schienen und Schwellen; man fand diese oft iu 2 Meilen weit entfernten Dörfern versteckt. Auf der Strecke zwischen Langfang und Anting waren bereits die Traversen der Brücken aus ihren Lagern gehoben und hinuntergeworfen. Wir hatten also sehr langwierige Arbeiten vor uns. Ls wurde deshalb beschlossen, die Bahn bis Anting zu reparieren und von dort den noch übrigen Weg zu Fuß zurückzulegen. Doch sollte wegen des großen Wassermangels an: direkten Wege über Tongchoo marschiert werden, von der längs der Bahn führenden Telegraphenlinie waren nicht einmal die Stangen vorhanden. Die Boxer hatten sogar die Meilensteine zerschlagen. Man vermutet, daß die Strecke erst auf die Nachricht von unserer Abreise hin so zerstört wurde. Die Gegend, die wir passierten, war verlassen. Man fand nur einige Thinesen vor; diese scheinen aber alle Spione der Boxer gewesen zu sein. Bei einigen wurden auch Waffen vorgesunden; solche Leute wurden gefangen genommen und bei nächster Gelegenheit nach Tientsin gesandt. Zum Ausbessern der Bahn wurde' täglich eine andere Nation herangezogen. Ztaliencr und Bcstcrreicher, die wegen ihrer kleinen Zahl nicht arbeiteten, bestritten während dieser Zeit die Posten. Wegen des Postendienstes bei Nacht wurden jeweilig besondere Verfügungen getroffen. Zn einer anr ss. Juni vom Admiral einberufenen Versammlung, wurden die zur Sicherheit notwendigen Maßnahmen besprochen. Außerdem wurde in jedem Zuge der rangälteste (Offizier zum Zugskommandanten bestimmt; diesem wurde ein englischer SignÄlmann zugeteilt, um den Verkehr zwischen den einzelnen Zügen zu erleichtern. Die Zugskommandanten hatten für die Sicherheit ihrer Züge nach eigenem Ermessen Vorkehrungen zu treffen. Line große Schwierigkeit bildete die Wasserbeschaffung für die Loeonrotioe; es war nur wenig Wasser vorhanden, und da außerdem das Wasser mit Handkraft geschöpft werden mußte, dauerte dieser Vorgang oft über einen halben Täg. Zn den ersten Tagen verkehrte ein V. Zug mit Tientsin; da dieser gar keine beunruhigenden Nachrichten brachte,. so begann man, sich auf den Nachschub von Tientsin aus zu verlassen und ließ sich nur für eine Woche Proviant und gar keine Rinnition Nachkommen. Diese Täuschung erschwerte den späteren Rückzug sehr." Admiral Seymour beschloß, die Nacht zvm 11. Juni hier zu biwakieren, währenddessen der Übergang wieder hergestellt werden sollte. Die "Kaiserin Au gust a"-KomPagnie übernahm die Sicherung durch Vorposten. Schon um; 7 Uhr am Morgen des nächsten Tages, am 11. Juni, konnte die Fahrt fortgesetzt werden, jedoch bereitete eine abermalige Brückenzerstörung bei der Station Losa erneuten Aufenthalt. Während der Reparaturärbciten kochten die Mannschaften ab und ergänzten ihre Wasser vorräte. Um 9 Uhr traf ein Zug mit Eisenbahnmaterial aus Tientsin ein. Das Expeditionskorps hatte einschließlich einer noch ain 13. Juni eintreffenden Verstärkung eine Gesamtstärke von 2117 Mann in 5 Eisenbahnzügen, und zwar: 915 Engländer, 2 Feldgeschütze, 509 Deutsche, 312 Russen, 3 Feldgeschütze, 150 Franzosen, 1 Feldgeschütz, 112 Amerikaner, 54 Japaner, 40 Italiener, 25 -Österreicher. Lord Seymour sah sich von jetzt ab zu besonderen Sicherungsmaßregeln gezwungen, da der Anblick verstümmelter Leichen chinesischer Bahnarbciter und Angestellten ihn nicht mehr darüber in: Zweifel ließen, daß Boxer in der Nähe waren. In der Station Lofa wurde als Etappendeckung eine englische Abteilung von 1 Offizier und 30 Mann, welche am nächsten Tage noch durch weitere 30 Mann verstärkt wurde, zurückgelassen. Diese Engländer befestigten das Stationsgebäude und nannten es nach ihrem Schiffe "Fort Endymion". Bei der Weiterfahrt des übrigen Expeditionskorps erhielt die Maschine und der nächste Wagen eine gefechtsbereite Besatzung. In der That fand auch noch ani Nachmittage des 11. Juni ein kleines Gefecht mit Boxern statt. Um 615 stoppte plötzlich der vordere Zug und unter Alarmsignalen stiegen die Engländer aus. Nach kurzem Feuergefechte gelang es ihnen, eine Boxer-Abteilung unter Verlust von 35 Toten zurückznschlagen, noch bevor die von Kapitän v. Usedom nach vorn entsandte "Kaiserin Augusta"-Kompagnie ankam. Die Nacht verlief ruhig. Erst um 12 Uhr niittags am 12. Juni erreichte das Expeditionskorps die Station Lang fang, nur 45 km Landweg und 65 km Schienenweg von Peking entfernt. Hier trafen die Verbündeten aber solch intensive Zerstörungen der gesamten Bahnhofsanlage, — das Gefecht zwischen den Truppen des chinesischen Generals Nieh und den Boxern hatte hier stattgefilnden — und des Schienenstranges jenseits der Station, daß an eine Weiterfahrt vorläufig nicht zu denken war. Der Versuch, die deutsche Lokomotive durch Herbeischaffen von Wasser aus einem etwa 1000 m entfernt liegenden Torfbrunnen zu speisen, nahm zu viel Zeit in Anspruch und wurde daher aufgegeben. Die Truppen mußten sich zu einen: längeren Aufenthalte einrichten. Den deutschen Mannschaften fiel die Aufgabe zu, das von den Chinesen ausgebrannte Stationsgebäude zu besetzen und zur Verteidigung einznrichten. Das geschah in musterhafter Weise durch die "Gefion"-Kompagnie unter Kapitänleutnant Weniger, verstärkt durch 50 weitere Mannschaften und 6 Pioniere. Die mit den zwei Maschinengewehren armierte Befestigungsanlage wurde "Fort Gefion" getauft. In der Nähe lagernde Betontonnen und Wellbleche waren willkommenes Material zur Herstellung der Deckungen. Ein anr Nachmittage von den Deutschen erneuter Versuch, die Lokomotive ihres Zuges mit Wasser aus der Umgebung zu speisen, mußte nach vier Stunden wieder aufgegeben werden. Um 3 Uhr nachmittags brachte noch ein Zug aus Tientsin für die deutschen Truppen Material, Proviant und Wasser in 30 großen Thonkrügen. Von einem Überläufer aus Peking aber erfuhr Lord Seymour, daß General Li von der chinesischen Regierung den Befehl erhalten habe, unter allen Umständen das Vordringen des verbündeten Landungskorps auf Peking zu verhindern, so daß dieses darauf gefaßt sein mußte, binnen kurzem regulären kaiserlichen Truppen gegenüber zu stehen. Eine noch am Abend des 12. Juni von einer englischen Abteilung 20 Km vorwärts unternommene Erkundung ergab die Zerstörung der Bahn in großem Umfange. Indes konnte man hoffen, die Reparatur mit den vorhandenen Mitteln und mit Hilfe geschulter chinesischer Arbeiter der Bahnverwaltung beseitigen zu können. Voraussetzung blieb allerdings die Lösung der Wasserfrage zur Speisung derLoko motiven. Zu dem Zwecke wurden am 13. Juni zwei Züge, darunter der deutsche, am Abend nach Losa zurückgeschickt, doch auch hier gelang das Wassernehmen nur zum Teil und mit erheblichen Schwierigkeiten. Beim Rangieren entgleisten vier mit Schwellen beladene Güterwagen des deutschen Zuges, die nurmit Anspannung aller Kräfte und nach stundenlanger Arbeit bis 1 Uhr nachts wieder auf die Schienen gebracht werden konnten. Um 230 nachts langten die Züge wieder in Langfang an. Inzwischen hatte das Expeditionskorps eine weitere Verstärkung erfahren. An diesem Nachmittage um 4 Uhr trafen in einem I V. Zug 200 Russen und 50 Franzosen, und in einem V. Zug 30 deutsche Heizer unter Leutnant z. S. Hillmers nebst Proviant und Material in Losa ein. Letztgenannter Offizier berichtet über die Eindrücke, welche er bei seiner Ankunft von der Sachlage hatte, folgendermaßen: ^Leutnant z. S. Hillmers über die Sachlage am 13. Juni bei der Seymour-Lxxeöitron.! "Die kommandierenden Gffiziere sind verhältnismäßig einig. Admiral Seymour ist der älteste — er und Kapitän von Usedom harmonieren besonders gut. Unsere Leute benehmen sich tadellos. Die Stimmung unter den Leuten ausgezeichnet, dabei große Anstrengungen bei enormer Sitze. Die Sache kann noch sehr lange dauern. Die Truppen sind wegen ihres Trosses an die Bahn gebunden und diese ist, je weiter sie kommen, gründlich zerstört; oben sollen sogar die ganzen Bahndämme abgetragen sein. Die Unternehmung würde mit dem Sturm aus Peking endigen. Ulan hat schon Nachricht, daß sich hier Regierungstruppen stellen werden. Sehr ernst! wie anders ist alles gekommen! — während Kapitän von Usedom noch diktiert, kriegt er die Uleldung, in einem nahen Dorfe zeige sich eine größere Anzahl verdächtiger Leute. Sofort wurden gegen dieses Dorf eine Kompagnie unter dem Befehl von Kapitän Buchholz, bestehend aus den ,lösrtha'-Leuten unter Kapitänleutnant Hecht, und den ,£ja»ja‘*£euten unter Kapitänleutnant Schlieper, vorgeschickt. Ich durfte mit und fungierte bei diesem Zuge quasi als Adjutant von Kapitän Buchholz, wir beide weit voran durchs Dorf, es wurde aber leider nichts gefunden und wir mußten unverrichteter Sache zurück. — Heiter und lustig mit den andern in einem Güterwagen, der als Gffizicrsmesse diente, zu Abend gegessen, alles sehr primitiv natürlich, wie viel Flüssigkeit konsumiert worden, ist ganz unglaublich, vor allem kaltes Brunnenwasser; aber der Körper hat bei der trockenen Hitze viel Flüssigkeit nötig. Während des Abendessens .kam die Nachricht, daß mehrere Waggons entgleist wären; das konnte gerade fehlen. Da haben unsere gesamten Leute von 7—s Uhr nachts, an der Spitze natürlich Kapitän von Usedom, scharf gearbeitet, selbstverständlich mit Lrfolg. Ich schlief den ersten Teil der Nacht bei der einen Feldwache, machte auch einen Rundgang mit Bülow um die Posten." Gefecht am 14. Juni. Am 14. Juni morgens, während die Truppen allgemeine Zeugwäsche und zum erstenmal nach der Landung auch Selbstwäsche Vornahmen, waren leichtsinnigerweise Mannschaften der Züge I und II ohne Waffen in ein nahegelegenes Dorf gegangen, um Wasser und Proviant zu holen. Sie wurden von Boxern überfallen und retteten sich nur mühsam nach der Station zurück. Hicrbei wurden fünf Italiener zusammengehauen, deren verstümmelte Leichen mall später faild. Dieser Vorfall scheint den Feind zum offensiven Vorgehen ermutigt zu haben, denn um 10 Uhr vormittags meldeten die englischen Vorposten das Heranuahen stärkerer Boxermassen aus dem erwähnten Torfe. Unmittelbar darauf erfolgte auch ein geschlossener feindlicher Angriff, welcher aber unter schweren Verlusten von den Engländern, unterstützt durch den "Gefion"Zng unter Oberleutnant v. Krohn zurückgeschlagen lvurde. Letzterer wollte in der Richtung nach der Maschinenhalle Vorgehen, um den Gegner von links zu fassen, traf aber auch dort auf einen Haufer Boxer, der mit einem Verlllst von 18 Mann geworfen wurde. Allgemein überraschte der fanatische Enthusiasmus, mit welchem der Feind, oft nur mit Schwert und Lanze bewaffnet, in abergläubischem Vertrauen auf die Schutzkraft seiner Amulette vorging. (Aus Lt. 3. 5. Hillmers Bericht.! "Ich war gleich hinterher auf dem Schlachtfeld und sah sie da alle liegen, wilde Kerle mit verzerrten Gesichtern, die meisten mit mehreren Schußwunden. Als Opfer auf unserer Seite sind \ Italiener zu beklagen, die als Posten vor Zug I standen und nicht mit zurückgingen, als der Zug rangierte. Sie wurden niedergemacht und fchcnßlich zugerichtet, ein fünfter wird vermißt. Nachmittags wurden sie feierlich still unter Beteiligung aller Nationen begraben, das erste Feldbegräbnis! Nachmittags gegen \ Uhr kam von Lofa aus eine Trolly (ein auf Schienen laufender, durch Rlcnfchenhand getriebener leichter wagen) mit der Nachricht, daß das Fort Lndymion von etwa 5000 Boxern (die Zahl erwies sich später als sehr hoch gegriffen) angegriffen, der Angriff zurückgeschlagen sei, man aber dringend Hilfe bedürfe, da erneuerter Angriff zu erwarten sei. Daraufhin fuhr Admiral Seymour mit dem Zuge II, der einzige der gerade auf dem richtigen, dem linken Geleise stand, zur Hilfe; die Boxer wurden zurückgeschlagen, viele getötet. Kapitän von Usedom ging mit den Deutschen auf Admiral Seymours Wunsch nach vorn, um einen 29 QOQWOWWWQQWW Ariegsgliederung des deutschen Expeditionskorps, yyyvyyyyyyvyyyyyyy 30 eventuellen Angriff von dieser Seite zurückzuweisen. Abends kehrte Zug II von Lofa mit mehreren erbeuteten Zahnen unter großem lfurra zurück. Leider waren wir nicht dabei gewesen." Verschlimmerung der Lage. Lord Seymour begann mit der unbedingt naheliegenden Möglichkeit zn rechnen, den Vormarsch ans Peking direkt zn Fuß fortzusetzen. Hierzu fehlten jedoch Transportund Verpflegungsmittel. Deshalb erhielten am 15. Juni morgens die Kaiserin Augusta"und die "Hertha"-Kompagnie den Befehl, die Dörfer voraus und seitlich nach Boxern abzusuchen und hierbei Vieh imd Transportfahrzeuge aufzubringen. Das Resultat dieser Expedition entsprach nicht den Erwartungen. Zwar hatten die deutschen Kompagnien den Feind aus acht Dörfern nach unerheblichenr Widerstande herausgeworfen und kehrten um 1 Uhr mittags mit 5 Fahnen und 2 Gefangenen zurück, aber die Fouragierung hatte nur 1 Pferd, 1 Kuh und 4 Esel ergeben! Inzwischen hatte Admiral Seymour von Tientsin Proviant, Munition und Transportfahrzeuge requiriert und schickte zu dem gleichen Zwecke den Leutnant z. S. Hillmers mit einem Zuge nach Tientsin. Derselbe kehrte jedoch mit der schwerwiegenden Nachricht zurück, daß die Bahnverbindung jenseits Lofa unterbrochen sei. Das Expeditionskorps war daher von seiner Basis abgeschnitten und der Führer vor den folgenschweren Entschluß gestellt, den gewaltsamen Vormarsch mit seinen schwachen Kräften fortzusetzen oder den Rückzug anzutreten. Trotz der Ankunft eines Boten aus Peking, durch welchen die Gesandten um schleunige und schnelle .Hilfe baten, zwang die Lage einen am 16. Juni morgens einberufenen Kriegsrat zu dem Entschlüsse, den Vormarsch nach Peking über Langfang hinaus angesichts der Unmöglichkeit, die gründlich zerstörte Bahn in so kurzer Zeit wieder herzustellen, aufzugeben und unter Festhaltung der befestigten Stationen Langfang und Lofa noch abzuwarten, ob die dringend requirierten Nachschübe aus Tientsin, insonderheit an Transportfahrzeugen, nicht doch noch herangeholt werden könnten. Für einen weiteren Vormarsch sowohl wie für einen eventuell notwendig werdenden Rückzug wurde die Benutzung des Peiho in Aussicht genommen. Kapitänlentnant Schlieper erhielt sofort den Auftrag, mit der "Hansa"-Kompagnie auf einem Arbeitszuge über Lofa zurückzufahren und die Wiederherstellung der Ticntsiner Strecke in Angriff zu nehmen. Am.Nachmittage aber schickte dieser Offizier die Meldung, daß die Bahn bis Pangtsun umfangreich zerstört sei und er Verstärkung an Bedeckungsund Arbeitsmannschaften nötig habe. Um solche verfügbar zu haben, ohne die schwachen Kräfte des Detachements auf einer zu großen Etappenlinie zu verzetteln, beschloß Lord Seymour, die Station Langsang vorläufig, bis eine endgültige Entscheidung über die Art der Fortsetzung des Vormarsches getroffen sei, anfzngeben, und das Gros auf die Strecke Lofa-Uangtsun zu konzentrieren. Er selbst eilte nach Lofa, um sich persönlich von dem Grad der Zerstörungen zu überzeugen. Während die Deutschen mit den Vorbereitungen zum Abzüge von Langfang beschäftigt waren, wurde südlich dieser Station ein größerer Haufen von Chinesen beobachtet. Um diese zu verjagen, entsandte Kapitän von Usedom nach Vereinbarung mit dem ältesten russischen Führer die "Hertha"und eine russische Kompagnie in diese Gegend. Es entspann sich ein Gefecht, in welchem der Feind 13 Tote und eine Anzahl Verwundete verlor. Außerdem erbeuteten die Verbündeten 2 Pferde, 2 Maultiere, 8 Esel und 1 Kuh. Nach diesem Intermezzo konnte der Rückmarsch mit der Bahn auf Lofa angetreten werden. Lord Seymour hatte dieBahnzerstörung jenseitsLofa nicht so bedeutend gefunden, wie er erwartet hatte, und hielt die Wiederherstellung der Verbindung mit Tientsin in kurzer Zeit für ausführbar. Da ferner neue Nachrichten aus Peking das Schlimmste für das Leben der Gesandten befürchten ließen, so faßte ein am 17. Juni abgehaltener Kriegsrat den Beschluß, die Eisenbahn Langsang-Lvfa als Basis für einen eventuell zu unternehmenden Vorstoß auf Peking doch noch zu halten. Lord Seymour unterstellte zur Ausführung dieses Beschlusses die Eisenbahnzüge II (Engländer und Japaner) und III (Deutsche und Russen) dem Kapitän z. S. von Usedom. Dieser gab daraufhin folgenden Befehl: fBefehl des Kapitäns z. S. von Usedom vom 17. Juni.s "Zug III geht sobald als möglich nach Langfang vor und bleibt vor dem Stationsgebäude stehen. Die Maschine wird mit Wasser gefüllt, macht aber Zeuer aus. Die "Gefion"Rompagnic besetzt das Stationsgebäude, Zort Gefi-n, wie früher. Die Sicherung der Bahnlinie vorwärts von Langfang geschieht durch zweimaliges Abpatroullieren während des Tages durch je eine Kompagnie. Die Sicherung der Bahn zwischen Lofa und Langfang geschieht durch Zug II, welcher am Vormittage von Lofa nach Langfang fährt und nach Auffüllung von Wasser in Langfang am Nachmittage nach Lofa zurückkehrt. Das Auffüllen der Lokomotive niuß, da alle Einrichtungen der Bahn zerstört sind, durch Bildung von Kette aus dem nächsten Dorfbrunnen erfolgen." Gemäß dieser Anordnungen erfolgte die Wiederbesetzung des Fort Gefion am 17. Juni vormittags. Eine am Nachmittage von der Kompagnie Buchholtz und einer russischen Kompagnie nach vorn unternommene Erkundung führte zum Zusammenstoß mit einigen feindlichen regulären Reiter-Patrouillen. Diese Erkundungen wurden am 1.8. Juni vormittags wiederholt. Gleichzeitig sah sich Admiral Seymour in seiner optimistischen Auffassung über den Zustand des Bahnkörpers arg getäuscht. Mehrfach genannter Lt. Hillmers berichtet darüber: fLeutnant z. S. ksilliners über die Bahnzerftörungen.I "Die Zerstörungen waren ganz schlimmer Natur, besonders der Bahnhof Ifangtsun in einer aussichtslosen Verfassung, und hier hatten noch vor % Tagen die chinesischen Regierungstruppen gestanden und Admiral Seymour hatte sich der Hoffnung hingegeben, daß der Bahnhof selber und die Strecke von Hangtsun bis Tientsin in Ordnung sei. Anstatt dessen sahen wir überall 31 VVVOWWWWWQQVVOQWOVQW Die wirren IVOOKIOl. VWOQWOWWQVWWWWWWV 32 auf den Feldern die Chinesen Schwellen schleppen, es wurde auch auf große Entfernung auf sie geschossen, darauf liefen sie natürlich in Karriere weg. Der Eindruck, den wir von dieser Rekognoszierung Mitnahmen, war ein sehr trauriger, die Fortsetzung des Rückzuges mit der Bahn schien unmöglich, die Lage dadurch sehr ernst. Um 9 Uhr abends fand eine Sitzung der zur Zeit anwesenden höchstkommandierenden Offiziere statt. Das war der amerikanische Kapitän 2TE. Tellar, Kapitän Schlicper und ein österreichischer Scckadctt. Admiral Seymour entwarf zuerst ein Bild von der traurigen Lage und stellte dann die Frage, was werden sollte, vor allem mit Kapitän von Usedom. Ulan kam schließlich überein, den folgenden Tag die Bahn bis ljangtsun weiter zu reparieren. Vorbereitungen zu einem eventuellen Rückmarsch auf dem Flußwege zu treffen und Kapitän von Usedoni freizustellen, ob er kommen wolle oder nicht." Der UM l45 mittags aus Lofa eintreffende Zug II brachte au Kapitän v. Usedom vom Admiral Seymour einen Brief, worin derselbe anheimstellte, angesichts der fortschreitenden Bahnzerstörungen vorwärts und rückwärts nach Lofa zurückzukehren und alle Streitkräfte dort zu vereinigen. Gefecht bei Langfang am 18. Juni. Während das Detachement mit den Vorbereitungen zur Ausführung dieser als richtig erkannten Anregung des englischen Admirals beschäftigt war, erfolgte plötzlich um 2 Uhr nachmittags ein Angriff des Feindes. In der Stärke von etwa 5000 Mann Boxer, regulärer kaiserlicher Infanterie und Kavallerie besetzte er südlich des Bahndammes einige Erddeckungen und einen Waldrand und eröffnete ein starkes Feuer auf die Verbündeten. Zwei englische Kompagnien und eine russische traten südlich des Bahndammes ins Feuergefecht, während je eine russische und japanische Kompagnie die unmittelbare Bedeckung der Züge übernahmen. Tic deutsche "Hertha"und "Kaiserin Augusta"Kompagnie wurde nach rechts herausgesandt, um durch eineil Angriff auf den linken feindlichen Flügel den Feind zu werfen. Diese Bewegungen versuchte chinesische Kavallerie zu hindern, wurde aber durch ein paar Salven verscheucht. Skizze zu dein Gefecht bei der Station Langfang an: Z8. Juni. Beide deutsche Kompagnien hatten gegen einen überlegenen Feind ein langes Feuergefecht zu bestehen, im Verlauf dessen sich die "Hertha"-Kompagnie sogar verschoß. Zum Glück entdeckten die Deutschen, daß die gefallenen Chinesen Patronengürtel mit Patronen 71/84 hatten. Aus diesen konnte die Munition ergänzt werden, auch wurden die sehr praktischen Patronengürtel im weiteren Verlaufe der Expedition gern getragen. Das allmähliche Vordringen des rechten Umgehungsflügels gab das Zeichen zum allgemeinen Sturm auf den Waldrand. Der Feind zog sich zurück, urachte aber, als die Verbündeten die feindliche Position gerade erreicht hatten, mit der blanken Waffe einen Gegenangriff, an welchem hauptsächlich Boxer teilnahmen. Der Angriff wurde abgewiesen, worauf der Feind in wilder Flucht zurückging, Tie Verluste waren in Anbetracht der feindlichen Übermacht naturgemäß schwer: Deutsche: 1 Toter (Matrose Baatz), 17 Verwundete, darunter Kapitän v. Usedom und Korvettenkapitän Buchholtz leicht. Engländer: 3 Tote, 24 Verwundete. Russen: 3 Tote, 10 Verwundete. Auf seiten des Feindes waren weit über 100 Mann gefallen. Um 53° nachmittags konnte die beabsichtigte Rückfahrt unter Mitnahme der Toten und Verwundeten angetreteu werden; um 830 abends erreichte das Detachement Usedom in Pangtsun auf der langen Eisenbahnbrücke das Gros, so daß das ganze Expeditionskorps unter Lord Seymour wieder vereinigt war. [£itt beteiligter Offizier entwirft von dem Gefecht folgende Schilderung"Es war inzwischen t Uhr geworden. Mer nicht gerade Dienst oder Wache hatte, legte sich schnell noch aufs Ohr, um nach den anstrengenden Märschen einige Minuten zu schlafen. Da plötzlich — ca. \30 Uhr — rufen die durchdringenden Töne des Alarmsignals alles zu den Waffen. Erschreckt fahren die Schläfer empor, und nach einigen Minuten stehen die Kompagnien bereit, vom Turm des "Fort Gcfion" waren von Peking her anrückende reguläre Truppen, und zwar Kavallerie und Infanterie, gcnicldet worden. Kapitän von Usedom übernahm die Oberleitung. Die deutschen Kompagnien sollten rechts die Kavallerie verjagen, je eine englische und eine russische Kompagnie und die Japaner blieben als Reserve und Bedeckung bei den Zügen, die übrigen wurden gegen die Infanterie entwickelt. Die Reserven mußten sehr bald auf dem äußersten linken Flügel mit in das Gefecht eingreifen, da der Feind hier inehr Truppen, wie angenommen, heranführte. Im Laufschritt eilten die Deutschen über das Feld, über die letzte deckende Baunweihe hinaus, allen voran der Kapitän Buch Holz, der feindlichen Kavallerie entgegen. Jeder freute sich auf den Augenblick, den gelben Gesellen einmal deutsche blaue Bohnen zu kosten zu geben. Geschlossen in Karriere ritten sie an, wie sie es von den europäischen Instrukteuren gelernt hatten. Lin kurzes Schnellfeuer jedoch genügte, sie nach allen Richtungen zu zersprengen. Sie saßen dann ab und schossen mit Karabinern auf uns. Gleichzeitig erhielten wir auch Feuer ans den Grabhügeln jenseits des Bahndammes und hatten unsere ersten verwundeten. Diese wollten zuerst gar nicht glauben, daß chinesische Kugeln sie getroffen hätten, sondern meinten, das ans dem Fort Gefion über uns hinwegschießende Maschinengewehr habe sie verwundet. Gleichzeitig traf auch Befehl ein, gegen den Bahndamm vorzugehen, wo die Chinesen, in großer Ucberzahl, an Boden gewannen. Zum Teil durch das Dorf, zum Teil um dasselbe herum ging es nun. Sowie wir die deckenden Säufer hinter uns hatten, hörten wir zum erstenmal die Musik der fliegenden Geschosse und lernten das sehr unangenehme Gefühl kennen, welches ein Geschoß verursacht, welches gerade neben einem in der Schützenlinie in den Sand fährt. Je mehr wir uns dem Bahndamm näherten, desto heftiger wurde das Feuer, nach allen Richtungen spritzte das Blei der gegen die Schienen prasselnden Geschosse. Aber vorwärts! war die Losung. Zwei Angriff der Chinesen ans die Kolonne der Verbündeten bei Tang-Fang, Kürschner, China II. 3 35 OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO wirren I90()/V)0|. OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO 36 Züge überschritten den Bahndamm, die übrigen blieben diesseits, um den Chinesen in die Flanke zu fallen. Fast drei Stunden währte nun das Fcuergefecht. von Deckung zu Deckung gingen wir vor. Auch die Engländer, welche stark dis Absicht hatte» erst bei den Zügen widerstand zu leisten, gelang es Kapitän von Usedom, wieder vorzubringcn. Bald trafen wir auf gefallene Chinesen, große, starke Leute, und sahen zahlreiche Fahnen am Boden liegen. Aber jetzt war noch nicht die Zeit gekommen, Kriegsbeute zu sammeln. Heran an den Feind! war die Losung. Zm verlaufe des Gefechtes lockerten sich die verbände naturgemäß, und viele Engländer sah man in unfern Reihen liegen, wir kommandierten ihnen englisch die Entfernungen, und sie machten jeden Sprung ebenso mit wie unsere Leute. Als wir uns dem Wald und den Grabhügeln ziemlich genähert hatten, pflanzten wir Seitengewehr auf, und mit mächtigen Hurrarufen stürmten wir über das Feld, voran Kapitän von Usedom und die deutsche Kriegsflagge, gegen die feindliche Stellung. Das Funkeln der blanken Waffen und das Geschrei aus Hunderten von Ukanneskehlen mußte die Chinesen wohl in lähmende Furcht versetzen. Als wir atemlos die feindliche Stellung erreichten, war niemand mehr zu sehen, nur zahlreiche Tote und verwundete deckten den Boden. An Verfolgung war bei dem unübersichtlichen Gelände und bei dem Mangel an jeder Kavallerie nicht zu denken, wir sammelten, um zu unseren Eisenbahnzügen zurückzukehren. Da stellte es sich heraus, daß sich die "bsertha"-Kompagnie fast verschossen hatte. Zum Glück wurde bald entdeckt, daß die Chinesen unsere Patronen hatten, in Deutschland gefertigt, zum Teil sogar in Staatsfabriken, und schnell wurden die Munitionsvorräte der gefallenen Chinesen unter unsere Leute verteilt. Es war auch die höchste Zeit. Denn ganz unerwartet öffnete sich der Wald wieder und in langer Reihe traten die Boxer heraus. Mit wehenden Fahnen, unter ohrenbetäubendem Geschrei: "Schoi, Schoi" (Tötet sie), gingen sie zum Angriff mit der blanken Waffe vor. Zn ihren eigenartigen Gewändern, rotem Kopfputz, rotem Gürtel, um Sandgelenke und Füße rote Streifen, hätten sie auf jeden uncivilisierten Gegner sicher einen furchterregenden Eindruck gemacht. Aber hier — einige Konunandos, einige Minuten Schnellfeuer auf der ganzen Linie, und dahingemäht lagen sie, nur einige wenige erreichten den schützenden Waldrand. Nun begann ein wahrer wettlauf um die am Boden liegenden Fahnen, und mit diesen Siegestrophäen wurde der Rückmarsch zu den Eisenbahnzügen angetreten. Der Erfolg des Tages war dem energischen Anstur,u der deutschen Kompagnien auf dem rechten Flügel zu danken. Bereitwilligst wurde dies auch von den Engländern anerkannt, Als wir begeistert und voller Freude über unser,, ersten Sieg gegen einen wirklichen Gegner auf den Bahnhof rückten, standen die Engländer schon da und begrüßten uns mit lebhaften Zurufen: Hat8 off! The German captain! Hurra, the brave leider! Three cheers for the German captain! Kapitän von Usedom hielt sodann eine Ansprache an uns und schloß mit einem begeistert aufgenom,neuen Hurra auf den obersten Kriegsherrn. Nun aber auch die Kehrseite! Lange Reihen von Krankentragen, das schmerzliche wimmern der Schwerverwundeten und starre, blasse Gesichter Gefallener lehrten uns auch die Schrecken des Krieges kennen und zeigten, daß der Erfolg nicht ohne schwere Mpfcr erkauft ward. Unsere Verluste allein betrugen: s Toter, sö verwundete. Die der übrigen Mächte waren weit größer. Sieben Tote hatten wir am nächsten Morgen zur ewigen Ruhe zu bestatten. Nachdem die verwundeten sorgsam untergebracht waren, traten wir die Rückfahrt an, "ahmen unterwegs die Besatzung von Lofa auf und trafen spät am Abend bei ljangtsun den Admiral SeyMour." Rückzug. Das Gefecht an diesem Tage hatte gezeigt, das; nunmehr auch reguläre Truppen in den Kamps einge treten waren. Von Tientsin fehlte seit mehreren Tagen jede Nachricht und jeglicher Nachschub, so daß die umfassende Zerstörung der Bahn dorthin und die Unfähigkeit der dortigen europäischen Streitkräfte, der Expedition Hilfe zu bringen, nicht zu bezweifeln war. Angesichts dieser Thatsachen mußte ein längeres Verweilen in einer von beiden Seiten abgeschnittencn Stellung zur Katastrophe führen. Nach erfolgtem Begräbnis der auf dem Felde der Ehre Gefallenen trat ein Kriegsrat der Kommandeure zusammen, in welchem beschlossen wurde, die Bahn zu verlassen und den Rückmarsch am Peiho entlang anzutreten, auf.welchem die Beförderung der Verwundeten geschehen sollte. Zu diesem Zwecke wurde Oberleutnant z. S. von Roehr mit einem Teil der "Hansa"-Kompagnie beauftragt, flußabwärts Prähme zu requirieren. Er brachte vier große, für den Zweck geeignete Dschunken. Die Verteilung der Prähme geschah in der Weise, daß Engländer, Franzosen und Amerikaner zwei, Russen und Deutsche je einen Prahm erhielten. Die Marschordnung sollte ebenfalls dieser Reihenfolge entsprechen, so daß den Deutschen die Nachhut zufiel. Die Ausschiffung der Truppen aus den Eisenbahnzügen, wobei ein großer Teil der Ausrüstungsgegenstände, des Proviants und fast das ganze Gepäck zurückgelassen werden mußten, war gegen 4 Uhr beendet. 43° nachmittags erfolgte der Abmarsch, der infolge häufigen Festkommens der Dschunken zunächst nur langsam vor sich ging. Dann war die Strömung des Peiho so stark, daß die mit ihr treibenden Dschunken fast das langsame Marschtempo der Truppen erreichten. Mit Einbruch der Dunkelheit wurden die Dschunken festgemacht, die Truppen kochten ab und bilvalierten bis zum nächsten Morgen 33/4 Uhr am Ufer. Um 7 Uhr morgens des nächsten Tages (20. Juni) wurde abmarschiert, während man die auf dem hohen Bahndamm stehenden, von den Chinesen jetzt angesteckten Eisenbahnzüge, weithin lodern sah. Gewehrfeuer des Feindes aus vorwärts liegeudenTörfernverzögertedenMarsch. Sobald die an der Spitze marschierenden Amerikaner und Engländer ein Dorf gesäubert hatten, leistete der Feind von dem nächsten aus erneuten Widerstand. Um 3 Uhr nachmittags wurde Mittagspause gemacht. Während derselben erhielten die deutschen Truppen Gewehrfeuer auf große Entfernung aus dem weiter vorn gelegenen Dorfe, welches durch ein amerikanisches und ein französisches Geschütz beschossen wurde. Kapitän von Usedom schickte darauf die "Hansa"-Kompägnie, die bis dahin am wenigsten im Feuer gewesen war, darauf die "Hertha"und "Kaiserin Augusta"-Kourpagnie vor und ließ die "Gefion"-Kompagnie, der als 3. Zug die österreichische "Zenta"-Manuschaft zugeteilt wurde, bei den Prähmen zurück. Beim Sturm auf das Torf wurden 2 Mann verwundet. Nach dem Passieren des Torfes wurde gehalten und die Stellung am Schluß der Marschkolonne wieder eingenommen. Mit Einbruch der Dunkelheit wurde neben den Prähmen zwischen brennenden Dörfern biwakiert. 3* 37 yyyyyyyyoyyyyyyyyyyyyyy Expedition des Admirals Seymour. QQOQOOOOOOVOOOQWOOOOOO 38 Rückzugsgefechte am 21. Juni bei Peithsang. Während bisher nur auf der linken Seite des Peiho marschiert worden war, erfolgte am 21. Julli 6 Uhr vormittags das Übersetzen eines Teils des Detachements unter Kapitän von Usedom auf das rechte Ufer. Hierdurch wurde der Vorteil erzielt, das; man bei einer feindlichen Besetzung der Dörfer anf beiden Seiten des Flusses sich gegenseitig unterstützen, die Marschkolonnen verkürzen und den Schutz der Dschunken besser wahrnehmen konnte. Diese Maßregel sollte sich sehr bald bewähren, als die Kolonne von Usedom um 8x/2 Uhr aus einem in der Flußkrümmung gelegenen linksseitigen Dorf Feuer erhielt. Die beiden vorderen deutschen Kompagnien schwärmten aus, die beiden deutschen Maschinengewehre traten in Thätigkeit, gleichzeitig machte sich der Anmarsch der Kolonne Seymour fühlbar, so daß der Feind sich eilig znrückzog. Aber schon bei den beiden nächsten Dörfern, welche auf beiden Ufern lagen, stießen die Verbündeten auf stärkeren feindlichen Widerstand. Tie nördlichen Dorfränder waren von Infanterie besetzt, während links seitwärts seiner Stellung der Gegner einige Geschütze postiert hatte. Hiergegen wurde seitens des Kapitäns von Usedom ein regelrechter Angriff cingeleitet. Tie "Hansa"-, "Hertha"und "KaiserinAugusta"Kompagnie, im Laufe des Gefechts nach und nach durch beide russischen Kompagnien verstärkt, kämpften in vorderster Linie. Die englischen NordenfeltGeschütze unter Führung des Leutnants Colamb fuhren rechts rückwärts auf. Unterstarkem feindlichen Geschützund Gewehrseuer erfolgte das sprungweise Vorgehen, wobei Verluste ein traten und deutscherseits Kapitänleutnant Schlieper, Oberleutnant z. S. von Zcrssen schwer und mehrere Leute leicht verwundet wurden. Gegen 12 Uhr schwieg das feindliche Feuer, die Geschütze verschwanden und eines derselben wurde anf einem Prahm flußabwärts gebracht. Die beiden Dörfer konnten jetzt ohne Widerstand passiert und um 2 Uhr eine zweistündige Mittagsrast eingelegt werden. Bei dem in derselben Weise wie am Vormittage erfolgten Weitermarsche erhielten beide Kolonnen wiederum aus einem vorliegenden Dorfe Feuer. Bei dem sich darauf entspinnenden Gefecht trat hauptsächlich die Kolonne Seymour in Thäligkeit, während von der Kolonne Usedom ans die feindliche Stellung und die scheinbar anf DschnnGberleutnant z. s. von Zerssen. ken anfgestellten GeAapitänleutnaiit Schlieper. 39 yyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyy wirren 1900/1901. OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO 40 schütze unter Feuer genommen wurden. Während die Kolonne Usedom noch im Begriff war, sich unter dem Schutze des Dammes der Tieutsiu-Straße zu entwickeln, trat beim feindlichen Feuer eine merkliche Schwächung ein. Bald verstummte es ganz, und die Chinesen zogen sich in wilder Flucht zurück. Ju Anbetracht dessen, daß das rechte Flußufer vom Feinde stärker besetzt schien als das linke, hielt Kapitän von Usedom ein Verbleiben der Truppen daselbst während der Nacht nicht für angängig und überschritt (im Einverständnis mit Admiral Seymour) am Abend den Peiho mit Hilfe der mitgeführten Dschunken. Zur Beschleunigung des Überganges holten die Japaner, welche sich hierbei als geschickte Schwimmer erwiesen, noch eine verlassene, am anderen Ufer liegende große Salzdschuuke herüber, so daß um 9 Uhr abends der Übergang bewerkstelligt war. Tie deutschen Verluste an diesem Tage betrugen 14 Verwundete. Die Einnahme und Besetzung des Forts Hsiku 22.-26. Juni. Nur wenige Stunden Ruhe konnten den äußerst erschöpften Truppen gegönnt werden. Tie deutschen Truppen hatten seit dem 20. Juni mittags nicht abgekocht und mußten die drei Stunden Ruhe nach dem Übersetzen bis zum'Aufbruch auf dem schmalen Uferbankett teilweise in sitzender Stellung zubringen. "Zum Abendbrot," sagt Leutnant Hillmers, "sehr wenig zu essen, als Getränk das Flußwasser des Peiho, in welchem alle zwei Minuten ein toter Chinese langsam heruntertrieb: ,Peiho-Bouilloill hatten die Leute dies köstliche Getränk getauft. Die Nacht war im übrigen ruhig." Um 1 Uhr nachts wurde wieder aufgebrochen und der Marsch in der auf der Skizze angegebenen Reihenfolge fortgesetzt. Derselbe ging im guter '^marsch der Verläjidetci Ordnung und ziemlich schnell vor sich, da auch die Dschunken, deren Offiziere und Mannschaften mit der Zeit größere Übung erlangt hatten, trotz der Dunkelheit vorwärts kamen. Gegen 2 Uhr nachts entstand eine Marschpause, da vorn geschossen wurde, und gleich darauf hörte man den Ruf: "The Germans to the front!“ Ein gleichlautender Befehl des Admirals Seymour wurde kurz nachher dem deutschen Kommandeur durch einen englischen Seekadetten überbracht. Kapitän von Usedom rückte mit seinen vier deutschen Kompagnien im Sturmschritt vor und fand sich bei Admiral Seymour ein, welcher, wie auf dem ganzen Marsche, au der Spitze marschierte. Derselbe ersuchte Kapitän von Usedom, mit seinen Truppen vorn zu bleiben, da von dem vorliegenden Hsiku-Arsenal größerer Widerstand zu erwarten war, und im Falle seiner Verwundung oder seines Todes als Ältester den Oberbefehl des Expeditionskorps zu übernehmen. Seinen Offizieren hatte er schon entsprechende Weisung gegeben, und der anwesende amerikanische Kapi tän Mr. Calla erklärte sich mit dieser Bestimmung einverstanden. Tie Fortsetzung des Vormarsches mit den Deutschen in der Avantgarde führte auf einem sehr schmalen Wege zwischen einem Dorfe und dem Flußufer in eine Flußbiegung, der gegenüber die Wälle des Arsenals begannen. Tie Breite des Flusses betrug hier etwa 60 m, die Entfernung der deutschen Marschkolonne von der Kante der Arsenalumwallung, hinter welcher die chinesischen Soldaten im Anschläge lagen, betrug nur etwa 150 m. Auch eilt auf einer vorspringenden Ecke aufgestelltes Geschütz richtete seine Mündung auf die anmarschierende Truppe. Es war ein höchst kritischer Moment. Zum Glück wurde der Befehl zum Feuern chinesischerseits noch nicht gegeben, wohl weil die betreffenden Mandarine bei der frühen Morgenstunde noch nicht aufgestanden, oder weil die Chinesen vollkommen verblüfft waren, so daß es der "Hertha"und "Hansa"-Kompagnie gelang, aus dem Torfe herauszukommen und in einem trockenen Flußbette Deckung zu finden. Dieser günstige Moment wurde noch um ein oder zwei Minuten dadurch verlängert, daß der dem Admiral Seymour beigegebeue englische Konsulatsdolmetscher Mr. Campbell mit großer Bravour an das Ufer heranschritt und den Chinesen den Vorschlag machte, die Verbündeten vorbeimarschieren zu lassen, da sie nichts Feindseliges im Schilde führten. Die Antwort war ein Hagel von Geschossen. Wunderbarerweise gelang es dabei dem Dolmetscher, in eine seitlich gelegene Deckung zu entkommen. "Aber", so berichtet Leutnant z. S. Hillmers, "meine drei Nebenleute wurden auf der Stelle getötet. Oberleutnant von Krohn erhielt einen Schuß in das linke Auge, viele andere schwere und leichte Verwundungen. Die Situation ist fürchterlich." Während die "Hansa"und Hertha"-Kompagnie den das Flußbett begrenzenden Damm besetzten und das Feuer erwiderten, trafen auch die "Kaiserin Augusta"-, "Gefion"und eine englische Kompagnie dort ein. Da die deutsche Schützenlinie von zwei feindlichen Geschützen in unangenehmer Weise flankiert wurde, mußten letztere unschädlich gemacht werden. Dies war nur möglich von einem im rechten Winkel auf den Fluß laufenden Steindamm aus, der aber keine Deckung gegen das feindliche Gewehrfeuer bot. Die beiden Bootsmannsmaate Knott und Turkowski nahmen trotzdem als Erste diese gefährliche Position ein, andere Matrosen folgten, und nach kurzer Zeit wäre:, die beiden Geschütze zum Schweigen gebracht. Jetzt wurde die "Hertha"-Kompagnie um den Steindamm herumgeschickt, um auch den anderen Teil des alten "Flußbettes" zu besetzen und die gegenüberliegende Umwallung unter Feuer zu nehmen. Inzwischen waren englische Marinefoldaten noch nördlich des durchschrittenen Dorfes mit den mitgeführten Dschunken auf das andere Ufergesetzt und hatten die Arsenalumwallung auch von Westen angegriffen und unter heftigem Feuer gestürmt. Infolgedessen wurde das Feuer auf der Nordseite ebenfalls schwächer. Diesen günstigen Moment benutzten die Leutnairts z.S. von Roehr, von Büloiv und Hillmers, der Stückmeister Wehde und zwanzig Mann, nur über den Fluß zu setzen, die beiden auf dem Wall stehenden Geschütze zu erobern rnid umzudrehen. Mit einem "Hurra" flog die erste Granate auf die fliehenden Chinesen. Hiermit war das Schicksal des Arsenals entschieden, der Feind verließ dasselbe in wilder Flucht. Während der nun folgenden Panse, welche den vollkommen erschöpften Mannschaften unbedingt gegeben werden mußte, wurde beschlossen, den Weitermarsch aufzugeben und das Arsenal zu besetzen, um von dort mit dem nahen Tientsin in Verbindung zu treten. Der Grund hierfür war, daß nach dem heftigen Widerstande beim Arsenal damit gerechnet werden mußte, daß das Expeditionskorps auch von den zwischen dem Arsenal und Tientsin befestigten Lagern voraussichtlich angegriffen werden würde und eine flüchtige Besichtigung des Arsenals ergeben hatte, daß ausgedehnte, zur Aufnahme der Truppen und Verwundeten geeignete Baulichkeiten vorhanden waren. Im Fort fand man in einen: besonderen Gebäudekomplex zur allgemeinen Überraschung eine ungeahnte Menge von Kanonen, Gewehren und Munition aller Art. Die Führung der verbündeten Truppeil wurde dadurch in ihrem Entschlüsse, das Arsenal zu halten, bestärkt. Während die Vorbereitungen zum Verwundetentransport getroffen wurden, eröffnete der Feind plötzlich aus einem südöstlich des Arsenals nahe gelegenen Dorfe starkes Artillerielind Gewehrfeuer und gleichzeitig griffen überlegene feindliche Kräfte die auf der Südfront befindlichen englischen Matrosen an. Die "Kaiserin Augusta"-und "Hertha"-Kompagnie eilten zu Hilfe, und nur den vereinten Kräften gelang es bis 4 Uhr nachmittags, den Feind zurückzuwerfen. Hierbei fiel Korvettenkapitän Buchholtz, während er eine in der Südostecke aufgestellte chinesische Schnellladekanone mit einem englischen Unteroffizier bediente. Auch dieser wurde erschossen und Leutnant Lustig schwer verwundet. Jetzt erst konnte an eine Unterbringung der Truppen gedacht werden, jedoch sah man von einer Besetzung der Umwallung in Anbetracht der vollkommenen Erschöpfung der Truppen vorerst ab und beschränkte sich lediglich auf das Fort. In demselben wurden die sämtlichen Verwundeten, ferner die Franzosen und Italiener untergebracht, während die übrigen Nationen innerhalb oder unmittelbar vorder Fortumwalluug biwakierten. Man fand auch eine vollkommen eingerichtete Apotheke, welche sofort für die Verwundeten treffliche Dienste leisten mußte. Immerhin war das Expeditionskorps in einer verzweifelten Situation, von der Leutnant z. S. Hillmers folgende Schilderung entwirft: [Ceutnant z. 5. Hillmers über die Lage bei Ankunft im Fort Hsiku:j "An den Prähmen wird gegessen und dann etwas hingelegt. Liner von den Leuten beim Essen erschossen. Ueberhanpt Angeln und Granaten immer dicht neben den Prähmen eingeschlagen, ein scheußlicher Moment. Line Stimmung, gänzlich toter Punkt. Ich weiß, ich lag neben meinem Kameraden Schultz, und jeder trug dem anderen Grüße ans für zu Hause. Glaube» that keiner daran, nach Hanse zu kommen, die Situation war zu verzweifelt, vor allem ging es nicht so weiter mit den verwundeten in den gänzlich ungeschützten Prähmen im Granatfeuer. Daher wurde die Ausschiffung beschlossen und gleich ins lverk gesetzt. Das ganze Fort wollten wir zunächst nicht besetzen, nur ein großes Arsenal; im Magazin — es gab Zwei — wurden die verwundeten, so gut es ging, untergebracht. wir selber richteten uns da auch ein mit allen Sachen. Die Franzosen besetzten das Arsenal und kriegten von jeder Nation 30 Mann und einen Dffizier zur Bedeckung, die Engländerbesetzten den wall. Ich wurde vom Kommandanten für das Arsenal bestinimt und zog gegen 8 llhr dahin ab, meldete inich beim französischen Kommandanten, der wies mir einen Teil der Mauer, den ich beschützen sollte, an; ich verteilte meine Posten und legte mich etwas hin. Neben mir hatte der russische Dffizier seinen Posten. Mein Leutnant z. S. Hillmers. Teil der Mauer, die an und für sich so hoch war, daß kaum daran zu denken war sie zu besteigen, hatte einen schwachen Punkt, ein zwar verrammeltes aber doch sehr leichtes Thor. Hier hatte ich meine Leute — bei Allarm natürlich — conzentriert. Die Parole war "France-Berlin". Bis \2 Uhr verlief die Nacht ruhig." Da die int Verlauf des Tages gemachten mehrfachen Versuche, durch chinesische Diener die Verbindung mit Tientsin herzustellen, mißlungen waren, so wurde in der Nacht versucht, eine starke Patrouille gewaltsam gegen Tientsin vorzutreibeu. Dieselbe, in der Stärke von 100 englischen Seesoldaten unter Führung des Majors Johnston und in Begleitung eines ortskundigen Eisenbahningenieurs, verließ das Lager um 9 Uhr abends, kehrte aber um 130 nachts unverrichteter Sache und nach Verlust von vier Toten wieder zurück. Sie war mehrfach angegriffen worden und hatte nicht durchkommen können. Erst am nächsten Tage gelang es einem chinesischen Boten, nach Tientsin zu gelangen und dorthin die Kunde von der Anwesenheit des Expeditionskorps zu bringen, was die Absendung eines Entsatzkorps zur Folge hatte. Als in der Frühe des nächsten Tages, des 23. Juni, iiu Fort Hsiku gerade die Anordnung zur Besetzung der Außeuumlvalluug getroffen war, erfolgte um 345 abermals von Südosten ein erneuter Angriff des Feindes, welchem es gelang, ziemlich weit in das Lager einzudringen. Nach einem erbitterten Kampfe, bei welchem die "Kaiserin Augusta"und. "Hansa"-Konipagnie, sowie englische Seesoldaten beteiligt waren, wurde der Angriff abgeschlagen. Dabei hatten die Deutschen den Verlust von 2 Toten und 8 Verwundeten zu beklagen. Unter letzteren befand sich der Leutnant z. S. Pfeiffer. Ties war der letzte Angriff auf das Expeditionskorps, dessen militärische Lage sich im Laufe des Tages wesentlich besserte. Als man nämlich im Laufe des Vormittags das Arsenal genauer auf Kriegsmaterial untersuchte, fand sich ein ungeahnter Reichtum an solchem vor, dessen Wert auf mehrere Millionen Taels geschätzt wurde: Geschütze, Lafetten, Munition in großen Mengen, darunter Patronen 71/84, aus denen sogleich die stark gelichteten deutschen Bestünde ergänzt werden konnten. Auch wurden von der "Hansa"-Kompagnie zwei Kruppsche 8,7 em-Schncllladegeschütze, von denen sich etwa zwanzig Stück im Arsenal vorgefunden hatten, Dberlentnant Lustig. 45 QVOQWOQOVQQOWWQOWW Expedition des Admirals Leymour. yyyyyyyyyyyyyyvyvyyyyvv 46 ausgepackt, montiert, auf dem Südwall aufgestellt (a.), und noch an demselben Nachmittag begannen die Deutschen damit die südlich und südöstlich gelegenen Ortschaften, aus denen die bisherigen chinesischen Gegenangriffe erfolgt waren, zu beschießen. Als es nach etwa zwanzig Schuß an zwei Stellen zu brennen begonnen hatte, wurde das Schießen, da der Gegner das Feuer nicht erwiderte, eingestellt. __ In der folgenden Nacht erschien es notwendig, die Außenumwallüng besetzt zu halten. Dies geschah in der auf der Skizze angegebenen Weise und Verteilung, indem der Abschnitt D-D den Deutschen, E-E den Engländern und R-R, den Russen zufiel. Die Mannschaften schliefen abwechselnd aus den Wällen. Das Bombardement des vorhergehenden Tages schien jedoch heilsam gewirkt zu haben, denn die Nacht verlief ruhig. Am Vormittag des 24. Juni wurden seitens der deutschen Matrosen zwei weitere 8,7 einund eine Grusonsche 5,7 em-Schnellladekanone montiert und auf der Nord»nd Ostfront ausgestellt (b). Eine geplante Fouragiertour mußte wegen Sandsturm aufgcgeben wcrdeu. Am Nachmittage beschossen die deutschen Geschütze die umliegenden Ortschaften im Norden und Osten der Arseualumwallung, um dieselben von Boxern zu säubern. Am Abend waren von Tientsin Scheinwerfersignale zu sehen. Die Nacht zum 25. Juni blieb ebenfalls ruhig. Am Morgen dieses Tages traten die Krupp-Geschütze wiederum in Thätigkeit, zunächst gegen ein Fort, welches östlich von Tientsin gelegen, gegen diese Stadt zu feuern begann. Sie schossen sich auch ziemlich gut ein, doch krepierten die Geschosse nicht. Um 8 Uhr morgens konnte man eine chinesische Truppenabteilung, in nördlicher Richtung marschierend, jenseits des Bahndammes, welcher im Norden von Hsiku vorbeiführte, beobachten. Einige Granaten und Schrapnels bewirkten, daß die Chinesen unter dem Damm Deckung suchten und nach Norden verschwanden. Um 9 Uhr sahen die Verbündeten von Nordost eine größereMarschkolonue heranrückeu, welche sie zur größten Freude als europäische Truppen ansprechen konnten. Thatsächlich war es eine von General Stoeßel entsandte Entsatzkolonne, welche um 41 Uhr bei dem Expeditionskorps eintraf und mit Jubel begrüßt > wurde. [£t. z. 5. Jjiltmers über die Ankunft der Lntsatzkolonne:s "Ich sehe durch mein Glas und glaube weiße tfüte zu erkennen. Da steht schon der Kommandant auf dem Mall und ruft mit lauter Stimme: "Die ksnrras für die uns entsetzenden europäischen Truppen!" Melch ein Moment! Mie haben wir geschrien! Bald kamen sie näher, man konnte schon die weißen Röcke der Kosaken erkennen. Jetzt zweigt, sich ein einzelner Reiter ab und kommt direkt auf uns zu, entpuppt sich als Amerikaner, freudig begrüßt, ihm folgt sehr bald der russische General, dann allmählich die anderen Truppen, stürmische Hurras auf beiden Seiten; von uns ist eine Kompagnie des Sccbataillons dabei unter Hauptmann von Knobelsdorfs, außerdem der Dberleutnant Hagemeister und der Gberassistenzarzt Or. Neiße, von ihnen erfahren wir alle Neuigkeiten, die traurig genug klingen. Kapitän Lans schwer verwundet, Hellmann vom Iltis und Leutnant Friedrich vom Seebataillon gefallen; schwere Verluste. Der Tag geht hin mit Vorbereitungen zum Abrücken." In einer Sitzung der Kommandeure wurde beschlossen, den Tag zu Vorbereitungen zum Abmarsche zu benutzen und ganz früh am folgenden Tage abzumarschieren. Das Arsenal sollte angezündet werden, die Entsatztruppe die Sicherung des Expeditionskorps übernehmen und letzteres seine Verwundeten transportieren. Gemäß dieses Beschlusses wurden Tragen angefertigt, dann im Laufe des Nachmittags auf das andere Ufer übergesetzt und dort Biwak bezogen. Nur die "Hertha"-Kompagnic und eine englische Abteilung blieben im Arsenal zurück. Erstere zerstörte die montierten Krnppgeschütze und nahm dann am 26. Juni früh 2 Uhr den Uferwechsel vor. Letztere zündete an diesem Morgen mit gutem Erfolge das Arsenal an. Es erfolgten heftige und mehrfache Explosionen, durch welche die Baulichkeiten mit all dem kostbaren Material in einen großen Trümmerhaufen verwandelt wurden. Der Abmarsch des Expeditionskorps begann um 3 Uhr früh. Die deutschen Kompagnien lösten sich stündlich im Tragen der 57 Verwundeten ab. Die im Arsenal Gefallenen, auch Korvettenkapitän Buchholz, waren schon am 23. Juni mit militärischen Ehren begraben worden. fLt. Z. S. Jjtllmcrs über Korccttcnlapitän Buchholz:j "vormittags war die traurige Beerdigung von Kapitän Buchholz; ein tragisches Geschick! Ueber 2^/z Jahr war er fort, dabei so glücklich verheiratet wie möglich, vor 2 Tagen hätte er sonst die Heimreise angetreten, und nun freute er sich so, mit einem Schwerterorden nach Sause zu kommen, wollte gleich von' Tientsin aus seiner Frau telegraphieren, hoffte Majestät Vortrag halten zu dürfen und war überhaupt so froh. And dann gestern mitten in der Schlacht traf ihn die Kugel mitten ins Herz, so daß er sofort zusammenbrach und tot war. Fürwahr, ein schöner Heldentod! wir mochten alle seine derbe frische Art gern und bei den Leuten war er so besonders beliebt. Und nun — wie sagt das Lied: "Heute durch die Brust geschossen, morgen in das kühle Grab". Dhne Prunk wurde der große Manu, er war direkt ein Hühne, ins Grab gelegt. Abordnungen aller Nationen umstanden die schmucklose Stätte. Als einzige Traucrmusik das pfeifen der Kugeln, die hinter uns einschlugen und das Heulen des Sandsturms. Und es muß wohl auch der Saudsturm gewesen sein, der uns die Augen feucht werden ließ; zu namenlos traurig!" Die total erschöpften Mannschaften kamen nur mit Anspannung aller Kräfte vorwärts. Glücklicherweise fattd seitens des Feindes keine Belästigung statt, lim 1 Uhr lnittags rückte das Expeditionskorps in die Fremdenniederlassung in Tientsin ein. Die Kolonne bot einen trostlosen Anblick. Mit geschwärzten Gesichtern, ohne Schuhwerk und niit abgerissener Kleidung, sonst aber in guter Ordnung passierten die Truppen die mit präsentiertem Geivehr Spalier bildende Besatzung und Fremdenbevölkerung, um endlich die ersehnte Unterkunft nach schwerer Leidenszeit zu finden. Auch bei diesem Einmärsche zeigten die Deutschen, lvie während der ganzen Expedition, eine mustergültige Haltung. Sie hatten vor dem Einmarsch in die Stadt beim Bahnhof eine Ruhepause gemacht, den Anzug geordnet und noch eine notdürftige Körperreinigung vorgenommen, uni dann frisch, stramm und flott, als ivenn cs zur Parade ginge, unter dem Erstaunen und dem Jubel der Bevölkerung ihren Einzug zu halten. Neidlos wurde von allen Nationen die vorzügliche Haltung der deutschen Truppen ebenso anerkannt, wie die ausgezeichneten Eigenschaften ihrer Offiziere und vor allein ihres bewährten Führers. Admiral Seymour gab in seinem offiziellen Berichte folgendes Urteil ab: sAdmiral Se^monr über die deutschen Truxxen.j "Ich kann diesen Brief nichtschließen, ohne Euer Lxcellenz sowohl meine persönliche Bewunderung auszusprechen über den Eifer und die unfehlbare Energie, welche Kapitän von Usedom von 5. M. S. "Hertha" während der ganzen Expedition entfaltete, als auch von dem hohen Werte feiner Dienstleistungen. Die Verbündeten standen im Gefecht bei Langfang unter seinem Kommando, da ich selbst zu dieser Zeit einige Meilen entfernt war. In diesem entscheidenden Angriff ans uns, bei welchem zum ersteinnal kaiserlich chinesische Truppen mit Boxern verbunden waren, wurde Kapitän von Usedom verwundet. Seiner geschickten Führung und seinen Anordnungen muß die Vermeidung eines Unglückes zugeschrieben werden, von allen anwesenden (Offizieren mir im Range am nächsten, fragte ich ihn oft mit viel Vorteil um Rat, und ich habe ihn auch offiziell bestimmt, mir in der Führung der Expedition zu folgen, wenn ich fallen sollte, und hatte das Gefühl, daß unsere gemeinsamen Interessen dann nicht leiden würden. Als mein Flaggkapitän durch eine Wunde unfähig gemacht war, ersuchte ich Kapitän von Usedom, mir die Ehre zu erweisen, als Thef meines Stabes zu fungieren, er willigte ein und war für mich von großem Werte. In Anbetracht des Mutes und der hohen Disziplin, die von allen (Offizieren Sr. Kaiserlichen Majestät und von den Soldaten, die uns begleiteten, gezeigt wurde», kann ich nur sagen, sie zeigten sich alle der hohen Tradition des großen deutschen Kaiserreichs würdig." Korvettenkapitän Buchholz. 49 OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO Expedition des Admirals Sexmour. yyyyyyyvyyyyyyyvyyyvyyv 50 So endete resultatlos dieser erste Entsatzversuch. Er hatte im ganzen 61 Tote und 223 Verwundete, den Deutschen allein 10 Tote, darunter 1 Offizier, und 57 Verwundete, darunter 7 Offiziere, gekostet. Unbeschreibliche Strapazen und Anstrengungen wurden von den Beteiligten gefordert. Vielleicht wären die Verluste geringer gewesen, wenn der Führer am 45. Juni nicht seinen Entschluß, zurückzugehen, wieder geändert hätte, wodurch ein voller Tag verloren ging. Aber man vergegenwärtige sich die Lage des Admirals Lord Seymour. Tie Gesandten forderten dringende Hilfe, und er war nur noch einige 40 km von ihnen entfernt. Es wäre unrecht, ihm wegen seines zaudernden Verhaltens einen Vorwurf zu machen; so lauge er noch einen Schimmer von .Hoffnung hatte, seinen Zweck zu erreichen, mußte er es versuchen. Die Chinesen galten als feige, zeigten sich auch den Vorstößen der Verbündeten trotz aller Überlegenheit nicht gewachsen. Der Gedanke lag daher nahe, das kühne Wagestück fortzusetzen und trotz drohender Gefahren nach Peking durchzustoßen. Der schwere Fehler lag darin, daß das Landungskorps so übereilt formiert, ausgerüstet (z. B. ohne Transportmittel und ohne genügende Anzahl von Geschützen) und verproviantiert war, so daß daran das Unternehmen scheiterte. Trotzdem muß man Führern und Soldaten volle Bewunderung zollen. Durch unbekannte Gegenden, ohne Aufklärungstruppe, ohne brauchbare Karten, belästigt durch eine warme, bald trockene, bald feuchte Temperatur, teilweise durch anhaltende Regengüsse, ohne ausreichende Nahrungsmittel und Unterkunftsräume, in wegelosem und sandigem Gelände marschierend, stets umschwärmt von feindlicher Übermacht und unter dem Feuer der feindlichen Geschütze, das nicht erwidert werden konnte; gezwungen, fast jeden Tritt sich zu erobern, behindert durch den Transport zahlreicher Verwundeter, kam es in vollem geordneten Zustande wieder in Tientsin an. Mit berechtigtem Stotze haben wir Deutsche vernommen, daß sowohl unsere Landsleute die ganz besondere Bewunderung des fremden Befehlshabers sich errungen hatten. Ihnen ist der glückliche Ansgang des Rückzuges durch ihren tapferen Angriff auf das Arsenal und die Batterie besonders zu danken gewesen; jedenfalls bildet dieser Zug ein neues und schönes Ruhmesblatt in der deutschen Kriegsgeschichte und derjenigen unserer jungen Marine. Mit zahlreichen Ordensauszeichnnngen und mit der Ernennung des tapferen und umsichtigen Führers, Kapitän v. Usedom, zum Flügeladjutanten belohnte Se. Majestät der Kaiser die Heldeuthaten unseres Marinedetachements. Aber auch unsere österreichischen Bundesgenossen errangen sich das ungeteilte Lob und die rückhaltlose Anerkennung ihrer fremden Befehlshaber, insonderheit des Admiral Lord Seymour. Letzterer brachte diese Gefühle in einem Schreiben an den leider in Peking gefallenen Kommandanten der "Zenta", Fregatten-Kapitän Eduard Thomann Edler von Montalmar, folgendermaßen zum Ausdruck: sAdiniral Lord Sexmrour über das österreichische LNatrosenDetachcment.s "Nachdem die Expedition nunmehr beendet ist, beehre ich mich, als rangältester Seeoffizier der an diesem Unternehmen beteiligten Streitkräfte der verschiedenen Nationen mich an Sic zu wenden, um meiner höchsten Würdigung Ausdruck zu verleihen über die wertvolle, bereitwillige und standhafte Mitwirkung und Unterstützung, welche ich seitens Leutnant prochaska und der unter seinen Befehlen Stehenden erhielt, und über die unermüdliche Energie und Ausdauer, welche unter ziemlich beschwerlichen Umständen Sr. k. und k. Majestät Mffiziere und Mannschaften an den Tag gelegt haben, deren Tapferkeit ihrer erhabenen Tradition würdig war und einer Schilderung meinerseits nicht bedarf... ." Gordonhall. Deutscher Klub. Tientsin, vom Dache des japanischen Konsulats. Ustorhaus. Kürschner, China II. 4 51 OQOQWQWOQOQOW9QOOOWOQOQQ9 tvirren tOOO/tOOt. O'OOW'OVOOOOWOOOOOWWD’OWVOQQ 52 Takufort an der Mündung des peihsfluffes. Die Erstürmung der Takuforts. Die Beschießung. Inzwischen hatten air anderer Stelle die Verbündeten schwere Kämpfe zn bestehen gehabt. Das schon bei der Eisenbahnfahrt des Seymourschen Landungskorps in Tientsin gezeigte feindselige Verhalten der Bevölkerung griff immer iveiter um sich. Aufrührerische Banden durchzogen die Straßen von Tientsin, mordeten und plünderten in bestialischer Weise und bedrohten Leben und Eigentum der zahlreichen Fremden. Als chinesische reguläre Truppen begannen, mit Artillerie die Fremdenstadt zu beschießen, als die Eisenbahnverbindung zwischen Tientsin und Tongku • unterbrochen wurde und gleichzeitig die Meldung einlies, daß die Besatzungen der Taknforts verstärkt wurden, hielten die Verbündeten Admirale die Lage für derart gefährdet, daß ein energisches Eingreifen notwendig erschien. Wollte man die in Tientsin befindlichen Fremden und die kleinen Besatzungen nicht einem ähnlichen Schicksal preisgeben, wie demjenigen der Belagerten in Peking, so mußten die Verbündeten über einen ungehinderten Verkehr auf dem Peiho verfügen können. Derselbe >var jedoch nicht gewährleistet, so lange sich die Taknforts, welche den Eingang in den Peiho von beiden Ufern ans vollkommen beherrschten, im Besitze einer chinesischen Besatzung befanden, aus deren Verhalten die Verbündeten immer mehr den Eindruck gewannen, daß sie sich nicht scheuen würden, mit Gewalt eine Einfahrt in den Peiho zn verhindern. Diese Wahrnehmung bestätigte sich, als am >5. Juni morgens von der Iltis aus die Beobachtung gemacht wurde, daß die Chinesen in der Peiho-Mündung Minen legten. Auch schienen die chinesischen Fortbesatzungen Verstärkungen zu bekommen. Am 10. Juni nachmittags 5 Uhr fand an Bord des russischen Kanonenboots "Bobr", dessen Kommandant der rangälteste Offizier der im Peiho liegenden Fahrzeuge war, ein Kriegs rat statt, in dem beschlossen wurde, an den chinesischen General und Kommandeur der Taknforts ein Ultimatum zu richten, sämtliche Forts bis 2 Uhr zeitweilig Zu räumen. Nur der amerikanische Kommandant weigerte sich, die Konsequenzen einer Ablehnung zn tragen, weil er nach seiner Instruktion nur dann eingreifen sollte, wenn Leben und Eigentum amerikanischer Bürger unmittelbar bedroht seien, während die übrigen Kommandanten beschlossen, die Forts im Weigerungsfälle mit Gewalt zu nehmen. Gemäß dieses Beschlusses wurden alle Vorbereitungen getroffen. Da die geringen Tiefenverhältnisse der Peiho-Mündnng ein Einfahren der größeren Kriegsfahrzeuge nicht gestatteten, dieselben sogar 8 Seemeilen außerhalb auf der offenen Reede bleiben mußten, so waren die Verbündeten zu dem geplanten Unternehmen nur auf die Landungskorps, die ungeschützten Kanonenboote und die kleinen Kreuzer angewiesen. Es standen zur Verfügung: Kanonenboot "Iltis" (Deutschland), die Kanonenboote "Bobr", "Giljak", der kleine Kreuzer "Korrejek", das Torpedoboot "Gaidamak" (Rußland), Kanonenboot "Lion" (Frankreich), der kleine Kreuzer "Algerine", die Torpedobootzerstörer "Whiling", ,,'Fame" (England). Diese Flotille ankerte in der Nacht vom 16./1.7, Juni zwischen Tongku und Taku, jederzeit bereit, nach Ablaus des Ultimatums die Beschießung der Forts zu beginnen. Ter eigentliche Sturm sollte die Aufgabe eines internationalen Landungskorps sein, welches dem Befehl des Kapitäns z. S. Pohl, des Kommandanten S. M. S. "Hansa" unterstellt wurde. Der deutsche Admiral hatte dazn schon in der Nacht vom 15./10. Juni um 2 Uhr morgens das Reservelandungskorps von "Hansa", "Hertha" und "Gefion", zusammen 120 Mann, denen sich 20 Österreicher unter dem Linienschiffsfähurich Stenn er anschlossen, mit Booten im Schlepp von Dampfbarkassen nach Tongku befördern lassen, ivoselbst die Truppen am 16. Juni um N/2 Uhr vormittags eintrafen. Tiefem Landungskorps, welches in Tongku durch 329 Mann japanischer Marinetruppen und am Abend desselben Tages bezw. am nächsten Morgen noch durch 2ÖO Ntann russischer Fußtruppen, 250 englische und 24 italienische Marinemannschaften verstärkt wurde, fiel zuerst die Aufgabe zu, den für die weiteren ^Bewegungen auf Tientsin sehr wich^ tigen Bahnhof Tongku zu halten, da sich die Gerüchte immer mehr verdichteten, wonach die Chinesen von Lutai und Peitang ans eine Unternehmung gegen den genannten Bahnhof vorbereiteten. Deshalb wurde derselbe in Verteidigungszustand gesetzt und auch später, als das Landungskorps den Vormarsch auf die takusorts antrat, von l.50 Japanern besetzt gehalten. Wie zu erwarten stand, fiel die Antwort des chinesischen Kommandanten negativ aus. Er soll auf eine Anfrage von Peking her die Antwort erhalten haben: "Tötet alle Europäer, sprengt alle Schiffe in die Luft. Wartet auf nichts mehr." Noch bevor das Ultimatum abgelanfen >var, wurde in der mondscheinhellen Nacht vom 16./17. Juni um 12r,° von altim chinesischen Forts das Feuer auf die Flotille eröffnet. Es folgte Schuß auf Schuß. Es blitzte unaufhörlich, unheimlich sausten die Granaten über die Schiffe hinweg, vorläufig wegen Weitschuß noch keinen Schaden anrichtend. Den Forts zunächst lagen anfangs nur die englischen und russischen Fahrzeuge, während das deutsche und französische Kanonenboot flußaufwärts bei Tongku ankerten. Um 2 Uhr dampfte die "Iltis" mit Volldampf flußabwärts und legte sich an die zweite Stelle hinter die "Algerine". "Lion" folgte ihm. Jetzt begann die voin ältesten anwesenden Kommandanten, dem Korvettenkapitän Laus von der "Iltis", geleitete gemeinsame Beschießung seitens der Verbündeten, und zwar beschossen die Russen und Franzosen die Südforts, die Deutschen und Engländer die Nordforts. Gegen 330 morgens fing es an hell zu werden, und damit nahm die Treffsicherheit der chinesischen Geschütze zu. Besonders richteten sie ihr Feuer auf die "Iltis", welche sie als Führerschiff erkannt hatten. Nichtsdestoweniger fuhr letztere an der "Algerine" vorbei, um aus Mangel an weittragenden Geschützen sich näher an das Nordwestfort zu legen und init ihren 3,7 om Maschinen kanonen die chinesischen Bedienungsmannschaften zu treffen. Natürlich war die "Iltis" wegen der Nähe noch mehr dem feindlichen Feuer ausgesetzt, erfuhr arge Beschädigungen und leider auch erhebliche Verluste. Trotzdem ist es als ein Wunder anzusehen, daß das gänzlich ungeschützte Kanonenboot, welches nur um seine Maschinenanlage einen dünnen Panzerschutz besaß, nicht vernichtet wurde. Das Schiff erhielt 21 Volltreffer aus 12 bis 21 omGeschützen, von denen ein großer Teil in und auf dem Schiffe krepierten. Zum Glück befanden sich die chinesischen Zünder infolge schlechter Aufbewahrung in einem sehr mangelhaften Zustande, so daß wenigstens nicht alle Granaten platzten. Immerhin hätte ein Treffer in die Kesselanlagen die Iltis aktionsunfähig inachen können. So litten unter dem Feuer nur die Aufbauten: Kommandobrücke, Kartenhaus, Steuerapparat und Maschinentelegraph. Die Verluste an Menschenleben waren schwer. Nachdem schon Oberleutnant z. S. Hellmann und 7 Mann getötet waren, zerschlug eine dicht beim Kapitän Lans einschlagende Granate gegen 6 Uhr früh diesem beide Knochen des linken Unterschenkels, gleichzeitig erhielt er 25 kleine Splitterwunden in Beinen, Brust und Gesicht. Trotzdem behielt Kapitän Lans die Führung des Schiffes, an das Geländer der Kommandobrücke gelehnt. Dieses mutige Aushalten des deutschen Kanonenboots wendete den ungleichen Kampf zu gunsten der Verbündeten. Denn unter der Wirkung der Maschineugeschütze versagte allmählich die Thäligkeit der chinesischen Bedienungsmannschaften, obwohl denselben nicht das Zeugnis abzusprecheu war, daß sie mit großem Mut und anerkennenswerter Ausdauer unter dem rasenden Feuer aushielten. Schon uni 330 morgens war das Nordwestfort ziemlich niedergekämpft, nur ein 12 em-Geschütz feuerte noch, obwohl sämtliche Kanonenboote jetzt ihr Feuer auf dasselbe vereinigten. Um 4^ endlich war auch dieses zum Schweigen gebracht und damit das Fort sturmreif. Diesen befolg teilte die "Iltis" dem Landungskorps bei Tongku durch einen am Vordermast aufgezogenen schwarzen Ball verabredetermaßen init. * * * Unmittelbar in die Vorgänge auf der "Iltis" während der oben behandelten Kämpfe versetzt nachfolgende lebendige Schilderung des Kriegskorrespondenten I. Herrings, die dieser zu dem vorliegenden Werke beisteuert und die Korvettenkapitän Lans die Güte hatte vor der Drucklegung durchzusehen. Die letzten Stunden vor Taku. von I. Ferrings. Fast waren vier Stunden verflossen, seit der erste Schuß von den Takuforts auf die im peihoflusse vor Anker liegenden Kanonenboote der verbündeten Mächte gefallen war, und der Schlachtlärm schien seinen Höhepunkt erreicht zu haben. Korvettenkapitän Lans. wohl an die achtzig Geschütze, darunter (auf chinesischer Seite wenigstens) solche von Kaliber 2\ bis 28 cm, beteiligten sich an den, Höllenkonzerte. Das Gezische und Gekreische der heransausenden Geschosse zerriß die Ghren mit seinem schrillen Diskant, in den der Kanonendonner wie mächtige Paukenschläge einklang, ohne doch das ewige "Ratata, Aatata" der Maschinen-Gewehre eigensinnige» Kinderstimmen gleich, die auch zu Gehör kommen wollen — ganz betäuben zu können. Blasser wurden im grauenden Morgen die feurigen Logen, die unsere Geschosse in die Luft malten, ehe sie auf den Steinwälleu der Thinesen in wilder Glut krepierten. Immer deutlicher hoben sich von dein fahlen Braun der Festungswerke die dunklen Gestalten der chinesischen Kanoniere ab. Das Backgeschüh des "Iltis" hatte das Schutzschild einer der dort plazierten großen Kanonen zerstört und die Hartnäckigkeit, mit welcher Leutnant Nerger das Ziel festhielt, verscheuchte die feindlichen Artilleristen von ihren Posten. Ihr Feuer wurde merklich schwächer schwächer. Dafür aber verdoppelte jetzt das Südfort in unserem Rücken seine Thätigkeit und füllte die Pansen, die das Nordwcstfort eintreten ließ, mit dem fast ununterbrochenen Donner seiner »nächtigen Geschütze, vor der "Iltis" prasselte ein Regen von Schrapnells, Granaten und Bomben ins Wasser. Manche dieser Geschosse explodierten auf dem Flußbette und schleuderten, die gelben Fluten des peiho meterhoch empor. Sic schossen noch immer zu hoch, die Chinesen, obwohl sie jetzt ihr Ziel, unsere sechs kleinen Kanonenboote, deutlich vor sich hatten. Auf der "Iltis" schrien — anders hätte man sich bei dem Getöse nicht verstanden — sie einander zu, der Feind hätte das visier auf Hochwasser gestellt, und da noch Ebbe herrschte, schössen sie acht Fuß über die "Iltis" hinweg. In der Takelage waren freilich schon einige Geschosse geplatzt; das war gegen drei Uhr, als diLeute Frühstückspause machten. "Berliner Pfannkuchen," sagten die Matrosen, "die uns die Thinesen zum Kaffe schicken." Unsere Feinde schienen doch nicht warten zu wollen, bis ihnen die Hochflut die Kanonenboote vor das visier brachte, wie Gberzahlmeister Koslik ulkte; dichter und dichter flogen ihre Geschosse über die "Iltis" weg und schlugen zwischen den Lehmhütten des hart am Ufer gegen das Nordwestfort aufsteigenden Dorfes ein. Ganze Straßengevierte, die Hunderten von Menschen zur Wohnung dienen mochten, wurden so zerstört. Ich hatte mein Glas auf die Staubwolken gerichtet, die die Stellen markierten, wo die chinesischen Geschosse eingeschlagen waren, ich erwartete, Jammergeschrei zu hören und Soenen des Entsetzens zu sehen. Aber es ereignete sich nichts dergleichen, kein Angstschrei, kein Schmerzensruf, keine Klage, kein Wutgeheul drang aus den Ruinen zu uns herüber, nichts regte sich am Ufer und in den Straßen. Da und dort schoß eine Feuergarbe durch die Staubwolke», um wenige Augenblicke später ohnmächtig zu ersticken. In den pütten dieses armen Chinesenvolkes fand selbst die gierige Flamme keine Nabrung. Da ward es klar, was man schon seit stunden vermutet batte, daß die Bewohner lange vor deni Beginne des Bombardements um die bevorstehende Gefahr gewußt hatten. In Scharen von vielen Tausenden hatten sie Taku und Tongku und die zahlreichen Dörfer, die sich um die Forts gruppieren, verlassen und waren weit hinter dem Nordfort auf dem Wege nach pehtang in Sicherheit. Nur die Kranken und Elenden hatten sie zu Pause gelassen und diese fielen denn auch zum großen Teil den Kanonen des Siidforts zum Vpfer. Das Südfort setzte sein bisher so gänzlich wirkungslos gebliebenes Bombardement mit verdoppelter Energie fort. Entweder hatte die Flut bereits eingesetzt und die "Iltis" gehoben oder die Thinesen begannen jetzt das Ziel besser zu finden, denn eben durchbohrte eine Granate die Achterkante des Hinteren Schornsteines und ein Nagel von eisernen Splittern fiel auf die Kommandobrücke und das Deck herab. Eine dichte Nauchwolke zog in diesem Momente von den links von uns ankernden drei russischen Kanonenbooten "Bobr", "Koreh" und "Giljak" über das Deck der "Iltis", so daß man keine drei Schritte weit sehen konnte. Ts war dies das dritte Mal, daß der Kampf auf sämtlichen Kanonenbooten einige Minuten lang eingestellt werden mußte, da der schwere Rauch der russischen Geschütze unsere ganze kleine Flotille, von dem die äußerste Linke haltenden französischen Schiffe "Lion" bis Zu der rechts von uns ankernden "Algerine" (englisch), in eine undurchdringliche Wolke einhüllte. Die heransausenden feindlichen Geschosse, die mächtige Luftwellen mit sich rissen, hatten den Rauchschleier bald wieder zerteilt, und nun gewahrte man, daß die Splitter, welche das den Schornstein der "Iltis" durchbohrende Geschoß auf das Deck des Schiffes herabgehagelt, keinerlei Schaden angerichtet hatten. Aber die Leute an den Kanonen schienen von einer wahren Wut gegen den unsichtbaren Feind erfaßt. Die Munitionsträger eilten über das Deck, als gelte es eine Wette, schweißtriefend, der schweren eisernen Last kaum achtend; die GeschützbedienungsMannschaften hatten die Jacke über der heißen Brust aufgerissen und hantierten mit aufgekrämpelten Aermeln. Es bedurfte der ganzen kalten Neberlegung der (Offiziere, um den Geschützführern, die zielend und feuernd hinter den Maschinenkanonen saßen, die nötige Ruhe zu verleihen. "Die vcrdannnten Chinamänner hatten gewagt, ihre stolze ,Iltis' zu treffen!" Die plötzliche Wut, die in dis Leute gefahren zu sein schien, fiel einem um so mehr auf, als sic bis dahin eine bewunderungswürdige Kaltblütigkeit, die sich mit deutlich ausgesprochener Verachtung für die feindlichen Geschosse paarte, an den Tag gelegt hatten. Der Geist eiserner Disziplin und treuer Pflichterfüllung, der die ganze Mannschaft des Schiffchens vom Ersten bis zum Letzten durchdrang, stellte jedoch das Gleichgewicht schnell wieder her, und an Stelle der für einen Moment aufflackernden Kampfeswut trat aufs neue kaltblütige Neberlegung, die nicht eine einzige Patrone verschwendete. Niit derselben erstaunlichen Ruhe hatten die Leute des MarineIngenieurs Friedrich die heftig qualinende japanische Kohle, mit der die Kessel bisher geheizt worden, beiseite geschafft, um einer weniger rauchenden (Qualität Platz zu machen, die rückwärts desKef selraumes verstaut war. Die Leute kamen rauchgeschwärzt und schweißtriefend ans deni Kesselraums an Deck, wo sie jetzt zum erstenmale das Kriegsgeschrei der dicht über ihre Köpfe hinwegsansenden eisernen Feinde hörten, — keiner zuckte auch nur mit der Wimper, kaum daß sie vor den kreischenden Geschossen die unwillkürliche "Verbeugung" machten, platt lagen sie auf Deck ausgestreckt, die Arme tief in den die Bunkers öffnenden Löchern, in ihr schwarzes panüwerk vertieft, als würde die Arbeit unterklarem Pimmel, auf Gottes freiem friedlichen Meere gethan. Die beiden großen Schnellfeuergeschütze der "Iltis" (8,8 cm Kaliber) hatten sich inzwischen ausschließlich deni Südfort gewidmet, welches auch uns seiner ganz besonderen Aufnierksamkeit zu würdigen schien. Rings um uns waren die sonst so trägen gelben Fluten des peiho in wilder Aufregung ob der fort und fort einschlagenden feindlichen Geschosse. Unsere Maschinenkanonen aber sandten ab und zu eine Salve nach dem Nordwestfort hinüber, das sich nur noch mit eineni einzigen Geschütz verteidigte. Auch dieses schwieg endlich. Die chinesischen Kanoniere wichen zurück. Noch einmal — zweimal machten sie den versuch, ihr letztes Geschütz wieder in Aktion zu setzen, aber unter dem eisernen pagel, mit dem unsere Maschinenkanonen sic überschütteten, konnte kein Sterblicher stehen. Die Widerstandsfähigkeit des Nordwestforts war gebrochen, in wilder panik flohen die Thinesen von den Wällen. Kriegsberichterstatter Herrings. Oberleutnant Nerger. Steuermann Schmidt. Oberleutnant von Hippel. Oberleutnant von Hoffmann. Oberzahlmeister Koslik. Flick, der Iltishund. 59 QQOOVOQVVVVVQOVOOOQQVQOVOOVOO wirren »900/190». OOCOOOOQQQOOOOOOOQOOOQJOOOQQOQ 60 Korvettenkapitän Laus auf der Kommandobrücke während der Beschießung der Takuforts durch die "Iltis". An, Fockmaste der "Iltis" stieg der schwarze Ball empor, welcher verabrednngsgeniäß den gelandeten Mannschaften unter Kapitän polst von der "Hansa" das Zeichen zum Sturm auf das niedergekämpftc Fort gab. wenige Augenblicke später wurde der schwarze Ball auch am Hauptmaste der "Algeriue" gehißt, und setzt stellten sämtliche Kanonenboote ihr Lener auf das Nordwest fort ein, um ihre ganze Aufmerksamkeit dem Südfort zuzuwenden. Das Nordfort, das noch tags vorher schwarz oder vielmehr blau von chinesischen Truppen gewesen, schien bereits aufgegeben zu sein; wenigstens waren seine Geschütze verstummt. Ich stand an die Reeling gelehnt, unweit des achteren Schornsteins und beobachtete mit dem Glas die braune dürre Lehmwüste, die sich oberhalb der (Ortschaft nach dem Nordwestfort erstreckte. Hier war es lebendig geworden, dünne grauweiße Linien bewegten sich schlangenartig gegen die Wälle, kamen näher und näher, lösten sich auf, — setzt konnte um» die einzelnen Soldaten bereits unterscheiden, man hörte ihr "Hurra" nicht, aber nian fühlte es mit, als sie im Sturmschritt gegen die Befestigungen vorrückten. Hinter einsamen Salzmühlen, die bisher tot und verlassen erschienen, tauchten plötzlich unsere Matrosen auf, aus Gräben stiegen sie empor und eilten den Kameraden nach zum Kampfe, zum Siege. — Da hatte etwas meinen Hut berührt, mein linker Arm fiel schlaff zur Seite herab, die Rechte fuhr uach der Brust, wo ich einen stechenden Schmerz empfand. Blut strömte über meinen Mantel herab; Blut war auch dem neben mir stehenden Gberzahlmeister Koslik und Stabsarzt Schoder auf die Uniform und ins Gesicht gespritzt. "Doktor, ich bin verwundet!" rief ich, während meine Rechte vergebens an dem Liseu zerrte, von dem noch 5 cm aus der Brust hervorragten. Lin Strom von Blut verschloß mir den Mund. Auch aus der Nase floß der rote Lebenssaft und sammelte sich in einer kleinen Lache auf Deck. Der Stabsarzt beschäftigte sich bereits mit einem Matrosen, den derselbe Schuß an der Hand verletzt hatte, weshalb ich den Gberzahlmeister durch Zeichen bat, das Sprengstück aus »reiner Brust zu ziehen. Lr zerrte und zerrte, aber es gelang nicht. "Stabsarzt!" Der Doktor stand schon neben uns. Lin Blick offenbarte, ihm die Schwere meiner Verwundung, und er gab Befehl, nüch nach dein Verbandplatz im Zwischendeck zu bringen. Auch ihm hatte ein Sprengstück die Mütze durchbohrt. Derselbe Schuß hatte ferner eine Maschinenkanone auf der Brücke außer Gefecht gesetzt und den ersten (Offizier, Gberleutnant von Ho ff mann, an der Wange verletzt. — Im Zwischendeck brannte eine trübselige Lampe. So weit ich das in meinem Zustande beurteilen konnte, waren da zwei oder drei Reihen von Feldbetten oder Hängematten für die Aufnahme von verwundeten vorbereitet. In der Mitte stand der (Operationstisch und auf einer Bank daneben lag außer blitzblanken Messern, Scheren, Sägen und Sonden eine große (Quantität weißen Verbandzeuges aufgeschichtet. Ich hatte die Frage, ob ich die Geschichte überleben werde, auf der Zunge, aber der Arzt schloß mir den blutüberquellenden Mund und drückte mich auf die Tischplatte nieder. Lhe ich's wußte, hatte er mir die Kleider vom Leibe geschnitten und die Gazemaske über das Gesicht gestülpt, auf die Gberzahlmeister Koslik Thloroforni zu träufeln begann. "Zählen Sic von eins bis hundert" — "Lins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben " Ls dauerte eine Lwigkeit; ich glaube, ich zählte bis hundert, und mir schien's, als ob unsere Schnellfeuerkanonen den Takt dazu schössen. Für das Ghr war das eine schwere gZual. 211« ständen sie auf einem riesigen eisernen Resonanzboden, so hörte sich hier im Hohlraum des Schiffes der mächtige nietallcne Baß der schweren Geschütze an. ii1 yyyyyyyyyyyyyyvvyvvvvvvv Die Grstürmung der Takuforts. yyyyyyyvvvvvvvyyyyyyyyyy 62 Dann ward's finster der Kanonendonner zog sich in die Ferne I}a[b im Traume hörte ich des Stabsarztes Stimme: "So kunn ich's ihm nicht herausziehen, sonst verblutet er mir unter den Händen." Ich wollte um mehr Chloroform bitten, aber schon ergoß sich ein neuer Strom der betäubenden Flüssigkeit über das Gesicht und ich sank in Nacht und Finsternis zurück. Als ich wieder aus der Narkose erwachte, lag ich auf einer Hängematte, mit einem leichten Verband angethan. Der stechende Schmerz war verschwunden, aber in der Brust klaffte die Wunde weit und tief. Kein Wunder, daß der Stabsarzt mit Aufwendung seiner wahrlich nicht geringen Kräfte das Geschoß nicht zu entfernen vermocht hatte, sondern gezwungen war, die Wunde mit dem Messer zu erweitern: Ts war ein Stück vom Schornstein, den eine Granate zerschmettert hatte und maß wie später festgestellt wurde f6 cm in der Länge und 6 cm an seiner breitesten Stelle; war vielund scharfzackig, und am dünnen Ende gewunden wie cm Korkzieher. Ls hatte meinen Tropenhelm durchbohrt, mich leicht am Kopfe verletzt, drei Rippen zerschmettert und war bis m die Lunge eingedrungen. Das alles freilich hörte ich erst später, Jetzt hatte ich mit dem Leben abgeschlossen. Des Arztes Antwort auf meine diesbezügliche Frage, daß er mir noch nicht sagen könne, ob ich mit dem Leben davonkommen würde, deutete ich natürlich dahin, daß er mir die Wahrheit nicht sagen wollte, und so versuchte ich denn, mich mit dem Gedanken, daß ich den Sieg oder. Untergang nicht erleben würde, vertraut zu machen. Untergang? — Jn wahrlich, ich sah nicht zu schwarz! droben am Deck donnerte und krachte es ärger als je zuvor und neben mir begannen sich die Betten mit blutenden Opfern des Kampfes zu füllen. "Das war der vierte Treffer", erklärte Flaggleutnant Fielitz die Erichütterung, die eben noch das ganze Schiff durchlief. Lr war von Kapitän La ns geschickt worden, um sich nach dem Befinden der Verwundeten zu erkundigen, Hinter ihm trugen sie schon die Opfer des "vierten Treffers", den Obermatrosen Homann, der mit 1 einer Maschinenkanone zugleich kampfunfähig geworden war, und einen anderen die Treppe herab. Homann lag noch auf der Schlachtbank, als schon wieder eine feindliche Granate den Aufbau der "Iltis" traf. In schneller Folge brachte dann ein Schrapnellschuß den Signalball zu Fall, der dumpf auf Deck aufschlug und ein anderes Geschoß, das dicht vor Oberleutnant von Hippels Nase vorbeifuhr, machte Zwei Mann am Schnellfeucrgeschüh auf dem Achterdeck, die Maliosen Santowski und Lebherz kampfunfähig. Doktor und Krankenträger, die während der ersten Hälfte des Gefechtes müßig zufchauen konnten, hatten jetzt alle Hände voll zu thnn. Einige leichter verwundete waren bereits wieder vii Deck in den Kampf geeilt, nachdem man sie verbunden hatte; aber noch warteten zerschmetterte Glieder und durchbohrte Brüste fcs Messers, Fälle, von welchen jeder einzelne zu andererZeit die ärztliche Kunst stundenlang beschäftigt haben würde. Die Maschine der "Iltis" setzte sich in Bewegung und langsam campften wir den peiho hinab hinter der "Algerine" her, um jetzt den Kampf mit dein Südfort ernstlich aufzunehmen. Auf dem Nordwestfort stiegen in diesem Augenblicke die eng l'Iche, russische und japanische Flagge empor. Da erfaßte die Leute auf den Kanonenbooten wilde Begeisterung, ihre Hurras überlonten den Donner der chinesischen Kanonen. Fort und fort wiederholten sich die Iubelrufe und wuchsen zu einem wahrhaften Orkan fl", als endlich auch die deutschen Farben gehißt waren. Unsere Flagge hatte sich etwas verspätet, weil die Leine gcu>len war, aber auch die nun durch einen behenden Matrosen miss neue befestigte war zu kurz, so daß die deutschen Farben chatsächlich auf Halbmast wehten. P^}v ux1ro" »och nicht wieder vor Anker gegangen, als die '-Iltis" einen japanischen Korvettenkapitän, namens Hatori, der et ^cnl Sturm auf das Nordwestfort tödlich verwundet worden, an Bord nahm. Sie legten den armen Menschen, dem die Eingeweide aus dem Bauche heraushingen, auf eine Hängematte zu meiner Linken nieder. Ich konnte mich nicht regen und sah nicht den sich über den Japaner beugenden Stabsarzt, aber ich Härte, wie er erklärte: "Dem ist nicht mehr zu helfen!" Der Japaner krümmte sich noch einmal in Konvulsionen und warf sich im Todeskampfe gerade auf meinen etwas seitwärts gestreckten Arm. Dann stieß er einen letzten Seufzer aus, ein Zittern ging durch seinen Körper und — er war tot. Der Anker der "Iltis" rasselte nieder und seine schweren Geschütze nahmen aufs neue den Kampf auf, nachdem sie wenige Minuten geschwiegen hatten. Auf der Hängematte zu meiner Rechten lag ein frommer junger Mensch, dem ein Sprengstück den Rücken zerrissen hatte. Er klagte nicht, er stöhnte nicht einmal, aber als der Krankenträger dem Doktor den Tod des Japaners meldete, da begann er zu beten: "Vater unser, der Du bist im Himmel " Und wieder schien es, als gelte der ganze Zorn des Feindes der "Iltis". Nur wenige Geschosse schlugen in der Nähe der "Algerine" ein, während um das deutsche Schiff herum das Wässer, von eisernen Wüterichen zerwühlt, hoch aufspritzte. Da setzte ein gut gezielter Schuß zwei Maschinenkanonen der "Iltis" auf einmal außer Gefecht; eine stürzte mit lauteni Gekrache in das Loch, das die Granate im Deck zurückgelassen, nachdem sie dem Geschützführer Bothe beide Beine vom Leibe gerissen hatte. Botho lebte noch und war bei Besinnung, als man ihn von der Brücke herabtrug. Lines seiner Beine, — doch das bemerkte der arme Kerl nicht, war schon unten, es war einem auf Deck beschäftigten Matrosen an den Kopf geflogen. Mit dem Blute des Kameraden besudelt, erschien dieser auf dem Verbandplatz, wo ihn der Doktor überzeugte, daß ihn das seltsame Geschoß nicht verletzt hatte. Bothe man wollte ihn auf eine der wenigen noch leeren Hängematten niederlegen, — aber er war schon tot. ,r — sondern erlöse uns von dem Nebel, Amen!" schloß der fromme Jüngling rechts von mir sein Gebet. Da brachten sie wieder einen, den Obermatrosen Runge und legten ihn auf die Hängematte, die Bothes Tod ihm geräumt hatte. Gleich darauf ging oben an Deck ein Höllenlärm los. "Stabsarzt, Herr Stabsarzt!" schrien drei oder vier Stimmen ins Zwischendeck hinab, "Oberleutnant Hellmann ist verwundet" — "Oder tot", setzte n>rch jemand hinzu. Line Granate hatte das auf der Brücke befindliche Karten Haus durchbohrt, einen cLoil der dort in Bereitschaft liegenden Munition entzündet und den MatrosenSchoppengerd schwer verwundet. Abwärts gleitend tötete sie dann den mittschiffs auf der unteren Brücke stehenden Oberleutnant zur See Hell mann und den Hornisten Lehnhoff, lvo Hellmann noch soeben gestanden hatte, lagen einige blutige Gliedmaßen herum, ihn hatte das Geschoß in Stücke gerissen. Blut träufelte von der Brücke auf n, lT. -p. P , , J De> tiahilot e Lindberg, ein Deutscher, der " 'j, ". die Ravigiernng der .,I>Ns" wahrend des ,,, r , Bombardements freiwillig leitete. Kleiderfetzen flogen ,,,. ....! ". , " ". ,. l'llich einer "I, AII'UIN der "gMs" enNinltenei, nach allen Richtungen. pbowgraxbie) Korvettenkapitän £m,s. Leutnant z. S. Hella,ann f. Die Besatzung des deutschen Kanonenbootes "Iltis", die bei der Eroberung der Takuforts im Feuer stand. Zu gleicher Zeit drang aus deni Kartenhause weißer pulverdampf, es knisterte und knallte und sprühte Eisensplitter rings umher. "Feuer! Die Munition im Kartenhause brennt!" Oberleutnant N erg er hatte zuerst die Gefahr entdeckt ulid sofort das Löschungswerk mit dein bereit liegenden Schlauche begonnen. Der Ruf "Feuer" pflanzte sich fort von der Brücke aufs Deck und von da durchs ganze Schiff bis herunter ins lhospital. "Feuer, Feuer!" "Löschmannschaften an Deck!" Eine unendliche wohlthat ist unter Umständen, wie dell an Bord der "Iltis" herrschenden, ein starker Blutverlust, so seltsam das auch scheinen mag. Hier lag ich mit einer schweren Wunde in der Brust wie festgenagelt von der Last des toten Japaners, der »och immer mit dem Rücken auf meinem Dorderarm ruhte, ohne iliich regen, ohne sprechen zu können, inmitten der Schrecken der Schlacht und einpfand weder Schmerz noch Bedauern, weder Furcht noch Hoff»ung. Der ungeheure Blutverlust hatte inich jeden Gefühles beraubt, mit dem Lebensquell waren auch die Lebenslust und die Todesfurcht dahingeschwunden. Meine Leidensgenossen waren entweder ebenso empfindungslos oder sie litten schweigend, keiner schrie, keiner klagte, i,ur der junge fromme Mensch neben mir betete weiter: " Dein Wille geschehe, wie im Fimmel also auch ans Erden " Erst der Ruf "Feuer" erregte in mir wieder einen gewissen widerstand gegen völlige Erschlaffung. Er füllte meine Phantasie mit Disionen voll einer Explosion, ich sah die Trümmer der "Iltis" mit betäubendem Donner in die Luft fliegen mitsamt der kämpfenden Mannschaft, de,l Derwundeten, deil Krankenträgern und mir selbst, ich sah uns nach allen Richtungen auseinandergeschlendert, um schließlich noch in den schumtzigen Fluten des peiho ertrinken zu müssen. Es war nicht die Furcht vor dem Tode, die mich beunruhigte, als vielmehr der Gedairke, von dieser Hängematte, auf der sich's 000000900000090909900900 66 65 000000000000000000000000 Die Erstürmung der Takuforts. so wohlig ruhte, wo ich liegen konnte, bis es zu Ende war, in so rauher Weise getrennt zu werden. Nuhe, Ruhe verlangten wir, und wenn es die ewige wäre, alles andere war uns verwundeten gleichgültig. Das Feuer war schneller gelöscht, als der Leser diesen Betrachtungen folgen kann und ebenso schnell häuften sich die Ereignisse an Deck. Noch hatte sich der Rauch, den die explodierende Munition verursachte, nicht verzogen, und Steuermann Schmidt, der auf der Steuerbordseite vor dem Kommandoturme gestanden hatte, war nach der Backbordseite hinübergesxrungen, um dem Kommandanten zu melden, daß das Feuer gelöscht sei, da schlug eine Granate an der Stelle ein, wo der Mann noch eben gestanden hatte, riß das dahinter liegende Deck der oberen Brücke auf, explodierte und zertrümmerte das mittschiffs befindliche Geländer und sämtliche klar stehenden Gewehre. Lin Schauer von Sprengstücken fiel auf der Backbordseitc nieder, wo eine Maschinenkanone mit gefülltem Gurt klar zum Feuern stand. Sprengstücke hatten diesen Gurt getroffen und nach allen Seiten platzte die Munition auseinander. Die Wucht der Explosion hatte den dicht danebenstehenden Kommandanten tlians zu Boden geschleudert. Pulverdampf verhüllte noch die 5oene, als der Tod von neuem heransauste. Die Granate traf den Fockmast und explodierte mit einem ungewöhnlich lauten Knalle; die ganze Brücke verschwand in einer Rauchwolke. Mitten durch den ^Schlachtdampf sah man zwei Männer in größter Eile der Stelle zulaufen, wo der Kommandant zu Boden geschleudert worden war. Der eine war Steuermann Schmidt, der andere Vberleutnant von Ljoffmann. Schmidt war zuerst da; einen Moment beugte er sich über die zu seinen Füßen allmählich sichtbarwerdende Gestalt des Kapitäns, dann trat er an die Brüstung dos Kommandoturmes und schrie mit lauter, trotz des Kanonendonners deutlich hörbarer Stimme über das Schiff: "Der Kommandant ist gefallen, Vberleutnant von Ljoffmann hat das Kommando!" "Der Kommandant ist gefallen! Der Kommandant ist geft-llen!" verbreitete sich der Ruf im Nu über das ganze Schiff. Lwen Augenblick ließen sogar die tapferen Leute am Achterdeck "n Feind aus dem Auge, um nach der Kommando-Brücke zu schauen, die in dem Pulverdampfe kaum noch sichtbar war. "Der Kommandant ist gefallen!" tönte es auch bis zu uns <ns Lazarett hinab. Zwar hatte man hier eine Granate nach dsr anderen einschlagen gehört, es waren die mit den Kampfesopfern gefüllten Ljängematten Beweis genug für die furchtbare Wirkung ber feindlichen Geschosse, aber einen wirklich niederschmetternden Eindruck auf uns verwundete niachte erst die traurige Kunde: "Der Kommandant ist gefallen!" Der Mann, der fetzt eilig die heftig beschossene Brücke bemeg, war Vberleutnant von Lj offmann selbst, der glücklicherweise kurz vorher von Kapitän Lans mit einem Befehl für Vberleutnant von Ljippel aufs Achterdeck geschickt worden war. Er hatte eben die zu der Brücke führende Treppe erreicht, als der verhängnisvolle Schuß gefallen war. — Leichen versperrten ihm den weg; er sprang über sie hinweg. Sprengstücke hatten ihm die Mütze vom Kopfe gerissen, Blut floß über sein pulvergeschwärztes Gesicht und färbte die weiße Uniform an der rcchteii Schulter. Er hatte die Worte des Steuermanns gehört und beeilte sich, den in einein so kritischen Momente ihm zngefallenen Befehl über das Schiff zu übernehmen. Als der pulverrauch sich verzöge,: hatte, stand der Kommandant, an die Brüstung geklainmert, wieder aufgerichtet, und rief dem Steuermann zu: "Das linke Bein ist zerschossen, hier ist mein Taschentuch, schnüren Sie es über die Munde fest um das Bein!" während sich diese tragischen Ereignisse mit einer für den Leser unglaublichen Geschwindigkeit abspielten, hatte sich die "IIkis auf der Steucrbordseite der "Algerine" bis auf wenige Meter genähert. In diesen letzten Minuten, es waren vielleicht nur Bekunden, blieb seine Brücke vom feindlichen Feuer verschont, und der Pulverdampf, mit welchem die explodierenden Granaten bisher den Dberbau eingehüllt, verzog sich. Kürschner, China TT. <Ls war fetzt helllichter Tag. Deutlich unterschied man alles, was auf der "Algerine" vorging, deren Mannschaft die Wunden, die die "Iltis" erhalten, mit neidische» Blicken musterte. Auf der Brücke stand, mit der linken Hand sein zerschossenes Bein hochhaltend, das Gesicht blutüberströnit und pulververbrannt, Kapitän Lans. Grüßend schwang er die Mütze und rief dem Kommandanten der "Algerine" zu, ob er nicht einen Arzt entbehren könne, da so viele verwundete auf dem Verbandplätze lägen, daß unser eigener Arzt alle Hände voll zu thun habe. Heftiger Kanonendonner ließ die Antwort nicht verständlich werden. In diesem Augenblicke meldete der am Ruder stehende Signalmatrose Mampe: "Ruder zerschossen!" Gleichzeitig rief der Telegraphenposten Dreger: "Maschinen-Telegraphen und Sprachrohre zerschossen!" Das Feuer der Thinesen hatte sich von neuem mit großer Energie gegen die "Iltis" gewendet, wodurch auch die jetzt fast längsseits liegende "Algerine" stark mit gefährdet wurde. In diesem kritischen Momente erteilte der erste Gffizier, Vberleutnant von Ls offmann, seinen ersten Befehl. Mit lauter Stimme rief er achteraus: "Lsandrudcr einkuppeln, Befehlsübermittelung an die Maschinen über Deck!" Sofort wurde von dem Signalmaaten Rollwagen mit Hilfe der Matrosen Mampe, Battre, Geißler und Lsafenreffer das Lsandruder eingekuppelt und besetzt. An Deck stellten sich der Maschinistenmaat Rosenbcrg und der Lseizer Risch auf, um die Befehle, welche ihnen der stellvertretende Kommandant zuzurufen hatte, in den Maschinenrauin weiter zu geben. So schnell war das alles geschehen, daß das Schiff thatsächlich kaum einen Augenblick der festen Führung entbehrt hatte. wir waren inzwischen etwa fOO m stromabwärts der "Algerine" vorausgedampft, als von der Brücke das Kommando ertönte: i "Klar beim Steuerbord Anker!" "Maschinen äußerste Kraft zurück!" "Fallen Anker!" Diese Kommandos konnten jedoch nicht so schnell ausgeführt werden, als sie gegeben worden, da eines der Schnellfeuergeschütze erst das Feuer abbrechen mußte, weil es das freie Niedergleiten der Kette verhinderte. Wohl weil die "Iltis" in dieser Stellung das Feuer der Algerine", die zur selben Zeit eine Bewegung ausgeführt hatte, behinderte, ließ Kommandant von Lsoffmann schon wenige Minuten später aberinals Anker lichten, um noch vielleicht 200 m weiter stromabwärts zu gehen. Inzwischen war Steuermann Schmidt nach unten gestürzt, um den: schwer leidenden Kapitän Lans etwas Wasser zur Linderung seiner Qualen zu holen, er fand jedoch fast alle auf Deck befindlichen Wasserbehälter von den Granaten zertrümmert und mußte deshalb unter Deck gehen. Schweißtriefend, die Uniform mit Blut befleckt, das Gesicht von dem Rauch von einem Dutzend Explosionen geschwärzt, lief er durch die Reihen seiner Kameraden, die sich ängstlich nach dem Befinden des Kapitäns Lans erkundigten. "wird der Kapitän sterben?" "Ist der Kommandant tot?" Aber Schmidt hatte keine Antwort auf diese Fragen. Er rief nach dem Stabsarzte und den Krankenträgern. Diese waren schon zur Seite des verwundeten, der, vom Blutverlust geschwächt, in Vberleutnant Hoffmanns Arme zurückgesunken war. Man setzte ihn auf einen noch verschont gebliebenen Munitionskasten auf der Brücke nieder, wo Stabsarzt Schoder eine oberflächliche Untersuchung der grausigen Wunde vornahm, die ihn schnell überzeugte, daß nur im Hospital ein auch nur oberflächlicher verband angelegt werden könnte. Der Matrose Ringler hob ihn bei den Beinen, während Stabsarzt Schoder und Brendl seinen Gberkörper umfaßten. Langsam begannen sie die steile Treppe hinabzusteigen. Da plötzlich — ein Brechen, prasseln, Heulen, Blitzen — ein Donnerknall und — krach — stürzte die Treppe, der schwer verwundste Kommandant und Krankenträger Ringler aufs Deck hinab. I)r. Schoder und Brendl aber wurden von den: Luftdruck auf die Brücke zurückgeschleudert. Pulverdampf, der erplodierlen Granate entweichend, verhüllte sekundenlang die Scene. Als dieser sich endlich verzogen hatte, bemerkte man, daß das Geschoß die auf der Back liegenden Kartoffelsäcke durchbohrt, in das Kartenhaus eingedrnngen und nachdem es noch durch das Kartenspind durchgegangen, den eisernen Boden nach unten gedrückt hatte. Unten stand in diescin Augenblicke der Obermatrose Sokopf. Im nächsten Utomcute sank er mit zerquetschten: Kopfe tot zu Boden. Roch nicht zufrieden mit all dieser Verheerung, hatten Sxrengstücke einen Wassertank zerschmettert und den dort postierten Gbermatrose« Splinter schwer an der Brust verwundet, schließlich noch den Krankenträgern die Treppe unter den Füßen weggerissen, und die oben beschriebene Katastrophe herbeigeführt. Das war das Werk einer Sekunde. Kapitän La ns inuß sich schnell wieder aufgerafft haben, denn als der pnlvcrdampf sich verzogen hatte, war die Stelle, wo man ihn hätte finden sollen, leer. Or.Schoder besah sich. Er war blutüberströmt, seine Uniform zerrissen, — aber verwundet war er nicht. Ebenso glücklich waren die beiden Krankenträger davongekommen. "Der Kapitän ist in der Pinasse!" rief jemand dem Stabsarzte zu. Dieser eilte an die Brüstung. Richtig, da war der Kapitän bereits in der längsseits liegenden Pinasse. Dem Stabsarzt rief er zu: Er wolle nicht, daß dieser sich um ihn bemühe. Ulan brauche ihn nicht zu verbinden! Ulan solle andere nicht der ärztlichen Hilfe berauben, die deren mehr benötigten als er. In diesem wüsten Schlachtenlärm, wo an Deck sich Leiche auf Leiche häufte, wo kaum noch einer war, der nicht das Blut seines Nebenmannes gesehen, hatten die wackeren Schnellfeuergeschütze vorn unter Vberleutnant Nergers und achtern unter Vberleutnant von thippels Leitung den Kampf gegen das Sübfott mit verbissener Mut fast allein weiter geführt. Auf der Brücke war nur noch eine Maschinenkanone intakt. Die anderen waren zerschlagen, kampfunfähig. Es war der Gbermatrose Pabst, der diese Kanone bediente. Das blanke Messingrohr freilich war geschwärzt vom Pulverdampf; aber die Stimme des braven Geschützes klang scharf und herausfordernd, als verlange es Sühne für die unglücklichen Kampfgenossen. Da plötzlich ein Knall, alles übertönend, wie von hundert Niesengeschützen auf einmal abgefeuert. Lin Schuß aus einem der achtern Schnellfeuergeschütze hatte die zweite Munitionskammer — die erste war schon früher explodiert — des Südforts getroffen, und dasselbe war mit einer Erschütterung in die Luft geflogen, die unsere Hängematten im Hospital in Bewegung setzte, lag die "Iltis" doch nur noch 300 m weit entfernt. Zugleich erscholl au Deck brausendes Hurra! Der Feind schien besiegt, das Fort seinen: Schicksale verfallen Zu sein. Eine schwere, weißgraue Molke von Rauch und Staub verdunkelte die Sonne, hüllte die Forts, die "Iltis" und alles in einen undurchdringlichen Schleier. Zu gleicher Zeit fiel ein Schauer von Holzsplittern, Steinchen und Sand auf Deck und prasselte rings um das Schiff ins Masser. Die Hurras der Mannschaft waren noch nicht verklungen, da sauste, alles vor sich niederbrechend, eine Granate durch die Apotheke; schräg durch das Schiff, am Verbandplätze vorbei, drang dann, das Gberdeck durchschlagend, unter der Back durch den Gelbehälter, zertrümmerte eine Deckstütze und schleuderte diese weit über das Deck bis nach den achtern Gswehrständen, wo sie krachend zu Boden fiel. Noch hatte sich der von der Explosion im Südfort herrührende Rauch und Staub nicht verzogen; aber als mau endlich den Schaden besehen konnte, fand inan den Büchseninacher Bästkein und den Vbermatrosen Maas tot unter den Trümmern. Dem Heizer Sjolm floß der Lebensquell in starken Strömen aus einer Munde in der Brust und die Matrosen Fischer und Tasmier wankten, auf ihre Kameraden gestützt, nach unten zum Verbandplatz. Die Granate — es war offenbar ein sehr schweres Kaliber war, wie die genommene Richtung verinuten ließ, zuerst aufs bDasscr aufgeschlageir und muß dann wieder in die Höhe gestiegen sein, denn nur so ist es zu erklären, daß sie oberhalb des Bull auges der Apotheke eindringen und sich aufwärts einen Ausweg durch das Malfischdeck ins Freie bahnen konnte. Doch noch war >hr Zerstörungswerk nicht vollendet, Heulend setzte sie ihren Flug fort, bis der die Verbindung zwischen dem Nordwestund Nordfort bildende Mall ihr ein Ziel setzte. Sie krepierte mit heftigem Knall und schlug eine große Bresche in das chinesische Festungswerk. Wütendes Hundegebell mischte sich in die ernsten Stimmen der beschütze, wahrlich, von: Furchtbaren zun: Lächerlichen war nur eu: — Satz, der nämlich, mit den: Flick, des GberZahlmeisters kfund sich aus seinen: Gefängnisse, das der letzte Treffer geöffnet Zu haben schien, befreite. Jetzt fegte er zornig über das Deck, den Matrosen unter den Beinen weg und schnappte mit der seiner Rasse — Flick ist ein Bullterrier von weißer Farbe — eigenen Bissigkeit nach den feindlichen Granaten. Er inochte sie für scheußllch brummende große Käfer halten. Es bedurfte der ganzen Schnelligkeit der oberzahlmeisterlichen Beine, um den auf Krakehl gestimmten Köter einzufangen und wieder unter Deck zu bringen. Ruten im Hospital, wo es bereits wie in einer Schlächterei aussah, verlor man kein Mort über den letzten Treffer, der uns verwundeten beinahe das schwache Lebenslicht ausgeblasen hätte und das ganze Schiff heftig erzittern ließ. Gleichzeitig, wenn nicht etwas ärgerlich, klang des Arztes Stimme: "Nehme doch mal einer das Bein da weg!", und "Ringler, waschen Sie das Blut an: Boden auf, inan watet ja förmlich darin herum!" Ich glaube, ich hatte mich während der letzten Stunde kaum mehr gerührt und deshalb auch manche der Schreckensfcenen, die sich ringsum abspielten, nicht gesehen. Der nimmer schweigende Kanonendonner schmerzte meine Nerven. Als das lang andauernde Hurra-Geschrei der Niaunschaft bis zu uns herabdrang, da hatten wir verwundeten geglaubt, daß der Sieg schon unser sei, und der Ruf hatte hier unten ein wenn auch nur sehr schwaches Echo gefunden. Und nun ging das Geknalle von neuem los! Ls war nicht die Gefahr, aber der wüste Lärm, den n:au hier unten auf den: Verbandplätze so unangenehm empfand. Dazu kam jetzt noch das lang gedehnte schrille Geheul der Sirene eines Dampfschiffes, wohl eines der Kauffahrtei-Fahrer, den eine von: Ziele abgeirrte Boinbe getroffen haben mochte. Zuerst war's wie ein energischer Protest: "was Hab' ich mit eurem Streit zu schaffen? Laßt mich in Ruh—Rn—u—u—uh—," klang es aber schließlich in eine jämmerliche Klage aus. 71 0C<70<3000000Q0<70C0000000000000 Wirren 1900/1901. OOOOOOOOOOOOOOOOCOOOOOOOOOOOO 72 Endlich schien das feindliche Feuer in der Thal schwächer zu werden. Nur noch in minutenlangen Pausen erdröhnten die furchtbaren Donnerschläge der riesigen Geschütze der Chinesen. Dann schrien sie oben wieder: "Hurra!" Unser Landungskorps hatte das Nordfort besetzt und deutsche Kanoniere luden und feuerten die chinesischen Geschütze, die jetzt auf das Südfort gerichtet waren. Hei! lVie die schossen! Da krachte es wie bei einem Erdbeben. "Hurra, Hurra, Hurra!" Die vom Nordfort hatten mit den ersten Schüssen gleich das große Pulvermagazin des Südforts in die Luft gesprengt. "Alle Munition nach oben bringen!" klang der Befehl ins Zwischendeck der "Zltis" hinab, um gleich darauf mit dem Zusatze, "auch die Uebungsmunition", wiederholt zu werden. Was konnte das anderes heißen, als daß es höchste Zeit war, daß der Kampf beendet wurde! Unter dem brausenden Beifallsgeschrei der Kameraden auf den anderen Kriegsschiffen steigerte die "Zltis" jetzt ihr Feuer mit geradezu fieberhafter Thätigkeit. Diese letzten Minuten waren uns verwundeten eine Höllenqual. Den Chinesen aber auch! Zhre Kanonen schwiegen eine nach der andern, während zugleich Kapitän Pohl mit dem Landungskorps von dem Nordfort auf in Bereitschaft gehaltenen Booten übersetzte und das Südfort iin Sturm nahm. Die Chinesen sah man über die Wälle in wilder Flucht landeinwärts eilen, von dem nimmer ermüdenden Schnellfeuer der "Zltis" begleitet. Bald aber — die Chinesen liefen sehr schnell — konnten selbst die 8,8 crn-Geschütze der "Iltis" die Fliehenden nicht mehr erreichen und jetzt sanken die Arme, die die ganze Nacht unermüdlich gewesen, ermattet nieder. Zetzt hatte man endlich Zeit, sich 'mal umzusehen, was eigentlich passiert war. war das die blitzsaubere "Zltis"? Ueberall wüste Zerstörung, Feuerspuren, Blut, Leichen und Stücke von solchen, wie wenn es in einer modernen Schlächterei gebrannt hat, so sah das Deck der "Zltis" aus. wir verwundeten im Zwischendeck atmeten erleichtert auf, als der Kanonendonner endlich, endlich schwieg. Mir begannen jetzt die Sinne zu schwinden. Ls kam jemand und fragte nach dem Befinden des Berichterstbtters Ferrings. "VH," meinte einer der Krankenwärter, "der hat bereits das Bewußtsein verloren, lange macht er es nicht mehr mit!" Noch einmal klang es dumpf, wie aus weiter Ferne an mein Dhr: "Hurra, Hurra, Hurra!" Das war das Siegesgeschrei, mit dem die "Zltis" in den allgemeinen Zubel der Schiffe und der Forts einstimmte, als das kleine tapfere Boot sich zu seinem Trinmphznge nach der Flotte auf der Taku-Reede anschickte, um Admiral Bendemann zu melden: "Die Taku-Forts sind genommen!" Der Sturm. Kapitän Pohl hatte, während sich die oben geschilderten Vorgänge auf der "Iltis" abspielten, sein kleines Detachement von 820 Mann östlich Tongku gesammelt und lvar noch unter dem Schutze der Dunkelheit bis auf 600 m an das Nordwestfort herangegangen. Dort warteten die Truppen in Gräben und hinter dem Straßendamm gedeckt das Einstellen des Feuers der Schiffsgeschütze ab. Linienschiffsfähnrich Stenner giebt von diesem Moment folgende Schilderung: [K. u. K. Linienschiffsfähnrich Stenner über die TakuGefechte:] "Wir rückten nun gegen das N.W.-5ort vor, Russen und Japaner schlossen sich an. Ls war eins ziemlich klare Mondnacht, die Umrisse der Befestigungen konnten schon auf die Entfernung vom Bahnhofe (circa 5 km) gesehen werden; die Geschützstände waren durch das Helle Aufleuchten der Schüsse markiert. Während des Vormarsches war das Bombardement der Forts und der Kanonenboote bereits im vollsten Gange. Die Straße, auf welcher marschiert wurde, führte durch sumpfiges Terrain ohne Kulturen. Aus diesem Grunde oder vielleicht auch wegen schlechter Zünder crepierten daher glücklicherweise die Granaten der Forts, welche öfters in nächster Nähe der Truppe einschlugen, größtenteils nicht." Das Gelände bis zum Fort war eine lehmige, sanft anfsteigende Ebene ohne jede Deckung; nur der Straßendamm bot stellenweise einen Schutz gegen das feindliche Feuer aus dem Fort. Dieses lvar ein Seefort, seine Kehle offen, aber durch drei moderne 12 em-Schnclllade-Kauonen mit Panzerschutzschildern und durch mehrere Geschütze älteren Modells geschützt. Um das Fort zog sich ein breiter Wassergraben, dem keine Koutreskarpe vorgelagert war. Die Chinesen hatten ihr Feuer nicht nur auf die Schiffe, sondern auch auf Tongku und die Landungstruppen gerichtet, ohne allerdings dem letzteren Verluste beizubringen. Um 41/4 Uhr begann auf das verabredete Zeichen von der "Iltis" der Sturm auf das Nordwestfort. Soweit das stark durchschnittene Gelände es gestattete, wurden Schützenlinien vorgetrieben, welche das immer schwächer werdende feindliche Feuer erwiderten. Die Brücke am Hauptübergange des Straßendammes, wo die Deutschen und Österreicher vorgingen, war zerstört; es mußte sich daher alles nach einem vor dem rechten Flügel gelegenen Übergang zusammenziehen, wo Kapitän Pohl als erster im Fort war und sofort in der Südwcstecke des Forts die deutsche Flagge hißte, in dem Augenblicke, als die Iltis hundert Meter davon vorbeidampfte. Drei kräftige Hurras begrüßten das wackere Schiff, die in gleicher Weise erwidert wurden. Unterdessen hatten auf der anderen Seite die Japaner die Wälle erklettert, allen voran ihr tapferer Kapitän Hattori, der aber durch einen Beilhieb eines Chinesen den Heldentod fand. sEinienschiffsfähnrich Stenner berichtet die folgenden Einzelheiten:] Meine Abteilung machte mH jener der deutschen Schiffe den Vormarsch in der Dammdeckung. Da jedoch der Winkel, welchen die Straße mit der Schußlinie gegen das Fort bildet, ein derartig spitzer war, daß inan nicht ohne Gefährdung der Vordermänner schießen konnte, ging ich sprungweise bis auf 800 in vor das Fort, wo die Straße nach rechts abbiegt, vor. Ljier eröffnete ich in sehr guter Deckung das Lener gegen die aus den Stückpforten schießenden chinesischen Truppen. Meine kleine Manuschaftsabteilung war mir stets mit Tapferkeit und Ruhe gefolgt und zeigte eine gute Feuerdisciplin. Ich war sehr rasch vorgegangen und erreichte in beschriebener Deckung die englische Abteilung der Vortruppe. In ständiger Deckung hinter dem Straßendamm konnte ich sprungweise bis auf circa 500 m dem Fort nahekommen, die Leute hierbei abwechselnd schießen und ausruhen lassen, während dieses Feuers hatten sich all mählich Abteilungen verschiedener Nationen in dieser Deckung vereinigt, welche dem Kommando des nächsten Mffiziers folgten. Meine kleine Abteilung schien sich vervierfacht zu haben, denn circa \00 Mann folgten meinem Kommando auf "vorwärts", "Nieder" und selbst den Feuerkommandos. Dem Seekadetten Ernst Petri, welcher sich auf das vorzüglichste benahm, gelang es in diesein Durcheinander die Mannschaftsabteilungen zusainmenzuhalten. War schon beim Anmarsche das Gewehrfeuer nicht von besonderer Heftigkeit gewesen, so schien mit dem Feuer auf Nahdistanz der letzte widerstand gebrochen zu sein. Die Brücke über den Festungsgraben war intakt geblieben, das Thor gesprengt, und beim Erklettern der Wälle fielen nur mehr vereinzelte Schüsse. Als ich mit meinen Leuten den ersten Geschützstand erklommen hatte, wurde an dem Flaggenstocke desselben soeben die englische Flagge gehißt. Da ich von diesem Standpunkte aus sah, daß bereits an allen Punkten fremde Mannschaften erschienen und ich keinen leeren Flaggeustock mehr rechtzeitig erreichen konnte, hißte ich im Einvernehmen mit einem englischen (Offizier um 51/2 Uhr die k. u. k. Flagge neben der englischen. Im Fort fand man sehr viel Munition und besonders bei den Geschützständen viele Gefallene. Da der Angriff einseitig erfolgt war, schien die Besatzung beim Anstürme unter Mitnahme der Leichtverwundeten nach der Südseite geflüchtet zu sein. Ich ließ meine Mannschaft sammeln, konstatierte, daß niemand verletzt war, kommandierte "Zum Gebet" und vereinigte nüch nach einem Patrouillengange durch das Fort wiederum mit den deutschen Mannschaften." Nach der Erstürmung des Nordwestkam das Nordfort an die Reihe. Von den Deutschen zuerst erreicht, konnte es ohne Widerstand besetzt werden. Kapitän Pohl ließ sofort die noch unbeschädigten schweren Geschütze aus das gegenüberliegende Südfort richten. Dem österreichischen Linienschifssfähnrich Stenner gelang es, mit dem zweiten Schuß aus dem von ihm bedienten Geschütz das Pulvermagazin im beschossenen Fort zur Explosion zu bringen, nachdem von der "Iltis", welche sich inzwischen mit "Algerine" vor die Flußmündung gelegt hatte, kurz zuvor schon ein anderes in die Luft gesprengt war. Die beiden Detonationen mit dem ungeheuren, 400 in hohen Staubund Feuerkegel wurden niit freudigem Hurra begrüßt, und das Schlveigen des feindlichen Feuers bewies, daß auch dieses Fort sturmreif war. sLinienschiffsfähnrich Stenner berichtet selbst darüber:j "Schon während des Vorrückens im Gange gegen das tl.-Fort bemerkte ich, daß eine cm S. L. K. des 8.-Forts dem Kanonenboote "Iltis" scharf zusetzte. Sobald ich daher mit meinen Leuten im Fort angelangt war, rief ich einige meiner Kanoniere und einige deutsche Artillerie-Matrosen zusammen, bemannte das nächste Geschütz, ein sö om Krupp L./25, richtete selbst gegen genannte Kanone des L.-Forts und gab auch den Schuß, nachLinienschiffsfähnrich Stenner. 75 0<?000000<300<5c»00<50000000c00000 wirren 1900/1901. 00000000000000000000000000000 76 dem ich die umstehende Mannschaft entfernt hatte, selbst ab. Die Granate traf das Munitionsdepot des Geschützes, auf welches ich gezielt hatte und brachte selbes zur Explosion." Auf vorher bestellten deutschen und englischen Booten setzte das Landungskorps nach dem Südufer über, um die stark demolierten Südwerke zu nehmen. Deutsche und Österreicher nahmen das immer noch hartnäckig verteidigte Südfort, während sich das zweite den übrigen Truppen nach kurzem Kanipfe ergab. Um 650 Minuten wehte die deutsche Flagge auf dem Südfort; damit war der Kampf in: wesentlichen beendigt. Mit Maximgeschützen wurde der fliehende Gegner verfolgt. In den eroberten Werken fand man 54 meist moderne schwere Geschütze, Schuellfeuergeschütze mit Einheitspatronen und eine große Menge Munition. Um 12 Uhr mittags wurden noch 19 im Fluß liegende Minen gesprengt. Auch vier chinesische Torpedoboote neuester Art, welche versucht hatten, aus der Peiho-Münduug herauszukommen, waren im Laufe des Kampfes von den Engländern genommen, je eines erhielten die Deutschen, Russen, Franzosen und Engländer. Die Forts wurden so verteilt, daß die Engländer das erste, die Japaner das zweite Nordfort, die Deutschen und Russen das 1000 m lauge Südfort in Besitz nahmen. Kapitän Pohl machte am Nachmittage desselben Tages noch einen Streifzug nach den verlassenen Strandbatterien, um die dortigen modernen Geschütze mitzunehmen oder durch Fortnahme der Verschlüsse in gefechtsunbrauchbaren Zustand zu versetzen. Dieser vollkommene und schöne Sieg gegen eine bedeutende, tapfer kämpfende Übermacht mußte naturgemäß auch mit schweren Verlusten erkauft werden. Tie Verbündeten zählten 118 Tote und Verwundete, davon hatten die Deutschen außer den schon oben erwähnten Verlusten noch 14 Verwundete. Der schwerverwundete Kapitän Lans gab erst in letzter Stunde das Kommando an den Oberleutnant z. S. Ho ff mann Lamatsch Edler von Waffenstein ab, blieb aber in einer Pinasse am Schiffe liegen, bis der Sieg erfochten >var. Er selbst schildert seine Empfindungen während des Gefechtes: sRaxitänleutnant Lans über die Beschießung der TakuForts.s "wäre uns die Niederkämxfung der Forts von Taku, die ja das Lingangsthor nach Tientsin, d. h. die Flußmündung beherrschen, nicht gelungen, so wären alle Europäer, d. h. 5000 Mannschaften der verschiedenen Stationen und etwa 2000 Europäer in Tientsin verloren gewesen. Nach Einnahme der Forts aber konnten die am nächsten Tage von allen Stationen eintreffenden Verstärkungen ganz ungehindert gelandet werden, die gerade zur rechten Zeit ankamen, hätten wir gegen eine zivilisierte Nation zu kämpfen gehabt, so wäre die Aufregung nicht so groß gewesen, aber der furchtbare Gedanke, daß wir alle, Männer, Frauen und Rinder, ohne Ausnahme rücksichtslos den entsetzlichen Martern der Boxer ausgeliefert waren, das ließ uns die Nerven aufs Aeußerste anspannen." Der Orden pour le merite war die Belohnung, mit der Se. Majestät der Kaiser das tapfere Verhalten dieses deutschen Offiziers ehrte. Außer der "Iltis" waren auch "Korrejek" und "Gaidamak" schwer beschädigt, "Lion" und "Giljak" hatten je einen Treffer, lvährend auf dem "Giljak" eine Kesselexplosion stattfand. Der Feind hatte 800 Mann einschließlich 100 Gefangenen verloren. Tie Taku-Gefechte schließen sich für die Deutschen ebenbürtig den Heldenthaten des deutschen Bataillons beim Sehmonrschcn Landungskorps an. Deutscher Mannesmut, deutsche Unerschrockenheit und Tapferkeit und deutscher Wagemut hatten wesentlich zu dem vollen Erfolge beigctragen, und die einmütige und ungeteilte Anerkennung der fremden Nationen lvar eine schöne Belohnung für die tapfere Schar. Die deutsche Sturmkolonne bei einem von ihr eroberten Geschütz der Takusorts. vom Sturm aus die Takuforts am 17. Juni 1900. Bahnhof in Tientsin. Die Kämpfe um den Besitz von Tientsin. Die Lage in Tientsin Anfang Juni. In dem ereignisreichen Monat Juni 1900, in welchem die Boxerbewegung lawinenartig anschwellend sich zu einer ungeheuren Gefahr für die Fremden und deren Eigentum entwickelte, konzentrierte sich allmählich die Wucht des Aufstandes um die beiden wichtigsten Städte der Provinz Petschili, Peking und Tientsin, Orte, in welchen eine große Anzahl von Fremden dauernden oder vorübergehenden Wohnsitz genommen hatten, und welche daher nach Zerstörung der Eisenbahn und Telegraphenlinien zunächst von der Wut des Pöbels heimgesucht wurden. Die verunglückte Seymour-Expedition hatte die völlige Abschließung der .Hauptstadt zur Folge, die Ereignisse dort werden in einem späteren Abschnitte im Zusammenhänge geschildert werden. Wie wir aber schon gesehen haben, war der Hauptgrund des Mißlingens der Seymour-Expedition die Unterbrechung der rückwärtigen Verbindung nach Tientsin gewesen. Und in der That hatte sich der Aufruhr in der Umgebung dieser Stadt mit der ihm eigenartigen rapiden Schnelligkeit derart ansgebreitet, daß Tientsin, trotzdem es in der Nähe der Küste und daher im unmittelbaren Machtbereich der auf der TakuReedc ankernden stattlichen internationalen Flotte lag, von einer fanatischen und mordlustigen Menge eingeschlossen war und das kleine Häuflein von Fremden in die größte Lebensgefahr kam. Die Stadt, deren Einwohnerzahl auf anderthalb Millionen geschätzt wird, ist rings von weiten, flachen Niederungen umgeben, in denen man vergeblich nach natürlichen Deckungsmitteln sucht. Die gauze Ebene besteht aus Alluvialboden, der Anschwemmung des von Nordwesten kommenden Peiho. Letzterer durchfließt die eigentliche, sich zu beiden Seiten des Flusses ausbreitende Chinesenstadt, die als Mittelpunkt, gewissermaßen als Rednit, die mit einer Ringmauer umschlossene alte Stadt, die sogenannte Tatarenstadt, einschließt, die sich in einer Länge von 2 km und einer Breite von 1 Vs km auf dem rechten Peiho-Ufer ausbreitet. Die Erweiterungen, die diese Tatarenstadt außerhalb der Ringmauer im Laufe der Zeiten gefunden hat, erstrecken sich hauptsächlich nach Westen und Norden, greifen östlich auf das linke Peiho-Ufer über, !vo der sich teils aus leichtem Bauwerk aufgeführte, teils aus Wellblechbaracken bestehende Bahnhof und weiter südlich die chinesische Kriegsschule befinden, und verbinden im Südostcn der Stadt auf dem rechten Peiho-Ufer die gegen Süden freiliegende Tatarenstadt mit der Fremdenniederlassung, welche sich 21/2 km unterhalb der Südostecke der Tatarenstadt in einer Länge von etwa 3 km längs des rechten PeihoUfers hinzieht. Die Wellen der in der Provinz sich bildenden Boxerbewegung schlugen Ende Mai und Anfang Juni ebenso wie nach Peking auch nach Tientsin und führten dort zur Bildung eines Freiwilligenkorps, welches im Laufe der bedrängnisreichen jetzt folgenden Zeit vorzügliche Dienste geleistet hat. Die aus der näheren und weiteren Umgebung eintreffenden Flüchtlinge, besonders französische und belgische Bahningenieure, erhöhten durch die grauenerregenden Schilderungen die Aufregung im Fremdenviertel. Es waren auch in der That furchtbare Dramen, welche sich in dieser Zeit im Innern von Petschili abgespielt hatten. Viele Hunderte von Europäern mußten, überrascht von den wilden Unruhen des beginnenden Airfstandes, den Ort ihres Aufenthaltes verlassen und die schützenden Küstenplätze zu gewinnen suchen. Meist war dies nur unter den schrecklichsten Gefahren und 79 Wirren ^)00,I901. OOOWOOWOVQOWOOOOOOOOOOQOOO 80 Mühen möglich, unter tagelanger Bedrohung durch einen barbarischen Feind, dem jedes Mitleid fremd war. Wehe den Unglücklichen, die ihm lebend in die Hände fielen! Ein martervoller Tod war ihr sicheres Schicksal. Bon den Mühsalen einer solchen Flucht berichtet der Schweizer Ingenieur Tallerie, welcher am 29. Mai mit 40 Europäern Paotingfu verließ, und, nachdem er alle mit Mausergewehren, Modell 7\ bewaffnet, und einige hatten ihre Revolver. 31. fllcti. In Sundhen wurden wir zum erstenmal von den Chinesen überfallen. Ich glaube, daß dieser Ueberfall vorbereitet gewesen ist. Auf den Rnall des ersten Schusses griff jeder nach Büchse und Patronen, alles andere im Boote zurücklassend. Mir hielten eine halbe Stunde Stand und zogen uns, nachdem das Feuer der Chinesen fortdauerte und wir ihnen Ein gegen die Fremden aufreizendes Boxerplakat. Zur Erklärung dieses plakates diene Folgendes-. Auf Bild 1 trägt das Schwein die chinesische Unterschrift "Jesus", die enthaupteten Geschöpfe mit den Ziegenköpfen sind als Abendländer (Fremde) bezeichnet. Die Inschrift lautet: "Spickt das Schwein mit x0 000 Pfeilen und horcht dann, ob es noch schreit, schneidet den Fremden die Köpfe ab und beobachtet, ob sie dann noch Luft haben, wieder zu uns zu kommen." Bild 2 stellt die Strafen dar, welche die Christen in der Hölle erwarten. Die Inschrift lautet: "Seht, welche Dualen die Christen und Fremden in der Hölle erwarten. Ewige Tortur harrt ihrer, ihrer Kinder und Kindeskinder, verflucht seien sie in alle Ewigkeit." Bild 3 mit der Überschrift: "Tod den Fremden, ins Feuer mit ihren Büchern" stellt eine Mordscene dar. Die Inschrift besagt. "Schlagt die Fremden wie tolle Hunde tot, und verbrennt ihre Schriften, in denen nur Unheiliges steht, und die Lehre enthalten ist, die chinesischen Götter abzuschwören und die alten Überlieferungen zu verachten." Bild $ zeigt ein chinesisches Fabeltier, der König der Tiere, dem eine Anzahl Schweine (Christen) und Ziegen (Fremde) ihre Demut bezeugen. Das Bild trägt die Überschrift: "Unterwerfung der letzten, überlebenden Christen und Fremden unter den willen des Tierkönigs Kilin." Die Schweine sind als "Jesus", "Missionar" und "chinesischer Christ" bezeichnet, die Ziegen als "Fremde". Der kurze Text besagt, daß alle unverbesserlichen Fremden und Christen auf die grausamste Art ausgerottet sind und die Überlegenheit Chinas anerkennen. "Sie beugen sich vor dem Ruhm des chinesischen Reiches. Dies wird das glorreiche Ende sein, wenn wir einig sind und alle Fremden und Christen massakrieren." vier Tage von den Boxern gejagt worden war, in Tientsin ankam. Seine Tagebuchnotizen lauten wörtlich: Ingenieur Tallerie über die Flucht von Paotingfu nach Tientsin.f 29. Mai. Um 5-/'» Uhr nachmittags verließen wir, d. h. alle Europäer, ^0 an der Zahl, worunter 7 Frauen, paotingfu in elf Booten und fuhren gegen Tientsin. Wir waren keine ernsthaften Verluste beibringen konnten, da sie gut verschanzt waren, außer Schußweite, wurden jedoch verfolgt. Nachdem wir uns gesammelt hatten, stellten wir vier Leichtverwundete, darunter eine Dame und einen Schwerverwundeten fest. Wie groß war aber unsere Ueberraschung, als wir zum erstenmal ausruhten und uns gegenseitig anschauten; die fünf Damen waren nur mit einem Rock bekleidet, und eine, welche ihrer Nieder81 ©W?09CX?0000C000C>000C?0 Die Kämpfe um de» Besitz von Tientsin. OOOOQOOOOOOOOOOCOOOCX) 82 funfl entgegensah, dazu barfuß und nur mit einem kleinen Mädchen von ^ bis 5 Jahren auf dem Arme. Gegen 9 Uhr wurden wir von neuem überfallen. Hunger und Durst fingen au, uns zu quälen. Unser Doktor und ein Ingenieur wurden ohnmächtig. Jeden Augenblick muß man halten, die verwundeten verlangen Wasser, das kleine Mädchen Brot, und keinem Wunsche kann entsprochen werden Don nun an beginnen Strapazen aller Art. Der erwähnte Ingenieur will nicht mehr weiter und muß getragen werden; er will sich eine Kugel in den Kopf sagen und bittet uns, es geschehen zu lassen; wir sprechen ihm Mut ein. Langsam gehen wir dann dem Flusse zu, wo sich die Boxer in größerer Mehr zahl gruppiert hatten, wahrscheinlich um uns zu verhindern, Wasser zu trinken. Wir gehen resolut darauf zu, und sehen mit Vergnügen, daß sich die Boxer entfernen. Alles atmet erleichtert auf, läuft zum Flusse, schöpft und trinkt das schmutzige Wasser. Welche Labung! Man schaut mit Thränen in den Augen zum Himmel. Gegen 2 Uhr marschierten wir längs des Flusses, um nicht mehr dursten zu müssen. Die Boxer folgten uns, aber immer in respektvoller Entfernung. Nach zwei Stunden gelangten wir in ein Dorf, in welchem gerade Markt war. Beim Eintritt empfingen uns einige Notabilitäteu mit dem Fächer in der Hand und deuteten uns au, das Dorf möglichst schnell zu verlassen, was wir auch thaten. Somit verließen wir aber auch den Fluß wieder. Kaum hatten wir das Dorf verlassen, so stellten sich auch öie Boxer, etwa 300, ein; die Bevölkerung, an etwa 2000, stellte sich neben den Boxern rechts auf. Wir nahmen Position in einem Friedhof, und sofort wurde Feuer mit einer Kanone und einem großen Gewehr auf uns eröffnet. Selbstverständlich ließen wir die Herren brav schießen, und warfen uns nach jedem Bchuß auf die Erde. In der Meinung, daß die Schüsse gut getroffen hätten, avancierten die Boxer langsam, aber in dichten Massen, und diesen Augenblick benutzten wir, um auf den Gegner Kürschner, China II. Salven abzugeben, welche sicher viele Tote und verwundete verursachten. Der Tag war fürchterlich heiß, Durst und Hunger stellten sich wieder ein, und viele von uns begehren lieber zu sterben, als so weiter zu kämpfen. Aber es geht weiter. l. Juni. Gegen 5 Uhr hatten wir die erste Attacke des Tages von einer Pagode aus. Die Kerls nähern sich ohne Furcht, daß man mit ihnen handgemein wird. Liner hatte drei Kugeln im Leibe und schwang fortwährend den Säbel. Doch bald sanken vier zusammen, der Rest floh in die Pagode. Gegen fO Uhr neuer Angriff von etwa 500 bis 600 Männern. Zwei Anführer fallen auf die ersten drei Schüsse und als wir auf das Gros auf eine Entfernung von HOO in schossen und einige liegen blieben, floh die ganze Herde immer wirrer durcheinander gegen das Dorf. Schwerter, Säbel, Lanzen müssen jetzt zurückgelassen werden, da wir genug an Unseren Frauen und verwundeten zu tragen haben. Die Frauen zeigen wirklich große Ausdauer und gehen mutig vorwärts. Die meisten sind schon ohne Schuhe; Kleider werden zerrissen, um damit die Wunden an den Füßen zu verbinden. Aus Pfützen und Lachen wird getrunken, wo nur etwas Flüssiges zu haben ist. Gegen.Ws Uhr: Die Boxer sammeln sich in großen Massen. Ueberall sieht man Fähnchen und Lanzen auftauchen, man sieht, daß sie uns eine Entscheidungsschlacht liefern wollen. Im ganzen haben wir ca. JOO bis fOOO Mann um uns herum. Die meisten von uns sind demoralisiert und verlieren den Mut. Man verabschiedet und küßt sich und viele weinen, eine herzzerreißende Szene. Unsere Devise ist, alle Patronen zu verbrauchen und dann eine Kugel für sich zu sparen. Einer bittet den anderen, im Falle er nicht tot ist, mit einem Nevolverschuß nachzuhelfen. Auf beiden Seiten werden Kanonen aufgestellt, und schon ertönen die ersten Schüsse. Kugeln streifen über unsere Köpfe, von uns rührt sich noch keiner. Man schaut mutund hoffnungslos ins Leere. Die Boxer wolle» sich nicht nähern. Wir nehmen halten zu haben, auf die Boxer nicht zu-schießen. Man bezweifelt daher die bereits gemeldete Nachricht, daß General Nieh wirklich gegen die Boxer gekämpft hat, befürchtet vielmehr, daß die chinesischen Soldaten sich mit den Boxern vereinigen und gemeinsam gegen die Fremden Vorgehen werden. Zur Beruhigung der hiesigen deutschen Kolonie und Entlastung des Freiwilligenkorps dürfte es sich empfehlen, an der bereits befürworteten Ljerbeorderung weiterer deutscher Truppen festzuhalten. Handel und Verkehr sind hier gänzlich ins Stocken geraten. Ein großer Teil der Dienerschaft der Fremdenbevölkcrung und zahlreiche chinesische Angestellte der fremden Firmen sind flüchtig geworden. Die deutschen Kaufleute behaupten, schon erhebliche Geschäftsnachteilc erlitten zu haben, sie befürchten große Verluste, falls die Drdnung und Verkehrssicherheit nicht alsbald wieder hergestellt werden sollten." Dem in diesem Bericht hervortretenden dringenden Wunsch nach Truppen war soweit wie angängig seitens des deutschen Geschwaderchefs entsprochen worden. Unter denr Kommando des Kapitänleutnant Kühne, erster Offizier S. M. Kanonenboots "Iltis", befand sich dort schon seit dem 4. Juni ein kleines Matrosendetachement von 60 Mann der "Kaiserin Augusta" unter Kapitänleutnant Kopp und Leutnant z. S. Franzius, 30 Mann der "Irene" unter Leutnant z. S. Mönch in Tientsin. Hierzu traten am 10. Juni, kurz bevor Kapitän v. Usedom mit den ihm unterstehenden Matrosen-Kompagnien Tientsin verließ, um sie dem Zuge des Admirals Seymour gegen Peking anzuschließen, noch 25 Seesoldaten vom III. Seebataillon unter Leutnant Wenzel. Außerdem befanden sich an militärischen Hilfskräften in der Fremden-Niederlassung: 233Engländer, 160 Russen, 105 Amerikaner, 65 Franzosen, 40 Italiener, 74 Japaner, 77 Österreicher, so daß insgesamt 869 Soldaten der Verbündeten die Sicherung des Fremdenviertels übernehmen konnten. Letzteres wurde mit einer Sicherungslinie umgeben, in welcher den einzelnen Komniandos bestimmte Abschnitte zugewiesen wurden. Die deutschen Detachements sicherten zu Anfang vom Race-Course-Thor bis zum Peiho. Den 25 Seesoldaten war der linke Flügel ain Peiho, gegenüber der Universität, anvertraut. Die Sicherung geschah am Tage durch Patrouilleugäuge, des Nachts durch eine Posteuaufstelluug. Außerordentlich wertvolle Dienste und wirksame Unterstützung wurde den sehr angestrengten deutschen Mannschaften durch das deutsche Freiwilligenkorps zu teil, welches in der Stärke von etwa 30 Mann Der große Kanal in Tientsin mit den europäischen Niederlassungen. unter Führung des Postassistenten die Bedienung der Kanonen und Bannerträger aufs Korn, welche einen Sprung in die Luft machen und dann auf die Erde fallen. Die Stimmung hebt sich bei uns. tvir rücken vor und in >5 Minuten war der Feind verschwunden. 3 Uhr nachmittags: Energischer Angriff. Um uns heruin ist alles schwarz. Da sich die Haufen in der Entfernung halten, wird wenig geschossen und wenig getroffen. Gegen 5 Uhr tragen uns die Füße nicht mehr; die verwundeten verschmachten und flehen um tvasser und ziehen den Tod dem Weitergehen vor. Es wird mitten im Sumpfland Halt gemacht; alle fallen erschlafft hin. Um 61/2 Uhr rücken die Boxer ihren Halbkreis auf uns zu, schreien und heulen wie Bestien, erreichen uns aber mit ihren Schüssen nicht. Einige wagen sich nahe an uns heran, werden aber sofort niedergepfeffert. Sie bombardierten uns auch während der Nacht. Da wir in den Sümpfen herum gingen, mußten wir auch im Sumpfe schlafen. Man klapperte vor Kälte. 2. Juni. Morgens 2^ Uhr: Abmarsch in der Richtung auf Tientsin. Wir sind fest entschlossen, da uns nur noch sehr wenig Patronen übrig geblieben, unser Leben teuer zu verkaufen. 4 Uhr morgens: Ungefähr 40 Boxer stellen sich uns gegenüber, nachdem wir aber zwei getötet, und einige verwundet haben, entfliehen sie nach allen Richtungen. Wir finden zur großen Freude einen Kanal. Um 7 Uhr sehen wir von weitem ein Boot, das auf unserer Seite des Kanals gezogen wird. Wir verstecken uns schnell. Als das Boot in unsere Höhe kommt, nehmen wir es weg. Der Besitzer wollte uns nicht nach Tientsin fahren, aber wir zwangen ihn dazu. In einem Dorfe fanden wir zu essen, zu trinken und zu rauchen. Alles freut sich des Lebens. Die Französinnen sind schon dabei, ein Modejournal zu kombinieren. Gegen 2 Uhr langten wir endlich nach viertägigen furchtbaren Strapazen im französischen Konsulate in Tientsin an." In seinem Bericht an den kaiserlichen Gesandten in Peking schilderte am 8. Juni der Generalkonsul Zimmermann in Tientsin die Lage folgendermaßen: sGeneralkonsul Aiinmernrann über die Lage in Tientsin.] "Die Lage wird hier als sehr ernst angesehen. Die chinesischen Truppen scheinen in der That von Peking die Instruktionen er6* 85 000000000000000009000 Die Näinvfe um -ei, Besitz von Tientsin. 000000000000000000000 86 Dorf der deutschen Niederlassung in Tientsin. Kuchenbeißer an den ganzen Kämpfen in Tientsin teilnahm. Die jungen Leute waren vorzüglich einexerziert und unterzogen sich mit Lust dem anstrengenden und aufopfernden Dienst als Meldereiter und Radfahrer. Der Freiwillige Back, welcher als Radfahrer an einem der Tage zu den Russen gesandt ward, um Erkundigungen über die Gefechtslage einzuziehen, fuhr im heftigsten Kugelregen bis an die vorderste Linie am Bahnhofe vor; sein Rad wurde ihm dabei durch eine Granate unter den Beinen weggeschossen. Unter diesen Freiwilligen befanden sich auch die ehemaligen deutschen Instrukteure bei der chinesischen Armee, die früheren Leutnants Tenner und Kuhm, welche im stände waren, wertvolle Aufschlüsse über die Lage und Verhältnisse der chinesischen Arsenale und der Kriegsschule zu geben. Jedenfalls vereinigten sich alle deutschen Kräfte in aufopfernder und tapferer Thätigkeit, und nur diesem Umstande war es zu danken, daß in den darauffolgenden Wochen die kleine Minderzahl sich aller Angriffe erwehren konnte, bis die ersehnten Entsatztruppen anlangten. Wenn auch bis zum 15. Juni eine unmittelbare Gefahr nicht bestand, so zeigten doch die in der nächsten Umgebung auftretenden Boxerbanden, daß die äußerste Wachsamkeit geboten war, besonders da durch die dicht vorgebauten Dörfer und Gehöfte der Feind unbemerkt heranschleichen konnte. Die Sicherungslinie wurde daher keinen Augenblick verlassen. Die Mannschaften nahmen auf den Wällen und in ihren Stellungen die von rückwärts ihnen zugebrachten Mahlzeiten ein und schliefen in ruhigen Stunden hälftenweise. Auch das Verhalten der Frauen in der deutschen Niederlassung verdiente das größte Lob. Sie sorgten für die Verpflegung und die Pflege der Kranken und später der Verwundeten in rührendster Weise und zeigten sich in den kritischen Tagen mutig und aufs Äußerste gefaßt. Die Einschließung. Durch ihre Beobachtungen am 15. Juni konnten die Verbündeten einen größeren Zuzug von feindlichen Truppen und Boxerbanden von Osten her feststellen, der anscheinend zunächst der Verhinderung des Seymourschen Vormarsches galt. Das gänzliche Ausbleiben von Nachrichten dieser Kolonne seit dem 13. Juni bestätigte diese Wahrnehmungen. Noch an demselben Tage, dem 15. Juni, begann die offensive Thätigkeit des Feindes in Tientsin. Um 11 Uhr abends griffen Boxer den von den Russen besetzten Bahnhof an, wurden aber unter großen Verlusten zurückgeschlagen. Ein Teil des deutschen Detachements war zur Hilfeleistung herbeigeeilt, trat aber nicht in Thätigkeit. Dagegen mußten die Deutschen aber schon um 4 Uhr am nächsten Morgen zu einer eventuellen Unterstützung der Engländer bereit stehen, welche vom West-Arsenal aus von starken Boxerbanden angegriffen wurden. Aber auch diese konnten ohne fremde Hilfe den Feind zurückwerfen. Ebenso wie beim Seymourschen Zuge überraschte hier der fanatische Enthusiasmus, mit welchem die einzelnen Boxer, teils nur mit Lanzen und Sperren bewaffnet und ohne große Eile zu zeigen, gegen die Stellungen der Verbündeten losgingen. Erst nach dem Bekanntwerden der Eroberung der Taku-Forts durch die Verbündeten begann eine regere Thätigkeit beim Feinde. Der deutschen Niederlassung mit seiner Besatzung wurde besonders die Nähe der von Chinesen besetzten, auf dem andern Peiho-Ufer gelegenen Kriegsschule unangenehm. Der Feind unterhielt von dort ein andauerndes Feuer. Um sich dieses lästigen Gegners zu entledigen, beschloß KapitänleutnautKühne, die Kriegsschule zu nehmen und zu zerstören. Am 17. Juni nachmittags 2x/2 Uhr, als das Feuer besonders heftig war, überschritt er auf Kähnen mit 50 deutschen, 50 englischen, 40 österreichischen und 20 italienischen Soldaten den Peiho, und ohne einen Schuß gelangte die kleine Schar über den Wall in das Thor hinein. Beim Sturm auf und in das Gebäude, in welches die Mannschaften durch Thüren und Fenster kletterten, fiel ein Deutscher. Von Raum zu Raum wurden die chinesischen Kriegsschüler zurückgetrieben und alles rücksichtslos niedergemacht, was Widerstand versuchte. Nachdem die ganze Besatzung hinausgcworfen war, wurden die neuen Kruppschen Geschütze durch Herausnehmen der Verschlüsse unbrauchbar gemacht, die Gewehre M/88, Säbel, Karabiner teils mitgenommen, teils in den Fluß geworfen und dann der Rückzug angetreten, nachdem das Gebäude in Brand gesteckt war. Die heroische That befreite das Fremdenviertel von dem zur Zeit unangenehmsten feindlichen Feuer. sBcricht des Kaxitain-Leutnant Kühne über Einnahme der chrnef. Militärschule.j Am Morgen des \7. erhielten wir per Telephon die uns überraschende und zugleich hocherfreuende Nachricht von der Einnahme der TakuForts. So erfreulich diese Thatsache auch war, so gab uns dieselbe doch reichlich Stoff zu ernstem Nachdenken, wir alle hatten geglaubt, daß die Einnahme dieser Forts ein Leichtes sein würde. Entweder würden die Chinesen sie gutwillig übergeben oder doch nach einigen Granaten aus den Geschützen der Kanonenboote davonlaufen. Daß sie es aber wagen würden, selbst die Schiffe mitten in der Nacht anzugreifen und sich so lange und energisch verteidigen würden, daß der Sieg der Verbündeten nur mit großen Verlusten und Beschädigungen der Schiffe erkauft werden konnte, das hatte niemand vermutet. Es wurde uns nun klar, daß auch wir in Tientsin sehr ernsten Kämpfen entgcgengehen würden, und es kani jetzt darauf an, die Zeit, welche uns die Chinesen noch ließen, gehörig auszunutzen, um alles für die Verteidigung vorzubereiten. Die Zahl der Boxer in Tientsin betrug nach den Angaben des Direktors der Universität Tsai weit über fOOOO Mann. Die Truppenmacht des Generals Nieh war etwa 6000 bis 8000 Mann stark. Die letzteren waren europäisch gedrillt und bewaffnet; dazu kamen später noch Verstärkungen aus dem Lager von Lutai. — Tientsin war außerdem das kfauptwaffendexot von China. Drei große Arsenale dienten teils zur Aufbewahrung der ungeheuren Vorräte an Gewehren und Geschützen modernster Art mit enormen Munitionsmengen, welche fast durchweg aus Deutschland stammten, teils fabrizierten sie selbst Pulver, Dynamit, Munition und Gewehre. Alle Arsenale waren mit starken Wällen und Gräben befestigt und innen mit den neusten Maschinen und Einrichtungen ausgerüstet. Sie hatten ihre Entstehung dem schlauen Li-Hung-Tschang zu danken, und seit dem japanesischen Kriege haben die Chinesen hier mit enormem Eifer gearbeitet. — Das Hauptarsenal und Waffendepot lag etwa 8 engl. Meilen iin NW. der Stadt bei Hsiku. Außerdem befand sich ca. 3 Meilen im NG. das Ästoder Peiyang-Arsenal, hauptsächlich Pulverund Dynamitfabrik, und schließlich lag im w. innerhalb des Lehmwalles dicht bei der City das West-Arsenal oder Haikwantsu, welches besonders als Patronenund Gewehrfabrik diente. Außer diesen Arsenalen waren noch an verschiedenen Plätzen Waffenund Munitionsdepots errichtet, besonders in dem bei der City liegenden Fort und den umwallten Truppenlagern, Hier waren auch eine große Anzahl moderner Geschütze von 5—\5 cm Kaliber aufgestellt, mit denen die Chinesen später die Stadt bombardierten. — Das war die Ausrüstung des Feindes, wenn man bedenkt, daß unsere kleine Zahl mit knapper Munition und nur wenigen kleinen Geschützen sich dieser Uebermacht gegenüber iit einer offenen Stadt zu verteidigen hatte, so ist es wirklich ein großes Wunder, daß wir uns haben halten können. wenn die Chinesen nur bessere Truppenführer gehabt und ihre Angriffe energisch an verschiedenen Seiten angesetzt hätten, so wäre wahrscheinlich unser Schicksal besiegelt gewesen. — wir richteten uns nun sofort auf dem Lehmwall zur Verteidigung ein, schlossen die beiden Thore und brachten unsere Geschütze in Stellung; es waren dies zwei 6 orn-Bootsgeschühe, ein 8 cm-Maschincngewehr und ein Grusonsches 5,3 ern-Schnellfeuergeschütz in Feldlafette, welches uns von der Firma Larlowitz zur Verfügung gestellt war. —• Tin sehr gefährlicher Punkt für unsere Stellung war die auf der gegenüberliegenden Seite des Peiho befindliche chinesische Militärschule und das alte Fort nnt dem wall, von hier aus konnten die Chinesen unsere ganze Stellung auf dem Lehmwall int Rücken bestreichen, während wir an dem Peiho-Ufer fast gar keine Deckung besaßen. von einein deutschen Instrukteur, Herrn Tenner, der an der Militärschule angestellt war, erfuhr ich, daß sich dort 6 ganz neue Kruppsche 5,7 cm-Schnellfeuergeschütze in Feldlafetten und eine Menge Gewehre M/88 mit reichlich Munition befänden, welche »ns großen Schaden zufügen konnten. Die Militärschule mußte also jetzt, so lange es noch Zeit war, genommen werden, und ich ließ mir zu diesem Zwecke eine eingehende Beschreibung derselben geben. Ls war ein Komplex von Gebäuden, welcher mit einem wall umgeben und durch 2 Thore zugänglich war, deren eines nach dem Flusse, das andere nach dem sich int Westen anschließenden Chinesendorf zu führte. In der Rkitte befand sich die Chinesenschule, wo auch die Geschütze und Waffen lagerten, nach dent westthore zu die Rkandschu-Schule — ein mehrstöckiges, massives Gebäude — und rechts, nach Ästen, ein hohes aus Wellblech errichtetes Ballonhaus, dessen drei ans Frankreich stammende Ballons bereits längst vermodert waren. Im übrigen standen noch einige kleinere Wohnhäuser auf dem ausgedehnten Platze. — von den Schülern waren die Chinesen bereits seit mehreren Tagen auf Ferien geschickt, während von den älteren Mandschus wahrscheinlich noch ein großer Teil zurückgeblieben war, und von diesem konnte man sich auf einen hartnäckigen Widerstand gefaßt machen. — Da unsere Leute nicht einnial ausreichend waren, den Wall auf die Dauer zu halten, so konnten sie nicht noch einen so großen Komplex wie die Militärschule dazu besetzen. Ich beschloß aber auf alle Fälle die Schule zu stürmen, die Geschütze und Waffen unbrauchbar zu machen und die Gebäude möglichst zu zerstören. — Im Laufe des vormittags waren alle Vorbereitungen für diese Aktion getroffen, welche ich auf 2 Uhr 30 Min. nachmittags ansetzte. Da ich nicht wissen konnte, welchen widerstand wir dort finden würden, so nahm ich die angebotene Unterstützung von 50 englischen Seesoldaten und ^5 Bestreichern an. 25 Italiener unter ihrem Leutnant Larlotta hatten sich schon vorher unter mein Kommando gestellt, und es war ihnen speziell die Strecke am Flusse zur Bewachung anvertraut worden. Die Russen hatten versprochen, mit jOO Mann gleichzeitig von der Landseite her anzurücken, während wir den Fluß übersetzten, an dessen Ufer eine große Anzahl Zantpans bereit lag; die "Hansa"-Pinaß und die englische Dampfbarkaß sollten den Uebergang unterstützen. — Ts wurde abgemacht, daß sich die Truppenteile um 2lj2 Uhr i» der Victoriastraße beim Hotel "AstorHouse" sammeln sollten, Kapitänleutnant Kühne. 89 yyyyyyyyyyyyyyyyyyyy!? Die Kämpfe um den Besitz von Tientsin. 000000000000090000000 90 Chinesische Straße im französischen Settlement in Tientsin gedeckt gegen Sicht von der Militärschule, von unseren Leuten sollten mit gegen die Militärschule gehen: 35 Mann von "Irene"Mannschaften unter Leutnant z. S. Mönch und 25 Mann Seebataillon unter Lt. Mentzel. Der Rest mit Ausnahme der Thorwachen — 50 Mann von "Kaiserin August«" sowie die Geschützmannschaften mit den 2 Bootsgeschützen und dem 5,3 em-Schnellladegeschütz und Maschinengewehr sollten als Reserven und Deckung am Bund Aufstellung nehmen. Die Freiwilligen waren teils zu deu Thorwachen kommandiert, teils als Radfahrer und Meldereiter. Bereits um 2 Uhr waren unsere Leute marschfertig und rückten ungeduldig einige Minuten später schon nach demSammelplatze. Dort trafen auch bald die fremden Kontingente ein. U)ie ich kurz vor 1/2o Uhr die Truppenbefehlshaber versammelte, um ihnen den Situationsplan und die ihnen zufallenden Aufgaben mitzuteilen, ertönte plötzlich über unseren Köpfen ein scharfer Knall und gleich darauf ein zweiter und dritter in unserer unmittelbare» Nähe, Sand und Steine wurden umhergeschleudert — es waren krepierende Granaten und Schrapnels, der erste Gruß der Chinesen aus dem City-Fort. Das kam sehr unerwartet, und da die Geschosse auf dem Flusse und dicht neben uns einschlugen, so hatte es fast den Anschein, als hätten die Kerle von unserem Vorhaben wind bekommen. Jetzt wurde jede Minute kostbar, denn man konnte nicht wissen, ob nicht auf unserer Front am walle, den ich fast ganz von Leuten entblößt hatte, ein Angriff erfolgen würde. Ich ließ die Mannschaften in Deckung treten und bestieg den Turm eines Hauses am Bund, um nach den Russen auszublicken. — Ls war nichts zu sehen, trotzdem es bald 5 Uhr war. Dafür pfiffen aber die Geschosse immer häufiger an unseren Köpfen vorbei, und auch vom Bahnhof her hörte man heftiges Gewehrund Geschützfeuer. Als ich wieder heruntergestiegen war, kam ein russischer Offizier und meldete, die Russen könnten keine Unterstützung schicken, da sie selbst am Bahnhof hart bedrängt seien. So mußten wir es denn ohne die Russen versuchen, was immerhin sehr gewagt war, wenn der Feind in großer Stärke schon die Schule besetzt hielt. — während die Abteilungen unter dem Krachen der einschlagenden Geschosse antraten, gab ich den Führern noch einige An91 oyyoyyyyyyyyyyyyyyvyyyyyyyyyy wirren 1900/190*. OOOOOOQOOQOOOOOOQOOOC>OOCOCC?C>0 92 Weisungen, welche wegen des Ausfalls der Russen nötig geworden waren. Die "Irene"-Mannschaften sollten mit den Engländern die Mandschuschule umstellen, die Gestenreicher, Italiener und das Seebataillon die Thinesenschule. Lin Teil des Seebataillons blieb in Reserve. Kommandos ertönten und einen Augenblick später eilte alles im Laufschritt dem Flusse zu, während die Geschütze hinterherrasselten. In wenigen Minuten waren wir über den Fluß gesetzt, ohne daß wir von der Militärschule aus einen Schuß erhalten hätten. Allerdings krepierten einige Schrapnels in unserer Nähe, wobei auch die Dampfpinaß Sprengstücke erhielt, aber es wurde niemand verletzt. — Wir drangen nun durch das offen stehende Südthor in das Innere der Militärschule. — Alles ruhig. — vor uns lag ein bar zu machen, so durchsuchte ich dann mit dem Seebataillonszug und den Italienern die Thinesenschule und fand dort schließlich, ohne auf widerstand zu stoßen, in einer Halle 6 neue 5,7 cm* Schnellfeuergeschütze, welche mit Rlunition und vollständig neuem Sattelzeug für die Bespannung in tadellosem Zustand wie zur Inspizierung aufgebaut waren. In einem anderen Raume standen eine große Anzahl von neuen Gewehren M. 88, ebenfalls mit Munition, und eine Menge Gffiziersäbel, nach preußischem Muster mit blitzender Stahlschneide. — Leider konnten wir diese für uns sehr wertvollen Schätze nicht zu uns hinüberschaffen, da es uns an Zeit und geeigneten Fahrzeugen mangelte. Ls konnten jeden Augenblick chinesische Verstärkungen aus dem Arsenal eintreffen oder auch unsere jetzt ganz entblößte Front bedroht werden, während gleichzeitig der 411 ii Fort des Gouverneurs von Tientsin. großer freier Platz, dahinter der Komplex der Thinesenschule, deren Thüren geschlossen waren, und links weiter zurück die in europäischem Stil gebaute Mandschuschule; letztere war ebenfalls geschlossen. Ich ließ nun das offene Westthor schließen und besetzen, und dann wurden die Gebäude gleichmäßig umstellt. Kein Thinese war zu sehen; erst als ich die Mandschuschule umschritt, bemerkte ich ein paar Köpfe, welche sich hinter den Fenstern versteckten. Wie dann aber von den "Irene"-Mannschaften versucht wurde, ein Thor nach dem Hof zu öffnen, krachte plötzlich ein Schuß, und der Matrose Andres fiel lautlos zu Boden; er hatte einen Schuß durch die Brust erhalten und war sofort tot. Gleich darauf fielen mehrere Schüsse von der Mandschuschule her, worauf von unseren Leuten und den Lngländern das Feuer auf die Fenster eröffnet wurde. — Linige Augenblicke herrschte ein furchtbares Geknatter, dann wurden die Fenster und Thore eingeschlagen und der Kampf in dem Gebäude fortgesetzt, in welchem sich die Thinesen längere Zeit hartnäckig verteidigten, aber schließlich sämtlich von den "IrenesLeuten und Lngländern vertrieben und niedergemacht wurden. Da mir vor allen Dingen daran lag, die Geschütze unbrauchAngriff auf dem Bahnhof an Heftigkeit zunahm. So ließ ich denn zunächst die Geschütze unbrauchbar machen, indem wir die Verschlüsse in den Fluß warfen. Während wir noch hierbei beschäftigt waren, erhielt ich die Meldung, daß sich auch vor dem Taku-Thor bei der etwa 3000—^000 in entfernten Streichholzfabrik und den Dörfern am Flusse größere Thinesenmassen sammelten. Wir mußten daher zurück, und ich schickte zunächst unsere Reserven mit den Geschützen nach dem Wall, während wir noch die übrigen Gebäude in der Militärschule absuchten, von den Lngländern wurde noch eine Abteilung Matrosen zur Unterstützung geschickt, welche wir jedoch nicht mehr brauchten. wir sammelten uns dann und traten unter Mitnahme einer Anzahl Gewehre und einer vom Kaiser Kuanghsü der Militärschule gestifteten Fahne den Rückzug an. Die Mandschuschule wurde in Brand gesteckt, und es gewährte einen schönen Anblick, wie das hohe Gebäude mit seinen Türmen in Flammen stand, während gleichzeitig die darin lagernden Patronen in unaufhörlichem Geknatter explodierten, als ob dort noch das heißeste Gefecht herrschte. — Als wir wieder an das andere Ufer gelangten, wurden wir von den dort versammelten Europäern mit Hurra begrüßt. Mit dem 18. Juni begann ein ununterbrochenes starkes Bombardement auf die Stelllingen der Verbündeten; gleichzeitig erneuerten die Chinesen ihre Angriffe auf die Russen am Bahnhofe und auf die Engländer mit solcher Heftigkeit, daß die Russen um Hilfe baten. Die "Jrene"-Leute und die Seesoldaten wurden hiugesandt, kamen jedoch nicht in vorderster Linie zur Verwendung. Sie mußten mittags schleunigst zurückgeholt werden, da auch der deutsche Abschnitt von Boxern aus der Richtung des West-Arsenals bedroht war. Unter Leitung des Kapilänleutnants Kühne wurde ein Angriff von der "Kaiserin Augusta"Maunschaft, den Secsoldaten und von 46 Österreichern abgeschlagen. Inzwischen waren den anderen Nationen noch von Taku Kathedrale und Fort bei Tientsien. aus Verstärkungen zugeführt worden, doch übertraf die Gesamtstärke der Verteidigungstruppen nicht 2000 Mann. Zum deutschen Detachement stieß noch der Leutnant von Gilgenheimb mit einer armierten Dampfpinasse. Dauernd wurde auf Anordnung des Kapitänlcutnants Kühne an der fortifikatorischen Verstärkung der deutschen Verteidigungslinie gearbeitet. Mittels großer Wollenballen und Sandsäcke bauten die Deutschen Deckungen und Traversen, so daß schließlich die Truppen in sicherer Stellung lagen. Auch hatte Kühne schon seit dem 10. Juni die gerade vor der deutschen Stellung gelegene Universität durch die See soldaten besetzen lassen, zu denen später noch ein Zug (23 Mann) Japaner trat; das Gebäude wäre in der Hand des Feindes eine dauernde Bedrohung gewesen. Am 19. Juni morgens griffen die Chinesen vom östlichen Peiho-Nfer aus der Gegend der Kriegsschule die deutsche und die am Bund gelegene italienische Stellung an und beschossen mit zwei Geschützen die Universität. Nach Eintreffen der "Jrene"-Mannschaft am Forts am peiho. Bund wichen die Chinesen vor dem Jnfauterieseuer und vor einem mittlerweile in Stellung gebrachten 5,3 em-Geschütz zurück, setzteir aber am Nachmittag von einem alten Fort bei der Kriegsschule und der dort liegenden Stadtumwallung aus ein äußerst heftiges Feuer bis zum Abend fort. Hierbei wurde der italienische Offizier schwer verIvundet, desgleichen ein deutscher Obermatrose schwer, ein anderer und ein Heizer leicht. Die Chinesen unterhielten auch in den nächsten Tagen ein fortdauerndes Geschützund Gewehrfeuer auf die Fremden-Niederlassung, ohne ihre Angriffe einznstellen. Unter ersterem hatten besonders die Stellungen am Bahnhof und in dessen Nähe zu leiden. Die französische Niederlassung brannte fast ganz nieder. sDer österreichische Linienschiffsleutnant Inörak erzählt von den Kämpfen am 19. Inni:f "Um 2 Uhr nachmittags eröffneten die Chinesen mit 4 Geschützen aus dem Fort und aus der im Nordende der Stadt ausgestellten Feldbatterie ein fürchterliches Feuer auf das Stationsgebäude der Eisenbahn, das noch immer von 400 Russen besetzt gehalten wurde, während zwei andere Geschütze den Mall zwischen Len, Takuund Racc-corseThor bombardierten. Uni 3 Uhr stand die Station in Flammen und war derart zusammengeschossen, daß sich die Russen in die 95 yyyyyyyyyoyyyyyyyyyyyyyyyyyyy wirren (900/(9011. COOOOOOOOOOOOOOODOOOOOCOOOOOO [96 Belgisches Konsulat. 2linerikanisches Konsulat. Russisches Konsulat. Munizipalität und Lazarett. Japanische Ansiedelung englisches Konsulat. Aonsulatsgebäudeän Tientsin.' Lisenbahnwaggons zurückziehen mußten, wo sie sich, so gut es ging, verschanzten. Zu dem Geschützfeuer gesellte sich ein mörderisches Gewehrfeuer, welches die Chinefen, die inzwischen in die an die Stadt angrenzenden Dörfer vorgerückt waren, auf die Stadt und die Lisenbahnstation eröffneten. Dieses Gewchrfeuer wurde von niemandem erwidert, da bereits alle Nationen Mangel an Munition litten, jedoch standen die Russen und Franzosen hinter den kugelsicheren Barrikaden bereit, ein weiteres Vorrücken der Thinesen kräftigst zurückzuschlagen. Die russischen Geschütze erwiderten lebhaft das Bombardement und lenkten auf diese Art teilweise das Geschützfeuer der Thinesen von dem Stationsgebäude ab. Um 2 Uhr verstummte plötzlich das Geschützund Gewehrfeuer, und ungefähr 300 Mann chinesischer Truppen versuchten aus dein von der Station ca. 250 m durch freies Feld getrennten Dorfe einen Sturin auf die Bahn. Die Russen eröffneten nun ein derartiges Schnellfeuer, daß die Thinesen, noch bevor sie die halbe Strecke durchlaufen hatten, innehielten und sich wieder in das Dorf zurückzogen. Da die Russen während des nachmittägigen Gefechtes bereits gegen (00 Mann an Toten und verwundeten hatten, und auch schon die Waggons zu brennen begannen, so wurde die Position unhaltbar und die Russen wollten sich, als die Thinesen nach einer Viertelstunde wieder zum Sturme schritten, zurückziehen. Da kam aber gerade ein Zug mit 500 Russen aus Taku an, die sofort in das Gefecht eingriffen, und so wurde auch der zweite Sturm der Thinesen zurückgeschlagen, und ihr Angriff löste sich in regelloser Flucht auf. Die Thinesen verloren bei diesem Angriffe gegen (200 Mann an Toten und verwundeten, während die Russen 7 Tote und I5 verwundete hatten. Da sich während dieses Gefechtes in der Stadt das Gerücht verbreitete, die Thinesen hätten die Lisenbahnstation genommen ulid rücken bereits in das französische Settlement ein, so wurde in fieberhafter Lile alles zu einem Straßenkampfe vorbereitet, welcher sich um das englische Settlement abspielen sollte. Zedc Straße wurde durch Wollballen verbarrikadiert und ein Meldereiter erklärte mir den einzigen noch offenen Weg, durch welchen ich mich im gegebenen Falle mit meiner Mannschaft zurückziehen sollte. Zu gleicher Zeit kam vom Taku-Thor aus die Meldung, daß einige hundert Mann chinesischer Truppen gegen den Wall Heranrücken, weshalb ich und die Deutschen den Wall besetzten und diese Nachricht sofort dem Kapitän Bayly melden ließ. Nach einer halben Stunde sah ich jedoch diese gemeldeten Truppen, circa 600 Mann, auf 2—3 Meilen vom Walle vorbei und in die Tity marschieren, weshalb ich meine Leute bis auf die Posten wieder abtreten ließ. Um 4; Uhr hörte das Bombardement der Thinesen auf. Durch einen englischen Freiwilligen wurde nur die Nachricht überbracht, daß vom Arsenale bsaikwantsu aus einige Hundert bewaffnete Boxer gegen den Recreationground vorrücken. Daher verließ ich meine Stellung am Wall, welche für die Zeit meiner Abwesenheit die Deutschen einnahmen, und rückte in Schwarm linien gegen die Boxer vor. Gleichzeitig mit mir kam auch ein Zug deutscher Seesoldaten mit einem Maschinengewehr. Ungefähr 800 m vom Feinde ließ ich in einem Graben die Schwarmlinie, welche sich voin englischen Geschütz am Wall bis nahe an die Spinnfabrik erstreckte, halten, um das Vordringen der Boxer zu beobachten. Dieselben liefen einzeln von einer Deckung hinter die andere, dabei ihre Waffen in den Händen schwingend, um zu zeigen, daß sic unverwundbar seien. 2(uf jeden einzelnen wurde von der Fabrik aus, wo sich die englischen Freiwilligen befanden, ein lebhaftes Feuer eröffnet, ohne aber von großer Wirkung zu sein. Auch das alte englische Geschütz feuerte einige Male, ohne daß man die Wirkung der Geschosse beobachten konnte. Ich ließ auch einige Schüsse auf die vorrückenden Boxer feuern, da ich jedoch sah, daß die Lntfernung zu groß sei, so beschloß ich, bis in die Fabrik vorzurücken. Wir drangen daher unter heftigeni Gewehrfeuer der Boxer im Laufschritt vor und überstiegen die rückwärtige Umfassungsmauer. In der Fabrik befand sich der englische Major Luki, der mich ersuchte, mit meinen Leuten die Fabrik so lange besetzt zu halten, bis englische Marine-Truppen uns ablösen würden. Nun rückten nur mehr wenige Boxer bis auf 500 m hinter ein Haus vor, auf welche ich, um Munition zu sparen, nur durch bessere Schützen feuern ließ, plötzlich sah ich wieder die Boxer ihre Stellung verlassen, in derselben Weise wie früher zurücklaufen, und als sie sich ziemlich in Deckung befanden, ergriffen sie die Flucht zum früher genannten Arsenal. Gleichzeitig sah ich aus dieser Gegend den Matrosen 3. Masse Zvan Lassan im Laufschritt heranrückcn, welcher die Meldung überbrachte, 25 tote Boxer gesehen zu haben, während die anderen, als sie seiner ansichtig wurden, die Flucht ergriffen. Gbgenannter Matrose hatte bei der ersten Gefechtsstellung am linken Flügel hinter dem englischen Geschütz am Wall gestanden und war, als ich den Befehl zmn Vorrücken gab, hinter den Wall gegangen und, denselben als Deckung benützend, vorgerückt. Als er nachher uns aus der Fabrik auf die Boxer schießen sah, versuchte er ihnen in die Flanke zu kommen und rückte in Deckung bis auf etwa 300 m an sie heran, von wo aus er auf sie feuerte, und als dieselben seiner ansichtig wurden, so ergriffen sie in der Meinung, von jener Seite angegriffen zu werden, die Flucht. Dbgenanntem Matrosen erteilte ich wegen Unaufmerksamkeit bei seinem Linrücken einen verweis, seines tapferen Verhaltens wegen eine Belobung. Ferner muß ich mich noch lobend über die beiden ArtillerieInftuktoren «puartiermeister Wenzel Sirowy und Marsgast Georg Sobotka aussxrechen, welche durch ihre guten und sicheren Schüsse die Bewunderung einiger Zuschauer erregten, indem sie nämlich beide auf große Distanzen einige Boxer erschossen, so daß mich am nächsten Tage in der Stadt alle Leute zu dem guten und mutigen Verhalten meiner Mannschaft und zu den guten Schützen beglückwünschten." Der dauernde Alarmzustand, die fortwährende Spannung und Aufregung, der Sicherheitsdienst und die notwendigen fortifikatorischen Berstärkungsarbeiten in glühender Sonnenhitze übten auf alle Truppen einen schwächenden Einfluß aus. Dazu hatten die fortdauernd ausgeführten Erkundungen ergeben, daß die Fremden von starken Trnppenmassen eingeschlossen waren. Selbst die Verbindung mit Takn war unterbrochen, auch gelang es nicht, Nachrichten an die dort stehenden Verbündeten gelangen zu lassen, um die dringend notwendige Hilfe herbeizuholen. Da außerdem die Munitionsvorräte, besonders bei den Russen und Engländern, und die Lebensmittel nur noch für zwei oder drei Tage ausreichten, ferner die Verbindung mit Takn seit dem 17. Juni gänzlich unterbrochen war, erbot sich ein junger Engländer, Jim Watts, einer der besten Herrenreiter unter den Europäern Chinas, den gefährlichen Weg nach Takü zu reiten, um Entsatz zu holen. Das Anerbieten wurde vom russischen Befehlshaber, als dem ältesten der anwesenden Kommandeure, dankend angenommen, und am Abend des 20. Juni, 830, bestieg Watts ein KosakenPferd und verließ, mit Säbel und Revolver bewaffnet, die Befestigungslinie der Verbündeten. Nach einem zwölfstündigen gefahrvollen Ritt, welcher sonst in dreien gemacht wurde, erreichte der kühne Reiter Takn und konnte die dringende Bitte um Hilfe überbringen. Am Abend vorher war auch schon ein französischer Offizier in Takn aus Tientsin angelangt. Derselbe hatte versucht, zu Schiffe nach Takn zu gelangen, fand aber den Fluß durch versenkte Dschunken versperrt und mußte daher den Weg zu Fuß fortsetzen. Der Ritt bezw. Marsch der bcideil braven Männer verdient besondere Erwäh"ung nicht nur wegen der Kühnheit der That, sondern auch, weil er den Belveis lieferte, in welcher gefahrvollen Lage sich die Fremden in Tientsin befanden, und in welch wildem Aufruhr das ganze Land ringsum anfgelodert war. Der Entsatz. Inzwischen hatten allerdings die verbündeten Admirale von selbst schon Maßnahmen zum Entsätze von Tientsin getroffen. Hierzu erbat sich der deutsche Chef des Kreuzergeschwaders, da Landungskorps der Kriegsschiffe nicht mehr verfügbar waren, Unterstützung vom kaiserlichen Gouvernement Kiautschou. Dieser befahl am 19. Juni dem Kommandeur des III. Seebataillons, sich mit 2 Kompagnien in der Stärke von je 120 Mann auf S. M. S. "Irene" nach Taku einzuschiffen. Mehr Kürschner, China II. Truppen konnte das kaiserliche Gouvernement wegen des notwendigen eigenen Schutzes der Kolonie nicht entbehren. Das Halbbataillon war wie folgt besetzt: Kommandeur: Major Christ. Adjutant: Leutnant Cretius. Marine-Oberarzt: Dr. Nüsse. 1. Kompagnie: Hauptmann Genö. Leutnant Friedrich. 2. Kompagnie: Hauptmann v. Knobelsdorfs. Oberleutnant Hagemeister. Kaiserlicher Dolmetscher: vr. Betz. Am 21. Juni morgens traf die "Irene" auf der Taku-Reede ein und sofort begann die Ausschiffung in Flußkähnen, welche, von dem eben aus der Heimat eingetroffenen Kanonenboot "Jaguar" geschleppt, das Halbbataillon nach Tongkn brachten. Dort trat es unter den Befehl des russischen Generals Stößel. Das neugebildete Landungskorps bestand hauptsächlich aus Russen und zählte ungefähr 2000 Mann. In Tongkn hatte es den ersten Aufenthalt und mußte die Nacht dort bleiben, da eine Nachricht eingegangen lvar, wonach der chinesische General Mah von den Peitang-Forts aus mit 1500 Mann auf Tongkn im Anmarsch lväre. Infolgedessen erbot sich Major Christ, mit einer deutschen, zwei russischen Kompagnien und 4 Maschinengewehren nördlich Tongku die Sicherung zu übernehmen. Leutnant Friedrich erhielt mit 50 Russen und 50 Deutschen eine Feldwache, während der übrige Teil der Vorposten in leeren Schuppen Ortsbiwak bezog. Unter ihrem Schutze begann noch in der Nacht die Verladung des übrigen Detachements (2 russische, 1 deutsche Kompagnie, 4 Geschütze, 4 Maschinengewehre), mit welchem General Stößel bis in die Nähe von Tientsin vorrückte. Die bisherigen Vorposten folgten, da die erwähnte Meldung sich als irrtümlich erwies, am 22. Juni vormittags 9 Uhr nach nnd konnten sich nach 4stündiger Eisenbahnfahrt und, da die Bahnlinie mehrfach zerstört war, nach einem etwa ebenso langen Marsche dem andern Teile des Detachements, mit welchem ein gemeinsames Biwak bezogen wurde, um 4 Uhr nachmittags, 10 km von Tientsin entfernt, wieder anschließen. Vorgetriebene Kosakcn-Patrouillen brachten die Meldung, daß das Arsenal nordöstlich Tientsin stark besetzt sei, außerdem ging die Nachricht ein, daß der Versuch von 400 nachgeeilten Engländern und Amerikanern, nach Tientsin vorzudringen, mißglückt war. Am 23. Juni, 6^ vormittags, wurde der Marsch auf Tientsin fortgesetzt. General Stößel gab hierzu folgenden Befehl: 1. Tientsin belagert, das Ost-Arsenal vom Gegner besetzt; 2. der Vormarsch wird rittlings der Bahn fortgesetzt werden. Anschluß ist nach dem Bahndamm zu halten; 3. der Hauptverbandplatz ist von den Russen und Deutschen gemeinsam zunächst am Bahnwärterhaus (10 km östlich Tientsin) zu errichten. Major Christ hatte gebeten, mit seinen Kompagnien in erster Linie marschieren und fechten zu dürfcu Und hatte den linken Flügel zugewiesen erhalten. Die Kompagnie von Knobelsdorfs mit einem vvrgezogenen Halbzug unter Oberleutnant Hagemeister marschierte in vorderster Linie, die Kompagnie Geno links rückwärts, Patrouillen bis an den Peiho entsendend. Schon kurz nach Beginn des Vormarsches um 650 vernahm man östlich des Bahndammes lebhaftes Gewehrund Geschützfeuer; die russischen Kompagnien hatten Fühlung mit den Truppen im Ost-Arsenal gewonnen. Es fand demgemäß eine Rechtsschwenkung der ganzen Linie westlich des Bahndammes statt. Die Kompagnie Gens gelangte hierbei rechts der Kompagnie von Knobelsdorfs in die vorderste Linie; zwischen ihr und die russischen Truppen schoben sich mittlerweile herangckommene 400 Manu englischer und amerikanischer Truppen ein. Beim weiteren Vorgehen überschritt ein Teil der Kompagnie Gens als die ersten Truppen die unter dem Feuer des Ost-Arsenals liegende, über einen Wasserlauf führende Eisenbahnbrücke; der Rest der Kompagnie ging durchs Wasser. Die Kompagnie blieb zunächst am Bahndamm. Gleichzeitig hatte am äußersten linken Flügel die Kompagnie von Knobelsdorfs den Wasserlauf auf einer Holzbrücke überschritten und stellte sich hinter dem linken Flügel der Kompagnie Gene zu ihrer Unterstützung bereit. Uni 9x/2 Uhr vormittags setzte die Kouipagnie Gen6 im Verein mit russischen Truppen ihr Vorgehen gegen das Ost-Arsenal fort und stand um 10 Uhr auf 600 m Entfernung im lebhaften Feuergefecht mit der Besatzung. Da überbrachte der Adjutant, Leutnant Cretius, über das unter heftigem Feuer liegende Gefechtsfeld die Mitteilung des Generals Stößel: "Ich beabsichtige nicht, heute noch das Arsenal zu nehmen, sondern gedeckt hinter dem Eisenbahndamm weiter in Richtung Bahnhof Tientsin abzumarschieren." Dies war ein Abbrechen des Gefechts und ein Abmarsch in anderer Richtung im feindlichen Feuer, der, geboten von dem Wunsche, den in Tientsin Bedrängten möglichst schnell zu Hilfe zu eilen, nur daun gelingen konnte, wenn die Besatzung des Ostforts festgehälten ward. Major Christ erbat sich, diese Aufgabe zu übernehmen. Während die nunmehr nur aus Russen bestehende Kolonne des Generals Stößel längs des Bahudammes, die englische und amerikanische Kolonne weiter westlich auf Tientsin vorging, ordnete Major Christ die Loslösung der Kompagnie Gens von der nächsten Nähe des Feindes au. Um dies Loslösen zu erleichtern, hatte sich Major Christ vom General Stößel eine russische Batterie erbeten, die mit Hilfe der Kompagnie von Knobelsdorfs die steile Böschung des Bahndammes herauf gebracht ward. Unter dem Schutze ihres Feuers zog sich die Kompagnie Gens an den Bahndamm zurück, wobei der Kompagniechef die Schützenlinie abging und die Mitführung der Verwundeten anordnete. Das Beispiel des Hauptmanns Gen6, der selbst beim Mituehmen der Verwundeten Hand anlegte, ermutigte die Kouipagnie zum tapferen Aushalten und zur Bethätiguug einer vorzüglichen Feuerund Gefechtsdisziplin. Es gelang dem Major Christ, seine schwere Aufgabe, allerdings mit dem Verlust von 1 Offizier (Leutnant Friedrich) tot, 1 Sergeant, 7 Mann tot, 1 Feldwebel, 1 Unteroffizier, 23 Mann verwundet, zu lösen. Die Kolonne des Generals Stößel war mittlerweile um 325 nachmittags bis dicht an Tientsin heraugekvmmen und fand Fühlung mit dem Feinde. Während des Feuergefechts ging die russische Besatzung des Tientsiner Bahnhofsgebäudes von Norden gegen die chinesische Schützenlinie vor, die dem Anmarsch des Generals Stößel entgegentrat. So, unter zwei Feuer gebracht, hielten die Chinesen nicht stand. Mit ihrem Rückzug um 4 Uhr nachmittags war die Vereinigung der russischen Truppen von Süden und Norden hergestellt und der Entsatz von Tientsin gelungen. Major Christ. 7* 101 OWCOOOOOOOQOOOOOOW Die Kämpfe um den Besitz von Tientsin, yyyyyvyyyvvvvyyvyyvy 102 Die Tagesaufgabe war schwer gewesen. Die Truppen waren von 5 Uhr früh bis nachmittags 4 Uhr unausgesetzt bei glühender Hitze, starkem entgegenivehendem Sandsturm, ohne jedes Wasser und nur mit wenig Hartbrot im Kampf und Marsch gewesen. siNajor Christ über die deutschen Kämpfer.] "Die Haltung der Leute im Gefecht, ihre Feuerdisziplin, verdient um so größere Anerkennung, weil sic der Mehrzahl nach erst im ersten Dicnstjahre stehen. Die Ruhe und Sicherheit bei Ausführung der von mir erteilten Befehle, die alle Bewegungen wie auf dem Exerzierplätze verlaufen ließ, machte auf die Verbündeten neben der Kaltblütigkeit und Tapferkeit der Truppe einen hervorragend guten Eindruck, wie mir General Stößel am Schluß des Gefechts unter lebhaftem Dank für die wirksame tluterstützung versicherte." Hauptmann ©eite entwirft von diesem heißen Tage folgende anschauliche Schilderung: skjauptmann Genü über die Ereignisse des 23. Juni 1900.] "Am 23. Juni früh um Uhr wurde aufgebrochen und die von General Stößel befohlene Schlachtaufstellung eingenommeu. Unsere Kompagnie hatte den linken Flügel, ich links gestaffelt. Gegen 3 Uhr begann das vorrückcu. Rechts der Bahn begann bald ein heftiger KampfAb und zu flog eine Granate oder Gewehrkugel über uns weg. wir Deutschen sind in allem unfern Thun schneller als alle Nationen, die ich hier kennen gelernt. So auch heute. Da der General sich ziemlich schwach gegenüber den in befestigten Lagern befindlichen Feinden fühlte, wurde zag vorgegangen. Mir aber müssen vorwärts. Im verlaufe des Kampfes wurde eine Rechtsschwenkung gemacht, bei dieser Gelegenheit kam ich in die vorderste Linie; eine Kompagnie Russen neben mir. Jur weiteren Vorgehen stießen noch 200 Amerikaner zu uns, die wir in die Mitte nahmen. Bald erhielten wir Feuer — Gewehrfeuer aus Maschinengewehren — was die Amerikaner sogleich zum Halten brachte. Da ich keine Lust hatte, mich schon hier hinzulegen, ging ich weiter, der Russe sofort auch. Um den Amerikaner vorzubekommen, ließ ich hinter ihm meinen zweiten Zug schwärmen und dieser brachte Dnkel Sam mit. Russen und ich schoben einen Teil unserer Schützen auch später dicht hinter die tapferen Amerikaner, die so gezwungen wurden mitzugehen. Die Chinesen schossen wild, trafen aber nichts, liefen auch fort, als wir näher kamen, sprengten allerdings noch die Eiscnbahnbrücke. Ich erreichte sehr bald die Brücke, kletterte am Geländer, so gut es ging herüber, mein erster Zug mir schnell nach. Kaum war dies geschehen, so ging auf der anderen Seite eine Flattermine los, die viele Russen verletzte. Wenn wir nicht so schnell gewesen wären, hätte uns die Mine erwischt. Meine beiden anderen Züge folgten mir durch den Fluß, der tief war, denn ich sah einzelne schwimmen, andere bis an den Hals iin Wasser. Rach dieser Besitzergreifung des anderen Ufers schob ich einen Zug über die Bahn gegen ein mit hohem Wall umgebenes Lager. Die Russen waren auf dem rechten Flügel auf das sehr stark besetzte und befestigte Arsenal gestoßen. Der General beschloß, dieses noch nicht anzngreifen, sondern seine Truppen hinter den Bahndamm zu ziehen und dann links der Bahn erst die Stadt zu stürmen und die Europäer zu befreien. Ilm diese Bewegung ausführen zu können, mußte ich — der General ließ erst fragen, ob ich wollte — gegen das Fort vorgehen und den Feind auf mich ziehen. Es begann nun für meine Leute ein sehr ungleicher Kampf. Das Fort liegt (000 m von der Bahn ab, ich mußte also vor und heran. Die Thinesen benahmen sich gut. Mein erster Zug, bei dem ich war, ging bis 600 m heran, hier bemerkten wir hinter Schießscharten einige Köpfe. Ulein Feldwebel und ich erschossen die Entfernungen, wir konnten an dem Bahnwall die Einschläger sehen. Der Feind, der genau die Entfernung abgesteckt hatte, eröffnet« das Feuer, für uns verteufelt gut. Um genügend Gewehre gegenüber zu stellen, entwickelte ich meine ganze Kompagnie. Wir schossen so gnt es ging, aber gegen Wall und Schießscharten ohne Wirkung. Die feindlichen Kugeln fielen hageldicht. Deckung war nirgends, keine Ackerfurche, kein Graben. In dieser Stellung lagen wir etwa eine Stunde, Hier zeigte sich unsere Disziplin. Meine Leute führten jeden Befehl aus. Ich ließ oft stoppen, da ich einsah, daß unser Schießen nichts wirkte und wollte Patronen sparen. Nur wenn die zu Tode Getroffenen laut schrien, ließ ich lebhaft feuern. Die verwundeten schwiegen auf meinen Zuruf, sich ihren Schmerz verbeißend. Ich stand manchmal auf, ging die ganze Linie ab und kehrte auf meinen Platz zurück, betrübt, immer mehr Gefallene gezählt zu haben. Mein einziger Gffizier, Lt. Friedrich, fiel ziemlich zuerst. Er lebte noch etwa 20 Minuten. Seine Schärpe und Ring nahm ich ihm ab. Gräßliche Bilder waren zu sehen, namentlich bei denen, die in der Gegend des Magens getroffen wurden. Ich lag in der Mitte der Linie, dort, wo bekanntlich die Treffer am besten sitzen. Meine verzweifelte Lage einsehend, sandte ich den Seesoldat Platz heim zurück mit einer Meldung; er machte im Verlauf des Gefechtes dreimal den Weg und brachte immer die Meldung, ich sollte aushalten. Nach dem Gefechte wurde er zum Gefreiten befördert. Die andere Kompagnie (Knobelsdorfs) wollte mir zu Hilfe kommen, durfte aber nicht, es wäre auch zwecklos gewesen, sie hätte nur Verluste gehabt. Ich ging nochmals die Linie ab, sah mir die Toten an, befahl die verwundeten aufznnehmen und abznrückcn. Mein Bursche war auch gefallen (Stegmeier). Er trug mein Gewehr 88 Pirschbüchse, dies wurde ihm kaput geschossen, er kam, dies mir zu melden und erhielt neben mir einen Schuß in den Kopf, er war gleich tot. Beim Räumen der Stellung mußten 25 verwundete getragen werden. Ich nahm zwei. Gleich sprangen mir 2 Leute bei, die mir halfen, trotzdem der Feind nun sehr heftig feuerte. Beide wurden zu Gefreiten ernannt. Bei den Russen angckommen, wurden wir stürmisch begrüßt. Der General ließ präsentieren und Hurra rufen. Ich war sehr betrübt, der Verlust von 9 Mann und 25 verwundeten schmerzte mich. Ich hatte nur eine Quetschwunde am rechten Arm erhalten. Die verwundeten wurden von: russischen Arzt schnell verbunden, dann ging's vorwärts gegen die Stadt. Wir hatten immer noch einen an Zahl uns weit überlegenen Gegner gegenüber. Inzwischen war ein Zug Kosaken durchgebrochen, war in die Stadt gesprengt und kam mit der Nachricht zurück, daß dort noch alles lebe. Das rief eine freudige Stimmung hervor. Die Engländer und Franzosen hatten, voni anderen Ufer des pciho konnnend und ohne auf den Feind zu stoßen, die Stadt erreicht, die den Bahnhof besetzt haltenden — oder besser gesagt, ausreißcnden Feinde geschlagen. Die Stadt war in unseren Händen. Die Truppen präsentierten, wir brachten ein Ejurra auf Sc. Majestät aus. Nun ging es, cs war Abend geworden, ins Biwak. Wir waren ziemlich erschöpft, hatten seit den: 2\. nur einmal wenig gegessen; Hunger spürte man nicht, aber Durst. Mit Gier stürzten wir uns auf den pciho und trotz allen: Händcringen der Aerzte tranken wir das von unzähligen Leichen verseuchte, ganz lehmige Wasser. Später gaben uns Russen zu essen. Zwar brachten Kaufleute für die (Offiziere etwas heraus, doch nahmen wir nichts, da die Leute auch nichts hatten. Ruhe war nicht. Gegen (2 Uhr kamen die verwundeten, da gab's zu Leutnant Friedrich. 103 YVYYYYYVVVVVVYWYVVVWYYYYYY ivirre» 1900/1(901. CJOOOOOOOOOOOCOOOOCPOOCPOOOOOOü 104 pflegen, Wasser zu holen, Tragen zu mac^eit. Lüvas später griff der Feind an, es ging wieder los. Die Russen hatten hierbei Verluste. Am Tage darauf wurden wir mit Granaten beschossen. Die deutschen Instrukteure haben nicht blos dafür gesorgt, daß die chinesischen Truppen vorzüglich bewaffnet sind, sie haben ihnen auch gelehrt, gut zu schießen, dazu die riesige Ueberzahl. Man schätzt den Feind auf 20000 Mann, wir waren 5000. Jedenfalls stimmen die Zahlen ungefähr. Ls ist schwer, vorzugehen. Das ganze Land ist besät von Forts. Jedes der Lager ist mit zahlreichen Wällen umgeben. Dazu kommt, daß jedes Dorf befestigt, und jeder Bauer mit dem neuesten Gewehr und zahlreicher Munition ausgerüstet ist. Beim Absuchen, Niederbrennen und Zerstören fanden wir in jedem bsause ( Riste zu (000 Patronen. Ruhe gab's auch am kommenden Tage, dem 2%. Juni, nicht, wir requierierten, ich mit meinen Leuten auf dem Bahnhofe, der dauernd beschossen wurde. Der chinesische Bauer weiß sich wie eine Maus zu verstecken und sitzt weitab, mit hohem visier schießend. Der Spionierdienst ist bei ihnen vorzüglich. Die Rcrls verstehen es, in Bäumen, auf hohen Punkten Zeichen, meist rote Fahnen anzubringen, die der Artillerie die Richtung fürs Schießen angeben, von mittags bis 7 Uhr lagen wir wieder im Rampf, der damit begann, daß eine Granate neben unseren Gewehren einschlug, wir, wie der Deiwel, Gewehr genommen und an den wall gelaufen. Die zweite schlug direkt ins Lager, eins dritte zwischen unsere beiden Rompagnien. Die Chincsen haben zu unserm größten Glück noch nicht gelernt, die Zünderrichtig zu schrauben. Die meisten Granaten krepierten indessen nicht. Nach diesen drei Granaten wurde die russische Artillerie vorgenommen. Es schlug ein; eine in die Pferde, tötete zwei, eine in die Mannschaftszelle, wobei der Arzt verwundet wurde, vier oder fünf richteten keinen Schaden an. Ghne genaue Zeichen können die Rerle nicht so gut schießen. Abends wurde der Hilferuf des Admirals Seymour ins Lager gebracht. Mangel an Lebensmitteln und Munition zwangen ihn zur Umkehr. Ihr könnt Tuch schwer einen Begriff davon machen, wie abhängig hier eine Truppe von ihrer Verpflegung ist. Die Lebensmittel der Thinesen sind für uns ungenießbar, und Rochvorrichtung, bfolz, Wasser sind überhaupt nicht zu haben. Lin Fuhrwerk ist nach unseren Begriffen nicht verwendbar, Hier kommen nur zweiräderige Rarren vorwärts." Das am Abend von den Russen und Deutschen des Entsatzkorps gemeinsam bezogene Biwak lag zwischen der südöstlichen Stadtunrwallung und dem Eisenbahndamme. Hier trafen auch um Mitternacht die Verwundeten ein, deren Transport vom Truppenverbandplatz bis dorthin mit großen Schwierigkeiten verknüpft war, bei steter Bedrohung durch chinesische Kavallerie, unzureichenden Transportmitteln, Wassermangel, Hitze und Sandsturm. Das rastlose und unlsichtige Wirken des Marine-Oberassistenzarztes Dr. Nüsse vom III. Secbataillon wurde durch den russischen Stabsarzt Dr. Violin auf das anerkennungswertestc unterstützt. Ihre ärztlichen Anordnungen waren sehr behindert gewesen durch einen den ganzen Tag dauernden Sandsturm und Heuschrecken. Die Wunden, welche durchweg vom 7,9 mm-Nickelstahünantelgeschoß des Mannlicher-Gewehrs herrührten, wurden dadurch mit Schmutz bedeckt und die Ärzte am Sehen behindert. Dabei verursachte der Staub einen verzehrenden Durst. sLin Beteiligter über das Biwak leben.) "wir teilten mit den Russen das Biwak vor der Stadt. Dicht an den: Zelt des russischen Generals hatten unsere Rompagnien für ihr Biwak den Ehrenplatz erhalten. Auf großen Empfang waren wir allerdings nicht eingerichtet: Proviant und Gepäck fuhren, wer weiß wo, im Inneren Asiens umher, mühsam suchten wir, wie die Eichhörnchen, unsere Nahrung und fanden sie auch, denn die braven Tientsiner Bürger sorgten so gut, wie sie konnten für uns. Den Russen lernten unsere Leute bald das Requirieren ab,'und so wurden denn zusehends die Fleischtöpfe immer größer und die Rochkessel entsprechend voller. Zum Anbeißen sahen wir übrigens nicht aus, seit vier Tagen wandelten wir in denselben Sachen, und mit der Toilette war es auch ein heikles Ding, vielleicht mag dies der Grund gewesen sein, daß uns die sonst bei den Manöverbiwaks so zahlreich erscheinende Damenwelt schnitt; sehr zu empfehlen war der Aufenthalt im Biwak wahrlich nicht, die chinesischen Forts im Norden der Stadt sorgten für fleißige Unterhaltung und erfreuten uns anhaltend durch eiserne Grüße, alle Augenblicke wurde alarmiert, und die häufigen Sandstürme waren eine recht überflüssige Zugabe. Außerordentlich praktisch verwerteten die russischen (Offiziere ihre Samowars, selbst auf denr Gcfcchtsfelde wurde auf einzelnen Bagagewagen heißer Thee verzapft. Amüsant, wenigstens für die rauhen Rriegsleute, war der Anblick, wie die Russen zu ihrem Schweinebraten kamen. Auf die kleinen schwarzen chinesischen Ferkel, die aus den brennenden, chinesischen Dürfen in das Lager flüchteten, wurde von den Rosaken so lange hermngespießt, bis sie quiekend ihr Dasein aufgaben. wenige Minuten später schmorten sie mit Lsant und Haaren an Spielen über mächtigen Feuern. Die Wasserversorgung stieß auf große Schwierigkeiten; wie sich aber der Mensch an alles gewöhnt, so auch hier schließlich an das gelbe peiho-wasser, in welchem unausgesetzt Chincsenlcichen umhcrschwammen.. Der 24. Juni begann mit der feierlichen Beerdigung der gefallenen russischen und deutschen Soldaten, welche im genlcinsamen Kampfe ihr Lebcir hatte:! lassen. Die Befreiung des Sehmourschen Expeditionskorps. Am Abend 6 Uhr desselben Tages erfuhr General Stößel von der verzweifelten Lage des Seymourschen Landungskorps. Nach Rücksprache mit dem Major Christ und den andern fremden Truppenführern beschloß er, am nächsten Morgen mit einen! Teile der müssen. Aufgebahrt neben dem Zelte des russischen Generals, eingehüllt in weiße Tücher, die Stirn mit frischen! Grün bekränzt, lagen die stnminen Zeugen tapferer Känipfe, um in fremder Erde ihre letzte Ruhestätte zu finden. Ein russischer Geistlicher segnete die Leichen ein, und General Stößel selbst sprach mit bewegter Stimme die letzten Abschiedsworte. Dazu donnerten von den chinesischen Forts die Kanonen und Pfeifend sausten die Granaten über die Tranergenieinde hinweg. Truppen den Entsatz herbeizuführen und gab sofort die nötigen Befehle. Noch in der Nacht zun! 25. Juni, l Uhr, wurde der Vormarsch ans das Fort Hsiku angetreten, die Kompagnie von Knobelsdorfs in der Avantgarde. Gegen N/4 Uhr morgens gelang es, die Chinesen aus mehreren Positionen südlich genannten Forts herauszulverfen und um 11 Uhr die Vereinigung mit Admiral Sehmour zu beiverkstelligen. [<£iit Gffizier des III. Seebatcnllons über den Linzng der Kolonne Sernrour.l Noch in derselben Nacht ging ei» 107 yyyyyyyyyyyyyyoyvvvvyvyyyvyy wirren 1900/(90*. <?00C0000000©0©000000CX300000C 108 aus Russen, Engländern und Amerikanern und unserer Kompagnie v. Knobelsdorfs zusammengesetztes Detachement unter Führung eines russischen Obersten auf Fort psiku los und brachte a,n nächsten Nachmittage, nach kurzem, aber heftigem Gefechte mit regulären chinesischen Truppen der Kolonne Seymour den ersehnten Entsatz. Die ini Biwak als notwendig zurüekgelassenen Truppen besetzten während der Nacht ihre Stellungen und blieben bis Tagesanbruch mit Gewehr im Arm schußbereit. Eiu seltenes Stimmungsbild. Die russischen, deutschen und englischen Kommandos der vorrückenden Lntsatzkolonne wurden allmählich immer verschwommener; als einen schwarzen Punkt sah man die Kolonne schließlich im Dunkel der Nacht verschwinden. Ringsum leuchteten die brennenden Dörfer wie Glutfackeln zum lfinimel empor, ganz in der Ferne blitzten die Scheinwerfer der bei Tongku liegenden Kanonenboote auf, düster und unheimlich lag das 3 krn entfernte Arsenal da, in welchem nur hin und wieder einige verdächtige Laternen schaukelten, gerade als ob dieselben mit der chinesischen Fortbesatzung ini Norden Zeichen verabredeten. In der Schützenlinie der ganzen Verteidigungslinie kein Laut; aus den Dorftrümmern hin und wieder das heisere Bellen eines gesättigten Thinesenköters. Mit welchem Abscheu sah man sonst diese feigen, verhungerten Tiere in der Dorfstraße die Abfälle anflcsen; ein gewisses Gefühl der Dankbarkeit regte sich jetzt gegen diese Vierfüßler, die an den Leichen herumschmausten und sich mästeten, uns aber hierdurch vielleicht vor bösen Epidemien bewahrt haben. Es wird ein seltener, historischer, unvergeßlicher Augenblick bleiben, als am Morgen des 26. die Truppen der Kolonne Seymour an den Spalier bildenden deutschen und russischen Truppen vorbei unter den Klängen der russischen Kapelle durch das Südostthor Tientsins einrückten. Russen, Deutsche, Franzosen, Engländer, Italiener, Gesterreicher, Auierikaner mit den verschiedensten Uniformen und Waffen, Landund Marinetruppen, mehr oder weniger ermattet, verwundete auf Karren, oder sich mühsam schleppend, Bagagewagen, Maximgewehre u. s. w., so zogen sie an den aufgestellten Biwaktruppen, die vor den tapferen Kriegern präsentierten, vorüber. Ja, wenn dieses Bild ein Kinematograph festgehalten hätte; beschreiben läßt sich das nur schwer." Der Sturm aufs Nordost-Arsenal. Doch den aufs äußerste erschöpften Truppen konnte keine Ruhe gegönnt werden. General Stößel kam zu der Überzeugung, daß er bei der immer noch gefährlichen Nähe starker Boxerbanden im Westen der Stadt sich vor allem seine rückwärtige Verbindung nach Tongku absolut sichern müsse. Diese behinderte immer noch das schon auf dem Hinmärsche erwähnte, damals liegen gelassene Nordost-Arsenal mit seiner starken, noch unversehrten Besatzung. Der russische General beschloß daher, dasselbe zu nehmen. Nachdem noch am Abend des 27. Juni und am 28. Juni morgens die 12 em-Geschütze des englischen Kreuzers "Terrible", welche schon bei der Verteidigung von Ladysmith in Thätigkeit getreten waren, und einige russische Geschütze den Sturm vorbereitet hatten, wurde der Angriff um 1030 morgens beschlossen und angesetzt. Vorstehende Skizze (vgl. S. 105/6) veranschaulicht den Aufmarsch der verbündeten Truppen, wie er um IO3" bewerkstelligt worden war. Um diese Zeit begannen die Deutschen und Russen ihre Schützenlinien bis ans etwa 500 bis 600 m heranzuführen, die anderen Truppen folgten, so daß ans dieser Entfernung ein konzentrisches Schützenfeuer ans das Arsenal gerichtet lverden konnte. Schon um 123ü mittags begann das feindliche Feuer erheblich schwächer zu lverden. Als die Verbündeten ans 350 in an die Uniwallung des Arsenals herangekommen waren imb gerade das letzte Stadium des Angriffs durchschreiten wollten, bemerkte Hauptmann von Knobelsdorfs chinesische Soldaten, welche im Begriff waren, eine Mine zu entzünden. Gelang dies, so waren schwere Verluste unausbleiblich. Nur dem raschen Handeln des Hauptmanns von Knobelsdorfs und seiner Schützen war es zu verdanken, daß dieser Versuch vereitelt wurde. Inzwischen gelang es der Artillerie, das Arsenal in Brand zu schießen und dadurch die Explosion der großen Pulvervorräte herbeizuführen. Infolgedessen blieb den verbündeten Fußtruppen die letzte Arbeit erspart, denn die chinesische Besatzung, 1500 Mann, zog es vor, nach allen Windrichtungen zu entfliehen, und zwar so schnell, daß die deutschen Matrosenkompagnien ihre Absicht, dein Feinde den Rückzug abzuschneiden, nicht mehr ansführen konnten. Das Arsenal blieb von den Russen besetzt. Um 5 Uhr nachmittags traf das Seesoldaten-Halbbataillon wieder auf seinem Biwakplatze ein. Nach dem Einrücken des von Usedvm'schen Landungskorps in den deutschen Teil des Fremdenviertels hat dieser das Kommando über alle deutschen Truppen übernommen und veranlaßt, daß dieselben gemeinsam in der geräumigen Universität untergebracht wurden. Auch die Kompagnien des Majors Christ sollten nunmehr unter den Befehl des Kapitäns von Usedom treten und demnach den mit den Russen gemeinsamen Biwakplatz verlassen. [<£irt Offizier vonr UI. Seebataillon über den Abschied von den russischen Aameraden.j "Unsere russischen Kameraden sahen uns mit großem Bedauern scheiden. General Stößel stellte uns znm Ennnarsch in die Stadt sofort die Regimcntsniusik zur Verfügung. Im Parademarsch defilierten die Kompagnien an dem russischen Befehlshaber vorbei, schwenkten zur Linie ein, worauf derselbe in kurzer Rede ansführte, daß er uns sehr missen würde und sich wünsche, stets mit so ausgezeichneten Truppen kämpfen zu können. Er hoffe, daß auch die Zukunft die deutschen und russischen Kämpfer Schulter an Schulter zusammenführen möge. Nach begeisterten Hurrarufen auf unseren Kaiser, einer Gegenrede von Major Christ und lang anhaltenden Hurras auf den russischen Zaren marschierten unsere Kompagnien im strammen Tritt von dein Biwakplahe zur Stadt ab; an der Spitze die russische Kapelle und an beiden Seiten russische Truppen, die uns mit jubelnden Hurras empfingen; die russischen Offiziere, der General an der Spitze, liegen es sich nicht nehmen, uns noch zu umarmen und zu küssen. So eng hatten uns die wenigen aber ernsten Tage auf dem Schlachtfeldc zusammengeführt." Am nächsten Tage telegraphierte General Stößel an den russischen Kriegsminister: sGeneral Stößel an den russischen Ariegsminister.s Tat», 50. Juni lsiOO. "Während des gestrigen Kampfes trat deutsches Landnngskorps, Offiziere und Mannschaften, unter unser» Befehl; ihr Verhalten war über alles Lob erhaben; sic haben hervorragende Tapferkeit, gründliche Ausbildung, Umsicht und Manneszucht gezeigt. Das Landungskorps hat große Verluste erlitten." t Ein schöneres Lob ans fremdem Munde konnte den braveit deutschen Soldaten nicht zu teil werden. 109 yyyyyyyyyyyyyyyyyyyy Die Kämpfe um den besitz von Tientsin. 00000900000000090000 110 Verschlimmerung der Lage. Am Abend um 7 Uhr trafen die Seesoldaten bei der Universität ein, sv daß Kapitän z. S. von Usedom hier über folgende Truppenstärken verfügte: Expeditionskorps: 12 Offiziere, 430 Unter offiziere und Mannschaften (von 20 Offizieren, 489 Mann am Ausrücketage ab Tientsin ain 10. Juni). Bisherige Tientsin-Besamung: 5 Offiziere, HO Unteroffiziere und Mannschaften. Das deutsche Klubhaus in Tientsin. 2 Seesoldaten-Kompagnien: 55 Offiziere, 217 Unteroffiziere und Mannschaften. Die kleine Abteilung des Leuttiants Wenzel von der bisherigen Tientsiner Besatzung trat zu ihrem Truppenteile zurück und wurde der Kompagnie Gene zugeteilt. Sämtliche Verwundeten fanden vorzügliche Aufnahme im deutschen Klub, wo die Tientsiner Landsleute alles Mögliche für Pflege und Unterbringung thaten. Die Kegelbahn war schon für das SeebataillonDetachement als Lazarett eingerichtet. Mit der ihnen eigentümlichen Geschicklichkeit wußten die deutschen Mannschaften sich schnell in den neuen Wohnräumen einzuleben und den Aufenthaltwohn^ch zu machen. Die chinesischen Küchen und andere notwendige Räumlichkeiten,für den allgemeinen Gebrauch waren schnell in brauchbaren Zustand gesetzt, auch ein Backofen und Destillier-Apparat in Betrieb gesetzt, so daß bald gutes Wasser verteilt werden konnte. Die Zahl der Kranken, unter denen sich am 4. Juli 48 Erkrankungen an dem äußerst ermattend wirkenden Darmkatarrh befanden, nahm daraufhin in erfreulicher Weise ^asch ab und betrug am 16. Juli nur noch 16. Leider traten schon in diesen Tagen dringendster Olefahr zu den schon unangenehmen Begleiterscheinungen der Sprachverschiedenheit Meinungsverschiedenheiten und Reibereien unter den Nationen hervor, welche sich im Laufe der nächsten Woche noch vermehren sollten, zum Schaden einer einheitlichen Leitung der Bewegungen und Kämpfe. Unter dieses Kapitel gehört auch der kleinliche Protest des amerikanischen Konsuls gegen die Belegung der Universität durch deutsche Truppen, weil die Leiter dieses Instituts Amerikaner wären und diese auch besondere Rechte auf Gebäude und Grundstücke hätten. Natürlich konnte auf solche Quängeleien nicht Rücksicht genommen werden in einem Augenblicke, wo die Existenz der gesamten Fremden in Tientsin auf dem Spiele stand. Denn der mißglückte Seymour-Zug hatte den Mut der Chinesen gehoben und ihre aggressive Stimmung vergrößert. Unzweifelhaft waren sie zu der Überzeugung gekommen, daß sie vermöge ihrer Überlegenheit und dem noch anhaltenden Fanatismus der Massen jetzt noch über die kleine Macht der Verbündeten Erfolge erringen könnten, daß diese Aussicht aber bei den fortdauernd eintreffenden Verstärkungen täglich geringer werden müßte. Der nur lokale Erfolg der Verbündeten gegen das OstArsenal und zur Befreiung des Pekinger Expeditionskorps hinderte den Feind nicht, vermöge stetigen Zuzugs, unter dem sich in immer stärkerer Weise Teile der regulären kaiserlichen Truppen befanden, den Belagerungsring um Tientsin dichter und enger zu ziehen. Die Situation der Verbündeten wurde daher um so schwieriger und unangenehmer, als die aus Peking am 29. Juni eintreffenden Nachrichten von der verzweifelten Lage der Gesandtschaften und der Ermordung des deutschen Gesandten eine große moralische Depression ausübten. Ein an demselben Tage zusammengerufener Kriegsrat der Kommandeure kam zu der Überzeugung, daß man vorläufig über nicht genügende Munition und Truppen verfügte, um den Ring der Belagerer zu brechen und die Chinescnstadt zu stürmen. Es wurde ernstlich erwogen, ob man die Stadt nicht aufgeben und sich auf Takil zurückziehen sollte. Abgesehen von dem moralischen Erfolge, der damit dem Mongolentum bereitet worden wäre, hätten die Verbündeten die Befreiung der Gesandten auf gar nicht abzusehende Zeit verschoben. Vernünftigerweise wurde daher der Gedanke fallen gelassen und mit Recht angenommen, daß sich die Lage mit den täglich eintreffenden und zu erwartenden Verstärkungen dauernd bessern würde. Nachdem noch am Abend desselben Tages 800 Japaner eingetroffen waren, mochten die Verbündeten wohl über etwa 5000 Mann verfügen — genaue Zahlen lassen sich bei den täglich eintreffenden kleineren oder größeren Verstärkungen fast aller Nationen nicht angeben — gegen mindestens 20000 Chinesen in und um Tientsin. Am 1. Juli unternahmen die Russen gegen den Bahnhof und das Gebäude nordöstlich davon eine Erkundung. Bei diesem Vorgehen wurden sie zunächst nur von den Japanern unterstützt. Die übrigen Kontingente fehlten infolge von "Mißverständnissen" unter den Füh111 w?oc><?oqooooooooooc»?<?<?ooo<?c«?o wirren sy00/f>M. OOCOQOOOOOOOOOOOOOOOOOCOOOQO 112 rern. An die deutsche Abteilung war überhaupt keine Aufforderung ergangen. Infolgedessen sahen sich die Russen, welche bei der Chinesenstadt auf starke feindliche Stellungen stießen, sehr bald von den offensiv vorgehenden Chinesen in eine bedrängte Lage gebracht. Es gelang ihnen zwar, standzuhalten, aber nur unter großen Verlusten und nachdem sie schließlich doch noch Verstärkungen von den Engländern erhalten hatten. Besonders hart entbrannte der Kampf an der vom Bahnhofe in die französische Niederlassung führenden Schiffsbrücke, der sich die Chinesen durch die französische Niederlassung genähert hatten. Den chinesischen Angriff begleitete ein heftiges Artilleriefeuer. Erst nach Eingreifen von Truppen der andern Kontingente und von zwei frischen russischen Kompagnien endete der Kampf am Abend mit dem Rückzuge der Chinesen. Jedoch schon am 3. Juli erneuerten die Chinesen ihre Angriffe auf den Bahnhof, und diesmal mit besserem Erfolg, wenn auch abermaligen schweren Verlusten. Der Bahnhof und die Schiffsbrücken kamen damit in ihre Hand, wodurch sich die Lage des Fremdenviertels weiter ungünstig gestaltete. Da sich außerdem östlich der Eisenbahnbrücke über den Lutaikanal eine chinesische Batterie festsetzte, und auch im Süden der Stadt, im Rechteck des Detringhauses sich Bvxerbewegungen geltend machten, kam der Tientsiner Besatzung folgender Befehl des Chefs des deutschen Kreuzergeschwaders sehr ungelegen: [litt LNajor Christ.) Taku-Reede, 2. Juli [0 Uhr vorm. "Der Gouverneur des Kiautschou-Gebietes hat um sofortige Zurücksendung der in Tientsin stehenden Seesoldaten-Kompagnien gebeten. Sie erhalten daher den Befehl, so schnell wie möglich mit allen Ihnen unterstellten Truppen nach Tongku zurückzukehren, wo Ihnen weitere Befehle zugehen werden." Damit endete die Thätigkeit der beiden SeesoldatenKompagnien in Tientsin, da sie zum dringendeil Schutze des deutschen Pachtgebietes und seiner wertvollen Anlagen nötig waren. Unter Zurücklassen von 20 Verwundeten und 4 Kranken geschah sofort die Einschiffung auf einem Prahm und mehreren Kuttern unter wirkungslosem feindlichen Granatfeuer. In Tongku gingen die beiden Kompagnien auf den "Knivsberg" und trafen am 6. Juli 71/2 Uhr abends in Tsingtau ein. Die Mannschaften hatten sich in der thatenreichen und anstrengenden Zeit vorzüglich gehalten, auch in ihrem Gesundheitszustände hatten sie sich widerstandsfähig bewiesen. Trotz schlechten Trinkwassers, mäßiger Verpflegung, großer Anstrengungen, Hitze, Nachtkühle, Staubstürme und 6 Biwaks hintereinander waren außer den zurückgelassenen Kranken nur 6 Mann in ärztlicher Behandlung wegen Darmkatarrh gewesen, am Tage des Abmarsches aber schon wieder gesund aus dem Lazarett entlassen worden. Den tapferen Kämpfern von Tientsin, welche durch ihr rühmliches Verhalten auch der Landarmee einen ehrenvollen Anteil an den ersten schweren Kämpfen der China-Wirren gesichert hatten, lvurde naturgemäß in Tsingtau ein warmer und herzlicher Enipfang zu teil. Nach einem am Morgen nach dem Ankunftstage abgehaltenen Festgottesdienst begrüßte Gouverneur Jäschke die Angekommenen mit einer Ansprache, welche mit folgenden ehrenden Worten schloß: [Ansprache des Gouverneurs Jäschke.) "Jeder wäre gerne mitgegangen, das weiß ich; die Zurückbleibenden sahen Luch 2^0, die Ihr den vorausgegangenen 25 nacheiltet, mit Neid ziehen. Luch war die Lhre anvertraut, die Besatzung der Kolonie und Luren Truppenteil zu vertreten, und wir können stolz darauf sein, wie Ihr uns vertreten habt. Trotzdem viele von Luch junge Soldaten waren, so habt Ihr Luch nach Aussage Lures Führers gehalten, wie alte. Ihr habt in den schweren st: Tagen so oft im Feuer gestanden, wie manche Truppen im Kriege [870/71 nicht, und seid dabei vorwärts gegangen wie auf dem Lxcrzierplatze. Line unverhältnismäßig große Zahl von Luch ist dabei auf dem Platze geblieben, ein Zeichen, daß der Gegner bei weitem nicht so zu verachten war, wie bisher angenommen wurde. Das Gpfer an jungem Leben und vielem Blute wird auch in diesem Falle nicht vergeblich sein. Ls hat uns ein Anrecht gesichert aus die Beteiligung an den Vorteilen, welche der endgültige Ausgang des Kampfes den civilisierten Nationen, die daran beteiligt sind, bringen muß, es hat der Welt gezeigt, daß der Soldatengeist in unserm Volke noch ebenso rege ist wie je, denn immer und überall wäret Ihr voran. So statte ich Luch denn nach Lurer glücklichen Rückkehr die wegen der Unruhen im bsinterlande der Kolonie nötig wurde, den Dank der Kolonie und der übrigen Besatzung ab. Ihr könnt Luch freuen, daß Ihr Gelegenheit hattet, ihn zu erwerben und Luerm jungen Truppenteil die ersten Lorbeeren zu erkämpfen; überhebt Luch aber nicht, denn Luere Kameraden, die nicht das Glück hatten, erwählt zu werden, hätten ihre Pflicht gegen ihren Kaiser und ihr Vaterland ebenso glänzend erfüllt." Unterdessen gestalteten sich die Kämpfe in Tientsin immer gefahrvoller für die Verbündeten. Infolge des sehr fühlbareit Ausfalles der beiden Kompagnien des Seebataillons war das deutsche Kontingent nicht mehr m der Lage, den ihm zugewiesenen Teil der Stadtnmivallung zu halten. Nach Verabredung mit den Japanern, welche am Tage zuvor, dem 2. Juli, abermalige Verstärkungen erhalten hatten, wurde diesen die Linie vom Race-Course-Thor bis zum Taku-Thor ausschließlich eingeränmt, von dort bis zum Peiho einschließlich der Universität blieben die deutschen Matrosen-Kompagnien. Ihre Einteilung erfuhr insofern eine Änderung, als außer den bestehen bleibenden "Hertha"-, "Hansa"und "Kaiserin August «"-Kompagnien aus den "Irene"und "Gefion"-Mannschaftcn und Heizern eine 4. Kompagnie unter Kapitänleutnant Wedding vom "Jaguar" gebildet wurde. Der Dienst ward derart eingeteilt, daß die Kompagnien abwechselnd ans dem Walle Wache hielten. Zwei ans Taku angelangte 9,5 em-Feldgeschütze wurden zur Verteidigung der Kasernen so aufgestellt, daß sie einen voll der Takustraße von Süden komurenden Feind in der Flanke ilnter Feuer nehmen konnten. Außer der schon erwähnten Batterie brachten im Laufe des 3. Juli die Chinesen noch eine zweite Batterie nordwestlich des Ost-Arsenals in Stellung. Aus diesen Batterien solvohl wie aus dem Pagode-Fort nahmen sie die russisch-japanischen Stellungen östlich des Peiho, Gefecht mit chinesischen Truppen auf der Bahnstrecke Tientsin—Peking ( 113 0OOOOOCOCCOSC?W?OOQ{?O Die 'Rümpfe um den Besitz von Tientsin, vvvvvvyyyyvvvyyvvvvv 114 sowie die Fremdenniederlassung derart unter Feuer, daß der nicht waffentragende Teil der Bevölkerung in die Keller flüchten mußte und die Russen für den nächsten Tag einen Ausfall gegen diese Artilleriestellungen im Nordosten der Stadt planten. Kapitän z. S. von Usedom sagte die Beteiligung von zweien seiner Kompagnien zu, der Plan eines gemeinsamen Angriffs scheiterte Boxer oder reguläre Truppen war nicht zu unterscheiden — aus dem West-Arsenal vor, wichen jedoch vor dem vom Race-Course-Thor seitens der japanischen leichten Landnngsgeschütze eröffneten Feuer zurück. Die Engländer stellten nun zwischen Race-Course-Thor .und Recreatiou-Ground zwei 12pfündige Schiffsgeschütze auf, deren Wirkung gegen die feindlichen Geschützaufstellungen WM ß':-' mfal DMM Chinesischer Bilderbogen: Kämpfe' in der Chinesenstadt in Tientsin. jedoch, da die Kommandeure anderer Truppenkontingente ihre Mitwirkung zur Zeit versagten. Vielmehr versuchten dm 4. Juli die Japaner und Russen allein mit Unterstützung einer japanischen Gebirgsbatterie einen Angriff ans die nordwestlich des Ost-Arsenals aufgetauchte Chinesenbatterie, doch ohne Erfolg. Jur Gegenteil! Unter dem außerordentlich geschickt und sicher bedienten Feuer der chinesischen Geschütze, welche nicht nur wegen chrer bedeutenden Überzahl, sondern auch lvegeu ihrer konstruktiven Überlegenheit über die verfügbaren Geschütze der Verbündeten die Oberhand behielten, mußten dUse, worunter sich zivei schwere Schiffsgeschütze vom "Terrible" befanden, zeitweilig zurückgezogen werden. Wahrend die Lage im Nordwesten der Stadt durch Annäherung des Generals Nieh mit 3000 Mann vom Lutai^nger am Lutai-Kanal entlang eine weitere Verschlechterst erfuhr, machte sich an demselben Tage bei den Chinesen auch die Absicht geltend, von Westen her die Fremdeu-Niederlassung fester zu umfassen. Nachmittags l30 rückte eine größere Truppe — ob Kürschner. China II. um so eindrucksvoller sich gestaltete, als ihre Lage nicht eingesehen werden konnte. Ihr Feuer wurde durch Wiuksiguale vom Turm des Stadthauses geleitet. Es war am nächsten Tage deutlich zu erkennen, daß die Chinesen über Nacht ihre Stellungen durch Wälle aus Säcken gedeckt hatten. Oft schwieg auch das Feuer der chinesischen Batterien, kurz nachdem die englischen Geschütze ihr Feuer eröffnet hatten. Schwiegen aber die englischen Geschütze, dann begann das chinesische Feuer in aller Stärke. Die Chinesen zogen demnach wohl ihre Geschütze in Deckungen zurück, sobald die ersten englischen Granaten sich meldeten. Es blieb auf diese Art sehr zweifelhaft, ob durch einen derartigen Geschützkampf ein wesentlich bleibender Erfolg diesseits zu erzielen war, der überdies zur Zeit nicht offensiv ausgenützt werden konnte. Die offenbare Bedrängnis, in welche die Verbündeten gekommen waren, und der erneut erwogene Plan, Tientsin aufzugeben, ließ zunächst die Sorge uni den nicht waffentragenden Teil der Bevölkerung und die in dem Lager liegenden Verwundeten, welche zuni größten 8 115 0000000000090000000000009000 wirren tyoo/lyos. 0000000000000000000000009000 116 Pariser Straße in Tientsin nach dem Brande. Teile noch von der Seymourschen Expedition herrührten, anfkommen. Noch war es vielleicht Zeit, diesen Teil der fremden Bevölkerung, dessen Mitführung später bei einem möglichen Durchschlagen höchst lästig und hinderlich gewesen wäre, auf dem Peiho nach Taku und von dort auf die Schiffe überzuführen. Und in der That gelang zunächst die Fortschaffung fast aller Familien der in Tientsin ansässigen Fremden am 5. Juli vermittelst eines englischen Schleppzuges und unter Bedeckung von 20 deutschen Matrosen und dem deutschen Freiwilligenkorps. Die Führung des Transportes übernahm Oberleutnant z. S. Schultz. Nicht ohne Fährnisse infolge des durch Sandbänke und versenkte Dschunken unsicher gewordenen Flußbettes, aber glücklich und vom Feinde wenig und dann nur wirkungslos belästigt, gelangte der Schleppzug nach Taku. Nur wenige deutsche Frauen waren in Tientsin zurückgeblieben. Schon vorher war der erste Transport der Verwundeten und Kranke» auf dem Dampfer "Peiking", welcher der Deutsch-ostasiatischenBank als Pfand verfallen und vonKapitän z.S. von Usedom für Truppentransportzwecke mit Beschlag belegt >var, abgegangen. Unberechtigterweise hatten englische Behörden bisher ans dem Dampfer ihre Flagge gehißt, erst nach einer mit Admiral Seymour getroffenen Vereinbarung wurde er ausgeliefert. Auch diese Fahrt nach Taku, >vo man am 30. Juni eintraf, ging glücklich von statten, wie überhaupt der Verkehr auf dem Peiho sich sicherer gestaltete, nachdem es den Verbündeten gelungen war, ein halbwegs Taku gelegenes Fort zu besetzen. Am 8. Juli erreichte der zweite Verwuudetentransport Taku. Doch blieb die Bahnverbindung nach Taku noch unterbrochen. Hiermit hatte auch die verdienstvolle Thütigkeit des deutschen Freiwilligeukyrps ihren Abschluß gefunden. Herr Kuchenbeißer, der schneidige Führer der tapferen kleinen Schar, giebt über die Thütigkeit seiner Abteilung während der Belagerung folgende Schilderung: über die Thütigkeit des deutschen Lreiwilligcnkorxs.g "Die deutsche Freiwilligeutruppe Tientsins ist ani 2. 3uni in Alarmbereitschaft getreten und bestand zu dieser Zeit ans einem Offizier als Führer, vier Untcrführern und 3s Mann, die sich beim Eintreffen der deutschen Marinetruppen .Iltis" sofort dein Führer Kapitänleutnant Kühne zur Verfügung stellten und ihn ini Machtdienst, als Dolmetscher, Radfahrer und MelSereiter von Abends bis Morgens unterstützten; als aber das Bombardement begann, bezog die Abteilung am \7.3uni Alarmquartiere am Taku-Thorc, um dort für die deutsche Verteidigungslinie eine Reserve zu bilden. Die Truppe übernahm den Meldedienst auch tagsüber und der Rest trat als Iufauterie-Abteilung unter Gewehr. Es mögen hier die Gelegenheiten erwähnt werden, wo die Truppe sich besonders hervorthat. So beim Sturm auf die Militärschule, als die Freiwilligen den Rücken der angreifenden Deutschen und Gesterreicher deckten und Reserve bildeten. Gelegentlich des Boxerangriffes in der Nacht des 15. gegen die französische Niederlassung und den Bahnhof, und am s8. besetzten die Freiwilligen die Stellung am Taku-Thore an Stelle der zur Rnterstützung der Russen abgegangenen Marine-Infanterie und hielten das Thor gegen mehrere Boxerangriffe unter heftigem Feuer der regulären chinesischen Truppen. Ain 20. Juni gelang es dem Führer mit nur wenigen Leuten, die znm Schutze der auf Grund geratenen Dampfpiuasse herbeigeeilt sind, dcti dort festgesetzten Feind zurückzuwerfen und ihm schwere Verluste zuzufügen. Ani 2{. 3"ni nachts verloren die Italiener bei der deutschen Polizeistation ihren Offizier und vier Mann, so daß der Rest der Mache sich von dort zurückzog. Ohne Befehle abzuwarten, drangen sofort acht Freiwillige bis dahin vor und besetzten trotz des lebhaften Feuers aus nächster Nähe den verlorenen Posten wieder und hielten ihn bis zum Eintreffen von Verstärkungen, und tags darauf trieben sie mehrere verdächtige Dschunken durch wohlgezieltes Feuer zurück, sowie sie in den folgenden Tagen in der kritischsten Stelle am rechten Peiho-Ufer die Stellung durch Anlage von Erdwerken und Schießscharten verstärkten. Am 3. Juli begleitete eine Abteilung die deutscheit Frauen und Kinder bis Taku. Als nun größere Truppenmassen eintrafeti, trat die deutsche Freiwilligentruppe außer Thütigkeit. Die Schießabteilung, aus älteren und verheirateten Herren zusammengesetzt, wurde nur in Fällen der höchsten Not zum Feuergcfechtc herangezogen und hatte in der ruhigeren Zeit die Aufgabe, für das Heranbringeu voti Munition und Lebensmitteln zu sorgen, wobei sich besonders der rührige Vorstand der Truppe, Herr Rönchen, verdient machte." Aus dieser knappen Darstellung geht hervor, daß ein aufopferungsvoller und guter Geist in dem kleinen Korps geherrscht hat. Jedenfalls hatte das Korps seiner übernommenen Aufgabe so tadellos entsprochen, daß selbst die fremden Truppenführer mit Worten warmer Anerkennung der deutschen Freiwilligen gedachten. Die Lage in Tientsin wurde voll Stunde zu 8* 117 Die Kämpfe um den besitz von Tientsin. QOQOOOOOQVOOOOOOOOOO 118 Stunde ungemütlicher. Die chinesischen Stellungen im Norden der Stadt waren nach dem Ost-Arsenal bedeutend verstärkt worden. Der ganze Rand der Chinesenstadt bis znr Eisenbahnbrücke schien mit Geschützen besetzt zu sein. Dahinter war deutlich ein Zeltlager erkennbar. Dem Bestreben, sich des höchst lästigen Gegners im Nordosteu der Stadt zu entledigen, entsprang der Entschluß der Russen, abermals in jener Richtung vorzugehen. Unter starker Jnfanteriebedeckung zogen sie vom Ost-Arsenal aus 8 Geschütze vor. Es entspann sich ein heftiges Artillerieduell, welches aber zum Nachteil der Russen endete, indem die chinesischen Geschütze an Tragweite überlegen waren; auf der Beobachtungsstation war deutlich zu erkennen, daß kaiun eine russische Granate ihr Ziel erreichte. Es wurde diese Thatsache von den russischen Offizieren offen zugestandcn. Noch vor Einbruch der Dunkelheit brachen die Russen den ungleichen Kampf ab. Mit der zunehmenden Unsicherheit der Lage machte sich der Mangel eines energisch durchgreifenden Oberführers mehr und mehr geltend. Admiral Seymonr, der rangälteste Offizier, verstand es nicht, sich zu einem großen Entschluß aufzuraffen und seinen Befehlen Nachdruck zu verschaffen. Dieselben gingen vielmehr in der Form von "Ersuchen" an die Kommandeure der anderen Nationen, deren Belieben es freigestellt war, zu gehorchen oder nicht. In den Konferenzen der Führer kamen wohl Beschlüsse zu staude, deren Ausführung folgte aber nicht. Aus diesen Tagen stammen die ersten Rufe nach einem gemeinsamen Oberfeldhcrrn, denen auch bald darauf durch Ernennung des Feldmarschalls Grafen Waldersee zum Oberfcldherrn Folge geleistet wurde. Auch in einem am 6. Juli beim Admiral Scymonr abgehaltenen Kriegsrate fand der Wunsch des russischen Truppenführers, von Osten und Westen her die immer lästiger fallenden chinesischen Geschützstellungen anzngreifen, durchaus die nicht zu versagende Billigung, aber eine rasche Initiative seitens des rangältesten Offiziers kam nicht zum Durchbruch. Es war daher nicht zu verwunderu, daß der defensiv veranlagte Gegner zur Offensive ermutigt wurde, deun das unschlüssige Verhalten der Verbündeten konnte aus der gegnerischen Seite nicht unbemerkt bleiben. Es ist "ls ein Glück zu betrachten, daß and) auf chinesischer Seite eine Oberführung, und damit eine Einheitlichkeit der Unternehmungen und Gefechtshandlnngen fehlte. Denn soirst wäre sehr wahrscheinlich einem gemeinsamen Angriffe des Gegners die numerisch sehr viel schwächere Besatzung der Fremdenstadt erlegen. Dies bewies ein an diesem Tage nachmittags unternommener heftiger Vorstoß von Boxermassen in der Richtung des TakuWeges auf die französische Niederlassung, der, bei beginnender Dunkelheit erneliert, nur unter großen Anstrengungen und Verlusten zurückgeschlagen werden konnte. Während das am 7. Juli erfolgte Eintreffen eines amerikanischen Transportdampfers mit 1200 Mann auf der Taku-Reedc der dilrch die täglichen Gefechtsverluste geschwächten und durch die andauernden Kämpfe ermüdeten Besatzung willkommene Verstärkung in Aussicht stellte, auch 3 englische 3-Pfünder nnb 12 japanische Geschütze eintrafen, mußte man die Beobachtung machen, daß neue chinesische Geschützstellungen auch zwischen der inneren Stadt und dem West-Arsenal eingerichtet waren und sich auch weiter im Süden Anzeichen geltend machten, daß die Chinesen im Begriff waren, mit ihrem rechten Flügel die Stellung der Verbündeten §n umfassen. Eine japanische Aufklärungsschwadron von 80 Pferden stellte fest, daß das Detringsche Haus vom Feinde stark besetzt lvar. — Trotz der durch die 3-Pfünder verstärkten englischen Geschützaufstellung auf dem Recreation-Ground hatte dieselbe einen schweren Stand, bis die 12 japanischen Geschütze zur wirksamen Hilfeleistung eintrafen. Nunmehr konnten sich die Verbündeten der Wahrnehmung nicht mehr verschließen, daß sie in einer Länge von 11 km im Halbkreis umschlossen und einem höchst gefährlichen Kreuzfeuer des Feindes ausgesetzt waren. Jeder Zweifel wurde gehoben, als am Dom Schlachtfeld? bei Tientsin. 8. Juli der rechte Flügel des Feindes vom WestArsenal her weitere Verstärkungen erfuhr und gegen Mittag vom Detringschen Hause Geschützfeuer eröffnet wurde, welches fühlbaren Schaden ini Fremdenviertcl anrichtete. Es gab in demselben überhaupt kein Haus mehr, welches von Geschossen nicht getroffen war. Die französische Niederlassung glich einem großen Trümmerhaufen. Jetzt endlich entschloß man sich zu einem energischen Angriff auf den feindlichen rechten Flügel, dessen Stützpunkte das West-Arsenal und das Detringsche .Haus waren. Ein Vorgehen gegen ersteres war unmöglich, da die Chinesen inzwischen das Gelände zwischen diesem nnb der Fremden-Niederlassung unter Wasser gesetzt hatten. Daher blieb nur ein Vorbrechen längs des TakuWeges nach Süden übrig, um von dort aus, rechts einschwenkend, das Detringsche Hans zu nehmen und die feindliche Stellung bis zum West-Arsenal aufzurollcn. Zu dieser von den Engländern geplanten und von Admiral Seymour geleiteten Unternehmung sagten Japaner, Amerikaner und Russen ihre Beteiligung zu, während den Deutschen der unmittelbare Schlitz der Fremden-Niederlassung und des Wasserweges auf dem Peiho zufiel. An letzterem Flusse entlang hatten dieselben schon in der Frühe dieses 8. Juli mit zwei Kompagnien eine Erkundung vorgenommen, deren Zweck die Feststellung des feindlichen rechten Flügels gewesen war. Das Ergebnis war die Gewißheit, daß die Chinesenstellung . Vizeadmiral Alexejew. nicht bis zum Peiho reichte, sondern in der Umgebung des Detringschen .Hauses eudete. Dieses Resultat war für die Angriffsdisposition des nächsten Tages, des 9. Juli, überaus wertvoll. Die internationale Marschkolonne, welche 4 Uhr morgens das Taku-Thor passierte, hatte folgende Truppeneinteilungen, zugleich Marschordnung : Avantgarden-Kavallerie (Japaner, 150 Pferde), 2 Bataillone Infanterie (Japaner), 1 Pionier-Abteilung mit Brückcntrain (Japaner), 1 Batterie Gebirgsartillerie (Japaner), 1 Pionier-Abteilung (Japaner), 4 leichte Geschütze, von Mannschaften gezogen (Amerikaner), 1 Kompagnie Infanterie (Japaner), 1 Abteilung Matrosen (Engländer), 2 Kompagnien Schiks (Hongkong), 1 Abteilung des Chinesen-Regimeuls Hongkong (Engländer), 1 Sanitätskolonne (Engländer), 1 Abteilung Seejoldatcn (Engländer), 1 Abteilung Matrosen (Engländer ', 1 Abteilung Seesoldaten (Engländer), 2 Kompagnien Infanterie (Russen), Stärke: rund 2800 Mann (1150 Japaner, 1185 Engländer einschließlich 200 Schiks und 185 Chinesen, 355 Russen und 105 Amerikaner). In Höhe des Detringschen Hauses angekommen, entwickelten sich die Japaner nach der rechten Flanke, rechts rückwärts von ihnen die Amerikaner und Eng länder, links rückwärts gestaffelt die Russen, während die japanische Kavallerie nach Süden ausholend den linken Flügel sicherte. Das Vorrücken geschah unter heftigem Feuer des Feindes, welcher aber, durch die Schnelligkeit und Energie des Angriffs überrascht, nicht stand hielt, sondern vor Ausführung des letzten Sturmes in einer Stärke von ca. 3000 Mann über den Kanal ans das West-Arsenal zurückwich. Schon um G1/^ Uhr standen die Japaner in der feindlichen Stellung, wo ihre Kavallerie noch Gelegenheit hatte, in einen stehen gebliebenen Boxertrupp einzuhauen. Mit anerkennenswertem Vorwärtsdrange setzten die Verbündeten, allen voran die sich durch große Bewegungsfähigkeit auszeichnenden Japaner, die Verfolgung des Gegners fort. Rach kurzem wurde das West-Arsenal von den Chinesen geräumt und um 73/4 Uhr vormittags von Japanern und Amerikanern in Besitz genommen. Es blieb bis zum Nachmittage besetzt. Dann wurde es in Brand gesetzt, und die Verbündeten zogen sich wieder, um ihre Stellungen nicht zu weit auszudehnen, in ihre alten Positionen bei der Stadt zurück. Damit ivar die unmittelbare Bedrohung durch den rechten feindlichen Flügel beseitigt, und die englisch-japanischen Batterien am ReereationGround waren von dem unangenehmen Flankenfeuer befreit. 