Isff- ff3 t- Verlag von Alfred Hölöcv, ln u. k. Hof- und UniverfiläkS-Buchhändler, Wien, I-, stkolhcnthnrmftraßc 15. voigi, Dr. Ludwig, Dircctor der städtischen Handelsschule in Gablonz a. 91., Mitglied der I. r. Prüfungs kommission in Wien für das Lehramt an Handelsschulen. Französische Grammatik für Handelsschule». Preis geb. St kr. Übungsbuch zur Franz. Grammatik für Hnndelsschulen. I. Theil (Unterstufe). Preis geb. 68 kr. II. Theil (Oberstufe; Einführung in die französische Handelscorrespondenz). Preis geb. so kr. vrhdrn, Dr. Karl, Professor an der Wiener Handels-Akademie. Hnttdelsgeo grast hie auf Grundlage der neuesten Forschungen und Ergebnisse der Statistik. Siebente, durchgeschene Auflage. Mit einer Weltverkchrö- karte. Preis geh. 3 fl., geb. 3 fl. 20 kr. ffljrlriiiljrr fiir jiurirlofßgc Handelsfchulni. HHiita, Max, Handelsschul-Direetor. Lehr- und Übungsbuch der einfachen und dostpcltcn Buch führung fiir zweiclassige Handelsschulen. Zweite, vollständig umgcarbcitete Auflage. 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Nehden, Dr. Varl, Professor an der -Wiener Handels-Akademie. Leitfaden der Handels- und BcrtchrS- gcographic für zwciclassige Handelsschule». Mit einer »larte dcS Weltverkehrs. Preis geb. I st. 10 kr. Nieglrr, Julius. Hanptlehrer an der Handelsschule vormals I. Pazelt in Wien. Lehr- und Übungs buch der Buchhaltung für zweicl. Handelsschulen. Preis geb. l fl. io kr. Lehrbücher für Kaufmämische Lortliildungsfchule». vrrger, J., Professor an der Handels Akademie in Graz. Cinsührung in die kansmännische (einfache und doppelte) Buchhaltung für kaufmännische Fortbildungsschule». Preis geb. 60 Ir. Habrrer, Il.rrl, Dircctor der Handels Akademie in Jnnsbrmk. Lcitsadcn der HandclScorrespondenz. Für den Unterricht an kausmännischen Fortbildungsschulen. Preis geb. 7 » kr. Lcitsadcn der Handels- und Wcchsclkuude für kansmännische Fortbildungsschulen. Preis geb. 7 « kr. Vatiinerlr, Dr. Franz Ritter von, k. k. ScctionSrath im Ministerium für CultuS nnd Unterricht. 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Vorstufe zur Handels- »nd Verkehrs.Geographie. Preis geb. 28 kr. Fehden. Dr. Rarl, Professor an der Wiener Handels Akademie. Lcitsadcn der Handels- und Bcrkchrs- geographic für kansmännische Fortbildungsschulen. Mit einer Karte des Weltverkehrs. Zweite, im statistischen Theile revidierte, sonst unveränderte Auslage. Preis geb. 60 kr. Verlag von Alfred Holder, k. u. k. Hof- und Aniverstläls-Duchhändler, Wien, I., Rothcnthurmstraßc 15. Lehrbuch der Handelsgeschichte auf Grundlage der Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Kit einem bibliographischen Anhänge. Von Dr. Wichecrö Mayr, Professor an der Wiener Handels-Akademie. Erlass des hohen k. k. Ministeriums für CultuS und Unterricht vom 1. October 1891, Z. 17.263, nun Nnter- richtSgebranche an höheren Handelslehranstalten (Handelsakademien) allgemein zngelassen. preis yrhrftet: I h. 7(> irr.« yrbnnden I fl, 9C hr. Wien 1894. Alfred Holder, f. ii. f. Hof- intb Universitäts-Buchhändler, I., Rothenthurmftraße 15.Inhaltsübersicht Seite Einleitung 1 § 1. Begriff der Handelsgeschichte 1 §2. Periodisierung der Handelsgeschichte I § 3. Anthropogeographische Grundlagen der Wirtschaftsgeschichte 2 Erster Weil 6 I. Abschnitt. Das Mediterran-Zeitalter (Alterthnm) 6 1. Capitel. Die altorientalische Periode ti § 4. Die Grundmotivc und die Ursitze des Welthandels 6 8 5. Ägypten 8 § 6. Babylonien und Assyrien 9 § 7. Syrien einschließlich Phöniziens 10 2. Capitel. Die hellenisch-karthagische Periode 13 § 8. Charakteristik der zweiten Periode ¦ 13 8 9. Die Ausbreitung der Hellenen 14 8 10. Der Kampf um die Westsee 16 § 11- Handel und Wandel in Griechenland 19 § 12. Orient und Occident 24 § 13. Der Hellenismus 27 3. Capitel. Die römische Periode 30 8 14. Charakteristik der dritten Periode 30 § 15. Die volkswirtschaftliche Entwickelung Roms bis zur Kaiserzeit ... 31 8 16. Im Friedensreiche der Cäsaren 37 § 17. Der socialökonomische Verfall des Römerreiches 51 II. Abschnitt. Altweltliches Continentnl-Zeitalter (Mittelalter) 54 4. Capitel. Die byzantinisch-islamitische Periode 54 § 18. Charakteristik der vierten Periode 54 8 19. Die Nr- und Wanderpcriode der Germanen 56 § 20. Tie spätmerowingische und karolingische Epoche 61 § 21. Die christliche Kirche 65 § 22. Das byzantinische Reich 66 § 23. Das Reich der Chalifen 69 § 24. Die Epoche der nationalen Sonderung im german.-roman. Europa . 73 5. Capitel. Die italienisch-hansische Periode 79 § 25. Charakteristik der fünften Periode 79 8 26. Blüte und Verfall des Levantehandels 82 § 27. Das südeuropäische Handelsgebict 89 8 28. Das nordeuropäischc Handelsgebiet 96 8 29. Die centraleuropüische Vcrmittlungszone 107Inhalt, VIII —»rl— 'Seite Zweiter Hl-cil 114 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit) 114 0.Capitel. Die spanisch-portugiesische Periode 114 § 30. Charakteristik der sechsten Periode 114 § 31. Sociale Krisen im Übergang voni Mittelalter zur Neuzeit 117 § 32. Das Zeitalter der Entdeckungen 127 tz 33. Die Alte und die Neue Welt 130 § 34. Die neuen Metropolen des Welthandels 136 § 35. Die alten Sitze des Welthandels ' 142 7. Capitel. Die niederländisch-britische Periode 147 § 36. Charakteristik der siebenten Periode 147 § 37. Der Kampf um Ostindien _ 153 § 38. Die Besiedelung und Selbstbefreiung der Neuen Welt 157 § 39. Regalismus und Mercantilismus 163 § 40. Handelspolitik und Handel der europäischen Staaten im 17. u. 18. Jahrh. 171 8 41. Die gewerblichen und agrarischen Verhältnisse im 17. u. 18. Jahrh. . 193 8 42. Revolution und Kaiserreich 201 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitalter (Neueste Zeit) . . 213 8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode 213 § 43. Charakteristik der achten Periode 213 I. Bevölkerung, Auswanderung, Colonisation 216 II. Verkehrsmittel 219 III. Maß und Gewicht, Geld und Credit 229 IV. Urproduction 235 V. Gewerbfleiß 250 VI. Die sociale Frage 264 VII. Nationalökonomische Literatur und wirtschaftliches Bildungswesen . 284 8 44. Handelspolitik und Handel 289 1. DaS britische Reich 289 2. Niederlande 299 3. Belgien 301 4- Frankreich 302 o. Spanien 308 6. Portugal 309 7. Italien 310 8. Die Schweiz 312 9. Österreich , 312 10- Deutschland 322 11. Dänemark 328 12. Schweden-Norwegen 329 13. Russland . . 329 14. Balkanstaaten 332 15. Türkisches Reich 334 16. China 335 17. Japan 336 1 18. Das lateinische Amerika 336 H19. Die Vereinigten Staaten 337 Anhang 345Einleitung. § 1. Begriff der Hlmdclsgeschichtc. Aie Handelsgeschichte stellt die Aufeinanderfolge, den ursächlichen Zusamuieuhaug und die Ergebnisse derjenigen menschlichen Thütigkeiten dar, welche die Vermittlung deS Giiterumlaufes betreffen. Da der Handel vom social-ökonomischen Gesaiumtzustande eines Zeitalters abhängig ist, so bildet die Handelsgeschichte nur einen Zweig der allgemeinen Wirtschafts geschichte; mit dieser gehört sie zur C u l tu r g e s ch i ch t e und schließlich zur Universalgeschichte. LoSgelöSt von dem Zusammenhang des allge meinen historischen Lebens, lässt sich Handelsgeschichte weder begreifen, noch erzählen. 8 2. Pcriodisierilng der Handelsgeschichte. Den: zeitlichen Verlaufe nach kann man die Handelsgeschichte in folgende Abschnitte theilen: I. Altweltliche oder tha- lassische (Binnenmeer-) Zeit 4000v.bis1492n.Chr. 1. Mediterran- (Mittel- ¦ meer-) Zeitalter (Alterthum) 4000 v. bis 527 n. Ehr. 2. Altweltliches Conti-' nental-Zeitalter (Mittelalter) 527—1492. a) Altorientalische Periode (4000—850 v. Ehr.)'. b) Hellenisch - karthagische Periode (850—146 v. Chr.). c) Römische Periode (146v.bis527 n.Chr.). st) Byzantinisch - islamiti sche Periode (527 bis 1096). e) Italienisch - hansische Periode (1096-1492). ä)!nl)v, Lehrbuch der Handelsgeschichte. tEinleitung. 3. Indo-atlantisches Zeit- k) SpanH-portugiesische alter Periode (1492- 1600). II. Alt- und neuwelt liche (ökumenische) oder oceanische Zeit (Neuzeit) 1492—1815. g ) Niederländisch-britische Periode (1600-1815). 1492—x. 4. PanoceanischesTrans- continental-Zeitalter h) Britisch - amerikanische (Neueste Zeit) Periode (1815—x). 1815—x. In der ersten Rubrik links wird der gesammte Verlauf der Handelsgeschichte in zwei Hauptabschnitte getheilt, nach dem Gesichtspunkte der geographischen Aus dehnung des commerzicllen Verkehrs zu Wasser und zu Land; die mittlere Colnmne zeigt die vier Zeitalter der Universalgeschichte unter demselben Gesichtspunkte; dagegen sind in der dritten Spalte (rechts) acht Perioden an einander gereiht, deren Benennung von demjenigen Volke oder Völkercompler hergenommen ist, dem jeweilig die Vor herrschaft (Hegemonie, Suprematie, Präponderanz) im Welthandel zu eigen war. Die größten Zeiträume werden Zeiten genannt; diese zerfallen in Zeitalter; die Unterabtheilungen der Zeitalter heißen Perioden, die der Perioden Epochen, der Epochen Menschenalter (Generationen). 8 3. Anthropogeographische Grundlagen der Wirtschaftsgeschichte. Geographische Der Handel ist so gut wie Ackerbau und Gewerbefleiß von gcogra- ^Handcio-" p h l s ch e n F a c t o r e n abhängig, die theils hemmend, theils fördernd auf geschichte. ihn wirken. Solche Factoren, denen der handeltreibende Mensch Rechnung tragen muss, sind: die Vertheilung von Wasser und Land, die horizontale Gliederung, die Bodenplastik, die Festlandsgewässer, insonderheit das Klima und die Größenverhältnisse unseres Planeten, von denen die Entfernungen oder Luftdistanzen der einzelnen Punkte abhängcn. Die Ent fernungen beharren, mag der Mensch durch Verbesserung der Transport- und Coinmunicationsmittel noch so erfolgreich die Zeit kürzen, deren er zur Über windung räumlicher Abstände bedarf. Die örtlichen Abstufungen von W ä r m e, F e u ch t i g k e i t u n d W i n d r i ch t u n g wirken auf den Menschen theils unmittelbar ein, theils mittelbar durch Flora und Fauna. Culturzoncn. Culturzone im eminentesten Sinne ist die subtropische, demnächst die nördlich- gemäßigte; jedoch, umzieht die Cultur zu keiner Zeit gürtelartig das Festland, sie bildet vielmehr Streifen oder Inseln, die über cnltnrarme Strecken hinweg Ver bindung suchen. Wüstcngürtel Gerade die im ganzen bestgelegene Zone der alten Welt wird von einem lin der alic» gxheucren W ü st engebiet erfüllt, das vom atlantischen bis nahe zum pacifischen Meere ® ctt - streicht; in den Oasen dieses Wüstengürtels liegen aber die ältesten und üppigsten Cultur- länder der Weltgeschichte.Einleitung. 3 1* Den entscheidendsten Einfluss auf die Geschichte der materiellen Cultur Product- hat das Vorkommen der nutzbaren Produkte d e s M i n e r a l-, Pflanze n- Naturreich-, und Thierreiches. Die Vertheilung der organischen Wesen auf der Erd oberfläche ist bereits ein Werk, an dein die bewusste Arbeit der Menschen mitgeschaffen hat. So stammen die meisten derjenigen Gewächse, welche die Physiognomie der Mittelmeerländer und des nördlichen Europas, späterhin auch Amerikas verändert haben, aus Asien. Auf glücklichen Aeelimatisati ons- processen beruhen also Ackerbau und Viehzucht, Industrie und Handel der geschichtlichen Zeiten. Culturpflanzen der alten Welt. Ein mehr als viertausendjähriges Anweltliche Cnltnralter haben die afrikanischen Hirse arten, zu denen auch die nach Europa ver- £„»,»¦- pflanzte „echte Hirse" gehört. Ebenso alt sind die mestasiatischen Getreidegattungen (Cerealien, Brotfrüchte) :Weizen und Gerste, die nicht bloß nach Süd- und Nord- Cerealien, enropa, sondern auch nach Indien llnd China geivandert sind, wogegen der in Indien heimische Reis erst im Mittelalter nach Spanien und Italien verpflanzt wurde- Südost europa scheint die Heimat des den classischen Völkern fremden Roggens und des Hafers zu sein. Den ältesten Zeiten gehört auch die Cultur der ans Asien stammenden Leguminosen (Hülsenfrüchte) an. Der asiatische Buchweizen hat sich erst in der Mongolenzeit über das nördliche, der amerikanische Mais erst in den letzten Jahr hunderten über das südliche Europa verbreitet. Echte Sprösslinge der Mediterranflora Garten- sind Öl- und Feigenbaum, die in höheren Breiten Eingang gefunden haben, als licwächse. die nordafrikanische Dattelpalme. Am besten ist es gelungen, ein anderes Kind der Mittelmeerländer im Norden einzubürgern, den Weinstock nämlich. Während der Wein sich seinen Platz in den barbarischen Bier- mtb Methlündern erobert hat, besteht noch die uralte Grenze zwischen den Öl- lind den Bntterläydern. Von den asiatischen Obstbäumen sind schon im Alterthnm westwärts gewandert: Granatapfel, Quitte, Süß- und Sauerkirsche, Pfirsich, Aprikose, Mandel, Kastanie, wogegen Äpfel, Birnen, Pflaumen und viele Beerengattungen ihre Heimat in Europa haben. Erst im Mitrcl- alter gesellen sich die aus Südostasien stammenden Agr umi den Obstbäumen des — wärmeren Enropa zu. Schon die alten Völker cultivicrten die Cucurbitaceen, mit Aus nahme der Wassermelonen, und die Lauche. Nicht acclimatisierbar waren im Norden die Gewürze Arabiens, Indiens, Minas; umsomehr machte sich der Handel mit ihnen zu schaffen. Nur das südostasiatische Zuckerrohr verbreitete sich in den mittleren Jahrhunderten bis zu den Azoren, später jenseits des Oceans in Westindien. Mediterran -Gespinst- und sind die Lein- oder Flachsarten, aus Nordasien stammt der Hanf, aus Indien ö"rbe- die erst in den nachchristlichen Zeiten am Mittelmeer gebaute Baumwolle. Krapp, WaniCU ' Waid, Orseille scheinen europäischer Abkunft zu sein. Haus- und Nutzthiere. Sie sind Zähmungsproducte geduldiger Nomaden. HauSthiere. Ackerbauer und Gewerbetreibende, Händler und Soldaten verstanden es dann, die Brauchbarkeit des lebendigen und tobten Viehes mannigfaltiger zu machen. Schon in der llrzcit sind mehrere Hunde- und Rindvieharten zu Hausthieren geworden; der Büffel ist jedoch erst zur Völkerwanveningszeit in unseren Erdtheil gekommen. Das älteste Tragthier der Handelsgeschichte, der genügsame Esel, stammt ans Jnner- asien. Der turanischen Steppe entsprosste das edle Pferd, das zur Hyksoszeit nach Ägypten kam, in Arabien erst zur Zeit der römischen Kaiser gezüchtet wurde. Asiatisch4 Einleitung. sind auch die Stammeltern des Schafes, der Ziege und vielleicht des Schweines. Verhältnismäßig spät kam das innerasiatische Kameel nach Westasien und Afrika; erst unter dem Islam trat eS in seine Glanzperiode. Nach Alexander dein Großen har der abrichtbare indische Elephant unter den Nutzthieren der Mittelmeerländer vorübergehende Aufnahme gefunden. Die Hauskatze, die wahrscheinlich von ägyptischen Priestern gezähmt worden ist, hat sich erst in der römischen Kaiserzeit allerwärts ver breitet. Was daS Federvieh betrifft, so stammen Huhn und Pfau ans Vorderindieu, Gans und Ente ans Europa, die Taube aus Vorderasien. Die Culturgcschichte darf Schädlinge, jedoch auch der Schädlinge aus dem Thier- llnd Pflanzenreiche nicht vergessen, von den riesigen Bestien der Sängethierclasse angefangen bis herab zu denjenigen Mikro organismen, die als Träger ansteckender Krankheiten dem Volksvcrnrögen oft uner messliche Verluste beigebracht haben. «ulturvöUer Zwei Pölkergruppcit sind als die par exccllenee Wirtschafts- ober *£r handelsgeschichtlichen Rassen ;n bezeichnen: die indoeuropäische (indo germanische, arische) und die hamito-semitische. Sie werden meistens ein und derselben Spielart zugezählt: der mittelländischen oder kaukasischen. Seit den siegreichen Kämpfen der Hellenen gegen die Orientalen ist die Hegemonie ans allen Culturgebieten, und so auch im Welthandel, auf die Jndogermanen libergegangen. Urgeschichte. Ten geschichtlichen Ereignissen, über die zumeist schriftliche Nachrichten vorhandelt sind, giengcn überall auf Erden Zustände voraus, die nur durch stumme Zeugnisse (Denkmäler, Wohnstätten, Gräber, Gerüthschaften) der Nachwelt bekannt geworden sind. Sie führen in eine Zeit zurück, die man als Urzeit oder als vor- und frühgesch'icht- ' liche Zeit (Prä- und Protohistorie) bezeichnet, je nachdem sie den geschichtlichen Perioden ferner oder näher liegt. Zn diese Urzeit fallen die ältesten Erfindungen des Menschen. Verbreitung und Vererbung der Cultur weisen auf einen nicht unbeträcht lichen Verkehr hin. Nach den neuesten Forschungen unterscheidet man folgende urgeschichtliche Zeiträume: Pcriodisierung der Urgeschichte. Steinzeitalter (Vormetallisches Zeitalter) Paläolithische Periode (Ältere Steinzeit) Prähistorische Zeit Protohistorische Zeit Neolithische Periode (Jüngere Steinzeit) Bronze - Zeitalter Bietall-Zeitalter Hallstatt-Periode Eisen-Zeitalter (Paläosiderische Periode) La lköne-Periode (Neosiderische Periode) Tic jüngere Zwischen der älteren und jüngeren Steinzeit gähnt eine ungeheuere Kluft. Der Steinzeit, paläolithische Mensch befand sich noch auf der Stufe der Wildheit und ver harrte nnmessbar lange Zeit in diesem Zustande. Dagegen ivar der neolithische Mensch bereits im Besitz eines reichen Cnltnrinvcntars, kein Wilder, sondern inEinleitung. 5 ienem Übergangsstadium, das mau Barbarei nennt. Er war Viehzüchter und Acker bauer; er pflanzte Hirse, Weizen, Gerste, Flachs, Mohn und befasste sich mit den Hansthieren, die auch heute noch in der gemäßigten Zone gehalten werden. Er kannte das Jener und die Kochkunst; die Fertigkeit im Flechten verhalf ihm zu den Anfängen der Textilkunst und vielleicht auch der Gefäßbildnerei; die Leder bereitung war ihm nicht unbekannt. Zudem baute und zimmerte er sich Hütten, höhlte sich Kühne ans, errichtete Festungen, Opferaltäre, Grabstätten aus Stein und polierte seine wohlgeformten Geräthschaften. Sein Bedarf an seltenem Material: an Steinen (Jadeit, Nephrit), Muscheln, Farberden zum Tätowieren, Salz n. s. w. leitete ihn ans die Wege des Handels. Da und dort lernte er bereits die Metalle (Kupfer, Eisen) kennen und verarbeiten. Da vollzog sich das wichtigste Ereignis der llrgeschichte: die Invasion des Zinnkupfers oder derBronze — eine wahre Welteroberung, die von China bis Spanien, von Sibirien bis Indien reicht. Die Heimat dieses Metallgemisches ist das vordere Asien; vom Pontus her hält es zu Lande in Nordenropa seinen Einzug, vom Mittelmeere her in Südenropa — zwei von einander unabhängige Wege, auf denen unserem Continent zu verschiedenen Zeiten Bewohner und Cultnrelcmente zugeführt rvorden sind. Seit der Bronzerevolution gibt es einen ständigen Verkehr zwischen den Völkern unseres Erdtheiles. Der Handel folgt seinem ältesten Lockmittel oder Leit- uwtive: dem über die Erde verstreuten, an kein klimatisches Gesetz gebundenen Metall e. Ter Barbar und der Cnlturmcnsch reichen sich zu gemeinsamer Thätigkeit die Hände; die vor- und frühgeschichtliche Zeit hat bereits ihre Bergwerke, ihre Goldwäschen, ihre Zinn- und Kupferstraßen. Die Metallurgie erweitert ihre Sphäre und zieht auch das Eisen in den Kreis der Culturarbeit. Der volle Tag des geschichtlichen Lebens bricht an. Gleich dem Handel emancipiert sich in dieser Übergangszeit auch das Gewerbe; das Schmiedehandmerk löst sich zuerst vom primitiven Hausfleiße los. Jedoch auch die crasseste Form der Unfreiheit entsteht in dieser Periode: die Bergbausclaverei. Als das eigentlich zersetzende Element tritt in die nrzeitliche Gesellschaft: der fremde Kaufmann, der dämonische Sendbote einer höheren Civilisation. Schwächere Völker gehen zu allen Zeiten an dem Zusammenstoß mit einer überlegenen Gesittung zu grunde. Nur die lebenskräftigsten überstehen die Krisis, um aus ihr zu weltgeschichtlicher Größe hervorzugehen, wie die Jndogcrmanen Europas: Griechen, Italiker, Germanen und Slavcn. Neolithisches Cultur- Jnventar. Invasion der Bronze. Vorge schichtlicher Handel. Gesellschaft liche Wir- tnngen des ältesten Bölker- verkehrs.Erster Theil. Die altweltliche oder thalnssische Zeit. I. Abschnitt. Das Meöiterran-Vertskter lKlkerkhum). c. 4000 v. Chr. bis 527 n. Chr. 1. Capitel. Die altorientalische H'eriode (x—850 v. Khr.). Krieg, Handel, Piraterie, Dreieinig sind sie, nicht zu trennen. Goethe (Faust, II. Th., 5. A.). § 4. Die Grundmotive und die Ursitze des Welthandels. Di-beidenUr- Es gibt zwei Ur oder Grnndmotive des Welthandels, die zu allen Welthandels. Zeiten wirksam gewesen sind: ein Natur- und ein cultur historisch es. Die »atur- Es ist eine naturgeschichtliche Thatsache, dass die nutzbaren Producte Gmndlage'b Reiche nicht gleichmäßig iiber die Erde vertheilt, sondern an bestimmte geographische Fund- oder Standorte gebunden sind. Will man gewisse Mineralien, Pflanzen, Thiere anderswo, als an den Punkten ihres Vorkommens, benützen, so muss man sie einer Orts Veränderung unterziehen. Die Mineralien sind ihrem Vorkommen nach an keine Zone Tropisch- und gebunden, umsomehr macht sich das k l i IN a t i s ch e Moment bei den Pflanzen fle 3 one flte un ^ Thieren geltend. An Üppigkeit und Eigenartigkeit der Vegetation und der Fauna kann es keine Zone mit der tropische n ausnehmen; es ist da her begreiflich, dass in den minder begünstigten Klimagürteln ein Verlangen entsteht, in den Besitz jener eigenthümlichen Erzeugnisse zu gelangen. Da nun die Wunder der Tropen, was die alte Welt betrifft, in Indien sich concentrieren, so ist der Kampf um die Handelswcge nach Indien oder die Herr schaft über Indien das immer wiederkehrende Thema der Handelsgeschichte. Bei der mannigfaltigen Gestaltung der Erdoberfläche bestehen, außer dieser1. Kapitel. Tie altorientalische Periode. 7 Gravitation zur Tropenwelt, noch zahlreiche Anziehungssphären von geringerer Intensität und Ausdehnung. Wie die Verschiedenheit der Naturproducte, so enthält auch die V er- ch'"ur schiedenheit der Cultur und ihrer Producte einen uiaßgebenden An§g°ngs- Antrieb zum Verkehr und Handel. Aus natürlichen und geschichtlichen Gründen überholen einige Völker oder Völkergruppen die anderen hinsichtlich dcS Acker baues, des Gewerbfleißes, überhaupt des Gesittungszustandes. Diese vor geschrittenen Völker betreiben entweder untereinander oder mit weniger civili- sierten Völkern einen Tauschverkehr. Hierin besteht das cultur historische Grnndmotiv der Handels ge schichte; den Kunstproducten, die in gewissen Gegenden durch menschliche Thätigkeit hervorgebracht werden, kommt eine nicht minder große Anziehungskraft zu, als den klimatisch an bestimmte Heimatsländer gebundenen Naturerzeugnissen. Auch in der ältesten Periode der Handelsgeschichte gelangen beide Motive, Iic mcb “"; t das natur- und das cnltnrhistorische, zur Wirksamkeit. Naturhistorisch gliedert ()Väif ^ e sich der alte Orient in zwei Hauptgebiete: l. das mediterrane (sub- Region, tropische, vorderasiatische mit Ägypten, Syrien, Mesopotamien, Iran, Armenien, Kleinasien) und 2. das erythräische (tropische, südasiatische mit Arabien, Indien und Ostafrika). Culturhistorisch stehen einander das Nil- und das Euphrntland Ägypten, gegenüber — zwei Flussoasen inmitten des Wüstengürtels der Nordhalbkngel, ,„^Syüe». Ausgangspunkte des auf überlegener Cultur beruhenden Völkerverkehres. Es gibt auch ein Gebiet, wo die beiden Oasenculturen sich durchkreuzen, vermischen: nämlich Syrien, in geringerem Maße das angrenzende Kleinasien. Den naturhistorisch geschiedenen Regionen entspricht eine in süd- Du beiden nördlicher oder meridionaler Richtung verlaufende Haupthandels- straße; sie führt aus der tropischen Zone am erythräischen Meere in die Handels: die Oasenländer der Subtropen (über Syrien nach Babylonien und Ägypten). Dem bezeichnendsten Artikel des ältesten Handels entsprechend, kann man diesen Weg die Weihrauchstraße nennen. Cultnrhistorisch bedingt ist diejenige Handelsstraße, die in ostwestlicher Richtung vom Euphrat an das Mittel- 6ic °f trocft meer und über die See hin bis an die atlantischen Küsten der alten Welt 11 c ' verläuft. Es existieren demnach z w e i H a u p t a ch s e n desWelthandels: eine sttdnördliche, als Verbindung der Tropen mit den Ländern des gemäßigten Gürtels, und eine o st w e st l i ch e, in welche die südnördliche ein- ntündet, als Verbindung des culturälteren Orients mit dem der Barbarei sich entrafsenden Occidente. Mag man dem Handel auf seinen natur- oder auf seinen cultnrhistorischen Ursprung m Bahnen folgen, er ist kein Product des absoluten Bedürfnisses, sondern ein Kind des Handels aus Luxus. Aiit dem Transport von Luxusartikeln fängt die Geschichte desWelthandels bcm8 I. Abschnitt. Das Wediterran-Zeitalter (Alterthuni). mit Gegenständen, die bei einem kleinen Bolmnen einen möglichst hoben Wert repräsentieren. Erst wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse verwickelter ivcrden und ganze Berufsclassen, ja ganze Völker der Befriedigung von Lnxnsbedürfnisscn ihre Arbeit widmen, erst dann wendet sich der Handel den zur Existenz unentbehrlichen Massengütern zu. 8 5. Ägypten. Agrarische Grundlagen der ägypt. Civilisalion. sociale Degeneration Industrie der Ägypter. Mctallarmnt Ägyptens. Punt- Kahrten. pandverlcyr Zn allen Zeiten sind die Ägypter in erster Linie Ackerbauer gewesen. Bekanntlich beruhen Ackerbau und Wohlstand Ägyptens auf den alljährlichen Überschweinlnnltgen des Nilö, der daS Land sowohl bewässert als auch diingt. Vor niivordenklicheir Zeiten schon haben die Bewohner durch Deiche, Canäle, Behälter, Schöpfwerke re. die Selbsrthätigkcit dcö Flusses reguliert. Diese Werke setzen eine ebenso uralte Organisation der nationalen Arbeit voraus, Über- haupt beruht die ganze Socialgeschichte Ägyptens auf agrarischen Grundlagen. Der ursprünglich das Land beherrschende, grundbesitzende Adel wird von dem Königthum allmählich dienstbar gemacht und enteignet, die Masse des Volkes in zinspflichtige Leibeigene oder Pächter umgewandelt. Neben dem Königthum erhält sich nur eine reich begüterte Priest erschuft. Die Staatseinkünfte dienen zur Erhaltung eines meist aus Fremden bestehenden Söldnerheeres. Könige und Priester wett eifern in der Anhäufung colossaler Schlitzes dieses Thesaurieren ist die älteste Form der Bildung beweglichen Capitals. Resultat: tnaßloser Luxus in den bevorzugten Classen, Fristnng einer durch Hungerjahre verschärften Proletarierexistenz in den unteren Schichten. Dieses Volk von Ackerbauern hat nun gleichwohl eine Industrie von solcher technischer Vollendung geschaffen, dass sie ans diesem Gebiete die unerreichten Lehrmeister der alten Welt geworden sind, auch die der Phönizier. Mustergiltig ist die Steinbautechnik der Ägypter, ihre Metallurgie, Keramik, Möbclfabrication, Weberei (Leinwand — B y s s n s); GlaS und Fayence sind ägyptische Erfindungen, ebenso die Papyrusartikel. In landwirtschaftlicher und gewerblicher Beziehung genügte Ägypten sich selbst; dem so reich gesegnete» Lande fehlten jedoch die Metalle. Diese musste es sich theils durch Eroberungen (Kupfergruben der Sinai-Halbinsel, Goldfelder Nubiens), theils dilrch Tausch verschaffen. Zu den interessantesten Thatsachen ans der Friihzeit des Welthandels gehören die von Stnatswegen unternommenen Expeditionen nach Südarabien, dem Lande Pu nt. Die wichtige Handelsstraße von KoptoS am Nil nach Lcnkos Limen am Rothen Meere ist damals, circa 2000 Jahre v. Ehr. G., eröffnet worden. In P>mt versorgten sich die Schiffe mit Waren arabischer, indischer, ostafrikanischer Herkunft: Weih rauch, Myrrhen, Elfenbein, Ebenholz, Fellen, Gold, Weißgold (Elektron?), Affen, Giraffen u. s. w. Die Hauptverkehrsader Ägyptens war selbstverständlich der Nil. Es kommt aber auch der Landverkehr in Betracht. Das älteste Tragthier1. Kapitel. Die altorientalische Periode. 9 des hamito-semitischen Culturkreises ist der Esel. Pferd und Maulthiere werden in Ägypten um die Mitte des 2. Jahrtausends importiert; viel später fommt das Kamcel zur Verwendung. Seit der Erobererzeit (1500—1250 w Ehr.) bestand ein lebhafter Verkehr mit Vorderasien. Der Schwer punkt des Reiches verschob sich nach dem östlichen Delta. Dieser Zeit gehört auch der von den Königen deö neuen Reiches (Sethi I. und Ramses II.) begonnene Canal an, der den Nil mit dein arabischen Golfe verbinden sollte. Er wurde nicht vollendet; obendrein ist eö fraglich, ob er nur forti- ficatorischen oder auch commerziellen Zwecken hätte dienen sollen. Der Handel mit Syrien vollzog sich zu Lande. DaS Pharaonenreich erhielt von dort: Metalle, Edelsteine, Vieh, Wein, Öl, Gefäße, Waffen, Wagen u. s. w. Als Zahlungsmittel gebrauchte mau — wenn gekauft und nicht bloß getauscht wurde — die Edelmetalle in Ring- und Barrensorm. Im Kleinverkehr diente Kupfer. Das Geld wurde zugewogeu; die Gewichtseinheit bildet das Ten — 91 g. Dies ist das Muttergewicht, von dem alle Gewichtssysteme bis auf die Einführung des Gramm abstammen. 8 6. Babylonien und Assyrien. Die materielle Cultur der Euphrat- und Tigrisländer beruht, wie die Ägyptens, ans dem Ackerbau. Indessen nach außen haben diese Länder mehr durch ihren Gewerbe- und Kunstfleiß gewirkt. Ihr Einfluss lässt sich nach Iran und Armenien, Syrien lind Kleinasien, ja bis nach Ägypten und Griechen land hin verfolgen. ^ Die größte Virtuosität besaßen die Altmesopotamier in der Behandlung des -r hon es; aus Backsteiucu bauten sie Tempel und Paläste; auf thönerue Tafeln, Zylinder, Prismen schrieben sie; die Wandflächen verkleideten sie mit glasierten und emaillierten Ziegeln; Thon ivar das Material ihrer Keramik. Das Ausland liebte vorzugsweise babylonische Galanteriewaren. Als eine Specialität galten die Werke der Steinschueidekunst (Glyptik), zumal SieM, auf Halbedelsteine graviert, ferner Parfümerien, z. B. die Spießglanzschmiuke, die auch schon gefälscht wurde. Die gewirkten, mit bunten Stickereien versehenen Gewänder übertrafen selbst die Meister werke der ägyptischen Textilkunst. Frühzeitig, schon im 4. Jahrtausend vor Ehr. G., hatte städtisches Leben am Doppelstrome Wurzel gefasst. Aber diese altorientalischen Städte waren keine souveränen, durch freigewählte Obrigkeiten sich selbst verwalten den Gemeinschaften, wie die griechischen, sondern Anhäufungen despotisch regierter Menschen, die um Tempel oder Königspaläste herumwohnten, Sitze des Gewerbefleißes und Handels. Wie weit der Handel Altbabyloniens und Assyriens Activhandel gewesen, lässt sich nicht seststellen. Das dem Verkehre feindlichste Medium rings um Mesopotamien war die Wüste oder Steppe Ulit ihrer räuberischen Bewohnerschaft. In der Überwältigung dieses Hinder- Beziehungen zu Border- asien. Geld. Babylonischer Cnlturkreis. Industrielle Fertigkeiten. Städtewesen. Handel.10 I. Abschnitt. Das Mediterran-Zeitalter (Alterthum). Fluss- und Seeschiffahrt. Metrologie. Syrische Mischcultur. Boden- Production. Landhandcl. nisses hatte» die Vermittler des Orieiithandels mehr Glück, als in der Dienst- barniachung des Wassers. Euphrat und Tigris waren trotz aller Regu lierungen leine der Schiffahrt günstigen Gewässer; man benützte sie zur T h a l f a h r t und bediente sich dabei primitiver Fahrzeuge, wie der Schlauch flöße (Keleks) und schwimmenden Riesenkörbe, die mit Fellen überzogen waren. Dein Seehandcl standen die Altmesopotamier vollkommen fern. Das ver- - sumpfte Mündungsgebiet der damals noch getrennt ins Meer sich ergießenden Ströme war menschenleer. Der mercantile Einfluss Babylons zeigt sich in der iveiten Verbreitung der von dort abstammenden metrologischen Elemente. Lehrten die Ägypter Raum >lnd Schwere messen, so waren die Babylonier die Lehrmeister der Zeitmessung. Charakteristisch für sie ist das Duod ecim alsystem. Von ihnen stammt die Eintheilung des Jahres in 12 Monate zu 30 Tagen, des Tages in 24 Stunden zu 60 Minuten. Vom Euphrat her verbreitete sich die Unterscheidung schwerer und leichter Handels-, Gold- und Silbergewichte; sie theilten das Talent in 60 Minen zu je 60 Drachmen. Sie fixierten das Verhältnis der beiden Edelnietalle auf 1:13'/., und wurden so Urheber der ältesten Doppelwährung. 8 7. Syrien einschließlich Phöniziens. Syrien war dasjenige zwischen Kleinasien und Ägypten, Mittelmeer und Euphratwüste gelegene Oasenland, wo die sich durchkreuzenden Cultnr- importe Ägyptens und Babyloniens eine Mischcultur hervorbrachten, die sich ihres abgeschlisfenen Charakters halber zur Weiterverbreitung, sozusagen zum Export, vortrefflich eignete. So weit das Land nicht Wüste oder Steppe war, glich es einem Garten. Selbst den steinigen Bergabhängen wusste man durch Terrassenanlagen Ertrag abzugewinnen. Ölbaum und Weinstock knüpften ein festeres Band zwischen dem Boden und dessen Bebauern, als es selbst die Cerealien zu schaffen vermochten. Wehe dem Lande, wenn es von barbarischen Feinden heimgesucht würde, welche die Axt an die Pflanzungen legten! Es bedurfte ein Menschenalter, bis die Ölgärten wieder zu vollem Ertrage ge langten. Als der beneidenswerteste Schatz Syriens galten die herrlichen Cedern und Cyp ressen, welche die'Berghohen krönten. In Handel und Krieg bewährten sich die Wälder des Libanon als Lockmittel ersten Ranges. Syrien hat bei der oasenhaftcn Zersplitterung seines Bodens keine große Rolle in der Politik gespielt. Um so wichtiger war es als Kreuzungs- und Durchzugsgebiet für kriegerische und friedliche Unter nehmungen. Knotenpunkt der syrisch-arabischen Wüstenpfade war Damaskus, von wo die Fortsetzung der Weihrauchstraße über Quades, Hamath, Aleppo nach Karkamisch am Euphrat führte; von hier gelangte man dem Flusse folgend nach Babylon oder über Charran und Nisibis an den Tigris. Jüngeren Datums ist der Karawanenweg, der von Dautaskus über Palmyra an den1. Capitel. Die altorientalische Periode. 11 Euphrat führte. Mit Ägypten war Syrien durch den Königöweg verbun den ; dieser zog sich vom östlichen Delta nahe dem Meere bis Gaza, wo vom alanitischen Golf und von Arabien her Wege zusammenliefen. Erst in späterer Zeit verband eine Küstenstraße sämmtliche syrisch-phönizischen Schellen. Ein Lichtschimmer fällt auf die syrisch-arabischen Beziehungen durch den biblischen Die Oplsir- Bericht von der Ophirfahrt Salomos und seines Verbündeten, des Königs Hiram *<#«"• von Tyrus. Vom alanitischen Golfe aus suchte eilt gemeinschaftlich ausgerüstetes Schiff jene südarabische Region auf, die in der Heiligen Schrift Ophir, in den ägyptischen Berichten Punt genannt wird. Auch die Expedition der syrischen Könige kehrte mit Waren zurück, die auf ostafrikanische und indische Verbindungen Hinweisen: Gold, Spezereien, Elfenbein, Sandelholz, Affen, Pfauen. Alles, was die Syrer ans materiellem Gebiete geleistet haben mögen, Maritime ist durch die S e e f a h r t e n d e r P h ö n i z i e r in Schatten gestellt worden. Um Ph^gens.^ die Mitte des 2. Jahrtausends vor Ehr. G. steht Sidon an der Spitze dieser Die sidomsche maritimen Bewegung. Wie die Sprossen einer Leiter reihten sich die Küsten- städte aneinander: Gaza, Joppe, Alton und die speciell phönizischcn Orte: Tyrus (Sor), Sidon („die Fischerstadt"), Berytus, Byblns (Gebal), Aradus. Die Häfen sind durchschnittlich nicht geräumig, seicht und auch sonst von übler Beschaffenheit, reichen indessen flir die bescheidenen Dimensionen des ältesten Seeverkehrs aus. Als nautische Borschnle diente die Fischerei; außer den Rudern lernte man auch Segel gebrauchen. Bei Tag orientierte man sich nach der Sonne, bei Nacht nach dem Polarstern. Auch als man die Fahrten bis Spanien ausdchnte, benützte man Küsten und Inseln als Zufluchtsstätten und Zwischenstationen. Daraus entstanden Factoreien für den vorüber- ^^ng-n gehenden Aufenthalt der Händler, die mit den Eingeborenen in Verbindung traten. Der Magnet aber, der zuerst die „sidonischen Männer" über breitere Meeresarme zog, war das älteste Leitmotiv des Weltverkehrs: das Metall. CYpern („die Kupferinsel") wurde nicht bloß besucht, sondern auch colonisiert; desgleichen Rhodns, der Schlüssel znm Ägäischen Meere. In diesem Jnselrevier gründeten die Phönizier Bergbaustationen, wie auf Thasos, Fischerei- und Handelsplätze, wie auf Kreta, Cythera u. s. w. Gelegentlich spio nierten sie auch in den westlichen Gewässern herum. Die phönizische Geschäftigkeit reizte jedoch die Seeanwohner, aus dem Vollen derjenigen Cultur zu schöpfen, ^"m>znngder- öte Ihnen nur durch einzelne Exemplare kostspieliger Productc bekannt geworden Völker zu war. Wiederholt attaquierten verbündete Seevölker Ägypten und Syrien, Raubzüge,,. meistens vom Mittelmeere ans; eine ganze Völkerwanderung wälzte sich ein- uial von Kleinasien über Syrien her. Diese Angriffe wurden freilich abgc- wehrt. Indessen um 1100 drangen die Hellenen in die Ägäische Region ein, verjagten allenthalben die Orientalen, nahmen ihnen ihre Stationen weg und siedelten sich, selbst auf Rhodns und Cypern, neben ihnen an.12 I. Abschnitt. DaS Mediterran-Zeitalter (Alterthuiti). Die lyrische Periode. Verfall der phönizischen Seemacht. Industrie. SidonS Glanz war erblichen, das östliche Miltelmeer den Hellenen unterthan geworden: da trat Tyr ns als führende Macht an die Spitze Phöniziens, um an der Abendseite des Mittelmeeres Ersatz für die östlichen Verluste zu finden. Der Ersatz fand sich im äußersten Westen, in Südspanien, an den Ufern des Quadalquivir, in dem Lande Tarsis (Tartessus, Turdi- tanien), dem Silberlande, durch dessen Erträge der Wert des weißen Metalls gesunken und dem Golde seine bis dahin nicht unbestrittene Oberherrlichkeit verschafft worden ist. Gadir (Gades, heute Cadix) war der Stützpunkt des östlichen Fremdvolkes auf der iberischen Halbinsel. Den Seeweg dahin sicherten sich die Phönizier durch Besetzung Maltas, der Vorgebirge und Küften- inselchen S i c il i e n S, Sardiniens, der Balearen; ans dem Rückweg benützten sie die an der n o r d a f r i k a ni sch e n K ü st e hinziehende, von Westen gegen Osten gerichtete Meeresströmung und dabei fassten sie Sicilicn gegenüber, wo Afrika sich am meisten der Insel nähert, festen Fuß. Ob sie von Spanien aus nach dem britischen Archipelagus (den Zinninseln oder Cassiteriden,) fuhren, ist zweifelhaft; zweifellos sind sie niemals nach den Bernsteinländern an der Nord- und Ostsee gelangt. Thatsüchlich handelten sie mit Zinn und Bernstein, in deren Besitz sic durch Tausch mit den Eingeborenen Spaniens und Galliens gekommen sein dürften. Je mehr die Hellenen sich ausbreiteten; je weniger die Phönizier ihre Unabhängigkeit wider die jeweiligen Eroberer Vorderasiens zli behaupten ver mochten ; je unabhängiger hingegen die von ihnen ausgegangenen Gründungen wurden: desto inehr nahm der Aetivhandel des östlichen Mlitterlandes ab, schwand die Seeherrschast der Tyrier dahin itnd suchten die abge drängten Handelsstädte Phöniziens einen Ersatz in den Gewerben. Ein aus babylonischen und ägyptischen Elementen gemischter Kunststil ist für diese zum Export bestimmte Nachahmnngö- und Fälschungsindustrie charakteristisch. Für Länder, wo man sich darauf verstand, wie für Ägypten, fabricierten die Phönizier wohl auch gute und echte Ware (Gewebe, Metall- und Glaswaren, Gesäße re.). Die Erfindungen, welche die Sage den Phöniziern zuschreibt, sind längst vorhanden gewesen, bevor es noch Phönizier gegeben hat. Nur das Färben mit dem Safte der Purpurschnecke scheint eine phönizische Erfindung gewesen zu sein. Wenn die barbarischen Völker an den Mittelmeergestaden von den Phöniziern etwas gelernt haben, so ist dies ganz und gar das Verdienst der betreffenden Völker; denn die fremden Kausleute suchen das Mündig- werden uncivilisierter Nationen zu unterdrücken, nicht es zu fördern.2. Capitel. Tie hellenisch-karthagische Periode. 13 2. Capitel. Die ljevknisch-Kurttjagische Periode (c. 850—146 v. Kl)r. von der Grün dung des assyrischen Krovererstaatcs und Karthagos vis zum Unter gang Karthagos und Korinths). ... Es herrsche Der Grieche, und es diene der Barbar! Denn der ist Knecht, und jener frei geboren! EuriPideS, Iphigenie in AuliS, V, 5 (nach Schillers Übersetzung). 8 8. Charakteristik der zweiten Periode. Die Region der Großstaatcn und der Stadtstaaten. In der vorhergehenden Periode hatte sich ein großer Staaten- und^'^"^^°" Culturkreis gebildet, der altorientalische. Durch die Phönizier wurden spar- ,<i„w vom liche Keime Inorgenländischer Gesittung auch nach dem Westen getragen. In Morgenland-, der zweiten Periode emancipiert sich jedoch ein Theil dieses Westens vom Oriente: dem Oriente tritt ein O c c i d e n t gegenüber. Es ist das Verdienst der Griechen, dem Abendlande eine selbständige Cultur gegeben zu haben ^ — eine Befreinngsthat, durch die auch die moderne Cultur erst möglich geworden ist. Den Griechen oblag es, nach zwei Seiten hin gegen den Orient Front zu machen: nach Asien und nach Karthago hin, das"^°^"^' am Gestade deö westlichen Mittelmeeres von den Phöniziern gegründet worden ländischen war, ein Vorposten des Orientes im Occidcnte, daö Centrum einer weit ausgedehnten Interessensphäre. Jahrhunderte lang währte der doppelseitige Kampf Griechenlands gegen die Morgenländer: die Griechen eroberten zwar unter Alexander dem Großen Asien, hingegen wäre es ohne die Römer nie mals gelungen, Karthago zu bewältigen. Tie beiden Culturkreise, der morgen- und der abendländische, sind bis auf die ^ hellenistische Epoche zwei wirtschaftlich getrennte Regionen, die sich nur an den Rändern des Mittelmeeres infolge einigen Handels berühren. Sie können einander wenig bieten, zi-hung. denn ihre Bedürfnisse sind verschieden. Den reichen, luxuriösen, alterthümlichen Groß staaten des Ostens stehen die armen, genügsamen, jungen Stadtstaaten Griechenlaichs gegenüber. Was die Griechen und deren auswärtige Kunden von den Erzeugnissen der orientalischen Cultur und der tropischen Natur verlangen, beziehen sie auf Neben- () ‘ |It)Cl{i wegen, welche zwar auch von Osten gegen Westen laufen, aber Mesopotamien und Syrien umgehen. Die Griechen wollen nicht unter pnnischem Zwang und Banne stehen. Deshalb monopolisieren sie den Pontus Euxinns, den sie mit Colonialstädten umsäumen. Am Pontus liegen die Endpunkte der von Asien gegen Westen verlaufenden Nebenwege. Unabhängig von dem asiatischen Osten ist auch die nordsüdliche Achse des hellenischen Handels, durch die Ägypten mit den griechischen und politischen Küsten verbunden wird.14 I. Abschnitt. Das Mediterran-Zeitalter (Alterthum). Theilmig des Freilich das Mittelmeer steht den Hellenen nicht in seiner ganzen Länge zur Mittel,nccrs. Berfügnng. Sie sind nur in dessen östlichem Becken die Gebieter. Den Westen und namentlich die Pforte zum Atlantischen Ocean hüten die Karthager; hingegen behaupten- die Griechen die Vorherrschaft in den gallischen und nordostspanischen Meerestheilen. 8 !). Die Ausbreitung der Hellenen im östlichen nnd westlichen Becken des Mittclmeeres. Zeitalter der Die Bölkerstämme, aus. denen das Bott der Griechen besteht, drangen denittgc». UM 1100 v. Chr. G. voin Norden her in Hellas ein. Sie unterwarfen sich die vorhellenische Bevölkerung oder verdrängten sie, z. B. die Phönizier. So fort besetzten die Griechen auch die Inseln' des Ägäischen Meeres und die Küsten Kleinasiens. In diesem Zeitalter der Wanderungen standen die Hellenen ans der Stufe der älteren Eisenzeit oder der Hallstatteultnr. Die Neinasia- Früher als in dem Viehzucht und Ackerbau treibenden europäischen Griechen- Griechcn. kand hat sich industrielle und mercantile Regsamkeit ans den Inseln lind den anatolischen Küsten entfaltet. Namentlich eilten die kleinasiatischen Ansiedelungen der Ionier in wirtschaftlicher Hinsicht allen anderen voraus: Milet, Ephesus, Phocaea, das halbjonische Halikarnass, die Inseln Chios, Samos; aber auch das äolische Lesboö (Mytilene), Smyrna und Kyme, das dorische Kreta, Nhodns, Knidus folgten nach. Perioden der Im 8. Jahrhundert, als sich das griechische Städtewesen entwickelt Eolonisalwn. b n g unter crbgesessene Familien aufgetheilte Mutterland für die wachsende Bevölkerung zu eng geworden war, begann das Zeitalter der Hellenischeu C olonisati on. Es zerfällt in drei typisch verschiedene Perioden: 1. die althellenische, rein mediterrane Periode der Apoikien; 2. die mittelhellenische Periode der Kleruchien und .4. die junghellenische oder hellenistische Periode der kosmopolitischen Städtegründung. Phönizische Kein Volk der Weltgeschichte hat eine größere Anzahl lebensfähiger Städte und hellenische gegründet als das griechische, das auch hierin seine allseitige Überlegenheit dargethan hat. Colon,satio». gnßätjrenb die Phönizier zur Sicherung ihrer Seefahrten nnd ihres Ausbreitungskreises bloße Schiffstationen oder Factoreien begründeten nnd nur unter dem Drucke ganz besonderer politischer Umstände sich zur Kolonisation drängen ließen: so ist von vorneherein die Anlegung einer unabhängigen, sich selbst regierenden (autonomen), souveränen Stadt (Polis) mit einer zugehörigen Feldmark die Grund- und Urform der hellenischen Kolonisation. Die Gründung erfolgte von einer Mntterstadt (Metropolis) ans unter Führung eines Oikisten; die Tochterstädte (Apoikien) verknüpfte mit der Metropolis meist nur ein sittlich-religiöses Band, zuweilen auch eine gewisse Interessen gemeinschaft. Obwohl die griechischen Pflanzstädte fast immer an der Küste angelegt wurden, so waren sie doch nicht'immer zu Handelsplätzen vorausbestimmt: oft waren und blieben sie bloße Ackerbancolonien, die gerade so viel Handel und Gewerbe trieben, als zum eigenen Verbrauch erforderlich war. Nur bei den Gründungen Milets nnd Korinths haben schon in älterer Zeit handelspolitische Erwägungen mitgewirkt.2. Capitel. Die hellenisch-karthagische Periode. 15 Die beiden Hanptgebiete der althellcnischen Colonisation des 8. und ''"tlMmiche 7. Jahrhunderts sind: l. die Küsten der Westsee (das Mittelmeer westlich von Griechenland) und 2. des N o r d m e e r e s (von der thracischen Küste bis zur Palns Mäotica — dem Asow'schen Meer) oder die Pontusregion. Die Pontusregion war die Kornkammer der übervölkerten Griechenstädte, das Politische Absatzgebiet für die Producte ihrer Baumcnltnr und ihres Gewerbefleißes, die Heimat massenhafter Rohstoffe und der wohlfeilste Sclavenmarkt. Ionier, zumal Milesier, erschienen hier soivohl als fahrende Händler wie als Ansiedler. An der Südküste des Schwarzen Meeres blühten Sinope und Trapezus empor, am Ostrande Phasis und Dioscnrias. Die pontische Südostecke war seit' unvordenklichen Zeiten eine Hauptstätte der Metall-, insbesondere der Eisen- und Stahlindustrie: hier lieferten große Herden treffliche Wolle und Felle; hier mündeten ans dem Innern Asiens Handelswege, die sich bis Iran und Indien weiter verfolgen lassen. Längs der Nord küste erhoben sich an den Limanen der sarmatischen Flüsse Städte, wie Tanais, Olbia, Tyras, auf der Halbinsel Tauris (Krim): Theodosia, Panticapäum, Heraklea — Stapelplätze für Getreide, Pelze, Felle, Wachs, Flachs, Waldprodncte, Sclaven u. s. w. Griechische Waren und Münzen wandcrten durch das scpthische Hinterland bis an die Ostsee. An der Westküste des „gastlichen Meeres" agcn Jstros und Tomi. Die Schlüssel städte am Bosporus, Byzanz und Chalcedon, waren nicht in den Händen der Ionier, sondern dorische Gründungen. Wer in dieser Meercsstraße die Herrschaft führte, erhob einen Sundzoll. An der Propontis und am Hellespont lagen die Pflanz städte dicht gesät: Cyzicns, Lampsacus, Abydus, Sestus, Perinth rc., weiter gegen Süd- westcn die Acker- und Bergbaucolonien Thraciens und der Chalcidice, letztere mit dem Vororte Olynth. Ionier aus Kleinasien und Euböa scheinen die ersten Griechen gewesen zu sein, Colonic» m die dem Apennincnlnnde Colonisten und Civilisation zugeführt haben. Als die älteste jonische Stadt Italiens galt Cumae in Campanien; später entstanden Dicaearchia (— Puteoli) und Neapolis. Rund um Sicilieu trafen die ins Westmeer vordrin- gcndcn Griechen phönizische Siedelnngen; aber die Orientalen wichen nach dem Nord westen der Insel zurück, wo sie sich freilich, besonders in Panormus, Lilybaenm, Motya, behaupteten. Unter den jonischen Gründungen auf Sicilieu sind hervorzu heben: Naros, Catana, Leontini, Zankle (— Messana) nebst dem gegenüberliegenden Rhegium. Durchwegs sind die jonischen Städte für den Handel günstig gelegen; früher oder später haben sie eine Periode wirtschaftlicher Blüte erlebt. Hingegen waren die achäischen Städte Süditaliens (Sybaris, Crown, Metapont, Paestum, Locri) bloße Ackerbaucolonien, oft ohne Häfen, jedoch nut einem ausgedehnten Unterthanen- lande versehen. Milesier besorgten z. B. den Sybariten ihre Handelsgeschäfte mit den Tyrrhenern. Am entschiedensten hat unter den griechischen Mutterstädten Korinth bei seinen Pflanzungen commerzielle Pläne verfolgt. Es strebte nach der Herrschaft im jonischen und adriatischen Meere; Ambracia, Apollonia, Epidamnus (— Dyrrhachium) sind Gründungen Korinths. Aber gerade die wichtigste Tochterstadt, Eorcyra, zeigte sich widerhaarig und trieb Handel ans eigene Faust. Korinthischen Ursprungs war auch die größte Handelsstadt Sicilicns: Syrakus. Die übrigen dorischen Städte der Insel verlegten sich mehr ans den Ackerbau, ivie Hybläa, Gela, Selinns, Agrigent. Als eine spartanische Gründung galt Tarent, das sich im 6. Jahrhunderte zum vor-16 I. Abschnitt. Das Mediterran-Zeitalter (Alterthum). nehmsten Emporium Großgriecheulands ausschwang und seiner Färberei, Weberei, Töpferei wegen berühmt wurde. Hellenen in So sehr Karthager und Etrusker bestrebt waren, die weitere Ausbreitung der Gallien und § e (( cncn gegen Westen zn verhindern, so gelang es den Phokäern dennoch, an der gallischen Spamc», ^Ete M a s s i l i a (Marseille) zu gründen, das den Handel längs der Zinn- und Bern steinstraße monopolisierte. Östlich von Massilia erblühten neue Pflanzstädte, wie Nicüa (Nizza) und Monoikos (Monaco); im Westen schoben die Hellenen ihre Vorposten: Emporiae, Zakynthos (Sagnnt), Maenaca bis an den Rand des phönizischcn Tartessus. in Ägypten u. Selbst am Südrande des Mittelmeeres setzten sich die Hellenen fest: in Ägypten Cyrcnaica. (Naukratis), seit ihnen die Pharaonen der 26. Dynastie das Ansiedlungsrecht ein- geränmt hatten, und nahe den Syrien in Cyrcne und Barka. Der Handel mit diesen südlichen Ländern lag in den Händen der Milesier. Der Ägypterkönig Amasis hob jedoch deren Monopol auf; seitdem existierten in Naukratis vier griechische Gemeinden nebeneinander. Attische Gegen das Ende des 7. Jahrhunderts war die Colonisationsbewegung ins Klerucht-N. ;gf 0( f en gekommen. Erst im 5., als Athen an die Spitze des großen Seebundes gegen Persien getreten war, nahm diese Stadt das Ansiedlungswerk wieder auf. Nach dem Rechte der Eroberung oder des Vertrages führte namentlich Perikles Tausende von Bürgern, die den ärmeren Classen angehörten, nach Thracien, den Inseln und den Pontusländcrn. Inmitten der früheren Besitzer nahmen diese Ansiedler Platz, blieben Bürger von Athen und bildeten keinen eigenen Gemeindeverband. Der artige Bürgercolonien nennt man Kleruchien; sie unterscheiden sich durch ihren social politischen Charakter von den Gründungen früherer Zeiten. Auch zur Zeit des 2. See- Pl,nipp? ii. bnndeS erneuerte Athen seine colonisatorischen Unternehmungen. Doch eben damals Colonial- erhob sich Macedonien unter Philipp II.; dieser unterwarf sich theils die thracisch- polnik. macedonischen Colonien der Griechen, wie AmphipjcholiS und Pydna; theils gründete er neue Städte, wie Philippi am goldreichen Pangänmgebirge, theils zerstörte er widerstrebende Gemeinden gleich Olynth und 32 anderen Ortschaften der Chalcidice; nur Perinth und Byzantium belagerte er vergeblich. Tie Gründungen Alexanders und seiner Nachfolger gehören in einen anderen Zusammenhang. 8 10. Dcr Knmpf nin die Wcstsee (Karthager, Etrusker, Hellenen, Römer). Ltockc» der Mächtig waren die Hellenen im 8. und 7. Jahrhundert in das west- ColönisaNott Oche Becken des Mittelmeeres eingedrungen; aber um 600 vor Ehr. G. imW.umeoo. hörte das siegreiche Vorwärtsdrängen auf. Trotz der erbittertsten Kämpfe war es ihnen unmöglich, die Hegemonie im Westen an sich zn bringen oder hier nur einen dauernden Gleichgewichtszustand herbcizuführen. Nicht einmal vor Coaiiiion dcr Verlusten konnten sie sich bewahren. Die Ursache dieser Erscheinungen lag in " Koalition der von den Griechen bedrohten Seemächte des Westens: der Etrusker und dcr Pnnier, welch letztere nach dem Zusammen bruch dcr etruskischen Herrschaft (um 400) den Kampf gegen die hellenischen Colonien allein fortsetzten.2. Capitel. Die hellenisch-karthagische Periode. 17 Tie Etrusker (Rasennen, Tyrrhener, Tusker) hatten sich von Etrurien aus Machtstellung bis an die Adria ansgebreitet und sich auch in Campanien festgesetzt. Sie beherrschten bcr GtrlI * ,cr ' trotz Illyriern und Griechen die adriatischen Gewässer im Osten und säuberten im Westen das nach ihnen genannte tyrrhenische Meer von Eindringlingen. Sie verjagten die Phokäer durch die Seeschlacht bei Alalia aus Corsica, andere Griechen aus Äthalia (Elba) und führten einen unablässigen Kaperkrieg in und außer halb des tyrrhenischen Meeres gegen die ihnen feindlichen Elemente. Hingegen fuhren sie nach Ticilien, Corcyra, Attica, importierten und imitierten griechische Gewerbs° erzeugnisse; denn die griechische Cultur unterjochte sich trotz des Nationalhasses die tyrrhenische, wie die Alterthümer Etruriens beweisen. Nebenbei übte, wohl durch karthagische Vermittlung, auch der semitische Orient einigen Einfluss aus; er concen- trierte sich in Caere, bei welcher Stadt die einzige panische Station Italiens gelegen war. Ungleich bedeutsamer für die Westhellenen, als das Gebaren des mittel- Aufschwung italischen Piratenvolks, war der Aufschwung Karthagos. Als Tyrus im ‘ <tni ^ nfl0 *‘ 9. und 8. Jahrhundert von den Assyrern bedrängt und von Parteikämpfen heim- gesucht wurde, übersiedelten viele vornehme Geschlechter nach Nordafrika. Über alle Ansiedlnngen daselbst erlangte die vielleicht jüngste vermöge ihres vortreff lichen Hafens und üppig fruchtbaren Hinterlandes den Vorrang: die „Neustadt", Karthada (gr. Karchcdon, lat. Karthago). Sie stellte die in Verfall gerathene Wicdcrh-o Vorherrschaft deö Phönizierthums int westlichen Mittelmeere wieder her. In diese Nestaurationsepoche fällt die Wiederbesiedelung von Tarsis, die Rettung ontereffen Nordweft-Siciliens vor den Hellenen, der Ausgleich mit Cyrene wegen der " >,n "' östlichen Grenzen (Altäre der Philäncn), die Wieder- und Neugründung von Factoreien an der Nord- und Westküste Afrikas. Die Besetzung Sardiniens und der Balearen bezeichnet den Anfang jenes Sperrst) st eins, durch Monopols das sich Karthago die Alleinherrschaft im südwestlichen Mittelmeer und die con- ^"stscc. ^ currenzfreie Ausbeutung der atlantischen Küstengebiete zu sichern strebte. DaS fremde Schiff, das sich in jenen Gewässern zeigte, wurde in den Grund ge bohrt, dessen Mannschaft ersäuft. Charakteristisch ist das Geschichtchen von dem karthagischen Kaufmanne, der ein ihm folgendes Schiff in eine Untiefe lockte, dabei selber scheiterte, aber von der Regierung entschädigt wurde. Während der Kampf mit den Hellenen schon eröffnet war, vollzogen -oci-ac m» sich in Karthago bedeutsame innere Wandlungen. Durch ihre Reichthümer war die punische Hauptstadt imstande, Söldner zu werben und mit großen Heeren, die von karthagischen Officieren commandiert wurden, die Herrschaft über die bisher verbündeten Städte Nordafrikas, Hadrumetum, Hippo, die beiden Leptis re. zu erlangen. Die Lib hph önizier— so hießen die Ein wohner der unterworfenen Gemeinden — mussten Tribut zahlen und Truppen stellen. Die Urbewohner des Landes, denen ehedem die Karthager hatten BodenzinS entrichten müssen, die L i b h c r (Berbern), wurden an die Scholle Mayr, Lehrbuch der Haudelsgeschichte. 218 I. Abschnitt. Das Mediterran-Zeitalter (Alterthum). Geld- Herrschaft. gefesselte Zinsbauer», gleich den ägyptischen Fellahs, oder bestenfalls Pächter; auch sie inussten Kriegsdienste leisten. Die schönsten und fruchtbarsten Districte -clavenwirt-verwandelten die regierenden Kaufherren in Plantagen, die von Sclaven bestellt wurden. Zn dein landwirtschaftlichen Großbetrieb gesellte sich der industrielle; Sclaven arbeiteten in den Bergwerken, Sclaven sogen die Ruder der Handels- und Kriegsflotte. So >var das Geld zur alleinigen Macht in der Gesellschaft geworden; Großcapitalisten bildeten die regierende Minder heit, das Geschäftsinteresse dictierte Krieg und Frieden, Privatbereicherung wurde der Endzweck des Staates. Angriffskriege Im Bunde mit den Persern, die unter -kerxes in Griechenland der Karthager. schritten die Karthager zum Angriff gegen d i e W est g ri ech en; aber in dem Jahre des Triumphes von Salamis erlitten auch die Bedränger Siciliens bei Himera durch den Tyrannen Gelon von Syrakus eine ver nichtende Niederlage (480). Nicht lange hernach traf die Etrusker bei Kyme das nämliche Schicksal (475 oder 474). Nun herrschten die Griechen von Mnssnlia und Syrakus in den tyrrhenischen, die Tarentiner in den adriatisch- ® tm ' dcr jonischen Gewässern. Rasch knickte die unsolide Macht der Tusker zusammen: die Sammler jagten ]ic aus Campamen, die Römer setzten ihnen vom Lader ptel- Macht. her zu, und um 395 entriss ihnen die gallische Völkerwanderung ihre lungen in Norditalien. Karthago und Viermal erneuerten die Karthager den Versuch, die Griechen aus Syrakus. ;gj c j[i eu , u verdränge»; viermal erwehrten sich diese oder eigentlich die Syra- knsaner unter Dionysius d. Ä., Timoleon, Agathotles, Pyrrhus deö Angriffes. Indessen blieben jedesmal griechische Städte in Trümmern liegen. Als Pyrrhus Sicilien verlassen hatte, bemächtigten sich die Punier Eingreifen der wiederum des Eilandes bis auf Syrakus und Messana. Aber schon hatten die Römer ihre Herrschaft bis an die sicilianische Meerenge vorgeschoben. Sie nahmen den Hellenen das Schwert ans den Händen und vollbrachten, wonach diese vergeblich gestrebt hätten. Untergang Schon der erste punischeKrieg (264—24 l) zerstörte das Sperr- und Monopol- Karthago». svsteni der Karthager in der Westsee und raubte ihnen Sicilien; während des Söldner- krieges holten sich die Römer Sardinien und Cor sic a. Als nun das Heldengeschlecht per Barkiden das Schicksal zum zweiten Gange heransforderte und nach siebzehn jährigem Ringen (218—201) unterlag, verlor Karthago außer seiner Souveränetät und seiner Marine auch S p a n i e n. Trotzdem blieb es die reichste Stadt des Westens. Neid und Sorge bewogen die Römer, die Forderung an die Karthager zu stellen, sie sollten ihre Stadt verlassen und sich fern vom Meere im Binnenlande wieder ansiedeln. Die Waffen mussten abermals entscheiden; der dritte pn irische Krieg (140—6) endigte mit dem Untergange Karthagos; Afrika ward eine römische Provinz. Der Kampf um die Westsee war zu Ende.2. Kapitel. Die hellenisch-karthagische Periode. 19 2* 8 11. Handel und Wandel in Griechenland. Aur Heit, als die Homerischen Dichtmtgen entstanden, waren die Phönizier Nationaler bereits anS den griechischen Gewässern verdrängt; sie erschienen nur mehr sporadisch als Händler, denen der gewitzigte Hellene berechtigtes Misstrauen ^"Nur, entgegenbrachte. In alter und neuer Zeit ist der Einfluss der Phönizier ans die Griechen und überhaupt auf die Südeuropäer tu aßlos übe r s ch ä tz t worden. So hat man behauptet, dass die Griechen erst durch die Phönizier insbesondere den Schiffbau und die Seefahrt kennen gelernt hätten; allein der unvermischt nationale Charakter der griechischen Seemannssprache beweist, dass die Hellenen ihre Nautik sich selbst verdanken. Beiweitem mehr als über Syrien Kultur- Haben von Kleina sien her orientalische Culturmomente auf Griechenland ""„"Ost-m eingewirkt. Solche Einflüsse zeigen z. B. die griechischen Maße und Gewichte. Mas, nnd Gc- Dem babylonischen Duodecimalsystem haben die Griechen möglichst das indo- m germanische Decimalsy st e m substituiert. Sie haben z. B. das Handels- und Münzgewicht des Orients herübergenommen, das Talent zn 00 Minen, die Mine jedoch in 50 Stakeren oder 100 Drachmen getheilt. Für Trockenes und Flüssiges kamen eigcnthümliche Hohl maße in Gebrauch, deren höchste Einheiten Metretes und Medimnos hießen. Den Längenmaßen lag der 16 Finger breite Fuß zugrunde; 600 Fuß machten ein Stadion. Alle Maße zeigen beträchtliche Modificationen je nach Ort und Zeit. Aus Kleinasien stammt eine für den Handel epochemachende Erfindung, Di°E>fi„duug nämlich die der Münzen (zwischen 700 und 650’. Lydien gilt als das Mutterland der Mün;prägu h g; die an der lydischen Küste gelegenen Griechenstädte haben die Erfindung sofort recipiert; möglicherweise ist sie von ihnen ausgegangen. Längst war in Babylonien und Ägypten das Gewicht der Metallstücke, die als Münz- Geld zu dienen hatten, festgesetzt- Das Zuwägen wurde durch das Zn zäh len kngcl-, Verhältnisse, ring-, plättchen-, stab- und barrensörmiger Stücke ersetzt. Tie Münzerfindung bestand nun darin, dass der Staat oder sonstige Münzherr das meist scheibenförmig gestaltete Metallstück mit einem Stempel versah und sich dadurch für Schrot und Korn verbürgte. Anfänglich prägten die lydischen Könige Weißgold- oder Elektron münzen (das Elektron ist ein Gemisch von Gold nnd Silber in dem typischen Verhältnisse von 73:27), erst Crösns prägte Münzen-ans reinem Gold. Lydische Silbermünzen scheinen vor Crösus schon geprägt worden zn sein, so dass eine Doppelwährung existierte. In den g r i e ch i s ch e n Städten wurden Goldinünzen nur selten geschlagen; die Silberprägung über wog. Am beliebtesten waren Zweidrachmenstücke (= 1 Silberstater). Auch Obolcn (Vs Drachme ^ 7 kr. österr. Währ.), ja halbe und viertel Obolen wurden in Silber ausgeprägt. Kupferstücke (Chalkns) kamen erst nach 400 in Umlauf. Daneben circulierten Goldmünzen asiatischen Gepräges, lydische und persische (Dareiken). Tie wichtigsten Münzfüße waren der babylonische nnd der phönizische; im europäischen Griechenland und in den westlichen Kolonien gewannen der äginetische nnd euböische — von letzerem stammen der atüsche nnd korinthische ab — die Oberhand. Jede Stadt ließ ihren Münzen ein wappenartiges Zeichen aufprägen, ivie Ägina eine Schildkröte, Athen den Kopf der Pallas und die Eule, Korinth den Pegasus, Rhodus eine Rose w.20 I. Abschnitt. Das Mediterran-Zeitalter (Alterthum). Älterer Als sich die'Helleiieil im 8. und 7. Jahrhundert über das Bcittelmeer-- '' gebiet auSbreitetcn, kam commerzielles Leben in einige der sonst so abgeschlossen lebenden Cantone und Stabte Griechenlands. Die halbniythischcn Handelsplätze, Orchomenos, Nanplia, Kreta, wurden in den Hintergrund gedrängt durch Korinth, C h a l c i s, Ägina, M e g a r a, durch Samos, C h i o S lind die jonischen Städte Kleinasiens: Milet, den Hauptort des Colonialhnndels, und Ephesus, das nach der Landseite hin Verbindungen unterhielt. Aufschwung Schon vor den Perserkricgen war A t h e n bemüht, sich durch eine "" Seemacht eine politische und commerzielle Stelluitg ;n erringen. Im wechsel- vollen Kainpse init Megara und Ägina, seinen nachbarlichen Mitbewerbern, wuchsen langsam seine maritimen Kräfte. Da brachen die Perserkriege aus, und was bisher ein Sonderinteresse nett aufstrebender Volksclassen schien, wurde das RcttungSmittel der Stadt' (MiltiadcS, Themistokles, Aristides, Hegemonie ginuni). Athen trat an die Spitze des gegen die Perser gerichteten D e l i s ch e n Athen.. Fundes, benützte aber seine Überlegenheit, um die Bundesgenossen in Unterthanen unb den Delischen. Seebund in ein Attisches Seereich zu ver wandeln. Weil so viele bisherige Handelsstädte durch die Perserkriege herab- gekommcn waren, erlangte Athen auch die Hegemonie des Handels in den Rivalitär Mil ostgriechischen Gewässern. In Hellas hatte Athen nur mehr einen Rivalen: Korn,»,. die mercantile Vormacht der Peloponnesier, dieser geborenen Feinde der Athener. Umsomehr verlegte Athen das Schwergewicht seiner Politik ans die Seemacht. Es entsendete Kleruchen nach dem Norden; Hellespont und Bosporus wurden besetzt, Abgaben in diesen Meerengen erhoben. Durch die rücksichtslose Ausbeutung seiner maritimen Übermacht reizte Athen seine alten und neuen Widersacher. Die beiden pcloponnesischcn Kriege wurden nicht allein um den Besitz der politischen Macht geführt, sondern sie waren auch Handels kriege, in denen sich die von Athen und Korinth vertretenen Interessen feind- Nicdcrgang d. (ich gcgenüberstanden. Als nun Athen im 2. pcloponnesischcn Kriege auch die . ° macht. 1 W e st s e e seiner Machtsphäre zu unterjochen trachtete, die deshalb veranstaltete sicilianische Expedition aber gänzlich scheiterte, so trat ans allen Schauplätzen der Zusammenbruch des athenischen Supremates ein. Im 4. Jahrhundert, zur Zeit des korinthischen Krieges und des 2. Seebundes, schien die einstige Königin des Meeres sich wieder emporzuraffen, allein im Widerstreit gegen die macedonische Macht verzehrte sie den Rest ihrer Kraft. Mit mehr Erfolg überdauerte Korinth die Kriegsepoche und gelangte in der hellenistischen Zeit zu neuem Glanze. Urproduction Ohne die großartige Ausdehnung des griechischen Volksthumes in und am Mittel- m Hellas. ,„bere hätte sich der Handel von Hellas schwerlich entwickeln können, so wohlgcglicdert seine Küsten auch waren und so sehr die geographische Configuration den Seeverkehr2. Capitel. Tie hellenisch-karthagische Periode. 21 erleichterte; denn Griechenland war nicht reich an Prodncten, die ans dem Weltmärkte eine Rolle hätten spielen können. Am ergiebigsten war noch das Meer; frische, gesalzene und getrocknete Fische bildeten einen Handels- nnd Consumartikel ersten Ranges. Dagegen genügte der Ertrag des Bergbaues nicht dem Bedarf. Der Frnchtboden war sparsam zugemessen. Als die Bevölkerung wuchs, mussten Lebensmittel aus der Fremde bezogen werden. Auch die Wald bestände waren so knapp, dass früh zeitig Holzmangel nnd Entwaldung eintraten. Viele Landschaften eigneten sich nur für die Viehzucht, und zwar mehr für Ziegen nnd Schafe, als für Rinder nnd Rosse. Trotzdem gelang es den Bewohnern, durch Garten- und Terrassencultur manchem Landstrich einen Überschuss an Wein, Öl, Feigen und anderen subtropischen Erzeugnissen abzugewinnen, die während der Wander- und Besiedlungsepoche aus Asien acclimatisiert worden waren; so führte Attika Öl, Feigen, Honig ans und kaufte pontisches oder ägyptisches Getreide. Aber gerade die exportierenden und scheinbar blühendsten Gemeinwesen litten bereits an socialen Ü be l ständ cn, die zu chronischem Siechthum und zum endlichen Untergänge der antiken Welt geführt haben, in Griechen land ivie später im Römerreich. Der Bauernstand und die freien Arbeiter waren nämlich daran, von den Gutsbesitzern und Sclnvcn verdrängt zu werden; diejenigen, die sich wirtschaftlich nicht mehr erhalten konnten, sanken zum Niveau eines aus Kosten de? Staates und der Reichen lebenden Proletariats herab. Dieselbe Gattung capitalistischen Wirtschaftsbetriebes unterminierte das griechische Gewerbe. Gewerbe. Es hatte früh die Stadien des Hausfleißes, des Wander- nnd Störbetriebes durchlaufen, nnd entwickelte sich auch zum regelrechten (doch nicht zünftigen) Handwerke mit freien, in eigener Werkstatt arbeitenden Meistern. Später warf sich der Handelsgeist ans den lohnenden Export griechischer Gewerbserzeugnisse, und bald überwucherte der niit Sclaven arbeitende Gros;- den unabhängigen Kleinbetrieb. Bekanntlich hat der griechische Genius dem Gewerbe den Stempel einer eigenartigen Kunst aufgedrückt; in technischer Hinsicht hat es keinen Vorsprung gegen den Orient gewonnen. Den ersten Rang unter den griechischen Industriezweigen nahm die Wollweberei ein, mit welcher die Kleiderconfection, Teppich- und Vorhangfabrication, Buntstickerei n. s. w. in Verbindung standen; sic blühte in Milet, Athen, Megara, Koriirth. Daneben wurden linnene, in der Zeit nach Alexander d. Gr. auch baumwollene und seidenähnliche Stoffe erzeugt, letztere ans der Insel Kos aus den Cocons der einheimischen wilden Seiden raupe. Beinahe ebenso wichtig als die Textilindustrie ivar für den Handel die Keramik einschließlich der Thonplastik, ein Gewerbszweig, durch den Athen und Korinth Reichthümer erwarben. Tie Metallindustrie leistete in ehernen Geräthen nnd in Waffen, in der Technik des Schmiedens und Gießens Hervorragendes. Zu erwähnen sind auch die Baugewerbe, die Fabrication von Möbeln, Schmuck- und Galanterie waren n. s. w. Es ist ein Charakteristicum kaufmännischer Intelligenz, dass sie sich am liebsten mit »nd Geld- und Creditgeschäften befasst. Darlehen gegen Faustpfand und gegen Hypothek sind in Griechenland umsomehr an der Tagesordnung gewesen, als es bei den Krisen dcS wirtschaftlichen Lebens eine Masse sinkender Existenzen gab, die sich durch Aus- nahme von fremden Geldern zu retten suchten. Es gab bereits öffentliche Grund bücher, in denen d'e Hypotheken verzeichnet waren. Der Zinsfuß war verhältnismäßig hoch (10—20 Procent), auch Zinseszinsen wurden berechnet, Schulden mit Härte cin- getrieben. Tie gewinnbringendste Form der Nutzbarmachung von Capitalieu war das Secdarlehen (die Bodmerei). Auch Staatsanleihen kamen vor, mitunter in der22 J. Abschnitt, DaS Mediterran-Zeitalter (Alterthum). Trapeziic». Tcmpcl- banfcn. Berkehr. Landvcrkcyr. Seeverkehr. Rudimente der Handel»-- Politik. verhassten Form der Zwangsanleihen. Ter charakteristischeste Vertreter des griechischen Geldgeschäftes war der Trapezit (— Wechsler nnd Banquier). Neben dem Hand wechsel betrieb er das Darlehengeschäft, sowohl Lombard- als Hppothekengeschäft, theils mit eigenen, theils mit freniden Capitalien, die er zu höheren Procentcn weiter ver lieh, als er selbst bezahlte. Der Trapezit nahm jedoch auch Deposita in Verwahrung, besorgte die Geldzahlungen des Deponenten, stellte Anweisungen aus und saldierte solche, wenn sie von vertrauenswürdigen Firmen fremder Handelsplätze ausgestellt waren. Dem Privatbanguier machten die Tempelbanken insoferne Concurrenz, als sie die Tenipelschätze fruchtbringend verwerteten nnd Depots in Verwahrung nahmen. Übrigens reizten die in den Häusern der Götter brach liegenden Bargelder nicht nur die Tempelränber, sondern auch die Staatsmänner, denen es solcherniasien bequem gemacht war, in finanziellen Nöthen eine Anleihe bei Apollon oder Pallas Athene anfzunehmen. WaS der Boden nnd der Gewerbefleiß Griechenlands erzeugten und was es dafür eintauschte, wurde zum größten Theil auf dein Meere transportiert. Nicht als ob es den Hellenen an Behelfen des Landverkehres gefehlt hätte; es gab vielmehr viele geschickt tracierte Straßen mit in den Fels gehauenen Geleisen, die eine Normalspurbreite der Wagen bedingten. Freilich verdankten die Wege ihren Ursprung mehr dem religiösen, als dem commerziellen Sinne der Bevölkerung, indem sie zu den heiligen Festst litten führten, die sich iibrigens zur Zeit der Spiele in Messplätze verwandelten. Eilboten (Heiner» dromen) besorgten ans solchen Landwegen den privaten Nach richtenverkehr, Manlthiere und Esel den Lastentransport. Das Ross war noch ein vorwiegend sportliches Thier. Dem Seeverkehr dienten mit Segeln ver sehene , ein- oder mehrreihige Rnderschiffe (Trieren — Dreidecker). Es gab schon einzelne wohl ansgestattcte Hafenanlagen, wie den Piräus, mit Molen, Quais, Lagerhäusern, VerkanfShallen u. dgl. Man fuhr nur in der guten Jahreszeit —¦ zwischen dem Herbst- nnd dem Frühjahrsäquinoctinm pausierte die Schiffahrt - - hielt sich so knapp als niöglich an die Küsten nnd suchte, wenn Gefahr drohte, Zufluchtsorte auf. In dieser Beziehung waren die Hellenen nicht mnlhiger, als die Phönizier. Als durchschnittliche Fahrgeschwindigkeiten galten 1—1'/ 2 geographische Meilen pro Stunde; man brauchte z. B. von Athen zwei Tage nach Ephesus, fünf nach Byzanz, sieben nach Tomi. Es mangelte in Griechenland nicht an allerlei administrativen Ber- anstaltungen zur Hebung und Regelung des wirtschaftlichen Lebens, insonder heit des Handels. Jedoch bei der Kleinheit nnd denl Particularismus der Staaten führte dies nicht zu einer conseguenten Wirtschaftspolitik oder einer zusammenhängenden Rechtsbildung. So gelang es den Griechen niemals, den Seeran b oder die Kaperei völlig zu unterdrücken. Hingegen gehörten fremden- fcindliche Gebräuche einer sagenhaft gewordenen Vorzeit an. Ans dem Gast-2. Capitel. Die hellenisch-karthagische Periode. 23 recht entwickelte sich eine Verkehrs- und Ansiedelungsfreiheit, die hinter der gegenwärtigen nicht zurücksteht. Eigene Amtspersonen (Praxenoi) waren damit beauftragt, ähnlich uusereu Consuln, die Rechte der Staats angehörigen in der Fremde zu vertreten. Außerdem gab eö Hafen- und Marktaufseher (Agoranomen) und ein eigenes, beschleunigtes Verfahren in Handelsprocessen. Specielle Aufmerksamkeit wendeten die Behörden der Versorgung und dem Handel mit Lebensmitteln zu. Athenische Kauf leute durften Getreide nirgends anderswohin führen, als nach Athen; die Getreideausfuhr war überhaupt verboten, in Kriegszeiten auch die Ausfuhr aller Gattungen von Kriegsmaterial. Hafenzölle gab es allenthalben; sie wurden in der Siegel verpachtet und beliefen sich ans 2—5 Procent des Wertes. Auch im Landverkehr waren Zölle, sowie Accisen nicht unbekannt. - Die höhere geistige Cultur der Griechen ist das Werk ihrer Aristokratie. Abneigung i« Adelige Denkweise herrscht in der Literatur, in den Kreisen der Gebildeten, ^',','^n gegen Nur die Grundrente lasst man als anständige Einkommensquelle gelten; Handel das Erwerbs und Gewerbe, überhaupt jede Arbeit, ausgenommen die Beschäftigung mit Kriegs- und Staatsangelegenheiten, wird gcringgeschützt. Der Grieche fasste seine Missachtung in dem Worte „banausisch" zusammen. Da die Aristokratie der Geburt und des Geistes sich dem Erwerbsleben fern hielt, so blieb die Zurückbleiben materielle Cultur, besonders auch in technischer Hinsicht, zurück. Das, Ivas ö ' c " man Reichthum nannte, war von bescheidenen Dimensionen. Jedoch, die cavaliermäßige Gleichgiltigkeit gegen die materiellen Interessen genügt nicht, daS geringe Durchschnittsmaß des nationalen Wohlstandes zu erklären. Griechen land war erstens, >vie früher erwähnt, kein von der Natur gesegnetes Land; wo die Bevölkerung wuchs, war mau gcnöthigt, Lebensmittel vom Auslande zu kaufen. Zweitens hatte der Handel nur ein beschränktes Absatzgebiet, und darum war auch der Industrie kein Spielraum zu breiterer Entwicklung geboten. Der große, reiche Orient kaufte so gut wie nichts von den Griechen, die überdies nicht im Traume daran dachten, sich des Absatzes wegen dem orientalischen Geschmacke anzubequemen. Es blieben mithin als Abnehmer griechischer Erzeugnisse Barbaren, denen nur spärliche Mittel zu Gebote standen, oder Connationalen übrig, die lieber verkauften, als kauften. Die Hauptursache, warum'Gewerbe und Handel ein bescheidenes Maß nicht über schritten, lag in dem Grnndweseu der griechischen Stadt- und Hauswirtschaft. Jedes Hans brachte nach Möglichkeit alles hervor, was es bedurfte, und ebenso suchte jede Stadt ihrem Bedarf in jeder Richtung selbst zu genügen. Der Hauswirt kaufte sowenig als irgend denkbar auf dem Markte seiner Stadt und die Stadt denkbarst wenig ans dem Markte einer anderen.24 1, Abschnitt. Das Mediterran-Zeitalter (Alterthum). Autarkie, d. i. Selbstgenügsamkeit, bildete die Handel- und gewerbefeindliche Signatur der griechischen Wirtschaft. Mäßigkeit rmd Bedürfnislosigkeit waren Tugenden, die der Staat vorzuschreiben und die Philosophie anzuempsehlen im allgemeinen nicht nöthig gehabt hätten. Erst als der Orient durch Alexander dein Griechenthnme gewonnen wurde, gab es ein großes Absatzgebiet; aber die Bortheile der neuen Epoche kamen nicht den politisch erschöpften und social abgehausten Städten Griechenlands, sondern den neu gegründeten oder ivieder belebten Emporien deS hellenistischen Ostens, Alexandrien, Antiochien, Seleucia, Tyrus n. s. w. zugute. Periode der ErobcrmigS- und Drobstaateu- biidmili. Asstirien. DaS »cu- dabylottischc Iicich. Neb»- kadnczar. 8 12. Orient und Occident. Um die Mitte des 9. Jahrhunderts v. Ehr. G. trat ein Wendepunkt in der Geschichte des alten Orients ein. Es begann eine Periode der Er oberungen, deö Ringens der Völker um die Oberherrschaft. Den Anstoß gaben die Assyrer, ein semitisches Volk, das babylonische Civilisation an- genoinmen hatte. Tie Eroberungen der Assyrer haben trotz der Culturhöhe dieses Volkes den bezwungenen Ländern nur Unheil gebracht: Raub und Plünderung, Riedermetzeluug oder Verschleppung (Versetzung) der Bewohner, Zwangsarbeit und maßlose Tribute. Es war ein AussaugungSspstem, das in grellster Weise von der Regierungsmethode der Perser, Griechen und Römer absticht. Wie dauerhaft und tief musste die Cultur Vorderasiens begründet sein, dass es zwischen 850 und 600 nicht nur die Razzias der Assyrer, sondern auch die Wanderpliindernngen der Cimmerier und Scythen über stehen konnte! Durch die Coalition Mediens und Babyloniens wurden Reich, Volk und Städte der Assyrer vom Erdboden vertilgt (606). Die Neubaby lon i c r, die als die Erben des zerstörten Reiches zu betrachten sind, machten dem Nnttbsystem ein Ende. Gerade die allseitige Förderung der materiellen Interessen wurde die Maxime der neuen Regierung. In dieser Beziehung stellt die Herrschaft Nebnkndnezars des Großen einen der Höhepunkte des orientalischen Alterthumes dar. Durch gewaltige Damm- und Canal bauten gab er den versumpften und verlassenen Districten ihre Frucht barkeit wieder. Euphrat und Tigris wurden durch Canäle verbunden, ihre Gefälle und ihr Mündungsgebiet reguliert. Der wichtigste klmschlagplatz am Euphrat war Thapsacns. Am persischen Golf entstand die Seestadt Teredon. Für kurze Zeit entwickelte sich in diesem öden Binnenmeer einiger Handel; die Gerrhäer kamen aus Arabien nun auch zur See; von einem weiter ausgreifenden Schiffsverkehr zeigt sich aber keine Spur. Babylon wurde die größte und festeste Stadt der damaligen Welt, die eigentliche Capitale des internationalen Handels, besonders des Karawanenverkehres — eine25 2. Kapitel. Die hellenisch-karthagische Periode. Stellung, die es über den Untergang des nenbabylonischcn Reiches hinaus behauptete. Zahlreiche Urkunden, in Keilzeichen auf Thon geschrieben, ge en Zeugnis von dem entwickelten Geschäfts- und sttechtöleben. Jnsbesondere haben die Urkunden des Bankhauses Eg> > Bmer ^ Bank, erregt, da dieses sich mehrere Generationen hindurch verfolgen lasst. ^ > . w-s-n; das nimmt Depositen, auch Warendepots, führt Zahlungsaufträge ans verzmst G - Haus Sg-l». lagen, leiht gegen Schuldschein und Pfand, leistet Bürgschaft, stellt Banklullet (,, ^ ^ genannt) aus, die an den Vorweisenden (au porteur) zur Auszahlung ge a. g ^ sicherlich Zeugnisse einer Entwicklung des Geld- und Creditwelcns, >e lpi Alexandrien oder Rom nicht überboten worden ist. ^ ... 3 ., Restau- Früher noch als Babylonien hatte sich Ägypten von rer 11) raUou«M in Oberherrschaft befreit. Die 26. (faktische) Dynastie - die Psammetrchlden äjpm — eröffneten das Nilland den Griechen. Amasis gestattete ihnen me .ln- legung der Pflanzstadt Naukratis. Mit Bewusstsein riss sich Ägypten^von dem semitischen Vorderasien los, strebte nach der Begründung eines —ec reiches (Eroberung Cyperns) und der Äüsdehnung seiner Herrschaft gegen Westen (Cyrene). König N e ch 0 , der auch am Ramflescanal wieder arbeiten Nech°. ließ, rüstete Schiffe zur Umsegelung von Afrika aus; drei Jahre soll die Expedition vom Rothen Meer um den Continent herum bis zur t Mündung gedauert haben. Auch nach der Eroberung durch die Pcrser ^Gncchep^ verharrte Ägypten in seiner Opposition gegen den Osten; alle seine Auf- H^ms. stände wurden von den Griechen unterstützt; Alexander den Großen bcgt ühte man als den Befreier des Landes, das nach seinem Tode durch Jahrhunderte einem hellenischen Herrscherhanse untcrthänig war. Um 550 vereinigte der Gründer des Perserreiches, Cy rns, alleReich der Großstaaten Vorderasiens bis nach Turan und zum Pamirplateau: Medien, Lydien, Babylonien sammt deren Unterthanenländern. Sein Sohn Kambyses fügte Ägypten hinzu, scheiterte aber bei dem Versuche, Äthiopien und die afrikanische Nordküste gleichfalls zu unterwerfen. Dari ns I. war der Ordner dieses Riesenreiches, der einsichtigste Staatsmann des alten Orients, der -Organisator des ersten rationellen Steuersystemes der Welt. Jeder der 20 Verwaltungsbezirke (Satrapien) hatte eine Geld- und eine Besteuerung. Naturalsteuer zu entrichten, erstere in Silber, mit Ausnahme Indiens, das jährlich 360 Talente Gold zahlte; ein Kataster — der erste, von dem die Geschichte berichtet — gemährte der Regierung die Möglichkeit einer gerechten Bemessung der Natural steuer, die je nach der Verschiedenheit der Laudesproducte modificiert war. So steuerte Ägypten Getreide, Medien Schafe und Rosse, Armenien Füllen. Tic Geldtribute beliefen sich auf 14.560 Talente (— 30 Mill. fl., mit Berücksichtigung des Unterschiedes im Geldwerte vielleicht das Siebenfache letztgenannter Summe). Zur reinen Geldwirtschaft konnte es der alte Orient so wenig bringen, als Rom sie später festzuhalten vermochte. Die Centralstelle für Einnahmen und Ausgaben war natürlich der Hof, zu dem 20- bis 30.000 Menschen gehörten. Ter Großkönig aus dem Hause der Achämeniden regierte26 l. Abschnitt. Das Mediterran-Zeitalter (Alterthum). mittelst Satrapen und Vasallenkönigen das ungeheuere Reich; indem die Beamtem die Ofsiciere, der Kern des Heeres dem Stamme der Perser entnommen wurden, kanr StaatSpost. Einheit in die bunt zusammengesetzte Ländermasse. Um den Hof von Susa (andere Residenzen befanden sich in Babylon, Persepolis, Egbatana) mit den Satrapien in Verbindung zu erhalten, wurde die große Königsstraße von Susa nach Sardes erbaut und mit Stationen versehen; auf dieser Hauptstraße und deren Abzweigungen verkehrte die Staatspost, reitende Boten, welche die Depeschen beförderten. Privaten oder commerziellen Zwecken hat sie nicht gedient. Hiermit beginnt die Geschichte Reichsmül,ze. einer der wichtigsten Verkehrseinrichtungen: der Post. Ein weiteres Mittel der Ccn- tralisation war die Ordnung des Münzwesens auf Grundlage der Doppelwährung (Relation 1:13‘/ 3 )- Die Dareiken, Goldmünzen im Werte von ungefähr 12 '/., fl., zeigten auf dem Avers den König mit dem Bogen und dem Herrscherstab; neben den Reichssilbermünzen cursierten auch Silbermünzen der Satrapen, Städte u. s. w. Auch im Auslande, z. B. in Griecheirland, circulierten die ihres Feingehaltes rvegen berühmten Reichsschatz, persischen Goldmünzen. Darius legte einen centralen R e i ch s s ch a tz an; die dem Ver kehr entzogenen Umlaufsmittel häuften sich übermäßig an und wurden erst von dem Eroberer Asiens, Alexander von Macedonien, dem Verkehre wiedergegeben. Orient contra Die Kräfte deö ungeheueren Reiches der Achämeuidcu wurden nun ~ La c '"‘ von Darius und XerxeS gegen die griechischen Zwergstaaten aufgeboten. Die sogenannten Perserkriege sind bis zu einem gewissen Grade auch Handels kriege. Das von den Griechen beherrschte Mittelmeer sollte den Asiaten, in erster Linie den Phöniziern zurückgewonnen werden. Lyder und Schon vorher hntteir die Lyderkönige bemerkt, dass die Herrschaft über Klcin- Griechcn. Mm ohne den Besitz der griechischen Häfen Ivertlos sei; Krösus brachte sie zur Anerkennung seiner Oberhoheit. Des Cyrns Feldherr, Harpagus, unterwarf sie Darius'Feld- wieder, als sie abgefallen waren. Darius unternahm dann den Feldzug gegen die i«a geflci, d,e Scythen, überschritt auf der Brücke des Samiers Mandrokles den Bosporus, hierauf den Jster, kehrte zwar um, aber Thracien und die Pforten des Schwarzen Meeres blieben Pcrserkriege, in seiner Gewalt, sowie ihm auch das Land südwärts vom Kaukasus huldigte. Durch den Aufstand des Jahres 500 gaben die Ionier in Kleinasien das Signal zu dem bald acuten, bald schleichenden Kriegszustand zwischen Persern und Griechen, der, oftmals unterbrochen, bis znm Tode des letzten Achämeniden dauerte (500—330). Mit Freuden Mi,Wirkung ergriffen die Phönizier und Karthager die Gelegenheit, an der Vernichtung, wie sic meinten, der Karthager. ^ rel . n j{ m Nebenbuhler thcilznnehmcn. Doch die Tage von Salamis nndHimera (480) entschieden im östlichen und westlichen Becken des Mittelmeeres zugunsten der Griechen. Nachdem die Perser ans die Eroberung des europäischen Griechenlands ver zichtet hatten, suchten sie wenigstens ihre Herrschaft über die klcinasiatischcn Küstenstädte wieder herzustellen. Zur Zeit der athenischen Seeherrschaft (470—404) behielten die Hellenen Kleinasiens ihre Unabhängigkeit. Als aber Athen im peloponnesischen Krieg erlag, da kamen für Ost- und Westgriechen böse Tage; im Königsfrieden von 387 wurde die Küste Anatoliens der Satrapenmirtschnft wiederum preisgegeben. Die helle nische Kleinstaaterei hatte sich ohnmächtig erwiesen, ansgelcbt. Es war die Zeit für neue Staats- und Lebensformen gekommen, in denen auch der Streit zwischen Griechen und Phöniziern versank, ja selbst die Scheidewand zwischen Orient und Occident für- einige Zeit durchbrochen ivnrde.2. Capitel. Die hellenisch-karthagische Periode. 27 8 13. Der Hellenismus. Mit der Eroberung des Perserreiches durch Alexander den Großen, König von Macedonien, beginnt eine neue Ära in der Geschichte des Griechen- thums und der außergriechischen (ethnischen) Völker. Griechische Cultnr dringt in den Orient; jede griechische Ansiedelung wird zürn Mittelpunkte eines weiten Kreises, innerhalb dessen griechische Sprache und Gesittung Wurzel fassen. Die erobernde hellenische Cultnr bekommt jedoch einen fremdartigen Beisatz; sie kann ihre Reinheit nicht bewahren, sie vermengt sich mit barbarischen Elementen. Dieses griechisch-orientalische Culturgemisch, in dem der griechische Bestandtheil der maßgebende bleibt, heißt Hellenismus. Das Mittel, durch das sich die griechische Cultnr siegreich über ein ungeheueres Gebiet verbreitet hat, ist die Städtegriindung; in ihr hatten kö die Hellenen durch eine halbtausendjährige Übung zur Virtuosität gebracht. Die hellenistischen Städte sind jedoch keine Ableger einer bestimmten Mutterstadt, wie die Eolonicn des 8. oder 7. Jahrhunderts, sondern ihre Bevölkerung kommt aus alldn griechischen Landschaften, den östlichen und westlichen, zusammen; auch werden von Anbeginn Barbaren in die Bürgergemeinde ausgenommen. Die hellenistischen Städte gehören ferner zu einem größeren Reichsverhande, sind nicht souverän, wie Athen oder Shrakus es gewesen, sondern unterstehen in Krieg und Frieden dein Machtgebote des Landessiirsten. Aber eines bleibt ihnen zumeist: die Selbstverwaltung. Nicht weniger als siebzig Städte soll Alexander selbst gegründet haben von Alexandria in Ägypten bis Alexandria eschata am Jaxartes (Syr Darja) und Pattala in Indien, darunter Städte, die heute noch bestehen, wie eben jenes Alexandrien in Ägypten, wie Herat und Kandahar. Natürlich ließ sich der Macedonierkönig bei seinen Städtegründungen in erster Linie von strategisch-politischen Erwägungen leiten; aber auch der Gedanke, der ma teriellen Cultnr Stützpunkte zu verschaffen, lag nicht außerhalb seines Horizontes. In der nämlichen Weise fielen militärische und commer- zielle Interessen zusammen, wenn Alexander den Indus hinabführ und durch seinen Admiral Nearchus den Seeweg von der Indus- bis zur Euphratmündung untersuchen ließ. Über Entwürfen, die Küsten Arabiens, die kaspischen Ländcr erkunden zu lassen, ist Alexander der Große gestorben. Mit königlicher Freigebigkeit streute der Eroberer Persiens die Schätze der Achä- meniden, das Ergebnis eines Jahrhunderte langen Tresorierens, über die Welt aus, die wahrlich einer Vermehrung ihrer Umlaufsmittel bedurfte. In Egbatana soll er ungefähr 180.000 Talente (400 Will, fl.) dem Harpalos, der nachher Defraudant und Empörer wurde, zur Aufbewahrung übergeben haben; bei Alexanders Tode, sagt man, seien nur mehr 10.000 Talente vorhanden gewesen. Tie Folge der plötzlichen Geld- nberschwemmnng mar das Sinken des Geldwertes und das Steigen der Hellenismus. Hellenisierung mittelst Stiibte- grüiidung. Stiidtc- grüudungeii Alexanders. Vermehrung der NmlausS- mittel. Krisis.7. Abschnitt. Das Mediterrän-Zeitalter (Alterthum). 28 Münjreform. Preise. Alexander setzte an die Stelle der persischen Reichswährung eine neue, der er den euböisch-attischen Münzfuß zugrunde legte. Münzen mit griechischem Gepräge sind das charakteristische Merkmal des Hellenismus. Selbst wo die Völker alles Hellenische fernhielten oder wieder abschüttelten, wie in Ostiran und Indien, adoptierten sie das hellenische Münzwesen. Stiidtc- Als das Reich Alexanders des Großen nach seinem Tode in Stücke fiel, d?rDi°d°ch-n^en die Theilfürsten, die sogenannten Diadochen, das Werk der Helleni- sierung fort. Sie wetteiferten unter einander auch als Stadtgründer. Selbst -»n auf europäischem Boden entstanden neue Politien: sie kamen durch Synö- cismus zustande, d. h. die Bevölkerung der umliegenden Landschaften und Gemeinden wurde zu einer Stadtgemeinde mit zugehöriger Feldmark vereinigt. Auf diese Art wurden Thessalonike (h. Saloniki), Kassandreia, Demetrias, Lysimacheia gegründet. in Syrien. Am tiefsten hat griechisches Stadtwesen im Reiche der Seleneiden Wurzel gefasst. Insbesondere bedeckte sich der Boden Syriens — Neu- macedonien wurde es genannt — mit Städten, in denen die Namen der inacedonischen und griechischen Heimat, der Herrscher und ihrer Familien mitglieder oftmals wiederkehren: Selencia, Laodicea, Apamea, Antiochia. Unter den 10 Antiochien, die Seleucns Nicator nach seinem Vater benannte, war auch Antiochien am Orontcs, das in kurzer Zeit die erste Groß stadt Vorderasiens wurde. Helleno- Die hellenischen Einwanderer verschmolzen in Syrien mit der einheimischen Syrer. Bevölkerung zu einer Legierung, in der sich die technischen und kaufmännischen Anlagen beider Bestandtheile verstärkten. Gleichwie sich die Hellenen als Ansiedler, als Gcwerbs- nnd Kanfleute über den Osten zerstreuten, so packte auch die zu einer langen, unfrei- willigen Ruhe verurtheilt gewesenen Aramäer, diese Abkömmlinge semitischer Nomaden, da? Wanderfieber. Der hellenischen „Diaspora" folgte alsbald eine syrische Diaspora. Mit den übrigen Syrern wanderten auch viele Juden ans; wo sie sich ansiedelten, hellenisierten sie sich zwar, bildeten aber sofort eine abgeschlossene Gemeinschaft, die ihren eigenen Gesetzen und Obrigkeiten Folge leistete. In der Diaspora verwandelten sich die Inden in ein Handels voll. Die Intensität der Hellenisiernng Syriens zeigte sich namentlich bei den Phöniziern; in Tyrus, Sidon n. s. w. ward fast nur griechisch gesprochen. Griechisch wurde die Sprache des Weltverkehres, die Amts- und Gerichtssprache der hellenistischen Reiche. Hellenisiernng Gleichwie Syrien ist auch das Euphratland hellenisiert worden. ^Linker nt Die Gründung von Selencia am Tigris gab dem Handel einen neuen Mittelpunkt; zahlreiche Karawancnwege verbanden Syrien und Mesopotamien, Mesopotamien und Kleinasien. Jedoch jenseits des Doppelstromes, im Osten Reaction dcö des Weltreiches beginnt die nationale Reaction gegen den gewaltsam dcn°Occwcn? verbreiteten Hellenismus. Die Errichtung des Baktrerreiches, besonders aber die rasch um sich greifende Herrschaft der Part her unter dem Hause der Arsaciden (nach 250) macht nicht bloß dem siegreichen Vordringen des eroberungs-2. (fapitel. Die hellenisch-karthagische Periode. 29 lustigen Hellenismus ein Ende; die Scheidewand zwischen Orient und Oceident steigt wieder empor und schreitet gegen Westen zurück. Auch Mesopotamien wird den Parthern unterthan; die Griechenstädte daselbst existieren fort, aber verkümmern langsam. Als die Römer im 1. Jahrhundert v. Ehr. G. das ^stgren,- w westliche Asien erobern, bildet die syrische Wüste bereits die Grenzscheide = eUcmu " 1 zwischen dem Hellenismus und dem iranischen Orient. Eine eigenthümliche Stellilug nahm Ä g y p t e n, das Reich der Das ?agiden Ptolemäer oder Lagiden, ein. Hier gab es nur zwei Griechenstädte, wdi ' Alexandrien und Ptolemais, die überdies des wesentlichen Attributes griechischer Städte, der Verwaltung durch frei gewählte Obrigkeiten, ent behrten. Immerhin bildeten die Griechen eine bevorzugte Classe der Bewohner schaft, nächst ihnen die hellcnisierten Juden, die in Alexandrien ein eigenes Stadtviertel inne hatten. Das übrige Ägypten war eine musterhaft bewirt schaftete königliche Domäne mit 6—7 Will, größtentheils leibeigenen Ein wohnern und jährlichen Abgaben von 14.800 Talenten nebst '/ 2 Will. Hekto liter Getreide. Besondere Sorgfalt widmeten die Ptolemäer den materiellen Interessen. Ihre Eroberungspolitik hatte wesentlich commerzielle Ziele. Sie ^j cl b fl e * setzten die altpharaonische Rivalität mit Mesopotamien fort — den „Wett- <ptoicm»ct. streit zwischen Nil und Euphrat". Zuerst bemächtigten sie sich Cyperns, das diejenigen Rohstoffe zum Schiffsbau in Fülle besaß, deren Ägypten ent behrte. Im Westen dehnte sie ihre Herrschaft bis Cy r en e und Barca aus, wodurch sie Nachbarn der Karthager wurden. Wiederholt waren sie im Besitze des südlichen Syriens, wo die Knotenpunkte des arabischen und syrisch- mesopotamischen Handels lagen (Petra, Gaza). Die Ptolemäer stellten endlich die von Ramses und Necho begonnene Verbindung zwischen dem N i l MhMchen und dem Rothen Meere her. Schon Dariusl. hatte den Canal voll- endet, aber aus abergläubischen Gründen wieder theilweise verschütten lassen. Trotz dcS ptolemäischcn Canals blieb der uralte Weg vou Koptos (au der östlichsten Ausbiegung des Nils) zum Rothen Meere die Hauptstraße des erythräischen Handels; Koptos stand mit drei Häfen an der „Troglodyten- küste" (Myos Hormos, Leukos Limen, Berenice) in Verbindung. Dessenun geachtet gab es in der Ptolemäerzeit keinen regelmäßigen directen Verkehr mit Indien; noch immer behaupteten die Völker Südarabiens ihre Rolle als Zwischenhändler mit einheimischen, indischen und ostafrikanischen Erzeugnissen. Alexandrien, wo die Producte Ägyptens und Äthiopiens, Libyens Alexandrien, und der Cyrenaica, Mesopotamiens, Syriens und Arabiens auf den Markt kamen, war seit dein 3. Jahrhundert der wichtigste Stapelplatz des Orients und seit dem Niedergange Karthagos die erste Handelsstadt des Mittelmeer- gebietes. Mit Alexandrien rivalisierte lange Zeit Rhodus auf der gleich-30 I.Abschnitt. Das Mediterran-Zeitalter (Alterthum). Rhodus. DeloS. Korinth. Piraten. Erlöschen ehemaliger Gegensätze. namigen Insel. Wie der Pharus (Lenchtthurin) von Alexandrien, so zählte der eherne Koloss von RhoduS, unter dessen ausgespreiteten Beinen die Schisse durchfuhren, zu den sieben Wundern der Welt. Rhodus lag gerade an dein Durchschneidilngspunkte der nordstidlichen (Pontus—Alexandrien) und ostwest lichen (Spanien—Syrien und Jnnerasien) Achse des Welthandels. Als die Rhodier, gleich den Attaliden von Pergamon langjährige Verbündete der Römer, gegen ihre bisherigen Gönner plötzlich Front machten, eröffneten diese den Freihafen von Delos; alsogleich sank der Hafenzoll, mithin auch der Handel von Rhodus, auf den achten Theil seines bisherigen Ertrages. DeloS erlangte eine traurige Berühmtheit als der größte Menschenmarkt des AlteÄhums; an manchen Tagen sollen bis zu 10.000 Sclaven verkauft worden sein. Im eigentlichen Griechenland hatte ans dem Schiffbrnch des nationalen Lebens nur Korinth sich den Glanz früherer Tage gerettet. Wegen seines Reichthnms und seiner Verbindungen mit dem Westen war es den römischen Kaufleuten verhasst. Deren Einfluss ist cs wohl zuzuschreiben, dass es 146, in dem nämlichen Jahre als Karthago, zerstört wurde. Sikyon erhielt die Feldmark der dem Erdboden gleichgcmachten Stadt; nach Argos übersiedelken die früher in Korinth ansässigen römischen Kaufleute; im übrigen beerbte DeloS, wie früher Rhodos, so nun Korinth. Der erste Mithridatische Krieg richtete auch Delos zugrunde. Bei dein Mangel einer starken Seemacht im östlichen Mittelmeer wurden die Piraten dessen Herren; sie versorgten die Märkte des Morgen- und Abendlandes mit dem nachgerade wichtigsten Handelsartikel, mit Sclaven. Erträg liche Zustände traten in diesen Gebieten erst seit Cn. Pompejus ein, dem Besieger der Seeräuber und Organisator des hellenistischen Ostens (67—62). 3. Capitol. Pie römische Periode (146 v. öis 527 u. Khr. non der Zerstörung Karthagos und Korinths öis zum Wegiernngsantritte Äultinians I.). Was Großes auch die Welt gesehu. Für deinen Sechter ist'S gescheht,; Was Himmel zeugte, Hölle fand, Ergossen über Meer und Land, ES kouuut zuletzt in deine Hand. Goethe (Des EpimenideS Erwachen). 