3 Kruppsche Kanvuen und 5 Boxerfahnen bildeten die Siegestrophäen der Japaner, 350 tote Chinesen bedeckten den Kampfplatz. Auf dem linken Flügel dagegen fühlten sich die Chinesen vollkommen als Herren der Situation, was schon daraus hervorging, daß sie an General Stößel die Aufforderung schickten, Tientsin und Taku zu räumen. Die Antwort des russischen Generals lautete, "mit Rebellen unterhandle er nicht." Das Bombardement dauerte in verstärkter Weise fort, der Klub, die deutsche Bank und das deutsche Konsulat wurden täglich getroffen, die Chinesen schossen mit überraschender Sicherheit. Trotzdem fand die so glücklich begonnene Offensive der Verbündeten keinen Fortgang. Nachdem der 10. Juli ohne besondere Vorkommnisse verlaufen war, wurde allerdings für die Nacht vom 10./11. Juli ein gemeinsamer Angriff auf die chinesischen Geschützausstellungen im Nordosten der Stadt geplant: Deutsche, Russen, Japaner und Franzosen sollten von der Nordostecke des Ost-Arsenals im Bogen auf deu Lutaikanal Vorgehen und nach Überschreiten desselben den linken feindlichen Flügel angreifen, um ähnlich wie den Tag vorher vom Taku-Weg aus die feindliche Stellung auf diese Weise aufznrollen. Zwei deutsche Kompaguien rückten auch unter Kapitänleutnant Wedding um 9 Uhr abends über die russische Pontonbrücke an der Kriegsschule nach dem gemeinsamen Sammelplatz am OstArsenal, aber der Plan mußte anfgegeben werden, da das mitgcbrachte Brückennmterial sich für die Kavallerie und Artillerie als zu schwach erwies. Die deutschen Kompagnien rückten daher ebenso wie die Truppen der andern Nationen um 1 Uhr nachts wieder in ihre Quartiere zurück. Die Chinesen hatten jedenfalls von der beabsichtigten. Unternehmung ihrer Gegner Kunde erhalten, denn sic beschossen in dieser Nacht das Ost-Arsenal besonders heftig. Auch scheint ein von ihnen am Morgen des l 1. Juli unternommener Angriff den Charakter eines Gegenangriffs gehabt zu haben. Um 3'/4 Uhr gingen sie mit starken Kräften gegen den Bahnhof vor und griffen mit einer Energie und Heftigkeit an, wie nie zuvor in den Kämpfen in und um Tientsin. Wären die Verbündeten auf ihrem geplanten Vormarsche gewesen, dann hätten möglicherweise die zurückgelassenen geschwächten Kräfte dem Ansturm erliegen können, so kam ihnen aber gerade zu statten, das; bei Beginn des Kampfes die vom Sammelplatz zurückkehrenden Truppen eintrafen. Erst um 6 Uhr morgens waren die Chinesen unter einem Verlust von 700 Mann endgültig zurückgeschlagen. Deil nachdrängenden Japanern gelang es, einen Teil der Chinesenstadt in Besitz zu nehmen. Auch wurde eine energische Beschießung der chinesischen Stellungen an diesem Tage eingeleitet, und es gelang, die Pagode, welche dem Feind als Signalstation diente, und eine Batterie einzuschießen. Die Einnahme der Chincsenstadt von Tientsin. Ob die nun folgende, energisch anfgenommene Offensive seitens der Verbündeten in ursächlicheni Zusammenhänge mit diesen Erfolgen steht, oder ob sic beeinflußt war von dcnl am 8. Juli eingetretenen Kommandowechsel, ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich haben beide Umstände mitgcsprochen, zu denen als dritter derjenige des Kräfteznwachses infolge der in letzter Zeit eingetrofsenen russischen, japanischen und amerikanischen Verstärkungen kam. Der russische Admiral Alexejew, Gouverneur des russischen Pachtgebietes Kwantun, welcher an diesem Tage als rangältester Offizier an Stelle des nach Taku zurückgekehrten Admirals Sehmvnr den Oberbefehl der Tientsin-Besatzung übernahm, fand folgende Truppenstärken vor: Franzosen: Infanterie Artillerie Engländer: Infanterie und Kavallerie Matrosen Japaner: 2 Bataillone Infanterie Kavallerie t Gebirgsbatteric Pioniere Amerikaner: Infanterie und Artillerie =1200 Mann. -550 " —1000 Mann, = 400 " = 2000 Mann, = 150 " = 100 " = 150 " = 1000 Mann, Alles in allem 12000 Kombattanten. Der 12. Juli wurde seitens der Russen dazu benutzt, sorgfältige Vorbereitungen für eine erneute Offensive gegen die Nordost-Stellungen des Feindes zu treffen. Ihrer Initiative, welche von dem japanischen General Fukishima auf das glücklichste unterstützt wurde, ist ein gemeinsamer Angriff zu verdanken, welcher am 13. Juli zu stände kam. Es sollten 3 russische Bataillone, unterstützt von zwei deutschen Kompagnien, einer französischen Gebirgsund 2 russischen Feldbatterien, die Chinesenstellung am Lutaikanal, und gleichzeitig die Kontingente der übrigen Nationen von Westen her in gleicher Weise den dortigen feindlichen Flügel angreifen. Gemäß dieser getroffenen Verabredungen erhielt Kapitän von 11 sedom am Abend um 8^ Uhr durch einen Adjutanten des Generals Stößel die Mitteilung, daß der für den 1.0. Juli geplante Angriff nunmehr am folgenden Morgen zur Ausführung kommen sollte. Unverzüglich ließ Kapitän Deutsche: 4 Kompagnien Matrosen — ca. 450 Mann, Russen: 25 Kompagnien Infanterie = ca. 3750 Mann, 3 Sotnien Kavallerie (Kosaken) 360 1 Abteilung Pioniere = 120 1 Abteilung Eisenbahntruppen = 150 16 Geschütze = 300 " 1 Telcgraphenabteilnng = 60 Matrosen -150 " Der Bahnhof in Tientsin nach dem Bombardement. von Usedom die Kompagnien Wedding ("Gefion" und "Irene") und die Kompagnie Kopp ("Kaiserin Augusta") alarmieren und sandte sie zum Sammelplätze der russischen Angriffskolonne an der Nordostecke des Ost-Arsenals. Er selbst begab sich während der Nacht in das Hauptquartier des Admirals Alexejew. Um 41/2 Uhr morgens eröffneten die russischen Batterien nördlich des Ost-Arsenals das Feuer, unterstützt durch die schweren englischen Schiffsgeschütze am Bahnhofe, welche auf dem Ostwall postiert waren. Das Fort der inneren Stadt begann zu brennen. Unterdessen marschierte der übrige Teil der Sturmkolonne unter Zurücklassen von Deutschen und Russen in hervorragender Weise führte, 3 russischen Kompagnien als Artilleriebedeckung von eine leichte Verletzung; das Vorgehen der Schützenlinien ihrem Sammelplätze in weitem Bogen nach dem Lutaikanal. Der größere Teil der russischen Infanterie überschritt die geschlagene Pontonbrücke, während die französische Gebirgsbatteric in Stellung ging und das Feuer eröffnete. Als die am Arsenal zurückgebliebenen russischen Batterien sahen, daß die Sturmkolonnen am Lutaikanal angekommen waren und das Feuer aus den feindlichen Artilleriestellungen schwächer wurde, gingen sie weiter vor, um den Das Thor vor dcr Beschießung. gegen die chinesischen Infanterieund Artilleriestellungen geschah sprungweise; die raschen Sprünge der deutschen Matrosen und die Schießfertigkeit erregten erneut die Bewunderung des russischen Generals, welcher äußerte, den bevorstehenden Angriff wirksamer unterstützen zu können. Bei diesem Angriffe erliüen die Kompagnien sehr starke Verluste, gingen aber mit bewunderungswürdiger Bravour vor. Am Lutaikanal angekommen, schwenkten die Verbündeten ein, gingen zu beiden Seiten des Kanals vor und konnten um G1/i Uhr ins Gefecht eingreisen. In diesem Augenblicke ereignete sich in der feindlichen Stellung eine Explosion — wahrscheinlich war ein Munitionswagen in die Luft geflogen — von solcher Kraft, daß trotz der Entfernung von über 600 in in den Reihen der Verbündeten Leute umfielen und die Maultiere der französischen Gebirgsbatterie durchgingen. Glücklicherweise hatte nur General Stößel, welcher ebenso wie bei den früheren genleinsamen Kämpfen, an diesem Tage die Der Turm im Fort von wieutsin nach der Beschießung. hätte nie bessere Soldaten gesehen. Um 7 Uhr morgens wurden die chinesischeil Stellungen in gemeinsamem Sturmangriff genommen und 12 Geschütze erbeutet. Der Feind zog sich in die innere Stadt zurück, von den Verbündeten bis zum Eisenbahndamme verfolgt. Hier wurde um 9 Uhr Halt gemacht. Trotz zehnstündiger anstrengen1 Uhr wieder in ihre Quartiere rücken kannten. Bei diesem Abmärsche erhielt Leutnant z. S. von Wolf eine allerdings ungefährliche Verwundung durch eine Schrapnellkugel ins Knie. Außerdem waren von den Deutschen an diesem Tage 6 Matrosen verwundet, darunter der Matrose Hu mm von der "Gefion" durch einen Schuß durch beide Oberschenkel schwer. Die geringen Verluste hatten die Deutschen nur ihren raschen Sprüngen und der guten Geländebenützung zu verdanken. Die Russen, denen allerdings zum Teil recht viel schwerere Aufgaben, wie die Bedeckung der Artillerie, zugefallen waren, verloren an diesem und dem folgenden Tage 120 Tote und Verwundete. Von einem weiteren Angriff auf die innere Stadt wurde vorläufig abgesehen, da die Erfolge ans dem anderen Flügel noch abgewartet werden sollten. Hier hatten die Verbündeten — drei amerikanische, drei japanische Bataillone, 700 Engländer, 200 Franzosen und 50 Österreicher nebst 42 Geschützen fast aller Nationen — von der Fremden-Niederlassung aus den Angriff gleich-zeitig mit dem deutsch-russischen auf das vom Feinde wieder besetzte West-Arsenal unternommen. Die Chinesen leisteten hier noch intensiveren Widerstand, >vie im Osten, und die Verbündeten erlitten schwere Verluste. Nach dreistündigem, außerordentlich schwerem und erbittertem Kampfe erst gelang es den verbündeten Truppen, das nicht halten können, wenn sie keine geschlossenen Trupps als Reserve erhielten. Für den Fall eines etwa notwendig werdenden Rückzuges wäre eine Aufnahme seitens der Deutschen dringend erwünscht. Kapitän von Usedom marschierte noch in der Nacht mit der "Hertha"und "Hansa"-Kompagnie zunächst bis zu den englischen Westbatterien und rückte um 5 Uhr bis zum West-Arsenal vor. Inzwischen hatten aber die verbündeten Truppen mit Tagesanbruch die Offensive wieder ausgenommen. Es gelang den Japanern, eines der Thore zu sprengen, und durch dieses, ivie über eine in die Mauer geschossene Bresche ergoß sich nun der Angriff der Verbündeten, welche auf nennenswerten Widerstand nicht mehr stießen. der Thätigkeit machten die deutschen Kompagnien einen frischen und thatenfrendigen Eindruck. Sie ivaren bis 11 Uhr einem heftigen, aber wirkungslosen feindlichen Feuer aus der inneren Stadt ausgesetzt, bis sie von frischen russischen Kompagnien abgelöst ivurden und um West-Arsenal, hauptsächlich infolge der Wirkung der japanischen, englischen und französischen Feldartillerie und der britischen Maschinengeschütze, zu nehmen und in vereintem Angriffe, wobei die Amerikaner, Franzosen, Japaner und die Wallisischen Füsiliere in vorderster Linie kämpften, die übrigen Engländer als Reserve folgten, gegen die innere Stadt vorzudringen. Um 9 Uhr abends erhielt der Kapitän von Usedom von dem englischen General die Mitteilung, daß die verbündeten Truppen bis auf ivenige hundert Meter sich an die Wälle der inneren Stadt herangearbeitet hätten, ivegen der vorgerückten Tageszeit und der vollkommenen Erschöpfung aller Truppen aber von einem sofortigen Sturme hätte Abstand genommen werden müssen. Die Truppen biwakierten zwar in der gewonnenen Stellung, in der Nähe vom WestArsenal, würden dieselbe aber am nächsten Morgen voraussichtlich 127 OOCOOOOCOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO wirren (<)00l{<)0{. OWOOOVOOWOWWW'y'OOOW'OWV 128 Die deutschen Kompagnien kamen nicht zur Verwendung. Auch die Russen hatten an diesem 14. Juli ihre Angriffe erneuert und kämpften noch hartnäckig um den Besitz eines chinesischen Lagers. Gegen Abend war die letzte Kraft des Gegners gebrochen, und am 15. Juli konnte die russische Fahne auf dem Pagode-Fort gehißt werden. Die Verfolgung der nach Norden zurückflutenden Boxer und chinesischen Truppen geschah nur bis zur Stadtgrcnze, da den Verbündeten nur wenig Kavallerie zur Verfügung stand. Außerdem hatte der Feind beim Verlassen die Stadt den Flammen preisgegeben, ein Umstand, welcher die Verfolgung außerordentlich erschwerte. Die Verluste der Westtruppen waren naturgemäß in Anbetracht des hartnäckigen feindlichen Widerstandes außerordentlich schwer. Sie betrugen bei den Amerikanern 16 Tote, 200 Verwundete (unter den Gefallene» General Lister); bei den Japanern 50 Tote, 300 Verwundete; bei den Franzosen 18 Tote, 48 Verwundete; bei den Engländern 6 Tote, 37 Verwundete. Die Verluste der Chinesen während der Kämpfe um Tientsin können nur schätzungsweise angegeben werden. Sie betrugen aber mindestens 10000 Mann, unter den Gefallenen befand sich General Rieh. Eine ungeheure Kriegsbeute fiel den Verbündeten in die Hände. Die Chinesen hatten Hunderte von Geschützen und eine llnzahl Gewehre mit Munition in: Stiche gelassen. Der Erfolg war aber auch ein vollständiger und sowohl in materieller wie!moralischer Beziehung von außerordentlicher Tragweite. Nach fast fünfwöchigen, in erbittertster Weise geführten Kämpfen befand sich das ausgedehnte Stadtgebiet mit allen den vielartigen Befestigungen in unbestrittenem Besitz der Fremden, und damit war nach Takn eine zweite bedeutungsvolle Etappe für den weiteren Vor marsch ans Peking, sowie die notwendige Sicherung des Aufmarschgebietes für alle kommenden Operationen gewonnen. Die erzwungene Aufgabe der Stadt aber wäre eine schwere moralische Niederlage gegenüber den ostasiatischen Horden gewesen, und eine spätere Wiedernahme hätte voraussichtlich viel bedeutendere Opfer gefordert, wie ihre jetzige endgültige Behauptung. Dieselbe war in ihrem Endresultat der glücklichen Initiative der Führer und dem sich geltend machenden Übergewicht eines gemeinsamen Oberbefehls und damit gemeinsamen Handelns zu danken. Die Tapferkeit der Truppen aller Nationen und ihrer vortrefflichen Haltung in schwieriger Situation verdient dankbare Anerkennung, und mit freudiger Genugthuung muß es begrüßt werden, daß unsere deutschen Truppen wiederum das besondere Lob ihrer Führer errungen hatten. Über das Verhalten der österreichischen Mannschaften, ivelche mit den Engländern den Sturm auf das Westarsenal mitmachten, sagt der k. k. Linienschiffsleutnant Jndrak: |£t Jndrak über das Verhalten der österreichischen Truxpen.j lieber das Verhalten des Stabes und der Mannschaft muß ich mich durchaus lobend aursprecheu, da sieh alle, wie allgemein anerkannt wird, mutig und tapfer benahmen. Besonderes Lob verdient der Matrose j. Blasse <E. v. Georg llrsic-Mine, der freiwillig, um einen wichtigen Befehl zmn Munitions-Transporte zu überbringen, trotz des mörderischen Gewehrfeuers, welches bei dieser Gelegenheit von seiten der Chinesen auf ihn eröffnet wurde, ruhig das ungefähr 200 m breite offene ^elb durchlief und nach Uebergabe des Befehles in demselben Gewehrfeuer wieder zurückkehrte." Die deutsche Verlustliste seit Beginn der Unruhen schloß am 15. Juli mit den Angaben: Gefallen und gestorben 36, davon 9 vom Seebataillon, verwundet 110, davon 29 vom Seebataillon. Die Stadt Tientsin selbst glich natürlich größtenteils einem Trümmerhaufen und hatte durch die Kämpfe furchtbar gelitten. Der mehrfach erwähnte Leutnant Jndrak entwirft von dem Zustande der Stadtteile und der Fremdenniederlassung nach der Belagerung folgende anschauliche Schilderung: [Leutnant Jndrak über den Zustand in Tientsin.j "Da nunmehr vollkommene Buhe herrschte, so machte ich im Laufe der nächsten Tage einen Bundgang durch die Stadt und alle seine Plätze, an welchen sich Kämpfe abgespielt hatten. Im deutschen Settlement, wo ziemlich viele leicht brennbare Thinesenhäuser standen, war ein großer Theil derselben beim Bombardement in Brand geschossen worden und abgebrannt, so daß von diesem Stadtteil nur die aus Stein erbauten Häuser noch standen. Am wenigsten Schaden hat das englische Settlement erlitten, welches in Deckung des französischen ziemlich geschützt war. Ls blieb zwar kein paus von Granaten verschont und jedes derselben hatte durchschnittlich 2—3 Schüsse aufzuweisen, da jedoch alle diese Häuser europäisch und massiv gebaut sind, so kam es nur einmal zum Brande eines Lagerhauses in diesem Stadtteil, welches jedoch durch die Anstrengungen englischer und japanischer Truppen nach einigen Stunden gelöscht wurde. Am meisten hat das französische Settlement gelitten. Dieses glich bis auf wenige Häuser, welche noch ganz und bewohnbar waren, einem Trümmerhaufen. Ein Teil derselben war zusammcngcschossen, der andere in Brand geschossen worden, und da, wie schon früher erwähnt worden, unter dem heftigen Feuer der Chinesen ein Löschversuch unmöglich war, abgebrannt. Am meisten hat das Haus der Eisenbahndirektion am französischen Bund gelitten, welches die ganze Zeit von Russen besetzt gehalten wurde. In dasselbe haben in die dem Ufer zugcwendete Front 25 Granaten und unzählige Gewehrkugeln eingeschlagen. Alle um die Europäerstadt gelegenen chinesischen Dörfer sind vollkommen abgebrannt. Die ärgste Verwüstung herrschte auf der Station. Das Stationsgebäude sowie zahlreiche auf den Schienen stehende Waggons waren vollkommen zusammengeschosfcn. Das klebrige und die dort befindlichen waren sind ein Raub der Flammen geworden. Für die jetzt wieder unter russischer Leitung verkehrenden Züge dient vorläufig das, eine Meile von der Eisenbahnstation befindliche, russische Lager als Endstation. Das Gst-Arsenal, welches einen Compler von ca. Km umfaßt, ist mit einem hohen wall umgeben, längs welchem sich fast ununterbrochen ein 50 m breiter Wassergraben zieht, und es ist schwer verständlich, warum die 800 Mann chinesischer Truppen nach einem verhältnismäßig kurzen Kampfe ihre gute Stellung verließen und die Flucht ergriffen. Lin Teil des Arsenals ist abgebrannt, jedoch der größte Teil der Magazine war unversehrt geblieben und es befanden sich darinnen sehr große Vorräte von Munition und AusrüstungsMaterial. Die Russen hatten nun ihr Lager bis in die Nähe des Mst-Arsenals ausgedehnt, welch letzteres sic noch immer mit 21/« Kompagnien beseht hielten. Das Lager der Chinesen im N.O. der Stadt ist durch die am f5. Juni erfolgte Explosion der Dynamit-Magazine größtenteils zerstört. Das Fort in der City hat durch die vielen von unserer Seite gefallenen Schüsse wenig gelitten, nur die darinnen befindliche Pagode, welche den Chinesen als Aussichtspunkt diente, war vollkommen zusammengeschossen. Das Fort war jetzt durch eine Kompagnie Japaner besetzt. Im Hamen des Vize-Königs, welches von einer Kompagnie Russen besetzt gehalten wurde, fand man große Vorräte von Waffen und Munition aller Art. Ferner fand ich in einem Zimmer des Palastes einige offene Kisten, deren Inhalt zerrissen und zerstreut am Boden lag. Da ich auch einige Bücher deutschen Inhaltes bemerkte, so besichtigte ich sie näher und sah, daß sie alle innerhalb den Namen Gottwald trugen. Als ich auch einige Briefe mit dieser Adresse fand, so erkannte ich, daß dies die Sachen des k. u. k. Konsulatsbeamten Gottwald sind, welcher an der Expedition des Vize-Admirals Seymour teilnahm und hierbei in Hangtsun seine ganze Habe im Stiche lassen mußte. Die gefundenen Sachen ließ ich wieder dem Besitzer zustellen. Hinter dem palaste des Vize-Königs befand sich das eigentliche große chinesische Lager, welches jetzt von fOOO Mann Russen besetzt gehalten wurde. In demselben erbeuteten sie nach Aussage eines russischen Gffiziers gegen 60 moderne Geschütze, viele Gewehre, Munition und Fahnen." Die belagerung der Gesandtschaften in Peking. Die Ermordung des deutschen Gesandten. In der gleichen Zeit, wie die oben geschilderten Kämpfe in Tientsin tobten, hatten aucf) die Europäer in Peking alle Schrecken einer Belagerung durch eine mordgierige, fanatisierte Menge auszustehen. Nachdem die Mitglieder der Faustsekte bis zum 12. Juni die Eisenbahnstrecke und alles Eigentum der Europäer im Umkreise Pekings zerstört und verbrannt hatten, begannen sie am 13. Juni ihre vernichtende Thätigkeit in Peking selbst. Gleichzeitig stellten die Minister des Tsungli Damens an die Vertreter der Mächte das Verlangen, die Entsendung von 1000 Matrosen (Seymour-Expedition) nach Peking aufzuhalten. Das Ansuchen wurde natürlich abgelehnt. Schon am 12. Juni waren die Boxer in die Stadt eingedrnngen und hatten sich in Tempeln vereinigt, um sich dort den Übungen ihrer Sekte hinzugeben. Am 12. früh gelang es sogar, eines Mitgliedes derselben habhaft zu werden, das mit Turban und rotem Gürtel angethan in einemKarren dieStraße entlang fuhr. Freiherr von Ketteler, der sich zufällig vor dem Gesandtschaftsgebäude befand, ließ das Gefährt anhalten, ein Insasse entkam, während der andere dingfest gemacht wurde. Der kaiserliche Gesandte entsandte sofort den Dolmetscher Cordes an den Tsungli Damen, um sich den Besuch des Polizeipräfekten von Peking zu erbitten, den er mit dem Gefangenen zu konfrontieren wünschte, da er elfteren der Förderung der christen-europäerfeindlichen Bewegung für dringend verdächtig hielt. Chungli traf mit großer Begleitung nachmittags auf der Gesandtschaft ein und mußte sich von Freiherrn von Ketteler auf den Kopf Zusagen lassen, daß er als Polizeipräsident Pekings nicht nur keine Maßregeln zur Aufrechterhaltung der Ordnung getroffen, sondern daß er selbst die ganze Boxerbewegung begünstige. Der Mandarin suchte sich diesen Vorwürfen zu entwinden; seine Unschuldsbeteuerungen wurden aber noch am nämlichen Tage durch Schriftstücke widerlegt, die in einem unweit des Gesandtschaftsviertels belegenen Tempel — einem notorischen Zusammenkunftsorte der Boxer — von den Seesoldaten bei einer dort vorgenommenen Razzia beschlagnahmt wurden. Diese Schriftstücke waren insofern für die Geschichte der Boxerbewegung von Interesse, als sie ein Programm der in Peking auszuführenden Unthaten enthielten und den unzlveifelhaften Beweis dafür erbrachten, daß die fremdenfeindliche Bewegung innerhalb der Stadt gerade von denjenigen höheren chinesischen Beamten und Polizeikommissaren unterstützt wurde, die vermöge ihrer Stellung und ihres Amtes zur Unterdrückung derselben berufen gewesen wären. Am Abend des nämlichen Tages (13. Juni) unternahmen die Boxer den ersten Angriff auf die Gesandtschaften. Im Laufe der vorhergehenden Tage hatten bereits Zusammenkünfte der einzelnen Detachementsfuhrer stattgefunden, in denen man sich über die Art und Weise einer notwendig werdenden Verteidigung besprochen hatte und die zu dem Ergebnis führten, daß das gesamte Gesandtschaftsviertel als solches gehalten werden sollte. Jedes Detachement würde in erster Linie seine eigene Gesandtschaft schützen, und die Umgebung derselben, beziehungsweise die auf dieselben führenden Straßen und Gassen durch sein Gcwehrfeuer frei halten. Dadurch konnte den Boxern, so lange es sich nur um solche handelte, die, wie man wußte, lediglich mit Lanzen und Schwertern bewaffnet waren, der Zutritt zu dem Gesandtschaftsquartier untersagt und vor allem die bei kauischen Mission in Brand, und versuchten dann, in die den Rebellen besonders beliebte Brandstiftung verhindert Gesandtschaftsstraße einzubiegen. Hier wurden sie von vorgeschobenen italienischen und französischen Posten mit Gewehrfeuer empfangen, worauf sie umkehrten und ihren Weg ans der Hattamenstraße fortsetzten. Kurz darauf wurden fünfgroßeFeuer sichtbar, denen die französische Kathedrale, die Münze, Wohnhäuser der europäischen Zollbeamten und viele andere von Christen bewohnte Gebäude znm Opfer fielen. In späterer Abendstunde drangen die Rebellen mit Brandfackeln gegen Das Arbeitszimmer des Freiherrn van Aettcler. die am nordöstlichen Ende des Gesandtschaftsviertels gelegene österreichische Gesandtschaft vor, wurden aber durch einige Gewehrsalveu zum Rückzug genötigt. Am folgenden Tage wurde die Gesandtschaftsstraße für den allgenreinen Verkehr gesperrt und nur besonders legitimierten Einheimischen der Durchgang gestattet. Zahlreiche Chinesenchristen flüchteten sich mit Hab und Gut in die Gesandtschaften und fanden dort Schutz und Aufnahme. Ähnliche Angriffe wie am 13. Juni erfolgten auch au den folgenden Abenden, während gleichzeitig die Chinesenstadt von den Aufständischen terrorisiert wurde. Am 16. wurde dort Feuer  air mehrere Warenhäuser gelegt, die sich durch Führung europäischer Artikel die Wut der Rebellen zugezogen hatten; dabei brannte — wahrscheinlich unbeabsichtigterweise — ein großer Häuserkomplex nieder, wodurch die meisten Seidenlager, Porzellanund Antiquitätenläden, deren Wert auf Millionen geschätzt wird, vom Feuer vernichtet wurden. Auch der mittlere Eingang des Tschien-Thores, der stets verschlossen gehalten wird und durch den allein der Kaiser zu gehen berechtigt ist, wurde an jenem Abend ein Raub der Flammen. Gegen diese Unthaten wurde in Das Tschienthor der Mandschustadt Pekings. neten Gesindels aus der Chinesenstadt in die Mandschnstadt ein und steckten sofort eine kleine Kapelle der ameri£?aus der deutschen Gesandtschaft. werden. Allerdings würde schon damals von Einigen die Möglichkeit eines Angriffs gut bewaffneter chinesischer Truppen erwogen, und für diesen äußersten Fall als letzter gemeinschaftlicher Verteidigungspunkt die englische Gesandtschaft ins Auge gefaßt, die durch ihre Lage für Verteidigungszwecke am geeignetsten erschien, und infolge ihrer räumlichen Ausdehnung und Weitläufigkeit ihrer Baulichkeiten im Notfälle allen Europäern eine, wenn auch beengte Unterkunft bieten konnte. Gegen 8 Uhr abends drangen neue Scharen bewaff135 OOOOOOQOOOOQOOOOOOOOCOOOOOOO 2Dirren J900/190U 0000000000000000000000000000 136 keiner Weise seitens der chinesischen Regierung eingeschritten. Die gegenüber der kaiserlichen Gesandtschaft befindliche Polizeistation hatte längst ihren Posten geräumt; nirgends stellte der Sicherheitsdienst der Stadt sich den Rebellen entgegen. Auch die Bevölkerung sah ruhig diesem Treiben zu und beugte sich widerstandslos unter die Schreckensherrschaft der Rebellen. Das Programm derselben war ja der Regierung vorgelegt und von derselben gebilligt worden. daten mit Steinen beworfen, worauf unsere Leute Feuer gaben, ohne daß dasselbe erwidert wurde. Freiherr von Ketteler schrieb noch am nämlichen Tage an den Tsungli Damen, teilte ihm den V.orfall mit und ersuchte um Zurückziehung der chinesischen Truppen, damit ein erneuter Zusanimenstoß nach Möglichkeit vermieden werde. Da dieser Vorfall keine weiteren Folgen hatte, so bestand noch immer die Hoffnung, die chinesische RegieLine Konferenz der diplomatischen Vertreter. (Nach einem japanischen Bilderbogen.) Bis zum 17. Juni hatte sich ein Zusannnenstoh der Schutzdetachements mit chinesischen Truppen vermeiden lassen. Ein Teil derselben, deren Stärke und Zahl schwer zu ermitteln war, hielt sich in ziemlicher Entfernung des Gesandtschaftsviertels im Norden der Stadt auf. Das Hattamenund Tschien-Thor, d. h. der östliche und westliche Punkt der im Süden unmittelbar an das Gesandtschaftsviertel grenzenden Stadtmauer, war durch Bannertruppen besetzt, die durch ihr vollständig passives Verhalten keinen Anlaß zu Beschwerden und Befürchtungen geben konnten. Eine Abteilung der gleichen Truppe lagerte — angeblich zum Schutze der kaiserlichen Gesandtschaft gegen die Boxer — ans der Straße zwischen dem Gesandtschaftsgrundstück und der großen Stadtmauer, und wurde eigentlich erst dadurch bemerkbar, daß, nach Absperrung der Straßen durch Soldaten der verschiedenen Detachements, der sie befehligende Offizier sich mit der flehentlichen Bitte an den Freiherrn von Ketteler wandte, ihm die Verproviantierung seiner Truppen zu gestatten, da er und seine Leute sonst verhungern müßten. Am 17. Juni kam es zum ersten Zusammentreffen zwischen einer Abteilung der deutschen Seesoldaten und chinesischen Truppen. Erstere hielt die elektrische Zentralanstalt besetzt und wurde bei einem Patrouillengange von chinesischen Solrung durch Vorstellungen und Drohungen zurückführen zu können, und dies um so mehr, als täglich und stündlich das Eintreffen des Entsatzkorps unter Admiral Seymour erwartet wurde, über dessen Schicksal noch keine Nachricht nach Peking gelangt war. Statt dessen ließ der Tsungli Damen am 19. Juni, nachmittags 4 Uhr, nach dem Bekanntwerden der Eroberung der Taku-Forts durch die Verbündeten an sämtliche Vertreter der fremden Mächte die Aufforderung ergehen, innerhalb 24 Stunden mit ihren Angehörigen und den Detachements die Stadt zu verlassen. Der Wortlaut dieses Schriftstücks lautete: fDer Tsungli Hainen an die fremden Mächte.) "Ls ist eins Depesche des Vizekönigs pulu etngetrroffen, der eine Note des Doyens des Konsularkorps in Tientsin übermittelt, des Inhalts, daß die Forts von Taku beschossen werden würden, falls den fremden Truppen nicht sofort gestattet würde, in Tientsin zu landen. Da dies einer Kriegserklärung gleichkommt, so teilt der Tsungli Manien hierdurch den fremden Gesandten mit, daß sie Peking binnen 2\ Stunden zu verlassen haben. Geschieht dies nicht, so kann ihnen weiterer Schutz nicht gewährt werden Sie sollen freies Geleit und Transportmittel erhalten." In einer sofort einberufenen Kollfercnz waren die Gesandten sich darüber einig, daß an ein Aufgcben der Gesandtschaften und an eine unmittelbare Abreise unter den obwaltenden Umständen nicht zu denken sei. Die erwähnte Note sprach selbst davon, daß die Hauptstadt von Mitgliedern der Faustsekte wimmelte, daß die Stimmung der Bevölkerung so erregt sei, und daß es der Regierung selbst zweifelhaft erscheinen müsse, ob sie für ausreichenden Schutz der Gesandtschaften würde sorgen können, und gar eine Eskorte chinesischer Truppen flößte niemandem Vertrauen ein. Man mußte vielmehr annehmen, daß sich dieselbe, sobald die Gesandtschaften verlassen waren, auf die Abziehenden stürzen und dieselben im Verein mit den Boxern niedermachen würde. Es wurde daher beschlossen, zunächst in einer Note noch nähere Aufklärungen von der chinesischen Regierung zu verlangen und ihr vor allem vorzustellen, daß es nach der Zerstörung der Bahnstrecke bis Tientsin unmöglich sei, innerhalb 24 Stunden die nötigen Transportmittel sowie Proviant für die immerhin vier bis fünf Tage in Anspruch nehmende Reise zu beschaffen. Freiherr von Ketteler entschloß sich noch am Abend desselben Tages, von sich aus eine Depesche an den Tsungli Namen zu richten, in welcher er darauf hinwies, daß er von dem Verlangen der Übergabe der Taku-Forts nicht unterrichtet sei und mithin darauf bestehen müsse, am folgenden Morgen un: 9 Uhr von den Prinzen Tsching und Tuan im Gebäude des Tsungli Namen zum Zwecke einer Besprechung empfangen zu werden. Am 20. Juni früh um 8 Uhr begab sich Freiherr von Ketteler in die französische Gesandtschaft zu einer Konferenz der diplomatischen Vertreter. Hier wurde beschlossen, zunächst die Antwort des Tsungli Iamen abzuwarten und sich später, je nach dem Ausfälle derselben, über ein Verbleiben in Peking oder über die Notwendigkeit schlüssig zu werden, die Stadt zu verlassen. In dieser Versammlung ist Freiherr von Ketteler von seinen sämtlichen Kollegen dringend gebeten worden, den beabsichtigten Besuch bei dem Prinzen aufzugeben, da dieser Schritt nach Lage der Verhältnisse keine Aussicht auf Erfolg biete und ihm möglicherweise gefährlich werden könne. Trotz dieser Warnung bestand der kaiserliche Gesandte auf seinem Entschlüsse, bestieg kurz nach 872 Uhr die bereitstehende Sänfte und trat, gefolgt von der Sänfte mit dem Dolmetscher Cordes den Weg nach dem Tsungli Pamen an. Eine ursprünglich zu seinem Schutze bestimmte Seesoldaten-Patrouille ließ er wieder umkehren, nur die üblichen beiden chinesischen Reitknechte begleiteten den Zug. Kaum hatte der deutsche Gesandte in der Hattamenstraße den dort stehenden Ehrenbogen mit Polizeiwache passiert, als von hinten ein Bannersoldat in voller Uniform, Mütze mit 6. Rangknopf und blauer Feder, an die Sänfte des Gesandten herantrat und ans unmittelbarer Nähe in der Richtung auf dessen Kopf einen Schuß abgab, welcher den sofortigen Tod des Freiherrn von Ketteler herbeiführte. Der nachfolgende kaiserliche Dolmetscher sah den Vorgang, welcher sich nur in Sekunden abspielte, entsetzt mit an, sah, daß er selber nichts mehr helfen konnte und daß jede Minute des Zögerns sofortiger Tod gewesen wäre. Beim Heransspringen aus der Sänfte erhielt er ebenfalls einen Schuß durch den Oberschenkel in den Unterleib und schleppte sich nur mit Aufbietung aller Kräfte in die amerikanische Mission, von wo er in die englische Gesandtschaft transportiert wurde. Inzwischen war aber die Kunde von dem geschehenen Gesandtenmord schon nach der deutschen Botschaft durch die Reitknechte gelangt. Einer derselben, welcher den Sänften in unmittelbarer Nähe gefolgt war, erschien mit verhängten Zügeln gegen 972 Uhr auf der Gesandtschaft und brachte die erste Kunde von der schrecklichen Mordthat. Oberleutnant Graf von Soden eilte sofort mit 20 Soldaten des Schutzdetachements und in Begleitung des Dolmetschers Or. Merklinghaus nach der Unglücksstätte, konnte aber nicht mehr bis dahin gelangen, da er aus den Häusern der Hattamenstraße stark beschossen wurde, und ein weiteres Vordringen bei der Übermacht der im Norden der Straße aufgestellten chinesischen Truppen, die bei seiner Annäherung ein lebhaftes Gewehrfeuer eröffneten, unmöglich erschien. Die Kunde von der Ermordung des kaiserlichen Gesandten verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und rief gewaltige Erregung hervor. Wer noch bis dahin mit der Möglichkeit gerechnet hatte, nachmittags nach TientDie jetzt zerstörte französische Gesandtschaft in Peking. I SO iüirren i900/i90>. OOQOOQOOCJOOOCOOOOOCQOOüOQQCO 140 sin aufzubrechen, der mußte jetzt einsehen, daß an ein Entkommen nicht mehr zu denken sei. Gegen 2 Uhr nachmittags traf in der deutschen Gesandtschaft folgender Brief aus dem Tsungli Damen ein: [Z>er Tsungli tjamen an die deutsche Gesandtschaft.! "Das Sekretariat des Tsungli pamen beehrt sich mitzuteilen, daß ihm soeben vom Prinzen Tsching die folgende mündliche Weisung zugegangen ist. Am Eingang der zu unserem pamen führenden Gasse seien zwei in Sänften befindliche Beamte Ihrer Gesandtschaft, gerade als sie in die Gasse einbiegen wollten, nachdem sie selbst zuerst gefeuert hätten, von Soldaten ihrerseits angegriffen worden, wobei eins der in den Sänften befindlichen Personen getötet worden sei. wegen dieses wieder ganz außergewöhnlichen Ereignisses sollten sofort Lienfang und Tukoshih sich auf Ihre Gesandtschaft begeben, um vorläufig zu kondolieren, und die Soldaten, welche gefeuert hätten, sollten sogleich ermittelt und aufs schwerste bestraft werden. Dies ist die Weisung, welche wir erhalten haben. Da indessen gegenwärtig auf den Straßen keine Sicherheit herrscht, so vermag der Dolmetscher Lienfang und sein Kollege sich nicht zu Ihnen zu begeben. Indem wir uns beehren, dies zu erklären, bitten wir um gefällige weitere Veranlassung." Form und Inhalt dieses Briefes ließen deutlich erkennen, daß die Verfasser desselben, oder vielmehr diejenigen, in deren Auftrag er geschrieben war, sich wohl bewußt waren, wer der Ermordete sei. Das Schreiben trug nicht die sonst übliche Adresse: "An den Kaiserlich deutschen Gesandten", sondern war an die deutsche Gesandtschaft als solche gerichtet; jede Anrede war im Text vermieden; auch lagen nicht die Karten der Minister bei, wie dies sonst der Fall zu sein Pflegte. Am späteren Nachmittage traf daun noch eine Note des Tsungli Damen an den Doyen des diplomatischen Korps ein, in der erneut auf die Unsicherheit in den Straßen der Hauptstadt hingewiesen und an die Gesandten die Bitte gerichtet wurde, falls sie dem Tsungli Damen Mitteilungen zu machen hätten, dies schriftlich zu thun, da bei einem persönlichen Besuch ein Unglück sich ereignen könne. Am Schlüsse wurde hinzugefügt, daß diese Note erst nach Rücksprache mit den Prinzen im Laufe des Vormittags hätte redigiert und dann infolge des Gewehrfeuers auf den Straßen nicht sofort hätte übergeben werden können. Auch weirn diese Note eher eingetroffen wäre, hätte sie wohl kaum den Erfolg gehabt, den kaiserlichen Gesandten von dem einmal gefaßten Entschlüsse abzuhalten, sich persönlich nach dem Damen zu begeben und mit diesem Schritte einen letzten Versuch zur Rettung der Situation zu wagen. Nach seiner Ermordung redigiert, bot sie nur einen Beweis mehr für das schmachvolle Spiel, das die chinesische Regierung bisher und seitdem mit den Vertretern der Mächte getrieben. Später angestellte Nachforschungen ergaben, daß die ruchlose Blutthat ein sorgfältig vorbereiteter Racheakt eines oder mehrerer hochstehender Vertreter der chinesischen Regierung gewesen ist, welche Freiherr von Ketteler in seiner offenen, männlichen Art des doppelten Spieles und der Verbindung mit den Boxern in letzter Zeit wiederholt und zum Teil ins Gesicht beschuldigt hatte. Es waren dies hauptsächlich: Kangyi, Oberbefehlshaber Dunglu, Prinz Tuan, Tschungli, Herzog Lau, Dungnien, General Tungfu, Tschiang u. a.m. Der Mörder selbst, dessenFestnahme später nachBefreiung der Gesandtschaften gelang, gab einen Prinzen, dessen Namen er nicht mehr wußte, als denjenigen an, welcher den allgemeinen Befehl gegeben habe, auf die Fremden zu schießen. Daraufhin habe er die Mordthat ausgeführt. Die Ermordung des deutschen Gesandten wurde für die chinesischen Machthaber das Zeichen, auch die regu Enhais, der Mörder des Gesandten Freiherrn von Ketteler. lären Truppen gegen die Europäer loszulassen und den Untergang der letzteren herbeizuführen; die letzten Fesseln der Scheu und Zurückhaltung waren durch den Gesandtenmord gelöst, und die chinesische Brutalität schreckte vor nichts mehr zurück. Entscheidend in der Haltung der chinesischen Regierung war eine am 16. Juni abgehaltene Beratung gewesen, welche die Kaiserin mit den Prinzen und Würdenträgern der Mandschus zuerst allein, später auch unter Hinzuziehung der chinesischen Obcrbeamten hatte. Hierbei erklärte die Kaiserin auf Betreiben des Prinzen Tuan ganz offen, daß der Krieg gegen die Fremden bis aufs Messer zu führen sei. Vergebens wagten der frühere Gesandte in Rußland, Hsütschingtscheng, und ein anderes Mitglied des Tsungli Damen Gegenvorstellungen, sie wurden nicht gehört und mußten später dieses Auftreten mit dem Leben bezahlen. Auch der Kaiser Kuangsu legte sich bei dieser Beratung für die Fremden ins Mittel, die Kaiserin drehte ihm aber verächtlich den Rücken. Von jetzt ab nahin die Bewegung gegen die Fremden ihren ungezügelten Verlauf, geschürt durch direkte Befehle der Kaiserin. Ein solcher Die jetzt zerstörte japanische Gesandtschaft. Erlaß vom 20. Juni lautete, "daß Yunglus gut ausgebildete Truppen in Peking einrücken, die Gesandtschaften vernichten und dann die Fremden von Tientsin ins Meer werfen sollten." Ihm folgte ein weiterer Befehl vom 22. Juni, "daß auch die Kuanping-Truppen die Boxer in ihren Angriffen auf die Gesandtschaften unterstützen sollten." Seitdem schrieben die Boxer auf ihre Fahnen: "Auf kaiserlichen Befehl." Um 4 Uhr nachmittags des verhängnisvollen 20. Juni eröffneten die chinesischen Truppen, gerade als die den Gesandten zur Abreise gestellte Frist von 24 Stunden abgelaufen war, das Feuer zunächst gegen die österreichischen und französischen Posten. Ein Franzose fiel, ein Österreicher wurde verwundet. Die Belagerung begann, und mit ihr für die europäische Minderzahl eitt Kampf auf Leben und Tod. Verteidigungsmaßnahmen. Die zerstreute Lage der Gesandtschaftsgebäude, die Nähe der großen Trennnngsmauer zwischen der Chinesen und Mandschustadt erschwerten die Verteidigung und begünstigten den Angreiferganz ungemein. Das Stadtviertel, in welchem sich die sogenannte Gesandtschaftsstraße befindet, bildet nicht, wie z. B. in Tientsin, eine Fremdenniederlassung für sich, sondern zwischen den Grundstücken der Europäer befanden sich auch solche von Chinesen. Die Gesandtschaftsgebäude selbst unterschieden sich in ihrer Bauart durch nichts von den übrigen Chinesenhäusern, es waren meist einstöckige Gebäude mit, wie z. B. bei der deutschen Gesandtschaft, großem Eingangsthore und darüber befind lichem großen, nach chinesischem Stile geschivungenen Dache. Nur die englische Gesandtschaft, ein ehemaliger Prinzenpalast, lag inmitten eines weiten, durch eine feste Mauer umgebenen Grundstücks. Die meisten Legationsgebäude lagen wenigstens alle an der Gesandtschaftsstraße, nur das österreichische, das belgische, ferner das Gebäude der Londoner Mission und die JosephKirche lagen abseits und mußten daher bei der späteren Verteidigung sehr bald aufgegeben werden. Ganz isoliert war der sogenannte Peitang, eine französische Kathedrale, gelegen, innerhalb der Kaiserstadt, westlich des Kaiserpalastes. Es sei hier gleich vorweg bemerkt, daß sich in dieses feste Gebäude 3000 chinesische Christen geflüchtet hatten und sich mit Hilfe eines Kommandos von 30 Franzosen und 11 Italienern unter Führung des Bischofs Favier, einiger Missionare und französischen Krankenschwestern so zähe und ruhmvoll verteidigten, daß es trotz dauernder und heftiger Beschießung dem Feinde nicht gelang, die Besatzung zu überwältigen. Dieselbe hielt tapfer ans, bis der ersehnte Entsatz kam. Alle übrigen Europäer, abgesehen von den Gesandtschaftswachen 600 Menschen (das Personal von elf Gesandtschaften: Deutschland, Rußland, England, Frankreich, Österreich, Italien, Spanien, Belgien, Niederlande, Vereinigte Staaten, Japan, 22 europäische Professoren der Universitäten, die Beamten der Zollverwaltung, an ihrer Spitze der Engländer Robert Hart, schon seit 40 Jahren in chinesischen Diensten, die Geistlichkeit, Missionare, Beamte der Firma Siemens und Halske, Luc enguicpe <veicmvya?ast. Kausleute, Industrielle, Beamte der Banken und Eisenbahnen u. a. nr.), hatten sich schließlich in der englischen Gesandtschaft zusammengefnnden, während die Schutzmannschaften gewissermaßen als vorgeschobene Posten 143 COOOOWOOCWOOOOQOQOQOOCOOOO wirren 1900/(901. 0000000000000000000000000000 144 die andern in der Nähe liegenden Legationsgebäude besetzt hielten. Den Soldaten schloß sich noch eine Freiwilligen-Truppe von 75 Mann, Vertreter aller Nationen an, so daß etwa 500 Gewehre in Thätigkeit treten konnten. Diesen Kräften gegenüber sammelte sich allerdings allmählich eine mindestens hundertfache Übermacht. Daß sich die Europäer überhaupt derselben wehren konnten, ist neben der heldenmütigen und aufopferungsvollen Thätigkeit der Soldaten, der Feigheit und Energielosigkeit des Gegners zu danken, welcher nicht den Schneid hatte, seine Pläne mit Aufbietung aller Kräfte durchzuführen. Die Verteidigungsmaßnahmen der Belagerten waren in großen Zügen folgende: Es wurde eine Verteidigungslinie geschaffen, welche, von der französischen Gesandtschaft im Osten anfangend, in einem 600 m langen Bogen nach Norden um den Suwangfu, den Palast des verstorbenen Prinzen Kung, wo etwa 3000 chinesische Christen, zum Teil einheimisches Dienstpersonal, untergebracht waren, um die englische Gesandtschaft herum nach der russischen im Westen geführt wurde, um dann bei der amerikanischen an dem großen Tschien-Thore zu endigen. Im Süden begrenzte diesen etwa V3 qkm großen Verteidigungsbezirk die 13 m hohe Trennnngsmauer zwischen Chinesenund Mandschustadt. Die ganze etwa 4 km lange Umfassungslinie richtete man zur nachhaltigen Verteidigung ein, und zwar nicht nur die äußere Linie, sondern es wurden auch im Innern Abschnitte geschaffen, um bei einem etwaigen Eindringen des Feindes eine abschnittweise Verteidigung zu ermöglichen. Die Berteidigungseinrichtungen bestanden in der Anlage von Barrikaden, Schützengräben, Aufwürfen, Verbarrikadierung der Fenster und Thüren, Anbringung von Schützenauftritten, Anlage von Stacheldrahtzäunen und bombensicheren Unterständen. Bei den hierzu nötigen Arbeiten leisteten jene 3000 chinesischen Christen wertvolle Unterstützung, wie dieselben sich überhaupt während der ganzen Belagerungszeit vortrefflich bewährten und die Verteidigung des Prinzenpalastes unter Leitung des japanischen Obersten Shiba selbst besorgten. Die Verteilung der Mannschaften auf diese ungewöhnlich lange Verteidigungslinie geschah derart, daß jede Nation in erster Linie das eigene Gesandtschaftsgebäude zu sichern hatte, dann aber auch Leute für gemeinsame Reserve stellen mußte, welche zur Verwendung bei besonders bedrohten Punkten zurückgehalten wurde. Es ist natürlich, daß jeder Mann und jedes Gewehr, welches in Thätigkeit gebracht werden konnte, von hohem Wert war. Man mußte mit unglaublich kleinen Zahlen rechnen. Die Wachen in den einzelnen Verteidigungsabschnitten waren höchstens 15 Mann stark, Ausfälle wurden mit 15 bis 20 Mann unternommen und Verstärkungen von 15 Mann galten schon als ein besonders starkes Aufgebot. Trotz der von den Mannschaften geforderten äußersten Anstrengungen wurde der Wachtdienst mit großer Strenge gehandhabt, und es ist thatsächlich den Chinesen nicht gelungen, auch nur ein einziges Mal trotz einer 64tägigcn Belagerungszeit die Verbündeten zu überraschen. Ebenso wie der nicht waffenfähige Teil der Eingeschlossenen in der englischen Gesandtschaft untergebracht wurde, geschah dies mit den Verwundeten und Kranken. Die Anlage eines gemeinsamen Lazaretts erwies sich von vornherein als zwingende Notwendigkeit. Unter der sachkundigen Leitung des deutschen, zur Gesandtschaft Stabsarzt Or. Gustav Dolde, der Arzt der deutschen Gesandtschaft. kommandierten Stabsarzts Di'. Velde wurde als solches das Kanzleigebäude der englischen Gesandtschaft eingerichtet. Das Haus war von hohen Bäumen umgeben, welche nicht nur willkommenen Schatten boten, sondern in denen auch die feindlichen Granaten krepierten, welche sonst unfehlbar das Dach durchschlagen hätten. Zum Schutz gegen Sprengstücke und vorher aufgeschlagene Jnfanteriegeschosse mußten allerdings die Fenster hoch hinauf mit Sandsäcken verbaut werden, wodurch der Zutritt an Luft und Licht in unerwünschter Weise eingeschränkt wurde. Die ganze Ausstattung des Lazaretts war natürlich improvisiert. Betten und Wäsche wurden von allen Seiten bereitlvilligst in genügender Anzahl geliefert, so daß sämtliche Verwundete ans Matratzen, wenn auch nicht in Bettstellen, ruhen konnten. Zur Verpflegung fanden die in den europäischen Läden vorhanden gewesenen Konserven in ausgedehnter Weise Verwendung. Die vorhandenen Hammel waren von Anfang an für Kranke aufbewahrt worden, so daß im .Hospital während der ganzen Belagerung zweimal wöchentlich Hammelfleisch gegeben werden konnte; an den übrigen Tagen mußte Pferdebezw. Maultierfleisch verabfolgt werden. Da zu Beginn der Unruhen niemand an die Möglichkeit einer zwei Monate währenden Belagerung ge145 Die Belagerung der Gesandtschaften in Peking, voyyvyvvyyyyvyyyvv 146 verbarrikadierter ksaupteingang zur englischer, Gesandtschaft. dacht hatte, war man mit der Bereitstellung der erforderlichen Nahrungsmittel nicht rechtzeitig vorgegangen. Zwar gelang es noch in den letzten Tagen, eine größere Menge Weizen und Reis in Sicherheit zu bringen, doch mangelte es an Schlachtvieh und an Futter für die vorhandenen Tiere. Günstig war aber der Umstand, daß wegen der schlechten Verbindung Pekings viele Familien sich größere Vorräte an europäischen Lebensbedürfnissen und Konserven hielten, so!vie daß sich innerhalb der Verteidigungslinie zwei europäische Läden befanden, deren Bestände an Nahrungsmitteln sehr zu statten kamen. Pferde und Maultiere waren in ausreichender Menge vorhanden, und so erfolgte die Ernährung vorwiegend durch Pferdefleisch, Reis und Brot. Milch und frische Gemüse fehlten vollständig, und Eier konnten erst in der zweiten Hälfte der Belagerung in geringer Anzahl eingeschmuggelt werden. Für die Chinesen war schließlich Reis nur noch in Ausnahmefällen vorhanden, dieselben erhielten in der letzten Woche täglich 50 g Weizen, welchen sie grob geschrotet und mit Baumblättern vermischt zu harten Kuchen verarbeiteten. Viele lebten in den letzten Tagen nur von einem Gemüse von Baumblättern; es waren Personen, welche unangemeldet im Gesandtschafts-Bezirk wohnen geblieben waren und bis dahin von den Abfällen und Almosen ihrer Landsleute ihre Nahrung bereitet hatten. Am Ende der Belagerung waren in den Gesandtschaften uoch Lebensmittel für etwa 14 Tage vorrätig, während in Peitang im Augenblick des Entsatzes für 3000 Menschen noch ein Bestand von — 50 Pfund Reis vorhanden war. Die schwächsten Stellen der Verteidigungslinie der Verbündeten waren diejenigen, wo die großen Mauern dicht an den Bezirk herantraten, also im Süden und Nordwesten. Dies machten die Chinesen sich auch sofort zu nutze, indem sie am 22. Juni beim TschienThor ein Kruppsches Feldgeschütz auffnhrcn und dainit die westlich gelegenen Gesandtschaften bombardierten. Zum Glück schossen sie schlecht und hatten schlechte ZünKürschner, China II. der, sonst hätten sie bei der bis höchstens 1000 in reichenden Entfernung in kurzer Zeit alles in Grund und Bodei, schießen müssen. Unterdessen hatte aber schon in: ganzen Umkreise seit dein 20. Juni nachmittags der Kampf gewütet. Die Chinesen richteten ein ununterbrochenes Jnfanteriefeuer von allen Seiten auf die Verbündeten und steckten alle erreichbaren Gebäude in Brand, um auf diese Weise den sich tapfer wehrenden Fremden beizukomincn. Mit richtigem Blick hatte der deutsche Detachementsführer die Gefährlichkeit der nahen Südmauer erkannt und dementsprechende Gegenmaßregeln ergriffen. Er ließ obeit auf der Mauer in der Nähe des HattameuThores eine Barrikade errichten und besetzen und trieb auf diese Weise einen Keil in die feindliche Angriffsstellung. Diese für die weitere erfolgreiche Verteidigung des Gesandtschaftsviertels höchst bedeutungsvolle Maßnahme fand am 24. Juni erst ihren wirkungsvollen Abschluß, indem Deutsche und Amerikaner in der Nähe des Tschien-Thores, etwa 450 m von der deutschen Barrikade entfernt, ebenfalls eine solche, die amerikanische, anlegten. Zwar errichteten sofort in der darauffolgenden Nacht nur auf 70 in Entfernung die Chinesen ebenfalls eine Barrikade, aber unter der Voraussetzung, daß den beiden Nationen gelang, diese Stellungen zu halten, war den Chinesen der beste Angriffspunkt aus den Händen genommen. Alfred Gras v. Soden, Führer des deutschen Schutzkommandos. Die österreichische Gesandtschaft mußte ihrer entfernten Lage wegen schon am 20. Juni aufgegebetl werden; die Besatzung (29 österr.-ungar. Matrosen) zog sich in die französische Gesandtschaft zurück, an deren Verteidigung sie sich unter der umsichtigen Leitung des Fregattenkapitäns von Thomann in ruhmvoller Weise beteiligte. 10 147 wirren 1Y00/YM. OCOOOOOQOO<?OOOOQC>OQQC>QOC>0<?C>0 148 Der erste Abschnitt der Belagerung. Am 22. Juni griffen die Chinesen mit solcher Heftigkeit an, daß die Italiener und die österreichisch-französische Besatzung vorübergehend ihre Gesandtschaften anfgabcn und sich auf die englische Gesandtschaft zurückzogen. Auch die Deutschen wurden dadurch zur vorübergehenden Aufgabe ihres Gcsaudtschaftsgebäudes gezwungen, drangen aber sofort wieder vor und besetzten ihre alten Stellungen. Das österreichische und italienische Gesaudtschastsgebäude gingen in Flammen auf, so daß auch letzteres nicht wieder besetzt werden konnte, dagegen kehrten die Franzosen in ihre alten Stellungen zurück. sGberlazarettgast Dose vom deutschen Detacheinent über die Ereignisse des 22.-24. Juni 1900.] "Am Freitag, den 22. Juni fsjOO griffen die Chinesen von ollen Seiten mit Heftigkeit an. Die Franzosen, Vesterreicher und Italiener verließen ihre Stellung und zogen sich zurück. Dies mag wohl auf einen etwas übereilten Befehl des österreichischen Kapitäns znrückzuführen sein, jedenfalls wurden auch wir dadurch gezwungen, uns anzuschließen und alles, auch die Japaner, zog jetzt nach der englischen Gesandtschaft hin. Sofort darauf wurde wieder ein Vorstoß unternommen, und siche da: in keine Gesandtschaft hatte sich ein Chinese gewagt. Leider hatten wir aber beiin Vorrücken unsere ersten Toten zu beklagen, nämlich den Seesoldatcn Mathies, welcher durch einen Schuß durch den Kopf sofort getötet wurde, wir nahmen dann wieder von unserer Gesandtschaft Besitz und errichteten eine Barrikade auf der Blauer nach Osten (am Hattamen) zu. Wir wurden jetzt fortdauernd Tag und Nacht heftig beschossen, mit einem wahren Kugelregen überschüttet, und dies nicht allein, nein, auch Geschütze hatten die Herren aufgefahren, an beiden Seiten auf der Blauer und im Kaiserpalast. Stetig sausten und pfiffen die Kugeln, fielen hier und da nieder, oft wenige Schritte vor uns, bald in die Thür, ins Fenster, massenhaft an die Blauer rc. Tine Unmenge Kugeln haben die Thinesen verschossen, ein Glück, daß sie nicht gut zielen, meistens sitzen sie hinter Blauern, Häusern, Bäumen oder sonstigen Deckungen, stecken das Gewehr vor, ohne sich selbst sehen zu lassen, und drücken los; sehr oft schossen sie nach oben in die Luft, Gott sei Dank, sonst hätten wir unheimliche Verluste gehabt. Nachmittags um 2 Uhr wurde die Leiche von Blathies, welcher zuerst nach der englischen Gesandtschaft getragen worden war, nach unserer Gesandtschaft überführt und mit militärischen Ehren bestattet. Die Flagge wurde halbmast gehißt, worauf die anderen Nationen ihr Beileid ausdrückten, indem sie unserem Beispiele folgten. Am 23. Juni, (0 Uhr vormittags, heftiges Gewehrund Geschützfener. Das Zeichen eines chinesischen Angriffs ist znnächst fortwährendes, langgezogenes Trompetsngeschmetter, worauf heftiges, möglichst massenhaftes Gewehrfeuer folgt, gemischt mit schwerem Kanonendonner, vorläufig jedoch lassen sie sich selbst noch nicht sehen, sondern schießen geradenwegs in die Luft, jedenfalls um Angst zu machen. Dadurch erreichen sie jedoch das Gegenteil, indem ,nan gleich wachsam wird und merkt, was los ist. Erst wenn sic merken, daß nicht »nt Schießen geantwortet wird, stürinen sie vor unter lautem Geschrei, sowie jedoch die ersten fallen, sind sie ebenso schnell wieder verschwunden. Ungefähr f0 Mann von uns waren nach der russischen Bank geschickt worden zur Unterstützung der Russen, und hier erhielt Seesoldat Kaußen um 2 Uhr nachmittags einen Schuß durch Lunge und Leber, an dessen Folgen er nachts um 2V2 Uhr starb. Am Abend brannte es ganz in der Nähe, nämlich das Haus neben der japanischen Gesandtschaft, welches Feuer aber auf seinen Gerd beschränkt blieb. 2% Juni, vom frühen Morgen des heutigen Sonntages an bemerkten wir, daß die Thinesen versuchten, auf der Mguer vorzurücken und auch dort wieder ein schweres Geschütz anfgefahren hatten, wir schossen verschiedentlich hinüber, hauptsächlich dorthin, wo ein Aufgang die Mauer trifft, doch ungeachtet dessen rückten die Thinesen immer weiter vor und renommierten mit 3 Fahnen, außerdem verbauten sie den Aufgang mit Steinen. Deshalb faßte unser Graf (Soden) um 8 Uhr den Entschluß, die Mauer mit Sturm zu nehmen und die Chinesen zurückzutrcibcn. Der Handstreich gelang vollkommen. Die Thinesen stürmten Hals über Kopf zurück unter Zurücklassung vieler Toter, und die Blauer war unser, viele Gewehre, Munition, Schwerter ». dergl. wurden erbeutet. Am Aufgang bei de» Amerikanern wurde die schon von den Chinesen begonnene Barrikade beseht und verstärkt und zwar erst von Amerikaner» und Deutschen gemeinsam, dann von ersterc» allein, da unsere Gesandtschaft selbst genug zu schaffen machte. Seesoldat Reinhard wird durch einen Schuß in den linken Gberarm schwer verwundet." Von einem anderen Mitkämpfer werden diese Tagebuchnotizen vortrefflich ergänzt. ,,2\. Juni. Unsere Feldwache wurde heute von Boxern und von chinesischem Militär angegriffen; sie jagte aber die Chinesen zurück und tötete vierzehn, von allen Seiten wird heftig ins Gesandtschaftsviertel hineingeschossen; doch gehen die Äugeln durchweg zu hoch und pfeifen über unsere Aöpfe hin. Wenn die Befreiungstruppen nicht bald kommen, kann die Geschichte hier heiter werden, zumal anzunehmen ist, daß die Herren Chinesen nächstens ihre Artillerie Mitwirken lassen. Dann ist du langes Halten unsererseits ausgeschlossen. Unser Dienst läßt nichts zu wünschen übrig. Wenn ein Soldat "nur" jede Nacht auf Wache kommt, kann er ja zufrieden sein. 22. Juni: Da haben wir's! Gegen 9 Uhr begannen die Chinesen von allen Seiten anzugreifen, und zwar bewarfen sie uns tüchtig mit Granaten vom Cschien-Chor ans. Bald lief von den Amerikanern die Meldung ein, sie wären gezwungen, sich nach der englischen Gesandtschaft zurückzuziehen, was für die Mesterrcicher, Italiener, Franzosen und uns das Signal zum gleichen Rückzug war, da wir sonst gar zu leicht hätten abgeschnitten werden können. So ungern wir's thatcn — was halfs?! Alles zog zu den Engländern, wo sich aber sehr bald herausstellte, daß das Ganze auf einem Mißverständnis beruht. Als Letzter hatte unser Graf Soden die deutsche Gesandtschaft verlassen, schnell wie... der Blitz gmgr nun zuruck, und als erster von uns Unteroffizieren, allen war er wieder drin. Eilends besetzten wir die alten Posten. Wir hatten Glück gehabt, denn die Chinesen hatten unser» Abzug noch nicht bemerkt und waren uns nicht gefolgt. Schlimmer war es den Desterreichern und Italienern ergangen. Ihre Gesandtschaften brannten lichterloh, waren verloren und konnten nicht mehr wiedergeuommen werden. Ich selbst war bei dem Rückmarsch einer Seitenpatrouille zugeteilt worden. Lin Unteroffizier und sieben Mann stark, besetzten wir eine Barrikade vor dem Seezollamt und bekamen sofort heftiges Feuer. Der neben mir stehende Scesoldat Matth i es erhielt einen Schuß in den Aopf, direkt ins Gehirn, und starb so lautlos, daß wir in der Hitze des Gefechtes gar nichts davon bemerkten. Erst als sich jemand von uns umdrehte, sah er ihn am Boden liegen. Da das Feuer immer heftiger wurde, erhielten wir Grdre, langsam uns zurückzuziehen! vier Mann trugen den toten Kameraden — unfern ersten Toten. Wie viele mögen noch folgen? Nachmittags 2 Uhr begruben wir Matthics im Garten der Gesandtschaft; ein englischer Pfarrer sprach ein Gebet. Mit Sehnsucht hoffen wir auf Entsatz; denn gegen Artillerie sind wir fast machtlos. Auch fehlt es uns an Patronen; wir haben 2^0 Stück pro Aopf. Sämtliche Detachements haben zu wenig Munition. Am Abend griffen dann die Chinesen nochmals die Amerikaner besonders stark an, wurden aber mit einem Verlust von 100 Toten zurückgeschlagen. 23. Juni: Wieder tobte der Aamxf. llns bedachten die Chinesen mit Kruppschen Geschützen, zum Glück schossen sie schlecht. Ihre Artilleristen scheinen das Zielen für ebenso überflüssig zu halten, wie ihre Infanteristen. Am Nachmittag krepierten sieben Granaten mitten in unserer Gesandtschaft, doch wurde niemand verwundet. Dagegen erhielt der Seesoldat Aaussen auf einer Barrikade einen Schuß zwischen die Rippen. Im Hause des Legationssekretärs v. Bergen ist oben auf dem Dachboden ein großes Fernrohr ausgestellt, durch welches man den auf dem 1300 m entfernten Tschien-Thor stehenden Feind trefflich beobachten kann. Wo bleiben nur die Lntsahtruppen?! Es ist in der That rätselhaft. Tientsin ist doch nur 120 km von hier entfernt, und wie lange sollen sie schon unterwegs sein?... 2%. Juni: Gegen \0 Uhr ging es abermals vor. In Gemeinschaft mit den Amerikanern sollten wir den hinter deren Gesandtschaft gelegenen Maueraufstieg nehmen. Kapitän Meier von den Amerikanern übernahm die Führung. Durch das die obere Breite der Mauer ausfülleude Gestrüpp schlichen wir uns Barrikade zwischen der russischen und amerikanischen Gesandtschaft. bis zupi Aufstieg heran. Er wurde besetzt; dann ging's weiter vor. Schon waren wir bis auf 230 m an das Tschien-Thor herangekommen, da prasselte plötzlich ein ungeheurer Kugelhagel auf uns nieder. Zum Glück war eine kleine, niedrige Barrikade in der Nähe. Hinter sic warfen wir uns und gaben Gegenfeuer. Wir aber waren nur 20 Mann, und uns gegenüber standen mindestens 300 Chinesen, die wie verrückt feuerten; und dazu hinter uns 500 m glatte Maueroberfläche ohne jede Deckung. Da war auch kaum an einen leidlichen Rückzug zu denken. Wir hielten also aus und feuerten fürs erste einmal Salve auf Salve, aber die Salven flutschten nicht recht. Nicht weniger als viermal schossen sie uns die leichte Barrikade über den Köpfen zusammen, die aber immer wieder von uns ausgeflickt wurde. Anfangs hatte uns ein amerikanisches Maschinengewehr begleitet. Am Aufstieg aber war es zurückgeblieben und hatte dort Deckung gefunden. Jetzt wurde cs heranbsfohken. Die drei Mann Bedienung waren nicht gerade zu beneiden, denn mit solchem Maschinengewehr 300 m ohne Deckung durch solchen Kugelregen vorzukommen, ist wahrlich kein Vergnügen. Sie schienen auch zuerst keine Lust dazu zu haben, als aber Kapitän Meier zum zweitenmal pfiff, da kamen sie richtig angefegt. Und nun begann das Maschinengewehr zu arbeiten, schoß sich schnell ein, und dann gings los; pro Minute jagte es <pO Kugeln in des Feindes Barrikaden. Trotzdem wichen die Thinesen nicht, wohl aber verminderte sich ihr Feuer. Stoppte das Maschinengewehr, wurde das Chinesen-Feuer gleich wieder stärker. Unter solcheit Umständen war jede Aussicht auf vorwärtskommen ausgeschlossen, zumal nun auch noch zwei chinesische Geschütze anfingen, uns mit Schrapnells zu regalieren. So gab denn Kapitän Meier den Befehl zuin Rückzugs. Erst ging die eine Hälfte zurück, während die andere Schnellfeuer abgab. Bei diesem Rückzug mußten wir auch noch eine ziemlich hohe Barrikade passieren. Ueber die setzten wir aber so elegant hinweg, wie sonst i,n Zirkus ein Tlown über ein Pferd! Herr Gott! Hätten die Langzöpfe wirklich gezielt, uns wäre es nett ergangen! So aber hatten wir während der ganzen Geschichte auch nicht einen verwundeten. wenn nämlich die Thinesen iin feindlichen Feuer Schüsse abgeben, so legen sie sich entweder platt auf den Boden, so daß sie buchstäblich init der Nase im Schmutz stecken, heben das Gewehr mit beiden Händen hoch über den Kopf und drücken los; dagegen hinter einer Barrikade liegend, heben sie es über dieselbe, so daß man nur das Gewehr und ihre beiden Hände sieht, und drücken ab. !vir hatten an diesem vorniittag viele von ihnen ins Zenseits befördert; wie viele, ist schwer zu sagen, aber von unserin ersten Kampfe fanden wir später m unserem Rücken noch über <00 Tote liegen, verschiedentlich waren die Uniformstücke dieser Toten angebrannt. Ich kann ntir das nur so erkläret!, daß die verwundeten selbst ihre Kleider anzündeten, um uns nicht lebend in die Hände zu fallen!... Und solche Kämpfe um Sein oder Nichtsein gab es nun Tag für Tag, Nacht für Nacht, Wochen vergingen, aber die Tntsahtruppen kamen noch immer nicht; dagegen schmolzen die Munition und die Lebensmittel täglich mehr zusammen! ..." Die von den Chinesen scheinbar nicht erwartete, energische, teilweise fast tollkühne, stets offensive Verteidigung seitens der Belagerten verfehlte auf die feige Masse des Feindes nicht ihren Eindruck. Er begnügte sich in den nächsten Tagen mit einer ununterbrochenen, aber fast wirkungslosen Beschießung und mit fortgesetzten Brandstiftungsversuchen, indem er mit Petroleum getränkte Feuerbrände oder Handgranaten auf die Dächer der Gebäude warf und dann von gedeckter Stellung aus die brennenden Gebäude noch mittels einer Feuerspritze mit Petroleum berieselte. Auf diese Weise entstand allmählich rings um das Gesandtschastsviertel ein wüster Trümmerhaufen, welcher insofern für die Belagerten günstig war, als dadurch das Sichtund Schußfeld freier wurde. Am 25. Juni gelang es den Chinesen, in die Verteidigungslinie am Suwangfu Bresche zu schießen, ein Vordringen wiesen jedoch die Japaner und einige zu Hilfe geeilte Italiener ab. Dagegen brannte in der darauffolgenden Nacht ein Teil dieses Prinzenpalastes nieder, so daß die dort nntergebrachten Chinesen ebenfalls nach der englischen Gesandtschaft übergeführt werden mußten. Die durch den Suwangfu angelegte zweite Verteidigungslinie wurde nunmehr von den Japanern besetzt. Um sich des von Norden aus auf die englische Gesandtschaft gerichteten Geschützfeuers zu erwehren, wurde am 28. Juni abends ein ge meinsamer Ausfall unternommen, welcher wenigstens den Erfolg hatte, daß von dieser Seite für kurze Zeit das Feuer etivas schwächer wurde. Leider gelang es aber nicht, ein Geschütz zu nehmen, damit dadurch die Verbündeten wenigstens etwas Artillerie in die Hand bekämen. Letztere wurde sehr schmerzlich entbehrt. Gelegentlich dieses Ausfalles konnten einige Chinesenhäuser in Brand gesteckt werden, welche der Feind gern als Stützpunkte benutzte. Unterdessen bedrängten die Chinesen wieder von Osten aus besonders die französische und deutsche Gesandtschaft. Von ersterer brannte sogar ein Teil der Gebäude nieder, so daß die äußere Verteidigungslinie etwas zurückgezogen wurde. Auch waren von der Besatzung von 45 Mann schon 16 tot oder verwundet. Ihr Hauptaugenmerk richteten jedoch die Chinesen gegen die beiden Barrikaden auf der Südmauer, welche ihnen wegen ihrer Lage ein Dorn im Auge waren. Am 30. Juni und 1. Juli wurde heiß um ihren Besitz gestritten, schließlich gingen sie vor der erdrückenden Übermacht verloren und damit stieg die Krisis für die Belagerten auf den Höhepunkt. Denn nun konnten die Chinesen von der Mauer aus ungestört auf die schutzlos daliegenden Gesandtschaften feuern. Auf der andern Seite im Norden wurde die Lage nicht minder kritisch. Ein von einem italienisch-britischen Kommando von 35 Mann gegen die chinesischen Geschützstellungen unternommener Ausfall endete trotz höchster Tapferkeit resultatlos und kostete der kleinen Truppe den Führer, den italienischen Leutnant Paolini, und 19 Mann tot oder verwundet. Trotz dieser Widerwärtigkeiten verzagten die Belagerten nicht, sondern machten von neuem unmenschliche Anstrengungen, die Positionen auf der Mauer wieder zu nehmen. Dies gelang auch am 2. Juli. Über diese beiden für das deutsche Kommando besonders denkwürdigen und ehrenvollen Tage erzählt der schon oben erwähnte Dose: sGberlazarettgast Dose über die Ereignisse am X. und 2. Juli 1900.] "{ Juli MO. Um 9 Uhr vormittags erfolgte ein heftiger Angriff auf unsere Barrikade im (Osten. Gerade zu dieser Zeit waren unsere Leute durch Engländer abgelöst worden, weil sie zu erschöpft waren, und nur ein Unteroffizier nnd drei Mauu Deutsche befanden sich oben. Leider ließen sich die Engländer durch den ersten ungestümen Angriff der Ehinese» verwirren und räumten nach einigen Schüssen das Feld; alles Rufen und Befehlen unsererseits war vergebens, während doch durch ein ruhiges Aushalten und gut gezieltes Schnellfeuer die Chinesen sicher schnell zurückgeschlagen worden wären. Eo konnten denn unsere paar Mann nichts machen und die Barrikade mußte nach heftigem Kampf geräumt werden. Sie wurde sofort von den Ehineseu beseht und verstärkt. Mir dachten, nun müßten wir unsere Gesandtschaft verlassen, da die Ehiuesen uns direkt hineinschießen konnten, doch wagten sich dieselben nicht über ihre Position hinaus. Zm Pause des Perru von Be low! wurde Scefoldat Strauß durch eine vollkugel ans einer Mallbüchse so schwer am (Oberschenkel verletzt (die Kugel schlug vollkommen durch), daß er am Abend seinen Verletzungen erlag. Die Ehinesen richteten ihr Geschützfeuer nun hauptsächlich auf unsere Gesandtschaft, außerdem wurde auch das uns gegenüberliegende "potel de Peking" (Besitzer Mr. Ehamot) stark mitgenommen. Bei uns waren es hauptsächlich die päuser von Below und von Bergen, welche stark beschädigt wurden, an ciuiDas zerschossene Mohnhaus des Perm v. Below. gen Stellen bi; zum Zusammenbruch, doch waren dieselben schon längst geräumt und wohnten die Besitzer im Ministerhaus. Dies war durch das Klubhaus geschützt, aber trotzdem schlugen auch hier wie in den anderen Gebäuden mehrere Granaten ein. Furchtbar, schauerlich war manchmal das Pöllenkonzert, hauptsächlich wenn abends, wie dies oft der Fall war, ein starkes Gewitter cinsetzte. Zn das Geknatter des Gewehrfeuers nüfchte sich dann der dumpfe Ton der Geschütze, oft zusammenfallend mit dem betäubenden Donner eines tropischen Gewitters. Grelle Blitze durchzuckten das Dunkel und wurden unterstützt durch den blutroten Schein brennender Gebäude und Stadtviertel. (Oft verspürte inan nach einem Schuß einen heftigen Luftzug am Kopfe, dann konnte man sicher sein, daß das Geschoß in der Nähe einschlug, wo es krepierte, Blick von der großen Mauer über die deutsche Gesandtschaft. und im nächsten Augenblick war man in eine Molke von Staub gehüllt. Steine, Dachziegel, Polzsplitter u. dergl. flogen umher, oft auch die kleinen Eisenstückchen von Schrapnells. Anders wieder hörte man das Krachen eines zusannnenftürzenden Baumes, Astes oder dergl., durch die Zweige pfiffen klatschend die Gewehrkugeln, hier und da cinschlagend, alles zertrümmernd, was ihnen in den Meg kam. Ein großes Loch in der Mauer, eine Lücke im Dach, zerschlagene Balken, ein Pausen Schutt und Trümmer bezeichneten dann die Stelle, wo ein Pfand der Zuneigung zu uns von den Ehinesen gelandet war. 2. Juli MO. Um 4 Uhr nachmittags wurde Seesoldat Ebel im Pause des perrn von Bergen von einer Kugel, welche den dritten Rietallknopf durchdrang, direkt ins perz getroffen und war natürlich sofort tot. Der Posten im Panse wurde darauf cingczogen, weil der (Ort zu scharf beschossen wurde. Die Amerikaner und Ehinesen haben sich auf der Mauer einander sehr genähert und überbieten sich gegenseitig, starke und hohe Barrikaden zu bauen. Meil die Ehinesen zu übermütig werden, machen die Amerikaner einen Sturmangriff und nehmen die chinesische Barrikade, worauf dieselben sich etwas zurückziehen. Die Amerikaner, durch einige Russen verstärkt, verwandeln ihre Barrikade zu einer fast uneinnehmbaren Festung mittels Verbindungsgräben, Seitendeckungen rc. Den Aufgang befestigen sie durch eine Zickzack-Barrikade. Auch nach unserer Seite hin wird eine Barrikade auf der Mauer angelegt." Wenn auch durch die Wiederbesetzung der Mauer zunächst die dringendste Gefahr beseitigt war, so erneuerten in den nächsten Tagen die Chinesen fortgesetzt die Versuche, ihre Angriffsstellungen näher heranzuschieben. Sie brachten auf der Südostecke der Mauer der kaiserlichen Stadt 15 schwere Geschütze alter Art in Stellung und beschossen vor allem die englische Gesandtschaft. Auch an den Suwangfn arbeiteten sie sich immer näher heran. Immer wieder versuchten die Japaner durch thatkräftige Offensive die Angreifer zurückzuwerfen, aber es gelang ihnen nicht, sie mußten Schritt für Schritt zurückweichen. Auch bei der französischen und deutschen Gesandtschaft tobte der Kampf weiter. In der ersteren fiel am 8. Juli, vormittags 11 Uhr, der österreichische Kapitän von Thomann, der rangälteste Offizier der Schutzwachen und bisheriger militärischer Leiter der Verteidigung. "Derselbe hatte sich," wie der ihm im Kommando über das österreichische Detachement folgendeLeutnant von Winter halb er berichtet, "große Achtung und aufrichtige Sympathie bei allen beteiligten Nationen erworben." Jetzt versuchten die Chinesen mit Minen zu arbeiten, legten dieselben aber teilweise recht schlecht an. So gingen am 13. Juli in der französischen Gesandtschaft kurz hintereinander zwei Minen hoch, dieselben zerstörten auch die Ostfront des Hauptgebäudes und zwangen die kleine französisch-österreichische Besatzung, eine weiter rückwärts gelegene Verteidigungslinie eiuzunehmeu, auch verloren die Franzosen durch die Explosion 2 Mann, aber vom Gegner selbst büßten hierbei 22 Mann ihr Leben ein. Eine andere gegen die Nordfront der englischen Gesandtschaft gerichtete und zum Sprengen vorbereitete, aber nicht gesprengte Mine verlief derart gekrümmt, daß sie nicht in der Gesandtschaft, sondern in einem von den Chinesen besetzten .Hause endigte. Tie an der französischen Kathedrale angelegten Minen waren indessen einwandfrei; durch eine derselben wurden 5 Italiener und etlva 75 chinesische Christen verschüttet, von denen nur ein italienischer Offizier nach 3/4 Stunden lebend ausgegraben werden konnte. Während in der französischen Gesandtschaft die Minen sprangen, machten etwa 300 Chinesen am Nachmittage des 13. Juli um 6 Uhr einen Sturmangriff mit einer Vehemenz und Energie, wie sie bis jetzt noch nicht vorgekommen war. Ihre Hornisten machten mit den zwei Meter langen Hörnern einen betäubenden Lärm. Sie bliesen Sturm, die Geschütze donnerten dazwischen, und in Massen, fortwährend feuernd, drangen sie aus die wenigen deutschen Verteidiger ein. Schon waren die äußeren Baulichkeiten, die Klubhäuser aufgegeben und von den Chinesen angezündet, schon begakin der Feind in die östliche Gesandtschaftsmauer sich Schießscharten zu schlagen. Die Lage war fast verzlveifelt. "Nur ein rascher Entschluß," sagt der deutsche Detachementsführer Graf Soden von diesem Augenblicke, "konnte uns vor größerem Unheil bewahren". Dieser rasche Entschluß des deutschen Offiziers bestand darin, daß er selbst ein Gewehr ergriff und, gefolgt zunächst nur von zwei gerade neben ihm stehenden. Secsoldaten, durch eine Maueröffnung unter kräftigem Hurra ans die verblüfft drcinschaueuden Chinesen stürmte. Dieser von Graf Sobeu beim Barrikadenba». dem Gedanken einer kühnen Offensive getragene Gegenangriff gelang. Die Chinesen machten Kehrt und flohen. Der Seesoldat Horn entriß ihnen noch trotz heftiger Gegenwehr eine mächtige Fahne, (jetzt im Marine-Museum in Kiel). Diesem glänzenden Erfolge war mehr zu danken, wie nur die Rettung der deutschen Gesandtschaft. Die Chinesen sahen wiederum ihren energisch unternommenen Versuch gescheitert, in das Gesandtschaftsviertel einzudringen. Deutscher Offensivgeist und Wagemut hatte die Belagerten gerettet, denn nun wagten die Chinesen keinen Angriff mehr, sondern begnügten sich mit einer energischen Beschießung. Der Waffenstillstand. Am 14. Juli kam ein Bote, der am 10. mit einem Briefe für die Truppen ansgesandt worden war, in die britische Gesandtschaft zurück. Er war von den Chinesen festgehalten worden, grausam geprügelt und, lvie er sagte, nach dem Damen Dunglus geführt worden, lvo er nachstehenden Brief empfangen hatte, der, angeblich vom Barrikaden zwischen der deutschen Gesandtschaft und dcni Betel de Peking. 157 00C00000000CN300000 Die Belagerung der Gesandtschaften in Peking. OOVWOOVOOOOVOOQOO 158 Prinzen T sch i n g "und andern" geschrieben, an den britischen Gesandten gerichtet war. Es >var die erste Mitteilung irgendwelcher Art, die seit Monatsfrist ans der Außenwelt den Belagerten zukam. sprinz Tsching u. a. an die Gesandten.^ "In den letzten Zehn Tagen haben Solöäten und Miliz gekämpft und es bestand zu unserer großen Besorgnis keine Verbindung zwischen uns. vor einiger Zeit hatten wir eine amtliche Kundgebung ausgehängt, die unsere Ansichten wicdergab, aber wir erhielten keine Antwort, und entgegen unseren Erwartungen machten die fremden Soldateu erneute Angriffe und verursachten Lärm und Argwohn unter den Soldaten und dem Volk. Gestern nahmen die Truppen einen Thristen mit Namen Tschiussuhei gefangen und erfuhren von ihm, daß alle Gesandten wohl seien, was uns mit großer Gcnugthuuug erfüllt. Aber es hat sich Unerwartetes ereignet. Die Verstärkungen der fremden Truppen sind schon lange von Boxern aufgehaltcn und zurüekgetrieben worden, >uid wenn wir auch gemäß früheren Vereinbarungen Lw. Excellenzen aus der Stadt geleiten ließen, so sind doch so viele Boxer auf dem Wege nach Tientsin und Takn, daß wir ein Unglück befürchten müßten. Wir ersuchen nun Ew. Exccllenzeu, zunächst mit Ihren Familien und den verschiedenen Mitgliedern der Gesandtschaften die Negationen in Abteilungen zu verlassen, wir würden vertrauenswürdige Offiziere auswählen, die ausreichenden Schutz gewähren würden, und Sie könnten zeitweilig im Tsungli Paine» wohnen, während hier weitere Maßnahmen für Ihre Abreise getroffen werden, um so die freundschaftlichen Beziehungen von Anfang bis zuni Ende unversehrt aufrecht zu erhalten. Bciiu verlassen der Gesandtschaften aber darf nicht ein einziger bewaffneter Soldat mitgenommen werden, um Zweifel und Furcht bei den Truppen und dem Volke zu vermeiden, denn das könnte zu leidigen Zwischenfällen führen. Wenn Lw. Excelleuz damit einverstanden sind, bitten wir Sie, sich mit allen fremden Gesandten in Peking in Verbindung zu setzen — die Frist reicht bis morgen Mittag — und uns eine Antwort zu übermitteln, damit wir den Tag für die Abreise der Gesandtschaften festsehen können. Ls i|t dies der einzige Weg, die Beziehungen aufrecht zu erhalten, den wir angesichts der unzähligen Schwierigkeiten erdenken konnten. Erfolgt bis zu der festgesetzten Frist keine Antwort, so wird selbst unsere Gewogenheit uns nicht ermöglichen, Ihnen zu helfen. Unsere Grüße. (4 Juli 000. gez. Prinz U-sching und andere." Dieser Brief lief unmittelbar nach dem Angriff auf die französische Gesandtschaft ein, der sic in Trümmer gelegt hatte, und ließ an Unverschämtheit nichts zu wünschen übrig. Trotzdem trat aber ganz unerwartet auf einmal eine gänzliche Änderung in der Situation ein, die. wohl auf den Eindruck zurückzuführen ist, welchen die Eroberung von Tientsin durch die Verbündeten auf die Chinesen gemacht hat. Sie sahen ihr Spiel verloren und versuchten nun wieder freundliche Saiten anfznziehen, ohne dabei das Spiel ihrer Tücke und Hinterlist ciuzustellcu. In einer wirklich kindlich-naiven Weise wurden die Vorgänge der letzten Wochen, die erbittertsten Kämpfe mit den regulären kaiserlichen Truppen als ohne Wissen und Willen der Regierung geschehen hingestellt. Ja, man versuchte von neuem in plumper Weise, die Gesandten heranszulocken, um sie dann natürlich desto sicherer niedermachen zu können. Am 15. ward eine Antwort abgesandt, die die Einladung, nach dem Tsungli Damen zil kommen, ablehnte, und ausführte, daß von den verbündeten Truppen keine Angriffe gemacht worden seien, daß diese lediglich Leben und Eigentum der Fremden verteidigt hätten gegen die Angriffe der chinesischen Regicrungstruppen. Die Antwort schloß mit der Erklärung, daß, wenn die chinesische Regierung zu unterhandeln wünsche, sie einen verantwortlichen Beamten mit einer weißen Flagge senden möge. Das Feuer wurde nun ivütend fortgesetzt, und die Angriffe richteten sich besonders gegen den Suwang Fu, wo die Chinesen Barrikaden errichtet hatten, von denen aus sie die Paläste mit ihrem Feuer bestreichen konnten. sl»v. Morrison, der Berichterstatter der Times, erzählt^ "In der That nahte am nächsten Tage gerade während der Beisetzung eines gefallenen englischen Offiziers ein Bote mit einer weißen Flagge den: Thore der englischen Gesandtschaft. Ein Geschoß platzte gerade zu seinen Füßen und die einzelnen Sätze seines Briefes wurden beini verlesen unterbrochen durch das Kanonenfeuer, das gegen die Gesandtschaft von der Mauer der Kaiserstadt aus gerichtet wurde. Das war es, was die Thinesen in Europa wohl fortgesetzt "Schutz der Gesandtschaften vor den örtlichen Banditen" genannt haben. Es war ein schlagender Beweis von der Mißachtung der Bräuche der zivilisierten Kriegführung, die die Nation kennzeichnet. Der Brief war von, "Prinzen Tschiug und anderen". Er führte aus, daß der Grund, weshalb die Verlegung der Gesandtschaften nach dein Tsungli Pamen vorgeschlagen, der sei, daß die chinesische Regierung den Mitgliedern der Gesandtschaften kräftigeren Schutz gewähren könne, wenn sie beisammen wären, statt wie jetzt zerstreut. Da aber die Gesandten nicht zustnnmten, so wollten die Thinesen doch ihr äußerstes thun, die Gesandtschaften auch da zu schützen, wo sie wären. (Während der letztere Satz verlesen wurde, mußte der Uebersetzer seine Stimme erheben, dainit er über dem Knattern der kaiserlichen Gewehrkugeln gehört werden konnte.) Die Regierung würde Verstärkungen heranziehen und ihre Bemühungen fortsetzen, um die Boxer am Feuern zu verhindern, und sie gebe sich der Hoffnung hin, daß auch die Gesandten an ihrem Teil ihre Truppen vom Feuern abhalten würden ..." Obwohl man diesen neuen Zusicherungen natürlich auf seiten der Verbündeten ebenso wenig lvie den frühereil traute, hörte doch am 17. Juli zum allgemeinen Erstauneu das Feuer der Chinesen auf, nur ab und zu fiel noch ein Schuß. Immerhin hatten aber gerade die beiden letzten Tage noch schwere Opfer gekostet. So lvnr am 15. u. a. der englische Dolmetscher Eleve H. Warren und am 16. der älteste englische Offizier, Kapitän Strouts, gefallen. Die bis zum 8. August währende Waffenruhe nutzten die Verbündeten in vortrefflicher Weise aus, ihre Stellungen zu verstärken. Zahlreiche bombensichere Unterstände wurden geschaffen, die ganze Verteidigungslinie durch Aufwürfe und Saudsäcke, verstärkt und eine Festung geschaffen, in der sich die Belagerten jedem feindlichen Angriffe gclvachseil fühlten. Das Bedenkliche war der Mangel an Munition und Proviant. Der Vorrat an Patronen war auf etwa 90 bis 100 Stück pro Kopf zusammengeschmolzen. Sonst verfügten die Deutschen nur noch über 1000 Platzpatronen, welche im Notfälle mit Bleikugeln zu scharfen umgewandelt werden konnten. Außerdem hatte Graf Soden bei seinem letzten Angriffe auch einige moderne Geivehrc mit etiva 400 Patronen erbeutet. Auch wurde ein erbeutetes, allerdings altmodisches Geschütz montiert nnd gebrauchsfähig gemacht. Aber auch die Lebensmittel fingen an, in bedenklicher Weise abzunehmen, obwohl des guten Scheins halber der Tsungli Damen jetzt 1000 Pfund Mehl, Eis nnd Gemüse schickte. Hiervon wurde aber aus Furcht, es könnte vergiftet sein, kein Gebrauch gemacht, auch wollte man den chinesischen Machthabern keine Handhabe geben zu der späteren Ausrede, sie hätten für den Schutz der Gesandtschaften gesorgt. Lobend anerkannt muß werden die Thätigkcit des französischen Hotelwirtes Chamot, dem die Zubereitung der Brote als Aufgabe zugefallen war. Man arbeitete in seiner Bäckerei im schärfsten Feuer. 91 mal wurde das Gebäude von Granaten getroffen, die Flammen aber immer wieder gelöscht. Chainot stellte 300 Brote am Tage her. Wenn ihn die Geschosse aus der Küche vertrieben, arbeitete er im Gastzimmer. Sein Mut feuerte seine Chinesen an, nnd sie gehorchten ihm mit erstaunlichem Vertrauen. Unterdessen ließen es die chinesischen Machthaber nicht an Versuchen fehlen, die Gesandtschaften in Sicherheit zu wiegen oder herauszulocken oder ihre Verteidigungskraft zu lähmen, indem sie z. B. die Räumung der Mauer und die Entfernung der dort stehenden Barrikaden verlangten. Natürlich ließen sich die Verbündeten auf nichts ein, drangen doch täglich und mit immer größerer Gewißheit Gerüchte von einem nahenden Entsatz zu Ohren der Belagerten. Deshalb hieß es anshalten. Und in der That war in den letzten Tagen des Juli ein Entsatzheer von Tientsin aufgebrochen, um den armen Eingeschlossenen in Peking die ersehnte Befreiung zu bringen. ftvberlazarettgast Doses Schilderung einiger Eindrücke aus der Zeit der Waffenruhe.) Am t8. Juli $00 erhalten wir durch einen Kurier aus Tientsin die Nachricht, daß am 20. d. Mts. 33000 Alaun von dort nach hier abgehen sollen. Neue Hoffnung belebt die Gesichter, aber wir habeli so lauge auf Truppen gehofft und immer sind sie nicht gekomnicn, daß man die Hoffnung ganz aufgicbt und nicht mehr darauf rechnet, jemals Peking wieder lebendig zu verlassen, viele fühlen sich von den kolossalen Anstrengungen matt und schlapp und nur das Bewußtsein, daß jeder unentbehrlich ist, hält sie ab, sich krank zu melden. Nur ganz vereinzelt fällt in diesen Tagen ein Schuß, das müssen wohl so einzelne Unzufriedene sein, außerdem sind es die Truppen Tungfusiangs auf der englischen Seite, welche sich auf nichts einlassen und immer lustig darauf lospfeffern. An der französischen Barrikade bringen uns die Chinesen Melonen und Gurken, komisches Volk! Dies wiederholt sich noch einmal, und zwar am 27. 3«Ii. An diesem Tage bringen sie noch Mehl und Cis dazu, jedenfalls denken sie, daß wir noch viel Sekt zum Kühlen haben. Angeblich sollen die Sachen von der Kaiserin sein, doch ist dem wohl nicht zu trauen, es müßte schon sein, daß die Herren, nachdem sie sich soweit hineingeritten, hoffen, durch solche Uiittel uns wieder wohlwollend zu stimmen, um später, wenn die Truppen erst mal da sind, Schonung zu erlangen. Aber das wird ihnen nicht helfen! Die Chinesen fangen wieder an, von allen Seiten zu schießen und zwar mehrt sich, die Heftigkeit der Angriffe immer mehr, je weiter die Zeit fortschreitet; vielleicht haben sie von der Annäherung der Truppen Nachricht. Zch war in der letzten Zeit ganz im Hospital in der englischen Gesandtschaft, dader englische Lazarettgehilfe erkrankt war. Zn der Nacht zum $. August war dann der Angriff wieder ganz bedeutend, von allen Seiten krachte cs ununterbrochen, so daß man denken niochte, die Chinesen seien schon in der Gesandtschaft, und hier würde der letzte vcrzweiflnngskampf gekämpft, dazu rauschte der Kegen in Strömen hernieder; es war eine unheimliche Situation. Sogar in die Hausthür des Lazaretts schlugen zwei Kugeln ein. An diesein Abend wurde auch an der Barrikade bei Chamot der Seesoldat Gugel getötet. <Lr sah gerade durch ein Schießloch und bekam hierbei einen Schuß ins Gesicht, welcher (Überund Unterkiefer zertrümmerte und den Tod schnell herbeiführte. Am Tage vorher stand der Scesoldat Berger in der Thür vor dem Mannschaftshause, wo er durch einen Schuß in die Stirn verwundet wurde. Die Folge war, daß er geistig ganz benommen war, dazu gesellte sich dann später noch Wundstarrkrampf, so daß er am 26. August seiner Wunde erlag. Tr war unser zwölfter Toter. Nun, auch der letzte Angriff wurde, wie so viele vor ihm, siegreich abgeschlagen." -H Chinesen überbringen den Belagerten Lebensmittel. Deutsches Geschwader in Gstasien weiter Abschnitt. Die Rüstungen der Mächte. Ansicht von Kiel. Deutschland. Bevor wir in der Schilderung der Ereignisse ans dem Kriegsschauplätze fortfahren, müssen wir einen Blick werfen auf die Wirkung, welche der Aufstand in Petschili auf die Heimatlande der beteiligten fremden Nationen ausübte, und welche Gegenmaßregeln dort getroffen wurden. In die Außenwelt drangen von dem Schicksale nur unkontrollierbare, meist sehr übertriebene Gerüchte. Begreiflicherweise erregte schon in ganz Europa und besonders natürlich in Deutschland die nicht anznzweifelndc erschütternde Kunde von der Ermordung des kaiserlich deutschen Gesandten einen Schrei der Entrüstung, welche sich noch steigerte, als die scheinbar glaubwürdige Nachricht einging, daß sämtliche Europäer in Peking der chinesischen bestialischen Mordgier zum Opfer gefallen seien. Die amtliche Depesche des Gouverneurs von Schantung hatte über Schanghai gemeldet: "Die Geschütze der Chinesen legten eine Bresche in die Mauern der Gesandtschaften. Nach heroischer Verteidigung und nachdem die Munition erschöpft war, wurden alle Ausländer getötet." Dieser Nachricht folgten weitere Einzelheiten und Schilderungen des grausigen Dramas, sämtlich aus amtlicher chinesischer Quelle, vom chinesischen Telegraphendirektor Sch eng verbreitet, so daß sie in Europa allgemeinen Glauben fanden und in London sogar schon ein Tedeum für die Ermordeten gesungen wurde. Jedenfalls sollte es nach dem Beschlüsse des chinesischen Mordgesindels so kommen, und heftige Angriffe auf die Gesandtschaften am 13. Juli sollten diesen Endzweck haben. Er wurde durch die heldenmütige Verteidigung vereitelt. Aber in Europa wußte man von all dem nichts, sondern war lediglich auf chinesische Nachrichten angewiesen. Kürschner, China II. . Die gesamte Kulturwelt stand aus Mangel an verfügbaren Kräften machtlos den furchtbaren Greuelthaten in Peking gegenüber. Noch einen letzten Rettungsversuch machte S. M. der deutsche Kaiser, indem er an den Chef des Kreuzergeschwaders, den Gouverneur vou Kiautschon, den General-Gouverneur von Schantung, die Vizekönige von Nanking und Wutschang folgendes hochherzige Telegramm richtete: (Depesche ücriser Wilhelms II.] "Ich verpflichte mich durch Mein kaiserliches Wort für jeden der zur Zeit in Peking eingeschlossenen Fremden jeder Nationalität, welcher lebend einer kaiserlich deutschen oder sonstigen fremden Behörde übergeben wird, demjenigen, der die Auslieferung herbeiführt, 1000 Taels (etwa 3000 Mk.) auszuzahlen. Auch übernehme ich alle üosten, welche jedwede Übermittelung meiner Zusage nach Peking verursacht." Der verunglückte Seymoursche Entsatzversuch ließ die innere Kraft der aufrührerischen Bewegung erkennen. Schweren Herzens mußten sich die Geschwaderchefs entschließen, um nicht vergeblich Opfer zu bringen, mit einer erneuten militärischen Operation zu warten, bis die dringend notwendigen Verstärkungen eintreffen würden. Die vorhandenen Kräfte waren kaum ausreichend, um Tientsin zu halten. Die gelbe Gefahr stand plötzlich in dräuender Gestalt vor dem gesamten Abendlande, und die besonderen Verhältnisse verlangten gebieterisch besondere Maßnahmen. Ohne größere diplomatische Verhandlungen hatten sich im ersten Moment der auftauchenden Unruhen alle bedeutenden Kulturmächte Europas und mit diesen die Vereinigten Staaten von Nordamerika und Japan, zusammengefunden, um das gefährdete Ansehen der abendländischen Kultur zu schützen. Jetzt schweißte sie die Macht der Verhältnisse zu einer großen Aufgabe 11 1G3 OC?0OO00000v?0O90C?000C>00QC>0Q90 wirren \<)00l\f)0\. OOOC>ODOOOQCC>OC>COOOOOOOOOOQOQ 164 zusammen, deren Lösung stand und fiel mit der Einigkeit der beteiligten Mächte. Aus diesem Grunde bedurfte es des ganzen Geschickes der Diplomatie, um jede.Sonderaktion einzelner Staaten auszuschließen. In klaren Worten legte Graf Bülow, der damalige Staatssekretär des Äußeren, in seinem Rundschreiben an die deutschen Bundesstaaten das gemeinsame Programm fest, indem er sagte: sGraf Bülows Rundschreiben an die deutschen Bundesstaaten.s "Das Ziel, das wir verfolgen, ist die Wiederherstellung der Sicherung der Personen, des Eigentums und der Thätigkcit der Reichsangehörigen in China, Rettung der in Peking cingeschlossencn Fremden und Wiederherstellung und Sicherstellung geregelter Zustände unter einer geordneten chinesischen Regierung, Sühnung und Genugthuung für verübte Unthaten. wir wünschen keine Aufteilung Chinas, wir erstreben keine Sondervorteile. Die kaiserliche Regierung ist von der Uebcrzcugung durchdrungen, daß die Aufrechterhaltung des Einverständnisses unter den Mächten Vorbedingung für die Wiederherstellung von Frieden und Grdnung in China ist, und wird ihrerseits mit ihrer Politik diesem Gesichtspunkte auch ferner an erster Stelle Rechnung tragen." Um dieses Ziel zu erreichen, mußten nunmehr diejenigen militärischen Maßnahmen getroffen werden, welche für die notwendig gewordene große militärische Aktion in China erforderlich waren, und Deutschland mußte sich iu einer seiner politischen Bedeutung entsprechenden Weise beteiligen. Durch die Vorgänge in China waren das so erfolgreiche Missionswerk im Osten, der blühende deutsche Handel in Ostasien und endlich die in der Provinz Schantung im Entstehen begriffenen deutschen wirtschaftlichen Unternehmungen in gleichem Maße bedroht. Deshalb heißt es auch iu der sBegrünöung zu der dem Deutschen Reichstage Mir 15. November 1900 zugegangenen China-Vorlage.s "Ganz außer Zweifel steht, daß die (Organe der chinesischen Regierung sich, wo nicht unwillig, so doch in solchem Grade unfähig erwiesen haben, der Bewegung rechtzeitig Einhalt zu thun, daß den fremden Mächten nichts anderes übrig geblieben ist, als den Schutz ihrer Angehörigen und ihrer Interessen unter Aufbietung militärischer Machtmittel selbst in die löand zu nehmen. Das Reich hat an seinem Teile die hierzu unerläßlichen Vorkehrungen zeitig beginnen und in dem. durch die militärische Entwichclung der Dinge in China gebotenen Umfange sorisetzen müssen. Die Interessen Deutschlands in China und die der dort lebenden. Deutschen sind nicht zu unterschätzen. Der deutsche Handel, in den vertragshäfcn ansehnlich vertreten, steht nur hinter dein englischen zurück, vor den Unruhen war er in lebhaften Aufschwungs begriffen. Seither liegt er nicht nur in Tientsin darnieder, wo der deutsche Kaufmann eine hervorragende Stellung einnimmt: von allen Hafenplätzen Chinas, auch aus dem Süden kommen Klagen der an dem Handel und an der Schiffahrt beteiligten Deutschen über die Stockung der Geschäfte und des Verkehrs. Die deutschen Eisenbahnund' Bergbau-Unternehmungen in der Provinz Schantung, von deren baldiger Durchführung das Gedeihen des deutschen pachtgcbiets Kiautschou abhängt, sind zum Stillstände gebracht worden. Die m Hoffnung aus späteren Ertrag in diesen Unternehmungen angelegten Millionen deutschen Kapitals sind bedroht. Die nach Schantung entsandten deutschen Arbeiter find ihrer Beschäftigung und damit ihres Erwerbes beraubt. 2ln der Wiederherstellung der (Ordnung in China ist das deutsche Interesse in nicht geringerem Maße beteiligt, als das der anderen großen Mächte. Deutschland kann weder die in den Zeiten friedlicher Entwickelung im fernen Gsten errungene Stellung widerstandslos preisgeben, noch zurücktreten, bis durch die Maßnahmen der mitbeteiligten Mächte ein Zustand hergestellt sein wird, der ihm die Wiederanknüpfung eines gedeihlichen Verkehrs mit China ermöglicht. Durch seinen schnellen Anschluß an die allerseits als einziges Mittel zur Eindämmung und Unterdrückung des Aufruhrs erkannte militärische Machtcntfaltung hat cs ehrenvollen Anteil genommen an den bisher bei Verteidigung und Angriff erzielten Erfolgen. Diese Erfolge allein haben cs bewirkt, daß der Ausbruch ernsterer Unruhen im Pangtsze-Thal, in Schantung und in anderen Teilen Chinas bis jetzt hintangehalten worden ist. Anzeichen dafür aber, daß die in Gährung geratenen Massen rasch zur Ruhe kommen wer-, den, sind bis jetzt nicht hcrvorgetrcten. Der Ausbruch des Fremdenhasses hat diesmal weitere Kreise, mit sich gerissen als je zuvor, und die Verteidigung der verletzten vertragsrechte steht einem an Zahl, kriegerischer Ausrüstung und Ausbildung ungleich mächtigeren Feinde gegenüber, als in den Zeiten früherer wirren. Die internationale militärische Aktion jetzt einstellen, hieße der Bewegung weitere Gpfer bereiten an Gut und Leben friedlich gesinnter Bewohner des Landes." Zuerst erfolgte durch Allerhöchste Kabiuetsordre vom 19. Juni die Mobilmachung des I. und II. Seebataillons nebst des Stabes der Marine-Infanterie sowie deren Verstärkung um eine fahrende Feldbatterie zu 6 Geschützen, 1 Pionierdetachement von 1.00 Mann, 1 Sanitätsdetachement und 1 Feldbäckerei. Deutschland besaß im Mutterlande keine Formation der Landarmee, welche für den Dienst in überseeischen Ländern ihrem Ersätze, ihrer Ausrüstung und Mobilmachung nach designiert ist. Die beiden genannten Seebataillone sind für den Mobilmachungsfall zur lokalen Verteidigung der beiden Kricgshäfen Kiel und Wilhelmshaven und zur Verstärkung der Schiffsbesatzungen bestimmt, also auch trotz ihres iuileren Zusammenhangs mit der Marine keineswegs für überseeische Unternehmungen vorbereitet. Doch wurde bei den wenigen Gelegenheiten, wo die Verhältnisse in überseeischen Gebieten die Anwesenheit von Landtruppen erheischen — so bei den Unruhen in Kamerun und bei der Besetzung von Kiautschou — stets auf diese Truppe zurückgegriffen. Dies geschah auch jetzt. Es mußte sich aber die Mobilmachung in anderer Weise vollziehen, wie dies für einen Kriegsausbruch auf dem Festlande vergesehen ist. Wenn auch Se. Majestät der deutsche Kaiser das Recht hat, jegliche militärische Maßnahmen zu treffen, welche er zum Schutze und zur Sicherheit von Leben und Eigentum deutscher Staatsangehörigkeit notwendig hat, so wurde doch von der deutschen Heeresleitung an dem Prinzip festgehalten, Truppen für überseeische Unternehmungen nur aus Freiwilligen zu organisieren. Aus diesem Grunde geschah die Ergänzung der beiden Bataillone zur Kriegsstärke nicht durch Einziehen von Reserven, sondern durch Versetzung von Freiwilligen aus der ganzen Armee. Auch von den aktiven Mannschaften der Seebataillone sollten nur diejenigen mitgenommen werden, welche freiwillig dazu bereit waren. Da aber auf eiuc dahingehende Anfrage sämtliche Leute vortraten, brauchten nur diejenigen zurückgelassen zu werden, gestoßen, auch S. M. Kanonenboot "Tiger", das Stationsschiff bei den Karolinen, erhielt den Befehl, nach Takn zu dampfen. Die tiefgehende Begeisterung und das hohe Interesse, welches alle Schichten der Bevölkerung diesen deutschen Kriegsrüstungen entgegenbrachten, war ein sichtbarer Beweis für die Thatsache, daß das energische Borgehen der kaiserlichen Politik das ganze Volk hinter sich hatte. Die zahlreichen Meldungen aber zeigten den gesunden deutschen Kern und frischen Wagemut, welcher nach 30jähriger Fricdenszeit endlich Gelegenheit hatte, sich Luft zu machen. Es ist natürlich, daß infolge dieser Volksstimmung die Abfahrt der mobilen Truppen sich zu begeisterten Kundgebungen gestaltete. Als erster trat der eben erst ans seinen Probefahrten entlassene Panzerkreuzer "Fürst Bismarck" am 30. Juni die Reise nach Ostasien unter dem' Jubel der Kieler Bevölkerung und dem "Hurra" der auf ä 5. Hl. S. "Fürst Bismarck". welche als nicht tropendienstfähig bei der ärztlichen Untersuchung befunden wurden. Infolge der überaus zahlreichen Meldungen zum freiwilligen Übertritt zur Marine-Infanterie bei allen deutschen Truppenteilen konnte die Heeresverwaltung das beste vom besten nehmen. Nach Abgang der beiden Seebataillone wurden in der Heimat zwei Ersatzbataillone gebildet, einmal, um geeigneten ausgebildeten Ersatz zur Hand zu haben, dann aber auch für den Dienst in den heimischen Kriegshäfen. Gleichzeitig erfolgte eine Verstärkung der Seestreitkräfte, indem der schon für die ostasiatische Station bestimmte neue große Panzerkreuzer "Fürst Bismarck", der einzige seiner Art in der deutschen Marine, sowie der Kreuzer "Bussard" und das Kanonenboot "Luchs" den Befehl zur Mobilmachung und Ausreise nach Ostasien erhielten. Für den gegenwärtigen Kriegszustand war besonders letztere Art von Schiffen von großer Bedeutung, weil ihr geringer Tiefgang das Hinauffahren in die breiten, aber versandeten chinesischen Ströme gestattete. Aus diesem Grunde war schon das Kanonenboot "Jaguar" zu dem Kreuzergeschwader en übrigen im Kieler Hafen liegenden Kriegsschiffe durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal an. Inzwischen waren auch die Vorbereitungen für die Abfahrt der beiden Seebataillone, welche von Wilhelmshaven aus mit den beiden Dampfern des Norddeutschen Lloyd "Frankfurt" und "Wittekind" die Ausreise antreten sollten, so weit fortgeschritten, daß die Abfahrt planmäßig an: 3. Juli morgens erfolgen konnte. Die Ausrüstung des China-Transportes war den Eigentümlichkeiten des Kriegsschauplatzes in Bezug ans Klima, Bodenverhältnisse und Bebauung entsprechend auf das sorgfältigste vorbereitet: Zelte, Lagerdecken, Mosqnitonetzc, Proviant für 100 Tage; selbst die kleinsten Kleinigkeiten wie Lichte und Streichholzschachteln waren bedacht worden. Die Ausrüstung der Mannschaften geschah mit dem Gewehrmodell 98, einer verbesserten Konstruktion des in der Armee befindlichen Gewehrs 88. Dazu gehörte das ebenfalls neue Seitengewehr 98. Die Batterie erhielt zunächst sechs 8,8 em-Geschütze, später bekam sie moderne Schnellfeuergeschütze. Die Bekleidung bestand aus Mütze, Litewka und Tuchhose des Seebataillons für die kältere, Khaki-Anzügen, d. h. grünbraun gefärbten Drillich-Anzügen, mit Tropenhelmen für die wärmere Jahreszeit. Es ist natürlich, daß die beiden großen Transportdampfer in ihren Räumen viel Ladung zu verstauen hatten: Außer den Geschützen mit Munitionswagen, welche auf der größeren"Frankfurt" untergebracht waren, den Wagen für das Sanitäts-, Telegraphenund Pionierdetachement, allein 10000 Kisten Proviant, der sich aus Fleisch-, Gemüseund Snppenkonserven und Zwieback zusammensetzte. Dazu kam noch die Feldbäckcrei-Kolonne mit Zubehör. Das I. Seebataillon, welches mittels Eisenbahn von Kiel aus nach Wilhelmshaven transportiert werden mußte, stand am 1. Juli mittags 1 Uhr auf seinem Kasernenhofe feldmarschmäßig mit Fahne und Musik zum Abmarsch bereit. Derselbe erfolgte durch den Schloßpark, wo die Prinzessin Heinrich mit ihren Söhnen die letzten Abschiedsgrüße zuwinkte, nach demBahnhofe. Auch hierbei machte sich die warme und begeisterte Anteil nahme der Bevölkerung geltend, welche ihren Höhepunkt erreichte, als der Zug sich in Bewegung setzte. Die Durch Katfcr Wilhelm II. an Lord 5. Xlt. 5. "Luchs" vor der Ausreise. fahrt durch Hamburg und Bremen gab Anlaß zu erneuten spontanen Kundgebungen. Am 2. Juli morgens waren beide Seebataillone in Wilhelmshaven, wo auch die Batterie, das Telegraphen-, Pionierund Sanitätsdetachement inzwischen formiert lvaren, vereinigt, und sofort begann die Verschiffung. Am Nachmittage desselben Tages fand eine Paradeaufstellung mit anschließendem Parademarsch vor I. M. dem Kaiser und der Kaiserin statt, welche mit ihrer Aacht "Hohenzollern" im Hafen kurz vorher eingetroffen waren. Hierbei hielt S. Majestät folgende Abschiedsrede an die Soldaten: sKaiser Wilhelms II. Abschied von den Soldaten am 2. 1900.] "Mitten in den tiefsten Frieden hinein, für mich leider nicht unerwartet, ist die Brandfackel des Krieges geschleudert worden. Lin Verbrechen, unerhört in seiner Frechheit, schaudererregend durch seine Grausamkeit, hat Meinen bewährten Vertreter getroffen. Die Gesandten anderer Mächte schweben in Lebensgefahr, mit ihnen die Kameraden, die zu ihrem Schutze entsandt waren, vielleicht haben sie schon heute ihren letzten Kampf gekämpft. Die deutsche Fahne ist beleidigt und dem deutschen Reiche Lsohn gesprochen worden. Das verlangt exemplarische Bestrafung und Rache. Die Verhältnisse haben sich mit einer furchtbaren Geschwindigkeit zu liefern Lrnstc gestaltet, und seitdem Ich Luch unter die Waffen zur Mobilmachung berufen, noch ernster. was Ich hoffen konnte, mit Hilfe der Marine-Infanterie wieder herzustellen, wird jetzt eine schwere Aufgabe, die nur durch geschlossene Truxxenkörxer aller zivilisierten Staaten gelöst werden kann. Schon heute hat der Chef des Kreuzergeschwaders Mich gebeten, die Entsendung einer Division in Erwägung zu nehmen. Ihr werdet einem Leinde gegenüberstehen, der nicht minder todesmutig ist wie Ihr. von europäischen Gffizieren ausgebildet, haben die Chinesen die europäischen Waffen brauchen gelernt. Gott sei Dank haben Eure Kameraden von der Marine-Infanterie und Meiner Marine, wo sie mit ihnen zusammengekommen sind, den alten deutschen Waffenruf bekräftigt und bewährt und mit Ruhm und Sieg sich verteidigt und ihre Aufgaben gelöst. So sende Ich Euch nun hinaus, um das Unrecht zu rächen, und Ich werde nicht eher ruhen, als bis Verladung von Kriegsmaterial für die Ehina-Expedition. die deutschen Lahnen, vereint mit denen der anderen Mächte, siegreich über den chinesischen wehen und, auf den Mauern Pekings aufgexflanzt, den Chinesen den Lrieden diktieren. Ihr habt gute Kameradschaft zu halten mit allen Truppen, mit denen Ihr dort zusammenkommt, Russen, Engländern, Franzosen, wer es auch sei; sie fechten alle für die eine Sache, für die Zivilisation. wir denken auch noch an etwas Höheres, an unsere Religion und die Verteidigung und den Schutz unserer Brüder da draußen, die zum Teil mit ihrem Leben für ihren Heiland eingetreten sind. Denkt auch an unsere Waffenehre, denkt an diejenigen, die vor Luch gefochten haben, und zieht hinaus mit dem alten brandenburgischen Lahnensxruch: "vertrau' aus G-tt, dich tapfer rvchr'. Daraus besteht dein ganze Lhr! Den», rver's auf Gatt herzhastig rvagt, wird niiniuer ans der Welt gesagt." Die Fahnen, die hier über Euch wehen, gehen zum erstenmal ins Feuer. Daß Ihr Mir dieselben rein und fleckenlos und ohne Makel Zurüekbringt! Mein Dank und Mein Interesse, Meine Gebete und Meine Fürsorge werden Euch nicht fehlen und Euch nicht verlassen, mit ihnen werde Ich Euch begleiten!" Die am nächsten Morgen 4 Uhr erfolgende Abfahrt der beiden Transportdampfer, denen trotz der frühen Morgenstunde das Kaiserpaar von der "Hohenzollern" die letzten Grüße zuwinkte, stand cbcilso wie die kaiserliche Rede unter den: vollen Eindruck der sich häufenden Hiobspostcn aus China. Der Nachricht von der Ermordung des deutsche,: Gesandten und dem Mißglücken der Seymourschen Expedition folgten dringende Hilferufe aus Tientsin. Dazu kam, daß es im ganzen Parade des nach China bestimmten Expeditionskorps vor Kaiser Wilhelm. großen Reich der Mitte anfing zn gähren; wenn es auch den Gouverneuren der südlichen Provinz gelang, den Ausbruch eines allgemeinen Aufstandes vorläufig noch zn verhüten, so lehrte doch das Beispiel der nördlichen Provinzen, daß die Bewegung in ganz kurzer Zeit den Regierenden über den Kopf wachsen konnte. Aus diesen Gründen sah sich Vizeadmiral Bendenlann verpflichtet, von seinem kaiserlichen Herrn Verstärkungen zu erbitten. Die erste Folge davon war der noch am 3. Juli erfolgende kaiserliche Befehl zur Mobilmachung der I. Division des Panzergeschwaders, bestehend ans den 4 Panzern der "Brandenburg"-Klasse. Wenn man bedenkt, daß diese Division damals die Hälfte unserer heimatlichen Hochsee-Panzerflotte repräsentierte, so wird man die Tragweite dieser außergewöhnlichen Maßregel ermessen können. Dieselbe brachte den deutschen Seestreitkräften in Ostasien eine ganz wesentliche Verstärkung in der Konkurrenz der Mächte und setzte Deutschland in seiner Secvertretnng, wenigstens was schwere Schlachtschiffe anbctraf, an die zweite Stelle, nur noch übertroffen von Japan. Es wurden vielfach und scheinbar nicht ganz unberechtigte Bedenken darüber laut, daß Deutschland einen so wichtigen Bestandteil seiner heimatlichen Flotte nach dem fernen Osten sandte und dadurch seine Küsten entblößte. Die Frage, welche hierbei beantwortet werden mußte, lautete: Wo waren zur Zeit diese Seestreitkräfte am notwendigsten? Das relativ starke deutsche ostasiatische Kreuzergeschwader genügte wohl für den Dienst im Gelben Meere, obwohl auch Umstände eintreten konnten, welche seine Verwendung zum Teil bei Tsingtau notwendig machten. Aber die Zahl der chinesischen Hasenplätze, in denen deutschem Gut und Blut ernstliche Gefahren drohten, war eine erheblich große. Es gab genügend Anzeichen, welche darauf schließen ließen, daß die Flamme des Fremdenhasses und des Aufruhrs, die in Nordchina so hell loderte, auchaufdie mittleren und südlichen Provinzen hinüberschlagen, daß Vorgänge wie in Peking und Tientsin sich auch in Kanton, Schanghai, Amoy, Ningpo und Futschou abspielen konnten. Wer sollte dann dort den DeutschenHilfebringen? Kreuzer in der Heimat waren nicht mehr vorhanden oder nicht entbehrlich, also mußte auf die Hochseepanzer zurückgegriffen werden. Nach menschlichem Ermessen waren sie in der Heimat entbehrlich, denn alle europäischen Mächte waren im fernen Osten selbst zu sehr engagiert, als daß Konflikte auf denr Kontinente zu befürchten waren, und sollten solche im Osten unter den Mächten ausbrechen, dann war die Panzerdivision an der richtigen Stelle, um gewichtig zu gunsten Deutschlands in die Wagschale zu fallen. Der Befehl zur Mobilmachung erreichte die als I. Division des I. Geschwaders in der Ostsee übende Brandenburg-Division bei Danzig noch am selben Tage. Sic dampfte sofort nach Kiel, wo sie am 4. Juli eintraf, um dort mobil zn machen. Die Ausreise war zuerst auf den 8. Juli angesetzt. Es erwies sich jedoch unmöglich, in dieser kurzen Zeit die Schiffe für eine Seereise von 12000 Seemeilen anszurüsten und sie für 9 Monate der mit seiner zahlreichen Mannschaft und der mächtigen Artillerie bot in seinem Flaggenschmuck einen herrlichen Anblick und ließ bei den Zurückbleibenden das stolze Gefühl zurück, chiert, wo sie ebenso wie alle übrigen dort eintreffenden Schiffe dem Kommando des Kreuzergeschwaders in allen Beziehungen unterstellt wurde. Sie bekam als Aufklärungsschiff den kleinen Kreuzer "Hela" zugeteilt. Zum Chef ernannte Se. Majestät den Kontreadmiral Geißler, welcher am 7. Juli seine Flagge auf dem "Kurfürst Friedrich Wilhelm" hißte. Nachdem Se. Majestät das Flaggschiff selbst besichtigt und sich von Offizieren und Mannschaften durch eine kurze Ansprache, in welcher er auf die Bedeutung hinwies, daß es die erste Panzerdivision sei, welche Deutschland zum Schutze seiner überseeischen Interessen hinaussende, verabschiedet hatte, er daß es ein würdiger Repräsentant der aufstrebenden deutschen Seemacht sein würde. zu verproviantieren. Deshalb erfolgte die Abfahrt erst am 9. Juli, und es muß schon als eine ganz hervorragende Leistung bezeichnet werden, daß nur 4 Tage genügten, um für eine solche Reise die Schiffe mobil zu machen. Unaufhörlich wurden Wagenladungen von Proviant an Bord genommen, ebenso große Kohlenmengen, zu deren Fassung die Bunker nicht reichten, sondern das Zwischendeck noch zu Hilfe genommen werden mußte. Ferner wurden in jedes Schiff die für die Tropen unumgänglich notwendigen Kühlräume eingebaut, lebendes Schlachtvieh an Bord genommen, kurz, ungeheure Vorbereitungen mußten in der kurzen Spanne Zeit bewältigt werden. Durch Allerhöchste Kabinetts-Ordre bekanl die Division die Bezeichnung "II. Division des I. Geschwaders" und wurde als besonderer Geschwaderverband nach Ostasien detafolgte am Montag den 9. Juli vormittags die Abreise durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal, Das stattliche Geschwa177 00000000000000C0S009C00C? Die Rüstungen der Mächte. OOQC>CC>C|90O<309<? <3 <200000909 178 Wilhelmshaven wurde am nächsten Tage noch kurz angelaufen, um die Reserve-Maschinenteile an Bord zu nehmen, dann ging es mit Volldampf nach Ostasien. Noch während S. M. der Kaiser am 3. Juli in Wilhelmshaven weilte, gelegentlich der Abfahrt der beiden Seebataillone, begannen mit dem Kriegsminister, dem Chef des Generalstabes und anderen höheren Offizieren Beratungen über die Entsendung eines größeren Expeditionskorps, welches der Landarmee entnommen werden sollte. Das Ergebnis dieser Beratungen war der durch Allerhöchste Kabinettsordre von: 9. Juli zum Ausdruck gebrachte Befehl, ein aus Freiwilligen des Heeres zu bildendes Expeditionskorps in der Stärke von 8 Bataillonen Infanterie, 3 Eskadrons Kavallerie, 4 Batterien Feldartillerie und den erforderlichen Spezialwaffcn, Munitionskolonnen und Trains aufzustellen. Es sei hier gleich vorweg bemerkt, daß dieses deutsche Truppenaufgebot, welches den Namen "Ostasiatisch es Expeditionskorps" erhielt, durch Allerhöchste Kabinettsordre vom 12. August noch eine wesentliche Verstärkung und zwar von 4 Bataillonen, 6 Etappen(jedes Regiment eine 9.) Kompagnien, 1 Jäger-Kompagnie, 1 Eskadron, 4 Batterien und entsprechende Vermehrung der Spezialwaffen erfuhr. Die Kriegsgliederung dieses verstärkten ostasiatischen Expeditionskorps gestaltete sich demnach folgendermaßen: Kommandeur: Generalleutnant v. Lessel. Chef des Stabes: Oberstlt. Gündel. 1. ostasiatische Jnf.-Brig.: zuerst Gen.-Maj. ».Groß gen. v. Schwarzhoff später Gen.-Maj. v. Trotha 2. ostasiat. Jnf.-Brig.: Gen.-Maj. v. Ketteler 3. ostasiat. Jnf.-Brig.: ^ Gen.-Maj. v. Hoepfner später Oberst v. Rohrschmidt Ostasiat. Jäger-Kompagnie. Ostasiat. Reiter-Reg. zu 4 Esladrons (4. Esk. Verstärkung). I. Abt.: 2 fahrende Batterien, 1 Gebirgsbatterie. U. ,, 2 " "1 " III. " 2 Batterien leichter Feldhaubitzen (XIX. Abt. Verstärkung), leichte Munitionskolonne, leichte Feldhaubitz-Munitionskolonne. Ostasiat. Bataillon schwere Artillerie des Feldheeres zu 2 Batterien schwerer Feldhaubitzen. (2. Batterie Verstärkung.) Ostasiat. Pionier-Bataillon zu 3 Kompagnien. (3. Komp. Verstärkung.) Ostasiat. Korps-Telegraphen-Wteilung. Ostasiat. Eisenbahn-Bataillon zu 3 Kompagnien. (2. und 3. Komp. Verstärkung.) Ostasiat. Sanitäts-Kompagnie. Munitions-Kolonnen-Mteilung (2 Inf.-, 2 Art.-, l Feldhaubitz-, 2 schwere Ostasiat. FeldartillerieReg. Art.-Munitions-Kolonnen). Trains <3 Proviant-, 1 Feldbäckerei-Kolonne, 6 Feldlazarette). Etappenformationcn <Kommando, Pferdedepot, Munitions-Kolonne, Kriegslazarett-Personal, Bekleidungsdepot u. s. w.). Gesamtstärke: 55 Kompagnien. 4 Eskadrons. 10 Batterien mit 60 Geschützen. 3 Pionier-Kompagnien. 3 Eisenbahn-Kompagnien. Im ganzen: 769 Osstzierc, Sanitätsoffiziere und höhere Beamte, 18 324 Unteroffiziere und Mannschaften, 5579 Pferde. Kürschner, China II. Die übergroße Zahl vou Freiwilligen, welche sich schon bei der ersten Anfrage zum Übertritt zur MarineInfanterie gemeldet hatten, gestattete es, auch dieses Expeditionskorps nur aus Freiwilligen der ganzen Armee zu bilden. Die erneut an die Mannschaften gerichtete Anfrage ergab denn auch eine solche Anzahl von Meldungen, daß ein vielfach größerer Bedarf hätte gedeckt werden können. Größtenteils drängten sich die Leute zu diesem Kommando mit solchem Eifer, daß die Auswahl schwer und oft durch das Los entschieden werden mußte. Die Mannschaften mußten vou guter Führung Lontreadmiral Gcißlcr, Lhcf der deutschen Panzerdivision. und Ausbildung, besonders im Schießen, tropendienstfähig und möglichst nicht unter 1,65 in groß sein. Bei dem Verstärkungs-Kommando griff die Heeresverwaltung auch auf Leute des Beurlaubtenstandes zurück, welche obigen Anforderungen genügten, um die aktive Armee nicht weiter zu schwächen. Auch hierbei konnte nach flüchtiger Schätzung aus etwa 120000 Freiwilligen die Auswahl getroffen werden. Mit der Mobilmachung und Einschiffung dieses Expeditionskorps traten au die deutsche Heeresverwaltung, den Generalstab und die beiden großen Reedereien, den Norddeutschen Lloyd in Bremen und die Hamburg-Amerika-Linie in Hamburg, welche mit der Überfahrt betraut waren, Aufgaben heran, deren Lösung um so schwieriger sich gestaltete, als sie ganz neu waren und an die deutsche Gründlichkeit, Disziplin und Leistungsfähigkeit große Anforderungen stellen. Besonders war der Überseetransport derartiger Truppenmengen für Deutschland eine gänzlich neue Aufgabe. Vorbereitungen und Vorgänge waren nicht vorhanden. Alles mußte improvisiert werden. Zwar war, um Erfahrungen zu sammeln, beabsichtigt gewesen, im Kaisermanöver 1900 eine gemischte Brigade zu 4 Bataillonen, 1 Eskadron und 1 Batterie von Danzig nach Swinemünde zu befördern, und es 27. Juli bis 4. August konnte die Einschiffung in Bremerhaven, welches mit seinen neuen Hafenanlagen sich besonders dazu eignete, stattfindcn. Die beiden genannten Reedereien stellten dazu zehn große und neuere Dampfer zur Verfügung und zwar der Norddeutsche Lloyd: "Halle", "Dresden", "Aachen", "Straßburg", "Rhein" und "H. H. Meier", die HamburgAmerika-Linie : "Batavia", Gen.-Major v. Groß, gen. v. Schwarzhoff, Komm. d. Vstasiat. Inf.-Brig. Gen.-Major v. tsoepfner, Komm. d. 3. Vstasiat. Inf.-Brigade. Gen.-Major v. Kettcler, Komm. d. 2. Vstasiat. Inf.-Brigade. war für diesen Zweck der Entwurf einer Seetransportordnung in Ausarbeitung begriffen. Der plötzliche Ausbruch der Unruhen in China und die nicht vorherznschende Notwendigkeit, schleunigst eine stärkere Truppenmacht dorthin zu senden, machten allen theoretischen Erwägungen ein Ende und zwangen zum schnellen Handeln. An: 9. Juli erfolgte nach den ersten grundlegenden Vorarbeiten die Allerhöchste Kabinetts-Ordre zur Bildung des Expeditionskorps, und schon vom "Sardinia", "Adria" utid "Phönizia". Es muß ganz besonders hervorgehoben werden, daß die beiden Privat-Reedereien ihre Aufgabe glänzend lösten; man vergegenwärtige sich nur, welche Unsumme von Arbeit in der Abfertigung eines Schiffes steckt, besonders da die meisten Dampfer zur Zeit der Charterung noch auf hoher See schwammen und teilweise nur wenige Tage zum Löschen der Ladung und zu den Vorarbeiten für den Truppentransport zur Verfügung Generalleutnant v. Lessel, Kommandeur des deutschen Expeditionskorps für China. 181 WWWWWCWOOOCCOWOW Die Rüstungen der Mächte. yoyyyyovovyyyvyvyvvoyyyy 182 Schwiugbcttcu auf der "Gera". den Böden versehene und mit Matratzen und Kopfkissen sowie wollenen Decken ausgerüstete Kojen. Wenn man bedenkt, daß für die Unterbringung der Mannschaften die sorgfältigste Ordnung, Numerierung der Kojen, die Anfertigung von Gewehrständern und Tischen geschehen mußte, so kann man sich ein ungefähres Bild von der in kürzester Zeit gu leistenden Arbeitslast machen. Einen hervorragenden Anteil an der Bewältigung derselben hatte die Arbeiterschaft der beiden Riesengesellschaften. Zieht man dabei die gerade in dieser Zeit herrschende tropische Hitze in Betracht, dann gewinnt die Arbeitsleistung doppelt an Wert und erklärt es, daß S. M. der Kaiser sich zu einer besonderen Ehrung entschloß, indem er nach der glücklichen und rechtzeitigen Abfertigung der Transporte 30 Arbeitern beider Gesellschaften Ordensmedaillen verlieh und ihnen dieselben persönlich mit folgenden Worten überreichte: standen. Alle genannten Dampfer, mit Ausnahme der "Straßburg", welche erst kurz vorher ihre Probefahrten beendet hatte, mußten außerdem erst im Trockendock nachgesehen werden und erhielten neuen Anstrich; die Passagiereinrichtungen erfuhren wesentliche Umgestaltungen; dahin gehörte ber vielen Dampfern eine Veränderung der Kabinen und Salons, bei allen eine besondere Einrichtung der Zwischendecks. Keine Kabine sollte stärker wie mit zwei Offizieren belegt, auf einzelnen Schiffen mußten Geschäftszimmer für die Stäbe eingerichtet werden. Die Mannschaften wurden in den Zwischendecks untergebracht, welche bei allen Schiffen hoch, luftig und mit den besten Vcntilationsvorrichtungen eingerichtet waren. Überdies geschah mit Rücksicht auf die Fahrt durch heißes Klima die Ausnutzung der Zwischendecksabteilungen bei der Belegung nur mit 75 Prozent des Raumes, welchen das Auswanderungsgesetz zuläßt, eine Maßregel, welche sich außerordentlich bewährte. Bei den Transporten der andern Nationen wurde die Belegungsfähigkeit voll ausgenützt, ja bei dem Transport der Spanier von Kuba fand kontraktmäßig eine Überbelegung von 25 Prozentstatt. Als Lagerstatt dienten den Mannschaften eiserne, mit federnsRaiser Wilhelm II. an die Arbeiter des Norddeutschen Llo?d und der bsamb urg-AmerikaLinie.j "Ich spreche Luch Meinen Kaiserlichen Dank aus für die Eingebung, mit der Ihr Lurer Arbeit obgelegen habt. Luer rastloser Fleiß hat es ermöglicht, das; unsere Schiffe rechtzeitig abgegangen sind und daß unsere Truppen im geeigneten Moment auf dem Kampfplatz erscheinen werden. Ihr seid thätig gewesen im Interesse des Vaterlandes, und der Dank dafür ist die Dekoration. die Ich Luch verleihe. Die Medaille, die Ihr erhaltet, ist jedoch nicht nur ein Zeichen meines Dankes für Eure Arbeit an sich, sie spricht auch Meine Anerkennung dafür aus, daß Ihr nicht dem Beispiel der vaterlandslosen Gesellen gefolgt seid, die gerade jetzt die Arbeit niedergelegt haben. Lhrlos, wer sein Vaterland im Stiche läßt! Ihr habt gezeigt, daß Ihr Lhrenmänner seid, und das soll die Luch verliehene Dekoration zum Ausdruck bringen." In den drei Wochen bis zur Einschiffung wurde in allen Zweigen der Heeresverwaltung rastlos gearbeitet, um rechtzeitig das Werkzu vollenden. Gleichlaufend mit der Formierung, Einkleidung und Ausrüstung und dem Einexerzieren der Mannschaften geschah die Bereitstellung der umfangreichen Kolonnen, des Artillerie-und PionierMaterials, der Munition und der ungeheurenMenge an Lebensmitteln und zahlreichen Bedarfsartikeln, ivelche das Expeditionskorps in dieser Beziehung vollkommen unabhängig machen sollte von den Eigentümlichkeiten des Kriegsschauplatzes. Letztere bedingten ferner ganz besondere Vorbereitungen des Sanitätsdienstes und infolgedessen eine reichliche Ausstattung mit Sanitätspersonal. Demzufolge wurde sowohl den vorangegangenen Marineformationen wie diesem Expeditionskorps je ein sorgfältig ausgerüstetes Lazarettschiff mitgegeben, außerdem wurden noch zwei Lazarettschiffe in den Dienst der freiwilligen Krankenpflege gestellt. Das für die Marineformationen bestimmte, die "Gera", stach schon am 27. Juli von Wilhelmshaven aus in See, nachdem es von I. M. der Kaiserin eingehend besichtigt war. Kurz vorher war dem Kapitän dieses Hospitalschiffes von dem Magistrat der Stadt Gera ein Schreiben zugegangen, wonach seitens der Stadtverwaltung 1000 Cigarrenhüllen mit je 5 Stück Cigarren zur Verteilung an die Verwundeten und Kranken gespendet worden sind. Dem Schreiben war in einer hübschen Mappe nachstehender Scheidegrnß beigcfügt: Die Stadt Gera an den Kapitän der "Gera". "Zufolge höchster Entschließung 5. AI. des deutschen Kaisers, unseres obersten Kriegsherrn, soll der Dampfer,Gera', welcher sich bisher als Personendampfer einen Ruf erworben hat, als Lazarettschiff im fernen Gsten der Nächstenliebe dienen und hat den wackeren Kämpfern für Deutschlands Ruhm und Ehr' Gelegenheit zu bieten, ihre für das geliebte Vaterland geopferte Gesundheit wieder zu erlangen. Beim Scheiden aus den heimatlichen Gewässern begleiten das Schiff die herzlichsten Glückund Segenswünsche aller Patrioten; die Stadt Gera aber, deren Namen das stolze Schiff trägt, will mit Bewährung der werkthätigen Liebe auf diesem Schiff beginnen ; mit dem Wunsche, daß das Schiff seinen Zweck erfüllen und glücklich heimkchren möge, will sie ein sichtbares Zeichen der Dankbarkeit gegen die tapferen Kämpfer verbinden und ihnen eine Freude bereiten, welche die Schmerzen vergessen lassen und die Erinnerung an das lheimatland wachhalten will. Gera,am2^.Zuli 1900." Für das Expeditionskorps war als Lazarettschiff "H. H. Meier" vorgesehen; derselbe nahm die gesamte Lazaretteinrichtung an Bord und wurde nach Ausschiffung der Expeditionstruppcn erst in Ostasien als Lazarettschiff eingerichtet. Gleichzeitig mit der "Gera" traten auch drei Torpedoboote, 8 90, 8 91 und 8 92 die Ausreise nach China an, um dort zu dem Kreuzergeschwader zu stoßen. Für die Hochseefahrt gebaut, hatten sie besondere Einrichtungen für die weite Fahrt erhalten, insbesondere für die erträgliche Unterbringung der Mannschaften bei der Fahrt durch die Tropen. Sonnensegel, Berieselungsanlagen, Kühlräume und Schlafeinrichtungen auf Deck gehörten hierzu. Die "Gera" nahm auch Ersatzmanuschaften der Marine für den Ausfall an Kranken und Verwundeten mit, ebenso wie die Besatzung für den bei Taku genommenen chinesischen Torpedobootzerstörer. Die Formierung der Truppen des Expeditionskorps geschah bei der Infanterie in den Bezirken der Armeekorps, bei der Artillerie in Jüterbog, der Kavallerie in Potsdam; für die Spezialwaffen waren 185 vvvyyvvvyyyyyoyyyyyyyvoy Die Rüstungen der Mächte. y^yyyov0vvvvvvyoy00yyvc>o 186 besondere Formierungsorte bestimmt. Schon am 17. bezw. 18. Juli konnten die Stäbe und Truppenteile dem Kommandanten des Expeditionskorps melden, daß ihre Formierung beendet sei. Die Infanterie, welche zuerst die Mobilmachung beenden konnte, hatte noch etwa 8—10 Tage Zeit, auf den Truppenübungsplätzen Exerzier-, Gefechtsund Schießübungen abzuhalten, was um so dankenswerter war, weil die Leute ebenso wie die beiden Seebataillone mit dem neuen Gewehr 98 ausgerüstet wurden. Der feldmarschmäßige Anzug bestand bei der Infanterie und den Pionieren aus blauer (bei den Bayern hellblauer) Litewka, schwarzer Tuchhose, Stiefeln bezw. Schnürschuhen, Strohhut mit großer Krempe (für den Winter Helm), Feldmütze, Tornister mit Beutel und Zeltausrüstung, Mantel und Kochgeschirr, Patronentaschen. Im Tornister: Leibwäsche, Putzzeug, Khaki-Anzug, Proviant für 14 Tage (Eierzwieback, Fleischund Gemüsekonserven). In den Patronentaschen: 120 Patronen. Bei der Kavallerie: Graue Litewka, lederbesetzte Reithosen, naturlederne Reitstiefel, Strohhut bezw. Helm. Patronengürtel nach Burenart über der Schulter zu tragen. Als Waffen: Karabiner, Lanze und Säbel. Proviant u. s. w. wurde in Sattcltaschen verpackt. Entsprechend war die Bekleidung der übrigen Waffen; die Artillerie hatte blaue Litewken und Revolver. Zur Verpackung der übrigen Sachen (2. Garnitur, Leibwäsche, Schuhe u. s. w.) erhielt jeder Mann einen großen, wasserdichten, braunen Segeltuchsack, welcher in der Bagage mitgeführt wurde. Die Truppen wurden mit Rücksicht auf die Schwierigkeit eines schleunigen Ersatzes reichlich auch mit Winterbekleidung ausgestattet. Die dem einzelnen Manne mitgcgebcnen Bekleidungsund Ausrüstungsstücke entsprachen den besonderen Verhältnissen während des Seetransports und in China. Die Instandsetzung der mitgegebenen Stücke erfolgte bei der Truppe oder bei dem Bekleidungsdepot, das mit Handwerkern, Werkzeugen und Stoffen reichlich ausgestattet worden war. Die Uniform der Offiziere war derjenigen der Mannschaften entsprechend; es traten an Ausrüstung noch hinzu: Revolver, Fernglas, Signalpfeife, Kartentasche und Kompaß. Waffen, Munition und Feldgeräte wurden aus den neuesten Anfertigungen bereitgestellt. Nur das Material für zwei Gebirgsbattericn mußte neu gekauft werden, da solches in den Beständen des Heeres nicht vorhanden war. Die Ausstattung des Expeditionskorps mit Waffen, Munition und Feldgerät wurde von Hause aus so reichlich bemessen, daß ein Ersatznachschub überhaupt nicht notwendig wurde. Die schlechten Wegeverhältnisse Chinas machten die starke Zuteilung von Feldeisenbahn-Material notwendig; sobald die Operationen nicht den wenigen vorhandenen Vollbahnen folgen, konnte auf einen gesicherten Nachschub für das Expeditionskorps nur bei Verwendung von Feldbahnen gerechnet werden. Zur ersten Ausstattung ist dem Expeditionskorps so viel au Verpflegung mitgegcbcu worden, daß die Truppe aus diesen Vorräten nötigenfalls sich 100 Tage vollständig verpflegen und den Anträgen auf Nachschub rechtzeitig entsprochen werden konnte. Außer den im Heimatlande gebräuchlichen Verpflegungsmitteln wurden aus gesundheitlichen Rücksichten auch einige Genußmittel und sonstige Gebranchsgegenstände mitgeführt. Während der Ilbersahrt hatten die Reedcreieen die Truppen zu verpflegen. Die Artillerie führte Schnellfeuergeschütze neuester Konstruktion, leichte und schwere Fcldhaubitzen; den Pionieren war ein Brückentrain zugeteilt, die Eisenbahnkompagnien verfügten über eine Feldbahn und 60 km Schienen. Zum Ausladen auf offener Reede dienten große, geschlossene Festungspontons, aus denen floßartige Prähme hergestellt werden konnten. Ganz ungeheuer war die Menge der übrigen Kriegsbedürfnisse, welche per Achse bis nach Bremen transportiert und dort auf dem Weserbahnhof in Schleppkähne verladen und nach Bremerhaven überführt wurden. Aus allen Gegenden des Deutschen Reiches trafen bis zum 24. Juli Sondergüterzüge ein, und in langen Reihen harrten dieselben an den Quais des Wcscrbahnhoss der Entleerung: Wollene Decken, Ersatzgarnituren, Tropenhelme, Strohhüte, Mosquitonetze, Zelte, Leibbinden. Ferner an Lebensund Gennßmitteln: Rotund Weißweine in großen Fässern und Flaschen, Branntwein, Kakao, Kaffee, Schokolade, Salz, Zucker, Insektenpulver, Kolonialund Fettwaren jeglicher Art, Lichte, Streichhölzer. Schließlich die große Menge Reservemunition und Reservewaffen. Tie ganze Ladung an Kriegsbedürfnissen für das Expeditionskorps ohne Verstärkung hatte das ansehnliche Gewicht von 120000 Zentnern und beanspruchte allein einen Laderaum von 16380 ebm. Nicht ohne Schwierigkeit gestaltete sich die Beschaffung des Pferdematerials. Die für das Expeditionskorps erforderlichen 5579 Pferde in der heißesten Jahreszeit aus Deutschland durch das Rote Meer und die Tropen nach China zu befördern, war nnthunlich; in China selbst konnte auf die Beschaffung genügend zahlreicher und guter Pferde nicht gerechnet werden. Da Südamerika nicht lieferungsfähig war, der Transport von da während der Zeit der Teifune audj unverhältnismäßig hohe Verluste voraussehen ließ, kämen nur Australien und Nordamerika in Betracht. Gutes, kriegsbrauchbares Material ist in diesen Ländern an und für sich teuer; dazu kam noch, daß die Charterpreise für Schiffe durch die Bedürfnisse aller Großstaaten an Transportschiffen sehr in die Höhe gegangen und gute Schiffe überhaupt mir schwer zu beschaffen waren. Man konnte daher auf die rechtzeitige Liefernug der Pferde nur rechnen, wenn damit Firmen beauftragt wurden, die entweder über genügend eigene Schiffe verfügten oder durch ihre Verbindungen sich solche beschaffen konnten. Es wurden deshalb Liefernngsverträge mit dem Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Amerika-Linie abgeschlossen. Bei der Beschaffung mußte auf eine angemessene Reserve für Verluste Bedacht genommen werden. Versuchsweise geschah auch die Mitführuug von Pferden aus der Heimat zur Beritteumachung der Stäbe. Dieselben wurden sorgfältig untergebracht, verpflegt, wurden täglich auf Deck bewegt und sind deshalb auch ausnahmslos gut augekommen. Tie klimatischen Verhältnisse in China machten eine besondere Fürsorge für die Unterkunft des Expeditionskorps erforderlich, namentlich während der Wintermonate, da ans geeignete Quartiere nicht immer gerechnet werden konnte. Zur vorübergehenden Unterkunft während des Sommers wurden Stallzelte, Zeltbaracken mit Ausstattung u. s. w. und Bauholz zur Herstellung leichter Baracken mitgegeben. Als Unterkunft für den Winter fanden nachgesandte Wellblechbaracken und Stallbaracken Verwendung. Feuerungs und Erleuchtungsre. Material wurde gleichfalls übergeführt, ebenso eine angemessene Anzahl von abessinischen Brunnen. Ganz besondere Vorkehrungenwur den zur umfangreichen Sicherstellung eines genügenden Sanitätsdienstes getroffen. Sechs Feldlazarette boten Gelegenheit zur Aufnahme von 1200 Kranken. Außerdem wurden Vorkehrungen zur Errichtung stehender Kriegslazarette durch Mitnahme von Krankenzelten und beweglichen Baracken, sowie von Bauholz zum Neubau von Baracken getroffen Hierdurch konnte für weitere 1000 Kranke Unterkunft geschaffen werden. Zur Ent lastung der stehenden Kriegslazarette durch Überführung von transportfähigen Kranken und Genesenden nach geeigneten Orten, sowie zur Überführung von Kranken nach der Heimat und Zuführung von Material und Personal beim Rücktransport dienten die Lazarettschiffe. Ausrüstung der Marine-Infanterie. Die Sanitätsformationen wurden mit Material, Verpflegungsmitteln, Krankenkleidern — auch für den Winter —, Wäsche u. s. w. reichlich versehen. Die mitgegebenen Verpflcgungsmittel deckten den Bedarf für 3000 Kranke auf 4 Monate. Zum Führer des vstasiatischen Expeditionskorps wurde Generalleutnant von Lessel mit dem Range eines kommandierenden Generals ernannt. Derselbe war kurz vor Ausbruch des Krieges 1866 Offizier geworden, nahm auch am Feldzuge 1870/71 teil. Fast zwanzig Jahre hat er darauf dem Generalstabe in verschiedenen Stellungen angehört, u. a. als Generalstabsoffizier der 7. und der 20. Division und als Chef des Stabes vom 1. Armeekorps. Zuletzt war er Kommandeur der 28. Division. Von den Brigade-Kommandeuren wurde derjenige der l. vstasiatischen Infanterie-Brigade, Generalmajor von Groß gen. von Schwarzhoff, noch bevor erden ostasiatischen Boden betrat, zum Chef des Stabes beim später gebildeten Oberkommando ernannt. Derselbe hatte ebeirfalls nach dem deutsch-französischen Kriege dem Generalstabe angehört. Mitte der achtziger Jahre wurde er zur Botschaft in Paris kommandiert, um später als Militärbevollmächtigter dorthin zu gehen. Sein hervorragender Anteil, welchen er an der Friedenskonferenz iiu Haag als Deutschlands Delegierter nahm, hat die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf ihn gelenkt. Zuletzt kommandierte er die 33. Infanterie-Brigade. Planmäßig verlief die Mobilmachung des Expeditionskorps. Dasselbe wurde vom 27. Juli an mittels Eisenbahn über Bremen nach Bremerhaven transportiert. In beiden Orten traten Bahnhofskommandantnren in Thätigkeit, welche, von Gcneralstabsoffizieren besetzt, vom Chef der Eisenbahnabteilung des großen Generalstabes ressortierten. DieBewältigung der Vorarbeiten ruid der Transporte selbst gestaltete sich besonders schwierig auf dem Bahnhof in Bremen, weil hier die Mannschaften zum letztenmal ans festländischem Boden verpflegt wurden, daher Aufenthalt von 11 ^Stunden haben mußten. Dabei sollte der gesamte Personenverkehr aufrecht erhalten und den Soldaten Gelegenheit gegeben werden, ihre Angehörigen auf dem Bahnsteig zu begrüßen. Für die Bewältigung des ungeheuren Güterverkehrs in Bremen und Bremerhaven und zur Einschiffung des gesamten Expeditionskorps traten in den beiden Orten auch Hafenkommandanturen Kürschner, China II. bezw. in Bremerhaven ein Einschiffungskommando in Thätigkeit. Unterabteilungen, bestehend in Sammelmagazinen, Güter-, Bekleidnngsund Munitionsdep'ots gaben Anhaltspunkte zur ordnungsmäßigen Arbeitseinteilung. Dank dieser hervorragenden Vorarbeiten und Vorkehrungen, dank der ausgezeichneten Disziplin der Truppen und dank der exakten Thätigkeit der Eisenbahnbehörden vollzog sich Mobilmachung.und Einschifstmg planvoll und zur festgesetzten Stunde. Ohne vorherige Unfälle und Verzögerungen konnten die Transportdnmpfer die Wesermündung verlassen. Während die Ab fahr. der beiden Seebataillone nur im nordwestlichen Küstengebiet die Bevölkerung zu herzlichen Kundgebungen veranlaßte, bot diejenige des Expeditionskorps ganz Deutschland Gelegenheit, seinen begeisterten Empfindungen Ausdruck gu geben. Aus Nord und Süd, aus Ost und West sammelten sich Germaniens Söhne, um dem Rufe ihres Kaisers zu folgen über das weite Weltmeer, um das Schwert ju ergreifen, bereit mit ihrem .Herzblut für Deutschlands Ehre und Ruhm einzutreten. In ihren Heimatlanden, wo sich die Chinakämpfer sammelten, wurden sie Gegenstand großartiger Ovationen und erfuhren festliche Bewirtung. Die deutschen Fürsten verabschiedeten sich von ihren Kontingenten meist persönlich und gaben in herzerhebenden Worten ihnen ihre Wünsche mit auf den Weg. Von den viele» Abschiedsreden, welche in jenen Tagen gehalten wurden und welche alle glühenden Patriotismus und Freude an den großen Aufgaben des neuerstandenen Deutschen 13 195 COCCOOOOOOOOOOOOCOOOOOOOOCOO wirren 1900M90U OOCOOOQOOOQOOOOOQOQOQOOQOQOO 190 Reiches atmeten, sei hier diejenige des Königs vonWürttemberg im Wortlaute angeführt, welche er in Stuttgart an seine dem ostasiatischen Expeditionskorps eingereihten Landsleute hielt: sAönig Wilhelm an die nach China gehenden württemberger.j "Kameraden! Ls ist mir eine Freude und ein Bedürfnis gewesen, Luch in den letzten Stunden, bevor Ihr die Heimat verlaßt, noch einmal zu begrüßen und. meine herzlichsten Glückwünsche Luch mit auf den weiten weg zu geben. Laßt mich fest versichert sein, daß Ihr auch im fernen Osten dem Namen Lures Heimatlandes Lhre machen werdet, daß Ihr in Rlanneszucht, Gehorsam und Lrtragung schwerer Strapazen nie erlahmen und auch in dieser Richtung Lurer Heimat eingedenk sein werdet. Die wünsche Lures Königs begleiten Luch in jeder Stunde, wo immer Ihr auch sein werdet. Ls sind schwere, große Ausgaben, die Luch bevorstehen. Möge Gott Luch schützen, bewahren und Luch gesund wieder in die Heimat zurückkehren lassen. Daß Ihr Luren Pflichten freudig und in jeder weise Nachkommen werdet, ist nieine Ueberzeugung, und dieser Ueberzeugung wollen wir Ausdruck geben mit dem Rufe: "Unser oberster Kriegsherr, S. Ul. der Kaiser Hurra!" Tie Fahrt der Truppenteile durch Deutschlands Gaue bis zur alten Hansastadt Bremen glich einem Triumphzuge. Nicht nur die größeren oder kleineren Städte ehrten und belohnten den Entschluß der Krieger, die nicht gezwungen durch die eiserne Notwendigkeit der Verteidigung heimatlichen Bodens, sondern freiwillig, nach eigenem Entschluß, in die ihnen unbekannte Ferne zogen, durch glänzende Bewirtung und warmempfundene Sympathiekundgebungen, sondern jedes Dorf und jedes Fleckchen, an dem die Sonderzüge vorbeifuhren, ließen es sich nicht nehmen, an die Bahndämme zu pilgern, um den scheidenden Soldaten ein Lebewohl zuzurufen. Unwillkürlich richteten sich die Blicke der älteren Generationen auf die Sommertage vor dreißig Jahren, als Deutschland auf die höchsten Höhen patriotischer Begeisterung und Leistungsfähigkeit geführt wurde. Damals wurde gekämpft um "Deutschland", diesmal um "Groß-Deutschland". Denn gleichgültig, ob unseren Soldaten drüben Kamps oder Friedensarbeit blüht, jeder der Zurückkehrenden wird in seinem heimatlichen Orte erzählen können, daß es außer seinem Dörfchen und seiner Kreisstadt, außer dem herrlich erstandenen Deutschen Reiche noch ein weites Gebiet in der iveiten Welt giebt, wo deutsche Kraft sich bethätigen kann, und in der Anteilnahme der Bevölkerung könnte die Gewähr erblickt werden, daß dieser höhere Zug sich im deutschen Volke Bahn gebrochen hatte. Der Abschied von der Heimat erhielt noch eine besondere Weihe durch die Anwesenheit des Kaiserpaares in Bremerhaven. Insbesondere ließ S. M. der Kaiser es sich nicht nehmen, selbst die Dampfer eingehend zu besichtigen, auf denen seine Soldaten die ferne Reise antreten sollten. In markigen, die ganze Sachlage treffend kennzeichnenden Worten entbot er bei Gelegenheit des ersten Transportes durch folgende Ansprache an die vor der Lloydhalle versammelten Truppen dem ganzen Expeditionskorps seinen Scheidegruß: fAaiserlicher Scheidegrutz an das Lxxeditionskorxs.j "Zum erstenmal, seit das Deutsche Reich wieder erstanden ist, tritt an Sie eine große überseeische Aufgabe heran. Dieselben sind früher in größerer Ausdehnung an uns herangetreten, als -ie meisten Meiner Landsleute erwartet haben. Sie sind die Folge davon, daß das Deutsche Reich wieder erst«,rden ist und damit die Verpflichtung hat, für seine im Ausland lebenden Brüder einzustehen im Momente derGefahr. Mithin sind nur die alten Aufgaben, die das alte römische Reich nicht hat lösen können, von neuem hervorgetreten, und das neue Deutsche Reich ist in -er Lage, sie zu lösen, weil es ein Gefüge bekommen hat, das ihm die Möglichkeit dazu giebt. Durch unser Heer, in dreißigjähriger angestrengter, harter Friedensarbeit, sind viele Hunderttausende von Deutschen zum Kriegsdienste herangebildet worden. Ausgebildet nach den Grundsätzen Meines verewigten Großen Großvaters, bewährt in drei ruhmvollen Kriegen, sollt Ihr nunmehr auch in der Fremde drüben Zeugnis dafür ablegen, ob die Richtung, in der wir uns in militärischer Beziehung bewegt haben, die rechte sei. Eure Kameraden von der Marine haben uns schon gezeigt, daß die Ausbildung und Grundsätze, nach denen wir unsere militärischen Streitkräfte ausgebildet haben, die richtigen sind, und an Luch wird es sein, es ihnen gleichzuthun. Nicht zum geringsten erfüllt es uns alle mit Stolz, daß gerade aus dem Munde auswärtiger Führer das höchste Lob unseren Streitern zuerkannt wurde. Die Aufgabe, zu der Ich Luch hinaussende, ist eine große. Ihr sollt schweres Unrecht sühnen. Ein Volk, das, wie die Chinesen, es wagt, tausendjährige alte Völkerrechte umzuwerfen und der Heiligkeit der Gesandten und der Heiligkeit des Gastrechts in abscheulicher weise Hohn spricht, das ist ein Vorfall, wie er in der Weltgeschichte noch nicht vorgekommen ist, und dazu von einem Volke, welches stolz ist auf eine vieltausendjährige Kultur. Aber Ihr könnt daraus ersehen, wohin eine Kultur kommt, die nicht auf den» Lhristentunr aufgebaut ist. Jede heidnische Kultur, mag sie noch so schön und gut sein, geht zu Grunde, wenn große Aufgaben an sic herantreten. So sende Ich Luch aus, daß Ihr bewähren sollt, einmal Lure alte deutsche Tüchtigkeit, zum zweiten die Hingebung, die Tapferkeit und das freudige Ertragen jedweden Angemachs, und zum dritten Lhre und Ruhm unserer Waffen und Fahnen. Ihr sollt Beispiele abgeben von der Manneszucht und Disziplin, aber auch der Überwindung und Selbstbeherrschung. Ihr sollt fechten gegen eine gut bewaffnete Macht, aber Ihr sollt auch rächen, nicht nur den Tod des Gesandten, sondern auch vieler Deutscher und Europäer. Kommt Ihr vor den Feind, so wird er geschlagen, Pardon wird nicht gegeben; Gefangene nicht gemacht, wer Luch in die Hand fällt, sei in Lurcr Hand, wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Ltzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutschland in China in einer solchen weise bekannt werden, datz niemals wieder ein Chines« es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen. Ihr werdet mit Übermacht zu kämpfen haben, das sind wir ja gewöhnt, unsere Kriegsgeschichte beweist es. Ihr habt es gelernt aus der Geschichte des Großen Kurfürsten und aus Eurer Regimentsgcschichte. Der Segen des Herrn sei mit Luch, die Gedanken eines ganzen Volkes begleiten Luch, geleiten Luch auf allen Suren wegen. Meine besten wünsche für Luch, für das Glück Eurer Waffen werden Luch folgen! Gebt, wo es auch sei, Beweise Eures Mutes, und der Segen Gottes wird sich an Eure Fahne heften und es Luch geben, daß das Christentum in jenem Lande seinen Eingang finde. Dafür steht Ihr Mir mit Lurem Fahneneid, und nun glückliche Reise. Adieu, Kameraden!" Wie die kaiserlichen Ansprachen bei der Entlassung der beiden Seebataillone in Wilhelmshaven, fanden obige Worte in der ganzen zivilisierten Welt ein starkes Echo. Sie betonten und bekräftigten die in deni kühl gehaltenen und vorsichtig abgewägten Rundschreiben des Grafen Bülow enthaltenen deutschen Forderungen und ermahnten den gutmütig veranlagten deutschen Soldaten, gegenüber der jeder Beschreibung spottenden brutalen und rohen Grausamkeit der Chinesen keine Rücksichten walten zu lassen. Von vielen humanitär zu stark 13* angehauchten Kreisen wurden diese Ermahnungen des Kaisers angegriffen. Doch die Berichte aus China über die grausame Ermordung von Missionaren und die Verstümmelung von Gefallenen geben dem deutschen Kaiser, der gu seinen Truppen als oberster Heerführer sprach, recht. Wenn nDn hört, wie die Chinesen den ehrwürdigen Priestern Bambuspfähle von unten aus langsam in den Leib getrieben, ihnen die Augen ausgestoßen und die Gliedmaßen einzeln abgehackt, wie sie die Missionsschwestern vergewaltigt, ihnen die Brüste abgeschnitten und auf ähnliche Weise zu Tode gemartert, wie sie einem gefangenen deutschen Matrosen ebenfalls die Augen ansgestochen und ihn noch lebendig begraben haben, da muß vor Empörung das Blut wallen und jeder humanitäre Gedanke weit abgewiesen werden. Gelegentlich einiger Abschiedsworte, welche Sc. Majestät bei einem späteren Transporte an die versammelten Offiziere richtete, ergänzte er obige Gedanken "och durch folgende Zusätze und Ermahnungen: sAbschiedsworte Kaiser Wilhelms II.| Die erste Sorge müsse sein, für die Gesundheit der Leute zu sorgen, und da gelte es zunächst, dieselben auf dem Schiffe zu beschäftigen mit Turnen, Spielen, Laufen um das ganze Deck! Langeweile dürfe nicht aufkommen. In China dürfe unter keinen Umständen ungekochtes Wasser getrunken werden. Man habe dort mit einem verschlagenen Leinde zu thun, der, an einer Stelle geschont, mit Hinterlist an einer anderen hervorkomme, oder bei Nacht und mit großer Übermacht. Besonders sei auf strenge Mannszucht zu halte,!, die feindliche Bevölkerung sei zu schonen, doch schonungslos sollte gegenüber denjenigen verfahren werden, welche mit der Waffe in der kjand den Truppen entgegentreten. Dringend geboten sei eine mäßige Lebensweise; in den Tropen dürfe über Mittag keine feste Nahrung genommen werden. Se. Majestät schloß seine hier auszugsweise wiedergegebene Abschiedsrede mit dem Wunsche: "Gehen Sie mit Gott, Meine Herren, zeigen Sie draußen, was preußische Mannszucht vermag und erweisen Sie sich tüchtig in jeder Richtung. Ich rechne hierbei vor allem auf unsere Schießausbildung. Zeigen Sic auch den Chinescn, daß es eine Macht giebt, die gewillt ist, sie ohne Rücksicht auf sernerliegende praktische Ziele zu züchtigen wegen ihrer gesetzwidrigen Thaten. Führen Sie den Krieg bis zum Ziele, das Ich Ihnen gesteckt habe, bis zur vollständigen Sühne. Leben Sie wohl und kommen Sie gesund wieder." Leider rief Sc. Majestät die traurige Pflicht vou Bremerhaven ab, dem verstorbenen Herzog von Coburg das letzte Geleit zu geben. Infolgedessen vertrat Prinz Heinrich den Kaiser bei der am 4. August erfolgenden Abfahrt des letzten Transportes und richtete in dessen Aufträge au die versammelten Truppen folgende Abschiedsworte: [prtn3 Heinrich an die Truppen des letzten Transports.^ "Kameraden! Der Kaiser, welcher leider durch einen Trauerfall in einem deutschen Fürstenhanse verhindert ist, sich von Luch zu verabschieden, hat mir zu befehlen geruht, Luch seinen letzten Abschiedsgruß mit auf den Weg zu geben. Seid versichert, daß der Kaiser mit lferz und Gedanken an jeden von Luch zurückdcnkt. 3m besonderen bedauert Sc. Majestät, daß er Luer Kontingent (zu dem bayerschen Bataillon gewendet) heut nicht hat schor können. Sc. Majestät erwartet von jeden, von Luch, daß er seine Pflicht als Soldat thue, daß er ganz Soldat sein werde. Der Kaiser wünscht Luch eine glückliche Reise und glückliche Vollendung Lurer Thaten, fröhliche Rückkehr, frohes Wiedersehen mit den Lurigcn und giebt Luch Gottes Segen auf den weg. Ls ist das letzte Mal, daß 3hr auf deutschen, Boden steht; seid Lurer Bundesfürsten eingedenk und gedenkt mit mir an jenen, der das Deutsche Reich mit Kraft und festem Willen stark und mächtig gemacht hat: Ls ist Luer Kaiser. Ruft noch einmal auf Lurem Mutterboden: Sc. Majestät Hurra!" Wer die kräftigen, markigen Gestalten gesehen hat, wie sie die Bordseiten der mächtigen Dampfer umrahmten oder bis hoch hinauf in den Raen hingen, wer gesehen hat, wie ihre Augen leuchteten, als ihr kaiserlicher Kriegsherr ihnen den letzten Gruß zuwinkte, wer das begeisterte Hurra hörte, mit dein sic ihren Fahneneid erneuerten, lind wer beit weihevollen Moment miterlebt hat, in dem ans mehr denn 2000 Männcrkehlen das Lied: "Deutschland, Deutschland über alles" nach der"Hohenzollern" und den unzähligen am Ufer den Scheidegruß winkenden Menschen hinüberbrauste, der wird die Heldenthaten der "Jltis"-Lelitc und jener Marinemannschaften verstehen können, welche den reißenden Peiho im feindlichen Feuer durchschwammen, um mit Hurra eine feindliche Batterie zu stürmen, und der braven Seesoldaten, welche in Peking und Tientsin den übermächtigen Feind geschlagen und das ungeteilte Lob ihres fremden Führers errungen haben. Die übrigen Mächte. Zur selben Zeit wie in Deutschland rüstete man in allen an den China-Wirren beteiligten Staaten und stellte je nach der Größe der Interessen größere oder kleinere Expeditionskorps ans. Als unmittelbarer Grenznachbar von China war Rußland die meist interessierte Macht. Der Ausbruch der Boxerbewegung a>lch in der Mandschurei, Rußlands Interessengebiet, veranlaßten es zu ganz außergewöhnlichen militärischen Maßnahmen, ans tvelche in einem späteren Abschnitte näher eingegangen werden soll. Für die Kämpfe in Petschili warf man russischerseits Truppen der Besatzung von Port Arthur und Talienwan (3. ostsibirische Schützen brigade, Transbaikal-Kosaken-Regiment, 1 FeldartillerieAbteilung) nach der Peiho-Mündung. Wie wir gesehen, haben diese Truppen unter Generalmajor Stößel gemeinsam mit den Deutschen den Entsatz von Tientsin herbeigeführt. Diese Truppen wurden durch Nachschübe ans dem Militärbezirk Amur (seit Mitte Juli 1. ostsib. Armeekorps) allmählich derart verstärkt, das; Ende Juli 10 Bataillone Infanterie, 6 Sotnien Kosaken, 38 Geschütze, 2 Sappeurund 2V2 Eisenbahnkompagnien dem Generalleutnant Lenewitsch zur Verfügung standen. In Europa wurden mobilisiert, kamen aber, als beruhigendere Nachrichten ans China eintrafen, nur teilweise zur Absendung die 1. bis 5. Schützenbrigade zu je 8 Bataillonen mit den entsprechenden Formationen an Artillerie, Pionieren und Train. Diese Schützenbrigaden wurden durch Freiwillige auf Kriegsstärke ergänzt. Der damalige Oberbefehlshaber des Militärbezirks Warschau, Fürst Jmeretinski, konnte dem Zaren melden, daß "die Offiziere und Mannschaften voll Opfermutes seien und sich freudig zur Verteidigung der Ehre und Würde Rußlands, zum Ruhme des angebeteten Monarchen begäben. Beim Aufruf von Freiwilligen zur Ergänzung der nach Ostasien kommandierten Regimenter traten ganze Truppenteile vor." Zur Absendung gelangten schließlich nur die 3. Schützenbrigade zu Lande, die 4. und 5. Brigade zu Wasser nach Ostasien. In Frankreich wurde ans Grund der kriegsministeriellen Verfügungen vom 23. Juni und 3. Juli ein Expeditionskorps in, ähnlicher Stärke und Zusammensetzung Ivie in Deutschland aufgestellt. Die Truppenteile desselben wurden gleichfalls mit Freiwilligen anfgefüllt. Die Kriegsgliedernng war folgende: Kommandeur: General Vohron. Chef des Stabes: Oberst Sucillon. 1. Gemischte Marine-Brigade: General Frey. IC. Marine-Jnf.-Reg. aus Tonking > je 17. " " " \ in Frankreich aus Frei> 3 Bataillone 18. " " " ) willigen neu aufgestellt I i» ovo Mann. Gem. Marine-Art.-Reg. l4 Gcbirgs-, 2 fahrende Batterien, zur Hälfte aus Tonking, zur Hälfte aus Frankreich). Genie-, Telegraphen-, Sanitätsabteilung. 2. gemischte Armee-Brigade: General Bailloud. Gem. Linien-Jnf.-Reg. zu 3 Bataillonen mit je 1000 Mann, in Frankreich aus Freiwilligen neu aufgestellt. Gem. Zuaven-Reg. zu 4 Bataillonen mit je 1000 Man», je einem Bataillon der 4 algierischen Zuaven-Regimenter. 2 Eskadrons Chasseurs d'Afrique. Gem. Art.-Mteilung zu 3 Batterien aus Frankreich und Algier. 2 Genie-Komp, mit Brückentrain, Genie-Park, Eisenbahnund Luftschifferabteilung. Sanitätskompagnien, Munitionsund Berpflcgungspark, Feldlazarette. Gesamtstärke: 16 Bataillone, 2 Eskadrons, 9 Batterien, 3 Genieu.s.w. Komp. Im Ganzen: 17 000 Mann mit 54 Geschützen. Während die Truppen ans Tonking in kurzer Zeit auf den Kriegsschauplatz transportiert werden konnten, verzögerte sich die Abfahrt der 1. Brigade aus Toulon und Marseille wegen eines großen Hafenarbeiterstreikes fast über einen Monat, so daß die Truppen erst Ende Juli und im Laufe des August Frankreich bezw. Algier verlassen konnten. General Voy'ron traf am 20. September auf der Takn-Reede ein, Ende September war das ganze Expeditionskorps auf dem Kriegsschauplätze versammelt. In einer wenig glücklichen Lage befand sich England, welches infolge des Burenkrieges nicht in der Lage war, Truppen in der Heimat mobil zu machen. Die im Osten nahe dem Kriegsschauplätze gelegenen Garnisonen von Weihaiwei (ein Bataillon Royal WelshFüsiliers) und Hongkong (Hongkong-Regiment: 4756 Mann, davon 1072 Mann Infanterie, 785 Mann Festungs-Artillerie, 2613 Mann Chinesen-Trnppen) durften in Anbetracht der notwendigen örtlichen Sicherung nur wenig geschwächt, bezw. mußten sofort wieder ersetzt werden, Nachschübe ans der .Heimat waren nicht zu erwarten, da das Land infolge des südafrikanischen Krieges von Truppen entblößt war; es blieb also nur die indische Armee übrig, von welcher aus ein Expeditionskorps nach Ostasien geschickt werden konnte. Jedenfalls kamen die China-Unruhen den Engländern zu einer höchst ungelegenen Zeit; nur durch seine starke Flotte war es in der Lage, seiner Stellung unter den Großmächten entsprechend aufzutreten. Übrigens haben sich diejenigen Teile des Hongkonger Chinesen-Regiments, welche ans dem Kriegsschauplätze in den Kampf eintraten, ganz vorzüglich bewährt; unter Führung englischer Offiziere schlugen sich die Chinesen gegen ihre eigenen Landsleute sehrtapfer, was ein Beweis dafür ist, daß der Chinese untersachgemäßer Führung einen tüchtigen Soldaten abgiebt. Die Kriegsgliederung der indischen Division war folgende: Kommandeur: General Gaselce. Chef des Stabes: General Barrow. t 1 Bat. 1. Sikhs, I Bat. 24. Punjab | 1 Bat. 7. Radschputs, t Bat. 26. BeI luchistan, 2 Feldlazarette. , I I Bat. 2.Radschputs, 1 Bat. 4. Gurkhas> l Bat. 30.Bombay, 1 Bat. 34.Pioneers, ' 2 Feldlazarette. f 1 Bat. 4. Punjab, 1 Bat. 20. Punjab, > 1 Bat. 6.Bengal, 1 Bat. I.Haidarabad, I 1 Zug Sappeure. I 1 Bat. 28. Madras, I Bat. 4. Burma, | 1 Bat.Alwar-Jnf., 4 Eskadrons 1. JodhI pur-Lancers, 1 Eskadron Bikanir-KameelKorps, 2 Züge Sappeure. | 3 Eskadrons 16. Bengal-Lnncers, I 3 " 3. Bombay-Kavallerie, I 1 reitende Batterie B. | 3 Eskadrons I. Bengal-Lancers, 12. I Feldbatterie, 1 Bat. Madras-Pioneers, I 3 Züge Sappeure, 4 Feldlazarette. Gesamtstärke: 16 Bataillone, 14 Eskadrons, 2 Batterien, 6 Züge Sappeure. Im ganzen: 516 britische, 637 eingeborene Offiziere, 17 718 Mann, 13575 Train-Mannschaften, 9440 Vierfüßler, 12 Feldund 16 Maximgeschütze. Der Divisionsstab und die 1. Brigade nebst Divisioustruppen landeten in der zweiten Juli-Hälfte auf der 1. Brigade: Oberst Norman Stewart 2. Brigade: Oberst O'Moore Creaph 3. Brigade: General Neid 4. Brigade: General Cummies Kav.-Brigade: Oberst Richardsen Divisionstrnppen Takn-Reede, dazu kamen später die Bengal-Lancers mit Kav.-Brig.-Stab. Die 2. Brigade landete in Hongkong Anfang August und ging später nach Schanghai. Die 3. Brigade landete in der zweiten Angnst-Hälfte in Weihaiwei und ging später nach Petschili. Die 4. Brigade blieb zunächst in Hongkong. Die Mannschaften dieser Division waren sämtlich eingeborene Inder. Die Bewaffnung der Infanterie bestand aus dem kleinkalibrigen Lee-Enfield-Gewehr. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika ließen von den Philippinen ans ein kleines Expeditionskorps, bestehend in dem 9. und 14. Infanterie-Regiment, einer Batterie des Art.-Reg. Nr. 5, dem 6. Kavallerie-Regiment, im ganzen etwa 3700 Mann, nach Petschili abgehen, welches im Laufe des Juli dort eintraf und zum Teil unter dem General Chaffee an der Eroberung von Tientsin teilnahm. Zivar machten die Vereinigten Staaten im Mutterlande noch ein zweites Expeditionskorps mobil und ließen auch dasselbe nach Nagasaki (Japan) transportieren, von dort aber wurde es, da Peking inzwischen genommen war, nach den Philippinen dirigiert, wo es zur Niederwerfung des EingeborcnenWiderstandes dringend notwendig war. Japan wäre wohl in erster Linie berufen gewesen, mit seiner wohlgerüsteten und schlagfertigen Armee den Aufstand in Petschili niederzuwerfen. Hatte doch seine Armee wenige Jahre vorher im Kriege mit China glänzende Proben militärischer Tugenden abgelegt! Ein solches einseitiges Vorgehen verbot das dringend zu wahrende Gleichgewicht der Mächte. Besonders mußte Japan zurückhalten lvegen seines großen Rivalen im fernen Osten, Rußland, welches keinesfalls das Landen einer großen japanischen Armee auf chinesischem Boden geduldet hätte. So bewahrte Japan in geschickter Form eine weise Mäßigung, und sein Aufgebot überstieg nicht an Stärke dasjenige der anderen Großmächte. Dafür zeichneten sich aber die Japaner in hervorragender Weise durch Tapferkeit, ungestümes Vorwärtsdringen, eiserne Disziplin und vortreffliche Organisation aus. Die japanische, nach Petschili beorderte verstärkte 5. Division hatte folgende Zusammensetzung: Kommandeur: Generallt. 2) amagut schi. » {jtS;;; 20. {zzz» s 1. Bataillon der 11. Jnf.-Div. jedes Regiment zu 3 Bataillonen mit je 868 Mann. Kav.-Reg. 5 zu 3 Eskadrons mit jo 120 Pferden. Feld-Art. 5 mit 205 Die Rüstungen der Mächte. OQOQQQOQQOQOQ<OVQQQOQQ<OQO 206 Mitte August lagen au Kriegsschiffen vor Taku 66 Schiffe und 12 Torpedoboote, vor Schanghai 35 Schiffe und 5 Torpedoboote, vor Kanton 29 Schiffe. Im ganzen befanden sich schließlich in den chinesischen Gewässern 153 Kriegsschiffe und 23 Torpedoboote. Am stärksten war natürlich England vertreten, Deutschland, Rußland, Frankreich und Japan kamen sich annähernd gleich; Österreich hatte außer der erwähnten "Zenta" noch den großen Kreuzer "Kaiserin und Königin Maria Theresia" entsandt. 6 Feldbatterien und 3 Gebirgsbatterien zu je 6 Geschützen. I schwere 12 oir» Belagerungsbatterie zu 4 Geschützen. Pionierbataillon ü mit Brückentrain. Eisenbahnbataillon. Telegraphenkompagnie. Sanitätskompagnie. 4 Infanterie-, 3 Artillerie-Munitionskolonnen. 4 Proviantkolonnen. 6 Feldlazarette. Feldbäckerei. Pferdedepot. Gesamtstärke: t3 Bataillone, 3 Eskadrons, 10 Batterien. Im ganzen: 16000 Mann mit 58 Geschützen. Tie beiden Dreibundmächtc Italien und Österreich-Ungarn waren nur durch eine bescheidene Truppenmacht vertreten. Ersteres sandte am 20. Juli von Neapel aus ein Infanterie-, ein Bersaglieri-Bataillon zil je 810 Mann, 1 Batterie, ein Genie-Detachement, 1 Sanitütsund 1 Verpflegungs-Abteilung, zusammen etwa 2100 Mann, nach China. Die Ergänzung der durch das Los bestimmten Kompagnien auf Kriegsstärke erfolgte durch Freiwillige; die Zahl der Meldungen war so groß, daß die Auswahl ebenfalls durchs Los stattfinden mußte. Die Abfahrt der Truppen und deren Begrüßung durch den König gab dem leicht erregbaren Volke Anlaß zu überschwänglich begeisterten Kundgebungen. Österreich-Ungarn beschränkte seine militärische Vertretung in Petschili ans die Entsendung von Kriegsschiffen, deren Landungskorps sich bei de» heißen Kämpfen um Taku und Tientsin, >vie auch später wiederholt besonders hervorgethan haben. Meist schlossen sie sich deutschen Truppenteilen an. Obwohl zur unmittelbaren Niederwerfnng des Aufstandes in erster Linie nur Landtrnppen nötig waren, versammelten doch alle Mächte auch ansehnliche Seestreitkräfte. Die chinesische Flotte war nicht zu fürchten, dagegen war Gefahr vorhanden, daß der Aufruhr auch auf die südlichen Teile des langgestreckten Küstengebietes übergreisen könnte. Die Anwesenheit der Kriegsschiffe an vllen wichtigen Punkten der Küste hat alle Aufstandsversuche sehr bald im Keime erstickt. S. HI. 5. "cSefton". Das österreichische Kriegsschiff "Zenta". Rechnet man dazu die Gesamtstärke der LaudstreiU kräfte aller Mächte mit 91000 Mann und 286 Geschützen, dann hat man ein Bild von dem ungeheuren Machtaufgebot, zu dem die beteiligten Mächte gezwungen waren. Mit Geuugthnung konnte man in Deutschland es begrüßen, daß das Reich seiner Macht und seinem Ansehen entsprechend gebührend vertreten war. 207 OOOOOOOOOOOCOOOOOOOOOOOOOOOO wirren J900/H90U OOQOOOOOOOOOOOOOOOOOOOQOOOOO 208 Dritter Abschnitt. Der Entsatz von Peking UNdiplomatische Zwischenspiele. Die ersten Nachrichten von den Gesandtschaften nach ihrer Einschließung. Nach der Einnahme von Tientsin mußte natnrgemäß an die Verbündeten die Frage einer Weiterführung der Offensive bis Peking herantreten. Die Kämpfe der letzten Tage hatten augenscheinlich die Kraft des bei Tientsin stehenden Gegners gebrochen, seine bewaffneten Scharen schienen der vollständigen Auflösung verfallen, und erfahrungsgemäß wirkten auf den chinesischen Charakter eine Reihe von Mißerfolgen entmutigend. Es schien daher sehr verlockend, diesen Zustand beim Feinde sich zu nutze zu machen und denselben, ohne ihn gn Atem kommen zu lassen, bis unter die Mauern Pekings zu verfolgen. Diesem zweifellos übereilten, unvorbereiteten Vorgehen widersprachen gewichtige Gründe. Vor allen Dingen mußte man nach den bis dahin, aus Peking eingegangenen und immer wieder bestätigten Nachrichten glauben, daß die in den Gesandtschaften eingeschlossenen Fremden am 9. Juli einem furchtbaren Blutbade zum Opfer gefallen seien. Hiermit fiel jene moralische Verpflichtung weg, welche jenes Unternehmen mit einiger Aussicht auf Erfolg gerechtfertigt hätte. Es blieben daher nur militärische Gesichtspunkte übrig, und bei Erwägung derselben sprach sich ein am 18. Juli in Tientsin znsammengetretener Kriegsrat entschieden gegen eine sofortige Fortsetzung der Offensive aus. Die nach Norden vorgetriebenen KosakeN-Patrouillen hatten am 17. Juli schon jenseits des von den Russen besetzten Forts Hsiku starke feindliche Kräfte gemeldet, Gerüchte über weitere Ansammlungen an der Straße nach Peking und dort vorgenommenen Schanzarbeiten drangen nach Tientsin und schienen glaubwürdig. Dabei hatten die Verbündeten bei den Kämpfen in und nur Tientsin den Eindruck gewonnen, daß die Kampfleistungen des Gegners doch nicht unterschätzt werden durften. Dies war um so bedenklicher, als auch die Bewaffnung, insonderheit an Geschützen, modern und teilweise derjenigen der Verbündeten überlegen war. Es war daher, in Anbetracht des numerischen Mißverhältnisses, nicht möglich, mit den zur Verfügung stehenden 20000 Mann, deren größter Teil zur Sicherung des stark bedrohten Tientsin unbedingt dort stehen bleiben mußte, mit Aussicht auf Erfolg die Offensive sortzusetzen, ohne die in naher Aussicht stehenden Verstärkungen abzuwarten. Denn die notwendigen starken Entsendungen nach der Flanke und zur Deckung der rückwärtigen Verbindungen mußten zu viel Kräfte der au und für sich schon kleinen Truppenmacht absorbieren. Dazu kamen andere Schwierigkeiten. Den in größter Eile »ach Tientsin geworfenen Truppenmassen fehlte eine genügende Ausstattung mit Pferden und Trains, die an und für sich schon sehr mangelhaften Transportwege drohten in Anbetracht der beginnenden Regenzeit fast unbenutzbar zu werden. Die erdrückende Sonnenhitze der heißen Jahreszeit und die durch die Chinesen hervorgerufenen Überschwemmungen des Vormarschgebietes mußten lähmend auf die Bewegungen der des Klimas ungewohnten Truppenmassen wirken. Vernünftigerweise sah man daher vorerst, da genügende Gründe nicht Vorlagen, von einer Fortsetzung des Vormarsches ab und benutzte die nächste Zeit zur Herstellung geordneter Verhältnisse in Tientsin und seiner Umgebung und zur Heranziehung von Verstärkungen. Da letztere in beträchtlicher Menge in Aussicht standen, auch die erste Staffel der von Deutschland aus entsendeten Expeditionstruppen, das 1. und 2. Seebataillon, seit 14 Tagen ans dein Meere schwammen, andererseits ausgebrochene Meinungsverschiedenheiten unter den Mächten in Schanghai und im Dangtse-Gebiete es wünschenswert erscheinen ließen, einige von den ans der Taku-Reede ankernden deutschen Schiffen wieder aktionsbereit zu haben, wurde ein Teil des in Tientsin gelandeten deutschen Matrosendetachements zurückbeordert. Dieselben verließen Tientsin am 18. Juli und begaben sich wieder an Bord. Nur 300 Matrosen unter Kapitänleutnant Weniger blieben zum unmittelbaren Schutz der deutschen Konzession in Tientsin zurück. Mit einem Male bekam die Kriegslage ein anderes Bild, als von Peking sichere Nachrichten eintrafen, daß die eingeschlossenen Fremden zuin größten Teil noch am Leben seien und sich wacker gegen ihre Angreifer verteidigten. Jetzt mußten alle wohlerwogenen militärischen Gründe in deu Hintergrund treten und alles versucht werden, um zu retten, was noch zu retten war. Ganz überraschend erhielt die Regierung der Vereinigten Staaten von ihrem Gesandten in Peking am 18. Juli die Nachricht, daß er noch lebe. Auf diese Kunde hin sandte am 18. Juli der deutsche Konsul durch Vermittelung des Gouverneurs von Schantung an die deutsche Gesandtschaft nach Peking folgende Anfrage: "Telegraphieren Sie in derselben Weise, wie der amerikanische Gesandte, durch Tsungli Damen und Gouverneur von Tsinanfu an das Auswärtige Amt und auch an mich zur Weitergabe offen oder chiffriert, was vorgegangen, was Ihre Lage, was für Sie gethan werden kann!" Hierauf ging am 28. Juli folgendes Schreiben beim deutschen Konsul in Tientsin vonr ersten Sekretär bei der deutschen Gesandtschaft in Peking, von Belolv, ein, datiert Peking, den 21. Juli. sltonsnlatssekretär von Below an den deutschen Aonsul.s "Dank für Nachricht vom $., Cordes befindet sich befriedigend, die übrigen Mitglieder der Gesandtschaft sind wohlauf. Kaiserin und Mniqin Maria Theresia". "Aaiserin Elisabeth". 209 Der Giitsatz von Peking ltnd diplomatische Zwischenspiele. 210 Das Detachement hat zehn Tote und 1^ Verwundete. Die Däuser der Gesandtschaft sind durch Geschützfeuer stark beschädigt, werden aber von uns gehalten. Seit dem s6. ist der Angriff der chinesischen Truppen auf uns eingestellt. Mit Berlin ist keine Verbindung. Ls ist dringend nötig, daß Entsahtruppen schleunigst vorrücken. Gutem vernehmen nach ist die Leichs des Freiherr» von Kettcler von der chinesischen Regierung geborgen." Ähnliche Nachrichten erhielten der japanische Konsul in Tientsin durch einen nach Peking gesandten Läufer llnd die fremden Konsuln in Kanton durch den dortigen Vizekönig. Bei dem Lügengewebe, welches die chinesischen Machthaber bisher um die Vorgänge in Peking zu ziehen verstanden hatten, erschienen auch diese so erfreulichen Nachrichten zuerst wenig glaubhaft. Und doch durften die aus Peking kommenden Hilferufe nicht überhört, sondern es mußte rasch und energisch gehandelt werden. Diplomatisches Zwischenspiel. Es fehlte auch chinesischerseits nicht an Versuchen, die glücklich hergestellte Einigkeit der Mächte zu sprengen Kürschner, China II. und das energische H>andeln durch Beschwichtigungsversuche zu lähmen. Zuerst lvandte man sich an die Vereinigten Staaten von Nordamerika, wahrscheinlich weil diese sich zuletzt und am widerwilligsten zum bewaffneten Einschreiten veranlaßt gesehen hatten. Der chinesische Gesandte in Washington übermittelte am 10. Juli dem Staatssekretär des Auswärtigen, Hay, eine vom 29. Juni datierte telegraphische Mitteilung des chinesischen Staatsrats, in welcher die Verantwortung für die Unruhen abgelehnt wird. Nach einem Hinweis auf die zügellose Ausbreitung der Boxerbcwegung betont die ftNitteilung des chinesischen Staatsrats.s "Die Erlaubnis Chinas, daß fremde Truppen Peking betreten dürften, sei ein Beweis für sein Bestreben, die freundschaftlichen Beziehungen zu den Mächten aufrecht zu erhalten. Die fremden Truppen hätten aber, statt sich auf den Schutz der Gesandtschaften zu beschränken, zeitweise die Straßen durchstreift. Auch seien fortwährend Klagen von Leuten eingegangen, die durch verirrte Kugeln getroffen seien. Sogar in den Bereich des Kaiserpalastes hätten die fremden einzudringen versucht. Dies alles habe die chinesischen Soldaten und das Volk aufgereizt und ruchlose Leute hätten 14 211 OOOOCJOOOOOOQOOOOOQOOCQOOOOOO wirren !900/(90(. ©OOCOOOOOOOOOOOOOÜOOOOOOOOOO 212 begonnen, christliche Konvertiten zu töten und ihr Eigentum zu verbrennen. Die Regierung habe ungesäumt Befehl zur Unterdrückung der aufständischen Elemente erlassen, sich aber doch schlüssig gemacht, die fremden Gesandten zu ersuchen, im Interesse ihrer persönlichen Sicherheit sich für einige Zeit nach Tientsin zu begeben, während noch über diese Frage beraten wurde, erfolgte die Ermordung des Freiherrn von Heftetet durch den pöbet. Freiherr von Kettelet hatte dem Tsungli Kamen am Tage vorher angekündigt, daß er ihm einen Besuch abstatten wolle, und diesen Besuch ausgeführt, obwohl der Tsungli Kamen mit dein Besuch nicht einverstanden gewesen sei, da es befürchtete, der Gesandte könne auf seinem Wege belästigt werden. Inzwischen sei die Haltung der aufrührerischen Elemente immer drohender geworden. Der Gedanke, die Diplomaten in Peking unter dem Schutze einer chinesischen Eskorte fortzuschaffen, sei schließlich aufgegeben worden, die chinesischen Schutzmannschaften seien aber angewiesen, umfassendere Vorsichtsmaßregeln zu tr'effen. In Takn hätten die Europäer zuerst gefeuert, China denke nicht an Krieg mit den Großmächten. Der Staatsrat weist die chinesischen Gesandten im Auslande an, den betreffenden Regierungen obigen Bericht zuzustellen und ihnen zu versichern, daß dem chinesischen Nlilitär der Schutz der Gesandtschaften bis zum Aeußersten zur Pflicht gemacht sei und daß mit den Aufrührern so streng verfahren werde, als die Umstände es gestatten." In dieser Depesche, einem Meisterstück chinesischer Doppelzüngigkeit, lagen alle Grade böswilliger und frecher Lüge vor, von den angeblich verirrten Kugeln bis zu dem Satz, daß vor Taku die Verbündeten zuerst gefeuert hätten. Leider entsprach die Antwort des Präsidenten Mac Kinley nicht einer energischen Zurückweisung solcher Verdrehung der Thatsachen. Diesem ersten Vorstoße der chinesischen Regierung, Zwietracht in die Reihen der Kulturmächte zu säen, folgte im letzten Drittel des Juli ein zweiter, in einer Zeit, wo die ersten Gerüchte auftauchten, daß die cingeschlossenen Fremden in Peking noch am Leben seien. Gleichzeitig wurden Amerika, Japan, Frankreich und Deutschland zum vermittelnden Eingreifen veranlaßt. Die an Deutschland gerichtete. Note, welche der chinesischen Gesandtschaft in Berlin durch den Gouverneur von Schautung, Duanschikai, und den Taotai (Bürgermeister) von Schanghai übermittelt und durch diese am 21. Juli an das deutsche Auswärtige Amt weiterbefördert war, hatte folgenden Wortlaut: "Die kaiserlich chinesische Gesandtschaft beehrt sich, dem kaiserlich deutschen Auswärtigen Amt nachstehendes Telegramm des Staatsrates zur gefälligen Kenntnisnahme zu bringen. Dasselbe war dem Gouverneur von Schantung, Uuanschikai, zur Weiterbeförderung an den Taotai von Schanghai, Pueliengyueu, zur Übermittelung au die chinesische Gesandtschaft zugestellt: fDer Kaiser von China an Kaiser Wilhelm II.] "Der Kaiser der Tsmg-Dynastie entbietet 5. 2Tc. dem Deutschen Kaiser seinen Gruß. China und Deutschland haben lange in Frieden gelebt, und beiderseits hat kein Rlißtrauen bestanden. Neuerdings ist es zwischen der chinesischen Bevölkerung und den einheimischen Christen zu Haßausbrüchen gekommen, wobei unerwartet der kaiserlich deutsche Gesandte, Freiherr von Kettelet, von den Aufständischen ermordet wurde, was uns zum Ausdruck des größten Bedauerns Anlaß giebt. Die llntersuchung behufs Festnahme und Bestrafung der Mörder war im Gange, als bei allen fremden Staaten sich der verdacht regte, daß sich die kaiserliche Regierung der Bevölkerung gegenüber bei der Verfolgung der Christen in Konnivenz verhalte. Darauf erfolgte zuerst die Einnahme der Befestigung von Taku. Feindseligkeiten begannen, und das Unglück wurde immer verwickelter. Die Lage, in der sich China zur Zeit befindet, ist schwer zu ordnen, besonders da die chinesische Regierung nicht die Absicht hat, in den bestehenden guten Beziehungen jemals eine Aenderung cintretcn zu lassen, denn es sind nur die Umstände, die zur Zeit obwalten, welche die Regierung zu deren Bedauern in eine Zwangslage gebracht haben. Zur Beseitigung des allgemeinen Unwillens gegen die chinesische Negierung und zur Klärung der Lage bleibt nur das einzige Mittel, die Beihilfe Deutschlands anzurufen. Daher öffnen wir Ew. Majestät unser Herz in diesem Schreiben in der Hoffnung, daß dadurch der Fortbestand der freundschaftlichen Beziehungen gesichert werde, und daß allerhöchst dies erwogen werde, einen plan zur Erreichung dieses Zweckes ins 2luge zu fassen und die Leitung zn übernehmen, um den früheren Friedenszustand wieder herbeizuführen, wir bitten, uns einen günstigen Bescheid zu erteilen, wofür unsere Dankbarkeit Lw. Majestät gegenüber immer lebhaft bleiben wird." Die Antwort der deutschen Regierung ließ an Entschiedenheit der Sprache nichts zu wünschen übrig: fGraf Bülow an die chinesische Gesandtschaft.] "Der Staatssekretär des Auswärtigen, Graf Bülow, hat die Verbalnote der kaiserlichen chinesischen Gesandtschaft von: 2\. dieses Monats, enthaltend eine telegraphische Mitteilung des Kaisers von China an den Kaiser erhalten. Graf Bülow sieht sich nicht in der Lage, dieses Telegramm dem Kaiser zu unterbreiten, solange nicht das Schicksal der in peinig eingeschlossenen fremden Gesandtschaften und der dortigen übrigen Fremden aufgeklärt ist, die kaiserlich chinesische Regierung für die frevelhafte Ermordung des kaiserlichen Gesandten Sühne gewährt und für ein dem Völkerrechte und die Civilisation entsprechendes künftiges Verhalten genügende Garantie geleistet hat." Mit dieser Erwiderung hatte Graf Bülow der chinesischen Diplomatenschlauheit die richtigste und würdigste Antwort gegeben, indem er sich weigerte, dem deutschen Kaiser das Telegramm des chinesischen Kaisers zu unterbreiten, so lange nicht die in der Note ausgestellten Bedingungen erfüllt waren. Im ganzen deckten sich dieselben mit denjenigen, welche auch der französische Minister des Auswärtigen und das Washingtoner Kabinett aufstellten, nur war die Tonart der deutschen Note schärfer und entschiedener, auch hatte die französische Regierung die Bedingungen unbestimmter und nicht so umfassend gefaßt, und Mac Kinley hatte sich sogar untergewissen Bedingungen bereit erklärt, auf das Ansuchen um Vermittelung einzugehen. Er machte dies Zugeständnis, obwohl auch dieses chinesische Schriftstück als eine infame Komödie bezeichnet werden muß. Nicht mit einem Worte wurde darin des Schicksals der Fremden in Peking Erwähnung gethan, obwohl die chinesischen Machthaber wußten, daß die große Erregung in Europa, Amerika und Japan und die lebhaften Rüstungen aller Staaten nur eine Folge der furchtbaren Unglücksbotschaft waren, daß alle Fremden in Peking hingemordet seien. Nur was sich nicht mehr verschweigen ließ, der Tod des deutschen Gesandten, war zligegeben worden. Die Heuchelei der fast gleichlautenden Schriftstücke trat noch deutlicher zu Tage, wenn man sich die Entlvickelung der Vorgänge in China vergegenwärtigte. Es war vor allem 14* 213 0000090000000000000000000 Der Marsch die Regierung gewesen, welche durch ihre zweideutigen Edikte den Aufstand der Boxer geschürt und die Regierungstruppen veranlaßt hatte, mit den Aufrührern Hand in H>and zu gehen. Und schließlich wurde Takn erst gewonnen, nachdem die dort liegenden europäischen Schiffe bombardiert waren und die Verbündeten Geschwaderchefs eingesehen hatten, daß anders der Zugang zu Tientsin und Peking nicht offen zu halten war. auf Peking. 0000000000000000000000000 214 Der Marsch auf Peking. Der Hilferuf aus Peking, so unglaubwürdig er zuerst erschien, verhallte nicht ungehört. Die Verbündeten in Tientsin entschlossen sich nunmehr, unter den veränderten Verhältnissen doch zur energischen Fortsetzung der Offensive auf Peking. Sobald dieser Ende Juli gefaßte Entschluß bekannt war, begann wiederum Einschiffung deutscher Truppen auf der Straßburg". ^ Mit einer solchen Regierung durfte man nicht im Tone der sonst gebräuchlichen diplomatischen .Höflichkeit verkehren. Wie in dem Rundschreiben des Grafen T>ülow an die deutschen Bundesregierungen der deutsche Staatssekretär des Auswärtigen am klarsten von allen Diplomaten die Ziele des militärischen Einschreitens 'n China formuliert hatte, so war auch in seiner Antwort, auf die chinesische Anfrage ein Beispiel gegeben, wie man mit den chinesischen Diplomaten zu verfahren habe. Nicht zum wenigsten hierdurch verfehlte das chinesische^ diplomatische Zwischenspiel seine Wirkung. Die Einigkeit der beteiligten Knlturmächte blieb bestehen. das hinterlistige Ränkespiel der Chinesen. Es drangen von Peking angeblich aintliche Stimmungsbilder durch, für deren Verbreitung und Weitergabe der in Schanghai weilende Vizekönig Li-Hung-Tschang sorgte, wonach eine Fortführung der Offensive auf Peking seitens der Verbündeten nicht nur den sicheren Untergang der in Peking eingeschlossenen Fremden zur Folge haben, sondern auch in den übrigen, voin Aufstande noch wenig berührten Teilen des Reiches den Fremdenhaß entfachen, die Volksmenge fanatisiercn und die zügellose Niedermetzelung aller Ausländer und Christen herbeiführen würde. Doch diese versteckten Drohungen und Einschüchterungsversuche machten glücklicherweise die Befehlshaber der Mächte in 215 wirren 1900/(901. OCOOOOCOOOOOSOOOOOCOOOOOOOOO 216 ihren Entschlüssen nicht wankend. Nur demMangel eines allseitig anerkannten Oberbefehls ist es zuzuschreiben, daß der Wille nicht umgehend, also schon Ende Juli, in die That umgesetzt, sondern bis in die ersten Augusttage, den äußersten Termin, verschoben wurde. Auch trug zu dieser Verzögerung der Umstand bei, daß das englische Expeditionskorps, soweit es für Petschili bestimmt war, noch abgewartet werden, bezw. erst marschbereit sein mußte. Wie sich später herausstellte, verhinderte das Vorgehen der Verbündeten eine Offensivbewegung der Chinesen, deren Zweck die Wiedereroberung von Tientsin und Taku gewesen ist. Jedenfalls beleuchtete diese Thatsache die Gefährlichkeit des Unternehmens, ohne gesicherte Operationsbasis und rückwärtige Verbindungen den Vormarsch auf Peking anzutreten. Derselbe zeigte aber auf der anderen Seite, daß ein kräftiger, schneller und energischer Schlag auf den Chinesen entmutigend wirkt, während seine Offensivgedanken nur wachgerufen worden waren durch das Zögern der Eroberer von Tienttsin. Gegner wie Kriegsschauplatz mußten ganz nach ihrer Eigenart beurteilt werden, die so vollkommen abwich von derjenigen, welche den europäischen Führern bisher entgegengetreten war. Der wieder aufgenommene Offensivgedanke bei den Verbündeten wurde auch nicht mit einem Male in die That umgesetzt, sondern entwickelte sich allmählich mit dem Eintreffen der Nachrichten aus Peking, der Verstärkungen und der Meldungen über den Feind, bis er Anfang August mit elementarer Gewalt zum Durchbruch kam. Ilm diese Zeit standen in Tientsin an Truppen zur Verfügung: Russen: Japaner: Engländer: Franzosen: Amerikaner: deutsche: Italiener: Oesterreicher: 8 Bataill. Infanterie, 4 Sotnien, 7 Batt. — 10 000 Mann. 3 Esk., 4 " Marine-Landungskorps 9 000 0 000 2 600 2 500 300 150 75 Zusammen etwa 31000 Mann. Schon am 18. Juli tvar es den Russen gelungen, die Trümmer des Forts Hsiku in Besitz zu nehmen. Die von dort aus besonders Ende Juli mit Eifer zur Aufklärung der Vormarschverhältnisse vorgetriebenen Kosaken-Patrouillen stellten schon bei Tingtsekou, wenige Kilometer von Fort Hsiku rechtsseitig vom Peiho, starke Ansammlungen feindlicher Streitkräfte fest. Ein vom englischen Konsul in Tientsin nach Peking gesandter Bote, welcher aber vor der Hauptstadt wieder hatte umkehren müssen, brachte schließlich Ende Juli etwas nähere Nachrichten über Stärke und Stellung des Feindes. Danach sollte derselbe mit seiner Hauptmasse bei Peitsang stehen, über eine zahlreiche Artillerie verfügen und dort eifrig an fortifikatorischen Einrichtungen arbeiten. Der Peiho wäre durch versenkte Dschunken gesperrt und seine Ufer dahin vorbereitet, daß eine Überschwemmung des östlich gelegenen Geländes leicht herbeigeführt lverden könne. Ferner meldete der Bote, daß auf der ganzen Straße nach Peking die Zahl der dort stehenden Truppen täglich wachse. Die Verbündeten mußten also auf energischen Widerstand gefaßt sein, dessen Überwindung um so schwieriger erschien, als die Geländeund Wegeverhältnisse in Anbetracht der beginnenden Regenzeit die denkbar ungünstigsten zu werden versprachen. Nachdem am 28. Juli General Gaselee mit Stab in Tientsin eingetroffen war und die Bereitstellung der anglo-indischen Truppen in wenigen Tagen vollendet sein konnte, begannen die Russen und Japaner, ihre Vorposten auf dem linken Pciho-Ufer vorwärts zu schieben. Dies gelang zwar unter stetigen Kämpfen, doch zogen sich am 2. August die Japaner eine unangenehme Schlappe zu, bei der sie 150 Mann an Toten und Verwundeten verloren. Die Angaben des Boten fanden ihre volle Bestätigung; die Stellung bei Peitsang erwies sich als sehr stark und infolge der künstlich vom Feinde herbeigeführten Überschwemmungen in ihrer Verteidigungsfähigkeit außerordentlich gehoben. Immerhin hatten die bisherigen Vorpostengefechte den Erfolg gehabt, den Verbündeten den Weg dorthin zu öffneu uno wertvolle Anhaltspunkte über die örtlichen und numerischen Verhältnisse der gegnerischen Verteidigungslinie zu schaffen. Die Chinesen standen unter dem Befehl des Vizekönigs Tschung-Tschn und mochten etwa 25000 Mann stark sein. Ihre Stellung lehnte sich mit dem rechten Flügel an den Peiho, mit dem linken an die Bahn. Die Stadt war in die Verteidigungslinie mit einbezogen. Zur Vornahme eines eventuellen Uferwechsels diente eine nördlich Peitsang angelegte Schiffbrücke. Zum 5. August beschlossen die Verbündeten, nach wechselseitigem Einvernehmen der Kontingentsführer, den Angriff, dessen Führung der rangälteste Offizier, der russischeGeneralleutnant Lenewitsch, übernahm. Dieser Entschluß zum Vorgehen wurde den Verbündeten in letzter Stunde noch besonders erschwert durch das Auftreten einer.chinesischen Armee unter General Mah am DobohuBecken, südwestlich von Tientsin. Es mußte daher in letzterer Stadt eine starke Besatzung zurückgelassen und konnten nur folgende Stärken zum Vormarsch verfügbar gemacht werden: Japaner: 6 600 Mann Inf., 220 Mann Kav., 450 Pion. , 53 Gesch. Russen: 3 300 " " 180 " — " 22 " Engländer: 1 832 " " 400 " — 13 " Franzosen: 400 Marinesold. — " " — , 18 " Amerikaner: 1 600 Mann Inf., 75 " 150 Marinesold. " " 6 " Deutsche: 200 " — " " — Oesterreicher: 30 " " " " — " Italiener: 30 " — — — " Mithin in Summa: 14142 Mann Inf. 875 Mann Kav. 450 Pion. 112 Gesch. oder im ganzen 15467 Mann. Also mit zusammengewürfelten Truppen in der Stärke einer mobilen Infanterie-Division, allerdings durch die Zuteilung der Artillerie eines ganzen Armeekorps in ihrer Gefechtskraft wesentlich gestärkt, unternahmen es die Verbündeten, gegen die stark umwallte Hauptstadt vorzugehen, in deren Mauern sich mehrere hunderttausend Bewaffnete befanden, darunter mindestens 50000 auf europäische Art ausgebildete und ausgerüstete Truppen. Und dabei mußte die Öffnung des etwa 100 km langen Weges von Tientsin bis Peking voraussichtlich erst nach Überwindung ernstlichen Widerstandes erkämpft und eine dreioder vierfache Übermacht zurückgeworfen werden. Fürwahr, ein kühnes Beginnen! Die Disposition des Angriffs auf die Stellung bei Peitsang traf General Lenewitsch mit Rücksicht auf die Unmöglichkeit, wegen der Überschwemmungen in der Front anzugreifen, derart, daß eine etwa 4000 Mann starke Kolonne, bestehend ans Russen, Franzosen, Deutschen (zwei Kompagnien unter Kapitänleutnant Philipp), Italienern und Österreichern (je ein Zug) an der Bahn entlang Vorgehen und den linken feindlichen Flügel umfassen, währenddessen eine andere, 10000 Mann starke Kolonne: Japaner, Engländer, Amerikaner und die 3. ostsibirische Schützenbrigade unter General Stößel am Westufer des Peiho Vordringen, und nach Überschreitung desselben den rechten feindlichen Flügel angreifen sollte. Zur Erläuterung muß bemerkt werden, daß der Peiho seicht war und daher nicht als absolutes Hindernis angesehen wurde. Die Verbündeten traten den Vormarsch in der Nacht vom 4./5. August in der geplanten Weise an. Schon um 10 Uhr vormittags hatten die Russen die linke Flanke des Gegners geworfen und zwei Eisenbahnbrücken genommen. Ein weiteres Vordringen auf Peitsang war ihnen in Anbetracht der Überschwemmungen unmöglich. Bei der linken Kolonne hatten die Japaner den Löwenanteil an dem Siege dieses Tages. Mitten im heftigsten Kugelregen durchwateten sie den Peiho und stürmten, unterstützt von den nachfolgenden Truppen der anderen Nationen, Peitsang. Die Chinesen, von beiden Seiten flankiert, zogen sich in eiliger Flucht größtenteils über die Schiffbrücke auf das rechte Flußufer zurück, teilweise folgten sie der Straße auf der linken Seite des Peiho. Die Japaner, welche sich schon durch Entschlossenheit und Bravour beim Angriff hervorgethan hatten, folgten dem Feinde so rasch, daß demselben nicht einmal Zeit gelassen wurde, die Brücke hinter sich zu zerstören. Doch hatten die Verfolger Beim Überschreiten des Flusses noch erhebliche Verluste, da feindliche Abteilungen auf beiden Ufern sich festgesetzt hatten. Die Japaner fanden Unterstützung durch nachgesandte russische und englische Truppenteile, deren Auswahl so getroffen war, daß alle drei Waffengattungen bei dieser sich durch die Gefechtslage herausgebildeten neuen Avantgarde vertreten waren. Die genommene Stellung erwies sich als außerordentlich stark und war von den Chinesen mit überraschendem Geschick fortifikatorisch verstärkt worden. In Anbetracht des Erfolges müssen die Verluste der Ver bündeten als gering bezeichnet werden. Sie betrugen an Toten und Verwundeten bei den Japanern 200, den Russen 6, den Engländern und Amerikanern je 20 Mann. Dem Feinde, welcher beträchtliche, zahlenmäßig leider nicht festzustellende Verluste gehabt hat, wurden 13 Geschütze und das gesamte Lager abgenommen. Die Deutschen, Österreicher und Italiener, welche nicht in das Gefecht eingegriffen hatten, kehrten noch an demselben Tage nach Tientsin zurück, um der dortigen von Südwesten bedrohten Besatzung eine nur kleine, aber wertvolle Unterstützung zu bringen. Um dem infolge der Energie des Angriffs unter den Zeichen der Entmutigung und Auflösung geflohenen Gegner nicht Zeit zu lassen, sich wieder zu rangieren und festzusetzen, beschloß General Lenewitsch, sofort am nächsten Tage, dem 6. August, die Offensive fortzusetzen, um möglichst die am rechten Peiho-Ufer gelegene wichtige Stadt Pangtsun zu erreichen. Um 4 Uhr morgens brachen die Truppen auf und mußten bei glühender Sonnenhitze den fast 20 km langen Weg zurücklegen. Zahlreiche Marschverlnste an Hitzschlag waren unausbleiblich. Die Teilung in zwei Kolonnen zu beiden Seiten des Flusses wurde beibehalten, da sich dieselbe trotz des dazwischen liegenden Geländehindernisses am vorherigen Tage bewährt hatte. Jedoch mit Rücksicht darauf, daß der größere Teil des Feindes das westliche Peiho-Ufer entlang zurückgcwichen war, trat eine Verschiebung des Kräfteverhältnisses insofern ein, als der größte Teil der Verbündeten auf dieser Seite den Vormarsch fortsetzte, während nur je eine kleine Abteilung der Japaner und Engländer auf dem linken Ufer verblieb. Vorgreifend sei hier gleich bemerkt, daß letztere Kolonne infolge der schlechten Wegeverhältnisse nur langsam vorwärts kam und daher an diesem Tage nicht in das Gefecht mehr eingreifen konnte. Die Vorhut der Hanptkolonne unter dem russischen Oberst Modl stieß etwa 5 km südlich von Pangtsun auf eine stark verschanzte Stellung des Gegners. Derselbe hielt jedoch nicht stand, sondern wich unter dem heftigen Geschützfeuer der Verbündeten in eine weiter rückwärts gelegene zweite fortifikatorisch verstärkte Linie zurück. Nach dreistündigem, weniger verlustreichen wie anstrengenden Kampfe, der hauptsächlich durch ein wirksames Artilleriefeuer zu gunsten der Verbündeten entschieden werden konnte, waren die staffelförmig hintereinander angelegten Positionen der Chinesen und schließlich die Stadt selbst genommen. Die Russen speziell stürmten die auf dem östlichen Ufer gelegene Eisenbahnstation und brachten sowohl zwei Schiffbrücken, wie die oberhalb der Stadt den Peiho überspannende Eisenbahnbrücke in ihre Gewalt. Der Feind zog sich unter schweren Verlusten auf Hohsiwu zurück, verfolgt von einem gemischten japanischen kleinen Detachement (2 Batl. Inf., 1 Esk., 1 Gebirgsbatt., 1 Genie-Komp.), gebildet aus Truppenteilen, welche am wenigsten unter den Anstrengungen des Tages und unter der Hitze gelitten hatten. Der Rest der Entsatzarmee biwakierte bei Pangtsun. In Anbetracht der Anstrengungen der beiden vorhergehenden Tage hatte General Lenewitsch für den 7. August einen Ruhetag in Aussicht genommen. Jedoch am Morgen dieses Tages ging von oben erwähntem japanischen Verfolgungs-Detachement die Meldung ein, daß es bei Nantsaitsun, 13 km flußaufwärts von Yangtsun, eine chinesische Abteilung nach iVsstündigem Kampfe mit leichter Mühe geschlagen und dabei die Beobachtung gewonnen habe, daß der Feind unter dem Eindrücke der Niederlagen von Peitsang und Yangtsun starker Entmutigung und Demoralisation verfallen sei. Ein sofort zusammeugerufener §kriegsrat der Kommandeure erklärte sich einstimmig für die Fortsetzung des Marsches, da die Hoffnung immer mehr durchbrach, doch noch nicht zu spät in Peking erscheinen zu können. Nur der französische General Frey mußte für sein Kontingent den Weitermarsch zunächst ablehnen, da der vermittelst des Peiho nachgeführte Verpflegungsnachschub gestört war. Er selbst eilte um derentwillen nach Tientsin zurück, während seine Truppen in Pangtsun als willkommene Etappeudeckung stehen blieben. Die Fortsetzung des Vormarsches brachte die übrigen Verbündeten am 9. August bis Hohsiwu. Thatsächlich war der Widerstand der Chinesen bei diesem Orte, obwohl sie auch hier ausgedehnte Stellungen zur hartnäckigen Verteidigung vorbereitet hatten, ganz gering. Sie flohen schon bei dem Nahen der Verbündeten, und mit Mühe und Not konnte die Kavallerie der letzteren die noch geschlossen gebliebenen Truppenteile unter schweren Verlusten des Feindes zersprengen und einige Fahnen und Geschütze erbeuten. Kosaken und bengalische Ulanen besorgten diese Arbeit, während die Fußtruppen gar nicht mit dem Feinde in Berührung kamen. Vergebens bemühten sich die chinesischen Generale Tungfuhschiang und Sung, welche auch vor Tientsin geführt hatten, in ihre vollständig demoralisierten Truppen Ordnung zu bringen. Es bestätigte sich wieder die alte Erfahrung, daß der Chinese im Unglück feige und kopflos wird. Unter diesen Umständen vollzog sich der Weitermarsch der Verbündeten fast widerstandslos. Mit Rücksicht auf den bequemen, aber langsamen Verpflegungsnachschub auf dem Peiho mittels flachgeheuder Dschunken, auf die infolge des schlechten Steinpflasters holprigen Straßen und auf die infolge der außergewöhnlichen Hitze verminderte Leistungsfähigkeit der Truppen überstiegen die täglichen Marschleistungen nicht 10—12 km. Am 11. August wurde Matou erreicht. Hier traf bei den Verbündeten die Meldung ein, daß die Chinesen im vollen Rückzuge auf Tschangkiawan seien und den dort in den Peiho einmündenden Liangshuiho erreicht hätten. Ta die Gefahr bestand, daß der Feind an den Ufern dieses Flusses, wo die Verbündeten und Chinesen schon im Jahre 1860 gekämpft hatten, einen neuen Verteidigungsabschnitt gewinnen und hier sich wieder setzen würden, ging die japanische Kavallerie mit reitender Artillerie vor, holte den Feind ein und jagte ihn von Dorf zu Dorf. Trotz der großen Hitze und der Erschöpfung der Truppen wurde von den Befehlshabern beschlossen, diesen Vorteil auszunutzen und den Marsch in der Nacht vom 11./12. August von Tschangkiawan auf Tungtschou fortzusetzen. Auch bei dieser von einer hohen und starken Mauer umgebenen Stadt wurde Widerstand erwartet. Aber, nachdem schon am 11. August abends ja-. panische Patrouillen vor den Thoren der Stadt erschienen waren, räumten die Chinesen dieselbe und ließen die Verbündeten am 12. August, einem Sonntage, widerstandslos einziehen. Die Vorposten konnten noch an demselben Tage bis 8 km von Peking entfernt vorgeschoben werden. 221 Der Sturm auf Peking. 222 Die äußerelStadtmauer von Peking. Der Sturm auf Peking. Es galt nun, den unerwartet rasch und glücklich verlaufenen Vormarsch der Verbündeten zu krönen und mit stürmender Hand Peking zu nehmen. Um sich über die ganze Bedeutung dieses Unternehmens einer kleinen Armee von 15000 Mann klar zu sein, muß man sich vergegenwärtigen, über welche riesenhaften Raumund Besestigungsverhältnisse die Hauptstadt des himmlischen Reiches verfügt. Zu letzteren bemerkt Oberstleutnant Wagner, ein Fachmann des Befestigungswesens: slvberstleutnant Wagner über die Befestigung Pekings.) "Peking ist rings von einer so starken Befestigung umgeben, daß, wenn sie nur überhaupt verteidigt wird, jeder Sturnwersuch ausgeschlossen ist. Ls ist wohl die stärkste sturmfreie Lnceinte des Mittelalters. Der schmale, die ganze Stadt umgebende wasserlauf ist zwar ohne Bedeutung, um so gewaltiger dagegen sind die dahinter sich erhebenden Mauern mit feldwärts aufgesetzter, 2 m hoher, mit Scharten versehener Mauer. Auf je 80—f00 Schritte springen flankierende palbtürme für Gcwchrverteidigung, und zur Geschützverteidigung die etwa 20 m vor die Mauerfläche vortretenden Thorbcfestigungen vor. Line Leiterersteigung ist daher auch in Anbetracht der pöhe der Mauer von U—^2 Fuß unausführbar. Line Lrstürmung der Thore ist schwierig, da vor dem inneren Thor eine Vorburg liegt, die einen Zwinger umschließt, aus welchem das äußere Thor seitwärts zwischen der Vorburg und der Stadtmauer ins Freie führt. Lin Sturm auf diese Befestigung ist daher ohne vorherige teilweise Zerstörung durch Artillerie nicht ausführbar, und obwohl das Naucrwcrk in ganzer pöhe sichtbar ist, ist Feldartillerie allein nicht genügend. Denn es kommt nicht nur auf die Vertreibung der Verteidiger von der Wallkrone, sondern auch auf das In-Brcsche-legen der äußeren starken Bckleidungsmauer an, worauf die über p rn hohe innere Bckleidungsmauer hinabgestiegen oder die zu beiden Seiten der breschicrten und erstürmten Maucrstrecke liegenden Thorgebäude genommen werden müssen, die den wall in seiner ganzen Breite durchschneiden." Nachdem die britischen Schiffsgeschütze in Tung ausgeladen waren, beschlossen die Befehlshaber, am 14. August die Sturinkolonucn hinter der Vorpostenlinie aufmarschieren zu lassen, tlm dann am 15. August in aller Frühe den Sturm zu versuchen. Sie änderten jedoch abermals ihren Plan, als von Peking in der Nacht zum 13. August heftiges Schießen gehört wurde, wie sich später herausstellte, der letzte Angriff auf die Gesandtschaften. Um nicht im letzten Moment doch noch zu spät zu kommen, wurde nuninehr für den 14. August der Angriff beschlossen. Von dem richtigen Gesichtspunkte ausgehend, den Sturul auf die Stadtumwallung an getrennten Punkten vorzunehmen, um auf diese Weise den feindlichen Widerstand zu zersplittern, vollzog sich der Vormarsch der Verbündeteil in drei Kolonnen. Die Japaner wählten das nördlichste, die Russen das mittelste der Ostthore als Angriffsziel. Im Vertrauen auf die nach ihrer Ansicht unbezwingbaren, mächtigen Maltern und verstärkt durch die zu Herren der ganzen Hauptstadt gewordenen Boxermassen und Bannertruppen leisteten die Chinesen noch einmal hartnäckigen Widerstand. Die Russen, denen sich die inzwischen nachgeeilten Franzosen anschlossen und von denen schon vom 13. August mittags au das mittlere Thor beschosseu worden war, hatten zwar schon am 14. August früh 2 Uhr die Mauer daselbst erstiegen, 223 0000000000<?0<3ü0c>000v>0000<?v?00 wirren konnten aber bis zum Llbend nur den äußeren Thorabschnitt behaupten. Währenddessen waren die Engländer und Amerikaner nach Süden abgebogen, um sich der beiden südlicheren Ostthore zu bemächtigen. Dies gelang ihnen mit verhältnismäßig leichter Mühe, da hier scheinbar die Chinesen nicht den Angriff erwartet und daher minderwertige Truppen postiert hatten. Aber der Versuch, durch die Chinesenstadt vordringend, sich den Eingang in die Mandschustadt mit den Gesandtschaften zu erzwingen, scheiterte, da der Widerstand auf der Trennungsmauer zwischen Chinesenund Mandschustadt zu groß war. Erst als es dem General Gaselee mit einer Kompagnie Shiks gelungen war, sich vermöge eines Abzugskanals unter der Mauer weg einen Weg zu bahnen und den Verteidigern auf der Trennungsmauer in den Rücken zu kvnimen, räumteu die Chinesen die Stellung. Die eingeschlossenen Europäer in den Gesandtschaften waren befreit. Doch es galt noch, den feindlichen Widerstand in dem ausgedehnten Stadtbezirk vollkommen zu brechen, bevor man sich der Freude über die gelungene Befreiung hingab. Inzwischen waren die Amerikaner bis zum großen TschienThore vorgedrungen und nahmen dasselbe mit Hilfe ihrer Landsleute, welche die amerikanische Barrikade hielten. Den Russen gelang nun ebenfalls der Einbruch in die Stadt, nur die Japaner waren auf die besten chinesischen Truppen gestoßen und hatten um den Besitz des Thores schwer zu kämpfen. Es gelang ihnen erst nach 8bis 9stündiger Beschießung, sich so weit den Wällen zu nähern, daß eine Sprengung der Thore vorgenommen werden konnte. Dies geschah im Laufe der Nacht — und ohne andere Hilfe erzwangen sich die Japaner den Eintritt in die Mandschustadt. Auch den Russen gelang derselbe dank der englischen und amerikanischen Unterstützung nach Dunkelwerden, so daß sich am 15. August morgens das ganze Entsatzheer in den Mauern Pekings befand, ein schöner, bedeutungsvoller, durch eine kühne, aufopfernde und energische Offensive errungener Erfolg und ein Triumph europäischen Wagemuts und europäischer Initiative über asiatische Feigheit und Zuchtlosigkeit. [<£m englischer Teilnehmer über den letzten Angriff auf peking.j "Die Kolonne wurde in vier parallel marschierende Abteilungen getrennt. Die Japaner gingen auf der mit altem Pflaster belegten Tungtschouer Straße vor, die nach dem Gstthor (Tsekwamen) der Tatarenstadt führte die Russen hielten sich südlich an die Japaner, aber nördlich von dem Kanal von Tungtschou nach Peking, der nach dem Nordthor (Tungpienmen) der Thinesenstadt führt. Südlich vom Kanal marschierte die amerikanische Kolonne und südlich von dieser die britische. Die Generale hatten in Tungtschou vereinbart, daß die vier Kolonnen etwa 5 Ion vor Peking halten sollten, wo dann eine weitere Beratung stattfinden sollte. Letztere fiel aus, da die Russen in der Nacht zum (3., anstatt in der gegebenen Entfernung lsalt zu machen, bis hart an die Stadtmauern rückten, und da sie an der Brücke über den Kanal keinen widerstand fanden, eine Ueberrumpclung für angezeigt hielten. Sie gingen dann bis zum Thore vor, wo ein heftiges Gcwehrfcuer sie empfing und ihnen zahlreiche Verluste verursachte; der Generalstabschcf Wasilewski wurde verwundet. Ls war beabsichtigt, das Thor in der Schanze mittels Dynamit zu sprengen, dafür erwies sich jedoch das Feuer voin wall her zu stark. Nach mehreren fruchtlosen versuchen, wobei die Angreifer schwere Verluste erlitten, wurde beschlossen, den wall auf der ganzen Länge nördlich vom Tsekwamen zu beschießen. Die Geschütze traten um (0 Uhr in Thätigkeit und feuerten kräftig bis nach der Mittagsstunde, doch erreichten sie wenig, soweit das Tsekwamen in Betracht kam. Der Wachtturm und das Türmerhaus wurden hart mitgenommen, auf der Schanzmauer indes hätte nur die allerschwcrste Artillerie wirksam sein können. Die Absicht, das Thor zu sprengen, wurde durch die chinesischen Scharfschützen, die meist mit den schweren Donnerbüchsen feuerten, den wall bei der Schanze besetzt hielten und auf alle, die sich dem Thore nähern wollten, ein wohlgezieltes Feuer unterhielten, völlig vereitelt. Am Tungpienmen hatten die Russen währenddem gleichfalls harte Arbeit ohne Erfolg, denn die Nachricht vom Morgen, daß sie eingerückt seien, erwies sich als unrichtig. Die britische Kolonne wurde jetzt vom Glück begünstigt. Als sie gegen Mittag nach dem Schawomen, dem Gstthor in dem walle der Thinesenstadt, vorrückte, fand die Kavallerie das davorliegende Dorf vom Feinde besetzt. Die Feldbatterie trat daher ohne Verzug in Thätigkeit auf eine Lntfernung von (300 in, das 2% Pendschab-Regiment links von der Straße und das 7. Radschputcn-Regiment auf der Rechten gingen feuernd vor, durch den hohen Saatenstand gedeckt. Das Dorf war bald ohne Verlust für uns erobert, worauf die ganze Kolonne vor dem Thor vereinigt wurde. Das Thor wurde gleich erbrochen. Auf dem walle stieg der Rnion Jack auf, es wurde eine Bedeckung zurückgelassen. Das 21. Pendschab-Regiment erhielt Befehl, den Pimmelstempel zu besetzen, der Rest der Kolonne ging über die mit der südlichen Umwallung der Tatarenstadt gleichlaufenden Straße nach einem Punkte gegenüber den Gesandtschaften, schwenkte dann rechts ab Sir Alfred Gaselee, 5U ber südlichen Umwallung. Man englischer Generalleutnant. russische, brith che und ameri kanische Fahnen über letzterer aufstcigen. Lin Signalgast der Marine bedeutete, daß man durch das Schleußenthor hindurch könne. Line kleine Gruppe stürmte daher durch den offenen Zwischenraum unter heftigem, aber schlecht gezieltem Feuer und erreichte das wasscrthor, das von einem amerikanischen Marine-Infanteristen eröffnet wurde. General Gaselee und sein Stab folgten ihnen auf den Fersen durch das wasscrthor, einem Durchgang unter dem wall, der zu einem tiefen Einschnitte führt, von wo man geradewegs bis über die britische Gesandtschaft hinausgelangt; letztere liegt etwa 600 m mehr nach innen. Als General Gaselee durch den Einschnitt und über die Straße ritt, erhielt er überall Huldigungen, die zwar nicht lärmten oder hoch gingen, aber aus innerster Seele kamen. Die Belagerung war aufgehoben. Ls war ein feierlicher Augenblick für alle Beteiligten. Der Rest des Shiks-Regimcnts unter Oberst Pollock griff nun das Tschien-Thor an, und nach einem scharfen Gemenge, wobei die Inder wesentlich unterstützt wurden durch eine Abteilung Amerikaner, welche die westliche verschanzung der Umwallung gehalten hatte und nun längs der letztern voranmarschierte und die Thinesen vertrieb, ging er durch das Thor. Die Briten wandten sich der Gesandtschaft zu, die, wie seltsam es auch scheinen mag, nun das Ziel eines sehr heftigen Feuers wurde. Dabei kam die einzige Verwundung einer Dame während der ganzen Belagerung vor; die Dame erhielt eine Kugel, als sie auf dem Rasenplätze stand. General Gaselee erreichte die Gesandtschaft gegen 7,3 Uhr, General Thaffee folgte um 5 Uhr, kurz nach 8 Uhr kamen die Russen und eine japanische Brigade, die alle durch das Tungpienmen eingezogen waren. Das 225 yyyyyyyyyyyyyyyyyy Die letzten Aäinxfe in Peking vor dem Lntsatz. OVOQQQOOOWOOVOQW 226 Tsckwamen hielt noch stand gegen die Japaner, die ihren Eingriff nach Eintritt der Dunkelheit erneuerten. Das Thor wurde gesprengt, der Wachtturm in Brand gesteckt und die Truppen stürzten unter gewaltigen: Andrang und großer Begeisterung hindurch, trotz des starken Gewehrfeuers der Chinefen von dem Wall her. Dis Japaner erklommen dessen Wand und trieben die Chinesen im Mondschein auf der Mauer einher und nahmen Rache für die am Morgen erlittenen Verluste." Leider waren deutsche Truppen an diesem Befreiungszuge unniittelbar nicht beteiligt. Allgemein war man nach den Erfahrungelr der Kämpfe um Tientsin der Ansicht gewesen, daß die beiden deutschen SeeItalienern in einer Stärke von 4 Offizieren, 107 Mann den: Entsatzkorps nach. Ihm folgten noch an demselben Tage die in der Stadt bis dahin zurückgelassenen Franzosen und von Taku ans eine deutsche MatrosenKompagnie unter Kapitänleutnant Hecht von 150Mann mit den für die Deutschen notwendigen Trains. Letzterer bestand ans 10 Wagen und Maultieren, welche Proviant und Wasser für 10 bis 14 Tage mitschleppten. Kapitän Pohl erreichte unter anstrengenden Märschen, aber ohne mit devl Feinde in Berührung zu kommen, am 12. August Pangtsu, am 14. Hohsiwu, am 15. Matou. Wegen Die Deutschen und Japaner dringen ZN gleicher Zeit in Peking ein. (Nach einem japanischen Bilderbogen.) bataillonc unter Generalmajor von Höpfner, deren Eintreffen um Mitte August bevorstand, so rechtzeitig marschund gefechtsbereit sein würden, um an den Entsatzkämpfen vor Peking noch teilnehmen zu können. Als jedoch der französische General Frey, wie oben erwähnt, von Jangtsun nach Tientsin kam und die Eindrücke von dem inimer schwächer werdenden feindlichen Widerstande schilderte, brachen auch deutsche Truppen auf, um sich die Anteilnahme an der Besetzung von Peking zu sichern. Dieser Entschluß wurde erleichtert und gerechtfertigt, da in Tientsin neue Verstärkungen: ein russisches Regiment, eilt französisches Bataillon und zwei Kompagnien Italiener eingetrofsen waren. So eilte am 9. August morgens Kapitän z. S. Pohl mit einer gemischten Kompagnie von Deutschen, Österreichern und Kürschner, China II. starker Regengüsse konnte er von hier aus erst am 16. abends den Vormarsch fortsetzen, welcher ihn am 18. nach Peking führte. Kapitänlentnant Hecht kam in Peking am 21. August an. So wehte auch die deutsche Fahne auf den Zinnen der chinesischen Hauptstadt, und deutsche Truppen konnten sich an der Säuberung und endgültigen Besetzung des ausgedehnten Stadtgebietes beteiligen. Die letzten Kämpfe in Peking vor dem Entsatz. Erst jetzt wurde der Schleier gezogen von den Aufregungen, Kämpfen lind Gefahren, welche die kleine Schar der Fremden während einer 64tägigen Schreckenszeit durchlebt hatten, und es ist als ein wahres Wunder an15 Die einriickenden Lntsatztruxxen der Mächte werden von den Befreiten mit Jubel begrüßt. 227 OOOVVOOOOOVVOOQVOOOVOOOQOOOO wirren M10/M),. COOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO 228 15* 229 oooooooooooooooooo Die letzten Aämpfe in Peking vor dein Entsatz. 00<30000009000C<0<300 230 Zusehen, daß die im ganzen 500 Mann starken Wachtkommandos so lange den Angriffen einer hundertfachen Übermacht chinesischer Kerntruppen erfolgreichen Widerstand geleistet hatten. Diese Thatsache allein würde schon genügen, die ganze militärische Unfähigkeit und Schwäche des chinesischen Reiches und die Feigheit seiner Waffentragenden zu zeigen, welche im Anfang der Wirren nur durch Aberglauben zum angriffsweisen Vorgehen bewogen und angestachelt worden waren. Es ist nicht zu verwundern, daß die an Charakterund körperlichen Eigenschaften den Chinesen weit überlegenen Europäer mit Verachtung auf diese heimtückischen, hinterlistigen und grausamen Menschen herabblickten. Insonderheit bemächtigten sich solche Gefühle unserer braven Seesoldaten, welche wohl die Hauptarbeit bei der Verteidigung der Gesandtschaften zu leisten gehabt hatten. Ihren Thaten muß ein Ehrenblatt in der deutschen Heeresgeschichte eingeräumt werden, sie waren alle 50, mit ihrem trefflichen Führer, Oberleutnant Graf Soden, an der Spitze, Mann für Mann echte deutsche Helden. Als die Chinesen sahen, daß sie mit ihren diplomatischen Kunststücken kein Glück bei den Belagerten hatten, begannen sie Anfang August von neuem ihr Feuer auf das Gesaudtschastsviertel, welches seit dem 8. August an Heftigkeit zunahm. Es bemächtigte sich der bezopften Kämpfer eine nervöse Unruhe wegen des nahenden Entsatzheeres. Am 10. August gelang es einem Boten der Generale Gasclee und Fu kusch im a, zu den Belagerten durchzukommen und ihnen die Freudenbotschaft baldigen Entsatzes zu bringeu. Je näher das Entsatzheer heranrückte, desto mehr wuchs das Feuer bei deu Chinesen, bis es sich am 13. August abends l1^ Uhr während eines heftigen Gewitters auf ein weißes Raketensignal vom KaiserPalaste aus zu einer solchen Heftigkeit steigerte, wie es die Belagerten bisher noch nicht erlebt hatten. Das mörderische Feiler in der Stadt hatte die Entsatztruppen zu größter Eile angetrieben, und am 14. August früh 2 Uhr klang das Rattern der Maschinengeschütze wie Musik in die Ohren der Belagerten. Die Chinesen erneuerten ihre Angriffe nicht. Ein stürmisches Hurra begrüßte nachmittags 2 Uhr die bengalischen Reiter, welche als erste bei den Gesandtschaften erschienen. Die Freude der Befreiten war einfach unbeschreiblich. Die Männer schüttelten einander die Hände, die Frauen und Kinder tanzten vor Freude auf offener Straße. Doch nicht lange gab man sich dem Jubel hin; die wackeren Verteidiger besetzten rasch die von den Chinesen verlassenen Stellungen, während die Entsatztruppen die Verbindung untereinander aufsuchten und noch die nächste Umgebung der Gesandtschaften säuberten. fGbcrlazarettgast Dose über der Lntsatz.j "Am frühen Morgen des Dienstag, den August, hörten wir in nicht allzu weiter Ferne den Donner der Kanonen und Gcwehrfeuer; cs waren die Truppen, die sich ankündigten. Mit welcher Freude und Aufregung verfolgten wir das Näherkommen derselben; konnten wir doch nun hoffen, befreit und entsetzt zu werden. Endlich, endlich bot sich doch ein sicherer Anhalt; wie oft ist nicht in der letzten Zeit das Gerücht verbreitet worden, ,die Truppen kommen', und immer war es eine Lüge. Das Dröhnen der Kanonen redete jetzt eine deutliche Sprache. Am Mittag um 3 Uhr kamen dann die ersten Lntsatztruppen (englische Eingeborene von Indien, genannt Slsiks) durch das Wasserthor unter der großen Mauer in die Stadt. Mancher der Unsrigen hat sich dann wohl ein stilles Plätzchen gesucht und ein andächtiges Dankgebet zum Herrn emporgeschickt, der uns bisher geführt und nun glücklich erlöst hat. Bald darauf kamen große Massen von Amerikanern, Engländern und Russen. Ich stand mit auf der Mauer, die so lange der Schauplatz heißer Kämpfe gewesen war, und jeder ankommende Trupp wurde mit donnerndem ,Hurra' begrüßt, so viel noch die Kehle leisten konnte. Später wurden dann Erlebnisse ausgetauscht; unter den Amerikanern waren viele Deutsche und auch einige unter den Russen, jeder hatte doch so viel zu erzählen, und jeder freute sich, daß die Not endlich vorbei war. Hauptsächlich auch die Eingeschlossenen begrüßten sich überall freudig, hatte doch die lange Belagerung, hatten doch gemeinsam ausgestandene Leiden und Gefahren um alle ein festes Band der Zusammengehörigkeit geschlungen." Mit staunender Bewunderung muß mall vor dem Werk stehen, was die Verteidiger der Gesandtschaften, so auch das deutsche Detachement, während der zweimonatlichen Belagerungszeit vollbracht hatten. Das besondere Verdienst der letzteren lag darin, daß sie das deutsche Gesandtschaftsgebäude mit seinem wertvollen Archiv und Papieren gehalten und verhindert hatten, daß die Chinesen deutschen Boden in Besitz nahmen. Wer die für Verteidigungszwecke mangelhaften Baulichkeiten der Gesandtschaft und die zu deckenden ausgedehnten Positionen, an welche bis auf 20 m die Chinesen ihre Infanterieund auf 100 in ihre Artilleriestellungen herangeschoben hatten, in Betracht zieht, muß sich immer wieder fragen, wie es möglich war, diese Stellungen während der beiden Angriffsperioden, besonders der ersteren, zu halten. Hier standen Männer, welche mit Verachtung jeglicher persönlicher Gefahr Stunde für Stunde ihr Leben einsetzten, die, oft nur ein paar Mann stark, der feindlichen Übermacht mit denl Bajonett zu Leibe gingen, die kein Zagen, kein Zittern und keine Todesfurcht kannten. Wahrlich, wir Deutschen können stolz sein auf unsere wackeren ChinaKämpfer, welche den Ruhm alter deutscher Tapferkeit, Treue und Ausdauer erneuerten und den Beweis lieferten, daß das Vaterland unentwegt auf die Mitwirkung seiner Söhne bei der Lösung aller Aufgaben rechnen kairn. Die Auszeichnungen, mit denen S. M. der Kaiser sämtliche Verteidiger von Peking ehrte, an ihrer Spitze den bewährten Führer Oberleutnant Graf Soden mit dem Orden pour Io m6rite, waren ein äußeres Zeichen der Dankbarkeit von Kaiser und Vaterland. Leider beklagte das Detachement 12 Tote, welche im Garten der deutschen Gesandtschaft ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Im ganzen waren von sämtlichen Belagerten infolge Waffenwirknng 80 gefallen, 166 verwundet worden. In ärztlicher Behandlung hatten sich 166 Personen befunden, davon starben an Krankheilen 2, außerdem 5 Kinder. Für die Kranken und Verwundeten hatte der deutsche Stabsarzt Or. Velde und der englische Gesandtschaftsarzt Or. Poole in ebenso aufopfernder wie geschickter Weise gesorgt. Besonders des erstcren großer Sachkenntnis, Umsicht und Tüchtigkeit war es zu danken, daß der Gesundheitszustand, trotz all der geschilderten Entbehrungen und Strapazen, während der ganzen Belagerungszeit als ein sehr guter bezeichnet werden mußte. Die getroffenen Gesundheitsund Reinlichkeitsmaßregeln hatten sich vorzüglich bewährt. So feierte auch die deutsche Wissenschaft, Bildung und Gründlichkeit in der Person dieses vortrefflichen Sanitätsoffiziers ihre wohlverdienten Triumphe. Die Flucht des chinesischen Hofes. Leider hatte die Entsatzexpedition wohl einen vollen militärischen, aber nicht den gewünschten politischen Erfolg, da die Kaiserin-Mutter, der Kaiser und der gesamte Hof am 12. August Peking in größter Eile und Bestürzung verlassen hatte. Die Unzahl mit dem Hofe in Verbindung stehender Menschen, eine große Anzahl Flüchtlinge, alle strömten aus der Stadt in panikartiger Flucht. Am Südthor staute sich der Menschenstrom und versperrte auf diese Weise die Ausgänge. Als nun der lange Zug des kaiserlichen Hofes sich näherte, konnte er nicht vorwärts kommen. Doch die ihn begleitenden Soldaten der mohammedanischen Kansu-Trnppen unter dem fremdenfeindlichen General Tung machten kurzen Prozeß. Sie schossen so lange in die Menge hinein, bis die Bahn frei war. Hierbei fielen mehr Chinesen, als die Belagerten während der sechs wöchentlichen Belagerung in den Kämpfen getötet hatten, oblvohl hierbei die Chinesen ihre Verluste auch schon auf 3000 Tote angaben. Über die Haufen der Gefallenen hinweg wurden die Sänften des Kaisers und der KaiserinMutter durch das Thor getragen. Die Verbündeten ließen zwar am 15. August sofort die Verfolgung durch das japanische KavallerieRegiment aufnehmen, dasselbe kehrte aber resultatlos wieder zurück, und hatte nur feststellen können, daß die Flucht in südlicher Richtung von statten gegangen sei. Und in der That hatte die Kaiserin-Mutter das Hoflager nach Singan, der etwa 1 Million Einwohner zählenden Hauptstadt der Provinz Schansi, in der Nähe der scharfen Biegung, welche der von Norden kommende Hwangho nach Osten macht, verlegt. Nach einer 26tägigcn, überaus beschwerlichen Reise, welche unter dem Mangel genügender Vorbereitungen gelitten hatte, langte der Hof dort an. Jedoch war es der Kaiserin gelungen, den wertvollen Goldschatz des Hofes und andere reiche Kostbarkeiten mitzunehmen. Der in Peking zurückgebliebene Silberschatz im Betrage von etwa 8 Millionen Mark war den Japanern in die Hände gefallen. Die Japaner hatten nach dem blutigen Kampfe am nördlichen Ostthor am 15. August die in der französischen Kathedrale Belagerten befreit, und so war es ihnen gelungen, als die ersten in den Kaiserpalast einzudringen. Auch die Truppen der anderen Kontingente strömten nach dem Kaiserpalast, welcher einer gründlichen Plünderung verfiel. Infolgedessen sah man in späterer Zeit in den neu entstehenden Chinesenläden eine Unmasse wertvoller, aus dem Kaiserpalaste stammender Sachen. Dieselben waren erkenntlich an der gelben Farbe mit Drachenemblemen, deren alleinige Benutzung ein Reservatrecht des Kaisers war. Ohne diese Plünderung verteidigen zu wollen, muß sie doch als entschuldbar bezeichnet werden, denn die Truppen hatten durch die Chinesen eine solche Unsumme von Verlusten, Strapazen und Entbehrungen gehabt, sie hatten gegen Versteigerung der Beute in der englischen Gesandtschaft zu Peking. Eintreffen der ersten Befreier in der englischen Gesandtschaft in Peking. 233 VOOOOOOOQQOOOOOVQWOW Die Flucht des chinesischen Hofes. CWOWCXJWOOOCOWPOWO 234 das grausame und hinterlistige Volk einen solchen Haß aufgehäuft, daß der Gedanke, sich schadlos zu halten, wohl naheliegcn konnte. sFrau v. Rosthorn über die Pekinger Geschehnisses Die Gemahlin des k. u. k. Legationsrates v. Rost Horn hat ihren Wiener Angehörigen in nachfolgenden Briefen ihre Schicksale während und nach der Belagerung der Gesandtschaften geschildert, denen wir folgende Mitteilungen entnehmen: Peking, 50. ^iuli bis \6. August ssiOO. Lieber Papa und liebe Mama! -.. Daß sich irgendwas Außergewöhnliches vorbereite, wußten wir schon lange, denn überall war schon seit Monaten eine ungewöhnliche Aufregung. Das ging ursprünglich von den sogenannten "Boxern" aus, einer geheimen Gesellschaft, die es als eine patriotische Pflicht hinstellt, die "Fremden" zu vertreiben und das Thristentum in China wieder auszurotten. Die Regierung, offenbar von der Größe der Bewegung eingcfchüchtert, nahm keine Stellung dagegen, man weiß sogar, daß viele der höchsten Beamten den Boxern sehr gewogen waren. Diese wurden dadurch natürlich immer frecher; schon im März wurden an allen Straßenecken Plakate angeschlagen: vertreibt die Fremden! Tötet alle Christen! u. s. w. Als sie dann anfingen, in die Nähe von Peking zu kommen, in der ganzen Umgebung die christlichen Dörfer verwüsteten, Missionäre erschlugen und anfingen die Bahn zu zerstören, ließ man zum Schutze der Gesandtschaften die Detachements kommen. Die Regierung machte große Schwierigkeiten, aber schließlich wurde doch die Bahn wieder hergestellt, und am 2. und 5. Juni trafen die Soldaten ein. An: Pfingstsonntag kamen unsere Leute an: 30 Matrosen, s (Offizier und 2 Kadetten, und mit ihnen nur für einen Tag zu Besuch und zur Besprechung der Situation der Kommandant der "Zenta" und der zweite (Offizier. Den nächsten Tag aber war die Bahn wieder abgebrochen, und die beiden Herren konnten nicht mehr zurück. Nun wurde nach Tientsin telegraphiert und um schleunige Verstärkung der Detachements gebeten; ein internationales Korps von 2000 Mann und 2000 Russen sollten heraufkommen. Der englische Gesandte telegraphierte: "Beeilen Frau Paula v. Rosthorn. 5ie sich, sonst kommen Sie zu spät!" Nun kamen täglich neue Nachrichten von den Greuelthaten der Boxer, und anr 1(5. 3ut1' fanteit auch mehrere Tausend unter wüstem Geschrei in die Stadt herein, und nun ging es los. Da sie nur Speere und Schwerter hatten, so waren sic uns direkt nicht gefährlich, weil sie nicht näher kamen, wenn wir schossen; aber in derselben Nacht noch brannten mehrere große Missionen ab, alle den Kustoms gehörigen Häuser im Norden der Stadt und viele chinesische Häuser, wo Konvertiten wohnten. Den nächsten Morgen kamen viele Flüchtlinge zu uns, viele darunter entsetzlich verwundet und verbrannt, und erzählten, daß die Boxer furchtbar gewütet und ein schauderhaftes Blutbad angerichtet hatten. 3>i der pungtangmission haben sie allein über 600 Frauen und Kinder abgeschlachtet. Und so ging es weiter, jeden Tag konnte man neue Feuer sehen; alle europäischen Häuser und Missionen wurden abgebrannt, auch chinesische Läden, die fremde Waren verkauften, und auf diese Art wurde eines Tages auch K. u. k. Lcgationsrat v. Rosthorn. die halbe Chincsenstadt eingeäschert und eines der großen Stadtthore abgebrannt. Jeden Abend kam diese wütende Horde auf die Gesandtschaft los, doch gelang es ihnen nicht, diese abzubrennen. Wir warteten inzwischen immer noch auf die Verstärkungstruppen und waren sehr erschreckt, als wir eines Tages hörten, daß sie nicht stark genug wären, um heraufzukommen und zur Rückkehr gezwungen worden waren. Mit diesem Erfolg war den Chinesen der Mut gewachsen, und nun nahm die Sache eine unerwartete Wendung. Am ssi. Juni schrieb der Hamen an alle Gesandtschaften, daß die Admirale in Taku die Ucbcrgabe der Takuforts verlangt hätten, somit der Krieg erklärt sei und wir innerhalb 24 Stunden Peking verlassen müßten, da sie nun nicht länger geneigt wären, uns zu beschützen. China erklärt ss Mächten, ganz Europa, Amerika und Japan den Krieg! Auf so einen Wahnwitz war doch niemand gefaßt gewesen. Was nun thun? Es wurde nun beschlossen, wenigstens eine Verlängerung der Frist zu erreichen; den nächsten Morgen wollten die Gesandten in den Hamen gehen und ließen sich anmelden. Auf das diesbezügliche Schreiben war keine Antwort gekommen und der deutsche Gesandte übernahm es, als Delegierter in den Hamen zu gehen; er kani aber nicht wieder, denn auf dem Wege dahin wurde er von regulären Soldaten erschossen und sein Dolmetscher schwer verwundet. Wunderbarerweise war cs diesem gelungen, trotz eines Schusses durch Schenkel und Bauch, die Flucht zu ergreifen und eine halbe Stunde weit zu laufen. Mit der Nachricht von diesen: Mord brach eine furchtbare Panik aus; die 3bee des Abzuges nach Tientsin wurde aufgegeben und man beschloß, sich so lange als möglich in den Gesandtschaften zu verteidigen. Alle Frauen und Kinder, die Lebensmittel und Munitionsvorrätc wurden in die englische Gesandtschaft gebracht und diese als letzter Verteidigungspunkt in Aussicht genommen. Die belgische und holländische Gesandtschaft wurden ihrer exponierten Lage wegen gleich aufgegeben, und von unserer erklärte der Kommandant gleich, daß sie in: Falle eines militärischen Angriffes unhaltbar wäre. Als am 20. nachmittags unsere Posten auf einmal von Soldaten, die auf den Dächern und hinter den Mauern von chine235 yyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyy wirren 1,900/0)01. yyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyy 236 fischen Häusern versteckt waren, von drei Seiten beschossen wurden, blieb uns nichts übrig, als die Gesandtschaft zu räumen und uns hinter die nächste Barrikade zwischen den Kustoms und der französischen Gesandtschaft zurückzuzichen. 3n einem dichten Kugelregen mußten wir flüchten, jeder nur mit einem kleinen Sack mit einigen Kleidungsstücken am Rücken, und von unserer ganzen Habe konnten wir gar nichts retten, wie die Bettler zogen wir ab. Den ganzen nächsten Tag konnten wir sehen, wie die Kerle plünderten, große Bündel mit Sachen wcgschleppten und dann endlich die schönen neuen Häuser in Brand steckten. Don diesem Lage an begannen die Straßenkämpfe hinter Barrikaden; als den nächsten Morgen, am 22., auch die italienische tärs; pflegte auch etwas die leicht verwundeten (die schwer verwundeten kamen ins Lazarett in der englischen Gesandtschaft) und war eben mitten im heißen Kampf, die einzige Dame, die sich aus der englischen Gesandtschaft hcrauswagte. vom 20. Juni um H Uhr nachmittags an wurde ununterbrochen geschossen; nach Aussage von Gefangenen waren um unser SZuartier 8000 Mann reguläre Truppen, die vielen mit Sperren und Schwertern bewaffneten Boxer gar nicht mitgerechnet; wir hingegen hatten 'JSO Soldaten und ca. \00 bewaffnete Freiwillige. Selbstverständlich läßt auch Arthur es sich nicht nehmen, immer in erster Reihe zu stehen. Jede Gesandtschaft ist mit einer hohen und dicken Mauer umgeben, was sich im gegebenen Falle natürlich als sehr nützlich erAuf dem für die österreichische Gesandtschaft gekauften Grunde. Gesandtschaft verlassen werden mußte und in Brand gesteckt wurde, mußten wir uns in die französische Gesandtschaft zurückziehen, die wir seitdem gemeinsam mit dem französischen Detachement verteidigen. Das Gesandtschaftsxersonal, der Gesandte sowohl wie die Sekretäre, Dolmetsche ic. mit ihren Familien waren in die englische Gesandtschaft gezogen, so daß dort nur mehr ein Feldlager ist. Die englische Gesandtschaft bildet auch das Bild eines Zigeunerlagers, denn sämtliche Europäer, mit Ausnahme der Soldaten, die noch einzelne Gesandtschaften zu verteidigen haben, sind dort zusammengeströmt; es wohnen da 800 Menschen beisammen, auf einem Flächenraume von ungefähr <$00 m im Geviert, und in 9 Häusern und 2 großen offenen Hallen verteilt. Dabei rechne ich nicht einmal die Thinesen mit, Diener mit ihren Familien, die wenigstens ^00 bis 500 ausmachen. Die übrigen chinesischen Christen, die sich in unseren Schutz geflüchtet haben, ihrer 2000 ungefähr, wohnen in einem alten chinesischen Palais, innerhalb unseres Tarrös. Mas an Lebensmitteln in der Nachbarschaft auszutreiben war, wurde requirirt, denn von außerhalb war nichts mehr zu bekommen, wir waren von chinesischen Truppen eng umschlossen; zum Glück war es auch möglich, beträchtliche Vorräte zusammenzubringen, sonst wären wir schon längst alle verhungert. Ich wohnte auch die ersten fünf Tage dort; auf meinen dringenden Wunsch erlaubten mir aber die Dffiziere, in die französische Gesandtschaft zurückzukehren; da habe ich denn das Lagerleben mitgemacht; ich nahm mich ein wenig der Messe an, cs war immer eine große Tafel von einigen 20 Herren, (Offizieren und volonwies. rtun fingen die Thinesen an, die Mauer mittels Gewehrschüssen zu zerstören; Tag und Nacht ununterbrochen schossen sie aus geringer Entfernung auf eine Stelle der Dstmauer der französischen Gesandtschaft und nach und nach wurde die zweieinhalb Fuß dicke Ziegelmauer auch schadhaft, und endlich hatten sie auch eine Bresche geschossen. Inzwischen aber hatten wir in dahintcrliegende starke Hausmauern Schießscharten gebrochen, mit denen man die Breschen kommandierte und sie am Eindringen hinderte; nun fingen sie an anderen Stellen wieder an; doch das ging den Thinesen zu langsam, sie brachten Kanonen herbei, stellten sie in der Nähe auf und demolierten mit Boniben und Granaten die Dächer der Hauptgebäude. Am si Juli wurde zum ersten,nal niedrig geschossen; eine Granate schlug durch die Mauerbresche in die dahinterstehende Mauer und riß einen, unglücklichen jungen Kustomsbeamten, der bei der Schießscharte stand, den Kopf weg. Gewöhnlich gaben sie einige jO oder 20 Kanonenschüsse in einer Richtung ab, dann wurden die Geschütze wieder an einen anderen Grt gebracht, wie sie also in einer Richtung zu schießen anfingen, wurden an dem betreffenden Punkte die Posten zurückgezogen, dann, wenn es wieder ruhig wurde, von neuem dis Stellung genommen. An, 7. Juli wurde, fast genau an derselben Stelle wie der unglückliche Wagner, unser armer Kommandant Thomann*) von einer Granate getötet; ein Stück der Granate zermalmte seinen *) Noch nach seinem Tode durch Verleihung der Kricgsdekoration des Leoxoldordens ausgezeichnet. D. H. 2lnn, ein anderes schlug ihm ein großes Loch in die Brust; er war nuf der Stelle tot. Sein Begräbnis gehört mit zu den schrecklichsten Momenten der ganzen Zeit; den ganzen Tag wurde heftig geschossen. Während wir alle an dem offenen Grabe standen, fielen rund um uns herum Hunderte von Kugeln und Granatsplittern zu Boden; wir waren alle sehr ergriffen, denn wir hatten ihn sehr gerne gehabt, er war ein lieber, guter Mensch. Mir war auch das Herz sehr schwer. Ich ängstigte mich wegen Arthur (Gemahl der Briefschreiberin), der tagsvorher hinter einer Schießscharte durch Zicgelsplitter an einem Auge an der Hornhaut verletzt worden war. Tr hatte die ganze Nacht heftige Schmerzen gehabt und war den nächsten Morgen an beiden Augen gänzlich blind; das Gefühl der Hilflosigkeit regte ihn natürlich sehr auf und Ihr könnt Luch denken, wie mir zu Mute war! Gott sei Dank wurde er aber bald besser, schon nach ein paar Tagen konnte er Wiedersehen, und der Doktor sagt uns, daß es bald ganz vorbei sein wird, momentan nämlich sieht er mit denr verletzten Auge uoch etwas unklar. Ltwas ist jeder von uns schon verletzt worden, der Kadett Boyneburg auch sehr schwer; zum Glück sind sehr gute Aerzte da, besonders ein deutscher Stabsarzt hat geradezu Wunder gewirkt. Bis jetzt betragen die Toten im ganzen 60 Mann, die verwundeten HO, wovon allerdings eine geringe Anzahl wieder hergestellt ist. Auch ich bin im Dienste des Vaterlandes verwundet worden, was leicht schlimm hätte ausgehen können. Die Chinesen hatten aus allerlei Holzwerk eine Barrikade gemacht, dis uns nicht paßte, und es wurde beschlossen, sie zu verbrennen; ich half nun dabei, Pakete aus Stroh mit Petroleum zu tränken, die Arthur dann angezündct über die Mauer in die Barrikade warf. Durch einen unglücklichen Zufall fiel ein brennendes Stück auf die große Petroleumbüchse, die explodierte und mich, die ich nur einen schritt weit weg stand, von oben bis unten mit dem brennenden Petroleum bespritzte. Mein Kleid war gleich in Flammen, doch waren Leute in der Nähe, jeniand gab mir einen Fußtritt, daß ich hinfiel, und dadurch konnten sie die Flammen gleich unterdrücken. Schöner war ich dadurch nicht geworden, denn meine Stirne, Nase, Wangen waren geschwollen und voll Brandblasen, Wimpern, Augenbrauen und Haare abgesengt; doch waren die Wunden nicht so tief und so ersetzte sich die Haut ziemlich bald; bedeutend länger aber dauerte es, bis meine linke Hand und mein linker Fuß, der vom 2tiefelrand bis zum Knie eine Wunde war, verheilte; es war ziemlich schmerzhaft, aber nun ist auch das vorüber. Lin paar Tage war es unheimlich ruhig, bis zum (5. nachmittags ein heftiges Geknatter losging. Die (Offiziere eilten alle zu den exponiertesten Punkten, um zu sehen, was los sei, dann war es auf einmal wieder still, und dann bum! dum! ein lauter, dumpfer Knall und eine heftige Erschütterung, die wie ein Erdbeben bis ans andere Ende der Gesandtschaftsstraße gefühlt wurde, kurz darauf noch eine zweite. Dann wurde heftig gefeuert, die Trompeten der Chinesen bliesen zur Attacke, die Boxer stimmten ein höllisches shahl shali I (Schlagt sie tot!)-Geschrci an, es war ohrenbetäubend. Und der Coup war den Chinesen auch gelungen, sie hatten Minen gelegt und eines der von uns besetzten Häuser in die Luft gesprengt, gleichzeitig heftig angegriffen, so daß man gezwungen war, an das andere Lnde der Gesandtschaft sich zurückzuziehen, und im selben Moment standen auch die eben von uns verlassenen Häuser in Flammen. Als die ^plosion stattfand, waren in dem in die Luft gesprenaten bsause acht Personen: der französische Gffizier, Arthur, o französische Matrosen und 3 Volontäre. Zwei arme Matrosen wurden unter den Trümmern begraben, alle anderen kamen ganz heil oder mit geringen Verletzungen davon. Diese Errettungen sind geradezu wunderbar, Arthur z. B. wurde durch die erste Explosion begraben, das heißt zwischen hohen Mauern in eine Thürnische gezwängt; als er eben darüber nachdachte, wie er aus dieser verzweifelten Lage herauskönnte, kam die zweite Explosion, die Mauern stürzten zusammen, und er war befreit; so oder ähnlich erging cs auch den anderen. Die Chinesen besetzten darauf die abgebrannten Gebäude, und seit diesem Tage liegen beide feindlichen Lager, die Chinesen und wir, in derselben Gesandtschaft auf eine Distanz von 20 Metern einander gegenüber. Unsere Soldaten hinter Schießscharten in den noch existierenden Gebäuden, Kapellen und einem kleinen Pavillon, die Franzosen in einem Schützengraben, der quer über den Garten gezogen wurde. Und seitdem haben sich die Dinge nicht verändert. Nach der Explosion und dem Brande der Gesandtschaft konnte ich nicht länger dort bleiben, da kein bewohnbarer Raun: mehr vorhanden war, und da nahm ich natürlich riesig gern die Einladung des deutschen Geschäftsträgers an und zog in die gegenüberliegende deutsche Gesandtschaft. Arthur wollte seinen Posten bei dem Detachement nicht verlassen und kommt nur immer auf Besuch zu mir. Am (6. Juli nun trat eine Aenderung der Dinge ein; es erschien ein Beamter mit einem chinesischen Brief, worin die Leute baten, daß wir nicht mehr schießen möchten, dann würden sie auch aufhören; dieser plötzliche Umschwung wurde uns erst später klar, als wir am (3. Juli durch einen Boten Nachrichten aus Tientsin erhielten, die ersten seit Anfang der Belagerung. Wir erfuhren, daß auch seit dein 20. Juni um Tientsin heftige Kämpfe stattgefunden hatten, welche damit endeten, daß endlich am (H. Juli Tientsin genommen und von den fremden Truppen besetzt wurde. Die Chinesen verlangten nun von uns, daß wir Peking verlassen sollten, um uns im Schutze chinesischer Truppen nach Tientsin zu begeben; natürlich war es ganz ausgeschlossen für uns, diesen Vorschlag anzunehmen, da man sich für eine so weite und beschwerliche Reise doch nicht den Soldaten anvertrauen konnte, die seit einem Monat gegen uns gekämpft haben. Um aber die Regierung in unserer mißlichen Lage nicht vor den Kopf zu stoßen, gaben wir keine definitive Antwort, sondern bemühten uns, dis Korrespondenz hinauszuziehen, um Zeit zu gewinnen. Wir erwarteten schon sehnsüchtig die Truppen, die zu unserer Befreiung von Tientsin Die Gräber der in den Pekinger Schreckenstagen gefallenen Europäer auf dem internationalen Friedhofe in der britischen Gesandtschaft. kommen sollten. Das peinlichste an unserer Situation war die vollständige Unkenntnis der Vorgänge unten. In Ernrangelung positiver Nachrichten waren wir auf die Erzählungen chinesischer Soldaten angewiesen, die uns von der Annäherung der fremden Armee erzählten. Groß war also unsere Enttäuschung, als wir endlich durch einen Boten aus Tientsin hörten, daß am (. August noch keine Truppen von dort abgcgangen waren. Man schrieb uns zwar, daß 80000 Mann on tbs point ok leaving wären, aber wir haben dadurch noch gar keinen Anhaltspunkt, wie lange wir noch in dieser peinlichen Situation bleiben werden. Die Aussicht, daß es noch vierzehn Tage oder noch länger dauern kann, ist wirklich entmutigend, denn das Leben, das wir führen mußten, ist kein angenehmes. Wir leben eigentlich nur von Pferdefleisch, etwas Reis und Brod; das Wasser ist schlecht, und die anderen Getränke gehen bald zu Ende. Die meisten Menschen wohnen auch wie die pärmge beisammen; die Russen z. 23., 55 Personen, darunter elf Damen und viele Rinder, haben das paus, das für einen perrn bestimmt ist, und müssen sich in sechs Zimmern zusammendrängen; die Franzosen, z. B. vier Lhepaare, drei Rammerjungfern, zwei Rinder und vier perren, wohnen in einein Pause von vier kleinen Zimmern. Zch wohnte die ersten Tage auch in der englischen Gesandtschaft, bin aber sehr froh, daß ich nicht dort bleiben mußte. Diese Menge von jammernden Menschen, der Mangel an Bewegung, Reinlichkeit und frischer Luft sind genug, um einen Rkenschen krank zu machen. Zum Glück war uns das Wetter bis jetzt gnädig, cs hat noch wenig geregnet und war auch nicht übermäßig heiß, und doch werden die Fälle von Fieber und Dysenterie immer häufiger. Besonders für die kleinen Rinder ist es schlimm, es sind schon eine ganze Anzahl gestorben. Im entscheidenden Moment haben sich die meisten Diener aus dem Staub gemacht, die Reinhaltung läßt viel zu wünschen übrig und infolgedessen sind die Fliegen und andere Znsekten geradezu eine Plage geworden. Ueber der Stadt liegt eine schwere Luft, erfüllt von Brandund Lcichengeruch. Alle Chincscnhäuscr sind niedergebrannt, in unserem Stadtviertel stehen nur mehr die paar Gesandtschaften, und diese sind großenteils durch Ranonenschüsse stark beschädigt. Wir empfinden auch sehr den Mangel an Rleidern und frischer Wäsche, da wir ja so gut wie nichts gerettet haben. Arthur kommt sich schon ganz so vor wie damals, nach seiner viermonatlichen Reise in Tibet; seit dem (5. Zuni schläft er mit Stiefeln und ganz angezogcn, nun schon fast zwei Monate lang. Seit ich in der deutschen Gesandtschaft bin, bin ich besser daran, ich habe ein ordentliches Zimmer und ein gutes Bett. Arthur aber schläft in der französischen Gesandtschaft in einer Pängematte unter freiem Pimmel und flüchtet sich nur, wenn es regnet, in das einzige Zimmer, das aber schmutzig und überfüllt ist. Seit dem (6. Juli werden keine heftigen 2lngriffe mehr gcinacht, aber zu trauen ist den Schuften keineswegs, sie schießen doch von Zeit zu Zeit noch ganz munter, und man kann sie auch eifrig graben und arbeiten sehen, was uns veranlaßt, dasselbe zu thun, um durch eine Gegenmine ihnen die Gelegenheit zu nehmen, uns noch einmal in die Luft zu sprengen. Die Verschanzungen werden beiderseits immer fester, oben auf der Stadtmauer z. B. haben die 2lmerikaner Barrikaden gebaut, die wahre Festungen sind. Die Chincsen haben auf Entfernung von 50 Schritt dasselbe gemacht. Unsere Stellung ist» dadurch eine bedeutend stärkere geworden und wir könnten uns noch lange verteidigen, aber der bald eintretende Mangel an Lebensmitteln läßt uns eine Befreiung aus der Lage schon recht wünschenswert erscheinen. Warum der 2lbmarsch der Truppen aus Tientsin so verzögert wird, können wir uns gar nicht denken, da wir ja wissen, daß schon so eine starke Truppenmacht unten beisammen ist. Unsere Stimmung sank auf ein immer tieferes Niveau herab, umsomehr als die Chinesen wieder anfingen frecher zu werden und mehr und mehr zu schießen, bis sie auf einmal wieder wesentlich gehoben wurde durch das Eintreffen eines Boten mit guten Nachrichten. Derselbe brachte uns Briefe von den Generalen der im Vormarsch begriffenen Truppen, die, vom 8. August aus datiert, uns ihr Lintreffen in Peking für den (3. oder (4in Aussicht stellten. Langsam vergingen uns diese Tage. Die einzige 2lbwechselung war die Rorrcspondcnz mit den chinesischen Ministern, die gar nicht unterbrochen wurde. Das Verhalten derselben war sehr merkwürdig, sie sandten Telegramme der Regierungen an die betreffenden Gesandten, übernahmen auch die chiffrierten Antworten, die sie zu befördern versprachen, versuchten auch bis zum Lnde uns durch lügenhafte Vorspiegelungen zu bewegen, aus der Stadt heraus nach Tientsin zu gehen rc., dann wieder behaupten sic, daß wir "ohne alle Ursache" heftig auf sie geschossen hätten, und wie denn das zu den freundlichen Beziehungen, in denen wir zu China stehen, passe? ic. rc. Rurz, unglaubliche Sachen. 2l>n (5. August feierten wir ein Frendenfest, denn wir erhielten durch die Thinesen eine nichtchiffrierte Depesche zugsstellt, in der uns der Ronsul in Schanghai mitteilte, daß wir Gesterreicher uns auch an der Aktion gegen China beteiligen wollen, und Truppen und Schiffe unterwegs find. Abends erfolgte ein furchtbarer 2lngriff von den Chinesen, sie schossen mit Ranonen und Gewehren von 8 Uhr abends bis 5 Uhr morgens, ein wütendes Schnellfeuer. Da auf einmal hörten wir von Dsten her Ranonenschüsse und bald daraus auch näheres und ferneres Gewehrfeuer und das regelmäßige Ticken eines 2Uafchinengewehres. Das war der erste Gruß von unseren Lntsahtruppen; Ihr könnt Luch denken, welchen Lindrück uns das gemacht hat; endlich, endlich! Die ganze Nacht hörten dis Chinesen nicht auf zu schießen, wenn sie auch etwas weniger heftig geworden waren, so waren sie doch noch nicht weggelaufen. 2lin (4August um 2 Uhr nachmittags erschienen die ersten Befreier, mehrere Regimenter Shiks (Zndier); sie kamen durch den 2lusfluß des großen Ranals unter der Stadtmauer, ohne den geringsten Widerstand zu finden. Bald darauf kamen Amerikaner, Lngländer, spät abends auch noch Japaner, Aussen u. s. w. Der Jubel war ein unbeschreiblicher, ein purrarufen ohne Lnde. Und auch von seiten der Rommenden war es eine freudige Ueberraschung, denn sie hatten nicht erwartet, uns noch an: Leben zu finden, man hatte schon seit einiger Zeit angenommen, daß wir alle massakriert worden seien, und an gutem Willen dazu hat es den Chincsen auch sicher nicht gefehlt. Gestern 2lbend machten wir einen Spaziergang auf die Stadtmauer, der Anblick von oben ist ein trostloser, man sieht nichts als Verwüstung. • Alles, was man von der Mauer übersehen kann, ist abgebrannt, mit Ausnahme der gelben Dächer der Raiserstadt sieht man nichts als Ruinen, es ist auch wie ausgestorben, hin und wieder sieht man die Leichen von Chinesen, pundcn oder Pferden in mehr oder weniger vcrwestein Zustande, aber keine lebende Seele. Zede Ruine ist in eine Festung verwandelt mit Barrikaden und Schießlücken, am Boden liegen die pülsen der abgeschossenen Patronen zu Hunderttausenden... Paula. Die Auffindung und die Beisetzung der Leiche des deutschen Gesandten. Mit der Besitznahme von Peking fielen den Verbündeten unzweifelhafte Beweisnrittel in die Hände, wonach die chinesische Regierung, insonderheit die KaiserinMutter, die Mitschuld an den Unruhen und an der Ermordung des deutschen Gesandten trug. Unter anderem fand man eine Proklamation des Damen vor, worin die Bevölkerung aufgefordert wurde, alle Fremden zu töteu, weil diese durch den Angriff auf die Taku-Forts China mit Krieg überzogen hätten. Als die Verbündeten Herren des Pekinger Stadtgebietes waren, gelang es auch, die Leiche des ermordeten deutschen Gesandten aufzufinden. Chinesische Anwohner der Hattamen-Straße erstatteten ans der kaiserlichen Gesandtschaft am 16. August die Anzeige, daß die Leiche des ermordeten Gesandten in einer Seitengasse der Hattamen-Straße begraben sei. Sofort begab sich der kaiserliche Geschäftsträger, Legationsrat von Bülow, mit einer Kommission an die bezeichnete Stelle, wo man in der That, wenige Schritte von der Stelle entfernt, wo die Ermordung stattgefunden hatte, unter einem Erdhügel in einem großen chinesischen Holzsarg die Leiche fand. Sie wurde nach der Gesandtschaft überführt. Es konnte fcstgestellt werden, daß der Tod unmittelbar nach Die Opfer des Seesoldatendetachements in Peking. Nachbildung des Gedenkblattes für die Gefallenen des III. Seebataillons während der Belagerung der Gesandtschaften in Peking. Seitens der lnspektion der marine -Infanterie wurde den bei der Belagerung der 6efandtfchatten in Peking gefallenen Seefoldaten des III. Seebataillons umstehendes 0edenkblatt gewidmet. Die 12 auf dem 0cdcnkblatt abgcbildeten gefallenen find, der Reihenfolge von oben nach, folgende: 1. Secfoldat Reinhold Berger, geboren zu Brandenburg am 24. Oktober 1874; er erhielt am 27. Juli einen Schuh in die Stirn, an deffen Folgen er nach Entfat? der gefandtfchaften ftarb. 2. Secfoldat Emil Ebel, geboren zu Leiykau, Rreis Jerichow, am 12. Jlpril 1878, erhielt am 2. Juli einen Schuh ins Herz. 3. gefreiter Robert Lölitz, geboren zu Riel am 2b. Mai 1878, erhielt am 30. Juni einen Schuh durch den f)interkopf. Er hatte am vorhergehenden Tage zwei Streiffchüffe am Firm und an der I)iifte und einen Schuh in die patronentafche erhalten, der jedoch durch einen vollen Rahmen Patronen aufgehalten wurde. Er hatte das Jahr vorher für feine (Tapferkeit in den gefechten bei Raumi bereits das Militär-Ehrenzeichen II. Klaffe erhalten. 4. Secfoldat Johannes hohnke, geboren ;u Krummen, Rreis Jlatow, am 7. Jlpril 1881, erhielt am 30. Juni einen Schuh durch die Schläfen. 5. Seefoldat Friedrich 0ugel, geboren zu Mengen, Bez.-Ffmt Freiburg i. B., am 25. Septbr. 1874, fiel am 28. Juli durch einen Schuh ins Leficht, welcher Oberund Unterkiefer zertrümmerte, er hatte am 30. Juni bereits einen Schuh durch den Oberfchenkel erhalten. b. Seefoldat Hermann Matthies, geboren zu Klein-Wittenberg, Rreis Wittenberg, am 7. Juli 1874, fiel am 22. Juni infolge eines Schusses durch den Kopf. 7. Seefoldat Kurt hentfchel, geboren zu Storchneft, Rreis Ciffa, am 25. Juli 1874, erhielt in der Pacht am 30. Juni einen Schuh durch den Kopf. 8. Seefoldat Karl Tolle, geboren zu Oldisleben, Rreis Jfpolda, am 3. Februar 1878. fiel am 25. Juni infolge eines Schuttes durch die Bruft. 4. Seefoldat Ffrthur Strauh, geboren zu Hohndorf, Rreis Llauchau, am 10. Februar 1874, wurde am 1. Juli am Oberfchenkel schwer verletzt und verstarb an Verblutung. 10. Seefoldat Hugo Meinhardt, geboren zu Jena, Rreis Weimar, am 30. Jfpril 1881, ftarb am 10. Juli an den Folgen feiner am 30. Juni erlittenen Verwundung — Schuh durch das Schienbein. 11. Seefoldat Jflfrcd Rentmeifter, geboren zu Sterkrade, Rreis Ruhrort, am 18. Jfpril 1878, erhielt am 11. Juli einen Schuh durch den Unterleib. 12. Seefoldat Jllfons Rauhen, geboren zu Flachen, am 24. Juli 1878, ftarb am 23. Juni infolge eines Schuttes durch Lunge und Leber, welchen er 12 Stunden vorher erhalten hatte. der erhaltenen Verwundung eingetreten sein mußte, auch wies die Leiche keinerlei sonstige Verstümmelungen oder Schändungen, wie man befürchtet hatte, auf. Aui 18. August vormittags 9 Uhr fand auf einer friedlichen Stelle des Gesandtschaftsgartens die feiersche Regierung die Aufforderung ergehen ließ, Peking innerhalb 24 Stunden zu verlassen, war er einer von denen gewesen, die sich dagegen gesträubt hatten, ihren Posten zu verlassen, indem er auf die Gefahr hingewiesen, die ein solcher Entschluß für alle zur Folge haben würde. Beisetzung der Leiche des Freiherrn von Ketteler am (8. August \yoo im Garten der deutschen Gesandtschaft. 1 icf)e Beisetzung statt. Hierzu war das gesamte diplomatische Korps, sowie alle Generale mit ihren Stäben erschienen. General Lenewitsch hatte feine Militärkapelle entsandt; ein Detachement französischer, österreichischer itiib japanischer Soldaten bildete neben dem deutschen Seesoldaten-Detachement eine Ehrenwache. Nachdenr der französische Geistliche die Leiche eingesegnet und ein kurzes Gebet gesprochen hatte, hielt der spanische Gesandte und Doyen des diplomatischen Korps de Cologan die Trauerrede. Ein Choral bildete den Schluß der Feier, die, obwohl ohne kirchliches Gepräge, einen tiefen und erhebenden Eindruck machte auf alle diejenigen, welche erst vor kurzem aus so schwerer Bedrängnis befreit waren. Die Trauer über das Hinscheiden des Freiherrn von Ketteler war eine allgemeine und aufrichtige gewesen: sein männliches Wesen, seine Thatkraft und seine Entschlossenheit hatten ihm die Liebe und Achtung iveitester Kreise gesichert. An jenem Tage, an welchem die chinesiKürschncr, China II. Erst die Kunde von seiner Ermordung und die noch folgenden Ereignisse ließen es allen klar werden, wie recht er gehabt, und daß er durch seinen Tod alle gerettet hatte. Das Eintreffen deutscher Truppen in Peking, der Durchzug durch den Kaiserpalast und der Abmarsch des deutschen Schntzdetachements. (Aus dem Tagebuch des Gberlazarettgaftes Dofe.f "Kurse Zeit darauf (am (8. August nach der Beisetzung des Freiherrn von Ketteler) ungefähr um \2 Uhr kam dann die Nachricht, daß die ersten deutschen Truppen, welche leider nicht bei der Einnahme zugegen waren, nahe seien. Wiederum freudige Aufregung. Das Detachement stellte sich auf, und bald darauf erschienen dann unter Führung des Kapitäns z. S. Pohl von 5. Al. 5. "bsansa", die Kriegsflaggen vorantragend, (20 Alaun von den verschiedenen Kriegsschiffen. Nachdem weggetreten war. giug's ans Erzählen. Allgemein hörten wir, daß niemand geglaubt hatte, daß wir noch am Leben seien. Aber auch sie hatten Schweres ausgestanden; sie erzählten uns von den Dorgängen in Taku und Tientsin, von dem Alarsche bis Langfang. 16 243 OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO wirren lyoo/syüf. C0000000000<P000000000<3<30<3090 244 von ihrem heldenmütigen Rückzüge nach Hangtsun u. f. o>. Aber auch wir konnten ihnen ja manches erzählen. Das Lazarett in der englischen Gesandtschaft wurde mit dem heutigen Tage aufgehoben, nachdem alle Nationen ihre Kranken abgeholt hatten. Mir haben dort 72 Tote und 262 verwundete gehabt, wahrhaftig keine leichte Arbeit, und dabei nur 2 Aerzte und H Lazarettgehilfen. Und dann mußte man noch Dienst mit der Waffe thun und die verwundeten zuerst in der deutschen Gesandtschaft verbinden. Sogar auf dem Verwundetentransport nach der englischen Gesandtschaft sind noch Leute angeschossen worden, dabei bekam auch ich einen leichten Schuß am Schienbein. In allen diesen Tagen seit dem (Eintreffen der Truppen konnte man hier ein äußerst bewegtes Kriegsleben beobachten. Fortwährend gingen und kamen Truppen, andere zogen mit zahllosen Pferden und Karren durch die Straßen, um zu fouragieren und requirieren, daneben wurde auch noch sonst manche Beute gemacht. Hierin waren hauptsächlich Russen, Japaner und die indischen Shiks groß. Ulan konnte sie mit Seide, pelzen und anderen kostbaren Stoffen daherkommen sehen; später suchten sie dann die Maren möglichst vorteilhaft wieder an den Mann zu bringen. Die schlaueren Japaner aber hatten mehr Angen für Uhren, Ringe, Schmucksachen und edle Metalle. Die Thinesen haben eben alles im Stich gelassen. Am Donnerstag, den 23. August, nachmittags ( Uhr kam dann das erste See-Bataillon unter Herrn Major von Madai. Mie erhebend war es, als wir mal wieder die Klänge einer deutschen Rlusikkapelle hörten, welche an der Spitze marschierte, dahinter kam die Fahne. Dreimal wurde nun präsentiert: s. für den gefallenen Minister, 2. für die Gefallenen, 3. für die Ueberlebenden. Dann wurde Rast gemacht, und wieder wurden Neuigkeiten ansgekramt. Die Kameraden erzählten uns von der Aufregung und Begeisterung in Deutschland und von den: großartigen Abschied, den ihnen das Publikum iu Kiel bereitet hatte. Auch sie klagten über die schlechten Wege hierher, über mangelhafte Verpflegung, schlechtes Wasser und schlechte Quartiere. Itad? etwa einstündiger Rast rückten sie dann nach ihren Quartieren, welche in Tempeln der Ghinesenstadt liegen. Am Sonntag, den 26. August starb dann Seesoldat Berger und wurde am anderen Tage um 5 Uhr nachmittags beigesetzt. Alle Gffiziere waren vertreten, Abteilungen vom ersten See-Bataillon und von den Matrosen, sowie von den Mesterreichern. Herr Major von Madai und Herr Kapitän zur See Pohl hielten erhebende Ansprachen, in denen sie hervorhoben, daß, so lange noch ein deutscher Mann lebe, man der heldenmütigen kleinen Schar gedenken werde, die hier für ihr Leben gekämpft habe, und daß die Marine stolz sein wird ans diese 50 Mann bis in alle Zeiten. Aber wir sollten auch der Toten gedenken und ihrer Angehörigen, wenn wir später mal fröhlich das Angedenken dieser Tage feierten. Am Dienstag, den 28. August, morgens ft Uhr zogen Teile von allen hier anwesenden Truppen in den Kaiserpalast ein, voran die Kapelle vom ersten See-Bataillon und eine russische Kapelle. Mir stießen auf keinen Widerstand mehr und gingen bald wieder zurück; man muß doch im Kaiserpalast gewesen sein, den sonst niemand betreten darf, jetzt war doch günstige Gelegenheit. Gs gab dort eine große Pracht zu schauen, von allen Nationen blieben Machen dort. Am Mittwoch, den 2ft. August langte der Inspekteur der Marine-Infanterie, Generalmajor von Döpfner, hier an. Gr hatte schon vorher folgendes Telegramm gesandt: "Die Marine-Infanterie ist stolz auf die 50 Helden, welche so tapfer unsere Gesandtschaft verteidigten, und gedenkt der Gefallenen." Gouverneur Iäschke telegraphierte: "Hohen Gruß den Ueberlebenden, Lhre den Gefallenen." Am Nachmittag um 2 Uhr ließ der Herr Generalmajor uns dann antreten und hielt eine Ansprache, indem er sagte: "Wir hätten unsere Pflicht gethan und noch mehr; man müßte nach Peking kommen und sehen, was geleistet sei, sonst glaube man es gar nicht, daß es möglich sein könne." Dann schüttelte er einem jeden die Hand und gedachte nochmals besonders des Führers, Grafen von Soden. Am nächsten Tage mußten wir dann wieder eine:: Matrosen und einen Seesoldaten vom ersten Bataillon beerdigen, welche an Krankheiten gestorben waren. Am Freitag, den 3s. August kam das zweite See-Bataillon. Gs marschierte auf der Straße, wo wir uns aufgestellt hatten, an uns vorbei. Mit dem Bataillon kam eine Batterie (sechs Geschütze) und Bagage. Folgendes sTelegran, in Sr. Majestät) langte an: "An Gberleutnant Graf von Soden. Ich spreche Ihnen und Ihren Mannschaften Meine herzlichsten Glückwünsche aus, sowie diejenigen der Armee und Marine zum guten Gnde ihrer heldenhaften Ausdauer. Ihre deutsche Treue und Tapferkeit gereicht Ihnen zur höchsten Ehre. Ich verleihe Ihnen den Roten Adlerorden 4. Klasse mit Schwertern und erwarte Vorschläge zur Dekoration Ihrer Mannschaften. (gez.) Wilhelm, I. R. Mittwoch, den 5. September jftOO wurde dann die Zeit zur Abreise von Peking festgesetzt. Nach 8 stündigem Marsche langten wir in Tungschau, einer befestigten Stadt am Peiho, an. Dies war unser heutiges Reiseziel, liier ist es noch viel schmutziger und verwüsteter als in Peking. Die Stadtmauer ist in starkem Zerfall, die Türme eingestürzt, ein großer Teil der Stadt ist abgebrannt, die Straßen bilden einen großen Morast und weisen ungeheure Lücken auf, tote Thinesen, Pferde und Hunde liegen überall herum. Das einzige, was noch des Ansehens wert ist, ist eine hohe Pagode. Die Luft ist entsetzlich. Mir waren froh, als wir diesen Sumpf wieder verlassen konnten. Am Freitag, den 7. September, abends 6 Uhr verließe» wir dann auch wieder diesen Mrt. Auf drei großen Prähmen (große Holzkähne, ähnlich wie die Glbkähne) fuhren wir den Fluß hinab. Dieser ist ziemlich breit, aber auch um so flacher. Gr hat eine starke Strömung und gelbes, schlechtes Wasser. Mit der Strömung trieben wir auch, außerdem wurde mit Rudern und Schiebern nachgeholfcn. Links und rechts waren ungeheure Reisund Maisfelder, aber weiter auch nichts wie dieses, nur ab und zu unterbrochen von einigen Bäumen, bei denen sich meistens ein Dorf befand. Dann und wann kam eine Ltappenstation der verbündeten Mächte, wo wir uns auch Proviant holten. Im Flusse schwammen zahlreiche Leichen, welche hoch aufgegangen waren; teilweise waren sie ans Ufer getrieben, und dann waren sie eine willkonnnene Speise für die zahlreichen ljunde. Lin paarmal saßen wir fest und dann dauerte es immer eine ganze Weile, bis wir wieder los waren. Flußaufwärts werden die Prähme vom Lande aus gezogen. Am Abend des zweiten Tages langten wir in pangtsun an. Bei diesem Qrte führt über den Fluß eine große Gisenbahnbrücke, welche die Thinesen seiner Zeit zerstört hatten. Hier sah man überall die Spuren eines erbitterten Kampfes. Alle Dörfer, die wir weiter berührten, waren zum großen Teil zerstört, teilweise standen sie noch in Brand. Alles war todeseinsam und verlassen, nur einige alte Männlein traf man darin, welche stumpfsinnig vor sich hin brüteten und dem Tode näher waren als dem Leben. Gft sah man an den Häusern die Spuren der eingeschlagenen Granaten imd Gewehrkugeln. Diese Gegend war ja auch der Schauplatz des heldenhaften Kampfes und Rückzuges des Korps Seymour und des späteren Vordringens der verbündeten Truppen. Am Sonntag, den ft. September, abends um 6 Uhr kamen wir dann endlich nach der sehr langweiligen Fahrt in Tientsin an. Hier sah man wiedermn die starken Forts der Thinesen, und wieder drängt sich uns die Uebcrzeugung auf, was ist das für ein trauriges Volk, welches hier nur so kurzen Widerstand zu 16* 245 OOOOOOOOOOOOOCOOO Uebersahrt des deutschen Seesoldaten-Detachernents. OVWOQOOQ'OOVQWW 240 leisten vermochte. Wir übernachteten in der Universität. Am andern Morgen fuhren wir mit einem japanischen Dampfer bis Tongku und ankerten in der Nähe unseres "Jaguar". Die Musik spielte den Abend zu unseren Ehren. Dienstag, den $ September $00 waren -wir mittags zu Gast auf S. M. 5. "Jaguar", wo wir auf das Beste bewirtet wurden. Abends fuhren wir dann mit einem Nickmersschen Raddampfer auf die Reede von Taku. hier kamen wir auf den Transportdampfer "Köln", wo wir einige Tage verblieben. Ls erschienen hier nacheinander Kontre-Admiral Kirchhofs von S. M. S. "Hansa", Kapitän z. S. Pohl von demselben Schiffe und Se. Lxcellenz Vize-Admiral von Bendemann, welche uns sehr lobten und feierten in schönen, inhaltsreichen Ansprachen, hauptsächlich Kapitän z. S. Pohl sprach sehr gut und lange. Am Sonntag, den $. September $00 kamen wir dann auf S. M. S. "Halle", welches uns nach Tsingtau brachte, wo wir am Dienstag-Morgen anlangten. Wie jauchzten wir auf, wie wir unsere Garnison wiedersahen, worauf wir uns schon lange gefreut hatten! Im Brückenlager stand die gesamte Garnison angetreten. Gouverneur Iäschke hielt eine schöne Ansprache, indem er ausführte, daß man seiner Zeit, als wir auszogen, nicht geahnt hätte, daß es so kommen würde. Aber wir hätten unsere Aufgabe glänzend gelöst, und die ganze Kolonie freue sich, uns wiederzusehen. Dieselbe, sowie ganz Deutschland sei stolz auf uns! Man wurde so viel gefeiert, daß man wirklich stolz werden konnte. Dann ging es nach dem höhenlager, wo wir bewirtet wurden und wo auch das Detachement noch einige Zeit verblieb. Die folgenden Wochen ging es ans Besuchemachen, überall wurde man freudig ausgenommen und überall gab es ein Erzählen und Beglückwünschen, daß man aus dein fröhlichen Taumel gar nicht mehr herauskam. Am Sonnabend, den 2Y. September war nochmal großes Fest der gesamten Garnison am Prinz Heinrich-Berge zu Ehren der "Pekinger". Dieselben haben alle das Militär-Ehrenzeichen I. Klasse bekommen, Seesoldat Horn, der eine Fahne eroberte, sogar das Verdienst-Kreuz und unser Graf noch den Grden kour Is mürite." Mit derjenigen des Schutzdetacheinents vom III. Seebataillon ging auch die erfolgund ruhmreiche Thätigkeit der deutschen Marine-Mannschaften an Land ihrem Ende entgegen. Nur noch einzelne kleine Etappen kommandos wurden auf der Linie Takn-Peking so lange zurückgelassen, bis auch diese durch die Seesvldaten vom Freifrau Maud v. Ketteler, die Gattin des ermordeten deutschen Gesandten. I. und II. Bataillon abgelöst werden konnten. Auch Graf Soden verließ mit der Freifrau von Ketteler am 7. Septenlber Peking. Um Mitte dieses Monats endlich befanden sich sämtliche Landungs-Mannschaften des Kreuzergeschwaders "nach treuer, unter den denkbar schwierigsten Witterungsund Verpflegnngsverhältnissen geleisteter Pflichterfüllung" lvieder an Bord. Ein Gedenkblatt der während der Belagerung der Gesandtschaften in Peking Gefallenen, mit deren Bildnissen, ist den: Buch als besondere Anlage beigegeben. Wxextex Abschnitt. Dos deutsche Zeesoldaten-Detachement. Die Uebersahrt. Am 3. Juli war das auf den Dampfern des Norddeutschen Lloyd "Frankfurt" und "Wittekind" eingeschiffte Seesoldaten-Detachement unter Generalmajor von Hopfner in See gestochen, um die Reise nach dein Kriegsschauplätze im fernen Osten anzutreten. Natürlich hatten die beiden schmucken Dampfer die Ordre erhalten, die Fahrt nach Möglichkeit zu beschleunigen; trotzdem schwebte auf aller Beteiligten Lippen die bange Frage, ob diese deutschen Truppen noch rechtzeitig und zu ernster Thätigkeit auf dem Kriegsschauplätze eintreffen würden. Ohne Unfall und Verzögerung lief die Fahrt glatt von statten. In Port Said wurde der erste Aufenthalt genommen, und von hier aus wurden die ersten Grüße in die Heimat gesandt. Hier fand auch eine interessante Begegnung mit einem nach Jndochina bestimmten französischen Truppentransportdampfer "Aquitaine"statt. Die an Bord des "Wittekind" befindlichen deutschen Kompagnien erhielten plötzlich den Befehl, auf Backbordseite anzutreten, da ein französischer Dampfer vorbeikäme. Schnell waren die vier Kompagnien trotz des knappen Raumes aufgestellt, als auch schon von rückwärts die "Aquitaine" sich dem "Wittekind" näherte. Als der Franzose in die Nähe des deutschen Schiffes gekommen war, gab Generalmajor von Höpfner das Zeichen zu eineni "Hurra den französischen Kameraden". Brausend schallten die dreimaligen Rufe zu den Franzosen hinüber, gefolgt von den durch die Musikkapelle intonierten Klängen der französischen Nationalhymne. Die Franzosen, vollkommen überrascht, gerieten bei ihren: lebhaften, leicht erregbaren Temperament ob der Be247 OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO wirren 900/1(90*. OOOOOOOOOOOOOOOOQOOOOOOOOOOQ 248 grüßung in ausgelassene Freude. Während die "Aquitaine" langsam am "Wittekind" vorüberzog, jubelten sie ununterbrochen den Deutschen zu, schwangen ihre Mützen und wurden nicht müde, "Vivo l’Allemagne!“ zu rufen, bis der Dampfer der unmittelbaren Sehweite entrückt, und damit das eigenartige Schauspiel beendet war. Eine spätere Begrüßung mit einem englischen Kriegsschiffe verlief trotz der freundlichen Zurufe seitens der deutschen Soldaten viel kühler. Nach der Durchfahrt durch das Note Meer, wo die Mannschaften unter der tropischen Sonnenglut viel gu leiden hatten, wurde der Indische Ozean durchquert und erst wieder in Colombo Aufenthalt genommen, wo die infolge der .Hitze stark abgenommenen Wasserund auch Kohlenvorräte ergänzt werden sollten. In den frühesten Morgenstunden des 28. Juli kam die Küste von Ceylon in Sicht, "Frankfurt" und "Wittekind" hielten direkt auf Colombo, auf dessen Reede noch im Morgengrauen die Anker geworfen wurden. Wenige Minuten später waren die deutschen Schiffe bereits von allen möglichen Singhalesen-Booten umschwärmt, deren Insassen mit echt südlicher Lebendigkeit die verschiedensten Waren und ihre nicht minder vielfältigen Dienste anboten. Generalmajor von Höpfner hatte gestattet, daß sämtliche Mannschaften in größeren Trupps ans Land gehen durften, um das herrliche Eiland kennen zu lernen und die durch eine fünfundzwanzigtägige Seereise steif gewordenen Glieder wieder geschmeidig zu machen. So sahen denn unsere Seesoldaten mit sehnsüchtigen Blicken nach dem etwa 12 m entfernten Ufer. — In größter Eile wurden an Bord alle inneren Angelegenheiten erledigt, um die kurz bemesseneZeit auszunutzen, denn um 6 Uhr abends mußten alle Beurlaubten wieder an Bord sein. Schnell brachten die gecharterten Boote der Eingeborenen die Mannschaften durch das bunte Hafengetriebe, vorbei an der "Aquitaine", zwei italienischen Kreuzern, einem englischen Panzer und einer großen Zahl von Handelsschiffen aller Länder an das ersehnte Land. Endlich einmal wieder festen Boden unter den Füßen nach dem langen Auf enthalte auf dem schwanken Schiffe! Wie staunten unsere Mannschaften, welche größtenteils noch kaum über ihre enge heimatliche Scholle oder über den Bannkreis ihrer Garnisonstadt hinausgekvmmen waren, über das Neue, das Fremde, über dieses — es ist wohl nicht zu viel gesagt — Paradies. Es war ein eindrucksreicher Tag, ein wonnig-friedliches Bild in dem Leben unserer Chinakämpfer, welche den Ernst und die schwere Arbeit im rauhen Kriegerdasein noch kennen lernen sollten. Die Landung. Wie anders war das Bild l7 Tage später, am 15. August, als das Seesoldaten-Detachenient zum zweitenmale und endgültig ans Land gehen sollte. Bei trübem, regnerischem Wetter langten um 5 Uhr nachmittags die beiden deutschen Dampfer ans der Reede von Ta kn an, wo außerdem die Nachricht kam, daß die Verbündeten schon vor den Mauern Pekings angelangt seien. Nun hieß es, so schnell wie möglich an Land, um rasch den Vormarsch auf Peking anzutreten und womöglich noch teilzunehmen an dem Befreiungswerk der eingeschlossenen Europäer. Doch die bewegte See war einer schnellen Ausschiffung hinderlich, und es dauerte bis zum 16. August abends, bis wenigstens ein Teil der Infanterie marschbereit war. Generalmajor von Höpfner bestimmte das I. Seebataillon zum Vormarsch auf Peking, während das II. Bataillon mit den Spezialwaffen auf die Ausrüstung der Batterie und Kolonnen mit Pferden und Fertigstellung der Transportmittel warten sollte. Auf der schlechten, durch die Regengüsse der letzten Tage grundlos gewordenen Pflasterbahn trat das I. Seebataillon den beschwerlichen Marsch am 17. August morgens an, erreichte nach ungeheuren Anstrengungen am 18. August Jan gtsin und am23. August endlich die Hauptstadt des "Himmlischen Reichs". Generalmajor von Hopfner konnte mit dem II. Bataillon, den Spezialwaffen und Kolonnen, deren Bereitstellung durch den Mangel an Zugtieren und die Schwierigkeiten bei der Ausschiffung der großen Stücke — Geschütze und Wagen — erheblich verzögert wurde, erst 8 Tage später unter Benutzung der Eisenbahn bis Pangtsin folgen. Das Fortschaffen der Geschütze und Wagen stieß auf Hindernisse, welche nur unter der aufopfernden Thätigkeit aller Mannschaften überwunden werden konnten. Es mußten Brücken gebaut und zahlreiche Wegeverbesserungen vorgenommen werden, um ein Weiterschaffeu der Geschütze und Kolonnen zu ermöglichen; kurz, die deutschen Soldaten lernten sofort den unangenehmen Ernst ihrer Thätigkeit auf dem Kriegsschauplätze kennen. Nebenbei gewährte der Anblick der Marschstrnße einen schauerlichen Anblick. Leichen von Soldaten verschiedener Nationen, welche bei dem Marsche Ausschiffung von Truppen in China 249 OOOOOOOOOOOOOOCOO Ankunft des Seejölbaten-Detachements in Peking. OOOOOOOOOOOOOOOOO 250 Deutsche Jlrtilleric passiert den Taku-Road in Tientsin. hinaus kaum ein Reiter hinwegsehen konnte, veränderte sich die (Situation in der Nähe der Hauptstadt ähnlich wie in der Umgegend europäischer Großstädte. Ununterbrochene Häuserreihen bildeten die ärmlichen Vorstädte, die Straße zog sich an den hohen Mauern kaiserlicher Gärten entlang, bis an einer scharfen Biegung kurz vor der Marschkolonne die hohen Mauern der alten Kaiserstadt anftanchten. Der Anblick war zweifellos imponierend, und weder Wort noch Bild hatte die Mächtigkeit dieser starren und mittelalterlichen Bamverke mit ihren Türmen, Zin anf Peking am Wege unter den Anstrengungen und der fürchterlichen Hitze zusammengebrochen waren, Kadaver von Lasttieren, zusammengebrochene Wagen und Protzen zeigten die Spur des kurz vorher ans Peking marschierten Entsatzkorps. Eindriicke dieser Art vermehrten sich bei der Annäherung und dem Betreten von Peking, welches das I. Seebataillon noch rechtzeitig genug erreichte, um sich an dem schon erwähnten Durchzug des Entsatzheeres durch den Kaiserpalast zu beteiligen. Während der Marsch ans der elenden Straße bisher abwechselnd durch Ortschaften und grüne Felder hindurchgeführt hatte, und der Blick fast auf nichts anderes gestoßen war, als ans einen Wald von grünen Stengeln, über welche neu und Thoren schildern können. Ganze Zeltlager, bewohnt von Truppen, welche Wache hatten, befanden sich auf der Kante der Mauer, und bunte, im Winde flatternde Fähnchen begrüßten die ankommenden deutschen Soldaten. Dies freundlich kriegerische Bild stand aber int schroffen Gegensatz zu dem Anblick grausiger VerGeiieralinajor'v. Hopfner auf dem Marsche nach Peking. Ivüstnng und starren Schmutzes, welcher sich im Innern der Stadt bot. Die Zerstörungswut und Mordlust der aufrührerischen Elemente hatte die Riesenstadt in einen großen Schuttund Trümmerhaufen und eine Leichenkloake verwandelt. Nicht nur einzelne Häuser, Paläste oder Hütten, sondern ganze Straßen und Stadtteile waren neben unzähligen Menschenleben der Wut der Boxer zum Opfer gefallen. Und die Leichen der im Kampfe Gefallenen und der Ermordeten lagen in den Straßen und auf den Brandstätten, und es sollte noch Wochen, dauern, ehe diese die Luft verpestenden Krankheitsherde gereinigt und aufgeräumt waren. Dazu der Schmutz, von dessen Umfang sich ein Europäer gar keine Vorstellung machen kann. Der Chinese, einer der unreinlichsten Menschenrassen angehörig, die es giebt, wirft nicht nur gewohnheitsmäßig allen Schmutz und Abfall ans die Straße, sondern er verrichtet dort auch seine Bedürfnisse. Infolgedessen giebt es in den breit angelegten Straßen nur einen schmalen passierbaren Mittelweg, welcher von Schuttund Schmutzhaufen eingerahmt ist. Hier hinein gelangten durch das Ostthor der Chinesenstadt die durch die peinliche Sauberkeit und straffe Straßenordnung der heimatlichen Städte verwöhnten deutschen Seesoldaten und bezogen in dem nordöstlichen Teile der Chinesenstadt, entlang der großen Trennungsmauer, Unterkunft. Generalmajor von Höpfner schlug in der deutschen Gesandtschaft sein Hauptquartier auf, in dem vom Gesandtschaftssekretär bewohnten Nebengebäude. Auch hier sah es noch wüst aus. Zwar bot das Gesandtschaftsgebüude von außen einen vollkommen friedlichen, man möchte sagen, heimischen Anblick. Durch einen sauberen Thorweg gelangte man in einen Hof, 251 Wirren 1900/J(()0J(. yyyyyyyyyyyvyyyvyyvvyyyywyy 252 welcher, durch zwei epheuumrankte Gebäude eingeschlossen, wohnlich und still aussah. Erst wenn man nach der der Mauer zugekehrten Seite durchtrat, sah man die grauenvolle Verwüstung aus der Belagerungszeit. Die Außenwände waren siebartig von Schußlöchern durchbohrt, im Innern herrschte ein fürchterliches Chaos von Ziegeln, Mörtel, zerbrochenen Möbeln, und Decke und Dachstühle drohten einzustürzen. Quartiere in Peking. Mit der ihnen eigentümlichen Gabe, sich schnell in neue, noch so toiderliche Verhältnisse einzugewöhnen, gelang es den deutschen Soldaten in unglaublich kurzer Zeit, Ordnung und Sauberkeit in dem Wirrwarr von Deutsch-Peking einzuführen. Ein Heer von Kulis wurde angenommen und das große Reinemachen begonnen. Ter meterhohe Schmutz auf den Straßen mußte weggefahren werden, Wohnungen und Höfe wurden gründlich gereinigt und desinfiziert, Latrinen angelegt, die Straßen mit deutschen Wegweisern versehen, Unterkunftstafeln angebracht und ein Offizierkasino eingerichtet. Über dem Eingänge zu letzterem, welches, in seinem Innern mit Waffen und Fahnen dekoriert, bald einen behaglichen Anblick gewährte, begrüßten den Eintretenden die gastlichen Worte: "Tritt fröhlich ein, bring Durst herein." Einen gleichen Eindruck deutscher Wohnlichkeit und Sauberkeit gewährten die Mannschaftsquartiere. Die kleinen, einzeln stehenden Chinesenhäuschen boten Raum für je 15—20 Mann. Die Lagerstätte wurde mit Hilfe von Ziegenfellen hergestellt, die Küche in einem besonderen Raum untergebracht und von jeder Kompagnie ein großer Backofen gebaut. Der Ordnungssinu erstreckte sich natürlich auch auf die Pferdeställe, und die zottigen chinesischen Ponies werden es eigentümlich empfunden haben, als sie von Striegel und Kardätsche bearbeitet, bald ganz schmuck aussaheu und regelmäßig aus sauberen Krippen fressen konnten. Mit den Vertretern der anderen Nationen entspann sich bald ein freundschaftlicher Verkehr. Besonders zeigten sich die Russen überaus freuudlich und entgegenkommend, eingedenk der vor Tientsin mit deutschen Truppen geschlossenen Waffenbrüderschaft. Zur Erhaltung der neugeschasfenen Ordnung wurde natürlich im deutschen Teil der Hauptstadt eine strenge Straßenordnung eingeführt und dazu der von seiner gelegentlich der Ermordung des deutschen Gesandten erhaltenen Verwundung wiederhergestellte Gesandtschaftssekretär Cordes zum Polizeipräsidenten ernannt. Derselbe, schon seit Jahren mit den Gewohnheiten der chinesischen Bevölkerung bekannt, erließ zweckentsprechende Polizeiverordnungen und wußte der Befolgung derselben in unnachsichtlicher, aber gerechter Weise Nachdruck zu verschaffen. Besonders streng wurden Verstöße gegen die Reinlichkeitsparagraphen bestraft. Fünfundzwanzig Stockhiebe auf den verlängerten Rückenteil erhielt derjenige Chinese, welcher nach alter Tradition Straßen und Höfe als geeignetsten Abladeort für Unrat und Schmutz jeglicher Art ansah oder für Verrichtung seiner Bedürfnisse einen anderen Ort gebrauchte als denjenigen, welcher für diesen Zweck eingerichtet und bezeichnet war. Des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr wurde auch im fernen Peking mit deutscher Gründlichkeit aufgezogen. Nachdem die Stadt nach tagelangen, deutscherseits von den Matrosen-Detachements geführten Kämpfen bis zum 24. August von allen Aufrührern gesäubert war, trat der regelmäßige Garnisondienst in seine Rechte. Wache, Arbeit und Exerzieren bildete die äußere Thätigkeit des deutschen Seesoldaten-Detachements. Dieselbe wurde jedoch zur Freude aller unterbrochen durch Expeditionen in die Umgebung. Gefecht bei Lianghsiang. Hier hatten sich, während die Verbündeten mit der Herstellung geordneter Verhältnisse in der Hauptstadt selbst beschäftigt waren, in den Dörfern und vielfach befestigten kleinen Städten Boxerbanden und Teile der regulären Armee in den Ortschaften festgesetzt und begannen, mit Plüuderungsund Raubzügen die ganze Umgebung heimzusuchen. Sie fühlten sich hier sicher und begannen schon mit immer größerer Frechheit aufzutreten. Dabei verstanden sie es, kleineren gegen sie gesandten Expeditionen und Streifpatrouillen geschickt auszuweichen. Generalmajor von Höpfner beschloß daher, dem Uulvesen systematisch ein Ende zu machen und ließ zunächst durch Offizierpatrouillen diejenigen Gegenden erkunden, welche den Mittelpunkt solcher feindlichen Abteilungen bildeten, um daun mit dem ganzen Secsoldaten-Detachement zu einer Strafexpedition auszuziehen und so das Übel an der Wurzel zu fassen. Als das gefährlichste dieser Boxernester erwies sich das etwa 35 Irin im Südwesteu von Peking gelegene Lianghsiang. Eine dorthin entsandte Offizierpatrouille (1 Oberleutnant vom Secsoldaten-Detachement mit einigen berittenen Artilleristen) hatte am 9. September beträchtliche Truppenansammlungen, Boxer und reguläre Soldaten, — geschätzt auf 3000 Mann — festgestellt. Generalmajor von Höpfner beschloß unverzüglich, den Feind aus diesen: befestigten Ort zu vertreiben. Am 10. September nachmittags 4 Uhr brach er mit dem I. und II. Seebataillvn, einer Kompagnie Pioniere und der Feldbatterie aus Peking auf. In Strömen goß der Regen hernieder, durchnäßte die Mannschaften bis auf die Haut, während er die an und für sich schon miserablen Wege in eine breiige, kotige Masse verwandelte, in welcher sich die Kolonnen nur mühsam vorwärts bewegten und die Geschützräder jeden Augenblick stecken blieben. Trotzdem wehte ein kampfesfreudiger Geist durch die Reihen, jeder Einzelne empfand, daß nian nicht allein der Feuertaufe entgegenschritt, sondern daß auch den deutschen Fahnen hier zum erstenmale Gelegenheit zu einem selbständigen Waffeuerfolge geboten ipurde. Erst nach Einbruch der Dunkelheit gelangte das Detachement nach Kungkitschöng, in der Nähe des Hunho oder Aungtingho, einem kleinen befestigten Ort, der äußersten Vorpostenlinie der Verbündeten. Eine englische Feldwache hielt diesen Ort und vor allem die uralte, ans gewaltigen Quadern gebaute Loukou-Brücke über den Hunho, westlich des Ortes, besetzt. Das Detachement bezog Ortsbiwak, die Engländer leisteten bereitwillige Unterstützung, auch bat der Führer derselben den Generalmajor von Höpfner, ihm die Teilnahme an der Expedition mit 40 bengalischen Lanzenreitern und 2 Maximgeschützen zu gestatten. Dem Anliegen wurde deutscherseits schon um derentwillen gern stattgegeben, da das Detachement ohne Kavallerie war. Jedoch sei im voraus hier bemerkt, daß die Bengalen zwar in ihrer malerischen Jndertracht mit Turban und Lanze sehr hübsch aussahen, aber weder auf dem Marsche durch Aufklärung, noch später im Gefecht etwas leisteten. Die im Kriege in Südafrika schon bewiesene, sehr mangelhafte Aufklärungsthätigkeit der englischen Kavallerie kam auch hier loieber zu tage. Am nächsten Morgen, den 11. September, um 5^o brach das Detachement auf. Die englischen Reiter und das I. Seebataillon befanden sich in der Avantgarde. Das Wetter hatte sich aufgeklärt, und herrlicher Sonnenschein begleitete den Vormarsch. Gegen 8 Uhr morgens kam die auf einem Hügel im Osten von Lianghsiang gelegene Pagode in Sicht, kurz darauf stieß die KavallerieSpitze ans einzelne Boxer, wahrscheinlich Vorposten, Major v. Glasenapp. welche sich jedoch eilig in die hohen Maisfelder zurückzogen, nachdem sie einige wirkungslose Schüsse abgegeben hatten. Während das Detachement nach dem anstrengenden Marsche eine kurze Rast machte, klärte der bei der Spitze reitende Generalstabsoffizier, Major von Glasenapp, gegen die Stadt auf. Auf seine Meldung hin, daß die Stadt und der Pagodenhügel vom Feinde besetzt seien, gab Generalmajor von Höpfner die Dispositionen zum Angriff: das Avantgarden-Bataillon sollte sich links der Anmarschstraße gegen den Pagodenhügel entivickeln, das II. Seebataillon rechts der Straße gegen das Nordthor der Stadt, während die Inder den Auftrag erhielten, westlich um die Stadt hernmzngreifen und den etwa nach Süden entweichenden Gegnern den Weg zu verlegen. Die Batterie fuhr zunächst links der Straße hinter einem kleinen Dorfe in Stellung und nahm die Pagode unter Feuer, später auch noch mit einem Zuge die Westseite der Stadt, wo in den dichten Maisfeldern das II. Bataillon auf starken Widerstand gestoßen war. Schon nach einigen Granaten begann das feindliche Feuer aus dem Pagodentempel schwächer zu werden, ein Erfolg, welchen die Batterie benutzte, um näher an den Feind heranzukommen. Das vorliegende Dorf und die hochbewachsenen Felder hinderten doch zu sehr die Aussicht, um so recht wirksam den Sturm des I. Bataillons auf den Hügel vorbereiten zu können. Im Galopp ging die Batterie durch das Dorf durch, protzte auf der andern Seite, kaum 500 m von der feindlichen Stellung, in Höhe der Schützenlinie ab und sandte ihre .todbringenden Geschosse gegen den chinesischen Tempel. Die Besatzung begann jetzt allmählich, geschickt jede Deckung benutzend, sich gegen das kaum 400 m seitwärts rückwärts liegende Ostthor zurückzuziehen, während die Schützen des I. Bataillons in rasch folgenden Sprüngen 255 000000000000000<30000<300000<30 wirren WOO/MOI. OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO 256 den Hügel erklommen und die feindliche Stellung im Sturm nahmen. Die Batterie folgte. Leicht war dies nicht, aber es ging schließlich doch trotz aller Schwierigkeiteil, welche die Steilheit des Hügels und seine dichte Bewachsung verursachten, und als erster langte der Zug des Leutnants von Hoepfner, vom jubelnden Hurra der Infanterie begrüßt, auf dem Hügel au, von wo man die Stadt vorzüglich einsehen konnte und wie auf dem gewesen sein, denn nach kaum V4 Stunde donnerte wieder ein Schuß. Die nächste deutsche Granate aber krepierte dicht beim Geschütz, welches daiuit außer Gefecht gesetzt wurde. Beim Sturme später fand man den chinesischeil Kanonier, ein junges Bürschchen von kaum 18 Jahren, mit abgerissenem Hinterkopf neben der Kauoile liegen, diese selbst aber bestand aus zwei uralten, stark mitgenommenen eisernen Kanonenrohren, welche nebeueiudcr Dffiziersmesse des lSeebataillons in Peking. Präsentierteller vor sich liegen sah. Die von Boxern und chinesischem Militär wimmelnde Stadtmauer ivurde gründlich mit Schrapnells abgefegt. Inzwischen hatten die Chinesen auf dem eitadellenartig ausgebauten Ostthor ein Geschütz in Thätigkeit gebracht, aus dem sie etwa alle zehn Minuten einen Schuß abgabeu. Wunderbarerweise machte sich aber auch nicht ein einzigesmal das Einschlagen des feindlichen Geschosses bemerkbar. Nachdciu die deutsche Batterie die Mauer und das Innere der Stadt — denn die Verteidiger begannen sich bereits zurückzuziehen ordentlich unter Fester genommen hatte, versuchte sie jetzt auch, das merkwürdige chinesische Geschütz unschädlich §u machen. Gleich die erste Granate schlug kaum einen Fuß seitwärts von dem feindlichen Geschütz ein und riß eine große Lücke in die krenelierte Mauerkrone. Deutlich konnte mail aber aus der deutschen Batteriestellullg sehen, wie ein Chinese au dem Geschütz geschäftig hin uild her lief und etlvas wieder in Ordnung zu bringen schien. Scheinbar mußte seine Thätigkeit auch erfolgreich einander mit Draht an einem breiten Balken festgebunden waren. Letzteren selbst hatten die Chinesen zwischen zwei Rädern auf einer starken Wagenachse mit Stricken befestigt. Neben diesenl Geschütze primitivster Art stalid ein großer Blcchkasten mit losem Pulver, lagen ein roh gefertigter Wischer und die Geschosse — bestehend aus einem kleinen Haufen verrosteter Schraubenmuttern und Eisenstücken! Das feindliche Feuer war schwächer gelvorden und die Widerstandskraft des Feindes gebrochen. Leider kostete einer der letzten Schüsse, lvelche von der Stadtmauer fielen, dem Seesoldaten Gabel das Leben. Unterdessen hatte das zweite Batailloil sich au das Nordthor herangearbeitet, und es konnte nun der letzte Sturmanlauf unternommen werden. Doch die Geschosse der Feldartillerie waren zum Einschießen der stark verrammelten Thore zu klein, es mußten daher die Pioniere vor und mit Dynanlit die Eingänge öffnen. Eiilige hundert Boxer versuchten, durch das Südthor, wo eigentlich die Inder stehen sollten, zu entkommen, doch sofort warf die Batterie vom Pagodenhügel aus Schrapnells in die hohen Felder, in welche sich der Feind zu flüchten suchte. Punkt IIV2 Uhr ließ Generalmajor von Höpfner "das Ganze avancieren!" blasen, die Trommeln wirbelten, die Hörner schmetterten, und mit Hurra gingen die beiden Bataillone zum Sturm auf die Mauer vor: das erste, voran die Pioniere mit Sprengpatronen, gegen das Ostthor, das zweite gegen das Nordthor, während hoch über den Köpfen der Stürmendenhinweg die Schrapnells pfeifend ihre feurige Bahn durch die Lüfte zogen. Das Ostthor wurde gesprengt, das Nordthor von einem Leutnant und 15 Mann, welche an der 8 m hohen Mauer emporgeklettert waren, von innen geöffnet. Fünf Minuten später wehten an Stelle der bunten, dreieckigen Boxerfahnen die beiden Fahnen der deutschen Bataillone auf den Mauerkronen der chinesischen Veste und der breite Strom der durch die Thore hineinflntenden Kompagnien ergoß sich in die Straßen, die einzelnen Gehöfte und die dazwischen liegenden großen Maisgärten der mehr dorfähnlichen Stadt. Die bisherigen Verteidiger hatten teilweise ihre Waffen — vielfach nur Lanzen und Speere — weggeworfen und wollten sich den Anschein friedlicher Ackerbürger geben. Dies wäre wahrscheinlich allgemein geschehen, wenn der Sturm der Deutschen nicht mit solcher Geschwindigkeit vor sich gegangen wäre, daß dem Feinde gar keine Zeit zum Besinnen gegönnt wurde. Jetzt setzten sich die Gegner, in die Enge getrieben, zur verzweifelten Gegenwehr, und es begann ein regelrechtes Ortsgefecht; wer sich zur Wehr setzte, oder mit den Waffen in der Hand angetroffen wurde, war dem Tode verfallen. Die deutsche Minderheit mußte rücksichtslos Vorgehen, um dem schädlichen und gemeingefährlichen Treiben dieser Boxer ein für allemal ein Ende zu machen. Am hartnäckigsten tobte der Kampf in einzelnen größeren Gehöften; bei dieser Gelegenheit wurden Leutnant von Kleist und drei Seesoldaten durch Schüsse oder Lanzenstiche verwundet. Glücklicherweise blieben dies die einzigen Verluste, da die Boxer zum größten Teil sehr schlecht bewaffnet Kürschner, China II. waren und von ihren Schußwaffen nicht Gebrauch zu machen verstanden. Außerdem hatte die Energie und Schnelligkeit des deutschen Angriffs sie in Verwirrung gebracht. Gegen 1 Uhr war der ganze Ort vom Feinde gesäubert. Nachdem die siegreichen Truppen außerhalb des Ortes abgekocht hatten, wurde noch einmal die ganze Stadt nach Waffen und Munitionsvorräten abgesucht und dabei gefunden, daß Lianghsiang thatsächlich ein Hauptwaffenplatz der Boxerbewegnng war. Große Lager von Waffen und Munition und viele Gehcimpapiere wurden gefunden, in der Pagode auch der Koffer der Gemahlin des österreichischen Gesandten, welcher in Peking geraubt worden war. In den Straßen, Höfen und Gehöften sah cs furchtbar ans. Überall lagen Leichen herum, auch diejenigen einiger Frauen und Kinder, welche von Granatsplittern oder Schrapnells getötet waren. Schließlich wurde der Ort an allen vier Ecken angeziindet. Während dies geschah, fand an der Pagode unter militärischen Ehren die Beerdigung des gefallenen Seesoldaten Gabel statt. Fern, fern von der Heimat fand er in fremder Erde seine letzte Ruhestätte, er starb für Kaiser und Reich! Etwa um 4 Uhr trat das Seesoldaten-Detachement, beladen mit einer chinesischen Truppenfahne, zahlreichen Boxerfahnen, Waffen und unter Mitführung mehrerer dringend notwendigen Pferde und anderer Kriegsbeute den Rückmarsch nach Peking an. Beim Abmarsch war das ganze Boxernest ein einziges Flammenmeer, und die zahlreichen Explosionen und das unaufhörliche Geknatter der durch das Feuer entzündeten Munitionsvorräte lieferten den Beweis, ivie notwendig eine gründliche Zerstörung dieser Veste gewesen war. Am 12. September mittags erreichte das Detachement wieder seine Quartiere in Peking. Gefecht bei Nanhungmönn. Kurze Zeit nach dieser Expedition mußte das deutsche Seesoldaten-Detachement zum zweitenmale ausrücken, um i? 259 OOÖOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO wirren ^900/^90^. OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO 260 die Umgebung der Hauptstadt von aufrührerischen Boxerscharen zu säubern. Im Süden von Peking liegt der kaiserliche Wildpark. Unter letzterem darf manaber durchaus nicht sich einen "Park" nach unseren Begriffen vorstellen, sondern eine große Haide mit zahlreichen Gehöften, ehemaligen Truppenlagern, Wäldparzellen, Maisfeldern und vielen Sumpfstellen, das Ganze mit einer 5—6 m hohen Umfassungsmauer umgeben. Es ist erklärlich, daß dieser Komplex ein natürlicher Schlupfwinkel für allerlei lichtscheues Gesindel war. Eine am 24. September hierhin entsandte Offizierpatrouille hatte in einigen Ortschaften an der südlichen Parkmauer, vor allem in Nanhungmönn (nun — Süd, hung — rot, inönn — Thor), die Anwesenheit beträchtlicher Boxertrupps festgestellt, sie hatte aus modernen Gewehren Feuer bekommen und war auch auf reguläre chinesische Kavallerie gestoßen. Generalmajor von Höpfner entschloß sich sofort, am 25. September dorthin zu marschieren und den Feind zu vertreiben. Da bei den zwischendurch stattgefundenen kleineren Expeditionen erfahrungsgemäß die Boxer bei ihrem vorzüglichen Nachrichteusystem den direkt auf den betreffenden Ort angesetzten Anmarsch der fremden Truppen rechtzeitig erfuhren, dann — genau wie 1870 die Franktireurs — schnell die Waffen versteckten und die friedlichen Bewohner spielten oder spurlos in ihre Schlupfwinkel verschwanden, wollte der Detachementsführer möglichst überraschend die Boxernester überfallen. Er hoffte dies dadurch zu erreichen, daß er, anstattt auf geradem Wege durch den Jagdpark zu marschieren, einen Umgehuugsmarsch um die Westseite des Parkes ausführte. Es war ein wundervoller Morgen an diesem 25. September; der herrliche chinesische Herbst hatte gerade begonnen, und so war für Mann und Roß das Marschieren bedeutend leichter als bisher, da man weder unter der bleischweren Hitze, noch unter den wilden Regengüssen zu leiden hatte. Der Marsch führte auf der unmittelbar an der Westseite der Parkmauer entlang führenden Straße auf Hwangtsuntschönu (hwang — gelb, tsun = Dorf, tschönn — Garnison). Hier lag eine japanische Kompagnie als Besatzung. Der Führer derselben meldete dein Generalmajor von Höpfner die Ansammlung zahlreicher Boxerhaufen in Taying (tu — groß, ying — Lager), einer festen Stadt südwestlich von Nanhungmönn und bat um Vertreibung derselben, da er selbst dazu zu schwach wäre. Der deutsche Detachementsführer sah daher zunächst von seinem früheren Plane ab und marschierte auf genannten Ort. Obwohl eine japanische Abteilung, welche in der Stärke von 1 Offizier und 40 Mann sich der Expedition angeschlossen hatten, das Detachement auf Schleichwegen nach Taying führte, fand man zur allgemeinen Enttäuschung das Nest leer. Die schlauen Chinesen hatten rechtzeitig Nachricht bekommen. Doch eine sofort vorgeuommene Durchsuchung der Häuser förderte eine Masse Kriegsmaterial zu tage, so daß General von Höpfner die Schuld des Dorfes, als Boxer schlupfwinkel zu dienen, als erwiesen ansah und Befehl zur Einäscherung gab. Bald loderten die Rauchsäulen empor als ernste Mahnung für die umliegenden Ortschaften, nicht mit den Rebellen gemeinsame Sache zu machen. Während die Japaner den Rückmarsch auf dem direkten Wege in ihre Quartiere antraten, beschloß Generalmajor von Höpfner, nachdem die Truppen abgekocht hatten, über Nanhungmönn nach Peking zurückzukehren. Die Stimmung in der Kolonne war gedrückt. Man hatte schon einen 25 km langen Marsch hinter sich, ohne durch ein frisches Gefecht belohnt zu werden, auch die Aussicht dazu war geschwunden, denn mau vermutete, daß nunmehr überall die Boxer es ebenso machen würden, wie in Taying, dazu kamen widerwärtige Sandstürme, welche wohl eine Stunde lang der Marschkolonne große Sandwolken ins Gesicht trieben. Es war gegen 5 Uhr nachmittags geworden. Der Weg führte durch hohe Maisfelder oder große und wohlhabende Dörfer, deren Bewohner übexrascht schienen, ihre Feldarbeiten im Stich ließen und in den dichten Maisfeldern Zuflucht suchten. Die Avantgarde des I. Seebataillons hatte gerade das letzte Dorf südwestlich von Nanhungmönn passiert, als plötzlich aus der Richtung des Westausgangs von Nanhungmönn ein Schützenfeuer eröffnet wurde, welches sich von der etwa 600 m links seitwärts sichtbar geivordeuen hohen Parkmauer lebhaft fortsetzte. Das Detachement war also auf eine reguläre Besatzung gestoßen. Im Nu hatte sich die Vortrupp-Kompagnie entwickelt und ging gegen den Westrand von Nanhungmönn vor, während die andern Kompagnien des I. Seebataillons links herausgezogen wurden, um teils in der Front der AvantgardenKompagnie, teils nach der Mauer hin in das Gefecht zu treten. Die grämliche Stimmung war verflogen und machte heller Kampfesfreude Platz. Durch die Dorfstraße rasselte die Batterie und protzte dicht am Nordausgange auf einem abgeeruteten Felde ab. Um die Ohren der Kanoniere pfiffen und surrten gleich einem unsichtbaren Hornissenschwarm die Geschosse, prallten auf den Rädern der Geschütze ab oder fuhren zischend, kleine Staubwolken aufwirbelnd, in den Sand. Die bezopften Schützen hatten richtig die Entfernung festgelegt und die Visiere gut eingestellt. Trotzdem wurde niemand verwundet. In wenigen Sekunden war die Batterie schußbereit. "Erstes Geschütz Feuer!" tönte das Kommando, und donnernd schallte der eherne Gruß hinüber zu den gelben Chinesen. Schon der zweite Schuß saß mitten in der feindlichen Schützenlinie, aber so sehr sonst die Boxer das Artilleriefeuer scheuten, diesmal hielten sie stand. Allmählich war inzwischen das ganze I. Seebataillon entwickelt, und unter seinem gutgeleiteten und wirksamen Feuer wurde das feindliche allmählich schwächer. Jedoch hatte das II. Bataillon unterdessen ebenfalls Feuer bekommen und zwar von rückwärts kurz bevor cs das vom I. Bataillon gerade passierte Dorf erreichte. 17* 261 00000000C>C0<?000000 Ausbruch des Aufstandes itt der Alaudschurci. QOVOQOOQQQOWOQOQO 262 Rasch wurden die Kompagnien herumgeworfen und gerade noch rechtzeitig entwickelt, um eine mit Todesverachtung angreifende Boxerschützenlinie mit einem rasenden Schnellfeuer zu empfangen. Trotzdem entwickelte gerade an dieser Stelle der Feind eine ungewohnte Bravour. Mehrere Male versuchte er, aus einem ihm bis dahin als Deckung dienenden Wald hervorzubrechen und es, vertrauend ans seine erdrückende Überzahl, sogar ans einen Nahkampf ankommen zu lassen. Jedoch deutscherseits spielte das Bajonett ebenso sicher wie vorher das Gewehr, und unter großen Verlusten mußte der Feind in wilder Auflösung wieder das schützende Gehölz aufsuchen. Bei diesem Angriff waren die Boxer ohne Zweifel gut geführt, denn während ein Teil in der Front beschäftigte, versuchte ein anderer die rechte Flanke der Deutschen zu gewinnen. Hierbei mußte ein Boxerhaufen ans 500 m eine breite Waldschneise passieren. Nicht ein einziger kam lebend hinüber, alle fielen unter dem wohlgezielten deutschen Schützenfeuer. Diese Lehre machte sich der nachfolgende Boxertrupp zu Nutzen. Er holte weiter aus, stieß aber bei seinem Angriff nachher auf einen Zug der 4. Kompagnie des II. Bataillons unter Leutnant Poland, welcher seinerseits zum Angriff überging und den Gegner unter kräftigem Hurra zurückwarf. Bei diesem Zusammenstoß entriß Leutnant Poland selbst dem feindlichen Fahnenträger die rotweiße Boxerfahne. Nach einstündigem, hitzigen Gefechte war auf der ganzen Linie der Widerstand des Feindes gebrochen. Zwar war das I. Bataillon durch immer neue, aus Nanhungmönn hervorbrechende Scharen heftig beschossen worden, aber als die Batterie seitwärts der Schützenlinie vorgezogen wurde und mit ihren Schrapnells den Dorfrand abfegte, verstummte auch hier das feindliche Feuer. Eine am nächsten Morgen vorgenommene Absuchung des Boxernestes ergab eine große Beute an mannigfaltigem Kriegsmaterial. Auch Nanhungmönn verfiel der Strafe des Niedergebranntwerdens, und während die Rauchsäulen aus dem Dorf emporstiegen, trat das Detachement seinen Rückmarsch nach Peking an. Neben diesen deutscherseits unternommenen Expeditionen wurden auch von seiten anderer Nationen Streifzüge in die Umgebung der Hauptstadt gemacht. Hierbei stellte amerikanische Kavallerie auch im Norden, 19 km von Peking entfernt, bei Schahotschönn (8cha — Sandbank, ho — Fluß, tschönn = Marktflecken oder Garnison) am 13. September eine teils aus Boxern, teils aus chinesischen Truppen bestehende größere Abteilung fest. An dem gleichen Tage wurden zwei russische Kompagnien, welche zur Sicherung der begonnenen Wiederhcrstellungsarbeiten an der Bahn nach Föngtai (kön§ — Gipfel, tai — Terrasse), 3km südwestlich von Peking dislociertwaren, von etwa 500 Boxern überfallen. Jedenfalls konnte aus allen Wahrnehmungen der Schluß gezogen werden, daß mit der Besitznahme von Peking die Aufstandsbewegung durchaus noch nicht eingedämmt war. Auch Beobachtungen über erneute Ansammlungen des Feindes bei Tientsin und in der Nähe der von Peking dorthin führenden Verbindungslinie bestätigen diese Thatsache. Für die verbündeten Truppen war trotz des freundlichen Einvernehmens der verschiedenen Truppenkommandeure der mangelnde gemeinsame Oberbefehl unangenehm fühlbar. Denn alle die größeren und kleineren Strafexpeditionen machten auf denFeind nicht den Eindruck gemeinsamen Handelns und nichts konnte den Feind mehr ermutigen, als diese bei den Verbündeten erkannte Schwäche. Es war daher mit Freuden zu begrüßen, daß die Frage des Oberbefehls inzwischen eine Regelung erfahren hatte und mit den im Monat September eintreffenden großen Verstärkungen, besonders durch das Landen des deutschen Expeditionskorps, auch das Oberkommando den ostasiatischen Boden betrat. Junstev Abschnitt. Die Voxerbewegung in der Mandschurei und die Gegenmahregeln der Russen bis Anfang September M0. Ausbruch des Aufstandes in der Mandschurei. Die bisherige Schilderung der kriegerischen Ereignisse beschäftigte sich lediglich mit dem Verlauf der Boxerbewegung der Provinz Petschili als den alle Kultnrmächte anr meisten interessierenden Teil der China-Wirren. Daneben spielten sich aber im Norden des weiten chinesischen Reiches Vorgänge ab, deren politische Folgen noch immer nicht zu übersehen sind und welche daher zu größerer Bedeutung sich gestalteten, als es zuerst den Anschein hatte. Den nördlichen Teil des himmlischen Reiches bildet die Mandschurei, ein dem Umfange nach etwas größeres Gebiet wie das Deutsche Reich, mit etwa 12 Millionen Einwohnern, das Stammland der in China regierenden Dynastie. Früher wegen angeblicher Unfruchtbarkeit wenig beachtet, wuchs in den letzten Jahrzehnten seine Bedeutung durch das machtvolle Vordringen Rußlands im fernen Osten und durch die allmählich bekannt gewordene Erkenntnis, daß diese chinesische Provinz fruchtbare Landstriche und großen Waldreichtum aufwies und vor allem ihr Boden einen Mineralreichtum barg, wie wenige Länder der Erde. Sofort richtete die zielbewußte russische Orientpolitik ihr Augenmerk auf dieses wertvolle Stück Erde, und als unmittelbarer Grenznachbar hatte naturgemäß Rußland das Nächstliegende Interesse an ie Einnahme van Lianghsiang durch deutsche Infanterie und bengalische Lancers Bengalische Lanzenreiter nnd deutsche Marine-Infanterie • ) 20 > Gefechte aut Atnuv. QQ9C?qw^qq^q^qqqq^qqqqoqqo 266 der Erschließung dieses eine große Zukunft versprechenden Kulturlandes. Die politischen Konstellationen waren der Erreichung seiner Wünsche günstig. Nachdem Rußland im Bunde mit Deutschland und Frankreich dem hilflosen China im chinesisch-japanischen Kriege beigesprungen war und die Fernhaltung Japans, seines gefährlichsten Konkurrenten, und die Neutralisierung Koreas erreicht hatte, begann es für diesen Freundschaftsdienst die Früchte zu ernten. Die erste derselben war die am 8. September 1896 erteilte Konzession zum Bau der "Chinesischen Ostbahn", welcher im März 1898 die Erwerbung der Halbinsel Kwantun mit den wichtigen Häfen Port Arthur und Talienwan folgte, der politische dem wirtschaftlichen Erfolge. Denn die chinesische Ostbahn war zwar dem Namen und der leeren äußeren Form nach unter chinesischer Oberaufsicht, wurde aber mit russischem und französischem Gelde von russischen Ingenieuren gebaut, vertragsmäßig war mit dem Rechte des Baues derselben die unbeschränkte Erschließung der reichen Bodenschätze verbunden und damit die Ausnutzung der vielgestaltigen natürlichen Hilfsmittel des Landes in russische Häude gelegt. Dazu kam für das Zarenreich der ungeheure Vorteil eines weit kürzeren Schienenweges zur Fortsetzung der durch Trans-' baikalien führenden großen Sibirischen Eisenbahn mit Wladiwostok an Stelle der wegen der Terrainschwierigkeiten sehr viel kostspieliger herzustellenden und weiteren Amurbahn. Und schließlich erlangte Rußland durch den Erwerb der beiden genannten eisfreien Häfen einen natürlichen Ausgangspunkt der Bahn an die chinesischen Gewässer und damit die politische und militärische Beherrschung der ganzen Mandschurei. Mit echt russischer Energie wurde sofort an die Ausführung der Bahnbauten gegangen und das kleine, bis dahin nur 3000 Einwohner zählende Städtchen Charbin am Sungari zum Hauptverwaltungsplatz gemacht infolge seiner künftigen Bedeutung als Knotenpunkt der nach Wladiwostock einerseits und über Mukden nach Port Arthur andererseits führenden Abzweigungen. Chinesen und Mandschus wurden als Arbeiter geworben, während russische und chinesische Truppen gemeinsam den Sicherheitsdienst versahen. Ursprünglich hatte man sich russischerseits damit begnügt, zum Schutze des Bahnbaues Kosakenposten an wichtigeren Punkten zu stationieren; mit dem fortschreitenden Stand der Arbeiten und des damit steigenden Wertes des Materials mußten auch die Schutzkommandos allmählich verstärkt werden. Im Juni 1900 betrugen dieselben mindestens 8 Kompagnien Infanterie und 19 Ssotnien, und standen unter dem Befehl des Generalmajors Gerngroß. Der Kommandeur der etwa 2000 Manu starken chinesischen Schutz-Kommandos war der General Pao. Mitte Juni 1900, als in der Provinz Petschili sich ^ die aufständischen Boxer schon überall regten, herrschte in der Mandschurei scheinbar noch vollkommene Ruhe. Jedoch wurde für alle Fälle bei den unsicheren Verhältnissen in Petschili durch kaiserlichen Ukas vom 10. (nach russischem Kalender 23.) Juni die Mobilmachung aller im Militärbezirk Amur stehenden Truppen anbefohlen. Da diese regulären Truppen schon vor Erlaß des Mobilmachungsbefehls einen verstärkten Friedensetat gehabt hatten, war der Übergang in die mobilen Formationen wesentlich erleichtert. Trotzdem reichten die vorhandenen Reservisten nicht aus, und es mußte auf die benachbarten sibirischen Militärbezirke zurückgegriffen werden. Anfangs stellte sich jedoch der Gehilfe des Gouverneurs von Mukden offen auf die Seite der Boxer, nahm den Gouverneur, welcher gegen den Aufstand wirkte, gefangen und rückte an der Spitze der Aufständischen gegen Tinling (nördlich Mukden) vor. Schnell verbreitete sich der im Geheimen sorgfältig organisierte Aufstand weiter nach Norden und Westen, und es stellte sich heraus, daß die Zusicherungen der chinesischen Behörden größtenteils nur den Zweck gehabt hatten, die Russen zu täuschen. Wie vollkommen dieselben überrascht wurden, geht schon aus dem Umstande hervor, daß noch am 4. Juli, kurz vor dem Ausbruch des Aufstandes, der Oberingenieur der chinesischen Ostbahn meldete, daß alles ruhig sei. Die Situation wurde infolgedessen für die Russen sehr gefährlich, besonders da die in der Mandschurei sich befindlichen chinesischen Truppen sofort zu den Aufständischen übergingen. Die Zahl all dieser aufrührerischen Elemente ist natürlich aus Mangel an amtlichen chinesischen Angaben schwer zu schätzen. Zu der ans etwa 40000 Mann zu veranschlagenden Besatzung der Mandschurei traten noch etwa 13000 irreguläre und 10000 Grenzund Zolltruppen, so daß mit etwa 60000 Mann chinesischer Truppen russischerseits gerechnet werden mußte. Die hinzustoßenden Boxerbanden sind in dieser Zahl nicht mit inbegriffen. Diesen Zahlen gegenüber erwiesen sich natürlich die über das ganze Land zerstreuten russischen Postierungen als zu schwach, und mit ihnen flüchteten die beim Bahnban angestcllten Beamten, Missionare und zahlreiche chinesische Christen in die größeren Orte, um sich dort zu sammeln und zu verschanzen. Die erste Blutthat seitens der aufständischen Bewegung, welche im übrigen denselben Charakter wie in der Provinz Petschili trug, geschah in Mukden. Dort wurde die französische Mission geplündert und die Geistlichkeit ermordet. Man hoffte russischerseits noch, durch Verstärkung der Bahnwachen seitens der an der Grenze garnisonierenden Truppen Herr der Bewegung zu werden, doch bevor dieselben die Grenze überschritten hatten, war das eingetreten, was man am wenigsten erwartet hatte: die Chinesen waren zur Offensive übergegangen. Gefechte am Amur. Am 14. Juli 1900 wurden die russischen Amurdampfer "Michael" und "Selenga", elfterer mit einem Schleppzug, gefüllt mit Artillerie-Material, auf der Fahrt von Chabarowsk auf Blagowjeschtschensk unterhalb Aigun 267 OOOOOVOOVOVVOVVQVOOOOOOOOOOO wirren (900/(90*. OOOOOVVOOOOOVVOOQOOVVOOVOOOO 268 heftig beschossen. Trotzdem erreichten die Dampfer, wenn auch beschädigt, Blagowjeschtschensk. Generalleutnant Gribski, der Militärgouverneur des Amurgebietes, rückte daraufhin selbst am 15. Juli mit einem kleinen Detachement (2 Kompagnien, einer Ssotnie und einer Batterie) gegen Aigun vor, um die unbotmäßigen Chinesen zu vertreiben. Er stieß jedoch auf heftigen Widerstand und konnte eine sehr starke Besetzimg des rechten Amurufers durch reguläre chinesische Truppen und die Vornahme von Schanzarbeiten feststelleu. Kanonendonner, welcher gegen Abend von Blagowjeschtschensk herübertönte, zwang ihn zur eiligen Umkehr, und er fand die Stadt in der That in äußerster Bedrängnis. Ganz unvermutet hatten chinesische Truppen am Nachmittage den Versuch gemacht, den Amur zu überschreiten und hatten kurz nach 6 Uhr von Sachalin aus mit 8 Gcschützen ein Bombardement auf das tiefer gelegene rnssische Ufer begonnen, welches, am nächsten Morgen wieder ausgenommen, bis zum 1. August morgens dauerte. Es war dies zugleich das Signal für die mit russischer Erlaubnis im fruchtbaren Sejathal angesiedelten Chinesen zum allgemeinen Aufstande. Die Situation der russischen Garnison war kritisch. Sie bestand nur aus 2V4 Bataillonen, 1 Ersatzkompagnie, IV2 Batterien (12 Geschütze), 5 Ssotnien. Dazu waren noch zu rechnen 480 Landwehrleute, 670 Mann Bürgerwehr und zwei Geschütze von der "Selenga". Die Stadt zählte etwa 20000 Einwohner und bestand zumeist aus Holzhäusern, welche einer durch das Bombardement etwa hervorgerufenen Feuersbrnnst willkommene Nahrung gewährt hätten. Aber die Chinesen schossen schlecht und hatten schlechte Geschosse. Es gelang auch den Russen, die schon übergesetzten feindlichen Abteilungen über den Fluß zurückznwerfeu und die Aufständischen in respektvoller Entfernung zu halten, aber auf dem jenseitigen Ufer wuchs der Feind allmählich auf eine Stärke von 28000 Mann und 40 Geschützen. Inzwischen war aber auch für Verstärkungen gesorgt. Von Ost und West eilten sie herbei. In Chabarowsk am unteren Amur wurde ein Detachement unter dem Oberst Serwianows (3 Bataillone, 1 Ssotnie, 1 Batterie und 2 Mörsern) am 18. Juni auf Amurdampfern in Marsch gesetzt und bis unterhalb Aigun befördert. Jedoch erst am 1. August langte er in Blagowjeschtschensk an. Das zweite Detachement (3 Kompagnien, IV2 Batterien) unter Oberst Schwerin und das dritte unter Generalmajor Rennenkampf (4 Bataillone, 2 Ssotnien, 1 Batterie) kamen aus Transbaikalien ebenfalls auf dem Amur. Wäherud letzteres erst am 3. August in Blagowjeschtschensk eintraf, erreichte ersteres schon am 29. Juli die gefährdete Besatzung, und Generalleutnant Gribski fühlte sich schon mit den beiden zuerst eingetroffenen Verstärkungen stark genug, um nun seinerseits am 2. August zum Angriff auf das rechte Amurufer überzugehen. Sachalin wurde genommen. Nach Vereinigung mit dem Detachement Rennenkampf wurde am 4. August die Offensive auf Aigun fortgesetzt; nach sehr heftigen Kämpfen gelang es, die Chinesen aus vier hintereinander liegenden Verschanzungen hinauszuwerfen und dann Aigun selbst zu nehmen. Die chinesischen Truppen flohen zum Teil amurabwärts, hauptsächlich auf den Straßen nach Tsitsikar. Die Verfolgung beider Teile wurde russischerseits von dem energischen Generalmajor Rennenkampf ausgenommen. Die Russen, welche bei Aigun einen Verlust von 4 Offizieren und 49 Mann an Toten und Verwundeten hatten, erbeuteten 37 Geschütze verschiedener Art, 900 Gewehre und 50 Fahnen. Die Verluste des Feindes müssen sehr stark gewesen sein, da die Russen bis 11. August allein 700 tote Chinesen verbrannt oder beerdigt hatten. Mit diesem Erfolge hatten die Russen zunächst einen Angriff auf russisches Gebiet verhindert und eine unmittelbare Gefahr beseitigt. Das Interesse der russischen Heeresleitung konnte sich nunmehr den Vorgängen an der chinesischen Ostbahn zuwenden. Die Europäer und chinesischen Christen waren inzwischen derart bedroht, daß der Rückzug auf russisches Gebiet notwendig wurde. Während derselbe von den an der westlichen Sektion Angestellten noch rechtzeitig von Chailar aus ohne größere Verluste ausgeführt werden konnte, wurden 2000 Beamte mit 1000 Mann der Schutzkommandos unter General Gerngroß in Charbin von etwa 15000 Mann Chinesen und Aufständischen unter General Pao umzingelt. Die an der südlichen Sektion beschäftigten Russen schlugen sich zum Teil nach Norden, nach Charbin, durch, zum Teil wichen sie auf koreanisches Gebiet aus, zum Teil endlich sammelten sie sich in Niutschwang (am Golf von Liautang) und wurden dort von Boxern bis zu dem Ende Juli erfolgenden Entsatz von Port Arthur aus belagert. In Anbetracht des Ernstes der Lage entschloß Rußland sich zu umfangreichen Rüstungen. Durch kaiserlichen Ukas vom 21. Juli wurde auch die Mobilisierung des sibirischen Militärbezirks und des Semirjetschenskgebietes befohlen und ein großes Expeditionskorps in Aussicht genommen, welches von Europa aus vermittelst des Seeweges nach Ostasien transportiert werden sollte. Da aber die Niederwerfung des Aufstandes rascher erfolgte, als man ursprünglich annahm, kamen die mobilen Truppen von Sibirien und der Provinz Semirjetschensk überhaupt nicht zur Verwendung, höchstens als Grenzschutz, und von dem ursprünglich auf 5 Schützenbrigaden in Aussicht genommenen Expeditionskorps kamen nur 3 mit den entsprechenden Spezialwaffen zur Absenduug. Trotzdem verfügte Rußland in Ostasien im Oktober über eine Feldarmee von 3900 Offizieren und 17300 Mann. Kämpfe in der nördlichen Mandschurei. Als erstes Ziel für die weiteren Operationen in der Mandschurei mußte der Entsatz des Generals Gern groß und der andern in den verschiedenen Orten noch eingeschlossenen Russen gelten. Zu dein Zwecke stießen nach den allgemeiner! Direktiven des Generalleutnants Gro00000000000009000000 270 269 OOOOOOOQOOWOWOQWO Rmnpfe in der nördlichen ülandschnrei. dekow, Oberbefehlshaber des Militärbezirks Amur, Ende Juli folgende Detachements auf Charbiu, Tsitsikar und Girni konzentrisch vor: Das Detachement Orlow. Im Transbaikal-Gebiet wurden außer den schon erwähnten beiden Detachements, welche für die Verstärkung der gefährdeten Besatzung von Blagowjeschtschensk bestimmt waren, noch ein drittes Detachement zusammengestellt, um die von den Chinesen zerstörte Westsektion wieder in Besitz zu nehmen und den Feind von dort zu vertreiben. Dieses Detachement (5 Bat. Infanterie, 1 Rgt. Kosaken, 1 Feld-Batterie) stand unter dem Befehl des Generalmajors Orloiv. Derselbe führte seine Kolonne am 26. Juli 1900 bei Abagaitujewsk über die Grenze und stieß schon, längs der Westsektion der Ostbahn marschierend, am 30. Juli bei Aigun auf eine chinesische Truppenabteilung in einer Stärke von etwa 5000 Mann. Trotz heftigen Widerstandes wurde der Feind geworfen und verlor 1 Geschütz und 8 Fahnen. Damit war der Widerstand der Chinesen in diesem Gebiet gebrochen, und Orlow konnte am 2. August nach kurzem Gefechte seiner Avantgarden-Kavallerie und einem anstrengenden Marsche, welcher unter Zurücklassen der Tornister ausgeführt wurde, die als Verwaltungssitz der Westsektion der Ostbahn für die Russen wichtige Bezirksstadt Chailar in Besitz nehmen. Der Weitermarsch in das schwierige Gelände des großen Chiug-Gebirges vollzog sich unter großen Terrainund Verpslegungsschwierigkeiten, besonders hatten die Soldaten bei der drückenden Hitze unter empfindlichem Wassermangel zu leiden. Besondere Anstrengungen forderte der Detachementsführer am 14. August von seinen Truppen. Nach einem bei den geschilderten Verhältnissen äußerst beschwerlichen Marsch von 40 km führte er sie noch am Nachmittage desselben Tages zum Sturm auf den Jakschi-Paß, welcher von den Chinesen hartnäckig verteidigt wurde. Während eines starken Gewitters mit Platzregen und Hagelschlag nahmen die Kosaken in einem mit bewunderungswerter Ausdauer durchgeführten Angriff die von 7000 Chinesen besetzte starke Position. Nur 3 Tote und 9 Verwundete hatte den Russen dieser Erfolg gekostet, sie erbeuteten 1 Geschütz und 3 Fahnen. Außerdem war der Vertragsbrüchige chinesische General Pao gefallen. Der Feind setzte sich auf der anderen Seite des Chingan-Passes von neuem und Orlow sah sich daher am 24. August zu einem zweiten, unter ähnlichen schwierigen Verhältnissen verlaufenden Angriff gezwungen. Seine Reiterei hatte an diesem Tage, um dem Feinde in den Rücken zu fallen, auf schlechten Gebirgswegen einen Marsch von 90 km zurückzulegen. Der Feind leistete den russischen Sturmkolonnen energischen Widerstand, ging sogar zeitweise selbst zur Offensive über, wandte sich aber dann zur Flucht und geriet dabei in die Arme der von rückwärts kommenden Kosaken, so daß er vollkommen zersprengt werden konnte. 6 Kanonen und der gesamte Train fielen den Siegern in die Hände, welche selbst 3 Tote und 9 Verwundete zählten. Nunmehr vollzog sich ohne nennenswerten feindlichen Widerstand der Weitermarsch auf Tsitsikar, wo das Detachement Orlow sich mit der inzwischen von Norden aus hierher vorgedrungenen Kolonne Rennenkampf am 4. September vereinigte. Das Detachement Rennenkampf. Nach den siegreichen Gefechten bei Aigun und nachdem der Rückzug der Hauptmasse des Feindes auf der Straße nach Tsitsikar festgestellt war, brach Rennenkampf unverzüglich, mit seinen Ssotnien der Infanterie vorauseilend, zur Verfolgung des Gegners auf. Damit brachte er in glänzender und, um es gleich im voraus zu bemerken, in erfolgreicher Weise das militärische Prinzip einer rücksichtslosen Verfolgung zur Vernichtung des Gegners znm Ansdruck und machte sich zur Zeit zum gefeierten Helden des Tages im europäischen Rußland. Schon am 7. August holte der General die Nachhut des Feindes ein und schlug sie trotz großer Überzahl nur mit seinen Kosaken, die teilweise, vor allem wegen der waldreichen Gegend, zu Fuß kämpfen mußten, in mehreren Gefechten und trieb den Feind bis zum ChinganPaß vor sich her. Um die hier von den Chinesen eingenommene sehr starke Stellung stürmen zu können, mußte er erst sein Gros und die ihm von Aigun aus nachgesandteu Verstärkungen (I.. II., IV. Bataillon Regt. Stretensk, I., III., IV. Bataillon Regt. Tschita, 1 Ssotnic, 1 Artillerie-Division mit 20 Geschützen) abwarten. Nach Eintreffen derselben stürmten die Russen nach blutigem Kampfe die Paßstcllung, die Chinesen flohen unter Zurücklassung von 8 Geschützen, und nachdem ihr Oberbefehlshaber gefallen war. Schon am 17. August erschien Renneukampf überraschend vor Mergen. Die verfallene Festung ergab sich, und mit ihr fielen den Russen weitere 12 Geschütze, 700 Gewehre, viele blanke Waffen und große Munitionsund Pulvervorräte in die Hände. Die Gesamtverluste der Sieger betrugen 8 Offiziere und 101 Mann an Toten und Verwundeten. Mit unermüdlichem Eifer setzte der russische General seinen Siegeslauf fort, welcher ihn, ohne daß der Feind noch ernsten Widerstand zu leisten wagte, am 28. August bis Tsitsikar führte. Hier hatte man stärkeren Widerstand erwartet, da dort der Oberbefehlshaber der chinesischen Truppen in der Mandschurei sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Einen Tagesmarsch von Tsitsikar entfernt erschienen jedoch Parlamentäre des Gouverneurs und baten um Einstellung der Feindseligkeiten. Rennenkampf wies sie ab, da er keine Vollmachten hätte, und rückte mit seinen Kosaken in die Stadt ein. Kavallerieentsendungen nach Westen stellten die Verbindung mit dem Detachement Orloiv her. Die Vereinigung der beiden Kolonnen bedeutete einen großen Erfolg der russischen Waffen und der sachgemäßen Anordnung ihrer Heeresleitung. Der russische Ariegshafen Port Arthur. Damit hatten die beiden Generale in glänzender Weise den ersten Teil ihrer Aufgabe, die Pacifizierung des Nordens und Westens der Mandschurei, in kurzer Zeit gelöst. Das Detachement Shacharow. Diesem Detachement fiel die Aufgabe zu, von Chabarowsk aus durch die nordwestliche Mandschurei vorzustoßen und das schwerbedrängte Charbin zu entsetzen, welches, mit Flüchtlingen gefüllt, seit dem 26. Juli von etwa 10000 Chinesen eingeschlossen und belagert wurde. Die Chinesen ließen es nicht an Versuchen fehlen, die Stadt im Sturm zu nehmen, wurden aber jedesmal unter großen Verlusten zurückgeschlagen, so gleich am ersten Tage der Belagerung, wo den nur über drei alte Bronzekanonen verfügenden Russen zwei moderne Geschütze mit voller Munition und Bespannung als hochwillkommene Beute in die Hände fielen, ferner am 30. Juli und schließlich am 3. August, an welchem Tage aber gerade noch die Entsatztruppen zur rechten Zeit kamen, um ein Gelingen des Sturmes zu verhüten. Das Entsatz-Detachement (4 Bat., 4 Ssotnicn, 2 Batt. und 10 Belagerungsgeschütze) unter Befehl des Generalmajors Shacharow wurde Anfang Juli von Chabarowsk in Marsch gesetzt und benutzte auf Amurdanipfern den Wasserweg, anfangs den Amur, dann von Lauschi ab den Sungari, einen Nebenfluß des Amur. Nach kleineren häufigen Scharmützeln mit chinesischen Wachtposten kam es erst bei der Erstürmung von Bajantu gegen etwa 2000 Chinesen zu einem größeren Gefecht. Mit dem Fall dieser befestigten Stadt erbeuteten die Russen 5 Kruppsche 15 em-Kanonen, 4 Landungsgeschütze und eine Menge Munition, allerdings alles in sehr verwahrlostem Zustande. Am 26. Juli rückte die Kolonne weiter gegen Nansing vor. Diese von drei Seiten von Wasser umgebene Festung erwies sich als sehr widerstandsfähig und ihre Einnahme muß als ein Bravourstück der stürmenden Russen bezeichnet werden. Nach einer am Vormittage des 28. Juli erfolgten vierstündigen Beschießung überschritten am Mittag die Kosaken mit der Infanterie auf einer Furt bis an den Hals im Wasser einen Nebenfluß des Sungari, erklommen wie die Katzen die Mauern der Festung und drangen in diese ein. Der Feind flüchtete und überließ den Siegern 22 Geschütze und eine große Menge Handwaffen. Der Widerstand der Chinesen war auch auf dieser Operationslinie mit dem Erfolge der russischen Waffen bei Nansing gebrochen. Ohne weitere Hindernisse langte Shacharow am 3. August abends vor Charbin an und brachte der schon bedenklich an Munitionsmangel leidenden Besatzung die ersehnte Befreiung. Sofort wurden russischerseits Maßnahmen getroffen, um diesen wichtigsten Punkt der chinesischen Ostbahn durch Anlage von Befestigungen gegen weitere Unternehmungen der Chinesen widerstandsfähig zu machen und die Umgebung zu unterwerfen. In der Nacht vom 3./1. August traf auch eine kleine Abteilung des Detachements Tschitschagow in Charbin ein. Dieses ganze Detachement setzte sich zusammen aus dem 4. ostsibirischen Schützen-Regiment zu 2 Bataillonen, 2. Eskadrons Primroischer Dragoner, 5. (Gebirgs-)Batteric der 1. ostsibirischen Artillerie-Brigade und stand unter dem Befehl des Generalmajors Tschitschagow. Es war Mitte Juli von Nikolsk-Ussuriski aufgebrochen und hatte sich am 18. Juli der kleinen Festung Echo am Mutan, dem bei Nansing in den Sungari mündenden Nebenfluß, bemächtigt. Hier blieb cs aus unaufgeklärten Gründen zutlächst nnthätig stehen. Wahrscheinlich wollte Tschitschagow unter dem Schutze der Truppen die Eisenbahnarbeiten wieder aufnehmen und schickte nur eine kleine gemischte Abteilung unter deni Oberst Damissow auf Charbin weiter, um die Verbindung mit Generalinajor Shacharow herzustellen. Dieser vollendete die endgültige Säuberung auch der Ostsektion der chinesischen Ostbahn von Aufrührern durch die am 18. August gelungene Einnahme von Aschehe. Der geschlagene und von Oberst Damissow mit den Kosaken verfolgte Gegner wandte sich auf Girin. Unter Zurücklassen einer Besatzung in Aschehe kehrte Shacharow nach Charbin zurück, wo er vorläufig verblieb. Tschitschagoiv dagegen erhielt durch das Detache273 Die Lage in der südliche» Mandschurei, yyyyyyyyyyyyyyyyyyyy 274 ment Aigustow (6 Bataillone, 2 Ssotnien, 12 Geschütze), welches von Nowokiewskoje ans nach Einnahme der Festung Hundschun am 30. Juli seine linke Flanke deckte und die Einnahme Ningutas nach zweitägigem Kampfe am 27. August ermöglichte. Während das Gros in der Linie Echo-Ninguta liegen blieb, eilte die Kavallerie über Omessa auf Girin und nahm von dort aus später die Fühlung des inzwischen ebenfalls in südlicher Richtung weitermarschierenden Detachements Rennenkampf auf. Diese Thätigkeit bildete den Schlußstein der ebenso groß angelegten, wie geschickt und mit bewundernswerter Übereinstimmung und Jneinandergreifen durchgeführten Operationen von vier aus verschiedenen Himmelsrichtungen zur systematischen Besitznahme der nördlichen Mandschurei angesetzten Kolonnen. Durch Verleihung eines Ehrensäbels hat der Zar dem General Grodekow seinen Dank für die erfolgreiche Leitung ausgesprochen. Mit anerkennenswerter Energie zog die russische Heeresverwaltung ihre Konsequenzen aus der neugeschaffenen Lage und nahm nach Maßgabe des Vorrückens der Kolonnen die Wiederherstellung der von den Chinesen nur teilweise zerstörten Bahnlinien in die Hand. Die Lage in der südlichen Mandschurei. In der südlichen Mandschurei hatte ebenfalls schon Ende Juli die Lage an der Südsektion der vielerwähnten Ostbahn einen bedrohlichen Charakter angenommen. Chinesische Truppen begannen, die Bahn entlang auf Port Arthur und Bidziwo vorzurücken, so daß schnelle Hilfe not that. Da aber von der Besatzung von Kwantun (südl. Teil der Halbinsel Ljao Tung) 9., 10. und 12. Schützen-Regiment mit den nötigen Spezialwaffen nach der Provinz Petschili geworfen und die dafür in Aussicht genommenen und erst neu zu bildenden Ersatztruppenteile (1., Z., 8. und 15. ostsibirisches SchützenRegiment) noch nicht eingetroffen waren, standen zuerst nur schwache Kräfte zur Verfügung. Schleunigst wurden aber kleinere Abteilungen, wie sie eben zur Hand waren, nach Norden vorgeschoben. Zunächst rückte Oberst Dambrowski mit einem kleinen Detachement nach der Bahn station Daschitsau und konnte dort die von Mukden aus inl eiligen Rückzuge nach Süden befindlichen Bahnbeamten und Schutzwachen aufnehmen. Die Lage wurde gefährlicher, als auch die in Sanjuschan und Haitschou befindlichen chinesischen Besatzungen die Feindseligkeiten eröffneten. Das erste ostsibirische Schützen-Regiment traf noch rechtzeitig genug ein, um unter dem Oberst Choruschenko bei Erstürmung dieser beiden Orte am 27. Juli bezw. 1. August Verwendung finden zu können. Inzwischen war Generalmajor Fleischer mit dem Rest der 1. ostsibirischen Schützeubrigade, 3. Schützen-Regiment, in Jingtsekou, der Hafenstadt von Niutschwang, gelandet, um sich mit den beiden andern Abteilungen zu vereinigen und den gemeinsamen Oberbefehl zu übernehmen. Am 4. August wurde Niutschwang besetzt und die dort eingeschlosscnen Europäer und chinesischen Christen befreit. Die aus den verschiedenen Stellungen zurückgeworfenen Chinesen sammelten sich in einer sehr starken Stellung bei Haitschou. Auch diese beschloß Generalmajor Fleischer anzugreifen und rückte am 10. August in zwei Kolonnen dagegen vor. Es gelang, den 5000 Mann starken Feind (4000 Reguläre, 1000 Boxer) zu werfen, ihm von seinen 8 Geschützen 6 wegzunehmen und die befestigten Höhen von Haitschou zu besetzen. Hier mußte die Offensive der Russen gegen Norden vorläufig Halt machen, da bei Laujang und Mukden ein sehr starker Widerstand erwartet wurde, zu dessen Überwindung die vorhandenen Kräfte nicht ansreichten. Südlich Mukden waren 15000 Mann chinesische Truppen versammelt, von denen umsomehr eine energische Gegenwehr erwartet werden mußte, als dieselben mit Mukden auch die dort befindlichen Gräber der regierenden Dynastie verteidigten, deren Zerstörung durch fremde Truppen nach chinesischem Glauben den Sturz des Kaiserhauses uach sich ziehen mußte. Mau erwartete daher die von Europa aus unterwegs befindlichen Verstärkungen ab und begnügte sich mit der militärischen und administrativen Sicherstellung des bisher gewonnenen Gebietes. Die Ernennung des Feldmarschalls Grafen Waldersee zum Oberfeld Herrn. Bei der bisherigen Schilderung der Ereignisse ist, trotz aller lobenswerten Übereinstimmung der Kontingentsführer und des immerhin noch erfolgreichen Zusammenwirkens der durch die Macht der Verhältnisse zusammengeführten Truppenteile der verschiedenen Nationalitäten, wiederholt der Mangel eines einheitlichen Oberbefehls beleuchtet worden. Es befand sich zur Zeit des Aufstandes auch kein älterer Offizier irgend einer Nation in Ostasien, welcher durch Stellung, Alter und Rang der gegebene Oberfeldherr hätte sein können. Bei der Zusammensetzung der Koalitionsmächte war es auch nicht leicht, eine solche Persönlichkeit zu finden. Zwar hatte sich, sobald die Frage akut geworden war, Deutschland, eine der führenden Mächte, vorbehaltlos bereit erklärt, seine Truppen einem Oberfeldherrn irgend einer Nation zu unterstellen, hatte dieses Prinzip auch schon zum Ausdruck gebracht durch die Unterstellung seiner verschiedenen, bisher in Thätigkeit getretenen MarineLandungskorps und Seesoldaten-Detachements unter den Befehl eines älteren Führers (Seymour, Stößel, Lenewitsch), ungleich schwerer wurde die Lösung dieser Frage bei den andern Nationen. Erst einer Anregung des Kaisers von Rußland war eine glückliche Löstlng dieser Frage zu danken. Schon wiederholt war von verschiedenen Seiten die Ansicht laut geworden, daß Deutschland vermöge seines militärischen Ansehens und seiner vorteilhaften politischen Stellung die geeignetste Macht wäre zur Stellung eines Oberkommandos. Anfang August fragte der Zar direkt bei Sr. Majestät dem deutschen Kaiser an, ob er bereit wäre, den Oberfeldherrn zu stellen, worauf Kaiser Wilhelm Feldmarschall Graf Waldersee in Vorschlag brachte. Die Wahl mußte, wie der spätere Verlauf der China-Krisis wiederholt und eklatant bewies, als eine äußerst glückliche bezeichnet werden. Die Person dieses hervorragenden deutschen Heerführers, welcher schon im Kriege 1870/71 Proben seines militärischen Geschicks abgelegt und sich später in den verantwortungsvollen Stellungen als Chef des Generalstabes und kommandierender General des IX. Armeekorps durch Entschlossenheit, Urteilskraft und Selbstän digkeit ganz außerordentlich bewährt hatte, vereinigte in sich nicht nur außergewöhnliche militärische Veranlagung, sondern auch die später sehr notwendig werdende diplomatische Geschicklichkeit. Denn wie schon geschildert, waren bei Übernahme des Oberkommandos die wichtigsten militärischen Aufgaben gelöst, die gebieterische Macht der gefährlichen Situation und gemeinsamen Gefahr hatte die militärische Vertretung zusammengehalten. Dieses Band wurde naturgemäß immer lockerer, je günstiger für die Verbündeten die militärische Lage sich gestaltete, und es bedurfte der ganzen überlegenen Geschicklichkeit eines Grafen Waldersee, um die fernere gemeinsame Thätigkeit zu gewährleisten und Reibungen zu vermeiden, welche unabsehbare Folgen und Verwicklungen hätten herbeiführen können. Der Zar stimmte auch sofort telegraphisch dem Vorschläge des deutschen Kaisers bei, und der Feldmarschall folgte mit echt preußischem Pflichtgefühl und trotz seiner 68 Lebensjahre mit jugendlichem Wagemut dem Rufe seines Kaisers und unterzog sich der, wie er sich vollkommen klar war, überaus schwierigen und undankbaren Aufgabe. In Anbetracht derselben erfuhr die sofort vorgenommene Zusammensetzung seines Stabes die sorgfältigste Auswahl aus der reichen Fülle von Offizieren, welche sich zur Verfügung gestellt hatten. Der Stab des Grafen Waldersee. Jedes Hauptquartier pflegt sich gemäß den Aufgaben der Führung zu gliedern in den Generalstab, die Adjutantur, das Artillerieund Jngenieurwesen, das Gerichtswesen, die Feldpolizei, die Etappen-, Sanitätsund geistliche Behörde. An der Spitze jeder dieser Angelegenheiten steht entweder ein Offizier oder ein Verwaltungsbeamter in selbständiger Stellung. Aus der nach diesen Gesichtspunkten gestalteten Zusammensetzung des Hauptquartiers des Grafen Waldersee seien die wichtigsten Persönlichkeiten und ihre Funktionen hier herausgegriffen: Zum Chef des Gencralstabes wurde der Generalmajor von Groß gen. von Schwarzhoff ernannt, der bisherige Führer der 1. ostasiatischen Infanterie-Brigade. Es ist schon früher darauf hingewiesen worden, daß dieser leider später auf so tragische Weise ums Leben gekommene General einer der bedeutendsten Männer der deutschen Armee, der beherrschende Geist der Haager Friedenskonferenz gewesen ist und als sprachenkundiger, mit hervorragenden Gaben ausgestatteter Offizier seinem Vaterlande noch besondere vortreffliche Dienste zu leisten versprach. 277 OOOOOCOOOOCOOOOOOOOOCOOOO Abschied von der Heimat, yyyyyyoyyyyvovvovvovwyyv 278 Zum Oberquartiermeister des Hauptquartiers wurde Generalmajor Freiherr von Guhl ernannt, der, als Graf Waldersee kommandierender General des IX. Armeekorps war, der Chef seines Stabes gewesen ist. Zuletzt war er Kommandeur des InfanterieRegiments Nr. 27. Dem Chef des Generalstabes und dem Oberquartiermeister sind noch mehrere General st absoffizie re unterstellt, welche die Truppeneinteilnng, die Redaktion der Befehle, die Etappenund Schiffsund Eisenbahnangelegenheiten, tzas Nachrichtenwesen in Unterabteilungen zu bearbeiten haben. Der bedeutendste von den dem Stabe des Feldmarschalls zugeteilten Offizieren Marder leider ebenfalls durch Unglücksfall auf dem Kriegsschauplätze nmgekommene Oberst Jork von Wartenburg, der würdige Träger eines ruhmvollen Namens, ein hervorragender Offizier, besonders durch die Kenntnis der russischen Sprache und Verhältnisse. Der Adjutantnr, welche ebenfalls aus mehreren Offizieren bestand, unterstehen die persönlichen Angelegenheiten, Gesuche, Beförderungen, Auszeichnungen, Listenführung, Ersatz an Mannschaften und Pferden, an Waffen und Munition und der Verkehr mit Privatpersonen. Als ersten Adjutanten behielt Graf Waldersee den bisher in gleicher Stellung bei der 3. Armee-Inspektion kommandiert gewesenen Hauptmann Wilberg vom schleswig-holsteinschen Feldartillerie-Regt. Nr. 9, dessen Chef bekanntlich Graf Waldersee ist. Eine fernere sehr wichtige Person ist der Kommandant des Hauptquartiers, in welche Stellung Rittmeister Freiherr Knigge vom Königs-Ulanen-Regt. (I. hannov. Nr. 13) berufen wurde. Ihm uuterstanden die zum Hauptquartier kommandierten, Unteroffiziere und Mannschaften, ebenso die Bagage. Er war für die Unterkunft und Verpflegung des Hauptquartiers verantwortlich, kurz, hatte den ganzen inneren Dienst des Hauptquartiers zu handhaben. Die Stabswache erhielt in der Person des Oberleutnants Grafen zu Eulenburg vom Husaren-Regiment König Wilhelm I. (1. Rhein. Nr. 7) einen besonderen Kommandeur. Die von allen beteiligten Kontingenten dem Hauptquartier zugeteilten Offiziere dienten zur Informierung über die jeder Nation eigentümlichen Verhältnisse und zu Übermittlungen der Befehle an die bezüglichen Truppenteile. Der Zustimmung des Kaisers von Rußland zur Wahl des Grafen Waldersee folgte sofort diejenige der Dreibundmächte; nach und nach erklärten auch Frankreich, Amerika, Japan und zuletzt England ihr Einverständnis. Dasselbe wurde zweifellos allseitig rasch herbeigeführt durch die glückliche Wahl der Persönlichkeit, denn weit über die Grenzen des deutschen Vaterlandes hinaus war der Ruf dieses bewährten Führers gedrungen, und seine persönliche Liebenswürdigkeit bei aller militärischen Straffheit hatte ihm die Zuneigung einflußreicher Kreise in fast allen Großstaaten verschafft. Der Abschied von der Heimat. Auch in Deutschland selbst huldigte man mit vollem Herzen und bis tief hinein in alle Volkskreise dem großen Entschluß des beliebten Generals. Diese Gefühle gipfelten in den stürmischen Ovationen, welche dem Grafen Waldersee bei seiner Abfahrt aus Hannover zu dein gerade auf Wilhelmshöhe weilenden deutschen Kaiser dargebracht wurden und welche sich überall wiederholten, wo sich bis zur Abreise Gelegenheit bot. Fast schien es manchmal, als ob diese Huldigungen die Grenze des Gebotenen überschritten, besonders da sie in so außergewöhnlichem Maße stattsanden, bevor der Feldmarschall seine Aufgabe gelöst hatte. Demgegenüber muß aber festgestellt werden, daß zur Zeit der Aufstellung des Oberkommandos eine tiefe Erregung durch die deutsche Volksseele ob der geschehenen Grausamkeiten • im fernen Osten und der durch den Gesandtenmord herbeigeführten Verletzung der deutschen Nationalehre ging, daß überall der Entschluß des Generals, die undankbare Aufgabe zu übernehmen und sich trotz seines hohen Alters den durch lange Seereise, Klima und ungeordnete Verhältnisse notwendigen großen Anstrengungen zu unterziehen, mit großer Dankbarkeit anerkannt wurde. Und dieses Gefühl der Anerkennung und Dankbarkeit machte sich eben in spontanen Kundgebungen Luft, die sicher nicht nach Generalfeldmarschall Wunsch und Willen des Gefeierten waren. Zum großen Teile entsprangen sie auch der begreiflichen Freude über die Ehrung, welche Deutschlands militärische Stellung durch Übertragung des Oberkommandos von allen Nationen erfahren hatte. Die Aufstellung und umfangreiche Ausrüstung des Oberkommandos wurde derart beschleunigt, daß seine Abfahrt am 21. bezw. 22. August von Genua bezw. Neapel aus mit dem Reichspostdampfer "Sachsen" er folgen konnte. Vorher hatte S. M. der Kaiser die sämtlichen Offiziere des Oberkommandos von Berlin, dem Formationsorte, aus, zu sich nach Cassel befohlen, um persönlich von ihnen Abschied zu nehmen. Im Residenzschlosse der alten Hessenstadt versammelte er sie sofort nach ihrer Ankunft um sich und hielt dabei folgende, von der Bedeutung des Tages durchdrungene Ansprache: IKaiser Wilhelm II. an die Offiziere des Oberkommando s.j "Ich begrüße Sie im Moment Ihrer Abfahrt aus dem vaterlande und gratuliere Ihnen dazu, daß Sie auserwählt worden find, als Stab unter Führung und Leitung Unseres bewährten Feldinarschalls Grafen waldersee die Kampagne in China mitmachen zu können. Lieber waldersee. Ich spreche Ihnen Meinen Glückwunsch aus. Ich Sie nochmals an dem heutigen Tage als Führer der vereinigten Truppen der zivilisierten Welt begrüßen darf. Von hoher Bedeutung ist es, daß Ihre Ernennung zum Ausgangspunkt hat die Graf waldersee. Anregung und den Wunsch Seiner Majestät des Kaisers aller Reußen, des mächtigen Herrschers, der weit bis in die asiatischen Lande hinein seine Macht fühlen läßt. Ls zeigt dies wiederum, wie eng verbunden die alten Waffentraditionen der beiden Kaiserreiche sind, und Ich begrüße es mit Freuden, daß auf die Anregung Seiner Majestät hin die gesamte gesittete Welt ohne Unterschied aus freiem Antrieb Euere Excellenz nunmehr niit dem Kommando über ihre Truppen betraut, wir können als preußische Offiziere dankbar und mit Stolz erfüllt sein ob der Aufgabe, die Ihnen zugefallcn ist. Denn es rvird darin eine einheitliche Anerkennung für unser ganzes militärisches Leben und wirken ausgesprochen, sowie für das militärische Sxstem und für die Ausbildung und Führerschaft unserer Generale und Offiziere. Zum Zeichen Ihrer würde überreiche Ich Ihnen an dem heutigen Tage den Feldmarfchallstab, indemIch hoffe, datz Sie ihn führen werden mit der altgewohnten Frische, mit der Sicherheit, die Sie immer entwickelt haben in wichtigen Augenblicken, und vor allen Dingen mit der Unterstützung der Vorsehung, ohne deren Anerkennung und gegenseitigen Friedens für die europäischen Mächte werden möge, wie dies Seine Majestät der Kaiser von Russland im vorigen Jahre aus anderem Gebiete versucht hat. was Uns im Frieden nicht hat beschieden sein können, das ist nun vielleicht mit den Waffen in der bjand zu erreichen." jLrwiderung des Grafen walderfee.j "Euer Majestät lege ich meinen innigsten Dank zu Füßen für die überaus gnädigen, uüch ebenso ehrenden, wie tief bewegenden Worte. Die Reihe von Jahren, die ich die Ehre habe, unter Euer Majestät Befehl zu stehen, sind gleichbedeutend mit einer Rette von Ehrungen und von Auszeichnungen und Beweisen Allerhöchsten Vertrauens. Euere Majestät Generalmajor von Gayl Gberquartiermeister. Oberst Graf vork v. wartenbnrg zssm Generalmajor v. Groß, gen. v. Schwarzhoff, Chef des Generalstabs des Grafen v. waldersee. Freiherr Jobst-Anigge, Kommandant des Hauptquartiers. Graf Victor zu Lnlenburg, Kommandeur der Stabswache. Hilfe selbst der beste Soldat nichts zu leisten im stände ist. Ich schlietze mit dem Wunsche, -atz es Euerer Excellenz beschieden sein möge, die Aufgaben, welcher Art sie auch sein mögen, ob langwährig, ob schnell, ob blutig oder nicht, so zu leisten, wie Sie es wünschen würden, und wie wir alle ohne Ausnahme es wünschen, die wir Ihnen Unsere Truppen anvertraut haben. Im Interesse Unserer Völker wünsche ich, datz Unsere gemeinsame Expedition eine feste Bürgschaft gegenseitiger haben mich zu dem höchste» Range der militärischen lsicrarchie aufstcigen lassen. Es ist mir nur eins versagt geblieben, daß ich meinen Dank in Thaten umsetze. Daß nunmehr Euer Majestät mir die Gelegenheit gegeben haben, dies zu thun, beglückt mich in hohem Maße. Euer Majestät haben diesen wichtigen Moment benutzt, mir auch das äußere Zeichen meines Ranges zu verleihen und dadurch die Bedeutung in hohem Maße gesteigert. Ich bitte Euer Majestät, die Versicherung gnädigst anzunehmen, daß, so lange der Arm die Kraft behalten wird, diesen Stab zu halten, ein Befehl zum Rückzug über 283 YVYYYVYYYYYYYYYYYWYYYYYYYYY wirren *900/1901. 284 meine Lippen nicht kommen wird. Ich bitte Euer Majestät zu glauben, und ich darf das im Namen des ausgezeichneten Stabes, den Lusr Majestät mir gegeben haben, aussprechen, daß alle Herren mit mir einmütig sind, unser letztes daran zu sehen, Luer Majestät treu zu dienen und den letzten Blutstropfen einzusetzen für Euer Majestät und Deutschlands Lhre." Nach diesen Abschiedsworten fuhr S. M. mit dem Feldmarschall nach Wilhelmshöhe, wo in den historischen Räumen des Schlosses und unter den uralten Bäumen des Parkes die letzten Besprechungen des kaiserlichen Herren mit seinem Feldherrn stattfanden. Die Überführung des gesamten Oberkommandos nach Genua erfolgte dann wieder von Berlin aus am 19. August. Die Sympathiebezeugungen des Publikums wiederholten sich auf der Fahrt in allen deutschen Gauen und pflanzten sich auch in herzlicher Weise durch Österreichs und Italiens Lande fort. Der Feldmarschall selber wurde, während die Einschiffung des Oberkommandos in Genua an Bord der "Sachsen" vom Norddeutschen Lloyd erfolgte, in Rom vom Könige in Abschiedsaudienz empfangen und stach erst von Neapel aus in See. Von den Verstärkungen. Gleichzeitig mit der Aufstellung des Oberkommandos erwies sich deutscherseits eine Verstärkung des ostasiatischen Expeditionskorps als unbedingt erforderlich, einmal wegen der Unsicherheit dermilitärischenLage in der Provinz Petschili, dann weil ein späterer Nachschub infolge Zufrierens der Flüsse und der Taku-Reede nicht gelandet werden konnte, und schließlich, weil das Oberkommando einen sicheren Rückhalt an eigenen Truppen haben mußte. Für dieselben wurden, um die aktiven Truppen durch weitere Abgaben nicht in unerwünschter Weise zu schwächen, auch auf die in großer Zahl freiwillig sich meldenden Mannschaften des Beurlaubtenstandes zurückgegriffen. Die Versammlung und der Abtransport dieser neugebildeten ostasiatischen Truppenteile vollzog sich in derselben Weise und der gleichen herzlichen und freudigen Anteilnahme der Bevölkerung, wie bei den zuerst hinausgegangenen Teilen des Expeditionskorps. Ihre Einschiffung erfolgte in der Zeit vom 31. August bis 7. September, auf den Dampfern "Palatia", "Darmstadt", "Andalusia", "Hannover", "Arcadia", "Crefeld", "Roland", "Valdivia" des Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Amerika-Linie. Bon S. M. dem Kaiser ging kurz vor der Abfahrt des ersten Transports folgender Abschiedsgruß ein: fTelegramnr S. M. Aaiser Wilhelms II. an die Offiziere und Mannschaften des Lxxeöitionskorxs.j ,,Ich sende den Offizieren und Mannschaften, welche heute den vaterländischen Boden auf den Dampfern "Hannover" und "Arcadia" verlassen, Meine wärmsten Abschieösgrüste und bedauere aufrichtig, Luch nicht persönlich aussxrechen zu können, wie Meine besten wünsche Luch begleiten. Ich weist, Ihr werdet alles daranfesten, Luch durch Tapferkeit, Ausdauer und Manneszucht auszuzeichnen, um dem Rufe der deutschen Armee Lhre zu machen. Gott schütze Luch! Adieu, Rameraden! Wilhelm I. R." ^Antwort des Majors Lidl.j "Gerasten Lure Majestät unfern alleruntertstänigsten Dank entgegenzunestmen für die huldvollen Abschiedsworte. Sie erfüllen uns alle mit höchstem Stolze, höchster Freude und geben uns erhöhte Rraft, unsere Soldatenpflichten mutig zu erfüllen überall und immerdar, unverbrüchlich und heilig. Unser Herzblut dem Kaiser! Hurra! Im Namen der Offiziere und Mannschaften der Dampfer .Hannover' und .Arcadia'. Lidl, Major." Die treuesten Wünsche des ganzen Volkes geleiteten auch diese Chinakampfer hinaus nach dem fernen Osten. Mit den Verstärkungstruppen gingen die den neuformierten ostasiatischen Truppenteilen verliehenen Fahnen hinaus nach dem fernen Osten. Vorher hatten sie nach der feierlichen Nagelung im Zeughause zu Berlin in Gegenwart des Kaiserpaares die priesterliche Weihe erhalten: "Pro gloria et patria“, als Denkzeichen stolzer Erinnerungen, als Mahnzeichen heiliger Verpflichtungen, als Wahrzeichen großer Verheißungen sollten sie, mit der Kaiserkrone und dem Kreuz geschmückt, den altpreußischen Fahnenspruch zur Losllug aller deutschen Kämpfer von Nord und Süd, Ost und West machen, sollten zeigen, daß der. deutsche Reichsadler auch im fernen Osten seine Schillingen regt, sollten den Truppen voraugetragen werden, welche als Vertreter der abendländischen Kultur in den Kampf zogen gegen morgenländische Barbarei. Auch die Truppenteile des französischen Expeditionskorps erhielten Fahnen. Präsident Loubet übergab die Ehrenzeichen in Marseille persönlich uird hielt dabei eine Ansprache, deren Gedankengang eine erfreuliche Ilbereinstimmung mit der Auffassung der deutschen Regierung über die Lage in China bewies. Nach Eintreffen aller für den Kriegsschauplatz in Petschili bestimmten Truppen der Mächte konnte Feldmarschall Graf rechnen: Waldersee auf folgende Stärken Deutschland 15^Batl. 4 Esk. I l Batt. — ca. 20 000 Mann 62 Gesch. Frankreich 16 " 2 " 13 " = " 17 000 " 16. Japan 13 3 " 10 " = " 16 000 " 58. Rußland 12 " 3 " 3 " — " 15 000 " 22 " Amerika 6 " II 4 CO 10 000' " 48 " England 8 " 4 " 2 " — " 7 300 " 12 " Italien 2 » 1. =. 2 100 " 4 , Oesterreich — " —. » f=. 300 " — " Zusammen 72^/^Batl. 30 Esk. 48 Batt. = ca. 90 000 Mann 282 Gesch. Neben der Vermehrung ihrer Landtruppen seitens fast sämtlicher beteiligten Staaten erfuhren auch deren Flotten wesentliche Verstärkungen, so daß sich zur selben Zeit im ganzen 153 Kriegsschiffe und 23 Torpedoboote in den chinesischen Gewässern befanden. Das seit Beginn der gemeinsamen Unternehmen gewahrte einträchtige Einvernehmen der verbündeten Truppenkontingente hatte als Frucht die Erreichung des Nächstliegenden drohten das bisher so erfolgreiche Konzert der fremden Mächte zn stören. Allerdings war die Befreiung der Gesandtschaften insofern teuer erkauft, als der hastige Vormarsch auf Peking und die mangelhafte Orientierung über die gegnerischen Maßregeln die Flucht des Hofes ermöglicht und begünstigt hatte. Die Verbündeten hatten weder Zeit, noch die notwendigen Kräfte zur Verfügung, um, diesen Eventualfall vorsehend, eine konzentrische Einschließung der Hauptstadt von langer Hand vorzubereiten und dadurch ein Entweichen der Regierung zu verhindern. Die sichere Handhabe zur Herbeiführung eines raschen Friedensschlusses war damit entgangen, während andernfalls die in der Gewalt der verbündeten Mächte befindliche chinesische Regierung sich umgehend allen Forderungen hätte fügen müssen. Immerhin hatte die Einnahme von Tientsin und der glücklich begonnene Vormarsch der Verbündeten auf Peking seinen Eindruck auf die chinesische Regierung nicht verfehlt. Denn schon Anfang August wandte sich der Kaiser hilfesuchend an Li-Hnng-Tschang, den vielgewandten Vizekönig von Petschili, mit dem Ersuchen, mit den Verbündeten Friedensverhandlungen cinzuleiten und möglichst eine Fortsetzung der Offensive auf Peking zu verhindern. Das nun beginnende diplomatische Zwischenspiel bildet eine der interessantesten, aber auch für die Verbündeten die unerfreulichste Seite der China-Wirren. Dieselbe chinesische Regierung, welche itod) kurz vorher die Vernichtuug aller Fremden auf ihre Fahnen geschrieben, welche Prämien auf die Köpfe getöteter Christen ansgesetzt, welche ihre Truppen auf die Gesandtschaften losgelassen hatte, bittet jetzt um Frieden und hält die Verbündeten für so bethört, daß sie chinesischen Friedensversichernngen trauen würde. Der erste Vorstoß war ein Telegramm Li-Hung-Tschangs an die verbündeten Regierungen, worin er mitteilte, daß er vom Kaiser zum Friedensbevollmächtigten ernannt sei. Gleichzeitig ersuchte er, den Vormarsch auf Peking eiuzustcllen und in Verhandlungen einzutreten. Zu letzterem erklärten sich alle Regierungen bereit, waren aber natürlich nicht geneigt, die militärischen Operationen aufzuhalten, solangenicht seitens Chinas alle Truppen zurückgezogen, die Fremden freigegeben, Sühne für das Geschehene geleistet und Garantien für die Zukunft gegeben wurden. Auch verlangten sie mit ausreichenden Vollmachten versehene Unterhändler. Ein von Li-Hung-Tschang an den Hof gerichtetes geheimes Memorandum hatte verschiedene kaiserliche Dekrete zur Folge, welche dem Vizekönig unbeschränkte Vollmachten erteilten. sltaiserlich-chinesische Depesche an Li-ksung-Tschang.s "Litsung-Tschang, bevollmächtigter Gesandter, wird hierdurch bekleidet mit voller diskretionärer Gewalt. Lr soll auf alle Fragen gewissenhaft eingehen, welche Aufmerksamkeit erfordern. Wir können von hier aus fein Gandeln nicht kontrollieren." Wenn auch dieses Dekret seitens der Verbündeten nicht als genügende Vollmacht zur Führung von endgültigen Verhandlungen behufs Beilegung der Differenzpunkte — da ein "Krieg" nach Auffassung der Regierungen iricht bestand, durfte konsequenter Weise auch nicht der Ausdruck "Friedensunterhandlungen" gebraucht werden — angesehen werden konnte, so bildete es doch den Ausgangspunkt zur Erledigung der Vorfragen. Gleichzeitig mit der Vorlage des obigen VollZieles, die Befreiung der Gesandtschaften in Peking gezeitigt. Leider blieb es nicht so, sondern mit der an und für sich schon täglich schwieriger werdenden diploArbeitszimmer. Das Asbesthaus des Grafen waldcrfce. malischen Lage drängten sich einzelne Mächte mit Sonderinteressen hervor, und die daraus entstehenden Eifersüchteleien Machtsedikts stellte Li-Hung-Tschang an die Mächte die Anforderung, Peking zu räumen, um der kaiserlichen Regierung die Rückkehr zu ermöglichen und dann einen Ort zu bestimmen, wo die eigentlichen Verhandlungen geführt werden sollten. Also nicht als Besiegter, sondern als Sieger geberdete sich der Chinese und trug einen charakteristischen Hochmutsdünkel zur Schau. Während alle Regierungen einmütig in ablehnendem Sinne antworteten, deutscherseits mit der Begründung, daß in Ermangelung genügender Vollmachten überhaupt in Unterhandlungen nicht eingetreten werden könne, überraschte Rußland die Welt mit folgendem ain 31. August veröffentlichten Zirkulartelegramm: sAirkulartelegramm -es Verwesers -es Ministeriums -es Auswärtigen vom 26. August.s Die nächsten Ziele, welche die kaiserliche Regierung gleich vom Anfang der Chinesischen wirren bezweckte, bestanden in folgendem: b in dem Beschützen der Russischen Gesandtschaft in Peking und Sicherstellung der russischen Unterthancn vor verbrecherischen Absichten der chinesischen Rebellen; 2. in der Hilfeleistung an die Chinesische Regierung in dem Kampfe gegen die Wirren im Znteresse einer baldigsten Herstcllung der gesetzlichen Ordnung der Dinge ini Reiche. Als infolge dessen alle interessierten Mächte beschlossen, mit gleichen Zielen Truppen nach Tlstna zu senden, da schlug die Kaiserliche Regierung als Richtschnur bezüglich der Chinesischen Begebenheiten folgende Grundprinzipien vor: *. Die Aufrechtcrhaltung des Linvernehmens der Mächte; 2. die Aufrechterhaltung der früheren Staatsordnung in China; 3. die Beseitigung von allem, was zu der Aufteilung des Himmlischen Reiches führen könnte; 4. mit gemeinsamen Kräften Herstellung der gesetzlichen Zentralregierung in Peking, die allein im stände ist, die Ordnung und Ruhe zu bewahren. Zn diesen Punkten bestand fast zwischen allen Mächten ein Einvernehmen. Da die Kaiserliche Regierung keine anderen Zwecke verfolgt, wird sie auch weiter standhaft ihrem früheren Aktionsprogramm treu bleiben, wenn der Gang der Ereignisse, wie der Angriff der Rebellen auf unsere Truppen in Niutschwang und eine Reihe feindseliger Handlungen der Chinesen an der Grenze unseres Staates, z. B. die Beschießung von Blagowjeschtschensk, Rußland zur Einnahme von Niutschwang und Abschiedsfeier des ©reifen lüalbcrfee in Kiel. zum Einrücken russischer Truppen in das Gebiet der Mandschurei veranlaßton, so können solche zeitweiligen, ausschließlich durch Ungesetzlichkeiten hervorgerufenen Maßregeln, um agressive Handlungen der chinesischen Rebellen abzuwehren, keinesfalls von irgendwelchen selbstsüchtigen Plänen Zeugnis geben, die der Politik der Kaiserlichen Regierung vollkommen fremd sind. Sobald in der Mandschurei erst die Ordnung wiederhergestellt ist, und die unumgänglichen Maßregeln zum Schutze der Lisenbahnen ergriffen sind, deren Bau noch eines besonderen formellen Einvernehmens mit China bezüglich der Konzession bedarf, die der 'Gesellschaft der Chinesischen Gstbahn verliehen werden soll, wird auch das Nachbarreich Rußland nicht ermangeln, seine Truppen aus diesen Gebieten zurückzurufen, vorausgesetzt, daß die Handlungsweise der anderen Mächte dem nicht im Wege steht. Es ist offenbar, daß die Interessen der anderen auswärtigen Mächte, sowie der internationalen Gesellschaften in dem von Rußland besetzten für den internationalen Pandel offenen pafen Niutschwang wie auch auf den Lisenbahnen, die von unseren Truppen wiederbergestellt worden, unverletzt bleiben und völlig gesichert sind. Durch die Einnahme Pekings ist die erste Hauptaufgabe, die sich die Kaiserliche Negierung setzte, die Befreiung der Vertreter der Mächte mit allen in der belagerten Stadt befindlichen Ausländern erreicht. Die zweite Aufgabe, der Mitwirkung der gesetzlichen Zentralregierung zur Perstellung und Ordnung der regelmäßigen Beziehungen zu den Mächten, erscheint bisher schwierig, infolge der Abreise des Kaisers, der KaiserinRegentin und des Tsuugli pameus aus der Residenz. Unter solchen Bedingungen findet die Kaiserliche Regierung nicht hinlänglichen Grund, daß die Gesandtschaften weiter in Peking verweilen. Sobald die gesetzliche Chinesische Regierung die Zügel in die pände nimmt und mit Vollmachten versehene Vertreter zu den Verhandlungen mit den Mächten ernannt Kürschner, China II. Der Kaiser begleitet den Grafen Waldersee am s8. August \()oo in Cassel zum Bahnhofe. hat, wird Rußland nach dem Einvernehmen mit allen auswärtigen Regierungen seinerseits nicht ermangeln, zu diesem Zwecke Bevollmächtigte nach jenem Orte zu senden, wo die Verhandlungen stattfinden werden." Gemäß dieses Zirkulars erging thatsächlich an den russischen Gesandten Staatsrat von Giers, sowie an den Generalleutnant Lenewitsch der Befehl, für die Verwirklichung dieser ausgesprochenen Absichten bezüglich der Überführung der kaiserlichen Gesandtschaft, der russischen Unterthanen lind der russischen Truppen von Peking nach Tientsin zu sorgen. Nachgiebigkeit und Schwäche waren aber erfahrungsgemäß gegenüber Chinesen von unheilvoller Wirkung und konnten nur zur Wiederbelebung des Aufstandes dienen. Da sonst die russische Politik durchaus nicht an diesen Zuständen leidet, so kann mau nur aunehmen, daß sie mit ihren Vorschlägen selbstsüchtige Zwecke verfolgte, um dadurch einen Keil in die bisher so schön gewahrte Einigkeit der Mächte zu treiben. Beider Machtstellung Rußlands in Ostasien, bei seinen Machtmitteln und der rücksichtslosen Energie, mit welcher es seine Pläne konsequent verfolgte, war die Stellungnahme den andern Regierungen außerordentlich erschwert. Wollte man einen allgemeinen Weltbrand verhüten, mußte eine schroffe Ablehnung vermieden werden. Nur zögernd gingen die Antworten ein. Wenn auch Frankreich in seiner Sonderstellung zum Verbündeten an der Newa und die Vereinigten Staaten von Nordamerika bei dem schon von Anfang an zur Nachgiebigkeit neigenden Standpunkt, gewundene Erklärungen abgaben, so war doch der Grundton in den Ansichten aller verbündeten Staaten die Ablehnung des russischen Vorschlags. Derselbe gelangte auch nicht zur Ausführung, höchstens insoweit, als das Zarenreich einen Teil seiner Truppen aus der Provinz Petschili zog und Amerika sein Kontingent auf ein gemischtes Detachement (1 Juf.-Regt., 1 Eskadron, 1 Batterie) herabsetzte, letzteres wohl hauptsächlich, weil es bei dem Mangel an Soldaten solche für die Philippinen zur Verfügung haben mußte. Jedenfalls warf dieser ganze diplomatische Zwischenfall ein grelles Licht auf die Schwierigkeit der Lage, auf die Unsicherheit des Koalitionsverhältnisses und erleichterte durchaus nicht dem unter diesen Eindrücken auf dem Kriegsschauplätze eintreffeuden Feldmarschall Grafen Waldersee seine Thätigkeit. Noch andere Reibungsflächen mußten geglättet werden, und zwar im südlichen Teile des "Himmlischen Reiches". Es muß als ein Glück betrachtet werden, daß die Aufstandsbewegung nicht auch hier Boden faßte, denn dann wäre die Aufgabe der Verbündeten zu einer fast unlösbaren geworden. Trotzdem auch im südlichen Teile Chinas Geheimgesellschaften existierten, dieselben auch eifrig agitiert hatten, wurde ein Hinübergreifen der Boxerbewegung verhindert dank der festen Haltung der Vizekönige und dank der engen Verknüpfung, welche hier europäische Kultur mit chinesischem Volksleben gefunden hatte. Auch hatten die Verbündeten, gewarnt durch die Vorgänge in Petschili, ein wachsames Auge und konnten kleine Aufstandsbeweguugen rasch unterdrücken. Die Gelegenheit einer solchen, bei der in Amoy ein japanisches Heiligtum zerstört wurde, benutzten die Japaner, um Ende August von der ihnen gehörigen gegenüberliegenden Insel Formosa aus ein Landungskorps nach dieser Stadt hinüberzuwerfen. Sofort regte sich die Eifersucht der im Süden besonders interessierten Engländer und Franzosen und deren Besorgnis, daß Japan aus diesem Vorfälle eine dauernde Besetzung des wichtigen Seeplatzes herbeiführen würde. Unleugbar hatte der Hafen niit seinen technischen und natürlichen recht guten Anlagen als Handelsstation und strategischer Stützpunkt gerade für Japan eine besondere Bedeutung. Seine Besetzung hätte zu der, schon im Kriege gegen China erstrebten, von den Mächten aber verhinderten Festsetzung auf dem Festlaudc geführt. Jedoch hatte ein kurzer diplomatischer Notenwechsel den Erfolg, daß Japan sein Landungskorps bis auf eine kleine Schutzwache von 80 Mann zurückzog. Die gleichzeitige Entsendung von Kriegsschiffen seitens der anderen Nationen nach Amoy sicherte die Verhütung einer Sonderaktion. Ähnlich lagen die Verhältnisse in Schanghai und Kanton. In ersterem, dem Haupthaudelsplatz des reichen Bangtszekiang-Thales, hatten die Engländer bisher die Hauptinteressen und betrachteten schon stillschweigend diesen Teil Chinas als ihre ausschließliche Einflußsphäre. Der drohende Ausbruch von Unruhen erforderte ein Landen von Truppen. Auch hier verhinderte die rechtzeitige Anwesenheit deutscher, französischer und japanischer Schiffe ein isoliertes Auftreten einer einzelnen Nation. Die deutschen Machtmittel erfuhren hier durch die in der zweiten Hälfte des August eintreffeude Panzerdivision und später durch Teile des ostasiatischen Expeditionskorps eine bedeutende und achtunggebietende Verstärkung. Im Laufe des Mouats August versammelte sich vor Schanghai eine internationale Flotte von 35, vor Kanton eine solche von 29 Schiffen. Dieses Aufgebot hielt einerseits die chinesische Bevölkerung im Zaum, andrerseits wahrte es die Einigkeit des Handelns seitens der verbündeten Mächte. 293 yyyyyoyyyyyvyyyvyvvyyyvoovvvv Die Überfahrt. VOOVOOOOOOOVOVQQOVOOOQVOOOVOO 294 Achter Abschnitt. Überfahrt und erste Thätigkeit des Ostasiatischen Expeditionskorps und des Oberkommandos. Die Überfahrt. Mit derselben Schnelligkeit, Pünktlichkeit und Präzision, mit welcher die Mobilmachung und Einschiffung des gesamten ostasiatischen Expeditionskorps und des Oberkommandos sich vollzogen hatte, ging auch dank der vorzüglichen Qualität des deutschen Schiffsmaterials die Seereise ohne Unfall von statten. Sie bildete ebenso wie die kriegerische Thätigkeit im fernen Osten ein ganz neues Blatt in Deutschlands Heeresgeschichte. War es doch das erste Mal, daß ein größerer deutscher Truppentransport über das Weltmeer ging, und lernten doch ans diese Weise viele deutsche Männer fremde Erdteile mit all ihren eigenartigen Eindrücken kennen. Es würde selbstverständlich zu weit führen, wenn hier eine eingehende Schilderung von der Überfahrt der einzelnen Dampfer gemacht würde. Mehr oder weniger wiederholte sich dasselbe Bild. Damit aber der Leser sich einen ungefähren Begriff vom Leben und Treiben unserer Chinatruppen an Bord machen kann, seien hier einige Schilderungen von beteiligten Offizieren im Wortlaute wiedergegeben: sLin deutscher Gffizicr über das Leben am Bord des Damxfers "Rhein ".f "wundersamer Abend! Das Mittagesfen ist eingenommen, alles strömt aufs Vorderdeck, rauchend und plaudernd. Ruhig gleitet das Schiff durch die spiegelglatte See, weit hinter sich eine breite, silberglänzende Spur ziehend. Milder Mondschein beleuchtet die Scenerie. Leise, halbvcrschlungen von dem Geplätscher der sich am Bug brechenden Wellen, klingen die Töne einer Mundharmonika vom Vorder deck, wo sich die Mannschaften malerisch gelagert haben. Liier eine Gruppe Karten spielend, dort erzählt ein Musketier den ihm neugierig zuhörenden Kameraden von seiner süddeutschen Heimat. Lr ist württemberger, sein gemütlicher Dialekt wirkt erheiternd auf die norddeutschen Landsleute. Andere liegen in ihre Zeltbahnen gehüllt, sehen zu den Sternen, oder lugen nach der fernen Küste Spaniens. wir haben Tarifa passiert und nähern uns Gibraltar. Erweckte schon der Name Trafalgar historische Erinnerungen und besonderes Interesse, so stieg dasselbe noch, als wir nach den Lichtern Gibraltars ausschauten, diesem so mächtigen Bollwerk Albions auf fremdem festländischen Boden.. Tine gewisse Spannung bemächtigte sich aller, die Gruppen lösten sich und bildeten sich wieder. Mit dem Glase in der Hand beobachten viele das am Horizont auftauchende Blinkfeuer ain südlichsten Teile von Gibraltar. Es ist abends geworden. Das 3. ostasiatische Infanterieregiment und die anderen Formationen treten auf Backbord an, die Gffiziere und die Regimentsmusik oben auf dem Promenadendeck. Spannendes Stillschweigen, kein Laut ist hörbar, nur das eintönige plätschern der Wellen. Jetzt erkannte man deutlich die Lichter der Stadt, deren Häuser vereinzelt bis hoch an den stolzen Felsen hinaufkriechen. Der oberste Teil des letzteren war finster, plötzlich steigt zum abendlichen Himmel eine Rakete, dann eine zweite. Der "Rhein" antwortet mit Lichtsignalen. Immer näher konrmen wir der Festung. Auf 600 m rauscht der Dampfer an ihr vorüber. Die Musik intoniert den ,preußenmarsch', dessen markige Töne mit den Klängen der beiden Nationen eigenen Nationalhymne hinübergleiten zu den Engländern. Dann ein weihevoller Moment. Aus der Menge der Soldaten heraus, ohne Anregung, ertönt das Lied ,Deutschland, Deutschland über Alles'. Aus 2300 Männerkehlen braust der Gesang herrlich und imponierend über das Meer, getragen vom kühlen Abendwind. Er bezeichnete die tiefgehende Begeisterung, welche in aller Herzen saß. vor der Einschiffung an Bord der "palatia" in Bremerhaven. 19* Das (Oberkommando für China fährt auf der " Sachsen" von Genua ab. (Im Moment der Abfahrt bringt Genernlninjor Lrhr. v. Gayl eilt ^och auf Italien ans.) Lange dauerte es, bis die Wellen dieser spontanen Begeisterung sich gelegt hatten, langsam suchte seder seine Lagerstätte auf. Das Deck ist bald besät mit dunkelbraunen Gestalten, welche in Zeltbahnen gehüllt, in den wunderbarsten Lagen und Stellungen — Kopf tief, Beine hoch, gegen die Schiffswand gestemmt — so die Nacht verbrachten. Der Ronde,,gang, den der (Offizier vom Dienst zu machen hatte, ist von besonderem Interesse. Sich durchwindend durch all die schnarchende,: Krieger, gelangt er auf schmalen Schiffstreppen mit einiger Lebensgefahr hinab in die Gepäckräume. Line dumpfe, schwüle Luft schlägt ihm entgegen. Dort steht ein Posten mit gezogenen, Seitengewehr. Parole .Gibraltar' schallt es dem Offizier entgegen. Lin solcher Posten hier in dem dunkeln und schwülen Raum ist am Tage, wo er die hundert Nanien an all den Gepäckstücken, Leder-, Zmkkoffern und Risten, wahre Bundesladen, studieren kann, schon interessanter, nachts aber weniger angenehm. Dann zum Posten vor der wohlgefüllten Rriegskasfs, in, schmalen, engen Gang, an dem auch die Kabinen der Kriegszahlmeister liegen. Der Posten hat mehr zu sehen und zu Horen. Am Tage dauernder Verkehr, des Nachts das melodische , Schnarchen der fünfzig ans engem Räum zusammengedrängten Menschen, dazu das regelmäßige Stampfen der nahegelegenen Maschine. Dieser verdanken wir, daß unser wackeres Schiff, obwohl cs erst am 2. August Bremerhaven verlassen hatte, heute am ff. die zwei Tage früher abgefahrene ,Straßburg' südlich Kreta ans offener See einholte. Allerdings hatte dieser Dampfer einige Stunden wegen stürmischer See an der Wesermündung gelegen. Lndlich Kameraden, Landsleute! Näher kamen wir,., der ,Straßburg'. An dem schwarzen Ranch konnten wir erkennen, wie die Maschine mächtig arbeitete, um rascher vorwärts zu ko,unten. Doch bald erreichten wir den Dampfer und fuhren nur 250 m entfernt eins Zeit lang neben ihn,. Line stürmische Begrüßung folgte. Unsere Kapelle spielt: ,G Straßburg, o Straßbnrg', dort antwortete man ,Nur an, Rhein da will ich leben'. Die herrlichen Klänge der Volkslieder kamen und gingen zu Herzen. Deutsche aller Volksstämme begrüßten sich hier auf hoher See in Heller Begeisterung für die ihrer harrende Aufgabe. Doch rasch entschwindet der Dampfer im Dunkel der Nacht unser,, Blicken. ,Auf Wiedersehen in, fernen Osten', mit diesem Wunsche suchte jeder sein Lager auf. Ls ist wunderbar, seit zehn Tagen keine Nachricht von der Welt, von, Kriegsschauplätze, dem wir zueilen, und den wir aus allen möglichen Büchern und Atlanten studieren. Unser Schiff ist eine Welt für sich. Der vergleich mit dem Leben in einem Bienenkorb oder Ameisenhaufen ist berechtigt. Trotz aller Lnge, trotz allen Gedränges doch musterhafte Ordnung. Jeder weg ist eingcteilt, jeder Tentiinetcr berücksichtigt, was zuerst eine Unmöglichkeit schien, geht, weil es gehen muß. Schließt me, die Augen, so verseht der Klang der vielen Kommandos, das Knallen der Gewehre — es wird auch scharf geschossen , das Ueben der Spielleute zurück auf die heimatlichen Uebungsplähe, nichts erinnert daran, daß man sich in voller Fahrt im Mittelmeer befindet. Amüsant ist die Toilette der Leute! Der Korxoralschaftsunteroffizier bemächtigt sich eines großen Schlauches und duscht erst jeden einzelnen Mann seiner Korxoralschaft, dann diese selbst noch einmal im ganzen mit frischem Wasser ab. Lin köstliches Bild! Die Soldaten in Adamskostüm und der preußische Unteroffizier in seiner Rolle als Bademeister. Erstaunlich mitanznsehen ist die Art, wie die Leute ihre Briefe erledigen. Stehend, den Bogen an den Ventilator gedrückt, oder auf den, Bauch liegend, rechts und links von exerzierenden oder laut schwatzenden Kameraden umgeben. Den Offizieren geht es nicht besser. Bei der starken Belegung sind die Kabinen zum Briefschreiben nicht zu benutzen, dazu muß der Lßsalon herhalten. In diesem nicht besonders großen Raume schreiben ungefähr f50 Offiziere und Beamte, was das heißt, begreift nur derjenige, welcher es gesehen und initgen,acht hat. Dieser Spektakel! .Steward, eine Tasse Kaffee! Lin Butterbrot! Lin Glas Bier!' so geht es fortwährend, plötzlich ruft jemand von oben herunter: ,vorn ani Bug Delphine!' viele stürmen hinaus, um bald darauf lachend und scherzend wieder zu erscheinen. Mieder ein Ruhestörer: ,Land zu sehen, die afrikanische Küste', dasselbe Schauspiel. Und kommt man zurück, steheu die Stewards zum Tischdecken bereit; man packt alles zusammen, um später den versuch zu erneuern. Die Post für Port Said wird geordnet. Ueber 2000 Briefe und Karten gehen vom ,Rhein' in die Heimat." Ein anderer Offizier berichtete von der Fahrt: "Sehr gut war die Unterkunft der Mannschaften, besonders im vergleich zu derjenigen der Mannschaften anderer Nationen auf den Transportschiffen. Für Ventilation war durch zahlreiche, bis in den untersten Schiffsraum reichende Windsäcke nach Möglichkeit gesorgt. Jeden Tag wurden die Leute mittels großer Schläuche mit Seewasser abgesxritzt, und dann mit Süßwasser abgespült, um dem ,Roten lsund' vorzubeugen, einem schmerzhaften Ausschlage, der sich bei fortgesetzten: Baden in Salzwasser in den Tropen leicht einstellt. Wöchentlich zweimal wurde auf der Back und dem Achterdeck eine große Badewanne aus Segelleinwand etabliert, in der die Mannschaften fröhlich umherpaddclten. Die Verpflegung von (Offizieren und Mannschaften war dank der zwischen der lseeresverwaltung und dem Lloyd getroffenen Abmachungen reichlich und gut. — Schwierig ist cs, bei einer so engen Belegung stets in allen Teilen des Schiffes die unbedingt erforderliche peinliche Sauberkeit aufrecht zu erhalten. Durch die Ernennung einer aus (Offizieren, Aerzten und verwaltungsbeamtsn zusammengesetzten ,Gesundheits-Kommission', welche täglich alle Räume des Schiffes, sowie Speisen und Getränke zu untersuchen hatte, wurde auch dieser Forderung Rechnung getragen. Für die Zerstreuung der Langeweile bei unseren Leuten — dieses größten Feindes bei allen langen Truppentransporten — wurde nach Kräften gesorgt. — Außer dem regelmäßigen Exerzieren wurde geturnt, geschossen, instruiert, fast wie in der Garnison; es wurden mit den Leuten Spiele gespielt und Sportübungeu betrieben. Line große Rolle spielte der Gesang, und die Behauptung, daß er das beste Mittel gegen Seekrankheit sei, hat sich bei unserer Fahrt ganz entschieden bewährt. Sehr anregend wirkten die von den an Bord unseres Schiffes befindlichen beiden Divisionspfarrcrn Schmidt (ev.) und Or. Iseke (kath.) veranstalteten abendlichen Sprechstunden, bei denen den Mannschaften die Beteiligung freigestcllt war, Gegenstände des religiösen und weltlichen Gebietes besprochen, sowie geistliche und Volkslieder gesungen wurden. Die Beteiligung an diesen Sprechstunden war stets eine außerordentlich rege. Das Gleiche gilt von den jeden Sonntag abgehaltenen Gottesdiensten; den beiden genannten lserren gebührt ein besonderer Dank für ihre aufopfernde Mühe und vortreffliche Einwirkung auf die Leute. Zuin Schlüsse möchte ich noch eines interessanten Versuches erwähnen, der au Bord unseres Schiffes mit einem Pferdetransporte gemacht wurde. Die Pferde waren in verhältnismäßig bequemen Boxen auf dem Achterdeck untergebracht und wurden täglich nach dem putzen auf Deck einigemale aufund abgeführt, um ihnen etwas Bewegung zu machen. — Alle 3 Pferde haben die Reise sehr gut überstanden und kamen in vortrefflicher Verfassung in Thina an [<£ht (Offizier aus dem Stabe des Grafen walderfee erzählt folgende Episode von der Abfahrt aus Singaxore.j Nur acht Dieter Abstand war zwischen dem Lsinterteil des französischen Truppentransxortschiffes "In Champagne" und unserem Vordersteven. Drüben stehen dicht gedrängt deutsche Landsleute. Ueberall rote Hosen, und auf dem Hellen Haar nimmt sich die französische Feldmütze gar eigen aus. Ls sind etwa 500 Mann von der Fremdenlegion mit einem Bataillon Marine-Infanterie. Dicht gedrängt steht unsere Stabswache am Vordersteven. "Labt ihr keinen Berliner drüben?" "Nu freilich. liier ist einer vom Mühleudamm!" Nun dies Herüber und Hinüber. "Ist kein Bayer unter Luch." Nun, der findet sich in Gestalt eines Thevauxlegers in Khaki, ich rief hinüber: "Ist kein Düsseldorfer da?" "Gewiß." Er wird geholt, "H." heißt er und ist in der Ratiugerstraße .511 Hause. Lr schreibt schnell einen kurzen Brief an seine Eltern, wickelt ihn um eine Kartoffel und wirft ihn herüber. Ich warf ihm und seinem Kameraden einige größere Geldstücke hinüber, die bis auf eines richtig aufgefangen wurden. Zum Dank bekam ich von einem anderen, in einem alten, blauen Putzlappen eingewickelt, eine ganze Anzahl alter arabischer Münzen. Und nun wird durch ein Schiffstau eine regelrechte Verbindung hergestellt von Schiff zu Schiff, per üb er wauderte französischer Rotwein und Tigaretten und hinüber Bier und Tigarren u. s. w. "Wie viel haben Sic noch drüben in Algier abzudiencn?" "Noch 32 Monat!" ruft der Düsseldorfer, "dann komme ich wieder nach Hause. Wärs nur erst so weit." "Ja, aber Sic sind doch gewiß irgendwo dersertiert und da dürfen Sie doch nicht zurück." "Nein, ich habe in Metz meine ' Jahre regelrecht abgedient." Die Landung. Die Ausschiffung der sämtlichen deutschen Truppen geschah von der Taku-Reede aus. Nur der Stab und zwei Kompagnien vom I. Bataillon des 1. ostasiatischen Jnf.-Regts. wurden vorläufig als Teil der internationalen Besatzung in Schanghai zurückgelassen, bis die zwei 9. (Etappen-)Komp. des 1. und 2. ostasiatischen Jnf.-Regts. sie ablösten. An der Spitze des gesamten deutschen Expeditionskorps erreichte die "Halle" mit der ersten schweren Feldhaubitz-Batterie an Bord am 6. September die Reede von Taku; ihr folgten kurz hintereinander die "Batavia", "Dresden" und "Rhein". Da gleichzeitig auch die Transporte anderer Nationen eiutrafen, so entwickelte sich auf der Taku-Reede und dem Landungsplätze bei der Eisenbahnstation Tongku ein reges militärisches Leben, wie es jedenfalls diese öde Gegend noch nie vorher gesehen hatte. Trotz aller Vorbereitungen seitens der deutschen Heeresverwaltung und trotzdem schon ein Fourierkommando unter Major von Falkenhayn seit dem 3. September zu Vorbereitungszwecken im Aufmarschgebiete weilte, gab es doch eine Unzahl Stockungen und unvorhergesehene Zwischenfälle. Glücklicherweise war dieBahnverbindung zwischenTongkü und Tientsin vonrussischen Truppen wieder hergestellt und am Tage benutzbar, so daß mit dem Massentrausport der Güter begonnen werden konnte. Wenn auch mit der am 13. September erfolgten Ankunft des "Rhein" der größere Teil des deutschen Expeditionskorps auf dem Kriegsschauplätze versammelt >var, so konnten dieselben doch noch nicht Verwendung finden, denn die Ausladung der schweren Stücke, vor allem des Artillerieund Pioniermaterials, nahm sehr viel Zeit in Anspruch. Die deutschen Truppen wurden nach Möglichkeit sofort nach Tientsin in Marsch gesetzt, wo sie in der Universität (3. ostasiat. Jnf.-Regt.) oder innerhalb der Fremden-Niederlassung Biwak bezogen. [€tn deutscher «Offizier schildert die Eindrücke von der Überfahrt und Landung./I "Der Seetransport, wenigstens der Masse des Expeditionskorps, war beendet. Wirkt schon jede Seereise auf die Dauer erschlaffend, so muß dies in höherem Maße auf Militär-Transporte zutreffen, zumal bei der überaus engen Belegung der Dampfer. Unter diesen Umständen und infolge der ungewöhnlich großen Hitze waren sechs Wochen Seefahrt mit nur ganz geringen, kurzen Unterbrechungen von wenigen Stunden für Offiziere wie Mannschaften keine Uleinigkeit. Dank sehr guter Maßnahmen, vorzüglicher Verpflegung und strenger Ueberwachung war der Gesundheitszustand vortrefflich. Nur drei Todesfälle während der Fahrt sind vorgekommen; ein Mann starb im Hospital in Port Said an Gehirnhautentzündung; ein anderer muß unbemerkt über Bord gefallen sein; endlich ist Feldwebel Grams der 2. Uompagnie des 5. /Infanterie-Regiments den Folgen eines Hitzschlages erlegen. Er wurde eingchüllt in die deutsche Flagge, bei dunkler Nacht in die Wellen des Indischen Ozeans versenkt, nachdem der Geistliche ergreifende Worte gesprochen hatte. Drei Salven gab man dem Toten. Tief ergriffen und lautlos standen die Truppen nach beendeter Feier. — Kapellmeister, ,3dl bin ein Preuße', befahl Excellenz von Lessel, und fest und zuversichtlidi klang der preußenmarsdi über den Ozean durch die säiwarze Tropennacht. Sonst waren Fälle von Hitzschlag selten und leidst. Das Heizerpersonal der Transportschiffe aber hat schwer gelitten. Am frühen Morgen des jo. September trafen wir auf der Reede von Taku ein. Hindurch durch die stattliäie Reihe von englisdien, japanischen, amerikanischen, russischen und französisdien Schiffen ging's zu dem den Deutfdien zugewiesenen Teil der Reede. Aus der Ferne schickten Gesterreickier, Italiener, Holländer ihre Flaggengrüße, und bald legte siäi eine deutsche Marinepinasse breitseits, die nähere Anweisung für das Ankern brachte. Man erfuhr, daß ein Teil der Besetzung des .Rhein' noch an diesen, Tage an Land befördert werden sollte. Naäi sechs Wochen der Ueberfahrt endlich an Land! Bald legten sich zwei Leichter neben den ,Rhein', die Uebernahme eines Teils der Bagagen und der für die ersten Tage notwendigen Verpflegung begann. Nachdem nachmittags drei Kompagnien auf den einen der Leichter übernommen waren, setzte sich dieser auf Taku in Bewegung. Es war ein ziemlich großer, geräumiger Raddampfer, der in Deutschland erbaut war und seine Seetüchtigkeit durch seine Ueberfahrt hierher bewiesen hatte. Jetzt fuhr er trotz seines chinesischen Namens und'chinesischer Besatzung unter deutscher Flagge mit deutschem Kapitän. Das Korps-Kommando wurde durch ein Torpedoboot an Land gebracht. Schon meilenweit von der Küste hatte das Meer eine schmutziggelbe Färbung; se näher man der peihoMündung kam, um so mehr nahm das Wasser eine fast ziegelrote Farbe an. 3t der Ferne erschienen die Forts von Taku, inan erkannte neben anderen die deutsche Flagge auf deu ausgedehnten Befeftignngsanlagen. Dann traten die einzelnen Merke deutlich hervor, man unterschied die bewachenden Posten. Mit günstiger Flut wurde die Barre vor der Flußmündung passiert, und mit kräftigem .lsiirra' fuhren wir tu den peiho ein. Zu beiden Seiteii lagen die elenden Trümmer des verwüsteten Taku. Kein Baum, kein Strauch, kein Grün; graugelb war der schlammige Erdboden, ebenso waren die niedrigen Lehmhäuser gefärbt, die sich am Flusse hinzogen. Schon hier bekam mail einen Begriff von der ungeheuer starken Bevölkerung des Landes: überall wimmelte es voit gelben, halbnackten, höchstens mit einem leichten blauen Kittel bekleideten Thinesen. Gegen Abend wurde Tongku erreicht, der vorläufige Etappenort der meisten ant Feldzuge beteiligten Mächte, lsier fand die zweite Umladung statt, denn die Leichter sind nicht in der Lage, den peiho weiter hinaufzufahren. Personen und Güter werden von hier aus mit der wiederhergestellten, von russischen Eisenbahntruppen sehr gut verwalteten Bahn nach Tientsin gebracht. Dort giebt es neue Schwierigkeiten; die Truppen können zwar vom Bahnhofe Tientsin den Meg zuiii deutschen Lager zu Fuß zurücklegen, das sehr umfangreiche Material aber muß am Güterbahnhof in Dschunken verladen und auf diesen den peiho hinunter zum Lager und zu den Provianthäusern geschafft werden. Neuerdings sind deutsche Lisenbahntruppen damit beschäftigt, zur Beseitigung dieser sehr empfindlichen Schwierigkeiten eine Anschlußbahn bis zum Lager u bauen. —• In der ordnungsmäßigen, in Fluß bleibenden Entladung unserer großen Transportdampfcr und der möglichst schleunigen Heranführung der großen Masse!! an Material und verpflcgungsmitteln liegt eine der vielen Schwierigkeiten, mit denen die Truppenführung zu rechnen hat. In Tongku sah es nicht viel besser aus, als in Taku, die meisten Häuser und Straßen in Trümmern, hier und da eine notdürftige Miederherstellung zum Schutze der Etappen Behörden und Truppen. Das deutsche LtappenKommando teilt seinen Hamen mit einer japanischen MilitärBehörde. Mir hatten am Bollwerk angelegt und sogleich mit der Ausladung begonnen, die noch einige Stunden der Nacht in Anspruch nahm. Ermöglicht wurde diese Arbeit durch die uns von S. M. Kbt. ,Iaguar' durch Scheinwerfer gespendete Beleuchtung. Ein Zug nach Tientsin war erst am nächsten Morgen zu haben. Bei Nacht ist der Betrieb trotz der zahlreichen russischen Bahnund Brückenwachen natürlich gefährdet. Bei Tage verkehren vier Züge in jeder Richtung. Die Fahrzeit für die Strecke Tongku-Tientsin beträgt fahrplanmäßig 21/.! Stunden; sie wird aber, wie dies unter den gegenwärtigen Verhältnissen durchaus nicht zu vermeiden ist, oft erheblich überschritten. So mußten wir neben unserem Gepäck auf dent Bollwerk für den Rest der Nacht liegen bleiben. Durch zahlreiche Posten wurde der von den drei Kompagnien belegte Raum abgesperrt; denn rechts und links schlossen sich Japaner, Inder, Amerikaner, Australier an, und vom Masser her suchten die Dschunken anzulegen. Schon in dieser ersten Nacht auf nordchinesischem Boden lernten wir, daß in diesem Kriege der Schutz des Eigenvorbereitungstums ganz besonderer Fürsorge bedarf, — gar dem Bahnhof. Lin dauerndes Gehen und ohrenbetäubendes Stimmgewirr! da ziehen Soldaten vorüber im gleichmäßigen Tritt, strammer Haltung; dieses sowohl, wie ihre tadellosen Ehrenbezeugungen rufen immer wieder Worte der Anerkennung bei den fremden Gfsiziercu hervor. Ls folgen etwa fOO Chinesen, unter viel Geschrei und Geschwätze drängen sie sich ängstlich um einen Flaggcnträger. Letzterer trägt die Fahne derjenigen Nation, welche diese Kults geworben hat, außerdem tragen diese selbst noch die betreffenden Farben auf dem Oberarm. Daun kommen Kosaken in schmutzig-weißen Kitteln, ihre struppigen, kleinen Pferdchen in die Schwemme reitend, immer zu zweien und meistens im Galopp; verwegene bärtige Gesichter! Weiter sieht inan die Vertreter der Zruncke nation, welche an pfcrdcmaterial wohl das hübscheste von allen Nationen aufweisen. I» langen Reihen ziehen die stolzen Berberhengste tänzelnd und übermütig wiehernd vorüber, auf ihnen keck aussehende, schlanke Reitergestalten. Ihre blauen Röcke, roten Hosen heben sich i,n Sonnenschein scharf von den Tieren ab, lustig wehen im winde die weißen Nackentücher. I-der reckt sich, jeder läßt sein Pferd springen, die eitlen Kerls kokettieren gern, aber sie sehen auch gut aus. Hinter den Eskadrons folgen die kranken Pferde, verhältnismäßig wenige in Anbetracht der langen Seereise. Die Aufmerksamkeit aller lenkt ein auffallend hübscher Mensch auf sich, schwarzgebrannt von der afrikanischen Sonne, blitzende braune Augen, aufgezwirbelten Schnurrbart. Lr zieht sein lahmes Roß, ein bildschönes Tier, nicht zu reden von den hier überall, zumal bei Nacht, umherstreifcnden internationalen Abenteurern, die sicherlich au dcti bisherigen Plünderungen einen Hauptanteil haben. Am nächsten Morgen ging's mit der Bahn nach Tientsin. Mit demselben Zuge fuhr das Korps-Kommando. General von Lcssel, der in aller Frühe eine Besichtigung der Umgegend vorgenommen hatte, wurde am Bahnhofe von einer russischen Ehren^ wache aus zwei Ssotnien Kosaken erwartet." sBericht eines deutschen Offiziers aus Tongku.j "Leider lebt der alte Ben Akiba nicht mehr, sein stets resigniertes überlegenes Lächeln mit der stereotypen Bemerkung,Ist ja alles schon einmal dagewesen' würde ihn verlassen, int Gegenteil, er würde paff sein beim Anblick der augenblicklichen hiesigen Verhältnisse. Bis vor kurzem war Tongku ein Veit Europäern fast unbekannter Grt, jetzt macht keiner den I"tendanturbeäinten aller China beteiligten Nationen so viel rade die kleine Eisenbahnstation an der Peiho-Mündung. Dieselbe besteht zur Zeit eigentlich nur aus etwa 20 massiven, mehr oder minder durch Geschosse beschädigten Häusern, alle übrigen Baulichkeiten sind abgebrannt, die noch vorhandenen von den Marsjüngern aller Herren Länder in Besitz genommen. Nachmittags gegen 5 Uhr muß man sich vor das ,Hotel' setzen, seinen Whisky trinken und scheu und staunen. Das hinter sich her. Als er die vielen fremden Gffiziere sah, hält er an, legt seinen Kopf an den ksals des Tieres und spricht tröstend mit dem klugblickcnden Pferde. Er stellt ein hübsches Bild, der Schauspieler! — plötzlich wildes Getöse, erneutes Lsufgetrappcl, einige hundert kleine Pferdchen, Zwergponies, geritten von weißen Gestalten, in flatternde Gewänder gehüllt, mit Turbanen auf dem Kopfe, rasen vorbei. Ls sind Koreaner in französischen Diensten, vergeblich versuchen einige alte französische Sergeanten Grdnung in diese wilde Gesellschaft zu bringen. Japanische Kulis gehen gemessenen Schrittes vorüber, einen Toten tragend. Liner der Ihrigen ist beiin Ausladen eines Schiffes tödlich gestürzt und soll nun verbrannt werden. Linige fremde Gffiziere schließen sich dem merkwürdigen Lcichenzuge an. Ls geht nicht weit. Linige hundert Meter von der bsäusergrcnze entfernt wird die Leiche in sitzender Stellung auf einem kleinen bsolzhaufen aufgcbahrt und es beginnt eine Leichenfeier ganz europäischen Lharakters. Lin anwesender japanischer Arzt sagt eine kurze Leichenrede, die Anwesenden entblößen ihre bsäupter, während ein verwandter oder Freund des verstorbenen die Fackel an den Holzstoß hält. Langsam schwält der Rauch zuni Abendhimmel, dann hat in kurzer Zeit die Flamme die sterblichen Ueberreste verzehrt. Still begicbt sich jeder wieder an seine Arbeit. Lin Blick in die Lbene läßt iin Abendsonnenschein manch Kreuzlein erkennen. Friedlich schluinmern hier in brauner Lrde Söhne der Nationen nebeneinander, welche sich zur Niederwerfung des wilden Aufruhrs grausamer Thinesen zusammengefunden haben. Nsrnento rnoril Lin kühler wind, gelben dünnen Staub vor sich hertreibend, thut sich auf, man schauert fröstelnd zusammen und eilt zum kleinen Zelt am Ufer des peiho. Und dieser kaum 5 km lange weg zeigt wieder eine andere Welt. 2luf dem trüben Wasser des Flusses liegt Dampfer neben Dampfer, Dschunke neben Dschunke, dazwischen die Kanonenboote der Mächte, darunter auch der deutsche .Jaguar'. Der weg führt durch das Kosakcnlagsr. Zwischen Lisenbahnschienen sind die Pferde festgekoppelt, dazwischen stehen vereinzelte, schmutzig-graue Zelte. Der Posten erweist eine stramme Ehrenbezeugung. Mühsam muß man sich jetzt durch Berge von Kisten und Säcken hindurchwinden. Ueberall Posten an Posten, der Russe neben dem Deutschen, Italiener, Japaner. Letztere sind auffallend kleine Gestalten in einer Uniform, welche aus französischen und deutschen Bekleidungsdepots zusammengcstoppclt erscheint. Die schärfste Bewachung ist notwendig, und doch wird noch viel gestohlen, obwohl in der Nacht auf jeden, der nicht auf Anruf steht, geschossen wird, plötzlich ertönt wüstes Geschrei. 2111c, auch die Tapfersten, reißen aus und flüchten sich auf die Berge der Kisten. Durch die Lagerstraße rast ein entlaufener Stier von dem für die Deutschen bestimmten australischen Schlachtvieh. Der Schaum steht ihm am Maul, er stutzt einen Augenblick, und dieser Moment ist sein Tod. Lin wohlgezielter Schuß eines Postens streckt ihn nieder, und ächzend bricht das mächtige Tier zusannncn. Diese Tiere, wild eingefangen, wochenlang im Dunkel des Zwischendecks gehalten, werden bei der Landung oft außerordentlich gefährlich und machen den Transportkonnnandos viel zu schaffen. Schließlich erreicht man das Lager der Deutschen. Schon dämmert der Abend. Die Nachtmahlzeit wird bereitet; sie mundet vortrefflich: Rührei, Lrbswurst, dazu Bier aus der Heimat. Line Liebesgabenzigarre beschließt das Mahl. Dann begicbt sich alles in die Zelte. Noch lange aber hört man das halblaute Stimmengewirr. Die einen lauschen den Erzählungen eines Matrosen vom Seymourschen Expeditionskorps, die anderen bringen den Mannschaften der japanischen wache, welche bei den Deutschen mit verpflegt werden, deutsche Laute bei. Lin Japaner lernt zählen. Bis fO hat er schon in zwei Tagen leidlich gelernt: eins, twei, trei, scs. ,Zum Donnerwetter, Japan, Bengel xaß auf!' Nun hat er seine Sache gut gemacht und bekommt ein Kochgeschirr voll Lssen. Unter vielen Dankesbezeugungen und Bücklingen zieht er ab. ,Gute Nacht, Japan!' ,Nacht German!' Um 8*/» Uhr beginnen die langgezogenen Töne des 1900/1901. VOQOQOOOQQVOOOVQOOOOOQOVOOOO 308 Zapfenstreichs aus allen Lagern, dazwischen dideutschen und russischen Gcbetsklänge. Das Sarosche Potpourri schien iu Thina in einer neuen Auflage zu entstehen. Nun herrscht bald Ruhe. Dann und wann heult in der Nacht mit furchtbaren Lauten ein Maultier, einige Schüsse fallen, keiner kümmert sich mehr darum, man hat sich schon daran gewöhnt. 2(uf harter Lrde, denn Stroh giebt's nicht, schläft sich's wundervoll." Die Erstürmung der Peitang-Forts. Die steigende Bedeutung, welche der Bahnhof Tongkn als Ausschiffungspunkt und die Bahnlinie Tongku-Tientsin gewannen, zwangen die Verbündeten, für deren Sicherheit und für den ungestörten Gebrauch umfassende Vorsichtsmaßregeln zu treffen. Es konnte aber von einem gefahrlosen Betrieb nicht die Rede sein, so lange Peitang mit seinen Forts, etwa 17 km Luftlinie nördlich von Tongkn, im Besitze der Chinesen war. Auch beherrschten diese Forts die Bahnlinie nach Schanheikwan, einem Hafenplatz, welcher wegen seiner günstigen Eisverhältnisse für die gesamte Zufuhr während der Wintermonate im Besitz der Verbündeten sein mußte. Es war daher notwendig, die Peitang-Forts und Schanhaikwan mit Gewalt zu nehmen, falls die dort stehenden chinesischen Truppen nicht vorzogen, die Plätze freiwillig zu räumen. Es hatten sich nämlich hierher die sämtlichen nach der Eroberung von Taku und Tientsin nach Norden geflohenen regulären kaiserlichen Truppen und Boxerbanden zurückgezogen. Man hätte denken sollen, daß die Wegnahme der beiden befestigten Stellungen, namentlich der in unmittelbarer Nähe von Tongkn gelegenen Peitang-Forts schon viel früher notwendig gewesen wäre; denn feindliche Unternehmungen von dort hätten die ganze Ausschiffung der Truppen stören und empfindlich verlangsamen können. Aber dem Feinde fehlte jegliche Initiative, er verschwendete die ihm gelassene Zeit mit umfangreichen Verschanzungsarbeiten und versuchte nicht einmal, mit seinen weittragenden Geschützen den Bahnhof Tongkn und den ersten Teil der Bahnstrecke bis zur Station Hsingfo unter Feuer zu nehmen, was er entschieden mit Vorteil hätte thun können. So entwickelte sich gewissermaßen unter seinen Augen Tongkn zu einem riesigen Stapelplatz. Nachdem nun aber die Verbündeten mit der Eroberung von Tientsin und Peking die Nächstliegenden wichtigen Aufgaben gelöst hatten, auch genügend Truppen für andere Zwecke verfügbar waren, mußte an die Eroberung zunächst der Peitang-Forts gedacht werden. Hier stand der chinesische General Li mit etwa 5000 Mann. Einer russischerseits an ihn ergangenen Aufforderung, die Forts freiwillig zu räumen und mit seinen Truppen nach Norden abzuziehen, kam er nicht nach. Die Russen bereiteten daher in aller Stille durch sorgfältige Erkundigungen, an denen sich am 17. September auch deutsche Offiziere der 1. schweren Feldhaubitz-Battcrie beteiligten, die gewaltsame Wegnahme vor. Die Peitang-Forts waren von Natur aus außerordentlich geschützt. Auf der einen Seite lagen sie dicht am Meere, dessen Strand aber so seicht ist, daß die Kriegsschiffe nicht nahe genug heranfahren konnten, um selbst mit den weittragenden Geschützen wirken zu können. Eine Landung ist nur mit flachen Booten zur Zeit der Flut möglich. Zur Verteidigung gegen Angriffe von Seeseite war besonders Fort II eingerichtet. Moderne 18 em-Geschütze, eine große Zahl von Seeminen, die elektrisch zur Explosion gebracht werden konnten, ließen bei richtiger Verteidigung die an und für sich schon schwierige Landung fast unmöglich erscheinen. Von der Landseite konnte man nur auf schmalen Dämmen an die Forts herankommen; kilometerweit ist das Land rings umher schlickig und mit Meerwasser bedeckt. Dabei waren in den letzten Wochen durch Offnen der Schleusen starke Überschwemmungen herbeigeführt worden, so daß die ganze Umgebung einem großen See glich. Um die Forts herum führten bis 60 m breite Wassergräben. Das Vorgelände und die Dämme waren mit Minen vollgespickt, die Chinesen waren in letzter Zeit außerordentlich thätig gewesen, sich durch Minen vor einem Sturm von der Landseite her zu schützen. Die Armierung der Forts war modern und ziemlich stark, die Umwallung sehr hoch und fast senkrecht, außen Lehm, innen Betonmasse. Die Wälle und Bastionen waren allerdings, wie sich später herausstellte, nur eine Nachahmung europäischer Forts, und, wie vieles bei den Chinesen, nur Betrug. Zum Beispiel konnte man den Beton mit dem Säbel abbröckeln und durchstoßen, und einige Schüsse der Feldbatterien hatten die Umwallung glatt durchgeschlagen. Das Geld aber, welches für die sorgfältige Herstellung ausgeworfen war, hatte der betreffende Mandarin in die Tasche gesteckt. Immerhin mußte seitens der Verbündeten damit gerechnet werden, daß die Erstürmung der Forts eine schwierige und unter Umständen verlustreiche Unternehmung bilden würde. Die Russen, deren Initiative dieselbe entsprang, nahmen einen überraschenden Angriff nach vorhergehender kurzer Beschießung durch Belagerungsgeschütze in Aussicht, und zwar sollte von Süden Herder Artilleriekampf, von Westen aus der Sturm durch die Infanterie geführt werden. Da schon deutsche Trup pen gelandet waren, erging seitens der Russen an diese wie an das französische und österreichische Kontingent die Aufforderung zur Beteiligung, welche bereitwilligst zugesagt wurde. Der Führer der gesamten Operation war der russische General von Stackelberg, welcher beschloß, den Vormarsch in zwei Kolonnen anzutreten. Die linke sollte von Tientsin aus mit der Bahn bis Hsinho, von dort mit Fußmarsch bis zur Westseite des Forts, die linke Kolonne von Tongku aus ebenfalls so weit wie möglich mit der Bahn an die Südseite der Werke heran geführt werden. Die linke Kolonne unter Führung des russischen Generals von Zerpitzki bestand aus: 1. 1 Batl. 6. russ. Schützen-Regts., II. Batl. I. deutschen Lstas. Jnf.-Regts. lzngeteilt: 1 Zug österr. Marinesoldaten unter Leutnant Schusterschitz), 1 Batl. franz. Marine-Infanterie, 1 Ssotnie Kosaken, 2 Batt. russ. Feldmörser, 2 russ. Feldbatterien zu 8 Geschützen, 1 franz. Gebirgsbatterie, 2 franz. Feldgeschützen,, 1 Konip. russ. Mineure, 1jt Komp. russ. Pioniere, 1 Batl. 7. russ. Jnf.-Regts., 1 Bat. 12. russ. Jnf.-Regts., 2 Komp. 10. russ. Jnf.-Regts., 2 Komp, franz. Marine-Jnf. als Reserve. Die rechte Kolonne unter Führung des Kapitäns Kl. Danojirow bildete: Die Belagernngsartillerie: 1 russ. Batt. von 6 1ü crn-Geschützen. 1 russ. Batt. von 8 8,7 orn-Geschützen, I deutsche Haubitzbatterie von 4 schweren Feldhanbitzen, Spezialbedeckung: 1. Komp. 2. deutschen vstas. Jnf.-Regts., Infanterie als Bedeckung bezw. zum Sturme: 1 Komp. russ. 7. Schützen-Regts., 1 Komp. russ. Mineure, 1I.1 Komp. russ. Pioniere, ll/2 Komp. russ. Eiscnbaljntruppen, 2 Schwadronen russ. Dragoner, 1 Ssotnie Kosaken. Die genauen Erkundungen der beiden auf der rechten Seite des Lutai-Flusses gelegenen Forts, welche zunächst gestürmt werden sollten, geschah am 19. September von den aus 2300 in an die feindlichen Stellungen 311 Wirren 1900/^901. u^^<3C>^?^?^?PS?0C?t?!?C>Q0Q0Q0üQ0C,05? 312 herangeschobenen russischen Vorposten aus. Gleichzeitig begann der Anmarsch der Truppen, denn für den 20. September war die Beschießung, für den 21. der Sturm in Aussicht genommen. Die rechte Kolonne. Außer den in obiger Truppeneinteilung erwähntere Truppenteilen schloß sich dieser Kolonne auch das II. Bataillon des deutschen 2. ostasiatischen InfanterieRegiments und eine deutsche Pionier-Kompagnie an, beide wurden aber am nächsten Tage, noch vor dem Sturm, von Generalleutnant von Lessel nach Tientsin zurückgezogen. Immerhin machten sie einen Teil der Operation mit. Die deutschen Truppen dieser Kolonne traten am 19. September kurz nach 5 Uhr vom Bahnhof Tongku aus, bei herrlichstem Sonnenschein, die Fahrt in der Richtung Peitang an. Nach Zurücklegung einer etwa 4—5 km langen Strecke war der Punkt erreicht, wo unter dem Schutze der Infanterie am Abend der Batterieban beginnen sollte. Im grellen Abendsonnenschein konnte man die Konturen der Forts, ihr Mauerwerk, den Hauptcingang und einzelne schwere Geschütze mit bloßem Auge deutlich sehen. Merkwürdigerweise ließen die Chinesen das Ausladen der Truppen ungestört geschehen. Denn nach und nach trafen auch die russischen Jnfanteriebedeckungen ein und stellten sich hinter dem Kranz der russischen Vorpostenstellungen auf. Inzwischen waren die schweren Geschütze in ein rückwärts gelegenes, chinesisches Lager gebracht worden, um unter dem Schutze der Umwallung bis zum Dunkelwerden bereitzustehen. Unter den schweren Batterien befand sich auch die deutsche 1. schwere Feldhaubitzbatterie, welche als einzige Batterie mit Steilfeucrgeschützen das Hauptverdienst an der Niederkämpfung des feindlichen Widerstandes haben sollte. Ihre Ausschiffung aus der "Halle" hatte am 14. September begonnen. In rastloser, fieberhafter Thätigkeit vom Batterieführer, Hauptmann Kremkow, bis zum letzten Kanonier herunter, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein, wurde gearbeitet, um in kürzester Frist das ganze Material nach dem Biwak bei Tongku zu bringen, die verzinkten Kisten zu öffnen, Sattelzeug, Geschirre und Stallsachen zusammenzusctzen und zu verpassen, die Munition auszupacken und in die Munitionswagen zu verladen, die Fahrzeuge vorschriftsmäßig auszurüsten, Räder und Achsen zu schmieren. Am 19. September vormittags konnten die ersten Fahrversuche mit den 24 Zugpferdchen abgehalten werden, just noch gerade früh genug, um am Abend an der gemeinsamen Operation teiluehmen zu können. Mit Einbruch der Dunkelheit begann das Einfahren der Geschütze in die Stellung. Hinsichtlich des Untergrundes war der den Deutschen zugewiesene Platz der denkbar ungünstigste: alles aufgeweichter, tiefer Lehm und Morast. Die russischen Artillerieoffiziere betrachteten mit kritischen Blicken die Anstrengungen der Deutschen, um ihre Batterie rasch schußbereit zu haben. Doch dies gelang nach einem kurzen, energischen Zuruf des Batterieführers, mit Hinweis auf die danebenstehenden Russen, unter Einsetzen aller Kräfte in so kurzer Zeit, daß ein russischer Offizier dem deutschen Batterieführer die Hand schüttelte mit den Worten: "Das war ein Meisterstück, ihr Deutschen seid uns doch über!" —Rasch wurden die Zugpferde — nur der vierte Teil des vorschriftsmäßigen Pferdebestandes hatte der Batterie überwiesen werden können — nach dem Biwakplatze zurückgesandt, um den noch fehlenden größeren Teil der Munition zu holen. Da von den Truppen am nächsten Morgen voraussichtlich große Anstrengungen gefordert werden mußten, wurden die Mannschaften angehalten, sich baldigst zum Schlafen einzurichten, und bald schlummerte auch friedlich die ganze Kolonne unter dem Schutze eines hohen Dammes. Doch die Ruhe war vou kurzer Dauer. Gegeu 10 Uhr abends gingen vou der linken Kolonne russische Mineure und Schützen vor, um die im Vorgelände befindlichen feindlichenTruppen mit demBajonett znrückzuwerfen. Hierbei gerieten sie ans eine Mine, deren Hochfliegen für die Forts das Signal zur Eröffnung eines planmäßigen Feuers war, welches zunächst etwa 10 Uhr abends begann, 2^/« Stunden anhielt und die Truppen zwang, dicht an den Damm geschmiegt, Schutz zu suchen. Es war einerecht ungemütliche Situation. Das Zischen der feindlichen Granaten, das Platzen der Schrapnells und Einschlagen einzelner Geschosse in die Truppenteile brachte bald den Beweis, daß die Chinesen ihre weittragenden Geschütze gut zu handhaben wußten. Die Infanterie der Verbündeten war rasch auf den Beinen, sie wurde auseinandergezogen und wechselte an den gefährlichsten Stellen die Plätze, so daß Verluste nicht eintraten. Vier feindliche 24 ern-Granaten fanden ihren Weg zu den znrückgesandten leeren Fahrzeugen und einige sogar bis zu den Biwakplätzen nördlich Tongku, so daß erstcre einen Weg von ca. 9, letztere von 12 km zurückgelegt hatten. Gegen Mitternacht verstummte das feindliche Feuer, um später noch einmal auf 3/4 Stunden aufzuleben. Jedenfalls verging aber den Chinesen, da die Verbündeten nicht antworteten, die Lust, das Feuer fvrtzusetzen, so daß sie bis zum Morgen nur ab und zu einen Feuergruß hinübersandten. Jedoch mit beginnendem Morgen, etwa 51/2 Uhr, begann ein großartiges Artillerieduell. Chinesischerseits überschütteten wohl 80 Geschütze die verbündete Artilleriestellung mit einem dichten Hagel von Blei und Eisen. Es ist ein wahres Wunder, daß die deutsche Batterie, abgesehen von einigen Splitterkontusionen, keine Verluste zu verzeichnen hatte. Die russischen Batterien kamen nicht ganz so glimpflich weg. Aber die Verbündeten blieben die Antwort nicht schuldig. Schuß auf Schuß ging in die feindlichen Forts. Nachdem der Artilleriekampf wohl zwei Stunden gedauert hatte, konzentrierten die deutschen Haubitzen ein rasendes Feuer ans Fort I. Nach 10 Minuten schwieg dasselbe. Jetzt kam Fort II an die Reihe, nach kurzer Zeit brannte dieses sowohl wie das Dorf Peitang lichterloh. Nur ein feindlicher Panzertnrm setzte mit zwei großen 21 am-Kanonen sein Feuer ungeschwächt fort, so daß der russische Admiral Alexejeff, welcher mit Generalleutnant von Lessel als Zuschauer der Unternehmung beiwohnte, den St. Georgs-Orden (höchsten russischen Tapferkeitsorden) demjenigen Batterieführer zusicherte, welcher auch dieses Geschütz zum Schweigen brächte. Nach 1/i Stunde konnte der deutsche Batterieführer melden, daß der Panzerturm kampfunfähig gemacht sei. Thatsächlich erhielt auch der deutsche Offizier VomKaiDeutscher Posten in, peitang.Fort. ser von Rußland verliehen. Allmählich wurde das Feuer der Forts immer schwächer und verstummte um 10 Uhr ganz, so daß der Sturm beginnen konnte. Derselbe wurde in der Hauptsache von der linken Kolonne ausgeführt. Linke Kolonne. Der Abmarsch der Truppen der linken Kolonne hatte am 19. September mittags 12 Uhr mit der Bahn begonnen. Das deutsche Bataillon unter Major von Mühlenfels marschierte ain Nachmittage unter klingendem Spiele aus Tientsin und folgte mit russischen Truppen um 3 Uhr. Die Bahnfahrt ging bis zur Station Hsinho, welche gegen 6 Uhr erreicht wurde. Ein daran anschließender i-VMndiger Marsch führte durch stille Haide auf den vereinbarten Biwakplatz, welchen russische Truppen schon erreicht hatten. In der anbrechenden Dunkelheit sah man fortwährend zwischen Tientsin und Takn die Scheinwerfer arbeiten. Nachts 1 Uhr erreichte auch das französische Bataillon den Biwakplatz. Es lvurde von deutschen Offizieren in der Dunkelheit geführt, da es ohne Karten war. Am 20. September morgens in aller Frühe waren sämtliche Truppen gefechtsbereit. Schon am Abend des 19. hatte eine russische Mineur-Kompagnie eine Erkundung nach vorwärts gemacht auf ein von den Chinesen als Feldwache gehaltenes ehemaliges Bahnwärterhaus. Bei diesem Vormarsch ging die erste Mine in die Höhe, bei der 25 Russen verunglückten, und welche für die Chinesen das Signal zur Eröffnung des Geschützfeuers wurde. Die nachfolgenden russischen Schützenbataillone vertrieben mit einem Verluste von 42 Mann an Toten und Verwundeten die Chinesen aus dem Vorgelände. Am 20. September morgens 640 marschierten die Truppen der linken Kolonne nach dem von den Russen 315 rvirren 1900/xyOt. yyyyyyyyvvyyy^yvvvyyvvvyvyyy 316 genommenen Wärterhaus mit dahinter liegendem ehemaligen Lager. Die deutschen Truppen waren frisch und guten Mutes, obwohl sie in der Nacht auf blanker Erde biwakiert hatten, furchtbar von Mosquitos geplagt, und vor allem ohne jedes Wasser und Brennmaterial waren, da die Bagage fehlte. Letztere hatte sich verirrt gehabt, hatte aber so lange nach ihrem Truppenteil gesucht, bis die Kulis und die Zugtiere vor Erschöpfung umfielen. Ein gegen Morgen aufziehendes, schweres Gewitter mit kaltem Regen diente nicht gerade dazu, die Lage angenehmer zu gestalten. Aber die Stimmung blieb gut, und als in der Richtung auf Tientsin ein schöner Regenbogen am Himmel sichtbar wurde, meinte ein Witzbold: "Nun ist ja die Verbindung mit Tientsin hergestellt." Die deutschen Truppen bildeten die Avantgarde. General von Stackelberg begrüßte beim Vorbeimarsch jede Kompagnie mit einem "Guten Morgen, brave Deutsche", ein donnerndes "Guten Morgen, Excellenz" war die Antwort der Truppen. Auch General von Zerpitzki wünschte ein "Guten Morgen, Kameraden". Ter Weg führte zunächst über einen breiten, gangbaren Damm. Meilenweit umher war flache Haide, teilweise sumpfig und mit Wasser bedeckt. Aus der Haide ragten unzählige Grabhügel der Chinesen wie Termitenhaufen heraus. Dörfer oder Menschen waren nicht zu sehen, nur fern am Horizont sah man die Schornsteine Tongkus rauchen. Die einförmige Stille kontrastierte mit dem heftigen Geschützfeuer, auf welches losmarschiert wurde. Nach L^/zstündigem, äußerst anstrengendem Marsche erreichte die Kolonne das hochgelegene, ausgebrannte Wärterhaus, wo hinter dem Eisenbahudamme die Truppen auscinandergezogen wurden und in Bereitschaft liegen blieben. Die chinesische Kanonade richtete sich auch nach dieser Seite, blieb aber wegen des schlickigen Bodens, in welchem die Geschosse stecken blieben, wirkungslos. Endlich, um 10 Uhr, kam der Befehl zum Vorgehen. Das deutsche Bataillon erhielt das Fort I als Angriffspunkt. Geführt von russischen Mineuren, welche auf Minen fahnden sollten, voran die 7. Kompagnie unter Hauptmann von Normann, ging es zwischen den großen Wassertümpeln den langen Damm, den einzig gangbaren Weg nach dem Fort, entlang. Plötzlich gab es einen dumpfen Knall, eine schwarze Rauchsäule und in ihr zappelnde Menschen. Eine Mine war explodiert und hatte zwei Musketiere der 7. Kompagnie mit sich gerissen. Zum Glück waren die angerichteten Verwnndungen nicht allzu gefährlich, der eine der beiden Musketiere stürmte sogar, obwohl sein Gewehr vernichtet, mit lautem "Hurra" vorwärts. Der noch etwa 1000 m lange Damm nach dem Fort I führte im Bogen dorthin. Um abzukürzen, stürzte die 7. Konrpagnie sich in die gelben Fluten des Überschwemmungsgebietes, während die Russen, nach links auf Fort II abbiegend, das Gleiche thaten. Das Wasser ging zwar den Leuten stellenweise bis an die Brust, der Untergrund war schlammig und das Vordringen äußerst beschwerlich, aber das machte nichts. Man war wenigstens vor Minen geschützt und kam auf den: kürzesten Wege an das Fort. Noch immer aber fiel kein Schuß aus dem Fort. Sollten die Chinesen wirklich ihre gute Position ohne Schwertstreich aufgegeben haben? Gleich mußte es sich entscheiden, denn die ersten Soldaten kamen am Fuße des Walles an und stürmten, geführt von Leutnant Kruse, aus das Thor zu, über den Wall hinüber, hinein in die Festung. Wenige bange Minuten noch, dann wehte die erste deutsche Flagge über den Wällen des Forts. Wenige Minuten später gesellte sich -Österreichs Flagge dazu. Da in diesem Augenblicke von dem links gelegenen Dorfe Peitang und Fort II Schüsse fielen, bog die der 7. Kompagnie folgende 6. Kompagnie auf Fort II ab und drang mit der 5. und 8. Kompagnie in dieses Fort ein. Der Zustand, in dem die Stürmenden die Forts vorfanden, bewies, daß die Chinesen sie erst kurz vorher verlassen hatten. Sogar das eben gekochte Essen fand sich noch warm vor und mundete den hungrigen und durstenden Soldaten vortrefflich. Jetzt konnte man die Wirkung der deutschen schweren Feldhaubitzbatterien in ihrem ganzen Umfange erkennen. Schwere feindliche Geschützrohre lagen mitten durchschlagen und auseinandergerissen außerhalb ihrer Lafetten, Wohngebäude und .Hofräume waren in Trümmerhaufen verwandelt, Trichter waren von den Granaten ausgeworfen, in denen bequem eine ganze Jnfanteriesektivn verschwinden konnte. Eine Verfolgung des Feindes, weder von derLandnoch von der Seeseite, Ivar unmöglich; er hatte sich in seinen flachgehenden Dschunken ins Wattenmeer geflüchtet, man sah die Boote noch in der Ferne. Seine Toten und Verwundeten hatte er zum größten Teil mitgenommen, dagegen mußte er eine Menge wertvollen Kriegsmaterials in den Händen der Verbündeten lassen. Die Deutschen erbeuteten im Fort I 23, im Fort II 17 schwere Geschütze, die Russen, welche inzwischen Fort III gestürmt hatten, etwa die gleiche Zahl. Auch eine Anzahl Drachenfahnen befanden sich unter den Trophäen. Die deutschen und russischen Truppen richteten sich in den Forts, so gut es ging, ein und schoben Sicherungen gegen Norden vor. Am Nachmittage ritten der General Alexejefs und die Generale von Lessel und von Stackclberg die genommene Stellung ab und spendeten den Truppen reiches Lob. Im Hofe von Fort I hob Admiral Alexejeff die Verdienste der deutschen Haubitzbatterie hervor, er betonte, daß ihr die Ehre des Tages gebühre und sie besonders stolz darauf sein könne, der stürmenden Infanterie schwere Opfer erspart zu haben. Er schloß mit einem Hoch aus den deutschen und russischen Kaiser, welches Generalleutnant von Lessel mit einem Hoch auf die tapfere russische Armee beantwortete. — S. M. deutsche Kaiser belohnte später die Thätigkeit der deutschen Batterie durch Verleihung des Ordens pour le merite an den Batterieführer, Hauptmaim Kremk ow. In der That hatte die gemeinsame Thätigkeit bei Erstürmung der Peitang-Forts, bei der Russen und Deutsche um die Ehre des Tages wetteiferten-— die Franzosen waren zurückgeblieben — die schon mit den deutschen Seesoldaten seitens der Russen geschlossene Waffenbrüderschaft nun auch auf das eben ein getroffene Expeditionskorps übertragen. Die Verluste waren trotz des geringen feindlichen Widerstandes beim Sturm recht beträchtlich: 30 Russen lagen tot, 142 verwundet auf dem Felde der Ehre; die Deutschen hatten nur 9 Verwundete, die Österreicher dagegen 2 Tote, 11 Verwundete. Die meisten Verluste, deutscherund österreichischerseits sämtliche, waren infolge der explodierten Minen entstanden, von denen etlva 70 hochgegangen waren. Der Führer des österreichischen Detachements, Leutnant Schufterschitz, giebt hierüber, wie überhaupt über die Teilnahme seiner Leute folgenden Bericht: ^Bericht des k. u. k. Linienschiffsleutnants Alois Schufterfchitz iiber die Erstürmung der peitangForts.j "An dein punkte, wo der Damm einen rechten Winkel nach links abbiegt, sprangen wir in das dem Fort vorliegende Überschwemmungsgebiet und gingen bis ZU den fjiiftcit im Wasser geraden Weges auf die Mitte des Forts I zu. Da die Truppen an der Tete mich an einem raschen Vorgehen hinderten, brach ich mit meinen Leuten rechts aus, wobei cs mir gelang, bis in die deutsche Kompagnie (7. Komp, des I. ostasiatischen Infanterie-Regiments Hanptmann von Norman») vorzudringen. Als wir wieder festen Fuß erreicht hatten, kam ich bis auf etwa 25 Schritte an den Zug des Leutnants Drevello in dem Augenblick heran, als in feinem Zuge zwei Minen losgingen. Kurz vorher hatte sich mir, von links her kommend, Seckadctt Trapp mit der Meldung angeschlossen, daß die von Tongku und vom Südfort beorderten Leute eingetroffen und circa 200 Schritte hinter mir her seien. Der Weg zum Fort betrug jetzt noch etwa 200 Schritte. Zunächst ging cs iiber eine dein Fort vorgelagerte Bastion hinweg uiid sodann iiber eine Grabenbrncke durch das offene Thor in das Fort hinein. Einige eben aus dem Fort ausfallende Leute, sowie die noch im Fort befindlichen Chinesen — höchstens (0—(5 Mann — wurden bei dieser Gelegenheit niedergemacht. Mit Marsgast Ursic und Matrosen Rukavina (beide "Zenta") kletterte ich mittelst einer Leiter hinauf auf den wall, woselbst wir die k. u. k. Flagge unter Hurrarufen der gegen das Fort vorrückenden Truppen um HO15 wenige Sekunden nach der deutschen Flagge hißten. Ich legte sodann Hand auf 3 Geschütze und einen Mörser und nahm mehrere Flaggen mit Beschlag. Seckadett Trapp hat mich'beim Ansturm eifrigst unterstützt. Seckadett Prohaska und Jellacio rückten mit ihren Leuten kurze Zeit darauf ein, uird ist deren Leistung eine in jeder Beziehung anerkennenswerte. Am 20. mn 2 Uhr a. m. in Hfinho eingetroffen, erkundigten sie sich bei den dort angekommenen französischen Truppen um den Weg nach dem russischen Lager, konnten jedoch keine befriedigende Auskunft erhalten. Da sie sich unter allen Umständen mit mir zu vereinigen trachteten, setzten sie um Uhr a. m. ihren weg fort, bogen jedoch nicht links ab, sondern gingen auf der Hauptstraße weiter und erreichten die russischen und deutschen Geschützaufstellungen, woselbst sie 31/2 Uhr a. m. unter heftiges feindliches Granatfeucr gerieten. Auf das hin beschlossen sie, über Hsinho zurück nach Sidaodzao zu marschieren, da sie inzwischen von einem russischen Gffizier die nötigen Auskünfte erhalten hatten. Da wir bereits aufgebrochen waren, folgten sie mir im forcierten Marsche, mehrere Truppen überholend, und trafen kurze Zeit nach dem Hissen der Flagge im Fort ein. Nach erfolgter Besetzung des Forts setzte ich den Marsch •ii)j;u3}35 ti£ .laCrj uaipjjnaq ui; itoqua.pu.uu'j i>te jjaraoe vor dem Grafen Waldersee in Schanghai. gegen Fort II fort und belegte die Minenstation desselben mit Beschlag, während einige bereits früher abgeschwenkte deutsche Kompagnien auf Fort II ihre flagge hißten. Die Russen hatten sich bereits früher nordwärts gewendet und besetzten Fort III. Lin durch das große Dorf gemachter Streifzug warf mir noch mehrere flüchtige Chinesen in die Lsände. Gegen W2 Uhr p. m. nach dem Fort zurückgekehrt, sandte ich einen Teil meiner Leute nach deni Eisenbahndamm zurück, um die Brotsäcke abzuholen. Durch diese Leutesowie durch einen deutschen (Offizier erfuhr ich, daß dein von "Maria-Theresia" abgesendeten Detachement durch eine Minenexxlosion eilt großes Unglück zugestoßen sei. 3dl raffte sämtliche verfügbare Mannschaft mit dem zum Abkochen bestimmten, im Dorfe gefundenen Wässer zusannnen und eilte mit Tragbahren tt. s. w., welche mir bereitwilligst und mit größter Geschwindigkeit seitens des russischen Fortkommandanten Schiffsleutnant Levicky zur Verfügung gestellt wurden, an den Unglücksort, wo jedoch bereits alle verwundeten verbunden und cinwaggoniert waren. Ich beförderte nur den Leichnam des Seekadetten Papp nach dem Zuge und versorgte die Verwundeten mit halbwegs trinkbarem Wasser und führte später das Detachement iin Gänsemarsch in das Fort, woselbst um 87s Uhr p. m. zum erstenmale abgekocht wurde. Dem durch Granatfeuer verursachten Brand im Fort konnte nur mit Mühe Einhalt gemacht werden. Gegen (U/2 Uhr p. m. nahm jedoch das Feuer solche Dimensionen an, daß eine Explosion der massenhaft im Fort deponierten Munition zu befürchten stand. Auf Vorschlag des deutschen läanptmannes von der Heide, welchem der russische Kommandant und ich beistiminten, wurde nun beschlossen, für die Nacht das Fort zu verlassen und in der dein Werke vorliegenden Bastion Schutz zu suchen. Auf Ersuchen des genannten deutschen ksauxtmannes übernahm ich, da mir der minenfreie Weg bekannt war, die Führung und geleitete die ganze Fortbesatzung nach der Bastion. Dort verbrachten wir, nachdem eine von meinem Scekadetten gemachte Runde noch einen chinesischen Soldaten in einem Gebäude aufgefunden hatte, die Nacht. Bei Tagesanbruch wurde, da sich das Feuer in der Zwischenzeit gelegt hatte, wieder in das Fort eingezogen. Das Verhalten der Mannschaft war ein vorzügliches, obwohl die Truppen zwei Nächte mangels jeglicher Zelte im Freien verbringen mußten und tagsüber beinahe ausschließlich auf dem Marsche sich befanden. Kürschner, China II. Die Leistung ist eine um so anerkennenswertere, als allgemeiner Wassermangel herrschte. Ich bringe Seekadett Trapp, welcher am ersten Anstürme direkten Anteil nahm, ferner Seekadett Prohaska und Icllacic, welche ihre Aufgabe in äußerst lobenswerter Weise durchgeführt hatten, zu einer Auszeichnung in Antrag, ferner von der Mannschaft Steuerquartiermeister vierheilig ("Zenta"), dessen ausgezeichnete Dienstleistung ich hervorheben muß, Waffengast Andreis ("Aspern"), ferner Marsgast Ursic und Matrose Rukavina, welche als erste in das Fort eindrangen und von denen Ursic die k. u. k. Flagge trug. von den übrigen wäre noch Matrose Soldatic ("Zenta") als besonders mutiger und braver Soldat hervorznheben." Russischerseits wurde mit Wiederherstellung der teilweise zerstörten Bahnlinie nach Niutschwang begonnen und die Verbindung dorthin mit den in der Mandschurei kämpfenden Truppen ausgenommen. Deutscherseits ließ man zwei Kompagnien vorläufig noch als Besatzung in den eroberten Forts zurück bis zum Eintreffen der 9. (Etappen-)Kompagnie. Der Rest marschierte nach Tientsin ab. Dort sammelte sich inzwischen die ganze erste Staffel des Expeditionskorps. Das deutsche Lager — ein Muster an Ordnung, Reinlichkeit und Zweckmäßigkeit — war in weitem Bogen um die Universität und Militärschule in der deutschen Niederlassung angelegt. Die Leute lagen unter ihren Zelten, welche durch chinesische Strohmatten verstärkt worden waren, auf ebensolchen Matten und Unterlagen von Ziegcnfell. Alle Lagerstraßen, ivelche die Benennung heimatlicher Namen trugen, waren mit den vorhandenen guten Ziegelsteinen gepflastert. Aus den zerstörten Stadtteileil hatte man große Mengen von Tischen und Stühlen herbeigeschafft, selbst an einigen Luxusgegenständen und chinesischen Kuriositäten fehlte es nicht. In der Mitte der Regimenter lag auf einem freien Platz mit etwas gärtnerischen Anlagen eine aus Bambusstäben und Matten gefertigte .Halle, das Offizierkasino. Jedenfalls machte das Ganze im Rahmen der militärischen Ordnung einen wohnlichen Eindruck. Die höheren Stäbe wurden in der Frcmden-Niederlassung untergebracht. Hier sah es allerdings zunächst noch böse aus. Kaum ein Haus, welches nicht unter der Beschießung gelitten hatte und daun einer mehr oder minder ausführlichen Plünderung anheimgefallen war. Aber auch hier kam bald Ordnung hinein. Der Gesundheitszustand der deutschen Truppen war sehr gut, dank der ärztlichen Fürsorge und der energisckien Überwachung und trotz der enormen Schwierigkeiten. Mau muß hierbei z. B. die Vorkehrungen bedenken, welcher es bedurfte, um das für über 10000 Manu täglich zum Waschen, Kochen, Reinigen der Kochgeräte erforderliche Wasser zu kochen. Am meisten von den internationalen Truppen litten die Japaner. Sie waren am wenigsten widerstandsfähig, entweder infolge mangelhafter Verpflegung oder schlechter Überwachung. Die Sterblichkeit in ihrem Kontingent war jedenfalls groß. Dagegen erwiesen sich die gesamten Einrichtungen der englischen Heeresverwaltung als außerordentlich praktisch und mustergültig, jedenfalls infolge der reichen Erfahrungen in ihren Kolonialkriegen. Ankunft des Feldmarschalls Grafen von Waldersee in Tientsin. Nachdem Graf Waldersee in Schanghai kurzen Aufenthalt genommen und dort eine Parade über die internationale Besatzung abgenommen hatte, traf er am 2. September in Tientsin ein. Ihm wurde entsprechend seiner Stellung ein großartiger militärischer Empfang zu teil. Die Truppen von acht Nationen standen in Parade und bildeten auf dem Wege zur Stadt Spalier. Ein buntes Bild, ein eigenartiges Durcheinander von Präsentiermärschen. Die Deutschen im Strohhut — nur die höheren Stäbe im Helm —, die Amerikaner im Schlapphut, Inder im hohen Turban, italienische Federbüsche, die großen weißen Mützen der Russen, die kleinen, zierlichen der Japaner, Österreichs Marinemütze, Frankreichs weißer Tropenhelm, — so standen die langen Reihen den Peiho hinunter, und in den Zwischenräumen neugierige Chinesen. Auf dem Bahnhöfe flatterten deutsche, russische, französische Fahnen; vor dem zerstörten Gebäude stand eine deutsche Ehrenkompagnie. Ter Abend des Ankunftstages des Feldmarschalls brachte etwas für Ostasien ganz Neues und Eigenartiges: einen deutschen Zapfenstreich, ausgeführt von sämtlichen deutschen Mnsikkorps. Mit Recht wurden deren Leistungen von allen Seiten laut gerühmt. Der Oberfeldherr übernahm niit dem Tage der Ankunft seine Funktionen und schlug sein Hauptquartier zunächst in Tientsin auf, bis in Peking leidlich geordnete Zustände cingctrcten waren. Die Thätigkeit des Oberkommandos machte sich sehr bald in allen Zweigeil auf das wohlthuendste fühlbar. Es trat ein geregelter Bewachungsdienst der langen Etappenlinien ein. Ferner wurden Anordnungen gegeben über die Regelung des Verpflegungs-, Nachschub-, Requisitionsund Unterkunftswesens. In all diese komplizierten Zweige der Heeresverwaltung kam dadurch sehr bald eine systematische Organisation hinein, wodurch ein sicheres Funktionieren auch unter den schwierigsten Verhältnissen ohne gegenseitige Reibungen ermöglicht wurde. Mit den nun folgenden Maßnahmen auf operativem Gebiete bezweckte das Oberkommando eine gründliche Säuberung der Provinz Petschili von Boxern und kaiserlichen Truppen, und daneit eine Schwächung des feindlichen Widerstandes, die Entwaffnung der aufrührerischen Bevölkerung und einen Druck auf die chinesische Regierung. Graf Waldersee in Tientsin. 325 yyyyyyyyyyyyyyy Die Linncchine von Schanhaikwan und Tsinghwangtan. VOOQOOQQOOOOOOQ 326 WeunLer Abschnitt. Die Säuberung der Provinz Petschili. Die Einnahme von Schanhaikwan und Tsinghwangtan. Mit der Annäherung der kalten Jahreszeit mußte den Verbündeten daran gelegen sein, einen wenigstens einigermaßen eisfreien Hafen zu gewinnen, welcher ihnen einen gesicherten Nachschub auch während der in China außergewöhnlich kalten Jahreszeit gestattete. Die Takn-Reede war hierzu nicht geeignet, einmal waren wegen des niedrigen Wasserstandes größere Dampfer gezwungen, etwa 8 Km seewärts zn ankern, zum andern aber fror die Reede schon frühzeitig zu und legte somit auf Monate jeglichen Verkehr auf ihr lahm. Dagegen besaß das weiter nördlich ebenfalls am Golf von Petschili gelegene Schanhaikwan und das 15 km südöstlich davon gelegene Tsinghwangtan einen eisfreien Hafen, bezw. eine eisfreie Reede. Aus diesem Grunde und um ihre Operationsbasis zu erweitern und zn festigen, mußten die Verbündeten diese beiden Orte mit ihren teilweise recht starken Forts in Besitz bekommen. Die Bedeutung von Schanhaikwan wurde erhöht durch die Eisenbahn nach Tientsin und die im leidlich guten Zustande befindliche Landstraße nach Peking, während auch Tsiughwangtau mit Leichtigkeit durch eine Feldbahn an genannte große Linie angeschlossen werden konnte. Nach Eroberung der Peitang-Forts lag daher die Fortsetzung der Operationen auf Schanhaikwan nahe, und wieder waren es die rührigen Russen, welche die Initiative zn der Unternehmung ergriffen. Es mußte ihnen allerdings auch besonders an einer raschen Aufnahme der Verbindung nach der Mandschurei gelegen sein. Die Befestigungen der beiden Orte waren sehrstark, da hier die Gebirge bis dicht an das Meer herantretcn und nur ein schmales Defilee, durch welches die Eisenbahn führt, übrig lassen. Auch endet bei Schanhaikwan die große chinesische Mauer. Die Ausführung der Unternehmung stand noch nicht unter dem wohlthuenden Einfluß des gemeinsamen Oberbefehls, da sie vom Grafen Waldersee nach der Vereinbarung den auf der Taku-Reede liegenden Flottenchefs überlassen war. Daher zeigte die Durchführung wenig Einheitlichkeit im Verhalten der beteiligten Truppen, was aber bei dem geringen Widerstände der Chinesen ohne Einfluß auf den glücklichen Ansgang blieb. Nachdem am 1. Oktober 1900 die Losung ausgegeben war, Schanhaikwan und Tsinghwangtan zu nehmen, begann ein vollkommener Wettlauf nach den beiden Hafenorten. Außer deutschen, englischen, französischen, russischen, japanischen und österreichischen Kriegsschiffen wurde eine Kolonne von Landtruppen in Marsch gesetzt, welche in der Stärke von 3500 Russen, 1100 Franzosen, 800 Deutschen (II. Batl. 2. ostas. Jnf.-Ngts.), 500 Italienern und 100 Engländern unter General Zerzitzki von den inzwischen von den Russen besetzten LutaiForts in Marsch gesetzt war. All deutschen Kriegsschiffen nahmen "Hertha", "Hansa" und "Hela" teil, außerdem wurde auf dem Transportdampfer "Straßburg" das I. Batl. des ostasiatischen Jnf.-Rgts. nach Tsinghlvangtau transportiert. Die ganze Sache verlief kürzer und schneller als man erwartet hatte. Ein zur Aufklärung voraus' gesandtes englisches Kanonenboot erhielt, trotzdem es sich nahe vor das I. Fort legte, kein Feuer. Es setzte dahcr eiu Boot mit einem Offizier und 17 Mann aus. Die kleine Abteilung landete, erstieg das, wie man sah, kurz zuvor eilig verlassene Werk und hißte dort die englische Flagge. In den Küchen fand man die in der Zubereitung begriffenen Speisen noch auf dem Feuer. Nach Eintreffen der übrigen Kriegsschiffe nahmen die anderen Nationen dergestalt von den übrigen 4 Forts Besitz, daß je eines die Russen, die Japaner, der Dreibund besetzten, während das letzte als internationaler Besitz mit Truppen aller Verbündeten belegt wurde. Man erbeutete ciue ansehnliche Menge von Geschützen und Material. Nur an einem der Forts kam es noch zu einem geringfügigen Feuergefecht, bei dem einige Chinesen blieben. Dann wurde auch die Stadt und der Bahnhof in Besitz genommen. Inzwischen hatte die "Hansa", "Hertha" und "Hela" die Forts von Tsinghwangtan besetzt. Ein Beteiligter schildert diese Unternehmung folgendermaßen: [<£iu Beteiligter über die Einnahme der Forts von Tsinghrvangtau.s "Mit der "Hertha" und "Ejela" zusammen sollten wir unter der Führung des Rontreadmirals Rirchhoff den südlich von Schanhaikwan gelegenen Vrt Tsinghwangtan besetzen, gleichviel, ob die Chinesen Widerstand Iciftcn würden. Wieder wurde unter "Klar Schiff" die Reede verlassen und der Rurs nach Norden genommen, diesmal aber unter großer Fahrt. Mt Seemeilen Geschwindigkeit in der Stunde näherten ,wir uns schnell dem Ziel. Alles war gespannt, wie das Unternehmen abliefe, d. h. nicht etwa, ob wir überhaupt das gewünschte Resultat erreichen würden. Das stand für jeden von vornherein fest, denn eher würden wir den Kampfplatz nicht verlassen haben. Aber wie, wenn eine andere der verbündeten Nationen uns zuvor gekommen wäre und bereits eine englische, russische, französische oder andere Flagge dort wehen würde! Dann würden wir ja das Nachsehen gehabt haben, und ähnlich lautende Gerüchte durchschwirrten schon die Luft der stets mit allerlei "Neuestem" angefüllten Reede von Taku. Riit begierigen Blicken beobachtete daher von Bord aus alles das Land, um nach einem befreundeten Feldzeichen auszuschauen. Nur der Artillerieoffizier schaute auf die Geschütze an Bord, die vielleicht in den nächsten Augenblicken ihren dröhnenden Gruß herüber senden würden. Da keine Flagge zu sehen war, so wurde bald von unserer Seite mit den 2\ ein-, \5 einund 8,8 ein-Geschützcn geschossen. Höchst wirkungsvoll. Maren schon bei unserer Annäherung viele Menschen geflohen, so verließ jetzt auch noch der Rest den Grt. Unsere 21* 327 UMircit 1900/1901. yyyyyyvyyyyyyvvvvvvy AVVVVVVV 328 Schüsse blieben unerwidert, so daß nun das Landungskorps sich an Land begeben konnte, um von dem Grt für das Deutle Reich Besitz zu nehmen. Kurz ehe wir uns dem Lande näherten, hatten die Koinmandanten dem bis an die Zähne bewaffneten Landungskorps und der Besatzung die Absicht der Unternehmung bekannt gegeben, und sie ermahnt, den tapferen Geist, den die deutsche Marine bisher in diesem Uriege bewiesen, auch diesmal zu zeigen, wenn der Feind sich widersehen sollte. Schnell wurden alle größeren Boote ausgesetzt, in kurzer Zeit war das Landungskorps darin und fuhr dem Lande zu. Leider war der Wind für den kleinen tfafen Tsinghwangtau ungünstig; eine starke Brandung hielt die Landung bedeutend auf. Nur mit bsilfe einiger chinesischer Ruderboote gelang es dem größeren Teil, trocken das Land zu erreichen; die übrigen waren mit dem Wasser in unmittelbare Berührung gekommen. Sogleich wurden die Thinesenhäuser am Strande in ein deutsches Lager verwandelt. Diesmal waren wir also anderen Nationen zuvorgekommen. Der kleine seichte bsafep wird hauptsächlich durch eine höhere Insel geschützt, die durch eine Brücke mit deni Fcstlande verbunden ist. Natürlich war diese, wie eine andere, von Europäern erbaute, sowie die Luropäerhäuscr, die int Ort standen, van den Boxern zerstört worden. Noch bis unmittelbar vor unserer Ankunft mußten dieselben dort gehaust haben, zeugte doch die Geschützmunition in einem lVellblcchschuppen davon, daß die Arbeit von ihr ganz plötzlich und erst kürzlich unterbrochen war. Auch die in nächster Umgebung des Ortes eingefangenen, gesattelten Pferde chinesischer Kavallerie, die ohne Waffen fliehenden chinesischen Soldaten, die beim Ort neu angelegten Schützengräben ließen darauf schließen, daß den Boxern erst im letzten Augenblick unserer Annäherung der Mut gesunken war. Einer von ihnen, der noch seine Waffen führte, wurde am nächsten Tage von einem Posten niedergcschossen. Bei der näheren Besichtigung des Ortes stellte sich heraus, daß außer 5 Geschützen 'auf der Insel noch ^ weitere am Strande selbst aufgestellt waren; doch waren es veraltete, für die moderne Kriegführung minderwertige Geschütze. Ein Spaziergang in der Umgegend gewährte uns einen Einblick in die Fruchtbarkeit des Landes und den Wohlstand seiner Bewohner. Die Sauberkeit der Dorfstraßen, die netten kleinen Gehöfte, die hohen Bäume auf den kleinen Plätzen gewährten einen ungewohnten Einblick für jemanden, der mit chinesischen Däusern, Straßen, Niederlassungen die Begriffe Schmutz, Armut, kfäßlichkeit zu verbinden gewohnt ist." Auch das uiit der "Straßburg" von Schauhcikwau am 2. Oktober eiutreffeude deutsche I. Batl. des 2. ostas. Jnf.-Rgts. wurde gelandet und blieb vorläufig als Besatzung im Fort II. Die Expedition auf Paotingfu. Nachdem durch einen Streifzug des Oberst Frh. v. Ledebur (Kommandeur des 3. ostas. Jnf.-Rgts.) mit einem Bataillon Infanterie, 12 Reitern und 1 Zug Feldartillerie voiu deutschen ostasiatischen Expeditionskorps auf Tsinghaihsien (40 km südl. Tientsin) die unmittelbare Umgebung letztgenannter Stadt von Boxern und regulären chinesischen Truppen gesäubert war, begann das Oberkommando die systematische Pacifizieruug zunächst des zwischen Peking, Tientsin und Paotingfu gelegenen Dreiecks. Dieses Landstück gehört der außerordentlich fruchtbaren und dicht bevölkerten chinesischen Tiefebene an, deren Bewohner Ackerbauern sind. — Die Dichtigkeit der Bevölkerung weist auf eine Bodeubeuutzung intensivster Art hin. Im Sommer gleicht das ganze Land einem Garten, und kein Fleckchen Erde außerhalb der Wege bleibt unbenutzt. — Neben Weizen, Gerste, Rüben, Kartoffeln, Buchweizen und fast allen unseren einheimischen Gemüsesorten, werden vorwiegend Mais und Sorghum (Hirse) gebaut. Wälder giebt es nicht. Das jahrhundertelang fortgesetzte Abholzen, ohne für Nachwuchs zu sorgen, hat den Waldbestand vernichtet. Außer Obstbäumen in der Nähe der Ortschaften finden sich nur Cypresscn, welche die chinesischen Grabhügel beschatten. Wiesen und Weiden fehlen ebenfalls, und können auch entbehrt werden, da die Zugund Lasttiere der Chinesen — Maultiere, Esel und kleine mongolische Ponies — mit schwarzen Bohnen, zerquetschtem Mais, sowie den Früchten und Blättern der Kauliangpflanze vorlieb nehmen und dabei vortrefflich gedeihen. Die Flüsse, welche die Tiefebene durchströmen, führen zur Regenzeit bedeutende Wassermassen mit sich. Sic durchbrechen dann vielfach die ihre Ufer begleitenden Dämme und überschwemmen weithin das Land. Der wasserreichste derselben ist der sich in den Peiho ergießende Hunho, der int Verein mit seinem Nebenflüsse, dem Paikonho alljährlich das Gelände westlich Tientsin in eine fast ununterbrochene Kette von Seen und Sümpfen verwandelt. Im Herbst ist der Wasserstand der Flüsse ein geringer, und sie sind mit wenigen Ausnahmen zu durchsurteu. Auch die erwähnten Seen und Sümpfe westlich Tientsin pflegten um die damalige Zeit erheblich zurückzugehen. Brücken über die Flüsse sind nur spärlich vorhanden. Wo eine Durchfurtung der Wasserläufe nicht möglich, vermitteln, ebenso wie an wichtigen Verkehrspunkten, Fähren den Uferwechsel. Auch über den durchschnittlich 30 40 Meter breiten Kaiserkanal führen auf der ganzen über 50 Meilen langen Strecke bis zum Hwaugho keinerlei Brücken. Die hohen Masten der den Kanal befahrenden Segelboote gestatten den Brückenbau nicht. Die Wege, welche das Land durchziehen, sind einfache Naturwege. Da zu ihrer Besserung nichts geschieht, sind die am meisten begangenen, die sogenannten großen Heeresund Handelsstraßen, häufig die allerschlechtesteu. Die Richtung der Wege bestimmt nur die Gewohnheit. Außer vereinzelten Brückeubauten an den Hauptverkehrsstraßen und den mitunter für die Reisenden eingerichteten Wirtshäusern und Herbergen i>t nichts vorhanden, was an eine bestimmte Richtung bindet. Die zahlreichen Veränderungen, welche die Wege erleiden, sind zum Teil die Folge des Kleinkrieges, der beständig zwischen Ackerbauern und Fuhrleuten geführt wird. Der Fuhrmann verlangt da überall zu fahren, wo er dnrchkommeu kann, der Laudwanu hingegen will jede Scholle des kostbaren Bodens, der ihn und seine meist zahlreiche Familie ernähren muß, bebauen. Da cs eine Wegcbanbehörde in China nicht giebt und der Staat zur Schlichtung des widerstreitenden Jnteressenkonflikts nichts thut, so bleibt dem Landmauu nur die Selbsthilfe übrig. Diese wird dadurch ausgeübt, daß durch Aufhäufung von Steinen, Graben von Löchern u. s. w. Verkehrshindernisse geschaffen werden, die den Fuhrmann zum Ausbiegen auf das Nachbargrundstück veranlassen sollen. Da ferner fast alljährlich ausgedehnte Überschwemmungen eiutreten und hierdurch auch größere Wegestrcckcn unbenutzbar werden, ist es erklärlich, daß die Wege nicht nur Veränderungen im kleinen, sondern auch im großen erleiden und vielfach ganz neue Bahnen einschlagen. Das Vorwärtskommcn auf vielbefahrenen chinesischen Wegen der Ebene ist namentlich bei Regenwetter außerordentlich schwierig nnd für Wagen, deren Räder in dein lehmartigcn Lößboden oft bis an die Achsen einsinken, fast unmöglich. Nur die äußerst primitiven, aber dauerhaft gebauten zweirädrigen Karren vermögen auf derartigen Wegen allenfalls noch vorwärts zu kommen. Die gegen Paotingfu operierenden Truppen mußten ihren Proviant aus diesen Gründen auch auf zweirädrigen Karren oder Lasttieren mitführen. Mit einem Troß europäischer Fahrzeuge würden sie voraussichtlich wohl kaum tägliche Marschleistungen von ungefähr 20 km, die für chinesische Wegeverhältnisse als sehr hohe zu bezeichnen sind, haben erzielen können. Der Vormarsch gegen Paotingfu geschah in zwei Kolonnen gleichzeitig von Peking und Tientsin. Die unter Befehl des englischen Generals Gaselee von Peking abgerückte Kolonne bestand aus 8 Bataillonen, 4 Eskadrons und 2 Batterien. Ihre Vorhut bildeten je 1 Bataillon des 1. und 2. ostasiatischen InfanterieRegiments mit der Marine-Feldbattcrie unter Hauptmann Bloch von Blottnitz und dem 16. indischen Lancers-Regiment unter Befehl des Oberst von Normann; im Gros befanden sich das französische 17. Mariue-Jnfanterie-Regiment, das 26. Bombay-Regiment, ein italienisches Bataillon und die indischen 1. Sikhs. Die aus Tientsin abmarschierte Kolonne stand unter dem Befehl des französischen Brigadegenerals Baillond und marschierte mit dem Hauptteil (Deutsche, Franzosen, Engländer, Italiener) unmittelbar nördlich der sich zwischen Tientsin und Paotingfu ausbreitenden Scenkettc, während ein linkes Seitendetachement (Engländer: 3 Inf.-, 1 Kav.-Rgt.) unter dem englischen Oberst Campbell den Weg südlich dieser Seeukctte nahm. Der Plan dieses konzentrischen Vormarsches zielte darauf ab, daß die von Peking und Tientsin ab331 yyyyyyyyyyyyyyyyvvyyyvvyyyvy !virren 1900/1901. 332 gegangenen Kräfte unmittelbar vor Paotingfn Fühlung miteinander nehmen und die Wegnahme dieses Ortes, wo man nach den umlaufenden Nachrichten erheblichen Widerstand erwartete, gemeinschaftlich bewirken sollten. Die Ausführung dieses Planes wurde jedoch von französischen Truppen durchkreuzt, wie sich überhaupt während der Operation gegen Paotingfn und auf dem späteren Rückmärsche von dort wiederholt Anzeichen dafür ergaben, daß die Unterordnung der einzelnen bisher selbständig aufgetretenen Kontingente unter den gemeinschaftlichen Oberbefehl und die Rücksichtnahme auf die kooperierenden Truppen anderer Nationalitäten zu wünschen übrig ließen. Der Seitenkolonne des Obersten Campbell, einige Tagemärsche voraus, war nämlich ein französisches Bataillon mit etwas Kavallerie über Tuliutschönn nach Hsiunghsien (auf dem Wege Tientsin-Paotingfu) marschiert, um dort eingeschlossene französische Priester zu befreien. Der geringe Widerstand, auf den dieses Bataillon bei Lösung seiner Aufgabe stieß, und die Nachricht von dem Abgänge der Expedition nach Paotingfn veranlaßten dasselbe, auf eigene Faust seinen Zug bis dahin auszudehnen. Am 15. Oktober traf er vor Paotingfu ein, stieß zwar auf keinen Widerstand, begnügte sich aber auf Weigerung des Schatzmeisters, die französische Flagge auf den Mauern der Stadt aufpflanzen zu lassen, mit der Besetzung des Bahnhofs, der äußeren Bewachung der Stadt und der Ausführung von Erkundungen an der Bahn, die auf weite Strecken gegen Norden und Süden unzerstört gefunden wurde. Die Tientsiner Kolonne hatte eine Avantgarde ausgeschieden, bestehend aus dem 3. ostasiatischen Infanterie-Regiment, der halben 1. Eskadron des ost asiatischen Reiter-Regiments, der Batterie II. Plönnies, einem Bataillon italienischer Bersaglieri und einer italienischen Gebirgsbatterie. Die Italiener bildeten dauernd den Vortrupp. Zum erstenmal lernten unsere Truppen die Entbehrungen und Strapazen des chinesischen Kriegsschauplatzes kennen. Tägliche Marschleistungen von 30—45 km bei großer Hitze wurden infolge des mangelnden frischen Trinkwassers besonders anstrengend. Letzteres durfte nie ungekocht genossen werden, seine Zubereitung erforderte daher viel Umstände und Zeitverlust. Verpflegungsschwierigkeiten entstanden im großen und ganzen nicht. In den sehr wohlhabenden Dörfern fand sich frisches Fleisch in genügender Menge, außerdem Geflügel, Obst, besonders eine sehr schmackhafte Birne. Doch auch bei dereu Genüsse mußte mit großer Vorsicht verfahren werden, da die Ruhr bösartig auftrat und bei sonst vorzüglichem Gesundheitszustände einige Opfer forderte. Als großen Mangel empfanden unsere Soldaten das Fehlen der deutschen Kartoffel, der Butter und des Brotes. Wohl gab es auch in China Kartoffeln, doch hatten dieselben einen unangenehmen, süßlichen Beigeschmack, welcher sich erst nach sehr langem Kochen verlor. Doch allmählich gewöhnten sich unsere Krieger auch hieran und wußten den Küchenzettel durch allerhand Abwechselungen vielseitig zu gestatten. Thüringer Kartoffclklöße und rheinische Kartoffelpuffer schmeckten auch aus chinesischen Erdäpfeln hergestcllt vortrefflich. An Stelle der Butter trat Schweinefett. Um sich dieses zu bereiten, schoß man ein schwarzes chinesisches Schwein und briet das Fett aus. Das Fleisch war nicht genießbar. Stellenweise wurde sogar Honig gefunden und damit der trockene Zwieback bestrichen. Denn das frische Brot, tvelchcs die Bäckereikolonnen in guter Qualität lieferten, war bald zu Ende. Die Kolonnen konnten den kleinen Detachements nicht folgen. Das Gepäck war aufs äußerste beschränkt. Trotzdem hatte jede Kompagnie einen Train von 10 zweiräderigen mit je zwei Maultieren bespannten Karren. Sehr viel Platz nahmen die Ziegenfelle weg, aus ivelchen die Lagerstätten der Mannschaften hergestellt werden mußten. Denn Stroh gab es nicht, auch Deutsche Gffiziere zum Lesuche beim Polizeimandarin von Paotingfn. • >•>.) WOWOQVOQWOW Die Einnahme von Schanhaikwan und Tsinghwangtau. vyyyyyyyyyyyyyy 334 fehlte es an Holz. Die lustigen Biwaksfeuer, welche am Abend das Lagerleben in der Heimat so eigenartig malerisch gestalten, fielen daher weg, und da es schon um 6 Uhr dunkel wurde, empfand man den Mangel des leuchtenden Lagerfeuers doppelt unangenehm. Tie Bevölkerung erwies sich auf dem ganzen Marsche sehr entgegenkommend, jedoch nur aus Feigheit, denn sobald ihr Gelegenheit gu hinterlistigen Überfällen gegeben wurde, kannte sie keine Schonung. In solchen Fällen wurde kurzer Prozeß gemacht und die Rädelsführer erschossen. Glücklicherweise waren unsere Leute auf der §ut, so daß es fast stets gelang, die Attentäter kwgfefl zu machen. In allen Ortschaften fanden sich Waffen und Munitionsvorräte, oft in bedeutenden Mengen. Erstere waren vielfach neuesten Modells. Es wurde alles abgenommcn und mit fortgeführt und auf dieje Weise systematisch die ganze Bevölkerung entwaffnet, und da die Verbündeten sämtliche größeren Ortschaften auf dem Hinoder Rückmärsche berührten, so gelang es, das ganze Dreieck Peking-Paotingfu-Tientsin, den gefährlichsten Teil des Aufruhrgebietes, zu beruhigen und zu entwaffnen. Die Verbindung unter den Kolonnen wurde durch regen Patrouillendienst vorzüglich gehalten und auf diese Weise erreicht, daß beide Kolonnen gleichzeitig vor Paotingfn erschienen. Nachdem sich die Pekinger Kolonne am 18. mit dem Hauptteil der Tientsiner vereinigt und gemeinsam am 19. Oktober den Marsch auf Paotingfn fortgesetzt hatte, erschienen die Verbündeten am 20. Oktober vor der stark befestigten Stadt. Die Chinesen öffneten freiwillig die Thore der Stadt, welche, im Rechteck angelegt, von 15—20 in hohen und 10 m breiten Steinmauern umgeben ist. Die Thore waren durch besondere kleine Bastionen gesichert. Ein Brescheschießen wäre mit Feldgeschützen unmöglich, mit Haubitzen kaum ausführbar gewesen. Am Thore begrüßte der Präfekt, Ting Jeng, die an der Spitze der berittenen Truppen reitenden Führer der Kolonnen in feierlichem Aufzuge. Umgeben von seiner Leibwache, saß das Oberhaupt der Stadt und der Provinz in einer grünen Sänfte. Der internationale Zug ging zuerst durch die Stadt und dann um dieselbe herum. Die Truppen bezogen in den umliegenden Dörfern Quartier. Für die deutsche Kolonne waren Quartiermacher-Kom mandos unter Führung von Offizieren vorausgeschickt, und alles spielte sich ordnungsmäßig ab wie im Manöver in der Heimat. Die chinesischen Hütten erwiesen sich als belegungssähig, nachdem sie einer gründlichen Reinigung unterzogen waren. Geflochtene Matten und die mitgebrachten Ziegensclle und Lagerdecken gaben mollige Schlafstätten. Am 21. Okt. erfolgte die Quartierverteilnng an die Stationen der Stadt und am Tage darauf geschah der feierliche Einzug sämtlicher internationaler Truppen. In den weiten Hallen der alten Chinesenthore brachen sich die Klänge unserer altpreußischen Märsche und hallten die festen Tritte unserer Musketiere. Die gelben Söhne Chinas drängten sich neugierig auf die Straßen und staunten ob des ungewohnten Schauspiels. In der Stadt entwickelte sich ein reges militärisches Leben. Im Finanzhanse neben der Präfektur, wo der internationale Polizeichef, Major v. Brixen, mit einem französischen und italienischen Generalstabsoffizier seine Wohnung aufgeschlagen hatte, wurde eine Offizierwache aufgestellt, und mitten in dem Kommen und Gehen von chinesischen Mandarinen mit weißen und goldenen Knöpfen, im Gewirr der zahlreichen neugierigen Zopfträger stand ein deutscher Musketier und schilderte genau wie in seiner Garnison in der Heimat, nur war seine Flinte geladen und das Bajonett aufgepflanzt. Unsere Mannschaften hatten viel zu sehen; gegen Abend öffneten sich plötzlich die geheiligten Thore des massigen Präfektnrgebäudes, und unter Vorantritt von zahlreichen Läufern und Lampionträgern machte der chinesische Präfekt seine Ansfahrt. Das bunte Licht der Fackeln zitterte auf den geschnörkelten Formen der Fassaden und ließ die großen Drachenköpfe, Affen und andere Verzierungen der Thoreingänge im Halbdunkel nur noch bizarrer erscheinen. Das Ganze machte einen märchenhaften Eindruck und verfehlte nicht seine Wirkung auf die einfachen Söhne unserer deutschen Heimat. Dislokation der Truppen in Petschili. Mit der Einnahme von Paotingfn war auch das letzte größere Zentrum der Boxerbewegung in den Händen der Verbündeten, und der Gegner nach Westen und Norden in die Gebirge gedrängt. Es handelte sich nun für die verbündeten Truppen nur noch darum, das Okkupationsgebiet zu säubern und eine Demarkationslinie festzusetzen, über welche hinaus ein Vordringen chinesischer Truppen unter keinen Umständen geduldet werden durfte. Von diesen beiden Gesichtspunkten wurden die Anordnungen des Oberkommandos geleitet, welches inzwischen sein Hauptquartier nach Peking verlegt hatte. Es verfügte durch Belegung mit Garnisonen folgende Verteilung der verbündeten Streitkräfte: Tientsin: 5000 Franzosen, 4300 Deutsche, 1500 Engländer, 500 Italiener, 800 Japaner, 250 Russen. Peking: 5800 Deutsche, 1500 Engländer, 1200 Franzosen, KOOJtaliener, 500Japaner, 300Russen,150Österreicher, 100 Amerikaner. Paotingfu: 4000 Deutsche, 4000 Franzosen, 500 Engländer, 500 Italiener, 150 Österreicher. Schanhaikwan: 300 Russen, kleine Detachements aller Nationen. Paroleausgabe in paormgsu. Dung ging su (85 km westl. Schanhaikwan): 400 Deutsche. Kaizing, Lutai, P ei lang: russische Detachements. Tongku: 1000 Franzosen, 600 Deutsche, kleine Detachements anderer Nationen. Takn: kleinere Detachements. Pangtsun: desgleichen. Außerdem wurde die Bahnund Etappenlinie ShanHaikwan-Tongku-Tientsin-Yangtsun-Peking-Paotingfu zwischen Pangtsun und Peking auch die über Tungtschon führende Straßenverbindung, durch ungefähr 30 Belvachnngsdctachcmcnts besetzt, welche von sämtlichen Kontingenten gegeben lind von den benachbarten Standorten größerer Truppenteile zeitweise abgelöst wurden. Ferner befanden sich solche Detachements in den beiden nördlich Pangtsun auf dem linken Peiho-Ufer gelegenen Orten Pantihsien und Hsianghohsien. Gesprengtes Lorerqüarner bei paotingfu. Von den deutschen Truppen waren bei dieser Truppenverteilung bestimmt: für Tientsin: Das Oberkommando des Ostasiatischen Expeditionskorps, die zuletzt angekommene 3. Ostasiatische Jnsanteriebrigade ohne 9. Kompagnie, der Stab der 3. und 4. Eskadron des Reiterregiments, der Stab und die 3. Abtcililng des Feldartillerieregi ments und das Pionierbataillon ohne zwei nach Peking und Paotingfu abgegebene Detachements; für Peking: das Armee-Oberkommando, das 1. und 2. Seebataillon mit der zugehörigen Marine-Feldbatterie; die 1. Jnsanteriebrigade ohne I. Bataillon 2. Infanterieregiments, und die 9. Kompagnien, die Jägcrkompagnie, die 2. Eskadron des Reiterregiments, die I. Abteilung des FeldartillerieRegiments und ein Pionierdetachement; für Paotingfu: die 2. Jnsanteriebrigade ohne 9. Kom pagnien (II. Bataillon 3. Infanterieregiments in Thang), die 1. Eskadron des Reiterregiments, die II. Abteilung des Feldartillerieregiments und ein Pionierdetachement. Erschießung von Boxern durch Kommandos der Marine-Infanterie. ß~' I. Bataillon des 2. Infanterieregiments bildete imt dem Stab und 2 Kompagnien einen Bestandteil der arnison von Shanhaikwan, mit den beiden andern Kompagnien hielt es Yungpingfu besetzt. In Tongku llanden das Etappenkommando und die 9. Kompagnien es 3., 4. und 6. Infanterieregiments, in Taku (Südfort) ~te -1^Eerie des Bataillons schwerer Feldhaubitzen, in Schanghai neben französischen und englischen Detacheuwnts die 9. Kompagnien des 1. und 2. Jnfanterieregiuvirts,^ die Mitte Oktober dort zwei Kompagnien des Infanterieregiments abgelöst hatten, in Tsingtau Kürschner, China II. (Kiautschou) die 9. Kompagnie des 5. Infanterieregiments, die 2. Batterie des Bataillons schwerer Feldhaubitzen (Verstärkung des 3. Seebataillons und der Marine-Artillerieabteilung). Die Eisenbahntruppen waren auf Grund ihrer Beteiligung an den Herstellungsarbeiten der Bahnlinie Aangtsun-Peking längs derselben untergebracht. Eine Änderung dieser Dislokation trat in der nächsten Zeit nur für das I. Bataillon 2. Infanterieregiments ein, das Anfang Dezember von Etappentruppen abgelöst wurde unter Führung des Oberstleutnants Gündell, Generalstabschef vom Kommando des Dritte der von Kaiser Wilhelm II. gezeichneten Tafeln der im September tyoo in Vstasien befindlichen Kriegsflotten. Zweite der von Kaiser Wilhelm II. gezeichneten Tafeln der im September t900 in (vstasien befindlichen Kriegsflotten. Expeditionskorps, den Marsch von Shanhaikwan und Linienschiffe "Kurfürst Friedrich Wilhelm" und "BrauVungpiitgfu über Uuthienhsien (7. Dezember) nach Peking denburg" in Wnsung, die kleinen Kreuzer "Geier" und antrat, dabei Reste der früheren Garnison von Lutai in "Bussard" iu Schanghai, "Hela" und "Schwalbe" in das nördlich seiner Marschstraße gelegene Gebirge drängte, am 14. Dezember zwischen Sanhohsien und Tungtschou ein glückliches Gefecht mit Boxern bestand und am 20. bei seiner Brigade in Peking eitraf. Wie die Verteilung der Landstreitkräfte, so verdient der Vollständigkeit wegen auch die Verteilung der deutschen Kriegsschiffe Erwähnung, wie sich dieselbe gegen Mitte Dezember unmittelbar nach dem Zufrieren der Reede von Taku gestalteten. Es lagen das Linienschiff "Weißenburg" vor Shauhaikwan, die Torpedobootszerstörer "8 90" und "8 92" in Tsingtau, die Tschingkiang, das Kauonenboot "Iltis" iu Haukau, der kleine Kreuzer "Seeadler" iu Swatau, das Kauonenboot "Luchs" und der Torpedobootszerstörer "8 91" in Kanton, das Linienschiff "Wörth" in Nagasaki. Ferner wurden als neue Stationen eingenommen vom Kanonenboot "Tiger" (12. Dezember) und dem kleinen Kreuzer "Irene" (16. Dezember) Tschifu, dem Flottenflaggschiff "Fürst Bismarck", den großen Kreuzern "Hertha" und "Hansa" (13. und 16. Dezember), dem kleinen Kreuzer "Gefion" (10. Dezember), dem Kanonenboot "Jaguar" (13. Dezember) und dem am 17. Juni bei Beschießung der Taku-Forts in deutschen Besitz übergegangenen chinesischen Torpedobootszerstörer "Haitsching" (10. Dezember) Tsingtau, von dem großen Kreuzer "Kaiserin Augusta" Hongkong. Daß mit der Festsetzung der dauernden Winterunterkunft der Landstreitkräfte deren militärische Thätigkeit keineswegs erlahmte, dafür sorgte die Rührigkeit der Boxer und feindlich auftretender regulärer chinesischer Truppen nicht allein an den Grenzen des Besatzuugsgebietcs der Verbündeten, sondern auch innerhalb desselben, und die Kühnheit, mit der jene unausgesetzt die Verbindungen zwischen Tientsin und Peking gefährdeten. Als Beweis hierfür mag gelten, daß die Boxer in der Zweiten Hälfte des Oktober bei Pangtsun eine deutsche Transportkolonne und kurz darauf ein von Franzosen bewachtes Nordthor von Tientsin angriffen und durch Vorstöße zwischen die einzelnen Etappenkommandos das Gefühl allgemeiner Unsicherheit wach erhielten. In der Gegend von Tungtschou, in: Norden Pekings und Tienksins sowie südlich von Paotingfu zeigten sich die Unternehmungen der Boxer von besonderer Nachhaltigkeit. Dabei fehlte es nicht an Vorkommnissen, die zur Erwutigung der Chinesen beitrugen, wie dies die Umzinge^ng einer schwachen russischen Kolonne nordwestlich von Tientsin bewies, die erst durch Entsendung von Verstärkungen befreit werden konnte. Die Erstürmung der Veste Tsukingkuan. Gemäß der oben angeführten Dislokation konnten nicht sämtliche nach Paotingfu entsandten Truppen dort bleiben, sondern ein Teil der englischen, italienischen und deutschen Truppen mußte wieder den Rückmarsch nach Peking, bezw. Tientsin antreten. Hierbei sollte wiederum auf Befehl des Oberkommandos das Land in breiter Front durchstreift und auf diese Weise noch vorhandene Boxerbanden zerstreut werden. Es kam hierbei bei der am weitesten westlich, längs des Gebirges marschierenden deutschen Kolonne zuni Zusammenstöße mit dem Feinde und zu kleinen Gefechten an der großen Mauer, über welche vr. Georg Wegener folgende Schilderung entwirft : svas Gefecht bei Tsukingkuan anr 29. (vktober I960, von Eh-. Georg wegener.s paotingfu machten die verbündeten jmn Ausgangspunkte einer Reihe weiterer Expeditionen, die alle dem gleichen Zwecke dienten, den designierten Kriegsschauplatz, die provinz petschili, dem Einflüsse der Mächte zu unterwerfen. Line derselben, der Rückmarsch des Detachements von Nor mann von paotingfn nach peking, wurde durch verschiedene Umstände besonders interessant. Einmal dadurch, daß dieser Zug Gelegenheit bot, das Gebirge kennen zu lernen, welches die Ebene von petschili im Westen begrenzt und dessen wildzerrissene blaue Mauern man schon von paotingfu aus romantisch lockend am Horizont liegen sah, sowie daß Orte von höchstem kulturellen und kunsthistorischem Interesse, wie die Siling-Kaisergräber oder die merkwürdigen Ruinen der alten Kin-Grabstättcn, besucht werden konnten; ferner weil es dabei zu einem der spannungsvollsten, schneidigst durchgeführten Gefechte kam, die sich während der Anwesenheit des Grafen waldersec auf dem Kriegsschauplätze ereignet haben. Ron letzterem sei hier aus eigener Anschauung erzählt. Mit großer Bestimmtheit hatte in paotingfu verlautet, daß sich nordwestlich von hier bedeutende Boxerbanden Herumtrieben und zugleich größere reguläre chinesische Truppenmassen ain Fuß der westbergc versammelt seien. Oberst von Nor mann, dessen Truppe aus dem II. Bataillon des 2. ostasiatischen Infanterie-Regiments, einer Batterie der Marine-Artillerie, einem Zug Meldereiter, dazu englischen Bengal-Lancers und einer Schar Italiener zusammengesetzt war, erhielt deshalb den Befehl, nicht die gewöhnlich ebene Straße paotingfu-peking zu ziehen, sondern mit einer Ausbiegung nach Westen hart am Gebirgsfuß entlang zu marschieren. Im Gefolge des mitreitenden Generals Freiherrn von Gayl schloß ich mich diesem Zuge an. Am 25. Oktober wurde die kleine, zwei Tagereisen nördlich von paotingfu in einer malerischen, in das Gebirge hineingreifenden Flachlandsbucht gelegene Stadt Itschon erreicht, ohne daß irgend etwas von einem Feinde be merkt worden wäre, wieder einmal, wie so oft in den letzten Wochen schienen sich all die aufregenden Nachrichten in Nichts zu verflüchtigen. Dies ewige Genarrtwerden, dieser absolute Mangel an frischfröhlichen kriegerischen Treignisscn, die den gesamten Operationen den Stempel einer langweiligen Manöver-Kampagne aufdrück, ten, begannen allmählich eine weitgehende Mißstimmung zu erzeugen. Schon dachte man an einen friedlichen Weiterzug, als der Major von Foerster in der Oberst v. Normann, Nacht vom 27. zum 28. GkKomm. d. \. Ostasiat. Inf.-Rgt. tobet dem Obersten von Normann einen sehr interessanten Bericht abstattete. Der Major, ein ungemein temperamentvoller Efffl.Uer, der sich schon daheim als Distanzreiter einen Namen gemacht hatte, ka,n von einem kecken Rekognoszierungsritte zurück, den er nur mit wenigen Begleitern in die westlichen Gebirgsthäler hinein unternommen hatte. Hierbei war er an einen, achalschluß angelangt, wo die bis dahin verfolgte Straße zur Ejölje eines Paßsattels hinanklomm, der augenscheinlich befestigt war. Lin von Türmen flankiertes Mauerthor lag an der Stelle, wo die Straße ihn überschritt, Barrikaden aus Steinblöcken versperrten den Aufstieg, und chinesische reguläre Truppen wurden bemerkt, die diese beseht hielten. Die ganze Anlage befand sich an der Stelle, wo nach den chinesischen Karten der Südzweig der "Großen Mauer" erwartet werden durfte. Der Name des Paffes hieß nach der Karte Tsekingkwan. Die Position lag noch innerhalb der Grenzen der Provinz Petschili; infolgedessen war es geboten, sie in die Hand der Verbündeten zu bringen. Das Detachement brach von Itschou auf und erreichte am Abend das kleine ärmliche Gebirgsdorf Lungtwatiän, wo Ouartier gemacht wurde. Am nächsten Morgen sollte es weiter gehen zum paffe. Ich hatte mit meinen Freunden, den Journalisten Or. Genthe und Wilhelm!, während dieses Tages einen Umweg über die berühmten Siling Kaisergräber gemacht, die wenige Stunden westlich von Itschou in einen, Gcbirgsthal liegen, Gräber der herrschenden Dynastie, die nicht wie die berühmten Ming-Gräber bei Peking in verfall, sondern zur Zeit "och vollkommen in Flor waren und die höchsten Leistungen der gegenwärtigen chinesischen Kunst in sich vereinigten. Mit einem tiefen, stimmungsvollen Lindruck hatten wir diese seltsamen, in das Schweigen eines geheiligten Waldes gebetteten Gräberanlagen, die bisher dem Luropäerauge verschlossen geblieben waren, verlassen, wir kamen herzlich müde spät abends in unserem Ouartierdorf Lungtwatien an nnd wollten eben in unsere Schlafsäcke kriechen, als wir erfuhren, daß der unermüdliche Major von Fo er st er die Lrlaubnis erhalten habe, "nt drei Zügen aus der ersten und siebenten Kompagnie schon heute Abend aufzubrechen, um das erste Ankommen am Passe zu sichern; denn es war inzwischen bekannt geworden, daß auch die Franzosen in, Anmärsche auf die "Große Mauer" seien. Sofort ließen wir unsere wackeren Mongolen-Ponies von neuem satteln und ritten der bereits aufgebrochenen und i», Dunkel der Landschaft verschwundenen Truppe nach, wie durch ein Wunder gelang es uns, sie noch zu erreichen. Unvergleichlich eigenartig war nun der jetzt folgende Ritt durch die finstere mondlose Nacht. Unsere Leute marschierten hintereinander in langer Kolonne. An der Spitze trafen wir z» Pferde außer dem Major von Fo erster nnd den zur Truppe gehörigen Offizieren, verschiedene Herren, die sich freiwillig angeschlossen hatten; darunter besonders den lebensvollen, nnermiidlichen General von Gayl "nt seiner Suite. In einer Linie ritten wir einer hinter dem andern auf dem schmalen Pfade; nur die Silhouette seines Vordermannes sah n,an schattenhaft in dem Nachtdunkel vor sich, Halsbrcchcrisch über Gräben und Löcher, Decken und Steinwälle, durch Sturzäcker und flache Bäche ging der gefährliche Ritt, so daß jeder Moment die gespannteste Aufmerksamkeit erheischte. Ls war erstaunlich, daß wir den von dem Major nur einmal gemachten weg überhaupt wieder fanden. U", Mitternacht wurde auf ödem Felde eine halbstündige Rast gemacht, dann ging es weiter, Hier und dort passierten wir schlummernde Dörfer, in deren Gehöften die Hunde anschlugen, aber sonst kein lebendes Wesen erschien. Kälter nnd kälter wurde es, je näher wir gegen den Tag hin kamen; der wind pfiff uns von den Bergen entgegen nnd durchschauerte uns bis ins Mark. Jedes Wort war schon lange verstummt, der eigentümliche Lrnst der Nacht lag über uns allen. Lndlich, bei», ersten matten Aufleuchten des Morgens, ertönte das gedämpfte Komniando: Halt! Im grauen Dämmern stiegen wir von den Gäulen, die Leute setzten flüsternd die Gewehre zusammen, und während von Foerster mit einigen Genossen noch einmal zur Rekognoszierung vorausging, warfen wir andern uns, wie wir waren, auf den nackten, eisigen Steinboden, um eine oder zwei Stunden raschen, totenähnlichen Schlafs zu genießen. Die Rückkehr des Majors weckte uns gegen fünf Uhr. Auf ein leises "vorwärts" ging es nun weiter, ich möchte sagen, auf den Zehen, um dem Feinde unsere Nähe nicht zu verraten; die Pferde blieben unter Bedeckung zurück. Nach einer kleinen Stunde etwa lag in bleichem, glasigem Lichte der Thalschluß vor uns. In außerordentlich kühnen Formen stiegen die Berge zu wild zerrissenen dunklen Zinnen empor. Line Mauer, durch die ein Bogenthor führte, lief über den Pfad hinweg, da wo er den Anstieg auf die Paßhöhe begann. Lin paar kleine Häuschen standen daneben. Die zwei oder drei Bewohner der letzteren, die bei unserm plötzlichen Nahen erschrocken in die Thüren traten, waren, ehe sie einen Laut von sich geben konnten, festgenommen. Dann drangen wir in, Sturmschritt durch das Thor und den Pfad aufwärts. In Serpentinen stieg die schmale Straße gegen die Höhe an, 345 OOOOOOOOOOOOOOOCOOCO Die Erstürmung der Veste Tsukingkuan. OQQOQQQOQOOVQQQOOOQQ 346 steiler und steiler werdend. Sie wand sich um vorspringende Felsnasen, umkreiste in die Thalseiten eingreifende Abgründe und führte schließlich in der Ferne hoch oben zu einer Paßsattelung, die etwa 300 m über uns liegen mochte und genau so aussah, wie der Major sie geschildert hatte. Lin Mauerwerk mit Bogenthor war in die tiefste Scharte des Passes hineingeklemmt; zwei niedrige Rundtürme standen rechts und links auf den flankierenden Höhen nahe am Thor, und graue Mauern mit Zinnen waren auch unterhalb an den Felswänden zu erblicken. Wie wir später sahen, wird die Straße gegen die Höhe hin schließlich so steil und rauh, daß sie nur noch eine Art Felsentreppe, höchstens für klettergeübtc Maultiere brauchbar, vorstellt. Am Fuße des Paffes. Nach einer Aufnahme von Dr. Georg wegener. Line Weile bemerken wir beim vorwärtsschreiten nichts verdächtiges. Doch die Augen des Majors sind schärfer als die unfrigcn. Lin viertel nach sechs kracht plötzlich aus seiner Mauserpistole ein Schuß, und sofort tönt uns über einen vor uns liegenden Abgrund hinweg ein lebhaftes Gewehrfeuer als Antwort entgegen. Jetzt gewahren auch wir drüben eine Gruppe kleiner Häuschen und vcrschanzungen, die etwa von einen: Dutzend chinesischer Wachtposten, regulären kaiserlichen Truppen in Uniform, besetzt sind. "Feuer!" heißt es auch auf unserer Seite. Mit einer Art wilden Freude gehen unsere Zungen augenblicklich in den so lange ersehnten Kampf, zehn Minuten lang sausen die Kugeln herüber und hinüber; dann sieht man drüben die Thinesen den Pfad aufwärts um die nächste Fclseneckc entlaufen. Dabei werden noch einige niedergestreckt, denn so eifrig auch unsere Leute sind, sie zielen und schießen mit glänzender Exaktheit. Auch wir haben aber Verluste gehabt. Zwei Leute sind sofort erschossen worden, zwei andere verwundet. Indessen es ist, als ob diese jungen Männer um uns keine Nerven haben. Sie nehmen sich keine Zeit, den Kampfunfähigen die Patronen zur Lrgänzung des eigenen Vorrats zu nehmen, sie sind kaum zu halten. Keine der so oft geschilderten unwillkürlichen physischen Wirkungen eines beginnenden Gefechts ist zu beobachten. An der eroberten Position angelangt, sehen wir die gefallenen Thinesen, etwa ein halbes Dutzend, die ineisten durch den Kopf geschossen. Ls sind durchgängig stattliche, kräftige Gestalte::, ihre Bewaffnung bestand aus neuesten Mannlicher-Gewehren, war also vielleicht noch besser wie die unsrige. Major von Foerster, den: ein feindlicher Schuß seine Mauserpistole zerschmettert und dabei die Hand verwundet hat, bemächtigt sich dessenungeachtet eines der chinesischen Gewehre und leitet den Angriff weiter. Strategisch war die Position der Thinesen zweifellos außerordentlich günstig, von der Paßhöhe vor uns konnten sie große Strecken des aufsteigenden Pfades aufs leichteste bestreichen. Ihre Anzahl war, wie später festgestellt wurde, etwa zwölfmal so stark wie die unsrige, die nur rund hundert Mann betrug, und die Fülle ihrer Munition mußte erstaunlich sein, denn sie überschütteten uns nunmehr drei Stunden lang unausgesetzt mit einem Hagel von Geschossen, während unsere Leute mit ihrem geringen Vorrat sehr bald zur größten Sparsamkeit angehalten werden mußten. Mit dem einfachen vorwärtsstürinen war es jetzt für uns zu Lnde; wir mußten zu einem geordneten Schützenangriff Vorgehen, der sich von Deckung zu Deckung sprungweise gegen die Paßhöhe hin vorsclpb. Unsere Hauptmacht unter Führung des Majors von Foerster und des Hauptmanns Bartsch*) übernahm diese Aufgabe, während ein Zug der siebenten Kompagnie und einige (abgesessene) Meldereiter den Auftrag erhielten, unter den Leutnants Milde und von Stockhausen die Höhe zu unserer Rechten zu gewinnen, um in die Stellung der Thinesen von oben her einzufallen. Das niedrige dornige Gestrüpp, das die Gehänge überdeckt, ermöglichte cs, diese Umgehung großenteils ungesehen auszuführen. Lin Umstand kommt uns zu Hilfe: Die Thinesen schieße:: aus der Ferne fast durchgängig zu hoch, so daß nur noch wenige Verwundungen Vorkommen. Ls wird bald ein fast objektives Interesse, aus den: Flirren oder pfeifen der über uns hinfegendcn Schüsse herauszuhören, ob sie jüngeren oder älteren GewehrKonstruktionen entstammen. Anfangs war nur Gewehrfeuer vcruehmbar. plötzlich aber erschallt von oben ein duiupferer Krach, ein Brummen und beulen zieht über uns hin — ein Kanonenschuß! Weiter unken auf einer Grasstäche schlägt er ein, eine anfstcigcnde Staub, wolke kennzeichnet die Stelle. Wirklich entdeckt jetzt auch das Glas dort obeu Kanonen; eine steht gerade oben auf den: befestigten Thor. Weitere Schüsse folgen; Gott sei Dank, freilich, sic scheinen init den Zündern nicht Bescheid zu wissen, kein? der Geschosse platzt. Die Haltung unserer Leute war, wie ich bereits bemerkte, einfach vorzüglich, Furchtlosigkeit, Feuereifer und vollkommene Disziplin vereinigend. Tadellos war ebenso diejenige ::::" _ scrcr Gffiziere, die sich, wo es nötig 6auptmann Georg Bartsch. schien, ohne Wimperzucken frei den Geschossen aussetzten. Die Gerechtigkeit gebietet es aber, auch den Thinesen ein Lob nicht zu versagen; auch sie hielten unerwartet hartnäckig Stand, und auch ihre Gffiziere schonten sich nicht. Gben an: Mauerthor und den Türmen sah man die kleinen dunklen Figuren der Kommandierenden unbekümmert, wie Zielscheiben für unsere Gewehre, herumgehen. Angesichts dieses Verhaltens, ihrer günstigen Stellung, der Unerschöpflichkeit ihrer Munition und der Sparsainkeit der unsrige:: :::uß ich bekennen, daß mir und-anderen der Ausgang des Gefechts doch allmählich zweifelhaft zu werden anfing. Zn der dritten Stunde, als unsere Leute nur noch hier und da einen Schuß abgaben und in: übrigen abwartend hinter ihren Deckungen lagen, schien eine bedenkliche Wendung nicht außerhalb der Möglichkeit ju liegen. Mehr als einer schaute rückwärts nach dem Thalgrunde, wo das übrige Detachement von Normann herankommen mußte, das am Morgen von Lungtwatisn aufgebrochen war. Da aber gab der erwähnte Flankenangriff den erwarteten Ausfchlag. von den bjöhen zur Linken der Chinesen stürmten plötzlich unsere Truppen mit kfurra und gefälltem Bajonett herab. Fast gleichzeitig erfolgte ein solcher Angriff auch auf dem andern Flügel, wo Major wyneken auf eigene Faust mit einer kleinen Schar in äußerst verwegenem Anstieg die Höhen gewonnen hatte. Das brach denn doch den Mut der Chinesen. 21(5 nun auch die Hauptmacht in der Mitte zuin Sturme vorging, liefen sie nach kurzem Gefecht in wilder Flucht davon, die auf der anderen Seite absteigende Paßstraße hinunter. Um 1/2(0 Uhr morgens wehte die schwarzweißrote Flagge auf den Thortürmen von Tsukingkuan. Diejenigen, welche die Zinne des Mauerthors zuerst erreichten und die dort stehende Kanone eroberten, waren die Leutnants Muther, von Stockhausen und Richter. Diese erwies sich als ein Schnellfeuergeschütz modernster Konstruktion. Noch eine zweite dieser Art wurde erobert, während die übrigen Kanonen alte verrostete Vorderlader aus Urväterzeit wäre». Noch im Verlauf des Gefechts war eine Schar englisch-indischer Lanzenreiter, die dem Detachement Normann vorausgeeilt, am Fuß des Passes eingetroffen und ohne Besinnen den von Geschossen iiberha. gelten Pfad hinaufgestiegen. General von Gayl, der in der Nähe unserer Mittelposition das Gefecht beobachtete, dirigierte sie zur Unterstützung des Flankenangriffs die Höhen zur Rechten hinauf. Sie kamen aber nicht mehr zum Schuß, sondern konnten sich nur noch an der Verfolgung des Feindes beteiligen. Diese leitete der wahrhaft unermüdliche Major von Fo er st er sofort ein, er jagte die Flüchtenden mehrere Kilometer weit abwärts in das westliche Thal hinab und besetzte das kleine Städtchen Schangtfchönn, das dort in einem Wallviereck lag. Fünfzig Chinesen ungefähr waren während des Gefechts gefallen, eine gleiche Anzahl kam bei der Verfolgung um. Gegen (( Uhr war das Detachement von Normann am Passe eingetroffen, nachdem es — namentlich die Artillerie — eine glänzende Marschleistung vollbracht hatte. Zum begreiflichen Leidwesen für viele darunter, die nicht weniger kampflustig hergekommen, wie unsere Leute, hatte aber die kleine Avantgarde schon die ganze ruhmvolle Arbeit gethan. o-odmüde zwar, doch freudig erregten Herzens saßen wir nun in dem goldigen Sonnenschein des wunderschönen Tages oben auf der Paßhöhe, auf Felsblöcken und Mauerzinneu, teilten die spärlichen Lßund Trinkvorräte, die in den verschiedenen Taschen und Flaschen aufzutreiben waren, und schauten mit hohem Interesse in die eigentümliche und großartige Landschaft hinaus. Nach Osten blickten wir zwischen wilden Bergschroffen über den vorhin von den Chinesenkugeln bestrichenen Paßpfad weit in das steinige Thal hinab, durch das wir in der Nacht geritten waren; nach Westen in ein breites fruchtbares Thalgefilde, das jenseits wieder von dürren, wilden Bergkämmen begrenzt wurde. OZuer über den zu diesem Thale absteigenden Paßweg, kurz bevor er das genannte kleine Städtchen erreichte, lief ein mächtiger, altersgrauer doppelter Mauerwall, der rechts und links die Berge Hinanstieg. Lin zinnengekrönter Thorbogen ließ die Straße hindurch. Dies merkwürdige Gemäuer konnte nichts anderes fein, als ein Teil der "Großen Mauer". Ich weiß nicht, ob jemals ein Luropäer den altehrwürdigen verteidigungswall schon an dieser Stelle gesehen hat. Die Lage des Mauerwerks am westlichen Fuß des Passes zeigte deutlich, daß die Anlage der "Großen Mauer" uicht gegen Feinde gedacht war, die von Osten kommen könnten, wie wir. Derartiae Möglichkeiten lagen damals außerhalb des Gesichtskreises der Machthaber von Peking. Ls war gegen Feinde von Innerasien her errichtet worden. zugleich entschied der Anblick hier eine vielerörterte Frage. Die nämlich, ob man sich die "Große Mauer" durchgehends als einen fortlaufenden wall denken darf, der unbekümmert um jedes Terrainhindernis ununterbrochen fortzieht, wie sie sich z. B. am Nankou-Passe darstellt, oder ob sie, streckenweis wenigstens, nur an den wirklich gefährdeten Stellen besteht, Hier war thatsächlich nur eine isolierte Paßbefestigung geschaffen worden; die auf beiden Seiten die Höhen hinansteigende Mauer wurde gegen oben hin immer niedriger und hörte schließlich ganz auf. Das Grab der Gefallenen. Nach einer Aufnahme von Dr. Georg wegener. 349 yyyyyyyyyyyyyyyyyy Expeditionen inr Asveinber und Dezember l')00. 00000000*3000000000 350 So schön und glorreich das kleine Gefecht gewesen, cs hatte doch aber auch uns schmerzliche Verluste gebracht, vier unserer Leute mußten als Tote auf den Tragbahren der Engländer nach deni Städtchen Itschou zurückgeschafft werden, wo sie zwei Tage später unter einer wunderschönen alten Baumgruppe in ergreifender Feierlichkeit beigesetzt wurden. Die Expeditionen im November und Dezember 1900. Ein verlustreiches, wenn auch glückliches Gefecht, das die Russen Anfang November mit etwa 6000 Boxern »nd regulären Truppen nördlich Shanhaikwan bestanden, vielfache Zusammenstöße der verbündeten Truppen längs der Linie Tientsin-Peking, solvie die von Peking in nördlicher Richtung entsandten Expeditionen ließen keinen Zweifel darüber, daß das Okkupationsgebiet weder von außen her, noch im Innern als gesichert anzusehen war. Die Streifzüge, welche die Verbündeten zur Beruhigung des Landes und zur Bestrafuirg Aufständischer llnternahmen, stießen allerdings in der Regel nicht auf hartnäckigen Widerstand und führten gewöhnlich rasch zur Zerstreuung der Boxer; sie entbehrten aber auch der Nachhaltigkeit ihrer Wirkung. Der so hervorgerufenen unermüdlichen Thätigkeit des Oberkommandos und der Truppen, das Okkupationsgebiet zu sichern und durch Besetzung der Kaisergräber nördlich und östlich von Peking einen einschüchternden Druck ans die Chinesen auszuüben, gesellte sich am 10. November noch die durch Nachrichten des Bischofs Fauvier hervorgerufene Besorgnis llm das Los der Christen in Huailai und Hsüenhwa (83 und 142 llm nordwestlich Peking) hinzu. Menschliche und militärische Gründe sprachen dafür, die drohende Gefahr zu beseitigen. Es wurde deshalb am 12. November unter denl Befehle des Obersten Grafen Pork von Wartenburg vom Stabe des Armee-Oberkommandos eine aus dem I. Batl. des 1. Ostasiatischen Jnf.-Regts. ohne 3. Komp., der Jägerkompagnie, der 2. Eskadron des Reiterregts., einem Zug der Gebirgsbatterie der l. Abt. Ostasiat. Feldartillerieregts., l ital. Bataillon, l ital. Gebirgsbatterie und 1 Komp. Österreicher bestehende Expedition entsandt. Sie sollte über die beiden genannten Orte bis Kalgan Vordringen, da es bei der Befestigung dieser Stadt, ihrer Lage an der chinesischen Mauer und an der Karawanenstraße von Peking nach Kiachta und ihrer Bedeutung als Handelsplatz und Niederlassung russischer Kaufleute und protestantischer Missionare von besonderem Werte schien, hier die Waffen der Verbündeten zu zeigen. Graf Jork besetzte am 15., nachdem während der vorhergegangenen Nacht 2000 reguläre chinesische Truppen von dort abgezogen waren, Huailai, entwasfnete am 17. die schwache Besatzung von Hüenhwa und lieferte mit seiner Kavallerie der Nachhut der von hier gegen Kalgan zurückweichenden Truppen ein Gefecht, wobei die Chinesen 30 Tote verloren und die Eskadron Rusche 8 Gepäckwagen mit Geld, Munition und Ausrüstung erbeutete. Am 19. erreichte Jork Kalgan und hißte die deutsche Flagge auf der chinesischen Mauer. Zu dem erwarteten Zusammenstoß mit chinesischen Trup pen war es nicht gekommen. Ein längeres Verweilen in Kalgan oder gar eine Aufsuchung der feindlichen Streitkräfte lag jedoch nicht in der Aufgabe der Expedition. Graf Pork trat daher am 23. den Rückmarsch an. Am 26. erreichte er Huailai, wo er leider in der Nacht an Kohlengasvergiftung starb und mit seinem Leben den ivertvollsten Kaufpreis für den Erfolg seiner Unternehmung zahlte. An seiner Stelle übernahm der nach Huailai geeilte Oberquartiermacher des Oberkommandos, Generalmajor Frhr. v. Gayl, die weitere Zurückführung der Expedition. Nachdem er zunächst auf den 40 llm südöstlich Huailai gelegenen Ming-Gräbern die deutsche Flagge gehißt und mehrere umliegende Ortschaften wegen Christenmordes bestraft hatte, löste er das Detachement in vier kleine Kolonnen auf, welche am 4. Dezember in Peking eintrafen. Dem Zug nach Kalgan wurde vom Oberkommando ein weitgehender Erfolg beigemessen, nicht allein wegen der Vertreibung regulärer Truppen auf der Straße nach Kalgan, sondern hauptsächlich wegen Herstellung sicherer Verhältnisse, und Einschüchterung der Chinesen bis zur chinesischen Mauer, mithin in einer Ausdehnung, welche keine der früheren Expeditionen noch genommen hatte. Inzwischen (19.—25. November) hatte ein weiteres deutsches Kommando (2 Komp, des II. Batls. 1. Jnf.Regts., ein Zug der Gebirgsbatterie und einzelne Kommandierte der Eskadron Rusche) von Peking aus unter deni Befehl des Major v. Mühlenfels eine Expedition über Sankiatien (21 llm westlich von Peking) an die 60 llm weiter westlich den Gebirgskamm krönende große Mauer ansgeführt, um in dieser angeblich Boxer bergenden Gegend aufzuklären. Am 20. ivarf es auf dem Vormarsche von Sankiatien starke Boxerscharen aus dem Ort Ankiatschwan, brachte ihnen einen Verlust von 50 Toten und 8 Geschützen bei, hißte, — über Henglingschenk vorrückend — am 22. die deutsche Flagge auf der großen Mauer und kehrte mit den erbeuteten Geschützen am 25. November wieder nach Peking zurück. Die geschilderte Erstürmung von Tsukingkuan, der Zug des Grafen Port und die Expedition des Majors v. Mühlenfels hatten zur Folge, daß dem Übergewicht der Verbündeten in dem Gebirgsstriche innerhalb der großen Mauer und bis Kalgan hin Ausdruck verliehen und den fremdenfeindlichen Elementen innerhalb des betreffenden Gebietes eine heilsame Scheu auserlegt wurde. Innerhalb des Okkupationsgebietes äußerte diese Sicherung nach außen allerdings keine unmittelbare Wirkung. Besondere Thätigkeit entfalteten hierbei die Boxer in der Gegend von Paotingfu. So hatten — abgesehen von kleineren Zusammenstößen der dortigen Truppen mit ihnen — französische Truppen am 22. November 30 llm südlich des genannten Ortes ein größeres Gefecht zu bestehen. Ferner gelang es Boxern und zersprengten Teilen regulärer Truppen, sich zwischen 10. und 12. Dezember nördlich Paotingfu zu sammeln und gegen Norden vorzurücken. Von Paotingfu ans wurde ein Teil derselben durch eine deutsche Kolonne unter Befehl des 351 OOOOOOOOOCOOOCWCOOOOOOOOOO© wirren »YOO/IYO». vvyyyyyyyyyyyyoyyyyyyyyyyyyy 352 Majors v. Haine, Konnnandenr des II. Batl. 3. Jnf.Regts.,. verfolgt, am 15. Dezember bei Pangtsinghsien (90 km nordöstlich Paotingfu) eingeholt und unter beträchtlichen Verlusten zerstreut, wobei allerdings auch die Deutschen die Verwundung von drei Offizieren (Major v. Haine, Hauptmann Schaffer und Oberleutnant Cremer) zu beklagen hatten. Ein anderer Teil stieß in der Gegend von Lianghsianghien (30 km südwestlich Peking) auf eine französische Truppe, und wurde von dieser zurückgeworfen. Wohl dieselbe Gruppe war es, welcher am 22. östlich Tshotshou (halbwegs PckingPaotingfu) von Franzosen eine empfindliche Niederlage beigebracht und fünf Fahnen, solvie vier Geschütze abgenommen wurden. Die in Paotingfu liegende deutsche Eskadron Priest übernahm dann ihre Verfolgung, trieb sie bis Hokien (etwa 30 km südwestlich Paotingfu) und zerstreute sie. Ebenso stieß am 24. Dezember die deutsche Kompagnie Knoerzer des 3. Jnf.-Regts. 22 km nordwestlich Paotingfu im Gebirge auf etwa 500 Mann chinesischer Truppen, zersprengte sie und warf anrückende Verstärkungen zurück. Ferner mußten bei Shintingfu in der Nähe von Paotingfu in den letzten Tagen des Dezember chinesische Truppen, welche die Besatzung dieses Ortes bedrohten, von einer französischen Expedition unter General Bailloud in die Flucht getrieben werden. Auch bei Tientsin entwickelte sich während des Monats Dezember eine außerordentlich rührige Thätigkeit von Boxern und feindlich auftretenden chinesischen Truppen. Gegen Thsang, 95 km südlich Tientsin, mußten Anfang Dezember zwei deutsche Expeditionen (Teile des 5. ostasiatischen Jnf.-Regts.) unter Oberst v. Rohrscheidt und Major v. Falkenhayn auf beiden Seiten des Kaiserkanals entsandt werden, nachdem sich dort stärkere reguläre Truppen unter dem Befehle eines Generals gezeigt hatten. Letztere zogen bei der Annäherung der Deutschen zwar nach Süden ab; es wurden jedoch beträchtliche Waffenund Munitionsvorräte erbeutet. — Am 10. Dezember mußte die Besatzung von Hohsiwu (nördlich Pangtsun) einen Streifzug gegen die Boxer unternehmen, welche vorher die benachbarten Poststationen angegriffen hatten. Sie stieß auf etwa 1000 Boxer, welche nach anfänglich erfolgreichem Widerstande zurückgeschlagen, am 11. in Gemeinschaft mit der Besatzung von Matou neuerdings bekämpft und unter Niederbrennung mehrerer Boxerdörfer zerstreut tvurden. Am 19. ging dann auf Grund Auftretens feindlicher Truppen eine deutsche Kolonne unter dem Kommandeur des 6. ostasiatischen Jnf.-Regts., Obersten Grüber, von Tientsin über Föngtai gegen Pütienhsien (nordöstlich von Tientsin) vor; kurze Zeit darauf rückten von Peking ein gemischtes deutsches Detachement unter Major v. Madai des I. Seebataillons gegen Sanhohsieu und eine schwache amerikanische Abteilung über Hsianghohsien gegen Osten vor. Es handelte sich bei der Thätigkeit dieser drei zum Zusammenwirken bestimmten Detachements um die Säuberung des Gebietes nördlich von Tientsin, welche durch Reste der früheren Besatzungen von Lutai und der Peitang-Forts, sowie durch Boxeransammlungeu ständig unsicher gernacht wurden. Die Kolonne Grüber sollte, über Mtienhsien ausgreifend, die gegnerischen Kräfte gegen Westen zurückdrängcn und den aus Peking vorgegangenen Kolonnen zutreibeu. Ohne jedoch zu einem Zusammenstoß mit beträchtlicheren Scharen des Gegners gekommen zu sein, traf Grüber nach Erbeutung großer Vorräte an Kriegsmaterial in Linnanhshün (westlich von.Föngtai) Ende Dezember in Aangtsun ein, trat aber unmittelbar darauf einen neuen Vormarsch über Sanhohsien gegen Pinghuhsien zur Unterstützung Madais an, als die Beschießung von Patrouillen des letzteren zwischen betben Orten diesen veranlaßt hatten, sich gegen Norden zu wenden. Abgesehen von den beiden erwähnten, von Peking ausgegangenen Unternehmungen, fehlte es auch dort nicht an Anlässen zu weiter ausgreifender militärischer Thätigkeit. So erstürmte eine englische Kolonne unter Oberst Tulloch am ll. Dezember den von den Boxern verteidigten und verschanzten Ort Kauliying (30 km nördlich Peking). Am 27. Dezember mußte ein deutsches Detachement unter Befehl des Oberstleutnants Pavel des 2. ostasiatischen Jnf.-Regts. wegen überhandnehmender Rührigkeit der Boxer ebenfalls in die dortige Gegend nach Tsangpingtshou und Naukou abgehen. Rast auf dem Marsch durch das Gebirge. Rekognoscierungsritt einer Abteilung des ostasiatischen Reiterregiinents unter Führung des sächsischen Oberleutnants Kirsten. Es waren wahrlich keine geringen Anstrengungen, denen die verbündeten Truppen bei strenger Wintcrkälte unter den aufgeführten und zahlreichen minderwichtigen Expeditionen und unter den ständigen Bedrohungen seitens eines schwer zu fassenden Feindes ansgesetzt waren. Daß wider alles Erwarten schon am 30. Dezember in Peking die kaiserliche Zustimmung zur Eröffnung der Friedensverhandlungen auf Grundlage der aufgestellten Forderungen eintraf, darf als ein Erfolg des entschiedenen Auftretens des Oberkommandos und der rastlosen, mühevollen Thätigkeit der Verbündeten Truppen in der entschiedenen Bekämpfung des Aufstandes angesehen werden. Zehnter Abschnitt. Hriedenrbilder. Bilder aus Paotingfu. Mit einem frischen, herrlichen Morgen begann der spätherbstliche 6. November. An dem ungewöhnlichen Leben und Treiben, welches in den Straßen Paotingfus herrschte, merkte man schon, daß an diesem Tage etwas Besonderes sich ereignen müßte. Und in der That! Heute sollten die Strafen vollstreckt werden für die schändlichen Christenmorde, durch welche sich dieses Boxernest hervorgethan hatte. Mit fieberhafter Thätigkeit hatte die internationale Untersuchungskommission gewaltet und den Thatbestand der scheußlichen Verbrechen aufgcdeckt. Nach langem Suchen hatte man die kopflosen Leichen der weißen Missionare an der großen Umgebungsmauer gefunden. Für die Überführung der Schuldigen waren genügend Beweismittel vorhanden, um die Thäterschaft unzweifelhaft festzustellen: das Zeugnis des französischen Missionars Pore Dumont, welcher mit knapper Not dem Tode entgangen war; die Vorgefundenen und beschlagnahmten Berichte an die chinesische Regierung, das übereinstimmende Zeugnis zahlreicher chinesischer Christen, deren Weiber und Kinder auf höheren Befehl in grausamer Weise getötet worden sind. Als Hauptschuldige und Anstifter wurden überführt: der Taotai, ferner Ting Jung, ein Tatarcngeneral, ein chinesischer Kavallerieoberst, und der Präfekt. Die ersteren drei wurden kriegsgerichtlich zum Tode verurteilt, der letztere erhielt wegen Beteiligung mehrjährige Gefängnisstrafe und mußte bei der Vollstreckung der Todesstrafe an seinen drei Mitschuldigen zusehen. Kürschner, China II. Als Versammlungsorte hatten diesen Verbrechern und ihren Helfershelfern zwei alte Tempel und vier über den großen Thoren der Umfassungsmauer stehende Pagoden gedient. Man sah von weiteren Bestrafungen ab, beschloß aber, diese Versammlungsorte zu zerstören. Alles dies geschah am 6. November. Um Punkt 8 Uhr ließ eine starke Detonation, der noch zwei weitere folgten, die ganze Stadt in ihren Fugen erzittern. Die elenden Fensterscheiben, soweit solche noch in den Häusern vorhanden waren, klirrten, und die gelbe Bevölkerung stürzte unter Zeichen der r>,e cvffiziersmepe in paotingfu. Angst und des Schreckens auf die Straße. Hier bot sich ihr ein schreckliches Schauspiel. Die vier Pagoden standen in hellen Flammen, deutsche Pioniere und 'französische Geniesoldaten hatten das Zerstörnngswerk vollbracht, die beiden Tempel in die Luft gesprengt, die Pagoden angezündet. Die Chinesen, bisher von Hochmut erfüllt, wurden jetzt stutzig, iu kleinen Gruppen sammelten sie sich auf den Straßen und sahen ängstlich nach jenen Stätten hin, welche für sie heilig und unverletzbar waren. Sie gestikulierten lebhaft, während eine abermalige Detonation verriet, daß auch jener Teil ihrer Stadtmauer der Zerstörung anheimgefallen war, wo man die geschändeten Leichen der Missionare gefunden hatte. In der Ferne werden jetzt die Klänge eines flotten Marsches hörbar, internationale Schutzleute (Soldaten mit roter Binde) säubern die Straßen, die zur Anwesenheit bei der Hinrichtung der drei Verurteilten bestimmten Truppen rücken heran. Unter der brennenden Pagode, durch das mächtige Thor, an den Hügeln eines chinesischen Begräbnisplatzes vorüber ging der Marsch nach jenem zerstörten Teil der Mauer, vor dem die Hinrichtung stattfinden sollte. Dort stellten sich die Truppen in einem nach der Mauer zu offenen Rechteck auf, französische und deutsche Truppen nebeneinander. Zwei Sektionen deutscher Soldaten, von einem Offizier geführt, brachten die Delinquenten und stellten sich mit ihnen in die offene Seite des Rechtecks. Major von Brisen und ein französischer Geucralstabsofsizier, beides Mitglieder der internationalen Untersuchungskommission, traten vor und verlasen jeder in seiner Landessprache das vom Feldmarschall Grafen Waldersee bestätigte Urteil des Kriegsgerichts. Danach wurden die Verurteilten in die Mitte des Rechtecks geführt, wo sie der chinesische Henker erwartete. Es folgte nun nacheinander die Hinrichtung der drei dazu Verurteilten, während der vierte zusehen mußte. Die Leichen wurden in schwarze Särge gepackt, während die Köpfe an drei hohen Stangen befestigt wurden und vorläufig dort hängen blieben, bis sich die chinesische Bevölkerung von der Vollstreckung des Urteils überzeugt hatte. Imponierend war die Art und Weise, wie diese Verurteilten in den Tod gingen. Festen Schrittes, wenn auch aschfahl, schritten sie zum Henker, stolz sahen sie sich erst noch einmal in: Kreise um, bevor sie ohne fremdes Zuthun niederknieteu, um den Todesstreich zu empfangen. Bald nach dem Abrücken der Truppen strömten in Scharen die Chinesen nach dem Richtplatze und sahen respektvoll nach den Häuptern der Männer, welche sie bisher bedrückt hatten. Stumm schlichen sie später nach Hause, nicht ohne unterwegs die großen Plakate zu lesen, welche den Wortlaut des Urteils in chinesischer Sprache verkündeten. Der Schlußsatz des Urteils wurde mit einer gewissen Schadenfreude ausgenommen. Derselbe verkündete, daß die Verbündeten von weiteren Strafverfolgungen absehen würden, daß aber der Stadtrat von Paotingfu wegen Begünstigung der' geschehenen Verbrechen ab gesetzt und aus eigener Tasche 500000 Mark nach unserem Gelde zu zahlen hätte. Also nicht der Stadt mit ihren armen Bewohnern wurde die Strafe als Contributiou aufcrlegt, sondern die reichen und wirklich Schuldigen mußten bezahlen. In ersterem Falle hätte nämlich der Stadtrat 600000 Mark von der Bevölkerung erpreßt und dabei 100000 Mark in die eigene Tasche fließen lassen. Dies sollte verhütet werden, und das darin liegende gerechte und vorbedachte Wohlwollen wurde auch von der Bevölkerung als solches empfunden. Am Tage der Exekution nahm die Frau des Hingerichteten Taotai Gift, während es seiner Mutter, welche feilt Unstern gewesen war und eine ähnliche Rolle bei ihm gespielt haben soll, wie die Kaiserin-Mutter in Peking, einige Tage vorher gelungen war, unter Mitnahme des sehr bedeutenden Barvermögens — man sprach von l1/2 Millionen Mark — zu entkommen. Einige Tage später herrschte in den sonnenbeschienenen Straßen Paotingfus wieder reges militärisches Leben und Treiben. Die vom deutschen Kaiser den ostasiatischen Truppenteilen verliehenen Fahnen sollten den Bataillonen der 2. Brigade übergeben werden. Diesmal ging der Marsch nach dem alten Chinesenlager vor dem Ostthor, wo sich ein tadelloser Exerzierplatz befand. Hier stellten sich im offenen Rechteck die deutschen Truppen auf: 3. und 4. Juf.-Regt., 1. Eskadron und II. Abt. Feldart.-Regt., auf dem rechten Flügel die Zuschauer, darunter fast alle französischen Offiziere mit dem Zuavenoberst an der Spitze. Der französische General weilte zur Zeit in Peking. Kaum war die Aufstellung beendet, als die flotten Klänge des Preußenmarsches das Herannahen der Fahnenkompagnie verkündeten. Die Kompagnie iu vorzüglicher Haltung und strammem Marsch unter Führung des ältesten Hauptmanns v. d. Heyde bot mit den weißen im Winde lustig flatternden Feldzeichen einen prächtigen Anblick. Nachdem sie in der Mitte der offenen Seite des Karrees gehalten hatte und aufmarschiert war, hielt General von Kettler eine zündende Ansprache, welche mit einem dreifachen begeisterten Hurra auf den obersten Kriegsherrn ausklang, in das iu gleicher Weise auch die französischen Offiziere einstimmten. Nach der Parade folgte festliche Bewirtung der Mannschaften und Liebesmahl der Offiziere in mehreren Gruppen, da große Räume nicht zur Verfügung standen, und auch viele der französischen Offiziere eingeladen waren. Es gab Hafergrütze, Schmorbraten mit Wurzeln, Birnen und Zissen, eine chinesische Frucht vom Aussehen der Tomate und Geschmack der Melone, Kaffee mit chinesischen Kuchen und Cigarren. Wenige Tage später fand im Palaste Li-HungTschaugs, dem Quartier des französischen Generals, eine Theatervorstellung statt, gegeben von französischen Soldaten unter Mitwirkung einer chinesischen Schauspielertruppe. Die deutschen Offiziere und Soldaten waren dazu in sehr freundschaftlicher Weise eingeladen. Der alte Li hat iu Paotingfu einen auch nach europäischen Begriffen hübschen Palast und iu demselben ein ziemlich großes Theater. Im Parkett saßen in mehreren langen Linien in bunter Reihe deutsche und französische Offiziere. Dazwischen befanden sich in der zweiten Reihe Mitglieder des neueruannten Stadtrats in ihren Staatsgewändern mit der Pfauenfeder. Die Männer machten einen verschüchterten, ängstlichen Eindruck. Auf einen Wink des leitenden Offiziers durchbrausten die Klänge der "Leichten Kavallerie" von Suppo wohl zum erstenmal die hohen Palasträume des chinesischen Magnaten. Dann begann die Vorstellung. Nacheinander traten französische Soldaten, in der Hauptsache Zuaven und Chasseurs d'Afrique ans, trugen in auffallend gewandter und anmutender Weise Kouplets oder Anekdoten und kleine Erzählungen in Poesie und Prosa vor. Im zweiten Teil sollte die chinesische Truppe Li-Hung-Tschangs zu ihrem Rechte kommen, fand aber nicht den Beifall der europäschen Hörer. Jedenfalls hatte aber der Abend dazu beigetragen, die Vertreter der. beiden Nationen einander näher zu bringen. Die offene, einfache, liebenswürdige und so herzliche Aufnahme bei den französischen Kameraden hatte allen deutschen Offizieren und Soldaten wohlgethan. Festliche Stimmung brachte überall das schönste der Feste, Weihnachten, auch unseren Streitern fern von der Heimat, weit draußen im Osten. Lebendige Schilderungen der Weihnachtsfeier, wie sie in Paotingfu und Peking begangen wurden, entwerfen Teilnehmer au derselben in folgenden Zeilen. Weihnachten in Paotingfu. iLin beteiligter deutscher Offizier schreibt über die Weihnachtsfeier in paotingfu:] Die Festlichkeiten begannen damit, daß bereits am 25. Dezember nachmittags beim Hauptmann und mir ein in unferm Revier wohnender englisch sprechender chinesischer Dolmetscher erschien und uns fe ein paar chinesischer Frauenschuhe, die seine Schwester gestickt/ und nach denen wir gelegentlich einen Wunsch ausgesprochen hatten, als Weihnachtsgeschenk überreichte. Gleichzeitig deutete er an, daß uns am folgenden Morgen der ganze Bezirk ein Weihnachtsgeschenk überreichen werde. Und wahrhaftig! Als ich am 2^. morgens mich zum Frühstück in unser gemeinsames Kompagnie-Casino, wo wir unsere Mahlzeiten einnehmen, begab, . bemerkte ich schon eine gewisse Aufregung in den Straßen. Wir frühstücken ruhig, da erscheint plötzlich auf unscrm Hofe eine große Prozession.. Die Besitzer der umliegenden Häuser tragen jeder eine Fahne von der Größe und Form unserer ZnfanterieFahnen (rot mit grüner Einfassung) herein und stellen sich einander gegenüber auf. Die Fahnen sind von Seide und haben Goldblechspihen. Dann folgt einer mit einem etwa 3^/z in hohen rotseidenen, chinesischen Sonnenschirm. Der letztere war für den Herrn Hauptmann; außerdem erhielt jeder der Offiziere 2 Fahnen. Der Dolmetscher erläuterte uns, daß die Bewohner der Häuser unseres Reviers uns dies (immerhin kostbare) Geschenk machten, um ihre Dankbarkeit für die gute Behandlung zu bezeigen, die sie von uns und von unseren Mannschaften genossen hätten. Ganz naiv fügte der Dolmetscher hinzu, einem chinesischen Offizier würde nie eine derartige Auszeichnung zu teil werden. Auf den Fahnen steht, soviel ich verstand, der Name des Empfängers, derjenige des Gebers und das wort "Paotingfu“. 3ct) muß sagen, daß ich ganz besonders hierüber erfreut war — bin ich ja doch geradezu ein Apostel der anständigen Behandlung der Ghinescn unter Aufrechterhaltung aller Vorsicht und unter Einwendung der rücksichtslosesten Strenge — ">enn es sein muß. Der Tag verfloß mit Wcihnachtsvorbereitungen. Etwa 20 Mann der Kompagnie waren auf Wache, ein Teil mußte wie stets, in den Quartieren bleiben, so daß es dadurch ermöglicht wurde, in einem durch bauliche Veränderungen dazu geeignet gemachten Raum gemeinsam zu feiern. "Geduldige Schafe gehen viel in einen Stall"! Unter dieser Devise versammelten wir uns um 5 Uhr mit der Kompagnie, wir haben einen Sängerchor ausgebildet, der geradezu tadellos singt. In dem niedrigen Raum steht an einem Ende der Christbaum, kein Tannenbaum, aber ein schöner, dichtbelaubter Lebensbaum, dessen Unterschied vom heimatlichen Thriftbaum durch die reichen Ketten und Netze, an denen die braven 3ungens schon seit vielen Tagen gearbeitet hatten, kein allzugroßer war. Der Hauptmann hielt eine kurze, kernige Ansprache, welche unter Hinweis auf das Lhristfest mit der Ermahnung schloß, daß alle für einen, einer für alle wie Brüder stehen sollen. Daran schloß sich Gesang und die Gabenverteilung. Obwohl die Gaben äußerst gering waren, schob alles vergnügt in die Quartiere ab, von wo aus ein warmes Abendbrot geholt wurde, das bei dem Mangel an Raum nicht gemeinsam verzehrt werden konnte. Als ich (0 Minuten später zu meinen 3»ngens hinkam, hatten einige Knaben ihren ganzen Kuchen bereits aufgegessen, eine Leistung, vor der ich, doch auch eine ganz gute Klinge schlagend, beschämt die Waffen strecken mußte. Nach dem Abendbrot versammelte sich alles wieder in dem gemeinsamen Raum, wo es zuerst Schokolade und dann reichlich Glühwein gab. Um neun Uhr mußte alles zu Bett, eine Vorsichtsmaßregel, die bei der großen Feuergefährlichkeit der hiesigen Häuser und der damit verbundenen Notwendigkeit des Löschens aller Feuer um neun Uhr, sich nicht umgehen läßt. Am 25. morgens konnte man die richtige Feststimmung bei allen Leuten beobachten, die durch das mittags gelieferte "Diner" von zwei Gängen (der Backofen ermöglichte uns außer dem Hammelfleisch noch einen vortrefflichen Sauerbraten zu liefern!) noch gehoben wurde. Der Nachmittag wurde von einem großen Teil der Leute zu einer Promenade auf der Mauer im herrlichsten warmen Sonnenschein benutzt. Um 5 Uhr versammelten wir uns abermals mit demjenigen 'i-eil der Kompagnie, die gestern an der Feier verhindert war. Die Feier spielte sich in gleicher Weise ab wie gestern, nur daß an Stelle des Hauptmanns der evangelische Geistliche, der uns zu derselben beehrte, eine kurze Ansprache hielt. 3hr besonderes 3»teresse erhielt für uns die Feier aber dadurch, daß wir die Chinesen, die uns beschenkt hatten, zu ihr eingeladen hatten. Sie waren auch thatsächlich {2 Mann hoch erschienen und schauten mit kindlichem Erstaunen den brennenden Baum an. Der Gesang machte sichtlich Eindruck auf sie, desgleichen dis würdevolle stille Art, mit der die ganze Feier verlief. 3ch versuchte mit meinem schlechten Englisch den Dolmetscher zu machen. Nunmehr wurden die bezopften Brüder in einen Nebenraum geführt, wo ihnen Wein, Schokolade und Kuchen angeboten wurde. Es war fpafjig' anzusehen, mit welcher Umständlichkeit die Leute sich bedienten, wein tränken sie nicht, sagte gleich der Dolmetscher. Die Schokolade und der Kuchen schmeckten aber sichtlich. Trotzdem erfordert die Höflichkeit, daß sie jedesmal erst dankten, gleich darauf aber, als ob dies selbstverständlich wäre, ihre Tasse wieder hinhielteu. Dabei standen sie, fortgesetzt sich verneigend, ans, ein Verfahren, das vielleicht auch dadurch veranlaßt wurde, daß wir stehen mußten, weil zum Sitzen kein Platz mehr war. Bei der zunehmenden Temperatur schwitzten die braven Chinamänner erheblich in ihren dicken, pelzgefütterten Röcken, während wir ihnen fortgesetzt Schokolade, Kuchen und Cigaretten anboten. Als sie schließlich gingen, drückte ich jedem, so schwer es mir wurde, noch in der Thür die Hand und so schieden wir, fremd im Denken, fremd im Fühlen, und doch mit der Ueberzeugung, die, wie ich fest glaube, auch unsere Gäste hatten, daß es wohl möglich ist, sich miteinander auf einen erträglichen, für beide Teile Nutzen bringenden Fuß zu stellen. 3ch verblieb noch eine Stunde bei den Unteroffizieren und Mannschaften, dann nahmen wir unser Abendessen ein, wozu wir den tüchtigen Feldwebel eingeladen hatten. Alles in allem: "Lin schönes weihnachtsfest!" Line Weihnachtsbescheerung bei unseren Ostasiaten. für den heimatlichen Tannenbaum, vom Fcldproviantamt wurden außerdem an die einzelnen Truppenteile noch Bäume abgegeben, von denen erzählt wurde, daß sie aus Japan stammen sollten. Am 25. Dezember war Oberleutnant Beerbohm vom 5. Regiment aus Tientsin mit zwei Waggons voll Liebesgaben für die Garnison Peking angelangt. Und so rüstete denn ain 2% sich alles, um fern von der Heimat den Heiligen Abend so schön, wie unter den obwaltenden Verhältnissen möglich, zu verleben. Die einzelnen Truppenteile hatten für eine hübsche Schmückung der zu so hoher Ehre ausersehenen chinesischen Ledern und Lypressen Sorge getragen, jeden: einzelnen Manne war ans Kompagnieersparnissen eine kleine Weihnachtsgabe beschieden worden, und als die Dunkelheit hereinbrach, da erstrahlten die Rlannschaftsversammlungsräume im flimmernden Kerzenglanz. Nach heimischer deutscher Sitte nahm die Feier ihren Verlauf und in dem Moment hat sicherlich gleichzeitig ein Gedanke aller Herzen durchzuckt: der Gedanke an die Lieben daheim in der Ferne! Der deutsche Gesandte Mumm von Schwarzenstein hatte in liebenswürdigster weise die Gesandten Oesterreich-Ungarns und der Niederlande nebst ihren Attaches, die sämtlichen Herren Rückblick auf die Schreckenstage von Peking der Hoffnung Ausdruck gab, daß nunmehr für immerdar in dieser Stadt in deutschem Hause nach deutscher Sitte das Lhristfest gefeiert werden möge. Noch ein Lied zum.Schluß und in gehobener Stimmung, das Herz erfüllt von heimatlichen Gedanken, begab sich die Festvcrsammlnng ins Nebenzimmer, wo unter einem im Lichtmeer erstrahlenden mächtigen Weihnachtsbaume auf langgestreckter Tafel des Hausherrn übergroße Liebenswürdigkeit jedem seiner Gäste durch das Christkind eine Gabe hatte niederlegsn lassen, die eine Lrinnerung bleiben wird für immerdar! Gleichzeitig erfolgte die Verteilung der "Weihnachtsausgabe des Pekinger Tageblattes", welches in der im Tsungli Hamen aufgcschlagencn Felddruckerei unter der sachkundigen Aegide des Leutnants von Stockhausen vom Regiment Nr. 2 heute zum erstenmal als Festnummer erschienen und in einer Riesenauflage auch an sämtliche Mannschaften der deutschen Garnison Pekings verteilt worden war. Nach der so überraschenden Bescherung ging es znm Diner, dessen Speisenfolge zeigte, wie des Gastgebers Fürsorge auch alles aufgcboten hatte, uin wehmutsvolle Heimatsgcdanken nicht allzusehr die Stimmung bemeistern zu lassen. Bald zu Anfang der Tafel ergriff der deutsche Gesandte das wort und gedachte Weihnachten in Pekinq. sSchilderung der Weihnachtsfeier in Peking von einem dabei Beteiligten:/! Unter fortgesetzten Unruhen und unter den redlichen und schließlich doch undankbaren Bemühungen des Oberbefehlshabers Zucht und Ordnung in dem gelben Erdteil wieder herznstellen, ist das weihnachtsfcft genaht. Schon tagelang vorher sah man von allen Thoren der Stadt kleine Detachements hereinkommen, welche Lypressenbäume requiriert hatten, zum Ersatz der deutschen Botschaft sowie die Korrespondenten der deutschen Presse in sein gastliches Haus geladen. Als einziger Vertreter > des aktiven Militärs war der Generalmajor von Trotha, Kommandant der f. Znfanterie-Brigade und Stadtkommandant von Peking, zugegen. Zn einem zur Kapelle hergerichtetcn Zimmer fand zuerst um ?