8 14. Charakteristik der dritten Periode. Der mediterrane Einheitsstaat. Durch die Römer wurde dem in der vorigen Periode obwaltenden Gegensätze zwischen der hellenischen und karthagischen Mittelmeerhälfte ein Ende gemacht. Auch der zwischen den Dindochenreichcn, insbesondere Syrien3. Kapitel. Die römische Periode. 31 und Ägypten, vorhandene Antagonismus wurde beseitigt. Ein Handelssperr- uud Monopolsystem, wie das puuische, existierte nicht mehr. Die Aiittelmcer- läuder wurden zu einem Ganzen znsanlinengefügt, in dein sich die ererbte Feindseligkeit der Theile von selbst aufhörte und die versteckteren Gegensätze der Abstammung, der Sprache, der Sitte langsam verwischten. Die Helle- nistische Cultur des Ostens drang unaufhaltsam nach dem Westen Nivellierung vor, römisch-italische Elemente verbreiteten sich iiber das ganze eultu Reich, provinzielle Einflüsse machten sich hinwiederum in Rom und Italien geltend. Die Aus- und Angleichung des ehedem Verschiedenen beförderte den Verkehr und den Handel zwischen Ländern, die früher wegen allzugroßer Culturdifferenzen einander nur wenig zu bieten hatten. Diesem ausgedehnten Bereiche des Innenhandels standen als Außen- a ^! l { “ , i |!^ ra handelsgebicte die erhthräischen Länder mit Eiitschluss Indiens,Außenhandel. Ceutralafrika, Iran und Ostasien gegenüber. Die Römer strebten darnach, in den möglichst unvermittelten oder directen Verkehr mit dem Auslande zu treten; sonst änderte sich nur wenig in den vorlängst angeknüpften Beziehungen. Neu hingegen waren die Verbindungen Roms mit den Völkern des europäischen Nordens. In die ihrem Reiche angegliederten Provinzen Europas. Nord- und Westeuropas hat die Siebenhügelstadt ihre eigene Cultur, die Cultur der M i t t e l m e e r st aalen, verpflanzt; sic wurde dort ebenso heimisch, wie in Italien. Für die außerhalb deS Reiches stehenden Barbaren waren der römische Kaufmann, seine Tauschartikel uiib sein Geld cbensoviele Versucher, die die Begierden stachelten, bis sie in der Völkerwanderung zu verderblichen: Ausbruch kamen. Seit der Vereinigung der Mittelmeerländer unter einem Scepter und w dcr Anbahnung directer Verbindungen mit dem Auslaitde kann die Allem- ^inctcs und ^ Herrschaft gewisser Handelsstraßen tücht mehr bestehen bleiben. Ein w * gterfe&ttä. von Verkehrswegen bedeckt die Länder des Weltreiches. Auch auf der See steht den Schiffern jeder Cnrs, jede Rhede offen. Selbstverständlich gibt es Orte und Landstriche, die an Producenten und Consumenten reicher sind, als andere; dorthin gravitiert naturgemäß der Verkehr, ohne Waffengewalt oder gesetzlichen Zwang. Die Römerzeit ist unter allen Perioden diejenige, in der die Idee des Freihandels für das relativ ausgedehnteste zusammen hängende Gebiet die ani weitesten gehende Verwirklichung gefunden hat. 8 15. Tic volkswirtschaftliche Entwicklung Noms bis zur Kaiscrzcit. Der gemeinsame Wortschatz des indogernranischeu Völkerkreises enthält Jndogcrma- dic Bürgschaft, dass schon in der Urzeit Viehzucht und Ackerbau, Zahl und Maß, Haus m,rf,e '• iior,eit - und Familie die socialökouonüscheu Grundlagen des Daseins der Arier bildeten.32 I. Abschnitt. Das Mediterran-Zeitalt-"' Mlterthum). Vervielfältigt und verstärkt zeigen sich die Culturelei. ce in dem Wortschätze der Gräcoitaliker, b. i. ber Griechen und Italiker, die ein Volk gebildet haben, bevor sie sich trennten, um zuletzt auf der Hämus- und Apenninenhalbinsel ihre endgiltigen Wohnsitze zu finden. Zn den Italikern gehören auch die Latiner, die südlich vom Tiber thcils die Ebene (Campagna), thcilS die Bergabhünge bewohnten. Schon in frühgeschichtlicher Zeit schwang sich die Siebenhügelstadt R o m zum Vororte Latiums empor. Volkswirt- Die Latiner waren ein echtes Bauernvolk, und Rom war eine echte stii'nd-^Roms'Bauernstadt trotz Burg und Steinmauern, Heiligthiimern und Marktplatz bis zur (Forum). Hier versammelten sich Bürger und Nichtbürger an den wöchentlichen maUeiw ' Akarkttagen (nnnäinas); die Stadt war zugleich das natürliche Bollwerk der in Einzelhöfen, in offenen und ummauerten Flecken hausenden Bürger und Bundesgenossen. Die. reicheren, erbansäßigen Großbauern hatten wohl auch ihr Absteigequartier in der Stadt, während sie den größeren Theil des Jahres, mit ländlichen Arbeiten beschäftigt, ans ihrem Bauernhöfe zubrachten. Das Leben des Campagnabewohners war ein beständiger Kampf mit der Malaria (aria cattiva, Fieberluft). Nur durch sorgfältige Instandhaltung der in vor geschichtlicher Leit angelegten Abzugscanäle (cuniculi) konnte das ent wässerte Land halbwegs bewohnbar erhalten werden. Wie bei den Griechen, H-ms- so ist auch bei den Italikern das Haus (domus) die Urzelle des wirt- nnuirfjait. Abens; nach Möglichkeit bringt das Hans hervor, >vas es zum Verbrauche bedarf. Das Familienoberhaupt herrscht unumschränkt über die Familie, zu der die Familie im engeren Sinne und das unfreie Gesinde gerechnet werden. Durch strenge Ausnützung der Arbeitskraft gelingt es der Landwirtschaft, zuweilen Überschüsse an Getreide (Dinkel, Gerste, Hirse), Gemüse und Vieh zu producieren, die zu Tauschgeschäften verwendet werden. Ältestes'Geld. Vieh bildete das älteste Zahlungsmittel, und zwar nach dem urarischen Wertverhältnisse 1 Rind — 10 Schafen (indogermanischeViehwährung). Schon in der Königszeit führten indessen die Römer die Kupferwährung ein. Das Kupfer wurde zuerst zugewogen, dann in Barrenform gebracht und gestempelt, bis man endlich durch Gießen die ältesten schwerfälligen Münzen (asses) herstellte. Erst im Jahre 268, nachdem Rom bereits Italien unterworfen hatte, gieng es zur Silber Prägung über — ein Beweis, wie lange die wirtschaftlichen Verhältnisse in den primitivsten Formen ver harrten. Seit der Zeit des zweiten pnnischen Krieges (218) wurden ab und zu Goldmünzen geschlagen. Von Anbeginn entlehnten die Römer, eingekeilt zwischen den Etruskern und Großgriechen, diesen höher entwickelten Nationen allerlei Culturmittel, ohne zunächst deren Luxus und Sittenverderbnis anznnehmen. Auf nationaler Gewerbe. Grundlage entwickelte sich ein städtisches Gewerbe in zünftigen Formen,3. Kapitel. Die römische Periode. 33 Lclavcn- wirlschast. darunter die neun uralten Genossenschaften der Handwerker un die Gilde der Ge' .dehändler, die den Transport der ei st wachs von Staatswv^en angekausten Brotfrüchte zu besorgen hatten. «rpe^We Wenn auch die Unterschiede des Vermögens im alten Rom germgsng g wüten, so trat bald nach Vertreibung der Könige (510) eine socra ( ein, die mit dem Kampf um politische Gleichberechtigung, den die p e nner g > 2(ftulMl , e(1)t : die Patrizier führten, vielfach verschlungen ist. Den einen Ansgangopun r . socialen Missvergnügens bildet, wie in Athen zur Zeit Evlonö, ca l ^ 9 Schuld recht, demzufolge der zahlungsunfähige Schuldner ein k mit seiner Habe und seiner Person anheimfällt — den am ereil ' ftW u nä b . der Patrizier (und reicheren Plebejer), Stücke des Oeiitctiu ««tifunwen. (ager publicus, Allmende) zur Bewirtschaftung als Acker- oder ^eidegrm gegen eine mäßige Abgabe zu occupiercn. Während das Eigengut rer 1"1l besteuerten Bürgerclasse in der Servianischen Centurienordnung »r )s )M i -nur 20 Jngcra (l ^ 0'255 ha) betrug, so galt ein Complex von 500 Äugera des occupierten Gemeindelandes noch als ein Maß, >nit dem die wsorim Partei sich zufrieden gebe.: wollte. So große Güter konnten nicht mehr au die alte Weise bewirtschaftet werden. Man gebrauchte Sclaven ^ Schuldknechte, theilö Kriegsgefangene und Kaufsclaven — schon ecowegen, weil sie wohlfeiler kamen, als freie Lohnarbeiter, der Grop e rie eigener Regie überdies mehr eintrug, als die daneben übliche Parze rerung und Verpachtung. Bei dem Mangel anderer nutzbringender und stchercr Capitalsanlageu verwendeten die Neichen ihre Ersparnisse zum Ankauf von Grundstücken und zrir Abrundung ihrer Güter. Der Stand der Kleinbauern schmolz zusammen und ebenso der der freien Pächter gegenüber dem neuen Systeme der Gutswirtschaft mit Sclavenbetrieb. Diese erste sociale Krise, die durch die Mittel der Gesetzgebung nicht ~ cintal m zum Stillstand gebracht werden konnte, hätte zu verderblichen Konsequenzen geführt, wenn nicht von anderer Seite her Abhilfe gekommen wäre. Anfolge der siegreichen Kriege, die Rom mit den Italikern führte, war co nämlich möglich, den armen und wirtschaftlich enteigneteu Bürgern daö wieder zu geben, was sie in der angestammten Heimat verloren oder nie gehabt hatten. Grund und Boden, also auch eine unabhängige, auskömmliche Existenz. Dies geschah auf dem Wege der Colouisation; eine Kette von Festungen, Coiomsano». die Italien und das cisalpinische Gallien im Zaume halten sollten, bekam eine Bewohnerschaft von römischen Bürgernz diesen musste die bisherige Bevölkerung einen Thcil ihrer Feldmark nbtreten. Im Jahre 312 legte ApPinS Claudius die erste der berühmten römischen Kunst st ratzen an, die nach Campanicn führende „Via Appia". Jünger sind die nordwärts gerichtete Mayr, Lehrbuch der Handelsgeschichte. 334 l Abschnitt. Das Mediterran-Zeitalter (Alterthum). Via Flaminia mit ihrer Fortsetzung, der Via Aemilia, die Via Aurelia rc. Selbstverständlich kamen diese Militärstraßen jeder anderen Art von Verkehr gleichfalls zugute; namentlich erleichterten sie den Gebrauch von Wagen, deren mannigfaltige, verschieden benannte Spielarten den verschiedensten Völkern entlehnt wurden; die Gallier scheinen im Wagenbau eine besondere Erfind samkeit besessen zu haben. Mit dem zweiten panischen Krieg beginnt die unaufhaltsame Zersetzung sctzungs- der socialen und wirtschaftlichen Verhältnisse Roms und ^JtaUen"' ^ Mt die Schicksale der Hauptstadt geketteten Italiens. Nicht bloß einzelne Städte, sondern gaitje Landschaften, wie Apulien, Lucanien, Brnttinm, haben sich von den Leiden dieses Krieges nie wieder erholt. Was in dein alten Italien sonst noch bestehen blieb, ist während der Bürgerkriege des ersten Jahr hunderts in Trümmer gegangen. Auch Sici lien, übrigens ein schon vor der römischen Besihnahme halb ruiniertes Land, hat sich seit den Verwüstungen der pnnischen Kriege Vergrößerung nie Ivieder aufraffen können. Gleichzeitig mit den punischen Kriegen und der Überwindung des Reiches UI, ^ Westens giengen die macedonischen und asiatischen Kriege einher; Rom besiegte ' auch den hellenischen Orient. Der Staat konnte seinen Bürgern das Tri bu tum (Acrmögensstener) erlassen und seine Ausgaben mittelst der Provinzialerträg- Gcid. nisse bestreiten. In das Schahhans (Ärar) am Fuße des Capitols flössen die Gold- nnd Silbermünzen der Mittelmeerländer. Rom selbst hielt an der Silberprägung fest, verschaffte seinen Silberdenarcn auch in den Ländern, wo die Drachme herrschte, Eingang und nahm Gold nur nach dem Gewichte; trohdcnr war Gold daS Zahlungs- Gvebit. mittel des Großverkehres. Längst hatte sich auch das griechische Bankwesen mit seinen typischen Geschäften (Geldwechsel, Lombard, Hypothek, Giro, Contocorrent) und seiner dem römischen Ordnungssinne zusagenden Buchführung in Rom und Italien eingebürgert. Die Trapeziten erschienen hier unter dem Namen Argentarii oder Mensarii; ihre Buden hatten sic auf dem Forum. Seit dem 3. Jahrhundert v. Ehr. G. wurden die älteren natnralwirt- schaftlichen Zustände zu einer historischen Reminiscenz; mit reißender Schnellig keit griff das hellenistische Geld- und Creditwesen in allen Zweigen der Nationalwirtschaft um sich. Absorption des Nachdem aus den alten Großbauern Latifundienbesitzer geworden waren, ^d!uch'di^^die ihre Güter von Sclaven bestellen ließen, gicng cs mit den kleinen und Gutswirt- mittleren Grnndbesitzeril abwärts. Gegen die iliedrigen, übrigens von der Regierung absichtlich niedrig gehaltenen Preise des „Sclavenkorns" konnte der kleine Producent tiicht anskommen. Noch blieb ihm der Ausweg, Übergang vom zu einträglicheren Productionszweigen, beispielsweise zur Wein-, Öl-, Garten- (Getreide- rum ' , Plantagen- cultnr, überzugehen; indessen hatte er nur selten die Mittel, den Jahre bcan- b>"b spruchenden Übergang nuszuhalten. Zudem warf sich nothgedrungen die italische Großwirtschaft auf die nämlichen Cultnren oder auf die Viehzucht, als das überseeische (sicilianische, afrikanische, ägyptische) Getreide vermöge seiner Qualität und seiner Wohlfeilheit das inländische vom Markte verdrängte.3. Gapitel Die römische Periode. 35 Der kleine Bauer musste den wirtschaftlichen Kampf gegen die Gutsherren aufgeben; die Bauernhöfe wurden veräußert und in der Regel von dein nächsten Großgrundbesitzer zur Arrondierung seines Gutes angekauft. Nun suchten bie. Deklassierten eine Zuflucht in den Städten: doch waren hier die Ber- Gewerbe ««» hältnisse um nichts günstiger. Fabrikation und Handel befanden stchder Herrschaft ebenfalls schon unter der Botmäßigkeit des Großkapitals. Mit dem Betrieb d-s «rotz- dcr städtischen Gewerbe durch Handwerks- lind Fabrikssclavcn konnte der seit Generationen ansäßige freie Gewerbsinann ohnedies kaum mehr konkurrieren. Wie sollten die Zugewanderten noch Nahrung und Verdienst finden? Übrigens war Rom niemals eine I n d u st r i e st a d t, wenngleich das Handwerk zahlreiche Zweige und eine enorme Specialisierung aufweist. Gleich dem Handwerke wurde auch der Kleinhandel von unfreien Leuten — Sklaven oder Freigelassenen — int Aufträge ihrer Herren betrieben, Großkapitalisten, die von ihren Untergebenen entweder eine fixe Summe oder den ganzen Geschäftsertrag einhoben mit Ausnahme dessen, was sie ihnen zur Fristung des Lebens anwiesen. Großhandel und Creditgeschäft bildeten selbstverständlich ein (häufig durch Mittelsmänner betriebenes) Monopol der Reichen. Während der ruinierte Kleinbürgerstand mit dem einheimischen und Der römisch- fremden S t a d t p ö b e l durch Hunger und Elend zu einer homogenen Masse 5lbet ' verschmolz, mehrten sich die Reichthümer der römischen Aristokratie in demselben Grade, als sich die Herrschaft Roms über die Mittelmeerländer ausbreitete. Die Aristokratie selbst hatte sich in zwei Kategorien gespalten: in den Amtsadel (Nobilität, Optimalen) und den Geldadel (Finanz-, Geschäftsaristokratie, Ritterstand). Obwohl dem Nobilis durch Sitte und Amtsad-l. Gesetz die unmittelbare Theilnahme an industriellen und kommerziellen Geschäften verwehrt war, so gab es doch für ihn eine dreifache Quelle der Bereicherung: die Exploitation der ihm vorbehaltenen Ämter (besonders der Provinzstatthalterschaften), die Plantagenwirtschaft und die indirekte Betheili gung an den Geschäften, sei eS durch Gesellschaftsvertrag, sei eS durch ver antwortliche Mittelsmänner, meistentheils Libertinen (Freigelassene). Der Ritterstand oder die Finanzaristokratie im engeren Sinne hatte keine G-ldad-l. geschäftliche Schranke zu respektieren. Ein Hauptmittel zu maßloser Bcreichc- rungstiot'ihnen der Staat selbst: die Ritter übernahmen, meistens zu G c s c l l- schäften vereinigt, die vom Staate ausgeschriebenen, dem Mindest- oder je nachdem auch Meistbietenden überlassenen Lieferungen, Bäuunternehmungen, Steuereinhebnngcn rc. Schwarmartig fielen nun diese Pnblicanen über die römischen Unterthanen- und Schntzländer her, wo sie sich alsbald das ganze wirtschaftliche Leben unterthänig machten. Niemals ist wohl das Wucher gewerbe schamloser und verderblicher ansgeübt worden, als in den zwei 3 »36 I. Abschnitt. DaS Meditenan-Zeitalter (Alterthum). letzten Jahrhunderten v. Chr. G. unter der Herrschaft des republikanischen Adels. Wie zahlreich und wie verhasst diese italische Diaspora gewesen sein muss, geht daraus hervor, dass infolge des Blntbefehls von Ephesus in Kleinasien 80.000, auf Delos an 20.000 Römer und Italiker erschlagen worden sind (88 v. Chr.). Tie sociale Gegen die Misswirtschaft der Oligarchen erhob sich bald nach der Revollitio». cy<n . o > , ' , ' , _ ' . ... Mitte des 2. Jahrhunderts eine demorratis che Oppositton (Popular- oder Volkspartei), die sich die Aufgabe stellte, der elenden Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten ein Ende zu machen und in erster Linie den verarmten Bürgern wieder ;u einem ökonomisch gesicherten Dasein zu ver helfen. Da auf gesetzlichem Wege, bei dein böswilligen Widerstand der herr schenden Coterien, das Ziel nicht erreicht werden konnte, so führte der Lauf der Dinge zur Revolution, zum Bürgerkrieg und zum Umsturz der republikanischen Staatsordnung. Diese Epoche der social- politischen Kämpfe erstreckt sich vom Tribnnate des Tiberins Seinpronius Gracchus (133) bis zum Siege des C. Julius Cäsar Octavianus bei Actium Keine Hilfe (31), dem Beginne der Kaiserzeit. Was in diesen hllndert Jahren an realisierbaren Gedanken und an heilsamen Reformen zu Tage gekoninien ist, entstammte bcnt Genie des Casus Gracchus und des größten Staatsmannes der Antike, weder fiirdicff, Julius Cäsar. To erleuchtet sie auch waren, gerade der unterdrücktesten " c " c "’ Menschenclasse, nämlich der Sclavcn, nahm sich keiner an. Vielmehr hatten deren bewaffnete Ansstände, die einigemale z. B. unter Spartacus, zu förmlichen Kriegen anschwollen, keinen Erfolg; im Gegentheil, die Sclaven noch für die wurden seitdem nur NM so härter behandelt. Jedoch auch den verarmten auimntcn. sgjj V g eru {, rac (j( en f,j e agrarischen Reformen des Casus Gracchus und derer, die ihm folgten, keine dauernde Hilfe. Wohl wurden ihnen Domänen und confiscierte Ländereien zugewiesen; aber bei dem Fortbestand der Guts- und Plantagen wirtschaft giengen auch die neuen Bauernstellen ein, wie es den alten wider- Niedergong fahren war. Italien entvölkerte sich immer mehr, der hauptstädtische ' llic "" Pöbel nahm zu, und ein großer Theil der Staatseinnahmen musste ver wendet werden, das Proletariat zu ernähren und zu belustigen; denn die politischen Parteiführer wetteiferten, sich ans diese Weise der Willfährigkeit des souveränen Bettclvolkes bei den Abstimmungen zu versichern. Rur der «»ich mit d. Bruch mit dem bisherigen System, demzufolge die Größe Roms und die Wohl fahrt der römischen Stadtbiirger als die alleinigen Zwecke des Staates be trachtet, die Provinzen aber als „die Landgüter des Volkes" behandelt und der Ausbeutung durch die Beamten und Großcapitalisten der herrschenden Commune preisgegeben wurden, führte zur Erneuerung des Gemeinwesens und zu der Nachblüte des antiken Lebens, die sich in den ersten Jahr hunderten der Kaiserzeit entfaltete.3. Kapitel. Die römische Periode. 37 8 16. Im Fritdcnsrcichc ber Cäsaren. Seit Augustus die Garnisonen an die Reichsgrenzen verlegt hatte, seit befestigte Flnssgrenzen, Grenzwälle, ja Militärgrenzländer geschaffen" worden waren, herrschte im Inneren des Kaiserstaates eine mchrhnndert- jährige Ruhezeit, die dem aus kranken Theilen zusammengesiigten Ganzen denn doch die Fortdauer ermöglichte. Für manches Land war diese Friedensära die glücklichste Epoche, die es je durchlebt hat. Der innere Friede war in erster Linie garantiert durch gute Gesetze und eine weise Verwaltung, die das allgemeine Reichsinteressc im Auge behielt und schon dadurch principiell der republikanischen Regiernngsmethode überlegen war. Ein Gesetzbuch für den Gesammtstaat hat es in der römischen Kaiserzeit nicht gegeben. Wohl aber gab es ein in der Praxis und Wissenschaft anerkanntes internationale s Recht (jus gentium), das aus dem Rechts verkehr der Römer mit den Nichtrömern (Peregrinen) hervorgegangen war. Der Verkehrssitte (den Usancen' und deren Wandlungen gewährte das römische Recht den freiesten Spielraum. Es musste die erste Sorge der kaiserlichen Regierung sein, über die Census. Machtmittel des ungeheueren Reiches ans dein Laufenden zu bleiben. Diesem Zwecke diente der althergebrachte Census, die Reichsschatzung. Vor allem wurde die Zählung und VermögenScinschätzung der römischen Vollbürger vor genommen; von diesem B ürgercensns ist der Provinzial census zu unterscheiden, der in jeder Provinz für sich stattfand und die Zählung der freien Bevölkerung nebst Schätzung ihres Vermögens zum Zwecke hatte. Eine Zählung der gesammten Bevölkerung, der freien und unfreien, hat niemals stattgefunden. Annäherungsweise mag das Reich des AugustuS eine Gesa mint- Bevölkerung, bewohnerschaft von 55 Mill. Seelen gehabt haben. Bis zur Zeit der Antonine (150—180 n. Ehr.) dürfte die Bevölkerung noch zugenommen haben, vom 3. Jahrhundert ab befand sie sich in stetigem Rückgang. Auch die Gesellschaft der römischen Kaiserzeit ist auf dem Grundunter- Bm»mg eines Ichwde von ^reihert und Unsretheit errichtet. Zwilchen die Lclaven s^nves. und Großcapitalistcn schob sich eine verschieden abgcstnfte Mittelclasse ein, der vorzugsweise das dritthalbhundertjährige Gedeihen des Kaiserreiches zu verdanken war. Dem unheimlich raschen Dahinschwinden der freien Bevölke rung, wie es für die spät-republikanische Zeit charakteristisch ist, wurde denn doch Einhalt gethan. Seit der Mitte des 3. Jahrhunderts v. Ehr. vollzog sich dann, wie int Regierungssysteme, so auch in den socialen Zuständen eine Verschlimmerung, die das herannahende Ende verkündigte. Freilich die Sclaverei war noch immer das unentbehrliche Substrat des Benin,iderung landwirtschaftlichen, gewerblichen und commerziellen Großbetriebes der Einzelbesitzer - cta ' ,etl ->8 I. Abschnitt. Das Mediterran-Zeitalter (Alterthum). und der Gemeinden. Es zeigte sich jedoch, dass der allgemeine Friedenszustand der Sclaverei nicht günstig fei; die Menschenware erschien seltener ans den Märkten und Rückwirkung vertheuerte sich. Dieser Mangel an wohlfeilen Arbeitskräften, die ehedem aus denSiand ^ g oncurrc m aus dem Felde geschlagen hatten, gab nun der freien und freigelassenen dev freien Arbkiier. Population die Möglichkeit, sich wieder ländliche» und städtischen Erwerbszweigen zuzn- menden, ja unter günstigen Umständen in die bevorzugte Elaste der Besitzenden nuf- zusteigen. Agricole Be- Auf dem Lande existierte, namentlich in den Provinzen, noch immer ein Rest »oiicn,Hfl. frE Bauern neben den Großgrundbesitzern. Letztere waren nicht immer in der Pachtwesen. Lage, ihre Latifundien in eigener Regie zu bewirtschaften. Sie verpachteten sie also an einen Grostpüchter (conckuetor), der wieder Unterpächter heranzog, oder unmittel bar an Kleinpächter. Dieser Stand von Kleinpächtern (Colonen) ist es, der zuerst als Colonat bezeichnet wird. Weil man mit der Zeitpacht keine guten Erfahrungen Erbpacht, machte, so suchte man sie in die Form der Erbpacht zu verwandeln, überhaupt schien es am vortheilhaftesten, den Colonen so unlösbar als möglich an das Göund- Colonat seit stück und an die damit verbundenen wirtschaftlichen Bedingungen zu fesseln. Als Marc M. Aurelms. 2 ( llrc ( imch Beendigung des Marcomannenkrieges germanische Barbaren als an die Scholle gebundene Zinsbanern auf Reichsboden ansiedelte, wurde das Verhältnis dieser sogenannten Tributarier vorbildlich für das bereits vorhandene Colonat. Jene Colonen, die ein ähnliches Rechtsverhältnis, wie die barbarischen Tribntnrier, vertragsmäßig eingiengen, bezeichnete man als Inquilinen. Späterhin verschmolzen beide Arten zu der einen Elaste der Adscripticier oder Colonen schlechthin. Städtische Be- Unter den specifischen Stadtbewohnern des Kaiserreiches bildeten sich zahlreichere vollen...,,, js^rgaugsformen, als bei der ackerbauenden Elaste. Erst in der Kaiserzeit, kann man Fortdauer von sagen, hat im griechischen Osten wie im lateinischen Westen das Städtewesen Ltadle- seinen Höhepunkt erreicht. Selbst im städtereichen Osten wurden die Kaiser nicht grundmigeu. m .ß e , neue Communen nach griechischer Art einzurichten. Im Westen musste vielfach das Städtewesen erst vom Fundament ans aufgebant werden; es geschah theils durch die Gründung von Mnnicipien und Colonien mit römischem, italischem und latinischem Rechte, theils durch Umbildung der Gaue und Stamme in städtische Verbände. Tie Bevorzugte wichtigste Differenz unter den Städten bestand darin, ob sie steuerpflichtig waren oder Städte, bevorrechtet, wie alle Mnnicipien und Colonien römischer Gründung und die vertrags mäßig freien Reichsstädte. In den bevorzugten Städten kannte man nur die Vortheile der Reichszugehörigkeit. In allen Städten, den mehr und den minder berechtigten, ruhte limoiratischer die sociale Gliederung der Bewohnerschaft aus tim akratischer Grundlage, ans Charakter. fc em Vermögen. Niemand konnte jit städtischen Ämtern und Ehren gelangen, der nicht zu den „anständigen Leuten" (H o n e st i o r e s) gehörte. Die niedrigere, auch rechtlich nicht gleichstehende Classc der Humiliores setzte sich aus den Gewerbetreibenden, Klein- kauflenten, Kleingrundbesitzern und den Besitzlosen des Stadtbezirkes zusammen. Als ÜbergaugSform zu den höheren Elasten figurierten die reichen Freigelassenen, die der Genossenschaft der Augustales angehörteu und in den Ausschuss derselben (znm Bevorzugte Sevirat) gewählt Ivorden waren. Wer ein Vermögen von 100.000 Sesterzen Nachweisen siafTen der konnte, zählte zu den Curia len, der Schichte, aus der die Decurionen, die Mit bewohner gffeder der städtischen Senate, Hervorgiengen. Männer mit einem Vermögen voir ' ' 400.000 Sesterzen gehörten zum Stande der Reichsritter, solche mit 1,200.000 Se- sterzeu zu dem der Reichssenatoren.3. Capitel. Tie römische Periode. 39 Die Unterschiede desVermögens und des socialen Ranges wurden dadurch wesentlich gemildert, dass der Reichthum, namentlich in Verbindung mit adeliger Abkunft, V er- pflichtungen auferlegte. Tic städtischen Ämter trugen nichts, sondern kosteten dem Inhaber immer Geld, bisweilen sein Vermögen. Um die Reichen gruppierten sich die Armen als Clienten, denen ihr Patron ost fixe Bezüge, Naturalquartier u. s. w. anwics. Die Besitzenden ließen nicht selten ans ihre Kosten öffentliche Bauten errichten (Theater, Wasserleitungen, Brücken, Säulenhallen, Bäder u. s. tu.), veranstalteten Feste, Gastmühler oder gründeten Stiftungen, namentlich Alimentarstiftnngen für arme Kinder und Waisen. In ähnlich freigebiger Weise schalteten die freigewählten, städtischen Behörden (Tecemviren, Ädilcn, Quästoren) mit dem communalen Vermögen. Dies bewirkte jedoch, 'g täWe . dass die Reichsregierung sich in die Finanz Wirtschaft der Städte einmischte und ihnen Curatoren oder Correctoren bestellte. Überhaupt nahm von Generation zu Generation die Nlacht und die Vielregiererei der Reichsbehörden zu. Im 3. und 4. Jahr hundert vernichtete dann der despotische Centralismus die Fülle und Mannigfaltigkeit, leider auch den Wohlstand und die ökonomische Thätigkeit der Stadtgemeinden. In der früheren Kaiserzeit hat die Regierung Einrichtungen für das Gesannntreich getroffen, die demselben znin Segen gereichten. Hierher zählt in erster Linie das ReichSmttnzwesen. Angustns behielt dem Monarchen das Recht vor, Gold- und Silbermünzen für das Gesannntreich zu schlagen, das heißt durch Mitglieder seines Hausstandes, Freigelassene und Sclaven, schlagen zu lassen; die Kupferprägnng überließ er dem Senate. Daneben hatten viele Commune» und die Schutzstaaten das Recht, für den localen Bedarf Silber- tind Kupfermünzen anszuprägen. Als im 3. Jahr hundert n. Chr. das Münzwesen in die ärgste Verwirrung gerieth, entzog Kaiser Aurelian sowohl den communalen Prägestätten, alö auch dem^"^^ Senat ihr Münzrecht. Erst Diocletian und Constantin der Große brachten,»«>,» in der bnö Münzwesen — die Münzhoheit stand fortan den Kaisern alleiir zu — wieder in Ordnung. DaS Ganzstück in Gold, der Aureus, hatte einen Wert von 25 Silberdenaren Bold-, (— circa 22 Mark oder 11 Gulden Gold). Unter den Silbermünzen waren Denare Silber-, (—87 Pfennige) und Quinäre die häufigsten. Schon unter Nero begann die Ver schlechterung der Silbermünzen durch übermäßige Legierung. Außerdem circu- lierten plattierte oder „gefütterte" Denare schon seit der Republik. Im dritten Jahrhundert gab man Kupfermünzen, die mit den Steinpeln der Silberstücke versehen wurden, dllrch Weißsieden einen flüchtigen Silberglanz. Infolge dessen war das Silbergeld ein Credit- oder Scheingeld mit Zwangscours geworden. Unter den scnatorischen Kupfermünzen unterscheidet man rein kupferne (rothe) und bronzene (gelbe), nuvscr- Tie größeren Stücke, Scstcrz und DupoudiuS, wurden aus Bronze (Messing), die kleineren (As, Semis, Quadrans) aus Kupfer hergestellt. Noch immer blieb es Sitte, Geldsummen in Sesterzien auszudrücken und nach demselben Nominale zu rechnen. Der Wert des Sesterzes belief sich auf 1 / i Denar (— 22 Pf. oder 11 kr.). Circulatwn - Münzfunde erweisen, dass das römische Courantgeld auch außerhalb der Reichsgrenze gerne genommen wurde. An den Gestaden der Ostsee haben sich ebenso römische Münzen40 I. Abschnitt. Das Mediterran-Zeitalter (Alterthum). gefunden, wie am Bengalischen Golf und am Gelben Meer. Doch wussten z. B. die germanischen Barbaren recht wohl die vollwichtigen Münzen der älteren Zeit von den verschlechterten der späteren Kaiser zu unterscheiden. Finanzwesen. Auf die vorherrschende Geldwirtschaft ist auch das Finanzwesen des Cäsarenreiches gegründet. Es zeigte sich jedoch, dass die vorhandenen ^uilaufsinittel für den gleichzeitigen Bedarf der Privat- und StaatSwirt- laussmittel. schaft nicht ausreichten; Naturalleistungen traten, wie einst im Perser reiche der Achämeniden, ergänzend zu den Geldeinnahmen und Ausgaben. Zollwese,I. Unter den indirecten Abgaben waren die volkswirtschaftlich bedclltendsten die Zölle. Das ganze Reich bildete ein gegen das Ausland abgeschlossenes Zollgebiet. Wo keine natürliche, leicht zu bewachende Grenzlinie vorhanden war, wurde eine solche theilS zu Vertheidigungs-, theils zu Zollzwecken (limes) geschaffen. Es existierten Zolltarife für die Einfuhr und Aus fuhrverbote (für Gold, Eisen nebst Waffen, Getreide, Öl, Salz). Außer den Reichs; öl len gab es auch Provinzialzölle oder innere Zoll linien; so bildeten die drei Gallien ein Zollgebiet, an dessen Grenze eine Abgabe (2'/g Percent vom Werte der Einfuhren) entrichtet werden musste. Aus früheren Zeiten bestanden auch noch communale Zölle, zumal Hafenzölle, die in der Kaiserzeit durchaus nicht überall verschwanden. Ex ponierte Punkte, wie Palmyra in der syrischen Wüste, hatten ihre eigenen Zolltarife. Bauwesen. Den nützlichsten und kostspieligsten Zweig der öffentlichen Berwaltung bildete das Bauwesen. Wenn auch die Kaiser ihre diesbezügliche Sorgfalt auf die Hauptstadt und Italien concentrierten, so fehlt es doch in den Pro- Reichöstraßen. vinzen nicht an Beweisen kaiserlicher Munificenz. Insbesondere haben die Kaiser das Straßennetz über die Grenzen Italiens hinaus verlängert und allenthalben verdichtet. Nur die großen Heerstraßen wurden aus Staats mitteln gebaut, die Anlage und Erhaltung der Vicinalwege war Sache der Gemeinden. Bis auf das k 9. Jahrhundert hat es in der Welt keine so vor züglichen Chausseen gegeben, als im Römerreiche; ja die östlichen Länder, die einst diesem riesenhaften Staatsverband angehört haben, entbehren noch heute solcher Verkehrswege, wie sie ihnen schon vor mehr als anderthalb Jahr tausenden zu Gebote standen. Fünf große Straßenzüge verbanden das Stammland Italien und den Reichsmittelpnnkt Rom mit der Peripherie. Lmatspoft. Wie im Reiche des Darms, so war auch in dem der Cäsaren eine Staatspost (ciirsus publicus) vorhanden mit Stationen zum Pferdewechsel und anderen zum Übernachten. Couriere beförderten die Depeschen; der Kaiser, seine Beamten und besondere, mit einem Certificat (diploma) versehene Personen bedienten sich der vorhandenen Einrichtungen zu Reisezwecken. Privat-41 3. Kapitel. Tie römische Periode. lcute durften diese Staatspost nicht benützen. Dessenungeachtet herrschte auf deu Reichsstraßen ein lebhafter Verkehr; auch gab es Genossenschaften von Pferde-, Lastthier- und Wagenvermietern, die dem Reisenden ihre Dienste zur Verfügung stellten. Die große Reiselust der damaligen Zeit rief eine förmliche Fremdenindustrie an deu Straßen und in deu besuchteren Orten hervor; doch erfreuten sich die Gastwirtschaften keines besonderen Rufes. Auf das nachdrücklichste wurde der Geschäfts^ und Reiseverkehr durch die strenge Handhabung des Sicherheitsdienstes zu Wasser und zu Lande gefördert. Nur im östlichen Poutus machten sich Seeräuber ab und zu bemerkbar; ans dem übrigen, einst so verrufenen Mittelmeer war die Piraterie Privatreisen. Sicherheit. verschwunden. Auf dem Forum Romanum stand der goldene Merlenzerger, von eem aus die Entfernungen ans den Heerstraßen gemessen wurden (1 rönnsche Meile — 1480»») — das Wahrzeichen, dass die ewige Stadt trotz der kaiserlichen Decentralisationspolitk noch nicht ausgehört hatte, der Mittelpunkt des gleiches zu sein. Hier concentrierte sich noch immer die ans das Wohl ergehen des Ganzen gerichtete Regententhätigkeit. Ihre Pracht- und Nutz bauten verdankte die Stadt vor allein der Freigebigkeit ihrer Kaiser. Die Kaiser holen nach, was in der republikanischen Zeit versäumt worden ist; sie bauen und regulieren, übernehmen die Polizei und begründen Hauptstadt, die Feuerwehr, vor allem tragen sic Sorge, dass die Stadt immer zu essen hat. Aus allen Provinzen wird Getreide, Wein, Öl, Fleisch zusammengebracht; die Regierung sorgt, dass die Preise nicht zu hoch steigen. Ägypten und Afrika haben an der Approvisionierung der Hauptstadt den größten Antheil. Das Eintreffen der Getreideslotten wird als eine Staatsangelegenheit ersten Ranges betrachtet. Am Tiber wächst ein mächtiges Emp orium heran, Stufen Das führen zum Flusse hinab; ein ganzer Stadttheil südlich vom Aventin wird em|) ' nwm ’ mit Speichern (horrea) bedeckt; die Thongefäße, in denen die über seeischen Products herbeigeschafst worden sind, werden zu einem Scherbenberge angehänft, der heute noch existiert (Monte Testaccio). In den benachbarten Di- Fora. Stadtvierteln (auf dem Forum boarium, Forum olitorium, in der Tusker- straße) vollzieht sich der Kleinhandel. Auf dem Forum Romauum und den Foren der Kaiser (Cäsar, Angnstns, Nerva, Trajan) stehen die säulengetragenen Basiliken, in denen die Großhändler ihre Geschäfte abwickeln. Die Buden der Wechsler (argentarii) haben sich vor ihnen in die Nebengassen zurück ziehen müssen. Das Proletariat verminderte sich nicht. Cäsar fand 300.000 erwachsene männliche Bewohner vor, die Anspruch ans Getreidespenden machten, Proletariats also erwerbslos waren. Er revidierte nun allerdings die Listen der zu “"’.lf““ 18 '42 I. Abschnitt. Das Mediterran-Zeitalter (Alterthum). in der späteren Kaiserzeil. Industrie Roms. Gcnosieu- schastswesen. Handel Roms. Gcidhandcl. Sinke» des Zinsfußes. Ware» Handel. Betheiligenden nub reducierte bereit Anzahl auf die Hälfte; allein schon unter Augustus gab es wieder' 200.000 Individuen, die auf Staatskosten ernährt werden wollten. Zahl und Ansprüche dieser Gattung von Bettel- bürgern vermehrten sich in der Kaiserzeit. Seit Aurelian wurden die Betreffenden regelmäßig nicht mehr mit Getreide, sondern mit Brot, Öl, Wein, Salz und Schweinefleisch betheilt. Dasselbe Privilegium der Ernährung auf Staatskosten genoss das Proletariat des seiner Erinnerungen wegen ver hätschelten^ Athen und das der zweiten Reichshauptstadt, Constantinopels. Die übrigen Städte des Reiches mussten sich mit ihrer declassierten Bürger bevölkerung absinden, wie sie konnten; der.Staat kam ihnen nicht zuhilfe, von einzelnen Beistandsleistungen abgesehen. Auch in der Kaiserzeit ist Rom keine Industriestadt gewesen. Zwar gab es zahlreiche Gewerbe und geschickte Handwerker; die Arbeits- theilung und Speeialisierung der Gewerbszweige nahm noch immer zu; bis ins 3. Jahrhundert erhielt sich namentlich die Kunstindustrie auf nennens werter Höhe. Trotzdem bezahlte Rom seine Importe gewerblicher Artikel nicht mit eigenen Produeten, sondern mit dem Gelde, daö ans den Provinzen nach dem Reichsmittelpunkte hinströmte. Ohne die Kaiser und ans sich selbst angewiesen, wäre Rom hinter mancher Provinzstadt zurückgeblieben. Genossen schaften von Gewerbetreibenden desselben Faches waren in allen Städten des Reiches vorhanden. Sie ließen sich die materielle Wohlfahrt ihrer Mitglieder angelegen sein und snnctionierten zugleich als Kranken- nnd Begräbnisvereine. Eine Besonderheit der späteren Kaiserzeit bildete die zünftige Gestaltung mehrerer Gewerbszweige. Die Regierung vereinigte z. B. die Fleischer, mit denen sie die Aefernngsvertrüge behufs Versorgung der Hauptstadt abschloss, in einer an strenge Satzungen gebundenen, erb lichen Corporation. Mehr Personen und größere Capitalien, als von der römischen Industrie, waren vom Handel Roms in Anspruch genommen. Noch immer bildete der Geld Handel und das Cr editgeschäft eine Prärogative der Römer und Italiker, obgleich ihnen die Orientalen auch im romanischen Westen er hebliche Concnrrenz machten. Dem Wucher waren seit Augustus nicht allein durch die Gesetze, sondern auch durch daö Angebot von Capital Schranken gezogen. Der spätrepublikanische Zinsfuß von 12 Procent wich unter Augustus einem vierprocentigen; durchschnittlich stand derselbe in der besseren Kaiserzeit auf sechs vom Hundert. Neben dem Geldhandel existierte ein bedeutender Waren Handel. Der wichtigste Hafen > über den Rom außer italische und namentlich orientalische Producte bezog, war bis auf Kaiser Claudius das campanische Putevli. Claudius ließ es sich angelegen sein/43 3. Capitel. Die römische Periode. liefen Handel an die TiberMündung (nach Ostia) hinzuleiten. Der neu an xiber- Qelegte, von Trajan vergrößerte Portus Romanus stand durch einen Mündung. Canal mit dem Tiber in Verbindung; auf Lichterschiffen wurden die Waren nach dem Emporium der Hauptstadt geschafft. ' selbständig- Rom beherrschte weder in gewerblicher, iioch in commerzreller oezie )uug ^ des pr°- das übrige Reich; vielmehr zeigte das wirtschaftliche Leben eine große pro- ^ vinzielle und municipale Selbständigkeit. ,/ lebend. Unter den Ländern deS lateinischen Westens konnte Italien stin alten Sinne des Wortes) sich von den socialen Krisen und den Schicksals- ataac». schlügen der vorkaiserlichen Zeit nicht wieder erholen. Die südlichen Land schaften waren der Weidewirtschaft anheimgefallen, in den mittelitalischen .gab es völlige Einöden; in den bestangebanten Theilen bestanden Ol- und Weinbau fort, mit deren Erträgnissen Italien nach wie vor seine Einfuhren bezahlte. Puteoli, der einzige Ort mit namhafter Industrie, besonders Metallwarenfabrication, war auch die größte Handelsstadt und blieb es, trotz ber neuen Häfen bei Ostia, wegen der dichten Bevölkerung seines nächsten Absatzgebietes, Companien. Während das alte Italien der Erschöpfung ent- gegengieng, blühten die von Cäsar mit Italien vereinigten Poländer empor. Hier war das Städteleben noch neu; hier hatte der Sclavenbetrieb noch nicht den freien Mittel- und Arbeiterstand zugrunde gerichtet. Als die reichste Stadt Oberitaliens galt Patav ium (Padua) mit seiner Wollwaren-Handelsstädte, fabrication; daneben florierten Mediolannm (Mailand), Papia (Pavia), Verona, Augusta Taurinorum (Turin). Am ligurischen Meere concentrierte sich der Verkehr in Genna, ain adriatischen in Agnilesa, dem Stapel platz des norditalisch-illhrischen Handels und dein Ausgangspunkte flir den » Verkehr mit den Donauländern. Reben Aqnileja führten Tergeste, Pietas Julia (Pola) und Altinum in den Lagunen eine bescheidene Existenz. Fast über alle aivenMm. bedeutenden Alpenpässe waren seit dem Augusteischen Zeitalter Kunststraßen oder doch Saumpfade angelegt (über die beiden Bernharde, den Ni. Cenis, ben M. Genevre, den Simplon, Splügen, Septimer, Jnlier, das Rescheilscheideck, den Brenner, über Pontafel, die Pleckenalp, den Birnbaumer Wald u. s. f.). Weniger erfreulich war das Bild, welches die italischen Inseln darboten. Einige dienten als Deportationsorte. Sardinien nnd Corsica C°rsic->. sind eigentlich niemals von der antiken Culturwelt assimiliert worden, und Sicilien blieb dem Fluche des Latisundienwesens verfallen. Übrigens hatten Sardinien und Sicilien in der damaligen Weltwirtschaft nur als Getreideländer Bedeutung. Zu den mühevollsten Leistungen römischer Staatskunst gehörte die Romanisicrung des nördlichen Afrikas: des ehemals karthagischen Gebietes Mauretanien.44 l Abschnitt. Das Mediterran-Zeitalter (Alterthum). (Provinz Afrikas, Nuinidiens und Mauretaniens. Sie beginnt mit dem Wiederaufbau Karthagos durch I. Cäsar. Weder unter der Herr schaft des Islam, noch unter der der Franzosen hat die Cnltur der Wüste ein gleich großes Terrain abgewonnen. In heutzutage völlig öden Landstrichen finden sich imposante Ruinen römischer Städte. Wie in der karthagischen Handel. Zeit war die Landwirtschaft die Grundlage des Wohlstandess Getreide lind Öl kamen in den Handel, desgleichen Vieh aller Art und Sclaven. Den letzteren, immer seltener werdenden Artikel bezog man nebst wilden und seltsamen Thieren für die Amphitheater znm Theil ans dem Sudan; scholl vor den Römern existierten Karawanenwege durch die Sahara; jedoch erst in der Kaiserzeit kam das geeignetste Transportthier, das Kameel, zur Ver wendung. Altpunischen Ursprunges war auch die Pnrpnrbereitung, zumal auf der Insel Girba, ferner die Wollwaren- uitb Lederfabrication. Den größten Handelsstädte. Handelsverkehr hatte das ans den Ruinen wieder erstandene Karthago, der Sammelpunkt aller nord- und innerafrikanischen Producte, abermals eine üppige, dichtbevölkerte Kanfmannsstadt, wie vor seiner Zerstörung im Jahre 146 v. Chr. In zweiter Linie standen die anderen altphönizischen Städte, ferner Cirta, Cäsaren. Die Verbindungen Mauretaniens erstreckten sich bis zu den „glücklichen Inseln" (Makaronesien, i. e. die Canarien, Madeira rc.). Zpiinie». In den beiden spanischen Provinzen nebst Lnsitanien bildete der Bergbau eine wichtige Einnahmsquelle des Eigenthiiiners, nämlich des Staates, der übrigens die einzelnen Bane an Gesellschaften verpachtete. Außerdem war Spanien reich an Wein und Öl, ein uralter Sitz der Metall- und Webe- indnstrie. Die Großhändler wohnten vornehmlich in Gades Cadix), das zu des Augnstus Zeiten nebst Patavinm die meisten reichen Leute unter allen römischen Gemeinden aufzuwetsen hatte und mit allen Metropolen des Mittelmeeres, vornehmlich mit Rom, in Verbindung stand. Außerdem besaßen die Städte des Bätisthales (Quadalquivir), darunter Cordnba (Cordova) und HiSpalis (Sevilla), ferner Tarraco (Tarragona), Einerita (Merida), Olissipo (Lissabon) commerzielle Bedeutung. In keiner Provinz ist die Romanisiernng so gründ lich durchgeführt und daö Problem, die Gaue in Stadtgemeinden italischer Factnr umznwandeln, so glücklich gelöst worden, als in Spanien. Das narbo- Schon Ml 2. Jahrhundert v. Chr. haben sich die Röiner im trans- Gallien. alpinischen Gallien niedergelassen und den Küstenstrich von Ligurien bis Spanien in eine Provinz (Gallia Narbonensis) umgewandelt mit sorg fältiger Beachtung der Unabhängigkeit Massilias, dieser noch immer blühenden griechischen Pflanzstadt. Bald fanden die italische Landwirtschaft und das römische Städtcwesen Eingang. Massilia verlor durch Cäsar seine Unabhängigkeit, behielt jedoch seinen Handel und versorgte namentlich Gallien45 mit otientnfifrfipn Maren. Auf bcin *n Maren. Auf dein Rhodanus (Rhone) entwickelte sich Nhonehaudcl. rkehr, mit dem sich eigene Schiffergilden befassten. Am Rhone wetteifernd mit Massilia, durch den Canal des Marius mit * c --- cvr/o C* vv vv WUlUl , UUVUj W»v " -- ,J tunrcrt noch von Bedeutung Forum Julii (Frejus) und die Hauptstadt der Provinz: Rarbo (Narbonne), dessen Hafen damals noch nicht versandet war. Die genannten Städte, ferner Nemausus (Nimes), Tolosa (Toulouse), Vienna (Vienne) erfreuten sich noch zur Zeit des allgemeinen Verfalles, im 5. Jahr hundert n. Chr., des besten materiellen Wohlergehens. Cinp sMwipviapre 9fnfnabc bot sich der Romanifiernng in dem v o n Wicklung bereits überschritten. In ihrer Wanderperiode war pc mm, Lpanren, Britannien, Norditalien, in die illyrischen Alpen- und Donaulander, ja bis Kleinasien siegreich vorgedrnngen. Es fehlte ihr aber der staatenbildende Geist, di° Politische Disciplin. In socialpolitischer Beziehung sind die Galüer nicht «... über den Ga »verband hinausgekommen; das Städtewesen im eigentlichen Sinne ist ein Geschenk der römischen Civilisation und das Hauptmittel der Romanifiernng gewesen. In deit keltischen Gauen war, alö die Römer kamen, das ehedem freie Volk einem übermächtigen Ritteradel hörig und N'vhnpflichtig geworden. Die Viehzucht, namentlich die Schweinemast, überwog fast allenthalben den Ackerbau. Was die gewerbliche Thätigkeit betrat, G°w°a>°. s° stand nur die Metallurgie auf einer höheren Stufe. Dw Kelten waren die Vertreter der sogenannten La Teneperiode (jüngere Eisenzeit ; an Utanchc,, Orten z B in Bibracte, muss ein fabriksmäßigcr Betrieb dei Eisenindustrie vorhanden gewesen sein. Die Gallier standen seit chronologisch unbestimmbaren Zeiten mit Britannien und Germanien den Zinn- und Bernsteinländern"- - in Handelsverbindungen. Sic haben wahrscheinlich zuerst bcn Atlantischen Ocean befahren; in ihrer Schifsbauknnst und Nautik waren M von den Mittelmeervölkern unabhängig. Dieser selbständige Ansatzpunkt bes Seeverkehres - neben dem mediterranen uitd erythräischen der dritte — lm im Alterthum sich zu keinem großen Verkehrskreis entwickelt luid keine Dichtigkeit für den Welthandel bekommen. In dem cäsarianischen Gallien erwuchs Lngdnnnm (Lyon) zm rügt»»»»», politisch und materiell bedeutendsten Gemeinde. Eö war der Sitz einer hoch- entwickelten Textilindustrie, die sogar chinesische (serische) Seide ver arbeitete; freilich der commerziette Vertrieb der Gewerbserzeugnisse und btc B u fnl)v der Rohstoffe lag größtentheilö in deit Händen eingewandertcr46 I. Abschnitt. Das Mediterran-Zeitalter (Alterthum). Orientalen. In Lyon wurden auch die Gefäße fabriciert, die der an demselben Gallischer Orte concentrierte W ei n h a n d el benöthigte. Nicht immer war die römische Weuwau. Regierung dem gallischen Weinbau günstig gesinnt. Aus Rücksicht fiir die italischen Weinproducenten verbot schon in der republikanischen Zeit der Senat den Weinbau in der Narbonensis. Die Kaiser erstreckten dieses Verbot über die nordeuropäischen Provinzen, und thatsächlich befasste sich der Weinhandel Arelates und Lugdnnums lange nur mit italischem Rebensaft. Besonders wirksam scheint das Weinbanverbot Domitians gewesen zu sein. Erst im 3. Jahrhundert hat Kaiser Probus dem Prohibitivsystem ein Ende gemacht. Schon zur Römerzeit gelangten Burgunder und Bordeaux zum Export. Das nationale Hauptgetränk blieb trotzdem das Bier, wie auch die Butter vom mediterranen Öl nie ganz verdrängt worden ist. Britannien. Den gallischen Verhältnissen ähnlich waren die britannische». So fort nach der Eroberung des Landes brachten die Römer den Bergbau (aus Zinn, Blei, Kupfet, Eisen) wieder in Aufnahme. Britannien exportierte außerdem Getreide, das rheinaufwärts den römischen Standquartieren an der Reichsgrenze zugeführt wurde. Die commerziell hervorragendste Stadt war schon im Alterthume Land in i um (London). Rhein- und Am Rhein und an der Donau knüpfen städtisches Leben, Gewerbe D-naustadtc. un j, Handel an die Castelle und Standquartiere der römischen Grenzwehr an. Neben der Lagerstadt erhob sich in der Regel eine Civil- st a d t. Abseits von den großen Flüssen kamen auch Städte mit rein bürger lichen Elementen zur Entfaltung. Die Hauptstadt der unteren Rheinlande war das an der Mosel gelegene Trier (Auglista Trevirorum ; der Mosel wein genoss in bcr. späteren Kaiserzeit einen bedeutende» Ruf; auch am Rhein und an der Donau wurde seit Kaiser Probus die Rebe gepflanzt. Von dem Wohlstand der beiden Germanien und der in dem Dreieck zwischen Rhein, Donau und Neckar gelegenen D ecu matländer geben zahlreiche Funde Zeugnis; die weltberühmten Rheinstädte sind aus Römerorten hervor gegangen: Köln (Colonia Agrippina), Mainz (Moguntiacum), Straßburg (Argcntoratuni), Basel (Basilea). Ebenso verhält es sich mit den Donan- stüdten: Regensbnrg (Castra Regina), dem am Lech gelegenen Augsburg (Augusta Vindelicornm), mit Passau (Castra Batava), Wien (Vindobona), Ofen (Aquincum), Belgrad (Singidunum), und den Save-Draustädten: Sir- mium, Sissek (Siscia), Essek (Mursa). Die illyrischen Die Culminativn der illyrischen Provinzen (Dalmatien, Pan- Provuiu». non j eu ^ Noricunt, Rätien, Mösien) fällt in die Zeit der illyrischen Kaiser, ins 3. und 4. Jahrhundert. Den norisch-pannonischen Verkehr mit der Adria vermittelte nach wie vor Aquileja. An der Grenze Pannoniens und Nori-3. Capitel. Tie römische Periode. 47 Dacien. rums lag Carnuntum (bei Deutsch-Altenburg und Petronell), das seit Neros Zeiten der Hauptort des vom Nordseegebiet ausgehenden Bernstein- Handels wurde. _ Am Adriatischen Meere überflügelte Salonä (bei Lpalato) die alt griechischen Emporien Apollonia und Dyrrhachium, ja selbst das günstig gelegene Skodra (Skntari). Mit der südlich von der unteren Donau . Zstcr' gelegenen Provinz Mösicn stand Da eien, das Trajan erobert hatte, durch die berühmte, auf Steinpfeilern ruhende Trajansbrücke in Verbindung. Aus allen Theilen deö Jieichcs hatte Dacicn eine Civilbevölkcrung erhalten, die theils dem Landbau oblag, theils mit der Ausbeutung der siebenbürgtschen Goldgruben beschäftigt war. Im Jahre 275 wurde diese Provinz wieder In der griechischen Reichshälfte haben die Römer das Werk Echtst, der Diadochcnzeit, die Hcllenisicrnng mittelst städtischer Colonisation, fou- gesetzt. Ein solches HeDnisierungsproduct der Kaiserzeit war z. B. ^hracien. -e>.nn». An der Küste existierte allerdings eine Kette von altgriechischen Pflanzstädten. Byzanz war die wichtigste unter ihnen geblieben durch die Einzigkeit seiner Lage, seine Fischerei, seine Vermittelung des Umsatzes pontischer Natur- und hellenischer Knnstproducte. Im Inneren deö fruchtbaren und minenreichcn Landes erhoben sich unter römischer Ägide Philippopolis, die Heimat der Rosenzncht und des Rosenöls, Trajanopolis, HadrianopoliS. Den Irakischen Städten gleichartig waren die niedermösischen, darunter das ältere ^omis und das von Trajan gegründete Marcianvpel. Unter römischem Lchutze^^^ standen die am Nordufer des Pontns gelegenen Griechenstädte, die nun noch n»c Weile ihre von den Barbaren in Frage gestellte Existenz fortfristeten: ^h^'a, Olbia, Panticapäum, Phanagoria:c. Ihr Handel umfasste die näm lichen Producte, wie in der hellenischen Periode. Ein Bild unaufhaltsamen Verfalles boten, gleich den pontischen Colonien, °uch Macedonien und Griechenland. Hier hatte sich der durch das Sclavenwesen und den Capitaliömus zugrunde gerichtete antike Stadtstaat ' Volitie), welchem nur in einzelnen giinstigen Fällen der Übergang von der Landwirtschaft znm iiberwiegenden Gewerbe- und Handelsbetrieb möglich *" nv / - vollkommen ausgelebt. Besser als mit Griechenland war cs noch "'" dem fruchtbareren Macedonien bestellt, wo daö in der Diadochenzeit Macedonien. gegründete Thessalonikc die commerziell und industriell bedeutendste Genieinde war; es stand mit Dyrrhachium durch die berühmte Via Egnatia w Verbindung. I» dem sonst verödeten Epirns hatte Augnstns N ikopolis Ep>n,s. begründet, das eine große Stadt blieb, in Handel und Gewerbe jedoch nie -.Nennenswertes leistete. Das eigentliche Hellas, so sehr cs auch von den Verfall Griechen lands. Hellas.48 I. Abschnitt. Das Mediterran-Zeitalter (Alterthum). Athen. Productive Thätigkeit Griechen lands. Korinth. Jsthinuo Durchstich Äleiuasicu. Gewerbe. Handel. Kaisern verzärtelt wurde, konnte zwar fortbestehen, aber nimmer in die Höhe kommen. Zn Augtlstus' Zeiten war z. B. der Piräus ein armseliges, kaum bewohntes Dorf. Athen, eine Stadl ohne Handel und Industrie, lebte nur mehr von den freiwilligen und erbettelten Wohlthaten seiner Gönner, Antiochos, Herodes Atticns, Nero, Hadrian, der Athen mit Monumentalbauten schmückte, mit regelmäßigen Getreidespenden auf Staats kosten bedachte und mit dem Capital zu einer Aliinentarstiftung nach italischem Muster beschenkte. Auch die Kosten des griechischen Spielwesens wurden von der ReichScasse getragen. Griechenland selbst brachte noch Öl und Wein ans den Markt; seine Marinorbrüche waren in kaiserlichen Domanialbesitz über- gcgangen. Auch die Kunstindustrie stand noch in einiger Pflege. Patrü und Korinth waren die wichtigsten Fabriksstädte. Korinth war seit seiner Auf erstehung unter Cäsar wieder die erste Handelsstadt und Sitz der meistens italischen BanquierS. Unter Nero wurde von jüdischen Gefangenen fleißig an der Durchstechung dcS JsthmnS gearbeitet; aus Furcht vor Über flutungen ließ man sie unvollendet. Die größten Fortschritte machte der HelleniönniS zur Römerzeit in Kleinasien, vornehmlich in Bithynien, Pontus, Cappadocien, Lycieu, Cilicie», Galaticn. Freilich in Asm, mit ihren 500 Städten der städtereichsten Provinz deö Reiches, war wenig mehr zu thun; in volkswirtschaftlicher Hinsicht galt cS hier, mehr die Wunden der republikanischen Missrcgiernng zu heilen und die wieder hergestcllte Gesundheit zu erhalten, als Neues anzubahnen. Noch immer weilten italische Kaufleute in jeder größeren und kleineren Stadt; der Seeverkehr mit Italien und der Landverkehr mit dem Binnenlande waren äußerst lebhaft. Seit Milet und Ephesus durch Versandung ihrer Häfen zu Landstädten geworden waren, nahm Smyrna den ersten Rang unter de» See städten ein. Wie in Asm blühten auch in Bithynien, PontuS rc. Ackerbau, Handel und Gewerbe. Die Schaf- und Ziegenzucht lieferte ein unübertreffliches Material für die Weberei. Das Gewerbe ernährte nicht allein Handwerker, sondern auch eine vielköpfige Fabriksbevölkerung. Von den Seestädten Smyrna und Ephesus, Chalcedon und Nikomedieu int Westen, Amisos und Trapeznnt im Norden, Tarsus im Süden liefen Straßen nach dem Innern Kleinasiens; die wichtigsten Knotenpunkte dieses Landverkchres waren Laodicea, Ancyra, Jconium und vor allem Cäsarea (Mazaka), der Stapelplatz des mediterrane» und mesopotamischen Handels. Über Armenien und Mesopotamien stand Kleinasien mit dem außerhalb des römischen Einflusses gelegenen Vorderasien in Verbindung. Noch wichtiger als Kleinasien war für Gewerbe, Innen- und Außen handel das Hanptgebict des hellenisicrten ScmitismuS, Syrien. Die große Syrien.3. Capitel. Tie römische Periode. 49 Industrie Syriens bedurfte des Exportes und commerzieller Ltiitzpnnkte oder Factoreien außerhalb des Erzeugungslandes. Vermöge ihrer überlegenen. Capitalskraft bemächtigten sich dann syrische Emigranten dcS Eigenhandels der Länder, in denen sic sich niedergelassen hatten. So reich auch Syrien an Bodenerzeugnissen war, so producierte es, mit Ausnahme seiner, in Osten und Westen geschätzter Weinsortc», nur für den eigenen Bedarf, Handel und Industrie übertraf cs jede andere Provinz, bloß Ägypten ans- » 41 ™. genommen. Leinenfabrikate versendeten Bhblns, Tyrns, Berytus, Laodicea, ScythopoliS in die ganze Welt. Tyrns und Berytuö verarbeiteten und färbten chinesische Seide; der lyrische Purpur behauptete seinen mehr als tausend jährigen Ruf, desgleichen sidonisches Glas, preichswasfcnfabrikcn gab eo in Antiochien, Damascns, Edcssa. Der syrische Ausfuhrhandel bewegte sich, Handel, wie ehemals, nach zwei Richtungen längs der uralten Hauptachse dcS Welr Handels, östlich gegen daö Euphratgebiet, westlich gegen das Mittelmeer zu; in diesen ostwestlichcn Straßenzug mündeten die Handelswege vom Lüden und die kaSpisch-pontischcn Abzweigungen vom Norden her. Tyrns war in Handelsstädte der Kaiserzeit wieder die erste Handelsstadt Vorderasiens geworden. Veit Lyrno rivalisierte das am OronteS gelegene Apamca. Für die Wüstenregioi^Ost- fyricns war Bostra der Hauptmarkt. Die größte und glänzendste Ltadt Vorderasiens, Anti och ia, war zwar auch eine Fabriks- und Handelsstadt, aber in erster Linie ein Aufenthalt der „Genießenden und Verzehre,,den"; der antiochc,üsche Hasen, Seleucia, hatte nie viel zu bedeuten. Als ^ranfit- platz des syrisch-»,esopotamischen Handels gelangte die Oasenstadt P a l,„ y r a (von Aurelian,,s 273 zerstört) zu Rcichthum und Pracht. In bestimmten Intervallen durchzogen Karawanen, die als Genossenschaften unter angesehenen Obmännern organisiert waren, die Wüste. Am Euphrat und Tigris bildeten Tclencia (164 von M. Aurelius zerstört), das von den Parthern gegründete V 0 l 0 g a s i a s und daS dem Meere nahe E h a r a x die Zielpunkte de, Handelskarawanen. Letzteres vermittelte anch den indisch-arabischen Warcnzug, lnsoferne sich dieser des persischen Golfes bediente. Die Hauptmasse der Er zeugnisse des Tropengürtels kam über das Rothe Meer; von Lenke Käme oder Aila wurden die betreffenden Waren „ach Petra befördert, dem Knotenpunkte der Handelswege, die sich einerseits nach Gaza und den, Mittel '"cc - , anderseits nach den, nördlichen Syrien verzweigten. Für den indo-arabischen Verkehr bestand seit der hellenistischen Epoche ->4„v w >. cilt Stapelplatz erster Ordnung, das ägyptische Alexandrien. ^ Unter den letzten Ptolemäern war eS mit Ägypten abwärts gegangen. Die ^ ^"darnber, die Gebieter über das östliche Afrika, siedelten sich im Nilthale a» und nahmen den erythräischen Berkehr in ihre Hände. In, heutigen Habesch gründeten sie ® a ') r < Lehrbuch der HandelSgcschiiHte, ^50 I. Abschnitt. Das Mediterran-Zeitalter (Altekthum). das Reich von Axomis (AxmD arabisierten es, konnten aber nicht verhindern, dass -eS in der Kaiserzcit, trotz uöIUfler Unabhängigkeit, hellenisiert wurde. Haupthafen deS Reiches der Axumiten warAdulis, ein vielgenanntes Entrepöt des Elfenbeinhandels, der übrigens auch an der ägyptisch-äthiopischen Landesgrenze, in Syene und Hiera Sykaminos, schwunghaft betrieben wurde. Zur Zeit, als die Römer Ägypten in eine Provinz verwandelten (30 v. Ehr.), beherrschten arabische Kauflente den ostafrikanischen Römische Handel, der bis- Rapha (bei Zanzibar) reichte, und den ostindischen. Devi Übergewichte ^'otiuT arabischen Elementes machte schon Angnstus ein Ende. Seine Handelspolitik * 1 ' verfolgte das Ziel, den directen erythrüischen Seeverkehr in den ausschließlichen Besitz von Reichsangehörigen zu bringen. Entweder durch Prohibitivmaßregeln ' oder durch Differentialzölle wurden die Araber aus ihrer Herrschaft verdrängt. 'Adane (Aden) erlitt ein ähnliches Schicksal, wie einst Karthago und Korinth; die Römer zerstörten den ihnen gefährlichen Handelsplatz. Gleichwohl verloren die südarabischen Stämme (Minäer, Sabäer, Homeriten — Himjariten) ihre Unabhängigkeit nicht; wie der alcxan- drinischen cntgiengen die Araber glücklich auch der römischen Knechtschaft. Der indische Ocean blieb ein neutrales Gebiet; ans der Insel des Dioskorides (Socotora) trafen sich z. B. indische, arabische und römische Händler. Seeverkehr Dem Seeverkehr des Römerreiches mit Indien kam cs zugute, dass ma Ind>c». f j n g a p(j.ß u , ,E,ens Hippalo s, sich von der Küste weg ins offene Meer wagte und die Monsune für die Schiffahrt nutzbar machen lehrte. Mit seinem Namen bezeichnet«; das Altcrthnm die regelmäßig wechselnden Winde des indischen Oceanö. Der Südwestmonsun diente fortan zur Hinfahrt, der Nordostmonsun zur Rückfahrt. ?lls der wichtigste indische Hafen zur Römerzeit wird Barygaza (oberhalb Bombays) bezeichnet; später kamen noch andere Punkte an der Malabarküste und in Taprobane oder Salike (Ceylon) hinzu. Jndircctcr Nur ausnahmsweise gelangten Abendländer bis Hinterindien; immerhin ver- Berkehr mit schafften sie den Geographen die Kenntnis malayischer und chinesischer Ortsnamen. chinesischen Annalen erzählen voll einer Gesandtschaft (?) des Kaisers All-Tun (Antoninus) aus Ta-Tsin (Rom); sie soll über Tongking nach China gekommen sein. Der Verkehr mit China behielt auch in der Kaiserzeit den Charakter eines in directen Landverkehrs. Lagen doch unermesslich allsgedehnte, schwer passier bare Districte zwischen den entgegengesetzten Randländern der Alten Welt, so insbe sondere das Partherreich und noch dessen Ende das neupcrsische Reich der Sassaniden. Trotz aller Entfernungen und Schwierigkeiten gelangten zunehmende Quantitäten chinesischer Seide theils nach Mesopotamien, theils über die Opusländer an den Kaspisce und den Pontus, somit in die Sphäre des Römerreiches. Die Länge der „Seidenstraßc", welche die chinesischen Seidendistricte mit dem Litorale des Mittelmeeres verband, mag über 7000 km, betragen haben. Importe aus Die erhthräischen Einfuhrartikel giengen in der Lagiden- und in der rstttt. über j,ic Häfen Berenikc, Leukos Limen, Myos Hormos nach Koptos am Nil und diesen abwärts nach Alexandrien, um von hier aus, vornehmlich durch italische Rheder, nach alle» Mittelmeerländern verfrachtet zu werden. Den Canal, der das Rothe Meer mit dem Nil verband und den man jetzt Kaiserfluss (amnis Augusteus) nannte, scheint man nur zur3. Capitel. Die römische Periode. 51 Verschiffung massiverer Artikel, z. B. ägyptischer Bausteine, benützt zu haben. Bei den feineren rentierte sich der Nilweg augenscheinlich besser; solche waren: Weihrauch, Myrrhe, Aloe, Mastix, Zimmt, Pfeffer, Gewürznelken, Zucker, Reis, Indigo, aromatische Hölzer; Perlen, Schildkrot, Elfenbein, Nashornzähne; Edelsteine, wie Diamant, Saphir, Hyazinth, Rubin, Sardonyx, > Carneol u. s. w.; ferner Baumwollstoffe, Prnnkgeräthe. Den fremdländischen Waren konnte Ägypten auch eigene Erzeugnisse «nwtiMe . , . , g-ntmcate. hmzufiigen; diese kaiserliche Hausprovinz war ja sowohl das er>te Getreide^ als auch.das erste Fabrikö laud deS Reiches, das es mit Papyrus, Glas, Leinwand, den drei Haupterzeugnissen seines Gewerbfleißes, versorgte. Alexandrien war unter den Römern geworden, was Alexander und die Alexandrien- Ptolemäer beabsichtigt haben mochten: die erste Handelsstadt der Mittelmeer region, wahrscheinlich der gesammtcn Erde; nebenbei die einzige Großstadt des Reiches ohne faulenzendes, ans kaiserliche oder commnnale Kosten schmarohendcs Proletariat- Bis ins 4. und 5. Jahrhundert behauptete Alexandrien seinen Primat, der dann an Constantinopel nbergieng. Süd- und Ostasien haben, wie zu allen Zeiten, so auch in der Kaiser- uuMistigc zeit, mehr an das Abendland verkauft, als von ihm gekauft. Die Kanflcnte zwar, die den indisch-römischen Haitdcl vermittelten, erzielten dabei einen anderweitig unerreichbaren Gewinn. Jedoch für das Ganze der römischen Volkswirtschaft war der starke Verbrauch tropischer Erzeugnisse nicht so vor- theilhaft. Denn nur ein Theil der indo-arabischen Rimessen konnte mit eigenen Producten (Wein, seinen Geweben, Glas, Geschmeide, Metallen) gedeckt werden; den größeren Theil musste das Abendland bar bezahlen, ohne dass durch den Kreislauf des Güterumsatzes die exportierten Edelmetalle dahin znrück- kainen. Nun reichten ohnedies die Barmittel, über die der Occident verfügte, fiir den inländischen Verkehr nicht aus; obendrein war die Ausbeute der Bergwerke eine nur unzulängliche. Auf diese Weise hat gerade der erythräische Verkehr am meisten zur Geld entleer» ng beigetragen, die Plinius der Ältere schon um die Mitte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts beklagte; er schätzte den Wert der jährlichen Importe ans Südostasien ans lOOMill. Sesterzen (10—12 Mill. fl.). 8 17. Der socialökonomischc Verfall des Römcrreiches. Noch einmal erhob sich gegen Ende deö .3. Jahrhunderts das Kaiser- ^'leder- reich aus tiefstem Verfalle. In den Ländern am Pontuö und Ägäischen Meere wurde den Raubzügen der Gothen ein Ende gemacht, in Asien der weiteren CubE beb Ausdehnung des nenpersischen Reiches Einhalt geboten, und auch in Europa vermochte man die Militärgrenze an der Donau und am Rhein wieder her-I. Abschnitt. Das Mediterran-Zeitalter (Alterthum). 52 zustellen. Auf volkswirtschaftlichem Gebiete jedoch dauerten die Folgezustände Ordnung ded j, cv eben überstandencn Krise fort. Vor allem musste in daö Geldwesen ©clbttjcfnic*. Ordnung gebracht werden; denn die zunehmende Mnnzverschlcchterung hatte bewirkt, dass das gute Geld früherer Zeiten — Gold, Silber und Kupfer — aus der Circulation verschwunden war und nur das wertlose Scheingeld zurückblieb. Da letzteres nicht zu seinem Nennwerte genommen wurde, so kam in die Preise und Löhne arge Verwirrung. Um der Willkür und Über- vortheilungslust in Handel und Verkehr Schranken zu setzen, erließ Kaiser Tiocictinuu Diocletian einen inschriftlich noch vorhandenen Maximaltarif, in dem Maximal die obere Grenze fiir die Preise aller möglichen Gebrauchsartikel und Dienst- Mrii 3°1‘. lcistungen festgesetzt war. Ob die Maßregel viel genützt hat, ist nicht überliefert. Auch brachte Diocletian wieder Ordnung in die Kupfer- und Constaulini- Silberprägung. Die Valutaregulierung Consta nt ins des Großen hat 'ardming.' dann für Jahrhunderte das Geldwesen bestimmt. Es wurde die Goldprägung ivieder ausgenommen; das Ganzstück — der Solidus — erhielt ein Gewicht von '/ja Pfund Gold, das Silberstück ein Gewicht von V 72 Pfund Silber — V>oo» Pfund Gold, weshalb es Miliarense genannt wurde; die Hälfte des Miliarcnse hieß Siliqua. Silber- und Kupfermünzen, die bald wieder leichter ausgeprägt wurden, cursierten ats überwertetes Ercditgcld. TieCom'tan- Die Constantinische Münzreform war nur ein Bestandtheil der stieu- Reich"ici°r»i. ordnnng, welcher der gcsannntc Staat unterzogen wurde. An die Stelle der konstitutionellen Dyarchie des Augustus mit ihrer historisch gewordenen Rechts- und Gesellschaftsordnung trat die unbeschränkte Monarchie, der Despotismus mit seinen abstrakten Idealen der Gleichförmigkeit (Uniformität) und llnveränderlichkeit (Stabilität). Schon Diocletian beseitigte die Steuerfreiheit Italiens und der erinnerten Stadtgebiete. Mit der neuen Eintheilung in Diöccscn und Provinzen sollte die bisherige administrative Mannigfaltigkeit der ReichStheile ans der Welt geschafft werden. Tie Grundlage dcS antiken Lebens — die kommunale Selbständigkeit — wurde dem Absolutismus und der Gleichmacherei zum Opfer gebracht. Mit der Ächtung des historisch Gewordenen schwand der Bürgcrsinn früherer Zeiten; Gleichgiltigkeit gegen das ösient- liche, zumal politische Leben griff um sich; für Wohl und Wehe des von oben regierten Staates war kein Interesse vorhanden, es herrschte die Apathie dcS GreisenalterS. Am meisten offenbarte sich in der Behandlung Roms der Geist einer Zeit, der die heiligsten Erinnerungen der Vergangenheit nebensächlich geworden ivaren. Hingegen erhob sich die neue Reichshauptstadt, das von Constantin I. zivischen 327 und 330 in eine Weltstadt nmgeschaffene Byzanz (Eon st antinopol iS), zu einer industriellen und kommerziellen Blüte, wie sie die Siebenhügclstadt niemals besessen hat. Reiches,k>ar« Das Interesse der Regierung cvncentrierte sich auf das Steiler- wesen. Aus Rücksichten der Steuertechnik trachtete sie, die sociale Gliederung, die sie vorfand, festzulegcn; alle Stände und Berufsarten sollten kasten artig abgeschlossen und erblich gemacht werden. Niemand sollte die Möglichkeit haben, aus seinem Stande herauszntretcn, nicht einmal wenn3. Kapitel. Die römische Periode. er auf dessen Vorrechte und Vortheile verzichtete, llnabänderlich wie die ewige Höllenqual lastete das sociale Verhängnis ans der Bevölkerung. Nur die völlige Abkehr von dieser Welt konnte den Menschen vor Verzweiflung und Stumpfsinn, vor dein Seelentode, retten: er flüchtete in die Arme einer Religion, deren Reich nicht von dieser Welt war; das Christenthum wurde die Heilslehre des sinkenden Nömcrreiches. Ten obersten Rang in dem Constantinischen Staatswesen nahm die höhere dca»ne>r- Bnrcaukratie ein, Kn die sich eine Kaste erblicher Snbaltcrnbcamten anschloss. ’ Unt '' Ungeachtet namhafter Gehalte, die übrigens inehr in Naturalien als in Geld bestanden, herrschte Korruption in allen Rangclassen, die ärgste unter den Hofbeamten. Die Misswirtschaft der republikanischen Periode, mit der unter den Kaisern der guten Zeit aufgeräumt worden war, kehrte wieder, Wie damals, so war cS nicht die absolute Höhe der Steuer, die dem wirtschaftlichen Gedeihen der Bevölkerung schädlich war, sondern die Art ihrer Einhebung und ihrer Verwendung. In den Städten und den dazugehörigen Landgebieten hatten die Curialen für die,Grundsteuer, die Recruten Die Cnriiaen. und die öffentlichen Bauten einschließlich der Reichspost anfzukommen. Da sie etwaige Abgänge ans eigener Tasche zu decken hatten, so führte diese Verpflichtung den finan ziellen Ruin des Standes herbei, auf dem überdies noch die städtischen Lasten ruhten. Bis dahin gesucht, wurde die Angehörigkeit zum Stande der Knrialcn von nun an verabscheut; aber cS gab kein Entrinnen, denn die Würde war lebenslänglich und erblich, bis ihr die Verarmung ein Ende uiachte. Ebenso mussten die Händler und Hand- SiadNsches werter, die keinen Grundbesitz hatten, (die Negoüatores), für die Kopfsteuer (Chrysar- Pwleiariat. gyrum) anfkommen. Die kleinen Geschäftsleute, die zu Innungen (Kollegien) vereinigt waren, wurden außerdem zu den niedrigen Staats- und Stadtdiensten gepresst. Rur die sogenannten freien Künste oder Knnstgewerbe waren von städtischen. Lasten befreit. Die Ansammlung von großen Massen aller erdenklichen, als Steuer eingehobenen Rohstoffe in den kaiserlichen Magazinen und die Unzulänglich- "’ Lml1 "' feit der Privatindustrie waren Ursache, dass im ganzen Reiche Staats- fabriken errichtet wurden. Es bestanden z. B. 35 Waffenfabrikcn, ferner Webereien, Färbereien, Etablissements für Goldwaren u. s. w. Die Arbeiter Arbeiicr-lanc. in diesen Fabriken (Fabricenses), die Bergleute, die Frachtschisser, die in Staatsdiensten standen, alle waren lebenslänglich und erblich an ihren Beruf gekettet. Desgleichen wurden die Handwerker, die mit der Approvisionicrnng der Hauptstädte in Verbindung standen, z. B. die Bäcker, Fleischer, Brenn materialienhändler, Frächter, in erblichen Innungen vereinigt. Was den Handel betrifft, so bewegte er sich auch im 4. und ungünstige i>. Jahrhundert in dem Rahmen und in den Bahnen der früheren Kaiserzeit. Nur trat die Überlegenheit des Ostens immer deutlicher hervor, je mehr im Westen Verarmung und Entvölkerung zunahmen. Auch das Ab strömen d er Edelmetalle in das Ausland dauerte fort. Da der Abgang durch den Bonswirt- Bergban nicht ersetzt wurde, so trat immer deutlicher Geldmangel hervor; Privat- und Staatswirtschast näherten sich wieder dein nrzeitlichen Nattiral-54 n. Abschnitt. Das altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). verkehr. Gold und Silber wurden wieder thesauriert. Es war ein Vorgang unaufhaltsamer Rückbildung. Unzufrieden- Nicht in allen Kreisen trug man die socialen Übelstände mit dem nämlichen l>ca. Gleichmut!), am wenigsten in den ländlichen. Die agrarischen Verhältnisse hatten sich seit dem 3. Jahrhundert wieder verschlimmert. Von neuem saugte der Latifundien- besitz die freien Kleinbesitzer auf. Die Enteigncten versanken im Stande der Colonen, die aus Pächtern und Zinsbauern zu erbnnterthänigen Hintersassen geworden waren; ihr Zustand unterschied sich nur wenig von der Sclaverei. Unter den Colonen, ans denen die Grundsteuer lastete und welche die Chicanen der Steuereinnehmer zu erdulden Bauernirlcge hatten, brachen seit dem Ende des 3. Jahrhunderts Aufstände ans; diese ziehen sich »n 4. »nd JU1 . Zxjt der germanischen Herrschaft hin. In Gallien und Spanien nannte man hundert die Aufrührer Baganden, in Afrika, wo sich die Rebellion mit der Sectiercrei ver band, Circumcellionen. Die Bauernaufstände wurden zwar überwältigt; da man aber das Los der Bedrückten nicht verbesserte, so griffen sie gelegentlich wieder zur Selbsthilfe. Erleichterung hat den Bewohnern des römischen Westreiches erst die ger manische Invasion gebracht. II. Abschnitt. Das altweltlrche Eontmental-Deitalter Mittelalter). .',27 — 1492. 4. (Kapitel Die byzantinisch - islamitische Periode (527—1090 von der Thron besteigung Justinians I. bis zum ersten Kreuzjnge). Gottes ist der Orient! ("ottrp ist der Occidcnl! Riird- und südliches iveiändc Ruht im Frieden seiner Hände. Goethe, Wcstöstlichcr Divan. 8 lZ. Charakteristik der vierte» Periode. Die drei Cultnrkreisc. West- und Wenn unter der Römcrherrschaft sämmtlichc Mittelineerländer zu einem politischen Ganzen und zu einer großen Cnltnrgemeinschnft vereinigt worden waren, so trat seit Diocletian und Constanti», noch mehr seit Theodvsius und Odoaker eine Scheidung zwischen den beiden Reichshälften ein, deren Gegensatz niemals ausgeglichen werden konnte: zwischen dem lateinischen Westen und dem griechische» Osten. Ihre cndgiltigc Trennung gehörte zu dcil Folgen der Völkerwanderung.-I. Capitel. Tie byzantinisch-islamitische Periode. DD Der lateinische Oceident wurde der Schauplatz junger Völker, die, trotz aller Unterschiede, in Religion und Civilisation einander nahe standen; cd ent wickelte sich ein neuer Eulturkreis »oll geistiger Unabhängigkeit und nationaler Mannigfaltigkeit: der german i s ch-roina n i sche. Hingegen bewahrte der griechische Osten den Zusammenhang mit der by,m»i„ischcr, antiken Vergangenheit und deren überreife Zivilisation. Während das helleni- sierte Asien immer mehr dem Islam verfiel, breitete sich der Einfluss von Byzanz', der Hauptstadt des griechischen (oströinischen, byzantinischen, rho- mäischen) Reiches, über den Nord osten Europas aus. Noch heute zeigt dieser Wclttheil den Gegensatz zwischen west- und oströmischer Gesittung: die von Byzanz aus bceinflnsstcn Ostslavcn stehen noch immer abseits des romanisch-germanischen Enltnrkreises. Nie waren jedoch die Unterschiede so groß, dass der Verkehr unmöglich geworden wäre; im Gegentheilc, die beiden Ländergruppen ergänzten einander. Neben den beiden Cnltnrkreisen christlicher Grundfarbe bildete sich nun islamitischer seit dem 7. Jahrhundert ein nichtchristlicher, nämlich der mohammedanische ts " ltlltIul< *' oder islamitische. Wie in der altgriechischen Zeit, schritt der Orient, diesmal unter semitischer (arabischer) Führerschaft, gegen den Oceident zum Angriffe vor. Süiit größerem Erfolge, als jemals; denn der Islam eroberte die asiatischen Mittelmeerländcr, Ägypten, ganz Nordafrika, Spanien und Theilc Italiens. Noch heute hat der Oceident die verlorenen Gebiete nicht zurückgewonnen. Der Enltnrkainpf zwischen der christlichen und mohammc- danischen Welt — in seinen Verlauf gehören alich die Kreuzziigc — ist »och immer nicht ansgefochten. Der mohammedanische Länderkreis schloss die christ- «innstettunk, lichen Mittelmeervölker von den alten Verbindungen mit den asiatischen Ander Tropen wallartig ab. Wäre das Chalifat nicht zerfallen und hätte nicht der im kaufmännische den militärischen Geist des Ostens bald wieder überwunden, ^ ° so würde der Handel Europas mit Indien völlig erloschen sein. In Wirk lichkeit trat nur eine Panse ein. Die Abendländer setzten sich im östlichen Mittelmeer wieder fest, die Morgenländer bildeten das Zwischenglied, und so kam der Levantehandel von neuem in Gang. Diesen drei- und mehr gliederigen Verkehr wieder zweigliederig oder direct zu machen, blieb der Neu zeit Vorbehalten, welche die islamitischen Zwischenglieder ansschaltete und auf dem Seewege ums Eap die Möglichkeit fand, unabhängig von dem Wandel der christlichen und mohammedanischen Beziehungen, mit Südostasien Handel zu treiben. Schon vor den Kreuzzügcn belebte sich das lange verödete Mittelmeer, von dessen D-s_coiimut* ostwcstlicher Längsachse Seitenwege in die Buchten und Winkel abbogen. Landwege liefen in südnördlichcr Richtung vom Bosporus und PontuS quer über das Festland vicrrck.56 H. Abschnitt. Das altweltlichc Continental-Zeitalter (Mittelalter). bis an die Ostsee, in der sich ebenfalls eine ostwestliche Handelsstraße ausbildete. Indem £ auch in Westeuropa TranScoiitinentalwege vom südlichen znm nördlichen Niittelmccre ' führten, war ein förmliches strasicnviereck vorhanden, dessen geaeniiberlieaende Leiten entweder Lee- oder Continentalwege waren. Auf diesen coinmerziellen Linien wurde nun Deutschland in der Weise nnigangen, dass es an den Vortheilen des Transits nicht participicrte. Es blieb mithin zurück und verharrte länger auf der Stufe der Naturalwirtschaft, als Italien oder selbst Frankreich, welche Länder infolge ihrer Handelslage rascher zur Geldwirtschaft übergehen konnten. Erst in der folgenden Periode haben die Deutschen die Ungunst der Verhältnisse korrigiert, den Hauptstrom des levantischen Handels über ihre Gaue geleitet und im Norden Europas die Hegemonie au sich gebracht. aonrirontoitr Mehr als im Alterthuin zieht sich während des Mittelalters die Cultur ^Pcrl^/"in das Innere der Conti ne nie. Die Randländer und die Seestädte haben nicht mehr so ausschließlich den Borrang. Gleichwie Mittel-, Nord und Osteuropa mit ihren compacten Masseit bcstimmend in das Weltleben cintreten, so gewinnt auch der Islam in Asien und Afrika fortwährend an continentaler Tiefe. L,,d u„d Auch das siidenropäische Mittelmeer kann seine ausschließliche Herr- europäischks nicht mehr behaupten. Ebenbi'lrtig tritt ihm ein nordcnropäisches Miimmcrr. Binnenmeer an die Seile: das germanische Meer mit seinen baltischen Ber zweigungen. Ähnlich stellt sich dein Rothen Ätcere das im Alterthuin arg vernachlässigte Persische oder Grüne Meer rivalisierend an die Seite. So lief die Cultur zu Anfang dieser Periode gesunken gewesen war, gegen deren Ende sehen wir sic mannigfaltiger, gewissermaßen i» dreifacher Gestalt, anferstanden und über einen größeren Länderkreis ausgebreitet, alö in den Jahrhunderten des Alterthumö. 8 1!). Tic llr- und WlNldcrpcriodt der Germanen. Als die ältesten Wohnsitze der Germanen gelten die Länder zwischen Wohnnyc der ^ . ...... Grn»-Nk„ Elbe und Weichsel. An der Nordseeküstc fand sic schon Ihr „Entdecker", der Grieche Pythcaö (circa 360 300 v. Ehr.), ein Gelehrter ans Massilia, der eine Forschungsreise in die Heimat des Zinns und Bernsteins, das ist »ach den britischen Inseln und den Ufern der Nordsee, unternommen hatte. I» ihrem Wald-, Heide und Sumpfland betrieben die übrigens sesshaften Ger inanen, die ja, wie die anderen Indoeuropäer, von einem ackerbautreibenden Uwolk abstainmten, etwas rohe Feldgraöwirtschaft mit überwiegender Bich- zncht. Fleisch und Milchkost zogen sie entschieden der vegetabilischen Nahrung Gnindmoliv vor. Natürlich mangelte dem Bolle, das eine so extensive Wirtschafte tunt*,inctt)otic 0cfof? und sich so rasch ucviuchvtc, bald der erforderliche Nahrnngs spielrauin. Das große Leitmotiv der germanischen (beschichte llingt bereits4. Kapitel. Die byzantinisch-islamitische Periode. 0« aus dunkelster Vorzeit herüber: „Landnoth". Vielleicht ward schon die Keltenwandcruug um '>00, infolge deren sich diese Nachbarn der Ger- Me Seite», inanen auf Kosteil der Jberier und Illyrier nach Spanien, über die Alpcn- länder und Norditalicn ansbreiteten, durch den Seitenschub germanischer An wohner hervorgebracht. Jedenfalls war der Gallierzug, der Griechenland durch branste und in Kleinasien (Galtatien) sein Ende fand (circa 280), eine Folge des Einbruches von Germane» in gallisches Gebiet. Das Schicksal hatte die keltische Rasse dazu bestimmt, gleichzeitig von den Germanen und den Römern angegriffen lind zermalmt zu werden. Bei ihrem weiteren Vordringen gegen das keltische Südwestenropa stießen germanische Wanderstämme (Ciiubern, Teutonen, Ambronen) zuerst mit dem Herrenvolte der Mittelmccrregion zusammen. Das Resultat der ersten germanischen Völker wände- tiritc ., Vlt u 9, die bis in die Zeit des Kaisers Augllstus reicht, bestand darin, dass Böller sich die Wanderstämme der Keltengaue zwischen Elbe und Rhein bemächtigten, w ” lbi:vu " !l- dass sie den mitteldeutschen Bergwaldgürtel definitiv durchbrachen und bis zur Donau drangen. Am Rhcill und an der Donau setzte ihnen die römische Herrschaft -schranken. Hier staute sich die Völkerflnt; es kam ein Zeitraum relativen Friedens. Während der ersten nachchristlichen Jahrhunderte unterhielten die Ger- »u, Ulanen, so sehr sie ihre nationale Selbständigkeit zu wahren suchten, mancherlei hn friedliche Beziehungen zu den Römern. Aiindcstens in den Grenzländern entwickelte sich ein Passiv Handel, der den „Barbaren" außer Wein, Kleidern und Geräthschaften auch die Bekanntschaft mit römischem Gelbe zuführte. Dieses spielte in der Politik keine geringere Rolle, als im Handel. Gewöhnlich nahmen die Germanen Silbermünzen (alte, mit gezacktem Rand und dem Zweigespann) lieber, als Gold; mit dein rothen Golde beschäftigte sich aber die Volksphantasie. Als Gegenwerte bot man den fremden Kanfleuten Beutestücke, Sclaven, Bernstein seit der Kaiserzeit kam auch baltisches (samländischcö) „Glesnm" in den Handel Flnssperlen, skandinavische Pelze, Federn, Pieh, das gleichzeitig als Wertmesser diente; auch eine scisenartige Substanz wird erwähnt, welche die römischen Damen gebrauchten, um ihr Haar nach deutscher Art röthlich zu färben. Für die n r g e r in a n i s ä> e R a t n r a l w i r l s ch a f t hatten Handel und •“«w Handwerk nur geringe Bedeutung. Der Ackerbau bildete die Grundlage des wirtschaftlichen Daseins. Die agrarischen Einrichtungen zeigen einen ent schieden socialistischeu (oder collectivistischen Eharaktcr. Privateigenthum Oistiert in frühgeschichllicher Zeit nur an fahrender beweglicher Habe. GrlUtd nnd Boden bilden das Gcmeineigcnthni» Allmende der Völkerschaft, später dez Gemeinde. Den Eharaktcr des Gemeineigens kann jedoch im Vaufe der58 II. Abschnitt. DaS altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). Zeit nur ein Thcil des Bodens behaupten, in der Regel Wald und Weid:; die Ackerflur wird ausgcschieden und geht in Sonderbesitz über. Trr »rüg als Dieser altgermanische SocialisinnS ist das natürliche Product der "7 germanischen Urgeschichte. Deren Grundmotiv, die Landnoth, zwingt zum Kampf, und Rechi7 2er Krieg wird eine Nothivendigkeit für diejenigen, die ihr Land behalten und die orimu„g. neues gewinnen wollen. Das eroberte Land ist selbstverständlich Genieincigen der Erobererschar, lind wenn sie auch ihren Führern einen Vorzug bei der Land- theilnng zuerkennt, so wacht sie dock), dass sonst die kriegskameradschaftliche Gleichberech tigung geachtet werde. Tie Organisation des Krieges ivird zum schöpferischen Principe der Eigenthums-, Gesellschafts- und Rechtsordnung. Ansiedelung« Als die Germanen Ivcstwärts rückten, war ihnen auf dem ne» erworbenen Lande weise»: eine ältere Bevölkerung im Besitze vorangegangen, und als sic sich späterhin wieder gegen Osten wendeten, fanden sie eine jüngere Bevölkerung nachgerückt. Drei fremd- artigeAnsiedlungsweisen mischten sich mit der spccifisch deutschen:die keltische, die tkliischk, römische und slavische. Für die keltische Besiedlung ist der Einzelhof mit seinem unregelmäßigen, wirksam eingehegten Landznbchör charakteristisch ; viele derartige Einzelhöfe gehörten zu einer ursprünglichen Geschlechtsgenossenschaft, dem „Clan"; die römisch«, mehrere Clane bildeten einen Gau. Tie Römer ließen in den Provinzen die Belitz- verhältnisse so, wie sic sie fanden; nebenbei brachen sie den italischen Latifundien mit den charakteristischen Billen (halb Herrenhaus, halb Meierhof) Bahn. Wo sie Land unter kleine Colonisten theilten, da hielten sie sich an die altitalische Gromatik (Messkunst) die siavli-t^. mit ihren regelrechten Quadraten. Tie slavische Siedlung trügt der nationalen Hä uscommnnion Rechnung. Grundstücke und Wirtschaftserträgnisse sind Gemein eigenthum eines Familienverbandes, der unter demselben Dache dem Gebot eines Ältesten Folge leistet; mehrere HauScommnnioncn bilden ein Torf, das die Form eines Rund- oder Straßendorfes hat. Mischung Alle diese volksfremden AnsiedlnngSarten finden sich auch ans germanischem a»' drun'chem Boden; denn die germanischen Eroberer haben sich nicht selten in die schon vorhandenen Siedlungen hineingesetzt und sie bei Neugründungen nachgebildet. Beispielsweise findet fich der keltische Einzelhof in den einst keltischen Alpenländern des heutigen, vom bayrischen Stamm occnpierten Österreich. Es gibt auch eine national germanische Ansiedlungsart, die sich noch ' c " e jetzt, wo immer Germanen hausen, Nachweise» lässt. Physiognomisches Kenn zeichen germanischer Ansiedelung ist das Haufendorf, das heißt eine An zahl von getrennten Höfen in unregelmäßiger Lage. Zu jedem Hofe oder Familiensitzc gehört die Hufe, nämlich so viel nutzbarer Boden, als der Hofherr mit seiner Familie und etwaigem Gesinde bebauen kann, überhaupt so viel als zu deren Existenz nvthig scheint. Die gesammte Ackerslnr einer Gemeinde mit Ausschluss der Allmende — wurde je nach Lage und Bonität in größere Stücke getheilt, die sogenannten Gewanne; diese theiltc man wieder »ach der Zahl der Höfe in möglichst gleiche Streifen (Morgen, Fochc, Fächert, Acker), welche Parzellen mm alljährlich unter die Hofbesitzer verlost wurden. Alle, die an einer solchen gemeinschaftliche» Landmarl theil halte», bildeten eine Markgenossenschaft. Für neue Ansiedlungen4. Capitel. Die byzantinisch-islainitische Periode. stand der Wald frei. Durch Rodung konnte jedermann sich seine Existenz and diesem noch unermesslichen Rescrvcfond des Volkes schöpfen. In diesem agrarischen System finden sich bereits Keinie einer Eigcnthumsordnung, Kc„»e socialer die dem socialitärcn Princip zuwidcrläuft: Ansätze zur Ungleichheit des Land- U " 9C1 eit ' bcsitzes und znm Privateigenthum an Grund und Boden. Jene ist bedingt durch die Entstehung aus dein Kriege. Den Führern, den Häuptlingen, deren Gefolge wurden von Anbeginn größere Landportionen zuerkannt; in und nach der Wanderzeit dauerten derartige Landgcivinnungen fort. Ein Stand von Großgrundbesitzern war im Entstehen, lind ferner, wie konnte verhindert werden, dass eine Gemeinde das jährliche Anslosen der Geivannstreifen satt bekam und jedem Hos seine Antheile für die Dauer zugeiviesen wurden? Was kümmerte auch die Bewohner von älteren Einzelhöfen oder solchen in frisch gewonnenem Lande (Rottland, Reugereute) die Feldgemeinschaft der Dorfbewohner mit ihrem Flurzwang? Gleichwie Ungleichheit des Besitzes, so findet sich auch Ungleichheit des Stiindische Standes und Rechtes schon in den Anfängen germanischer Geschichte. Der Krieg Ungleichheit, erzeugt mif primitiver Cnlturstufe und darüber hinaus, ivie sich bei Griechen und Römern zeigt, den fundamentalen llnterschicd von Freien und llnfreien (Kriegs gefangenen). Da der Krieger nicht gern friedliche Arbeit verrichtet, so wird er nach Möglichkeit drn Stand frohnpflichtiger Leute zu vermehren trachten. Zwischen Freie und llnfreic schiebt sich von Anbeginn eine Schichte, von Halb oder Mittelfreien (Liten), ursprünglich solchen, die sich ihren Besiegern freiwillig unterworfen haben, auf deren Stufe aber auch diejenigen hinabsiukcn, die ihre Boll- freiheit nicht z>i behaupten vermögen. Auf dem Zollfreien und zugleich Vollberechtigten ruhten ohnedies schwere Pflichten: die Wehr- und Gerichtspflicht. Das, was ihm Recht und Ehre gab, drückte ihn gleichzeitig ökonomisch nieder. Besonders für den jenigen, der keine fremden Arbeitskräfte zür Verfügung hatte und auf seine eigenen Arme angewiesen war, bildeten Heerdicnst und Theilnahmc an Volks- und Gerichts versammlungen eine Last, die er abznwerfen bereit war. So waren die Bedingungen z>ir Entstehung einer breiten Mittelclasse gegeben, die in der merowingischen und karlin- gischen Epoche zur Entfaltung kam. Auch das neue, den Kelten abgenominenc Land zwischen Elbe, Rhein Die und Dvnan genügte der anschwellenden Voltszahl der Germanen nicht lange. Vom Ende des zweiten Jahrhunderts an wehrten sich die Vorstöße gegen die Buncr- rvmischc Militärgrenze. Nachschübe fremder Völker vom Osten her drängten u ’ 1 ’" t '""" n ' fcic Germanen auch wider Willen westwärts. Die Römer hielten sich, mit Preisgcbnng der Dccnmatländcr und der nicderrheinischcn Districte, die West gerinanen vom Leib. Das Verderben kam jedoch von den Ostgermane» sVst- und Westgothcn, Vandalen, Burgundern, Rugiern), als den eigentlichen -lragern der lenk' cxochen sogenannten Völkerwanderung (zweiten oder ostgermanischen Völkerwanderung), durch die endlich den germanischen Stämmen der ersehnte Nahrnngs- und Ansicdlungsspiclranm innerhalb des Rönierreiches zntheil wurde. Vom weltgeschichtlichen Standpunkte betrachtet, ist die Völkerwanderung u»e der folgenreichsten Eolonifationen aller Zeiten: die Besiedelung Ätittel60 U, Abschnitt. DaS altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). Germanin und Romanen, WiM'chaii Uche Berdättnmc. und Westeuropas durch die Germanen. Sie ist die Wcrdezeit des romanisch germanischen Cultnrkreises. Den schlecht regierten, schutzlosen Provinzen des weströmischen Reiches tzaden die germanischen Eroberer materiellen Legen gebracht. Nicht als Zer- slörcr sind sie gekommen, sondern als Erwecker neuen Lebens. Natürlich dort, Ivo der Kampf am fürchterlichsten gewüthet hatte, in den Grcnzprovinzen, an Rhein und Donau, in den Dnrchzngslcindcrn, da lag wohl manche Stadt in Trümmern Vlub war die Bevölkerung dünn geworden. Wo sich die Ger manen dauernd ansiedelten, ließen sic die Städte bestehen. Sie selbst zogen den Landaufenthalt vor. In der Weise römischer Soldaten quartierten sie sich bei den Besitzern ein. Meist begnügte» sie sich mit einem Drittheil des Grundes und Bodens; wenn sie das Ganze verlangten, so blieben die bis herigen Besitzer als zinspflichtige Colonen auf ihrem ehemaligen Grunde. In den weströmischen Provinzen kam nach der germanischen Besitz ergreifnng das gesammte materielle Leben wieder in Fluss, der Ackerbau in erster Linie. Sv kräftig wirkte der germanische Geist auf das Gewerbe, dass ein neuer Knnststil entstand, der sogenannte Bölkcrwandernngsstil, der bei den Göthen, Franken, Langobarden re. wieder wohl unterscheidbare Eigen thümlichkeitcn zeigt. Der Mittelmeer Handel wickelte sich ab, wie in der spätrömischen Epoche, obgleich die Sicherheit zeitweise äußerst gering war. Der Handel concentriertc sich in den nämlichen Plätzen und verband die gleichen Länder. Jedoch der Weste» wurde immer passiver. Bedenklich zeigte sich die Überlegenheit des griechischen Ostens darin, dass er den geringen Edelmetallvorrath des Westens durch den Handel an sich zog. Die romanische Provinzbevölkerung leistete auf die Kostbarkeiten (;. B. Seide, Papyrus, Edelsteine und Leckereien des Orients noch immer nicht Verzicht, und auch die Barbaren nahmen von der Civilisation der antiken Mittelmeerländcr zuerst an, was sich so leicht begreifen ließ, wie ein angenehmer Geschmack oder Geruch. In den römischen Städten haben sie auch Besseres gelernt; zahlreiche Lehnwörter der deutschen Sprache weisen ans die sachlichen Enltnr entlchnnngeii der Wanderzeit. Der Oricnthandel, welcher See »nd Großhandel blieb, war vorwiegend in den Händen orientalischer Kanflente: Syrer und Juden. Der Landhandel siel ihnen ebenfalls zu, obwohl Romane» und Germanen an ihm theilnahinen. Ein Handelsvolk ist zunächst ans keinem germanischen Stamme der Wanderzeit geworden. Auch ein Handelssland gestaltete sich noch nicht. Spät erst, im romanisiertcn Instand, haben sich die Langobarden der Handelschaft zngewandt. Die Vorfahren der großen Handels Völker des neueren Europa, wie die Friesen und Sachsen, trieben sich zwar schon auf der Sec herum, hatten jedoch mehr Vorliebe für den Raub, als4. Kapitel Tie byzantinisch-islamitische Periode. 61 für den '®auf. Piraterie war denn anch die Schule, aus der die inaritime Größe der Engländer, Holländer, Hanseaten hervorgcgangen ist. 8 20. Tic spätmcrowingischc und karolingische Epoche (circa 550—850). Leit dem 6. und 7. Jahrhundert war die altgcrmanische Gcscllschasts- ordnung'im Verfall begriffen. Der deinokratisierendc > die ^tändennterschwde ^„schasis- anfhebende) und der collectivistische Geist der Wanderzeit verschwand, als die °^»»ng. germanischen Völker wieder sesshaft wurden und mit den Bcvölkernngsresten des römischen Reiches in Berührung traten. Aristokratische und indi vidualistische Strömungen verwandelten Staat und Gesellschaft vom Grund aus. Was sich die Germanen durch Jahrhunderte gewünscht, des hatten sie Gcu»>oth. nun die Fülle: Land. Mit der „Landnoth" war es vorbei; aber eine andere Roth machte sich bemerkbar, der and) in den ehemals römischen Provinzen nicht abgehvlfc» werden tonnte: Geldnoth. Das Stenerwcscn verfiel, weil die Barzahlungen nicht geleistet werden konnten; an den Zollstätte» gieng kein Geld ein, die Zollpflichtigen zahlten mit Procenten ihrer Ware; das Geld verkroch sich in die Schatzkammern, verwandelte sid) in Gold- und Tilbergeräth, cs stellte geradezu seine wirtsd)aftlichen Functionen ein. An die Stelle von Geldleistungen traten Naturalabgaben oder persönliche Dienste. Die Könige und die Großen belohnten die ihnen geleisteten Dienste auch. nid)t mit Geld, sondern mit Landzuweisungen oder nutzbaren Gerechtsainen. Da nun der Landbesitz die einzige Bermögensgrnndlage bildete, griff das Trachten »ad) Vermehrung desselben in alle» Schichten um sich. Es entstanden die großen Grnndhcrrschaften, ans denen such die charaktc' ristische Staatsform des Mittelalters, der Feudal- oder Lehenöstaat, emporrichtete. ^ Von mehreren Seiten her war die Bildung großer Grundherrschaften begonnen Ncucr Adel, worden. Roch ertftievteu auf römifdjem Reichsboden Latifundien, die von leibeigenen Zinsbauern (Colonen) bewinschasket wurden. Sie dienten besonders den frisch ent stehenden kirch liche n Gr u ndh err sd)a st en zum Muster. Der größte Grundbesitzer war der König selbst, dessen GefolgSmanncn (Antrustionen), Hof- und Reichsbeamte t" ansehnlichem GutSbesitzc gelangten. Ein Dienstadel hob sid> über die Masse der Geineinfreien empor; aus ihm ist der hohe Adel späterer Zeit hervorgcgangen. Mit dem Dienstadel der Karolingerzeit verschmolzen die Reste des frühgermanischen llradelS, der sich am kräftigsten bei denjenigen Stämmen erhalten hatte, die in der Wanderzeit am wenigsten nmhergeworfen worden waren. Ter Stand, in dem die gesellschaftlid)e und politische Differenzierung im größten A»M»»g vc» biatzßabc Platz gegriffen, waren die Gemeinsrcien. Rur wenige riss das Wliid zu Qfofjen Grnndherren empor. In manchen Gemeinden behielten sie ihre alte Freiheit' cmcl " reimDie Unfreie». Frohnhöfc. Lrndbeu. 82 II. Abschnitt. Das altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). und Hufenordnung. In den meisten Fällen erlagen sie dem socialen Zersetzungsprocessc. Für den durchschnittlichen Hufenbesitzee waren Heer- und Gerichtsdienst unerschwingliche Lasten geworden; außerdem bedrohten die hohen Strafgelder der Volksgesetze, die Chicanen der öffentlichen Beamten, die Habgier der Großen ihre wirtschaftliche Existenz. Wer verarmte, musste froh sein, wenn ihm wieder Land gegen ZinSleistnng zugewiesen wurde; freilich war er dann Zinsbauer geworden, auf die Stufe der Halb- freien und Colonen hinabgesunken. Wenn er noch nicht um seine Habe gekommen ivar, so verzichtete er lieber freiwillig ans die lästigen Borrechte der Freiheit und tiber- trug sein Eigcnthnm einem Großen (Commendation). Er trat in dessen Dienst; der Mächtige wurde sein Senior, er selbst dessen Vasall (Vassus) und cmpficng wohl das Seinige nebst anderem, ivaS der Herr hinznzufngcn beliebte, oder Herrengnt über haupt als sogenanntes Benefici um zur Nutznießung. Das Lehen, das zwischen Herrn und Vasallen gegenseitige Pflichten begründete, raubte ihm nicht seine sociale Stellung, wie es bei der Zuweisung von Zinsgilt der Fall war. Indem das Lehcnswcscn von den unteren auch in die höheren Schichten verpflanzt wurde, ist es der TypuS der gesammten Staatsordnung geworden. Auf die Lehensträger des Staates giengen für ihren Bereich auch die Hohcitsrcchtc des Staates, Heer- und Gerichtsbann, Besteue rung u. s. w. über. AuS den in die Tiefe gesunkenen Freien, den Halbfreicn, Unfreien formierte sich eine sociale Schichte, in der die ursprünglichen Unterschiede immer unkenntlicher wurden. Sie bildeten die gleichartige Masse der „Grundholden", die vom Mittelpunkte des Großgrundbesitzes, vom Herrenhose (auch Fr oh n- oder Salhof genannt), Befehle erhielten. Der Herrenhof war ein Hof im kleinen. Die Beamten und Gefolgs leute daselbst nahmen bald eine bevorzugte Stellung ein; sie bildeten die Grundlage des zukunftsreichen Standes der Ministerialen (Dienstmannen). Die breite Schichte der abhängigen Leute war nichts weniger als ein neues Proletariat. Wie auf allen Stufen der Lehensherrlichkeit, so gieng auch unter den Zinsbaren das Streben dahin, ihr Verhältnis erblich zu machen. In der That war cS ein erträgliches; denn die ZinS- lente theilten die Grundrente mit dem Gutsherrn, der den kleineren Theil empfieng. Als die Abgaben fixiert wurden, die Grundrente aber stieg, so verbesserte sich natürlich die Lage der Abgabspflichtigen. Unleugbar repräsentierten die Großgrundherrschaften mit ihren Frohn und Meierhösen eine vollkommenere Form des Wirtschastsbetriebes, als die Markgenossenschaften. Den großen Gutsbesitzern standen die Mittel zu neuer Rodung zur Verfügung.' Jedoch auch den älteren Besitzungen kam eine inten sivere, planmäßige Bewirtschaftung zugute. Überschüsse wurden produciert, kamen auf den Markt, belebten den Verkehr. Die Herrenhose selbst gestalteten sich zu Märkten. Landwirtschaft nnd Gelvcrbe arbeiteten sich allda in die Hände. Im Land bau gieng man während der Frohnhofzeit von der »»voll küinmcnen Feldgras- zur Dreifelderwirtschaft über (derzufolge die Ackerflur in drei Partien gethcilt wird, die man abwechselnd mit Sommer oder mit Wintergetreide bebaut oder brach liegen lässt). Dem Wein--, Gemüse-, Blumen- und Obstbau wurde besondere Sorgfalt zugewandt. Für gewerbliche4. Capitel. Tie byzantinisch-islamitische Periode. 63 Zwecke kultivierte ma» Flachs und Hanf, Krapp und Waid. Dem Forste, gegen den bisher blind gewüthet worden war, wird königlicher Schutz zutheil. Biele Wälder werden inforestiert, daö heißt der ausschließlichen Beuiitzung durch deu König oder von ihm begünstigte Personen Vorbehalten. Noch immer nimmt die Viehzucht einen breiten Raum in der Landwirtschaft ein. Es gibt Rinder-, Schaf-, Schweiueherdeu; das Schweinefleisch ist Bolksuahrung. Aus militärischen Rücksichten widmet mau der Pferdezucht die größte Aufmerk samkeit. Das Zeidelwesen erzeugt einen gangbaren Handelsartikel, das für den Kirchendicust unentbehrliche Wachs. Bier und Meth werden gebraut. Der Bergbau (auf Kupfer, Eisen, Blei) und die Salzgewinnung sind noch keine Regalien, sondern stehen in Privatbetrieb. Die Frohnhöfe sind auch die Hauptsitze gewerblicher Thütigkeit. Zunächst arbeiten die unfreien Handwerker des Frvhnhofes für die Bedürfnisse der Grnndherrschaft, nebenbei auch für den Markt. Den unfreien Weibspersonen ist ebenfalls ihre Rolle im gewerblichen Leben zugetheilt: sie spinnen, weben und färben „die schimmernde Wolle, den schneeigen Lein". Neben unfreien gab es auch freie Handwerker außerhalb der Herrenhöfe, z. B. Gold- und Waffenschmiede, namentlich in den Städten der romanischen Neichstheile. Der einzige Jndnstriebezirk des Frankenreiches war wohl Friesland, die Urheimat der niederländischen Tuchfabrication. So sehr standen friesische Gewebe in Achtung, dass Karl der Große den Chalifen Harn» al Raschid niit weißem, rothem, grauem und bläulichem Tuche friesischer Provenienz beschenkte. Die Zeit zwischen 600 und 750 n. Ehr. ist wohl die des tiefsten Standes der abendländischen Eivilisation. Immerhin blieben die romanischen be» germanischen Ländern überlegen. Mit dem griechischen Orient verglichen, war aber auch der romanische Occident eine Stätte der Barbarei. Als die Geldmittel schwanden, wurde» die ostwestlichcn Beziehungen der Mittel- »lecrländcr immer dürftiger. Der Handel versickerte ans Geldnoth. An Unter- uehmungslust fehlte es nicht, am wenigsten bei den halbromanisierten Lango barden Italiens. Es war schon das Zeichen einer Wendung zum Besseren, dass Pipin der Kleine und Karl der Große sich wieder mit dem Münzwese» befassten. Die Prägungen waren unter den letzten Merowingern rar geworden, obwohl das Münzrecht so ziemlich unbeschränkt ansgeiibt wurde. Auf eine An bastnng der Münze an die byzantinische Goldwährung mussten die Karolinger oon Vorneherein verzichten. Sie begründeten die Herrschaft des Silbers Abendlande, während im Oriente Gold im Umlauf blieb. Erst in den atzten Jahrhunderten des Mittelalters liat sich der europäische Großverkehr nieder des Goldes bedient. (Gewerbe betrieb. T epression der Culttlr. MünMseu64 II. Abschnitt. Das altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). Nach karolingischer Währung wurden ans dem Pfunde Silber 240 Denare geprägt (zu 1°7 g). Gerechnet wurde entweder nach Pfunden (livres) oder Solidi (sous = 12 Denaren). Karl der Große strebte das Münzwesen zu monopolisieren. Das Maß- und Gewichtssystem suchte er ebenfalls einheitlich zu gestalten. Auch finden sich Ver ordnungen über Normalpreise von Lebensbedürfnissen, Preise, die in guten und schlechten Jahren unveränderlich sein sollten. Ter Specnlationskauf »nd der Wucher, mit Einschluss jeglichen Zinsgeschäftes, werden untersagt. Brrkehrs- In der Karolingerzeit wurde daö Verkehrswesen wieder in den Kreis staatlicher Fürsorge hineingezogc». Wege und Brücken wurden gebaut oder renoviert. Der Versuch Karls des Großen, Rhein und Donau mittelst eines Altmühl-Negnitzcanals zu verbinden, scheiterte an der technischen lln- behilflichkeit des Zeitalters. Der Boten- und Transportdienst erhielt die Form einer öffentlichen Leistung. Innen- und Der Handel im Inneren des Frankenreiches war nicht so ganz Außenhandel, unbedeutend. Bei den königlichen Pfalzen und auf den größeren F r o h II- Höfen gab eS zu Marktzeiten einen ansehnliche» Umsatz, ebenso bei den Bischofssitzen und Klöstern, in den alten oder wieder erstehenden Städten. Der Verkehr mit dem Aus lau de bedeutete wenig. Von Wichtigkeit waren bloß die Grenz Märkte, wo sich der Verkehr mit Dänen, Slave», Avaren abwickelte; als solche Grenzstapelplätze werden erwähnt: Bardewiek, Magde- bnrg, Erfurt, Forchheim, Regensburg, Lorch (an der EunSinündnug). Land handel bestand auch über die Alpen nach Italien. Mit England und Skan- dinavicn wurde Schiffsverkehr unterhalten. Karls des Großen Idee, de» levanlinifchen Handel wieder in Gang zu bringen, führte trotz aller Au- kniipfungcn mit den Höfe» von Byzanz und Bagdad zu keinem dauernden Ergebnisse. Immerhin gab es schon in der Karolingerzeit reisende Juden, die von Spanien und dem Frankenreiche auf den See- und Landroutcn bis Indien und China gelangten. Sie brachten aus dem Morgenlande Spezereien, wogegen sie aus dem Abend- in das Morgenland Sclaven, Pelzwerk, Waffen führten. T>1>> „kunte Nach Osten versperrten dem Frankenreiche die Slauen den Ausweg, vahrhundeii. desgleichen die Avaren, und als diese beseitigt waren, schwollen die Slaven noch mehr an und kamen die Magyaren. Im Mittelmeer begannen die Sarazenen und in den nördlichen Gewässern die Normannen ihr räuberisches Treiben, daö im !). Jahrhundert allen Seehaudcl bis zur Unmög lichkeit erschwerte. Gleichzeitig war das Frankenreich den ärgsten inneren Verwirrungen preisgegeben — kein Wunder, dass die Volkswirtschaft seit Karls des Großen Tode einem neuen Tiefstände zueilte. Ein Jahrhundert, schrecklicher als die wüstesten Abschnitte der Völkerwanderungsepoche, war über das Abendland gekommen.4. Capitel- Tic byzantinisch-islanritische Periode. 65> 8 21. Die christliche Kirche. Die leitende Macht innerhalb deS romanisch-germanischen Culturkreises war im Mack» dcr Mittelalter die abendländische (lateinische, römische, katholische) Kirche, beziehungsweise Kirche, die kirchliche Hierarchie mit ihrem Oberhaupte, dem Papste. Auch das wirt schaftliche Leben ist von der Kirche beeinflusst worden. Bei den Kirchenvätern und Scholastikern finden sich eigenthümliche wirtschafts- Wirischasts- thcoretische Anseinandersehungen, die ihren Ursprung nicht in den Werken der Alten ",eorie. haben, sondern in der Heiligen Schrift. Tie christliche Theorie betrachtet das Privateigen- thnm und die Ungleichheit des Besitzes als Thatsachen, die in der Sündhaftigkeit des Menschen ihren Grund haben, und wird nicht müde, die Ausschreitungen zn bekämpfen und den Härten entgegenzutreten, an denen das gesellschaftliche Dasein dcr mittleren Jahrhunderte so reich war. Freilich musste die Kirche einen Kompromiss mit der Wirk lichkeit schlichen, Eigenthnm erwerben »nd Leute verwenden, die alle Schattierungen von bevorzugter Freiheit bis zur Sclaverci anfiveisen. Gerade das höchste Ziel, dem die Kirche nachstrebt, die Erwerbung des Weltlicher eivigen Lebens, involviert die Nothmendigkeit, das irdische Leben materiell sicher- desto der znstellen. Dem CleruS vor allein muss möglich gemacht werden, den Weg zum Heile ' inrt|C ' zn finden und zn weisen. Das konnte nur geschehen, wenn die Kirche die Mittel besaß, dass ihre Organe, frei von niedrigen Sorgen und unabhängig von den Forderungen der Welt, sich den höchsten Idealen hinzugeben vermochten. Die Laienwelt selbst hat der Geistlichkeit durch Schenkungen, Bermächtnisse, Stiftungen n. s. w. die erforderlichen Mittel geboten. Von Constantin dem Großen bis an die Schwelle der Reformationszeit hat die Kirche ihre Besitzungen vermehrt, hat die Kloster und Weltgeistlichkeit an Zahl und Reichthum zugenommcn. Kirchengut und namentlich Klostergut hat die Eigenschaft des Collectiv- Klrchmgut. eigenthnmS. In jeder Hinsicht nimmt es neben dem übrigen öffentlichen und privaten Eigenthnm seinen gesonderten Platz ein. Vor allein bleibt eS Eigenthnm der Kirche, wird nicht durch Erbgang verloren oder zersplittert, ist betreffs seiner Ver äußerbarkeit Beschränkungen unterworfen. Immerhin machten sich innerhalb der mittelalterlichen Kirche Strömungen bemerk- SvangcUsck» bar, die gegen deren weltlichen Besitz gerichtet waren. Es wurde ab und zu verlangt, die Geist- • lvmut lichtest solle auf ihr Eigenthnm verzichten, die Armut Christi und der Apostel sich zum Vorbilde nehmen. In loyalster Weise prägte sich die Theorie der Armut in den Bcttcl- 0 r d c n des I!!, Jahrhunderts, bei den Dominicanern und FranciScanern, aus. Die Bettcl- mönchc verzichteten nicht nur ans das Privat-, sondern selbst auf daS Collectiveigenthnm. Das beschauliche Leben, durch welches allein das kirchliche Ideal verwirk Arbeit, licht werden kann, steht zwar mit der ErwcrbSthätigkeit, aber nicht mit der Arbeit in Wiverspruch. Die Arbeit an sich gilt als ÜUlittel zu einem tugendhaften Wandel »n Gegensätze zum Müßiggang. Thatsächlich haben die Klöster und sonstigen Mittel punkte kirchlichen Sinns dem Laienstand in erfolgreichster Arbeit vorangeleuchtet. Die Arbrit des CleruS auf dem Gebiete der Landwirtschaft, des Gewerbes, dcr Künste und Wissenschaften, der Seelsorge und des llntcrrichtes hat die der Laien mindestens ein Jahrtausend hindurch in den Schatten gestellt. Weniger günstig als gegen Landivirtschast und Geiverbc verhielt sich die kirchliche Theorie des Mittelalters gegen de» Handel, namentlich gegen Gew- und E reditgeschäfte. Mayr, rchrdnch dcr Har.dcl-yzcschicknc.66 II. Abschnitt. Das altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). Abneigung gegen die Speculanon. Sinewevfot Rente» laus. Lrmcnweie». Seltiretcii. Übrigens zeigte sich auch bei den weltlichen Organen jenes Zeitalters das Bestreben, gewissen Erscheinungen des naturwüchsigen Handelsbetriebes entgegen zutreten. Sie bekämpften den Ankauf von Vorräthen, die Specnlation, namentlich die auf Misswachs und Überfluss. Außerdem gaben sie sich Mühe, den „gerechten" Preis der unentbehrlichsten Artikel zu ermitteln, mitunter überzeugt, ihn für alle Zukunft fest- gestellt zu haben, zuweilen in der Absicht, ihn nur für eine kürzere Frist, z. B. ein- Jahr, zu fixieren. Tie Kirche selbst legte das größte Gewicht ans das Zinsverbot, d. h. der Gläubiger sollte von seinem Schuldner keinen Zins fordern dürfen. Dieses dem Kirchenrecht einverleibte Verbot wurde freilich nur so lange beobachtet, bis die Ratnral- dnrch die Geldwirtschaft verdrängt war und das mobile l5apital unwiderstehlich auf Rentabilität hinsteuerte. Übrigens wurde das Zinsverbot meist nur buchstäblich beobachtet, in Wahrheit jedoch umgangen. Ans dieser Praktik ist eine der häufigsten Geschäftsformen des Mittel- alters hervorgegangen, der Renten- oder Gülten kauf. Anstatt eine Summe Geldes gegen Zins auszuleihen, kaufte man die Erträgnisse einer Liegenschaft; der Tarlehenswerber kam so zum gewünschten Gelde und der Geldgeber zu seinen Zinsen. Auf die Bekenner der mosaischen Lehre erstreckte sich das canonische Zinsverbot nicht. Selbstverständlich gab es außer dem Rcntcnkanf noch andere Methoden, daS canonische Verbot zu umgehen. Ihre eigenen Reichthümer und Productionsüberschüsse verwendete die Geistlich keit zu einer Armenpflege und Liebesthätigkeit, wie sie großartiger von keinem einzelnen Stande jemals geübt worden ist. Im Mittelalter ruhte Annen- und Kranken pflege ausschließlich in den Händen des CleruS und der um ihr Seelenheil besorgten Personen aus dem Laienstande. Erst im 15. und 16. Jahrhundert haben Stadt und Staatsregierungen sich mit dem Armenwesen abgegeben, um der Bettelei und Land- streicherei zu steuern. 8 22. Das byzantinische Reich bis z» den Ärenzzügen. Leit dein 4. und f>. Jahrhundert war Byzanz sEonstantinopel) unbedingt die erste Handelsstadt der Mediterrauregion. Eö war die Haupt- und sttesi dc»;stadt deö griechischen oder oströniischcn Kaiserreiches, dieses die Heimals gebiete der menschlichen Cultur unifasscndcn Ländcreomplcxcs, der von den Stünncn der gcrinanischcn Bölkerivanderung größtcnthcilö verschont blieb. Die Centralisationspolitik der Kaiser gieng systematisch darauf aus, den geistigen und materiellen Einfluss der Hauptstadt zu vermehren. Durch den Niedergang Westroms und die mit dem Entstehen der romanisch ger manischen Staaten verbundene (Währung gewann Byzanz noch an relativer Bedeutung. Während im Westen das Geld immer mehr aus dem Verkehre schwand, konnte Byzanz den Geldumlauf aufrecht erhalten. Es blieb bei dem Constantinischen GoldsoliduS; unter dein Namen Byzantiner (franz. >>E»t) wurde er die Wellhandelömilnze, vor der Morgen und Abendland in seltener Einmülhigkeit sich beugten. Für den4. Capitel. Die byzantinisch-islainitische Periode. 67 indisch-chinesischen Handel brauchte man Feinsilber, das auf Nimmerwiederkehr im fernen Osten untertauchte. Silber- und Kupfermünzen unterlagen allerdings mancherlei Ver schlechterungen. Da^ die Marine der einstmals weströmischen Provinzen verfallen war Materieller und bei deren romanisch-germanischen Bewohnern der Handelsgcist noch im Nutzen d!§ Schlummer lag, so befuhren die Oströmer selbst das Meer, um ihre Fabrikate und die Naturerzeugnisse des tropischen Asiens an deit Mann zu bringen. Nebenbei diente der Handel den byzantinischen Politikern dazu, die Barbaren des Westens und Nordens an das Reich zu fesseln. Selbst Könige waren einem Geschenke von Seidenstoffen, Juwelen oder Spezereien nicht abhold. Nicht bloß der Jude, sondern auch der Grieche und der Syrer — Unterthanen des rhomäischeit Kaisers — waren typische Figuren in den Handelsplätzen des Abendlandes. Gleichwie der Handel sich in deit Geleisen der römischen Kaiserzeit Industrie, fortbewegte, so fand auch die Industrie in ihren Heimstätten, Ägypten, Syrien, Kleinasien, die altgewohnte Pflege. Constantinopel hatte freilich unterdessen wie im Handel so auch im Gewerbe Alexandrien, Antiochien, Tyrus, Berytus u. s. w. überflügelt. Einzelne Jildustriezweige waren Staats monopole geworden; in anderen rang die Privatindustrie mit der ärarischen ums Dasein. Namentlich war die Seidenweberei in den kaiserlichen «°>dc» Gynäceen eine unüberwindliche Concurrentin für die nichtkaiserlichen Seiden- arbeiter, die denn auch auswanderten uitd ihre Kunst in den Nachbarstaaten fortübte». Die Seidenindustrie ragte im oströmischen Reich über alle anderen Zweige der Fabrikation hervor. Während sich in der antiken Welt der Verbrauch von Seide in bescheidenen Grenzen gehalten hatte, wurden seidene Gewebe nun dein weltlichen wie kirchlichen LuxtlS unentbehrlich. Den gesammten Rohstoff bezog man noch aus China. Die Über- landswege und die Straße vom persischen Golf bis an die Grenze des Rhomäerreiches waren jedoch im Besitze der Neuperser. Bei den häufigen Kriegen mit diesen stockte selbstverständlich die Zufuhr. Schon Justinian I. war eifrigst bemüht, den Verkehr mit Ostasieu von- der persischen Vermittlung 511 befreien. Thatsachlich bahnte er die Eman- cipation an, indem zu seiner Zeit griechische Mönche, ivie man sagt, in ihren hohlen Stäben, die echte Seidenraupe mitbrachten, so dass man mit der Seidencnltur innerhalb des Reiches den Anfang machen konnte und sich weder um Perser noch Chinesen zu sorgen brauchte. Es dauerte ziemlich lang, bis der Bedarf an Rohmaterial aus den eigenen Plantagen gedeckt zu werden vermochte. Nunmehr kam auch in den Provinzen, zumal in den phönizischcn Städten, die Scidcnfabrication in die Höhe. Ob gleich den Kanflentcn die Ausfuhr mehrerer Sorten von Seidenzengen verboten war, so gelaugten sie über diese Schwierigkeiten hinweg, wenn sie sich mit den Zollbeamten auf guten Fuß zu stellen wussten. yjiit dem 7. Jahrhundert kam eine Epoche unsäglicher Bedrängnis ^ ci,c " über Ostrom. Gerade die gewerbflcißigsten und kommerziell bestgelegencn68 n. Abschnitt. Das altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). Provinzen, Syrien und Ägypten, giengen an die Araber verloren, deren Kriegs- und Pliinderzüge den Mittelmeerhandel lahm legten. Byzanz musste längere Zeit froh sein, wenn es die unentbehrlichen Artikel der Gewürzländcr von der nordasiatischen Straße her am Kaspisee oder Pontns in Empfang nehmen konnte. Das Schwarze Nteer bekam erneute Wichtigkeit siir den Welthandel. Trapezunt und Cherson (auf der Krim) waren die Sammcl punkte des politischen Verkehres. Der nach anderen Richtungen hin gehemmte Handel brach sich einen Ausweg nach Norden. Den Dnjcpr aufwärts führte eine für Russen und Skandinavier gleich wichtige Straße über Kiew und Nowgorod an die Ostsee. Rückschritt Als sich im 10. und 11. Jahrhundert die Bölkerstürine auf und außer- Aclivhmidclr halb der Balkanhalbinsel gelegt hatten, wurde es aller Welt offenbar, dass die Energie des griechischen Elementes gebrochen >var. Byzanz blieb der große Markt, auf dein Morgen- und Abendland ihre Geschäfte abwickelten. Neben Byzanz war auch T h e s s a l o n i k e (Saloniki) ein Hafen ersten Ranges. Fremdr. Jedoch mit dem Eigenhandel des Ostreiches war cs vorbei. Die fremden Kaufteute kamen dahin, ja siedelten sich förmlich an, um untereinander und mit den ortsansässigen Händlern den Warenumsatz zu bewerkstelligen. Jiu . 11. Jahrhundert fanden sich Mohammedaner, Armenier, Russen, Bulgaren, Magyaren am Goldenen Horn (Chrysokeras) zusammen; ihnen allen liefen die Italiener den Rang ab. Slmaifiiancr. In Süditalien gab cs all die Jahrhunderte von der langobardischcn bis zur normannischen Eroberung (6.—11. Jahrhundert) Überreste byzan tinischer Herrschaft. Unter den Städten, welche die Oberhoheit Ostroms an erkannten, war Amalsi die handelseifrigste. Als Unterthancnstadt genoss sie allerlei Begünstigungen, die ihrem Vertrieb von Seidenstoffen und Spezereien Benrtiancr. förderlich waren. Neben de» Amalfitanern fassten die V e n c t i a n e r Posto; sic anerkannten ebenfalls, bei thatsächlicher Unabhängigkeit, die'Oberherrschast von Byzanz. Unter anderem brachten die Laguncnbewohner dalmatinisches Schiffbauholz nnd steirisches (norisches) Eisen dahin, auch besorgten sie den Bricfverkehr zwischen West und Ost. In der Zeit, als Amalfi unter die Botmäßigkeit der Norninnncn gerieth nnd, bei der Todfeindschaft der letzteren gegen Byzanz, für den Levantehandel immer weniger in Betracht kam, halten die Benetianer bereits den Verkehr mit Ostrom an sich gezogen. Ihre Dienste belohnte Kaiser Alexius l. mit einer goldenen Bulle des Inhaltes, „dass die vcnetianischcn Kaustente überall, soweit das griechische Reich sich erstreckte, sollten Waren verkaufen nnd kaufen können, ohne dass ein kaiserlicher Zoll, Steuer- oder Hafcnbeamter die Waren visitieren oder irgendwelche Abgabe im Namen des Staates erheben dürfte".4. CSapitet. Die byzantinisch-islamitische Periode. 69 Kurz vor dein ersten Kreuzzug war mithin der Eigenhandel des ost- römischen Reiches nur mehr gering. Ein- und Ausfuhr lagen bereits der Hauptsache nach in den Händen der Fremden. Zeit den Krenzzügen wurde der byzantinische Handel nur ein Bestandtheil des weitverzweigten Levante- Handels, den die resoluten Occidcntalen beherrschten und zu bisher unerreichter Blüte brachten. 8 2.'j. Das Reich der Chalisc». Kein berühmterer Mann ist aus dem Kaufmannsstande hervorgegangen M» 4 -»»»ed, > ' . der Prophet. als Mohammed, der Prophet. Er stammte ans einer handeltreibenden Stadt (Mekka) und kam als Handlnngsreisendcr auch über seine engere Heimat hinaus. Nachdem er sich mit seiner Herrin, der Witwe Chadidja, verheiratet hatte, blieb er noch einige Zeit dem Geschäftsleben treu. Seine religiöse Mission entfremdete ihn seinem bisherigen Berufe, uud auch die Nation, die er zum Glaubenskriege angefeuert hat, folgte nicht den mercnntilen Antrieben, die seit Jahrtausenden in einzelnen Theileu Arabiens lebendig waren. Die Bevölkerungsschichte, durch die der Islam zur Welt macht wurde, war die nomadische, waren die Beduinen. Tie Wäste oder Steppe ist der natürliche Boden des Nomadenthums. Die Mission der herumschweifende Lebensweise erhält die Böller rüstig, streitbar, gesund und jung; hingegen erschlaffen die sesshaften Bewohner der benachbarten Culturländer nur allzu c ' u0 > ucr - leicht. Sei es die Sandwüste Arabiens oder die Wald- und Sumpfwüste Nordeuropas, einmal brechen ihre überschüssigen Kräfte in die lockenden Nachbarländer ein; entweder wiederholen sich die Raubzüge (Razzias), oder cs folgt die dauernde Eroberung. Die Geschichte der westumwälzenden Völkerwanderungen zeigt immer denselben Gegensatz zwischen den Söhnen der Wiistc und denen des CnlturlandeS. Bor Jahrtausenden waren die Semiten aus der syrisch-arabischen Wüste in die Cnlturoasen Mesopotamiens, Syriens, Ägyptens eingebrochen und hatten sich als Herren in die Besitzthnmer ihrer in Knechte verivandelten Vorgänger hineingesetzt. Im 7. Jahrhundert n. Chr. G., seit Mohammed, wiederholte sich der Process. Fanatisiert durch die Lehren des Propheten, fielen die semitischen Wüstensöhne tiber die Cultur länder des byzantinischen und nenpersischen Reiches her. Der Organisator des arabischen Raub- und Eroberungssystemö war MMtHrychcr nicht Mohammed, sondern der zweite Nachfolger des Propheten (Ehalif), „„""'omar«. Omar, das verkörperte Genie der arabischen Rasse. Er begründete eine Art von militärischem Coiniuunismns. Erstens wurde die Beute der Kriegs züge unter die Theilnehmer und deren Familien repartiert, zweitens auch der jährliche Ertrag der eroberten Provinzen (nach Abzug der sehr geringen Staatsailsgaben) vertheilt, und drittens wurden den Eroberern Wohnsitze in den unterworfenen Gebieten angewiesen. Unter Omar war das Geschäft um so einträglicher, da die blühendsten Provinzen des oströmischen Staates70 II. Abschnitt. Das altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). und das neupersische Reich den Arabern anheimfielen. Als das „schätzereiche Ktesiphon", die am Tigris gelegene Hauptstadt der Sassaniden, erobert ivorden war, kamen 900 Will. Dirhem — etwa halb soviel Gulden — zur Vertheilting unter die Lieger, die in barbarischer Unkenntnis die größten Kostbarkeiten sinnlos verschleuderten. Ltädic- Zur Sicherung der frisch eroberten Länder legten die Araber befestigte gründungm. flIl , j,j C/ East wider ihren Willen, bald zu den blühendsten Jndnstric- und Haudelsorteu des Ostens den Kern abgaben, z. B. Kusa, Basra, Bagdad, Kairo re. Hier verwandelten sich die Beduinen in Cultnrmenschen und lebten sich in die Gesittung ihrer Untcrthanen hinein. Metamorphose Hatte Mohammed den Glaubenskrieg gepredigt, um seine neue Lehre zu ver- deoGlaube»«-Breiten und die Anhänger der anderen Religionen auszurotten oder zu bekehren, so krieget. seit Omar der heilige Kampf einen realistischeren Zweck: die Nichtmohammedaner zu unterwerfen, auszuplündem und die Mohammedaner durch sie ernähren zu lassen; seitdem traten die Neubekehrten nicht als gleichwertige Mitglieder der herrschenden Glaubensgenossenschaft bei, sondern als Clienten, als Mohanimedaner zweiter Güte, als Mittelglieder zwischen den Rechtgläubigen echten Geblütes — den Herrschenden und Genießenden — und der arbeitenden, steuerzahlenden Kaste der Rajahs. Wo immer der MohammedanismuS in- und außerhalb des ChalifateS zur Herrschaft gelaugt ist, findet sich der nämliche Typus socialer Gliederung. Ein solches System muss dahin führen, dass die Schichten, auf deren Kosten die bevorzugte Elaste der Eroberer lebt, ausgesaugt werden und früher oder später dem Marasmus verfallen, an deiü der islamitische Orient schon seit Jahrhunderten leidet. Tie Nach Omars gewaltsamem Tode kam die arabische Weltervberung ins Omajabt». 2 t0C f clI- Der Begründer des Hauses der OmajadeII, Moawijah, verlegte die Residenz nach Damasen s nahe dem Mittelmeerc. Als dessen Nachfolger die Eroberungen wieder aufnahmen, galten sie eben der Mediterranregion. In raschem Siegeslanfc durchstürmte der Islam die Küstenländer Nordafrikas. Tic Moip»„- Wie die Karthager, überschritten seine Bekenner die Meerenge, Ivelchc Europa statofrita" 11011 Afrika trennt. Das Schicksal der Welt hicng davon ab, ob es den »i,b üiiroiM, christlichen Bewohnern West- und Osteuropas gelingen werde, den gleichzeitigen Angriff des Islams von Spanien und von Byzanz her abzuwchren. Daö Schicksal der Länder vornehmlich, die znm Ütö,»erreiche gehört hatten, stand ans dem Spiel. Bekanntlich haben die eisernen Arme des fränkischen Heer bannes unter Karl Martell bei Tours und Poitiers (732) den Westen, „griechisches Feuer" und byzantinische Verschlagenheit den Osten unseres Erdtheiles vor dem Lose Vordcrasiens und Nordafrikas bewahrt. Ta» CH-«!-» Anders im Oriente. Die Nachfolgerin der nach der mediterranen Seite v»n () j n ausgreifenden Omajaden, die Dynastie der Abbas iden, verlegte ihre Residenz weiter nach Osten, in das Land am Doppelstrome (Mesopotamien, Irak,, nach Bagdad (auch Babylon genannt, nördlich von Selencia und4. Kapitel. Tie byzantinisch-islamitische Periode. 71 Ktesiphon) am Tigris. Hier, in größerer Entfernung vom Mittelmeer, erlebte die islamitische Cnltnr ihre höchste und nachhaltigste Blüte. An dieser Kultur ist nichts arabisch, als die Religion und die durch den Koran Dic^lanu- zu einer Weltsprache gewordene arabische Sprache. Gewerbe, bildende Kunst, Poesie und Wissenschaft sind byzantinischer (mittelbar antiker) und persischer, ja sogar indischer Herkunft. Ans die Wunder der orientalischen Gesittung hat der Beduine keine Urheber rechte; selbst der eivilisierte Araber erscheint nur vereinzelt unter den Berühmtheiten dieses Kulturkreises. Im Osten ist ihm der Perser, im Westen der Berber dem Talente und der Schöpferkraft nach überlegen. Der alte Kulturboden Borderasiens, Nordafrikas und Spaniens trug natürlich auch unter arabischer oder besser gesagt islamitischer Herrschaft durch den Fleiß der Grundsteuer zahleudeu Urbevölkerung, was er früher getragen. Gewerbe- und Kunstfleiß der islamitischen Völker gelangten vorzugsweise durch T>» persische persischen Einfluss in ihren uralten Stätten, natürlich auch in den aus altem ülcmcnt ' Jndustrieboden neugegründeten Orten zu einem charakteristischen Stil. Selbstverständlich war diese bodenständige Fortbildung tausendjähriger Traditionell allem überlegen, was die noch junge, geldarme romanisch-germanische Welt etwa bis zum 13. Jahrhundert an gewerblichen und kunstgewerblichen Erzeugnissen zu bieten vermochte. Wo wären auch im Abendlande die Konsunienten für eine solche Luxusproduetion gewesen? Für ,die herrlichen Seidenstoffe, die Bröcate, die Sammte, die Teppiche, Schmuckgegenstände, Bijouterien, eingelegten Wasseir, für die Fayencen, die Parfümerien, die Leckereien des Morgenlandes? v Der wiederbelebte, vom Occident unbeeinflusste Orient lebte und schuf Oric»>wscher für sich selbst. Das Außengebiet seines Handels lag für ihn im Südosten. Enger als je zuvor knüpften sich die Beziehungen zwischen Vorderasieu und dem brahmanisch-buddhistischen Culturkreise. Schon unter den Sassaniden war der persische Gvlf, der im Alterthnme nie mit dem Rothen Meer bcvc,»„>gk». hatte concurrieren können, ein Hanptschanplab des Welthandels geworden; er blieb es unter den Chalifen. Hindu, Chinesen, Malahcn, diese stiatnr- genies der Seefahrtskunde, tummelten sich damals im indischen Oeean. stieben den chinesischen Dschonken stachen die arabischen Fahrzeuge, bereit Planken mit Stricken ans Coeosfäsern zusammengefügt waren, einigermaßen ab. Wenn die Araber Hinterindien, die Sundainseln, ja das „Reich der Mitte" besuchten, so ist das viel erstaunlicher, als wenn die Chinesen bis Persien und Arabien vordrangen. Indessen stockte vom 9.—13. Jahrhundert aus politischen Gründen der directe Verkehr der Araber mit China; der Warenaustausch wickelte sich ans Malakka und Ceylon ab.- China blieb, was es vor der Ausschleppung der Seidenenltnr gewesen war, das Land der Seide; ebenso Indien das der Gewürze. Wie das antike und später das christliche Europa, so bezahlte auch der mohammedanische Orient einen Theil der südostasiatischen Einfuhren mit Edelmetallen, namentlich mit ostafrikanischem Golde, in zweiter Linie mit Leinwand (ägyptischem Byssuö), Waffen tmd Pferden, nach72 II. Abschnitt- Das altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). denen in Indien Nachfrage herrschte. Der östlich? Handel, der über den persischen Golf seinen Weg nahm, spielte sich in Siras, Ormus, Basra, Bagdad ab. Erylhräischer Neben hem persischen Golf hatte das Rothe Meer nur secnndäre Handel. . . Wichtigkeit. Der berühmte Nilcanal wurde zwar wieder nt L-tand gesetzt, um de» ägyptischen Getreidetribut, der vormals nach Rom und Constantinopel hatte geliefert werden müssen, nach Arabien zu befördern; aber ans mili tärischen Gründen warf man ihn um 7G1 zu. Bon dieser Zeit bis zur Er öffnung des Suezcanals (1869) hat es keine Wasserverbindung zwischen Mittelmeer und Arabischem Golf gegeben. Kolsum (Suez), Kosseir, der Umladeplatz für den Transport zum Nil hin, D s ch i d d a, der Hafen von Mekka, A d e n, der Hauptort für den Verkehr mit Ostafrika, waren die wichtigsten Handelsstädte dieser Region. Pil-i-r- Unübersehbar war die Zahl der Binnenstädte zwischen Oxns und Atlantischem Meere, die am Handel ihren Theil hatten. Bor allein entstand in den heiligen Städten, zu denen die Moslemin vorschriftsmäßig wallsahrteten, ein reger Gclegenhcitöhandcl. Längs der sich mehrenden Karawancnstraßen Bim,-»Plätze, wurden Brunnen und Karawansereien angelegt. In Mekka und Medina liefen die meisten dieser Pilger- und Handelswege zusammen. Jenseits Mcso- potamiens dehnte sich Persien aus, das gleich den übrigen iranischen Ländern sich schon im 10. Jahrhundert vom Chalifat loslöste; unter den persischen Städten blühten Sch n sch t er, Firuzabad, Schiraö, Ham ad an, Jspahan u. s. w. In Balkh, Bochara, Samarkand mündeten die Handelsstraßen Centralasiens »nd Chinas. Chinesische Seidcnhändler kamen bis an den Oxus und an den Kaspisce. Bon diesem Akeere aus drangen mohammedanische Kauflcute bis I t i l oberhalb der Wolga-Aiündung, Tiflis und Kasan vor, wo sie in> Verkehr mit Chazarcn, Bulgaren, Russen die Er zeugnisse der Btorgenländer gegen die Rohprodukte des Nordens (Pelze, Felle, Wachs) umsetzten. Die Kaukasus- und Pontnsländer waren ein Hauptrevier des Sclavcnhandels. Mit dem byzantinischen Reiche verkehrten die Moham- medaner am meisten über Trapez«nt. Noch existierten die allen Phönizier- städte, doch standen sie nicht mehr auf der einstigen Höhe. Hingegen über traf Damaskus alle syrischen Städte an Glan; »nd Luxus; es'war fin den Islam geworden, was Antiochien zur Römerzeit gewesen. Das commerzielle Leben Ägyptens hatte seinen Mittelpunkt in Cairo. Für Alexandrien waren seit der Ablenkung des indischen Handels vom Rothen zum Persischen Meere einige Jahrhunderte der Bersinsternng gekommen, bis es im 16. Jahr hundert durch die Abendländer seine Stellung im Weltverkehr zurückerhielt. Weiter gegen Westen erwuchs neben Barka in Kairowan dem afrikanischen4. Kapitel. Tie byzantinisch-islamitische Periode. 7.4 Handel eine neue Metropole. In Maghreb war F e; die bedeutendste «vabriks- uud Handelsstadt. Das arabische Spanien oder Chalifat von Cordova stand hinter keiner der gesegnetsten Provinzen des Ehalifats Lvn Bagdad zurück. Nur ist die Blüte und die Originalität der spanisch-arabischen Cultnr von jeher übertrieben worden; an ihr haben die Araber einen ebenso geringen Antheil, wie an der persischen tind ägyptischen. Die Bliite der niuselmännischen Cultnr Spaitiens ist ein Werk der Berbern oder Mauren und der im vande verbliebenen Bevölkerungsreste des Westgothenreiches. Insonderheit gilt dies voin Ackerbau. Zn den in der Römerzeit vorhandenen Kulturpflanzen kamen als neue Acclimatisationsproducte: dteis, Zuckerrohr, Baumwolle, Agrumen. Auch die Seidcncultnr ist in der islamitischen Periode nach Spanien ver pflanzt worden. Großen Ruf hatten die Eisen- und Stahlwaren von Toledo und Granada, das Leder von Cordova, die Seiden- und Wollengewebe, die Fayenccit (Majolica), das Papier und die sonstigen Artikel, die auf der Halb insel verfertigt und in andere mohammedanische Länder, weniger ins christliche Abendland, verschifft wurden. Für den Seeverkehr waren Cadiz, Malaga, Sevilla von Wichtigkeit. 8 24. Tic Epoche der nationalen Sonderung im germanisch-romanischen Europa (!>. 11. Jahrhundert). Seit der Auflösung des Reiches Karls des Großen (843) tritt eine National- schärfere Scheidung der romanischen und germanischen Nationen ein. Immer lu1t iouaic deutlicher kommen die Physiognomien der »och jetzt bestehende» europäischen T-»d-»;c». Völker znm Vorschein. Sie tragen jedoch von vorneherein eine Familien ähnlichkeit, die ihre gemeinschaftliche Abstammung erkennen lässt, Neben den nationalen Tendenzen bleiben noch genug Kräfte in Wirksamkeit, die einen internationalen Charakter tragen: das Kaiserthnin, das Papstlhnm, das Lehenswesen, die kirchliche und weltliche Bildung, die sociale Gliederung :e. Im internationalen Handel vollzieht sich aber eine merkwürdige Scheidung. Die romanischen Nationen bemächtigen sich im Kampf gegen die Sarazenen des Mittelnteereö und lenken den Welthandel in sein angestammtes Bett zurück. Hingegen ergreifen die germanischen Völker von den nordenropäischen Binnenmeeren Besitz; ja sie stürmen voll kühnen Thatendrangeö über den Atlantischen Ocean in Regionen, die sic, allzu unreif für die Werke der Eivilisation, zwar entdecken, aber nicht dem Welthandel erschließen können. Das 9., 10., 11. Jahrhundert ist die Helden- und Wanderzeit der nordgermanischen oder s k a » d i n a v i s ch c n Völkergrnppe. Kaum ein Land74 II. Abschnitt. Das altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). Die Wikinger Züg-. Besiedelung Islands. Erste Enl- Leckung ilmerikae dürfte in Europa sein, dem die Nordmänner oder Normannen nicht die kräftigsten Anregungen ertheilt hätten. Zuerst lernte sic Europa freilich nur als Räuber keimen, als eine neue Gottesgeißel, als einen Nachtrab der germanischen Völkerwanderung. Den Ausgangspunkt ihrer Pliinderziige bildete die zerklüftete Küste Norwegens mit ihren Fjorden und Scheren. Hier hatten die kühnen Nordmänner oder Wikinger (so nannte man die seefahrenden' Abenteuerer Skandinaviens nach ihren Schlupfwinkeln, den Wik oder Meer- bnsen) die Seerosse tummeln gelernt, mit denen sic alle nautische» Leistungen früherer Zeiten zu Schanden machte». Das Wikingerschisf war ein ei» reihiges Ruder- und Segelschiff, etwa viermal so lang als breit, wogegen das antike Mittelnieerschifs, das den Wogenprall der Nordsee und des Oceans nicht hätte aushalten können, beiläufig neunmal so lang als breit gewesen ivar. Den Nordgcrmanen der skandinavischen Halbinsel war ihre Heimat, aus der sie die borealen Renthiermensche» (nomadische Lappländer) gegen Äkitternacht zurückgedrängt hatten, zu eng und diirftig geworden. Auch mochten die freien Männer und die kleinen Häuptlinge ihren stolzen Nacken nicht unter die Hoheit der Großen beugen, aus deren klnionsbestrcbnngen all mählich die Königreiche des Nordens hervorgegangen sind. Selbstvcrtrauende Recken sammelten die Unzufriedenen um sich und führten als Scctönigc ein Vcbcn voll Abenteuer und Gewinn, Frevel und Todestrotz. Unvermuthet überfielen sie plündernd und mordend die-Seelüften, fuhren die Flüsse hin aus, so weit es möglich war, trugen ihre Schiffe über die Wasserscheiden und gelangten so von Fluss zu Fluss, von Meer zu Meer. Nicht immer verschwanden sie, wenn das Spätjahr kam; sie errichteten auch befestigte Lager, in denen sie überwinterten, wie sic denn immer mehr Lust zeigten, sich unter fremdem Himmel niederzulassen. Diese landsnchenden Normannen sind es, denen die Geschichte der Erdkunde zu Dank verpflichtet ist. Schon vor den Normannen hatten irische Mönche die einsamen Inseln im Norden Britanniens zum Aufenthalte gewählt. Als nun die Wikinger dahin kamen, räumten die christlichen Einsiedler die Färöer und Island; in kürzester Zeit war alles nutzbare Weideland von den neuen Herren besetzt. Ein Mann, den das Bolksgericht Blutschuld halber verurtheilt hatte, Erik der Rothe, sah sich veranlasst, ein nordwestlich gelegenes Land, welches früher schon von Gnnbjörn entdeckt worden war, wieder aufzusuchen. Er siedelte sich dort an (98:i) und nannte es, um durch den kühnen Euphe mismus andere Colonisten herbeiznlocken, Grön(Grün-)land. Zufällig ent deckte ein Grönlandsfahrer > Bjarme) ein im Westen gelegenes, nebeliges Land; dieses suchte Leis, der Sohn Eriks des Rothen, mit :Sf> Genosse»4. Kapitel. Die byzantinisch-islamitische Periode. 75 1001 wieder auf. Er fand zuerst eine felsige Küste, die er Helluland (— Steinland, wahrscheinlich Labrador) nannte; hieraus ein Waldgebiet, Markland (wahrscheinlich Nenschottland), und zuletzt ein Gestade, wo des Winters kein Schnee siel; man nannte es — ein Rheinländer hatte dort Reben entdeckt — Winland, das herrtige Unionsgebiet unter dem 40. Grad nördlicher Breite. Leifs Bruder, Thorwald, kam bis Florida und taufte die entdeckten Küstenländer: Großirland und Weißmännerland. Eine Colonie in Winland unter Thorfinn räumte, von den Eingeborenen bedrängt, nach wenigen Jahren die amerikanische Küste. Seitdem wurde sie noch öfters von nordischen Seefahrern besucht, aber Ansiedelungen, wie in Grönland, erhielten sich nicht. Grönländische Colonien dagegen bestanden bis ins 15. Jahrhundert. Seitdem erloschen die Folgen der ersten Entdeckung Amerikas. Im Zeitalter der Wikingcrfahrten gestalteten sich die drei großen 2 sa»r>i„a- Königreiche des Nordens: Dänemark, Norwegen, Schweden. Hier ftänbc. erhielt sich der urgermanische Stand der Gemeinfreien, der ans dem Con- tinente so verschiedenartige Formen der Knechtschaft angenommen hatte, intact. Bis ins 16. Jahrhundert ruhte auf den Freibauern die Kraft der nordische» Staaten; erst von da an gelangte ein frisch entstandener Lehensadcl zu immer wachsendem Einfluss. Städtisches Wesen und Bürgerthum kamen erst im 14. Jahrhundert, später als sonst im romanisch-germanischen Europa, zu mäßiger Entwicklung. Am beharrlichsten ist England von den Normannen heimgesucht England u»d worden. Schon unter den angelsächsischen Königen erschienen die Dänen nicht „a,",,,”,. ctls blogc Korsaren, sondern sie siedelten sich in Britannien an. Der große Dänemord des Jahres 1002 (Bricciustag unter König Ethelred 71. befreite das Land nicht von den Eindringlingen; vielmehr eroberte es der Dänenkönig Swen, und sein Nachfolger, Knud der Große, vereinigte es mit Dänemark und Norwegen zu einem nordischen Großstaate. Nachdem England seine Selbständigkeit wieder erlangt hatte, wurde cs 1066 eine Beute der französierte» Normannen, welche das Königreich unter Wilhelm I. eroberten »nd so seine Schicksale mit denen des Festlandes in eine vielhundertjährige Verbindung setzten. Ans den Eroberern und den Er oberten entstand die englische Nation. Mit der Katastrophe von lüü(> trat eine vollständige Umwälzung des Besitzes der und der socialen Verhältnisse ein. Wilhelm der Eroberer betrachtete das König- reich als nach Erobererrecht seiner Oberhoheit verfallen. Mit ihm hielt das bisher auf "oder»»«, der Insel unbekannte LehenSmesen seinen Einzug. TaS ganze Land wurde in Ritterlehen getheilt, die theilS den normannischen Genossen des Eroberers, thcilS den angelsächsischen Edelleuten, die ihren Frieden mit dem neuen Regime gemacht hatten, übertragen wurden. Unterhalb der geistlichen und weltlichen Kronvafallen, det'Mag-76 II. Abschnitt. Das altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). naten oder Baronen, bildete sich ans den kleinen und den Aftervasallen eine durch den Heeresdienst gehobene Schichte, ein niederer Adel, die später sogenannte Gentry. Schmer drückte das Fendalwesen auf die eigentliche Bauernbevölkerung, die jedoch in Lliidtnvrsc». England niemals bis zur Leibeigenschaft herabgesunken ist. Die Städte giengen bei der normannischen Eroberung theils in den Besitz des Königs, thcils in den der großen Basallen über. Man stattete sic mit Marktrecht, mit freier Verfügung über ihren Grund besitz, mit der Befreiung vom Bischofs- oder Grafschaftsgericht:c. ans. Am ent scheidendsten wurde jedoch für die englischen Städte das finanzielle Moment. Die Städte waren steuerpflichtig; die Einhebung der Abgaben wurde verpachtet; als nun die Städte die Pachtung in eigene Regie nahmen und an die Spitze der Pachtgcnossen- schaft einen Borstand ans ihrer Mitte (einen Mayor) stellten, so legten sie den Grund zu ihrer administrativen Unabhängigkeit oder Autonomie. Handel. Gewerbe und Handel befanden sich in England bis ;um 12. Jahr hundert noch auf sehr niedriger Stufe. Wolle war das Hauptproduct der englischen Landwirtschaft, Spinnerei und Weberei das wichtigste nationale Gewerbe, Wolle (außer Metallen) der bedeutendste Ausfuhrartikel. Zur Zeit Karls des Großen soll es schon rheinländische Kauslentc in England gegeben haben. Jedenfalls hielten sich im I l. Jahrhundert viele Kanslcnte, die vom Continent kamen, in England ans. Desgleichen existierten Beziehungen zu den Ostseeländern. Teuischland. In geringerem Dias; als England ist das deutsch e N c i ch von de» Nor mannen bedrängt worden. Es scheint, dass sie nach Ausplünderung der Rhein- gegenden dem übrigen Deutschland weniger hart zusctzten, weil sich das Plündern nicht lohnte. Unter den s ä ch s i s ch e n und f r ä n k i s ch e n K o n i g c n u n d Am'lövmg des Arohnho,'- sqstcn,»-. Antänqk de» Siädleweieiu-. Kaisern (019—l 125) hob sich nicht bloß das Ansehen der Ration, sondern auch ihr Wohlstand. Ans allen Wirtschaftsgebieten zeigte» sich die hosfnnngs- reichen Keime, die im 13. und 14. Jahrhundert zur Reife gelangten. Seit dem Ende des 11. Jahrhunderts begannen sich die großen Grnndherrschasten von oben her anfzulösen. Zuerst zogen sich die hohen, dann die niederen Adeligen vom agrarischen Leben zurück. Ter Eigenbetrieb war ihnen zur Last geworden. ES kam ihnen nur mehr darauf an, von ihrem Besitze eine sichere feste Rente in der Form von Zinsen und Pachten zu beziehen. Die Arbeitsleistungen (Frohndienste), zu denen die Grund holden verpflichtet waren, minderten sich. Gleichzeitig hob sich der Wert des Grundes und der landwirtschaftlichen Producte. Die Preise des Ackerlandes stiegen voist!). bis 12. Jahrhundert um mehr als das Zehnfache. Waren einmal die grnndherrlichen Abgaben sinert, so kam das Steigen der Bodenrente den Bauern zustatten, die vom 12.—14. Jahrhundert ihre besten Tage erlebten. Als die Grostgrnndherrschaften sich anfzulösen begannen und die Fnnda- me»le der bisherigen Wirtschaftsordnung ins Wanken geriethcn, hatten Gewerbe und Handel bereits Zufluchtsorte gefunden: die ans neuen Grund lagen erwachsenen Städte, in denen ein neuer Stand von freien Leuten, der Bürgerstand, zur Entwicklung kam. Dieser sociale Bildungsprocess ist dem gesammten germanisch romanischen Enltnrkreis eigen. Rur die Zeit4. Kapitel. Tie byzantinisch-islamitische Periode. 77 seines Verlaufes und gewisse locale Modificatiouen des Städtewesens sind ungleichartig. Die Anfänge des deutschen Städtewesens fallen bereits in das > 0. und -“J 71. Jahrhundert. Als Ansatzpunkt für eine künftige Stadt dient bisweilen ein alter Römerort, der aus seinen Trümmern wieder erstanden ist, natürlich ohne jedweden Nest altrömischer Einrichtungen. Besonders wenn ein Herrscher oder Bischof seine Residenz innerhalb des renovierten Gemäuers aufgeschlagen hat, so gereicht es dein Orte znm Vortheil. Überhaupt sammelt sich um die Palatien (Pfalzen) der Könige, um die Haupts,äse der geistlichen und welt- lichcn Großen eine Bevölkerung, welche nicht bloß aus Dienstmannen und Frohnhoflentcn besteht. Auch die Burgen, die zur Grcnzvertheidigung er richtet werde», dienen mit ihrem weiten Biaucrringe und ihrer Besatzung als Vrystallisalionstern für Städte der'Zukunft. Das erste Merkmal städtischer Siedclnng war demnach an vielen Punkten vorhanden: ein umfriedeter Platz mit einer dem Berufe und der socialen Stellung nach differenzierten Bewohnerschaft, hinsichtlich der Sicdelungsart und Lebensrichtung vom platten Lande verschieden. Hierzu kam in der sächsischen und salischen Kaiserzeit »och Marnrcchi. ein anderes unterscheidendes Merkmal: das Ai a r k t r c ch t. Der Markt stand unter dem Schutze des Königs, ebenso derjenige, der dort verweilte oder dorthin reiste. Auch als das Marktrccht an geistliche und weltliche Große der damit verbundenen Einkünfte wegen verliehen wurde, behielt der Markt seinen exceptionellcn Charakter. Ein Marktgericht entschied die Streitigkeiten der Marktparteien; polizeiliche Functionen waren an Ort und Stelle unent behrlich. Bcslimintc Zeichen versinnbildlichten den königlichen Schutz und Frieden. Das älteste Symbol, das sich übrigens bis hellte erhalten hat, dürfte wohl der aufgesteckte Strohbund gewesen sein; auch der Handschuh, die Fahne, Schild und Schwert dienten als Sinnbilder des Königsbannes (i. e. des Rechtes, bei Strafe zu gebieten und zu verbieten). Oder man ersetzte die krcnzarmige Fahne durch das Marktkretiz. In Rorddcntschland errichtete man wohl auch Steinbilder des Marktherrn und stattete sie mit Wasfenschintlck aus. Dies sind die Rolande oder Rolandssäulen. Den Inbegriff der auf den Markt bezüglichen Rechte benannte man Weichbildrecht. Im 10. und 11. Jahrhundert ist der deutsche Innenhandel durch Deutscher das Anfkeimen der Städte mächtig gefördert worden. Vielfach hatte er io a "utbn. »och die Form des Hausier- und Wanderhandels. Die Stabilisierung des 2»hrh»»dcn. Marktrechtes hat natürlich auch'dem Handel eine größere Bodenständigkeit gegeben. Wie in den vorangehenden Jahrhunderten war der Verkehr an die großen Flüsse gebunden. Das Dona»gebiet hatte seinen commerziellen Mittelpunkt in Regens bürg. Wie weit sich der Donauhandel nach Osten78 II. Abschnitt. Das altweltlichc Continental-Zeitalter (Mittelalter). erstreckte, hieng von den wechselnden Zuständen in den Nachbarreichen ab. Ein regelmäßiger Verkehr mit Constantinopel und der Levante hat ans der Donan keinesfalls stattgefunden. Bedeutender als der Donau- war der Rheinhandel, welcher deutlich in zwei Sondergebiete zerfällt: ein mittel- und ein niederrheinisches: jenes mit dein Vororte Main;, dieses mit A ö l n. Durch das mitteldeutsche Bergland ist überhaupt Deutschland in zwei Handelsgcbiete getheilt, von denen das südliche zum Mittclmeer, das nördliche zur atlantisch-baltischen Region gravitiert. Vom Niederrhein aus ist auch der deutsche Handel zuerst gewaltig über die Reichsgrenzen hinauö- gebrochen. Die Fahrt nach Flandern und England war die natürliche Fortsetzung der Rheinsahrt. Schon um das Jahr 1000 erfreuten sich die Kölner Kaufleute ihrer Londoner Privilegien. Ihre Gildhalte war der erste feste Punkt des niederdeutschen Außenhandels, welchem seit dem 13. Jahrhunderte der europäische Norden nnterthänig werden sollte. Während sich die germanischen Nationen in den nordischen Gewässern heimisch machten, reoccupicrten die romanischen das Mittelmccr. Fürs 10. und 1 l. Jahrhundert kamen allerdings nur die Italiener in Betracht; Eatalonier und Provciitzalen traten erst seit den Kreuzzügen in den Kreis der Mittelmeermüchte. In Italien gelangte die städtische Freiheit früher ;»r Entwicklung als nördlich der Alpen. Die alten Nömcrorte waren auch in den verwirrtesten Zeiten Sitze einer städtischen Bevölkerung geblieben, die an den Überliefe rungen des Gewerbes, der Künste und des Handels festhielt. Als Karl der Große Nord- und Mittclitalien seinem Reiche einverleibte, wurden auch die Städte der fränkischen Grafschaftsordnung untcrthan. Indem die Bischöfe von der Jurisdiction und der administrative» Gewalt der kaiserlichen Reichs beamten befreit und mit Hoheitsrechte» ausgestattet wurden, so erlangten zu gleich die Städte, in deren Mitte die Kirchenfürsten residierten, eine eximicrte Stellung. Allein bald empfanden die Bewohner der Bischofstädtc die bischöfliche Gewalt als einen Druck, dessen sic sich um so entschiedener zu entledigen trachteten, als die Kirchenfürsten ihre Rechte durch Vasallen (Dienstmannen, Ministerialen) ausüben ließen. Während des Juvestiturstreites erlangte» die meisten lombardischen und t»seischeu Städte ihre Unabhängigkeit. Sie wählten sich ihre Stadtobrigkeiten (die Eonsulu) selbst und waren gerüstet, den Kampf um ihre Selbständigkeit auch mit den Kaisern auf zunehmen. Aus eben diesen Städte» giengc» im 12. Jahrhundert jene commer- ziellen Eroberer hervor, die sich den europäische» Geldmarkt nnterthänig machten (die sogenannten Lombarden). Die italienischen Seestädte führte» »nterdessen den Kampf mit den Sarazenen um die Mittelmeerherrschaft siegreich durch. Genueser und Pisaner5. Capitel. Die itaiienisch-hnnsisäic Periode. 79 eroberten Corsica und Sardinien. Den süditalienischcn Normannen halfen sie, beu Muselmännern Sicilien entreißen. Die Pisaner rühmten sich, die Kette, welche den Hafen von Palermo verschloss, gesprengt und die sara zenische Flotte daselbst verbrannt \\\ haben. Den Mohammedanern Nordasrikas und der Balearen zeigte das Erscheinen italienischer Flotten, dass das westliche Mittelmeer sich in der Gewalt der Christenheit befinde. Im höheren Grade, als die westitalienischen Seestädte, war Venedig Venedig, der Morgenseite des Mittelmecres zugewandt. Aus dürftigen Anfängen war der venezianische Handel hervorgegangen. Salz und Fische waren die Artikel, mit denen die Bewohner der Lagunen ihre sonstigen Bedürfnisse zahlten. Indem sie den Handelsverkehr zwischen den beiden Küsten der Adria vermittelten, dominierten sie bald das istrisch-dalmatinische Gestade. Sie begannen sich als die Herren dev adriatischen Meeres zu fühlen. Im 9. Jahrhundert reichten ihre Verbindungen bereits bis an die syrische und ägyptische Küste. Sic brachten die Gebeine des Evangelisten Marcus aus Alexandrien; San Marco wurde der Schutzpatron, der Marcus-Löwe das Wahrzeichen des venezianischen Gemeinwesens. Im 11. Jahrhundert erlangte Venedig eine bevorzugte Stellung in Byzanz. Es war bereits die hervorragendste Seestadt des Mittelmeeres nach Constantinopel, als durch die sirenzzüge der Levantehandel einen unge ahnten Aufschwung nahm und von Oberitalien der Strom des Weltverkehres sich nach dem nördlichen Europa Bahn brach. 5. Capitel. Die italienisch - hansische Periode (1096—1492 von den Kreuzzngen vis zur Entdeckung Amerikas durch Lvristopl) Kolumbus). Fern aus der Rhede vuft dcr Pilot, cs warten die Flotten, Tie in dcr Fremdlinge Land tragen den heimischen Fleiß; Andre zieh» frohlockend dort ein mit den Gaben der Ferne, Hoch von den, ragenden Mast wehet dcr scstlichc Kranz. Siche da wimmeln die Märkte, der Kräh» von fröhlichem Leben, Seltsamer Sprachen Gewirr braust in das wundernde Ohr. Ans den Stapel schüttet die Ernten dcr Erde dcr Kausman», Was dem glühenden Strahl Asrilas Boden gebiert, Was Arabien kocht, was die äußerste Thule bereitet; Hoch mit erfreuendem Gut stillt Amalthca das Horn. Schiller l„Der Spaziergang"). 8 25. Charakteristik der fünften Periode. Die Jugendzeit des Biirgcr- thnms und des Genossenschaftswesens. An sich sind die Kreuzzü gc (1096—1270) nur eine Episode in Tw K>e»,- dein großen Cultnrkampf zwischen Occident und Orient, Europa und Asien, 5üfle ‘ Christenthum und Islam, wichtiger für das christliche Abendland, als für80 II. Abschnitt. Das altweltliche Continental-Zeitalter ('JJiitte(altcv). das mohammedanische Morgenland, das nur a» seiner Peripherie von den abenteuerlichen Fahrten und Staatengründungeu europäischer Feudalherren berührt worden ist. Die Schicksale Asiens hängen im Zeitalter der Kreuzzüge und in den darauffolgenden Jahrhunderten von dem Vordringen und Umsich- greifen türkischer und tatarischer Stämme ab. eevai.tc Ebenso verhält es sich mit den haudelsgeschichtlichen Folgen der v ' n " KI ' Kreuzzüge. Schon vorher hatten sich die Südeuropäer, zumal die italienischen Seestädte, den Weg ins westliche und östliche Mittelnteer frei gemacht. Durch die Kreuzziigc wurde ihnen in beiden Becken dieser welthistorischen Binnen see die Vorherrschaft zutheil. Den byzantinischen Handel brachten sie gänzlich an sich; sie absorbierten ihn sozusagen. Jedoch in den islamitischen Staaten gicng cs anders; da vermochten sie sich nur peripherisch, in deit Grenzbezirken der Welttheile fcstznsetzcn. Hier zogen die Italiener, Provcnyalen und Catalanen die Waren der äußersten Levante an sich, wohin vorzu dringen ihnen nur ausnahmsweise gegönnt war. Bersperrung Denn nncrmcsslich, das ganze vordere Asien bis an den Ganges und '"tumlrtue' Nordafrika erfüllend, lag die mohammedanische Länderwelt zwischen Mohammc dem erythräischen und pacifischen Asien einerseits und dem Schauplätze der europäischen Handelöthätigkeit anderseits. Auch ohne den weiteren Vertrieb durch die „Franken" würden die Spezereien und Kleinodien Indiens und Chinas sich aus den See- und Landwegen des islamitischen Orients west- «fiaiijchcr wärts bewegt haben. Intensiver als zuvor war vom 13.—15. Jahrhundert Eigcnhandel. ^ Arabien, Persien, Indien, China, so dass der Levante handel der Europäer, der an den Mittelmccrküsten einsetzte, nur wie ein Anhängsel, wie ein fransenförmiger Fortsatz jenes compacten, massigen Ganzen sich ausnimnit. Die neue Erschließung der Levante kam gerade denjenigen Völkern zu gute, die ans dem Boden altrömischer Provinzen wohnten und demnach als die natürlichen Erben des antiken Welthandels gelten können, in erster Linie den Italienern. Naturgemäß suchten die vom Handel herbeigeftihrten Erzeugnisse fremder Zonen und die Prodncte eines enorm gesteigerten Gewerb- fleißes, als sie sich in Mittel- und Norditalien anhänsten, einen Ausweg. Abguss »ach v ; n breitem Strom ergossen sie sich über die Alpen nach Deutschland. (Suropa«. Die,er vom Weltverkehr früher gemiedene Thcil Mitteleuropas wurde nnil ein Consnnitionö- und ein Transitgebiet für die Waren der subtropischen und tropischen Zone. Im Norden Europas existierte bereits zur Zeit der hohenstausischen curopinichcs ... , ,, , , , . ' ' 1 1 1 ' v°ndk>sg.bikt.»aller cm großes selbständiges Handelsgebiet, für welches die Nord und Ostsee die gleiche Wichtigkeit besaß, als das SNittelnieer für seine Um-5. Kapitel. Tie italienisch-hansische Periode. 81 randungsländer. In diesem nordischen TeehandclSgebict gelangten während des 13. und 14. Jahrhunderts die niederdeutschen Städte zu einer, ähnlichen Vorherrschaft, wie die Kommunen Italiens in der Mediterranregion. Da nun der Süden seine Waren nach dem Norden sandte und auch ?IC ceilt .™ ls der Norden seine überschüssigen Producte gegen die des Südens nnSzutanschcn sich anschickte, so war ein vermittelndes Gebiet, eine intermediäre Zone nothwendig, wo sich der Tausch zwischen Süd- und Nordeuropa voll ziehen konnte. Die Vermittlungszone umfasste das obere Donaugebiet, die Rheinlande, das nördliche Frankreich und war auf Landwegen vom Süden her, zur Sec vom Norden her zugänglich. Am günstigsten war innerhalb dieses centrale u r o p ä i s ch c n Vermittlungsstriches Flandern gelegen, dem seine hochentwickelte Industrie und sein Capitalöreichthnin dabei zu besonderem Vorthcil gedieh. Das europäische Kulturleben stand seit dem Ausgange des l l. Jahr- DK nimi« Hunderts nicht mehr im Zeichen der Fendalaristokratie. Der adeligen folgte nunmehr die bürgerliche Hegemonie. Zwischen Stadt und Land hatte sich Periode, eine große .4tust aufgethan. Die agrarische Periode init ihrer Natural wirtschaft war dahin; sie hatte einer Zeit Platz gemacht, in der G e l d- u n d C r e d i t o p e r a t i v n e n dem wirtschaftlichen Leben die Signatur verliehen. Die führende Classe dieser Wirtschaftsperiode waren die S t a d t b e w o h u e r o d e r t'oenic«t Bürger, denen durch Privilegien und eigene Thatkraft eine politisch-sociale Sonderstellung zutheil geworden war. In den inselartig über die Länder ver streuten Städten entwickelte sich ein starker Localpatriotismns; auch in wirtschaft licher Hinsicht verfocht jede Commune ihr allereigenstes, örtliches Interesse. Rur zuweilen näherten sich mehrere Commnnen und schlossen B ü n d n i s f c, die (Son so locker und faltig waren, dass sic den Einzelstädtcn die freieste Bewegung nicht verkümmerten. Dessenungeachtet reichte die Kraft der einzelnen oder verbündeten Städte aus, das wirtschaftliche, ja sogar das politische Leben ihres Interessenkreises nicht selten despotisch zu beherrschen. Freilich im Reactio» 14. und 15. Jahrhundert erhob sich gegen das fortschreitende Übergewicht gbergewM der Städte eine Rcaction, die von den Landesherren ansgicng, vom Adel der -iddie. und Bauernthum unterstützt wurde. In demselben Maße, als die Staaten sich consolidierten und die Fürsten ihre Sonvcränetätsrechte zur Geltung brachten, traten die Städte in den Hintergrund. Auf die städtisch republikanische folgte nun eine sta a t l i ch - m v n a r ch i s ch c P c r i o d e. Der enge Interessen kreis der commnnalen Wirtschafts und Handelspolitik erweiterte sich. Das Macht- und Finanzinteresse der Fürsten und die wieder auflebenden agrarischen Interessen des Adels obsiegten den städtisch eingeengten Tendenzen der gcwerbe- und handeltreibenden Bevvlkerungöclassc. Das bewegliche Capital Mayr, Lehrbuch der Handeldgeschichte. . a82 II. Abschnitt. Das altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). musste sich die staatliche Oberhoheit und die Inanspruchnahme für äußer- städtische Bestrebungen gefallen lassen. Tas Zeitalter Den letzten Jahrhunderten des Mittelalters gehört eine Reihe denkwürdiger ® er Erfindungen an. Ihre Bedeutung ragt weit über den Gewinn dieses oder jenes 1 " neuen technischen BortheileS hinaus. In ihrem Gesainmtesfccte kommen die großen Ersindungen des 14. und 15. Jahrhunderts einer politisch-socialen Revolution gleich; denn von solchen Neuerungen machen bekanntlich nicht die gesättigten (saturierten) Volksclassen Gebrauch, die sich vielmehr abwehrend gegen sie verhalten, sondern sie kommen den aufstrebenden Classen zugute, die eine Verbesserung ihrer Lage erhoffen und erzwingen. Als die großen Erfindungen des ausgehenden Mittelalters pflegt man zu nennen: den CompasS, das Schießpulver, das Leincnlumpenpapicr lae,»,nctumuub den Buchdruck. Ter Wert und die geschichtliche Wirksamkeit einer Erfindung sahen? der beruht nicht auf der Herstellung irgend eines mechanisch oder chemisch wirksamen Mittels, Erfindungen. j on b ern bamuf, dass cs auf einem wichtigen Gebiete menschlicher Thätigkeit angewendet wird. Es kommt also weder auf die Kenntnis der Nordweisung des Magnetes, die weiß Gott wie alt ist, noch auf die Constrnction der Bonssolc an, die man dem Italiener Flavio G i o j a znschreibt; vielmehr liegt die Pointe der Eompasserfindnng darin, dass man mit Hilfe der Magnetnadel auf der See besser fahren und gute Küstenkarten entwerfen lernte. In gleicher Weise ist die Herstellung eines explodierenden Gemisches in der Art des Pulvers etwas durchaus Nebensächliches, denn nicht auf daS Pulver, sondern auf das Schießen oder Sprengen mit Pulver kommt alles an. Solange das Pulver nur zu Feuerwerkszwecken benützt wurde, war es eine Spielerei, der Ernst der Sache begann mit der militärischen Berwcndung. 8 2(1. Blüte und Berfnll des Levantchandkls. Peri-disiening Die Geschichte des Lcvaiitchnudels vom Ende des 11. bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts zerfällt in drei Abschnitte: 1. die Borblüte — vom ersten Kreuzzug bis zur Entstehung des lateinischen Kaiserthums i1096—1204 '; 2. die Blütezeit, vom lateinischen Kaiserreich bis zur Einnahme Gallipolis durch die Türken (1204—1357); 3. die Zeit des Verfalles bis zur Ent deckung des Seeweges nach Ostindien (1408) und zur Eroberung Ägyptens durch die Osmaneu (1517). Tie abkttd. Als die Kreuzfahrer Städte bercnneu und namentlich an die fiir K-uttkmc'i„ Ritterhccre unlösbare Aufgabe herantreten mussten, Seestädte zu belagern, den Nrc»; nahmen sie freudig die Hilfe wohlausgerüsteter Flotten an, die von einigen faf)rcr"rw,f„. bx„l Oriente schon bekannten südeuropäischen Handelsplätzen, Pisa, Genua, Venedig, Marseille, entsendet worden waren. Natürlich ließen sich die „lateinischen" oder „fränkischen" Bürger ihre Unterstützung durch zweck entsprechende Sonderrechte bezahlen. Sie erhielten in den Städten des Königreiches Jerusalem sainmt Neben ländern (Edefsa, Tripolis, Antiochien) Stadttheile oder Straßen nebst Kirche, Warenhaus (Fondaco vom arabischen Fundak, das wieder vom griechischen Pandochcion kommt), Badeanstalt, Bäckerei, ferner außerhalb der Städte Grund und Boden, der von syrischen5. Capitel. Tie italienisch-hausische Periode. 8:; Bauern bestellt wurde und der Handelscolonie die erforderlichen Lebensmittel abwarf. Kein Dienst, keine Abgabe belastete die abendländischen Ansiedler; vielmehr bekamen sie einen Antheil von den Zöllen gewisser Städte. Den Behörden des Krenzfahrer- staates, in dem sie wohnten, unterstanden sie nicht, sondern sie hatten ihre eigenen Obrigkeiten, die für kurze Fristen von der Mntterstadt eingesetzt wurden. Wie seit unvordenklichen Zeiten, so kamen die Waren der Levante auch zur KreuzzugSzeit an die Küsten Syriens, wo sie von denselben Echellen ans, wie in der alt- phönizischen Periode, westwärts verfrachtet wurden. Höchstens bis Haleb (Aleppo) und Daniascus giengen noch die Franken, aber sie betraten weder die Wüstenpsade, die nach dem Euphrat, noch die Pilgerstraßen, die nach Arabien führten. Dort war Bagdad bis zu seiner Zerstörung, hier Dschidda-Mekka das größte, aber den christlichen Abendländern im allgemeinen unzugängliche Emporium. Die Krenzfahrer- staaten selbst hatten einige exportfähige Artikel (Zucker, Baumwolle, Seide, gefärbte Stoffe, GlaS). Zweimal des Jahres kamen größere Convois, die den Franken und Pullanen europäische Waren zuführten, levantinische als Rückfracht nahmen. Von dem Augenblicke an, da die Italiener mit den -Kreuzfahrern rit gemeinschaftliche Sache machten, waren sie d c n byzantinischen Kai s c r n, ihren bisherigen Gönnern, verdächtig. Jedoch die Politik der Oströiner konnte auch ferner nicht umhin, mit der Freundschaft der Italiener zu rechnen. Erstens bedurften sie einer Stütze gegen die sicilianischen Normannen, die es geradezu auf die Annexion des haltlosen Ostreiches abgesehen hatten; zweitens hegten die Kaiser noch immer insgeheim die Absicht, ihre Oberhoheitsrechte in Italien wieder zur Anerkennung zu bringen, als die Halbinsel eben in die wüthendsten Kämpfe mit den staufischcn Kaisern verwickelt war. Um die übrigen Italiener zu gewinnen, räumten ihnen die Byzantiner das Recht der Meistbegünstigung ein, wie es bisher nur die Vcnctianer genossen hatten. Allein sie konnten iveder auf diese, noch auf die Genuesen oder Pisaner ernstlich rechnen; mit den schwächeren Anconitanern oder Amalfitanern war ihnen nicht gedient. Unterdessen benützten die Lateiner die gute Gelegenheit, drängten die Hass dcr byzantiuischen Kauflcute immer mehr in den Hintergrund und benahmen sich anmaßend, dass der Ärger der Griechen in Groll und zuletzt in tödlichen Hass gegen die Fremden nbergieng. Der Druck der öffentlichen Meinting und besondere nicht genauer bekannte Gründe bewogen-den Kaiser Manuel, dass er l 171 einen Befehl ergehen ließ, alle Benetianer im ganzen Reiche gefangen zu nehmen und ihre Habe mit Beschlag zu belegen. In Cvnstantiuopel allein sollen 10.000 Benetianer den Griechen in die Hände gcrathen sein. Jahrelang stockte der Verkehr, bis ein Bündnis Venedigs mit dem Nor- mannenkönig den Kaiser derart in Schrecken setzte, dass er die Gefangenen freiließ, ihnen ihr Eigcnthnm tind ihre alten Rechte zurückgab. Zum eigent lichen Vollstrecker des griechischen Rationalhasses gegen die Lateiner machte sich der Usurpator Andron i kus. Infolge heimlichen Blntbefehles wurden Blutbad 1182 die Abendländer ohne Unterschied überfallen, zum Thcil niedergemetzelt, zuin Theil in die Sclavcrei verkauft; nur die Tapfersten retteten sich ans 6*84 II. Abschnitt. Das altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). die Schiffe und in die Heimat. Nach dem Sturze des Andrvnikns suchte der Kaiser Isaak Angelus wieder bessere Beziehungen zum Abendlande herzustellen und. rehabilitierte successive die Benetianer, Genuesen, Pisaner. Die Gräuel der Jahre 1171 und 1182 blieben trotzdem unvergessen, waren sie doch noch ungesühnt. Im Jahre 1195 wurde Isaak durch seinen Bruder Alexius II I. gestürzt, der in einer Fehde zwischen Pisaneru und Benetianern sich ans die Seite der ersteren stellte, wodurch er sich mit der Lagunenstadt verfeindete. Da bot der Zufall den Benetianern, die ja doch eigentlich zu schwach waren, >»» mit den Griechen gründlich abzurechnen, ein Organ Tcrvierteod« der Rache dar. Das Krenzhcer des Jahres 120 2, das die von den ffmwtg Benetianern geforderten Überfahrtsgelder nicht anfznbringen vermochte, stellte sich dem Doge» Enrico Dandolo zur Verfügung, der es zuerst im Dienste der Republik gegen Dalmatien verwendete. Nun kam das Hilfegesnch des entthronten byzantinischen Kaisers Isaak gegen denjenigen Alexius, der eben die Benetianer gereizt hatte. Bon dem Dogen beredet, wendeten die Kreuzfahrer ihre Waffen gegen das byzantinische Reich. Nach zwei Jahren Thrilung dc-c voll wüster Kämpfe wurde cs gethcilt; aus den Bruchstücken gestaltete man cftuirf’c«. lateinische Kaiserreich Balduins von Flandern und eine Anzahl von Lehensfürstenthllmcrn. Die Anstifterin des Unternehmens, die Republik des heiligen Marcus, bekam drei Achtel der zn vertheilenden Länder, darunter EpiruS, den Peloponnes, viele Inseln im Ägäischen Meere, feste Plätze an den Dardanellen und an der PropontiS, I ferner einige Binnenstädte, z. B. Adrianopel, also kein zusammenhängendes Herrschafts- j gebiet, sondern commerziell wichtige Einzelbesitzungeir in Gemenglage. Übrigens wickelte sich die Besitzergreifung nicht so glatt ab, wie die Bertheilnng. Namentlich im Binnen- .! - lande behaupteten die Griechen in compacten Massen ihre Unabhängigkeit. Der Stütz- und Schwerpunkt des venetianischen Colonialreiches lag am Goldenen Horn. Cs tauchte sogar der Plan auf, die Residenz des Dogen hinzuverlegen. Der venetianische Podestä in Constantinopcl war die höchste obrigkeitliche Person in dem der Lagunenstadt gehörigen Theile Romaniens. Wie vom ganzen Reiche, so fielen auch von Eonstantinopel drei Achttheile den Benetianern zu, desgleichen von den Einkünften der Stadt. Genua »nd Pisa mussten sich mit dem zweiten und dritten Platze begnügen. 1 Bon besonderer Wichtigkeit wurde die Stellung am Bosporus, als die \ Benetianer den P o»tnsl ä n d e r» erhöhte Ausmcrksamkeit zuwendeten. Benedig und Seit Jahrhunderten unterhielten die Muselmänner Asiens Beziehungen zu die Pont»» gäiibern am Schwarzen Aiccre insonderheit des Sclavenhandels wegen. Venedig verstand eS, die Vermittlung dieser Beziehungen theilweise an sich zu bringen. Leider 4 ist eS über allen Zweifel erhaben, dass die Benetianer und später die Genuesen politische i kaukasische Menschenivare nicht nur an die Ungläubigen Syriens und Ägyptens, t sondern auch an christliche Abnehmer im Occidente verhandelten. Bor der Mitte deS j: 0!. Jahrhunderts errichteten die Mongolen oder Tataren im südöstlichen Rust' j5. Capitel. Tie italienisch-hansische Periode. 85 land das Chanat von Kiptschak oder das Reich der Goldenen Horde mit der Hauptstadt Sarai am linken Wolgaufer. Kleinasien gehörte theils dem Sultan von Jconium, durch dessen Reich vielbenützte Wege vom Schwarzen Meer bis an die cilicische Küste nach Satalin führten, theils den Kaisern von Ni'cäa und von Trapez»nt, die den lateinischen Kanfleuten freundlich entgegenkamen, obgleich sie sich mit der Idee trugen, Byzanz wieder zu erobern. Früher, als die Welt es erwartet hätte, schon nach zwei Menschen- Wieder- ^ Herstellung des altern, stürzte das lateinische Kaiserreich zusammen. ES war eine Folge byzantinische» genuesischer Minierarbeit. Von den Vcnetiancrn aus dein byzantinischen omch-s. Handel verdrängt, in Asien iind Europa bedroht oder offen bekämpft, ver banden sich die Genuesen mit den Todfeinden der fränkischen Herrschaft, den Paläologen in Nieäa, mit denen sie den Vertrag von Nymphäum schloffen. Bevor ihre Hilfsflotte noch erschienen war, hatten sich die Griechen Constantinopels durch einen Handstreich bemächtigt. An die Stelle der lateinischen war wiederum die griechische Herrschaft getreten (126l bis 1453). Das herrische Gebaren der Genuesen veranlasste den byzan tinischen Kaiser, nicht, wie er seinen Verbündeten versprochen hatte, die Vcnetianer gänzlich aus dem Ostreiche zu verdrängen, sondern sich ihrer als Gegengewicht zu bedienen. Übrigens behaupteten sowohl die Venetianer, als auch manche der kleineren fränkischen Fürsten einen Theil ihrer Beute von I204. Die Genuesen erhielten von den Paläologen nicht in der Altstadt Constantinopel Co»sta»u- ihre Quartiere, sondern in der jenseits des Goldenen Horns gelegenen Vorstadt Galata (Pcra), die sie in eine Festung verwandelten. Hier residierte der von der Mutterstadt bestellte Podest», dem ein engerer und weiterer Rath, sowie ein Handelsamt zur Seite stand. Bei seiner Rechtsprechung war er an genuesisches Statntarrecht gebunden. Die Venetianer und die übrigen Südenropäcr (Italiener, Provenealen, Spanier) waren nicht in Galata, sondern in Constantinopel einquartiert; der Geschäftsverkehr der Vor stadt übertraf jedoch um das Siebenfache den der Stadt. Nur Genuesen und Venetianer entrichteten in Constantinopel keinen Zoll; die anderen Knnfleute zahlten durchschnittlich zwei Procent von der Ein- und von der Ausfuhr. Die wichtigsten Handelsartikel waren: asiatische Prodncte, die über Tana (Asow) und Trnpeznnt kamen; Getreide, Pelze, Wachs n. dgl. ans Südrussland und den Donauländern, kleinasiatischer Alaun und die Einfuhren aus Westeuropa: flandrische, französische, italienische Gewebe, italienische Weine, Seife, Waffen rc. Indes die Byzantiner an ihrer Schaukelpolitik festhielten, befehdeten sich die Gennsen und Venetianer ununterbrochen um die Hegemonie im n,en a», Ruin Levantehandel. Diese verderblichen Reibungen dauerten biü gegen den Aus gang des 14. Jahrhunderts (Frieden von Turin, 1381). Unterdessen war ein neues Element an den Grenzen Asiens und Europas ansgctancht: dir o ö m n n i s ch e n T ü r k e n, denen nach einem Kampf von mehr als hundert Jahren das Reich und die Hauptstadt der Rhomäer erlagen (1453). Obgleich86 ll. Abschnitt. Das altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). Degradation" des Mittel meevcc«. Allmähliches Zusammen brechen der Stützpunkte des Levante Handels. Tie Genuesen am Lchwarzen Meer. ilassa Utid Tana. die Abendländer ihre Besitzungen allmählich an die Türken verloren und ihrer Privilegien beraubt wurden, so konnten sie doch, freilich unter lästigen Bedingungen, den Levantehandcl sortbetreiben. Nur verfielen manche der frequentesten Handelsplätze gänzlich, und ans den wenigen übrig gebliebenen Märkten war die Zufuhr gering, die Ware selten und theuer. Je weiter sich die türkische Herrschaft anöbreitetc, desto unzugänglicher wurden die oft lichen Ränder des Mittelmecres, desto mehr hörten seine berühmten Scalen aus, Sammclstellen des Güterumsatzes zu sein, desto weniger war cs von Bedeutung, Factoreien zu besitzen, deren Hinterland znsammenschrninpflc oder verödete. Durch die Türken erhielt der südenropäische Levantehandel seine erste Todeswunde, die zweite brachten ihm die Portugiesen bei durch die Ent deckung des Seeweges nach Ostindien, seit welcher der indisch-europäische Warenzng vom Mittclntccrc abgclenkt wurde und an der atlantischen .stiiftc Europas neue Stapclplätze für den Scchandel mit Indien »nd China er standen. Der Handel zwischen der mediterranen Ponente und Levante existierte fort; er hatte aber nur mehr örtliche Bedeutung, da daö Mittelmcer sich in eine Sackgasse, in ein coinmerzielleö Rebengcbiet verwandelte, ans dem die Seeränberei und die illoyale Eoucurrcnz unerwünschter Nebenbuhler >Franzose», Holländer, Engländer) den ehemaligen Monopolisten ihr Restchen Leben sauer machte. Es war eine traurige Metamorphose, die der stolze Schauplatz des internationalen Verkehres aller vorhergehenden Zeitalter im 16. und 17. Jahr hundert mitmachen musste! Gleichwie im byzantinischen Reich, so stürzten auch i» den übrigen Theilgebietcn der fränkischen Handelsherrschaft deren festeste Stiitzen zusammen. Zuerst in den Pontuöländcrn, dann an der syrisch-anatolischen Hüfte , im Archipelagus, in Ägypten. Seit der Wiederherstekklmg des griechischen Reiches (1261) richteten die G e n liefe n ihr Augenmerk auf die Länder am Schwarzen Meere. Aus diesem Rayon wenigstens hofften sie vermöge ihrer Stellung am Bosporus ihre Rivalen, die Venetianer, ver treiben zu können. Jedoch umsonst; denn an der vor allem wichtigen Rordküste konnten sich die Genuesen selbst bloß mit Bewilligung der Landesherren, der Khane des Reiches Kiptschak, ansiedeln. Tie bedeutendste politische Niederlassung der Genuesen wurde Kassa (Fedosia), wo sic sich trotz vcnetianischer und tatarischer Feindseligkeiten behaupteten. Allmählich erweiterte sich das genuesische Colonialgebiet am Schwarzen Meere, namentlich in der Krim, ohne aber vor den Hoheitsansprüchen der Goldenen Horde sicher zu sei». Wichtiger noch als Kassa wurde für die Abendländer das an der Donmiindung gelegene Tana (unfern des alten Tanais) oder Asow. Hier mündete die indisch-politische Strasie, die von Kabul über Persien ans kaspischc Meer »nd über Astrachan die Wolga auswärts bis in die Gegend des heutigen Zaritzin führte, von wo die Waren zu Lande nach dem Don und diesen abwärts bis Tana gebracht wurden. Ebenda begann auch5. Kapitel. Die italienisch-hansische Periode. 87 die chinesisch-pontische Straße, die über Türkestan und die Dsungarei bis ins Beriehrmn Reich der Mitte führte; die Reise dauerte V« Jahre. Die Genuesen selbst unterhielten nur über das kaspische Meer Verbindungen mit dem Seidendistriete von Ghilan. Ver einzelte Missionäre und Kaufleute haben jedoch den asiatischen Kontinent durchquert und den erstaunten Europäern die erste Kunde von den Wunderländern des fernsten Ostens gebracht. Außer den christlichen gab es auch mohammedanische Reiseschriftsteller, deren Schilderungen Licht über die nämlichen Regionen verbreiteten. Die ersten Psadsinder, welche in das Innere Asiens eindrangen, waren -' lbc,ü>= Missionäre, Sendboten des Papstes an den Mongolenkhan, den für das Khristen- thum 4 » gewinnen das Abendland einige Zeit trügerischerweise hoffte. Allein die 6otc „ j, ei ben indifferenten Khane sahen im Khristenthnme nur eine der vielen Religionen ihres 'Mongole». Reiches; sie legten der Ausbreitung desselben kein Hindernis in den Weg. Den Missionären — einem Piano da Karpine, Lonjnmel, Ruysbrock (oder Rubruquis) -—Die Reisen der folgten bald einzelne Kauflente. Eine dieser Handelsreisen ist durch die Beschreibung T">»u>e Polo, eines Theilnehmers — des Venetianers Aiareo Polo — berühmt und durch die Wirkung auf Mit- und Rachlebende von welthistorischer Bedeutung geworden. Mattos Vater und Oheim, Nieeolo und Maffio Polo, waren 1260 von Soldaja aus bis Karakorum, dem Hoflager des GroßkhanS und Kaisers von Ehina Kubilai, gekommen, der sie mit einer Mission an den Papst betraute. 1271 verließen sie wieder ihre Heimat, um dem Khan ein päpstliches Schreiben zu überbringen; diesmal begleitete sie der Sohn Rieeolos, der oben genannte Marco. Erst nach einem Vierteljahrhundert kamen sie wieder heim (1295). Die Hinreise führte sie über das Pamirplateau und den Bolor-Dägh nach Türkestan, den Rand der Gobi entlang bis Peking. Zur Zeit China zur Zeü der Poli war Hangtscheufu oder Quinsay, wie Marco es nennt, die größte Stadt P°loo. in Kathai (— Ehina), wahrscheinlich die größte der Welt; ihre Hafenstadt war das von Arabern und Indern vielbesuchte Khanfu. Die erste Seestadt des Reiches war Z aitun, der größte Spezereienmarkt der Erde. Marco Polo weiß auch von dem gold reichen Zipangu (Japan) zu erzählen; er kennt es aber nur vom Hörensagen. Zur Zeit der mongolischen Kaiser herrschte in Ehina die Papierwährung. Mittelst Holz- und Kupferplatten wurden Bastpapierstreifen mit Zahlzeichen bedruckt. Dieses eigen- thümliche Zahlungsmittel wurde vom Staate gegen klingende Münze nicht nmgewechselt; vielmehr musste man Edelmetall in Papier umwechseln, dessen Kurswert nur die Hälfte des Nennwertes betrug, wenn man Waren kaufen mailte. Nachdem Marco Polo viele Jahre im Dienste des Kaisers zugebracht hatte, trat er mit seinen Verwandten .die Rückreise an, die sie über die Sundainseln, Vorder indien, den persischen Golf, über TäbriS, Trapezunt, Konstantinopel der Heimat zuführte. Im Gefängnis verfasste Marco seine Reisebeschreibung, die zuerst in fran zösischer Sprache erschien, rasche Verbreitung fand, jedoch auch kritischem Zweifel begegnete. Im 14. Jahrhundert mehrten sich die christlichen Missionäre — Monteeorvino,C>»c>ikrteAb- Odorico, Marignola sind die berühmtesten — in Ehina. Es kamen auch genuesische Kaufleute dahin, vornehmlich des Seidenhandels wegen; am stärksten waren unter den dkg'mndc»" fremden Kaufleuten die Mohammedaner (aus Indien, Persien, Arabien) vertreten. Als im Jahre 1368 die mongolische durch die einheimische Dynastie der Ming ver drängt wurde, schlug die bisher fremdenfreundliche Gesinnung ins Gegentheil um, und Ehina schloss sich namentlich gegen die Abendländer hermetisch ab. Im 15. Jahr hundert gelangte ein Spanier (Elavijo) nach Samarkand der Residenz Timurs, die88 II. Abschnitt. TaS altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). Untergang der lakciniichen Colonicn am Ponw«. Inscl- Colonicn. T ic syrische» Nieder lassungen Ware»»»» tausch Mnlda zwischen Ägypten >lnd dem Abend« lande. Ta» c!r- scheinen der tt-crtugiesen in Indien. der schreckliche Städtevcrtilgcr gewaltsam zu einer Metropole des Gewerbes und Handels' gemacht hatte; ein Benetianer, Conti, der den Islam angenommen hatte, vermochte sogar bis Hinterindien vorzudringen. Die nächsten Berichte aus dem fernen Osten kamen dann schon von den Umschiffern Afrikas, den Portugiesen. Der friedliche Ausblick auf Inner- und Hinterasien, der sich eine Weile den Abendländern am PontnS darbot, mar umso trügerischer, als gerade ans Asien die Feinde kamen, die ihren Colonicn ein Ende bereiteten. Zuerst legte Tamerlan Tana in Asche (1395), gleichwie Sarai und Astrachan. 1410 und 1418 wurde das wieder aufgebaute Tana von den Tataren ausgeplündert. Nun folgten die Eroberungen der Türken, die Einnahme Constantinopels und die Absperrung des Bosporus durch die gegenüberliegenden Forts Rumili und Anadoln Hissari. Trotzdem klammerten sich die Genuesen an den Besitz Kaffas und Tanas, bis auch diese Städte nebst Soldaja cnpitnlierten (1475). Die Lateiner wurden zwangsweise abgeführt; vereinzelt tauchen indessen italienische Kaufleute auch später noch auf. Bon großem Werte waren für die am Levantehandel betheiligten Abendländer die größeren und fruchtbareren Inseln des Ägüischcn Meeres; hier hatte auch die fränkische Herrschaft den längsten Bestand. Die syrischen Küstenstädte, die zu den ersten Kreuzfahrerstaaten gehört hatten, geriethen gegen Ende des 12. Jahrhunderts mit Ausnahme von Tyrus in die Gewalt Saladins. Seit dem dritten Kreuzzuge reetablierten sich die Lateiner an der syrischen Küste, gaben jedoch am Ende des 13. Jahrhunderts Sicco,t, Tyrus und Sidon ihren Widersachern preis. Wenn nun auch der Handel mit Syrien nicht erlosch, so war doch der Mangel festländischer Niederlassungen fühlbar. Ilm so wertvoller war für die Abendländer im 14. Jahrhundert Lnjazzo am issischen Golf (Golf von Jskenderuu - Alexandrette), welche Stadt zu dem christlichen Reiche Kleinarmenien gehörte. Sic war der SlusgaugSpuukt einer Straße, die nach Täbris, der HnudelS- inetropole Persiens, führte. Bor und nach dem Falle der syrischen Scalen wag das eine Alexandrien alle anderen Klein- und Mittelstädte der Levante ans. Slus diesem Grunde haben die Lateiner, die schon vor den Kreuzzügen Alexandrien besuchten, bis in die Zeit der tiirkischen Oberherrschaft in Ägypten Stand gehalten. Es war ein Gebiet, wo sie nie mals die Herren spielen konnten, vielmehr Unbilden und Misshandlungen erdulden mussten und gleichwohl sestgehalteu wurden von der eigenen Gewinnsucht und der noch größeren ihrer muselmännischen Peiniger. Im Handel mit Ägypten kam viel Bargeld (abendländischer Valuta) in Ver wendung; die Abendländer zahlten jedoch auch mit Waren, an denen das Nilland Mastgel hatte: Holz und Metallen, nebstbei mit politischen Sclaven und europäi schen Fabricaten (Tuch, Leinwand :c.). Aus den genannten Materialien verfertigten die MoSlemin diejenigen Kriegsgerülhschaften, mit denen sie die Christen im Oriente sieg reich bekämpften. Deshalb verboten die Päpste den Handel mit Ägypten bei Strafe des Bannes oder gestatteten ihn nur daun, wen» er sich mit militärisch unver wendbare» Slrtikeln beschäftigte. Noch waren wenige Jahre des Hi. Jahrhunderts vorübergegangeu, als sich in Ägypten und Syrien die ersten Symptome der Veränderung zeigten, die im levan- tischen Handel durch das Eindringen der Portugiesen in den Indischen Ocean herbei- gesührt wurde. Die Gewürze wurde» selten und stiegen im Werte, da die neuen Ein dringlinge deu^arabische» Seefahrern ihr Handwerk gewaltsam verleideten und daran5. Capitel. Die italienisch-hansische Periode. 89 mengen, die beiden Zufahrtsstraßen zum Mittelmeer, den persischen und den arabischen Golf, z>i versperren. Der Umsatz sank auf ein Drittheil seiner ehemaligen Höhe. Im Jahre 1516 hielt Selim I., Sultan der OSmanen, in der syrischen Haupt- stadt (Damascus), 1517 in der ägyptischen (Kairo) seinen Einzug. Wiewohl die Lateiner unb .y tgt) p ten3 die Anerkennung ihrer Privilegien mit Gold erkauften, konnten sie den Persall Aleran- hm-ci) die driens und Kairos nicht aufhalten, dessen reichste Männer der Sultan »ach Eon- Türken, stantinopel transferierte. Einen Augenblick flackerte in dieser Epoche des Verfalles der Gedanke auf, den JflhmnS von Suez zu durchstechen und mittelst einev Canales den indische» Handel in? Aiittelmeerbecken jnrüctjnlcnfen; allein die damals verfrühte und »ndnrchführbare Idee wurde, wie bekannt, erst vierthalbhnndert Jahre später verwirklicht. 8 27. südcuropäischc Hnndelsgebiet. Das südeuropäische, dem Mittelmeere zngekehrte Handelsgebiet um fasste die im Levantehandel vornehmlich thätigen Länder: Italien, Lüd- frankreich, das christliche Spanien, besonders Catalonien. Natürlich spielten die am Handel mit dein Osten betheiligten S e c st ä d t e die erste Nolle; aber auch die gewerbfleisügen und rührigen Binnenstädte ließen sich vom auswärtigen Handel nicht abdrängen. Den südenropüischen und den von den Siidenropäern herbeigcholten levantischen Productcn eröffnete sich im übrigen Europa eilt von Generation zu Generation kaufkräftigeres Absatz gebiet. Die Südeuropäer traten nicht mit allen Ländern des Erdthciles in regelmäßige und unmittelbare Perbindungen, z. B. gelangten sie nur aus nahmsweise in das speeifisch nordenropäische (germanisch-baltische) Handels gebiet, sowie umgekehrt nur in einzelnen Fällen Känsleute oder Schiffe ans dem Norden nach Italien kamen. Die Südeuropäer standen nur mit der jenigen B c r in i t t l» » g s z o n e in directcn Verbindlingen, welche Oberdcutsch- la»d, die Rhcinlnnde, die Niederlande, Nordfrankreich und ein Stück Eng land umfasste. Durch dieses Bindeglied standen Siid- und Nordeuropa nur in mittelbaren Beziehungen. Italienische und levantinischc Waren wurden im Vermittlungsbezirk abgelagert und von dort eventuell an die nord- europäischen Händler weiter verkauft. Niemals in dieser ganzen Periode steht der Staat oder die Nation '->l>s>chmchc . r Vereinzelung hinter den nimm,tuen Unternehmungen der sudeuropaischen Kanflente. Jmmrr 5et etme in ist es nur die mehr oder minder unabhängige Stadt, die ihr ganz apartes, Handelsange- . n « n- ¦ lcgenhctten. eigensüchtiges Interesse nach aupcn vertritt und höchstens von Fall zu Fall sich mit anderen Connnunen verbindet. Die Stadt ist nicht nur in der Fremde ganz auf sich selbst gestellt, sondern auch häufig genöthigt, gegen ihre Rivalinnen diplomatisch oder mit bewaffneter Hand einznschreiten. Ähnlich verhalten sich die einzelnen Kanflente oder privaten Handelsgesellschaften gegen ihre engsten Landsleute. Ein einziger Fall ist bekannt, dass auch die ila-90 II. Abschnitt. Das altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). Anililfi, Pis». lienischen Handelsleute eine Verbindung in der Art der nordischen Hansen geschlossen haben, nämlich zur Wahrung ihrer Interessen auf den franzö sischen Messen. Handelskrise Die Handelskriege der italienischen Commnnen untereinander zielen ans ^Communmde" Ruin der Nebenbuhler ab und haben darum einen zähen, verbissenen Charakter. Die erste italienische Seestadt, die ihre leitende commerzielle Stellung verlor und dann noch eine Weile mitthat, bis sie in völliges Stilleben versank, war Ämalfi. Dessen Untergang ivar das Werk Pisas (Eroberung Amalfis 1135 unb 1137). Aber auch für Pisa kam die Epoche des BerfallcS. An Barcelona hatte es einen Concurrenten, der seinen Verkehr im westlichen Mittelmeer und in Sicilien schmälerte, an Genua einen Todfeind, der in dem Kamps um Corsica und Sardinien seine überlegene Kraft ein setzte. Seit der Niederlage von Meloria war Pisas Kraft gebrochen (1284); im Triumphe entführten die Genuesen die Kette, welche den Hafen von Pisa (Porto Pisano) geschlossen hatte, Noch eine Weile fristete Pisa seine Existenz als Exporthafen der Fabriksstädte Toscnnas (Lucca, Florenz). Die Florentiner strebten nach Unabhängigkeit von den Pisanern; sie bedienten sich zuerst des Hafens Talamone, der den Sicnescn gehörte, zum Export und erwarben schließlich von Genna die Stadt Livorno durch Kauf (1421). Es war der Todesstoß für Pisa, das seitdem nie wieder commerzielle Bedeutung er langt hat. Auch Genna, das zum Sturze Pisas beigetragen, wurde noch im Laufe ® enua u»d des 14. Jahrhunderts unfähig gemacht, die Rivalität mit Venedig weiterznführen. SBcicbtfl. wiederholt hatten die Königin des ligurischen und die Königin des adriatischen Meeres jahrelange Kriege gegen einander geführt ohne rechte Entscheidung. Eine solche führte erst der sogenannte Krieg von Chioggia (1377—1381) herbei, der durch einen Streit über TencdaS veranlasst worden war. Anfangs zeigte sich daS Kriegsglück den Genuesen hold; sic siegten bei Pola und eroberten die Insel Chioggia angesichts Venedigs. Es währte nicht lange, so waren sie ans der Insel blockiert und zur Capi- tnlation gezwungen. Die siegreichen Venetianer bedrohten die ligurischen User. Endlich kam der Friede von Turin zum Abschluss. Innere Verwirrungen brachten Genna mehr als das Unglück der Waffen in Nachtheil gegen Venedig, daS im 15. Jahr- Superioritäl hundert zwar den Verfall seiner levantinischen Stellung nicht aufhalten konnte, aber Venedigs. j„ j, er unmittelbarsten Nachbarschaft reichlichen Ersatz fand. Es war die Epoche, da die Lagunenstadt das Festland bis an die Adda hin seiner Oberhoheit unterwarf und politisch ivic cominerziell tributpflichtig machte. Desgleichen gebot sie über Istrien, Dalmatien und Corfü, soivie über ansehnliche Reste des levantischen Colonialgebietes. Europäischer Wao den Warenverkehr der italienischen Coilllnunen mit West- und Warenhandci ... , . r Venedigs. Mitteleuropa betrifft, so kam auch da, wie beim Levantehandel, Venedig die erste Stelle zu. Hinsichtlich des Geldhandels war ihm Florenz und manche kleinere Stadt überlegen. Was immer venetianischc Kanflente in der Fremde einhandelten, musste nach der Mntterstadt gebracht und daselbst verzollt werden. Auf der Reise und in der Fremde unterlagen die Kaufleute der strengsten Aussicht; dafür machte ihnen in der Heimat und deren Factoreien kein auswärtiger Handelsmann schädigende Concurrenz; denn nur solche Artikel durften in Venedig eingeführt werden, welche die Stadt für sich gebrauchen oder zum Wiederverkauf verwenden konnte. Hinsichtlich der Ein- und Ausfuhrzölle existierte keine unbiegsame Doctrin, sondern, ivie es die wechselnden Con-5. Kapitel. Die italienisch-hansische Periode. 91 juneturen mit sich brachten, sehie man sie herauf oder hinab. Tie nämliche Beweg lichkeit zeigte die venetianische Handelspolitik überhaupt. Die Hauptabsatzgebiete Venedigs außer der Levante waren: M,'°tz>,cbicte 1. das übrige Italien, namentlich die nördliche Tiefebene; 2. die Gestade- b ' ' i,£neUcmet - ländcr der Adria einschließlich Ungarns; 3. Oberdeutschland, int geringeren Maße der deutsche Norden; 4. Flandern und England. Eine berühmte Rede des Dogen Mocenigo vom Jahre 1420 gewährt einen ziffernmäßigen Einblick in die Mengen und Werte des Handels der Venetianer zumal mit Italien. Dieselbe Rede bietet auch ein Bild der venetianischen Industrie und ihrer Pcnetiamsch- Leistungsfähigkeit. Zweifellos nahm die Textilindustrie den obersten Platz ein: Schaf- Industrie, wolle aus England und Spanien, Flachs aus der Lombardei, orientalische Baumwolle, Seide ans Morea ivurden zu Fabricaten umgeschaffen, die ans dem gesaururten Welt- urarkte der Zeit als unübertrefflich angesehen wurden. Wie iit den feineren Geweben, so konnte sich auch in der Waffen-, Schmuck- und Glasfabrieation der opulente Kunst geschmack des Erzeugungsortes offenbaren. Mit dem 14. Jahrhundert beginnt in Italien überhaupt jener Fortschritt der kunstgewerblichen Technik, der zu dem Höhepunkte der Renaissance des 16. Jahrhunderts führte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahr hunderts hat sich nach tiefem Verfall das Kunstgewerbe au den herrlichen Vorbildern dieser Blüteepoche emporgerichtet. Der Handel mit Deutschland spielte sich, soweit er nicht von reisendenDcri-'ouS-co Venetianern betrieben wurde, in den Räumen des berühmten „Fondaco dei Tedeschi“ dei Tedeschi. äb. Vor dem 13. Jahrhundert wird er nicht erwähnt. Die Institution selbst stammt aus dem Orient und war den Venetianern daher geläufig. Offenbar wollten sie auch fremden Kaufleuten zeigen, wie die Halbsrlaverei schmeckt, zu der sie selbst z. B- in den Fondachi Ägyptens verurtheilt waren. Der Fondaco diente als Zollstätte, Magazin, Geschäftshaus, in erster Linie als Absteigeguartier der transalpinen Kanfleute, die nirgends anderswo lluterknnst suchen durften. Das Haus gehörte der Stadt, welche dessen Räume vermietete. Städtische Organe hoben die Zölle und Aeeisen von den importierten und den zu exportierenden Waren ein. Alle Geschäfte zwischen Ein heimischen und Fremden mussten innerhalb des Fondaco durch Sensale („Unterkäufel") abgeschlossen werden. Seusalenstellen konnten auch verpachtet werden und waren darum beliebte Sinecuren, deren sich auch Künstler wie Tizian und die beiden Bellini er freuten. Den Deutschen war es nicht gestattet, mit dem baren Erlös ihrer einheimischen Importe Venedig zu verlassen, sie mussten ihn ganz und gar in Rückfracht umsetzen. Das Weiterführen nicht verkaufter Artikel war untersagt. Mit nichtdeutschen, z. B- flandrischen oder englischen, Waren durften die Deutschen auch nicht kommen, weil dies eine Beeinträchtigung der nach den außerdeutschen Ländern handelnden Venetianer gewesen wäre. Ter Wert des deutsch-venetianischeu Umsatzes wurde auf eine Million Ducaten jährlich veranschlagt. Unter den Besuchern des Fondaco sind fast alle süd deutschen und österreichischen Städte, obenan Regensburg, Allgsburg, Nürnberg, Wien, vertreten, sporadisch die Rheinstädte und Lübeck. Nach Venedig brachten sie: Berg- werksprodncte (besonders ans Österreich), Pelze, Zeuge, Leder; ans Venedig holten sie: levantinische Produete, Glas, Bijouterien, feine Tuche und Seidenzeuge. Nachdem die Venetianer Flandern, Nordsrankreich und England schon lauge Direkter von der Landseite her zu besuchen gewohnt waren, eröffneten sie seit dem Beginn des^"^"nd 14. Jahrhunderts einen regelmäßigen S e e v e r k e h r m i t F l a n d e r n u u d E n g l a u d ^gland.92 II- Abschnitt. Das altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). (1317). Zuerst schwankten sie zwischen den Stapelorten Brügge und Antwerpen, blieben aber zuletzt bei Brügge. In England war Southampton ihr wichtigster Landnngs- platz. Auf der Hinfahrt berührten sie Majorca, Almena, Cadiz, Lissabon. Übrigens unterhielten auch die Genuesen und seit dem 15. Jahrhundert die Florentiner regel mäßige Verbindungen mit Flandern. In der Geschichte der Nautik machen die flan drischen Fahrten der Italiener Epoche; sie repräsentieren die erste reguläre Bcnlitznng des atlantischen Oceans zu Handelszwecken; sie schalten die atlantischen Küstengewässer in den Kreis des Welthandels ein. Genna. Die zweitgrößte Handelsstadt des mittelalterlichen Italiens, das stolze Genna, konnte es weder in der Levante zu der so heiß ersehnten Suprematie bringen, noch in der Ponente die anfängliche Vorherrschaft behaupten, seit die provenyalischen und catalonischen Städte sich von der ligurischcn Metropole frei machten. Immerhin überwog der Einfluss Gennas in Frankreich und Spanien den jeder anderen Seestadt. Auch die Genuesen standen mit den Deutschen über die Alpen hin und seit Beginn des 1.4. Jahrhunderts mit Flandern übers Meer in conunerziellen Verbindungen. Auch Genua hatte seine Industrie, die jedoch mit der venetianischen oder florentinischen den Vergleich nicht anshalten konnte. Vor allem waren die Genuesen vortreffliche Genuesische Schiffbauer. Sie vermieteten und verkauften ihre Fahrzeuge aller Welt. Große Marmc. Transport- und Kriegsschiffe, wie sie von den Südeuropäern zur Kreuzzngszeit ver wendet wurden, hatten 100—200 Ruderer und fassten 1000—1500 Personen. Größere Lastschiffe besaßen eine Tragfähigkeit von 400—600/. Floren;. Im Geldhandel überflügelte Florenz seit dem U). Jahrhundert alle Städte Europas; auch in der Gewerbethätigkeit kamen der Arnostadt nur Venedig und Brügge gleich. Während Venedig linentwegt an der aristokratisch- republikanischen Staatssorm festhielt und auch in Genua, wiewohl unter den heftigsten Parteikämpfen, der Adel seine Vorherrschaft wahrte, so durchlief Florenz, wie die meisten italienischen Communen, mehrere Zwischenformen, Tyrannis, bis die Entwicklungsreihe i» der Tyrannis und dem absoluten Fürstenthum ihren Abschluss fand. Die florentinische Tyrannis trug einen plutokratijchen Charakter. In der Stadt der BangnierS musste der größte Tie Mediceer. Banquier Alleinherrscher werden: zuerst Cosimo, später Lorenzo de' 'Diebin; im 16. Jahrhundert stieg das berühmte Geschlecht der Mediceer zur herzoglichen und großherzoglichen Würde in Toscana enipor. Wiedercin- Von Florenz gieng NM die Mitte des 15. Jahrhunderts eine für den Welt- suhrung des fy an $, e j wichtige Umgestaltung des MünzwesenS aus. Seit den Karolingern eiiropiiischcö herrschte innerhalb des romanisch-germanischen Völkerkreises die Silber Währung. Miinzwcse». Goldmünzen wurden, von (Stellten abgesehen, nirgends geschlagen. An jeder Mnnz- stätte wurde Silber nach einem anderen Fuße geprägt und oftmals, an manchen Orten zu jedem Jahrmarkt, nmgeprägt. Dabei florierte der Handwechfel; aber im Großhandel und im auswärtigen Verkehr ließ sich mit den localen Geldsorten nichts anfangen. Hingegen war im Oriente Gold noch immer das überwiegende Zahlungsmittel. In den byzantinischen Ländern circulierten Goldsolidi (Byzantiner), in den islamitischen5. Capitel. Die italienisch-hansische Periode. 