/4 7 Uhr eine kirchliche Feier statt, bei welcher nach Absingung einiger Weihnachtslieder Divisionsfcldprediger Becke in zu Herzen gehenden Worten des weihevollen heimatlichen Festabends gedachte, und anknüpfend an einen kurzen in warmen Worten, unter Berücksichtigung der traurigen Thatsache, daß in der frohen Stunde er schmerzlich die deutschen Frauen vermissen müsse, der Lieben daheim und toastete auf alle, die wir lieben. Bach Aufhebung der Tafel blieb die Festversammlung noch bis gegen Mitternacht in den geräumigen Appartements der Gesandtschaft in angeregter Unterhaltung vereint und verabschiedete sich dann dankerfüllten Herzens gegen den liebenswürdigen Gastgeber, der auf so reizende weise dem Einzelnen die Trennung von den Lieben daheinr am heiligen Abend vergessen gemacht hatte." "An diesem Abende," so fährt ein anderer Erzähler fort, "hatte wohl jeder einzelne das Recht und das Bedürfnis nach offener, herzlicher Aussprache, an diesem Abende fallen wohl von selbst die starren Schranken der Rangunterschiede, denn der Gedanke an die Heimat und an die Angehörigen regt sich bei federn so heftig, daß es unnütz wäre, einen versuch zu machen, die seelischen Regungen zu verbergen, wer aber hätte von allen, die hier draußen weilten, größeres Anrecht auf Mitgefühl, als unsere armen verwundeten und Kranken in den Feldlazaretten. . Um fünf Uhr sollte die Feier beginnen und schon war den ganzen Tag an dem Aufputzen der Bäume gearbeitet worden, so daß jeder Krankensaal und selbst der kleinste seinen Wcihnachtsbaum hatte, damit die armen Schwerkranken, deren Transport in die Festräüme nicht ermöglicht werden konütc, wenigstens hier ihren Anteil haben sollten au der allgemeinen Freude, Als Festsaal war ein großer Raum, der eben erst wohnlich eingerichtet worden war, gewählt und zwei hohe Typressen waren dort aufgestellt und reich geschmückt. In zwei Nebcnräumen war auf langen Tischen die Beschcerung für das Lazarett-Trainxersonal aufgebaut, und die Gaben für die Kranken waren nach den Truppenteilen geordnet in Kisten hinter den wcihnachtsbäumcn aufgestellt, viel war es nicht, was den armen Kranken geboten werden konnte. Das gänzliche Ausbleiben der wcihnachtspost und das spärliche Eintreffen von Liebesgaben hatten es mit sich gebracht, daß trotz der peinlichen Sorgfalt und des ängstlichsten Zusammenraffens alles Auffindbaren die Bescherung etwas knapp ausfallen mußte. Um halb fünf Uhr war in den Krankensälen die Weisung erteilt worden, daß die Rekonvaleszenten sich recht warm angekleidet im großen Saale zusammenfinden und die transportablen Kranken vom Personal auf Bahren gebracht werden sollten. Und so kamen sie nun gegen 2 Uhr von allen Seiten hergeströnit, auf Krücken und Bahren, mit verbundenen Köpfen und Armen, oder gestützt von Kameraden und nur auf einem Beine hüpfend; an die hundert Kranke. Ein schneidendes Weh rief dieser Anblick hervor, als die Lichter auf allen Seiten aufflammten und ihren Glanz auf den wächsernen Gesichtern der eben vom Typhus Genesenen widerspiegelten. Da keine genügende Anzahl protestantischer Geistlicher in Peking ist, so war der katholische Divisionspfarrer gebeten worden, die Weihnachtsansprache zu halten. Eröffnet wurde die Feier mit dem Singen des Liedes: "Stille Nacht, heilige Nacht". Anfangs klangen die Stimmen dünn, kamen aber beim vortrage der zweiten Strophe etwas mehr in Kraft, nun waren die Lungen schon zu sehr angestrengt und die dritte Strophe wurde leiser und immer leiser gesungen und die letzten Worte fast nur geflüstert. Dann sprach der Geistliche. Ruhig und eindrucksvoll, wie man zu einer Gemeinde spricht, deren Glieder verschiedener Konfession sind, redete er von der fernen Heimat, von den Lieben daheim, und da gingen Seufzer durch den Saal und die scharfen Züge der Leute wurden weich, die Augen verschleiert und da und dort tönte leises Schluchzen. Als der Pfarrer seine Rede beendet hatte, verließ er sofort das Lazarett Nr. 2, um nach dcni Lazarett Nr. 6 zu eilen und dort ebenfalls Trost zu spenden und die Weihe des Abends zu verherrlichen. Jetzt war cs aber nach Meinung des (Oberstabsarztes Or. Albers schon übergenug an Rührung. Die Acrzte wissen nur zu genau, wie gefährlich seelische Erregungen für Rekonvaleszenten sind, und dürfen die Leute nicht 511 weich werden lassen, Hier ist es wohl möglich, den Lhristabcnd feierlich, aber nicht fröhlich zu begehen. Ein kranker Hauptmann war auch zugegen, und uns, die wir unsere eigene Familie in der Heimat zurückgelassen hatten, die unter der Trennung dort ebenso schwer leidet wie wir, wir standen während der Bescherung in einer Ecke des großen Saales und streiften die Rauhheit, welche der Krieg unmittelbar mit sich bringt, ab und sprachen von unseren Lieben. Die Verteilung der Thristgeschenke begann. Für das Lazarettpersonal hatten die Aerzte in bester weise gesorgt und jeder erhielt seinen Anteil, wollene Hemden und Strümpfe, Seife, Tigaretten und Tigarren, Messer und Briefpapier, Pfeifen und Spiegel und außerdem den Weihnachtsstollen, Aepfel und Nüsse und eine große Flasche Likör oder Tognak. Die Sanitätsmannschaften hatten diese Belohnung reichlich verdient. Die Rekonvaleszenten wurden mit Liebesgaben bedacht. Da hatten auch die Kompagnieführer ihr Scherflein bcigcstcucrt, denn es sollte niemand leer ausgehen. (Oberstabsarzt Or. Albers leitete selbst die Verteilung si die Namen wurden aufgcrufcn, der Mann trat vor und quittierte das Empfangene, Hauptsächlich waren es Wäschestücke Und kleine Gebrauchsgegenstände, die zur Ausgabe kamen. Natürlich war bei dein steten Wechsel des Krankenbestandes auf den einen oder den anderen nicht gerechnet worden, und immer kleiner wurde das Häuflein der Gaben, und die Leute, die noch nichts erhalten hatten, immer unruhiger. Endlich gab es nichts mehr, aber noch ein volles Dutzend Soldaten, stand erwartungsvoll da. Es konnte, es durfte ja nicht möglich fein, daß unter hundert gerade sie nichts erhielten. war auch offiziell nichts mehr da, so hatten doch die Acrzte für ihre Leute, die ihnen schon so viel Sorge gemacht hatten, die sie glücklich waren, jetzt wieder auf dem Wege der Heilung zu sehen, nachdcin der Todescngel gar vernehmlich an die Thür gepocht hatte, ein warmes Herz und ein tiefes Mitgefühl. Einige Minuten vergingen in rascher Besprechung, dann verschwanden einige der Herren und kamen bald mit einer Anzahl Flaschen und Pakete wieder. Jeder erhielt seine Flasche Likör, Schokolade und Stollen und noch eine Kleinigkeit, und dankbarer als diese armen Burschen war an diesem Abend wohl schwerlich jemand anders in ganz Peking. Eine kleine Feier war noch im Kasino veranstaltet und dort ging cs recht lebhaft und heiter zu, denn der ernste und anstrengende Beruf ist nicht im stände, die Lebensfreude der Acrzte zu ertöten, während des heiteren Mahles, dessen Genuß durch zahlreiche witzige Toaste gewürzt wurde, mußte wohl ab und zu ein Arzt abberufen werden, um einen neuen verband anzulegen oder eine Morphiumeinspritzung zu machen, aber diese alltäglichen Pflichten ist der Arzt gewöhnt. Der Fimmel war klar und rein, von funkelnden Sternen übersäet, kein Hauch bewegte die Luft. Auf dem trockenen gefrorenen Boden war nur das Klappen der Hufe vernehmbar. Ich kam unter der Wölbung des Hatamen durch, "Halt, wer da?" und kaum hatte ich mich legitimiert, so erklang es .auch schon frisch und fröhlich — sehr reglemcntswidrig — "prost Weihnachten". Am 26. Dezember, dem 2. weihnachtsfciertag, fand auf den: großen gepflasterten freien Platz vor den Thoren zum Eingang in die verbotene Stadt eine Parade über die gesamte deutsche Garnison Pekings statt zur feierlichen Uebergabe der von dem Allerhöchsten Kriegsherrn den Bataillonen des p und 2. Regiments verliehenen Fahnen. Um Schlag ff Uhr erschien der Gcneralfeldmarschall hoch zu Roß mit großem Gefolge und mit den Höchstkommaudierenden der fremden Truppenkontingente an der Spitze der mit Musik anrückenden Fahnenkompagnie, welche von den Gstasiatischen Jägern gestellt wurde. Nach einer kurzen kernigen Ansprache übergab Graf waldersee die Feldzeichen, während die Truppen präsentierten, im Namen des Kaisers an die Bataillone und schloß mit einem Hurra auf den obersten Kriegsherrn, worauf die Musik die Nationalhymne intonierte. Nachdem die Fahnen eingerückt waren, erfolgte Abreiten der Fronten der deutschen Truppen und im Anschluß daran die verschiedenen Deputationen der Amerikaner, Russen, Italiener und der österreichisch-ungarischen Marinemannschaften. Die Franzosen, wie gewöhnlich, und sonderbarerweise diesmal auch die Engländer glänzten durch Abwesenheit einer Abordnung. Inzwischen hatten sich die Truppen zum Parademarsch formiert, welcher von der Infanterie mit aufgepflanztem Seitengewehr, das erste Mal in Komxagnicfronten, von den Reitern in Zügen, von der Artillerie in Battericfronten im Schritt stattfand. Bei einem zweiten Vorbeimarsch defilierte die Infanterie in Zügen im Laufschritt, die Kavallerie in Eskadronfront im Trabe. Den Beschluß bildeten die fremdländischen Abordnungen. Die Kapelle des p Deutschen Inf.-Regts. spielte den einzelnen Kontingenten heimatliche Marschklänge. Der Vorbeimarsch der fremden Truppen war, abgesehen von dem bunten Bilde, vorzüglich. Ein zahlreiches schaulustiges Publikum aller Nationen hatte sich zu diesem seltenen Schauspiele eingefunden, es wurden sogar, sage und schreibe, zehn europäische Damen gezählt, ein untrügliches Zeichen, daß Ruhe und Sicherheit ins himmlische Reich wieder einzuziehen begonnen haben." Inzwischen verlief bei allen Truppenteilen die Weihnachtsfeier in der fröhlichsten Stimmung. Parademarsch an Kaisers Geburtstag in Peking. Mfter Abschnitt. Die militärischen Operationen im Iahre Ml bis zum Hriedensschluh. Schon seit drei Monaten führten in der Hauptstadt des himmlischen Reiches die Vertreter der Mächte Unterhandlungen, um endlich den von allen Seiten sehnlichst gewünschten Abschluß der China-Wirren herbeizuführen. Doch immer wieder verstanden es die chinesischen Unterhändler durch scheinbares Nachgeben, Winkelzüge und Hintertreppenpolitik die Verhandlungen Hinzuschleppen in der Hoffnung, auf diese Weise Zwietracht in die Vertreter der verbündeten Mächte zu bringen. Erst ein militärisches Machtwort des Grafen Waldersee vermochte die Unterhandlungen in Fluß zu bringen. Er erklärte, den Vormarsch auf die Provinz Schensi, in deren Hauptstadt Singanfu der chinesische Hof sein Lager aufgeschlagen hatte, fortsetzen zu wollen, und ließ ungesäumt die nötigen Vorbereitungen dazu treffen. So wurde die Garnison von Paotingfu, über welche Stadt der Marsch voraussichtlich gehen sollte, angewiesen, durch Erkundungen festzustellen, ob der Übergang über das Gebirge direkt nach Westen mit dem ganzen Train für größere Truppenkörper möglich wäre, und zugleich wurden die Pionierabteilungen zur Ausbesserung und Fahrbarmachung der Übergänge nach Westen abgesandt. Am 18. Februar setzte sich ein derartiges Detachement unter Befehl des Hauptmanns Hagenberg in Marsch, bestehend aus einer Kompagnie Pioniere (90 Mann), einem Zuge berittener Infanterie (34 Mann) unter Leutnant Hoffmann. Dem Detachement war als Wegweiser Leutnant v. Kretschmann vom 3. Regiment beigegeben, außerdem als Topograph Oberleutnant Dinkelmann und als Dolmetsch-Offizier Leutnant Strödel, ferner zehn Topographen. Bis Ting konnte die von den Franzosen weitergcführtc Bahnlinie Peking-Paotingfü benutzt werden, der von dort bis zum Eingang des Antsulingpasses führende Weg wurde in drei Tagemärschen zurückgelegt und die kleine Expedition gelangte bis Fouphing, etwa 15 llm vom Antsulingpasse entfernt. Da man erwartete, sich mit der dortigen chinesischen Besatzung verständigen und dann wieder nach Fouphing zurückkehren zu können, so wurden die ganzen Bagagen unter einer schwachen Bedeckung in der Stadt zurückgelassen und das Detachement trat ain 21. morgens in Richtung auf den Paß in Marsch. Das Gelände war zwar stark conpiert, doch waren die Thalsohlen meistens breit und nur wenige Steigungen erschwerten ein Fortkommen für Artillerie. sBericht eines Beteiligten über die Expedition nach dem Antsnlingxatzst Am Eingänge des Passes ließ Ljauptmann Wagenburg die Pioniere zurück und ging nur mit 20 berittenen Infanteristen, sechs Topographen und den zugeteilten Vffizieren in das Defilee vor, meinend, der Anblick einer größeren Truppenzahl könne die chinesische Besatzung mißtrauisch machen. Aber bald, nachdem man zwischen die steilen, felsigen tfänge gekommen war, erklärte der mitgenommene Führer, man könne hier nicht weiter, weil längs der ganzen Straße Tretminen gelegt feien. Nun sagte ihm der Dolmetsch, dies wäre für den Führer kein lfindernis, da er ja wohl die gefährlichen Plätze kennen müsse, und die Dorfbewohner wurden an die Spitze gestellt, um die gefährlichen Stellen zu umgehen. Dann wurde ein besser gekleideter Thinese vorausgesandt mit der Einladung, der chinesische Rommandant möge der Truppe entgegenkommen, damit man ihm derl Brief übergeben und die Bedingungen seines Abzuges besprechen könne. Der Mann erklärte sich hierzu bereit und eilte voraus, während die Vffiziere mit den Leuten vorsichtig den Weg untersuchend nachfolgten. Nach passieren einer scharfen Wcgbiegung bekam man die Thalsperre auf etwa fOOO in zu Gesicht. Das Thal war durch vcrschanzungen geschlossen, zahlreiche verhaue, Gräben und bseckcn waren sichtbar und auf allen Höhenzügen waren Fähnlein aufgestellt, zwischen denen sich einzelne Gestalten aufund abbcwegten. Dann verschwand die Thalsperre wieder aus den Augen, und als der Trupp um eine lvegbiegung hsrvorkain, sah man, wie zahlreiche Thinesen in geschlossener Vrdnung zwischen den, durch Fähnlein sichtbaren Stellungen einrückten, während sich auch beiderseits der Straße die Höhen mit Bewaffneten füllten, dis sich dort, wie man deutlich erkennen konnte, in Deckung legten. Auch sah man eine ziemlich regelmäßige Aufhäufung von Steinmassen an den Hängen. Trotzdem dachte niemand an einen Zusammenstoß, weil man gesehen hatte, daß der Bote an die Festung gekommen und eingelassen worden war. Die Pferde waren schon auf \000 m zurückgelassen worden, als man an einen tiefen Graben kam, dessen Gftseite durch eine und dessen Westseite durch zwei hohe vorgelagerte Mauern verstärkt war. Durch diese führte ein Thor und eine Lngbrücke. Hier, erklärten die Thinesen, sei es absolut nicht möglich, hinüber zu kommen, denn in der Mitte des Thores liege bestimmt eine Mine. In der That erhob sich dort einer jener kleinen, unauffälligen Erdkegel. Noch während der Führer überlegte, ob man noch weiter gehen, oder hier die Ankunft des chinesischen Generals abwarten solle, begann plötzlich wie ein Hagelwetter von allen Seiten ein Geschützund Gcwehrfeuer, so daß man knapp noch Zeit hatte, bevor die zweite Salve kam, in Deckung zu springen und eine kurze Fcuerlinie zu bilden. Die Ueberraschung war so plötzlich und unerwartet gekommen, daß die deutschen Mannschaften trotz der großen Entfernung — es waren noch etwa 600 m bis zum Fort und der^ Gegner vortrefflich gedeckt — ihr Feuer nicht sparsam zurückhielten, sondern sich die Erregung in einem hastigen Schnellfeuer Luft machte, das erst gestoppt werden konnte, als die ^eute fast ein Drittteil ihrer Munition, ohne drüben großen Bchaden anzurichten, verknallt hatten. Dann wurde allerdings dieser Fehler durch ein äußerst sparsames und wohlgezicltes Feuer wieder wett gemacht, während beim Gegner das Schießen von Minute zu Minute heftiger wurde, vier Batterien alter Vorderlader schossen Rundkugeln und waren so gut auf die Entfernung eingestellt, daß gleich nach den ersten Salven ein Mann fiel, dem das Geschoß die Schädeldecke abgerissen hatte. Nun begann cs auch rechts uud links auf den Höhen lebendig zu werden. Außer dem heftigen Gewehrfeuer rollten schwere Steine unter fürchterlichem Gepolter in die Schlucht hinab, ohne aber Schaden anzurichtcn, denn die meisten Trümmer verfingen sich in einer sandigen Halde und außerdem fanden die Leute immer noch Zeit genug, den kollernden Steinen auszuweichen. Die Thinesen schossen, wie immer, schlecht. Denn nicht nur, daß die dominierenden Abteilungen in der Flanke nicht weiter als 500 m entfernt waren, so hatten unsere Leute gegen jene absolut nicht die Möglichkeit, sich zu decken, sondern waren von drei Seiten und sowohl in horizontaler als vertikaler Lage dem Feuer ausgesetzt. Lin Pferdebursche mit verlegenen, schüchternen Manieren, von riesiger Gestalt, hat sich dort besonders ausgezeichnet. Jede Deckung verschmähend, spionierte er nach rechts und links, und wo nur ein Ropf sichtbar wurde, schoß er mit geradezu verzweifelter Ruhe und Ueberlegung. Um fp/z Uhr hatte der Rampf begonnen und nach einer halben Stunde waren die Thinesen bereits der Abteilung in den Rücken gekommen und hatten die vier Mann angegriffen, die am Eingänge der Schlucht die Pferde hielten. Gbschon sie die Möglichkeit hatten, sich zur vorn kämpfenden Abteilung zurückzuziehen, blieben sie hier am zugewiesenen Posten und schossen ein Dutzend der Angreifer nieder, so daß diese sich darauf beschränkten, auf die Hänge zurückzukehren und sie mit Feuer zu überschütten. vom Gegner war wenig zu sehen. Nur wenn die Geschütze frisch geladen werden mußten, entstand bei den Rohren eine gutsichtbarc Gruppe, in welche dann Salven abgegeben wurden. Der Lärm, das Geschrei und Gedonner war so stark, daß man sich auf zwei Schritte nicht mehr verständigen konnte, und die Vffiziere von einem Schützen zum anderen gehen mußten, um jedem einzelnen die Befehle ins Ghr zu schreien. Nach einer langen, bangen Stunde hatten erst die durch das Feuer aufmerksam gemachten Leute, die zurückgelassen worden waren und sofort herbeieilten, die steilen Höhen beiderseits des Thales erklommen, auf jedem Hange fünfundzwanzig, und drängten die umfassenden feindlichen Flügel langsam gegen das Fort zurück, wobei die Thinesen einen erbitterten Widerstand leisteten und vom Vffizier angefeuert, mehrmals in vorzeitig verlassene Stellungen neuerdings eindrangen. Das Vorgehen über die Höhen war für unsere Leute äußerst anstrengend, weil fortwährend Schluchten und felsige Abhänge überklettert werden mußten. Endlich, um 2V2 Uhr nachmittags, waren die Höhen vom Feinde gesäubert und der Sturmangriff gegen das Fort wurde angesetzt. Die im Thals kämpfende Abteilung hatte ihre Stellung im Grunde verlassen, und da es ausgeschlossen schien, über die angeblichen Minen zum Sturme vorzugehen, so hatte sie den linken Flügel auf den Höhen verlängert. Aber die Thinesen warteten den Bajonettangriff nicht ab, sondern verließen den Platz in eiliger Flucht, sich nach allen Richtungen zerstreuend. Da keine Pferde zur Stelle waren, so konnte die Verfolgung nur durch Feuer geschehen, und mehrere Patrouillen wurden den Flüchtenden nachgesandt, um dessen Sammelpunkt festzustellen, während eine Patrouille zurückging, um die Pferde und Bagage nachzuführen und einen Meldereiter mit dem Gefechtsberichte zu General von Rettler zu senden. . Die Thalsperre, welche die Schlucht gegen westen abschließt, war ganz modernen Ursprungs, und, wie Gefangene aussagen, erst seit ^ Monaten gebaut worden. Sie bestand aus Schützengräben tiefen Profils, gedeckten Verbindungswegen, vier Batterien alter Geschütze, die in ganz modernen Deckungen standen und einem tempelartigen Kastell, von dem aus Flankierungslinien an beiden Thalhängcn nach Osten liefen. Hier wurde nun Ouartier bezogen. Man fand zahlreiche Waffen alten und modernen Ursprungs, hauptsächlich Mauser M. 7s und ein Maschinengewehr. 2\ Fahnen und Standarten vervollständigten die Beute. Glücklicherweise fanden sich große Vorräte von Kartoffeln und frisch geschlachtete Schweine, so daß die Leute gut versorgt werden konnten. von der Landbevölkerung erfuhr man, hier hätte General Hsü gestanden, der unter Androhung von Todesstrafen die Einwohner gezwungen hat, von den Bergen herab Steinlawinen auf die Truppe zu werfen. Tr selbst habe im Gefechte einen Schuß durch den Mund erhalten, der neben dem Genick wieder hinausgedrungen sei, und die Leute waren anscheinend recht vergnügt, daß er gefallen war. Dieser General Hsü schien aber nach allem ein hervorragender Mann gewesen zu sein. Erstens hatte er sich um die Befehle Li-Hung-Tschangs absolut nicht gekümmert, dann hatte er dem Boten, den ihm Hauptmann biagenberg sandte, einfach den Kopf spalten lassen — man fand den Leichnam im Thorbogcn •— weiter hatte er die Bevölkerung gezwungen — trotz deren üblem Willen — ihm beizustehen und endlich hatte er seine Stellung gut gewählt, nnt großem Geschicke befestigt und sein möglichstes gethan, um die Thinesen zum Ausharren zu bewegen, dabei sein Leben unbekümmert aufs Spiel setzend. Am 22. wurde gegen Westen auf etwa 15 km Patrouille geritten und Lungthsüankuan an der Großen Mauer erreicht, der Eintritt in die Stadt aber verschoben, weil sie noch stark vom Feinde besetzt war, erst am 23. kamen abermals H Offiziere mit j5 Mann dorthin, fanden aber den Drt ausgcstorben, dagegen Waffenund große Pulverund Munitionsvorräte in allen Häusern und mitten in der Stadt ein gut befestigtes Militärlager. Da aber noch die Möglichkeit vorherrschte, daß der Grt später durchziehenden europäischen Truppen als Etappe dienen könnte, ließ man das Lager unversehrt. Den ganzen Tag über hörte man im Westen starken Geschützdonner, dessen Bedeutung aber nicht verstanden wurde, weil sich andere europäische Truppen dort nicht befinden konnten. Endlich erwischte man Bauern, die erklärten, die Thinesen hätten jetzt eine andere Stellung eingenommen und schössen ihre alten Kanonen auf die Entfernungen ein. In den verlassenen Stellungen vom Antsuling-Paß hatte man nur ls0 Tote gefunden, während die Einwohner behaup teten, es wären 200 Tote und verwundete auf feindlicher Seite gewesen. Als der Kampfplatz am andern Tage nochmals untersucht wurde, waren alle Leichen bereits ihrer Uniformen und Schuhe beraubt und die Leibwäsche verbrannt. Auf deutscher Seite war ein Mann tot, ein verwundeter mit einer Kugel durch die Schulter und ein zweiter mit einem Fleischschuß im Oberschenkel — aber beide blieben trotzdcni gefechtsfähig. Am 2lf. wurde Leutnant Strödel mit 8 Mann wieder nach Lungthsüankuan gesandt, um dort die Waffenvorräte zu vernichten und das Pulvermagazin zu sprengen. Er kam unbclästigt ans Ziel und war über eine Stunde bereits mit vier Leuten an der Arbeit, als der Doppelposten, den er auf der Stadtmauer ausgestellt hatte, lebhaftes Feuer abgab, weil von allen Hängen herab reguläre Soldaten herbeisilten und ein Teil von ihnen, etwa f50, durch Schluchten gedeckt, bereits die Mauer des Militärlagers erklettert hatte und sich mitten in der Stadt befand. An einen ausreichenden Widerstand war nicht zu denken und Leutnant Strödel zog sich langsam gegen den Antsuling-Paß zurück, immer wieder Front machend und den nachdringenden Thinesen ein gut gezieltes Feuer nachsendend, welches ihnen über 20 Tote kostete. Lin Teil des Gegners hatte auch wieder die Thalhänge besetzt und die Patrouille fast abgeschnitten; als die Situation derartig kritisch wurde, sandte Leutnant Strödel die sieben Pioniere zurück, hielt mit cinein Manne die Thinesen noch so lange auf, bis die Patrouille aus der gefährdeten Stellung herausgekommen war und jagte dann mit dem letzten Manne hinterher. Verluste hatte er nicht. Am folgenden Tage ritt Leutnant von Kretschmann wieder dorthin, um zu erkunden und die Wege aufzunehmen. Die Stadt war aber anscheinend wieder verlassen, und man sandte einen berittenen Infanteristen mit einer neuen Meldung nach paotingfu zurück. Dieser Mann kain noch am selben Abende nach Wangtu, hatte also an einem Tage eine Strecke von hundert Kilometer zurückgelegt, wollte auch sofort nachts nach paotingfu, fand aber in Wangtu kein frisches Pferd. Diese hervorragende Leistung eines Infanteristen auf einem Pony verdient besondere Erwähnung. Er hatte außerdem auf seinem Ritte einen Angriff von fünf Räubern abzuwehren, und schoß zwei von diesen nieder. Sämtliche Meldereiter und Patrouillen wurden in diesen Tagen von versprengten Soldaten oder von Räubern angegriffen und ein Mann dabei leicht verwundet. Ueberall zeigte sich die Bevölkerung gegen größere Patrouillen kriechend und unterwürfig, wo aber einzelne Reiter durchkamen, heimtückisch und aggressiv. Am 26. Februar klärte Leutnant lsoffmann wieder gegen die Mauer auf, fand aber die Stadt stark besetzt; als er in den paß zurückkehrte, waren dort bereits \0 berittene Infanteristen der Kompagnie des 5. Infanterie-Regiments zur Verstärkung aus paotingfu eingetroffen und brachten den so sehnsüchtig erwarteten Munitionsersatz. Die Leute hatten kaum mehr ihren halben Patronenvorrat gehabt, und deshalb konnte man vor Lintreffen des Ersatzes keinen Angriff unternehmen, um dann ohne Munition den paß wieder räumen zu müssen. Das Detachement war ziemlich erschöpft durch die täglichen Erknndungsritte und den anstrengenden Wachtdienst, der in zwei Touren von der ganzen Mannschaft gehalten werden mußte. Nun wurde sofort der Angriff auf Lungthsüankuan für den folgenden Tag beschlossen und am Morgen des 27. Februars brach das ganze Detachement dorthin auf. Als man aber auf 800 m an den Grt herangekommen war, fielen dort rasch aufeinander folgend acht Kanonenschüsse, worauf die Kompagnien ausschwärmten und bis auf 500 m an die Mauern herankamen. Da sah man, wie die Thinesen nach allen Richtungen hin über die Abhänge emporklommen und ausrissen — "wie Schafleder" — sagten die Leute. Der Gegner hatte so bereits einen Vorsprung von sOOO m erreicht und verschwand über die Kämme, bevor eine regelrechte Verfolgung cingeleitct werden konnte. Nnn wurde an die gründliche Zerstörung des Lagers gedacht, und der ganze, umfangreiche Komplex, in dem man aber nur noch die ljälfte der früheren Pulvervorräte auffand, abgebrannt. Hierauf kehrte das Detachement in den paß zurück und sandte am 28. Februar ge einen Zug pioniere nach Antsuling, Fouphing und wankhuaihen zurück, um die Wege für die im Anmarsche begriffenen zwei Geschütze der Haubitzbatterie zu ebnen, die teils zur Unterstützung, teils um die Fahrbarkeit der Straßen zu erproben, aus paotingfu unter Hauptmann Gsterhans nachgcschickt worden waren. Nachdem dort bereits ein Detachement verschiedener Waffen vereint war, traf auch (Oberstleutnant Wallmenich im passe ein, um das Kommando zu übernehmen, und bereits abends kamen die Geschütze, welche die schwierige Strecke von s80 km in vier ^-agen zurückgelegt hatten, in Antsuling ein. Die große Mauer bei Lungthsüankuan war stark zerfallen, im größten Teile nur durch die Wachttürme kenntlich, die auch teilweise erst vor kurzem ausgebcssert worden waren. Am s. März marschierte das ganze Detachement unter Oberstleutnant Wallmenich dorthin und fand ähnliche Verhältnisse, wie bei Antsuling. Wieder waren alle Höhen mit Fahnen besteckt, zwischen welchen die Kompagnien einrückten, während hinter ihnen geschlossene Reserve-Abteilungen sichtbar wurden. Die Vorhut wurde umzingelt, von allen Höhen herab eröfsnete ^er Feind lebhaftes Feuer und ging auf den Flanken zum Angriffe vor. Die Vorhut mußte sich um einen Felsen gruppieren, wurde auch umgangen und vom Detachement abgeschnitten. Die Wegeverhältnisse in jenem Teile waren sehr schlecht, die Thäler schmal und schluchtartig; das Fortkommen mit geschlossenen Abteilungen sehr schwierig. Die Vorhut verlor drei Tote und mußten sich endlich zum Detachement durchschlagen und ihre Toten mit sich tragen. Nachdem die Kolonne Wallmenich eingetroffen war, wurde die paßsperre nach kurzem Feuergefechte im Sturm genommen, aber wiederum hatten die Thinesen Zeit auszureißen. Ihre Verluste waren nicht genau festzustellen, sollen sich aber ans mindestens f50 Tote beziffert haben.' Mit einem ähnlichen Erknndnngsanftrage von Paotingfu in nordwestlicher Richtung war zur selben Zeit ein anderes größeres Detachement unter Oberst Hoffmeister auf Taomakwan (135 km nordwestlich Paotingfu) und gegen die Straßen Knantschan-Tayi (westlich davon) entsandt worden. Es bestand aus der 1., 6. und 7. Kompagnie des 4., und der 8. Kompagnie des 3. Regiments, einem Zuge der 1. Eskadron des ostasiatischen Reiterregiments, 3 Gebirgsgeschützen und 1/2 Zug Pioniere und brach am 16. Februar von Paotingfu auf. sLin Beteiligter über die Expedition nach Kuantschan:j Nach vier überaus anstrengenden, meist nur auf kaum wegfamen, dazu stellenweise mit Schnee und Eis bedeckten Bergpfaden zurückgelegten Märschen hatte das Detachement am 20. Februar — cs mochte gegen p Uhr vormittags sein —die Große Mauer erreicht. Das Detachement hielt Rast. Der Zug Reiter, sowie die berittene Infanterie waren bereits am Morgen auf Kuantschan vorgesandt. In Kuantschan befehligte, wie bekannt war, General Wan, der in der chinesischen Armee sich eines ganz besonderen Ansehens erfreute. 2luf einen Brief desselben an Gberst Hoffmeister, "es sei Friede geschlossen, er habe den Befehl, in Kuantschan zu bleiben, und der Gberst möchte nicht kommen," hatte letzterer erwidert, "von einem definitiven Frieden sei ihm nichts bekannt, er habe den Befehl, Taomakwan zu besetzen und könne deshalb die Anwesenheit chinesischer Truppen in Kuantschan nicht dulden. Außerdem müsse er die Auslieferung derjenigen chinesischen Soldaten verlangen, die kürzlich auf einen seiner Gffiziere verräterischcrweise von der Mauer Taomakwans aus geschossen hätten. Die Offiziere waren, fast ohne Ausnahme, auf der paßhöhe versammelt, um die herrliche Aussicht zu genießen, als etwa ff Uhr 45 Ulin. der Oberst einen Befehl erhielt, dahingehend, Kuantschan solle nicht besetzt werden, und es sei jede Berührung mit den dortigen chinesischen Truppen zu vermeiden, dagegen bleibe es bei der Bestimmung in Betreff der Besetzung Taomakwans, nur sollte das Detachement möglichst rasch zurückkehren. Als Oberst Hoffmeister den erhaltenen Befehl bekannt gab, bemächtigte sich aller eine tiefe Niedergeschlagenheit. Noch nie hatte man chinesische Truppen bewußterweise so greifbar nahe vor sich — und nun sollte man umkehren! Der Oberst trat mit dem Befehl beiseite, hinter eine halbzerfallcne Hütte und kam nach 5 bis f0 Ulmuten zu den Offizieren heran mit den Worten: "Uleine Herren, Sie kennen den Befehl! Ich bin mir der schweren Verantwortung voll bewußt. 3« der Lage, in der wir sind, kann ich ihn nicht ausführen. Ich handle gegen den Befehl, wir marschieren. An die Gewehre!" Die Gründe, die den Oberst Hoffmeister zu diese,n Entschlüsse veranlaßt hatten, waren wohl hauptsächlich rein militärischer Natur, indem er bereits nahe am Leinde, demselben Bedingungen gestellt hatte, von denen er schlechterdings nicht mehr abgehen konnte, und für ihn doch die Ulöglichkeit vorlag, daß die vorgesandten Erkundungsabteilungen bereits Fühlung mit dem Leinde genommen hatten. Ulitbeftimmend inochte auch! der Gedanke sein, daß ein Umkehren gewissermaßen angesichts des Gegners sehr leicht falsch gedeutet und auch zu politischen Weiterungen hätte führen können. Ulit unbeschreiblichem Jubel war alles im Nu marschbereit, und hinunter ging's in die herrliche Landschaft. Nach ungefähr einer Stunde Ularsch, es mochte 5 oder, da stark ausgcschritten und der Weg besser wurde, auch 6 km sein, kan, eine Meldung des Oberleutnants von E; einig, Führer des Reiterzuges, daß er westlich Kuantschan von 2 bis 3 chinesischen Kompagnien angegriffen worden sei und nach lebhaftem Feuergefechte, für seine Handpferde fürchtend, aufgesessen und zurückgegangen wäre. Fast unmittelbar darauf meldete auch die berittene Infanterie, daß sie von chinesischen Truppen angegriffen und bedrängt würde. Der Marsch wurde nun noch mehr beschleunigt, die Gewehre wurden geladen und die Geschützrohre der Gebirgsbatterie auf Räder gesetzt. Nach etwa einer halben Stunde hörte man von vorne lebhaftes Gewehrfeuer. Die Avantgarde — 8. Kompagnie des 3. Regiments und die Pioniere — wurden von dem vorausgerittenen Detachementsführer zur Besetzung einer steilen Bergkuppe links herausgezogen. Diese Bergkuppe beherrschte weithin das vorliegende Gelände, und ihre sofortige Besetzung war von der höchsten Wichtigkeit, da auch der Gegner in richtiger Erkenntnis ihrer Bedeutung sie zu erreichen suchte. Es wurde hierdurch zunächst den berittenen Schützen der 6. Kompagnie Regiments eine wirksame Unterstützung zu teil. Die Batterie fuhr auf einer rechts davon gelegenen etwas niedrigeren Höhe, die aber gleichwohl ganz außerordentlich steil war, in erster Linie auf, weil dem Batterieführcr Hauptmann Gerstenberg aus einer Position weiter rückwärts in dem zerrissenen, schluchtcnartigen Gelände ein Ueberschießen der nahen davorlicgenden eigenen Infanterie bedenklich erschien. von der von der 8. Kompagnie besetzten Bergkuppe aus, auf welche sich der Detachementsführer begeben hatte, konnte man das ganze, von schroffen Höhen und tiefen Schluchten durchsetzte vorgeläude bis Knantschan und bis in das weite Thal des Küanho überschauen. In diesem Thals und südöstlich Knantschan lagen zwei ziemlich ausgedehnte Dörfer, aus denen sich nach einiger Zeit, mit dichten Schützenlinien voraus, ordnungsmäßig gegliederte Massen, offenbar das feindliche Gros, nach Süden in Richtung auf dis Batterie, von welcher rechts nur die berittenen Schützen der 8. Kompagnie standen, entwickelten. Oberst Hoffmeister befahl nunmehr dem Major Graf von Montgelas, mit 3 Kompagnien das Gros, und zwar mit zweien in erster Linie und einer rechts rückwärts gestaffelt. diesem äußerst bedrohlichen Vorgehen des Leindes gegen den diesseitigen rechten Flügel entgegenzutreten. Major Graf von Montgelas dirigierte denn auch die noch im Anmarsche befindlichen Kompagnien in der bezeichneten Richtung vor und entwickelte rechts von der Batterie aus der Marschkolonne heraus zunächst die 6., dann die f. Kompagnie mit je zwei Zügen ausgeschwärmt und einem geschlossenen dahinter, die 7. rechts rückwärts gestaffelt in Linie. In dem nächstgelegenen Dorfe Lungkontsung wurde durch den Regimentsarzt, Stabsarzt Plagge, der Verbandsplatz etabliert und dies den Truppen mitgeteilt; die Bagage, nur aus Tragtieren bestehend, nahm südlich des letztgenannten Grtes gedeckte Aufstellung. In wahrhaft bewundernswerter Weise wurde die Batterie auf der steilen Höhe in Stellung gebracht und es war hohe Zeit, denn sie mußte das Feuer auf ^00 m gegen die bis dorthin vorgedrungenen feindlichen Schützen eröffnen. Im richtigen Augenblicke trafen indessen die Kompagnien des Gros ein und unter ihrem gewaltigen Feuer stockte der feindliche Eingriff. Der Gegner ging zurück. hierauf gab. der Detachemcntsführer, der sich mittlerweile zur Batterie begeben hatte, dem Major Graf von Montgelas den Befehl, die beiden obengenannten Dörfer zu nehmen, und den Batterien, diesen Angriff zu unterstützen. Der Gegner hielt auch dort nicht stand, sondern ging, in den Schluchten und Hohlwegen verschwindend, auf Knantschan zurück. Nunmehr erhielt Graf Montgelas den Befehl, links zu schwenken und Knantschan zu nehmen, und die Batterie, diesen Angriff zu unterstützen und hierzu eventuell einen Stellungs wechsel vorzunehmen. Desgleichen sollte der Batterieführer der links von ihm befindlichen 8. Kompagnie von diesem eben befohlenen Angriff auf Kuantschan Kenntnis geben. Obwohl der Gegner noch vereinzelt von den Wällen von Kuantschan feuerte, hielt er indessen auch hier nicht lange stand, sondern zog sich, bald in völliger Auflösung und unter dem Feuer der inzwischen vorgefahrenen Batterie in westlicher Richtung, d. h. nach der Provinz Schansi zurück. Die 8. Kompagnie hatte zuerst die Bergkuppe westlich der Vormarschstraße besetzt, dann etwa 300 gegen sie vorgehende chinesische Truppen zurückgeworfen und war auf die gegen % Uhr nachmittags an sie gelangte Mitteilung von dem befohlenen Angriff des Detachements auf Kuantschan gleichfalls vorgegangen. Sie stieß hierbei auf etwa 300 andere in einem Hohlwege eingenistete chinesische Reguläre, griff diese mit "Hurra" an, warf sie im Handgemenge zurück und erbeutete fünf Fahnen. Gegen ^ Uhr 30 Minuten nachmittags rückten dis Truppen von Norden und Süden in Kuantschan ein. Oberst Hoffmeister mit dem Regimentsadjutanten Gberlt. Frhrn. von Reitzenstein ritt gegen H Uhr ^5 Min. durch das Nordthor in dis Stadt, in deren Straßen die Truppen bereits lagerten. Dem den Oberst in sichtlicher Angst und großer Demut empfangenden Mandarin legte ersterer nur die Lieferung der notwendigsten Lebensmittel auf, that ihm aber sonst nichts zu leide, obgleich es der Schurke verdient hätte. Nach am Abend ging von den zur Verfolgung vorgesandten Reitern die Meldung ein, daß der fluchtartig zurückgegangene Gegner etwa f0 km westlich Kuantschan halt gemacht, und am anderen Morgen, daß derselbe seinen Rückzug nach der Provinz Schansi fortgesetzt habe, wir hatten einen Toten, zwei Schwerverwundete und sechs Leichtverwundete zu beklagen,; von den Chinesen wurden 300 Tote auf dem Gefechtsfelde gezählt; die verwundeten nahmen sie mit sich. So war das Gefecht beendet. und eine frohe Stimmung herrschte bei den Truppen, welche diesmal wirklich, und wenn die Chinesen auch schlecht und namentlich viel zu hoch schossen, Pulver gerochen und ein regelrechtes Gefecht mitgemacht hatten. Der Sieg war erfochten und das war die Hauptsache. Dies Gefecht war in dreifacher Einsicht besonders bemerkenswert. Erstens war es das größte Gefecht gegen reguläre, in Ordnung und planmäßig geführte chinesische Truppen, welches dis Expedition bis dahin zu verzeichnen gehabt hatte. Dann war es aus der militärischen Notwendigkeit heraus und eigentlich gegen die Absicht des Armee-Vberkommandos geschlagen worden, und schließlich waren die Truppen unter dem Detachementsführer, einem geborenen Badener, zusammengesetzt aus Preußen, Baxern und Württembergern. Kuautschan selbst war ein großer Drt von etwa 8 bis lO 000 Einwohnern und seit Machen bereits von sämtlicher Bevölkerung verlassen, nachdem dort chinesische Truppen eiugerückt waren, deren Besuch die Chineseu weitaus mehr fürchteten als jenen der Europäer. Da die chinesischen Truppen gar eme Bagagen mit sich führten und stets auf dem Laude lebten, so war natürlich hier fast keinerlei Verpflegung zu finden und nur mit großer Mühe gelang es dem Drtsmandarin, am nächsten sorgen 2 magere Rühe zu liefern. Ein längerer Aufenthalt wäre, selbst im Lalle kein Befehl zu sofortigein Einrückcn nach Paotingfu Vorgelegen hätte, nicht ratsam gewesen, weil die zahlreichen Leichen, die in uiid um der Stadt lagen, die Luft in wenigen Tagen verpestet hätten, und ein Nachschub an Verpflegung erst nach einer Mache hätte eintreffen können. Massen fand man beinahe gar nicht. Die wenigen gefundenen Gewehre waren Mauser M. 7s/84; ob der Gegner Geschütze gehabt hatte, ließ sich auch nicht feststcllen, obgleich anscheinend zwei Kanonen alter Konstruktion auf die Batterie feuerten. Die Haltung der Mannschaften war ausgezeichnet; bei allen herrschte der Gedanke vor, so rasch wie möglich an den Gegner zu koinmeu. Durch das zu hoch gehende Feuer der Chinesen wurden mehrere Pferde und Maultiere weit hinter der Lront getroffen. yts am folgenden Morgen vor dem Rückmärsche das Gele^ stsfeld nochmals nach Massen und Standarten abgesucht wurde, ot sich den Truppen ein sonderbares und schwer erklärliches -bild. Daß die Leichen alle entkleidet und ausgeraubt waren, war nicht eben verblüffend, aber die meisten Leichen waren cilweise verbrannt und von einigen lagen nur mehr verkohlte ' nocheu umher, jedenfalls hatte die Landbevölkerung, einem tollen Aberglauben folgend, die Leichen angezüudet. Mau hatte Men Vorgang schon öfter beobachtet, ohne daß die chinesischen Dolmetscher darüber Aufklärung hätten gebe» können. «Erbeutet wurden im ganzen neun Standarten. Die Stärkeangaben über die chinesischen Truppen schwankten zwischen 2 und TOO. Ls ist jedenfalls die erste Zahl die richtigere, denn diese cckte sich dann auffallend mit dem Stärkeverhältuis sämtlicher vaßbesehungen an der Großen Mauer, die sowohl bei Tsukiuguan als auch bei Luugthfüankuau mit 2000 Mann angenommen worden ist, von denen aber nicht mehr als die Hälfte, oder sochstens zwei Drittelte aktiv in erster Linie am Kampfe teilgenommen haben. , Am 2\. Februar wurde der Rückmarsch nach Paotingfu in Kolonnen angetrcten, weil die Gegend derart ausgesogen war, \aB für das ganze Detachement nicht genügend Verpflegung auf einer Seite hätte beschafft werden können und ein Ruhetag in oein verödeten Kuantschan den Truppen keine Annehmlichkeiten ge wten hätte. Außerdem galt cs noch die Gegend zu durchstreifen, weil sich dort mehrfach größere Räuberbanden gezeigt hatten und vw Ortschaften gebeten hatten, sie von jenen Bauden zu befreien. Oberst Hoffmeister selbst eilte nach Paotingfu voraus, wu von dort nach Peking zu fahren und dem Oberkommando encht zu erstatten. Seine Handlungsweise wurde nicht nur vollkommen gebilligt, sondern der Feldmarschall drückte noch seine besondere Anerkennung für die brillante Leistung aus. Auf die Meldung hin, daß am Antfulingpaffe stärkere feindliche Truppen innerhalb der vom Oberkommando ausdrücklich vorgezeichneten Demarkationslinie sich befänden, wurde von Paotingfu eine dritte Expedition dorthin unter Führung des Obersten Frhr. v. Ledebur entsandt. Das Detachement bestand aus dem II. (bayerischen) Bataillon des 4. ostasiatischen Infanterieregiments, der 1. Kompagnie des 3. Regiments, der 2. Pionierkompagnie und einem Zuge Feldhaubitzen. Es brach ani 4. März ans seinen Quartieren in der Umgebung von Paotingfu ans und traf schon am 6. am Antsuling-Passe ein. Der Zug Haubitzen war, wie wir gesehen hatten, schon früher von Paotingfu aus in Marsch gesetzt worden, um festzustellen, ob Feldartillerie die Wegeschwierigkeiten zu überwinden überhaupt noch im stände sei; thatsächlich hatten die Geschütze die Paßhöhe nach nur fünftägigem Marsche erreicht. Bei einer Entfernung von 140 km ergab dies eine Marschleistung von 28 km. sBericht eines Beteiligten über die Ledebursche Expedition nach den, Aiitsulingpasz.s Am ?. März ging Oberst Frhr. von Ledebur nach Lungthsüanknan weiter vor, wo noch ein Zug Reiter unter Oberleutnant Graf v. Königsmarck bei den Detachements eintraf. Durch vorgeschickte Dsfizierpatrouillen und eigene Erkundigung stellte der Führer im Laufe des 7. fest, daß der Gegner in ziemlich ausgedehnter, befestigter Stellung an dem zweiten, bei der Großen Mauer liegenden Passe zu beiden Seiten der Straße nach wuthai stand. Oberst Frhr. von Ledebur beschloß, den Angriff am 8. März durchzuführen. Für die Heiden Feldhaubitzen fand sich nur eine einzige Stellung au einem Rücken dicht südlich der Straße, etwa p/, km westlich von Lungthsüanknan. von hier aus war, allerdings auf beträchtliche Entfernung, einige Wirkung gegen die feindliche Stellung zu erwarten. Um aber die Geschütze dahin bringen zu können, mußte ein schmaler, zum Teil felsiger, in Schlangenwindungen steil ansteigender Fußpfad verbreitert und mit Uebergängeu von einer Terrasse zur anderen versehen werden. Diese Arbeit wurde von den Artilleristen in, Vereine mit 50 jnfanteristen und einer Abteilung Pioniere noch am Abend des 7. März von 8 Uhr ab in 3^/g Stunden ausgeführt. Am nächsten Morgen konnten die Haubitzen vor Tagesanbruch unter den größten Anstrengungen in Stellung gebracht und das Feuer eröffnet werden, sobald der anbrechende Tag eine Beobachtung zuließ. Es war dies etwa um &/2 Uhr morgens. Zu ihrem unmittelbaren Schuhe blieb bei der Artillerie die 2. Pionierkompagnie zurück. von den übrigen Truppen sollte die h Kompagnie 3. Regiments längs der Straße Lungthsüankuan-Shitsui Vorgehen und den Gegner frontal beschäftigen; der Reiterzug hatte ihren linken Flügel zu sichern. Beide Abteilungen gingen in naher Verbindung miteinander vor und entwickelten sich gegen 8 Uhr vormittags zum Gefecht. Des bergigen Geländes wegen hielten sie sich aber mehr oder weniger weit südlich der Straße; an dieser selbst verblieb nur eine Patrouille von \ Offizier und 10 Mann. Ivie es scheint, hat die Kompagnie durch ihr Vorgehen im vereine mit dem Feuer der Artillerie die Aufmerksamkeit des Leindes völlig gefesselt, so Laß dem bayrischen Bataillon, das gegen die linke Flanke des Gegners vorgchen sollte, seine vollständige Uebcrraschung gelang. Unter Führung des Majors Grafen von Montgelas, zu dem sich auch der Detachementsführer begeben hatte, waren die Bayern um 5 Uhr morgens bei Hellem Mondscheine von Lungthsüankuan aufgebrochen. Sie mußten bald von der bsauptstraße in nordwestlicher Richtung auf einem Seitenweg abbiegen, und auch dieser wurde nach einem Marsche von 3 Km durch einen Hochgebirgsrücken abgeschlossen, der nach der Mauer hin verlief und nun erstiegen werden mußte. Da sich zwischen das bayrische Bataillon und die s. Kompagnie 3. Regiments bei diesem Vorgehen ein Gebirgskamm eiuschob, so wurde aus den geübtesten Bergsteigern eine besondere Abteilung unter Leutnant Giehrl zusammengestellt, um die Verbindung zwischen den beiden Gefechtsgruppen aufrecht zu erhalten. Um 9 Uhr vormittags eröffneten die vordersten Teile der Bayern das Feuer. Die Natur des Geländes bedingte es, daß das Gefecht in einer Reihe von Kämpfen zerfiel, die von den einzelnen Gruppen ziemlich selbständig durchgeführt wurden. Etwa um \\'lz Uhr erreichten die Bayern die große Mauer nördlich des Thores und drangen dann an ihr entlang nach dem Thors zu vor. Sie kamen so zeitig an, daß mehrere weiter östlich im Gefecht gewesene Chinesen abgeschnittcn wurden. Bei dem versuche, in östlicher Richtung zu entkommen, stießen diese auf den rechten Flügel der s. Kompagnie 3. Regiments, die aus der zuletzt von ihr erreichten Stellung weiter vorgegangen war, sobald sie das Abbröckeln der feindlichen Gefcchtsliuie bemerkt hatte. Unter deui auf sie vereinigten Feuer sind die abgeschnittenen Chinesen in kurzer Zeit fast ganz vernichtet worden. Der Patrouille des Leutnants Giehrl gelang es, auf einer der letzten Kuppen vor dem Thors die Bedienungsmannschaften zweier, noch im Gefecht stehender Schnellfeuerkanonen zu vertreiben und die Geschütze selbst zu nehmen. Zu ihrer Nähe fand sie daun später noch zwei gleiche Geschütze vor, die aber bereits im Stich gelassen waren. Die Chinesen, deren Stärke auf etwa 1500 Mann veranschlagt wurde, verloren in dem Kampfe außer den Geschützen über 250 Tote. Sie gingen in wilder Flucht mit den Hauptkräften über Shitsui nach Schansi zurück und wurden von den deutschen Truppen 30 km weit verfolgt. Daß der Verlust auf deutscher Seite nur 2 verwundete betrug, war in erster Linie der geschickten Gefechtsführung zu verdanken, die unter vorsichtigem Zurückhalten in der Front den größten Teil der Kräfte über steile Gcbirgshänge überraschend in die Flanke des Feindes geführt hatte. Die Hauptkräfte des Detachements gingen noch am 8. März nach Lungthsüaukuan zurück und traten dann den weiteren Rückmarsch an. Um jedoch ein erneutes Vordringen der chinesischen Truppen über die Demarkationslinie zu hindern, wurde eine Koinpagnie des bayrischen Bataillons und der Zug Reiter zunächst ain Thore der Großen Mauer, eine zweite Kompagnie in Lungthsüaukuan zurückgelassen. Der Rest des Bataillons nahm Unterkunft in Fouphing." Zahlreiche andere größere und kleinere Expeditionen seitens aller verbündeten Truppen verliefen größtenteils ähnlich wie die obenstehend ausführlich zur Darstellung gebrachten. Wie der Leser daraus ersehen haben wird, haben ullsere deutschen Soldaten sich mit einerausgezeichneten Bravoilr unter ungewöhnlichen Anstrengungen, welche die Gelände-, Witterungsund Verpflegnngsschwierigkeiten mit sich brachten, geschlagen, und nran wird den Eindruck gewonnen haben, daß sie auch einen standhaften und widerstandsfähigeren Feind trotz der großen Minderzahl überwunden haben würden. Im übrigen beschränkten sich in den ersten Monaten des Jahres 1901 die militärischen Maßnahmen ans zahlreiche Expeditionen zur Unterdrückung des Räuberunwesens, wobei hervorzilheben ist, daß sie meist ans Ansuchen und Bitten der einheimischen Bevölkerung unternommen worden sind. Wie schon aus der obenerwähnten Weisung an den Oberst Hoffmeister hervorging, war das Oberkommando bemüht, seine niilitärischen Maßnahmen gegen die nach der Provinz Schansi zurückgedrängte reguläre chinesische Armee auf das äußerste zu beschränken und nur darauf zu halten, daß die festgesetzte und vereinbarte Demarkationslinie nicht überschritten wurde. Der ganze Verlauf der chinesischen Wirren zeigte aber, daß nur dann die Chinesen zur Nachgiebigkeit und zun: Jnnehalten eines abgeschlossenen Übereinkommens zu belvegeu waren, wenn gegen sie die äußerste Energie angewandt wurde. Die durch die Forderungen der Diplomatie beengten militärischen Maßnahmen, das Fallenlassen der Expedition nach Schansi zwecks Beschleunigung der Friedeusverhandlungeu, die abwartende Haltung der verbündeten Truppen übten einen ermunternden Einfluß auf die Chinesen aus, der sich nicht nur durch abermaliges Hinausschieben des Friedensabschlusses, sondern auch durch eine regere und aggressive Thätigkeit der Schansi-Truppen geltend machte. Schon Ende März liefen beim Oberkommando Nachrichten über größere Ansammlungen regulärer chinesischer Truppen im Nordwesten und Südwesten der Provinz Petschili ein. Zunächst sollte Tnngfuhsiang mit ca. 11000 Mann in der Mongolei stehen; die Angaben über seinen näheren Aufenthaltsort lauteten sehr verschieden. Das Armee-Oberkommando sah sich trotz der Unwahrscheinlichkeit dieser Nachrichten veranlaßt, eine Kavallerieabteilung nach Tschatao (62 km nordwestlich von Peking an der großen Mauer) mit dem Aufträge zu entsenden, gegen Kalgan aufzuklären. Nach den Meldungen dieser Kavallerie wurden bis Kalgan und in dessen weiterer Umgebung keine chinesischen Truppen angetroffen. Dagegen erhielt noch Ende März das Armee-Oberkommando die Nachricht, daß der Schwarzflaggenführer Lin an der Spitze von einigen 20000 Mann regulärer Soldaten im Südwesten von Petschili, westlich von tznolu, also 25 km innerhalb der Demarkationslinie stände. Ihm gegenüber befanden sich ungefähr 3000 Franzosen bei Tschenting und Huolu. Seit Dezember hatten die Franzosen Truppen bis Tschenting vorgeschoben, im Februar aber fast die gesamte Besatzung von Paotingfu dorthin verlegt und Vortruppen nach Huolu entsandt. Graf Waldersee hatte in Bezug auf die Festsetzung der Demarkationslinie hier im Süden den Franzosen vollständig freie Hand gelassen, die ihnen mit Rücksicht auf den von ihnen betriebenen Bahnban nach und südlich l>on Paotingfu und auf die Verpflegung ihrer Unterkunft nach Süden hin gegeben werden mußte. Durch die oben erklärte abwartende Haltung der ihnen gegenüberstehenden Truppen der Verbündeten ermntigt, ließen die Chinesen in Schansi abermals ihrem Christenund Fremdenhaß freien Lauf, der sich in neuen Christenmorden zu erkennen gab. Da außerdem Lin wiederholten Aufforderungen der Franzosen, nach Schansi zurückzugehen, nicht nachkam, der Aufenthalt chinesischer Truppen innerhalb der Demarkationsgrenze aber nicht geduldet werden konnte, so entschloß sich der H'eldmarschall Graf Waldersee, sie mit Gewalt zu vertreiben. General Baillond entsprach bereitwillig der Aufforderung des Oberbefehlshabers zur Teilnahme an dieser Unternehmung, wurde aber später auf Anweisung aus Paris dicht vor dem Feinde festgehalten. Die Franzosen brachen demgemäß mit 4000 Mann unter General Baillond anc 17. April von Ting ans und marschierten über Tschengting-Huoln ans Kukuan (an der Großen Mauer). Deutscherseits wurde Generalleutnant von Lessel zum Führer der Expedition bestimmt und ihm die 2. ostasiatische Infanterie-Brigade (Generalmajor von Kettler), das II. Bataillon des kostasiatischen Infanterieregiments (Major von Mühsufels), eine Eskadron, zwei fahrende Batterien und ecue Gebirgsbatterie unterstellt. Diese Truppen verlaßen Ting am 18. April und marschierten über Sinlo, Cingschvu, Phingschau (letzteres 137 km südwestlich von Paotingfu), mit einer rechten Seitendeckung über Hinglang (96 km südwestlich von Paotingfu). Von PhingIchau ab erfolgte der weitere Vormarsch in 4 Kolonnen: Vom rechten Flügel ab waren dies: Kolonne (Oberst Freiherr von Ledebur (Kommandeur ves 5. ostasiatischen Inf.-Reg.): 3. Keg. ohne \. Komp., II. Abt. Feld-Art.-Reg. ohne Gebirgsbatterie. 2. Kolonne «Oberst Hoffmeister (Kommandeur des 4. ostasiatischen Inf.-Reg.): 4Inf.-Reg. ohne 5. und 7. Komp., • (Gebirgs-) Batt., \ Zug Pioniere. 3. Kolonne Major von Mühlenfels (Kommandeur des II. Batl. (. ostasiatischen Inf.-Reg.): II. Batl. (. Inf.-Regts., f Zug Pioniere. % Kolonne «Oberstleutnant Ivallmenich (beim Stabe des 4. ostasiatischen Inf.-Reg.): 4 Komp, beritt. Ins., ( Zug Gebirgsgeschütze, 8 beritt. Pioniere. Im Vormarsche wurde noch auf dem äußersten linken Flügel die Kolonne von Mühlmann (Kommandeur des I. Batls. 3. ostasiatischen Inf.-Regts.) auf Kniphinhsien abgezweigt, die sich später auf dem Gefechtsfelde selbst mit der Kolonne Ivallmenich vereinigte. Die Kolonne Ledebur erreichte nach leichtem Gefechte bei Heischankwan am 2% die Große Mauer. Schon am 25. hatte «Oberst Hoffmeister mit 2 Kompagnien und Gebirgsartillerie die Chinesen (0 km südlich von Heischankwan angegriffen und mit großen Verlusten nach Schansi zurückgeworfen, wobei 4 Geschütze älterer Konstruktion und 4t Fahnen in seine Hände fielen. Auf deutscher Seite waren in diesem Gefechte nur 4 Mann verwundet worden. Den schwersten Kampf dieser Gefechtstage hatten die Kolonnen Ivallmenich und Mühlmann zu bestehen. Infolge der Ungenauigkeit der französischen Karten und der überaus verworrenen Gebirgsformationen stießen diese eigentlich nur zur Sicherung des linken Flügels der deutschen Gefechtslmie und zur Aufrechterhaltung der Verbindung mit den Franzosen bestimmten Detachierungen auf die Hauptstellung des Feindes vorwärts Kukuan. Den etwa 300 Reitern des «Oberstleutnant Ivallmenich mit 2 Gebirgsgeschützen gelang es nach 5 stündigem heißen und von den Chinesen mit unvermuteter Zähigkeit geführten Kampfe Niangtseküan zu nehmen und die dort stehenden 2000 chinesischen Kerntruppen unter General Fang zurückzuwerfen. Dieselben zogen in voller Grdnung auf Kukuan ab. Trotzdem glaubte Oberstleutnant von Ivallmenich nicht, daß der Feind wieder Frottt machen würde und gab dem soeben auf dem Kampfplatze eingetroffenen Bataillon Mühlmann, welches auf den Kanonendonner losmarschiert war, den Befehl zur Verfolgung. In Ausführung desselben stieß jedoch das Bataillon auf den rechten Flügel einer vollkommen neuen Stellung des Feindes, den es ohne Zögern mit seltener Bravour airgriff unb warf. Das Lrscheinen dieses einen deutsche» Bataillons in ihrer Flanke und dessen wuchtiger Angriff veranlaßte die übrige 6—8000 Mann starke Besatzung der formidablen Stellung vorwärts Kukuan zu einem panikartigen Rückzuge, wie er in der Kriegsgeschichte seinesgleichen sucht. Die Deutschen drehten die eroberten Schnellfeuergeschütze um und gaben den Chinesen noch ein empfindliches Verfolgungsfeuer mit auf den weg. Die ganze Straße bis Kukuan war übersät mit Ausrüstungsund Uniformstücken, und in den verlassenen Zeltlagern, sowie in den Ortschaften wurden ungeheure Kriegsvorräte gefunden. Man hatte den bestausgerüsteten chinesischen Truppen gegenübergestanden. Die Mannschäften führten nach europäischem Muster schwarze Ledertornister, Kochgeschirre, Feldflaschen und Zcltbehälter. Ganze 'Stöße preußischer Reglements, ins Chinesische überseht, wurden in den Zelten gesunden. Kn Waffen führten die Chinesen Mauserund Mannlicher-Gewehre Modell 88 oder Mausergewehre 7l/8ts und moderne Schnellfeuergeschühe chinesischer Fabrikation. Die Beute dieses Tages war eine ungeheure: \o moderne Geschütze (s 6 crnBatteric, s3 3,7 cm-Schnellfeuergeschütze) 70 Fahnen, 2^/g Millionen Patronen, 5000 Granaten, 30 alte Vorderladegeschütze. Dieser glänzende Sieg war deutscherseits erfochten von 37 Offizieren, 85 Unteroffizieren, 620 Mann. Der Gesamtverlust der beiden Detachements betrug \ Offizier, 5 Unteroffiziere und \2 Mann. Der Erfolg des Tages wurde den Deutschen erst allmählich klar und damit hob sich mehr und mehr die frohe Siegesstimmung. Gin besonders bemerkenswerter historischer Moment spielte sich am vormittags des nächsten Tages ab, als General Bailloud an der Spitze der französischen Truppen auf den kföhcn vor Kukuan erschien, dessen Eroberung eigentlich seiner Brigade zugedacht gewesen war. Die Franzosen hatten hierzu fast 7000 Mann zusammengezogen, waren aber durch pariser Befehl zur Unthätigkeit verdammt und sahen nun ihre Aufgabe von nur 800 Deutschen gelöst. Die ganze französische Brigade hatte sich auf ein frisches, fröhliches Gefecht und auf eine Bethätigung der in paotingfu geschlossenen Waffenbrüderschaft mit den Deutschen gefreut und sahen letztere nun alle Lorbeeren ernten. Als General Bailloud herangeritten kani, stellte sich Gberstleutnant wallmenich unter seinen Befehl. Dies mußte zwar der französische General in Anbetracht der gemessenen Direttiven ablehnen, er beglückwünschte aber in herzlicher weise die deutschen Offiziere zu dem glänzenden Erfolge. Das gleiche geschah seitens aller Franzosen, welche unverhohlen ihre Bewunderung den deutschen Kameraden zollten. Dieser Vorgang, welcher auf alle Beteiligten einen unvergeßlichen Eindruck machte, spielte sich ab auf den höchsten lsöhen der chinesischen Schansigebirge angesichts der chinesischen Mauer und auf einem Gefechtsfelde, wo deutsche Tapferkeit, geschickte und umsichtige Gefechtsführung und der Geist der vorwärtsdrängenden Offensive einen herrlichen Erfolg davongetragen hatte. Die Kämpfe an der großen Mauer hatten bedauerlicherweise von unseren Truppen ernste Opfer gefordert, die aber nicht umsonst gebracht worden waren. Der Zweck der Unternehmung war im vollen Umfange erreicht. Die vertragswidrig über die Demarkationslinie vorgegangenen Chinesen waren unter schweren Verlusten, in voller Auflösung und von unseren Truppen noch bis ans 8 km über die Mauer hinaus verfolgt nach Schansi zurückgeworfen worden. In den recht ernsten Gefechten, deren Durchführung infolge der taktischen Verhältnisse den deutschen Truppen allein znfiel, hatten diese ebensoviel Energie und Frische gezeigt, lote bei dem überaus beschwerlichen Vormarsch, bei dem von allen Truppenteilen große Ausdauer und viel Geschick im Überwinden sehr bedeutender Geländeschwierigkeiten gezeigt worden war. Den Chinesen war eine ernsthafte Lehre gegeben, und ihnen von neuem die Überlegenheit der europäischen Truppen empfindlich fühlbar gemacht worden. Die deutschen Truppen hatten ihnen im ganzen außer 11 Kanonen alten Modells 18 moderne Schnellfeuergeschütze und zahlreiche Fahnen abgenommen. Der deutsche Gesamtverlust betrug: Tot und an ihren Wunden gestorben 1 Offizier, 7 Mann, verwundet 4 Offiziere, 46 Mann. Die Franzosen, welche, wie oben erwähnt, auf dem äußersten linken Flügel vorgegangen waren, aber keine Gelegenheit gefunden hatten, in die Kämpfe einzugreifen, besetzten .zur Sicherung der deutschen linken Flanke vorlätifig beit Kukuan-Paß und gingen am 26. über Huolu auf Paotingfu zurück. Am 26. traten auch die deutschen Truppen den Rückmarsch an, und zwar die Brigade Kettler in breiter Front in kleinen Etappen, auf Paotingfu, das Bataillon Mühlenfels (II. Bataillon des 1. ostas. Jnf.-Regts.) am Ostrande des Gebirges entlang nach seiner Garnison Peking. Die Kolonne Wallmenich blieb zunächst zur Sicherung des Abmarsches bei Tsinghing stehen und schloß sich dann dem Rückmärsche an. Die stellenweise feindselige Haltung der Bevölkerung machte in dem durch zogenen Gebiete die Bestrafung mehrerer Ortschaften notwendig. Außer den in den Kämpfen am 23. und 24. April erlittenen Verlusten hatte das Expeditionskorps um diese Zeit noch drei weitere Todesfälle von Offizieren zu beklagen. Am 9. April wurde Hauptutann Bartsch, Kompaguiechef im 2. ostasiatischen Infanterie-Regiment, vor den Thoren von Peking durch einen Revolverschuß ermordet. Es gelang, den Mörder ausfindig zu machen; er gestand, die That aus Fremdenhaß begangen zu haben, und wurde am 24. April am Thatorte hingerichtet. Am 15. April starb zu Tientsin am Typhus der Oberstabsarzt 1. Klasse E)t. Kohlstock, der dem Kriegslazarett zu Tientsin angehörte, ein Arzt von wissenschaftlicher Bedeutung und großem Verdienst um die ntustergültige Organisation und Handhabung des Sanitätsdienstes bei dem deutschen Expeditionskorps. In der Nacht vom 16. ztim 17. April endlich, bei einem im Winterpalast zu Peking ausgebrochenen Brande, fand der Chef des Generalstabes des ArmeeOberkommandos, Generalmajor von Groß gen. von Schwarzhoff, den Tod in den Flammen. Das im Anrichteraume neben den: Speisezimmer des Grafen Waldersee ausgekommene Feuer hatte sich mit rasender Schnelligkeit verbreitet. General von Schwarzhoff, der sich bei Ausbruch des Brandes außerhalb des Palastes befand, scheint in der Absicht, Dokumente zu retten, in das brennende Gebäude zurückgekehrt zu sein. Hierbei vermutlich von Rauch betäubt, wurde er ein Opfer der Flammen. Der Tod dieses ausgezeichneten Offiziers bedeutete einen schweren Verlust für die deutsche Armee, die in ihm einen Offizier von besonderer militärischer Begabung und vielseitigem Verdienste betrauerte. An seine Stelle als Chef des Generalstabes des Oberkommandos trat der bisherige Oberquartiermeister Generalmajor Frhr. von Dies waren die letzten bedeutenden Kämpfe, welche zilr Herbeiführung friedlicher Zustände im Interessengebiete der Verbündeten Mächte geführt worden sind, ^enn. auch die Russen hatten durch die Fortführung fheer in der Mandschurei so glänzend begonnenen Offensive und der am 1. Oktober 1900 erfolgten Einnahme von Mulden den Aufstand vollständig niedergeworfen und sofort mit der ihnen eigentümlichen Energie die Fortführung des Bahnbaues unternommen. Die immerhin opfervollen Kämpfe an der Großen Mauer verfehlten nicht ihre Rückwirkung auf die Nachgiebigkeit der chinesischen Friedensunterhändler, sic wurden gefügiger und Graf Waldersee konnte schon kurze Zeit darauf ein allmähliches Zurückziehen der Truppen befürworten. ZwölfterAbschnitt. Hriedenrverhandlungen und Zriedensschluh. Mit dem Eintreffen des Feldmarschalls Grafen waldersee in Peking am 17. Oktober 1900 versammelen sich dort auch wieder die Vertreter der Mächte, um mit den chinesischerseits entsandten Friedensdelegierten, rzekonig Li-Hnng-Tschang und Prinz Tschillg, über den Frredensschluß zu verhandeln. Inzwischen hatte der Kaiser von China versucht, urch Telegramme an die Staatsoberhäupter der bedeuenderen interessierten Mächte dieselben versöhnlich zu s nnmen lind die unterbrochenen guten Beziehungen !vieer anzuknüpfen. Insonderheit ist das an den deutschen "User, als den Vertreter des durch den Gesandtenmord am schwersten beleidigten Staates von Interesse. Es hatte folgenden Wortlaut: iDer Kaiser von China an Kaiser Wilhelm II.:] "Sc. KTajeftät der Kaiser von China entbietet Sr. Ulajestcn "enr Kaiser seinen Gruß. . Daß Alajestät Gesandter Freiherr von Ketteler als pfer der plötzlich in China ausgebrochenen Lmpörung gefallen a' ^^»^ daß unsere Beamten es verhindern konnten, und daurch big freundschaftlichen Beziehungen getrübt sind, haben wir ereits aufs tiefste beklagt und bedauert; durch Verordnung vom leutigen Tage verordnen wir, daß für den verstorbenen an einem «iltare geopfert wird, und haben den Großsekretär Knn-Kang angewiesen, an dem Altäre ein Trankopfer darzubringen. Die Handels-Superintendenten der nördlichen und südlichen Häfen ?a en zugleich Befehl erhalten, bei der Ueberführung des Sarges m die Heimat alle nötigen Vorkehrungen zu treffen. Bei der -nkunst des Sarges in Deutschland verordnen wir die Darvringung eines zweiten Gpfers an einem Altäre und haben mit cr Vollziehung desselben den Vizepräsidenten des Finanz,ninisteriums Lue-Hai-Huan beauftragt. Ls soll dadurch unser Schmerz und unser Gedenken an den verstorbenen zum Ausdruck gebracht erden. Deutschland hat mit China stets die freundschaftlichsten Beziehungen unterhalten. Wir hoffen daher fest, daß Luere azestät vor allen Dingen die großen gemeinsamen Interessen A llnas und des Auslandes schützen und deshalb allem Groll » lagen werden, damit so bald wie möglich der Friede vereinbart fr,e» kann und eine allseitige Liiitracht für ewige Zeiten ermog,cht wird. Das ist unsere sehnlichste Hoffnung und unser lebhaftester Wunsch." In folgender Depesche antwortete Kaiser Wilhelm würdig, den Traditionen der deutschen Polientsprechend. Deutschland versagte sich keinem ernst gemeinten Friedenswunsch und bot gern die Hand zur der unheilvollen Krisis, aber es bestand auch 0 rücksichtsloser Sühne der begangenen Schandthaten, das war es seiner Ehre, seiilen Stammesgeliosseil iir fremden Weltteilen und seinen Verbündeten schuldig. Das kaiserliche Telegramm lautete: sKaiser Wilhelm II. an den Kaiser von China:] "30. September 1900. An den Kaiser von China. Ich, der Deutsche Kaiser, habe das Telegramm Sr. Majestät des Kaisers von China erhalten. Ich habe daraus mit Gcnugthuung ersehen, daß Lw. Majestät bestrebt sind, die schändliche, jeder Kultur hohnsxrechende Ermordung Meines Gesandten irach Gebrauch und Vorschrift Ihrer Religion zu sühnen. Doch kann Ich als Deutscher Kaiser und Lhrist diese Unthat durch Trankoxfer nicht als gesühnt erachten. Neben Meinem ermordeten Gesandten ist eine große Zahl von Brüdern christlichen Glaubens, Bischöfe, Missionare, Frauen und Kinder, vor den Thron Gottes getreten, die um ihres Glaubens willen, der auch der Meinige ist, unter Martern gewaltsam gestorben sind und als Ankläger Lw. Majestät erscheinen. Reichen die von Lw. Majestät befohlenen Trankoxfer für alle diese Unschuldigen aus? Ich mache nicht Lw. Majestät persönlich verantwortlich für die Unbill, welche gegen die bei allen Völkern für unantastbar geachteten Gesandtschaften verübt, noch für die schwere Kränkung, welche so vielen Nationen, Konfessionen und den Unterthanen Lw. Majestät, die Meinem christlichen Glauben angehören, zugefügt worden ist. Aber die Ratgeber des Thrones Lw. Majestät, die Beamten, auf deren Häuptern die Blutschuld des Verbrechens ruht, das alle christlichen Nationen mit Entsetzen erfüllt, müssen ihre Schandthat büßen, und wenir Lw. Majestät sie der verdienten Strafe zuführen, so will Ich dies als eine Sühne betrachten, die christlichen Nationen genügt, wollen Lw. Majestät Ihren Kaiserlichen Arm dazu leihen und hierbei die Unterstützung der Vertreter aller beleidigten Nationen genehmigen, so erkläre Ich Mich Meinerseits dainit einverstanden. Auch würde Ich die Rückkehr Lw. Majestät nach Ihrer Hauptstadt Peking zu diesem Zweck gern begrüßen. Mein General-Feldmarschall Graf von waldersee wird den Befehl erhalten, nicht nur Lw. Majestät nach Rang und würde ehrenvoll zu empfangen, sondern auch Lw. Majestät jeden militärischen Schutz zu gewähren, den Sie wünschen und dessen Sie vielleicht auch gegen die Rebellen bedürfen. Auch Ich sehne mich nach Frieden, aber nach dem Frieden, der die Schuld sühnt, das begangene Unrecht in vollem Umfange und nach jeder Richtung wieder gut macht und allen Fremden in China volle Sicherheit bietet an Leib und Leben, an Hab und Gut, besonders aber zu freier Ausübung ihrer Religion. Wilhelm I. R." Mit der Führung der Verhandlungen seitens der Mächte hatten diese ihre in China akkreditierten Gesandten beauftragt, jedoch waren die Beschlüsse dieses Gesandtenkollcgiums wieder abhängig von den Beschlüssen der bezüglichen Regierungen. In erfreulicher Weise kam zwar auf diese Art das schon durch die geFreiherr von Ketteler, auf der Mordstätte errichten und einen kaiserlichen Prinzen nach Deutschland schicken, pm Entschuldigungen zu überbringen. 2. China soll die Todesstrafe an ft schuldigen Beamten und Prinzen vollziehen. 5. Wo Ausschreitungen stattgefunden hatten, sollten die provinzial-Eramiua auf 5 Jahre aufgehoben werden. Künftig sollen Beamte, welche sich nicht angeincssen bemüht haben, Ausschreitungen gegen Ausländer innerhalb ihrer Jurisdiktion zu verhindern, sofort des Anites entsetzt 'und bestraft werden. 5. An Staaten, Korporationen und Individuen, welche direkt samte militärische Aktion gezeigte Bestreben des gemein-sameu Handels zum Ausdruck, aber andererseits ist es bei den vielfach weit auseiuaudergeheudeu Interessen der einzelnen Mächte, bei der Vielköpfigkeit der Vcrsamutluug und den großen Entfernungen von Peking bis zu den Regierungssitzen der verbündeten Staaten leicht erklärlich, daß bis zur endgültigen Unterzeichnung des Schlußprotokolls eine große Spanne Zeit vergehen mußte, welche dem ungeduldig auf Beendigung der Wirren harrenden Europa unendlich lang erschien. Die erste Aufgabe der Gesandten in Peking erledigte sich verhältnismäßig schnell. Es handelte sich darum, eine Basis zu schaffen, ans Grund welcher die eigentlichen Friedensverhandlungen eröffnet werden sollten. Dazu mußten sich die Mächte untereinander über die Forderungen einigen, welche an China gestellt werden sollten. Schon um Mitte November ließen die verbündeten Vertreter ihren Regierungen eine gemeinsame Note zur Genehmigung zugehen, durch welche den chinesischen Delegierten folgende Bedingungen gestellt werden sollten: f. China soll ein Denkmal für den deutschen Gesandten, durch den Aufstand geschädigt sind, soll eine Entschädigungssumme gezahlt werden. 6. Der Tsungli pamcn in seiner jetzigen Verfassung soll abgeschafft und seine Befugnis einem Ministerium des Asutzeren übertragen werden. 7. Mit deni Kaiser von China soll direkter verkehr, wie in anderen civilisierten Ländern erlaubt sein. 8. Die Taku-Forts und die Forts an der Küste von pctschili sollen geschleift werden. s). Ein Einfuhrverbot von Waffen und Munition soll erlassen, dauernde Gesandtschaftswachen und solche an den Verbindungslinien zwischen Peking nnd der See sollten eingerichtet werden. fO. Zwei Jahre lang sollen kaiserliche Edikte zur Unterdrückung der Boxer im ganzen Reiche angeschlagen werden. ff. China verspricht eine Revision der Handelsverträge. Im großen und ganzen hießen sämtliche Regierungen diese Bedülgnngen gut, nur die Vereinigten Staaten von Nordamerika verlangten eine Milderung des Passus über die Bestrafung der schuldigen Beamten und Prinzen, indem sie an Stelle der Todesstrafe die schwerste, ihren Verbrechen angemessene Strafe setzen wollten. Dieser Forderung, obwohl sie ein schwerwiegendes Zugeständnis an China war, wurde seitens aller Mächte nachgegeben. Auch fand noch ein Zusatz Aufnahme, wodurch China auch für die Ermordung des japanischen Botschaftsattaches Sugiyama und für die Schändung christlicher Kirchhöfe Sühne leisten sollte. Auf englische Veranlassung wurde der Kollektivnote hinzugefügt, daß nicht eher auch nur eine zeitweilige Räumung der bisher besetzten Gebiete antreten könnte, bevor diese Bedingungen erfüllt wären. Die so gestaltete Note, welche am 22. Dezember von allen 11 anwesendenVertretern der Mächte unterzeichnet und in französischer Sprache mit beigefügter genauer chinesischer Übersetzung ausgefertigt war, wurde am 24. Dezember den chinesischen Unterhändlern überreicht. Schon am 31. Dezember traf als erfreuliche Sylvestergabe des Jahres 1900 ein Edikt des Kaisers vonChina in Peking ein, wodurchPriuz Tsching und Li-HungTschang beauftragt wurden, die Bedingungen der Mächte anzunehmen. An demselben Tage fand auch der Tod des Freiherrn von Ketteler seine äußerliche Sühne, indem ein untergeordnetes Werkzeug dieses Verbrechens, der Mandschusoldat Enhais, welcher den tätlichen Schuß auf den Gesandten abgegeben hatte, an der Mordstelle durch dasSchwert eines chinesischen Scharfrichters hiugerichtet wurde. Der Vollstäudigkeit und seiner Bedeutung für die Fortentwicklung der Chinakrisis halber ist an dieser Stelle noch eines Abkommens zu gedenken, welches zwischen Deutschland und England am 16. Oktober 1900 abgeschlossen worden war und dem alle übrigen Großmächte beitraten. Schon vor Ausbruch des Boxeraufstandes hatten sich sämtliche Mächte betreffs China über die Politik der "offenen Thür" stillschweigend geeinigt, d. h. der derzeitige Besitzstand des himmlischen Reiches sollte garantiert und alle Mächte überall gleichmäßig berechtigt sein, Handel zu treiben. Mit Beginn der Krisis und der damit verbundenen kriegerischen Aktion bestand die Gefahr, daß China zerstückelt würde, und besonders England undRußland Teile ihrer besonderen Interessengebiete, des Yangtszethales, bezw. der Mandschurei, an sich rissen. Der zielbewußten Diplomatie des deutschen Reichskanzlers, Grafen Bülow, gelang es, durch folgendes Abkonnuen mit England die Gefahr zu beseitigen und damit eine weitere Festigung des Konzertes der Großmächte zu erzielen: "Die Kaiserlich Deutsche Regierung nnddieKöniglich Großbritannische vondemlvnnsche geleitet, ihre Interehen in China und ihre Rechte aus bestehenden verträgen aufrecht zu erhalten, sind übereingekommen, für ihre beiderseitige Politik in China nachstehende Grundsätze zu beobachten : { entspricht einem gemeinsamen und dauernden internationalen Interesse, daß die an den Flüssen und an der Küste Chinas gelegenen thäfen dem Handel und jeder sonstigen erlaubten wirtschaftlichen Thätigkeit für die Angehörigen aller Nationen ohne Unterschied frei und offen bleiben; und die beiden Regierungen sind miteinander einverstanden, dies ihrerseits füralles chinesische Gebiet zu beobachten, wo sie einen Cinfluß ausübcn können. 2. Die Kaiserlich Deutsche Regierung und die Königlich Großbritannische Regierung wollen ihrerseits die gegenwärtige Verwickelung nicht benutzen, um für sich irgend welche territoriale Vorteile auf chinesischem Gebiet zu erlangen, und werden ihre Politik darauf richten, den Territorialbestand des chinesischen Reiches unvermindert zu erhalten. 3. Sollte eine andere Nacht die chinesischen Romplikationen benutzen, um unter irgend einer Form solche territorialen Vorteile zu erlangen, so behalten beide Kontrahenten sich vor, über etwaige Schritte zur Sicherung ihrer eigenen Interessen in Thina sich vorher untereinander zu verständigen. Die beiden Regierungen werden diese Uebereinkunft den übrigen beteiligten Mächten, insbesondere Frankreich, Italien, Japan, Desterreich-Uugarn, Rußland und den vereinigten Staaten von Amerika, mitteilen und dieselben einladen, den darin niedergelegten Grundsätzen beizutreten." Da die unter Passus 4 genannten Mächte dem Abkommen beitraten, schien die Gefahr einer Zerstückelung dieses großen internntionaleit Reservatgebietes vorläufig beseitigt zu sein. Schwieriger und zeitraubender, als allgemein nach der raschen Erledigung der Vorfragen angenommen werden konnte, erwies sich die Lösung einiger der von den Mächten geforderten Friedensbedingungen. Von diesen war es besonders die Bestrafung der schuldigen Würdenträger und Prinzen, welcher der chineUsche Hof einen passiven Widerstand zeigte, und die Entschädigungsfrage, welche langwierige Verhandlungen erforderte. E>-1t die schon in einem früheren Abschnitt erwähnte vom Grafen Waldersee geplante und vorbereitete Expedition nach Singanfu machte die chinesischen Unterhändler in diesen beiden Punkten gefügiger. Um mit der Erledigung der Kostenfrage vorwärts M kommen, mußten bei der Indolenz der chinesischen Machthaber und bei dem Mangel an Vorschlägen von dieser Seite, die Gesandten eine Subkommission einfrhen, zur Prüfung der Hilfsquellen, welche in den Dienst drr zu leistenden Entschädigungssumme gestellt werden sollten. ilber diesen Verhandlungen vergingen die ersten vier Monate des Jahres 1901. Diese Verzögerung kann nicht nur ans das Schuldkonto der Chinesen geschoben werden. Die Einigkeit der Großmächte drohte einen 'diß zu bekoinnien, und dies mußte auf die schlauen Chinesen ermutigend wirken. Rußland traf plötzlich mit ivk-Hnng-Tschang ein Sonderabkommen, welches einer Einverleibung der Mandschurei seitens Rußlands gleichkam. Dem energischen Protest der übrigen Mächte, vor allem des in seinen wichtigsten Interessen bedrohten Japan, gelang es, den Kaiser von China zu veranlassen, das Abkommen nicht zu unterzeichnen und Rußland zu bewegen, dasselbe zurückzuziehen und sich auf den militärischen Schutz seiner Bahnbauten zu beschränken. Nachdem schon im Mai der Kaiser von China die Forderungen der Mächte in allen Punkten angenommen hatte, konnte endlich am 20. August den chinesischen Bevollmächtigten folgendes Friedensprotokoll zur gegenseitigen Ratifizierung vorgelegt werden: Artikel s. Abschnitt a. Durch kaiserliches Edikt vom Juni wurde Prinz Tschun als Sondergasandter nach Deutschland entsandt, um das Bedauern Thiuas über die Ermordung des Barons von Kettelcr auszusprechen. Prinz Tschun ist am \2. Juni abgcreist. Abschnitt b. Thina bat die Errichtung eines Gedächtnisdenkmals au der Straße, in der Baron von Ketteler ermordet wurde, in die Wege geleitet. Der Bau begann am 26. Juni. Artikel 2. Abschnitt a. Edikte vom so. Februar und vom 2\. Februar belegten die hauptsächlichsten Urheber der verbrechen mit folgenden Strafen: Prinz Tuan und Lau wurden nach Turkestan verbannt und zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt; Tschuang, pingyien und Tschaoshutschiao erhielten Befehl, sich selbst zu töten; puhsien, Tschiushui und Lssutschengyn wurden zum Tode verurteilt, und pangyi, lssutuug und Liviugheug wurden zur Degradation nach dem Tode verurteilt. Das Edikt vo,u 1,3. Februar rehabilitiert Lfsuyungyi, Lishau, Lienyuan, puantschang und bssutschingscheng, welche im vorigen Jahre hingerichtet wurden, weil sie gegen die Ausschreitungen als eine Verletzung des Völkerrechts Widerspruch erhoben. Andere Edikte setzen Tuugfuhsiaug ab und bestrafen die Beamten, welche an verbrechen beteiligt sind. Tschuang hat am 2s. Februar Sclbstuiord begangen, pingyien, Tschaoshutschiao am 2%. Februar, puhsien wurde am 22. Februar, Tschiushui und psutschcugyn anr 26. Februar hingerichtet. Abschnitt b. Ein Edikt, dessen Datum noch offen gelassen ist, bestimmt, daß alle offiziellen Prüfungen auf fünf Jahre in den Städten eingestellt werden, in welchen Ausländer uiedergemetzelt und mißhandelt worden sind. Artikel 3. Als Sühne für die Ermordung des japanischen Gesandtschaftssekretärs Sugiyama wurde durch ein Edikt vom s8. Juni Natung als Spezialgesandter ernannt, um Japan das Bedauern der chinesischen Negierung zum Ausdruck zu bringen. Artikel 1. Nachdein Thina cinacwilligt hat, Sühncdenkmäler für die entweihten Kirchhöfe der Ausländer zu errichten, bezahlte es schon die hieraus erwachsenden Ausgaben im Betrage von K> 000 Taels. Artikel 5. Ein Edikt, dessen Datum offen gelassen ist, verbietet die Einfuhr von Waffen und Munition auf zwei Jahre, eventuell auf eine weitere Periode von zwei Jahren, wenn das erforderlich fein sollte. Artikel 6. Durch Edikt vom 29. Mai hat China in die Zahlung einer Entschädigung von 150 Millionen Taels gewilligt, die nach dem Amortisationsplan in 3f> Zähren zu decken und in halbjährlichen Raten mit 1 Prozent zu verzinsen ist. Als Sicherheit hierfür werden angewiesen der Ueberschuß der SeeZölle, der sich ergiebt aus der Erhöhung dieser Zölle auf fünf Artikel 9 enthält das von China bereits am 16. Zanuar gemachte Zugeständnis, daß dis Mächte berechtigt sein sollen, die für die Aufrechterhaltung der offenen Verbindung zwischen Peking und der See notwendigen Punkte zu besetzen, nämlich puangtsun, Langfang, pangtsun, Tientsin, Lhunliangchang, Tangku, Lntai, Tongshan, Lanchan, Lhangli, Chingwantao und Shanhaikwan. Artikel \0. China stimmt zu, daß während zweier Jahre Gras waldersee an Bord der "Gera" begrüßt am 7. August igo; seine Gäste bei der Ankunft in Brunshausen. Prozent (einschließlich der zur Zeit zollfreien Artikel mit Ausnahme von Reis, ausländischen Lerealien, Mehl, geprägtem und ungeprägtcm Gold und Silber), desgleichen die einheimischen Zölle, die in den offenen lsäfen durch die kaiserlichen Seezoll-Behörden verwaltet werden sollen und das Einkommen aus der Salzsteuer, das nicht für fremde Anleihen als Sicherheit dient. Der Erhöhung der Zölle wurde unter der Bedingung zugestimmt, erstens, daß die Zölle feste Zölle und nicht Wertzölle seien — als Basis der Wertbestimmung wurde der Durchschnittswert der Zahre 1897, 1898, 1899 angenommen —, zweitens, daß die Läufe des whangpoo und peiho, die Zugänge zu Schanghai intd Tientsin unter Beteiligung chinesischen Kapitals verbessert würden. Die Zollerhöhung tritt zwei Monate nach Unterzeichnung des Protokolls in Wirksamkeit, mit einer Ausnahme zu gunsten der innerhalb zehn Tagen nach der Unterzeichnung auf See befindlichen waren. Artikel 7 bestimmt das Gebiet des Gesandtschaftsviertels und bestätigt das Recht der Gesandtschaften auf ein ausschließlich für die fremden bestimmtes, verteidigungsfähiges viertel, sowie das Recht, dauernde Gesandtschaftswachen zu halten. Im Artikel 8 stimmt China der Schleifung der TakuZorts und anderer die Verbindung zwischen Peking und der See hindernden Forts zu. öffentlich angeschlagen werden: Das Edikt vom st Februar d. Z., welches die Mitgliedschaft an jeder fremden-fcindlichen Gesellschaft bei Todesstrafe verbietet, das Edikt, welches die vollzogenen Bestrafungen aufzählt, das Edikt, welches die Prüfungen verbietet und schließlich das Edikt vom st Februar, welches erklärt, daß die vicekönige, Gouverneure und die für die Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlichen örtlichen Beamten, falls sie schuldig seien, entlassen und niemals wieder angestellt werden sollen. Der öffentliche Anschlag dieser Edikte wird zurZeit in China durchgeführt. Artikel Ist China ist bereit, über Abänderungen der Handelsverträge zu beraten, und wird zur Verbesserung des whangpoo und Peiho beisteuern, wenn die provisorische Negierung in Tientsin sich dazu versteht, 60 000 Taels jährlich für die Znstandhaltung der Verbesserungen beim peiho zu zahlen und die Hälfte (UO 000 Taels geschätzt) jährlich auf 20 Zahre hinaus für die Verbesserung des whangpoo. Artikel 12. Durch ein Edikt voni 21. Zuli wurde der Tsungli pamen in ein Ministerium für auswärtige Angelegenheiten umgewandelt mit Vorrang vor sechs anderen Staatsministericn, auch ist ein Abkommen getroffen worden, bezüglich Abänderung des Hofzeremoniclls beim Empfang der fremden Gesandten. Hinrichtung des Mörders des Deutschen Gesandten Freiherr von Ketteler. Übergabe der deutschen Kriegsflagge von Taku und der eroberten chinesischen Fahnen und Geschütze vor der Kieler Marineakademie am 4. März lyolt Nachdem China so zur Zufriedenheit der Mächte die Linzelöestimmungen der Note vom 27. Dezember erfüllt hat, welche Note der Kaiser durch das Dekret vom 27. Dezember völlig genehmigt hat, sind die Mächte übereingekommen, der durch die ünruhen im letzten Sommer geschaffenen Sachlage ein Ende Zu machen. Die fremden Gesandten wurden daher ermächtigt, Zu erklären, daß, mit Ausnahme der Gesandtschaftswachen, die internationalen Truppen Peking völlig räumen (Datum offen gelassen) und mit Ausnahme der erwähnten Grte sich aus U-schili zurückziehen werden (Datum offen gelassen). Die Daten mußten offen gelassen werden, bis me noch fehlenden kaiserlichen Edikte, insonderheit betreffs der Waffeneinfuhr, eingetroffen waren. Dies geschah Anfang September, so daß die Unterzeichnung des bervollständigten Schlußprotokolls am 7. September erfolgeit konnte. Die Räumung Pekings wurde auf den 1'•/ diejenige Petschilis auf den 22. September festgesetzt. Damit waren die leidigen chinesischen Wirren dem Punkte Zugeführt worden, wohin sie zu bringen das unausgcUtzte Bemühen der deutschen Staatskunst von Anfang uu gewesen ist. Die zielbewußte deutsche Diplomatie, ^)rc hervorragende Vertretung durch den neuen Gesandten in Peking, Mumm von Schwarzenstein, einem würdigen Nachfolger seines unglücklichen Vorgängers, te ^uergieund doch maßvolle Haltung des Oberckommandos hatten nicht zum wenigsten zur Lösung dieses schwierigen Problems beigetragen. Dreizehnter Abschnitt. Die «Mchr de; Oberkommandos und der deutschen Truppen in die Heimat. , Nachdem im Mai 1900 die diplomatischen Fragen zwischen den Mächten und China so weit gelöst waren, daß der endgültige Friedensschluß in kürzester Zeit sicher An erwarten war, gab der deutsche Kaiser nach vorher eingeholter Übereinstimmung mit den interessierten Mächten am 17. Mai zu Schloß Urville folgenden Kronbefehl: sLtronbefchl Raster Wilhelms II.] "Huf den Mir gehaltenen Vortrag bestimme Ich: J. Das Armee-tvberkommando in Gstafien wird nach der Heimat zurückgeführt und aufgelöst. 2. Das ostasiatische Expeditionskorps wird auf die Stärke einer gemischten Brigade vermindert; die übrigen Teile sind nach der kseimat zurückzuführen und aufzulösen. 3. ZHe vorstehend genannte gemischte Brigade (Gstasiatische Besatzungsbrigade) verbleibt bis auf weiteres zu Besatzungszwecken in China. 4. Ich habe das preußische Rriegsminstterium mit den erforderlichen weiteren Maßnahmen beauftragt. Auf Grund dieses Befehls rüsteten sich sofort das Oberkommando und die deutschen Truppenteile zur Abreise, das gleiche geschah seitens der übrigen Truppenkontingente. Wiederum stach Schiff auf Schiff in See und brachte einen großen Teil Chinakrieger in die Heimat zurück. Generalfeldmarschall Graf Waldersee reiste am 3. Juni von Peking ab. Ebenso wie er bei seiner Ankunft in der chinesischen Hauptstadt mit großen militärischen Ehren empfangen wurde, so geschah das Gleiche bei seiner Abreise. Das ganze diplomatische Korps hatte sich auf dem Bahnhofe eingefunden. Ehrenkompagnien verschiedener Nationen waren dort aufgestellt, und unter den Klängen der Präsentiermärsche, begleitet von dem Abschiedssalut einer japanischen Batterie, setzte sich der Sonderzug mit dem Oberkommando in Bewegung. Graf Waldersee hatte durch seine verbindliche Art, sein entschiedenes und sicheres Auftreten sich die Zuneigung und Wertschätzung aller derjenigen erworben, welche dienstlich und außerdienstlich mit ihm zusammengekomnien waren. Seine Anwesenheit, sein Einfluß und seine aus der Chinakrisis ein Weltbrand mit unabsehbaren Folgen sich entwickelte. Hierin lagen die hohen Verdienste des Grafen Waldersee, der es verstanden hat, auch die widerwilligen Elemente unter seine Autorität zu beugen und dieselben sogar, wie bei den letzten großen Gefechten an der chinesischen Mauer, gegen die Intentionen ihrer bezüglichen Regierungen mit sich fortzureißen. Zahlreiche hohe Ehrungen und Auszeichnungen seitens der Souveräne und der Vertreter der Begrüßung durch den Oberbürgermeister «irschner. — Spitze des Zuges mit der erbeuteten Boxerfcthne. Maßnahmen hatten die Nachgiebigkeit der Chinesen gewrrert und damit das Friedenswerk möglich gemacht, leuiem Eingreifen und seinem versöhnenden Einflüsse aber gelang es, zwischen einzelnen Mächten ernstliche lsferenzen zu beseitigen und dadurch zu verhüten, daß beteiligten Mächte waren der sprechende Beweis für die hohe Anerkennung, welche seine Thätigkeit als gemeinsamer Oberfeldherr errungen hat. Zuerst folgte der Feldmarschall, nachdem er in Tientsin den Oberbefehl niedergelegt und sich mit Worten herzlichen Dankes und reichen Lobes von den ihm unterstellt gewesenen Truppen verabschiedet hatte, einer Einladung des Kaisers von Japan und fuhr mit einigen Herren des Oberkommandos nach Tokio. Die Aufnahme, welche er im Reiche der ausgehenden Sonne fand, war herzlich, um nicht zu sagen enthusiastisch. Der Kaiser selbst empfing den Grafen in besonderer Audienz, welche der ganze Glanz des japanischen Hofzeremoniells umgab, und befahl im Anschluß daran ihn, die ihn begleitenden Herren und die Mitglieder der deutschen Gesandtschaft zur Galatafel. Der Aufenthalt in Japan dauerte vom 9. bis 23. Juni und wird für den greisen Feldherrn eine Quelle interessanter und eindrucksvoller Erinnerungen geworden sein. An Bord der "Gera" erfolgte dann von Nagasaki ans ohne weiteren Aufenthalt die Rückreise in die Heimat. Hier rüsteten sich Kaiser und Volk zu einem großartigen Empfange, denn ebenso wie die Deutschen stolz darauf waren, daß nach den ersten Ereignissen in China, welche alle Herzen in eine patriotische Bewegung versetzt hatten, gerade deutschen Händen das Oberkommando anvertraut wurde, so waren sie auch stolz auf die Art, wie dieses seine Aufgabe gelöst hatte. Leider wurden kurz vor der Ankunft des Feldmar schalls die deutschen Gaue in herbe Trauer durch den Tod der Kaiserin Friedrich versetzt. Vor allem war es daher Sr. Majestät dem Kaiser versagt geblieben, seinen Feldherrn persönlich ans deutschem Boden zu begrüßen. So landete denn Graf Waldersec unter den äußeren Zeichen der tiefen Landestrauer am 8. August in Hamburg. Aber wenn auch hier den Empfangsfeierlichkeiten der Stempel der rauschenden Freude fehlte, so trugen dieselben doch den Charakter warmer Herzlichkeit und freudiger Genugthuung darüber, daß der Feldmarschall wieder in jugendlicher Gesundheit und altgewohnter soldatischer Frische der Heimat wiedergegeben war. In beredten Worten gab der Oberbürgermeister der alten Hansastadt Dr. Hachmann, welche ganz besonders um die Ehre gebeten hatte, in ihren Mauern zuerst auf deutschem Boden den heimkehrenden Oberfeldherrn begrüßen zu dürfen, den Gefühlen Ausdruck, welche jeder patriotische Deutsche in diesem Augenblicke empfand. Die Erwiderung des Grafen Waldersee auf die Rede vr. Hachmanns ist insofern von Bedeutung und besonderem Interesse, weil in ihr noch einmal mit Worten großer Anerkennung die Thätigkeit der deutschen Truppen in China zusammengefaßt und charakterisiert wird: Graf Waldersees Rede in Hamburgs "Sie alle haben gcwetteifert, ihre Schuldigkeit zu thun und sich die Zufriedenheit ihres Allerhöchsten Kriegsherrn zu erwerben. Die Flotte hatte das Glück, den .Reigen zu eröffnen. Sie hat bei den Kämpfen um die Taku-Forts Proben größter Tapferkeit und Tüchtigkeit abgelegt. Sic hat mit ihren zahlreichen Landungs-Detachements den Dienst der Landtruppen versehen müssen unter gewaltigen, namentlich klimatischen Anstrengungen und hat unter Entbehrungen sich glänzend bewährt. Wenn in Augenblicken größter Rot der Ruf erscholl: "Die Deutschen nach vorn!" — so ist die vollste Hochachtung aller verbündeten Kontingente erworben durch seine Tüchtigkeit auf jedem Gebiete der mannigfachen Thätigkeit, durch seine Tapferkeit, durch seine Manneszucht, durch seine vornehme Haltung und seine Humanität — aber nicht allein die Achtung unserer Verbündeten, sondern auch die unserer Feinde, und auf diesen Punkt möchte ich Ihre besondere Aufmerksamkeit richten. Der Asiat hat nur Achtung vor der höheren Macht und vor dem, dem er zutraut, diese entschlossen und rücksichtslos zu gebrauchen. Diese Achtung haben wir uns in vollstem Maße erworben, und sie wird voraussichtlich reiche öos eine Anerkennung deutscher Tapferkeit, wie sie schöner nicht gedacht werden kann. Wenn es auch nachher zu Kämpfen nicht mehr gekommen ist, so waren doch schwere Pflichten zu erfüllen.' Der Dienst auf einem Kriegsschiff ist zu gewöhnlichen Zeiten schon wahrlich kein leichter, aber der jahrelang dauernde Aufenthalt in den chinesischen Gewässern, umgeben von scharf beobachtenden Augen, bcr Aufenthalt von vielen Monaten auf der Wusung-Reede unmittelbar unter den Kanonen gewaltiger chinesischer Forts oder auf der bei jedem Seemann verrufenen Taku-Reede oder in ^er Siedehitze von Hongkong oder im Eise von Schanhaikwan verlangt die höchsten Anforderungen. Sie sind glänzend erfüllt worden. Deutschland kann stolz sein auf seine Flotte, die sich überall die größte Anerkennung erworben hat. Unser deutsches Erpeditionskorps ist ja nicht dazu gekommen, in offener Feldschlacht, wie es jeder einzelne ersehnt hat, zu zeigen, daß der alte Geist, der uns vor drei Decennien zu unvergleichlichen Erfolgen geführt hat, auch in ihm lebte. Es ist aber wahrlich nicht müßig gewesen. Das deutsche Expeditionskorps hat sich Früchte tragen. Indem Se. Majestät der Kaiser gewaltige Scestreitkräfte und ein starkes Expeditionskorps, stärker als jedes einzelne andere Kontingent, heraussandte, hat er Großes für Deutschland gethan. Nicht wenig dazu beigetragen, das Ansehen Deutschlands zu erhöhen, hat es, daß einem deutschen General das Oberkommando übertragen war. Zu danken ist es allein der Ueberzeugung Sr. Majestät, daß nur durch einheitliches Handeln ein Friede zu erreichen sein würde. Der Name Deutschland hat seit Jahresfrist beim Chinesen einen anderen Klang, die Stellung der Deutschen ist in Gstasien eine andere und in der That bessere geworden. Da der Friede in naher Aussicht ist, so sehen unsere meist noch jungen, aber sichtlich aufblühenden Niederlassungen mit vertrauen der Zukunft entgegen und werden frisch die Bahn betreten, die die Energie unseres Kaisers ihnen freigemacht hat. Jetzt ist es Sache deutscher Unternehmungslust und deutscher Intelligenz, entschlossen vorwärts zu gehen. Ich zweifle nicht, daß Hamburg es sich nicht nehmen lassen wird, auch hier an der Spitze zu marschieren, um mit alt-hanseatischer Kraft und Zähigkeit Thinas reiche schätze unserem Handel und unserer Industrie und dem ganzen vaterlande nutzbar zu machen." Der als Vertreter des Kaisers entsandte General der Infanterie von Wittich überreichte dem Feldmarschall eine Allerhöchste Kabinettsordre, worin Se. Majestät betonte, daß der Marschall dem ihm gesetzten Vertrauen seiner ganzen militärischen Vergangenheit würdig und glänzend entsprochen habe, und ihm seinen wärmsten Dank für die hohen Verdienste aussprach. Zum äußeren Zeichen seiner kaiserlichen Anerkennung verleihe er dem Feldmarschall den Orden pour le merite mit Eichenlaub und bestimme, daß das Feldartillerieregiment Nr. 9 den Namen Feldmarschall Graf Waldersee (Schleswigsches) Nr. 9 führen solle, damit der Name für immer in der Armee erhalten bleibe. Diesem kaiserlichen Gnadenbeweis folgten noch andere Auszeichnungen, so erhielt Graf Waldersee auch den russischen Andreasorden mit Brillanten und Schwertern, welcher in dieser Form überhaupt erst zweimal bisher verliehen war. Vom Kaiser von Österreich lief nachstehendes Begrüßungstelegramm ein: Kaiser Franz Josef an Graf waldersee. | "war Ich von Ihrer Ernennung zum Gberbefehlshaber der verbündeten Truppen in Gstasien anfrichtigst befriedigt, so gereicht es Mir nunmehr, da Sie am gedeihlichen Abschlüsse der Ihnen übertragenen Aufgaben stehen und nach Europa heimkehren werden, zur vollsten Freude, Sie, lieber Feldmarschall, hierzu wärmstens beglückwünschen zu können. Das vertrauen, welches Ihr erhabener Kaiser in seinen vielbewährten Heerführer setzte, haben Sie unter den eigenartigsten Verhältnissen gediegenst gerechtfertigt. Gerne wußte Ich die an, £atie'c verwendeten Detachements Meiner Lskadre in Vftafien unter Ihrein Befehle; herzlichst danke Ich Ihnen für alle Fürsorge und echte Waffenbrüderschaft, welche Sie da stets walten ließen. Möge Sie, lieber Feldmarschall, auch fernerhin Gottes Schutz begleiten im Dienst der guten Sache und damit Ihres Allerhöchsten Kriegsherrn, gez.: Franz Josef in. p." sjdrinzregent Luitpold von Bayern an Graf waldersee:] "Aus den bayrischen Bergen sende ich Ihnen, mein lieber Generalfeldinarschall, herzlichen Willkommgruß mit meinen aufrichtigsten wünschen zur glücklichen Rückkehr in die Heimat. Zugleich teile ich Ihnen mit, Laß ich Ihnen den Königlichen bayrischen Hausritterorden vom hl. Hubertus verliehen habe, dessen Insignien Legationssekretär Graf Drtenburg in meinem Aufträge in Hamburg persönlich überreichen wird." Geehrt und dankbar begrüßt von Fürst und Volk konnte der fast 70jährige Feldmarschall mit Genugthuung auf feine Thätigkeit in China zurückblicken und in altgewohnter Rüstigkeit und Frische die Führung der ihm wieder übertragenen 3. Armee-Inspektion übernehmen. Die .in. Ostasien zurückbleibende Besatzuugsbrigade wurde dem ostasiatischen Expeditionskorps entnommen und erhielt folgende Zusammensetzung: 3 Jnf.-Regimenter (1., 2., 3. ostas. Inf.-Regt.) zu 3 Bataillonen zu. 3 Kompagnien, 1 Eskadron Jäger zu Pferde, 1 Feldartillerie-Abt. mit 3 Batterien, 1 Pionierkomp., 1 Trninkomp., die dazu gehörigen Sanitätsund Kolonnensormationen. Zum Kommandeur dieser verstärkten Brigade wurde Generalmajor von Rohrscheidt ernannt; das Gros der Truppen blieb in Tientsin, kleinere Detachements wurden nach Peking, Pangtsuu, Langfang, Schanhaikwan und Schanghai entsandt, welche Orte gemäß des Friedensvertrages besetzt gehalten werden sollten. Die Gesamtstärke dieser deutschen Besatzungstruppen betrug etwa 3600 Manu, so daß etwa 13000 Mann des ostasiatischen Expeditionskorps in die Heimat zurückbefördert werden konnten. Dasselbe geschah in 22 großen Transportdampfern des Norddeutschen Lloyd, der HamburgAmerika-Linie und des Österreichischen Lloyd, von denen der erste Transport am 23. Juli, der letzte am 29. Oktober die heimatliche Küste erreichte. Mit Genugthuung und Freude begrüßte das deutsche Volk seine Söhne in der engeren Heimat, wohin dieselben bald nach der Ankunft entlassen oder soweit sie noch dienstpslichtig waren, beurlaubt wurden. In den Dörfchen und Städtchen, im Kreise der Verwandten und Freunde gab es dann ein Erzählen von all den vielen fremden Dingen, welche die einfachen Kinder Germaniens geschaut hatten. Manche Entbehrung, große Strapazen im ungewohnten Klima und unter ungünstigen Verpflegnugsverhältnissen, viele Enttäuschungen waren durchlebt, der frische, fröhliche Krieg, den viele erhofft, war ausgeblieben, aber die Fülle von neuen, bisher unbekannten Eindrücken, das Bewußtsein treuerfüllter Pflicht im Dienste einer hohen Sache und fürs geliebte Vaterland ließ stolz die Brust schwellen, welche geschmückt war mit der vom Kaiser verliehenen China-Medaille. Den besonderen Neid ihrer Kameraden erregten diejenigen Auserwählten, welche Gelegenheit gehabt hatten, sich besonders vorm Feinde auszuzeichnen und denen das Allgemeine Ehrenzeichen am schwarzweißen Bande verliehen war. Zu letzteren gehörten vor allen Dingen eine große Zahl von Mannschaften des III. Seebataillons und vom Kreuzergeschwader, welche die ersten schweren Kämpfe zu Beginn der Wirren mitgemacht hatten. Einem Teil von diesen wurde nach ihrer im Dezember 1900 erfolgten Rückkehr noch die besondere Ehre zu teil, von Sr. Majestät nach Berlin befohlen, um von ihm und der Bevölkerung der Reichshauptstadt feierlich empfangen zu werden. Auf diese kleine Schar, unter denen sich MannUhaften der Pekinger Gesandtschaftswache, der "Iltis"' ^esatzung und von der Seymour-Expedition befanden, onzentrierten sich die dankbaren Kundgebungen vonKaiser und Volk, welche allen Teilnehmern des Chinafeldznges stalten. Führten sie doch auch die ersten Siegestrophäen, tiahllen und Geschütze mit sich, welche bei Takn und in -Peking im blutigen Ringen dem Feinde entrissen waren. Se. Majestät der Kaiser versammelte diese heimwhrenden Chinakrieger nach dem feierlichen Einzuge »rch die preußische porta triumphalis, das BrandenJIl3er Thor, und nach der Begrüßung durch das Stadto erhaupt, im Zeughause und bot ihnen, und damit n ^u heimkehrenden Kriegern mit Worten, die wie nichts anderes den Gefühlen des ganzen Volkes Ausdruck verwhen, folgenden Willkommenund Dankesgruß: i^aiscr Wilhelm ll. au die kjeimkehrenden.j "Mit banger Ahnung und schwerem Herzen sah Luch daAaterland scheiden. Die Anstrengungen, die Luer warteten, ließen sich voraussehen. Ich spreche Luch für bas, was Ihr geleistet, im Namen des gesamten vatcrandcs und des ganzen Deutschen Volkes Meinen Dank aus. Ihr habt vor allen Dingen Luren Fahneneid gehalten, und Ich bin fest überzeugt, daß ein jeder in schweren Stunden seine Schuldigkeit gethan hat. Das Auge hat nicht gezuckt und die Hand nicht gezittert, und so wurden die Siege errungen. Niemand unter Luch kann wissen, mit welch hoher Freude die Nachrichten von Euren Siegen ausgenommen wurden, an denen Armee und Marine gemeinsam beteiligt gewesen. Die Augen des großen Kaisers und des Königs, an dessen Denkmal Ihr heute vorbeimarschiert seid, werden heute auf Luch herabsehen. And Gottes Hilfe, der bisher mit uns gewesen, wird uns auch ferner beistehen." Eine ähnliche Ehrung, >vie hier den sieggekrönten Vertretern der Marine und Seebataillone gu teil wurde, erfuhr ein Truppenteil des ostasiatischen Expeditionskorps, dem es vergönnt gewesen ist, große Lorbeeren an seine Fahnen zu fesseln. Das II. Bat. des 2. ostas. Jnf.-Regts. unter seinem mit dem Orden pour le merite geschmückten Kommandeur, Major v. Förster, wurde auf einem Dampfer des österreichischen Lloyd bis Triest befördert, um von dort ails auf dein Landwege die Hennreise fortzusetzen. Hierbei passierte es Ende September Wien und hatte die Ehre, dort von Sr. Majestät dem Kaiser von Österreich besichtigt zu werden und in dem gastfreien Wien einige herrliche Tage verleben zu dürfen. In die Willkommensgrüße, welche die Bevölkerung der österreichischen Reichshauptstadt den deutschen Kriegern darbot, mischte sich der Jubel der kaiserlichen Armee durch eine herzliche, man möchte sagen stürmische Aufnahme; vor der ganzen Welt bekundeten sie, wie tief die Gefühle treuer Bundesgenossenschaft im österreichisch-ungarischen Volke gewnrzelt sind. Huldvollst empfangen und reich dekoriert vom Kaiser Franz Joseph trat am 29. September das deutsche Bataillon die Weiterfahrt zur deutschen Heimat an. Leider brachten die Transportdampfer auch eine große Anzahl von Verwundeten und Kranken, welche in Bremerhaven, dem Hanptausschiffungspunkte, blieben und in dem dort mit allen Errungenschaften der Neuzeit ansgestatteten Barackenlazarett Heilung von ihren Leiden suchten und unter der aufopfernden Pflege des zahlreichen Sanitätspersonals auch fanden. Die Gesamtvcrluste sämtlicher deutscher Landund Marinetruppen betrugen 608 Mann, hiervon waren 258 Mann verwundet. Es bedeutet dies etwa 2,4 o/o der ganzen Streitmacht, eine in anbetracht der ungünstigen Klimaverhältnisse sehr geringe Zahl und ein Zeichen, daß die Sanitätseinrichtungen der deutschen Truppen, >vie auch allgemein anerkannt wurde, mustergültig und das Sanitätsofsizierkorps auch den schwersten Anforderungen gewachsen war. Wievzeyntev Abschnitt. Die chinesische Zühnegesandtschast in Deutschland. Für das durch den Gesandtenmord am schwersten beleidigte Deutsche Reich konnte erst dann die Chinakrisis formell als abgeschlossen betrachtet werden, wenn der Kaiser von China vor dem Throne des deutschen Kaisers Abbitte und damit für das furchtbare Vergehen Sühne geleistet hatte. Es war immerhin ein erfreuliches Zeichen von dem guten Willen des Kaisers von China, wieder freundschaftliche Beziehungen zum Deutschen Reiche herzustellen, daß er sofort nach Vorlage des ersten Protokolls im Dezember 1900 seinen eigenen Bruder, den 19jährigen Prinzen Tschun, dazu auserkor, nach Berlin zu reisen und die Mission der Sühne zu erfüllen. Dieser Entschluß war um so bemerkenswerter und mußte als eine immerhin bedeutungsvolle Errungenschaft der Chinakrisis bezeichnet werden, weil dieser jugendliche Prinz das erste Mitglied der Mandschudynastie war, welches ein Land der "rothaarigen Barbaren" besuchte. Die Wahl wurde deutscherseits angenommen, so daß der Prinz, nachdem über alle anderen Punkte des Friedensprotokolls eine Einigung erzielt war, in Begleitung von zwei,chinesischen Würdenträgern am 12. Juli die Reise nach Deutschland von Peking ans antreten konnte. Dieselbe erfolgte bis Genua auf dem See-, von dort aus über Basel auf dem Landwege. In letztgenanntem Orte, vor Überschreiten der deutschen Grenze wurde ein kilrzer Aufenthalt gemacht, weil über einige Formalien zwischen Berlin und Singanfn noch eine Einigung erzielt werden mußte, Nachdem dies geschehen, wurde die Reise nach Potsdam fortgesetzt, >vo der Prinz im historischen Schlosse Sanssouci Wohnung nahm. Dem Wesen seiner Mission entsprechend, erhielt der Bruder des "Sohnes des Himmels" nicht die einem kaiserlichen Prinzen znstehenden Empfangsfeierlichkeiten. Am 4. September fand die feierliche Audienz im Neuen Palais statt. Der Prinz trat mit einer tiefen Verbeugung vor den Thron Sr. Majestät des Kaisers und redete letzteren mit folgenden Worten an: jprinz Tschun an Kaiser Wilhelm Il.s "Im Aufträge des Großen Kaisers, meines Allcrgnädigsten lserrn und Gebieters, habe ich die Ehre, Allerhöchstdessen Schreiben in Eurer Majestät Kaiserliche lsände zu übergeben. Nach den im vergangenen Jahre in China eingetretenen aufständischen Bewegungen fühlte der Kaiserliche lsof ans eigenem Antriebe nicht weniger als auf verlangen der Mächte die Verpflichtung, durch eine besondere Mission nach Deutschland Eurer Majestät Sein aufrichtiges Bedauern über diese Vorkommnisse, insbesondere über den Vorfall, welchem Eurer Majestät ausgezeichneter Gesandter Freiherr von Ketteler zum Bpfer gefallen ist, auszudrücken. Um die Aufrichtigkeit dieses Bedauerns über allen Zweifel zu erheben, bestimmte Se. Majestät der Kaiser Seinen allernächsten Blutsverwandten für diese Mission. Ich bin iu der Lage, Eurer Majestät zu versichern, daß der Kaiser, mein Allergnädigster lserr, diesen wirren, welche großes Unglück über China gebracht haben und für Deutschland Verluste und Sorgen, int vollsten Sinne des Wortes fern gestanden hat. Dennoch hat nach dein seit Jahrtausenden bestehenden Gebrauche der Kaiser von China die Schuld dafür auf Seine eigene geheiligte Persou genommen. Ich habe daher den Auftrag, die innigsten Gefühle des Kaisers, meines erhabenen cherrn, für Lw. Majestät bei Ueberrcichung dieses Schreibens zum Ausdruck zu bringen. Auch bei Ihrer Majestät der Kaiserin und der ganzen Kaiserlichen Familie bin ich beauftragt, Dolmetsch dieser Gefühle des Großen Kaisers von China zu sein und deu Wunsch auszudrücken, daß Ew. Majestät fjaus blühe und Gesundheit, Glück und Scgeii in: vollsten Maße geiiieße. Seine Majestät der Kaiser von China hofft, daß die Ereignisse des vergangenen Jahres nur eine vorübergehende Trübung gewesen siiid, und daß, nachdem das Gewölk nunmehr der Klarheit des Friedens gewichen, die Völker Deutschlands und Chinas sich gegenseitig immer besser verstehen und schätzen lernen mögen. Dies ist auch mein aufrichtigster Wunsch.". Hierauf richtete der Kaiser nachstehende Antwort an den Prinzen Tschun: sKaiser Wilhelm ll. an Prinz Tschun.j "Nicht ein heiterer, festlicher Anlatz noch die Erfüllung einer einfachen kjöflichkeitsxflicht haben Lw. Kaiserliche Hoheit zu Mir geführt, sondern ein tieftrauriger und hochernster Vorfall. Mein Gesandter am Hofe Sr. Majestät des Kaisers von China, Freiherr von Ketteler, ist der auf höheren Befehl erhobenen Mordwaffe eines Kaiserlich chinesischen Soldaten in der Hauptstadt Chinas erlegen, ein unerhörtes verbrechen, welches durch Völkerrecht und Sitte aller Nationen gleich sehr gebrandmarkt wird. Aus Eurer Kaiserlichen Hoheit Munde habe Ich soeben den Ausdruck des aufrichtigen und tiefen Bedauerns Sv. Majestät des Kaisers vsn China über das Vorkommnis vernommen. Ich will gern glauben, daß Eurer Kaiserlichen Hoheit Kaiserlicher Bruder persönlich dem Verbrechen und den weiteren Gewaltthaten gegen unverletzliche Gesandtschaften und friedliche Fremde fern gestanden hat. Am so schwerere Schuld trifft Seine Ratgeber und Seine Regierung. Diese mögen sich nicht darüber täuschen, daß ihnen Entsühnung und Verzeihung für ihr verschulden nicht durch die Sühnegesandtschaft allein ausgcwirkt werden kann, sondern nur durch ihr späteres Verhalten gemäß den Vorschriften des Völkerrechts und der Sitte civilisierter Nationen, wenn be. Majestät -er Kaiser von China die Regierung Seines großen Reiches fürderhin streng im Geiste dieser Vorschriften führt, wird auch Seine Hoffnung sich erfüllen, öaß die trüben Folgen der Wirrsale des vergangene,: Jahres überwunden werden und zwischen Deutschland und China wieder wie früher dauernd friedliche und freundliche Beziehungen herrschen, die den beiden Völkern und der gesamten menschlichen Livilisation zum ^egen gereichen. In den: aufrichtigen und ernsten Wunsche, daß dem so sein möge, heiße Ich Eure Kaiserliche Hoheit willkommen." Handschreiben des Kaisers von China.j "Der GroßKaiser des Tatfing-Rciches entbietet Sr. Majestät dem Großen Deutschen Kaiser Gruß. Seitdem Unsere Reiche gegenseitig durch ständige Gesandtschaften vertreten sind, haben Wir ununterbrochen in den freundschaftlichsten Beziehungen zu einander gestanden. Die Beziehungen wurden noch inniger, als Seine Königliche Hoheit Prinz Heinrich von Preußen nach Peking kam und Wir hierbei den Vorzug hatten, Seine Königliche Hoheit häufiger empfangen und mit ihm in vertrauter weise verkehren zu können. Leider drangen inzwischen, im fünften Monat des vergangenen Jahres, die Boxer in Peking ein; aufständische Soldaten schlossen sich ihnen an, und es kam dahin, daß Lw.Majestät Gesandter, Freiherr von Ketteler, ermordet wurde, ein Mann, der, so lange er seinen Posten in Peking bekleidete, die Interessen Unserer Länder auf das wärmste wahrnahm und dem wir Unsere besondere Anerkennung zollen mußten, wir bedauern auf das tiefste, daß Freiherr von Ketteler ein so schreckliches Ende gefunden hat, umsomehr als Uns das Gefühl der Verantwortung schmerzt, nicht in der Lage gewesen zu sein, rechtzeitig schützende Maßregeln zu treffen, Aus dein Gefühl unserer schweren Verantwortlichkeit heraus haben wir befohlen, ein Denkmal an der Stelle des Mordes zu errichten als ein Wahrzeichen, daß Verbrechen nicht ungefnhnt bleiben dürfen, weiterhin haben wir den Kaiser lichcn Prinzen Tschun Tseifong an der Spitze einer Sondergesandtschaft nach Deutschland entsandt mit diesem unfern Handschreiben. Prinz Tschun, unser leiblicher Bruder, soll Ew. Majestät versichern, ivic sehr Uns die Vorgänge im verflossenen Jahre betrübt haben, und wie lehr die Gefühle der Reue und der Beschämung Uns noch beseelen. Ew. Majestät sandten aus weiter Ferne Ihre Truppen, um den Boxeranfstand nicderzuwerfen undFrieden zu schaffen zum wähle Unseres Volkes. wir haben daher dem Prinzen Tschun befohlen, Ew. Majestät Unfern Dank für die Förderung des Friedens persönlich auszusprechen, wir gebet! Uns der Hoffnung hin, daß Ew. Majestät Lutrüstung den alten freundschaftlichen Gesinnungen wieder Raum gegeben hat, und daß in Zukunft die Beziehungen Unserer Reiche zu einander sich noch vielseitiger, inniger und segensreicher gestalten mögen als bisher. Solches ist Unsere feste Zuversicht." Der Verlauf und das Äußere dieser denkwürdigen Audienz entsprach dein ernsten Inhalte der gewechselten Worte. Der deutsche Kaiser hatte die allein Anschein nach ehrlich gemeinte Bitte um Verzeihung gewährt und der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß das künftige Verhalten der chinesischen Ratgeber die aufrichtige Gesinnung des Kaisers von China wahr machen möchte. Da inzwischen auch das Friedensprotokoll in Peking unterzeichnet worden lvar, konnte jede Unbill und Beleidigung, welche das Deutsche Reich in China erlitten hatte, als gesühnt betrachtet werden. Deshalb wurden nunmehr beim Verlassen des Audienzsaales dem Prinzen Tschun auch die Ehren zu teil, welche einem so nahen Mitglicdc eines Herrscherhauses zustehen. Die Wachen traten ins Gewehr und eine Ehrenkompagnie erwies die üblichen Ehrenbezeugungen. Der Prinz hielt sich noch bis Ende September in Deutschland auf, nahm an den Kaisermanövern von Heer und Flotte bei Danzig teil, besuchte einige bedeutende industrielle Werke und reiste dann direkt nach China zurück. Er wird wohl über seinen Eindruck bei seinem kaiserlichen Bruder ähnlich berichten können, wie einst der japanische Minister Marquis Jto au seinen kaiserlichen Herrn, als er, noch ein Jüngling, aus England heimkehrte mit den Worten: "Sie haben uns alle belogen. Nicht jene sind die Barbaren, sondern wir." Die Bahn ist frei, die Wege sind geebnet! Dank der energischen Haltung des deutschen Auswärtigen Amtes und der Diplomatie in Peking, dank der vielseitigen und thatkräftigen Thätigkeit des Oberkommandos und dank dem tapferen und ausdauernden Verhalten der verbündeten und insonderheit der deutschen Truppen sind friedliche Zustände im fernen Osten wieder eingekehrt. Das Land wird sich rasch-von den Schrecknissen des Krieges erholen und seine alte Aufnahmefähigkeit für europäischeWareu wieder erlangeu.Nuu ist die Reihe an dem deutschen Kaufmann, die mühsam und schwer errungenen Vorteile unter dem mächtigen, nunmehr schon bewährten Schutz des deutschen Kaiseradlers auszunutzen, mit Wagemut und Thatkraft den friedlichen Eroberungszug auzutreteu in dies letzte große Reservatgebiet des Welthandels. Volldampf voraus! Die deutsche Feldpost, 418 Deutsche R.eichspc>st Jetdpo ft karte 2ln den an Lord S. M. Schiff — Ofiafiat. R.egt. — ... Lükadron Kompagnie ...... Kolonne (Offizielle Feldpostkarte für Mstasien. (Verkleinert.) Die deutsche Feldpost. Schon in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts hat sich das Deutsche Reich wegen der lebhaften Handelsbeziehungen mit Ostasien veranlaßt gesehen, in Schanghai eine deutsche Postanstalt zn errichten, die mit deutschen Beamten besetzt wurde. In dieser Beziehung ist Deutschland nur dem Borbilde anderer Nationen gefolgt, welche wie Frankreich, England und Rußland ebenfalls in Schanghai eigene Postämter errichteten. Deutschland fühlte sich bald darauf veranlaßt, auch in Tientsin, der Hafenvorstadt von Peking, ein zweites Postamt, das ganz mit europäischen Beamten besetzt ist, und ferner in Tschifu eine Postnebenstelle einzurichten, die von einem deutschen Konsulatsbeamten verwaltet tvird. Als Deutschland die Kiautschvubucht besetzte, wurde ein deutsches Postamt auch in Tsingtau errichtet. An die Beamten, welche nach China geschickt werden, müssen ebenso, wie an alle die Postbeamten, die in den Schutzoder Kolonialgebieten thätig sind, ganz besondere Anforderungen gestellt werden. Die Bewerber um derartige Stellen müssen in Führung und Leistung tadellos sein, sie müssen iiu besten Mannesalter stehen, gesund, kräftig und unverheiratet sein, müssen gute Umgangsformen haben, und außerdem fordert man von ihnen Umsicht uub Selbständigkeit, um erforderlichenfalls Anordnungen ohne höhere Entscheidung treffen zu können. Hinsichtlich der Gesundheit der Beamten verlangt man volle Tropenfestigkeit, und eine sorgfältige ärztliche Untersuchung findet nicht nur am Meldeort der Beamten statt, sondern auch noch eine weitere Untersuchung in Berlin durch eilten in der Tropenhygiene besonders erfahrenen Arzt. Bon Sprachlenntnissen müssen die Beamten mindestens englisch und französisch beherrschen, gerade für China hat man aber schon in den letzten Jahren begonnen, auch eine gewisse Kenntnis des Chinesischen zn verlangen. Um sich diese Kenntnisse bereits in der Heimat zu erwerben, wurden die Beamten mit vollem Gehalt zum Besuche des orientalischen Seminars in Berlin beurlaubt, wo auch die Beamten für die afrikanischen Kolonien in den verschiedenen Dialekten, besonders in Somali und Suaheli Unterricht erhalten. Tie oft asiatischen Postämter standen unter Leitung des Postdirektors vonSchanghai, und der Verkehr, den sie zwischen China und dem Deutschen Reiche vermittelten, war ein ganz beachtenswerter. Wir hatten also in China bereits eine feste PostOrganisation, als am 10. Juli 1900, fast aus den Tag genau, dreißig Jahre nach dem Ausbruch des deutschfranzösischen Krieges, vom Reichspostamt die Mobilmachungsordre für einen Teil der deutschen Feldpost erlassen wurde. Es handelte sich darum, einen Feldpostverkehr für die nach. Ostasien gehenden Expeditionstruppen der deutschen Armee einzurichten und für diese Freiwilligen eine dauernde und sichere Verbindung mit der Heimat zu schaffen. Schon am 16. Juli trat die Feldpostabteilung, bestehend aus einem OberPostsekretär, sieben Postsekretären, drei Feld-Postschaffnern, zlvei Fcldpostiilonen und neunTrainsoldaten, unter das Militärkommando der China-Expedition. Der Postdirektor von Schanghai, Schellhorn, wurde zum Feldpostmeister von Ostnsieu ernannt. Die ersten Mitglieder der Feldpost wurden aus Beamten des Berliner -Oberpostdirektionsbezirks gewählt, und zwar nur solche tropenfeste unverheiratete Leute, die als Soldaten oder Matrosen gedient hatten. Es wurden drei Wagen beschafft, welche die Aufschrift erhielten: "Feldpost-Expedition des ostasiatischen Expeditionskorps", und der Requisitenwagen und zwei zweispännige Briefpostwagen gingen am 24. Juli mit dem Reichspostdampfer "Preußen" ab. Mit ihnen fuhren die Trainsoldaten und Postillone, die oberen Feldpostbeamten gingen schon vorher über Genna mit den militärischen Vorbereitungstruppen der Expedition nach China. Die Unis o rm der Feldpostbeamten bestand für Ostasien zuerst in hellbraunen Drillichanzügen, zu welchen hohe Stiefel getragen wurden. Die Teilnehmer waren sämtlich bewaffnet, die Beamten mit Infanterie-Degen und einem Revolver, die Postillone mit Kavalleriesäbel und Revolver, die Trainsoldaten mit Seitengewehr und Karabiner. An Material wurde die vollständige Ausrüstung für ein Feldpostamt mitgenommen. Diese besteht aus Feldstühlen, aus aufklappbaren, einfachen Tischen, aus Postbeuteln, Schreibblechen, P.ostschildern, Stempelkasten mit Stempeln, großen Faltentaschen aus Drell, die beim Sortieren der Briefschaften an die Wand gehängt werden können, und anderen für den Postdienst unumgänglich notwendigen Dingen. Dieses Material für ein Feldpostamt ist mit außerordentlichem Geschick und nach allen Erfahrungen der Praxis in wenige Koffer und Kisten verpackt, die selbst noch als Behälter und Sitzgelegenheiten dienen können. An Ort und Stelle ist und deren Privatgesellschaften angewiesen. Der Preis für ein Wort der Kabeltelegraphie nach Ostasien beträgt 5,75 Mk. Wenn also ein Expeditionsmitglicd seinen Angehörigen Nachricht selbst in kürzester Form zugehen lassen wollte, so mußte • es ungefähr vierzig Mark anfwenden. Daß eine solche Summe von den Mannschaften nicht aufgebracht werden konnte, ist selbstverständlich. Es mußte hier Hilfe geschaffen werden, und man muß es der deutschen Telegraphen-Verwaltung nachsagen, daß sie ein geradezu geniales Mittel dafür gefunden hat, um die Truppen mit ihren Lieben in der Heimat zu verbinden. Es bekam jeder Soldat ein kleines Buch, einen "Schlüssel für Feld-Telegramme", in welchem mit Nummern hundert Nachrichten bezeichnet waren, welche jede aus einigen Worten bestand, und welche so ausgewählt waren, daß unter allen Umständen einer dieser hundert Sätze auf das augenblickliche Verhältnis, in dem sich der Nachricht Gebende befand, passen mußte, z. B. Nr. 6: "Befinden unverändert. Gruß." Nr. 23: "Freund leicht erkrankt, ins Lazarett gekommen, benachrichtigt Angehörige, selbst völlig gesund, Gruß." Nr. 41: "Brief erhalten, nichts thun vor Eintreffen meiner Antwort." Nr. 48: "Kann in nächster Zeit keine Nachricht schicken, seid ohne Sorge, Gruß." Nr. 64: "Linke Hand verwundet, im Lazarett in guter Pflege." Nr. 68: "Streifschuß im Unterleib, seid ohne Sorge, Gruß." Nr. 91: "Arzt hat heute bedeutende Besserung festgestcllt, herzlichen Gruß." Für jede dieser Nummern tvurde zur Übermittelung nach Europa ein einziges Wort gewählt, das gleichzeitig die Zeichen des Absenders, sowie den Hinweis ans eine von diesem im voraus angegebene, bei dem Haupttelegraphenamt in Berlin vermerkte Adresse enthält. Nimmt inan an, daß etwa siebenundzwanzigtausend Expeditionsmitglieder in Frage kommen, so hätten, da für jeden hundert Schlüsselworte existierten, 2700000 Wörter verabredet werden müssen. Da es keinen sogenannten telegraphischen Kodex giebt, der eine derartige Fülle von Wörtern enthält, da die großen telegraphischen Kodices, mit deren Hilfe sich die Käufleute über den Ozean und über weite Länderstrecken wichtige Nachrichten senden, nur 210000 Schlüsselworte angeben, teilte man die Mannschaften in Serien von je 2100 ein, gab jedem Mann einen Serie-Buchstaben und außerdem eine Nummer von 1 bis 2100. Will der Mann telegraphieren, so nimmt er eins der bei den Truppenteilen vorrätigen Feld-Telegraphen-Formulare und schreibt hinein z. B. B. 1483. 36. Damit hat der Mann aufs deutlichste seine Person bezeichnet, und 36 heißt: "Ich erwarte telegraphische Nachricht. Gruß." Trotzdem würde Dic Kaiserliche Feldpost mH ihren Beamten. in wenigen Minuten die ganze Einrichtung ausgepackt, das Postschild vor die Thür gehängt, und der Betrieb kann beginnen. Es wurde den nach China gehenden Truppen mitgeteilt, daß ihre Briefe Portofreiheit genießen würden und insbesondere wurden den Truppen große Mengen von Feldpostkarten zur Verfügung gestellt, die besonders hergestellt wurden. Für Briefe, welche die Angehörigen per Expeditionsmitglieder nach Ostasien schicken ivollten, wurde ein Porto von zwanzig Pfennigen für zwanzig Gramm Gewicht erhoben. Vom ersten Augenblicke an aber sagte man sich, daß die Postbeförderung allein nicht genügen würde, um die hochwichtige Verbindling der Truppen mit der Heimat beständig aufrecht zu erhalten. Selbst unter den günstigsten Bedingungen geht ein Brief von Deutschland nach Ostasien sechs Wochen, und selbst wenn der in Ostasien befindliche Adressat sofort und mit wendender Post schreiben kann, so vergeht ein Vierteljahr, bis die Angehörigen in Europa im günstigsten Falle eine Antwort erhalten. Die erstaunliche Leistung der deutschen Feldpost im Feldzug 1870 bis 1871 hat einen außerordentlichen Wert, auch in moralischer Beziehung gehabt. Durch die beständige Verbindung der in: Felde stehenden Truppen mit ihren Angehörigen in der Heimat hat sich bei diesen Truppen ein wertvolles Gefühl der Sicherheit, der Begeisterung und Opferfreudigkeit ausgebildet. Man mußte daran denken, den nach Ostasien gehenden Truppen die Möglichkeit zu geben, in rascher Verbindung mit ihren Angehörigen zu bleiben. Das war jedoch nur auf telegraphischem Wege möglich. Deutschland hat bekanntlich keine Kabel, die nach Ostasien führen. Es ist auf die Kabel fremder Staaten ein solches Telegramm noch immer auf sechs Mark zu stehen kommen. Es wird jedoch von China das Telegramm für drei Mark befördert, und die andere Hälfte der Kosten zahlt die Expeditionskasse zu. Alle Nachrichten, die sich auf Erkrankungen, Verwundungen u. s. w. beziehen, werden von der Truppe ganz auf eigene Kosten an die Angehörigen des Erkrankten oder Verwundeten befördert. Bei den Telegraphen-Sainmelstellen in Ostasien wird stets eine Anzahl von Feldtelegrammen mit den Angaben von Nummer, Serie, Schlüssel und Telegramm-Nummer zusammengezogen. Die Beamten bilden dann aus diesen Zahlen und Buchstaben bestimmte, verabredete Worte, bilden diese englisch klingenden Worte (die Kabelbeamten sind Engländer) zu Sätzen und telegraphieren dann die Depesche nach Berlin. Dieses System hat sich mit wunderbarer Sicherheit bewährt, und es sind tausende von Telegrammen für den billigen Preis von drei Mark von den Truppen in Ostasien an die Angehörigen in Deutschland befördert worden. Wie es sich bald herausstellte, nahm der Feldpostund Feldtelegraphen-Verkehr einen derartigen Umfang an, daß schon nach kurzer Zeit eine Verstärkung der Beamten, der Gefährte und des Materials nach Ostasien abgesendet werden mußte. Nicht unerwähnt bleibe, daß durch den Boxeranfstand auch die deutschen Postbeamten in Ostasien in schwere Gefahr gerieten. Das Postamt Schanghai brauchte allerdings seinen Dienst nicht einzustellen. Dagegen litt das Postamt Tientsin außerordentlich schwer. Als Tientsin und speziell das Freindenviertel, in dem sich das deutsche Postamt befand, von den Chinesen beschossen wurde, schlugen auch mehrere Granaten in das deutsche Postamt in Tientsin und richteten hier schreckliche Verwüstungen an; durch das so entstandene Feuer wurde auch eine Anzahl von gewöhnlichen Briefen vernichtet. Die Wertsachen waren zum Glück so sicher untergebracht, daß ihnen das Bombardement nichts schadete. Der Hausrat und die Geräte aber wurden vollständig zertrümniert, und selbst die Geldschränke hielten nicht stand. Wie durch ein Wunder entging der deutsche Postbeamte in Tientsin dem Tode, denn er saß in dem Zimmer, in welches rasch hintereinander zwei Granaten einschlngen und kam gänzlich unverletzt davon, während der Beamte des französischen Postamts den Tod fand. Für seit: mutiges Verhalten (er beteiligte sich auch an dem Kampfe der deutschen Freiwilligen in Tientsin gegen die Chinesen) erhielt der deutsche Beamte später den Kronenorden vierter Klasse mit Schwertern, für einen Postbeamten gewiß eine außerordentlich seltene und wertvolle Dekoration. Es stellte sich bald heraus, daß für das Expeditionskorps auch ein Päckerei-Verkehr eingerichtet werden mußte, insbesondere für Pakete, die aus der deutschen Heimat ankamen. Es wurde vom 15. September 1900 ab gestattet, Pakete von zweieinhalb Kilo Gewicht zu senden, welche einen Umfang von fünfunddreißig Centimeter Länge, fünfzehn Centimeter Breite und zehn Centimeter Höhe nicht übersteigen sollten. Um den Truppen ztt ermöglichen, auch schwerere Pakete zu erhalten, wurden verschiedene Male besondere Dampfer gechartert, welche auch schwerere Pakete nach China beförderten. Am 2. Oktober 1900 wurden acht Feldpostsekretäre und fünf Feldpostschaffner nachgeschickt, ebenso am 27. November acht Feldpostsekretäre, acht Feldpostschaffner und sechs Feldpostillone, sowie zwei Feldpost-Kariolwagen. Unter den acht Feldpostsekretären, die am 27. November über Genua zur mobilen Feldpost gingen, befanden sich auch zwei bayrische Postbeamte, welche die Uniform der mobilen Reichspost trugen. Daß auch bayrische Postbeamte nach China entsendet wurden, hat unter den bayrischen Postbeamten einen wahren Enthusiasmus erregt, und als die bayrischen Postbeamten mit ihren Reichskollegen von der Feldpost, auf dem Wege von Berlin nach Genua, München berührten, wurde ihnen von den bayrischen Postund Telegraphenbeamten ein begeisterter Empfang bereitet. Am 29. Oktober kam die erste Briefpost aus Ostasien beim Marine-Postburean in Berlin an. Es waren das zwei Briefsäcke von ungefähr achtzig Kilo Gewicht, welche ungefähr zwanzigtausend Briefsendungen enthielten. Diese Briefsendungen kamen zum Teil in enteilt Zustand an, welcher dem Marine-Postbnreau schwere Arbeit verursachte. Der größte Teil der Briefe mußte ausgebessert und geklebt werden. Unsere deutschen Soldaten hatten es sich nicht nehmen lassen, zu den Briefumschlägen original-chinesische Couverts aus dünnstem Reispapier zu verwenden, welche für den langen Transport nicht widerstandsfähig genug waren. Aus den Briefen fielen zahlreiche Kleinigkeiten, welche die Soldaten für ihre Angehörigen mitgeschickt hatten, wie kleine Fächer, Nippes-Sachen, kleine seidene Tücher, kleine seidene chinesische Börsen. Es war eine Riesenarbeit, diese herausgefallenen Briefeinlagen wieder in die richtigen Briefe, die besonders verschlossen werden mußten, hineinzubringen. Das Marine-Post-Bureau, dessen oben gedacht wurde, ist eine besondere Postbehörde, die zu gewöhnlichen Zeiten den Postverkehr zwischen der Besatzung der im Auslande befindlichen deutschen Kriegsschiffe und der Heimat vermittelt. Alle Briefe, welche für Offiziere und Mannschaften der auswärtigen Kriegsschiffe bestimmt sind und in Deutschland aufgegeben werden, gehen nach Berlin an das Marine-Post-Bureau. Ebenso sammeln sich hier alle Postanweisungen, Kreuzbandsendungen von Zeitungen, Postkarten u. s. w. auf. Das Marine-PostBureau ordnet diese Eingänge nach den Namen der Schiffe, auf denen sich die Adressaten befinden. Von der Admiralität wird dem Marine-Post-Bureau regelmäßig mitgeteilt, wo sich zu gewissen Zeitpunkten laut Segelordre oder laut telegraphischen Nachrichten der Schiffskommandanten die Kriegsschiffe befinden oder welche Häfen sie anlaufen werden. Nach diesem Orte schickt das Marine-Post-Bureau die gesamten für das Schiff bestimmten Briefschaften sorgfältig in Lederbeutel verschlossen unter Adresse des Kapitäns oder des Zahlmeisters des Schiffes. Als Nebcnadresse ist der Konsnlarvertreter des deutschen Reiches in dem betreffenden Hafcnort angegeben. Er nimmt die Briefsäcke in Empfang, wenn das Schiff noch nicht im Hafen ist, und von ihm holt der Zahlmeister mit seinen Leuten die Briefsäcke ab, um deren Inhalt dann an Offiziere und Mannschaften zu verteilen. Umgekehrt sammelt der Zahlmeister alle Briefe, Postanweisungen, Kreuzbänder und Postkarten, welche Offiziere und Mannschaften eines Schiffes nach der Heimat befördern wollen, ein, packt sie in starke Briefbeutel und sendet sie mit der gewöhnlichen Post an das Marine-Post-Burean in Berlin. Hier werden die Beutel geöffnet, die Sendungen auf Reichskosten frankiert und dann durch die Reichspost an die Adressaten befördert. Das Marine-Post-Burean in Berlin wurde die Sammelstelle für sämtliche in Deutschland für das ostasiatische Expeditionskorps anfgegebenen Briefschaften. Für den Päckereiverkehr wurde Sammelstelle das Postamt 5 in Bremen, welches die hier angelangten Pakete in Säcke packte und von Bremerhafen aus mit den Reichspostdampfern nach China schickte. Die Briefschaften gehen vom Marine-Postamt unmittelbar nach dein deutschen Postamt in Schanghai. Ebenso werden die von den Feldpoststationen in China aufgesammelten Briefe zuerst an das deutsche Postamt in Schanghai gesendet, welches seine Postsäcke unmittelbar an das Marine-Postamt in Berlin abführt. Für Pakete, die von China nach Deutschland geschickt werden, ist die Sammelstelle Tientsin. Seit dem 1. Januar 1901 werden auch Feldpostanweisnngen befördert. Es wird ein blaues Formular dazu benutzt, die Sendung einer Anweisung bis zu hundert Mark kostet zehn Pfennige Porto. Dienstgcldcr werden bis zur Höhe von achthundert Mark portofrei an die Truppenabteilungen befördert. Noch vor der Einrichtung des Postanweisungsverkehrs hatten sich in China einige wichtige postalische Ereignisse vollzogen. Man war gezwungen gewesen, in Peking und Tongku deutsche Reichspostämter zu errichten, ferner hatte sich der Bau eines Kabels als außerordentlich notwendig herausgestellt. Nachdem von den anderen Staaten zwischen Taku und Tschifn, zwischen Port Arthur und Tschifn, ebenso zwischen Weihaiwei und Tschifn Kabel gelegt worden waren, wurde es auch für die deutsche Reichspostund Telegraphen-Verwaltung eine zwingende Notwendigkeit, ein Kabel von Tsingtau nach Tschifn und von Tsingtau nach Schanghai zu legen. Diese Bauten kosteten 3300000 Mk. und wurden von der "Großen Nordischen Telegraphen-Gesellschaft" aus vorhandenen Kabelbeständen für die deutsche Reichsregierung ausgeführt. Es mußten aber schleunigst nun auch fünf Kabelbeamte und verschiedene technische Telegraphcnbcamte nach Ostasien entsendet werden. Der beständig steigende Postverkehr machte es notwendig, daß der Feldpostmeister Schellhorn in Schanghai schon am 27. November zum Armee-Postdirektor ernannt wurde und daß er aus Deutschland Beihilfe in der Person eines Armee-Postinspektors erhielt. Am 8. Dezember 1900 wurde das Hauptquartier des fünften ostasiatischen Infanterie-Regiments in Tientsin von einem Brande betroffen, durch welchen leider auch alle soeben aus Europa eingetroffenen Briefpostsachen, welche noch nicht an Offiziere und Mannschaften verteilt waren, verbrannten. Interessant ist es, daß bei den Postanstalten in Peking, Tongkn und Tschifu auch eingeborene Chinesen als Hilfspostbeamte eingestellt werden mußten. Was nun den Betrieb der Feldpost in Ostasien anbelangt, so vollzog sich derselbe folgendermaßen: Bei der Ankunft wurden vorläufig Feldpostanstalten in Tongkn, Pangtsun und Tientsin eingerichtet. Von Tientsin nach Peking, als dieses erobert wurde, gingen die Postsachen in sechs Tagen auf dem Peiho vermittelst Dschunken, welche während der ganzen Fahrt gezogen werden mußten. Um die Expedition der Postsachen zu beschleunigen, wurden mit zwei Maultieren bespanntezweiräderige Karren eingestellt, welche den Weg in drei Tagen zurücklegten. Außerdem wurde durch Ordonnanzreiter die Beförderung von Tienstbriefen und von einfachen Briefen täglich nach verschiedenen Richtungen hin besorgt. Kurz vor Einbruch des Winters befanden sich Feldpostämtcr in: Tongku, Tientsin, Pangtsun, Peking und Paotingfn. Zum großen Teil, wenigstens bis Pangtsun, konnte die Eisenbahn benutzt werden. Mit dem Einbrechen des Winters mußte die Station Shanhaickwan am Golf von Petschili eine ganz besondere Bedeutung gewinnen, da nur in deren Nähe, und zwar in Tschingwantao, zwölf Kilometer südwestlich von Shanhaickwan, Dampfer landen konnten. Die übrigen chinesischen Häfen waren mit Eis bedeckt und gestatteten den von der Postverwaltung besonders gecharterten Dampfern, die von Schanghai ans die Postsachen brachten, nicht das Einlaufen. Zu Beginn des Frühjahrs befand sich die ganze Linie der Eisenbahn von Taku, Pangtsun und Peking in den Händen der Deutschen und wurde sehr fleißig zum Postverkehr benutzt. Es gingen täglich Postzüge nach jeder Richtung, and; zur Vermittlung der Korrespondenz zwischen den verschiedenen Truppenteilen in China. Ebenso wurde mit Paotingfn eine ständige Postverbindung aufrecht erhalten. Die Zentrale für den Feldpostverkehr blieb Tientsin. Ende März 1901 befanden sich außer den bereits erwähnten Orten noch Feldpostbureaus in Tsingtau und in Kaumi (Provinz Shangtun). Tsingtau steht durch Dampfer mitTjchifu und Schanghai in ständiger Verbindung. Am Ende des Jahres 1900 wurde auch die Dienstkleidung der Feldpostbeamten in Ostasien geändert. Die Beamten erhielten die neuen Bekleidungsund Ausrüstungsstücke vom ostasiatischen Expeditionskorps, da sie dieselben Stiicke wie Offiziere und Soldaten trugen i>nd nur durch die Postabzeichen sich von ihnen unterschieden. Während des Winters wurden Feldmütze, Rockblouse und Hose aus feldgrauem Tuch getragen. An Stelle des Strohhutes, der schon bald nach der Ankunft abgeschafft worden war, trat der Tropenhelm aus Kork mit weißem Nackenschirm. Die Mannschaften und llnterbeamten erhielten einen Mantel aus feldgrauem Tuch. Die sogenannten Bordmützen, wie sie zur Bequemlichkeit an Bord der Kriegsschiffe getragen wurden und welche auch von den Postbeamten angelegt worden waren, wurden verboten. Für den Sommer werden wieder die khakifarbigen Drillichund Baumwollstoffe getragen werden. Die Benutzung der Feldpost sowohl durch die Truppen der ostasiatischen Expedition, als durch ihre Angehörigen in der Heimat erforderte eine ungeheure Arbeit der Feldpostund Reichspostbeamten in China. Besonders, nachdem im Winter die Truppen Standquartiere bezogen hatten, als die Expeditionen aufhörtcn und die Truppen eine verhältnismäßig größere Ruhe genossen, als selbst in der heimatlichen Garnison, fingen Offiziere und Mannschaften aus Laugeweile und Mangel an jeglichen Vergnügungen an, Briefe zu schreiben. Offiziere und Mannschaften brachten Postkarten und Briefe nicht einzeln, sondern stoßweise zu den FeldpostExpeditionen, und man erzählt von einem Zahlmeister, der vom Eintreffen der Expedition in Ostasien, also von Anfang September, bis Anfang März an seine Frau mehr als dreihundertachtzig Briefe geschrieben hat. Auch von den Angehörigen in der Heimat wird die Feldpost eifrig benutzt. Tausende von Mark gingen seit dem 1. Januar 1901 in Postanweisungen nach China, und der Päckerei-Verkehr hob sich ständig.*) Jeder Reichspostdampfer nimmt eine immer größer werdende Zahl von Säcken mit kleinen Gepäckstücken nach China mit. Leider sind die Angehörigen der Truppen in Deutschland und die Soldaten in China selbst sehr nachlässig in der Adressierung und in der Angabe des Absenders. Das letztere unterlassen besonders die Soldaten der Expedition, und ist eine Sendung in Deutschland unbestellbar, so ist es unmöglich, den Absender zu ermitteln und die Sendung zurückzustellen. Bei den Briefund PaketAbsendern in Deutschland aber muß eine ganz absonderliche Auffassung der Verhältnisse in China herrschen. Es würden sich sonst nicht immer und immer wieder jene klassischen Adressen vorfinden, welche lauten: "Herrn Schulze, Soldat in China" oder: "Herrn Müller, Mitglied der ostasiatischen Expedition". Solche Briefe sind natürlich unbestellbar und gehen an das Aufgabe-Postamt zur Ermittelung des Absenders zurück. Es mag zum Schluß noch erwähnt werden, daß Zeitungen und Drucksachen an die Mitglieder der Expedition in Ostasien nicht unter Kreuzbändern und in offener Verpackung versandt werden dürfen, sondern daß diese Drucksachen wie Briefe verschlossen werden müssen. Zweihundertfünfzig Gramm kosten zwanzig Pfennige und selbst einzelne Exemplare von denjenigen deutschen illustrierten Zeitschriften, die starke Jnseratenbeilagen haben, lassen sich in einem solchen Umschlag verschlossen versenden, da sic noch nicht zweihundertfünfzig Gramm 'wiegen. Zieht man zum Vergleich die Leistungen der anderen Staaten ans dem Gebiete des Feldpostwesens und die Einrichtungen der Feldpost für die Truppen in China herbei, so sieht man, daß keine Nation mit Feldpost und Feldtelegraphie so vorzüglich für die in China stehenden Truppen sorgt, wie Deutschland. Die anderen Staaten haben nur mangelhafte Feldpost-Einrichtungen, befördern nur Briefe, und diese nur frankiert, und erst allmählich haben nach deutschem Muster auch Frankreich, Rußland und England, sowie Japan für ihre Chinakrieger ähnliche Institute geschaffen, wie die deutsche Feldpost, die aber trotzdem noch ein unerreichbares Ideal für die anderen Staaten sein wird, da ihnen sowohl die Organisation, wie die große Zahl der tüchtigen Beamten fehlt, die für Einrichtung und Betrieb einer solchen Feldpost unumgänglich notwendig sind. Ebenso erfreulich wie bedeutsam ist in dieser Hinsicht der Brief eines deutschen Feldpostbeamten in Shanhaikwan vom 8. März, der nach der "D. V. Z." folgenden Wortlaut hat: lBrief eines deutschen Leldxostbeamten aus Schanghaist "Unsere deutsche Feldpost wird seitens der fremden Nationen — Japaner ausgenommen — außerordentlich stark benutzt; die englischen und französischen (Offiziere haben mir wiederholt erklärt, daß sic Sendungen, an deren schneller und sicherer Beförderung ihnen gelegen sei, nur durch die deutsche Post ver senden. Das hiesige Annahmebuch und die fast nur von Nichtdeutschen herrührende hohe Portoeinnahme sind der beste Beweis dafür. Die Feldpoststation ist in dem jetzt "Fort Preußen" genannten großen Tempel, und zwar in einem Panse untergebracht, das früher als Klosterbibliothek, dann eine Zeit lang als Typhuslazarett gedient hat. Wir haben nur einen einzigen großen, fensterlosen Raum, in dein das gesamte Personal (ein Beamter, ein Schaffner, zwei Postillone und zwei Soldaten) arbeitet und schläft. Die Vorderwand besteht zum großen Teil aus durchscheinendem Papier. Trotz zweier Gefen ist der Raum nicht warm zu halten; die Tinte bleibt nur flüssig, wenn sic auf dem heißen Ofen steht. Am 26. November wurde die Fcldpoststation eingerichtet; Anfangs Dezember fror die Reede von Taku zu, und von da ab wurde die gesainte Post über hier geleitet, obgleich viele sogenannte Sachkenner es für uninöglich hielten, daß die Paketbeförderung werde aufrecht zu erhalten sein. Aber wir haben gezeigt, daß es ging. Nahezu 3000 Säcke sind gelandet und weitergesandt worden, ohne daß nur eine einzige Differenz vorgekommen ist. Häufig sind auch englische, chinesische und französische Posten mit expediert worden. An Zwischenfällen hat cs natürlich nicht gefehlt: Zweimal, und zwar das eine Mal nachts, wurde ich im Sampan mit zwei Thinesen und drei Pionieren vom Sturm abgetrieben und einige Kilometer weit nördlich in das Packeis geworfen, von wo wir nur mit vieler Mühe die Postsäcke ans Land schaffen und das Boot in Sicherheit bringen konnten, viel habe ich den kühnen Pionieren zu danken, ebenso wie dem Ttappenkommandanten, der allen Anträgen auf Hilfe gern entsprach. An einzelnen Tagen sind bis zu 80 Soldaten kommandiert gewesen, dazu die Gespanne, die erforderlich waren, die Post vier Kilometer weit zum Bahnhof zu befördern. Ich kann wohl sagen, daß ich während der vier Alonate hier mehr gesehen, gehört und gelernt habe, als in den übrigen drei Jahren." Die Thätigteit der Roten Rreuzes im ostasiatischen Zeldzuge. Der gewaltige Aufschwung, den das moderne Sanitätswesen genommen, und der der Gesundheitspflege des Soldaten im Frieden wie im Kriege ein volles Bürgerrecht in der Armee verliehen hat, ist im jüngsten ostasiatischen Feldzug von neuem zum lebendigen Ausdruck gekommen. Mehr wie jemals bisher mußten kraft der inneren Verhältnisse, die das Wesen dieses Krieges ausmachten, Sorge und Umsicht walten, mußten in dem Aufbau der sanitären Hilfeleistung alle die Faktoren, die so ungeheuer von unseren klimatischen, epidemiologischen und Ernährungsverhältnissen abweichen, berücksichtigt und nächst der Pflege der Kranken auch die Hygiene der Gesunden angebahnt werden. Und auch in diesem Feldzug hat das Sanitätswesen des deutschen Heeres die Höhe seiner wissenschaftlichen Grundlagen, wie seiner praktischen Leistungsfähigkeit in vollem Maße erwiesen und mustergültig selbst für die anderen Kulturstaaten die schweren Aufgaben der gestellten Aufordcrungen erfüllt. In prophylaktischer Hinsicht waren Kleidung und Ernährung der Truppen zum Gegenstand sorgsamster Studien gemacht und die große Bedeutung gesunden Trinkwassers in ihrem vollen Umfange gewürdigt worden. Die staatliche Krankenpflege war in einer Weise organisiert, wie kaum je zuvor, kamen doch auf ungefähr 120 Mann jedesmal ein Arzt, waren für Krankenzivecke alle erdenkbaren Einrichtungen an Feldund Kriegslazaretten, wie sie die vervollkommneten technischen Fortschritte darbieten, waren geschultes Personal in Hülle und Fülle mitgegeben worden. Das Marine-Lazarettschiff "Gera", welches etwa 300 Verlvundete und Kranke befördern kann, und ein dem Norddeutschen Lloyd entnommenes Armee-Lazarettschiff waren zum Transport der tropendienstunfähigen Mannschaften bestimmt, während mustergültige Anstalten in Peking, in Tientsin und anderen Orten für die Aufnahme der Kranken und Verwundeten sorgten. Herzog Victor von Ratibor, Vorsitzender de; deutschen Hilfskomitee; für Ästasien. Hatte so der Staat in ausgiebigster Weise für das Wohl der ihm anvertrauten Söhne des Landes zu sorgen gesucht, so war es auf der anderen Seite das Rote Kreuz, welches sich voll in den Dienst der vaterländischen Sache gestellt hatte. Auch an dieser Stelle wieder hat dieser segensreiche Apparat mit seineil Gliederungen und Abstufungen kraft der inneren Aneinanderschweißung, die zum Besten gehört, was Kultur und Charitas in unserem Zeitalter geschaffen, in hervorragender Weise funktioniert. Und zunt erstenmal seit seinem Bestehen hat er, den Charakter der freiwilligen Krankenpflege abstreifend, sich mit dem amtlichen Sanitätsdienst nach Maßgabe der kriegssanitären Bestinilnungen vereint und gemeinsam mit ihm den Werken der Humanität wie der strengenPflichterfüllung gedient. Seine Hilfe galt in erster Linie der llnterstützung desMarine-Sauitätsdienstes im Golf von Petschili, bezlv. im deutschen Gebiete von Kiautschon und dessen weiterer Umgebung, lind fo gab er für die Schiffe "Gera" und "Savoia", welch letzteres dem deutschen Kaiser von der Hamburg-Amerika-Linie als Lazarettschiff der freiwilligen Krankeiipflege zur Verfügung gestellt worden war, Pflegepersonal und teilweise auch Ärzte, während gleichzeitig für das Marine-Feldlazarett auf dem Kriegsschauplatz Krankenpfleger entsandt und eine mgene Expedition für ein auf dem Heinrichsberg bei Tsingtau einznrichtendes Marinelazarett ausgerüstet Bei der Winterbekleidung der Baracken. stücke für die kalte Jahreszeit, gingen Nahrungsund Gennßmittel,Lazarettmaterialien und Gegenstände, sowie reiche Geldspenden ein, so daß in kurzem das Centralkomitee über mehr wie Millionen Mark verfügen konnte. Unter den Winterbekleidungsgegenständen befanden sich allein 600 Pelze, welche der vereinten Thätigkeit des Berliner Vereins vom Roten Kreuz und des Berliner Frauenvereins zu danken waren. Für die Unterhaltung des der Militärverwaltung unterstehenden Pflegepersonals, das sich im November 1900 bereits auf 89 Köpfe belief, waren nwnatlich allein 12000 bis lüOOO Mark erforderlich. Das Hauptinteresse konzenAufbau der transportablen Döckerfchen Baracken. wurde. Ihre Leitung übernahm der von den Roten Kreuz-Expeditionen im griechisch-türkischen und südafrikanischen Kriege her bekannte Professor Dr. KüttnerTübingen, ihn begleiteten der Oberarzt Dr. LoosStraßburg und Dr. Steffens-Cöln, weiterhin sechs Schwestern und fünf Pfleger, während das Lazarett zur Atlfnahme von 100 Kranken bestimmt war. Nachdem diese erste Aufgabe sofortiger Indienststellung der verfügbaren Kräfte erfüllt war, trat sogleich die zweite in Kraft, die Satnmlnng freiwilliger Gaben, die planmäßige Organisation zu gemeinsamen Liebeswerken. Auch hier erwies sich wieder der Appell, den das Rote Kreuz an Deutschlands Bevölkerung richtete, als der mächtigste Faktor zur Regung aller Kräfte: in Mengen gingen die gewünschten Kleidungs triert sich jedoch auf die eigenste Schöpfung des Roten Kreuzes, auf das unter Prof. Küttners Leitung stehende Vereiuslazarett. Ursprünglich in Tsingtau vorübergehend etabliert, wurde es im Verlauf der kriegerischen Operationen bald nach Paugtsuu,*) einer Station zwischen Tientsin und Peking, verlegt und entfaltete dort eine umfassende Thütigkeit. Das Hospital umfaßte im ganzen 25 Gebäude und bedeckte ein Areal von 5525 gm; von einem hohen Wall umgeben und bewacht, bildeten diese Häuser des Lazaretts zusammen ein Rechteck mit breiten Straßen und zwei größeren Plätzen, dieLuft und Licht in vollem Maße gewährten. Transportable Döckersche Baracken waren das Material, aus dem das Lazarett bestand, deren Heizung mittels Meidingerscher Luft-Cirkulationsöfen vorgenommen wurde. Die eisigen Stürme Chinas, die großen Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht machten die Heizung zu einem der wesentlichsten, aber zugleich auch schwierigsten Faktor, der nur mit äußerster Anstrengung und Mühewaltung glücklich gelöst werden konnte. Ebenso ivar eine Abdichtung der Häuser gegen Norden unbedingt notwendig, um die Kranken gegen die furchtbaren Unbilden des chinesischen Winters zu schützen, von deren Charakter man sich ein ungefähres Bild aus den Schilderungen Di'. Küttners machen kann. Er schreibt nämlich: sprof. Dr. Kiittwer über den chinesischen winter.j "während die Temperatur in den eigentlichen Wintermonaten nachts bis auf 20 und 25 Grad unter Null sinkt, ist die Kraft der Sonne auf dem 10. Breitengrade doch noch so groß, daß bei unbedecktem Himmel mittags stets der Gefrierpunkt überschritten wird. Temperaturschwankungen von 20 bis 30 Grad im taufe eines Tages sind also nichts Seltenes. Ganz anders während der gefürchteten Nordund Nordoststürme, welche alle 8—Hl Tage einsetzen und ein bis drei Tage zu dauern pflegen. Der ihimmel bleibt bedeckt, die Sonne vermag das Gewölk nicht zu durchbrechen und bei riesiger Kälte fegt der Sturm über die Ebene, Wolken von Staub vor sich hertreibend. Durch jede Luge dringt der feine Sand zur Verzweiflung des reinlichkeitsbeflissenen Lazarettpersonals, welches an solchen Tagen auch aus der Sorge um die Erwärmung der Räume nicht herauskommt, denn der wind treibt den Rauch in die Zimmer und verhindert das Brennen der Gefen, deren man gerade während des Sturmes so besonders bedarf." Dieses Lazarett vom Roten Kreuz wurde im November 1900 mit Verwundeten und Kranken belegt und hat bis zum Schluß des Jahres bereits mehreren hunderten von Pfleglingen Hilfe gewährt. Ein weiteres Genesungsheim für Kranke und Rekonvalescenten ist in Kobe, einem an den Binnenseen Japans belegenen Orte, dessen klimatische Verhältnisse denen der Riviera ähneln, errichtet worden. Von den anderen, am ostasiatischen Feldzug beteiligten Staaten war es vor allem Rußland, dessen Rote Kreuz-Organisation dem Vorgehen der deutschen Brudervereinigung gefolgt ist und außer einem Hospital mit 200 Betten in Port Arthur eine Lazaretlbaracke daselbst, sowie weitere ähnliche Anlagen in Peking und anderen Plätzen errichtet hat. Der humanitäre Sinn, der in den Bestrebungen des Roten Kreuzes mattet und der seine Gründung lvie seine Thütigkeit unter die bedeutsamsten Errungenschaften moderner Kultur stellt, hat sich auch bei dieser jüngsten Expedition in fernen' Landen als eine organisierte Macht erwiesen, deren Werke der Liebe und Hilfsbereitschaft in hellstem Lichte erstrahlen. Ein Nachtrag zu den Berichten über die Expedition 5eqmours. S. 10 ff. sMarine-Stabsarzt Dr. Schlick über Geschoßwirkung, Verwundung re. beim Sexmourschen Expeditionskorps.s "Der reguläre chinesische Soldat, welcher uns in dem ersten Gefecht bei Langfang gegenüberstaud, gehörte dem Pekinger Truppenkontingent unter dem Befehl des Generals punglu an. Dieses war, wie die von mir extrahierten Geschosse bewiesen, zur Hälfte mit dem in der Marine noch gebräuchlichen alten großkalibrigen (ss mrn-Bleigeschoß), zur Hälfte — die Kavallerie ausschließlich — mit dem neuen kleinkalibrigen Gewehre bewaffnet. In den späteren Gefechten hatten wir es nur mit Tientsin-Truppen zu thun, welche allgemein als Mustertruppen galten und deren Bewaffnung durchaus modern war; die hier zu meiner Beobachtung gelangten Verwundungen waren ausschließlich durch kleinkalibrige Projektile hervorgcrufen. Unsere Leute waren mit dem alten Modell 7s/81 ausgerüstet. Es bot sich mir auf diese weise Gelegenheit, die Wirkung beider Feuerwaffen nebeneinander zu sehen und zu vergleichen. Die gewonnenen Resultate stimmen im großen und ganzen mit den über das neue Gewehr bereits gemachten Erfahrungen überein. Da der chinesische Soldat dem Europäer gegenüber zweifellos kein Freund des Nahkampfes ist, sondern fast stets bei größerer Annäherung die Flucht ergriff, so waren unsere Verwundungen in der Mehrzahl der Fälle durch Fernschüsse entstanden. Nach meiner Beobachtung, die mit der unserer Offiziere durchaus übereinstimmt, erhielten wir das Feuer der uns au Zahl stets vielfach überlegenen Chinesen ans einer Entfernung von mindestens 800 bis (200 m. Es wird diese Annahme sowohl durch die Aussagen der meisten verwundeten als auch durch die Art und Beschaffenheit der Verletzungen bestätigt. Selbstverständlich erhielt auch eine Anzahl unserer Leute Schußwunden aus geringerer Entfernung (300 bis 500 m), da der Feind in der Regel durch einen Sturmangriff mit sprungweiscm Vorgehen aus seinen gut verschanzten Dörfern und Stellungen Herausgetrieben werden mußte und ihm unsere Leute so häufig aus 200 bis H00 in nahekamen. Die Erfahrung lehrte, daß die Chinesen aus dieser Entfernung, sei es aus Angst, sei es, weil sie mit der Zielvorrichtung des neuen Gewehres nicht genau Bescheid wußten, stets zu weit schossen, so daß die Reserven mehr gefährdet waren als. die Leute in der Bchützenlinic. Aus diesem Grunde erklärt sich wohl die geringe Zahl der Nahschußverletzungen trotz der manchmal geringen Entfernung vom Feinde. Alle Schußverletzungen durch das kleinkalibrige Gewehr ließen eine kleine Einund eine nur um Weniges größere Ausschußöffnung erkennen. Die Wundränder ebenso wie der ganze Schußkanal waren glatt, wie ausgestochen. Im Gegensatz hierzu hatte das ff mm-Wsichbleigeschoß beim Einund Austritt stets größere und unregelmäßigere Defekte erzeugt, von Anfang an erschien es mir auffällig, daß bezüglich der Schußwirkungen aus einer Entfernung von 500 bis H00 in und einer solchen von (000 in und mehr erhebliche Unterschiede nicht bestanden. Wie irrig die noch vielfach verbreitete Ansicht ist, daß das neue kleinkalibrige Gewehr infolge seiner enormen Durchschlagskraft blinde Schnßkanäle überhaupt nicht hinterlassen könne, bewies mir der nicht geringe Prozentsatz unserer verwundeten, bei welchen das Geschoß noch in den lveichteileu oder dicht ain Knochen stecken geblieben war. Das Mantelgeschoß zeigte sich in diesen Fällen stets unverändert, während das Bleigeschoß des Modells 7\/8% immer geringe Deformierungen aufwies. vielfache, von einem und demselben Geschosse herrührende Ausschußöffnungen in der chaut waren früher allgemein bekannt und häufig und wurden auf eine Zerspritzung des weichen Bleies in der Wunde zurückgeführt. Mit der Einführung des Btahlniantelgeschosscs glaubte man, die häßlichen Verletzungen beseitigt zu haben. Das war ein Irrtum, denn mehrere unserer Kranken beweisen, daß vielfache Ausschußöffnuugen vielleicht seltener als früher, aber immerhin noch zu verzeichnen sind. Als Ursache derselben gelang es uns in einem Falle, unwiderlegbar mehrere kleine Stahlftückchen, Fragmente des zersprengten Etahlmantels, nachzuweiscn. von der charakteristischen Form eines Nahschusses mit dem kleinkalibrigen Gewehre gicbt uns nur ein Fall ein deutliches Bild. Ein Mann erhielt beim Betreten eines Hofes drei Schüsse aus einer Entfernung von 30 bis 50 m in den rechten Unterarm. Die Knochen der Hand uud des Unterarmes waren zertrümmert, die Weichteile stark zerrissen, so daß eine sofortige Amputation dicht unterhalb des Ellenbogengelcnks erforderlich war. Dagegen lieferten uns für die zerstörende Lxplosivwirkung unseres Gewehrs auf kurze Entfernung die Boxer lehrreiche Beispiele. Diese fanatische Sekte, welche nur mit blanken Waffen, meist laugen und breiten Schwertern und spitzen Lanzen ausgerüstet, im unerschütterlichen Glauben an ihre Hiebuud Schußfestigkeit mit einer bewunderungswürdigen Bravour in das Feuer der Unseren hineinrannte, erhielt in einer Entfernung von (00 bis (50 in gräßliche Verletzungen. Bei sämtlichen Schädelschüsscn hatte unser (( inrn Bleigeschoß eine Berstung der ganzen Hirnschale hervorgerufen; die Knochen waren zermalmt, die Hirnmasse herausgerisscu. Es konnte weder Einnoch Ausschußöffnung mit Sicherheit angegeben werden. Auch die Schüsse in das Herz und den Unterleib hatten explosive Folgewirlungen gehabt. Lxtrenntätenschüsse des Feindes konnte ich leider, weil die Chinesen ihre verwundeten selbst auf der Flucht stets mit sich nahmen, nicht beobachten. Betrachten wir die Wirkung des modernen Gewehrs mit seinem kleinkalibrigen Mantelgeschoß an der (fand unserer Verwundungen, so bestätigen dieselben aufs neue die bereits allgemein bekannte Thatsache, daß das neue Gewehr ganz unbeschadet seines Gefechtswertes den Bestrebungen der (Humanität und Kultur weit besser dient, als die bisher im Gebrauch gewesenen größeren Kaliber. Die eingangs beschriebenen Verwundungen der Boxer zeigen auf das Augenfälligste, welche unnützen uud übertriebenen Zerstörungen das (( mm-Bleigeschoß bei allen verletzten angerichtet hat. Im schroffen Gegensatz hierzu tritt uns die humane Wirkung des neuen Geschosses vor Augen, welches im Durchschnitt weniger ausgebreitete und mildere Verletzungen hervorruft uud hierdurch für die Kämpfenden günstigere Bedingungen sowohl hinsichtlich der Erhaltung des Lebens als auch für die Erhaltung und Gebrauchsfähigkeit der verletzten Glieder schafft. Selbstverständlich bleiben perforierende Schußvcrletzungen des Gehirns und Herzens nach wie vor tödlich, uud besteht darin gegen früher, von der jetzt geringeren Verstümmelung der Leichen abgesehen, kein Unterschied. Der hohe wert des neuen Gewehres tritt aber bei Verletzungen der anderen Körperteile, vor allem den Verwundungen der Brust uud der Bauchhöhle, erst deutlich hervor. Hier zeigt sich uns die segensreiche Wirkung im besten Lichte. Die kleinen Einund Ausschußöffnungen und die hierdurch erschwerte Entstehung sekundärer Entzündungen sowie die geringere Zerstörung der Gewebe durch das kleine Gesckioß haben cs ermöglicht, daß selbst die schweren Verletzungen der Lunge und der Leber in kurzer Zeit reaktionslos heilen konnten, wir können der von lfabart geäußerten Ansicht, daß der Wert des neuen Geschosses im vergleiche zu dem alten in erster Linie in der Abnahme der Lxplosionswirkung des Mantelgeschosses bestehe, und daß erftcres auf große Entfernung, (200 bis 2000 in, überhaupt keine größere Zerstörungen mehr anrichte, an der kjand der an unseren verwundeten gemachten Erfahrungen aus voller Uebcrzeugung zustimmen. Dieser Vorteil wird selbst durch die eventuell größere Zahl der Verwundungen, welche das neue Geschoß infolge seiner selbst auf weite Entfernungen hin noch größeren Durchschlagskraft erzeugt, nicht aufgehoben. Benehmen nach der Verwundung. Sehr verschiedenartig war das Verhalten der Leute unmittelbar nach der Verwundung. Liner Schmerzempfindung im Moments des Auftreffens der Kugel war sich niemand bewußt geworden. Einige waren, ohne überhaupt etwas gemerkt zu haben, in der bfitze des Gefechts weitergelaufen und dann zusammengebrochen oder durch die Blutung auf ihre Verwundung aufmerksam gemacht worden. Andere wollen den Eintritt der Kugel wie einen Stockschlag empfunden haben. Die Meisten trugen ihr Mißgeschick mannhaft und zeigten in ihrem Benehmen nichts Auffälliges. Lin kleiner Teil jedoch stand deutlich unter den Zeichen hochgradiger nervöser Erregung und des Shocks. Solche fehlten in keinem Falle, in welchem das Geschoß den ksals durchbohrt hatte. Es ist bei dieser Verletzung jedoch schwer zu entscheiden, was reine Shockwirkung ist und wieviel andererseits auf Rechnung der Streifung des Rückenmarks und seiner löäute, auf einen Bluterguß in die Substanz oder auch auf eine Erschütterung dieses Organs zu setzen ist. Aber auch andere Schußverletzungen, bei welchen die eben genannten Möglichkeiten mit Sicherheit sich ausschließen ließen, waren von unverkennbaren Shockund. anderen nervösen Erscheinungen begleitet. Bei einem Kranken stellten sich infolge eines Brustschusses direkt Lähmungserscheinungen an den unteren Extremitäten ein und hielten mehrere Stunden an; andere hinwiederum gerieten in einen eigentümlichen Excitationszustand. Sie wurden weinerlich, sehr empfindlich, aufgeregt und schwatzhaft. Einige benahmen sich direkt wie hysterische Frauenzimmer, warfen sich unruhig hin und her, indem sie bald lachten, bald wieder weinten und stöhnten, während diese Erscheinungen bei dem größten Teile nach mehreren Stunden wieder schwanden, hielten sic bei einigen sechs bis acht Tage an. Ein vollendetes Bild von der Transposition der Schmerzempfindung boten zwei Leute mit Brustschüssen; dieselben klagten und jammerten über entsetzliche Schmerzen in beiden Beinen sowie Fußund Kniegelenken. Da eine Morphiuminjektion keine Aenderung ihres Zustandes bewirkte, dieselben sich im Gegenteile unruhig hinund herwarfen und bei Berührungen der Beine laut ausschrieen, so wurde eine Untersuchung in Narkose eingeleitet. Dieselbe ergab eine völlig freie Beweglichkeit der Beine in allen Gelenken und deren absolute Unverletztheit. Die subjektiven Beschwerden verschwanden in diesen beiden Fällen erst nach (2 Stunden. Die Leute, bei welchen die Verwundung den unmittelbaren Eintritt des Lodes nach sich zog, neigten sich, wie ich einigemal aus nächster Nähe beobachten konnte, wenn sie in sitzender oder liegender Stellung getroffen waren, völlig lautlos zur Seite, während die in stehender Stellung zum Tode verwundeten meist noch einen Schrei oder ein "Ach Gott" u. s. w. ausstießen und dann tot zusammenbrachen." Der Transport der verwundeten vom Schlachtfelds nach deni Verbandplätze — als solcher diente während der ersten Gefechte ein offener Eisenbahnwagen unseres Zuges, späterhin aber mußte vom Aufschlagen einer Verbandstation überhaupt abgesehen werden, weil die kleine Truppe sich im beständigen Kampfe vorwärts bewegte — fand mittels der in unserer Marine gebräuchlichen Tragen statt. Die Krankentragen fast aller anderen Nationen bestanden nur aus zwei durch einen Bezug verbundenen Längshölzern und konnten zusammengerollt bequem von einem Mann getragen werden. Obwohl diesen gegenüber unsere Tragen, zu deren Bedienung je vier Mann gehören und deren Zusammensetzung ^ bis 5 Minuten Zeit beansprucht, direkt unpraktisch erscheinen müssen, so hätte ich dieselben unter den gegebenen Verhältnissen doch nicht entbehren mögen. Denn zwar nicht als Trage, aber als bequeme Lagerstätte leisteten sie mir bei der während der ganzen Expedition unglaublich schlechten Unterkunft unserer Kranken unschätzbare Dienste und erwiesen sich als eine große wohlthat für die Schwerverwundeten. Die an sich schon sehr bedenkliche Lage des ganzen Expeditionskorps wurde durch die von Tag zu Tag in erschrecklicher weise anwachsende Zahl der verwundeten und durch die Sorge für deren Weiterbeförderung immer kritischer. Am einfachsten war der Transport, solange wir im Besitze der Eisenbahnzüge uns befanden. Die Kranken, damals noch gering an Zahl, waren in zwR wagen ziemlich gut untergsbracht; cs brauchte auf diese weise die kleine, mit stetiger feindlicher Uebermacht kämpfende Truppe nicht noch durch die Entziehung von Trägern geschwächt zu werden, wesentlich ungünstiger gestalteten sich diese Verhältnisse mit bau verlassen der Züge. Die verwundeten wurden jetzt in erbeutete Dschunken verladen. Auch hier wäre ihr Los ein ganz leidliches gewesen, wenn sie den Raum nicht noch mit unseren schon knappen und für unsere weitere Existenz unentbehrlichen Proviantund Munitionsvorräten hätten teilen müssen. Dem deutschen und russischen Detachement zusammen war ein Prahm zugeteilt zur Aufnahme der Vorräte und zur Beherbergung der verwundeten beider Nationen, wenn an und für sich schon die Enge der Räumlichkeiten und deren schwere Zugänglichkeit das Linschiffen sehr erschwerte und die Lage der verwundeten wenig beneidenswert machte, so steigerten sich die Leiden derselben noch stetig mit der von Tag zu Tag größer werdenden Zahl der Blessierten und deni täglich heftiger werdenden feindlichen Feuer. Oftmals schlugen die Granaten dicht neben den Dschunken ein, und mehr noch als der Schrecken einer neuen Verwundung hielt die Befürchtung, beim Sinken des Fahrzeuges hilflos ertrinken zu müssen, die Insassen in beständiger Erregung. Die allmählich ausgehende Munition und der täglich knapper werdende Proviant ließen unsere Lage recht trostlos' erscheinen. Die Einnahme des Forts kjsiku mit seinen von nns so heiß begehrten Schätzen, Munition und Proviant, war für uns unter diesen Umständen direkt von lebensrettender Bedeutung; die daselbst Vorgefundenen 2000 Sack Reis enthoben uns für die nächste Zeit wenigstens der bereits stark drohenden Nahrungssorgcn; auch waren die dem Abschlagen zweier feindlicher Angriffe hier folgenden drei Lage relativer Ruhe in den überdachten Räumen des Forts eine Erholung für Gesunde und Kranke. In großen Schuppen untergebracht, waren die letzteren hier, wenn auch nur auf deni nackten Boden gebettet, doch wenigstens vor Sonnenstrahlen und Regen und gegen das feindliche Gewehrfeuer einigermaßen geschützt, ein Umstand, welcher für die psychische Beruhigung der verwundeten von nicht zu unterschätzender Bedeutung war. Leider jedoch wurde das leidlich gute Befinden derselben durch die oben bereits erwähnten äußerst unangenehmen glühend heißen Staubstürme, welche zwei Tage lang in ununterbrochener Heftigkeit wehten, stark beeinträchtigt. Es waren während dieser Zeit nicht nur sämtliche Kranken mit einer mehrere Millimeter hoch liegenden Staubschicht bedeckt, sondern die Staubkörnchen hatten auch die dichtesten verbände durchdrungen und sämtliche Wunden verunreinigt. Es verschlechterte sich hierdurch der Zustand Sämtlicher. Am meisten hatten naturgemäß die Leute mit Schußverletzungen der Lunge und des valses (Eröffnung der Trachea) zu leiden, ja der Tod zweierderartig verletzter ist mit Sicherheit auf diese Schädigung znrückzuführen. Verbandwechsel und Reinigung der Wunden waren nach Aufhören des Sturmes unerläßlich. Am 25. Juni früh 6 Uhr endlich nahte der langersehnte Entsatz. Die Freude aller Lingeschlossenen war unbeschreiblich; jedoch unseren armen verwundeten standen noch schlimme, wohl die schlinnnsten Stunden während ihres Krankseins bevor. Strategische Gründe forderten dringend das verlassen des Flusses. KKm mußte die Bahnlinie zu erreichen und längs dieser nach Tientsin zu kommen suchen. Der bei weitem größte Teil der Verwundeten, deren Zahl inzwischen auf etwa 3j8 bis 320 angewachsen war. mußte getragen werden. Tragen waren in kurzer Zeit aus zwei Bambusstöcken und je einer Netzhäugematte von diesen führte jeder Alaun des deutschen Landungskorps eine bei sich — improvisiert. Alle Mannschaften unserer Truppen wurden zu Trägern bczw. Reserveträgern abgeteilt, während unser ebenfalls durchweg internationales Entsetzungskorxs vor uns das Terrain aufklärte. Schon aiu Nachmittag wurden sämtliche Verwundete aus dein Fort auf das linke Peiho-Ufer hinüber getragen, wo noch einmal unter freiem bsimmcl biwakiert werden mußte. Am 26. Juni früh um 3 Uhr setzte sich unser 6>ug in Bewegung. Volle acht Stunden brauchten wir bis ^-ientsüi. Der lveg führte über Stoppelfelder, durch Schluchten, über Eisenbahndämme und Brücken. Einmal mußten sämtliche Kranken über eine etwa 70 m breite Wasserstraße (Lutai-Kanal) gesetzt werden, was allein mehrere Stunden Zeit beanspruchte. Die verwuudten hatten unter dem Stoßen und Schütteln auf den holprigen, unebenen Wegen, in den äußerst mangelhaften Nottragen und unter der Ungeübtheit der Träger sehr zu leiden. Tin großes Glück. war es, daß der Feind uns unbehelligt iieß. Am 26. Juni früh f0 Uhr rückten wir in das von dem vor kurzen: stattgehabten Bombardement noch stark beschädigte Tientsin ein. Alit sichtlichem Wohlbehagen begrüßten unsere Leute die hohen und luftigen Räume des Deutschen Klubs daIKbft, welche zur Aufnahme unserer Verwundeten hergerichtet waren. 2luf weichen Unterlagen ruhend, erholten sich dieselben hier unter der vorzüglichen pflege der dortigen deutschen Damen zusehends. Leider dauerte die Ruhe auch hier nicht lange. Die Ende Juni von neuem beginnende und dann volle zehn ^-age anhaltende Beschießung der Stadt durch die Chinesen machte uns den im allgemeinen sehr zusagenden Aufenthalt in: Klub manchmal recht heiß. Es veranlaßte mich dieser Umstand, alle einigermaßen transportfähigen Kranken bei jeder sich bietenden Gelegenheit an das vor Taku liegende Geschwader abzuschieben, nachdem die Strecke Tientsin—Taku von Feinden frei und sicher war. — Welche Strapazen und Entbehrungen und fast übermenschlichen Anstrengungen das Expeditionskorps während der sechzshntägigen Expedition, wovon die letzten acht Tage ein fast ununterbrochenes Gefecht bildeten, zu ertragen hatte, geht aus den: oben Erzählten hervor. Trotz anstrengender Märsche in großer blitze, durchweg mangelnden Schlafes, knapper, unzureichender Ernährung, schlechten Trinkwassers und täglicher hochgradiger psychischer Erregungen war der Gesundheitszustand ein vorzüglicher. Soweit es mit den kriegerischen Aktionen vereinbar war, war den hygienischen Anforderungen nach Kräften Rechnung getragen worden. Es wurde stets darauf gehalten, daß zu den Mahlzeiten abgskochtes und, solange der Vorrat reichte auch mit einem Kaffeeoder Theeaufguß versetztes Trinkwasser verabfolgt wurde. Dadurch konnte jedoch nicht verhindert werden, daß Mannschaften und Offiziere iu gleicher weise jede kampffreie Pause benutzten und nach den: Fluß stürzten, um ihren brennenden Durst mit übergroßen Mengen dieser schmutzigen Flüssigkeit zu stillen; hieran vermochte weder das unappetitliche Aussehen, Geruch und Geschmack des Wassers, noch auch die in demselben in der Nähe der Schöpfstelle hernmschwimmenden Menschenund Tierleichen etwas zn ändern, wie der Durst, so forderte aber auch der ksunaer sein Recht, und Leute, welche abends nach dem Beziehen der Biwaks in die »inliegenden Rübenfelder gingen und die frisch aus dein Erdboden herausgezogenen Früchte mit Stumpf und Stiel verzehrten, waren keine Seltenheit. Bedenkt man ferner, daß die Truppe allnächtlich unter freiem Himmel kampierte und frühmorgens durchnäßt vo,n Tau erwachte, daß die Reinlichkeitspflege des Körpers während dieser Zeit überhaupt ruhte, so muß es dem Beobachter vom ärztlichen Standpunkte aus als ein reines Wunder erscheinen, daß die bei solcher Lebensweise fast unausbleiblichen schliunnen Gäste, Ruhr und Typhus, uns gänzlich verschonten. Ls traten ja während der letzten Tage der Expedition, ganz besonders aber während der Ruhetage in Tientsin, Durchfälle in solchem Maße auf, daß wohl kein Mann davon verschont geblieben ist; dieselben waren jedoch so leichter Natur, daß sie meistenteils nur einer ambulanten ärztlichen Behandlung bedurften und die Dienstfähigkeit der Leute nur iu den wenigsten Fällen und auf kurze Zeit beeinträchtigten; daß ernstere Erkrankungen überhaupt ausgebliebcn sind, verdanken wir meiner Ansicht nach wohl nächst der guten Körperkonstitution unserer Leute in erster Linie dem Umstande, daß einerseits die in ganz Thina endemischen Krankheiten, Ruhr und Typhus, erst während der Herbstmonate in größerer Verbreitung daselbst Vorkommen, andererseits, daß Dörferund Städtebewohner längs des Flusses schon seit Wochen vor den Boxern geflüchtet waren und infolgedessen der Fluß beim Durchfließen der Ortschaften durch inenschlichen Unrat nur wenig verunreinigt war. Einige taktische Bemerkungen zum chinesischen Zeldzuge. Die großen Zeiten von 1864, 1866 und 1870/71 hatten die Mitkämpfer, die Zeitgenossen und die nachfolgende Generation verwöhnt. Die Großartigkeit der Verhältnisse hatte sich als Anschauung des Krieges vor unserem geistigen Auge festgesetzt. Zehntansende von Toten und Verwundeten, Hunderte von genommenen Geschützen, 26000 Gefangene in einer einzigen Schlacht, Bataillone von Fähnrichen geführt, — kapitulierende Armeen in der Stärke von 100000—175000 Mann — das war der Krieg, so hatten wir ihn kennen gelernt. — Wenn uns auch die Kenntnis der französischen, englischen, spanischen, holländischen Kolonialkriege nicht fehlte, so war doch der Mehrzahl unseres Volkes die eingehende Betrachtung dieser Kriegshandlungen fern geblieben. Man übersah bei uns, dem jüngsten Kolonialvolke, diese Verhältnisse zu wenig. Einerseits ließ mau die gewaltige Ausdchuuug der überseeischen Länder, andererseits die geringe Anzahl der dort auftretenden Truppen, endlich die Eigenschaften des halboder ganz civilisicrtcn Gegners und die Einwirkung des Klimas außer acht. So giug es uns auch in den chinesischen Angelegenheiten, in denen zum erstenmal ein größeres Expeditionskorps deutscher Truppen in einem fremden Weltteil auftrat. Abgesehen von den ersten Ereignissen an den Taku-Forts, bei Tientsin und in Peking, in denen nur Kriegsschiffe und Landungskorps fochten, erlahmte das Interesse sehr bald, da die späteren Ereignisse dort zu klein und unbedeutend erschienen und, int Vergleich mit denen der großen Epoche Wilhelms I., rein militärisch betrachtet, auch wirklich sind. Sie sind nicht zu überschätzen — aber auch nicht zu unterschätzen und immerhin auch der taktischen Betrachtung in gewissem Grade wert. — Die Organisation unseres Expeditionskorps beruhte auf der freiwilligen Werbung gedienter Soldaten. Sie hat den Vorzug, daß besonders kriegsbegeisterte, kampflustige Leute in seine Reihen traten, den Nachteil aber auch, daß sich manche Elemente hineinmischen, die mehr in die Klasse veränderungssüchtiger Abenteurer gehören, unter denen die Aufrechthaltung strenger Disciplin schwierig ist. Mag eine solche Truppe auch aus gedienten Soldaten bestehen, sie trägt immer den Stempel einer improvisierten Formation und kann nicht sofort an Wert einer längst bestehenden Kadretruppe gleich erachtet werden. Ich habe daher schon andernorts dargelegt, daß es an und für sich praktischer erschienen wäre, eine Anzahl Bataillone ntobil zu machen und sie durch Freiwillige zu ergänzen. Indes bewogen verschiedene militärisch-politische Gründe zu dem thatsächlich eingeschlageuen Verfahren. Und da kann man denn mit Recht sagen, daß das schon so oft bewährte Anpassungsvermögen, die Intelligenz und die strenge Pflichterfüllung unseres Offizierkorps es fertig gebracht haben, ans diesen improvisierten Scharen, die binnen kurzem in ganz fremde Verhältnisse versetzt wurden, tüchtige, disciplinierte und leistungsfähige Truppen zu bilden. — Der Gegner hatte schon im Kriege gegen Japan gezeigt, daß ihm militärischer Geist und Intelligenz der Führung absolut abgiugen. Ungeachtet dieser und der früheren Erfahrungen in den Kriegen von 1840 und 1860 gegeit Engländer und Franzosen, hatte man die Chinesen beim Anfang der jetzigen Wirren überschätzt. Man glaubte, daß der seit Jahrhunderten eingeschlafene kriegerische Geist in der Boxerbewegung wieder auferstanden sei, und itt der That hatte matt dazu einigen Grund in Betracht ihres offensiven und zähen Verhaltens in den ersten Zusammenstößen bei Tientsin und gegen die Seymoursche Expedition. Freilich befanden sie sich dabei in großer Übermacht, und waren ihre Angriffe wohl meist im Vertrauen auf diese unternommen. Wenn man also den Geist der beiderseitigen Gegner als erste Grundlage der angewandten Taktik betrachtet, so erblicken wir auf chinesischer Seite eine aus den verschiedensten Elementen zusammengesetzte Truppe, wohl von Fanatismus gegen die Fremden beseelt, aber jeder ruhmvollen Überlieferung bar, ohne strenge Disciplin, ohne militärischen Ehrbegriff und ohne ein Offizierkorps, das schon durch Herkunft, Kenntnisse und Pflichtgefühl der Mannschaft überlegen war. Dem gegenüber konnte der zum Teil durch deutsche Offiziere empfangene Drill einzelner Truppenteile und die mehrfach geführten europäischen Waffen nicht ausreichen, um die Chinesen zu ebenbürtigen Gegnern zu machen. Schon in den Gefechten bei Tientsin im Juni 1900 sehen >vir dann sehr, bald den chinesischen Angriffsgeist erlahmen, und die Einnahme der befestigten Chinesenstadt durch russische, englische, französische Bataillone und deutsche Marinetruppen erfolgt unter unbedeutendem Widerstande. Als höchst rühmlich muß man dagegen das Ausharren der verbündeten Truppen indem von ihnen besetzten Teil von Tientsin gegenüber einer enormen Übermacht unter den schwierigsten Verhältnissen bezeichnen. Der Zug des Admirals Seymour mit etwa 2000 Manu auf Peking scheiterte am Widerstand der ihm entgegenstehenden chinesischen Truppen, und der fanatisierten Bevölkerung, alles in allem eine gewaltige Übermacht. Der Rückzug geschah unter fortwährenden Kämpfen, und oft mußten die Truppen sich durch Sturmangriffe den Rückweg in der Richtung auf Tientsin frei machen. Es ist bekannt, daß sich hierbei die deutschen Landungsabteilungen ganz besonders auszeichneten. Sie zeigten in einer verzweifelten Lage festen Angriffsgeist und ebenso große Ausdauer in der Verteidigung. Insbesondere sind die Gefechte vom 22. und 23. Juni hervorzuheben, in denen auch Kapitän Buchholz fiel. Bei der Einnahme der Takn-Forts hat die "Iltis", ohne alle Übertreibung gesagt, insofern die erste Rolle gespielt, als sie, den Schiffen aller Nationen voran, an das ihr gegenüberliegende Fort auf kürzeste Entfernung heranging und mit ihren Maschinengeschützen und Gewehren derart arbeitete, daß die Chinesen bei ihren Kanonen nicht aushalten konnten. So wurde dem Sturm der Landungskolonnen der Weg gebahnt. Die Aktion derselben war zwar kühn, doch muß sie nicht überschätzt werden, denn die Takn-Forts waren keine permanenten sturmfreien Werke, und die Verteidigung im allgemeinen matt. Der Gesamtverlust der deutschen Marinemannschaften in den Gefechten bei 4-akn, Tientsin und auf dem Zuge von Sehmour betrug an Toten und Verwundeten 10 Offiziere und 128 Mann. Dies sind die erheblichsten Verluste aller Aktionen des Krieges. Vergleicht man sie mit den Verlusten in den August-Schlachten von 1870, in denen manche Kompagnien 130 Mann und darüber verloren, so sind sie allerdings immer noch gering; sie sind es aber nicht in einem Kolonialkriege gegen einen minderwertigen Gegner. Neben diesen Gefechten muß auch die Verteidigung der Gesandtschaftsgcbäude in Peking als eine wahrhaft kriegerische That erwähnt werden. An derselben waren 50 deutsche Seesoldaten unter dem Leutnant Graf Soden beteiligt. Sie verloren 25 Mann, also ü0»/°. — Zugleich zeigte sich aber wiederum die gänzliche Minderwertigkeit der Chinesen, die es, trotz zehnfacher Übermacht, nicht verstanden, ein Häuflein von einigen hundert Europäern zu bewältigen. Das Expeditionskorps der Landarmee hatte nach der Landung große Schwierigkeiten p überwinden, ehe c§ ganz marschbereit war, und diese gipfelten hauptsächlich in der Bespannung der Fahrzeuge und Geschütze, vor allem in der Bcrittenmachnng der Reiterei. Wenn wan bedenkt, daß das Pferdeund Maultiermaterial meist in ganz rohem Zustande geliefert wurde, dabei die Rasseneigentümlichkeiten der Tiere den Deutschen größtenteils fremd waren, so muß man es bewundernd anerkennen, daß es so bald gelang, sie in brauchbaren Zustand zu versetzen. — Peking war genommen, als das deutsche Expeditionskorps landete. Seine Aufgabe in diescnr sonderbaren Kriege, in dem die chinesischen Gesandtschaften ruhigen den europäischen Hauptstädten blieben, bestand i>n Verein mit den Kontingenten der anderen Mächte darin, die Provinz Tschili gänzlich von chinesischen gruppen und Boxerbanden zu reinigen und so lange besetzt zu halten, bis die Bedingungen der Mächte angenommen sein würden. Diese Aufgabe ist unter dem Oberbefehl des Feldmarschalls Grafen Waldersee, der hierbei auch diplomatisches Geschick entfalten mußte, glücklich gelöst worden. Die gesamte Streitmacht, welche ihm nach dem Abzüge eines großen Teils der russischen und amerikanischen Truppen verblieb, bestand aus rund 60000 Mann. Hiermit mußten in einem Lande von so riesiger Ausdehnung die wichtigsten Punkte ständig besetzt gehalten werden, darunter Millionenstädte, wie Peking und Tientsin, die Ordnung und Sicherung aufrecht erhalten und die nötigen Streifzüge und Vorstöße unternommen werden. Die erste Unternehmung galt der Eroberung der Peitang-Forts, einige Märsche westlich Tientsin gelegen. Die Forts waren von regulären Truppen und moderner Festungsartillerie besetzt, außerdem waren viele Minen angelegt. Der Kampf wurde lediglich von der Artillerie geführt, und zwar wirkte hierbei die deutsche schwere Haubitzbatterie, die überraschend schnell in Stellung ging, ganz entscheidend mit. Es zeigte sich hierbei, daß es auch mit der chinesischen Ansbildnng in: Schießen — trotz aller europäischen Instruktion — sehr schlecht bestellt war. Die Chinesen räumten die Forts, ohne den Sturm abzuwarten. Die Verluste der verbündeten Truppen waren unbedeutend. Die deutsche Infanterie verlor nur siebeu Verwundete, die Artillerie gar nichts. — Die weitere militärische Thätigkcit kennzeichnete sich nun dahin, daß einzelne kleinere und größere Kolonnen gegen die in: Innern von Tschili auftauchenden Banden abgingen und sic meist nach leichtem Gefecht zersprengten, daß die noch von den Chinesen besetzten Punkte genommen, und daß Vorstöße gegen die weltbekannte große chinesische Mauer ausgeführt wurden, welche meist auf dein Kamme des westlich und nördlich Tschili begrenzenden Gebirges hinlänft. Diese Vorstöße hatten teils nur den Zweck der Erkundung, teils aber auch sollten einzelne Teile der Mauer zeitweise in Besitz genommen werden, um den Chinesen das Eindringen in Tschili zu verwehren. Abgesehen von der größeren, im April unternommenen Expedition gingen kleine deutsche Abteilungen, ein Bataillon mit einigen Gebirgsgeschützen und einem Zug Reiter, oft aber auch in weit geringerer Stärke, selbst bis zu einem Zuge herunter, in das Gebirge vor und griffen nnt großer Kühnheit die Chinesen in ihren Höhenstellungen an. Die Aufstiege waren meist sehr beschwerlich und stellten die Marschfähigkeit unserer Truppen auf eine harte Probe. Die angewendete Fechtweise basierte sich auf unsere bewährte Schützentaktik unter sorgfältiger Ausnutzung des Geländes, wobei sehr oft Umgehungen ins Werk gesetzt wurden, welche den Chinesen meist sehr unerwartet kamen, da sie die Benutzung so steiler und ungangbarer Pfade nicht in Rechnung gestellt hatten. Es zeigte sich auch hier wiederum die Richtigkeit der Ansicht, daß Gebirgszüge, einem einsichtigen und unternehmenden Gegner gegenüber, schwer zu verteidigen sind. Die Stellungen der Chinesen wurden ausnahmslos genommen, "gestürmt", wie es in den Zeitungsberichten heißt, d. h. wohl meist vor den: Sturm, infolge der Feuerwirkung und der Umfassungen, geräumt, wobei dann stets eine Anzahl Geschütze und Trophäen in unsere Hände fielen. Sehr gut hat sich hierbei die in China in unserer Armee zum erstenmal gebildete Gebirgsartillerie, von Maultieren gezogen, und iiN Gebirge auf Maultiere verladen, bewährt. Die Reiterei konnte nur durch Erkundung und einige kleine Attacken bei Verfolgungen eingreifen. Neben der Gebirgsartillerie fungierte ebenfalls als eine dem deutschen Heer bisher fremde Truppe die auf Maultieren berittene Infanterie. Ihr Zweck ist, schnelles Erscheinen von Infanterie auf einzelnen Punkten zu ermöglichen. Sie unterscheidet sich wesentlich von den Dragonerkorps Napoleons I. und Nikolaus' I., welche stets Kavallerie blieben, wenn sie auch das Gefecht zu Fuß ganz sorgfältig übten. In allen diesen kleinen Vorstößen blieb der Verlust der Deutschen minimal. Dies ist zunächst dem geschickten Vorgehen der Truppen, der verschiedenartigen Bewaffnung der Chinesen, ihrer schlechten Schießausbildung und mangelnden Feuerdisciplin und endlich, rund heraus gesagt, ihrem Mangel an Mut und Standhaftigkeit zuzuschreiben. Wie anders im südafrikanischen Kriege, wo die vielfach ungeschickten Angriffe der Engländer, aber auch die große Schießfertigkeit und die Zähigkeit der Buren in der Verteidigung den Engländern die einschneidendsten Verluste zufügten. Die beste Waffe ist ivertlos in den Händen ungeübter und disciplinloser Leute. — Die letzten Gefechte der deutschen Truppen sind die verhältnismäßig bedeutendsten. Der chinesische General Lin hatte sich im April mit einer bedeutenden Truppenmacht an den Paßthoren der großen Mauer in der Gegend von Heischaukuan und östlich des ThaohoDurchbruches festgesetzt und verweigerte trotzig die Räumung dieser Stellung. Auf Befehl des Oberkommandos ging daher die Brigade Kettler in vier Kolonnen gegen die chinesischen Stellungen vor. Jede war etwa ein Bataillon mit entsprechender Artillerie und Kavallerie stark. Dieser geteilte Anmarsch ähnelt — selbstverständlich ganz im Kleinen — den Angriffsoperationen der Preußen 1866 und der Deutschen 1870/71, wie sie sich in mehreren Momenten dieser Feldzüge gestalteten. Geteilte Anmärsche kleinerer Truppenmassen haben, einem beweglichen und angriffsfähigen Gegner gegenüber, viel Bedenkliches, da der Feind versuchen wird, sich mit Übermacht auf eine der Kolonnen zu werfen, ehe eine andere eingreifen kann. Hier aber wurde, obgleich die bedeutende Überzahl des Gegners feststand, ans die Unbeweglichkeit und taktische Minderwertigkeit der Chinesen gerechnet, und so klappten denn die Angriffe und das Zusammenwirken der vier Kolonnen gut. Die befestigten Paßhöhen wurden überall genommen und der Feind nach der Provinz Schansi hinein bis Kuknan verfolgt. — Die angewendete Taktik war die schon oben geschilderte. Wenn die Kämpfe an einzelnen Punkten, insbesondere bei der Kolonne Mühlenfels, als hartnäckig und lange dauernd bezeichnet werden, so sind dennoch die Verluste der Angreifer unbedeutend. Sie betrugen bei dieser Kolonne tot: 1 Offizier, 2 Mann; verwundet: 2 Offiziere, 16 Mann. In sämtlichen Gefechten des 23. und 24. April betrug der Verlust: 6 Offiziere, 42 Mann. Den Gegner kann man auf 10000 Mann schätzen. Er ließ mehrere hundert Tote auf dem Platz und verlor allein 18 moderne Schnellfeuergeschütze neben mehreren anderen alter Konstruktion. Die links von den Deutschen vorgegangenen Franzosen gelangten nicht zum Gefecht. — Der enorme Unterschied der Verluste des Angreifers und des Verteidigers zu ungunsten des letzteren steht im offenbaren Gegensatz zu der weitverbreiteten Annahme, daß die des Angreifers stets sehr viel größer sein müßten als die des Verteidigers. Außer den oben schon dargelegten Gründen wollen wir aber noch darauf Hinweisen, daß im Gebirge die modernen Gewehre vielfach den Teil ihrer Wirkung einbüßen, der in der Rasanz, ihrer ganz gestreckten Flugbahn, liegt. Diese ist furchtbar ans der Ebene und ans sanften Abhängen, im Gebirge aber, Ivo der Angreifer oftmals im toten Winkel Deckung findet, wo man das Feuer vielfach über Thäler hinweg auf den Gegner richten muß, kann sich die Rasanz nicht geltend machen. Die Vielseitigkeit des Krieges duldet eben nicht die Aufstellung einer schematischen Ansicht, die man sogar dahin zu erweitern und ausznbeuten gesucht hat — allerdings nur von nichtmilitärischer Seite —, daß die Furchtbarkeit der jetzigen Waffen schließlich den Krieg unmöglich machen würde. Noch immer aber hat man gegen ein verheerendes Kriegsmittel ein Gegenmittel gefunden. Niemand wird sich der Einsicht verschließen können, daß die Ohnmacht Chinas im Felde im Verfall des kriegerischen Geistes und der Heeresverfassung ihren Grund hat; jeder, der auf die Wehrhaftigkeit unseres Vaterlandes etwas hält, muß daher befriedigt sein, daß ein Teil unserer Truppen, wenn auch in sehr bescheidenem Grade, Gelegenheit gefunden hat, seine Tüchtigkeit aufs neue zu zeigen. Ich bin Sejjid Omar!" Wie stolz bas klang, und wie beweiseskräftig die Gebärde war, mit welcher er diese Worte zn begleiten Pflegte! "Ich bin Sejjid Omar," das sollte sagen: "Ich, Herr Omar, bin ein studierter, schriftknndiger Abkömmling des Propheten, welcher der Liebling Allahs ist. Mein Name wurde mit allen meinen persönlichen Vorzügen in die heilige Stammrolle zu Mekka eingetragen; darum habe ich das Recht, ein grünes Oberkleid und einen grünen Turban zu tragen. Wenn ich sterbe, wird die Kuppel meines Grabmals grün angestrichen und mir die Thür des obersten der Himmel gleich geöffnet sein. Respekt also vor mir!" Was aber war dieser Sejjid Omar? Ein Eselsjunge! Er hatte seinen "Stand" an der Esbekije in Kairo, dem Hotel Kontinental, in welchem ich wohnte, gegenüber. Ein lchön und kräftig gebauter, junger Mann von wenig über zwanzig Jahren, war er mir durch seinen steten Ernst imd die angeborene Würde seiner Bewegungen ausgefallen. Ich beobachtete ihn gern von meinem Balkon ans, und wenn ich unten auf dem prächtigen Vorplatze des Hvtel? vwinen Kaffee trank, konnte ich ihn sprechen hören. Sein Gesicht zeigte zwar auch den Zug von Verschlagenheit, der allen Eseltreibern eigen ist, aber er war nicht aufdringlich und lag seinem Geschäfte in einer Weise ob, als werde jedem, der sich seines Eßls bediente, eine gairz besondere Gunst erwiesen. Er gab sich so wenig wie möglich mit Berufsgenossen ab, und wenn sie ihn für diese Zurückhaltung mit spöttischen Redensarten zu ärgern versuchten, bekamen sie nichts als ein verächtliches "Ich bin Sejjid Omar" zu hören. Wollte ein Fremder mit ihm feilschen, oder wurde ihm irgend etwas gesagt oder zugemutet, was er für gegen seine Ehre hielt, so wendete er sich mit einem geringschätzenden "Ich bin Sejjid Omar" ab und war dann für den Betreffenden nicht mehr zu sprechen. Die Folge war, daß ich ihm ein ganz besonderes Interesse schenkte, obgleich sich nur keine Gelegenheit bot, ihn: dies in Beziehung auf sein Geschäft zu beweisen. Aber Blicke ziehen einander bekanntlich an. Ich bemerkte, daß auch er sehr oft zu mir herüber sah. Er schien unruhig zu werden, wenn ich nach dem Mittagund dem Abendessen mich nicht sofort auf der Terrasse sehen ließ, und so oft ich beim Ausgehen an ihm vorüber kam, trat er, obgleich ich ihn gar nicht zu beachten schien, einen Schritt zurück und legte, still grüßend, die Hände auf die Brust. In dem erwähnten Hotel giebt es zn Seiten des Speisesaales zwischen den Säulen kleinere Tische für Gäste, welche es nicht lieben, an der Tafel enggepfercht 31t sitzen. Ich hatte mir einen dieser Tische für mich allen: reservieren lassen. Der links davon war nicht besetzt; an dem z>: meiner rechten Hand gab es seit gestern zwei Fremde, welche nicht nur die allgemeine Aufmerksamkeit, sondern auch die meinige auf sich zogen, obgleich ich mir das nicht so wie die anderen merken ließ. Sie waren Chinesen, und zwar Vater und Sohn. Ich erriet das zunächst aus ihrer Aehnlichkeit und hörte es dann auch aus ihrem Gespräch, denn ihr Tisch stand dem meinen so nahe, daß ich jedes ihrer Worte verstehen konnte, Sie waren nicht in heimische Tracht gekleidet, sondern trugen weiße Reiseanzüge nach französischem Schnitte. Ihre Zöpfe wurden von den Tropenhelmen verborgen, die sie auch während der Tafel nicht abzunehmen pflegten. Gleich als sie gestern den Speisesaal betraten, war mir die ebenso tiefe wie herzlich aufrichtige Ehrerbietung ausgefallen, welche der Sohn dem Vater entgcgenbrachte. Das war eine geradezu rührende Aufmerksamkeit und Dienstfersigkeit, welche sogar dem servierenden Kellner jede Handreichung und jeden Griff abzunehmen strebte, um dem Vater Kindesdank und Kindesliebe zu erweisen. Und man sah deutlich, daß dies nichts Gemachtes, nichts Aeußerliches war, sondern als etwas frei und gern Gegebenes aus dem Innern kam. Der Vater trug Augengläser in schwer goldenem Gestell; der Sohn hatte keine Brille. Sie speisten genau uach unserer Art und thaten dies so geläufig und fehlerlos, so unhörbar und unauffällig, daß mancher der übrigen Gäste sich an ihnen hätte ein Beispiel nehmen können. Der mich bedienende Gar>;on flüsterte mir in Hoffnung auf ein dafiir gebotenes Extratrinkgeld zu: "Monsieur Fu und Monsieur Tsi aus China. Kommen aus Paris. Sind wahrscheinlich verwandt miteinander." "Haben sie sich selbst so eingetragen?" erkundigte ich mich. "Nein, aber dem Portier so gesagt." Er sprach die beiden Worte nicht in der richtigen Weise aus; aber es war klar, daß Fu Vater und Tsi Sohn bedeutete. Im Chinesischen hat dasselbe Wort oft sehr verschiedenen Sinn. Die beiden Gäste hatten ihre Namen nicht genannt und sich einfach als Vater und Sohn bezeichnet. Da hier im Hause niemand ihrer Sprache mächtig war, so hatte man sie als Monsieur "Vater" und Monsieur "Sohn" in das Fremdenbuch eingetragen und glaubte noch besonders pfiffig zu sein, indem man sie für Verwandte hielt. Sie aber ließen es sich lächelnd gefallen, daß ihr Verwandtschaftsgrad als Namen ausgesprochen wurde. Dem Personale gegenüber sprachen sie französisch, und zwar so vorzüglich, daß eine langjährige llebnng mit Gewißheit anzunehmen war. Was ihre Gesichter betrifft, so trat der mongolische Schnitt derselben nur wenig hervor. Bei dem Sohne mochte diese Milderung eine Folge seiner Jugend sein; bei dem Vater aber war es ganz entschieden der Wirkung geistiger Thätigkeit zuzuschreiben, daß ihn fast nur der echt chinefisch gepflegte Bart als einen "Sohn der Mitte" verriet. Mau brauchte kein Menschenkenner zu sein, uni diesem Manne anzusehen, daß sein Arbeitsfeld wohl kaum jemals ein materielles gewesen sei. Nach Tische wurde draußen im Flur während des allgemeinen Speech die Thatsache festgestellt, daß die beiden Chinesen erstens aus Canton, zweitens Onkel und Neffe und drittens in Paris gewesen seien, um dort ein Geschäft für Chinawaren einzurichten, dessen Leitung der Neffe übernehmen werde. Er habe den Onkel nur nach Aegypten zurückbegleitet, um die Trennung zu verzögern, werde aber hier von ihm Abschied nehmen und dann direkt nach Paris zurückkehren. Es war mir gleichgültig, wer diese Entdeckung gemacht hatte. Ich konnte mir nicht denken, daß dieser so eigenartig, ich möchte sagen, geheimnisvoll geistreich aussehende "Monsieur Fu" ein Kaufmann sei, dessen Bestreben darin bestehe, billige chinesische Fächer und Vasen in Paris teuer an den Mann zu bringen. Der Zufall war so gütig, mich schon am nächsten Morgen einen heimlichen Blick in diese Verborgenheit thnn zu lassen. Ich logierte, um möglichst viel Luft und Licht zu haben, zwei Treppen hoch und saß, mit Briefen beschäftigt, aus dem Balkon, als ich die Chinesen aus dem Hotel treten und hinüber zu Sejjid Omar gehen sah. Dieser besorgte ihnen zu seinem noch einen zweiten Esel, worauf er mit ihnen davontrabte. Dann hörte ich unter mir klopfen und bürsten. Das störte mich und wollte kein Ende nehmen. Ich bog mich über die Brüstung vor und schaute hinab. Es war nicht, wie ich vermutet hatte, das Zimmermädchen, sondern ein chinesischer Diener, welcher einen Koffer geöffnet hatte, um den Inhalt desselben einer Besichtigung resp. Säuberung zu unterwerfen. Die Chinesen wohnten also eine Treppe hach grad unter mir. Ich ließ den Mann weiter klopfen und bürsten, ohne den Attentäter, was ich eigentlich beabsichtigt hatte, zur Ruhe zu verweisen. Dann wurde es still unter mir, doch verriet mir wiederholtes Räuspern, daß der Diener noch da sei. Ich schaute wieder hinab. Er war jetzt mit einem anderen, kleinen Koffer beschäftigt, den er geöffnet hatte. Er ordnete da verschiedene Gegenstände mit einer Behutsamkeit, die auf ungewöhnlichen Wert schließen ließ, und versicherte sich von Zeit zu Zeit durch einen Blick nach den benachbarten Balkonen, daß er nicht beobachtet werde. Der Inhalt dieses Koffers schien also Dinge zu enthalten, von denen nicht jedermann wissen durfte. Eben jetzt hatte er einen Gürtel in der Hand, an welchen: eine goldene, mit Rubinen besetzte Schnalle glänzte. Diese Art von Schnallen dürfen nur Mandarinen ersten und zweiten Ranges tragen! Dann sah ich ein Putsu*) erscheinen, dessen Stickerei einen Storch vorsiellte. Nach einer Kugelkette, einer Pfauenfeder und verschiedenen anderen Gegenständen, welche ich wegen ihrer Kleinheit nicht deutlich erkennen konnte, kam einer jener Beamtenhüte znm Vorschein, welche nur im Sommer getragen und darum "warme" Hüte genannt werden. Er hatte einen glatten, roten, ungeblümten Korallenknopf. Kngelketten dürfen nur von Mandarinen ersten bis fünften Grades um den Hals getragen werden. Pfauenfedern sind besondere Auszeichnungen; aber der Korallenknopf ist nur den Mandarinen ersten Ranges erlaubt. Diese sind entweder Civiloder Kriegsmandarinen. Die ersteren haben ein Putsu mit Storch, die letzteren ein dergleichen Schild mit dem Bilde des Einhorns zu tragen. Die Civilbeamten werden mehr als die militärischen geehrt. Ich hatte also erfahren, das; "Monsieur Fu", denn nur auf ihn konnten sich diese Auszeichnungen beziehen, ein Civilmandarin allerhöchsten Ranges war, und nahn: mir selbstverständlich vor, dies keinem Menschen mitzuteilen. Mehr zu sehen, wurde mir durch meinen Bleistift unmöglich gemacht. Ich hatte ihn hinter das Ohr gesteckt; er verlor dadurch, daß ich den Kopf vor und nach unten gebeugt hatte, den Halt, fiel hinab und traf grad vor dem Diener auf das Balkongeländer auf. Ter Chinese stieß einen Ruf des Schreckens aus, raffte alles schnell zusammen und war i'.n nächsten Augenblicke verschwunden. Auch dieser sein Schreck war ein Beweis, daß seine beiden Herren ihren Stand nicht zu verraten wünschten. Wir befanden uns im Vorsommer, also in der Zeit, in welcher der Khamsin jährlich gegen fünfzig Tage lang der höchst ungern gesehene Gast Aegyptens ist. Dieser heiße, trockene Südwestwind, welcher den feinen Staub der Wüste mit sich führt, kann, wenn er stark auftritt, so erschlaffend wirken, daß sowohl der Einheimische als auch der Fremde alles meidet, was mit einer körperlichen Anstrengung verbunden ist. Am Tage nach der soeben erzählten Entdeckung wehte er ganz besonders entkräftend von Gizeh und Aryahn herüber. Alan mied die Stra» ßen, und die sonst so gern besuchten Plätze vor den Kaffeehäusern waren noch um die Zeit des Asr, des täglichen Nachmittagsgebetes, unbesetzt. Dies veranlaßte mich, nach dem Dschebel Mokattam zu reiten. Ich war den Khamsin längst gewohnt; er konnte mich nicht stören und hielt im Gegenteile andere Leute ab, mich da oben in dem mir lieb gewordenen Genuß zu stören. Der Blick vom Mokattam und dem Dschebel Giyuschi ist unbeschreiblich schön, mir aber doppelt wert, wenn beim Sonnenuntergänge die Beleuchtung der Stadt und ihrer Umgegend durch den in der Luft schwebenden Khamsinstaub zu einer, fast möchte ich sagen, märchenhaften wird. Es sind dann alle Härten und Schärfen des Bildes abgemildert, und es liegt ein so undefinierbarer Farbenton rings ausgegossen, daß man meinen möchte, von einer jenseitigen Höhe auf eine ganz andere, unoder überirdische Welt herabzuschauen. Eben als ich mich aufmachte, brachte der Komniissioner des Hotels einige Wagen voller Rei sende, welche mit dem Zuge' angekommen waren. Ich hatte keinen Grund, sie zu beachten, doch fiel mir im Vorübergehen eine junge, blau verschleierte Dame auf, welche einfach in Grau und praktisch knöchelfrei gekleidet war und zn einem mit ihr ausgestiegenen Herrn einige englische Worte sprach. Ich hatte wohl noch nie eine so tiefe, wohlklingende und sympathische Altstimme gehört. Dann saß ich oben auf dein Berge, in stiller, zunächst ununterbrochener Einsamkeit. Mein Lieblingsplatz war ein Felsensitz in der Nähe der alten, verfallenen GiyuschiMoschee. Die Sonne hielt sich hinter einen: flimmernden, orangefarbenen Dufte halb verborgen. Wie ein im Einschlummern unvollendet gebliebenes Gebet lagen die Mamelukengräber tief zu meinen Füßen. Von der Alabastermoschee bis nach Kasr el Ain hinüber und von der ahnenhaften Amr Jbn el As bis zur früheren ez Zahir hinunter klangen die in Stein gedichteten tausend Strophen der Minarehs zu Allahs Thron empor. Durch Masr el Atika, das einstige Fostat, dampfte, einer Entheiligung gleich, ein Zug hinauf nach Helnan, und hinter den Lebbachbäumen der Dakrurstraße und dem Grün der Kanalfelder lagen am Wüstenrande die Pyramiden aus Angst vor der Ewigkeit erstarrte Todesgedanken der Pharaonen. Tod und Leben, Vergangenheit und Gegenwart um und in fick vereinigend, vom Wüstenwinde überweht und doch so jugendschön und jugendwarm, so breitete sie sich vor meinen Augen aus, el Kahira, die Siegreiche, die mir nebst Bagdad und Damaskus so lieb geworden ist wie keine andere Stadt des Orientes. Es kamen von da unten herauf, von den Königsgräbern da drüben und dein Sinai im Osten hinter niic Gedanken über mich, welche ich nicht verloren gehen lassen wollte; darum zog ich Papier und Blei hervor. Ich begann dainals, an meinen "Himmelsgedanken" zu dichten, deren erster Band inzwischen erschienen ist. Dieses Buch war auch einer der Gründe, toelche mich zur gegenwärtigen Reise veranlaßt hatten. Wer Gedichte über und für die Menschheitsseele schreiben und den Völkern gerecht werden lvill, denen diese Seele ihre Jugendbegeisternng widmete, der darf nicht meinen, daß er die Gedanken dazu int kalten, selbstsüchtigen Abendlande finden werde, sondern er muß dorthin gehen, wo einst Gott selbst zur Erde kam und seine Engel sich den Menschen zeigen durften, ohne, wie es allerdings ein einziges Mal, und zwar zu Sodom und Gomorrhas Verderben geschah, für ihre Himmelsliebe schlimmen Erdendank zu ernten. Da, ivo die nackt gewordenen Steine Palästinas wieder zu Brot zu werden haben, wo Memnons Kolosse nicht nur leise erklingen, sondern deutlich sprechen sollen, wo zwischen Pison, Gihon, Phrat und Hidekel noch heut die beseligende Idee des Paradieses wieder auszugraben ist, da niuß man sein, da muß man sehen und lauschen, äußerlich und innerlich, und dann, wenn in stiller Mondesnacht aus den Wogen des Niles ganz dieselbe Offenbarung wie aus den Fluten des Tigris steigt und um die Minarehs dasselbe linde Säuseln klingt, welches Elias einst auf dem Karmel hörte, dann wird es der Menschenseele klar, daß auch ganz dieselben Strophen wieder zu ertönen haben, ivelche der Orient einst zu dichten begonnen, der Occident aber als Hoheslied der Gottesund der Nächstenliebe zu vollenden hat. Es war mir eine Lust, diese und ähnliche Gedanken in Worte zu kleiden; aber ich brachte es zu keinem Schlüsse, denn ich wurde unterbrochen. Von: Felsenwege her erklang das lebhafte Getrappel kleiner Eselshufe. Mich umschauend, sah ich die erwähnte, grau gekleidete Dame und den Herrn kommen, mit welchem sie gesprochen hatte. Als dritten Reiter bemerkte ich einen jener christlichen oder jüdischen Levantiner, welche jedes von ihnen gehörte, tvenn auch gänzlich unverstandene, fremdsprachige Wort in dem Mehlwürmertopfe ihres Gedächtnisses sorgfältig aufbewahren, um sich dann, wenn sie mit diesen Würmern nicht mehr allein fertig werden können, für Dolmetscher anszugeben und sie gegen möglichst hohe Vergütung an den Mann zu bringen. Diese Dragomans sind eine Plage, welcher sich zu erwehren der gewöhnliche Tourist weder genug Erfahrung noch die nötigen Kenntnisse besitzt. Wenn sie sich einmal festgesogen haben, so lassen sie nur selten wieder los, und der von ihnen, den ich hier kommen sah, war eine Klette pyn der allerschlimmsten Sorte. Er hatte sich vor einigen Tagen auch an mich zu machen versucht, war aber, als nichts anderes half, durch einen Wink mit der Reit peitsche dann für immer abgewiesen worden. Diese Levantiner tverden von dem, ehrlichen, charaktervollen Araber verachtet, und da sie meist Christen sind und er durch sein eigenes Leben belehrt wird, welchen großen Einfluß der Glaube auf den moralischen Wert des Menschen ansübt, so ist er leicht geneigt, nicht bei der Person stehen zu blei"Umschauend, sah ich die grau gekleidete Dame und den Herrn kommen ". ben, sondern seine Geringschätzuitg über die ganze Christenheit anszudehnen. Die vierte Person war — Sejjid Omar, der Eseltreiber, lvelcher so gravitätisch, als ob er die Hauptpersoir der ganzen Truppe sei, tiebeir den Dreien hergeschritten kam. Als der Dolmetscher mich erblickte, kain er grad auf mich zugeritten, stieg bei nur ab uitd breitete eine niitgebrachte Decke neben mir aus. Er hatte, als ec sich mir aitbot, französisch mit mir gesprochen; warum, das Ivußte ich llicht, sollte es jetzt nun aber erfahren, denn er rief, sich umdrehend, Sejjid Omar zu: »Dieser Kerl sitzt gerad an der besten Stelle! Er ist ein Franzose, öcuu er hat ein Bärtchen an der Unterlippe. Komm her, und jag ihn fort!" "Stimm dich in Acht!" warnte der Eseltreiber. "Wenn er arabisch sprechen kann, versteht er deine Worte!" "Der? Arabisch sprechen? Siehst du denn nicht, daß ihm die Dummheit aus den Augen blickt? Der spricht nicht einmal seine Muttersprache richtig. Ich Iveiß das ganz genau, denn ich habe französisch mit ihm geredet. Er wollte mich als Dolmetscher haben; ich bin aber nicht darauf eingegangen, weil ich ihm sofort angesehen habe, daß er ein armer Schlucker und außerdem ein Geizhals ist. Jage ihn fort! Wir brauchen diesen Platz für unsere Leute!" Da machte der Sejjid eine seiner unnachahnilichen, sprechenden Handbewegungen und antwortete: "Ich bin nicht dein Diener, und Allah und inein Geschäft verbieten mir, unhöflich zu sein. Wenn du als Christ und Grieche grob sein darfst, so geht mich das nichts an. Ich heiße Sejsid Omar; das merke dir!" Ter Levantiner hätte es vielleicht gewagt, aus Rachsucht mit Hilfe des Eseltreibers mit mir anzubinden; aber es ohne diese Unterstützung zu thun, dazu war ec, wie die meisten seinesgleichen, zu feig. Er hatte, nur um mich zu ärgern, die Fremden grad her zu mir geführt, obgleich ich dor ihnen der einzige Mensch war, der sich auf dem weiten Plateau des Dschebel Giyuschi befand, auf welchem Platz für ungezählte Tausende gewesen wäre. Ich aber that, als ob mir diese Flegelhaftigkeit vollständig gleichgültig sei. Der Hammahr*) half den Reisenden beim Absteigen. Dann setzten sie sich auf die ausgebreitete Decke, ohne mich Zu grüßen oder auch nur mit einen: Blicke zu beachtet:. Das beleidigte mich nicht. Ich kannte ja diese besonders jettseits des Kanales und des Atlantischen Meeres gepflogene Weise, nach welcher fremde Menschen als vollständig abivesend betrachtet werdet:. Selbstverständlich waren sie nun auch für tnich nicht vorhanden, und ich rauchte die Cigarre, welche ich mir angebrannt hatte, ruhig weiter, obgleich ich sah, daß der Wind der Dame den Rauch zuweilen in das Gesicht trieb. Sie saß mir so nahe, daß ich sie mit der ausgestreckten Hand erreichen kom:te. Nun stellte sich der Dolmetscher in Positur und begann, den Fremden das vor ihi:en liegeitde Patwranta zu erklären. Er that dies in einem Englisch, mit welchem ein Bauer, ohne die Hacke nötig zu haben, die stärksten Rüben hätte aus dem Felde ziehen könnet:, und es war den beiden Zuhörern auch n:ehr als deutlich anzusehen, daß sie sich voi: dem, was sie anhören nmßten, nichts weniger als erbaut fühlten. Eine Weile ließet: sie es sich gefallet:, bann aber gebot die Dame dem poliglott-schrecklichen Griechet:, still zu seit:, zog eit: rotgebut:denes Buch aus der Tasche und sagte zu den: Herrn, zu meiner Ueberraschung in deutscher Sprache: "Verstehst du ihn, Vater? Ich nicht! Nehmen wir den Baedeker her! Die Karte wird uns mehr sagen, als wir vot: diesem Araber erfahren können. Und reden tvir deutsch, denn das versteht ec nicht!" Der für einen Araber Gehaltene zog sich beleidigt zurück. Gerade diese unwissenden Menschen sind anßerordentlich empfindlich, wenn n:an ihre«: vermeintlichen Kenntnissen nicht die erwartete Bewunderung zollt. Sejjid Omar stand, mit dem Ellbogen auf seinen Esel gestützt, unbeweglich wie eine Bildsäule seitwärts hinter uns. Der lange, weite Mantel, den er trug, war nicht imstande, die schöne Plastik seiner Figur ganz unbemerkbar zu machen. Ich hatte also erfahren, daß die Fremdet: Vater und Tochter feien. Ich erfuhr noch mehr. Ob sie mir die Kenntnis der deutschen Sprache nicht zutrauten, oder ob ihnen meine Anwesenheit wirklich vollständig gleichgültig war, sie sprachen so ungeniert nüteinander, als ob an meiner Stelle nichts als Luft vorhanden sei. Der Vater war ein zientlich langer, hagerer Herr mit einem glattrasierten, etwas mehr als nötig in die Länge gezogenen Gesicht. Der Stehkragen seines Rockes paßte zu der salbuugsvollen, dabei aber harten und schnellen Weise, in welcher er sprach. Er hatte einen seiner Handschuhe ausgezogen, was mir Gelegenheit gab, seine auch sehr lange, doch weiße und sichtbar wohlgepflegte Hand zu sehen. Nicht angenehin berührte der rücksichtslose, schnarrende Ton, in welchen er fiel, so oft es seine Absicht war, eine bestimmte Meinung auszusprechen. Ich pflege über andere Menschen nicht vorschnell zu urteilen, doch war ich, obgleich ich diesen Main: heut zum ersten Male sah und ihn also noch gar nicht kannte, zu der Behauptung geneigt, daß er von einer einmal gefaßten, wem: auch noch so falschen Ansicht nicht leicht abzubringen sei. Vielleicht war er sonst ein gat:z vorzüglicher Mann, aber er machte den Eindruck auf tnich, als ob er sich fiir unfehlbar halte, und mit solchen Leuten ist schwer utnzugehen. Die Tochter wurde von ihn: Mary genannt. Sie hatte, um besser Umschau halten zu können, den Schleier zurückgeschlagen. Ich hütete mich natürlich, meine Beobachtungen merken zu lassen, doch genügte eit: kurzer Blick, mich ein liebes, rosig angehauchtes Gesicht sehen zu lassen, in welchen: eit: Paar Helle, klare, sehr verständige Augen glänzten. Ihre tiefe, schöne Altstin:n:e habe ich schon erwähnt. Wenn sie sprach, so war ihr anzuhören, daß sie es nicht mit dem Munde, sondert: mit der Seele that. Es klang ganz so, als ob über diese Lippe:: nie eit: liebloses Wort gekommen sei oder kommen könne. Vom Vater hatte sie das nicht geerbt; es konnte nur die Gabe einer vortrefflichen, an Herzensbildung reichen Mütter seit:. Der Vater war Amerikaner, ui:d zwar Missionar, nach China bestimmt, wohin die Tochter ihn begleitete; die Mutter war tot, eine Deutsche gewesen, wie es schien. Sie waren über London, Költ:, Wien und Triest nach Aegypten gekommen, mn einige Zeit hier zu bleiben und sich dann zunächst Indien anzusehen. Große Eile schienen sie nicht zu haben, und ich konnte ai:s verschiedenen Aeußerungen schließen, daß sie vermögend waren und daß der Vater nicht nötig gehabt hatte, sich des Gehaltes wegen für seinen geistlichen Beruf zu entscheiden. Sie kannten die Wirkung des Khamsin noch nicht und Ivaren trotz desselben gleich nach ihrer Ankunft hier herauf geritten, weil Mary gewünscht hatte, zunächst das Gesamtbild von Kairo vor sich zu sehen. Und der Eindruck desselben war, wenigstens bei der Tochter, ein so tiefer, daß der erinattende Wind auf sie ohne sichtbare Wirkung blieb. Sie hatte die entfaltete Karte auf ihrem Schoße liegen, ohne aber zunächst nach speciellen Punkten zu suchen. Es schiet: ihr vor allet: Dingen uu: den Gesamteindruck zu thun zu sein. Dabei machte sie dann und wann eine Bemerkung, die mich aufhorchen ließ. In diesem Mädchen schien ein seltsames, ungewöhnlich reiches Seelenleben zu pulsieren! Einmal hätte ich beinahe verraten, daß ich ihr aufmerksam zuhörte. Sie nannte nämlich meinen Namen. "Weißt du, Vater, an wen ich jetzt denke?" sagte sie. "An Karl May. Ich habe seine drei Bände "Im Lande des Mahdi" gelesen, und — — —" "Lies nicht das dumme Zeilg von diesem May!" unterbrach er sie rasch und schnarrend. "Dieser Schriftsteller hat nichts als Phantasie, und du weißt, daß mir seine weichliche Frömmigkeit widerwärtig ist! Wie kommst du dazu, grad jetzt an ihn zu denken?" "Er nennt Kairo "Bauwaabe el bilad esch schark, das Thor des Orientes", und sagt, dieses Thor sei altersschwach geworden und könne dem Einflüsse des Abendlandes kaum mehr widerstehen. Es wird mir schwer, das zu glauben. Ich habe den Orient noch nicht gesehen, aber ich liebe ihn und wünsche, daß er sich stärker erweisen möge, als zum Beispiel du, Vater, mit so vielen anderen denkst. Er ist für mich ein schlafender Prinz im stehengebliebenen Saale einer eingefallenen, morgenländischen Königsburg. Seine Bestimmung ist, von einer abendländischen Jungfrau aufgeweckt zu werden. Wenn dann durch beide der Osten mit dem Westen in selbstloser Liebe vereinigt ist, werden alle Völker der Erde glücklich sein." "Du bist eine Träumerin, ganz wie deine Mutter war! Die Wirklichkeit aber sieht ganz anders aus als so ein Märchentraum. Das Morgenland hat uns um das Paradies gebracht; es hat den Erlöser gekreuzigt und bis auf den heutigen Tag niemals erkennen wollen, was zu seinem Frieden dient. Nun kommen wir, die Himmelsboten, ihm diesen Frieden zu bringen. Nimmt es ihn an, so soll es ihn haben; stößt es ihn aber von sich, so wird es trotz aller unserer Mühe nicht zu retten sein. Schau doch hinab, und sieh, was zu deinen Füßen liegt! Alles, was da noch orientalischen Ursprungs ist, steht im Begriff, im Schmutze zu versinken. Alles Neue, Praktische und Gute aber hat diese Stadt vom Abendlande bekommen. Dein Karl May, von dem ich sonst nichts wissen will, hat also in diesem einen Falle ausnahmsweise einmal das Nichtige gesagt. Ist der Orient der Märchenprinz, von dem du sprachst, so ist es nur uns Sendboten möglich, ihn aus dem Schlafe aufzuwecken. Nur wir allein können ihn erlösen; wir fußen in und auf der Wirklichkeit; deine abendländische Jungfrau aber gehört ins Reich der Phantasie." "Phantasie! Das ist vielleicht das richtige Wort", lächelte sie. "Es giebt Leute, welche behaupten, daß die Phantasie hellere und schärfere Augen habe als der alterssichtig gewordene Verstand." "Willst du mich belehren?" "Nein. Dazu bist du mir ja viel, viel zu gelehrt. Aber weißt du, wir klopfen heut beide an das Thor des Orientes, und wenn man irgendwo anklopft, soll man sich nicht nur fragen "Was willst du hier?" sondern auch "Was bringst du mit?" Denn ob man das, was man will, erreichen wird, das ist wahrscheinlich sehr von dem abhängig, was man mitbringt, lind nutbringen muß und wird jeder etwas, und wenn es nichts weiter als seine Persönlichkeit wäre. Fragen wir uns also heut, indem wir an diese Pforte klopfen, was wir für die, welche hinter ihr wohnen, mitbringen!" "Well, mein Kind! Ich bringe ihnen ineinen Glauben. Das ist mehr als genug!" "Und ich bringe ihnen meine Liebe, meine ganze, ganze, volle Liebe! Ob das genug ist, weiß ich nicht; aber ich besitze ja nichts weiter, was ich geben kann. Und diese Liebe gebe ich so gern, so unendlich gern. Was habe ich gewünscht! Wie habe ich geträumt, gehofft, geschwärmt! Mein Herz ist mir nach hier vorausgeflogen. Es ist mir, als sei mein bisheriges Leben eine Weissagung gewesen, welche von heute an beginne, in Erfüllung zu gehen. Der Orient ist die Heimat des Menschengeschlechtes. Fühlst du nicht auch, was es heißt, am Thore unserer Heimat zu stehen? Im Osten geht der Welt die Sonne auf. Ist es nur dein Glaube, welcher ihr entgegen geht? Bringst du ihr gar, gar nichts anderes mit?" "Schwärmereien!" antwortete er überlegen. "Das sind nun die Folgen meiner Schwäche, deine Lektüre nicht strenger zu überwachen. Die Gestalten aus "Tausend und eine Nacht" und anderen Büchern spuken in dir; du bist noch ein Kind; ich aber bin ein Mann; ich darf nicht schwärmen wie du, denn ich habe ernste Pflichten zu erfüllen. Denke an meine Wette mit Reverend Burton in London, im Laufe des ersten Jahres fünfzig erwachsene Chinesen zu bekehren und ihm die Beweise darüber vorzulegen I" "Was diese Wette betrifft, Vater, so wünschte ich, du wärest sie nicht eingegangen. Ich habe das Gefühl, daß es eine Entheiligung ist, die Seligkeit anderer zum Gegenstände einer Wette zu machen." "Nicht über diese Seligkeit, sondern über meinen Erfolg haben wir gewettet, Kind! lind ich werde gewinnen, weil mir die Gabe der überzeugenden Rede verliehen ist. Ich begreife nicht, wie ein Mensch einen anderen Glauben haben kann als den meinigen, welcher doch der einzig richtige, der einzig wahre ist. Schau dir da den Eselsjungen an! Sein Allah ist ein falscher Gott und sein Muhammed ein Lügner. So viele Türme da unten ragen, in so viele Moscheen möchte ich treten, um laut auszurufen, daß es kein anderes Heil als das unsere giebt. Warum werden so wenig Heiden bekehrt? Weil uns der Mut fehlt. Ich werde iu China keinen Tempel betreten, ohne mich offen hinzustellen und den Ungläubigen zu sagen, daß sie Heiden sind, denen die ewige Verdammnis sicher ist, wenn sie sich nicht bekehren. Ich werde doch, sieh hin! Was thut dieser Mensch?" Er hatte sich mitten in der Rede unterbrochen und zeigte auf Sejjid Omar, welcher jetzt etwas that, was die Aufmerksamkeit des Amerikaners auf sich zog, weil er es noch nie gesehen hatte. Der Eseltreiber schickte sich nämlich c>n, sein muhammedanisches Gebet zu verrichten. Es war zwar jetzt nicht eigentlich Betenszeit, denn das Asr war schon vorüber, und das Moghreb soll erst beini Untergang der Sonne gebetet werden; da aber die Zeit des einen Gebetes bis zum Beginn des nächsten reicht, so kann man die vorgeschriebene Pflicht, wenn man an ihrer Erfüllung verhindert wurde, bis zum Anfang der nächsten Periode nachholen. Sejjid Omar hatte aus irgend einem Grunde das Asr nicht beten können, und da sich ihm hier oben die Gelegenheit bot, seinen religiösen Verpflichtungen völlig ungestört nachzukommen, so that er dies, ohne sich um den Glauben und die Meinung der Anwesenden zu kümmern. Er nahm seinen Zeuggürtel ab, faltete ihn auseinander und breitete ihn als Gebetsteppich auf die Erde aus. Nachdem er sich gegen Osten, mit dem Gesicht nach Mekka, gerichtet hatte, hob er die offenen Hände zu beiden Seiten des Gesichts empor, berührte mit den Spitzen der Daumen die Ohrläppchen und sagte: "Allahu akbar — Gott ist sehr groß! "Allahu akbar — Gott ist sehr groß". Dieser Ruf war es, welcher die Aufmerksamkeit des Amerikaners aus ihn gelenkt hatte. Hierauf ließ er die Hände sinken, legte die linke in die rechte, richtete den Blick auf die Stelle des Teppichs, wo sein Kopf beim späteren Niederwerfen ihn berühren sollte, und fuhr fort: "Lob und Preis sei Gott, dem Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrscht am Tage des Gerichts. Dir wollen wir dienen, und zu dir wollen wir flehen, auf daß du uns führest den rechten. Weg, den Weg derer, die deiner Gnade sich erfreuen, nicht aber den Weg derer, über welche du zürnest, und nicht den Weg der Irrenden". Das war die heilige Fatcha, das erste Kapitel des Korans, welches jedem Gebete vorauszugehen hat. Dann folgte das kurze 112. Kapitel, welches lautet: "Sprich: Gott ist der einzige und ewige Gott. Er zeugt nicht und ist nicht erzeugt, und kein Wesen ist ihm gleich!" Hierauf legte er die Hände auf die Knie, neigte den Kopf, verbeugte sich dreimal und sagte: "Allahu akbar! Ich preise die Vollkommenheit meines Herrn, des Großen. Gott erhöre den, der zu ihm betet. Preis sei dir, o Herr!" Nachdem er Kopf und Körper wieder aufgerichtet hatte, kniete er langsam nieder, legte seine Hände vor den Knieen auf den Boden und berührte mit Nase und Stirn die zwischen den Händen liegende Stelle. Dann hob er den Körper wieder empor, wobei aber die Knie sich nicht vom Boden trennten, sank rückwärts auf die Fersen und legte die Hände auf die Schenkel. Während dieser streng und genau vorgeschriebenen Bewegungen betete er: "Allahu akbar! Ich preise die Vollkommenheiten ineines Herrn, ivelcher der Allerhöchste ist. Gott ist sehr groß." Nun erhob er sich ganz, um stehend sortzufahren, kani aber nicht dazu, denn der Amerikaner sprang jetzt auf und zu ihm hin, zog ihn beim Arme vom Teppich zurück und rief dem Dolmetscher fragend zu: "Dieser Mensch betet wohl?" "Ja," antwortete der Gefragte. "Muhammedanisch?" "Ja." "Sagen Sie ihm, daß ich das nicht dulde! Sagen Sie ihm, daß ich ein Christ bin, ein Missionar, welcher zu den Heiden geht, uni sie zu bekehren. Ich kann und darf nicht dulden, daß in meiner Gegenwart anders als christlich gebetet wird. Er hat sofort aufzuhören, sofort!" Es gilt bei den Muhammedanern schon für eine Sünde, an einem Betenden nahe vorüber zu gehen. Ihn mit Worten zu unterbrechen, ist gar nicht denkbar. Ihn aber in der Weise zu stören, wie der Aankee es that, das würde man nur einemWahnsinnigen oder einem Todfeinde zntraucn, welcher eine Beleidigung plant, die nur mit Blut abzuwischen ist. Dabei ist es ganz gleich, wes Standes der Betende ist. Beim Besuche der Moschee und auch während der Gebete außerhalb derselben wird der niedrigste dem höchsten und umgekehrt dieser jenem vollständig gleich geachtet. Sejjid Omar war zunächst starr vor Erstaunen, doch seine Augen blitzten. Tann fragte er den Dolmetscher, was der Fremde ihm gesagt habe. Der Levantiner berichtete es ihm mit hännscher Genauigkeit. Da hob Omar die Arme, um den Beleidiger anzufassen, beherrschte sich aber schnell, ließ sie wieder sinken, trat einen Schritt zurück, maß den Amerikaner mit einem unaussprechlichen, halb verächtlichen, halb mitleidigen Blick, warf die Hand leer in die Luft, was ein Zeichen der größten Geringschätzung ist, und richtete an den Dolmetscher die Worte: "Ich wollte ihn hier vom Felsen hinunterwerfen, und sein Widerstand wäre gegen die Kraft meiner Arme nichts gewesen; aber ich bin Sejjid Omar und will mich nicht durch die Berührung mit einem so großen Schmutz besudeln. Jeder Heide hat mehr Verstand als dieser Nasrani*); sage ihin das! Wehe jedem, der zu dem Glauben und zu ben Sitten eines so rücksichtslosen Verächters und Störers des Gebetes Übertritt! Ich habe nichts mehr mit ihm zu schaffen. Das Geld für meinen Esel schenke ich ihm. Ich mag es nicht berühren!" Er hob den Teppichgürtel auf, schwang sich auf sein Grautier und ritt im Trabe davon, indem er den Gürtel in vielsagender Weise hinter sich her ausschüttelte. Dem Levantiner war es ein Vergnügen, die Worte Omars in einer Weise zu übersetzen, welche an Deutlichkeit nichts zu wüuschen übrig ließ. Als die Tochter, welche von ihrem Platze aufgestanden war, das hörte, rief sie dem Vater vorwurfsvoll zu: "Was hast du gethan! Ich wollte dich zurückhalten; du ivarst mir aber zu schnell. Dieser Araber gefiel mir so sehr! Er war so ernst, so still und so bescheiden. Sein Gebet rührte mich. Hieltest du dich wirklich für verpflichtet, es zu unterbrechen?" "Natürlich!" antwortete er. "Du sollst keine andern Götter haben neben mir, gebietet die heilige Schrift. Elias hat die Pfaffen Baals geschlachtet. Sein Eifer soll ein Vorbild sein für jeden, der als Glaubensbote zu den Heiden geht!" "Meinst du nicht, daß unser Gott und Allah ganz derselbe sei?" "Wer einen airderen Glauben hat, hat auch einen andern Gott! Und andere Götter zu haben, ist verboten; das hast du ja gehört!" "Aber die Liebe, von welcher ihr predigen sollt, macht es euch doch " "Sei still mit dieser Liebe, von der du nichts verstehst!" unterbrach er sie schnarrend. Erst glaube ich; dann liebe ich. Wir haben hinaus in alle Welt zu gehen und alle Völker zu belehren. Voir den: Worte aber, welches wir verkünden, sagt die Bibel, daß es ein Hammer sei, der Felsen zerschmettert. Nur dadurch, daß wir diese Macht des Wortes zeigen, können lvir den Heiden imponieren. Und dann, wenn sie die Unseren gelvorden sind, werden wir ihnen unsere Liebe schenken. Wir haben endlich eingesehen, wie weit man mit der Liebe allein kommt. Es ist erwiesen, daß iu neuerer Zeit der Islam mehr Fortschritte macht als das Christentunr. Das Heidentum wird dem gehören, der es zuin Gehorsam zwingt!" Das klang so entschieden und so hart, daß sie es vorzog, still zu sein. Sie setzte sich wieder nieder, schien sich aber vergeblich zu bemühen, die frühere SUmmung zurückzurusen. Das, was sie vorher begeistert hatte, war ihr gleichgültig geworden, und da der Vater sich übel gelaunt und wortkarg zeigte, so bat sie ihn schließlich, aufzubrechen. "Sehr gern!" stimmte er ihr bei. "Es ist eine drückende Hitze hier oben, und wie du es neben der qualmenden Cigarre dieses ungebildeten, rücksichtslosen Menschen aushalten konntest, habe ich mir nicht erklären können." "Es ist freilich nichts so widerwärtig wie der Tabaksgeruch; für ihn aber scheint es ein Genuß zu sein; ich habe nicht darauf geachtet." Dieser Ausdruck der Hcrzensgüte und Selbstüberwindung ließ es mich bereuen, daß ich mich nicht so Verhalten hatte, wie ich nun wünschte, es gethan zu haben. Später fand ich eine erfreuliche Veranlassung, mich an diese ihre jetzigen Worte lebhaft zu erinnern. Sie ritten fort, ivie sie gekommen waren: ohne mir irgend eine Beachtung zn schenken. Es that mir um der Dame willen leid, daß sie nicht länger blieben, denn die Sonne stand bereits dein Horizonte nahe, und ich hätte den Anblick ihres heutigen Unterganges dem lieben, freundlichen Wesen herzlich gern gegönnt. Ich war seinetwegen hierher gekomnien, hatte mich ans ihn gefreut und machte aber dann, als er eintrat, die Bemerkung, daß ich hellt nicht fähig sei, ihn so, wie früher stets, auf mich wirkeil zll lassen. Die häßliche Scene, deren Zuschauer ich gewesen war, hatte mein Inneres auch überschattet. Das Vorgefallene machte es inir unmöglich, mich dem Eindrücke des herrlichen Naturschauspieles frei und gänzlich hinzugeben. Der Amerikaner hatte einige Aeußerungen gethan, welche geistig unterzubringen oder zli überwinden ich mir erfolglos Mühe gab. So oft ich mich hier auf dieser Höhe befand, sah ich zwei Welten vor mir liegen, die aber in ihrem Zusammenhänge doch nur eine einzige waren, und ebenso sah ich zwei Zeiten, welche durch Jahrtausende getrennt zu sein scheinen, im jetzigen Augenblicke zu einer wunderbaren, ergreifenden Vereinigung zusammenfließen. Die Gegenwart ist unsere Vergangenheit gewesen und wird auch unsere Zukunft sein. Wer das begreift, der hat nicht nötig, das Innere der Pyramiden zu durchforschen, und braucht auch nicht vor den Rätseln der Sphinx zu bangen, deren Lösung er klar und deutlich in seinem Herzen trägt. Die Menschheit gleicht der Zeit. Beide schreiten unaufhaltsamvorwärts, und wie keiner einzelnen Stunde eiu besondererVorzug vor andern Stunden gegeben worden ist, so kann auch kein Mensch, kein Stand, kein Volk sich rühmen, von Gott mit irgend einer speciellen Auszeichnung begnadet worden zu sein. Eine hervorragende Periode ist nur das Produkt vorangegangener Zeiten, und es giebt in der Entwicklung des Menschengeschlechtes keine Geistesrichtung oder Geistesthat, welche aus sich selbst heraus entstanden wäre und der Vergangenheit nicht Dank zu zollen hätte. Die Weltgeschichte, welche wir ja das Weltgericht nennen, hat bisher noch jedes Kapitel der Selbstüberhebung mit einem bestrafenden Schluß versehen und diesen Akt der Gerechtigkeit zur Warnung für spätere Generationen in der ernsten, eindringlichen Sprache der Ruinen aufbewahrt. Und diese sprechenden, ja predigenden Ruinen haben nns die Lehre zu erteilen, daß, was im Oriente für uns gestorben ist, im Abendlande für ihn wieder auferstehen soll. Das war ganz derselbe Gedanke, dem die Tochter des Amerikaners nur einen anderen Ausdruck gegeben hatte, als sie von dem schlafenden Prinzen sprach, welchen eine abendländische Jungfrau aufzuwecken habe. Und wie einverstanden war ich mit ihrer Frage: "Was bringe ich mit?" Wollen wir ehrlich sein, so niüssen wir zugestehen: Wer nach dem Morgenlande kommt, der will ihm nicht etwa dankbar sein, sondern noch mehr, immer mehr von ihm haben, als er schon von ihm bekommen hat. Der Osten hat gegeben, so lange und so viel er geben konnte. Wir haben uns an ihm bereichert fort und fort; er ist der Vater, der für und an uns arm geworden ist. Denken wir doch endlich nun an unsere Pflicht! Wir ahnen gar nicht, welche geistigen Summen wir ihm schuldig sind. Wir werden sie ihm, und zwar mit Zinsen, zurückzahlen müssen, gleichviel, ob wir wollen oder nicht. Die Vorsehung ist gerecht. Sie giebt Kredit, doch nicht für ungezählte Generationen oder gar für Ewigkeiten, und wird weder die Bakschischgaben zudringlicher Touristenströme noch die Kurspapiere europäischer Geldgeschäfte, am allerwenigsten aber die aus unseren sogenannten Interessensphären erhofften materiellen Werte als gültige Zahlung anerkennen. Was haben wir dem Orient bis heute gebracht? Was für Schätze glauben wir überhaupt, ihm bringen zu können? "Ich bringe ihm meine Liebe, meine ganze, ganze, volle Liebe," hatte die Amerikanerin gesagt, ohne sich dabei bewußt zu sein, daß nur und grad diese Liebe die erlösende Jungfrau ist, welche den schlafenden Prinzen zu neuem Leben zu erwecken hat. Die Sonne war untergegangen; es drohte, schnell dunkel zu werden, und der Weg nach dem Bab el Karase hinab ist kein angenehmer zu nennen. Darum trat ich nun auch den Heimweg an, der mich durch die Scharia Mohammed Ali und die Tahir-Straße nach dem Hotel führte. Die öffentlichen Laternen brannten; die Hitze begann, sich zu mildern ,und so hatten die Straßen sich belebt. Auf dem Platze Ibrahim Pascha erklang schrille, arabische Musik. Von der Wallfahrt nach Mekka zurückgekehrte Pilger hielten einen Umzug durch die Stadt. Je weiter entfernt von Kairo die Heimat dieser Leute ist, desto lieber geht man ihnen aus dem Weg. Sie haben sich, oder werden auch, in eine fanatische Erregung hineingearbeitet, durch welche sie für Andersgläubige gefährlich werden können. Ich hütete mich also, mich quer durch diesen Zug zu drängen, und wartete lieber, bis er vorüber war. Später am Abende war zu hören, daß am Meidan Abdin einige nicht so vorsichtige Europäer von diesen Leuten halb totgeschlagen worden seien. Ich erwähne das, weil ich noch weiteres von ihnen zu berichten habe. Als der Gong die Gäste des Hotels zum Abendessen rief, fand ich den bisher leer stehenden Tisch zu meiner linken Hand besetzt. Der Amerikaner hatte mit seiner Tochter daran Platz genommen. Als ich mich setzte, hörte ich ihn in deutscher Sprache sagen: "Da ist der unangenehme Mensch ja wieder! Glücklicherweise darf hier nicht geraucht werden!" "Aber, Vater, ist es nicht möglich, daß er deutsch versteht?" warnte Mary. "Das fällt ihm gar nicht ein. Der Dolmetscher sagte doch, als wir vom Mokattam herunterritten, daß der Fremde, der da oben saß, ein Franzose sei, und einem Franzosen kommt es bekanntlich gar nicht in den Sinn, deutsch zu lernen." "Ich würde mich aber doch lieber bei dem Kellner erkundigen. Du weißt ja, wie wenig man sich auf das, was dieser Dolmetscher sagt, verlassen kann. Ich möchte nicht., daß der Fremde von uns beleidigt wird." "Hast du eine Schwachheit für ihn?" "Nein; aber man hat überhaupt mit jedem Menschen möglichst gut zu sein, nnd dieser hier im besonderen hat ein so — so — so — ich finde den passenden Ausdruck nicht und will daher sagen, er hat ein so loyales Aussehen, daß es mir leid thun würde, wenn er sich durch uns gekränkt fühlen sollte." "Ich finde, daß du heut ungewöhnlich zart und ängstlich bist. Daran ist vielleicht der Khamsin schuld, auf den wir leider zu spät aufmerksam geworden sind. Doch, da ist die Suppe!" Es lvurde ihnen serviert und dann auch mir. Während ich das Menu studierte und also auf die Karte sah, hörte ich, daß der Mssionar einen Ausruf des Erstaunens ausstieß: "Heavens! Ein Chinese! Noch einer! Zwei Chinesen, zwei ächte, wirkliche Chinesen, hier in Kairo, in Aegypten! Wer hätte das gedacht! Wo werden sie Platz nehmen?" "Monsieur Fu" und "Monsieur Tsi" kamen langsam durch den Saal gegangen und schritten ihrem Tische zu. Zwei Kellner eilten herbei, um ihnen die Stühle bequem zu rücken; der eine von ihnen ging dann nach dem Tische der Amerikaner, um dort die leer gewordenen Suppenteller wegzunehmen. Das benutzte der Missionar zu der Erkundigung : "Sind das dort Chinesen oder vielleicht nur Japaner? Man sieht die Zöpfe nicht." "Chinesen," lautete die Antwort. "Woher?" "Aus China." "Das ist nicht sehr geistreich von Ihnen. Ich meine natürlich, aus welcher Stadt." "Das wissen wir nicht." "So fragt man sie. Man will doch wissen, mit wein man hier verkehrt. Sind Ihnen vielleicht die Namen bekannt?" "Monsieur Fu und Monsieur Tsi." "Fu heißt Mann, auch Mensch, auch Vater. Tsi ist Abkömmling, auch die Folge von etwas. Sonderbar! Kennen Sie den Stand?" "Kaufleute. Onkel und Neffe. Sind in Paris gewesen. Machen in Chinawaaren." "Es ist dort Platz für vier Personen. Wir werden uns Zu ihnen hinübersetzen. Hier ist meine Karte, die Sie ihnen hinübertragen!" "Hm! Ich weiß nicht, ob ich darf!" "Darf? Waruni nicht?" "Sie wollen allein sein, ganz ungestört speisen." "Das geht mich nichts an! Ich bin Missionar, gehe nach China und werde die Gelegenheit natürlich sofort ergreifen, diese für mich hochinteressante Bekanntschaft zu niachen. Also ich bitte, geben Sie meine Karte ab!" Der Kellner bewegte den Kopf bedenklich hin und her, überlegte ein Weilchen und entschied dann: "Ich kann das nicht auf mich nehmen und werde Ihnen also den Herrn Direktor schicken." Als er sich entfernt hatte, hörte ich, daß die Tochter im Tone der Besorgnis fragte: "Aber, Vater, ist das nicht vielleicht ein gesellschaftlicher faux-pas von dir?" "Wieso faux-pas?" erwiderte er. "Ist es ein Fehler, jemand kennen lernen zu wollen?" "Aber auf diese ungewöhnliche Weise! Das ist schon bei uns und in Europa verboten, und in China soll man in Beziehung cmf neue Bekanntschaften noch viel strenger sein!" "Du vergissest, daß wir nicht in China, sondern in Kairo sind. Hier gelten die Regeln aller und also eigentlich keiner Welt. Ferner bin ich Missionar, und sie sind Heiden. Ich denke an meine Wette mit Reverend Burton. Welch ein Erfolg, ihm schon von hier aus berichten zu können, daß ich zwei Chinesen bekehrt habe, noch ehe ich in China angekommen bin!" "Aber, wir sitzen hier so gut, so allein, so ungestört. Ich bitte dich!" "Die Unterhaltung mit ihnen steht mir höher als unser Alleinsein!" "Aber ich, was werde ich sagen, die ich kaum hundert Worte chinesisch kenne?" "Du wirst schweigen, was für euch Damen bekanntlich das allerbeste ist." "Ich befürchte doch, daß wir zudringlich sind!" "Zudringlich? Pshaw! Sie sind Kaufleute, handeln mit Chinawaren. Es ist also eine Ehre für sie, wenn wir uns zu ihnen setzen." Der Direktor kam. Das Verlangen des Amerikaners schien auch ihm ungelegen zu kommen, doch nahm er schließlich die Karte, um sie dem älteren Chinesen zu geben. Dieser las den Namen, hörte das, was der Direktor chm sagte, an, ohne eine Miene zu verziehen, und gab dann seine Einwilligung durch ein kurzes Neigen seines Kopfes zu erkennen. Das hatte ich nicht erwartet. Doch als er hierauf seine beiden kleinen, seinen Hände an den tief herabhängenden Spitzen seines Bartes herniedergleiten ließ, leuchtete aus seinen Augen ein kurzer, fast unbemerkbarer Blick zu seinem Sohne hinüber, den dieser mit einer leisen, zitternden Bewegung seines Fächers erwiderte. Ost asien nahm den Wunsch der Vereinigten Staaten, so dreist er war, von seiner heiteren Seite aus. Der Direktor überbrachte die Antwort. Mary erhob sich, wie sie nicht verbergen konnte, nur höchst ungern von ihrem Platze; ihr Vater aber schritt einem Sieger gleich mit ihr an meinem Tisch vorüber, den Chinesen zu, welche langsam und feierlich aufstanden und ohne irgend eine Bewegung der Höflichkeit ihnen stumm entgegenblickten. Der Missionar verbeugte sich vor ihnen und redete sie in einer Sprache an, welche er wahrscheinlich für gutes Chinesisch hielt. So sehr ich aufpaßte, so verstand ich nur den Namen Waller, welcher jedenfalls der seinige war, und dann noch das Wort tschui, welches "sich an jemand anschließen" bedeutet. Als er geendet hatte, schienen die Chinesen grad auch so viel oder so wenig wie ich verstanden zu haben, denn sie gaben zunächst keine Antwort, sondern Fu deutete an Stelle derselben auf die beiden Stühle, welche Vater und Tochter einnehmen sollten. Sie setzten sich, Mary in außerordentlicher Verlegenheit. Da die Chinesen beharrlich schwiegen und unbeweglich wie Statuen saßen, so begann der Missionar, eine zweite Rede zu halten, deren Wirkung keine andere als die der ersten war, denn als er mit ihr zu Ende war, fragte Fu in einem weit besseren als dem gewöhnlichen Canton-Englisch: "Bitte, mir zu sagen, in welcher Sprache Sie soeben zu uns gesprochen haben!" "Es ist ja chinesisch!" antwortete der Gefragte, ganz erstaunt über diesen unvermuteten Erfolg seiner Sprachfertigkeit. "Ich habe gehört, daß Sie Chinesen sind, und hoffe sehr, daß man mich nicht falsch berichtet hat!" "Ja, wir sind aus China; aber dieses Land ist ungeHeuer groß. Wir haben es noch nicht in allen seinen Teilen bereist und sind also wohl noch nicht in der Gegend gewesen, wo man den Dialekt spricht, den Sie sich angeeignet haben. Darf ich fragen, in welchem Teile des Landes diese Gegend liegt?" Im ersten Teile dieser Rede war Fu so rücksichtsvoll gewesen, für die Unkenntnis des Amerikaners nach einem Grunde der Entschuldigung zu suchen. Aus seiner letzten Frage aber sprach der Schalk. Ohne dies zu bemerken, antwortete der Missionar: "Ich bin noch nicht in China gewesen und reise jetzt zum ersten Male hin." "So haben Sie sich diesen Dialekt auf einer Universität der Vereinigten-Staaten angeeignet?" "Nein, sondern auf eine viel leichtere und bequeniere Art. Sie wissen wahrscheinlich wohl, daß wir Amerikaner praktisch sind, und es ist Ihnen auch nicht unbekannt, daß sehr viele Chinesen, fast mehr, als uns lieb ist, in unseren Staaten wohnen. In meinem Hause waren zwei beschäftigt, der eine als Wäscher und der andere als Barbier. Der Wäscher stammte aus Nordund der Barbier aus Südchina, und da ich nicht wünschte, in Beziehung auf die Sprache einseitig ausgebildet zu sein, habe ich von beiden Unterricht genonimen." Hierauf trat eine monientane Stille, ja, eine Mäuschenstille ein. Die Gesichtszüge der Chinesen blieben vollständig unbewegt; aber Mary errötete bis an die Stirn hinauf. Sie ahnte Wohl, wie unsterblich sich ihr Vater so eben blamiert hatte; dieser aber wendete sich ganz heiter und unbefangen dem Kellner zu, welcher ihm jetzt den nach der Suppe folgenden Gang servierte. "Sie sind also Missionar, wie ich aus Ihrer Karte gelesen habe?" fragte Fu nach einer Weile. "Allerdings," antwortete der Gefragte. "Ich hoffe, daß Sie wissen, was das heißt!" "Das heißt, Sie kommen zu uns, um unsere Religion zu studieren und sie dann in den Vereinigten-Staaten zu verbreiten?" Da legte Waller — denn dies war allerdings der Name des Missionars — schnell das Messer und die Gabel weg, warf einen Blick der Ueberraschung auf den Sprecher und antwortete: "Ich gestehe, daß ich noch nie in meinem Leben eine so unbegreifliche Frage gehört habe! Ich bin ein Christ und habe also denjenigen Glauben, welcher der einzig wahre und richtige ist. Sie aber, der Sie sehr wahrscheinlich Confucianer sind, sollten dem Ihrigen, der ein falscher ist, entsagen und sich entschließen, Christ zu werden!" "Ich bin ja Christ," antwortete der Chinese, indem über sein Gesicht ein ungemein höfliches, ja verbindliches Lächeln glitt. "Sie sind Christ — ?!" wieder holte der Amerikaner die Worte des andern mit dem Ausdrucke des Erstaunens. "So sind Sie also schon bekehrt?" "Bekehrt? O nein! Wozu das? Eine Aenderung des Glaubens würde vollständig überflüssig sein. Wer etwas thut, was gar nicht nötig ist, der verdient, ein Thor genannt zu werden." "Ich verstehe Sie nicht. Sie sind nicht bekehrt, also noch Confucianer, und behaupten doch, ein Christ zu sein. Wollen Sie mir dieses Rätsel lösen!" "Es ist kein Rätsel, sondern eine Sache, welche in China jedermann schon längst begriffen hat. Ich bitte Sie, mir die Summe des christlichen Glaubens zu nennen!" Mr. Waller setzte sich auf seinem Stuhle zurecht und begann, zunächst vom Sündenfalle zu sprechen. Während dessen brachte der Kellner'den Chinesen die Suppe. Fu wies sie mit der kurzen Benwrkung zurück, daß er mit seinem Begleiter später oben im Zimmer speisen würde. Dann wendete er seine Aufmerksamkeit dem Aankee wieder zu. Er ließ ihn eine lange, lange Zeit sprechen, ohne ihn zu unterbrechen, und erst dann, als sich nach der Verheißung Abrahams eine Panse einstellte, sagte er: "Ich bat Sie nicht um eine ausführliche Geschichte, sondern um die kurze Summierung Ihres Glaubens!" "Aber Sie kennen doch unseren Glauben nicht; Sie würden mich also nicht verstehen, wenn ich Ihnen anstatt seiner ganzen Entwicklung nur eine kurze Aphorisme brächte!" "O bitte! Was deutlich ist, kann vielleicht auch wohl von einem Chinesen begriffen werden. Christus ist der Gründer Ihres Glaubens, und Petrus wurde mir als derjenige Apostel bezeichnet, welchem die größte Macht des Christentums, das Amt der Schlüssel, übergeben wurde; Sie werden also das, was diese beiden sagen, anerkennen. Christus giebt uns die Summe im Evangelium Johannes, wo er sagt, daß das ganze Gesetz und die Propheten in deni Gebote enthalten seien: Liebe Gott, und liebe deinen Nächsten! Und Petrus befiehlt in seinem ersten Briefe: "Fürchtet Gott; habt die Vriider lieb, und ehret alle Menschen!" Das ist es, was ich von Ihnen hören wollte." Es war interessant, jetzt das Gesicht Wallers zu sehen. Das Erstaunen über die unerwartete Belesenheit des Chinesen lag nicht nur in seinen Zügen, sondern auch in seiner ganzen Haltung deutlich ausgedrückt. Er öffnete zwar den Mund, antwortete aber nicht. Fu that, als ob er diesen Eindruck seiner Worte gar nicht bemerke, und fuhr fort: "Das war also die Summe Ihres Glaubens nach den Worten Christi und seines obersten Apostels. Die Summe unseres Glaubens aber lautet: "Die wahre Glückseligkeit kommt uns vom Himmel hernieder, und die Menschen sollen sie neidlos und friedlich unter sich verteilen." Das ist doch genau dasselbe. Ihr Glaube und unser Glaube sind einander also gleich. Wenn ich dem meinigen gehorche, handle ich, wie ein Christ zu handeln hat, und wenn Sie thun, was der Ihrige gebietet, so sind Sie das-, was Sie vorhin einen Confucianer genannt haben." Diese Art der Auffassung brachte dem Amerikaner die Sprache wieder. "Bitte sehr!" rief er aus. "Ich, ein Confucianer! Welch eine Logik! Zwar scheint Ihnen unsere Bibel nicht unbekannt zu sein, aber Sie können unmöglich eine Ahnung von den zahllosen Verschiedenheiten haben, welche zwischen Ihrem Glauben und dem christlichen vorhanden sind!" "Das thut nichts!" lächelte Fu. "Diese Verschiedenheiten müssen vorhanden sein, weil die Menschen.verschieden sind. Ihr Christen liegt ja untereinander selbst im Streit! Es kommt nur auf den Ertrag, auf das Ende, auf den Abschluß, auf die Summe an. Wenn zwei Rechnungen genau dieselbe Summe ergeben, so ist das ein Beweis, daß beide richtig sind. Vielleicht sind einzelne Posten anders benannt, einige hier zusammengezogen, dort aber auseinander gehalten worden; die eine ist mit lateinischer Schrift, die andere in chinesischen Zeichen geschrieben; man hat die eine von links nach rechts, die andere aber umgekehrt zu lesen. Das ist alles, alles zwar nicht gleichgültig, aber doch nur Nebensache. Die Hauptsache ist, daß die Summen stimmen. Und wenn sie gleich sind, so ist die eine Rechnung genau so viel wie die andere wert, und keiner von denen, die sie geschrieben haben und dem Himmel präsentieren, dars behaupten, daß die Buchführung des anderen eine falsche sei. Sie haben gesehen, daß unsere Religionen ganz genau dieselbe Summe ergeben. Daß die einzelnen Posten geschichtliche oder nationale Verschiedenheiten zeigen, giebt der Berechnung Leben und Interesse, und es darf nicht außer acht gelassen werden, daß die Richtigkeit der einen Rechnung gar nicht ohne die Richtigkeit der anderen zu beweisen wäre. Indem Ihr Glaube ganz dieselben Früchte wie der unsere bringt, beweisen Sie uns, daß er ans keinem Jrrtume beruht, und wir würden ebenso unhöflich wie unklug handeln, wenn wir behaupten, daß es für Sie notwendig sei, ihm zu entsagen und sich zu dem unfern zu bekehren." Der Missionar war den Worten des Chinesen mit einer Aufmerksamkeit gefolgt, welche sich nach und nach immer wehr in Verwunderung verwandelte. Er hatte nicht für möglich gehalten, daß der Spieß auf eine solche Weise herumgedreht werden könne, und da es ihm an Gedanken und also auch an Worten zu einer Entgegnung fehlte, so wandte er sich in.seiner Verlegenheit an seine Tochter: "Hast du es gehört, Mary? Man ist so höflich und so klug, mich nicht bekehren zu wollen! Diese "Summe" der Religionen kommt mir ungemein verdächtig vor. Man hat dariiber nachzudenken!" "Das können Sie sich ersparen," bemerkte der Chinese. "Christus sagt im Matthäus zweimal kurz hinter einander: "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen!" Die Früchte aber ergeben doch die Summe von des Baumes Thätigkeit und Wert. Sie hören, daß ich als Christ zu Ihnen spreche!" "Aber woher kommt Ihnen denn diese Kenntnis unserer heiligen Schrift?" "Aus dem Gehorsam gegen unsere heiligen Schriften, welche es mir zur Pflicht machen, alle Wege kennen zu lernen, die zum Heile führen. Ueberall, wo ein Tempel oder eine Kirche steht, ist ein solcher Weg geöffnet. Der eine geht ihn von dem Tempel, der andere von der Kirche aus; beide aber wandern nach derselben Stelle, wo die Ernte abzuliefern und die Rechnung vorzulegen ist." "Sie meinen den Tod? Aber das ewige Leben nach demselben? Die Seligkeit? Was wissen Sie von dieser?" "Wir wissen, daß unsere Ahnen sich dort befinden, und wir verehren sie. Sie glauben, daß Ihre Seligen, Ihre Heiligen dort wohnen, und senden ihnen Ihre Gebete zu. Ist das nicht ganz dasselbe?" "Was das betrifft, so werden Sie auf diese Ihre Ahnen wohl verzichten müssen, denn " "Müssen? Müssen?" fiel ihm da Fu schnell in die Rede. Es sah aus, als ob er zornig aufspringen wolle. Es war gewiß, daß der Amerikaner gar nicht ahnte, wie viele Fehler er gernacht hatte. Waren ihm derru die Sitten der Chinesen wirklich so unbekannt, wie man aus seinem Verhalten schließen mußte? Dann hätte er zu Hause bleiben sollen! Oder fühlte er sich von feinem Berufe in der Weise begeistert, daß es außer feinen Bekehrnngswünschen keine anderen Rücksichten für ihn gab? Oder gehörte er zu der gar nicht seltenen Sorte vorr Kaukasiern, welche meinen, daß die Angehörigen anderer Rassen nicht nur gegen körperliche, sondern auch gegen seelische Mißhandlungen weniger empfindlich sind als wir? Daß er in dieser Weise über die Ahnen sprach, war eine Rücksichtslosigkeit, die gar nicht größer sein konnte, rmd ich war überzeugt, daß die Chinesen entweder ihn von ihrem Tische weisen oder sich selbst entfernen würden, zumal sie von ihm infolge ihrer Gebräuche gezwungen worden waren, auf das Essen zu verzichten, was er aber gar nicht beachtet zu haben schien. Doch geschah nicht, was ich vermutet hatte. Fu beherrschte sich. Er fuhr in demselben freundlichen Tone, in welchem er früher gesprochen hatte, fort: "Wer auf seine Verstorbenen verzichtet, der ist nicht wert, daß sie für ihn gelebt haben. Er würde ja dadurch auf sich selbst verzichten, weil er sein Dasein nur dem ihrigen verdankt." Da traf ihn ein warmer Blick aus Marys Augen. Es war ihr wahrscheinlich nicht entgangen, daß es ihm Ueberwindung gekostet hatte, ruhig zu bleiben, und es drängte sie, ihm ein zustimmendes Wort zu sagen: "Wer könnte einen solchen Verzicht verlangen! Wie wäre es mir möglich, der verstorbenen Mutter zu vergessen, deren Liebe mir eine ganze Welt gegeben hat! Ich kann sie mir nicht tot denken. Ich weiß, sie ist noch heut bei mir, wie sie stets bei mir gewesen ist. Der llnterschied ist nur, daß ich sie früher sah, jetzt aber nicht mehr sehen kann. Aber ich fühle sie. Seit ihrem Scheiden wohnt und wirkt in mir etwas, was vorher nicht vorhanden war. Die, welche der Sprachgebrauch so fälschlich Tote nennt, haben vielleicht größereMacht über uns, als wir uns denken können." "Mary, du sprichst sehr sonderbar!" antwortete ihr Vater in verweisendem Tone. Tsi, welcher aus Hochachtung vor seinem Vater bisher noch kein Wort gesprochen hatte, hielt die Augenlider halb gesenkt und beit Kopf ihr leise zugeneigt, als ob er wünsche, daß sie weitersprechen möge. War es nnr der tiefe Wohllaut ihrer Stimme oder auch der Inhalt ihrer Worte, der dies bewirkte? Fu, welcher sie nur einmal mit einem flüchtigen Blick gestreift, dann aber nicht mehr beachtet hatte, wendete ihr jetzt sein Gesicht voll zu, betrachtete das ihrige mit offenem Interesse und sagte dann in einer Weise, mit welcher er wohl noch kein chinesisches Mädchen ausgezeichnet hatte: "Ich danke Ihnen, Miß Waller! Nichts kann so falsch sein, wie die Vorstellungen, welche man sich bei Ihnen über nnsern "AhnenkultuS" macht, der aber gar kein "Kultus" ist. Man legt dabei die abergläubischen Gepflogenheiten unserer untersten Volksklasse zu Grunde, doch ist das grad und genau so falsch, als wenn wir Ihre Seligen und Heiligen mit den Augen des Gespensterglaubens betrachten wollten, der in den niederen Kreisen Ihrer Bevölkerung vorhanden ist. Es kann uns nicht einfallen, an Sie die Forderung zu stellen, auf den Himmel dieser Seligen zu verzichten; aber ebensowenig wird uns eine Macht der Erde dazu bringen, der beglückenden lleberzeugung abtrünnig zu werden, daß auch unsere Abgeschiedenen nicht gestorben sind. Was Sie von Ihrer Mutter sagen, das klingt in meinem Herzen freudig wieder. Auch wir Chinesen haben Mütter, die in unserer Liebe noch nach dem Tode weiterleben, und ein Volk, welches seine Mütter, seine Väter, seine Ahnen nicht vergißt, wie der Europäer sie vergißt, der oft die Vornamen des Großvaters seines Vaters oder seiner Mutter rächt mehr kennt, ein solches Volk schlägt seine Wurzeln so tief in die Vergangenheit, aus der es Kraft und Nahrung zieht, daß es um seine Zukunft nicht zu bangen braucht. Nur der, welcher den geistigen Boden nicht kennt, auf dem wir leben, kann von der "Greisenhaftigkeit des gelben Mannes" sprechen. Sie sehen, der Ruf, in dem wir stehen, ist mir nicht unbekannt. Aber wer die Vergangenheit nicht achtet, der hat für die Zukunft keinen Wert. Die Stammbäume auch Ihrer alten Geschlechter sind nicht nur von genealogischer Bedeutung, sondern es steigt ein sich stets verjüngendes Leben in ihren Zellen auf und nieder, und in ihrem Schatten können sich alle jene sammeln, welche ihren inneren Zusammenhang mit der Station verloren haben, weil sie ihre Zugehörigkeit zum Stamm nicht Pflegten und nun nur verwehte Blätter längst entlaubter Bäume sind, Völkerhumus, in welchem das Gedächtnis so manchen edlen Geistes und so mancher schönen That den Erstickungstod gefunden hat. Eines solchen Todes haben wir Chinesen das Andenken derer, von denen wir stammen und deren geistige Hinterlassenschaft wir zu Pflegen und zu wahren haben, nicht sterben lassen. Wir sind uns des Zusammenhanges mit ihnen bewußt; wir gedenken ihrer; wir feiern ihre Erinnerungstage, und wenn dies von dem gewöhnlichen Manne, der für geistige Opfer und Liebesgaben kein Verständnis hat, in mehr materieller Weise geschieht, als es eigentlich im Sinne dieser Ehrung der Vorfahren liegt, so wird doch nur jemand, dem es an Einsicht fehlt, behaupten können, daß es sich uni eine abergläubische Verirrung oder gar um eine Abgötterei handele, durch welche unsere Intelligenz sich bis auf unter Null herabgesunken zeige. Sie sind eine Dame, Miß Waller, und halten das Andenken Ihrer Mutter heilig; ich bin ein Mann und sage, wir bleiben dem Gedächtnisse unserer Väter treu. Ist das nicht ganz dasselbe? Wollten Sie mich verurteilen, so müßte ich auch Ihnen unrecht geben, und ich denke doch, daß weder Sie noch ich eine Ursache haben, uns in dieser Weise wehe zu thnn!" Er hielt ihr seine Hand hin, und sie legte, froh über diese Vertraulichkeit errötend, die ihrige hinein. Ich muß gestehen, daß der Chinese mich, so zu sagen, gefangen genommen hatte. Nicht nur alles, was er that und was er sagte, sondern auch wie er es that und wie er es sagte, war so aristokratisch, so vornehm, ohne jedoch gekünstelt oder iiberhaupt gemacht zn sein. Er hatte jene seltene Art, zu sprechen, welche bei dem Zuhörer die lleberzeugung erweckt, daß es gar nicht anders und besser gesagt werden kann, als es gesagt worden ist. Ich stand nicht an, ihn für einen Mann zu halten, welcher im stände war, das, was er beabsichtigte, mit kühlster lleberlegung zu berechnen, und doch hatte er auch einen so warmen, so aufrichtigen Herzenston, daß es mir gar nicht als schwer erschien, ihm Liebe und Vertrauen zu schenken. Er war Kristall. Ich finde kein Wort, den Eindruck, den er auf mich machte, deutlicher zu bezeichnen. Und was für Kenntnisse mußte dieser Mann besitzen! Wenn ich jemals einen Menschen getroffen hatte, welcher genau wußte, was er wollte, und auch das Zeug dazu hatte, es zu wollen, so war eS dieser Chinese hier, der sich so einfach Fu nennen ließ! Als er der Dame seine Hand gereicht hatle, erhob er sich, um den Speisesaal zu verlassen. Sein Sohn folgte dem Beispiele des Vaters, der Miß seine Rechte Hinzustrecken. "Ich danke Ihnen auch," sagte er. "Halten Sie uns nicht für gelber und für sonderbarer, als wir wirklich sind!" Vor ihrem Vater verbeugten sie sich nur; dann gingen sie fort. Er sah ihnen nach, bis sie verschwanden; dann meinte er, mit der Hand über das Tischtuch streichend: "Weg! Aufgeblasenheit und Mangel an Einsicht! So, genau so sind die Völker kurz vor ihrem Untergänge! Wie soll man solche Leute fassen? Wenn er behauptet, ein Christ zu sein, ist jedem Versuche, ihn zu bekehren, die Kraft genommen!" "Ich befürchte, Vater, daß er nicht der einzige Chinese sein wird, von deni du diesen Einwand hörst," bemerkte die Tochter. "Pshaw! Laß uns nur erst in China sein! Ich werde von Tempel zu Tempel ziehen und meine Stimme erschallen lassen, daß die Götzen, die rings an den Wänden stehen, zittern! Du weißt ja, daß mir die Macht des Wortes gegeben ist, welches Felsen zerschmettert! Man wirft uns Amerikanern in neuerer Zeit den Cäsarismus vor. Nun wohl, wir bekennen uns zu ihm. lind wie auf äußerem Gebiete, so wollen wir auch auf dem Gebiete des Glaubens Herrscher sein! Schau in die Weltgeschichte der neuen Zeit! Ueberall, wo eine Eroberung gemacht worden ist, sind ihr die Voten des Christentums vorangegangen. Wir sind die kühnen Pioniere der geistlichen und infolgedessen auch der weltlichen Macht. Die Diplomatie der VereinigtenStaaten richtet schon seit einiger Zeit ihren Blick über den Stillen Ocean. Wir haben uns auf Inseln festgesetzt; es gilt, irun auch in China besser Position zu nehmen, als eäj bisher geschehen ist. Ich werde an dieser Aufgabe arbeiten'' und glaube, nicht der unrichtige Mann dazu zu sein!" "Aber, Vater, Liebe, bitte, mehr Liebe mußt du zeigen!" s "Bemühe dich nicht, klüger zu sein, als dein Vater ist hi Es haben die Tempel der Heiden in aller Welt zu fallen. Ihre Säulen müssen zerstört und ihre Mauern eingestürztj werden. Es darf keinen Allah und keinen Mohammed/ keinen Zoroaster, keinen Bramah, keinen Confucius und' Mencius mehr geben!" Er sprach erregt, erregter, als der öffentliche Ort, an dem er sich befand, es eigentlich erlaubte. Sie legte ihm begütigend die Hand auf den Arm und bat: "Sprich leiser! Du bist so unruhig jetzt, gar nicht so still und heiter, so überlegend und bedächtig, wie du warst, so lange Mutter lebte. Ich hoffte, daß die Reise dich zerstreuen werde; aber die "Heidentempel" kommen dir fast gar nicht mehr aus dem Sinn."