93 der goldene Dinar und der silberne Dirhem (aus „Drachme" entstanden). Stach dem Vorgänge von Florenz schlossen sich die Mittelmeerländer und bald auch daS westliche Europa dein Weltbrauche an. Seit 1252 prägte man in Florenz Goldmünzen, die ans 81°'°»™. der einen Seite das Bild Johannes des Täufers, ans der anderen das Wappen der Stadt, eine heraldische Lilie, mit der Umschrift Florentia trugen. Nach dem Präge- ortc oder der Blume (a flore) erhielten die neuen Goldmünzen den Namen Floren (fiorino, florin). Ein Menschenalter später stellte man in Venedig Goldmünzen her, Ducat-n. die aus der einen Seite das Bild Christi zeigten mit der Umschrift: Sit tibi Christo datus, II quem tu regia, iste ducatus; vom letzten Worte erhielten die Geldstücke den Namen Ducaten oder man nannte sic nach der Münzstätte (la Zecca) Zecchinen. Im 14. Jahrhundert prägte man in ganz West- und Mitteleuropa Goldmünzen nach florentinisch-venetianischem Muster; in Deutschland führen sie den Namen Gülden Gülden, oder mit tautologischer Deutlichkeit Goldgulden. Es ist daher für die ältere Zeit unter Gulden eine Münze zu verstehen, die dein Ducaten an Wert ungefähr gleichkommt. Übrigens erfreuten sich die rheinischen Gulden keines guten Rufes, wogegen die ungarischen ihres zuverlässigen Feingehaltes wegen in Achtung standen. In Florenz bildeten die Wechsler (oder Banquiers) eine eigene Zunft, die zuFl^»u>üsch! den sieben großen Zünften (Innungen) gehörte, in denen die altbürgerliche 3un,te - Eapitalskraft, das plutokratische Element, vertreten war, während in den 14 niederen Zünften das Kleinbürgerthum organisiert war, dem sich die Proletarier anschlossen. Tie wirtschaftlich bedeutendste unter den florcntinischcn Zünften war die der Wall- Industrie, weder (Lite ckella lana), welche französisches und englisches Rohmaterial für den Export verarbeitete. Mit den Wollwebern stand die Arte de 11a Calimala (Mer- catanti) in Zusammenhang; sie beschäftigte sich mit der Veredelung (Scheren, Färben, Appretieren) und Wiederversendung eingeführter Rohtuche. Auf allen europäischen Messen, selbst in Venedig, handelte man mit florentinischem Tuch, an welchem Handel sich die ersten Häuser der Stadt betheiligten. Die Seidenweberei, aus dem benach barten Lucca an den Arno verpflanzt, ist der einzige unter den alten Gewerbszweigen, der sich bis zum heutigen Tag erhalten hat. Am einflussreichsten näch innen und außen war die Wechslerznnft (8oeietas Fl°rc„m»- campsorum s. cambiatorum). Seit dem 12. Jahrhundert waren mittel- und norditalienische * tl|CÖ ®“ nt ' Geldhändler in ganz Europa anzutreffen. Alan bezeichnetc sie als Lombarden oder Toscaner; doch bald war der Name ein Gattungswort, das so wenig über die Her kunft anssagte, als das ebenfalls übliche Cnhorsiner oder Kawerze (von Cahors in Südfrankreich). Auf die florentinischen BangnierS übten Frankreich und England die größte Anziehungskraft ans, wo sie unter anderem mit den Königen Darlehensgeschäfte abschlossen. Auch die Geldgeschäfte der päpstlichen Curie liefen meistentheils durch die Hände slorcntinischer Wechsler. Das Geschäft mit den Großen dieser Erde war nicht ohne Gefahren. Als im Jahre 1439 der englische König Eduard III. seine Zahlungen an die Staatsglänbiger einstellte, kamen die florentinischen Häuser der Bardi und Perrnzzi ins Wanken, bis sie endlich, nachdem sie Tausende ins Verderben mit gerissen, definitiven Bankerott ansagten. Zwei Menschenalter hindurch wirkten die Folgen dieser Erschütterung. Erst im Anfang des 15. Jahrhunderts nahm Florenz einen neuen Aufschwung und betheiligte sich, etwas spät, an dem mediterranen Warenhandel, da cs nun den Hafen von Livorno käuflich erworben hatte. Tie Zahl der florentinischen Fnctorcien und der Zweigniederlassungen seiner großen Firmen war Legion. Tie Mediceer allein hatten Ili Filialen außer Florenz.94 II. Abschnitt. DaS altweltliche Connncntal-Zeitalter (Mittelalter). Kleinere Neben den drei Metropolen des italienischen Handels und Gewcrbe- ^ 2 taliens"'° fleißes — Venedig, Genua, Florenz — gab es ungezählte Handelsorte zweiten und dritten Ranges: die lombardischen Städte mit Mailand, wo auch die Bodenproducte eines gesegneten Umlandes zusammenströmten; das seiner Seidenindnstrie wegen berühmte Luc ca; Siena mit seinen Geld händlern; Nom, wo die Tribute der ganzen katholischen Welt zu- und abflossen; Ancona, Neapel, Barlctta, Messina, das für die Seefahrer des westlichen MittelmecrcS von Wichtigkeit war, weil sie ihr Weg nach der Levante durch die Meerenge führte, die Italien von Sicilien trennt ti. s. w. SLdfraiizö Unter den provenealischen Hafenstädten waren Marseille, Mont- P e l l i e r, Narbonne und Aign es - Mortes die hervorragendsten, welch letzteres vor der Einverleibung Montpelliers der einzige Mittelmeer- hafen des Königreiches Frankreich war. Wie die Italiener, so bildeten auch die Proventzalcn aus verschiedenen Städten keine hanscnrtigen Verbindungen; nur für Nordfrankreich traten sie wie diese zu einem Verbände zusammen. Eine wirtschafts-geschichtliche Gemeinschaft zwischen Nord- und Südfrankreich datiert erst seit dem Ausgang des Mittelalters. Languedoc Die Provence stand mit Languedoc in engstem Verkehr. Bordeaux tauschte »nd t'iovcnce. gegen <j(g e ; u englische und flandrische Wolle ein; Languedoc und das damals ZN Spanien gehörige Perpignan waren Hauptsitze der Tuchfabrication. Die fremde Schafwolle wurde jedoch auch auf der Gnronne bis Toulouse befördert, hier umgeladen und nach Mont pellier oder Aigues-Mortes spediert, um von hier nach Italien verschifft zu werden. Barcelona. Das catalonische Barcelona, der wichtigste Mittelmeerhafen Spaniens, eroberte sich im 12. und 13. Jahrhundert seinen Platz dicht neben Genua und Marseille. Es brachte selbst den Export des maurischen Spaniens an sich, dessen Umfang sich freilich zusehends verminderte. Auch in den Barbareskcnstaaten Nordafrikas (Tunis) waren die Catalanen zuhause. Seitdem das aragonesische Herrscherhaus von Sicilien Besitz ergriffen hatte (1282), besaßen sie einen festen Stützpunkt an dieser Insel; sie traten nun auch in der Levante als Concnrrenten der Italiener und Südfranzosen auf. Spanien selbst lieferte dem catalonischen Handel Wolle, die feinste damaliger Zeit, Südfrüchte, Metalle. Die Kehrseite nationalen Wesens zeigten die Piraten und die nicht minder berüchtigten Geldwechsler Cataloniens. Ursprung dcs $)te wirksamsten Schöpfungen der Romanen Südeuropas liegen auf Handels- dem Gebiete des Handelsrechtes. Aus romanischem (zumal italieni- rechtcs. schein) Handelsbrauch ist mit Zuhilfenahme des römischen Rechtes ein Welt- Handelsrecht entstanden, das biö in die Gegenwart fortwirkt und noch immer neue Gebiete erobert. Schon am Ende dcs Mittelalters recipierte der euro päische Norden stückweise das Handelsrecht SüdeuropaS. Geschäfts- Zu den Schöpfungen des romanischen Handelsgeistes im Mittelalter gehören: bttrab. ^ Gewisse Grundformen des Geschäftsbetriebes. Dem Kaufmann, der Glied einer Gilde5. Capitel. Tie italienisch-hansische Periode. 95 oder Innung ist, stehen Gehilfen und Lehrlinge zur Teste. Größere Firmen haben auswärtige Filialen, denen ein Factor vorsteht. Tie Buchführung unterliegt geschlichen Vorschriften; solche existieren auch über Handelsmarken, Musterschutz, Erfinderpatente, Mäklerwesen w. 2. Die wichtigsten Gesellschaftsformen: a) Die nationale Form des HandelSgeseli- italienischen Seehandels repräsentiert die C o m m cnda (die Mutterfonn der Commandit- lchastm. und der stillen Gesellschaft, sowie des Commissionsgeschüftcs). Ein oder mehrere Capita- C°,»,»enda. listen übertragen einem reisenden Unternehmer nach Vereinbarung die Abwicklung nns- wärtiger Handelsgeschäfte, d) Tie offene Gesellschaft wurzelt im Gewerbe, undOffem Gesell schaft. zwar im familienhasten Betriebe desselben. Später wurde sie auch auf den bloßen Handel und ans Gesellschafter übertragen, die in keinerlei Verwandtschastsverhältnis zu einander standen, c) Der Actien verein hat seine Wurzeln im (communalen) Actienvercm: Staatsschuldenwesen. Es war in Italien tiblich, dass denjenigen, die den Communen Darlehen vorgestreckt hatten, öffentliche Abgaben zur Verzinsung und Amortisation überwiesen wurde, z. B. Hafenzölle. Zur leichteren Verrechnung zerlegte man den Fonds (wov8 oder compera) in gleiche Theile (tooa), auf die der Reingewinn repartiert wurde. Berühmt war die genuesische Mao na, eine Colonialacticngesellschast, die sich mit der Maona, Exploitation der Mastixpflanzungen von Chios und der Alaungruben von Phokäa befasste. Auch die genuesische S. Georgsbank entstand aus einem Actienverein, der S. Gwrgs- die Staatsschulden (47'ti Mist. Lire) übernahm, aus den Staatseinnahmen die fälligen Zinsen bezahlte und obendrein Handelsgeschäfte betrieb. Die Actien lauteten ans Namen; die Actionäre bildeten den gran consiglio. Die Bank zahlte Dividenden und gab so zu Cursschwankungen Anlass. 3. Tie Wertpapiere namentlich Inhaber- und Wertpapiere. Orderpapiere, deren Anfänge bis ins 6. und 7. Jahrhundert zurückgehen, dann Blanco- papiere und Generalcreditbriefe. 4. Tie Rhederei mit Passagiervertrag und Eonas sem ent, zu dem der Lagerschein das Seitenstück bildet. 5. Dem Seeverkehr entstammt die Prämie nass ecu ranz, der sich im 14. Jahrhundert die Lebensversicherung zu- Assecuw»,, gesellt. 0. Der Creditverkehr — man ist in Südeuropa sowohl über den Natural- Credo->m» tausch, wie über den bloßen Bargeldverkehr hinaus — steht noch nicht unter dem Ba»tt»c,en. Banne der Börse. Zeit- und Creditkauf, desgleichen Speculationskauf kommen häufig vor. Preiscoalitionen (Ringe) sind strengstens verpönt. Im Bankwesen ist alles so ziemlich wie heute; nur liegt es in den Händen einzelner oder vereinigter Privat- banquiers. 7. Tic eigenthümlichste Schöpfung der romanischen Handelswelt des Mittel- Wechsel, alters ist der Wechsel, wenngleich er den antiken Völkern nicht unbekannt war. Die ersten mittelalterlichen Wechsel, die sich zufällig erhalten haben, stammen aus Genua und dem 12. Jahrhundert. Alles, was über die „Erfindung" der Wechsel da oder dort, von Ehristen oder Juden erzählt wird, gehört ins Gebiet der „Ammenmärchen . Als Urforin des Wechsels erscheint der domicilierte Eigenwechsel. Im großen Verkehr gewann er als Messtratte überragende Bedeutung; er wurde das vornehmste Werkzeug »des interlocalen und internationalen geldwirtschastlichen CreditverkehreS". Italien ist die Heimat des modernen Buchwesens (doppelte Buch haltung alla Veneziana), der kaufmännischen Arithmetik und der wissen schaftlichen Handelskunde: Der erste Mann, der das Rechnen mit indisch- arabischen Zahlzeichen (Algorithmus) in die Praxis eingesührt hat, war Leonardo Fibonacci, der Verfasser eines 1202 erschienenen Werkes über Rechenkunst. Die erste theoretische Schrift über Buchhaltung stammt von HandclS- wissenschaft.96 n. Abschnitt. Das altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). Fra LucaPacioli aus dem Ende des 15. Jahrhunderts. Schon im >4. Jahrhundert schrieb ein Bediensteter des slorentinischen Bankhauses Bardi, Balducci P e g o l o t t i, ein handelskundliches Werk, das ungefähr enthält, >vas in modernen Büchern über Handelsgeographie und Usancenlehre dar gestellt wird. Ein ähnliches Werk verfasste im 15. Jahrhundert Uzzano. kommerzieller Junge Handelsbeflissene ans Deutschland wurden schon im 14. Jahrhundert Unterrecht. nach Venedig geschickt, um die „Handlung" zu erlernen. Lucas Rem z. B., Sprössling einer Augsburger Kaufmannsfamilie, kam 1494 nach Venedig, lernte zuerst Italienisch, dann in 5 Vs Monaten rechnen und gieng schließlich 3 Monate „ans nin schnol, da man biecher halten lernt". 8 28. Das nordciiropäischc Haudelsgebict und der niederdeutsche Hanseblmd. Colonisation Der große norddeutsche Städtebnnd, welcher im 13. und 14. Jahr lind Germani . . . . , . fatiou bcs hundert die Herrschaft über das nordeuropaijche Haudelsgebict antrat, Pt Ostens. „Nr durch die voran und nebenher laufende Besiedlung, Christiani sier u n g und Ger m a n i s a t i o n der slavischen itnb letto-slavischen Länder östlich der Elbe möglich geworden. Mit Recht bezeichnet man die Colonisation des ostelbischen Deutschlands als die größte That der deutschen Geschichte des Mittelalters. Im Grunde gewannen die Deutschen nur zurück, was sie einstmals besessen: die ältesten Sitze ihrer Vorfahren, das Land zwischen Elbe und Weichsel, in das sich während und nach der Völkerwanderung die Slaven eingeschlichen hatten. Antheil dcr Alle Stände haben zusammengewirkt, dem helitigen Deutschen Reich drei Fünftel Stande j e j ne§ Flächenraumes JU erobern und über dessen jetzige Grenzen hinaus deutsches Wesen weiter auszubreiten, als die Politik zusammenznhalten imstande war: priestcr- liche Mönche aus dem Prämonstratenser-, Cisterzienser- und Augustinerorden — Heiden bekehrer und Pionniere der Agricultur —, dcr ritterliche Mönch des Schwert- und des deutschen Ritterordens, der weltliche Ritter und Reisige-, der Kaufmann, der Hand werker, der Bergmann, der Bauer. Dem deutschen Landmanne gebürt wohl die Palme unter den Mitstreitern; denn nur wo der Bauer das Land mit der Pflugschar nach- erobert hat, ist es deutsch geworden und geblieben, in der Mark, in Pommern, in Ostpreußen, in Schlesien. Es war ein Sieg des deutschen Streichbrcttpflnges über den slavischen Hakenpflug. Wo nur Priester, Krieger und Kaufmann zusammengewirkt hatten, da blieb im Innern des Landes außerhalb der Städte fremde Art bestehen, z. B. in Livland und Esthland. An der Colonisation Rordostdentschlands betheiligten undderBolks- sich vornehmlich die Rordwestdentschen: Blämen Wandrer), Holländer, Friesen, stamme. Sachsen, zumal Westfalen, weniger Franken und Thüringer. Eroberuugs- Schon die sächsischen Könige, Heinrich I. und Otto I., hatten das Deutsch- d—.thum über die karolingische Elbgrenze hinausgerückt I aber gegen, die von ihnen er- jiaiserzeit. richteten Marken und Bisthttmer stürmte die slavische und heidnische Reaction mit solcher Heftigkeit an, dass nur Reste sich bis ins 12. Jahrhundert erhielten. Mit Lothar5. dapitel. Die italienisch-hansische Periode. 97 Lübeck. Dstseehcmdel von Supplinburg trat wieder eine Wendung zugunsten des Deutschlhum-.' eiiu Ei belehnte Albrecht den Bären mit der Altmark; alsbald waren nn llmkrcw de heutigen Mark Brandenburg die Slaven vertrieben, ausgerottet oder zu riuecyien iml2 . 3af) ^. r gemacht und deutsche Kolonisten an ihre Stelle gesetzt. Etwa um dieselbe Zeit erober e Adolf II. von Schauenburg Holstein bis zur Ostsee und gründete an stelle eme slauischcn Ortes, namens Buku, die deutsche Stadt Lübeck. Ta kam aber ein stärkerer und presste ihm die Neugründnng ab: Heinrich der Löwe, Herizog über Bayern und Sachsen. Der mächtige Welfe bcwidmete Lübeck mit Soester Stadtrecht, befreite die Lübecker Kaufleute von allen Zöllen innerhalb seiner Territorien und lockte rie ireniden Kaufleute des Ostseegebietes durch Versprechungen an, die r-tadt im ^.rave- wmkei nnfzusuchen. Denn die Ostsee war zur Zeit, als die Deutschen an ihre Ge, ade »ordrangeu. keineswegs ein unbefahrenes, dem Weltverkehr entrücktes B,nnengebiet. Die Seeherrschaft befand sich in den Händen der Dänen und Slaven. 1 ..rancePeriode, ölätze waren berühmt: Jnlin (die JomSburg der Normannen, dasVineta versage), Danzig, Björko am Mälarsee, allen voran Wisby auf Gothland; auch Nowgorod, Smolensk, Pskow gravitierten schon in der vordeutschen Periode zur Ostsee; za über Kiew reichten die coinmerziellen Verbindungen der baltischen Region bis an das Schwarze Meer, wo der byzantinische, islamitische und innerasiatische Handel zusammenstießen. Tür Lübeck und die anderen deutschen Städte ivar es von großem Wert, dass sie namentlich in Wisby einen geeigneten Stützpunkt für den Eigenhandel und überall bereits Anknüpfungen vorfanden, die sie iveiter geführt und möglichst in ihren Allein- besitz gebracht haben. Heinrich der Löwe eroberte noch das heutige Mecklenburg, während Pom- Mecklenburg niern sich aus freien Stücken dem Ehristenthum, sowie der deutschen Oberhoheit unter- ». t^>m ordnete. Es erhoben sich an der Küste die sogenannten wendischen städte: stral- stind, Greifswald, Stettin, Rostock, Wismar, die zumeist im Ist. Jahrhundert deutsches stadtrecht erhielten. Nach dein Sturze Heinrichs des Löwen (1180) bedrohte König Waldemar II. der Große das deutsche Colonialland mit einer neuen dänischen Oberherrschaft; aber durch die Schlacht bei Bornhövede (1227) wurde die Alacht Däne- marks für Generationen lahmgelegt. Die Expansion der Deutschen über die L stsce- länder nahm wieder ihren Fortgang. _ Deutsche Kauflente waren schon'um 1165 die Düna hinaufgefahren; ihren Colomsaiw» spuren folgten in dem stammfreinden Lande Glanbensboten und die Ritter des ^chwertordenS, de» der Bischof Albert von Burhövede gestiftet hatte. Der Orden vollendete die Eroberung Livlands und Eft hl and S; 1201 wurde Riga gegründet, üA'val war eine Gründung Waldemars n. Den Schlussstein in die Germanisation Xcr v«»msch- Ostsecländer fügte der deutsche Ritterorden ein, der in halbhundertjährigen ~ 1111U '" ta Kämpfen (1230—1283) Preußen der Herrschaft seiner Schutzpatrons», der Gottes mutter Maria, unterwarf. Nacheinander entstanden Thorn, Kulm, Elbing, Königsberg und Marienburg. Als das Kriegsmerk vollendet war, verlegte sich der Orden mit Eifer auf den Handel. ^ Die mit Recht gepriesene Colonisation der Ostseeländer war nur ein -U)ct( der colossalcn Besiedlungsarbeit, welche die deutsche Nation vom 1-. besaiten biö zum 14. Jahrhundert verrichtet hat. Bon neuem drangen die Deutschen md^n* Bintterlandco unter Führung ihrer Landesherren gegen den Wald und die uncultivierten Flächen vor. Neue Dörfer und Städte erhoben sich; schon Mayr, Lehrbuch der Handelsgeschichte. 7 Dänische Reaction.98 II. Abschnitt. Das altweltliche Coniinental-Zeitalter (Mittelalter). bis ms bestehende Städte erhielten besondere Rechte oder Privilegien. Im 14.Jahr- M.oatjrt). ^ un ^ ert fomntt der weitere Ausbau des alten Mutterbodens ins Stocken; er ist eigentlich zu Ciitbc geführt; der Sättigungspunkt ist erreicht; zum Glück ist nicht aller Wald der Rodungslust züin Opfer gefallen. Seit dem 14. Jahrhundert bestehen so ziemlich dieselben Ortschaften, wie noch jetzt; nur wenige sind seitdem hinzugekommen, wohl aber etliche wieder eingegangen. Cotonisato Vorn 12. Jahrhundert ab ist neben dem Ausbau des Mutterlandes «%***¦ und der Colonisation des Nordostens noch ein drittes großes Arbeitsfeld in Südosteil. Angriff genommen worden: die Gernranifation der an den deutschen S ü d- osten grenzenden nichtdeutschen Länder (Böhmen, Mähren, Ungarn). Auch hier folgt auf die Epoche des Fortschreitens im 14. Jahrhundert eine Re ac tio n, die nicht nur das Vordringen des Deutschthnms anfhält, sondern auch dessen theilweises Znrückwcichcn zur Folge hat. Besiedelung Im 1l>. und 11. Jahrhundert bereits hatten die Deutschen das Gebiet der O st- der Alpen- alpen wieder besetzt. Sie waren bis zur Raab und March vorgedrungen, stcllen- weise noch darüber hinaus. Auch rodeten sich Bayern) Franken, Sachsen in die Grenz- Di-Deutschen Wälder hinein, die das innere Böhmen gegen das Reichsgebiet abschlossen. Wo der I» Böhmen Pflug des deutschen Landmannes zusammenhängende Landstrecken erobert hat, ist der und Mühlen, j m allgemeinen deutsch geblieben. In Böhmen und Mähren hatte der Deutsche nicht eigentlich eine agrarische Sendung, noch weniger drang er als Eroberer und Überwältiger der slavischen Bewohner ins Land. Er kam, von den Fürsten des przemyö- lidischcn und luxemburgischen Hauses (1-3. und 14. Jahrhundert) zu friedlicher Arbeit berufen, als Bcrgbaucolonist, Kaufmann und Handwerker. In Böhmen, Mähren, Polen und llngarn beruht das Städtewesen physisch und juridisch ans deutschen Grundlagen, indem sowohl deutsche Ansiedler die Städte belebten, als auch deutsches in Ungarn (besonders Magdeburger) Recht in ihnen zur Herrschaft kam. Wo die Städter und und Sieben- Bergleute so in der Überzahl waren, wie in der Zips, da nahm wohl das ganze n ' tflf "' Gebiet deutschen Charakter an. Roch mehr in Siebenbürgen, wo Städter und Bauern dem Deutschthum ein großes Territorium gewonnen haben. Es ist derselbe Menschenschlag von Rhein, Mosel und Maas, der das Sicbenbürger Snchsenland Tcutschfeind- und das rechtselbische Norddeutschland germanisiert hat. Die Reaction gegen das IlchcReactiou. Deutschthum brach in Böhmen und Mähren zur Hnssitcnzeit (Anfang des 15. Jahr hunderts), in Polen seit den Jagcllonen (Ende des 14. Jahrhunderts), in Ungarn unter den Thronwirren de? 15. Jahrhunderts herein. Tic Stützen Erst im Zusammenhänge mit der gcsammten colonisatorischen Thätig- ser hansischen * , . . . , . . . .. . . . _ , ' u Suprematie, fett deö deutschen Bolkes wahrend des 13. und 14. Jahrhunderts gewinnt die Culturarbeit des deutschen Kaufmannes die rechte Beleuch tung. Wir erkennen die Kräfte, die ihn vorwärts drängen, seine Erfolge stützen nud tragen. In dem Jahrhundert vom Eindringen der Westdeutschen in die baltische Region bis zum deutlichen Hervortreten der Hanse vollzieht sich eben der Ausbau des Colonisationswerkes ans altem Rcichsboden, die Eroberung der nordischen Slavenländer, die Infiltration deutscher Elemente in die fremdsprachigen Länder jenseits der östlichen Grenze.5. Capitcl. Die italienisch-hansische Periode. 99 Tie Geschichte des Wortes Hanse (Hansa) spiegelt die Geschichte der ent- Parallelismus sprechenden historischen Phänomene wider/ In grauer gothischcr und althochdeutscher s'uilrfjcn dem Vorzeit bedeutet Hansa eine „Schar, eine Menge". In mittelhochdeutscher Zeit bezeichnet das Wort bereits eine Genossenschast und >vird synonym mit „Gilde" gebraucht. fle Trf)id)rtid)ev Namentlich in Oberdeutschland nennt man die mit richterlichen Functionen aus- Erscheinung, gestatteten, autonomen Genossenschaften der Kaufleute desselben Platzes Hansen. Nach einiger Zeit dient das Wort zur Bezeichnung derjenigen Verbindungen, welche deutsche Kaufleute aus verschiedenen Städten in der Fremde theils de? Schutzes, theils gemein samer Lebensordnung halber abschließen. Endlich bezeichnet man die Bündnisse deut scher Handelsstädte zur Förderung ihrer politisch-commerziellen Interessen als Hansen; der Gattungsname wird nun Eigenname für den Bund norddeutscher Städte, der voin 14. bis zum 17. Jahrhundert bestanden hat. Als zum Schlüsse nur drei Städte noch an der Föderation festhielten, so blieb an ihnen der Name „Hansestädte" hasten, selbst als der letzte Rest eines eigenen Verbandes geschwunden mar. Die deutsche, eigentlich nord- oder niederdeutsche Hanse hat, wie Ursprung der gemeiniglich angenommen wird, einen zweifachen Ursprung. Sie ist ent- standen: l. aus den Verbindungen der deutschen Kaufleute ver schiedener Städte im Aus lande (z. B. in London, Wisbh, Brügge) und 2. aus Bündnissen benachbarter deutscher Städte, die zunächst für einzelne Zwecke, dann aber auch zu dauernder Beförderung gemeinschaftlicher Interessen einander näher getreten sind (z. B. der Bund Hamburgs und Lübecks von 1241). Jedoch die so entstandenen, unzusammenhängcnden Jntercsscnkrcise ergeben noch immer nicht die deutsche Hanse. Es fehlt noch eine dritte Vorbedingung, der trnit ä'union. Dieses verbindende Element bildet die Stadt Lübeck. Indem Lübeck, der Vorort des wendischen Städtebundes, Die in den auswärtigen Niederlassungsbezirken die Leitung an sich bringt, so ^rck"^ sammeln sich naturgemäß die interessierten Städte um die wendische Metropole und vereinigen sich unter deren Hegemonie zu demjenigen Bunde (Shm- machie), den man mit dem Eigennamen Hansa bezeichnet. Dieses vielgliederige Ganze besteht zunächst nur als Postulat, das heißt es erscheint Lübeck und anderen Eommnnen wünschenswert, dass man sich zur Wahrung und Ver mehrung der Rechte des „gemeinen Kaufmanns deutscher Nation" nach Bedürfnis verbünde. Indem man gegen Ende des 13. Jahrhunderts zu Ver handlungen, Beschlüssen, Beiträgen, gemeinschaftlichen Unternehmungen vor wärts schritt, gewann das Gewünschte immer greifbarere Wirklichkeit. Zur Reife gelangte die Hanse erst nach der Mitte des 14. Jahrhunderts durch die Kölner Conföderation (1367). Doch selbst auf dem Scheitel- punkte der Macht hatten die Städte, Lübeck mit inbegriffen, kein Bedürfnis, sich an feste und klare Versassungsbestimntungen zu binden; sie begnügten sich mit der bisherigen losen Form einer Verbindung, die jedem Theile Actionsfreiheit gewährte. Aus der Höhe hält sich die Hanse bis über die Mitte des 15. Jahrhunderts. Von da an senkt sich ihre Laufbahn wieder nach abwärts.100 II- Abschnitt. Das altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). Umfang dcs Die Hanse umfasste zur Zeit ihres Höhestandes ungefähr neunzig meistens deutsche und zwar niederdeutsche Städte. Jedoch gehörten z. B. das französisch redende Dinant und das polnische Krakau gleichfalls zum Bunde. Wenn auch nur Städte in den Bundeslisten figurieren, so hatten doch auch Landbewohner, z. B. in Preußen und Westfalen, Theil an . Grenze», den Rechten des gemeinen Kaufmanns. Im Westen bildete die Zuydersee die Grenze, bis zu welcher Bundeöstüdte gelegen waren; int Süden reichte sie bis Andernach, Güttingen, Halle und den vereinzelten Vorposten, Breslau und Krakau; im Norden bildete das Meer die Grenze, doch gehörten auch das schwedische Kalmar, Öland und Gothland zum Bunde; Reval bezeichnete den nordöstlichen Endpllnkt des Hansegebietes. Glieder»»!, Die Hansestädte gruppierten sich nach ihrer territorialen Zusammen gehörigkeit. o,i älterer Zeit kommt auch eine DreitHeilung vor (ein rheinisches, sächsisches, gothländisches Drittel mit den Vororten Köln, Lübeck, Wisby). Erst seit dem 16. Jahrhundert lässt sich die bekannte Eintheilnng in vier Quartiere Nachweisen: l. das westfälische mit dem Hauptorte Köln; 2. das sächsische mit Braunschweig; 3. das wendische mit Lübeck; 4. das p r e u ß i s ch - l i v l ä n d i s ch e mit Danzig. Hansetagc. Gemeinsame Angelegenheiten wurden auf allgemeinen Hanse tag c n verhandelt. Solche haben nicht in regelmäßigen Zwischenräumen statt- gesunden. Umso häufiger waren Tagfahrten territorial zusammengehöriger Städte, wie denn ;. B. Lübeck fast niemals ohne die enger verbündeten wendischen Städte auftrat: Rostock, Stralsund, Wismar, Hamburg, Lüne- ^»ilm' bürg. Gegen widerspenstige oder säumige Bnndesmitglieder wurde das Zwangs mittel der BerHausung, das heißt zeitweiliger Ausschluss aus dem Ver bände und dem Mitgenusse der hansischen Vorrechte, verhängt. Gegen das Ausland verwendete man außer Waffengewalt - selbstverständlich bevor zugten die Hanseaten den diplomatischen Weg — noch das zweischneidige Zwangsmittel der Handelssperre. M-ck ai» Auf den Hansetagen präsidierte Lübeck, wo sich die Truhen befanden, in denen die Urkunden des Bundes und die Sitzungsprotokolle (Receffe) der Hansetage aufbewahrt wurden. Lübeck führte die Bnndescorrespondcnz, und auch im Kriege stand es auf dem Posten, der ihm als Vorort zukam. Kriegerische Fast unablässig lief neben größeren Unternehmungen gegen die nordischen Könige u»ter hör kleine Krieg wider die Freibeuter des Landes und der See einher. So wenig „c,,»»»gcn. ^ per einzelne Kaufmann ungeleitet seiner Wege ziehen konnte, so wenig war dies dem einzelnen Schiffe auf dem Meere möglich. Immer deckten wohl bemannte Orlog- schiffe oder Friedenskoggen (Geleitschiffe) die Koggen (rundliche, hochbordige Fahrzeuge Ti-Mia««»- mit einem hohen Mast) der Kanslentc. Unter den Piraten des 14. und 15. Jahr- briidcr. Hunderts waren die Vitalicnbrüder die verrufensten, vor denen Herren und Städte5. Capitel. Die italienisch-hansische Periode. 10 t vom biscayischen bis zum bottnischen Golf Decennien hindurch erzitterten. Die Ham burger schlugen sie zwar bei Helgoland (1402) — ihre Häuptlinge, darunter der im Liede gefeierte Klans Stortebecker, endeten auf dem Schafotte — allein bis um 1440 hörte man noch von ihren llbelthaten. Unter den Hansestädten waren die durch Handel und Industrie her- vorragendsten: Lübeck, Stettin, Danzig, Riga, im Westen: Hamburg, Magde- HansMdtc. bürg, Bremen, Köln. Hier sammelten sich die Productc ausgedehnter Hinter länder und vollzog sich der Umsatz gegen die Waren des Auslandes. Lübeck verdankte seine leitende Stellung nicht nur gewissen historischen Um- Lübecks gw- ständen (dass es der erste deutsche Handelsplatz an der Ostsee, der Auswandererhafen graphische für die Colonisten der baltischen Zone, der Oberhof für die zahlreichen mit lübischem Rechte begabten Städte war), sondern auch der Gunst seiner geographischen Lage. Von dem Winkel der Ostsee, wo die Trave mündete, führte eine bequeme Straße nach Hamburg hinüber zur Elbemündnng und zur Nordsee. Viele Wnrcngattuugen wurden regelmäßig in Lübeck ausgeschifft und nach Hamburg transportiert, weil man so den weiten und nicht immer geheueren Weg durch den Sund ersparte. Heute noch gibt eS Artikel, die denselben Abkürzungsweg rinschlagen; der Nordostseecanal wird dem- nächst die L>ache noch vereinfachen. Eine Verbindung zwischen unterer Elbe und Traue vermittelte auch der Stecknitzcanal, den man eine zweite, zur Ostsee gehende Elbc- mündllng genannt hat. Auf dieser Wasserstraße erhielt Lübeck hauptsächlich die Productc seines Hinterlandes, z. B. das Salz der Lüneburger Salinen. Die Travestadt selbst war keine eigentliche Industriestadt. Ihre Bestrebungen giengen in der Handelspolitik ans, deren Ziel war, die Vermittlung zwischen Ost- und Nordsee womöglich in den ausschließlichen Besitz der Stadt zu bringen. Die gcmeinhausische Politik Lübecks diente oft nur zum Deckmantel ihrer localen Tendenzen. Die Hauptgebiete des auswärtigen Handels der Hanse waren:H-mdelsgebi« l. England, 2. Flandern (nebst Nordwestfrankreich), 3. Norwegen, 4. Schonen 'dc^Hanse° (nebst Dänemark), 5. Gothland und Schweden, 6. Russland. Für den Ver kehr mit England bildete das Londoner Kontor, der Stahlhos (steel- yard), den Mittelpunkt. In Flandern war Brügge der Hauptsitz des hansischen Handels. Der norwegische Geschäftsverkehr concentriertc sich im Kontore zu Bergen. I» Schonen befanden sich die Bitten (Fischerci- plütze). Wisby blieb bis ins 15. Jahrhundert ein Hauptort für den nor dischen Güterumsatz. Für den russischen Handel war der S. Peter Sh os in Groß-Nowgorod das Centrum. Die Kontore und Höfe der Hansen im Auslande ivaren ständige Niederlagen ««»»«« und und Geschäftslocale, wo Kauf und Verkauf unter strenger Controle vor sich giengen, Agenturen und Aufenthaltsorte, wo der deutsche Kaufmann unter Landsleuten nach Sitte und Brauch der Heimat leben konnte. An sich exterritorial, erfreute er sich schützender und fördernder Vorrechte, mit denen die fremden Landesherren des 13. tind 14. Jahrhunderts nicht kargten. Der Verkehr mit dem Ausland erwies sich auch einer selbständigen Rechts- ^cchis bildung sördersam; allein die zahlreichen localen Rechte konnten vor der späteren Reception des südeuropäischen Handelsrechtes nicht Stand halten. In den Factoreien1Q2 II. Abschnitt. Das altweltliche Coiuinental-Zeitalter (Mittelalter). 1. Snßlcmb. Fusion der einzelnen Gilden und Nieder lassungen. Nohftoff- Production. Hansischer Zwischen handel. Anfänge der englischen Industrie. entwickelte sich ein strenges Dienst recht. Was das Seerecht betrifft, so erlangte das der Insel Olvron weite Verbreitung. Es bildet auch einen Bestandtheil des schließlich maßgebenden Wisbyer Seerechtes (WaterrechteS) von 1505. In England besaßen die Deutschen ihre älteste Handelsniederlassung, dieGild- halle der Kölner zu London. Neben ihr bestand seit dem 12. Jahrhundert auch eine flnndrische (vlä m isch e) H ansa, ein Verband von 17 Städten, an dem später nordfranzösische Communen, z. B. Paris, theilnahmen. Tie italienischen Banqniers, die in England anwesend waren oder ihre Vertreter hatten, bildeten keinen derartigen Ver band. Als im 13. Jahrhundert Lübeck und Hamburg die Erlaubnis zur Nieder lassung und Errichtung einer Gilde oder Hanse erhalten hatten, drängten sie Köln in die zweite Linie, bewirkten die Fusionierung der in London und anderen englischen Städten bestehenden Genossenschaften deutscher Händler und führten unter den Kauf- lenten „des Reiches Alemannien" oder den „Leuten des Kaisers" das große Wort. Aus der kölnischen Gildhalle erwuchs das gemeinhansische Kontor, der Stahlhof, ein ausgedehnter Gebändccompler am Ufer der Themse. Hier lebten die Deutschen unter der Aufsicht eines jährlich gewählten RatheS von 12 Männern, an deren Spitze ein „Aldermnnn" stand. Außer dem Niederlaffnngsrecht besaßen die Hanseaten das Privilegium des Groß- und Kleinhandels innerhalb des ganzen Reiches; sie entrichteten mäßige Zölle und standen unter eigener Gerichtsbarkeit. Als Gegenleistung für ihre Privilegien ward den Hanseaten anferlcgt, an der Verthcidignng Londons theilznnehmen, wenn es belagert würde. England prodncierte, wie ehedem, vornehmlich R o h st o f f e: Zinn, Kupfer, Eisen, Blei — vereinzelt wird die Ausfuhr von Newcastler Kohle nach Frankreich erwähnt —, Häute und besonders Schafwolle, seit dem 14. Jahrhundert auch Halbfabricate, wie Leder und Rohtuch. Auf der Wolle beruhte Englands Stellung im mittelalterlichen Welthandel i ihr kam die erste Schutzmaßregel zustatten, indem Heinrich II. verordnete, dass importierte Wolle verbrannt werden solle. Ein stets gesteigertes Schutz- und Protectionssystem bildet das Wahrzeichen der britischen Handelspolitik bis ins 19. Jahrhundert. Für die Hanse war die englische Wolle, auf der die Tuchfabricatiön Frankreichs und der Niederlande beruhte, Siebenfache. Größere Aufmerksamkeit schenkten die Han seaten dem englischen Bergbau; gelegentlich nahmen sie die Zinngruben Englands insgesammt in eigene Regie. Ihre Hanptthätigkeit bestand in der Einfuhr und im binnenländischen Vertrieb bestimmter Waren. Der älteste deutsche Einfuhrartikel war Rhein- und Moselwein; später traten baltische Waren hinzu (Häringe, Wachs, Pelze), und als in England bei zunehmender Schafzucht der Getreidebau abnahm, so gewann der Danziger Fruchthandel erhöhte Wichtigkeit. So lange die fremde Marine im Übergewicht war und die englischen Kaufleute nicht selbst die auswärtigen Märkte aufsuchtcn, ließ sich an dem Typus eines Handels verkehres, bei dem sich die Fremden ans Kosten der Einheimischen bereicherten, nichts ändern. England konnte das Ausland schon wegen Mangels an eigener Industrie nicht entbehren. An diesem Punkte setzte die nationale Handelspolitik zuerst ihre Hebel ein. Überall im Lande begann man bereits ans heimischer Wolle Rohtuchc 311 ver fertigen, die nach Flandern ausgeführt, allda veredelt und entweder weiter verkauft oder nach England zurückgcbracht wurden. Mit der Zeit wagte man sich an Ganz- sabricate, denen man den continentalen Markt durch Verträge zu erschließen ver mochte. Wenn nun die WollauSfnhr beschränkt und znm Schluffe verboten wurde, so5. Capitel. Die italienisch-hansische Periode. 103 war die heimische Fabrication ermuntert, ja gezwungen, sich so vom Ausland unab hängig zu machen und diejenigen Länder, die bisher auf englische Wolle und Rohtuche angewiesen waren, in Dienstbarkeit zu bringen — ein Ziel, das schon den Plantagenets vorschwebte, aber erst im 16. Jahrhundert unter den lehtcn Tudors erreicht ward. Schwerer noch als die Überlegenheit der continentalen Industrie wurde die Emancipatio» Abhängigkeitvo m fremden Zwischenhandel empfunden. Den fremden Kauf- l, "‘" J” 1 Unten musste ein heimischer Kaufmnnnsstnnd entgegengestellt werden, der jenen nicht AEnder. bloß den Verkehr mit dem Jnlande entreißen, sondern sich auch den Zugang zu den Märkten des Kontinentes und den Erzeugungsländern der von den Fremdlingen ein- geführten Handelsartikel erobern sollte. Zwar hatten im ungeregelten Verkehr mit den zum binnenländischen Groß- und Kleinhandel berechtigten „Foreigners" auch ein geborene Engländer Reichthümer erworben, z. B. die Poles — eine Geldfürstenfamilie in der Art der Medici oder Fugger. Jedoch in wirksamerer Weise konnten die Genossen schaften der Fremden nur wieder durch Genossenschaften befehdet werden, bei denen Die Stapci- die Unterordnung unter das gemeine Interesse Grundsatz war. Gegen Ende des »>»»ng. 13. Jahrhunderts rief die Krone eine Handelsinnung ins Leben, damit, zum Zwecke leichterer fiscalischer Überwachung, die Waren nur an bestimmten Stapelorten des Jn- und Auslandes zum Verkauf gelangen sollten. Diese Stapelinnung ist im 14. Jahr- Dic hundert durch die selbstwüchsige Genossenschaft der Merchant Adventurers (der Merchant „wagenden Kaufleute") überholt worden. Ihnen verdankt die nationale Schiffahrt und AllvLnturi rb ' der Eigenhandel Englands den ersten nachhaltigen Anstoß. Alsbald witterten die fremden Kaufleute die Gefahr, welche ihnen von dieser Seite drohte. Insbesondere ließ es sich die niederdeutsche Hanse angelegen sein, den Adventurers durch Handels sperre, durch Ausschließung vom Besuche der hündischen Häfen, durch offene Gewalt entgegenzuarbeiten. Noch einmal kam 311 Ende des 15. Jahrhunderts ein Ausgleich zu stande, der lltrechter Vertrag von 1473, durch den der Hansa ihre Vorrechte bestätigt wurden. Als sie aber im 16. Jahrhundert fortfuhr, die englischen Kaufleute wie recht lose Eindringlinge zu misshandeln, so warfen die Engländer zuletzt die obsolet gewor denen Privilegien des herabgekommenen Städkebundes in die Rumpelkammer. In Brügge und wo sonst die Hanseaten in den Niederlanden ihre Fnctoreien 2.DieNicder- hattcn, galt es den Umsatz der Rohproducte des europäischen Nordostens gegen dic seinen Gewerbserzeugnisse Westeuropas- und gegen die vom Rhein und von der Seeseite her zugeführten Producte der Levante. Auf diesem Hauptmarkte des Abendlandes genoss der „gemeine Kaufmann deutscher Nation" keine Vorzugsrechte. Flandern war nicht der Boden, wo man sich die freien Hände gerne durch Privilegien band; aber mit den in Flandern eingehandelten Kostbarkeiten versorgte die Hanse Skandinavien und die baltischen Länder nahezu ausschließlich, wie denn auch die von den Hanseaten nach den Niederlanden verschifften Rohproducte, zumal Nahrungsmittel aus Nordosteuropa, eine Lebensbedingung für die stark bevölkerten slandrisch-brabantischen Städte waren. Über die flandrische Küste hinaus gegen Westen sind die Deutschen, Fahrten jcn- wie es scheint, erst im 14. Jahrhundert zu regelmäßigem Verkehre vorgedrungen. Flotten ^cr Mn- von mitunter 1OO Schiffen segelten in die Baye, einen Hafen südlich von Nantes, *• um französische Weine und Seesalz (das Bayensalz) einzunehmen. Noch weiter, nach Spanien und Portitgal, sind die Hanseaten ebenso ausnahmsweise gefahren, wie spanische oder italienische Galeeren bloß ausnahmsweise in die Ostsee kamen. Nur dic Danziger hatten eine besondere Vorliebe für den Süden; sie frequentierten Lissabon und im l6. Jahrhundert sogar die Mittelmeerhäfen.104 II. Abschnitt. Das altweltliche Contincntnl-Zeitalter (Mittelalter). 3. Norwegen. Erst als die wendischen Städte gegen König Erich mit Waffengewalt ein- geschritten waren (1284), wurden den Hansen die erwünschten Rechte in Norwegen eingeräumt: unbedingtes Niederlassungsrecht, Freizügigkeit, Freiheit, mit Einheimischen und Fremden Handel zu treiben. Jin eigenen Interesse concentrierten aber die deut schen Kaufleute den norwegischen Güterverkehr in ihrer Bergener Factorei. Tie in England oder Flandern nur geträumte Monopolisierung des gesammten Verkehres, hier in Norwegen ward sie ihnen zutheil. Wenn die Hanse die Handelssperre über das Reich verhängte, so bedeutete dies Hungersnoth. Außer Lebensmitteln führten die hansischen Koggen auch Tuch, Linnen, Metallwaren, Spezereien, Wein dem Lande zu, das Pelze, Felle, Waldproducte u. dgl. als Bezahlung bot. Nidaros (Drontheim) und Halogaland (das nördliche Norwegen), Island und Grönland verkehrten mit dem Bergener Kontore. Ein ganzer Stadttheil, die Brücke, und die von deutschen Hand werkern bewohnte Schustergasse waren Eigenthum der Hanse. 21 Höfe und 2 Kirchen gehörten zu dieser durch frcigewählte Obrigkeiten sich selbst regierenden Factorei. Wer in die Dienste des Kontors trat, verpflichtete sich für 10 Jahre und durfte all die Zeit über nicht heiraten. 4. Dänemark Dänemark beherrschte infolge des Besitzes von Schonen den Eingang in die nebstSchone». Ostsee, deinE uu d. Deshalb hatten die Beziehungen zu dieser Macht besondere Wichtig keit für die Hanse. Das eigentliche Dänemark bot dem Kaufmanne nur müßiges Interesse. Um so wichtiger war im 13. und 14. Jahrhundert die Position ans Schonen. Fischfang. Bis zu einem hohen Grade ist nämlich die Geschichte der Hanse abhängig vom See fischfange, der einem Theile der verbündeten Städte, auch deren Oberhaupte, den wichtigsten Tanschartikel für den Großverkehr mit den Hinterländern verschaffte. Im 13. Jahrhundert verlegte der Häring „ans nur ihm bekannten Gründen" seine Laich plätze von der pommerschen an die südschwedische Küste. Seitdem entstanden bei Fal- Bittcn. sterbo und Skanör die Bitten oder Fischlager, die sich zur Zeit des Häringfanges mit Menschen anfüllten; denn mit dem Fange, dem Salzen und Räuchern der Fische ver band sich eine vielbesuchte Messe. Das Leben in den Bitten dauerte von Jacobi bis Martini (vom 25. Juli bis 11. November); währenddem fuhren die Schiffe dreimal zur Heimat, um den Tribut des Meeres zu entrichten. Als sich seit dem 15. Jahrhundert die wanderlustige vlupea harengus theile der norwegischen, theils der holländischen Küste zuwandte, so war dies für die Anwohner höchst erfreulich, allein die Bitten gcriethen in Verfall. Waldema Slit Dänemark hat die Hanse ihren gefährlichsten Strauß ansgefochten, den rischer Krieg. Waldemarischen Krieg (1361—1370). Waldemar III., der lange Zeit ein Bundes freund der Hanse gewesen, eroberte zuerst das an Schweden verlorene Schonen und wandte sich hierauf gegen Gothland. 1301 überfiel und zerstörte er Wisby, nachdem er seinen Kriegern die Parole gegeben hatte, dass dort „die Schweine aus silbernen Trögen fräßen". Nun verband sich die Hansa mit Schweden und Norwegen zu gemein schaftlichem Kampf wider Dänemark; aber die Verbündeten erlitten bei Helsingborg eine solche Niederlage, dass die verzweifelten Hanseaten in einen Waffenstillstand und Frieden willigten, den der übermüthige Sieger nicht achtete. Auf Betreiben der preußi schen und niederländischen Städte kam eine Tagfahrt in Köln zustande. Hier wurde von 77 Städten die Konföderation des Jahres 1307 abgeschlossen: jede Stadt musste Schiffe und Truppen beistellcn; zur Bestreitung der Kriegskosten sollte ein Pfundzoll (Hafenabgabe) eingehoben werden. Die von den deutsch-baltischen Landes herren unterstützten Hanseaten erschienen mit einer derartig imposanten Flotte, dass5. Capitel. Die italienisch-hansische Periode. 105 Waldemar, der anfangs gespottet hatte („77 Hanse, ,7 Gänse >, aus seinem Reiche flolj. Kopenhagen, Wisby, Helsingborg rc. fielen deir Deutschen in die Hände. Im Stralsundcr Frieden (1380) gelobte Dänemarl, anher Wiederherstellung de» Privilegien und Schadenersatz, dass in Zukunft kein König in Dänemark gewählt werden dürfe ohne den Rath der Städte, denen der Gewählte ihre Freiheiten beschwören müsse. Ein Erfolg, wie ihn die Hanse nicht ivicdcr erkämpft hat. In Schweden besaßen die Hanseaten köiu Kontor wie in Norwegen. sie-rfiwcb waren über das Land verstreut und exportierten vorzüglich Kupfer, Eisen und Holz. Die alten Handelsniederlassungen der Deutschen in Wisby giengen allmählich in die Hanse auf, als Lübecks Einfluss auch in Gothland das Übergewicht erlangt hatte. Rach der Zerstörung durch Waldemar ist Wisby nicht wieder zu seiner früheren Wichtigkeit Gelangt; übrigens ist eS in nächster Zeit ein Hauptquartier der Korsaren geworden. Den Grund- und Eckstein der hansischen Hegemonie im nördlichen Europa bildete «¦ N»ssla„d. wohl der Handel mit Russland und den benachbarten slavischen Ländern, Lithauen Und Polen. Die bedeutendsten Emporien dieses deutsch-slavischen Handels waren Nowgorod, Pskow (Pleskow) und Kowno (Kauen), zu Zeiten auch Smolensk. In Nowgorod. Nowgorod (Veliki Nowgorod oder Groß-Nowgorod, deutsch Naugarden, das Holmgard der Wikinger) besaßen schon im 12. Jahrhundert die Gothländer den S. OlafShos die Deutschen den S. Petershof. Nowgorod war eine nur dem Namen nach von Wahlfürsten abhängige Republik, , deren Grenzen im Osten und Norden bis an den üral und das Eismeer reichten. Selbst von der Tatarenherrschaft blieb sic verschont. Von ihr galt das Wort: Wer kann wider Gott und Groß-Nowgorod! Tie Stadt war nicht nur zu Lande erreichbar, sondern auch zu Schisse von der Ostsee her durch die Newa, den Ladogasee und den Wolchoiv; nahe dem Ausflusse desselben aus dem Jlmensee war fic gelegen. Wasserwege und Tragplätze verbanden sie mit dem Gebiete der Düna, der Wolga und der arktischen Dwina. Unter den Kanfleutcn gab es Land- und Wafser- fahrcr; die ersteren kamen aus Livland und waren Gegner der Wasserfahrer, die dem Range nach höher standen. Gegen Ende des Itz. Jahrhunderts brachte Lübeck auch im S. Pctershofe seine Oberhoheit zur Anerkennung. Nirgends hatten die Hanseaten eine >o heule Stellung als in der slavischen Stadt, wo ihnen die einheimische Kaufmanns- gilde voni h. Johannes gegcnüberstand. Wer zu tnmultuarischen Scenen jedesmal den Anlass gegeben, ist nicht zu entscheiden; sicherlich ließen sich die Niederdeutschen in Nowgorod wie anderswo unerträgliche Übergriffe zu Schulden kommen. Die strengste Haus- und Geschäftsordnung war gerade au diesem Platz ein Gebot der Sicherheit. Bei dem nichr unberechtigten Misstrauen zwischen Deutschen und Russen durfte kein Geschäft ohne Zeugen abgeschlossen werden. Trotzdem gab cs unaufhörliche Klagen einerseits wegen unechten Tuches, anderseits wegen verfälschten Wachses oder schäbiger Pelze mit auf genähten Haaren. Dieses Beispiel zeigt, dass der russisch-deutsche Handel im Austausch der Naturproductc des Ostens (Wachs, Pelze, Felle, Talgs gegen die Erzeugnisse der west- und mitteleuropäischen Cultur (Tuch, Leinwand, Mctallgeräthe, Wein, Bier, Salz) bestand. Was die Italiener über den Pontus her bezogen, das erhandelten die Hansen am Wolchoiv. Eine Eigenthümlichkeit des Nowgoroder Handels war, dass die dortigen Russen bis ins 15. Jahrhundert auswärtiges Geld verschmähten; sic selbst zahlten mit Marderschnauzen oder mit Ledergeld, das erst durch einen llkas Peters des Großen für imitier außer Gebrauch gekommen ist. Übrigens circulierten in Russland außer - byzantinischen auch nationale Geldstücke (Griwnen; die Viertelgriwne hieß Rubel).106 n. Abschnitt. TaS altmeltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). Nowgorod 1471 eroberte Iwan HI. Wafsiljewitsch Nowgorod; es bildet seitdem einen unter der Hestnndthcil des Czarenreiches. Im Jahre 1494 hielt er cs für gnt, den Olafs- und Herrschaft Petershof überfallen und plündern zu lassen; die 49 Insassen wurden in Ketten nach Moskau gebracht. Das bis dahin thatsachlich bestehende Monopol der Hansen hörte auf, aber ihr Antheil am russischen Handel blieb bedeutend genug. Ursache,, der Politische und sociale Momeilte haben zusammengewirkt, dass die Grosse dco Hanse im Norden Ellropas die Handelsherrschaft erringen konnte: I. die Hansebundes. ~ . , . . . , auswartlgen Krrege, durch welche die Kräfte Englands, der skandr- navischen, der slavischen Reiche gebunden und die Herrscher oft gezwungen waren, die Dienste der fremden Kauflctlte in Anspruch zu nehmen; 2. die inneren Gegen s ätze — die Kämpfe zwischen Königthum und Ade'l, x zwischen Königthum und Parlament (Ständen), zwischen Adel und Bürger- thuin n. s. w. -, welche gleichfalls bewirkten, dass die Staaten im Norden Europas ihre Kraft zur Abwehr der mereantilen Fremdherrschaft nicht ge brauchen konnten; 3. die S ch w ä ch e des deutschen K a i s c r t h u in s, das gewiss der Selbsthcrrlichkcit und Eigenwilligkeit des niederdeutschen Städte bundes mit anderen als papierenen Waffen cntgegengetreten wäre, wenn es die Macht oder nur die Idee gehabt hätte, selbst an die Spitze der nationalen Handelsbestrcbungcn zu treten; 4. ein der Hanse besonders günstiger Um stand war cs, dass in den nordischen und östlichen Ländern das Städtewesen und das Bürgerthum in der Entwicklnng zurückgeblieben >varen, demnach der Deutsche die Überlegenheit seiner Cultnr, seines Capitals und seiner kaufmännischen Routine in die Wagschale werfen konnte. Ursache,> dco Politische und sociale Momente haben aber auch zusammengewirkt, Sinkens der dass schon im 15., noch mehr im 16. Jahrhundert die politische Macht , 5 . Jahrh. und der mercantile Einfluss des Hansabundes abzunchmen, der Bund selbst zu zerbröckeln anfieng. l. Hörten die auswärtigen Verwicklungen auf, welche die nordischen Staaten an der Entfaltung ihrer Macht so lange Zeit gehindert hatten. Der hundertjährige Krieg (1339—1453) zwischen Frank reich und England gieng zu Ende. Die stets uneinigen skandinavischen Staaten vereinigten sich 1397 durch die Kalmarer Union zu einem Reiche, dessen Könige (Christoph, Christian l. und II.) eine antihanseatische Handelspolitik inaugurierten. In dem von den Mongolen eroberten oder doch zertrümmerten Russland bildeten sich unabhängige Theilfürstcnthümer, aus welchen gegen Ende des 15. Jahrhunderts das moskowitische Ezarcnreich znsammengefügt wurde. Wie dieses, so zeigte auch daö ans der Vereinigung Polens und Lithauens erwachsene Reich der Jagelloncn (1386—1572) eine deutsch feindliche Haltung. 2. Thcilö noch im 15., theils im 16. Jahrhundert triumphierte daö absolute Fürste nt hum über Stände, Adelige und Bürger; es entwickelte in den geeinigten und innerlich consolidierten Staaten5. Capitel. Die italienisch-hansische Periode. 107 eine solche Kraft, dass die Städte und ihre locker gefügten Bündnisse zu Schanden wurden. Der Staat siegte über die Stadt, der Einheitsstaat über die. Föderation. 3. Selbst den Territorial fürsten des zersplitterten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation waren die Stadtrepubliken nicht mehr gewachsen. Mit Erfolg machten die Landesherren günstig gelegene Städte dienstbar (z. B. die Hohenzollern Berlin 1442); die Communen, welche ihre Freiheit bewahrten, fielen der Vereinzelung anheim und wurden dvn den Territorialstädten in der Folgezeit überflügelt. So verschlimmerten sich bereits im 15. Jahrhundert die äußeren und Übergang der inneren Lebensbedingungen der Hanse. Kein Ankämpfen gegen das unans-.^^^ weichliche Schicksal konnte ihre Lage verbessern. Sie vermorschte und zer- Städten auf bröckelte, weil die Zeit vorüber war, wo inmitten einer in ihre Atome auf- hic - mtl,cn - gelösten Welt die Städte mit ihren republikanischen Verfassungen noch die vetatiö größten Kraftmittelpunkte gebildet hatten. Die Reihe in der Handels herrschaft war an die Großstaaten gekommen, die einer zunehmenden Concen- lrätion ihrer Macht entgegengiengen, gerade als sich der Weltverkehr von den Binnenmeeren ab den der Schiffahrt neu erschlossene» Oceanen zuwendete. 8 29. Die centraleuropäischc Vermittlnngszone. Zwischen dem italienischen und dem hansischen Gebiete, zwischen dem over- ^'oinanischen Westen und dem slavischen Osten erstreckte sich dasjenige Land, ^»ischland. seit dem 12. Jahrhundert endlich die Vortheile seiner zur Vermittlung geeigneten Lage zukamen, Ober- oder Süddeutschland. ES war nicht Hauptregion der centraleuropäischeu Vermittlungszone, aber es war denn b"ch mehr als ein bloßes Übergangs- oder Transitgebiet von Mittag gegen Mitternacht. Es stand mit Italien in unmittelbarer Verbindung, producierte "ne Fülle eigener Waren und hatte sowohl seine besonderen Absatzländer, "ls cs auch mit dem Centralmarkte Nord- und Sttdeuropns, mit Rordfrank- )'"ch und den Niederlanden, verkehrte. Demzufolge hatte Oberdeutschland seinen Antheil an jenem Vermittlungs- oder Zwischenhandel, der an Ein- irägljchkeit den directen Handel nbertrnf und seit dem 16. Jahrhundert ein Gegenstand der Eifersucht unter den mercantilen Großmächten wurde. Vier Alpenübergänge oder alpine Straßenzüge kamen für die Verbindung Ober- Aweimdcr- bcutschlands mit Norditalien (Mailand, Genua, Venedig) vorzugsweise in Betracht — !,an9e ' bekannt und frequentiert waren so ziemlich alle gangbaren Pässe —: der St. Gott hard, der Splügen, der Brenner (and) das Reschcnscheidcck), dann die Straße über Pontafel, Tarvis, Villach, Friesach nach Steiermark und über Judenburg, Leoben, den Semmering nach Wien. In drei Staffeln oder Linien liegen die oberdeutschen Handelsstädte hinter- Drei Städte einander: die Alpen-, die Donau-, die Mainstädte. Westlich werden sie von puppen.108 H. Abschnitt. Das altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). den rheinischen Handelsplätzen flankiert. Gegen Nordosten sind dem dreifachen Walle die sächsisch-schlesischen, gegen Nordwesten die niederrheinischen Städte vorgelagert, die zwar schon zum Bereiche der Hansa gehören, aber noch directen, regelmäßigen Ver kehr mit Oberdeutschland unterhalten, was bei den eigentlichen Hansestädten nur aus nahmsweise der Fall ist. Alpenstiidte. Noch südlick/vom Hanptkamme der Alpen lagen einige für den italienisch-deutschen Verkehr bedeutende Städte, wie Bozen mit.seinen je zwei Wochen dauernden Jahr märkten, Glurns im Bintschgau, Villach und andere Orte des Drau- und SavegebieteS. Die Mehrheit der alpinen Handelsplätze lag nordwärts der Hauptwasserscheide, ent weder tiefer zurück, wie Zürich und Chur, oder an der großen Furche, die der Obcr- rhein von Basel bis Bregenz, der Inn, die Salzach, die Mur bilden. Namentlich die Rhein-Bodcnseestädte Basel, Constanz, Lindau, Bregenz, desgleichen Zürich und Bern unterhielten einen lebhaften Handel mit Italien, ja über Italien hinaus mit Südfrankreich und Spanien, ferner mit Burgund, Nordfrankreich und den Nieder landen. In der Bodenseegegend blühte die Leinenindustrie; Ravensberg war seines Lumpenpapieres wegen bekannt. Weiter gegen Osten lagen Innsbruck, Judenburg, Bergbau. Leoben, Bruck rc. Steiermark, Kärnten, Salzburg und Tirol hatten in den letzten Jahr hunderten des Mittelalters wegen ihres Reichthumes an Salz, Eisen, Blei, Edelmetallen eine größere Bedeutung für Deutschland und Italien, als heutzutage. Die Benennung der dorthin führenden' Wege als „Eisen- und Salzstraßen" charakterisiert ihre Wichtig keit. Eine solche Salzstraße verband z. B. das Salzkammergut über Gmunden, Linz, Freistadt mit Böhmen. Dir Donau Bis ins 13.Jahrhundert beherrschte Regensburg den Donauhandel. Von ftäMc. da an ward es durch andere Donaustädte, wenn auch nicht verdrängt, so doch zurück geschoben. Namentlich Ulm und die Lechstadt Augsburg überflügelten den baju- warischen Bischofsitz. Den schwäbischen und den fränkischen Communen verschaffte die charakteristische Verbindung von Handel und Gewerbefleiß ihre überlegene Stellung aus dem Weltmärkte. Wie in Italien führte diese Combination zu schneller Bereicherung. Anfänge der In Süddentschland erlangte das Großkapital eine Macht, wie sie in dem überwiegend lurrschaft handeltreibenden Hansegebiet nicht ZN finden war. Als nun gar die oberdeutschen Capitälisten sich zu Gesellschaften vereinigten, welche den SpeculationsHandel im großen Stil betrieben, nahmen zwar die Geschäfte, nach mittelalterlichen Begriffen, ungeheuere Dimensionen an, es begannen aber auch die socialen Gegensätze sich zu verschärfen. Besonders wurde Augsburg im 15. Jahrhundert ein Hauptsitz der P l u t o- kratie. Es genügt, sich des aus dem Weberstantze hervorgegangenen Welthanses der Fugger zu erinnern. Als in Augsburg neben der Leinen- und Tucherzenguug die Metallindustrie Wurzel fasste, warfen sich die Speculanten ans die Ausbeutung der Bergwerke. Überhaupt artete im 15. Jahrhundert die Metallproduction zur Manie ans: sie erfüllte die Welt mit dem Goldhunger, der die Triebfeder des Entdeckungs zeitalters bildete. Neben den Oberdeutschen hatten auch die Italiener beim alpinen Bergbau ihre Hände im >spiel, die goldsnchendcn Venetinner, von denen niauche Alpen sage berichtet (Zlatorog). Wie Regensburg durch seine westlichen Nachbarn, .Ulm und Augsburg, in den Schatten gestellt wurde, so erwuchs ihm auch donauabwärts iu Österreich eine gefähr- Wien. liche Nebenbuhlerschaft. Wien, das oft nngeberdige Pflegekind der Babenberger und Habsburger, setzte cS sich in den Sinn, den schwäbisch-bayerischen Städten den Weg nach Osten zu versperren und sich selbst deren Zwischenhandel anzueigncn. Bis über109 5. Capitel. Die italienisch-hansische Periode. die Schwelle des 13. Jahrhunderts hatte Wien kaum einen Eigenhandel. Die Regens burger besaßen in Enns und Wien ihre Niederlagen; in den Urkunden ist von Kölnern und Flandrern die Rede, die am fremden Platze besondere Gildenrechte genossen. Aus wärtige Kauslente brachten indisch-griechische Waren und die Fische des Nordmeeres. Das Mittel, um dem Wiener Handel eigenes Leben einzuflößen, war das von Herzog Leopold VI. verliehene, von späteren Landesfürsten erneuerte, gelegentlich suspendierte "nd wieder bestätigte Stapel- oder Riederlagsrecht. Kein Kaufmann aus Bayern oder Schwaben sollte demgemäß seine Waren über Wien hinaus nach Ungarn führen, sondern er sollte sie in Wien zum Verkaufe niederlegen, nur mit Bürgern der «tadt Handel treiben, dieselbe jedoch binnen zwei Monaten verlassen. Eben war der ungarische Handel im Begriffe, über seine bisherigen Grenzen hinauszuwachsen, da die deutsche Kolonisation bis Siebenbürgen vordrang. Auf der Donau bildete allerdings- der Ofener Stapel ein ernstliches Hindernis für die oberdeutschen, einschließlich der österreichischen Händler. Eine wichtige Handelsstraße bog durch das Waagthal gegen Polen hin ab. Allein die Fremden von dem Handel über Wien hinaus fernzuhalten, blieb trotz aller Privilegien ein frommer Wunsch, der auf die Dauer nicht realisiert werden konnte, weil die Wiener mit den oberdeutschen Großhändlern ans gutem Fuß flehen mussten, sonst hätten ihnen ja die wichtigsten Objecte des eigenen Handels gefehlt. Österreich besaß nämlich keine Industrie. In Wien gab es zwar Handwerker und Zünfte genug ~~ im 15. Jahrhundert waren über hundert Innungen vorhanden — allein sie arbeiteten m>r für dey gröberen localen Bedarf. Die eigentliche Handelsware kam aus oder über Süddeutschlaud, beziehungsweise aus Italien. Aui den transalpinen Handel wies dic bsterrcichischen Alpenstädte schon ihre geographische Lage und die zunehmende Rach srage nach italienischen und levantischen Artikeln. Auch den Verkehr mit dem Süden gedachte Wien in seinen Alleinbesitz z» bringen; hierbei sollte der Straße »zwang iur Ausschließung der Mitbewerber dienen. Die Wiener erwirkten sich Privilegien, denen zufolge die fremden Kanfleute nur die eine Straße über den Semmering, aber Judenburg, Villach, Pontafel hin und zurück benützen sollten, wobei sie wieder be>n Wiener Stapelrecht verfielen. Anfänglich lag den Landesfürsten die Sache gleich falls a»i Herzen, weil bei diesem Straßenzwang die Zollcinhcbnng wesentlich verein facht war. Natürlich sträubten sich die ans den Sudetenländern kommenden und die fangen österreichischen Kanfleute gegen die Bevorzugung des Wiener Stapels. Als die Habsburger ihre Besitzungen bis an die Adria nusdehnien und Herren von ^ff^lt wurden, war ihnen selbst daran gelegen, dass der Handel mehrere Wege neben privilegierten einschlage. Eine gründliche Beseitigung der Ansprüche Wiens brachte "r zweite Hälfte de? 15. Jahrhunderts, als die Hauptstadt in arge Verwicklungen mit ren Landesherren gerieth und dann unter die Botmäßigkeit des llngarnkönigs Mathias -U'nus kam. Seit Kaiser Maximilian l., der von dem Straßen- und Stapelzwang ^f üs wissen wollte, stellten sich die Dinge so, dass die oberdeutschen Kaufleute den roßhandel in ihre Gewalt bekamen, den Wienern das Kleingeschüft verblieb. Im - und 17. Jahrhundert erlebte das Vorwerk der Christenheit gegen die türkische ur wrei keine Tage materiellen Glanzes. m An der dritten Linie, der Mainlinie, lagen Frankfurt, Würzbnrg, Bamberg, das^^^h' ^wichtigste unter den fränkischen Städten ward seit dem I l. Jahrhundert rcick n' ^r Pegnitz gelegene Nürnberg. ES kam in Handel, Gewerbefleiß und Capital- und i)"" AniMurg mindestens nahe, wenn nicht gleich. Die Erzeugnisse seiner Gold- A^affenschiniede, seiner Roth- und Gelbgießer, seine Kurzwaren (Nürnberger Wiener Ztapel. Italienischer Handel. Straßcn- zwang. Rückgang Wiens. Mainstädte.110 II. Abschnitt. Das altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). Nordöstliche Städte. Die Rhciii- sohrt. - Köln. Die central europäische Vermittluiigs zone. Waren), seine Gewebe und Lederartikel fanden in Süd- und Nordeuropa gleich guten Absatz. Die Mainstädte unterhielten auch mit Böhmen, mit Thüringen und Sachsen commerzielle Beziehungen. In Sachsen stritten sich Halle und Leipzig um die Hege monie, welch letzteres im 15. Jahrhundert den Sieg errang und vom Kaiser Max die Bestätigung seiner drei Messen (zu Neujahr, Ostern und Michaeli) empfieng. Außerdem betheiligten sich Erfurt, Magdeburg, Breslau an der Vermittlung des snd- und nord- europäischen Warenumsatzes. Am Rhein nahm im 13. Jahrhundert Straßburg einen riesigen Aufschwung als Sammelpunkt der Prodilrte der oberrheinischen Ebene und als Transitplatz des dentsch-srnnzösischen Handels. Weiter abwärts concnrrierten die drei 'Stapelorte, Speier, Worms, Mainz, das freilich als Knotenpunkt des Rhein- und Alainhandels eine unbesiegbare Stellung einnahm. Da jedoch die den Main herabkommenden Kanflente keine Lust hatten, in die mit Stapelplützen und Zollstätten gespickte „Pfaffengasse" einznbiegen, so boten sie ihre Fracht lieber noch vorher zum Kaufe ans, und zwar in Frankfurt a. M., das im 15.Jahrhundert zu einem Messplatz ersten Ranges wurde. Zwischen Mainz und Köln gab es dreizehn Zollstätten, deren Rechtmäßigkeit nicht an- gefochten werden konnte, so beschwerlich sie auch waren. Doch wer hätte Hilfe schaffen sollen, wenn selbst der rheinische Städtebund hierin nichts vermocht hatte? War das Döfilö zwischen den Ufcrbergen des Mittelrheins glücklich absolviert, so sperrte die neben Lübeck größte und mächtigste Stadt Deutschlands, das heilige Köln, den Fluss aber mals mit seinem Stapel; den Kölnern verlegte wieder der Dortrechter Stapel die freie Bahn zum Meere. Köln saugte den ob«en Rheinhandel auf, wie nicht minder die Erzeugnisse der rheinisch-westfälischen Textil- und Eisenindustrie — Solinger Klingen hatten schon einen Weltruf — und beherrschte den Zwischenhandel mit England und Flandern im Nordwesten, mit den Hansestädten des Nordostens. Bis ins 14. Jahr hundert gieng auch ein guter Theil der für Nordeuropa bestimmten Producte des Südens rheinabwärts, bis eben die Italiener selbst zur See nach Flandern fuhren. Das eigentliche Vermittlungsgebiet des nord- und südeuropäischen Marenaustausches ist das gegen den Ärmelcanal und die Nordsee gekehrte Land zwischen Seine und Maas; es umfasst Isle de France, die Brie, die Champagne, Flandern und Brabant. Franzosen und Vlänien (Flamänder) sind die Bewohner dieses Länderkreises, die französischen Könige und deren Vasallen regieren ihn; nur in den östlichen Bezirken lebt noch eine schwache Erinnerung an die Oberhoheit der deutschen Kaiser. Die euro päische Bedeutung der genannten Länder knüpft sich an das in Nordfrank reich besonders entwickelte Messwesen. Im 12., 13. und zu Beginn des 14. Jahrhunderts concentrieren die M e s s e n der li h a m p a g n e tl n d Brie (zu Trohes, Provins, Lagny, Bar-snr-Anbe) den nord- und süd- europäischen Waren-, Geld- und Creditverkehr. Neben ihnen entwickeln sich die f l a n d r i sch c n S t ä d t e, allen voran Brügge, zu permanenten, freien, formlosen Märkten, auf denen die Producte der Alten Welt zusanunenströmen, Nord- und Südeuropa sich ansgleichen. Als im 14. Jahrhundert die Messen der Champagne in raschen Verfall gerathen, nimmt die Bedeutung Flanderns5. Capitel. Die italienisch-hansische Periode. 111 noch zu, während sich im Süden Frankreichs das Messwesen hebt i Beaucaire, Ntmes), bis sich im 15. Jahrhundert Lyon zum ersten Messplatz Westeuropas emporarbeitcl. Der älteste Messplatz Frankreichs ist Paris. Bis in die Meromingerzeit reicht die Junimesse von S. Denys zurück, Lendit oder l'Jndict genannt. Der Gattungs- uaine für Messe ist tolre (engl, fair aus latein. feria). Der Lendit wurde im späteren Mittelalter durch die Messe von S. Gerinn in überflügelt. In Paris, das gleich übrigen königlichen Städten sich einer größeren Autonomie erfreute, als eine ^ Kronvasnllen nnterthänige Commune, gelangte das Gilden- und Zunft- ^esen zu üppigster Entwicklung. Dass auch diese selbstwüchsigen Gebilde des mittel- Eerlichen Wirtschaftslebens unter der Aufsicht und Jurisdiction königlicher Beam- «en standen, von oben reglementiert und beeinflusst wurden, zeigt auf das deutlichste en Unterschied zwischen dem Princip des französischen Staatslebens, dem zur Staats °'nheit führenden Centralismus, und dem des deutschen, dem alles zersetzenden, freilich »"r vollsten llnabhängigkeit führenden Individualismus. Noch heute zeigt das Wappen ” 011 Paris das Symbol seiner ältesten und mächtigsten Handelsgilde, der marchands ° Ivau de Paris l—Seine), nämlich ein schwimmendes Schiff. An der Spitze der genannten Monopolgilde, in der die Großhändler und die Rheder vereinigt waren, ltand der Pr6vöt des marchands, der einige Zeit zugleich Oberhaupt der Com- lnu ” e war. Auch unter den mehr als hundert Innungen (mfetiers) der Seinestadt Nghtnen die 8! X corps marchands, neben der Fleischer- (la grande houcherie) llll ° ^äckerznnft eine bevorzugte Stellung ein. Wie in Paris, so gab cs auch in anderen französischen Handelsstädten privi- c Qxecte Kaufmannsgilden, z. B. in Rouen, Bordeaux, Nantes rc. Überhaupt herrschte m ^ cu Städten, die an der atlantischen Peripherie gelegen waren, eine bemerkenswerte Kommerzielle Thntkraft. Die Ausfuhr der französischen Bodenprodnete, vor allem des ^nrcs, beschäftigte die Einwohner von Bordeaux, da? 300 Jahre unter englischer otmäßigfcit stand, Bayonne, la Rochelle, Nantes, Harfleur, Ronen, die mit Spanien U''d der Provence, sowie mit England, Flandern und dem Hansegebiet in Berkehr gnden. Ei,: großer Theil der nordfranzösischen Binneustädte gehörte zum Verbände x lknndrischen oder Londoner Hanse, einer kaufmännischen Bereinigung Industriestädten zum Vertrieb ihrer Erzeugnisse und zum Eintausch von Roh- ^nterial, wobei cs den Mitgliedern erstens auf Beseitigung der wechselseitigen Con- ^'enz, zweitens ans den Erwerb und die Erhaltung vortheilhafter Privilegien in der . emde ankam. Mehr politisch-militärischen als mercautilen Zwecken diente eine Genossen- wii'' genannt die Ritterschaft der Kaufleute (Chevaliers de la milice ('h- -' ta ' re t ' e i'o eck re de mercerie); an ihrer Spitze stand ein vom königlichen ohkämmercr ernannter Kn»fingstnskönig (xoi des meroicrs). Un' ° l ' nen Gipfelpunkt erreichte der nordfranzösische Handel als Bindeglied des fest""wlhandels in den Messen der Champagne und Brie. Es waren ihrer ^°» "ier verschiedenen Messorten: Dropes und Provins mit je zwei, Bar iiber - und Lagny-sur-Marne mit je einer Messe. Indem jede dieser Messen ^.-^st'chs Wochen datierte und die eine ansieng, wenn die andere zu Ende war, so tzjj? ie» sic sich über das ganze Jahr, Winter und Sommer. Alle Nationen West-, Jtgl- Mitteleuropas waren hier vertreten, am stärksten außer den Franzosen die tev ' die ihre Überlegenheit in Bankgeschäften zur Geltung brachten. Ein großer Pariser Messen. Gildcnwesen in Pari». Französische Seestädte. Londoner Hanse. Oräro äs nroroerio. Die-Messen der Champagne.Verfall dcr Champagner Messen in, 14.Jahrh. Flandern. Industrie und Handel. Börse. H2 n. Abschnitt. Das altweltliche Continental-Zeitalter (Mittelalter). Thcil Europas brachte in der Champagne seine Geldangelegenheiten mittelst Wech se l in Ordnung. Wcchselcurs und Zeitgeschäfte gehörten zu dcu bekannten Dingen. Die Champagner Messen waren schon darum so frequentiert, weil sie dem Geschäftsmanne durch Privilegien und Handelsbrauch eine anderswo unbekannte Sicherheit gewährten. Freilich verpflichtete der „Messzwang" die Besucher zuni Wiedcrbesuch, wenn sie die Vorrechte nicht verlieren ivollten. Derartige Vortheile boten das freie Geleite, das Messgericht mit seinem raschen Verfahren, die Execution der Schulden n. s. w. Die lehte Waffe in den Händen der Messbehörden (maitres des foires) war der M e ss- bann, durch den die Angehörigen ganzer Gemeinden und Länder vom Besuch der Messen ausgeschlossen wurden, wenn sie den Mandaten der Messbehörden keine Rechts hilfe gewährten oder gar Schuldige ihnen entziehen ivollten. Eben das war ja das Eigeuthümlichste an den Champagner Messen, dass es ein Centrum gab, wo der inter nationale Kaufmann gegen Rechtsverletzung Schutz fand, wo die Interessen der euro päischen Handelswelt in unparteiischer, vom localen Egoismus unabhängiger Weise gewahrt und gefördert wurden. Noch in der ersten Hälfte des k-t. Jahrhunderts gericthen die Champagner Messen in Verfall; sie haben sich nie wieder erholt. Sie sind durch die flandrischen Städte mit ihren freieren und doch Sicherheit gewährenden Handelsbräuchen namentlich von dem Zeitpunkt an verdunkelt worden, als die italienischen Galeeren die Waren der Levante nach der flandrischen Küste zu führen begannen. Minder wichtige llm- stünde, wie die mehrmalige Austreibung der Lombarden und sonstigen Geldverleiher, die siscalischen Bedrückungen durch die Landesherren, der Rückgang des nordfranzösischen Gewerbefleißes mögen den Verfall beschleunigt haben. Es war keine vereinzelte Er scheinung. Während des hundertjährigen Krieges sank ganz Frankreich von dcr im 13. Jahrhundert erreichten Höhe herab und hob sich erst wieder in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die bliihendste Landschaft Europas vom 13.—16. Jahrhundert war unbedingt Flandern mit den angrenzenden Bezirken Brabants, Artois', Henncgaus rc. Schon im 11. und 12. Jahrhundert entfaltete sich in diesen von der Natur nicht begünstigten und räumlich beschränkten Distrieten die Textilindustrie, welche fortan den starken Rückhalt ihres wirtschaftlichen Gesammtdaseins bildete. Um Wolle aus England herbeizuschaffen und ihre Gewebe abzusetzen, wurden die Flandrer zu Kansleuten. Im 12. Jahrhundert entstand die flandrische oder Londoner Hanse (Hanse dcr siebzehn Städte). Allein bald kamen die Kölner, die Engländer, die Franzosen, die Hanseaten und die Südeuropäer nach Flandern; denn es diente ihnen zur Erleichterung, auf engem Terrain gerade diejenigen Waren in Masse vorzufinden, die ihnen für ihre Absatzsphäre von Wichtigkeit waren. Natürlich nisteten sich außer den „Osterlingen" der baltischen Region, den Pedanten des Waren geschäftes, auch die Italiener mit ihrem Apparat von flotten Geld- und Ereditgefchäften ein. Aus Brügge soll auch die Benennung „Börse" für eine allerdings schon in der antiken Welt vorhandene Sache stammen. Vom 13.—15. Jahrhundert habe da, so er zählt man, eine Maklerfamilie van der Burse gelebt, vor deren Hause, das mit dem5. Capitel. Die italienisch-hansische Periode. 113 Familienwappen, drei Geldbeuteln, geschmückt war, die italienischen Kanflcute ihre Zusammenkünfte abzuhalten pflchten. Gleich allen romanisch-germanischen Städten machten auch die flan- Kampfzeit, drischen eine Epoche der Zunftkämpfe durch. Hierauf gerietheu sie in Streitig keiten mit ihren Landesherren und mischten sich in die Welthändel ein. Den ruhmreichen Sieg über die Franzosen in der Sporcnschlacht bei Courtray (1302) erfochten die Brügger unter der charakteristischen Führung des Webers Peter de Coninck und dcö Fleischers Jan Breydel. Zu Beginn deS hundert jährigen Krieges kämpften die Flandrer an der Seite Englands gegen das feudale, bürgerseindliche Regime der Valois. Indessen unterlagen sie doch dem französischen Einfluss und erhielten in den neuburgundischen Herzogen französische Dynasten. Durch Emigration war bei inneren und äußeren Conflicten wiederholt Ruhe hergestellt worden. Die Emigration war aber auch ein unabsichtliches Industrie. Mittel zur Ausbreitung der gewerblichen Technik Flanderns. Ausgewanderte Flandrer haben z. B. Brabant, ansgewandcrte Brabanter Holland und Eng land mit industriellen Keimen versehen. So weit wie im Stammlande brachte es der Gewerbefleiß der Tochterländer während des Mttelalters nicht. Selbst in Oberdeutschland und in Italien war die gewerbetreibende Bevölkerung und das Productionsquantum nicht so groß, als in Flandern und Brabant. Obenan stand hier Brügge als erste Handels- und Industriestadt, dann kamen Gent, Ipern, Löwen, Brüssel, Antwerpen, Oudcnnrde u. s. w. Das wichtigste Gewerbserzeugniü war T u ch, das Bekleidungsmaterial der besseren Elasten. Die Leinenindustrie lieferte dem gemeinen Manne seine Ge wandung. Auch Seide und Baumwolle verarbeitete man in den Nieder landen. Gewirkte Teppiche, Spitzen, Stickereien verfertigte man nirgends in gleicher Vollkommenheit. In Lüttich, Brüssel, Mecheln und anderen Orten blühte die Fabrication von Waffen, Schlosser- und Schmiedearbeiten. Die Bierbrauerei lieferte das nationale Getränk. Brügge erlangte die Vorherrschaft über die flandrischen Städte, weil es die Briiggeund einzige von ihnen war, die, ohne Seehafen zn sein, dem Meere so nahe lag, dass ihre feiuc Thürine von dort ans gesehen werden konnten. Gewaltige Dammbauten schützten die flan drische Hauptstadt vor der Springflut. Am Zwin, einem schifsbaren Meeresarin, wurde gegen Ende des 12.Jahrhunderts die Hafenstadt Brügges, Damme, angelegt. Auch Stups, dessen Rhede immer mehr versandete, diente den Bewohnern Brügges als Ausfuhrhafen. Canäle durchzogen das ebene Land. Seitdem die Niederlande politisch vereinigt waren, kam die günstigere Handelslage der Scheldestadt Antwerp e n gegen die flandrischen Binnenorte zu wachsender Geltung. Mayr, Lehrbuch der HandelSgeschichte. 8Zweiter Theit. Die alt- und neuweltliche oder oceanische Zeit. III. Abschnitt. Das inöo-atlantrfche Zeitalter (Meutert). 1492—1815. 6. Capitol. Die spanisch-portugiesische Periode (1492—1600 von der Entdeckung Amerikas vis zur Gründung der englisch - ostindischen 1600 — und der niederländisch-ostindischen Kandelsgescllschast — 1602). Fafiic v. Sag' ohne Lug: SBntf Großes gilt beim das Gold? Loge. Ein Tand istS In des Wassers Tiefe, Lachenden Kindern zur Lust: Doch ward es zum runden Reife geschmiedet, , Hilst rS zu höchster Macht, Gewinnt dem Manne die Welt. (Richard Wagner, „Das Rheingold".) 8 30. Charakteristik der sechsten Periode. Die Entthronimg der Mittcl- mecrc, Mitteleuropas und des bürgerlichen Mittelstandes. Die Ent- In ihrem ganzen Verlaufe weist die Handelsgeschichte kein Ereignis deckimg»,. üon | 0 einschneidender, grnndstürzcnder Wichtigkeit aus, als die langsam vor bereitete Auffindung des südöstlichen Seeweges zwischen Europa und Ost indien (1498), welcher die unerwartete Entdeckung der zweiten großen Fest- landsinsel unseres Planeten oder der Neuen Welt (1492) vorangieng. Die oceanische, Seitdem gibt cs eine Geschichte der Alten und der Neuen Welt, Zn,, eine alt- und ncnweltliche Zeit, in welcher der Weltverkehr ans seiner thalassischcn Enge heraustritt und sich über die Oceane verbreitet. Die6. Capitel. Die spanisch-portugiesische Periode. 115 Binnenmeere werden gewissermaßen entthront, wogegen den Weltmeeren die ihnen gebürende Stellung anheimsällt. Von nun an sind der Indische und der Atlantische Ocean die Schauplätze der nautisch und mercantil bedeutsamsten Vorgänge. Zwar bleibt die Südsee oder das Stille Meer den Entdeckern des 16. Jahrhunderts nicht unbekannt; aber was hätten die pacifischen Küsten der beiden Festlandsmassen einander bieten können? Selbst die atlantischen Ränder der Alten und der Neuen Welt hatten ein, zwei Jahrhunderte nur einen schwachen Verkehr miteinander. Es kostete Zeit, bis Amerika sich soweit entwickelt hatte, um mehr als ein abgelegenes Neben land des altweltlichen Hauptverkehres zu sein. Das 16. Jahrhundert enthält doch hauptsächlich nur neue Variationen über die zwei alten Hauptthemen der Handelsgeschichte: Austausch der Natur- ’ r(> uten. prodncte des tropischen gegen die Güter des gemäßigten Gürtels und Austausch der Prodnctc von Ländern verschiedenwertiger Cultnr. Nur bedurfte fortan der Handel zwischen dem gemäßigten Europa und dem heißen Asien nicht mehr der combinicrten und complicicrten Land- und Seewege früherer Jahrhunderte, um sich schließlich in das Sammelbecken des Mittelmeeres zu ergießen; er vereinfachte sich nun zum bloßen See Handel, dem die Natur ihren Weg bestimmt hatte, ungeachtet die Menschen fortfuhren, außer dem Weg ums Cap — der Südostpassage — andere Routen nnfzusuchen. Der Seeweg gewährte den Vortheil, dass kein Wall von durchschnittlich unpassierbaren, andersgläubigen Ländern sich als Hindernis zwischen die Endpunkte deö Ver kehres legte; kein türkischer Sultan, kein arabischer Zwischenhändler ver- theuerte ans dem Meere die an und für sich kostspieligen Prodncte des äußersten Morgenlandes. Dem Zuge nach Osten, der seit den Kreuzziigen die Europäer beherrscht hatte, Tcr Z».i »ach wirkte seit der Entdeckung Amerikas und des indischen Seeweges ein Zug nach dem Weste». Westen entgegen, der bis heute der maßgebende geblieben ist. Die Fahrten um das Cap hatten ihren natürlichen und historischen Ausgangspunkt im Westen Europas. Von Byzanz und der Balkanhalbinsel war schon im 12. Jahrhundert der Schwerpunkt des Levantehandels nach Westen, nämlich nach der mittleren der drei südlichen Halb inseln des meistgcglicderten aller Erdtheile gerückt. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts trat eine weitere westliche Verschiebung ein; die Pyrenäenhalbinsel wurde Ausgangs punkt der Jndienfahrer. Im höchsten Grade kam der Zug nach dem Westen in den Fahrten über den Atlantischen Ocean zum Ausdruck. Es liegt in der Natur der Sache, dass seit dem Ausgang deö erneuter 15. Jahrhunderts die Hegemonie im Welthandel von den Mittelmeervölkern„^"^Wen ans die atlantischen Randvölker Europas übergieng. Spanier, Portugiesen, ijnnkie- Niederländer, Engländer, Franzosen stritten durch drei Jahrhunderte um t,cvtfct,a,t ' den Scepter, der den Händen der italienischen Kaufleute entfallen war. Eine heilsame Folge dieser Rivalitäten bestand darin., dass nicht ein einzelnes Land 8 *116 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). oder Volk den indischen und amerikanischen Handel dauernd in seine Gewalt gebracht hat, sondern dass die Europäer sich zu bescheiden und zu theilen gelernt haben. Im 16. Jahrhundert allerdings sind die Oceane und die außereuropäischen Colonien nur zwischen Portugiesen und Spaniern getheilt gewesen; aber auch Niederländer und Engländer haben schon begonnen, sich der Vortheile ihrer maritimen Lage und der Umlegung des internationalen Warenzuges zu erfreuen. Dethroni- Diejenigen Länder, denen die Verlegung der alten und die Eröffnung neuer Handelswege Schaden verursacht hat, sind die mitteleuropäischen gewesen. Den Italienern und den Deutschen würde die Kehrseite der den Westeuropäern vortheilhaften Umwälzung zntheil. Der Niedergang Mittel europas hieng übrigens auch von anderen Factoren ab. Sociale und politische Vorgänge trugen das Ihrige dazu bei. Consoli Schon im Laufe des 15. Jahrhunderts hatten sich nach schweren Krisen numarchischen die Staaten im Norden, Westen und Osten Europas zu geographischer und Ärosistaaie». administrativer Geschlossenheit durchgernngen. Das Princip der absoluten Monarchie hatte über den hierarchischen, aristokratischen und bürgerlich- republikanischen Geist der mittelalterlichen Staatsgcbilde den Sieg davon getragen. Der Fürstenmacht allein stand es in Hinkunft zu, Politik zu treiben; ihre Aufgabe war es, endlich das staatliche und, wo Staat und Nation sich deckten, das nationale Gesammtinteresse gegen alle Sonderbestrebiingcn Kleinstaaten geltend zu inachcn. Nur in Mitteleuropa, mit Deutschland und Italien, "!aud"md° verhielt es sich anders. Hier hatte die Centralgewalt nicht siegreich dnrch- Jtalic». gegriffen, sondern als Resultat der geschichtlichen Entwicklung ergab sich eine Zersplitterung von Land und Volk in viele größere und kleinere Stücke, die ihre eigenen, particulären Interessen verfolgten, übcricbthcit Die Zeit der Städte und Bünde war vorüber, die der Fürstenthümer henschas,. ">ld Großstaaten gekommen. Es verlangten dies schon die größeren Dimen sionen, in denen sich der Handel fortan bewegte. Die localen, winkelhaften Eifersüchteleien der städtischen Periode mussten zurücktreten gegen die groß artigen Rivalitäten der Nationen, bei denen es sich um den Besitz ganzer Erdtheile handelte. Ablenkung der Wenn trotzdem die Geschichte des 16. Jahrhunderts nur wenig von die solchen Riesenkämpfen zu erzählen weiß und die mitteleuropäischen Cominunen Reformation. noch lange nicht von der Nebenbuhlerschaft der westeuropäischen Großstaaten erdrückt werden, so hat dies einen besonderen Grund. Das 16. Jahrhundert ist das Zeitalter der Reformation. Das confessionelle Interesse drängt jedes andere, insonderheit das, wirtschaftliche, zurück. Zu Land und zur See stehen sich die katholische» und die protestantischen Mächte gegen-6. Capitel. Die spanisch-portugiesische Periode. 117 über. Der Umstand, dass die katholische Vormacht, Spanien, die Mittel zu ihren unablässigen Kriegen aus den Colonien der Neuen Welt bezieht, schärft erst das nationalökonomische Verständnis der gegnerischen Staaten. Drei Menschen alter hindurch hat das tibrige Europa Ost- und Westindien den Spaniern und Portugiesen überlassen. Erst ganz am Ende des 16. Jahrhunderts fanden andere seefahrende Nationen den Muth, in den geheiligten Bannkreis der spanisch-portugiesischen Erdhälften einzudringen. So ist cs gekommen, dass J die Folgen der großen Entdeckungen nicht sofort und plötzlich, sondern in deir meisten Ländern mit einer Verzögerung von ein bis zwei Jahrhunderten eingetreten sind. 8 31. Sociale Krisen im Übergang vom Mittelalter znr Neuzeit. Seit dem 11. Jahrhundert war die romanisch-germanische Bevölkerung B-völkerungs- Europas in der Zunahme begriffen. Die ackerbautreibenden Classen erweiterten unter der Führung ihrer Landesherren durch Rodung und Siedelung den iß- 2°hrh. Spielraum ihrer Existenz. In den Städten wuchs eine Bevölkerung heran, deren Daseinsbedingungen einer vergleichsweise unbeschränkten Erweiterung fähig schienen. Am Ende des 13. Jahrhunderts war jedoch in Land und Stadt der Sättigungspunkt erreicht, und die Vermehrung der Popu lation nahm ein Ende. Das 14. Jahrhundert — die Epoche des Schwarzen Todes — brachte eher eine Verminderung der Bevölkerungsziffer; erst im 15. Jahrhundert stieg sie wieder in bescheidenem Maße, bis in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts durchschnittlich ein neuer Rückschritt erfolgte. Nur die größten Städte in den dichtest bevölkerten Ländern Europas mögen Einwohnrr- mührend der letzten Zeiten des Mittelalters über 100.000 Bewohner gehabt haben: 3nt ! Ibcr Paris, Mailand, Neapel, Brügge, Venedig, wogegen Rom, Florenz, Genua, Antwerpen unter dieser Linie standen. Die größten deutschen Städte, Lübeck und Köln, scheinen nur wenig über 50.000 Einwohner gehabt zu haben. London zählte im 14. Jahrhundert etwa 35.000, die nächstgrößte englische Stadt (Jork) gar nur 11.000 Einwohner. Städte mit 20—25.000 Einwohner, wie Nürnberg, Hamburg, Straßburg, gehörten zu denen, die nicht nur eine Handels-, sondern auch eine staatengeschichtliche Rolle spielten. Die BevölkerungSclasse, welche seit den Kreuzzügen der Geschichte Stadt und Europas ihr Siegel aufdrückt, ist die bürgerliche oder städtische. Im 1 l. und 12. Jahrhundert vollendet sich ihre Loslösung von der ländlichen Bevölkerung. Stadt und Land trennen sich in politischer, in rechtlicher, in wirtschaftlicher Beziehung. Hierin liegt eines der wesentlichsten Unterscheidungs merkmale zwischen der mittelalterlichen und der antiken Socialgeschichte. Den Nährboden der städtischen Bevölkerung bilden Gewerbe und Genoss«,- Handcl, hinter denen der Ackerbau, welcher dem Stadtgebiete keineswegs idwtcn ' fehlt, in die zweite Linie tritt. In der genossenschaftlichen Organi-118 III- Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). sation des Handels und Gewerbes, der Unternehmung und der Arbeit, komme» die für das spätere Mittelalter charakteristische» socialen Idee» zuin Ausdruck. Vorzügli^i ist dies i» den Gilden oder Zünfte» (Ämtern, Gaffeln, Zechen, Innungen) der Fall. Bundc. Die einzelnen Städte treten nicht nur zum platten Lande in den schärfsten Gegensatz, sondern führen auch gegen einander den rücksichtslosesten Interessenkampf. Nur wenn es unbedingt nothwcndig ist, verbünden sie sich zur Geltendmachung ihrer politischen Interessen im Inneren der Staaten (rheinischer, schwäbischer Städtebund) oder zur Förderung ihres materiellen Vortheiles gegenüber dem Auslande (Hansebnnd). Entwicklung Die Entwicklung der deutschen Städte komint erst im 12. und 13. Jahrhundert dcr deutschen j Um Abschluss, indein sie erst in diesem Zeitraum ZN einem höheren oder niedrigeren ^stobtc»om üon Selbstverwaltung und eigener Gerichtsbarkeit, nicht ohne heftige Reibungen mit den Stadtherren, gelangen. Die Privilegien einer Stadt werden urkundlich in den sogenannten Stadtrechten zusammengefasst und neue Städte häufig mit einem schon vorhandenen Stadtrecht bewidmet (z. B. die meisten schlesischen und mährischen Städte mit Magdeburger Recht). Es gibt nun drei Arten von Städten: königliche, bischöfliche, landesherrliche. Indem die königlichen und bischöf lichen das Recht der Reichsstandschaft (das heißt der Theilnahme an den Reichstagen mit Sih und Stimme) erlangen, bildet sich die Kategorie der Reichsstädte. Seit dem Interregnum von allen Seiten bedroht, vereinigen sich die Einzclstädte zu Bünden, deren Tendenzen voriviegend politischer Natur sind. Jedoch seit der Niederlage des schwäbischen StädtebnndeS bei Döffingen (1388) und des rheinischen bei Worms hat das Bündniswesen keine Fortschritte mehr gemacht. Die Entivicklnng der Städte kommt ins Stocken, und seit dem 15. Jahrhundert legt die zunehmende Fürstengewalt der städtischen Autonomie Zügel an. Besonders zeigt sich dies seit dem zweiten an sich resultatlosen Städtekrieg von 1,149—1450. Di-Periode In ganz Europa erlebten die Städte während des 13. und 14. Jahr- Hunderts eine Periode, deren Ereignisse mit denen des altröinischen Ständc- lanipfcs. kampfes Ähnlichkeit haben. Bisher waren einzelne bevorzugte Geschlechter (Patrieier, Altbürger, „die Ehrbarkeiten") im ausschließlichen Besitze des Stadtregimentes gewesen. Gegen diese Oligarchie oder Optimatcnherrschaft erhoben sich nun die Gewerbetreibenden, die Kleinbürger (der Demos, die Plebejer), aber nicht als strncturlose Masse, sondern genossenschaftlich (zünftig) Resultatedcr organisiert. Das Zeitalter der sogenannten Zunstkämpfe brach an, deren Zunt ampe. dlu^ang örtlich sehr verschieden war. In Italien endigten sie, wie die Ständckriege des Alterthnmö, zumeist mit der Tyrannis. In Deutschland erlangten die Zünfte entweder waö sie begehrten: Antheil am Stadtrathe und an den municipalen Ämtern, mit anderen Worten: Patrieier und Zünfte theilten sich in die Herrschaft, z. B. in Straßburg, Mainz, Negensbnrg, Basel; oder die Zünfte rissen das Stadtregiment gänzlich an sich und nöthigtcn die Geschlechter zum Eintritt in die Zünfte, z. B. in Köln (wie in6. Kapitel. Die spanisch-portugiesische Periode. 119 Florenz); oder endlich die Patricier wehrten die demokratischen Angriffe ab, und die Städte behielten' ihren oligarchischen Charakter, wie es in Lübeck, Nürnberg, Frankfurt a. M. geschah. Welche waren nun die Beweggründe des Kampfes zwischen der Plebs und den Pätriciern der mittelalterlichen Städte? Die herrschenden Geschlechter, so klagte man, behalten sich die ausschließliche Nutznießung der Allmende (beä ager publicus) vor, sie wälzen die Steuern auf die nicht rathsfähigen Classen über, sie bevorzugen ihre Standesgenossen selbst bei der Rechtsprechung, sie bereichern sich auf Kosten der Armen. So gravierend die Klagen lauteten, der Gegensatz lag tiefer: es war der uralte, nie veraltende, in seinen Gestalten so wandelbare, ans jeder. Wirtschaftsstufe sich erneuende Gegensatz zwischen Capital und Arbeit. Das Capital ist die dräuende Macht, gegen welche die gewerbliche Arbeit ihre Zünfte organisiert, gegen die sie im heimlichen oder offenen Krieg ihr Recht auf den vollen Arbeitsertrag zu wahren sucht. Das von den Handwerker-Innungen bekämpfte Patriciat repräsentierte also das Geldcapital. Es bestand theils ans Grundbesitzern — ehemaligen Gemeinfreien oder freigewordenen Dienstmannen —, die durch Umbildung der Natural- in Gcld- abgaben sich in Rentner verwandelt hatten, theils ans Kaufleuten und vereinzelten Gewerbetreibenden (z. B. Goldschiiücden), die zu Vermögen gekommen waren. Nun hatten zwar auch die patricischen Kauflente ihre Gildegenoffen, denen gegenüber sie sich im Concurrenzkampf Schranken gefallen lassen mussten! nichts hinderte sie jedoch, ihre überlegene Capitalskrast den Handwerkern gegenüber zur Geltung zu bringen und als Unternehmer die gewerbliche Arbeit ihrem Vortheile dienstbar zu machen. In solcher Roth half sich das Gewerbe selbst. Durch engstes, genossenschaftliches Aneinander schließen erwarb es sich seine Autonomie, sicherte es den Genossen ihre materielle Existenz und 'ertrotzte es sich seinen Antheil an der Stadtverwaltung. Die Grundzüge der mittelalterlichen — ruinenhaft ins 19. Jahrhundert hercin- ragenden — Znnftorganisation sind: Die Zunft setzt sich regelmäßig aus den Genossen desselben Gewerbes innerhalb der nämlichen Stadtgemeinde zusammen. Wo die Arbeit Handwerker verschiedener Art zu gemeinsamem Schaffen verknüpft, da ver einigen sie sich wohl auch zu einer eigenen Innung, z. B. die Bauhandwerker. Ver bindungen von Handwerkern der gleichen Kategorie über ganze Länder hin begegnen nur ausnahmsweise (z. B. die der Steinmetze im Deutschen Reiche). Vollgenossen der Zunft sind nur die Handwerksmeister, Schntzgenossen die Gesellen (in älterer Zeit „Knechte" genannt) und die Lehrlinge. Auch die Familien angehörigen der Meister gehören zu den Schützlingen der Zunft; denn diese ruht auf dem ehrsamen Grunde der christlichen Familie und will dem Genossen die Familien versorgung im Leben wie nach dem Tode sichern. Die Heimstätte der Familie ist wo möglich auch die des Gewerbes; Stadt und Zunft legen Wert darauf, dass jeder Hand werker ein wenn auch noch so bescheidenes Haus besitze. Beweggründe der Zmift- kampfc. Capital und Arbeit. Das Patriciat. Selbsthilse der Gewerbe treibenden. Grundzüge der Zunsk- organisation. Handwerk und Fainilie. Nur ivcr Mitglied der Zunft ist, darf das betreffende Gewerbe innerhalb des Zunftzwang. Weichbildes (beziehungsweise der Bannmeile) ausüben (Zunftzwang). Hier und dort behält sich die Obrigkeit das Recht vor, nichtzünftige „Freimeister" zu ernennen. Umso unnachsichtlicher verfolgen die Zünfte alle unberechtigten „Störer, Pfuscher, Bön- hasen". Solange die Zünfte noch um ihre Anerkennung kämpften, mären sie der Auf nahme neuer Berufs- und zugleich Kampfgenossen nicht abgeneigt; als sie aber den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreicht hatten, wurden sie immer exclusiver und setzten120 in. Abschnitt. DaS indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). an manchen Orten die Zahl der zulässigen Meister ein für allemal (numems clausus) fest. Verschiedene Die Meister sind verpflichtet, an der Morgensprache, das ist der Zunft- der"amNt' Versammlung theilzunehmen, die das berathende und gesetzgebende Organ der Genossen- dc> u„,t. M ihrer Spitze stehen erkorene oder erlöste Zunftmeister (Ältermänner). Von den Morgensprachen sind die geselligen Zusammenkünfte in den Trinkstuben 31 t unterscheiden. Die Zunft bildet auch eine kirchliche Bruderschaft, hat ihre Heiligen, ihre Capellen und Altäre. Ebenso bilden die Zünfte Abtheilungen der Bürgerwehr und stehen schon deshalb unter scharfer obrigkeitlicher Controle. Gilt ja doch überhaupt das Recht zu arbeiten als ein von der Stadt verliehenes Amt. Die Zwecke Drei große Tendenzen beherrschen die specifisch wirtschaftlichen Einrichtungen und dc^ Zunft- Vorschriften der Zünfte. Erstens soll unter den Zunftgenossen kein Concurrenz- tikiuitf. f nm p^ Aufkommen; zweitens soll die Concnrrenz von außen abgewehrt werden; drittens soll das capitalistifche Unternehmerthum verhindert werden, sich zwischen Producenten und Consumenten zu schieben und die gewerbliche Arbeit zur Sclavin des Geldes herabzudrücken. Der interne Am vollkommensten ist den Zünften die Niederhaltung des internen Concurrenz- Co neu rrenz ka mp fes gelungen. Kein Zunftgenosse sollte den anderen hinsichtlich des Quantums und der Qualität seiner Erzeugnisse überbieten. Diesem Zwecke diente die obligatorische Klein Haltung der Betriebe — kein Meister durfte mehr als 2—5 Gesellen verwenden —, dienten die genauesten Vorschriften und Controlmaßregeln (Warenschau) über die Beschaffenheit der Products. Die externe Nicht so vollkommen konnte die auswärtige Concurrenz abgehalten werden. Concurrenz. Einheimische Kaufleute oder „Gäste" (Fremde) brachten Artikel, die auch in der Stadt erzeugt wurden, zum Verkauf. Dort, wo Jahrmärkte oder Messen stattzustnden pflegten, ivaren der fremden Concurrenz für einige Zeit Thür und Thor geöffnet. Am schlimmsten stand es in denjenigen Orten, die mit Stap-elrecht auSgcstattet waren; da konnte eine heimische Production in gewissen Artikeln nicht aufkommen. Kampf mit Im Kampf gegen den Capitalismus und das Unternehmerthum haben dcm Groß- Zünfte lange Stand gehalten — noch heute ist das Kleingewerbe nicht ans allen capital. Positionen verdrängt — aber je mehr eine gewerbetreibende Stadt dem großen Welt verkehre nahe stand, desto früher und durchschlagender siegten das Geld und der kauf männische Unternehmer über die Arbeit und den Handwerker; so in Italien, in Ober deutschland, in den Niederlanden. Dies ivird begreiflich bei näherer Betrachtung des Tcr zünftige zünftigen Handwerksbetriebes, der eben den Anforderungen des Großverkehres r em eine . un j, g nl - lücht zu entsprechen vermochte. Der Handwerksmeister verfertigte in seiner Werkstatt mit seinen Gesellen zumeist Kundenarbeit. Störarbeit und Material lieferung durch den Besteller bildeten die Ausnahmen. In manchen Gewerbey arbeitete man auf Vorrath, z. B. in der Töpferei, welcher Vorrath entweder auf den Märkten oder in einem Gassenladen ebenso ivic Kundenarbeit an den Consumenten, ohne Da- zwischcnknnft eines Händlers., abgesetzt wurde. Soweit es den localen Markt betraf, Mie Systeme, war das System vortrefflich. Für den Export war es nicht aufrecht zu erhalten. Dort, wo die Textil- oder Metallwarenerzeugung einen größeren Umfang angenommen hatte, war die Intervention des Kaufmanns unvermeidlich. Der Verkäufer wurde selbstverständlich wieder zum Besteller, der eventuell den Rohstoff lieferte, über Qualität und Preis unterhandelte, Vorschüsse leistete und so allmählich den zünftischen Klein betrieb zersprengte. Durch die Bresche hielt das Capital seinen Einzug; der Capitalist6. Capitel. Die spanisch-portugiesische Periode. 