! Sie sprach so eindringlich und so ernst, und ihr 2Iugcj hatte dabei einen so tiefen, dunklen Blick. Sie schien nochi besorgter zu sein, als sie sich merken lassen wollte. Die Wirkung ihrer Worte war keine nachhaltige. Ein Weilchen war er still oder sprach wenigstens in so gedämpftem Tone, daß ich ihn nicht verstehen konnte. Aber bald war er wieder so deutlich wie vorher geworden. Und, sonderbar, die Heidentempel bildeten das Thema, auf welches er so oft wie möglich zurückzukommen strebte, obgleich Mary sich Mühe gab, ihn immer wieder davon abzubringen. War dies nichts anderes zu nennen, als nur ein bevorzugter Gesprächsgegenstand? Ließ es sich einfach nur aus seinem Beruf als Missionar erklären, daß dieses Wort sich in seinem Jdeenkreise so fest eingenistet hatte? Oder sollte? Nein! Den Gedanken an eine geistige Störung mußte ich in Rücksicht auf eben diesen Beruf von mir weisen. Wer nach China geht, um "Heiden zu bekehren," bei dem ist doch wohl eine vollständig gesunde Psyche vorauszusetzen. Jedenfalls aber war im Verlaufe dieses Abendessens mein Interesse nicht nur für die beiden Chinesen, sondern auch für den Amerikaner und seine Tochter um ein Bedeutendes gesteigert worden. Nach Tische ließ ich mir den Kaffee, wie gewöhnlich, hinaus auf den elektrisch beleuchteten Vorplatz bringen und saß noch kaum einige Minuten da, als Waller und Mary das Hotel verließen, um einen Spaziergang zu machen. Sie kamen nahe an mir vorüber und — ob ich mich irrte, weiß ich nicht, aber es war mir, als ob er schon wieder über irgend einen Tempel mit ihr spreche. Sejjid Omar, der Eselsjunge, stand drüben aus seinem Platze. Nach einiger Zeit band er seinen Esel an und kam herüber bis an die breiten Aufgangsstusen, welche Dienstpersonen, die nicht in das Hotel gehören, nicht ohne Erlaubnis betreten dürfen. Als er den dort befindlichen zweiten Portier uni diese Erlaubnis bat, sah ich, daß er nach mir herüberzeigte. Sie wurde ihm gewährt, und dann kam er aus mich zugeschritten, langsam und würdevoll, wie ein Ambassadeur des Padischah von Persien. Vor mir stehen bleibend, kreuzte er die Hände auf der Brust, verbeugte sich und grüßte: "Guttakk!" Ich sah ihn fragend an und antwortete nicht. "Guttakk!" wiederholte er, und als ich auch dann noch nichts sagte, besann er sich eines Besseren und fügte noch eine Silbe hinzu: "Guttertakk!" Er hatte "Guten Tag!" gemeint. "Jis'id masak!" antwortete ich, ihm dadurch andeutend, daß er arabisch sprechen solle, weil meine Sprachkenntnisse für sein Deutsch nicht ganz ausreichend seien. Da er hörte, daß ich seiner Muttersprache mächtig war, holte er erleichtert Atenr und erkundigte sich: "Ich bin Sejjid Omar. Welchen Titel soll ich dir geben, wenn ich nüt dir spreche?" "Man hat mich stets Sihdi*) genannt," antwortete ich. "Nun wohl, Sihdi; ich hörte von dem Kellner, der dich auf deinem Zimmer bedient, daß du eine sehr lange und sehr weite Reise machen willst und einen arabischen Diener brauchst, der dich begleiten soll. Es haben sich schon viele gemeldet, doch keiner hat dir gefallen. Wenn Allah will und du stimmst bei, so gehe ich mit dir." Es war so, wie er sagte. Ich wollte zunächst nach dem Sudan hinauf, und deshalb mußte der Betreffende arabisch sprechen können. "Wie kommst denn du dazu, dich mir anzubieten?" fragte ich. "Bringt dir dein Esel zu wenig ein? Gefällt es dir nicht inehr in Kairo?" "Ich habe mein gutes Auskommen und bin mit dieser meiner Vaterstadt zufrieden. Ich wäre nie von hier fortgegangen, aber mit dir möchte ich gern reisen, weil ich dich liebgewonnen habe." "Liebgewonnen? Weshalb?" "Aus vielen Gründen. Ich sah, daß du mich beobachtetest, und erkundigte mich nach dir. Einer kannte dich. Du bist nicht zum ersten Male hier und nennst dich im Hotel ganz anders, als du heißest, weil du Bücher schreibst, die von den Leuten gelesen werden, welche dann zu dir gelaufen kommen und dich stören. Das willst bit nicht. Ich soll den, der mir das sagte, nicht verraten; er reitet oft au: meinem Esel und hat gemeint, du seist zwar ein Christ, müssest aber ein besonderer Liebling Allahs sein; er wisse das genau, denn er habe alle deine Karten gelesen; die Briefe dürfen leider nicht geöffnet werden." "Ach! Es ist der alte Ibrahim Effendi auf der Post, der mich freilich schon seit langer Zeit kennt." "Maschallah**)! Wie kannst du das erraten?" "Du hast von Karten und Briefen gesprochen; er pflegt sie mir gern selbst zu bringen. Was deinen Wunsch betrifft, so komm morgen früh um acht Uhr auf mein Zimmer. Ich werde dir Bescheid sagen. Jetzt kannst du gehen." Er verbeugte sich, grüßte und ging, kehrte aber nach einigen Schritten wieder um und sagte: "Sihdi, ich will dir meine Bedingungen lieber gleich jetzt sagen!" "So? Du hast Bedingungen?" "Ja. Ich werde dir ein treuer, zuverlässiger Diener und du wirst mir ein strenger, aber guter Herr sein. Ich weiß das ganz genau, denn ich will dir gestehen, daß Ibrahim Effendi mir mehr von dir erzählt hat, als du denkst. Du zahlst mir, was du willst; ich bin zufrieden. Du kannst von mir verlangen, was du willst, ich werde es thun. Aber verlange nichts, was gegen meinen Glauben ist; laß mich keines meiner Gebete je versäumen, und sprich nie von deiner Religion! Ich liebe dich, aber ich liebe nicht das Christentum. Leletak sa'ide — deine Nacht sei gesegnet!" Nach diesen Worten drehte er sich um und entfernte sich. Man denke ja nicht, daß ich die Pflicht gehabt hätte, ihm wegen der an mich gestellten Wünsche zu zürnen. Sie waren nicht so unbegründet, wie man vielleicht denken mag. Um dies einzusehen, muß man wissen, von welcher Art die Christen sind, auf die sich Omars Worte bezogen. Da sind zunächst die Touristen. Man gehe einmal durch die Scharia Bab ei Hadid nach dem Bahnhofe, um diese Leute bei ihrer Ankunft aussteigen zu sehen. Sie kommen eigentlich nicht, sondern sie werden gebracht; sie steigen nicht aus, sondern sie werden ausgestiegen. Sie bilden Cookoder Stangen-"Herden", welche sich jeder Selbstständigkeit begeben und ihren Hirten zu parieren haben. Sie sind nicht mehr Personen oder gar Individualitäten, sondern einfach Gegenstände des betreffenden Reisebureaus. Im Bahnhofe ausund vor den Hotels wieder abgeladen, haben sie die Zimmer zu nehmen, die man für sie bestimmt, zur vorgeschriebenen Zeit zu essen und zu schlafen, um zwischen diesen Zeiten truppweise auf die touristische Weide getrieben zu werden. Sie machen den Eindruck der Unwissenheit und der Hilflosigkeit, und jeder Eingeborene, dessen Dienste sie in Anspruch nehmen müssen, hält es für sein gutes Recht, ihre Unkenntnis möglichst ausznbeuten. Sie mögen sich nun gegen ihn Verhalten, wie sie wollen, höflich oder grob, freigebig oder nicht, auf alle Fälle betrachtet er sie als Personen, die sich mit ihm nicht messen können und deren Heimat eine so traurige ist, daß sie weite und kostspielige Reisen machen müssen, um einmal etwas Schöneres und Besseres zu sehen. Er sieht und hört ihre laute Bewunderung für alles, was für ihn zu den Alltäglichkeiten gehört: er wird von ihnen als halbes Wunder photographiert; er steht dabei, wenn sie bei ihren Einkäufen für Dinge, welche aus Deutschland kommen und dort eine Mark kosten, vielleicht den zehnfachen Preis be zahlen ; kurz, was sie ihm einflößen, ist nichts weniger als das Gefühl der Hochachtung, und wenn sie von jedernmnn mit dem Worte "Bakschisch" angerufen mrd verfolgt werden, so dürfen sie sich nicht etwa denken, daß nian unter dieser "Gabe" ein unverdientes Almosen versteht, sondern sie als einen Tribut betrachtet, welchen der Einheimische zu fordern berechtigt und der Fremde aber zu geben verpflichtet ist. Ich habe noch keinen Wirt, Händler, Führer, Dolmetscher und Eselsjungen gesehen, der nicht überzeugt gewesen ist, diesen ihrem Erklärer immer hilflos nachlaufenden Christen weit, weit überlegen zu sein. Und dieses Urteil ist stets ein verallgemeinerndes. Der Orientale braucht nur einen einzigen Punkt zu bemerken, in Beziehung aus welchen er dem Abendländer über ist, so steht sofort in ihm die Ueberzeugung fest, daß dieser Vorzug auch in jeder anderen Hinsicht vorhanden sei. Natürlich wird diese falsche Annahme vor allen Dingen auch auf den Glauben ausgedehnt. Der Tourist, besonders der sogenannte "Herdentourist", hat seine Individualität daheim gelassen und bringt nichts als nur seine Neugierde und seinen Geldbeutel mit; er ist ein personifiziertes Bakschisch, welches das Abendland dem Morgenlande bringt. Dieses Bakschisch zieht dort den Betrug, die Habsucht und die Lüge groß, fließt meist in die Kassen nicht einheimischer Geschäftsleute und bringt dem eigentlichen Oriente wohl keinen, am allerwenigsten aber einen geistigen Nutzen. Seine Seele aber bleibt leider nicht unberührt. Das Sträuben Sejjid Omars war nichts, als eine Aeußerung dieser Seele, welche sich dagegen einpört, ihre Heiligtümer der srenrden Neugierde gegen ein Trinkgeld von einigen Halbpiastern preiszugeben. Und es fand seine mehr als genügende Begründung in dem moralischen Werte oder Unwerte desjenigen Christentums, welches er kennen gelernt hatte. Wer ein scharfes, offenes Auge besitzt, der wird von Alexandrien und Port Said oder Suez an bis nach Assuan hinauf in unzähligen Fällen die Behauptung bestätigt finden, daß überall, wo von einem Gewinn um jeden Preis die Rede ist, ein Christ die Hand im Spiele hat. Zwar handelt es sich da meist nur um griechische, levantinische oder überhaupt morgenländische Christen, aber dem Mohammedaner ist dieser Unterschied nicht geläufig; Christ gilt als Christ bei ihm, und der abendländische hat es sich zunächst gefallen zu lassen, daß er genau so wie der orientalische beurteilt wird. Sejjid Omar war kein dummer Mensch; er hatte sogar, wie ich später erfuhr und was bei den dortigen Verhältnissen selbst für Eselsjungen möglich ist, einige Jahre lang in der Azharmoschee Theologie studiert, doch mangelte auch ihm die nötige Einsicht, Christ von Christ zu unterscheiden. Lernte er in einem Christen zugleich auch einen guten Menschen kennen, so lag die einzige Lösung dieses Rätsels für ihn in der Annahme: "Er muß, obgleich ein Christ, ein Liebling Allahs sein, denn Allahs Sonuc scheint ja auch auf die. die sich von ihm gewendet haben." Tie Bedingungen, welche er mir gestellt hatte, konnten mich keineswegs abhalten, ihn zu engagieren; sie bildeten vielmehr eine Empfehlung für ihn. Wer das, was ihm heilig sein soll, nicht achtet, wird höchst wahrscheinlich kein treuer, zuverlässiger Diener sein. Ich nahm mir vor, zunächst seine Sattelfestigkeit auf dem Pferde zci prüfen und zu diesem Zwecke morgen mit ihm nach Gizeh und daun nach Sakkara zu reiten. Mancher Eselsjunge, welcher wahre Kunstreiterstückchen ausführt, ist aber, so lange er lebt, nicht auf ein Pferd gekommen und mit der Behandlung desselben vollständig unbekannt. Ich brauchte einen Diener, der sich vor mouatelangen Ritten auf jeder Art von Pferden nicht zu fiirchren braucht. Kurz nachdem Omar bei mir gewesen war, ging ich auf mein Zimmer, um noch ein Stündchen zu arbeiten, brachte aber nichts fertig, denn die vier Personen an meinen. Nachbartifchen kamen mir nicht aus dem Sinne. Meine Gedanken kehrten immer wieder zu ihnen und ihren: Gespräch zurück, und besonders war es der Missionar, der mich in Anspruch nahm, weil ich mir das unerlaubt selbstbewußte Gebühren einesMannes nicht erklären konnte, dessen Beruf ihn das Wort des Jesaias hätte beherzigen lassen sollen, daß die Schritte der Boten, welche aufdenBergen Gottes den Frieden predigen und das Heil verkündigen ivollen, leise und lieblich zu klingen haben. Ich ließ also Papier, Tinte und Feder sein und legte mich schlafen. Ich schlief auch bald ein; aber die Gedanken waren nichr auch eingeschlafen; sie beschäftigten mich im Traume fort. Ich sah diesen Mr. Waller die verschiedensten und unglaublichsten Arbeiten verrichten, die aber alle zerstörend waren. Er riß Häuser ein, stürzte Pfeiler um, schlug Bäume nieder und hatte stets und stets eine Art, ein Brecheisen oder sonst ein derartiges Werkzeug in der Hand. Ich sah Kruzifixe stehen, Kapellen, Kirchen, griechische, indische, assyrische Tempel, Moscheen, Statuen von heidnischen Göttern und christlichen Heiligen; er schlug sie alle, alle nieder, ohne das Christliche zri schonen. Er arbeitete tvie ein Verrückter, im Schweiße seines Angesichtes, bis eine Stimme donnernd rief: "Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich!" Da brach er zusammen, und ich erwachte. Der Mond schien so hell, daß alle Gegenstände, auch die kleinsten, zu unterscheiden waren, zur offenen Balkonthür herein, und ich war so froh, daß ich nur geträunit und nicht etwas Wirkliches gesehen hatte. Dennoch dachte ich darüber nach. Der Saulusruf paßte nicht für einen christlichen Missionar, aber wer kann von einem Traume die lleberlegung verlangen, ob das, was er bringt, auch passend sei! Ich hoffte, bald wieder einzuschlafen, und schloß die Augen wieder zu, mußte aber gleich wieder an den Träum und seine zertrümmerten Tempel und Kirchen denken. Da stieg ein warnendes Wort und noch eins in. mir auf; beide gestalteten sich zum Verse, dem sich ein zweiter, dritter und dann auch vierter zugesellte; sie fügten sich zur gereimten, vierzeiligen Strophe zusammen, und ich stand aus, um sie niederzuschreiben. Ich hielt diese Strophe für geeignet, den Anfang eines Gedichtes zu bilden, welches später in meine "Himmelsgedanken" ausgenommen werden konnte. Als ich im Mondscheine die Zeilen auf das Papier geworfen hatte, legte ich mich wieder nieder. Die Nachtlüft war nach dem Khamsin des vorigen Tages so erquickend kühl, ein Hochgenuß, den man im Schlaf nicht mehr bewußt genießen kann, und so nahm ich mir vor, zu der ausgezeichneten Strophe noch eine zweite, dritte und vierte zu schreiben. Ich zerlegte den Hauptgedanken in seine Teile und sann über die Verbindung zwischen ihnen nach, um zu einer festen, logisch klaren Disposition zu kommen; aber der unverwüstliche, alte und wohlbekannte Papa Morpheus schien sich aus den Tempeltrümmern meines Traumes herausund über mich hergemacht zu haben, und er wurde mit mir eher fertig, als ich mit meiner Disposition. lind er gab mich für dieses Mal nicht eher frei, als bis ein lautes Klopfen an meine Thür ihn zwang, von mir hinweg und nach Griechenland zu eilen, wo im "hohen Olymp" noch einige unbeschädigte Tempel stehen sollen, welche die Nachwelt als Auszüglerwohnnngen oder Altenteil der einst dort Thronenden zu respektieren hat. Ich sah nach der Uhr. Punkt acht! O wehe! Wahrscheinlich stand Sejjid Omar schon daußen! "Jstan'ni schubai'je — io arte ein wenig!" rief ich so laut, daß er es hören konnte, und machte mich schnell fertig, ihn hereinzulassen. Obgleich ich mich im Zimmer befand, bemerkte ich, daß der Khamsin heut noch schärfer wehte als gestern, wenn auch jetzt am Vormittage noch nicht mit der erst später zu erwartenden Hitze. Als ich das Zeichen gab, daß der Wartende kommen könne, trat er ein. Ja, es war Sejjid Omar. Er hatte sein bestes Gewand angelegt und den Turban aufgesetzt, während er für gewöhnlich den roten Tarbusch*) trug. Das geschah in der Absicht, mir zu zeigen, daß die zu besprechende Angelegenheit für ihn eine ungewöhnlich wichtige sei. Nach Art der Araber, welchen bei dern hiesigen Klima ein Verschließen der Wahnräume nicht geläufig ist, ließ er, als er hereingekommen war, die Thür weit offen stehen. Draußen auf dem Korridore stand wahrscheinlich ein Fenster auf, und da meine Balkonthiir auch offen war, so entstand ein Luftzug, dessen plötzlicher Stoß so stark war, daß er die auf dem Tisch liegenden Papiere emporhob und eines derselben hinaus auf den Balkon führte, wo es zwar zunächst liegen blieb, aber so lebhaft bewegt wurde, daß es jeden Augenblick weiter fliegen konnte. Omar sprang sofort dienstfertig hinaus. Er hob es auf, betrachtete es und warf es dann in dieLuft, die es wirbelnd mitsichnahm. "Es stand wohl nichts darauf?" fragte ich. "O ja, es war beschrieben," antwortete er. "Aber, warum hast du es da nicht hereingebracht, sondern weggeworfen?" "Es war ja nicht arabisch!" Er sagte das im Tone der unendlichsten Selbstverständlichkeit, daß alles nicht arabisch Geschriebene für das ganze Reich der Schöpfung vollständig gleichgültig und wertlos sei. Dabei lag auf seinem Gesichte eine solche Befriedigung, als ob es für mich gar keine Möglichkeit gebe, hierüber anders als er zu denken. "Höre Omar," belehrte ich ihn, "ich schreibe deutsch, aber trotzdem ist alles, was ich geschrieben habe, inehr wert, als wenn zum Beispiel du es arabisch geschrieben hättest. Auch das Papier kostet Geld, und dieses Blatt gehörte mir, aber nicht dir. Wie kommst du dazu, es wegzuwerfen? Wenn ein Franzose dich mit einen: goldene,: Napoleon bezahlt, wirfst du diesen auch weg, nur weil die darauf zu lesende Schrift nicht arabisch ist?" Er errötete, was seinem Gesichte bei dessen dunklen: Teint eine eigentümliche Färbung gab, ließ die Arme ivie ganz kraftlos sinken und hielt den Blick zu Boden gerichtet. Er besaß ein sehr stark entwickeltes Ehrgefühl, und mein Verweis wirkte bei ihm tiefer, als er bei einen: anderen gewirkt hätte. "Sihdi, was soll ich sagen!" stieß er hervor. "Es ist der Wunsch meines Herzens, dein Diener werden zu dürfen, und jetzt, wo ich es noch gar nicht bin und dich noch nicht einnml begrüßt habe, mache ich mich schon eines solchen Fehlers schuldig! Kannst du denn deine Bücher nicht arabisch schreiben, damit ich, wenn ich die Blätter liegen sehe, gleich lesen kann, ob sie wichtig sind oder ob ich sie wegwerfen darf?" "Du hast in Zukunft nichts, gar nichts wegznwerfcn, sondern grad die von mir beschriebenen Blätter mit der größten Sorgfalt zu behandeln! Sie sind mehr Geld wert, als du denkst!" "Maschallah! So habe ich Geld weggeworfen?" "Wahrscheinlich. Ich werde dann Nachsehen, was mir fehlt." "So verzeihe nur, Sihdi! Oder, ich werde auch etwas auf ein Blatt schreiben; das wirfst du weg, und dann sind wir qnitt!" Das war im vollsten Ernst gesagt. Ich konnte natürlich gar nicht anders, ich mußte herzlich lachen. Das gab ihm wieder Mut. Cr hob die Arme und den Blick wieder empor und fragte: "Was hast du über meinen Wunsch, mit dir zu gehen., beschlossen?" "Kannst du reiten?" "Ja." . "Auch zu Pferde?" "Ja; prüfe mich! Ich weiß vom alten Ibrahim Effendi, was für Ritte du schon hast machen müssen. Du wirst mich brauchbar finden." "So komm an: Nachmittag um drei Uhr wieder. Ich werde Pferde besorgen. Wir reiten nach Gizeh und morgen nach Salkara, Bedraschehn und vielleicht auch nach Heluan. Aber denke nicht, daß wir uns auf Touristenwegen halten werden! Wie du reitest, und wie bald oder spät du ermüdest, davon wird es abhängen, ob dein Wunsch erfiillt wird oder nicht." Da holte er tief Atem und versicherte in frohem Tone: "Hamdulillah!*) Ich werde dein Diener sein; ich weiß es ganz gewiß! Hast du jetzt noch einen Befehl für mich?" "Nein. Du kannst gehen." "Allah jesallimak — Gott segne dich!" Er griff nach meiner Hand, beugte sich zu ihr nieder und drückte sie an seine Lippen. Das geschah in einer Weise, "<Lr drückte meine ksand an seine Lippen". der man es ansah, daß ihm diese herzliche Art der Ehrenerwcisung ganz und gar nicht geläufig sei. Ich war geneigt, sie ihm hoch anzurechnen. Wenn ein Araber, der so wie dieser Sejjid Omar nur die Erfüllung seiner religiösen Pflichten besorgt ist, einem Christen die Haitd küßt, so ist ganz gewiß sein Herz dabei im Spiele. Daß Omar ein gewöhnlicher Eseltreiber war, kann nichts an dieser Sache ändern; da giebt es keinen Unterschied, sondern da handelt der Niedrigste genau so wie der Höchste. Aber wie kam gerad ich, der ich doch vor gestern abend nie mit ihm gesprochen hatte, zu dieser ganz besonderen Zuneigung? Der alte Ibrahim Efsendi kannte mich ziemlich genau und niochte viel von nnr erzählt haben; aber auch das war für mich noch kein hinreichender Grund. Wahrscheinlich lag dieser in irgend einem Umstande, den ich gar nicht beachtet und also wohl vergessen hatte. Als er fort war, sah ich nach den Papieren auf dem Tische. Zunächst glaubte ich, daß kein beschriebenes fehle; dann aber dachte ich an die vier Zeilen, welche ich heute Nacht geschrieben hatte, und bemerkte nun, daß diese fehlten. Das war mir fatal, denn ich konnte nun Nachdenken, so viel ich wollte, so war es mir unmöglich, mich der Strophe so, wie sie gewesen war, genau zu entsinnen. Ich erinnerte mich zwar des Hauptgedankens, daß es dem Christen nicht zieme, Tenrpel zu entweihen, da setbst auch dem heidnischen Götterdienste eine von der Erde emporhebende Idee zu Grunde liege, welche zu achten sei und nicht entheiligt werden diirfe; aber dieser Sinn wollte absolut nicht so leicht, ungezwungen und rein in die Reime fließen, wie er es iu den verloren gegangenen Zeilen gethan hatte. Ich trat also hinaus auf den Balkon, von welchem man den ganzen, großen Vorplatz überblicken konnte; aber es war leider nirgends ein Papier zu sehen. Der kräftige Wind hatte es wohl in die Scharia Kahinel oder hinüber nach dem Platze Ibrahim Pascha getrieben. Nun ging ich hinunter, um das Frühstück einzunehmen. In: Bureau ließ ich nach dem Menahonje-Hotel in Gizeh um das Zimmer telephonieren, welches ich zu bekommen trachte, so oft ich draußen bin. Es führt aus demselben eine gut verschließbare Thür direkt ins Freie, so daß man zu jeder Tagesund auch anderer Zeit nach den Pyramiden gehen kann, ohne von den anderen Gästen beachtet zu werden, oder den Schließer belästigen zu müssen. Es wurde mir zugesagt. In: Speisesaale angekommen, sah ich, daß die Chinesen schon gesrühstückt haben mußten. Sie waren nicht da. aber das gebrauchte Geschirr stand noch auf ihrem Tische. An dem zu meiner anderen Hand saß Mr. Waller ganz allein. Er hatte die leere Tasse vor sich, sah höchst gelangweilt aus und schien ans seine Tochter zu warten. Als der Kellner mich bediente und dabei an ihm vorüberging, fragte er ihn nach Monsieur Fu und Monsieur Tsi. "Stehen eben im Begriff, abzufahren," lautete die Anwort. "Was? Sie reisen ab?" "Nein. Sie bleiben noch für längere Zeit hier, um die Umgebung Kairos ebenso genau wie die Stadt selbst kennen zu lernen. Heut wollen sie nach Gizeh. Sie schlafen, in Menahouse mrd gehen morgen nach den Pyramiden von Sakkara." Das interessierte nicht nur den Missionar, sondern auch mich. Ich hatte also Gelegenheit, sie hent und morgen an den angegebenen Orten zu sehen, und nahm mir vor, einer etwaigen Gelegenheit, mit ihnen dort zu verkehren, nicht aus deni Wege zu gehen. Nach einiger Zeit kam Mary, und ihr Vater ließ servieren. Ich erfuhr, ohne die Absicht zu hegen, sie zu belauschen, daß die Miß von einem Ausgange zurückkehrte. Sie hatte einige kleine Einkäufe gemacht. Als die Gegenstände betrachtet worden waren, teilte ihr der Vater mit, daß die Chinesen nach den Pyrannden seien, und fragte sie, ob sie nicht Lust habe, heut auch hinauszufahren. Sie schien nicht sehr dafür gestimmt zu sein, vermutlich ans Rücksicht auf Fu und Tsi, auf welche es ihr Vater wahrscheinlich wieder abgesehen hatte; aber sie war gewöhnt, sich seinen Wünschen zu fügen, und so beschlossen sie, seinen Gedanken ausznführen und gleich nach Tisch und trotz der dann ziemlich großen Hitze hinauszufahren. Die üble Laune Mr. Wallers schien durch diese Fügsamkeit der Tochter gehoben worden zu sein. Er begann, gesprächiger zu werden, und nun, wo ich meine Aufmerksamkeit nicht zri teilen brauchte, wie gestern, fiel mir an ihm ein eigentümliches, nervöses, ich möchte fast sagen, ängstliches Springen von einer Idee auf eine andere, ihr völlig fremde, auf. Es war, als ob sich seine Psyche aus der Flucht vor einer anderen, aber auch in ihm lebenden, befinde. Das war ein ruheloses Haschen und Jagen von einem Gegenstände zum anderen. Er erwähnte seine verstorbene Frau, die er sehr lieb gehabt zu haben schien, auffällig oft und unterließ es natürlich nicht, auch voir seiner zukünftigen Missionsthätigkeit zu sprechen. Als ihn das mit unfehlbarer Sicherheit auf die einzustürzenden Säulen und Tempel brachte, fiel ihm die Tochter in die Rede. Sie griff in die Tasche, zog ein zusammengefaltetes Papier heraus und sagte: "Ich habe dir etwas mitzuteilen, was hierauf Bezug hat, lieber Vater. Du sagst, daß alles, was an eine andere Verehrung als unseres christlichen Gottes erinnere, fallen müsse, und magst vielleicht recht haben. Mir ist, wie du weißt, dieser Gedanke als zu streng erschienen, denn ich halte diesen Dienst für das ganz natürliche und noch unbewußte Lallen der Menschheit in ihrem frühesten Kindesalter. Nun habe ich hier einige Zeilen, die sich in ganz eigener Art und Weise mit dieser unserer Streitfrage beschäftigen." "Wer hat sie geschrieben?" "Das weiß ich nicht." "Also wohl gedruckt? Ein Blatt aus einem Buche?" "Nein. Es ist geschrieben; eine vierzeilige Strophe, welche ich für den Anfang eines Gedichtes halte." "Du mußt doch wissen, von wein du sie hast!" "Vom Winde!" lachte sie mit ihrer lieben, tiefen Stimme, indem sie das Blatt hoch emporhob und die Bewegnngen nachahmte, mit denen ihr das Papier zugeflogen war. "Als ich vorhin fortging, brachte er es mir zugetrieben und legte es mir fast gerad vor die Fiiße hin. Ich hob es auf, da es so rein und sauber war, und las die Zeilen, welche darauf stehen. Denke dir meine Verwunderung, als ich sah, daß sie sich gerad mit deinem Hauptthema beschäftigen. Willst du sie hören?" Er nickte, und sie las: "Tragt euer Evangelium hinaus, Um aller lvelt des Fimmels Gruß zu bieten, Doch achtet jedes andre Gotteshaus; Lin wahrer Lhrist stört nicht den Völkerfrieden l" Sie hatte langsam und so gelesen, daß inan hörte, ihr Herz stimmte diesen Worten bei. Dann blickte sie ihren Vater fragend an. Wenn ich der Ansicht gewesen war, daß er aufbräusen werde, so hatte ich mich geirrt. Er saß still, ganz still da und sagte zunächst kein Wort. Dam: legte er die Hände auf der Kante des Tisches zusammen und forderte sie iir beinahe bittendem Tone auf: "Lies noch einmal, Mary!" Sie folgte seiner Aufforderung: Blatt in Marys Hand zn sehen, so war ich es nun fast noch mehr über den Eindruck, den es gerad auf den Mann machte, welcher die eigentliche Ursache war, daß ich es beschrieben hatte. Es war ganz selbstverständlich, daß ich schweigen, am allerwenigsten aber es zurückverlangen wiirde. Ich hatte ja nun seinen Inhalt wieder, den ich mir nicht einmal zu notieren brauchte, denn das zweimalige Vorlesen war mehr als hinreichend, ihn mir so einzuprägen, daß ich ihn nicht wieder vergessen konnte. Da endlich regte sich der Amerikaner wieder. Er sah sich in: Saale um, als müsse er sich besinnen, wo er sei; dann fragte er in einem für ihn gewiß imgewöhnlich weichen Tone: "Und dies hat dir der Wind gebracht, wirklich nur der Wind?" "Ja, inein lieber, lieber Vater!" Ich sah, daß ihre Augen feucht zu werden begannen. "Ich denke," fuhr er fort, "an den hundertunddritten Psalm und an das erste Kapitel des Buches an die Hebräer; es kann auch der hundertundvierte Psalm sein; ich weiß es nicht genau. Dort steht geschrieben: "Er macht seine Engel zu Winden und seine Diener zu Feuerflammen." Steht kein Name auf dem Blatte? Keine Seitenzahl? Gar nichts, woraus man schließen köimte, wem oder wohin es gehört?" "Gar nichts, Vater." "So dürfen wir es also als unser Eigenturn betrachten und wollerr es aufheben für für spätere Zeit, wo wir es vielleicht brauchen." "Willst du es haben?" "Nein; behalte es! Und wenn wenn — wenn ich wieder einmal lieblos von 'denen spreche, die ich Heiden nenne, so sage mir die letzte Zeile: "Ein wahrer Christ stört nicht den Wlkersrieden!" Ich denke, das wird gut für etwas sein, was in mir ist, was siegen will und doch nicht siegen kann." Es trat wieder eine Pause ein, nach welcher Mary die Vermutung aussprach: "Der Verfasser ist wahrscheinlich ein Deutscher. Und weil ich das Blatt innerhalb der Vorstufen zum Hotel fand, so nahm ich an, daß er hier wohnt und es im Kommen oder Gehen draußen verloren hat. Ich erkundigte mich darum vorhin bei meiner Rückkehr im Bureau, ob vielleicht ein deutscher Dichter hier logiere, und habe eine verneinende Antwort erhalten." "Mag der, welcher es geschrieben hat, sein, wer und was er sei, er wird den kleinen Verlust entweder aus dem Konzepte oder aus dem Gedächtnisse leicht wieder ersetzen können. Er bekommt das Blatt nicht wieder, und selbst wenn er mir bekannt wäre, würde ich ihn bitten, es behalten zu dürfen. Ob die Zeilen als Gedicht gut sind, das weiß ich nicht; ich bin kein Kritiker; aber der Inhalt ist fiir mich von Wert, und int Ausdruck liegt etwas, dem ich "Tragt euer Lvangclium hinaus, Um aller weit des Himmels Gruß zu bieten, Doch achtet jedes andre Gotteshaus; Lin wahrer Lhrist stört nicht den Völkerfrieden I"' Und wieder wurde es still. Mary sah, daß diese ihr vom Winde zugewehten Zeilen auf ihren Vater eilte Wirkung ausübten, die sie wohl nicht erwartet hatte, und hütete sich, diese Wirkung zu unterbrechen, lind er saß mit gefalteteit Händen da, ohne sich ztt bewegen. Seine Augen sahen, gerade aus, wie in eine weite, nur ihm bekannte Fertre. Int Saale ging und kam man hin und her; Tassen und Teller klirrten, Messer und Löffel klapperten; es witrde viel und laut gesprochen, doch das alles schien ihn nicht zu stören. Er beachtete nicht, daß das Frühstück noch fast unberührt vor ihm stand, denn er hatte bisher weit mehr gesprocheir als gegessen oder getrunken. Er hörte es auch gar nicht, daß der Kellner, an ihn: vorüberstreichend, ihn nach etwaigen Wünschen fragte. Er schien, ntit einem bezeichnenden Worte gesagt, geistig vollständig abwesend zu sein. War ich überrascht gewesen, das verloren gegangene nicht widerstehen kann. Ich bin so alt geworden und habe doch nie und nicht gewußt, wie sich ein schönes, liebes, reiires, klares Wort so schnell und ties ins Herz hinunterheimeln kann! lind eins noch ists, was ich dir sagen muß, mein Kind." Aber er sagte es noch nicht, sondern er legte, das Gesicht seiner Tochter zngewendet, den Ellbogen ans de» Tisch, halte Frieden!" lind nun trägt heut der Wind dir fast genari dieselben Worte zu! Deine Stimme gleicht der ihrigen, und als du vorhin diese Zeilen lasest, da tauchte Plötzlich ihr Sterbezimmer vor mir aus und " Weiter hörte ich nichts, oder vielmehr weiter wollte, ich nichts hören. Die anderen Gäste saßen drin im eigentlichen Saale und wir, durch Säulen von diesem getrennt. "Die uns begegnenden Kamele bildeten mir willkommene Zindernisse". den Kops in die Hand, sah sie liebevoll prüfend an, machte dann die Augen zu, als ob er sich etwas zu vergegenwärtigen habe, und sprach erst hierauf weiter: "Du bist deiner Mutter so überaus ähnlich, äußerlich und innerlich, und das hat mich über ihren Verlust, wenn auch nicht beruhigt, aber doch getröstet. Sie ist mein Engel gewesen, und du glaubst ja, daß sie heut ebenso wie früher bei uns weilt. Ich weiß, daß ich ein streitbarer Theologe bin, vielleicht streitbarer, als die Bibel will, und es ist stets das Hanptbestreben der Toten gewesen, dieses mein aggressives Wesen zu mildern. Sie warnte mich vor China, und als ich trotzdem meine Absicht, dorthin zu gehen, nicht aufgab, trübte sich die Zeit, welche, für uns so schrecklich unerwartet, die letzte ihres Lebens sein sollte. Als ich an ihrem Todestage zum letzten Male mit ihr allein war, — du hattest draußeir mit dein Arzt zu sprechen — mußte ich ihr die Erfüllung ihres Abschiedswunsches geloben. Ich that es, indem ich ihre Hand in die ineine nahm, uiid dann sprach sie ihn aus: "Sei stets ein echter Christ, uiid allein im Seitenraum: sie brauchte er also nicht zu beachten. Aber mein Tisch stand dem seinen so nahe, daß ich seine Worte hören nmßte, wenn ich auch nicht wollte. Mochte er mich nun wirklich für einen Franzosen halten, der nicht deutsch verstand, oder galt ich als Frenider faktisch für ihn als gar nicht vorhanden, jetzt durfte mir das nicht mehr gleichgültig sein. Er berührte eine Angelegenheit von solcher Diskretion, daß es mir meine Pflicht verbot, noch länger zuzuhören. Ich stand also auf und ging, wobei ich zu meiner Genugthunng bemerkte, daß er nicht die mindeste Notiz davon nahm. Hatte ich gestern gemeint, daß er vielleicht ein ganz guter Mensch sei, jo war mir dieses Vielleicht jetzt zur Gewißheit geworden. Nur lvohnte und lvirkte leider ein Dämon in ihm, der ihn selbst um den Frieden brachte, den er andern doch so gern geben wollte; er hatte ihn ganz richtig als Aggressivität bezeichnet. Dieser Teufel ist es, derMenschen, Korporatiollen und Völker immer vorwärts drängt, um neuen Raunt zu gewinnen, dabei aber ans dem alten, ivohlerworbenen keinen Frieden und keinen Segen aufkomnien läßt! Während des Mittagessens wurde es mir nicht schwer gemacht, diskret zu sein, denn meine Nachbarn sprachen außerordentlich wenig. Später bemerkte ich von meinem Fenster aus, daß sie einen Hotelwagen bestiegen, um den beabsichtigten Ausflug zu unternehmen. Punkt drei Uhr klopfte Sejjid Omar an meine Thür. Die Pferde ivurden schon bereit gehalten; wir konnten ausbrechen. Natürlich beobachtete ich ihn schon dein: Aufsteigen. Das ging so leicht und glatt von statten, als ob es seine tägliche Gewohnheit sei. Auch hielt er sich eine volle Pferdelänge hinter mir, was ich dadurch belohnte, daß ich ihn aufforderte, an meine linke Seite heranzukommen. Ich konnte ihn doch nicht beobachten, wenn ich ihm Vorausritt. Er hielt sich nun still und ruhig neben mir, ohne, was ein anderer wahrscheinlich versucht hätte, mir zeigen zu wollen, daß er sein Pferd zu beherrschen verstand. Doch wurde, als wir uns dein Kasr en Nil näherten, der Straßenverkehr trotz der Hitze ein so lebhafter, daß ich leicht Gelegenheit fand, ihn, ohne daß er es bemerkte, auf die Probe zu stellen. Die uns begegnenden Wagen, Reiter, Kamele und Fußgänger bildeten mir willkommene Hindernisse, und ich wich ihnen in einer Weise aus, welche es einen: mittelniäßigen oder gar schlechten Reiter sehr schwer gemacht hätte, nicht von mir abzukommen; er aber überwand diese Schwierigkeiten, ohne daß er sie zu bemerken schien. Jenseits der Brücke ging es im Trab. Er saß wie angegossen. Jenseits des Museums, als wir das bekannte Eckcafe hinter uns hatten, mußten wir wieder langsan: reiten, denn es begegneten sich da zwei Reihen aneinander gebundener Lastkamele, zwischen denen, gerad als ein Doppelwagen der Tramway von Gizeh kam, sich eine Schar schwatzender Fellachenfrauen befand, welche Körbe auf ihren Köpfen trugen. Das gab wahrscheinlich einen kritischen Augenblick. Wie gedacht, so geschehen! Die Tramway erschreckte die Kaniele; sie blieben stehen; das eine zerrte nach rechts, das andere nach links; dieses stand lang und jenes quer, und da sie zusammengebunden waren, so entstand für einige Zeit ein straßenbreites Hindernis von blökenden Kamelen und schreienden Weibern, in deren Mitte wir steckten. "Komm, Omar!" Mit diesem Rufe drängte ich mein Pferd zwischen zwei Frauen hindurch, hinter denen zwei Kamele so standen, daß sie eine schmale Lücke bildeten, welche durch den sie verbindenden Strick geschlossen war. Ich nahm mein Pferd hoch und kam glücklich über den Strick hinweg. Die Frauen kreischten; die Kameltreiber schimpften; Omar aber lachte fröhlich aus und nahm das Hindernis ganz in derselben Weise. Das war für dieses Mal genug, und es handelte sich nur noch darum, seine Ausdauer kennen zu lernen. Auf der Straße von Kairo nach den Pyramiden kommt inan an zwei Fellachendörfern vorüber, welche links liegen. Rechts dehnen sich grüne Flächen ans, welche von Kanälen bewässert werden. Die Pyramiden hat man gerade vor sich liegen. Sie erscheinen von weitem als dreieckige Flächen, treten aber, je mehr man sich ihneir nähert, um so plastischer hervor. Das Menahouse-Hotel liegt an: Fuße derselben. Es führt von ihm aus ein ziemlich breiter, auch fahrbarer Weg hinauf, welcher, um nicht voin Sairde verschüttet zn werden, zu beiden Seiten mit Mauern versehen ist. Er gleicht einem Hohlwege, weil der Sand die Höhe der Mauern erreicht. A::f dieser Höhe giebt es keinen eigentlichen Weg, doch führte aus dem von mir bestellten Zimmer eine Thür heraus auf sie, und man konnte da, allerdings nur über ungebahntes Geröll, direkt nach den Pyramiden kommen, ohne unterwegs von den in den: Hohlwege befindlichen Passanten gesehen zu werden. Es ist nicht ohne Absicht, daß ich diesen Umstand besonders in Erwähnung bringe. Am östlichen Fuße der Pyramiden liegt das arabische Dorf el Kasr, dessen Bewohner, von den Touristen vollständig verdorben, in rücksichtsund charakterloser Aufdringlichkeit das Menschenmöglichste leisten. Sie halten, vereinzelt aufgestellt, schon in weiter Entfernung von den Pyramiden auf der Straße Wache, um über die aus der Stadt kominenden Fren:den herzufallen und, wenn sie auch nicht engagiert werden, doch wenigstens ihre falschen Münzen, geschickt nachgemachten Scarabäen und andere wertlose Imitationen an den Mann zu bringen. Heut sah ich keinen einzigen von ihnen auf der Lauer stehen. Es mußte irgend ein Grund vorhanden sein, der sie abhielt, ihrer einträglichen Herumlungerei jetzt obzuliegen. Ich erfuhr ihn sogleich, als ich das Hotel erreichte. Die gestern auf den: Platze Ibrahim Pascha beobachteten fremden Pilger waren heut heraus nach den Pyramiden gezogen, um ihnen, die für den Wüstenbewohner noch größere Wunderwerke als für uns civilisierte Menschen sind, einen Besuch abzustatten. Sie hatten in das Hotel eindringen wollen, waren aber abgewiesen worden, was freilich rnit der allergrößten Vorsicht hatte geschehen müssen, um ihre Rachgier nicht herauszufordern. Der mich nach meinem Zimmer führende Kellner teilte mir lachend mit, daß man mit einigen wie zufällig vorübergetragenen, geräucherten Würsten und Schweineschinken diesen Zweck sehrschnell und ohne alle üblen Folgen erreicht habe. Die über diesen Anblick ganz entsetzten Mohammedaner waren schreiend davongelausen und hatten es nun ganz gewiß ansgegeben, das für sie jetzt für verpestet geltende Haus zu betreten. Sie hatten dann zunächst el Kafr einen Besuch gemacht, um sich Nahrungsmittel zu erbetteln, und waren dann nach den: Granittempel gestiegen, um an der Sphinx vorüber nach der Cheopspyramide zu kommen und diese zu besteigen. Natürlich hatte sich alles, was in Kafr wohnte und laufen konnte, diesen Pilgern angeschlossen, welche in: Bahr bela Ma*) zwischen Setrah und dem Dschebel Burgheh zu Hause waren. Es verstand sich nun eigentlich ganz von selbst, daß es keinem der Bewohner oder Gäste des Hotels einfallen konnte, nach den Pyramiden zu gehen, so lange sich diese fanatischen Menschen oben befanden, doch als ich nüch nach den beiden Chinesen erkundigte, erfuhr ich, daß sie hinauf gegangen seien, und Mr. Waller war ihnen mit seiner Tochter später nachgefolgt. Welch eine llnvorsichtigkeit! Freilich nur von dem Amerikaner, denn als die Chinesen aufgebrochen waren, hatten sich die Pilger noch nicht eingestellt gehabt; Waller aber war erst nach ihrer Ankunft weggegangen und durch keine Warnung von diesem Wagnisse abzuhalten gewesen. Es war mir ganz, als ob ich ihnen folgen müsse, doch konnte ich dadurch leicht den Anschein erwecken, als ob ich für sie ein größeres Interesse besitze, als sie mir erlauben wollten, und so unterließ ich es. Ich öffnete die erwähnte Thür meines Zinuners, nahm einen Stuhl mit hinaus und saß nun oben auf dem hoch aufgewehten Sande. Der tief in denselben eingeschnittene Weg nach den Pyramiden lag so weit von mir entfernt, daß ich seinen Grund nitr an derjenigen Stelle sehen konnte, wo er einer Krümmung nach links hinüber folgte. Der eigentlicheKörper der Pyraniiden wurde in Stufenform aufgebaut und dann mit einer platten Bekleidung belegt,unterwelcherdie Stusenformverschwand. VondieserBekleidungistjetzt nur noch an derSpitzederzweiten, derjenigen des Chefren, ein Rest zu sehen, mährend von der Cheopspyramide die Spitze ganz verschwunden ist, wodurch sich "See ohne Wasser". oben eine vielleicht zehn Quadratmeter große Fläche gebildet hat, zu welcher man von der nordöstlichen Kante aufsteigen kann, weil dort die vielleicht einen Meter hohen Stufen am gangbarsten sind. Der Aufstieg geschieht gewöhnlich mit Hilfe dreier Beduinen, von denen zwei stets voran sind, um 311 ziehen, während der Dritte schiebend hinterher zu folgen hat. Ist man oben angelangt, so hat man, in umgekehrter Richtung der Aussicht vom Dschebel Mokattanr, nach Osten zu das Grün des kanalisiertet: Landes in der Nahe, die Stadt aber in ziemlich weiter Ferne liegen. Nach Nordwest, West und Süd dehnt sich die Wüste mit ihren braungelben Sandflächen, aus denen hungernd und dürstend nackte Klippen ragen. Nach Südwest steigert die anderen Pyramiden auf; tief unten aber schaut die Sphinx nach Osten, doch kann sie den Aufgang der Sonne nicht mehr sehen, weil der Sand vonJahrhundert zri Jahrhundert rund um sie her so hoch "gewachsen" ist, daß es für sie einen Morgen nicht mehr giebt. Der Nanre Sphinx ist für die ägyptischen Steingebilde falsch angewendet; er ist griechisch, und sie aber hatten mit der thebaischen Tochter des Typhon und der Schlange Echidna nichts zu thun. Sie hießen bei den Aegyptern "Neb", d. i. "Herr". Ihre aus dem Felsen hcrausgewachsene, für unzerstörbar gehaltene und in majestätischer Einfachheit und Größe vor den Tempeln ruhende Vereinigung der Tiermit der Menschenform sprach Wohl auch ein tiefes, schweres Rätsel aus, fügte aber, sie durch sich selbst verratend, sogleich die Lösung hinzu, daß nur die aus dem Geist geborene Kraft die Welt regiere. Materialisten also waren die alten Aegypter nicht, und gerade darum gelang es ihnen, den Stoff selbst in seiner gewaltigsten Schwere mit Hilfe der einfachsten Gesetze zu beherrschen. Wo Sejjid Omar jetzt war und was er that, das wußte ich nicht. Er hatte mich bei unserer Ankunft gefragt, was er mm vornehmen solle, und von mir den Bescheid erhalten, daß er die Pferde gut zu versorgen und sich erst ant Abend wieder bei mir zu melden habe. Jetzt brauchte ich ihn ja nicht; heut Abend aber sollte, er mich begleitet:; ich wollte beim Mondschein einen längeren Spaziergang nach den Pyramiden unternehmen. Da standen sie vor mir. so nahe und doch so fern. Nur drei Minuten trennten mich von der mir nächster. der großen, und doch waren es eigentlich nicht drei Minuten, sondert: viertausettd und neunhundert Jahre. Die Gestalten der Araber, welche ich deutlich an ihr ausund nie derklettern sah, so pygmäisch, so ameisenwinzig, sie gehörtet: diesen drei Minuten an. Was bleibt nach ihrem Tode von ihnen übrig?! Aber das Andenken derer, welche diese Quadern aufeinander türmten, es ist nach fast fünftausend Iah ren noch nicht vergessen. Ihr Leben ist nicht spurlos an der Welt und an den Tafeln der Geschichte vorübergegangen. Und doch sind diese fünftausend Jahre in: Verhältnis zu der Ewigkeit auch nichts anderes als diese drei Minuten, und wenn die große Frage kommt, welche ein jeder einst zu beantworten hat, wird Cheops wahrscheinlich um keinen Zoll größer sein als einer der Beduinen, welche die Perspektive mir jetzt so zwerghaft klein erscheinen ließ. Indem ich zu ihnen hinaufschaute, glitt mein Auge auch über die Stelle des Weges, welche, wie schon bemerkt, die einzige war, die ich sehen konnte. Da kam jemand sehr eilig herabgelaufen. Obgleich ich ihn nur einen Moment sehen konnte, erkannte ich doch Sejjid Dinar in ihm. Er lief so schnell, daß sein langes Gewand hinter ihm her wehte. Es mußte etwas für ihn sehr Wichtiges sein, was ihn, der in allen seinen Bewegungen so gern die ihm eigene Würde zeigte, jetzt veranlaßte, es so außerordentlich eilig zu haben. Nur wenige Schritte nach links von mir ging die Sandhöhe, auf welcher ich nüch befand, in das platte Menahaushotel. Dach eines zum Hotel gehörigen Nebengebäudes über. Von diesem aus konnte ich Omar aus dem tief eingeschnittenen Wege herauskommen sehen. Ich ging hin und schaute hinab. Auf dem Vorplatze saßen und standen viele Herren und Damen, welche diesen Aufenthalt den schwülen, dumpfen Zimmern vorgezogen hatten. Omar hemmte seine Schritte nicht, sondern rannte zwischen ihnen hindurch, ohne daran zu denken, daß ihn: seine direkte Abstammung vom Propheten bei dieser Art von Schritten höchst wahrscheinlich nicht angesehen werden könne. Ich ging nach meinem Zimmer und hatte es kaum erreicht, so hörte ich ihn auch schon klopfen. Er wartete meine Antwort gar nicht ab, sondern trat ein, ließ die Thür ganz selbstverständlich offen stehen und sagte, indeni er mit dem Atem rang: "Sihdi, es wird über sie Gericht gehalten. Du mußt sofort kommen und ihren Fakih*) machen!" Von wem redest du?" fragte ich. "Von den Chinesen. Sie sind gute Menschen und wohnen in demselben Hotel mit dir. Ich hoffe, daß dies genug Gründe für dich sind, ihnen beizustehen!" "Ich bin kein Fakih. Wer klagt sie an? Was haben sie gethan?" "Sie haben den Amerikaner in Schutz genommen, dem es wahrscheinlich an das Leben gehen wird. Das geschieht ihm recht! Du hast es ja gesehen, wie er mein Gebet unterbrochen hat!" "Weshalb soll es ihm an das Leben gehen?" "Das erzähle ich dir unterwegs; komm nur schnell, sonst tvird es vielleicht zu spät, dich der Chinesen anzunehmen!" Er faßte mich am Arme, um mich mit sich fortzuziehen. Ich wehrte ihn ab und sagte: "Beherrsche dich! Man kann durch zögerndes lieberlegen weiterkommen als durch übermäßige Eile. Erzähle, wenn auch kurz, aber alles, was geschehen ist." Er versuchte, seinen fliegenden Atem zu beruhigen, und folgte meiner Aufforderung: "Als ich die Pferde in den Stall geschafft und ihnen Futter gegeben hatte, ging ich hinauf nach den Pyramiden. Ich wollte die fremden Mekkapilger sehen, vor denen ich mich nicht zu scheuen brauche, weil ich weder Christ noch Jude, sondern nicht nur Mosleni, sondern sogar Sejjid Omar bin. Ihre Gewänder sind zwar während der weiten Reise zerrissen und sehr, sehr schmutzig geworden, aber das hindert nicht, daß diese Beduinen vom Bahr bela Ma sehr fromme Männer sind, welche Mekka gesehen haben und viel von ihm erzählen können. Als ich kam, waren sic dabei, die große Pyramide zu besteigen. Da aber auf der Höhe derselben nur gegen dreißig Personen stehen können, mußte dies in Abteilungen geschehen. Es dauerte sehr lange, ehe die erste wieder herunterkam. Mit dieser ging ich nach der Sphinx hinunter, denn sie sollte auch bestiegen werden. Du weißt, daß man da am Grnnittempel vorüberkomnit. Indem wir dies thaten, hörte ich Stimmen in dem Treppengang desselben, achtete ihrer aber nicht. Hätte ich gewußt, wer es war, so wäre ich hineingegangen, um sie zu warnen." "Wer war es denn?" unterbrach ich ihn. "Die beiden Chinesen, der Amerikaner und seine Tochter. Wir stiegen alle auf den Rücken der Sphinx, von wo aus einige der jungen Leute von el Kafr gegen ein Bakschisch auch noch auf den Kopf zu klettern pflegen, was so gefährlich ist, daß ich nicht versuche!: möchte, es nachzumachen. Einer von ihnen führte dieses Kunststück aus, und der Schech der fremden Pilger behauptete, es ihm nachmachen zu können. Man glaubte es ihm nicht; es ivurde hin und her gestritten und ihm schließlich eine Wette Angeboten, auf welche er einging. Er zog seinen Mantel aus und nahm auch sein Ham ml vom Halse, weil es während des Kletterns leicht beschädigt werden konnte. Die Schnur, an welcher es hing, war zu eng, sie über den Kopf zu bringen. Er zog zu sehr; sie zerriß, und da er sie nicht festhielt, flog das Hamail seitwärts auf den Boden nieder, wo sich der Fels nach unten rundet. Es glitt weiter und fiel in die Tiefe hinab." "Das hat nichts zu sagen. Die Hawaiis werden in "Ah, ich errate! Der Amerikaner und das Hamail!" "Ja, so ist es, Sihdi! Die vier Personen hatten den Granittempel verlassen und waren dann auch nach der Sphinx gegangen, obgleich sie sahen, daß deren Körper von Beduinen geradezu wimmelte. Doch hatte dieser Umstand sie wenigstens abgehalten, sie auch zu besteigen; sie waren vielmehr den schmalen Pfad, welcher von ihren: westlichen Teile nach dem östlichen führt, hinabgegangen und hatten dort bei dem Borderfnße das Hamail liegen sehen. AnDie Mekkopilger auf der Sphinx. Futteralen getragen, und unten giebt es lockeren Sand; das Buch wird also nicht beschädigt worden sein." "Das ist richtig; aber höre, was gleich weiter geschah! Der Schech kümmerte sich jetzt nicht um sein Hamail, welches er sich dann ja holen konnte; er dachte nur an seine Wette. Es war ausgemacht worden, daß noch einmal jemand von el Kafr hinaufzuklettern habe, damit derFremde sich die Stellen merken könne, wo die Finger Mid die Zehen einzusetzen sind. Diese Bedingung wurde auch erfüllt. Es gab also bis zum Austrage der Wette ein zweimaliges Hinaufund wieder Herunterklettern. Das dauerte natürlich lange, weil jede Bewegung äußerst vorsichtig unternommen werden mußte, und während dieser Zeit geschah unten etwas, was wir nicht beachteten, weil unsere ganze Aufmerksamkeit nach oben gerichtet war." statt es NUN gar nicht anzurühren, weil sie doch keine Muhammedaner waren, und sich auch gewiß denken konnten, daß es einem oben auf der Sphinx befindlichen Pilger gehören werde, hatten sie es sogar aus deni Futterale gezogen, geöffnet und durchblättert. Inzwischen hatte der fremde Schech, der ein sehr kühner Kletterer ist, seine Wette gewonnen, und wir stiegen von der Sphinx herunter, was, wie du tveißt, an ihrem Hinterkörper geschieht. Dort trafen wir mit dem wieder nach hier gekommenen Amerikaner zusammen. Als der Schech sein Hamail in den Händen dieses Mannes sah, war er zunächst so erschrocken, daß er kaum sprechen konnte; bald aber verwandelte sich der Schreck in Zorn. Er riß es ihm aus der Hand und fragte, ob er im Menahouse. wohne, wo nian Wurst und Schinken esse. Als der Gefragte mit einem Ja antwortete, mußte die Heiligkeit des Hamail für vernichtet gelten. Du kannst dir nun die Wut des Schechs denken, welcher den Amerikaner am liebsten Vernichter hätte. Dieser war aber nicht etwa so klug, zu schweigen, sondern er verteidigte sich und nannte das Hamail ein Lügenbuch." "Er kann aber doch nicht arabisch sprechen!" "Der Dolmetscher war bei ihm, den du auf dem Dschebel Mokattam mit ihm und mir gesehen hast. Er ist vom Hotel weg zu ihm gefahren, um ihn abzuholen und mitzunehmen." "Und dieser Mensch war so unvorsichtig, das Wort Liigenbuch zu übersetzen, ohne ein anderes weniger beleidigendes an seine Stelle zu nehmen?" O, er hat noch ganz anderes übersetzt! Ich kann dir nicht alles so ausführlich erzählen, wie es geschehen ist, denn ich habe schon jetzt zu viel Zeit versäumt und will dir nur noch sagen, daß der Amerikaner es in seinem Zorne gewagt hat, dem Schech das Hamail wieder zu entreißen und unter schlimmen Ausdrücken, welche auch übersetzt worden sind, ihm vor die Füße zu werfen." "Unmöglich!" "Es ist wahr. Ich stand dabei und habe es selbst auch gesehen. Der Schech riß das Messer heraus, um ihn zu erstechen; die Tochter wollte sich dazwischen werfen; der junge Chinese riß sie zurück und hat den Stich in den Arm bekommen. Der fremde Schech wollte wieder stechen, und seine Leute griffen auch nach ihren Messern. Es wären wenigstens drei Menschenleben zu Grunde gegangen, wenn nicht der Schech ei Beled*) von ei Kafc eingeschritten wäre. Diesem ist von der Regierung die Aufsicht über das Gebiet der Pyramiden übertragen worden, und er mußte sich sagen, daß die Ermordung von Christen, die überdies noch Ausländer sind, für ihn und die Bewohner seines Dorfes von sehr schlimmen Folgen sein werde. Aber es kostete ihm sehr viel Ueberredung, bis die Fremden ihre Messer wieder einsteckten, doch verlangten sie Sühne, und zwar blutige Sühne, weil eine solche Behandlung eines Hamail ein. größeres Verbrechen ist, als selbst ein zehnfacher Mord sein würde. Diese Sühne soll auch sofort und ohne Zeitverlust gegeben werden, und darum drangen sie auf das Zusammentreten einer Dschemma*), welche den Fall ohne Zögern zu besprechen und das Urteil zu fällen habe." "Sind die Beisitzer dieser Dschemma bereits geivählt?" "Nein. Es werden lauter Fremde sein, und von den Hiesigen darf ihr nur der Schech el Beled beitreten. Dieser hat einen seiner Leute heimlich nach Kairo um Hilfe geschickt. Bis diese kommt, will er versuchen, die Verhandlung hinauszuziehen; aber ich glaube nicht, daß ihm dies gelingen wird." "Ich auch nicht. Die Fremden scheinen den Fall nach dem Gesetz der Wüste behandeln und von der hiesigen Polizei nichts wissen zu wollen. Ja, es kann zwischen dieser und ihnen sehr leicht zum Kampfe und Blutvergießen kommen!" "Daran dachte ich auch, und darum bin ich zu dir geeilt, um dich zu holen. Du ivirst diese Sache ans gutem Wege zu enden wissen!" "Ich? Wie kommst bn zu dieser Idee?" "Ich habe dir ja schon gesagt, daß mir der alte Ibrahim Effendi mehr von dir erzählt hat, als du denkst. Ich bitte dich um Hilfe. Wirst du sie den Chinesen verweigern?" "Du sprichst nur von ihnen, obgleich ihnen direkt keine Gefahr droht. Für den Amerikaner bittest du nicht?" "Nein! Er mag bekommen, was er verdient hat! Ich habe ihn auf dem Mokattam verschont; hier aber darf er keine Schonung finden!" Da legte ich ihm die Hand auf die Schulter, sah ihm ernst in die Augen und sagte langsam, indem ich jedes Mort betonte: "Du bist Sejjid Omar, aber du bist kein guter Mensch! Und wer kein guter Mensch ist, der kann auch kein guter Anhänger des Prophetei: sein! Ich wallte dich jetzt mitnehmen. Weil du mir helfen solltest, dem Amerikaner beizustehen. Du kannst aber hier bleiben!" Ich that, als ob ich gehen wolle; da rief er aus: "Sihdi, nimm mich mit! Ich will dir beweisen, daß die Güte eines Moslem größer sein kann als sein Wunsch nach Rache. Brauchen wir Waffen?" "illein, sondern nur Klugheit und Entschlossenheit. Unsere Pferde sind nicht mehr gesattelt?" "Nein. Reiten wir denn?" "Ja, doch haben wir keine Zeit, vorher zu satteln. Ich kenne die Gesetze der Wüste sehr genau. Diese fremden Bedninen loerden sich von dein Scheck) el Beled nichts vormachen lassen. Sie sind auf den Zusammentritt der Dschemma bloß deshalb eingegangen, tveil sie derartige Scenen lieben; das Urteil aber wird auf den Tod deL Amerikaners lauten, und sie werden es ausführen, ohne sich um die Meinung irgend eines arideren Menschen, sei es auch der Khedive von Aegypten, zu bekümmern. Wo wird diese Versammlung abgehalten?" "Eiii wenig oberhalb der Sphinx." "So wird der Missionar diese Stelle nicht lebend verlassen, wenn wir ihn nicht herausholen. Da er zu Fuß nichl entkomnren kann, sondern voii ihiieir eingeholt würde, reiten wir. Merke dir hier diese Thür, welche hinaus in das Freie führt! Sie ist von Wichtigkeit. Ich lasse sie um eine Lücke offen, und der Schlüssel bleibt von innen stecken." "Warum, Sihdi!" "Das erfährst du untertvegs. Jetzt komm!" Ich nruß bemerken, daß wir sehr schnell sprachen und daß diese Unterredung also nicht halb so lange währte, als wenn Ulan sie von: Papiere liest. Ein Hamail ist ein in der Stadt Mekka geschriebener und unter gewissen Feierlichkeiten erworbener Kuran, der nur an solche Pilger verkauft wird, welche nachweislich allen Verpflichtungen getreulich nachgekommen sind. Er gilt als das köstlichste Andenken an die Pilgerschaft, wird für heilig gehalten und darf nie mit irgend etwas in Berührung kommen, was dieser Heiligkeit nicht angemessen ist. Mr. Waller hatte nach den Begriffen derer, in deren Händen er sich fetzt befand, unbedingt ein todeswürdiges Verbrechen begangen. Wenn man hierzu die unter diesen Leuten gewöhnliche Christenverachtung und die durch die Pilgerfahrt bis zur Brutalität gesteigerte religiöse Aufregung rechnet, so kann man sich die Gefahr wohl denken, in welcher der Genannte gegenwärtig schwebte. Eine Dschemma über einen Christen, nebst den: an ihm vollstreckten Todesurteil, ein besserer Schluß konnte nach Ansicht dieser Fanatiker ihrer Reise nach Mekka ja gar nicht gegeben werden! Wir eilten nach dem Stall hinüber, zogen die Pferde heraus, stiegen auf und ritten den Hohlweg nach den Pyramiden hinauf. Ich hielt es nicht für geraten, im Hotel zu sagen, warum wir diesen Ritt unternahmen. Je weniger Aufsehen erregt wurde, desto größer war fiir mich die Hoffnung des Gelingens. Als wir oben bei der Cheops-Pyramide ankamen, ivar dort kein Mensch zu sehen, denn jedermann war nach der Sphinx geeilt, um bei der Dschemma anwesend zu sein. Das war nur lieb, weil ich nun, ohne gesehen zu werden und Verdacht zu erregen, Omar unterweisen konnte, was er zu thun hatte. "Hier trennen wir uns," sagte ich. "Wem: der Amerikaner reiten kann, ist er zu retten, sonst wahrscheinlich nicht. Ich reite hier links an den kleinen Pyramiden nach der Sphinx hinunter, dränge mich an die Dschemma heran und suche, mit dem Pferde möglichst nahe an den Amerikaner heranznkommen. Dann steige ich ab und spreche mit beu Beduinen." "Aber du wagst dein Leben, Sihdi!" fiel Omar ein. "Nein. Da ich heut nicht den Hut, sondern den Tarbusch trage, wird man mich für euren Efferrdi halten, und ich werde nichts sagen, wodurch ich mich als Christ bezeichne. Während ich die Aufuierksamkeit der Dschenuna ganz auf mich ziehe, steigt er schnell auf das Pferd und reitet fort." "Sie werden ihnr rrachreiten!" "Ich meine, daß sich keine anderen Tiere dort befinden werden, als die kleinen Esel und die langsamen Karnete der Leute von el Kafr?" "Das ist richtig!" "Man kann ihn also nicht einholen, aber man wird auf den klugen Gedanken kommen, ihn nicht nach dein Hotel zurückzulassen. Man wird also diesen Hohlweg hier besetzeir und ihrn die Annäherung auch von den anderen Seiten unmöglich machen. Aber au die Thür zu meinem Zimmer wird niemand denken." "Maschallah! Ich beginne, zu begreifen, Sihdi. Ich soll ihn nach dieser Thür bringen?" "Ja." "Aber wo und wie treffe ich ihir?" "Du reitest hier an der großen Pyramide entlairg, genau nach West, halb über das hinter ihr liegende Totenfeld, und wendest dich dann links nach der Pyramide des Chefren hinüber, an deren Südwestecke du wartest, bis der Amerikaner kommt." "Wird er wissen, daß ich dort bin?" "Ja; ich sage es ihm. Wenn er zu dir gestoßen ist, reitet ihr zurück, quer iiber das Totenfeld, aber ja nicht her zur großen Pyramide, sondern stets nach Nord, von der Höhe nach der Niederung herab, bis ihr in gleicher Linie mit dem Hotel seid. Es giebt dort keinen Weg; der Sand ist tief; man wird den Flüchtling dort gewißlich nicht vermuten. Dennoch sage ich, daß ihr Begegnungen möglichst zu vermeiden habt, bis das Hotel zu sehen ist. Dann reitet ihr, ganz gleich, ob ihr gesehen werdet oder nicht, schnell auf dasselbe zu, biegt aber ja nach keinem Wege ein, sondern eilt oben aus der Düne bis hin an meine Zimmerthür, welche ich offen gelassen habe. Seid ihr drin und habt den Schliissel umgedreht, so ist nichts mehr zu befürchten. Die Pferde müssen freilich draußen stehen bleiben. Ich hoffe übrigens, daß ich dort bin, wenn ihr kommt. Beeilt euch aber, denn es wird bald dunkel werden!" "lind was geschieht mit der Tochter des Amerikaners und mit den Chinesen, Sihdi?" "So habe ich von ihm keine Störung zu befürchten. Jetzt wird es Zeit, daß wir uns trennen. Mach deine Sache gut!" "Von dem Augenblicke an, wo er bei mir ist, wird ihm nichts geschehen, darauf kannst öu dich verlassen, Sihdi. Du hast von mir verlangt, ein guter Mensch zu sein, und nun macht es mir Freude, ihm seine Beleidigung durch Liebe zn vergelten!" Die Dschemma. "Das laß meine Sorge sein! Ich rechne auf die ganz gewiß entstehende Aufregung und Verwirrung, welche ich möglichst gut benutzen werde." "Aber du selbst, Sihdi! Du begiebst dich wirklich in Gefahr!" "Das hat nur den Anschein so. Ich werde die Freirrden durch eine so große Dreistigkeit verblüffen, daß sie gar nicht daran denken, etwas gegen mich zu thun." "Was wirst du zu ihnen sagen?" "Das weiß ich noch nicht. Ich habe mich nach den Ilmständen zu richten, welche ich vorfinde. Wie aber steht es mit der Verwundung des Chinesen?" "Sie ist nur leicht. Ich sah wohl Blut, doch aber nicht viel. Sein Vater verband ihn eben, als ich ging, mit seinem Taschentuche." Nach diesen Worten ritt er in der ihm von mir angegebenen Richtung davon; ich aber nahm meiner: Weg zwischen der großen und der: ihr gegenüberliegenden kleiner: Pyramiden hindurch, welche für Angehörige des Cheops bestimmt gewesen fein sollen. Hinter der letzten von ihnen teilt sich der Weg. Links führt er nach der Sphinx hinab, fast geradeaus nach Campbells Grab hinüber. Ich zog es vor, nach diesem Grabe zu reiten, denn ich hatte von dort aus einen besseren Ueberblick, und ich konnte mir den Anschein geben, als ob ich von dem Vorgefallener: gar nichts wisse und nicht etwa vom Hotel her, sondern von der zweiten oder gar dritten Pyramide komme. Ich wich also nach Westen zu von den durch den Sand führenden Stapfen ab rmd hielt mich so lange in den Einsenkunger: des Terrains, bis ich die unterhalb der Chefren-Pyramide liegender: Tempelreste vor mir hatte. Hierauf wendete ich mich nach links, trieb das Pferd eine steile Schuttböschung hinauf und sah den Ort, den ich erreichen wollte, in nicht allzu großer Entfernung vor mir liegen. Es genügte ein Blick, dieScene zu erfassen. Die für die Dschemma Ausgewählten saßen an der Erde, einige Schritte davon Mary und die Chinesen. Der Amerikaner stand, und neben ihm der Dolmetscher, welcher mit den Händen gestikulierte, also zu sprechen schien. Hören konnte ich es nicht. Die Stelle, an welcher ich mich befand, lag höher als diejenige, an welcher die Beduinen ihre Beratung hielten. Die Zuhörer hatten die Dschemma nicht ganz eingeschlossen, sondern sie bildeten, was mir außerordentlich lieb war, des abfallenden Terrains wegen nur einen Halbkreis, welcher nach mir zu offen stand; das machte es mir möglich, sofort ganz an die Beratenden heranzureiten. Man wurde auf mich aufmerksam. Als ich näher kam, hörte ich den verwunderten Ruf: "Ein Reiter ohne Sattel!" Diejenigen, welche von mir abgewendet saßen, drehten sich nach mir um. Man zeigte Neugierde, doch siel es keineiu ein, seinen Platz zu verlassen. Die Angelegenheit stand genau so, wie ich vermutet hatte, denn den Scheck) el Beled von el Kafr ausgenommen, hatten alle Beisitzer der Dschenuna ihre Messer vor sich bis an die Hefte in die Erde gesteckt, ein für den Kenner sicheres Zeichen, daß es sich um das Leben des Angeschuldigten handelte. Ich that, als ob er mir sehr gleichgültig sei, ritt aber fast bis ganz zu ihm heran, sprang ab, legte die Hände, doch nur für einen kurzen Augenblick, um nicht als gewöhnlicher Mann zu gelten, auf die Brust und grüßte die am Boden sitzenden Personen. Es war leicht zu erraten, welcher von ihnen der fremde Scheck) war, denn er hatte das Hama'il, um welches es sich handelte, vor sich liegen. Sein Anzug befand sich, wie auch diejenigen aller seiner Leute, in einem Zustande, den Omar sehr richtig als "schmutzig und zerrissen" bezeichnet hatte, doch war seinem ernsten, sonnverbrannten Gesichte die Gewohnheit des Befehlens deutlich ausgeprägt. Er nickte stolz mit dem Kopfe und ließ nur ein kurzes "Sallam!" als Antwort hören. Wenn ich mir diesen Mangel au Höflichkeit gefallen ließ, so hatte ich von vornherein verspielt. Ermußte mich für einen Mann halten, der sich das nicht bieten zu lassen brauchte, darum sagte ich iu strengeni Tone: "Du bleibst sitzen, indem du mit mir sprichst, und siehst doch, daß ich stehe? Ich vermute, daß ihr in Mekka gewesen seid, über welchem das Andenken des Propheten glänzt. Hast du etwa dort deine Höflichkeit im Sand von Chandamah vergraben?" "Wo liegt Chandamah?" fragte er schnell und erstaunt. "Geh zwischen deni Suq el Lei und dein Schib el Maulid, wo das Geburtshaus des Propheten steht, vor die Stadt hinaus, so siehst du es zur linken Seite des Dschebel Oubehs liegen." Da stand er auf, und alle anderen mit ihm, kreuzte die Hände auf der Brust, verbeugte sich tief und sagte: "Verzeih! Ich wußte nicht, daß du ein Kenner der Heiligtümer bist. Du wirst mir erlauben, deinen Namen zu erfahren!" "Allerdings, doch nicht eher, als bis ich dich nach dem deinigen gefragt habe. Vorher aber will ich das Wichtigere wissen. Sind wir bei den Pyramiden von Gizeh, oder befinden wir uns im Wadi Fatimeh, wo das Gesetz der Wüste gilt? Ich sehe eine Dschemnm versammelt und Messer in der Erde stecken. Wer hat hier zu richten, und wer soll gerichtet werden?" Ich sah ihm so scharf und fest ins Auge, daß mir sein Blick nicht ausweichen konnte. Die Erwähnung von Oertlichkeiten, welche nur dein Kenner voir Mekka geläufig sind, that das Ihrige. Er antwortete in nicht ganz sicherem Tone: "Es ist eine Beleidigung geschehen, welche nur mit Blut gesühnt werden kann. Ich will es dir erzählen." Nichts konnte mir willkommener sein als diese seine Bereitwilligkeit, denn sie sagte mir, daß ich ihm imponiert hatte. Er berichtete mir, natürlich in seiner mohammedanisch gefärbten Weise, was geschehen war. Als er geender hatte, sagte ich : "Der Kuran ist dir jedenfalls bekannt. Nach ihm und der Sunna muß Recht gesprochen werden. Aber weißt du auch, was Khalil Jbn Jshak, der berühmte Erklärer derselben, über die Pflichten der Dschemma sagt?" "Nein; das weiß ich nicht," sah er sich gezwungen, eiuzugestehen. "Nicht? Aber ihr habt bedacht, daß dieser Fremde die Heiligkeit des Hama'il nicht kennt und dich vielleicht gar nicht hat beleidigen wollen? Habt ihr ihm erlaubt, sich zu verteidigen?" "Er hat es durch den Mund seines Dragoman*) ge than." "Ist dieser Dragoman gerecht und vorsichtig gewesen? Ich werde das sogleich erfahren." Der Dolmetscher stand höchst verlegen da. Er hörte mich arabisch sprechen und wußte nun also, daß ich alles verstanden hatte, was auf dem Dschebel Mokattam von ihn, über mich geäußert worden war. Ob er mich wohl auch jetzt noch für einen Franzosen hielt? "Jmschi, ia Budala — Pack dich, Dummkopf I" fuhr ich ihn an, denn ich wollte ihm nicht hören lassen, was ich dem Amerikaner zu sagen hatte. Er zog sich erschrocken bis unter die Zuschauer zurück, und nun wendete ich mich an Waller, und zwar in deutscher Sprache: "Sagen Sie schnell: Können Sie reiten?" "Ja," antwortete er, indein er mich verwundert ansah. "Galopp und ohne Sattel, so daß Sie ja nicht etwa herabfallen?" »Ich sitze fest. Sie reden deutsch? Good lack! Warum fragen Sie?" "Es handelt sich um Ihr Leben. Die Situation ist ernster, als Sie meinen, und nur die Flucht kann Sie retten. Wenn Sie das vielleicht bezweifeln, so fehlt mir die Zeit, es Ihnen zu erklären." "Ich glaube es," versicherte er. "Das sind ja ganz desparate Menschen hier!" "So passen Sie aus, was ich Ihnen sage! Ich werde jetzt zu diesen Leuten weitersprechen. Sobald Sie sehen, daß ihre Aufmerksamkeit ganz auf mich gerichtet ist, springen Sie auf mein Pferd und reiten so schnell, wie Sie können, fort " "Man wird mich verfolgen," fiel ec ein. "Allerdings; aber die paar Esel und Kamele, welche hier stehen, haben Sie nicht zu fürchten. Da oben steht die zweite Pyramide. An ihrer linken, Hinteren Ecke treffen Sie auf meinen Diener. Er erwartet Sie dort und wird Sie so führen, daß, wenn Sie ihn nur erst erreicht haben, die Gefahr für Sie vorüber ist. Werden Sie thun, was ich Ihnen vorgeschlagen habe?" "Natürlich! Aber ich habe nicht nur an mich, sondern auch an meine Tochter zu denken. Was soll "Ihr wird nichts geschehen," unterbrach ich ihn; "ich gebe Ihnen mein Wort. "Also, thun Sie, was ich gesagt habe, aber plötzlich, schnell, und ohne daß Sie es etwa durch Blicke oder Bewegungen vorher verraten!" Ich hatte während dieser kurzen Unterweisung den fremden Scheck) im Auge behalten und beinerkte zu meiner Beruhigung an ihm kein Zeichen des Mißtrauens. Als ich mich ihm jetzt ivieder zuwendete, sagte er: "Es ist ganz überflüssig, daß du diesen. Christen fragst, denn er kann dir nichts anderes erzählen, als was ich dir schon gesagt habe. Der Scheck) el Beled will nicht, daß er getötet werde, aber wir sind freie Beduinen, die sich um die Gesetze des Beherrschers von Aegypten und um die Ansichten fremder Konsuln nicht zu kümmern brauchen, und werden also nur nach den Vorschriften handeln, welche jeder Bekenner des Islam zu befolgen hat. Du hast unsere Beratung unterbrochen; wir setzen sie jetzt fort und werden schnell ein Ende machen. Habe die Güte, dich zu setzen, danüt auch wir uns wieder setzen können!" Diese Aufforderung hatte ich nicht erwartet. Sie bewies mir, daß er mich nicht nur unbedingt für einen Mohammedaner, sondern auch für eine Person hielt, nach deren Stand und Namen er nicht wieder fragen könne, ohne gegen die ihr schuldige Achtung zu verstoßen. Der Araber setzt sich in Gegenwart eines Fremden nicht so kurz und einfach nieder, wie wir es thun, sondern es geschieht mit einer Umständlichkeit, welche um so größer ist und um so inehr Zeit in Anspruch nimmt, je mehr er diesen Fremden ehren und sich selbst als wohlerzogenen Alaun betrachtet sehen will. Da vorhin alle seine an der Dschemma beteiligten Stammesgenossen mit ihm ausgestanden waren und nun auch wieder mit ihm Platz zu nehmen hatten, so gab es eine Menge von Verbeugungen, ivelche ich zu wiederholen hatte, worauf abermals Verneigungen folgten, welche jeder gegen seine Nachbarn richtete und mit einigen höflichen Wörter: begleitete. Das lenkte die Augen von dem Amerikaner in der Weise ab, daß er schon jetzt den richtigen Augenblick für gekommen hielt, den ihm gegebenen Rat zu befolgen. Ich kehrte ihm den Rücken zu und hütete mich, nrich nach ihm unizudrehen, als mir ein plötzliches Stanrpfen der Pferdehufe sagte, was geschah; aber der Scheck) sprang wieder aus und mit ihm alle, welche sich vorher unter so viel Umständen in die Stellung niedergelassen hatten, wetche der Orientale "das Ruhen der Glieder" nennt. Waller war auf das Pferd gesprungen, ivelches sich nur einige Augenblicke sträubte, seiner Führung zu gehorchen, und dann mit ihm davonschoß, nach aufwärts, der zweiten Pyrainide zu. Nun stand ich natürlich auch rasch auf und sah zu meiner Genugthuung, daß er allerdings kein schlechter Reiter war. Zunächst gab es eine allgemeine Anstrengung, so laut zu schreien, wie es jedein möglich war; dann folgte der Gedanke, dein Fliehenden nachzueilen. Man riß sich um die vorhandenen Esel und Kamele; die ersteren ließe,: sich sofort lenken; die letzteren aber wurden durch den vielstimmigen Lärm störrisch gemacht; sie waren nicht voir der Stelle zu bringen. Wer euren Esel erwischt hatte, trabte schleunigst fort; den Kamelen versuchte man, durch Schläge Gehorsam beizubringen. Das gab eine Scene, ivelche nicht weniger lebhaft war, als ich erwartet hatte. Der Schech war'am schnellsten gewesen und als Erster dem Amerikaner auf einen: Esel nachgeritten; er zeigte sich auch als der Umsichtigste von allen, denn er kehrte schon rrach kurzer Zeit wieder um, kam zurück und rief seinen Leuten zu: "Seid still, und gebt euch keine Mühe! Das sind keine Kamele, wie man sie braucht, um ein Pferd einzuholen. Dieser Hund ist uns entschlüpft, aber nur einstweilen! Sein Ziel ist das Hotel; aber wir lassen es ihn nicht erreichen. Es war eine Thorheit von ihm, nicht direkt dorthin zu reiten. Der Bogen, den er macht, ist so groß, daß wir ihm zuvorkommen werden. Vorwärts alle! Wir laufen!" Er schwang sich von seinem Esel, ließ ihr: stehen und rannte fort, seine Leute alle hinter ihm her. Die meisten der Fellachen von el Kafr folgten; die Besitzer der zurückgebliebenen Tiere wollten diese besteigen und auch fort; ich hinderte sie daran, weil ich nicht wünschte, daß die beiden Chinesen und Mary laufen sollten, und sie waren gegen die gewöhnliche Bezahlung und ein Extrabakschisch damit einverstanden. Wallers Flucht. Ich hatte den drei Genairnten bis jetzt natürlich keine besondere Aufmerksamkeit schenken können; nun war es mir möglich, mich auch ihrer anzunehmen. Da sie nicht arabisch verstanden und sic, als ich mit Waller redete, nicht so nahe gewesen waren, um meine Worte deutlich hören zu können, so befanden sie sich über den Zusammenhang zwi-' schen meinem Erscheinen und seiner Flucht im unklaren. Mary war leichenblaß. Sie hatte unbeschreibliche Angst um ihren Vater ausgestanden und war auch jetzt noch nicht befreit von ihr. Ich versuchte, sie zu beruhigen: "Haben Sie keine Sorge! Wir reiten jetzt nach dem Hotel. Ihr Vater wird, wenn wir dort ankommen, entweder schon da sein oder sehr bald eintreffen." "Wissen Sie denn, wohin er ist?" fragte sie. "Ja. Ich habe ihm das Pferd gebracht, damit er fliehen könne, und Sejjid Omar hat an der zweiten Pyramide ans ihn gewartet, um ihn sicher nach dem Menahotise zu bringen." "Sejjid Omar, der Eseltreiber, den er so schwer beleidigt hat?" Sie sah mich an, als ob sie sich dies gar nicht denken könne. Dann fügte sie, indem ihre Blässe einer tiefen Röte wich, hinzu: "lind Sie, Sie sprechen deutsch! Sie haben also gehört und verstandeu, was was " "Ich habe," unterbrach ich sic, "nichts verstanden und nichts gehört als nur das eine, daß Mr. Waller in Gefahr sei und aus derselben heransgeholt werden müsse. Er befindet sich jetzt vollständig in Sicherheit, während aber wir daran zu denken haben, daß wir nicht hier bleiben diirsen, wenn der Zorn der Mekkapilger sich nicht nun auch gegen uns richten soll. Bitte, steigen Sie ans! Wir miissen uns beeilen, heim zu kommen; dann werden Sie alles erfahren, was Sie jetzt noch nicht wissen." Sie folgte dieser Aufforderung. Die Chinesen hatten schon zwei Kamele in Beschlag genommen. Sie sprachen nicht, doch sah ich ihnen an, daß ich für sie nicht mehr bloß der fremde, gleichgültige Tischnachbar war. Wir schlugen den geraden Weg nach ben kleinen Pyramiden ein. Als wir uns ihnen näherten, kam der Schech el Belcd von da, wo links die Gräber der fünften Dynastie liegen, herbeigeritten. Cr hatte sich den Verfolgern beigesellt gehabt, um nötigenfalls Unheil zu verhüten, und erkundigte sich bei den uns begleitenden Treibern, wo der fremde Schech sei. Sie unterrichteten ihn über die Absicht dieses Mannes, die ihn wieder mit Besorgnis zu erfüllen schien. Er kam an meine Seite, sah mir aus halb zugekniffeneu Augen in das Gesicht und fragte, indem er leise lächelte: "Du bist ein Christ?" "Ja," antwortete ich ruhig. Der Wohlstand seines Dorfes hing von den Besuchern der Pyramiden ab, und von Fanatismus konnte bei ihm keine Rede sein. Ich brauchte also nicht heimlich gegen ihn zu thun. "Und du bist schon öfters hier gewesen?" erkundigte er sich weiter. "Ja." "Ich kannte dein Gesicht, hielt dich aber doch für einen Moslem, für einen vornehmen Efsendi. Nun aber habe ich es mir überlegt. Du bist mit Absicht zu Pferde gekommen? Du hast gewollt, daß der Angeklagte auf ihm fliehen soll?" "Ich leugne es nicht." Da reichte er mir seine Hand und sprach: "So habe ich dir zu danken! Diese Flucht hat mich bon einer schweren Sorge befreit. Man hätte beit Amerikaner gegen meinen Willen getötet, von der Behörde in Kairo aber wäre die ganze Verantwortung auf mich geworfen worden. Du scheinst ein kluger Mann zu sein, und so darf ich vielleicht deine Einsicht bitten, mir einen Wunsch zu erfüllen?" "Sprich!" "Verschweig in der Stadt, was hier geschehen ist und was vielleicht noch geschehen wird! Auch die Leute des Hotels werden nicht davon sprechen, weil das Gerücht, daß die Besucher der Pyramiden ihres Lebens nicht sicher seien, die Zahl der Gäste sehr vermindern würde. Dieser zornige Scheck) aus dem Bahr bela Ma wird sich zwar nicht ganz bis zum Menahouse wagen, aber seine Leute doch von weitem so aufstellen, daß der Amerikaner ihni in die Hände fallen muß. Das macht mir schwere Sorge. Konntest du ihm denn nicht sagen, daß er direkt nach dem Hotel fliehen solle?" "Nein. Als ich mit ihm sprach, hatte ick schon eine andere, bessere Vorbereitung getroffen, welche der Angelegenheit ein ruhiges, unbemerktes Ende geben wird. Ich wollte verhüten, daß dieser Vorfall in den Mund der Leute gebracht iverde. Denke dir aber im Gegenteile, welches Aufsehen es erregt hätte, wenn der Flüchtling von seinen Verfolgern gerad nach dem Hotel gejagt worden wäre!" "Tu hast recht! Schau! Da stehen schon Zwei, welche aufzupassen haben!" Wir waren an der Cheops-Pyramide vorbeigekommen und lenkten in den nach dem Menahouse führenden Hohlweg ein. Da waren zwei von den Pilgern postiert. Ihr Scheck) hatte also wirklich seine Absicht ausgeführt und das Hotel, wenn auch nur aus der Ferne, vollständig eingeschlossen. Die beiden Männer sahen uns finster an, sagten aber nichts, als wir an ihnen vorüberkamen. Wir erreichten unbelästigt das Haus, stiegen ab, und ich zahlte den Treibern, was ich ihnen versprochen hatte. Als ich das gethan hatte, trat der ältere Chinese zu mir, verbeugte sich sehr höflich und sagte deutsch: "Mein Herr, ich ahne, daß wir Ihnen etwas zu verdanken haben, was uns noch nicht ganz bekannt geworden ist. Wir wünschen natürlich, es zu erfahren, und bitten uni die Erlaubnis, Ihnen unfern Besuch machen zu dürfen. Kann das geschehen, ohne daß ivir unsere heimatlichen Namen zu nennen haben? Ich möchte nicht eine Unwahrheit sagen und wünsche doch nicht, die Namen aussprechen zu miissen. Ich werde hier Fu und mein Sohn ivird Tsi genannt." Das war höflich und ehrlich zugleich. Es widerstrebte ihm, einen Mann zu täuschen, dem er Dank zu schulden glaubte. Eine echt und wahrhaft vornehme Gesinnung, die mich nach nieinen bisherigen Beobachtungen freilich nicht überraschen konnte! Ich sagte ihm, daß er und sein Sohn mir nach dem Abendessen willkommen seien, da gerad die Umstände, von denen er gesprochen habe, mich verhinderten, sie eher zu empfangen. Dann trennten sie sich von mir, nachdem ich auf mein Befragen die Versicherung erhalten hatte, daß die Verwundung des Sohnes eine ganz leichte sei und zu keiner Besorgnis Veranlassung gebe. Die Tochter des Missionars bat ich, mich nach meinem Zimmer zu begleiten, obgleich diese Aufforderung unter anderen Umständen fast so viel wie eine Beleidigung für eine Dame sei; ich wollte ihr aber die Freude machen, die. Erste zu sein, von der ihr Vater bei seiner glücklichen Ankunft empfangen werde. Sie zögerte nicht, nur diesen Wunsch zu erfüllen. Als wir hinaufkamen, stand die Thür genau so weit offen, wie ich sic offen gelassen hatte; es war also noch niemand von draußen in das Zimmer getreten. Der Stuhl, auf welchem ich gesessen hatte, stand noch im Freien; ich nahm einen zweiten mit hinaus, und wir setzten uns nieder. Die Sonne nahte dem Untergange; es war nur noch kurze Zeit bis zum Eintritt der Dunkelheit, und ich nahm an, daß Omar sein möglichstes thun werde, mit seinem Begleiter noch vor derselben das Hotel zu erreichen. Es handelte sich dabei auch um die Gefährlichkeit der Bodenverhältnisse in der Nähe der Pyramiden, wo es so viele eingestürzte oder nur schlecht wieder zngeschüttete Gräber und unterirdische Gänge giebt, daß nach Sonnenuntergang ein Ritt für den, der solche Stellen nicht ganz genau kennt, thunlichst zu vermeiden ist. . Wir saßen fast ganz still neben einander. Miß Mary war verlegen, und ich befand mich nicht in der Stimniung, die Zeit mit einem Gespräch über irgend einen gleichgültigen Gegenstand auszufüllen. Ich sagte ihr kurz, daß ich von Sejjid Omar die Bedrängnis ihres Vaters erfahren und was ich ihn, hierauf für eine Weisung gegeben hatte. Sie that, als ob sie durch diese Mitteilungen beruhigt worden sei, war es aber wahrscheinlich nicht, wenigstens nicht ganz, wie mir ja gerad durch ihre Wortkargheit bewiesen wurde. Wir nwchten Wohl über eine Viertelstunde, nur zuweilen ein kurzes Wort sprechend, nebeneinander gesessen haben, als wir aus der Richtung, aus welcher die beiden Reiter zu erwarten waren, einen Fußgänger kommen sahen. Er war genau wie Omar gekleidet, war aber Omar nicht, welcher einen gravitätischerenGangund eine geradere Haltung als dieser Ankömmling hatte. Was hatte er hier oben auf dieser unwegbaren Düne zu suchen, welche zun, Hotel gehörte und von den Fellachen nicht betreten werden durfte? Es gab hier gar nichts anderes; sein Ziel konnte nur die Außenthüre meines Zimmers sein! Die Augen der Kindesliebe waren schärfer als die Meinen. Mary sprang auf. "Mein Vater, ja, mein Vater ists!" Mit "diesem Ausrufe eilte sie von mir fort und ihm Waller im Gewände 5ejjid Dinars. Entgegen. Er blieb stehen, und als sie ihn erreichte, sah ich, daß er sie mit einer Umarmung enipfing und sie küßte. Äch hätte mich so gern entfernt, mußte aber bleiben, weil sie gezwungen waren, durch meine Wohnung zu gehen. Auch mußte ich doch erfahren, wo Omar mit den Pferden steckte, für welche ich um so mehr verantwortlich war, als >uan sie mir nicht gegen Bezahlung, sondern aus Gefälligkeit geliehen hatte. Ich sah, daß die Tochter mir den Vater schitell Zufuhren wollte; aber er hatte zu fragen; sie mußte antworten, und so dauerte es einige Zeit, bis sie zu mir kamen, sie leicht und schnell, mit frohem Lächeln im Gesicht, er langsamer, zögernd und in sich wohl ungewiß darüber, wie er sich gegen mich verhalten solle. Da aber packte ihn seine eigentliche, bessere Natur: Er that einige rasche Schritte auf mich zu, streckte mir beide Hände entgegen wld sagte in einem Tone, ben ich nicht anders als aufrichtig herzlich nennen kann: "Ich bitte um Verzeihung! Von Dank will ich nicht sprechen; den brauchen Sie ja nicht. Aber die andere Schuld, in der ich Ihnen gegenüber stehe, die müssen Sie wir abnehmen, wenn Sie mit mir nicht auf halbem Wege stehen bleiben wollen!" Ich erwiderte den Druck [einer Hand und antwortete, sehr froh über diese liebe, gute Aufwallung seines Innern: "Sprechen wir jetzt nur von der Gegenwart, zunächst Von diesem Tarbusch und von diesem Mantel! Ich vermute, daß beide meinem Sejjid Omar gehören?" "Ja, sie sind von ihm. Ich habe natürlich kein Wort von ihm verstehen können, aber was ist dieser Eseltreiber doch für ein braver, prachtvoller Kerl!" "Bitte, kommen Sie mit in das Zimmer, damit man Sie nicht von unten aus in diesem Anzuge stehen sieht!" Sie folgten beide dieser Aufforderung, und dann erzählte der Amerikaner von seinem Ritte: "Ich lasse alles Vorhergehende weg; wir sprechen später darüber; aber es ist mir klar geworden, daß dieses Abenteuer ohne Sie ein schlimmes Ende für mich genommen hätte. Dieser aufgeregte Muhammedaner stach ja sofort mit dem Messer zu! Und daß seine Leute die Messer vor sich in die Erde steckten, das hatte Blut zu bedeuten. Ich erinnere mich, darüber gelesen zu haben. Da kamen so plötzlich Sie und fragten mich, ob ich reiten könne. Glücklicherweise habe ich es gelernt. Ich sitze ziemlich fest, auch ohne Sattel. Als ich die zweite Pyramide erreichte, sah ich Sejjid Omar dort halten. Er sagte ettvas, was ich nicht verstand, und deutete mir durch Gesten an, daß ich ihm folgen solle. Es ging nach West; links lag die dritte der großen Pyramiden. Dann wendete er sich mehr nach Norden. Wir kamen an alten, zerstörten Felsengräbern vorüber. Es gab keinen Weg; das Terrain war ungemein schlecht zum Reiten. Er suchte die besten Stellen aus, aber es ging trotzdem nur langsam vorwärts. Gut, daß wir keine Verfolger hinter uns sahen! Tann folgte tiefer, tiefer Sand, in dem ivir abwärts ritten. Ich bemerkte, daß Omar einen weiten Nogen nach dem Hotel beabsichtigte. Wir sahen es einige Male liegen, aber immer wieder kehrte er um; ich wußte nicht warum. Als ich ihn fragte, verstand er zwar nicht meine Worte, dafür aber meine Gesten, und als er mir antwortete, brachte ich ihm ganz dasselbe Unverständnis für das, was er sagte, und aber auch dieselbe Einsicht für die sprechenden Bewegungen seiner Arme und Finger entgegen. Er sagte mir durch diese Zeichen, daß das Hotel ringsum eingeschloisen sei, iveil ich von den nach meinem Blute dürstenden Pilgern abgefangen werden solle." "Sie haben ihn richtig verstanden," bemerkte ich, als er eine Pause machte. "Diese Leute stehen überall, woher Sie kommen konnten, und werden wohl die ganze Nacht hindurch stehen bleiben, wenn sie nicht durch einen Zufall erfahren, daß Sie ihnen entschlüpft sind." "Was dieses Entschlüpfen betrifft, so war es gar nicht leicht," fuhr er fort. "Ich weiß nicht, was für eine Weisung Sie Omar gegeben hatten, aber er schien mich nicht nur überhaupt sondern auch ganz unbemerkt durch die Reihe dieser Posten bringen zu wollen. Einmal, als wir wieder hinter einer Erhöhung hervorlugten und mehrere Wachen stehen sahen, schien ihm ein guter Gedanke zu kommen. Er sprach lange und eindringlich auf mich ein und nahm dabei alle Fremdwörter zu Rate, deren er in seinem Gedächtnisse habhaft werden kannte. Als ich trotzdem so unwissend blieb, wie ich war, stieg er ab und forderte mich auf, dasselbe zu thnn. Dann deutete er nach der Gegend, in welcher das Hotel lag, und machte eine Zeichnung in den Sand. Auf einen Punkt dieser Zeichnung deutend, wiederholte er mehrere Male die beiden Worte "Bab"und "Chambre". Das;Chambre das französische Wort für "Zimmer" ist, weis; jedermann, und aus dem Plan von Kairo ist mir zufällig bekannt, das; Bab soviel wie Thür oder Thor bedeutet. Der Sejjid sprach also von einer Zimmerthiir, aber von welcher bcuit? Wie es ihm gelungen ist, nüch endlich klug zu machen, das weis; ich nicht, aber es kam doch der Augenblick, mt welchem ich ihn mit Hilfe seiner Zeichnung begriff: Ich hatte den Hanpteingang zu vermeiden und mich oben nach der von der Cheops-Phramide abfallenden Sanddüne zu wenden, auf welcher das erste Stockwerk des Hotels auf dieser Seite ein Parterre bildet Dort giebt es eine offeustehende Thür, nach welcher ich zu gehen hatte. Als ich ihm unter fleißiger Anwendung von "Bab" und "Chambre" klar gemacht hatte, das; er verstanden worden sei, strahlte fein Gesicht vor Freude. Cr zog seinen Mäntel aus, unter welchem er ein langes, hellbranneS, hemdartiges Gewand trägt, und gab ihn mir um. Tann ballte er meinen neuen Hut zusammen, schob ihn in seine weite Hosentasche und setzte mir dafür seinen Tarbusch ans, an dessen Stelle er sich mein Taschentuch um den Kopf wickelte. Dann stieg er auf sein Pferd, nahm das meinige am Zügel und ritt davon, absichtlich io, das; ihn die Posten bald bemerkten. Sie rannten auf ihn zu, wodurch sic mir den Weg freigaben. Er ließ sie nicht an sich herankonnucn. Sie schrien ihm zu und verdoppelten ihre Eile, mit ihm zu reden. Dadurch lockte er sie immer weiter fort, und ich ging langsamen Schrittes nach der mir borge schriebenen Gegend. Sie sahen mich von weitem, achteten aber nicht auf mich, weil sie mich infolge des Tarbusch und de§ Mantels für einen Araber hielten. Ich erreichte die Düne, ging ihr entlang und kam an die bewußte Thür, welche, was ich freilich nicht geahnt hatte, die Thür der Wohnung meines Retters ist." Nun hielt der Erzähler inne. Er hatte in einem heite ren Ernste gesprochen, der ihm weit besser zu Gesichte stand als der selbstbewußte, schnarrende Ton,, der ihm sonst so eigen war. Er kam mir jetzt ganz anders vor, gar nicht so ungesund fromm und salbungsvoll, wie ich ihn bisher gesehen hatte. Welchen viel, viel bestern Eindruck macht doch der Mensch, wenn in ihm die gute Natur über das künstlich Gemachte siegt! "llnd nun aber der Tank!" erinnerte seine Tochter. "Oder war es wirklich dein Ernst, nicht von ihm sprechen zu wollen?" Ich wehrte mit der schnellen Bitte ab, dies Wort weder jetzt noch später zu erwähnen. Da klopfte es an, und als ich ein lautes ,,Fnt!"-°) gerufen batte, kam der Sejjid herein, welcher meldete, daß er glücklich angekommen sei und die Pferde nach dem Stalle geschafft habe. Ich wußte, wie man Orientalen seines Standes und seiner Art 311 nehmen hat, reichte ihm meine Hand, was an und für sich schon eine Auszeichnung war, und sagte: "Du hast deine Sache gut gemacht, Omar. Ich engagiere dich: du wirst mein Diener sein und mich begleiten dürfen. Stände Mohammed, dein Prophet, an meiner Stelle, so würde er dir ganz dasselbe sagen, was ich dir schon gesagt habe: Tu sollst vor allen Dingen ein guter Mensch sein, und du bist es heut gewesen. Bleibe stets und immer so, wie du an diesem Tage warst!" Mr. Waller gab ihm den Mantel und den Tarbusch wieder, wofür er sein Taschentuch ltnb den freilich sehr zusammengedrückten Hut zurückbekam, und bat mich, dem Sejjid die Worte zu übersetzen, die er ihm zu sagen habe. Sie lauteten: "Ich habe dich um Verzeihung zu bitten. Gieb mir deine Hand!" Omar befand sich infolge" meiner Rede in gehobener Stimmung. Tie Bitte des Amerikaners aber schien ihm noch tiefer zu gehen. Seine Augen bekamen einen feuchten Glanz. Er streckte ihm die Hand in bescheiden zögernder Weise hin und antwortete: "Ich habe dir meine Hand, wenn auch nur die unsichtbare, schon draußen an der Pyramide gegeben, als du geritten kamst, um dich von mir führen zu lassen, llnd ich habe dir dann noch mehr gegeben, indem ich dir meine Kleider gab, welche ich wieder anlegen werde, ohne sie reinigen zu lasten, obgleich ein Christ sie getragen hat. Wenn Allahs Hand an die Güte eines Menschen klopft, soll dieser nicht nach dem Glauben seiner Brüder fragen. Das ist es, was ich heut gelernt habe, lind daß ich es gelernt habe, das macht mich so froh, wie ich noch nie gewesen bin!" Er ging. Waller sah mich, als ich ihm diese Worte übersetzt hatte, erstaunt au und sagte: "Der spricht ja genau wie ein Christ! Sollte man das für möglich halten? llebrigens ein prächtiger Mensch, den man lieb haben muß!" Ich hütete mich, zu seinen Worten irgend eine Bemerkung zu machen. Es hatte ihn in diesem Augenblicke die Hand eines lieben, von allem Erdenstaube reinen Engels berührt, und solche Momente lassen nur dann die Spur derEngelshand zurück, wenn sie durch keine Störung unterbrochen werden. Er schien von einem Gefühle hierfür geleitet zu werden, indem er ans dem Zimmer hinaus ins Freie trat. "Bitte, stören lvir ihn nicht!" bat seine Tochter. "Ich möchte, daß dieses Erlebnis in dem friedlichen Tone ausklinge, in welchem das " Sie sprach beu Satz nicht aus, sah mir halb verlegen, halb erwartungsvoll in das Gesicht und fragte dann: "Sie haben Wohl vieles oder gar alles gehört, ivas an unserui Lisch gesprochen worden ist?" "Das meiste," gab ich aufrichtig zu. "Auch die Strophe, welche ich gefunden habe?" "Auch diese." "90,11 wohl: So wie diese möchte der heutige Tag für Vater ausklingen! Sie wissen nicht, warum ich mich nicht scheue, Ihnen das zu sagen, und ich weiß es auch nicht. Os ist etwas in mir, was Sie schon früher gesehen hat. Bitte, lächeln Sie nicht! Ich bin keine Phantastin; aber es ist mir, als ob ich Sie schon irgendwann und irgendwo getroffen und da so recht in vollem Vertrauen mit Ihnen gesprochen hätte. Nehmen Sie dies offene Wort aber ja als eine Seltenheit von mir, als, wenn Sie es nicht abweiseu, eine kleine Vergeltung für das, was Sie heut für uns gewag. und gethan haben!" Da kam ihr Vater wieder herein und machte die Bemerkung, daß es ihre Pflicht und nun Wohl auch an der Zeit sei, sich nach dem Befinden des verwundeten Chinesen zu erkundigen. Dann lud er mich ein, das Abendessen nicht so allein, wie in Kairo, sondern an seinem Tische eiuzuuehmen, und ich sagte zu. Als ich mich dann unten im Speisesaale einstellte, waren die Chinesen nicht da; sie speisten in ihrem Zimmer. Cs sprach sich durch die Bedienung von Tisch zu Tisch herum, daß niit der Tramway ein Leutnant mit Soldaten aus Kairo augekomiuen sei, um die fremden Mekkapilger noch am Abend von hier fortzubringen. Das war jedenfalls die Folge davon, daß der Schech el Beleb von el Kafr einen Boten in die Stadt geschickt hatte. Die eigentliche Ursache dieser Maßregel schien man nicht zu kennen, und wir hatten keinen Grund, gegen andere von ihr zu sprechen. Waller verhielt sich überhaupt sehr schweigsam, und das Gespräch wurde nur von Mary und mir in der Weise wach erhalten, daß es nicht ganz zum Einschlafen kam. Doch als ich erwähnte, daß Monsieur Fu und Monsieur Tsi zu mir kommen würden, bat er mich, ihn, wenn sie bei mir seien, zu benachrichtigen, ob auch er sich einstellen könne, ohne uns zu stören. Als wir nach dem Essen in den Flur kamen, saß der erwähnte Leutnant da. Man machte sich an ihn, um näheres zu erfahren, doch sagte er weiter nichts, als daß er die Pilger heut hinein nach Bulak zu bringen habe, worauf sie dann morgen früh per Bahn nach Wasta abgeschoben würden. Daswarmirlieb,zuhören, weilnundieTournach Sakkara unternommen werden konnte, ohne daß Waller eine Fortsetzung derheutigenFährlichkeitzu befürchten hatte. Was meinen Besuch betraf, so sollte er nicht in, kleinen, dumpfen Zimmer sitzen. Ich ließ einen Tisch mit Stühlen hinaus vor die Thür bringen, um die Genugthuung zu haben, ihnen das Beste zu bieten, was Gizeh demjenigen Besucher bieten kann, welcher das geistige Auge und die seeüjche Eiupfänglichteit dafür besitzt: d.u von den anderen Güsten nicht gestörten Anblick der Pyramiden beim Moudesschein. Als die beiden Erwarteten kamen, führte ich sie hinaus, und sie waren herzlich gern einverstanden. Der Mond lvar eben erschienen, und die ernste, schwere Poesie des ägyptischen Altertums stand aus den Gräbern auf, um bleich, doch nächtlich schön von den Riesenbauten vergangener Jahrtausende auf uns, die winzigen Gäste der Gegenwart, herabzuschauen. Die Chinesen hatten wohl nur einen kurzen Höflichkeitsbesuch beabsichügt, aber der Eindruck, dem sie sich nicht entziehen konnten, war so gewaltig und so fesselnd, daß sie gar nicht daran dachten, diesen besten Platz, den das Menahouse-Hotel besitzt, so bald wieder zu verlassen. Und mir wurde außerdem die Freude, daß sie, als ich ihnen den Wunsch des Amerikaners mitteilte, mir die Erlaubnis gaben, nicht nur ihn, sondern auch seine Tochter zum. Kommen aufzufordern. Daun saßen lvir wohl bis über Mitternacht beisammen, China, die Vereiuigten-Staaten und Deutschland, oder Asien, Amerika und Europa, in Eintracht und Frieden auf afrikanischem Boden, von allem Guten, Edlen, Schönen und Erhabenen sprechend, aber nicht vom Unterschiede der Religionen, von den Gegensätzen der Volksinteressen und von dem Vortrittsrechte besonderer Nationalitäten. Es war ein Abend, den ich nie vergessen werde, und als wir uns trennten, thaten wir eS in dem Bewußtsein, daß alle Menschen so zusammengehören, wie wir in diesen unvergleichlichen Stunden sowohl äußerlich wie auch innerlich vereint gewesen waren. Dem Amerikaner drückte ich ganz besonders warm die Hand. Er war so rücksichtsvoll, so mild, so weich gewesen und nicht ein einziges Mal in seinen schnarrenden Ton gefallen. "Es klingt so aus, wie ich es wünschte," flüsterte mir seine Tochter zu. "Ich segne die, die heut durch diese Steine so gewaltig und doch so lieb, so wunderbar zu uns gesprochen haben. Jawohl, es ist gewiß und sicher so: Der Tote ist nur dann und darum tot, wenn und auch weil er niemand hat, zu dem er sprechen kann!" Am anderen Morgen waren die Pilger fort, und der Ritt nach Sakkara wurde ein ganz anderer, als ich ihn geplant hatte. Wir Fünf schlossen uns zusammen; ein Dolmetscher wurde nicht mehr gebraucht, und mein Sejjid Omar war ganz stolz darauf, der einzige zu sein, der uns bediente. So wurde es auch nach unserer Rückkehr nach Kairo gehalten. Wir machten alle Ausflüge gen,einsam, bis ich mich als der erste gezwungen sah, zu scheiden. Meine Vorbereitungen waren getroffen; es zog nach Nilaufwärts, dein Sudan zu. Als ich den festen Entschluß kundgab, übermorgen abzureisen, machte Fn den Vorschlag, den letzten Abend wieder draußen bei den Pyramiden zu verbringen, und alle stimmten sofort ein. Wir bekamen mein Lieblingszimmer wieder und saßen am Abend an derselben Stelle, doch leidernichtbeimMondesscheiue. Aber die Sterne funkelten über denPyramiden, und in uns wohnte diefelbeLiebe, in welcher wir uns am vorigen Male hier zusammeugefundeu halten. Als wir uns dauir gute Nacht sagten, richtete Fu es so ein, daß er zuletzt noch allein bei mir im Zimmer war. Da sagte er: "Sie gehen, und wir bleiben noch; aber es ist mir möglich, niit Ihnen zu gehen, obgleich ich bleibe durch einen kleinen Gegenstand. Ich meine nicht ein Souvenir im aufdringlichen Sinne, denn Sie sind ebenso wenig wie ich der Mann, sogenannte "Andenken" mit sich herumzutragen. Aber Sie haben ja gesagt, daß Sie nach dem Tigris, dann nach Indien und vielleicht noch weiter, bis nach China gehen. Ich bitte Sie, eine Empfehlung von mir mitzlmehmen! Fragen Sie nicht, wohin, und fragen Sie auch liicht, an wen! Gebeir Sie sie liiemals aus der Hand, und sprechen Sie nicht von ihr! Ich kenne Sie uird weiß, daß Sie fühlen werden, wann, wo, wem und warum sie vorzuzeigen ist. Ob wir uns jemals Wiedersehen, weiß ich nicht; aber hören werden Sie ganz gewiß von mir, wellir Sie bei dem Klange meines Namens auch nicht wissen, daß der Genannte Ihr dankbarer Gefährte von den Pyramiden ist, uild gerade danir, wenn ich Ihnen dienen kailn, werde ich bei Ihnen sein; Sie brauchen mich nur zu rufen. Richten Sie dieseil Ruf an das, was Sie in diesen: Augenblick von mir empfangen!" Er gab mir ein aus feinem Leder gefertigtes Couvert kleinsten Formates in die Hand und ging daun so schnell fort, daß ich ihni gar nicht danken konnte. Als ich es öffnete, sah ich, daß es ein Stück pergamentartiges Papier enthielt, welches ein gleichseitiges Dreieck bildete. Es war auf der einen Seite weiß, auf der anderen mit Figuren mrd Zeichen versehen. Drei schlankgezogene Drachen bildeten die Einfassung der Ränder, und in jeder Ecke stand ein chinesisches Schlüsselwort. Das erste war "k'i", das veraltete Zeichen für Luft und Odem; es bedeutet auch den Urgrund aller religiösen Dinge. Die andere Ecke enthielt ein "schi", das Zeichen für Geist, für Genius der Erde. Und im dritten Winkel sah ich ein "ku", was Hart tu Weich eingeschlossen bedeutet und auch das Zeichen für die Brüderschaft ist. Ich dachte jetzt nicht daran, niich nach dem Sinne dieser Zeichen zu fragen. Die Hauptsache waren die Worte, mit denen die Gabe mir überreicht worden war. Und diese hatten noch viel rätselhafter geklungen, als niir die Schrift erschien. Daß der Sinn dieser Charaktere bei einigem Nachdenken mir liicht unergründlich bleiben werde, das wußte ich; aber ob ich einst behaupten dürfe, daß mir die Bedeutung dessen, was der Chinese gesagt hatte, klar geworden sei, das konnte nur die Zukunft lehren. Pyramiden und Sphinx im Mondschein Zweites Kapitel. Im Fjerzen des Islams. eilt Sejjid Omar hatte sich bewährt. Er war ehrlich, wahrheitsliebend, treu, scharfsinnig, zuverlässig und — was ich gar nicht hatte vermuten können — zu alledem ein wahres Sprachgenie. Sa lange wir durch Gegenden gekommen waren, in denen arabisch gesprochen wird, hatte ich von dieser seiner Begabung freilich nichts bemerkt; ja, ich war sogar in Beziehung auf seine spätere Brauchbarkeit bedenklich geworden, weil er nur seine heimische Mundart für richtig hielt und bei jedem anderen Dialekte mit einer wegwerfenden Handbewegung zu sagen Pflegte: "Tie. halten das für echtes Arabisch! Die können ja gar nicht arabisch sprechen! Das wahre "hhchchhhh!" und dao wirkliche "hhkghhh!" bringt keiner von ihnen fertig! Aur wer in Kairo geboren ist, kann reden; eine andere, richtige Sprache giebt es überhaupt gar nicht!" Aber als an der indischen Grenze das englische Sprachgebiet begann, schien bei ihm, so was man sagt, der Knoten zu reißen. Schon in Karatschi, ivo wir einige Tage ruhten, wunderte ich mich darüber, daß er sich fast gär nicht um mich bekümmerte. Er ließ sich nur für Augenblicke sehen, itnd als ich ihn darüber zur Rede stellte, erklärte er mir: "Sihdi, ich habe vorgestern, gestern und heute mit englischen Matrosen zusammengesteD und mir ihre ganze Sprache ausgeschrieben. Ich muß doch nun englisch reden können, sonst kannst du mich ja nicht mehr brauchen. Ich habe sogar in der Nacht studiert; es ist ganz leicht; nur das "hhsssshhh" und das "thhhsssshhh" bringe ich troch nicht heraus, denn die Engländer können eben auch noch nicht richtig reden. Hier hast dil ihre Sprache!" Er zog ein Paket von mehr als zwanzig vollgeschrüdenen Papierbogen aus dem Kaftan und gab es mir. Es enthielt englische Worte und Redensarten mit der arabischen Uebersehung, natürlich in arabischer Schrift geschrieben, für mein Auge ein wahrer Gallimatthias, in dem ich mich nicht zurechlfinden konnte. Da ich aber dem guten Omar ansah, daß er ein anerkennendes Wort erwartete, so sagte ich: "Du bist da sehr fleißig gewesen. Kannst du denn diese englischen Worte alle anssprechen?" Er nickte. "Und du kennst auch ihren Sinn?" Er nickte wieder, wobei sein Gesicht vor innerer und äußerer Zufriedenheit förmlich glänzte. "Wenn dies der Fall ist, so bist du ja ein ganz tüchtiger Kerl!" Da rief er aus: "Probiere mich, Sihdi! Darf ich dir sagen, >vie dn das zu machen hast?" "Ja. Nun, also!" "Du bist ein englischer Laden, in welchem Cigarren verkauft werden. Ich bin der englische Sejjid Omar aus Livverbuhl und kaufe für meinen deutschen Sihdi Cigarren ein, weil er nicht englisch reden kann. Bist du einverstanden, und soll ich das so machen?" "Ja, gut! Ich bin der englische Cigarrenladen, und du bist aus Liverpool. Es kann losgehen!" Ta ging er Waus, machte die Thür hinter sich zu und klopfte an. "Come in!“ antwortete ich. Er trat ein, nahm seinen Tarbnsch höflich ab und wollte sprechen; ich aber kam ihm zuvor: "Mach die Thür zu, ehe du sprichst! Ein Engländer lösch keine Thür offen stehen!“ Er war sofort Herr der Situation, zog die Thür zu und sagte: "Ei bekt sich Parrrrd'n, Mister Miehlord olvww Taln bakk änd Smooking-Sihgärr! Ei wischsch dhho Pörrrtschähsz Sihgärr! Giww Sihgärr! Lahrtsch bikk Sihgärr, lang Sihgärr, thick Sihgärr, gudd Sihgärr. fein ännd tschihhhhp Sihgärr! Wott häww ei dhho peehh, Mister Miehlord owww englischhh Smooking-Männ?" Man denke sich meinen ernsten, gravitätischen Sejjid Dinar, und man denke sich dazu, daß, während er diese Rede lvie aus einem halb verstopften Wursttrichter hervorquellen ließ, sein Gesicht geirau die Züge der unerlaubten Orthographie annahm, deren ich mich in diesen Zeilen bediene! Ich konnte nicht anders, ich mußte laut lachen, mehr über sein Gesicht als über seine Worte. Das entzückte ihn. Er sagte: "Sihdi, ich sehe, wie sehr du dich freust. Ich habe in diesen drei Tagen und zwei Nächten die ganze englische Sprache auswendig gelernt. Ob du diese Sprache auch verstehst, das ist nun ganz egal. Ich werde für dich reden!" Das war so seine selbstbewußte, selbstöertrauende Weise. Mir machte die Sache in der ersten Zeit Spaß; aber se länger, desto mehr erstaunte ich. Er machte Fortschritte, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Wo er eines Engländers habhaft werden konnte, der nicht allzu hoch über ihm stand, den hielt er fest, um sprachlich von ihm zu profitieren, und als ich ihm seine Bitte erfüllte, möglichst nur englisch nüt ihm zu sprechen, fand ich täglich Gelegenheit, sein unvergleichliches Wortgedächtnis zu bewundern. Nebenbei merkte er sich'jedes Wort jeder anderen Sprache, welches ihm vor die Ohren kam. Er saß stundenlang an einer Stelle still, immerfort die Lippen bewegend nnb sich unausgesetzt übend, um das, was er sich einmal angeeignet hatte, ja nicht wieder zu vergessen. Wenn ich ait Hauptorten mit Europäern zusammentras und in deren Sprache mit ihnen verkehrte, so machte er sich sicher in unsere Nähe, um einige Worte anfzufangen und mich dann über die Bedeutung derselben auszufragen. Und lvas er so erfuhr, vergaß er nie. Ganz eigenartig war seine Geschicklichkeit, seinen immer wachsenden Sprachschatz in Anwendung zu bringen. Es geschah das ohne jedes Gesetz und jede Regel, aber in einer Weise, welche mich oft heimlich staunen ließ. Mit Etymologie und Syntax freilich durfte ich ihm nicht kommen. Wenn ich von der Abstammung eines Wortes oder von den Teilen, eines Satzes sprach, wehrte er mit beide» Händen ab und sagte: "Ich esse nicht zwei Datteln auf einmal, sondern eine nach der anderen. So spreche ich auch nicht zwei Worte auf einmal, sondern eines nach dem anderen. So ist es bei uirs in der arabischen Sprache, außer welcher es keine richtige giebt, und also darfst du nicht von mir verlangen, daß ich bei einem Worte gleich an mehrere andere denken soll. Sie kommen alle ganz von selbst, und du brauchst keine Angst zu haben, daß ich eines vergesse!" Seine Liebe zu mir ivar der Grund, das; für ihn meine Muttersprache gleich nach der seinigen rangierte, und so war seine Freude groß, als ich ihm für einen mir geleisteten Ertradienst die belohnende Mitteilung machte, daß ich ihn von jetzt au täglich eine Stunde iu der deutschen Sprache unterrichten würde. Die Folge zeigte, daß ich mir keinen besseren Schüler wünschen konnte. Er gab sich die größte Mühe, nach seiner Rückkehr niit den deutschen Touristen deutsch sprechen zn können. Freilich ging er auch hier in einer so regellosen Weise mit den Redeteilen uni, daß Wortund Satzbildungeu zum Vorschein kamen, welche um jo lächerlicher waren, je größere Wichtigkeit er der ernsten Würde gab, mit welcher sie ausgesprochen wurden. Seine in Kairo, ehe ich ihn engagierte, in Beziehung auf die Religion ansgesprochenen Wünsche hatte ich respektiert. Ich sprach kein Wort vom Christentum zu ihm, und wenn er einmal, was ja unvermeidlich war, eine sich auf seinen Islam beziehende Bemerkung machte, so ging ich schweigend über sie hinweg. Dies kam in seinen Augen einer Mißachtung seiner Religion gleich und wurde von ihm nach und nach immer mehr als eine Strafe empfunden, welche er verständigerweise als eine unausbleibliche Folge seiner damaligen Bitte zn betrachten schiön. Es war mir oft, als ob er in dieser Hinsicht etwas auf dem Herzen habe, und er setzte auch zuweilen an. es mir zu sagen, kam aber nicht dazu, weil ihm solche Gelegenheiten von mir aus guten Gründen stets kurz abgebrochen wurden. Das Zusammenleben mit mir hatte bei ihm die unausbleiblichen Wirkungen hervorgebracht, denn es war ganz selbstverständlich, daß gewisse Anschauungen von mir auf ihn übergehen mußten. Ich ließ das geschehen, ohne ihn darauf aufmerksam zu machen. Es kam immer mehr vor, daß er eines der vorgeschriebenen Gebete ansfallen, ließ, weil ihn etwas hinderte, ivas er früher auf keinen Fall als Hindernis betrachtet hätte. Er unterließ es, die Vorzüge seines Glaubens in der ehemaligen Weise zu betonen, und die Masbacha,*) welche er früher in müßiger Zeit stets iu den Händen gehabt hatte, war jetzt nur sehr selten noch zu sehen. Ich nahm diese Zeichen nicht etwa als Beweise verminderter Frömmigkeit: o nein; das Herz Omars war noch ganz dasselbe wie vorher; aber er hatte zwischen innerlich und äußerlich unterscheiden gelernt und dabei eingesehen, auf welcher von diesen beiden Seiten man die wahre, echte Religiosität zu suchen hat. Wir kamen jetzt per Dampfer von Bombay und waren froh, den Gefahren dieser von der Pest vollständig verseuchten Stadt glücklich entgangen zu sein. Kap Ko worin war dubliert, und wir flogen auf einer wunderbaren See dem herrlichen Ceylon zu. Ich bin gern bereit, bei einer Personifikation der Meere zu einer Schönheitskonkurrenz den ersten Preis dem Roten Meere znzner*) Muhamincdanisch.'r Rosenkranz. kennen, denn ich habe es, so oft ich es durchfuhr, so schön ivie kein anderes gefunden, doch heut wurde von dem glänzendsten Tag des Orientes die Vermahlung der arabisch-persischen See mit dein indischen Ocean gefeiert, und der Himmel hatte seine sanftesten Lüste gesandt und sein reinstes, strahlendstes Licht über diese friedliche Vereinigung ausgegossen. Blau und wonnig, wie das aus dem Herzen gestiegene Glück in einem selig lächelnden Menschenauge, so sah uns jede, die Wangen uusers Dampfers küssende Woge an, um nach diesem Kusse an die Brust der See zurückzusiuken. Ein aus regelmäßigen Maschen bestehendes Brautgewand bildend, zogen diamantene Fäden sich, so west der Blick nur reichen konnte, über die schwellenden Wasser, welche nüe von den leisen Atemzügen eines friedlich Schlafenden sich hoben und sich wieder senkten. Der Morgen war schon angebrochen, und nun ging auch die Sonne auf, nicht langsam, wie hinter Bergen empor, nicht mit Nebeln und irdischen Dünsten kämpfend, sondern plötzlich, mit einem Male, wie einer der Engel des Lichtes, welcher die Thür des Himmels öffnet und in voller, majestätischer Gestalt hervortritt, um der Schöpfung seines Herrn und Meisters den göttlichen Segen zu erteilen. Und da floß er herbei, dieser Segen, vom ewig jung bleibenden Osten her, eine unendliche, überwältigende Fülle des Lichtes, eine unerschöpfliche Flut von Strahlen, dem Tage als Erhörung des Gebets der Nacht gesandt! Vom Sonnenpunkt am Horizont beginnend und nach Nord und Süd immer breiter werdend, war für uns eine aus flüssigen Brillanten gegossene, funkelnde Bahn gezeichnet, auf deren Mitte wir der Spenderin dieser Pracht und Herrlichkeit gerad entgcgeufuhren. Hatten wir die Erde verlassen, und war Ceylon jene oft besungene und doch so vergeblich ersehnte "Insel der Seligen" für uns? Wie habe ich dich lieb, so unendlich lieb, du See, du Meer, du Ocean! Du ziehst in deine Tieien. damit ich frei von ihm werde, was an mir schwer und irdisch ist, und trägst mich nach der anderen Welt, nach jenem aus dem Gottvertrauen emporragenden llfer, wo zwischen den Bergen des Glaubens der Weg empor nach meiner Heimat steigt! Man bezeichne solche Gefühle ja nicht als überschwenglich! Wer die See nicht kennt, der ahnt nicht, wie mächtig sie auf jeden Menschen wirkt, der seiner Seele noch nicht verboten hat, zn ihm zu sprechen. Und wer da meint, während einer kurzen Fahrt nach Kopenhagen oder Helgoland das Meer kennen gelernt zu haben, der irrt sich sehr. Fch kenne Seekapitäne, welche den Atlantischen nach ihren, eigenen Ausdrucke "wie ihr Waschbecken kannten" und mit voller Wonne für ihn schwärmten, dann aber bei ihrer ersten Fahrt von Suez nach China oder Australien begeistert eingestanden, daß der bisher geliebte "alte Heringsteich" im Vergleich mit jenen südlichen Meeren eben nur als Heringsteich bezeichnet werden könne. Die WasserMasse an sich thut es freilich nicht. Es ist der Süd; es ist der Ost, und es ist die Nähe des Aeguators. Auch wirken noch andere Ursachen, denen ans die Spur <w kommen, Auf dem Vorderdeck. man sich wohl vergeblich bemühen würde. Aber sie kommt; sie ist da, diese Wirkung, und ich bin so glücklich darüber, das; es mir wiederholt beschieden gewesen ist, mich ihr von ganzem Herzen hingeben zu können. Ich war nach den: Vorderdeck gegangen, sno die Passagiere dritter Klasse logierten, und hatte mich an das Spriet gelehnt, um den Anblick dieses einzig schönen Sonnenaufganges voll genießen zu können. Als er dann vorüber war und ich mich umdrehte, um nach meinen: Deck zurückzukehren, sah ich, daß Sejjid Omar unweit von mir an der Regeling stand und auch bewundernd ostwärts schaute. Als er bemerkte, daß es mich nun nicht mehr störe, erkundigte er sich, wann wir in Colombo ankoinuten würden. Als ich ihm die Auskunft erteilt hatte, sagte er: "Das sind alles Dummköpfe oder Lügner! Ich fragte gestern Abend den Kapitän, und er sagte, urn zehn Uhr. Dann fragte ich den ersten Offizier, und er sagte, um zwölf Uhr. Hierauf fragte ich den zweiten Offizier, und er sagte, um elf Uhr. Du aber, Sihdi, hast gesagt, halb zehn Uhr, und das ist richtig! Es ist aber immer so und wird auch so bleiben: du weißt alles richtig, und andere Leute wissen alles falsch: manchmal wissen sie es auch gar nicht!" Der gute Omar hatte nämlich die Eigenheit, mich für allwissend zu halten. Das kam daher, daß ich niemals etwas zu ihm sagte, wofür ich nicht einstehen konnte. Sein Vertrauen zu meinem Worte war geradezu rührend. Er stand reden Augenblick bereit, auf mich zu schwören. Seine eigene Wahrheitsliebe hatte mich verpflichtet, gegen ihn. selbst in: Scherz, auch nur wahr zu sein. Das stach freilich so sehr gegen die orientalische Weise ab, daß er mich verehrte, wie wohl noch nienrand von ihm verehrt wordei: war. Ich bemerkte oft, wenn ich mich plötzlich nach ihn: umdrehte, daß sein stiller Blick mit Liebe aus nur geruht hatte; er fühlte sich dann ertappt und errötete wie ein kleines Mädchen. Andere Herren sagten mir aufrichtig, daß sie mich um die Anhänglichkeit dieses Dieners beneideten. Auf diesem Wege erfuhr ich auch, wie er mich gegen andere zu nennen pflegte: "Unser Herr!" Waren wir auf einen, Schiffe, so war ich in seinen: Auge der vornehmste Herr an Bord, und er nannte mich, selbst gegen den Kapitän nicht anders als "unser Herr". Im Hotel mußte es sich der Wirt gefallen lassen, daß Omar nicht ihn, sondern »sich als "unfern Herrn" bezeichnete. Und selbst wenn ich Gast des Vizekönigs von Indien gewesen wäre, so hätte dieser hören müssen, daß ich "unser Herr" sei, nicht aber er. So kam es, daß ich überall, wohin wir kamen, sehr bald von aller Welt, natürlich hinter meinem Rücken und in scherzhafter Weise als "unser Herr" angegeben, verkündigt und erläutert wurde. Ich hatte ihm zwar zu verstehen gegeben, daß ich nur sein, nicht aber auch der Herr aller an deren Leute sei, doch vergeblich; er blieb bei seiner Verehrung und also auch bei "unser::: Herrn". Und wie er keinen, andern als nur mir vertraute, so stand es auch jetzt ganz unerschütterlich bei ihm fest, daß wir trotz der Anssagen des Kapitäns und seiner beiden Offiziere und trotz aller ihrer nautischen Berechnungen halb zehn Uhr in Eolombo eintreffen würden, und zwar allein nur deshalb, weil ich es gesagt hatte. Er sah mich forschend an, um zu ergründen, ob er wntersprechen dürfe, und da ich nicht abmahnend dreiuschaute, fuhr er fort: "Sihdi, ist Ceylon die große, schöne Insel, welche arabisch Oelb esch Schart") genannt wird?" "Ja, Sie ist sehr schön, inid du wirst viele Orte von ihr kennen lernen," "Was für Brenschen wohnen da?" "Singhalesen, Tamilen, eingewanderte Araber, Malayen und Mischlinge. Die Leute, welche hier auf diesem Deck sitzen, sind meist Singhalesen," Cr schnippste abwehrend mit deir Fingern und sagte: "Ich habe sie beobachtet. Sie sind ja Abadet el AsSliarn*) **), die inan nicht berühren darf, wenn man sich nicht verunreinigen will. Es wird mir keiner zu nahe kommen, und thut er es, so wehre ich ihn mit demStocke von mir ab!" Da legte ich ihm die Hand wie damals auf die Schuller, sah ihn ernst an und warnte: "Du bist Sejjid Omar, aber noch immer nicht ein guter Mensch. Wer kein guter Mensch ist, der kann auch kein guter Moslem sein. Wir sind alle Brüder. Wohnt der Glaubeusirrtum etwa im Körper? Wie kann dich die Berührung des Leibes, der mit dem Glauben gar nichts zu thun hat, verunreinigen?!" Ich drehte mich um und ging. Ich mußte zwischen den Singhalesen hindurch. Es saßen da mehrere Familien beisammen, liebe, freundliche, saubere Menschen, die Väter, die Mütter und die Kinder. Ein kleiner, fast splitternackter Junge war dabei, dunkeläugig, bausbäckig, vollbauchig, mit quatscheligen Händen und Füßen. Ich hob ihn zu mir empor, küßte ihn auf die Stirn, setzte ihn wieder hin, drückte ihm ein kleines Silberstück in die Miniaturpatschen und ging. "O Sahib! Sahib is good! Sahib habe thank!" rief es hinter mir her. Diese Leute sprechen immer einige Brocken englisch. Nach Omar sah ich mich nicht um. Er hatte seine Lehre und seine Strafe weg! Es war für mich gar nicht schwer gewesen, zu bestimmen, wann wir ankommen würden. Man weiß ja ganz genau, wieviel Seemeilen zu machen sind, und man erfährt, so oft man will, wieviel das Schiff zurückgelegt hat und wieviel Knoten es in der Stunde macht. Aber gewöhnlichen Fragern steht ein Offizier natürlich nicht gern Rede. Er sagt irgend eine Zahl, und damit ist es gut. Das dunkle, satte Grün der Südwestküste Ceylons tauchte vor uns auf. Wir machten eine Schwenkung. Zur linken Hand erschien die Mutwal-Spitze, rechts der Damm; Masten und hohe Dampferessen ragten auf öa kam Sejjid Omar gelaufen, hielt mir die llhr hin, welche ich ihm als Unterstützung seiner Pünktlichkeit geschenkt hatte, und rief: "Sihdi, du hast wieder recht: Es fehlen sogar noch vier Minuten an halb zehn! Wirst du als Gast bei jemand wohnen oder im Hotel?" "Grand Oriental-Hotel. Zwei Minuten vom Landeplatz. Nenne meinen Namen nicht!" Mehr brauchte ich nicht zu sagen. Er war gewohnt, alles ganz allein und auf das beste zu besorgen. Ich hatte nur auszusteigen und nach dem Hotel zu gehen, was der Kürze des Weges wegen erlaubt war. Sonst aber wird ein Europäer, der in Colonibo zu Fuß geht, jeden, mit dem er verkehrt, blamieren. Es gab, wie in jedem orientalischen Hafen, einen unbeschreiblichen Lärm, doch vollzieht sich hier die Ausschiffung in langen, bequemen Böten und einer anderorts sehr wünschenswerten Bedachtsamkeit. Mit Paßund Zollformalitäten hatte ich nichts zu thun. Unter dem Regendach der Landestelle sitzen Geldwechsler, bei denen man alle möglichen Münzen des Ostens haben kann. Ich ver Geldwcchslcr an der Landcftelle. weilte mich bei einem von ihnen, um mich mit landläufigem Silber zu versehen, und schlenderte dann dem Hotel zu. Es ist, beiläufig gesagt, das teuerste, welches ich im Orient gefunden habe. Dennoch ging ich, ohne ein anderes zu wählen, jetzt wieder hin, weil ich gern wieder in demselben Zimmer wohnen wollte wie früher. Ich bin in dieser Beziehung ein sonderbarer Kauz. Erinnerungen sind und bleiben mir stets heilig. Noch ehe ich die zur Thür führenden Stufen betrat, hörte ich die zankende Stimme meines Sejjid Omar, welche aus dem rechts im Flur liegenden Bureau ertönte. Er sprach sein eigenmächtiges Englisch und ioar, wie es schien, in Wut. Als er mich kommen sah, klagte er mir seine Not arabisch: "Denke dir, Sihdi, man will dir kein großes, schönes, sauberes, fein möbliertes, billiges Zimmer geben, eine Trevpe hoch und mit der Aussicht in das Freie! Man sagt, es sei alles besetzt. Wie kann alles besetzt sein, wenn mein Sihdi kommt! Und wenn einer drin ist, oder wenn zehn drin sind oder fünfzig oder hundert, so müssen sic alle raus, alle, alle! Sodann soll ich deinen Namen sagen! Habe ich etwa diesen Portier schon nach dem seinigen gefragt? Was thut der Name? Der Glaubensirrtum steckt nicht in dem Körper und mein Sihdi nicht in seinem Namen! Ich habe einfach gesagt, daß du keinen brauchst und also auch keinen hast. Ist das nicht deutlich genug? Willst du einen haben, so kannst du jeden nehmen, den es giebt; du bist der Alaun dazu! lind endlich mir, mir will man nicht einmal eine Wohnung geben, weil ich ein Araber bin; denke dir, dieser Portier, dem Allah nichteinmal einen Bart hat wachsen lassen, hat mir gesagt, daß nur eingeborene und andere Dienerschaft hier wohnen dürfe, arabische aber nicht, weil man da wegen Schmutz und Ungeziefer schlechte (Erfahrung gemacht habe. Ich, Sejjid Omar und Schmutz! Ich, Sejjid Omar und Ungeziefer! Dieser Portier spricht auch arabisch, aber so, wie es hier gesprochen wird. Das ist doch keine Sprache! Und dieser Mann, der nicht einmal reden kann, wie man mit Sejjid Omar reden ninß, sagt, daß hier überhaupt kein Moslem wohnen düise! Er meint, ivir machten mit unfern Glaubensgebräuchen nur Störung und seien keine reinlichen Menschen; die Singhalesen aber, diese Götzendiener, seien gerad so sauber wie die Christen! Ist das nicht unerhört? Wenn ein echter und wahrer Bekenner des Propheten hier wegen Ungeziefer nicht wohnen darf, so frage ich diesen Portier, warum dann er keins hat> Doch nur, weil er nichts zuiu Beißen hat und so unappetitlich ist, daß alles, was zu den Debaib*) gehört, bei seinem Anblicke hier zur Thür hinaus, und auf die Straße springt! Komm, Sihdi; wir danken für ein solches Hotel und suchen uns ciu anderes!" Er wollte fort. Ich gebot ihm durch eine Handbeweguug, zu bleiben, und wendete mich an den Portier. Dieser war ein ganz höflicher Mann. Ein Zimmer, wie Omar verlangt hatte, war nicht frei; aber ich wollte auch kein solches, sondern gern mein früheres, und dieses war noch unbesetzt. Der Sejjid konnte allerdings keinen Raum zum Schlafen bekommen, doch durfte er sich mn Tage zu meiner Bedienung beliebig im Hause aufhalteu. Die Verwaltung hatte infolge der erwähnten Erfahrung ganz berechtigter Weise verboten, arabische Diener für die Nacht zu behalten, und meinem islamstolzen Omar konnte es nach seinem verächtlichen Urteile über die "Götzenanbeter" gar nichts schaden, lvenn er hier die Beobachtung machte, daß diese Buddhisten erfahrungsgemäß den Muhammedanern vorzuziehen seien. Ich erklärte also, daß ich hier bleiben nnd das Zimmer nehmen werde. Omar konnte in dein "Pettah" genannten Eingeborenenviertel wohnen, wo ein mir bekannter Deutscher ein Hotel niedrigeren Ranges besaß. Tort gab es für ihn übrigen? auch mehr Gelegenheit zu den ihm so am. Herzen liegenden Sprachstudien als hier im Grand Orieutal-Hotel. Der Portier erhielt für das, was er von des Sejjid Strafpredigt verstanden hatte, als Entschädigung ein Trinkgeld, welches er mit einer Miene zu sich steckte, die mir deutlich sagte, daß er mich vo>t diesem Augenblicke an trotz des arabischen Dieners für einen "Gentleman" halte. Wein Raum lag auch hier zwei Treppen hoch, nicht nach der See oder nach der Straße, sondern nach dem Hofe zu, bei dessen Anblick mich das Gefühl überkam, daß ich nach langer Zeit nun wieder einmal zu Hause sei. In diesem Hofe kannte ich jeden, ailch den kleinsten nnd verborgensten Winkel, obgleich ich ihn nie betreten hatte. Er war der Bereich der interessantesten ethnographischen Studien gewesen, welche ich von meinem hochgelegenen Söller aus hatte machen können, denn er wurde teils voiu Hotel und teils von Geschäftshäusern eingeschlossen und stand mittelst breiter Durchgänge mit der Straße in Verbindung. Es gab da ein immerwährendes Kommen und Gehen von Gestalten aller Farben und aller Sorten. Am interessantesten war mir ein Tamile gewesen, dessen linkes Bein im Beginne der Elephantiasis gestanden hatte und Siehe da, kaum war ich jetzt in das Zimmer getreten und warf nach so langer Zeit den ersten Blick hinab in den Hof, da kam dieser Tamile aus dem hintern Winkel herbeigehunipelt, älter als damals, doch ganz dasselbe verdrossene Gesicht nnd ganz derselbe trockene Husten, den er früher schon hatte. Aber die Geschwulst hatte jetzt das ganze Bein bis herauf an den Leib ergriffen und war so stark geworden, daß man sich keiner llebertreibung schuldig machte, wenn man sagte, daß dieser arme Teufel ein Menschenund ein Elefantenbein besitze. Im Zimmer stand derselbe hohe Tisch und dasselbe Bett mit Messinggestell nnd Fliegennetz, daneben die zwei. niedrigen Serviertische, an denen man den Kaffee oder Thee einnimmt. Draußen auf dem Söller gab es noch denselben langen, bequemen, indischen Ausstreckestuhl, welcher vorn zwei verschiebbare Leisten hat, auf denen die Füße hochgehalten lverden. lieber den Söller selbst muß ich aus triftigen Gründen noch eine Bemerkung machen. Er war aus durchbrochenem Holz gebaut und reichte über die ganze hintere Seite des Gebäudes. Dieses enthielt in jeden: Stockwerke eine lange. Flucht von Zimmern, von denen ans man auf den Söller treten kannte. Um nun zu vermeiden, daß ein Gast den anderen störe, war der Söller teils durch dünne Holzwände, teils auch durch grobe Stoffvorhänge in so viele Teile geschieden, wie Zimmer vorhanden waren. Es konnte also jedermann auf seinem Balkon oder Söllerteile sitzen, ohne eigentlich von den Nachbarn gesehen zu werden; aber die Vorhänge hatten mit der Zeit Löcher bekommen und die Zwischenwände waren so schadhaft geworden, daß mau oft weit mehr zu setzen bekam, als man eigentlich sehen wallte und auch sehen durfte. Man brauchte sich auch gar nicht anzustrengen, um die trennende Wand so zu beseitigen, daß eine persönliche Ueberraschung des Nachbars möglich war. Auf alle. Fälle aber hatte man die Trennung nur für das Auge, nicht aber für das Gehör berechnet, denn da Lei der dortigen Hitze es keinem Menschen entfiel, seine Söllerthiir zu schließen, so konnte nrau fast jedes Wort verstehen, welches in den beiden Zimmern rechts tlnd links nebenan gesprochen wurde. Dergleichen Situationen sind im Oriente leider allzu hätlfig. Oft sind nicht nur die Zimmer, sondern auch die Schränke, Kommoden u. s. iv. halb öffentlich eingerichtet, weil entweder gar keine Schlüssel oder nur solche von ganz derselben Nummer vorhanden sind, so daß jedermann mit seinem Schlüssel die Möbels aller Gastzimmer öffnen kann. Um summarisch zu verfahren, will ich hier gleich einiges über Colombo im allgemeinen erwähnen. Ich beabsichtige dabei nicht etlva eine Beschreibung der Stadt, sondern es soll nur gesagt werden, was zum Verständnisse des später Folgenden notwendig ist. Ihren Nameit hat die Stadt von den, hier in die i^oee mündenden Kalani-Ganga erhalten; sie wurde Kalaubua genannt; die Portugiesen haben Colombo daraus gemacht. Ihre Lage ist eine durchaus ebene, und so brauchte in den von den Europäern bewohnten Teilen kein Areal gespart zu werden. Die Bungalows*) der Weißen sind von herrlichen Gärten und Parkturugeben, in denen die indische Vegetation zur vollsten, herrlichsten Geltung kommt. Die Dattelpalme kennt man hier nicht; *) Villen, Wohnhäuser. sie will Sand und Wüstennühe haben. An ihre Stelle ist die.Kokospalme getreten, welche eilt kräftigeres, saftigeres Grün als die erstere zeigt und den Eindruck eures wohlgenährteren, besser situierten Pflänzenwesens nracht. Tie von den Eingeborenen bewohnten Stadtteile haben schmale Straßen; die Häuser und Häuschen stehen eng beisammen. Man sieht Laden an Laden, und wer sich vor gewissen Gerüchen scheut, der thut wohl, sich in eine der stets und überall vorhandenen Rickschahs zu setzen und dahin zu fahren, Ivo es nicht mehr riecht. Der Name dieser aus Japan eingeführten Fahrzeuge lautet eigentlich Jinrickschaw, doch pflegt jedermann kurz nur Rickschah zu sagen. Mau denke sich eine sehr leicht und für die Zugkraft nicht eines Pferdes, sondern eines Menschen gebaute, zweiräderige Kalesche mit vorzuschlageudem Regendach und einer Doppeldeichsel, so weiß mau ungefähr, wie eine Rickschah aussieht. Der Siughalese, welcher sic zieht, trägt die leichteste Kleidung, die auf der Straße erlaubt ist, oft nur eine Hose, welche vom Gürtel bis zur Hälfte der Oberschenkel reicht. Wer sein langes, seidenweiches Haar ist wohlfrisiert, zurückgekämmt und hinten in einen Knoten geschlungen, der von einem Kamme zusaunneugehalten wird. Das giebt dem Manne ein weiches, weibliches Aussehen. Dieser Kamm ist aber ein Zeichen der Männlichkeit; Frauen tragen ihn nicht, und Knaben erst dann, wenn bei ihnen der Bart zu wachsen beginnt. Also außer mit diesem Kamme und der bescheidenen Hose ist der Rickschahmaun vollständig unbekleidet. WaVegetation von (Ceylon. rum? Man steige ein! Sobald man sitzt und er erfahren hat, wohin man will, beginnt er zu laufen. Die Luft ist schwül; die Sonne brennt; er läuft! Es geht tticht im Schritt, nicht iin Trab, nicht im Galopp, sondern er läuft, aber wie! Es hat den Anschein, als ob er wie ein Torpedobootjäger sechsundzwanzig Knoten in der Stunde machen müsse. Man hat ihn etwas zu fragen; er antwortet so kurz wie'möglich, und er läuft! Die nackten Beine werdeit nicht müde; die nackte Brust scheint keine Lunge zu bergen; der Atem geht ruhig und regelmäßig, und doch würde ihn eine Droschke erster Güte nicht einholen, denn er läuft! Da, da man schaue hin! Es beginnt noch etwas zu laufen! Nämlich unter dem Zopfe quillt ein kleines, einziges Tröpflein hervor, bleibt, wie verschämt darüber, daß es sich so öffentlich zeigen muß. einige Augenblicke im Schatten des Kannnes stehen und bewegt sich dann, erst langsam, hieraus sprungweise und hernach schneller und inuuer schneller über den Hals und den Rücken herab, bis es unter dem oberen Rande der Hose verschwindet. Ein zweiter Tropfen kommt. Dieselbe anfängliche Verschämtheit, dasselbe Zögern, dann dieselben Sprünge und dasselbe vorläufige Ziel. Ein dritter, fünfter, zehnter, zwanzigster, hundertster Tropfen erscheint. Sie folgen sich schneller und schneller, bis sie ein Bächlein bilden, welches von dem Zopfe nach der Hase strebt. Das Bächlein läuft ununterbrochen, aber der Mann läuft auch! Der Passagier sitzt hinter ihm, sieht beide laufen und weiß nicht, worüber er sich mehr Wundern soll, ob über die Ausdauer seines unermüdlichen Zweibeiners oder darüber, daß aus einem Zopfe eine so unerhörte Menge van Wasser laufen kann. Aber auf der rechten Schulter bildet sich auch ein Tropfen, auf der linken ebenso, beide rinnen herab, dern Rückgrate zu, um sich dort mit dem Bache zu vereinigen. Sie bekommen Nachfolger. Es entsteht hüben und drüben ein zweiter und ein dritter Bach, nach deren Einmündung der mittlere zu einen! Fliißchen wird. Bald treten auch an anderen Stellen Wasserperlen hervor, aus denen Bäche werden, an den Oberarmen, der Brust, den Seiten, und alle eilen der Hose zu, welche naß und immer nässer wird, bis sie die allgemeine lleberschwemmung nicht mehr fassen kann und in Gestalt von zwei Missisippis an den beiden Beinen niederlaufen läßt. So läuft das Wasser endlich am ganzen Körper, und der Mann läuft auch! Der Fahrgast sieht das mit Staunen und wundert sich schließlich darüber, daß er so ruhig sitzen bleibt und nicht von der Rickschah herunterspringt, um auch zu laufen! Es ist ein wahres Glück, daß man dem Kuli gesagt hat, wohin man fahren will, denn wenn man das vergessen hätte, so würde er laufen, laufen und immer weiter laufen und gewiß nicht eher aushören, als bis er sich ganz in Wasser aufgelöst hätte und zwischen den Deichselarmen der nun stehen gebliebenen Rickschah nur noch die Hofe und der Kamm zu sehen wären. Und wenn das Ziel erreicht ist und er sich mit der freigcwordcnen Hand über das badende Gesicht streicht, so geht sein Atem so ruhig wie im Augenblicke des Ein steigens; sein Auge blickt so sanft wie eine dunkelsammetne Pensee; er fordert nach deutschem Gelde nur eine Mart für die Stunde, und wenn man ihm noch einige Pfennige 3U dem geliebten Siribissen extra giebt, so möchte er nun vor lauter Dankbarkeit so, wie vorher vor lauter Wasser, auseinanderfließen. Das ist die Rickschah und das ist der Rickschahmann! Mein Sesjid Omar konnte es nicht gut verwinden, daß ich gegen seinen Vorschlag im Grand Oriental-Hotel blieb. Er kämpfte mit sich, ob er schmollen solle oder nicht; ich ließ das unbeachtet. Er mußte meine Effekten nach dem Zimmer bringen und ihnen dort die mir gewohnte Ordnung geben. In Indien spart man nicht mit der Dienerschaft. So standen auch an meiner geöffneten Thür zwei Singhalesen, welche mich eigentlich zu bedienen hatten und dem Sejjid helfen wollten. Das paßte ihm aber, zumal in seiner jetzigen Stimmung, nicht. Er faßte sie beide, den einen mit der rechten, den anderen mit der linken Hand, schob sie, ohne ein Wort zu sagen, weit auf den Korridor hinaus und zog dann die Thür hinter sich zu. Hieraus hielt er mir seine Hände hin, sah mich lächelnd an und fragte: "Sihdi, das waren Götzendiener? Nicht?" "Du nennst sie so," antwortete ich. "l!nd ich habe sie angegriffen?" "Allerdings." "Km sieh, lvas ich thue!" Er küßte seine beiden Handflächen und fuhr dam: fort: "Das ist ganz dasselbe, als ob ich diese Singhalesen geküßt hätte, so wie du den Knaben küßtest. Ich werde mir lveder die Hände noch den Mund waschen, weil ich inich nicht verunreinigt habe, denn alle Menschen sind ja Brüder! Bist du nun mit mir zufrieden? Hat die Güte meines Islam jetzt nicht ebenso gesiegt, wie sie siegte, als ich den Amerikaner, welcher mich beleidigt hatte, nach dem Menahouse führte?" "Nein!" "Warum?" fragte er erstaunt. "Die Jvuf’dja!) war im Kusammcnxrall umgeworfen morden". 91 «LL»«LL»«LL,^L»^L»«LL»«ZL»«ZL»E,<LL» Karl May. «LL»<LL»«LL><ZL»<LL»<LL»«LL><LL»«LL»^L» 92 «Weil beide Male etwas anderes gesiegt hat/' "Was?" «Das darf ich dir nicht sagen, weil dn es mir verboten hast." "Maschallah! Ich dir etwas verboten? Dir? Das ist doch mehr, als zehn Unmöglichkeiten sind!" ,,D» hast mir die Bedingung gestellt, nie von meinem Christentum zu sprechen." "Was hat das mit meinem Sieg zu thun?" "Nicht dein Islam hat gesiegt, sondern mein Christentum." Cr sah mich so verwundert an, das; ich erklärend forrfuhr:. , "Wer hat damals und auch heute zu dir gesagt, daß du zwar Sejjid Omar seist, aber kein guter Mensch? Wer hat dich im Menahouse ausgefordert, den Amerikaner zu holen? Und wer hat dir heut durch einen Kindeskuß gezeigt, wie die Güte zu handeln hat, von welcher du soeben sprachst?" Cr senkte die Augen und ließ auch die Arme sinken, bei ihm das sichere Zeichen, daß er sich iit Verlegenheit befand. Aber er wurde für diesen Augenblick der Antwort überhoben. Man brachte mir das Fremdenbuch, in welches ich mich einzuschreiben hatte. Ich überflog die Namen der vor mir gekommenen und noch nicht ausgestricheuen Fremden. Es waren mehrere Deutsche unb Oesterreicher dabei. Von einem Schiffsarzte wußte ich, daß er mich kannte, und da ich mich an niemand binden lassen und also gar nicht genannt sein wollte, so schrieb ich ineinen Vornamen als Familiennamen ein und sagte dem Sejsid, als wir wieder allein waren, wie er mich hier,.falls er gefragt werde, zu nennen habe. "Und weißt du aber auch, Sihdi, wie du mich zu nennen Haft?" sagte er kleinlaut. "Nun, >vie?" "Omar et Gahil.*) Ich sehe ein, was du geiviß schon längst bemerkt hast, nämlich, daß ich so dumm gewesen bin, deine Liebe für meine Güte und dein Christentum für meinen Islam zu halten. Willst du mir eine Bitte erfüllen?" "Wenn ich kann, sa, gern." "Sprich immerhin vom Christentum mit mir, und erlaube mir, auch von ihm sprechen zu dürfen, wenn ich dich nach ihm zu fragen habe! Ich ivar in der letzten Zeit gar nicht zufrieden mit mir, daß ich damals im Kontineutalhotel diese Bedingung gestellt habe. Cs raubt den Schlaf, wenn man gern etwas wißen will und doch nichr davon sprechen darf." "Gut; wir wollen diese Bedingung also fallen lassen. Jetzt werden mir zwei Nickschahs nehmen und nach dem Gasthause fahren, in welchem du wohnen sollst." Da hob er die gesenkten Arme wieder einpor und ließ ein frohes Lächeln sehen. Er fühlte, daß ich ihn nur deshalb nicht zu Fuße gehen ließ und sogar selbst mit fuhr, um ihm. zu zeigen, daß ich nun lvieder mit ihm zufrieden sei. Er ahnte gar nicht, daß er nur noch mit einem Fuße in der Bioschee, mit dem andern aber schon an| dem Wege zur Kirche stand. Als wir dauir hinunter kamen und der Thürsteher fragte, ob er nach Wagen oder Rickschah rufen solle, antlvortete Omar in zwar höchst fraglichem Englisch, aber nur der ganzen, niederschmetternden Hoheit, die ihm möglich war: "Wir brauchen nur zu winken. Von Euch übervorteilen lassen mir uns nicht!" Cr vermutete ganz richtig, daß jeder von dem Hotelbediensteten besorgte Wagen höher zu bezahlen sei als einer, den man sich selbst besorgt. Ich hatte für dieses Mal gegen seine Eigenmächtigkeit nichts einzuwenden. Er hob zwei Finger in die Höhe, worauf zivei Rickschahmäuuer herbeigeeilt kamen. Ich stieg ein; er wartete, bis ich saß; dann nahm er aus der zweiten Platz, und zwar in einer Haltung und mit einer Miene, als ob er soeben das Grand Oriental-Hotel gekauft, bar bezahlt und au den ersten, besten Bettler sofort wieder verschenkt habe. Wir fuhren nach dem Pettah, die Straße, welche nach der Markthalle führt. Sie ist erst breit und licht, wird aber' später eng. Kurz vor Mittag ist dieses sogeuanute "schwarze Stadtviertel"-sehr belebt. Es gab Stellen, wo Auf der Fahrt ins Land. *) Omar, der Unwissende. W <LL.«LL»<LL'<LL»E»<LL'^L>«LL»rLL.<LL» <Et in terra paj-, ^^«^^ZL»<LL»E,E,<TT>?SL'«LL»^§» 5)4 man sich drängte; trotzdem fiel es unfern Rickschahleuten nicht ein, ihre Schnelligkeit zu mindern. Sie haben ein. bewundernswertes Geschick, sich überall glücklich durchzuwinden. Wir näherten uns einer Straßenkreuzung: Voir jenseits kamen uns Rickschahs, Zebuwagen und dicht gedrängte Fußgänger entgegen; von links und rechts her flutete ein ähnlicher Berkehr, und hinter uns hörten wir Plötzlich Hufschlag und schreiende Stimmen. Ich sah mich um. Es kam eine Schar Kavalleristen geritten, im kurzen Galopp und straßenbreit. Ich kannte die Art dieser Herren, die sich um nichts, am allerwenigsten um die gesunden Glieder tief unter ihnen stehender Völkerschaften kümmern. Da war weiter nichts zn thun, als sich zu fügen und zu saldieren. Ich ließ schnell halten, stieg ab und machte mich seitwärts an das nächste Haus; Omar folgte meinem Beispiele. Da waren die Gentlemen auch schon da. In demselben Augenblicke bog eine Rickschah um die Ecke, auf uns zu, in unverminderter Schnelligkeit. Der Passagier schien Eile zu haben, und der vorgespannte Tamile hatte das Militair nicht sehen können. Den Reitern machte es sichtlich Spaß, die Passanten in Verlegenheit zu setzen. Sie lachten zu den Angstrufen, welche überall erschollen, und als sie vorüber waren, konnte man sehen, was sie durch ihren Uebermut errreicht hatten. Die Niedergerissenen standen auf, so gut sie konnten; die Getretenen oder Gcguetschten rieben schimpfend die schmerzenden Glieder. Die erwähnte Rickschah war iin Zusammenprall umgeworfen worden; die Folge war ein zerbrochenes Rad, und dem Tamilen hatte die Deichsel das Gesicht verletzt. Ter Passagier lag unter dem Fahrzeuge, arbeitete sich aber schnell hervor und wendete sich in englischer Sprache an mich als den ihm nächsten Europäer: "Das ist eine geradezu unverzeihliche Rücksichtslosigkeit! Ich muß diesen Menschen nach, um den Namen des Kommandierenden zn erfahren und ihn anzeigen zn könuen. Wem gehören diese beiden Rickschahs?" "Mir nnd meinem Diener," antwortete ich. "Wollen Sie mir die Ihres Dieners abtreten? Es ist keine andere in der Nähe." "Gern." "Komm nachher ins Hotel," befahl er dem Tamilen. "Du mußt entschädigt werden." Er bestieg Omars Nickschah und eilte den Uebelthätern nach. Der Eindruck, den er auf mich gemacht hatte, war der eines sehr energischen Herrn. Er trug einen, nim allerdings beschmutzten, Anzug vom feinsten, weißen, indischen Stoffe. Fast ebenso weiß war auch der Vollbart, welcher sein Gesicht umrahmte. Die Züge dieses Gesichtes hatten nichts, was ans seine Nasionalität schließen ließ. Daß er einen nicht billigen und mit einem grauen Schleier umwundenen Panamahut trug, war noch kein Grund, ihn für einen Amerikaner zu halten. Was nun thun? Wir waren zwei Personen zn nur einer Rickschah, und es war augenblicklich keine zweite, freie zu sehen. Ich Wes Omar an, hier an dieser Stelle zu warten, da ich voraittzfähren und ihn dann durch die weinige holen lassen würde. Hierauf fuhr ich nach dem Gasthofe, dessen Wirt mich zwar wieder erkannte, aber meinen Pamen vergessen batte, was mir nicht unlieb war, weil jetzt nur der Vorname gültig sein sollte. Er hatte Platz mehr als genug und nahm Omar, der sich auch bald einstellte, sehr gern bei sich auf. Da ich heut eine Menge Briefe zn schreiben hatte nnd darum nicht ausgehen wollte, so gab ich dein Sejjid bis zum Abend frei; dann sollte er nach dem Hotel kommen und Nachfragen, ob es vielleicht etwas für ihn 31t thun gebe. Bis dahin sollte er im Pettah nach alten Münzen und Merkwürdigkeiten, besonders aber nach Büchern, suchen und mir dann sagen, wo so etwas zu sehen und vielleicht zu kaufen sei. Er verstand zwar nichts davon, hatte mir aber schon öfters seine ungemeine Findigkeit für dergleichen Sachen bewiesen. -Hieraus kehrte ich nach dem Grand Oriental-Hotel zurück, speiste auf meinem Zimmer und machte mich dann über die angegebene Arbeit her. Dabei ging ich öfters hinaus ans den Söller, um die Raben zu füttern, welche ich von früher her kannte. Sie bevölkerten die Dächer und Bäume in Scharen und waren so zahm, daß sie sogar in das Zimmer kamen. Ihr beliebtester Trick war, die Butter, welche in Ceylon selten ist und aus Europa bezogen wird, so schön sauber voni Brode zu fressen, als habe ein Kind sie abgeleckt. Am Nachmittage ging ein echt ceylonesischer Regen nieder: jetzt blauer, vollständig wolkenloser Himmel; plötzlich verdüstert er sich, doch ohne daß man massige Wol-kenbildungen bemerkt. Das Wasser stürzt förmlich wie rin aus geschütteter See hernieder. Dann wieder ebenso plötzlich heiterer Himmel. Diese Regenscene spielt sich oft innerhalb einer halben Stunde ab. Als es dunkel wurde, was hier regelmäßig kurz nach sechs Uhr geschieht, kam Omar. Ich ließ ihn einige kleine Einkäufe für mich machen, dann konnte er wieder gehen. Er hatte auch schon die Thür in der Hand, als er wieder umkehrte, indem er sagte: "Bald hätte ich vergessen, Sihdi, dich zu fragen, ob du heut vielleicht ein kleines Buch verloren hast." "Wo?" "Da, wo wir standen, als die Soldaten kamen." "Ich habe kein Buch bei mir gehabt." "So muß ich es dem Baja*) wiedergeben." -"Welchem Händler? Du hast es mit?" "Ja. Als du mit deiner Rickschah allein fortgefalireri warst und ich warten mußte, sah ich den Baja aus seinem Laden kommen und ein kleines Buch ansheben, welches im Schmutz der Straße lag, ganz nahe an der Stelle, wo Ladenbcsikcr. .dandelsmann. Strand auf Ceylon. Me zerbrochene Rickschab umgestürzt war. Der Händler hatte dich intb mich stehen sehen und fragte mich, ob das Buch vielleicht dir oder mir gehöre, und ich sagte nein, weil ich ja alles kenne, was dn hast. Er mußte es also behalten. Als ich irun vorhin zu dir ging, mußte ich an seiner Thür vorüber. Er sah mich kommen und fragte mich, ob ich lesen könne, was in dem Buche stehe. Ich sagte wieder nein, weil es nicht arabisch war. Aber ich kam auf den Gedanken, es dir mitzunehmen, denn es war doch nicht ganz und gar unmöglich, daß es dein Eigentum ist. Oder wenn nicht, so steht vielleicht ein Name darin, der uns sagt, wenr man es zu geben hat. Der Baja möchte wahrscheinlich gern einen Finderlohn haben. Darf ich es dir zeigen?" "Natürlich!" Es war ein in blaue Seide gebundenes, sichtlich vielgebrauchtes Damennotizbuch, auf dessen Vorderseite ich die beiden goldenen Buchstaben M. W. las. Das Gold war freilich fast verblichen. Beini oberflächlichen Dnrchblättern sah ich, daß es teils englisch und teils deutsch geschrieben war und Notizen über weibliche und häusliche Angelegenheiten enthielt, denen ich das, was ich Wissens wollte, nicht entnehmen konnte. Am hintern Deckel des Einbandes war ein Täschchen angebracht, in welchem ein zusammengefaltetes Papier steckte. Ich nahm es heraus und öffnete es. Man denke sich die Größe '.neines Erstaunens, als mein Blick auf die vier Zeilen siel, welche der Wind der Tochter des Missionars in Kairo zngeweht hatte, nicht etwa in Abschrift, sondern das Original, von niemer Hand geschrieben! Nun wußte ich auf einmal, daß die beiden Buchstaben den Namen Mary Waller zu bedeuten hatten. War sie etiva mit ihrem Vater hier in Colombo? Die Möglichkeit lag vor, weil sie die Absicht gehabt hatten, sich längere Zeit in Indien zu verweilen. Mochte das nun sein, wie es wollte, das Notizbuch war Marys Eigentum, und sie mußte es wiederbekomnien. Hier im Hotel wohnten Wallers nicht i ich hatte ja das Fremdenbuch gelesen. Sie waren nur entweder im Galle Face-Hotel oder ganz draußen im Hotel Lavinia zu suchen, beide Häuser ersten-Ranges; in einein anderen wohnten sie gewiß nicht. Ich beschloß also, das Buch 311 behalten und morgen Erkundigung einzuziehen. Darum gab ich Oniar für den Baja eine Rupie Finderlohn, fügte aber keine weitere Auskunft hinzu. Als er gegangen war, nrußte ich an jenes Erlebnis in Kairo und an den Pyramiden denken. Wir hatten uns im freundschaftlichsten Wohlwollen voneinander getrennt, aber es ist eine vielbewährte Regel der Klugheit, Reisebekanntschaften nur als Episoden zu betrachten. Pflegt man sie später fort, wenn die Wanderpoesie verflogen und verklungen ist, so geschieht es nur zu oft, daß man es zu bereuen hat. Ich war zwar überzeugt, daß Waller und seine Tochter sich freuen würden, mich wiederzusehen, aber dieses Wiedersehen mußte ihn an frühere Schwächen erinneru, und das konnte ich ihm ersparen. Uebrigens, wenn ich sie fand, so war ich gezwungen, mich ihnen zu widmen, und es erschien mir sowohl für sie als auch für inich vorteilhafter, auf die persönliche Freiheit nicht so ohne zwingenden Grund zu verzichten. Diese Betrachtungen brachten mich zu dem Entschlüsse, 97 <LL»«LL»<ZL»rLL»«LL»«LL»«LL><LL,E><LL» Et in tcrra pax. «LL»«LL»^!L"LL.^L»«LL»«LL.«LZ,<LL><LL> 98 Wallers, wenn sie hier sein sollten, nicht aufzusuchen, sondern ihnen das Buch auf einem anderen, unauffälligen Wege zuzustellen. Wie es auf die Straße im Pettah gekommen war, das brauchte nicht ein Rätsel zu sein, welches gerad ich zu lösen hatte. Aber in Beziehung auf das Gedicht fühlte ich, daß mir die Finger nach der Feder zuckten. Der Wind hatte es Mary zugeweht. Wie würde sie sich wundern, wenn sie jetzt bei dem Anfänge eine Fortsetzung von derselben Hand erblickte! Wie würde sie sinnen und Nachdenken, auf welche Gebt, was ihr bringt, doch bringt nur Liebe mit; Das Andre alles fei daheim geblieben. Grad weil sie einst für euch den Tod erlitt, Lebt sie durch euch, um weiter fortzuliebcn." Eben war ich mit dieseir Zeilen fertig, als sich im Nebenzimmer rechter Hand ein Geräusch vernehmen ließ. Es war bisher zu beiden Seiten so still gewesen, daß ich geglaubt hatte, die Bciben benachbarten Räume seien unbesetzt; dies schien nun aber, wenigstens in Beziehung aus den einen, nicht der Fall zu sein. Adamspcak auf Lcylon. Weise sich das zugetragen habe! Vielleicht öffnete sie nicht jetzt, sondern erst später, nach Monaten, nach langer, langer Zeit das Blatt; wie groß erst danit das Staunen! Leider hatte ich damals das Gedicht nicht fertiggeschrieben, weil mir die Disposition nicht ganz klar erschie11m war. Ich hatte das Sujet in vier Vierzeiler fassen wollen, war aber zu der Ansicht gekommen, daß die Fassung in zwei Achtzeiler sinnentsprechender sei. Der erste war fertig geworden, der zweite aber nicht, weil ich anderes und notwendigeres zu thun gehabt hatte. Aber das war ja vollständig hinreichend zu dem jetzigen Zwecke, die junge Freundin durch dieselbe Handschrift von demselben Verfasser zu überraschen. Ich glättete also die Falten desPaPieres möglichst aus, probierte die hiesigeTinte ob sie von derselben Schwärze sei, und fügte dann vie> neue Zeilen hinzu, so daß die Strophe nun folgendermaßen lautete: "Tragt euer Evangelium hinaus, Um aller Welt des kfimmels Gruß zu bieten, Doch achtet jedes andre Gotteshaus; Ein wahrer Christ stört nicht den Völkerfrieden. Kürschner/ChinlNIII. Ich unterschied zunächst zwei (stimmen, welche sprachen. Es wurden Stühle gerückt imb heraus auf den Söller geschafft. Da klangen die Worte natürlich deutlicher. Ich hörte jemand sagen, und zwar in englischer Sprache: "Also mein letzter Abend in Indien, specieü auf Ceylou! Wie freue ich mich, daß ich diese lange und gefährliche Arbeit zum Abschlüsse gebracht habe und mm die Heimat Wiedersehen darf!" Wenn ich mich nicht irrte, so kannte ich diese Stinmre. Ich hielt sie für diejenige des graubärtigen Herrn, welcher unter die Rickschah des Tamilen geraten war. Er hatte zwar nur wenige Worte mit mir gesprochen, aber ja erst heut, also vor so kurzer Zeit, daß mir der Klang seines Organes noch nicht wieder verloren gegangen war. "Und dieser letzte Tag auch nicht ganz ohne Gefahr," bemerkte der andere. "Unter die Hufe der P'wrde zu geraten, das hätte schlimmer enden können, als es glücklicherweise ausgefallen ist!" "Das ist nicht zu bestreiten. Ich hofffe, daß der koinmandierende General, der mir die Bestrafung des Schul7 99 «ZL»«LL»«LL»«LL>^L»«LL»«LL.<LL,E>^L> Karl May. ^^«LL<LL»«LL»«LL»<ZL»<LL»«LL»«LL»«LL» 100 digen zugesagt hat, sich nicht durch meine Abreise verleiten läßt, die Untersuchung eiuschlafen zil lassen. Setzen wir uns! Wir haben noch Zeit bis zum Diner; ich liebe es nicht, der erste an der Tafel zu sein." Die Stühle draußen knackten; es trat eine Redehause ein. Also meine Vermutung bewahrheitete sich; es war der graubärtige Herr, welcher, wie seine Aufforderung zum Setzen erraten ließ, der jetzige Besitzer des Nebenzimmers und also mein Nachbar war. "Diese lästigen Abschiedsbesuche," seufzte er. "Immer und immer in lull ckress, sogar beim Essen! Ungesund und zeitraubend!" Diese Worte waren für mich scheinbar nebensächlich, aber auch nur scheinbar. Da der heutige Abend sein letzter hier auf Ceylon war, so reiste er also morgen ab, und ich folgerte: Er war den Reitern nachgeeilt und dann, während ich mich noch im Pettah befand, in das Hotel gegangen, um für den Gang zum kommandierenden Generale den Gesellschaftsanzug anzulegen. Später hatte er Abschiedsvisiten gemacht und saß nun mit irgend einem Bekannten drüben in seinem Zimmer, um die Zeit bis zum Abendessen zu verplaudern. Das Gespräch, welches ich nun zu hören bekam, handelte von den Erlebnissen und Erfahrungen, welche er iit Indien gemacht hatte. Er schien Gelehrter, speciellen Berufes wahrscheinlich Arzt zu sein und war von Amerika nach dein Oriente gekommen, um die Krankheiten desselben, besonders die Pest, zu studieren. Sein Aufenthalt ini Morgeulande hatte fast zivei Jahre in Anspruch genominen, und das, was ich hörte, überzeugte mich, daß seine Studien sich nicht nur auf die materiellen, sondern auch auf die geistigen Verhältnisse der betreffenden Völker erstreckt hatte. Er war ein sehr scharfsinniger, kluger Mann und dabei ein vorurteilsloser, edel denkender Menschenfreund. Er sprach zuweilen Worte, für welche ich ihm hätte die Hand herzlich drücken mögen. "Es ist für den Westen gefährlich, sich bcn Osten als abgethan zu denken und seine Völker als untergehende Nationen zu bezeichnen," sagte er. "Die Bibel erzählt, daß der Garten Eden im Morgenlande gestanden habe. Die Flüsse dieses Paradieses sind nicht nur für die sogenannten Auserwählten Gottes, sondern für alle Welt geflossen; aber der Mensch, welcher in das Eden gesetzt wurde, es zu pflegen, zu bebauen und seinen Nachkommen zu erhalten, vergaß nur allzu bald, daß dies eine Aufgabe sei, die ihn zwar zum Pfleger, aber nicht zum Herrn des Paradieses machen sollte. "Er wollte sein wie Gott!" sagt die heilige Schrift: das heißt, er wollte herrschen; er wollte bestimmen, ohne nach den göttlichen Gesetzen zu fragen. Der Herr warnte ihn, warnte ihn in seiner Güte nur durch das kleine Verbot eines Apfels, welchen stehen zu lassen bei der unendlichen Früchtefülle des Gartens so leicht war und gar keine Selbstüberwindung kostete. Aber der all begehrliche Mensch wollte nun gerade diesen, und — er hat ihn genommen. Doch diese Habsucht, welche in ihrer Grenzenlosigkeit trotz ihres unendlichen Reichtums nicht auf einen einzigen, kleinen Apfel verzichten, sondern den rechtmäßigen Herrn um alles bringen wollte, hat sich durch ihre ungehorsame Begehrlichkeit selbst um alles gebracht; sie bezahlte den einen Apfel mit dem ganzen Paradiese. Das ist die Geschichte des Sündenfalles in Beziehung auf das ganze Menschengeschlecht, auf die Stationen und auf jeden einzelnen Menschen." Er hielt iune; der andere sagte nichts. Es schien mir, als habe der Schluß der Rede nicht das gebracht, was der Anfang versprochen hatte; da aber fuhr der Sprecher fort: "Jedes Volk hat nicht nur das Recht, sondern auch die volle Kraft, sich auszulebeu. Und jedes Volk hat die heilige Pflicht, andere Völker sich ausleben zu lassen. Aber der Teufel der Habund Selbstsucht, welcher sich in das Paradies eingeschlichen hatte, um bcu Menschen aus dem Glücke desselben heraus in das von ihm selbst beherrschte Elend zu locken, hat nicht bloß diesem einen Kain gegen diesen einen Abel die Keule in die Hand gedrückt, sondern ist, zum Brudermorde reizend, an den Thronen und in deir Hütten aller Zeiten und aller Völker ein finsterer Gast gewesen und schleicht sich auch durch unsere Gegenwart. Und wie es das Heiligste auf Erden, die Verehrung Gottes war, aus welcher damals die egoistische, liebeleere Faust des Mörders bcu scheinbaren Grund zu dem Verbrechen zog, so hat von Anfang an bis auf den heutigen Tag jeder Opfernde seinen Altar für den einzigen gehalten, der Gott gefallen müsse. Wo sind die Stätten, deren wohlgefälliger Opferduft geradeaus zum Herrn gestiegen ist? Und wer zählt die angeblichen heiligenOrte, deren schwerer, dunkler Rauch nicht zum Himmel steigen konnte, sondern verderbenbringend weithin auf die Länder fiel? So lange die Erde steht, hat das Heilige dem Unheiligen, die Menschenliebe der Eigensucht, die Civilisation der Rücksichtslosigkeit als Vorwand gedient, und ich suche vergeblich nach eiueiu sanften, frommen Abel unter den Völkern, den nicht irgend ein Kain gehindert hätte, sich auszulebeu. Wer kann die materiellen Summen und die geistigen Reichtümer berechnen, welche für die Menschheit uugehoben blieben, weil Kulturformen von der Erde verschwunden sind, welche nicht nur trotz, sondern gerade wegen ihrer Eigenart für die Allgemeinheit gewiß unermeßlich viel geleistet hätten, wenn es ihnen erlaubt worden wäre, sich bis zur Vollendung ihrer Aufgabe zu entwickeln!" Er machte jetzt wieder eine Pause, welche der andere nicht schweigend vorübergehen ließ, denn er sagte, und zwar in einem Ton, dem ich es anhörte, daß er dabei lächelte: "Ihr Lieblingsthema, lieber Professor! Aber mehr für zartfühlende Frauen als für uns Männer, die wir mitten im rücksichtslosen Leben stehen, welches uns zwingt, 7 101 <LL<LL»^L.<LL»«LL><LL»<LL>«LL»«LL»«LL» Lt in terra pax. <L^«^<^<^^L»rLL»<LL»«LL»<LL»<W> 10^ uns zu wehren, iveil ivir eben auch den Wunsch haben, uns ausleben zu dürfen. Wenn Sie iu dieser Weise sprechen, ist es mir, als ob ich Miß Mary, Ihren Liebling, vor Ihnen sitzen sähe, uiu Ihren: Völkerevangelium gerade ebenso zu lauschen, ivie einst eine andere Mary zu den Füßen eines anderen und, lvenn Sie gestatten, größeren Meisters saß, um ihm zuzuhöreu." "Ja. Fügen Sie aber auch hinzu, daß dieser Meister, Christus, zu der Schwester dieser Atary sagte: ,Mary hat den besten Teil erwählt; der wird nicht von ihr ge»onnnen werden!' Atary Walter ist körperlich die Tochter ihres Vaters, seelisch das Kind ihrer Äintter, geistig aber das mehlige, und ich bin stolz darauf, daß sie das isi. Wollen Sie mir entschlüpfen, indem Sie von ihr sprechen':" "O nein. Sie lvissen ja, daß auch ich zuweilen über solche Dinge nachdenke, wenn ich dabei auch nicht zu denselben Schliissen komme wie Sie. Für mich sind, wie auch jeder einzelne Mensch, die Völker nbgethan, sobald sie nichts mehr leisten." "Der einzelne Mensch auch?" "Ja." "Darf Ihr Arbeiter schlafen?." "Welche Frage! Natürlich, ja!" "Aber er leistet doch nichts, während er schläft!" "Cr wird, lvenn er heut Abend schlafen geht, dann morgen um so mehr leisten, je besser er geschlafen hat. Cr holt sich vom Schlafe neue Kräfte." "Well! Auch Völker schlafen. Ihr Schlaf währt freilich länger als nur eiue Nacht, und wer die Notwendigteit dieses Schlafes nicht begreift, der kann freilich versucht sein, ihn für den Tod und sie für abgethan zu halten. Aber diese schlafenden Völker wachen wieder auf, wenn ihnen der Atem nicht genommen wird. Sie haben während der Ruhe neue Kraft gesammelt, mtö wenn ihr Morgen kommt, daun wehe dem, der sie für tot gehalten und sich als lachender Erbe in ihren Rechten eingenistet hat! Ich meine, daß man besonders hier im Oriente vorsichtig Zn sein habe. Cs giebt da schlafende Riesen, welche man, wenn auch nicht für schon tot aber doch für sterbend hält. Wenn ein Schlafender zmveilen eines seiner Glieder bewegt, soll man das nicht für Todeszuckung halten. Ein solcher Riese ist der Islam. Er schläft, und darum sehen wir an ihm nur das, was wir positives, unwillkürliches Leben nennen. Wir dürfen ihn berühren, seinem Kopfe, seinem Arme, seiner Hand vorsichtig eine andere Lage geben. Wenn ivir keine Mörder sind, wird er erwachen, unbedingt erwachen, und es steht bei uns, ob dieses Erwachen ein freundliches, friedliches sein wird oder nicht. Die Seele kehrt am Morgen in den Körper zurück, mit ihr das Leben aller seiner Glieder, das Selbstbewußtsein und der Wille mit den, Thatendrang. Der Islam ist das Medium der Seelen aller Völkerschaften, die sich zu ihm bekennen. Die Glieder dieses Riesenleibes ruhen jetzt; sie verhalten sich passiv. Wer hat den Mut, ihn durch irgend eine Gewaltthat aufzuivecken?" "Ich nicht!" scherzte der andere. "Lassen ivir ihn schlafen, bis er von selbst erwaryt. Cr wird sich dann freilich sehr verwunoerr die Augen reiben, wenn er be mertt, daß er, die Majestät von Muhammeds Gnaden, inzwischen Christ geworden ist. Halten Sie Buddha, Tao, Lao und Konsucius vielleicht auch für solche Schläfer?" "Nein, denn in keiner der von ihnen gelehrten AnbetnugSfornien liegt die Aggressivität, ivelche dem Christentum und dem Islam eigen ist. Hier liegt die Gefahr für uns nicht auf dem eigentlich religiösen Gebiete. CS handelt sich um den friedlichen Ausgleich zweier ganz verschiedener, in vielen Beziehungen heterogen entwickelter Menschenrassen, der weißen und der gelben. Die rote haben nur glücklich hingemordet, denn ivas von ihr noch übrig ist, das sind nur noch die letzten, ersterbenden Hauche einer vierhundert Jahre langen, ununterbrochenen Tödestlage. Aber für die gelbe Rasse wird uns die Weltgeschichte keinen Kortez und keinen Pizarro liefern, und das ist ein Glück für uns, denn diese Weltgeschichte ist zwar langmütig aber auch unerbittlich gerecht, und das Land, in welchem einst "die Sonne nicht unterging", ist durch deu Fluch, der auf den Thaten seiner einstigen Konquistadoren ruht, und trotz aller seiner berühnilen "Silberschiffe" so klein und arm geworden, daß es weder Raum uoch trockenes Brot und Wasser für die wenigen noch lebenden Indianer haben würde. Cin gewaltig ernstes Menetekel für uns, die wir uns eben unterfangen, den Besitz der gelben Rasse unter uns anfznteilen! Cs steht im Buche des Schicksals geschrieben, daß wer China erobern will, der muß Chinese werden. Es giebt in dieser Rasse ein Ferment, dem keine andere Rasse widerstehen kann. Sie wird jeden Feind assimilieren, und wer mit ihr Verkehren, dabei aber dieser Aufsaugung entgehen will, der muß beherzigen, daß es nur ein einziges Mittel giebt, nämlich Freund anstatt Feind zu sein!" "Welch ein Glück für unfern Freund Waller!" erklang es wieder scherzend. "Cr wird nicht assimiliert, denn er kommt ja doch als Freund!" "Irren Sie nicht! Ter Chinese schätzt seinen Glauben nicht niedriger ein als wir den unserigen; ja, in Beziehung auf seine mehrtausendjährigen Sitten und Anschauungen wird er uns trotz aller sonstigen Ueberlegenheit doch nicht anders als nur Barbaren nennen. Cr wird jeden, der zu ihm kommt, um ihm für seine Religion eine andere anzubieten, für einen Dummkopf halten, und wenn dieser Ignorant bei seinem Vorsatze bleibt, sonst bis zur Feindschaft nur ein kleiner Schritt. Dazu kommt leider Wallers krankhafte Eigenart. Er ist erblich belastet." "Ihre alte Meinung, lieber Professor! Ich aber halte ihn zwar für außerordentlich nervös, doch nicht für geisteskrank." 103 <^<^<L^<LL><LL»<LL»«LL,<LL»<LL»«LL» Karl May. <L^<^<^<^<^<LL»<LL»<LL»,LL><LL> 104 "Das habe ich auch nicht gemeint. Erblich belastet kann man auch in anderer als nur ärztlicher Beziehung sein. Erblich belastet ist für uns der Chinese in Hinsicht auf seinen Ahnenkultus, den er von den Vorfahren geerbt hat. Erblich belastet für den Chinesen ist Waller bezüglich Auf Ceylon. seiner religiösen Unduldsamkeit, welche jedem Gliede seiner Familie seit Generationen anerzogen worden ist. Hält er doch sogar jeden Christen, der nur im geringsten anders denkt oder glaubt als er, für ewig verdaunnt und verloren! Auf religiöse Kontroversen sich mit ihm einzulassen, ist geradezu unmöglich, weil er jede andere Meinung als Beleidigung behandelt. Und dabei gehört sein Christentum nicht einmal einem gewissen, kirchlich abgegrenzten Bekenntnisse an, sondern es beruht auf den Lehrsätzen, welche sich in seiner Familie nach und nach herausgebildet haben und von den Eltern auf die Kinder vererbt worden sind. Dazu kouuut, daß er seinem Vater hat versprechen müssen, Missionar zu weroen, um durch die Vervrellung dieser religiösen Familientraditionen möglichst viele Heiden zu bekehren und dadurch für sich und seine Vorfahren bei Gott ein Verdienst zu erwerben, welches ihnen im Jenseits ungerechnet werden muß." "Vorfahren? Das grenzt ja an den chinesischen Ahnenglauveui" "Natürlich! Und doch wettert er jo gegen ihn! Seine verstorvene Frau, eine wahre eugelsfeele, milderte, jo vier sie konnte. L-ie hätte ihn, ivenn sie anl Leben gebueveii wäre, wohl nicht nach China geheir lassen. Er wollte das auf eigeiie Faust und aus eigenen Mitteln thuii. Diese letzteren ivareir für solche Ausgabeir doch nicht ganz hinreichend, uiid dies gab ihr den materiellen Grund zum Widerstreben. Da starb sein reich gewordener Bruder, der Bankier, kinderlos, uird ec beerbte ihn. Nun waren die Mittel überreich vorhanden, uird eS Hütte für ihir fein galten mehr gegeben, wenn die Gute iricht schwer krank geworden lväre. Sie starb, ohne daß ich es wußte, deiui ich war zur Zeit ihres Todes schon in Persien. Seiiw Tochter schrieb es mir. Später teilte sie mir ihre Abreise mit, und ivir bestimmten ein Rendez-Vous in Cauibah, Ivo wir uns auch glücklich trafen. Sie ist in die Fußstapsen ihrer Mutter getreten, mit der ich, der Nachbar und eutferut Verwandte, sie erzogen und unterrichtet habe, und ich hoffe für ihn gute Wirkung davon, daß er sie mitgenommen hat. Uebrigens scheint er in neuerer Zeit einen Anstoß erhalten zu haben, seine Lehrsätze nicht so, wie früher, für absolut unfehlbar zu halten. Mary sprach aus Rücksicht aus den Vater nicht davon, und so unterließ ich es, mich zu erkundigen; aber sie unterhielten sich oft von einem Deutschen, mit dem sie in Kairo zusammengetroffen sind. Mit ihm und zwei Chinesen haben sie wiederholt Ausflüge gemacht, und ich glaube, aus ihren Bemerkungen schließen zu dürfen, daß es diesem Germanen gelungen ist, wahrscheinlich aber ohne daß er es beabsichtigt hat, den Vater zu vermögen, über seine religiöse Starrheit uachzudenken. Er kann zwar grad noch so aufbrausend und absprechend wie früher sein und genau noch so gegen heidnische Tempel und Säulen wettern, aber plötzlich wird er still, sinnt nach, und dann kommt eine weiche, friedliche, menschenfreundliche Bemerkung, die aus diesem Munde früher eine Unmöglichkeit gewesen wäre. Ich habe mein Möglichstes gethau, diese Augenblicke zu benützen, ihn für solche gute Stimmungen empfänglicher zu machen, glaube aber nicht, viel gewirkt zu haben, da wir uns so bald wieder trennen mußten." "Sind sie dann direkt nach China?" hörte ich den Zweiten fragen. "O nein. Er ist ja Herr seiner selbst und Missionar aus eigener Machtvollkommenheit. Darum kann er reisen, wann, wie und wohin er will. Sein nächster Zweck war, 105 Lt in terra pax. «LL>«LL»<LL»<LL»«LL.<LL»«LL»^L,<LL»^L» 10b Indien kennen zu lernen und quer durch das Land nach Kalkutta zu gehen. Dort angekommen, hat er mir geschrieben. Der Brief wurde mir nachgeschickt; ich habe ihn heut erhalten. Er ivird noch einige Touren an der Ostküste unternehmen und bittet mich, ihm meine Antwort nach Penang zn senden. Ich hatte heute nicht Zeit, zn schreiben, muß eS aber dann nach dem Diner gleich thun, denn ich habe Mary ihr Notizbuch zu schicken, welches ach, ja, ich habe eS nicht hier in diesem vertrackten Salonanzuge, sondern dort in der Brusttasche des Jacketts. Als sie wich zum letzten Male besuchte, notierte sie sich etwas und vergaß dann, es mitzunehmen; ich fand es zwar später, doch waren sie schon abgereist. Horch! Klang da nicht das Gong ?" »Ja. Dian giebt das Zeichen zum Essen.“ "Wir können noch warten!" Sie verweilten sich noch einige Zeit, doch kain das durch den Tamtam unterbrochene Gespräch nicht wieder auf denselben Gegenstand, llnd das war mir sehr lieb, denn wenn Mary Waller wieder erwähnt wurde und dieser Professor abermals an das Notizbuch dachte, so konnte er auf den Gedanten kommen, es aus dein Jackett zu nehmen, in welchem es ja nicht mehr steckte. Es war ein ganz eigentümliches Zusammentreffen von Umständen, welche sich so miteinander verbanden, als ob ein bestimmter Wille sie gerade so gelenkt hätte und nicht anders hätte lenken wollen. Man pflegt das Zufall zu nennen; für mich aber ist diese Verlegenheitserklärung nicht vorhanden. Der Mensch glaubt, zu schieben, und er wird geschoben. Tritt ihm ein Ereignis nahe, welches er nicht selbstgefällig auf seine eigene Rechnung setzen kann, obwohl sich später zeigt, daß es von großem Einfluß auf sein Leben ist, so geniert es ihn, einzugestehen, daß hoch über ihm eine weise, mächtige Führung waltet, welche ihn nicht um die Erlaubnis fragt, mit ihm thun zu dürfen, was sie für richtig hält, und so hat er das vollständig nichtssagende und inhaltslose Wort Zufall erfunden, mit welchem er zwar seine Ohnmacht eingesteht, weil er nicht anders kann, aber auch keine ihn beherrschende und bewußt handelnde Potenz anerkennt. Mein Leben ist sehr reich an solchen sogenannten Zufällen, welche sich später als für mich außerordentlich wichtig erwiesen, und wenn ich dann auf sie zurückblickte, so entdeckte ich, daß sie mit einer logischen Folgerichtigkeit an mich herangetreten waren, die mich als denkenden Menschen zwang, sie nicht einem willenlosen, blinden Ungefähr, sondern einer außerhalb mir und jenseits dieser Thatsachen existierenden, unendlichen Güte zuzuschreiben. Darum war auch das Jneinandergreifen der gegenwärtigen Umstände kein Zufall für mich, sondern ich nahm diese Thatsachen mit der Ueberzeugung hin, daß sie sich ganz gewiß als jetzige Ursachen späterer Folgen erweisen würden. Das, was der Professor über Waller gesagt hatte, erklärte mir alles, was mir an dein letzteren bisher unver ständlich gewesen war. Der Missionar besaß nicht das wahre, echte, allgemeine, sondern ein ganz besonderes, persönliches Christentum, welchem gerade deshalb, weil es ein individuelles, durch scharfe, psychologische Konturen eng begrenztes war, die Hauptsache, nämlich die Nächstenliebe fehlte, ohne die es ja gerade das nicht geben kann, was das Christentum der Menschheit bringen soll, nämlich die Erlösung. Waller hatte ow ^oration zuin Glaubensbolen |iü) selbst erteilt, ohne dazu beruseil und geeigiret zu sein, niid die Lehren Christt ebenso wenig begrlsseli >vie die llnktugheit der Forderung, daß jeder Andersdenkende weiter nichts zu sageil habe als: "Bergieb mir nur, du einzig Auserwählter, daß ich auch vorhanden bin!" Wer sich in dieserWeise mit einer iu hohen Mauer umgiebt, daß ec sie selbst nicht übersteigen kailil, der darf nicht erwarten, daß andere sich die Mühe machen werden, über sie hinweg zu ihm zu kommen. Wer sich mit solcher Ostentation abschließt, wird abgeschlossen bleiben! Nun lvußte ich, wie das Notizbuch auf die Straße des Pettah gekommen lvar. Es hatte in der Brusttasche, wahrscheinlich der äußeren, des Professors gesteckt und war währeild seines Sturzes von der Rickschah herausgerutscht. Wie bequem für mich, daß er gerade neben mir wohnte! Ich konnte es ihm unbenierkt wieder in die Tasche stecken und hatte gar nicht ilötig, zu diesem Zwecke zu versuchen, über deil Söller in sein Zimmer zu gelangen. Die Dienerschaft pflegte nämlich, sobald ein Gast seinen Raum verlassen hatte, die Korridorthür desselben niit Hilfe einer besonderll Vorrichtung so halboffen einzuhaken, daß die Llift hindurchstrich und das Zimmer kühlte. Auf diesen Umstand rechilete ich. Ich wartete, bis er mir seinem Besuche zuin Essen hinuntergegangen war; dann klingelte ich, um mir das Diner heraufbringen zu lassen. Meine Singhalesen rannten alle beide fort, um für gleichen Dienst dann gleiches Trinkgeld zil bekommen, und ich war also nun unbeobachtet. Ich trat hinaus auf den Korridor, auf dem sich jetzt niemand befand, hakte die Nachbarthür ans und sah beini Scheine des in dem Hotel gebräuchlichen, im Zimmer brennenden Windlichtes das weiße Jackett am Nagel hängen. Es genügten drei Schritte; ich steckte das Notizbuch in die "Ich steckte das Notizbuch in die Brustrasche". 107 <^^L«LL><LL»<LL»<LL»«ZL»<LL.«LL»«LL> Aarl May. <LL.«LL»«LL»<LL»<LL»«LL»,LL'<L§,«LL»«LL' 108 Brusttasche, eilte hinaus, hatte die Thür wieder ein und kehrte in meine Stube zurück. Niemand hatte etwas gesehen. Als der Professor nach Tische wieder heranskam, war er allein, Er ging einige Mate hin nna her; dann wurde es jt>ll. Er schrieb wahrscheinlich. Ich vermied s;edes Geräusch, damit er glauben möge, daß er unbeobachtet sei. Am nächsten Vormittage horte ich ihir abreisen. Ich ließ mir die Iimmeriisle geben und las: Garden, Professor, Philadelphia. Es war so eigentümlich, fast als sei ein lieber Betannter von nur fortgegangen. Seine Ansichten wareil zwar nicht ganz die meinigen geivejen, ihnen aber doch sehr nahe verwandt, und geistige oder seelische Verwandtschaft ist ein Band, welches nie zerreißt, auch wenil man es nicht pflegt.. : ^ , In deii nächsten Tagen unternahm ich Ausflüge zii Land und zu Wasser, teils nur Erinirerungen anfznfrischen, teils auch lim neue hinznznfiigen. Sie lvaren alle hochinteressant; hier aber habe ich mir einen von ihnen zu erwähnen: Ich fuhr mit Sejjid Omar mit der Bahn nach Point de Galle, dem mir unvergeßlichen Schauplatze einer meiner früheren Reiseerzählungen, in welcher ich auch das dortige Hotel Madras erwähne. Die Bahn geht längs des Meeres, oft auf einem im Wasser liegenden Damme hin, welcher durch Korallenklippen vor lleberflntung und Zerstörung geschützt lvird. Rechts hinaus liegt die entweder blau träumende oder beweglich funkelnde See, die ich hier nie in Erregung gesehen habe, und links die Küste mit dem tiefen Grün ihrer herrlichen Vegetation, aus welcher einzelne Häuser oder zusammenhängende Dorfschaften mit fremdblickenden, verwunderten Augen auf den vorüberrollenden Zug schauen. Die Pflanzenwelt prangt hier in fast noch größerer Ueppigkeit, als drüben auf dem ostindischen Festlande. BambusgrnpPeu, Jackund Brotfruchtbäume, riesige Bananen und voll tragende Feigen, gelblich leuchtende Pisonien, Borassus-, Earhota-, Corppha-, Calamusund Arerapalmen bilden die Unterbrechung von Kokospflanzungen, welche kein Ende nehmen. Tie dazwischen liegenden Hauser der Wohlhabenden sind mit blnmengeschmückten Veranden versehen; der Aermere lebt in einfachen Ziegeloder Lehmhäusern, deren Dächer meist ans Palmblättern bestehen. Auch diese Wohnungen sind von Gärten umgeben und Machen den Eindruck der Sauberkeit, welcher für jeden, der ans mit Arabern bevölkerten Gegenden kommt, doppelt angenehme Wirkung hat. Die Eingeborenenstadt von Point de Galle liegt im Niveau der See; die Europäerstadt zieht sich über die hohe, luftige Klippe nach dem wieder tiefer stehenden Leuchtturni hin. Von dem noch oberhalb der Kirche stehenden Hotel ans konnte ich den ganzen Hafen mit den hier ankernden Schiffen fast aller seefahrenden Nationen überblicken. Ich habe Point de Galle und seinen Hafen schon wiederholt be schrieben und will hier nur sagen, daß sich eine Fahrt von Colombo nach diesem Ort und Matara fast überreich belohnt. Mein diesmaliger Aufenthalt währte nicht länger als von heute früh bis morgen Abend, also nur eine N'acht, und diese Nacht war keine angenehme. Da ich gern hoch, frei und licht wohne, wählte ich ein Zimmer in der zweiten Etage, während ich Sejjid Omar in der ersten unterbringen ließ. Die Räume hier oben hatten die Eigentümlichkeit, daß ihnen die Decken fehlten; das Hausdach, welches noch hoch über sie emporstieg, schützte sie gemeinschaftlich vor dem Regen, und da die Zwischenwände diesem Dach nicht folgten, sondern in etwas über Manneshöhe anfhörteu, so konnten sich die Bewohner dieser Etage zwar nicht sehen, aber alles, was in dem einen Zimmer gesprochen wurde und ebenso jedes Geräusch und jeder andere Schall fiel von dem hohen Dache mit verdoppelter Stärke in die andern Räume zurück, so daß es fast nicht möglich war, ein lautes Wort zu sagen oder irgend etwas Hörbares zu thun, was niemand wissen sollte. Man wohnte da, wenigstens in Beziehung auf das Ohr, in vollster Oeffentlichkeit. Ich aß auch hier, wie fast stets im Hotel, auf meinem Zimmer, bekümmerte mich um niemand und wußte also nicht, was für Gäste noch vorhanden waren. Doch erfuhr ich von Omar, daß eine Anzahl von Engländern per Segelschiff von Pondichery angekommen seien, ivelche mit der Bahn nach Colombo wollten. "Das sind keine höflichen Leute," urteilte er. "Ich habe sie gegrüßt, aber sie dankten nicht, sondern lachten mich aus. Muhammed hat den Gruß geboten, und so grüße ich alle Menschen, auch die, welche nicht Muhammedaner sind, denn gerade weil ich einer bin, muß ich zeigen, daß wir höflich sind. Wenn diesen Leuten ihr Christentum befiehlt, mich anszulachen, anstatt mir zu danken, so sollten sie da heimbleiben und nicht dahin gehen, wo der Grnß geachtet lvird." Ich sagte nichts dazu, denn er liebte Old England nicht, und ich fühlte mich nicht berufen, über diese seine Abneigung mit ihm zu streiten. "Sihdi, was heißt im Englischen tail?" fuhr er fort. "Schwanz und auch Zopf." "Ape und monkeyV" »Affe." "So haben sie einem Chinesen nachgerufen, welcher hier lvohnt und auch höflich grüßte, als er an ihnen vorüber und nach seinem Tische ging. Wenn sie mich oder einen andern beleidigen, so bin ich still, lueil ich eben Sejjid Omar bin; aber hätten sie das dir gethan, so dürften meine Fäuste wohl gute Arbeit bekommen haben!" Was diese seine Fäuste betraf, so mußte man Respekt haben. Er war nichts weniger als ein Losschläger, aber ein riesenstarker Kerl und kannte keine Furcht. Wo es Krakehl' gab, da entfernte er sich stolz; aber es war auch vorgekom109 «L§><ZL>«LL»<LL»^L»<LL»rLL»^L»<LL»^L» & in tcrra paj’ ExLLxLLxLLxLLxLLxLL'rLLxLZxLL' 110 men, daß man ihn nicht gehen ließ, und da hatte er sich, ohne die Gegner zu zählen, mit einigen guten Hieben prächtig Luft gemacht. "Es muß ein Mann hier wohnen," sprach er weiter, "welcher Ohm Krüger heißt, und ein Leyds, ein Jameson, ein Chamberlain. Es ist eine große Prügelei, welche beginnen soll. Sie sprechen davon; sie lachen; sie freuen sich und trinken Wein und Schnaps dazu. Es geht mich nichts an, gar nichts; aber meinst du nicht, Sihdi, daß ich diesen Ohm Krüger aufsuchen und warnen soll?" "Er wohnt nicht hier. Du hast diese Leute nicht richtig verstanden. Gehe ihnen aus dem Wege! Das ist das beste, was du thun kannst." Da ich früh einen Ritt nach Paragoda machen wollte, so legte ich mich zeitig schlafen. Aber ich hatte kaum die Augen geschlossen, so kam es die Treppe herauf gepoltert und gebrüllt, als ob die Stiegen lauter Tamtams wären. Es hatte den Engländern unten nicht mehr gefallen; sie kamen herauf in meine Etage, wo sie zusammen zwei Zimmer mit se drei Betten hatten. In dem, welches neben dem weinigen lag, setzten sie sich fest. Sie feierten irgend ein südafrikanisches Ereignis, über welches sie in Wonne geraten waren. Der Wirt mußte Champagner und Cognac bringen und sie selbst bedienen, denn sie seien Englishmen, für welche die singhalesischen oder tamilischen Kellner nicht hoch genug ständen; aus solchen Händen könne man nichts genießen. Ich weiß gar wohl, daß die sogenannten "Pioneers der Civilisation" nicht immer zur Elite der Gesellschaft gehören, und daß man besonders in den Hafenstädten de? Orients nicht erwarten darf, nur auf geistige Nachkommen von Knigge zu stoßen; es flegelt sich sogar in den Salons und ans den Promenadendecks erster Klasse unserer Lloyddampfer so mancher Passagier herum, der seinem rücksichtslosen Benehmen nach eigentlich auf das Zwischendeck gehört, und es kann Vorkommen, daß, während ich ein vorüberrauschendes Schiff betrachte, eine Dame sich gerade so und in der Weise vor mich hinstellt, daß sie mich auf beide Füße tritt, obgleich mehr als genug Platz zu beiden Seiten ist: auch weiß ich gar wohl, daß die meisten dieser gesellschaftlichen oder ungesellschaftlichen Gepflogenheiten aus einer ganz bestimmten Gegend stammen und dort großgezogen werden: aber es kann mir doch nicht einfallen, aus dem Grunde, daß einzelne Personen sich für llebermeuscheu halten, deren ganzes Volk als llebernation zu betrachten, sondern ich weiß, daß sie wie jede andere und auch die uuserige ein Recht auf Nachsicht und Verzeihung hat, und pflege diese Milde besonders gern an ihren llebermeuscheu auszuüben, weil sie ihrer am bedürftigsten sind. Darum war ich auch jetzt entschlossen, den Lärm im Nebenzimmer, welcher immer mehr in Radau ausartete, ohne Gegenwehr über mich ergehen zu lassen. Aber es wurde mir außerordentlich schwer gemacht, diesem Vorsatze treu zu bleiben. Der Wein heizte, und der Cognac brannte. Die Hilfsgeister eines falschen Patriotismus wuchsen riesengroß; das laute Sprechen, welches vom Dache über uns mit doppelter Stärke zurück und in alle Zimmer geworfen wurde, steigerte sich zum Lärm und drohte, zum Skandal zu werden. Man schrie, man schimpfte, man lachte, mau sang Trutzlieder; man gröhlte und johlte; mau warf Maschen und Gläser an die Wand, und zwar zu Ehren dieses oder jenes Ministers oder Diplomaten. Es kam dieNede auf eine gewisseDepesche und auf einen gewissen Emperor; man bezeichnete die Depesche als so und so und den Emperor als das und das; die Worte sind nicht wiederzugeben. Da stand ich denn doch auf, zog mich an und ging hinaus, um mir von dem Wirte ein anderes Zimmer geben zu lassen. Er stand in der ersten Etage und sprach mit Sejjid Omar, welcher wegen des wüsten Gebrülls sehr besorgt um mich war und ihn interpelliert hatte. Es gab kein anderes Zimmer. Ein vor kurzem eingelaufener Dampfer hatte neue Gäste gebracht, welche nur mit Mühe unterzubringen gewesen waren. Man fühlte sich im ganzen Hause über das Benehmen dieser Englishmen empört, und als ich ihm drohte, nach einem andern Hotel zu gehen, welchem Beispiele wohl auch die andern Gäste folgen würden, entschloß er sich endlich, um Ruhe zu bitten. Er war einer der vielen orientalischen Wirte, auf welche das Wort Engländer von fascinierender Wirkung ist. Wir gingen hinauf, Sejjid Omar mit. Er wollte sich persönlich überzeugen, ob sein geliebter Sihdi auch wirklich nun die erwünschte Ruhe finden werde. Der Lärm schwieg soeben. Es war nur eine einzelne Stimme zu hören, und der, welcher sprach, war kein Engländer, denn er bediente sich des iit Südchina und besonders in der Gegend von Kanton gebräuchlichen Pitchenenglisch. "Der Chinese, welcher auf der andern Seite neben ihnen wohnt," erklärte mir der Wirt. Ich hörte, daß dieser Chinese in sehr höflichen Ausdrücken bat, doch nun endlich ruhig zu sein, da es außer ihnen auch noch andere Gäste im Hause gebe und die Zeit zum Schlafen jetzt, nach Mitternacht, ja wohl gekommen sei. Ein schallendes Gelächter war die Antwort; man trommelte mit Fäusten auf den Tisch und an seine Zwischenwand und brüllte ihm die beleidigendsten Titel zu. Da ging der Wirt hinein und bat, den Wunsch des Chinesen zu erfüllen. "Erfüllen?" schrie einer. "Wir, die wir jetzt nach China gehen, um diese Zopfaffen zu civilisieren, um ihnen Bildung und Klugheit zu bringen, wir sollen hier diesem Kerle Gehorsam leisten? Das ist stark! Das ist beleidigend! Das lassen wir uns nicht gefallen!" "Das ist stark! Das ist beleidigend! Das lassen wir uns nicht gefallen!" stimmten ihm die andern drohend bei. "lind hier nebenan wohnt ein Deutscher, der auch schon Beschwerde geführt hat!" fuhr der Wirt fort. IN <^^L.<LL»«LL.^L»«LL>«LL»«LL.«LL»«LL> Karl May. <LL.^L»^L>^L.<ZL>«LL»«LL>«L!L.<LL>«LL» n2 "Zwei faßten den Chinesen am g>opf". "Ein Deutscher? Ah der hat vielleicht verstanden, was wir von der Depesche gesprochen haben! Er mag nur warte», denn er wird noch mehr, viel mehr zu hören bekommen! Wenn dieser Mensch schlafen will, so mag er " "Halt! Der Chinese!" schrie ein anderer dazwischen. "Holt ihn herein! Er muß Cognac trinken und uns Abbitte thun!" Der sich ebenso wie ich vergeblich nach Ruhe sehnende "Sohn der Mitte" ivar nämlich jetzt auch aus seinem Ziminer getreten. Als er uns sah, kam er auf uns zu. Er mußte da an der Thür der Engländer vorüber. Der Wirt hatte sie offenstehen lassen, tmd so kam es, daß der Chinese bemerkt wordeir ivar. Die Englishmen jubelten über beit • Vorschlag; sie kamen heraus und umringten ihn, um ihn in das Zimmer zu schaffen. Er war ein kleiner, schmächtiger Mann von wahrscheinlich geringer Körperkraft, und sein weites, chinesisches Gewand hinderte ihn, selbst diese ganz in Anwendung zu bringen. Zwei faßten ihn am Zopfe, um zu ziehen; die andern schoben. Das konnte ich nicht mit ansehen, nicht geschehen lassen! Der Wirt ließ kein Wort hören: er fürchtete sich: darum sagte ich iu ernstem, doch nicht unhöflichem Tone, daß es wahrscheinlich eines Engländers würdiger sei, den Chinesen nicht seiner persönlichen Freiheit zu berauben. "Wer ist dieser freche Mensch?" fragte der, welcher vorhin den Vorschlag gemacht hatte, den Wirt. "Der Deutsche," antwortete der Gefragte. "Muß auch mit herein, um Abbitte zu thun!" Er faßte mich am Arme. Ich hatte es keineswegs mit Betrunkenen, sondern nur mit Aufgeregten zu thun: es ist fast unglaublich, welche Mengen von Alkohol dazu gehören, derartige Menschen wirklich betrunken zu machen. "Nicht anrühren!" warnte ich. "Lassen Sie mich los!" Da packte mich ein zweiter am Halse. Wir standen unweit der Treppe, welche eine gebrochene war und also nicht in gerader Linie aufwärts, beziehendlich abwärts führte. Ich stieß ihm die Faust in die Mngengegend, daß er von mir weg und an die Wand flog, und riß mich von dem, der mich am Arme hielt, los. Da briillten die anderen Vier, denn es waren ihrer sechs, wütend auf und drangen auf mich ein. Ich versuchte, sie mit den Fäusten von mir abzuhalten. Da ertönte hinter mir Sejjid Omars Stimme arabisch: "Soll ich, Sihdi? Erlaubst du es?" "Ja," antwortete ich. "Wir werfen sie die Treppe hinunter, alle Sechs. Dann wird hier oben Ruhe!" Indem ich das sagte, unterlief ich den mir am nächsten gekommenen Engländer. Er hatte das nicht erwartet, und ehe er daran denken konnte, sich von meinem Griffe, mit dem ich ihn über den Hüften packte und emporhob, loszumachen, flog er die Treppe hinab, lind nun ivar es eine Lust, meinen Sejjid arbeiten zu sehen! Er sprang um die Engländer herum, so daß sie zwischen ihn und die Treppe zu stehen kamen, und packte den ersten Besten am Schenkel und an der Brust. Ein Ruck, ein Schwung, und der Manu flog dem von mir Expedierten nach. Ihm folgte sofort eine zweite Lieferung aus meiner und eine ebensolche aus Omars Hand. Die zlvei noch übrigen Gentlemen schlugen auf uns ein. Wir wurden von einigen unschädlichen Fausthieben getroffen, auf die wir gar nicht achteten; dann ging es mit den beiden ebenso treppab wie mit den andern vier vorher. "Das war die Arbeit, von welcher ich heut Abend gesprochen habe," lachte Sejjid Omar. "Du bist fertig, Sihdi : Du sollst sie gar nicht mehr anzufassen haben, denn ich nehme sie auf mich. Ich stelle mich hier an die Treppe, und wehe dem von ihnen, der es wagt, znrückzukehren!" Sonderbarerweise fiel es ihnen gar nicht ein, auch nur den Versuch dazu zu machen. War das eine Bestätigung der alten Erfahrung, daß Menschen, welche gern rodomonticren, keinen eigentlichen Mut besitzen, oder hatte die ihnen von uns so kräftig erteilte Lehre in ihnen die lleberzeugung geweckt, daß es klüger sei, sich fortzuschleichen, als noch einmal mit zwei solchen Desperados, wie wir waren, anzubinden? Wir hörten, daß sie unten auf der ersten Etage noch mit einigen großen, drohenden Worten um sich warsen; dann gingen sie hinab nach den: Salon, wo sie sich aus die Möbel legten, um ihre Niederlage zn beschlafen. Diese Civilisatoren Chinas waren also abgethan! "Deutsche Fäuste und arabische Fäuste, denen soll ein>nal ein Jnglis*) widerstehen!" meinte mein Sesjid Omar, desseir ganzes Gesicht ein einziges Freudenlächeln ivar. Der Wirt hatte still und staunend dagestanden. "Wie schnell Sie das fertig gebracht haben! Und was habeit Sie gewagt!" sagte er. "Fürchten Sie denn nicht, daß die Gentlemen Sie persönlich oder gerichtlich belairgen werden?" "Hoffentlich thun sie das!" antwortete ich. "Ich bin herzlich gern bereit, sie sowohl persönlich als auch gerichtlich zu belehren, daß kein anständiger Engländer jemals so handeln würde, wie sie gehandelt haben. Der wirkliche, echte Sohn Old Englands ist ein ganz anderer Mann, und Sie beleidigen ihn, wenn Sie solchen Radaubrüdern dieselbe Achtung zollen, auf welche nur er allein berechtigten Anspruch hat!" Der Chinese stand von fern und winkte meinen Diener Zn sich heran, um ihm etwas zu sagen. Dann verneigte er sich sehr ceremoniell und sehr tief vor mir und kehrte in sein Zimmer zurück. "Er läßt dich um die Erlaubnis bitten, dir morgen früh seine Karte schicken zu dürfen," erklärte mir Omar. "Mehr konnte ich nicht verstehen, weil seine englische Sprache gar keine Sprache ist. Es giebt überhaupt nur zwei Sprachen, welche wahre und wirkliche Sprachen sind, nämlich die arabische und die deutsche. Die andern sind nur Redensarten, die man wohl sprechen lernen, aber nicht liebgewinnen kann! Was Hilm wir jetzt?" "Schlafen," antwortete ich. "Gut! Und wenn die lärmenden Engländer wiederkommen sollten, so komme ich auch wieder, und wir werfen sie abermals die Treppe hinunter. Lelekak sa'ide — deine Nacht sei gesegnet!" Er ging, und ich war doppelt zufrieden mit ihm, einmal, weil er seine Fäuste so wacker gebraucht hatte, das andere Mal, weil es für ihn jetzt zwei "wahre und wirkliche" Sprachen gab und nicht wie früher nur eine, die arabische. Er wußte freilich nicht, was alles in diesem seinem Geständnisse lag. Nun, da der Chinese mir früh seine Karte schicken wollte, konnte ich freilich den beabsichtigten Ritt nach Paragoda nicht machen, denn es stand nach dem Geschehenen zu erwarten, daß er heut länger als gewöhnlich schlafen und sein Besuch also erst spät erfotgen würde. Ich hingegen war schon zeitig wieder munter und machte einen Spaziergang nach den: Leuchtturme. Es führt dort eine Treppe zu den von der Brandung umrauschten Trümmern des Küstenfelsens hinab, zwischen denen allerlei interessante Muscheln, Korallen und andere "Früchte des Meeres" zu finden sind. Bon da zurückgekehrt, erfuhr ich vom Wirte, daß die sechs Engländer ihre Zeche bezahlt und das Hotel ohne Sang und Klang verlassen hatten, um nach dem Bahnhofe zu gehen und dort den Zug nach Colombo zu erwarten. Die Zeit bis dahin au dem Orte ihrer Heldenthaten zu bleiben, hatten sie also keine Lust gehabt. Es ist ja auch der Fanfaron nicht ohne Ehrgefühl. Während ich den Kaffee trank, den ich selbst in Indien dem Thee vorziehe, obgleich er dort durchschnittlich sehr schlecht zubereitet wird, schrieb ich Postkarten nach Deutschland. Um mir nicht die Städte, Hausnummern und Namen nierken zu müssen, hatte ich mir eine Liste angelegt, ivelche im Notizbuche steckte. Dieses enthielt alle wichtigen Papiere, die man der Sicherheit wegen am liebsten bei sich trägt. Ich zog mit der Liste alles heraus, was sich in dein betreffenden Fach befand, und legte es neben sie hin, ohne zu beachten, ivas gerade obenauf zu liegen kam. Nach einiger Zeit brachte Sejjid Omar die Visiten) Engländer. "wir warfen sic die Treppe hinunter". Kürschner, China III 8 115 ^L»rLL»<LL»^L»^L»«LL»<LL»«LL»<ZL'«LL' Karl May. <LL>^L»«LL»<LL«LZ><LL<LL»«LL»<LL»«LL» 116 karte des Chinesen, einen langen, schmalen Streisen scharlachroten Papieres, aus welchem, mittelst Stempel der iitame Fang angebracht war. Cs war eine uralte, berühmte Familie, welcher der Besitzer dieses Namens angehörte. Wahrscheinlich existierte sie schon zur Zeit des Kaisers Huang-ti, welcher nun fast vor viertausendsechshundert Fahren die Familiennamen in China einführte. Unter diesem Stenipel standen die übrigen Personalien, welche mit Tusche und Pinsel geschrieben waren. Er hatte sich mit dem Titel Tschin Schi*) die höchste litterarische Würde erworben, und aus der Beifügung TschuanMan**) ersah ich, daß er von sechstausend Examinanden und dreihundertsünszig Graduierten die Prüfung am besten bestanden hatte. Außerdem las ich, daß er Beamter des Han Lin Jan***) war, aus welchem der Kaiser die Beamten für die verantwortungsreichsten Stellen wählt. Hierzu führte er noch den Titel eines Beisitzers im Kuoh Tse Kien, der chinesischen Nationalakademie der Gelehrsamkeit. Und diesen gewiß hervorragenden Mann hatten die Engländer am Zopfe maltraitiert! Diese Worte waren alle init chinesischen Zeichen geschrieben. Hierunter stand in englischer Schrift, doch chinesischer Höflichkeit: "Der von der Sonne erleuchtete, hoch erhabene und vor Güte strahlende Beschützer aus den: deutschen Lande der edelsten Bewohner möge gnädigst gestatten, daß Fang, der ärmste, geringste und unwürdigste der Chinesen, zu ihm komme, um ihm seinen Dank zu sagen. Es wird dem schon vor zehntausend Jahren ür seinen Ahnen lebenden Herrn nicht zugemutet, dem niedrigen Bittsteller eine Karte zu schreiben. Das Wort des Dieners ist genügend." Ich beauftragte Omar, nur schnell zwei Tassen Thee zu holen und dann üenr Chinesen zu sagen, daß er sofort kommen solle. Die Herren Fu und Tsi in Kairo hatten nach abendländischer Weise gelebt und kein Eingehen auf ihre heimatlichen Gewohnheiten erwartet; hier aber war mir eine Karte geschickt worden, und so lvünschte ich nicht, ganz und gar als "westlicher Barbar" zu gelten. Der Thee wurde von der Etikette vorgeschrieben. Alan pflegt ihn zwar nicht zu trinken, aber sobald der Besuchte oder der Besucher die Tasse an den Mund führt, ist dies das Zeichen, daß er die Visite zu beenden wünscht. Der Thee wurde gebracht, aber der Chinese kam nicht. Wollte er mich etwa probieren? Ich schickte ihm Omar noch einmal, und als er auch dann noch nicht kam, so mußte der Sejjid zum dritten Male hin, und ich ging selbst mit, doch nur die Hälfte des Weges. Dort blieb ich stehen, uni meinen Besuch zu erwarten. Nun trat er endlich aus dem Zimmer und näherte sich mir mit fortgesetzten, tiefen Verbeugungen. Ich verneigte mich ebenso und führte ihn nach meiner Thür, an welcher ich mich so *) Ungefähr unser "Doktor". **) Der Optimus, der Beste ***) Kollegium der Litteratur. stellte, daß er auf ihrer linken Seite, der "Seite der Höflichkeit", eintreten mußte. Dann folgten wiederholte Verbeugungen, ehe ich ihn dazu brachte, sich eher als ich niederzusetzen, worauf damr auch ich Platz nahm, und zwar zu seiner rechten Hand, denn in China ist links der Ehrenplatz. Omar stellte die Tassen vor uns hin und ging dann hinaus. Bisher ivar kein Wort gesprochen worden, und ich verhielt mich auch fetzt noch still, weil der Höherstehende das Gespräch zu beginnen hat. Es gab nun einen schweigsanten Wortstreit zwischen der morgenund der abendlündischen Höflichkeit, und ich war fest entschlossen, Sieger zu sein. Es vergingen drei, vier, fünf Minuten, welche unter anderen Verhältnissen höchst peinlich gewesen wären; hier aber machten sie mir Spaß. Ec schien ebenso lvie ich sich fest vorgenommen zu haben, der höflichere zu bleiben, und so könnten wir als charakterstarke Männer noch heute mit einander dort in Point de Galle sitzen, ohne den Mund ausgethan zu haben, wenn nicht sein Blick auf meine Liste und die neben ihr liegenden anderen Sachen gefallen wäre. Da sprang er, von plötzlicher Ueberraschung ans dein Schweigen getrieben, empor, deutete auf diese Gegenstände und ries aus: "T'ien-na! Was sehe ich? Was ist das? Wo haben Sie das gefunden?" T'ien-na ist eine chinesische Interjektion und heißt so viel wie "mein Himmel!" Das klebrige sprach er in seinem Pitchenenglisch. Der Ausdruck seines Gesichtes wurde aus einen: verwunderten beinahe ein drohender. Da er nicht mehr saß, so zwang mich die Etikette, auch aufzustehen. Ich that das und antwortete in ruhigem Tone: "Das ist, wie Sie sehen, ein kleines Etui." Ich bemerkte nämlich erst fetzt, daß das Ledercouvert, welches mir Fu geschenkt hatte, obenauf lag. "Ja doch, fa, ein Etui!" fuhr er schnell sprechend und dringlich, fast gebieterisch fort. "Aber wie kommt das in die Hand eines Europäers? Ich will wissen, was sich in dieser Hülle befindet! Ich muß und muß es wissen!" Ein Nichtkenner des Orients hätte nun sehr wahrscheinlich einen großen Fehler begangen; mir aber paßte zunächst dieser befehtshaberische Ton nicht, und sodann ahnte ich, heute etwas über die Bedeutung des geheimnisvollen chinesischen Dreiecks erfahren zu können. Sollte das aber geschehen, so durfte mich dieser Fang weder für ununterrichtet noch für einen Mann halten, der sich iniponieren ließ. Ich nahm also die Tasse, trank den Thee vollständig aus, setzte sie, den Boden nach oben, auf die Unterschale zurück, trat an das Fenster und schaute in einer Weise auf den Hafen hinaus, als ob außer mir niemand im Zimmer sei. Damit hatte ich ihn in einer Weise zum Fortgehen aufgefordert, welche für einen Chinesen gar nicht deutlicher sein konnte. Er ging aber nicht. Ich hörte am leisen Rauschen 8* 117 E>^L»rZL>«LL»^L»^L,^LxLL»«LL»<ZL. Lt in terra pax. «LL»E,«LL,«LL»«LL»^L»<LL>^L»<LL»«LL» 118 seines Gewandes, daß er sich in einer Tasche zu schaffen machte; dann sagte er in entschlossenem Tone: "Sie scheinen, wie mir diese leere Tasse sagt, unsere Sitten Zu kennen, aber gewiß nur oberflächlich. Sie schicken mich fort, aber ich bleibe doch, denn es handelt sich unter Umständen um Ihr Leben, wenn Sie dieses Etui dem nicht wiedergeben, der es verloren hat. Ich bin überzeugt, daß Sie nicht wissen, was Sie besitzen, und will Ihnen beweisen, daß ich ein Recht zu meinem Verhalten habe, ja nach mehr, ich bin sogar verpflichtet dazu. Die Aehnlichkeit der Gegenstände mag meine Legitimation sein. Hier, sehen Sie!" Ich drehte mich wieder nach ihm um. Er hielt mir ein ledernes Couvert von genau derselben Größe und s^arbe hin. Ich nahm es aus seiner Hand, öffnete es und sah, daß es ein Weißes, pergamentartiges Papier enthielt, welches genau so geschnitten und mit Drachen versehen wie das meinige war. Auch die Zeichen für "schi" und "ln" waren da, aber das "k'i" fehlte in der dritten, leeren Ecke. Durch sein Verhalten und dieses zweite Exemplar der Zeichnung wurde mir wahrscheinlicher, was ich bisher nur vermutet hatte. Es giebt in China geheime Gesellschaften, welche auf die dortigen Zustände einen Einfluß ausüben, dem sich kein Mandarin, und stehe er nach so hach, und selbst der Kaiser nicht entziehen kann. Diese Gesellschaften sind iiber das ganze Reich verbreitet, und bei der Größe dieses Gebietes ist es unmöglich, daß die einzelnen Mitglieder einander kennen können. Was ist da wohl selbstverständlicher, als anzunehmen, daß es wenigstens für die hervorragenden Führer gewisse Zeichen giebt, an denen sie sich erkennen, mit denen sie Nachweisen, wer und was sie sind? War das Geschenk van Fu vielleicht ein solches Zeichen, mit dem er mich vor etwaigen Gefahren hatte schützen wollen? Ich hatte es vermutet, und jetzt glaubte ich es fast. Fang hatte zwei, ich drei Charaktere auf dem Papiere; das meinige war also vollständiger als das seinige. War hieraus etwa auf einen höheren Wert, auf einen Rangunterschied zu schließen? Fch nahm mir vor, vorsichtig zu sein und den Geheimnisvollen zu spielen. Darum gab ich ihm sein Zeichen scheinbar höchst gleichgültig zurück, nahm das meinige aus dem Couvert, zeigte es ihm und steckte es dann wieder hinein, das alles, ohne ein Wort dazu zu sagen. Er sah mich starr und schweigend an, und dann kam es langsam und stoßweise über seine Lippen: "Ein Pu mit vollen Ecken! Ich habe bisher erst nur eins gesehen! Dieses ist das zweite, und viele giebt es nicht; das wissen wir! lind gar ein "k'i" als drittes Zeichen! Kannst Du es lesen?" Ein solches Papier wurde also Pu genannt. Putheu heißen die Klassenhäupter, die Schlüsselwarte, die Hauptzeichen der chinesischen Schrift und Sprache. Pu hatte hier wohl die allgemeine Bedeutung als Zeichen, als Ausweis gegenstand. Ich wollte ihm natürlich nicht sagen, von wem ich mein Pu hatte, durfte ihn aber auch nicht bei der Meinung lassen, daß es von mir gefunden worden sei. Darum antwortete ich ihm schnell und zurückweisend in chinesischer Sprache: "Wer darf den Besitzer eines solchen Pu fragen, ob er lesen kann! Verdiene dir ein "k'i"; dann wollen wir weiter mit einander sprechen, eher aber nicht!" Da preßte er seine beiden Hände ineinander, hob sie dreimal bis zur Stirn empor, verbeugte sich dreimal so tief, daß er mit der Stirn fast den Fußboden berührte, und sagte in demütigem Tone: "Du sprichst die Sprache der "Blume der Mitte"; ich habe kein Recht, weiter zu zweifeln; verzeihe mir, o Mandarin des großen Pu! Mögen alle Ta-tau-hui so von der Erde verschwinden, wie ich jetzt aus deinem Zimmer verschwinden werde, damit nieine Geringfügigkeit dich nicht mehr belästige! Aber verderbe mich nicht, sondern beschütze mich! Ich habe es gut gemeint! Meine Pflicht ist, dir zu melden, daß ich mit dem nächsten österreichischen Dampfer nach Osten fahre. Ich habe gelernt, was ich lernen sollte, rmd kehre nun heim, um dem höchsten Pu zu berichten, was ich zu berichten habe. Margen gehe ich nach Colombo. Mein Leben und mein Eigentum ist dein Leben und dein Eigentum. Fordere von mir; ich gehorche gern!" Er zag sich unter steten Verneigungen, immer rückwärts gehend, nach der Thür zurück und "dienerte" dann hinaus. War das nicht überraschend, nicht sonderbar? Ich war ein "Mandarin des großen Pu!" Aber was >var das eigentlich für eine Art van Menschenkind? Welche Pflichten lagen mir ob, und mit welchen Rechten war ich ausgestattet? Wie gern hätte ich diesen kleinen Fang noch länger hier behalten, um mehr zu erfahren; aber mein "hoher" Ton hatte ihn fortgetrieben, und durch den nachträglichen Wunsch, daß er nach bleibeir niöge, Hütte ich mich selbst desavouiert. Er gehörte unbedingt einer geheimen Berbinduitg an, deren Mitglied auch ich war, sobald es mir beliebte, mein Pu vorzuzeigen. Wer hätte so etwas für möglich halten können! Und diese geheime Gesellschaft hatte gegen die fremdenfeindlichen "Boxer" zu wirken, deirn unter den Tatau-hui"'), welche Fang van der Erde verwünschte, waren diese Boxer gemeint! Das war wenigstens ein Gruitd, mir wegen meiner von mir ganz unbeabsichtigten Mitgliedschaft keine moralischen Vorwürfe zu machen. Ich war von Fang zuletzt, als er chinesisch sprach, du genannt worden. Auch der Chinese hat das ehrende "niin" oder "schim", welches "Sie" bedeutet, und da es von Fang nicht angewendet worden war, so schien es den Mitgliedern seiner Heimlichelt Brüderschaft vorgeschrieben zu sein, sich untereinander du zu nennen. *) Wörtlich: Große Messer. 119 ^L»«ZL>^L»«LL><LZ,^L»^L»«LL»<L§>«LL» Karl May. <^<LL<^<^,LL<LL><LL.<LL»<LL»«LL. 120 Ich bekam ihn übrigens während des Vormittages nicht wieder zu sehen. Am Nachmittage kam er mir da, wo die breite Hauptstraße der Eingeborenenstadt sich in zwei schmälere spaltet, in einer Rickschah entgegen. Als er mich sah, ließ er halten, stieg aus und verneigte sich, indem ich an ihm vorüberfuhr, so tief, daß ihm sein kleines, schwarzes Käppchen vom Kopfe fiel. Hier, außerhalb der Heimat, trug er weder Hut noch Mandarinenknopf. Ein Glück für sein gesellschaftliches Gewissen, daß ich kein Chinese war, weil sonst in dieser, wenn auch unverschuldeten Entblößung seines Hauptes eine schier unverzeihliche Beleidigung fiir mich gelegen hätte! Es war ihm und mir ein schnelleres Wiedersehen bestimmt, als er wohl ebenso wie ich gedacht hatte. Nämlich als ich dann ani Abend in Colombo auf mein Zimmer kam, lagen die inzwischen eingegangenen Briefe da, unter ihnen einer, dessen Inhalt mich bestimmte, die von mir geplante Reiseroute dadurch zu verlängern, daß ich ihr die Strecke Ceylon-Sumatra einfügte, und diese Fahrt mußte möglichst sofort, mit dem nächsten Schiffe, unternommen werden. Auf Befragen erfuhr ich, daß heut ein deutscher Lloyddampfer nach Singapore abgegangen, übermorgen aber ein Oesterreicher fällig sei, welcher auch in Penang anlege. Ich beschloß, auf diesem Passage zu nehmen. Am nächsten Tage teilte ich meinem Sejsid Omar diesen Entschluß mit. sagte ihm, wie weit Sumatra von Ceylon liege und um welche Zeit unsere Reise verlängert werde, und fragte ihn, ob er mitfahren wolle: wenn nicht, so könne er heimkehren: die Seereise nach Suez würde ich ihm natürlich bezahlen und auch das Gehalt für die Zeit bis zu seiner Ankunft in Kairo. Da antwortete er: "Sihdi, thue mir das nicht an, daß ich dich verlassen soll! Ich gehe mit dir durch die ganze Welt! Nur bitte ich dich um fünf Pfund, die ich meinem Vater schicken will." "Fa, weißt du denn, wieviel ich dir schuldig bin?" "Nichts bist du mir schuldig, gar nichts. Ich merke mir auch nichts, denn du bist kein falscher, sondern ein richtiger Christ und wirst mich nicht betrügen." Ich muß nämlich bemerken, daß er nur dann einmal Geld von mir forderte, wenn er welches nach .Hause schicken wollte. Fch hatte schon öfters mit ihm abgerechnet und ihm seinen Lohn vorgezählt: aber sobald er die vielen Goldstücke liegen sah, bekam er Angst und bat mich, sie ihm auszuheben. Er bekam pro Tag fünf Mark, und da ich kein Pfennigfuchser bin, so brauchte er fast gar nichts für sich auszugeben und konnte den ganzen Lohn sparen. War ich sa einmal mit ihm unzufrieden, so konnte ich ihn nicht härter strafen als dadurch, daß ich ihm sein Geld hinlegte. Der Angstschweiß trat ihm sofort ans die Stirn, und ich werde nie vergessen, mit welcher Miene er bei unserer Trennung über zweitausend Frank in Goldstücken in sein Taschentuch einknotete. "O Sihdi," sagte er. "Nimm es wieder; ich schenke es dir; aber laß mich bei dir bleiben!" Diese Liebe war ja später durch unser langes Beisammensein erklärlich; aber er hatte sie mir gleich vom ersten Augenblicke au gezeigt, ohne daß ich den Grund entdecken konnte. Hier in Colombo erfuhr ich ihn endlich. Nämlich die Postanweisung an seinen Vater mußte englisch geschrieben werden, und da er das nicht konnte, so that ich es für ihn. Dann gab ich ihm die fünf Pfund und machte ihm die Bemerkung, daß seine Fürsorge für den Vater mich stets sehr gefreut habe. Da drückte und drückte es in ihm so lange, bis es herauskam: "Sihdi, ich muß dir etwas vou ihm sagen. Er kennt dich: ja, er kennt dich ganz genau, obgleich er dich uie gesehen hat." "Wie soll er mich da kennen?" "Das ist es eben, was ich dir sagen will. In Kairo giebt es zahllose Blinde. Sei aufrichtig: bist du einmal an eilienc von ihnen vorübergegangen, ohne ihm etwas zu schenken?" "Ja, das ist meine Eigenheit." "Aber eine Eigenheit, für welche unser Islam sehrgute Augen und ein dankbares Herz hat. Sein Hauptgebot ist, Almosen geben, und wenn ein Christ so oft und so gern giebt wie du, ohne sich darum zu kümmern, daß der Empfänger andern Glaubens ist, so wird er in der kürzesten Zeit bekannt, obgleich er das nicht bemerkt. Schon einige Tage nach deiner Ankunft im Hotel Continental warst du vor: der Scharia el Faggala bis zum Medair Abdin und vom Kantaret cl Bulak bis zum Derb el Gamamis nur "der Alntani, der allen Bliirden giebt." Darum schaute ich stets zu dir hinüber, wenn du im Freien deinen Kaffee trankst, und als es hinter dem Bab el Ghoraib die jährliche Dschemija el Jmjahn*) gab, da wurde von dir gesprochen und erzählt, und da wurde auch für dich zu Allah gebetet, laut und gern gebetet, obgleich jeder wußte, daß du ein Christ seiest. Die Liebe macht ja alle Menschen gleich! Da wollte mein Vater dich kennen lernen; er wünschte, dich wenigstens einmal sprechen zu hören. Darum kam er zu mir und saß halbe Tage lang an meinem Stand, denn erdachte, du würdest einmal kommen und meinen Esel nehmen und dabei einige Worte reden. Aber bu gingst stets vorüber, und da habe ich dich auch stets gegrüßt." "Ja, höflich warst du imnrer, Sejjid Omar. Doch einmal bin ich nicht vorübergegangen. Du hast es nicht gesehen, denn du warst nicht da." "Ja, aber der Blinde hat es mir erzählt!" "Er saß in der Nähe deines Standes, aur Gitterzaun der Ezbekije, ein alter, sauber gekleideter Mann mit grauem Bart. Ich gab ihm etwas, und er wollte es nicht nehmen, -veil er kein Bettler sei. Ich nahm es wieder zurück und so kamen wir ins Gespräch." "Ja, gerade daß du es wiedergeuommen hast, das hat ihn sa gefreut. Es war ein großes Silberstück, lind noch größere Freude hat er über deine Worte gehabt: "Ich gab rs dir, da war es dein; nun giebst du es mir, und ich danke bir, denn ich habe dich und du hast mich beschenkt!" Dann bist du nicht gegangen, sondern du hast dich neben ihn auf den hohen Gittersteiu gesetzt und mit ihn, gesprochen. Du hast von der Blindheit geredet, die noch schlimmer als die körperliche ist, und von dem Auge der Seele, welches grad bei den Blinden schärfer und Heller blickt als bei den Sehenden. Du hast ihm von einem Himmel und von Sternen erzählt, von denen er bisher keine Ahnung hatte, denn sie wohnten in seinem Herzen, und er wußte es nicht, lind al-' du dann nach wohl einer Stunde ihm die Hand gedrückt und dich entfernt hast, hat er deinen Schritten gelauscht, bis sie verklungen waren, und ihm ist gewesen, als sei ersehend geworden, denn der Himmel und die Sterne, von denen du sprachst, sind in ihm aufgegangen, und er sieht noch heutigen Tages ihre Herrlichkeit, obgleich es außerhalb seiner Augen dunkel ist!" Der gute Sejjid war ja ganz Poetisch geworden. Er schien sich für diesen Blinden besonders zu interessieren. Darum machte ich die Bemerkung: "Ich habe ihn dann leider nicht mehr gesehen: er saß nie wieder an dieser Stelle." "Er kam nicht wieder, iveil nun sein Herzenswunsch erfüllt war, dich einmal sprechen zu hören, oder dieser Blinde sagt immer, sprechen zu sehen." "Ich denke, diesen Wunsch hat ein anderer gehabt, nämlich dein Vater; du sagtest es ja!" "Ganz richtig! Aber mein Vater war eben dieser Blinde! Als er erfuhr, daß du einen Diener suchtest, befahl er mir, mich zu melden. Es bedurfte gar nicht eines Befehles, denn ich that es selbst so gern! lind wie glücklich war er, als ich ihm nach unserer Rückkehr von den Pyramiden sagte, daß unser Wunsch erfüllt sei! Du glaubtest, ich bemerke es nicht, aber ich habe es wohl gesehen, wie du mich wegen des Reitens auf die Probe stelltest. Mein älterer Bruder, der nun gestorben ist, war Saks*) beim Khedive; ich durfte wochenlang draußen bei ihm sein und auf den schönen Pferden sitzen. Da habe ich das Reiten gelernt. Nun schreibe ich von überall, wohin ich mit dir *) Vorläufer, Stallbedienstetcr. komme, einen Brief an den Vater, welcher ihm vorgelesen lvird. Da ist er froh, wenn ich ihm von dir erzähle und ihm sage, daß du mit mir zufrieden bist. O, Sihdi, wenn du ihm doch auch einmal eine Zeile seirden wolltest; welch eine Freude wäre das für ihn!" "So trag das Geld jetzt noch nicht zur Post, sondern warte! Ich werde gleich jetzt einen ganzen Brief, nicht bloß eine Zeile, an ihn schreiben. Die Adresse sagst du mir dann." Da ergriff er, wie damals in Kairo, meine Hand und küßte sie, ehe ich es verhindern konnte. Wie leicht ist es doch, gut und freundlich zu sein; wie schwer fällt das manchen Menschen, und wie noch mehr andere haben kein Geschick dazu! Und wie belohnt sich so ein bißchen Güte und Menschenliebe! Ich hatte einem Blinden eine Gabe angeboten, die von ihm nicht einmal angenommen worden war. Und der Lohn? Ein Diener, lvie ich ihn mir treuer, aufopfernder und besser gar nicht wünschen konnte. Aber so reicher Lohn kommt nur dann, wenn man an keine Belohnung denkt! — Der österreichische Dampfer kam ohne Verspätung; er hatte wenig Fracht und wenig Passagiere und sich also nicht durch aufhaltende Hafenarbeiten verspäten können. Alle Welt fährt lieber mit denr Norddeutschen als nüt dem Triester Lloyd. Mir war es sehr lieb, daß es so viel Platz gab, denn ich gehe gern ungestört spazieren, auch auf der See. Aber eine Anzahl von Passagieren kam doch mit an Bord, nämlich Fang, der Chinese, und die sechs Englishmen, welche wir in Point de Gallo kennen gelernt hatten. Sie fuhren der Gegend zu, welche mit Schmerzen erwartete, von ihnen rivilisiert zu werden. Man kann sich denken, daß wir uns während der Fahrt gegenseitig vollständig unbekannt tvaren und auch vollständig unbekannt blieben, obgleich wir uns gezwungen sahen, an derselben Tafel zu speisen. In einer Beziehung freilich hatten sie es versucht, mir einen Hieb zu versetzen. Sejjid Omar nämlich war, wie sich gcinz von selbst versteht, nicht Passagier erster, sondern dritter Klasse, hielt sich aber zu meiner Bedienung viel auf dem Deck und in den Räumen der ersten Klasse auf. Hierüber hatten sie sich beim Kapitän beschwert und ihm sehr energisch zu verstehen gegeben, daß sie einen Passagier dritter Klasse nicht in der ersten dulden würden. Es war ihnen der Bescheid geworden, daß sie da gar nichts machen könnten. Es sei auf allen, auch auf den englischen Linien, so eingesührt, daß die reisenden Herrs-Haften des Tages über ihre Dienerschaften bei sich haben könnten, dafür aber für sie ein erhöhtes Passagegeld zahlen müßten. Das hätte ich auch gethan, und also sei mein Araber in vollem Rechte, zu mir zu kommen, so oft es mir und ihm beliebe. Omar, der sich an die meist italienisch sprechende Schiffsbemannung angevettert hatte, um sprachlich so viel wie möglich zu 123 Karl May. Profitieren, war von dieser Beschwerde unterrichtet worden und teilte mir es nüt. "Diese Jnglis sind ganz unerfahrene Knaben," sagte er, "die noch nicht einmal wissen, was auf einem Schiffe gebräuchlich ist. Sie halten sich für bessere Menschen, als wir Araber sind; früher hätte mich das geärgert; aber jetzt bin ich Sejjid Omar und bedaure sie!" Damit war die Sache abgemacht. merkte das sehr schnell, und so kam es, daß er bald nicht mehr allein am Tische saß. Daher auch die Gefälligkeit, mich während der letzten Nacht nüt Licht zum Schreiben zu versehen. Es war eine wunderschöne, südliche Meeresnacht. Man muß so etwas erlebt haben. Beschreiben kann man es nicht. Und wenn man es könnte, so hätte es doch keinen Zweck, weil eine Beschreibung nie so wirken kann, wie das, Mit Fang faiu ich nicht zusammen. Er lag seekrank in seiner Kabine und ließ sich nicht sehen. Auch mochte die Scheu vor den Engländern das Ihrige dazu beitragen, daß er so beharrlich nuten blieb. Diese Vermutung war nicht falsch; ich erfuhr es in der letzten Nacht. Unser Dampfer brauchte fünf Tage, um von Colombo nach Penang zu kommen. Sonnabend waren wir abgefahren; Donnerstag kamen wir an. In der letzten Nacht ging ich nicht schlafen, sondern blieb an Deck und schrieb. Der Kapitän hatte meinetwegen den Befehl gegeben, das Licht nicht auszudrehen. Er war ein großer Vogelfreund und hatte neben seiner Kajüte eine Anzahl heimischer Vögel in hiibschen Käfigen untergebracht. So oft es seine Pflicht erlaubte, ließ er sich einen Tisch zu diesen Käfigen stellen, um unter seinen Lieblingen zu sitzen und sich mit ihnen zu beschäftigen. Auch ich liebe die geflügelte Welt. Er bewas man beschreibt. Der südliche Himmel hat weniger sichtbare Sterne als der nördliche, aber sie scheinen größer und darum der Erde und mit ihr dem Menschen näher zu sein; die See erstrahlt in hellerein astralischen Glanze, und die Rätsel der Nacht, die man daheiin nicht lösen konnte, treten hier viel deutlicher mit der Bitte an den Menschen heran, gelöst zu werden. Aber all sein stolzes Wissen und all sein scharfes Denken ist diesen Geheimnissen gegenüber ein Nichts; ec kann nur ahnen und hoffen, und wenn der Engel des Glaubens zu ihm tritt und ihm zuflüstert, daß dieses Ahnen zur Wahrheit und dieses Hoffen sich erfüllen werde, so soll diese Stimme ihm ebenso heilig sein, als ob Gott selbst zu ihm gesprochen hätte. Es war schon nach Mitternacht, als ich ein Räuspern hinter mir hörte. Ich schaute mich um und sah Fang, welcher leise die nach den Kabinen führende Treppe heraufge125 <LL»«LL»«LL.