121 wurde der Verleger der von den Kleinmeisteru und ihren Gehilfen producierten Artikel. An die Stelle des ziinftigcn Handwerkes trat in solchen Fällen die Haus industrie m 1 1 Verlagsspstcm. Je mehr die Künste durch die auswärtige Concurrenz und den Capitalismus Verschärfung der Unternehmer bedroht wurden, desto schärfer kehrten sie ihre monopolistische Selbst- ^ '»nfuschcn sucht heraus. Vor allem wurde der Eintritt in die Zunft erschwert. Das^"^'^"'^ Handwerk wurde ein in der Familie erbliches Amt. Bald hatte der Geselle keine Aus- D,c Gescllcn- sicht mehr, Meister zu werden, außer wenn sein Herr keine männlichen Nachkommen 'ragc. hatte und er dessen Tochter oder Witwe heiratete. Die ehemalige Jnteressenharmonie zwischen Meister und Gesellen löste sich. Die Bruderschaften der Gesellen — die Gesellenverbände — wurden Herde der Agitation. Zu den zahllosen socialen Übelständen des ausgehenden Mittelalters kam nun auch die Gescllenfrnge. Durch das übliche Wandern der Gesellen (Handwerksbnrschen) wurden die oppositionellen Keime von Ort zu Ort verschleppt. Revolten, Arbeitseinstellungen, Verruf einzelner Meister oder ganzer Städte kamen an die Tagesordnung. Die Forderungen der Gesellen drehten sich, wie die der heutigen Arbeiter, um Lohn und Arbeitszeit. Durch den ganzen Zeitabschnitt geht ein lüderlicher Zug; auch bei den Gesellen nistet sich die Trunk- und Spiclsucht ein. Die Wirtschaftspolitik der mittelalterlichen Städte hatte einen iiber- StädUschc trieben exclusiven Charakter. Mit rücksichtsloser Selbstsucht verfolgte Stadt “2^ gegen Stadt und Stadt gegen Land ihr speciellsteS Interesse. Nur die Bedürfnisse des auswärtigen Handels führten eine Annäherung der Städte herbei, ohne deren Verhalten gegen das Umland oder deren Gewerbepolitik zu beeinflussen. Ob eine Stadt von den Pntrieiern oder den Zünften regiert wird, Polizei, hat auf ihre innere Wirtschaftspolitik keinen Einfluss; die Stadtverwaltung steht meistens aus dem Standpunkte der Consnmenten. Nicht um die Beförderung von Handel und Gewerbe, sondern um deren Überwachung und Einengung ist es ihr zu thun. Sie legt also das Hauptgewicht ans die Markt polizei. Damit das Publicum vor Übervortheilung geschützt werde, unter suchen obrigkeitliche Organe die Waren ans Echtheit, Qualität, genaues Maß, erlässt der Rath Lohn- und Preistaxen, schreibt er die Benützung der Stadt- wagc (Frohnwage) und sonstiger osficieller Messapparate vor, wobei des eigenen Vortheiles durch Einhebung von Gcbüren nicht vergessen wird. Zur Belebung des städtischen Handels dienten die Märkte: die Wochen- Märkte. Märkte, auf denen die Stadt mit ihrem ländlichen Umkreis in Verkehr trat; die Jahrmärkte für den interlocalen und die Messen für den internationalen Güterumsatz. Das wirksamste Kampfmittel im Concurrenzstreit der Städte war das SiMMt Stapelrecht und der dazugehörige Straßen zwang. Im voll entwickeltest Stapelrecht sind drei Stufen zu unterscheiden: das ll m- schlagSrccht, wonach die Waren an einem bestimmten Platz umgeladen und von12 2 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Bannmeile. Grundruhr und Strand- recht. Geleite. Zölle. Allgemeine Zerrüttung der gesell schaftlichen Ordniittg. den Bewohnern dieses Ortes ans eigenen Vehikeln weiter verfrachtet wurden; das Niederlagsrecht, demzufolge die fremden Kauflente verhalten wurden, ihre Waren an dem bevorrechteten Platze längere Zeit (z. B. sechs Wochen) zum Ln xros-Verkaufe anszulegen, worauf ihnen eventuell die Weiterfahrt gestattet um - ; der Stapel kauf oder die Beschränkung des Rechtes, mit freindcn Kaufleuten Handel zu treiben, auf die Bürger der privilegierten Stadt. So weit eine Stadt es über ihr Weichbild hinaus nur vermochte, dehnte sie ihr Bann in eilenrecht aus, schuf sie einen Kreis, innerhalb dessen Gewerbe und Handel jedem, der ihr nicht angehörte, absolut unter sagt waren. Das Land sollte die Sphäre der Urproduction und in jeder anderen Hinsicht wirtschaftlich von der Stadt abhängig sein. Allein daö Land verfügte über ausgesuchte Mittel, die Städter zu chicanieren, z. B. die Grund rühr. Das maritime Seitenstück zur Grnndruhr bildete das S t r a n d r e ch t. Wenn auf den elenden Wegen damaliger Zeit ein Wagen umfiel und dabei der Straßenkörper oder das angrenzende Grundstück berührt wurde, ja wenn nur die Achse des Wagens, z. B. in einem Hohlivege, die fremde Erde streifte, so war die Ladung dem Grundherrn verfallen. Umsonst bekämpften Könige und Kaiser den ein gewurzelten Brauch. Noch schwieriger war cs, das barbarische Strandrecht auszurotten, demzufolge sich die Herren des Gestades die Ladung eines gestrandeten Schiffes ancigneten. Die alles Maß überschreitende Unsicherheit der Landwege gab Anlass zum Gelei twes cn (Zwangsgeleite), das eine wichtige Einnahmequelle der Landesherren wurde. In der Regel wurden ganze Kaufmannskarawanen von einer größeren Soldatenschar escvrtiert. Ein böser Umstand war es, wenn Wegelagerer und Geleitsmannschaft gemeinsame Sache machten. Wenn schon das Geleite den Transport vertheuerte, so erhöhten die dicht aufeinander folgenden Zölle die Warenpreise ins Ungemessene. Seit das .königliche Regal der Zölle an die großen Vasallen (Landesherren) übergegangen war und diese wiederum ihre Hoheitsrechte häufig weiter vergaben, waren eine Unmasse von Zollstätten entstanden, die ausschließlich siscalischen Zwecken dienten, wogegen sich die Nutznießer der Zölle nicht für verpflichtet hielten, für die Straßen und deren Sicherheit etwas zu thun. In Nicderösterrcich gab es beispielsweise im 14. Jahrhundert über 90 Zollstätten. Die großen und kleinen Leiden, die der berufseifrige Kaufmann durch zumachen hatte, wurzelten in socialen Übelständen, an denen das ganze romanisch-germanische Abendland laborierte, seit die Geldwirtschaft in die Staats- und Gesellschaftsordnung eingebrochen war, welche ans ganz anderen, nämlich naturalwirtschaftlichcn Grundlagen beruhte. Die Folge dieses Ein bruches war ein allgemeines Missbehagen, dann ein Drücken und Schieben der Volksclassen gegeneinander, untermengt mit einzelnen gewaltsamen Eruptionen des Classenhasses, bis endlich ein Factor sich gebieterisch über die streitenden6. Capitel. Tic spanisch-portugiesische Periode. 123 Elemente erhob, sie in ihrem augenblicklichen Zustande festbannte und seinen eigenen Zwecken dienstbar machte: der moderne Staat, die absolute Monarchie. Auch das Raubritterthum war nur ein Phänomen des Classenkanipfes.. Es war der unaufhörliche kleine Krieg eines ehedem und, der Selbstschätzung nach, immer noch höheren'Standes gegen das plötzlich emporgekommene und in seiner Sphäre unan greifbare Bürgerthum. Wenn der Fehdcbrief ordnungsgemäß einer Stadt übermittelt worden war, so hielt sich auch der bessere Edelniann für berechtigt, deren Kaufleute ab- zufaugen, zu plündern, ja zu verstümmeln und zu tödten. In dem Gebaren des elendesten adeligen Wegelagerers steckte mehr Classcnhnss, als Gewinnsucht, wenn von einer solchen geredet werden kann, wo es sich häufig um die Fristuug des nackten Lebens handelte. Der Bürger war nicht bloß finanziell dem Ritter über den Kopf gewachsen, er wurde zudem dessen Concurrent in der llrproduction, oder er fesselte ihn mit den eisernen Banden des Crcdites. Das Creditwescn, das Stiefkind des Mittel alters, hatte außer dem Rentenkaufe noch keine dem Grundbesitzer zugängliche Form angenommen. Nicht einmal das städtische Leih- oder Wechselhnus — solche gab es seit dem 15. Jahrhundert — war dem Nichtbürger zugänglich, der in seinen Nöthen nur die Wahl zwischen einem christlichen oder jüdischen Wucherer hatte. Die Abneigung der gruudbesitzenden und arbeitenden Elasten gegen das mobile Capital kam, durch religiöse Accente verstärkt, am frühesten gegen die Juden zum Ausbruch. Der erste Kreuzzug bildet für sie den Anfang einer Leidensgeschichte, die sich bis zum Anfklärungszeitalter (18. Jahrhundert) hinzieht. Neben abergläubischen Motiven gab es auch eine wirtschaftliche Haupttriebfeder der Austreibungen und Mnssen- tödtungeu der Juden, nämlich den naturalwirtschaftlichen Widerwillen gegen das ver zinsliche Darlehen. Eine Stütze fanden die Juden au den Landesfürsten, denen sie ihrer freiwilligen oder abgepressten Geldleistungen wegen willkommen waren. Die Ab sonderung in eigenen Quartieren (Ghettos) gewährte ihnen Sicherheit und die Mög- lichkeit, nach ihren Gesetzen zu leben. Als nun aber die Stadtbewohner selbst geldwirt schaftlich reif geworden waren und den Juden auf deren speciellstem Gebiete Concurrenz zu machen anfiengen, da häuften sich die Jndenkrawalle, und bald mussten die Landes Herren dem Druck der öffentlichen Meinung uachgeben, das heißt die Juden aus Stadt und Land verweisen, wobei es reiche Beute gab. Kamen die Juden ivieder, so wurden sie so lange geduldet, bis sich das Plündern von neuem lohnte. Frankreich z.B. mussten sie unter Philipp II., Ludwig IX., Philipp IV. und Karl VI. verlassen, Wien 1121 und 1070. Mitunter trieb man die Hebräer selbst nicht aus dem Laude, aber man erklärte alle Judenschnlden für ungiltig; eine solche „Seisnchthcia" verfügte z.B. der Nürnberger Reichstag 1390. Übrigens ließen sich die Fürsten, welche ihren Bürgern die Juden opferten, gern ein Aquiväleut für den Entgaug der Judensteuer entrichten, was den Verfolgungseifer dämpfte. Durch den Übergang von der Natural- zur Geldwirtschaft im 12. und 13. Jahr hundert wurden selbstverständlich die ackerbauenden Classen am meisten in Mit- leidenschaft gezogen. Kurz vor Beginn dieser Umwälzung hatten sich die Großgrund besitzer von der Bewirtschaftung ihrer Güter loSgcmacht, um ausschließlich ihrem politisch-militärischen Berufe zu leben. Auf weithin sichtbaren Bergeshöhen bauten sie ihre Burgen, der ganzen Welt zum Trutz. Mit den reisigen Besitzern von Dieustleheii verschmolzen die freien Grundherren unter dem Einfluss romanischer Sitte zu einem Stande, der die ungeheuerliche Form einer internationalen Schwurgcnosseuschaft an- Raubritter- thum. / Bürgerthui» und Adel. Tue (luden im Mittel- alter. Ter grund- besitzende Adel. Tic »tlcr- nationale Ritterschaft.124 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Die goldene Zeit deS Bauern standes. Materieller u. militärischer Niedergang deS LehenS- adclS. Söldnerheere. Ökonomische Restauration d. Ärohgrund Herrschaft. Bedrängnis des Bauern standes. Die J acquerie. nahm, äinit Ritterstande. Nichts widersprach den chevaleresken Lebensanschauungen mehr, als die Sorge um Geld und Gut; der Ritter sollte haben, nicht erwerben. Dessenungeachtet verstanden es die großen Kronvasallen, die Krone dem Bankrott ent- gegenzutreiben, was ihnen namentlich in Deutschland gelungen ist; sie ließen sich von den Staufern ihren Beistand durch Reichsgnt und Regalien so lange bezahlen, bis die deutschen Könige zahlungsunfähig, also machtlos waren. Indem die Grundherren höheren Zielen nachstrcbten, gieng ihr Verhältnis zu den Grundunterthanen in die Brüche. Mit dem Großbetrieb an den Frohnhofen war es seit dem 11. Jahrhundert zu Ende. Die Grundholden beschränkten sich auf die Ab lieferung des vor Zeiten ausbedungenen Zinses. Hierbei erloschen die persönlichen Dienste (Frohndienste) oder sic wurden, gleich den Naturallieferungen, in Geldzinse ver wandelt, ja sogar abgelöst. Wer auf seiner Hufe saß und an einer Markgenossenschaft seinen Rückhalt hatte, der wurde vollends zum freien Manne. Der Bevölkerungs überschuss, der sich unter so günstigen Lebensbedingungen einstellte, fand in der Coloni- sation Verwendung oder floss den Städten zu. Während so dein Adel der Boden seiner materiellen Existenz unter den Füßen schwand, drohte auch den Fundamenten seiner politisch-militärischen Bedeutung der Einsturz. Das ritterliche Lehensheer war die Form des Kriegswesens, welche der Naturalwirtschaft entsprach; auf der Belehnung mit Land und Leuten ruhte die militärische Dienstpflicht. Als jedoch das Geld eine immer größere Rolle im Verkehr und im Stenerwesen ZN spielen ansicng, nahm auch die Heeresverfassung eine ent sprechende Gestalt an. lim Geldstenern bewilligt zu erhalten, wurden die Stände (Parlamente) einberufen und auch der Stand der Geldbesitzer, das Bürgerthum, zu deu Berathuugen beigezogen. So hatten die Monarchen das Mittel in der Hand, sich von den anspruchsvollen Lehensheeren zu emancipieren, deren Unzulänglichkeit in den Schlachten von Courtray, Morgarten, Cröcy, Maupertuis, Sempach rc. aller Welt offen bar geworden war. Es kam das Zeitalter der Soldtruppen, der Schweizer, der Lanzknechte. Das ganze Staatslebcn gliederte sich dem System der Geldwirtschaft ein. Jnstinctiv schlossen sich die bedrängten Adeligen enger aneinander (Ritterbünde), instincliv scharten sie sich dichter um den Thron; vor allem suchten sie sich aber wirt schaftlich zu rangieren. Mit der Wiederherstellung des Großbetriebes trat die agrarische Restauration ihre Arbeit an. Dazu brauchte man Arbeitskräfte, für die man thenres Geld hätte zahlen müssen; folglich suchte man die üblich gewordenen Geldzinsen in Arbeitsleistungen zurückzuverwandeln, ja noch mehr, den Landmann, wenn irgend möglich, an die Scholle zu binde», i. e. seiner Freizügigkeit zu berauben. Wenn auch die Hufen- und Hufentheilbesitzer in relativ günstiger Lage verblieben, so fielen doch die jüngeren Söhne und die seit dem Aufhören der Rodung und Colonisation aufgestaute Masse der Besitzlosen dem Joche der Leibeigenschaft anheim. Durch Gewalt und juridische Combinationen warfen sich die Gutsherren zu Inhabern der Allmende (Wald, Weide, Wasser) auf, insonderheit beanspruchten sie das alleinige Recht auf Jagd und Fischerei. Gegen dieses System der Vergewaltigung musste die Opposition der Bauern erwachen; da sie keine Hilfe fanden, wurden sie der verzweifelten Selbsthilfe in die Arme getrieben; denn die Landesherren, die allein ihnen hätten bcistehen können, hatten als Großgrundbesitzer dieselben den Bauern feindlichen Inter essen, wie die übrigen Grnndherren. Die erste große agrarische Revolution brach in Frankreich ans. Hier hatten schon im Übergang vom 13. znm 14. Jahrhundert die Pastoureaux — Bauern-6. Kapitel. Die spanisch-portugiesische Periode. 125 revolten, die gegen Klerus und Juden gerichtet waren — das dumpfe Unbehagen der Massen knndgegeben. Als durch die Kampfe von Kröcy und Manpertnis der kriegerische Feudaladel zu Boden geschmettert, der König Johann in Gefangenschaft gerathen war, suchten die Stände sich des steuerlos gewordenen Staatsschiffes zu bemächtigen. Während Paris unter der Führung des Privat des marchands , Ktienne Marcel, noch in schärfstem Kampf gegen die Valois begriffen war, erhoben sich die Bauern, um ihren Bedrückern die Leiden von Generationen heimznzahlen (1358). Der Aufstand — die sogenannte Jacquerie — wurde niedergeworfen. Der französische Bauer blieb, ob Leibeigener (serf) oder Höriger (vilain), der Lastträger, auf dessen Schultern die privilegierten Klassen, Adel und Geistlichkeit, ihre Verpflichtungen überwälzten, dessen harte Arbeit ihm selbst keine Verbesserung seiner Lage brachte, hingegen seinen Gebietern bis zur Revolution von 1789 politischen Einfluss und socialen Glanz verschaffte. In England führte die Verbindung socialer und religiöser Momente gegen Tie Ende des 14. Jahrhunderts (1381) zur agrarischen Revolution. Der Schwarze Tod Revolution hatte die britischen Inseln derart entvölkert, dass die Arbeitskräfte zur Bestellung der m Acker nicht ausreichten und die Löhne gemieteter Arbeiter eine Höhe erlangten, bei der sich der Ackerbau nicht mehr rentierte. Da versuchten die englischen Gutsherren, ihre Zinsbauern in Frohnbanern, das heißt den Geldzins in Arbeitsleistungen zurück- znverwandeln, da ihnen die Arbeit wertvoller war, als das in seiner Kaufkraft geschwächte Geld. Selbstverständlich rief dies im Landvolk eine Gährung hervor; gleich zeitig bewirkten die Lehren Wiclifs eine alle Kreise ergreifende Aufregung. Damals Wiclifitcn. wimmelte bereits Europa von einem gelehrten Proletariat, nanientlich von Klerikern, deren es zu viel für die vorhandenen Pfründen gab und die nun ihr Missvergnügen in socialen Hetzreden austobten. Sie warfen die zündenden Schlagworte in die dumpfen Massen und schafften die „geistige Legitimation" herbei, ohne die keine Revolution um sich greifen kann. In England speciell schürten die Anhänger Wiclifs (Lollarden) den W-n Tyler. Aufstand, an dessen Spitze sich ein Arbeiter, Wat Tyler, befand. Rasch und rücksichtslos wurde die Revolution bewältigt. Sie hatte für den Bauernstand keine schlimmen Folgen. Im Gegentheil, die Leibeigenschaft verschwand im Laufe des 15. Jahrhunderts bis ans winzige Spuren und die Hörigkeit nahm die Form von Pachtverhältnissen an. Wenn trotzdem der Bauernstand sich nicht vermehrte, so war dies eine Folge der Handelspolitik Englands seit Eduard III. Der zunehmende Bedarf an Wolle, für die Woll- Jndustrie und die Ausfuhr, gab der Schafzucht und Weidewirtschaft einen Production mächtigen Impuls. Was die Weide gewann, büßte der Feldbau ein, und ebenso stand ""s ® ttoes das Gedeihen der Schafe in umgekehrter Proportion zur Wohlfahrt des Landmannes. w " t|cl,aft - Durch die Weidewirtschaft richtete sich in England der durch die Rosenkriege geschwächte, grnndbesitzende Adel wieder auf. Atich B ö h m e n, wo Johannes Hus die Lehren Wiclifs verbreitet hatte, machte Tic Hussitc». zu Beginn deS 15. Jahrhunderts eine Zeit religiös-agrarischer Wirren durch. Am schärfsten kam der sociale Kharakter des Hnssitenthnms in den radicalen Parteien, Taboriten und Orphaniten, zum Ausdruck. ES wurde der Versuch gemacht, einen commnnistischen Gottesstaat zu begründen, der die Welteroberung mit dem Lechisch-bäuerlichen Vernichtungskrieg gegen die Deutschen und daS geldbesitzende Bürger thum eröffnete. Nach dem Siege der gemäßigten Fractionen über die Ultras (1434) wurde Böhmen ein Adelsstaat und blieb es bis zur Schlacht am Weißen Berge (1620).126 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Polnische Adels- Herrschaft. Die Kurutze». Deutschland. Ländliches, städtisches, ritterliches, geistliches Proletariat. Exccste des Luxus der sttcichcn. Vorspiele der Revolution. Die große sociale Revo lution 152ä bis 1520 . Status guo in Oberdeutsche land. Agrarische Missstände im deutschen Rordostcn. Ohne so heftige Krisen zu erleben, war Polen im 14. und 15. Jahrhundert eine aristokratische Republik mit monarchischer Spihe geworden, und was die Schlach- tzitzcn erreicht hatten, darnach strebte auch der ungarische Groß- und Kleinadel, als ans den erleuchteten Corvinen die polnischen Jagellonen folgten. Ein gegen die Türken organisierter Krenzzug drückte den grollenden Bauern (Kurutzen — Kreuzfahrern) die Waffen in die Hand. Johann Zapolya besiegte den Banernkönig Georg Dozsa; strafweise wurden die Bauern der härtesten Leibeigenschaft überantwortet, in der sie dreihundert Jahre hinschmachteten. Seit dem Ausgang des 15. Jahrhunderts begann auch der deutsche Bauer missvergnügt und aufsäßig zu lverdeu. Jhni standen die erfolggekrönten Befreiungs kämpfe der Schweizer und der Dithmarschen vor Augen; auch das Beispiel der böhmischen Bauern schwand ihm nicht aus dem Gedächtnisse. Gerade dort, wo der deutsche Land mann, trotz der zu seinem Nachthcil veränderten Zustände, noch am relativ wohl- häbigstcn dahinlebte, in Süddeutschland, griff das Missvergnügen weiter um sich! In allen Gauen existierte ein ländliches Proletariat, das sich mit den Verbrechern und Vagabunden berührte. Mit dein ländlichen sympathisierte der frisch entstandene städtische Pöbel. Auch der herabgekommene Kleinadel, das Stegreifritterthum, welches sich in seinem Handwerk durch das Territorialfürstenthum bedroht sah, stellte sein Contingent zur Armee der Unzufriedenheit. Endlich kamen noch die geistlichen und gelehrten Proletarier hinzu, denen ein nagelneues Agitationsmittel zur Verfügung stand, die Druckerprcsse. Gegen die reiche Clerisei und gegen die Inden richtete sich der sociale Hass ebenso wie gegen die Gutsherren, die Juristen und die städtische Plutokratie. Am meisten verbitterte die Gemüthcr der enorme Unterschied in der Lebensweise. Das 15. und angehende 16. Jahrhundert waren Epochen des tollsten Luxus, der Mode- narrheit, des Fraßes und der Völlerei, Laster, die meist ohne alle Eleganz zur Schau getragen wurden und den Classenhass geradewegs herausfordcrten. Dass sich die Regie rungen ins Mittel legten und selbst der deutsche Reichstag gegen die Vorkanfs- und Prcissteigerungsgesellschasten der oberdeutschen Plutokraten sein Vcrdict anssprach, ver mehrte nur die Erbitterung des Volkes, da alles doch fruchtlos blieb. Schon gegen Ende des 15. Jahrhunderts waren einzelne Revolten vorgekommen und Bauernbünde geschlossen worden, der „arme Konrad, die Käsebröder, der Bundschuh" n. s. w. Seit 1517 begann auch die Lehre Luthers im Volke cinzuschlagen; die hochgradige Er regung nahm in manchen Gegenden zumal Mitteldeutschlands fcctiererische Formen an; wie in der Hussitenzeit, träumten die Fanatiker von der Errichtung eines GotteS- staateS mit Gütergemeinschaft (Th. Münzer). Ende 1524 kam die Empörung znm Aus bruch. 1525 stand Deutschland von den Vogesen bis zu den steirischen Alpen, vom Bodensee bis znm Harz in Flammen. Jedoch die in viele locale Einzelerhebnngen zer splitterte Revolution erlag den Waffen der Reichsfürsten, nachdem das Volks- vermögen unermesslichen Schaden gelitten hatte. In Süd- und Mitteldeutschland blieb es im allgemeinen, wie es vorher gewesen war. Die Bauern verfielen wenigstens nicht, wie in Ungarn, einem härteren Lose. Bis zur Aufklärungszeit hat sich in den von der fürstlichen Gewalt festgebannten Verhältnissen nichts Wesentliches geändert. Unrecht und Bedrückung verloren als chronische und eingelebte Zustände ihren aufreizenden Charakter. Nur in den Ostalpen zuckte cS noch cinigemale auf, 1626 in Oberösterreich znm letztenmal. Aber dort, Ivo der Bauer nicht revoltiert hatte, weil er bereits zu sehr in den Staub getreten war, im deutschen Nord osten, zwischen Elbe und Weichsel, verschlimmerte sich seine Lage noch im 16. und 17. Jahrhundert. Der ehemals voll-6. Kapitel. Die spanisch-portugiesische Periode. 127 freie Colonist wurde zum gutsunterthänigen Leibeigenen herabgemindert, der patri- monialen Polizei, sowie Gerichtsbarkeit unterworfen und musste froh sein, wenn er auf der Scholle belassen und nicht mit Berufung ans römische Rechtsformeln von Haus und Hof gestoßen wurde,.weil der Gutsherr deren Einbeziehung für seine Eigenwirt schaft vortheilhaft erachtete (sogenanntes Bauernlegen). Wie die Sonderentwicklung der Städte, so ist auch die agrarische Bewegung durch Das Zeitalter die Macht der Landes- oder Reichsfürsten zum Stillstand gebracht worden. Man könnte des Absolutis- die Zeit vom 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts die socialhistorische Si- imkl stierungsperiode nennen. Die Wirtschaftsgeschichte dieser Jahrhunderte wird von den Staatsregierungen gemacht. Das Volk, ob Clerus, Adel, Bürgerthnm oder Bauern schaft, muss passiv über sich ergehen lassen, was seine Souveräne verfügen. 8 32. Das Zeitalter der Entdeckungen. Nicht volkswirtschaftliche Erwägungen oder selbstlose Begeisterung für Psychische wissenschaftliche Fragen haben zu den Entdeckungen des 15. und 16. Jahr- Hunderts den Anstoß gegeben, haben den Entdeckern Math, Kraft lmb Aus- decku»gs-Zcii- dauer verliehen: sondern ein Gemisch von cchtein und falschem Wissen, Phantastereien, Bekehrungseifer, Herrschsucht und obenan Habgier waren die wirksamsten Triebfedern dieser handelsgeschichtlichen Revolutionsepoche. Eine große Eigenschaft war all den Eroberern und Entdeckern gemeinsam, eine Erbtngend der streitbaren Völker romanisch - germanischen Geblütes: die Tapferkeit. Schon im 14. Jahrhundert hatten südeuropäische Seefahrer, besonders Entdeckung Italiener,' die seit dem Alterthum verschollenen „glücklichen Inseln", die Ccmaricn, Madeira und -die Azoren, entdeckt. Seit Anfang des 15. Jahr hunderts standen die von den Gnanchen bewohnten c a n a r i s ch c n I n s e l n unter spanischer Oberhoheit. Etwas später kamen Madeira und die Azoren unter die Herrschaft Portugals. Nachdem der Urwald auf Madeira (— Holzinsel) einem neunjährigen Brande zum Opfer gefallen war, bepflanzte man das herrliche Eiland mit Neben und Zuckerrohr. Diese Aus dehnung der portugiesischen Herrschaft hicng bereits mit der Wirksamkeit des Prinzen Heinrich des Seefahrers zusammen, der seine Einkünfte als Heinrich d» Großmeister des Christusordens dazu verwendete, Schiffe zur Erforschung ® eef “ l,ter- der afrikanischen Westküste auszusenden. Menschenraub und Tauschhandel waren die Reizmittel, welche die Entdeckungslust nicht wieder einschlafen ließen. Als das Grüne Vorgebirge erreicht war, sah die Welt mit Erstaunen einen durch die Autorität des Aristoteles und Ptolemäus geheiligten Lehrsatz, dass nämlich die heiße Zone vegetationslos und unbewohnbar sei, dahinsinken. Nun erst gewann die Hoffnung Raum, dass man durch Um- schiffung Afrikas den Weg nach dem fabelhaften „Reich des Erzpriesters128 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Entdcckiiiig Johannes" (Habesch) und nach Indien werde auffinden können. Erfi ein lichcn Sce- Menschenalter nach dem Tode des Jnfanten Heinrich (fi 1461) gelangten Weges nach Pie Portugiesen zum Ziele: Bartholomäus Dia; entdeckte 1486 das Ost„w>u>. jj W Stürme, dessen Namen König Johann II. in den des „Caps der guten Hoffnung" umwandelte, und 1498 fand VaSco da Gama den Weg ums Cap. Er tastete sich dann an der Ostküste des dunklen Erdtheiles bis Mozambique und Melinde. „Streng genommen hören die Entdeckungen der Portugiesen ans, als in Melinde ein arabischer Pilot die Führung ihrer Flotte übernahm; denn sie durchzogen seitdem Gewässer, wo bis nach Japan ein uralter geregelter Verkehr bestand", an welchem Araber, Indier, Malayen, Chinesen bctheiligt waren. In weniger als einem Monate gelangte Vasco von der afrikanischen Ostkiiste zum Hafen von Kalikut an der Malabar küste. Der südöstliche Seeweg nach Indien (die Südostpassage) war gefunden. Coluinbus Wenige Jahre vorher (1492) war der Genuese Christoph Colnmbns westlich- See- (Christobal Colon) in spanischen Diensten von Palos ans gegen Abend gesegelt, wc^mich nicht um Amerika, sondern einen südwestlichen Seeweg nach China und Indien zu suchen; er war ans bewohnte Inseln (Bahamainseln und Antillen) gestoßen, die er für Bruchstücke des Ostrandes von Asien hielt. Theilung der Sofort nach seiner Rückkehr beeilten sich die Spanier, den römischen Spanier» und Stuhl für ehre Entdeckungen cbenjo zu mteresfieren, wie cs den Portugiesen Porlugiesen. gelungen war, welchen die Päpste das ausschließliche Besitzrecht ihrer bisherigen und künftigen Erwerbungen zugesprochen hatten. In einer 1493 erschienenen Bulle vollzog Papst Alexander VI. eine Theilung der Erde zwischen Spaniern und Portugiesen, indem er eine meridionale Demarcationslinie durch den Atlantischen Ocean legte, die, durch die Pole auf der jenseitigen Halbkugel fortgesetzt, den Planeten lvie einen Apfel in zwei gleiche Stiicke theilte. In dem Vertrage von Tordesillas 1494 verlegten die beiden Theilnngsmächte jene Scheidelinie 270 Meilen weiter gegen Westen. Diesen Abmachungen liegt die Tendenz zugrunde, allen Mitbewerbern den Ocean zu versperren und den Oceanhandel zu monopolisieren; thatsächlich haben Spanier und Portugiesen bis ins letzte Viertel deö 16. Jahrhunderts jegliche Concnrrenz von ihrer Sphäre ferngehaltcn. Dic Canqui- Nicht die vier Fahrten des Colnmbns, sondern erst die Entdeckung stadoec». Südsee durch Balboa (1512) gab Sicherheit darüber, dass die Spanier keine Trümmer einer längst bekannten, vielmehr eine Nene Welt gefunden hätten. Es folgte nun das Zeitalter der großen Conqnistadoren, an deren Spitze Ferdinand Corte; und Franz Pizzaro stehen, jener der Eroberer Mexicos (1519—1521), dieser mit A l m a g r o, dein Entdecker6. Capitel. Die spanisch-portugiesische Periode. 129 Chiles, der Eroberer Perus (1531—1532). Cortez drang bis Californien vor, Ponce de Leon hatte früher schon Florida entdeckt; jedoch über den 43. Grad nördlicher Breite gelangten die Spanier nicht hinaus, da sie alles Land, in dem nicht Edelmetalle und Perlen vorhanden waren, als nutzlos beiseite liegen ließen. Die Entdecker Mittel- und Südamerikas fanden eine autochthone Cultur Die-»aach- vor, die von den Spaniern mit unglaublicher Geschwindigkeit bis ans spärliche Trümmer tr,0 " c GuItur vernichtet worden ist. In Mexico traf Ferdinand Cortez Zustände, die an die Feudal- 2 staaten Europas erinnerten. An der Spitze des Staates befand sich ein König, umgeben von einem kriegerischen Lehensadel; die herrschende Classe gehörte dem Stamme der Azteken an, die als Eroberer ans dem Nordeir gekommcir waren und nun durch eine Art von Schreckensherrschaft das Land iin Zaume hielten. Die Städte des Landes waren durch Kunststraßen verbunden. Stationshäuser wiesen auf einen Postdienst hin, den Eilboten besorgten. Von Zeit zu Zeit fanden Märkte statt. Der Gewerbefleiß hatte es zu virtuosen Leistungen in der Gefäßbildnerei, in der Herstellung baumwollener Gewänder, goldener und silberner Schmnckgegenstände, in der Fedemschmückerei rc. gebracht. Merkwürdigerweise bediente man sich statt eiserner Schneidcwerkzeuge solcher aus Obsidian. Die große Masse des Volkes befasste sich nüt der Agricnltur; das Haupt nahrungsmittel bot der Mais, man trank Chocolade, würzte die Speisen mit spanischem Pfeffer, bereitete aus dem Safte der Aloe den berauschenden Pulque, rauchte Tabak und verarbeitete die im ganzen Lande gebaute Baumwolle. Die Cultur des peruanischen Hochlandes war der mexicanischen in mehr m Per», als einer Hinsicht überlegen. Auch in Südamerika gab es Städte mit Steinbauten (Cnzco, Quito), Kunststraßen, Wasserleitungen, Bergbau, Gewerbe. Das unterscheidende Merkmal der peruanischen Cultur lag in der socialen Ordnung. Grund und Boden waren Staatseigenthnm. Nach Ausscheidung des Königs- und Tempelgutes blieb Land übrig, das an die Bevölkerung je nach der Größe der Gemeinden und der Familien alljährlich aiisgethan wurde. Man cultivierte, außer Mais, die Quinoahirse, Kartoffel, Agave, Baumwolle; zur Anregung der Nerven diente das Schnupfen des Tabaks und das Kauen von Cocablättern. Auch die Lamaherden — das Lama, das einzige nicht aus der Alten Welt eingeführte Hausthier Amerikas, diente als Wall- und Tragthier — waren Staatseigenthum; jede Familie erhielt ihr Quantum Wolle zur Anfertigung der landesüblichen Kleider. Selbstverständlich waren auch Gold, Silber und die sonstigen Bergbauproducte Staatseigenthum; die Edelmetalle dienten fast nur zum Schmucke, die nützlichen Geräthschaften verfertigte man aus Kupfer oder Bronze. Die ausgedehnten, bevölkerten, militärisch wohlorganisicrten Culturländer Atittel- und Südamerikas wurden gleichwohl von den Conquistadoren mit einigen hundert Mann spanischer Abenteüerer bewältigt, aüsgeplündert und der Europäisierung entgegengeführt. Einem Portugiesen in spanischen Diensten, wohl dem größten Seefahrer Die erste Erd aller Zeiten, Ferdinand Magalha.es, war es Vorbehalten, das Problem des Coluinbus zu lösen, nämlich die südwestliche Durchfahrt nach Indien zu unb bic wd- finden. Indem die ersten Weltumsegler in die den Portugiesen zugewiesene Durchfährt Halbkugel eindrangen, gaben sie Anlass zu einem Streit der Theilnngs- mächte über die Zugehörigkeit der Molukken. Mayr, Lehrbuch der Handclsgcschichtc. 9Molukken und Philippinen. Tie nordwest liche Turch- sahrt. Tic nordöst liche Durch fahrt. Eroberung Sibiriens. Tic beide» Festlands inseln. 130 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Im Vertrage von Saragossa (1529) entsagte Karl V. gegen eine Geldentschädignng allen Ansprüchen ans diese Eilande. Hinwiederum war es den Portugiesen gleichgiltig, dass die Spanier sich als die Herren der Philip pinen betrachteten. Erst unter Philipp II. wurde die Inselgruppe dauernd colonisiert. Jährlich durchmaß ein Schiff das öde Meer zwischen Acapnleo (in Mexico) und Manila — die erste regelmäßige Tchiffahrtsverbindung im Stillen Ocean. Unmittelbar nach des Columbus erster Fahrt begannen die Versuche, einen nordwestlichen Weg nach Indien — die nord w e st liche Durch fahrt — zu erkunden. Besondere Verdienste erwarb sich dabei die Familie Cabotto. Theilc Nordamerikas wurden entdeckt, darunter die Neufundlands- bank, wo schon z>i Beginn des 16. Jahrhunderts Europäer die reichen Fischereigritnde auSzubeuten anfiengen. Viele seefahrende Nationen betheiligten sich an der Lösung des Problems der Nordwestpassage: Portugiesen, Italiener, Franzosen, allen zuvor Engländer. Für die misslungenen Versuche entschädigte die zunehmende Bekanntschaft mit Nordamerika und dessen Jagdrevieren. Auch der vierte unter den möglichen Seewegen nach Indien — die nordöstliche Durchfahrt — ward von Holländern und Engländern in Angriff genommen. Jene entdeckten Nowaja-Semlja und Spitzbergen. Indem die genannten Nationen vom Weißen Meer ans Handelsverbindungen mit Russland anknüpften, hielten sie sich für ihre ziemlich unergiebigen Entdeckungs fahrten im Arktischen Oceane schadlos. Es sei noch einer anderen gewaltigen Entdeckung und Eroberung ans dem !6. Jahrhundert gedacht, der Eroberung Sibiriens durch die Kosaken. Um 1580 drang der Kosake Jcrmak in das Land ein und stellte cs unter die Oberhoheit des moskowitischen Czaren. Ungefähr zwei Mcnschen- alter später erreichten die Russen das Gestade des Paeifischen Meeres. Deschenew gelaugte 1648 zur See vom Stillen Ocean in das nördliche Eismeer, was der Mitwelt unbekannt blieb, so dass diese wichtigste aller geographischen Entdeckungen seit Magalhües beinahe 100 Jahre nachher der Däne Bering zum zweitenmale gemacht hat. Seitdem ist die Jnsel- natnr der beiden großen Festlandsmassen, die man als Alte und Nene Welt bezeichnet, sestgestellt. . 8 35. Tic Alte u»d die Nene Welt. Tlc Edel Es war hu Nüthc des Schicksals beschlossen, dass der Entdecker Amerikas Ncnm Wett fa) 011 nu f K' llcv ersten Reise des Gold schmuckes gewahr wurde, den die fast unbekleideten Bewohner der Antillen trugen. Die Goldminen Hispaniolas6. Kapitel. Die spanisch-portugiesische Periode. 131 (Haytis) bildeten den ersten Magnet, der Kolonisten in die Neue Welt zog. Über* Haupt erwiesen sich die Edelmetalle als die Lockmittel, durch welche die Europäer veranlasst wurden, sich zu Herren Amerikas zu machen. Bald nach Cvlumbus .erfolgte die Eroberung des gold- und silberreichen Mexicos und Perus (— dem heutigen Peru, Bolivia und Ecuador). Die Beute, die P i.; a r r o, der Eroberer deS Jnkareiches, mit seinen Genossen theilte, soll allein'44/s Millionen Ducaten, nach heutigem Geldwert beiläufig 40 Millionen Gulden, betragen haben. Ergiebiger und nachhaltiger als die Goldausbeute erwies sich die Silbcr- prodnction Amerikas, namentlich seitdem die Gruben von Zacatecas in Mexico und von Potosi in Peru eröffnet worden waren. Durch die Erfindung des Bartholomäus M e d i n a, das Metall aus kaltem Wege mittelst Quecksilbers auszuscheiden, wurde gerade die Silbergewinnung befördert. Da nun die .Schätze der Neuen Welt großentheils in die Alte gelangten; da während des 15. und 16. Jahrhunderts auch in Europa die Edclnietallproduction zunahm; da ferner seit dem directen Verkehre der Portugiesen mit Ostindien der Abfluss von Barmitteln sich verminderte: so häuften sich die Zahlungsmittel Europas derartig an, dass sie im Werte sanken und eine Krisis eintrat. Alle Warenpreise stiegen, als der Geldpreis sank; die Löhne folgten jedoch keineswegs in gleichem Maße der steigenden Richtung, sie blieben mehr stabil, folglich verschlechterte sich die Lage der arbeitenden Elasten und machte sic unzufrieden. Hingegen sammelte sich das Geld in den Lassen der Unter nehmer; der moderne individualistische Capitalismus, dessen Anfänge in die Zeit der mittelalterlichen Stadtwirtschaft zurückreichen, gewann an Macht und Einfluss. Auch die Regierungen schenkten dem erstarkenden Großkapital ihre Gunst. Zuerst machte sich das Steigen der Preise ans der iberischen Halbinsel bemerkbar; im übrigen Europa zeigte es sich um die Mitte des 16. Jahrhunderts und hielt bis zum 17. Jahrhundert an. Im 17. Jahr hundert kam die steigende Preisbewegung zum Stillstand, ja cö trat in dessen zweiter Hälfte ein Rückgang ein. Mit Beginn deö 18. Jahrhunderts fiengen die Preise wieder leise zu steigen an, bis nach 1850 eine neue heftigere Preisrevolution erfolgte. Was die Höhe der gesammten Gold- und Silberproducüon im 16. Jahr hundert aubelaugt, so wird die erstcrc auf nicht ganz eine Milliarde, die letztere ans 4—5 Milliarden Reichsmark geschätzt. In der Zeit von 1493—1825 sollen nicht weniger als 25 Milliarden Mark an Edelmetallen von Amerika ans in Umlauf gesetzt worden sein. Weniger momentan und revolutionär, als die amerikanischen Edel metalle, wirkten Flora und Fauna der Neuen ans die Alte Welt. Es fand ein bedeutsamer Austausch zwischen beiden Hemisphären statt; jedoch hatte die cultnrrcichere Alte Welt entschieden mehr zu geben, als sie empfangen konnte. Rückwirkung der Edet- mctallproduc- tioit auf die Preise, auf die gesell schaftlichen Zustände. Verlaus der Preidkrisc. üuantmn der Edelmetall Production. Bilanz zwischen der Ilten und Plenen Wett.132 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Austausch von Cullur- gcwächsen, von HauS thierc». Anthro pologische Um gestaltung der Reuen Welt. Tahin- jchwindcn der Urbevölte ruug. Beginn der Reger- sclavcrci. Die Neue Welt bot außer eigeuthiimlichen Producteu ihren unerschöpften Boden, auf dein die Pflanzen und Thierc der Alten überraschend gediehen. An Culturgewächsen hat die Alte Welt an die Neue zur Acclimatisation abge geben: die Cerealien, Hirse, Reis, Buchweizen, Hülsenfrüchte, ferner neben vielen Gemüsen die Obstsorten der gemäßigten und subtropischen Zone, einschließlich deS Weinstockes und des Maulbeerbaumes, ferner die Faserpflanzen (Flachs, Hanf) und die dem heißen Klima angehörigen Handelspflanzen: Zuckerrohr, Kaffeebaum, Gewürze. AuS Amerika stammen folgende nach Europa übcrsiedelte Begetabilien: Mais, Kartoffel, Tabak, spanischer Pfeffer, Cactusseige, Ananas, Agave; andere der Neuen Welt allein verbliebene oder höchstens nach dem tropischen Asien verpflanzte Producte sind: Cacao, Vanille, Paraguaythee, Chinarinde, Coca, Sago nebst'allerlei Nutz- und Farbhölzern. Viel günstiger stellt sich die Bilanz der Culturtausche für Amerika hinsichtlich des Thierreiches. Gegenüber den aus Europa dort eingebürgerten Nutzthieren — Rindem, Pferden, Schweinen, Schafen, Ziegen, Geflügel — hatte die Nene Welt nichts zu bieten als den Truthahn. Amerika besaß ein einziges Tragthier, das zugleich seiner Wolle wegen geschätzte Llama, Zugthier gar keines; denn der Bison und "das Renthier waren ungczähmt. Für den Handel kamen von der amerikanischen Fauna sonst noch in Betracht: die Pelzthiere des Nordens, die Cochenillelans und allenfalls die bunt gefiederten Vögel der Tropen. Die Entdeckung Amerikas ist auch in anthropologischer Beziehung nicht ohne Folgen geblieben. Schon in den ersten Jahrzehnten der Conquista beginnt nicht bloß die Enropäisiernng, sondern auch die Afrikani- siernng Amerikas. Die weiße und die schwarze Rasse verbreiteten sich ans Kosten der rothen; doch hat sich die letztere an sich und in dauerhaften Mischrassen (Mestizzen, Zamboö) erhalten. Im 16. Jahrhundert fast ausschließlich dein r o m a n i s ch e n (oder lateinischen) Elemente Vorbehalten, wurde Amerika seit dem 17. Jahrhundert auch dem Ger in an ent hum erschlossen. Schon in den ersten Jahrzehnten nach der Entdeckung hatte das wüste Treiben der spanischen Ansiedler dahin geführt, dass die einheimische Bevölkerung der Antillen unter dem Drucke der Zwangsarbeit in den Minen und ans den Plantagen mit unheimlicher Schnelligkeit dahinschwand. Selbstmorde und Pocken beschleunigten den Process. Nur die Missionäre nahmen sich der Bedrängten an, wenn diese zum Christenthum übertraten. Ein Geistlicher, Bartolomv de las Casas, begab sich nach Europa, um den Schutz der Rcgierlmg für die Indianer zu erwirken. Die Negierung entsendete eine Commission nach Westindien, die unter ander», den Vorschlag machte, die unzulänglichen Indianer durch importierte Negersclaven zu ersetzen. Indem die Pflanzer das gleiche Ersuchen stellten und auch Las Casas die Maßregel befürwortete, erhielt ein Edelmann das Privilegium des Negerhandels für acht Jahre; dieser verkaufte seine Gerechtsame an genuesische Händler, die6. Capitel. Die spanisch-portugiesische Periode. 133 denn auch mit der Lieferung der lebendigen Ware begannen. Eine neue Phase in der Geschichte der Inhumanität trat ein, eine neue Epoche des Menschenfanges und Menschenhandels. Die Bevölkerung der Antillen war freilich nicht wieder ins Leben zu rufen,' hingegen blieben die Indianer des Festlandes wenigstens vor der Ausrottung beivahrt, indem die Regierung und noch wirksamer die Kirche sie vor Zwangsarbeit und Leibeigenschaft schirmte. Hätte man den Conquistadoren freie Hand gelassen, so gäbe es allerdings heute in Amerika weder Rothhäute, noch Mestizzen. Im Laufe, des 16. Jahrhunderts stereotypierte sich das eigcnthnmliche Di- Spam» Colonialsystem der Spanier, welches, mit einigen Abänderungen, die im" l ‘ mm °' 18. Jahrhundert vorgenommen wurden, bis znm Abfall der Colonien vom Mutterlande im Anfänge des 19. Jahrhunderts fortbestand. Schon 1503 wurde die Casa de Contractation in Sevilla gegründet zur Über wachung des Seeverkehres mit Amerika; denn die Schiffe waren verpflichtet, nach Sevilla zurückzukehren, von wo allein sie auslaufen durften. Auch ein Rath für Indien wurde eingesetzt, der 1524 seine definitive Gestalt erhielt. Die Grundzüge des spanischen Colonialsystems sind: Der König Spanisches ist der Obereigenthümer der eroberten Länder und bezieht den fünften Theil all ihrer Erträgnisse (den königlichen Quinto). Neben den königlichen Beamten, die geborene Spanier sein mussten und deren Functionsdauer beschränkt war, hatten nur noch die Besitzer der Encomiendas, der Lati fundien, mit denen die Entdecker und andere verdiente Personen belehnt worden waren, Bedeutung. Kein Nichtspanier durfte sich in den Colonien ansiedeln, und als die Auswanderung dem Mutterlande zu viel Bewohner entzog, wurden ihr Schranken gesetzt. Nur Spanier durften mit den Colonien irgendwelchen directen Verkehr unterhalten. Sevilla blieb der Organisation einzige Ort hierfür; als der Quadalqmvir versandete, erhielt Cadlx dieses Handels. Monopol. Der Sicherheit und Controle wegen beschränkte man den ameri kanischen Handel ans zwei Scekarawanen. Die sogenannten Galconen fuhren alljährlich, mit europäischen Waren beladen, von Sevilla nvhPorto- b c l l o, einem nngesunden Hafen nahe dem heutigen Colon (Aspinwall). Die Flotte von M i t t e l a m e r i k a gieng alle drei Jahre nach B c r a c r u z ab. Um die Zeit des Einlangens der Galeonen kamen von Panama nach Porto- bello die Maulthierkarawanen, welche die Producte der pacifischen Seite Süd amerikas brachten. In Portobello fand eine vierzigtägige Messe statt; nachdem Europa und Amerika ihre Tauschgeschäfte abgewickelt hatten, verödete der Hafen wieder für Jahresfrist. Alle drei Jahre vereinigten sich die rück kehrenden Galeonen mit der aus Veracruz kommenden sogenannten Silber- flotte, der die Feinde Spaniens mit Vorliebe auslauerten. Wenige privi-134 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). legierte Handelshäuser waren an dein officiellen Handel mit Amerika betheiligt; Lchwch- n [ KV der ^Sckileichbande l machte ihnen Concurrenz. Mit diesem befassten sich nicht allein die Seeräuber des amerikanischen Mittelmceres — dicBncaniere und Flibustier —, sondern auch regelrechte Seeleute ans Holland, England, Frankreich. Zum sicheren Betrieb des Schmuggels fassten die fremden Nationen auf einzelnen Antillen festen Fuß. Wendepunkt Die transatlantischen Entdeckungen haben nur auf kurze Zeit Spanien GcWchte heilsam beeinflusst; dann aber richteten Gold und Eolonialshstem um so LpanieitS. ärgere Verwüstungen an. Als ColumbuS sich zu seinen Fahrten rüstete, war Spanien in einen Wendepunkt seiner Geschichte cingetrcten. Nach vielhundcrt- jährigen Kämpfen war es geeinigt und von der AianrcnHerrschaft Bcrhältni« zuend gilt: g befreit worden (Eroberung Granadas, 1492). Die Uu- Lcn Maure», giüubigcit hatten das Land verlassen oder die Taufe empfangen müssen. Gerade die fruchtbarsten und sorgsamst cultivierten Theile der Phrenäenhalb- insel waren an die Eroberer übergegauge»; doch überließen diese die Bebauung den bisherigen Inhabern. Desgleichen hatten die Spanier das Erbe der im Süden des Landes blühenden Industrie angetreten und sie nationalisiert. Zweifellos wurde durch diese Neception landwirtschaftlicher und industrieller Wirtschaft- Einrichtungen der nationale Wohlstand vermehrt. Hierzu gesellte sich die Sp»>ic>>"u> volksfreundliche Wirtschaftspolitik des katholischen Königspaares, Ferdinand und der ersten Jsabella, sowie ihres Enkels, Karls I. (V.). Auch die Nachfrage ans den Hälfte des Mwcrn der Conqnista hatte Einfluss auf das Gewerbe. Spanien erlebte Hunderts, in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine Epoche wirtschaftlichen Ans s chwungeö. In Sevilla, Eadiz, Medina del Campo blühte der Handel, die Tuch- und Seidenweberei in Granada, Sevilla, Segovia, Euenea, die L e d e r b e r e i t n u g in Eordova, die W a f f e n f a b r i c a t i o n in Toledo. Karl V. ließ in Aragon den Kaiscrcanal erbauen und die schiffbaren Flüsse Spaniens regulieren. Aber noch ehe das 16. Jahrhundert zur Neige gieng, war auf die kurze Blüte der unaufhaltsame Verfall gefolgt. Ursache« Biele Ursachen haben zu diesem Verfalle, der den Zeitgenossen nicht unbemerkt iichE<er- beigetragen. 1. Handel nnd Gewerbe wurden von den Spaniern verächte t. Nur die falles. Rente, die der Grundbesitz abwarf, erfreute sich socialer Anerkennung oder das nicht Irrachtung erarbeitete bare, blanke Geld. In Handel und Gewerbe missachtete man die Beschästi van Handel gnngcn der Mohammedaner und Inden; man hielt sie für unchristlich nnd volksfremd, und Gewerbe. durch commerzielle oder industrielle Thätigkeit Geld erworben hatte, zog es baldigst ans diesen verachteten Geschäften heraus, kaufte Grundstücke nnd stiftete womöglich üble Lage de« ein Majorat, 2. Mit dem Ackerbau stand es von vornchcrcin Übel; selbst diese Art Ackerbaues, menschlicher Arbeit wurde von der Nation mit scheelen Blicken betrachtet. .Adelige nnd gemeine Spanier hatten vom gebirgigen, dem Landban ungünstigen Norden her die Schafzucht. .Halbinsel als Herden besitz er und streitbare Hirten erobert. Ihnen waren auch6. Capitel. Die spanisch-portugiesische Periode. 135 besondere Rechte eingeräumt worden, unter denen die Privilegien der M esta die lang lebigsten sind. An den privilegierten Viehzüchtern und deren Schafen hatten die Acker bauer natürliche Gegner. Ferner befand sich das Land in den Händen des Adels und Latifundlc». der Geistlichkeit; der Stand der kleinen und mittleren Grundbesitzer war nur schwach vertreten. Grund und Boden waren größtentheils fideicommissarisch festgelegt. Aus Spanien, der Heimat des Fi d ei com m i sses, hat sich diese Institution, zufolge der Fideicouimissc. Gemeinsamkeit des habsbnrgischen Herrscherhauses, nach Österreich und Deutschland verbreitet. Soweit der Großgrundbesitz reichte, überwog ein extensiver Wirtschafts betrieb, verschärft durch Sorglosigkeit und Trägheit. Selbst im tropisch fruchtbaren Süden trat Rückschritt ein; die Bewässerungsanlagen der Mauren verfielen und mit ihnen der Wohlstand. Es kam noch schlimmer, als man zuerst die Moriskos (getauften Vertreihunj, Mohammedaner) über das gesammte Land zwangsweise zerstreute und >609 gänzlich aus- bet 5)!o ™ fc "- trieb. 3. Gleichgiltig wie die Nation verhielten sich auch die Cortes (Ständeversammlung) gegen Wohl und Wehe von Handel und Industrie. Das Ziel ihrer volksthümlichen Handelspolitik Wirtschaftspolitik war Niederhaltung der Preise. Denicntsprechcnd wurden Aus- fnhrverbote erlassen, um die auf dem inländischen Markte sich stauenden Waren wohlfeiler zu machen, und die Kaufleute möglichst behindert, ihre die Waren ver- thcuernde Vermittlerthätigkeit zwischen Producenten und Consumenten einzuschieben. Nun mar aber das thatsächliche Steigen der Preise eine Folge der Edelmetall- e in fuhr aus Amerika; es erstreckte sich ebenfalls auf die Rohstoffe der Industrie; als sich die Rohstoffe unaufhaltsam vertheuerten und die Preise der Fabrieate von Staatswegen niedergedrückt wurden, legten die Gewerbslente ihre Hände in den Schoß und verschwanden vom Schauplatze. 4. Im gleichen Maße, als die Landeskinder den ein- Dcr Handel träglichen Erwerbszweigen fernblieben, traten Fremde an ihre Stelle; diese öffneten"' de»Hände» ausländischen Erzeugnissen den Eingang, bereicherten sich und kehrten hierauf Spanien den Rücken. Übrigens begünstigten Karl V. und Philipp II. die Ausländer, unter denen Niederländer, Oberdeutsche und Italiener die beste Beute machten. Hinter den Sevillaner Großhändlern, den Monopolisten des amerikanischen Warenverkehres, steckten eben diese Fremden. Selbstverständlich trugen sie das transatlantische Geld ans dem Lande, dessen Boden durch den Gold- und Silberstrom kaum benetzt, geschweige denn befruchtet wurde. 5. Unglücklicherweise gieng der alte cata Ionische Handel mit den Erlöschendes Mohammedanern dcr Levante und Nordafrikas gerade in der Zeit Karls V. zugrunde. ?cl ’°" tE5 Dieser Monarch war der berufene Vorkämpfer dcr Christenheit gegen den zu einem neuen Vorstoß ausholenden Islam. Jedoch sein christlicher Gegner, der König von Frankreich, verbündete sich mit der Türkei und schloss mit ihr den wichtigen Handels vertrag von 1534. Marseille gewann, ivas Barcelona verlor. 6. Der letzte nird ent- Ruin der scheideudste Grund für den Verfall Spaniens nach kurzer Blütezeit lag in der Finanzen Politik seiner Könige. Diesem schon von dcr Natur zn nationalem Sonderleben ^nnr° vorherbestimmten Laude wurde das Joch einer weltumspannenden Politik auf den Karls v. und Nacken gelegt, deren Grundgedanken jeder volkswirtschaftlichen Rücksicht fern lagen. Eine Philipps n. solche Politik verzehrte nur, verzehrte mehr, als vorhanden war. Steuerten unter Karl V. die Niederländer noch mit, so fielen sie, die besten Zahler, von Philipp H. ab. Ein Weltkrieg entbrannte, der die Schätze Perus und den Wohlstand Castiliens verschlang. Philipp II. schied, ungeachtet er wiederholt Bankrott gemacht hatte, mit Schulden im Betrag von 100 Mill. Ducaten aus dem Leben. Es war nur der Anfang einer finanziellen Miftre ohnegleichen; sic bildet den Inhalt der Regierungen des 17. Jahr hunderts.136 HI. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). 8 84. Die utiieii Metropolen des Welthandels. Verschiebung Die portugiesischen und spanischen Entdeckungen hatten eine Verlegung commcrziellcn der Schwerlinic des Welthandels zur Folge: die großen Emporien am Nord- und Schwer- Südrande des europäischen Continentes wurden entthront, die neuen Handels- v "" m ' Hauptstädte lagen am oeeanischeu Westrande Europas. Indessen, so rasch die jungen Metropolen emporkamen, so langsam gieng es mit den alten abwärts. Während des 16. Jahrhunderts war der Rückgang nur wenig bemerkbar; denn im Übergang vom 15. aufs 16. Jahrhundert hatten die consumptiven Kräfte Europas eine solche Höhe erreicht, dass ganz gut neue Handelsplätze ersten Ranges emporzukommen vermochten, ohne dass die alten zugrunde gehen mussten. Tie Port»- Eher als die Entdeckung und Besiedlung Amerikas machte sich der .ls»n. Seeweg nach Ostindien auf dem europäischen Markte fühlbar. Die Absicht der Portugiesen war nicht darauf gerichtet, neue Länder zu entdecken und zu erobern, sondern den ausschließlichen Handel mit den seit Jahr tausenden begehrten Gewürzen und Drognen Süd- und Ostasiens an sich zu bringen. Da vorderhand Europa die Theilung der Erde durch den Papst respectierte, so hatten die Portugiesen es bloß mit Arabern, Hindus, Malayen, Chinesen zu thun, denen sie hinsichtlich des Baues, der Segel- und miegö- tüchtigkeit ihrer Schiffe überlegen waren. Im Westen Vorderindiens existierte ein langgestrecktes Reich, dessen Hauptstadt Kalikut zugleich die wichtigste Handelsstadt der Malabarküste war. Die dort ansäßigen arabischen Kaufleute hetzten die indischen Herrscher gegen die abendländischen Ankömmlinge auf. Diese konnten an dem Systeme, bloße Handelsslotillen nach Indien zu ent senden, nicht festhaltcn. Ihre Statthalter, Franz d'Almeida (1505—1509) und Alfons d'Albugnergue (1509—1515), erwarben und sicherten mit geringen Mitteln den Portugiesen die Alleinherrschaft im Bereiche des Indischen Oceans. Die Araber mussten ihre bisherige Vermittlerrolle aufgcben und den Portugiesen auch an der afrikanischen Ost lüste freien Spielraum lassen. Ihr Ziel erreichten die Portugiesen, indem sie Forts anlegten und mehrere indische Küstenplätze, wie Gon, Snlfette, Din, eroberten. Sie besetzten Ceylon, der große d'Albuguerqne eroberte Malakka, und die Molukken sicherten sie sich durch die Festung Ternate. Auch bis China und Japan drangen sie vor, ohne auf die Beziehungen zu diesen Ländern besonderen Wert zu legen. Seit 1563 befanden sie sich im Besitze Macaos. Ferner gaben sich die Portugiesen Mühe, die beiden Hauptstraßen, ans denen bisher indische Waren ans Mittclmeer gelangt waren, abzusperren: das Rothe und das Persische Meer. Um das Rothe Meer zu verschließen, besetzten sie Socotvra, suchten sie Aden, Massanah, Dschidda heim, ohne6. Capitel. Tie spanisch-portugiesische Periode. i 37 sich hier dauernd fcstzusetzen. Seit der Unterbindung des arabischen Handels im Gcsammtbereiche des Indischen Oceanö war die Warenmenge, welche von Arabien aus ans Mittelmeer gelangen konnte, nur mehr gering. Die Angriffe einer äghptischcn und einer türkischen Flotte, die dem Handel im arabischen Golf wieder Luft verschaffen sollten, parierten die Portugiesen mit Erfolg. Großes Gewicht legten diese auf die Occnpation der Stadt und Insel Drnnis am Eingänge des Persischen Golfes. Alle Erfolge im Osten kamen dem Ausgangs- und Endpunkte deö J *” s lusitanifchen Handels, Lisboa (Lissabon), zugute. Schon im 14. Jahr hundert hatte die Stadt internationale Bedeutung gewonnen, als sie eine Hauptstation des Verkehres zwischen Italien und den Niederlanden wurde. J'u 15. Jahrhundert war sie bereits ein Markt für die Erzeugnisse Makaro- nesiens und Westafrikas: Wein, Zucker, Goldstaub, Elfenbein, Sclaven. Zu Beginn des 16. Säculnms wurde Lissabon jedoch, wie auf einen Zauberschlag, der erste Spezereienmarkt, vielleicht die erste Handelsstadt der Erde. Die Einträglichkeit deö directen Handels mit Südostasien gieng ins «u°n Fabelhafte. Den Portugiesen allein verblieb der Gewinn, den die Italiener Handels, und Catalanen, welche nur indirect über die Levante mit den Ursprungs ländern der Gewürze in Verbindung standen, mit den Zwischenhändlern und den Machthabern des Orients theilen mussten. Durch Regelung der Zufuhr und Vernichtung von Waren, deren übermäßiges Ouantnm den Markt hätte drücken müssen, vermochten sie die Preise ans schwindelnder Höhe zu erhalten. 3 lt Anfang des 16. Jahrhunderts kam es vor, dass auswärtige Äanflente, wie die Fugger, Welser, Holzschuher, sich mit Waren und Geld an den portn- öiesischen Expeditionen betheiligen dursten, wobei auch Handelsangl stellte deutscher Abkunft nach Ostindien gelangten. Bald behielten sich die^Portn- giescn den indischen Handel allein vor; alle Fremden, selbst die -Spanier, wurden ausgeschlossen. Der Pfcfferhandel war specielles Monopol der Krone. Durchschnittlich fuhren im Jahre nur acht (meist königliche) Schiffe nach Indien; ihre Fracht durften sie bloß in der Casa da I ndia zu Lissabon ablagcrn. Die Reise von Lissabon nach Goa und zurück dauerte gewöhnlich ^ Monate. Nur in Admiralschaften und stark armiert, durchfuhren die schisse d°s unsichere Meer. Ein Hanptgrundsatz dieser Periode, in der man d'c Oceane monopolisierte, war die Beobachtung deö Gcschäftsgeheimnisscö über die Linien kürzester und sicherster Fahrt, sowie über die Plaiwerhält- uisse der ostindischen Märkte. In Lissabon versahen sich die auswärtigen Kauslente mit den Erzeugnissen deo tropischen Asiens. Um deren weiteren138 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Vertrieb kümmerten sich die Portugiesen nur wenig. Bei dieser Indolenz war es erklärlich, dass die Fremden trotz aller Zurücksetzungen den Lissaboner Handel regierten. .'kurzfristige Das Königreich Portugal hat nur kurze Zeit an dem Aufschwung seiner Portugals. Hauptstadt theilgenommen, nämlich unter Emanuel dem Großen und Johann III. Als das kleine Land jedoch mit großer Politik sich zu befassen anfieng, kam sogleich die Unzulänglichkeit seiner Kräfte zum Vorschein. Die mühelosen Erträgnisse des überseeischen Handels hatten die Wirkung gehabt, dass die einheimischen Prodnctionszweige, Ackerbau und Gewcrbfleiß, vernachlässigt wurden. Wie in Spanien führte dies zu raschem Vcrflattern des Handels- gewinneö. Ein Unglück für Portugal war die politische Vereinigung mit 'Spanien (1580). Die Feinde Spaniens wurden nun auch die Feinde Portugals; zumal die Holländer sprengten im letzten Decenninm des 16. Jahrhunderts die Oceansperre, missachteten das eingelebte Monopol des indischen Handels und nahmen den Portugiesen die besten ihrer östlichen Besitzungen weg. Tic Handels. Zu ben ucucn Metropolen des Welthandels gehörte das mit Lissabon Nordens, aufs engste verbundene Antwerpen. Seit dem Rückgänge Brügges hatten die fremden Kauflcnte ihre Kontore aus dem flandrischen Binnenplatz in die Scheldestadt verlegt. Hier konnten die alten Gewohnheiten nicht weiter aufrecht erhalten werden; man musste der Eoncnrrcnz freieren Spielraum gewähren. Die ganze, schläfrig gewordene Kundschaft der Niederlande kam hier in frische Bewegung. Antwerpen blieb, wie dies bei den Vororten des niederländischen Handels immer der Fall gewesen war, der Umschlagplatz für die Waren des nord- und des südeuropäischen Handclsgebietes. In Lissabon versorgte sich Antwerpen mit Spezereien, die früher vom Rheine her oder von den Vene- tianern zngeführt worden waren. Venedig musste seine Vermittlerdienstc ein- stellen, auch gicngen die Spezereien nun nicht mehr rheinabwärts, sondern rheinanfwärts, weil die oberdeutschen Großhändler mindestens die Hälfte ''^Zwischc?^ **1 rcö Bedarfes in Antwerpen deckten. Überhaupt erzielten die Niederländer Handel, den Hauptgewinn, indem sic die ihnen zugesiihrten Waren wiederum zur Ausfuhr brachten. Die halbe Welt musste sich bis ans Ende des 16. Jahr hunderts von den südlichen, im 17. Jahrhundert von den nördlichen Nieder landen die Verthenernng aller Waren durch den Zwischenhandel anfcrlegen Auswärtiger lassen. Am intensivsten war der Handel Antwerpens mit England. Der Nordosten Europas sendete seine Massenartikel'(Getreide, Holz, Flachs, Felle, Nanhwerk, Metalle). Die Deutschen kamen mit Metallen, Wolle, Textil und Kurzwaren, Farbstoffen, Glas, Rheinwein. Ans Frankreich importierte man Wein, Salz, Stoffe; aus Italien Seide, Brocate, Reis, levantinische Producte; aus Spanien Seide, Südfrüchte, Zucker; ans6. Kapitel. Die spanisch-portugiesische Periode. 139 Portugal Spezereien und Brasilholz. Neben dem Handel oder vielmehr durch deu Handel bliebe» auch die niederländischen Gewerbe in Flor: die Industrie, ^uch- und Leincnwcberei, die Leder- und Metallindustrie. Wie in Italien und Deutschland, so trugen die feineren Gewerbserzengnissc auch in den Niederlanden ein künstlerisches Gepräge; der ästhetische Sinn wuchs mit doni Wohlstände. Teit dein Regieruiigsantritte Philipps II. bereitete sich eine Umwälzung Mail dcr Nor, die der Blüte dieser spanischen Provinzen und der Handelshcrrschaft Antwerpens ein (Lude machte. Schon als die Niederlande mit der Inquisition bedroht wurde», begann gerade in den gewerbfleißigsten Provinzen eine ilucht- onige Massen aus Wanderung. In Norwich allein siedelten sich um '-">6 bei 30.000 niederländische Handwerker, meist Tuchweber, an. Als seit ' :) ^9 die nördlichen Provinzen die Verbindung mit der spanischen Monarchie uuflvsten, so wandten sich die Auswanderer dorthin. Über Antwerpen ver- Katastrophe hängte das Schicksal die Plünderung von 1575 und zehn Jahre später '‘" tUlUcm ' ^’ c Belagerung und Einnahme durch Alexander Farnese von Parma. § ur Äoit der Katastrophe hatten bereits in- und ausländische Handelshäuser lchen Si^ nnc {j Amsterdam verlegt. Die Führerschaft im Welthandel gicng u» die Holländer über. Das >0. Jahrhundert war auch für England eine Epoche des matc- England. Quellen Fortschrittes, wenngleich London sich mit Lissabon oder Antwerpen "°ch lange nicht messen konnte. Bon der Thronbesteigung des Hauses Tudor J* u,u die Mitte des 16. Jahrhunderts erfreute sich das Königreich inneren lHiedens. I» diesem Zeitraum vollzogen sich in politischer und culturhistorischer '-lnstcht folgenschwere Veränderungen. Heinrich VII. befreite England von 0" übermächtigen politischen Einflüssen des Continentes, HeinrichVIII. ^'udc der Stifter der englischen Nationalkirche und der englischen Kriegs marine, Das mcrcantile Übergewicht des Auslandes blieb dennoch bestehen. ^ ob aller Emaneipationsbestrcbungen hielten Niederländer und Hanseaten H'.englische» Handel in Banden. Die Verträge, in denen sich die Engländer o>chbcrcchtiguiig mit ihren stärkeren Nivalen ausbedungen hatten, kamen ^tlstlich diesen zustatten. Immerhin gewöhnte sich der Cvntinent an die eic * lant adventnrers“ und die englische Flagge. i»n - allmähliche Übergang eines so eminenten Ackerbauvolkes, wie das englische Agrarkrise. ,, n H beniesen, zum Handel und Gewerbe war, durch einen agrarischen llmwandlungS- Endc h ^^igeführt, unabwendbar geworden. Die Giltsbesitzer ficngen nämlich gegen e^ ^ Mittelalters an, ihre in Stren- oder Gembnglagc befindlichen Grundstücke de», üe zu commassieren und zu arrondieren. Die Rosenkriege hatten unter Last,'»>,dir» Fan.^""^ositzenden Adel aufgeräumt. Durch Erbschaft wurden die übrig gebliebenen bad»ng. ' wn „och reicher, und durch Kauf gelangten auch Bürgerliche in den Besitz von140 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Bedrängnis dcS Bauern standes. Jndustric- IrisiS. Regelung der Armenpflege. Das Elifa- bcthinifche Zcilallcr. Privilegien- wcfcn. Gütern, die sie capitalistisch zu verwerten suchten. Auch die Einziehung und Ver schleuderung der Klostergüter unter Heinrich "VIII. beförderte die Bildung von Lati fundien. Die Folgen hatten die bisherigen kleinen Freibauern zu tragen, die A e o m e n, der Stolz und die Stärke des Jnselreiches. Wo sie sich nicht fügten und z. B. als Zeitpächter dem Willen der Großgrundbesitzer unterordneten, wurden sie durch Gewalt und processualische Mittel bei Seite gedrängt. Aus den im agrarischen Kampfe Besiegten bildeten sich Haufen von Bettlern und Landstreichern. Die Latifundienbesitzer ver- ivcndctcn den früheren Ackerboden meist als Biehwcidc. Das Schaf verdrängte den Menschen, weil die Wolle sich besser rentierte, als das Getreide. Auf der Wollproduction basierte die aufkeimende Großindustrie. Bei dieser fanden nun freilich viele auf dem Lande überflüssig gewordene Arbeitskräfte Erwerb, allein die Großindustrie wirkte anderseits verheerend in den Reihen der Kleingewerbtreibenden. Auch diese verwandelten sich in Proletarier. Es musste den bedrängten Bevölkerungsclasscn ein weiterer Er- werbsspielraum eröffnet, Handel und Industrie mussten in Stand gesetzt werden, die in der Landwirtschaft und im Kleingewerbe überflüssig Gewordenen aufznnehmen. Population und Mattstellung des Staates waren von der Lösung dieses socialen Problemes abhängig. In die Reihe der socialpolitischen Maßregeln gehört die gesetzliche Regelung des Armenwesens, die sich durch die Regierungen Heinrichs VIII. und Elisabeths hin durchzieht. Sie ist eine der Grundlagen des englischen Selfgovernments (Autonomie). Nicht genug, dass den einzelnen Kirchspielen die Pflicht auferlegt wurde, für die zu ständigen Armen zu sorgen, cS wurde auch die gesetzliche Verpflichtung hinzugefügt, die arbeitsfähigen Armen mit Arbeit zu versorgen; das Recht auf Arbeit ist mit der Pflicht zur Arbeit in legale Verbindung gebracht worden. Dein Zeitalter der Königin Elisabeth gebürt der Ruhm, Englands Industrie, Handel und Schiffahrt von der Präponderanz des Aus landes befreit und den Grund zur künftigen Größe der materiellen Enltnr Britanniens gelegt zu habe». Freilich, die Industrie lag noch in den An fängen, mit Ausnahme der Wollindustrie. Um diese zu befördern, wurde nicht bloß die Ausfuhr von lebenden Schafen und von unverarbeiteter Wolle untersagt, sondern auch die von rohen ungefärbten Tuchen eingeschränkt. Flüchtige Niederländer verpflanzten dann mancherlei Gewerbe und Kunstfertig keiten aus britischen Boden. Weniger aus handelspolitischen, als auö siöcalischen Gründen verlieh die Königin zahlreiche Privilegien bald an Einzelne, bald an Corpora tionen, so dass die wichtigsten und die unbedeutendsten Artikel monopolistisch nusgebcutet wurden, z. B. Eisen, Stahl, Felle, Salz, aber auch Korinthen, Brantwein, Karten re. Unter der Regierung Elisabeths erbaute der Äanqnicr Thomas Gr e sh am die Londoner Börse; die Königin selbst nahm an der Eröffnungsfeier thcil und verlieh Greöham den Ritterstand. Zum Betriebe des auswärtigen Handels wurden p r i v i l e g i e r t e G e s e l l s ch a f t e n gegründet: außer der schon vorhandenen russischen Handelsgesellschaft eine türkisch-levan- tinische, ostländische, afrikanische, ostindische.6. Capitel. Die spanisch-portugiesische Periode. 141 Was den Emancipationökampf gegen die auswärtigen Handelsmächte Emancipation anbelangt, so gieng eö auö Gründen der Staatsraison nicht an, mit den"^^" Niederländern zu brechen. Sie waren die Verbündeten im Kampfe gegen die politische und commerzielle Übermacht Spaniens; Antwerpen, später Middelburg und Amsterdam waren die Hanptmärtte für englische Produkte. Weniger Scrnpcl machten sich die Engländer mit der Hanse. Jahrzehnte dauerte schon das Gezänk wegen der Gleichberechtigung der englischen Kauf- leute mit den hansischen. Bald entzog man diesen ihre Vorrechte, bald gab man sie ihnen zurück. Unaufhörlich intrignierten hinwiederum die Hanseaten flogen die englischen Adventurers, wo immer sich dieselben blicken ließen. Endlich erwirkten sie einen Reichstagsbeschlnss und ein kaiserliches Äkandat, denen zufolge die Engländer ans allen deutschen Häfen verwiesen werden sollten. Daraufhin erst übte man in England Repressalien, indem man auch die deutschen Kanfleute auswies und den Stahl Hof hinter ihnen schloss (1598). Die Deutschen mussten froh sein, dass sie später ihr Eigenthum zurück erhielten; mit ihren Vorrechten war es selbstverständlich vorbei. Die Regierung der jungfräuliche» Königin gipfelt in dein großen Kamps gegen Spanien und vorzüglich in der Zurückweisung des Angriffes, Occ»,, sperre, den die Armada Philipps II. gegen daö Jnselreich im Jahre 1588 unter nahm. Lange vor dem Ausbruche der Feindseligkeiten hatten kühne Männer gewagt, mit heimlicher Billigung der Regierung in daö spanisch-portugiesische Sperrgebiet einzudringen. Um die stillen Erfolge derer, die auf den Spuren Eabots die nordwestliche Durchfahrt suchten — eines Frobisher, Davis küminertc man sich im Heimatlande kaum, geschweige denn anderwärts. In Westindien jedoch, in die Gewässer des Großen und des Indischen Oceans Knuten die britischen Abenteurer nur mit Gewalt eindringen. Von vornehcrein galten sie in den Reservatgebiete» der spanischen Weltmonarchie als Corsaren ""d handelten auch darnach. Man sagt, dass die Königin selbst sich als stille ^osellschaftcrin an den Raubzügen betheiligt habe, deren Erträgnisse nach Maßgabe der Einlagen repartiert zu werden pflegten. In Francis Drake "nd Walter Ralcigh hat dieses officiöse Piratenthum historische Größe gewonnen. englische Ündia W. Raleigh begründete an der amerikanischen Küste die erste e Kolonie: Virginien; jedoch Drake musste später die von den ^noiauern bedrängten, halb verhungerten Ansiedler wieder heimholen. Die 'Uzzen Brakes, der auch, der erste seit Magalhüeö, die Erde umsegelte, ln öon Beginn des Krieges mit Spanien (1580), als er Westindien fällt r. ” uiv ou-uytv mu ofumui /j r uw tt. (s; v und im Hafen von Cadiz die eben anwesenden Schiffe in den ^^Un,d bohrte oder verbrannte. Beide, Raleigh und Drake, nahmen "'3 Sfipfrinm^g der Armada theil. So recht ein Symbol des Unter-142 III. Abschnitt. DnS indo-atlantische Zeitalter (Nenzeit). Ostindische ganges der spanischen Seeherrschast war die Gri'lndung der ostindischc II Cenistagmc. Compagnie (1600). Nachdem die Holländer bereits Ost-Indien besucht hatten, um direetc Handelsverbindungen anznkniipfen und Factoreien zu gründen, versuchten dies nun auch in officieller Weise, ans Grund eines königlichen Freibriefes, die Engländer. Elisabeth erlebte nicht mehr (ch 1603) die Rüek- kehr der ersten gewinnbringenden Expedition der ostindischen Gesellschaft. So war denn auf den Weltmeeren der Bann gebrochen, welchen das päpstliche Privileg und die eigene Macht den Spaniern »nd Portugiesen ver liehen hatten. Im langandanerndcn Ringen gegen Philipps II. universal monarchische Bestrebungen hatten Holländer und Engländer den Weg über die Meere zu denjenigen Ländern gefunden, an die von jeher die Welthandels herrschaft geknüpft war. Mit der Thatsache der Befreiung des Oceanes (mare liberum) hebt eine neue Periode der Handelsgeschichte an. 8 35. Tic alten Sitze des Welthandels im 16. Jahrhundert. Niedergang Die große Vormacht des nordischen Handels, die niederdeutsche Hansa, der Hansa. bi>si,„d sich schon zn Beginn des 16. Jahrhunderts in offenkundigem Verfall. Auch früher war der gemeinhansische Sinn schwach gewesen; die Vereinigungen hansischer Städte zn gemeinsamer That erfolgten nur gelegentlich, unter dem Zwange des Moments. Dass es damit im 16. Jahrhundert nicht besser, eher schlimmer wurde, hätte aber nicht ausgercicht, die Stellung der Hanse zu erschüttern. Die Ursachen des viel beklagten Phänomens waren in erster Linie politischer Natur. Als die skandinavischen Reiche noch ans der natural- wirtschaftlichen Entwicklungsstufe standen; als England und Frankreich in Streit lagen, das Moskowiterreich erst in der Bildung begriffen war, aller orten innere Fehden die Kräfte in Anspruch nahmen: da hatten die in sich gefestigten und überdies verbündeten Communen Norddentschlands leichtes Spiel, ihren Willen durchznsetzcn und den Herrschern Freibriefe abzupressen. Bildung Nun aber im Übergang vom 15. aufs 16. Jahrhundert änderte sich die politische "«nhcitö!'" ^ige. Große geeinigte Nationalstaaten umgaben das in Atome zersplitterte staute». Heilige Römische Reich Deutscher Nation; der Wille jener Staaten war in deren mehr oder minder absoluten Alleinherrschern verkörpert. Alle Bemühungen der Hanse, nur die längst bestehenden Sonderrechte zn erhalten, scheiterten an dem starren Widerstande der Könige. Wo hätte aber der Bund die Macht hernehmen können, die Widerstrebenden zn zwingen? Neben den Kräften der nationalen Einheitsstaaten nahmen sich die ehedem gefürchteten Kräfte der Hansa unbedeutend aus; von den Fürsten, den Erbfeinden der freien Städte, war keine Unterstützung zn hoffen, und auch vom Kaiser nicht, weil er von den Interessen seiner Weltpolitik in Anspruch genommen war.6. Kapitel. Die spanisch-portugiesische Periode. 143 Schon die Union der bis 1397 getrennten skandinavischen Reiche hatte eme der Grundlagen der hansischen Macht, die Herrschaft über den Sund, bedroht. Thatsächlich eröffneten die späteren Unionskönige den aufstrebenden Niederländern und Engländern den Zugang zur Ostsee. Der Kampf um das »Dominium maris baltici“ (Herrschaft über das baltische Meer) hatte begonnen, das große Thema der nordischen Politik vom 16.—18. Jahr hundert war angeschlagen. Über Lübeck hinweg trat Danzig in die innigsten Beziehungen zu den Niederländern und Engländern; bis Portugal und an bic Mittelmeergestade reichten die Verbindungen dieser „neuen Königin der Ostsee"; sie erwuchs neben Lissabon und Antwerpen zur drittgrößten Handels- stadt Europas. Da bot sich noch einmal dem sinkenden Lübeck die Chance, seine gebie- ^»dc Stellung im Norden wiederherzustellen. Der Unionskönig Christian II., ev Todfeind des Hanseatenthums, der Kopenhagen zur Metropole der Ost- ' cc erheben wollte, wurde seines Thrones beraubt. Mit Hilfe Lübecks bekam Schweden in der Person Gustavs I. Wasa, Dänemark-Norwegen in Friedrich I. selbständige Herrscher. Was Lübeck erwartet hatte, trat nur zum eheste ein; in Schweden wurde allerdings das hansische Monopol wieder hergestellt, in Dänemark mussten die Hansen froh sein, den Niederländern gleichgestellt zu werden. Doch kündigten in kürzester Zeit auch die Schweden be» drückenden Vertrag. Einige Jahre später gelangte in Lübeck an Stelle bfr katholisch-aristokratischen die evangelisch-demokratische Partei ans Ruder, b>^ noch starrköpfiger an dem Wahne festhielt, die alte abgewelkte Herrlichkeit tveldc sich wieder beleben lassen. Da starb Friedrich I. von Dänemark. Nun . rci * ber Führer der lübischen Demokraten, Jürgen Wnllenweber, mit m Ansprüche hervor, den erledigten Thron, wie zur Zeit der Waldemare, lmt einem Candidaten der Hanse zu besetzen. Ein Prätendentenkrieg brach j, Uc *' bie Grafenfehde, die die zwei nordischen Reiche nebst den Nachbar- ucrn in Verwirrung setzte. Allein die Wische Partei unterlag; Jürgen . " E'üveber wurde gefoltert und enthauptet. Lübeck beugte sich von neuem ^rhängnisse. Der Kampf „wider Sternenlauf und Schicksal" wurde seit <,)?, ^öischen Katastrophe des lübischen Volksführers von den plattdeutschen ea ltften nicht mehr fortgesetzt. ckin Grunde blieb der hansische Handel auch im 16. Jahrhuudert, trotz ,, lc ^ en Wettbewerbes, ansehnlich genug. Der langsame Verfallsprocess k Ü'Pte sich bic; zum dreißigjährigen Kriege fort. ^ ^svlgreicher als die niederdeutschen Emporien vermochten die ober- I ck) e n ihre Stellung im internationalen Verkehre zu behaupten. Ja, nö 1 (i - Jahrhundert ist die Blütezeit Augsburgs, Nürnbergs, Frankfurts, Kampf m» die Ostsee Lübeck tut lß. Jahr hundert. Die Zeit Jürgen Wullen- wcbcrS < 1538 — 37 ). Die ober deutschen Haudelü- städtc.144 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Straßburgs, Ulms, Basels, Lindaus u. s. w. gewesen. Wie Danzig, so tragen viele oberdeutsche Städte heute noch die architektonische Physiognomie dieser ihrer Glanzperiode, des Zeitalters der deutschen Renaissance. In den süd deutschen Städten und deren großen Firmen waren Handel und Gewerbe- fleiß vereinigt, etwa so wie in den Niederlanden; hierzu gesellte sich ein Capitalsreichthnm, der ihnen die Mit-, zeitweilig die Oberherrschaft auf dem internationalen Geldmarkt verschaffte. Hier war der Entstehungsherd jener Speculantenringe, gegen deren verderbliches Treiben die Wortführer der Reformationszeit, ja Kaiser und Reich aufgetreten sind. Beweglichkeit Was die ober- vor den niederdeutschen Handelsleuten auözeichnete, war 'hre größere Beweglichkeit, ihre Anpassungsfähigkeit. Sie lvaren nicht durch oberdeutsche» ihre eigenen Vorrechte so gebunden, Ivie die unschmiegsamen Hanseaten. Als Handeln, @^| ÜCr p un ft dos Welthandels an die Atlantischen Küsten rückte, so setzten sichs eben die Nürnberger und Augsburger nicht in den Kopf, ihn an das Mittelmeer zurückzuschieben. Im Gcgentheil, sie beuteten die günstige Con- junctur aus, dass ihnen jetzt mehr Plätze für de» Einkauf überseeischer Er zeugnisse zugebote standen, als vordem: außer Venedig und Genna noch Lissabon und Antwerpen. Ferner war Lyon zum hervorragendsten Mesöplatz Westeuropas geworden; auch der Rhein- und Mainhandel hatte einen solchen Mittelpunkt in Frankfurt a. M. gewonnen. Überall waren die Oberdeutschen zur Stelle, sie gaben den Ton an. Selbst nach dem Osten und Norden Europas behaupteten sie ihre Verbindungen. Von Wien aus beherrschten die von Max I. privilegierten Oberdeutschen den Großhandel mit den öster reichischen und ungarischen Ländern. In Magdeburg und Leipzig hatten sie Fühlung mit Norddeutschland und dem slavischen Osten. Tic Gcld- Auf den besten Fuß stellten sich die süddeutschen Handelsfürsten mit den fiirficit und regierenden Fürsten. Die französischen Könige und die habsburgischen Kaiser mussten von Geblüt auf Kosten ihrer eigenen Untcrthanen zn Willen sein, weit die Fugger und Welser das Geld herliehen, mit dem jene das Pendel der Weltgeschichte in Gang er hielten. Bei einigem Entgegenkommen gelangten die Darleiher in den Besitz der wertvollsten Privilegien. Die Fugger wurden z. B. in den Reichsgrafenstand erhoben. Deutsche Co» CStue merkwürdige Episode der Beziehungen Karls V. zn seinen BanqnierS bildet ^-umdie deutsche Conqnista inBenezuela. Der Kaiser verpfändete nämlich das eben ’ l ' genannte Stück Südamerikas an die Welser von Augsburg, die denn auch eine Expedition zur Ausbeutung und vertragsmäßigen Colonisation des Landes absendeten. Es war ein ziemlich bunter Abentenrerhaufe, der 1528 unweit des Golfes von Mara caibo landete. Indessen die Namen der drei Gouverneure des Welser'schen Colonial- gebietes, Alsinger, Frohmuth und Philipp von Hutten, verbürgen den süddeutschen Charakter dieser einzigartigen Conguista. Freilich, die Deutschen machten es nicht anders, als die Spanier. Bom Goldfieber angczchrt, durchzogen sie das Land unter unsäglichen Strapazen, beraubten die Indianer, pressten sie zu Lastthierarbeit und erlagen dem6. Capitel- Die spanisch-portugiesische Periode. 145 junger, dem Klima, dem Hasse der Eingeborenen. Im Schicksale der Gouverneure spiegelt sich das Schicksal der ganzen Unternehmung: Alfinger wurde durch einen Gift- pscil getädtct, Frohmuth durch das Klistenfieber, und Huttens Haupt fiel auf Befehl eines spanischen Banditen. Da die erwarteten Goldschätze nicht gefunden wurden, so 'in! das Hans Welser nicht auf seine Kosten und löste 1545 den mit dem Kaiser tteschlossenen Vertrag. Spanische Statthalter hielten hierauf ihren Einzug in Venezuela- - <>t ihrem einzigen Colonisationsversuch im 10. Jahrhundert haben die Deutschen entschieden FiaSco gemacht. Trotz Lissabon und Antwerpen dauerten die alten Handelöbeziehungen huschen den Oberdeutschen und den Norditalienern fort; desgleichen ^hielt sich trotz dem Seeweg ums Cap und trotz den Osmanen der Levante handel Venedigs. Anfangs wurden die Bewohner der Lagunenstadt von Langer Sorge beschlichen, als die Deutschen nicht wie bisher nach dein Rialto a»ie„, sondern sich dem ausgehenden Gestirne Portugals zuwendeten. Aber ^Deutschen besuchten bald wieder den näheren und gewohnten Markt, weil le Portugiesen alle Fremden vom direkten Verkehr mit Indien ansschlossen "ud die Preise der Gewürze in die Höhe trieben. Im Jahre 1505 brannte nö Zutsche Kaufhaus, der Fondaco bei Tedeschi, nieder; die Venetianer '""ten ihn aus Staatsmitteln wieder auf; Giorgione und Tizian verzierten Nenbau mit Fresken. Überhaupt ließ cs Venedig seit der portugiesischen und niederländischen Concurrenz nicht an der früher oft vermissten Zuvor- punnenheit fehlen. Während des 16. Jahrhunderts war die Verbindung mit ^talion dein nördlichen Europa noch unentbehrlich. Italien glänzte als das Eigenschaft und der Kunst, des Geschmackes und der Mode; die ^'^ohsche und deutsche Kunstindustric der Nienaissanceperivde sind Töchter N ^"lienischcn. Den Wälschen verdankte Deutschland die kaufmännische die Buchführung, die Technik und Terminologie des Handels; 'Hechtsinstitutionen ,,»d Usancen des südeurvpäischen Handelsgebietes "her Deutschland und Frankreich nach Norden. In Italien waren nun a tC ^ en h""delswisscnschaftlichen Werke erschienen; man verfasste solche de,,v ~ h"' Alpen. Ja, die handschriftlichen Correspondenzen, in pn"- hatsche und italienische Kaufleute neben Handelsnachrichten auch 'Hk Notizen zukommen ließen, gehören zu den Jnennabcln des Zeitnngs- wesens. Mail Verkehr mit dem außeritalienischen Europa theilten sich Genna, seine ^ouedig. Genua fand in Südfrankreich und Spanien Ersatz für ln ^ on,u ft c in der Levante. Mailand cultivierte seinen blühenden Binnen- dio a UU ^ üi» Knnstgewcrbe; den Gewerbetreibenden mancher Zweige war Auswanderung verboten. Wie Mailand behielten auch die übrigen Italienischer Handel. Die Beziehungen znn> Norden bleiben er halte». Überlegenheit der italicn. Cnltnr. Genua. Mailand. » ».v.vv.v... kommunen der Lombardei ihren ererbten Wohlstand. "piahr, Lehrbuch der Handcldgeschichtc. 10146 in. Abschnitt. TaS indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Venedig, Die größte Handels-. und Industriestadt Italiens blieb auch noch im 16. Jahrhundert Venedig. Die Macht der Republik beruhte ans ihrer seine Marine Marine. Sie war kostspieliger geworden, seitdem das Mittelmeer von Piraten auM-irtigen wimmelte und die Türken Lust zeigten, sich die 9iefte der levantinischen Besitzungen. Besitzthümer Venedigs anzueignen. Ohne das Geld der tributären Unter- thanenstiidte (wie Padua, Udine, Vicenza, Verona, Brescia, Bergamo rc.) wäre die Vertheidigung der bedrohten Außenländer unmöglich gewesen. Denn diese — Istrien, Dalmatien, die Ionischen Inseln, Candia, Cypern — deckten Orienthandcl. die BerwaltungSkosten nicht; sie waren nur als Etappen für den Orient- Handel, als Absatz- und Ansiedlungsreviere von Wert. Der levantinische Ver kehr Venedigs im 16. und 17. Jahrhundert concentrierte sich in Aleppo. Arabische und persische Karawanen brachten indische Waren theils direct auf dem Landwege, theils vom Persischen Golfe her; denn diesen konnten die Portugiesen nicht so wirksam absperren, wie das Rothe Meer, das thatsächlich verödete, weshalb auch die commerzielle Wichtigkeit Alexandriens aus den Nullpunkt sank. Da die Sultane den lcvantischen Handel »nieder über Con- stantinopel zu lenken verstanden, so gelangten die Kostbarkeiten Asiens auch quer d»»rch die Balkanhalbinsel auf venetianisches Gebiet, nämlich nach Spalato. Aber »veder diese, noch eine andere abhängige Stadt durfte Eigenhandel treiben; überall intervenierte der venetianische Kaufherr. Venedig bezahlte seine orientalischen Einfuhrei» mit eigenen Fabrikaten und denen seiner Unter- thanenstädte: Tuch, Seide, Waffen, Metallgeräthen, ferner mit Bargeld. Europa war seit dem l6. Jahrhundert in der glücklichen Lage, solches ohne beschwerliche Folgen auöführm zu dürfen. Bcnctiimischer Nicht nur den Seehandel, auch den Land Handel reservierte sich die "" Stadt im Meere. Ans dem Norden bezog sie vornehmlich Rohstoffe, die sie mit Jndustrieartikeln saldierte. So kamen aus den österreichischen Ländern Schlachtvieh, Holz, Metalle; die Straße über Pontafel hieß geradezu der „Canal des Eisens". Dabei hatten die allgegenwärtigen Oberdeutschen wieder ihre Hände in» Spiel. Sie schleppten von allen Seiten Rohmaterialien, auch getverbliche Erzeugnisse (Leinwand, Kürzivaren) nach Venedig oder ans die Bozener Messen, um Südfrüchte, Baumwolle, Spezereien, Luxuswarcn (Seiden stoffe, Samnit, Brocat, Glas, Geschmeide) als Rückfracht zu nehmen. Handel mit . Das Land, das die Wolle für die venetianische Tnchmanufactur lieferte, Spanien. ^ . .... .... lvar Spanien; dafür erhielt es Getvebe, Waffen, LuxnSgerathe, tue theils aus der Iberischen Halbinsel selbst Absatz fanden, theils nach Amerika verfrachtet wurden. Über Spanien hinaus »vollte es den Venctianern im 16. Jahrhundert nicht mehr glücken. Sie stellten ihre niederländischen und englischen Fahrten ein.7. Kapitel. Die niederländisch-britische Periode. 147 10* Der Verfall des venetianischen Handels vollzog sich erst im Laufe des ™ 17. Jahrhunderts. Die Republik verlor ihre levantinischen Besitzungen au die Pforte, die systematisch alle Nebenbuhler Venedigs unter ihren Schutz nahm. Als der Handel so gut wie erloschen war, hob die Republik das über flüssig gewordene Generalconsulat von Aleppo auf (1675). Seit dem Ver luste Moreas (1718) reichte der venetianische Einfluss über die Ionischen Inseln nicht hinaus. 7. Capitol. ?ic niederländisch-britische Periode (1600—1815, non der Gründung der engkisch-oflindischen Kompagnie bis zum zweiten pariser Irieden). Zwo gewaltige Nationen ringen Um der Wett alleinigen Besitz; Aller Länder Freiheit zu verschlingen, Schwingen sie den Dreizack und den Blitz- Gold muss ihnen jede Landschaft wägen. Und wie BrennuS in der rohen Zeit Legt der Fra ule seinen eh'rncn Degen I» die Wage der Gerechtigkeit. Seine Handelsflotte streckt der Brite Gierig wie Poltzpenarnic ans, Und das Reich der freien Amphitrite Will er schließen, wie sein eignes Haus. Schiller (Der Antritt des neuen Jahrhunderts). 8 26. Charakteristik der siebenten Periode. Das Zeitalter des Mcrcantilisuins und sein Ende. Die Kenntnis der Erdoberfläche und die Ausdehnung des Welthandels- gebietes hat auch in dieser Periode Fortschritte gemacht. Die Holländer kannte Erde, entdeckten den fünften Erdtheil (Australien), uild der Schleier, der über Dccauieu gebreitet war, wurde gelüftet, wenngleich nicht ganz gehoben. Im 17. und 18. Jahrhundert ist auch die atlantische Seite Süd- nnd Nordamerikas genauer erforscht und in den Weltverkehr hineingezogen worden. Jedoch gab es. noch im Übergang zum 19. Jahrhundert in beiden Halsten der Neuen Welt viel „terra incognita“, wie denn auch von Afrika nur die Ränder bekannt und obenhin in Besitz genommen waren. Zwei geographische Phantome trieben zu Anfang des 17. Jahrhunderts in den En.dmnng Köpfen der Seefahrer ihren Spuk: die terra australis (eine auf der Südhalbkugel ver- -'»»"»cns wuthete Festlandsmasse, die den Festländern der Nordhälfte das Gleichgewicht halten sollte) und die Gold- und Silberinsel des PtolemauS. Bekanntlich verdankt die Welt derlei Truggebilden die größten Erfindungen und Entdeckungen. Auch die nüchternen durch »je Holländer ließen sich in die Ferne locken, entdeckten aber dabei die wirkliche terra148 III. Abschnitt, Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit), australis, den 5. Weltthcil (Australien oder Ncnholland), Nur gewahrten sie so wenig dessen Goldreichthnm, als die Spanier in Californien ahnten, das stets gesuchte Eldorado gesunden zu haben. Die hervorragendste Figur unter den Entdeckern des 17, Jahrhunderts Abel TaSma», ist Abel Tasman, der im Aufträge des'Gouverneurs van Diemen zwei Expeditionen unternahm. Er umsegelte aus seiner ersten Fahrt Nenholland, entdeckte eine Insel, welche er Van Diemens-Land nannte, die dankbare Nnchivelt aber in Tasmanien nmtauste, ferner Acu-Secland und die Fidschi-Inseln, Doch konnte er weder von Nen-Seeland, noch von Neu-Guinea, dem seine zweite Expedition galt, die Jnselnatnr feststellen, Bon der zweiten Fahrt Tasmans bis zur ersten Reise James Cooks trat eine lange Panse (1044—1769) in der Erforschung des pacifischen Erdranmes ein, Tai! Zeitaltcr Unterdessen vollzog sich im Geistesleben des führenden Weltthcils ein Um- d, Mc,'s>mgc„. schivung, der auch den geographischen Entdeckungen und der Schiffahrtsknnde, also mittelbar der Wirtschaftsgeschichte, zugute gekommen ist. Die Naturwissenschaften traten in ein neues Stadium; cs begann das Zeitalter der Messungen, Das theologische und humanistische Interesse nahm von nun an die Geister nicht mehr ausschließlich gefangen. Unter hoher Patronanz bildeten sich freie Vereinigungen von Männern der exacten Wissenschaften, sogenannte Akademien (Academia del cimento, Acad&mie des Sciences, die Leopoldinisch-Karolinische Akademie, die Royal Society) . Wissen- Wiffenichost- schaftlichc Institute wurden errichtet und Expeditionen veranstaltet; dem: die Welt liche Richtung mar reich und vornehm genug gcivorden, um eine Sache auch ihres idealen Nutzens und dnimiq» öloß ihres materiellen Gewinnes wegen z>l betreiben. Das Bürgerthnm selbst, Kiimc„, das im Erwerbslebcil anfgcgangen zu sein schien, lieferte die Arbeitskräfte für die neue Richtung, Aus demjenigen Stande, der in Jahrhunderte langer Plage des Stoffes Herr zu werden gesucht hatte, um ihn den raffiniertesten Zwecken des Handwerkes und der Kunst gefügig zu machen, sind auch die Erfinder der feinen Beobachtnngs- und Messwerkzeuge hervorgegangen, denen, abgesehen von ihrer theoretischen Bedeutung, praktische Verwendbarkeit nicht abgesprochen werden kann, z, B, Fernrohr (Jansen, Dolland), Mikroskop (Jansen), Barometer (Torricclli), Pendeluhr (Huyghens), Thermometer (Drebbel, Rsaumnr) u. s. f. Die brennendste Frage aus dem Grenzgebiete der Theorie und Praxis war im 17, Jahrhundert die geographische Orts-, ins besondere Längcnbestimmung, Die Fehlergrenze belief sich noch auf Grade, Erst die Eonstruction verlässlicher Zeitmesser (Seeuhren von Harrison, Berthoud, Lerop), der Halley'sche Spicgcloctant und die genauen Mondtafeln der Astronomen Euler und Tobias Mayer ermöglichten eine befriedigende Lösung des schwierigen Problems. Im 18. Jahrhundert wusste man schon über eine Menge dem Land- und Sec- reisenden wichtige Dinge (Winde, Meeresströmungen, Declination, Jnclination n, dgl.) wissenschaftlichen Bescheid, verfügte über Instrumente, kartographische Hilfsmittel, Tabellen, Schiffskalender;c. Ja selbst die Schisfbanknnst, die bisher eine Sache reiner handwerksmäßiger Empirie gewesen war, bcgairn sich nach einem ivissenschaftlichen Fundamente zu sehnen (De Bouguers, Euler, Chnpman), James Cool, Der Matador unter den Entdeckern und Seefahrern des 18, Jahrhunderts Mar der Engländer James Cook, der 1768 nach Tahiti gesandt wurde, um den Vorüber- gaug des Planeten Venus an der Sonnenscheibe zu beobachten. Auf seiner ersten Reise (1768—1771) umschiffte er Neu-Seeland, wodurch der Jnselcharakter dieser Gruppe constatiert wurde, ferner gab er die erste verlässliche Kunde von der Ostküste Australiens und entdeckte er auch, dass Neu-Guinea durch eine Meeresstraße von Australien getrennt sei. Die zweite Reise (1772—1775) unternahm I, Cook, begleitetCapitel. Die niederländisch-britische Periode. 149 von den beiden Förster, Joh. Reinhold und dessen Sohn Georg. Diesmal drang er >n die antarktische Region ein, indem er zugleich, der erste aller Weltnmsegler, die Erde von Westen nach Osten umschiffte. Seitdem wusste man, dass die Südhalbkngel kein bewohnbares Festland mehr beherberge und dass die vom Seewasser bedeckte Ober- ffäche größer sei, als die Landoberfläche. 1776 verließ Cook zum drittenmale Europa, um von der Westseite Amerikas ans das Problem der nordwestlichen Durchfahrt iu Angriff zu nehmen. Auf dieser Reise ergänzte er die Entdeckungen Berings in den Regionen, wo die beiden Festlandsmasfen der Erde sich bis auf wenige Meilen nähern, und entschleierte er die Rordwestküfle Amerikas zwischen dem 44." und 70." n.^Br. Ruf den Sandwichinseln wurde der große Seeniann von den Wilden erschlagen (1774). Als das 18. Jahrhundert ;u Ende gieng, waren zwar keine neuen Welttheile und Oceanc mehr zu finden, aber die Entdeckungen mussten auf einer höheren Stufe lortgesetzt werden; denn die physikalische, geologische, biologische, anthropologische Ent deckung der Erde war kaum über die rohesten Anfänge hinaus gekommen. Im 17. und 18. Jahrhundert bewegte sich der Welthandel in den des nämlichen Bahnen, wie im 16. Jahrhundert. Der indische Handel nahm seinen Weg ums Eap; das Mittelmeer bildete kein Glied mehr in der Kette großen Weltverkehres und diente den localen Bedürfnissen seiner Nand- länder, ppn denen die islamitischen in einem progressiven wirtschastlichen verfall begriffen waren. Ein erfreulicheres Bild bot der Nord- und Ostsee- Handel dar; lagen ja doch an der Nordsee die Länder, an welche die Führung uu internationalen Güterumsatz übcrgegangen war. Am meisten hat während dieser Periode der atlantische Verkehr, die Cvmmunication zwischen der Alten und der Neuen Welt zugenommen, und zwar in demselben Maße, als sich Besitzungen der seefahrenden Nationen jenseits des Oeeans vermehrten. ^e Zunahme des Verkehres mit Amerika und überhaupt mit den heißen Ländern beider Halbkugeln erklärt sich daraus, dass nun zu den vorlängst eingebürgerten Gewürzen Ostindiens eine Anzahl von Genussmitteln und Rohstoffen kam, die, wenn auch theilweise schon früher bekannt, im 17. und 18. Jahrhundert erst zu Massenbedürfnissen der civilisierten Welt ge worden sind: Zucker, Tabak, Kaffee, Eacao, Thce, Indigo, Baumwolle. r . Handel und Kolonisation, Bevölkerung und Cultur der Neuländer sind bekannt- "ch von dem Vorhandensein gewisser Lockmittel abhängig, die in den Mutterländern bei den Alt- oder Stammvölkern sich bereits einer allgemeinen Schätzung erfteuen. verhielt es sich mit den Edelmetallen, deren damals bekannte VerbreNunMone auch die Grenze für die spanische Herrschaft in Amerika wurde. In ähnlicher Weise war die Verbreitung der Pelzthiere für die russische Herrschaft tu Nordasien von maßgebender Bedeutung. Seitdem das Zuckerrohr von den Cananschen Inseln nach Westindien verpflanzt worden war, gewann das spanische Amerika erhöhte Anziehungs- kwst für den Welthandel niid die Cultivation. Nun verbreitete sich ans eben die,er Regio,, schon in, Laufe des 16. Jahrhunderts ein bis dahin unbekanntes Genuss- “• Mittel, der Tabak, welcher zudem auch außerhalb seiner Heimat nnt Erfolg acelnna- ,^- 1 . iiffert werden konnte. Innerhalb eines Jahrhunderts eroberte sich das amerikannche150 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Kraut die Alte Welt von Lissabon bis Peking. Indem aber der Tabak Westindiens der Qualität nach dem anderwärts cultivierten überlegen blieb, so gehört er zu den Artikeln, bezüglich deren die gemäßigte Zone der tropischen tributär geworden ist. Im höheren Grade gilt dies von dein amerikanischen Cacao; ein aus ihm bereitetes Getränk lernten die Gefährten des Cortez schon am Hofe Montezumas kennen; im 17. Jahrhundert wurde die Chocolade ans der Pyrenäenhalbinsel ein in den besser situierten Kreisen beliebtes "Getränk, im 18. Jahrhundert auch im übrigen Europa. Im nämlichen Zeitalter hat sich auch der Consum zweier Produtte der Alten Welt in beiden Hemisphären eingebürgert: des ostafrikanischen Kaffees und des chine sischen Thees, von denen der erstere bestimmt war, ein Colonialartikel ersten Ranges zu werden. Mit dem Aufschwung der Großindustrie in der 2. Hälfte deS 18. Jahr hunderts hängt das Emporsteigen der Baumwolle zusammen, die seit dem Mittel- alter nur in mäßigen Quantitäten von den Europäern verbraucht worden war. Erhöhte Seitdein der europäische Cultnrkreis, dessen Einfluss sich immer mehr in die Intensität des gentc ausdehntc, die genannten Verbrauchsartikel recipiert hatte, nahm der oceanische "nenüilen Berkehr erst größere Dimensionen an, verdichtete sich die Bevölkerung der Kolonien Handels und machte sie aufnahmsfähig für die Erzeugnisse des europäischen Gewerbefleißcs. Nene Bindemittel waren vorhanden, Erdtheile und Rassen aneinander zu kitten. Für und der Wirt- die gemüßigte Zone, zumal für Europa , war nun ein neuer Zivang zu gesteigerter schajtlichm Arbeit geschaffen, um die Mittel zur Bezahlung der aus der Ferne stammenden Arbeit. @ e uüffe zu erwerben. Europa musste trachten, seine Überlegenheit in den Waffen, in der Industrie, im Handel, im mobilen Capital zu behaupten, damit cs nicht der natürlichen Überlegenheit des heißen Erdgürtels erliege und einer neuen ErschöpfungS- periode entgegengehe, wie in der römischen Kaiserzeit. Die ganze neuere Wirtschafts- nnd Socialgcschichte empfängt durch die Bilanz zwischen gemäßigter und heißer Zone, zwischen Europa rurd seinen Coloirieir ihren Charakter. Als die spanische Monarchie Philipps 11. sich unfähig erwies, ihre Ansprüche auf den Alleinbcsitz beider Hemisphären aufrecht zu erhalten, waren die colonialen Bestrcbllngen der anderen europäischen Staaten über das Stadium der Fehlversuche noch nicht hinausgelangt. Ja, in der ganzen ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts war von einem Wetteifer der seefahrenden Völker, jenseits der Oceane Wurzel zu fassen, wenig zu verspüren. Leicht begreiflich in einer. Zeit, die alle Kräfte für nähere Zwecke verbrauchte, in der Epoche dcö dreißigjährigen Krieges und der englischen Revolution! Von Holländsiches Mitbewerbern unbehindert und durch die Feindschaft gegen Spanien ange- Sichrcnuit. begründeten die Holländer ihre See- und Colonialmacht. Indem sic den Handel mit überseeischen Producten monopolisierten, brachten sie auch den Zwischenverkehr der europäischen Handelsgebiete in ihre Gewalt. Wo sie nicht unmittelbar beim Kauf und Verkauf der Waren ihre Hände im Spiel hatten, intervenierten sie doch als Rheder, als die „Seefuhrleute Europas". Reaction da gegen. Gegen das holländische Supremat reagierten England und Frankreich, sobald sich die Verhältnisse beider Staaten soweit geklärt hatten, dass sic7. Capitel. Die niederländisch-britische Periode. 