«LL>«LL»«LL><LL><LL>«LL»'LL» Lt in terra pax. <^<LL»<LL»<LL»«LL»«ZD>«LL>«LL»<LL,<LL> 126 kommen war. Er verbeugte sich und wartete dann, ob ich ihn anreden werde. Ich grüßte ihn in englischer Sprache. Er verbeugte sich noch einmal und antwortete: "Daß Sie diese Sprache wählen, ist für mich ein Fingerzeig, ivovon ich nicht zu sprechen habe. Stört es Sie, wenn ich hier oben bin und mir Bewegung mache?" "Nein." Er verneigte sich zum dritten Riale und wendete sich ab, um leise aus dem Decke hin und her zu spazieren. Das that er Wohl eine Stunde lang, dann schien er wieder hinuntergehen zu wollen. Er mußte an mir vorüber und that das mit so zögerndem Schritte, als ob er mir gern etwas sagen möchte. Ich legte also die Feder weg uird sah il;n fragend an. "Ich bin setzt nicht der Besitzer eures Pu, sondern ein Chinese wie jeder andere Chinese. Darf dieser mit Ihnen Iprechen?" fragte er. "Und ich bin fetzt nicht ein Mandarin des großen Pu, sondern ein Deutscher, der Ihre Station liebt, wie er alle Menschen liebt, uird sich also gern mit Ihnen unterhält. Kommen Sie! Wir gehen aus denr Licht!" antwortete ich. Er solgte mir nach einer Bank, welche am Rande des Decks stand, und setzte sich dort ohne sein chinesisches Ceremoniell an meine rechte Seite. Da saßen ivir nur in milden Scheine der Sterne. "Sie lieben unsere Nation!" begann er. "Ist es denn wirklich wahr, daß ein Mensch, der kein Chinese ist, diese Worte gesprochen hat? Jede, jede, aber auch jede Nation erfreut sich irgend einer Sympathie, nur die chinesische nicht! Womit haben wir das verdient? Was haben wir den andern Völkern zu leid gethan? Die Kaukasier schlachten heut einander ab und küssen sich morgen freundlich die gestern noch zürnenden Lippen. Haben jemals wir ihr Blut vergossen? Nie! Haben wir sie jemals beleidigt, befeindet, übervorteilt und betrogen, wie sie es unter einander thun? Nie! Befehden wir ihren Glauben? Verlachen ivir ihre Voreltern? Spotten wir über ihre Geschichte? Nein! Trachten wir nach den Schätzen ihrer Bergwerke, nach den Früchten ihrer Felder, nach den Erträgnissen ihrer Industrie? Nein! Brauchen wir überhaupt etwas von ihnen? Nein und wieder nein und dreimal nein! Also frage ich: woher nehmen sie das Recht, wie Bacillen durch alle leiblichen und geistigen Poren in den Körper und in die Seele unserer Nation einzudringen und an dem sogenannten "gelben" Manne denselben Rassenmord zu verüben, an welchem der "rote" schon auch zu Grunde gegangen ist?" Er hatte ruhig, kalt, langsam und halblaut gesprochen, wie zu sich selbst. War es in seinem Innern auch so kalt und ruhig? Da ich nicht antwortete, fuhr er fort: "Ich weiß, was Sie sagen werden: die Völker haben mit einander zu verkehren! Das ist ein großes, wahres Wort. Aber der ärmste und niedrigste Mann besitzt bei Ihnen sein sogenanntes Hausrecht. Das Gesetz schützt ihn gegen jeden, der ohne seine Erlaubnis bei ihm eindringcn will. Dieses Recht hat jeder Mensch, jedes Dorf, fede Stadt, jedes Land, jeder Verein, jede Gemeinde, jedes Volk. Haben wir es etwa nicht auch? Ja, wir haben es! Und es ist eine geschichtliche Lüge, zu behaupten, daß wir dieses Recht mißbraucht hätten. Wir haben asiatische Völkerschaften bei uns ausgenommen, welche noch heut bei uns wohnen, obgleich sie anderen Glaubens sind. Wir haben auch mit den Christen den Versuch gemacht. Sie wurden willkommen geheißen und mit hohen Würden und Aemtern bekleidet. Wie aber dankten sie uns? Heut hatten wir sie bei uns ausgenommen, und schon morgen griffen sie gierig in unsere Herzen, um sich nicht nur in unferm Lande und in unfern Städten sondern auch in unserm Himmel einzunisten. Sie, die wenigen Fremden, die sich daheim ihres Glaubens wegen selbst bitterlich hassen und bekämpfen; sie, die ihre gepriesene Civilisation seit Anbeginn bis auf den heutigen Tag mit dem Blute ihrer eigenen Brüder düngten; sie, deren angebetete Weltweisheit nicht weitergekommen ist, als nur zu der Behauptung, daß kein Gott die Welt regiere; sie, deren so laut auSposaunte Humanität nichts als nur der verkappte Egoismus ist; sie, deren staatliche Konstitutionen so vom Anarchismus, NihiliSmus, Socialdemokratismus und andern Krankheiten, von denen wir uns frei gehalten haben, zerfressen sind, daß sie sich ihrer kaum erwehren können: sie kommen zu uns, die wir Hunderte von Millionen zählen und eine sünftausendjährige Geschichte und Kultur besitzen, und wollen uns zwingen, unsere Religion ihren haßerfüllten Konfessionen zu opfern; sie legen mit ihren Kanonen unsere Türme, Mauern und Häuser in Trümmern, um uns ihre bessere Bildung und Gesittung beizubringen; sie verlangen von uns, an Stelle unserer bewährten Philosophie die ihrige zu setzen, welche, ohne zum selbständigen Manne zu werden, noch gegenwärtig an den vertrockneten Brüsten heidnischer Ammen saugt; sie muten uns die sträfliche Befangenheit zu, ihrer Versicherung zu glauben, daß sie es mit der Erfindung ihrer "Interessensphären" und "offenen Thür" nur ans unser Heil abgesehen haben; sie tragen uns den Ungehorsam der Unterthanen gegen ihre Vorgesetzten und die auflehnende Verachtung altehrwürdiger, heilig gewordener Gebräuche zu; sie nennen uns Heiden, ohne zu bedenken, daß unser Recht, auch sie als solche zu bezeichnen, viel größer als das ihrige ist, denn ganz abgesehen davon, daß sie nicht nach Christi Liebe und Lehre gegen uns handeln, haben sie das unerforschliche, unbegreiflich allgütige Wesen, welches der Urgrund alles Daseins ist, durch irdische Gestaltung und menschliche Ausstattung aus der Unantastbarkeit seines Himmels gerissen und zuin Götterbilde gemacht, während wir es so verehren und für so rein und über uns erhaben denken, daß wir nicht einmal unserer Sprache erlaubt haben, uns ein Wort zu geben, welches wir 127 Karl May. <LL»«LL»<LL»«LL»<LL»<LL»<LL»«LL»<LL»^L» 128 als ]einen Diamen nennen! Ader gerade weil wir keinen Namen haben, t]l üiejey -wort als (öetit bei uns, und wenn ow icötjcQe ü'üi'rn, in welche wir oteien ©ei]t nicht zu sahen und zu zwingen wagen, euisi auch sur uns in Staub zersallt, >a haben wir einen Schritt zu ihiii empor gethan und nehmen oie Ehrfurcht und die tiiede derer mit, welche uns nicht vergessen dürsen, iveit sie uns nachzusolgen haben. Und wenn die Christen dieses zum Himmel hebende Verlangen, die Vorangestiegenen nicht aus den Augen zu verlieren, weil uns mit ihnen auch der Weg zum Himmel verloren sein ivürde, als sündhaften, götzendienerischen Ahnenkultus bezeichnen, so beweist dies nur, daß sie in den Geist unserer Religion nicht eingedrungen sind und nicht eindringen tonnten, iveit sie den Geist der ihrigen noch nicht begrisfen haben. Er kann sich nur der Liebe offenbaren, und diese, die besitzen sie noch nicht!" Hier hielt er wieder inne. Erwartete er eine Antwort von mir, ein Eingehen aus diesen für mich so heiklen Gesprächsgegenstand? Ich räusperte mich, unschlüssig, ob ich sprechen solle oder nicht. Da sagte er schnell: "Bitte, schweigen Sie! Ich erwarte keine Antwort. Ich habe die Religion und die Kultur der Christen studiert und glaube, daß ich sie nun kenne. Ich weiß also, daß Sie sich setzt in der höchst fatalen Lage befinden, als wahrer Christ die Scheinchristen verteidigen zu sollen urid doch nicht zu können, weil es gerade der Wahrheit unmöglich ist, den Schein als Wahrheit hinzustellen. Werden wir uns klar! Tie Strömung, welche setzt gegen die Küste Chinas brandet, ist eine doppelte, nämlich eine religiöse und eine politische, und beide werden uns von einem und demselben Winde zugeführt, dem Egoismus. Fallen Sie mir nicht mit "Knlturaufgaben", "civilisatorischen Pflichten" und "Sendboten des Christentums" in die Rede! Das sind Fiktionen, mit denen ein Kenner der Verhältnisse nicht irre zu machen ist! Wer von seiner Religion und von seiner Kulturform behauptet, daß sie die allein seligmachende und er also ein Auserwählter Gottes sei, der ist eben ein Egoist in der höchiten Potenz, und Religion und Politik sind für ihn nur die Mittel, seine Selbstzwecke zu erreichen. Als Christ will er den ganzen Himmel nnd als Kaukasier die ganze Erde nur für sich allein haben. Sprechen wir nicht von der "Beglückung der Chinesen!" Das ist Dekorationsmalerei, die nur in die Ferne wirkt, in der Nähe aber die Pinselarbeit um so häßlicher zeigt! Die chinesische Frage ist eine religiöse und eine Nassenfrage. Um von der religiösen zuerst zu sprechen, so ist sie für uns abgethair. Ich sagte bereits, daß die Christen, welche wir gestern bei uns willkommen hießen, schon heut die Thorheit begingen, uns in Beziehung auf unsere Religion gute Lehren geben zu ivollen. Sie waren so unwissend, daß sie gar nicht ahnten, was eine solche Beleidigung der Gastfreundschaft einem Volke gegenüber, dem die Höflichkeit der Umgangsformen über alles geht, zu bedeuten hat. Und sie sind auch heut noch so un wissend, nicht zu erkennen, daß ihre Missionen trotz jahrhundertelanger Arbeit bei uns so viel wie nichts gewirkt haben, weil der Chinese die Behauptmig, das Christentum sei die einzig seligmachende Retigion, als eine krasse Unhöflichkeit, als persönliche Beleidiguirg ausfaßt. Heber dreihundert Millionen Menschen solleii mit allen ihren Ahnen viertausend Jahre znrück icichts als Dummköpfe gewesen fein! Und diese Beleidigung wird uns von Leuteir in das Gesicht gesagt, welche ihren eigenen christlichen Brüdern wegen einer andern Auslegung eines Bibelwortes im Leben die Kirchenuiid dann selbst noch im Tode sogar die Gottesackerthür verschließen! Welch eine Ungeheuerlichkeit! Haben sie es denn wirklich nicht gewußt, daß wir, das Volk der höchstentkvickelten Umgangsform und Rücksichtnahme, die Mission zunächst und vor allen Dingen von diesem Standpunkte aus auffassen? Ein unhöflicher Mensch wird bei uns nie etwas erreichen, und der Missionar begeht gegen uns und unsere Ahnen die allergrößte und uirverzeihlichste Unhöflichkeit, die sich ein Chinese denken kann! Und dabei weiß er nicht einmal, daß er iruc oder meist aus dieseni Grunde keine Erfolge hat! Er will mrs belehren nnd ist doch selbst nicht über unsere Art, zu denken nnd zu fühlen, belehrt! Ja, es hat einige verständige christliche Sendboten gegeben, welche uns studierten und kennen lernten und dann einsahen, daß der Chinese zwar Christ, wenn man seine Eigenart gelten läßt, aber niemals Europäer werden könne. Sie handelten darnach, wurden von unserm Kaiser hoch geehrt und konnten über die Früchte ihrer Arbeit glücklich heimberichten. Da aber verbot man ihnen diese Rücksichtnahme, und die Früchte bliebe,r liegen und verfaulten. Meint man etwa, die bald hier und bald da emporlodernde Empörung gegen die Missionare richte sich gegen ihren Glauben? O nein! Selbst der ungebildetste Chinese hat wenigstens den einen Vorzug, in Beziehung auf die Religion tolerant zu sein. Diese Ausbrüche des angesammelten Zornes werden vielmehr durch die Art und Weise hervorgernfen, in der man diesen Glauben hoch über den unfern stellt mrd mit rücksichtslosen Sohlen unsere heiligsten Sitteir und Gefühle niedertritt. Ich behaupte: und wenn zehntausend Missionare so lange lebten, daß sie zehntausend Jahre lang ihre Religion bei uns verkünden könnten, so würde doch keiner von ihnen mehr erreichen, als was der einzelne bisher erreicht hat, wenn sie nicht ihr jetziges Verhalten ändern und uns als Menschen gelten lassen, die ihre eigenartige Entwicklung und also auch ihre eigene Art, zu denken und zu fühlen haben. Ich gebe zu: es ist keineswegs ausgeschlossen, daß der Chinese ein Christ ivird, aber er wird es nur dann, wenn er dabei Chinese bleiben kann!" Er hob bei diesen Worten die Hand wie zum Schwur empor. Ich hörte ihm an, ivie ernst ihm alles, was er sagte, ivar. Zeit 31t einem Einwurfe oder einer Bemerkung fand ich mcljt; er wartete nicht darauf, sondern sprach weiter: "Und nun die Rassenfrage, die ich eigentlich schon damit erledigt habe, das; ich sagte, der Chinese will Chinese bleiben. Ein gelehrter Christ, den man geistreich nennt, hat kürzlich China besucht und ein Buch über uns geschrieben. In diesem steht zu lesen: "Ein Dichter oder Künstler soll auf dem Höhenpunkte seines Schaffens sterben. Thut er das nicht, so geht es mit ihm bergab, und der Schatten seiner späteren Jahre verdunkelt seine Werke. So steht es auch mit den Nationen, und der Chinese hat vergessen, zu sterben, als die geeignete Zeit dazu gekommen war!" Das mag für europäische Ohren geistreich klingen; es ist aber das grundfalsche Urteil eines Mannes, welcher glaubt, uns in zwei Worten ebenso abthun zu können, wie er in zwei Monaten das Studiuni unsers Landes und Volkes vollständig abgethan zu haben glaubt. Wenn sich der Dichter überanstrengt hat, so soll er nicht sterben, sondern tüchtig essen und dann so lange wie möglich schlafen, um treue Kraft zu gewirrnen. Thut er das, so wird er nach seinem Erwachen im neuen Vollgefühle seiner selbst frisch weiterschaffen können. Der Chinese ist so klirg gewesen, nicht zu sterbeir, sondern sich schlafen zu legen. Die Zeit, in welcher er erwacht, kann gestern gewesen sein, kann heut oder mor gen kommen. Ich meine nun, für die weiße Rasse sei auch die Zeit nun da, sich voir ihren civilisätocischen Anstrengungen auszuruhen, denir es inehren sich die Zeichen, daß sie des Nachdenkens und der Sammlung bedarf. Ihr Körper hat gelitten; die einzelnen Glieder versagen ihr den Dienst; ihre Gedanken verwirren sich; ihre Empfin düngen werden hart; ihr Auge hat sich getrübt, und ihr Ohr verninunt nicht mehr die Stimmen, die es früher gern und willig hörte. Sie sollte ihre Aufmerksamkeit nicht so sehr nach außen, sondern mehr nach innen richten, um die Schäden zu heilen und die Schwächen zu beseitigen, ivelche die Folgen der Ermüdung sind. Wenn es im Westen Nacht geworden ist, lvird es im Osten Tag. Dort steht der Mensch jetzt vor dem müden Abend; hier aber bricht der frische Morgen an. Wenn die ruhebedürftige Rasse die Gereiztheit ihrer angestrengten Nerven für Stärke und den Schlaf der andern Rasse für ein Zeichen der Schwäche hält, so ist es für sie ein Wagnis, die Schläferin gewaltsam aufzuweÄen. Man gönne ihr doch eilt friedliches Ertvachen! Schon graut der Tag, tntd wir, die wir zur Brüderschaft des Pu gehören, breiten als die ersten, muntern Jriedensvögel unsere Schwingen aus, der Sonne entgegenzufliegen und, non ihrem Glanze getragen, zur Heimat zurückzukehren,tun ihr das Licht zu bringen, welches Wohl der Himmel, aber nicht der Mensch uns giebt. Wir forschen und suchen, und wer mit Liebe utid Eifer sucht, der muß die Wahrheit finden. Wir gehen zu deit westlichett Völkern, um sie und ihre Kräfte und Absichten kennen zti lernen. Jeder hat sein besonderes Land und seinen besonderen Zweck. Der meine ist erreicht. Erreichen die andern den ihren in derselben Weise, so werden vielleicht Kürschner, China III. die niedrigen Wolken des Morgens blutig erglänzen, aber dann, wenn sie verschwunden sind, wird Friede sein auf Erden, tvenigstens bei uns! Beherzigt dann der Christ, was ihm von seinem Herrn besohlen ward, so wird er uns als gleichbegabt und gleichberechtigt anerkennen und unser Bruder fein. Dann mag er zu uns kommen, um bei uus zu wohnen und zu lehren. Den Glauben und die Liebe eines Bruders weist man nicht zurück!" Jetzt stand er von seinem Sitze auf tmd wartete eine kleine Weile, ehe er hinzufügte: "So bin ich also bei meinem Ausgangspunkte lvieder angekomnien, bei der Liebe. Der Kaukasier lehre uns, ihn zu lieben, ehe er uns belehre, nach seiner Art zu beten! Das ist die Antwort, welche wir ihm auf seine "chinesische Frage" geben, die wir bei uns gar nicht kennen! Ich bin fertig, bin am Ende. Ich habe vorhin gesagt, daß ich jetzt nicht der Besitzer eines Pu, sondern ein Chinese wie jeder andere Chinese sein wolle; als solcher habe ich gesprochen. Das Pu gebietet uns eine andere Sprache, in welcher wir uns heimlich üben, um, ohne bei den Strengerdenkenden anzustoßen, mit dem Europäer in der freundlichen Weise Verkehren zu können, die es uns vielleicht ermöglicht, seine gegen uns gerichteten Vorurteile zu überwinden und ihn zu derUeberzeugung zu bringen, daß eine friedlicheWechselwirkung zwischen unfern beiderseitigen Kulturformen in seinem eigenen Interesse liege. Dazu gehört aber, daß er aushört, sich als den alleinigen Spender und uns als die alleinigen Almosenempfänger ztt betrachten. Wir wissen, daß wir nicht ärmer sind, als er. Betrachtet er sich aber auch fernerhin als den reichen Mann und den Chinesen als den armen Lazarus, so kann es kommen, daß dieses Gleichnis sich an ihm und tins in der Weise zu Ettde lebt, tvie Christus es einst erzählte. Und selbst wenn es ihm gelänge, aus dem von ihm gegen uns herbeigeführten Kampfe als Sieger hervorzugehen, würden ihn die Folgen sehr bald über die uralte Wahrheit belehren, daß die Seele eines in einem Eroberungskampfe siegenden Volkes niemals die Siegerin, sondern stets und immer die lieber wundene ist!" Er trat einige Schritte von mir zurück und bat, indem er sich tief verneigte: "Verzeihen Sie mir, das; ich den Wunsch hatte, Ihnen zu sagen, lvas und lvie ein Chinese über diese Religionsund Rassenangelegenheit denkt und spricht. Einem "Mandarinen des großen Pu" gegenüber hätte ich es tticht wagen dürfen, dieses Wort unaufgefordert zu ergreifen; da Sie aber nicht dies, sondern nur Deutscher sein wollten, so durfte ich es für erlaubt halten. Sie sollten die nackte, unverfälschte Meinung meines Volkes kennen lernen, weil es mir ist, als ob uns nach der Landung und Trennung in Penang ein Wiedersehen beschieden sei, und weil ich ahne, das; Ihr deutsches Volk uns schneller und besser verstehen lernen tverde als diejenigen Völker, deren Seelen 9 131 <gS><SS><2iä><2S><2i£><SS>«3££><SS><2S><SÜ§> Karl May. E><LL»<LL»<LL'«L§>«LL.<LL'<ZL>«LL>«LL. 132 anders als die deutsche fühlen. Wenn ich Sie nicht zu Worte konnnen lies;, so that ich das nicht aus llnhöflichkeit. Was Sie als Christ und Abendländer mir entgegnen würden, das weiß ich ebenso genau, wie Sie es wissen, und ich wollte Ihnen eine Rechtfertigung ersparen, welche zwar volltönend beginnt, aber schließlich doch nur zur Entschuldigung wird. Der Kaukasier besindet sich in einem doppelten Irrtum: er glaubt, uns zu kennen, und ec denkt, daß mir ihn nicht kennen. Aber China und die Chinesen sind ihm trotz der europäisch gefärbten Bücher, nach denen er uns beurteilt, fast ebenso unbekannt geblieben, wie sie es waren, als er sie zum ersten Male sah. Er hat die Eigenart des Geistes nicht begriffen, der treu unb schützend, wie der Drache alter Sagen, über unseren Ländern und Gewässern: schwebt. Da haben Sie die Bedeutung unseres NationalsYmboles! In Ihren Augen eine Häßlichkeit, ist dieser Drache für uns ein Hüter tief vergrabener Schätze, dessen wahre Gestalt, setzt noch unter seltsamer Form verborgen, sich nur dem Auge desjenigen Fremden zeige:: wird, welcher nicht konunt, diese Schätze für sich allein zu sreylen, sondern sie mit liebeund verständnisvoller Hand zum Segen aller an das Tageslicht zu ziehen. Dann, aber auch erst dann wird inan beginnen, China kennen zu .lernen. lins, aber ist Ihr Westen längst kein Rätsel mehr. Wir haben Augen hingesandt, unerbittlich scharf und unbefangen blickende Augen, und diesen Augen ist nichts entgangen, was sie sehen mußten, um die uns drohende Gefahr in ihrem ganzen Umfange zu erkennen, aber auch die Schwächen derer, die uns meistern wollen, alle zu durchschauen. Und wer bei gleicher Kraft im Kampf den andern besser kennt, der braucht sich nicht zu fürchten!" Nun legte er die Hände zusammen» hob sie bis zur Stirn empor, verbeugte sich und ging. — Das war eine sonderbare Unterredung gewesen, oder vielmehr keine Unterredung, weil ich doch nicht eine Silbe gesprochen hatte! Welch eine so ganz bedenkenlose Aufrichtigkeit! Wie hätte sich wohl ein anderer Europäer ver halten, wenn er an meiner Stelle gewesen wäre?! Ebenso still wie ich? Fast möchte ich es glauben. Gegenbehauptungen hätten ihm nichts genützt, denn dieser kleine Fang war so scharfsinnig und so wohlunterrichtet, daß man bei seinen Ausführungen sich beinahe als eine Verkörperung der Schwächen fühlte, vo>: denen er gesprochen hatte. Und für mich lag noch ein anderer Grund zum Schweigen vor: es kam mir vor allen Dingen darauf au, ihm möglichst viel über die geheime Verbindung abzulauschen, und wer lauschen will, der soll nicht sprechen. Meine Ausbeute war in materieller Beziehung so viel wie Null; aber ich halte erfahren, daß der Zweck der Gesellschaft ein friedensfreundlicher sei. Trotzdem schien die Disciplin mit großer Strenge gehandhabt zu werden; das ersah ich aus der Unterwürfigkeit Fangs, und das ging auch aus seiner Bemerkung, als er in Point de Galle mein Pu hatte liegen sehen, hervor, daß es sich unter uiuständeu un: mein Leben handle. So ganz unverfänglich war die Sache für mich nicht! Als es Morgen geworden war, sah ich, daß wir uns in der Straße von Malakka befanden. An: südlichen Hori zonte trat die Diamantspitze von Sumatra hervor; wir »ähertei: uns Peuang. Die Passagiere kamen alle an Deck, wie es ja immer ist, wenn n:an sich einem Hafen nähert. Sejjid Omar.brachte schon unser Gepäck getragen; er liebte es, stets als der erste bereit zu sein, und es gehörte bei ihm zu den Unmöglichkeiten, irgend einen Aufbruch oder eine Abfahrt zu versäumen. "Was wohnen für Leute :n Penang, Sihdi?" fragte er mich, indem er ein pfiffiges Gesicht zog. Er schien etwas in: Hinterhalte zu haben. "Europäer, aber sehr wenig, ferner Hindu, Parsen, Chinesen, von diesen sehr viel, und Malaien." "Also wirklich Malaien?" "Ja. Interessiert dich das? Du kannst ja nicht mit ihnen sprechen!" Ich? Nicht sprechen?" rief er aus. "Darf ich als Malaie kommen und bei dir anklopfen?" "Gut! Du bist ein Schneider und heißt Kadaja. Paß auf!" Er machte die Bewegung des Anklopfens und Hereinkommens und sagte dann: "Salamat pagi tuwan! Apa kowe ada tukang mend jahit namansa Kadaja guten Morgen, Herr! Sind Sie der Schneider Kadaja?" "Saja tuwau — ja," antwortete ich. "Apa kowe bisa mendjahit satu tjelana — können Sie mir eine Hose machen?" "Saja tuwan — ja." "Brapa kowe minta terri satu tjelana — wieviel verlangen Sie für eine Hose?" "Liga ratus rupijah wolanda dreihundert Gulden holländisch," antwortete ich, inden: ich das Lachen verbiß. Da sagte er zunächst nichts, sann sehr ernst nach, legte die Zeigefinger zählend auf einander, murmelte halblaut die Zahlen dazu, dann lachte er plötzlich laut auf und rief aus, indem er aus dem Malaischen in das Arabische fiel: "Nein, Sihdi, das kannst du nicht von mir verlangen. Für eine Hose gebe ich dir nicht dreihundert Gulden. Das ist mir doch zu viel!" "Gut, also mache ich dir leine! Wo hast du denn diese malaischen Worte her?" "Von zwei Schneidern, welche Malaien waren und in Colombo neben meinem Gasthause wohnten und flickten. Ich habe viel mit ihnen gesprochen. Aber die malaische Sprache hat auch nur Redensarten, die man auswendig lernen muß, ivenn man sie sprechen will. Und diese Leute gefallen mir nicht; sie zanken sich so gern!" In diesem Augenblicke ertönte von der anderen Seite unsers Deckes her ein Schrei. "Mann über Bord!" brüllte eilt Matrose drüben. Wir eilten hinüber und erfuhren, daß es sich um einen der sechs Engländer handelte. Diese waren aus ihren Kojen auch herausgekommen und hatten verlangt, daß man die Sonnengardinen niederlasse. Jedes diese südlichen Meere befahrende Schiff ist nämlich nicht nur mit einem Sonnendache, sondern auch mit Backund Steuerbordleinwand versehen, welche man auf der Seite, wo die Sonne steht, niederläßt, um Schatten zu haben. 9hm war es aber heute noch so früh am Tage, von Hitze keine Rede, und außerdem hatten wir bis nach Penang nur noch eine Stunde; es wäre also schade um die Arbeit gewesen, ganz abgesehen davon, daß die Matrosen jetzt, so kurz vor dem Hafen, mehr zu thun hatten, als des überflüssigen Wunsches launenhafter Passagiere wegen auf der Regeling herumzuklettern. Die Leinwand ist des Windes wegen natürlich sehr fest angeknotet, und es erfordert Zeit, sie loszubekommen. Aber die Englishmen hatten sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß sie hernntcrgelassen werdeir müsse, und da ihnen kein Matrose gehorchte, so setzten sie den Passagieren verboten war, auf die Regeling süegen, um die Leinwand loszubinden. Der lauteste von ihnen, derselbe, welcher in Point de Galle detl Vorschlag gemacht hatte, den Chinesen in ihr Zimmer zu zerren, hatte dabei die Balance verloren und war in die See gestürzt. Auf den Schrei, der hierauf erfolgte, war der Ouarterdienst sofort nach dem Bug geeilt, um den dort hängenden Rettungsring hinabzuwerfen, und der Offizier vom Dienst erteilte ebeitso schnell den Maschinisten die nötigen Befehle. Das Schiff hat an die Unglücksstelle znrückzukehren, was dadurch geschieht, daß es einen Bogen steuert. Aber die Kraft der Beharrung ist nicht plötzlich zu überwinden, und man hat selbst im allergünstigsten Falle zwei bis drei Minuten zu rechnen, ehe es den betreffenden Punkt wieder erreicht. Inzwischen wird der über Bord Gestürzte, wenn er keilt guter Schwimmer ist lind die Rettungsboje nicht ergriffen hat, ertrunken sein. Es gilt aber, ztt bedenken, daß das Schiss von dein Augenblicke des Unfalles an, bis diese Boje geworfen wird, einen so bedeutenden Weg zurücklegt, daß der Verunglückte sich weit hinter dieser Boje im Wasser befindet und sie, falls er nicht Schwimmer ist, auch iticht erreichen wird. Dieser Fall lag hier vor. Gerade als wir hinüberkamen, flog der Korkring über Bord, aber der Engländer tauchte weit, weit hinter ihm aus dem Wasser auf, warf die Arme in die Luft und verschwand dann wieder. "Er kann nicht schwimmen?" rief ich seinen Gefährten zu. "Nein. Er ist verloren!" antworteten sie alle. Da warf ich meinen Hut weg, riß den Nock herunter ltnb " "Nein, du nicht, sondern ich. Sihdi! Soll einer von uns ertrinken, dann lieber ich als du!" Indem Sejjid Omar dies sagte, schleuderte er die Pantoffel von den Füßetl, warf den Kaftan ab und schwang sich anf die Regeling. "Kannst du deitn schw " "Ja!" rief er, noch ehe ich die Frage ausgesprochen hatte. "Nimm dich vor Haifischen in acht!" konnte ich ihn noch warnen. Gerade jene Küstenwasser sind dieser gefräßigeil Tiere wegen berüchtigt. "Labbehk, Allah, labbehk — hier bin ich, o Gott, hier bür ich!" So rufen die muhammedanischen Pilger, wenn sie Mekka vor sich liegen sehen; so ruft der Moslem, wenn er eine Gefahr, ein Wagnis ans sich nimmt; so rief auch mein Sejjid Omar; dann stürzte er sich hinunter in die Flut. Ein Schwung brachte nun auch mich auf die Regeling. Ich war entschlossen, nachzuspringen, falls sich nicht herausstelle, daß er ein ganz vorzüglicher Schwimmer sei. Das Gewicht des Sprunges hatte ihn natürlich unter Wasser gebracht; jetzt tauchte er wieder auf. Er gab sich eine Viertelwendung und schwamm auf der rechten Seite, lveit und sicher ausgreifend, kräftig und ruhig uachstoßend. Ich sah, daß ich keine Angst um ihn zu haben brauchte. Die Wendung ermöglichte es ihm, mich stehen zu sehen. "Bleib oben, Sihdi!" erscholl seine Stimme. "Allah ist bei niir!" "Schau auf das weiße Tuch, und schwimm so, wie ich es dir zeige!" Das konnte ich ihm noch zurufen, dann kam er außer Hörweite. Ich sprang wieder herab, hin zu den Vögeln, >vo der Tisch des Kapitäns stand. Es lag auf ihm ein weißes Tafeltuch. Ich nahm es und eilte wieder an die Brüstung. Der Sejjid war klug; er schwamm ganz genau im Sog, dem Wasserstreifen, den die Bewegung der Räder oder der Schiffsschraube hinter sich zurückläßt. Es schwimmt sich da zwar schwerer als auf ruhigem Wasser, aber dieser Streifen bot Omar die einzige Möglichkeit, sich zu orientieren und nach der betreffenden Stelle zurückfinden. Jetzt hatte er den Rettungsring erreicht und zog ihn an sich. Aber den Engländer konnte er nicht sehen. Selbst wenn dieser hätte schwimmen können, wäre es beiden unmöglich gewesen, einander zu erblicken. Auch ich sah ihn nicht. Hatte die Tiefe ihn schon hinabgezogen? j| Der zweite Offizier stand neben mir, das Glas iu der |[ Hand. Ich nahm es ihm, ohne mir Zeit zur Bitte zu lasseil,! weg und sprang nach den Mittelwanten, das Tuch natiir1 lief) mitnehmend. Schnell hinauf nach dem Ausguck, der, sich von den Herren Landratten"Mastkorb" nennen lassen muß! Da oben stand ich nun hoch genug. Ich sah Omar, und er mußte auch mich, wenigstens mein Weißes Tuch sehen. Sein heller Kopfbund stach von dein dunkeln Wasser ab. Nun richtete ich suchend das Glas weiter auf das Sog hinaus, welches sich dort zu beruhigen und 31t verbreitern begann. Da sah ich einen Gegenstand, welcher mehr bewegt wurde, als daß er sich selbst bewegte. Hoffentlich >var das der Engländer! Ich wehte mit dem Tuche nach der Richtung, iu welcher sich dieser Gegenstand von dem Sejjid befand, und sah, daß ich von diesem verstanden wurde; er folgte dieser Richtung: zwar wich er, da die Wasserfläche seinem Blicke keinen Anhalt bot, einige Male von ihr ab, verbesserte aber diese Jrrtümer infolge meiner Winke, nnd so gelang es ihm, den Körper zu erreichen, der sich iu größter Gefahr befand, denn er verschwand so oft unter Wasser, daß jedes Wiederuntertauchen das letzte sein konnte. Nun darf man nicht meinen, daß wir während dieser Zeit Omar und den Verunglückten immer hinter uns hatten. Der Dampfer war ja umgekehrt und machte einen Bogen; daher kam es, daß wir auf dem letzten Teile dieses Bogens gerade ans sie zuhielten. Inzwischen war das ansznlegende Boot in den Davi den klar geworden, und der Dampfer stoppte, um es niederzulassen. Omar hatte den Kopf durch die Leine des Rettungsringes gesteckt, so daß er diesen unter dem Rücken hatte und mit dein Gesicht nach oben schwamm — ein Io benswert pfiffiger Gedanke! Der Engländer lag quer über ihm, vollständig bewegungslos. So kam der Brave auf uns zugeschwommen. Man nahm beide in das Boot ans, welches wieder emporgewunden wurde, ohne einen Ruderschlag gethan zu haben. Es hätte also auch das Fallreep genügt. Das Schiff nahm die unterbrochene Fahrt wieder auf. Natürlich stand alles, was auf dem ersten Platze Zutritt hatte, da, um den aktiven und passiven Helden dieses Vorkommnisses zu enipfangen. Der Passive, welcher tot zu sein schien, wurde unter Aufsicht des Schiffsarztes sofort hinuntergeschafft; um den Sejjid aber entstand ein bewunderndes Gedränge, dem er sich jedoch schnell entzog. Erholte seinen Kaftan und seine Pantoffel und verschwand nach dem Vorderdeck, um ein trockenes Unterkleid anzulegen. Dann kehrte er zurück. Der Kapitän und dieOffiziere drückten die Passagiere folgten diesem Beispiele; die Matrosen nickten ihm mit vertraulichem Lächeln ihre Bewunderung zu; aber die fünf Euglishmen, welchen der Arzt verwehrt hatte, ihren Genossen hinabzubegleiteu, standen von fern und schienen den Retter desselben gar nicht zu sehen. "Nun, Sihdi, kann ich schwimmen?" fragte er, als er 31t mir kam. "Vortrefflich, Omar, vortrefflich!" antwortete ich. "Du hast es im Nil gelernt?" "Ja. Aber so oft ich nach Port Said kam, bin ich im Meere weit über den Franzosen hinausgeschwommen. Es ist so schön, zu wissen, daß man nicht untergeht!" Mit diesem "Franzosen" meinte er das über lebensgroße Standbild, welches man Lesseps, dem Schöpfer deö Suezkanals, dort mitten in brandenden Wogen errichtet hat. "Aber gefressen kann man werden! Nimm dich später in Port Said in acht! Mir selbst ist es mitten im Hafen zweimal passiert, daß ein Haifisch ott meinem Boote vorüberschwamm." "O, Sihdi, wenn Allah nicht will, so darf sogar der Haifisch nicht! Der Islam glaubt an zwei Engel, die stets bei jedem Menschen sind. Dieser sieht sie zwar nicht, aber sie schützen ihn in jeder Not und Gefahr, und ihr Schutz hat nur dann keine Kraft, wenn der Mensch aufgehört hat, gut z» sein. Weißt du, Sihdi, ich denke, diese beiden Engel sind es, die den Engländer ans dem Wasser geholt haben; nicht ich bin es gewesen. Sie haben es durch meine Hand gethan, weil ich schwimmen kann. Ob er gerettet ist, weiß ich nicht. Als ich ihn erreichte, war fein Leben mehr in ihm; er wurde vom Wasser wie ein Stück Holz hin mrd her "Der Engländer lag quer über ihm"' geworfen. Aber ich würde mich sehr freuen, wenn er erwachte!" "Unser Feind!" warf ich ein. "Das ist er nicht mehr. Wir haben ihn die Treppe hinuntergeworfen; das war die Strafe. Und wenn die Strafe vorüber ist, so ist auch die That vorüber; man darf nicht mehr an sie denken. Wozn wäre denn die Strafe, Ivenn die That noch bliebe? So denke ich, Sihdi! Denkt ihr Christen etwa anders? Werft ihr einem Manne, welcher bestraft ivorden ist, die Strafe und die That später noch vor? Und nun ich diesem Jnglis nachgeschwommen bin, um ihn zu retten, ist es mir, als ob das Andenken an seine Ungezogenheit da draußen im Wasser ertrunken sei. Kann man einem Menschen Gutes erweisen und dann noch bös über ihn denken?" Ich gestehe offen: als er das sagte, schämte sich etwas in mir, dem Europäer und Christen, vor ihm, dem Araber und Muhammedaner. Und dieser so richtig fühlende und edel denkende Afrikaner war "ein Eselsjunge!" Der Arzt kam nicht eher wieder herauf, als bis ivir im Hafen von Penang Anker warfen. Es waren eine ganze Stunde lang künstliche Bewegungen notwendig gewesen, um den Atem wieder zu beleben, doch nun erfuhren wir, daß der Patient gerettet sei. "Jetzt schläft er und wird in einigen Stunden an das Land gehen können," meinte der Doktor. "Aber es steht außer allem Zweifel, daß er sein Leben Ihrem Araber verdankt. Das habe ich ihm gesagt, als er für kurze Zeit erwachte. Omar hat ihn so lange über Wasser gehalten, bis wir kamen; hätte er das nicht gethan, so wären ivir eben fpgt gekommen." Als der Sesjid mich fragte, wo wir wohnen würden, zeigte ich ihm das "East and Oriental Hotel", welches wir im Schatten hochund vollivipfeliger Bäume von unserm Anker—" Platze aus am nahen Strande liegen sahen. Aber trotz dieser Nähe mußten wir nach der Landung per Nickschah einen weiten Umweg durch einen großen Teil der Stadt machen, um nach diesem Hause zu gelangen. Mein Abschied vom Kapitän war herzlich. Es ist nun einmal so. ich habe ein Faible für jeden Oesterreicher, und wer das für einen Fehler hält, der mag ihn mir verzeihen! Freilich, wenn man mich fragte, für welche Nationalität ich fein Faible habe, so käme ich wohl in Verlegenheit, denn ich bin ihnen allen, allen gut. Und das soll man ja wohl auch! Ich hatte gedacht, Scjjid Omar würde wohl nicht gern eher vom Schiffe 139 Karl May. <LL»E><ZL»«LL»«LL»<LT,<LL»«LL»E>^L> 140 gehen, als bis sich der Engländer sehen ließ. Einen Dank hatte er verdient, und es wäre ganz menschlich gewesen, so lange an Bord zu bleiben, bis er ihn bekommen würde — — ein freundliches, anerkennendes Wort, nichts weiter. Aber er schien gar nicht daran zn denken und war von allen Passagieren der erste, welcher nach einem der vielen eigenartig gebauten, bunt bemalten Landungsboote rief. Daß er dies malaisch that, versteht sich ganz von selbst; er hatte die dazu nötigen Worte auswendig gelernt. Hier waren unsere Rickschahmänner nicht Singhalesen oder Tamilen, sondern Jndochinesen, die er mit einem kräftigen "Tsching tsching"*), was er aber "Tsing tsing" hätte anssprechen sollen, begrüßte/ Es waren echte, kräftige untersetzte Kuligestalten mit riesigen Hüten ans den Köpfen, doch hatten sie beileibe keine kompliziertere Toilette als unsere Rickschatzlente cehl'onischen Angedenkens. Nur darf ich nicht vergessen, zn erwähnen, daß dort in Colombo der Zopf sehr elegant mit einem Kamme ans den Kopf befestigt war, während er hier in Penang in Gestalt eines von den Motten verheerten Meerkatzenschwanzes auf dem Rücken hinund herpendelte. Das East and Oriental Hotel besteht ans zwei Abteilungen, einer einheimischen und einer europäischen. Die letztere habe ich, den Speisesaal ausgenommen, gar nicht betreten, denn ich lasse mich nicht gern zwingen, jeden Tag volle vierundzwanzig Stunden lang nur immer Lord und gar nichts anderes zu sein. Die andere Abteilung, eine sehr in Ruhe gelassene Dependence, liegt seitwärts, lang gestreckt an einem schmalen Garten hin, den herrlich bewipfelte Bäume einfassen. Gleich hinter diesen Schattenspendern rauscht Tag und Nacht die See am Strand empor, und es ist so wunderbar, so wenige Schritte von ihr im Wachen und im Traume unausgesetzt das mächtige Recitativ "Ihn Preisen alle Meere" aus dem von Gottesengeln komponierten Oratorium "Das Halleluja der Schöpfung" erklingen zu hören. Die Natur spricht nicht in artikulierten Worten zn uns, weil ihre Sprache nicht für das Ohr, sondern für das Herz berechnet ist: ihre Laute sollen in die Tiefe dringen, weil sie aus der Höhe kommen: wer ihnen aber die Tiefen seines Innern verschließt, für den werden jene Höhen, aus denen sie erschallen, nicht vorhanden sein! Die Dependence war so wenig besetzt, daß es mir sreistand, unter den vorhandenen Wohnungen nach meinem Belieben die Wahl zn treffen. Jedes einzelne Logis nimmt einen Querschnitt durch das ganze Gebäude eilt und besteht aus mehreren Räumen. Born liegt der Garten, von dem ans man in das orientalisch ausgestattete Borzinuner tritt: dann folgt das geräumige, immer kühle Wohngemach, aus welchem man nach hinten in einen Flur kommt, der ans der einen Seite nach der Badestnbe und auf der *) "Heil, heil!" der chinesische Gruß. andern nach den Toilettenräumen führt. Hieran schließt sich ein wohlgepflegter Blumengarten, innerhalb dessen Einfassung sich die lieblichen oder auch stolz-schönen Vertreterinnen der hinterindischen Flora durch die Augen in die Herzen schmeicheln. Das alles steht jedem einzelnen, für sich wohnenden Gaste zur Verfügung. Man sieht, es wird mit den Quadratmetern nicht gespart, und wem das zu splendid erscheint, den kann ich durch die gewichtige Versicherung beruhigen, daß später durch die Rechnung alles ausgeglichen wird. Es steht im Buche der "Gesunden Vernunft" geschrieben, daß kein Hotelbesitzer mehr liefert, als er sich bezahlen läßt. Dieses Nebengebäude hat ein Stockwerk mit ganz ebenso angeordneten Räumlichkeiten. Es stand vollständig leer, und da ich unten keine Nachbarn neben mir hatte, so wohnte ich so still und ungestört, wie ich nur wünschen konnte. Für Sejjid Omar brauchte ich keinen besonderen Raum, denn er erklärte, in meinem Vorzimmer schlafen zu wollen. Er that dies aus Anhänglichkeit zn mir: die Leitnitg des Hotels aber hatte das, wie ich später bemerkte, als eine nach ihrer Ansicht übel angebrachte Sparsamkeit ansgesaßt, infolge deren sie nun nicht recht wußte, woran sie mit mir war. Mit einem eigenen arabischen Diener kann doch wohl nur ein wohlhabender Mann reisen: aber wenn für das Logis dieses Dieners nichts ausgegeben wird und nur so wenig Gepäck vorhanden ist, lote ich besaß, so hat man in einem englisch dirigierten Hotel allerersten Ranges Veranlassung, dem betreffenden Gaste ja nicht zu viele Verbeugungen zu machen. Mir aber war das eben recht. Es ist mir niemals eingefallen, nur um im Gasthause zu imponieren, eine Menge überflüssigen Gepäckes mit mir herumzuschleppen. Ter erste Beweis, daß ich nicht als erstklassig galt, wurde mir zu Mittag geliefert. Man unterließ es, mir zu melden, daß zur Tafel gegangen werde. Das Zeichen, welches mit dem Gong gegeben ivird, war wegen der Entfernung nicht zu hören. Omar aber war eben in denc Hauptgebäude gewesen und benachrichtigte mich. "Die Herren sind alle unten schwarz und oben weiß mit einer Spitze hinten," sagte er, "und die Damen haben ihre Koffer leer gemacht und alles an sich anfgehängt." Man geht nämlich in Indien gern in schwarzer Hose und kurzer, weißleinener Jacke, deren schößeloser Rand eng an der Taille liegt und hinten eine Schneppe hat, zum Frühstückstische. So knabenhaft das aussieht, es wird von den Touristen nachgemacht. Man giebt auf solche Aeußerlichkeiten sehr viel, und wer sich von ihnen ausschließt, der darf nicht erwarten, als "fair” behandelt zu werden; es wird über ihn hinweggesehen wie über eine leere Stelle, an welcher sich niemand befindet. Es gab keine langen Tafeln, sondern nur einzeln stehende Tische im Speisesaale: das "my house is my castlc” wird gerade von denen, welche keine andere als 141 ^L«L§>«Z^«LL»<LL»<LL»«LL»«LL»<LL»«LL» Lt in terra par. <^<LL<LL»^§><LL'<LL»«LL»<LL.«LL»<LL. 142 nur ihre Koffer-Schlösser besitzen, am augenfälligsten zur Schau gelegt. Jeder Tisch wurde von zwei Eingeborenen bedient, welche in lange, weihe Gewänder gekleidet waren und rote Shawls um die Hüfteir gewunden hatten. Das sah sehr sauber und außerdem sehr vornehm aus. Es war nur nicht eingefallen, meinen bequemen, weißen Reiseanzug abzulegen; man beachtete mich also nicht, und das war mir eben recht. Ich ging dorthin, lvo es zwei leere Tische gab, unb setzte mich an einem derselben nieder. Kurze Zeit nach mir trat eine Gruppe bekannter Personen in den Saal — — die sechs Engländer, ivelche mit uns von Colombo gekommen waren imö nun, wie es schien, auch hier wohnten. Sie ließen sich, um mehr Platz zu haben, zwei Tische zusammenstellen und hatten es sich bequem gemacht, als einer von ihnen mich sitzen sah. Ich saß mit dem Gesicht nach ihnen gerichtet und beinerkte, daß sie hierauf von mir sprachen. Sie schienen sich zu beraten; daun stand der, lvetchen Omar gerettet hatte, auf und kam zu mir her. Seine Schritte waren sichtlich zögernd, und in seinen Zügen lag der Ausdruck einer Mrlegenheit, welche er nicht ganz überwinden konnte. Bei mir ange kommen, verbeugte er sich sehr formell und sagte: "Gestatten Sie, mein Herr! Ich heiße Dilke und bin Edelmann." Ich stand aus, verbeugte mich in derselben Weise und nannte meinen Namen. Er hatte deutsch gesprochen >venn auch nicht fließend, aber doch nicht schlecht. "Meine Kameraden sind auch Engländer und Edelleute," fuhr er fort. "Sie haben nicht gesagt, ivas Sie sind ?" "Ich bin hier fremd," antwortete ich, "weiß aber trotzdem ganz genau, ivelche Verpflichtungen Ihre gesellschaftliche Stellung mit sich bringt." Seine Schläfen nieten sich ein wenig; er beherrschte sich aber und sprach ruhig weiter: "Ich habe im Anschlüsse an diese Ihre Bemerkung eine Bitte auszusprechen. Wo befindet sich jetzt, in diesem Augenblicke, Ihr arabischer Diener, welcher, glaube ich, Sejjid Omar heißt?" "Das ist allerdings sein Name. Er ist drüben in der Dependenre, lvo ich wohne." "Gestatten Sie mir, hinüberzugehen, um ihn einzuladen? Wir wünschen, daß er mit uns speise." Das hatte ich nicht erwartet! Er schien diesen Gedanken auf meinem Gesicht zu leseu, denn er fligte lächelnd hinzu: "Wir haben, ganz abgesehen davon, daß ich ihm mein Leben nerbaufe, eine Angelegenheit in das Gleichgewicht zri bringen, welche uns nach rneinem Sturze in das Wasser höchst peinlich geworden ist. Auch Sie sind mit von ihr berührt, mein Herr. Nieine Kameraden haben mich zn Ihnen gesandt, um Sie zu ersuchen, jenen Abend in Point de Galle zu vergessen!" Er sah mich erwartungsvoll an. Da gab ich ihm die Hand und sprach: "Ä>,'r. Dilke, Sie sind wirklich ein edler, ein tapferer Mann, der es fertig gebracht hat, sich selbst zu besiegen. Das ist schwer, sehr schwer! Ich achte Sie. Sagen Sie Ihren Kameraden, daß alles ausgestrichen ist." "Wirklich?" fragte er im Tone der Erleichterung. "Ganz gewiß!" "Wir danken Ihnen herzlich! Ich lvill Ihnen nicht verschweigen, daß wir in Besorgnis vor General Needler waren, welcher mit seinen Damen hier im Hotel lvohirt. Er ist ein sehr guter Herr, denkt aber über gewisse Dinge strenger, als wir jungeir Xiente denken. Der Zufall könnte uns da sehr leicht in eine fatale Lage bringen. Ich freue mich darum sehr darüber, daß Sie vergessen wollen. Also ich darf Ihren Diener zu urrs holen?" "Ja. Aber sagen Sie ihm, daß ich Ihre Einladung genehmige, sonst geht er nicht mit. Er gehört dem ältesten muhalnmedanischen Adel an und hält es nicht etwa für eine Herablassung von Ihnen, wenn Sie ihn zu sich laden!" "Ich danke!" Er ging zunächst zu seinen Gefährten, um ihnen mitzuteilcn, was ich gesagt hatte; dann verließ er den Saal. Er war kaum hinaus, so kam ein Herr mit ztvei Damen, jedenfalls Vater, Mutter und Tochter. Er war schon alt, trug sich aber militärisch grad und stramm. Die Dienerschaft flog. Es war ihm ein Tisch reserviert worden, tvelcher ganz in der Nähe dessen stand, an welchem die Herren saßen. Als er sich ihnen näherte, standen sie aut. Er grüßte gütig zu ihnen hinab. Wahrscheinlich war das der General, von welchen: Dilke gesprochen hatte. Als dieser meinen Omar brachte, kam letzterer aus mich zu und fragte: "Erlaubst du es wirklich, Sihdi, daß ich mit diesen Engländern speise?" "Ja. Sie haben um Verzeihung gebeten." "Blich auch. Ich iverde also genau so thun, als ob das Hotel in Point de Galle gar keine Treppe gehabt habe, welche man hinuntergeworfen werden kann." Nun ging er hin und wurde ersucht, seinen Platz neben Dilke zu nehmen. Sein Erscheinen war erst fast kaum beachtet worden; aber als er nun bei den Englishmen saß und genau so ivie sie bedient wurde, wendete sich ihm die allgemeine Aufmerksamkeit zu. Man fragte die Kellner; man erfuhr, daß er nichts, als ein Diener sei; das erregte außerordentliche Verwunderung. Auch der General erkundigte sich bei der Dienerschaft. Er warf einen forschenden Blick aus mich und sah dann zu Omar hinüber, hieraus schloß 143 ^L»^L»<LL»^L»«LL»E>«LL»<LL»<LL»E» Karl May. «LLxZLxLLxLL.'LL'ExZL^L.ExZL» 144 ich auf die Antwort, die inan ihm gegeben hatte. Dann winkte er Tilke zu sich. Dieser erstattete ihm in achtungsvoller Haltung einen längeren Bericht, welcher besonders die beiden Damen zu iutereisieren schien. Sie schauten jetzt mit ganz andern Augen zu Omar hin und beobachteten ihn, als Dille mit zustiinmenden Worten entlassen uw, mit unausgesetztem, freundlichem Interesse. Run muß ich sagen, daß der Sejjid zwar am liebsten auf arabische Weise, also mit den zehn Fingern, aß; aber seit er bei mir war, hatte er gelernt, auch mit deni Besteck in der Weise umzugehen, als ob er das von Jugend auf gar nicht anders gewohnt sei. Tie tiefe, ernste Feierlichkeit, ivelche dann jede seiner Handbewegungen charakterisierte, Uw für jeden andern einfach unerreichbar. So auch hier! Er saß in einer Haltung zwischen den Englishmen, als ob nicht sie ihn, sondern er sie zu Gaste geladen habe, und benahm sich zwar sehr freundlich, aber dabei so gesetzt und würdevoll, daß es ihnen gewiß nicht einfallen konnte, ihn als den Beschenkten zu betrachten. Dem unverdorbenen Orientalen ist jene ungekünstelte Unnahbarkeit eigen, welche auch sein Land, nicht aber der Occident besitzt. Obwohl ich ivußte, daß mein Omar nicht den geringsten Fehler begehen werde, aß ich doch sehr langsam. nur den Saal nicht eher als er zn verlassen. Aber es gelang mir nicht, diesem Vorsatze treu zil bleiben, und daran waren die Generalin und ihre Tochter schuld. Ein Araber, welcher einen englischen Lord aus der See gerettet hat, ist eine Persönlichkeit, für ivelche man sich selbst als sonst sehr zurückhaltende Lady interessieren darf, lind wenn dieser Araber eine solche Gestalt, ein solches Gesicht und ein so wohlanständiges, unaufdringliches Benehmen wie mein Sejjid hat, so kann man es sich sogar gestatten, ihn ohne alle gesellschaftlichen Befürchtungen zu sich kommen zu lassen. Mutter und Tochter waren beide wohl gutherzige Damen, dazu vielleicht ein wenig wißbegierig, kurz, ich sah, daß sie den General so lange mit einer sich aus Omar beziehenden Bitte bearbeiteten, bis er nach längerem Sträube,: seine Zustimmung gab. Als die sechs Herrn sich nach Tische erhoben und ihrem Gaste die Hände reichten, winkte er diesen zu sich und sagte ihm einige Worte. Ich hörte Omars Erwiderung: "Ja, ich will den Kaffee gern mit Ihnen trinken, muß aber vorher "unfern Herrn" dort um Erlaubnis fragen." Da winkte ich ihm diese Erlaubnis zu und entfernte mich in der Ueberzeugung, daß er von heute an die "Jnglis" anders beurteilen werde, als er es bisher gethan hatte. Drittes Kapitel. Hm "Chore Chinas. ein mit dem Dampfer nach dein Osten kommenden Reisenden treten Hier in Penang zum ersten Male chinesische Gestalten, Formen und Gebräuche in der Weise entgegen, daß sein Auge von ihnen gefesselt wird. Er findet das, was er sieht, so überaus fremdartig, seinem gewohnten Fühlen und Denken so fern liegend, daß er sich unwillkürlich fragt, ob es ihm möglich sein werde, unter diesen neuen Eindrücken der Alte zu bleiben, lind er hatte ein Recht, einen schiverwiegenden Grund zu dieser Frage, weil allen diesen Erscheinungen eine Lebensfülle, eine strotzende Kraft, eine überzeugende Selbstverständlichkeit innewohnt, durch welche die Ansicht, daß es sich um altersschwache, kranke Zustände handle, schon in den ersten Stunden arg erschüttert wird. Freilich, wer ein so groß, dick und fett gepflegtes Vorurteil mit sich bringr, daß sein klares, unparteiisches Urteil von diesem gefräßigen Behemoth vollständig verschlungen ivorden ist, der ivird hier, au der Außenpforte der chinesischen Welt, nichts als den oberflächlichen Eindruck verspüre», daß er jetzt den ersten Schritt in das Land der Bizarritäten gethan habe. Von den ersten Kinderschuhen an hat man durch alle Klassen der Volksund höheren und höchsten Schulen über die Chinesen nichts anderes gehört, als daß sie wunderlich gewordene, verschrobene Menschen seien, über welche die Weltgeschichte schon längst den Fluch der Lächerlichkeit ausgesprochen habe. In unzähligen Büchern, Zeitungen und sonstigen Veröffentlichungen wird dieses billige Urteil breiter und immer breiter getreten! man atmet es ein: man schluckt es hinunter; es wird mit in Chpmus und Chplus verwandelt; es geht auf die Knochen, in Fleisch und in Blut über und bildet ein so unausrottbares Bestandteil unserer geistigen Existenz, das; wir gar nicht auf den Gedanken kommen, zu fragen, ob cs ein wahres und also berechtigtes sei. Ich erlaube mir, meinem Gedankengange durch die Bemerkung vorauszugreifen, daß es den Chinesen ganz in derselben Weise auch mit uns ergeht: sie bekommen von den Kinderjahren an bis in das Greisenalter über uns nur immer die eine, einzige Lehre wiederholt, daß wir wunderliche Narren seien, mit denen die Weltgeschichte nichts mehr anzufangen wisse, weil wir an sie die unerhörte Forderung stellen, uns fiir ihre Lieblinge zu erklären und die andern Nationen vollständig fallen zu lassen. Mit andern Worten, die Chinesen halten uns für ganz dieselben Thoren, die sie in unfern Augen sind. Wer mit einer solchen, förmlich in das Wesen übergegangenen Ansicht nach dem Osten kommt, von dem ist nicht anzunehmen, daß er so bald andern Sinnes zu machen sei. Cr kann sich jahrelang in China aufhalten und wird nicht nur ganz der Alte bleiben, sondern vielleicht gar noch schroffer als früher denken, wenn seine Voraussetzungen, daß er mit seinen Ideen das weite, fremde Land im Sturm erobern könne, nicht in Erfüllung gehen. Es giebt keiner von beiden nach, und so bleiben beide, wie sie sind. Nur eins ist nicht geblieben: die Erbitterung ist größer geworden! Das ist die einfache Erklärung der sonst unbegreiflichen Thatsache, daß Leute, welche ein halbes, ja gar ein ganzes Menschenalter in China zugebracht haben und also wohl mit Recht behaupten, Land und Leute genau zu kennen, dieses Land und diese Leute genau noch ebenso falsch beurteilen wie einer, der niemals dort gewesen ist. Ihre Kenntnis ist Photographie! Ihr ganzes, vielleicbt außerordentlich reiches Wissen besteht aus lebund seelenlosen Kamerabildern, welche in den aus Europa mitgebrachten Apparaten entstanden sind. Aus dem Vorurteile der kaukasischen Nasse werden die Films geschnitten, denen man die Unmöglichkeit zumutet, uns die chinesische Volksseele in allen, auch ihren tiefsten und geheimnisvollsten Regungen, treu, wahr und aufrichtig darzustellen. Ist cs fiir den Menschen denn gar so schwer, dem Bruder auch eine berechtigte Eigenart, eine gleichwertige Individualität zuzutrauen? Muß denn jeder, der sich erlaubt, anders zu sein, darum gleich als inferior gedacht werden? Man beobachte den Europäer, wie er aus hochmütigen Augen im fremden Lande um sich schaut! Der Schiffsjunge, welcher jetzt wegen unheilbarer Dummheit vom Maate mit dem Tau verhauen wird, geht eine Viertelstunde später mit dem erhebenden Bewußtsein an das Land, daß alle Malaien und Chinesen Penangs nicht wert seien, ihm die ochsenledernen Stiefel zu schmieren, und zwar nur deshalb, weil Kürschner, China IN. er ein Kaukasier aus Dorf Klapperschnalle ist! Ich hatte eine liebe, alte, gute Großmutter, die sagte mir. als ich bereit stand, in die Welt zu gehen: "Bilde dir ja nie ein, daß du besser seist als andere Leute! Hinter jedem Menschen, mit dem du sprichst, steht sein Engel. Du kannst ihn nicht sehen; aber er ist da; er sieht alle deine Gedanken, und wenn sie mißwollend sind, so kränkst du ihn. lind bedenke, daß der Engel des Negers genau so licht, so rein und so dankbar wie der deine ist! — —" Solche und ähnliche Gedanken beschäftigten mich, als ich nach Tische einen Gang durch Pcnang machte. In den Straßen und Gassen stieß ein Laden an den andern. Viele hatten gar keine Thür, weil die Vorderwand des Hauses fehlte und es an ihrer Stelle nur Tragpfosten gab. Und vor diesen Läden zogen sich zu beiden Seiten lange Reihen von feilhaltenden Fruchtund andern Händlern hin. Ich sah weder Polizei noch Militär, und doch herrschte überall eine Ordnung, welche einen erfreulichen Eindruck machte. Von dem Völkerbilde sage ich nichts. Es gab dasselbe Kunterbunt der Nationalitäten wie in jeder östlichenHafenstadt, nur daß hier Jndochina vorherrschend war. Es war außerordentlich heiß. Plötzlich verdüsterte sich der Himmel; es drohte einer jener plötzlich hereinbrechenden Platzregen, welche der Aequatorgegend eigen sind. Ich blieb stehen und schaute mich nach einem Orte um, der mir und meinem Anzuge Rettung bot. Ein Hotel war nicht in der Nähe. Das sah ein an mir vorübergehender Kuli. Er blieb stehen, deutete die Gasse hinab und sagte: "Sablah kiri, Pilsen Birr!" Sablah kiri heißt so viel wie "links". Also links in dieser Straße gab es Pilsener Bier. Der Mann hatte mich ganz richtig abgeschätzt. Ich drückte ihm vor Freude ein Trinkgeld in die Hand und eilte dann die Gasse hinab. Ja, da stand linker Hand ein europäisch aussehendes, nettes Haus, dessen Parterre eine Restauration enthielt. Die breite Thür hatte keine Flügel, sondern leinene Vorhänge, und das Fenster war bis oben hinauf mit Flaschen besetzt. Da konnte man auch, und zwar in deutscher Sprache, lesen: "Echt Hamburger Pilsener Bier". Ich hatte keine Zeit, stundenlang über diese sonderbare Echtheit nachzudenken, denn soeben prasselte der Regen in der Weise los, als ob an Stelle des Himmels ein sehr weitmaschiges Sieb vorhanden sei. Ich that einen schnellen Sprung zwischen die Vorhänge hinein und entging dadurch zwar vorn, leider aber nicht auch hinten dem drohenden Bade. Es traf, wie der biedere Erzgebirgler sich auszudrücken pflegt, der erste "Schwabb" des Regens meinen Rücken noch dergestalt, als ob mir eine Gießkanne voll Wasser nachgeschüttet worden sei. An der "Vorderhand" vollständig trocken, fühlte ich uüch an der "Hinterhand" bis aus die Haut durchnäßt und wurde von dem herzlichen Lachen zweier weiblicher Stimmen empfangen, in welches ich sofort einstimmte. Die beiden saßen am Fenster, die eine, welche die Mutter war, häkelte an einer weißen Spitze; die andere, natürin das Innere des Hauses führte. Es konnte jeder andere lich die Tochter, putzte sich eine Feder auf den Hut. Ihre Chinese so heißen, aber er war es, war es wirklich! Er Gesichtszüge »nd besonders ihr Lachen paßten so genau in that, als er mich sah, einige schnelle, fast würdelose Schritte, die Gegend, wo man gern so unbefangen lustig ist, daß beinahe waren es Sprünge, auf mich zu und begrüßte mich ich, anstatt zu grüßen, die Frage aussprach: in einer Weise, ivelche nicht den geringsten Zweifel übrig "Sie sind Oesterreicherinnen?" ließ, daß er sich aufrichtig über dieses unvorhergesehene Zus ammentreffen freute. Die Damen waren aufgestanden und setzten sich nicht wieder nieder. Es sprach aus der Art und Weise, wie sie uns stehend beobachteten, eine Hochachtung, welche Weiße, und besonders ivenn sie Frauen sind, einem Angehörigen der gelben Rasse nicht zu erweisen pflegen. Als er einige kurze Worte an sie richtete, war er höflich, weiter nichts; dann bat er mich, ihm zu folgen. Er führte mich aus dem Gastzimmer durch einen schmalen Hausgang in eine Art vonBImneiiholz, inwelchem ein kleineres Gebäude als Einzelivohnung stand "<£s traf der erste 5chwabb des Regens meinen Rücken". 3U ihr gehörigen kleine ren Nebenräume sah ich nicht. Das Wohnzimmer war verhältnismäßig groß und halb europäisch, halb indisch eingerichtet. Auffällig waren die vielen Sessel, die es gab. Es sah ganz so ans, als ob Tsi sehr oft Besuch habe. Auf einem Tische stand das Theegeschirr. Wasser brodelte über einem so großen Spiritusbehälter, daß anzunchmen war, es werde den ganzen Tag im Kochen erhalten. Ich nahm Platz. Er bereitete zwei Tassen Thee und sagte dabei: "Hier wohne ich. Merken Sie auf, lieber Freund, was ich Ihnen sage! Es ist nicht viel, aber für mich außerordentlich wichtig. Mein Vater ist in die Heimat gereist; ich hatte noch an verschiedenen Orten, jetzt auch hier zil thun. Was das ist, bitte, fragen Sie mich nicht! Ich darf es nicht sagen und möchte doch gerade Sie nicht täuschen. Ich gelte als Arzt, bin es eigentlich auch. Wenn Sie mich als solchen bezeichnen, laden Sie keine Unwahrheit auf Ihr Gewissen, denn ich habe in Montpellier cum lande bestanden. Ich habe viel Besuch zu empfangen und deshalb gerade diese Wohnung gewählt, weil sie verborgen liegt und die zu mir kommenden Personen von etwaigen Beobachtern für Gäste der Restauration gehalten werden. Wer sich darüber hinaus zu legitimieren hätte, der könnte sagen, er habe meine ärztliche Hilfe in Anspruch genommen. Ich lasse mich aus Nützlichkeitsrücksichten auch hier so "Ja," antivortete die Mutter. "Kennen Sie uns?" "Nein." "Woher wissen Sie da, daß wir Oesterreicherinnen sind?" "Weil Sie ausschauen wie Ihre Majestät die Kaiserin Maria Thersia und ein so liebes, cisleithanisches Lachen haben." "Eis cis cis! Wie ist das? Wer lacht cis?" fragte die Tochter. "Lassen Sie das Cis, und geben Sie mir ein Pilsener! Ist es echt?" "Ja, aus Hamburg. Das aus Pilsen hält sich nicht bei uns." Ich kannte das. Man trinkt dieses echte Pilseiter aus Hamburg im ganzen Osten; die Flasche wird mit zwei, oft auch mit drei Mark bezahlt. Die Frau war Witwe. Sie erzählte mir ihre Lebensgeschichte, die aber nicht hierher gehört. Beide waren sehr musikalisch. In der Stube stand eüt Pianino. Bald saß ich am Instrumente und spielte. Die Damen sangen heimatliche Lieder dazu. Der Regen ging vorüber; wir musicierten aber weiter. Plötzlich schwiegen sie mitten in einer Strophe. "Herr Tsi!" rief die Mutter. Welch ein Name! Ich schaute nach der Thür, welche 10* 149 <LL>«LL»<LL»<LL»<LL>«LL»«LL»<LL>«LL»«LL» Lt in terra pax. <LL»<LL»<LL»<LL»«LL»<LL>rLL»<LL»«LL,<LL» 150 nennen, wie man mich in Kairo mißverständlich genannt hat Tsi. Ich bin ganz glücklich. Sie wiederzusehen, und bitte Sie, es zu ermöglichen, daß wir uns nicht so bald wieder trennen. Aber heute und morgen habe ich keine Zeit für Sie. Von übermorgen au stehe ich Ihnen von und mit ganzeur Herzen zur Verfügung. Sie sehen, ich bin aufrichtig. Wie ich Sie kenne, erkennen Sie gerade aus dieser eigentlich rücksichtslosen Mitteilung, daß meine Freundschaft für Sie keine Höflichkeit sondern Wahrheit ist. Werden Sie mir verzeihen?" "Aber ganz natürlich! Leider werden wir uns doch bald trennen müssen. Morgen kommt der Dampfer "Coen" der "Koninklijle Paketvaart Maatschappij", Kommandant Willens, der mein Freund ist, von Padang, um nach Singapore zu gehen. Wenn er zurückkommt, wird er mich für Uleh-leh ausnehmen." "Sie wollen hinüber nach Sumatra?" fragte er schnell. "Und gerade nach Uleh-leh, also Atjeh? Nehmen Sie sich in acht! Man bereitet dort Dinge vor, welche jedem Europäer, der den Kreis der Stadt verläßt, gefährlich werden können. Ich weiß das ganz genau! Doch davon sprechen wir später. Jetzt trinken Sie Ihren Thee und sagen mir, wie es Ihnen gegangen ist und wo Sie nach Kairo überall gewesen sind!" "Wollen wir nicht auch das für später ausheben? Sie haben keine Zeit, und meine Erlebnisse sind nicht in der Absicht geschehen, Sie hier mit Erzählungen zu stören. Ich komme ja übermorgen lvieder, oder suchen Sie mich im East and Oriental Hotel aus, wo ich mit Sejjid Omar wohne." "Was? Dieser ist noch bei Ihnen?" "Ja. Er hat sich brav bewährt und wird sich außerordentlich freuen. Sie zu sehen. Er hielt ja schon tu Kairo große Stücke auf Sie und Ihren Vater, wie Sie ja wissen. Jetzt gehe ich, doch nicht, ohne daß ich eine Frage nach unserm Freunde Waller ausgesprochen habe. Wissen Sie, daß er die Absicht hatte, jetzt hier in Penang zu sein?" "Nein," antwortete er schnell und indem sein Gesicht den Ausdruck freudiger Ueberraschung annahm. "Ist er etwa hier?" "Ich weiß es nicht. In meinem Hotel befindet er sich nicht, sonst hätte ich ihn heut an der Tafel gesehen." "Dann vielleicht in einem andern. Man muß schleunigst Nachfragen!" Er sagte das außerordentlich eilig und dringend. "Allerdings," antwortete ich. "Ich werde mich gleich jetzt im Crag Hotel, Sea View Hotel und Hotel de l'Enrope erkundigen." "Und mir sofort, sofort Auskunft bringen oder wenigstens senden?" "Gern!" "Wollte Miß Mary mitkommen?" "Wissen Sie das genau?" "Ganz genau. Sie wird ihn ja auf dieser Reise nie verlassen. Sie sind in Indien gewesen und kommen von der Ostküste herüber nach Penang." "Bitte, wer hat Ihnen das gesagt?" Der liebe, junge Mann war ganz begeistert. Ich erwiderte ihm: "Gestatten Sie mir, daß ich einstweilen auch ein Geheimnis vor Ihnen habe! Was Sie wissen wollen, erfuhr ich auf eine Weise, von welcher ich jetzt noch nicht sprechen kann. Erweisen Sie mir den Gefallen, zu schweigen, falls wir Vater und Tochter hier treffen sollten. Sie dürfen nicht erfahren, daß ich von ihrer Absicht, hierher zu kommen, gelvußt habe." "Aber wenn Sie sie entdecken, geben Sie mir augenblicklich Nachricht?" "Sofort!" "Ich danke Ihnen! Und nun gehen Sie! Ich will Sie nicht äbhalten, nachzuforschen, zumal ich gerade jetzt einen sehr wichtigen Besuch erwarte. Also, ich bin Doktor Tsi, der Arzt, weiter nichts!" Wir drückten einander die Hände, und ich ging. Als ich wieder in das Gastzimmer kam, saß da ein älterer Chinese bei einer Tasse Thee. Er war durchweg in kostbaren Ghilam*) gekleidet, doch ohne alle Rangoder Standesabzeichen; aber es schien mir, als ob er auf seinein Hute eigentlich einen Knopf zu trage:: habe. Kaum war ich eingetreten, so bezahlte er, ohne auszutrinken, und ging den Weg, den ich soeben gekommen war. Tsi wartete auf ihn. Was ich von diesem erfahren hatte, das klang so geheimnisvoll. Jedenfalls handelte es sich um wichtige Angelegenheiten der Bruderschaft. Ich hatte nichts darnach zu fragen und begnügte mich mit der Freude, meinen jungenFreundTsi hier so unverhofft wieder getroffen zuhaben. Nun nahm ich eine Rickschah und fuhr nach den genannten drei Hotels. Es hatte in keinem derselben ein Missionar Waller nebst Tochter logiert. Aber als ich nach Hause kan: und in: Bureau nachsragte, erfuhr ich, daß sie allerdings hier gewohnt hatten, doch bereits wieder abgereist. seien. Waller war krank gewesen, so krank, daß er zwei Aerzte zu Rate gezogen hatte, und voi: diesei: war ihm dringend geraten worden, so schnell wie möglich die niedere Küstengegend zu verlassen und Bergland aufzusuchen. Das von hier aus nächste Höhengebiet hatte man an der Nordspitze von Sumatra zu suchen, und so war er mit der Tochter und all seinem Gepäck nach Uleh-leh gegangen, von wo aus die Berge schneller und leichter als von einem Orte der Ostküste aus zu erreichen sind. Das war vor nun fast zwei Wochen gewesen; eine Nachricht hatte man während dieser Zeit nicht bekommen. , *) Chinesisches Seidenzeng. 151 ^E,^§,«LL»^L»<LL»<LZ><LZ><LZ>«LL»'LL> Karl May. E,<LL»<LL»<LL»rLL»<LL»^L»^!L»<LL»<LZ> 152 "Es kam indessen ein Brief aus Ceylon an," fuhr der Bureauschreiber fort, welcher mir Auskunft gab. "Wir haben ihn. mit dem nächsten Schiffe nachgesandt." Das war jedenfalls der Brief des Professors Garden aus Philadelphia. "Nach welcher Stelle haben Sie ihn geschickt?" erkundigte ich mich. "Hotel Rosenberg in Kota Radscha, der Hauptstadt von Atjeh; Uleh-leh :st nur der Hafenort." "Das weiß ich. Der Atjeh-Fluß führt nach Kota-Radscha, und außerdem ist eine Eisenbahn vorhanden. Doch, Hot,et Roseuberg? Das kann nicht der richtige Name sem. !^ch kenne Rosenberg persönlich. Er ist ein lehr unternehmender Kaufmann und hat lange Zeit einem in Kota Radscha von ihm selbst gegründeten Geschäft vorgestanden; aber die Rücksicht auf bie Gesundheit von Frau und Kind zwang ihn, es später aufzugeben. Er lebt jetzt in Wien." "Das stimmt. Aber er kehrt zuweilen wieder und pflegt dann bei uns zu logieren. Jetzt steht ein Schwager von ihn: an der Spitze des Geschäftes, welches mit einem Hotel verbunden ist. Wir nennen es jetzt noch immer nach den: Namen des Gründers Hotel Rosenberg." Nun erkundigte ich mich nach der Art der Krankheit des Mssioyars, tonnte aber nur erfahren, daß er außerordentlich hinfällig gewesen sei. Der Name eines der beiden Aerzte wurde mir gejagt. Ich suchte ihn per Rickschah auf und fand ihn daheim. Er teilte mir mit, daß es sich um einen besorgniserregenden Fall von Dysenterie gehandelt habe. Als Specifikum war Jpecaeuanha gegeben worden, als Diät nur Reiswasjer und Marantaausguß, durch Ricinus eingeleitet. Das waren genau dieselben Mittel, mit denen man auch in den Nilländern dieser gefährlichen Krankheit entgegentritt. Alan sagt, daß Jpecaeuanha gegen die Dysenterie ebenso sicher wirke wie Chinin gegen bas Fieber; aber einen schon durch die Krankheit so außerordentlich geschwächten Körper durch Ricinusöl, Reiswa>ser und Aufguß von Arrowroot, denn Maranta ist nichts anderes als Arrowroot, aufhelfen zu wollen, das konnte ich mit meinen Erfahrungen nicht vereinigen. Ich begann, um Waller besorgt zu werden, und ging mit mir zu Rate, was zu machen sei. Sollte ich Tsi benachrichtigen? Ich hatte es ihm versprochen, und er war ja, wie er mir mitgeteilt hatte, Arzt. Aber wer dem Missionar helfen wollte, mußte ihn in Atjeh aussuchen, und vor Kapitän Wilkens gab es niemand, der dorthin ging. Man hatte also auf alle Fälle zu warten, und da eine ausführliche Mitteilung an Tsi ihn ganz unnützer Weise aufgeregt hätte, so gab ich ihm durch einige Zeilen nur die kurze Nachricht, daß meine Erkundigungen nach Wallers nicht ganz erfolglos gewesen seien, ich aber bis übermorgen noch ausführlicheres zu erfahren hoffe. Mein Sejjid Omar befand sich in sehr gehobener Stimmung; er sagte zunächst nichts, aber ich sah es ihm deutlich an. Er Pflegte über solche Dinge nicht eher zu sprechen, als bis er glaubte, sie geistig richtig untergebracht zu haben. Ich konnte überzeugt sein, daß er dann nicht versäumen werde, mir seine Mitteilungen in der ihm eigenen drolligen Wichtigkeit zu machen. Und wie gedacht, so geschah es auch! Am Abend saß ich im offenen Vorzimmer. Die nahe Brandung predigte zu mir herüber; ein kühler Hauch bewegte die Wipfel der Bäume, zwischen denen die aufgegangenen Sterne zu mir niederfunkelten. Die Fee des Südens stieg aus den Wogen, um in den Gärten PenangS nach offen träumenden Blumen suchen zu gehen. Da gab es nun aber einen, der die Brandung nicht hörte, die Bäume nicht beachtete, die Sterne nicht sah und von der Fee erst recht keine Ahnung hatte. Dieser eine war Omar, der siegreiche Held der heutigen Tiffinstunde.*) Das, womit er gegenwärtig beschäftigt war, hatte freilich mit diesem seinem Heldentums nichts zu thun. Er hatte ein Licht herausgeholt und sich nicht weit von mir auf den Rasen niedergekauert, um meine Hellen Schnürstiefel blank zu machen. Er that dies in ganz ungewöhnlich liebevoller und eingehender Weise. Der Lappen flog nur so, und das Leder stöhnte förmlich. So oft ich glaubte, daß er fertig sei, griff er immer ivieder zu der Büchfe mit der gelben Salbe, um von neuen: zu beginnen. Dabei war auf seinem Gesichte deutlich zu lesen, daß ihn dieses abwechselnde Schmieren und Reiben, Reiben und Schmieren unendlich glücklich mache. Ein Moslem, der einem Christen mit Wonne die Stiefel schmiert. Alan denke! "Ist es noch nicht gut, Omar?" fragte ich, als er das glänzende Werk zum sechsten oder achter: Riale wieder zerstören wollte. "Niein," antwortete er sehr energisch. "Aber du reibst die Salbe durch; dann werden meine Strümpfe fett und gelb!" "So ziehst du andere Strürnpfe an, und ich wasche dir die gelben! Heut muß das ganze, ganze Fett hinein!" "Oho!" "Jawohl! Und du bist selbst schuld daran, Sihdi! Weißt du, was du gethan hast? Wie einen Gentlenran hast du mich behandelt, als du mir erlaubtest, mit den Engländern zu speisen. Weißt du, was das heißt? Als Diener habe ich dir die Stiesel nur einmal zu salbeu; als Gentleman aber salbe ich sie dir so lange, bis ich kein Fett mehr habe. Oder meinst du etwa, daß ein Gentleman undankbar sein darf? Wenn ich dich nicht hätte, so wäre ich noch der alte Sejjid Omar, der ich früher war, und wenn ich dieser wäre, so hätte mich kein General heut eingeladen, mit ihm und seinem Harem Kaffee zu trinken. Das habe ich doch nur dir, nicht mir zu verdanken!" *) In Indien sagt man Tifsin anstatt lunch oder luncheon. 153 <LL^L^L«LL»<LL^L»^L»^L»^L»^L» Lt in terra pax. <LL»«LL,<L§,<LL»«LL>^L,^L><ZL»^L»«LL» 154 "Hoffentlich hast du keinen allzugroßen Fehler gernacht!" "Fehler? Ich gewiß nicht, denn ich weiß, daß ich nur ein armer Eselsjunge bin; aber der Harem des Generales hat sie gemacht." "Wieso?" "Er wollte mich als Diener haben und hat mir mehr geboten, als du mir giebst. Da habe ich geantwortet, wenn man das noch einmal sage, so müsse ich aufstehen und fortgehen, denn es habe noch niemals einen Dienergegeben, der einen solchen Herrn gehabt hat, wie du bist, Sihdi. Ich sagte ihnen, daß ich dir nicht bloß diene, sondern dich auch liebe; ich bin dir also nicht bloß aus Pflicht, sondern auch aus Liebe treu und werde dich für alles Geld der Erde nicht verlassen. Da drückte mir der General die Hand und forderte mich aus, dir zu sagen, daß er sehr bedaure, daß du kein Engländer seist. Am meisten hat ihm gefalle,:, daß mir sein Harem gefallen hat. Ich habe ihm das ganz aufrichtig gesagt. Bei den Christen sind die Frauen klüger als bei uns, und ich glaube, das ist der Grund, daß dort auch die Männer mehr wissen, als die unseligen wissen." "So meinst du, daß die Männer von den Frauen lernen können?" fragte ich. "Das wäre ja ein Gedanke, der bei einem Moslem ganz unmöglich ist!" "Ich habe jetzt nicht als Moslem, sondern als Sejjid Omar gesprochen. Ich bin zwar beides, aber ich kann doch auch einmal nur oas eure oder oas andere sein! Bei uns sind die Frauen so unwissend, daß die Kinder nichts von ihnen lernen können, auch die Knaben nicht, und wenn sie ihre Klugheit nicht von der Mutter bekommen können, so kann der Bester sie ihnen auch nicht geben, denn wer sich einen Harem anschasst, der keine Seele hat, der hat selbst so wenig Verstand, daß er für seine Kinder keinen übrig hat. Du hast einmal in Colombo mit dem deutschen Wirte gesprochen, bei dem ich wohnte, und dabei auch das Wort Mutterwitz gesagt. Ich verstand es nicht; aber ich habe darüber nachgedacht. Ein witziger Mann ist doch Wohl ein gescheiter Mann, und wenn diese Gescheitheit Mutterwitz genannt wird, jo ist sie ihm höchst wahrscheinlich von der Mutter angeboren worden. Warum aber haben wir kein arabisches Wort für Mutterwitz? Weil wir keine klugen Frauen und Mütter haben! Aber, weißt du, zuweilen giebt es eine, doch nur zuweilen. Ich kenne nur eine einzige, und die ist meine Mutter! Ich denke oftmals: Wenn ich ein guter Mensch bin, so habe ich das von ihr geerbt; der Vater hat es nur unter seinen Schutz genommen. Ist das dumm von mir?" "Nein, lieber Omar, ganz und gar nicht dumm. Du ahnst etwas, was selbst bei uns viele große und gelehrte Männer noch nicht wissen. Du bist fast zu beneiden, daß du, was wir vergeblich suchen, schon so von weitem liegen siehst!" "Ich werde es wegnehmen, wenn ich vollends hin komme. Meine Gedanken werden nicht abirren, sondern auf diesem Wege bleiben. So, jetzt sind die Stie fel fertig, denn die Salbe ist alle. Hoffentlich giebt es in Penang hier einen Laden, wo ich morgen wieder welche bekommen kann." Er hatte seinem lieben, guten Herzen Luft gemacht, trug die Schuhe in das Zinimer und ging dann, eine Wasserpfeife zu rauchen. Das und eine kleine, arabische Tasse Kaffee dazu, zusammen für ihn kaum mehr als zehn Pfennige kostend, war die einzige Luxusausgabe, welche er sich gestattete. Wie kommt es wohl, daß nur "unkultivierte" Menschen so bescheiden und zufrieden sind?! Am nächsten Frühmorgen wurde ein Spazierritt unternommen, von welchem wir erst gegen'Mittag heimkehrten. Nach dein Tiffin ging ich nicht aus, sondern blieb daheim. Ich bin ein eigentümlicher Mensch. Ich kann "sich einem Gedanken, welcher mich beschäftigt, niemals eigenmächtig entziehen, sondern ich bin so lange sein Eigentum, bis ich ihn vollständig erledigt habe. Es ist, als stehe ein unsichtbares Wesen bei mir, welches aus diese Erledigung warte und, wenn sie erfolgt ist, "sich mit einem Gefühle der Befriedigung belohnt, welches mich mehr als Trank und Speise stärkt. Ich fühle mich dann, selbst nach langer anstrengender Arbeit, während welcher ich nichts genieße, nicht nur geistig, sondern auch körperlich so befriedigt, daß ich kein Bedürfnis nach materieller Nahrung habe. Ist es bloß der Magen, der den Menschen ernährt? Oder findet das, was wir Stoffwechsel nennen, auch noch auf eine andere, geheimnisvolle Weise statt? Ich kann, wenn ich geistig beschäftigt bin, recht gut mehrere Tage ohne Essen und auch Trinken sein, ohne Hunger oder Durst zu spüren. Man sollte diese Erfahrung aufmerksam verfolgen; vielleicht käme man dadurch auf eine ganz unerwartete Erklärung des Bibelwortes, daß der Mensch nicht allein vom Brote lebe; denn, offen gestanden, mache ich die erwähnte Beobachtung meist dann, wenn ich von religiösen Fragen beschäftigt werde. Man wird wahrscheinlich über "sich lächeln; ich aber würde mich freuen, wenn ich von anderer Seite erführe, daß ich nicht der einzige bin, der daran zweifelt, daß der Mensch seine körperliche und geistige Entwickelung nur allein dein Verdauungskanale zu verdanken habe. Die gestrige Beschäftigung mit dem Aufenthalte und der Krankheit des amerikanischen Missionars hatte alles, was in meinem Innern zu ihm in Beziehung sta>. >, wieder in den Vordergrund gezogen, und da stellte es sich denn heraus, daß ich diesem Gegenstände die Erledigung eines Gedankens schuldig geblieben war. Dieser Gedanke war freilich kein sehr wichtiger, und so hatte es kommen können, daß er einstweilen auf die Seite geschoben werden konnte; jetzt aber machte er sich wieder geltend, und jenes 155 ^L»^L»«LL»^L»<LL>^L>«LL»«LL»«LL>«ZL> Karl May. «LL»<LL»<LL»«ZL»^L,<LL.^L><LL»<LL»E, 156 unsichtbare Wesen stand hinter mir und mahnte mich unaufhörlich, diese Lücke auszufüllen. Ich hatte diese Mahnung schon gestern abend in mir gespürt, war während der Nacht einige Male von ihr aufgeweckt worden, und während des heutigen Rittes hatte sie mich hinund zurückbegleitet, um nüch nun daheim festznhalten, damit ich daran gehen möge, mich von ihr zu befreien oder, was wahrscheinlich richtiger ist, sie endlich wieder freizugeben. anzueignen hat. Diese Logik duldet nichts Unfertiges, nichts Halbvollbrachtes, weil sie nur aus dem Klargewordenen zu neuer Klarheit schreiten kann. Da giebt es nichts Unwichtiges, nichts Nebensächliches, was man im Dunkel, ohne daß es schadet, liegen lassen darf. Freilich, wer in der Weise nur für das Aeußere lebt, daß er für diese innere Welt keine Zeit und kein Verständnis hat, oder lver gar ein so grosser Materialist ist, daß er nicht ansteht, eine unEs handelte sich, wie gesagt, uni nichts großes, sondern nur um das Gedicht "Tragt euer Evangelium hinaus", und wer nicht weiß, was inr Seelenleben ein unvollendeter Gedanke zu bedeuten hat, der wird es nicht begreifen, daß man sich von so etwas beunruhigen lassen kann. Wer aber gewöhnt ist, seinen geistigen Himmel immer rein, klar und licht zu sehen, dem lvird jeder nur halb fertig gedachte Gedanke zu einer Wolke, welche ihn nicht nur direkt stört, sondern auch auf alle seine anderen Gedanken ihren Schatten wirft. Wenn wir von einem Lichte der innern Welt des Menschen sprechen, so meinen wir damit jene alles durchdringende und das Einzelne zum Ganzen fügende Logik, welche den Geist von der Materie zu scheiden und ihn sich endlich reiche Schöpfung, die er in sich trägt, zu leugnen, dem kann keine Wolke seinen Himmel stören, weil er eben keinen Himmel hat. Es war mir, als ob dieses Gedicht ein notwendiger Teil meines Verhältnisses zu Wallers sei, als ob ich es imbedingt vollenden müsse, wenn dieses Verhältnis so, wie sein Anfang es versprochen hatte, sich ausgestalten sollte, und so nahm ich mir vor, heute Nachmittag der fertigen ersten Strophe die noch fehlende zweite hinzuzufügen. Mer ob es mir gelingen werde, das wußte ich freilich nicht, denn ich verstehe unter "Dichten" nicht das, was tausend andere damit meinen. Aber, sonderbar, kaum hatte ich das Papier vor mich 157 ^L^L»«ZL>«ZL»^L«LL«ZL»«LL»«L§>«LL» €t in terra xax. ^L»«ZL»<ZLL<LL»<LL»<LL»«LL>^L»«LL,<LL, 158 hingelegt, so war es mir, als ob jenes "unsichtbare Wesen" nur die nötigen Worte zuflüstere. Ich brauchte die erste Strophe gar nicht erst wieder 311 zergliedern, um ihr die zweite logisch folgen zu lassen, und cs dauerte wohl kaum zehn Mimlten, so hatte ich geschrieben: "Tragt eucr Evangelium hinaus, Indem ihrs lebt und lehrt an jedem Vrtc, Und alle Welt sei euer Gotteshaus, In welchem ihr erklingt als Licbcswortc. Gebt Liebe nur, gebt Liebe nur allein; Laßt ihren puls durch alle Länder schlagen. Dann wird ein Paradies die Lrde sein, Denn ihr habt ihr den Himmel zugctragen." Nicht lange hierauf lief die "Coen" in den Hafen Ich ließ mich an Bord bringen, um Kommandant Willens bie Hand zu drücken. Er war ciir tüchtiger, vielbefahrener Seemann, ein lang und stark gebauter, sehr aristokratisch erscheinender und auch wirklich vornehm denkender "Mijnheer" und, last not least, eilt seelensguter Mensch, der für seine Passagiere und Untergebenen wie ein Vater sorgte. Er freute sich, als ich mich für die Rückfahrt nach llleh-lch anmeldete, und bat mich, doch lieber gleich mit nach Java zu gehen. Es sollte aber anders kommen, als ich dachte. Die Einleitung dazu kam, ohne das; ich es ahnte, soeben auf der Route von Laknawa herbeigedampft. Ich war hinunter in den Speisesaal gegangen, um wieder einmal auf der dortstehendcn, prächtigen Orgel zu spielen, welche Wilkens sich ans Amerika hatte kommen lassen. Da unterbrach er mich, indem er durch das geöffnete Oberlicht herunterrief: "Wenn Sie etwas Schönes sehen wollen, so kommen Sie herauf! Es ist geradezu ein nautisches Ereignis, ein Unikum!" Ich eilte hinauf. Er stand auf dein Hinterdeck und beobachtete mit bewundernden Blicken ein Fahrzeug, welches leicht und schnell, als ob das Wasser ihm gar keinen Widerstand biete, herbeigeflogen kam. Es war eine Dainpfjacht, so scharf und kühn auf den Kiel gesetzt, wie nur die Amerikaner es fertig bringen oder brachten, denn wir Deut schen verstehen das jetzt auch! Die Konturen waren zum Erstaunen schön und rein. Die Decklinie stieg vorn und hinten in die Höhe, denn sonderbarerweise war sowohl der Vorderwie auch der Quarterplatz nach Dschunkenart erhoben, was dem Schiffe etwas Fremdartiges, fast möchte ich sagen, Märchenhaftes gab. Der nach Klipperart schneidig gezogene Bug wurde von einen: wunderbar schönen Frauenkopf aus weißem, reinstem Marmor gekrönt, unter welchem auf dunklem Schleier in großen, goldenen Buchstaben der Name "Din" zu lesen war. Hinten wehte die chinesische Flagge mit dein gelben Sonnenball auf rotem Grunde. "Wahrhaftig ein Unikum!" rief Wilkens begeistert aus. "Macht wenigstens zwanzig Knoten die Stunde! Habe so etwas noch nicht gesehen! Eine Vermählung des Leichtesten und des llnbeholfensten, der Schonerund Dschonkenform, und doch nichts als Linien, welche eiligst vorwärts drängen. Diese Dainpfjacht ist ein Meisterstück! Aber daß sie einem Chinesen gehört, ist mir unbegreiflich! Was bedeutet das Wort Mn?" "Es heißt so viel wie Güte," antwortete ich; "das wird wohl der Name des schönen Wesens sein, dessen Marmorbild vom Bug getragen wird. Es sind chinesische Gesichtszüge, und doch auch wieder nicht. Diese Jacht ist ein Rätsel, und ich wollte, daß ich es lösen dürfte!" Es war mir beschieden, daß ich es gar nicht zu lösen brauchte, weil es sich mir freiwillig offenbarte. Schade, das; das Deck mit der Sonnenleinwand verhangen war! Man sah keinen Menschen, als nur den hochstehenden Kommandierendenund dieser hatte einen so breitkämpigen chinesischen Hut auf dem Kopfe, daß die Gesichtszüge nicht zu erkennen waren, zumal die Jacht in ziemlicher Entfernung an der "Coen" vorüberging. Sie that das so zierlich, so anmutig und doch so kraftgewiß, daß nur eine vollständig ausgewachsene Landratte nicht darüber in Entzücken geraten wäre. Man konnte getrost daraus schwören, das; alle Augen, die es hier im und an: Hafen gab, jetzt ausschließlich nur ans diese unvergleichliche "Mn" gerichtet seien! Sie schien gar nicht vor Anker gehen zu wollen, sondcrn sie drehte nur bei und gab ein Boot mit einem Manne und zwei Ruderern ab, welches Richtung nach dem Lande nahm. Dann dampfte sie wieder mit fast nnhörbarcr Maschine und vollständig rauchlos atmend, zum Hafen hinaus. "Wie viele Millionen dieser Chinese wohl besitzen mag!" seufzte Wilkens. "Er selbst aber kommandiert die Jacht jedenfalls nicht! So eine spielende Kurve bei so einer gedankenschnellen Trennung des Bootes, und dann so rund wieder herum und mit Vollkraft hinaus, das bringt kein Chinese fertig; das kann nur jemand, dem ich die Hand dafür drücken möchte, daß ich es habe ansehen dürfen. Die Jacht kam, gab dem Hafen mit dem Boote einen Kuß und ging dann wieder fort. So ist es, nicht anders. Morgen werde ich denken, daß ich diese Marmor"Mn" nicht gesehen, sondern nur geträumt habe!" Der Aufenthalt der "Coen" währte nur kurze Zeit. Ihr Kapitän hatte an Land zu thun und bat mich, für diese Zeit bei ihm zu bleiben. Daher mußte ich unterlassen, was ich sonst wohl gethan hätte, nämlich mich, um über die "Mn" etwas zu erfahren, nach dem von ihr ausgesetzten Boote zu erkundigen. Als er seine geschäftlichen Angelegenheiten erledigt hatte, war von seinem Dampfer ans das erste Zeichen für die Abfahrt schon gegeben worden; er mußte sich beeilen; darum begleitete ich ihn nicht wieder an Bord, sondern nur bis an das Wasser. Der Abschied von ihm war nur für einige Tage, darum kurz und ohne überflüssige Worte; dann ließ ich mich in einer Rickschah nach dem Hotel fahren. Dort angekommen, erfuhr ich von Omar eine Neuigkeit, welche er mir in sehr mißbilligender Weise mittcilte: "Sihdi, ich bin zornig; ja, ich bin sogar wütend! Man hat keine Rücksicht auf dich genommen! Dir willst ruhig und ungestört hier wohnen; aber man hat gerade die Zimmer, welche über uns liegen, an zwei Jnglis abgegeben, die vor einer halben Stunde hier eingetroffen sind. Man hört hier unten jeden Schritt, den sie oben machen, und sie sprechen so laut, als ob sie ganz allein auf der Erde wären. Soll ich hinaufgehen und ihrren sagen, wie sie sich zrr Verhalten haben?" "Nein. Jeder hat das Recht, zu wohnen, wo er will. Wenn ich mich von ihnen belästigt fühle, werde ich ein anderes Zimmer nehmen; es sind ja mehr als genrrg Wohnungen da. Der Mensch hat nicht stets das zu wollen, was gerade ihm beliebt, denn jeder ist ans andere angewiesen. Man muß sich nach der Decke strecken!" "Decke Decke — !" wiederholte er. Das war ein ihm ganz fremdes Gleichnis. Er ging langsamen Schrittes in den Garten hinüber und lehnte sich dort an einen Baum. Seine Lippen bewegten sich. Er lernte die sieben Worte von der "Decke" auswendig und dachte über ihre Bedeutung nach. Das war so seine Weise. Dann pflegte er später nach einer Gelgcnheit zu suchen, das Resultat seines Nachdenkens anzubringen. Als ich in meine Wohnung getreten war, hörte ich allerdings sofort, daß jemand über mir wohnte. Man ging mit starken, ungenierten Schritten hin und her; Tisch und Stühle wurden gerückt; es fiel etwas Schweres mit lautem Krache um. Ich sah Kellner an meiner offenen Thür vorüber eilen, welche mit Küchengeschirr an der nach oben führendenTrePPe verschwanden. Die beiden, neu angekommenen Engländer schienen speisen zu wollen. Sie traten jetzt, um der Bedienung Raun: zu geben, auf den freien Vorraum heraus, und ich konnte hören, was sie sprachen. Sie sahen den Sejjid stehen. "Ein prächtiger Kerl dort!" sagte der eine. "Schaut, Sir, was für ein Körperbau, und was für charakteristische Züge! Kein "Omar fing fünf Goldstücke auf". Bildhauer könnte sich ein besseres Modell wünschen. Jedenfalls ein Muhammedaner vom Himalaja!" "No!" erklang die Antwort des andern sehr kirrz und sehr bestimmt. "Nicht? Ich glaube doch, Indien und seine Bevölkerung zu kennen! Nur in den Bergen können solche Prachtgestalten wachsen." Bei diesem zweiten "No" wurde ich aufmerksam. Der Klang dieses so unendlich bestimmt ausgesprochenen Wortes hatte etwas Bekanntes für mich. "Nur immer Widerspruch!" tadelte der erste Sprecher. "Woher soll der Mann sonst sein?" "Aus Aegypten!" "Kennt Ihr ihn etwa, Sir?" "No. Habe ihn noch nie gesehen." "So habt Ihr Unrecht! Was hätte ein ägyptischer Fellache hier in der Malakkastraße zu thun?" "Wollen wir wetten?" "Wieviel?" "Fünf Pfund, zehn Pfund, hundert Pfund! Mir ganz gleich!" Jetzt, da gewettet wurde, war ich meiner Sache sicher. Ja, dieser Engländer, der so kurz und so bestimmt sprach und dem hundert Pfund ebenso gleichgültig wie fünf Pfund waren, wenn er nur wetten kannte, dieser Mann hatte nicht nur fünfund nicht nur zehnund nicht nur hundertmal mit mir Ivetten wollen, mich aber nie zu einem Einsatz gebracht. Er war nicht nur ein Bekannter, sondern sogar ein lieber, lieber Freund von mir! Auch die Stimme seines Gefährten mußte ich schon irgendwann und irgendwo gehört haben. "Lassen wir es bei fünf Pfund," meinte der Letztere. "Ich weiß, daß ich gewinnen werde, und muß also bescheiden sein." "Setzen!" wurde er aufgefordert. Das war so hochinteressant, daß ich weiter vortrat, um mir kein Wort entgehen zu lassen. Ich hörte Goldstücke klingen; dann wurde Omar von oben herab in arabischer Sprache angerufen: "Chod minni, ia Jbn 'arab! Schn beledak — höre, Araber, wo bist du her?" Omar sah erstaunt zu dem Frager hinauf und antwortete: "Aus Kairo in Aegypten." "Mell! Komm her! Bis ganz heran, gerade unter mir!" Der Sejjid folgte dieser Aufforderung. "Heb den Saum deines Gewandes auf! Ich will dir etwas hinabwcrfen!" Omar that, wie ihm geheißen worden war. Er fing fünf Goldstücke auf. "So! Dieses Geld ist dein, weil du aus Aegypten bist!" 161 Lt in terra xax. <^<LL»<LL><LL»<LL.<LL»<LL»<LL»^L»<LL. 162 Hierauf folgte ein zweistimmiges Lachen, welches jedenfalls der unbeschreiblichen Verwunderung galt, mit welcher der Sejjid emporschaute. Er stand ganz starr, das biesicht nach oben gerichtet und den anfgerafften Saum unbeweglich festhaltend. Dann, als man oben von der Brüstung zurückgetreten war, bewegte er sich langsam auf >»ich zu, hielt mir die Falten, aus denen die Goldstücke flimmerten, hin und sagte: "Hast du es gehört, Sihdi? Fünf englische Pfund! Das sind fast tausend ägyptische Piaster! Mir geschenkt, lveil ich aus Kairo bin! Rechts macht mich das stolz; links aber ärgert es mich! Diesem Jnglis da oben ist Aegypten wert; das freut mich; aber er hält mich nicht für einen wohlhabenden Diener meines Sihdi, sondern für einen armen Teufel, welcher das Gewand aufhebt, um sich Piaster schenken zn lassen. Ich werde hinaufgehen, um ihm das Geld wiederzugeben." "Ja, du wirst hinaufgehen, aber das Geld behalten, Dinar. Dieser Jnglis ist unendlich reich, und er hat dir bie fünf Pfund nicht gegeben, um dich zu beleidigen. Er hat dich gesehen und daun gewettet, daß du ein Aegypter seist. Und weil du einer bist, hat er das Geld gewonnen und es dir geschenkt." "Maschallah! So bin also ich es, der diese Wette gewonnen hat, nicht er! Denn wenn ich nicht Sejjid Omar aus Kairo wäre, so hätte er sie verloren! lind was ich gewonnen habe, das ist mein; ich werde mich also hüten, es ihm wiederzugeben! Aber dn sagtest, daß ich hinaufgehen soll?" "Ja. Sie werden jetzt speisen. Dn teilst ihnen sehr höflich mit, daß ich mit ihnen essen will, sagst aber auf keinen Fall meinen richtigen Namen, auch nicht, daß ich ein Deutscher bin, der Bücher schreibt!" "Gut! Das werde ich schon machen. Dn weißt ja, baß du dich auf mich verlassen kannst! Aber diese fünf Pfund mag ich nicht einstecken. Hebe du sie mir auf, denn bei dir ist mir das Geld lieber als bei mir!" Er gab mir die Münzen und ging. Es dauerte gar uicht lange, so kam er wieder, und zwar mit einem bitterbösen Gesicht. "Nun, was hat man gesagt?" fragte ich. "Ansgelacht hat man mich, und beinahe hinausgeworfen," zürnte er. "Ich könnte diese Jnglis gleich mit beiden Fäusten prügeln, aber du weißt ja, Sihdi, daß man sich nach der Decke strecken muß!" Ich gab mir Mühe, bei dieser so schnell eingetroffenen Nutzanwendung nicht laut aufzulachen. Er fuhr fort: "Ich sagte deinen Namen nicht, sondern den, welchen du immer in das Fremdenbuch zu setzen pflegst. Ich sagte nicht, daß du ein Deutscher, souderir daß du mein Sihdi seist; das ist doch mehr, als alle Völker zusammengenomwen. Ich sagte nicht, daß du Bücher schreibst, sondern daß dn Gedichte machst. Das ist keine Lüge und führt, Kürschner, China IN. . Wie ich von unfern arabischen Dichtern weiß, den Menschen zur Unsterblichkeit. Und endlich sagte ich, daß dieser unsterbliche Sihdi ihnen sagen lasse, daß er heraufkommen werde, um mit ihnen zu essen." Er machte eine Pause. Die Sache machte mir heimlich Spaß; er aber fügte in seinem grimmigsten Tone hinzu: "Da lachten sie über mich; das will ich ihnen verzeihen. Aber sie lachten auch über dich, und das kann ich ihnen nicht verzeihen! Der eine, welcher viel älter als der andere ist, sagte, wer unsterblich sei, der brauche nicht zn essen, weil der Hunger ihm ja nichts schaden könne. Und der jüngere befahl mir, dir zn sagen, daß er in der Küche ein Essen für dich bestellen und es dir schicken lassen werde. Das beleidigte mich so, daß ich vor Aerger vergaß, mich nach der Decke zu strecken. Ich wurde auch grob und sagte ihnen, daß ich ihnen ihre fünf Pfund wiederbringen werde. Da gaben sie den Kellnern den Befehl, mich hinauszuschaffen: ich bin aber natürlich selbst gegangen. Gieb mir die Goldstücke, Sihdi; ich trage sie hinauf!^ "9cein. Dn wirst sie behalten und dennoch noch einmal hinaufgehen." "Das fällt mir schwer, Sihdi; aber wenn du es willst, so werde ich es thun. Was soll ich sagen?" "Merke dir die Worte genau! Du sagst folgendermaßen: "Mein Sihdi läßt Sir John Rafflcy und die liebe Ebair-cmck-umbrello-pipll grüßen!" Hast du das verstanden?" "Ja: Mein Sihdi läßt Sir John Raffley und die liebe Omir-gncl-umbrello-plps grüßen!" "Und wenn man dich fragt, woher ich ihn und sie kenne, so antwortest du: "Mein Sihdi war dabei, als sie auf Ceylon verloren ging und auf dem chinesischen Schiffe dann wiedergefunden wurde." Kannst du dir das merken?" Er wiederholte die beiden Sähe einige Male, bis er sie sich eingeprägt hatte. Dann fragte er in bedenklichem Tone: "Was thue ich aber, wenn ich wieder ausgelacht odergar hinausgeworfen werde?" "Das wird nicht geschehen, denn du wirst ganz im Gegenteile große Freude anrichten. Die Hauptsache ist, daß du auch wirklich hinein zu ihnen kommst, um deinem Auftrag auszuführen. Am besten ist es du lässest dich gar nicht anmelden, sondern gehst stracks hinein, ohne dich vorher mit den Kellnern abzugeben." Hierauf ging er fort. Ich sah ihm nicht nach, war aber überzeugt, daß er unterwegs einige Male stehen bleiben würde, um das, was er zu sagen hatte, für sich zn wiederholen. lim mein Verhalten begreiflich zu machen, muß ich auf die schon erwähnte Reiseerzählnng zurückkommen, welche in Band XI nieiner gesammelten Werke unter dem Titel "Der Girl-Robber" zu finden ist. Ich erzähle da von einem Erlebnisse mit Raffley, welches sich auf Ceylon und 11 163 ^L»^L.^L»«ZL>^L>^L»«L§,<ZL>^L,<LL. KarI May. <22>«2S><2£§><522><2S><2S><2S><2i£><22><22> 164 seinem Küstengewässer abwickelte, und sage von diesem "Euglishman ohne Furcht und Tadel" folgendes: "Neben mir lehnte Sir John NaffleY. Er bemerkte von all den Herrlichkeiten, welche ich sah, nicht das geringste. Die köstlichen Tinten, in denen der Himmel flimmerte und glühte, das strahlendurchblitzte Kristall der See, der erquickende Balsam der sich abkühlenden Lüfte und die bunte interessante Bewegung ans dem vor uns liegenden Fleckchen der herrlichen Gotteswelt, sie gingen ihm verloren; sie waren ihm im höchsten Grade gleichgültig; sie durften es nicht wagen, seine Sinne auch nur einen Augenblick lang in Anspruch zu nehmen, lind warum? Wunderbare und ganz überflüssige Frage! Was war denn eigentlich dieses Ceylon in seinen Augen? Ein Eiland, eine Insel mit einigen Menschen, einigen Tieren und einigen Pflanzen darauf und rundum von Wasser umgeben, welches nicht einmal zum Waschen oder zur Bereitung einer Tasse Thee geeignet ist. Was ist das weiter! Etwas Sehenswertes oder gar Erstaunliches gewiß nicht! Was ist Point de Galle gegen Hüll, Plymouth, Portsmouth, Southampton oder gar London; was ist der Governor zu Colombo, obgleich sein Verwandter, gegen die Königin Viktoria von Altengland, Irland und Schottland; was ist Ceylon gegen Großbritannien und seine Kolonien; was ist überhaupt die ganze Welt gegen Nasfley-Castle, wo Sir John geboren worden ist?! Der gute, ehrenwerte Sir John war ein Engländer im Superlativ. Besitzer eines unermeßlichen Vermögens, hatte er noch nie daran gedacht, sich zu verehelichen, und war einer jener zugeknöpften, schweigsamen Englishmen, welche alle Winkel der Erde durchstöbern, selbst die entferntesten Länder unsicher machen, die größten Gefahren und gewagtesten Menteuer mit unendlichem Gleichmute bestehen und endlich müde und übersättigt die Heimat wieder anfsuchen, um als Mitglied irgend eines berühmten Reiseklubs einsilbige Bemerkungen über die gehabten Erlebnisse machen zu dürfen. Cr hatte den Spleen in der Weise, daß seine lange, knochige Gestalt nur in seltenen Anaenblickcn euren kleinen Anflug von Genießbarkeit zeigte, besaß aber doch ein außerordentlich gutes Herz, welches stets bereit war, die großen und kleinen Seltsamkeiten, in denen er sich zu gefallen pflegte, wieder auszugleichen. Eine innere Erregung schien bei ihm gar nicht denkbar, und er zeigte nur dann eine lebhaftere Beweglichkeit, wenn er ans eine Gelegenheit stieß, eine Wette einzugehen. Die Wettsncht nämlich war seine einzige Leidenschaft, wenn bei ihm überhaupt von Leidenschaft die Rede sein konnte, und cs wäre wirklich geradezu ein Wunder gewesen, hätte er eine solche Gelegenheit versäumt. Nachdem er aller Herren Länder kennen gelernt hatte, war er zuletzt nach Indien gekommen, dessen General-Gouverneur ebenso wie der Gouverneur von Ceylon ein Verwandter von ihm war, hatte es in den verschiedensten Richtungen durchstreift, war auch schon einigeMale aufCeylon gewesen und im Aufträge des General-Gouverneurs jetzt wieder hergekommen, um sich wichtiger Botschaften an den Statthalter zu entledigen. Wir hatten uns im Hotel Madras kenuen gelernt und uns nach und nach geistig zusammengefunden, und obgleich er mich niemals auch nur zur kleinsten Wette vermocht hatte, war ich ihm doch so befreundet und lieb geworden, daß er trotz seiner sonstigen Unnahbarkeit eine wahrhaft brüderliche Zuneigung für mich an den Tag legte. Also jetzt lehnte er, völlig unberührt von den uns umgebenden Naturreizen, in denen ich sozusagen schwelgte, neben mir und beschielte den goldenen Klemmer, welcher ihm vorn auf der äußersten Nasenspitze saß, mit einer Beharrlichkeit, als wolle er an dem Sehinstrumente irgend eine welterschütterude Entdeckung machen. Neben ihm "Lharlcy!" rief er aus. lehnte sein Regenund Sonnenschirm, welcher so kunstvoll zusammengesetzt war, daß er ihn als Stock, Degen, Sessel, Tabakspfeife und Fernrohr benutzen konnte. Dieses Meisterstück war ihm von dem Traveller-Klub, NearStrcet, London, als Souvenir verehrt worden; er trennte sich niemals, weder bei Tage noch bei Nacht, von demselben und hätte es uni alle Schätze der Welt nicht von sich gegeben. Diese Chair-and-umbrella-pipe, wie er es nannte, war ihm beinahe ebenso lieb wie seineprachtvolleingerichtete und Pfeilschnelle kleine Dampfjacht, welche unten im Hafen vor Anker lag und die er sich für seinen persönlichen Gebrauch auf einem der Werste von Greenock am Clyde, den in aller Welt berühmten Schiffsbauwerkstätten, hatte bauen lassen, weil er auch auf der See stets mit eigenen Füßen auf eigenem Grund und Boden stehen wollte." So schrieb ich vor Jahren über ihn. Wir waren Freunde, ohne Freundschaft geschlossen zu haben; wir hatten einander lieb, ohne von dieser Liebe zu sprechen; wir 11* 165 ^L»«LL»«LL»«LL»«LL»<LL»^L»«LL»«LL»«LL» Lt in terra xax. <Z^<LL»<LL»<LL»<LL»<LL><LL'«LL»rLL.<LL» 166 Waren gegenseitig zu jedem Opfer bereit, ohne aber das, was wir für einander thaten, für ein Opfer zu halten. Das lag so m seiner wie auch in meiner Weise. Nach der letzten Trennung schrieben wir uns einige Male, und als dann ich keinen Brief mehr von ihm und er auch keinen mehr bon mir bekam, fiel es keinem von uns beiden ein, 311 denken, daß er vergessen worden sei, oder dieses Schweigen gar für eine negative Absage der Freundschaft zu halten. Die Treue ist etwas Geistiges, oder noch richtiger, etwas Seelisches, und wer sie nach der Zahl der Briefbogen mißt, der traut sich selber nicht. Wer meiner Freundschaft zumutet, ihm in ganz bestinrmten Zeitintervallen eine ganz besiimmte Zahl von Zeilen zu schreiben, der zwingt das Heiligste ins Briefcouvert uird kann nur wenig Freunde haben. Schreibselige Menschen begeben sich sehr leicht in die Gefahr, lästig zu werden, und nur der Backfischfreundschaft ist es erlaubt, von dem hohen Werte der Zeit noch nichts zu wissen. Nun hatte ich meinen John Raffley vorhin sofort an der Stimme erkannt, und jetzt wußte ich auch, wer  der andere war, nämlich fein Verwandter, welcher damals die Stelle des Governors von Ceylon bekleidet hatte. Wie kamen sie hierher? Die "Coen" war das einzige Schiff, welches heute Passagiere abgegeben hatte, und ich wußte ja, daß sie mit dieser nicht gekommen waren. Zwar siel mir da die "Zjin" ein, und wie ich Raffley kannte, so war gerade ihm der Besitz einer solchen Jacht wohl zuzutrauen; aber sie trug chinesisches Gewand, während er, wie ich mich sehr wohl erinnerte, nichts weniger als eiir Bewunderer chinesischer Verhältnisse gewesen war. Da hörte ich eilige Schritte draußen von der Treppe her kommen, und eine sehr prestierte Stimme rief: "Wo denn, wo? Welche Nummer?" "Zweiunddreißig!" Das war Omar, der voir lucitcm antwortete. "Zweiunddreißig? Well! Also links, hier, gleich da! Wonderful!" Noch zwei Schritte, einen Sprung ans die Holzlage meines Vorzimmers, und da stand er, vom schnellen Laufen rasch atmend, in Hemdärmeln, barhäuptig und, wie früher auch schon immer, den goldenen Klemmer auf der Nase, den er so virtuos bis auf ihre Spitze herunter reiten zu lassen verstand. "Charley!" rief er aus. So pflegte er meinen Vornamen auszusprechen. Er stand zunächst ganz still vor mir und betrachtete mich mit Augen, aus denen nichts als Liebe und nichts als Freude strahlte. Seine Lippen zitterten erregt. Dann folgte jenes mir bekannte Spiel der Gesichtsmuskeln, mit welcher er, ohne ihn zu berühren, den Klenrmer zwang, langsam bis an das Ende der Nase vorzurutschen und dort so verwegen sitzen zu bleiben wie eilt Clown, der auf der äußersten Croupe seines Pferdes hängt. Dmur schüttelte er die an der Schnur hängenden Gläser vollends ab, breitete die Arme aus, zog mich an sich und hielt mich, ohne ein Wort zu sagen, fest umschlungen. Hierauf schob er mich von sich ab, betrachtete mich noch einmal von dem Kopfe bis zu den Füßen herab genau und rief dabei aus: "Ja, ja, er ist's; er ist's in Wirklichkeit! Ein Sihdi, der mit mir essen will! Ein Mensch, welcher Gedichte macht! Stimmt! Daß ich das nicht gleich gedacht und gewußt habe! Charley, wollen wir wetten?" "Worüber?" "Daß Ihr nicht ahnt, wen ich bei mir habe!" "Ich wette nicht, niemals! Das wißt Ihr doch!" "Also noch immer nicht? Miserabel! Ihr seid ein ganzer Kerl, ja, ein fanroser Kerl, in allen Sätteln fest uird praktisch auf dem Land und auf dem Wasser, aber das eine, das eine, was Euch fehlt, das will noch immer nicht werden: Ihr wettet nicht, und so lange Ihr das nicht thut, ist es nicht möglich. Euch einen vollkommenen Gentleman zu nennen!" Das war seine alte und einzige Klage über mich, die ich damals unzählige Male hatte hören müssen. "Ist es ehrlich, zu wetten, wenn man weiß, daß man gewinnen muß?" fragte ich. "Nein! Aber ich wette ja mit Euch, daß Ihr nicht gewinnen werdet!" "Ich gewinne! Euer Verwandter, der Governor, ist bei Euch!" Da trat er zwei Schritte zurück, setzte deir Klemmer wieder auf, sah mich erstaunt an und sagte: "Unbegreiflich! Dieser deutsche "Sihdi, welcher Gedichte macht," konnte fünf und auch noch mehr Pfund von mir gewinnen und hat nicht mitgethan! Aber was sehe ich!" Er streckte beide Arme nach vorn und sah die Hemdärmel ganz betroffen an. "Wie bin ich gekommen? Wie stehe ich da?! Schrecklicher Mensch, der ich bin! Aber es war so schwül und nur der Governor da! Ist auch iir Hemdärmeln! Mutz ihn warnen! Kommt herauf, Charley, aber schnell, schnell! Habe vor Freude ganz den Rock vergessen! Ich reiße aus! Pardon!" Er war wirklich im Gesichte rot geworden, der liebe, gute Mensch! Nun lief er so schnell fort, wie er gekommen war. Der Sejjid hatte draußen gestanden und gewartet, jetzt kam er herein und sagte: "Dieser Jnglis hat mich aber doch hinausgeworfen!" "Was? Hinausgeworfen?" "Ja, aber nicht aus Zorn, sondern vor Freude." "Wieso?". "Als ich das von der Chair-ancl-umbrella-pipe sagte, fragte er mich wirklich ganz so, wie du dachtest, woher du sie kennst. Als er dann erfuhr, daß dt: auf Ceylon und aus dem chinesischen Schisse dabeigewesen seist, da sprang er auf und rief: "Das kann nur mein alter, lieber Charley sein! Dann packte er mich an, warf mich zur 167 «LL»«LL»^L»«LL»^L»«LL»«LL>^L>^L»^L» Karl May. ^L»<LL»<LL»^!L»<LL»<LL,<LL.«LL»^L»<L§, 168 Thüre hinaus, sich selber aber auch mit, und rannte nach der Treppe. Der andere Jnglis rief ihm nach, er solle doch erst den Rock anziehen, aber er hörte gar nicht daraus. O, Sihdi, diese Jnglis müssen sehr gute Menschen sein, weil sie dich so lieb haben! Ich bin nur froh, daß ich ihnen die fünf Pfund nicht wiedergegeben habe; das hätte sie denn doch vielleicht gekränkt!" "Es sind zwei Engländer vom höchsten Adel, Omar. Sei also höflich, sehr höflich mit ihnen!" "Du brauchst teure Sorge zu haben, Sihdi! Mein Adel ist von Muhammed, also weit über tausend Jahre alt, und adelig sein, das kann man bei uns nicht, ohne auch höflich zu sein! Ich weiß nicht, wie das bei den andern Völkern ist!" Als ich hinaufkam, standen Wohl sieben oder acht Kellner da. Meine beideir Gastfreunde waren also im Hotel hoch abgeschätzt. Ich wurde mit einer so aufrichtigen Freude und einer so wohlthuenden Güte empfangen, daß ich mich sofort wie bei Verwandten fühlte, bei denen man zu Hause ist. Man stürzte nicht mit Fragen über mich her; es wurde sogleich gegessen. Es lag überhaupt nicht in der Art dieser beiden Männer, viel Worte zu machen. Was man ihnen nicht ungefragt sagte, das gab es für sie nicht. Natürlich erkundigte ich mich nach dem Schisse, mit welchem sie gekommen seien. "Schiff?" antwortete Raffleh. "Ach, das weiß dieser Charley noch gar nicht. Kommt schnell heraus nach dem vordem Raume! Da seht Ihr es liegen." Er zog mich hinaus, wo man zwischen den Baumkronen hindurch den Hafen sehen konnte, was unten bei mir nicht der Fall war. Er deutete mit der Hand in die betreffende Richtung, und da sah ich, iveit entfernt von der Stelle, an welcher der Platz der "Coen" gewesen war —— die "Mn" vor Anker liegen. "Also doch, doch, doch, die Hin'!" rief ich voller Freude aus. "Ich habe es mir gedacht und konnte es doch fast nicht glauben!" "Ihr kennt den Namen?" "Ja. Ich sah sie in den Hasen kommen, hell und leicht und schön wie eine Nymphe! Ein Fahrzeug, wie ich noch keins gesehen habe!" "Freut mich, freut mich, Charley! Ist ganz nach meinen eigenen Angaben entworfen und gebaut!" "Aber es wurde doch nur ein Mann im Boote abgegeben; dann gingt ihr wieder fort!" "Weil ich den Ankerplatz nicht kannte. Mußte mich erst erkundigen, an welcher Stelle ich die Kette fahren lassen tonnte, und bin inzwischen wieder hinausgedampft und dann zurückgekehrt. Kommt wieder herein! Müssen auf diese meine Hin' ein Glas leeren!" Wir gingen zu dem Governor zurück und stießen mit ihm ans die Jacht an; er that bereitwillig Bescheid. Raffley füllte die Gläser wieder und sagte: "Und nun auf das Wohl einer andern Hin', die mir noch tausend-, tausendmal teurer als diese ist! Ich bitte, bis aus den letzten Tropfen leer!" Ich folgte natürlich dieser Aufforderung; der Governor aber warf Rassley einen verweisenden Blick zu und rührte das Glas nicht an. "Well! Ganz, wie Ihr wollt!" meinte dieser entschuldigend und begütigend. "Ich werde meine Wetre aver doch gewinnen!" Was war das für eine "andere Mn"? Und was war das für eine Wette? Es gab da einen Punkt, in welchem beide nicht übereinstimmten. Und es nmßte sich um mehr, uni viel mehr als um eine bloße Wette handeln. Wer, wie der Governor, einer solchen Aufforderung nicht Folge leistet, der macht sich einer Beleidigung schuldig, welche nach den Gesetzen der Kreise, denen diese beiden angehörten, sonst nur einen blutigen Ausgang nehmen kann. Wie kam es, daß Raffley, der in Bezug auf Ehrensachen so außerordentlich empfindliche Edelmann, sie in so ruhiger, m sogar begütigender Weise hingenommen hatte? War er sich vielleicht einer Schuld bewußt? Ganz geiviß nicht! Dieser Mann trug trotz aller seiner Eigenheiten nicht eine Spur der Möglichkeit in sich, irgend etlvas zu thun, was im Codex der guten Gesellschaft als unerlaubt bezeichnet wird. Es konnte sich hier nicht um ein Vergehen, sondern nur um eine Verschiedenheit der Ansicht handeln, zumal der Governor, sobald das Ouiproquo vorüber war, sich ganz so unbefangen wie vorher zu ihm verhielt. lind doch konnte es dem scharfen Beobachter nicht entgehen, daß ein unsichtbares Fragezeichen zwischen deur einen und dem andern schwebte, und dieses Fragezeichen schien ein chinesisches zu sein. Es verstand sich ganz von selbst, daß wir, die wir uns hier am Lhore von China befanden, dieses Land auch im Gespräche wiederholt berührten; dann wurde der Governor sedesmal still; man merkte deutlich, daß er sich Reserve auferlegte. Und Rasfley war es anzuhören, daß er sich bemühte, seine Aeußerungen abzumessen. Ich selbst befand mich da in einer ziemlich unbequemen Lage. Der Governor war kein Freund der mongolischen Rasse; das stand fest. Raffley war es früher auch nicht gewesen, schien aber seine Ansicht geändert zu haben; jedenfalls gab es für ihn einen Grund, sich nicht so zu äußern, wie er es zu dürfen wünschte. Und ich mußte mich, um nicht anzustoßen, mit oberflächlichen Bemerkungen behelfen, obgleich es in meiner Statur liegt, jeder Sache gern aus den Grund zu gehen. Darum traten zuweilen Pausen ein, welche selbst durch Liebenswürdigkeiten nicht unbemerkbar geniacht werden konnten. Ich muß sagen, daß Raffley mir jetzt anders vorkam, als er früher gewesen war. Schon körperlich hatte er sich verändert. Seine hagere, knochige Gestalt war voller geworden; die scharfen Linien seines Gesichtes hatten sich ge169 ^L»<LL»<LL»^L»^L»«LL»«LL>^L»^L»«LL> Lt in terra xax. <ZL»<LL»<LL,<LL»«ZL»<LL»<LL>«LL»<LL>«ZL» 170 mildert. Die Nase trat nicht mehr so hervor; es zeigte sich altes runder, sanfter, ansprechender als vorher. Er war, um mich so ausdrücken zu dürfen, jetzt bedeutend "hübscher" als vorher. Seine Physiognomie war früher die eines scharfen Denkers, eines sehr willenskräftigen Mannes gewesen, der mit selbstbewußter Rücksichtslosigkeit seine eigenen Wege geht; nun aber schien der Geist sich mit der Seele verniählt zu haben, und das, das freute mich so sehr. Der Spleen war vollständig verschwunden und mit ihm die unendliche Gleichgültigkeit für alles, was nicht Old England und den Sport betrifft. Er zeigte ein lebhaftes Interesse für alles Neinmenschliche, uub der starre, rechthaberische Dogmenglaube von früher hatte auch ein anderes, freundlicheres Gesicht bekommen. Damals war er irichts weiter als ein Engländer im Superlativ, ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle; jetzt aber war er mehr, viel mehr, nämlich ein harmonisch denkender Mensch und ein zwar nicht sehr schöner, aber dafür bedeutender Mann. Indem ich das alles beobachtete, fragte ich mich, durch welche Ursache diese Veränderung wohl hervorgebracht worden sei. Ich hätte wohl recht gern das "ewig Weibliche" zur Beantwortung herbeigezogen, zumal ich an mir selbst erfahren habe, welchen segensreichen Einfluß diese größte Macht der Erde ans unsere sogenannten "männlichen" Schwächen und Härten hat; aber er war stets so unnahbar maskulin gewesen, daß ich diesen Gedanken fall len ließ, zumal wir jetzt bis zum späten Abend beisammen blieben, ohne daß auch nur ein einziges Wort gefallen lväre, welches mir erlaubt hätte, zu vermuten, daß er jetzt verheiratet sei. Ich stand da vor einem psychologischen Rätsel, dessen Lösung ich nicht meinem Scharfsinn, sondern der Zukunft überlassen mußte. Und diese Zukunft, wenigstens die naheliegende, unniittelbare, schien durch dieses heutige Zusammentreffen eine Direktion zu bekommen, an welche ich bis zum Erscheinen Rajfleys in meiner Wohnung nicht hätte denken können. Ich sagte ihm nämlich, daß ich seine "Mn" von der "Coen" aus gesehen hätte, und erwähnte dabei meine Absicht, auf dieser letzteren Passage zu nehmen. "Passage?" fragte er. "Ans eurem Schisse, welches "Coen" genannt wird? Fällt Euch gar nicht ein, Charley! Ähr nehmt natürlich Passage auf meiner "Mn". Basta!" "Herzlichen Dank, Sir!" antwortete ich. "Aber ich muß mit der "Coen" nach Uleh-Ieh." "Das ist der Hafenort von Atjeh. Was wollt Ihr dort?" "Eine Geschäftsoder vielmehr Geldangelegenheit ordnen. Es betrifft nicht eigene Angelegenheit; eiir Freund hat mich darum gebeten." "Ist es notwendig?" "Sogar eilig. Es handelt sich zwar um kein großes Kapital; für den Betreffenden aber würde der Verlust groß genug sein, ihn zu ruinieren." "So müßt Ihr freilich hin, ivenn Jhr's versprochen habt. Aber warum mit dieser "Coen"? Meine "Mn" kann auch hinüber, und zwar, sobald Ihr wollt! Nur aber müßt Ihr mir versprechen, dann bei uns zu bleiben." "Kann ich etivas versprechen, ohne Euer Ziel zu wissen, Sir?" "Unser Ziel? Hm! Nun, wir gehen nach China." "Bis wohin? Wie weit?" "Hört, Charley, betrachtet Ihr Euch als meinen Freund?" "Ich bin es von ganzem Herzen!" "Well, so fragt einmal jetzt nicht! Ihr wißt, daß ich Herr meiner Zeit bin und daß ich meinen Kurs an jedem Tage ändern kann, Ivie ich Euch jetzt mit Uleh-leh bewiesen habe. Wenn Ihr es so eilig habt, können wir schon in dieser Nacht in See gehen. Ihr sagt, es handle sich um.Geld. Was das betrisst, so weiß ich, daß Ihr ein sehr verständiger Mann seid; aber ich bin doch wohl noch verständiger, denn wer mehr Geld hat, der hat auch mehr Verstand. Ihr seid der "Sihdi, welcher Gedichte macht," und dieser mein Verstand sagt mir, daß der Mammon und die Seele eines Dichters zlvei Dinge sind, die man als Freund so weit wie möglich auseinander halten soll. Es würde mir eine Freude sein, dies thun zu können. Umwashandeltes sich denn eigentlich?" "Uur die Sicherstellung eines Kapitales, welches ein Deutscher drüben in Atjeh stehen hat. Ich habe die briefliche Bitte nebst Einlagen in Colombo bekommen." "Und lvo steckt jetzt diese briefliche Bitte? Darf ich sie einmal lesen?" Ich kannte meinen Rasfley zu genau; da war nichts zu verlveigern, wenn es sich nicht um geradezu persönliche Geheimnisse handelte. Ich mußte hinnntergehen und das Schreiben holen. Er las es durch, auch die beiliegende Vollmacht, steckte beides in die Lasche und sagte lächelnd: "Dachte es mir! Ich habe den größeren Verstand! Wir dampfen nicht nach Uleh-leh, sondern gehen morgen früh miteinander hier auf die Bank, sage«: wir "Hongkong and Shanghai Banking Corporation". Da kennt man John Raffley ganz genau, und in zehn Minuten ist die Sache abgemacht. Basta! Bitte, kein Wort mehr verlieren. Ihr lvißt, wenn ich meinen Willen haben lvill, so habe ich ihn! lind nun hier meine Hand: schlagt ein, daß Ihr mit uns auf meiner "9Jm" nach China geht!" Er hielt mir die Hand hin. Das lvar ja der reine Sturm! Es kam so unerwartet! Sein Wunsch war nicht nur ehrlich gemeint, sondern mir auch außerordentlich sympathisch, aber ich hatte doch vorher wichtiges zu bedenken und da fühlte ich unter dem Tische eine Berüh rung; der Governor hatte mich mit dem Fuße gestoßen und irickte mir, als ich ihn ansah, heimlich bittend zu. Auf seinem jetzt von Raffley nicht beachteten Gesichte stand der dringende Wunsch geschrieben, daß ich "ja" sagen möge. Da ließ ich denn alle Bedenken fallen und legte meine Hand in die dargereichte des Freundes, indem ich, halb scherzend und halb ernst, bemerkte: 171 «ZL>LL><LL»«LL»<LL»^L»<LL»«LL»«LL.^L» Karl May. «LL»^L»rLL»<LL>^L>«LL»^L,«LL»<LL»^L> 172 "Aber, Sir, ich bin nicht allein. Hat die "Mn" auch Platz für meinen Diener?" "Für diesen Prachtmenschen, der, wie ich gar Wohl bemerkt habe, für seinen "Sihdi, welcher Gedichte macht", durch Wasser und durch Feuer geht? Welche Frage! Natürlich habe ich Platz, denn treuer wie er kann selbst mein alter Tom und auch der Bill nicht sein." "Leben beide noch? Sind sie hier?" "Jawohl! Seit ich die neue Jacht besitze, sind sie avanciert. Ich nenne Toin nicht mehr Steuermann, sondern Kapitän, worauf er ungeheuer stolz ist, und Bill ist Steuerer geworden. Es wird Euch auf der "2)iu" gefallen. Ich habe die Photographien ihrer Räume hier; die werde ich Euch zeigen. Ich hole sie." Er verließ das Zimmer. Dies benutzte der Governor, mir seine Hand über den Tisch herüber zu reichen, wobei er in herzlichem Tone sagte: "Ich danke Euch, Sir, daß Ihr eingewilligt habt! Zwischen mir und John steht ein Gespenst, welches denselben Namen wie die Jacht fiihrt, nämlich "Mn". Wir vermeiden, von ihm zu sprechen, und dadurch entsteht zwischen uns eine leere, schmerzende Lücke, welche durch (Sure Gegenwart weniger empfindlich wird. John giebt viel, sehr viel auf Euch; das weiß ich, obgleich Ihr Euch so lange Zeit nicht gesehen habt. Ich hoffe, daß Eure Gegenwart mich unterstützen wird, unsere große Wette, von bereu Gegenstand wir aber, seit wir sie eingegangen sind, nicht sprechen, zu gewinnen." Wieder die Wette! Es schien eine ganz eigene und jedenfalls sehr wichtige Bewandtnis mit ihr zu haben! Rafsleh brachte die Bilder. Er sprach mit Heller Begeisterung von seiner "Mn", und der Governor stimmte, so lange sich dieser Name nur auf die Jacht bezog, in dieses Lob mit ein. Da kam auch die Photographie des Marmorkopfes zum Vorscheine. Naffleys Augen bekamen doppelten Glanz ; es war ein Blick der innigsten, der rührendsten Liebe, nnt welchem er sie betrachtete. Ich hatte noch nie solche weibliche Züge gesehen. Waren sie kaukasisch oder mongolisch? Waren das mandelförmige oder geschlitzte Augen? Jeder einzelne Teil dieses ganz eigenartig schönen Gesichtes war eine Frage, welche kein Pinsel und kein Meißel zu beantworten vermochte, und trotzdem oder wohl grad darum kamen mir die Worte über die Lippen: "Ist das Porträt oder Phantasie?" Da sah der Governor mich bedeutungsvoll an, und ich las von seinen sich lautlos bewegenden Lippen: "Das ist das Gespenst!" Rafsleh sah diese Mitteilung seines Verwandten nicht; er schien seinen Blick nicht von dem Bilde trennen zu können, schob es dann aber doch zu den andern hin und sagte; indem er die Hände wie in ihn plötzlich überkommender Andacht zusammenlegte: "Es ist Mn, die Güte! Wißt Ihr, Charley, was Güte ist? Nein. Niemand weiß es. Oder seid Ihr wissend genug, mir nicht eine kalte Definition des Begriffes zu liefern, sondern mir Eure ganze Persönlichkeit als Offenbarung dieser Giite aufzuopfern?" Er sah mich, indem er hoch aufgerichtet vor mir stand, an. Dann richtete sein Blick sich zur offenen Thür hinaus in das Freie, wo die Sterne leuchteten und auf den Wogen silberne Lichter fluteten und fügte langsam hinzu: "lind so eine Offenbarung ist mir geworden! Mein Gott, ich danke dir!" Der Governor zog die Spitze:: seines dichten, grauen Schnurrbartes nervös durch die Finger. Diese Wendung war ihm unangenehm. Vielleicht hatte er ein abermaliges, zurechtweisendes Wort auf den Lippen; aber es wurde nicht ausgesprochen, denn die Kellner kamen und baten um die Erlaubnis, abdecken zu dürfen. Wir hatten eine Stunde cnlf das Essen verwendet und waren dann noch fast dreimal so lange am Tische sitzen geblieben. Ich hielt es also für an der Zeit, mich zu verabschieden. Der Governor begleitete mich höflich bis an die Treppe; Rafsleh aber ging mit bis in den Garten hinab. "Noch einen Augenblick, Charley," sagte er, »sich zu einer Bank führend. "Setzen ivir uns!" Ich nahm an, daß er mir noch eine besondere Mitteilung zu machen habe; er saß aber längere Zeit schweigend da, ehe er begann: "Ihr habt Fragen auf dein Herzen. Nicht?" "Aufrichtig geantwortet: Nein!" "Well! Ihr srid eben so, wie man sich einen Freund wünschen muß. Nicht wahr, Charley, Ihr habt früher gebetet und betet heut auch noch?" »Ja." "Auch für andere?" "Wer nicht für andere beten kann, der soll lieber gar nicht beten." "Richtig! So bitte ich Euch, tragt dem Herrgott auch für mich ein gutes Wort hinauf! Zweifelt nicht daran, daß ich es nötig habe! Ich möchte unsere Wette so gern, so gern gewinnen. Es ist wohl kein Wortbruch, wenn ich Euch im Vertrauen sage, daß ich Naffleh-Castle mit allem, was zu diesem Schlosse und zu diesem Namen gehört, an diese Wette gewagt habe." "Unmöglich!" "Nicht unmöglich, sondern wirklich!" "Aber, Sir, ich kann es doch nicht glauben! Ich weiß, wie gern Ihr wettet. Bei Eurem ungeheuren Vermögen ist dies unter gewöhnlichen Verhältnissen auch mit keiner Bedenklichkeit " "Pshaw!” unterbrach er mich. "Daran denke ich nicht. Ich habe ja grad dieses ungeheure Vermögen auf eine einzige Karte gesetzt. Wenn ich verliere, bin ich in Beziehung auf das Geld ein armer Mann, aber in anderer Beziehung vielleicht noch reicher, als vorher. Aber um anderer Willen will und muß ich gewinnen. Darum betet für mich, Charley! Euer Gebet soll nicht meinen! Vermögen gelten, sondern etivas ganz Anderem und viel Höherem. Werdet Ihr?" "Ja, Sir John." "Ich danke Euch! Glaubt nicht, daß etivas Schlimmes zwischen mir und dem Governor liegt! Es ist eine einfache Familienangelegenheit, über die er anders denkt, als ich gedacht habe. Und wenn Ihr mich jetzt vielleicht etwas anders findet, als ich früher gewesen bin, so seid überzeugt, daß ich dadurch nicht verloren, sondern gewonnen habe. So, das ist es, was ich Euch sagen wollte. Mögen der ersten "guten Nacht," die wir uns jetzt nach dem heutigen Wiedersehen wünschen, die guten Tage folgen, in denen der jetzige John Raffley als Mensch das nachholt, was der frühere als Englishman versäumt hat!" Er drückte mir die Hand und ging. Ich sah ihn so langsam, als ob er an Gedanken schwer zu tragen habe, die Treppe hinaufsteigen. Wie hatte er so recht, als er meinte, daß er anders geworden sei!  Ihn so lange und so zusammenhängend sprechen zu hören, wie jetzt, das war mir früher nie passiert. Er hatte grad durch seine Wortkargheit und Kürze imponiert. Und wie anders hatte er nicht bloß sprechen, sondern auch fühlen gelernt! Es war etwas erwacht, was früher in ihm geschlafen hatte. Wohl der Hand, die es aus dem Schlafe erweckt hatte! Ani anderen Morgen kam er mit seinem Verwandten zu mir herunter, um den Kaffee Lei mir einzunehmen. Welchen Grades diese Verwandtschaft eigentlich war, das wußte ich nicht und war auch nicht zudringlich genug, danach zu fragen. Sie nannten sich nicht tbou, sondern you, sprachen sich mit Sir an, und wenn der Ton einmal intimer wurde, so war ein clear uncle oder dear ncphew beliebt. Während wir bei mir saßen, kam Tom, der "Kapitän", um zu melden, daß man Kohlen eingenommen habe und auf der "Mn" nun alles "alt right“ sei; das war sein Lieblingswort. Er ivar lang und hager, hatte die ganze Haltung und den schleppenden Gang, der dieser Art von Leuten eigen zu sein Pflegt, und besaß zwei wunderbar kluge, kleine Aeuglein, welche höchst scharf und selbstbewußt über die große, scharfgeschnittene Nase hinwegblickten. Naffley hatte ihn gewöhnt, nie anders als nur in den kürzesten Worten zu sprechen. Er erkannte mich sofort, und als er erfuhr, daß ich mitfahren werde, schlug er mit der rechten Faust in die linke Hand und rief dabei aus: "Das ist ein Wort! Macht mir Freude!" Das war sein ganzer Herzenserguß, dafür aber um so aufrichtiger gemeint. Nach dem Kaffee suchten wir das Bureau der Hongkong and Shanghai Banking Corporation auf. Als Rasfley seinen Namen nannte, konnte ich den Eindruck wohl bemerken, den dieser auf alle Anwesenden machte. Er trat auf, als ob er der Chef dieser Filiale sei, und es erfüllte sich, was er gestern Abend vorhergesagt hatte: in zehn Minuten war die Sache abgemacht. Mein Auftraggeber konnte zufrieden sein! Eben wollten wir gehen, da trat eine Dame ein, deren Anblick mich zu einem Ausrufe freudigster Ueberraschung zwang Mary Waller. Sie war außerordentlich bleich, sah sehr abgespannt aus und schien sich in einer nicht gewöhnlichen Lage zu befinden, denn ihr Anzug zeigte die Spuren einer Vernachlässigung, welche ihr sonst nicht eigen war, jetzt aber von ihr gar nicht beachtet wurde. Sie war so mit sich selbst beschäftigt, daß sie meinen Ausruf gar nicht auf sich bezog, mich überhaupt nicht sah, sondern mit schnellen Schritten auf den Disponenten zuging und ihm die kurze, hastige Frage vorlegte: "Kennen Sie mich noch?" Er sah sie an. Ihr zwar seidener, aber sehr zerknitterter und mit einigen Rissen versehener Mantel wollte ihm nicht gefallen; aber Mary war eine Persönlichkeit, welche man nicht leicht vergessen konnte. Er besann sich und antwortete höflich: "Ja, ich kenne Sie. Sie sind Amerikanerin und haben vor einiger Zeit zweitausend Gulden bei uns entnommen. Ich glaube, Ihr Herr Vater war dabei." "Nichtig! Heut brauche ich etwas über fünfzigtausend." "Gern. Darf ich bitten!" Selbstverständlich erwartete er, daß sie ihm irgend ein Kreditpapier vorlegen werde, und hielt ihr die Hand entgegen. Sie aber stieß, halb verlegen und halb 175 «LL»«ZL»«LL»^L»^L»<ZL»^L»«LL»<LL»^L» Karl May. 176 zornig über ihre Gegenwärtige Situation, die Worte hervor: "Ich bitte, mir diese Summe auf mein Wort und meine Ehrlichkeit zu geben. Ich habe keine Anweisung!" "Thut mir leid; ist principiell unmöglich!" "Mein Hinimel! Ich muß und muß es haben! Mein Vater befindet sich in der Gefangenschaft der Malaien von Atjeh, drüben ans Sumatra. Sie haben uns überfallen und alles abgenommen, auch die Kreditpapiere. Sie verlangen fünszigtausend Gulden Lösegeld und haben mich iit dieser Nacht in einer Praue*) herübergebracht, um diese Summe zu holen. Die Papiere aber verweigerten sie mir!" Sie hatte diese Worte stoßweise, in wachsender Angst hervorgebracht. Der Disponent schüttelte den Kopf und erwiderte, zwar teilnehmend aber mit geschäftlicher Bestimmtheit: "Ohne Unterlage wird Ihr Wunsch bei jeder Bank vergeblich sein. Das Unglück, welches Sie betroffen Er wurde unterbrochen, denn RaffleY, welcher keine Ahnung davon hatte, daß ich die Bittstellerin kannte, stellte sich mit einigen schnellen Schritten an ihre Seite und erklärte: "Ich eröffne dieser Dame hiermit bei Ihnen einen Kredit über sechzigtausend holländische Gulden, und bin überzeugt, daß ich sie wiederbekomme. Zahlen Sie sofort aus, was. sie verlangt!" Und sich vor ihr verbeugend, nannte er feinen Namen nnd fügte in seiner, sobald er wollte, herzgewinnenden Weise hinzu: "Mylady, Sie schreiben Ihren Namen auf irgend einen Zettel, den man Ihnen geben wird, und können ihn wiederbekommen, so bald oder so spät es Ihnen gefällt." Sie wendete sich ihm zu und sah ihm stumm in das gütig lächelnde Angesicht. In ihrem glücklichen Erstaunen fand sie keine Worte. Nun sie der Stelle, an der ich mich *) Malaiisches Boot. befand, ben Rücken nicht mehr znkehrte, sah sie auch nrich. Sie erkannte mich natürlich sofort, doch war die Wirkung eine ganz andere, als ich lvohl hätte verinllten dürfen. Der plötzliche Uebergang von der schwersten Sorge zu der Erkenntnis, daß sie nun geborgen sei, hob die übermäßige Anspannung ihrer Nerven aus; die Kräfte verließen sie. Sie ließ einen lauten Schrei erklingen, schloß die Augen, streckte die Arme aus, um nach einem Halt zu suchen, und lväre hingestürzt, wenn Naffley sie nicht gestützt hätte. Ich sprang hinzu. Sie war ohnmächtig geworden. Da eilte der Disponent hinaus und kam nach noch nicht einer Minute mit einigen Malaiinnen zurück, welche Mary ans eine leichte Bambusbank betteten und diese mit ihr hinaustrugen. "Kannte Euch die Dame, Charley?" fragte mich Rafsley, ohne sich um die Aufregung zu bekümmern, in welcher sich sämtliche Bankbeamten befanden. "Fast schien es so!" "Ja, wir kennen uns," antwortete ich. "Komint her; ich muß Euch das erklären!" Ich führte ihn in das nebenan liegende Wartezimkner, in welchem sich grad jetzt niemand befand, und klärte ihn so auf, wie die uns nur kurz zugemessene Zeit es mir erlaubte. Ich sagte ihm natürlich auch, daß ich Wallers unter einem andern Namen bekannt geworden sei, und bat ihn, mich ja nicht bei dem richtigen zn nennen. "Well! Das verleiht Euch einen Anflug von Romantik, den ich Euch nicht rauben werde," lächelte er. "Ihr seid ja "ein Sihdi, welcher Gedichte macht," und solche Leute soll man — " "Halt!" unterbrach ich ihn. "Grad daß ich mich auch mit Gedichten befasse, dürfen Wallers am wenigsten erraten. Ich bitte also, besonders auch hierüber zu schweigen! Den Grund dazu werde ich Euch Mitteilen, sobald wir Zeit dazu haben. Ich glaube, man verlangt jetzt nach uns." Ich sah eine der Malaiinnen kommen, welche uns mitteilte, daß die fremde Njonja*) lvieder zu sich gekommen sei und bitte, mit uns sprechen zu dürfen. Sie führte uns nach einer gegen den Hof liegenden Veranda, wo Mary, auf einem bequem ausgezogenen Sessel ruhend, uns erwartete. Ich darf mir wohl erlauben, über die erste Viertclstnnde dieses Zusammenseins hinwegzugehen. Sie war der Freude des Wiedersehens und unseren Bemühungen gewidmet, Mary zu beruhigen und sie zu überzeugen, daß für sie und ihren Vater alles nur denkbar Mögliche geschehen werde. Hierauf hielt sie es für ihre Pflicht, zu erzählen, Inas mit ihr und ihm geschehen war. Naffley aber bat sie in seiner mir so wohl bekannten, rücksichtsvollen Weise, sich zu schonen nnd uns einstweilen mir zu sagen, wo hier ihre Wohnung sei. Sie nannte unser eigenes Hotel, woranr *) Dame, Herrin. 177 <ä£§><2Ä»<SS><2!S><SS><2i£><Siä><g5§><2S><S2£> (Et in terra xax. «LL»«LL»<LL>^L>^L»^L»<LL»^L»«LL»^L. 17t! er ihr, als sie sich stark genug dazu erklärte, einen Wagen bringen ließ und sie bat, uns nach meinem Zimmer melden zu lassen, wann sie sich ausgeruht habe. Als sie fortgefahren ivar, ließ er sich die bon ihr gewünschte Summe auszahlen, worauf wir ihr per Rickschahs nachfolgten. Im Hotel angekommeii, teilte ich de»i Sejjid mit, daß Miß Mary Waller hier sei; er möge sich unauffällig nach ihrem Zimmer erkundigen. "Die Miß aus Amerika?" fragte er erfreut. "Die liebe ich! Ich werde das sehr schnell erfahren." Es dauerte allerdings nicht lange, bis er wiederkam. Sein Bericht lautete: "Sie ist heut in der Nacht zu Fuß und ganz allein vom Hafen hergekommen und hat sehr lange läuten müssen, ehe nian ihr geöffnet hat. Sie ist sehr schlvach und elend gewesen, hat weder gegessen noch getrunken, sondern sich gleich auf das Bett geworfen und vor Müdigkeit bis vor einer Stunde geschlafen. Dann ist sie in die Stadt gegangen und vor einigen Minuten in einem Wageir zurückgekehrt. Sie wohnt drüben im großen Hause und hat nach einem Arzt geschickt. An ihrer Zirnmerthür steht die Numwer Zwanzig." "Gut! Geh hin, und ivarte, bis der Arzt bei ihr gewesen ist; dann bringst du ihn zu mir. Aber sie soll nichts davon wissen." Ich vermutete, daß dieser Arzt einer von den beiden sei, Welche ihren Vater behandelt und nach Atjeh geschickt hatten, und ich hatte recht, denn als er kam, war er derselbe, den ich besucht hatte, um mich nach Wallers Krankheit zu erkundigen. Er war von Mary gerufen worden, um über den Zustand ihres Vaters, welcher sich in Atjeh berschlinimert hatte, gefragt zu werden, und wir lvollten wit ihm sprechen, um, ohne die Tochter damit belästigen Lu müssen, etwas über die gegenwärtige Lage des Vaters 3n erfahren. Er konnte uns natürlich nur sagen, was er von ihr gehört hatte, und das ivar nichts Zusantmenhüngendes, uichts Ausführliches gewesen. Wallers ivaren zunächst "ach Uleh-Ieh und von da hinauf nach Kota Radscha gefahren, ivo ihnen der Gouveriteur infolge eines Empfehlungsschreibens eine Wohnung im Kratong, der früheren Citadelle der Eingeborenen, gegeben hatte. Da dort aber die militärische Besatzung der Holländer liegt, so hatte der Kranke dort die ihm so notwendige Stille und Ruhe "ermißt. Aus diesem Grund, und iveil Kota Radscha im">er noch zu nahe an der fieberschwaugeren Küstenniedernng liegt, hatte er sich durch keine Vorstellung und keine Warnung abhalten lassen, noch höher hinaufzugehen, und lvar mit seiner Tochter und einigen Trägern nach den wilden Höhen des Barissangebirges anfgebrochen. Was nun alles unterwegs und damr auch oben unter den für unbotwäßig gehaltenen Bergmalaieir geschehen war, das hatte Riary nicht erzählt, wahrscheinlich um nicht sagen zu Kiirschnc r, China IN. müssen, wie fatsch ihr Vater sich zu diesen Leuten verhalten hatte, welche die Wetßen als die Räuber ihres Landes und die Unterdrücker ihres Glaubens betrachte«: und darum eine unversöhnliche Feindschaft gegen sie hegen. Aber Schlimmes, sehr Schlimmes mußten sie erlebt habe«:, bis es schließlich zu der Katastrophe gekommen war, deren Folge in der Gefangennahme Wallers und seiner Tochter bestand. Er hatte getötet werden solle«:, doch war es ihr gelungen, durch unausgesetzte Bitten u«:d Thränen die Bitjara*)' z«: den: Versprechen zu vermögen, ihn gege«: ei«: Lösegeld von iüi:fzigtause>:d Gulden freizugeben. Sie hatte den Anstrag bekomme«:, dieses Geld zu holen, >:nd ivar zu diesen: Zwecke quer durch das ga«:ze Bergland bis hinunter z«:r Ostküste geschleppt worden, von ivo aus inan sie quer über die Malakkastraße gebracht hatte, u«:d zwar ii: einen: malaiischen Fahrzeuge, dessen Beschaffenheit und Besatzung ihr gradezu zur Hölle geworden war. Bei der nächtlichen Landung hatte sie noch einmal versprechen müssen, keinen Namen zu verrate«:, weil n:an das ruit den: Tode ihres Vaters rächen iverde. "Er ist aber trotzden: verlöre«:," fügte der Arzt hinzu, "denn ich vermute, daß sie ihn trotz des Lösegeldes umbringen werden, iveiu: sie es nur erst haben. Diese Malaien si«:d scho«: zu gewöhnlicher Zeit ganz treuund gewissenlose Menschen, und jetzt, wo «vir genau «vissen, daß sich unter ihnen eine blutige Empörung gegen alle Europäer vorbereitet, werde:: sie erst recht keine:: Pardon erteile«:. Und selbst wenn sie ehrlich handelte«:, «vas aber ganz ausgeschlosse«: ist, so köiuite inan das Leben Wallers nicht mehr retten: er wird der Krankheit und den Anstrengungen und Entbehrungen erliege«:, die er so unvorsichtiger Weise auf sich geiwinmen hat." "Sie selbst haben ihn aber ja hinübergeschickt!" «varf ich ein. "Ich habe von: Bergland gesprochen, aber nicht vo«: den einsainen Höhen und Schluchten des Barissangebirges, «vo keiner der feindselige«: Malaie«: ih«: aufnimmt, um ihn gesund zu pflegen!" antwortete der Arzt. "Er ivar so schwach, daß er getragen iverde«: mußte. De«:ken Sie sich eine solche Tour durch ivildes Gebirge! Keine Bequemlichkeit, keine Nahrung, keine Ruhe, kei«: Trost! We«:n er heute «wch lebt, es ist ein Wunder zu nennen! Dieser Herr hat einen fürchterlichen Eigenwillen und scheint vo«: der Gefährlichkeit der Dysenterie nicht eine Spur von Ahnung z«: besitzen!" Er ging. Kurze Zeit später ließ Mary frage«:, ob sie zu mir kominen könne, und folgte den: Bote«: auf dem Fuße. Raffley ergriff ihre Ha«:d, führte sie zu einen: Sitze und nah«:: ihr, ehe sie zu sprechen begann, das Wort aus dein: Munde: "Mylady, schonen Sie sich! Wir brauchen nur sehr *) Beratung der Häuptlinge. 12 179 «^<LL«LL.«LL.^L,^L»«LL»«LL»«LL»«LL> Karl May. «LL»«LL>«LL>«LL.<LL>«LL.«LL»«ZL»^L'«LL» 180 wenig zu wissen, und ich bitte um die Erlaubnis, Sie fragen zu dürfen. Es wurde ihnen von den Malaien eine Zeit gesetzt?" "Ja", antwortete sie. "Ich habe spätestens mit der "Coen", Kommandant Wittens, uröglichst aber noch eher nach Uleh-leh zurückzukehren." "Well! Sie werden eher zurückkehren! Wohin sollen Sie das Geld bringen?" "Man sagte mir, daß nran mich beobachten werde, sobald ich im Hafen angekommen sei. Es werde ein Eingeborener zu nur treten, um mir die Hälfte einer zackig zerschnittenen Betel-Nuß zu geben, deren andere Hälfte ich bekommen und hier in meiner Tasche habe. Wenn ich sähe, daß die beiden Hälften genau zusammenpassen, solle ich ihm das Geld geben und dabei sagen, wohin man meinen Vater bringen solle. Aber ich möge ja ehrlich sein und keine Hinterlist planen, weil der Häuptling, dem mein Vater übergeben worden sei, sein Wort auch halten werde." "Das genügt für jetzt, Mylady. Mehr brauchen wir nicht zu wissen. Ich habe nämlich eine allerliebste, kleine, hübsche Jacht, und auf ihr eine ebenso allerliebste Wohnung für eine Dame. Ich dampfe von jetzt an in vier Stunden nach Uleh-leh. Unser Freund hier geht auch mit, und zwar mit Sejjid Dinar, seinem Diener." "Wie herrlich!" rief sie aus, für den Augenblick trotz ihrer Lage ganz entzückt. "In diesen zwei Worten liegt Ihre Zustimmung, daß Sie sich uns anschließen wollen," lächelte er befriedigt. "Diese vier Stunden bieten Ihnen hoffentlich hinreichend Zeit zur Ergänzung Ihrer Toilette. Ich eile, meinen Befehl zur Jacht zu senden und einen Verwandten zu holen, den ich Ihnen vorstellen muß, weil er auch mit fährt." Er entfernte sich. Sie sah mich verlegen fragend an. Ich erriet, was sie wollte. Sie war vollständig mittellos, und er hatte von der allerdings sehr gebotenen Ergänzung ihrer Toilette gesprochen. "Haben Sie keine Sorge, BUß Mary!" bat ich sie. "Dieser Gentleman weiß immer, was er sagt. Und das, was er thut, stimmt stets und ganz genau mit dem zusammen, was er sagt. Das Lösegeld hat er bereit, und was sonst noch nötig ist, wird Ihnen werden, ehe Sie es brauchen." "Welch ein Mann! Als er in der Bank so Plötzlich entscheidend zu mir trat, war es mir, als habe Gott ihn mir gesandt!" "Durch solche Menschen wirken Engel, weil sie auf Böse niemals wirken können." Hieraus benutzte ich dieses kurze Alleinlein mit ihr, über Raffley einstweilen so viel mitzuteilen, wie für sie und die ersten Tage nötig war. Er kaue sehr bald zurück und brachte den Governor mit, welcher gegen sie die ganze Liebenswürdigkeit entfaltete, die einem gewesenen Governor von Ceylon nur möglich ist. Wie ich später erfuhr, hatte Raffley trotz seiner kurzen Abwesenheu doch Zeit gefunden, eine Summe in Papiergeld in ein Couvert einzuschließen und auf den Tisch ihres Zimmers legen zu lassen. Sie ahnte das nicht, und als sie sich erhob, um fortzugehen, that sie das vielleicht mit schwerem Herzen, weil er kein Wort von dem. gesagt hatte, worüber man gegen Damen keine Worte macht, obgleich es doch so wichtig und so nötig ist. Kaum hatte sie sich entfernt, Raffley und der Governor waren noch bei mir, so kam Omar, um den Chinesen Tsi anzumelden. Er war heut nun frei, und da ich ihn noch nicht ausgesucht hatte, so war er so klug gewesen, sich auf den Weg zu mir zu machen. Zufälligerweise hatte ich den beiden Engländern gestern Abend bei Tische von ihm und seinem Vater erzählt. Sie kannten mein Zusammentreffen mit ihm und seinem Vater in Kairo, und so wurde er, als er kam, wenigstens von Raffley als halber Bekannter behandelt. Der "dear uncle“ aber verhielt sich reserviert. Chinesen waren eben in seinen Augen kein gleichwertiges Menschennwterial. Ich ließ den jungen Mann nicht lange im unklaren über Wallers, sonder teilte ihm die Verhältnisse, so weit wir sie kannten, aufrichtig mit. Er erschrak. "Die Dysenterie!" rief er aus. "Schon so lange Zeit! Vielleicht gar schon iu Indien! Und da oben auf Sumatra keine Kost, die ihn stärkt, statt dessen aber leibliche und seelische Anstrengung im höchsten Grade! Meine Herren,, ich muß mit!" "Muß! Muß?" fragte der Governor tadelnd. "Ja! Dieses Wort mag nicht wie eine Bitte, nicht höflich klingen; aber ich bin erregt. Wenn Sie Waller retten wollen, so müssen Sie mich mitnehmen! Nur ich allein kann ihn retten!" "Sie allein? Wieso?" "Weil nur ich allein ein sicheres, untrügliches Mittel gegen den Würgengel Dysenterie kenne. Wissen Sie, was Ko-su ist?" "Nein," antwortete der Governor. "Oder Sie, Mylord?" Er richtete die Frage an Raffley. "Nein," antwortete dieser. "Oder Sie?" fragte er mich. "Ko-su ist Brucea sumatrana, allerdings das Specifikum gegen Dysenterie," sagte ich. "Aber wissen Sie, wie dieses Mittel in so schweren Fällen zu geben ist?" "Nein." "Kennen Sie die Pflanze überhaupt? Haben Sie sie gesehen?" "Nein." "Sie wächst da drüben in Atjeh, stellenweise sogar 12* 181 «^<LL.<LL»<LL,<W>^L,<LL»<LL,<LL,<ZL» €t in terra pax ^L»«LL»^L.<LL»«LL>«LL,^L><LL»^L»^L» 182 massenhaft; aber Sie werden Sie niedertreten, ohne zu ahnen, daß Sie das Leben Ihres Freundes mit ihr retten könnten! Ich bitte also, mich mitzunehmen! Thun Sie es nicht, so werde ich mir einen Extradampfer mieten, denn auch ein Chinese kann so etwas bezahlen. Aber Ihre Jacht ist schneller als jedes Schiff, welches ich bekommen könnte, und wenn Sie mich nur an Bord zu sich lassen, so will ich mit dem äußersten Winkel fürlieb nehmen, und Sie werden mich nicht eher wieder zu sehen bekommen, als bis in Uleh-leh an das Land gegangen wird. Wo es sich uin ein Menschenleben handelt, sollte man doch nicht an Rassenfragen denken!" Er stand hoch ansgerichtet vor dem Governor, der ihn beleidigt hatte. Seine Angen funkelten. "Na, so nimm ihn mit!" sagte dieser in einem Tone zu Raffley, als ob es ihm schwer werde, diese Einwilligung zu erteilen. "Aber ganz selbstverständlich! Sie sind mir sehr willkommen, Mr. Tsi. In drei Stunden dampfen wir ab. Ist das Zeit genug für Ihre Vorbereitungen?" fragte Raffley. "Wenn es einen Freund zu retten gilt, habe ich keine Vorbereitungen zu treffen. Ich würde mitfahren jetzt, gleich, so wie ich hierstehe! Ich danke Ihnen, Mylord!" Er machte ihm eine tiefe Verbeugung. Mir reichte er die Hand. Dann drehte er sich nach dem Governor um. Er ließ den Oberkörper langsam, steif unb förmlich niedersinken, aber nur bis zu einein halben rechten Winkel; das that er dreimal, ohne ein Wort zu sagen; dann entfernte er sich. "Fataler, gelber Kerl!" meinte der "Uncle". "Gcbärdert sich wie eine Fürstlichkeit!" Die war er vielleicht auch, wenigstens sein Vater; nur burfte ich es nicht sagen! Da ließ Raffley seinen Klemmer onf der Schärfe der Nase herunterreiten, stieß ein kurze?, heiteres Lachen aus und fragte ihn: "Wollen wir wetten?" "Worüber? Etwa über diesen Chinamann?" "Yes. Ich behaupte, daß Ihr dicke Freunde werdet!" "Nie!" ,,Well! So wetten wir?" "Einverstanden!" "Um wieviel Pfund?" "Zwanzig. Aber eine Zeit setzen!" "Schön! Ehe er endgültig unsere Jacht verläßt." "Das soll ein Wort sein! Ich werde unbedingt gewinnen!" "Gut. so sehe ich noch zwanzig Pfund, daß du nicht gewinnen wirst!" "Nein! Doppelwetten sind verboten. Du wärst sonst im stände, deine Einsätze in die reine Unendlichkeit fiinetn zu machen. Zwanzig Pfund und damit basta!" Man kann sich denken, daß ich höchst neugierig auf die Jacht war. Ist es für den Kenner schon eine Freude, ein solches Fahrzeug zu sehen, wie groß muß diese Freude erst daun sein, wenn er mit ihm fahren kann, weil es das Eigentum eines Freundes ist! Schon "Sivallow", die frühere Jacht Raffleys, war ein Muster von Eleganz gewesen, und so war es erklärlich, daß ich mir nun von der "Am" ganz bedeutende Vorstellungen in Beziehung auf ihre Ausstattung machte; aber alles, was ich gedacht hatte, wurde von der Wirklichkeit weit, weit übertroffen. Als wir an Bord kamen, stand die Mannschaft unter Tom, dem "Kapitän", in Reih und Glied und hieß unS mit einem dreimaligen "Hip, hip, hurra!" willkommen. Raffley wies mir meinen Raum selbst an. Dieser lag hinten am Stern, war hoch, geräumig, luftig und mit allem Komfort der Neuzeit versehen. Elektrisches Licht verstand sich ganz von selbst; die Maschine lieferte es. Dann zeigte er mir seine eigene Wohnung, welche mittschiffs unter der Kommandobrücke lag. Sie war einfacher ausgestattet. Man sah ihr an, daß ihr Bewohner das Raffinement nicht liebe und diesen Raum nur der Arbeit und der zu ihr erforderlichen Ruhe gewidmet habe. Es gab keine teuern Meubles hier, aber eine kostbare Bibliothek füllte die Wände aus; ein schwer beladener Ständer hatte die besten Karten aller Länder und aller Meere zu tragen, und auf einer Tafel lagen und standen alle erforderlichen nautischen Instrumente wohl geordnet. Der einzige Schmuck, den es hier gab, war ein Gemälde, aber ein wunderbar schönes, ein Meisterwerk allerersten Ranges, schön in betreff des Sujets, meisterhaft in Beziehung auf die Aussührung. Es war ein Brustbild jener "Mn", deren Marmorkops den Bug des Schiffes zierte. Was der Marmor dort plastisch ahnen ließ, das wurde hier in diesem Farbengedicht entzückend ausgesprochen. Man redet so entschieden von morgenund abendländischen, von italienischen, englischen, französischen, spanischen, polnischen, deutschen, nordischen, amerikanischen Schönheiten, von Schönheiten aller Länder. Dieses junge Weib hier war unbedingt eine Schönheit und ebenso unbedingt eine Chinesin. Wie kam es doch aber, daß es mir unmöglich war, zu behaupten, daß sie eine chinesische Schönheit sei? Lag der Grund in den Zügen des Originales selbst, oder lag er in der Art und Weise, wie der Künstler diese Züge ausgefaßt und wiedergegeben hatte? War dieser Künstler ein Chinese oder ein Europäer? Beides nicht, und beides doch! Ein Talent auf jeden Fall, vielleicht noch mehr! Der Nahmen war einfach, aus schmucklosem Holze und verschwand fast ganz unter der Menge natürlicher, lebender Rosen, Blumen und Blüten, welche ihn bedeckten. Ich sah später den Schiffsraum, in welchem diese Kinder Floras gezogen wurden, um jahraus, jahrein als Schmuck für "Pin" zu dienen. Das Bild fesselte mich in ganz ungewöhnlicher Weise. Ich stand lange vor ihm, inAnschauen versunken, und sagte nichts. Ich hatte das Gefühl, daß man Worte hier zu vermeiden habe. Als ich mich endlich abwendete, fiel mein Blick ans Raffleys Augen, welche mit einem unbeschreiblich glücklichen Ausdrucke auf das Porträt gerichtet waren. Nun sah er mich au und ich ihn. Beide schwiegen wir; dann nickte er mir zu; er hatte mich' verstanden. Als mir wieder auf das Deck traten, legte eben daS Boot an, welches Mary Waller geholt hatte. Raffley empfing sie in seiner wohlthuenden, dankerweckenden Weise und geleitete sie nach dem für sie bestimmten Logis, welches die ganze Breite des erhöhten Vorderplatzes einnahm. Sie hatte ihre Toilette vervollständigt; eine englisch sprechende Chinesin, welche für diesen Zweck vorhanden zu seiir schien, sonst aber in der Küche beschäftigt war, wurde ihr als Dienerin gegeben. Der Governor hatte es sich auf einem Liegestuhl bequem gemacht. Er rauchte eine Pfeife von der kurzen Art, welche in englischen "Traveller"-Kreisen jetzt so beliebt ist, und schien dieser Beschäftigung seine ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Tsi war schon vor uns an Bord gekonnnen. Ich kam an der Kabine, welche ihm voir Torn angewiesen worden war, vorüber und sah ihn hinter dein halbzurückgeschlagenen Vorhang sitzen. Da trat er heraus und fragte mich, Ivann der Anker gelichtet werde. Soeben zog die Maschine die Kette an; ich brauchte also nicht zu antworten, hielt es aber für geboten, ihm aus einem anderen Grunde eine Bemerkung zu machen. "Sie meiden das Deck, wie es scheint," sagte ich. "Sie haben keineVeranlassnng, ans freieBewegnng zu verzichten." "Ich will deir Governor nicht stören," antwortete er. "Bitte! Dem fällt es gar nicht ein, sich von irgend einem Menschen stören zu lassen! Seien Sie aufrichtig: er stört Sie! Und das lassen Sie sich einfach nicht gefallen! Habe ich recht?" Es kämpfte sich ein halb verlegenes Lächeln auf seine Lippen, und ehrlich, wie er immer war, gab er zu: "In; es ist richtig, was Sie sagen. Ich habe ihm sein Verhalten übelgenommen, und also nicht so edel gedacht, wie unsere Religion es von uns fordert. Verzeihen Sie! Wie kann ich es dem Einzelnen entgelteir lassen, daß er nicht anders denkt, als feilte Allgemeinheit denkt! Ich werde ihm Abbitte leisten." "Abbitte? Das halte ich denn doch nicht " "Natürlich nicht so, wie Sie es auffassen ivollen," unterbrach er mich. "Der Wunsch nach Verzeihung braucht nicht grad über die Lippen zu gehen, um sich verständlich zu machen. Darf ich fragen, als iven und was mich die beideil Gentlemeu kennen? Selbstverständlich sind Sie nach mir gefragt worden." "Sie sind Dr. med. Tsi, der in Frankreich studiert hat. Ihr Vater hat sie dort abgeholt und ist Ihnen, weil Ihr Beruf Sie veranlaßte, hier zu bleiben, nach China vorausgereist. Ich habe Sie und ihn in Kairo kennen gelernt. Hoffentlich stimmen Sie dieser Auskunft, welche ich gegeben habe, bei?" "Es ist die mir liebste, welche Sie geben konnten. Ein junger Arzt ist ein Mann, mit dem inan sich nur dann abgiebt, wenn man ihir braucht; ich werde hier also zurückgezogen leben können, und das ist mir lieb. Ich sah Mary Waller an Bord kommen. Weiß sie, daß ich auch mit hier bin?" "Nein." "Sie — — Sie —. Sie haben ihr ilichts, gar nichts davoir gesagt?" stotterte er beinahe. "Kein Wart." "Aber, ich bitte Sie! Was soll sie denken, wenn sie sieht, daß ich daß daß — — —" Er sprach den angefangenen Satz nicht ans. Das Lächeln, welches ich nicht ganz unterdrücken konnte, machte ihn irr. Er errötete sogar. "Ja, was soll sie denken?" fragte ich. "Daß sie Ihnen Dank schuldet, weiter nichts! Sie haben sich keinen Augen blick besonnen, sondern alle Ihre Verpflichtungen liegen lassen, um mit uns 311 gehen und ihren Vater zu retten. Meinen Sie etwa, daß sie darüber zürnen soll?" "Nein, das nicht; aber ich hätte sie fragen solleir, ob sie es mir erlaubt." "Jede gute That ist erlaubt; ja, man soll sie sogar ohne Erlaubnis thnn! Aber es gab ja auch gar keine Zeit zur Frage. Als Sie zu mir in das Hotel kamen, war Miß Mary soeben von uns gegangen, und wir haben sie nicht eher wiedergesehen, als bis sie vorhin an Bord kam. Es war also unmöglich, ihr zu sagen, daß sie außer mir noch einen ziveiten Gefährten aus Kairo hier treffen werde. Wünschen Sie, daß ich sie auf diese Ueberraschnng vorbcreite?" "Ich bitte sogar darilin! Es würde mir außerordentlich peinlich sein, sic in einer für mich nicht erfreulichen Weise überrascht zu sehen. Auch hege ich meines Namens und Standes wegen gewisse Bedenken. Sie weiß da nicht, lvoran sie mit mir ist." "Nicht? Nun, das soll sie sofort erfahren!" Mary ivar soeben aus ihrem Rannte getreten, um einen Scheideblick ans Penang zu werfen, denn die "Mn" begann, sich zu bewegen. Ich tvendete mich von dem Chinesen ab, um 31t ihr zu gehen, hatte meitte Worte selbstverständlich nur im Scherze gemeint; da ergriff er meinen Arm und sagte ängstlich: "Was wollen Sie? Wie ivollen Sie zu ihr, zu zu ?" "Ich werde ihr alles sagen, alles!" fiel ich ihm in die Rede und machte meinen Arm frei. "Aber ich bitte Sie um !" Mehr hörte ich nicht, weil ich mich schnell von ihm entfernte. Mary kam mir auf halbem Wege entgegen. Sie wollte irgend eine Bemerkung, eine Frage aussprechen; ich ließ ihr aber keine Zeit dazu, sondern erkundigte mich bei ihr: "Haben Sie vielleicht grad setzt grausam viel zu thnn, Miß Waller?" Nichts, gar nichts," lächelte sie. "Ich möchte Ihnen einen Herrn vorstellen." "Welchen, wo?" "Bitte, kommen Sie!" Ich führte sie nach Tsis Kabine, in welche er wieder geschlüpft war. Er sah uns kommen und sah sich also gezwungen, wieder herauszutreten. Welch eine lleberraschung für die Amerikanerin! "Das ist Herr Doktor Tsi, welcher in Montpellier Medizin studiert hat und ein untrügliches Mittel gegen Dysenterie kennt," sagte ich ernst und feierlich, als ob ich überzeugt wäre, daß sie einander noch nicht gesehen hätten. "Dieser junge Arzt," fuhr ich fort, "ist auch den beiden Englishmen, deren Gäste wir sind, als Doktor Tsi bekannt. Mehr ist wohl auch nicht nötig." Hierauf verbeugte ich mich und ging fort. Ich war mir bewußt, Tsi in eine unendliche Verlegenheit gebracht zu haben, war aber so vollständig gefühlund gewissenlos, mir nichts daraus zu machen. Die letztere Bemerkung hatte ich nicht unterlassen wollen, weil Mary Waller doch wissen mußte, als was unser chinesischer Freund hier auf dem Schiffe zu gelten hatte. Nun wendete ich meine ganze Aufmerksamkeit dem letzteren zu. Raffley kommandierte selbst. Er war der Manir, welchec bei der Ankunft der "Pin" den großen Strohhut auf dem Kopfe gehabt hatte; er trug ihn jetzt wieder, um seine Augen gegen die Strahlen der schon schiefstehenden Sonne zu schützen. Es war eine wahre Pracht, wie willig das schöne Fahrzeug jeder Silbe gehorchte, welche er in das, Sprachrohr hauchte. Die See war heilt ziemlich unruhig, aber diese "Sjtit" machte sich nichts daraus; sie nahm die Wogen mit solcher Leichtigkeit, daß von einer Erschütterung ihres Körpers fast nichts zu spüren war. Alan pflegt, wenn man von Penang nach llleh-leh geht, nach Durchquerung der Malakkastpaße in Edi, LoSemaweh und Segli anzulegen. Das sind Militärstationcn, welche an der fieberhanchenden Küste angelegt sind, nur bei den Kämpfen gegeil den Herrscher von Atjeh den kriegerischen Vorstößen in das Innere als Stützpunkte zu dienen. Infolge dieses dreimaligen Anlegens sind zwei Tage notwendig, um von Penang nach Uleh-leh zu kommen. Unsere kleine "Mn" aber konnte die direkte Linie nehmen, und da sie pro Stunde zehn Knoten mehr als die "Coen" meines Freundes machte, so brauchten wir nicht einmal einen vollen Tag, um hinüberzukommen. Das Wetter war geradezu herrlich; die Luft stand fest; die See ging in langgestreckten Wogen, von denen die eine genau der andern glich. Unsere "2]m" lag ein wenig auf die Seite geneigt und ging so leicht, so frei, so scharf wie der zur Wirklichkeit gewordene Wunsch ihres Besitzers, über die Straße. In jenen Gegenden, so nahe dem Aequator, wird es regelmäßig kurz nach sechs Uhr Nacht. Als sich nach zwei stündiger Fahrt die Soime zum Untergänge neigte, stieg Mary Waller die Stufen empor, welche auf die Decke ihre? Salons führten. Ich befand mich in ihrer Nähe, und sie winkte mir, ihr zu folgen. Da oben, beim Marmorkopfe "Mus" sitzend, konnte man den Uebergang des Tages in die Nacht am besten beobachten. Wir sprachen zunächst über ihre Freude, Tsi so völlig ungeahnt hier wiederzuseWn. Sie war gerührt von seiner, kein Opfer scheuenden Bereitwilligkeit, sofort mit nach Ulehleh 31t gehen, vermied es aber, viele Worte darüber zu machen. Dann beschrieb sie mir ihre jetzige Wohnung. Sie that das mit wahrem Entzücken und erklärte mir, so etwas noch nie gesehen zu haben. Die Einrichtung sei echt chinesisch, reich aber schon, voller köstlicher Gedanken, ein Gedicht, unbedingt von einem chinesischen Weibe gedichtet, so klar im Ausdrucke und im Reime so rein, keine Silbe zu viel und aber auch keine zu wenig, jede Falte ein wohlklingendes Wort, jeder Sessel ein traulicher Vers, jeder einzelne Gegenstand ein Zeichen höchsten Geschmackes imd in seinem Verhältnisse zum Ganzen ein Beweis zwar angeborener, aber durch die Ausbildung auch vollendeter Künstlerschaft. "Ich möchte die Frau kennen, welche diese wunderbare Wohnung, die ihres Gleichen nicht findet, gedichtet hat!" wünschte Mary am Schlüsse ihrer Beschreibung. "Sie muß ein schönes, wonniges, harmonisch empfindendes und aber doch scharf und ernst denkendes Wesen sein!" "Tapezierer!" warf ich hin. "Diese Arbeiten machen in China die Männer, welche sogar waschen und plätten." "Tapezierer?" wiederholte sie nteiu Wort. "Ich begreife allerdings, daß Sie das sagen können; aber kommen Sie, und sehen Sie; dann werden Sie anders sprechen. Ich halte es zwar nicht für unmöglich, daß es ein Tapezierer so weit bringt, in Möbelstoff, in Sammet oder Seide dichten zu können; hier dieses Gedicht aber ist so deutlich fühlbar das Werk einer echten, reinen, edlen Weiblichkeit, daß es fast wehe thut, nur daran zu denken, ob von einem Verfasser anstatt einer Verfasserin, also von einem männlichen Wesen die Rede sein könne." Jetzt berührte die Sonne daS Meer, und da flutete in einem einzigen Augenblicke eine solche Fülle goldenen Lichtes auf deir Wassern zu uns her, als ob der Ball dort im Westen sich aus Liebe aufzulösen beginne. "Erinnern Sie sich noch des Sonnenunterganges aus dem Dschcbel Mokattam damals?" fragte Mary. "Den Sie gar nicht gesehen haben," antwortete ich. "Sie ritten zu zeitig fort. Das war die Folge des bösen Wüstenwindes." "O nein, sondern die Folge von etwas ganz anderem. Ich fühlte ihn ja nicht." Sie blickte in die g old diamantene Glut, welche den ganzen Westen bis zu uns her überflammte. Dann sah sie mir mit ihren lieben, ehrlichen Augen so offen imd herzlich in das Gesicht und fügte hinzu: 189 «LL»«ZL»«LL«LL»<LL»«ZL»«LL»<LL»«LL»<LL» <£t'n terra pax. ^L»«LL»<LL»<LL»^L»<LL»«LL»«LL»«LL»«LL» 190 "Wollen Sie mir jetzt eine Bitte erfüllen?" "So gern!" "Aber gleich? Ganz gewiß? Ohne sich zn weigern? Ohne zu fragen und zu zögern?" //,\3 ^ • "Nehmen Sie sich eine Cigarre aus dem Etui, welches ich da in Ihrer Tasche sehe. Bitte, brennen Sie an!" Es war ihr ein Herzensbedürfnis, in Erinnerung an. das damalige Verhalten ihres Vaters diese Bitte ausznsprechen. Dennoch entgegnete ich: "Da steht die See in Sonnenglut. Denken wir nicht an das Glühen eines Tabakblattes!" "Und doch; Grad jetzt! Ich bitte Sie; Sie haben es nur versprochen. Es liegt in meinem Wunsche kein Gegensatz zn dieser Schönheitsfülle, die wir sehen!" Ja, wahrlich nicht; sie hatte recht! Wie leicht und doch wie schwer ist ein Frauenherz zn verstehen! Was uns Männern als Widerspruch erscheint, kann schönste Harmonie bedeuten, und was wir für oberflächlich halten, stammt vielleicht ans der tiefsten, verborgensten Seelenfalte. DaS Weib weiß es selbst wohl nicht, wie also kann der Mann es wissen! ""Jetzt brennt es," lächelte sie so liebenswürdig zn frieden, als ich ihrem Wunsche nachgekommen war. "Nun erzählen Sie mir, wie Sie mit Ihrem braven Sejjid Omar nach hier gekommen sind! Ich schau dabei gegen West, wo Aegpyten liegt, und während Sie erzählen, geht hier die Sonne vollends unter, und dort steigt vor meinem geistigen Auge der Mond hinter den Pyramiden aus und zeigt mir fünf Menschen, welche am Wüstenrande rnnd'um den Tisch sitzen, um von dem zn sprechen, welcher Sonne und Mond über Meer und Wüste führt." Ich that es. Sie sah mich nicht an, aber ihre Seele folgte nieinen Worten. Ich legte ihr die ganze, weite Route vor, welche ich mit Omar verfolgt hatte und von der ich für die vorliegenden Blätter bisher nur Aegypten und Ceylon heransgegriffen habe, weil die anderen von uns berührten Punkte zu den Personen und Ereignissen dieser Erzählung in keiner Beziehung stehen. Ceylon aber erwähnte ich des Professors Garden und meines Gedichtes wegen nicht. Es war mir, als ob das auch weiter ein Geheimnis.bleiben müsse. Grad als ich fertig war, wurde mit dem Gong das Zeichen znm Abendessen gegeben, welches aus dem freien, luftigen, elektrisch erleuchteten Deck eingenommen werden sollte. Mary saß als einzige Dame natürlich obenan. Tsi zögerte, zu kommen. Ich wollte wieder aufstehen, um ihn zu holen; da fragte mich der Governor, warum ich meinen Platz verlasse. Ich teilte es ihm mit. "Ist ihm gesagt worden, daß er bei uns speist?" erkundigte er sich bei Rafsley. "Nein," antwortete dieser. "Selbstverständliches sagt man nicht." "So bin ich schutd, daß er es nicht für selbstverständlich halt. Habe ihn also zn holen, kein anderer!" Cr ging. Rafsley wars mir einen bedeutungsvollen Blick zn; er dachte an seine.Wette mit dein -Pe^r miete", dessen für andere verborgenen Cigenschasren er gar wohl kannte. Ter letztere kehrte in etwas feierlicher Haltung mit dem Chinesen zurück, den er sogar bis zu seinem Stuhle führte. Der wahre Adel bricht, wenn es geboten ist, durch jede, auch die rauhste Schale! lieber das Menu sage ich nichts. Was reiche Leute in jenen Gegenden speisen, das ist ja allgemein bekannt. Hoch über alten diesen Delikatessen stand mir der Ton, in welchen! das sehr belebte Gespräch die verschiedenen Gänge begleitete. Besonders hatte ich mich, wenn auch nur im stillen, über Tsi zu freuen. Er aß nur lvenig, aber mir Geschmack, und er sprach auch nicht viel, aber was er sagte, das hatte Hand und Fuß. lieber China wurde geschwiegen; es lag da ein stilles Ilebereinkommen vor. Darum mochte der Governor erwartet haben, daß Tsi die für unsere Unterhaltung nötigen geistigen Fonds nicht besitzen werde. Aber da kam, so was man im Volkston einen "Schlager" nennt, bei nächster Gelegenheit noch einer und hierauf wieder einer! Der "uncle“ begann zn staunen, sagte aber nichts. Er hatte gar keine Ahnung gehabt, daß das materielle Wissen dieses jungen Mannes weit, weit über das seinige ging und daß es dann nur des Geistes bedarf, um das zu sein, was selbstbewußte Menschen bei andern als "nicht unbedeutend" zn bezeichnen pflegen, lind diesen Geist besaß der Chinese; das bemerkte der Governor immer deutlicher. Sein Benehmen gegen den jungen Mann wurde, ohne daß er es beabsichtigte, immer achtungsvoller. Ich sah, wie Mary sich darüber freute. Sie bemühte sich nach kluger Frauenart, Tsi durch Fragen und Gesprächswendungen Gelegenheit zn geben, zu zeigen, daß er den andern geistig gewachsen sei, und er benutzte das in so bescheidener und diskreter Weise, baß ich wünschte, sein Vaterkönne bei uns sitzen, um sich über diese schönen Resultate seiner Erziehung mit mir zu freuen. Nach Tische steckte sich der Governor sofort wieder seine Pfeife an und spazierte aus dem Decke auf und ab. Als ich mich ihm da für einige Minuten zugesellte, fragte er mich: "Ist dieser Tsi wirklich nichts als Arzt?" "Ich lveiß nichts anderes," antwortete ich ausweichend. "Schreckliche Menschen, diese Mongolen! Falsch, hinterlistig, treulos, alles Edlen bar und dabei rückständig in: höchsten Grade. Kann also gar nicht glauben, daß er einer ist! Habe ihn daraufhin angesehen. Augen nur ganz lvenig schief; Backenknochen ganz wenig markiert; dazu dieses reiche Wissen und diese Gewandtheit, grad das zu sagen, was er sagen will, weil andere es nicht wissen! Bin darum an dieser Rasse ganz irre geworden. Muß mich genau erkundigen, ob er zu ihr gehört. Muß unbedingt 191 Aarl May. <LL»,LL»^L»<LL>«LL»«LL>^L»^L»<LL»^L» 192 einige Tropfen kaukasisches Blut in den Adern haben! Man hört diese Tropfen ja ganz deutlich heraus! lind — ach, wollte unter vier Angen fragen: haben Sie das Gespenst gesehen?" "Welches Gespenst?" antwortete ich, obwohl ich wußte, was er meinte. "Das Bild in der Kajüte." daß sie sich bald der englischen und bald der deutschen Sprache bedienten. Im Deutschen wurde "Sie", im Englischen aber "you“, also "Ihr" gesagt. Es kam im lebhaften Gespräche sogar nicht selten vor, daß ein Satz in der einen Sprache angesangen und in der anderen zn Ende gesprochen wurde. Man war das so gewöhnt, daß man nicht einmal mehr darüber lächelte. Vielleicht hatte Raffletz darauf gerechnet, daß sich "Wie ist's?" "Zum Entzücken schön. Sie haben es doch jedenfalls >vie oft gesehen!" "Noch nicht! Komme nie hinein, lveil ich weiß, daß es drinnen hängt. Mag es nicht sehen, nie nie nie! Das heißt, offiziell! Hm! Wollte zwar schon eim mal! Würde vielleicht auch! Raffletz aber dürfte es nicht wissen —— — dürfte es nicht einmal ' ahnen! Hm! Ich weiß, Sie können schweigen. Sagen Sie nichts! Kein Wort! Aber auch nicht, daß dieser Mongole mir gefällt! Raffletz würde sonst gleich denken, daß er die Wette gewinnen lverde! Fällt mir aber gar nicht ein! Nicht einmal im Schlafe! Bin Englishman, Sir. Wette nur dann, wenn ich ganz sicher lveiß, daß ich gewinne. Muß Euch also bitten, ja nicht daran zu zweifeln!" Hiermit wendete er sich von mir ab und ging nach seinem Stuhle. Die Verschiedenheit der Anredeworte bei ihm ebenso wie bei Raffletz erklärt sich aus dem Umstande, irgend etwas ereignen werde, lvas geeignet sei, das Urteil seines Onkels über den Ehinesen umzustimmen; aber nach dem, loas ich jetzt gehört hatte, schien ein solches Ereignis gar,nicht nötig zn sein. Wir befanden uns ja erst einige Stunden in See, und doch sprach der Governor in einer Weise von ihiu, welche er selbst gewiß für unmöglich gehalten hatte. Raffletz saß mit Tsi beisammen. Sie waren in ein Gespräch vertieft, welches ich schon aus Höflichkeit und sodann auch ans dem Grunde nicht stören wollte, weil ich wünschte, daß der Englishman den Chinesen nicht nur achten, denn das that er schon, sondern auch lieb gewinnen lerne. Martz war wieder auf das Deck ihres Salons gestiegen. Sie konnte so hoch und so ganz vorn sitzen, weil sie nicht zur Seekrankheit geneigt war. Ich wollte sie fragen, ob ich mich zu ihr gesellen dürfe, doch forderte sie mich selbst dazu auf, als sie mich kommen sah. "Ich möchte Ihnen etwas erzählen," sagte sie; "etwas, was ich den anderen nicht mitteilen will, weil sie meinen Vater vielleicht falsch beurteilen werden." "Wohl den Grund, warum man ihn gefangen nahm?" fragte ich, um ihr die Ausführung ihrer Absicht zu erleichtern. "Ja. Er war so gut, so lieb, so mild geworden, fast ganz so, wie Mutter ihn gern hatte. Da kam die Krankheit, welche ihn mürrisch machte, ihm die Lebensfreude raubte und seine Empfindlichkeit verdoppelte. Je schwächerer körperlich wurde, desto mehr gab er sich Mühe, geistig kräftig aufzutreten. Ich will den Vater ja nicht tadeln; er war ja krank! Er sprach wieder von Heidentempeln und von Säulen. Die vier indochinesischen Träger, welche wir niit in die Berge nahmen, hatten keine Religion. Sie hörten ihn an und gaben ihm recht, weil sie von ihm bezahlt wurden. Ich warnte ihn; er aber hörte nicht aus mich, weil er überzeugt war, daß er ihre Bekehrung in kurzer Zeit vollenden werde. Die Bergmalayen stellten sich feindlich zu uns. Niemand nahm uns auf. Wir fanden kein Unterkommen, bis wir ganz hoch oben ein Kampong*) erreichten, dessen Bewohner mit den Weißen noch so wenig in Berührung gekommen und also so friedlich gesinnt waren, daß sic uns gastfreundlich aufnahmen und uns, nicht für Geld, sondern ans reiner, dort gewohnter Gastlichkeit, alles boten, was in ihren Kräften stand. Wie froh war ich darüber! Aber diese Freude währte nur einen einzigen Tag." "Die Malaien von Sumatra sind in den Küstengegenden und ziemlich weit in das Land hinein Muhammedaner," bemerkte ich. "Welcher Religion gehörten die Bewohner dieses Kampong an?" "Ter des Konfuzius. Es stand ein Tempel da, nur von Holz gebaut, aber mit mühsamen Schnitzereien verziert und im Innern reich vergoldet, was man der Armut dieser Leute eigentlich nicht zutrauen sollte." "Sie sind nicht wirklich arm, sondern nur bedürfnislos. Tie überreiche Natur bietet ihnen alles, was sie brauchen, umsonst. Und was die Vergoldung betrifft, so wird das Gold ja auf Sumatra selbst gefunden. Die Berge des Innern, wo Sie iimi ^ waren, bestehen aus vorkarbonischem Schiefer, welcher von goldhaltigen Quarzgängen durchzogen ist. Aber bitte, erzählen Sie weiter!" "Ich hatte gehört, daß in chinesischen Ortschaften, wo es keine besonderen Gasthäuser giebt, die Fremden in den Tempeln ausgenommen werden. Ganz dasselbe war hierin diesem sumatrairischen Kampong der Fall. Man führte uns irr den Tempel, welcher zwei Abteilungen hatte, die eine für die Opferungen und die andere für die Besucher. In dieser letzteren sollterr wir wohnen. Ich wollte, inan hätte uns lieber in die allerkleinste Hütte gesteckt!" "Ah, ich errate! Heidentempel!" "Ja. Ihre Vermutung ist leider richtig. Die guten Menschen schleppten alles herbei, um es uns so bequem wie möglich zu machen; sie brachten mehr als reichlich Speise und Trank, urrd man sah ihnen an, daß sie es gern thaten. Verstehen konnten wir sie zwar nicht, weil wir nicht malaiisch sprachen. Unsere Träger übersetzten uns, was gesprochen wurde, so gut sie eben konnten. Aber von deni Augenblicke an, wo wir uns in dem Tempel befanden, bemächtigte sich des Vaters eine Aufregung, welche mir Angst bereitete. Er sprach von nichts als vom Zertrümmern, vom Einreißcn, zuletzt gar vom Wegbrennen dieses Tempels; die Lohe dieses Hauses der Abgötterei müsse als ein Gott wohlgefälliges Opfer zum Himmel steigen. Ich gab mir alle Mühe, ihn zu beruhigen; ich bat ihn, ich beschwor ihn, diese entsetzlichen Gedanken, Liebe mit Haß, Gastfreundschaft mit Feuer zu vergelten, fallen zu 1.3 195 <Z^«^«^<Z^«LL»«LL»«LL»«LL»<LL>rLL> Karl May. «LL»«LL»«LL»«LL»E>«LL»<LL»«LL»«LL>,LL' 196 lassen; aber ich hatte nur den Erfolg, daß er nun gegen mich schwieg. In seinem Innern jedoch schrieen die bösen, unchristlichen Stimmen fort. Er konnte ihnen nicht widerstehen." "Er war krank, sehr krank!" "Nichts als irur das! Nur ein Kranker kann glauben, das, was ihm heilig ist, durch die Vernichtung dessen, was andern heilig ist, zu fördern! Das ist stets meine Ansicht gewesen, die ich dem Eifer des Vaters gegenüber mit allen Mitteln, welche einer Tochter erlaubt sind, vertreten habe, und NUN ist ihre Wahrheit ihm und mir bewiesen worden. Ich getraute mich nicht, ihn zu verlassen; aber der nächste Tag war ein konfuzianischer Feiertag, der meine Wißbegierde weckte. Tie weite Ilmgegend sandte eine Menge Pilger, welche ihre Opfergaben brachten, in Backwerk, Früchten und einer schier unglaublichen Menge von Blumen bestehend. Der Priester gab uns von allem überreichlich. Das war so rührend, er, dem feindlich gesinnten Missionar, von dem er doch wußte, was er war, denn unsere Träger hatten es ihm gesagt. Vater schien auch gerührt zu sein; er verhielt sich sehr still, und das inachte mich so glücklich. Am Nachmittage schlief er sogar ein, was seit einigen Tagen nicht geschehen war. Da glaubte ich, einmal durch das Kampong gehen zu dürfen, wo die Bewohner mit den Festgästen sich an heiteren Spielen erfreuten. Ich wurde überall so freundlich begriißt, und jeder und jede reichte mir Früchte und Blumen dar, so viel, daß ich sie nicht fassen konnte, sondern wieder an andere verschenken mußte. Da entstand plötzlich große Verwirrung; ich hörte die beiden Worte "Panas"*) und "Minting"**) rufen und sah, daß alles nach der Gegend eilte, in welcher der Tempel lag. Ich wollte vor Schreck zusammenbrechen, raffte mich aber auf, warf alle Blumen weg und lies, so schnell ich konnte, dorthin zurück, woher ich gekommen war. Als ich hinkam, stand der ganze Tempel in hochlodernden Flammen. Die Hitze war so groß, daß man sich ihm nicht nähern konnte. Unweit davon brannte ein kleineres Feuer, aus welchem der Luftzug verkohlte Zeugreste und glimmende Papierblätter in die Höhe trieb. Mein Vater hatte von den Opfergewändern des Priesters und den heiligen Büchern vor dem Tempel einen Scheiterhaufen errichtet und diesen auch in Brand gesetzt. Er selbst war von einer großen, schreienden Menschenmenge umgeben. Wie es mir gelingen konnte, mich hindurchzudrängen, das kann ich nicht sagen, aber die Todesangst verleiht ja selbst dem schwachen Weibe Riesenkräfte. Ich erreichte ihn grad in dem Augenblick, als man ihn emporhob. Man hatte ihn gebunden und wollte ihn in das Feuer werfen. Ich hielt ihn fest und verteidigte ihn, bis ich zusammenbrach; weiter weiß ich nichts." Sie hielt inne. Ihre Gestalt schauderte noch jetzt, in Folge der Erinnerung. Ich sagte nichts, kein Wort; ich konnte nur denken denken denken! *) Feuer. **) Tempel. "Als ich Ivieder zu mir kam," fuhr sie nach einer Weile fort, "lag ich aus einer Marte. Neben mir saß der Priester und untveit von ihn: einer unserer Träger, um den Dolmetscher zu machen. Fern standen oder saßen viele Leute. Der Geruch des niedergegangenen Brandes wurde von weitem hergeweht. Den Vater sah ich nicht. Ich fragte voller Angst nach ihm. Der Priester antwortete mir in einem so milden Tone, daß ich ihn nie vergessen werde, und der Träger übersetzte es mir: ""Sei ruhig! Er befindet sich wohl, und es ist ihm bis jetzt nichts geschehen. Was hat euch unser Gott, was hat euch unser Land und was hat euch unser Volk gethan? Unser Gott ist auch der einige! Unser Land hat euch vertraut und euch willkommen geheißen! Und wir selbst, wir haben euch alles gegeben, was mir geben konnten, obgleich wir wußten, daß ihr gegen unfern Himmel wütet! Und was ist euer Dank? Hochmut Verachtung Zerstörung! Wir gaben euch Blumen ihr gabt uns was? O ihr Thoren! Wißt ihr denn nicht, daß alles, lvas ihr andern thut, das thut ihr für die Zukunft an euch selbst?! Fürchte dich nicht vor mir! Ich bin Pries ter, und ein Priester richtet nicht, sondern er verzeiht! Ich habe siir deinen Vater gesorgt, daß ihm einstweilen nichts geschehe. Und ich habe dich hierher bringen lassen, damit du Ruhe habest und ich dir bei deinem Erwachen gleich sagen könne, daß du frei bist. Unser Glaube rächt die Sünde nicht an den Kindern bis in das dritte oder vierte Glied. Ein Gott, der den Unschuldigen straft, kann man sich den wohl denken?"" "Hierauf war er still und sprach nicht weiter, doch bewegte er seine Lippen im Gebete. Von dem Träger erfuhr ich, daß die zum Feste anwesenden Häuptlinge zusammengetreten seien, um über meinen Vater zu Gericht zu sitzen. Die Zeit bis zur Entscheidung wurde mir zur fürchterlichsten Qual, denn ich fühlte, daß " "Bitte, Miß Mary," unterbrach ich sie, "quälen Sie sich nicht auch noch jetzt. Sagen Sie mir das, lvas Sie mir zu sagen haben, so kurz wie möglich; es genügt!" Sic gab sich Mühe, sich zu sammeln; dann fuhr sie eng summierend fort: "Er wurde zum Tode verurteilt. Ich bat, vor die Häuptlinge geführt zu werden. Der Priester wagte es, mich hinzubringen, aber der Vater durfte mich nicht sehen. Sie hörten mich so ruhig, so verständig an. Sie waren gute Menschen. Welche falsche Vorstellung macht sich doch der, der an die eingewachsenen Vorurteile glaubt, von jenen sogenannten "wilden Völkern"! Aber ihre Gesetze forderten den Tod meines Vaters. Welch ein Gliick, daß meine Thränen mächtiger als diese Gesetze waren! Man begnadigte ihn zu fünfzigtausend Gulden Schadenersatz für den Tempel, die Gewänder, die Bücher und die Kosten, mich hinunter an die Küste und dann hinüber nach Penang zu bringen. Da aber für einen reichen Mann die Zahlung 13* 197 <Zt§»<LL»«LL»«ZL»<LL»«LL»«LL»«LL»«LL»«LL» Lt in terra pax. <LL»<LL»«LL»<LL»«LL»<LL»<LL»<LL»<LL»«LL» 198 einer nicht schwer erschwinglichen Summe eure milde Strafe ist, so wurde sie dadurch verschärft, daß ich abreisen mußte, ohne von ihm noch einmal gesehen worden zu sein. Ein Träger begleitete uns als Dragoman. Ich wurde zu Pferde an den nächsten Fluß gebracht, dem wir per Kahn bis an die Küste folgten, nni dann für die Fahrt über die Malakkastraße eine größere Praue zu nehmen. Das übrige wissen Sie. Was ich gelitten habe und noch leide, das ist Nebensache. Ohne Raffley und Sie würde der Vater dennoch sterben müssen. Nun aber ist es mir so frohgewiß, daß er mir erhalten bleibt, wenn wenn ihn nicht die Krankheit inzwischen töten wird." "Er wird noch leben, wenn wir. kommen," tröstete ich sie. "Es klingt eine deutliche Versicherung in mir, daß es so ist, und diese Stimme kenne ich. Dann wird Tsi sein Mittel wirken lassen, welches er für untrüglich hält. Ich bin vollständig überzeugt, daß Mr. Waller gerettet wird, nicht nur von dem Spruche der malaiischen Richter und nicht nur von dieser zerstörenden Krankheit, sondern auch von ihren seelischen Folgen, auf welche seine That und seine jetzige Lage zurückzuführen sind. Werfen Sie alle Besorgnis von sich, und versuchen Sie, zu schlafen! Das ist Ihnen jetzt nötiger als alles andere!" Wir sagten uns hierauf "gute Nacht." Unten winkte mich Raffley zu sich und nahm mich mit in seine Kajüte. Er hatte uns beobachtet und ganz richtig vermutet, daß sie mitteilsam gegen mich gewesen sei. Ich erzählte ihm, was ich für nöthig hielt. Als ich fertig war, sagte er nichts, sondern öffnete ein Schubfach, ans welchem er nach einigem Suchen ein älteres Zeitungsblatt nahm. Sich mir gegenübersetzend, sprach er dann: "Ich habe hier eine alte Nummer des "Handelsblad Padangs", in welcher es kurz und bündig, aber auch ungeheuer deutlich heißt: "Bis jetzt hat der Krieg der Holländer gegen den Sultan von Atjeh 45',600,000 Gulden gekostet. Dafür sind über 40,000 Eingeborene totgeschossen worden; folglich hat jeder derselben den Holländern 1140 Gulden gekostet. Dazu konimen die holländischen Soldaten, welche im Kampfe sielen, zu Krüppeln wurden oder an den verheerenden Krankheiten des Snmpflandes gestorben sind. Falls wir für die verausgabte Summe Grundstücke zum Preise von 1140 Gulden pro Hektare angekauft hätten, so würden wir auf dem friedlichsten Wege zu wenigstens 40,000 Hektaren des besten Landes gekommen sein und wären nicht am Tode von gewiß über 60,000 Menschen schuld." Raffley legte das Blatt wieder an seine Stelle und fuhr dann fort: "Das wurde von einem auf Sumatra gedruckten, holländischen Blatte vor siebenundzwanzig Jahren geschrieben. In welcher Weise sich die angegebenen Summen während dieser Zeit vergrößert haben, wollen wir nicht versuchen, auszurechnen. Wißt Ihr nun, was wir Europäer unter "civilisieren" verstehen? Es kanir mir nicht beikommen, ein einzelnes Land, eine einzelne Nation anzuklagen. Aber ich klage die ganze sich "civilisiert" nennende Menschheit an, daß sie trotz aller Religionen und trotz einer achttausendjährigen Weltgeschichte noch heutigen Tages nicht wissen will, daß dieses "Civilisieren" nichts anderes als ein "Terrorisieren" ist! Was ich, nämlich ich, John Raffley, unter "Civilisation" verstehe, das werdet Ihr sehen, wenn wir nach China kommen; mehr darf ich jetzt nicht sagen! Was in der großen Welt da draußen eben auch im Großen geschieht, das ist jetzt da drüben im kleinen Atjeh mit eurem Freunde Waller eben auch in: Kleinen geschehen: der Uncivilisierte hat sich seiner im höchsten Grade civilisiert angenommen, und er, der Hochciöilisierte, hat sich dafür im höchsten Grade uncivilisiert bedankt! lind wie er nun verloren wäre, wenn wir ihn nicht retteten, so wird auch für unsere Civilisation einst die Zeit kommen, in welcher sie um Hilfe aus einer Not schreit, die sie selbst verschuldet hat! Und noch mehr: wie es hier ans meiner guten "Din" eine von iiberall her zusammengetroffene Gesellschaft ist, welche Hilfe bringt, Engländer, ein Deutscher, ein Araber, ein Chinese, genau so werden einst die Wohlmeinenden aller Nationen sich zu vereinigen haben, um die unausbleiblichen Folgen dieses "civilisatorischen" Terrorisierens wieder gut zu machen. Denn gut gemacht muß alles Schlimme werden, vollständig gesühnt und bis auf die letzte Ziffer abgebiißt, so will es die göttliche Gerechtigkeit. Dieses scheinbar harte und doch so tröstliche Gesetz gilt für die Gesamtheit des Volkes ebenso >vie für den einzelnen Menschen, und wen es nicht schon in der Gegenwart trifft, dem mag für seine Zukunft bange sein! Es giebt für den Schuldigen ein fürchterliches, ein ganz entsetzliches Wort, und das lautet: Sündige ja nicht auf Gottes Langmut hin, denn du rechnest ihm nicht einen einzigen Heller ab! Und nun, mein lieber Charley, wollen wir uns schlafen legen; wir wissen nicht, wie lange wir morgen wachen müssen. Mein alter Tom hält für uns diese Nacht seine Angen. offen, und auf ihn können wir uns verlassen." Ich ging, um noch einige Worte nnt Tsi zu sprechen und mich dann auch einmal um meinen Sejjid Omar zu bekümmern, für den so eine kleine Aufmerksamkeit stets großen Wert besaß. Er unterhielt sich mit Bill, den: Steuermann, und rauchte dabei eine Cigarre, welche dieser ihm geschenkt hatte. Nie stand er anders vor niir als kerzengerade und stramm, wie ein Soldat vor seinen: Offizier; das war ein vollständig freiwilliger Ausdruck seiner Achtung, der ihn selbst mit Stolz zu erfüllen schien. Näherte ich mich ihm, wenn er eine Cigarre rauchte, so warf er sie unbedingt weg, auch wenn er sie soeben erst angebrannt hatte. Das wollte er auch jetzt thun; ich verbot es ihm. Er hatte schon mit der Hand ausgeholt. Als erste wieder sinken ließ, sah ich beim Scheine des elektrischen Lichtes an ihr etwas funkeln, was nicht der glimmende 199 «^<Z^<LL»<LL»«LL»«LL>«LL»«LL»,LL'«LL» Karl May. «LL»«LL»«LL»«LL»«LL»<LL»<LL»«LL»^L.^L» 200 Brand der Cigarre sein konnte. Ich ergriff diese Hand, um nachzuschauen. Er trug, wie jeder Orientale, gern Ringe an den Fingern; sie hatten zwei für ihn sehr wichtige Eigenschaften: sie waren sehr groß, aber auch sehr billig. Jetzt sah ich einen neuen, der aber keines von diesen beiden Attributen besaß. Er hob die Hand näher an meine Angen und sagte: "Diese Steine sind echte Almaß*), Sihdi. Man muß sie am Tage in das Licht legen, nicht etwa in den Kasten; dann geben sie es abends wieder." "Ich wurde zu Pferde an den nächsten Fluß gebracht" Ich dachte mir natürlich gleich, von wem er ihn hatte, fragte aber dennoch: "Wo hast du ihn gekauft?" "Gekauft? Ich? O, Sihdi, was du von mir denkst! Eiic Ring, für den ich einen halben Franken gebe, geht ebenso weit um meinen Finger herum wie einer, welcher tausend Franken kostet. Ich bin kein Thor. Diesen hier hat mir der Engländer geschenkt, den ich aus dem Wasser geholt habe. Und außerdem mußte ich ihm die Adresse meines Vaters sagen; warum, das weiß ich nicht." "Du wirst es erfahren, wenn du wieder nach Kairo kommst. Er will dir dankbar sein." "Er mag es sein, aber ja nicht meinetwegen! Ich brauche nichts; aber was die Dankbarkeit thut, das wird bei Allah eingeschrieben und einst dem Menschen tausendfältig zurückgegeben. Darum soll man nie einen Dank zu rückweisen, und darum habe ich diesen Ring auch angenommen. Ich wollte ihn aufheben, habe ihn aber angesteckt, weil wir uns auf einem so vornehmen Schiffe befinden. Das muß man zu ehren wissen!" So komisch das auch klingen mag, ihm war es wirklich Ernst damit. Er hatte sich für unsere schöne "Jin" geschmückt. Sein geistiger Horizont war während unserer Reise weiter geworden, doch ohne daß irgend eine seiner guten, liebenswürdigen Eigenschaften darunter gelitten hatte. Uebrigens freute ich mich besonders um seinetwillen über Dilles Dankbarkeit. Es war das ein nicht zu unterschätzender Geivinn für seine Nächstenliebe und Menschenfreundlichkeit. Die Nacht verging. Ich schlief sehr gut und lange. Als ich auf das Deck kam, erfuhr ich, daß wir die Spitze von Tanjong Perlak schon hinter uns hätten und uns also in den Gewässern von Sumatra befänden. Später sah man backbordsweise den Goldberg in blauer Ferne liegen. Segli wurde doubliert, und dann dauerte es gar nicht lange, so machte RaffleY uns darauf aufmerksam, daß wir dem Ziele nahe seien. klleh-leh ist nicht groß, fast durchweg nur aus Holz gebaut. Der Stil der Häuser ist darauf berechnet, möglichst luftig zu sein und doch genügenden Schutz gegen die sehr kräftigen Monsnmregen zu gewähren. Ein breiter, ans starken Bohlen zusammengefügter Landungssteg reicht in die See hinein. Große Fahrzeuge können sich ihm nicht nähern. Bei der Ankunft von Passagierdampsern entwickelt sich auf ihm ein außerordentlich buntes, hochinteressantes Treiben, bei welchem man die verschiedensten Typen Sumatras in Bewegung sehen kann. Wir kamen unerwartet: darum war er ziemlich Menschenleer. Es war beschlossen worden, uns im Hafen gar nicht anfzuhalten, sondern mit der Bahn hinauf nach Kota Radscha 311 fahren, um womöglich, ebenso lute vorher Waller, im Kratong Wohnung zu nehmen. Die mit der Hafenbehörde zu erfüllenden Förmlichkeiten wurden Tom anvertraut. Wir booteten aus. Am Landungsstege wurden wir von einem Beamten empfangen, dessen erste Frage war, ob wir Waffen bei uns trügen; wir hätten sie abzuliefern und würden sie dann beim Einschiffen wiederbekommen. Die Revolver hatten wir bei uns; die Gewehre sollten uns nachgebracht werden. Als wir uns nach der Ursache dieser Maßregel erkundigten, sah der Mann uns forschend an und fragte, ob wir vielleicht Engländer seien. RaffleY antwortete mit einem snmmarischen Ja. "So kann ich Ihnen nur sagen, daß wir uns um Ihre Personen nicht bekümmern werden," erklärte der Beamte. "Ich frage nicht einmal nach Ihren Pässen und Namen, denn ich sehe, daß Sie Gentlemen sind. Aber wir haben grad jetzt scharfe Differenzen mit den Eingeborenen, und *) Diamanten. 201 <LL»^L»<LL»«LL»<LL»<LL»^L»«LL»<LL»^L» Lt in terra xax. <LL>«LL»«LL»<LL»«LL»«LL><LL»<LL»«LL»rLL» 202 es giebt eine europäische Nation, welche ihnen heimlich Waffen liefert. Sie verstehen mich? Sie haben die Wahl, Ihre Gewehre und Munition entweder hier zu deponieren oder sie auf dem Schiffe zu lassen." "Well, so wählen wir das letztere," meinte Rafflet). Wir gaben unfern Bootsleuten die Revolver und konnten dann gehen, wohin wir wollten. Nicht einmal nach verzollbaren Gegenständen wurden wir gefragt. "Holland handelt sehr anständig," bemerkte Tsi. "Ja, aber zwischen ihnen uitd den Eingeborenen scheint gerade jetzt der Ausbruch eines Kampfes zu drohen," warf der Governor ein. "Wir kommen nicht zu einer für uns bequemen Zeit. Wer weiß, ob wir unfern Zweck erreichen!" "Unbedingt!" Tsi sagte dieses Wort in so bestimmten Tone, daß der Gouverneur sich ihm voll zuwandte und mit einem zwar nicht unfreundlichen aber überlegenen Lächeln fragte: "Wie kommen gerade Sie zu dieser mutigen Ueberzeugung? Die Auslösungssumme ist zwar vorhanden, aber wir brauchen sehr wahrscheinlich mehr als Geld, nämlich Einfluß, Klugheit, Mut und noch vielerlei, was einem Arzte fernzuliegen pflegt." Ta schaute Tsi ihn frei und heiter an und antwortete: "Danke, Mylord! Ich kenne Aerzte, welche auch klug und mutig zu handeln wissen; doch, das ist Nebensache. Tie Hauptsache ist, daß ich mir versprochen habe, daß Miß Waller ihren Vater wieder bekommen soll, falls er noch lebt, und dieses Versprechen werde ich halten." "Auch wenn wir nicht dabei wären?" "Ja!" "Wollen wir wetten?" Da blitzten die Augen des Chinesen auf. Indem der Governor ihm eine Wette entbot, hatte er ihn als gesellschaftlich gleichstehend anerkannt. "Ja!" erklang die schnelle, kräftige Zustimmung. "Wie hoch?" "So hoch Sie wollen!" Wir hatten int Gehen gesprochen. Ter Landungssteg lag hinter uns, und wir befaudett uns am Beginn der breiten, links von Häusern und rechts meist vott schattigen Bäumen eingefaßten Straße, welche vom Hafen aus lntker Hand nach dem Bazar der Eingeborenen und auch ttach dem Bahnhofe führt. Da blieb der Governor stehen, musterte den Chinesen wie einen ihm völlig Unbekannten von oben bis ganz unten und fragte im Tone inniger Belustigung: "Wissen Sie, was Sie da wagen?" "Ich wage nichts!" antwortete Tsi, wobei diese drei Worte unendlich bescheiden klangen. "Gut! Sagen wir zwanzig Pfund, fünfzig Pfund, hundert Pfund, tausend Pfund?" "Zweitausend Pfmtd, fünftausend Pfund, zehntausend Pfund?" fuhr der Chinese lächelnd fort. "Mann! Mensch! Chinese, Mongole, du bist verrückt!" rief da der Governor aus. "Warum gerade ich? Ist nicht bei jedem, der es thut, ein gewisser Teil von Verrücktheit dabei, auf das Wohl oder Wehe, aus Tod oder Leben eines seiner Mitmenschen einen Geldgewimt zu setzen?" "Mag sein! Aber diese Sache ist so großartig interessant, wie ich noch itie jemals eine andere gefunden habe. Sie muß ausgefochten werden, wenn Sie nicht geradezu wahnsinnig sind! Wenn wir uns doch setzen könnten!" Er sah sich tun, deutete einige Häuser weit nach vorwärts und fuhr fort: "Dort ist ein Laden. Ich sehe Flaschen. Es stehen Stühle auf der offenen Veranda. Well! Kommt alle mit!" Er war im höchsten Grade begeistert und eilte uns voraus. Wir andern folgten. Raffley machte ein sehr besorgtes Gesicht und sagte mit unterdrückter Stimme zu mir: "Soll ich etwa befürchten, Charley, daß Euer Bekannter sich eilten Scherz ntit meinem Verwandten erlaubt?" "Das ist attsgeschlossen!" antwortete ich. "Aber diese Summen!" "Warten wir es ab! Tsi ist ein Ehrenmann." "Well! So ist die Sache allerdings kolossal unterhaltend! Endlich einmal eine anständige Wette, bei welcher nicht geknausert wird! Charley, lieber Charley, thut mir doch den Gefallen und wettet mit, daß Tsi nicht genug Geld hat!" "Fällt mir gar nicht ein! Ich würde ja gewinnen!" "Nein!" "O doch! Dieser Chinese ist kein Faxenmacher!" "Also Ihr ivollt nicht?" "Nein!" "Schrecklicher Mensch, der Ihr seid! Aber auch nicht im geringsten bildungsfähig!" "Hört, Sir, sagt das nicht! Sonst wette ich doch einmal mit Euch, aber so hoch, daß dann höchst wahrscheinlich Ihr es seid, der mir nicht parieren will!" "Was?" rief er erregt aus. "Mit Euch wette ich um alles, alles, alles, ivas Ihr wollt!" "Wirklich?" "Ja! Ich gebe Euch mein Wort! Denn Euch, Euch, Euch zunt Wettett zu bringen, das wäre ja noch viel, viel kolossaler 'als dieser Pakt zwischen meinem Uncle und Eurem Tsi. Und ich zwittge Euch, Charley; hört, ich zwinge Euch, indem ich jetzt abermals behaupte, daß Ihr ein ganz nutzloser Mensch seid, der keiner Bildung fähig ist!" "Gut! So wetten wir also!" "Euer Ernst?" jubelte er auf. "Ja." "Daß Tsi iticht genug Geld hat?" 203 «LL«LL»<ZL»«LL><LL»«LL'^L»^L'^!L»^L» Karl May. <LL»<LL»«LL»«LL»<LL»<LL»^L»«LL»^L»«LL» 204 C\A // rr\3^* "Um was? Schlagt vor! Ich gehe auf alles, alles ein!" "Abwarten! Wollen uns erst setzen!" Wir waren an dem betreffenden Hause angekommen. Es hatte, wie die andern neben ihm, ein kleines Vorgärtchen, aus welchem man auf Stufen in die hölzerne Veranda gelangte. Von dieser aus trat man in den sehr sauber eingerichteten Laden, in welchem eine Accuratesse herrschte, als sei er mehr zur Unterhaltung als zum Erwerbe vorhanden. Den Namen des Besitzers nenne ich nicht, und zwar aus Gründen, welche sich aus dem Verhalten unseres Tsi ergeben werden. Der Governor hatte eiligst Stühle um einen Tisch gesetzt. Wir nahmen Platz. Der Sejjid hockte sich draußen auf der Treppe nieder. Wir konnten Limonade bekommen; sie sollte naturell sein, denn wir wollten nicht das fertige, aber fade Brausewasser trinken. Sie mußte also erst zubereitet werden, und da dies der Besitzer selbst übernahm, so waren wir allein und ohne störende Zeugen. Tsi hatte sich, ehe er sich setzte, in dem Laden umgesehen, ohne aber mit dem Inhaber ein Wort zu sprechen. Jetzt lag der Ausdruck innerer Befriedigung auf seinem Gesichte. Zufällig begegueten sich unsere Blicke. Da nickte er mir bedeutungsvoll zu. Ich verstand ihn nicht, merkte aber dann später, was er gemeint hatte. Was Mary Waller betrifft, so handelten wir wahrscheinlich etwas rücksichtslos gegen sie; aber sie nahm das nicht iibel und war ganz mit bei der Sache. Sie sah übrigens heut schon bedeutend wohler aus als gestern. "Also, ordnen wir unsere Angelegenheit!" begann der Governor. "Wieviel setzen wir?" "Soviel Sie wollen!" erwiderte Tsi. "Gut! Ich will Sie nicht unglücklich machen. Sagen wir also tausend Pfund. Haben Sie  " "Halt! Still!" fiel da schnell Rasfley ein. "Bis hierher habl Ihr sprechen dürfen; nun aber komme ich mit Charley an die Reihe." "Wieso?" "Ich werde mit ihm wetten." "Fällt ihm nicht einmal im Traume ein!" behauptete der "dear uncle”. "Ist ihm aber schon eingefallen! Sogar im Wachen!" "Ich Ivette aber mit dir, um was du willst, daß er nicht mitmacht!" Da wollte Rasfley schnell zugreifen, um noch eine dritte Wette fertig zu bringen; ich fiel ihm aber dazwischen, indem ich dem Governor erklärte: "Ich bin allerdings zu einer Ausnahme von der Regel bereit. Es ist aber die erste und zugleich die letzte." "Ihr wollt wetten? Wirklich, Ihr wollt?" fragte er ungläubig. ,/^G"Prächtig! Herrlich! Unvergleichlich! Welch ein schöner Tag, heut! Fast der schönste meines Lebens! Aber sagt mir da nur nicht, daß dies die erste und zugleich die letzte Ausnahme sei! Wer einmal angefangen hat, der hört nie wieder auf!" "Pshaw! Dieses Mal nicht! Wer diese unsere Wette verliert, wird niemals wieder wetten; dafür ist gesorgt!" "Bin sofort bereit, mit Euch zu wetten, daß er wieder wettet! Aber sagt, wie ist das gekommen, und worauf bezieht es sich?" Ta antwortete John Raffley an meiner Stelle: "Das habe ich zu sagen, weil Mr. Tsi es Charley übelnehmen könnte. Ich habe nämlich behauptet, daß Mr. Tsi die Summe nicht setzen kann, und Charley wettet für das Gegenteil. Unsere Wette muß also eher sestgestellt werden als die eurige. Also, was setzen wir? Ich bin zu allem bereit." "Kein Geld," antwortete ich. "Nicht? Warum?" "Auf diesem Gebiete stehe ich Euch nicht gleich. Wir müssen uns auf ein anderes begeben, wo der Unterschied nicht so bedeutend ist." "Einverstanden! Die Sache wird von Minute zu Minute schöner! Also, weiter!" "Ja, Ihr strahlt vor Freude am ganzen Gesichte; mir aber ist diese Wette kein Spiel, sondern Ernst. Ich sagte, wer diese Wette verliert, werde nie wieder wetten. Ihr nehmt jeden Einsatz an?" "Ja. Halte stets Wort!" "Gut! Setzen wir also Gewohnheit gegen Gewohnheit. Ich fordere nämlich von Euch Eure Gewohnheit, zu wetten!" Da nahm sein Gesicht schnell einen andern Ausdruck an. Er sah mich einige Zeit lang wortlos an upid sagte dann langsam: "Ah, also ein Attentat, ein echtes, wirkliches, wohlüberlegtes Attentat!" "Das ist es allerdings!" "Charley, Ihr wagt da viel! Ihr setzt unsere ganze Freundschaft aus das Spiel!" "Das weiß ich; ich weiß aber auch, warum!" "Nun, warum?" "Das könnte ich Euch höchstens unter vier Augen sagen!" "Ich will es aber jetzt wissen! Ich befehle Euch, es zu sagen!" Die vorher so heitere Situation war mit einem Schlage ernst geworden. "Gut, Ihr befehlt, und ich gehorche, denn " "Halt, nicht so!" fiel er schnell ein. "Ich danke Euch, Charley, daß Ihr darüber hinweggehen wolltet! Ich habe Euch gar nichts zu befehlen; ich sprach unüberlegt. Aber ich bitte Euch, uns Euern Grund zu sagen!" 205 <^^L«LL»,LL»«LL>«LL»^L»rLL»^L»«LL» Lt in terra pax. <>LL»«LL»«LL»«LL»^L»«LL»<LL»«LL»<LL,«LL> 206 "Er lautet sehr einfach: Ihr sollt verlieren, weil diese Wettsucht Eurer nicht würdig ist." "So — so — so so! Also doch Attentat!" "Ja, gewiß! Ihr habt mich gezwungen und müßt es Euch nun gefallen lassen, daß ich das Erzwungene so vollständig thue, daß nichts übrig bleibt. Ich wette nie; das habe ich Euch hundertmal gesagt. Aber wenn ich einmal wette, so will ich nicht nur diese eine, sondern zugleich auch alle zukünftigen Wetten meines Gegners gewinnen." "Schauderhaft! Fast teuflisch!" "Nein, sondern das Gegenteil! Ihr habt mir wiederholt und in vollem Ernst erklärt, daß meine Abneigung gegen das Wetten ein Schandfleck an mir sei. Ich hingegen teile Euch aufrichtig mit, daß es in meinen Augen keinen vollkommeneren Gentleman als Sir John Rasfley geben würde, wenn es ihm gelänge, der Gewohnheit zu entsagen, sich bei jeder Gelegenheit gegen den edeln Wert des Geldes zu versündigen. Das Geld ist nicht nur Metall; es stecken in ihm die Arbeiten und Sorgen, die Anstrengungen und Entbehrungen aller Eurer Vorfahren und ihrer Unterthanen. In diesen Goldstücken ist der ganze Schweiß und sind alle Thränen verstorbener Generationen materialisiert. Dieses Geld ist Gotteslohn und zugleich auch Teufelslohn, je nach der Weise, in welcher es errungen wurde. Euch allein ist es möglich, es dem Satan zu entreißen und nur allein dem Guten und dem Edlen zu widmen. Ihr könnt die Thränen des Kummers, welche iu ihm stecken, in Freudenthränen verwandeln. Das thut man aber nicht, indem man wettet. Ich Mill Euch dieses Wetten abgewinnen, und wenn Ihr es verliert, werdet Ihr in dieser einen Wette mehr gewinnen, als Ihr in Euerm ganzen Leben gewonnen habt und noch gewinnen könntet. Ihr habt Euch Euern Reichtun: nicht erworben und kennt also die bösen Geister nicht, die in ihm wohnen. Indem Ihr mit dem Reichtum spielt, spielt Ihr mit diesen Geistern. Ich will Euer Spiel in heilig schönen Ernst verkehren, damit diese bösen Geister sich für Euch in gute verwandeln! Sir John Rasfley, Ihr steht vor einem ernsten Augenblicke. Wollt Ihr noch mit mir wetten oder nicht? Ich will Euch erlauben, noch zurückzutreten!" Da sah er mir mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke in das Gesicht, nickte mir lächelnd zu und antwortete: "Ich halte Wort; ich wette mit; ich setze, was Ihr fordert. Aber was setzt Ihr dagegen? Natürlich auch eine lieb gewordene Gewohnheit?" "Mehr als das. Ihr wißt, daß ich ebenso gern rauche, wie Ihr gern wettet; das eine hat für Euch genau denselben Wert wie das andere für mich; aber ich gebe mehr: ich setze meine Gewohnheit, Bücher zu schreiben. Sie ist mehr als nur eine Gewohnheit, sie ist mein Beruf, der mich ernährt. Verliere ich, so bin ich ein armer Mann. Ich setze also mehr, viel mehr als Ihr, und das muß Euch beweisen, wie sehr mir daran liegt, Euch für den wahren Wert des Geldes zu gewinnen. Es kann und wird in Euern Händen dann zum Segen für Tausende werden." "Mein Charley!" rief er aus. "Alter, lieber, guter Kerl! Well! Es gilt! Abgemacht? "Ja." "Uud ohne spätern Zorn?" "Unbedingt!" "Einschlagen!" Wir legten die Hände ineinander. Da hielt der Governor es für an der.Zeit, Rasfley zu beruhigen: "Seid unbesorgt, ckear nephew; Ihr werdet mit mir gewinnen! Aber es ist heut wirklich wundervoll. Zwei solche Wetten sind noch nie so eng beisammen gewesen. Wollen nun die Bedingungen der unserigen feststellen." Jetzt wurden die Limonaden gebracht; sie waren klein, und wir hatten wegen der Hitze Durst; wir tranken aus, bestellten neue und gaben dadurch dem Besitzer des Ladens Ursache, sich wieder zu entfernen. Hieraus wendete sich der Governor an Tsi: "Also ich setze tausend Pfund." "Ich auch," nickte der Chinese. "Aber nicht auf.Kredit, sondern sofort und bar zu erlegen. Charley macht den Kassierer!" "Einverstanden!" "Was? Wie? Wirklich? Ach, Ihr wißt wahrscheinlich nicht, wieviel das in anderem Gelde macht! Also sofort zu erlegen, gleichviel, woher man es nimmt oder bekommt?" "Ich stimme bei." "Well! Und auf welche Bedingungen setzen wir das? Sie behaupteten doch wohl, den Vater von Mß Waller sreimachen zu können?" "Ja, das wollte ich." "Ohne unser Lösegeld?" "Ja." "Ohne unsere Hilfe?" r,\SCl. "Ganz allein?" "Ja." "Bis wann?" "Schneller, viel schneller, als Sie es können, Mylord!" Die Zuversicht des Chinesen irritierte den Governor ungeheuer. "Was für ein sonderbarer junger Mann!" rief er fast zornig aus. "Und daraus wollen Sie tausend Pfund setzen?" "Gern!" "Hören Sie, handeln Sie ja mit Bedacht! Ich werde streng auf Erfüllung dieser Bedingungen bestehen! Noch ist es für Sie Zeit, zurückzutreten. Ich will nachsichtig sein! Ich weiß, daß die Chinesen zuweilen ziemlich unüberlegt handeln." 207 <2^<gS><2S»«ä2§><2^£><2i£><S£g>^ä><SS><S^> Aarl May. <^<Z^<LL»<LL.<LL»«LL.<LL.<LL.«LL»<LL. 208 Das klang beinahe beleidigend; Tsi aber antwortete in seinem höflichsten Tone: "China bedarf der Nachsicht Englands auf keinen Fall und in keiner Weise!" "Gull also abgemacht!" entschied der Governor in strengem Tone. "Jetzt legen Sie das Geld!" "Nach Ihnen, denn Sie sind Lord, und ich bin Gast Ihres Schisses!" Der "dear uncle” fühlte gar wohl, daß er von seinem Gegner Hieb für Hieb geschlagen wurde. Er zog seine Börse heraus und begann, zu zählen. Dann wendete er sich an Rafflet): "Ich habe natürlich nur soviel mit, wieich glaubte, hier und für heut zu brauchen. Ich bitte um tausend Pfund." Da sah der "nephew” den "uncle” erstaunt an, ließ seinen Klemmer vor bis aus die Nasenspitze rutschen und antwortete: "Was denkt Ihr, Sir? Auch ich habe natürlich nicht den ganzen Inhalt meiner Kasse mit, sondern nur so viel, wie wir für heut und morgen brauchen werden." "Well! Aber das Lösegeld? Das habt Ihr doch wohl bar bei Euch!" "Allerdings; aber es gehört nicht mir, sondern Miß Waller, und von einer Dame borgt kein Gentleman. Und selbst wenn sie es Euch freihändig anbieten wollte, würde ich dagegen sein, denn wir dürfen es nicht angreifen, weil wir es für ihren Vater brauchen." "Fatal! Höchst fatal! Und Ihr, CharleY?" "Mir ebenso fatal!" antwortete ich. "Ich kann hier nur mit zweitausend Gulden dienen, und das ist nichts. Mein Cirkulär-Kreditbrief ist doch nicht bares Geld!" Da holte der Governor tief, tief Atem und sagte: "Da muß ich freilich eingestehen, daß ich nicht setzen kann! Aber Sie, Sie werden es gewiß auch nicht können?" Tsi, an den diese Worte gerichtet waren, zog sein Portefeuille aus der Tasche, entnahm ihm tausend Pfund in Noten und legte sie gerade in dem Augenblicke auf den Tisch, als der Ladenbesitzer die Limonaden brachte. Dabei sprach er: "Mit viel mehr Bargeld kann ich auch nicht dienen; aber, Mylord, Sie haben ja selbst die Bedingung gestellt, daß es gleichgültig sei, woher man es bekommt?" "Das ist richtig, nützt mir aber nichts," antwortete der Governor. "O doch; es wird Ihnen nützen." Und sich an den Besitzer wendend, fragte er diesen: "Kennen Sie mich?" "Nein," antwortete der Gefragte. "Ich habe noch nicht die Ehre gehabt, Sie zu sehen." "Haben Sie tausend Pfund im Hause?" "Nein." "Es wäre aber doch wohl zu beschaffen?" "Hm! Ja! Wenn wenn!" Cr wurde verlegen. Ein vollständig fremder Mensch verlangte eine bedeutende Summe von ihm, der sie nicht einmal hatte! Da lächelte mir Tsi in bezeichnender Weise zu, nahm aus dem Portefeuille ein kleines, ledernes Couvert, öffnete es, hielt es dem Manne hin und sagte: "Ich bitte um tausend Pfund englisch gegen Unterschrift! Wie lange dauert es, das zu besorgen?" Da verbeugte sich der Gefragte tief, sehr tief und antwortete ebenso schnell wie sichtlich erfreut: "Nur zehn Minuten. Es steht ja grad ein Wagen da. Ich eile!" Er sprang die Stufen hinab, durch das Vorgärtchen und ans den Wagen zu, welcher sich im raschen Trabe mit ihni entfernte. Es giebt in Uleh-leh und Kota Radscha eine Art sehr leichter Droschken, welche mit kleinen, aber sehr schnellen, edlen Batak-Ponies bespannt sind. Was Tsi vorgezeigt hatte, war sein "Pu" gewesen. Er steckte es in einer Weise ein, als ob der Vorgang ein für ihn ganz gewöhnlicher sei. Aber Rafflet) und der Governor konnten ihr Erstaunen doch nicht ganz verbergen, wetm sie ihm auch keine Worte gaben. Ter letztere fragte in sehr herabgestimmtem Tone: "Was thun wir nun aber mit der Wette?" "Sie gilt," mttwortete Tsi. "Ich kann aber doch nicht setzen!" "Ich bitte, warten Sie!" Es trat eine Verlegenheitspause ein, welche ich mit Tsi auszufüllen suchte. Es gelang uns aber doch nicht ganz. Da kam der Wirt zurück und zählte die geforderte Summe in guten Papieren auf den Tisch. Tsi legte sie dem Governor hin, indem er bat: "Das ist für Sie, Mylord, damit Sie setzen können. Bitte, nehmen Sie es von mir an, bis wir wieder an Bord kommen!" Hierauf entfernte er sich mit dem Ladenbesitzer, nin ihm Quittung zu schreiben. Der Uncle schob mir die zwei Tausend zu und sagte: "Nehmen Sie das Geld, Charley! Sie sind ja der Kassierer. Ich weiß nicht, was ich sagen soll! Wer und was ist denn eigentlich dieser Doktor Tsi? Braucht denr ersten, besten unbekannten Mann ans Sumatra nur ein ledernes Etwas vorzuzeigen, um tausend Pfund zu bekommen, rund zwanzigtansend Mark oder sünfundzwanzigtausend Franken!" "Dsbaev!" fiel Raffley ein. "Diese Frage beschäftigt mich weniger. Wißt Ihr denn, dear uncle, daß ich meine Wette an Charley verloren habe?" Da sah ihn der Gefragte zunächst ganz erstaunt an, denn an diese Wirkung seiner eigenen Wette hatte er jetzt noch gar nicht gedacht. Dann kam ihm das Bewußtsein dessen, was John seinetwegen verloren hatte. Er sprang erschrocken aus und rief aus: 209 ^L»«LL»«LL»^L»«LL»^L>^L»«LL>«LL»^L» <Lt in terra pax. ^L»<LL,<LL»<LL»<LL»<ZL»«LL»«LL»«LL»<LL» 210 "Armer, armer Teufel I Wie ist das nur gekommen? Nun dürft Ihr ja nie wieder eine Wette eingehend" "Ja, nie, niemals wieder!" nickte Raffley ernst. "Welch eüt Unglück! Das ist ja gar nicht auszuhalten! Ihr dürft nicht wieder Ivetteli, aber dieser Charley darf weiterhin seine Bücher schreiben, so lang er will!" Da ergriff Mary Waller das Wort, indem sie mich zu meinem Schrecken fragte: "Sie schreiben Bücher? Das habe ich ja noch gar nicht gewußt! Ich staunte, als Sie vorhin beim Eingehen der Wette davon sprachen, daß Sie diesen Beruf haben. Sie sind also Schriftsteller?" Welch eine Unvorsichtigkeit voll mir! Was sollte ich antworten? Das war ivieder einmal ein Beweis, daß iede Unaufrichtigkeit wie überhaupt jede Sünde sich ganz voll selbst bestraft! Die beiden Engländer begriffen meine Lage. Sie kannten mich; sie wußten, daß ich, falls ich selbst die Antwort übernehmen müßte, null unbedingt die Wahrheit sagen würde. Darum fiel der Governorschnell ein: "Wie? Was? Schriftsteller? Fällt ihiit ja gar nicht ein. Ja, er hat einmal ein Buch geschrieben, ein sehr gelehrtes sogar; ich glaube über" — — über über irgend eine astronomische Hauptfrage. Dieses Buch bringt ihm in feinen Auflagen so viel ein, daß er zuweilen eine Reise machen faitn; das nennt er nun seinen Beruf oder don feilten Büchern leben! Sie wissen ja, wer einmal ein Buch verbrochen hat, der pflegt nichts lieber zu thun, als dou seiner "Feder" und von seinem "Berufe" zu sprechen." So fadenscheinig diese Hilfeleistung war, sie genügte doch, mich aus der Gefahr, entdeckt zu werden, zu erlösen. Wie groß diese Gefahr gewesen war, das zeigte Marys Antwort: "So, so ist es? Schon glaubte ich, ohne es zu wissen, niit einem Kollegen meines Lieblingsschriftstellers verkehrt zu haben." Sie nannte nun meinen Namen. "Den lesen Sie? Ich auch!" bemerkte John. "Seine Bände stehen alle in meiner Schiffsbibliothek." "Wirklich? Das hätte ich wissen sollen! Ich hätte Sie um einen gebeten, den ich noch nicht gelesen habe." "Welcher ist das?" " "Am Jenseits." Man sagte mir, der Inhalt entspreche diesem Titel in einer Weise, daß es gar keiner besonderen Einbildungskraft bedürfe, sich an die Pforte, welche der Engel des Todes uns öffnet, zu versetzen." "Sie können diesen Band haben. Sollten wir länger, als ich denke, oben in Koka Radscha bleiben, so werde ich Ihnen das Buch vom Schiffe holen lassen." Jetzt kehrte Tsi mit dem Wirte zurück. Er sagte, daß er sich erlaubt habe, die Limonaden zu bezahlen. Wir konnten also gehen. Es ist von da aus gar nicht lveit bis zunr Bahnhofe, Kürschner, China UI. und es fügte sich, daß der Zug, als wir dort ankamen, soeben rangiert wurde. Der Verkehr ist nur bei Ankunft oder Abgang der Dampfer ein größerer. Heut aber waren Ivir die einzigen Passagiere unserer Klasse. Plan fährt nur sehr kurze Zeit bis hinauf. Unterwegs nieinte der Uncle, daß wir nicht alle zugleich zum Governor gehen könnten; er werde ihm diesen Besuch allein machen, und wir könnten im Hotel anf seine Rückkehr warten. Er hatte recht, anzunehmen, daß man ihm, dem gewesenen Governor von ceylonisch Indien, die Bitte um ein anständiges Unterkommen für uns eher gewähren iverde, als jedem anderen. Wir trennten uns also, als wir in Kota Radscha angekommen waren, von ihm und gingen nach dem sogenannten Hotel Rosenberg. Es liegt au einem freiem Platze und ist mit einem Kaufladen verbunden, welcher bedeutend größer als der unten in Uleh-Ieh ist, wo wir die Limonaden getrunken hatten. Wir setzten uns in den luftigen Laubengang, welcher rund um den Speisesaal führt, und ließen uns wieder Limonade geben, das beliebteste Getränk jener heißen Gegend. Als sie gebracht wurde, fragte Mary den Bediensteten, ob vor einiger Zeit ein Brief aus Kolombo für Reverend Waller angekommen sei. Er sei nach Penang, Last and Oriental Hotel, adressiert worden, und sie habe dort erfahren, daß man ihn hierher gesandt haöe. Der Mann sagte, daß er Nachfragen wolle. Ich hatte geglaubt, sie habe ihn schon erhalten, noch ehe sie mit ihrem Vater in die Berge gegangen war; nun hörte ich aber, daß ich mich geirrt hatte. Es dauerte nur einige Minuten, jo kehrte der Diener zurück und brachte den Brief. Er war, was man einen Doppelbrief nennt, und ich sah gleich an seinem Formate und an seiner Stärke, daß er das Notizbuch enthielt. Indem sie ihn öffnete, machte sie die an mich gerichtete Bemerkung: "Wir trafen in Indien mit einem lieben Bekannten, einem Professor aus Philadelphia, zusammen, bei welchem ich mein Notizbuch liegen ließ. Der Verlust Hütte mir nicht nur seines Inhaltes, sondern auch noch eines andern Grundes wegen leid gethau. Erinnern Sie sich der vier Zeilen, ivelche mir im Continental-Hotel in Kairo vom Winde zugeweht wurden?" "Ja," antwortete ich. "Nun, dieses Blatt steckt mit in dem Buche. Ich habe diese Zeilen geradezu liebgewonnen. Es spricht mich aus ihnen eine Seele an, die mir bekannt sein muß, obgleich ich mich ihrer nicht erinnern kann. Ja, hier ist es noch. Wie freut mich das!" Sie legte das Blatt, welches sie aus dem Notizbuch genommen hatte, aus den Tisch und las dann den Brief des Professors. Als sie damit fertig war, legte sie ihn in das Buch und wollte auch das Blatt dazuthutt. Da aber kam ihr der Impuls, es zu öffnen. Sie faltete es auseinander. Ich beobachtete ihr Gesicht, natürlich nu ll 211 <LL<LL>^L»<LL»<LL»<LL»^L»^!L»^L»«LL» Kail May. ^L><LL»«LL»<LL»<LL>«LL»«LL»«LL»<LL»«LL» 212 auffällig. Sie war zunächst nur darüber überraschtacht Zeilen anstatt nur vier zu finden. Dann las sie. Sie sann und sann. "Sonderbar, höchst sonderbar!" sagte sie. "Hier, bitte, lesen Sie!" "Ich kenne es sa schon. Sie zeigten es mir später," antwortete ich. "Lesen Sie es dennoch, und sagen Sie mir dann, was Ihnen auffältt!" Ich folgte ihrer Aufforderung. "Nun?" fragte sie. "Die Strophe hat jetzt acht Verse, während sie früher nur vier hatte, glaube ich." "So ist es. Ich kann mir das nicht erklären!" "Aber ich! Der Professor hat es gelesen und dann die vier Zeilen hinzugedichtet." "Der? Dichten? O nein! Sehen Sie übrigens da seine Schrift und diese hier! Es ist ganz, ganz genau dieselbe Hand! Und nicht nur das, sondern auch derselbe Geist, dieselbe Seele, dieselbe Liebe! Professor Garden würde nie, nie in seinem Leben auf die Wendung kommen: "Grad weil sie einst für euch den Tod erlitt. Lebt sie durch euch, um weiter fortzulieben." Er hat auch Seele, aber diese nicht, nein, diese nicht! Es spricht hier eine Stimme zu mir, fast wie die Stimnie meiner verstorbenen Mutter. Ich stehe vor einem Rätsel, welches " Sie wurde unterbrochen. Es kam ein Malaie über den Platz zu uns herüber und bot ihr einen Blumenstrauß zum Kaufe an. Das war hier etwas ganz Gewöhnliches und fiel uns gar nicht auf. Nun aber folgte etwas, was wir nicht erwartet hatten. Ich gab ihn: nämlich eine hinreichende Münze, worauf er den Strauß vor Mary auf den Tisch legte, aber nicht nur ihn, sondern auch die Hälfte einer eigentümlich zerschnittenen Betelnuß! In diesem Augenblick kam der Governor. Er sah die halbe Nuß, griff hastig nach ihr und forderte Mary auf, ihm die andere Hälfte zu geben. Beide paßten ganz genau zusammen. Da wandte er sich an den Malaien: "Sprichst du englisch?" "So viel, wie ich hier brauche," antwortete der Mann. Er sah furchtlos zu ihm auf. "Was thust du, wenn ich dich arretieren lasse?" "Nichts. Ich komme wieder frei, aber der Tuwan") aus Amerika ist verloren!" Da wendete sich der Governor an Tsi: "Sie wollen ihn ohne unser Geld und ohne unsere Hilfe befreien. Nun, thun Sie das! Es handelt sich um unsere Wette." "Nach Ihnen, Mylord!" lächelte der Chinese. "Ich bitte, diesen Mann auszufragen! Sie müssen doch erst *) Herr. sehen, wie leicht oder wie schlver es ist, Mr, Waller wieüerzubekommen." Da ergriff Rassley das Wort, indem er den Malawi: fragte: "Woher kennst du die Lady, und wie konunft du hierher?" "Ich war mit bei dem Brande des Tempels, auch mit bei der Beratung der Häuptlinge und habe die Tochter des Freniden genau gesehen," antwortete der Eingeborene. "Dann wurde ich hierher geschickt, um sie zu erwarten. Ich wartete in der Nähe des Hauses, wo sie Limonade trank. Ich ging mit nach den: Bahnhofe; ich fuhr mit hierher, und ich kaufte diese Blumen, um sie ihr zu bringen." "Wo ist ihr Vater?" "Das darf ich nicht sagen. Er ist sehr krank; aber er lebt; er sehnt sich nach ihr und wird ihr gebracht werden, wenn ich das Geld bekomme." "Du wirst es nicht eher erhalten, als bis du ihn gebracht hast." "Das ist nicht möglich. Die Häuptlinge geben mir den Tuwan nur dann, wenn ich ihnen das Geld so hinzähle, daß kein einziger Gulden fehlt." "So gehen wir mit dir, um selbst mit ihnen zu sprechen!" "Es ist mir verboten, jemand mitzubringen. Ich habe genug gesprochen und sage nun weiter kein Wort. Hier stehe ich und erwarte den Bescheid. In zehn Minuten gehe ich; dann aber wird der Tuwan sterben. Ich sagte die Wahrheit und schweige nun!" Er trat einige Schritte zurück und steckte die Hand unter seinen Sarong, wo er wahrscheinlich einen Kri *) stecken hatte. Der Sarong ist ein langes Stück Zeug, welches wie ein Frauenrock um die Hüften geschlungen wird und bis herunter auf die Knöchel reicht. Mary hatte Angst bekommen, doch sagte sie nichts. "Da ist nichts zu machen," erklärte Rassley. "Wenn wir Air. Waller nicht in die größte Gefahr bringen wollen, müssen wir das Geld zahlen." "Miserable Situation! Aber es geht wirklich nicht anders!" stimmte der Governor bei. "Man sieht es diesem Kerl hier an, daß er kein weiteres Wort sagen und sich nach zehn Minuten entfernen wird. Und wenn das Geld fort ist, so können wir Tausend gegen Eins wetten, daß sie es nehmen, ohne uns ihren Gefangenen auszuliefern. Was sagt Ihr dazu, Charley?" "Verlassen wir uns auf Mr. Tsi!" antwortete ich. Da zog der Chinese sein Portefeuille wieder aus der Tasche. Ich dachte, er werde wieder nach den: "Pu" greifen, hatte mich aber geirrt. Er riß ein Blatt heraus und malte mit einem Tuschestift, den er mit der Limonade befeuchtete, zwei von oben nach unten gehende Reihen *) Malaiischer Dolch. 14* "So komm' her zu mir, befahl u.fi dem Malaien". fremder Charaktere darauf. Dann fragte er den Governor: "Werden lvir im Kratong wohnen, Mylord?" "Ja. Der holländische Mijnheer war sehr bereitwillig. Wir haben eine ganze, neben einander liegende Reihe von guten Zimmern, die eigentlich nur für eingeladene Gäste sind." "So komm her zu mir!" befahl da Tsi dem Malaien in einem Tone, der keinen Widerspruch duldet. "Schau dieses Papier! Kennst du das erste Zeichen obenan?" Ter Mann nahm den Zettel in die Hand, schaute ihn an und verbeugte sich dann dreimal so tief, wie es ihm möglich war. "Ich kenne es, Sahib,"*) antwortete er. "Trag dieses Papier zu den Häuptlingen! Sie werden dir den fremden Tuwan geben. Wir wohnen im Kratong, und du wirst ihn uns bringen. Aber du wirst ihn sehr vorsichtig behandeln, wie einen sehr hohen und sehr kranken Herrn! Wann können wir dich mit ihm erwarten?" Der Malaie verbeugte sich wieder und antlvortete dann im Tone tiefster Unterwürfigkeit: "Wir haben ihn sehr vorsichtig in einer Mahala**) von den Bergen heruntergetragen. Er ist nicht weit von hier. Wenn zwei Stunden vergangen sind, werden wir ihn bringen. Diesen weißen Männern hier hätte ich die Zeit unserer Ankunft nicht mitgeteilt; wir trauen keinem Christen. Du aber bist ehrlich. Von dir haben wir nichts Böses zu erwarten. Ich eile!" Er verbeugte sich zum dritten Male und ging dann schnellen Schrittes fort. *) Bei diese» Malaien "Herr" niit militärischen Wurden. **) Sänfte. "Sehr ehrenvoll für uns!" zürnte der Governor. "Uns traut man nicht; weil wir Christen sind! Ist das nicht unerhört?" "Nicht dieses Mißtrauen ist unerhört," antwortete Raffley, "sondern das Verhalten der Europäer, welches die Schuld mt dieseiu wahlberechtigten Argwohn trägt. Gehen wir, dear uncle?" "Ja, gehen wir! Wenn Ihr auf dieses Thema kommt, dear nephew, so ist es eben am klügsten, daß man geht." Sie standen beide auf. Der Vorgang zwischen Tsi und dem Boten der Häuptlinge hatte sie in Staunen versetzt; er war ihnen ebenso unerklärlich wie die "Pu"-Scene unten in Uleh-leh; aber sie hielten es nicht für wohlangebracht, ihrer Verwunderung Worte zu geben, weil dies wie eine zudringliche Aufforderung, das Geheimnis mitzuteilen, geklungen hätte. Wir bezahlten unser Getränk und begaben uns dann nach dem Kratong. Mein Sejjid, welcher in einiger Entfernung von uns auch bei einer Limonade gesessen und unser Gespräch mit dem Malaien beobachtet hatte, folgte uns. In der Citadelle angekommen, fanden wir holländische Soldaten auf uns wartend, welche zu unserer Bedienung kommandiert waren. Mit den Zimmern konnten lvir zufrieden sein. Sie waren sehr sauber gehalten und mit bequemen Möbeln ausgestattet. Nach einiger Zeit besuchte uns der Gouverneur, um nach etwaigen Wünschen zu fragen. Der Uncle hatte ihn ganz treffend als "holländischen Mijnheer" charakterisiert. Er hatte natürlich erfahren, was mit Waller geschehen war, vermied es aber, davon zu sprechen. Wir waren so vernünftig, einnch ;g!stpJ.roqstiom uoöpallpA gajoiq kjvc> 'iiafpJnS Daß wir der Ankunft des Missionars mit Spannung 215 «^«^<ZL«ZL»<L§><LL»^L»<LZ>«ZL§>^§> Karl May. <^<LL<LL.<LL><LL.<ZL>^L»<LL»<ZL><LL. 216 entgegensahen, brauche ich nicht zu sagen. Mary war es unmöglich, im Zimmer zu bleiben. Sie wanderte draußen im Freien ruhelos hin und her. Tsi war, nachdem er sein Zimmer gesehen hatte, gleich wieder fortgegnngen. Als er wiederkam, folgte ihm ein Malaie, der einen großen Pack Pflanzen trug. Es war LruceL sumatrana, das Ko-su der Chinesen, welches Tsi in der Nähe in hinreichender Menge gefunden hatte. Ich saß mit den beiden Engländern zusammen, und es versteht sich ganz von selbst, wovon wir sprachen. Was waren das für Zeichen auf dem Zettel gewesen? Warum hatten sie diese überraschende Wirkung hervorgebracht? Wer war dieser Tsi denn eigentlich? Diese und noch andere Fragen wurden durchgenommen, natürlich ohne Resultat. Dann hörten wir endlich Marys Stimme draußen laut erklingen. Weiter vortretend, sahen wir, daß ihr Pater gebracht worden war. Vier malaiische Träger standen bei der Sänfte, welche sie niedergesetzt hatten; daneben der Fünfte, der bei uns gewesen war. Die Sänfte war verdeckt. An der einen Seite kniete die Tochter, deren Oberkörper sich aber im Innern bei dem Vater befand. Auf der andern sahen wir Tsi, welcher den Eingeborenen ein Geldgeschenk verabreichte. Sie drückten es, ehe sie es einsteckten, an ihre Lippen. Als Mary ihren Vater begrüßt und sich wieder erhoben hatte, ging sie weinend neben der Sänfte her, welche in das Haus getragen wurde. Wir hörten sie bei uns vorüberpassieren. Nun dauerte es längere Zeit. Dann kam endlich Tsi zu uns, um uns Bericht zu erstatten. Das geschah sehr kurz, denn er hatte keine Zeit. Es galt ein schnelles Einschreiten, wenn Waller am Leben erhalten werden sollte. Ko-su als Bad, Ko-su als Lavement und Ko-su als Getränk, das war es, was allein ihn retten konnte. "Die Lady läßt sich entschuldigen," fügte er seinem Berichte bei. "Ihr Vater wird sie ganz ausschließlich in Anspruch nehmen, und auch ich habe ihm meine ganze Aufmerksamkeit zu widmen." "Wie lange wird er hier bleiben müssen?" erkundigte sich Raffley. "Das wird sich erst morgen entscheiden, wenn ich weiß, welche Lebenskraft ihm noch geblieben ist. Gegenwärtig liegt er in vollständiger Apathie. Es war die höchste Zeit!" "Muß er dann später etwa wieder in die Berge, selbstverständlich unter andern, bessern Verhältnissen?" "Nein. Kosu und Seeluft; weiter brauche ich nichts, außer kräftigender Diät." "So muß er auf unsere "Pin", anders nicht! Er will ja nach China, genau wie wir." "Bitte, bestimmen Sie nicht so schnell! Ich bin sein Arzt und werde gerade diesen Patienten nicht eher verlassen, als bis ich ihn mit gutem Gewissen freigeben kann." 217 ^L><LL»^L»«Zr§>«LL»^L»«LL»<LL»E,<LL» Lt in terra pax. <LL»<ZL»«LL»«LL»<LL>«LL»<LL»«ZL»,LL»«LL» 218 Die beiden Englishmen verstanden ihn sofort, und 31t meiner Freude beeilte sich der Governor, zu antworten: "Das ist ja selbstverständlich! Sie fahren mit, Mr. Tsi! Sie sind uns ja willkommen! Charley, geben Sie ihm das Geld! Er hat die Wette gewonnen. Es ist heut kein kiuter Tag für uns gewesen." Als ich ihm die Banknoten hinreichte, griff er nicht zu, sondern fragte mich: "Wollen Sie mich zu großem Dank verpflichten? Sie hoben ja Zeit: ich aber muß bei dem Kranken sein." "Ich stehe gern zu Diensten." "Geben Sie mir nur das eine Tausend, und nehmen ^>ie einen Poniewagen, um das andere nach Uleh-leh zurückzubringen! Der Kaufmann mag Ihnen meine Unterschrift in verschlossenem Couvert zurückgeben." "Ich fahre mit," erklärte Raffley. "Nun ich weiß, daß wir wenigstens einige Tage hier oben bleiben, können wir für einige Minuten an Bord gehen, um die Weisung Zu geben, die uns hier fehlenden Gegenstände heraufznbringen." "Und ich? Was thue ich?" fragte der Uncle. "Ich dränge mich Euch auf, wenn ich nicht auf der Stelle tausend Pfuird bekomme!" Raffley, welcher seine Absicht erriet, antwortete lachend: "Jetzt haben wir Mr. Waller ohne Lösegeld: ich kann Euch also diesen Wunsch erfüllen." Er zählte ihm die Summe vor, allerdings in Guldenscheinen. Der Governor nahm sie, hielt sie Tsi hin und sagte in fast herzlichem Tone: "Sie haben ganz genau als Gentleman gehandelt, als Sie mir, Ihrem Gegner, den Einsatz borgten. Ich danke Ihnen!" Tsi steckte das Geld zu sich, verbeugte sich, ohne ein Wort zu verlieren, und ging. "Ganz Edelmann! Geld spielt bei ihm keine Rolle! Sehr, sehr tüchtiger junger Mann!" gestand der Uncle, fügte aber schnell und vorsichtig hinzu: "Habe aber ja nicht etwa gesagt, daß ich ihn liebgewonnen und die gestrige Wette also verloren habe! Fällt mir ganz und gar nicht ein!" Nun hatte er seine Schuld bezahlt und brauchte die fürchterliche Drohung, sich uns anfzudrängen, nicht ausznführen. Er blieb da. Ich aber ging mit Raffley fort, um einen Wagen zu nehmen. Grad als wir den Kraiong verließen, kamen einige belastete Malaien. Sie brachten — das Gepäck, welches Waller und Mary mit oben in: Gebirge gehabt hatten. Welch eine Ehrlichkeit! Raffley griff in die Tasche und beschenkte sie. Dann, als wir auf gut gepflegten Wegen am Wasser hinab nach den: Hafen fuhren, ließ er die Bemerkung hören: "Die Redlichkeit dieser Leute verbietet ihnen, sich an Wallers Sachen zu bereichern. Haben sie seine Person frei gegeben, so dürfen sie auch seine Effekten nicht behalten: so denken sie in ihren uncivilisierten Köpfen. Und zu solchen Leuten kommt der Europäer, um seine "christliche Faust" ans ihre Rechte und ihr Land zu legen! Was sagt Ihr dazu, Charley?" "Nichts!" "Das ist bequem und vielleicht auch wohl klug!" Ich entledigte mich bei dem Kaufmann meines Auftrages, ohne ihm merken zu lassen, daß ich mich in Beziehung ans das "Pu" nicht ganz in Unkenntnis befinde. Dann ließen wir uns nach der "Din" rudern, wo John die Gegenstände bezeichncte, welche uns sofort hinauf nach Kota Radscha geschickt werden sollten. Als wir hierauf am Lande den Wagen wieder bestiegen, war es inzwischen Abend geworden. «Habe es nicht vergessen," sagte John, indem er ans ein kleines Paket zeigte, welches er mitgenommen hatte. "Was ist's?" "Euer Buch "Am Jenseits". Ist mir der liebste Band von Euch. Ungeheuer ernst und wichtig! Wird aber leider erst dann verstanden werden, wenn die Specics "Dutzendmensch" ausgestorben ist!" Wieder im Kratong angekommen, erfuhren wir vom Governor, daß uns ein besonderer Koch bestellt worden sei, niit welchem er für heut und morgen den Speisezettel habe anfertigen müssen. Das war sehr aufmerksam von dem Statthalter. Am allerbesten aber gefiel es uns von ihm, daß er, so lange wir hier waren, zwar von weitem sehr freundlich für uns sorgte, uns aber persönlich konsequent fern blieb. Wir waren dadurch frei von jedem Etikettezwang. Bei Tische erschien Tsi nur für kurze Zeit, Mary natürlich aber gar nicht. Man mußte ihr und dem Kranken die möglicbste Selbständigkeit bewahren, lieber den letzteren erfuhren Nur, daß er noch immer apathisch sei, doch zuweilen halblaut vor sich hinspreche. Seine Tochter beachte er gar nicht und scheine sich nur mit imaginären Personen zu beschäftigen. Eine fließende Unterhaltung kam zwischen uns dreien nicht in Gang. Die beiden anderen vermieden es, von den Wetten zu sprechen, was doch eigentlich das interessanteste Thema für sie gewesen wäre, und auf anderes gingen sie auch nur wie gezwungen ein. Es war, als ob wir uns unter einem ungewöhnlichen geistigen Luftdrucke befänden. Wir verabschiedeten uns darum zeitig voneinander. Ich ging noch ein Stück in das Freie spazieren. Auf einer langen Bank, an welcher ich vorüberkam, saßen Soldaten, der Sejjid nütten unter ihnen. Als er mich sah, war ich schon nahe. Er stand schnell auf, und ich hörte ihn sagen: "Daar kamt onze Mijnheer — da kommt unser Herr!" Er begann also schon, holländisch nüt ihnen zu radebrechen. Sie sprangen ebenso wie er auf und machten ihr  Honneur; darum gab ich ihm Geld zu Cigarren, welche er unter sie verteilen sollte; ich wußte, daß ich ihm damit einen großen Gefallen that. Er gab überhaupt sehr gern, aber wenn die Gabe von "unserm Herrn" kam, doppelt gern. Es standen überall Posten. Ich ging ziemlich weit, denn der Abend war wunderbar mild und schön. Eine Straße entlang schlendernd, welche nach eineni vor dem Orte liegenden Wäldchen führte, wurde ich von eineni Posten angehalten, welcher mir sagte, ich köime zwar gehen, wohin ich wolle, aber es sei seine Pflicht, mich zu warnen. Kein Bewohner von Kota Radscha gehe jetzt abends über den Umkreis des Ortes hinaus, der Eingeborenen wegen, welche sich seit einiger Zeit in verdächtigerWeise um die holländischen Stationen zusammenzögen. Ich dankte ihm und kehrte selbstverständlich um. Als ich heimkam, begegnete mir Tsi im Korridor. Ich fragte ihn nach Waller. "Ich habe niein Ko-sn angewandt, und es beginnt bereits, günstig zu wirken," sagte er. "Aber der Geisteszustand ist ein ganz sonderbarer. Wollen Sie den Kranken sehen?" "Hst das möglich, ohne daß ich störe?" »Hetzt, ja. Sie werden sich wundern, was er lhut!" Er ging voran und öffnete die Thür. Das Zimmer war groß: der schöne Abendhauch hatte ungehindert Zutritt. Auf dem Tische brannte eine halb verhangene Lampe. Der Kranke lag unter einer leichten Decke lang ausgestreckt im Bette, an welchem Mary saß. Als sie mich sah, stand sie auf. "Wie recht, daß Sie kommen!" sagte sie leise. "Sie werden ihn kaum wieder kennen; aber ich bin nicht mehr traurig, sondern froh, denn Herr Tsi hat mir versichert, daß Vater gerettet sei. Er kennt mich noch nicht, ist aber in den Zwischenräumen tiefer Apathie geistig ungemein be schäftigt. Womit, das werden Sie nicht erraten. Kommen Sie; nehmen Sie Platz!" Tsi schob niir einen Stuhl an die Seite des ihrigen. Waller hatte allerdings ein fast leichenhaftes Aussehen. Das Gesicht war zum Erschrecken eingefallen. Ich sah das Skelett eines Kopfes vor mir, und die Hände bestanden auch nur bloß aus Knochen, um welche sich die Haut in lockeren Falten legte. Wir sprachen nicht. Es wäre mir schwer geworden, bei diesen: Anblicke Worte,zu machen. Der leise, nicht unangenehme Duft des Ko-su erfüllte den Raum, so ähnlich, lute wenn Weihrauch durch die Halle einer Kirche getragen worden ist, und wie dieser Gott geweihte Ort an andere, höhere Welten mahnt, so zog auch hier das Ringen einer zwischen dem Diesseits und dem Jenseits schwebenden Menschenseele unser Denken und Empfinden nach der Grenze hin, an welcher alles aufzuhören scheint, weil alles dort beginnt. Seelenäußerungen, an dieser Grenze für die zurückliegende Erde m 'Menschenworte gekleidet, sollen dem, der diese Worte hört, nicht anders als nur heilig sein! Es herrschte tiefe Stille im Zimmer; auch draußen regte sich nichts; der Kranke lag wie tot. Nach einiger Zeit gab Mary mit der Hand ein Zeichen. Ich sah, daß er die Lippen bewegte. Dann klang es langsam und leise zwischen ihnen hervor: "Ich sehe dich, und ich höre dich, mein Lieb! Du bist nicht tot, du bist in meiner Seele. Du hast es mir gesandt, weil ich's vergessen hatte: "Tragt euer Evangelium hinaus, Um aller Welt des Himmels Gruß zu bieten." Hier hielt er innc. Er bog den Kopf zur Seite, als ob er auf irgend etwas lausche. Dann fuhr er ebenso leise und ebenso langsam fort: "Vergieb! Ich war von: Antichrist bethört! Er that, als ob er unser Jesus fei! Ich habe nur auf ihn, auf ihn gehört und glaubte, mich von allem Irrtum frei. Du warntest mich; du hattest ihn durchschaut, sahst ihn in seiner ganzen Häßlichkeit; in deiner Stimme ward mein ^ngel laut, der Engel unsrer ganzen Christenheit " Mary hatte, vielleicht es gar nicht tvissend, ihre Hand auf die nieine gelegt. "Er spricht mit Mama," flüsterte sie mir zu. "Er that cs schon vorhin, aber nicht in dieser dieser — wunderbaren Weise. Hören Sie! Still!" Sie nahm meine Hand fester, als ob sie für das nun Folgende nach einem Halte suchen müsse. Ihr Vater sprach nach dieser Pause weiter: "Du gingst von mir — — ich war mit ihm allein, mit ihm, vor dem du mich so oft gewarnt, l>ud darum konnte es nicht anders sein: er hat wich vollends, durch wich selbst, umgarnt. O glaube mir, ich Hab es nicht gedacht, daß Christi Wege andere Wege sind; der fromme Dünkel hat wich irr gemacht; er ist der Hölle größtes Lieblingskind — — —" Hier holte er zum ersten Male tiefer Atem, so daß nran seine Brust sich bewegen sah. Seine Züge Untreu bisher während des Sprechens unverändert gebtieben; nun wurden sie von dem Ausdrucke seelischer Pein bewegt, als er fortfuhr: "Doch achtet jedes andere Gotteshaus; Ein wahrer Christ stört nicht den Völterfrieden." Nach diesen Worten schlug er die hagern Hände zusammen, riß die Augen auf, starrte über sich empor und sprach, lauter und schneller als bisher: "Ich sehe, wie die Flamme aufwärts steigt, die ich entfacht mit frevlerischer Hand. Ich sehe, daß sich weinend zu mir neigt der Engel, den du mir herabgesandt. Ich sehe dich; ich seh den: teures Haupt. Wie trauert doch dein liebes Angesicht! Was that ich doch! Was habe ich geglaubt! Ist Feuerbrand denn wirklich Christenpflicht?" Mary war tief, tief ergriffen. Sie wollte sich beherrschen; aber es ging ein Schauer über ihren Körper und trieb ihr Thränen aus den Augen. "Welch eine Scene!" flüsterte Tsi. "Hier höre ich auf, Arzt zu sein und darf nur noch als Mensch den Engel hören!" Jetzt nahmen die scharfen Züge des Missionars einen freundlicheren Ausdruck au; die ängstlich verschlungenen Hände lösten sich, und es erklang in ruhigerem Tone aus seinem Munde: "Ich danke dir; ich danke dir wie sehr, daß du mir nahst, du lichtes Himmelsbild. O komme doch, o komme zu mir her, und schau mich an wie früher, warm und mild. Bring mir den Segen, den der Himmel giebt, und sage doch, daß mir verziehen ist. Lehr' so mich lieben, wie der Herr uns liebt —• " Er hielt inne. Indern er tief, tief Atem holte, breitete sich ein schönes, glückliches Lächeln über sein Antlitz, und mit froh erhobener Stimme fügte er hinzu: "Dann bin ich, was ich niemals war ein Christ!" Hierauf schloß er die Augen, faltete die Hände auf der Brust und sprach nicht wieder. Er schien zu schlafen. Es ist unmöglich, zu beschreiben, wie tief wir ergriffen worden waren. Wir saßen noch minutenlaug ganz still und unbeweglich, bis Tsi leise zu Mary sagte: "Bitte, Mylady, geben Sie mir einmal das Blatt, auf welchem das Gedicht steht! Ich kenne die neuen vier Zeilen noch nicht." Sie erfüllte seinen Wunsch. Er trat mit dein Zettel an die unverhüllte Seite der Lampe, um zu lesen; dann winkte er uns, ihm hinaus auf den Balkon zu folgen. Dort setzten wir uns für diese Augenblicke nieder. Er gab Mary das Blatt zurück und sprach, natürlich so, daß es im Zimrner nicht gehört werden konnte: "Es wird tausend, tausend Aerzte geben, welche so etwas noch nie erlebt haben. Ihtb wenn sie es erlebten, so würden sie gewiß in großer Verlegenheit darüber sein, an welcher Stelle in ihrem Register psychischer Vorgänge diese Scene einzureihen sei. Ja, sie würden nicht einmal wissen, ob man es hier mit einem krankhaften Zustande zu thun hat oder nicht." "Ist er es?" fragte Wary schnell und besorgt. "Nein!" antwortete der Chinese sehr bestimmt. "Ihre europäischen Aerzte würden Ihnen gewiß fast alle mit verschiedenen Fremdwörtern aufwarten, wetche meist mit der Vorsilbe "Psych" beginnen und eüvas nicht Wünschenswertes bedeuten. Ich aber habe eine ganz andere Ansicht, welche in dem begründet ist, was Sie sa fälschlicherweise unjern "Ahnenkultus" nennen. Es handelt sich hier nicht um einen krankhaften, sondern um einen sehr gesunden, sogar außerordentlich gesunden Zustand, um welchen Ihr Vatereigentlich zu beneiden ist. Ich Lin ganz glücklich darüber, zumal das, was wir ihn sagen hörten, in einer so befriedigenden Weise ausgeklungen ist. Ich bin überzeugt, daß dieser Vorgang sich wiederholen und einen starken, glücklichen, geistigen Einfluß auf die körperliche Genesung des Patienten ausüben wird. Ihre heimischen Aerzte würden diese Wiederholung mit allen Mitteln zu vermeiden suchen; ich aber heiße sie willkommen und bitte Sie sogar, Mylady, nnch in dieser meiner gewiß ganz und gar "nneuropäischen" Behandlung des Kranken zu unterstützen." "Wie gern will ich das! Sagen Sie nur, was ich thun soll!" "Es ist etwas in mir, was mir geradezu befiehlt, der bisherigen Wirkung dieser geheimnisvollen Verse eine Fortsetzung zu geben. Ihr Vater kennt die zweiten VierZeilen noch nicht?" "Nein." "Sv muß er sie auf alle Fälle und so schnell wie möglich kennen lernen, ganz ungeachtet seiner großen Schwäche. Lesen Sie ihm die neuen Zeilen vor, bis ec sie auswendig kann!" "Doch nur, wenn er bei voller Besinnung ist?" "Nein, nicht nur dann! Auch wenn er in dem sogenannten traumhaften Zustande, welcher aber etwas ganz anderes ist, die ihm bekannten ersten vier Zeilen repetiert, lesen Sie ihnr als Anschluß hieran die zweiten vor, langsam, deutlich, nrit gutem Ausdrucke rnrd einer kleinen Pause nach jeder Zeile. Ich weiß schon im voraus, welche Wirkung das auf ihn machen wird." "Eine gute?" "Eine sehr, sehr gute; ich gebe Ihnen mein Wort! Ich spreche nicht etwa als Psychiater, sondern als ein ganz, ganz anderer, von dem Sie keine Ahnung haben. Ich behandle den Körper Ihres Vaters mit dem geradezu wunderbar wirkenden Ko-su uub seine Seele mit diesem Gedichte, von dein Sie zwar behaupten, daß es Ihnen mir der Wind zugeweht habe, welchem ich aber ein solches Vertrauen schenke, daß ich um meines Patienten lvillen viel, sehr viel darum geben würde, nicht nur die erste Strophe, sondern auch die folgende zu besitzen. Denn daß es nicht nur aus dieser einen besteht, das ist aus Gründen der Poetik als sicher anzunehmen. Der Dichter hat eine Anschauung ausgesprochen, welche der bisherigen Ihres Vaters vollständig entgegengesetzt ist, aber in den Tiefen desjenigen Christentums, weiches Jesus lehrte und lebte, ihre Wurzeln schlägt. Der Kranke steht vor einer Sinnesänderung, die ihn vom Irrtum zur Wahrheit führen will. Diese acht Zeilen sind die Hälfte der Leiter, aus welcher er znr letzteren emporsteigen soll, und es thut mir so leid, daß wir die andere, obere Hälfte nicht zur Verfügung haben." Da schlug Mary die Hände zusammen und sprach in kindlichem Wunsche: "Wenn doch wieder so ein gütiger Hauch wie der in Kairo oder so ein Brief aus Colonibo käme, um das Fehlende zu bringen!" "Das wird wohl ausgeschlossen sein! Ich bin auch ohnedies überzeugt, daß wir alles erreichen werden, was zu erreichen möglich ist. Vertrauen Sie dem Himmel! Blau wirst uns Chinesen vor, daß wir keinen Himmel haben. Nun, unser "Thian"*) ist größer, viel größer als der Ihrige; das können Sie mir glauben. Gott hat ihn nicht btoß für uns allein, sondern für die ganze Menschheit und für alle, alle, die ihn haben wollen, jenseits dieses Lebens aufgebant! —" *) Himmel. viertes Kapitel. Im Kerzen von China. m folgenden Morgen zog ich mich nach dem ersten Frühstücke, welches ich mit den beiden Englishmen eingenommen hatte, ans niein Zimmer zurück, uni zu arbeiten. Ich brachte aber nichts fertig, weil meine Gedanken wieder und immer wieder zuni gestrigen Abend an das Lager des Kranken zurückkehrten. Ich gab also nach längerem, resultatlosem Bemühen den vergeblichen Versuch auf und ging hinüber zu Raffley, fand ihn aber nicht daheim. Er hatte sich ein Pferd geben lassen, um einen Spazierritt zu machen. Das erfuhr ich von Omar, welcher seine Herberge im Korridore ansgeschlagen hatte, um, falls man ihn brauchen sollte, gleich bei der Hand zu sein. "Ist der Governor mit?" fragte ich ihn. "Nein," antwortete der Sejjid. "Er sitzt in seineni Zimmer bei den Pflanzen, die ich mit ihm geholt habe." "Was für Pflanzen?" 225 «LL»«LL»«LL»«LL»<LL»«LL>^L»«LL><LL»«LL» Lt in tcrra pax. «LL»<LL»«LL»«LL»«LL><LL»<LL»«LZ><Z^»<ZL» 226 "Das weiß ich nicht, denn er hat es mir nicht gesagt." Ich klopfte bei dem Gentleman an, und als ich eintrat, saß er am Tische, auf dem ein großer, großer Haufen Ko-su lag, allerdings mit viel, viel Gras und allerlei Kräutern vermengt. "Konnnt, und helft mit!" sagte er sehr geschäftig. "Es ist ganz schrecklich von der Natur, daß sie nicht auf Ordnung hält! Läßt alles, ohne zu sortieren, bunt untereinander auswachsen!" "Ja. Und der Mensch pflückt nicht das, was er braucht, mit Wohlbedacht heraus," lachte ich, "sondern er rauft alles, was ihm in die Hände kommt, heraus und trägt es heim, um da unter erschwerenden Umständen die Arbeit doch zu machen, die ihm draußen viel leichter geworden wäre. Das ist nicht nur hier, sondern auch im allgemeinen seine Weise!" "Zankt nicht, sondern greift zu! Bin kein Theesucher, überhaupt kein Botaniker! Fünfmal mehr Gras als Kofu-Pflanze! Kann gar nicht fertig werden!" "Aber warum diese Arbeit, Sir?" fragte ich, indem ich mich zu ihm setzte, um ihm zu Helsen. "Warum seid Ihr nicht mit John ausgeritten?" "Hatte keine Zeit. Mußte dieses Gewächs holen. Traf die Lady hinter dem Hause, wo sie nach durchwachter Nacht für eine Viertelstunde im Freien war. Hat dabei in Eurem Buch gelesen und es dann heut früh unserm wollte sagen, diesem Tsi gegeben. Sie erzählte mir von ihm. Hochgebildeter junger Mann! Ausgezeichneter Arzt! Aber sagt ja niemandem etwas von diesen meinen Worten! Hat so ein sicheres, feines, vornehmes Wesen, dieser Mongole, und so ein Auge! Wäre ein ganz hübscher, lieber Kerl, wenn er nicht zu dieser Rasse gehörte! Bin also hinausgegangen, um für ihn dieses Ko-su zu holen, weil er es so notwendig braucht. Will ihm die Sache leichter machen. Kann ja weiter sonst nichts für ihn thun. Habe dem Sejjid befohlen, nichts davon zu sagen, und bitte auch Euch darum, Charley! Könnt es, wenn wir fertig sind, dem Doktor hintragen und ihm mitteilen, daß Ihr es geholt habt. Mag nichts mit dieser Sache zu thun haben!" Der prächtige, alte Herr sagte das nicht etwa in zusammenhängender Rede, sondern in einzelnen Sätzen, deren Zwischenpausen er damit ausfüllte, Thee und Gras noch mehr zu verwirren und diese Arbeit als "Sortieren" Zu bezeichnen. Die Folge davon war, daß ich mich zunächst über den schon bei Seite geschobenen Teil hermachen mußte, von dem er behauptete, ihn "ausgesucht" zu haben. "Was habt Ihr für heut nach Tische vor?" fragte er mich. "Noch nichts Bestimmtes," erwiderte ich. "Wollt Ihr mit mir fahren?" "Wohin?" "Hinunter zum Hafen. Will auf die "Din". Sagt aber nichts!Verstanden?HabeEnchjaschonAndeutnng gemacht!" Kürschner, China III. Er wollte wahrscheinlich das Bild in Johns Kajüte sehen. Sonderbarer Herr! Das hätte er ja schon längst thun können, ohne dabei überrascht zu werden. Ich sah keinen Grund für ihn, dies nicht ohne meine Anwesenheit zu thun. Ich ahnte wohl, daß in ihm etwas vorging, was er nur mit Widerstreben geschehen ließ: es begann eine Scheidung des Doppelwesens in ihm einzutreten; es war dem "Menschen" neben dem "absoluten Englishmen" nicht mehr wobl. Diesen "Menschen" zog es zu dem Bilde hin, und dieser "Mensch" wollte Tsi gern lieb gewinnen; aber der "Engländer" sträubte sich dagegen. Es war die unbewußte Sorge um sich selbst, welche den Inhaber dieser beiden Wesen veranlatzte, mich bei sich zu'wünschen. Als wir fertig waren, schickte er mich wirklich mit den Pflanzen fort und machte es mir zur strengen Pflicht, ja nicht zn verraten, daß er es sei, der sie geholt habe. Tsi war soeben bei dem Kranken gewesen. Er nahm den Thee hin, ohne nach seiner Herkunft zu fragen, denn es beschäftigten ihn wichtigere Gedanken. Mein "Am Jenseits" lag aufgeschlagen ans seinem Tische. "Denken Sie: Waller kann die zweiten vier Zeilen schon auswendig!" teilte er mir in frohem Tone mit. "Es ist für mich nicht etwa ein psychologisches Problem, vor dem ich stehe; ich bin vielmehr meiner Sache sehr gewiß, freue mich aber dennoch herzlich, daß meine Theorie, welche aber gerade das Gegenteil, nämlich die allerpraktischeste Praxis ist, schon einen, wenn auch nur leisen, Anfang ihrer Wirkung zeigt." Er wartete, bis ich mich gesetzt hatte, dann fuhr er, nach der Art geistig regsamer Menschen im Zimmer hin und her gehend, fort: "Sie sind ein unbefangener Mann und werden also gewiß nicht über mich lächeln. Sprechen wir nicht über diese höchstgradige Dysenterie, mit der wir es in Beziehung auf den Körper zu thun haben. Sie ist allerdings die äußere Veranlassung zu der innern Katastrophe, welche da oben in den Bergen mit dem Brande des Tempels zum Ausbruche gekommen und jetzt noch in voller Wirkung ist. Nur bei einer so großen körperlichen Schwäche war es möglich, daß die irren Geistesregungen zur That werden konnten, ohne Widerstand zu finden. Kräftige Menschen und kräftige Völker geben sich weniger leicht als schwache dem geistigen Irrtum unterthan. Man gebe dem Individuum und man gebe dem Volke, was beiden zur materiellen Gesundheit nötig ist, so wird ihre Gedankenwelt wohl schwerlich einen Nährboden für schädliche Ideen bilden. Waller war, sagen wir, übergläubiger Christ. So lange er gesund ivar, machte ihn dieses Zuviel zwar zu einem Menschen, den man mitVorsicht zu behandeln hatte, wurde aber von den Erwägungen seines Verstandes und günstigen Einflüssen von außen her davon abgehalten, direkt schädlich zu wirken. Mit dem Tode seiner von ihm so rührend herzlich geliebten Frau wurde es anders. Sie war, 15 227 «LL»«LL>«LL»«LL»«LL»<LL»«LL>«LL'«LL»E> Karl May. ^^<Z^«LL»«LL»«LL,^L»<LL»<LL»<LL»«ZL. 228 wie wir gestern hörten, sein Engel gewesen, der nun nicht mehr mahnend und schützend bei ihn: stand. Es entwickelte sich infolge dieses schweren Verlustes in ihm eine innere Schwäche, welche ein anderer wohl als Gemütskrankheit bezeichnen würde, für mich aber ist es die Hilflosigkeit eines zur Waise gewordenen Mannes. Ohne Frau kann der Mann im Kampfe mit den: Leben wohl schwerlich Sieger sein, wenigstens innerlich. Sehen Sie doch die Völker, welche ihren Frauen nicht erlauben, an diesem Kampfe teilzunehmen, mahnend, ratend, sorgend, begeisternd, pflegend und tröstend, wie einst die Frauen der Germanen gegen den Feind bei ihren Männern standen! Sie werden zugeben, daß allen diesen Nationen die geistige Energie abhanden gekommen ist! Mit solchen Schwächlingen macht, wie bei uns, jeder Bonze und, Ivie in anderen Gegenden, jeder Fakir oder Derwisch, was er will! Bei solchen widerstandsunfähigen Völkern und Individuen gewinnt "der Hölle größtes Lieblingskind", von welchem Waller gestern sprach, in einer Weise die Oberhand, daß wir uns über das dadurch herbeigeführte Hinschwinden nationaler Kraft ebenso wenig zu wundern brauchen, wie ich als Wallers Arzt es für unbegreiflich halte, daß er dem vorhin erwähnten Uebermaß erlegen ist. Sie hören, daß ich es liebe, meine Beobachtungen am einzelnen nur in der Weise zu machen, daß ich dabei den Blick auch forschend auf die Gesamtheit richte. Nur was wir im Großen hier erkannt haben, werden wir auch im Kleinen dort erkennen! Waller war nach dem Tode seiner Frau nicht nur ein verwaister Mann, sondern ein "Waisenmann" in dem Sinne, in welchem wir von einem Waisenkinde sprechen, also führerlos. Ich gebe zwar den guten Einfluß seiner Tochter zu, doch wird ein Mann sich von seinem Kinde nie in der Weise wie von seinem Weibe leiten lassen." "Ich gestehe aufrichtig," bemerkte ich da, "daß ich ihm eine so innige Liebe zu seiner verstorbenen Frau kaum zugetraut hätte." Da blieb er vor mir stehen, sah mir lächelnd in das Gesicht, schüttelte den Kopf und antwortete: "Kaum? Nicht? Sie alter Psychologe und Menschenkenner? Unglaublich! Er hing und hängt sogar mit ganz ungewöhnlicher Innigkeit an ihr; sie beherrschte ihn durch diese Liebe, denn er ist ein schwacher Mensch und fühlte ihr gegeniiber, daß er es war." "Schwach?" fragte ich, um ihn anzuregen. "Ja, schwach! Gerade Nebermenschen sind die schwächsten Menschen, und Waller fühlte sich in religiöser Beziehung als U ebermen sch. Er dünkte sich, der allein seligmachende Missionar zu sein, und ahnte nicht, daß diese große Stärke nichts als nur seine größte Schwäche war. Wenn es wirklich einen klebermenschen giebt, so ist er es nur, wenn und weil er nichts davon weiß. Und wenn Sie mir eine Religion bringen können, welche den Ausdruck "allein seligmachend" gar nicht kennt, so bin ich überzeugt, daß gerade sie und nur sie die allein seligmachende ist! Wallers Glaube konnte um so weniger der wahre, der richtige sein, je entschiedener und unausgesetzter er ihn als den einzig echten hinstellte. Es wirkte ein guter und ein böser Geist in ihm; der gute war seine Frau; sie verkörperte die religiöse Demut und Bescheidenheit, und darum wollte sie nicht mit ihm nach China gehen; der böse aber war der religiöse Hochmut, welcher ihm einflüsterte, daß er zum Seligmacher berufen sei. Als der Engel ihn verlassen hatte, gewann der andere die Oberhand. Zu ihm gesellte sich die Krankheit, welche unglücklicherweise besonders in ihrem spätern Stadiunr mit heftigem Fieber verbunden ist, und in eurem solchen Fieberanfalle geschah es, daß seine unglückliche Idee von der Vernichtung heidnischer Tempel und Säulen zur Ausführung gebracht wurde. Dieses Fieber entschuldigt ihn in hohem Grade, doch nichr nur ihn allein. Bei jedem religiösen Wüten gegen Andersdenkende ist ein krankhafter, gereizter Zustand vorhanden, welcher entweder sich in kurzen, stotzweißen Angriffen Luit macht oder in einen stieren, gedankenlosen Haß übergeht, der sich durch nichts erweichen und erbitten läßt. Die Rcligionsgeschichte lehrt uns beide Arten kennen. Die erste Art tritt episodisch auf und ist heilbar; die zweite aber frißt sich so tief in die Konstitution des Volkes und des Einzelnen ein, daß es gegen sie kein anderes Mittel giebt, als den Umgang mit solchen Kranken zu meiden. Sie sterben rettungslos an ihrem eigenen Hasse hin, und da er glücklicherweise nicht vererblich ist, so bleibt die Hoffnung, daß die nächste Generation vielleicht eine andere sein werde. Ich sage Ihnen jedenfalls Bekanntes; verzeihen Sie! Man wird so selten begriffen, daß man gern einmal eine Gelegenheit benützt, bei der man weiß, daß man Verständnis findet!" "Sprechen Sie, lieber Freund!" antwortete ich, "Sic geben mir Gesichtspunkte, welche mir willkommen sind." "Nehmen Sie Dank! Ich nannte vorhin Waller einen schwachen Charakter. Der Glaube macht stark; der Hyperglaube aber macht nicht stark und auch nicht schwach, weil das letztere unnötig ist, denn er ist ein gradezu nntrüglicher Beweis der vorhandenen geistigen Schwäche. Diese Schwäche ist so groß, daß sie träumt, sie habe Gott in allen Taschen und könne jede beliebige Quantität des Himmels an andere Menschen verteilen, natürlich gegen großen Dank und bewundernde Verehrung seitens der Empfänger! Denken Sie nicht, daß ich mich auf besondere? beziehe; ich spreche im allgemeinen. Wir haben in China Bonzen, welche derartig mit ihrem eigenen Oele gesalbt sind, daß man sie nicht fassen kann, obgleich man sie in ihrer ganzen, nackten Blöße sieht. Und meinen Sie auch nicht, daß ich mit dem Worte Bonzen etwa nur Geistliche bezeichne. Priester Gottes tnüssen sein; die Menschheit kann sie nimmermehr entbehren. Und je mehr sie in der 15* 229 «Z^<LL>«LL»«LL»<LL»«LL»«LL'«LL'<LL»rLL» Lt in terra xax. <LL»«LL»«LL»«LL»«LL»<LL»«LL»«LL»«LL»<LL» 230 Erkenntnis Gottes fortschreitet, desto größer wird die Zahl und auch der Einfluß dieser Priester werden. Heil und tausendmal Heil dem Volke, welches so viel wahre Gottes-Priester besitzt, wie es fromme Väter hat! Aber der Hyperglaube macht sich meist im Laienvolke breit und tritt grad dort an: anspruchsvollsten auf, weil der Laie glaubt, wenn er nur selbst recht salbungsvoll zu sprechen und 31t blicken wisse, so könne er dcir Priester ganz entbehren. Das ist die Laienfrömmigkeit, die sich über jedes Gotteshaus und Gotteswort erhaben dünkt und, wenn sie einmal guter Laune ist, in den selig atmenden Busen greift, um dem Himmel ein möglichst öffentliches Bakschisch anzubieten!" Da konnte ich mich nicht halten; ich mußte ihn fragen: "Wo nehmen Sie, grad Sie diese Gedanken her?" "Von unfern Vätern!" antwortete er sehr ernst. "Sie haben von Generation zu Generation gedacht, und was sie dachten, wurde uns vererbt. Wissen Sie, was ein Gedanke ist? Wissen Sie, daß er ewig ist, daß er nie verschwinden kann, sondern sich von Geschlecht zu Geschlecht, von Kopf zu Kops immer weiter entwickelt, immer klarer, immer wahrer, immer mächtiger wird, bis endlich seine Zeit kommt, in der ihn: niemand widerstehen kann? Solche Gedanken haben wir, und solche Zeit ist jetzt! Grad weil wir ruhten und uns jahrhundertelang alljährlich einmal rund um die Sonne tragen ließen, ohne zu glauben, daß die übrigen Völker der Erde uns darum bewundern müßten, haben wir Muße gehabt, die Gedanken unserer Väter von Sohn zu Sohn, von Enkel zu Enkel immer mächtiger werden zu lassen. Es sind stille, liebe, hoffnungsfreudige Gedanken, noch nicht in Worte gekleidet und noch nicht in Thaten ausgedrückt; aber diese Worte und diese Thaten werden kommen, vielleicht von uns selbst, vielleicht von Fremden angeregt, und dann werden wir und dann werden auch die Fremden sehen, daß, was die Väter dachten, nicht auf die Söhne und Enkel übergehen kann, ohne deir Segen der Vorfahren mitzubringen und uns zum Heil zu werden!" Er hatte sehr ernst gesprochen. Jetzt nahm sein Gesicht einen freundlicheren Ausdruck an. Er zog seine Brieftasche heraus, öffnete sie und fragte: "Glauben Sie, daß ich heut ein Kind gewesen bin?" "Ein Kind? Wieso?" "Kinder schreiben einander Albumblätter, welche sie dann im Alter mit kopfschüttelnder Rührung betrachten. Ich habe mir von Miß Waller eines schreiben lassen. Da, sehen Sie!" Er hielt es mir hin. Es war meine Strophe. "Ich konnte nicht anders," fuhr er fort; "ich mußte mir diese Zeilen entweder selbst abschreiben oder abschreiben lassen, und zog natürlich das letztere vor. Es ist das selbstverständlich eine ganz persönliche Ansicht, ein ganz individuelles Gefühl, aber es ist mir, als sei in diesem Gedichte für die Völker eine Brücke allerschönster, allerbester und allersicherster Konstruktion enthalten, um einander besuchen zu gehen und liebe Geschenke nicht nur mitzubringen, sondern auch mit heimzunehmen. Es klingen aus ihn: so sanfte, reine Töne, als wehe in ihm ein Hauch aus jenem unbekannten Lande herüber, von welchem uns ein süßes Märchen erzählt, daß dort der Völkerfriede wohne. Ich frage mich vergeblich, ob es von einem Manne oder voir einer Frau verfaßt worden ist. Der geistige Aufbau läßt auf eine männliche Logik schließen, aber die Seele, welche aus ihm spricht, kann keine andere als mir eine weibliche sein." "Giebt es männliche und weibliche Seeleir?" fragte ich. "Ja, das wissen wir wohl noch nicht," lachte er. "Man giebt ihnen wohl halb männliche, halb weibliche Züge, malt Flügel dazu ilnd sagt dann, daß sie Engel seieil. Machen wir also aus niemer Ungewißheit eine Gewißheit, indem wir sagen, ein Engel habe diese Strophe gedichtet und irgend einen: guten Menschenkinde in die Feder gelegt! Dieser Engel hat :ms Erdenbewohnern sagen wollen, wie wir miteinander zu verkehren haben, wenn unser Planet jenem unbekannten Lande gleichen soll. Liebe, nichts als Liebe! Warum machen nun grad diese Zeilen einen solchen Eindruck auf Waller, der doch keine andere Liebe kannte als nur die zu seiner Frau uild Tochter?" "Wohl weil die Verstorbene in ganz gleicher Weise zu ihm gesprochen hat," erwiderte ich. "Ja. Sie haben das Richtige getroffen. Das macht der warme, freundliche, überzeugende, weibliche Klang der Worte. Es spricht aus ihnen eine Güte, welche Mrs. Waller wohl auch in hohem Grade besessen hat. Darum nimmt er diese Worte hin, als seien sie von ihr zu ihm gesprochen. Bei ihrem Klange sieht er seinen Engel wieder vor sich steheir. Er fühlt sich frei vom Einflüsse jenes andern, dem er als Gast des Heidentempels unterlegen ist. Er ahnt sich gerettet und in guter Hut. Fragen wir nicht, ob erwacht oder träumt, ob er etwas sieht und hört oder nicht. Forschen wir nicht, ob Hallucination oder Wirklichkeit. Man sagt, daß Sterbenden die Augen geöffnet seien, und er befindet sich ja heut noch unter der Pforte, an welcher die Gewißheit an die Stelle der Hoffnung tritt. Nehnreir wir ihn genau so, wie er ist! Seine Gedanken werden denen des Gedichtes folgen. Was dahinten liegt, das ist für ihn vorüber; die Krankheit giebt seiner Seele eine Empfänglichkeit, eine Weichheit, welche jeden lieben, guten Eindruck haften läßt. Die Worte dieser acht Zeilen werden sich tief und unauslöschlich eingraben; der Sinn derselben wird ihm zum geistigen Eigentums, zum Wesen werden, und wenn er genesen ist, wird er ein ganz, ganz anderer sein, als er vorher war, obgleich mir leider und wahrscheinlich nur die Hälfte dieser Friedensworte zur Verfügung steht. Glauben Sie, daß meine Hoffnung sich erfüllen wird." 231 E>«LL<LL.