151 gegen das kleine Holland ihre überlegene physische Macht in die Wagschale werfen konnten. Cromwell und Colbert setzten den Holländern Schranken; gegen Ende des 17. Jahrhunderts finden wir die letzteren hu Gefolge der Briten. Denn nunmehr drehte sich die Welt- und die Handelsgeschichte um die Rivalität zwischen England und Frankreich. Ein neuer „hundertjähriger" Rie,mk°mps. Krieg (1688—1815., vom 3. Raubkrieg bis zum Sturze Napoleons I.) spielte sich ab; England gieng siegreich und gestärkt aus dem fürchterlichen Zweikampf hervor. Freilich, eine See- oder Handelsherrschaft, wie es eine solche in älteren Zeiten gegeben, vermochten die Briten nicht wieder auf- »urichten; die Freiheit der Meere und des internationalen Handels war innerhalb der langen Kampfzeit zur Anerkennung gelangt, die freie Concurrcnz der handeltreibenden Staaten aus dem Weltmarkt im großen und ganzen ^hatsache geworden. Durch diese Veränderung der Prineipien und That- sachen wurde jedoch das englische Übergewicht nicht ernstlich in Frage gestellt. Denn die Entscheidung, wem die Führerrolle im Welthandel zu- Britanniens, kommen werde, war vom mercantilen ans das industrielle Gebiet hinübcr- gerückt. Der erste Industriestaat war naturgemäß zum ersten Handelsstaate bestimmt. Englands Industrie war aber um ein, zwei, drei Menschenalter der cvntinentalen vorangeeilt; sie hatte zuerst aus sich selbst die das moderne Leben kennzeichnende Form des maschinellen Großbetriebes hervorgebracht. Während des 16. Jahrhunderts war die Fürstengewalt in stetem Auf- steigen begriffen; im 17. und 18. Jahrhundert gelangte der Absolutismus in' seine Kulmination. Die Fürsten hatten die bishin unabhängigen und selbst herrlichen Elemente, Clerns und Adel, näher an sich herangezogen und deren mannigfaltigen Ansprüchen den Charakter anerkannter Privilegien ver liehen. Die bevorrechteten Kasten standen der vergleichsweise rechtlosen Masse gegenüber, die wieder in Bürger und Bauern zerfiel. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts bestrebte sich die europäische Politik, einen Gleichgewichtszustand zwischen den Mächten herzustellen. Das Umsich greifen Spaniens intb später Frankreichs zwang alle Staaten ans Tclbst- erhaltungsgründen zu erhöhten Kraftanstrcngnngen. Schon hatte sich das System der Söldnerheere überlebt, die stehenden Armeen waren an deren Platz ge treten. Die Erhaltung stehender Armeen forderte jedoch regelmäßig fließende, reiche, von der kargen ständischen Bewilligung unabhängige Staatseinnahmen. Es handelte sich also nicht mehr um den momentanen Erfolg gewisser Finanz- künste, wie sie ehedem im Zeitalter der von Fall zu Fall geworbenen Truppen üblich waren, sondern um eine dauernde, ununterbrochene Inanspruchnahme des nationalen Wohlstandes durch Abgaben und Anlehen, wobei es auf die Leistungsfähigkeit des Bürgerstandes, also der Handel- und gewerbetreibenden152 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Merkantil- Nassen, ankam. Die bürgerlichen Erwerbszweige zu fördern und für die Staatszwecke immer ergiebiger zu machen, darauf war die Wirtschaftspolitik der Fürsten und der Politiker dieser Periode gerichtet. Den Inbegriff der stereotypen, für das 17. und 18. Jahrhundert charakteristischen, von oben aus gehenden Maßregeln, Handel, Colonisation, Gewerbe zu heben und eine günstige Handelsbilanz herbcizuführen, bezeichnet man als Mercantilismus oder Mercantilsystcm. Wie einstmals die städtische Obrigkeit, so kümmerte sich nun der Staat um alle Einzelheiten des wirtschaftlichen Lebens. Aus- und Einfuhr, Urproduction und Gewerbe, Klein- und Großbetrieb, Löhne und Preise, Geld und Credit standen nunmehr unter der unaufhörlichen Controle der politischen Behörden. Zu den ererbten Beschränkungen der wirtschaftlichen Freiheit kamen tausend neue in stets wechselnder Gestalt. Das Übermaß staatlicher Bevormundung erzeugte im 18. Jahrhundert eine heftige Gegenwirkung, die sich endlich gewaltsam Luft machte. Opposition. Der Kamps gegen die Übermacht des Staates in wirtschaftspolitischer Hinsicht begann auf literarischem Gebiete; denn eine praktische Belhä- tigung war überall unmöglich, wo das Volk keinen gesetzmäßigen Antheil an der Regierung hatte. Sich einen solchen zu verschaffen, war die noth- Jndividualis- wendige Folge des Strebcnö nach wirtschaftlicher Freiheit. Wie sich das Liberalismus Prlncip des wirtschaftlichen Individualismus dein Mercantilismus, d. i. der Organisation des Wirtschaftslebens nach Maßgabe der Staatsbedürfnisse, entgegenstellte, so trat der politische Liberalismus, mehr oder minder demokratisch gefärbt, zum monarchischen Absolutismus in den schärfsten Wider streit. Wenn auch die aufgeklärten Herrscher deö 18. Jahrhunderts dem wirtschaftlichen Individualismus in Einzelheiten nachgaben, so war es doch erst die französische Revolution, die beiden Principien, der wirtschaft lichen und politischen Freiheit, zum Siege verhalf. Dir Postulate Drei große Forderungen enthält das Princip deö wirtschaftlichen Jndi- d°ualismus° vidualiömuö: Handels- und Verkehrsfreiheit, Gewerbefrciheit, Aufhebung der Gebundenheit des Grundbesitzes und der Abhängigkeit des ländlichen Arbeiterstandes (Bauernbefreiung). „Mit Rücksicht auf die Stellung der Individuen bedeutete dies Freizügigkeit, d. h. Freiheit der Bewegung von Ort zu Ort, Freiheit deö Erwerbsbetriebes jeder Art, Freiheit des Arbcitövertrages und Freiheit der Eigenthumsvcr- Wendung." Nachdem die französische Revolution all diesen Grundsätze^ Bahn ge brochen halte, war es dann die Aufgabe der jüngsten Periode der Universal geschichte, sie zu verwirklichen und die ungeahnten Folgen ans sich zu nehmen, die an wahrhaft neue Ereignisse geknüpft zu sein pflegen.7. Capitel. Die niederländisch-britische Periode. 153 8 37. Der Kampf um Ostindien. Die indisch-europäischen Beziehungen änderten sich, als gegen Ende des 16. Jahrhunderts die Holländer in den Bannkreis der Portugiesen ein- »-reinigt- drangen und später an den Engländern, Franzosen, ja an den Dünen und ^^ 1 «- Schweden Mitbewerber fanden. Seitdem Portugal mit Spanien vereinigt Monarchie, war (1580), kamen die abgefallenen Niederlande in eine fatale Lage. Der Gewürzhandel, dessen nordeuropäisches Hauptquartier von Antwerpen nach Amsterdam verlegt worden war, konnte bei der Feindschaft zwischen den Staaten nicht im bisherigen Umfang weiter betrieben werden. Die Kauf leute, welche Lissabon aufsuchten, um sich mit Spezereien zu versorgen, ris kierten Freiheit und Eigenthum. Wenn den Amsterdamern die Gewürze fehlten, so fehlte ihnen das Lockmittel für die auswärtigen Kaufleute und der Gegenwert fiir die Naturproducte des Nordens. Der peinliche Zwang ihrer Lage und der Wunsch, ihren Feinden zu schaden, insonderheit Lissabon »u ruinieren, führte die Holländer endlich auf die Bahnen des ostindischen Handels. Von Anbeginn waren dabei commcrzielle und politische Interessen verknüpft. In den Niederlanden war die Centtalgewalt unentwickelt und kraftlos. Der provinzielle, der municipale Geist hatte, wie im Mittelalter, noch das ostindisch-» Übergewicht. Es bildete sich, ohne Zuthun der Regierung, zuerst eine <*""»“¦ Gesellschaft offener und stiller Theilnehmcr: die Gesellschaft für ferne Länder, von welcher 1595 die erste ostindische Expedition entsendet wurde unter Leitung des Cornelius Houtman, eines Landsmannes, der früher in Portugiesischen Diensten nach Indien gekommen war. Das Beispiel der Amsterdamer verlockte auch andere rivalisierende Städte zur Organisation ost- indischer HaudelScompagnien. Allein das Spiel der freien Concurrenz ent hüllte bald seine Schattenseite: gedrückte Preise, mangelhafte Rentabilität, Bedrängnis der Schwachen u. s. w. Die Zeit war dafür noch nicht reif. Deshalb fand der Gedanke einer Fusion sämmtlicher kleinen Gesellschaften Anklang; unter Vermittlung des Großpensionärs Oldenbarneveld kam 1602 bic berühmte niederländisch-ostindische Handelsgesellschaft (\er- eenigde Oostindische Compagnie) zu Stande. Sie ist, trotz der älteren englischen Compagnie, das Vorbild der von Staatswegen gegründeten poli- üschen (oder mit Hoheitsrechten ausgestatteten) Handelsgesellschaften des l>. und 18. Jahrhunderts geworden. Selbst in Holland hatte diesmal die Gesannntstaatsidee den Sondergeist der Provinzen und Städte überwunden. __ Das Stammkapital von 0'/.^ Mill. fl. war in Aktien (zu 3000 fl.) zerlegt. der Spjste der Compagnie stand ein Direktorium von 17 Mitgliedern und ein weiterer ' Ausschuss (die 60 Bewind\hebber). - Dem Generalgouverneur war ein besonderer154 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Handelschef beigegeben. Das Privilegium des Alleinhandels der Compagnie erstreckte sich auf alle Länder und Meere östlich des Caps der Guten Hoffnung bis zur Magalhaes-Straße. Bei Todesstrafe durfte sich innerhalb dieses Bezirkes kein Holländer blicken lassen, der nicht im Dienste der Gesellschaft stand. Noch immer mar eS nothmendig, das Meer in Admiralschnftcn zu befahren; so giengcn denn durchschnitt lich 30—40 Schiffe von je 600—1000« Tragkraft mit 6—7000 Mann Besatzung in drei Abtheilungen jährlich von Holland nach Indien. Ihre Rückfracht kam zweimal des Jahres in Amsterdam zur Versteigerung (Durchschnittscrtrag von 20 Mill. fl.). Die alljährlichen Dividenden zeigten, namentlich in den ersten Decennien, eine große Ver änderlichkeit. Neben Dividenden von 75 Percent gab es auch dividendenlose Jahre; im 200jährigen Durchschnitt betrug die Dividendenqnote 22 Percent. Eroberung der Die Hoheitsrechte kosteten der holländisch-ostindischen Gesellschaft viel Molukken. aber die Belastung des Spesencontos trug Früchte. Das erste Object, das die Holländer den Portugiesen mit Gewalt abnahinen, waren die Mo lukken. Aus Amboina entstand ihre erste Niederlassung. Gewürz- „Bei der Ausübung des Gewürzmonopols verfuhr die niederländisch-ostindische Monopol. Gesellschaft in der rücksichtslosesten Weise. Um den Schleichhandel unmöglich zil machen, beschränkte sie den Anbau der Nelkcnbäumc auf Amboina und'die benachbarten Inseln, den der Muscatnussbäunie auf die kleine Gruppe Banda. Auf allen übrigen Inseln wurden die vorhandenen Gewürzbäume systematisch ausgerottet. Die Bewohner der Inseln Amboina, beziehungsiveise Banda aber wurden gezivnngcik, die Gewürzbäume anzubauen und die Geivürze zu bestimmten Preisen an die Gesellschaft zu liefern. Dieses System ist mit gewissen Einschränkungen bis zur Gegenwart bcibehalten worden." ras holläu- Die Compagnie legte dann sowohl aus den Sunda-Jnseln, als an der ColMialrM vorderindischen Küste Factoreien an. Zum Mittelpunkte des niederländischen Colonialreiches und Sitz des Gouverneurs wurde das 1619 an der Nord küste von Java gegründete Batavia auöersehen — eine Schöpfung des hochverdienten Statthalters Jan Pieterszoon Koen. Allmählich gierigen die portu giesischen Besitzungen, darunter Malakka und Ceylon, an die Holländer über, so dass den Pfadfindern im indischen Occan nur mehr Goa und Din an der Malabarküste verblieben. Zwar dehnten die Niederländer ihre Ver bindungen auch bis China und Japan aus, mussten sich hier jedoch Beschrän kungen und Demüthignngen gefallen lassen. Erfolgreicher war die Besiedelung der Südspitze Afrikas, wo die Holländer die Vorläufer und noch immer unbezwungenen Nebenbuhler der Engländer geworden sind. Die Blüte der holländisch-ostindischen Compagnie überdauerte das 17. Jahrhundert nicht. Der Gesellschaft schadete der kleinlich-krämerhaftc Geist ihrer Verwaltung, die in einem beschränkten Kreis überreicher und behäbiger Familien erblich geworden war, die Corruption ihrer Beamten, die Abnahme des Gewürzhandels und vor allem das Cmporsteigen Englands. — Kindische' Das Beispiel Houtmans, der glücklich von seiner ostindischen Expedition Handels- znrückgekehrt war, feuerte auch die gegen Spanien verbündeten Engländer gesellschaft. an , ein Capital zusannnenzuschießen und eineil Freibrief ;il erwirken, ill dem7. Capitel. Die niederländisch-britische Periode. 155 :-1he Governour aiul Company of mercliants oi London trading ifito ttie East India“ das Recht des Alleinhandels zwischen Cap und MagalhLcü- straße bekamen (1600). Schon nach anderthalb bis zwei Decennien besaß die Gesellschaft viele Factor eien, doch keine Territorien; überhaupt war sie mehrere Menschenalter hindurch eine reine, unpolitische Handelsgesellschaft. Anfänglich setzten die Holländer den englischen Ansiedlern aus den malayischcn Inseln keinen Widerstand entgegen. Allein bald gab es Streitigkeiten, und stit dem Blutgericht von Ainboina (1623), das IO Engländern das Leben kostete, hielten cs die Briten für angezeigt, dem holländischen outercsscnlreis fernzubleiben. Ihr bestes Geschäft machte die britische Compagnie mit indischen Banmwoügeweben, an deren Nachahmung sich die heimische dustrie erst im 18. Jahrhundert wagte. Die Compagnie war in England nicht beliebt, und als zu Cromwells Zeiten der indische Handel thatsächlich freigegcben wurde, so kam sic so weit, dass sie ihre Freibriefe nebst Inventar auf der Börse zum Kauf ansbot, jedoch keinen Käufer fand. Unter Karl 11 - und Jakob II. änderten sich die Verhältnisse wieder zu ihren Gunsten, dti dem Privileg von 1686 wurde der Überzeugung Ausdruck verliehen, »dass der Handel mit Indien nur durch eine große privilegierte Actieu- gesellschaft zum Wohle der Nation betrieben werden könne". Auch Krieg- führungs- und Münzrecht erhielt die Compagnie, welche den Besitz einiger Distriete erworben hatte, ans denen Bombah und Calentta entstanden. Noch- tuals versuchte eö Wilhelm III. mit der Freigebung des indischen Handels. Aus Rücksicht für die Finanzen kehrte aber die Regierung znin früheren Systeme zurück. Sie concessionierte eine zweite Gesellschaft, zu welcher der Schotte Paterson, Gründer der Bank von England, den Plan entworfen hatte. Da zu jener Zeit eine unüberwindliche Scheu vor dem Conenrrcnz- kämpf obwaltete, so vereinigten sich die beiden Gesellschaften. iLeit 1702 existierte dann die United Company «1 mereliants o1° England trading ko the East India, die wieder mit dem Rechte des Alleinhandels nach und oau Indien ausgestattet wurde. Ihr war es Vorbehalten, die Herrschaft Groß britanniens in Südostasien zu begründen. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts war das Reich deö Groß-Moguls von Delhi in Verfall. Statthalter (Subad^ars), Großbeamte (Nabobs) und tributäre Vasallen (Rajahs) sagten sich von ihrem Oberherrn los. Da er griffen nicht die Holländer und nicht die Engländer die Gunst deö Augen blickes, sondern die Franzosen zeigten ihnen zuerst den Weg, ans den Wirr! Ulsten für die eigene Herrschaft Vortheil zu ziehen. worden ciur Zeit EolbertS war eine französisch-ostindische Gesellschaft gegründet' :ic besaß einige Niederlassungen, darunter Pondichery au der Zelbstans- lösnng ded Mongolcn- rcicheS in Indien. eic Franzose» in Indien.156 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Koromandelküste. In der Zeit des Prinzregenten und John Lawö wurden mehrere kleinere Compagnien zur Compagnie des Indes verschmolzen, bei welcher gleichfalls die rein kaufmännischen Gesichtspunkte der Ccntralver- waltung mit der Unternehmungslust ihrer auswärtigen Gouverneure in Widerstreit geriethen. Während des österreichischen Erbsolgekrieges kämpften die Seemächte auch im atlantischen und indischen Ocean mit einander. La Bourdonnaie, Gouverneur der Mascarenen, bemächtigte sich der Stadt Madras; im Aachener Frieden (1748) gaben aber die Franzosen diese und andere Eroberungen heraus; der Eroberer wurde in die Bastille geworfen. Trotz des Friedens dauerte der Kriegszustand in Ostindien fort. Es war die Zeit, in welcher der französische Gouverneur Duplcix den Einfluss seines Mutterlandes über das südliche Dreieck Ostindiens ausdehnte. Jetzt erst erwachte bei den Engländern die Ahnung der Gefahr und der Wille, ihr zu begegnen. Das Glück kam ihnen zu Hilfe; denn die Franzosen begiengcn den Missgriff, den ausgezeichneten Dupleix abzuberufen und unter Anklage zu stellen. Seine tapferen, aber minder begabten Nachfolger, Bussh und Lally, erlitten eine vollständige Niederlage. Die Franzosen mussten zufrieden sein, dass ihnen im Pariser Frieden (1763) Pondichery und Tschandernagor zurückgegeben wurden. Lally büßte sein Missgeschick auf dem Schaffote. Nach einigen Jahren löste sich die Compagnie des Indes auf. D->s englische In den Zwistigkeiten mit den Franzosen hatte sich durch militärische coionuiimd).und staatsmännische Gaben der Engländer Robert Elive hervorgethan. Dieser Mann kann als der Begründer des englisch-ostindischen Colonial- reiches bezeichnet werden. Die Compagnie ließ den heimischen Fürsten ihre Stellung und ihre Einkünfte, nahm aber die Verwaltung ihrer Länder in eigene Regie. So geschah es in Bengalen und bald auch in den übrigen Gangesländern. Aber die Beamten sorgten dafür, dass nur ein Bruchtheil der indischen Einkünfte in die Taschen der Aetionäre gelangte. Selbst ein Robert Elive oder Warren Hastings konnten der Versuchung, sich unrecht mäßig zu bereichern, nicht widerstehen. Bi«von i'»"- Seitdem die Macht der ostindischen Compagnie so gewaltige Dimen sionen angenommen hatte, beschäftigten sich die politischen Parteien mit ihren Angelegenheiten. Fox, das Haupt der Whigs, suchte geradezu die Ver waltung der Compagnie einer Gruppe plutokratischer Parteigenossen in die Hände zu spielen. Seinen Bestrebungen fetzte der jüngere Pitt die Ostindia-Bill von 1784 entgegen, derzufolge die Handelsnngelegenheiten auch in Zukunft dem Ermessen der Compagnie anheimgcstellt bleiben sollten; die politisch-militärischen Dinge wurden jedoch einer Aufsichtsbehörde, dem7. Capitel. Die niederländisch-britische Periode. 157 Rathe von Indien, unterstellt. Übrigens hatte das Monopol der Gesellschaft keine lange Dauer mehr; es hatte sich so gut wie ihre politische Autonomie überlebt. Im 'Jahre 1814 wurde der englisch-ostindische Handel den britischen Unterthanen freigegeben. 8 38. Die Besiedelung und Selbstbefreinng der Neuen Welt. Als das 16. Jahrhundert zu Ende gieng, existierte in Amerika außer den spanischen und portugiesischen Colonien, die im ersten Feuer der Eon- 1G 3ol)tl)i quista angelegt worden waren, keine einzige Niederlassung der Europäer. -Die spärlichen Versuche, solche zu begründen, waren sammt und sonders sehlgeschlagen. . . ( Wohl hatte schon Johann Cabot 1497 von Neufundland im Namen Englands Englisch- Besitz ergriffen, was Hnmphrey Gilbert zur Zeit Elisabeths wiederholte-, allein weder diese Occupation, noch die Virginiens durch Walter Raleigh führte zu einem dauernden Ergebnisse. Als die Stuarts auf den Thron kamen (1603), befand sich nicht ein- Fuß breit amerikanischen ColoniallandeS in englischem Besitz. Ebenso verhielt es sich mit bat Holländern und Franzosen. Zwar segelte der und Jtaliener Verranzano int Dienste Franz 1. die atlantische Küste Nordamerikas entlaitg 'Md befuhr Jacques Cartier den Lorenz»! aber die Versuche, hier Niederlassungen anzu- iegcn, missglückten (1544). Zur Zeit Karls IX. siedelteit sich Hugenotten im heutigen Earolina an. Auch dieses Unternehmen schlug fehl, indem die wenigen zurückgebliebenen Ketzer von den fanatischen Spaniern erschlagen wurden. Überhaupt hielten sich die Spanier noch immer für die legitimen Herren des amerikanischen Bodens und für be- ''echtigt, unbefugte Eindringliltge anszutreibeit. Äm 17. Jahrhundert führten die erneuten Colonisationsbestrebungen ^r Holländer, Franzosen, Engländer zu dauernden Resultaten. Den Eng- 17 , 1 ,, is.ot). ländern gelang es im Verlaufe des 17. und 18. Jahrhunderts, mit den eigenen Ansiedlungen auch mehrere den Holländern und Franzosen entrissene Niederlassungen zu verbinden. So wurde dem germanischen Elemente der europäischen Bevölkerung eine Expansionssphäre eröffnet, in welcher sie sich vollständig eingebürgert hatte, als England durch den Abfall der nord- u'uerikanischen Colonien die politische Herrschaft über den wichtigsten Theil seines transatlantischen Filialreiches verlor (1783). Wie in Ostindien, so fassten auch in Westindien die Holländer früher Fuß, Tic ni-d-r- Bs die Engländer und Franzosen. Schon vor 1600 waren holländische Seefahrer an ^Msch- J v brasilianischen Küste erschienen. Auch einige westindische Jnselchen waren von ^-Mast. Kaufleuten derselben Nation besetzt worden. In Diensten der holländisch-ostindischen Eontpagnie mit der Aufsuchung der Nordwestpassage beschäftigt, entdeckte Henry Hudson den nach ihm benannten Fluss (1611). In die Einzelunternehmungen kam nmger Zusammenhang, als die holländisch-westindische Gesellschaft (1621) Mtiftet worden war. Wie die ostindische war auch die wcstiitdische Contpagnie ein Kmd des Hasses gegeit die spanische Weltmacht. Sie ivar iit erster Linie eine organisierte158 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Seerüuberbande. Ihre stolzeste Erinnerung bildete, dass cs ihr einmal gelang, die spanische Silberflotte abzufangen. Ihr Privilcgiuni erstreckte sich über alle Länder und Meere westlich vom Cap der Guten Hoffnung bis zu den Molukken. Lange Zeit ' begünstigte das Glück die Holländer auch in Amerika. In Wcstindien eroberten sie S. Eustatius und vor allem Curayao, wo sie sich, ebenso wie in Guyana (Surinam), bis zur Gegenwart behauptet haben. Hingegen verloren sie ihre brasilianischen Eroberungen, die vom Rio S. Francisco bis zum Rio Grande reichten, wieder oder vielmehr sie gaben, durch einen Aufstand der Plantagenbcsitzer erschreckt, dieselben den Portugiesen Neu-Nicdcr- gegen eine Geldentschädigung zurück (1661). Einen großen, aber gleichfalls vergäng- la»d. Erfolg hatten die Niederlassungen der Holländer ani Hudson und Delaware. Hier gründeten sie Neu-Amsterdam (1614), dessen Name später von den Eng ländern in Ncw-Iork nmgewandelt wurde Das zwischen Ren-England und Virginien — also englischen Colonialgcbieten — gelegene „Neu-Nieder!and" fiel noch im Sicq der Laufe des 17. Jahrhunderts den Engländern zu. Im Frieden von Breda (1667) mussten Engländer. ^ Generalstaaten „Neu-Niederland" an ihre Rivalen abtreten, was im Frieden von Westminster (1674) cndgiltig bestätigt wurde. Im nämlichen Jahr liguidicrte die west indische Gesellschaft! aus ihrer Asche erhob sich eine neue, deren wichtigstes Vorrecht im Alleinhandel mit Westafrika bestand. Frankreich Seit den Friedensschlüssen von Breda und Westminster war der und England. zwischen Niederländern und Britxn um die Vorherrschaft in Nord amerika entschieden. Die Waffen mussten nun auch zwischen Frankreich und Großbritannien entscheiden. Auf eine Zeit des Anlaufes und der Erfolge kam für Frankreich eine Epoche der Niederlagen und Verluste; die Friedens schlüsse von Ryswijk, Utrecht, Aachen, Paris bezeichnen die Etappen dieser Nückgaiigsepoche. Zugleich mit den Problemen der europäischen Politik wurden die Fragen des Colonialbesitzes auogetragen. Die.Franzose» Seit dem Ausgang der Hugcnottenkricge Ivendetcn in Frankreich Private und i» Nord- Regierung ihre Aufmerksamkeit überseeischen Unternehmungen zu. Schon zur Zeit amcrlka. ^wrichs IV. gründeten Gesellschaften für die Jagd auf Pelzthiere Niederlassungen in Canada und Acadien (Nenbraunschweig). Von dauernderer Bedeutung wurden die Ackerbancolonien, die Champlain, der Gründer Quebecs (1608), anlegte. Unter • Heinrich IV. und Richelieu ließen sich Franzosen in Westindien (S. Christoph, Marti- nique, Guadeloupe), in Südamerika, an der afrikanischen Westküste nieder. Die Glanz zeit der französischen Colonisation fällt in die Epoche ColbertS und seines königlichen Canada. Herrn Ludwigs XIV. Unter der Verwaltung der Krone gestaltete sich Canada zu einem restaurierten Abbilde des katholisch-feudalen Alutterlandcs (Xoavellv France). Das Land wurde an Grands Seigneurs vergeben, die eS wieder an Bauern übertrugen, denen Geld- und Naturalabgaben aufcrlcgt waren. Noch heute zeigt Canada Spuren des von den Franzosen errichteten Regimes, wie es denn auch trotz der bald anderthalb- hundertjährigen Herrschaft Englands seinen romanischen Charakter beivahrt hat — eine schlagende Widerlegung des Vorwurfes, dass die Franzosen keine Fähigkeit zur Coloni- sntion besäßen. Als die Franzosen schon im festen Besitz Canadas waren, ließen sie sich, den Spaniern zum Trotz, unter der Führung des trefflichen Robert de la Salle am Louisiana, unteren Mississippi nieder. Sie nannten das Land dem Könige zu Ehren Louisiana7. Capitel. Dic niederländisch-britische Periode. 159 (1682). Ihr Bestreben gieng nun dahin, das Gebiet am Lorenzo mit den Niederlassungen am „Vater der Ströme" in Verbindung zu setzen und so die Engländer in dem Raum Zwischen dem Alleghanie-Gebirge und Atlantischen Meere festzubannen. Eine S\cttc von Forts erhob sich von den canadischen Seen bis an den mexikanischen Golf; aus den Befestigungen sind im Laufe der Zeit Städte geworden, wie Detroit, s. Louis, Lonisville, New-OrlcanS n. s. w. Durch dic franzosenfreundliche Politik der beiden letzten Stuarts, Karls II. und M,»ps- bis Jakobs II., wurde der unvermeidliche Kampf zwischen England und Frankreich lange hinausgeschoben; er brach jedoch aus, als nach der glorreichen Revolution von 1688 Wilhelm III. von Omnien den englischen Thron bestieg. Während des dritten Raub krieges führten die französischen und englischen Colonisten, mit den Indianern verbündet, einen erbitterten Kamps um Acadicn (den König Williams-Krieg). Im Frieden von Ryswijk (1697) wurde der Status gr»> ante wieder hergestellt. Während des spanischen Erbfolgekrieges (dem Königin Anna-Krieg) entbrannte der Kampf am Lorenzo wieder, während die Franzosen von Louisiana und die Spanier von Florida her dic englischen Kolonisten in Earolina angrissen. Aus den europäischen Schlachtfeldern entschied sich das Schicksal gegen die Franzosen, die im lltrechter Frieden (1713) zwar Canada behielten, aber Acadien und Nenschottland „mit den alten Grenzen" an England ab treten, ferner ans Neufundland und die Hudsonsbailänder verzichten mussten. Dic Unbestimmtheit der „alten Grenzen" liest die Greirzfehden reicht wieder zur Bis Ruhe kommen. Während des österreichischen Erbfolgekrieges waren Spanier und Frau- '*"» ä°ien gegen die Seemächte (England und Holland) von neuenr verbündet. man kämpfte am Lorenzo, in Florida, in den westindischen Gemässenil im Aachener Frieden (1748) Hrst man es bei der Wiederherstellung des Zustandes vor dem Kriege bewenden. Erst brr siebenjährige Krieg führte die Entscheidung über das Schicksal Eanadas und Louisianas herbei. In der Zwischenzeit hatten englische und französische Eolonisten um den Besitz bes Ohiogebietcs Ströme von Blut vergossen. In Acadien war man grausam genug gewesen, die romanisch-katholische Bevölkerung (circa 7000 Seelen) des Landes zu ver weisen, um die Anglisierung desselben zu beschleunigen (Longfellows „Evangeline"). Tie Gefahr, welche die englischen Colonisten vom Rücken her bedrohte, bewog sie, die bisher in völliger Isoliertheit neben einander gelebt hatten, den ersten Kongress ; m Albany 1754) zu beschicken. Wichtiger als dic Regungen der Selbsthilfe war der ^utheil, den das Mutterland an dem Gedeihen seiner Colonicn nahm. Schon 1,55 "öffneten die Engländer auf allen Meeren den Kaperkrieg gegen die Franzosen. Ties mchte t>en drohenden Weltkrieg zum Ausbruch. Die französischen Eolonien erlagen Übermacht ihrer Gegner. Die Übergabe der Citadcllc von Quebec (1759), bei cren Belagerung dic beiderseitigen Eommandanten, Montcalm und Wolfe, den Helden- gestorben waren, bczeichnetc das Ende der französischen Herrschaft in Nordamerika. Durch den Pariser Frieden (1763) erhielt England Canada und die Länder westlich “° m Wissjssjppi, wogegen es das östlich vom Mississippi gelegene Louisiana den öaniern, die Florida abtraten, überliest. Wie in Ostindien, so war es auch in Nordamerika gekommen: Groß- England,,»» Kannten trat das Erbe seiner Vorgänger, Hollands und Frankreichs, an. britische Colvnialreich in Nordamerika hatte jedoch einen von amerikanische» brn übrigen britischen Eolonien grundverschiedenen Charakter. Auf einem als160 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). herrenlos angesehenen Boden war durch Ansiedler zumeist englischer Abkunft ein neues England entstanden, das den Keim der Selbständigkeit in sich trug. Dieses mit der Axt und dem Pfluge eroberte Colonialland setzte sich ans vielen Theilen zusammen, die unabhängig von einander emporgewachsen und erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts infolge des gcnieinschaftlichen Widerstandes gegen die Franzosen zu einem Bewusstsein politischer Zu- sammengehörigkeit gekommen waren. Auch dem Mutterlande gegenüber hatte sich ein alle Einzelstaaten umfassender, feindlicher Gesammtiv ille herausgebildet, denn die englische Mercantilpolitik verwehrte den Colonien jeden selbständigen Handel und verhinderte das Entstehen einer eigenen Industrie; die Colonien sollten wohlfeile Rohstoffe liefern und dafür englische Gewerbscrzeugnisse oder über England verschiffte Handelsartikel durch Vermittlung britischer Kausleute in Empfang nehmen. Als nun die englische Regierung den Colonien neue Steuern auferlegen wollte, ohne ihnen Sitz und Stimme im Parlamente zu gewähren, griffen die Amerikaner zu den Waffen und erfochten sich, unter stützt von den maritimen Nebenbuhlern Englands, den Franzosen, Spaniern, Holländern, außer der politischen vor allem die ökonomische Freiheit (1776—1783). Auf diese Weise entstand die Republik der ursprünglich 13 Vereinigten Staaten von Nordamerika. Den Engländern blieben nur die den Franzosen abgenommenen Gebiete im Norden der Union. Tie a»glo- Unter König Jakob I. wurde der Versuch Walter Raleighs, in Virginien Nieder- amcriiamsche» lassnngen zu gründen, mit Hilfe privilegierter Gesellschaften erneut; diesmal mit Erfolg. Colomstc». wenige unter den ältesten Staaten der Union verdanken ihren Ursprung der Unduldsamkeit der mutterländischen Hochkirche. Die ihres Glaubens wegen bedrängten Dissenters oder Nonconformisten suchten ein Asyl an den waldbewachsenen Küsten der Neuen Welt. So die puritanischen „Pilgerväter" in Massachusetts, die Katholiken in Maryland, die Quäker in Pennsylvanien. Andere Bruchstücke germanischer Abkunft, die Schweden am Delaware, die Holländer am Hudson, giengen in dem Gros der anglo- Ausroming normannischen Colonistcn auf. Gegen die indianische Urbevölkerung stellten sich die d. indianischen Ankömmlinge auf den Kriegsfuß. Der Angloamerikaner hat die Rothhäute verdrängt 9taf|c ' und, wo sie nicht freiwillig den Play räumten, auSgcrottet. In diesem Theile der Neuen Welt mangelt die für das lateinische Amerika charakteristische Mestizzenbevölke- rung. Mit der Christianisierung und Civilisierung der indianischen Stämme haben sich die Engländer weniger Mühe gegeben, als die Spanier, denen freilich in Alexico, Centralamerika, Peru eine heimische Urcnltur zu Hilfe kam. Trotzdem blieben auch den Nordamerikanern die Conseqnenzen nicht erspart, die aus der Verschiedenheit der Ncgercinsuhr. Rasse und Hautfarbe sich ergaben. Denn schon um die Mitte des 17. Jahrhunderts brachte ein holländisches Schiff eine Ladung von Negersclaven, deren die südlichen subtropischen Colonien zum Plantagenban bedurften. Bis in so ferne Zeiten reicht der Unterschied und keimende Gegensatz zwischen den südlichen Pflanzer- und den nördlichen Bauernbezirken zurück. Gattungen Man unterschied im englischen Amerika dreierlei Colonien: Krön-, Eigen- dcr Colonien. thümer- und Freibriefcolonien. Zur letztgenannten Kategorie gehörten diejenigen,7. Kapitel. Die niederländisch-britische Periode. 161 welche auf Grund eines Freibriefes (charter) an Gesellschaften gekommen waren, während man Eigenthümercolonien an Einzelpersonen vergab. Eine Eigenthümereolonie war z. B. Maryland, das dem Lord Baltimore gehörte, oder Pennsylvanien, Eigenthnm des be rühmten Quäkers William Penn, des Gründers von Philadelphia. Als Typus einer Frei- briefcolonie kann Massachusetts gelten, als solcher einer Kroncolonie Virginien (ft-1025). In allen drei Gattungen von Kolonien herrschte ein hohes Maß von Selbstän digkeit und Freiheit; das drückende Mercantilsystem des Mutterlandes war man gewohnt, mit Hilfe der Koncurrenten Englands auf gesetzwidrige Weise zu umgehen. Der Schleichhandel nahm solche Dimensionen an, und die Zolleinnahmen Englands verminderten sich dermaßen, dass dieses nicht einmal auf seine Verwaltungskosten kam. Als nun der siebenjährige Krieg, der ja zum Theil wegen der Kolonien geführt worden war, die Schuldenlast Englands vermehrt hatte, so hielt mau es für billig, die mate- tielleu Kräfte der Kolonien für Staatszwecke mehr in Anspruch zu nehmen, als bisher, hielt es aber auch für angezeigt, den Tochterländern die Oberhoheit des Mutterstaates wieder ins Gedächtnis zu rufen. Es folgten nun die weltbekannten Ereignisse: Aus biegung der Stempeltaxe, Widerstand der Amerikaner gegen willkürliche Besteuerung, Fallenlassen der Stempeltaxe und Ersah derselben durch neue Zölle, die auf einen ein zigen , den Theezoll, restringiert wurden, hierauf die Bostoner „Theegesellschaft", die Aostoner Hafenbill, Kongress und Krieg. Am Kampf der dreizehn nordamerikanischen Kolonien gegen Großbritannien nahmen auch die Seemächte theil, die im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte von dem glücklichen Nebenbuhler in den Hintergrund gedrängt worden waren: Spanien, Holland, Frankreich. Es war die letzte Probe, welche die englische Vorherr schaft zu bestehen hatte. Zunächst erlitt England empfindliche Verluste. Es musste "u Versailler Frieden (1783) die Unabhängigkeit der dreizehn Kolonialstaaten aner kennen, Florida und Minorca an Spanien, Tabago, S. Pierre und Miquelon an Frankreich abtreten. Allein nicht das besiegte Großbritannien hatte die nachhaltig üblen Folgen des amerikanischen Befreiungskrieges zu tragen; im Gegentheil, nach wenigen Jahren besaß sein Handel mit den ehemaligen Kolonien einen größeren Umfang, aIs zuvor. Die üblen Folgen trafen die Gegner Englands: Spanien, dessen mittel- Uud südamerikanischen Besitzungen das englische Amerika ein verderbliches Beispiel gegeben hatte: Holland, das definitiv seine Rolle als Großmacht ausgespielt hatte huh obendrein seine beste Rhede an der Koromandel-Küste, Regavainam, au die Eng- lnnder verlor: Frankreich, dessen Finanzen durch die Kosten des mehrjährigen Krieges vollends zugrunde gerichtet worden waren. Während des englisch-amerikanischen Krieges hatten auch die nicht betheiligten Mächte Front gegen die Übergriffe der seebeherrschenden Engländer gemacht. Unter bein Vorantritte Russlands verfochten sie die Grundlinien eines Seevölkerrechtes der Neutralen (bewaffnete Seeneutralität 1780). „Neutrale Schiffe sollen von einem -Käsen zum andern und an den Küsten der kriegführenden Mächte freie Schiffahrt genießen. Freie Schiffe machen alle Güter frei, mit Ausnahme der Contrebande. Eontrebande sind Waffen und Kriegsmunition, sonst nichts." Kaum ein Menschenalter nach der Selbstbefreiung des germanischen Amerikas hat auch das lateinische (spanisch portugiesische) Amerika das Joch der ,Fremdherrschaft abgeworfen und seine volle politische wie ökonomische Unabhängigkeit erkämpft. Mayr, Lehrbuch der HandelSgcschichke. Ausbruch des Unabhängig keitskrieges. Ter Welt krieg und seine Folgen. Bewaffnete Neutralitiit. Das lateinische Amerika. 11162 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). S'ostmmimg Den Anfang machte das portugiesische Brasilien, das gleich bei der ^Portugae"" ilbersiedlung des von Napoleon aus Portugal vertriebenen Königs Johann VI. (>808) ein selbständiges, den Kaufleuten aller Nationen zugängliches Reich wurde. Als nach der Rückkehr Johanns VI. die Portugiesen ihr srühcreo Colonialshstem wieder Herstellen wollten, empörten sich die Brasilianer und riefen den Sohn König Johanns, Dom Pedro, zum Kaiser aus. Brasilien blieb fortan ein selbständiger Staat (1822—1889 Kaiserreich, seit >889 Republik). Brasilien, das Cnbral bereits im Jahre 1500 entdeckt hatte, blieb lange vernach lässigt. Nur der Anbau des Zuckerrohres erlangte schon im 16. Jahrhundert Be deutung. Erst im 17. Jahrhundert wendeten die Portugiesen, denen der wertvollste Theil ihrer ostindischen Besitzungen entrissen worden war, der stidamerikanischen Ricseu- colonie erhöhte Aufmerksamkeit zu. Waren doch die Goldminen von Minas Geraes und zuletzt sogar Diamantgruben entdeckt worden! Für den Zeitraum von 1(>81 bis 1820 soll die Edelmetallproductiou Brasiliens sich auf 2(st Milliarden Mark belaufen haben; die Erträgnisse der Diamantgruben werden für den Zeitraum 1730—1810 auf 150 Millionen Mark angegeben. Im Laufe des 18. Jahrhunderts lies; die Goldproduction nach. Die Folge war ein Aufschwung des Plantagenbaues. Zumal als während der französischen Revolution S. Domingo der Anarchie anheimfiel, kam für Brasilien eine neue Glanzzeit; cs wurde das vornehmste Zuckerland der Erde. Im 19. Jahrhundert erst hat der Kaffeeban größere Dimensionen angenommen. Abfall Auch das spanische Amerika hat sich einerseits ans ökonomischen, Tüdamerikäs anderseits ans politischen Gründen vom Mutterlande losgesagt. Das altspanische von Spanien. Colonialshstem war den mittel- und südamerikanischen Unterthanenlündern nicht heilsam gewesen: aber die Bourbonen hatten im Laufe des 18. Jahrhunderts zeitgemäße Erleichterungen eintreten lassen. Milderungen Seit die Bourbonen an die Stelle der spanischen Habsburger (ausgestorben m spanischen 1700) getreten ivaren, Ivurde das alte Colonialsystem vielfach durchbrochen. Eine solche 'ütcm""im Bnsche bildete z. B. der sogenannte Assiento-Vertrag (1713), demzufolge die Eug- is. Jayrh. länder das ausschließliche Recht erhielten, den spanisch-amerikanischen Colonien jährlich ein Quantum von 4800 Negern zu liefern. In, die Engländer durften sogar ein Schiff von 500 Tonnen mit Waren beladen — eine Ermunterung zum Schmuggel, den die Engländer von Jamaica aus seit Jahrzehnten mit Holländern, Franzosen und Dänen um die Wetle betrieben, lim 1750 wurde der Gebrauch, die sogenannten Galeoneu in Portobello zu löschen, aufgegeben, und die Schiffe fuhren nun direct in alle Häfen am Stillen Ocean. Auch die Errichtung einer monatlich abgehenden Brief- und Paketpost war ein Nagel zum Sarge des alten Systems. Zwischen 1765—1788 wurde endlich der Verkehr mit sämmtlichen Colonien allen Spaniern gegen eine Ab gabe von 6 Procent des Wertes freigegeben, das Verbot des Verkehres zwischen den einzelnen Vicckönigreichen aufgehoben. Die Vertreibung der bonrbonischcn Dynastie aus Spanien durch Napoleon I. (1808) brachte den Stein ins Rollen. Dem von Napoleon ein gesetzten König Josef verweigerten die Colonien den Gehorsam. Bei dem raschen Wechsel des constitutionellen und absoluten Regimes im Mutterland«: konnte7. Capitei. Die niederländisch-britische Periode. 10."> 11* auch in den Colonien die Ruhe nicht wiederkehren. Als nun Ferdinand VII. den überlebten Zustand der vorrevolutionären Epoche wieder Herstellen wollte, wurde der Abfall definitiv. Aus der süd- und mittelamerikanischen Üievo- lntion (1810—1825) gieng jedoch kein Föderativstaat hervor, wie in Nord amerika, sondern eine Anzahl von Republiken, deren Dasein bis zur Gegenwart in Bürgerkriegen oder in Kämpfen wider einander ausgegangen ist. Der Abfall des spanischen Amerika wurde zuerst von den Vereinigten -Wm-or Staaten gutgeheißen. Bei dieser Gelegenheit war es, wo der Unions-Prä- ~ lHtu "’ sident Monroe die nach ihm benannte Doctrin entwickelte, dass kein euro päischer Staat das Recht habe, sich in die Angelegenheiten eines amerikanischen Staates einzumischen, und dass die Union eine derartige Intervention nicht dtilden könne. Die erste europäische Macht, die die jungen Republiken jenseits des Oceans anerkannte und jedem Jnterventionsgedanken entgegen- trnt, war England (Ministerium Canning) 1825. 8 89. Regalismus und Merkantilismus. In keiner Periode der Handelsgeschichte haben die Regierungen der Epochen der Culturstaaten dein Innen- und Außenhandel eine so weitgehende, lebhafte, wenngleich nicht uninteressierte Aufinerksanikeit gewidmet, als während des 17. und 18. Jahrhunderts; in keiner haben die Regierungen itach so gleich mäßigen, übereinstinnncnden Grundsätzen die wirtschaftlichen Angelegenheiten der Unterthanen behandelt. Die oberste Gewalt überwucherte alle Gebilde, welche in früheren Zeitläuften durch die selbständigen Triebkräfte unter- geordnetcr Lebenskreise und engerer Verbände (Landschaften, Städte, Genossen schaften u. s. w.) hcrvorgebracht worden waren. In den, Verhältnis des Staates zur Volkswirtschaft kann man für den besagten Zeitraum zwei Stadien oder in einander überfließende Entwicklungsstufen unterscheiden: 1. die rcgali- stische, 2. die mercantilistische. Erst in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts wurde die staatliche Bevormundung wirksam bekämpft und für die individuelle Freiheit ein weiterer Spielraum gewonnen. Vom späteren Mittelalter an bis gegen die Mitte des 17. Jahr- Vcrmehrt- hundcrls überwog in der Staatswirtschaft der rein fiscalische ifinanzielle) Gesichtspunkt. Man dachte weder an die Beförderung des allgemeinen der Staats- Wohlstandes, noch an die Hebung eines einzelnen Erwerbszweiges (;. B. des überseeischen Handels oder der Großindustrie), noch an eine gleichmäßige, - gerechte Vertheilung der Lasten, sondern das Bestreben war nahezu ausschließ lich darauf gerichtet, die Einkünfte des Staates möglichst zu vermehren, damit sein Oberhaupt imstande wäre, den fortwährend gesteigerten Anforderungen164 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). des politischen Lebens hinsichtlich des Militärwesens, der Rechtspflege, der inneren Verwaltung, der auswärtigen Angelegenheiten nachzukommen. Doixaniale, Auf der Stufe der Naturalwirtschaft waren die Bedürfnisse der Re gierung vornehmlich aus den Erträgnissen der Domänen bestritten worden; nebenbei musste man sich mit den an Grund und Boden geknüpften Dienst leistungen der Lehensmannen begnügen. Seitdem das ökonomische Leben in seine gcldwirtschaftlichc Phase getreten war, erwies sich die bisherige domanial- feudale Finanzwirtschaft als durchaus unzureichend. Es folgte die Periode realistische des Regal io IN ns, der namentlich in Westeuropa (Spanien, Frankreich, Haltung' England, auch Italien, weniger in Deutschland) zur Entfaltung kam. Unter Regalen oder nutzbaren Hoheitsrechten verstanden die Juristen (Romanisten) bestimmte Erwcrbszweige, welche die Regierungen mit Ausschluss der Con- currenz ihrer Unterthanen betrieben, z. B. das Münzregal, Zollregal, Bergbau regal n. s. w. Damit waren den Herrschern reiche Einnahmequellen eröffnet, die sic seit dem 15. und 16. Jahrhundert ohne viel Rücksicht auf bestehende, historisch gewordene Rechte zu vermehren anfiengen. Vcrschicdcnc Außer den Lehensgefällen, den Ansprüchen auf herrenlose Güter (deren Begriff Gattungen lunn nu j Allmeicden, FestlandSgeivässer und Meere ausdehnte), den Gebären »nd von Regale». A^rteln, die sich der Staat für seine Leistungen und Verleihungen bezahlen ließ, kommt hier vor allem die Gruppe der „Gewerbe und Handelsgeschäfte des Staates" in Betracht, „welche gewöhnlich niit dem Vorrechte des Alleinbetriebes versehen waren, ivobci es für das fiscalische Princip gleichgiltig ist, ob sie unmittelbar durch Staats behörden oder im Flamen des Staates durch concessionierte Private, Pächter u. s. w. betrieben wurden". Schon auf der Stufe der Stadtwirtschaft wurde jedes Gewerbe, jeder Einzelbetrieb als ein Ausfluss der Gemeiudehohcit, als ein obrigkeitlich ver liehenes Amt betrachtet; jetzt, im Zeitalter der Staatswirtschaft galten alle Productions- nnd Erwerbszweige als von dem Staatsoberhaupte verliehene Berechtigungen, als Dinge, zu denen eine Erlaubnis nothwcndig war, welche selbstverständlich bezahlt werden musste. So erklärte Heinrich III. von Frankreich 1577 allen Handel für „äroit domanial“, weswegen die Knufleute für die Erlaubnis des ferneren Handelsbetriebes Abgaben ent richten und zur Sicherung derselben in solidarisch verantwortliche Gilden eintreten mussten. Um die nämliche Zeit hielt sich die Königin von England für berechtigt, jedweden Handelszweig in ein Monopol umzugestalten und mit dem Monopol wen sie wollte für beliebige Zeit zu beleihen. And) die schwedischen Könige erklärten den Handel für ein Regal, das sic an Gesellschaften verpachteten. Während der regalistischen Epoche haben die meisten Staaten sich das Münz-, Post-, Salz-, Tabak-, Lotterieregal und andere einträgliche Rechte vindiciert, um sic nicht so leicht wieder ans den Händen zu geben, selbst als neue, umfassendere, rationellere Systeme der Finanzwirtschaft äus- gekommen waren. Von besonderer Wichtigkeit für die Geschichte des Handels und der Volkswirtschaft sind das Münz- und das Postregal. Münzrcgal Das Münzregal der modernen Staaten (d. h. das ausschließliche Recht, über das Münzwesen Verfügungen zu treffen und Geldstücke zu prägen7. Kapitel. Die niederländisch-britische Periode. 165 musste erst in heißem, langwierigem Kampfe mit den feudalen Gewalten (Bischöfen, weltlichen Vasallen, Städten), die innerhalb ihres Sprengels, ob mit Recht oder Unrecht, Münzen zu schlagen gewohnt waren, zurückerobert werden. Die französischen und englischen Könige waren schon am Ende des Mittelalters so weit gekommen, in ihren Staaten das alleinige Münzrecht auszullben, wogegen es in Deutschland und Italien so viel Münzherren gab, als selbständige Territorien. Im Deutschen Reiche versuchte man zwar in der an Reformversuchen fruchtbaren Epoche vom 15. zum 16. Jahrhundert, eine einheitliche Reichsmünze an die Stelle der vielen hundert Territorial- inünzen zu setzen, jedoch die Reichsmünzordmmgen des 16. Jahrhunderts hatten keinen allgemein durchgreifenden Erfolg, die landschaftliche Willkür blieb bestehen. Das Münzregal war eben das einträglichste von allen HoheitS- rcchten nicht bloß um des Schlagfchatzeö willen, sondern vor allein, weil es die Möglichkeit bot, nach Bedarf geringhaltige Münze unter altem, bewährtem Namen auszuprägen. Im allgemeinen kann inan sagen, dass bis ins 18. .Jahr hundert hinein die gekrönten Münzherren Falschmünzerei im großen be trieben haben, durch die Handel und Wandel arg geschädigt worden sind. Selbst mit Gewalt konnten die Münzherren geringhaltiges Geld nicht auf dem Nennwert erhalten; cs bekam einen von Fall zu Fall veränderlichen Cours. Je mehr sich der Verkehr ausdehnte, desto unhaltbarer wurde die Geld- misswirtschaft, deren üble Folgen ans das Land und auf die Regierung zurückfielen. Den Höhepunkt erreichte die Münzverschlechteruug zur Kipper- und Wipper zeit (kippen — Münzen beschneiden und wippen — eigentlich wägen, d. h. mit geringerem Gewichte ansprägen). Man versteht darunter eine Epoche, die vor dem dreißigjährigen Krieg anfängt, während desselben cnlminiert und zu Ende geht. Es war eine Zeit, wo die offieiellen Prägestätten mit den „Heckemünzen" in der Falschmünzerei wett eiferten und das Weißsieden der Kupfermünzen ans der römischen Kaiserzeit wieder in Aufnahme kam. Als vorübergehendes Aushilfsmittel verschmähte man es auch später nicht, geringhaltigen Münzen Zwangscours zu gebe». Ein berühmtes Beispiel bietet das schlechte Geld, das Friedrich II. in höchster Bedrängnis während des siebenjährigen Krieges durch den Kaufmann Jtzig Ephraim prägen ließ; die sogenannten „Ephraimiten" wurden nach dem Frieden (1763) wieder eingezogeu. Lange vor dein Beginn der Neuzeit war an die Stelle der in West- und Mitteleuropa herrschenden karolingischen Silberwährung im allgemeinen die Parallelwührung getreten. Beide Edelmetalle standen seit dem 13. und 14. Jahrhundert neben einander in Gebrauch, ohne dass ihr (wenig schwan kendes) Wertverhältnis gesetzlich fixiert worden wäre. Dieser Parallelismus erhielt sich bis zum 19. Jahrhundert (auch wenn officicll die Silberwährung sortbestand); zur Doppelwährung ist zuerst die nordamerikanische Union >1792), zur Goldwährung Großbritannien (1816) übergegangen. in Deutsch land. Kipper- und Wipperzeit. Die Ephraimiten. Inter nationale Parallel- währung.166 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter sNenzeit). Tie karoliu- Die karolingische Münzordnung hat eine unglaubliche Lebenskraft bewiesen, n''Anemul- Heute noch setzt man in England und seinen Dependenzen das Pfund gleich 20 Schil- ne-mna»!!* ( j ufleu un jj 240 Pfennigen (penee), wie Karl der Große es gethan. Auch in Frankreich mmtt. Mittelalter liche Silber münzen. rechnet man noch nach Pfunden (llvres, francs) zu 20 Schillingen (sols, sous). Das Silberstück, das man im früheren Mittelalter dem karolingischen Münz füße gemäß wirklich prägte, war der Denar oder Pfennig (der 240. Theil des Müuzpfundes). Die sogenannten Bracteaten bildeten nur eine (einseitig auf dünnem Silberblcch geprägte) Abart des Pfennigs. Halbe Pfennige nannte man Halblinge oder auch nach der Stadt Hall in Schwaben Heller. Zur selben Zeit, als man im süd- europäischen Handelsgebiet Goldmünzen zu schlagen nnsicng (nach 1250), stellte sich das Bedürfnis ein, neben den dünner und leichter gewordenen, örtlich und zeitlich variablen Pfennigen schwerere Silberstücke zu prägen, von denen auch der Großverkehr eventuell Ge brauch machen sollte. So schlug man zuerst in Frankreich seit dem 13. Säculnm Schilling stücke (ä 12 Pfennige), die man Grossi Turonenses nannte, woraus die Bezeichnungen Groschen und Türnosen entstanden und mit entsprechenden Veränderungen in andere Sprachen übergegangen sind. Im 14. Jahrhundert kam in Tirol ein neuer Münztppus auf, das Vierpfennigstück oder der Kreuzer, der seinen Namen von den beiden schräg über einander gelegten Kreuzen seiner Aversseite bekommen hat. Von den angeführten Münztypen unterschied sich der britische Sterling, dessen Name „Easterling" (Osterling) wahrscheinlich von den ans dem Osten berufenen Münzmeistem plattdeutscher Herkunft abstammt. Während im süd- und mitteleuropäischen Handelsgebiete die Parnllelwährung platzgriff, der Großverkehr sogar der reinen Goldwährung nicht mehr ferne stand, blieb der europäische Norden im ganzen dem Silber treu, blicht überall hatte sich jedoch das karolingische Pfund in der Herrschaft behauptet; cS hatte eine Rivalin erhalten in der Mark. Dort, wo man nach Mark rechnete, gab Köln den Ton an. Die Kölner Mark (234.-) ist bis zum heutigen Tage in Geltung geblieben. Von Lübeck aus verbreitete sich die Herrschaft der Mark über die baltische Region. Im 15. Jahrhundert nahm die Silberprodnction in Europa einen gewaltigen Aufschwung. Erzherzog Sigismund von Tirol prägte zuerst ans einheimischem Silber ein Geldstück van demselben Werte wie die Goldgnlden. Auch die gräflich Schlick'sche Münzstätte zu Joachimsthal in Böhmen prägte solide Silberstücke, die unter den: Namen Joachimsthaler, abgekürzt Thaler, umliefen. Der silberne Goldgulden oder Thaler ist, wie der frühmittelalterliche Denar, eine Weltmünze geworden, das Archetyp des in beiden Hemisphären verbreiteten Piasters, des Leu (Laubthalers), des Dollars rc. Das große Silberstück im Werte eines Goldguldens wurde auch Gulden genannt. Erst später haben sich die Gulden und Kreuzer von den Thalern und Groschen differen ziert, wobei sie dem Schicksale aller Münzen, dem Sinken des Wertes, anheimgefallen sind. In der Währungsgeschichte des 17., 18. und 19. Jahrhunderts spielen die Thalcr- nnd Guldenfüße eine wichtige Rolle. Trotz der enormen Zunahme der Silberprodnction Amerikas trat keine dnrch- ^Edelmetalll T ichlagcndc Veränderung im Währnngsmesen ein. Nur zeigten sich allmähliche, säculare Verschiebungen in dem Wertverhältnisse beider Edelmetalle, und zwar zu Ungunsten des Silbers. Am Beginn des 16. Jahrhunderts galt die Relation 1 : 11, hundert Jahre später 1: 12, um noch während des 17. Jahrhunderts auf 1 : 15 zu steigen. Von da an bleibt das Verhältnis ziemlich constant, erst 1874 gieng es definitiv über 1:16 hinaus. Lander der Silber währung und der Mark rechnung. Thaler und Gulden. Wert7. Kapitel. Die niederländisch-britische Periode. I (>7 Deutschland und Italien erhoben im 16. Jahrhundert das Silber wieder zum H'ucr der HanptwährungSmetalle. Größere Quantitäten von Goldmünzen wurden erst unter Friedrich dem Großen in Preußen geprägt (Friedrichsd'ors). Hingegen machte Frankreich schon im 16. Jahrhundert einen Anlauf, die Goldwährung cinzuführen, kehrte aber unter Heinrich IV. zur Parallelwährung zurück, um erst im 19. Jahrhundert zur Doppel währung überzugehen. England blieb im 16. und 17. Jahrhundert dem Silber treu. Erst zur Zeit Jakobs I. wurden die ältesten Goldstücke geschlagen, unter Karl II. die ersten Guinees. Im 18. Jahrhundert nahm die Goldprägung zu, so dass Georg III. Übergang zur verordnen konnte, alle Zahlungen über 25 £ sollten wegen Abnützung der Silber- münzen in Gold geleistet werden. Damit war der Übergang zur Goldwährung angebahnt; 1797 wurde die Silberprägung eingestellt, 1816 endgiltig das Gold zum alleinigen Währungsmetall erhoben; der erste Sovereign verließ die Münzstätte. Das Beispiel der tonangebenden Handelsmacht fand alsbald Nachahmung. In der regalistischen Epoche wurde die Herstellung des wichtigsten Umlaufs- und Umlaufsmittels, des gemünzten Geldes, nachdem sie den localen Machthabern entrissen worden war, als eine ausgiebige Einnahmsquelle für die staatliche Centralgewalt nutzbar gemacht. Jedoch bald dämmerte die Erkenntnis auf, wie gcmcinschädlich, ja staatsgefährlich es sei, das Münzregal übermäßig und auf unehrliche Art auszubentcn. Gleich dem Münzwesen, ist auch die wichtigste aller VerkehrSinstitutionen, die Post, zuerst verstaatlicht und Die Post, rcgalistisch auSgenützt worden, bis die Erkenntnis dlirchdraug, dass der Ber- zichl aus momentaneit Gewinn der Allgemeinheit und mittelbar wieder dem Staate zugute komme. Die moderne Post steht in keinem erweislichen Zusammenhänge mit den Ver- Kein» des kehrseinrichtungen, die im Reiche des Darius, der Cäsaren, der Oströmer, der Chalifen, der Karolinger für Staatszwecke bestanden haben. Auch den irregulären Botendienst P oder die in Kriegszeiten eingerichteten Estafetten wird man schwerlich als Vorläufer der Postanstalten betrachten können. Biel eher wird man als solche jene zahlreichen privaten Vorkehrungen arischen können, die seit den Kreuzzügen in buntester Mannigfaltigkeit neben einander durch das gesteigerte Verkehrsbedürfnis hervorgetrieben ivorden sind. Weltliche und geistliche Höfe, Mönchs- und Ritterorden, Städte und Bünde, Organisation llniversitäten, Kaufmannsgilden, Innungen hatten feit dem 19. Jahrhundert ihre «°icu- ständigen Boten, die zu Fuß oder zu Pferd auf bestimmten Routen regelmäßig ver- ' kehrten, außer den Schreiben ihrer Auftraggeber die Privatesrrespondcnz be förderten, an den Knotenpunkten die abseits ihrer Route adressierten Briefe anstanschten und einen herkömmlichen Botenlohn cmpficngcn. In den Städten zumal war das Borenwescn zünftig organisiert und durch obrigkeitliche Botenordnnngcn geregelt. Lange vor dem Eingreifen der Staatsgewalt war z. B. Augsburg ein Centrnm für den Bricfverkehr insonderheit mit Italien. Ebenso standen aus commerziellen Gründen die niederländischen mit den Hansestädten in regelmäßigem Botenverkchr. Auch die Centralisierung des politischen Lebens an den Fürstenhöfen rief im 15. Jahrhundert, oder schon früher, z. B. in Aragonien und Frankreich, eine wohlgeordnete Staatspost ins Leben. Das Verbot der Benützung durch Privatleute hielt nirgends lange vor. In Frankreich gestattete man sogar die Beförderung von Reisenden auf den Relais-1.68 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). stationcn. Die Boten besorgten nebenbei auch kleine Pakete, so dass zn Beginn der Neuzeit die Keime der Brief-, Personen- und Paketpost schon gegeben waren. Die Taxis im Einen internationalen Charakter und die Form des Großbetriebes 16 . Jahrh. erhielt das Postwesen im 16. Jahrhundert durch die Familie Taxis (Tassis). Gegen eine Pauschalsumme übernahm Franz von Taxis die Dcpeschcnbefördcrung zwischen den entlegenen Thcilen der habsburgischen Monarchie, zuerst ans den Linien Madrid- Brüssel, Brüssel-Innsbruck oder Wien, dann nach Mailand und Neapel. Das Unter nehmen blieb in den Händen der Familie und rentierte sich derart, dass alsbald in vielen Territorien Land- oder Ordinariposten für den Brief- und Personenverkehr ein gerichtet wurden. Es erschienen bereits Straßenkarten, Postcoursbücher, Reiseführer zn Nutz und Frommen des Pnblicums. Da« Reichs- Im Jahre 1595 verwandelte Rudolf II. das Generalpostmeisteramt in ein ^anu" Reichsamt, das er Leonhard von Taxis übertrug, und erklärte somit die Post zu einem Regal des Reiches. Kaiser Matthias machte das Reichsamt erblich, und spätere Kaiser erhoben die Taxis in den Reichsgrafen- und Fürstenstand. Trotzdem und die Terri- vermochten sie nicht des ihnen übertragenen Privilegiums froh zu werdenI denn die torialpost. größeren Landesfiirsten nahmen das Postregal innerhalb ihrer Territorien für sich selbst in Anspruch und duldeten keinerlei Concurrenz. Ja, selbst die in den kaiser lichen Erblanden vorhandene Post blieb bestehen — sie wurde der Familie Paar- erblich übertragen. 1722 nahm der Staat die österreichische Post in eigene Regie. Nur in den kleineren mittel- und süddeutschen Territorien, ivo sich die Errichtung eigener Anstalten nicht rentierte, kam das Taxis'sche Privileg zur Ausübung. Hier erhielt eS sich mit staunenswerter Zähigkeit bis zum Ende des Deutschen Bundes und wurde 1867 von Preußen um drei Millionen Thaler dem fürstlichen Hause abgelöst. Fahrpost. Wie iu den deutschen Territorien, so wurde auch iu den europäischen Groß staaten das Postwesen regalisiert. Seine Fortschritte hiengen von der Verbesserung der Fahrbahnen ab. Nur langsam konnte für größere Distanzen die Reitpost durch Postkutschen ersetzt werden. Der erste Eilwagen Englands verkehrte 1669 zwischen London und Oxford. Einfluss der Seitdem die Post dem gesteigerten Nachxichtenverkehr der Neuzeit wirklich d""- zu genügen anfieng, übte sie ans den Organismus des Welthandels einen umgestaltenden Einstuss ans. Die sicher und vergleichsweise rasch, bestellte Corrcspondenz machte die persönliche Anwesenheit des Kaufmanns oder seiner Stellvertreter (Factoren) am Geschäftsorte und die Errichtung von Zweig- CommWons-, Niederlassungen in vielen Fällen überflüssig. Es kam der Commissions handel in Schwung. Seit dem 17. Jahrhundert ist überall von den „Corre spondenten" die Rede, welche nichts anderes waren, als Commissionärc, die die brieflichen Aufträge ihrer Committenten gewerbsmäßig ausführten. Vor Spedirions- dem Commissionshandel entwickelte sich schon die Spedition zn einem ^ a " be( ' selbständigen Zweige des Handclsgewerbes; sie musste sich inacht nehmen, nicht mit dem Postregal oder Postzwang, insofern er sich auf bestimmte Frachtgüter erstreckte, in Collision zn gerathen. Noch eine andere Bliite 'reijcnbc ^hte das erleichterte Verkehrsleben dieser Periode an, den Handlungs oder 9N n st err e i s e nd en.7. Kapitel. Die niederländisch-britische Periode. 169 Auch dem Zeitungswesen hat die Post erst zu öffentlichem Dasein verholsen. NSNM Charakteristischer Weise enthielten und enthalten die Namen vieler Journale Be- Ziehungen 'auf die Post. Durch diese sind die handschriftlichen Mittheilungen von Privatpersonen, insbesondere Geschäftsleuten über interessante Ereignisse, Waren und Preise -c. sicher und rasch von Ort zu Ort bestellt worden. Es entstanden Korrespondent Bureaux, welche die von allen Seiten einlaufenden Nachrichten zusammenstellten, ver vielfältigten und periodisch erscheinen ließen. Nun stellte sich die Buchdruckerkunst in den Dienst des Benachrichtigungsgewerbes. Die ersten gedruckten, periodischen Gazetten erblickten nach 1600 das Tageslicht. Erst im 18. Jahrhundert wagte man in den Großstädten, die bishin wöchentlich erscheinenden Zeitungen täglich erscheinen zu lassen und den trockenen Nachrichten Raisonnements beizufügen. Wenn die Fürsten und deren Diener in der regalistischen Epoche vor- ~ fr Merc»» , . . , . tiliSmuS. »»glich darauf bedacht waren, die Staatseinnahmen zu vermehren, so trat m der mercantilistischcn Epoche der Sorge für das Wohl der Regierenden die Rücksicht auf das Gedeihen der Regierten an die Seite. Uner schütterlich setzte sich die Überzeugung von der Solidarität der Fürsten und Völker fest. Was man gemeinhin MercantiliSmuS oder Mercantilsystem nennt und vom freihändlerischen Standpunkt aus bis in den Höllengrnnd verdammt, war weder ein Stock vorgefasster, eigensinnig sestgehaltener Doctrinen, noch ein verderbliches Product des Irrwahnes und der Despoten laune, sondern das Mercantil- oder Handelssystent entwickelte sich um die Mitte des 17. Jahrhundert aus den Verhältnissen der rivalisierenden StaatenLeistungen der Europas sozusagen von selbst; eS trug seine Berechtigung in sich, weil cs ' drei oder mehr Generationen volkswirtschaftlichen Nutzen brachte. Der Mercantiliömns hat vielen Nationen oder Staaten überhaupt erst eine eigene, unabhängige Schiffahrt (Rhederei), einen auswärtigen Handel, Colonialbesitz und vor allem eine heimische Großindustrie geschaffen; im Zeitalter des Mcrcantilismns haben die Mittelclassen an Capital besitz und Kopfzahl zngcnommen, und, was höher anzuschlagen ist, durch die Erziehung von oben wirtschaftliche und geistige Mündigkeit erlangt. Als die Welt so weit fortgeschritten war, so bahnte sich erst das Verlangen nach schrankenloser Freiheit, das Princip des wirtschaftlichen Individualismus oder der absoluten Freiwirtschaft siegreich den Weg. Die mercantilistischen Ideen sind nicht, wie die heilige Kaaba, vom Himmel Mermn», gefallen, sondern waren bis zu einem gewissen Grade die leitenden Wirtschaftsgedanken u '“ ,(t,c der Stadtrepubliken und Zwergverbände des Mittelalters gewesen. Auch Fürsten größerer camifevortir Länder trieben unbewusst eine Handelspolitik, die später den speeifischen Namen des MercantiliSmuS erlangt hat (z. B. Eduard III., Richard II., Heinrich VII. von England, Jsabella von Kastilien). Als die lange vorhandenen Ideen auf das Gebiet der modernen Großstaatenpolitik übertragen wurden, da nahmen sie freilich ein verändertes Aussehen an. Es war selbstverständlich nicht gleich, ob Frankreich und England sich zu Kolberts oder Khathams Zeiten durch Schutzzölle, Handelsverbote, Kolonialkriege den mercanti-III. Abschnitt. Das indo-atlimtische Zeitalter (Neuzeit). 170 listischen Standpunkt klar machten, oder ob Ulm und Regensburg einander vom Wiener Markt zu verdrängen suchten. Tchematik der Die wirtschaftspolitischen (auf Handel, Gewerbe und Ackerbau bezüglichen) Maß- I„ercant,ust>- tzjx j„ öcr Mercantilepoche (d. i. von der Mitte des 17. bis gegen das Ende ,che„ Ndw». ^ Jahrhunderts) nach concretem Bedarf von den einzelnen Regierungen gehandhabt ivorden sind, lassen sich ungefähr ans folgende nbstracte Gedankenschemen zurückführen: Götzendienst 1. Die Einfuhr von Edelmetallen soll auf jede Weise befördert, die Ausfuhr des Geldes. j,erfeI6en möglichst verhindert werden, denn jede Vermehrung des Barvorrathes be deutet eine Vermehrung, jede Verminderung eine Verminderung des Nationalvermögens. Theorie der Z. Unter allen Umständen soll die Gesammteinfuhr kleiner sein als die Gesammt- ^biimr Ausfuhr; dies ergibt eine günstige Handelsbilanz — das höchste Ziel der Wirt- " schaftspolitik, iveil der Activsaldo einen reinen Zuwachs des Nationalreichthums bildet. Politik des Dementsprechend soll der Import ausländischer Gewerbserzeugnisse - der das meiste Außcit Abld aus dem Lande lockt — erschwert oder verhindert lverden (hohe Einfuhrzölle, hondrlo, ^kuhrverbote), wogegen der Export inländischer Fabricate, um bares Geld ins Land zu ziehen, möglichst befördert werden soll (keine oder geringe Ausfuhrzölle, des Ä»»e»- Ausfuhrprämien). 3. Dem inländischen Handel mit in- und ausländischen Producten hniidets. )nu jg ^ er j unere Aiarkt von fremder Concurrenz, die den Handelsgewinn ins Ausland tragen würde, freigehalten und ihm auch sonst Erleichterung verschafft werden (thunlichste pndilstrie Beseitigung der inneren Zollschranken). 4. Zur Versorgung des inländischen Marktes und der auswärtigen Absatzgebiete und, um den geldräubenden Import aus der Fremde überflüssig zu machen, muss die vorhandeüe Industrie ermuntert, durch Zölle geschützt und müssen Gewerbszwcige, die dem Lande noch fehlen, ins Leben gerufen werden (Errichtung von Staatsfabriken, von Kunst- und Gewerbeschulen, Prämien, Vorschüsse, Preispolitik. Steuernachläffe, Berufung von sachverständigen Ausländern rc.). 5. llm die Kauflust der Consumenten zu beleben und die auswärtige Concurrenz zu überwältigen, muss die heimische Industrie möglichst wohlfeile und gute Ware erzeugen; deshalb Lebensmittel Ulüffen a) Lebensmittel für die Arbeiter, Roh- und Hilfsstoffe für die Production und Rohstoffe. denkbarst niedrigen Preisniveau gehalten werden, also dürfen sie nicht Löhne, ausgeführt werden, Ivogegen man ihre Einfuhr befördern soll (Zollfreiheit); b) damit das Gewerbe wohlfeil producieren könne, werden nicht bloß Preis-, sondern auch Lohn laxen erlassen, d. h. die Löhne herabgedrückt; man setzt der Vermehrung der Arbeitszeit, Capitol, per Kinder- und Frauenarbeit keine Schranken; v) um desselben Zweckes willen sorgt die Regierung für billiges Capital (Banken, Vorschüsse, Zinstaxen, Wuchcrgesetze); d) damit keine minderwertige Ware auf den Markt komme, werden Vorschriften Colonial (Reglements) über Herstellung und Beschau der Fabricate erlassen. 6. Besitzt der poluit. @ taQt ^ine Colonien, so liegt es im Interesse der Volkswirtschaft, die Einfuhr der kostspieligen Colonialwaren zu beschränken, ja zu verbieten. Der Besitz von Colonien ist nicht bloß wegen des Handels mit exotischen Reiz- und Gennssmitteln wünschenswert, sondern auch weil sie Absatzgebiete für den heimischen Geiverbfleiß sind und dem Inland ihre Rohstoffe als Gegenwerte liefern, llm dieser Vortheilc willen hat die Politik in den Colonien das Aufstreben der industriellen Thätigkeit niederznhalten und den Handel mit ihnen gegen das Ausland abzuschließen (restrictives Colonial- Handeksvcr syst ein). 7. Um dein eigenen Lande alle Vorthcile bei der Ausfuhr und bei der nage. Eüifnhr unentbehrlicher Artikel zu sichern, sollen Handelsverträge geschlossen werden; es gilt als höchster Triumph der mercantilistifchen Diplomatie, dabei den anderen Vertragstheil zu übervortheilen.7. Capitel. Die niederländisch-britische Periode. 171 Der Mercantilismus ist ein System zum Vorthcil des Gewerbes und des Handels aus Kosten der Landwirtschaft, zugunsten der Wirkungen Kapitalisten auf Kosten der minder bemittelten und arbeitenden Classen. » Nur Kausleute, Industrielle und Rentner finden dabei ihre Rechnung, sc reicher sic sind. Durch den Mercantilisinus ist der längere Zeit von den bevorrechteten Classen (Adel und Geistlichkeit) zurückgedrängtc Bürgerstand der Tiers-etat, die Bourgeoisie) gckrästigt und zu seinen künftigen Erfolgen präpariert worden. Aus dem Stadt- und Zunstbürgcr früherer Zeiten wurde im 17. und 18. Jahrhundert der Staatsbürger, der seine politische Charakter losigkeit lPhilisterei) immer mehr abstrcifte. Die ganze schwere des mer cantilistischen Jndustrieschntzes traf die Landwirte, zumal die Bauern, welche die größte Steuerlast zu tragen hatten, von Industriellen und Händlern aus gebeutet wurden, ohne dass sie die Möglichkeit hatten, die Producte des Ackerbaues angemessen zu verwerten. Bon einsichtigen Landwirten ist denn auch die freihändlerische Opposition gegen den McrcantiliSmlls aus- gegangen. Kaum minder schwer lag der Druck des Systems auf dein Racken der gewerblichen Arbeiter, deren Interessen denen des kapitalistischen Unternehmers ansgeopfcrt wurden; sie sind schon mit gebundenen Händen in die folgende Periode der freien Concurren; cingctreten. 8 40. Handelspolitik und Handel der europäischen Staaten im 17. und 18. Jahrhundert. I. Auf die Ausbildung des Mercantilismus nahm das Beispiel Spaniens und der von Spanien abgesallcnen Niederlande «Holland, die Generalstaaten) dcn größten Einfluss. Holland hatte in der ersten Hälfte des 17. Jahr Hunderts — zur Zeit des dreißigjährigen Krieges und des englischen Bürger krieges — allen Handelsstaaten, trotz der Fortdauer des achtzigjährigen ^reiheitskampfeS, einen Borsprung abgewonnen. Um sich dcö niederländischen Übergewichtes zu erwehren, wandten sich England und Frankreich der mer- cantilistjschcu Wirtschaftspolitik zu, deren Erfolge wieder anderen Ländern dcn Mnth verliehen, dieselben Wege zu wandeln. So bedeutend der Colonialhandel Hollands auch war, der europäische ' bct Handel über traf ihn bei weitem. Auch ans diesem Schauplatz fnnctionierlen HEnder. bevorrechtete Handelsgesellschaften, wie das Collegium für dcn Lcvantehandel, die Kammer zur Direction dcö inoscovitischen Handels, die Directoren für den Ostseehandel rc. Die Holländer hatten sich des nordeuropäischen, Zumal des baltischen Handels, wenngleich nicht ausschließlich, bemächtigt. "ie beherrschten den polnischen Gctrcidchandcl und den Umsatz der russischen Nohprvducte, die sie theilö über die Ostsee, theilS über das Weiße Meer an172 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Zwischen handel. sich zogen. Die Kausleute der eheinaligcii Hansestädte waren großentheils zn holländischen Connnissionären herabgesunken. Gleichwie sich die Niederländer die Stromgebiete des Nordostens dienstbar gemacht hatten, so brachten sie den Rheinhandel bis Basel hinaus in ihre Gewalt; der deutsche Activhandel dieses ganzen Gebietes war ihnen unterthan geworden, denn sie hielten die Rheinmündungen verschlossen. Durch die Scheldcsperre, aus die ihnen der westfälische Friede (1648) einen völkerrechtlichen Anspruch verlieh, wurde der auswärtige Handel der spanischen Niederlande lahmgelegt. Antwerpen war, von Gent oder Brügge ganz zn schweigen, bis zur Auf hebung der Scheldesperre (1795) mercantil so gut als todt. Indem so die Holländer den nord- und mitteleuropäischen Handel dominierten, drangen sie auch in die südeuropäische Zone ein und machten in der Adria wie in der Levante den Italienern, Franzosen, Engländern eine schwer überwindliche Concurrenz. Auf ihren Schiffen führten die Holländer die Erzeugnisse aller Welt- theile herbei. Die ehemals ausgedehntere ccntralenropäische Vermittlungszone war ans wenige Punkte zusammengeschrumpft: Amsterdam, die eigentliche Capitale des Welthandels, Rotterdam, wichtig für den englischen Handel, Utrecht für den deutschen, Vlissingen für den westindischen u. s. w.; fast alle niederländischen Seestädte saitdten auf den Fischfang aus nitd befassten sich mit Rhederei. Zll Colbcrts Zeiten sollen von den 20.000 Fahrzeugen der europäischen Handelsmarine 15—16.000 den Holländern gehört haben. Gegen die Allgegenwart der Holländer, gegen die Überlegenheit ihrer Marine und Dauer der Rhedcrei bäumten sich schon um die Mitte des 17. Jahrhunderts Selbstgefühl Handelsbwte. >lnd Interesse der benachbarten Engländer und Franzosen auf. Da jedoch die Republik der Generalstaaten von den ihr zugedachten Schlägen nicht auf einmal getroffen wurde; da der transoceanische, der Ostsee- und Mittelmeer- handel darunter nicht litten; da ferner die holländische Industrie einen großen Aufschwung nahm: so war von einem Rückgang Hollands im 17. Jahr hundert nichts zu merken, und erst im zweiten Drittel des 18. Jahr hundert zeigten sich Symptome, die bewiesen, dass der kleine Staat mit seinen veralteten munizipalen und provinziellen Sondereinrichtungen im Rück gänge begriffen sei. Schon im 17. Jahrhundert war Holland zu dem beneidenswerten Lose ansersehen, das reichste Land Europas zu sein und an Capitalstauungen zu leiden. Es wurde der elastische Boden für Anlehen im großen Stil, nament lich Staatsanlchcn, und für den Effectenhandel. An der 1608 er- «msterdamerdichteten Amsterdamer Börse concentrierte sich das internationale Geschäft mit Staatspapieren, Actien, Wechseln, Valuten. An Veränderlichkeit der Capital- reichthum.7. Kapitel Die niederländisch-britische Periode. 173 Course und Verwegenheit der Speculationen steht die Börse des 17 . hinter der des 19. Jahrhunderts kaum zurück. Mit der Amsterdamer Börse hat der berüchtigte Tulpenschwindel, der D. Tulpm- namentlich in den Dreißiger-Jahren des 17. Jahrhunderts grassierte, nichts zu schaffen. Für die Slgiotage mit den Zwiebeln dieses an Spielarten reichen Gewächses bildeten sich in allen holländischen Orteii, aber auch weithin bis Paris und London, Winkel börsen. Im Jahre 1637 kam die Panik znm Ausbruch; die Course der masicuweise aus den Markt geivorfeneii Tulpen sanken, bis ziileht die Knallen wertlos geworden waren und viele Leute, ja Korporationen bei dem Schwindel ihr Vermögen eiiigebiißt hatten. ^ Gleich der Amsterdamer Börse war auch die Amsterdamer Bank «m-r ein vielfach nachgeahmtes Institut; sie bestand als Wechsel-, Hinterlege- und Umschreibebank von 1609—1819. Alle mittelalterlichen Banken, mit Einschluss der genuesischen S. Georgsbank, T>- waren Privatbanken gewesen. Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde m ~ n Italien das Bankwesen verstaatlicht. Die erste Staatsbank war der Banco di Walto, eine 1587 in Venedig errichtete Giro- oder Ilmschreibebank, der alsbald eine zweite, Banco Giro, zur Seite trat. Auch die Amsterdamer Bank wurde von Staats- Wegen gegründet, „damit in ihr sowohl der Handwechsel der Geldstücke ivie die Ca,sa- lührung concentriert und die Thätigkeit der wenig zuverlässigen Privatbetriebe über flüssig werde". Die Gefahr für die Existenz oder doch für die tadellose Ge,chäftssührung dieser Staatsbanken bestand darin, dass sie den Regierungen, die ihnen Privilegien ertheilt hatten, Gelder vorzustrecken genöthigt wurden. Auch die Amsterdamer Bank schadete durch Darlehen an die ostindische Compagnie, an die Stadt Amsterdam u. s. w. ihrem Credit. Während der französischen Revolution kam sie ins Schwanken, bis sie 1819 aufgelöst ivilrde. II. Die Opposition gegen die Niederländer steckte den Briten schon lang in allen Gliedern; nur aus Rücksichten der politischen Allianz gegen Spanien englisch« »nt, kam sie nicht zum Ausbruch. Streitigkeiten über die Fischerei führten den ersten Conflict zwischen England und den Generalstaaten herbei. Im Jahre 1636 vertrieben englische Schiffe die holländischen Fischer aus den britischen Ge wässern. Im Drange der Selbsterhaltnng neigte sich die Nation jenem sremdcn- feindlichen Schutzsysteme zu, das alsbald verwirklicht werden sollte, wogegen Holland, als die stärkste Sec- und Handelsmacht, den Grundsatz der freien Schiffahrt (mare liberum), des Freihandels überhaupt, vertrat. Noch schwerer war es für Großbritannien zu tragen, dass während der großen Revolution 1642—1651) der Verkehr zwischen England und seinen Eolonien durch holländische Kauffahrteischiffe vermittelt wurde, ja mehrere Eolonien eine bedenkliche Hinneigung zu den Generalstaaten zeigten. Da fuhr Oliver Crvinwcll mit seiner Navigations-Acte von 1651 dazwischen, einem Rösume aus alten Gesetzen und neuen Anregungen. Eie 9iabi , Die Navigations-Acte Cromwells umfasst vier wesentliche Punkte. ,,1- „ gatwnäacte asiatischen, afrikanischen oder amerikanischen Ursprungs, se, es aus britischen 1651 . Kolonien oder aus anderen Gebieten, nach England und Irland nur au, Lchnten174 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). eingeführt werden dürften, die britischen Unterthanen gehörten und der Mehrzahl nach mit solchen bemannt feien; 2 . dass die ans europäischen Ländern stammenden Waren nur eingeführt werden dürften ans englischen Schiffen oder auf Schiffen des Ursprungs landes oder des Landes, in dessen Häfen die Waren zuerst eingeschifft werden können und herkömmlicher Weise zuerst eingeschifft werden, und auch die englischen Schiffe sollen fremde Waren nur aus dem Ursprnngslande einführen, nicht also etwa aus holländischen Niederlagen; 3. wird die Einfuhr von gesalzenen Fischen aller Art nach England und den Colonien verboten, sofern die Fische nicht auf englischen Schiffen gefangen sind; 4. wird der Ausschluss aller fremden Fahrzeuge von der Küstenschiffahrt erneuert ausgesprochen." Erweite- Nach der Restauration des Stuart'schen Hauses wurde die Navigations-Acte rungen der zweimal nmredigiert (1660 und 1664) und mit Zusätzen versehen. Die Ergänzungen 9iobiphmui vorzüglich den Handel mit den Colonien, die nun systematisch allen Nicht engländern versperrt wurden. Desgleichen brachte man die seit alten Zeiten bestehenden Differentialzölle zu Ungunsten der Ausländer ivicder in Erinnerung. Epoche der Die Cromwell'sche Schiffahrts-Acte hatte einen herausfordernden Cha- rakter. Sic war eine den seefahrenden Nationen ins Gesicht geschleuderte Kriegserklärung. In der That hatte England das lebendigste Interesse, mit den Holländern den Kampf um Selbständigkeit und Vorherrschaft im Welt handel zu wagen und gegen Spanien von der Defensive des Elisabethinischen Zeitalters zur Offensive überzugehen (Eroberung Jamaicas 1658). Holländisch- Zwischen Eirgland und Holland bildete sich im Laufe dieser zwanzigjährigen englischeZwei- Kriegsepoche eine Art Gleichgewicht ans. Die Überlegenheit der kleinen Föderativ herrschast. ve p„(,(if Ivnr nnmerklich verschwunden. Ohne die geringste Einbuße jn erleiden, ja bei stetiger Zunahme seiner wirtschaftlichen Blüte theilte das fortan mit England ver bündete Holland mit diesem auch seine Handelsherrschaft. An die Stelle der niercantilen Monarchie war eine Dyarchie getreten. Aber sie hatte keinen Bestand; denn Frankreich und die aufstrebenden Staaten Mittel- wie Nordeuropas trachteten nach Unabhängigkeit von der holländisch-englischen Suprematie. Bei diesem Wettkampfe trat das kleine Holland immer mehr in den Hintergrund neben den großen Mächten der Zeit. Krieg mit Den Hauptinhalt der englischen Handelspolitik seit Ende des 17. Jahr- u,!dFncdemit Hunderts bildete der Kampf gegen die Franzosen, der mit Tarifen und Holland. Kanonen geführt wurde. Seitdem die Stuarts cndgiltig vertrieben worden waren und Wilhelm III. von Ornnien den Thron bestiegen halte (1688), hörte jeder Zwist mit Holland auf; die beiden „Seemächte" erschienen durch nahezu hundert Fahre unzertrennlich gegen das System der französischen Allianzen verbündet. Englisch Iran Gerade dass die beiden letzten Stuarts (Karl II. und Jakob II.) ans Freundschaft fiir die Franzosen die handelspolitischen Interessen Englands wiederholt verletzten, gehörte zu den Hauptnrsachen ihrer Unpopnlarität. Schon seit Jahren hatte nämlich Eolbert die Einfuhr englischer Waren verboten, während gleichzeitig das Jnselreich mit französischen Luxusartikeln überschwemmt wurde. Lange zögerte Karl II., die erforderliche Gegenmaßregel7. Kapitel. Die niederländisch-britische Periode. 175 zu ergreifen und die Einfuhr französischer Jndustrieerzeuguisse zu verbieten; endlich fügte er sich den Wünschen der Nation (1678), die durch die ungünstige Handelsbilanz (von jährlich 20 Millionen Francs) aufgeregt worden war. Als Jakob II. auf den Thron kam, hob er die Einfuhrverbote seines Vorgängers auf, welche nach der Vertreibung Jakobs II. von Wilhelm III. sofort wieder erneuert wurden. Die merccmtilistischen Grundsätze kamen nun »g in der englischen Handelspolitik zu lang andauernder Geltung. Von den hohen ' Schutz- und Differentialzöllen, sowie Einzelverboteit ausländischer ,valmcatc gieng man zu einem universellen Prohibitiv- oder Verbotsshstem über, es wurde selbst aus indische Seiden- und Bamnwollstofsc ausgedehnt. Hin wiederum beförderte man die Einfuhr ausländischer Rohstoffe und verbot die Ausfuhr der inländischen Productc, wenn sie für die FabricatioirWert hatten. 1721 wurden nicht weniger als 106 Gattungen britischer <valnicatc von jederlei Ausfuhrzoll, 38 Species fremder Rohstoffe von den Einfuhrzöllen befreit und ans die Einfuhr von Schiffsbauinatcrialien Prämien ausgesetzt. Gegensatz zum Eontinente vermochten die Landwirte Englands, trotzdem hier, wie überall, Handel und Industrie bevorzugt wurden, ihre Interessen zu agrarische» wahren; denn die agrarischen Interessen waren durch eine große poli- v'.tmm». tische Partei im Parlamente vertreten, durch die Lori es, die auch dann, wenn ihre Gegner, die Whigs — d. i. die Partei der Großhändler, Indu striellen, Rentner —, am Ruder waren, berücksichtigt werden mussten. Ein solches alle ProductionSzweige (nicht allein die Industrie nebst dem Handel' umfassendes Schutzsystem nennt man Solidaritätssystem, das demnach bei ^en Engländern zuerst in Wirksamkeit getreten ist. ^ \ Der europäische Handel Englands während des >7. und 18. Vahr-) D» Hunderts war im Rorden durch die holländische, im Süden durch die fr an ^>» 0 »»^» zvsische und holländische Cvncurrenz beengt; noch mehr hatte er zu leiden, als die mercantilistischen Ideen auch in denjenigen Ländern zu Regiermrgsgrund- satzcn geworden waren, wo Briten und Holländer bisher ihre nrercantilc Öbcrlcgcnheit am nachdrücklichsten geltend gemacht hatten. Ammeistengerieth Portugal in die Klauen des britischen Leopard-,-. 0,- war dies eine Folge des bekanntesten unter den Handelsverträgen der Mercantrlepoche, de, nach dem englischen Unterhändler sogenannten Methueu-Vertrages von '06. Portugal hob in dem Vertrag das bestehende Verbot der Wollmarenernfnhr aus schließlich zugunsten Englands ans, wogegen dieses sich verpflichtete, portngreivchen Wein mit einem um ein Drittheil niedrigeren Zollsatz 3 n belegen, als französischen, tatsächlich gieng die portugiesische Textilindustrie seit 1706 zugrunde und der eng- l'lche Import vervielfachte sich. Erst als Pornbal dem englischen Einfluss durch "rereantilistische Maßregeln entgegemvirkte, verminderte sich der englische ^npor . wogegen der Export portugiesischer Erzeugnisse nach England znnahm. .e> Methnen- Beitrag ist 1830 aufgehoben worden. Portugal.176 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Verbesserung Zur Beförderung des Innenhandels in England und Schott- tal ( 2“' 111 land — Irland wurde handelspolitisch zum Ausland gerechnet — geschah seit Cromwell einiges, aber nicht viel. Ata» verbesserte Straßen und Post- einrichtungen (Eilpost). Das 18. Jahrhundert brachte dann die ersten groß artigen Leistungen im Canalbau hervor. emmic. In den Niederlanden und in der norditalienischen Tiefebene waren schon im späteren Mittelalter bemerkenswerte Canalbauten zustande gekommen. Die wichtige Erfindung der Kammerschleuscn scheint bereits dieser Periode anzngehören. Die Niederländer blieben auch in der Neuzeit die Meister der Wasserbaukunst. In England Bridgcwater- gixug der Canalbau von der Initiative des Herzogs von Bridgemater ans, der Canal. f e { ne j n f, er sjjälje von Manchester gelegenen Kohlengruben nicht verwerten konnte, weil sich der Landtransport nicht rentierte. Jn I. Brindley fand er den Mann, der die Bergwerke mit Manchester und diese Stadt mit Liverpool durch einen technisch bewundernswerten Canal in Verbindung setzte, welcher den Namen Bridgemnter- canal führt. Derselbe Herzog ließ auch den Grandtruukcanal erbauen, durch den Hüll mit Liverpool, also die Nordsee mit der Irischen See verbunden wurde. Capital Leit Cromwell und der Restauration sammelte sich in Großbritannien uborflnia. ^ ( 5 n pj ta £ Wer sich nicht in mitunter riskierte Geschäfte einlassen wollte, wusste mit seinem Gelbe nicht wohin. Der Hypothekarcredit war gesättigt, der Landbesitz und die Papiere der wenigen Aeticngescllschaften befanden sich in festen Sünden. Um 1688 erzeugte der Capitalsüberfluss bereits das krankhafte Phänomen des Gründerschwindels; Betrüger entlockten leichtgläu bigen Mitbürgern Geld zu den wahnwitzigsten Projecten, die natürlich in kürzester Zeit wie die Seifenblasen (Bubble«) zerplatzten. Glücklicherweise wurde gerade damals dem tobten Capital eine Verzinsungsmöglichkeit geboten, die ans dem Continente (in Italien, Frankreich, Holland) nichts Neues war: durch Darlehen an den Staat. Das Jahr 1692 ist nämlich das Geburts- Die englische jahr der englischen Staatsschuld, ihr Urheber der whigistische Schatz- Staatoschuw. 9Qj on t a g Ue . Den Gläubigern wurde eine anfängliche Verzinsung' von 10 Procent und die Rückzahlung nach einem verwickelten Amortisationsplan zugesichert. Mit einer Million Pfund Sterling hat die Staatsschuld angc- fangen; sie vermehrte sich bis zum Utrechter Frieden (1713) auf 50, biö 1748 auf 80, biö 1763 auf 140, bis 1783 auf 240, bis 1815 auf 800 Millionen Pfund Sterling n. f. w. zur Wonne aller Rentner, denen der Staat regelmäßige Zinsen bezahlte, die ferner gut whigistisch (i. e. nnti- stuartisch) gesinnt und gar nicht friedliebend waren, da der Krieg neue Schulden, also Anlagepapiere mit eventuell höherer Verzinsung nach sich zog. Durch den Handel mit Staatsschuldverschreibungen (Stock jobbing) re. wurde die Londoner Börse eine Nebenbuhlerin der Amsterdamer. Gründling der Dem fortdauernden Finanzbedürfnisse des im Krieg mit Frankreich England" befindlichen Staates verdankt England sein größtes Geldinstitut, das angc-7. Capitel. Die niederländisch-britische Periode. 177 sehcnstc der Welt, die noch einem Plane des Schotten William Paterson unter der Ägide ÄiontagueS 1094 gegründete Bank von England. Dieses Institut hat allmählich die Verwaltung der Staatsschuld übernommen, cs ist der Banguicr und Cassicr des britischen Reiches geworden. Das englische Bankwesen war, mit dem holländischen »nd italienischen ver- cli n glichen, im 17. Jahrhundert noch weil zurück. Erst seit der Restauration (1660) ließen sich die Londoner Kauflentc herbei, ihr Bargeld bei den damaligen Banqniers, den Goldschmieden der Lombard streck, zu hinterlcgen und durch Anweisungen aus ihre Depots die laufenden Geschäfte zu erledigen. Allein diese Privatgirobanken ge- nassen, namentlich in gefährlichen Zeiten, nicht da? erforderliche Vertrauen. Da verfiel Montagne auf den Gedanken, ein neues Anlehen von zwölshunderttausend Pfund >»> besonders schmackhaft zu machen, dass er den Gläubigern Bankprivilcgien in Aussicht stellte. Wirklich bekam er das Geld zu dem für damals niedrigen Zinsfuß von 8 Pro- IUU ccnt, wogegen nun die von Paterson als Aktiengesellschaft eingerichtete Bank ins Leben trat. Die erhielt das Recht, Bankgeschäfte aber nicht Handel zu treiben, aus genommen den Handel mit Gold, Silber, Wechseln und nicht eingelösten Pfändern. Der Bank wurde verboten, dem Staat ohne Ermächtigung des Parlamentes Geld vorzustrecken. Damit keine andere große Bank neben ihr entstehe, wurde die Be stimmung getroffen, dass keine Gesellschaft von mehr als sechs Personen Bankgeschäfte betreiben dürfe. Bon besonderer Wichtigkeit war die Function der englischen Bank als Zettel- oder Notenbank. Tie Banknote stammt ans der Heimat aller großen kommerziellen Erfindungen- Baukosten, aus Italien. Im 15. Jahrhundert gab es in Venedig contadi di banco, seit dem 16. Jahrhundert in Genua segni representativi der S. Georgsbank, welche an Geldes staat circulierten. Auch die Londoner Goldschmiede stellten Anweisungen auf die bei ihnen erliegenden Schätze ans, welche Anweisungen jederzeit von dem Inhaber bei dem Goldschmied gegen Bargeld umgeivechsclt werden konnten (goldsmiths notes). Genau so '»achte es die Bank von England. Anfänglich gab sie keine Note unter 25 Pfund Ster ling ans, erst nach der Mitte des 18. Jahrhunderts emittierte sie H »= und 5-Pfundnoten. Die Zettelemission wurde, da die Bank von England kein Zettelmonopol besaß, mit Vorliebe von den kleinen, pilznrtig aufschießenden Privatbanken betrieben, bis die Krisen der Revolutionszeit (1792/3) sic hiuwegfegten. Desgleichen verlegten sich die s ch o t t i s ch e n Banken auf die Notenemission: sie giengen in der Stückelung bis zu wenigen Pence herab, worauf die Einpfundnotc als der gesetzliche Minimalappoint fixiert wurde. Eine Episode and der Geschichte der englischen Staatsschuld hängt - ut,| ' re ursächlich mit der ersten großen Krise zusanimcn, dein sogenannten Lnd- secschwlndcl, welcher mit der Katastrophe des Jahres 1720 endigte und ein Seilcnftück zu der gleichzeitigen Law'schen Krise in Frankreich bildet. Im Jahre 1711 war wiederum eine politische Handelsgesellschaft gegründet worden, die Südfeecompaguie, der 1713 die Realisierung des Affieutovertrages übertragen wurde. Sic machte jedoch keine guten Geschäfte. Da erbot sic sich, die Zurückzahlung der unter Wilhelm Hl. und Anna geschaffenen unkündbaren Annuitäten ;n übernehmen, und behielt gegenüber den Anerbietungen der Bank von England den lieg. Die Aktien der Südsccgefcllschast begannen zu steigen, und sofort bemächtigte äch eine tolle Begierde, von dem Steigen dyr llourfe 1" profitieren, aller Kreise. Mayr, Lehrbuch der Handelsgcichichte. 12178 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Frankreich und der Colbertismus. Befreiung von der hollän dischen Hege monie. Frankreich vor Colbert. der That stiegen die Papiere der Südseecompagnic von 120 bis 1000, so dass die kleinen Leute an der Agiotage sich nicht weiter betheiligen konnten. Dies war der Moment, wo die „Bubbles" wieder in der Sonne lustig zu schimmern begannen. In (.'hange Alley, dem Londoner Börsenplatz, gab es nun ein wüstes Drängen, um gegen gutes Geld auch eines der Papiere zu erhaschen, die dem Inhaber eine märchenhafte Bereicherung in Aussicht stellten. Vergeblich erließ die Regierung ein Verbot wider dieses unsolide Treiben (die sogenannte Bubbles-Acte). Da durch die Schwindel emissionen die Südsecgesellschaft verhindert wurde, ihre Actien noch mehr zu haussieren, so begann sie gerichtlich gegen die wilde Concnrrcnz einznschreiten. Von neuem griff die Regierung mit einem Erlass ein, dein Loire faeias. Die Wirkung blieb diesmal, ivo es schon viele Betrogene gab, nicht ans. Im Nn waren die Bubbles zerplatzt, die Faiseurs mit den eventuell eingezahlten Geldern verschwunden, aber auch die Südseeactien fielen unaufhaltsam. Zahlreiche Bankrotte und ruinierte Privatexistenzen bezeichneten die Tage dieser Baisse. Endlich griff das Ministerium Walpole vermittelnd ein: die Südseegesellschast wurde ihrer Verpflichtungen gegen die Regierung entbunden, und die Inhaber ihrer Papiere wurden mit einer 33procentigen Quote abgefunden. Die Compagnie fristete dann noch bis 1748 ihr unersprießliches Leben. lll. Daö klassische Land des Mercantilismus und der staatlichen Bevor mundung des wirtschaftlichen Lebens ist Frankreich. Als den classischen Vertreter der mercantilistischen Wirtschaftspolitik hat man in der Folgezeit mit Recht den Generalcontrolor der Finanzen, Jean Bapt. Colbert, den Sohn eines wohlhabenden Kaufmannes aus Rheims, betrachtet. Seine Wirk samkeit fällt in die Jahre 1661—1683. Der Begriff Colbertiönius gilt noch jetzt als'identisch mit dem Begriffe Mercantilismus. „Die früheren Handclsmächtc waren dadurch emporgekommen, dass sie den allgemeinen Verkehr von einem Hasen, einer Küste, einem Lande zu dem anderen vermittelte»; wie die italienischen Republiken, so die deutsche Hanse. Holland übertras, absorbierte sie alle, indem es die Vermittlung zwischen den verschiedenen Welttheilen übernahm. Der Sinn der Franzosen war es nicht und konnte cs nicht sein (wie es die Engländer thaten), hierin mit den Holländern zu wetteifern, die Waren einer Zone nach der anderen zu tragen. Sic wollten vor allem sich selbst von dem Zwischenhandel ihrer Nachbarn befreien, den Gewinn, der diesen aus dem Verkehr mit französischen Produkten oder Erzeugnissen erwuchs, für sich selbst ziehen;' in der Entwicklung der commerziellen Kräfte sahen auch sie jetzt einen Hebel ihrer politischen Macht. Mit gewaltiger Hand griff der Staat in die Bahnen des freien Handels ein, um die commerziellen Kräfte des Landes von der Herrschaft zu befreien, welche eine andere Nation, die dadurch politisch mächtig wurde, über sie aud- iibte, und derselben eine concentrische Richtung nach dem Innern des Reiches zu verleihen." Der Aufschwung Frankreichs in der Renaissancezeit wurde durch die.Hugenotten- kriegc (1562—98) zunichte gemacht. Heinrich IV. und sein vortrefflicher Minister Sulli)7. Capitel. Die niederländisch-britische Periode. 179 12* brachten, als der innere Friede hergestellt war, die Finanzen und die Landwirtschaft ivieder in Flor; hierbei entfielen auch einige Seitenblicke ans Handel und Gewerbe. Die politisch so ungemein wichtige Epoche RichelieuS und Mazarins hatte für wirt schaftliche Angelegenheiten wenig Sinn. In all der Zeit, da der Handel und das Gewerbe Frankreichs ganz sich selbst überlassen war und den freiesten Spielrauni gehabt hätte, sich selbständig zu entwickeln, thaten die Handel- und Gewerbetreibenden so gut wie nichts. Der locale und provinzielle Geist, der in den Jahrhunderten'des Mittelalters so schöpferisch gewesen war, brachte die französische Volkswirtschaft nicht mehr vom Flecke. Da kam Colbert und wurde, ausgerüstet mit der Allmacht des (Soibevt. absoluten Einheitsstaates, der wirtschaftliche Erzieher und Regenerator seiner Nation. Bon den Finanzen ausgehend, bezog Eolbcrt alles wieder auf die Finanzen; aber dabei schuf, belebte, befreite er die Marine, den auswärtigen Handel, das Colonial wesen, den Innenhandel, das Communicationswesen, die Groß- und Luxusindustrie Frankreichs. 1. Marine. Als Colbert sein Amt antrat, bestand die französische Kriegs-Kriegsmarine, slotte aus ein paar halbverfaulten Schiffen. Bei seinem Tode zählte sie an die 300 Fahrzeuge, besaß eine conscribierte Bemannung von ausgezeichneter Beschaffenheit und hatte sich im Seekrieg (1672—78) bewährt. Zu Brest, Rochefort, Havre u. s. w. wurden Seearsenale und Schiffswerften errichtet. Selbst auf den Schutz der Hoch- wälder war Colbert um der Flotte willen bedacht. Obwohl er den Bau von Kauffartei- Handelsflotte, schissen im Jnlande durch Prämien ermuthigte, so legte er dennoch dem Ankauf von fertigen, im Ausland gebauten Schissen nichts in den Weg, die alle Begünstigungen französischer, d. i. in Frankreich gebauter, zu zwei Dritteln mit Franzosen bemannter Fahrzeuge genossen, wenn über den Kauf ein notarieller Act vorgelegt werden konnte. Fremde Schiffe mussten das ans der Zeit vor Colbert stammende Oroit de fret (Tonnengeld), entrichten, d. h. eine Taxe von 50 SouS pro Tonne bei der Ein- und Ausfuhr. 