^L><LL»«LL»«LZ,^L»<LL'<LL' Karl May. «L^«LL»E>«LL»«LL»^L>«LL.<LL'<LL'^L> 232 "Wenn man Sie so sprechen hört, muß man es glauben," antwortete ich, indem ich aufstand, um zu gehen. "Nun, dann nur noch einige Worte! Betrachten Sie die Heilung, welche ich hier beabsichtige, doch einmal als ein vorbildliches Experiment! Waller glaubte, Christ zu sein, und zwar ein so vortrefflicher, daß er sich berufen fühlte, in alle Welt zu gehen, um Heiden zu bekehren. Er war es aber nicht! Sein Christentum war ein selbst konstruiertes und bestand nur aus dieser leeren, öden Konstruktion, welcher Christi Geist und Christi Liebe fehlte. Er wurde nicht gesandt, sondern sendete sich selbst. Der Glaubensneid machte ihm den Missionserfolg zum Gegenstände der Konkurrenz, denn er wettete. Er fragte nicht, ob er willkommen sei; er drängte sich den "armen Heiden" auf, schon in Kairo meinem Vater und auch mir. Als seine erste Pflicht im fremden Lande galt ihm die Vernichtung alles dort religiös Bestehenden, und für die erste Pflicht der Andersgläubigen dort hielt er die jeder Pietät hohnsprechende Entehrung alles dessen, was ihnen seit Jahrtausenden lieb, teuer und heilig gewesen ist. Solche Forderungen aber kann nur der stellen, dem selbst nichts heilig ist, denn sonst müßte er wissen, daß sie unmöglich erfüllt werden können. Sie sind nichts anderes, als der Ausfluß eines Wahnes, der, wie bei ihm, von den Voreltern großgezogen worden ist, also einer Krankheit, die ihre Opfer nicht in dem Kranken selbst, sondern außerhalb desselben sucht. Dieses Leiden erreichte den höchsten Grad bei ihm, als er Undank und Zerstörung für empfangene Liebe gab. Die Gastfreundschaft ist, so lange die Erde steht, selbst dem wildesten, uncivilisiertesten Heiden heilig gewesen; sie hat alles, selbst das Leben aufzuopfern. Versündigungen gegen sie werden mit dem Tode bestraft und sind selbst von der Geschichte bis auf den heutigen Tag gebrandmarkt worden. Ich brauche also nicht besonders auszuführen, wie Waller gegen die Malaien gehandelt hat. Wie aber haben sie sich gerächt? Von den Thränen seiner unschuldigen Tochter gerührt, haben diese verachteten Heiden ihn freigegeben und ihm sogar sein Gepäck noch später nachgesandt! Das ist die Katastrophe, die äußere und auch die innere. Sie mußte kommen, wenn sein Wahn gebrochen werden sollte. Sie ist gekommen, zu seinem eigenen Heile, und ich hoffe, daß er nun nicht nur körperlich, sondern auch geistig und — — — geistlich genesen wird! Das ist die Monographie dieses einen Christen. Verstehen Sie, was ich mit ihr sagen will? Oder ist es notwendig. Ihnen an der Hand jedes einzelnen dieser meiner Sätze die gleichen Sünden der Gesamtheit, welcher er angehört, vor die Augen zu halten? Wünschen Sie vielleicht, besonders aufgezählt zu haben, wo, wann und wie oft diese Gesamtheit die Pflichten der Gastfreundschaft in ganz derselben Weise mit Füßen getreten hat und noch hent mit Füßen tritt?" "Ich danke! Mag nichts hören! Adieu!" Ich ging, und zwar sehr schnell. Was wollte ich anderes machen? Und ich ging so weit wie möglich, fort vom Kratong, hinaus in die freie Luft! Es war mir zu Mute wie einem Schulknaben, der für andere die von ihnen verdienten Schläge bekommen hat und noch froh sein muß, wenn sie ihn dann in Ruhe lassen! Auf dem Rückwege kam ich an das Hotel Rosenberg und setzte mich da aus die Veranda, um ein Glas Bier zu trinken, "Pilsener" aus Hamburg natürlich. Ich war noch nicht lange da, so kam ein Malaie welcher die Absicht hatte, vorüberzugehen. Er schien nach der Citadelle zu wollen. Er war jetzt anders gekleidet; ich erkannte ihn aber doch als den, welcher mit uns über die Auslieferung Wallers verhandelt hatte. Er trug ein kleines Paket in der Hand. Ich rief ihn an. Er kam zu mir her, und ich sah ihm an, daß er auch mich erkannte. "Wo willst du hin?" fragte ich. "Nach dem Kratong." "Zu wem?" "Zum Tuwan. Ich will ihm dieses Buch bringen; er hat es in der Sänfte liegen lassen." Er hob das Päckchen empor, um es mir zu zeigen. Da kam mir ein Gedanke. Nichts konnte mir grad jetzt lieber sein, als das Erscheinen dreses Eingeborenen mit dem Buche. Es war dies übrigens wieder der Beweis einer fast beispiellosen Ehrlichkeit. "Zeige es einmal her!" forderte ich ihn auf. Er gab es mir. Es war in einige große Pflanzenblätter gewickelt und mit einer Baftschnur umwunden. Als ich es geöffnet hatte, sah ich, daß es das Neue Testament in englischer Sprache toar. Ich hatte die zweite Strophe meines Gedichtes in dem Notizbuche stecken, nahm den Zettel heraus, schrieb mit Bleistift "1. Korinther 13" darauf und legte ihn an diese hier angegebene Stelle. Dann hüllte ich das Testament genau wieder so ein, wie es gewesen war, gab es dem Malaien wieder, ein Trinkgeld dazu, um seine Verschwiegenheit zu belohnen, und sagte: "Der Tuwan ist krank; du wirst nach seiner Tochter fragen und das Buch ihr geben. Aber du wirst ihr nicht sagen, daß ich es geöffnet und etwas hineingelegt habe. Verstanden?" "Ja," nickte er, froh über das Trinkgeld. "Du wirst überhaupt weder ihr noch einem andern Menschen sagen, daß du mich hier gesehen und mit mir gesprochen hast!" "Ich schweige wie ein toter Baum, der keine Blätter hat!" versicherte er. "Und du kommst, wenn du dort gewesen bist, wieder her. Ich muß wissen, ob du es ihr selbst hast geben können." "Werde ich auch den großen Sahib aus China treffen?" "Ja." 233 «LL>«LL>«L!L>«LL>«LL>«LL>^!Z>«Z!L»«LL>«LL> Et in terra xax. «LL»^L>«LL»<LL»«LL»«LL><L!L»«LL»«LL><LL> 234 "Ich will ihm sagen, daß wir das Geld nicht van Penang, sondern von Singapore holen werden." "Welches Geld?" "Die fünfzigtausend Gulden für den Luwan, die er auf den Zettel geschrieben hat." "Ja, sag es ihm. Aber auch er darf nicht wissen, daß du jetzt hier bei mir gewesen bist. Sag ja nichts davon!" Er verbeugte sich und ging. Welch ein Mann, dieser Tsi! Ich wußte, daß er den Missionar auch ohne Bezahlung freibekommen hätte; dann aber wäre den armen Malaien da oben kein Ersatz für den gehabten Schaden geleistet worden; er hatte also eine Anweisung geschrieben, diesen Umstand aber hochanständiger Weise ganz verschwiegen. Daß dies auf ganz ungewöhnliche Geldmittel schließen ließ, war mir Nebensache; desto mehr aber freute ich mich über die edle Gesinnung, welche aus diesem seinem Verhalten sprach. Und dieser Mann war ein Chinese! Der Malaie kam bald wieder und teilte mir mit, daß er beide, die Tochter des Tuwan und den Sahib aus China, getroffen habe und in Beziehung auf mich verschwiegen gewesen sei. Nun ging ich heim. Zum Mittagessen stellte sich Tsi sehr verspätet ein, und als er kam, sah man ihm sofort an, daß ihn irgend etwas ungemein beschäftigte. Er bat um Entschuldigung, daß er nicht eher habe kommen können, und fügte auch den Grund hinzu: "Miß Waller rief mich zu sich, und ich wurde von einer wunderbaren, kaum glaublichen Angelegenheit bei ihr festgehalten. Denken Sie sich: die zweite Strophe des Gedichtes hat sich eingestellt!" Ich that natürlich sehr erstaunt. Er berichtete, wie es zugegangen war, daß Mary das von mir beschriebene Blatt gefunden hatte. Es war ihm von ihr in der ausführlichsten Weise erzählt worden. "Ich bin ganz begeistert!" fuhr er fort. "Man könnte fast an ein Mirakel glauben! Das Buch ist unbedingt Wallers Testament, nicht etwa ein fremdes. Seine Tochter hat noch oben im Tempel darin gelesen, und zwar das berühmte "Kapitel der Liebe" im ersten Korintherbriefe. Sie hatte es ganz absichtlich aufgeschlagen, gedrängt von dem Gedankengange, daß die bei den braven Malaien gefundene Güte und Liebe sie verpflichte, ihrerseits dieselbe Liebe zu üben. Sie weiß genau, daß dieses Papier da nicht in: Buche gewesen ist. And nun, heut, liegt es grad bei diesem Kapitel, und nicht nur das, sondern es trägt auch die Aufschrift desselben! Es ist die Handschrift, das Versmaß, der Reim, der Geist, die Seele desselben Dichters, und doch hat sich außer Waller kein Europäer, kein Deutscher dort oben in: Malaiendorf befunden. Ich frage, giebt es jemand, der eine Erklärung hat?" "Ich nicht!" gestand der Governor aufrichtig. John Raffley sah still vor sich nieder; ein leises Lä cheln spielte um seine Lippen. Dann hob er den Kopf, wobei seinAuge mich mit einem schnellen Blicke streifte, und sprach: "Dieser Dichter scheint entweder allwissend und allgegenwärtig, vielleicht auch unsichtbar, aus alle Fälle aber ein außerordentlich pfiffiger Patron zu sein! Wenn es sich später fügt, daß man ihn kennen lernt, muß man ihm fleißig auf die Finger sehen!" "Das sagen Sie natürlich scherzend," fiel Tsi schnell ein. "Ich weiß, daß ich die Erklärung nicht zu finden vermag, und will mich darum nicht mit vergeblichen Gedanken quälen, sondern die Sache nehmen, wie sie ist. Und wie ist sie? Sie sollen es hören. Die Lady hat mir das Gedicht für Sie anvertraut." Er nahm es aus der Tasche und las es vor. Indem er das Blatt dann wieder zusammenfaltete, schien es, als ob sein Gesicht ein ganz anderes geworden sei. Es giebt seelische Feinheiten, zu deren Bezeichnung selbst das zarteste Wort noch zu plump sein würde. Es fehlt mir der Ausdruck für das, was als Reflex der Seele jetzt auf diesem Antlitz lag. Es war eine Klarheit, eine Innigkeit, ein Enthusiasmus, eine Glückessehnsucht; es war — er selbst, sein ganzes Wesen, Fühlen und Denken, aber verklärt, verschönt, vergeistigt durch die ihn erhebende Erkenntnis, in dem Verfasser dieser Verse einen Menschen entdeckt zu haben, der, obgleich ein Christ, doch in nicht mißzuverstehenden Worten alles das auszusprechen wagte, was von dem gegenwärtigen Christentume noch nicht ausgesprochen worden ist, obgleich die Menschheit schon seit ungemessener Zeit darauf gewartet hat. "Ich bin so froh," sagte er, "so herzlich froh über das, was ich Ihnen da vorgelesen habe. Wären doch wir es nicht allein, wir wenigen Personen, die es kennen lernen! Könnte es doch von jedem Munde zu jedem Ohre klingen! Möchte es doch nicht nur gehört, nein, auch verstanden und beachtet werden!" Da antwortete John, nachdem er mir einen zwar nur kurzen, aber so liebevollen Blick zugeworsen hatte: "Das ist freilich zu wünschen, und ich denke auch, daß wir nicht die einzigen sein werden, die es kennen lernen. Es hat schon mancher weit schlechtere Gedichts gemacht, als dieses ist, und dann sofort den Drucker ausgesucht, um sich für eine Auflage von Zweihundert zu verewigen. Aber dieses Gedicht hier hat kein Dilettant oder Amateur gemacht; darüber sind wir doch wohl alle einig — besonders unser Charley wird ganz dieser Meinung sein! ; wir dürfen annehmen, daß das Dichten mit zum Berufe dieses unbekannten Verfassers gehört, und so versteht es sich ganz von selbst, daß er auch zum Drucker geht, aber nicht, uni sich selbst zu verewigen, sondern um seinen Gedanken längere Dauer und größere Verbreitung zu geben. Wenn ich noch wetten dürfte, würde ich sofort tausend und auch noch mehr Pfund darauf setzen, daß es unbedingt in Druck erscheint. Ob ich wohl gewinnen würde, lieber Charley?" 235 <LL»«LL»«LL»<LL»«LL»«LL»<LL»^L»<LL»«LL> Karl May. <LL<LL»«ZL»^L»<LT><LL»<LL><LZ,<ZL»^L> 236 Ich zuckte die Achsel; mehr konnte ich einstweilen weder sür ihn noch für mich und meine Reime thun. Nach Tische erkundigte ich mich bei Tsi, ehe er ging, ob er mir nicht erlaube, Mary dadurch zu entlasten, dag ich, vielleicht sür nächste Nacht, die Krankenwache übernehme. Er ging bereitwillig darauf ein und versprach mir, die Einwilligung der Lady zu erwirken. Als er fort war, stellte John sich hoch und breit vor mich hin, sah mir mit listigem Augenzwinkern in das.Gesicht und fragte mich: "Es ist Euch doch wohl ein "Sihdi, welcher Gedichte machte", bekannt, Charley?" "Freilich!" lachte ich. "Kann dieser Sihdi auch solche Reime machen, ivie wir vorhin gehört haben?" "Er hat sich vorgenommen, es zu versuchen." "Ihr wollt mir entweichen. Also gerade und glatt heraus: Hat dieser. Sihdi jenes Gedicht gemacht?" "Nein!" behauptete ich. "Halloo! Ich kenne Euch als einen streng wahrheitsliebenden Mann; jetzt aber scheint Ihr doch eine Ausnahme machen zu wollen! Ich möchte diese Verse keinem andern als nur Euch zuschreiben!" "Nehmt Herzensdank sür die gute Meinung, die Ihr von mir habt, und laßt den Dichter da sein, wo er will! Wenn er sich nicht nennt, so thut er das jedenfalls aus Gründen, welche wir achten müssen. Warum also nach ibm forschen?" "Well! Ihr habt in einem so bestimmten Tone "Nein!" gesagt, daß " "Bitte," unterbrach ich ihn; "diese Antwort galt nichr Eurem Fragegedanken, sondern Eurer Ausdrucksweise. Ihr fragtet, ob dieser Sihdi jenes Gedicht "gemacht" habe. Es giebt freilich tausende und abertausende von Gedichten, welche "gemacht" worden sind; sie werden für Gedichte ausgegeben, sehen ihnen auch ähnlrch, sind aber keine. Gedichte, wahre, wirkliche Gedichte werden nicht gemacht, wenigstens nicht hier bei uns; sie entstehen in jenen Sphären, aus denen die Inspiration auf Engelsflügeln niederschwebt, um dem nach oben lauschenden Poeten die Stirn zu küssen und ihm das Auge und das Ohr für eine Welt zu öffnen, die anderen verborgen bleibt. Der Dichter ist darum zugleich auch Seher. Das ist das untrügliche Erkennungszeichen. Wer nicht Seher ist, kann auch nicht Dichter sein! Schaut in die Heilige Schrift! Wie oft beginnen die Reden der Propheten: "Und ich sah" oder "Und ich hörte eine Stimme." Sie waren Seher, und lest nun ihre Worte, so werdet Ihr erkennen, daß sie als Seher DichterWaren. Das eine ist nicht von dem andern zu trennen! Dem wahren Dichter kommt ans einer Welt, die mit der unsrigen zusammenhängt, auf leisen Schwingen schöngebor'ne Kunde; er nimmt sie auf; er giebt sie weiter fort, und wer sie hört, der wird von ihr berührt, als sei sie ein Gedicht aus Engelsmunde. Das ist die Poesie, die aus dem Himmel stammt; kein Geist, kein Mensch kann sie uns niederbringen; dort obeir, wo das Meer des Lichtes flammt, muß jeder Strahl in goldnen Rennen schwingenUnd steigt er nieder, nirnmt er Formen an, um sich dein Menschensinn zu offenbaren, und diese Formen, sie bestehen dann für unsere Nachwelt noch nach tausend Jahren!" Raffley und der Governor standen da und sahen mich aus großen Augen an. "Wißt Ihr nun, was ein Gedicht, und wißt. Ihr nun, wer ein wahrer Dichter ist?" fragte ich. Der "uncle" war still; der "nephew" aber antwortete, indem eine Helle, reine Freude sein liebes Gesicht verschönte: "Charley, sagt mir nun noch hundertmal oder tausendmal alles, was Ihr wollt, aber das Gedicht, von dem die Rede ist, wird doch mit keinem andern Namen, als mit dem Eurigen gedruckt! Teilt mir dann nur init, in welchem Werk; es muß sofort iu meine Bücherei!" Nach einiger Zeit holte mich der Governor ab, um die beabsichtigte Fahrt nach dein Hafen auszuführen. -ln Bord angekommen, that er, als ob er sich irgend etwas Vergessenes zu holen habe und bei dieser Gelegenheit den Nachmittagsthee gleich hier trinken wolle. Tom war an das Land gegangen, um Proviant einzukaufen, zu deren Transport er einige "Hemds"*) mitgenommen hatte. Außerdem verrittcn einige andere ihren freien Tag, denn für den Seemann ist das Reiten selbst dann das schönste aller Vergnügen, wenn er aller hundert Schritte zehnmal vom Pferde fällt. So kanr es, daß nur Bill mit zwei Matrosen und der weiblichen Bedienung anwesend war. Das freute den Gentleman, der um alles in der Welt nicht wissen lassen wollte, daß er es auf Raffleys Kajüte und das dort hängende Bild abgesehen hatte. Er behandelte diese Angelegenheit so wichtig und sa schwer, als ob sie eine ganz bedeutende Staatsafsaire seiDer Grund dazu war mir unbekannt; ich fragte auch nicht nach ihm. Als Bill für einige Zeit unten im Raume zu schaffen hatte, glaubte der Uncle sich nun unbeobachtet. Wir gingen in die Kajüte. Ehe wir aber einiraten, zeigte er hinaus nach dem Marmorkopse und sagte: "Das ist nur Kunst, nicht Wirklichkeit. Darauf gebe ich nichts. Ein gemaltes Bild aber muß ganz ähnlich sein, sonst ist es kein Porträt!" Der liebe Alte schien weder ein Kenner noch ein Verehrer der Kunst zu sein. Seine Worte standen jedenfalls zu der erwähnten Wette in Beziehung; in welcher Weise, das konnte ich nicht erraten. Dann öffneten wir die Thür, welche nicht verschlossen war, und gingen hinein. Er blieb zunächst vorn stehen *) Leute. 237 Et in terra par. <Z^Z><Z^§><Z2§><ä^§><Z2§><Z^Z><Z^Z>^Z><Z^><ä^§> 238 und schaute sich in einer Weise um, als ab er sich im Heiligtum einer ihm nicht blas; fremden, sondern auch unsympalischen Verehrung befinde. Hierauf näherte er sich langsam, Schritt um Schritt, beinahe ängstlich, dem Bilde und schaute es lange, lange an. Dann ging er, ohne ein Wart Zu sagen, an mir vorüber, fort, zur Thür hinaus. ^>ch solgte ihm. Man hatte nun den Thee serviert. Er deutete hin und sagte: "Trinkt allein, Sir! Mir ist der Appetit vergangen. Ich habe jetzt mehr, viel mehr 31t verdauen als uchee mit Toasts!" Ich folgte dieser Weisung; er aber ging, bis ich fertig ivar, urit laugen Schritten und gesenkten! Kopfe auf dem Decke hin und her. Nun ließen wir uns an das Land sttzen und stiegen wieder in den Wagen, um heimzufahren. lW hatte das alles wortlos gethan. Jetzt aber, als wir so ang nebeneinander saßen, ergriff er das Wort: "Charley, mir ist ganz schlimm zu Mute. Ich habe diese große Wette schon beinahe halb verloren!" Hierauf wachte er eine Pause; dann fragte er: "Sagt einmal, ist dieses Frauenzimmer schön?" "Nein," antwortete ich. "Nicht?" fuhr er auf. Er deutete mit dem Zeigefinger nach der Stirn und sprach: "Nehmt doch einmal den Schlüssel; setzt ihn bei Euch hier an, und schließt Euch das vernünftige Verständnis auf! Wenn sie nicht schön ist, so tziebl es überhaupt nichts Schönes! Ah, Ihr lacht. Es war also nur Scherz von Euch! Weil! Denkt Euch, ich habe behauptet, daß eine Chinesin nicht schön sein könne! Es läng mir das ganz gegen unfern europäischen Strich! lind «n dieser Behauptung hängt nach mehr, viel mehr! Ter Marmorkops hat mich nicht irr gemacht. Ich glaube nämÜU) nicht an den Stein, sondern nur an die Farbe. Da wnuue ich nun an das geiualte Bild. Welch ein Schreck! Für solche Augen würde eine reiche Engländerin wenigstens fünfzigtausend Pfund geben, wenn sie sie hätte; für die Nase etwas weniger, aber für den Mund dafür gewiß hunderttausend und für das Haar ebenso viel. Dann der Hals, das Kinn, die Stirn, die Brauen wenn ich summiere, so macht das wenigstens eine Million! Ihr seht, ich weiß zu rechnen!" "Ich höre es," lächelte ich, denn diese Art und Weise, eine Schönheit zu beurteilen, war mir neu und unterb altend. "Lacht nicht, Sir!" rief er unwillig. "Es steht mehr aus dem Spiele, als Ihr denkt! Dieser John Rasfley, welcher ganz unglücklicherweise mein nephew ist, was mir Gelegenheit gegeben hat, ihn liebgewinnen zu müssen, hat wohl gewußt, was er sagte! Wenn er in dem Andern ebenso Recht hat, muß ich vor China die Flagge streichen, und das, das will und will ich eben nicht, denn ich bin bin — ~ ja, was bin ich denn eigentlich? Noch Englishman? Pshaw! Dieser Tsi ist mir auch schon so in das Herz ach so, darf doch nichts sagen! Habe ihn ja gar nicht lieb! Aber habt Ihr ihn angesehen, als er von dem Gedichte sprach? Dieses Gesicht! Diese Augen! Es strahlte ja alles an ihm! Ist das etwa die Rückständigkeit, die Inferiorität, die Indolenz, welche wir seiner Rasse vorwerfen?" Er sah mich bei diesen Worten so strafend an, als ob nicht er, sondern ich gegen Tsi gewettet hätte. Da aber fühlte er, daß er sich hatte hinreitzen lassen, und lenkte schnell wieder ein: "Pardon! Wollte natürlich nur sagen, daß er nicht ganz ohne alle Intelligenz ist. Ihr seid ja unbeteiligt: will aber doch lieber schweigen!" Du armer Gouverneur, du ahnst wohl gar nicht, daß du dich in beiden Gefechten schon auf dem Rückzuge befindest! Bei unserer Ankunft im Kratong erfuhr ich von Tsi, daß Mary in meinen Vorschlag eingewilligt hatte. Er freute sich darüber, daß ihr diese Ablösung erlaubte, die ganze Nacht zu schlafen, und machte mich mit meinen Obliegenheiten bekannt, obgleich er gewillt war, von Zeit zu Zeit im Krankenzimmer vorzusprechen. Die für die Handreichungen uötigeDienerschaft hatte vor derThürzuschlafeü und besaß für alles, was zu thun war, bereits die nötige Hebung. Das Ko-su hatte trotz der kurzen Zeit schon so wunderbar gewirkt, daß, wie er versicherte, ein Umbetten des Kranken während meiner Anwesenheit wahrscheinlich gar nicht nötig sein werde. Ich trat meine Wache gleich nach dem Abendessen an. Mary war bei ihrem Vater. Er schlief. Sie hatte gelesen, und zwar in "Am Jenseits". Sie schien sich mit Tsi in die Lektüre dieses Buches zu teilen. Als sie sich für meinen Wunsch, bei ihrem Vater zu bleiben, bedankt hatte, schob sie mir es hin und sagte: "Ich lasse Ihnen diese Reiseerzählung hier, die ein — ach, Sie kennen ja den Namen des Verfassers schon; ich erinnere U!ich! Bitte, lesen Sie, und sagen Sie mir dann, was Sie über diese Enthiillungen denken! Denn Enthüllungen sind es auf jeden Fall; mögen sie hergekommeu sein, woher sie wollen!" Dann ging sie, und ich war mit dem Patienten allein. Zunächst hatte ich mich über die zu brauchenden Gegenstände zu orientieren; dann setzte ich mich hinaus auf den Balkon, sorgte aber dafür, daß mir nicht das geringste Geräusch im Zimmer entgehen konnte. Es war schön sternenhell. Nächtlich sich erschließende Blumen sandten mir ihre Düfte zu. Die Bewohner des Kratongs hatten vom Gouverneur den Befehl erhalten, sich der möglichsten Ruhe zu befleißigen. Es war überall still. Ich habe die Sterne so gern, so lieb! Als ich am Beginn der jetzigen Reise in Genua, wohin sie mich begleitet hatte, voit meiner Frau Abschied nahm, war ich iuit der Guten übereingekommen, uns täglich abends durch den Himmels239 «LL»<LL»<LL»<LL»<LL»<LL»rLL»«LL»<ZrL,«ZL§> Karl May. «LL»<LL»<LL»«LL»<cLL»<LL>rLL»«LL»«LL»«LZ> 240 wagen?) Grüße zuzusenden. Dieses Versprechen haben wir treu gehalten, sie immerfort und ich, so lange ich konnte, denn in: südlichen Teile des Noten Meeres verlor ich ihn aus den Augen. Aber es hat keinen einzigen Abend gegeben, an dem ich nicht auch beim Glanz der südlichen Sterne der lieben, reinen Seele gedachte, die mit der meinigen für immerdar so eng verbunden ist. Heut Abend auch! Ich saß hier nur fünf Grade vom Aequator entfernt; wie weit von der Heimat, und doch wie ihr so nahe! Die Heimat des Körpers ist das Grab; der übrige, edlere Teil des Menschen aber ist im Jenseits daheim, aus welchem er stammt. Irdische Orte können ihm, wenn er dort Liebe findet, vorübergehend zum Heime werden, welches er selbst aus der weitesten Ferne aufsuchen darf, so oft er will; sogar der sogenannte "Tod" kann ihm da keine Grenze setzen. Der Beweis lag hier als Kranker neben mir im Zimmer. Ich wußte mich trotz aller räumlichen Trennung auch hier in Kota Radscha mit meiner Frau vereint. Ich hatte ja alles, was ich dem Einflüsse ihres Wesens auf das meinige verdankte, mitgenommen und brauchte nur und bloß an sie zu denken, um in diesem Gedanken einen mahnenden, warnenden, ermutigenden Stern für alle meine Schritte zu besitzen. Und der, welcher sich da drin in der Krankenstube befand, war scheinbar auch von seinem Weibe geschieden, ja, sie stand ihm, dem Denkgebrauch gemäß, sogar viel ferner, als mir meine Frau, denn man nannte sie ja tot; man hatte sie begraben. Und doch und doch hatte er gestern mit ihr gesprochen und konnte heute und jetzt und immer wieder mit ihr sprechen, wirklich mit ihr, denn in ihm lebte und wirkte ja noch alles, alles, was sie ihm gewesen war. Das Gedächtnis hält das Leben fest, so daß es nicht entfliehen kann, so lange dies Gedächtnis währt. Es giebt nicht nur ein Leben nach dem Tode, sondern auch ein Leben trotz des Todes! Was war das? Hatte es sich nicht im Zimmer geregt? Ich ging leise hin und schaute hinein. Die Lampe war verhangen wie gestern. Das Gesicht des Kranken lag in tiefer Dämmerung, doch konnte ich die Züge unterscheiden. Er flüsterte leise vor sich hin. Ich trat vollends hinein und setzte mich. Das Flüstern wurde vernehmbarer und deutlicher; ich konnte erst einzelne Worte und dann ganze Sätze verstehen. Für mich waren sie ohne Zusammenhang, wohl aber nicht für ihn; ich kann sie übergehen. Aber dann sprach er laut und deutlich: "Gebt, was ihr bringt, doch bringt nur Liebe mit; das andre alles sei daheim geblieben." Er hatte diese Zeilen, die ihm von Mary vorgesagt worden waren, also wirklich festgehalten. Nach kurzer Zeit fuhr er fort: "Du stehst bei mir; ich sehe dich im Licht, wie ich dich nie vorher so licht gesehn. Bist du die Liebe? Bist du dies *) auch "großer Bar." Gedicht? Was ist mit dir, was ist mit mir geschehn? Hab ich an dich, die Liebe, denn gedacht, als meine Seele noch am Eifer hing? O sag, wer hat dich zuni Gedicht gemacht, grad als ich mich so schwer an dir verging?" Er schloß in leisem, klagendem Tone, langsam und ruhig sprechend; nun aber fuhr er hastig fort: "Wer drückte Petri Schwert mir in die Hand, vor welchem nur der Knecht den Nacken beugt? Wer machte es in ihr zum Feuerbrand, der gegen meinen eigenen Glauben zeugt? Wer gab mir aus der Heimat alles mit, was christlich heißt und doch nicht christlich ist? Wars der etwa, der an dem Kreuze litt —? Er hob die dürre, skelettartige Hand empor, als ob er eine Vision vor sich habe, und schloß, schwer und wieder langsam sprechende "Sag mir, o Christus, sag, ob du es bist!" Die Hand blieb einige Zeit erhoben; dann sank sie ruckweise, wie zögernd, nieder. Ueber seine soeben noch erregten Züge glitt ein helles, warmes Lächeln; er schüttelte wenn auch nur schwach, doch bemerkbar den Kopf und sprach, sich selbst beantwortend: "Grad weil sie einst für euch den Tod erlitt, Lebt sie durch euch, um weiter sortzulieben." Hier legte er, genau wie gestern, die Hände zusammen und sprach in frohem Tone weiter: "O nein, o nein; so weit der Himmel reicht, erklingt noch heut dein großes Liebeswort, und jeder Tag, der aus dem Morgen steigt, verkündet es der Menschheit Weiterfort. Du hast gelebt — — zu unserer Seligkeit; Du hast geliebt  geliebt die ganze Welt; im Leben der Geringste deiner Zeit, bist du im Lieben ewig, ewig Held!' Trotz seiner großen Schwäche hatte er seine Stimme zum Tone der Begeisterung erhoben. Das schien ihn angegriffen zu haben; er schloß die Augen, welche er offen gehabt hatte, und lag längere Zeit ohne Wort und Bewegung da. Dann sah ich, daß er die Hand erhob und sie bewegte, als ob er jemand zu sich herwinke. Dabei sagte er: "Gieb mir die Hand! Ich will dein eigen sein; du hast mich früher ja so oft geführt. Ich handle falsch, ich gehe irr allein; das Hab ich, als du fehltest, ja gespürt. Du gingst zwar fort, in jenes Christenland, wo auch die selgen Heiden Christen sind, doch ist dir ja der Weg zu mir bekannt; o komm, o komm, du lichtes Himmelskind!" Es war sein Engel, der ihm in Gestalt seiner Frau vorschwebte. Er sprach zu ihr, in kurzen, abgebrochenen Sätzen und so leise, daß ich nichts verstehen konnte. In den Zwischenpausen lauschte er, als ob er eine Antwort höre. War es die Hand dieses Engels, welche alle Spuren der Qual, des Leides aus dem armen, eingefallenen Gesicht strich? Es lag so rührend ergeben, so zufrieden lächelnd, fast selbst wie eine Vision, auf dem hellen, weichen Kissen! Nach längerer Zeit verstand ich wieder, was er sagte: ein bittendes Wort: •241 ^L»^§><LZ,^Z,^§,<ZL§>«ZL»«LL»^L»«LL» ^ '" tcrra paj' <^>*^><^><^><^><^><^>^^><^><^> ^2 »p, falte mir die Hände jetzt, dn selbst, denn ich will beten I Jch habe sein Gebot verletzt und willnunzu ihm treten." Ich sah gespannt zu ihm hin. Seine Hände näherten bch einander; sie falteten sich, aber nicht als ob er dies selbst thue, sondern als ob sie ihm, Finger um Finger, von einer mir unsichtbaren Person zusammengelegt würden. Dann flüsterteer: »Ich danke dir; es ist geschehn; du gabst mir frommes Zeichen und sollst, um beten mich zu sehn, mit mir zunl Himmel steigen!" . Nach diesen Worten war es mir, als müsse ich das blngelrauschen derer vernehmen, welche, von mir ungesehen, herbeischwebten, um sein Gebet in Empfang zu neh">en und dorthin zu tragen, wo alle Gebete der Menschenu»der zum Herzen des Vaters klingen, um in demselben s"r ewig aufbewahrt zu werden. Auch ich faltete ineine Hände, denn es ivar ein heiliger Augenblick, so unwiderstehlich ergreifend, daß gewiß auch jeder andere an meiner stelle ganz dasselbe gethan hätte, ivas zu unterlassen mir Unmöglich war. »Amen!" erklang es nach einiger Zeit. Er fügte noch k'n zweites, lauteres "Amen!" hinzu, und dann — — habe ich nie in meinem Leben ein, Gesicht gesehen, auf welchem der innere Friede sich schöner und deutlicher ausgebeückt hätte als auf dem seinigen. So lag er die ganze Nacht, und nur zniveileir beutete bwe ruhige, tiefe Beivegung an, daß er.nicht tot, sondern lebend sei. Tsi kam wiederholt, um nach ihm zu sehen. Beim letzten: Male, gegen Morgen, sagte er: "Das war heut Nacht nicht Apathie, sondern kräftigende Ruhe des Leibes und der Seele. Ich , habe nicht bar an gezweifelt, daß er zu retten sei, und hätte ich denUoch irgend ein Bedenken gehabt, so wäre es nun gehoben, ^ir haben die Infektion zurückgeschlagen; die Kräftigung toird allerdings nur langsam, sehr langsam vor sich gehen, ^vobei es sich Herausstellen wird, wie weit vor Anwendung bes Ko-su die Zerstörung der Schleimhäute stattgefunden hat. Hoffentlich gelingt es trotz der Schwere des Falles ber Natur, diese Verluste zu ersetzen." "Wann wird er wohl transportabel sein?" »Ich möchte ihn gern so bald wie möglich nach der See haben. Ich weiß von Miß Mach, daß er, wie ja auch sie, bau der Seekrankheit nicht ergriffen wird, und es giebt also in dieser Beziehung kein Hindernis. Auch ist es voi: hier bis hinunter zun: Hafen ja gar nicht weit, und wenn br in liegender Stellung vorsichtig hinnntergetragen wird, lind ungünstige Folgen schwerlich zu erwarten. Aber das >ind keine Gründe zu einer Eile, welche gar nicht nötig ist. Dtan muß, besonders der Arzt, gern vorsichtig sein. Wird gewünscht, daß ich eine Frist angebe, so darf sie keineswegs kürzer als eine Woche sein. Bis zur völligen Genesung aber werden Monate vergehen." Kürschner, China III. Als ich diesen Bescheid an: folgenden Vornüttage den beiden Engländer:: mitteilte, freuten sie sich über die Zuversichtlichkeit des Arztes. Sie wurden während der angegebenen Zeit nicht gebraucht, und es gab nieinand, der von ihnen fordern konnte, während dieser Frist hier in Kota Radscha zu bleiben. Sie beschlossen also, inzwischen hinüber nach den Nikobaren-Jnseln zu dampfen, und forderten mich auf, mitzugehen. Ich sprach mit Tsi und auch mit Mary darüber, und beide waren der Meinung, daß ich nnch ganz ohne alle Sorge um sie den Gentleinen anschließen könne. Ich wollte natürlich den Sejjid mitnehmen, nicht darmn, weil ich ihn während dieser Spazierfahrt zu meiner persönlichen Bedienung brauchte, sondern damit er inöglichst viel sehen und nützliche Erfahrungen mit heimbringen möge. Ich wollte ihn nicht ausnützen, sondern in ihm den Grund zu einer bessern Zukunft legen. Aber als ich ihm sagte, was ich beabsichtigte und daß er sich mit einzuschiffen habe, bat er mich, bleiben zu dürfen, Nach den: Grunde dieses Wunsches gefragt, antwortete er: "Wir reisen doch nach China, Sihdi, und da habe ich nnch um die Sprache dieses Landes zu bekümmern, wozu ich aber unterwegs auf den: Schiffe wohl keine Gelegenheit finde. Hier in Kota Radscha giebt es einige chinesische Kulis, welche englisch sprechen, und wenn ich wahrend dieser Woche n:it ihnen verkehre, kann ich ihnen zeigen, daß es außer der deinigen und der ineinigen keine weitere, ganz vollkommene Sprache giebt." Ich hatte nichts dagegen. Es ivar ja kein Unglück, wenn zu dem babylonischen Gewirr in seinen: Kopfe, aus welchem er aber gegebenen Falls stets das Nötige heranszufinden wußte, auch noch ein Beitrag kam, der auf "ing" und "eng" zu enden hat. Raffley pflegte das, was er sich einmal vorgenommen hatte, auch stets so bald lvie möglich auszuführen. Darum dampften wir schon am Nachmittage von Uleh-leh fort. Er, der ebenso gütig wie uinsichtig warhatte, bevor wir Kota Radscha verließen, dafür gesorgt, daß den zurückgelassenen Freunden nichts von dem fehlte, was sie voraussichtlich nötig hatten. Ich war schon früher sehr oft in der Lage gewesen, ihn in dieser Beziehung im stillen mit einer liebevoll besorgten Mutter zu vergleichen. Wir hatten damals, als wir ans Ceylon mit einander bekannt geworden waren, auf seiner Jacht "Swallow" eine Fahrt nach den Nikobaren unternommen und dort so Interessantes erlebt, daß der Wunsch, diese Erinnerungen bei der jetzigen Gelegenheit wieder aufzufrischen, ein ganz selbstverständlicher war. Da sich aber auf diesem Ausfluge nichts ereignete, was sich auf die vorliegende Erzählung bezieht, will ich nur erwähnen, daß wir, sehr von ihm befriedigt, am achten Tage wieder nach Uleh-leh zurückkehrten. Dieses Mal gab es auf der Landungsbrücke und den 16 243 5ä^^S>^S><2S><2S><SS><SC&<gS><2S><2S» Karl May. «LZ><LL.<ZL. <3££><2S>cSS>^S><S2><2S.«2S» 244 in ihrer Nähe liegenden Straßen mehr Leben als bei unserer ersten Ankunft. Es lagen mehrere Dampfer im Hafen, von denen einer Passagiere gelandet hatte und dafür andere zur Reise nach Batavia an Bord nahm. Oben in Kota Radscha angekommen, fanden wir unsere Wohnungen genau noch so vor, wie wir sie verlassen hatten. Sie waren für uns reserviert geblieben. Mary, welche ich sogleich besuchte, sah wohl, ja sogar heiter aus. Ihre Wangen hatten wieder Rundung und Farbe bekommen, und ihre Augen zeigten den früheren, lieben Glanz , den die Sorge um das Leben des Vaters hatte verschwinden lassen. Sie teilte mir voller Freude nüt, daß nichts ini Wege stehe, ihn nach der "Z)in" zu bringen; nur müsse Doktor Tsi vorher von Raffley die Erlaubnis erhalten, an Bord zu gehen, um für die sachgemäße Einrichtnng der betreffenden Koje zu sorgen. "Vater ißt jetzt gern," sagte sie, "zwar nur wenig ans einmal, aber oft. Außerdenr schläft er Tag und Nacht fast immerfort." "Spricht er auch noch in der geheimnisvollen Weise luu. an den beiden ersten Tagen?" "Ja. Ich wollte ihm so gern die zweite Strophe des Gedichtes in derselben Weise geben ivie die zweiten vier Zeilen der ersten; aber der Arzt hat mich gebeten, es noch nicht 51t thun. Er meint, daß der Geist ganz ebenso wie der Körper jetzt noch zu schonen sei." "Für diesen Arzt können Sie Gott gar nicht genug danken, liebe Freundin!" "Ich weiß es, und ich thue es auch, so oft und so innig, wie ich kann!" antwortete sie. "Er übt auch ouf Vater einen mir ganz unerklärlichen Einfluß aus; er braucht nur zu wollen, so schläft der Kranke ein, oder er wacht auf, oder er bekommt Appetit zum Essen; es ist höchst sonderbar! Er braucht ihm nur die Hand ans die Stirn zu legen, so wirkt sie beruhigend, erfreuend, wie ein Segen! Glauben Sie das?" "Ja. Es ist vielen Menschen eine geheimnisvolle Kraft gegeben. Sie wirkt durch die Berührung, durch den Blick, die Stimme, ja sogar durch Briefe, also durch geschriebene Zeilen in die Ferne. Sie wirkt zwar auch, ohne daß der Besitzer dieser Kraft es weiß, aber ist er sich ihrer bewußt, so vermag er sie durch seinen Willen ganz wunderbar zu steigern. Diese Kraft wirkt bei guten Menschen gut, bei bösen aber schädlich. Man hat sie nicht beachtet oder gar an ihr gezweifelt; aber heutigen Tages giebt es feinen gebildeten, vorurteilsfreien Menschen mehr, der sie verneint, zumal jedermann selbst im alltäglichen Leben sich von ihrem Dasein und ihrer Wirkung überzeugen kam:. Man giebt ihr die verschiedensten Namen, von denen aber bisher kein einziger das Richtige getroffen hat. Wo ist dieserToktorTsi? Ich muß ihn doch begrüßen!" "Er ist draußen unter den Bäumen mit dem Sejjid beschäftigt, Ko-sn-Pflanzen zu trocknen. Dies muß im Schatten geschehen, weil sie im direkten Sonnenstrahle ihre Heilkraft verlieren würden. Es war nötig, einen Vorrat anzusammeln, der nicht nur für die Seereise, sondern für die ganze Kur ausreicht. Wir wissen ja nicht, ob die Pflanze da, wo wir landen werden, zu finden ist." Als ich hinanskam und um die Ecke des Gebäude-' bog, sah ich die beiden Genannten bei der angegebenen Beschäftigung. Sie schienen sich in sehr heiterer Laune zu befinden, denn sie lachten einander eben jetzt so laut und herzlich an, daß ich beinahe, ohne den Grund dieser Lustigkeit zu kennen, mitgelacht hätte. Da sah mich Omar und rief mir, noch immer lachend, zu: "Wie schön, daß du endlich, endlich wiederkonunst, Sihdi! Denke dir, ich habe inzwischen fast die ganze, gaazo chinesische Sprache gelernt; wir haben nur dann in einer anderen' gesprochen, wenn diese Sprache nicht wußte, way arabisch, deutsch oder englisch war. Dann wird diese ihre Unwissenheit, wie du soeben siehst, von uns beiden amgelacht!" Tsi hatte, teils 31t seiner Unterhaltung, teils auch mm Interesse für Omars Eigenheiten, allerdings mit ihm Chinesisch getrieben und in ihm einen in hohem Grade amüsanten Schüler gesunden. Auch er wunderte sich, Mw er mir später sagte, über das außerordentliche Wortgedächtnis des Arabers, beklagte aber ebenso die unforinaM Weise, in welcher da alles aufgestapelt wurde. In hohe»i Grade zutreffend, fügte er die Bemerkung bei: "Ganz wie der Islam, seine Religion! Ein lieber, guter Mensch, im tiefsten Grunde ernst gestimmt, doch äußerlich stets heiter. Für das Hohe, Edle ungemein empfänglich, und doch stets mit dem Kleinen, Gewöhnlicheu beschäftigt. Jnr Kopfe eine erstaunliche Fülle von Ausdrücken, von Worten, deren Sinn und Geist er aber nicht begreift. Fromm von Geburt — ich Betone das ganz besonders •—, religiös durch die Gewohnheit, würde ec sehe leicht für den einzig lvahren Glauben zu gewinnen sei», wenn dieser nicht in abendländisch enge, faltenlose Formen gekleidet wäre. Und wenn ich mich nicht irre, so befindet sich der Sejjid bei Ihnen auf dein rechten Weg dazu. @iJ sproßt und treibt in ihm. Stören Sie das nicht! Leben Sie ihm, lvie bisher, das, was er werden soll, durch Jlft eigenes Beispiel vor! Er wird mit Ihnen bis an dm-' Ende der Erde gehen, wenn Sie nicht von ihm verlangen/ die Fäden, welche ihn mit seiner materielleir und geistigen Heimat verbinden, pietätlos zu vernichten. Ein derartiges Verlangen fordert, was unmöglich ist! Auch bee Europäer weiß, daß der Mensch ein Kind seiner Scholle ist, nicht nur der Acker-, sondern auch der intellektuellen Flur, welche seiner Jugend Nahrung gab. Kaiur matt, ohne ihn zu töten, ihm das nehmen, was diese Nahrung ans ihm machte? Nein! Nie! Jedermann ist davon überzeugt, sogar Eure Bnchstabeugläubigen, aber freilich nur dann, wenn es sich um ihr eigenes, liebes Ich han"So brachten wir ihn bequem freit Sie berlangen den Mord aller Individualität uatirlich aller anderen, nur nicht der ihrigen! Gehm sie doch hin in alle Welt, mein Freund, und sehen sie die Zerstörungen, welche diese Forderung angerichtet hat! ^ — Verzeihung! Ich bin ans untergegangene oder de»t Untergänge nahe Völkerindividualitäten gekommen und wollte doch nur von Ihrem Sejjid Omar, dem Muhanunedaner, sprechen. Es war mir zu verführerisch, an seinem Beispiele nachzuweisen, das; es eben nur des stumnwn Beispieles, nicht aber der Aggressivität bedarf, um aus einem sogenannten Ungläubigen das zu machen, was Dinar unbedingt werden wird, wenn Sie nicht den unverzeihlichen Fehler begehen, fentc Eigenart zur Gegenwehr 2" zwingen!" Wie fleißig mußte dieser Chinese während seiner Stnfrienzeit in Europa gewesen sein; wie herrliche Gabelt !varen ihm verliehen, uitd mit welchem Vorbedacht und lvelchxiTreue lvar diesen Studien daheim von seiten seines Vaters, seiner Erzieher vorgearbeitet worden! Vielleicht hatte das Schicksal den Händen dieses jungen Mannes Aufgaben anvertraut, welche nur ans dem Wege, den e§ ihn führte, zu lösen sind. Die Vorsehung Pflegt sich llets int stillen den rechten Mann heranzuziehen, um dann, ^venit ihre Zeit gekommen ist, mit ihm am rechten Orte hervorzutreten. Er fuhr int Laufe des Nachmittags ntit Raffleh hinunter nach der "Mn", um dort Wallers Ankirnft vorzubereiten, für welche aber erst der folgende Morgen besümnlt wurde. Da wir hörten, daß der holländische Gouverneur ant nächsten Tage nicht in Kota Radscha sein werde, so machlen wir ihm noch heut unsere feierliche Dankund Abschiedsvisite, bei welcher wir aber bald herausfühlten, fraß dem einfachen, wackeren Mijnheer eilt herzlicher Hänfredrnck ohne alle Feierlichkeit viel lieber gewesen wäre. Teil materiellen Dank, so was man Bezahlung zu nennen und leicht bis auf den Landcftcg." pflegt, in klingenden Münzen anszufprechen, das überließen mir John Raffleh, weil er nicht nur das beste Talent, sondern auch mehr "Talente"*) als wir anderen dazu besaß. In welcher Weise er dieser silbernen oder gar goldenen Verpflichtung nachgekommen war, das sahen mir, oi§ wir ant Morgen den Kratong verließen. Die ganze, allerdings nicht sehr imponierende Heeresmacht desselben hatte Aufstellung genommen, und auf jedem einzeltteit Gesichte war mit größter Deutlichkeit der wehmütige Gedanke zu lesen: Wenn doch öfters so ein Dysenteriekranker mit solchen Begleitern käme! Die Dysenterie ist leider immer da; aber solche Lords, die sieht man wohl nicht wieder! Das beste ttnd tiefste Verständnis für dieses Bedauern schien mein Sejjid Omar zu empfinden. Er ging von Mann zu Mann, um jedem die Hand zu drücken, und that dies mit hoch aufgerichteter Gestalt und einem so herablassenden Mäcenaslächeln, als ob er fein ganzes, bei mir angesammeltes Diensteinkommen unter sie verteilt habe. Wir hatten eine leichte Sanfte konstruiert, welche so lang war, daß der Kranke ausgestreckt in ihr liegen konnte. Acht Träger wechselten einander ab. So brachten wir ihn bequem und leicht bis auf den Landesteg, tntd da die See so ruhig war, wie wir nur wünschen konnten, ging auch die Einschiffung in einer Weise von statten, von welcher Waller tticht im geringsten angegriffen wurde. An Bord angekommen, sah ich nun, was Raffleh tmd Tsi mir noch gar nicht gesagt hatten. Nämlich John, der liebe, liebe, prächtige Mensch, hatte dem Kranken seine eigene Kajüte überlassen. Sie war ausgeräumt und in ein Pflegezimmer verwandelt worden, wie man es sich besser, bequemer und gesünder gar nicht denken kannte. Nur das Porträt ntit seinem duftenden Blttmenrahmen war geblieben, eine Aufmerksamkeit oder vielmehr ein *) In. Griechenland und Roni eine Geldsumme von 4—5000 Mark. 247 Rar, May. <B§>&S>€Sbtt<3S>&S>&S>&S><ZS>&S> 248 Opfer, dessen Größe nur mit der Herzensgute NaffleYs zu vergleichen war. Wo dieser wohnte, sah ich jetzt noch nicht; wir anderen aber hatten alle dieselben Räume wieder, in denen wir vorher untergebracht gewesen waren. Als Tsi sich in Penang zu uns gesellt hatte, war nicht daran zu denken gewesen, daß er für eine längere Zeit der Gast der "Mn" sein werde. Er verlor kein Wort darüber, ob seine Bereitwilligkeit ihm Störungen bringe oder gar ihm Opfer auferlege, und bat nur darum, daß wir wieder drüben anlegen möchten, damit er für kurze Zeit an das Land gehen könne, um Briefe auf die Post zu geben und seine dortigen Angelegenheiten zu ordnen. Dieser Wunsch wurde ihm natürlich erfüllt; dann gingen wir sofort nach Singapore, wo eine reichliche Menge Masut, welches in Penang nicht zu haben gewesen war, für die Feuerung ausgenommen wurde. Hierauf ging es auf der Hongkong-Linie dem geheimnisvollen Norden zu. Ich nenne ihn geheimnisvoll, weil er es für uns war. Außer RaffleY wußte niemand, wohin wir gingen, und dieser zeigte, gegen seine sonstige offene Art, keine Geneigtheit, uns Auskunft zu erteilen. Als Mary Waller zwei Tage, nachdem wir Singapore verlassen hatten, bei Tafel eine hierauf bezügliche Frage an ihn richtete, antwartete er: "Bitte, Mylady, lassen Sie das für einstweilen noch mein Geheimnis bleiben! Ich werde gewiß dafür sorgen, daß jeder von uns sein besonderes Ziel erreicht; vorher aber haben wir ein gemeinschaftliches, für welches wir hier wie von einer gütigen Fee zusammengeführt worden sind. Folgen wir ihr mit dem Vertrauen, ans welches solche höhere Wesen Anspruch haben!" Sein Wunsch wurde natürlich beachtet und dieses Thema also nicht wieder als Gesprächsgegenstand behandelt. Umsomehr wendete sich unsere Aufmerksamkeit dem Befinden des Kranken zu, welches uns ganz selbstverständlich im höchsten Grade interessierte, zumal es sich dabei um ganz eigenartige, rätselhafte Zustände handelte. Nur der junge Arzt schien die Lösung dieser Rätsel zu kennen. Er war so froh, sie in seine Hand gelegt zu sehen, so heiter, so zuversichtlich; er kam mir fast wie eine glückliche Mutter vor, welche mit unendlicher Liebe das körperliche und geistige Werden ihres Kindes überwacht. Sein Vertrauen teilte sich auch Mary mit. Beide waren in der Pflege des Vaters eng vereint; sie schienen unzertrennbar zusammen zu gehören, und der Gedanke, daß sic einander früher nicht gekannt hatten, wollte mir mit jedem Tage fremder werden. Man spricht von Seelen, welche sich, und seien sie räumlich noch so weit getrennt, ganz unbedingt ans Erden finden müssen, von Wesen, welche einst vereinigt waren und sich wieder zu vereinigen haben. Wer kann wohl sagen, ob das ein Aberglaube sei? ES ist gewißlich wahr, daß um Genesende sich eine Atmosphäre bildet, welche ethisch reinigend und veredelnd wirkt. Es gab an Bord, selbst unter der Schiffsbemannung, keinen einzigen rohen Menschen, und doch fühlte jeder von uns in sich das Streben, recht lieb und gut zu sein, als ob er es bisher noch nicht gewesen wäre. Ich sah einmal ein Gemälde, welches einen Rekonvalescenteu zeigte, hinter dem, von ihm und seiner Umgebung ungesehen, ein Engel stand, welcher sie alle segnete. Der Künstler hatte es verstanden, der von mir erwähnten Erfahrung so, wie die wahre Kunst es will, Gestalt zu geben. Eine solche segnende Engelshand schien auch über uns zu walten. Wir sahen sie nicht, aber ein jeder wußte, daß der warme, weiche und allen bemerkbare Hauch der Liebe und des Friedens von der Stelle ausging, an welcher der Kranke in seinen Visionen mit seinem Engel verkehrte. Für das Leben des Patienten war, wie Tsi versicherte, nichts mehr zu befürchten, wenn auch die große, körperliche Schwäche nur langsam beseitigt werden konnte. Es galt da nur, sich in Geduld "zu fügen. Ungleich anders war es mit seiner Psyche beschaffen. Sie befand sich, wenn er wachte, in unausgesetzter Thätigkeit und schien auch während des Schlafes ohne llnterbrechung beschäftigt zu sein. Man sah das an dem sich sehr oft verändernden Ausdrucke seines Gesichtes und an gewissen Körperoder Gliederbewegungen, welche keine unwillkürlichen waren. Er öffnete die Augen, ohne einen bestimmten Gegenstand anzusehen, und schloß sie wieder, indem er froh lächelte, als ob ihm etwas Freundlicheerschienen sei. Er bewegte die Lippen; man sah, daß er etwas sagte; aber es war kein Laut zu hören. Oder er sprach Viertelstunden lang leise vor sich hin und sah während der Pausen ganz so aus, als ob ihm Antwort werde. Aber so laut und vernehmlich wie in Kota Radscha hatte er hier auf dem Schiffe noch nicht im Schlafe gesprochen. Als ich Tsi hierüber fragte, antwortete er: "Es wird ganz gewiß wieder geschehen, sobald er die zweite Strophe des Gedichtes kennen lernt. Er arbeitet jetzt noch an dem Inhalte der ersten; ich höre das aus seinen Reden, wenn er wacht. Man darf ihm nichts Neue? geben, bevor das Alte ihm vollständig klar geworden ist. In der Entwicklung einer Psyche darf cs keine dunklen Punkte geben. Darum habe ich Miß Mary gebeten, jetzt noch zu warten. Er beschäftigt sich jetzt noch mit der letzten Zeile der ersten Strophe, also mit dem Gedanken, daß Christus nicht gestorben ist, sondern in jedem wahren Christen weiterlebt und weiterliebt. Das hat er, wie ja auch Ihre ganze Christenheit, bis jetzt noch nicht begriffen. Doch arbeitet es fort und fort in ihm, und ich kann jeden Augenblick eine Aeußerung erwarten, welche mir sagt, daß er dieses Wort verstanden hat. Dann lasse ich die nächste' Strophe wirken. Ist das nicht im höchsten Grade interessant?" 249. Lt in terra xax. <^<^r^<^rLL<LL<LL.<LL»<LL,<LL> 250 »O, mehr als interessant; ich Bin erstaunt!" antworte ich der Wahrheit gemäß. "Welch eine schwere, fremdartige und mir fast unbegreifliche Aufgabe haben Sie sich da gestellt!" Er schüttelte den Kopf und erwiderte lächelnd: »Sie ist nichts von alledem. Fremdartig kann sie nur bem Christusfremden sein. Nicht unbegreiflich, sondern die rwzig richtige und allein erklärliche ist sie für einen jeden, der die Krankheit kennt, um welche es sich handelt. Und schwer? Sie ist sogar sehr leicht! Wissen Sie noch, was ^ch Ihnen von der Behandlung des einzelnen und der Gesamtheit sagte? Ich kenne das Leiden dieser Gesamtheit "ud weiß genau, auf welchem Wege es zu heben ist. Dieser kwzelne leidet an ganz demselben Uebel; was folgt hieraus? Ich werde ihn Herstellen; er wird dann das in WirkCchkeit sein, was er früher nur zum Schein gewesen ist. Und ist er nicht mehr krank, so habe ich an dem einzelnen öezeigt, auf welchem Wege die Gesaintheit auch gesunden kann." Ich muß bemerken, daß Waller im wachen Zustande sich vollständig geistig normal zeigte. Von einer epilepUschen Anlage war nicht die geringste Spur vorhanden, ^anz im Gegenteile war sogar das, was Professor Garden damals in Colombo in theologischer Beziehung "erbsiche Belastung" genannt hatte, im Verschwinden begrissan. Er war jedenfalls geistig gesünder und freier als sruher, und so hatte wohl gewiß jeder Unbefangene anzuUehmen, daß die Visionen, welche ihm während des Schlags kamen, ihm geistige Kraft und Freiheit brachten, indem sie diese Belastung von ihm nahmen. Ich saß, wenn er uicht schlief, oft stundenlang bei ihm und sprach mit ihm w jener leichten, schonenden Weise, wie man mit Kranken spricht. Da hörte ich nie auch nur ein einziges Wort aus seinem Nkunde, welches mich zu der Annahme berechiigt hätte, daß seine Denkkraft angegriffen sei. So oft es geschah, daß ich mich mit ihm unterhielt; auf seine Visionen bezog er sich auch nicht ein einziges Mal, und ebenso wenig erwähnte er das Gedicht. Darum überraschte es mich, daß er am Tage vor unserer Ankunft in Hongkong ganz plötzlich davon zu sprechen begann. Wir U>aren allein, und er teilte mir mit, daß Mary ihm erzählt habe, auf welche eigentümliche Weise ihr die zweite Hälfte der ersten Strophe zugekommen sei. Und nun sagte er, daß er allein mir gestehen wolle, welchen nachhaltigen Eindruck diese vier Zeilen auf ihn gemacht hätten. Nun gab ein Wort das andere. Ich hütete mich natürlich, ihm merken zu lassen, daß es meine Absicht sei, ihm das, was er noch nicht begriffen hatte, zu erklären. Sein Eifer wuchs, und mit ihn: die Spannung, welche er meinen Antworten entgegenbrachte. Sein bleiches, eingesunkenes Gesicht rötete sich, und seine tiefliegenden Augen begannen begeistert zu glänzen. Und da, endlich, endlich kam ihm das Verständnis! Er sah nach mit einem langen, großen Blicke an; dann sanken seine Lider herab; er holte tief, tief Atem, faltete die Hände und sagte: "Das, das also war Christi Liebe! Und das, das ist sic noch! Das wird sie sein in alle, alle Ewigkeit! O, was war ich für ein Thor!" Nun lag und war er still. Sein Atem ging ruhig und leise. Ein frohes Lächeln spielte um seine Lippen. Ich wartete noch eine Weile, dann entfernte ich mich, voir Herzen frob darüber, Tsi Mitteilen zu können, daß sein Wunsch in Erfüllung gegangen sei. Am Abende erfuhr ich voir ihm, daß er Mary erlaubt habe, ihrem Vater die zweite Strophe zu geben. Während der Nacht hatten wir eine sehr unruhige See, und als wir anr nächsten Tage Hongkoirg erreichten, waren wir sehr zufrieden damit, daß Raffley hier nur für ganz kurze Zeit Anker werfen wollte, um frischen Proviant einzunehmen. Es regnete. Die Berge, welche die Bucht umschließen, wareir verhüllt. Was wir sahen, war so specifisch europäisch, so nüchtern und so kalt, daß niemand Sehnsucht fühlte, an das Land zu gehen. Dschunken und Sampans hatten wir schon genug gesehen. Hongkong ist eine englische Schöpfung und zeigt sich von außen her, zumal bei solchem Wetter, so sehr als frostige Lady, daß auch wir ihr gegenüber kalt blieben und nach einigen Stunden ohne Bedauern Abschied von ihr nahmen. Raffley hatte einige Depeschen an das Land besorgt. Auch voir Tsi war dem Boteir eine mitgegebeir worden. Wohin sie telegraphiert hatten, das hielten beide gleich geheim. Tsi wahrscheinlich an seinen Vater, dessen Stand und Rainen er rricht wissen lasserr wollte. Niemand fragte, wohin es von hier aus ging, und Raffley sagte nichts. Der Kompaß aber ließ uns sehen, daß wir nach der Fokien-Straße dampften. Der Regen hörte, als ob er uns nur Horrgkong habe verleiden wollen, sehr bald wieder ans, und im Laufe des Nachmittags beruhigte sich die See, so daß wir nach der bewegten Nacht einer: schönen, stillen Abend hatteir. Als wir nach dem Supper vom Tische arrfstanden, gesellte sich Tsi zu mir, um mich zu fragen: "Wollen Sie mit mir heut bei dem Kranken bleiben? Ich habe der Lady gesagt, daß sie schlafen soll. Er hat gestern Abend das Gedicht bekommen. Bei dem Seegange während der Nacht rrnd der Unruhe des heutigen Tages ivar eine Wirkung nicht zu erwarterr; nun aber ist es nicht nur möglich, sondern in Folge seiner geistigen Regsamkeit sogar sehr wahrscheinlich, daß sie eintritt. Ob bald, ob spät, kann man nicht sagen. Sie müßten also bereit sein, unter Umständen die garrze Nacht zu opfern." Ich erklärte nrich selbstverständlich sofort einverstanden: er hätte mir ja gar keine dankeswertere Aufmerksamkeit erweisen können! So brachten wir also den übrigen Teil des Abends bei Mary mrd ihren: Vater zu, welcher zwar wach war, aber äußerst wenig sprach. Wir saheir, 251 «^«^<Z^«LL>«LL»<LL»<LL»«LL»«LL»^L> Aar, May. <LS»^L»E»«LL»«LL»«LL»«LS»«LL»<LL>«LL» 252 daß er seine Aufmerksamkeit nach innen gerichtet hatte. Sehr oft ruhte sein Auge mit ganz eigenem Ausdrucke aus dem Porträt der schönen Chinesin, welches in seinem duftenden Blumenrahmen ihm grad gegenüberhing. Wir wußten, daß es einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte, obgleich von ihm keiir hierauf beziigliches Wort gesagt worden war. Später schlief er ein. Mary sagte uns gute Nacht. Wir legten den Schleier iiber das elektrische Licht lind setzten uns hinaus vor die offeilstehende Thür, durch welche wir den Raum fast ganz überblicken konnten. Auch die andern alle, außer denr Steurer und der Deckwache, waren schlafen gegangen. Der erst vor kurzen: aufgestiegene Mond warf dei: Schatten der Kajüte quer iiber das Deck und schaute durch die breiten Glasscheiben in das Innere derselben. Sein Schein siel auf die Füße des Schläfers und rückte langsam an der still ruhenden Gestalt desselben empor. Der auf dem Lichte liegende Schleier konnte die Glasglocke nicht ganz bedecken; es gab da, wo sie gehaltei: wurde, eine Lücke, durch welche das Licht hinüber auf das Bild der Chinesii: siel und es fast wie ein lebendes Wesen plastisch hell aus dem umgebenden Schatten hervortreten ließ. Das sah so nnirdisch aus. Ich dachte unwillkürlich an die Fee, vo>: welcher Raffley 31t Mary gesprochen hatte. Tsi schien denselben Eindruck wie ich zu empfinden. Seine Allgen hingen an dem Innern der Kajüte, lind er flüsterte nlir zu: "Wie das Geheimnis bannt! Ist es Körper, oder ist es Seele? Es scheint, daß hier ein Ort der Offenbarung sei! Der Mond sucht nach dem Angesicht des Kranken. Man sollte ahnen, daß dieses süße, weiche Licht ihm Botschaft bringen wolle!" Ich antivortete llicht, konnte aber auch den Blick llicht von dieser Sceile wenden. Das Bild sah lächelnd auf den Schlummernden nieder mld schien die Lippen zu bewegen. Der Schein des Mondes schmiegte sich iveiter und weiter an seiner Gestalt empor. Jetzt legte er sich ihm schoil auf die Brust; dann berührte er das Kinn, den Mund; er kam bis an das Auge, und nun geschah, was Tsi erwartet hatte: der Krallke begailn zu sprechen, erst flüsternd und für uns nicht verständlich; dailn aber, als der Mond das ganze Gesicht, auch Stirn lind Haar beschien, hörten ivir deutlich, was er sagte: "Sei mir gegrüßt, du lieber Himmelsstrahl, in denl mein Engel zu nur niedersteigt; leg dich verklärend um die Erdenqual, wenn sterbend sie das Haupt am Kreuze neigt! Sei mir gegrüßt! Laß mich im Glauben sehn, daß jene Liebe, welche alles litt, nachdem die Kreuzigung an ihr geschehn, im neuen Leibe vor die Jünger tritt!" Als er hierauf schwieg, sagte Tsi leise zu mir: "Ich vermutete ganz richtig: das Mondlicht hat ihm die Vision gebracht. Wahrscheinlich bringt er jetzt nun das Gedicht." Diese Voraussage bewahrheitete sich. Nach einiger Zeit fuhr Waller langsam und jedes Wort betonend, in den beiden Zeilen fort: "Tragt euer Evangelium hinaus. Indem ihrs lebt und lehrt an jeden: Orte!" Hierauf flüsterte er wieder wie vorher. Wir hörten nur den Namen Jesus deutlich. Dann erhob er die Stimme wieder und sprach: "Er ging durchs Land, wie nur die Liebe geht, die keinen Hader um den Himmel kennt, weil jede Kerze, die an: Altar steht, inte alle andern nur nach oben brennt. Er brachte sich der ganzen Menschheit dar, nicht einem auserwählten Volk allein, und weil sein Reich nicht von der Erde war, kann es auch jetzt nicht von der Erde sein!" Tsi griff nach meiner Hand und drückte sie; ich verstand ihn, obgleich er dazu schwieg. Jetzt wendete der Kränke sein Gesicht dem Fenster zu, durch welches der Strahl des Mondes siel, so daß es fast tagesdeutlich dor unfern Augen lag. Er lächelte ivie einer, der etwas unendlich Liebes schaut, indem er sich von neuem hören ließ: "Er kam und ging ivie dieses milde Licht, willkommen, gern gesehn an jedem Ort; ein Evangelium sein Angesicht, sprach er als Vorbild sei» Erlösungswort. O du. der selbst den Schächer nicht verwarf, den Mörder, der an deiner Seite hing, wo ist ein Mensch, von dem ich feige» darf, er sei für deinen Himmel zu gering?!" Es war so unbeschreiblich, ihn zu hören. Nie waren mir Menschenworte so tief wie diese in das Herz gedrungenDas nun folgende längere Schweigen ließ uns ihren Eindruck ganz und voll empfinden. Dann erklang es wieder langsam und recitierend: "lind alle Welt sei euer Gotteshaus, In welchem ihr erklingt als Liebesivorte." Er wartete hier gar nicht, sondern fügte in einer Weise, als ob er nun etwas sehr Wichtiges zu sagen habe, sofort hinzu: "Wer war's, der sich in Herrlichkeit und Pracht den Tempel der Unendlichkeit gebaut, ivo Stern an Stern die Größe und die Macht des Schöpfers in dem Glanz von Sonnen schatit? Wer war's, der auf die Erde niederfuhr auf Allmachtsflügeln am Beginn der Zeit, in jeden Wurm zu legen eine Spur der Weltensehnsucht nach der Ewigkeit? Wer war's, wer ist's, nach den: dies Sehnen bangt in jedes Menschen, jedes .Heiden Brust, in der das Herl dorthin zurückverlangt, wo es sich in der Heimat einst gewußt?" Schon früher hatte ich es bemerkt, und jetzt hörte icf) es wieder, daß er immer einen kleinen Teil des Gedichte^ und dann die Erklärung hierauf brachte. Was er soeben gesagt hatte, bezog sich ans "alle Welt sei euer Gotteshaus." Voi: dem, was nun kam, war anzunehmen, daß es sieb auf "In welchem ihr erklingt als Liebesivorte" beziehen werde. Und richtig; er fuhr fort: "Der Priester trägt die Liebe wohl hinaus; was aber 253 <LL^L«LL»«LL»«ZL»«ZL»«LL»«LL»«LL<ZL» <Et in terra xax. <SS>tS2£><SS><2C2><2S»<2S>«3;£»<ä^>«äS><2££» 254 i)'t es, was der andre bringt? Du lieber Mann, bleib immerhin zu Haus, weil deine Liebe doch int Haß verklingt! Dtt glaubst an deine heilge Mission, jedoch die Welt da draußen traut ihr tticht. Vergeblich klingt deitr Wortin ChristiTon, weil eure Th at in andrem Tone spricht!" Das klang so schwer, so gewichtig, so vorwurfsvoll, 'o strafend. Nun war er still, lange, lange Zeit. Ebeir wollte der Streifen des Mondlichtes, welcher immer weiterstieg, fettt Gesicht verlassen; da sahen wir, das; er die -lugen öffnete. Sie richteten sich ans das Bild der Chinesin, welches ihni, wie schon bemerkt, gegenüberhing. Er streckte die Arme schnell, als ob er sie fassen wolle, nach ihr nus, zog sie langsam, langsam wieder zurück, breitete sie ilnnit nach beiden Seiten aus, als ob er eine weite, unbegrenzte Fläche bezeichnen wolle, und sagte dann: »Es liegt die Welt ringsum im Morgengrattu; die dlebel wallen, um emporzusteigen. Mein Auge ist bereit, l'ich anzuschaun; o wolle deute Herrlichkeit mir zeigen! Wo kommst d>t her? Ich höre deitt Gewand. Es rauscht so glückverheißend aus der Ferne, tind dieses Rauschen ist uür wohlbekannt: du streifst mit deines Schleiers Saum die Sterne." Das, was er jetzt gesprochen hatte, bezog sich jedensvlls nicht auf das Gedicht mtd seinen Inhalt, sondern ans otwas ganz anderes. Es tauchte eilt neues Gesicht vor ihm auf, welches wahrscheinlich durch den Anblick des jetzt in >a eigenartiger Schönheit und Beleuchtung hervortretenden Bildes eingeleitet worden war. Wir hörten seine Worte weiter: "Ein süßer Duft bereitet deinen Schritt; schon höre ringsum ich die Glocken schlagen. In meinem Herzen lönt die Stunde mit, tind deine Zeit beginnt, in mir zu tagen. Vielleicht trittst du jetzt nur in meine Welt, tind ich bin es allein, der dich empfindet, doch ist die llhr für andre auch gestellt, sobald deiit Licht die Dämmrnng überwindet. — So wie ich wartete auf dieses Licht, so wartet auch das gaitze Volk der Erde. Ich ahne dich; du nahst mir im Gedicht. O, daß dies Bildnis doch verstanden werde! Nun bist du da; dtt schaust mich lächelnd an, als seist dtt mir schon irgendwo begegnet, und ich, ich sinne zwar vergeblich, wann, doch hast du mich im Himmel einst gesegnet." Als er hier innehielt, fragte mich Tsi in flüsterndem Totte: "Wissen Sie, wovott er spricht? Seilte Augen ruhen auf dieser wunderbar schönen, geheimnisvollen "Mit" und dieser Name ist das chinesische Wort für "Güte". Er spricht mit der Güte, welche zu uits niedersteigen ntnß, wenn tms geholfen lverden soll. Doch, hören Sie!" Der Kranke fuhr fort: "O, segne mich nun hier ztun zweiten Mal tind mit mir alle, die auf Erden Wandel,t, damit wir, wie der Vater uns befahl, als seine Kinder an einander handeln. Du bringst die Liebe, die von oben quillt, für alle Kreatur zu uns hernieder. Es strahlt die Seele mir aus dei,teilt Bild; die Güte ist's; o nimm sie mir nicht wieder!" Er hatte die letzten Sätze ntit erhobener, fast sehr lauter Stimtne gesprochen. Nun war er still. Wir warteten zwar; aber nach längerer Zeit legte er sich, dein Mondschein abgewendet, auf die Seite. Nun war anzttnehmen, daß er nicht mehr sprechen, sondern schlafen werde. Wir blieben aber sitzen, doch ohne mit einander zu redeit. Es ging dem Chinesen wohl grad so wie mir: der Eindruck dessen, was wir gesehen und gehört hatten, war so tief "(Er streckte die Arme schnell nach ihr aus". und gab auch ihm so viel zu denken tmd innerlich zu ordnen, daß er sich nicht selbst durch laute Worte stören ivollte. Ich zog meinen Stuhl aus und legte nüch lang auf denselbeit nieder; wir hatten ja ansgemacht, die ganze Nacht wach zu bleiben. Es herrschte tiefe Stille uni uns her. Die leisen, regelmäßigen Pulse der Maschine konnten nicht alsUnterbrechung dieses Schweigens gelten. Da hörte ich ein Geräusch, wie iveitn ein Zündholz, welches nicht Feuer fangen will, wiederholt schnell angestrichen wird. Das klmtg voit der anderen Sette der Kajüte her. War etiva jemand dort, ohne daß wir es gewußt hatten? Dann ivttrde mir ein feiner Tabaksgeruch von der leise wehenden Nachtluft zugetragen. Ich bin Kenner und roch sogleich, daß es Cumana war, deit der Governor ausschließlich rauchte. Ich stalid also auf und ging hinüber. Richtig, da saß er ans dent Klappsitze, der alt der Holzwand angebracht war! Er hatte alles sehen tind hören können, weil das Fenster hier ans der Leeseite offen stand. Seit wann war er da? Wir hatten ihn nicht kommen sehen, weil unsere Aufmerksamkeit nach dent Innern der Kajüte gerichtet gelvesett war, und da lvir hier alt Bord fast alle Schiffsschuhe ntit Gummisohlen trugen, waren seine 255 «Z^<LLrZL,<LL»^L»<LL»rLL»<LL,<LL,<LL» Karl Schritte nicht zu hören gewesen. Als er mich bemerkte, winkte er mir zu, nicht laut zu werden, und sagte in flüsterndem Loire: "Wollte schlafen gehen; aber Ihr Buch von: Jenseits kanr mir in die Hände. Habe darin gelesen. Diese Gedanken! Wo kommen die Ihnen nur her? Haben mich heraus auf das Deck getrieben. Da sah ich Sie im Mondscheine sitzen und eifrig in' die Kajüte schauen. Was gab da? ^-ch ging also hierher. War das etwa indiskret?" "Nein, antwortete ich. "Was haben Sie gehört, Mylord?" "Alles, alles, non den Worten an "Lragt euer Evangelium hinaus." Auch gesehen habe ich alles. Wurrderbare Scene! Hat mich tief gepackt! Weiß gar nicht, was ich darüber denken oder gar sagen soll! Erst Ihr Buch, in welchem Sie beschreiben, was in der Sterbestunde vor sich geht, und dann diese Worte des Kranken, die aber nicht im mindesten krankhaft klingen! Wem: er nie in seinem Leben Missionar war und es auch später niemals sein sollte, in dieser Stunde aber ist er es gewesen, wenigstens für mich; das können Sie mir glauben, und das werden Lsie auch sehen. Wird er vielleicht wieder sprechen?" "Wahrscheinlich nicht." "Well! So habe ich hier auf nichts mehr zu warten. Muß mit mir aufs reine kommen. Habe viel, viel zu verwalten und zu verantworten gehabt, bin aber auch einer von den Christen gewesen, bereit Thaten in einem anderen Tone als dem der Liebe sprechen. Habe sogar diesen Prachtmenschen, den Tsi, verachten »vollen! Pfui!" Er that ein paar kräftige Züge aus der Pfeife und spuckte aus, es so unentschieden lassend, ob diese Interjektion sich auf den Tabak beziehen oder eine Censur für ihn selbst sein sollte. Dann stand er auf und begann, in langsamen Schritten zwischenBug undStern anfund ab zu gehen. Wie froh war ich über ihn! Diese tiefe Ergriffenheit! Und diese Aufrichtigkeit, mit welcher er sie eingestand, er hätte mir gar keine größere Freude machen können! Wer von solchen Dingen bloß hört oder liest,' darf ja nicht denken, daß er zu einem Urteile fähig sei. Und wenn er dennoch kritisiert, so gleicht er jenem Eskimo, der nie seine Schneeeinöde verlassen und nie eine Kirche gesehen hatte, sich aber doch für klug genug hielt, über den Glockenund Orgelklang zu lachen, als er davon sprechen hörte. — Waller schlief während der ganzen Nacht ohne Unterbrechung weiter, und als am Morgen Mary kam, überließ ich es Tsi, auf ihre Fragen Antwort zu erteilen, denn der Governor nahm mich in Beschlag. Er interessierte sich ganz plötzlich sehr für psychologische Probleme und gab sich dabei so lernbereit, so mild und weich, wie ich es vorher für gar nicht möglich gehalten hätte. Die Fahrt verlief äußerlich ereignislos, wenn ich die May. «LL»<ZL»«LL»^L»<LL»^L»«LL»^L»^L»<LL» 256 Begegnungen mit anderen Schiffen nicht als Ereignisse bezeichnen will. Dieser Mangel wurde aber mehr als vollständig durch das ausgeglichen, was sich zu inneren, seelischen Begebenheiten entwickelte. Ich bin überzeugt, es gab da unter uns nicht einen Einzigen, der sich den Wandlungen hätte entziehen können, welche mit Waller schon damals auf dem Dschebel Mokattam begonnen und jedem, der mit ihni in nähere Beziehung gekommen war, mit in ihren Bereich gezogen hatten. Er fuhr von Amerika nach China; aber während diese große, räumliche Bewegung vor sich ging, nmchte er innerlich eine Reise, welche von viel größerer Weite und Bedeutung war, denn pe führte ihn in eine solche Ferne, daß es ihm geradezu unmöglich wurde, an den Punkt, von dem sie ausgegangen war, jemals im Leben wieder zurückzukehren. Er hatte eine ihm jetzt vollständig entschwundene geistige Welt für immer verlassen und befand sich jetzt unterwegs nach einer anderen, neuen, besseren und schöneren, und ich schäme mich nicht, zu gestehen, daß wir auch auf diesem geistigen Wege seine Gefährten ivaren, die an allen seinen Seelenäußerungen den innigsten Anteil nahmen. Ich kann also über unsere Fahrt keine sogenannten "Reiseabenteuer" berichten, an welcher sich doch nur die Oberflächlichkeit ergötzt; wer aber einen Sinn für die unendlich gestaltennnd ereignisreiche Seelenwelt des Menschen hat und ein Verständnis für die Tiefe besitzt, in welcher die äußeren Vorgänge des Menschenund des Völkerlebens geboren iverden, der wird nicht mißvergnügt, sondern ganz im Gegenteile mit mir einverstanden darüber sein, daß ich ihn in diese Tiefe führe, anstatt ihn für einen Leser z" halten, der nur nach der Kost der Unverständigen verlangt. Da gab es denn am dritten Tage, nachdem wie Hongkong verlassen hatten, ein Ereignis, welches ich in psychologischer Beziehung recht wohl ein "Abenteuer" nennen könnte. Wir hatten auf deni Deck gefrühstückt. Mary war auch dabei gewesen, dann aber zu ihrem Vater gegangen. Nun kam sie eiligst zurück und teilte Tsi i|1 ängstlichem Tone mit: "Ich bin bestürzt: ich habe einen Fehler begangen. Ich hatte in "Am Jenseits" gelesen und ließ das Buch, als das Zeichen zum Speisen gegeben wurde, auf dem Stuhle neben Vater liegen; ich glaubte, daß er schlafe. Als ich jetzt bei ihm eintrat, wachte er und hatte das Buch in der Hand. Er las. Denken Sie, er las in einem Buche des Verfassers, gegen den er stets gesprochen hat, weil er ihn nie verstand! Ich bat ihn um das Buch; er schüttelte nur den Kops. Ich wiederholte meine Bitte zum zweiten und zum dritten Male. Da sah er mich so eigentümlich an und sagte: "Es ist mit mir etwas geschehn; ich weiß nicht, was, doch aber es geschahNun such ich hier und ahne, daß ich es finden werde. Laß mir das Buch! Ich lese grad von "EI Mizan", der Wage der Gerechtigkeit. Ich will wissen, was zwischen 257 «LL»<LL»«LL»^Z,<AL»«LL»<ZL»,LL»«LL»<^L» ® in tCrira paj' «^SxäiSxSiäxSCSxä^SxSSxäiäxSiäxäiäxSS» 258 und Leben für mich läge, wenn ich jetzt sterben würde!" Er war dabei so ernst, sein Blick so tief. Das beängstigte mich, und ich eilte hierher, um zu fragen, ob er nicht jetzt noch zu schwach ist, dieses Buch zu lesen." Da lächelte Tsi sie fröhlich an und antwortete: »Haben Sie keine Sorge, Mylady! Er hat, als er >»l Arm des Todes lag, an dieser entsetzlichen Wage der Gerechtigkeit gestanden, und grad ihr Anblick ists gewesen, ber ihn von seinem sriihern Jrrtümern befreite. Sein ^eist Ijat jenen entscheidenden Augenblick nicht behalten können; das quält ihn, ohne daß er davon redet. Wenn er nun in dem Buche wiederfindet, was seinem Gedächtnisse verloren gegangen ist, wird er innerlich klar uuä 1 werden. Sie haben also nichts zu befürchten, säubern nur Gutes zu erwarten." Das klang so bestimmt, so überzeugt, daß es ihr unsäglich war, sich weiter zu ängstigeil. lind dann, als wir vom Frühstückstische aufgestanden waren und ich mir nntdemGovernor auf demDeckBewegimg machte, sagte dieser: »Ich will aufrichtig gegen Euch sein, Sir. Noch bis bor kurzem wäre es mir sehr, sehr schwer geworden, ^inzugestehen, daß ich diesen Chinesen verkannt habe. Nach ber wundersamen Scene aber dort in der Kajüte giebt es üir mich keine rückständigen Menschen und Nationen mehr, ilud von dieser Eurer "Wage der Gerechtigkeit" habe ich gelernt, einzusehen, daß ich den Wert der denkenden GeIchöpfe bisher mit vollständig falschem Maß gemessen habe. Dieser Tsi ist mir über, vielleicht in jeder Beziehung außer ber Geburt, und das will ja nichts sagen, lvenigstens wer. Welche Klarheit und Sicherheit in seinem ganzen Gefeit, in jedem seiner Worte! Ich alter Graukopf kam: Noch Non ihm lernen. Und seine Landsmännin, die "Z)in", bas Bild in der Kajüte! Haben Sie gesehen, wie es im Ächte zu leben und jedes Wort des Kranken zu verstehen Ichien? Ich habe da begonnen, die wahre Kunst zu begreifen und denke nun auch über den Marmorkops ganz anders. Diese "Mn" ist mir in den letzten Tagen so lieb geworden, daß es ein Verlust für mich wäre, wenn sie nur ols Kunstwerk existierte, ohne auch als Original vor nlir Itehen zu können. So! Das mußte und wollte ich fagen, zunächst nur Euch. Verratet mich aber nicht. Werde schon lelbst sprechen, wenn meine Zeit gekomnlen ist!" Von jetzt ail hatte Waller, wenn man zu ihm kam und er nicht schlief, das Buch stets in der Hand, und es war ihm anzusehen, daß er es nur ungern ans derselben legte. Was meinen Sejjid Omar betrifft, so war er aus ber Jacht ganz wie daheim. Jedermaim hatte ihn gern, lind jedermann erfreute sich seiner Gegenliebe. Es gab für ihn in Beziehung auf meine Person so viel wie nichts Zu thun, und das war recht gut, denn er gefiel sich während dieser Fahrt darin, seine Aufmerksamkeit zwischen wir und Tsi und Mary Waller zu teilen. Von Tsi bekam er noch immer Unterricht im Chinesischen; er saß stundenKlirschner, China III. lang allein, um mit lauter Stimme Hunderte von auswendiggelernten Wörtern herzusagen, versäumte aber keine Gelegenheit, mir zu wiederholen, daß es nur zwei wirkliche, vollendete Sprachen gebe, die arabische und die deutsche, und daß die chinesische eigentlich gar keine Worte, sondern nur ganz verkehrte Redensarten habe. Und was die Lady betrifft, so widmete er ihr seine unausgesetzte Dienstwilligkeit in einer Weise, welche der Verehrung glich. Das war der Einfluß edler Weiblichkeit auf einen Araber, welcher in der Anschauung ausgewachsen war, daß die Frau nichts weiter als nur des Mannes Dienerin sei. Als wir uns Shanghai näherten, trat selbstverständlich die Frage an uns heran, ob und wie lange wir in diesem Hafen bleiben würden. Keiner wollte sie an Raffley richten, aber grad darum, lveil wir keine Antwort auf sie wußten, beschäftigte sie uns uni so mehr. Tsi mußte dabei nicht nur an sich, sondern auch an seinen Patienten denken, und in dieser Beziehung war es sogar seine Pflicht, zu wissen, wohin die Reise ging. Er wendete sich mit seinen. Sorgen an mich, dessen Freundschaft mit Raffley auf Vermittelung rechnen ließ, und teilte mir im Vertrauen mit, daß er einen Ort kenne, welcher wie kein zweiter zur Aufnahme eines solchen, oder vielmehr dieses Kranken geeignet sei. "Dort und nur dort allein," sagte er, "würde Waller alles, aber auch alles finden, ivas für ihn nötig ist, wenn er nicht nur körperlich gesunden, sondern auch seelisch den wünschenswerten Abschluß seiner jetzigen Entwickelung erreichen soll. Aus diesem Grunde muß ich wünschen, daß nicht Raffley, sondern ich es wäre, welcher über das Ziel unserer Fahrt zu bestimmen hat." Es schien ihm nicht ganz leicht zu werden, weiter zu sprechen; er fuhr erst nach einigem Zögern fort: "Ich sehe ein, daß ich aufrichtig sein und mein Geheimnis endlich vor Ihnen lüften muß, zumal Sie Wohl von allem Anfang an geahnt haben, daß mein Vater etwas mehr ist, als er sich gegen Fremde merken ließ. Doch, wenn ich Ihnen nun die Wahrheit sage, so denken Sie ja nicht, daß ich mit ihr prunken will. Grad die Prahlerei ist das, was uns am fernsten liegt, und was ich Ihnen sage, würden Sie ja ohnehin erfahren." Wir saßen mit einander allein. Niemand hörte uns. Ich gestehe, daß ich gespannt auf die endliche Lösung dieses Rätsels war. Er begann sie mit den Worten: "Kaiser Hoang-ti, welcher fast dreitausend Jahre vor Ihrer Zeitrechnung lebte und den Grund zu unserm Staatswesen legte, gab seinen Kindern Namen, welche auf ihre Nachkommen übergehen sollten und noch heut von keinem andern getragen werden dürfen. Der Nanie des Sohnes, von welchem ich abstamme, war Ki. Sie sehen, daß ich mich in Beziehung auf das, was Sie Adel nennen, vor keinem Europäer zu verbergen habe. Mein Stamm17 259 «LL»«LL»«LL»<LL»«LL»<LL»«LL»^!L>^L»<L!L» Karl May. <LL><LL»<LL»rLL<LL»<LL><ZL»<LL»<LL><LL» 260 bäum hat nicht eine einzige Lücke, und auf keinem von allen diesen Namen ruht selbst nach den gegenwärtigen und europäischen Ehrbegriffen die geringste Schande. Mein Vater heißt Ki Tai Schin. Den Ehrennamen Tai Schin hat er direkt vom Kaiser bekommen. Er ist Mandarin der ersten Klasse und Ritter der "Gelben Flagge". Solche Ritter giebt es im ganzen, großen Reiche nur fünf, und mit diesem allerhöchsten Rang ist das Recht über Leben und Tod verbunden. Ich erhielt, auch vom Kaiser, den. Namen Ki Ti Weng, doch bitte ich, mich immerhin wie bisher Tsi zu nennen. Wir sind reich; ich kenne Naffleys Vermögen nicht, aber ein Vergleich sogar mit diesen: Herrn würde sicher zu unfern Gunsten ausfallen. So, das als Einleitung. Ich mußte es sagen, obgleich es so sehr unbescheiden klingt." Es gilt zu den Namen zu bemerken, daß Tai Schin so viel wie "Große Pflichttreue" oder "Große Humanität" heißt. Vom Kaiser selbst gegeben, war das gewiß ein vielsagender Ehrennamen. Und Ti Weng heißt "Jüngerer Greis". Nach der chinesischen Bedeutung dieses Wortes Greis, welche auf Wissen, Könne«: und Erfahrung zielt, konnte Tsi mit dieser großen Auszeichnung wohl mehr als nur zufrieden sein. Der junge Mann wap aber nichts weniger als eingebildet stolz. Er sprachweiter: "Als ich in Frankreich war, lernte mein Vater in Peking einen Engländer'Namens Blackstone kennen, den ich also nie gesehen habe, obgleich die beiden sich außerordentlich nahegetreten sind u>:d trotz des Altersunterschiedes einander Brüder nennen. Dieser Blackstone muß ein selten begabter Mann sein, reich, human, thatkrästig, für hohe Zwecke opferwillig, kurz von den edelsten Gesinnungen beseelt. Ich stelle mir ihn wie unfern Raffley vor. Wie es gekommen ist, das möchte ich nicht ausführlich beschreiben, aber Vater war und ist voller Begeisterung für diesen Europäer. Jeder der beiden liebt sein Vaterland von ganzem Herzen, und während Vater der Ueberzeugung ist, daß China zwar das volle Recht besitze, sich dem Abendlande zu verschließen, aber doch klug daran thue, seine Eigenart im friedlichen Völkerverkehre zur Geltung zu bringen, wird von Blackstone der christlich lieben Anschauung das Wort gesprochen, daß für den Westen im Osten noch ungeahnte Schätze liegen, die man sich aber nicht mit dem Schwerte zu erobern, sonderi: in freundlicher nnd redlicher Weise einzutauschen habe. In diesen zwei Männern kommen also Morgenund Abendland einander in der Weise entgegen, wie es von der wahren Intelligenz, der wahren Humanität und dem wahren Christentum befohlen wird. Sie faßten den Entschluß, diese Harmonie der Gesinnung in die That, diese Theorie in die Praxis umzusetzen, und erwarben an der chinesischen Küste eine Landstrecke, welche groß genug und in jeder Bezeihung geeignet war, diesem Zwecke zu dienen. Ich weiß nicht alles, was sie da geschaffen haben, obgleich Vater mir so viel davon erzählt hat, denn er ist ja bis kürzlich fast zwei Jahre lang von dort abwesend gewesen und also über das Neueste selbst noch nicht genau unterrichtet." "So ist er wohl jetzt wieder dort?" erkundigte ick: und)"Ja." "Und Blackstone auch?" "Dieser nicht. Er hat Vater geschrieben, daß er nach England müsse, aber bald zurückkehren werde. Das wa> vor schon längerer Zeit, so daß er also bald wieder z» erwarten ist. Ich verzichte jetzt auch deshalb daraus, Ihnen Näheres mitzuteilen, weit, wen:: sich nie:,: Wunsch erfüllt, Sie ja alles mit eigenen Augen sehen werden. Nur bitte ich, wenn Blackstone kommt, zu ihm ja nicht von den: geheimnisvollen Zeichen Pu zu sprechen, bei:» er weiß noch nichts davon. Vater betrachtet ihn, wie gesagt, als jünger:: Bruder, hat ihm aber über dieses Geheimnis noch nichts mitgeteilt, damit er die ihm nötige ttnbesangenheit nicht verlieren möge. Sie aber haben nun gehört, was ich Ihnen sagen wollte. Meinen Sie, bei Raffley erwirken zu können, daß er mir den Patienten überläßt?" "Ich werde es versuchen," antwortete ich. "Ob ich es erreiche, kann ich freilich nicht sagen. Ich darf ihn: natürlich mitteilen, wer und was Sie sind?" "Ich bitte sogar darum. Dieses Inkognito ist unter den jetzigen Verhältnissen doch nicht länger festzuhalten.' Es war dann nach dem Abendessen. Raffley kan: mit irgend einer Frage zu mir in meine Kabine. Da nahm ich die Gelegenheit wahr nnd trug ihm vor, was ich von Tsi gehört hatte. Die Wirkung war ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hatte. Er machte zunächst ein sehr erstauntes Gesicht; dann lächelte er in: höchsten Grade vergnügt; hierauf wurde er wieder ernst, doch war es ein glücklicher Ernst, und als ich fertig war, nickte er befriedigt vor sich hin und sagte: "Wer hätte das gedacht! Also dieser Tsi ist dieser Ki Ti Weng, auf welchen wir so große Hoffnungen setzen!" "Wie? Sie haben schon von Ki Ti Weng gehört?' fragte ich überrascht. "Gehört? Hm! Charley, hören Sie, was ich Ihnen jetzt sage!" Er trat vor mich hin, legte mir seine beiden Hände auf die Achseln und fuhr fort, indem er die Worte gewichtig auseinander zog: "Dieser Blackstone bin nämlich — — ich — —! Ich habe mich nach einem meiner Schlösser, Blackstone Castle, so genannt!" Natürlich war die Reihe, sich zu wundern, nun an mir, und dies that ich so gründlich, daß er lachend ausrief: Glauben Sie es getrost; es ist die volle reine 261 & in terra paj<^<^*^<^<^<^*äC&<2S><2i§><2:S> 262 Wahrheit! Ich werde Ihnen erzählen, wie das so gekommen ist. Aber kommen Sie heraus aus dieser Koje: Wir müssen draußen unter dem freien Himmel sein und die Sterne über uns haben, wenn ich Ihnen berichte, vw, wann und wie mir der Stern meines Lebens aufgegangen ist." Wir setzten >urs hinaus aufs offene Deck, und da begann er, zu erzählen. Es war eine Liebesgeschichte, aber was für eine! Seelentief, heilig ernst, die Vereinigung Zweier, für einander bestimmter Wesen zu einem einzig einen! Nun das Schweigen einmal gebrochen war, sprach er so selig gern und darum so ausführlich von ihr. Er war kein Mann der Phantasie; inan hörte jedem Worte an, daß er nicht übertrieb. Was für ein herrliches Weib mußte diese Din sein, deren Einwirkung ihn so vertieft und so veredelt hatte! Ich muß natürlich kürzer sein, als er es war. Ihr Vater war droben in Hla-Ssa, der Hauptstadt von Tibet, wo der Dalai-Lama thront, Gouverneur des Kaiserreiches China gewesen. Dort wurde sie geboren, und daher kam es, daß ihreFüße nicht zu chinesischen Klumpsüßchen verunstaltet worden waren. Ihr Vater gehörte auch der adeligen Familie der Ki an. Er starb in Tibet. Sie kam mit ihrer Mutter nach Peking zu einein sehr wohlhabenden Bruder der letzteren, welcher ohne Frau und Kinder war und sein Leben nur im Studium dcr buddhistischen und konfuzianischen Lehren verbrachte. Er gewann das schöne, ganz eigen geartete Kind lieb und beschäftigte sich so viel mit demselben, daß es sich nach Und nach in ihn einlebte und an seiner geistigen Thätigkeit den größten Anteil nahm. Das Mädchen lernte lesen und schreiben, bei Chinesinnen eine große Seltenheit, wurde in die Gedankenwelt des Oheims eingeführt und von diesem als Erbin nicht nur seines Verinögens, sondern auch seiner Seelenwelt betrachtet. So wuchs sie heran, immer schöner werdend, doch nichts begehrend, alo nur für die Mutter und den Oheim leben zu dürfen. Dieser ahnte in seiner Bescheidenheit gar nicht, daß er ein berühmter Gelehrter war, den sogar Ausländer aufsuchten, um ihn kennen zu lernen. Er war der englischen Sprache mächtig und brachte seine Mußestunden gern damit zu, auch seine Nichte in dieselbe einzuführen, so kam es, daß sie europäische Bücher lesen lernte und vonr Onkel die Erlaubnis erhielt, mit den Frauen der abend ländischen Gesandtschaft zn Verkehren. Was bei einein Manne die ganz gewisse Folge gewesen wäre, nämlich ein innerlicher Zwist zwischen der heimischen und der fremden Anschauung, das wurde bei Din zum freundlichen Streben beider, ht ihr zu einer vollen, friedlich klaren Harmonie zusaiitmenzuklingen. Uud wie es ganz gewiß wahr ist, daß die Seele die plastische Entwickelung des Körpers beeinflußt, so wurde es je länger desto schwerer, aus den Gesichtszügen dieses Mädchens die mongolische Abstammung zu folgern. Und grad diese Durchgeistigung des einen von dem andern war es, wodurch Naffleh sofort und für immer gefesselt worden war, als er sie bei dem Besuche einer englischen Familie zum ersten Male gesehen und gesprochen hatte. Ein so ungewöhnlicher Manü wie er konnte allerdings auch nur durch ein so seltenes Wesen ivie sie zu dem Entschlüsse bewogen werden, alles an das große Glück zn setzen, sie sein Eigen nennen zu diirfen. Indem er in dieser Weise von ihr sprach, sagte er: "Ich fühlte es, als ich sie kennen lernte, doch klar ist es niir erst nach und nach geworden, daß in ihr die Vereinigung zweier Ideale Gestalt und Leben gewonnen hat. Wird die Erde jemals ein einig einziges Schönheitsideal besitzen? Ich weiß es nicht. Aber meine Din ist es, nach der ich es meiseln oder malen würde, wenn ich Künstler wäre! Und ich meine das nicht nur in körperlicher Beziehung. Die Summe aller seelischen Vorzüge kann nichts anderes als nur Güte sein, und Din ist ganz unfähig, etwas anderes zu sein, als nur die Güte selbst. Ich habe um sie gedient, wie Jakob einst um seine Rahel diente, zwar nicht so lange, aber mit derselben Opferwilligkeit. Sie liebte mich, doch ihr Oheim weigerte sich, üe der Gefahr auszusetzen, sich von einen, abendländischen Edelmanne, dessen Verwandte sie nicht anerkennen würden, später vielleicht verlassen zu sehen. Da lernte ich Ki Tai Schin kennen und verkehrte täglich mit ihm, doch ohne ihm auch nur ein einziges Wort über Din zu sagen. Ich hatte früher die mongolische Nasse tief unterschätzt, wie fast jeder Europäer es thut, doch war es der Liebe gelungen, mir die Augen zu öffnen. Din lebte in mir. Das gewann mir die Freundschaft dieses so hochgebildeten und weitblickenden Mandarinen. Er erfuhr den eigentlichen Grund meines Handelns nicht, aber wir wurden mit einander einig, das Werk zu schaffen, von welchem Ihnen sein Sohn berichtet hat." Naffleh hatte sich diesem Werke mit größtem Eifer hingegeben, doch erst als es zu einem überzeugenden Beweise gediehen war, hatte der Oheim ihn benachrichtigt, daß er ihn nun auch persönlich näher kennen lernen wolle. Um diese Zeit war es, daß Fu, wie ich ihn noch nennen will, seine große Studienreise in das Ausland unternahm, um am Schlüsse derselben seinen Sohn aus den: Abendlande heimzuführen. Naffleh, der sich seiner hocharistokratischen Familie wegen Blackstone nannte, sah endlich seinen Herzenswunsch erfüllt: Din wurde sein; Mutter und Oheim verließen mit ihr Peking, um sich an Naffleys Arbeit zu bethätigen. In dieser ersten Zeit des Glückes wurde die Jacht gebaut, welche natürlich gar nicht anders als nur Din heißen konnte. Aber einem Charakter wie Naffleh konnte ein verheimlichtes Glück kein ganzes, kein volles sein. Er war imendlich stolz auf den Schatz, den er erworben hatte, und wollte ihn von 17* I 26o E,<L§,<W>«LL<LL»«LL,rLL.<ZL»<LL»<LZ, Karl May. <LL»«LL»«LL»^L»«ZL»^L»^Z>E>«LL»«LL» 264 seinen Verwandten anerkannt sehen. Er war es dieser Fran schuldig, daß sie von den Seinen so geehrt und so geachtet wurde, wie sie es verdiente. Darum ging er nach England. Er fand dort nichts als Widerstand. John Rafsley, und eine Chinesin, Pfni! Es hatte da Scenen gegeben, welche er nicht beschrieb, sondern nur ahnen ließ. Aber da war ganz unerwartet ein glückverheißender Umstand eingetreten: der Governor wettete ebenso gern wie Rafsley selbst und hatte während einer derartigen Scene eine Wette vorgeschlagen, welche von allen Beteiligten acceptiert worden war. Er wollte mit nach China gehen, um diese Mn zu sehen. Gefiel sie ihm, so sollte sie anerkannt und als vollständig ebenbürtig betrachtet werden; gefiel sie ihm aber nicht, so hatte Raffleh riuf alles zu verzichten, was er war und was er besaß. Diese Bedingungen wurden amtlich festgestcllt, beglaubigt und von allen dabei interessierten Personen unterzeichnet. Dann trat Rafsley mit dem Governor die Rückfahtt an, vollständig überzeugt, daß er gewinnen werde. Der alte Gentleman aber forderte, daß nnterlvegs niemals von Bin gesprochen werden diirfe, weil dies sein Urteil im voraus beeinflussen könne, und Rafsley weigerte sich nicht, auch hierzu seine Einwilligung zu erteilen. Das also war die "große Wette", von welcher der Governor einige Male vertraulich zu mir gesprochen hatte, und darum war diese schöne Um für ihn ein "Gespenst", vor welchem er sich scheute. Je näher er China gekommen war, desto mehr hatte sich in ihm die Befürchtung vergrößert, daß er einer Niederlage entgegengehe. Als Rafsley mir das alles erzählt hatte, ging er mit mir zu Tsi und teilte ihni mit, daß und aus welchem Grunde ihr beider Reiseziel dasselbe sei. Das Erstaunen des Chinesen war ebenso groß wie seine Freude. Hatte er mir doch so richtig ahnend gesagt, daß er sich diesen Blackstone ganz wie Rafsley vorstelle. Nun war mit einem Male alles glatt und klar geworden, und es sollte für Tsi noch eine ganz besondere Genngthnung geben, denn zufällig näherte sich uns jetzt der Governor, zu welchem Rafsley sagte: "Soeben hat es sich herausgestellt, daß Doktor Tsi sich inkognito bei uns befindet. Er heißt Ki Ti Weng und ist der Sohn meines Freundes Ki Tai Schin, von dem ich Erich so viel berichtet habe." Tsi verbeugte sich höflich. Der Governor stand zuuächst kerzengerade und rührte sich nicht. Dann fragte er: "Der Sohrr des Mandarinen mit dem viertansendsechshundert Jahre alten Adel?" «Ja." "So wartet einen Augenblick!" Er drehte sich um und eilte fort. Nach kauin einer Minute war er wieder da, schob Rafsley eine Anzahl Goldstücke in die Hand und sagte dann, sich mit einer Verbeugurrg an Tsi wendend: "Die Ehre gebietet mir, aufrichtig zu sein, Sir. JÄ war Euch nicht hold und wettete um zwanzig Pfund, daß ich Euch nicht liebgewinnen würde. Das war sehr voreilig von mir, denn Ihr seid ein Mann, dem ich alle Achtung zolle. Hier zahle ich die verlorene Summe und bitte um die Erlaubnis, Euch nicht bloß achten sondern auch liebhaben zu dürfen. So! Das ist vom Herzen herunter! Habe Euch nämlich längst schon heinilich lieb, luollte es nur nicht eingestehen. Kommt, gebt mir Euren Arm! Wollen miteinander promenieren gehen!" Er zog den Arm des Arztes unter den seinen und ging mit ihm fort. "Alter, echter Gentleman!" sagte Rafsley gerührt. "Er zog den Arm des Arztes unter den seinen". "Wenn es nur nicht so schwer wäre, die alten, eingewurzelten Vorurteile zu überwinden! Ich bin aber trotzdem überzeugt, daß er schon in den nächsten Tagen auch mit meiner herrlichen Bin genau so Arm in Arm promenieren gehen wird." In Shanghai blieben wir einen ganzen Tag, den» es gab für alle Gesunden das Bedürfnis, sich einmal eine anhaltendere Bewegttng zu rnachen, als an Bord möglich ivar. Es gelang mir, zwei gute Pferde aufzutreiben, uni mit meinem Sejjid Omar, der sich sehr darüber freute, einen Ritt über den schattigen "Bund" und durch die jenseits des chinesischen Stadtteiles liegenden Avenuen zu machen. Dann begleitete ich Rafsley durch die Läden, in denen er nach Gegenständen für die Geliebte suchte. Es hatte aber den Anschein, als ob ihm nichts ihrer recht würdig sei, obgleich er mir im Tone des Glückes anvertraute, daß sie die Einfachheit liebe und auch gar nicht nötig 265 «ZL»<ZL»^L»«LL»«LL»«LL»<LL»«LL»«LL»<AL» Et in tcrra pax. <LL»«LL»«LL»«LL»«LL»«LL»«LL»<LL»«LL»«LL» 266 "Dann begleitete ich Rasfley durch die Läden". f)ciBe, fiel) ,;u schmücken, da sie selbst die köstlichste Perle sei, öie man sich nur denken könne. Am Abende besuchten wir mit Mary Waller den berühmten, wunderbar illuminierten Garten von Chang Sn Ho. Tsi hielt es für notwendig, der Lady diese Abwechvzu bieten, zumal das Befinden ihres Vaters es ihr letzt erlaubte, sich für einige Stunden von ihm zu beurlauben. Für morgen war der erste Versuch, das Lager ü> verlassen, für ihn festgesetzt, doch hatte er gebeten, das; öies nicht ant Tage, sondern abends geschehen inöge, weil L'r so langeZeit den Sternenhimmel nichtmehr gesehcn habe. dieser Wunsch war, wenigstens mir, recht ivohl begreiflich. Wir hatten uns in dem erwähnten Garten für uns ölleirt gesetzt und betrachteten mit regem Interesse das viclgestaltete Leben, welches in der prachtvollen künstlichen Beleuchtung vor uns aufund niederwogte. Da sprang wsi plötzlich auf und eilte einem kleinen, schmächtigen Chinesen nach, welcher an uns vorübergegangen war, ohne öon uns beachtet worden zu sein. Cr hielt ihn fest und sprach zu ihm, ohne ihn vorher in der landesüblichen, umständlichen Weise begrüßt zu haben; der Kleine schien also bin näherer Bekannter von ihm zu sein. Dann führte er 'Ün uns zu, und ich sah zu meiner Ueberraschung, daß es ctang, mein Bekannter von Point de Galle her war. Cr stellte ihn uns unter Aufzählung aller Titel und Würden gvr und fügte hinzu, daß dieser Mandarin des roten Blnlnenknopfes früher sein Lehrer gewesen und einer der berühmtesten Aerzte Chinas sei. Ich streckte dem lieben Kleiven nach europäischem Brauche meine beiden Hände hin, »m ihn lvillkommen zu heißen, wodurch die andern ersuhren, daß lvir uns schon kannten. Er nahm selbstverständlich bei uns Platz, und da stellte es sich bald heraus, daß er in der Absicht, zu Tsis Vater zu reisen, hier in Shanghai nach einer Schiffsgelegenheit dorthin gesucht hatte. Rassley beeilte sich, ihn einzuladen, mit uns zu fahren, und es wurde bereitwilligst angenommen. Im Laufe der Unterhaltung fielen zwischen Fang und Tsi einige Aeußerungen, aus denen ich entnehmen zu dürfen glaubte, daß sie in Beziehung auf das geheimnisvolle "Pu" einander nahe standen. Dann kam die Rede auf unfern Patienten. Tsi begann zu erzählen. Fang hörte mit größtem Interesse, welches sich oft zur Spannung steigerte, zu und unterbrach den Bericht hier und da mit Erkundigungen, welche verrieten, daß er sich hier auf einem Gebiete befinde, ans dem er vielleicht noch heimischer als sein einstiger Schüler sei. Er hielt uns, als Tsi zu Ende war, über das Thema "Vision" ein Privatissimum, welches selbst einem europäischen Gelehrten ersten Ranges Bewunderung abgenötigt hätte, stimmte der bisherigen Behandlung Wallers in jeder Beziehung vollständig bei und versicherte uns, daß die abendländische Wissenschaft hier vor einem Felde stehe, lvelches die Geringschätzung, mit der man es bis heut behandelt habe, nichts weniger als verdiene. Nach einiger Zeit verabschiedete er sich für einstweilen von uns, um sein Gepäck zu besorgen, und als wir dann an Bord ankamen, war er schon da und erzählte uns in heiterer Weise, daß mein Sejjid Dmar ihn sogleich erkmrntund eine wunderbare chinesische Rede vom Stapel gelassen habe. Am folgenden Vormittage nahmen wir Anker auf und gingen bei prächtigstem Wetter mit vollem Dampfe weiter. Indem wir uns von der Tschifu-Linie weit nach Westen hielten, entfernten wir uns von dem Kurse europäischer Fahrzeuge und bekamen nur dann und wann ein chinesisches zu sehen. Auch an Bord schien es weniger Leben als sonst zu geben. Mary war bei ihren: Vater. Tsi saß, wenn er sich nicht mit dem Kranken beschäftigte, mit Fang beisammen; sie hatten ja einander viel zu berichten. Raffley beschäftigte sich mit dem Ordnen der Geschenke, welche er nach unserer Ankunft zu verteilen hatte, und der Governor war heut von einer Nervosität, welche ihn fast ungenießbar machte. Ich versuchte einige Male, ein Gespräch nüt ihni zu beginnen; er hielt mir aber nicht Stand. Das war wohl freilich zu begreifen, weil die Entscheidung nun so nahe lag. Bei einein dieser Versuche sah er mich wie ratlos an und sagte: "Wißt Ihr, Sir, lvas morgen geschieht, schon morgen? O, diese Din! Ich wünsche sie ins Pfefferland und freue mich doch fast ivie ein Kind ans sie! Ist das nicht verrückt? Werde ich gewinnen oder verlieren? Lsb-ev! Ich brauche ja nur fest zu behaupten, daß sie mir nicht gefällt, so habe ich den Sieg! Aber erstens wäre das eine Lüge, weil mir doch schon ihr Bild gefällt. Zweitens liegt mir dieser alte, liebe John am Herzen. Sollen wir ihn um alles, alles bringen, weil er so klug ist, wirklich glücklich sein zu wollen? Und drittens, hm, drittens kommt mir diese ganze Wette so unsinnig vor, daß ich mich gar nicht begreife. Wie ein vernünftiger Mensch nur wetten kann!" 267 Karl May. <LL^§»^L»^L>«LL>^L,«LL.«LL><LL.«LZ» 268 Das klang grad aus seinem Munde so sonderbar, daß ich ein Lächeln nicht unterdrücken konnte. Er sah das und fuhr schnell und säst zornig fort: "Lacht nur, Sir, immer lacht! Wer hat denn diesen Hieb gegen John und mich geführt? Ihr! Jede Wette ging verloren, nur die Eurige nicht. Und Waller wird die seinige auch bezahlen müssen! Nun treibt mich heut die Ungewißheit hin und her, und ich kann mir nicht einmal mit einer Wette Luft machen! lind wenn ich könnte, so würde ich es doch nicht thun, denn ich ich ich wette nie in meinem Leben mehr. HörtJhr es? Nie! Und daran seidJhr schuld, Ihr fataler, schrecklicher--— guter, lieber Mensch!" Er drehte sich auf den Hacken um und ließ mich stehen. Der Kampf des Menschen mit sich selbst ist der schwerste, den es giebt. Es gelingt nur wenigen, ihn bis zum Ende und siegreich durchzuführen. An: Abende wurde bei Pins Kajüte für Waller ein weicher, bequemer Sitz bereitet. Tsi und Mary waren bei ihm. Ich stieg mit Fang auf das Verdeck dieser Kajüte, von wo aus wir den Kranken nahe unter uns hatten. Als ihn die beiden geführt brachten, gab er sich Blühe, stark zu sein; aber sie mußten ihn doch mehr tragen oder halten, als daß sie ihn leiteten, und als er den Sitz erreichte, sank er vollständig ermattet auf denselben nieder und schloß die Augen. Sie nahmen in seiner Nähe Platz. Erst nach längerer Zeit öffnete er die Angen wieder und richtete sie zum Firmament empor. Er sagte nichts; seine Seele war mit sich selbst beschäftigt. In dieser Stille verging eine lange, lange Zeit. Da kam der Mond im Osten aus der See gestiegen. Der Kranke wurde zunächst unruhig; dann lag er wieder still. Und plötzlich, so unerwartet und so laut, daß wir fast erschraken, ertönte seine Stimme: "Gebt Liebe nur, gebt Liebe nur allein: Laßt ihren Puls durch alle Länder schlagen; Dann wird ein Paradies die Erde sein, Denn ihr habt ihr den Himmel zugetragen!" Wir konnten ihn nur sehen, wenn wir uns von oben vorbeugten, und da wir befürchteten, ihn dadurch zu stören, so wurde es vou jetzt an unterlassen. Wir vermieden jedes, auch das geringste Geräusch, und so hörten wir, daß er vor sich hinslüsterte. Dann wurde seine Stimme wieder laut: "Steigt nieder, die ihr jetzt am Himmel strahlt, zn der. die euch nur aus der Ferne kennt, zur Welt des Scheins, die mit dem Lichte prahlt, obgleich sie nichts als nur geborgtes brennt! Steig nieder, heiliger Stern von Ephrata, der dn der Stern der wahren Liebe bist; erscheine, wie's in jener Nacht geschah, und zeige uns wie dort den wahren Christ!" Ich sah den Sprechenden nicht, und dadurch bekam das, was er sagte, einen ganz eigenartigen, unbeschreiblichen Klang für mich. Es kam wie aus großer Tiefe oder weiter Ferne, ein Ruf, wie aus der Zeit des Alten Testamentes. Nun fuhr er fort: "Wo ist die Liebe, die am ersten Tag der Menschheit Christi arm geworden war, die ohne Dünkel in der Krippe lag und Denmt übte stets und immerdar? Wo ist die Liebe, die zum Jünger kam und ihm nur daun die Seligkeit verhieß, wenn er das Kreuz geduldig auf sich nahm und alle Erdengüter von sich stieß? Wo ist die Liebe, welche der geliebt, der jede ihrer Gaben so verstand, daß alles, alles, was die Rechte giebt, verborgen bleibt der andern, linken Hand? Wo ist die Liebe, die sich ivillig bot, als Opferlamm, trotz aller Qual und Pein^ durch einen unerhörten Martertod für Freund und Feind ein ewges Heil zu sein?" Es ivar ein schwer ernster Ton, in welchen: er diep.' vier Fragen ausgesprochen hatte, ein Grave, welches gar nicht gewichtiger erklingen konnte. Dann hörten wir ihn in eindringlich mahnender Weise weitersprechen: "Sie ist von Ewigkeit zu Ewigkeit; sie ehrt den staub und glänzt im Alpensirn. Sie trägt den Raum; sie wohnt in jeder Zeit; warum verschließt sich ihr das Menschenhirn? Es schlägt ihr Puls, wenn auch ihm unbewußt, weil er des Herzens Stimme nicht versteht, sogar in jedes Egoisten Brust, in der ein Odem auf und niedergeht. Gieb ihr doch Raum, du armes Menschenkind, den Rauni, den ihr da--' erste Ostern gab: glaub an die Engel, die gekommen sind, sie nehmen gern den Stein dir von dein Grab!" Wie wunderbar das zu hören war! Nicht wie eine Rede, noch weniger wie eine Deklamation. Es schien gar keiner Schallwellen und gar keines Ohres zu bedürfen, um das Herz z'u erreichen. Es wirkte unmittelbar; kein sträuben hals dagegen. Hierauf erhob er seine Stimme wieder: "Kling weit hinaus, so weit das Wort nur kliugt, du frohe Botschaft, daß der wahre Christ von Herzen gern das größte Opfer bringt, weil es für ihn ja doch kein Opfer istKling weit hinaus, so weit die Erde reicht, du Wort des Heiles, das auch uns bekehrt, und wer als Jünger seinem Meister gleicht, durch den seist du der Heidenwelt beschert. Kling weit hinaus, und wo du auch ertönst, sei Evangelium für jedermann. Wenn du die Völker einigst und versöhnst, bricht für uns Christi Reich des Friedens an!" Er hatte die letzten Sätze immer langsamer und langsamer gesprochen; nun war er still. Nach längerer Zeit hörten wir, daß er nach seiner Kajüte verlangte. Ich stieg schnell hinab, um Tsi zu Helsen, ihn dorthin zu bringen. Er war sehr schwach zum Gehen, doch leicht wie ein Kind. Als sein Lager ihn ausgenommen hatte, schien er vor Ermü düng sofort einzuschlafen. Tsi aber sagte Mary und mir, er glaube, daß der Kranke höchst wahrscheinlich noch etwas zu sagen habe. Die Besprechung des Gedichtes Zeile für Zeile sei allerdings beendet; aber weil derselben die Erscheinung von Marys Mutter vorangegangen sei, dürfe man fast mit Sicherheit erwarten, daß er sie auch nun zum Schlüsse wieder sehen werde. Diese Bemerkung mochte aut meinem Gesichte eine, wenn auch unausgesprochene, aber doch sehr deutlich lesbare Frage hervorgebracht haben, denn er fügte, indem er dabei lächelte, hinzu: 269 Et in terra pax. 2cO "Sie Wundern sich über die Sicherheit, mit welcher ich das wahrscheinlich Kommende Voraussage? Hätten Sie t'ine Ahnung von der strengen, unfehlbaren Logik, mit welcher sich diese für Sic so geheimnisvollen psychischen That lachen entwickeln, so würden Sie nicht staunen. Die Ereiguisse aus diesem Gebiete geschehen nach wenigstens ebenso unerschütterlichen Gesetzen wie die Vorkommnisse der nicht Metaphysischen Welt. Miß Mary mag hier bleiben und sich still verhalten; wir beide aber nehmen wieder draußen vor der Thür Platz, wo wir am letzten Mrle gesessen haben. vUe werden bald hören, das; ich mit meinen Vermutungen das Richtige getroffen habe." Bei unserer vorigen Beobachtung Wallers war es früher am Abende gewesen als heut; aber auch die MondKit war unterdessen vorgeschritten, und so kan; es, das; die Verhältnisse fast genau dieselben waren: der sanfte, weiche schein des Lichtes fiel durch die großen Glasscheiben auf das Lager und stieg an der Gestalt des Ruhenden langsam empor. Als er das Gesicht erreicht hatte, begann Waller, sich zu bewegen. Er sprach jetzt nur ein einziges Wort, es war der Name seiner Frau. Dann lag er wieder still, es U'ar, als ob er lausche. Hierauf wurde er abermals unruhig und wettdete unter leisem Flüstern seiir Gesicht hin und her, bis es, dem Mondscheine zugewendet, liegen blieb, sind nun begann er laut und deutlich: "Du kamst zu mir und gabst mir Augenlicht, in eure siebe, reine Welt zu schauen. Ich sah der Wahrheit in das Angesicht und will der Herrlichen mich anvertrauen. Wem sie gelehrt, die Täuschung zu besiegen, der soll dem Schein nicht wieder unterliegen. — Du kamst zu mir, warst einem Engel gleich, der Liebe brachte und um Liebe dvt; es hat ja immer nur das Himmelreich für unser Erdenreich den besten Rat. Es wollte sich mir im Gedichte zeigen, um durch dasselbe in mein Herz zu steigen. — Nun ist es da. Es ist die Seligkeit, die schon in diesem ^eben mir gehört. O würde doch der Mensch nicht durch die sieit und das, was sie ihm vortäuscht, so bethört! Er würde kühn sich an das Ewge wagen und dann als Preis den Himmel in sich tragen!" Hatte ich schon einmal solche Worte gehört? Niemals in meinem ganzen Leben! Sich an das Ewige wagen! Ist das vielleicht so verwegen, wie es klingt? Nein; wir sollen bs sogar! Aber wir sollen nicht nur an das Ewige denken, sondern auch für die Ewigkeit leben, beim wir leben jö schon in der Ewigkeit. Zeit wird ja nur der winzige -veil von ihr genannt, in welchem der Mensch nach seinen Erdenstunden zählt. — Waller hatte hier innegehalten. Nun sprach er im Tone der Liebe weiter: "Gieb mir die Hand, wie du sie mir gereicht, als du, wein Weib und Engel, zu mir kamst. Es hatte sich mir schon der Tod gezeigt, grad als du mich in deine Führung nahmst. Ich bin ihm nur durch dich, durch dich entgangen und Hab nun jenes Leben angefangen. Wie dank ich dir! Nun bist du himmlisch mein, die du nur irdisch eiuft die Meine warst. Las; mich ein Schüler jener Liebe sein, als deren Strahl du dich mir offenbarst. Ich will ihr frei und ohne Falsch gehorchen und sie mir nicht auf andrer Namen borgen." Er hatte seine beiden Hände ausgestreckt, dem Mondesstrahle entgegen, und sie dann so ineinander gelegt, als ob er zwischen ihnen die Hand einer unsichtbaren Person festhalte. Jetzt machte er eine Bewegung, als ob er diese Hand wieder sreigebe, und ließ die letzten Worte folgen, denen er am Schlüsse einen schweren Nachdruck gab: "Du lächelst froh, indem du von mir gehst. Die Hände faltend, schaust du himmelan. Ich höre, was du uns von dort erflehst; es ist die Seligkeit für jedermann. Was macht zum Himmelreich denn schon die Erde? Ein einzger Hirt und eine einzge Herde!" Das war das Ende seines heutigen Gesichtes. Er wendete sich nach einiger Zeit nach der andern Seite, und Tsi war überzeugt, daß er nun nicht wieder sprechen werde. Mary kam danir heraus zu uns. Auch sie war tief ergriffen. Wir sprachen noch lange über das, lvas wir gehört hatten. Kein Wort aber siel darüber, ob der Zustand, in welchem Waller diese Visionen hatte, für ihn vielleicht gefährlich sei. Wir waren überzeugt, daß Tsi in diesem Falle unbedingt Einhalt gethan hätte. Einer andern Frage aber mußte ich Worte geben: "Glauben Sie, das; Air. Waller weiß, was er spricht?" "Alles, alles weiß er, jedes Wort," antwortete der Arzt. "Haben Sie es ihm nicht angehört, daß er während des Sprechens überlegt? Er bekommt das, was wir von ihm hören, zunächst nicht etwa für uns, sondern für sich selbst. Er hört es, wie wir hören, wenn gesprochen wird; er könnte es schweigend entgegennehmen; aber er spricht es laut und deutlich aus, weil es ihm dadurch leichter wird, es sich zu eigen zu machen. Er prägt es seinem Gedächtnisse ein, und wenn er es auch nicht wörtlich behält, so nimmt er doch ganz gewiß wenigstens den Sinn aus dein visionären Zustande mit herüber in das körperliche Leben. Hier bewegt und entwickelt er es in sich weiter. Er kann sich dieser Einwirkung des Jenseits nicht entziehen; sie ist für ihn maßgebender und glaubwürdiger, als die Meinungen aller irdischen Autoritäten, und so kommt es, daß seine Ansichten ganz andere werden, als sie früher gewesen sind. Er wird das, was man nicht hier, in dieser Welt der Jrrsale, sondern dort in jenem Reiche klar gewordener Geister einen Christen nennt." "Geister? Vielleicht auch Seelen?" fragte Mary. "Glauben Sie, daß sie den Menschen sagen können, was meinem Vater gesagt worden ist? Sie befinden sich doch in der Ewigkeit; wir aber sind noch hier auf der Erde!" "Ewigkeit und Erde schließen einander doch nicht aus," erklärte Tsi. "Die Ewigkeit ist vor uns, hinter uns, neben und rund um uns. Wir befinden uns in ihr. Unsere Erde 271 ^L»<LL»^§>«LL»<LL»«LL»rLL»<LL><AL»<LL» Karl May. «LL»<LL»«LL»<LL»«LL»<LL»«LL»^L»<LL»«LL» 272 ist eines der winzigeir, ununterbrochen irn Kreise rinnenden Körnchen der nie sich erschöpfenden, nie sich leerenden Sanduhr der Ewigkeit. Es ist einer der größten und unverzeihlichsten Gewohnheitsirrtümer, anzunehrnen, daß die Ewigkeit für uns erst nach unserm Tode beginne. Wir leben in ihr und gehören zu ihr, wie die von Ihnen erwähnten Geister und Seelen zu ihr gehören. Wenn Ihr Glaube diese Seelen in die Ewigkeit versetzt, in welcher Sie sich doch in Wirklichkeit schon selbst auch befinden, so sagt er doch weiter nichts, als daß sie hier bei Ihnen geblieben sind. Und ist dies der Fall, so ist es doch ganz selbstverständlich, daß diese Geister nicht nur auf uns wirken können, sondern sogar auf uns wirken müssen, besonders da es für sie keine körperlichen und räumlichenVerhältnisse giebt, durch welche sie daran gehindert werden. Für uns Chinesen ist das etwas so unendlich Selbstverständliches, daß wir mit unfern nur scheinbar Abgeschiedenen in der lieben, dankbaren Weise verkehren, welcher Sie so unberechtigter Weise die Bezeichnung Ahnenkultus gegeben haben. Ich sage Ihnen, daß es für andere von unermeßlichem Vorteile fein würde, wenn auch ihnen endlich die Erkenntnis käme, daß sie durch ihren Unglauben in dieser Beziehung zu einer lieblosen Entfremdung mit denen geführt werden, lvelche sich in diesem Leben für uns opferten und sich auch in jenem weiter für uns opfern, ohne daß wir es ihnen hier danken konnten, es ihnen also nun dort danken sollen! Sie sind da; sie sind hier bei uns; ich schwöre es Ihnen zu! Nun denken Sie sich ihr Herzeleid, ihre Trauer darüber, daß Sie sie von sich verstoßen und nichts von ihnen wissen wollen, und zwar nur aus dem ganz unzureichenden Grunde, daß Ihre materiellen Sinne nicht fein genug sind, das Geistige zu schauen, zu empfinden! Es sind bittere Schmerzen, welche Sie dadurch den teuren Wesen bereiten, welche Ihnen hier in der Zeit nahe gestanden haben und auch hier in der Ewigkeit nahe bleiben sollen. Giebt es denn für Euch doch sonst so klugen Menschen kein Mittel, Euch von dieser geistigen Kurzsichtigkeit zu befreien und den zur Seligkeit Bestimmten diese Seligkeit nicht länger zu vergällen?" Der sonst so ruhige, junge Gelehrte war erregt geworden; er stand auf und entfernte sich. Darum verabschiedete auch ich mich bald von Mary, um schlafen zu gehen, war aber überzeugt, daß der zur Ruhe gehörige, innere Augenschluß sich heut verzögern werde. Da kan: Raffley die zur Kommandobrücke führenden Stufen herunter und auf mich zu. "Bitte, niir zwei Worte zu erlauben, lieber Charley," sagte er. Indem er meinen Arm in den seinen zog, um. mit mir hin und her zu gehen, fuhr er fort: "Ki-tsching liegt nämlich nur noch diese Nacht und einige Stunden von uns entfernt, und " "Ki-tsching?" unterbrach ich ihn. "Wie Sie diese Worte betonen, heißen sie "hoffen" und "vollenden". Der Name dieser Ihrer Besitzung bedeutet also ein Land, in welchem die Hoffnung begonnen hat, was die Zukunft vollenden soll?" "Ja, genau so ist es. Uebrigens legen wir nicht am Festlande, sondern zunächst an der den Hafen beschützende» Insel Ocama an." "Ocäma? Wahrscheinlich ein zweites Macao, nur daß die Silben anders geordnet sind. Darf ich vermuten, daß dies eine sinnbildliche Bedeutung hat?" "Eine symbolische und zugleich auch eine erklärende. Ihnen aber brauche ich über die Bedeutung dieses Namens ja wohl nichts mehr zu sagen. Sie verstehen sie auch ohne Worte. Auf Ocama liegt das frühere chinesische Sommerhaus Ihres Bekannten Fu, wo meine Mn uns erwartet. Ich habe ihr voir Hongkorrg aus telegraphiert, während auch unser Tsi, ohne daß ich davon wußte, seinem Vater von dort aus eine Depesche sandte. Dieser letztere ist bei Mn, und beide wisserr, daß wir morgen kommen, Nun muß ich eine Frage an Sie richten: Wie lange wollen Sie sich noch hinter Ihrem Vornamen verstecken? Ich möchte das gern wissen. Es giebt zwischerr Nur rind mir kein Geheimnis, keine Lüge, nicht die geringste Unwahrheit. Keine Rücksicht kann uns besstmmen, einander etivas zu verbergen. Mu hat das so gewünscht, und ich stimrnte ihr von ganzem Herzerr bei. Es wäre mir also höchst peinlich, ihr nicht Ihren wahren Namen sagen 31t dürfen, oder sie veranlassen zu müssen, ihn zu verschweigen. Was sagen Sie dazu?" "Ich sage, daß die Gründe, welche mich bestimmten, meinen Namen zu verschweigen, für diese Gegend hier wegfallen. Heben wir also dieses Geheimnis auf!" "Und und hm, ich bringe die Sache doch wieder, obgleich Sie mich mit ihr zurückgewiesen haben. Sagen Sie mir aufrichtig: Sind Sie der Verfasser des Gedichtes oder nicht?" "Ich bin es." "Habe es doch gewußt! Hätte um alles in der Welt gewettet! Ja so, das darf ich ja nicht mehr und bin Ihnen dankbar dafür. Jemehr ich über diese Leidenschaft nachdenke, desto mehr sehe ich ein, daß ich ihr viele, große und ganz unnötige Opfer gebracht habe. Wollen Sie Ihr Incognito selbst lüften, oder soll ich es thun?" "Ich ziehe das letztere vor. Aber bitte, thun Sie das in der Weise, daß jede Befangenheit mir gegenüber ausgeschlossen ist. Ich will kein einziges Wort darüber zu hören oder zu sagen haben, auch über das Gedicht nicht. Wie es sich mit diesem letztem verhält, das sollen Sie jetzt hören, um es den Beteiligten erzählen zu können." Ich teilte ihm die betreffenden Umstände mit und wußte daun diese Angelegenheit bei Raffley in den besten Händen. Wie ich oorausgesehen hatte, schlief ich heut sehr spät ein und infolgedessen am andern Morgen um so länger. Ich kam zum Frühstücke zu spät und sah Tsi und Mary sofort •. <^^^<LL»<LL»<LL»«LL,<LL»<LL»^L»<W> 274 273 <LL»rLL><LL»<LL»«LL><LL»<LL,<LL»«LL»rLL» Lt in Icrra xax an, daß Raffley mit ihnen von mir gesprochen hatte. Sie waren aber beide tapfer genug, genau so zu thun, als ob sie mich nie anders als bei meinen: richtigen Namen genannt hätten. Dagegen machte der alte Governor aus mich den Eindruck der Betlonmienheit. Er genoß fast nichts uird sprach nur dann, Wenn eine Frage direkt an ihn gerichtet wurde. Er mochte fühlen, daß mir dies auffiel, denn nach den: Frühstücke zog er mich mit sich fort, und als wir allein miteinander waren, sagte er: »Hört, Sir, wie es scheint, seht Ihr mir an, daß ich mich in einer höchst bedenklichen Verfassung befinde. Bin wie ein Schulknabe, der ins Examen muß, aber nichts gelernt hat und darum weiß, daß er sitzenbleiben wird! Habe äie ganzeNacht nicht geschlafen; kann weder essennochtrinken. Bär ist, als ob ich etwas Großes und Schweres verbrochen hätte, was mir nur diese Mn verzeihen könne! Habe ich mich etwa an ihr versündigt? Oder vielleicht an Ehina im allgemeinen? Ich sage Euch, daß mir scheint, ich habe lein gutes Gewissen! Fatal, höchst fatal! Ich fühle, diese Jin macht mir mehr zu schaffen, als mir ganz Indien mit samt Ceylon zu schaffen gemacht hat! Und dabei kenne ich sie noch nicht! Vielleicht aber ist grad diesem Umstande diese innerliche Unsicherheit zuzuschreiben! Ich weiß ja gar llicht, wie ich sie zu nehmen habe, wie ich sie begrüßen und was ich thun und sagen soll! Fühle ich etwa als Vertreter Meiner Nation diese sonderbare gelbe Angst vor der früher ia verachteten und unterschätzten gelben Rasse? Habt Ihr eine Ahnung, wie mir zu Blute ist?" "Beinahe!" antwortete ich. "Nun, wie denn ungefähr?" "Wie einem braven weißen Gentleman, der eine:: ebenso braven gelben Gentleman nur dieser andern Farbe wegen nicht als Gentleman behandelt hat und nun wegen der unausbleiblichen Folgen in Besorgnis ist. Oder, da Ähr von Eurer Nation sprecht, es ist Euch zu Blute wie einer Voltsseele, welche die vor Gott ganz ebenso berechtigte Seele eines andern Volkes in diesen Rechten schwer gekränkt und geschädigt hat und hierauf befürchtet, von dieser Seele vor Gottes Gericht gezogen zu werden." Er sah mir einige Augenblicke starr in das Gesicht und sagte dann: "Getroffen, ganz genau getroffen! Ja, so sieht es in Meinem Innern aus! Ich gebe das aufrichtig zu, denn Ihr wißt, daß ich nie eine Lüge sage. Jene stürmische Familiensitzung mit ihrem zornigen Schlüsse, der unvorsichtigen Wette, wie gern möchte ich sie ungeschehen machen! John kannte seine SJirt; er wußte, was er that. Ich aber, der total Unwissende, überhob mich in meinem Nationalund Familienhochmute, seinen und unfern ganzen Besitz von einer frivolen, dreisten Wette abhängig zu machen. Genau ebenso stellt auch die bewaffnete Hand das Wohl der Völker auf das Spiel und bezahlt mit Menschenblut, was ihr der Friede ganz umsonst und doppelt geben würde. Wenn Kürschner, China III die Nationen glauben, Wetten mit oder gegeneinander eingehen zu müssen, so sollten sie es doch in anderer Weise und um andere Preise thun. Wo sind heut alle die Gewinne, um deretwillen Jahrtausende hindurch mit Blut getvettet wurde? Wer wird in wieder tausend Jahren die Länder besitzen, um welche die Gegenwart mit blutigen Waffen wettet? Sind solche Gewinne derartige Einsätze wert? Giebt es denn nicht bleibende Gewinne, welche durch Einsätze zu erlangen sind, die weder Angst noch Sorge oder Schmerz bereiten? Ich sage Euch, Sir, es wird auch um dieses China viel Blut, sehr viel Blut fließen, und wenn es geflossen ist, wird es umsonst vergossen worden sein, weil "alles, lvas das Schwert erwirbt, auch durch das Schwert im Kriege stirbt". Die Wette, welche ich mit John eingegangen bin, ist keine blutige, aber der Hochmut hat sie mir diktiert, und darum denke ich, daß ich sie wohl verlieren werde. Er aber hat all sein Hab und Gut für seine Liebe eingesetzt, und selbst wenn er verlöre, würde er der Gewinnende sein, weil es für die Liebe, die er niemals verlieren kann, ja doch kein Opfer giebt. Ich ging natürlich diese Wette in der Absicht und in der Ueberzeugüng ein, daß ich sie gewinnen tverde. Jetzt fühle ich diese Ueberzeugung als eine Schuld, welche ich abzutragen habe, und tvas die Absicht betrisst, so will ich Euch gestehen, daß ich sie als Bezahlung dieser meiner Schuld betrachte. Ich gebe sie hin! Und warum? Aus Liebe, denkt Euch doch nur, aus Liebe! Und wo kommt diese Liebe so plötzlich bei mir her? Dort aus der Kajüte, in welcher das Bild hängt und wo der Kranke mit seinem Engel sprach. Die Frau, welche ich früher als "Gespenst" bezeichnete, ist mir so vertraut geworden, obgleich ich sie nur erst im Bilde kenne. Ich befürchte, daß ich, wenn sie nun persönlich vor mir steht, diesen unfern guten John sogar um sie beneiden werde, und das lvird mich um die eindrucksvolle Haltung bringen, welche ich meiner Nationalität, meinem hohen Stande und meiner persönlichen Würde schuldig bin. Kurz und gut, ich habe aus verschiedenen Gründen Angst vor dieser Mn und befinde mich ihr gegenüber in der Lage eines kleinen, unerfahrenen Bürgers, der vor irgend einer fürstlichen Dame zu erscheinen hat und schon im voraus überzeugt ist, daß er sich gründlich falsch benehmen werde. Wenn sie mich etwa in der Weise begrüßt, in welcher ich sie gleich beim ersten Zusammentreffen mit meinen Blicken niederschmettern wollte, so fahre ich mit dem allernächsten Schisse heim und warne jeden Englishman, sich fernerhin für das zu halten, für was er sich bisher gehalten hat! — So, das ist es, was ich Euch sagen wollte, Sir. Und nun bitte ich Euch, nehmt Euch, wenn wir ihr vorgestellt werden, ein wenig meiner an, damit sie meine Verlegenheit nicht allzusehr bemerkt! Ich möchte nämlich so sehr gern haben, daß sie mich für ihrer Achtung würdig hält!" Ich versprach es ihm, obwohl ich wußte, daß ich nicht dazu kommen würde, dieses Versprechen zu halten. Er 18 275 «L§,«LL»<LL»^!L»«ZL»<LL>«LL»«LL»^L»«LL» Karl May. <LL»«LL»<LL»«LL»<LL>«LL»<LL><LL»<LL»«LL» 276 Wußte gar nicht, daß seine Worte die geistig und seelisch ereignisreiche Geschichte einer innern Umwandlung enthielten, welche sich Lei ihm äußerlich friedlich vollzogen hatte, während sie bei andern Menschen wie auch bei Völkern nur unter langen und schweren Kämpfen vor sich geht. Darum stand zu erwarten, daß auch die nun folgenden und letzten Tone in freundlicher Harmonie erklingen würden. Bald darauf erfuhren wir, daß die Insel in kurzer Zeit zu sehen sein werde, und machten uns also zum Lauden bereit. Niein Sejjid Omar brachte meine und seine Sachen mit Fangs Gepäck herbeigetragen. Dann ging er zu Mary, um auch ihr und ihrem Vater seine Hilfe anzubieten. Raffley stand oben auf der Brücke, um die Einfahrt selbst zu leiten. Bill führte das Steuer, und Tont machte sich mit dem Salntgeschütze zu schaffen, um unsere Grüße, die aus dem Herzen kamen, mit ehernem Munde zu bestätigen. Auch Waller verlangte heraus auf das freie Deck. Ich machte in der Nähe der Barriere einen Sitz für ihn zurecht; dann wurde er, auf Omar gestützt, von Mary und Tsi herbeigeleitet. Ich hatte heut noch nicht mit ihm gesprochen und gab ihm also meinen Morgengruß. Er antwortete nicht mit Worten, doch sobald er sich gesetzt hatte, ergriff er meine Hand, zog mich nahe an den Stuhl heran und sprach: "Ihr wollt, daß wir schweigen; eins aber muß ich Euch doch sagen dürfen! Ich habe Euch verkannt, weil ich nicht wußte, daß Eure Reiseerzählungen vor allen Dingen symbolisch zu nehmen sind. Ich ahnte nicht, was es unter der bewegten Oberfläche dieser Werke für eine stille, heilige Ruhe giebt, und was für liebe, reine Gestalten in ihr wohnen. Ich bitte Euch, mir zu verzeihen! Werdet Ihr auch über die jetzige Reise etwas drucken lassen?" "Höchst wahrscheinlich," antwortete ich. "So ahnt mir, daß Ihr hier noch tiefer als sonst steigen werdet. Die Gedanken, welche Ihr für Eure Leser von dort in die Höhe bringt, sind wohl keinem andern so gut wie mir bekannt. Wenn ich sie später lese, würde es mich freuen, wenn Ihr ihnen den Titel: "Et. in terra pax“ gegeben hättet! Es ist der einzig richtige für den tieferen Zweck, den diese Reise für uns alle hatte. Das Ziel ist in Sicht gekommen. Habe ich einen Gruß von ihm verdient?" Da ertönte von der Insel ein lauter Böllerschuß zu uns herüber; ein zweiter folgte und diesem ein dritter. Tom antwortete ebenso oft aus seinem Rohre. Es gab selbstverständlich bei uns keilt Auge, welches nicht nach der Küste gerichtet war. Sie hatte sich in schönes Grüit gekleidet. Das Innere wurde uns voit Büschen verhüllt, aus denen die Wipfel hoher Bäume ragten. Es gab da einen kleinen, freien Platz, auf welchem wir einige Chinesen neben dent Böller stehen sahen, aus welchem sie uns salutiert hatten. Sie riefen und winkten uns lebhaft zu. Später öfsitete sich zuweilen das Gebüsch, um uns die dahntter liegenden, vollgrasigen Wiesen und wohlbebauten Felder zu zeigen. Weiter vorn, uns zur Rechten, stieg das Land zu einer bewaldeten Höhe empor, auf welcher das chinesisch konstruierte Dach eines sehr ansehnlichen Gebäudes aus dunklen Blätterkronen ragte. Waller deutete mit der Hand nach diesem Hause und sagte: "Das wird die Wohnung des chinesischen Aristokraten seilt, den ich in Kairo bekehren wollte. Dort hielt ich mich für eilten großen Mandarinen der westlichen Civilisation und ihn für einen geistig armen Sohn der östlichen Inferiorität. Wie habe ich mich in mir und wie in ihm geirrt! Während ich auf dent Wege hierher immer kleiiter geworden bin, ist er vor mir immer höher emporgewachsen. Der Osten lvird immer größer und bedeutender, je mehr man sich ihm nähert! Und selbst wenn dieser Flt nichts weiter als der Vater seines Sohnes wäre, dem ich weit mehr als nur mein leibliches Leben zu verdanken habe, so hätte ich in diesem Einzelsalle von ihm nicht weniger empfangen, als was im geschichtlich Großen und Ganzeit das Abendvon dem Morgenlande empfing!" Bei diesen Worten Wallers glühte ein fretidiges Rot über Marys Gesicht. Ihr Auge suchte unwillkürlich nach Tsi. Er ivar aber nicht zu sehen, soitderit nach seiner Koje gegangen, tun, wie wir später sahen, den europäischen Anztig mit seinem chinesischen zu vertauschen. Die Matrosen unserer "Uin" hatteit schon am frühen Morgen die Paradeleinen hervorgeholt und Wimpel an Wimpel gereiht, um die Jacht zur Einfahrt ztt schmücken. Diese Leineit hingen jetzt noch leer vom Top herunter, doch bedurfte es nur eiites Wortes von Raffley, um sie in Zeit von eilter Minute aufzuholen. Ocama hat eine deut Festlande zugekehrte Bucht mit klarem, tiefem und fast stets ruhigem Hafenwasser. Als lvir uns dent südlichen Vorspruitge dieser Bucht näherten, begann das Ufer, sich zu beleben. Wir sahen zwischeit dem Gebüsch in Blumengärten Häuser liegen, so nett und sauber, jedes von ihnen eine eigenartige, besondere chinesische Individualität; das Auge konnte sich wirklich immer von dem einen auf das andere hinwegfreuen. Diese Häuser mehrteil sich, ulld als wir in einem weit ausgeholten Halbkreise um die südliche Zunge bogen, entwickelte sich vor uns eilt Landschaftsbild, welches, besoilders bei dem heutigen schönen, klaren Wetter, selbst das verwöhnte Auge eines Weitund Vielgereisten befriedigeit mußte. Man denke sich eilten halbmondförmigen Busen, von dessen beiden äußeren Enden an das Land sich sanft aber höher tmd immer höher erhebt, um, immer voit Gärteit oder parkähnlichem Gehölz begleitet, in der Mitte eilten vont Wasser zurücktretenden Berg zu bilden, an desseit Lehne die mit Pflanzengrün und Blumen geschmückten Häuser des Ortes aufwärtssteigen. Und hoch über ihnen ein hellglänzendes, weißes Laitdhaus, dessen nur halb chinesischer Styl vermuten läßt, daß sein Erbauer verstanden habe, auch europäischen Gedaitken Form zu geben. / 277 Lt in terra xax. ^S><S^>«SS><2SxSS><gS><2S><2S><2I2><2!£> 278 Dieses hochund langgestreckte, vielräumige Harw gehörte Fu; dort wurden wir erwartet. Sein. Dach, welches wir schon vorhin gesehen hatten, wurde, wie landesüblich, aus mehreren geschwungenen uird einander tragenden Abteilungen gebildet. Es trat, so weit es reichte, so über die thront des Hauses heraus, daß es alleir in das ^reie gehenden Söllern und Baikonen mehr als hinreichend Schutz zu bieten vermochte. Wir hatten alle die Gläser vorgenomwen und da hinaufgerichtet. Darum war e» unv wöglich, eilte weißgekleidete Frauengestalt zu bcmerken, welche auf dem am höchsten gelegenen Balkone stand und, sobald wir in Sicht kamen, sich weit über da» Geländer beugend, mit einem Tuche winkte. "Jin, meine Am!" rief Rafflet) auf der Kommandobrücke. "Hoch die Wimpel! Alle Grüße auf! Tom, sage ihr, daß wir sie sehen!" Tie Jacht stand im Nu in ihrem wallenden und wehenden Paradeschmuck; das Geschütz ließ seine Stüume hören, und vom Landungsplätze her ertönte auch nach jeden: unserer Schüsse einer. Dort lagen mehrere große Dschunken, welche bewiesen, daß die Insel atich mit dem entfernteren Festlande in Beziehung stand. Zahlreiche Boote bewegten sich hin und her, von denen aus uns laut und freudig zugerusen wurde. Der ganze, hohe llferdamm, an welchem wir Anlegen mußten, stand voller Menschen, deren Stimmen uns entgegenschallten. Welche Liebe hatte der früher so kalte, steife Englishman sich hier doch zu erwerben gewußt! Gongs wurden geschlagen; alle möglichen andern chinesischen Instrumente ertönten. Die Häuser wareir beflaggt oder sonstwie bunt behängen, und in den Lüften schwebten dielgestaltete Drachen, die entweder durch ihre Form oder irgend ein angehängtes Zeichen der Freude über die Rückkehr Raffleys Ausdruck geben sollten. Dieser aber schien sür alle diese Ovationen jetzt weder Augen noch Ohren zu haben. Sein Blick blieb hinauf nach den: Balkon gerichtet, bis die Jacht den Damm erreichte und sich mit Hilfe der dorhandenen Taue und Ringe längsseits an ihn legte. Da kam Tsi aus seiner Koje. Er war, wie bereits erwähnt, jetzt chinesisch gekleidet, und ich darf Wohl sagen, daß er umallen in dieser Tracht noch besser gefiel, als in der curopäischen. Sie ließ ihn "bedeutender" erscheinen. Es hat gewiß seine guten Gründe, daß der Orient gern faltige Gewänder trägt. Grad da, wo wir die Barriere zu öffnen, hatten, standen im Hintergründe die für uns bestimmten Gepäckund Sänftenträger, vor ihnen die Beamten des Ortes, >velche dem Heimkehrenden ihren Respekt erweisen wollten, und ihnen ganz voran kein anderer als Fu, der, allerdings unter einem andern Namen, auch im Auslande weitbekannte Mandarin allerhöchsten Ranges, welcher aber herit und hier so einfach wie ein ganz gewöhnlicher Chinese gekleidet war. Er schien die Begrüßung mit dem Freunde kaum erwarten zu können, denn die Landebrücke lag noch gar nicht fest, so kam er herüber auf das Deck und eilte auf deir ebeitso schnell von oben herabsteigenden Raffley zu. Noch ehe er ihn erreicht hatte, rief er aus: "Endlich, endlich, du Verschwiegener, du Geheimnisvoller! Wie unbeschreiblich hast dt: mich mit deinem Glück überrascht, von den: ich gar nichts wußte!" Sie schlangen die Arme um einander und küßten sich wie Brüder, ivelchen nichts schmerzlicher ist als von einander getrennt zu sei,:. Dann kam er zu mir, zog auch mich au sich und berührte mit den Lippen meine beiden Wangen. Mary küßte er die Hände, ihrem Vater wiederholt die Stirn; den: Sejjid schüttelte er wie einem ihm Gleichstehenden herzhaft die Hand, und Fang wurde in chinesischer Weise aber mit ganz derselben Herzlichkeit begrüßt. Dann erst ging er zu seinen: Sohne. Der Governor hatte sich in seiner innerlichen Beklommenheit etwas abseits gehalten; nun aber brachte Raffley den Mandarinen zu ihm hin und stellte ihn diesem nur mit den zwei Worten "Mein Onkel" vor. Der alte Herr schickte sich an, eine tiefe, ceremonielle Verbeugung zu machen, kam aber nicht dazu, sie auszuführen, denn Fu legte seine Arme schnell auch um ihn, küßte ihm die beiden Wangen, schob ihn dann etwas von sich ab, betrachtete ihn in wohlgelungeuer, neckischer Weise und sagte dann: "Ein echter Raffley, well! China freut sich, Old England endlich, endlich hier zu sehen, weil es sicher weiß, daß es in Liebe kommt!" Und sich zu Raffley wendend, fügte er hinzu: "Nun aber alle schnell hinauf zu deiner nein, zu unserer Iiu! Doch vorher n:uß ich dir, mein Freund und Bruder, sagen, daß dir die reinste, schönste Seele Chinas angehört. Dein Herz hat sich voi: uns unendlich mehr geholt, als du dir mit der Waffe des Krieges jemals hättest erobern können!" Auf einen Wink von ihn: wurden die Sänften herbcigebracht. Einige waren für zwei Personen. Der Governor zog mich zu einer derselben hin, schob mich hinein und kau: mir dann nachgestiegen. Die Kulis liefen mit uns sofort von dannen. Da holte der Gentleman tief, tief Atem und sagte, indem er den Kopf schüttelte: "Sir, ich bin ganz irr an mir! Wahrscheinlich deshalb, weil ich es früher au China gewesen bin! Was für ein Mensch, dieser Fu! Wollte ihn durch meine Würde niederschmettcru; machte aber gar kein langes Federlesen mit mir! Sagt mir da erst, daß ich ein echter Raffley sei, und küßt mir trotz dieser Echtheit sofort beide Wangen! Das kommt mir zwar etwas summarisch vor, ist aber höchst wahrscheinlich imponierend! Und was hat er von dieser Mn gesagt? Sir, wenn sie wirklich die schönste, reinste Seele Chinas ist, so ist John der aller-, allerklügste Englishman, den es jeinals gegeben hat und noch geben wird! Sein Herz! Well! Habe auch ei:: Herz! Jeder Engländer hat eins! Lassen wir von diesem Augenblick an nur die Herzen sprechen!" 18* 27!) <2S><3£S><2££><$S><2S><SS>^;2><Sg>*2£§><SS> Karl May. <LL»<LL»<LL,<LL,<Z5Z,<LL»<LL»^§,<LL»<ZL» 280 So schnell unsere Träger liefen, die bon Fu waren doch noch schneller gewesen, denn dieser stand, als wir oben ausstiegen, schon unter dem Thore, um uns als Wirt die Honneurs zu machen. Der Governor schien während dieses kurzen Weges seine Zurückhaltung vollständig aufgegeben zu haben, denn er nahm den Mandarinen vertraulich Leiin Arme und sagte: "Mylord, ich bin England, und dieser etwas jüngere Gentleman ist Deutschland. Wir kommen 31t Euch, um China mit aller uns möglichen Liebe und Güte zu erobern, aufrichtig und ohne Falsch. Wir wollen in diesem schönen Friedenswerke uns ans allen Kräften beistehen und so innig Hand in Hand miteinander gehen, daß wir Euch bitten, uns keine getrennten Wohnungen anzuweisen. Quartiert uns, wenn es möglich ist, derartig zu einander, wie der "unbewaffneteFriede" es erfordert, in demwir mit uns, mit Euch und mit allen Menschen zu leben gesonnen sind!" Es war ein eigenartiges, frohes und doch tiefgerührtes Lächeln, welches, als er antwortete, das Gesicht des hochgestelltenMannesnoch sympathischer machte, als esso schon war. "Wie gern erfülle ich diesen Wunsch! Ihr sollt in meinem eigenen Flügel wohnen, damit ich Euch das wirklich sein kann, was ich. Euch zu sein, gesonnen bin. Dies Haus, dies Dach wird Euch gehören, so lange es mir selbst gehört! Und wo die Liebe Raum für Euch und mich besitzt, muß sie des treuen Dieners auch gedenken, welcher bewiesen hat, was Freundlichkeit und Güte selbst über Afrika vermögen. Also auch Sejjid Omar sei Euch zugesellt. Dann" hier machte er eine unnachahmliche, umfassende Bewegung mit der Hand "dann ist die ganze "alte Welt" vereinigt und bereit" jetzt deutete er auf den Weg zurück, wo soeben die beiden Sänften Wallers und Marys erschienen "nun auch die "neue" zu empfangen, um sich an ihrer Seite wieder jung zu leben!" Die Art und Weise, in welcher er das gesagt hatte, läßt sich wohl nur durch die Wirkung deutlich machen, die es hervorbrachte. Nämlich der Governor faßte ihn hüben und drüben an, zog ihn an sich, gab ihm einen, zwei, drei herzhafte Küsse und rief, so freudig animiert, wie wohl noch niemals, aus: "Das soll nicht nur ein Wort sein, sondern ein Kontrakt, den keiner von uns brechen darf und keiner brechen wird! Das istzein Tag, wie ich so schön noch keinen je erlebte!" Fu konnte uns, weil Wallers eben anlangten, nicht selbst geleiten. Er erteilte den wartenden Dienern den betreffenden Befehl, und so waren wir schon nach kurzem in diesem zimmerreichen Hause so vortrefflich eingerichtet, wie der erste und zweite Teil der "alten Welt" es sich im dritten nur wünschen können. Dann saßen wir aus dem schönsten, chinesischen Scidenpolster des ganz liebreich und gesprächig gewordenen Gentleman und warteten der Dinge, die nun kommen sollten. Es war für uns selbstverständlich, daß man uns zur Vorstellung bei Mn abholen werde: Der Englishman dachte gar nicht mehr daran, auch nur das geringste zu sagen oder zu thun, um seine "große Wette" zu gewinnen. Aber von seiner Befangenheit war er trotzdem noch nicht frei. Er hatte vor Mn noch immer daS, was er Angst zu nennen beliebte, und wenn der Ausdrrick auch etwas zu kräftig ist, so tvill ich ihn doch brauchen: er fürchtete sich vor ihr. "Wenn ich etwas zu ihr zu sagen habe und nicht weiß, ivas, so fallt nur gleich ein, Charley!" bat er mich, denn seit wir zusammenwohnten, war ihm mein Vorname geläufig geworden. "Das ist von heut au Deutschlands Pflicht!" fügte er scherzend hinzu. "Dafür komme ich Euch ein anderes Mal ebenso gern zur Hilfe! Horch!" Es klopfte an die Thür. Als wir nicht sofort antworteten, wurde sie um einen schmalen Spalt geöffnet, und eine süße, unendlich wohllautende Frauenstimme fragte: "Verzeihung! Wohnt hier mein Onkel Governor?" Der Genannte fuhr von seinem Sitze auf und flüsterte mir, indem sein Gesicht die Farbe verlor, in für ihn schrecklicher Ahnung zu: "Mein mein mein Onkel Governor?! Der bin ich wohl! Aber — — aber dieser dieser John Raff let) hat doch keine solche — — solche Stimme! Sollte — —?" Ich antwortete ihm nicht, sondern ging zur Thür und schob sie vollends auf. Ja, sie war es Mn! Sie kam allein) niemand begleitete sie. War sie so schön, wie ihr Porträt uns hatte erwarten lassen? Wassollichsagen! Das kam so schnell, so unerwartet. Ich sah eine weißgekleidete, engelgleiche Frauengestalt, eine Rose im Haar und ein kleines, duftendes Veilchenbouquet an der Brust, welche nach einem kurzen Blick auf mich an mir vorüber in das Zimmer trat und dann so vor mir stehen blieb, daß ich nur die schöngezeichnete Wangenlinie ihres Profils sehen konnte. "Ja, du bist es, mein lieber, lieber Onkel!" rief sie jubelnd aus. "Ich kenne dich aus dem Album meines John! Komm, lege mir die Hände ans das Haupt, und sei mir gut! Ich weiß von ihm, daß du so gerne gütig bist!" Sie glitt vor ihm nieder, faltete die Hände und schaute bittend 31t ihm auf. Er stand zunächst bewegungslos. Die Farbe kam und ging ans seinen Wangen. Ich sah, daß er zitterte. Sein weitgeöffnetes Auge war auf sie wie ans eine wunderbare, überirdische Erscheinung gerichtet. Dann bewegte er die Hände: sie bebten. Indem sie sich langsam auf den Kopf der Knieenden niedersenkten, hob er den seinen empor, schlug die Augen wie zum Himmel ans und sagte, indem er mit den hcrvorbrechenden Thränen kämpfte: "Mein Herr und Gott das habe ich nicht ver dient! Ich war so schlimm, so bös zu ihr, und sie bringt solche, solche, solche Liebe! Mein Segen ist nichts wert, wenn du nicht selbst ihn giebst. O sende ihn ihr tausendfach und tausendfältig zu und — — —" Mehr hörte ich nicht, denn ich schlich mich hinaus, schloß 281 «^«^«^«LL<ZL»«LL»«LL»E>«LL>«LL» Lt in terra xax. ^L»«LL»<LL»^L»«LL»«LL»^L»«LL»<LL»<LL» 282 möglichst unhörbar die Thür und ging dann fort; wohin, das war mir gleich, nur nicht nach meinem Zimmer, weil dies ja neben dein des Governors lag. Ich hatte den Korridor noch nicht zur Hälfte durchschritten, da kam Raffley, als ob er Eile habe. Als er mich sah, fragte er: "Ihr seid es, mein Charley? Habt Ihr vielleicht Uivt gesehen?" "Ja, soeben," antwortete ich. "Wo?" "Sie ist beim Onkel." Er schien erschrecken zu wollen, wechselte aber rasch den Ausdruck seines Gesichtes, über welches ein warmes, frohes lächeln ging. "Gut! Da es einmal nicht so geschehen soll, wie ich es wollte! Gott lasse es gelingen! Der Frauen Gefühl ist so »nerforschlich richtig, und meine Mn muß immer, immer liegen! Kommt, Charley! Habe Euch sehr Interessantes mitzuteilen." Er führte mich die Treppe hinab und nach der Rückseite des Landhauses, an welches sich hier ein sehr großer, schöner und verständnisvoll gepflegter Blumengarten schloß. Da hing er seinen Arm in den meinigen, ging eine Weile schweigend neben mir her und sagte dann, gänzlich unvermittelt: "Sie sind verlobt!" Nun sah er mir in das Gesicht, als ob er erwarte, daß ich erstaunend neugierig fragen werde, wer? "Mary und Tsi?" antworte ich. Jetzt erstaunte er an meiner Stelle. "Was wie warum! Ja, natür lich diese beiden! A^erwerhatEuch das denn schon gesagt? "Niemand. Ich vermute es. Ich habe ja schon längst gewußt, daß daß China und die Vereinigten Staa ten einander innig lieben." Da blieb er stehen, zog seinen Arm wieder an sich und rief aus: "China und die Ver Ver? Ah, jetzt verstehe ich! Schriftstellern der Schalk! Weltreisender Volksseelenforscher! Alles personificierender oder symbolisierender Bücherschreiber! Jede Eurer Gestalten, die edelste wie die gewöhnlichste, ist ja die Individualisierung und also die Lösung irgend eines menschenoder völkerpsychologischen Problems! Charley, Charley, wer Euch nur oberflächtich liest, der ahnt gar nicht, wie sehr inan es vermeiden sollte, Euch auf Euern Wanderungen zu begegnen. Habt Ihr etwa die Absicht, auch über die jetzige Reise ein Buch zu schreiben?" "Ja. Ich habe das Waller schon gesagt." "Und Ihr werdet das, was Ihr ihm gesagt habt, halten?" "Gewiß." "So versprecht auch mir etwas, was Ihr aber ebenso gewiß auch halten werdet! Gebt mir Eure Hand darauf! Ihr wißt, daß ich nichts von Euch verlange, was nicht seine guten, wohl erwogenen Gründe hat." "Hier ist sie. Ich vertraue Euch und werde mein Versprechen halten." "Gut! Schreibt über diese Reise, tvas und wie Ihr wollt; aber in vielleicht einer Stunde werden wir alle droben im Ahnensaale zusammenkommen, und genau vor dem Glockenschlage dieser Stunde habt Ihr unter diese Erzählung den letzten, schließenden Strich zu machen. Das bitte ich Euch; das heißt, ein Raffley bittet Euch! Das ist abgethan, und nun wird Euch Euer alter, guter John etwas weniger Strenges sagen. Kommt!" Er führte mich nach einem offenen, von japanischem Hopfen umrankten Gartenhäuschen. Als wir in: Innern desselben Platz genommen hatten, ließ er zunächst ein halblautes, vergnügtes Lachen hören und sagte dann: "Also Ihr habt es auch gemerkt? Ich ebenso! Nun nimmt meine herrliche Mn diese liebe, gute Mary heut gleich als Schwester bei sich auf, nennt sich sofort mit ihr du und tritt ihr bestes Zimmer an den Kranken ab, um ihn so recht aus Herzensgründe mit pflegen und gesund machen zu können. Nach einiger Zeit hört sie von ihrem Raume aus die laute, eigenartig sprechende Stimme Wallers. Sie glaubt, daß er vielleicht etwas bedürfe, und geht zu ihm. Da steht mein alter, unvergleichlicher Fn neben dem Kranken; Mary und Tsi knieen, glücklich weinend, mit vereinigten Händen vor diesen beiden und nun, da hat Din eben die Thür schnell wieder zugemacht und sich entfernt, irgend wohin, um nicht indiskret zu sein, und dann, wie ich von Euch weiß, zum Onkel Governor. Das sagte mir Fu, welcher zu mir kam, um mir mit Vaterstolz und Vatcrglück die Verlobung mitzuteilen. Dann wollte ich Ilin suchen und traf dabei auf Euch. So! Ich habe es Euch gesagt, und nun ist es Eure Pflicht, noch vor der Versammlung den Verlobten und ihren Vätern zu gratulieren. Wie werden sich Mns Mutter und deren Bruder freuen, wenn sie erfahren, daß ihr Liebling eine so liebenswerte, gute und dabei hochgebildete Schwester mitbringt! Ihr werdet, mein Charley, diese beiden braven Menschenkinder drüben auf dein Festlande kennen lernen, denn sie sind nicht mit hier. Aber was schaut, wen sieht man dort?" Da, tvohin er mit der Hand deutete, lenkte soeben der Governor in einen Seitenpfad des Gartens ein, an seiner Seite Mn, welche cm seinem Arme hing und ihm liebevoll in das Gesicht blickte. "Was habe ich gesagt?" jubelte Raffley. ""Bin überzeugt, daß er auch niit meiner herrlichen Rin bald genau so Arm in Arm promenieren gehen wird!" So lauten meine damaligen Worte, welche schon jetzt, da wir kaum angekommen sind, in Erfüllung gehen. Dieses Hänschen hier ist ihr Lieblingsplatz ; sie bringt ihn sicher her. Kommt, wollen gehen! Ich gönne diesem mehr als vortrefflichen 283 «LL»«LL»<LL»^L»«L§»^!L»^§»^!!§»^L,«LL» Karl May. r^<LL^L»<ZL»«ZL»<ZL»<ZL»«ZL«ZL.<LL» 284 "dear uncle“ von ganzem Herzen gern die Seligkeit, sich an der Seite dieser mir — hört! — mir gehörenden, fleckenlosen Seele nun vollends frei von dem zu machen, was ihn, ohne daß er mir es eingestehen wollte, bis hierher belastet hat!" Wir entfernten uns. Ich suchte, Rafflehs Rat befolgend, zunächst Wallers auf. Fu und Tsi waren dort: dadurch wurde mir der Weg zu ihnen erspart. Es wurde mir gar nicht Zeit gelassen, meine wohlgesetzte Gratulation anzubringen; man eilte, natürlich außer Waller, auf mich zu wie ans ein zugehöriges Familienglied, welches auf einen Teil der bei solchen Veranlassungen nicht zurückzuhaltenden Zärtlichkeiten wahlberechtigten Anspruch hat. Ich durfte in acht strahlende Augen sehen und bin überzeugt, daß auch die meinigen nicht ohne Licht und Glanz gewesen sind. Wohl dem, dessen Herz die Befähigung besitzt, mitfühlen zu können; er ist trotz allem eigenen Mangel an sogenanntem Glücke doch tausendmal glücklicher als jeder andere, der sich zwar für glücklich hält, aber es doch, nicht ist, weil er jede Teilnahme geizig von sich weist. Wir gedachten der Zeit, an welcher grad wir Fünf, so eng vereint wie jetzt, am Fuße der Pyramiden beieinander gesessen hatten. Wir waren äußerlich noch die Alten, aber wie vieles, wie vieles war in uns neu geworden, und nicht nur neu, sondern auch besser und schöner, reiner, klarer und wahrer! Da konnte ich nicht anders, ich mußte Mary fragen: "Wissen Sie noch, daß Sie dainals ans dem Dschebel Mokattam die Frage aufwarfen, was der Abendländer deni Bewohner des Ostens mitzubringen habe? Sie beantworteten sich selbst: "Ich bringe ihnen meine Liebe, meine ganze, ganze, volle Liebe!" Ihre tiefe, warme Altstimme hatte Ihnen den Weg zu meinem Herzen schon gebahnt; mit diesen Worten aber sind Sie mir in dasselbe eingedrungen, und ich halte Sie dort fest und gebe Sie nicht wieder her!" Tsi warf mir einen verständnisinnigen Blick zu. Seine Seele war wohl auch zunächst durch dieses wohltönende Mittel von der ihrigen angezogen worden. Die ewige Weisheit gab den Seelen für ihre irdische Entwickelungsstufe ja nur darum den Körper, weil hier ohne ihn die eine Psyche unmöglich auf die andere wirken könnte. Mary errötete, sagte aber nichts. Da griff Fu nach ihrem kleinen Händchen, nahm es zwischen seine beiden Hände und sagte: "Diese Stimme ist auch mir in das Herz geklungen, und dieser Liebe habe auch ich nicht widerstreben können. Das Haus, in dem wir uns befinden, ist Euch nur durch sie geöffnet worden, und wer zu uns kommt, um bei uns bleiben zu wollen, der hat zunächst bei dem Herzen von China anznklopfen. Ihr alle seid, weil ihr uns liebt, von diesem Herzen ausgenommen worden und also da angelangt, wo ihr für euer ferneres Wirken Kraft und llnterstützung findet." lind sich an mich besonders wendend, fuhr er fort: "Ich hörte von Mary und ihrem Vater, daß Sie Ihren: Buche den Titel "Er in terra pax“ geben wollen, weil er es wünscht. Ich bitte, über das Kapitel, welches voir diesem meinem Hause handelt, "Im Herzen von China" schreiben zu wollen! Geographisch gemeint, sind Sie demselben zwar noch sehr, sehr fern; aber jenes große, weite, unermeßlich reiche, Euch bisher unbekannte und darum Euch verschlossene Herz, welches unfern nationalen Pulsschlag regelt, das ist Euch hier auf meinem Ocama geöffnet worden. Dieser Puls hat nun auch Euch ergriffen, und darum meine ich, daß diese Ueberschrift die Wahrheit sagt." Da wurden die Thürvorhänge auseinander geschoben. Wir hatten nicht bemerkt, daß Raffley und Mn angeklopft und dann hinter ihnen gestanden hatten. Jetzt traten sw herbei, und John sagte, halb scherzend und halb ernst: "Es wird und muß die Ueberschrift des letzten Kapitels sein, denn wir kommen, Euch nach dem Ahnensaale abznholen, und damit ist das Buch jetzt nun zu Ende! Dritter Teit Zweiter Abschnitt Erzählendes und Anderes von und aus China Als Tai-Tsong von Vor Dynastie der Tang die Zügel der Regierung ergriff, erfreute sick?das Reich eines tiefen Friedens; die acht Provinzen bezahlten ihre Steuern, und die vier Meere erkannten die Oberherrschaft Chinas an. Eines ^age» fas; Tai-Tsong auf seinem Thron. Die Bürger und Militärbehörden waren um ihn vereinigt, als der Minister OeWlching aus d^r Reihe der Höflinge trat und. sich an den Kaiser wendend, zu ihm spracht \j "Heut, da die vollkommenste Ruhe wieder im Reiche herrscht, da die acht Provinzen in Frieden leben, wäre es gut. einen allgemeinen Wettbewerb zu eröffnen und die bedeutendsten belehrten zu demselben zu berufen. "Der Vorschlag meines würdigen Ministers ist gros; und edel." versetzte TaiTsong und erlies; ein Dekret, das in allen Städten, ja sogar auf dem Lande verbreitet wurde. Dasselbe kündigte den Gelehrten, die sich mit dem Studiunr der klassischen Bücher beschäftigten, an. daß sie sich sofort zmn allgemeinen Wettbewerb imch der Hauptstadt zu begeben hätten. Der kaiserliche Befehl gelangte auch in bttGegend von Hai-Tscheu. Ein junger Mann Tsching-Ngo. der den Ehrentitel KßangFuy (Goldener Knopf) führte, erblickte die Anzeige vor der Thür des Palastes. Als er nach Hause zurückgekehrt war, sagte er zu seiner Mutter Tschang-Chy: "Ein vom Kaiser erlassenes Dekret veranstaltet in der Provinz des Südens einen all» YsWi Kurschner, China III. 19 Der Bonze Kay Tsang. <LL><L§><LL><ZL»rLL»«LL»cLL»<LL»<W, 292 gemeinen Wettbewerb der Gelehrten. Dein Sohn hegt den Wunsch, sich ebenfalls dort vorzustellen; wenn er eine Beamtenstellung oder irgend einen Grad erhält, so wird er sich verheiraten und Kinder erziehen, die die Ehre seiner Familie aufrecht erhalten sollen. Dein Sohn ist fest entschlossen, doch vorher wollte er seine Mutter noch um Rat fragen." "Mein Sohn," versetzte Tschang-Chy, "du bist mit der Kenntnis der klassischen Bücher vertraut, also gehe auch du wie die anderen zu dieser Prüfung. Gieb aber während der Reise ans alles, was du thust, acht, und erhältst dn eine Stellung, dann kehre so schnell wie möglich zu deiner Mutter zurück." Krang-Juy befahl sofort seinen Dienern, alles zur Reise fertig zu wachen, nahm von seiner Mutter Abschied, machte sich aus den Weg und ka»> bald nach der Hauptstadt. Der Wettbewerb war eben eröffnet, Krang-Juy reichte seine Werke ein, und sein Name prangte als dritter auf der Listr. Der große Herrscher ans der Dynastie der Tang erteilte ihm mit seinem kaiserlichen Pinsel den Doktortitel. Dann wurde er auf ein Pferd gesetzt und drei Tage im Gepränge durch die Stadt geführt. Als er an der Tht'n' des Palastes, in welchem der erste Minister Oey-Tsching lvohnte, vorüber kam, befand sich dessen TochteriHuen Kiao gerade in ihrem Zimmer. Diese junge Dame, die noch unverheiratet war, hielt in der Hand einen kleinen Seidenball, den sie fortschlendern wollte, um ans diese Weise das Schicksal zu befragen, wer der ihr bestimmte Gatte wäre. Zn diesein Augenblick erschien der neue Doktor unter dem Balkon, intD die Tochter sah in ihm auf den ersten Blick einen außergewöhnlichen Men scheu. Als sie aber erfuhr, er wäre einer der Sieger aus dem letzten Wett belverb, erfüllte hohe Freude ihr Herz, und schnell warf sie den kleinen Ball fort, der die schwarze Mütze deS Doktors Krang-Juy traf, lieberrascht hörte er eine reizende Musik von Flöten und Oboen im Zimmer erschallen, und bald hielten zwanzig Dienerinnen sein Pferd am Zügel fest und führten ihn selbst in den. Palast, um die Verbindung zu vollziehe». Der Minister trat in Begleitung seiner Gattin aus dem großen Saal, empfing den Doktor mit vieler Höflichkeit und bat ihn, einzutreten. Dann betvilligte er ihm die Hand seiner Tochter. Krang-Juy verneigte sich bw zur Erde und als die Gatten alle, von den Riten vorgeschriebenen Forma litäten erfüllt hatten, begrüßte der junge Mann seine neuen Eltern ehrfurchtsvoll mit beut Titel Schwiegervater uno Schwiegermutter. Ain nächsten Tage saß Tai-Tsong in seinem Palaste mit den goldenen Glocken wieder auf seinem Thron und fragte seine Höflinge, welche Stellung er dem neuen Doktor einräumen sollte. Der Minister ergriff das Wort: "Dein getreuer llnterthan erlaubt sich zu bemerken.. daß iu Der Provinz Kiaug-Tschen eilte Präfektnrstelle frei ist, und wagl unterthänigst, für Krang-Juy darum zr, bitten." Tai-Tsong gewährte ihn; diese Gunst mrd besaht deui ueueir Beamtelt gleichzeitig, sofort nach seinem neuen Wohnorte auszubrechen, und jo reiste der snnge Doktor in Begleitung Que». Kiaos nach Kiang-Tfchen. itrang-Juy benutzte die Gelegenheit, seine Rlutter zu begrüßen uitd ihr seine Gattiit vorzustelleir. sschang-Ehy ompsaitd eine innige Freude, als sie sah, daß ihr ^ohu sich verheiratet hatte ultü, wie sie es ihui befohlen, zu ihr Lurückgekehrt war. Krang-Juy sprach den Wuitsch aus, leine Mutter mitzunehmen, worüber diese hocherfreut lva:. Alan reiste ab uitd befand sich in iveitigen wageir in lnr Herberge vor: Ouan-Hod. Tschang-Ehy, die sich plötzlich unwohl sühlle, sagte zu thrent Sohne: "Ich bin krank uitd möchte noch zlvei Tage in diesem Rasthof verweilen, um inich zu pstegeit, dann mögen lvir weiter reisen." Krang-Juy erfüllte diesen Wunsch. Am nächsten Tage erblickte er vor der Thür einen. Äiann, der einen Fisch von schütter goldener bnrbe seii bot. Der Doktor kaufte den Fisch, doch als er ihn kochen lassen ivollte, um ihn seiner Mutter vorzusetzen, bemerkte n, daß das Tier zappelre Uitd die Augen öffnete Uitd schloß. "Ich habe gehört," dachte Krang-Juy ganz bestürzt, "wenn die Aale oder andere Fische so die Äugen bewegen, so ist es eine Warnung, die man nicht in den Wind schlagen darf." Er fragte deshalb den Fischer, wo er den Äsch gefangen habe. "Eine Meile voir hier, im Fluße HoitgKiang," versetzte der Fremde. Als Krang-Juy dies vernahm, setzte ec das ^vier wieder im Wasser und teilte diese gute Handluirg seiner Mutter mit. Dann sprach er: "Liebe Mutter, dein Sohn möchte sich morgen lvieder ans den Weg »tachen, deitii, lvir sind schon drei Tage hier. Doch lvie steyi es mit deiirer Gesundheit?" "Nicht allzuschlecht," versetzte Tschang-Chy, deni würde ein Rückfall eintreten, lvenn ich heißen Jahreszeit weiter reiste. Miete mir daher ein Zimmer und laß mich hier, bis ich wieder vollständig heigestellt bin." Diesen Plan teilte Krang-Juv seiner Gemahlin mit, die Gatten nahmen voll Tschang-Ehy Abschied, und ge langten nach dem Fluße Hong-Kiang, wo sie zwei «Schiffer, Lieu-Hong nird Lh Pieu, trafen. Es war Kräng-? in seinen früheren Lebensjahren bestimmt worden, er sollte das Opfer eines großen Unglücks werden, und thatsächlich ging er hier seinem Verhängnis entgegen. Der eine der Schisser, der eine Barke besaß, LienHong, betrachtete die junge Frau mit lüsternem Blick. Ihr Gesicht war rund wie der Vollmond, ihre Augen glänzten wie die Wellen im Herbst, und ihr kleiner frischer Mund glich einer Kirsche. So viel Reize erweckten böse Gedanken int Herzen des Barkenführers, die er seinen'. Genossen Ly Heu mitteilte. Mit diesen, lenkte er das Fahrzeug nach einem eiDanien Strande, dort töteten sie um die Zeit der dritten Nachtwache unter liefen; Schweigen i» der Dunkelheit zuerst die Diener, mordeten dann KrangJuy und warfen seinen Leichnam ins Wasser. Bein, Anblick ihres hingemordeten Gatten wollte sich auch Onen Kiao in den Fluß stürzen, doch Lien Hong hielt sie davon zurück. "Wenn du gehorchst," sprach er zu ihr, "so sollst du alles bekommen, was bn dir nur wünschen magst; widerstrebst du mir dagegen, so durchbohre ich dich mit diesem Dolche." Die junge Frau wußte nicht, was sie thun sollte und fiel dein Banditen auf Gnade ,md Ungnade anheim. Lieu-Hong überließ die Barke seinem Gefährten Ly Pieu, legte die Kleider des unglücklichen Beamten an, bemächtigte sich seines Diploms und begab sich mit der Witwe des Gemordeten nach Kiang"aber trog n einer so steine in den Mund, um die Zersetzung des Körpers zu verhindern und sprach dann zu ihm: "Jetzt, da du wieder zum Leben erwacht bist, mußt du im Reiche der Wasser weiterleben. Bleib' also an meinem Hofe-" Krang-Juy nahm dieses Anerbieten an und drückte dem Drachenlänig seine Dankbarkeit aus. Die Witwe des Doktors kam inzwischen mit seinem Mörder nach Kiang-Tschen. Die Unterbeamten zogen ihrem angeblichen Vorgesetzten entgegen, um ihn willkommen zu heißen. Eines Tages, da Lieu-Hong !U Geschäften ausgegangen war, gab die junge Frau einem Sohne das Leben. Gleichzeitig ließ sich eine Stimme vernehmen, die die Worte sprach: "Junges Weib, lausche meinen Worten. Ich bin der Geist des Südpols, und die Göttin Knan-Jn schickt mich zu dir, nM dir diesen Sohn zu spenden. Lieu-Hong wird versuchen, ihn umzubringen. Wache daher über ihn. Dein Gatte ist von dem Drachenkönig gerettet worden, und du kannst über sein Schicksal beruhigt feiitDie Stimme verstummte, und im le^ ben Augenblick trat Lien-Hong ins Zimmer, um dort das Amt seines Opfers anzu treten. Die stochenen ivährend gesunken stattete Leichen der von den Baitüiten niedergeDiener schwammen an der Oberfläche, die Leiche Krang-Juys aus den Gruno war. Der Meergeist bemerkte ihn und dem Drachenkönig, der aus seinem Throne saß, seinen Bericht ab. Der Drachenkönig ließ sich den Leichnam bringen, betrachtete ihn aufmerksam und rief: "Das ist ja der großmütige Mann, der mir das Leben gerettet hat." Sofort schrieb er einen Brief und beauftragte denselben Geist, ihn dem Genius zu bringen, der in HongTschen wohnte. In diesem Briefe bat der Drachenkönig um die Seele des verstorbenen Doktors, damit er sie wieder ins Leben znrückrusen könne. Der Schutzgeist der Stadt befahl einem kleinen Genius, die Seele Krang-Juys zu holen mrd sie dem Boten des Drachenkönigs zu übergeben, der sie nach dem unterirdischen Palast seines Herrn und Gebieters führte. "Gelehrter, wie ist dein Name, wo ist dein Vaterland, ans welchen! Grunde bist du das Opfer eines Mordes geworden?" Mit diesen Worten begrüßte der Drachenkönig KrangJuy, und der junge Mann erzählte ihm seine ganze Geschichte und bat ihn, ihn wieder zum Leben zu erwecken. "Wisse," sagte nun der Meergott, "der kleine Goldfisch, den du wieder Mit diesen Worten hob er den Leichnam KrangJuys in die Höhe, gab ihm eine Anzahl EdelWasser wtztef ins bin ich fe® Jp$ mer. Als er das Kind bemerkte, wollte er es in den Fluß werfen lassen, nur sich seiner zu entledigen, doch die junge Mutter rief: "Es ist bereits dunkel, warte bis morgen, dann magst du das Kind ins Wasser werfen." Am nächsten Morgen rief ein wichtiges Geschäft Lieu-Hong von neuem nach dem Gericht. Als er fort war, dachte die arine Mutter, wenn sie diese Gelegenheit vecsäunite, so wäre es um ihren Sohn geschehen. Es war daher besser, ihn gleich auf dem Flusse auszusetzen und ihn seinem Schicksal zu überlassen. "Vielleicht," so dachte sie, "wird der Hüumel Mitleid mit ihm haben, und es wird sich jemand finden, der ihn rettet." Mit diesen Worten biß sie sich in die Hand und schrieb mit ihrem Blute auf das Papier die Namen ihrer Eltern, sowie ihre ganze traurige Geschichte. Dann machte sie dem Kinde nnt den Zähnen an: linken kleinen Zeh ein Merkzeichen. Als sie am Ufer angelangt war, bemerkte sie einen Zweig, den die Gewalt des Stronies heruntergerissen hatte. Sie setzte das Kind darauf, band ihm das geheimnisvolle Schreiben aus die Brust, vertraute ihn so dem Schicksale an und kehrte nach Hause zurück. Von den Fluten fortgerissen, trieb das kleine Floß über die Wellen und landete schließlich beim Kloster Kin-Chan. Der Vorsteher, der älteste der Brüder, der Bonze FaiUiinfl, ein ehrwürdiger Greis, saß, in tiefer Betrachtung versunken, am lifer, als plötzlich das Wimmern eines kleinen Kindes zu seinen Ohren drang. Schnell bemühte er sich, es an Xiand zu bringen und bemerkte nun den mit Blut geschriebenen Brief, der ihm den Namen und die Geschichte Krang-Juys und seiner Gattin verriet. Der Bonze nahm den Neugeborenen im Kloster aus, gab ihm den Namen Kiang-Lieu ("Der aus dem Flusse Kiang Schwimmende") und vertraute ihn der Obhut einer Person an, die ihn erziehen sollte. Sorgfältig aber bewahrte er das geheimnisvolle Papier. Die Augenblicke fliegen wie der Wind, rasch entschwinden die Tage und die Monate. Das Kind wuchs auf, und als es das Alter von achtzehn Jahren erreicht hatte, wünschte der Bonze, er möge sich die Haare abschneiden und sich mit dem Studium der Tugend beschäftigen. Eines Tages waren alle Bonzen im Schatten der Fichten versammelt und sprachen über die heiligen Texte, doch der Nenling hatte Mühe, beit Sinn ihrer Worte zu verstehen. Aergerlich zankten ihn die Bonzen aus. "Unwissender," sagten sie zu ihm, "man kennt weder deinen Vater nach deine Mutter. Du bist nichts tueiter als ein dummer Kobold, von dem man nicht weiß, woher er komint." Von ihren Worten en:pört, warf sich der llleuling dem alten Bonzen zu Füßen, brach in Thrä nen aus und rief: "Ich kenne weder meine Mutter, noch meinen Vater, und deshalb bitte ich dich inbrünstig, sage mir, wer sind die Urheber meiner Lage." "Gut," versetzte der Prior, "wenn du ihre Namen kennen willst, so folge mir in meine Zelle." Dort nahm der alte Bonze ans seinen: Versteck einen Kasten und holte daraus e:n blutiges Papier, das er dem Jüngling übergab. Bei diesen: Anblick brach Kay» Tsang —einen Namen, den er beidererstenWeihe bekan: in Thränen aus, siel mit dem Gesicht zur Erde und rief: "Wie, die Ungerechtigkeit, deren Opfer mein Vater und ineine Mutter geworden sind, ist noch nicht gerächt, und ich habe das Alter von achtzehn Jahren erreicht, ohne die zu kennen, denen ich das Leben verdanke! Gestatte daher, gütiger Mann, deinen: Schüler, seine Mutter auf zusuchen und das Verbrechen zu sühnen." "Willst du diese heilige Handlung vollziehen," versetzte Fa-Ming, "so nimm diese Gegenstände an dich. Klopfe in der Verkleidung eines Bettelmönchs an die Thür des Präfekten von Kiang-Tschen. Dort wirst du deine Mutter spre chen können." Kiang-Lieu folgte seinen: Rat. Gerade, als er an die Thür des Lien-Hong klopfte, war der Räuber in Geschäf ten ausgegangen, und der Jüngling bat an der Pforte deo Palastes um ein Almosen. Eine Magd ineldete der Witwe Krang-Juys, es stünde ein Mönch vor der Pforte, der Gebete hersage und um Alnwsen bitte. "Wo kouunt er her?" fragte sie. "Der Mönch kommt aus den: Kloster Kin Chan uno ist ein Schüler des Bonzen Fa-Ming." "Dann lasse ihn ein." Sie ließ den: Mönche ein einfaches Mahl vorsetzen und sagte sich, während er speiste: "Dieser Jüngling ist das Ebenbild meines ermordeten Gatten." Sie verabschiedete die Magd und fragte ihren Gast, ob er sich den: Klosterleben seit seiner Kindheit gewidmet habe, wie sein Name wäre und ob sein Vater und seine Mutter noch lebten. Der Mönch erwiderte: "Hört mich an, edle Frau. Ich habe von: Himmel allErbschast eine furchtbare Mission empfangen. Mein Vater ist von einem Verbrecher ermordet worden, de: sich me:ne: Mutter bemächtigt hat; sie suche ich." "Und wie ist der Narne deiner Mutter?" »Ihr Familienname ist Jn-Ouen Kiao; der Name meines Vaters Tschen Krang-Juy. Ich selbst heiße KayTsang, mein Name als Mönch lautet Kiang-Lieu." "Ouen-Kiao ist inein Name," erwiderte "doch wo sind die Beweise deiner Behauptungen?" Bei diesen Worten warf sich der Jüngling auf die Knie und rief mit Thränen in den Augen: "Wenn du mir nicht glaubst, so sieh hier die Beweise." Ouen-Kiao betrachtete den Brief; es war kein Zweifel mehr möglich, es war ihr Sohn. Weinend preßte sie ihn in die Arme nnd sagte: "Geh mein Sohn, geh so schnell wie möglich. Wenn Lien Hong zurückkommt, er würde dich umbringen. Morgen werde ich mich krank stellen und sagen, ich hätte dein Bonzen schon seit langer Zeit hundert Paar Schuhe versprochen. Ich werde dann dein Kloster wählen, um mein Gelübde zu erfüllen. Dort werden wir uns sprechen können. Am nächsten Tage stellte sie sich krank, nnd all,LienHeng sie fragte, erzählte sie, daß sie iu ihrer Jugend dmGelübde gethan, dem Bonzen hundert Paar Schuhe zu spenden. "Vor fünf Tagen," fügte sie hinzu, "habe ich im Traum einen Mönch gesehen, der ein Messer in der Hand hielt nnd gebieterisch die versprochene Gabe ve>langt«.. Dieses Gesicht hat mich krank gemacht." "Das ist eine Kleinigkeit," versetzte Lien, "'warum hast du mir das nicht früher gesagt? Ich werde in fünf -r.agen die hundert Paar Schuhe Herstellen lassen.". Zur bestimmten Zeit wurde die Arbeit geliefcnt. -i'«1Witwe Krang-Juys schiffte sich ein und erreichte da-.Kloster. Alle Mönche kamen ihr entgegen und führten sie m das Gebäude. Als sie mit ihrem Sohn allein war, übergab sie ihm ein Armband und sprach zu ihm: "Du wirst nordwestlich von Kiang-Tschen fortziehen und nach denr Gasthaus von Ouan-Hoa wandern; dort haben wir deine Großmutter, die Mutter deines Vater-,-, zurückgelassen. Ich werde einen Brief schreiben, den du den: großen Kaiser in der Hauptstadt überbringen wirft. Rechts von dem Palast mit den goldenen Glocken befindet sich der des ersten Ministers Seiner Majestät, Oey-Tsching. Dieser Blinkster und seine Gattin sind meine Eltern, ^it wirst deinem Großvater diesen Brief überreichen nnd ihn bitten, deine Mutter zu rächen. Dann wirst du deine Großmutter aus dem Elend befreien und zu mir bringen." Nach diesen Warten verließ sie das Kloster und bestieg wieder das Schiff. Als Kap-Tsang im Gasthof von Ouan-Hoa angelangt war, erkundigte er sich, ob in früheren Zeiten ein Beamter Namens Krang-Jnp in diesem Hause mit seiner Mutter abgestiegen wäre, nnd ob man nicht wüßte, was aus dieser geworden wäre. "Allerdings," versetzte der Gastwirt, "sie ist bei mir geblieben, doch nach drei bis vier Jahren wurde sie blind, und da sie kein Geld mehr hatte, ihre Miete zu bezahlen, so wohnt sie in einem alten Gemäuer hier in der Nähe am Siidthor, wo sie alltäglich ihr Brot erbettelt." Als Kay-Tsang diese Antwort erhalten hatte, suchte er die alte Frau auf, und beim Tone seiner Stimme rief die Blinde: "Das ist die Stimme meines Sohnes Krang-Juy." "Nicht er ist es," versetzte der Jüngling, "wohl aber sein Sohn." "Wie hast du denn aber erkundet, daß ich mich hier be finde?"' "Meine Mutter hat mich mit einem Brief und diesem Armband nach der Hauptstadt geschickt." "Und wodurch hat meine Großmutter die Sehkraft verloren?" fragte KapTsang. "Lange Zeit erwartete ich deinen Vater mit Dlng't nnd Ungeduld," versetzte die alte Frau, "doch da er nicht kam, habe ich so viel geweint, daß meine Augen sich dem Lichte verschlossen haben." Als der junge Mönch diese traurigen Worte vernahm, fiel er auf die Kniee nnd sprach folgendes Gebet: "Wenn der mitleidige Himmel gegen die Wünsche, die ich von: Grunde meines Herzens aus an ihn richte, nicht taub isr. so flehe ich ihn an, er möge bewirken, daß die Augen niemer Großmutter sich dem Licht des Tages von neuem öffnen." Als er diese Worte gesprachen, fuhr er mit der Spitze seiner Zunge über die Wimpern der alten Blinden, und im selben Augenblick erlangte sie die Sehkraft wieder. Kay-Tsang fiihrte seine Großmutter nun wieder in das Gasthaus, gab ihr das nötige Geld, das sie bis zu seiner Rückkehr brauchte und jagte: "Seit iiber einem Monat bin ich auf der Reise. Ich muß dich jetzt verlassen, um nach der Hauplstadt zu wandern." Als er in der Stadt des Kaisers angelangt war, begab er sich in das Palais Oey-Tschings und sagte den Wächtern, er müsse den Mnister sprechen, der sein Verwandter wäre. Der Minister gab den Befehl, den jungen Bonzen in den Festsaal des Palastes zu führen. Kaum hatte Kay-Tsang den Minister Oey-Tsching und seine Gattin erblickt, als er in Thräuen ausbrach. Dann verneigte er sich bis zur Erde, holte aus seinem Kleide den Brief hervor und reichte ihnen denselben. Der Minister öffnete ihn, las ihn und begann zu weinen und heftige Schmerzensruse auszustoßen. Dann sprach er zu dem Jüngling: "Beruhige dich, mein Sohn, ich werde dieses Ereignis Seiner Majestät erzählen und ihn um Truppen bitten, um unseren Schwiegersohn zu rächen." Am nächsten Tage begab sich Oey-Tsching zum Hofe üyd erzählte dem Kaiser den Mord, dessen Opfer Krang-Juy geworden war. Der Kaiser geriet in heftigen Zorn, versammelte die sechzigtausend Mann seiner Leibgarde und gab dem Minister den Befehl, an der Spitze der Truppen aufzubrechen. Noch war der Tag nicht angebrochen, als der Palast Lieu-Hongs bereits umstellt war. Die Soldaten stürzten mit der Waffe in der Hand in das Schloß, und der Mörder, der ihnen nicht mehr entschlüpfen konnte, wurde gefangen genommen, Oey-Tsching trat nun in den Hauptjaal des Palastes und ließ seine Tochter bitten, vor ihm zu erscheinen: doch sie zögerte und wollte erst ihre Scham tilgen, bevor sie vor ihrem Vater erschien. Sie schluchzte und klagte noch lange Zeit, und KayTsang war nicht imstande, dem Strome ihrer Thränen Einhalt zu gebieten, bis der Minister sprach: "Meine lieben Kinder, laßt euren Kummer schweigen. Ich habe an dem Verbrecher Lieu-Hong bereits Rache go' nommen, und seine Hinrichtung ist bestimmt." Nach diesen Worten begab sich Oey-Tsching nach dein Hinrichtungsplatz. Die beiden obersten Beamten von Kiang-Tschen batten in aller Eile Soldaten nach dem MitIchuldigen Ly-Pien ausgesandt, und derselbe wurde nun dorgefsihrt. Der Minister ließ beide fesseln, und jeder dichter versetzte ihnen hundert Stockschläge. Dann nahrn uwn ihre Hinrichtung vor. Zuerst schleppte nian Ly-Pieu auf den Marktplatz, hier wurde sein Körper gevierteilt, und >l!>n Kopf dem Volke gezeigt. Lien-Hong aber wurde an i'ie Mündung des Flusses geführt, an die nämliche Stelle, wo er sein Verbrechen begangen hatte. Von seinem Enkel und seiner Tochter begleitet, trat der Minister an das Ufer Flusses Hong-Kiang, um dort ein blutiges Opfer zu vollziehen. Er bot dem Gemordeten das Herz des Mör^ars und fügte ein Papier hinzu, das er verbrannte. Als km Drachenkönig das Papier vor Augen kam, schickte er lofort eine große Schildkröte zu Krang-Inv und ^'at ihn, zu ihni zu kommen. "Doktor," ries der König der Meere, als er ll'n erblickte, "freue dich, deine Gattin, dein "Olm und der Minister, dein Schwiegervater. ^-ben am Ufer des Flusses ein Sühnopfer voll ^agen. Ich werde dir nun das Leben wiederholen und deinem Körper neuen Odem ein^iauchen. Außerdem schenke ich dir eine Perle, ol'hn Stiick seidene Stoffe und einen Diamantiiurtel, die du zuni Andenken an mich behalten Magst." Der Doktor dankte dem Drachenkönig, ver "mgte sich tief vor ihm und entgrate sich dann. Als die Witwe Krang-Iuys lange Zeit gemeint und die Manen geehrt, gellte auch sie den Tod in den wassern suchen, doch ihr Sohn hielt sie mit eigener Lebensgeiohr zurück. In diesem Augenblicke der höchsten Aufregung einerktcn sie plötzlich an der Oberfläche des Wassers einen eichnam, der auf das Ufer zugeschwommen kam. Alle Anwesenden traten näher und sahen ebenfalls dieLeiche, diestch fügsam an dein Ufer aufrichtete. Nach und nach belebte sich ^r Körper, kletterte an das Ufer und ließ sich zur Bestürmung allerAnwesenden darauf nieder. Krang-Juy schlug die ugen auf und erblickte seine Frau, die neben ihm stand. "Was thnt ihr hier?" fragte er sie. ^ "Du warst ermordet," versetzte seine Gattin, "unser . ohn, der in dem Kloster Kin Chan anferzogen worden hat deine Auferstehung bewirkt." "O, jetzt weiß ich alles", Nersetzte ier Doktor. "öer gefangene Gold fisch, dem ich die Freiheit wiedergegeben hatte, war der Drachenkönig, und er hat mich nun gerettet. Er hat meinem Körper die Seele zurückgegeben, die ihn bereits verlassen hatte, und mir außerdem mehrere kostbare Gegenstände geschenkt, die ich bei mir trage." Die Beamten und alle Anwesenden sprachen dem Doktor nun ihre Glückwünsche aus, und dieser brach mit seinem Sohne auf, um seine Mutter anfzusnchen. In derselben Nacht hatte diese geträumt, sie sehe einen vertrockneten Baum wieder anfblühen, zahlreiche Vögel zwitscherten plötzlich hinter dem Hause, und in ihr frohlockte es: "Sicherlich kommt heut mein Sohn." Kanin hatte sie diesem Gedanken Ausdruck gegeben, als Krang-Juy erschien, mit dem Finger nnj sie deutete und rief: "Da ist meine Mutter." Er stürzte in ihre Arme, und beide weinten vor Rührung. Die Gatten, die nach so langer Trennung endlich wieder vereinigt waren, waren überglücklich und veranstalteten, um die fröhliche Fügung zu feiern, ein prächtiges Mahl. Der Minister wünschte, dieses Fest solle Fo Tnan-AuenHoey genannt werden, die Vereinigung der zärtlichen Gatten. Anl nächsten Tage ernannte der Kaiser, dem der Minister alles erzählte, den Doktor zum Staatsrat und behielt ihn bei Hofe. Trotz des glücklichen Ausgangs vollführte die Gattin Krang-Juys nach reiflicher Ueberlegung dennoch den verhängnisvollen Plan, den sie schon seit langer Zeit mit sich herumtrug und gab sich selbst den Tod, indem sie sich eines Tages in ihrem Zimmer erhängte. Kj! »rschner, China IN. Huö cbinefifcben Kinderltuben und (Srabkammern. Don Marinepfarrer a. D. p. G. peints. 'QlÄie saßen, lauter gute Freunde und getreueNachbarn, beisammen in der Laube des Korvettenkapitäns z. D., dem es ein schweres Leid war, daß er die beiden betrübten Buchstaben neben seinen auf See und an Land in gutem Ruf stehenden Namen hatte setzen müssen. Er hatte es ja nicht gewollt, aber das böse Zipperlein hatte es so bestimmt; und weil es gar nicht mehr ablassen wollte, darum mußte der Kapitän nachgeben, denn "der mehr Energische kriegt den weniger Energischen immer unter" hat Rismarck gesagt. Aber wenn er nicht mehr auf blauem Wasser fuhr, dann war er doch noch an Land ein guter Kamerad, der es gern hatte, wenn gute Gesellen an seinem Tisch saßen. Heute hatte er dazu eine Erdbeerbowle gebraut, in der er ebenfalls guten Ruf hatte. Da saßen sie denn bei einander und stießen mit den Gläsern an und erzählten aus alten Tagen oder aus neuen Zeiten, wie sich's gerade traf. "Ja, ja," sagte der Herr Obersteuer-Jnspektor, "ich bin nur heil froh, daß die Sache da unten in China ein Ende hat! Habe nie viel für den "Chinamann" übrig gehabt, und immer den Eindruck bekommen, daß das Volk durch und durch nichtsnutzig und verdorben ist!" "Immer sachte mit die jungen Pferde!" siel ihm der Kapitän lachend in die Rede; "ich gebe Ihnen zu, daß der Volkscharakter manche unliebenswürdige Seite hat, aber Sie müssen mir auch zugeben, daß er hinwiederum auch manche güte, und sogar s e h r gute Seiten besitzt." "Da wäre ich doch neugierig, wie Sie d i e Ansicht begründen wollen!" rief der Herr Oberzöllner, "schmutzig, grausam, feige, hinterlistig und verräterisch ist die Bande von oben bis unten!" "Dem widerspreche ich im allgemeinen nicht; aber ich kann es auch nicht zugeben, daß ihnen kein gutes Haar gelassen wird." "Möchte wissen, wo Sie uns die guten Haare Nachweisen wollen!" antwortete der andere. "Sie werden mir zugestehen," gab der Kapitän zurück, "daß man ein Haus und auch ein Volk nach seiner Kindererziehung beurteilen darf. Da habe ich nun drinnen ein Buch stehen, das ist Wort für Wort aus dem Chinesischen übersetzt, und zwar enthält es, was wir nennen würden, .moralische Erzählungen' für Kinder. Wenn Sic da einen Blick hineiuthun, werden Sie nur zugeben, daß wenigstens die Tugend der ,Pietät', oder der Achtung vor den Eltern den Chinesen mehr eigentümlich noch ist, als uns stolzeil Europäern." "Erzählen Sie doch!" bat der Oberförster, "wir werden uns in dem Stück ja gern belehren lassen." "Nun, dann füllen Sie Ihre Gläser, und dann ,I°Verschoten' mit den Kindergeschichten, die alle, 3utn Beweis, wie die Anschauung des Volks durch Jahrtausende dieselbe geblieben ist, weit zurückreichen. — Z. B.: ®01 ungefähr 1800 Jahren lebte ein Mann mit Namen O n g der als Kind seinen Vater verlor und mit seiner Mutter allein lebte. Ein Bürgerkrieg brach aus und er trug so'w Mutter auf seinem Rücken weit fort, bis sie in Sicherheit war. Manchmal aber, wenn er ausging, um Nahrung für seine Mutter zu suchen, begegnete er Räuberscharen, die ihn angriffen und ihn mit sich zu nehmen drohten, aber weinend erzählte er ihnen dann von seiner alten Mutter und wie sie ganz allein auf ihn angewiesen 1ct> und sogar die rohenRäubtzr wagten nicht, ihm ein Leid anzuthun, um seiner Mutter willen. Ein anderer armer Junge, der erst sechs Jahr all war, begegnete einem vornehmen Herrn, der ihm zwo' Apfelsinen schenkte. Loh, so hieß der Knabe, steckte sie in den Busen seines Gewandes, bedankte sich und eilte davon. Da rief ihn der Herr zurück: "Sag 'mal, kleiner Junge, warum hebst du denn die Früchte aus, anstatt sie' zu essen?" Da neigte der Knabe sich tief vor dem Herrn und sagte: "Meine Mutter ißt so schrecklich gern Apfeü sinen, und ich will sie für sie aufheben, damit sie sich daran erquicken kann!" Darüber freute sich der frembe Herr und entließ ihn freundlich. Tiefer in die merkwürdigen ltnsterblichkeitsanschaw ungen der Chinesen führt die folgende Geschichte ein, dw auch sonst in ihrer eigentümlichen Zartheit und JnnigkeU für sich selbst spricht. Ich muß aber vorausschicken, daß nach chinesischen' Glauben die Seele beim Tode des einzelnen sich in dre'Teile spaltet: Die eine Seele geht in die unsichtbare Welt, um abgeurteilt zu werden; eine geht über in den "Thron der Seele", den Hausaltar, und sie wird von den Kindern des Toten angebetet — das gehört zu dem so tief grou senden Ahnenkult — und die dritte bleibt iw Sarge bei de r L e i ch e. Nun war ein Mann mit Namen Lr — wie sich da-' 309 ^L.«L§>«LL»<LL,«LL.<LL»«LL> Aus chinesischen Kinderstuben und Grabkammern. ^L«LL>«LL>^L>«ZL>«LL>«LL> 310 nach chinesischer Anschauung gehört —außerordentlich um seine alte Mutter besorgt; er sah ihr von den Augen ab, was er ihr nur Liebes thun konnte. Nun hatte die alte Frau eine besondere Schwäche: Sie war entsetzlich ängstlich vorn: Gewitter! deshalb eilte Li auch, so oft ein solchem ^nszog, von seiner Feldarbeit nach Hause, unrfaßte die Mutter und schützte ihre Augen vor dem Blitz und ries ihr in: "Fürchte dich nicht, liebe Mutter, Li ist ja bei dir!" Nun kam es, daß die Mutter starb, und Li beweinte sie nach seiner Kindespflicht und trug tiefe Trauer uin sie. So oft aber ein Gewitter aufzog, lies er wie bei ihrem Leibesleben nach Hause, warf sich über das Grab und rief hinab unter Thränen: "Fürchte dich nicht, liebe Mutter. 2i ist bei dir!" Nicht weniger schön ist die andere Erzählung von einen, guten Sohne, mit Namen Chung, der seinen Vater in seiner Jugend verlor und nun treu für seine alte Mutier sorgte. Sie wurde im hohen Alter krank und kindisch. Ju solcher Verfassung äußerte sie eines L-ages den bei der herrschenden trockenen Jahreszeit unmöglichen Wunsch nach jungen Bambus-Schossen, die für eine ähnliche Delikatesse gelten, wie unser Spargel bei uns. Aber jetzt im Sommer war der Boden dürr und steinhart. Er ging ihr zu Gefallen doch hinaus in den Bambu-Wald, und weil er nichts finden konnte von dem, was sie wünschte, lehnte er jich im Gedenken der Mutter bitterlich weinend an einen Bambusstamm, so daß seine Thränen wie Regen zur Erde fielen, und den Grund tränkten; da brachen die WurzelSchossen Plötzlich hervor, und er konnte sie mit großer Freude seiner Mutter bringen. Fast spartanische Anklänge hat die Geschichte von dein General Woo, der vor 1600 Jahren lebte. Er sollte eine Truppenmacht sammeln, um gegen Empörer auszuziehen. Vor kurzem erst war er von schwerer Krankheit genesen. Infolge der Anstrengungen des Feldzuges starb er dald, und außerdem sielen seine beiden mit ihm ausgezogenen Söhne kurz darauf vorm Feinde. Als die Leichen in die Heimat gebracht waren, legte die schwer getroffene Mutter die Hand auf sie und sagte weinend: "Der Vater war ein tapferer Krieger und die Knaben waren pflichtgetreue Söhne. Auf denn! Es ist keine Zeit zum Klagen jetzt!" Da entdecken wir im chinesischen Volkscharalter einen ganz neuen Zug, der den meisten von uns bisher gewiß frenid war: den des heldenmütigen Ueberwinöens eines großen Schmerzes. Was sagen Sie nun, Herr Oberzöllner?" "Ich gestehe ja zu, daß mir manches an dem Erzählten neu ist", sagte er, nach dem Glase greifend, "aber ganz sonderbar und eigenartig ist doch vor allem der merkwürdige Glaube an jene Dreiteilung der Seele!" "Gewiß!" entgegnete der Kapitän, "und gerade dieser Glaube ist es, der der Einführung europäischer Kultur besonders hinderlich im Wege steht." "Wie denn das?" ging es im Chor um den Steintisch her. "Der Bau der Eisenbahnen leidet unter nichts so sehr, wie eben unter diesem Stück des Ahnenkultus, daß die Leiche iin Grunde noch beseelt ist und weiß, was mit ihr vorgeht. Die Gräber sind ja in China durch das ganze ungeheure Reich zerstreut. Wer es irgendwie haben 7ann, läßt sich auf seinem eigenen Grund und Boden begraben, lind diese Gräber sind heilig und unantastbar. Ich kannte einen deutschen Herrn in Amoy, in dessen Garten ein großes Chinesengrab sehr störend einschnitt. Er bot dem Eigentümer des Grabes eine ganz bedeutende Summe, wenn er es ihm überlassen wollte und es an eine andere Stelle verlegen; aber es war nicht zu erwerben! Man geht nicht zu weit, wenn man behauptet, daß durch dies Gräberunwesen ein bedeutender Teil des Grund und Bodens in China nutzlos brach liegt. Das ganze Reich ist thatsächlich ein ungeheuerer Kirchhof mrt mehr oder minder zusammengedrängten Gräbern. Wo sich eine Aussicht aufthut übers Meer, in ein Thal, ans einen freien Platz, da kann man sicher darauf rechnen, aus dein Gipfel, am Abhang oder am Fuß eines Berges oder einer Thalwand ein Grab zu finden. Denn der Tote muß so liegen, daß er Aussicht hat, und je freier, desto besser. Auch darf kein Schatten eines Baumes oder einer Mauer auf ihn fallen. Zum Teil sind diese Gräber mit großen Kosten sehr prächtig angelegt; und es ist der größte Stolz eines Chinesen, das Begräbnis der Eltern so kostbar zu machen, wie nur inöglich. Manchmal geht die ganze Erbschaft darauf, und zuweilen werden noch Schulden dazu gemacht. Aber das thut nichts. Denn im Jenseits wird dem Erben alles bar ausgezahlt, was drauf gegangen ist. Es ist die Beerdigung mit ihrem Aufwand also ein persönlicher Liebesdienst, der ihm geleistet wird. Einer Beerdigung im kleinsten Maßstabe wohnte ich in Amoy bei. Vier Kulis trugen den schlichten, in Matten gehüllten Sarg; vor ihm her ging ein Junge, der ab und zu eurer Art Trompete greuliche Mißklänge entlockte mrd dann mrd wann auf ein Becken schlug; nebenher schritt ein Leidtragender im staubgelben Mantel und einer weißen Binde um die gelbe Kopfbedeckung. Gelb als Trauerfarbe ist die Farbe des welkenden Laubes. Längs des Weges streute er in seiner Armut öfter handgroße viereckige Stücke Goldpapier aus. An Ort und Stelle oben auf einem Bergeshang wurde das Grab vier Fuß tief ausgehoben; daneben standen Gefäße mit Wasser. Die Grube wurde dann mit etwas Stroh ausgefüttert, der Sarg niedergelassen und ebenfalls mit Stroh bedeckt; dann bereiteten die Träger, während das geringe Leichenopfer neben dem Grabe verbrannt wurde, aus dem fetten, lehmigen, mit grobem Sand stark gemischten Mergel des Berges einen derben Mörtel, den sie naß in die Grube schütteten, 20* 311 Aus chinesischen Kinderstuben und Grabkammern. 312 so daß der Tote förmlich eingemauert wurde. Daun gingen sie alle davon. Besonders in der Nähe der großen Städte, wie Shanghai, sieht man kein Ackerstück, auf dem nicht ein oder mehrere hohe, große, grünbewachsene Hügel sich erheben: Grabhügel; und daneben stehen noch einzelne Särge, teils übermauert, teils mit Matten verschnürt, überall mitten aus den Feldern mit dem unverletzlichen Anspruch aus Unzerstörbarkeit. Und weil nun eine durchs Land gelegte Eisenbahn ungezählte solcher Gräber vernichten und dadurch den grimmen Zorn der in ihrer Ruhe gestörten Seelen Hervorrufen würde, deren Rache ängstlich zu fürchten ist, darum hauptsächlich findet jeder Bahnbau im chinesischen Lande so hartnäckigen und zum Teil unüberwindlichen Widerstand bei der Bevölkerung. Shanghai selbst hatte übrigens schon einmal früher eine Eisenbahn, mit der es ganz eigentümlich zuging. Eines Tages suchte nämlich eine Gesellschaft bei der chinesischen Regierung um die Erlaubnis nach, "eine feste Straße für schweres Fuhrwerk nach Wusung an der Flußmündung bauen zu dürfen," und wie sich Gott den Schaden besah, da war der Weg so fest und sogar eisenbeschient geworden, daß selbst Lokomotiven mit Güterzügen hinter sich daraus fahren konnten. Die Chinesen sahen die Sache kopfschüttelnd an, kauften die "Straße" für einen enormen Preis zurück und rissen die ganze Herrlichkeit auf! Die Bahn kam nach Formosa. Außer der Eisenbahn nördlich von Tientsin, welche die Bergwerke mit dem "Kanal" in Verbindung setzt, in Länge von 7 Kilometern, weiter der von Tientsin nach Kintschau über Schanhaikwan, ferner der von Taku mich Tientsin und voir Tientsin nach Peking, sowie der südlichen Teilstrecke von Peking nach Pauting, und endlich der von Niutschwang nach Port-Arthur, alle zusammen in Gesamtlänge von nur 1000 Kilometern, ist das Riesenreich noch von Schienensträngen nicht durchzogen, und ein unermeßliches Gebiet wartet noch der wirtschaftlichen und kulturellen Eröffnung. Aber schwere Kämpfe werden vorher noch durchzufechten sein! Als wir bei einer Audienz im Jahre 1883 den unvergänglichen Li-Hung-Schang fragten, warum er denn keine Eisenbahn nach Peking baue — sie war damals noch nicht in Angriff genommen — gab er sehr besonnen zur Antwort: "Ich weiß wohl, daß Eisenbahnen etivas Gutes sind; aber ich weiß auch, daß d e m d a s L a n d g e h ö r l, dem d i e B a h n gehört. Wenn ich mit meinen Leuten die Bahn erst bauen und befahren kann, dann werde ich sie auch bauen." "Sehen Sie," unterbrach sich der Kapitän, "da haben Sie einige Züge aus deiu Charakter des Chinesen, die durchaus nicht zu den schlechten gehören. Aber damit Sie nun nicht etwa glauben, daß ich blind eingenommen bin für die Zopfträger im "himmlischen Reich", will ich Ihnen zum Schluß noch eine Geschichte von einer Grabkammec erzählen, die an Schaurigkeit nichts zu wünschen übrig läßt: Der erste Kaiser der jetzigen Dynastie hatte bestimmt, daß bei seinem Tode einhundert und fünfzig seiner Werber lebendig in seine Gruft mit eingeschlossen würden, nachdem man ihnen Lebensmittel für drei Tage mitgegeben. Was für gräßliche Vorgänge mögen da im Dunkel des Riesengrabes um den Sarg des toten Herrscher-Egoisten sich abgespielt haben, ehe das Todesröcheln der letzten Verhungerten verklungen! Bald darauf aber erschien ein Gutachten der Konfntse-Priester, daß solch lebendiges Menschenopfer den Göttern nicht wohlgefällig sei. Tröstlicher und dem Herzen wie dem Verstände des L-ohnes alle Ehre machend, klingt eine andere Erzählung aus derselben finsteren Zeit. Ein Vater hatte in letztwilliger Verfügung bestimmt in den Tagen seines Wohlseins, daß seine Gemahlin nicht mit ihm begraben werden sollte. Auf dem Totenbette aber stieß er diese Bestimmung rnn und bestimmte im entgegengesetzten Sinne: die Witwe solle mit seiner Leiche eingeschlossen werden. Der Sohn aber schloß folgendermaßen: "Es sind zwei Testamente da; eines ans den Tagen der Gesundheil und eines aus den Tagen der Krankheit. Dann wird das erstere das bessere sein!" lind so blieb die Mutter am Leben. Auch diesem Sohne können wir unfern Beifall nicht versagen; so wenig wie dem Thun der Langzöpfe im Kriege mit Rußland, der 1684—89 geführt lourde. In ihm kam eine Anzahl gefangener Moskowiter nach Peking, «ie wurden aufs beste behandelt, bekamen Land zur Ansiedelung mrd chinesische Frauen; ja ihnen lourde sogar freie Religionsübung in dem Grade gestattet, daß sie zwei Popen Nachkommen lassen durften mrd zwei griechische Kapellen bauen konnten, von denen die eine jetzt in die russische Gesandtschaftskirche aufgegangen ist, während die andere noch 1883 für die Nachkommen jenes "russischen Bataillons" bestand, welches sich später sogar weigerte, ausgetauscht zu werden, und bis zur neuesten Zeit eine eigene Truppe unter sich mit Verpflichtung zur Kriegsfolge bildete. Was jetzt aus ihnen geworden, das weiß ich nicht!" Er hob sein Glas: "Zum Wohl, meine Herren, und auf eine fröhliche Heimkehr derer, die uns ans ihrer eigenen Erfahrung nun werden erzählen können!" Die Gläser klangen feiernd zusammen. "Ja, ja," sagte der Obersteuer-Jnspektor, sich erhebend, "jedes Ding hat zwei Seiten; scheinbar auch der Charakter der Chinesen!" Der frecbdacbs. (Eine Geschichte aus (China von tX^co v te Nachricht schlug wie eine Bombe ins Bataillon. Nicht,daß es Tote undVerwundetegegebenhätte — die lebensgefährlichsten Wirkungen von Schreck und Freude setzen eine Empfindlichkeit des Nervensysteius voraus, die der deutsche Soldat im allgemeinen nicht besitzt. Aber die Wirkung der Nachricht, daß der Major von Bandemer nach China einberufen sei, war doch bombemnäßig. Natürlichnur innerlich: äußerlich bemerkbare Wirkungen sind beim Militär nur durch Kommandos zu erzielen — und ein Kommando: "Ganzes Bataillon wundern!" giebt es nicht. Die drei Kompagnien standen also wie eine Mauer, als die offizielle Kundgebung gegen sie anprasselte; auch die Herren Kompagniechess und Leutnants wurzelten bewegungslos fest im Sande des Kasernenhofes, nachdem der Gestrenge sie zu einer besonderenAnsprache "gebeten" hatte. Schweigend unlstanden sie ihn in dem traditionellen Halbkreise, und lein Zucken der Wimper verriet, "ob es Lust war oder Schmerz, das da hob das Männerherz." Und daß das nicht auf jedermanns Antlitz geschrieben steht, hatte namentlich in diesem Falle seine bedeutenden Vorteile. Der Major war ein äußerst gestrenger Herr gewesen — und seit er sich vor einem halben Jahre verheiratet, toar sein Gemüt nicht sonniger geworden. Für Kenner hatte das seinen guten Grund. Es war ein hübsche? und blutjunges Weibchen, das der Herr Major heimgesührt — aber er hatte bald erfahren müssen, daß eine Frau viel schwerer zu kommandieren ist, als ein Bataillon, besonders wenn ihr eine Mama zur Seite stand, die noch so jung und temperamentvoll war, wie die verwitwete Frau Konsul Herrnsheim. Schritt für Schritt hatten ihm die "Weibsleute" ün Hause Terrain abgewonnen. Den englischen Nasenwärmer, den er so sehr liebte, durfte er nur in seinem Schreibzimmer rauchen, und da auch nur bei offenem Fenster; und der Kampf um die nasse Ecke in den "drei Kronen", die er durch vierzehn Jahre allabendlich in Ehren innegehabt, war zu seinen llngunsten entschieden. Diese Einbuße an Autorität und Selbstbestimmungsrecht konnte der Herr Major je länger, desto iveniger verwinden — und sein Bataillon auch nicht. Daher der Wunsch des Herrn Majors, praktische Kriegserfahrungen zu sammeln und daher auch der geringe Widerstand, den das Bataillon diesem Vorhaben entgegensetzte. Der älteste Hauptmann überzählte im Geiste seine Vordermänner, und der jüngste Leutnant Eniff seinen Nachbar zur Rechten verstohlen an einer enipfindlichen Stelle. ^orn. Der Apell war zu Ende. Major von Bandemer hielt die beiden Grußfinger der weißbehandschuhten Rechten etwas länger als sonst an den Mützenschirm, und damü waren die Herren verabschiedet. Man verkrümelte sich und zwar langsamer als sonst. Man hatte wohl das Gefühl, daß übergroße Eile sich heute unfreundlich gemacht hätte. Einer der letzten war Leutnant von Römheldt. Mit einem eigenen Lächeln strich er seinen keck aufgebürsteten Schnurrbart und reklamierte bei seinem Nachbar, wie er dazu gekommen, ihn in der weihevollsten Stunde seine-.Lebens ad posteriorem zu kneifen. "Römheldt —" druckste dieser halblaut, "reden Sie nichts, bis wir um die Ecke sind! Ich habe Ihr Gesicht nickt sehen können — ich Hab' was thun müssen, sonst wär' ich auseinandergegangen wie ein Shrapnell!" "Ja aber wieso denn, Kindchen?" "Sie machten ein Gesicht wie ein melancholische Huhn!" "War mir auch danach —" "Mensch, haben Sie denn nicht begriffen! Der Alte geht nach China, Kwang-sühs Tante scheu machen! Der nämliche Alte, der Sie getriezt und geschlissen, daß um manchmal allen die Augen gethränt haben; der heute den ersten Apell abgehalten, nach welchem er Ihnen nicht noch besonders den Chapeau aufgetrieben —" "Der Tag ist noch nicht zu Ende, Kindchen." Kaum ausgesprochen, ließ sich die Stimme des dicken Bataillonsadjutanten vernehmen. "Herr Leutnant von Römheldt, der Herr Major laßen bitten — auf ein Wort!" "Na also —" bemerkte der Angerufene trocken; aber als er eine Minute später vor seinem Bataillonskommandeur stand, verriet kein Zug in dem frischen Gesichte, in welchem ganz versteckt etwas wie Uebermut und Durchtriebenheit lauerte, daß er prophetischen Geistes gewesen. "Was ich noch sagen wollte, Herr Leutnant von Römheldt —" bemerkte der Major, indem er ihn aus seinem mächtigen Einglase nicht gerade liebreich anblitzte, "ich habe vorhin mit Befremden bemerkt, daß Sie ein Gesicht aufsteckten, welches ich zum mindesten als unmilitärisch bezeichnen muß." "Herr Major, ich —" "Jetzt spreche ich, Herrr! Verstehen Sie mich? Ich kenne Sie! Und Sie können sich meinetwegen etwas darauf einbilden, Herr Leutnant t>on Römheldt, wenn ich ^hnen sage, daß ich sehr froh bin, mich nun nicht mehr über Sie ärgern All müssen. Sie haben keine Veranlassung, sich darüber zu freuen, Herr Leutnant von Römheldt dafür habe ich gesorgt. Ich habe Sie Herrn Major Possehl, welcher dcuBataillon führen wird, auf das nachdrücklichste empfohlen, und ich glaube, Sie werden in meiner Abwesenheit nichts vermissen. Verstanden, Herr Leutnant?" "Zu Befehl, Herr Major. Ich bedauere nur, daß der Herr Major sich vergebens bemüht haben "Waa —s?". "Ich habe mich nämlich auch nach China gemeldet und erwarte für die nächsten Wochen meine Einberufung. * * Das für Peking bestimmte Detachement der Ablösungstruppe war vor vier Tagen eingetroffen. Die erste Maulsperre und die ersten Enttäuschungen waren überwunden. Man gewöhnte sich allmählich an die putzige Architektur, an die sonderbaren KasernementD und sonstigen berechtigten und unberechtigten Eigentümlichketten der chinesischen Residenz. Auch daß nian nicht an jeder Ecke auf einen von der Pekinger Straßenreinigungskolonne zusammengekehrtcn Haufen toter Boxer stieß, erschien schließlich ganz begreiflich. Es war überhaupt alles wider Erwarten natürlich und unromantisch. Abgesehen von einigen Verschärfungen der Vorschriften für den Dienst und das außerdienstliche Verhalten, konnte man ebenso gut in Thorn wie in Peking jein — — es war "Jacke wie Hose" meittte der Kanonier Abromeit, welchen Leutnant von Römheldt aus dem heimatlichen Masuren von Kind auf kannte und den er sich als Burschen hatte zuteilen lassen. Ter junge Offizier hatte seinen ersten freien Nachmittag. Dieser sollte bis zu dem für den Abend angesetzlen Liebesmahl durch einen Ausflug nach der Sternwarte und anderen Sehenswürdigkeiten der "blumigen Stadt der Mitte" ausgenutzt werden. Franz Abromeit half seinem Herrn beim Ankleiden und packte dabei die Erfahrungen der acht Monate China aus, die er seinem Leutnant voraus hatte. "Sagen Sie mal, Abromeit", unterbrach Herr von Römheldt lächelnd den Redestrom seines geschäftigen Landsmannes, "der Betrieb scheint Ihnen wohl bloß so gleichartig, weil Herr Major von Bandemer zufällig auch hier unser Bataillon führt, he?" "Abe nein, Herr Leitnant — is sich wirklich Jacke wie Hose!" "So. Dann stimmt es also nicht, daß Sie mynchen Vormittag nichts weiter zu thuu haben, als gefangene Chinesen mit den Zöpfen zusammenzubinden und abzumurksen, he?" Franz Abromeit, welcher eben die gelben Laugschästigen seines Herrn mit einer Lederpaste einsalbte, richtete sich verblüfft auf, um aber gleich darauf mit roten Ohren und allen sonstigen Merkmalen großer Verlegenheit über seiner Arbeit niederzukauern. Uni) daß Sie sich zwei-, manchmal sogar dreimal täglich umziehen müssen, dainit Sie sich in den blutigen Hosen nicht erkälten, stimmt auch nicht, he?" Franz Abromeit schmierte und bürstete, daß ihm der helle Schweiß auf die Stirn trat. Aber es war doch Wohl geboten, daß er sich zur Sache äußerte und so sagte er treuherzig: "Das war doch man bloß für die Marie, Herr Leitnant." "So — damit die Marie auf Klein-Koscheiken Sie für einen verfluchten Kerl hält, schwindeln Sie Ihren Alten und deni ganzen Dorfe die Hucke voll und stellen es so hin, alv wenn wir hier eine Chinesenschlächterei mit Dampfbetrieb eröffnet hätten. Das ist ja sehr hübsch! Na das unterbleibt von nun an, nicht wahr? Abgesehen davon, daß wir uns eventuell schwer erzürnen, wird auch die Marinka verständigt, daß Sie hier mit einer Schlitzäugigen auf Abwegen sind. —" "Herr Leitnant — warraftig " "Pst, alter Sohn, nicht schwindeln. Es ist mir schon mitgeteilt worden, daß Sie sich die Eroberung des weibIrchen Teils unserer Feinde sehr angelegen sein lassen. Herr Major von Bandemer wollte Sie mir gar nicht geben, meil er befürchtete, daß ich nach der Richtung kein genügend scharfes Auge auf Sie haben würde. Aber ich werde aufpassen, Franz Abromeit — und das umso mehr, als ich ichon bemerkt habe, was die kleine Mongolin im Hof hinten für verliebte Augen macht." "Die Weiber haben hier so'ne Augen, Herr Leitnant", wagte der Bursche einzuwenden, aber unter dem drohenden ginger seines Herrn erglühten seine Ohren noch tiefer und bedeppt schlich er zur Thür, um den kleinen asiatischen Ponny bereit zu halten. Leutnant von Römheldt war abgeritten und bereits längst in die Gesandtschaftsstraße eingebogen. Franz Abromeit aber schaute immer noch mit einem tief nachdenklichen Ausdruck in seinen eckigen ostpreußischen Zügen die enge Straße entlang und kraute sich von Zeit zu Zeit hinterm Ohr. "Je, je —" philosophierte er, "is sich das eine kleine Welt. Weiß mein Leitnant in Peking, was ich nach Koscheiken geschrieben — und erfährt Marinka in Koscheiken vielleicht, daß ich in Peking oh, was eine kleine Welt!" Kopfschüttelnd trat der Bursche in das Haus zurück, lind als Fräulein La-Liu, die Tochter des im Hofe arbeitenden Gewandstickers, sich von ungefähr auf ihren dicken Filzsandalen heranschlängelte, — wie "der Deiwel auf Gummirädern" —, da drückte sich Franz Abromeit platt an die Wand des engen Hofganges und ließ die rundliche gelbe Dame passieren, ohne ihr auch nur einen Blick zu schenken. Leider ließ sie nicht locker. Die munteren Aeugelchen machten ordentlich Rutschpartien aus einem Augen winkel in den andern; und als sie ihn gar ansprach — es iTar.g wie das Gurren eines Täubchens, welches zwischendurch niest da mußte Franz Abromeit doch wieder lächeln und er gestand sich, daß es ungleich leichter sei, aus chinesisch zu lieben, als auf chinesisch zu sagen, daß man nicht darf. -i* * ©in Teil des deutschen Kontingents war mit den Franzosen auf einem Streifzuge jenseits der nördlich von Peking gelegenen Hügel und der Oberkommandierende war seit gestern mit seinem Stabe auf einer Inspektionsreise. Daher der freie Nachmittag für die Neuangekommenen. Die abendliche Zusammenkunft im deutschen Kasino war eigentlich die erste nähere Berührung der Kameraden in zwanglosem gesellschaftlichen Verkehr und damit auch die erste Gelegenheit zu einem allgemeinen und griindlichen Austausche der Erlebnisse hier und in der lieben alten Heimat. Die Stimmung auf der von Drachenköpfen uindräuten Terrasse ivar eine entsprechend lebhafte. Bei dem bunten L-cheine von Lampen und Papierlaternen wurde gut gegessen und wacker pokuliert — just wie in der Heimai bei festlichen Gelegenheiten. Franz Abromeit hätte wahrscheinlich auch hier wieder gesagt: es war Jacke wie Hose. Selbst Major von Bandemer thaute allmählich aus seiner grimmigen Unnahbarkeit ans, und als sich schließlich die Tafelrunde löste, um zwanglosen Gruppen Raum zu bieten, war er der Fidelsten Einer. Er hatte es bisher vermieden, mit dem Leutnant non Römheldt, diesem jungen "Frechdachs", dessen überlegener sonniger Gleichmut ihn so oft gereizt, anders als dienstlich zu sprechen. Der genossene Sekt aber und vor allem die Heimatluft, ivelche von den Neuangekommenen und besonders von der frohen Mitteilsamkeit Römheldts ausging, hatten ihn nicht nur zugänglich, sondern auch redselig gemacht. Das große randlose Monokle im Auge und das fidel schülpernde Sektglas in der Hand näherte er sich dem jungen Offizier, der eben einen Augenblick beiseite getreten war, um sich aus seiner Manteltasche eine Cigarre zu holen. "Na, Römheldt —" sagte der Major, "was giebt's neues in unserer heimatlichen Festung? Meine Frau und — — meine Schwiegermutter," fügte er mit einem Zögern hinzu, das in einem Seufzer ausklang, "teilten mir in ihrem jüngsten Briefe mit, daß Sie der Ueberbringer zweier ivichtiger Nachrichten sein würden. Wie ist es denn damit? Ach ja," fuhr er redselig fort, ohne dem jungen Offizier Zeit zur Antwort zu lassen; "es ist doch 'was Schönes um das "zu Hause" — man merkt das erst, wenn man ein Ende weg ist — und dann die alten Knochen, wissen Sie, das ist doch ein verfluchter Unterschied." "Aber der Herr Major sind doch noch " 321 «LL»«LL»<LL»«LL»«LL»«LL»<LL»<LL» Schulte vom Brühl, Abschiedsgruß. «ZL»<ZL»<LL»rLL»<LL»rLL»<LL»«LL» 322 "Sehen Sie, Römheldt, nun qtiatschen Sie mir schon wieder 'zwischen — das ist ja eben Ihre frechdachsige Manier, die mich so ärgert. Ich weiß doch besser, ob ich junge oder alte Knochen habe. Wenn nicht die nasse Ecke ui den "drei Kronen" gewesen wäre — und die Schwiegermutter — — ml überhaupt, Schwamm drüber! Prost Römheldt." Der alte Herr fühlte, daß er sich verhedderte und so lenkte er ab. Nachdem die Gläser aneinandergeklungen, stellte der Major das seinige ans der Hand, sog die .Dropsen aus seinem Bart und fragte beiläufig: "Na also, was giebt es neues zu Hanse?" "Nicht viel — und nur rein Persönliches, Herr Major. Wenn es Sie interessiert ich habe Aussicht, Großvater Zu werden." Der Major, welcher sein Glas wieder herangeholt hatte, und dasselbe der bedienenden Ordonnanz hinhielt, Iah einen Augenblick auf uitd bemerkte dann dem militärischen Ganymed trocken: "Dem Herrn Leutnant geben Sie nichts mehr, Kninmi'alv, der hat genug." "Nein, nein, auf Wort, Herr Major," lachte Leutnant don Römheldt, "es ist, wie ich sage." "Wissen Sie lvas, mein lieber Leutnant, ivenn L>ie ^chindluder mit mir treiben wollen, dann werde ich ungemütlich, so gemütlich ich heute bin! Nun erklären Sie mir gleich, was los ist oder ich schicke Sie stante xecke ins Lazarett oder ins Kittchen. Also?" "Nun •— ich habe dem Herrn Major offiziell zu melden, daß der Herr Major Aussicht haben, Vater zn werden —" "Mensch —!! Römheldt und -— und das ist wahr?!" "Allerdings. Und da ich mich kurz vor meiner Abreise »nt der Frau Schwiegermama des Herrn Major, der Frau Konsul Herrnsheim, verlobt habe, so — so werde ich eben in absehbarer Zeit Großvater." Ein unartikulierter Schrei aus rauher Männerkehle — ein Lacheir, wie es Asien noch nicht gehört und schließlich sah die Korona den Major von Bandeiner einen Tmrz aufführen, der einem siegbegeisterten Irokesen alle Ehre gemacht hätte. Dann warf sich der Major außer Atem an die Brust des Lentnants von Röniheldt und schrie: "Schwiegerpapa!! An mein Herz! — Hat ein Mensch so 'was erlebt voii einem Frechdachs! Aber Courage hat der Mensch! Römheldt — mit Ihnen traue ich mich wieder nach Hause!" In China giebt es keine mündlichen Prüfungen, alle litterarischen Wettbewerbe finden schriftlich statt, und zwar sind dieselben sehr zahlreich, selbst wenn es sich um den einfachen Grad des Baccalaureus handelt. Die erste Prüfung findet vor dem Unterpräfekten des Bezirks statt; dann versammeln sich die Kandidaten in dem Hauptorte des Bezirks, um von dein Präfekten examiniert zu werden, und endlich unterzieht ein kaiserlicher Richter die Arbeiten einer eingehenden Kritik. Der Privatgelehrte Ring aus der Provinz TscheKiang war wie seine Kameraden nach der Hauptstadt der Provinz gekommen, um seine Examina abzulegeir. Er war in einem Kloster von prächtiger Bauart abgestiegen, das aber den Eindruck machte, als wäre es seit langer Zeit öde und verlassen. Das Gras wuchs bereits hoch und dicht in den Winkeln, und die Zimmer der Bonzen waren von Spinneweben geschlossen. Mit Ausnahme der einen Seite, wo die Bambusstöcke eine dichte Mauer bildeten, und sich ein mit Seerosen bedeckter Sumpf erstreckte, war alles wild und verfallen. Ring liebte die Ruhe und Einsanikeit, und dieser Ort gefiel ihm daher ganz besonders. Nachdem er sich ganz einsach eingerichtet, ging er spazieren und erwartete die Ankunft eines Bonzen, mit dem er sich wegen der Miete verständigen konnte. Plötzlich erschien ein junger Mann, der wie ein Student aussah und sich nach einem nach Süden liegenden Zimmer begab. Ring begrüßte ihn und bat ihn um Auskunft. "Es giebt keinen Herrn in diesem Kloster, auch werden die Zimmer nicht vermietet; wer sie haben will, nimntt sie sich. Wenn du die Einsamkeit ertragen kannst, so werde ich mich freuen, dich zum Gefährten zu haben." Hocherfreut über diese Auskunft, richtete sich Ring für die ganze Dauer der Prüfungen behaglicher ein. Abends setzten sich die beiden Studenten im Mondschein auf die Stufen, die vom Kloster in den Garten führten, plauderten zusammen und unterhielten sich so bis zu einer ziemlich vorgerückten Stunde. * * * Als sein Gefährte ihn verlassen hatte, ging Ring zu Bette. Plötzlich hörte er in einer Entfernung von einigen Schritten, nach Norden zu eine sehr angelegentliche Unterhaltung; er erhob sich, um zu lauschen und entdeckte jenseits einer niedrigen am Garten sich hinziehenden Mauer ein kleines Häuschen, vor welchem eine Dame von etwa vierzig Jahren sich mit einer alten Magd unterhielt und diese fragte, warum Fräulein Siao-Tscheng noch nicht nach Hause gekommen wäre. "Sie wird wohl bald kommen," gab man zur Antwort. "Zürnt sie mir nicht ein wenig?" "Sie hat mir nichts davon gesagt, doch schien sie ei» wenig traurig zu sein, das ist alles, was ich bemerkt habe. In diesem Augenblick erschien ein junges Mädchen von 17 bis 18 Jahren von entzückender Schönheit neben den alten Frauen. "Wenn man von der Rose spricht, sieht man die Knospe," sagte die alte Frau. "Zum Glück haben wir nichts schlechtes von ihr gesprochen, denn sonst hätte sie alles gehört. Ach, wie hübsch sie ist," fuhr sie fort. "Schade, daß ich kein Mann bin, ich würde mich ihr mit Leib und Seele zu eigen geben." Die Unterhaltung ging weiter. Ring, welcher vermutete, er hätte es mit der Familie eines Nachbarn zu thun, wollte nichts weiter hören und ging zu Bett. Kaum hatte er die Augen geschlossen, als er jemand deutlich im Zimmer gehen hörte. Es war die schöne Nachbarin. Sie erklärte ihm mit liebenswürdigem Lächeln, sie wolle ihm Gesellschaft leisten, und er dürfe in einer so prächtigen, klaren Nacht nicht schlafen. "Ich kann von deiner Gesellschaft keinen Gebrauch machen," sagte Ring sehr ernst. "Wenn dir an deinen! Ruf nichts liegt, mir liegt an dem meinen sehr viel, denn ein falscher Schritt könnte mir meine ganze Zukunft verderben." Das junge Mädchen zog sich zurück, legte aber vorher Der Dämon. eine Goldbarre auf den Tisch. Ning warf sie hinaus, denn er meinte, ein Gegenstand, auf den er keinen Anspruch hätte, könnte ihn nur entehren. "Dieser Mann hat ein Herz von Stein," murmelte das junge Mädchen und hob die Barre gleichzeitig mit bewundernder und verschämter Miene auf. Am übernächsten Tage starb ein Reisender, der mit seinem Diener am vorigen Abend in demselben Kloster abgestiegen war, ganz plötzlich; man entdeckte nur einen ganz kleinen Riß an den Fußsohlen, aus denen einige Tropfen Blut geflossen waren. Niemand kannte die Ursache dieser plötzlichen Todesfälle, doch Aeng — so hieß der Student, der vor Ring angekommen war — meinte, es müsse ein Teufel im Kloster stecken. Ring, der sehr tapfer war, legte diesen Vorgängen, obwohl sie recht seltsam waren, keinerlei weitere Bedeutung bei. Bald erschien auch das junge Mädchen noch einmal bei ihm; diesmal erklärte sie ihm, sie hätte viele Männer in ihrem Leben schon gesehen, doch keiner hätte die Gabe der Tugend in so hohem Grade besessen, wie er; darum wollte sie ihm auch alles gestehen. Sw erzählte ihm nun, ihr Familienname wäre Nye und ihr Vorname Siao-Tscheng; sie wäre im Alter von 18 Jahren gestorben und gegen ihren Willen in diesem Kloster begraben worden. Ein Dänwn hätte Besitz von ihr ergriffen und benutze sie als Köder, um die Menschen zu Grunde zu richten. "Jetzt ist niemand mehr in diesem Kloster, dessen er sich bemächtigen kann, und darum wird er andere Mittel ergreifen, um dir zu schaden", fügte sie hinzu. "Was soll ich denn thun?" fragte Ring. ' "Um ihm zu entgehen, thätest du am besten, wenn du mit Herrn Ijeng zusammenziehen wolltest." "Warum hast du denn nicht versucht, Herrn Zjeng anzugreisen?" "Das geht nicht; dieser Mann besitzt einen Talisman von unwiderstehlicher Kraft." "Wie fängst bu es denn an, um die Menschen zu töten?" "Ich ritze die, die mir zrr nahe kommen, am Fuß; dann kann der Dämon ihr Blut trinken. Wirkt dieses Mittel nicht, so gebe ich ihnen Gold, das in Wirklichkeit nur eine Waffe des Dämons ist, der sich dansit das Herz des betreffenden zu eigen machen will. Oh, der Dämon kennt das menschliche Herz ganz genau und voeiß, daß es sich nur vom Weibe oder vom Gelde verführen läßt." Ring, der für diese Warnung sehr dankbar war, fragte das junge Mädchen, wann er mit seinem Kollegen zusammen ziehen sollte. "Morgen Abend," sagte sie. Bevor sie ging, fügte sie weinend hinzu, sie könne in dem Ocean des Elends, in den sie gestürzt wäre, nur dann das Ufer erreichen, wenn Ring ihr Netter werden wollte. Zu dem Zwecke genüge es, ihre Ueberreste auszugraben und sie an einen anderen reineren Ort zu iibertragen; sie würde ihm ewig dafür dankbar sein. "Wo ist dein Grab?" "Du bemerkst von hier aus eine Trauerweide, auf der sich ein Rabennest befindet. Am Fuße dieses Baumes bin ich begraben." Bei Tagesanbruch brachte Ring sein Bett in Aengs Zimmer, obwohl dieser nicht damit einverstanden war. "Nun, da du darauf durchaus bestehst, so magst du bei mir bleiben," sagte er endlich; "doch ich verbiete dir, das an der Wand hängende Etui zu öffnen, das mein Geheimnis enthält." Ning gehorchte diesem Gebot natürlich und legte sich, als der Abend hereingebrochen war, schlafen. Doch er konnte keine Ruhe finden, während sein Gefährte bereits laut schnarchte. Bei der ersten Nachtwache glaubte er, einen Schatten vor dem Fenster zu bemerken. Nach und nach trat dieser Schatten näher und blickte mit durchbohrenden und glänzenden Augen ins Fenster hinein. Grade, als Ring Zjeng Wecken wollte, löste sich ein glänzender Gegenstand aus dem Etui los, schoß mit unglaublicher Schnelligkeit aus dem Fenster und kehrte dann sofort in das Etui zurück. Aeng fuhr jäh empor, erfaßte das Etui und halte einen kleinen Dolch Herbor, den er eifrig beroch; dann steckte er denDolch wieder in dieScheide und sagte: "Wer mag wohl der alte Dämon sein, der den Mut gehabt hat, sich an meinem Etui zu vergreisen?" Damit wollte er wieder einschlafen, doch Ring, der über das Gesehene in große Aufregung geraten war, bat ihn um eine Erklärung. "Da ivir Freunde sind," sagte Ueng, "will ich dir das Geheimnis, das meine Kraft ausmacht, verraten. Ich bin der Besitzer dieses Zauberdolches uud habe eben den Geruch eines alten Dä mons verspürt. Wäre nicht die steinerne Mauer da, so hätte ich ihn schon getötet; verwundet habe ich ihn trotzdem." Rings Achtung vor seinem Gefährten stieg noch infolge dieses Abenteuers, um so mehr, da er bei Tagesanbruch draußen vor dem Fenster Blutspuren fand. Rach einigen Stunden entdeckte man auch das Grab des junge,: Mädchens. Unter dein Vorwände, es wäre der seiner Schwester, grub Ring den Sarg aus und nahm Abschied von seinen: Freunde, un: in seine Heimat zurückzukehren. Vorher fragte er ihn, ob er ihn: nicht sein Geheimnis mitteilen wollte, nn: sich vor Gefahren schützen zu können. "Du bist bestimmt, ein großer Staatsmann zu werden," sagte Aeng, "und brauchst mein Geheimnis nicht. Doch nimm dieses Etui; es kann dir vielleicht von Nutzen sein." Als Ring in seine Heimat zurückgekehrt war, begrub er Siao-Tschengs Gebeine vor seinem Arbeitszimmer und hielt dabei folgende kleine Rede: "Von Mitleid für deine einsame Seele erfüllt, begrabe ich dich in meinen: Hause. Der Dämon wird dir von jetzt ab nicht mehr schaden können. Jeden Morgen iverde ich dir ein Glas Wasser mit einer Blume reichen. Das ist alles, was der arme Gelehrte einer Seele zu bieten vermag, die nicht mehr dieser Welt angehört." Als er in sein Zimmer zurückkehren wollte, rief ihn: jemand, er möge noch rvarten. Er drehte sich uin, SiaoTscheng stand vor ihm. "Ich weiß nicht, wie ich dir für deine Treue und deine Freundlichkeit danken soll. Wenn du gestattest, werde ich mit dir gehen, um mich meinem Schwiegervater und uieiner Schwiegermutter varzustellen." Sie war noch entzückender, als an den: Abend, da er sie in, Mondschein bemerkt. Ring bat sic, ihn in seinem ZiUnner zu erwarten, damit er diesen Besuch seinen Eltern ankündigen könnte. Diese waren über die eigentümliche Bitte sehr verwundert und rieten ihrem Sohn, er möge seine erste Frau, die schwerkrank in: Bett lag, nicht erschrecken. Er hatte das-Zimmer noch nicht verlassen, als Siao-Tscheng bereits vor seinen Eltern stand. Sie suchte sie zu beruhigen und stellte ihnen vor, daß eine arme, von ihren Ettern und Brüdern verlassene Seele ganz uatnrge mäß Dankbarkeit gegen ihren Sohn empfinde, der sie dem Dämon entrissen habe; sie verlange als Belohnung nichts weiter, als ihm als Magd, ia, als Sklavin dienen zu dürfen. Die alte Frau Ring war von diesen Worten m:d dein anmutigen Benehmen Siao-Tschengs tief gerührt, faßte wieder Mut und sagte, sie wäre über das, was sie gehört, sehr glücklich. Da sie aber nur diesen einzigen Sohn hätte, und dieser die Stütze und der Erbe ihrer Familie werden sollte, so dürfte er keine Verbindung mit einen: Gespenste eingehcn. "Ich versichere dich," versetzte das hübsche Gespenst, "ich wünsche deinem Sohne alles nur denkbare Glück. Wenn er irgend eine Gefahr liefe, wäre ich die erste, die sie ihm ersparte. Da du aber Besorgnis hegst, will ich nicht auf meiner Msicht bestehen, sondern nur un: die Erlaubnis bitten, seine Schwester und deine Adoptivtochter sein zu dürfen, um ihn: dienen und bei ihm bleiben zu tonnen." Seine Mutter, die an der Aufrichtigkeit dieser Worte nicht zweifeln konnte, willigte ein, und von diesem Augenblicke an beschäftigte sich Siao-Tscheng mit der Küche und sorgte für die Wirtschaft, als wenn sie die Gewohnheiten des Hauses schon seit langer Zeit gekannt hätte. Abends zog sie sich zurück, ohne daß man wußte, wohin sie ging; bocf) jedesmal, Wenn sie an dem Arbeitszimnier vorüberkam, blieb sie eine Sekunde stehen. Sie wäre gar ZU gern hineingegangen, wie sie erklärte, doch das Etui mit dem Dolch jagte ihr Furcht ein. Um sie nicht zu b'änken, nahm Ring das Etui fort, und seitdem kam SiaoTscheng alle Abend, um sich mit ihrem Bruder zu unterhalten. Wenn sie sich zurückzog, lag stets ein Ausdruck der Traurigkeit und des Bedauerns aus ihrem hübschen Gesicht. Etwa fünfzehn Monate nach der Rückkehr ihres Mannes starb Rings Gatiin oit einer Lähmung, nn der sie schon längere Äeit gelitten hatte. SiaoTscheng verstand es, sie in der Häuslichkeit so gut zu ersetzen, 'daß niemand im Hanse den Tod der armen Frau bemerkte: auch die Mutter bereute ihre Vorurteile und behielt sie selbst zur Nachtzeit bei sich in ihrem Zimmer. Schließlich begann ©in» Tscheng, die bis dahin keine Nährung angerührt, auch wieder Speisen zu sich zn nehmen. Hätte nian nicht gewußt, wer sie wäre, niemandhätte zwischen dieser Seele und einer lebenden Person einen Unterschied entdecken können. Sie ahnte übrigens, daß die Mutter jetzt selbst die Absicht Halle, sie niit ihrem Sohne zu verheiraten, aber aus der anderen Seite auch wieder davor zuruckbebte. Deshalb entschloß sic sich, eines Tages selbst zu erklären, jetzt nach anderthalbjährigem gemeinsamen Leben müßte man sie doch eigentlich kennen mrd wissen, daß sie nur die eine Absicht habe, sie alle glücklich zn machen. "Ja, aber lvie läßt sich bei einer Frau, wie btt es bist, auf Nachkommenschaft rechnen?" fragte die Mutter. "Das ist eine Frage des Schicksals; weder du, noch ich können daran etwas ändern. Deiil Sohil soll drei Kinder bekommeil und wird sie auch bekommen, welche Frau er auch heiraten mag." DieMutter ließ sich vondiesenRedenüberzeugen,gab ihre Einwilligung, und die Hochzeit wurde bald darauf gefeiert. Die ganze Fainilic war von diesein Entschlüsse entzückt. Siao Tscheng erwies sich, nebeil ihren häuslichen Tugenden als eine ausgezeichnete Malerin, und jeder schätzte sich glücklich, das kleinste ihrer Werke zn besitzen. "Wo ist dein Etui?" fragte sie eines Tages ihren Manir mit trauriger und nachdenklicher Mieile. "Um dir jede Furcht zu ersparen, habe ich es anderswohin gebracht." ."Ich lebe jetzt so lange unter euch, daß ich nichts mehr zu fürchten habe. Stelle deshalb das Etlli. auf dein Bett; denn seit drei Tagen verspüre ich ein starkes Herzklopfen und fürchte, daß der Tämon mich wieder an sich reißen will." Ring kam diesem Ersuchen nach und setzte das Etui ans seiil Bett. In der folgenden Nacht sah das Ehepaar, daß etwas, das wie ein Vogel anssah, in den Hof fiel. Diese Gestalt verwandelte sich beim Falle» in einen Dämon mit blitzenden Augen und blutigem Munde und drang in ihr Zimmer. Vor dem Etui blieb er zögernd stehen und riß es endlich mit seinen Kral len an sich. Da vernahm man einen schrecklicheil Knall ans dem Etui, das eine ungeheure Gestalt annahm und sich wie der riesengroße Schlund eines Abgrundes öffnete. Es schoß eine Gottheit heraus, die blitzartig den Dämon packte und mit ihm in das Etui zurücksuhr, das sich sofort wieder schloß und seine gewöhnliche Größe wieder annahm. Beim Anblick dieser Wunder bezeugte Siao-Tscheng eine große Freude. Sie nahm das Etui und goß im Beisein ihres Mannes eine Menge Wasser heraus, das sich vorher nicht darin befunden hatte. Jetzt war sie auf immer van dem Dämon befreit. Drei Jahre später wurde Ring zum Doktor ernannt, und gleichzeitig schenkte ihm auch Siao-Tscheng das erste Kind. Die goldene Lilie. Novelle von Karl 6rdm. Gdler. weilen aus dem Hintergründe der samtweichen Blunienaugen das Funkeln des kaiserlichen Drachenblickes hervor; darum glichen die Lippen jetzt einem anmutig geschlängelten Bächlein, das liebliche Weisen rauscht, und plötzlich einem schöngeschwungenen Bogen, der tätliche Pfeile abschnellt. Wenn die Hand Gnaden ansstreute, bebte dieselbe wie eine sanftatniende weiße Taube, weil das übervolle Herz sich in ihr auspulste; streckte sich aber dieselbe Hand gebietend ans, so schien ein blendender Blitz über die Millionen tiefgeneigter Häupter dahin zu zucken, und erschreckender als Donner tönte ihnen die winzige Schelle, die dabei am Goldgehäuse ihres langgewachsenen Fingernagels klingelte. Denn sie war vom Himmel selbst auserlesen zum Herrscher über alle Menschen innerhalb der vier Meere. Gleichwohl dünkte ihr dies zu eng. Ihr Wille tastete mit zahllos vielen und endlos langen Fangarmen allüberallhin nach neuen Machtgebieten, lind kaum hatte sie den Beschluß knndgegeben, auch aller Tierwelt zu gebieten, als die Höflinge aus einmal leidenschaftliche Tierbändiger wurden. Seither trottete Wildgetier gleich Hündchen neben ihr durch die Gärten, Vögel pfiffen die Drachcnhymne oder hielten Hnldigungsreden, in goldenen Käfigen sangen die Cicaden, sieggekrönte Heimchen kämplten in scharfen Turnieren, und vor dem Sommerpalast veranstalteten Leuchtkäfer die entzückendsten Feuerwerke. Nach einiger Zeit begann sie jedoch schon daneben wegzusehen und mißbilligende Seitenblicke nach dem auffälligen Eigenwillen der Blumen zu werfen. Eines Morgens Unterzeichnete sie mit dem scharlachroten Schreibpinsel den Befehl, auch die Pflanzenwelt ihrem Herrschergebot nnteczuordnen, und bestimmte streng, wann jede Blumenart zu blühen habe. Sie konnte das. Sie konnte eben alles. Die Hosgärtnerei wurde zum kummerschwersten Handwerk; nun galt es, mit Wärme oder Kälte, Licht oder Schatten, Trockenheit oder Nässe, auch wohl mit schlauen: Ausklügeln von Erdmischungen dem Wachstum die Peitsche zu versetzen oder Hemmschuhe anzulegen. Die Höflinge gingen unter die Gartenkünstler, veranstalteten Gelage in riesigen Blumenkörben, tranken Thee in Päonienlauben, setzten Preise für Blumenrätsel aus, und die Generäle berauschten sich an Rosenund Hibiscusweinen. Ein lieber dem Kastersitz hing in Gold gestickt und von Rubinen glühend ein Phönix, das Sinnbild des Weibes. Schicksalsmächte, wie sie so unerhört launisch nur vor Alters sich geberden durften, hatten ein jungfräuliches Weib zur Herrscherin Chinas bestellt. Wie sie so schlank und schmal in dem Dracheustuhl thronte, vermochte sie ihn gar nicht zu füllen, und es blieb viel leere Luft um sie; dafür quoll ihr weitlangender Willen über ihn nach allen Seiten hinaus. Als Kaiser vertrat sie den Himmel und als Kaiserin die Erde, nahe den Göttern und über die Menschen erhaben, Drache und Phönix zugleich. Darum brach bis333 ä&äs>ÄSm2s^&ÖS>^&ä&ÄSSkSÜS> Die goldene Lilie. <LL^L.<LL><L§><LL><LL,^L,^L^,E, 334 alter Vicekönig ward über all dies neuartige Blumengetriebe wahnsinnig und beschattete sich vor jeder gelben Blüte ängstlich nüt dem Sonnenschirm, da sie ja eilt Strahl der Sonne sei, welchen diese zurücklasse, wenn sie täglich in die quadratische Erde hinein und an der anderen Seite derselben hervorgehe. Der Oberceremonienmeister vollends erhängte sich beim Ersinnen einer Blumenuhr vor Zorn überkochend, daß sich die frühere Blüte nicht jedesmal Pünktlich nach den: Schließen der späteren öffnen wollte. Die Hofdamen trugen nur geblümte Seidenstoffe und in den Haaren Kamelienknospen, hielten Molihöä-Blümchen Zwischen den Lippen oder entblätterten sie zum Spiele, knusperten unglaubliche Mengen in Eier und Mehl gebackener Blüten, und pinselten zärtliche Brieschen nicht mehr auf Papier, sondern auf die porzellanweißen Rosen der Ijulan-Magnolien. Just als sich endlich alles uni die Pflanzenwelt zu drehen begann, hörte die Kaiserin damit auf. Der ganze Kreis des Sichtbaren gehorchte ihr, er war für ihr Herrscherhändchen nun schon das Abgegriffene da langte sie nach dem Unsichtbaren und ging daran, zunächst das Phantasiereich in ihre Botmäßigkeit zu zwingen, lind dieses ließ sich so gern unterjochen: die Knechtschaft schien ihm so hold. Denn Tsu, der Fürst aller Dichter, hatte Zwar auch für die Götter und für die Menschen "wie in Gold geschlagene und in Edelstein gemeißelte" Sänge geschaffen; aber das herrlichste Goldgewebe seiner Dichtung weich wie Anhauch des Lenzes, zart wie sommerwöl!chen, anschmeichelnd wie süße Träume, im Aufglänzen verzitternd und duftig verdämmernd wie sonnige Fernen legte er um den schlanken schmalen Mädchenleib seiner Gebieterin. Sie thronte lauschend auf dem Drachenstuhl und Vergaß völlig, daß sie Kaiser und Kaiserin war. Ja, zuweilen schien es, als sei sie auf Drachenfittigen gänzlich davongeflogen, als zögere sie danir zurückzukommen, als linde sie sich endlich nicht ohne Leid wieder in dem Thronsessel heimgekehrt. Hierbei sah sie in Tsu bloß den Dichter, nicht den schönen Jüngling, er hingegen bloß ihre Mädchenschönheit, nicht ihre Kaiserwürde. Daß die Tochter des Hinnneks etwa einem Erdensohn ihr Herz schenken könnte, wäre ihr als lästerlicher Frevel erschienen. Vollends als Wahnsinn hätte sie die Zumutung belächelt, daß die Gebieterin über alle sich unter den Willen eines beugen sollte, mochte er auch immerhin ein kaiserlicher Prinz ersten Ranges sein wie Tsu. Als man nämlich den einjährigen Knaben vor das Bildnis der Gottheit Nene getragen und ihm vorschriffsgemätz die Schüssel mit sämtlichem Werkzeug der Menschheit hingehalten hatte, langte seltsamerweise die Hand des kleinen Prinzen nicht nach dem Schwert, sondern nach dem Schreibpinsel als seines Lebensgeschickes Zeichen: Tsu ward ein Dichter. Daß er ein großer Dichter war, bezeugte das kaiserliche Anerkennungstäfelchen, mit dem ihn seine Herrscherin geehrt hatte. Der vornehmsten Hofdame erschien solche seltene Auszeichnung gleichwohl nur als karger Lohn für hohen Dienst. Sie selbst hätte den schönen Dichter-Prinzen rückhaltlos mit weit heißerem Dank überschüttet, wenn er nur gewollt hätte. Er ließ indes jeglichen Köder an ihrer Angel unbeachtet und durchriß selbst ihre feinmaschigen Neye. Sie erkannte dann auch, weshalb er sie verschmähte, die ihni doch ihre Liebe aus der Handfläche entgegentrug. Sie hatte nämlich längst nicht mehr die Knospenaugen des kaiserlichen Mädchens, welche schauen und doch nicht sehen: ihre Frauenaugen waren schon zur Gänze geöffnet und >ahen wie durch Glas durch die Dichtungen das Herz des Dichters der Kaiserin entgegenslammen. Darüber warf sie einen tätlichen Haß aus ihn. Lanhoa hieß sie, wie das schneeweiße Blümchen, welches alles ringsum mit wonnigem Wohtgeruch durchdustet — aber eine Gistbtume schwur sie zu sein nur vernichtendem Anhauch. Denn Lanhoa trug außen ein Lammsfell, innen ein Wolfsherz; und aus diesem hervor slüsterte sie in vertraulicher Stunde der Kaiserin zu, Prinz Tsu habe folgenden Schmähvers aus oiejetbe verbrochen: Des tjofes Jfrau’n begeisr'rungsirunken sagen: "3o kleine Füßchen l;at kein rveib wie siel" Uas sagt fia; leicht, tvcr sah sic denn? Ich nie. Alumpsüßc smd's, mochi' ich zu wetten wagen. Nun war die Kaiserin ein Wunder an Schönheit. Aber an diesem Schönheitswunüer da» allergrößte Wunder waren ihre Füßchen, wahre Kinderfüßchen, reizend ohnegleichen, so daß sie davon den Namen bekam und nach der gestickten Blume ihrer Goldschühchen "die goloene Lilie" hieß. Sie freute sich selbst daran, wenn nach dem Bade Bienen, Goldkäfer und Schmetterlinge herbeislatrerten und an den entblößten Füßchen nippten in dem nicht zu erschütternden Glauben, es seien zwei weiße Blumen. Und als sie. eines Morgens über die Platte barfuß dem Bade zuschritt, kam hinter der Bambuswand ein Plauschen hervor, und lief den vermeintlichen zwei weißen Mäuschen nach, um Freundschaft zu schließen. Auch hatte sie selbst gesehen, wie die Blüten des Blumenrasens unter ihrem Tritte sich blos neigten und unverletzt hinter ihr wieder aujstanden. "Du hast deine Wette verloren!" sagte sie zu Tsu am nächsten Tage. Er blickte sie fragend an. Der Hof aber erbleichte bebend, da die goldenen Zierratglöcklein an den Ecken des Dhronstuhles sich zu regen begannen. Und doch schien die Gestalt der Herrscherin unbeweglich zu thronen und ihre Hände wie stille Lilien aus den Lehnen hervorzuwachsen. Dann schlug sie plötzlich die kaiserlichen Augen — die Augen des Drachen — aus, gebietend streckte sie die Rechte aus wider den Gotteslästerer, der die Tochter des Himmels, wider den Frevler, der die Dlajestät gekränkt. Abgesetzt war er von der Prinzemvürde hinab bis in den zwölften Rang, nach welchem der hervorleuchtende Adel lvieder in das Dunkel des Volkes Zurücktancht, verlustig aller Ehren lind Ehrenzeichen einschließlich des kaiserlichen Anerkennilngstäfelchens, verbannt auf immerdar. Dann erhob sie sich von dem laut aufIäutendenDrachenstuhl,mrd dabei lüftete sich zufällig — iiiit sachter Nachhilfe — das Gewaud, so daß die wmrderlieben Füßchen hervorlugten. Aber Tsu blickte nicht hiil. Er starrte nur verständnislos den lieblichen Mund an, der so Hartes so hart sprecheil konnte, und schaute dann in sein eigenes Herz, ob es groß genug sei, daß er seine Liebe dariil ganz begraben könne, und tief genug, daß sie nicht wieder emportauche. Die goldene Lilie ist ihres Zornes nicht froh geworden. Es war seltsam: der anwesende Tsu war ihr bloß als gleichgültige Beigabe seiner Dichtung erschienen ulld diese selbst bloß als ein Echo dessen, was in ihrer eigeilen Seele tönte; deli Abwesenden loste die Erinnerung von seinen Sängen los, uild sie dachte schließlich nur noch an ihir alleiil. Ailfangs hatte sie Wohl llach dein gewohnten Echo ausgelaiifcht: da es sich stille verhielt, verstummte ihre Seele gleichfalls. Es blieb auch darin kein Raum mehr neben einer großen namenlosen brennenden Sehnsucht, die sie schwermütig nrachte und krank. In einer träumerischen Mondnacht aber schien es ihr, als habe sie endlich das wahre Rätsel ihres Innern gelöst; denn jählings und glühend, wie die Lava eines Feuerberges, stürirrte es empor und quoll über, lind da sie es näher besah, war es der heiße Schmerz darüber, daß Tsu nicht hingesehen, als sich damals das Gewand über den Goldlilien gelüftet hatte. Die erste Kammerfrau, der es zur Gewohnheit uild zur halben Pflicht geworden war, durch Schlüssellöcher zu lugen oder zu lauschen, bemerkte etwas lvie Thau in deri samtweichen Blumenaugen der Herrin und vernahm nächtens, wie mit wehem Ton ein Name gerufen ward. Tie Kaiserin machte nicht die geringste Einwendung, als die ebenso gute als kluge Dienerin ihr beim Anziehen der Schuhe in scheinbarer Entrüstung nahelegte, Verbannung sei doch eigentlich eine viel zu milde Strafe für Tsu. Fiir solch höllisches Verbrechen gebühre ihni wahre Höllenpein: das Amt nänrlich, nach jedem Spaziergang die Lilienschühchen mit der Pfauenfeder abzustauben, so jeden Tag das Wunder der unvergleichlichen Füßchen anstauneir za müssen, und — davon zu vergehen! Am selben Tage berief die Kaiserin ihren alten Oheim Li. Er ivar einer ihrer Minister, stand im Rufe, vieles zu Nüssen, was andere nicht wußten, und hatte die Weisheit aus den Erfahrungen seines heißen Arbeitslebens in Sinnsprüchen gleichsam ans das Eis gelegt. "Weiß man, ivo sich Tsu aufhält?" fragte sie Li. "Nein. Bist du reich, magst du dich in die Berge verstecken, gleichwohl kennt jeder de,r Weg zu dir; bist du arm, magst du au der Heerstraße siedeln, aber kein Mensch süldet deine Thüre." "So tief habe ich ihir doch nicht erniedrigt, daß er sich unauffindbar verstecken müßte." "Vielleicht. Aber wessen Thüre niedrig ist, der blickt auch von selber den Kopf." "lind überdies ist er zu stolz, um sich zu verstecken." "Weshalb nicht? Selbst der Tiger schläft nicht in der Rkitte des Weges." "So sende Hunderte, Tausende aus, ihn zu suchen!" "Eilt Wink, welchen dein kleinster Finger selbst giebt, vermag mehr als meine Tausende." "So erteile ich denn durch dich deir Wink: Tsu erscheine vor dem Drachenstuhl!" Tsu kani nicht. Bloß eine Botschaft sandte er. Li überbrachte sie: "Ein gesprochenes Wort können alle Gespaime der Welt nicht zurückziehen." Die goldene Lilie starrt Li an, die großen Äugelt und den kleinen Mund verständnislos geöffnet. "Die Herrin van Myriaden Jahren" ist gewohnt, daß die Millionen deS schtvarzhaarigen Volkes ihrem leisesten Augenwink folgen uird er nicht? Sie besitzt die Macht, ihre flüchtigsten Frauenlaunen greifbar, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen, alles innerhalb der vier Meere in ihrer kleinen Hand beliebig zu modeln — und er weigert sich? Eine Stunde später erfuhr Lanhoa, als sie zur Kaiserin berufen ward, wie auch die abgefeimteste Lügnerin stch selbst verstrickt und dann blindlings ihrer Entlarvung und Strafe entgegenrennt. Kein Merrsch aber hat erfahren, was die erste Kammerfrau in dieser Stacht durch das Schlüsselloch wahrgenommen. Dafür erfuhren am nächsten Tage alle Menschen durch einen Erlaß des Ministers Li, daß die Kaiserin einem Gelübde gemäß einen Büßgang antrete, nur von Li begleitet, ans einsamen Wegen, von denen sich jedermann fern zu halten habe. Demnach sah es Li allein, wie auf diesen einsamen Wegen zwei wunderkleine lilrentoeiße nackte Füßchen über harte Steine und scharfkantiges Geröll, über stacheliges Unkraut und spitzes Dornicht dahinhuschten. Gleichwohl vermochte er kaum gleichen Schritt mit ihr zu halten, als er wenigstens ihr Haupt gegen Sonnenbrand mit dem Kaiserschirme schützen wollte. Sobald sie atemlos am Ziele waren, blieb er zurück und machte sich mit dem Schirm zu schaffen, als sei derselbe heillos in Unordnung geraten. Sie aber trat vor Tsu und sagte leise: "Ich habe dir bitteres Unrecht angethan — ich habe dich für etwas gestraft, was ich dir hätte nicht einmal im Zutrauen sollen, habe ich mich gedemütigt, indem ich selbst zu dir gekommen bin; daruin habe ich auch diese da gedemütigt, um derenwrllen ich an dir gesündigt, indem ich sie.. die da unten .. sieh selbst! Er aber war schon vor ihr iit die Knie gesunken, um die armen kleinen blutenden Füßchen mit seinen Thränen abzuwaschen. Hierauf riß er sein Seidengewand in Streifen, band sie um die Wunden Lilien — dann hob er sein Herzensglück ans den Arm und trug es wie ein Wirbelwind davon. Tie Kaiserin kam von der Pilgerfahrt mit verbundenen Füßchen heim, worauf es sofort höfische und allgemein vornehme Sitte wurde, daß die Frauen ihre Füße mit seidenein Streifenzeug umwanden. Weil jedoch dieselben nie so aussehen wollten wie die winzigen kaiserlichen Musterfüßchen, sondern nur umso unförmiger und größer, wurden die Streifen immer knapper straffgezogen und die Füße enger und enger eingeschnürt bis zur Verkümmerung. Aber noch heutzutage wollen diese armen Krüppelchen, die nur mühsam über glatte Platten trippeln können, ganz stolz "goldene Lilien" genannt sein wie jene herzigen Füßchen der Kaiserin, welche auf ihrer Sühnfahrt über Stein und Dorn nackt dahingeeilt waren. Den: armen Li, der damals im Schweiß seines Angesichtes kaum gleichen Schritt mit ihr halten konnte, war es beidecHeimkehr noch ärger ergangen. Er wollte neben Tsn einhergehen, welcher ine goldene Lilie auf dem Arme trnig, und über ihr beit kaiserlichen Schirm halten. Aber er konnte den Fortstürmenden nicht mehr einholen und stand nun ratlos da. Ihm kani nämlich trotz seiner hohenWürde bloßein gerader Schirmstock zu, während der krumme, welchen er in der Hand hielt, einzig und allein dem Kaiser gebührt. Trotz aller seiner Weisheit konnte er sich darauf leinen Spruch machen. Schließlich lehnte er ihn an eine geheiligte Grabcypresse, machte ihm eine tiefe Verbeugung und ging heim. Ein Fischermädchen fand ihn, spannte ihn kecklich über sich ans und trug ihn so zu den Wachen des Kaiserpalastes. Tsü, der eben in dessen Thor eintrat, nahm ihr denselben ab, schenkte ihr alles Gold, das er bei sich trug, und überbrachte ihn der Kaiserin. Wie sie so schlank und schmal thronte, blieb noch viel leere Luft um sie in dem Drachenstnhl; aber sie rückte ganz beiseite und hieß Tsu sich neben sie setzen. Dann spannte sie den kaiserlichen Schirm ans und sagte mit einem kindlichen Lächeln: "Sieh, nun gehört er uns beiden zusammen!" 