2. Der auswärtige Handel wurde durch privilegierte Compagnien be- Privileg, erte trieben, unter denen die ostindische für den asiatischen, die westindische für den Ha»dels- amerikauischcn Handel Wichtigkeit hatten. Der Mittelmeerhandel wurde in die Hände 9e ^ fl ' cf|n ' tcn ' «itcr levantischcn, der baltische in die einer nordischen Gesellschaft gelegt. Nach Colberts -rod fuhr man mit der Errichtung von Handelscompagnien fort; doch ist keine derselben ZU sonderlicher Blüte gelangt. Die Acticn dieser Handelscompagnien befanden sich ZU einem Drittel, ja bis zur Hälfte in den Händen der Regierung, die auch ihre wohlhabenden Beamten nöthigte, an den Subscriptionen theilzunehmen. Dagegen tagten Handelsstand und Privatcapitnlisten ihr Geld nicht gern in Compagnieactien an. -"rch ein freisinniges Entrepät- (Niederlag-) und Transitsystem suchte Colbert b>e französischen Häfen zu heben. Marseille wurde Freihafen und erhielt das Monopol bcs Levnntehaudels. Zum Schutz und zur Förderung der heimischen Industrie wurde Zollst,stc»,. bie Einfuhr ausländischer Fabrikate durch hohe Zölle und Verbote restringiert. In dieser Hinsicht ist der Zolltarif des Jahres 1667 von typischer Bedeutung, selbstverständlich wurde die Ausfuhr französischer Fabrikate durch Zollermüßignngcn und Prämien ermuntert, die Hochseefischerei begünstigt, endlich der Export von indu striellen Rohstoffen untersagt. Die aus Sullys Zeit stammende Freiheit der Getreide- Mtrelde- ausfuhr hob Colbert auf. Nur bei sehr reichen Ernten durfte fernerhin Getreideerport (|a " bel - stattfinden; war er ausnahmsweise gestattet, so musste ein Zoll von 22 Livres pro Muid bezahlt werden, wogegen der Einfuhrzoll bloß 2'/? Livres betrug.l 80 OL Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Colonial- handel. Neduction der Binnenzölle. Chausseen und Canäle. Handelsrecht. Unglücks Periode. Finanz operationen zum Nachtheil der Staats- gläubiger. John Law. 3. Ter Handel mit den Kolonien wurde 1670 den Franzosen ausschließlich Vorbehalten; fremde Schisse liefen Gefahr, confisciert zn werden. Auch durften die colonialen Producte ans französischen Schiffen nur nach französischen Häfen gebracht und bloß französische Waren ans französischen Häfen in die Kolonien unmittelbar ver frachtet werden. 4. Dem Innenhandel hat Kolbert durch die theilweise Beseitigung der provinziellen und mu nicipalen Zollschranken einen wichtigen Dienst geleistet. Ans finanziellen Rücksichten waren die jüngeren Provinzen: die Provinces reputees Itrangeres (darunter die Provence, die Bretagne, Languedoc ic.) und die Provineeü utrangisres effoctives (Elsaß, Metz ic.) von der Zollcinheit ausgeschlossen. 5. Unter Kolbert wurden die ersten Khansseen (Kunststraßen) gebaut. Deren systematischen Ausbau hat erst Turgot in Angriff genommen. Bor allem verdankt Frankreich den Kanal von Languedoc (Canal du Midi), das Werk des Ingenieurs Riguct, dem unermüdlichen Eifer Kolberts. Wenn man geglaubt hatte, dass nun die Schiffahrt zwischen dem Mittelmeer und dem biskayischen Golf sich dieses Ab kürzungsweges bedienen werde, so täuschte man sich; aber dem inneren Verkehr ist das Werk zugute gekommen. Der Epoche Kolberts entstammt noch der Kanal von Orleans. Aus älterer Zeit datierte der 1642 vollendete Kanal von Briare. Dem Zeitalter Kolberts gehören auch einige für den Handel wichtige legislative Schöpfungen an: die Ordonnance d„ commerce (1676), die auch das Wechselrecht ent hält, und die Ordonnance de la marine (1681). Auf ihnen beruht der jetzt noch geltende Code da commerce (1808), der direct oder indirect so ziemlich in der ganzen civili sierten Welt zur Herrschaft gekommen ist. Kurz nach Kolberts Tod erschien der Code nnir (1685), das Gesetzbuch des SclnvcnrechtS für die Kolonien. Kaum war Kolbert rodt, so traf das Unglück die Franzose» Schlag auf Schlag; die Auswanderung der Hugenotten infolge Aufhebung des Edicts von Nantes (1685), der dritte Raubkrieg und der spanische Erbfolgekrieg übten eine verderbliche Wirkung auf die Finanzen und den Wohlstand des Reiches ans. Wenige Fahre nach Ludwigs XIV. Tode (fl715) wurde Frankreich von den Erschütterungen der Law'schen Krise hcinigcsucht (1720). Rach dem spanischen Erbfolgekrieg betrug die schwebende Schuld in Frankreich circa 600 Alillionen Livres. Fn der willkürlichsten Weise, so dass die Gläubiger zwei Fünftel bis vier Fünftel der dargeliehenen Summen verloren, reducierte man die 600 auf 195 Alillionen, für die man neue Titres (Billets d'etat) emittierte. Da der Staats haushalt noch immer nicht ins Gleichgewicht kam, so griff man zur Alünzvcrschlcch terung; eine Chambre ardente (außerordentlicher Gerichtshof) presste den Lieferanten, Steuerpächtern :c. 220 Alillionen ab; all dies machte jedoch die Kapitalisten nur um so weniger geneigt, dem darlehenSbedürftigcn Staat zu Hilfe zu kommen. Um diese Zeit stellte sich dem Prinzregenten, Philipp von Orleans, der Schotte John Law vor und gewann den ncnernngslustigen, geistreichen Alaun für seine Finanzprojectc. Law war ein schwer definierbares Gemisch von überzeugtem Doktrinär (Papiergeld-Fanatiker), Spieler und Kharlatan. Kr hatte das britische und holländische Bankwesen studiert, einige gute nationalökonomische Schriften veröffentlicht und fand nun, nach mehreren Fehlversuchen, endlich Gelegenheit, seine Pläne zu ver wirklichen.7. Capitol. Die niederländisch-britische Periode. 181 1716 erhielt Law ein Privileg zur Gründung einer Giro- und Discont- Errichtung bank ans Actien (1200 Stiict' ä 5000 Livres) mit dem Rechte znr Emission von einlösbaren Sichtnoten, die einem späteren Privileg zufolge von den Staatscassen an Zahlnngsstatt genommen werden mussten. Bald wurde die Laiv'sche Privatbank in eine königliche Staatsbank umgewandelt, so dass nun Law znr Verwirklichung seines kühnsten Gedankens schreiten konnte, alles Metallgeld in die Centralbank zu leiten und im Verkehr durch die Alleinherrschaft des Papiergeldes zu ersetzen. Zn diesem Behufe hatte er noch ein anderes gewaltiges Unternehmen ins Leben Tic gerufen, eine Westcompagnie (Compagnie d’Occident) mit einem Stammcapital MiWawi von 100 Millionen. Die Actien dieser Compagnie — Mississippi-Actien genannt — ->cncu. waren anfänglich schwer unterzubringen und auf ihrem Nennwert (500 Livres) zu er halten. Erst als Law seine heimlichen Gegner beseitigt und die Gesellschaft den Tnbak- pncht von der Regierung übernommen hatte, begannen die Actien zu steigen. Seitdem nahm die Agiotage unaufhaltsam ihren Lauf. Die Gesellschaft erweiterte ihre Geschäfte nnd emittierte zu diesem Zwecke neue Actien, die sogenannten „Töchter", die snmmt den Müttern sofort von 500 auf 1000 stiegen. Als die Compagnie vom Staate die Münzprägung übernahm, so emittierte sie „Enkelinnen", die sammt ihren Vor- gängcrinnen im August 1710 den Conrs von 5000 erreichten. Nun kam der größte, für die Staatsfinanzen wohlthätigste, für das Publicum Übernahme der verderblichste Coup: die Gesellschaft pachtete die Steuereinhebung nnd übernahm die Sinmgvcr- Rückzahlung der Staatsschuld. Die Stnatsglänbiger musstcn die bisher giltigcn'E"^.^^ Obligationen einliefern und erhielten dafür nicht klingende Münze, sondern Law'schc Gn>„d„„ge„. BnnkbilletS, mit denen sie nichts anderes anfangen konnten, wenn sie sie nicht todt liegen lassen wollten, als das Papier dcS Tages, Mississippi-Actien, zu kaufen. Diese Häufe trieben natürlich die Conrse von neuem in die Höhe. Der Schauplatz des Actienhandels war die seit Law historisch berühmte Rue Höhepunkt der Ouincampoir. Der ParoxysmnS des Schwindels stieg in der zweiten Hälfte des AMage. Wahres 1719 und erreichte anfangs 1720 seinen Höhepunkt. Law war Gencralcontrolor bcr Finanzen geworden, die Mississippi-Actien standen auf 18.000—20.000. Die Klugen hatten schon lange begonnen, ihre Actien zu realisieren und den Courestnrz 0 rlös in unbeweglichen Gütern, Juwelen, Geschmeiden rc. festznlegen. Um das letzte »nd gusam- ® av Qelb in die Centralcasscn zu treiben nnd so den Credit der Banknoten zu erhalten, mcnL ' nt ‘ I) - mürbe Gold- nnd Silbergeld mit Ausnahme der Scheidemünze demonetisiert, der besitz von mehr als 500 Livres Hartgeld mit Confiscation bedroht und dem Papiergeld Zwangsconrs gegeben. Tie Regierung selbst trat dem sinnlosen Emportreiben der Actienconrse entgegen nnd erließ ein Edict, demzufolge der Conrs der Actien stufenweise herabgesetzt werden sollte. Dies war das Signal znm allgemeinen Rückzug. Es begann e>n doppelter Sturm: von Seiten der Actienbesitzer, die ihre Effecten um jeden Preis loszuschlagen versuchten, und seitens der Bankbillet-Jnhaber, welche die Bank stürmten, um das Papiergeld gegen klingende Münze einznwcchscln. Zwar erklärte die Bank, uur mehr die Scheine bis zu 10 Livres einlösen zu wollen; aber auch dies war sie uicht imstande, der Bankbrnch war da. Roch bestand die Mississippi-Gesellschaft, ihre Ilctien waren zuletzt um einen Louisdor das Stück zu haben. Ein LignidntionScomitv unter dem Präsidium der Brüder Paris wurde eingesetzt. Die Passiva der Bank überstiegen die Activa um 2500 Aiillionen Livres; für die Gläubiger kam nicht mehr heraus, als durchschnittlich I Procent ihrer Forderungen. Bei dem ganzen Handel profitierte nur der Staat, der eines ziemlichen TheileS seiner Schulden ledig geworden182 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). war. Unterdessen hatte Law, »m der Volksjustiz zu entgehen, die Hauptstadt verlassen; er flüchtete nach Venedig, wo er (1729) in Armut starb, da man in Frankreich seine gesammte Habe confisciert hatte. Zunahmc des Die Zeit Ludwigs XV. und XVI., die der großen Revolution vor- Han'del^im nngeht, war zwar eine Zeit ungliicklicher Kriege, colonialer Verluste und m.Jahr- gesteigerter Finanznoth, aber der Handel Frankreichs nahm progressiv zu. liundc». 1719 unb 1789 hat er sich verfünffacht, besonders in Colonial- und Manufacturwaren. Liberalere Das Colbert'sche Schutzsystem wurde zwar int allgemeinen aufrecht erhalten. Doch beweisen die Handelsverträge aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, dass man begonnen hatte, an seiner Alleingiltigkeit zu zweifeln. Insonderheit zeigt dies der zwischen England und Frankreich >780 abgeschlossene Eden-Vertrag. Tcr bourbo- In dem bourbonischen Familieupact von 1761 war die epochemachende Be- >"sche stimmung enthalten, dass die Unterthanen der anderen bourbonischen Dynasten in Faimlicnpact. ^ nn jj e jgp 0 jijij' ( jj er Hinsicht vollkommen den Landesangehörigen gleichgestellt werden sollten. In der That belebte dieser Tractat die wechselseitigen Beziehungen der bonr- bonischen Länder: Frankreichs, Spaniens, beider Sicilien, Parmas. Ter Edc» Der englisch-französische Handelsvertrag von 1786 (nach dem britischen llnter- Bcrtrag. Händler Eden-Vertrag genannt, ungeachtet der französische, Tupont de Nemours, ein größeres Verdienst bei der Sache hatte) wird nicht mit Unrecht als der älteste von freihändlcrischcm Geiste getragene Tractat bezeichnet. Die Einfuhrzölle wurden durch schnittlich ans nur 10—15 Procent des Wertes herabgeseht, mehrere Verbote aufge hoben. Die französischen Weine ipurden den portugiesischen gleichgestellt, aber nach dem Wortlaute des Methueu-Vertrages mussten nun die Zölle auf Portwein um ein weiteres Drittel herabgesetzt werden. Übrigens hatte der Eden-Vertrag nur ein kurzes Dasein! 1793 gieng er in den Wogen des Weltkampfes' gegen Frankreich zugrunde. Deutschland IV. Keine tuttcv beit mobenteit Nationen ist jemals i» ihrem Bestände so drechigjähri- bedroht gewesen, keine hat jemals an ihrer materiellen und ideellen Wohlfahrt gen Krieg, so schweren Schaden erlitten, als die deutsche durch den dreißigjährigen Krieg. Das kommende Unheil hatte sich schon im vorangehenden Jahrhundert auch in wirtschaftlicher Hinsicht angekündigt. Denn gerade, dass cs eine Epoche des Niederganges war, in welcher der Krieg zum Ansbruch kam, hat seine Der deutsch- zerstörenden Kräfte gesteigert. Dem bereits erschütterten deutschen Handel hat der Krieg den Verlust der Selbständigkeit gebracht, das Joch der Fremd Fremdjoche. Herrschaft aufaeladcn. Vom Norden und vom Abend fielen die lvestcuropüischen Kaufleute über das Herzland des Erdtheiles her, um dessen Söhnen den Ver trieb der Prodnctc des eigenen Bodens und Gewerbes zu entreißen; zugleich strebten die Fremden, durch die Einfuhr ihrer Fabrikate und der Erzeugnisse ihrer Colonien den deutschen Producenten zu erdrücken und den Consumcntcn in dauernder Abhängigkeit zu erhalten. Es war nicht ein einfaches, sondern ein dreifaches Joch , dem die Deutschen anheimfielen, eine holländisch7. Capitel. Die niederländisch-britische Periode. 183 englisch-französische Dreiherrschaft. Aber auch die nordischen Völker zogen aus der Ohnmacht ihrer ehemaligen eommcrzicllen Gebieter Vortheil: die Schweden, die Dänen, die Russen; sie setzten sich in den Besitz eines Theiles der deutschen Küste und benützten ihre Herrschaft über die nordischen Binnenmeere dazu, den Handel nach Belieben zu brandschatzen. Rur nach dem Süden und dem Osten standen den Deutschen die Thore der Welt noch offen; aber Italien, der Inbegriff des Südens, war selbst im Rückgang begriffen, während im Osten die Türken bis über die Schwelle des 18. Jahrhunderts dem christlichen Handel unüberwindliche Hindernisse entgegenstellten und die sarmatische Tiefebene zum Baltischen oder zum Weißen Meere hin gravitierte.; Rur mit Polen unterhielten Breslau und Leipzig weitreichende Verbindungen. I>n Norden und Westen dem Auslande preisgegeben, tut bilden unergiebig, gegen Osten isoliert, so stand der deutsche Handel in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts da. Nur langsam gewann das deutsche Volk die Kraft, sich wieder aufzu- richten, die Bande der Fremdherrschaft zu lockern, die wirtschaftliche Selbst- 18 . J-n,r- ständigkeit znrückzuerobern, sich materiell zu rangieren. Wenn es Anerkennung verdient, dass die meisten deutschen Gemeinden aus eigenem Antrieb die Arbeit unverdrossen wieder von vorne anfiengen; wenn eS bewundert werden muss, dass die verlassenen, ganz aus sich selbst gestellten Hansestädte die Be freiung von den Holländern und Briten ailS eigener unverwüstlicher Kraft durchgefiihrt haben: so gebürt doch der höchste Ruhm utti> Preis den deutschen Fürsten zumal der Äufklärungszeit, an erster Stelle deit mächtigsten der selben, den Habsburgern und Hohcnzollern, die durch dieselben Mittel, welche den Wcstmächten zti ihrer mcreantilen Größe vcrholsen hatten, auch ihren an dcn Confinien germanischen und slavischcn Wesens gelegenen Staaten, Österreich und Prcußeit, eine wirtschaftliche Zukunft gründeten. Es war die letzte große Leistung des MercantiliSmus, hart bevor sich seine Tage nach abwärts neigten. 1. Die Hansestädte. Schon vor dem dreißigjährigen Kriege war die Existenz ^ Hanic des Hansebundes eine Fiction, an der nur Lübeck noch aus Pietät festhielt. Als der &ricg seinen Laus nahm, zeigte sich'S, dass der Bund schon lange todt sein müsse; sviegcs. beim cs geschah nichts, um die bedrohten Einzelstädte (Magdeburg!) oder das Gesammt- interesse gegen einen Tilly oder Wallenstein, Christian IV. oder Gustav II. Adolf zu schirmen. Als der kühne Friedländer an die Ostsee vorgedrungen war und den ge waltigen Plan umherwälzte, mit Hilfe einer vou den Hansestädten zu beschaffenden nationalen Flotte seinem Kaiser die Herrschaft über das „oceanische und baltische Meer" lAord- und Ostsee) zu verschaffen, da versagten die Städte ihre Mitwirkung, denn sie wünschten nichts als Anerkennung ihrer Neutralität und Frieden. In der Thal sind Lübeck, Bremen, Hamburg vermöge ihrer neutralen Schaukelpolitik glimpflich über die böse Zeit hinweggekommen. Nach dem westfälischen Frieden machten die drei1.84 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Wiederbele bungsversuche. Ter deutsche Kaufmann. Tie Fremden. Hamburg. J Bremen. Lstseestädte. Städte fruchtlose Versuche, den Bund wieder zn beleben. 1669 wurde der letzte Hansetag unter geringer Theilnahme abgehaltcn. Von dieser Zeit an blieb der hansische Name nur an den drei Städten haften. Ja, sie entbehrten nicht eines ans der Vor zeit stammenden Besitzes. Erst im Jahre 1863 ist dieser mit dem Verkaufe des „HauseS der Osterlinge" in Antwerpen erloschen, nachdem 10 Jahre vorher der Londoner Stählhof loSgeschlngen morden war. Staatsrechtlich dauert der Begriff Hansestadt noch immer fort. Es gab eine Zeit — sie umfasst das 17. und einen Theil des 18. Jahrhunderts — da der deutsche KaWnann zumeist entweder der Commissionär, Spediteur, Agent, Factor des holländischen und englischen Großhändlers oder Detaillist war, während der deutsche Gewerbsmann und Kleinverleger von dem Gcldc lebten, das sie durch den fremden Besteller verdienten. Doch hat cs all die Zeit über nicht an deutschen Unter nehmern gemangelt, die um so selbständiger und regsamer wurden, je mehr ihnen die Schwingen des Capitals wuchsen. Generationen hindurch liberivog in Bremen der holländische den englischen, in Hamburg der englische den holländischen Einfluss, wogegen Lübeck möglichst seine Unab hängigkeit wahrte. Als sich am Ende des 17. Jahrhunderts zu den beiden germanischen Handelsvölkern auch die Franzosen gesellten, so war dies insofern ein günstiger Fall, als die Hansestädte durch geschicktes Hin- und Herschaukeln zwischen den concnrriercnden Fremden ihre gänzliche Befreiung vorbereiten konnten. Freilich solange das in Europa vorwaltende Schutz- und Verbotsystem den eigenen Handel der Hanseaten beengte, mussten sie ans gutem Fuß mit den Fremden bleiben. Von dem Augenblick an, als durch den Abfall der nordamerikanischen Kolonien von England directe Verbindungen über den Ocean angeknüpft werden konnten, waren Hamburg lind Bremen frei, war der deutsche Handel wiederum Welthandel geworden. . Was den deutschen Handel anbclangt, so diente Hamburg als Ausfuhrhafen a) für die Naturproducte des Elbegebietes, das durch Canäle mit dem Odersystein ver bunden war, für Getreide, Flachs, Hans, Färbepflanzen, Holz, Obst, Metalle u. dgl.; b) für die Geiverbserzengnisse Nordostdeutschlands, besonders für Leinenwaren, die von den Holländern und Engländern angekauft wurden. Hamburg war Einfuhrhafen a) für holländische, englische, französische Fabrikate; 6) für Colonialwaren, mit denen eS im 18. Jahrhundert, bei zunehmendem Consnm, den größeren Theil Deutschlands versorgte. Als Sitz der 1619 nach Amsterdamer Muster von Holländern gegründeten Girobank und einer Börse wurde die Elbestadt ein großer Geldhandelsplatz, der 1763 infolge von Überfpeculation während des siebenjährigen Krieges und 1799 zur Zeit des 2. Coalitionskrieges Krisen erlitt, deren Wirkungen sich iveit über Deutschlands Grenzen fortpflanzten. Wie Hamburg, so wuchs auch Bremen im Laufe dcS 18. Jahrhunderts über die Aufgabe hinaus, der locale Ausfuhrhafen deS Wesergebietes und eine holländisch englische Dependance zu sein. Wie Hamburg von den Ränken der bis Altona herrschenden Dünen zu leiden hatte, so litt Bremen unter den Chicanen der Schweden, welche der westfälische Friede zn Herren der Bisthümer Bremen und Verden gemacht hatte. Bremen betheiligte sich an der Hochseefischerei, namentlich am Walfischfang, hingegeil stand es industriell hinter Hamburg zurück, dessen Zuckersiedereien eine rege Thätigkeit entfalteten. Der Abstand zwischen den emporsteigenden Nordseehäfen und den Ostseestüdteu wurde von Jahrzehnt zn Jahrzehnt merkbarer. Seit dem 17. Jahrhundert hat die7. Kapitel. Die niederländisch-britische Periode. 1P7> Nordsee entschieden der Ostsee den Rang abgewonnen. Lübeck, Stettin, Danzig, Riga, Narwa besaßen zwar noch immer Wichtigkeit als Ansfnhrhäsen prodneten- reicher Hinterländer, aber sie standen, mit AnSnahme Lübecks, unter fremder Bot mäßigkeit: Stettin, Riga, Rariva unter schwedischer (bis 1720—21), Danzig (wenigstens dem Namen nach) unter polnischer Oberhoheit. Was hätte ihnen auch die politische Unabhängigkeit genützt, da in der Ostsee nunmehr die Holländer und Engländer den Handel, die Ausfuhr der Naturprodncte, die Einfuhr der Industrie- und Colonial artikel beherrschten? stieben ihnen rührten sich die Schweden und Dänen, als Handelsvölker zwar nur zweiten Ranges, aber inächtig durch Kriegsflotte und Heer, unablässig bestrebt, ihre baltischen Beziehungen zu erweitern. Den Kern der vielen Kriege, die vom 16. Jahrhundert bis zum nordischen Krieg (1700—21) um die Ostseeküsten geführt wurden, bildete die Frage, wem die Häfen, Flussniündungen, Meeresanne re. gehören sollen, nicht um sie zu Stützpunkten einer selbständigen Handelspolitik zu machen, sondern um sie durch Zölle und Auflagen finanziell auszubeuten. Das war der Sinn der baltischen Frage und des Dominium maris baltici. So verstand Dänemark die Herrschaft über den Sund, die dem König über eine halbe ststlillion Thaler mittelst des Sundzolles (einer Abgabe von den ein- und auslaufenden Schiffen) einbrachte. Unter dem nämlichen fisealischen Gesichtswinkel betrachtete Schweden den Besitz der uorpommerschen, esth- und livländischen Küste. 2. Brandenburg-Preußen. Die Hohenzollern'schen Länder hatten das Glück, innerhalb 150 Jahren nur vier Herrscher zu besitzen, von denen drei (der Große Kurfürst, Friedrich Wilhelm l. und Friedrich II.) ebensowohl für militärisch-diplomatische Hanpt- nnd StaatSaetionen, wie für die Fragen der inneren Verwaltung überlegenes Ver ständnis hatten. Ihre Aufgabe war die denkbar schwierigste. Ter Staat, von der Natur im allgemeinen stiefmütterlich anSgestattet, war dünn bevölkert, hatte so gut wie keine Industrie, keinen Handel, keine Seemacht und bestand aus mehreren nnznsammen- hängenden Stücken. Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, dem das Erbe seiner Väter zu Ende des dreißigjährigen Krieges zugefallen war, lebte in einer Zeit, wo das Eolonialfieber alle Welt ergriffen hatte. Auch an den deutschen Höfen trieben sich Projeetenmacher her»,», welche das Interesse der Fürsten für überseeische Erwerlnutgen wachzürnfen strebten; darunter der in mancher Beziehung vortreffliche I. I. Becher. Allein keines der Projeete ließ sich verwirklichen. Plötzlich nahm der Große Kurfürst, nächst dem Kaiser der mächtigste deutsche Monarch, die Eolonisationsangelegenheit in die Hand. Während des Krieges mit Schweden (1675—1679) war ihm der Mangel einer Marine '» schmerzlichem Bewusstsein gekommen. Unter Vermittlung des Holländers Raule mietete er sich bei holländischen Rheder» eine Flotte. Durch den glücklichen Fang eines spanischen Fahrzeuges kam Preußen zum Besitze seines ersten Kriegsschiffes. Nach dem Kriege wollte der Kurfürst die Flotte nicht ansgeben und gieng, um sie nutzbar i" machen, auf Ranles eolonisatorische Entwürfe ein. Zwei Schiffe liefen unter brandenburgischer Flagge die Gnineaküste an; das eine wurde von der holländisch- mestindischen Compagnie eonfiseiert, das andere kehrte mit geringer Ladung nach Preußen Brück. Trotzdem wurde eine afrikanische Handelsgesellschaft gegründet, deren Stammcapitol von 50.000 Thalern in dem armen Lande kaum aufzubringen war. Eine neue Expedition ergriff von einem Stück afrikanischen Bodens Besitz, wo die Festung Groß-Friedrichsburg angelegt wurde, die erste deutsche Niederlassung in einen, anderen Erdtheil seit der Welser'schen Occupatio» Venezuelas. Zwar legten die Tic baltische Frage. Tic Hohen- zollcrn'schcn Länder. Ter Große Äursürst. Colonial prosectc. Prcnmsche Flotte. Gründung westasrila- nischer Colonie».186 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Holländer Protest ein, aber die Preußen kümmerten sich darum so wenig, als um den Protest der französischen Senegal-Compagnie bei Besetzung der Insel Argnin. Um die Hauptware des neuen ColonialgcbieteS, Negcrsclaven, abzusetzen, bedurften die Preußen einer Factorei in Westindien. Die Dänen gestatteten ihnen, sich anfT. Thomas Auflassung niederzulasscn. Als der Große Kurfürst starb, existierte seine coloniale Schöpfung noch, derselbcu. n (( e j u | e j n @ 0 [ )lx Friedrich ließ sie nur aus kindlicher Pietät fortbestehen. Friedrich Wilhelm I. verkaufte dann alles, was noch da war, um 7200 Ducaten an die miss günstigen Holländer (1721). So endete die erste deutsche Colonie in Westafrika. Innenhandel. Von bleibendem Werte war, was der Große Kurfürst für die innere Colo- nisation seines Staates gethan hat. Unter ihm erhielt die brandcnburgisch- prcußische Territorialpost ihre mustergiltige Einrichtung. Den Handel des deutschen Nordostens lenkte er durch den Mülroser- oder Friedrich-Wilhelms-Canal in neue Bahnen. Der Canal verbindet Oder und Elbe mittelst einer nur drei Meilen langen, zur Spree hinüberführenden Linie. Es war für Breslau, den Sammelplatz des osteuropäischen Handels, nicht mehr nothwendig, seine Waren über das schwedische Aufschwung Stettin zu senden, sondern es konnte sie nach Hamburg verschiffen. In Berlin mussten Berlins, j,ic Waren umgeladen werden. Von diesem Zeitpunkt an beginnt die mercantile Be deutung der preußischen Hauptstadt. Was Berlin gewann, verlor Frankfurt a. O., ober halb welcher Stadt der Mülroser Canal abzweigte. Trotz der neuen Verkehrsader mar cs für den preußischen Handel ein Glück, dass in: Stockholmer Frieden (1720) Vor pommern (bis an die Peene) mit Stettin ans schwedischem in preußischen Besitz übergieng und so die natürliche Wasserstraße zur Ostsee geöffnet wurde. Friedrich Dieses Ereignis fällt bereits in die Regierungszeit Friedrich Wilhelms I. (1713 Wilhelm I. big 1740). Dem größten „inneren Könige Preußens" lag vor allem am Herzen, dass kein Geld aus dem Lande gehe. Deshalb unterdrückte er den Gebrauch von Baumwoll- waren mit allen Mitteln der Gewalt. Die Unterthanen mussten sich in heimisches Linnen und Tuch kleiden. Die Ausfuhr der Schafwolle wurde verboten; das Gesetz bedrohte Zuwiderhandelnde Wollhändler mit dem Tode. Das Getreide hielt der König durch Taxen auf einer mittleren Höhe, damit weder die Landivirte zu Schaden kämen, noch die Gewerbetreibenden das Brot zu theuer kaufen müssten. Für Zeiten der Roth wurde Getreide in königlichen Magazinen anfgehäuft. Friedrich II. Die wirtschaftspolitischen Reformen Friedrichs II. gehören nahezu ausschließ lich der Zeit seines Alters, jenen 23 Jahren an, die vom Ende des siebenjährigen Krieges bis zum Tode des großen Königs verstrichen (1703—1780). Ungeachtet die Kriegführung im 18. Jahrhundert humaner geworden war, befanden sich die hohenzollerischen Länder zur Zeit deS Hnbertsbnrgcr Friedens kaum in einem minder beklagenswerten Zustand, als am Schluss des dreißigjährigen Krieges. Die ökonomische Wiedererhebung des preußischen Staates ist Friedrichs d. Gr. allerpersönlichstes Werk. Sein System. Seine Erfolge beruhten auf einer Combination regalistisch-mercantilistischer Maßregeln, denen höchstens in Angelegenheiten des Ackerbaues ein wenig Physio- kratismus bcigemcugt war. Ein volkswirtschaftlicher Neuerer war Friedrich II. nicht; er setzte die Arbeit seiner Vorgänger fort, die aus den dynastisch vereinigten Territorien durch gleichartige Einrichtungen und Verwaltungsmaßregeln einen Einheitsstaat nach westeuropäischem Muster gestalten wollten. Hierbei schien ihnen die Gemeinsamkeit materieller Vortheile das tauglichste Bindemittel zu sein. Tie „Regie". Die Erhebung indirecter Steuern, namentlich von Accisen (inneren Verbranchs oder Verzehrungssteuern), war in Preußen nichts Neues. Friedrich II. reformierte das7. Cnpitel. Die niederländisch-britische Periode. 187 Acciscnwcscn und nahm'es mit dem Zollwesen in eigene Regie, die nicht von ein heimischen, sondern französischen Beamten verwaltet wurde, was die Grundursache ihrer Unbeliebtheit bildete. Durch den neuen Zolltarif wurde die Einfuhr zahlreicher Artikel verboten oder doch erschwert aus Rücksicht auf die gegenwärtige und zukünftige preußische Industrie. Während der König Getreide und Schweinefleisch, die Nahrung des gemeinen Mannes, von jeder Abgabe befreite, wurden hingegen zahlreiche Gewerbs- krzeugnisse, die sonst nirgends einer inneren Verbrauchssteuer unterworfen waren, accisenpflichtig. Mit dem Ertrage der Zölle und Accisen bestritt Friedrich II. seine gemeinnützigen Ausgaben, wie er denn überhaupt die Besteuerung als das Mittel be trachtete, dic Ungleichheiten des individuellen Besitzes und Einkommens auSzuglcichcn. Die ohnedies verhasste Regie wurde noch unpopulärer, als ihr der König daS Tabaks- und Kaffeemouopol übertrug. Sein Nachfolger hob auch sofort die Monopole und die französische Verwaltung der Regie aus, während alles andere nicht wesentlich verändert wurde. Trotz aller Regicquälereieu hob sich der auswärtige Handel. Stand zu Friedrich Wilhelms I. Zeiten die Handelsbilanz noch so ungünstig, dass die Einfuhr die Ausfuhr um 400.000 Thaler überstieg, so änderte sich dies unter Friedrich dem Großen dahin, dass die Ausfuhr gegen die Einfuhr ein Plus von 4 1 /., Millionen Thalern ergab Unter den Ausfuhrartikeln figurierten Getreide, Holz, Hanf, Flachs und andere Aaturproductc; aber auch dic preußische Industrie exportierte mehr, als das Land au schwer entbehrlichen Fremdwaren (Colonialproducten, Öl, Wein, feiner Seide und Wolle :c.) einführte. Bon den 30 Millionen Thalern, dem Jahresertrag der preußischen Gewerbethätigkeit, wurden circa vierzehn exportiert, die übrigen im Lande verbraucht. Als Ausfuhrhäfen dienten: Memel, Königsberg-Pillau, Elbing, Stettin mit dem ne» «bauten Swiuemünde und das ostfriesländische Emden. Die Anzahl der jährlich in den preußische Häfen ein- und auslaufenden Schiffe belief sich auf circa 5000. Den Sund passierten 700—1000 preußische Fahrzeuge. Emden war zu großen Dingen auSerschcn. Es erhielt die Privilegien eines Freihafens und wurde 1750 Sitz einer Häringsfischereigescllschaft, sowie einer Asia- Aschen Haudlungscompagnie, die großentheils mit holländischem Capital arbeitete. Der Ausbruch dcS siebenjährigen Krieges bereitete ihr ein schnelles Ende. Auch eiue Acugaljsche Haudlungscompagnie endigte im Jahre ihres Entstehens (1753). Lange Nachher bildete sich in Emden eine freie, nicht privilegierte Gesellschaft, deren letztes im Todesjahre Friedrichs II. aus China zurückkehrte. Glücklicher war der König mit anderen Schöpfungen, die auf seine Initiative erfolgten. Bei dem Mangel an Capital und Unternehmungslust kam ein größeres Bankinstitut erst zustande, als der König das erforderliche Geld aus der Staatskasse varschoss. Es war die 1765 gegründete Berliner Bank, eine Giro- und Leihbank, die auch Roten emittierte. Bei ihr mussten die bisher todtliegenden vormundschaftlichen und gerichtlichen Depositen, die Stistungsgeldcr :c. gegen mäßige Verzinsung hinterlegt werden. Ta die Bank, wclclie in allen größeren Städten Filialen, namentlich für Lombardgeschästc, errichtete, bald ihre Capitalieu nicht mehr uutcrbriugeu konnte, so desasste sie sich auch mit Hypothekardarlehen. Geschäften letzterer Art dienten in erster Linie die ritterschaftlichen Creditinstitute, welche den Zweck hatten, den Adel var Wucher zu schützen und in seinem Grundbesitz zu erhalten. Große Vorliebe hatte der König für Monopolgesellschaften. Solche gab cs s>ir den Getreidchandel auf der Oder und aus der Elbe, für den Berlin-Potsdamer Staats - Monopole. Handels bilanz. Häfen. Emden und seine Handels gesellschaften. Berliner Bank. Monopol gesell schasten.188 HI. Abschnitt. DaS indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Breunholzhandel, fiir die Seeassecuranz. Tie größte war die >772 errichtete, heute noch Scehaiidiung. bestehende Seehandlungsgesellschnft, die das Bionopol des Scesnlz-, des Wachs- Handels und der Holzausfuhr erhielt. Der König selbst übernahm 2100 Aktien auf eigene Rechnung, während nur 300 Stück in fremde Hände gelangten. Die Actionäre erhielten eine regelmäßige Verzinsung uon 10 Procent und außerdem eine Dividende, so oft es der uncontroljerbaren Verwaltung angemessen erschien. Somit befand sich der Geldhandel und ein Thcil des Großhandels in den Händen der Regierung, welcher selbstverständlich der Handelsgewinn gleichfalls anheimfiel. Caualaiilage» Die wichtigsten Binnenplätze waren Breslau, Frankfurt n. O. und Magdeburg. ""iifibT" Eöährend sich Friedrich um die Verbesserung der Landstraßen grundsätzlich nur wenig kümmerte, setzte er die Canalisation des Elbe-, Oder- und Weichsclgebictes fort. Unter ihm wurden der Bromberger (Weichsel-Oder), der Finoiv'sche (Oder-Elbe), der Plauen'sche Canal (Elbe - Havel - Spree) gebaut. Die neuen Wasserstraßen kamen zumeist der Hauptstadt Berlin zugute, die immer mehr den Binnenverkehr des Reiches au sich zog. Die Metropole, die znE nde des dreißigjährigen Krieges 6000 Einwohner gehabt hatte, zählte bei Friedrichs II. Tod eine Bevölkerung von 150.000 Seelen. ' ücrmch im 3. Österreich. Welches Ungemach auch im 16. Jahrhundert die österreichischen i,..«[)>[). gg n jj er betroffen haben mag, es ivar nur ein Vorspiel zu den Bedrängnissen, die von der Regierung Rudolfs II. bis zu der Karls VI. fast ununterbrochen fortlaufen: die Türkenkriege, die Gegenreformation, der dreißigjährige Krieg, die Kämpfe mit den un garischen Malcontenten, mit Ludwig XIV. Wie sollte cs anders möglich sein, als dass Österreich auch nach dem westfälischen Frieden an Bewohuerzahl und Wohlstand nbnahm, während in vielen deutschen Territorien die langsame Regeneration schon angefangen hatte und die großen Mächte Westeuropas einen unerhörten wirtschaftlichen Aufschwung l -' cl5 nahmen. Am empfindlichsten war für die Regierung die evidente Abnahme des Gelb en cenmg. ocwrathes. Wenn Heere außerhalb Österreichs geworben, ausgerüstet und verivcndet wurden, so floss bares Geld auS dem Land, ohne durch den Circulationsprocess wieder hingeleitct zu werden. Zudem machte sich seit der Mitte dcS 17. Jahrhunderts eine Vorliebe für fremde, besonders für französische Luxuswaren bemerkbar, die mit Bar geld bezahlt werden mussten. Früher, als Italien das Modeland gewesen, hatte sich beim Austausch der österreichischen Rohproducte und der wälischen Fabricate ein Gleich gewicht gebildet, das beiden Theilen Nutzen brachte. Nunmehr war cs anders gekommen. m>e«u!tt an Österreich konnte die Erzeugnisse seines Bodens nur zum geringeren Theile verwerten- eiMqniffe» guten Jahren herrschte Überfluss, der den eigenen und fremden Bedarf überschritt. Manche Artikel, wie ungarischer Wein, hatten absolut keinen Markt. Der Gewinn des Außenhandels mit österreichischen Naturproducten (z. B. Metallen, Häuten, Flachs, Hans) kam zudem den oberdeutschen Großhändlern zu Statten, die mit den ans Oberdcutsch- land (Nürnberg, Augsburg, Ulm, Regensburg, Passau) stammenden privilegierten Wiener Tie stader- Engrossisteu, den sogenannten Niederlägern (Niederlagsverwandten', in Verbindung la!,n ' standen. Sie versorgten Österreich mit Spezereien, mit Gold-, Silber-, Seidenwaren, feinen Tuchen rc. und dictierten Monopolpreise. Nicht nur der wienerische, sondern der gesammte erbländische Kaufmannsstand war durch die bevorrechte Corporation mehr oder weniger auf den Kleinhandel beschränkt. Diese trägen, versumpften und ver- dumpften Krämer ohne Gesichtskreis, ohne Initiative konnten aus sich selbst so wenig den wirtschaftlichen Übelständen entgegeuarbeiten, als die Gewerbsleute; denn das Gewerbe steckte tief in den verrotteten Formen des entarteten Zunftwesens und war über den primitivsten localen Betrieb nicht hinausgekommen. Exportfähig war eigentlich nur das schlesische Leinengewerbe.7. Kapitel. Tie niederländisch-britische Periode. 189 Unter Leopold I. fieng die Regierung an, durch einzelne Maßregeln der Geld- vw» i. cntleernng entgegenzuwirken. Sie verbot die Einfuhr von Luxus- und Modewaren und erließ Luxusgesehe. Allein da die den höheren Ständen unentbehrlich gewordenen Artikel im Lande selbst nicht erzeugt wurden, so beförderte man nur den Schmuggel. Alan ntusste, wie in Frankreich, ernstlich an die zeitgemäße und allein fruchtbare (>. mercan- tilistische) Lösung der Wirtschaftsprobleme Hand anlegen. Es blieb jedoch unter Leopold I bei einzelnen Anläufen. Roch war die dringende Noth zu groß, als dass die Re gierung Lust und Zeit gehabt hätte, über die augenblicklichen finanziellen Operationen hinaus sich in weite, mit Opfern verbundene Unternehmungen einzulassen. Das Lcopol- dinische Österreich fand zwar die Kriegshelden, die es nach außen zu Sieg und Ehren lührten, aber nicht die Verwaltungsmänner, die ihm innere Kraft gegeben hätten. Bald nach dem Vasvarer Frieden war der unermüdliche I. I. Becher ans a.a.Becher Kurbayern nach Wien berufen worden. Seinen Anregungen verdankt die erste östcr- reichischx Handelsbehörde, das Collegium commerciorum (1066—1672), ihr Ent stehen. Sie blieb jedoch der obersten Finanzstelle, der Hofkammer, untergeordnet : an bem kleinlichen Eigennutze des Hofkammer-Präsidenten, Grafen Sinzendorf, musste jedes weiter ausgreifende Bestreben zerschellen. Becher entfaltete eine rastlose Thätigkeit; aber was er nach unsäglichen Blühen zu Wege gebracht, die Seidencompagnic, das Alann- iacturhaus am Tabor re-, gieng nach kurzem Bestände durch die Ungunst der Personen und Verhältnisse wieder zugrunde. Dies widerfuhr auch einer orientalischen HandclS- conipagnie, wogegen eine occidentalische Compagnie (zur Ausfuhr inländischer Producte »ach Holland) gar nicht in Wirksamkeit trat. Becher selbst verließ 1676 Österreich und starb einige Jahre nachher im Auslande. Tie Keime der Bccher'schen Zeit waren nicht verloren. Einstweilen beschäftigte HSmigk. sich die Theorie, die Literatur mit der mereantilistischen Wiedergeburt des Donanstaates. T'e Schriften Bechers (Politischer Diseurs), Schröders, vor allem Hörnigks (Hornecks) berühmtes Buch „Österreich über alles, wann es nur will" haben hier einen Einfluss ansgeübt , wie ihn vor den großen Franzosen und Engländern des 18. Jahr hunderts »ationalökouomische Werke nirgends gewonnen haben. Tie außerordentlichen Schwierigkeiten, die es verursachte, bei Beginn des spanischen ric Wiener Erbsolgekricges Geld zu beschaffen, gaben Anlass zur Gründung einer Girobank (1703), -'"dibma. die nach wenigen Jahren (1706) der Controlc des Wiener StadtratheS unterstellt und seitdem Wiener Stadtbank genannt wurde. Ihre Zwecke waren: erstens durch An nahme von Depositen ein Geldreservoir zu bilden, zweitens die Verzinsung und Tilgung (?) der Staatsschulden zu vermitteln und drittens die Aufnahme neuer Anlehen des Staates z» besorgen. Eine andere (1714 gegründete) Depositenbank, die Universal-Bancalität, uuirde nach und nach eine Centralstelle für das Gefällswcsen. Tic lange Kriegszeit, mit der sich das 18. Jahrhundert introdnciertc, war dem .mm vi. ökonomischen Fortschritte der österreichischen Länder nicht förderlich. Erst nach dem Rastädter und Passarowitzer Frieden wendete sich die innere Politik den Wirtschastsangelegenheiten ?U- Karl VI. selbst brachte ihnen ein bei so hohen Herren ungwöhnliches Interesse entgegen. Im stolzen Gefühle seiner llberlegenheit proclamierte er die Freiheit des -«'imiMo "driatischen Meeres und gab den Benctinncrn z» verstehen, dass eS für sie nicht m ' e - wäre, auf ihre veralteten Ansprüche zurückzukommen. Triest und Fiume wurden in Freihäfen verwandelt (1719); auch den kleinen Seestädten Bueari, Porto-RH k!arlopago, Zengg wendete die Regierung Aufmerksamkeit zu. Da Neapel und Sicilicn190 III. Abschnitt. Das Indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). gleichfalls zum Reiche des Kaisers gehörten, so entwickelte sich einiges Leben in den früher so stillen Häfen des Küstenlandes. Um den Reichsinittelpnnkt mit dem Litorale zu verbinden, ließ Karl VI. 1728 die Chaussee über den Semmering anlegen. Jedoch des Kaisers Combinationen griffen weiter. Der Levantehandel sollte zu Wasser und zu Land über Österreich geleitet werden. Gleichzeitig gedachte der Kaiser, die ehemals spanischen, seit 1714 österreichischen Niederlande mit Indien in Verbindung zu setzen. In Lissabon etwa sollten die Galeeren des Mittelmeeres mit den belgischen Zusammentreffen. revantc Die orientalischen Beziehungen ließen sich nicht unfreundlich an. Zugleich mit Handel, b em PassarowitzerFrieden war ein vortheilhafter Handelsvertrag mit der Pforte Orientalische abgeschlossen worden. Der österreichisch-türkische Handel wurde einer 1719 gegründeten Handels orientalischen Compagnie übertragen, für die man das Capital nicht durch eine flüe M<1 Actien-Emission, sondern durch Lotterielose herbeischaffte. In 100 Ziehungen sollten für die eingelegten 80 Millionen 120 Millionen Gulden zurückerstattet werden. Hiermit war die orientalische Compagnie für Österreich geworden, was die Mississippi-Gesellschaft für Frankreich war. Sie kaufte alte Unternehmungen zusammen, z. B. die Linzer Wollen- manufactnr, gründete neue, wie die Schwechater Baumwollwarenfabrik, erhielt Privilegien für den Schiffbau, die Zuckersiederei, den portugiesischen Handel u. s. w. In den Dreißiger Jahren, als sich die politischen Aussichten luiebev trübten, machte die Com pagnie Bankerott. Sie riss viele Existenzen mit ins Verderben, führte aber einen Theil ihrer Jndustriegeschäfte weiter. Unter Maria Theresia erfolgte die Liquidation. Tie ostindlschc Noch ehe die orientalische Compagnie ins Wanken kam, >vnrKarlsV1.LieblingS- ^O^tcndc'"schöpfung, ^ ostindische Handelsgesellschaft in Ostende, dahingegangen. Der Gedanke, commerzicllc Verbindungen zwischen den österreichischen Niederlanden und Vorderindien anzuknüpfen, war von belgischen Großkanflenten, mit denen sich ins geheim holländische associiertcn, ansgegangen. Prinz Engen, der erste österreichische Gouverneur Belgiens, machte die Idee zu der seinigen, und als bereits der Handel im Zuge war, aber des Schntzcs gegen die eifersüchtigen Seemächte bedurfte, wurde die ostindische Compagnie in Ostende organisiert und mit Privilegien ausgestattet (1722). Die Verstimmung Hollands und Englands, der alten Verbündeten Österreichs gegen die Übergriffe Frankreichs, steigerte sich. Als Österreich im Jahre 1725 Spanien näher trat, so vereinigten sich die Seemächte mit den anderen Feinden Österreichs durch das Herrenhäuser Bündnis. Späterhin traten Frankreich und Spanien zu Sevilla den See mächten bei, und auch dieser Bund kehrte eine seiner Spitzen gegen die ostindische Com pagnie. Endlich opferte Karl VI., um seine alten Freunde znrückzugewinnen und die Anerkennung der pragmatischen Sanction zu erlangen, die Compagnie im Wiener Vertrag 1751 auf. Maria Maria Theresia setzte die commerziellen Bestrebungen ihres Vaters in dem- 2 Tofef Yi' nb Ülbcn Geiste fort; auch die Handelspolitik Kaiser Josefs ll. zeigte keinen anderen Typus. Im Mittelpunkte des allgemeinen Interesses stand die Staatsschuld; ihre Obli- Fin-nzcn. gationen bildeten die beliebteste Capitalsanlage, selbst als der Zinsfuß auf 4 Procent herabgesetzt wurde. Für den Effectenhandcl wurde 1771 die Wiener Börse errichtet. Seit 1753 hatte in Österreich der 20 fl.-Fuß oder die Conventionsmünze gesetzliche Geltung. Als die Regierung 1770 auf verzinsliches Papiergeld unverzinsliches (die sogenannten Bancozeitel) folgen ließ, so erregte dies Befremden, aber in kurzer Zeit erfreute sich das bequeme llmlanfsmittel großer Beliebtheit. Desgleichen fand die Kupfer scheidemünze, mit deren Ausprägung man 1172 begann, willige Aufnahme. Trotz7. Eapitel. Die niederländisch-britische Periode. 191 der wachsenden Steuern und der wachsenden Staatsschuld — sie betrug beim Tode Karls VI. 45 Millionen, stieg bis zum Ende des 7jährigen Krieges auf 27« Millionen und bis 1791 auf 4«« Millionen Gulden — stellte sich seit 1782 das Phänomen des jährlich wiederkehrenden Deficits ein. Bon diesem Zeitpunkt au datiert die ein hundertjährige Zerrüttung der österreichischen Finanzen. Das Haupt- und Kernstück der Mercantilpolitik bildet immer das Zollwesen. Binnenzölle. Zu Österreich war da noch viel zu thun; beim um jede Provinz waren Zollschranken Mögen, jede hatte ihren eigenen Tarif, ihre besonderen Manipulatiousvorschriften. So wenig als in Frankreich mar es in Österreich möglich, alle inneren Zölle mit einem Schlage zu beseitigen. Welcher Fortschritt, dass nun wenigstens aus den dcntsch-öster- reichischeu und böhmischen Ländern, nach Beseitigung der provinziellen «onder- Zölle, ein einheitliches Zollgebiet mit einem neuen rationellen Tarif geschaffen wurde (1775)! Dagegen blieb Ungarn (mit Slavvnien, dem Banat und Siebenbürgen) c > n eigenes Zollgebiet; der Zoll von österreichischen Waren betrug hier I« Procent, der von ausländischen 30 Procent der Wertes. Ebenso war das Zollwesen der italienischen Besitzungen und der Niederlande von dem österreichischen getrennt. ^ Für die Erleichterung des Innenhandels geschah mancherlei: Straßen wurden ännenhandel. gebaut, Flusse reguliert, die Gerichtsbarkeit wurde verbessert, die Sicherheit nahm zu, Bcrordunngcn über Maß und Gewicht, über Jahr- und Wochenmärkte erschienen. Insonderheit gab es keinen Mangel an Lohn- und Preistaren, Lurusgesetzen, Kleider ordnungen, die alle auf den Consnm und dadurch auf den Handel znrückwirklen. Unter Josef II. entstand die Commerzial-, Leih- und Wechselbank, die nicht, wie die Wiener Stadtbank, ein Organ der Staatsfinanzen war, sondern den Interessen des Handels- und Gewerbestandes ausschließlich diente. Es war höchste Zeit, dass die Staatsgewalt den Maximilianeischen Vorrechten Großhandel, der Niederläger ein Ende machte. Jedermann durfte seit Josef II. Großhandel treiben, wenn er ein Vermögen von 30-000 fl. Nachweisen tonnte, -pie Niederläger Vongen in diesem Großhändlerstande ans. Einzelne Großhändler und Banquiers erhielten den Adel, was in der Regel zur Folge hatte, dass sich ihre Familien vom Handel zurück- ^ogcn und alles daran setzten, in den grundbesitzenden Feudaladel restlos überzugehcn B. die Fries, Fuchs, Tauferer, Wucherer u. ß w.). . Der Handel mit dem Ausland trat während des 18. Jahrhunderts progressiv in ^ dos Zeichen des Verbotsystems ein. Aber in den leitenden Kreisen hatte das ^chutz- »nd Verbotst,stein bereits zahlreiche Gegner. Weder Maria Theresia, noch Josef > >. waren von Schwankungen frei- Der Agitation gegen die Sperrmaßregeln schlossen sich nament lich die Tiroler Stände an, da der oberdeutsch-italienische Transit nunmehr Tirol ver- uued und über die Schweiz seinen Weg nahm. Trotzdem entschied sich Joses II. für d>e strenge Prohibition. In den Zollpatenten von 1784 und 1788 wurde die Einfuhr aller Waren verboten, die man im Jnlande fabricierte, und auch solche Fremd- ware, die, obwohl man sie im Jnlande nicht erzeugte, nach dem Dafürhalten der Regierung entbehrlich war. Inländische und verkäufliche Ware musste gestempelt werden, nnbezeichnete Ware unterlag der Eonsiscation. Nur gegen hohe Zölic konnten die „außer Handel gesetzten Waren" zum Privatgcbranch eingeführt werden. 'Nach' drei Seiten hin suchten die Regierungen des 18. Jahrhunderts dem ans- Autzen^ndel. würtigen Handel Österreichs Luft zu machen: nach Osten hin aus der Donau, von den adriatischen Häfen und von den Niederlanden aus.192 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Dommstrxße. Triest »nd Fiume. Wiederau Inupstniji mit Ostindien. Ter Lcheldestreit. D«i> übrige Deutschland. Die Mesd Platze. Tie Donau galt nicht allein als ein Zugang zur Türkei, sondern auch als ein solcher zu dem verödeten Schwarzen Meere. Dein Handel mit den türkischen Pro vinzen widmete sich die Janoschatzer Gesellschaft. Für den russischen Handel bildete sich eine eigene Gesellschaft; sie legte ein Warendepot in Kilia und eine Factorei in Cherson an. (loses II. schloss mit Katharina II. einen Handelsvertrag. Welchen Umfang der levantischc Handel hatte, zeigt der Umstand, dass unter Maria Theresia bereits 13 von den 24 Consulaten im türkischen Reich ihre Amtssitze hatten; auch wurde zur Heranbildung des Consularpersonals die Orientalische Akademie in Wien gegründet. Ter Seeräuberplage suchte Joses II. durch Verträge mit den nord afrikanischen Corsarenstaaten beizukommen: auch versprach die Pforte im Handels- sined von 1783, den durch Piraten verursachten Schaden zu ersetzen. Triest blieb das Schoßkind der Regierung. Maria Theresia überbot noch ihren Vater an Sorgfalt für die dereinstige Königin der Adria. Triest und Fiume exportierten die Erzeug nisse ihrer reichen Hinterländer; in Triest hatte die Temes.varer Compagnie ihren Sitz, in Fiume die Fi »man er, die beide den Import von Colonialwaren betrieben. Sogar eine ägyptische Compagnie existierte, die auch in Smyrna eine Niederlassung hatte. Als Kaiser Josef starb, hatte Triest bereits eine Schiffahrtsbewegnng von 6000 Fahrzeugen; aber nur 6 Procent entfielen auf die österreichische Flagge. Den Holländern war es unerwünscht, dass Triest seit den siebziger Jahren direct mit Ostende verkehrte, weil darunter ihr Zwischenhandel mit den über Triest und Fiume exportierenden österreichischen Ländern litt. Roch weniger wollte es den seebeherr schenden Mächten gefallen, dass die Österreicher ivieder nach Ostindien, ja nach China fuhren; Triest hatte sogar eine chinesische Handelsgesellschaft. Ans Livorno liefen 1775 zwei österreichische Schiffe, „Giuseppe" und „Theresia" ans, die sich der Niko- baren bemächtigten. Hyder Ali, der Feind Englands in Ostindien, «öffnete den Österreichern den Hafen von Mangalore und überließ ihnen einen Küstenstrich, damit sic eine Factorei anlegen könnten. Indessen weder ans dem Triester, noch ans dem Ostender Handel mit Südostasien ruhte der Segen. Tic neuen indischen Handelsgesell schaften fallierten, wie die alten. Roch einmal, bevor die Revolutionszeit eine gänzliche Umwälzung des Staaten systems herbciführte, machte Josef II. einen Versuch, die österreichischen Niederlande von dem Druck ihrer Nachbarn zu erlösen. Da die Holländer willig ans den Barriöre-Tractat verzichteten sd. h. ans das MitbesatznngSrecht in den gegen Frank reich zu gelegenen Grenzfestungen), so glaubte der Kaiser auch die Aufhebung der Scheldesperre durchsetzen zu können. Ganz wider alles Erwarten wagten es die Holländer, ans eine die Schelde hinabfahrende kaiserliche Brigantine Feuer zu geben und ein von Ostende nach Antwerpen segelndes Schiff anzuhalten. Nach langwierigen Unterhandlungen verzichtete Joses II. gegen eine Entschädigung von 5 Millionen Gulden auf seine Forderung, dass die Scheldesperre aufgehoben werde (1785). -1. Von dem erfreulichen Aufschwung, den im 18. Jahrhundert die beiden deutschen Großstaaten, Österreich und Preußen, sowie die Hansestädte zeigten, war in dem übrigen Deutschland wenig zu bemerken. Nur in den großen Messplätzen pulsierte ein regeres Treiben, das minder aus den territorialen, als ans den inter nationalen Verhältnissen seine Kraft schöpfte. Namentlich gewann Leipzig den Vorrang unter den concnrrierenden Messorten: Frankfurt a. M., Braunschweig, Frankfurt a. O. In Leipzig wickelte sich ein großer Thcil der Geschäfte zwischen dem Westen und Osten Europas ab. Im 18. Jahrhundert wurde es auch der Centralsitz des deutschen Buch-7. Kapitel. Die niederländisch-britische Periode. 19?. Handels, den früher Frankfurt a. M. beherrscht hatte. Schlimmer als die mittel deutschen Messplätze waren die oberdeutschen Handels- und Industrie orte ^ daran, die von allen Seiten eingeengt und namentlich durch das Sperrsystem in '»'gch and. Österreich rmd Preußen dem Ruine nahegebracht wurden. Von den Beziehungen mit Italien allein konnten sie nicht leben; so mussten sie sich denn bequemen, für Rech nung der Holländer, Franzosen, Hamburger Marktware zu liefern, die dann freilich in aller Welt Absatz fand. In noch höherem Grade war das Rheinland der hol- D>E,ein- lnndischcn und französischen Ausbeutung verfallen. Köln und Mainz waren die Stapelplätze, in denen sich die nieder- und oberrheinischen Waren ansammelten, um durch privilegierte Schiffergildcn weiter befördert und den Holländern zugeführt zu werden. 8 41. Die gewerblichen und agrarischen Verhältnisse in den europäischen Staaten des 17. »nd 18. Jahrhunderts. Das 17. Jahrhundert übernahm aus den vorangehenden Perioden das zünftige Handwett und Handwerk und das Verlags,,stem. Beide gehörten ihrer Entstehung und Ausbildung ^lag,hstem. »ach dem Zeitalter der städtischen Cultnr an. Je weniger die Städte eines Landes entwickelt waren, destoweniger auch das Handwerk, das Zunftwesen und der Verlag (als die Form des Engros-Vertriebcs der im kleinen produciertcn Handwerkserzeugnisse). Wie sehr standen doch Skandinavien. Polen, Russland mit ihren wenigen stadtähnlichen Orten i„ gewerblicher Hinsicht gegen Deutschland, Italien, Frankreich zurück! Was Nordosteuropa an städtischen Elementen anfzuweisen hatte, war noch dazu aus Dentsch- land eingewandert. Das Handwerk genügte vollkommen, wo es die Befriedigung localer und per sönlicher Bedürfnisse galt. Für den interlocalen oder gar internationalen Verkehr reichte es nicht ans. Da schob sich der Händler ein, das nomadische Binde glied zwischen dem sesshaften Producenten und dem entfernten, unbekannten Consnmentcn. Die Handwerker arbeiteten nicht mehr für den localen Markt, sondern für den fremden, den nur die Händler kannten. Von dem Händler giengen die Bestellungen ans, er wurde der Verleger jener Ware, für die er Rohstoff- und Lohnvorschüsse geleistet datte, er wurde der Herr der von seinem Kapital abhängigen Gewerbsleute. Auf diese Weise war es im späteren Mittelalter dahin gekommen, dass an bestimmten Markt- oder Handelsplätzen die Erzeugnisse gewisser Productionscentren einen internationalen Absatz erlangten: venetianische Seidengewebe, oberdeutsches Linnen, flandrisches Tuch u. s. w. Auf diese Weise waren aber auch die Länder vorwiegender Konsumtion den d«->d-r v°r- localisierten Prodnctionsgebieten tributpflichtig geworden, und während jene ntm uud dünn bevölkert blieben, häuften und stauten sich die Kapitalien i» den wenigen sonjumtion.’ Mittelpunkten des internationalen Handels und des für den internationalen Markt arbeitenden Gewerbes. Die beiden Aufgaben des niercantilistischcn Industriesystems waren: ^Reservierung des inneren Marktes und Eroberung auswärtiger Absatzgebiete für die eigene Production. Beiden Zwecken genügte das bisherige BctriebS- shstem, das zünftig-handwerkcrliche, nicht. Handelte cs sich ja weniger um die bereits eingebürgerten, vom zünftigen Gewerbe regelrecht hergestellten Erzeug- uisse, als um bisher nicht oder schwach kultivierte Gewerbözweigc, um aus- betrieb. diayr, Lehrbuch der HandelSgclchichtc. 13III. Abschnitt. Tao indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). 194 ländische Spccialitäten, für die man die Arbeiter »ach nicht hatte. Ein Anfang war da kaum anders möglich, als dass mau gegen Geld und gute Worte sachverständige Ausländer herbeilockte, die naturgemäß zu Meistern und Leitern der inländischen Arbeitskräfte vorherbestimmt waren. Wenn nun einer größeren Anzahl van Arbeitern in einem bestimmten Locale Theilarbcitcn zu gewiesen werden, die erst durch die znsammenfassende technische Leitung das gewünschte Endpraduct ergeben, so ist damit jenes Betriebsystem organisiert, das man Fabrik oder Manusactur « beide Wörter bedeuten dasselbe) nennt, «ln» und Abgesehen von rein örtlichen Ausnahmen (in Venedig, Genua) ist die Groschctricb. c j nc vergrößerte Werkstatt und das Fabriköwcscn nicht aus den zünftigen, städtischen Handwerken hcrvorgegangcn, sondern es hat sich neben ihnen auf freiem Boden unter staatlichem Schutz etabliert, ihnen zunächst auch nichr durch Wetrbewerb Schaden zngefügt, da es sich durchschnittlich mit neuen, ans der Fremde entlehnten oder mit unentwickelten Prodnetionszwcigen befasste, ;. B. mit der Seidenweberei, der Spiegelfabricatio», der Zucker- rasfinerie. Ein für das Handwerk bedenklicher Jnteressenzusammcnstoß ergab sich dann, als die technische ProdnctionSwcise der Fabriken ans Zweige über tragen wurde, die bisher dem zünftig handwcrkerlichen oder hctnsindnstricllcn Betrieb Vorbehalten waren — ein Eonftict, der erst an der Scheide des 18. und 19. Jahrhunderts aetuell zu werden anfieng. Maschine». Die Fabriken Ivaren von Anbeginn daraus hingtwicsen, den Absatzkreis für ihre spccifischen Lnxuslvaren nach unten zu erweitern, also wohlfeil, in Masse und für die Blasse zu producicren. Dies ermöglichten die Maschinen. Reue? Zeit Mit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beginnt ein neues Zeitalter aller der Er Erfindungen. Wie die Epoche der mittelalterlichen Erfindungen große geistige sin »mv». gesellschaftliche Veränderungen einleikete und begleitete, so war dies auch im 18. und 19. Jahrhundert der Fall. Den beiden vorangehenden Jahrhunderten hat cs keineswegs an Erfindnngsgeist gemangelt. ES gehören ihnen beispielsweise au: das Spinnrad (I. Jürgens 1530), der Strnmpfivirkerstnhl (Wil. Lee 158!»), das schmelzen der Erze mittelst Steinkohle (Dodd Dndley 1620), die Erzeugung von Weichporzellan (1095) und Hartporzellan (Adliger 1709). Arbcila »nd Was dein neuen Erfindungsaller sein Merkmal anfdrnckte, Ivar die Gleich- «rasl Eiligkeit der Erfindung ingeniöser Arbeitsmaschinen mit der eines Motors, inaschink». ^^lcher eine leicht regulierbare Naturkrast, den Dampf, in die Dienste des Menschen Die Dauips stellte. Mit Recht wird die Dampfmaschine als die Krone der modernen Erfindungen inaschme. rtnfli'fc()cn. Der Name des Engländers James Watt hat feine Vorgänger (Papin, sa- very, Rewcomeil) verdunkelt n»d auch den Ruf der späteren Verbesserer der Condensations- maschine aufgcsogen. Während James Watt seine Erfindung aus die Industrie an- wendete, ist es in den beiden ersten Decennien des ll». Jahrluinderts gelungen, den Dampf für den inenschlichen Verkehr nutzbar zu machen. Auch da haben zwei Rainen absorbiert, was Vorgängern und Rachfolgern gebären würde« der Amerikaner Robert Fnlton, der Erfinder eines Dampfschiffes <1807), und der Locomolivenronstruetenr Georg Stephenson (1814).7. (inpitel. Tie niederländisch-britische Periode. 195 Unter den ArbeitSnmschinen machen diejenigen Epoche, die eine Revolution auf -pmn^uuv dem Gebiete der Textilindustrie hervorgernfen haben. Charakteristischer,vcise^var es die neue, unzünftige Baumwollindustrie, für die neue Mechanismen zum Spinnen und Weben ersonnen wurden. Um 1764 erfand ein ganz ungebildeter Weber, I. Ha>- greaves, sein „Spinnendes Hannchen", nachdem 2- Wyatt eine wenig beachtete Maschine erfunden hatte, deren Princip (Streckwalzen) sich der Barbier Richard Arkwright bei seiner Spinnmaschine aneignete, die ihm Geld und Ruhm verschaffte. Aus Hargreavcs und Arkwrights Maschinen campilicrte Samuel Cr o mp ton seine ^lul>;, die endlich das Feld behauptet hat. Der Erfinder des fliegenden (automatischen) Weberschiffleins, John Kay, wäre von den maschinenfcindlichen Arbeitern beinahe gelyncht worden. Um 1184 konstruierte der Geistliche Dr. Edmund Cartwright den ersten mechanischen Web stuhl, der durch Millers und Radcliffs Zurichtmaschine ergänzt wurde- Mit dem genial erdachten Atnsterwebstuhl des Franzosen Jacquard (180.1) eröffncte das Ul. Jahrhundert die ruhmvolle Reihe seiner Erfindungen. Von gleicher fundamentaler Wichtigkeit, wie die niechanischen Erfindungen, waren istiemie. die großen physikalischen und che,nischen Entdeckungen in der zweiten Hälfte des 18. Jahr hunderts. Ans diesen beruht die chemische Technologie, die jüngere Schwester der mechanischen. Für die Geschichte der modernen Industrie hat der Raine Colberts .'timfiiwie, die nämliche Bedeutung, wie für den Handel. Die französische Industrie wurde das Muster, dem die künstlich gepflanzten Industrien der Mereantilzeit allüberall nacheifertcn. Als die französischen Protestanten, dein königlichen Auswanderungsverbote trotzend, ihre Heimat verließen, da flogen auch sie steinte des französischen stnnstslcißes nach allen Richtungen aus einander und acelimatisicrtcn sich ans fremder Erde ^Holland, England, Preußen -. Reben der importierten und künstlich gehegten Rlxnsindustrie existierte den meisten Rindern eine bodenwüchsige und bodenständige, außer- städtische Bolksindnstric — z. B. Eisenindustrie — die über die Linse des bloßen bäuerlichen Hanssleißes aufragte und dennoch nicht von den Satzungen des Zunftbctricbcs eingeschnürt war. Diese naturivüchsige, von der Burcankratie vernachlässigte Rindindnstric hat entweder von selbst die Form drs fabriksmäßigen Großbetriebes gngenonnne» oder sich örtlich im schtvcren, aussichtslosen stampf gegen die Großindustrie behauptet. Roch i,„ vanfc des 18. Jahrhunderts vereinigte» sich die beiden Duell wisse, ans denen die moderne Fabriksind,istrie entstanden ist. Der Großbetrieb bc,<e,,k„de war unwillig geworden, noch länger für die Privilegien »nd Prämien, die wnem-t,,. ihm der Staat ertheilt hatte, sich die Bevormundung und flkeglemenrierung . önrch sie Behörden gefallen zu lassen. Er verband sich mit den Feinde» der bisherigen Staatsvcrfassnng und Staatsverwaltung zu gemeinschaftlichem Stnrnilauf. Als positives Ideal schwebte den Alliierten die Gewerbe f ve i t)c 1 1 vor Angen.196 Ul. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Gewerbc- freihcit. 'Frankreich. England. Obwohl in mehreren kleinen italienischen Territorien (Toscana, der österreichischen Lombardei, Sieilien) schon vor der französischen Revolution das Zunftwesen beseitigt und die Gewerbefreiheit eingeführt worden war, so bildete doch erst das Beispiel Frankreichs während der Revolution (1791) einen für den europäischen Culturkreis maßgebenden Präcedenzfall. In den einzelnen Staaten zeigen die infolge der enropäischen Cnlturgemeinschaft typischen Vorgänge dennoch wesentliche Modificationen. 1. In Frankreich hatte das mächtige und bürgerfreundliche Königthnm die Regelung und Uniformierung des Gewerbes schon seit dem 15. Jahrhundert in die Hand genommen. Durch die Verordnungen Karls IX., Heinrichs III. und Heinrichs IV. wurde das Zunftwesen des ganzen Königreiches einheitlich gestaltet und zu einer Einnahmegnelle für den Staat gemacht. Dieser fiscalische (regalistische) Standpunkt erhielt sich bis zur großen Revolution, llnterdesscn war Colbert gekommen, der große Reforinator des französischen, mittelbar des europäischen Gewerbewesens. Er vollbrachte, was dem Zeit alter Franz I. (Renaissance) und dein Heinrichs IV., respective Sullys, als Ahnung vorgeschwebt hatte. Zuvörderst erkannte er, dass die Einfuhr italienischer, holländischer, englischer Gewerbserzcngnisse durch deren qualitative Überlegenheit bedingt sei; dass es mithin nothwendig sei, die französischen Fabricate auf die gleiche Stufe zu bringen, damit man ihnen den inländischen Markt Vorbehalten und den auswärtigen erschließen könne. Der erste Gewerbszweig, deir er durch Vorschriften über Qualität und Quantität der Erzeugnisse zu heben suchte, war die Textilindustrie. Um die Ausführung der Reglements zu überwachen, bestellte er eigene Organe, die Fabriksinspcctoren. Dann begründete er oder hob er aus tiefem Verfall durch Begünstigungen (Monopole, Prämien, Vorschüsse, Schutzzölle) die Seiden- und Tapisseriemanufactur, die Spitzen-, Glas-, namentlich Spiegelfabrication, die Keramik. Von einer für das Gewerbe und die Kunst gleich großen Wichtigkeit mar die Errichtung einer Mnsteranstalt, der mm dem berühmten Maler Lebrnn geleiteten Manufacture royale des meubles de la couronne. Seit Colbert trat Frankreich an die Spitze der Luxus- und Mode-Industrie, ivelchen Platz es im Wechsel der Zeiteir behauptet hat. Es kennzeichnet die französische Industrie des 18. Jahrhunderts, dass sie an Puder, Schminke, Parfümerien, Seife dem Werte nach ebensoviel prodncierte, als an Wollwaren. Von Colbert bis zur Revolution (1681 bis 1789) hat sich ihr Ertrag versechsfacht. 2. Auch in England war das Gewerbemesen frühzeitig von der Krone abhängig geworden, die Entwicklung der Zünfte nie so weit vorgeschritten, wie in Italien oder Deutschland. Die Summe der älteren Gewerbegesetze Englands ist in der LehrlingS- Acte der Königin Elisabeth vom Jahre 1562 gezogen; sie wurde erst 1811 formell aufgehoben. Für das nationale Hnuptgewerbe, die Wollindustrie, reichen Schntz- maßregeln in der Art des MercantiliSmus bis ans die Plairtagenets und TudorS zurück. Gegen das Ausland hielt man für sämmtliche Industriezweige bis zuin Durchbruch des Freihandelsysteins im 19. Jahrhundert an der Mercantilpolitik fest; jedoch hu Inneren befolgte die Regierung schon seit dem 17. Jahrhundert eine liberale Richtung, die den Grundsätzen der Gewerbefreiheit nahekam; die Staatsgewalt mengte sich so wenig als möglich in den Kampf zivischen zünftigem und nichtzünftigeni Betrieb, zwischen Kleingewerbe und Großindustrie, zivischen Capital und Arbeit. Am meisten setzte sich die Regierung noch für die Seidenindnstrie ein, welche die französischen Rdfugies (huge-197 7. Capitel- Tie niederländisch-britische Periode. nottischen Flüchtlinge) importiert hatten. Zu der urheimischen Wollen- und Leinenindnstrie gesellte sich im 18. Jahrhundert auch die Baumwollindustrie. Freilich, schon im 14- Jahrhundert sollen flandrische Weber diesen Gewerbszwcig nach Manchester verpflanzt haben; aber die Verarbeitung der Baumwolle war noch im 17. Jahrhundert so unter geordneter Art, dass man sie gegen die ostindische Einfuhr zu schützen nicht für nöthig hielt. Die geschulte Nachahmung indischer Muster, die Verwendung von Maschinen und die steigenden Preise der Schafwolle kamen der Baumwollindustrie zu statten- Ihr be herrschender Einfluss stammt ans den 20er Jahren des 1!'. Jahrhunderts. Zn den boden- wüchsigen und bodenständigen Industrien Britanniens gehört die Eisen- und Stahlindustrie, die seit der Verwendung der Steinkohle den Eharakter einer Großindustrie annahm. Erst seit dem 18. Jahrhundert treten die Metropolen der britischen Weltindnstrie an-,- dem -v nnkel der Namenlosigkeit hervor: Liverpool, Manchester, Birmingham, Leeds, Sheffield, Glasgow :c. 3- In Holland lag die gewerbliche Gesetzgebung und die Gewerbepolizei nicht in den Händen des Staates, sondern in denen der Städte. Die einheimischen Gewerb-o- iweige, wenn sie auch dem Handel Massenerzeugnisse zur Verfügung stellten, wie die Tuch- und Leinenweberei, waren zünftig organisiert. Das vorherrschende System war der hausindustrielle Kleinbetrieb. In eigenen Hallen wurden die Erzeugnisse der obrigkeitlichen Beschau unterzogen, gestempelt und an die Händler verauctioniert. Fabrcks- mäßiger Großbetrieb leim erst durch Fremde in das Land, zumal durch die französischen ReTSgi&j, die nicht den zünftigen Zwangsmaßregeln unterworfen waren, wie die Ein- hcimifchcn. Für die holländische Industrie begann nun eine Blütezeit, die ein bis zwei Menschenalter anhielt (circa 1085-1740). Allein die mercantilistische Handelspolitik war ihrem weiteren Gedeihen nicht günstig. Frankreich und England hatten sich bereits gegen das Ausland hermetisch abgesperrt; nun giengen Portugal, Spanien, die größeren deutschen Territorien, die skandinavischen Reiche den Holländern auch noch verloren- >zhi Absatz in den Colonien war gering; die Rohstoffe für das Gewerbe mussten aus der Fremde cingcführt werden; zudem kam in dem decentralisierten Lande keine systematische Schuhgesetzgebung zustande, so dass nicht einmal der innere Markt den Landeskindern reserviert war. So vielen feindlichen Umstünden musste die holländische Industrie erliegen, die in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts so gut als zugrunde gerichtet war. 4- In Deutschland zeigte der permanente Regensburger Reichstag das löbliche Bemühen, den Handwerksinissbräuchen entgegenzutreten, das Gewerbe von dem selbst süchtigen Treiben der zünftigen Meister zu emancipieren - aber die ReichStagSbeschlupe blieben unbeachtet. Der Fortschritt des Gewerbewesens hicng von der Einsicht der Holland. Aupchwung. Verfall des holländischen Gewerbes. X Deutschland. größeren Territorialherren ab. a) In Preußen begann, wie in Holland, mit den Rdkugiös eine neue Epoche «»¦ der Jndustriegcschichtc. Sie wurden die Begründer bisher unbekannter Gewerbszweige und des Mannfacturbetriebes. Man fabricierte nun auf einmal Seiden- und Halbseiden- stoffc, Bänder, Sammte, feine Tücher, Handschuhe, Hüte je. und ersparte dar- Geld, welches man bisher für solche Kostbarkeiten an das Ausland gezahlt hatte. Friedrich Wilhelm I. interessierte sich besonders für die Gewerbszweige, die mit der Heeres ausrüstung zusammenhicnge». Für diesen Zweck errichtete er das Berliner Lagerhaus, wohin die kleinen Meister ihr Tuch abliefern konnten. Einen neuen Fortschritt machte die preußische Industrie unter Friedrich II. Sic versorgte fortan nicht nur das Inland, sie arbeitete auch für den Export.198 in. Abschnitt. Das inda atlantische Zeitalter (Ncnzeit). Sachsen. b) In Knrsachsen entwickelte sich die eingeborene Tertil- und Metallindustrie vermöge einer dem kleinen Lande heilsamen liberalen Gewerbe- und Handelspolitik. Schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts war Sachsen das indnstriereichste Territorium des Deutschen Reiches Ter große Stapelplatz für sächsische Gewerbeerzeugnisse war Leipzigs doch versandte das Land auch über Hamburg und Frankfurt a. M. Zittau bildete den Mittelpunkt der Leinen-, Bautzen der Moll-, Chemnitz der Banmwoll- industrie. Bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts stand die von Barbara Uttmann im 10. Jahrhundert eingeführte Spitzenklöppelei gleichfalls in Blüte. Österreich. e.) Österreich. Schon im 16., jedenfalls im 17. Jahrhundert hatte die Regierung das Zunft- und Gewerbewesen fest in Händen. Allein es kam zu keiner allgemein gütigen, gleichmäßigen Regelung des Gewerberechts; die Menge provinzieller und localer Besonderheiten überdauerte selbst die centralistischen Regierungen Maria Theresias und Josefs II., die beide abgesagte Gegner der Zünfte waren und im Herzen der Gewerbefreiheit znneigten. In keinem Lande war das Zunftwesen durch so viele Aus nahmen durchlöchert, und nirgends ließ man die „Freimeister" und „Störer" (Fretter, Pfuscher, Bönhase») ungehinderter walten. Besonders waren alle Manufacturen oder Fabriken des Zunftzwanges ledig, mochten sie nichtzünftige oder zünftige Producte Herstellen. Allein daneben blieben die alten Meisterrechte, das Gesellen- und Lchrlings- wesen, die Betriebsvorschriften, die Lohn- und Preistaxen, kurz alle Einrichtungen erhalten, die den Zünftigen ihre Existenz sicherten. Österreichische Die Anfänge der österreichischen Großindustrie reichen in die Zeit Leopolds!. Großindustrie, zurück, als die Seidenmanufactur eingeführt Ivurde und die Regierung mit einem Mustcr- institute, das Lehrwerkstätte und Staatsfabrik zugleich sein sollte (dem Mnnnfacturhanse auf dem Tabor in Wien), experimentierte. Es folgten die charakteristischen Gründungen einer Wollmnnnfactur in Linz (durch Ehr. Sind gegründet, dann verstaatlicht, von Maria Theresia aufgelassen), einer Kattnnfabrik in Schivechat, einer Spiegelfabrik in Fahrafcld, einer Porzellanfabrik in Wien n. s. w. Ans den Elementen, in die sich solche privilegierte Gründungen auflösten, gieng, wie bei der Seidenmanufactur zu bemerken ist, oft ein weitverzweigtes, selbständiges Gewerbe hervor. Österreich hatte aber auch in den Erbländern verstreut eine Fülle selbständig erwachsener, durch die örtlichen Bedin gungen (Wasserkraft, Holzreichthnm, Bergbau, Wohlfeilheit) genährter Landesindnstricn: die Eisenindustrie in den Alpenländern, die Glasfabrication in Böhmen, die mährische Tuch-, die schlesische Leinencrzcngnng n. s. w. Es ist ein Verdienst der erleuchteten Regierungen Maria Theresias und Josefs I I., diesen unscheinbaren, abseitigen, nicht eben florierenden Bildungen ihre Aufmerksamkeit zugewendet zu haben. Alarm Theresia ließ es sich z. B. angelegen sein, durch Vorschüsse, durch Berufung ausländischer Kräfte, durch Gewerbeschulen das Niveau der localen Industrien zu heben. Die Schutz zölle und Einfuhrverbote der josefinischen Zeit wirkten mächtig auf ihr Gedeihen, wie das namentlich vom nördlichen Böhmen constatiert ist, wo Reichenbcrg die Führerrolle ergriff. Wie viele seiner einsichtigsten Zeitgenossen, verbot Josef I I. die Maschinen, um den Arbeitern ihren Verdienst zu erhalten. 5. Russland. Dem Bode» Osteuropas entstammen als selbstwüchsige Gebilde: das ländliche Wandergewerbe und die bäuerliche Hausindustrie (als Neben beschäftigung der durch Handgeschicklichkeit ausgezeichneten ©Inum); die Erzeugnisse des bäuerlichen Fleißes giengen an Aufkäufer und von diesen an Großhändler über. Das in wenigen Städten vertretene Handwerk stammte aus der Fremde, nämlich ans Deutschland.7. Capitel. Tie niederländisch-britische Periode. l Erst Peter der Große griff reformatorisch in diese urväterlichen Verhältnisse Pe.erd.Gr. ein. A!it einem Ruck suchte er eine Großindustrie hervorzuzaubern, wie sie ihm in Westeuropa vor Augen getreten war. Thatsächlich erblickten zwischen 1682 und 1719 unter dem Hochdruck des extremsten Mercantilismus 200 Fabriken das Licht der Welt. Ihre Anzahl vermehrte sich unter den folgenden Regierungen. Dem Mangel an Arbeits kräften wurde dadurch abgeholfen, dass es den Fabrikanten gestattet war, Dörfer sammt zugehörigen Leibeigenen aufzukaufen. Unter Katharina ii. trat eine nntimcrcant,-mMM.m n. listische Wendung in der Gewerbepolitik ein. Die Fabriken vermehrten sich von 500 auf 2300. Indessen wusste die freisinnige Kaiserin die Handwerker auf keine andere Weise mit einem besseren Geiste zu erfüllen, als durch Einführung zunftähnlicher Ver- bände. Auch die Kaufmannschaft wurde in die bekannten drei Gilden oder eigentlich Steuerklassen gegliedert: die Großhändler der ersten Gilde, die Innen- und Außeichandcl zu betreiben das Recht besitzen; die Großhändler der zweiten Gilde, die bloß am Innen handel sich bet heiligen dürfen, und die Kleinhändler. Der moderne Absolutismus, die seit dem 16. Jahrhundert vor- waltende Regicrungsform, konnte es bei den socialen Zuständen, die er vor-z. Stand, gefunden und sozusagen übernommen hatte, nicht für immer bewenden lassen. Durch seine lebendigsten Bedürfnisse getrieben, hob er zuerst den dritten Stand (die Kausleute, die Gewerbetreibenden, die Rentner) über das frühere Niveau hinaus. Schwieriger war das Verhältnis der modernen Staatsgewalt zu den ans der Vergangenheit übernommenen grnndbcsitzendcn (Stoffen: zur Masse». Geistlichkeit, zum Adel und Bauernstände. Im offenen und heim lichen Kampf zwangen die Fürsten allmählich Elerus und Adel in den Dienst der Krone; mit diesem Ergebnis zufrieden, dachten sie nicht weiter, an der social-ökonomischen Stellung der bevorrechteten (Stoffen zu rütteln. Arie inuner, wenn ans lange Kämpfe ein erträglicher Zustand folgt, so trat auch t» diesem Fall eine Panse im Entwicklungsprocesse ein. Und dennoch hat das finanzielle und militärische Bedürfnis die Regierungen veranlasst, nach langem Stillstand in die Verhältnisse der grundbesitzenden Elasten einzugreifen. Hierbei liefen die Bestrebungen des Staates parallel der Zeitstr Innung, wie sie im ,8. Jahrhundert durch die literarische Propaganda der Aufklärungs- schriftstellcr in die bürgerlichen Kreise hineingetragcn worden war. Es siird also zwei Standpunkte zri unterscheiden: der staatliche oder öffentliche und der bürgerlich-populäre oder private. Leichteres Spiel als mit dem Adel hatte der Staat mit dem 6 le rus. Seit der Ter Reformation war dessen Macht, dessen sociale Unabhängigkeit innerhalb der protestantischen Welt gebrochen. Die geistlichen Güter waren eingezogen, ganze Fürstenthümer säcn- larisiert (in weltlichen Besitz nmgewandelt) worden. Rlit dem westfälischen frieden schließt die Periode der conscssioneilen Säcnlatisationen ab. Natürlich ivar die katholische Geistlichkeit in den katholischen Ländern nicht gesonnen, den absoluten Fürsten, ihren Schutzherren, irgendwie entgegenzutreten; durch Unterordnung rettete sie200 III. Abschnitt. DaS indo-atlantische Zeitalter. (Neuzeit). und die Auf- ihren Besitz, ihre Privilegien. Erst mit der Aufklärung begann wieder eine dein Mrung. Uxrus gefährliche Bewegung. Sie richtete sich mit aller Intensität zunächst gegen den Jesuitenorden, dessen Güter in allen Ländern, ans denen man ihn vertrieb, con- fisciert wurden. Der Adel. Gleich dem Clerus genoss auch der Adel im Ancien Regime (vor der französischen Revolution) eine bevorzugte Stellung, die gegen die stetig wachsende Staatsgewalt und gegen den Geist der staatsbürgerlichen Gleichheit nicht unangefochten erhalten werden konnte. Der absolute Staat bestritt dem Adel weder seinen Besitz als solchen, noch dessen Gebundenheit durch Majorate, Fideicommissc re. Seitdem der Adel in den Heeres-, Hof- uitd Staatsdienst cingetretcn war, gewährten ihm die Souveräne willig auch auf diesem Ge biete Vorzugsrechte. Allein der Adel genoss seit alten Zeiten Steuer freiheit oder doch Steuerexemtionen, und dies machte die Regierungen schon vor der Revolution geneigt, nicht in jeder Hinsicht die AuSnahmS- stellung der Aristokratie bestehen zu lassen. Alle großen Wandlungen des inneren StaatölcbenS in der Neuzeit hängen mit Stcnerangelegenheiten zusammen. Die adelige Der adelige Grundherr war innerhalb seiner Grundherrschaft ein kleiner ^ Mim" Souverän, der abgabenpflichtige Untcrthanen besaß, die ihm auf seinen Äckern Frohndienste leisteten und obendrein seiner Gerichtsbarkeit, sowie seiner Polizei gewalt unterworfen wären. Dieses Abhängigkcitsverhältnis zeigte verschiedene Stufen, aber unter allen Umstünden befand sich die gutsherrliche Gewalt als hinderliches Medium zwischen der Landbevölkerung und der centralen Staatsgewalt. Der Bauer konnte sich wirtschaftlich nicht emporarbeiten, Staatliches auch nahm die Landbevölkerung der Kopfzahl nach nur wenig zu. Nun lag Bauernstand, aber dem Staate daran, dass der Bauer wirtschaftlich gedeihe, weil er Steuerzahler war und der Staatsbedarf immer größer wurde; seitdem bei den Armeen die Conscription ganz oder theilweise an Stelle der Werbung getreten war, lag dem Staate nicht minder das Wachsthnm der Popnlation am Herzen. Indem der Staat aus den unteren landbau treibenden Schichten mehr Geld und Recruten zu ziehen suchte, fand er sein Bestreben durch die bestehenden agrarischen Verhältnisse gehemmt, und so nahm er selbst das Reformwerk in Angriff. Am weitesten gieng hierin vor dcr Revolution Österreich unter Maria Theresia und Josef II. (Robot patente, Stenerregulierung, Kataster, Aufhebung der Leibeigenschaft, innere Colonisation). Staatliche und Während die staatliche Agrarreform daraus abzielte, die persönliche Unfreiheit des Bauernstandes zu beseitigen, das unvollkommene Besitzrecht desselben in besseres, womöglich in volles Eigenthnmsrecht nmzmvandelu, die201 7. Capitel. Die niederländisch-britische Periode. Ablösung der feudalen Frohnden, Geld- und Naturalleistungen zu erleichtern — stand die bürgerliche, unpolitische Welt der Frage anders gegenüber. Waren für den Staat militärische und staatswirtschaftliche Gesichtspunkte maßgebend, so existierte für die bürgerliche Geschäftswelt nur T-ndc„zm. die privatwirtschaftliche Calculation. Den Individuen, die sich bereichern wollten, stand die Gebundenheit (Vinculierung) des Grundbesitzes am meisten im Wege: durch Fantilien-Fideicoinmisse, durch Veräußerungs-, Ber- pfändungs-, Verschuldungs-, Parcellierungsverbotc, durch Ausschluss der Nicht- adeligen vom Großgrundbesitz, der Juden vom Grundbesitz überhaupt re. Mau wollte Freiheit der agrarischen Kauf- und Kreditgeschäfte. Jedermann sollte nach Gefallen Grund und Boden, Haus und Hof erwerben und besitzen, verkaufen und zertheilen, belasten und ausnützen dürfen. Die Immobilien sollten Mobilien, Waren, Spcculationsobjecte werden, wie die Acker fruchte oder das Vieh. Die Industrie sollte ihren Einzug in der Landwirtschaft halten, das Geld den Boden befruchten, den Ertrag steigern. Frei wie die Aus- nützung, die Zertheiluug, die Veräußerung sollte auch die Belastung des Bodens werden; das mobile Capital dürstete nach der Dccupation eines seiner Herrschaft bisher schwer zugänglichen Gebietes. Gegen diese heimlichen Wünsche verhielt sich das Jahrhundert der Aufklärung noch spröde; erst die französische Revolution und die von ihr beeinflussten Gesetzbücher haben dem bürgerlichen Eapitalismns die Erfüllung seiner Freiwirtschaststräume gebracht. Nun erst sank der letzte Pfeiler des naturalwirtschaftlichcn Gesellschafts- baucS; die Combination der Natural- und Geldwirtfchaft, wie sie seit dem späteren Mittelalter geherrscht hatte, zergieng und damit die Rechtsordnung, die den Einzelnen durch die Schranken seines Standes gebunden hielt. § 42. Revolution und Kaiserreich. Seit der Erfindung des Buchdruckes war die Literatur eine Macht geworden. Die Litcwtur. Zum ersten Mal enthüllte sic ihren Einfluss aus das große geschichtliche Leben im Zcll- alter der Reformation. Unter Ludwig XIV. trat Frankreich an die Spitze des euro päischen Schriftthums, das Französische wurde neben dem Latein das Werkzeug der allgeineiuen Weltbildung. Die wunderbare formelle Ausbildung des französischen Prosa stils verlor nichts von ihrem Reiz, als die Schriftsteller einer anderen Sache, als der Verherrlichung des KönigthnmS und des bestehenden Systems, ihre Dienste weihten, als sie in die schärfste Opposition gegen die Regierung traten und alle Fragen des religiösen, politischen, gesellschaftlichen, wissenschaftlichen, künstlerischen Lebens einer unabhängigen, grundstiirzendcn Bcnrtheilnng unterzogen. Die glänzende ixorm, die geist reiche Diction hat nicht am wenigsten zu den Erfolgen der Aufklärungsmänner, eines Montesquieu, Voltaire, Diderot, Rousseau, Beaumarchais n. s. w. beigctragen.202 in. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Sporadische Kritik des Mercantit- systems. Tie ersten Systeme der National- ökonomie. Tie Physio- kraten. Adam Smith. Gleicher Grund charakter. Der Indivi dualismus. Ter Geist oppositioneller Kritik gab sich anch auf volkswirtschaftlichem Gebiete kund. Das fürchterliche Elend, in das Frankreich durch die Politik Ludwigs XIV. gestürzt worden war, bildete den Ausgangspunkt für den Zweifel an der Alleingiltigkeit des inercantilistischcn Wirtschaftssystems. In den Schriften zweier hochsinniger Patrioten, Vau bans und Boisgnilleberts, fand das Mitgefühl mit dem Elende der arbei tenden, zumal Ackerbau treibenden Classen ergreifenden Widerhall. Jedoch ihre Zweifel, Einwürfe, Vorschläge stehen in keinem systematischen Zusammenhang; es sind Apercus ohne allgemeine, principielle Tragweite, wie sich solche bei den englischen National- ökonomikern des 17. und angehenden 18. Jahrhunderts, bei dem Statistiker Petty, dem Kaufmanne North, den: Philosophen Locke gleichfalls finden. Die ersten zusammenhängenden, auf weittragende Grundgedanken gebauten Systeme der Nationalökonomie sind in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden/ in Frankreich der Physio kratismns, in England das System Adam Smiths. Der Urheber des physiokratischen Jdeenkreises war der Leibarzt Ludwigs XV., Francois Qnesncky, der in vorgerückten Jahren seine maßgebenden Gedanken in mehreren kleinen Schriften zum Ausdruck brachte, abschließend in dem Tableau econo- mique (1758). Seine Anhänger bezcichnetcn sich als Ökonomisten, die Lehren der Schule als Physiokratie, welcher Ausdruck von Dnpont de Nemours als Titel auf eine Sammlung der Schriften Quesnnys gesetzt wurde. Über die Schultern des Meisters und der Mitschüler ragt die Gestalt Tnrgots hervor, dein cs beschieden war, zur Reform des Staates im Geiste des Physiokratismus plötzlich berufen, aber ebenso jäh von der Leitung der Geschäfte wieder entfernt zu werden. Im wesentlichen, obgleich nicht im einzelnen, stimmt die englische oder eigentlich schottische Schule mit der französischen überein. Umfassender nach allen Richtungen, als irgend einer seiner Vorläufer, unter welchen Hume der größte war, ergieng sich der Moralphilosoph Adam Smith in seinem Inquiry into tlie nature and the causes of the wealth of nations (1776) (Untersuchung über Natur und Ursachen des Volks reichthums, in 5 Büchern) über die wichtigsten nationalökonomischcn Probleme, so dass es nunmehr möglich wurde, der neuen Wissenschaft anch eine schulmäßige Form zu geben. Physiokratismus und Smithianismus schließen sich nicht ans. Das französische System ist keineswegs eine bloß unvollkommene Vorstufe des englisch-schottischen, das man lange Zeit mit dem uncharakteristischen Worte „Jndnstriesystem" bezeichnet hat. Beide sind vielmehr Varianten ein und derselben Grundlehre, des ökonomischen Indi vidualismus, deS antiniercantilistischen Freiwirtschaftssystemsi beide bereiten den Boden für die gründlichen Umwälzungen vor, die seit der französischen Revolution innerhalb der europäischen Cultnrsphäre stattgefunden haben. Die individualistischen Systeme der Wirtschastslehre beruhen auf der Grund anschauung, dass nicht der Einzelne um der Gesammtheit willen, sondern dass Staat, Gesell schaft, öffentliche Einrichtungen des Einzelnen wegen da seien, dass also das materielle Beste des I n d i v i d n u m s das letzte Ziel alles politisch-ökonomischen Denkens und Handelns sei. Dieses lässt sich nur erreichen durch Freiheit, d. h. durch Abwesenheit jedes Zwanges, jeder Schranke, die das Individuum beim Streben nach materieller Wohlfahrt behindern könnte. Laissez faire, laissez (passer) aller lautet die Devise des Physiokratismus, d. h. Ihr da oben stört den Menschen nicht bei der Verfolgung seiner wirtschaftlichen Absichten, lasst ihn gewähren, denn er versteht sich auf seinen Vortheil besser als Ihr. Freiheit verlangt also das System für den Einzelnen, Freiheit der Arbeit — denn diese ist cs,7. Kapitel. Tie niederländisch-britische Periode. 207 die Werte schafft — Freiheit des Erwerbes, des Eigenthums, der Eigenthnmsverivendnng. Hinweg mit den Frohndiensten, die die ländliche Arbeit bedrücken, weg mit den Zünften und Verordnungen, die die gewerbliche Arbeit gefesselt halten, weg mit den staatlichen und privaten Monopolen, die der Handelsfreiheit im Wege stehen, hinweg mit allen Vorrechten und Bevorzugungen, deren sich ganze Gesellschastsclassen, Eorporationen, Provinzen, Städte erfreuen! Ter Staat hat keine andere Aufgabe, als den: Einzelnen persönliche Sicherheit und den Schutz des Eigenthums zu garantieren. Aus der Freiheit des Individuums ergibt sich die Freiheit des Wettbewerbes der .jitbi uibuen unter einander. Auch dabei macht sich alles am besten, wenn sich der «taat möglichst wenig einmischt, wenn er der Freiheit des Arbeitsvertrages nicht entgegen wirkt, wenn er der freien Preis-, Lohn-, Zinsfuß-, Rentenbildung jedes Hindernis aus dem Wege räumt. So wenig als der freien Coneurrenz im Innern des Landes soll die Regierung dem internationalen Wettbewerb Hemmnisse entgegensetzen — demnach keine Ein- und Ausfuhrverbote erlassen, keine Schutzzölle verordnen, keine ^chisfahrts-, Handels- und Jndüstrieprivilegien verleihen. Gerade durch die internationale Eoneurrenz wird sich der internationale Markt für den Prodneenten und Konsumenten Pu günstigsten gestalten. Die Schranken zwischen den Völkern und .Staaten werden feilten, die Solidarität der Interessen ivird das wahre Weltbürgerthum ins Leben rufen, die.Kriege werden seltener werden, die Menschheit wird über jedes physische und geistige Ungemach triumphieren. Was hofften und hoffen die Theoretiker nicht alles von der Entfesselung des Individuums und von dem Spiel der freien Kräfte! In derselben Zeit, als die individualistische Theorie gegen die mereantilistische Vevormundnngspolitik zur Geltung kam, fand auch ihr Widerspiel, die socialistrsche Theorie, einen wenngleich unsystematischen, so doch wirkungsvollen Vertreter in Jean Jacques Rousseau. Neben diesem Stern ersten Ranges leuchteten auch geringere Social- theoretiker, ein Mably, ein Moreily, ein Brissot de Warville (der Verfasser einer theore tischen Schrift mit dem kennzeichnenden Titel: 8nr la proprifete et sur le vol—- Uber Eigenthum und Diebstahl). Ungeordnet, wild, abrupt, wie der literarische Socialismus, war auch der erste gewaltthätige Versuch des praktischen Socialismns, der mit dem Anfangsjahr der französischen Revolution (1789) einsetzt, zur Schreckenszeit seinen Höhepunkt erreicht und bis zur Wiederherstellung der politisch-ökonomischen Ordnung durch Napoleon nachklingt, also einen Zeitraum von zehn Fahren (17^9 1799) aussüllt. Erst im 19 - Jahrhundert hat der Socialismus im Widerstreit gegen den herrschenden Individua lismus ideelle Vertiefung und eine unbeschreibliche Macht aus die Massen gewonnen. Ter Locialiemus. Die Generation der Ztaatsleuker, die in der 2. Öälste des l>. Oahr t,ec aufgertav Hunderts ans Ruder kam, stand unter dem Banne der Aufklärungslitcratur; » hesanders waren sie alle den phstsiokratischen Ideen zngethan, sie epperimen- ticrtcn und dilettiertcn in agrarischen oder gewerblichen Reformen. Bei den unausbleiblichen Rückschlägen gegen die Neuerungen der ansgeklärten .kliacht Haber — in Portugal, Dänemark, Österreich n. s. w. Hütte die Welt noch lange auf bleibende Reformergebnisse warten müssen, wenn nicht in Frank reich ein so plötzlicher Umsturz der Ltaats-- und Hkesellschastsotdnnng eilige- treten wäre, dass nun die anderen Länder entweder folgen oder den absoluten Mckzug ergreifen mussten.204 III. Abschnitt. DaS indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Tie Finanzen Die Vorgeschichte und Geschichte der Revolution knüpft sich in erster Linie an die des ancien Nie waren die mächtigen Regenten des von der Natur meistbegünstigten enro- ri5gime ' päischen Landes mit ihren Einnahmen ansgekommen. Trotz einer Besteuerung, wie sie kein anderes Reich zu tragen hatte, contrahierte der französische Staat Schulden, deren Zinsen es erst recht unmöglich machten, das Gleichgewicht im Staatshaushalt wieder herzustellen. Das einzige Auskunftsmittel der bedrängten Regierungen bestand in Anleheu, und wenn diese zu hoch angeschwollcu waren, in ganzen oder halben Bankrotten. Von Heinrich IV. bis zur Revolution (1589—1789) sind die öffentlichen Verbindlichkeiten 56nial nicht eingehalten worden. Auch die schmähliche Regierung Ludwigs XV. schloss mit dem halben Bankrott des Finanzministers Terrai, der die Rente um ein Drittel oder die Hälfte rcducierte. Ludwig XVI. Als Ludwig XVI. den Thron bestieg (1774), schöpfte die Reformpartei Hoffnungen. In der That, der wohlmeinende Monarch ries den besten Mann Turgots des damaligen Frankreichs, den Physiokraten Turgot, an die Spitze der esorme». Dieser legte Hand an eine radicale Umgestaltung des alten Staates im Sinne der individualistischen Freiheit; er gab den Getreide- und Wein handel frei, ordnete die Abschaffung der Zünfte und die Einführung der Gewerbefreiheit an, erlag aber den Jntriguen seiner Gegner; Turgots Reformen wurden wieder rückgängig gemacht. Der Finanznoth hatte er während seines kurzen Ministeriums (1774—1776) nicht steuern können; seine drei nächsten Nachfolger behalfen sich wieder mit Anlehen und vermehrten die Schuldenlast Drohender um 1600 Millionen. Schon verschlangen die Zinsen nahezu die Hälfte der Ein- <mici ' nahmen, die schwebende Schuld und das Deficit wuchsen, man verausgabte die Einkünfte des nächsten Jahres schon das Jahr vorher — Frankreich stand am Vorabend eines neuen, voraussichtlich totalen Bankrotts. Eine ungeheuere Aufregung bemächtigte sich deö Landes. Um das Äußerste zu vermeiden, berief der König endlich, mit Preisgebung des absoluten Regimes seiner Vorgänger, die Vertreter der drei Stände — Ekerns, Adel, Bürgerstand (tiers-etat) — nach Versailles (1789). Ter dritte und Sofort verlor die Nationalversammlung die Finanzstage aus dem Auge; denn der dritte Stand — die besitzende Bürgcrclasse — legte Hand an den Sturz der beiden bevorrechteten Stände und machte sich ans Werk, seine eigene Elassen- und ftnteresscnherrschaft im Namen der Freiheit nach oben und unten zu begründen. Aber schon regte sich ein anderer Prätendent auf den wankenden Thron: der Pöbel, das Proletariat, der vierte — heut zutage würden wir sagen der fünfte — Stand mit dem Verfassnngsprograinm der Anarchie. Am 14. Juli, dem Tage des Bastillestnrmeö, ergriff der Pöbel Besitz von Paris, und im Nn verpflanzte sich die anarchische Bewe gung über die Provinzen. Handel und Gewerbe standen still, es gab keine ouinchr ^bit mehr. Die Bauern erhoben sich gegen ihre Gutsherren, ein Bauern ausruhr, fürchterlicher als die Jacquerie von 1356, wüthete im Lande. Ein7. Capitcl. Die niederländisch-britische Periode. 205 halbes Jahrtausend hatte das Landvolk ans seine Erlösung harren müssen — so langsam vollziehen sich die großen Wandlungen der Gesellschaft — und als die Freiheit schon in sicherer Nähe war, griff es noch zur Gewalt, um an den rechtmäßigen Erben verjährten Unrechtes Rache zu nehmen. Da erinnerte sich die Nationalversammlung ihres actuellen Berufes und decretierte auf Anre gung des Vieomte von Noailleö in der berühmten Nacht des 4 . August 17 89^ Sturz des die Abschaffung der Leibeigenschaft, der patrimonialen Gerichtsbarkeit, des' Jagdrechtes, die Ablösbarkeit der Frohndcn, Zehnten und sonstigen feudalen Lasten. überdies die Gleichheit der Steuerpflicht, die Abschaffung der Kauf- öniter, Zulassung aller Bürger zu den Beamten- und Osficicröstellen, Auf hebung der provinziellen und städtischen Sonderrechte, Umgestaltung der Zünfte ». s/w. D« alte Frankreich I-, i» Trl»m»em, da- m»° gmitrad, war nach nicht da. Es gab keine Verwaltung, keine Gerichte, keine Lteuerbeamten, keine Steuern. Woher die Mittel nehmen, um weiter zu leben, bis man den neuen Staat zusammengezimmert hatte? Für den Augenblick half sich der Finanzminister Necker durch seine Verbindungen mit der einzigen gröberen Bank Frankreichs, mit der von Tnrgot gegründeten DiScontbank (Caisse d’escompte). Für die Zukunft half sich die Bertretersch aft der Nation durch eine Gewaltthat, einen Milliardcnraub: die Eonfiscation der Kirchengüter. Ein Bischof, ^°"^ch°n- der berühmte Tallehrand, hatte die Idee in die constituierende Versammlung ./„er. hineingeworfen. Im November 1 TH?) erklärte sie die Kirchengüter für Nationaleigenthnm, nachdem sie drei Monate vorher in den „Ärenschen rechten" die Heiligkeit des Eigenthums proclamicrt hatte. Im December beschloss sie, den Verkauf von Gütern im Werte von 400 Millionen einzu- leiten und einstweilen verzinsliche Hypothekarscheine n l0.000 Francs — wirtWaft. sogenannte Assignaten — im Betrage von 170 Millionen zu emittieren, die aus dem Erlös der Verkäufe wieder getilgt werden sollten. Als nun die Ltadt Paris und andere Eomumnen sich gegen eine gute Provision erboten, Güterverkauf zu übernehmen, so wagte die Versammlung die Emission dreiprocentiger Assignaten mit Zwangsconrs. Noch im Laufe des Jahres >790 vermehrte man die Assignaten aus 1200 Millionen, beseitigte die Verzinsung und degradierte die Scheine zu einem ungedeckten Staatspapiergeld mit Zwangs- eonrs. Aber in kürzester Zeit zeigte sich ein Disagio, das sich unanshaltsam vergrößerte. Als 1792 der Krieg mit Österreich und Preußen ausbrach, vcr kvr sich ursprüngliche Zweck, die Schuldentilgung; die Assignaten dienten vur mehr, die laufenden Staatsausgaben zu bestreiten. nicht bloß die Kirchengüter, sondern später auch die Onter der Emigranten Revolution al '° beinahe des gesammten Adels —, die der Hingerichteten, der Schul- und Wohl- hinsichtlich d-s thätigkeitssüftiuigen, die Domänen unter den Hammer kamen, so bewirkte dies einen Grundbesitze«.Die Gewerbe freiheit. Einschrän kungen. Freihänd lerische An wandlungcu. Übergang der Herrschaft vom Bürgerstand auf das Prole tariat 1792). Communis ums. ^06 NI- Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Besitzwechscl, ivie er in keinem Lande der modernen Welt stattgefnnden hat. Die wichtigste Folge dieser Veränderung war die Bildung eines grundbesitzenden Mittel standes, den Frankreich vor 1789 nicht gehabt hatte. Der Plan, den Großgrundbesitz zu beseitigen, konnte nicht durchgeführt werden, denn die Güter giengen häufig nnzer- theilt ans die bürgerlichen Käufer über. Die Bauern konnten wegen Capitalmangels nicht einmal auf die Parzellen, in die man viele Güter zerschlug, mitbieten, oder sie konnten sich nicht darauf halten. So fielen denn auch die mittelgroßen Wirtschaften städtischen Capitalisten anheim. Im übrigen schenkte die Revolution dem Bauern Grund und Boden zu vollem Eigenthum, wie dieses am Anfang der Geschichte des romanisch-germa nischen Europas bestanden hat, und befreite ihn dauernd von den feudalen Lasten, obgleich die Ablösung derselben ins Stocken kam. Zn den dauernden Ergebnissen aus der Frühzeit der Revolution gehört auch die gesetzliche Einführung der Gewcrbefreihcit (1791). „Die einzige Bedingung des selbständigen Gewerbebetriebes war die vorherige Lösung eines Gewerbescheines (Mente), der niemandem versagt wurde, welcher die dafür festgesetzte Steuer bezahlte. Eine Aus- nahme wurde nur noch für Apotheker und Droguenhändler gemacht. Das Gesetz voni Juni 1701 verbot jede Koalition von Arbeitern, Arbeitgebern und Wareninhabern, aber auch jede Association von Genossen desselben Gewerbes." Zwei Geiverbe hat die Revolution aus Rücksicht für das öffentliche Wohl ärger geknebelt, als dies in der Znnftzeit der Fall gewesen: das Bäcker- und das Fleischergewerbe. Brot- und Fleisch taren bestehen in Frankreich bis zum heutigen Tage. Am wenigsten profitierte der Handel vom Geiste der revolutionären Freiheit. Die privilegierten Compagnien wurden aufgehoben, bei der Neueintheilufig Frankreichs in Departements alle Binnenzölle abgeschafft, die Douänen an die Reichsgrenze werlegt und neue, sehr ermäßigte Zollsätze decretiert; allein seit dem Ausbruch des Eoalitions- krieges (1792) gewannen die feindseligen Motive, namentlich öic anti-britischen, über alle freihändlerischen Anwandlungen die Oberhand. Die Verfassung, welche die Konstituierende Versammlung 171 > 1 zum Abschluss brachte, erfüllte ihren Zweck nicht, nämlich dem :>. Staube die Herrschaft im Staate zu sichern. Zwar gab es keine bevorrechteten Stände mehr, keinen Gebnrts-, keinen Amtsadel, keinen Klerus, sondern nur Bürger (citoyens); aber man schloss die Richlbesitzeudeu, die „Passivbürger", vom Vollgennss der politischen Rechte aus, sie, die doch die heimlichen Herren Frankreichs waren und auf Kosten des Staates, der vor ihre» Aufständen zitterte, entweder in Rationalwerkstätten faulenzten oder von Lebensmittest spenden ihr Dasein fristeten. Durch den Sturz des KönigthnmS, die September morde und de» R'atioualeonvent bemächtigte sich das Proletariat unter Führung der Bergpartei >Maral, Danton, Robespierre> des Regimentes. Frank reich gerieth unter das zermalmende Fach des ochlokratischen proletarischen Eommnnismns, der eommunistischen Anarchie. Wenn der revolutionäre Bürgerstaat die E'üter der Kirche eonfiSeiert, die der Emigranten segnestriert und auch nach dem Eigenlhnm der Krone gegriffen hatte, so streckte der Pöbel nun seine räuberischen Hände nach den Gütern der Besitzendeni. (SapiteC Tie niederländisch-britische Periode. 