22 Kürschner, China III. Beiträge zur drirtefireben Lyrik. Überträgen von 'Jobn )4ntenoriä. Geicknieils. Wo mal hitzige 0lut entftrömt manch' giftigen Pflänzchen, Da als Reichen der Zeit Stechmücken kommen hervor. Die umkreiken die haut des Menschen, umschwirren das 0hr ihm Summenden Lauts immer fort: schlagt nur, ähr zagt sie nicht weg! Diese 'wesen erscheinen zuerst Luch gar kein nur und winzig, Grifft Luch aber ihr Stich, schwärende Dcuien entsteh'n. Untdzeinbares Infekt, du zeigst mir verborgenes glcichnis: Mentchen-Firg zu entgeh'n, wehrt ihren Grieben bereits! Inneres Ceid. Sieh am Weg den Maulbeerbaum Fiusgedörrt — es ist Kein neuer; -Ruhen noch die Rinde frisch, Schwarz das Mark nicht mehr geheuer: gleich manch' froh Erscheinenden Zehrt an ihm ein innres Seuer. Minier sturm. Scharf wie Sdzwerter weht von Dord der Wind, Lumpen decken kaum des Landmanns Diöhe; Wo der Lebensbaum bereits erfror, Schlecht erwärmen ein'ge Reifigftöhe. Rückt hinein in jene Hütten rings: Rennen wir ko bittrer Leiden Drohe? flatterbaktigbeit. herbstes Ritzten deckt gebräunter Staub Selber Schmetterlinge Schaar streckt wieder gern nach ihnen aus die Sichler Keck, Regen spielend rings im Rufch die gliedert Rommt am Fibend Ktzhier Wind einher, 5ällt Io mandze Riume dann hernieder. Strohbedecktes tzchor verschiieht mein Haus, hier des Seuers giuten nod) erhöhten, Wolle, Reizwerk, Teid'ner Decken Rauf. 3d) entging dem 3roft und Hungersnöten Und doch ohne harte Feldarbeit: Der gedanke iäht mid) tief erröten. Gief im Dunkel in des Ghaues Rälte öehit auch jenen bald die Lebenskraft; Morgens fri!d) noch, abends tot schon paarweis ähre JIrt ift nicht sehr dauerhaft: Wer gleich Sdzmetteriingen zu viel tändelt, Srtzhen Filters der gar bald crfdjiafft. CebensweCsbeit. heute morgen stand ich hungrig auf: gestern ohne Rraten ging's zu Rett; •Hrme Rtzchen bieten Reis nur dar; Doch lo weich, macht er mid) nidzt lehr fett. Doch mein Hunger ward bei schmaler Rost Stets gestillt noch bis zur Sättigung; grobe Kleider schützen and) vor Srost, Die vermißt ich eitle Fiusfchmückung. Hand aufs Herz! Rennt ähr das rechte glück? Steig'rung untres Wertes liegt apart: Dah der ruh' im irdfchen Ueberfluh, äst der Filltags-Menfchen Denkungsart. Graues Baar. Raben-Röpfe und des Rranichs hals, Bis ins Filter wahren Ginten — Schwärze; Dod) des Menfdzen volles Schläfenhaar, Wähnt ähr, dah er niemals das verscherze? Raum nod) Hab' ich eine handvoii haar. Was verwirrt das Rämmen dod) mich grade! Einttmals giich's der Wolken schwarzem glanz, äetzt wie rohe Seide scheint's fo fade. Zieh ich den metallnen Spiegel 'raus, Reibend !euf; ich erst 'ne äeremiade; Seit die Weihheit sich mein Haupt erwarb, Spred)' ich beim hineinfehn: "Fidz wie schade!" Veugängiiebkeit. (pulvis et umbra.) Unerfchüttert stehst du, feste Erde! hoher Himmel, du währst immerdar! Lang vorhanden find die Rerg' und Sltzffe, Mond und Sonne schon von jeher war; Sichte und Gypretfe, wie die Schildkröt' Stzhr'n ihr Leben an die taufend Fahr. Fiber ungleich allen diesen Wesen Rist du Mensch, vergänglicher gesell: .Ruf den Markt des Lebens gehst du morgens, FIbends schon zum unterird'fchen Quell Dis ins Filter bleibt dein Leib gefährdet, Unter Dasein flieht wie Rauch so schnell. Der alte Raifer Ejao und Rongfutfe Fin Weisheit gelten als der Menschheit Zier; Dod) fragst du, wo sie jetzo denn geblieben: Einmal erst tot, aud) die find nie mehr hier. So kann ich nicht entgehen dem üerfalle? Dein! gegenV. Sterben giebt's kein Elifir. Dieweil dir sicher nidzt bekannt die ktznft'ge Zeit Und bald das Leben könnt verflossen fein! Rommt 'mal heran des Wohlseins seltner Gag, Dann Üng vergnügt vor einer Ranne Wein! Dann wart nicht der andern Mahnung ab, (trink ganz von selbst, doch thu es nicht allein! Die bösen Boxer. Humoreske von Benno Rauebenegger, Es war eine lange Fahrt, die der Kauderer Sepp gemacht hat, wie er mit dem Ostasiatischen vonÄllünchen bis nach Peking in China gereist ist! Den Landweg bisHamburg hätte er sich noch gefallen lassen, aberdasSchifserlsahren war' ihm schon bald zuwider worden! Wie er einmal nichts gesehen hat, als Himmel und Wasser, hat er nimmer gewußt: gehts g'rad aus, rund um herum oder gar rückwärts. Nachher Habens aus dem Schiss exerzieren müssen — das hat ihm auch nicht recht gut gefallen; ebenso wenig war er mit der Zopferei einverstanden, die von den Marinierten getrieben wurde; wenn einer z. B. a:t» Vergeßlichkeit einmal auf das Deck gespuckt hat, — daß ihm nicht gleich den bekamrten Mühlstein um den Halv gebunden und ihn ins Meer geworfen haben, das andere alles! Wie hat er über die "Malefiz-Lacken" geschimpft, wenn die wilde, wogende See das Riesenschiff hinund hergeschüttelt hat, daß man kaum zehn Schritte ohne Hilfe gehen konnte. Eine schreckliche Zeit war es, in der unser Sepp an der Rehling gehängt ist und dem Meer alles gegeben hat, was in ihm drinnen war; das Meer hat aber immer noch mehr verlangt, bis der Sepp geschrieen hat. "Heiliger Nepomuck! I kann nix mehr hergeben da-o andere is alles angewachsen!" Wie sie nachher zu die Türken und ins Arabien hingekommen sind, ists besser Morden; es hat sich ein kleiner Kreis von KompagnieSpätzeln zusammengethan und diese haben sich prächtig unterhalten mit Singen, Harmonikablasen, Rauchen und Schnupfen. Cigarren gab es genügend; auch an Rauchtabak war kein Mangel — aber mit dem "Schmai sah es windig aus. Sepp, ein Sohn des baherischen Waldes, Mar gewohnt, seine überaus kräftig entwickelte Nase mit dem so hochgeschätzten Schmalzler zu füttern und hatte sich, als er gegen die Chinesen zog, mit einer Schweinsblase voll Brasil versorgt. Brasiltabak alias Schmalzler ist ein Schnupftabak, in welchen etwas Schmalz hineingerieben wird, um ihn weich und geschmeidig zu machen; "Schmai" ist das volkstümliche Diminutiv von Schmalzler. Der Sepp ging nach und nach sehr sparsam zu Werke mit seinem "Schmai" und gab endlich nicht einmal eine einzige Prise mehr her, so lange, sagte er, bis er in China zu einem Laden kommen würde, wo dieses Labemiltel zn haben wäre. Er glaubte nämlich sicher, daß in einem Kulturlande, wie China, der wichtigste Handelsartikel des Waldlers nicht fehlen könne. Seine Kameraden aber fühlten sich durch den plötzlich ausbrechenden Geiz des Sepp höchlich beleidigt, insbesondere, da. er nicht einsehen wollte, daß im Falle er vor dem Feinde bleiben sollte, der schöne Schmalzler ungeschnupft bleiben würde! Sie schworen, ihm dafür etwas cmzuthün, daß er zeitlebens daran denken werde! — Die Tage von Tientsin und Peking waren vorüber und das Bataillon, in dem Sepp diente, lag draußen aus dem freien Laude im Kantonnement. In der Nähe eines von Gebüschen besäumten Flüßchens, das in den Peiho mündete, hatte man eine Art Barackenlager errichtet; die Mannschaft hatte sich kleine Hütten gebaut, in denen sie zu sechs bis acht kampierten. Es wurde viel exerziert und patrouilliert; es fanden häufige Streifen statt, weil von Zeit zu Zeit Gerüchte von dem Auftauchen neuer Boxerbanden laut wurden. Thatsächlich wurden auch ein paarmal kleine Abteilungen bewaffneter Strolche eingefangen und zur weiteren sachgemäßen Behandlung an das Hauptkorps abgeliefert. Manches Beutestück an chiuesischen Waffeit und Gewändern blieb dabei in den Händen der Soldaten, die ihre Quartiere damit schmückten. Sepp hatte sich immer so brav mit den gelben Möpsen herumgeschlagen, wie er es zu Hause gelegentlich einer Kirchweih, Hochzeit oder sonstigen feiertäglichen Rauferei gewohnt war. Er war im ganzen genommen nicht nnzufrieden, nur war es ihm nicht gelungen, irgendwo einen Schmalzler zu erfragen; die Chinamänner waren offenbar nicht so gebildet, wie es Sepp erwartet hatte. Zuletzt besaß er nur noch ein Glasl voll des kostbaren Gutes, das er wie seinen Augapfel hütete. Eines Nachmittags, als wegen übergroßer Hitze die Mannschaft dienstfrei hatte, machte der Peter Huß, einer der Kompagniekameraden, dem Sepp den Vorschlag, mit ihm zum Badeir zu gehen. Sepp erklärte sich hierzu gern bereit und Huß übernahm es, die betreffende Meldung zu erstatten. Nachdem dies geschehen war, machten sie sich auf den Weg nach dem Flusse, entkleideten sich dort und wateten sachte ins kühle Wasser, nachdem Peter dem Sepp geBenno Rauchcncggcr, Die bösen Boxer. <LL»,LL»^!L><ZL»«Z!L»«Z!Z>«ZL»<LL» 344 schwuren hatte, daß es hier weder Haifische noch Krokodiller gebe! Sepp erklärte nämlich, daß er die abscheulichen "Hadaxln", so im Wasser herumschwimmen und von toten Leichen leben, nicht ausstehen könne. Sepp gab sich ganz dem Genüsse hin, welchen ihm die wohlige Kühlung vecsiattete. Peter lugte scharf aus; gar bald bemerkte er einige Gestalten, ivelche sich dem Badeplatze näherten und indianerhaft durch die Büsche schlichen; aber er sagte nichts. Ein leises Pfeifen veranlaßte ihn jedoch plötzlich aufzuschreien: "Sepp, schnell heraus, die Boxer, die Dorer!" Sepp wollte es zuerst als schlechten Witz betrachten, aber, als er ausblickte, glaubte er wirklich, fremdartige Gestalten zu erblicken; er sprang aus dem Wasser uud stürzte auf den Platz zu, wo er seine Kleider abgelegt hatte — sie waren verschwunden; im nächsten Augenblick ward er ergriffen und trotz seines Ringens an beiden Armen festgehalten; eine dritte Person bemächtigte sich seiner Beine; eine vierte setzte ihm die Spitze einer Lanze ans die nackte Brust und rief: "Tschin-tschin-da-ra-tschin!!" Sepp sah noch, wie Peter fortgeschleppt wurde, dann ergab er sich in sein Schicksal. Die Boxer, denn für solche hielt Sepp die Strauchdiebe, Landen den Unglücklichen an einen Baum an und breiteten dann seine Kleider vor ihm aus. Sie entleerten seine Taschen und legten alles bei Seite; als der Visitator das "Schmalzlerglasl" fand, hielt er es gegen die Sonne, roch daran, sagte grinsend einige unverständliche Worte zu den Raubgenossen, dann nahm er — kunstgerecht eine Prise, gab das Glasl weiter, der nächste schnupfte ebenso verständnisvoll und dann nahmen auch der dritte und vierte an der Schnnpferei Teil. Sepp ivar förmlich betäubt vor Ueberraschung; also kannte man in China seinen so hochverehrten Schmalzler doch! Eine tiefe Wehmut durchzog sein Inneres, als erPrise um Prise verschwinden sah; die raffinierten Kerle wußten genau, mit welchen Mitteln sie den braven Europäer am empfindlichsten martern konnten. Endlich besprachen sich die Schurken leise; dann trat einer, welcher ein scheußlich beschmiertes Gesicht hatte, das von einem trichterförmigen schmutzigen Stcohhut beschattet war, zu deni Gebundenen und bedeutete ihm durch Gebärden, er möge sich anziehen. Bl an band ihn los und im Banne der vorgestreckten Lanzen kleidete sich Sepp hurtig an, sorgfältig nach einer Fluchtgelegenheit ausspähend. Aber die Feinde waren zu wachsam. Man verband ihm endlich mit einem Tuche die Augen; einer nahm ihn rechts, der andere links beim Arm und nun gings dahin, rechts, links, rundumheruni, geradeaus, rückwärts und dann wieder mit raschem Kehrt nach Vorwärts. Sepp wußte bald nicht mehr, ob er um die Erde herumgeführt oder zum Mond hinauf befördert werde. Nach langer Wanderung hielten sie endlich stille; Sepp hörte das Geräusch von Schritten und halblauten Stimmen, so wie ein hie und da ertönendes Gelächter; dann schob man ihn iit einen geschlossenen Raum, dort nahm man ihm die Binde ab — es war stockfinster. Seine Ueberwinder ließen ihn stehen; erhörte, wie die Oeffnung, durch welche nur ein Augenblick lang das Tageslicht hereinblitzte, geschlossen wurde, nun war er allein. C>' strengte sich an, etwas zu sehen; nach und nach glaubte er, bestimmte Gegenstände, die ihm merkwürdig bekannt vorkamen, unterscheiden zu können; er griff in die Tasche —alles, was er besessen, war da! Er holte ein Schächtelcheu 345 ^L»<LL><LL»<LL»<Z!L»«ZL><LL» F. v. Koppen, Deutschlands wacht zur Sec. <ZLL»<LL»^L»<LL»<LL»«LL»rLL» 346 Schwedische, welche die Barbaren ihm gelassen hatten, Herder, strich ein Zündhölzchen an — sah um sich stieß einen Wutschrei ans tind stürzte hinaus — ein großer Kreis voir Kriegskameraden empfing ihir mit höllischem Gelächter! Die vermeintlichen Boxer hatten sich bereits demaskiert nitd beglückwünschten Sepp zur Befreiung aus der chinesischen Gefangenschaft. Das Ganze war eine Komödie gewesen, um den Sepp für seinen Tabaksgeiz Zu strafen. Sepp schwor in allen Tonarten Rache und ließ ''ich durch keine Bestechung besänftigen; er drohte morgen die Sache beim Rapport zu melden und suchte später undersöhnt sein Lager auf. Als am nächsten Tage die Zeit Zu den Meldungen nahte, wurde den Attentätern woh! otwas schwüle, aber der Zufall brachte die Erlösung von aber Unbehaglichkeit. Mit der Feldpost war ein Paket an den Soldaten Joseph Kauderer gekommen und in demselben fand sich eine Liebesgabe seiner Landsleute vom Walde vor: Eine große Blase "Schmal" und ein wunderschönes geschliffenes, rotes Glasl aus der Theresienthaler Fabrik. Nun gab es ein rührendes Bersöhuungsschnnpseu, Sepps Nase schwelgte im Ueberfluß und wer so glücklich ist, kann niemandem böse sein! Das war des Kauderer Seppen, der an allen Stürmen teilgenommen hatte, gefährlichstes Abenteuer gewesen. Ausgeplaudert hat >.> einer, der einen Hieb ans China mitgebracht hat, wenn es nicht ganz genau so gewesen ist, kann der nichts dafür, der drese denkwürdige Episode des asiatischen Feldzuges an dieser Stelle veröffentlicht hat! Deutfcblarids <öacbt zur See. Olas regt und rührt ltch am Rordfeettrand? tOas leuchten die tüimpcl und Watten? Sic zieh’n für den Raiter zu Walter und Sand, 3m Herzen ßott und die Wehr in der Hand, Om Sieg dem Rechte zu schatten. Aas grüßet vorn Bord mit "Hurra" und ,,Jlde“? Das ift Deutschlands mutige Wacht zur Sec! Es gilt, das vergoltene deutsche Blut Jln der fernen Rütte zu kühnen, Saut kracht der Oalettchuh über die 51ut, Es schwillt der alte Aiklngerrnut 3n den deutschen Herzen, den kühnen. Was weckt in dem ieinde da krauten und Weh? Das ist Deutschlands mutige Wacht auf See. Mel.was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein. Du stehst nun bei Ilad)t und Sternentchein Dnd denkest der Heimat der fernen; Du denkst an die treue Mutter dein, Die still für dich betet im Kämmerlein; Blick’ auf zu den ewigen Sternen! Wen ahnest du dort über Sternenhöh'? Der schützt Deutschlands mutige Wacht zur See. Iah branden die Wogen, lah brauten das Meer, heraus nun, ihr Barer, zum Kampfe! — "Oertrau’ auf Gott, dl dz tapfer wehr’, Daraus besteht dein’ ganze Ehr’" — Steh’ fest in Donner und Dampfe! Wer steht zu der Sahne in Sturm und Schlacht? Das lst Deutschlands nie wankende -ahnenwacht! Air brachten Euch Sitte und Christentum Statt eitlem Truge und Wahne, 3hr höhntet unter Palladium. Wer führt zum Siege und neuem Ruhm Die deutsche hochflatternde Sahne, Das stolz von Pekings Mauern sie weh’? Das ist Deutschlands Wacht zu Land und zur See! -edor von Koppen. (üabre frcundfcbaft. Line chinesische Erzählung. ^ war in den Kaiyuen Jahren der Dynastie |& Tang. Der Premierminister Kotschin, Großkanz' ^ ler des Reiches, der aus Uyang in Hope gebürtig war, hatte einen Neffen, Namens Ko-Tschongsiang, einen Jüngling von großem Verdienst, doch von aufbrausendem und leidenschaftlichem Charakter. Deshalb blieben ihm auch die hohen Stellen verschlossen. Tschonsiang sah mit tiefer Betrübnis, daß sein Sohn ein müssiges Leben führte, gab ihm einen Brief für seinen Oheim und sandte ihn damit nach der Hauptstadt. Da sprach der Oheim Zum Neffen.: "Man kann sich in der bürgerlichen Laufbahn nur schrittweise vorwärts bringen; willst du dir aber schnell Ehren und Reichtum erwerben, so mußt du sie an den Grenzen des Reiches suchen, wie es auch Fu-Kiaitu und Pantschaq thaten. Der Rang, den ich einnehme, wäre uicht hinreichend, um dich hoch genug zu stellen. Ohne Zögern folgte Tschongsiang dem Rat seinem Oheims, und gerade in diesem Augenblick gelangte dav Gerücht von dem Aufstand der Barbaren von Nantschong in die Stadt. Tie Kaiserin Uheu, die sich die Zuneigung der Barbaren oder doch wenigstens ihre Unterwerfung sichern wollte, hatte ein Geschenksystem eingeführt, das einem Tribut uicht unähnlich sah. Sie bewilligte ihnen alljährlich einige kleine Geschenke und ließ ihnen außerdem alle drei ^ahre Rosse und Lebensmittel in bedeutenden Massen verabreichen. Als der Kaiser Hiuentsong diesen Gebrauch abgeschafst hatte, waren die Barbaren in Wut geraten und überfielen nird verwüsteten die ihrem Gebiet benachbarten chinesischen Bezirke. Limong wurde zum General-Gouverneur dev >>aotscheu rnit der Mission ernannt, ein Armeekorps zu bilden urrd die Rebellen streng zu bestrafen. Bevor er ausbrach, nahm er von dem Premierminister Abschied, um aus seinem Munde nähere Weisungen zu empfangen. "Erinnere dich des Tfchu-Kotschang, der siebenmal Feldherr wurde," sagte Kotschin zu ihm. "Er erreichte durch Güte mehr, als er mit Gewalt erreicht hätte. Um diesen Feldzug zu gutem Ende zu führen, ist vor allem Klugheit von nöten. Sei klug, und der Erfolg ist dir sicher. Ich habe einen Neffen, einen sehr tüchtigen Jüngling. Ihn will ich dir anvertranen, damit er sich unter deinen Befehlen anszeichne und so die Gelegenheit ergreife, sich einen Namen zu machen." Sofort ries er Tschongtsiang und stellte ihn Limong vor. Als dieser einen jungen Mann von edlem Ausdruck vor sich sah, der zudem noch der Neffe des allmächtigen Ministers und ihn: von diesem empfohlen worden war, bereitete er ihm den freundlichsten Empfang und machte ihn sofort zum Adjutanten. Tschongtsiang aber dankte seinem Oheim und verließ mit dem General die Stadt. Ein Mandarin ans derselben Gegend wie Tschongtsiang, mit Namen U Paongan, war damals Unterpräfekt des Bezirks Snitscheu in der Provinz Tongtschuen. Er hatte diesen Landsmann, der plötzlich eine bedeutende Persönlichkeit geworden war, nie gesehen; doch er wußte ausaller Munde, daß er ein dienstfertiger Mann war, der jedem, der dessen bedurfte, seinen Beistand lieh. Deshalb schrieb er an den Adjutanten des kommandierenden Generals einen Brief, den er ihm durch einen ergebenen Diener zustellen ließ, und der folgendermaßen lautete: "Ich Paongan, der ich — ach! — von deinem Verdienst so weit entfernt bin, habe das Glück, in derselben Gegend wie du geboren zu sein. Obwohl ich dich nie gesehen, denke ich doch schon lange an dich. Mit deiner Hilfe wird der Generalissimus Limong die aufrührerischen Gegenden bald beruhigen und sich dadurch großes Verdienst erwerben. Ich, Paougan, habe viele Jahre studiert. Doch ich bin nur ein kleiner Beamter, die Dauer meiner Amtsthätigkeit nähert sich ihrem Ende, und wer weiß, ob icheinenneuen Posten erhalte? Die Bewerber sind so zahlreich, und die Reihe der Stellen so beschränkt! Doch ich weiß, du bist mächtig! Vielleicht sind in unserm Heere, das ja erst jetzt gebildet wird, Stellen frei! Wenn du dich gütigst für deinen armen Landsmann interessieren und ihm eine Anstellung verschaffen wolltest, sei es auch nur als Ausseher über die Pferde und die Zelte, so wäre seine Dankbarkeit tiefer, als ein hoher Berg hoch ist!" Als Tschongtsiang diesen Brief gelesen hatte, erkannte er, von welchen Gefühlen der Schreiber desselben beseelt gewesen. "Dieser Mann, der mich nie gesehen und doch in seiner Verzweiflung zu mir seine Zuflucht nimmt, kennt mich besser, als sonst einer," dachte er bei sich. "Er ist ein Freund, und es ist meine Pflicht, ihm zu dienen." Sofort suchte er den General erzählte ihm von U Paongan erlangte für ihn eine Anstellung Sekretär im Generalstab. Der Kurier, der U Paongau seine Ernennung im officiellen Dekret überbringen sollte, war eben nach Sintscheu aufgebrochen, als die Rekognoszierungstruppe des Heeres meldete, der Feind wäre nicht mehr fern. Limong gab den Befehl, in Eilmärschen vorzurücken. Er überraschte die Barbaren in den Vorstädteir von Jaotscheu, wo sie wie gewöhnlich die Häuser ausraubten und zerstörten; er schlug sie, tötete eine große Anzahl, zerstreute sie, feuerte seine siegreichen Soldaten an und verfolgte die Flüchtlinge 60 Meilen weit. Als die Nacht hereingebrochen war, zogen sich die letzten lleberreste der Barbarenhorden in die befestigten Dörfer zurück. Ko mis, und als Tschongtsiang glaubte, nach diesem Kampfe seine Ansicht über die Lage der Dinge aussprechen zu müssen und sagte: "Die Barbaren sind tückische, verschlagene Männer, die oft ganz unerwartete Beschlüsse fassen. Wir haben ihnen eine blutige Niederlage beigebracht. Sie sind geflohen, und der Ruhm unserer Waffen ist gegründet. Ich glaube, es wäre nun gut, unsere Truppen nach Jaotscheu zurückzuführen. Man könnte dann Emissäre ausschicken, die ihre Unterwerfung durchsetzen sollen. Wollten wir vorher in öiefi’ unfiefanntcn Gegenden eindringen, so würden wir uns vielleicht gefährlichen Ueberraschnngen aussetzen." Als Limong diese Worte vernahm, geriet er in Anfügung und Versetzte: "Heut sind die Barbaren niedergeschmettert. Benutzen wir ihre Mutlosigkeit nicht, um die Thäler von. ihnen zu reinigen, wann würden lvir wohl eine solche Gelegenheit wicdersinden? Mache nicht so viel Worte und laß mich handeln. Du sollst sehen, wie Rebellen behandelt werden müssen." Am nächsten Morgen wurden die befestigte!: Dörfer im Sturm genommen, und bald drang das Heer, das seinen Marsch fortsetzte, i>: die wilder: Höhlen, die der barbarische Stamm der llinans bewohnte. Man sah nur öde Berge und dichte Gehölze vor sich. Kein geebneter Weg war zu beurerken, ur:d man wußte nicht, welche Richtung man Einschlagen sollte. Limong befahl zögernd einen Rückzug, un: in einem slachei: und unbedeckten Orte zu lagern, bis man einige Eingeborene gefangen genommen und aus ihnen einiges über die Natur des Lairdes herausgebracht hatte. Plötzlich ließ sich in den Höhlei: ein Lärm bou Tantäms und Trommeln hören. Auf allen Seiten brachen die Barbaren, bis an die Zähne bewaffnet, hervor und umzingelten das chinesische Lager. Ihr Anführer, der ber Familie Mong entstammte und Sinulo hieß, schoß mit seinem Holzbogen vergiftete Pfeile ab und verfehlte nie sein Ziel. Die Hauptleute der Horde, die er anführte, durchzogen die Wälder und erstiegen die Hügel wie Schwärme wilder Bügel oder wie Raubtiere, die mühelos über die gefährlichsten Srte hinlaufen. Die kaiserlichen Soldaten, die ermiidet und erschöpft waren, konnten dem Ansturm nicht widerstehen, zumal sie auf allen Seitei: umstellt wurden. Limong war tapfer; doch er erkannte, daß bie Tapferkeit hier keinen Wert hatte. Als er alle seine Offiziere um sich' her fallen sah, seufzte er, baß er aufTschongtsiangs klugeRatschläge nicht gehört, zog ein Messer n:it kurzer Klinge aus seinem Schuh, durchschnitt sich die Kehle und starb. Die kaiserliche Armee aber wurde vollständig ausgerieben. Tschongtsiang, der gefangen genommen worben war, wurde vor Sinulo geführt, der, von seiner würdigen Haltung betroffen, ihn ohne seine sonstige Grobheit verhörte und ihm sogar einige Rücksicht angedeihen ließ. Als er erfuhr, derGefangenewäre der Neffe eines Premierministers, übergab er ihn demHauPtMann seines eigenen Stammes, des Stainmes lllo. Tie südländischen Barbaren haben nie hohe Ziele; sie streben nur nach den Reichtiimern Chinas und suchen Beute zu machen. Die Chinesen, die in ihre Hände fallen, werden unter die Häuptlinge der verschiedenen Thäler verKllrschncr, China III. teilt, je nach den Heldenthaten, die sie verrichtet haben. Diese Häuptlinge nehmen auf den Rang und die Verdienste der Gefangenen, die man ihnen überläßt, nicht die geringste Rücksicht. Sie machen sie zu ihren Sklaven, und die Unglücklichen müssen Holz schneiden, Getreide stampfen und die Pferde und Hammel auf die Weideplätze führen. Haben sie mehr Sklaven, als sie brauchen, so verkaufen sie die überzähligen. Tie Sklaverei ist bei diesen Barbaren so hart, daß fast alle Chinesen, die ihnen in die Hände fallen, den Tod vorziehen; doch sie werden scharf beaufsichtigt, und man hindert sie nach Kräften, sich das Lebeir zu nehmen. Unter den Gefangenen befanden sich Offiziere und Beamte von hohem Range; es wurde ihnen gestattet, an ihre Familien zu schreiben und ihre Verwandten aufzufordern, sie loszukaufen. Man kann sich denken, mit welchem Eifer zahllose Briefe geschrieben wurden! Wer hätte wohl nichtgewünscht, seineHeimatwiederzusehen? Werries nicht die ©einigen zu Hilfe? Die allein, die nichts zu erhoffen hatten, weil sie ans zu armer Familie stammten, blieben unthätig und schrieben nicht. Die Barbarenhäuptlinge werden von wahrhaft grau samer Habgier beherrscht. Von dem Aermsten sogar verlangten sie wenigstens 80 Stücke Taffct als Lösegeld. War der Gefangene höheren Ranges, so kannten ihre Ansprüche keine Grenzen mehr. Als der Häuptling der Ulos erfuhr, der Gefangene wäre der Neffe eines hohen Würdenträgers, erklärte er, er wäre tausend Stück Seidenstoff wert! "Tausend Stück Seidenstoff," dachte Tschongtsiang, "die könnte allein mein Oheim liefern. Doch woher soll ich wissen, ob auch einer der Boten, die ich an ihn sende, zn ihm gelangt?" Plötzlich dachte er an U-Paongan. "Er ist mein Freund," sagte er sich, "obwohl ich niemals sein Gesicht geschaut. Sein Brief hat genügt, mich zu veranlassen, ihm beim General eine Stellung zu verschaffen. Ich habe ihn zum Sekretär ernennen lassen, und sicherlich wird er mir ebenso helfen, wie ich ihm geholfen habe. Zu seinem Glück water nicht bei uns, als uns dieses furchtbare Unglück überraschte. Er muß jetzt in Jaotscheu sein. Ich werde ihn bitten, meinen Brief selbst nach Tschangngan*) zu bringen. Ich glaube, das ist das klügste, was ich thun kann." Er schrieb deshalb an U-Paongan, schilderte ihm seineLeiden lind gab ihitt an, wie hoch man seineLösnng festgesetzt hätte. "Wenn Jongku dieseir Brief meinem Oheim übergiebt," fuhr er fort, "und mein Oheim mich loskauft, werde ich mein Vaterland Wiedersehen; sonst wird meiir Leben in der Sklaverei verfließen, und meine Manen werden bei denen der Barbaren bleiben. Doch wird Jongku wirklich dulden, daß das geschieht?" Jongku war der Familienname von U-Paongan. Ein Unterbeamter aus Jaotscheu, der sich losgekauft, wollte eben aufbrechen, als Tschongtsiang seinen Brief schloß. Ter Gefangene bat diesen Glücklichen, das Schreiben an sich zu nehmen und folgte ihm mit den Augen, während er sich entfernte. Tausend Pfeile durchbohrten sein Herz, und seine Thränen flössen in Strömen. Doch lassen wir jetzt Tschongtsiang unter den Barbaren, und sprechen wir nunmehr von U-Paongan. Als er seine von Limong Unterzeichnete Ernennung zum Sekretär erhalten hatte, hatte er die wohlwollende Vermittlung des Adjutanten erkannt, hatte Frau Tschong, seine Gattin mit einem kaum ein Jahr zählenden Kinde in Siutscheu gelassen und war aufgebrochen, um den Posten, den man ihm übertragen, anzutreten. Als er in Jaotscheu eintraf, erfuhr er den Tod Limongs, sowie die Niederlage des Heeres. Was war ans Ko-Tschongtsiang geworden? Sr geriet in große Unruhe und erkundigte sich überall, als der freigelassene Unterbeamte ihm den für ihn bestimniten Brief übergab. Er öffnete den Brief und las ihn mit tiefeni Schmerze; dann beantwortete er ihn auf der Stelle und versprach dem Gefangenen, alles mögliche zn versuchen, um seine Freilassung zu bewirken. Schließlich bat ec den Beamten, einen Boten zu besorgen, der diese Antwort getreulich überbringen würde. Darauf packte er seine Sachen und reiste auf der Stelle nach Tschangngan. Tic Entfernung von Jaotscheu bis Tschangngan beträgt wenigstens 3000 2t.*) Obwohl seine Geburtsstadt auf dem Wege lag, so hielt sich U-Paongan doch nicht auf. Er erstickte den Wunsch, seine Familie zu sehen und erreichte direkt die Hauptstadt. Hier erwartete ihn eine grausame Ueberraschung; der Premierminister war vor einem Monat gestorben, und alle die Seinen waren fern. Die Hoffnung, die er gerade auf diesen Alaun gegründet, ward zu nichte. Sein Reisegeld walerschöpft. Er mußte seinen Diener mrd feilt Pferd verkaufen, um die Kosten zur Rückkehr zu bestreiten und Siutscheu wieder erreichen zu können. Als er wieder bei seiner Frau angelangt war, brach er in Thränen ans. Sie fragte ihn nach der Ursache eines so tiefen Kummers, r>nd er erzählte die Ereignisse, die sich abgespielt hätten; dann sprach er den festen Entschluß aus, Tschongtsiang zu befreien, auch sprach er über die geringen Mittel, die ihm zur Verfügung standen. Frau Tschong versuchte sofort, ihren Gatten zu trösten. "Ein Sprichwort sagt: Das klügste Weib kann ohne Reis keinen Reisbrei kochen. Deine Kräfte sind geringer als dein Wollen, und vordem Unmöglichen mnßman sich beugen." U-Paongan schüttelte das Haupt. "Auf ein einfaches Briefchen hin, das ich ihm geschrieben," versetzte er, "ward er sogleich mein Beschützer. Hent, da sein Leben in Gefahr ist, und er seine Hoffnung auf mict) setzt, soll ich ihnr mit Undankbarkeit lohnen? Wenn Tschongtsiang vor Kummer stürbe, ich würde ihn nicht überleben." U-Paongan schätzte nun alle Besitzthümer seines Hauses ab, und das Ganze repräsentierte einen Wert von 200 Stücken Tafset. Tann verließ er seine Frau mit dem festen Entschluß, ein wandernder Handelsmann zu werden. Ta or sich dachte, es würden vielleicht von Zeit zn Zeit Briefe aus dem Lande der Barbaren kommen, entfernte er sich 'licht aus der Gegend von Jäotscheu, lief vom Morgen dis zum Abend umher, von Osten nach Westen, trug geflickte Kleider, aß nur groben Reis, sparte Sapeke auf Kopeke und dachte einzig und allein nur daran, Stücke Taffet zu kaufen. Wenn er eins hatte, wollte er zehn haben; besaß er 10, wollte er 100 haben. Er legte sie im Stadtschatze ww Jäotscheu nieder. Er träumte nur von Kö-TschongtsiaNg und hatte seine Familie ganz vergessen. So lebte er zehn Jahre lang und hatte siebenhundert Stück Seide zusammengebracht; doch noch fehlten ihm dreihundert. Alan wird nun fragen, was denn aus der jungen Frau geworden war, die ll-Paongan verlassen hatte. Sie war mit ihrem Kinde allein in Siutscheu zurückgeblieben, und die Leute, die dem Unterpräfakten von Tongtschuen ein gutes Andenken bewahrten, hatten ihr Unterstützung angedeihen lassen; doch mit den Jahren verschwand diese ohnehin nicht bedeutende Hilfe, "nd bei der Aermsten herrschte Hunger und Kälte. Seit zehn Jahren verlassen, lebte Krau Tschong im größten Elend, und schließlich faßte sie den Entschluß, sich w'f die Suche nach ihrem Manne zu wachen. Sie tauschte ihre letzten Haushaltungsgegenstände für Geld ein, nahm ihren Sohn bei der Hand "nd machte sich zn Fuß in der Richtung der Hauptstadt von Jäotscheu w'f den Weg. In der Nacht bezog l>e die ärmlichsten Herbergen und wunderte den Tag über, so weit es ihre Kräfte gestatten; doch es war ihr schwer, täglich mehr als 30—10 Li zu wandern. Als "e die Grenze der Provinz Jäotscheu erreichte, war ihre kleine Barschaft erschöpft; sie hatte keine anderen Mittel, als zu betteln, um ihre Reise fortsetzen zu können. Dieser Zustand erschien ihr so schrecklich, daß sie auf den Gedanken kam, sich dasLeben zu nehmen. Doch der Anölick ihres Kindes ließ sie auf diesen Vorsatz verzichten. Sie warf sich auf die Erde und brach in Schluchzen aus. Sie befand sich gerade am Fuße des Berges Umong und die Nacht brach herein. Plötzlich fuhr ein Postwagen, von Reitern begleitet, vorüber. Das war der neue Gouverneur Jäng-Ngankiu, der an Limongs-Stelle getreten war und eben von seinem Posten Besitz ergreifen wollte. Er hörte das Stöhnen und erkannte die Stimme einer Frau. Er ließ seinen Wagen halten und erkundigte sich, wer da so wehklage. Man führte ihm die Frau Tschong vor, die ihren Sohn an der Hand hielt. Er fragte sie aus, mid sie erwiderte: "Ich bin die Frau des früheren Unterpräfekten von Siutscheu U-Paongan. Dieses Kind ist mein Sohn. Mein Mann hat uns verlassen; fein Freund Ko-Tschongtsiang ist den Barbaren in die Hände gefallen, und er will ihn mit 1000 Stück Taffet loskaufen. Seit 10 Jahren lebt er in Jäotscheu und hat nicht eilt einzigesLebenszeichen von sich gegeben. Ich bin ins größte Elend geraten und habe deshalb den Entschluß gefaßt, ihn zu suchen, doch meine geringen Mittel sind erschöpft, und der Weg ist weit." Ngankiu fühlte, wie das Gefühl der Bewunderung, in das sich eiir gewisses Erstaunen mischte, sein Herz beschlich. "Das ist wahrlich ein Mann von Herz," sprach er zu sich selber, "ich möchte ihn kennen lernen." Dann wandte er sich an Frau Tschong und fuhr fort: "Betrübe dich nicht, gute Frau. Ich bin im Begriff, von der Regierung dieser Provinz Besitz zu ergreifen. Sobald ich nach Jaotschen komme, werde ich deinen Mann rufen lassen und dir bis dahin die Kosten deiner Reise auszahlen lassen. Bei der nächsten Posthalterei wirst du ein Zimmer und Geld vorsinden." Frau Tschong hörte ans zu weinen, verneigte sich dankend, und der Gouverneur setzte schnell seine Reise fort. Obwohl die Unglückliche setzt wieder neuen Mut fassen durfte, hütete sie sich doch, zu viel zu hoffen, und ängstlich pochenden Herzens kain sie nach der Posthalterei, wohin sie sich nach den Worten JangHgankius begeben sollte. Es waren hier die nötigen Vorkehrungen getroffen, wie der Gouverneur es ihr versprochen hatte. Der Gastwirt gab Mutter und Sohn ein gutes Zimmer, trug ihnen Essen auf und übergab der jungen Frau im Aufträge des hohen Mandarinen, der seinen Weg schnell fortgesetzt hatte, zehntausend Sapeken für ihre lausenden Ausgaben, gleichzeitig stellte er ihr einen Wagen zur Verfügung, dessen Kutscher sie nach dem Posthause der Stadt Jaotschen bringen sollte. Sobald sich Jang-Ngankin in seiner Provinz eingerichtet hatte, gab er den Befehl, U-Paongan zu suchen, der drei bis vier Tage später entdeckt und aufgefordert wurde, sich nach dem Palast zu begeben. Jang-Ngankin ging bis zur Freitreppe hinunter, um ihn zu empfangen, nahm ihn bei der Hand, ließ ihn in dem großen Saale Platz nehmen und versicherte ihm, er würde für seine Mühen belohnt werden. "Ich wußte," so sprach er, "daß es im Altertum Freunde gegeben, die sich bis zum Tode geliebt. Jetzt, da ich dich sehe, finde ich zu meiner Freude, daß es eine solche innige Freundschaft auch jetzt noch giebt. Dein Weib und dein Kind sind dir nachgekommen. Sie befinden sich augenblicklich in der Posthalterei; geh also zu ihnen; nach zehnjähriger Trennung ist es wohl Zeit, sich wiederzusehen. Was die Stücke Lasset betrifft, die dir fehlen, so werde ich sie dir mit Vergnügen zum Geschenk machen." "Als ich für meinen Freund wirkte," versetzte U-Paongan, "da that ich nur meine Pflicht. Wie dürfte ich es wagen, hoher Herr, dich mit meinen Bemühungen zu belästigen?" "Ich bewundere deine Hingebung und wünsche dein Werk zu krönen." "Dann will ich deine großmütige Unterstützung nnnehmen. Es fehlt mir fast noch ein Drittel der Seidenstücke, die ich mir verschaffen müßte. Wenn deine Gnaden also geruhen will, das Lösegeld des Gefangenen zu ergänzen, so werde ich mich sofort zu beit Barbaren begeben, um ihn zu befreien. Erst dann lverde ich meine Frau aufsuchen. Alles zu seiner Zeit." Der General-Gouverneur entnahm dem öffentlichen Schatze 400 Stück Lasset, die U-Paongan übergeben wurden; gleichzeitig wurde ihm ein gesatteltes und gezäumtes Pferd zur Verfügung gestellt. U-Paongan nahm aus dem Stadtschatze die 700 Stücke, die er dort niedergelegt, und so hatte er 1100 Stück zu seiner Verfügung. In freudiger Hoffnung brach er sofort auf, erreichte heil und gesund das Land der Barbaren und nahm einen ergebenen Barbaren zum Vermittler, dem er, sobald ihm Ko-Tschongtsiang zugeführt wurde, eine Entschädigung von 100 Stücken Seide versprach. Ko-Tschongtsiang war, wie wirschon erzählthaben, demHäuptling de§ Ulo-Stammes zngeteilt worden. ^•.A-jAUMAN/'T' ICjoc361 Linc chinesische Erzählung. «LL»<LL»«ZL><LL>«LL»«LL<LL><LL»<!LL» o62 Ta dieser Häuptling van seinem Gefangenen ein großes Lösegeld erhoffte, so hatte er ihn zuerst ziemlich gut behandelt, doch als ein Jahr und darüber verflossen war, ohne daß Man die geringste Miene machte, ein Lösegeld fiir ihn zu zahlen, geriet er in Wut, beschränkte seine Nahrung aus eine einzige Tagesmahlzeit und ließ ihn in den Wäldern feine Kriegselephanten hüten. Da dieses Leben dem Gefangenen unerträglich erschien, und die Erinnerungen an das Vaterland ihn heimsuchten, so benutzte er eines .-vage-?, da der Häuptling auf der Jagd war, die Gelegenheit, um nach Norden zu entfliehen. Tie Fußpfade der Beige, die sich m diesen Gegenden befinden, sind sehr steil uno steinig. Nach eintägigem Marsch kam er nicht mehr vorwärts; seine Füße lvarcn blutüberströmt. Die Barbaren, die ihn verfolgt, ergriffen ihn wieder, und der Häuptling der Illos, der sich dieses unbequemen Sklaven entledigen wollte, verkaufte ihn dem Häuptling der Sinting, die ihre Hütten 200 Li von den seirrigcir hatten. Tie Sinting sind sehr grausam und gebrauchen ihre Sklaven zu dcu härtesten Arbeiten. Bei dem kleinsten Vergehen peitschen sie die Unglücklichen mit Streifen arrs dünnem Leder, bis ihnen der Rücken blarr wird und anfchwillt. Ta Tschongtsiang diese Strafe mehrmals 31t erdulden hatte, versuchte er wieder zu entfliehen, l.nglücklicherweise waren ihm die Wege nicht bekannt, er kam nicht vom Flecke und wurde bald wieder gefangen genommen. Es war feine Bestimmung, von einer Hand in die andere zu kommen, und immer schlimmer wurden seine Leiden. Er wurde an den Häuptling der Pusaman verkauft, die als die wildesten unter allen Barbaren des Südens bekannt sind. Da man ihnen gesagt, der Gefangene würde bald wieder die Flucht ergreifen, so nagelten sie ihm die Füße auf lange Bretter. Am Tage mußte er sich wühsam Hinschleppen; nachts schloß man ihn in einen Keller, über dem seine Wächter schliefen. Ter Barbar, der U-Paongans Bote geworden war, begab sich zu den Ulos, um seine Mission zu vollbringen. Als der Häuptling dieses Stammes erfuhr, es sollten fiir Tschongtsiangs Lösegeld 1000 Stücke -raffet gezahlt werden, schickte er Boten aus, die ihn den Pusamans wieder abkaufen und zu ihm zurückbringen sollten. ^Als der Rückkauf vollzogen war, befreite man die beiden p>trße des Gefangenen von den Nägeln, die man hineingeschlagen hatte. Diese Nägel hatten sich, nachdem die von ipiren hervorgerufenen Wunden schon seit langer Zeit vernarot waren, schließlich vollständig mit dem fleische verbunden. Das Ausziehen war fast noch schmerzhafter, als das Einschlagen; das Blut spritzte wie ein Springbrunnen heraus, und der Aermste verlor das Bewußtsein. Als er wieder zu sich kam, konnte er sich nicht aufrecht halten. Man steckte ihn in einen ledernen Sack, und zwei Männer trugen ihn vermittelst eines Stockes bis unter das Zelt des Häuptlings der Illos. Dieser dachte nur an die Seidenstücke und fragte nicht darnach', ob man ihm einen Toten oder einen Lebendigen zurückbrachte. Er übergab den Sack dem Boten, der mit seiner Last zu Paongan zurückkehrte. Ko-Tschongtsiaüg war gerettet. Tie beiden Freunde, die sich zum ersten Male sahen, betrachteten sich, ohne ein Wort zu sprechen, ergriffen sich gegenseitig beim Kopf und vergossen Thräncn der Rührung; denn sie glaubten, alle? wäre nur ein Traum. Als Ko-Tschongtsiang wieder das Wort ergreifen konnte, dankte er seinem Befreier mit leidenschaftlicher Ueberschwenglichkeit. Er war so abgemagert und schwarz, daß er wie ein Dämon aussah, und seineFüße versagten ihm den Dienst. U-Paongan überließ ihm sein Pferd und folgte zu Fuß. So kamen sie zur Stadt Jaotschcu und begaben sich in den Palast des Gouverneurs. Der Gouverneur Jang-Ngankiu hatte einst unter den Befehlen Ko-Juentschins gestanden und war von diesem zum Minister befördert worden. Er war ein aufrichtiger Mann, der das Angedenken der Toten ehrte. Ohne Ko-Tschongtsiang persönlich zu kennen, interessierte er sich doch für ihn. Er ließ ihm ein Bad geben, versorgte ihn mit anständiger Kleidung und empfahl ihn dem Militärarzt. Dank guter Pflege und trefflicher Speisen heilten seine Wunden, und bevor ein Monat verfloß, war er wieder hergestellt. Bei seiner Rückkehr aus dem Land der Barbaren hatte ll-Paongan endlich den Weg nach der Posthalterei eingeschlagen, wo ihn sein Weib und sein Sohn erwarteten. Das Kind, das er in der Wiege zurückgelassen, stand jetzt im elften Jahr! Wie doch die Zeit vergeht! Die Erkennungsscene war rührend und herzlich! Jang-Ngankiu hörte nicht auf, den Helden dieses seltsamen Abenteuers, der zehn Jahre lang seine Familie vergessen und nur an die Rettung seines Freundes gedacht, hatte, zu bewundern und zupreisen. Er sch rieb über ihn an denHof und verlangte für ihn einMandarinat. Er wünschte, er solle nach der Hauptstadt reisen und lieferte ihm reichlich dieMittel dazu, während erTschongtsiang in seine Stellring als Adjutarrten wieder einsetzte. Als die anderen Mandarinen von Jaotscheu U-Paongan in so hoher Gunst bei ihrem Gouverneur sahen, überhäuften sie ihn mit Geschenken. U-Paongan zwang Tschongtsiang, dieselben mit ihm zu teilen, dann machte er die Reise nach Hofe, die für ihn nicht nutzlos war, denn er bekani die Unterpräfektur von Pongtschau in der Provinz Kiatscheü, einer zum westlichen Ssetschuen gehörigen Gegend. Während seines Aufenthaltes bei den Barbaren hatte Ko-Tschongtsiang bemerkt, daß ihre Frauen gewöhnlich sehr hübsch waren, und daß man sic für billiges Geld kaufen konnte. Er benutzte die Autorität, die ihm seine jetzige Stellung verlieh und schickte Boten ins Land der Umans, die ihm zehn vortrefflich gewählte junge Mädchen dieses Stammes znführten. Er ließ es sich selbst angelegen sein. fit; in -ranz und Gesang zu unterrichten, kleidete sie i> schöne Gewänder und machte sie als kleine Gabe für dt ihm erwiesenen unendlichen Wohlthaten dem Gouverneur Jang znni Geschenk. "Ich schätze vor allein die ivahre Freundschaft," sagb der Gouverneur, "und freue mich, daß ich zu dem großer Beispiele, das ich gefunden, ein wenig habe beitragen kön neu. Sprechen wir nicht mehr von Vergeltung; das hieß« die Gefühle verkennen, die meine Handlungsweise be stimmt haben." "Tu hast mich großherzig gerettet," rief Ko-u,schongtsiang, "und als Zeichen meiner Dankbarkeit habe ich diese schönen Mädchen ausfindig gemacht. Wenn du sie zurückwiesest, würdest du mich tief betrüben." Von dem Ton der Aufrichtigkeit, in welchem dieseWorte gesprochen waren, gerührt, versetzte Jang-Ngaukiu sanft. "Ich habe in meinem Hause Freundinnen, die ich liebe und lvill ihnen gern eine von denen, die du. mir bietest, zugesellen; aber nur eine, nicht mehr." Tschongtsiang verteilte die anderen neun an die ersten Offiziere, die das Zelt des Gouverneurs teilten. Zu dieser Zeit geschah es, daß der Hof, der die von oem verstorbenen Premierminister Kotschin den: Staate erwiesenen Dienste in seinen Nachkommen bblohnen wollte und seinen Sohn zu hohen Würden berief. Jang ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen, auch seinen Adjutanten zu erwähnen, indem er darauf aufmerksam machte, daß er der leibliche Neffe des verstorbenen Ministers wäre; er hätte die Beweise für seine Klugheit und seinen Scharfsinn, iudem er Linrong Ratschläge gab, die dieser unglücklicherweise nicht befolgte; er hätte dann zehrr ^ahre irr der härtesten Gefangenschaft geschmachtet und bekleidete jetzt seit drei Jahren mit großer Auszeichnung den ihm wieder erteilten Posten eines Adjutanten. Dieses Gesuch hatte volle Wirkung. Ko-Tschongtsiang wurde zum Militär-Gouverneur vorr Taitscheu ernannt. Gerade vor 16 Jahrerr hatte er seine Familie verlassen, und seine Eltern, die nur wüßten, daß er den Barbaren in die Hände gefallen war, dann aber kein Lebenszeichen mehr von ihm erhalten hatten, glaubten ihn seit langer Zeit tot. Sie waren sehr erstaunt, aber auch sehr fröhlich, als sie einen Brief von ihm erhielten, und als er sie aufsorderte, sich nach Taitscheu zu ihm zu begeben, kamen sie diesem Wunsche mit Freuden nach. Zwei Jahre später war Tschongtsiang Militär-Gouverneur von Taitscheu und verlor nach weiteren drei Jahren seinen Vater. Nachdem er den Sarg begleitet und alle Begräbnisriten streng beobachtet, sagte sich Tschongtsiang im Grunde seines Herzens: "U hat mich losgekauft; ich verdanke ihm das Leben. So lange mein Vater bei mir war, wurde ich von kindlichen Pflichten zurückgehalten; heut, da er tot ist, und ich meine Trauerpflichten erfüllt habe, muß ich um jeden Preis in die Nähe meines teuren Freundes zu kommen suchen." Als er erfuhr, U-Paongän habe sich seit seinem Fortgange von Kiatscheu nicht gezeigt, beschloß er, ihn in seinem Aufenthaltsorte Pongtschau zu überraschen! Doch wie groß war sein Kummer, als er das Schicksal des Freundes erfuhr, den er wiederzusehen hoffte! Als seine Amtszeit zu Ende ging, war er in hilfloser Lage in Pongtschau geblieben, denn er war zu arm, um zur Erlangung eines neuen Postens nach der Hauptstadt zu rei sen. Dann war eine Epidemie aufgetreten, die ihn wie auch sein Weib dahingerafst hatten, und beide waren armselig hinter den: Tempel von Hoanglong begraben worden. Ihr Sohn U-Tienyeu, den seine Mutter in der Litteratur unterrichtet, erwarb sich mühselig als Lehrer leinen Lebensunterhalt. Mit tiefem Schmerze legte Ko-Tschongtsiang Trauerkleider an und begab sich mit einem Stocke in der Hand nach dem Hoanglong. Er weinte auf dem Grabe, brachte Opfer dar und machte dann sogleich U-Tienyeu eineu Besuch, den er dadurch als seinen Bruder anerkannte, daß er mit ihm die Kleidung wechselte. Beide beschlossen, die Gebeine der Toten nach der Heimaterde zu überführen und Ko-Tschongtsiang schrieb an die Seele Us, um ihm diesen Entschluß mitzuteilen. Als mau das Grab öffnete, und Ko-Tschongtsiang der beiden Skelette ansichtig wurde, brach er in so heftiges Schluchzen aus, daß alle Anwesenden tief gerührt waren. Tschongtsiang holte die Gebeine selbst aus der Erde, bezeichuete ein jedes mit Tinte, und verschloß sie in einem Sack, ben er in einen Korb aus Bambusrohr legte und sich auf die Schultern lud. U-Tienyeu wollte diese Last ans sich nehmen und behauptete, ihm komme es zu, sie zu tragen; doch Ko-Tschongtsiang weigerte sich, seinem Verlangen zu willfahren. "Dein Vater hat meinetwegen," sagte er, "zehn Jahre laug die größten Lasten getragen, und die Last, die ich heut auf mich nehme, erleichtert mein Herz." Von Kiatscheu bis Uyang, dem Ziel ihrer Reise, hatten sie über tausend Li zurückzulegen. Jedesmal, wenn sie in eine Herberge kamen, erhielt der Bambuskorb den  Ehrenplatz, und erst, nachdem man ihm Reis und Wein gespendet, nahmen Tschongtsiang und Tienyen etwas Nahrung zu sich. Nie legten sie sich schlafen, bevor sie sich nicht überzeugt, daß der Bambuskorb gut aufgehoben war. Z" '^usie legten sie diese lange Reise zurück, und Tschongtsiangs Füße schwollen bei dem vielen Lausen heftig an und wurden violett, obwohl sie schon seit langer Zeit geheilt waren. Doch dieser Schmerz hielt ihn nicht in seiner Wanderung auf, obwohl er heftige Leiden erduldete. Allein das liebet ward schlimmer, und Tschongtsiang, der sich nur noch mit Mühe weiterschleppen konnte, mußte schließlich in einem Gasthofe das Bett hüten. Als er sich gerade zu Bett legte, rief er, nachdem er die üblichen Spenden dargebracht, die Namen U-Paongans und seiner Gattin an und bat sie, ihm zu helfen. Am nächsten Morgen war die Anschwellung an den Füßen vollständig verschwunden. Er konnte festen Schrittes iveiter wandern und seine Vaterstadt erreichen. Nicht den Manen U-Paongans muß man diese Wunderthat zuschreiben, sondern der hohen Hilfe des Himmels, der den guten Menschen stets beschirnit. Ko-Tschongtsiang wünschte, feilt Adoptivbruder sollte in Uyang, ihrem gemeinsamen Vaterlande, in seinen: Hause wohnen. Er stellte in dem großen Saale Tischchen auf, an die sich die Seelen U-Paongans und seines Weibes setzen sollten. Er kaufte Leichentücher und Särge, damit das Begräbnis vollständig aufs neue besorgt werden könnte und sich von dein, das er seinen: eigenen Vater hatte zu Teil werden lassen, in nichts unterschied. In allen Ceremonien stellte er sich an U-Tienyeus Seite und ließ schließlich auf das von ihm errichtete Grab eine Inschrift setzen, die an die großen Tugenden des Verstorbenen gemahnte. Drei Jahre hindurch bewohnten Ko-Tschongtsiang und U-Tienyen eine Hütte, die sie sich neben den: Grabdenkmal hatten erbauen lassen. Diese Zeit benützte der ältere Bruder, um den jüngeren in das Verständnis der kanonischen Bücher einznführen, damit er eines Tages ein Manüarinat übernehmen konnte. Da dieser jüngere Bruder noch nicht vermählt war, so verlobte er ihn mit einer seiner Verwandten, einem schönen, reichen und wohlerzogenen Mädchen, und als man die Hochzeit feierte, überließ er dem jungen Ehepaar ein Hans neben dem seinigen und teilte mit ihnen sein ganzes Vermögen. Als die drei Trauerjahre, die für einen Vater vorgeschrieben sind, vorüber waren, schlug Ko-Tschongtsiang den Weg nach der Hauptstadt ein. Er wurde zum MilitärGouverneur von Lantscheu und gleichzeitig zum Hofrat ernannt. Nun überreichte er dem Kaiser eine Denkschrift, die folgendermaßen abgefaßt war: "Das Gute erinutigen, ist die Pflicht und Sitte der Regierung. Eine Wohlthat anerkennen, ist die Pflicht des Privatmannes. Früher stand ich unter den Befehlen des Generalgouverneurs Limong, der den Auftrag erhalten hatte, einen Aufstand der Südbarbaren zu unterdrücken. Im ersten Treffen waren wir siegreich, und ich riet meinem Vorgesetzten, klug und weise zu handeln und nicht allzu weit vorzurücken. Er verachtete meine Ratschläge. Unsere gai:ze Armee wurde vernichtet; ich fiel in die Hände der Barbaren, und meine Stellung als Neffe eines Ministers erregte ihre Habgier aufs höchste. Als Lösegeld für die Gefangenen erhielten sie einzelne Stücke Dassel, und meine Freiheit schützten sie ans 1000 Stück. Meine Familie war so fern, daß es mir nicht möglich war, Briefe zu ihr gelangen zu lassen. Zehn Jahre sind für mich in den härtesten Leiden dahingegangen, und vergeblich habe ich zu entfliehen versucht. U-Paongan, damals Unterpräfekt in Sintschen, war mein Landsmann. Obwohl wir uns nie gesehen hatten, waren wir durch den Austausch unserer gegenseitigen Gefühle Freunde geworden. Um mich loszukaufen, machte er die unglaublichsten Anstrengungen, Er verließ seine Familie, die im Elend zurückblieb. Er gab sich die größte Mühe, unterzog sich den schwersten Leiden, und wenn ich noch am Leben bin, so verdanke ich das ihm allein. Für diese ungeheure Wohlthat habe ich mich nicht dankbar bezeugen können, denn der Tod hatte mir meinen Freund frühzeisig geraubt. Doch er hat einen Sohn, auf den ich meine Liebe übertragen möchte. Dieser Sohn — er heißt U-Tienycn — ist jung, gebildet und tüchtig. Es wäre mein Wunsch, mein Amt zu seinen Gunsten niederzulegen. Tann wäre gleichzeitig der Pflicht der Regierung, das Gute zu ermutigen, und der Pflicht des Privatmannes, sich nicht undankbar zu zeigen, Genüge gethan. Ich konnte dann ruhigen Herzens altern und hätte mir keine Vorwürse zu machen. Ehrfurchtsvoll überreiche ich diese Denkschrift Deiner kaiserlichen Majestät." Man befand sich damals im zwölften Jahre Tienpao (753 nach Christi), Ter Kaiser gab den Befehl, das Ministerium solle von dem Gesuch Kenntnis nehmen und seine Ansicht anssprechen, und alle Mandarinen des Hofes berieten, welcher Entschluß gefaßt werden sollte. Die Ereignisse hatten Ko-Tschongtsiang verhindert, einem Lebenden seine Dankbarkeit zu beweisen, und man wußte seine Absicht zu schützen, daß er der Freund des Toten bleiben wollte. Der Minister lobte in seiner Antwort die hochherzigen Gefühle, die das Gesuch veranlaßt hatten, und schlug, im Interesse des Staates, dessen Pflicht es doch war, alles Gute zu ermutigen, folgende Maßregeln vor: U-Tienyen sollte probeweise zum Präsekten von Lanku ernannt werden und Ko-Tschongtsiang sein Amt beibehalten. Lanku gehört zur Provinz Lantscheu; die beiden Freunde brauchten sich also nicht zu trennen. Das war eine schöne und gute Entscheidung des Ministeriums, zu dem der Kaiser seine Zustimmung gab. Ko-Tschongtsiang machte sich ans den Weg nach klang, um U-Tienyen sein Tipion: zu überbringen. Tie beiden Familien opferten an den Gräbern ihrer Vorfahren, wählten einen glücklichen Tag und reisten nach den Regionen des Westens, wo sie sich niederlassen wollten. Ko-Tschongtsiang und U-Tienyen versahen die ihnen anvertrauten Aemter aufs vortrefflichste, und beide machten eine glänzende Karriere. Ihre Geschichte wurde allgemein bekannt, und ihre Freundschaft als ein Beispiel seltener Zuneigung gepriesen. In der zukünftigen Generation errichteten die Bewohner von Lantscheu Ko und ll zu Ehren einen Tempel der Freundschaft, der noch heute besteht, und in dem noch heute Opfer gespendet und Gebete verrichtet werden. sVlonä in cler Kammer. Nach Li-tai-po. Meinem Lehrer Herrn Kuci-Li» in Peking. I)d> Hegt der Mondenlchein cor meinem Bette ills wenn die Erde weih mit Zchnee bedeckt sich hätte. Zeh hebe mein Haupt empor: der Mond steht klar und rein. Mein Haupt ich lenke Dnd dein gedenke Zch, Dorf, du kleine Heimat mein. Otto Julius Bierbaum. Don C. Gyfell-Küburger. atz mich!" Sie machte sich aus seinen Annen los und trat weinend ans Fenster. Das Weinen, das sonst Blondinen so häßlich macht, entstellte sie nicht; die Lider waren nicht geschwollen und gerötet, die Thränen tropften so gefällig hernieder und legten über das etwas bleichsüchtige Gesichtchen eine lichte, kleidsame Röte, die jungen Mangels hatten, trotz allen Schmerzes, die sanfte Rundung eines Lächelns beibehalten. "Liebchen — mach' mir doch das Herz nicht schwer —" Der junge Artillerieleutnant freute sich, datz sie tun ihn weinte und daß ihr Jammer doch gemätzigte Form bewahrte. Sie wiirde eine Prächtige, tapfere Soldatenfrau werden. "Liebling!" "Ach du — mit deinem dummen China! Weitn es sich wenigstens noch ttm einen richtigen Kampf fürs Vaterland handelte. —" "Würde dir das wirklich den Abschied leichter machen? Sei tapfer, Warga; du weißt ja: nicht jede Kugel trifft." Nun trocknete sie sich mit ihrem sehr modernenTaschentüchlein, — weißer Batist und nur an einer Seite eilt fahlgrüner Sannt und darüber ein eingesticktes sezessionistisches Linienmuster in gelber Seide — die Augen. Eine beruhigende Erinnerung wurde in ihr wach, eine Zeitungsnotiz, in welcher bewiesen wurde, daß von 10,000 verschossenen Kugeln nur eine einzige tötet. Die beigefügte Illnstration zeigte einen Soldaten, der inmitten eines dichten Gewirrs von schwarzen Punkten, den feindlichen Kugeln, nnverwundet schwebte. Da? war ein Trost. Trotzdem schmollte sie: "Warum mltßtest bu dich gerade melden. Paul?" "Aber Kind — du weißt doch, daß man das von uns jüngeren Offizieren erwartet. Aeltere Kameraden, Familienväter waren von vornherein ausgeschlossen." "Halb bist du doch auch schon ein Familienvater, — ein Bräutigam " Kürschner, China III. 24 371 «ZL><LL<Z^rM><ZL»<Z5L»<ZL»<ZL»<LL» € Lyscll-Uilburger. <LL»<LL»^LL»«LL»^L»^Z,<ZLL»«LL>«LL> 372 »Aber kein öffentlich anerkannter. Da steckt der Haken. Hätte Mama sich nicht darauf gesteift, das; deine Achtzehn vor der Veröffentlichung voll werden sollten, so hätte man mich Wohl ausgelassen." "Das sind leere Ausflüchte, du gehst ja selbst gern, du hast es ja gesagt, daß du es als Ehrensache für jeden Offizier betrachtest," und wieder greift die kleine Braut nach dem hübschen Thränentüchlein. Sie ist recht, recht unglücklich. Gleich.nach Neujahr wurden die Achtzehn voll, damit würde die Verlobung veröffentlicht sein. Was fürhimmlische,Wintermonate hätten das noch werden können, als ganz junge Braut in die Gesellschaft eingeführt, verhätschelt und verwöhnt werden, -teste ihr zu Ehren, Blumen, neue Toiletten, eine wundervolle ganz in Rosa, Chiffonkrepp über Seide hat sie sich schon im Kopfe komponiert, lind aus alle den, soll nun nichts werden. Ach, dies dumme China! Nun schluchzt sie heftig.' Ihr Verlobter ist ganz erstaunt, es fällt ihm nichts Passendes ein, um sie zu trösten, dieser Schmerz, ist eigentlich mehr, als er erwartet hat. "Las; nur, ich bringe dir auch etwas Wunderschönes mit," sagt er endlich, als gälte es, ein Kind zu beschwichtigen. Eigentlich sollte sic ihm nun böse sein, daß er sie so leicht nimmt, aber er ist so komisch in seiner Ernsthaftigkeit, und die eröffnete Perspektive so reizend. "Was denn?" fragt sie, während ihre Thränen langsamer fließen. "Was giebt es denn von dort mitzubringen? Ein gesticktes rohseidenes Kleid? Einen besonders schönen Fächer? Ach bitte, erzähle mir etwas von China, etwas recht Genaues, ich bin so dumm," bittet sie Die echte Leutnantsverlobung: Er Paul von Arnim dreinndzwanzig, sie Marga von Göckc siebzehn; er arin und strebsam, sic die Tochter eines vor drei Jahren verstorbenen Majors, hübsch, verwöhnt, oberflächlich, mit genügendem disponiblem Vermögen. Er kenntsie, inie ein junger Mann in der Gesellschaft ein junges Mädchen kennen lernt: ihre netten Kleidchen und hübschen Frisuren, ihre kindlichen Musikund Malübungen. Weiter nichts. Aber er ist heftig in sie verliebt, er glaubt, daß etwas in ihr verborgen sein müsse, diese Augen blicken so verschleiert, dieser Mund lächelt so versprechend — o er wird schon aus ihr heraus holen, was in ihr steckt. "Kinder, ich habe einen Gedanken," sagt abends die hübsche Schwiegermama, als sie in einem sehr koketten Hauskleide und fast so jugendlich wie das Töchterchcn mit den beiden am Theetische sitzt, "einen guten Gedanken. Marga wird nun natürlich alles wahrnehmen wollen, um sich über China zu unterrichten, und ich selbst möchte auch gern etwas au fait sein, um meinem lieben Sohn" sie lächelt ihn schmachtend und rocht wenig mütterlich an "in Gedanken folgen zu können. Wir wollen uns doch für morgen früh bei Brandrupps anmelden, er ist erst vor einem halben Jahre aus China zurückgekommen, ich möchte gleich ein Kärtchen schreiben." "Wie rührend Sie für mich besorgt sind," der Offizier küßt der hübschen Mama dankbar die Hand — "und Sie machen Ihre Güte voll, erlauben, daß wir uns trotz nicht Proklamierter Verlobung dort als Brautpaar vorstellen?" "Ich muß schon, angesichts der nahen Trennung. Von jetzt ab, dürfen Sie auch immer zu uns kommen, so viel es Ihre Zeit erlaubt." — Dr. Brandrupp ist Weltreisender von Beruf. Er hot nachgerade alle fünf Erdteile abgeklappert und seine Eindriicke in einer stattlichen Reihe dickleibiger Bücher niedergelegt. Glücklicherweise gehört er zu denen, die das Schreiben "nicht nötig haben", seine Mittel haben ihm gestattet, von seinen Reisen herrliche Kunstschätze heimzubringen, seine große Wohnung ist wie ein Museum damit gefüllt, aber die geschickte Anordnung läßt den lleberreichtnm vergessen, bei aller erotischen Pracht ist es wohnlich und gemütlich dort. "Sie werden uns nicht für allzu dreist halten, daß wir ein Begegnen am dritten Ort ausnützen, um bei Ihnen einzudringen?" wendet sich die Frau Major mit ihrer bezaubernden Liebenswürdigkeit an Frau Dr. Brandrupp. "Meine Tollster ist seit ein paar Tagen Braut — Sie gestatten : Leutnant von Arnim, der in acht Tagen nach China geht — da ist es erklärlich, das; sie gern an der Quelle etwas über die dortigen Verhältnisse hören möchte." Das Ehepaar Brandrupp beeilt sich, seine Glückwünsche auszusprechen. "O man führt dort, auch als Fremder ein ganz menschenwürdiges Dasein," beruhigt der Schriftsteller lächelnd. "Freilich, freilich. Aber Sic begreifen: einer so jungen Braut ist das Herz natürlich schwer." "Schade, daß in Kriegszeiten für uns Frauen dort kein Raum ist, ich wäre gleich wieder zu einer Reise nach China bereit, wenn mein Mann sonst dazu Lust hätte." "Wie, gnädige Frau. Sie haben Ihren Gemahl begleitet? Wirklich?" "Wer natürlich, dafür bin ich doch seine Frau. An allen Reisen, die mein Mann seit unserer Verheiratung — os sind nun elf Jahre — unternommen hat — habe ich teilgenommen," sagt Frau Dr. Brandrupp einfach, während ihr Gatte hinzuseht: "lind wenn Sie meine Bücher anieben, müssen Sie dabei denken, daß sie nie so fertig geworden wären, ohne die Hilfe einer so verständigen und fleißigen Mitarbeiterin." Neugierig sieht Fräulein Marga die Dame in dem eleganten Berliner Kleide an, der so gar nichts von einer Weltreisenden, also doch einer emancipierten Frau anhaftet. "Wer die Sprache — und dann die Moskitos in den tropischen Ländern?" fragt sie erstaunt. "Ich möchte nicht einen Tag in einem Lande leben, wo es Moskitos giebt. Niemandem könnte ich das zu Liebe thun." 373 ^L»^L»«ZL»«LL»<LL»«LL»«LL»«LL»<LL» 3as kllandaringcwand. <ZLL»rLL»^L»<LL»^L»<LL»<LL»«LL»<LL» 374 "Verkleinere dich doch nicht selbst, Liebling," wirft ihr Verlobter ein, der diesen Ausspruch der zukünftige,: Soldatenfrau nicht für bare Münze nimmt. Er hat soeben mit Dr. Brandrupp ein eingehendes Gespräch über Land und Leute begonnen, sobald er aber die Stimme seiner Vraut hört, ist er nicht mehr bei der Sache. Mutter und Tochter sind aus ein Vortbrett nnt allerlei künstlerischem Kleinkram zugetreten. "Ach diese Vase, wie entzückend, eine so wunderbar feine Malerei ist nur noch kaum je an chinesischen Arbeiten borgekommen." "Verzeihung, gnädige Frau, es ist Cloissonnee. Einem Kupfergrund werden haarfeine Metalldrähte, der Musterzeichnung folgend aufgelötet, die Zwischenräume mit Email gefüllt; durch Brennen und Abschleifen lvird dann dieser seine Schimmer erzielt." "Danke sehr, wirklich sehr interessant." Diese Frau Brandrupp spricht wie ein Professor des Kunstgewerbes, man wird gut thun, sich nur auf Fragen zu beschränken, "lind was ist dies hier, die Dose in Lackarbeit, mit der durchbrochenen Metallkuppel?" "Ein Wärmapparat für die Hände, so eine Art tragbarer Ofen, wie Sie ihn auch bei unfern Verkäuferinnen aus dem Weihnachtsmarkt sehen können. Unten der Behälter für die glühenden Kohlen, durch den gewölbten, durchbrochenen Deckel strömt die Wärme aus." "Ach — hat man dort wirklich eine Temperatur, die das nötig macht? Ich dachte mir, dort herrsche ein ewiger Sommer?" Frau Brandrupp lächelt nachsichtig, die beiden Herren sind in einer Zimmerecke nun wirklich zu dem ernsthaften Gespräch gekommen, die kleine Braut ist an einen Diwan herangegangen, über dein an der Wand etwas ganz Hünmlisches sich ausbreitet, eine Stickerei, ivie sie sie nie gesehen, Gold, Seide, wie ein neues Gewebe mit der Nadel geschürzt. Das läßt sich nur schwer entwirren: hier, das glatle bräunliche der Stofsgrund, das andere Stickerei, in der Milte ein Phantastisches Tier in Gold, eigentlich ein Scheusal mit seinen gewaltigen Klauen, dort Blumenzweige, kupferrot, rosa, grünlich, unten ein Viertelmeter breiter Rand, schillerndes Blau, Stich in Stich greifend, Wellen oder dergleichen, lind diese merkwürdige Stickerei scheint Aermel zu haben, wenn sie auch geschickt an der Wand versteckt sind. "Aber das ist ja einfach himmlisch — Mama Paul — etwas Schönres kann man ja gar nicht sehen " sie ist fast atemlos vor Entzücken, ihre Augen weiten sich. "Mein Kompliment, gnädiges Fräulein, Sie haben sofort das schönste Stück unter meinen Schätzen herausgefunden, dafür haben Damen doch Augen. Es ist das Gewand eines Hof-Mandarinen, eins der ersten Würdenträger des Staates. An diesem Gewände, das in einzelnen Stücken angefertigt wird, haben übrigens mindestens zwei Männer drei Jahre gearbeitet." "Männer Herr Doktor?" "Ja. In China ist das Sticken Männerarbeit, es wird als hohe Kunst geachtet." "Komisch! —• Ach Paul, solches mußt du mir mitbringen, und gerade so wollen wir es in meiner Stube über der Chaiselongue drapieren." "Das ist nicht so einfach, gnädiges Fräulein. Ein derartiges Gewand ist auch in China nicht leicht zu bekommen, nur durch den Umstand, daß der gewöhnliche Sterbliche sich nicht mit einem Kleide, das ein so großes Tier wie ein Mandarin getragen, schmücken darf, gelangt es zuweilen ins Ausland." "Paul !" ^ "Ja, Liebling, was irgend an mir liegt, soll geschehen. Es wird mein Hochzeitsgeschenk werden." Er sieht sie mit warmer Zärtlichkeit an. Wenn er doch jetzt mit ihr allein wäre! Das kleine Fräulein schwärmt mit einem Male für China. Dieses dumme China muß doch ein wunderbares Land sein, und ein gutes, biedres Volk besitzen, das solche Herrlichkeiten hervorbringt. "Ja, Paul, ich bin dafür, daß wir uns möglichst ganz chinesisch einrichten, jeder soll uns darum beneiden; du mußt sehen, daß du recht, recht viel ausgesucht schöne Sachen von dort mitbringst." "Du vergißt,Kleine," erwidert er, peinlich berührt, aber doch noch lächelnd, "daß ich nicht als Kaufherr, sondern als Soldat reise. Es werden dort andere Aufgaben auf mich warten." "Ach was, Ausgaben! Davon kommt auf den einzelnen ja doch nicht viel. Aber ein solches Mandaringewand 24" 375 <LL«LL»«LL»«LL»«LL»«LL»<LL» L. Lysell-Uilburger, Das muß ich auf jebeu Fall Ijaben. Versprich es mir, hier var Zeugen. Daran will ich deine Liebe erkennen." »Und wenn in) deshalb dem velreffenüen Aiandarin eigenhändig beu Stopf abfchiagen sollte!" ruft ihr Vertonter, aber leine Stimme hat einen galligen Verklang. In den nächsten Tagen hat er reichlich Gelegenheit, sich über jeine Braut zu wundern. Sie lveint nicht, ja sie sieht denr Abschied mit einer Art von erwartungsvoller Freudigkeit entgegen. Paul macht von denr Anerbieten seiner Schwiegermutter, seine ganze freie Zeit in ihrem Hause zu verbringen, ausgiebig Gebrauch, sie läßt das Pärchen mehr allein, als es ,ousl ubrrch ist, aber sie werden sich noch so manches zu sagen haben, daraus mutz man Rücksicht nehmen. So sitzen sie, eng zusammengedrückt, und plaudern. Marga scheint die Schrecken des Krieges, ja die Trennung selbst säst vergessen zu haben. Dagegen ijt sie in den chinesischen Wohnungen ganz zu Hause und das giebt ihr tausend Ideen. Ihr kleines Boudoir, denn natürlich muß sie ein solches für sich haben, soll durchaus chine fisch eingerichtet werden, Teppiche und Platten, Malereien mid Fächer, mit Schildpatt, Perlmutter und gefärbtem Elfenbein eingelegte Möbel, Seidenstickereien und Brokate, und dazu Vasen, Bronzen, Götzenbilder. Vor allem aber das Mandaringewand! Ach, es wird entzückend werden. Ter junge Offizier rätselt an so viel Oberslächlichkeü herum. Ist eS ihr Ernst mit allen diesen Richtigkeiten? Spricht sie nicht vielmehr so, um die Augst in sich zu betäuben, sich vor ihm stark zu machen? Wenn dies aber dennoch wirklich ihren ganzen Lebensinhalt bildete, was für eine Ehe soll das geben? Einen Augenblick kommt ihni der Ge danke au Lösung. Aber die Verlobung ist nun doch bekannt geworden — er ist arm — in hundert Offiziersehen geht es schließlich liicht anders 311 — man lebt dann eben nebeneinander Aber für ihn, mit seinem warmen Herzen wird das Alltägliche zur Tragödie werden "Es soll dir ganz sein wie ein Stückchen China, jedes Sächelchen eine hübsche Erinnerung, und dann erzählst du mir recht, recht viel, wir durchleben dann die ganze Zeit noch einmal zusammen." Sie hat also doch dabei an ihn gedacht, das Ganze sich vielleicht mir seinetwegen zurechtgeträumt. — Sofort ist der gute große Junge wieder ganz versöhnt und zuversichtlich. Einmal kommt ihr doch der Gedanke, daß eine Braut für den ins Feld ziehenden Liebsten etwas thun müsse, sie sinnt eine halbe Stunde darüber nach, und als ihr trotzdem nichts einfällt, meint sie: "Ihr habt ja eure vorschriftsmäßige Ausrüstung, da ist nichts mehr zu thun. Schade, ich hätte dir so gern etwas mitgegeben." Das trifft ihn wie ein Stich inS Herz: sie "hätte" so gern — ob sich bei etwas liebevollem Nachdenken nichr doch etwas gefunden haben würde, irgend eine kleine Sache, eine Aufmerksamkeit, die trotz der "vorschriftsmäßigen Ausrüstung" ihm hätte erwünscht sein können? Was ist sie, ein gedankenloses Kind, oder eine große Egoistin? Endlich komnit die Stunde des Abschieds. Paul hat zitternd dagegen gedacht, hiervon erwartet er alles. Was seine Braut auch an künstlicher Kühle und Oberflächlichkeit um sich herum aufgebaut hat, wird in dieser Stunde zusammenbrechen, endlich wird sich ihre Seele ihm zeigen. Roch glaubt er felsenfest an diese Seele, von der sich UM bisher so wenig offenbart hat. Paul steht neben Braut und Schwiegermutter aus dem Bahnsteig, das Herz ist ihni schwer. Jetzt nur noch Minuten. Es sind andere Bekannte hier, Kameraden, von denen er Abschied nehmen muß, kaum einen Augenblick bleibt er ungestört, mit Marga. Sie blickt aus heitern Augen und plaudert mit diesem und jenem. Wieder fragt er sich: Ist das Selbstbeherrschung oder Herzenskälte? Andere zeigen doch auch, daß sie erregt sind, das ist in diesem Augenblick keine Schwäche — man hört schluchzen — sogar seine hübsche Schwiegermutter wischt sich dann und wann mit ihrem Batisktuch graziös die Augen. "Mein Liebling, mein Ein und mein Alles — wirst du mir auch gut bleiben? Immer an mich denken?" Er preßt ihre Hand, in dem starken Trennungsschmerz fallen ihm nur die allereinfachsten Worte ein. "Ach du — das weißt du ja doch " Einsteigen! Die Lokomotive beginnt zu schnauben, die Gruppen aus dem Bahnsteig schieben sich durcheinander, lockern sich. Thränen, Schluchzen, Umarmungen, hier und da ein Scherzwort, das über die Schwere des Abschieds forthelfen soll.. "Liebling — mein Kleinod du." > "Mein Paul — —" Glücklich hat er sich einen Fensterplatz erobert und läßt die Scheibe herunter. Seine Augen hängen an ihrem hübschen, jungen Gesicht, das die Aufregung leicht gerötet hat. Jeden Zug möchte er sich einprägen, wie sie so weich und zärtlich vor ihm stehtDa pfeift die Lokomotive und ein ächzendes Zittern gleitet von ihr durch die ganze Wagenreihe. Fortgerissen breitet der junge Offizier die Arme aus. 377 E>«LL»<LL»<LL.«LL»«LL.«LL> I°t>annes Trojan, Füsilier SchulzeLma. 378 "Ateine Marga!" ruft er fast schluchzend, und mit einem Glücksgefühl, das ihn fast überwältigt, sieht er, wie ferne Braut noch einmal das Trittbrett erklimmt — im letzten Augenblick wird ihre Seele sich lösen, wird er hören, was sie ihm bisher noch schuldig geblieben ist. Ganz dicht sieht er ihre Augen, so bittend und zärtlich. "Mein Parrl — du versprichst es mir: Das Mandaringewand " Hastig springt sie ab, der Zug ist schon in Bewegung, ihr hübsches Taschentüchlein weht noch Grüße. Er aber drückt sich in die Coupeecke, den Kopf abgewendet, die Zähne aufeinandexgebissen. Jlul dem Ropf den Gropcnbut Zog der Schatz nach Lh'ma. Von ihm träumend lieblich ruht Auf dem Lager Lina. Und ihn lieht in vollem 6>an; Das geliebte CUcfen, Ale er um den Sicgerkran3 Rümpft mit den ghinelen. füfUter Schutzes Cttia. von Johannes Trojan. Linas ^rauni. 3unfe links und fünfe rechts Zerrt er an den Zöpfen Jn der Hitze des Lefechts, Um fie dann zu köpfen. Oder tollt geneigt er fein, IHal Pardon zu geben? Er Pardon? Fällt ihm nicht ein! Jlllen geljt’s ans Leben. Und fo ftürmt er kämpfend vor. Der geliebte Rriegcr, Bis zu Peking durch das Thor Ein er zieht als Sieger. Nun um ßt)ina ift’s gethan, Freut euch, tapfre Leute! Bas getarnte Porzellan Wird des Siegers Beute. was wohl bringt der Schatz zurück Wenn er kommt aus Thina? Eine Taffe, drauf — o glück! Steht: "Für meine Lina." Der treue Schatz. Jim Herde fitzl die Lina, Da wäre für ihn noch Platz Er aber Neht in Thina, ähr alleriiebfter Schatz. Sein Fortfein berührt fie peinlich, Zumal er noch nicht fchneb, Doch hielt fie's für wahrfcheinlich, Bah er ihr treu verblieb. Er kann fie nicht vergelten: Jn ghina kodzt man fchlecht, Und er giebt viel aufs Elfen Und kriegt da nicht fein Recht. Bald fchickt er herzensgrühe Der Liebsten über die See. Er mag nicht zu kleine Fühe Und fchwärmt auch nicht für Thee. Aussicht aus Meckersehen. "Die Rrieger kehren zurück aus Thina!" Ruft hocherfreut geheimrats Lina. Schon fchmückt fie feftlich die Rüche aus Und wirft den Refervefchatz hinaus. Jetzt kommen die Sieger Beiorbeert nach Haus: Der Lina ihr Rriegcr wie ftolz lieht er aus! Vas Meckersehen. Er fitzt an dem Herde Jetzt wieder beim Sdzatz, Bas ift auf der Erde Der Herrlichste Platz. was Hat zu erzählen Er alles nun ihr! Jfn Stoff kann's nicht fehlen, Sorgt fie nur für Bier. wie fchön ift's gewefen! wie tapfer er «ritt! Doch von den Thinefen was bringt er ihr mit? heil bringt er aus Thina Sein her; ihr zurück, Es fchlägt nod) für Lina — wie «rahlt fie von glück! Retmkebr. von I cl’ Transportdampfer lag in öer Reede zue Aufnähme derHeimkehrenden bereit. Zumeist waren es Rekonvaleszenten, wonach Heftung ihrer Wunden vder Wiederherstellung von tückischen Fieberanfällen deir Kriegsschauplatz verlassen sollten, üüiit Gepäck schwer beladen, wankten die Kulis über den Steg, in langer Zeile ei,rer hinter dem anderen, und ungeduldig harrten die zur Einschiffung bestimmten Mannschaften, bis die Reihe an sie kam. Auch Dr. Wallner, ein junger Militärarzt, befand sich unter jenen, die nun endlich nach langer Zeit die Heimat wieder sehen sollten. Ron Anbeginn der Operationen war er mit dabei gewesen, mutig und ermüdlich seines Amtes waltend und einmal sogar die Rolle des Pflegers mit der des Kombattanten vertauschend, als nämlich ein Hanfe rachgieriger Boxer den Verbandplatz überfiel. Da hatte er zur Verteidigung der Verwundeten von, Leder gezogen und sein Leben eingesetzt. Als Lohn für diese That schmückte das Kreuz feine Brust. Seine Unerschrockenheitund Umsichtigkeit hatten die Wahl des Befehlshabers auf ihn gelenkt: er war bestimmt worden, als Arzt den Convoi nach Hause zu geleiten. Plaudernd stand er mit einer Gruppe vo>, Offizieren, die den Kmneraden das Abschiedsgeleite gaben, am Ufer. Feder hatte ihm noch einen Auftrag mitgegeben, Briefe, Photographien, mündliche Grüße an Verwandte und Freunde wurden ihm anvertraut, und er hatte alle Hände voll, als endlich das Kommandowort für die Mannschaften erteilt würde. Drängend und schiebend hasteten die Leute au Bord, wie wenn zebe versäumte Minute ihre Heimkehr verzögern würde. Dr. Wallner und die Offiziere des Kommandos blieben als die letzten auf dem Quai. Einigen der Geleitgeber schlich ein Gefühl der Wehmut durchs Herz. Die Kameraden, die da gingen, sollten nun bald die Heimat wieder sehen, während es den Zurückbleibenden weiß Gott wie lange noch beschieden war, in dem fernen Lande festznfitzen, neuen Entbehrungen und neuen Gefahren entgegen zu gehen. "Fhr habt den besseren Teil!" rief einer aus der Gruppe. "Es ist ein undankbares Geschäft, sich vielleicht noch Monate da herum zu schlagen — und schließlich nichts von Bedeutung zu erreichen." Wallner nickte vor sich hin. ,,^a. ich habe gerade von der Sache genug. Wenn man soviel Jammer gesehen und mitgemacht hat, wie ich, sehnt nun, sieh nach Zeiten der Ruhe und des Vergessens." jd. ©undaccar von Suttner. Das Signal ertönte; ein Händedruck uno eiligen Schrittes begaben sich die Offiziere, unter ihnen Wallner, an Bord. Die Seile wurden gelöst, die Schraube setzte sich pustend in Bewegung, und unter Hurrarufen und Tücherschwenken glitt der Dampfer hinaus. Solange d,e Freunde "och zu unterscheiden ivaren, blieb der Arzt auf Deck, dann stieg er die kreppe hinab, um seine Kajüte aufznsnchen und sich häuslich emzurichten. Er hatte noch einen anstrengenden Dienst vor sichlinier den Heimkehrenden befanden sich manche, die noch ärztlicher Pflege bedurften, und auch die übrigen mußte er unter Kontrolle halten, denn man berührte auf der Heimreise Häfen, die in sanitärer Beziehung nicht ungefährlich waren. D,e Mahlzeiten vereinigten die Offiziere zu gemeinsamer Tafel, an der es in Anbetracht der endlichen Heimkehr lustig zuging. Als die Dämmerung hereinbrach, suchte Wallner ein stilles Plätzchen auf, wo er ungestört seinen Gedanken nachhängen konnte, und jetzt erst gab er der sreudigen Erregung Raum, die sein ganzes Innere erfüllte. Wenn er sich den -vag vergegenwärtigte, da er die Einberufung mit der Ordre "China" erhalten hatte, gab es ihm wie damals einen schmerzlichen Stich durchs Herz. Knapp, fast unmitlelbar vor der Hochzeit, war ihm der Befehl zugestellt worden, und leichenblaß, einer Ohnmacht nahe, hatte das junge Mädchen die Botschaft entgegen genommen. Sein erster Gedanke war der gewesen, alles aufznbieten, unr sich gu befreien, aber bald hatte das Pflichtgefühl den Sieg davongetragen. Der Gedanke, daß der ärztliche Beruf ebenso Mui, Entsagung und wenn es darauf ankam Heldentum in sich schloß, hatte ihn gestählt, und seine feste Entschlossenheit war auch auf Irene übergegangen, wenn auch die letzte Abschiedsstunde die schmerzlichste war, die beide je erlebt hatten. Jetzt war alles glücklich überstanden und freudigen Herzens konnte er der Zukunft entgegen sehen. Er kehrte mit dem Bewußtsein heim, seine Pflicht erfüllt, ja mehr geleistet zu haben, als man von ihm hätte verlangen können, er wußte, daß er wiederholt in den Berichten mit belobenden Worten erwähnt worden war und daß ihm die Welt für ein erfreuliches Fortkommen offen stand. Kein Hindernis gab es nunmehr, seinen Herzenswunsch erfüllt zu sehen und das ^Rädchen, au dem er mit ganzer Seele hing, heimzuführen. Träumend blickte er über die Bordwand in die dunklen Fluten, die sich schäumend hinter den: Schiffe zu eine: laugen Wellenzeile vereinigten, über welche der volle Mond glitzernde Lichtpunkte schleuderte. Jede Schraubendrehung brachte ihn dem ersehnten Ziele näher, aber wie vieler solcher Umdrehungen bedurfte es noch, ehe er den ,mß wieder aus den geliebten heimatlichen Boden setzte! .... Die Tage vergingen. Wallner wurde die Zeit nicht lang; für ihn gab es in seiner Stellung vollauf zn thun. Mit freundlicher Sorgfalt pflegte er jene, die uach unter seiner Behandlung standen, und alle Augenblicke kam eiirer mit irgend einem kleinen Unwohlsein, Rat und Hilfe suchend. Am meisten Sorge machte ihm das Landen in den verschiedenen Häfen, denn trotz strenger Ueberwachung war es unvermeidlich, daß der eine oder der andere für ein paar Stunden ans Land entschlüpfte, und jedesmal lag die Gefahr vor, daß der Betreffende ein Leiden an Bord brachte, das ihm und den anderen gefährlich werden konnte. An einzelnen Orten herrschte Cholera und Dysenterie, und die Leute waren in ihrem Freudentaumel leichtfertig genug, der Gefahr nicht zu achten, lveun ein Paar lustige Stunden am Lande in Aussicht standen. Schließlich lief aber doch alles glatt ab, und man gelangte ungefährdet durch den Kanal von -suez. Am wenige Tage noch, und die europäische Küste kam in «icht! Den Leuten war die Begünstigung gewährt worden, uni rascher zu den Ihren zu kommen, in Triest ausgeschifft zu werden, von wo die Reise per Bahn weiter gehen sollte. Das Schiss lag im Hafen von Alexandrien, wo noch frische Vorräte ausgenommen werden mußten. Alles harrte mit Ungeduld der Beendigung der Ladung, und endlich wurde das erste Signal gegeben. Es stellte sich bei der Musterung heraus, daß ein Halbdutzend Leute fehlten, die sich dieErlaubnis erbeten hatten, ein paar Stunden auf dem Lande zuzubringen. Da sie sich trotz Wiederholung des Signals nicht blicken ließen, wurde ein Detachement ans die Suche gesandt. Es dauerte eine geraume Weile, bis man sie auftrieb, und obendrein hatten die Leute über das Maß getrunken, so daß man seine liebe Not hatte, sie an Bord zu bringen. Am nächsten Morgen zeigten sich bei einem von ihnen bedenkliche Symptome, so daß er auf Wallners Anordnung in eine abgesonderte Kajüte gebracht werden mußte, vr. Wallner hatte eine schwere Stunde zu bestehen: für ihn unterlag es am nächsten Tage fast keinem Zweifel, daß der Mann an Pest erkrankt war. Was war zu thun? Die Gefahr einer Ansteckung war trotz der äußersten Vorsichtsmaßregel und der sorgfältigsten Desinfektion seiner Person eminent. Sollte er den Mann, den selbst ein schweres Verschulden traf, wie einen Hund sterben lassen? Nein, das durfte, das staunte er nicht. Schweren Herzens mußte er sich entschließen, sich selbst von den Genossen abzusperreu. um alles aufzubieten, den Kranken dem nrörderischen Leiden zu entreißen. So geschah es auch. Aber alle feine Opferwilligkeit, rille seine Anstrengungen waren umsonst, und am nächsten Tage war es vorbei. Kaum hatte aber der Patient die Augen geschlossen, so fühlte sich Wallner selbst von der schrecklichen Krankheit gepackt. Hohes Fieber durchrüttelte seinen ganzen Körper; solange er das klare Bewußtsciir behielt, wandte er alles an, was notwendig war, um sich gegen das Leiden zu wehren, aber endlich schwanden ihm die Kräfte und mit ihnen die Sinne. In wilden Phantasien rief er nach Irene, er bat, er flehte, sie möge kommen, und ihn aus dieser Hölle zum Lichtaltnr entführen, wo ihm kein Feind mehr etwas anhaben konnte, — und allmählich fühlte er, wie er weit, weit weg entführt wurde, bis er endlich nichts mehr empfand. An Bord war eine Panik ausgebrochen. Der Kapitän hatte nach Empfang der Nachricht, daß ein Mann mit Pestsymptomen erkrankt sei, sich entschlossen, die Fahrt sortzusetzen, da eine Landung und Ausschiffung in Triest so gut wie ausgeschlossen war. Durch das Sprachrohr war mit dem Bordarzte eine Verbindung zwischen ihm und den Isolierzellen hergestellt worden, und auf diese Weise hatte 383 <LL»<LL»^L»«LL»«LL»«LL»«LL»<LL» ^-Oivska, Souvenir de Peking. <ZL»«ZL»<LL»<Z!L»rLL»«ZL»<LL»«LL» 384 man den Verlauf der Dinge erfahren. Unter den äußersten Vorsichtsmaßregeln war der Tote herausgeschafft und in die Tiefe des Meeres versenkt worden. Als Wallner meldete, daß er selbst von der Krankheit ergriffen worden sei, erfaßte alle ein Gefühl äußersten Entsetzens und tiefster Trauer. Alan wußte, mit welch freudigen Hoffnungen er die Heimfahrt angetreten hatte, und mm sollten diese Hoffnungen knapp vor ihrer Erfüllung zunichte werden! Als am nächsten Morgen der Bordarzt ans seine Anfrage keine Antwort erhielt, nahm er es auf sich, der Gefabr entgegen zu treten und womöglich noch dem kranken Kollegen Hilfe zu bringen. Er fand Wallner tot auf seinem Bett. Souvenir de Peking. Hiebt Silbergeld und 0oldgefcbirr, Hoch Seiden, 'Hafen oder Broten, Hiebt hoher Ordenszier 0eklirr, Hoch Schätze aufgeknüpfter Bonzen, Hiebt Rubmestbat noch heldenlieg, Hoch auch die Mannszucht unfrer Treuen, Sind jene Beute aus dem Krieg, Ob der wir uns am höchsten freuen. Die Rricgsentfebad'gung nehmen wir, Jcdoeb was liegt an 0eldesfchätzen? Das allerfchönfte Souvenir 3Tt nicht in Münze um;ufetzen. Denn Ruff und Brite Hand in Hand, Sranzof und Deutlicher Seit' an Seite, Dem gleichen Ziele zugewandt, Das ift die fchönfte Rriegesbeutc: Die Siegesbeute der Kultur! Und galt's auch nur den fernen Breiten, Und war's ein flüchtig Zeichen nur: s war doch ein Zeichen beff'rer Zeiten. Deutsch-französische Waffenbrüderschaft. Nach einer Momentaufnahme aus Tientsin. nter der Dynastie der Song lebte ein Mandarin Namens nlang, der aus Pienleang gebürtig und zur Zeit in Linngan angestellt war und von dort seine Frau mitgebracht hatte. Zunächst bezog er das erste beste Haus, auf das man ihn aufmerksam machte; da er aberdieseWohnung nach einigen Tagen zu eng und unbeguem fand, machte er sich auf die Suche nach einer angenehmeren und fand auch im schönsten Viertel der Stadt ein geräumiges und sauberes Haus, das ihm ausnehmend gefiel. Er. kehrte nach Hause zurück und sagte zu seiner Frau: "Ich habe eine reizende Wohnung entdeckt, in der wir uns sehr wohl fühlen werden und schon morgen werde ich unseren Hausrat dorthin transportieren lassen. Ich werde den Umzug selbst überwachen und wenn alles fertig ist, einen Palankin schicken, um dich abzuholen." Am nächsten Morgen besorgte er die Vorbereitungen zum Umzug und wiederholte seiner Frau noch einmal: "Ich schicke dir also sofort den Palankin, sobald alles in Ordnung ist." Als alles besorgt und aufgestellt war, schickte der Mandarin Uang den Palankin, wie er es versprochen hatte. Doch die Stunden verflossen, und der Palankin kam nicht wieder zurück. Der Gatte verlor die Geduld und schlug den Weg nach den: Hanse, das er verlassen hatte, ein, um die Ursache dieser Verzögerung zu erfahren. "Kurz, nachdem du fort warst," sagten ihm die Leute im Hause, "hat ein Palankin deine Gattin abgcholt; dann hat n:au einen zweiten Palankin gebracht, der aber natürlich leer abgezogen ist, da deine Frau schon forst war." Höchlichst erstaunt kehrte llang um, fand abex nur die von ihm abgesandten Träger, die sich vergeblich auf den Weg gemacht hatten, aber trotzdem ihren Lohn verlangten. Er versuchte, etwas. '"'P’&ren heraus zu bringen, doch die Leute nichts, und so mußte er sie für ihre Mühe entschädigen und die Wut unterdrücken, die ihn verzehrte. Er beklagte sich beim Präfekten von Linngan. Der Präfekt ließ den Herrn des ihm bezeichneten Hanfes vell)aften, doch dieser wiederholte einfach, was schon seineLeutegesagt hatten. Die Nachbarn erklärten, sie hätten die Fran wohl in einen Palankin steigen und forttragen sehen,doch sonst wurde die Angelegenheit nicht in der geringsten Weise aufgeklärt. Dem Präfekten, derin größterVerlegenheitwar, blieb nichts weiter übrig, als die Verhaftungen, die er vorgenommen, durch einen offiziellen Akt zu bestätigen. Was die Entdeckung der ersten Träger betraf, von denen man nicht das geringste wußte, so erschien das eben so schwierig, als wenn maneinenSchatten hätte packen oder das Bild des Mondes aus dem Meer hätte heraus fischen wollen. Die Dame war entführt worden, das war sonnenklar. 387 <ZL»«LL»«ZL>«LL»«LL»«LL»«LL»<LL»<LL»«^Z> Der Wandschirm. ^L»<ZL»<LL»«LL»<Z!L»<ZL»«LL»«LL»«Z2§>«LL» 388 Nach diesem Ereignis vergingen fünf Jahre. Uang war in düstere Traurigkeit versunken, und nie war ihm der Gedanke gekommen, sich wieder zu verheiraten. Ein kaiserliches Dekret ernannte ihn Plötzlich zum Inspektor der Studien für den Bezirk Knitschen. Er begann seine Inspektionsreise in dem Ort Singan und knüpfte mit dem Unterpräfekten dieses Ortes freundschaftliche Beziehungen an. Eines Tages, als sic zusammen in der Unterpräfektnr das Mittagsmahl einnahmen, trug man ihnen ein Schildkrötengericht auf. Uang hatte kaum davon gekostet, da legte er bereits seine Stäbchen nieder und stieß einen langen Seufzer aus, während zwei dicke Thränen über seine Wangen rollten. Verwundert fragte der Unterprnfekt nach der Ursache dieser Aufregung. "Dieses Schildkrötengericht hat genau den Geschmack, wie es die, welche ich verloren habe, gu bereiten pflegte. Eine traurige Erinnerung ist wieder in mir erwacht, daher meine Aufregung." "Ist sie schon lange in die andere Welt gewandert?" "Wäre sie wirklich tot, so müßte ich mich dem Willen des Himmels unterwerfen, doch in Wirklichkeit hat man sie mir in Linngan entführt, indem man sie verräterischer Weise in einen Palankin steigen ließ, den ich ihr nicht geschickt hatte. Alle meine Bemühungen, sie wieder zu finden, sind vergeblich gewesen. Vielleicht haben Verbrecher sic verkauft." "Das ist aber seltsam," sagte sich der Unterpräfekt, "ich habe gerade in Linngan eine Fremde für dreißig Uans*) erworben. Ich wollte sie zu einer Frau zweiten Ranges machen, und sie hat dieses Schildkrötengericht bereitet. Vielleicht könnten wir von ihr etwas erfahren." Nach diesen Worten erhob er sich sofort vom Tisch, ging in die inneren Gemächer, wandte sich an die Fremde, die er gekauft und fragte: "Sprich, Fremde, hast du in Linngan einen Gatten?" "Ach ja," murmelte die Frau weinend, "Räuber haben mich geraubt, und wenn ich bisher nicht wagte, diese entsetzliche Geschichte zu erzählen, so geschah es aus Furcht, die Schande könne auf meinen Gatten zurückfallen." "Und wie war der Name deines Gatten?" "Er hieß Uang und befand sich in Linngan in vorübergehender Stellung, bis man ihm ein bedeutendes Mandarinat anvertraute." Bei diesen Worten wechselte der Unterpräfekt die Farbe, kehrte zu seinem Gast zurück und sprach: "Ich bitte Deine Gnaden einen Augenblick mitzukommen, es wünscht dich jemand zu sprechen." llang gehorchte dieser Aufforderung: plötzlich sah er eine Frau vor sich stehen: es war die seine. Die Gatten stürzten sich in die Arme und weinten vor Rührung und Freude. "Wie kommt es, daß ich dich hier wieder finde?" fragte der Gatte. "Jedenfalls waren die Wände unseres Hauses sehr dünn, und in der Nacht, da du mir mitteiltest, du würdest niich durch einen Palankin abholen lassen, muß unsere Unterhaltung wohl behorcht worden sein. Ein Palankin ist allerdings gekommen. Ich glaubte, du schicktest ihn mir und bin sofort eingestiegen. Man brachte mich in ein leeres Haus, in welchem sich bereits mehrere andere Frauen befanden und schaffte mich am nächsten Morgen auf das Schiff des Unterpräfekten. Ich merkte, daß ich verkauft worden war, doch aus Furcht, die Schmach dieses Abenteuers könne deiner Mandarinenlaufbahn schaden, wagte ich nicht zu sagen, wer ich war und mußte mich meinem Unglück unterwerfen: doch wie freue ich mich, dich heute wieder zu sehen." Der Unterpräfekt befand sich in deck größten Aufregung. Schnell ließ er die Dame ans den inneren Gemächern heraus führen und rief die Träger seines eigenen Palankin, um sie zu dem Inspektor Uang zu bringenDieser wollte den gezahlten Preis zurück erstatten, was jenen vollends in Verwirrung brachte. "Ich habe sehr leichtfertig gehandelt," sagte der Unterpräfekt, "und hatte mich genauer erkundigen sollen, als ich es gethan. Ich habe mich eines schweren Verbrechens schul*) Etwa 2000 Mark. 389 <LL»«LL»<LL><LL»<ZL»<LL»<LL»«LL»«LL» Eine altchinesische Uovclle. <LL»«LL>«LL»«LL»«LL»«LL»«LL»^L»<LL» 390 big gemacht als ich öeine Frau zu mir nahm, uud wann du letzt noch davon sprichst, nur etivas zurück zu geben, so weiß wirtlich nicht, wohin ich mich vor Schande verstechen soll. Hang danlte ihm trotzdem herzlich, und die Gallen zogen sich, glülllich öaruver, nnn mcht inehr getrennt zu lverden, mit freudigem Herzeit zurück. Wir wollen fetzt die Geschichte einer anöeren brau erzählen, die ebeirso das Opfer eines schmachvollen Verbrechens wurde, die sich aber, dant einem Wandschirme für das ihr angethane Unrecht rächen koluite. Unter der Dhuastie der Zjuen*) lebte in der Gegeild von Tfchintscheu irr der Provinz Kiangnan ein funger Blandarin, dessen persönlicher Name ?vsili uiid desseir Zunanie Tsiuen-Tschin lautete, während er mit seinem Familiennaineit Ing hieß. Seiire Familie ivar reich und hatte nichts versäumt, mit seine glänzenden natürlichen Gaben auszubilden. Ob er nun Schristzeichen oder Aquarelle entwarf, er führte den Pinsel besser als irgend ein anderer Gelehrter seiner Zeit. Er hatte ein sehr schönes Mädchen geheiratet, Namen» liang, die ebenfalls sehr gebildet und talentvoll ivai. 2» war ein reizendes Paar, das feder bewunderte, und die Gatten liebten sich mit aufrichtiger Leidenschaft, Mit Hüfe seines Paters, der mächtige Freunde besaß, trat wsmLfiueu Tschin bald in die Mandarinenlaufbahn ein und erhielt die Unterpräsettur voir Dongkia in der Provinz Tschekiang. Als man ihm diesen Posten übertragen hatte, wählte er sich einen glücklichen Tag und reiste ab, um sin) auf seinen Posten zu begeben. Er hatte ein großem -aoot gemietet, dessen Besitzer sich Ku nannte. Diese» Boot, da» bis Kautscheu fahren sollte, hatte eine Bemannung von fünf bis sechs jungen Leuten, die der Besitzer als seine Neffen und Söhne vorgestellt hatte. Tsui-Tjiuen und seine Frau schifften sich nut ihren Unechten und Mägden ein; der Wind war günstig, man setzte alle Segel bei uud glitt schnell über den breiten Fluß dahin. In lvenigen Tageii erreichte man Futsche», wgte hier an, und der Besitzer des Bootes erschien an der Thur der Kajüte, um folgende Worte zu sprechen. "Euer Gnaden wissen ivohl. Futschen ist eüi großer Hafen, und es ist üblich, Weihrauch zu verbrennen und für die glückliche Vollendung unserer Reise einige Opfer zu bringen. Auch habeii ivir für die Blühe, die ivir un» bereits gemacht haben, um glücklich bis hierher zu gelangen, eine kleine Entschädigung wohl verdient. Deiire Gnaden haben also doppelte.Gelegenheit, sich freigebig zu zeigen. Von Natur aus war Tsui Tsiuen freigebig veranlagt und ganz besonders in seiner augenblicklichen Lage gern bereit zu schenken. Er öffnete deshalb seine Börse, und der Schifsseigentümer kaufte drei Tiere, die er denMeergöttern zum Opfer brachte. Daun ließ er ihm ein ausgezeichnete» Mahl, das aus ganz verschiedenen Gerichten bestand, vorsetzen und außerdem noch zwei Flaschen SanpetsiuenWein. DieserSnnpetsiuen-Weiu, der in Tutschen hergestellt wird, ist in der ganzen Welt berühmt; wenn man die Flasche öffnet, entwickelt sich ein herrlicher Duft. Tie beiden Gatten erhoben sich und leerten zugleich ihre Tassen, die mit dem verführerischen Tranke gefüllt waren. Sie fanden ihir köstlich und erklärten ihn seines Ruhmes würdig, wurden nicht müde, davon zu irippen, und bald waren die beiden Flaschen geleert. Die Dame trank allerdings nur wenig, blieb aber doch hinter ihrem Gatten nicht allzusehr zurück. Tsui-Tsiuen, dessen Durst immer größer wurde, je mehr er trank, sagte seinen Leuten, sie möchten noch andere Flaschen kaufen und holte unter der Einwirkung deö immer größer werdenden Rausches anS feinem Koffer goldene Becher hervor, um den guten Wein aus würdigeren Gefäßen zu trinken. Der Schiffseigner bemerkte von der Hinteren Kajüte aus diese kostbaren Gegenstände. Er war ein schlimmer Verbrecher, dessen Habgier bereits durch die zahlreichen Gepäckstücke erregt worden war. Als er aber die goldenen Becher erblickte, ivar sein Entschluß gefaßt; er rief seine Söhne und Neffen zusammen, hielt mit ihnen Rat, kehrte zur Kajüte zurück und sprach: "Hier in dem Hafen geht es zu geräuschvoll zu, und die Luft ist zu schlecht. Wenn es Euer Gnaden recht ist, so könnten wir ja mit einigen Ruderschlägen einen angenehmeren und frischeren Ort aufsuchen, um dort die Nacht zu verbringen." Es war die Zeit des siebenten Mondes. Die Hitze war sehr stark. DerGedanke, frische Luft zu atmen,war ihm daher nicht unangenehm. Er nahm den Vorschlag an und verlangte, daß er auf der Stelle ausgeführt würde. Vergeb25* -) 1206 bis 1367 »ach Christus. 391 «LL»«LL.<LL»<LL»^L»^L>«LL» <LL»«LL»«LL» Der Wandschirm. «LL»<LL»<LL.<LL»<LL»E»«LL»«LL'«LL»«LL' 39L lich bemerkte seine Gattin, der Hafen biete größere Sicherheit, und es wäre vielleicht nrcht ktug, die lllacht an einem einsamen Orte zn verbringen. "Wir wollen ja nicht weit fort fahren," versetzte TsuiLsiuen, "und wenn nur die geringste Gefahr vorhanden wäre, so würde uns der Besitzer des Bootes, der ja aus dieser Gegend stammt, gewiß darauf aufmerksam machen." Der Besitzer des Bootes rentte >em Fahrzeug nach einer mit Schilf bewachsenen Niederung, die von tiefen Wassern uiiigeben war. Hier fingen alle seine Leute zu tniileii au, vrs sie halb beraufcyt ivareii und drangen dann, mit Aexten und Messern bewaffnet, in die Kajüte, in der sie zunächst einen Diener totschlugen, der an der Thür stand. Zn spät erkannte Tsui-Tsiuen die Gefahr und versuchte, sie zn beschwören, indem er rief: "Nehmt unser Gepäck, wir überlassen es euch gern, doch schont unser Leben, das ja doch keinen Wert für euch habeir kann." "Wir ivollen eure Neichtümer und auch euer Leben," brüllten die Banditen. In diesem Augenblick trat der Anfiihrer dazwhafell, deutele uut der Spipe seines lvcejsers auf klang und sprach: "Diese da hat ilichts zu fürchten, man wird sie nicht löteii, ddch auch sie alleiii wird am Leben bleibeir, alle aiidereir müssen sterben." Als der Mandarin sich zuin Tode verurteilt sah uiid es ihm trotz seiner Bitteii ilicht gelang, deii Anführer der Banditen umzujtimmen, ries er: "Wenn ich keine Gnade vor Euren Augen finden kann, so tötet iiiich wenigstens, ohne meinen Körper zu verstümmeln. Für diese letzte Gunst wäre ich Euch dankbar." "Nun gut, es sei," sagte der Besitzer des Schisses, "das will ich dir gewähren; du sollst ilicht einmal einen Messerstich bekonlmen." Mit diesen Worten ergriff er Tsui-Tsiuen beiin Gürtel und stürzte ihn in deir schlammigen Abgrund. Alan hörte ein gurgelndes Geräusch, dam: floß das Wasser wieder ruhig über dein unglücklichen Mandarinen. Alle Knechte und Mägde aber wurdeir mitleidlos erdolcht. klang weinte heiße Thrünen, und mit Gewalt mußte man sie davon zurückhalten, sich in den Fluß zu stürzen. Der Anführer der Banditen, der ihr Leben geschont hatte, versuchte nun, sie zu beruhigen und zu trösten. "Weine nicht und höre mich an, ich will aufrichtig mit dir sprechen. Mein zweiter Sohn ist noch nicht vermählt. Zur Zeit ist er nach Tsiyun, um in Hoeitscheu Weihrauch zu verbrennen. Wenn er zurück komnck soll er dein Gatte werden, und schon jetzt gehörst du zu meiner Familie." Die Furcht, man könne ihr Gewalt anthun, hatte klang veranlaßt, den Tod in den Wassern zu suchen. Diese Worte beruhigten sie einigermaßen und zugleich dachte sie: "Wer sollte wohl diese Grausamkeiten rächen, wenn ich tot bin? Solange keine unmittelbare Gefahr bevorsteht, will ich Akut fassen und auf eine Gelegenheit warten, mich aus meiner fetzigen Lage zu defreien." Nun trocknete fie ihre Thranen und erwiderte: "Wenn du nur wirrlich nichr nach dem Leven trachtest, so will ich gerne deine Schwiegertochter werden." Inzwischen wurde das iu den Kabinen befindliche Gepäck an Bord geschafft, uiid iiian teilte sich in das Besitztum der Ermordeten. Jeder machte sich aus dem, was ihm zutam, einen Ballen uiid waiiüte sich sofort seiner Heimat zu. um sich seiner Missethat ruhig und forgws zu erfreuen. Als die junge Frau mit dem Banditen, der sie sorlgesetzt seine Schwiegertochter nannte uiid nicht aufhörte, ihr die Freuden der zukünftigen Ehe auszumalen, auf dem schiffe allein war, ließ sie deii Plan, den sie entworfen, geschickt zur Ausführung gelangen. Sie sagte nieiuals iieui, zeigte sich unterwürfig und zuvorkornmend, bediente den Schwiegervater, besorgte alles auf das beste und kümwerte sich um die kleinsten Einzelheiten, gerade als wenn sie sich nie mit etwas aiidereiil beschäftigt Hütte. So verfloß ein Monat. Bald nahte der fünfzehnte Tag des achten Mondes, der Tag des großen Festes, das stets im Herbst gefeiert lvird. Zu dieser Festlichkeit lud der Besitzer des Schisses alle ihm bekanwen Banditen an Bord seines Fahrzeuges ein. klang aber forderte er auf, die Gerichte zu bereuen und die Tafel zu decken. Das Bankett fand beim Mondschein statt, und die Gäste tranken, bis sie vollständig trunken waren; einer nach dem anderen siel in seiner Trunkenheit auf dem Deck nieder, und die junge Frau, die am Hinterdeck saß, hörte bald nur noch lautes Schnarchen. Beiin Licht des glänzenden Alandes erkannte sie leicht, daß alle diese Schurken in tiefem Schlummer lagen. Konnte sie sich eine bessere Gelegenheit wünschen, ihre Freiheit wieder zn erlangen? Das Hinterteil des Deckes war an einen: Baum am Ufer festgebunden; leichifüßig sprang sie an Land uiid lief zwei bis drei Li*) weit, ehe sie Halt machte. "Dem Himmel sei Dank," rief sie, "dort sind Wohnungen." Schnell lief sie weiter, und bald lag vor ihren Blicken ein kleines Kloster. Noch waren die Thore geschlossen, und gerade als sie klopfen wollte, blieb sie zögernd stehen. "Wohnen Mönche oder Nonnen in diesem Kloster?" fragte sie sich. "Wenn es nun Mönche sind und sie mir Schmach anthnn, bin ich dann nicht vom Regen in die Traufe gekommen? Doch der Tag ist schon angebrochen," fügte sie, sich selbst beruhigend, hinzu, "und selbst wenn man mir etwas zu Leide thnn würde, so könnte ich um Hilfe schreien. Ich bin also jetzt außer Gefahr." Mit diesen Worten setzte sie sich auf eine Bank vor der Thür und wartete, bis das Thor geöffnet wurde. Dieser Augenblick kam bald. Riegel wurden zurück geschoben, und eine Frau trat heraus, die Wasser schöpfte. Das Kloster war also nicht von Männern bewohnt. Sie *) Ein Li gleich 575,5 Meter. 393 <ZL<LL<LL<LL<ZL»<ZL»<LL.<LL»<LZ> <£inc altchinesische Novelle. <LL <LL<ZL<LL<LL <ZL^L<LL<LL 394 trat ein und verlangte die Oberin zu sprechen, ^ie Oberin erschien und erkundigte sich, welche Ursache sie schon so frübSeitig hierher geführt habe, llang wollte der Oberin nicht die volle Wahrheit verraten und sagte deshalb: »Meine Familie stammt aus Tschintscheu. Ich bin die Zweite Frau des Mandarinen Tsui-Tsiuen-Tschin, derllnterbräfekt in Zjongkia war und, um sich nach einem andereipPosten zu begeben, seinBoot hier in derNähe hat landen lassen. Seine erste Frau ist heftig und boshaft, sie beschimpft und schlägt mich beständig. Als man gestern Abend das Herbstfest feierte, befahl sie mir, goldene Becher zu bringen. Ich hatte aber das Unglück, sie fallen zu lassen, und sie rollten in beit Fluß. Die erste Frau meines Gatten geriet in einen entsetzlichen Zorn und schwur, diese llnaufmerksamkeit solle mir das Leben kosten. Ich wurde von Angst ergriffen und suchte, als ich sie. alle schlafen sah, mein Heil in der Flucht." "Wenn ich oich recht verstanden habe," sagte die Oberin, "so bifl du entschlossen, nicht mehr auf das Schiff zurückzukehren, von dem du entflohen bist. Der Heimatort deiner Familie liegt weit entfernt, und von heut zu morgen wirft du keinen anderen Mann finden können, der dich unter denselben Bedingungen in sein Haus aufnehmeu ivird. Was willst du also anfangen ?" Uang erging sich in Wehklagen, ohne ein Wort der Erwiderung zu finden. Die Oberin, die schon zuerst ihre ernste und bescheidene Haltung bemerkt und mit der Unglücklichen Mitleid empfuudeu hatte, kam nun aus den Gedanken, sie als Novize aufzunehmen. "Vielleicht könnte ich dir einen Vorschlag machen," fuhr sie fort, "aber wer weiß, ob er mit deinen Absichten übereinstimmt." "Wenn die ehrwürdige Oberin mit mir Mitleid haben will, wie sollte ich mich nicht glücklich Preisen, ihren Ratschlägen zu folgen?" "Mein armes, kleines Kloster liegt in tiefer Eiufamkeit. Selten verirren sich menschliche Wesen hierher. Das L-chilf ist unser Nachbar, und die Wasservögel sind unsere Freunde. Hier herrscht vollkommene Ruhe. Zwei Nonnen, oie das fünfzigste Lebensjahr bereits überschritten haben, leisten mir Gesellschaft. Auch einige Mägde haben wir, unb manchem erscheint es schön, hier sein Lebeii in Reinheit und Tugend zu vollbringen. Du besitzest Schönheit iiiid stehst iii der Blüte der Jugend, doch das Schicksal gestattet dir liicht, dich dieser Gaben zu erfreuen. Warum willst du also nicht auf die Liebe verzichten, dir die Haare abschneiden und schwarze Gewänder anlegen? Du kannst hier sogar Oberin iverden und den Kultus des Buddha ausüben." klang verneigte sich unb sprach ihren Dank aus. "Wenn die ehrwürdige Oberin mich als Novize aufnehmen will, so iverde ich uiich sehr glücklich schützen. Ich bin bereit, das Nonnengewand anzulegen und mein Haupt scheren zu lassen." Sehr zufrieden mit dieser Novize, die so fest entschlossen war, die frommen Hebungen des Klosters zu teilen, rief die Oberin sofort ihre beiden Gefährtinnen, um sie mit der neuen Hausgenossin bekannt zu machen. Dann verbrannte nran Weihrauch, läutete die Glocke, warf sich vor dem Bilde Buddhas nieder und rasierte der Novize den Kopf. Als man ihr die Haare abgeschnitten hatte, gab man ihr einen buddhistischen Namen und nannte sie Hoei-Iuen. Man ließ sie sich vor der buddhistischen Dreieinigkeit und dann vor der Oberin verneigen, die sie als Herrin anerkennen mußte. Sie vollführte die vorgeschriebenen Riten und gehörte von nun an zur Schwesterschaft. So verfloß ein Jahr, ohne daß sich etwas Bemerkendwertes ereignet hätte; da erhielt das Kloster einen Besuch, der llang in große Aufregung versetzen sollte. Zwei Män395 «LL»«LL»^L»<ZÜL»«LL»<LL»<LL»<LL»<LL»<LL» Der Wandschirm. <LL»«LL»«LL»«LL»<LL><LL»<LL»«LL»^L>«LL> 396 ncr, die die Oberin kannte, denn sie brachten ihr von Zeii zn Zeit Spenden, kamen und baten, man möchte sie in den Gebeten nicht vergessen. Als die Oberin sie zurückhielt und ihnen eine bescheidene Mahlzeit bat, brachten sie ain nächsten Tage gleichsam als Dank zur Ausschmückung der Kapelle ein ausgespanntes Papier, aus welchem Mohnblumen gemalt waren. Die Oberin nahm die Schenkung an und befestigte das Papier auf einem Wandschirm. Als Uangs Auge auf den Wandschirm siel, ergriff sie ein Zittern, denn sie kannte diese Malerei. "Wo kommt das her?" fragte sie die Oberin. "Das ist ein Geschenk, das uns zwei Wohlthäter des Klosters überbracht haben." "Wer sind diese Wohlthäter, und wo wohnen sie?" "Beide wohnen hier iu der Gegend. Es ist Ku-Ngosieu und sein Bruder." "lind welchen Beruf üben sie ans?" "Früher waren sie Schiffer die ihren Lebensunterhalt damit verdienten, daß sie Reisende über Flüsse und Seen setzten. Im letzten Jahre haben ihre Angelegenheiten plötzlich eine überraschende Wendung zuin Guten, genommen. Alan hat behauptet, sie hätten sich auf Kosten eines anderen bereichert, doch ist das nie bewiesen worden." "Kommen sie oft ins Kloster?" "O nein, nur wenn sie der Zufall hierherführt." llang merkte sich dieNamen der beiden Männer, ergriff den Pinsel und schrieb ans den Wandschirm folgende Worte: "Er war jung, vornehm und elegaiü und besaß, den Pinsel Tschangfus.*) Was er malte, hatte Leben. Sie sind nicht zahlreich, die Hoangtscheus von heute.*) Diese Mohnblumen. besitzen eine nnvergleichlicheFrische und einenwunderbaren Glanz. Wer hätte wohl gedacht, daß diese schönen Farben die Erinnerung an den Toten in den: Lebenden wieder wach rufen würden? Der Anblick dieser Malerei belebt meinen Schmerz. Wer kennt meine Leiden, wer hat Mitteid mit meinem Unglück? Dieser Wandschirnr soll von nun ait der einzige Gefährte meines einsamen Lebens sein. Die Verbindung, die der Tod in diesen: Leben vernichtet, ich hoffe sehnsüchtig, sie in einem anderen Leben wieder zu beginnen." Die Nonnen des kleiner: Klosters kannten wohl ungefähr die Schriftzeichen, die in ihren Gebeten zur Verwendung kamen, doch sie waren außer stände, dieses Stück zu lesen und zu begreifeit. Sie glaubten, die Novize habe ihr Talent zeigen wollen und suchten den Sinn der Worte nicht weiter zu ergründen. In Kusu, einer Nachbarstadt, wohnte ein reicher Mann Namens Ko-Kingtschun, der Beziehungen zu Mandarinen nitd Gelehrten unterhielt und schöne Gegenstände zur Ausschmückung seines Arbeitskabinetts suchte. Eines Tages machte er, als er lustwandelte, dem Kloster einen Besuch und bemerkte die Malerei mit den Mohnblumen; die Feinheit des Gemäldes, sowie die Eleganz der Schriftzüge fielen *) Zwei berühmte Maler. ihm aus, tind er erbot sich, es dem Kloster abzukaufen. Die Oberin machte llang von dem Vorschlag Mitteilung und fragte sie um Rat, und diese sagte sich sofort: "Die Inschrift, die ich auf den Wandschirm gesetzt, kann wohl in eiirein oder anderem Erinnerungen wachrusen. Wäre es nicht eine kostbare Hilfe, wenn eilt edler Mann sich für den geheimen Siim meiner Worte interessierte? So lange das Dokuiilent i,n Kloster eingeschlossen bleibt, hat es keinen Wert." Sie gab daher der Oberin den Rat, das Anerbieten, das man ihr gemacht, nicht zurückzulveisen, und Ko-King nahm fröhlich das Gemälde mit. In der Stadt Kusu lebte auch ein hoher Mandarin, der eütst die Thätigkeit des Historiographen ausgeübt und Kao-Naling hieß. Er war ein großer Liebhaber von Malerei und Kalligraphie. KoKing wünschte, sich ihm gefällig zn zeigen und machte ihm das Mohnblumengemälde, das er gekauft hatte, zum @c’ schenk. Kao-Naling nahm das Geschenk, dessen Wert er ans den ersten Blick zn schätzen wußte, gern entgegen. Doch da er im Augenblick, da er es erhielt, keine Zeit hatte, es genau zu prüfen, so ließ er es vorläufig inseine Bibliothek stellen, ohne die poetische Klage zn lesen, die die Blumen begleitete. Ani nächsten Tage erschien ein Mann, der vier Rollen mit Schriftzeichen in der Hand hielt, die er verkaufen wollte. Gegenstände solcher Art ließ sich Kao-Naling stets zeigen, und er gab den Befehl, den Alaun herein zn führen und betrachtete dann die Rollen. "Das ist merkwürdig, wer hat das geschrieben?" fragte Kao. "Es sind Versuche, in denen ich mich selbst geübt," versetzte der Gefragte. Der alte Mandarin erhob das Haupt; er hatte einen Männ vor sich, dessen Vornehmheit ihm auffiel. "Wie ist dein Nan:e," fragte er, "und wo ist deine Hciniat?" "Ich heiße Tsni-Tsinen-Tschin," sagte der Mann unt Thränen in den Augen, "meine Familie stammt cm" Tschintschen. Mit Hilfe meines Vaters erhielt ich die llnterpräfektnr von Iongkia. Ich machte mich ans den Weg, um diesen Posten anzutreten und nahm meine Fra" mit. Doch die Schiffer, die ich gedungen hatte, warfen mich in den Iantßekiang, um sich meines Vermögens zu bemächtigen. Was ans meiner Frau und meinen Diener" geworden ist, weiß ich nicht. Da ich, lange Jahre am UTeL' des Flusses gelebt hatte, konnte ich schwimmen und nute1' tauchen und trotz großer Hindernisse das Ufer erreichem Jch wurde von einem Bauern aufgefischt, bei dem ich die Nacht zubrachte, und der mir Reis und Wein a"bot, obwohl ich nicht eine einzige Sapeke bei mir h"lteum ihm seine Wohlthaten zn vergelten. Als ich am nächsten Tage Abschied nahm, sagte er zu mir: "Da du dm Opfer einer Räuberbande geworden bist, so mußr du da-.' dem Mandarinen mitteilen. Ich selbst möchte mich 11111 keinen Preis in die Geschichte einmischen, doch du handle/ wie ich es dir gesagt." 397 ^L»«LL»«LL»«LL»<LL»«LL» Line altchinesische Novelle. Er zeigte mir den Weg nach der Stadt, und ich habe im Bezirk Pingkiang meine Klage abgegeben. Leider hatte ich kein Geld, konnte also den Eifer der llnterbeamten nicht anfeuern und warte nun schon ein Jahr, ohne das; man sich um mich 31t kümmern scheint. Ich bin fern Non meinem Lnrde und habe nicht die geringsten Mittel. So suchte ich denn meinen Lebensunterhalt zu verdienen, iubem ich solche Schriften verfertige, und wundere mich darüber, daß deine Gnaden meine Kritzeleien mit so wohlwollendem Blick betrachten. "Da du augenblicklich genötigt bist, dir Mittel zu schas fen, so mache ich dir den Vorschlag, bei mir zu bleiben und meinen Enkeln die Kunst zu lehren, elegante Schriftzeichen zustande zu bringen. Bei der Gelegenheit werden wir öfter von deinem Unglück sprechen können. Ist dir das recht? "In meinem Unglück schlossen sich aste Pforten vo> mir, und wenn du mich unter deinen Schutz nehmen willst, so werde ich das als das höchste Glück betrachten. Kao-Naling war sehr zufrieden, daß sein Anerbieten so schnell angenommen wurde, rmd lud den Schreiblelner ein, in seine Bibliothek zu treten, um ihn mit einigen Bussen Wein willkommen zu heißen. Beide tranken und plauderten eifrig, als Tsiuen-Tschin die Malerei bemerkte, sofort wechselte er die Farbe, und Thränen traten ihm in die Augen. » "Ich ivist dir die Wahrheit nicht vorenthallen," versetzte Tsiuen-Tschin, "dieses Bild gehört zu den Gegenständen, die auf dem Schiffe geraubt wurden. Ich selbst habe diese Blumen gemalt, und du magst selbst urteilen, wie ich überrascht sein muß, sie in deinem edlen Hause lvieder zu finden." Während er diese Worte sprach, war er anfgestanden, um das Gemälde näher zu betrachten, und die geschriebenen Worte erregt.;:seine Aufmerksamkeit. Dann fügte erhiuzu: "Poch merkwürdiger aber ist es, daß diese Inschrift von der Handschrift meiner Frau Uang stammt." "Wie kannst du das behaupten?" "Die Schrift meiner Frau ist mir ganz genaubekannt, und außerdem liegen hier Anspielungen vor, die mir keinen Zweifel darüber lassen, daß meine arme Frau diese Worte 3JJ <LL»<ZcL»^L><LL»<LL»<LL»<LL»«LL»<ZL»«LL» Der Wandschirm. <LL»«LL»«LL»<LL»<LL»«LL»«LL»«LL»«LL»«LL> 400 selbst, und zwar erst nach dem Unglück geschrieben hat. Meine Frau ist also noch immer am Leben und jedenfalls in der Macht der Banditen, und wenn deine Gnaden nachforschen lassen will, woher dieses Gemälde stammt, so werden wir die Verbrecher sicher fassen." "Gewiß, das verspreche ich dir," rief Kao, "doch wir müssen vorsichtig zu Werke gehen, damit wir die Schurken nicht warnen." Der alte Mandarin erhob sich nun ebenfalls, rief seine Enkel, damit sie ihren neuen Lehrer begrüßten, und TsiuenTschin nahm im Hause Wohnung. Am nächsten Tage schickte Kao einen Boten an KoKing-Ä,schun, forderte ihn auf, ihn zu besuchen, und fragte den Spender des Gemäldes, aus welcher Quelle es stamme. Dieser naunte das Nonnenkloster, wo er es gekauft. Kao schickte Voten hin, die sich genau nach dem Ursprung des Gemäldes und der Person, die die Schriftzeichen hinzugefügt hatte, erkundigen sollten. Als Uang sah, daß man die Oberin vernahm, riet sie ihr, bevor sie die ihr vorgelegten Fragen beantworte, selbst zu fragen, in wessen Aufträge man denn komme, und aus welchen Gründen man das alles wissen wolle. Die ?lbgesandten verschwiegen nicht, daß der Wandschirm sich in den Händen des großen Mandarinen Kao-Naling befinde, und daß sie von ihm beauftragt wären, diese Erkundigungen einznziehen. Eine von einer so hohen Persönlichkeit angeordnete Untersuchung konnte nur glückliche Folgen haben, und Uang, die das einsah, veranlaßt die Oberin, rückhaltlos die Wahrheit zu sagen, nämlich daß die Brüder KnNgosieu das Bild dem Kloster geschenkt, während die Novize HoeiWuen die Inschrift dazu gesetzt hatte. Als KaoNaling das erfuhr, sagte er sich, er müsse die Novize HoeiYuen kennen lernen und suchte seine Frau auf, um sich mit ihr iiber die etwaigen Mittel dazu zu verständigen. Zwei Träger begaben sich mit ihrem Palankin nach dem Kloster, in Begleitung eines klugen Dieners, der folgende Worte sprach: "Ich bin Haushofmeister des mächtigen Kao-Naling. Die Dame dieses Hauses, meine Herrin, liebt es gern, Gebete zu verrichten. Doch sie hat niemand, der sie mit ihr sprechen könnte. Da sie nun erfahren hat, daß in Eurem Kloster eine junge Nonne Hoei-?)nen lebt, die sie in frommen Hebungen unterrichten könnte, so hat sie mich beauftragt, Euch zu bitten, die junge Nonne einige Zeit bei ihr verleben zu lassen. Hütet Euch wohl, diesen Wünschen nicht zu willfahren." "Hoei-Iuen ist uns in allen Angelegenheiten des Klosters kaum entbehrlich," sagte die Oberin, die diese unerwartete Mitteilung in große Aufregung versetzte. llang aber trug im Herzen einen unwiderstehlichen Durst nach Rache, und sie sah die Mittel, diesen Rachedurst zu befriedigen, wenn es ihr gelang, in das Haus eines mächtigen Mandarinen zu kommen. "Habe ich das Recht, eine Einladung auszuschlagen. wenn ein Haus sie mir in dieser schmeichelhaften Weise zu teil werden läßt," bemerkte sie zu der Oberin, "könnte nicht eine Weigerung von meiner Seite die unangenehmsten Folgen für Euch haben." Als die Oberin sie so sprechen hörte, versuchte sie nicht mehr, sie zurückzuhalten, und llang wurde in dem Palankin, den man ihr geschickt, fortgetragen. Frau Kao sprach zuerst mit der jungen Nonne von den Gebeten des Buddha-Kultus, und von der Anmut und Eleganz, die Hoei-Iuen während der Unterhaltung entfaltete, entzückt, ergriff sie bald die Gelegenheit, ihr zu sagen: "Aus deinem Tone erkenne ich, daß du nicht ans dieser Gegend stammst. Hat man dich schon in deiner Jugend ins Kloster gebracht oder bist du erst Nonne geworden, nachdem du dich verheiratet und deinen Mann verloren hast?" Diese Frage trieb der jungen Frau Thränen in die Augen. "Nein," rief sie, indem sie sich bemühte, ruhig zu bleiben, "ich bin nicht aus dieser Gegend, ich bin aber auch nicht als Kind ins Kloster gebracht worden. Seit einem Jahre trage ich ein entsetzliches Geheimnis im Herzen, das ich nie* mandern anzuvertrauen wagte. Dir aber will ich alles gestehen." Nach diesen Worten nannte sieihrenwahrenNanien und erzählte Frau Kao alles, was sich ereignet. Vor: der Erzählung, die sie vernahm, tief gerührt, stieß die alte Dame einen Schrei der Entrüstung aus. "Diese Räuber sind entsetzliche Schurken! Aber solche Verbrechen erregen doch den himmlischen Zorn, wie kommt es, daß sie noch nicht bestraft sind?" "Ich bin nur eine arme Nonne und weiß nichts vorr dem Lärur der Außenwelt. Nur soviel weiß ich, es sind Leute gekommen, die dem Kloster ein Gemälde mit Mohnblumen verehrt haben, und dieses Bild, das Werk meines Mannes, gehört zu den Gegenständen, die sich auf dem Schiffe der Mörder befanden. Ich habe die Oberin gefragt, wer die Spender wären. Sie hat mir erklärt, es wären die Brüder Ku-Ngosieu, und ich weiß genau, daß &etMann, dessen Schiff mein Gatte gemietet hatte, Ku hieß. Dieser Wandschirm ist also ein Zeuge, der die Verbrecher klar und deutlich anklagt. Neben die Mohnblumen halst ich eine Inschrift gesetzt, die Anspielungen auf meine traurige Lage enthält, und ein Angestellter deines edlen Hauses hat sich im Kloster erkundigt, welche Hand diese Worte geschrieben. Diese Hand ist die meine, und die Anspielungen wirst du jetzt wohl verstehen." Dann warf sie sich der Frau Kao zu Füßen und fnhr fort: "Die Banditen leben in der Nachbarschaft und sind ganz nahe, und ich bitte dich, lenke die Aufmerksamkeit deines edlen Gatten auf sic, ich werde ihn ans ihre Spnr bringen. Wenn sic entdeckt sind und ihr Verbrechen gesühntdann habe ich in dieser Welt die Manen meines Gatten gerächt. Tn aber und dein edler Gatte, ihr werdet ein verdienstvolles Werk der Gerechtigkeit vollbracht haben." 401 ^^^^<^«LL»<LL»<LL»«LL.«LL»<ZL» Line altchincsischc Novelle. <^<^<^<2S><2^>«2S><2S><2££><22§> 402 "Bei solchen Angaben werden die Nachforschungen nicht allzu lange Zeit in Anspruch nehmen," versetzte Frau Kao, "ich werde sofort mit meinem Gatten sprechen. -' I I Ttzatsächlich erzählte sie ihm alles, was sie eben gehölt hatte und bezeugte dabei das lebhafte Interesse, das ihr die energische Frau einflößte. "Was du mir erzählst, stimmt vollständig mit den Erklärungen des Mandarinen Tsui übereilt," sagte Kao, "selbst von dieser Inschrift hat er mir erzählt. Diese Nonne ist wirklich seine Frau. Behandle sie deshalb kecht gütig, doch bewahre über alles, was ihren Gatten betnfft, die größte Verschwiegenheit." "Was dtl sagst, ist vollkommen richtig, aber sie glaubt ^och noch immer an den Tod ihres Gatten. Wie soll sie «lso da andere Gewänder anlegen und sich die Haare wachsen lassen?" "Es ist deine Sache, sie zu überreden, und wenn es di> nicht gelingt, so werden wir weiter sehen." Frau Kao, die den lebhaften Wunsch hegte, ihrem satten zu willfahren, suchte Hoei-Duen ans und sprach zu % mit gütigen Worten: "Dein Gewand und deine Tonsur könnten llnzntlägiichkeiten in diesem Hanse, wo man dir Gastfreundschaft gelnährt, zur Folge haben. Verzichtest du darauf, so wärst ganz einfach eine Witwe, die uns in unserer Häuslichkeit Gesellschaft leistet. Würde dir das nicht zusagen?" "Ich danke dir und deinem Gatten aufs herzlichste, ^ch bin weder von Holz noch von Stein, und diese wohltvollendc Teilnahme rührt mich tief, doch fern liegt mir de> Gedanke, mein Haar wieder zu leichten Locken zu knüpfen Kürschner, China IM und wieder Pomade und Schminke zu gebrauchen, da mein Gatte tot ist." "Nicht willkürlich und nicht ohne Absicht hegt mein Gatte den Wunsch, du möchtest dein Haar wieder wachsen lassen. Vielmehr stellt er dieses Verlangen cut§ folgenden Gründen: Als er über deine Angelegenheit Erkundigungen einzog, hat ein Beamter aus Pingkiang versichert, ein junger Mandarin, den man als den llnterpräfekten von Aongkia erkannt, habe schon im vorigen Jahre auf das in Rede stehende Verbrechen aufmerksam gemacht. Es könnte also sein, daß der Mandarin Tsui nicht tot ist, und man ihn vielleicht wieder finden könnte. Wie soll man ihm aber seine Frau zurückgeben, wenn sie in den Augen aller eine Nonne ist?" Die Erwähnung des jungen Mandarinen, der den Tod ihres Mannes bereits hatte rächen wollen, machte einen lebhaften Eindruck auf Hang. Sie erinnerte sicb. daß ihr Mann ein Schwimmer ersten Ranges war, und daß man ihn lebendig in den Fluß geworfen hatte. Wer wußte denn, ob er nicht mit des Himmels Hilfe das Ufer heil und gesund erreicht hatte? Dieser Gedanke gab allen ihren Entschlüssen eine plötzliche Wendung. Sie hörte auf, sich den Kopf zu rasieren, und wenn sie die Klostergewänder auch nicht gleich ablegte, so verlor ihr Anzug doch etwas von seiner Strenge. Ein Monat war verflossen, ohne daß sich ein bemerkenswertes Ereignis zugetragen hätte, al? ein kaiserliches Dekret den Doktor Sie-Pohao als Censor in die Provinz schickte. Dieser Doktor war ein redlicher Mann von großem Verdienst, der einst seine Laufbahn unter den Befehlen Kaos begonnen batte und sich, als er angelauat war. beeilte, seinem früheren.Vorgesetzten einenBesuch abzustatten. Kao ergriff diese Gelegenheit, um mit den Räubern ein schnelles Ende zu machen. Er erzählte dem Eensor die ganze Angelegenheit und erhielt von ihm das Versprechen, daß die Sache aufs eifrigste betrieben werden sollte. Eines Tages, an dem die Banditen vollzählig bei einander waren und sich fröhlichem Zechen überließen, umstellte ein Offizier der Kriminaljustiz, der eine Schar regulärer Soldaten befehligte, das Verbrechernest, verhaftete auf Grund eines vom Censor unterschriebenen Befehls die ganze Gesellschaft und nahm eine Haussuchung vor. Dieser Offizier hatte eine Liste von Namen, an deren Spitze die Gebrüder Kn standen und eine andere, die die der Faniilic Tsui geraubten Gegenstände enthielt. Nicht ein einziger Mann konnte entwischen, und die gefundenen Gegenstände wurden größtenteils als Eigentum Tsnis anerkannt. Die Männer wurden gefesselt und in den Gerichtssaal gebracht, wo der Censor seine Sitzungen abhielt. Auch die in Kasten und Killen eingeschlossenen geraubten Gegenstände brachte man dahin. Zuerst leugneten die Banditen: als aber in einem der Kästen das eigene Dekret des Mandarinen Tsin zum Vorschein kam, auf Grund dessen er zum Unterpräfekhielten, zu Protokoll bringen. Alle Banditen, Anführer und Knechte wurden zum Tode verurteilt, unverzüglich hingerichtet und ihre Köpfe auf der Landstraße ausgestellt. Tsui erhielt alle ihm gestohlenen Gegenstände wieder, die man aufgefunden und zu Kao geschickt ten von Jongkia ernannt worden, senkten siedasHaupt und sagten kein Wort mehr. Der Censor verlas die Anklage und fragte daun: "Was ist aus der edlen Frau Uang geworden, die ihren Mann auf dem Schiffe begleitete?" Die Männer sahen sich gegenseitig an, ohne einWort zu sprechen, doch als der Censor den Befehl gab, den Anführer deWande * der Folter zu unterwerfen, ergriff sein Bruder das Wort und sagte: "Ich wollte sie bei mir behalten und sie meinemzweitenSohne zur Frau geben. Man hat ihr nichts zu Leide gethan, und sie schien so freudig auf beit Vorschlag einzugehen, das; ich ihr gegenüber nicht das geringste Mißtrauen hegte. Dieses Vertrauen hat sie benutzt, um in der Nacht des großen Herbstfestes zu entfliehen, während wir alle schliefen. Wohin sie geflohen, wissen wir nicht. Das ist die reine Wahrheit." Ter Censor ließ diese Worte, die ein Geständnis ent halte. Auch sein Dekret als Mandarin wurde ihm zurückgegeben, doch was aus seiner Frau geworden war, hatten selbst die Banditen nicht verraten können. Als Tsuis Schmerz sich einigermaßen beruhigt hatte, sagte er sich: "Da ich mein Dekret wieder habe, so könnte ich doch auch meinen Posten wieder einnehmen, und wenn ich noch länger zögere, so wird man einen anderen ernennen, der dann meine Stelle einnimmt. Wozu soll ich noch in dieser Gegend bleiben, da ich ja keine Hoffnung habe, meiner Frau hier wieder zu begegnen?" Darauf ging er zu Kao und teilte ihm seinen Entschluß mit. "Ein Mandarinat ist eine schöne Sache," bemerkte Kao. "Wirst du dort drüben aber ganz allein leben können? Wäre es nicht besser, wenn ich deinen' Freiwerber machte und dir eine angenehme Gefährtin zuführte?" "Mein teures Weib hat geschworen, nur der Tod solle uns trennen," versetzte Tsui mit Thräuen in den Augen. "Das Unglück hat sie schwer getroffen. Wer weiß, wohin sie geflohen ist, ja, ob sie überhaupt noch lebt; doch die Inschrift auf dem Wandschirm hat mich auf den Gedanken gebracht, daß sie sich irgendwo versteckt hält. Bleibe ich nun hier, um die Naehforschuugcu weiter fortzusetzeu, so werden vielleicht Monate und Jahre verfließen, und ich werde meiu Mandarinat verlieren. Ich halte es für klüger, das Amt anzutretcn. Dann werde ich Leute ausschicken, die alle Gegenden durchforschen sollen und werde Anzeigen an die Wände kleben lassen. Kao fühlte, wie aufrichtig diese Erklärung war, und von tiefer Rührung ergriffen, versetzte er: "Eine so wahre Liebe muß selbst den Himmel rühren, und er wird dich sicher unterstützen. Ich wage nicht, auf meinem Vorschlag zu bestehen und bitte dich nur, deine Abreise auf einen Tag zu verschieben, damit ich dir ein Abschiedsmahl geben kann." Dieses Mahl fand am nächsten Tage nsit großem Pomp statt. Kao hatte zu demselben alle Mandarinen und Gelehrten, deren er nur habhaft werden konnte, eingeladen. Nachdem der Wein niehrere Male die Runde ge405 «L!^«Z^<ZL<ZtL«LL»<LL«ZL»<LL»<LL» Line altchinesische Novelle. «LL»<LL»^L»<LL»«LL»<LL»^L»,LZ,^L» 406 macht, erbat sich der alte Gouverneur Gehör ttnd sagte, während er seine Tasse erhob: "Auf die Gesundheit des Mandarinen Tsni und auf das Glück, das ihm noch in diesen: Lebeir blüht." Frau Kao, die schon vorher unterrichtet war, rief sogleich klang zu sich und erklärte ihr, ihr Gatte sei seit längerer Zeit in diesem Hause. llang glaubte 31t träumen und zitterte vor Aufregung. Dennoch dankte sie Frau Kao und trat ::: den großen Saal. Ihr Haar war bereits wieder halb gewachsen, und sie hatte das Klostergewand abgelegt. Daher war sie nicht mehr zu verkennen und Tsui-Tsiuett-Tschin wankte, als er sic bemerkte, wie ein Trunkener. "Nun," fuhr Kao lachend fort, "ich hatte mich als Freiwerber angeboten; verschmähst im meine Dienste immer noch?" Tsui-Tsiuen-Tschin hörte nicht auf ihn. Er hatte seine Frau in die Arme genommen und nmrmelte: "Ich fürchtete schon, >vir. wären in diesen: Leben für immer getrennt. Wie hätte ich denke:: können, daß es nur fe vergönnt sein würde, dich wieder zu sehen?" Die verwunderten Gäste wußten nicht, was sie von dem Schauspiel, das sich ihren Augen bot, denken sollten und bestürmten Kao mit Fragen, doch dieser ließ, bevor er ihnen antwortete, den Wandschirm holen und erklärte ihnen nun, wie alles gekommen. "Der Mandarin Tsni und sein edles Weib," sagte er zum Schluß, "haben beide fast ein Jahr in diesen: Hanse zugebracht und glaubten sich von einander fern, während sie sich doch so nahe waren. Um sie zu vereinigen, mußten wir warten, bis der Frau die Haare wieder gewachsen, das Diplon: des Gatten wieder aufgefunden, und die Räuber sich endlich in den Händen der Justiz befanden. Die Prüfung, der die beiden Gatten unterworfen wurden, hat bewiesen, daß der eine eben so fest in seiner Treue, wie der andere in seiner Tugend war, und daß beide ein edles Herz besitzen." Die Erzählung des alten Mandarinen rührte die Anwesenden aufs tiefste, und man beglückwünschte ihn, daß er die Sache zu so gutem Ende geführt hatte. Als llang wieder in die inneren Gemächer zurückkehrte, forderte der Hausherr die Gäste auf, sich wieder zu Tisch zu setzen, und das Mahl ging fröhlich weiter. Ein Zimmer war hergerichtet worden, in welchem das Paar die Nacht zubringen sollte, und unter lebhaften: Bedauern von beiden Seiten fand am nächsten Morgen die Abreise statt. Kao sorgte dafür, daß es den Gatten auf ihrer Reise an nichts fehlte und machte ihnen außer dem Reisegeld noch einen Diener und eine Magd zum Geschenk. Bevor sie sich auf immer ans dieser Gegend entfernten, wollte Tsui-Tsinen-Tschin und seine Frau noch einmal das Kloster besuchen. Die Nonnen waren sehr erstaunt, als sie sahen, daß llang ihre weltlichen Gewänder angelegt hatte. Sie erklärte ihnen das Erlebte und dankte aufs herzlichste für die Aufnahme, die sie der Flüchtigen hätten zu teil werden lassen. DerOberin und ihren Gefährtinnen hatte llang eine große Zuneigung einzuflößen verstanden. Doch diese Trennung war notwendig, und sie war schmerzlich und von vielen Thronen begleitet. Die Schwaben in China. üon Jldolf Palm. Der Kaiser sprach: Uergossen ist das Blut Der Gdlen, die auf schwerem Posten standen, Die, kämpfend für das ßbristenreebt voll Mut. Den Cod durch schnöde mordgesellen fanden. Drum rüste Dich, Du deutsche Reldenscbar, freiwillig sammelt euch im Reich, Ihr Braven, Die Mafien blank! frischauf, die Segel klar, Ihr sollt die Chat des frechen Jeindes strafen! Der König sprach: Du hörst's, mein Schwabenland, Du darfst in diesem beil’gen Krieg nicht fehlen! Die Reichssturmfahne trug einst Deine Rand, Stets wusstest Du im Kampf die Kraft zu stählen! Scbliess fest Dich an des Hördens Stämme an, Hn die nach manchem Sturm mit Dir versöhnten, Weit überm Weltmeer liegt jetzt Eure Bahn. Wo deutsche Waffen nie vereint noch dröhnten! Und sieb, auf Bergesböb, im Cbalesgrund, Wo fleiss’ge Bände Jriedenswerke schufen, Uernimmt aus Kaisers und aus Königs Mund Der Landessohn das kriegerische Rufen. "Lebt wohl, Ihr Litern, lebe wohl, mein Lieb! Weh thut das Scheiden — ob zurück ich kehre? Doch was mich jetzt von Gurer Seite trieb, Das ist ja — merkt’s Guch — zu des Reiches Gbre!“ Die mäcbt’ge fInt durchfurcht der Schiffe Kiel, Die deutschen Baggen flattern hoch im Winde, Bald ist erreicht im fernen Ost das Ziel, Die Brust glüht jedem, dass den Jeind er finde. Uor ihrem Anprall stürzen Wall auf Wall, Der Bof von Peking flieht — die grosse Mauer Zeigt Löcher bald und Risse überall, Das Boxerbeer zerstiebt in Angst und Schauer.. Was dann geschah, wie man genützt die Kraft, Die treuen Schwaben konnten es nicht ändern; Wie schnell ach! ist der Adlerflug erschlafft Im innern Zwist von so viel fremden Ländern. Ihr, deren Rerz nur frische Chat bewegt, Ihr sollt mir aber nicht den Spruch verwehren: Gntbebren, Rarrcn, Dulden unentwegt, Ist manchmal auch ein Stück von Reldenebren! Oer friedeneftifter. Line Lhestandsgeschichte von frelkerrn von m n demTage, an demLeutnantv.Meurer seine junge, JLpl, hübscheund reicheFrauheimführte,hatteersich selbst und allen anderen, die es nur irgendwie hören wollten, mit hoch erhobener Rechten geschworen, er sei der glücklichste Mensch unter der Sonne und er werde es bteiben, so lange er lebe. Uird er hatte wahrlich alle Ursache, glücklich Zu sein. — Drei Jahre hatte er um seine Frau geworben, ehe der Schwiegervater, ein reicher Amerikaner, seine Einwilligung gab. In Karlsbad am Mühlbcunnen hatte die Bekanntschaft dadurch begonnen, daß er der jungen, schönen Amerikanerin — wie die bösen Kameraden behaupteten "absichtlich", wie er behauptet "unabsichtlich" — auf die Füße trat. Er hatte sich entschuldigt, sich vorgestellt und war, ohne sich irgendwie mu ihr erstauntes Gesicht zu kümmern, nicht von ihrer Seite gewichen — weder an diesem Tag noch an den folgenden. Stach vier Wochen hatten sie sich mit einein "Auf Wiedersehen im nächsten Jahr" getrennt und pünktlich am ersten Mai trafen beide Parteien ivieder ein — aber zu der erhofften Verlobung kam es erst, als sie sich im übernächsten Jahr zum dritten Riale sahen. Nun war Leutnant von Menrer schon seit drei Jahren glücklicher Ehemann, das heißt, so ganz glücklich war er eigentlich doch nicht. Sticht etwa,als oberunterdemzierlichen Pantoffel seiner jungen, eleganten Frau gestanden Hütte, oder als ob sie ihn etwa tyrannisiert hätte, nein, das gab es nicht und er war auch nicht der Mann, der sich so etwas hätte gefallen lassen. Nein, seine kleine Mäüd war die Zärtlichste Gattin, die er sich nur vorstellen konnte, sie liebte ihren Fritz wirklich — aber sie liebte ihn vielleicht etwas zu sehr, sie wollte ihn ganz für sich haben, sie liebte es nicht, daß er so viel außerhalb des Hanfes war und deshalb drang sie täglich in ihn, seinen Abschied zu nehmen, sie konnten ja auch ohne sein Gehalt leben, ihr Vater gab einen jährlichen Zuschuß von dreißigtausend Mark, da spielten die hnndertzwanzig Mark Gehalt, die er am Ersten bekam und über die sie sich immer halb tot lachen wollte, doch gar keine Rolle, lind außerdem, was war ein Offizier? Die hatten nach ihrer Ansicht gar keine Stellung, ZN thun hatten sic auch nichts und verdienen thaten sie auch nichts — wozu da die Zeit an unnütze Dinge vergeuden? Vergebens widersprach er: er war Offizier mit Leib und Seele, für ihn gab es nichts Schöneres als seinen Dienst. Als er eintrat, war er traurig gewesen, mit Rücksicht auf seinen Geldbeutel nicht Kavallerist werden zu kön6ckliclit. nen, aber sehr bald fühlte er sich auch als Infanterist, als ganz gemeiner "Fußlatscher" sehr glücklich und er konnte sich ein Leben ohne seinen Dienst gar nicht denken. Uird was sollte er machen, wenn er ans Liebe zu seiner kleinen Frau wirklich den bunten Rock auszog? Sollte er mit sechsunddreißig Jahren weiter nichts thun, als sich dem Tod entgegen langiveilen? Sollte er nur der Mann seiner Frau sein? Er dachte nicht einmal im Traume, geschweige denn im wachenden Zustande daran. So setzte er denn allen Bitten seiner Frau ein "Nein" entgegen und je energischer dieses "Nein" klang, desto zärtlicher wurden ihre Bitten, desto mehr drang sie in ihn, ihr doch diesen "kleinen Gefallen" zu thun. Und um endlich doch ihr Ziel zu erreichen, ließ sie alle Künste der Verführung spielen — nur in Ohnmacht fiel sie nicht, damit hielt sie sich als praktische Amerikanerin nicht auf. "Wenn deine Thätigkeit wenigstens noch einen ernsten Hintergrund hätte, dann -wollte ich noch nichts sagen," meinte sie eines Tages, "aber wozu exerziert ihr eure Soldaten? Krieg giebt es heutzutage ja doch nicht mehr — das sagt mein Vater und der weiß an der Börse Bescheid und heutzutage bestimmt die Börse über den Krieg, wie früher in den Kabinetten darüber entschieden wurde." Mit ihrem süßen kleinen Mund redete sie Sinn und Unsinn durcheinander, nur um ihn zum Nachgeben zu bestimmen und vergebens versuchte er die Bedeutung des Wortes: "si vis pacem, para bellum” klar zu machen. Daß man sich stets auf deir Krieg vorbereiten müsse, urn den Frieden zu heben und daß das ohne das Soldatenspielen, wie sie es nannte, nicht ginge, das wollte ihr nicht in den Sinn. Jeder der beiden Gatten beharrte auf seinem Standpunkt und so trat nach und nach eine Entfremdung zwischen ihnen ein, von der sie beide, als sie sich heirateten, sich nichts hatten träumen lassen. Aber mit der Ehe ist es bekanntlich ein eigen Ding: "Heirate nie," sagte einmal ein weiser Mann zu seinem Sohn, "denn inan kann nie wissen, wie sich eine Frau im Laufe der Zeit innerlich und äußerlich entwickelt." Und so unrecht hatte der weise Manir nicht. Das Verhältnis der beiden wurde immer kühler und kühler, sie waren wie stets, höflich und zuvorkonunend gegeneinander, aber alle Zärtlichkeit war verflogen und beide konnte nicht begreifen, wie es möglich war, daß sie früher ineinander wirklich verliebt gewesen wären. "Er wird schließlich zur Vernunft kommen und seinen Abschied nehmen," dachte Maud. 411 ^L»^L»<LL»^L»«LL»<ZL»<LL»^L»«LL» Freiherr v. Schlicht. <LL><LL><LL><LL»«ZL><LL,<LL>^L»<LL><LL» 412 "Sie Wird endlich zur Vernunft kommen und ihren thörichten Plan aufgeben," dachte Herr von Meurer. So dachten sie so ziemlich dasselbe und doch beidegerade das entgegengesetzte und so hatte es mit dem häuslichen Frieden noch gute Weile. Da geschah es, daß Leutnant von Meurer eines Tages iir der denkbar besten Laune von: Dienst aus üer Kaserne zurückkäm. Seine Frau hörte ihn, während er sich umkleidete, eiu lustiges Lied vor sich hinsingen und als er ihr wenig später bei dem Frühstück gegenüber saß, strahlte er über das ganze Gesicht. Zuerst wollte sie thun, als bemerke sie das gar nicht. Was konnte sich denn groß ans dem Kasernenhof ereignet haben? Vielleicht war er belobt worden, iveil die Fußspitzen seiner Leute in einer schnurgeraden Linie gestanden hatten, vielleicht hatte sein Zug durch gute Griffe die Anerkennung der höheren Vorgesetzten gefunden, irgend etwas derartiges war wohl geschehen und für derartige Dinge hatte sie nicht das geringste Interesse, die waren ihr sogar ganz gleichgültig. Schließlich aber siegte doch die weibliche Neugierde, sie wollte wissen, was vorgefallen war, aber andererseits ivollte sie nicht direkt darnach fragen, daS konnte leicht so aussehen, als wenn sie wirklich neugierig wäre und den Verdacht lenkt keine Frau gern auf. sich. So sagte sie denn schließlich: "Du bist ja heute merkwürdig vergnügt." "Bin ich auch," gab er zur Antwort "dafür bin ich doch Gott sei Dank Offizier, daß mich die Nachricht nicht kalt läßt" und mit lauter Stimme sang er: "Auf in den Kampf Torero, stolz in der Brust — siegesbewußt." Er war ein tüchtiger Offizier, aber ein miserabler Sänger, so hielt Maud sich denn jetzt die beiden Ohren zu und sagte mit flehender Stimme: "Muß das sein?" "Das Singen?" fragte er, "natürlich. Du weißt doch, wenn der Deutsche sich freut, betrinkt er sich entweder oder er singt: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig biu. Der Amerikaner pflegt in solchem Fall zur Börse zu gehen und zu spekulieren, der Chinese schlitzt sich den Bauch auf, der Franzose tanzt einen Cancan, Bruder Oesterreich raucht eine seiner entsetzlichen Virginia, der Engländer ißt einen Plumpudding, der Russe verschlingt Talglichter und der Eskimo Leberthran. So äußert sich die Freude bei allen Menschen verschieden." "Aber warum freust du dich denn so furchtbar?" fragte sie nun. Er sah sie mit großen erstaunten Angen an: "Ja hast du denn heute die Zeitung noch nicht gelesen?" "Nur den New-Iorker Herold" gab sie zur Antwort. "Bleib mir doch mit dem Wurstblatt fort," schalt er, "deutsche Zeitungen sollst du leseu und wenn du es thätest, dann würdest du wissen, was los ist ^ nämlich der chinesische Teufel. Die Gelbgesichter haben mit der spielendsten die unglaublichsten Sachen fertig gebracht, sie haben Missionare ermordet, unseren Gesandtcit ermordet, sie bedrohen alle Fremden, nun, kurz uiw gut, es herrschen da Zustände, wie sie schöner gar nicht gedacht werden können. Li-Hung-TschäNg hat so lange geschwindelt, bis auch er sich endlich festlog und bis er einsehen mußte, daß seine Lügen zwar etwas längere Beine haben, als die anderer Sterblicher, aber endlos sind !>e auch nicht, lind nun geht's los — wir haben den Chinesen, zwar keinen Krieg erklärt, deirn mit einer solchen Bande führt man keinen Krieg, aber wir werden wal etwas nach China gehen, einmal nach den: Rechten sehen und den Leuten öinntal etwas auf ihren Tetenkopf -geben, daß sie mal wieder zur Besinnung kommen und ihren Opiumrausch für die nächsten Paar hundert Jahre los werden. Und der chinesisches Mauer wollen wir einen Fußtritt versetzen, daß sie iiberhaupt nicht wieder au das Aufstehen denkt." Maud hatte ganz gleichgültig zugehört, das, was sie da zu hören bekam, interessierte sie eigentlich gar nicht und sie Begriff auch nicht, wie das ihren Mann irgendwie interessieren könne. "Was geht dich das denn aber alles an?" fragte sie schließlich. "Nanu," sagte er, "nun schlägt es aber dreizehnund ein Viertel, Maud, mach dich nicht schlechter als bii bist und heuchle nicht noch weniger Interesse für mein schönes Vaterland, als du es nicht schon hast. Habe ich denn Wasser tu den Adern, daß ich kalt und ruhig bleiben sollte, wenn ich so etwas höre? Meinst du, daß ich die Schmach nicht mit empfinde, die uns zugefügt ist? Was das mich angeht, willst dil wissen? Nun, ich will es dir sagen. Wir schicken eine große Truppenmacht nach China, um uns mit den Boxern einmal gehörig zu boxen und ich boxe mit, ich gehe mit nach China, ich habe mich sofort gemeldet und heute in vierzehn Tagen schwimme ich hoffentlich auf dein Ocean. Du kennst ja auch aus dem Berliner Wintergarten das schöne Lied: "Und sie gondelten, gondelten über den stillen See." Maud hatte Messer und Gabel fallen lassen und sah ihren Manu starr an, sie wußte nicht, war das Ernst oder Scherz, was er da sprach. "Du — du — willst nach China?" sagte sie endlich stockend und zögernd. "Mer selbstverständlich," gab er zur Anwort, "zwar heißt es in Goethe: "Nichts Schönres kenne ich an Sonnuud Feiertagen, als ein Gespräch von Krieg und Feldgeschrei, wenn hinten weit in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen." Der da aber im Faust so spricht, ist der Typus eines Staatsphilisters, ich aber bin Offizier und schlage lieber selbst mit. Ja glaubst du denn," fuhr er fort, als er das fast entsetzte Gesicht seiner Frau bemerkte, "daß ich ruhig daheim bleiben würde, wenn die anderen von dannen ziehen, um zu kämpfen und Lorbeeren zu ernten, oder für das Vaterland zu sterben. Ich hoffe ja, daß ich gesund wieder komme, denn schließlich, nur um sich totschießen zu lassen, geht man ja nicht in den Krieg, aber wenn ich falle, was ist denn Großes dabei? Sterben muß man ja doch und du wirst dich zu trösten wissen." Die letzten Worte sprach er nicht ohne Bitterkeit, es war in den letzten Tagen wiederholt zu ernsten Austritten gekommen und bei den Mahlzeiten hatten sich die Gatten oft wie zwei Taubstumme gegenüber gesessen — sonst hatten sie sich am Tag überhaupt nicht gesehen und unter dem Vorwand, daß ihr Mann zu laut schnarche, war Maud aus dem gemeinsamen Schlafzimmer in die Fremdenstube übergesiedelt. Es war eine wirkliche Entfremdung zwischen ihnen eingetreten und so entsprachen seine Worte: "Du wirst dich zu trösten wissen" seiner gewissenhaften Ueberzeugung. Maud war jung, hübsch und reich — wenn er wirklich nicht wiederkam, würde sie sicher wieder heiraten und au. der Seite eines anderen fand sie dann vielleicht das Glück, das sie suchte — vorausgesetzt, daß der andere nicht auch mit Leib und Seele Offizier war. Aber er erschrak nun doch, als er in Mauds großen dunklen Augen zwei dicke Thräneu bemerkte, die sie vergebens zurückzuhalten suchte. "Aber Maud, was hast du denn nur?" fragte er, "ich dachte, du würdest dich mit mir freuen, daß ich nun endlich Gelegenheit hätte, dir und aller Welt zu zeigen, daß wir Soldaten doch nicht nur zum Spaß da sind, daß unser Exerzieren und unser Dienst doch einen sehr ernsten und praktischen Hintergrund haben. Und ich dachte, du würdest dich auch in anderer Hinsicht freuen. Du hast erst neulich, als ich deinen Bitten neuen Widerstand entgegensetzte, erklärt, du wolltest auf einige Zeit zu deinen Eltern nach New-Ijork gehen, nun kannst du es ja thun — ein Jahr bleibe ich sicher fort, die Reise, lohnt sich also wirklich für dich, du brauchst dir sogar nicht einmal eine Retourkarte zu nehmen." Aus seinen Worten klang ein leiser Spott — sie merkte es, daß er wirklich verbittert war, daß sie es mit ihren Bitten zu weit getrieben hatte, sie merkte ihm die Freude au, für einige Zeit fortzukommen — und daß ihm dies so leicht wurde, daß er so scherzend darüber sprach, daß die bevorstehende Trennung ihn gar nicht traurig stimmte, das kränkte sie in ihrem Stolz und in ihrer Eitelkeit. Und so begann sie heftig zu schluchzen, sie weinte, weil sie zornig darüber war, daß ihr Mann sich nichts mehr aus ihr machte, sie weinte, weil sie nun in das Gerede, der Welt kommen würde, die da schon oft gesagt hatte: Verdenken kann mau es dem Mann nicht, wenn er eines Tages auf und davon geht, sie weinte — ja warum weinte sie nicht? Wahrlich nicht in letzter Linie weinte sie, weil ihr Gatte sie verlassen wollte — daß s i e daran gedacht hatte, auf einige Zeit von i h m fortzugehen, bis er zur Vernunft gekommen sei, war nach ihrer Meinung etwas ganz anderes, er aber durfte nicht gehen, schon damit es nicht hieße, ihr Gatte habe es auf die Dauer bei ihr nicht ausgehalten. Ilnd jetzt, als sie fürchtete, ihn vielleicht auf immer zu verlieren, erwachte auch mit einem Male die Liebe wieder in ihr, aus Liebe hatte sie ihn ja doch schließlich geheiratet und jetzt fühlte sie es: sie liebte ihn immer noch. Und plötzlich lag sie an seinem Hals, weinend und schluchzend, mit thränenüberströmtem Antlitz. "Fritz. Fritz" bat sie, "thu mir das nicht au, gehe nicht fort, bleibe hier, was soll ich wohl ohne dich anfangen — ich habe dich ja so lieb." Ihre Lippen suchten und fanden seinen Mund, den sie mit heißen, leidenschaftlichen Küssen bedeckte. Der Wahrheit die Ehre: er küßte wieder, zuerst um sie zu beruhigen und zu trösten, dann aber, weil auch die alte Liebe, die wohl in ihm ein geschlummert, aber nie erstorben war, wieder in ihm erwachte. "Warum küssen sich die Menschen?" fragte schon der 415 «ZL«ZL<LL»<L§><LL»<ZL»E,E><L!§>^L'Freiherr v. 416 berühmteste, wenn auch nicht der größte allerKater — denn die vierbeinigen Kater sind oft reine Waisenknaben im Vergleich niit den zweibeinigen. .. "Warum küssen sich die Menschen? Fritz und seine schöne Maud versuchten gar nicht diese Frage zu lösen, sie küßten sich weiter, bis Fritz sich endlich mit sanfter Gewalt anv ihren Armen los machte und seine Stimme hatte einen wärmeren, fast herzlichen Klang, als er sagte: "Nun sei verständig, kleine Maud, geschehene Dinge lasse,: sich nicht ungeschehen machen — ich gehe nach China, das unterliegt keinem Zweifel. Die Liste ist bereits telegraphisch dem Generalkoinmando niitgeteilt, morgen lieg: sie in: Kabinett, da ist nichts zu ändern, ein Zurück giebt es nicht mehr, wenn ich nicht den Fluch der Feigheit auf mich laden will und das wirst du doch nicht wollen." "Was liegt mir daran, ob die anderen dich für feige halten, wenn du nur hier bleibst," wollte sie entgegnen, aber sie hatte doch nicht den Mut, die Worte auszusprechen, sie wußte, daß sie ihren Mann dadurch von neuem erzürnen würde. Sie weinte still vor sich hin und er sprach von neuem tröstend auf sie ein: Vierzehn Tage hatten sie ja noch vor sich, ehe er ging und wie schnell war nicht ein Jahr herum — das waren ja nicht einmal fünfhundert Tage und ebenso schnell wie fünfhundert Mark dahin schwinden, besonders wenn man sie auf einmal für eine neue Pariser Toilette ansgiebt, ebenso schnell, wenigstens beinahe ebenso schnell, gingen fünfhundert Tage dahin. Und wie bei jedem Streit die Versöhnung, so sei nach jeder Trennung das Wiedersehen das Schönste und das schilderte er ihr in so rosigen warben, daß sic sich schließlich darauf freute. "Frauen sind weiß Gott große Kinder, selbst wenn sie aus dem nüchternen Amerika kommen," dachte er, aber er hütete sich, cs ihr zu sagen, denn seine besten Gedanken nmß man ja häufig für sich behalten. Maud faßte sich schließlich so weit, daß sie alles wegen seiner Abreise mit ihm besprach und als gute Hausfrau ließ sie sogar durch das Dienstmädchen Nachsehen, ob auch an allen Hemden Knöpfe daran seien — mit fehlenden Knöpfen sollte er unter keinen Umständen reisen. "Da hast du ganz recht", sagte er, "was sollen die Chinesen auch denken, wenn sic meine Leiche plündern und fehlende Knöpfe entdecken. Da sagen selbst die Brüder: Der muß ja eine nette Frau gehabt haben und dann kommen sie vielleicht her und nehmen an dir Rache." Cr versuchte zu scherzen, aber ihre gute Laune bekam sie erst ganz wieder, als er ihr erzählte, bevor es nach China ginge, würden sie noch auf ein paar Tage zusammen nach Berlin reisen, um dort seine Ausrüstung zu vollenden. Darauf freute sie sich wie ein Kind, denn sie liebte Berlin über alles und sie entwarf ein genaues Prograinm, was sie alles dort ansehen wollten. Mer aus der Reise wurde nichts. Nach drei Tagen wurde der Oberleutnant von Meurer auf das Regiinentsbureau gerufen und dort setzte ihm der Oberst auseinander, es hätten sich so viele Offiziere für China genwldet, daß cs unmöglich gewesen sei, alle Gesuche zu bewilligen, er sei im Kabinett gestrichen worden. Hätte Herr von Meurer nicht seinem Vorgesetzte!: gegenüber gestanden, so hätte er ganz grausam geflucht, so aber blieb ihm nichts anderes übrig, als alles, was er auf den: Herzen hatte — und das war nicht wenig —hinunterzuschlucken. Für die Stimmung ist aber so etwas keineswegs empfehlenswert und so befand sich der Herr Ober, als er von den heiligen Gefilden des Regimentsbureaus dann wieder ii: den Kasernenhof herniederstieg, iit einer Stimmung, die man bei»: Militär ohne Charge "hundsmiserabel" nennt. Cr hatte sich wirklich auf China gefreut und diese Freude konnte selbst dadurch nicht getrübt werden, daß er in der letztenZeit doch mit einigemHerzklopfen ai: denAbschied von scinerMaud gedacht hatte. Er war verliebt insie,wiedm mals, als er geschworen hatte, er sei der glücklichste Mensch aus der Erde und werde es bleiben bis an sein Lebensende. Was würde Maud sagen, wenn sie erführe, daß er nicht fortginge? Sie würde sich freuen, ihn dann aber sofort wieder mit Bitten bestürmen, nun aber wirklich seinen Abschied ci>:zureichen und sie würde versuchen, ihm zu beweisen, daß das Soldatensein doch gar keinen Zweck hätte, wenn er nicht einmal nach China käme. Er glaubte, in: Geist ihre Worte zu hören. "Neii:, nein," sagte er sich, "das darf nicht sein, unter keinen Umständen, deshalb habe ich mich nicht mit Maud ausgesöhnt. 417 Der Fricdcnsstifk-r. <LL>«LL"L2»<LL»«LL»rLL>^L»<LL»«LL><LL. 418 um nach drei Tagen wieder einen ehelichen Zwist zu haben, gegen den die chinesischen Wirren überhaupt gar nichts sind." Aergerlich lenkte er seine Schritte nach dem Kasino — dort saß eine feucht-fröhliche Tafelrunde. Zwei Herren des Regiments waren nach China einberufen, nun fing man schon bei Zeiten an von ihnen Abschied zu nehmen, denn se länger die bevorstehende Trennung dauert, desto länger niuß man Abschied feiern. Es war sehr, sehr spät, als Herr von Meurer endlich nach Haus kam — erst hatte er sich seinen Aerger fortgetrunken und dann hatte er sich eine gute Laune angetrunken und da er einen gehörigen Posten vertragen konnte, hatte es sehr lange gedauert, bis er das Ziel, das er sich gesteckt hatte, erreichte. "Aber Fritz, wo bleibst du denn nur?" Seine Frau eilte ihm entgegen und schlang die Arme um seinen Hals: "Du weißt nicht, wie ich mich geängstigt habe, wo warst du denn so lange? Was hat dich fern gehalten?" "Nach China, nach China," begann er mit seiner schönen Stimme, "nach China gehen wir nicht," wollte er fortfahren, aber er kam nicht so weit. Bei dem letzten "nach China" unterbrach ihn seine Frau: "Fritz" rief sie, "bist du einberufen? Mußt du wirklich fort? Sei nicht böse, wenn ich es sage, aber im stillen hatte ich immer noch gehofft, du würdest hier bleiben — ach, es ist zn schrecklich!" Und laut aufweinend ließ sie sich auf einen Sessel nieder. Er sah sie zuerst etwas belustigt an, dann aber durchfuhr ihn nnt einem Male ein Idee. "Ja, ja. Bland," sagte er mit trauriger Stimme, "du hast recht, es ist zu schrecklich. Du weißt, wie ich mich zuerst darauf freute, in China mitkämpfen 31t können, aber jetzt — ach Maud, warum mußten wir uns erst versöhnen, nun wird niir der Abschied entsetzlich schwer." Er fuhr sich mit der Hand nach den Augen — aber vergebens suchten die Finger nach einer Thräne. "Und — und kannst du wirklich nicht hier bleiben?" begann Maud von neuem," kannst du das Kommando nicht rückgängig machen — bitte, versuche es mir zuliebe, ich kann es nicht ein ganzes Jahr ohne dich aushalten — bitte, bitte versuche es wenigstens." Er kratzte sich nachdenklich hinter den Ohren: "Ja,Kind, das sagst du so," erwiderte er endlich, "ich weiß heute noch nicht, ob das überhaupt möglich ist. Und wenn du sagst, daß du es nicht ein Jahr lang ohne mich aushalten kannst, so irrst du dich da, glaube ich. Das kommt dir nur jetzt so vor, iveil wir augenblicklich in Frieden und Eintracht miteinander leben — wenn ich nicht fortgehe, wirst du doch wieder mit Bitten auf nüch einstürmen, meinen Abschied zn nehmen." "Nie, nie, ich schwöre es dir," unterbrach sie ihn leidcn27 419 <^<LL»<LL><ZL»<LL»«LL»«LL»<LL, Zur Meerfahrt. schaftlich, "glaube mir, ich habe Zeit genug gehabt, einzusehen, daß ich unrecht that. Ich schwöre dir, daß ich dich nie wieder darum bitten werde." "Und wenn du es doch thust — trotz deines Schwures?" sragte er. "Dann kannst du ja immer noch fortgehen," sagte sie, "denn ich las heute in deiner Zeitung, daß ja noch viele Transporte nach China sollen, da kannst du dich ja immer noch einmal melden, nur dieses Mal bleib hier, ich-'beschwöre dich." Und in der Furcht, ihn zu verlieren, lag sie plötzlich auf ihren Knieen zu seinen Füßen und erhob flehend ihre Hände. Anscheinend heftig mit sich kämpfend stand er ihr regungslos gegenüber und mit ängstlichen Blicken las sie in seinen Mienen. "Du verlangst viel, unendlich viel von mir," sagte er endlich "ich bringe deiner Liebe ein Opfer, dessen Größe du gar nicht zu fassen vermagst, aber trotzdem, nur dir zuliebe will ich versuchen, was ich thun kann, und schon heute glaube ich sagen zu dürfen: ich bleibe." "Fritz." Sie war aufgesprungen und lag lachend und weinend zugleich an seiner Brust, "ach Fritz, ich habe dich ja so lieb und ich will nie aufhören, dir zu danken." Und die kleine Frau hielt das Versprechen, das sie ihrem Gatten gegeben. Nie drang sie mehr in ihn, seinen Abschied zu nehmen. Und wenn sich dem Oberleutnant von Meurer zu seinem Leidwesen auch keine Gelegenheit bot, die Waffen in China zu führen, so freute er sich dennoch über die deutsche Expedition nach China, einmal weil sie den Zopfträgern die wohlverdienten Prügel brachte, dann aber auch, weil die chinesischen Wirren für seine Ehe den Friedensstifter bedeuteten. — Soldatenliebe. «ZL»«LL»^L»^L>«LL»^L»<LL»<LL> 420 Zur JVIeerfabrt. *) Wohlauf, die Xuft weht frisch vom Meer! Der Stahl lol! uns nicht rosten! Im Sonnenschein glänzt untre Wehr, Zur Sahrt nach fernem Osten. Nun, F)eimatland, nun, Uaterhaus, Jlde! Mögt froh gedeihen! Ich wist dem Rail'er und dem Reich :: Mein Leben freudig weihen. :: Mein her; ist deutkch, mein Mut ist gut, Hin kerngesund geratein Ich wist auf Meeres stolzer Slut hin zu den Maten. Germania! Diel Rinder dein Ruh» dort auf Mörders Grde — Du winkst, dah ich für Bruder; (Tod :|: Gin deutscher Rächer werde. : Wohlauf, die Luft weht frisch vom Meer! Mein Raiter hat gerufen, hernieder blickt der Helden Heer, Die unter Reich erschufen. Die Slaggen wehn und Hurraruf Schallt zu des Bollwerks Seite — Dein Segen, o Germania, : : Uns auf der ?ahrt begleite! :|: Paul ?i scher. SoldatenUebe. Das war im Land der Chinesen, Da fand ich ein schönes Rind. Gs ist ihr Name gewesen, Wie dort fo die Namen find. üermag ihn nicht auszufprechen, Doch Namen find Schall und Rauchs Wozu lieh die Zunge zerbreche»: Sremd blieb ihr der meine ja auch. Wir liebten nicht unsere Namen, Nicht unfern Rang und Stand, Weil wir zufammenkamen, Zwei Menschen aus Gottes Hand. Gott fegne dich, Blume im Osten, Nun trennt uns beide die Pflidzt, Nun dürfen wir wieder kosten, Wie heimische Liebe spricht. Uns war das nebensächlich, Solang uns das Russen blieb. Wir Kühlen uns unaussprechlich,. Und halten uns namenlos lieb. und Hunger zu sterben. Darauf beutet dieser wagerechte Zug, der voit der Oberlippe nach dem Munde hinunter geht." Der Kaiser erfuhr von der Prophezeihung und rief zornig: "Ehre und Reichtum liegen in meiner Hand, sollte Tengtong zum armen Manne machen? Ich ihm die Kupfer-Minen in der Provinz Tschu und gebe ihm die Ermächtigung, so viel Geld, wie es ihm nur beliebt, prägen zu lassen." Bald darauf überschwemmte Tengtong das Reich mit seinen eigenen Münzen, uitd feilte Reichtümer tarnen denen des Staates gleich. Nichts trübte dieses Glück, so lange Uenti auf dem Throne saß, doch am Tage seines -vodes nahm alles ein Ende. Der Erbprinz und nunmehrige Kaiser Kingti nährte gegen den mächtigen Minister seines Vaters haßerfiillte Eifersucht. Sobald er indenBesitz derhöchstenMachtgelangt mar, ließ er Tengtong unter der Anklage, er habe die Finanzen schlecht verwaltet, in den Kerker werfen, erklärte seine Güter für konfisziert und verbot, ihm irgend eine Nahrung, ja, nur einen Trunk Wasser zu reichen. So ging Hiufus Prophezeihung in Erfüllung. Unter der Regierung des nämlichen Kaisers Kingti nahm eine andere, in der Geschichte wohlbekannte Persönlichkeit, der große Feldherr Tscheuyafu, dessen Oberlippe ebenfalls die verhängnisvolle Linie aufwies, ein nicht weniger tragisches Ende. Der Kaiser, der ihn fürchtete, lies; ihn verhaften. Der Gefangene wies jede Nahrung zurück und starb an einem Wutanfall, vom Schlage getroffen. Unter der Dynastie der Han, als der-Kaiser ^Uenti herrschte, lebte ein Minister, :| Namens Tengtong, der in so hoher Gunst bei seinem Herrn stand, daß der Sohn des Himmels, wenn er auf Reisen war, seinen Wagen und sein Bett mit ihm teilte. Es lebte damals auch ein berühmter Gesichtskundiger Hiufu, den Tengtong rufen ließ, auf daß er die Linie seines Gesichts prüfe. M -n Hiufu fürchtete sich nicht, dem Günstling zu sagen: ZLO "Es ist dir bestimmt, in Elend Auch in der folgenden Geschichte spielt die Gesichtskunde eine große Rolle. Unter der Dynastie der Tangs lebte der Minister Peitu, der bei dem Kaiser Hien Tsong bis zuletzt in höchster Gnade stand und mit Ehren überhäuft starb, obwohl auch er die verhängnisvolle Linie aufzuweisen hatte. Er war übrigens stets arm. Als ein Gelehrter in den Tagen seiner Jugend auf seinem Gesicht das furchtbare Zeichen erkannte, schreckte ihn das wenig. Er war ein frommer Mann und betete oft zum Himmel. Eines Abends, als er den Tempel von Hiangtschau besuchte, fand er im Innern des Kiosk, der dem Brunnen dieses Tempels als Dach diente, drei Ledersäcke, die eine bedeutende Summe in barem Golde enthielten. Es kann ihm nicht einmal der Gedanke, sich des Eigentums eines anderen zu bemächtigen, er setzte sich auf die Stufen des Kiosk und wartete. Bald erschien eine weinende Frau, die mit kläglicher Stimme zu ihm sprach: "Mein alter Vater ist im Gefängnis, und um fein Leben zu erkaufen, haben wir eine große Summe opfern müssen. Ich bin hierher gekommen, um mir die Hände zu waschen, bevor ich den Tempel betrat, wo ich Weihrauch verbrennen wollte. In meiner Aufregung habe ich ganz vergessen, drei Beutel mit Goldbarren wieder an mich zu nehmen, die ich hier abgesetzt habe. Der Finder würde mir mit der Zurückgabe einen unendlichen Dienst erweisen, denn er würde mir damit nichts geringeres als das Leben meines Vaters wieder schenken." Sofort gab Perm die drei Beutel der weinenden Frau, die von der tiefsten Verzweiflung irr die höchste Freude geriet uud ihm herzlich dankte. tiurze Zeit darauf traf der junge Mann wieder mit dem Gesichtskundigen zusammen, der ihn früher untersucht, und dieser stieß, als er ihn bemerkte, einen Schrei der Ueberraschung aus. "Welche Veränderung hat sich in deineni Gesicht vollzogeu, ries er, "du mußt dir in den Äugen der himmlischen Mächte große Verdienste erworben haben." Peitu behauptete, dem wäre nicht so, doch der Gesichtskundige fuhr fort: "Doch, doch, du mußt einem Ertrinkenden das Leben gerettet oder geweihte Gegenstände aus dem Feuer geholt haben." Jetzt dachte Peitu an das Abenteuer im Tenipei von Hiangtschan und erzählte den Vorfall. "Diese Wohlthat ist dir schon augerechnet worden," versetzte der Gesichtskundige "und im voraus wünsche, ich dir Glück, denn dich erwarten noch hohe Freuden und Ehren." Thatsächlich wurdePeitu kurz hintereinander Doktor,Akademiker,Minister und erreichte ein Alter von 80 Jahren. Peitu wurde schon in diesem Leben belohnt; doch erwarb er sich noch weiter durch seine Tugenden und guten Handlungen zahlreiche Verdienste, die ihm auch in einer anderen Welt ein reiches Glück verschaffen sollten. Ich will eine Geschichte erzählen, die deutlich beweist, welche edlen Gefühle sein Herz bewegten. Man kann sagen, daß seine lange Laufbahn sich in zwei Teile zerlegen ließ. In der ersten erreichte er Schritt für Schritt den Gipfel der Größe und Ehre. Er beruhigte die im Ausstand tobende Provinz des Westens, wofür er den Titel eines Prinzen von Tcin erhielt, er vermehrte die Steuerkraft des Reiches und verlieh dem Staate eine so hohe Blüte, daß der Kaiser Hientsong, der über das Schicksal seines Reiches vollständig beruhigt >var, an nichts mehr dachte, als seine Städte und Schlösser zu schmücken und nach dem Trank der Unsterblichkeit zu suchen. Zn jener Zeit hielt es Peitu für geraten, sich vom Hofe zu entfernen, denn böse Menschen schmiedeten Ränke, die seine Macht schädigen konnten. Nun begann der zweite Teil seines Lebens. Er schloß sich in feinen Palast und seinen Garten ein und vergnügte sich in Gesellschaft einiger wahrer Freunde; erst in seinem späteren Alter, erfreute er sich der Geuiisje, von denen ihn die Sorgen und die Geschäfte in der Jugend fern gehalten hatten. Diese Genüsse kostete er mit leidenschaftlicher Glut aus, und die ehrgeizigen Mandarinen aus allen Provinzen des Reiches wetteiferten, ihm die schönsten und reizendsten Tänzerinnen zu schicken. Peitu verlangte solche Geschenke nie, doch er lehnte sie auch uicht ab, da er die Leute, die ihr» gefällig sein wollten, nicht beleidigen mochte. So wuchs die weibliche Einwohnerschaft seines Palastes von Tag zu Tag. Wohl am eifrigsten um die Gunst des hohen Ministers bewarb sich der Präsekt von Tcintscheu. Jll dieser Provinz sprach man von nichts anderem, als von der wunderbaren Schönheit eines jungen Mädchens, Namens Siaouo, deren Vater ein verdienter Mann, Namens Hoang im Bezirke Uantsiuen war. Siaouo besaß alle Reize, die das Auge entzücken. Außerdem war sie eine ausgezeichnete Musikerin und spielte mit größter Vollendung Flöte. Schon in ihrer Kindheit war sie mit dem jungen Gelehrten Tangpi verlobt worden, der im Süden die Stelle eines Mandarinen bekleidete, sich aber bis zur Zeit, da die Hochzeit vollzogen werden sollte, von ihr entfernt hatte. Unglücklicherweise war es dem Mandarinen nicht möglich, sobald zurückzukehren, wie er es gewünscht hätte, und Siaouo lebte, obwohl sie bereits das achtzehnte Jahr erreicht hatte, noch immer im Vaterhause, als das Gerücht voir ihrer Schönheit die Aufmerksamkeit des Präfekten von Tcintscheu erregte. Dieser Präfekt wollte wie gesagt um jeden Preis die Gunst des mächtigen Ministers erringen und hatte sich vorgenommen, eineTruppevonMüsikerinnenzubilden, die sich alle durch vollendete Schönheit anszeichneten. Schon hatte er fünf beisammen, doch noch fehlte ihm der erste Stern, der im Mittelpunkte prangen sollte. Siaouo war ganz dazu geschaffen, diese Rolle auszufüllen und ohne sich zu verhehlen, daß er bei der Tochter eines Gelehrten sein Ziel nicht so leicht durchsetzen würde, hatte er doch an den Vorsteher des Bezirks dreißig Hans*) geschickt und ihn aufgefordert, diese Angelegenheit geschickt und schnell zu gutem Ende zu führen. Der Vorsteher des Bezirks ivar ebenso bemüht, den Präfekten zufrieden zu stellen, wie der Präfekt dem Minister gefällig sein wollte. Er schickte deshalb an den Gelehrten Hoang Boten ab, die seinen Sinn erforschen und ihn für den Plan gewinnen sollten. Hoang erklärte sofort, seine Tochter sei verlobt,! gehöre ihm also nicht mehr. Man wiederholte zweimal, dreimal den Antrag, um eine Sinnesänderung herbeizusühren.... Nun schlug der Vorsteher des Bezirks einen anderen Weg ein. Es nahte die Zeit des Tsingning-Festes,**) und er benutzte die Stunde, da der Familienvater mit all den Seinen die Gräber seiner Verstorbenen vom Staube reinigte und die Frauen allein zu Hanse blieben, um das junge Mädchen zu entführen. Er setzte sie in einen Palankin und schickte sie unter der Obhut von zwei Matronen an den Präsekten von Teintscheu. Die dreißig llans ließ er aus einem Tische liegen. Als Hoang bei seiner Rückkehr erfuhr, was vorgefallen war, suchte er schnell den Präfekten auf, um sich iiber die ihm angethane Gewaltthat zu beklagen. "Deine Schönheit, die das Tochter begewöhnliche Maß sitzt eine übersteigt," sagte der Präsekt, "und sie wird im Palast des Reichskanzlers herrschen, sobald sie nur den Fuß hineingesetzt hat. Ist es nicht weit vorteilhafter für dich, als sie irgend einem kleinen Mandarinen zu geben, dessen demütige Magd sie sein würde? Uebrigens hast du die dreißig Uans erhalten; gieb sie dem Manne, der dein Schwiegersohn werden sollte. Er wird sich für diesen Preis eine andere Frau verschaffen können." "Dein Untergebener hat allerdings dreißig Uans bei nur liegen lassen," versetzte Hoang eifrig, "doch ich war nicht da, um sie zu nehmen, auch hat er mich nicht gefragt, ob ich sie haben wolle. Deshalb bringe ich dir diese Summe wieder zurück. Ich verlange meine Tochter und kein Geld." Der Präfekt schlug zornig auf den Tisch und rief mit lauter Stimme: "Das Geld ist bezahlt, und deine Tochter gehört uns. Was fällt dir denn ein, mich mit solchen Redensarten zu belästigen? Deine Tochter befindet sich augenblicklich im Palaste des Prinzen von Tein und dort, nicht hier magst du deine Klagen Vorbringen, wenn dich deine Laune dazu treibt." Der arme Hoang, der wohl sah, in welche Falle er geraten war, sagte kein Wort weiter. Mit thränenüberströmten Augen zog er sich zurück und wanderte traurig seinem Hause wieder zu. Der Präfekt aber, der sich seines Opfers so schlau bemächtigt, kostümierte und schmückte die Truppe der Musikantinnen mit den reichsten Gewändern, Behängen und kostbarsten Perlen. Jeden Tag fanden in seinem Festfaale Proben statt, und als der burtstag des Kanzlers herannahte, machte sich der herrliche Zug der Halbgöttinnen mit einem Gratulationsbrief, der die innigsten Wünsche des ehrgeizigen Präfekten für den Kanzler enthielt, auf den Weg. Wieviel Mühe hatte er sich gegeben! Wieviel Geld hatte er ausgestreut! Doch welche Enttäuschung hätte er erlebt, hätte er der Geburtstagsfeier beiwohnen und mit eigenen Augen die Aufnahme schauen können, die man seinem prächtigen Geschenk zu teil werden ließ. Die Tänzerinnen, die Sängerinnen, die reizenden Mädchen aller Arten, die inan aus aller: Teilen des Reiches hierher gesendet, waren so zahlreich, daß sie lange Reihen bildeten und alle Galerien des Palastes einnahmen. Die sechs Neuen konnten daher die Säle nur noch cm wenig mehr füllen und mit ihren Instrumenten noch ein etwas größeres Geräusch Hervorbringen. Unter so vielen anmutigen Personen vermochte der Herr des Hauses nicht eine einzige allein auszuzeichnen; sein Blick irrte von einer zur anderen, ohne daß eine allein einen bestimmten Eindruck auf sein Herz hervorgebracht hätte. So war der Mann, der, um das Glück zu zwingen, Neichtümer verschwendet und selbst vor einem Verbrechen nicht zurückgeschreckt war, in seinen Hoffnungen grausam getäuscht. Inzwischen hatte Tangpi, der Bräutigam der Geraubten, eine Versetzung und Gehaltserhöhung und die Erlaubnis in seine Heimat zurückzukehren, erhalten, und glaubte, bevor er sich zur Hauptstadt begab, den Augenblick für gekommen, gu seiner Braut zu eilen, um sich mit ihr zu vermählen. Er schlug also den Weg nach Uantsiüen ein, reiste sehr schnell und ging, sobald er angekommen war, nach dem Hause, in dein er sein Herz zurückgelassen hätte. Hoang ließ ihm keine Zeit zu Erklärungen, sondern ergriff seine Hand und erzählte ihn: in allen Einzelheiten die Entführung seiner Verlobten. Ter junge Mandarin erblaßte, als er diese Worte vernahni und rief: "Ich Elender, ich glaubte an die Verwirklichung aller meiner Träume und bin jetzt in einen Abgrund gestürzt, m dem ich umkommen werde. Ich habe die Gattin nicht zu halten gewußt, die das Schicksal mir bestimmt hat; welchen Wert kann das Leben jetzt noch für mich haben?" Hoang versuchte, ihn zu beruhigen. "Lieber Schwiegersohn," sprach er, "du besitzestJngenb und Talent. Wer noch solche Hilfsquellen sein nennt, dein ist die Zukunft nicht verschlossen. Eine zweite Heirat wird dich entschädigen. Meine Tochter wird am meisten zu len den haben, denn die Gewalt allein hat es vermocht, sie von dir zu trennen. Sei stark, gieb dich nicht dem Kummer hin, du mußt mit Thäten, Kraft und Mut deine Laufbahn fortsetzen und dich nicht von der Verzweiflung unterjochen lassen." Tangpi, dessen Zorn, anstatt sich zu beruhigen, immer heftiger wurde, wollte zuerst den Vorsteher und den Brafekten zur Rede stellen, über die er die volle Schale seiner Vorwürfe und Beschimpfungen ergoß. Der alte Hoang aber fuhr ruhig in seinen Ernmm nungen fort: "Diejenige, die wir beweinen, ist fern von hier, Wort: und Klagen werden sie uns nicht zurückgeben. Beden»e, es handelt sich hier nnr einen Mann, der nur ein einzicstWesen über sich erkennt, und von dem alle anderen abhängen. Seinen Zorn zu erregen, könnte sehr schwere riw»' 429 «LL»<LL»<LL»«LL»«LL»«LL»<LZ><^§>«2!L» Line altchincsischc Novelle. <LL»<LL»<LL»<LL»<ZL>«LL»«LL»<LL><rLL» 430 gen für deine Zukunft haben. Tie dreißig Uans, die der Präfekt uns dagelassen, solltest dn wirklich dazu benutzen, eine neue Braut zu suchen. Ich kanir dir die kleine ^adeagraffe, die bu meiner Tochter als Pfand der Treue geschenkt, nicht zurückgeben, weil Siaono, die sie nie von sich ließ, mitgenommen hat. Doch dieses Pfand hat heute keinen Wert mehr, und die Erinnerung an meine Tochter darf deine Ruhe nicht mehr stören und deine Laufbahn nicht beeinträchtigen." Zwei große Thränen flössen aus den Augen des Mannes, den der Vater des geraubten Mädchens noch seinen Schwiegersohn nannte, und er versetzte: "Ich stehe vor meinem dreißigsten Jahre und werde für die Frau, die man mir geraubt, die nach den'. Wunsche meines Herzens war, keine andere nehmen. Ich habe mich allzulange von ihr fern gehalten und durch einen thorichten Ehrgeiz das verloren, was der Mensch sein Kanzlers tragen und irrte bis zum Abend vor den Pforten des Palastes umher. Aur nächsten Morgen schrieb er seinen Namen mit allen Formalitäten int Ministerium ein, und begann dann wieder seinen Spaziergang vor der Pforte, die ihn von Siaono trennte. Eisten ganzen Monat hindurch fetzte er dieses fruchtlose Treiben fort, und beständig erblickte er geschäftige Mandarinen, die so zahlreich wie Ameisen das Haus des mächtigen Mannes verließen oder betraten. Sollte er einen dieser Unbekannten ansprechen, ihm seine Geschichte erzählen und ihn fragen, ob er die, die er liebte, gesehen? Etidlich kam der Tag, an dem Tangpi die offizielle Nachricht seiner Ernennung zum Posten eines Lossetsan fhtit*) in Huttschcu, dem Hauptorte eines Bezirks der südlichen Provinz Tschekiang erhielt. Man schickte ihn also in eine Gegend, deren Sitten und Gebräuche er bereits kannte, Teuerstes auf Erden nennt. Was sprichst dir mir von meiner Laufbahn? Meine Laufbahn ist beendet, und ich habe keinen Ehrgeiz mehr." Die beiden Männer schütteten sich gegenseitig ihr kummervolles Herz aus und trennten sich erst-bei Einbruch der Nacht; doch Tangpi weigerte sich, die dreißig Uans zu nehmen. Am nächsten Tage und in den folgenden ging Hoang häufig zu ihm und forderte ihn auf, sich sofort nach der Hauptstadt zu begeben, um das Diplom in Empfang zu nehmen, das seine Beförderung bestätigen sollte. Doch der verzweifelte junge Mann wollte erst von nichts hören. Nach reiflicher llebcrlegung, und da er selbst das Bedürfnis.empfand, sich zu zerstreuen, willigte er ein, die Reise nach Tschangngan anzutreten. Er kaufte sich ein Boot, wählte einen glücklichen Tag und reiste ab. Tangpi hatte die dreißig kians des Präfekten zurückgewiesen, doch auch Hoang hatte sie nicht behalten wollen. Er ließ sie heimlich in das Boot tragen, befahl den Knechten, die Summe bis zum vierten Tage versteckt zu halten und ihren Herrn erst dann darauf aufmerksam zu machen, daß dieses Geld für die Reisekosten bestimmt wäre. Als die Knechte dem jungen Mandarinen das Geld, das der Präfekt für die Entführung Siaouo gezahlt, zeigten, geriet er wieder in heftige Verzweiflung und verbot, das Geld anzurühren, ja auch nur eine einzige Sapeke davon zu nehmen. Als Tangpi in Tschangngan angelangt war, ließ er sein Gepäck in den Gasthof neben dem Palast des Was Viel Vorteil für ihn hatte. Deshalb trat er auch, sobald er sein Diplom erhalten hatte die Reise dorthin an. Bis Tongtsin ging die Fahrt ohne ltnfall von statten, doch in diesem kleinen Hafen erwartete ihn eiir schreckliches Unglück. Die dreihundert Sapeken, die er unbewußt in seinem Boote mit sich führte, hatten die Aufmerksamkeit und Habgier einiger wüster Schurkeir erregt. Sie folgten dem Boote auf dem Landwege, ohne es aus dem Auge zu lassen, von Tschangngan bis Tongtsin, verabredeten sich mit dem Kapitän, als er ans Land stieß, machten ihn mit leichter Mühe zu ihrem Mitschuldigen und hielten sich bereit, im tiefen Schweigen der Nacht ihr Werk zu vollbringen. Das Schicksal aber, das nicht wollte, das Tangpi so schnell aus dem Leben scheiden sollte, scheuchte den Schlummer von seinen Augenlidern und bewirkte, daß er sich, um frische Luft zu schöpfen, aus dem Deck des Schiffes nieder ließ. Die Dunkelheit war nicht so stark, daß er nicht im Augenblick, da die Banditen auf Deck stürzten, die Gefahr hatte erkennen können, doch erlaubte sie ihm, sich ins Meer zu stürzen und ohne bemerkt zu werden, schwimmend das Ufer zu erreichen. Aus der Ferne hörte man das Geschrei seiner Knechte und Mägde, die von den Schurken erdolcht oder erdrosselt worden. Dann verschwand das Schiff, und der junge Mandarin blieb, von allem entblößt, allein zurück. Der Verlust des verhaßten Geldes hatte Tangpi nicht besonders betrübt und der seines Gepäcks eben so wenig: doch er verlor auch das kaiserliche Dekret, das ihm seine neue Stellung übertrug. Ohne dieses kostbare Dokument durfte er nicht daran denken, seinen Posten anzutreten. "Himmel und Erde verlassen mich," dachte er schmerzbewegt, "ich bin ein verlorener Mann. Wenn ich in meine kleine Stadt zurückkehre, welche Nolle soll ich dort spielen, mit welchen Augen wird man mich ansehen? Da wäre es noch besser, ich kehrte nach der Hauptstadt zurück, um dem Minister das Unglück zu erzählen, das mir zugestoßen ist, doch ich besitze ja nicht eine Sapeke, um die Reisekosten zu bestreiten und befinde mich in einer Gegend, wo mich niemand kennt. Soll ich betteln?" Bei diesem Gedanken fühlte er die Versuchung, seinen Qualen in den Fluten, die zu seinen Füßen.dahinflossen ein Ende zu machen. Trotzdem widerstand er diesem Verzweislungsanfall und blieb bis zum Tagesanbruch an demselben Platze; vergeblich suchte er eiuen Ausweg, und fühlte doch nicht die Kraft, sich von der Stelle zu beivegen. Veränderung heißt das Gesetz der Welt. Wer ans das Leben rechnet, begegnet dem Tode, wer den Tod zn schauen glaubt, kann zu neuem Leben erwachen. Dies empfand auch Tangpi. Als er sich noch in düstere Betrachtungen versenkte, trat ein Mann an ihn heran, und fragte ihn nach der Ursache seines Kummers. Tangpi erzählte seine Geschichte und unterrichtete den Greis von seiner furchtbaren Lage. "Verzeihe mir, daß ich dir vorhin nicht größere Ehrfurcht gezollt," sagte dieser, "doch ich wußte ja nicht, daß ich eine so hohe Persönlichkeit vor mir hatte. Mein Haus ist nicht weit von hier, und ich biete dir Gastfreundschaft." Tangpi ließ sich hinführen, und das Haus befand sich thatsächlich in der Nähe. Als sie in den Festsaal getreten waren, tauschten die beiden Männer die übliche Begrüßung aus, und der Greis fuhr fort: "Ich heißeSu und habe einen Sohn, Namens Fonghoa, der ist Vorsteher in dem Bezirk lljeu, das zur Präfektur vou Huttscheu gehört. Er steht also unter den direkten Befehlen deiner Excellcnz. Wenn du uach der Hauptstadt zurückgehen willst, um ein neues Diplom zu erhalten, so bin ich gern bereit, dir die Mittel dazu zu liefern." Nach diesen Worten ließ er seinem Gast Reis und Wein auftragen, brachte ihm trockene Kleider, deren er sehr bedurfte und bot ihm zwanzig Taels an, mit denen er die Reisekosten bestreiten sollte. Tangpi dankte seinem Retter mit dem Ausdruck lebhafter Dankbarkeit, kehrte schnell nach Tschangngan zu433 «ZL^L»«ZL»«ZL»«ZL»«ZL»«LL,«LL»«LL» Eine altchinesischc Novelle. «Z^<^<LL«LL.<ZL>^L,«LL.<LL»rLL» 434 rück und eilte nach dem Ministerium, wo er seine traurigen Abenteuer erzählte. Doch leider fand er durchaus nicht die freundliche Aufnahnie, die er erwartet hatte. Zuerst las er Mißtrauen auf allen Gesichtern. Man erklärte ihm, der Verlust des mit deinKaiserlichen Siegel versehenen Diploms wäre eine ernste Sache, die sich schwer wieder gut machen ließe. Fünf Tage hintereinander bemühte er sich umsonst. Die zwanzig Taels des alten Mannes aus Tongtsin waren fast ausgegeben. Bei der Rückkehr von einem letzten unfruchtbaren Versuche ließ er sich vor der Thür der Herberge, in der er wohnte, auf eine Bank nieder, und versenkte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht in seinen Kummer. In diesem Augenblick kam ein alter Mann vorüber, der die Stadtkleidung der hohen Mandarinen trug: Gaze-mühe niit zurückgeschlagenen Flügeln, weites, violettes Kleid mit Gürtel und schwarzen Atlasschuhen. Als dieser Mann Tangpi bemerkt hatte, begrüßte er ihn in liebenswiirdiger Weise, setzte sich neben ihn und richtete im sanften Tone einige Fragen an ihn, wobei er die Angelegenheit berührte, die ihn nach Tschangngan geführt und ihm jedenfalls so viel Kummer bereitet hatte. "Was ich zu erzählen hätte, wäre zu traurig,anzuhören und würde auch zu lange dauern," versetzte der verzweifelte Jüngling mit thränenerstickter Stimme. "Laß diesen Gedanken fahren," versetzte der Mann im violetten Kleide, "erzähle mir lieber dein Unglück, ohne etwas zu verschweigen, vielleicht finden wir zusammen einen Austoeg." "Nun, so wisse denn, daß dein Diener Tangpi heißt und aus Uantsuen In der Provinz Tein gebürtig ist. Kürzlich hat man mir einen Posten in Huttscheu übertragen, und ich bin abgereist, um denselben auzutreten; doch in Tongtsin wurde ich von Räubern überfallen, die mir alles, ja sogar mein Diplom geraubt, so daß ich mich jetzt in: größten Elend befinde." "Warum teilst du die Sache nicht dem Ministerium mit, damit es dir ein neues Dokument ausstelle?" "Ich dachte eben so wie du, man würde mir diese Gunst nicht verweigern, doch umsonst habe ich gebeten und gefleht, niemand hat Mitleid mit mir gehabt." "lieber all denen, die du ausgesucht, steht der Prinz von Tcin, der mit den Bedrückten stets Mitleid hat und ihnen gerne hilft. Warum bittest du ihn nicht um eine Audienz?" Bei dem Namen des Prinzen Tcin rang sich ein Schluchzen aus Taugpis Kehle. "Edler Mandarin," rief er, "sprich diesen Namen nicht vor mir aus, du reißt eine Wunde auf, an der mein Herz noch heute leidet." Da der Unbekannte iiber diese Antwort sehr verwundert war, gab ihm Tangpi die Erklärung für seine Worte, indem er ihm die Entführung Siaouos erzählte. "Allerdings," sagte er zum Schluß, "ist der Prinz van Tcin nicht direkt an dieser Schurkerei schuld, doch hätte er die Höflinge in ihrer Willkür nicht bestärkt, so hätte der Präfekt von Tcintscheu die Familiengesetze nicht verletzt, und mein Leben wäre nicht für immer vernichtet. In Wirklichkeit ist also er allein die Ursache meines Unglücks. Wie kann ich also zu ihm meine Zuflucht nehmen?" "Wie heißt deine Braut, und welches Pfand hat sie erhalten," fuhr der andere fort. "Meine Braut heißt Hoang-Siaouo, und das Verlobungspfand, das ich ihr übergab, war eine Agraffe von grünem Jade, die sie stets getragen hat." "Ich bin ein ziemlich naher Verwandter des Kanzlers, und deshalb kann ich so nüt dir sprechen, wie ich es thue. Ich gehe bei ihm ein und aus. Die Sache ist wirklich ernst, und deshalb will ich zu ihrer Aufklärung beitragen." "Ach, ich habe keine Hoffnung mehr," seufzte Tangpi, "nie werde ich die, bei der mein ganzes Leben verfließen sollte, Wiedersehen. Doch trotzdem bitte ich deine Excellenz, ihr zu sagen, daß ich ihrem Angedenken bis zum Tode treu bleiben werde." "Erwarte mich morgen hier um dieselbe Stunde, ich hoffe, dir dann gute Nachricht bringen zu können." Mit diesen Worten grüßte der violett gekleidete Mann mit der Hand und entfernte sich, ohne weiter ein Wort hinzuzusügen. Als Tangpi allein war, begann er darüber nachzudenken, welches Interesse ihm dieser Unbekannte bezeugt, und die Unterhaltung, die er mit ihm geführt, fing an, ihn zu beunruhigen. "DieserMann, der sich einen Verwandten desKanzlers nannte, ist jedenfalls von ihm betraut, die allgemeine Stimmung zu erforschen. Wenn er die Worte wiederholt, die ich über ihn gesprochen, so habe ich meine Lage wohl nur noch verschlimmert. Es wäre keine geringe Gefahr, den Zorn des großen Kanzlers zu erregen." Unter dem Einfluß dieser neuen Sorge konnte Tangpi nicht schlafen und verbrachte eine sehr böse Nacht. Als der Tag aubrach, warf er sich schnell in seine Kleider und eilte an das Thor des prinzlichen Palastes. Hier erfuhr er, daß der Kanzler den kürzlich ernannten Beamten Abschiedsaudienz erteile. Man sah sie eintreten und hinausgehen und gleichzeitig erschienen zahlreiche Depeschenboten. Es war ein beständiges Hin und Her, doch der Mann im violetten Kleide zeigte sich nicht. Gegen Mittag verschwand der junge Mandarin auf einige Zeit, um ein wenig Reis zu essen. Dann begann er in fieberhafter Erregung seinen Spaziergang vor den Pforten des Palastes aufs neue bis zu der Stunde, da die Bewegung mit den ersten Schatten des Abends aufhörte. Nun glaubte er, der Verivandte des Kanzlers hätte sein Wort gebrochen und kehrte traurig in seinen Gasthof zurück. Als er eben eine Lampe anzündete, sah er zwei Offiziere des Kanzlers in den Gasthof treten, die laut seinen Namen nannten und mit ihm zu sprechen verlangten. Dieser Besuch versetzte ihn in nicht geringe Erregung, denn er erschien ihm als eine sehr schlechte Vorbedeutung. Deshalb hielt er sich verborgen, ohne sich zu erkennen zu geben, während der Gastwirt die Offiziere nach dem Zweck ihres Besuches fragte. "Uns schickt seine Exceüenz, der Großkanzler, um Herrn Tangpi aufzufordern, sich unverzüglich zu ihni zu begeben." "Herr Tangpi steht vor Euch," versetzte der Wirt und deutete mit der Hand auf den jungen Mandarin, der sich den jungen Mann in ihre Mitte und ihn allein in einem Zimmer, das sie wieder ab und führten ihn durch eine mer, die alle von einer Fülle von Arbeitskabiuett des Prinzen von Tcin verstecken wollte. Tangpi suchte nun Ausflüchte, er habe wohl kaum die Ehre, die Aufmerksamkeit Ihrer Excellenz erregt zu haben, es liege hier zweifellos ein Irrtum vor: außerdem besäße er kein anderes Kleid als das, das er auf dem Leibe trage, uud sich in so nachlässigem Zustande dem Prinzen vorzustellen, wäre doch höchst unpassend und infolgedessen gar nicht denkbar. Die Boten des Kanzlers achteten aber auf keinen dieser Gründe. Sie wiederholten beide, sie hätten den ausdrücklichen Befehl, ihn mitznbringen, und ließen den Worten die That folgen, nahmen führten ihn nach dem Palast und ließen' sofort verließen. Bald aber holten sie ihn f endlose Reihe kleinerer und größerer Zimi Kerzen tageshell erleuchtet waren, in 3uiet Reihen Diener, die hohe, mit Gaze umwickelte Laternen ü »gen, standen an den' Seiten. Im Hintergrund des Kabinetts stand der Prinz, m einem gleichzeitig reichen und dabei doch ein^ fachen Kostüm. rW, Nur zur Hälfte hatte der Zufall bei dieser Begegnung, die den Unglücklichen mit dein unschuldigen Räuber seiner Braut zusammen geführt, mitgewirkt. Der Kanzler ging täglich aus. Er liebte es, unerkannt die Straßen der Stadt zu durchwandern, unterhielt sich oft mit den Leuten aus dem Volke und unterrichtete sich so selbst über alles, was vorging. Als er bei seinem Spaziergänge am vorigen Tage einen jungen Mann erblickte, den ein tiefer Schmerz zu quälen schien, hatte er diesen verzweifelten Jüngling ausgefragt, und die Mtteilung, die man ihm machte, schnell auf ihre Richtigkeit hin geprüft. Seine erste Sorge war es gewesen, die schöne Siaouo zu sich zu rufen, und aus ihrem Munde hatte er die Bestätigung der Gewaltthat vernommen, mit der man sie aus dem Hause ihres Vaters gerissen; sie hatte ihm auch gestanden, daß sie die grüne Jadeagraffe, das Pfand, welches sie erhalten, niemals abgelegt habe. Ohne euren Augenblick zu verlieren, hatte er mit eigener Hand auf einen mit dem kaiserlichen Siegel versehenen Papier ein neues Diplom ausgefertigt, sich tausend Sapeken bringen lassen, und als alles bereit war, seine beiden Boten zu Tangpi geschickt. Dieser war weit entfernt, die vortrefflichen Absichten des allmächtigen Ministers zu erraten, und ein Schauder der Angst überlief seinen Körper, als er setzt vor ihm stand. Er verneigte sich bis zur Erde, ohne den Kops zu erheben und zeigte die Ergebung eines Mannes, der sich verloren glaubt. "Ich empfange dich ohne Umstände in meinem Privatkabinett," sagte der Prinz, "und du brauchst keine großen Förmlichkeiten zu erfüllen. Setze dich lieber neben mich." mngpi gehorchte dieser Aufforderung, die er für einen Befehl ansah, dann erhob er schüchtern die Augen und erkannte den violett gekleideten Mann, seinen Ver tranten nein vorigen Tage. Diese Entdeckung raubte ihm vollends alle Besinnung, und eine unsagbare Bestürzung bemächtigte sich seiner. "Was du mir gestern mitgeteilt hast, ist sehr traurig," fuhr der Kanzler fort, "denn was ich auch für dich thnn mag, stets werde ich Gewissensbisse empfinden, dich der Freuden der Familie so lange beraubt zu haben." "Ich bitte deine Excellenz die Worte zu vergessen, die rch gestern Abend gesprochen," stotterte Tangpi. "Ich ivar nicht recht bei Verstand und wußte nicht, was ich sagte." Doch der Kanzler fuhr mit gütigem Lächeln fort: "Denken wir jetzt nur an heute Abend, dieser Tag wird für dich gewiß ein glücklicher sein, oenn ich werde sofort deine Eheschließung vornehmen lassen. Ich will mein Verbrechen wieder gut machen, und deshalb nimm zuerst diese tausend Sapeken, mit denen du die u Reisekosten bestreiten magst, denn du mußt dich schnell auf deinen Posten begeben." Ter junge Mandarin verneigte sich tief, er glaubte zu träumen, und wußte nicht, was er anfangen sollte, doch seine Verwirrung wurde zum Entzücken, als er plötzlich die Klänge einer fröhlichen Musik ertönen hörte und rote 439 «LL»«LL,«ZL»<LL»^L^L»<LL»«LL» verloren und wiedergefundcn. <LL»«LL»<LL»«LZ><LL>^L><LL»<Z!L» 440 Laternen erstrahlen sah, während sich der Hochzeitszug nahte, der ihn, Siaouo zuführte, die in ihrer reinen Schönheit einen wahrhaft blendenden Eindruck machte. Ein roter Teppich wurde ausgebreitet, und Tangpi und Siaouo aufgefordert, vor einander Platz zu nehmen, damit die Riten der Ehe an ihnen vollzogen werden sollten. Sie tauschten vier Grütze aus, und der Kanzler begrüßte sie ebenfalls mit freundlichem Kopfsiicken. Ein mit Seidenstoffen ausgeschlagener Palankin stand vor dem Thor. Man setzte Siaouo hinein, um sie nach der Wohnung ihres Gatten zu bringen, während dieser voranlief, um das Glück auf feiner Schwelle zu empfangen. In größter Aufregung eilte er nach dem Gasthofe. Prächtige Seidenstoffe und zahlreiche Silberwaren waren hier in schönster Ordnung ausgestellt. Ztvei beaufsichtigten die Geschenke des Kanzlers und übergaben tangpi ferner noch ein kleines Kästchen, das ein neues Dekret enthielt. u^ie Freude des jungen Mannes zu beschreiben, wäre unmöglich. In dem einfachen Gastzimmer wurden strahlende Kerzen angezündet, und Jubel herrschte im ganzen Hause. Endlich sah sich Tangpi also im Besitze der Frau, die er liebte. Er hatte sein Mandarinat wieder erlangt und verfügte über tausend Sapeken, mit denen er die Kosten der Reise und der Einrichtung bestreiten konnte. Von den liefen der Hölle wurde er plötzlich in die erhabenen Regionen des himmlischen Aethers versetzt. Alles verdankte er dem großen, mächtigen Fürsten von Tein, der das Gute stets mit vollen Händen that und niemals halb gab. Am Tage nach diesem fröhlichen Ereignis begab sich Siaouos Gatte nach dem Palast, um von seinem Wohlthäter Abschied zu nehmen und ihm seine tiefe Dankbarkeit zei bezeugen; doch war der Befehl erteilt worden, die Thore Verschlüssen zu halten. Der Prinz wollte ihm sogar die Mühe eines letzten Dankbesuches ersparen. Als sich das junge Ehepaar die notwendige Dienerschaft besorgt hatte, schlug es direkt den Weg nach Uantsiuen ein, um noch einige Tage bei Hoang, dem Vater der jungen Frau, zu verleben. Als der alte Gelehrte seine -rochier und seinen Schwiegersohn vor sich sah, erfaßte ihn so lebhafte Freude, daß er wie neugeboren erschieiu Er war wie der vertrocknete Baum, den der Frühling wieder heimsucht, wie die zersprungene Harfensaite, die man wieder befestigt und die wieder von neuem erklingt. Endlich gelangte das Paar glücklich und wohlbehalten in Huttfcheu au und ließ sich dort nieder. tangpi und Siaouo ließen aus kostbarem Holz eine Statuette schnitzen, die den Prinzen von Tein darstellte, und morgens und abends knieten sie davor nieder und beteten zum Himmel, er möge ihrem Wohlthäter Glück und langes Leben schenken. Der Prinz von Tein erreichte ein Alter von acht Dekaden. Seine zahlreichen Nachkommen lebten in ungetrübter Freude, und dieses nie wechselnde und ewig gleiche Glück war die Belohnung für seine Tugenden und Güte. Der alte Rut$d)ke an seine Kameraden in Wna. rtld.: "König Allhelm sass ganz beiter“ etc. Run krisch auf, ihr deutschen Zungen, Ulaffenruf ist heil erklungen Durch cien ganzen deutschen gau. Lustig schmettert die Trompete, Ladet an des Heeres Tsts eud) auf blutgetränkte .Hu. Dorten in dem Reich der Mitte, edzt nach wilder Heiden Sitte, 'Wütet Mord und Plünderung, grässlich werden sie erschlagen, Die den Damen "Christen" tragen, und es fehlt Dehinderung. Za sie meinen "weit vom Schüsse ist der Deutsche und der Russe, Jede andere Nation", und mit ihren Dojerbanden (treten sie Kultur zu Schanden, teuflisch grinsen sie uns hohn. Hlle Wetter! Das beliebt sich, aufzuspielen wie dort Siebzig Uns der Herr Rapolium. Teste ran! wie wir im husche, Schmeisst sie raus aus ihrem Dusche, keiner krauche da herum. Lehrt sie darum mores, leidlich, drillet sie gut deutsch und weidlich Zur den hohn und für den Spott. Lasset sie die Rüdten beugen Und auch ehrfurchtsvoll bezeugen Achtung unserm Thristengott. Steuert diesem Heidenkoller, denn es ruft mit unsrem Zoller "Rache!" jeder deutsche Mann. Jfuf darum zu frischen Thaten! Drauf auf diese Asiaten! Zeiget, was der Deutsche kann. gotthelf hoffmann-Kutschke. Ein deutscher Fcldgottesdienst in Gstasicn. Die Bxpedttion Ompe. Lin lustiges Feldzugerlebnis von Kurt vorn £Kalde. s gießt Verschiedene Licht punkte im Leben des Soldaten, und zwar mehr, als die "dauernd unbrauchbare" Menschheit sich gemeinhin träumen läßt. Einer der lichtesten ist — ein Paket. Ein Poststück ist ja nun allerdings kein Punkt, sondern "dat is 'ne S a ch e", wie der Sergeant Tinipe zu sagen Pflegte, und je weiter sich so ein Paket in seinen Dimensionen Von dem mathematischen Begriffe des Punktes entfernt, desto strahlender fällt es in das irdische Kommiß-Dasein. Trotzdein bleibe ich bei dem Punkte, — denn ich brauche einen, mit dem meine Geschichte einsetzt. Ist ein Paket schon etwas Schönes, wem: es nur die paar Meilen Von der heimatlichen Kaschubei nach Berlin oder umgekehrt durchmessen hat, um wieviel mehr, wenn es fast die ganze starke Taille der guten Mutter Erde umkreist hat, um das Soldatenherz zu erfreuen. Vor der Pionierbaracke der Kasernements von Tieutsin war Postappell gewesen. Auf sechs von den rührend unpraktischen zweirädrigen chinesischen Karren waren die realen Grüße der Heimat zur Stelle geschafft und dann verteilt worden. Die Naturen sind verschieden —• "es gießt so'ne und so'ne", sagt Fritz Reuter. Die einen konnten die Zeit nicht abwarten und zerrten die zärtlich verschnürten heimatlichen Strippen schon im Ab gehen auseinander. Andere wiederum zogen ab wie mit einem Raube — versteckt, fast mißtrauisch und auf der Suche nach einem Plätzchen, wo sie niemand bei der Enthüllung stören konnte, blnd das waren diejenigen, welche hinterher noch eine ganze Weile sich verdächtig schneuzten oder gar mit nassen Augen umherliefen. Die meisten aber fanden sich nach Charge oder persönlichen Beziehungen in den Stuben oder im Freien in gemütlichen Gruppen zusammen und ließen einander teilnehmen an dem, was die mütterliche oder sonstige Liebe beschert. In einer dieser Gruppen hielt der Sergeant Timpe eine ziemlich umfangreiche Kiste auf den Knieen und machte eine krause Nase. Schließlich stellte er das Poststück unerössnet auf die Erde, kratzte sich bedenklich den Kopi und sah dabei mit unverhohlenem Mißtrauen auf den verpackten Segen. "Na Timpe —" fragte der Sergeant Bohnhoff, welcher kein Paket erhalten hatte und daher mit den Ueberraschungen der anderen vorlieb nehmen mußte, "du gehst ja gar nicht ran au dein Kolli. Was ist denn los?" "Junge, Junge — dat is 'ne Sache" erwiderte Timpe unschlüssig, indem er sich mit dem Zeigefinger die Nasenspitze rieb, ,,'ne verdächtige Kiste sozusagen. Weeste mir siel dat schon uf bei der Auslieferung vorhin. Der Postschwede reichte mir dat Ding so mit'n langen Arm, von der Seite — und dabei machte er'n Jesichte, als wenn er wo rinjetreten wäre, lind ick muß sagen, Bohnhoff, dal Ding riecht lvirklich nich jut — jarnich jut. Da is 'ne janz penetrante Nasenbeleidijung mang." "Aber Menschenkind, wer wird denn so empfindlich sein! Wir sind doch hier weiß Gott nicht verwöhnt!" lachte der Kamerad und trat näher, um nun auch seinerseits den Kasten zu beschnüffeln. Aber im nächsten Moment wandte auch er sich ab, und zwar so schnell, als wenn er sich die Nase gestoßen oder verbrannt hätte. "Siehste —• es riecht aus die Kieste" bemerkte Timpe trocken. "Da is Wat faul im Staate Dänemark. Ohne Cssigschwamm und erplosionssichere Senkjrubenlampe is die Pandel jarnich ufzumachen." "Na so schlimm ist es nicht, Timpe," erwiderte der an dere aus sicherer Entfernung, "es riecht ja wirklich ein bißchen — aber aufmachen würde ich den Kasten doch." "Schön — also mach' aus." "Nee, ich nicht. Es ist doch deine Kiste. Bon wem 447 «LL»<LL>^L»<L§>«ZL»^L»^§,E><ZL» Die Expedition Timxe. «LL>«LL»^L><LL»^L>«LL><LL»^L'^L» 448 kommt sie denn überhaupt — kannst du das erkennen?" "Nach der Handschrift is'et dat jnäje Freilein von meener Inste. Wenn sich die letztere man nich in 'ne unhaltbare Liebesjabe verjriffen hat. Dat kommt mir janz so vor —" "Umsomehr solltest du sehen, zu retten, was noch zu retten ist, Timpe!" mahnte Sergeant Bahnhofs eindringlich. "Las arme Mädel hat sich Kosten und ttmstände gemacht, und du stehst dabei und ziehst ’n Rüssel." "äbo du recht hast, haste recht," erwiderte Timpe und gab sich einen entschlossenen Ruck. Er streifte die Aermel seiner Litewka aus, griff nach Hammer und Stemmeisen, und in wenigen Minuten, während welcher er bis zum Bersten die Luft anhielt, war die Kiste geöffnet. <;etzt wurden auch die andern aufmerksam. Schimpfend stoben sie auseinander und blickten entsetzt auf den Kasten und auf Timpe, der mit zugehaltener Nase den Inhalt der Sendung einer Okularinspektion unterzog. ,,^-uste, det haste mal wieder sauber jearbeitet —" brummte er in dumpfen Nasallauten vor sich hin und schüttelte den Kops. "Was hast du denn da, Timpe! Das ist ja fürchterlich!" schrie man durcheinander. "Kinderken, dat is so im Momang nich festzustellen — dazu is die Bescherung zu sehr durch'nander jeloofen" erwiderte Timpe bedächtig. "Meerschtenteils jedoch scheinen et "Joldleisten" zu sind — echte Berliner Sechserkäse n Leibjericht von mir, aber — — wie d i e sich verändert haben " "dta hör' mal, das ist doch eine Unvernunft —" jagte Sergeant Bohnhoss, indem er sich vorsichtig heranpürschte, um auch einen Blick in den Kasten zu werfen. "Dat verstehste nich," wies ihn Timpe zurück. "Dat Mächen kennt mir hauptsächlich von der Magenseite, und da hat sie sich det wunderschön jedacht mit die Joldleisten. Dat so'n Jenußmittel uf den Katzensprung von Berlin nach hier zur eenen Hälfte wechlooft und zur andern stinkt, hat sie sich nich iiberlegt. Und det macht ooch nischt. Jedenfalls hat sie an mir jedacht — und wenn ihre Liebe so heftig is, wie der Jeruch, denn bin ick zufrieden. Aber Wat ick sagen wollte in der Joldleistensauce schwim men noch verschiedene andere Jejenstände — Cijarren, wenn ick nich irre, und denn — selbstjestrickte Unterjacken! Herrje, Kinder, die kommen mir für die heutige Expedition gen Peking wie jerufen! Wenn ick sie bloß schon aus der Salbe raus hätte!" "Die mußt du vierzehn Tage im Hafen wässern lassen! Und dann der "Hertha" mitgeben, damit sie die Dinger drei Monate aus der Marsrahe bei frischem Wind spazieren fährt! Zum Auslüsten!" riesen die Kameraden lachend durcheinander und gingen davon, um ihre Schätze zu bergen. Auch Bohnhoss schloß sich ihnen an, nachdem er die ganze Aussichtslosigkeit des Inhalts von Justens Kiste noch einmal mit einem bedauernden Blicke konstatiert. Las deutsche Lager in Tientsin liegt ziemlich weit außerhalb der Chinesenstadt. Trotzdem sind die Baracken den ganzen Lag über von einer Unzahl langzöpfiger Lazzaroni umlagert, die sich darum Prügeln, den Soldaten zur Hand zu gehen und irgend eine kleine Erkenntlichkeit dafür zu empfangen. Zur Mittagszeit hat sogar eine ganze Anzahl das Privileg, den. Hof zu betreten und die Betreffenden sind nicht wenig stolz daraus. Mit Ernst und Eifer widmen sie sich den ihnen zugewiesenen Aufgaben, putzen Gemüse, klagen Wasser in die Filter und schüren das Feuer unter den im freien ausgestellten Kesseln. Es sind nur wenige, welche das Vertrauen mißbrauchen — entweder um zu schnorren oder gar zu mausen. Räudige Schafe werden lneist von ihren eigenen Landsleuten ermittelt und fliegen daun mit einem Nachdruck aus der "deutschen Interessensphäre , der ihnen das Wiederkommen verleidet. Ein Bursche, auf den man sich verlassen konnte — mit der allgemeinen Einschränkung natürlich, die bei jedem Chinesen angebracht ist — war Tsosu, ein runder putziger Kerl, welcher sich das besondere Vertrauen des Sergeanten Timpe erworben hatte. Tsosu war anstellig und hatte Humor, die spärlichen, sozusagen planlos verstreuten Haare, welche seine Oberlippe umstarrten, hatte er nach Anweisung seines Gönners zu einen, flotten "Es ist erreicht emporgebürstet — eine Konzession an die europäische Kultur, welche ihn zwar mächtig an der Nase kitzelte, aus die er aber ebenso mächtig stolz war. Außerdem sprach Tsosu deutsch. Allerdings nicht viel — aber was er sprach, das brachte er in einem so prachtvollen Berlinisch heraus, daß Timpe seine helle Freude daran hatte. Ler Lag, an dem unsere kleine Geschichte spielt, brachte deil ersten Mißton in die freundlichen Beziehungen des Sergeanten Timpe zu Tsofu-Haby. Als Gotthold Timpe sich mit Justens anrüchiger Kiste allein sah aus weiter Flur, kam ihm ein glorioser Gedanke, den er zur Mittagsstunde sofort zur Ausführung brachte. Kaum war der dicke Mongole auf dem Lagerplatze erschienen,. als der Sergeant ihn mit vielversprechendem Augenzwinkern bei Seite nahm und zu der Paudel führte, deren Inhalt inzwischen auch schon einigermaßen lebendig geworden war. Der Zug von Verheißung in Timpes Antlitz wich einem verletzten Befremden, als der Chinamann M der ersten Annäherung mit einem lauten "Psoi Teirel!" so heftig zurückprallte, daß er sich mit seiner kugeligen Rückseite bauz — in den Sand setzte. Nachdem sich beide von der ersten Ueberraschung erholt, steckte Timpe langsam die Hände in die Hosentaschen und fragte: 449 E>^L»<LL.<LL»«LL»«LL»«LL»<LL»«LL. (Eine altchinesische Novelle. «ZL»«LL><LL»«ZL<LL»«LL»«LL»«LL,«LL» ^50 "Sag' mal,. Kind^en, du bist woll 'n bischen meschugge geworden? Was ist dir denn, he?" "Dat is siecht, Schaschant — dafluchtig stecht !" stöhnte Tsofu mit einer entsetzten Grimasse und schien vor läufig keine Neigung zu haben, sich von der heimatlichen Scholle zu erheben. "So stecht —" machte Timpe seinem Faktotum ärgerlich nach. "Nu seh' mal einer so'n kiesätigen Kerl! Du, sag' nial, mein Sohn —" fragte er dann eindringlich, indem er näher an den Chinesen herantrat, "haste nich neulich vor meinen leibhaftigeil Oogen jehackte Rejenwürmer jepräpelt, he? und verfaulte Eier jeschlungen, dat dir dat Maul schäumte, he? lind dir verdächtiger Europäer — ach so, Asiate wollt' ick sagen — du ekelst dir vor echte Berliner Joldleisten?! Nu hört's aber uf!" Tsofu rappelte sich empor und gestikulierte lebhaft nach Mund und Magen. "Würma süß — Eia süß  oh fein — dalikat!" "Mahlzeit —" erwiderte Timpe, indem er sich schürtelte und zur Seite spie, "lind weshalb nich Käs'?" "Oh pfoi Teixel — faule Melk!" Das klang so ehrlich angeekelt, daß der Sergeant lachen mußte. Gleich darauf sagte er ernst: "Na über den Justo is ja nlit euch Kanälen nich zu streiten. Aber deshalb will ick Justens Handarbeit doch haben, verstchste?" "Nee —" Timpe bemühte sich nun, dem Chinesen klarzumachen, wie er weniger Wert darauf lege, daß Tsofu sich coutre coeur mit den zerlaufenen Goldleisten innerlich befreunde, als daß die verschiedenen Gegenstände aus der glibberigen Masseherausgeholt und nach Möglichkeit gesäubert wiirden. Tsofu-Haby war aber vollständig taub auf diesem Ohr. Er verstand gar nichts —• plötzlich aber auch rein gar nichts, Seine kleinen Schlitzaugen nahmen einen so leeren und blöden Ausdruck an, als wäre ihr Besitzer miudestens taubstumm, und langsam konzentrierte er sich unter den immer heftigeren Gesten des Sergeanten nach rückwärts. Wenn Timpe gewußt hätte, wie fürchterlich den Chinesen Käse und Käsegeruch sind, so hätte er sich bei seiner Gutmütigkeit wohl zufrieden gegeben — so aber hielt er die Weigerung Tsofus für eine jener plötzlich auitretenden Bockbeinigkeiten, die ein hervorstechender Charakterzug der gelben Rasse sind und von denen jeder, der längere Zeit mit einem Chinesen zu thun gehabt, ein Lied zu singen weiß. "Ich frage dich jetzt zum letzten Mal, du dickköppiger Citronenfalter —" schrie Timpe erbost, "willst du mir helfen oder nicht?!" Leider blieb Tsofu darauf nicht nur passiv, sondern er verzog das Gesicht auch noch zu einem höhnischen Grinsen. Das war zu viel. Blitzschnell griff der Sergeant mit beiden Händen in den deformierten Käse und bombardierte hinter dem wie Schafleder ausreißenden Chinamann her, bis dieser durch das nächste Thor aus dem Lager entwich. Und da Gotthold Timpe sich mit Justens. Liebesgabe auf diese Weise nun einmal "befaßt" hatte, vollendete er auch das Werk allein, zu dem selbst ein Kuli ihm die Hilfe versagt hätte. Beim Morgen-Appell war dem Sergeanten Timpe eine Aufgabe übertragen worden, die sein militärisches Herz hatte höher schlagen lassen. "Dat is 'ne Sache!" hatte er seinen Kameraden freudestrahlend gesagt, und die Vorbereitungen zu der großen Aktion hatten nur durch die Paketpost und den Aerger mit Tsofu eine Unterbrechung erfahren. Dein Detachementskommando war von Eingeborenen Klage geführt worden, daß wenige Kilometer von Tientsin die Straße nach Peking von ein paar räuberischen Burschen unsicher gemacht würde. Es seien etwa sechs oder acht verwahrloste Subjekte, die in einer seitwärts von der Straße gelegenen und von Gestrüpp verdeckten Höhle hausten. Sofort eingeleitete Recherchen hatten die Kürschner. Clnna III. 29 451 «ZL»«ZrL«LL«ZL»«LL«LL»«LL»<LL>«LL> Die Expedition Timxe. «LL><LL»<LL»<LL»<LL»<LL»<LL»rLL,<LL» 452 Berechtigung der Klage und die Richtigkeit der Mitteilungen ergebet:, und man hatte beschlossen, das Nest i:t der nächsten Nacht ausheben zu lassen. Die Sache war an sich weder schwierig noch besonders gefahrvoll. Wie man das Gesindel kannte, kniffen dreißig davon vor einem einzige!: bewaffneten Europäer aus. Es kam also nicht etwa auf eine wuchtige militärische Operation, sondern vielmehr darauf an, die Bande zr: beschleichen. Es sollte nicht mehr als eine Korporalschaft aufgebotoi: werden und der Sergeant Gotthold Timpe war mit der Führung derselben betraut worden. Einmal, weil er in: allgemeinen eii: tiichtiger Soldat tvar, u>:d dann vor allem, iveil er etwas besaß, was im Frieden nur Generäle haben dürfen, im Kriege aber bis zu einem gewisse:: Grade von jedem Manne verlangt wird —nämlich Jniliatibc. Auf dem Hofe der Pionierkaserne zu Berlin hatte -tüupe manchmal etwas auf den Hut bekommen, wenn er "jedacht oder "jemeint" hatte, und der Chapeau war ihn: um so energischer aufgetrieben worden, je mehr er im Grunde recht gehabt hatte. Hier war das anders, und er konnte beweisen, daß hinter seinen: Denken :.:nd Meinen auch 'was stak. -so geheim man namentlich auch den Eingeborenen gegenüber die Vorbereitungen zur "Expedition Timpe" betrieben hatte, die Sache war doch bekannt geworden. Aber das hatte keine Gefahr, denn das Volt war selbst zunächst daran interessiert, daß den Räubern das Handlverk gelegt wurde. Nur e i n Punkt verursachte dem Herrn Expeditionsführer wenn auch nicht Sorge — Furcht war ein Begriff, den er ebensowenig wie ein Napoleon in seinem Wörterbuch hatte — so doch einiges Nachdenken. Sein käseflüchtiges Faktotum war auf der Heerstraße nach Peking gesehen worden, und das war 'ne Sache, eine verflixte sogar. Auch.der netteste und beste Chinese hat seine Stunden, in denen er ein ausgemachter Gauner ist, und wessen so ein gelber Bruder fähig war, wenn man ihn mit Berliner Goldleisten beworfen, das war durch die Erfahrung noch gar nicht einmal festgestellt. Jedenfalls war Gotthold Tin:pe aus seiner Hut. Nachdem er kaum zwei Kilometer mit seinen Leuten inarschiert, zog er seine Expedition auseinander beiläufig bemerkt, sehr zur Zufriedenheit seiner Leute, de:::: der Herr Sergeant, der zur Feier des ersten selbständigen Schlachttages eine der selbst gereinigten Jacken aus der heimatlichen Kiste angelegt hatte, roch entsetzlich. Timpe hatte die Dispositionen so getroffen, daß von alle:: seiten gleichzeitig in das verdächtige Gestrüpp eiugedrungen werden sollte. Er selbst war mit den beiden Leuten ganz un: den Busch herumgegangen, in der Voraussicht, daß, wenn der gereizte Haby-Chinese aus Rache wirklich die Bande gewarnt, diese dann auf der von der Chaussee abgekehrten Seite sich zurückgezogen haben würde. -tic Nacht war allmählich stockdunkel hereingebrochen. Als Timpe an der Terrainänderung uierkte, daß man sich dem Busche näherte, schärfte er seinen Begleitern zum tausend und ersten Male größte Lautlosigkeit ein :u:d entließ sie dann auch nach rechts bezw. links. Er selbst traf alsbald auf die ersten Ausläufer des Gestrüpps —— und schon stockte sein Fuß, denn er glaubte, dicht neben sich ein leises Geräusch, wie das Atmen eines Menschen zu hören, der — außer Atem ist. Dann ein Schnüffeln und Wittern und gleich darauf ein Anruf — leise, eindringlich, in den gutturalen Tönen des chinesischen Mob, und schließlich auch in äugstsicher Frage ein Name: T s o f u? Timpe hätte nicht Tiiupe sein müssen, um nicht sofort zu wissen, woran er war. Er gurgelte ein tiefes "Chai-i" eins der wenigen Worte seines chinesischen Sprachschatzes — und die Wirkung war wunderbar. Wie aus dem Boden geivachsen, tauchten zwei Chinesen neben ihm auf und redeten in ihrem halsbrecherischen Idiom aus ihn ein, wie auf ein krankes Pferd. Tausend Fragen und Besorgnisse schienen sie auf den: Herzen zu haben und den: vermeintlichen Tsofu mitzuteilen — bis der Redestrom durch einen kräftigen Griff des Sergeanten nach je einem Schlafittchen jäh unterbrochen wurde. "Kinderkens —" sagte Timpe gemütlich, indem er sie zu ihrer besseren Orientierung erst einmal mit den beiden Dickschädeln zusammenstieß, "über all diese Sachen wolle:: wir uns zu Hause unterhalten. Nu man erst 'n bisken dalli hier 'raus aus dem Busch und denn wollen wir uns :ual umsehen, wo die sieben Brüderchen sind." sainit schlang er die Zöpfe der vor Schreck halbtotei: Kerle um die sinke Faust und setzte eine Trillerpfeife zu den: verabredeten Signal an den Mund. Gleich darauf 29» 453 «ZL»^L«LLrZL»<ZLL«ZL»«ZL»«ZL»«LL»«LL» Chrysanthemen. «LL,<LL»<LL»<LL»<LL»<LL>^L»«LL»<LL»<LL» 454 flammten an zwei, drei Stellen die von den Soldaten mitgenommenen Windfackeln auf, und es dauerte gar nicht lange, so war die Expeditioir Timpe wieder beisammen — leider ohne weitere Gefangene. Man hatte nur die beiden erwischt, welche voir Tsofn weitere Verhaltungsmaßregeln erwarteten, während die anderen wohl jenseits der Hügel sich verborgen hielten. — Die wirkliche Ueberraschung für Gotthold Timpe kam aber erst am nächsten Morgen, als die Gefangenen mit Hilfe eines Dolmetschers vernommen wurden. Sie erklärten, daß sie denSergeanten deshalb für Tsofn gehalten hätten, weil er — — g a u 3 genau s 0 übel geduftet habewiejener Cbryfantbemen. (Eine altchinesische Blumengeschichte. Das Chrysanthemum ist eine der Lieblingsblumen der Bewohner des himmlischen Reiches; zahlreiche Poesien feiern seine reizenden Farben. Das berühmteste Gedicht stammt aus der Feder eines Gelehrten, Namens Tao-IeuMing, der diese Blume verehrte und seiner Bewunderung zu Anfang des fünften Jahrhunderts in poetischer Form Ausdruck gab. Tausend Jahre später fand die Liebe zu dieser Blume ein neues Opfer in der Person des Ma-Tse-Tsae aus Petschili, der darin so weit ging, daß er sich durch die Sammlung aller ihrer Arten zu Grunde richtete. Einer seiner Freunde, der aus der Provinz Nanking stammte, brachte einige Zeit bei ihm zu und erzählte ihm, einer seiner Landsleute besäße mehrere Arten von Chrysanthemen, die in den nördlichen Ländern nicht existierten. Diese Mitteilung genügte, um die Leidenschaft des Sammlers zu entfachen; und er machte sich sofort ans die Reise, um diese Seltenheiten zu erstehen. Er fand auch zwei Pflanzen, die er noch nicht besaß, und brachte sie im Triumphe heim. Aus der Rückreise traf er mit einem jungen Manne zusammen, dessen vornehme Manieren ihm ausnehmend gefielen; daher suchte und fand er auch Gelegenheit, mit ihm bekannt zu werden. Die zuerst allgemein gehaltenen Gespräche wandten sich bald der Botanik zu; Ma-Tse-Tsae war überglücklich, erzählen zu dürfen, weshalb er seine Reise unternommen und seine Trophäen zu zeigen. Nun erzählte ihm der junge Mann, daß alle Pflanzen vermittelst eines eigenartigen Bewässerungssystems, zu dem er allein das Geheimnis besaß, sehr hübsch werden und eine außerordentliche Größe erreichen könnten. Von der Begegnung ganz entzückt, fragte Ma-TseTsae seinen neuen Freund, wohin er denn reise. "Bi ein er Schwester bekommt die Luft in Nanking nicht; wir wollen im Norden wohnen." "Ich bin arm, doch meine Hütte ist noch groß genug, lim sie mit dir zu teilen," sagte Ma. "Wenn du diese länd liche Gastfreundschaft annehmen willst, so hast du nicht nötig, eine andere Wohnung zu suchen." Der neue Freund, der Tao hieß, wagte nicht, diesen Vorschlag aus der Stelle anzunehmen, und wollte zuerst die Einwilligung seiner Schwester einholen. Diese, die bis dahin im Reisewagen gesessen hatte, zeigte nun, während sie mit ihrem Bruder sprach, ihr reizendes Gesicht; sie war ein junges Mädchen voir 20 Jahren. Nach einigem Zuredell nahm sie dankbar an und man fuhr sofort nach Mas Hause, der seine Gäste in einem an das Wohnhaus anstoßeNden Pavillon unterbrachte, welcher in einem großen, mit zahllosen Chrysanthemen bepflanzten Park belegen war. Als sie sich häuslich eingerichtet hatten, beschäftigten sie sich mit der Bewässerung der Pflanzen, die sich unter ihren Händen wunderbar entwickelten; selbst abgestorbene Bllimelr erwachten wieder zu neuem Leben, sobald sie neu eingepflanzt und mit der geheimnisvollen Flüssigkeit begossen worden waren. "Du bist nicht sehr reich," sagte Tao eines Tages zu seinem Freunde, "nlid wir haben dir noch mehr Kosten verursacht; das darf nicht so weitergehn, und wir müssen ein Mittel finden, dich zu unterstützen. Ich schlage dir vor, Chrysanthemen zu verkaufen. Bist du damit einverstanden?" Ma liebte seine Blumen über alles und der Gedanke der Spekulation >var ihm verhaßt; er erklärte, seine Armut drücke ihn nicht, wenn er nur so viel besäße, um seine Leidenschaft zu befriedigen. Der Vorschlag, Blumen zu verkaufen, erschiene ihm der Bewohner dieses Gartens unwürdig. "Sich mit seiner Arbeit Geld zu verdienen, ist kein Unrecht," erklärte Tao. "tlnd Blumen verkaufen, ist kein gewöhnliches Geschäft. Ich begreife wohl, daß man nicht um jeden Preis Vermögen erringen soll; doch man darf auch nicht absichtlich in der Armut verharren." Doch dieser Rat war nicht nach dem Geschmacke Mas, ja, die tlnterhnltung entfremdete die beiden Familien sogar ein wenig. Tao besuchte seinen Freund nur selten und nur auf 455 <LL»rLL»<LL»«LL»«LL»<LL>«Z!L»«LL»<LL» Chrysanthemen. «LL»«LL»^L»«LL>«LL»<LL,«LL><LL»<LL»«LL> 456 Mas Verlangen; er vergrab sich in seinen Garten und pflanzte dort Chrysanthemen. Als die Pflanzen in Blüte standen, hörte Ma ein fortwährendes Kommen und Gehen neben seinem Hause; das waren die Leute, die bei Tao Chrysanthemen kauften. Ma, der über das Benehmen seines Freundes empört war, hätte am liebsten ganz und gar mit ihm gebrochen; doch die verkauften Blumen waren sehr seltene, ihm unbekannte Arten; und er vermutete, sein Freund besitze noch andere Geheimnisse. Darum wollte er ihn um Erklärungen bitten. Als er sich dem Pavillon zuwandte, erkannte er sofort, daß alle diese schönen Blumen von den Abfällen herstammten, die er so verächtlich fortgeworfen hatte. Tao empfing feinen Wohlthäter mit großer Liebenswürdigkeit und lud ihn im Garten zum Essen ein. "Wegen meines geringen Vermögens habe ich deiner Ansicht nicht beipflichten können," sagte er zu seinem Gaste;, "doch Dank dem Blumenverkaufe habe ich viel Geld erworben, und werde mir nun von Zeit zu Zeit das Vergnügen machen können, ein Gläschen Wein in deiner Gesellschaft zu trinken." Beim Nachtisch plauderten sie von allem möglichen, unter anderem auch von der Lage der beiden Familien. "Warum hat sich Fräulein Tao eigentlich nicht verheiratet?" fragte Ma plötzlich. "Sie hat noch Zeit; übrigens wird sie in 43 Monaten vermählt sein!" Doch weiter wollte sich Tao über diesen Gegenstand nicht auslassen und antwortete auf die Fragen seines Gastes nur mit einem liebenswürdigen Lächeln. Am nächsten Tage kehrte Ma in den Pavillon zurück und sah zu seiner Ueberraschung, daß die an: vorigen Tage eingepflanzten Blumen schon einen Fuß hoch standen; er sprach daher den Wunsch aus, das Geheimnis dieses außerordentlichen Wachstums kennen zu lernen. "Ich darf dir das nicht offen sagen," lautete die Antwort, "und dann, was hätte es auch für Nutzen für dich, da du deine Blumen ja doch nicht verkaufen willst!" Einige Tage später, als die Bliitezeit der Chrysanthemen vorüber war, nahm Tao von seinem Freunde Abschied, um in seine Heimat zurückzukehren. Im folgenden Jahre, im Frühling, kam er mit neuen Pflanzen wieder, um einen großen Blümenhandel zu eröffnen. Dieser Handel brachte ihm, obwohl er nur zehn Tage dauerte, ein bedeutendes Vermögen ciit. Der alte Garten wurde schnell in einen prächtigen Palast umgewandelt, und ein für diesen Zweck angekauftes Feld zur Chrysanthemumanpflanzung hergerichtet. Bei seiner dritten Reise in den Süden ließ Tao seine Schwester zurück, um die Besitzungen zu verwalten; doch er kam nicht zur üblichen Zeit wieder. Ma ward kurz darauf der Schmerz zu teil, seine Gattin zu verlieren. Als die Trauer zu Ende ging, fühlte er sich in seinem Hause sehr einsam und hätte Taos Schwester am liebsten sofort geheiratet, doch das junge Mädchen wollte erst die Rückkehr ihres Bruders abwarten und ohne diesen keine Verpflichtung eingehen. Tao aber kam nicht zurück. Inzwischen setzte sie den Blümenhandel weiter fort, der ihren Reichtum immer noch vermehrte; sie erwarb nach und nach alle Felder in der Umgegend der Stadt und legte auf denselben neue Anpflanzungen an. Plötzlich, ganz unvermutet, erhielt sie einen Briet von ihrem Bruder, der ihr riet, Ma zu heiraten. Dieser Brief kam ans Kanton; sonderbarerweise trug er das Datum des Todestages der Frau Ma; und was noch selsamer war, es waren gerade 43 Monate verflossen seit jener Zusaminenkunft, bei der Ma seinen Freund gefragt hatte, weshalb sich seine Schwester nicht vermähle. Die Hochzeit wurde nun festgesetzt; Fräulein Tao hätte am liebsten die Ceremonie in ihrem Hanse gefeiert; doch sie nmßte dem Drängen ihres Zukünftigen nachgeben, der seine bescheidene Wohnung nicht verlassen wollte, und so wurde nur zwischen dem kleinen Landhanse und den: Palast eine Verbindungsthür hergestellt. Um ihren Gatten ai: ihrem Reichtum teilnehmen zu lassen, ließ Mas Gattin nach und nach alle ihre Möbel in seine Wohnung bringen; doch er schickte alles zurück, denn er wollte nichts haben, was ans dem Blumenhandel angeschafft war. Frau Ma aber wollte sich einem so unvernünftigen Befehle nicht unterwerfen; sie ließ sogar Mas Haus umbauen, um es ihrem Palaste ähnlicher zu machen. Das einzige Zugeständnis, das sie ihrem Gatten machte, bestand darin, daß sie den Blumenhandel einstellte. Doch ihr Haushalt und ihr Aufwand ward nicht geringer; in: Gegenteil, sie wetteiferte mit den vornehnsiten Herren der Stadt. Ihr Mann sah das alles nur mit tiefem Schmerze, denn er wußte, daß sie diesen Reichtum nur dem Verkaufe der in seinen Augen geheiligten Blumen verdankte. "Meine dreißigjährige Tugend ist durch dich vernichtet worden," sagte er eines Tages mit tiefer Beschämung. "An deinen Rockgürtel gefesselt, verliere ich jeden Charakter und jede Manneswürde. Ich versichere dich, hätte ich noch einen Wunsch, so wäre es der, wieder arm zu werden." "Ich bin nicht ehrgeizig," versetzte sie; "alles, was ich gethan, hatte nur den Zweck, den Glanz meines Geschlechts zu erhöhen, damit die künftigen Generationen nicht mehr behaupten, wir wären zu ewiger Armut bestimmt. Es ist übrigens nicht schwer, wieder arm zu iverden. Da ist mein Geld, gieb alles aus, so viel du willst; ich werde keine Rechenschaft von dir verlangen." "Das Geld anderer ausgeben, ist ebenfalls eine Schmach; das werde ich nicht thun." "Du willst nicht reich sein, und ich kann nicht wieder arm werden; so ist es also das beste, wir trennen uns!" 457 <Zt§>«LZ>«Zt§>«L§>«ZlL»«LL»«Z!L»«ZiL> Line Drachcnprozession in Macao. ^L»<LZ,«ZL,<ZL»«LL»«LL»«ZL»«ZL» 458 Sie ließ nun eine Umzäunung in dem Gurten errichten und blieb selbst in dem Nordhause. Einige Tage später war Mas Geduld zu Ende; er konnte die Einsamkeit nicht länger ertragen und bat seine Frau, ihn zu besuchen. Sie aber weigerte sich hartnäckig, doch nach einiger Zeit fand eine Versöhnung statt, und die Umzäunung wurde niedergerissen. Kurze Zeit nach diesem Vorfall begegnete Ma, beit ein Zufall nach Nanking geführt, seinem Schwager, der in dieser Stadt ein großes Blumengeschäft betrieb. Er lud ihn ein, mit ihm nach Petschili zu kommen; doch Tao weigerte sich und Ma mußte ihn zwingen, sein Haus zu verkaufen, uni ihn zur Abreise zu bestimmen, so sehr hing der junge Mann an seiner Heimat. Bei ihrer Rückkehr führte Frau Ma ihren Bruder in das für ihn bestimmte Gemach, als hätte sie im voraus gewußt, daß er kommen würde. Seitdem überließen sich die beiden Schwäger frei und unbeschäftigt, lute sie waren, einzig und allein dem Vergnügen des Weintrinkens; sie hatten nur noch einen Freund, Namens Tseu, der ebenfalls für die Gaben der Reben schwärmte. Eines Abends fiel Tao, der stark berauscht war, eine Treppe hinunter und verwandelte sich sofort in ein Chrysanthemum von riesiger Größe, das zwölf Blumen trug, von denen jede so groß wie eine Schüssel war. Sofort erschien seine Schwester, riß ihn aus der Erde, in die er sich bereits eingepflanzt hatte, bedeckte ihn mit seinen Kleidern und legte ihn zur Erde. Am nächsten Tage fand man Tao am Fuß der Gartenmauer, an derselben Stelle, wo man ihn hingelegt, in tiefem Schlummer. Nun erkannte Ma, daß der Bruder und die Schwester verwandelte Chrysanthemen waren; doch die Ehrfurcht und Achtung, die er für sie hegte, wurden nach dieser Entdeckung nur noch größer. Seitdem überließ sich Tao noch mehr dem Trünke und jedesnial lud er Tseu zum Mittrinken ein. Am Tage des Blumenfestes warf Tseu, uni seine Freunde betrunken zu machen, ein Pulver in den Weinkrng, den er ihnen kredenzte. Gegen Ende der Mahlzeit wurde Tao, der übermäßig getrunken, von neuem in ein Chrysanthemum verwandelt. Ma war an diese Verwandlung bereits gewöhnt, er legte daher die Blume auf die Erde und blieb an ihrer Seite sitzen, um die Einzelheiten der Metamorphose zu ersehen. Doch diesmal vertrockneten die Blumen sofort und die Pflanze schien zu sterben. Mas Gattin, die ihr Mann von dem Geschehenen in Kenntnis gesetzt hatte, kam weinend herbeigelanfen und rief: "Man hat meinen Bruder getötet!" Sie hob die Pflanze auf, setzte sie in einen Topf und begoß sie selbst jeden Tag. Das Chrysanthemum nahm wieder Kraft und Leben an; im Herbst verbreiteten ihre Blüten einen süßen Duft, in den sich der Geruch des Weines mischte. Man nannte diese Pflanze seitdem den "berauschenden Tao", und so heißt sie noch heute. Was aus Ma und seiner Gattin geworden ist, das weiß nian nicht; es ist über sie nichts Besonderes bekannt geworden. Line Dcachenprozcssion in Macao. Mppcbens Rückblicke auf die ckmefifcken sich ereignet hat und was ^V. In dein Augenblicke, wo die in den weitesten Kreisen als Muse der Geschichte geschätzte Klio einen Strich unter eut kriegerisches Ereignis meißelt, Pflege ich wie I a n u s gen: rückund vorwärts zu schauen, um festzustellen, was denn eigentlich wir von dein Geschehenen zu erwarte,: haben. Meine Leser werden wissen, daß ich, wenn der zufällig herrschende Frieden — verzeihen Sie das harte Wort! — entweicht und den gefallenen Würfeln Platz macht, niemals als Prophet die Feder ergreife. Nicht etwa, weil der Prophet in seinem Vater land nichts gilt, oder weil ich, auch ohne em Saul zu sein, nichts unter den Propheten zu suchen habe. Das erstere ist ja überhaupt nicht richtig, denn ich könnte Propheten namhaft mächen, welche in ihrem Vaterland sehr viel gegolten haben, wobei ich gar nicht einmal an die Pythia denke, deren Sprache zweizüngig war, wie ihr Sitz dreifüßig. Aber das Prophezeien hat einen Haken, an dem mau es bequem niedriger hängen kann. Es kommt doch alles leicht anders. Wenn man sagt, nach der Nubila ßringe die Post den Phoebus, so kann doch gerade der Sonnenschein ausbleiben und anstatt seiner wieder der Regen kommen. Wer sich also auf solchen weißsehenden Wetterpropheten verläßt und ohne Regenschirm ausgeht, sieht sich vielleicht bald vergeblich nach einem trockenen Faden um, oder ist froh, wenn er nur halbwegs pudeltrocken nach Hause kommt. Dem irdischen Auge ist eben die Zukunft verschlossen. Von einem Knaben, dem der Storch lange Finger mit zur Welt Bringt, kann niemand mit Gewißheit sagen, ob er ein Pianist oder ein Taschendieb wird, und der Prophet, der das eure anstatt des anderen vorausorakelte, setzt sich der Gefahr aus, daß ihm zugerufen wird: Du lügst ja wie beim Bäcker die Semmel! Der Traum also, in welchem es mir einfiel, von den Folgen zu sprechen, welche unser Auftreten in China nach sich ziehen könnte, liegt mir fern, wie dem Zigeunerbuben G e i b e I s im Norden, im Süd das schöne Spanien. Immerhin aber wird sich darüber sprechen lassen. Doch ein Rückblick könnte für die Zukunft nützlich sein. China war uns eine Terra, deren Incognita strengstens gewahrt wurde, als handle es sich um das H a r u n a l R a s chi d s, jenes Kalifen, der sich gern in Bagdad, welche Stadt wie Sevilla durch einen Barbier im Munde aller Opernsänger lebt, dieNächte unerkannt um die Ohren schlug, um auszuforschen, wie die Bevölkerung ihn in ihren Haß geschlossen habe. China war kaum den Chinesen bekannt. Von Mauern umgeben, lag es vor den Blicken der übrigen Welt verborgen, fern von der Kultur, und wünschte die Fremden dahin, wo der daselbst gebaute Pfeffer wächst. Wer den: Generalfeldmarsch all Wa I d e r s e e an der Wiege vorgesungen hätte, daß er einst in China die Truppen der Großmächte kommandieren würde, den hätte seine Mutter ganz gewiß aus der Stube gewiesen mit der Bitte, draußen zu singen. Als aber die Boxer das Völkerrecht derart befleckt hatten, daß es nur mit Blut nbgewaschen werden konnte, um wieder rein ivie Fridolin, also wie kein Engel, dazustehen und nun die Mächte dreier Weltteile ihre Truppen in das Reich der Mitte — so nennt man China, obschon es nicht das des Juste milieu ist — dampfen ließen, da dachte man doch, daß China trotz seines Heidentums rasch 311 Kreuze kriechen würde. Man meinte, 'es habe keine Waffen und würde sie deshalb bald strecken, und int Handumdrehen würde das Vidi dem Veni und diesem das Vid auf dem Fuße folgen. Aber der Trompeter Scheffels behielt einmal wieder recht mit seinem Behüt' dich Gott! Die chinesischen Diplomaten zeigten sich als Meister der Länge, in die schließlich alles zu ziehen ist. Ihnen ist das wichtigste Möbel die lange Bank, wenn es gilt, etwas auf solche zu schieben. Sie spielen die Entgegenkommenden vom Blatt, während sie Ränke schmieden, so lange es warm ist, und in China ist es bekanntlich sehr lange warm, und wenit sie dann klein beigebeu, so ist dies so klein, daß man es mit unbewaffnetem Auge nicht sehen kann. Hier stellen sie ein Bein und dorten zwei, und in der Kunst, hinters Licht zu führen, auch da. wo gar keines vorhanden ist, sind sie allen über und selbst deirSchlausten nicht unter. Mit einem Wort: sie sind mit allen Wassern gewaschen und nicht nur mit allen gewöhnlichen, sondern sie sind es so gründlich, daß sie auch mit dem Danziger Goldwasser, mit dem Mundwasser Odol und mit dem kölnischen Eau de Cologne gewaschen sind. Man kann sich denken, wie schwer es dem ehrlichen Soldatencharakter unseres Waldersee würde, mit solchen lleberdiplomaDeutsche National-Litteratur. Historischkritische Ausgabe der Schriftwerke der deutschen Litteratur seit ihrem Beginn bis zu Goethes Tod in einer nach einheitlichen Gesichtspunkten getroffenen Anordnung. Unter Mitwirkung namhafter Litteraturhistoriker herausgegeben von Joseph Kürschner. Vollständig in 220 Bänden. Jeder Band broschiert M. 2.50, geh. M. 3.50. "Ein Unternehmen, welches an Grossartigkeit der Konzeption ohne Beispiel ist und seines Gleichen vielleicht nicht hat in der Weltlitteratur.“ (Deutsche Rundschau.) Kürschners Deutscher Litteratur-Kalender. 24. Jahrg. 1902. Erscheint im ersten Quartal jeden Jahres. Geb. M. 6.50. Unentbehrlich für jeden Litteraturfreund. Biographien, Bibliographien, Adressen etc. aller lebenden Schriftsteller, Zeitschriftenübersicht etc. "Ein Work ausserordentlichen Fleisses und lexikalischer Kunst.“ (Frankfurter Zeitung.) Kürschners Staats-, Hofund Kommunalhandbuch des Reichs und der Bundesstaaten. 17. Jahrg. 1902. Erscheint im ersten Quartal jeden Jahres. Geb. M. 6.50. Vereinigung einer ganzen Fülle von Nachschlagwerken in einem Bande. "Man findet in Kürschners Staatshandbuch eben einfach Alles, was man auf diesem Gebiete wünschen und brauchen kann.“ (Leipziger Tageblatt.) Kürschners Jahrbuch. Kalender, Merkund N ach Schlagebuch für Jedermann. 5. Jahrg. 1902. Ga. 850 Illustrationen. Solid geh. M. 1.—, in Leinen mit Golddruck geh. M. 1.50. "Das ist der trefflichste Kalender, der jemals erschienen ist.“ (Chemnitzer Tageblatt.) Österr. Ausg. 4. Jahrg. 1902. Solid geh. Kronen 2.—. Kürschners Taschen KonversationsLexikon. Geb. M. 8.—. .Über die ganze Erde verbreitetes, bei Jung und Alt, Arm und Reich geschätztes Universalhilfsbuch.“ (Nordd. Allgemeine Zeitung.) Kürschners Universal KonversationsLexikon. 3158 Illustrationen (darunter auf 12 Tafeln 420 farbige) und 4 doppelseitige farbige Karten. 3. Aufl. 1901. Solid gebunden M. 5.—. "Reizend! Geniale Bündigkeit und Findigkeit in einzigartiger Weise vereint. Ein lexikalisches Genie der Verfasser.“ (I). Litt. Blätter.) Kürschners Fünf Sprachen Lexikon. 2. Aufl. 1901. Solid gebunden M. 5.—. Ergänzendes Seitenstück zum Vorigen. Bringt deutschengl.-franz.-ital.-lat. Wörterbücher in origineller Anordnung, Sentenzen, Namen, Fremdwörterbuch, Briefsteller etc., und kommt dem praktischen Bedürfnis der Gegenwart in jeder Hinsicht entgegen. Kürschners Neuer Reichstag. 3. Ausg. 1898 Brosch. M. —.50, geh. M. 1.— Porträts und Biographien sämtlicher Reichstagsabgeordneter, Wahlstatistik, Geschäftsordnung, Verfassung etc. "Dieses Werkchen darf sowohl nach Form als In1 alt als ein Unikum betrachtet werden.“ (Deutscher Reichsanzeiger.) In gleicher Ausstattung erschienen: Kürschner, Das preuss. Abgeordnetenhaus. Kürschner, Der bayrische Landtag. Kürschner, Der österreichische Reichsrat. Kürschner, Gekrönte Häupter. Kürschners Handbuch der deutschen Presse. Ein beschreibendes Lexikon sämtlicher in deutscher Sprache erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften. 1902. M. 12.50. 300 Illustrationen. Brosch M. —.50, geb. M. 1.—. Die billigste, stoffreichste und instruktivste Lebensbeschreibung Kaiser Wilhelms I. Vom preussischen Kriegsminister empfohlen, von hohen Militärs und höchsten Reichsbeamten glänzend beurteilt. Kürschner, Frau Musika. Ein Buch Itir frohe und ernste Stunden. Brosch. M. 8.—. Geb. M. 10.— In 2 Bänden geb. M. 12.—. "Wir haben es hier mit einem Geschenkwerk allerersten Ranges zu thun: die vornehme Ausstattung, der reizende Bilderschmuck, die beispiellose Reichhaltigkeit des Inhaltes und die ausserordentliche Bedeutung, welche diesem in seiner Art einzig dastehenden Werke für die musikalische Praxis zukommt, werden ihm bald die Stellung eines Familienbuches [errungen haben, eines lieben Freundes, dessen man sich überall erfreut, wo man im häuslichen Kreise sich und anderen zur Lust musiziert.“ (Daheim.) Kürschner, Das ist des Deutschen Vaterland. Eine Wanderung durch deutsche Gaue. Unter Mitwirkung erster deutscher Autoren. 1280 (zum Teil farbige) Illustrationen. In eleg. mehrfarb. Leinenband M. 12.—. "... Nach seinen Gauen geordnet, liegt unser Vaterland hier vor uns ausgebreitet, in einer Vollständigkeit und Übersichtlichkeit, wie das Bild es nicht schöner zeigen, das Wort nicht besser erläutern kann.“ (Deutsche Rundschau.) Kürschners Bücherschatz. Jede Woche ein reich illustrierter Band von circa 128 Seiten mit Porträt und Autobiographie des Verfassers. 20 Pf. "Es dürfte hier das Äusserste an Billigkeit und Preiswürdigkeit geleistet sein, ja das Unglaubliche.“ (Romanwelt.) Je 4 Bände von Kürschners Bücherschatz werden gebunden ausgegeben als Kürschners Bücherschatz, Monatsausgabe. Eleg. geb. Bd. ii M. 1.25. Kürschner, Der grosse Krieg 1870/71 in Zeitberichten. 320 Illustrationen, geschmackvoller Leinenband M. 3.50. Einstimmig anerkannt die originellste Geschichte des gewaltigen Völkerkampfes. Ersetzt jedes andere Kriegs werk, ist aber auch neben jedem unentbehrlich, weil es den Leser die gewaltige Zeit durch Wort und Bild wahrhaft miterleben lässt. Kürschner-Peip, Deutsches Kartenwerk. Mit Unterstützung von Behörden, Radfahrvereinen und Privaten herausgegeben. Preis jeder Karte mit Mappe und Textheft 30 Pfg. Kürschner-Peip,,,Deutsches Kartenwerk“ verzeichnet in seinen 690 durch Korrektheit, Klarheit und Farbenschönheit ihres Bildes ausgezeichneten Kartenblättern alle menschlichen Wohnungen des betr. Gebietes, alle Eisenund sonstigen Bahnen, Landes-, ProvinzialHaupt-, Postund Nebenstrassen, wichtige Verbindungswege, Kreis-, Amtsetc. Grenzen. Giebt ein treues Bihl der Kultur und Landschaft (Wald, Wiese, Heide, Marschen, Sumpf, Sand, Watten, Feldbau etc.), verzeichnet Ruinen, Denkmäler, Schlachtfelder etc., bietet zahlreiche Höhenangaben zur Bestimmung des Terrains. KürschnerPeip "Deutsches Kartenwerk“ ist die erste derartige populäre kartographische Darstellung des Reiches und dient der Kenntnis der geographisch-topographischen Beschaffenheit des Vaterlandes ebenso, wie jeglichem Verkehrsinteresse. Ergänzt wird das Kartenbild durch Texthefte zu meist 4 Karten, enthaltend ein genaues Register aller auf der Karte in Schrift ausgedrückten Orte, Wasserläufe etc., mit einer Schilderung, die auch das kleinste Objekt umfasst und bei jeder Siedelung ohne Eisenbahnverbindung die Entfernung der nächsten Eisenbahnstation nennt. Angaben über Verkehrswesen, Sehenswürdigkeiten. Gasthöfe, Radfahrer Verhältnisse gesellen sich den geographischen Mitteilungen. Kürschner-Peip, Atlas von Württemberg1. 37 Karten mit ausführlichem geographischen Lexikon und einer Gesamt-Einleitung von Oberstudienrat Prof. Dr. Hartmann. Eleg. geb. M. 7.50. Kürschner-Peip, Atlas von Baden. 35 Karten mit ausführlichem geographischen Lexikon und einer Gesamt-Einleitung von Ober Regierungsrat Dr. Lange. Eleg. geb. M. 7.50. Von dem Herausgeber, Joseph Kürschner, erschienen u. A. ferner: Kürschner, Heil Kaiser Dir! Aimanackfonnat. N12 <102 4300170 1 0