207 Krieg nach außen. Krieg im Innern. überhaupt au*, und zwar nach ihrer liegenden wie nach ihrer fahrenden Habe. Das Raubsystem erreichte seinen Höhepunkt, als k79:'> Frankreich bcn Hanptniüchtcn Europas im Kampf eutgcgentreteu und die herrschende Partei zugleich im Jnircrn des Landes den Aufruhr ihrer Widersacher nieder werfen musste. Eine Thcilung der Arbeit trat ein: die Elite der Tugend und Kraft wurde au die Grenzen geschickt, um die auswärtigen pieiude ZN bekriegen und das Raubsystem in die Nachbarländer zu verpflanzen-, denn die Regierung war außer Ltande, die Lasten des Weltkampfes zu tragen. Der Krieg sollte den Krieg ernähren, doch für die Daheiuigebliebeucii gleich salls^ttvas abwerfen. Was sonst an Kräften zur Pcrfügnng stand, wurde >n die Provinzen geschickt, uni den Bernichtnngskrieg gegen die inneren ckcindc zu führen. Es war ein förmlicher Kreuzzug gegen die Ltüdtc, die Hauptsitze der antijatobinischcn Gesinnung, gegen die städtischen Gewerbe, gegen den besitzenden, Mittelstand. Als der Bürgerkrieg zu Ende war, setzten Revolutionsausschüsse, Tribunale, Eomnüssäre die Plünderung fort, um 1° die Mittel zur eigenen Fortcxisten; zu erlangen. Jedes revolutionäre Amt war ein Rechtstirel ans endlose Erpressungen und Unterschleife. Ans je vier Bürger kam ein Beamter, ans drei ein Soldat; die Hälfte aller Arbeits kräfte war dem Landban, Gctverbc und Handel entzogen. Tabei befand sich die revolutionäre Negierung in der ärgsten Bedrängnis. Sic k'akk üch mit der Assignatcnprcsse, nüt Confiscationen und Reguisitionen beliebigen Privat- vcUl)l „ t " mävcn eigenthnins weiter, denn die Steuern gewährten einen nur geringfügigen Ertrag-, die Regirr»»g. ueue Grundsteuer versagte gänzlich. So machte die Regierung den communistischcu Kampf gegen das Eigenthum ans dem Wege der ('>csehge b nng zu ihrer leitenden Aufgabe. Das Disagio der Assignaten bewog den Eonvcnt zu dccretiercn, dass nieniand, J ci sechsjähriger (später zwanzigjähriger) Kcttcnstrafe, für Silber mehr Assignaten vcr- m,fl '""gen dürfe, als der beiderseitige Nennwert lautete. Auf den Handel mit Assignaten wurde Todesstrafe gesetzt. Die Ausfuhr von Edelmetallen war bereits untersagt. Es war oje Einleitung zum System der Zwangspreise. Zuerst setzte der Convent das Marin,,..» c.-... -• « -- r ,v . ... r\- Vorräthe anhäuft, ohne cs »cherer, solle mit dem Tode bestraft tu'* CuilventL'. miariuium für die Kornpreise gesetzlich fest. Jeder. d°n Behörden anzuzeigen, also der Speculant oder W werdeu. Ter Staat trug Sorge, dass die Landwirte sich nicht der Bebauung der Ackcr dass sie den Überschuss über ihren eigenen Verbrauch an den Staat abliescrte». an allen ^ Endlich verfügte das allgemeine Marimnmdccrct, dass an allen Orten >edc Ware zum Durchschnittspreise von l7!>", mehr einem Drittel, jeder Arbeitslohn ebenso, wehr der Hälfte, tariert werden solle. Waren bisher die Güter der Revolntionsfeinde o°m Staate cingezogcn worden, so wurde jetzt die Verfügung getroffen, dass die Eüter der „Verdächtigen" zur Ausstattung armer Pairioten verwendet werden sollten; gleichzeitig begannen die Nlassenbinrichtungc» der Verdächtigen, unter denen diejenigen, rvclche sich durch Ankäufe der adeligen und geistlichen Güter bereichert batten, die Mehrzahl bildeten. Tie Lähmung des Handels und Gewerbe» durch die Zwangsgesetzc und den Krieg H'iu-be dadurch nicht ivettgemacht, dass gerade in den Jahren der Lchrcckenszeit oie208 in. Abschnitt. -Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). Natur ihr Füllhorn über die Fluren des schwer heimgesuchten Landes ausschüttete. Die Hnngersnoth drohte an allen Ecken und Enden, so dass nun der Staat, besonders in den Städten, jedermann, ob arm, ob reich, ein bestimmtes Maß des Consums von Lebensmitteln vorschrieb — z. V. ein Pfund Fleisch alle zehn Tage für den Kopf —, nni den Rest an die Menge zu vertheilen. An den Bäckerläden, wo die staatlichen Brotportionen ansgetheilt wurden, sammelten sich die Empfänger bald nach Mitternacht. Jahrelang bildete ein Pfund schwarzen klebrigen Brotes die einzige Tagesnahrung der Kosten. Armen und Verarmten. Alle Übel des Anden Regime verschwanden neben dieser Unsumme des Elends. Und dennoch verschlang die Ernährung des Pariser Pöbels alljährlich über 1 Milliarde, wogegen der französische Hof auf der Höhe seiner Ver schwendungssucht nur 45 Millionen gebraucht hatte. Restauration Mit dem Sturze Robespierres und der Jakobiner (1794) kam der Bourgeoisie, dritte oder Bürgerstand wieder ans Ruder. Das Prcisinaxiinui» wurde aufgehoben, die Requisitionen und Privaträubereien hörten auf, aber nun Entwertung schnellten die Waren in die Höhe, während die Assignaten unaufhaltsam der Assignaten. j nn f cn , ungeachtet die neue Directorial-Regierung (1795—99) bei der fixen Idee, sie noch auf der Höhe ihres Nennwerts zu erhalten, beharrte. Schon zur Zeit, als der König hingerichtet wurde (Jänner 1793), standen sie aus 50, zwei Jahre nachher aus >8, int Februar 1796 auf 0'29. Es galten demnach 100 Francs Papier nur mehr 6 Sous Metallgeld. Die Noth der Menschen, die von festen Gehalten, von Renten, Zinsen n. s. w. lebten, war zum Erbarmen; hingegen profitierten diejenigen, welche Schulden, Renten, Zinsen zu bezahlen hatten, selbstverständlich wenn sic sich an den osficiellen Nennwert und nicht an den verbotenen Conrswert hielten. Der grosse Um der Assignatcn-Misere ein Ende zu machen, beschloss das Direetorium, Bankrott. Platte, von welcher die Abzüge der Geldscheine genommen worden waren, und die dazugehörige Presse auf dem Vendöme-Platz feierlich zu verbrennen. Es waren 45 Milliarden Assignaten binnen 6 Jahren in Umlauf gesetzt worden. Um sic einzuziehen, emittierte der Staat ein neues Papiergeld, Territorial- die Territorialmandate, die durch besondere Vorrechte beim Ankauf Mandate. öon Nationalgütern auf dem Nennwerte gehalten werden sollten. Allein man konnte sie von vornherein nur zu einem Conrse von 18 unterbringen; sie fielen, wie die Assignaten, ins Bodenlose. Am 4. Februar 1797 hob das Direetorium den Zwangscours der Territorial- oder Landmandate ans. Es bedeutete die Außcrwertsetzung des gesammten Papiergeldes, der 45 Milliarden Assignaten und der 2400 Millionen Mandate. Um den Abschreibung Bankbruch vollständig zu machen, verfügte die Regierung, dass aus dem TMaTn »großen Buch", in welches zm Eonventszeit die consolidierte, nicht rückzahl- Staat-schuid. bare 5procentige Rente eingetragen worden war, zwei Drittheile der Ltaals- schuld gestrichen und den Gläubigern dafür Bons eingehändigt werden sollten, die7. Capitel. Die niederländisch-britische Periode. 209 wenig irgend einen Wert behaupteten, als die zugrunde gegangenen Assignaten und Mandate. Obwohl niemals ein Staat sich gründlicher von seinen Perpflichtungen befreit hat, als der französische, so hörte seine Geldnoth nicht ans; denn die Untcrthanen zahlten nichts für eine so jämmerliche Maschinerie; dies geht aus den LteucrrüÄständen hervor, die sich zur Dircctorialzeit ans 13 Aiilliarden beliefen. Nachdem die Nation den Revolutionskelch bis auf die Hefe geleert hatte, bu» ihr die Rettung von ihrer eigenen Elite, dein „Volk in Waffen". Der ^ l ' e 0 hatte das größte Genie der Epoche, den General Bonaparte, ^uporgehvben; durch den Staatsstreich vom 18. Brumaire nahm er Besitz von der höchsten Gewalt, die er als erster Conful lind als Kaiser anderthalb Jahrzehnte innehatte (1799—1814). . Napoleon gewann das Vertrauen und sicherte sich die Opfermiiligkeit der Nation, u> ei» er ihren religiösen Gefühlen Rechnung trug (Concordat 1801) und die Besitzenden von der Angst befreite, dass die während der Revolution vollzogenen Veränderungen 'Ni Grundbesitze könnten rückgängig gemacht werden. Auch der Papst musste sich herbei- aven, das Gewissen der neuen Inhaber hinsichtlich der Rechtmäßigkeit des Besitzes zu "uhigen. In zwei bis drei Jahren baute Napoleon den seit 10 Jahren zertrümmerten ant auf und um, so dass die fleißigste und sparsamste Nation Europas nun wieder ar eiten, verdienen, Capitalien sammeln konnte. Handel und Verkehr, Industrie und ^ ewerbe, die fast schon zur Mythe geworden waren, rafften sich wieder ans. Während lOsührigen Anarchie waren alle Land- und Wasserstraßen unfahrbar geworden. Die wntliche Sicherheit war durch Räuberbanden bedroht, welche selbst die von Gendarmen oiti'tcit Postwagen plünderten. Diesen Zuständen wurde ein rasches Ende gemacht. ...^ alten Chausseen und Canäle wurden wieder hergestellt, neue flebmit; so die Straße " kr den Siinplon, den M. Cenis, den M. Gensvre. Der Ooüe Napoleon gab Frankreich L m cv ]) cumn I in seiner Geschichte ein uniformes, einheitliches, übersichtliches Recht auf rr Basis der Gleichheit aller Unterthanen ohne Unterschied des Standes. Einen aus fünf einzelnen Gesetzbüchern zusammengesetzten Gesammtwerkes bildet er 6,>g<> commerce, der mit geringen Modificationcn (außer Frankreich) noch in w en, Luxemburg, Griechenland, der Türkei, Ägypten :c. Giltigkeit hat, und dessen 1 »Innungen alle bestehenden Handelsgesetzbücher mehr oder weniger beeinflusst haben. . Im Jahre 1800 entstand unter Assistenz der Regierung die Bank von Frank- 0"). wie erhielt 1800 das Recht der Notenausgabe. Ihre Verbindungen mit dem “ aat brachten sie 1805 und 1811 in die Gefahr, ihre Zettel nicht mehr einlösen zu *"««». "ber beidemal half ihr die Regierung heraus. 1800 wurde in Frankreich die Doppelwährung eingeführt auf Grundlage der fixen Relation 1:157 2 . Bis 1850 Rnu ' e durchschnittlich mehr Silber als Gold ausgemünzt, nach der Entdeckung der ka ifornischen und australischen Golddistricte mehr Gold als Silber. . 9» kürzester Zeit brachte Napoleon mit Hilfe des Ministers Gandin die Finanzen »> Lrdnnng. Er übertrug die Steuereinhebung, welche dic Gemeinden bisher verschleppt o k> hintertrieben hatten, einem Corps von Beamten, die der strengsten Controle un erworfen waren. Die Grundsteuer erhielt durch die neue Katastralvermessung eine Mayr, Lehrbuch der Handclbgeschichtc. x.x Fortdauer der Misöre. Die Rettung. Napoleon Bonaparte. Wiederaufbau des Staates. Gesetzgebung. Dic Bank von Frankreich. Doppel währung. Ordnung der Finanzen.210 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). rationelle Basis. Napoleon vermehrte die von der Revolution übernommenen directen Stenern (Grund-, Wohnnngs-, Gewerbesteuer) nicht, wohl aber die indirecten Abgaben: mich fügte er zu dem schon bestehenden Pulver- das Tabakmonopol. Napoleon war ein abgesagter Feind des Schuldenmachens; für den Mehrbedarf der Kriegs- jahre mussten zumeist die besiegten Bölker und die Vasallenstaaten anfkommen, denen der Kaiser auch einen immer wachsenden Antheil der Blntsteuer anscrlegtc. Dem Finanz minister überwies Napoleon die Domänen und Einnahmen. Die Verwaltung der ans der Vergangenheit übernommenen Staatsschulden und der Ausgaben wurde vom Finanz ministerium abgetrennt und einem besonderen „Schatzministerium" nnvcrtraut, dem die Staatsschulden-Tilgungscasse (caisse d'amortisation) unterstellt war. Ilm die Re gierung von den Casse- und Vorschussleistungen der Banquiers unabhängig zu machen, schuf Napoleon mit Hilfe der preußischen Kontributionen des Jahres 1807 die Caisse de service (Dienstcasse). Bor 1789 und Summiert man, was der gemeine Alaun unter dem Kaiserreich an nach 1739 . öffentlichen Abgaben zu entrichten hat, so beträgt es 21°/, seines Einkommens, Ivogcgen er vor der Revolution dem Staate 53%, der Kirche 14%, dem Gutsherrn 14% zu entrichten hatte , so dass er mit 19% seiner Einkünfte sein Anslangen finden musste. In diesen Zahlen liegt eine Art Rechtfertigung der dazwischenliegenden Thatsachen. ürMimi, Leit 1793 führte Frankreich wieder mit seinem alten Nebenbuhler Ln!U ' 1 " 1 '’ jenseits des Canals Krieg; die kurze Panse von 1802 ans 1803 abgerechnet, dauerte er bis 1814 15. Sofort, als der Krieg ansgebrochen war, machte der Convent den liberalen Amvandlnngen der französischen Handelspolitik ein Ende, hob den Eden-Vertrag auf, verbot die Einfuhr britischer Waren, reclamierte wieder Cabotage »nd Fischfang für die einheimischen Schiffer, ja das Directorium verlangte obendrein von jedem Importartikel ein Ursprungszeugnis, dass es ans keinem Land stamme, mit dem Frankreich eben Krieg führe. Borthcile dce Die Engländer bewährten ihre maritime Überlegenheit. Sic nahmen ^Engländer' den Franzosen und Holländern (der Batavischen Republik ihre überseeischen Besitzungen weg, desgleichen de» Spaniern, als diese mit den Franzosen ein Bündnis geschlossen hatten (1796). Der ganze ungeheuere Eolonialhandcl fiel nun den seebeherrschenden Briten zu, die die feindlichen Schiffe caperten und die neutrale» endlos chieanicrten oder gleichfalls Wegnahmen. Wer hätte ihren Übergriffen wehren können? Die britisch- Trotz seiner Erfolge spürte auch England den lang andauernden Krieg. William inoomo sgitt d. I., die Seele der britischen Kriegspolitik, sah sich gezwungen, eine neue Steuer, tax ‘ eine allgemeine Einkommensteuer (Ineorad-tax), auszuschreiben : sie bestand von 1798 bis 181 ii und wurde 1842 erneuert, seit welchem Zeitpunkt sie nicht wieder abgcschnfst worden ist. Das unausgesetzte Schwanken aller Werte während der Kriegszeit brachte die Baut- Banken in Gefahr. Nachdem schon zahlreiche Landbanken znsammengebrochen waren, restrictio». sah sich nnch die Bank von England veranlasst, zum ersten Atal die Bareinlösung ihrer Noten zu sistieren. Trotzdem die Kaufleute der City erklärten, auch die nncin- löslichen lltoten au Geldesstatt zu nehmen, und das Publicum sich gleichfalls zufrieden gab, so sank doch der Notcncours unter Pari, 1813 sogar bis 11. Nach den Befreiungs kriegen stiegen die Noten wieder, 'und 1821 konnte die Bank ihre Barzahlungen wieder aufnehmen. Die sogenannte Restrictionsepoche hatte 23 Jahre gedauert.7. Capitet. Tie niederländisch-britische Periode. 211 14* Der französische ftticg war in England populär. Er lag tut vMtercssc der britischen Plntokratie, eine« Bcrschmelzungsproductes miß den Groß grundbesilzern, Großindustriellen, Großhändlern und Großeapitalisten schlecht hin. Dieselben, die von den hohen Getreide- und Warenpreisen, sowie von dein enormen Aufschwung de« Seehandel« profitierten, liehen de», Staate die Mittel, i»n den Krieg sortzusetzen, und machten im Parlamente die Handel« und Zollgesetze, die ihnen Nutzen brachten. Nach dem Rücktritte Pitts (1801 > leitete da« Ministerium Addington, da England allein von den Alliierten noch im Kriegszustand verblieben war, Frieden« Verhandlungen ein. Im Frieden von Annens (1802> stellte England alle Eroberungen zurück, ausgenoninien Trinidad miß Ceylon; ferner versprach es, Malta den Johannitern und Ägypten den Lürten wieder zu geben; der Lraetai enthielt aber kein Wort über da« strittige Seerecht, über znkünftigc Handels verträge n.dgl. Der plutokratischcn Kriegspartei bot der verfehlte Fricdensschlus« e>» Agitationsmittcl. Der Kampf begann nach inehrnionatlichenl Frieden wieder i l8O8>, auch Pitt wurde wieder an die Spitze der Geschäfte gestellt >180-1. Die Eroberung der Colonien, die Monopolisierung de« Seehandels, die Kaperei auf allen Meeren, die Attentate ans die Neutralen — da« gcsammtc britische Repertoire spielte sich nun zuin zweiten Male ab. Nur die Nvrdanierilaner ließen sich« nicht nehmen, ebensall« Colonial waren nach Europa zu führen. Uni den Yankees da« Geschäft zu ver derben, verhängten die Engländer über den ganzen Küstenstrich von Brest bw zur Elben,ündnng die Blockade. Napoleon holte nun zu jene», fürch iertichen Schlag an«, mit welcheni er den verhassten Feind zerschmettern wollte, der ihn aber selbst zum Falle brachte. Am 21. November 1806 erließ ev aus dem eroberten Berlin da« berühmte Blockade Deerct. Den Instand, der durch diese und spätere Maßregeln hervorgerufen worden ist, bezeichnet wan als „Continental- oder Festlandssperre", Das BerlinerDecret über die Festlaiidssperrc enthält folgende Hanptbestimmungen. L - die britischen Inseln sind in Blockadezustand erklärt; 2 . jeder Handelsverkehr und Briefwechsel mit den blockierten Inseln, ist untersagt; 3. jeder Engländer, der sich in den Ländern des Kaisers oder seiner Berbündeten aushält, ivird in Kriegsgcsangenschast abgefnhrt; 4. jedes Magazin, jede Ware, jedes sonstige Eigenthum eines britischen llntcr- thans ivird als gute Prise erklärt, ebenso jede Ware, sie gehöre wein immer, die ans England oder seinen Eolonien kommt; 5. der Erlös aus den consiscierten Gegenständen ivird znr Hnlste den Kausleuten zugewendct, die durch britische Kaper Schaden gelitten haben. England antwortete auf da« Napoleonische Blockade Decret mit Gegen maßregeln. Keinem Schisse soll e« fortan gestattet sein, so lautet ein Be schluss de« Geheiinrathe« vom Jänner 1807, von einem feindlichen oder den Engländern verschlossenen Hafen zu einem anderen dieser Art zu fahren; Die britische Plntokratie. Friede zu AmienS. Ursprung der Eontinental- sperre. Das Berliner Bloctade- decret. Englische MclUifcu und lUapolconische Dupliken.212 III. Abschnitt. Das indo-atlantische Zeitalter (Neuzeit). jedes Zuwiderhandelnde Schiff solle für gute Prise genommen werden. Napoleon repliciertc mit der Besetzung Hamburgs und der Confiscation der dort lagern den englischen Waren. .Jetzt kam wieder die englische Negierung an die Ncihc und verfügte die Blockade über alle Häfen Frankreichs und der an der Conti nentalsperrc betheiligten Mächte; alle dorthin bestimmten Schiffe der Neu traten sollten sich auf einer britischen Station untersuchen lassen und dafür eine Taxe entrichten Schon vor diesem Erlass hatte England, um die Neutralen zu schrecken und um nicht von der Ostsee ausgesperrt zu tverdeu, Dänemark überfallen und Kopenhagen dreimal 24 Stunden beschossen, worauf die Dänen ihre Flotte ansliefcrten. Während der Czar Alexander I. ans Abscheu vor dieser Gewaltthat die Engländer von den russischen Häfen ausschloss, erließ Napoleon das „zweite Mailänder Decret", dem zufolge jedes Schiff, das sich den englischen Maßregeln fügt, der Eonfiscation verfallen sei» soll. Napoleons Der Blockadekricg schadete zweifellos den Engländern, aber der Kaiser t>'m°Colmüal- wollte sie für immer ruinieren, ihre Jndustrieherrschaft durch die französische Warenhandel, verdrängen und ihren überseeischen Handel mit der Wurzel ausrottcn. Infolge dessen fasste er den maßlosen Entschluss, seinen Unterthancn und denen der Staaten, die der Contincntalspcrre hatten beitreten müssen, die Colonial waren abzugewöhnen; sie sollten Surrogate gebrauchen. Für Kaffee existierten schon von srüherher winderivertige Ersatzmittel; dem Rohr zucker konnte der noch mangelhaft dargestellte Rüben- und Ahornzucker substituiert werden; Baumwolle sollte in Sndnropa cnltiviert oder durch vermehrten Flachsbau ersetzt werden; statt der exotischen Farbwaren kamen wieder Krapp und Waid in Aufnahme. Tarif von Bei seiner Entwöhnungspolitik sah sich Napoleon zweifach gehemmt: erstens Triano». durch die Amerikaner, die fleißig Colonialwaren znfiihrten, und zweitens durch den Schmilggcl, ivie er in größerem Maßstabe niemals noch betrieben worden ist. Um die amerikanische Zufuhr zu vernichten, erließ der Kaiser den Tarif von Trio non, in dem die überseeischen Artikel mit Zollsätzen belastet wurden, die das Vielfache ihres Handelswertes betrugen: der metrische Centner Baumwolle z. B. mit 600—880 Francs, Kaffee mit 440, Gesetz gegen Cacao mit 1100, Mnscatnüsse mit 2200 Francs. Die Schlvärzer wurden mit zehnjähriger den Schleich- Zwangsarbeit und Brandmarkung, die Zolldefrandantcn mit vierjähriger Zwangsarbeit hnudn. gedroht, confiscierte Schmuggelware sollte verbrannt oder sonstwie vernichtet werden. Licenzen. Uni die französischen Kanflente zu beschwichtigen, gestattete er ihnen, gegen Lösung einer Licenz Colonialwaren mit ermäßigten Zollsätzen einzuführen, wenn sie französische Waren von dem gleichen Wert, als die Rückfracht, exportierten. Auch England verkaufte Licenzen, d. h. sicherte die nicht englischen Schmuggler vor Durchsuchung und Confiscation. Tas Gebiet Zur Zeit, als Napoleon auf dein Gipfel seiner Alacht stand (seit taisperrk." >807), umfasste das Gebiet der Festlandssperre: Frankreich, mit dem der Coutiuentalsperre wegen Holland und die deutsche Seeküste bis Lübeck vcr einigt wurde, die Nheinbundstaaten, Dänemark 'Norwegen, Schweden, Preußen, Italien mit Ausnahme der Inseln, Österreich, dem 1809 die sämmtlichen Küstenländer (die illyrischen Provinzen) abgenommen wurden, Spanien und8. ßnpitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 213 Portugal, soweit nicht die siegreich vorrückenden Engländer Napoleons Herr schaft zuriickgcdrängt halten. Zwar verschloss der Czar, de», Tilsiter Vertrag (von l 807) entsprechend, die russischen Häfen der britischen Flagge, aber nicht den Neutralen, wie und der M- Napolcon forderte. Russland bedurfte der Fremden, um seine Naturproducte zu verkaufen. Durch die Neutralen wurde aber auch der Handel mit Colonial waren aufrecht erhalten, was Napoleons Plänen entgegenstand. Als nun Alexander I. in dein Mas vom December 1810 den neutralen Schissen aus nahmslos die Häsen seines Reiches öffnete und überdies Wein und Seide — französische Exportartikel — mit hohen Eingangszöllen belegte, so fieng der französische Kaiser zu rüsten an, um das Heilige Russland mit Waffen gewalt zum Anschluss an das Sperrshstem zu zwingen. Auf den unglücklichen russischen Feldzug von 1812 folgten die Befreiungskriege der Jahre 1813 bis 7814. Die erste Fessel, die jedes Land abwarf, war die Eontinentalsperre. Als Napoleon nach Elba verbannt war, erklärte die bonrbonische Regierung die Eontinentalsperre für erloschen. In dem zwanzigjährigen Riesenkainpfe war Gallien erlegen, Britannien triumphierte und hatte den Nutzen davon. IV. Abschnitt. Das panoeeamjche Transcont'mental-Deitalter. (Neueste Zeit von 1815 bis zur Gegenwart.) 8. Capitei. Aie britisch-amerikanische Periode (1815—x). UuS hebt die Welle, Verschlingt die Welle, Und wir versintcn. Ein kleiner Ring Begrenzt unser erben. Und viele Geschlechter Reihen sich dauernd An ihres Daseins Unendliche iiettc. (Goethe, „Grenzen der Menschheit".) 8 43. Charakteristik der achten Periode. Das Jahrhundert des freie» Wett bewerbes und der fortschreitenden Weltwirtschaft. Seitdem Frankreich besiegt und Napoleon, der Vorkämpfer des Un- friedens, auf das britische Felscneiland S. Helena deportiert worden war, trat 48>214 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitalter. Epoche der Kriege und Unruhen seit 1848. Friede und Freiheit auf den Meeren. Tas pan oceanische Zeitalter. eine Epoche relativer Ruhe ein, die ungefähr ein Menschenalter währte und der geistigen wie materiellen Culturarbeit gewidmet war. Die Völker der Erde sammelten ihre Kräfte, um gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts in eine neue Bewegungsepoche c inzutreten, in eine Zeit fieberhaft gesteigerter Lebensthätigkeit, in eine Zeit dcö erhöhten Daseinskampfes, des raschesten Tchicksalswechsels, voll von Umwälzungen, Kriegen, socialen Wirrnissen, ZuknnftS- tendenzen: ein großartiger, doch befriedignngsloser Abschnitt der Menschheits geschichte. Als 1815 der große Landftziedensstörer unschädlich gemacht worden war, endigte auch die kaum weniger unerträgliche Seetyrannei der Eng länder. Der Versuch, die Meere rechtlich oder thatsächlich abzuschließen, ist seitdem nicht wiederholt worden. Das Zeitalter der maritimen Eifersucht oder Rivalität, die im 17. und 18. Jahrhundert den Gipfel der Gcmcin- schädlichkeit erreicht hat, kann als überwunden betrachtet werden. Rach dem von den Mächten anerkannten Völkerrechte ist das offene Meer neutral. Als nationale, der Einzelherrschaft unterstehende Gewässer werden angesehen: die Küstengürtel bis auf Kanonenschussweite (3 Seemeilen), die Häfen, Mün- dungcn, Buchten von höchstens 10 Seemeilen Breite und die Binnenmeere, wen» sie rings vom Gebiet eines und desselben Staates umschlossen sind. Auf dem Pariser Congress von 1856 verzichtete Großbritannien ans die „Insignien seiner maritimen Suprematie durch das Zugeständnis dessen, wofür die Continentalstaaten Jahrhunderte hindurch vergebens gekämpft hatten, und erkennt an, dass das Blockaderecht beschränkt, das Recht des neutralen Handels gegen die einseitigen Interessen der Kriegführenden gesichert, die Kaperei abgeschafft werden muss". Der vermehrten Zugänglichkeit und Sicherheit der Occanc entspricht deren vermehrte Frequenz. Das panoceanische Zeitalter ist angebrochen; auch der wenigst befahrene aller Oceanc, der Stille oder Pacifischc, wird nun in den Zusammenhang des Weltverkehres eingeschaltet. Dreihundert Jahre nach Balboa und Magalhlles hat sich das Wunder der Belebung des größten aller irdischen Wassercomplexe zugctragen; denn gegenüber den vieltausendjährigcn halberstarrten Cultnrländern seines asiatischen Westrandes bedeckt sich sein amerikanischer Ostrand mit Gebilden jüngster und beweg lichster Eultnr, die eine solche Lockkraft besitzt, dass sie die Chinesen selbst zur Herüberkunft über den Occan veranlasst. Der regere Verkehr Amerikas mit Ostasien und Oeeanien datiert seit den Lechziger-Jahren. Auch die ostwärts gewandte europäische Colonisation ist tief in die Jnselflur OceanienS hineingedrungen, so dass nun Alte und Neue Welt in den pacisischen Räumen einander begegnen. Ja, selbst von Europa ans führt eine Verkehrs linie quer durch Nordamerika über den Großen Ocean nach Ostasien.8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 215 Die m-cquen; der Oceane und die Vorzüge einer ocea,tischen Lage haben Iie den Binnenmeeren und deit von ihnen bespülten (thalassischen) rändern keinen weiteren Abbruch gcthan, obwohl sich nicht leugnen lässt, dass die oceanischen gegen die thalassischen Länder noch immer einen aus den vorhergehenden Perioden stammenden Vorsprung haben. Ja, das südeuropäische Mittel- weer < wo seit der Eroberung Algiers durch die Franzosen (1 >] die Mineimkcres. shstcinatischc Secräuberei der nordafrikanischen BarbarcSken erloschen ist> und der Arabische Golf haben im 19. Jahrhundert ihre Bedeutung zurück erlangt, die sie im 16. verloren hatten. Ihre Rehabilitation verdanken sie de»i 1869 crössnetcn Suez-Canal. Der indisch-europäische Warenzng bedient sich großentheils einer Straße wiederum, die er seit der Entdeckung der süd östlichen Durchfahrt (des Capweges, 1498) gemieden hatte. Selbst die politische Nebenregion hat — unabhängig vom indisch-europäischen - Handel — wieder eommerzielle Wichtigkeit erlangt. Dreihundert Jahre, nachdem die Genuesen von den Türken aus dem Schwarzen Meer verdrängt worden waren, setzten sich die Russen an dessen Gestaden fest. Wie vor Jahrtausenden kamen jetzt die Natur- vrodncte des Skythenlandes nicht mehr bloß über die Nordmeere, sondern auch int Süden zur Ausfuhr. Seit 185(> (Pariser Friede) gilt das Schwarze Meer für neutral und ist den Kaufsahrern aller Völker geöffnet. Die Türken, deren ckigcnthnmsrecht auf die Dardanellen, das Marmarameer und den Bosporus nicht bezweifelt werde,! kann, sind verpflichtet, die genannten Aicerestheile den fremden Kriegsschiffen zu ver schließen, wogegen die Durchfahrt der Handelsschiffe an sich frei ist und nur gewissen Abgaben unterliegt. Dieser als früher hat sich der Weltverkehr von den Rändern aus in die Continente hineingebohrt. Auf die mehr litorale Thätigkeit des 16. bis a« schwarze Aieer. Trans- co»li»c»lal- Zeitalter. 18. Jahrhunderts ist wieder ein Continental Zeitalter gefolgt, das inan wegen der erfolgreichen Tendenz, die entgegengesetzten Ränder der Erdthcile ;n verbinden, als Tranoeontincntal-Zeitalter bezeichnen kann. Wie viele Eisenbahnen, Telegraphenlinien, Fahrstraßen, Wasserwege verbinden Tra»sc°>>- nicht die gegenüberliegenden Punkte der Peripherie Europas! In Nordamerika existieren mehrere Schienenwege, die die atlantischen mit den paeifischen Gestaden verbinden. Süd amerika und Australien werden wenigstens von Telcgrarhenleitnngcn durchzogen. In Asien, wo bereits transcontinentale Telegraphen und Straßcnzügc bestehen, rückt man der Vollendung von transcontinentalen Schienenwegen und Wasserstraßen immer näher, und Afrika ist von kühne» Männern auf verschiedenen Routen durchquert worden. Die Kenntnis der Festlandsräume hat im IN. Jahrhundert extensiv und Sanbrtiftn, intensiv zugenommcn. Ans den Karten verschwinden allmählich die leeren Stellen. Pionniere aller Art wirken zusammen, die Erd-, Länder- und Völkerkunde zu erweitern: Männer der Wissenschaft, Missionäre, Geschäftsleute, Politiker, Soldaten, Künstler, auch Abenteurer, Sportsmen, Reisebunnnler. Den Kräften der Einzelnen kommen Gesellschaften und Regierungen zu Hilfe. Das 19. Jahrhundert ist auch ein Entdeckungszeitalter: das Jahrhundert der Tic wim» wissenschaftlichen Conquista des Erdballs. Alexander v. Humboldt, der Er- forscher Südamerikas und Nordasicns, ist das unerreichte Musterbild des universellen <m<|mPolarfahrteu. Afrika^ rcifcnbc. Ebenbiirtig- feit Europas und Amerikas. Pause in den Colonial- und Handels kriegen. 216 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitalter. wissenschaftlichen Weltentdeckers, dem auch die sonst vernachlässigten Thatsachen der Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftsgeographie nicht fremd geblieben sind. Älit eigensinniger Vorliebe hat sich das Interesse der Forschungsreisenden und deS Publikums im 19. Jahrhundert zwei Gebieten zugewandt: der arktischen Region und dem Innern Afrikas. Im Verlaufe der Polarcrpeditionen sind nebenher zwei Probleme aus dem Entdeckungszeitalter gelöst worden: Mac Clnre hat die nordwest liche (1850) und Nordenskjöld die nordöstliche Durchfahrt (1879) entdeckt. Es ist für die Handelsgeschichte gleichgiltig, dass diese unprakticablcn Straßen nicht schon früher bekannt geivordcn sind. Größere Wichtigkeit als die ziemlich unergiebigen Nordpol' reisen haben die afrikanischen Expeditionen. Auf ihnen beruhen Gegenwart und Zukunft des dunklen Erdtheils. Sie haben der jüngsten Theilnug Afrikas (1884 u. ff.) unter die europäischen Colonialmächte vorgearbeitet. Es ist eine lange Reihe berühmter Namen, die sich seit der Gründung der Londoner afrikanischen Gesellschaft (1788) um die Erforschung Afrikas verdient gemacht haben, ans jüngerer Zeit (seit circa 1850) u. a. Barth (Nordasrika), Livingstone (Südafrika), Burton, Speke, Grant (äguatoriale Seen), Schweinfurth (Centralafrika), van der Decken (Ostafrika), G. Rohlfs (Nordivestafrika), Holub (Südafrika), de Brazza (Westafrika), Emin Pascha (äquatoriale-? Afrika), Serpa Pinto, Stanley (West-Mittel-Ostafrika) u. s. w. Im ganzen und großen hat Europa auch im 19. Jahrhundert sein eommerzielles Principat, das noch aus der Griechenzeit stammt, erhalten: aber neben Europa ist Amerika, insonderheit die nordamerikanischc Union, weit über den Nahmen einer zwar politisch cmancipierten, aber wirtschaftlich abhängigen Dependcnz hinausgewachsen. Europa und Amerika stehen nunmehr selbständig, ebenbürtig neben einander, ans dem Sprunge, Rivalen zu werden, den eigenen Bortheil im Schade» des anderen zu suche» — obwohl es so weit, von Einzelheiten zu schtveigen, noch nicht gekommen ist. Unter den Ländern aller Zonen nimmt Großbritannien volkswirt schaftlich die erste Stelle ein. Dieses Principat lvird nicht mehr in den brutalen Formen früherer Jahrhunderte ausgeübt. Überhaupt der blutige Wettbewerb nntcr den europäischen Mächten um den ausschließlichen Besitz von Handelsvortheilen ist verschwunden. Die Species der Handels- nitd Colonialkriegc, in denen das 17. und 18. Jahrhundert stark war, existiert nicht mehr. Es scheint die Ära der internationalen Verträge, Eonfercnzcn, Schiedsgerichte angebrochen zu sein. Bielleicht hat sie nur die Bedeutung einer Panse. Die Möglichkeit, dass einmal die Interessen der großen Colonial reiche oder ganzer Welttheilc mit einander in Widerstreit gcrathcn, ist nicht ausgeschlossen. Vorderhand aber führen die europäischen Mächte nur mit barbarische» und wilden Völkern Kriege um Landbesitz in fremden Erdtheilen, nicht unter einander. I. Bevölkerung, Auswanderung, Colouifatiou. Was die Europäer zu Herren der Erde gemacht hat und den Sieges zug ihrer Cultur beflügelt, ist nicht allein die Überlegenheit ihrer Waffen,8. Capitel. Die bzitisch-amerikanischc Periode (1815— x). 217 sondern auch eine Folge der europäischen Bcvvlkerungsverhültnisse. Soweit sich geschichtliche Vergleiche anstellen lassen, wächst die Population im 19. Jahrhundert stärker, als in einem der vorhergehenden Jahrhunderte. In dem Zeiträume von 1820 bis 1890 — verlässliche statistische Angaben sind erst seit 1820 vorhanden — hat sich die Zahl der Bewohner Europas von 200 auf 360 Millionen vermehrt. Ter Bevölkerungszuwachs ist stärker im Norden des Erdthcils, als im Süden, stärker bei den germanischen, als bei den romanischen Völkern. Die städtische, gewerbe- und handeltreibende Population hat mehr zngenommcn, als die ländliche. In keiner Geschichtsperiode sind so viele Großstädte (über 100.000 Einwohner) aus kleineren Orten oder, wie in Amerika und Australien, ans dem Nichts entstanden. Ter Zudrang zu den Städten ist es, der die Symptome der relativen Übervölkerung hervorruft. Die relative Übervölkerung, besonders die Stauung und Aussichts- losigkeit in einzelnen Erwcrbszweigen, treibt die unternehmendsten Individuen «„$- der unternehmendsten Völker in die Ferne. Die oft bittere Nothwendigkeit wanderun-,. der Emigration gestaltet sich zu dem kulturgeschichtlichen Phänomen der fort schreitenden Eroberung unseres Planeten durch die Europäer und der räum lichen Ausdehnung ihres Enlturkreises. Während die Auswanderung aus Europa vom 16. —19. Jahrhundert 3u “ l) ™ fccr Eoh der Entdeckungen und eolonialcn (Gründungen absolut und relativ gering Wanderung blieb — sind doch im 18. Jahrhundert keine 100.000 Deutschen, die daö W‘ vergleichsweise stärkste Auswandcrnngseontingent stellten, nach Amerika über siedelt — so änderte sich dies nach 1815 gründlich. Die Auswanderung ist seit diesem Zeitpunkt eine regelmäßige, allgemein europäische Erscheinung von einem beachtenswerten Umfang für die Länder, ans denen, lvic für die Länder, nach denen gewandert wird. Einige zwanzig Millionen Europäer haben von 1816—1890, aus wirtschaftlichen oder socialen, mitunter aus politischen Beweggründen, ihren heimatlichen Erdthcil verlassen und sich grvßtentheils in der Neuen Welt angesiedelt (in der Union circa 15 Millionen, in Eanada 2, Südamerika gegen 2 Millionen!. Sowohl die unabhängigen Staaten Amerikas, als auch die europäischen Herren überseeischer Eolonien haben die ucternationale Einwanderung begünstigt. Erst in den Achtziger-Jahren ist in den Vereinigten Staaten eine Gegen- Die Bewegung eingetreten, zuerst gegen die weitere Immigration der Chinesen (Chinesen- ®>ü); dann wurde gesetzlich bestimmt, solche Einwanderer zurückzuweisen, die der Armen wandcrnnge pflege zur Last fallen würden, und denjenigen Arbeitern das Betreten des Landes zu Politik seit verwehren, die im vorhinein Arbeitsverträge abgeschlossen haben. Die Gesetze sind -«»»- demnach im Interesse der einheimischen, wohlbezahlten Arbeiter gegeben, um sie vor Unterbietung durch importierte Arbeitskräfte zu schützen. Von dem Auswanderer schlechthin, der in der Masse des Fremd C°l°„n°ti°„. Volkes aufgeht, ist der Eolouist zll unterscheiden, der Gründer und Erhalter218 IV. Abschnitt. Das panoccanischc Transcontinental-Zeitalter. des auswärtigen Herrschaftsgebietes seiner Heimat: ans der Colonisation und Cultivation beruht der Glanz und die Größe der europäischen Oberherrschaft über den Erdball, Freihändle- In unablässiger Arbeit hat Europa nach dem Abfall Nord- und Südamerikas, Wnidmlg in '^^sens für immer der europäischen Civilisation gewonnen waren, ein neues Colonial-ungeheueres Colonisationsgebiet errungen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hat es Politik seit auch mit deni fremdenfcindlichcn. gebundenen, exclusiven oder restrictiven Colonialsystem me«. der mercantilistischen Periode gebrochen. Gelockert war es schon seit der Revolutionszeit, die nur wenige von den privilegierten Handelsgesellschaften älteren Datums überlebt haben. Damit ivar mindestens den Angehörigen der die Colonie besitzenden Nation der freie Handel dahin ermöglicht. Dasjenige Land, welches aus wohlverstandenein Interesse zuerst die Fahne des Freihandels anfgehisst hat, England, gab auch zuerst den Handel mit seinen Colonien den Schiffen aller Nationen frei (1849). In den Fünfziger-Jahren folgten die Niederlande, 18«il Frankreich, das aber die Differentialzölle zu lln- gnnsten des fremden Handels beibehielt und 1889 die Schiffahrt zwischen Algerien und Frankreich wieder für die heimische Marine rcclaniiert hat. Tie alten Colonialmächte, Spanien und Portugal, klammerten sich zwar priucipiell an das alte Restrictions- system fest, haben aber thatsächlich dem Drucke der mächtigeren Freihandelsvölker nach geben müssen. In den jüngsten Colonien, den deutschen und italienischen, gibt es keine Beschränkungen des Handels anderer Nationen, piberalcinnere PC ie mit beut coloninicn Lpcrrshstem, so haben die Völker im 19. Jahr- uolitir hundert auch mit dein UnterdrncknngS und Ausbeutungsshitein früherer Zeiten gebrochen. Den eigentlichen Colonien mit homogener Bevölkerung ist das denkbar größte Maß der Freiheit und Selbständigkeit (eigene Parlamente und eigene Verwaltung) eingeräumt. Eine fiscalische Ausbeutnng vermeiden die Zlaaten schon ans Vorsicht; die privatwirtschaftliche ist nicht größer als in den Mutterländern. Reue Europa hat im 19. Jahrhundert, mit neuen Machtmitteln und neuen Thkilung dcr . ... , . . , Erde. Ideen, die ^Heilung der Erde weniger fortgesetzt, als wieder IN Angriff genommen. Jene Theilnng, die einstmals der Papst zwischen Lpaniern inid Portugiese» vorgcnomnie» hatte, war längst zu einer bloßen geschichtlichen Erinnerung herabgesnnken. Auch die Früchte der mercantilistischen Eolonial Periode, wie sie durch Hass und Nebenbuhlerschaft gewonnen waren, sind ihren Besitzern in feindseligen Kämpfen wieder genoinmen worden. Frankreich war um 1810 seiner auswärtigen Besitzungen beraubt, Holland hatte Cchlon und das Eapland 1814—1815 endgiltig den Briten überlassen müssen; nur England hätte sich über den Abfall seiner 13 nordamerikanischcn Colonien angesichts dessen, was ihm geblieben war, trösten können, wenn es nicht durch seine Industrie ;» vermehrter Expansion genöthigt worden wäre. Die Arbeit der Aneignung, der Colonisation und Eultivation begann dann von neuem. Ihre Ergebnisse sind am schlagendsten in Australien, das voll kommen anglisiert ist, wogegen in Oceanien die internationale Theilnng8. Capitel. Dic britisch-amerikanische Periode (1315—x). 219 noch andauert; ferner in Afrika, das durch ein neues System internationaler Abmachungen seit 1884 anfgethcilt worden ist, bis auf die Sahara, dic Burenstaaten, den Sudan und Marokko, die trotzdem der Fremdherrschaft - vorausbestinunt zu sein scheinen. In Asien haben Russland und England so energisch fortgearbeitet, dass ihre Machtsphären aneinander grenzen. Seit der Besitznahme des Pamirplateaus (1891) ist ein Keil zwischen das noch unab hängige muhammedanische Bordcrasien (Türkisches und Persisches gleich) und das buddhistische Hinterasien (China) geschoben, denen von der Land- und Seescite dic Beherrscher Nord- und Südasiens an den Leib gerückt sind. Was schließlich Amerika betrifft, so ist cö ja doch in seinen beiden Hälften nur freigewordenes Eolonialland, eine Berviclsachung des germanischen und romanischen Europas; es wurzelt mit allen Fasern seiner geistigen und wirtschaftlichen Existenz im Mutterboden. Schon die incinandergreisenden gleichartigen und doch wieder verschiedenen Beziehungen der Unterthanen- nnd Tochterlnnder znm europäischen Herrschaftsgebiet würden uns berechtigen, nn 1!>. Jahrhundert von einer Weltherrschaft zu sprechen. Dem britischen Weltreiche (British Empire), der großartigsten colonialen Coiomalrciche Schöpfung aller Jahrtausende, lasst sich, auch was den Wert der Unterthanenländer bte 19, betrifft, keines vergleichen. Bezüglich des Flächeninhaltes übertrifft es das. Römische Weltreich um das Fünffache (25 Millionen gegen 4—5 Millionen Quadratkilometer), der Bevölkerungszahl nach um das Sechsfache (550 gegen 50—60 Millionen). Das nächstgrößte Riesenreich, das russische, hat, wie das römische, den Vorzug territorialer Geschlossenheit, wogegen sich alle nicht-russischen Colonien in Streu- oder Gemenglage befinden. Es hat seinen Umfang im l9. Jahrhundert zwar nur von 19 auf 22 Millionen Quadratkilometer vergrößert, aber innerhalb dieses Zeitraumes alles hervorgebracht, was seine außereuropäischen Besitzungen an Cultureinrichtungen aufweisen. Frank- vc ify musste wieder von vorne anfangen mit dem Erwerb von Colonien, deren erste Algier war (1830), hat aber bisher weder mit seinen afrikanischen, noch mit seinen hinterindischen Besitzungen Freude erlebt. Während Spanien und Portugal seit de»> Abfall Südamerikas nur mehr Trümmer ihres einstigen Herrschaftsgebietes innc- hnben, hat Holland die Reste seines ostindischen Reiches durch Cultivation zu un vergleichlicher Blüte gebracht. Seit den Achtziger-Jahren sind die Beherrscher des mittelalterlichen Handels, die bei den älteren Theilungen der Erde leer ausgegangen waren, die Deutschen und die Italiener, zu einem Stück Afrika gekommen, dic kelteren auch noch zu etwas Oceanicn. So existiert beim unter den Großstaatcn Europas nur einer, der keine aus wärtigen Colonien, Cultivationeu oder Factoreien hat: Österreich-Ungarn. Es hat sich ui die Abenteuer der Zeit Karls VI. und Josefs II. nicht wieder eingelassen. Bon ben Mittelstaaten entbehren die Schweiz und die Balkanländer überseeischer Besitzungen. I I. Berkchrsmittel. Dem Weltverkehr stehen seit etwa einem halben Jahrhundert Eommuni Tcr Weu- cations- „nd Transportmittel zur Verfügung, von denen die Napoleonische220 IV. Abschnitt. Das panoccanische Transcoittinental-Zeitaltcr. ßchiMypcu. Erfindung dcS Tampj- schiffes. Tie ersten Lcedampfcr. Rad- »ud Schraubeu- . dampfer. Dampf- und Segelschiffe. Epoche kaum erst Spuren aufzuweisen hatte: das Dampfschiff, die Eisenbahn, der elektrische Telegraph. Auch alle älteren Vcrkehrsbehelse sind in der „Neuesten Zeit" verbessert, vermehrt, vergrößert worden. Von den Fortschritten des Verkehrswesens hat in erster Linie die Post Nutzen gezogen, selbst eine Verkehrsanstalt, die wichtigste von allen, die in unserer Zeit durch einschneidende Reformen popularisiert und internationalisiert worden ist. 1. Schiffahrt. Seit dem 16. Jahrhundert begann die Galeere, mit ihrem combinierten Ruder- und Segelgebrauche der älteste Typus des Handels- und Kriegs schiffes, allmählich zu verschwinden. Es kam das Zeitalter des reinen Segelschiffes (1500—1840). Seitdem ist das Dampfschiff die vornehmste Schiffstype geworden, die wohl im Personenverkehr, aber nicht im Gütertransport den Segler ansgestochen hat. Wie das in der Geschichte der Erfindungen fast die Regel ist, sind gerade an dem-Punkte, wo die Idee der Dampfschiffahrt mit der Realität in Berührung trat, die Meisten gescheitert. Dem ersten, der mit seinem Dampfer einen Fluss (Fulda) befuhr, D. Papin, wurde er von der Gilde der Weserschiffer in Münden zerschlagen. In Frankreich, England, Nordamerika drängten sich um die Wende des 18. Jahrhunderts die Versuche derer, die über die rohe Selbstsucht der Privilegierten, den bornierten Hochniuth der Sachverständigen, die Trägheit und Spottlust der Menge nicht hinweg- gekommen sind. Endlich erwählte das Schicksal den Uhrmacher Robert Fulton, einen gebürtigen Pennsylvanier, dazu, durch überzeugende Versuche mit Dampfschiffen, die nach seinen Angaben constrniert waren, den Widerstand der Zeitgenossen zu besiegen. Tie Fahrt des Steamers „Clermont" auf dem Hudson (von Rew-Iork bis Albany und zurück in zusammen 62 Stunden) lieferte die erste durchschlagende Probe (1807). Bald verkehrten Dampfschiffe auf den englischen, deutschen, französischen Binnen- gewässern. In Großbritannien wurde der Dampfer „Caledonia" gebaut, der zuerst die See befuhr (von Dundee nach Hüll 1815). 1819 gelangte die „Savannah" in 26 Tagen über den Atlantischen Ocean von Savannah bis Liverpool. Doch machten weder diese, noch die Reisen einiger Dampfboote nach Ostindien einen solchen Eindruck, dass das Aornrtheil gegen die ocennischc Dampfschiffahrt wäre überwunden worden. Es vergiengen viele Jahre, bis endlich die Erfolge des „Sirius" und des „Great Western“, die die Fahrt von England nach Amerika und retour in je 18, beziehungs weise 15 Tagen ohne subsidiären Segelgebrauch znrücklegten, der Mitwelt den Beweis von der maritimen Leistungsfähigkeit des neuen Vehikels erbrachten (1838). Tie älteren Dampfer waren Raddampfer. Schon in den Zwanziger-Jahren erfand der österreichische Forstbeamte Jos. Ressel die Schiffsschraube; aber er gehörte zu den Unglücklichen, die mit ihren Ideen nicht durchdringen. Erst der in Amerika naturalisierte Schwede Ericsson brachte die Schiffschranbc zur Anerkennung, und 1845 dampfte der erste Propeller, „Great Britain“, über den Ocean. Ein Jahrzehnt später entstand das größte Schiff, das jemals gebaut worden ist, der „Great Lastern“, ein Werk des berühmten Ingenieurs Brunel d. I. Die neuesten Verbesserungen in der Dampfschiffconstruction beziehen sich auf die Widerstandskraft (Eisen und Stahl am Schiffskörper), die Schnelligkeit, die Ersparnis von Feuernngsmaterial (Eomponnd Maschinen) rc. Alle Vervollkommnngcn der Dampfschiffahrt sind nicht imstande gewesen, das Segelschiff zu verdrängen. Ungeachtet man mit dem Dampfmotor 4 -5mal schneller vom Flecke kommt, als mit dem Wind, haben sich die Segelschiffe continnierlich ver8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 22 1 mehrt, freilich nicht in demselben Maßstab, wie die Dampfboote. Im Jahre 1820 hatten die Segelschiffe der gesanimten Handelsflotte einen Tonnengehalt von 3 Millionen, die Dampfer von 0000, im Jahre 1887 jene nicht ganz 12 Millionen, diese etwas über 77a Millionen. In der Handelsmarine sind ungefähr 0 Milliarden Mark investiert. Welche Investierte Summen haben aber die maritimen Einrichtungen sonst noch verschlungen! Hafen- E-ipitaiien. bauten, Docks, Leuchtthnrme, RettnngSnnstnlten (Peake'sches Rettungsboot 1850), nautische Schulen und sonstige wissenschaftliche Institute (Deutsche Seewarte 1800 gegründet) u. s. w. Zur Vermittlung des überseeischen Verkehrs existieren Privatgesellschaften, welche regelmäßige Dampferverbindnngen mit bestimmten Ländern unterhalten : einige von ihnen beziehen Staatssubventionen, theils als Entgelt für die Beförderung,,,^ der Brief- und Paketpost, theils um auf bestimmten, nicht einträglichen Linien den Änierungni. Verkehr überhaupt aufrecht erhalten zu können. Die erste regelmäßige Postdampfer- vcrbindung zwischen England und Amerika cröffnete 1840 nach Übereinkunft mit der britischen Regierung der Rheder Sam. Cunard. In dem gleichen Jahr übernahm eine Gesellschaft, die sich bisher mit Segelschiffen beholfen hatte, die Beförderung der ostindischen Post von Southampton nach Alexandrien mittelst Dampfern: sie nannte sich Peninsular and Oriental Steam Navigation Company, heute nebst der British India St. N. C. die größte Schiffahrtsgesellschaft Englands. Auf dem Continent ist der O st er r c i ch i s ch e Lloyd die älteste Scedampfergescllschaft (1833 als Versicherungsinstitut gegründet, seit 1836 Schiffahrtsgesellschaft), die in späteren Jahren die regelmäßige Ver bindung zwischen Triest und dem Orient übernommen hat. Die italienischen Dampfschiff- unternehmungen, Rubbatino und Florio, stammen aus den Fünfziger-Jahren: sie haben sich 1877 unter dem Namen Navigazione Generale Italiana fusioniert. Die französische Compagnie gönörale und die Messageries maritimes gehören der Regierungszeit Napoleons 111. an. In Deutschland sind die Hamburg-Amerikanische Paketfahrt- Actiengesellschaft (1837 gegründet) »nd der Norddeutsche Lloyd (1857 von H. Meier «» Bremen gegründet) die ältesten und größten Unternehmungen dieser Art. In jüngster Zeit (Achtziger-Jahre) haben mehrere Staaten zur Hebung des See- Prämien. Verkehrs, neben den üblichen Subventionen, Prämien für den Schiffbau, die Schiff sohrt, den Kohlcntrausport gesetzlich eingeführt, voran Frankreich, dann Italien und die Vereinigten Staaten. Der internationalen Dampfschiffahrt stehen heute auch künstliche Wasserstraßen, macr- sogenannte Seecanäle oder interoceanische Canäle, zur Verfügung. Es sind ihrer °mw!sche freiltd) mehr projectiert, als ansgeführt. 186!> ist der Suezcanal dem Verkehr über- tSanSlc ' geben worden, 1893 der Canal von Korinth — zwei Vermächtnisse aus dem Alterthum. An dem Nordostscecanal ivird seit >886 fleißig gearbeitet, er soll bis 1895 vollendet sein: hingegen ist der Bau des Pannmacanal s infolge der beispiel losen Verwirtschaftung des Actiencapitals seit 1890 eingestellt und vorläufig alS anf- gogcben zu betrachten. Die Seeschiffahrt übertrifft ohne Zweifel die Schiffahrt auf den Binnenge- wässern an weltivirtschaftlicher Bedeutung i aber auch auf den Flüssen, Canälen und ^wässcr. Landseen spielt sich ein nicht unbeträchtlicher Theil des Verkehrslebens ab. Bis an die Schwelle des 19. Jahrhunderts hatten sich die mittelalterlichen omcr- Hinderniffe der Flussschiffahrt erhalten, die zahllosen Zölle, die llmlade- und Stapel- "chte, die Mündungssperren. Nur in den größeren Territorien waren die Wasserwege 1Donau- Schiffahrt. Canäle. 222 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitalter. von diesen Schmarotzerpflanzen gesäubert worden. Aber mit den Flüssen, die die Länder mehrerer Souveräne durchzogen, stand es im Mercantilzeitalter schlimmer als zuvor. Erst seit der Revolution kamen da heilsamere Ansichten zum Durchbruch. Als die Franzosen 1702 Belgien besetzten, so bäumte sich ihr Freiheitsdrang gegen das aller- brutalste Factum dieser Art, gegen die holländische Scheldesperre, auf, die 1795 end- giltig beseitigt wurde. Der Wiener Congress (1814/15) brachte später den völker rechtlichen Grundsatz zur Anerkennung, dass der Verkehr ans den mehrere Staatsgebiete durchschneidenden Flüssen und deren Nebenflüssen vom Beginn der Schiffbarkeit bis zur Mündung ins Meer für alle Nationen frei sei. Hingegen ist es anerkannter Grundsatz, dass fremde Völker keinen Anspruch ans solche Wasserstraßen haben, die innerhalb eines einzigen Staatsgebietes entspringen und münden (z. B. die russischen Ströme). Während Brasilien seinen Amazonenstrom, Argentinien den La Plata dem allgemeinen Verkehr übergeben haben, hat weder die Union den Mississippi, noch die canadischc Regierung den Lorenzo der internationalen Schiffahrt geöffnet. Bei der Unzulänglichkeit der allgemeinen Grundsätze besteht denn für die meisten Flüsse eine Anzahl von speciellcn Conventionen oder vertragsmäßigen Abmachungen Konventionelle Flüsse). Namentlich hat sich die europäische Diplomatie für die Donau sch iffahrt interessiert. Im Anfang des Jahrhunderts hatte sich nämlich Russland der Donau- mündnngen und der unteren Donau bemächtigt. Durch den Krimkrieg (1853-—56) verlor es die Position wieder. Die Donaumündungen und deren nothwendige Regulierung wurde unter den Schutz der Großmächte gestellt, die eine permanente „europäische Donancommission" einsetzten. Von dieser rührt die noch in Kraft stehende Schissahrts- ncte für die Donaumündungen her (1865). Ans dem Berliner Congress (1878) wurde im Princip die Strecke von der Mündung bis zum Eisernen Thor unter die Jurisdiction der europäischen Commission gestellt und Österreich beauftragt, die Arbeiten zur Beseitigung der Schisiahrtshindernisse am Eisernen Thor dnrchznführen. Diese Arbeiten sind i» Angriff genommen; alle Versuche aber, die Verhältnisse ans der unteren Donau nenzugestalten, scheiterten bisher an dem Widerspruche Rumäniens. Tie freie internationale Schiffahrt aus der Donau vom Punkte der Schiffbarkeit bis zu den Mündungen steht noch in einiger Ferne. Dort, wo sic zurecht besteht (1856 bis 1878 bis Galatz, seit 1878 bis znm Eisernen Thor), dominiert die englische Flagge. Weniger internationales als volks- oder nationalwirtschaftliches Interesse bieten die künstlichen Wasserstraßen oder Canäle. Im 18. Jahrhundert und in den ersten Decennien des 19. ist der größte Theil des vorhandenen CanalnetzeS geschaffen worden. Nun kam aber die Eisenbahn und übte namentlich in den Hügel- »nd Bergländern eine den Canälen schädliche Concurrenz. Viele Canäle, die eben mit enormen Kosten vollendet ivorden waren, wurden nicht benutzt, vernachlässigt. Seit etwa zwei Jahr zehnten ist jedoch wieder ein Umschwung eingetreten. Ria» sah ein, dass nicht das Canalwesen an sich veraltet sei, sondern dass die Beschaffenheit der vorhandenen künstlichen Wasserwege (Seichtigkeit, Schmalheit) und der zugehörigen Einrichtungen (Schleusen, Ausladevorrichtungen) an deren geringer Rentabilität schuld sei. Frankreich votierte zuerst wieder größere Summen zmn Umbau der vorhandenen Canäle und zum Ausbau der natürlichen, wie künstlichen Wasserstraßen. Das Umbanprincip hat denn thatsächlich Früchte getragen. In Verbindung mit den von Natur schiffbaren und den canalisierten Flüssen erfüllen die Canäle wieder ihre volkswirtschaftliche Ausgabe als wohlfeilste Wege für den Transport von voluminösen Massengütern (Bergbanprodnctcn, Brennmaterialien, Feldfrüchten ». dgl.).8. Capitcl. Tic britisch-amerikanische Periode (1815—x). 22)1 2. Eisenbahnen. Gerade im Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Europa mit Eiscnbai,nc„ einem dichten Rehe herrlicher Kunststraßen überzogen. Ter Chausseenbau erreichte durch "' ,s Mac Adam eine Art idealer Vollkommenheit. Seit dem Zerfall des Römerreiches, also 15 Jahrhunderte lang, hatte die Welt dergleichen nicht gesehen. Tn kamen die Eisenbahnen ans; man dachte, dass cs mit den Chausseen nun vorbei sei; aber die Länge derselben hat sich auch im letzten halben Jahrhundert noch verdoppelt. Die Dampf- oder Locomotivbahn, schlechtweg Eisenbahn genannt, besteht ans Geschichte der dem Spur- oder Schienenweg und der Dampfmaschine, die als Zugkraft für den Personen- und Gütertransport verwendet wird. Beide Elemente haben ihre gesonderte Geschichte, bis sie ju Anfang des 19. Jahrhunderts in die entscheidende Verbindung gebracht wurden. Im 15. Jahrhundert verwendete man in den deutschen Bergwerken hölzerne Spur Spurwege, auf denen die „Hunde" in den Stollen gerollt wurden. In den englischen Gruben wurde es üblich, die der Abnützung besonders ausgesetzten Stellen der Holzbahn mit Eisen zu beschlagen; später kamen gusseiserne und schmiedeeiserne Schienen in Gebrauch. Zur Bewegung der Lasten verwendete man außer Menschen auch Thiere, zumal Pferde. Die montanistische Entwicklungsreihe führt also bis zur Pferdebahn. In den Bergwerksdistricten hat man aber auch zuerst die Locomotive als Befördernngs- nnttel verwendet. Nachdem schon einer der Ahnherren der Dainpfinaschinc, Savary, sich mit der £><¦ Eonstruetion eines Dampfwageus beschäftigt hätte, kam das Problem nicht mehr ' A ’ col „ om ’ c '. m Vergessenheit. Unterschiedliche Versuche, die im Laufe des 18. Jahrhunderts gemacht wurden (von Cngnot, Evans, Allen), führten zu keinem entscheidenden Resultate. Erst u», 1802 entstand in Richard Trevithicks Kopf die fruchtbare Idee, einen Dampf 'wrgen zur Lastenbefördcrnttg auf den wohlbekannten eisernen Spnrivcgcn zu eonstruieren. von ihm gebaute Locomotive war mangelhaft; Trevithick, das Genie ohne Ausdauer im Kampf, zog sich zurück. Von nun an brachte jedes Jahr neue Versuche. Auch Georg Stephensou, Aufseher der Maschinen im Bergivcrk von Killingworth, _ l '"' . konstruierte 1814 eine brauchbare Locomotive. Als Bauleiter der Pferdebahn, die bestimmt war, Stockton mit dem binnenwärts gelegenen Tarlington zu verbinden, Wulste er es dahin zu bringen, dass anstatt der Pferde eine von ihm eonstruierte ^ompfiunschine verivendet ivürde. Am.27. Tecember 1825 wurde die Linie Stockton- "öen ^orlington, die erste Locomotivbahn der Welt, eröffnet. Stephenson erhielt dann ben Auftrag, den Spurweg zwischen den Judnstriemetropolen Rtanchester und Liver pool z>, bauen. Bei einem Wettrennen verschiedener Locomotiveu zu Rainhill trug sein «Rocket" den Sieg davon — die Maschine wird gegenwärtig im South-Kensington- Aiusenm aufbewahrt — und 1830 konnte die Eisenbahn von Manchester nach Liverpool dem Verkehr übergeben werden. Das neue Beförderungsmittel genügte bou größten Anforderungen, ivelche die damalige Zeit stellen konnte; sofort warf siel, England »ud in den Bereinigten Staaten die Specnlation aus das aussichts reiche Object. Langsamer kam die Erfindung auf dem Continent zur Geltung. Als Vater so-' österreichischen und als einer der Erzväter des continentalen Eisenbahnwesens >st der Wiener Professor Ritter v. Gerstner anznsehen, Erbauer der Budweis-Linz- ^ onluudener) Pferdebahn, die 1824 begonnen, 1828 partiell befahren, 1SH2 vollendet wm-bi'. Die erste Bahn mit Dampfbetrieb in Österreich war die 1837 eröfsnete -r.ie c vftcit Eisenbahnen auf dem Kontinente.224 IV. Abschnitt. Das panoccmüsche Transcontinental-Zeitalter. Ausdehnung der Eise» bahne». Eisenbahn- Politik. Epoche der Privat- bahnen. Übergang zum Shsteili der LtaatS- bahncll. Theilstrecke der Nordbahn: Floridsdorf-Wagram. Älter als diese and die älteste Lvcomotivbnhn ans dein Kontinent ist die Strecke Brüssel-Mecheln (1835). In dem gleichen Jahre wurde die erste Locomotivbahn Frankreichs — Pferdebahnen gab es schon früher — die kurze Strecke Paris-S. Gcrmaiu probeweise eröffnet, ebenfalls 1835 die erste deutsche Dampfbahn, Nürnberg-Fürth. In Russland baute der Österreicher Ger st u e r die erste Bahn Petersburg- P awlows k (1838). Im Nachtrab blieben die Schweiz (1847) und die Türkei. Während Europa und Nordamerika gleichen Schritt hielten, kamen die iibrigeir Welttheile erst seit 1860 in den Besitz von Schienenwegen. Gab es im Jahre 1830 auf der ganzen Erde erst 332 4m Eisenbahnen, so ivaren sechzig Jahre später über 600.0004m in Betrieb, die einen Aulagewert von rund 130 Milliarden Mark reprä sentieren. Absolut steht der Kilometerzahl nach Amerika voran, relativ Europa, damr kommen Asien, Australien, Afrika. Die wirtschaftsgeschichtlich wichtigsten Probleme des Eisenbahnwesens enthält die sogenannte Eisenbahnpolitik, d. h. wie stellte und wie stellt sich der Staat zum Ban, zur Verwaltung, zum Betrieb der Bahnen? Als die Eisenbahnen in England entstanden, befand sich die individualistische Lehre der Nationalökonomen ans der Smith'schen Schule im Zenith ihrer öffentlichen Anerkennung. Alle Welt war von der Schädlichkeit der Staatseinmischung überzeugt, und die Parlamentspolitiker setzten ihre Stärke drein, die Staatsgewalt zu bekämpfen. So überlies; denn der eingeschüchterte Staat die Eisenbahnen der Privatsvecnlation. Außer der Staatsfeindlichkeit übte noch eine andere individualistische Doctrin be stimmenden Einfluss: die Lehre von den heilsamen Wirkungen des freien Wettbewerbs. Man hoffte, am besten und billigsten zu fahren, wenn man einer schon bestehenden Bahn gleich ein paar Conenrrenzbahnen an die Seite stellte. Die Folgen dieses Vorganges waren aber dies- und jenseits des Oceans die gleichen. Zuerst eine Ver geudung der Kapitalien in überflüssigen Concnrrenzanlagen, dann ein mörderischer Concurrenzkampf, bei dem kein Thcil profitierte, zuletzt eine Fusion der bisherigen Nebenbuhler. Die ans mehreren kleinen entstandenen großen Gesellschaften waren nunmehr concurrenzfrei und beuteten ihr Bio nopol nach allen Regeln der Rein ertragswirtschaft ans. Da begann sich der Staat ins Biittel zu legen, aber die Privat bahnen kümmerten sich um seine Verordnungen höchstens formell. Das Schlimmste war, dass bei dem tollen Wettbewerb einzelne Privatspccnlantcn sich maßlos bereichert hatten und als „Eisenbahnkönige" fortfnhren, die Bahnen speculativ auszubenten, die Eisenbahnpapiere zu drücken oder emporzntreiben, je nachdem sie in Baisse oder Hausse speculierten. Nur ganz wenige Staaten hatten in den Dreißiger- und Vierziger-Jahren den Eisenbahnban mit eigenen Mitteln durchgeführt und den Betrieb in eigener Regie behalten: Belgien, Württemberg, Baden. Wieder andere befolgten von vorneherein kein festes Princip, z. B. Österreich, das sich in den Fünfziger-Jahren ans finanziellen Gründen veranlasst sah, seine Staatsbahnen an Privatgesellschaften zu verkaufen. Als nun die einträglichsten Linien gebaut waren und die minder rentablen, aber volkswirtschaftlich und strategisch wünschenswerten Linien an die Reihe kamen, war der Staat den Privatunternehmern plötzlich zu etwas gut: zu Vorschüssen und Zins garantien. Nach Ablauf der Sechziger-Jahre, den Jubeljahren des Freiwirtschaftssystems, zeigten sich die ersten Symptome des volküivirtschaftlichen Umschlages. deutsch-8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 225 französischen Krieg (1870—71) waren mancherlei Schäden des privaten Bahnbetriebes zutage gekommen. Die Krisen, der Socialismus, die Übergriffe der Plutokratie führten überhaupt eine Wendung in den volkswirtschaftlichen Ansichten herbei. Die Ver mehrung des stehenden Heeres und der Einkünfte war eine Nothwendigkeit geworden, unter deren Druck die Staatsgewalt kühner in das Gewirr der volkswirtschaftlichen Zustände eingreifen konnte. Viele Privatunternehmungen waren discreditiert, die öffentliche Meinung wendete sich gegen sie. Zuerst schwenkte Preußen — denn der Versuch einer deutschen Reichseisenbahnpolitik scheiterte (1875) — ein, Preußen, auf welches seit einem Jahrzehnt alle Blicke gerichtet waren. Es war ein Erfolg der Bismarck'schcn Politik, dass der Staat (Ministerium Maybach) unter den, Beifall Europas theils bisherige Privatbahnen käuflich an sich bringen, theils die Verwaltung solcher übernehmen konnte. Wie Preußen, so handelten auch Bayern und Sachsen, so dass heutigen Tages im ganzen Deutschen Reich auf circa 40.000Staats- nur 4500 kn, Privatbahnen kommen. Der Vorgang Preußens ermunterte auch Österreich- Ungarn zur Wiedererwcrbung eines ausgedehnten Staatsbahnnetzes, ebenso beein flusste er die Politik Italiens (das aber den Betrieb der Bahnen an Privatgesell schaften verpachtet hat), Russlands, Frankreichs, Dänemarks, der nichttürkischcn Balkan- staaten, der Schweiz u. s. f. Selbst Großbritannien und die Vereinigten Staaten üben ihr Aufsichtsrecht energischer als früher ans und gehen der privaten Willkürherrschaft im Verkehrswesen zu Leibe. 3. T e l e g r a p h i e. Die ältere o p t i s ch e T e l e g r a p h i e hat mit dem modernen Erfindung des Telegraphen kaum etwas gemein, als den Zweck beschleunigter Nachrichtenvermittlung Telegraphen, und den Namen. Im Anfang des 10. Jahrhunderts war der Chappe'sche Arm- oder Üolztelegraph ziemlich verbreitet. Er ist unterdessen verschwunden; nur im Eisenbahn- i'et rieb haben sich optische Signalvorrichtungen erhalten. In der 2. Hälfte des 18. Jahr hunderts waren im Stillen mehrere Physiker beflissen, die Reibnngselektricität für telegraphische Zwecke verwendbar zu machen (Marschall, Lesagc, Lomond, Rausper); ollein die Versuche befriedigten nicht, weil sich durch Reibung kein constanter, kräftiger irtron, hervorbringen lässt. Mit der Entdeckung der Berühr» ngselektricitüt durch Galvani und Volta trat das Problem in ein neues Stadium, dem die Erperi- uieute Sommerings angehören. Erst durch die Entdeckung des El e k t r o m a g n e ti sm us lOrstedt, Ampsre) wurde die Construction geeigneter Vorrichtungen, der Nadel- ^legraphen (Ritchic, Schilling), ermöglicht. Die erste elektrische Draht- ^^ltcn loitung (900m lang) functionierte 1833 zwischen der Sternwarte und der Universität Göttingeni cs war das Werk zweier Größen der Wissenschaft, des Mathematikers Gduß {,(!§ Physikers Wilhelm Weber. Der Göttinger Versuch wurde von Kleinheit, dem Entdecker der Erdleitung, 1837 in München in größerem Maßstab 'Ulögcfiihrt. Dem nämlichen Heilsjahre der Telegraphie, 1837, gehört die classische Erfindung des Schreib- und Druckapparates durch den Historienmaler Atorse "" Der verbesserte Morse-Apparat hat sich bis zur Gegenwart behauptet. Erst dreißig Zohre später hat er in dem Typendruckapparate des Amerikaners Hughes einen Avalen bekommen (1808). Seitdem sind noch einige Erfindungen (Copiertelegraph, . löis) gemacht worden, unter denen die Multiplextelegraphie (Ginzel, Siemens) die 'ölchtigste sein dürfte. Die ersten und überhaupt meisten Anlagen sind oberirdische Landleitungen. Unterirdische höhere unterirdische Leitungssysteme gibt cs nur in Deutschland (1870—81 von Ehcf des deutschen Post- und Telegraphenwesens, H. Stephan, eingerichtet), in »»v, Lehrbuch der HandelSgeschichte. 15IV. Abschnitt. Das panoccanischc TranScontinental-Zcitalter. 226 Frankreich und England. Nächst der Luftleitung ist die unterseeische oder submarine Kabelleitung die ausgedehnteste. Ter erste submarine Telegraph ist dort entstanden, wo er naturgemäß zuerst entstehen musste, zwischen Großbritannien und dem Continente, selbstverständlich wo ihre Entfernung am geringsten ist, zwischen Calais und Dover (John Butt 1850). Mit Hilfe des Riesenschiffes Great, Eastem gelang cs dann nach einigen misslungenen Versuchen, ein Kabel in die Tiefen des Atlantischen Meeres zu versenken, das die Alte mit der Neuen Welt (Irland und Neufundland) in elektrischen Contact setzte (CyruS Field 1800). Seitdem stehen c. tausend submarine Kabel zusammen mit den großen Überlandslinien im Dienste des internationalen Nachrichtenwesens. Tie Linienlünge der Telegraphen dürfte sich gegenwärtig ans 1'/, Millionen Kilometer belaufen. Telegraphen- Der elektromagnetischen Telegraphie haben sich zuerst die Bahnen für ihre poi, in. Betriebszwecke bemächtigt nach dem Vorgang der englischen Blackwall-Bahn (1840) und der Rheinischen Eisenbahn. Bei der Verivaudtschaft der Telegraphie und der Post haben dann die Staaten Hand auf die »eile Erfindung gelegt: Österreich (die erste Einrichtung rührt von Steinheil her) und Preußen (1849), Frankreich (1851) u. s. f. Nur in England und in der Union wurde die Telegraphie von Privatgesellschaften betrieben, aber England hat 1809 das Telcgraphenwese» ebenfalls verstaatlicht. Während die ober- und unterirdischen Leitungen Staatsmonopolc sind, befanden und befinden sich die submarinen Anlagen größeren Theils in Privatbetrieb. Nach dem Vorgänge Deutschlands (1875) ist der Telegraph mit dem Postivesen in vielen Ländern (Italien, Großbritannien :c.) administrativ vereinigt ivorden. Tie Tarife sind in neuerer Feit wiederholt ermäßigt worden. Im Tarismcsen folgen einander drei Stadien: die Zeit der mit den Entfernungen wachsenden Gebären, die Zeit der Zonentarife und die der Einheitstarife für dasselbe Staatsgebiet (mit Wort- und eventuell Grundtaxe)) Seit 1805 existiert ein internationaler Telegraphen-Vcrein, der periodische Con- fcrenzen abhält und zu Bern ein ständiges Bureau hat. Telephon. Das jüngste Hilfsmittel des Nachrichtenverkchres ist die Telephonie oder Fernsprechkunst. Sie beruht ans einer lange unbeachteten Idee des deutschen Physikers Philipp Reis (1804), der auch der Urheber des Wortes „Telephon" ist. Erst das von dem Tanbstummenlehrer Graham Bell erfundene Telephon (1876) vermittelte die Sprachlante auf größere Entfernungen. Nunmehr ivurden rasch in allen civilisierten Staaten Fernsprechnetze angelegt, die sich verschiedener Apparate (Hughes' Mikrophon) bedienen. Dic Post und 4 . Die Post. Diese Institution, die, in früheren Jahrhunderten (10. und 17.) tue "tun, Ber realisiert, Regal geblieben ist, hat zu den modernen Erfindungen, die den Personen-, Güter- und Nachrichtenverkehr betreffen, Stellung nehmen müssen. Fällt ja doch die Beförderung von Personen, Paketen, Warenproben, Briefen, Drucksachen, Geld in ihr Äbslopnng deo allereigenstes Ressort. Am entschiedensten hat die moderne Post, außer den Masseu- Pkrsonen g^nt, den Personentransport abgestoßcn. Nur soiveit die Eisenbahnen und das Privatsuhrwerk dem letzteren Zweck nicht entsprechen, haben sich in Russland, Deutschland, Österreich-Ungarn, Dänemark, der Schweiz, in Britisch-Jndien und Ägypten der Post- Zunohme >><¦* mnßfn, di>>> Posthalter und der Postillon erhalten. Um so größere Dimensionen hat Briefperkehro. ^ postalische Brief-, Geld- und Paketverkehr im Laus der letzten Jahrzehnte ange- nommen. Soiveit die Post ihre Sendungen und Zustellungen nick>t mit eigenen Mittel» (Boten, Wagen, Tragthieren, Rohrpost, im Nothfall Tauben und LnstballonS) besorgt, kommen ihr Schisse und Eisenbahnen zu Hilfe. Bezüglich des Transportes der Post-8. Capitcl. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 227 15* Biodmie iHcformtn. sendungcn durch Seeschiffe existieren eigene Abmachungen und Subventionsvertrüge. Hingegen sind die Eisenbahnen durchschnittlich zur unentgeltlichen Beförderung der Postsachen, ja zur Beistellung eigener Postwagen bei Personen- und Schnellzügen verpflichtet. Die betreffende Clausel findet sich meist schon in den Concessions- urknnden. Mehr noch als die Mitbenützung der schnelleren, pünktlicheren, wohlfeileren Ber- kehrsbchelfc der Neuesten Zeit haben specielle Reformen aus das Postwesen ver jüngend gewirkt. Die Reformbewegung im Postwcsen begann um 1840 in England. Bis dahin herrschte innerhalb der einzelnen Postgebiete das nach Entfernungskreisen und nach dem Gewichte abgemessene Stufenporto, das seiner Kostspieligkeit halber auf den Brief- und mittelbar ans den Geschäftsverkehr lähmend wirkte. Da erschien 1837 eine Bro schüre: Rost Office Reform, deren Verfasser, Romland Hill, fiir den EinheitstarifRcwlmidHi» von 1 Penny für jeden bis zu l / 2 Unze schweren Brief innerhalb des Vereinigten Königreiches unter Vorausbezahlung des Portos durch Stempelmarken ciutrat. Trotz aller Gegenbcmühungcn wurde das Einheitsporto 1840 in Großbritannien gesetzlichEinheitsporw eingebürgert. Rascher als dieses verbreitete sich die Brief- oder Freimarke über Ullt ' «Ne Länder der Erde. Sie war in Paris schon 1653 in Verbindung mit Briefsammel- r Wen aufgetaucht und wieder verschwunden. Zn einigen Ländern existierten zu R. Hills Zeiten gestempelte Briefumschläge lz. B. in Sardinien). Jedoch dass die auszu klebende Briefmarke allgemein eingesührt wurde, geht auf die Hill'sche Anregung zurück. Alittlerweile sind antiquarische Briefmarken ein beliebtes Sammelobject (der Philate kiflen) und ein förmlicher Handelsartikel geworden. Das Einheitsporto wurde nur all luählich in den Einzelstaaten eingesührt (in Frankreich 1849, in Österreich 1861 n. s. iv.). Mit den Reformen innerhalb der Einzelstanten war dem Zeitgeist noch nicht Poswereme. bmug gcthan. Alles drängte dahin, dem weltwirtschaftlich verbundenen Productions "ud Handelsgebiete auch eine internationale Erleichterung des Postverkehres zutheil werden zu lasse». Den ersten Post verein schlossen Deutschland und Österreich 1850; n besteht auch heute noch fort. Seit den Sechziger-Jahren bemächtigte sich Preußen, beziehungsweise das Deutsche Reich der Führung im Postwcsen, wozu es als Eentral- land Europas, mit Österreich im Bunde, berufen war. Die neuesten Reformen sind an den weltberühmten Namen Heinrichs vonH. ».Stephan ^kcphai, geknüpft. Seiner Initiative ist das Zustandekommen des „Allgemeinen »ndd» sunt- . crner Postvertrages" (1874) zu verdanken. Auf dem 4. internationalen Postcongress Paris (1878) hat die Verbindung den Namen „Weltpostverein" angenommen, cm bis jetzt alle civilisierte» Staaten der Erde beigetreten sind. Nunmehr besteht das ^«heitliche Weltporto von >0 Pf. (5 kr.) für die Postkarte, von 40 Pf. (10 kr.) für ceii Brief (bis zu 15 <j). Aus dein Lissaboncr Eongress ist auch von de» meisten ugliedsstaateu des Weltpostvereins das einheitliche Porto für Pakete bis 5 kg äuge n °mmen worden. . ... Zu den Einrichtungen, die den Rachrichteuverkehr wohlfeiler gemacht und popu Mustert haben, gehören die Postkarten und Kartenbriefe. Der Postkarte wird zuerst einer Denkschrift Stephans aus dem Jahre 1865 Erwähnung gcthan. Der österreichische i l director Kolbensteiner lernte ans einer Postconferenz in Karlsruhe die Idee kennen. ' 1 ' c ' ll e amtliche und des Professors Enianuel Herrmann schriftstellerische Anregung ">de die Postkarte 1869 in Österreich eingesührt. Ein Jahr später folgte der Norddeutsche Bund -c. posterrkin. PesNartc».228 IV. Abschnitt. Das panoccanische Transcontinental-Zeitalter. Postspar Durch neue Mittel der Geldübertragnng (Postanweisungen, Postuote», Post- ca ^ <n - creditbricfe, Postaufträge, Nachnahmen) functioniert die Post iu der Art einer unge heueren nationalen und internationalen Ccntralbank. Ans diesem Wege ist sic seit Gründung der Postsparcassen (sowie des in Österreich-Ungarn ciugcführteu Check- und Clearingverkehrs) erheblich weiter gekommen. Ter fragwürdige Zustand des englischen Sparcasscnwesens veranlasste. schon im Jahre 1859 den Banqnier Wilh. Sikes, in einem offenen Brief an Gladstone den Borschlag zu erörtern, dass die Postanstalten des Reiches zur Annahme, Verzinsung und Rückzahlung von Spareinlagen herangezogen werden sollten. Gladstone brachte einen diesbezüglichen Gcsctzvorschlag durch, und 1861 wurde die englische Postsparcasse mit 300 Annahmestellen eröffnet, deren Zahl unterdessen ans rund 10.000 mit 5 Millionen Einlegern gestiegen ist. Dem Vorbilde Eng lands folgte auf dem Continent zuerst Belgien, dann Italien, Frankreich -c.; nur in Deutschland wurde ein 1885 vorgelegter Gesetzentwurf von der Reichstagscominission Tic östcrr. abgelchnt. In Österreich datiert die Postsparcasse ans dem Jahre 1883 1 in demselben Pofisparcasie ^ a [ )rc ll)Urf)e m j t dem Chcckvcrkchr der Anfang gemacht, dessen Jahresumsatz ans an- (Girobank.jj[[j avöclt (tz,uden gestiegen ist. Der Chcckvcrkchr der österreichischen Post sollte nach den Absichten des Urhebers (Coch) gewissermaßen der erste Schritt zur Verstaatlichung und Centralisation de« Bankgeschäftes sein. Weitere Schritte sind durch den Einfluss der Privatbanken vereitelt worden. lll. Matz und Gewicht, Geld und Credit. Zu den Verkehrsmitteln im weiteren Sinne gehöre» auch Maß und Gewicht, Geld lind Credit. I. Blaß und Gewicht. Dem weltwirtschaftlichen Zuge der Zeit entsprechend, (»cw.cht. k c j- te ( )t rtu f dem Gebiete des Blaß- und GewichtSwesenS gleichfalls das Streben nach internationaler Einigung. Im Anfang unseres Jahrhunderts herrschte in vielen Staaten noch die größte locale Mannigfaltigkeit der Alaßc. Wie die romanisch germanischen Völker die bezüglichen Einrichtungen aus dem Altcrthnm übernommen und örtlich abgeändert hatten, so giengen diese, ihre Veränderlichkeit bcibehaltend, in die Neuzeit über. Ans die locale Periode folgte dann eine Epoche der territorialen oder gesammtstaatlichen (nationalen) Vereinheitlichung, die für einige Länder bereits in die Zeit der absoluten Fürstenherrlichkeit fällt. Erst ans die territoriale, beziehungs weise nationale Epoche folgt die der internationalen Vereinbarungen. Für die internationale Verständigung war es von Vortheil, dass ei» tonan- -»ncm. ge (, en b er Cnlturstaat, wie Frankreich, in der Revolutionszeit zu einem einheitlichen Maßsystem übcrgcgangen war (1793—1709). In einer Zeit, die für Natur und Ver nunft schwärmte, setzte man an die Stelle der „künstlichen" historischen Maße ein rationelles „natürliches" System. Als vermeintlich natürliche und unveränderbare Basis legte man den errechneten, nicht gemessenen lOmillionsten Theil des Erdmeridian guadranten oder das Meter zu Grunde. Das metrische System fand beim Volke keinen Anklang, so dass es Napoleon I. einer Modification unterzog (1812); erst seit 1840 ist es in Frankreich restauriert und mit den, Privilegium der Alleingiltigkeit ansgestattet worden. Im Laufe der letzten 50 Jahre sind die meisten europäischen (Österreich 1871), mittel- und südamerikanischen Staaten obligatorisch zum metrischen System über gegangen, Großbritannien und die nordamcrikanische »nion wenigstens facultativ.8. Kapitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 229 Aus die Anregung Frankreichs trat 1875 in Paris eine diplomatische Conferenz zusammen, deren Ergebnis die Stiftung der internationalen Meterconvention “j 1 ““ war. Die 17 Vertragsstaaten unterhalten ein Bureau zur Anfertigung, Beglaubigung convention. und periodischen Vergleichung von Urmaßen (Prototppen) des Meters und Kilogramms. Den übrigen Staaten steht der Beitritt frei. 1889 ist die Herstellung der Prototype vollendet worden. 2. Geld. Das Geldwesen ist zwar in allen Staaten einheitlich geordnet, die ^'"cr- loeale» und territorialen Münzfüße früherer Zeit sind verschwunden, aber zu einers 0 }j- , ’.' l ,™onen Münzeinigung aller oder nur der wichtigsten Cnlturstaateu ist es bisher nicht gekommen. Die Idee einer universellen Münzunion, eines Weltgeldes, existiert seit langem; jedoch die internationale Conferenz, die Frankreich zu diesem Behnfe 1867 einberief, führte zu keinem praktischen Ergebnis. Auch auf den späteren Münzeonferenzen (1878, 18911 konnte bezüglich eines universellen Währungsvertrages keine Einigung erzielt werden. To bestehen gegenwärtig nur zwei internationale Münzvereinigungen von verhältnis- wäßig geringem Umfang: der lateinische Münzbund (Münzverein, Münzunion) von 1865, dem Frankreich, Belgien, die Schweiz, Italien, seit 1868 Griechenland angehören, und die skandinavische Münzunion von 1875 zwischen Dänemark und Schweden Norwegen. Die Geschichte des Geldes wird in der neuesten Zeit wesentlich von der Edel uwtallproduetion, der Währungspolitik und gewissen Eigenthümlichkeiten der inter nationalen Zahlungsbilanz beeinflusst. Der Vorrath an Gold, den das 19. Jahrhundert aus der Vergangenheit über nommen hat, seht sich zusammen aus den Beständen der Alten Welt, die all die Zeit 1 )CI ‘ nur mäßig vermehrt worden sind, aus den Erträgnissen Amerikas im Entdeckungs- Kitalter und aus der Production Brasiliens im 18. Jahrhundert. Zn Beginn des Jahrhunderts war die Goldproduetion allenthalben gesunken. Seit den Dreißiger- Jahren lieferten die russischen Bergwerke im Ural und Altai größere Erträge, die von '*16 an jährlich zwischen 1500—2500 Pud (ä 41.000 Mk.) schwankten. In eine neue Phase trat die Production des gelben Metalkes durch die Entdeckung der ca lifo r- n'lchen (1847) und der australischen Goldfelder (1851). Das californische Gold ^"tdeckte ei» Müller, namens Marschall, beim Graben einer Wasserrinne; in Australien "ounulhete man aus geologischen Gründen Gold, ein gewisser Hargreaves fand es dann wirklich. Hiermit begann nicht nur für das pacistsche Nordamerika und für Australien Periode des Aufschwungs, sondern in der ganzen Welt zitterten die Schwingungen * n,n Stillen Ocean entstandenen Umwälzung nach. Die nordamerikanische Gold Vrobuction hat ihren Höhepunkt hinter sich: seit etwa 1870 ist sie im Rückgang misse». Überhaupt sind die Alluviallager, denen bisher das meiste Gold abgewonnen u ^i war, erschöpft. In jüngster Zeit stammen etwa drei Viertel des gewonnenen Goldes 6 Quarzgängen. Von 1886 an ist Südafrika (Transvaal) ein ivichtiges Goldland so *,•'*!' llu ^ uuch in Australien hat sich die Goldgewinnung von neuem gehoben, ,vj h n '' 3 i f !lt die Production der Erde den Höhestand der Fünfziger- und Sechziger-Jahre 0 n erreicht hat (über 500 Millionen Mark jährlich). vo> ^ch"!>"ngsweise beläuft sich die gesammte Goldproduetion in den 300Jahren Ai».° '0 ^ 1800 auf 9500 Millionen Mark, von 1801—1847 ans 2100 Millionen 1*18—1890 ans 21.000 Millionen Mark, zusammen (1500—1890) ans 32.600 Mark. Gold- prodnction.IV. Abschnitt. Das panocemiischc Transcontinental-Zeitaltcr. 230 Silber- ssn den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts war die Silberproduction Production, ^oen der politischen Wirren in Mexiko »nd Südamerika zurückgegangen. Sic hob sich später konstant; in den Sechziger-Jahren erfolgte aber eine rapide, sich fortwährend steigernde Zunahme. Es war nämlich zu den alten Silbcrländern (Mexiko, Peru, Deutschland) die Union (Nevada, Colorado) hinzugekommen. Natürlich konnte die unverhältnismäßige Vermehrung, des Silbers nicht ohne Einfluss auf dessen Preis bleiben. In den Siebziger-Jahren gesellte sich noch der andere Umstand hinzu, dass mehrere Länder zur Goldwährung übergiengen (L871 Deutsches Reich, 1873—1878 Nordamerika) oder doch ihre Silbcrprügungen einstcllten, wie die zum Lateinischen Alünzbund gehörigen Staaten. Trotz verminderter Nachfrage nach dem weißen Gcld- stoffe dauerte die Zunahme der Production fort. Und selbst in den letzten Jahren, wo alles sich verschworen zu haben scheint, das Silber seiner Münzqualification zu berauben, hat die jährliche Ausbeute eine Höhe erreicht, dass sie dem Werte nach der Goldproduction die Wage hält, ja sie sogar übertrifft. So ist es denn auch gekommen, dass die alte ehrwürdige Relation 1:15'/, nunmehr auf 1:25, ja noch tiefer ge sunken ist. Tie gesummte Silberproduction der Erde von 1500—1890 beträgt circa 225 Millionen Kilogramm im Werte von 38.500 Millionen Mark (nach dem „alten" Silberprcis, der sich bei der klassischen Relation 1:15'/, auf 180 Mark pro Kilo gramm stellt). Silber- und Goldgewinnung von 1500—1899 ergeben eine Summe von 70 Milliarden Mark; der monetarische Borrath beträgt jetzt etwa die Hälfte. Wahrungen. Die Gold- und Silberproduction ist nicht ohne Einfluss auf die Geschichte der Währungen geblieben, obwohl politische Ereignisse und rein theoretische Ansichten eben falls ihren Einfluss ausgeübt haben. Epoche des Nach den Befreiungskriegen Ivar cs die dringendste Aufgabe der Regierungen, vorwiegende» au g öcr Papiergeldwirtschaft den Rückweg zur metallischen Währung zu finden. In :: der Thal gelang dies nicht bloß den Engländern, die 1810 die reine Goldwährung einführten, sondern auch den Österreichern, die die Silberwährnng ivieder herstellten. Im ganzen überwog in der ersten Hülste des 19. Jahrhunderts die Vorliebe für das System der Doppelwährung. Durch den californisch-amcrikanischen Goldstrom ließ man sich wohl zu vermehrter Goldprägung, aber nicht zur Demonetisierung des Silbers bewegen; vielmehr hielt die Wiener Münzconvention von 1857 am Silber als alleinigem Währungsmetalle fest. Übergängen, Nlit dem Übergang des Deutschen Reiches zur Goldwährung (1871—73) ewllwi»»' beginnt das Zeitalter des vorwiegenden Nionometallismus. Allein die reine Goldivährung konnte weder in Deutschland ohne allzugroßc Verluste durchgeführt werden, noch ver mochte sie sich in den Vereinigten Staaten (1873—78) einzubürgern. Ebenso waren die Länder der Lateinischen Union durch ihr Silbercourant verhindert, die reine Gold- mährung zu proclaniieren. Denn unterdessen ivar das Silber im Preise gesunken und sank umsomehr, als in den Goldwährungsländern das überflüssige Münzsilbcr aus den Markt kam, während die Nachfrage »ach Silber zu monetären Zwecken abnahm. Tic Silberkrisis, die seit den Siebziger-Jahren chronisch geworden ist und sich iiu hm tuiiqcii. „„„„shaiisamm Sinken der Silbercourse kundgibt, hat den modernen Typus dcrHink- währungen hervorgebracht: Umlauf ro» Gold nebst überwertetem Silbercourant/ dabei Einstellung (Suspension) der Silberprägung, sei es bloß für Privatrcchuung, sei es auch für Rechnung der Regierungen.8. Capitel. Tic britisch-amerikanische Periode (1815—x). In den Bereinigten Staaten ist der Versuch gemacht worden, der weiteren Ent- Kampf für Wertung nnd Demonetisierung (Entmünzung) des Silbers entgegenzutretcn. Zwölf Jahre M lang bestand 311 diesem Zwecke die Bland- oder Alisonbill (1878—90), welche das Schatzamt verpflichtete, nionatlich 2—4 Millionen Dollars in Silber auszuprägen; 189u trat an ihre Stelle die (1893 aufgehobene) Shermanbill, dcrznfolge das Schatz amt zum Ankauf von monatlich 4V a Millionen Unzen Silber verpflichtet war. Allein das Sinken der Silberpreise hat nicht aufgehört, so dass die indo-britische Regierung sich veranlasst sah, in demjenigen Lande, das bisher das Silber der übrigen Welt hauptsächlich angezogen nnd festgehalten hatte, in Ostindien, die Silberprägung für Privatrechnung einznstcllen (1893). Mit dem Kampf gegen das niedergehende Silber ist gleichzeitig eine andere Erschei- Der .'!a,»ps nung zu Tage getreten: der K a IN p f um d a s G 0 l d — ein stiller, hartnäckiger, unterirdischer m " bab ( " olb ' Kampf nn, den Besitz des im Werte steigenden Weltzahlungsmittels, ein internationaler Krieg der großen Centralbnnken, Finanzministerien, Speculationsconsortien. Schon ist die Sorge aufgetaucht, dass das in der Welt vorhandene Gold für die vermehrten Ansprüche (Vermünzung, Industrie, Schatzbildung) nicht ansreichen werde; jedenfalls >lt die augenblickliche Hinneigung zum Monometallismus, über deren Dauer und Zu kunft etwas Bestimmtes nicht ausgefngt werden kann, eine historische, also vergängliche Erscheinung. ->. Obwohl das Edelmetallgeld im 19. Jahrhundert geblieben ist, was es Gei» u»d ddrdem war, gesetzliches Zahlungsmittel, Prcismcsser, Mittel der Kapitals- smwjiaic. bildnng und Bermvgensnberlragnng n. s. w., so ist es doch im localen, inter localen und internationale» Verkehr, zumal Großverkchr, in den Hintergrund Pdrängt worden durch verschiedene Ersatzmittel (Geldsurrogate): Banknoten, ^taatspapicrgeld, Wechsel, Easscschcine, Checks, Wertpapiere, Coupons, Lager Ichcine ,Warrants), Steuerrestitutionöscheinc rc. Der Gebrauch dieser Geld lurrogatc, die meist Ercditpapiere sind, ist nur möglich kraft der Intervention besonderer Creditverinittlnngsanstalten (Banken), die in den wirtschaftlich hbchst entwickelten Ländern derartig eingerichtet sind, dass der größte Theil aller Verbindlichkeiten durch subsidiäre Zahlungsniittcl nnd nur ein kleiner A'est mittelst Bargeldes ausgeglichen wird. Bicht mit Unrecht nennt man die Gegenwart eine Epoche der ^"dii Ereditwirtschaft, oder man spricht von einer ercditwirtschaftliche» Stufe """^ 1 °?'. b('d Zeitalters der Geldwirtschaft. In der Thal hält die Entwicklung des Kredits gleichen Schritt mit dem Gesammtfortschritte der Volks »nd Welt wirtschaft. Ans der Stufe der Raturalwirtschast sind kaum Spuren des CrcditeS im ge istlichen Sinne vorhanden. Abt dem Eintritt und Fortschritt de, ttzeldwnl cha t leigt sich pt-r Eredit zumeist ron seiner social verderblichen «eite, als em ..!> t, , n wirtschaftliche Erislenz, ja die Freiheit des Schuldners zu vernichten, «pectcll ", der mittelalterlichen Geldwirtschaftspcriode war das Crcditgcjchnst durch canonnchc Satzungen, durch die allgen,ei»e Unsicherheit, die locale Dür,t,gke.t und K emhett der Betriebe in enge Schranken gebannt. Immerhin kan, die Bodmerc,. der Gnltenkaus. I kr Credit nuf der mittet« altert. Cut- wilNunga- stuse.232 IV. Abschnitt. Das panoccanische Transcontinental-Zeitaltcr. das Leihen auf Pfänder (Leihbanken oder montes pietatis), der Wechselverkehr zugleich mit dem Münzwechsel und Edelmetallhandel, das Darlehensgeschäft (Staatsanlehen, in der Mer 2. Georgsbank in Genua) zu ansehnlicher Entivicklnng. Erst in der Mcrcantilperiodc caniilpcriodc. traten die Bedingungen ein, durch welche die Creditgeschäftc ihrer beherrschenden Rolle im Welthandel näher gebracht worden sind. Auf der einen Seite große Dimensionen des Verkehrs bei erhöhter Sicherheit, Ansammlung müßiger Capitalien und daher genügendes Angebot von solchen; ans der anderen Seite die Frage nach Capital zur Griindung von llntcrnehmnngen oder zur Vergrößerung vorhandener Betriebe. Mit dem Bedürfnis vermehrten sich die Formen des Creditgeschäftes, die Anstalten der Creditvcrmittlung. Es entstanden die Actienbankcn, spcciell Leih-, Giro-, Zettelbankcn, Hypothekar institute; Staatsschuldverschreibnngcn, Acticnschcinc, Banknoten, Staatspapicrgcld, Anweisungen begannen zu circnlieren; Wechsel ivurden indossiert und cscomptiert Neueste (( 7 . Jahrhundert). Dennoch standen in der mercantilistischcn Periode zahlreiche Hindernisse Entwicklung, tzxx Entwickelung des Kredites im Wege. Es mussten erst die rechtlichen Schranken der individuellen Freiheit und des freien Wettbewerbes beseitigt, die Einengung der Betriebe, die Zinstaxen und Wuchergcschc hinweggeräunit, die wirtschaftliche Gesetz gebung erst, nach dem Vorbilde des römischen Rechts, mit dem Geiste der capitalistischen Privatökonomic durchtränkt, die modernen Verkchrsanstaltcn mit ihrer beschleunigten Personen-, Geld- und Warenbewegung erst geschaffen werden, bevor die subtilen, international zusammenhängenden Einrichtungen des modernen Creditivesens zu Tage treten und sich nützlich erweisen konnten. Das Zeitalter des Individualismus, des freien Wettbewerbes, des Dampfes und der Elektricität ist auch das Zeitalter des Credites. Tie wichtigsten Ziele desselben sind: Überleitung des Kapitales aus den Händen der nn- oder minder productiven Classcn in die Hände derer, die ihm den größtmöglichen Ertrag abzugewinnen verstehen; Abivicklung des Maximums der Ge schäfte mit dem Minimum von Bargeld und dem Minimum tobt liegender Bar vorräthe. Nicht alle auf den Credit bezüglichen Einrichtungen früherer Jahrhunderte haben sich auch im 19. Jahrhundert erhalten; alle aber, die geblieben sind, haben so gründ liche Wandlungen erfahren, dass sie oft wie etivas ganz Neues erscheinen. Noiendanicn. Auch die Zettclbanken des 19. Jahrhunderts zeigen eine vergleichsweise neue Physiognomie. Während des 18. Jahrhunderts entarteten die Zettclbanken, von den englisch-schottischen abgesehen, früher oder später zu Papiergcldfabriken, die durch ihre Verbindung mit den bankerotten Staaten in den Ruin hineingezogen wurden. Auch im 19. Jahrhundert war die euge Allianz mit den Finanzen den Noten banken nicht zuträglich; aber durchschnittlich haben sic sich von der gefährlichen Ver bindung immer mehr losgemacht und den Schwerpunkt ihrer Wirksamkeit aus die Crcditvermittlung zu industriellen und commerzielle», seltener zu landwirtschaftlichen Zwecken verlegt. Gründung»' Von den derzeit bestehenden großen Notenbanken stammen die schwedische Reichs- *"’¦ bank (gegründet 1656), die Bank von England (1694), die Bank von Schottland < 1695) ans früheren Zeiten. Im 19. Jahrhundert sind gegründet worden: die Bank von Frankreich (1809), die niederländische Bank (1814), die österreichische Nationalbank <1816, seit 1878 Österreichisch-ungarische Bank genannt), die norwegische Bank (1816), die dänische Nationalbank (1818), die italienische Nationalbank (1849), die belgische Nationalbank (1850), die russische Rcichsbank (1860), die deutsche Reichsbank (1875).8. Capitcl. Dic britisch-amerikanische Periode (1815- x). 233 Hinsichtlich der Frage, ob die Zettelbanken Staats- oder Privatanstalten Staats- und sein sollen, hat sich das 19. Jahrhundert für die letztere Form entschieden, wogegen im 18. Jahrhundert die Staatsbanken übermogen. Eine eigentliche Staatsbank ist nur die russische und allenfalls die norwegische Notenbank. Hingegen ist in allen Staaten, ivo die Zcttclbanken Privatunternehmungen sind, mögen sie mit dem Emissionsmonopol ausgestattct sein oder nicht, das Zcttelwescn gesetzlich geregelt und staatlich beaufsichtigt. Die ungebundene Freiheit, wie sie vor 1804 in Nordamerika z. B. bestand, hat man überall aufgegcben. Das 19. Jahrhundert neigt trotz seiner vorwaltend liberalen Anschauung der Centralisation Zentralisation des Notcnwcsens zu und schleppt die Decentralisation nicht grund- lützlick), sondern als historisches Übcrlebscl, das nur schwer beseitigt iverdcn könnte, mit ach fort. Am wenigsten sind die schottisch-irischen Banken von dem Centralisations- pnncip der Neuesten Zeit berührt worden. Hingegen hat unter den englischen Bairkcir bie Bank von England immer mehr den Charakter einer großen Centralbank angenommen, besonders seit der Bankreform von 1844, welche an den Namen des Ministers Peel geknüpft ist; neue Zettelbanken dürfen nicht mehr gegründet iverdcn, und dic vorhandenen sind sozusagen auf den Aussterbeetat gesetzt, auch ist das Noten- ÜUnntnm, das sie ansgeben dürfen, begrenzt. In Frankreich sind die Provinzial- bmiken mit der Bank von Frankreich vereinigt ivorden (18481, seitdem ist diese im ^'Ntze des Notenmonopols. Derselbe Process wiederholte sich 1874 in Spanien. In neureich, jn den Niederlanden, in Belgien, Dänemark, hat cs immer nur eine vnvate Centralbank mit Notenmonopol gegeben. Jn Deutschland und Italien ^agt das Zettelbankivescn die deutlichen Spuren der ehemaligen politischen Zerrissenheit, ownr funktioniert die nach der Wiederausrichtung des deutschen Kaiserthums gegründete putsche Reichsbank (1875) vermöge ihrer vielen Zweiganstalten wie eine mächtige "Uralbank, allein daneben ist eine Anzahl von territorialen Zcttclbanken (sogenannten s uvatnotenbankenl bestehen geblieben, die allerdings im Zusammcnschmelzen begriffen 111 ; >9i Italien wiederum sind sechs der früheren Territorialbanken zu einem Eon o* "ii" zusammcngctreten, das zur Zeit der Papierwährung (1866—1881) und auch Cl ^ cv Wiederherstellung der Valuta (1881) das ausschließliche Recht der Banknoten ausgabe besitzt. Jn der Schweiz hat bei dem vorherrschenden Kantönli-Gcist die ^kutralisation nicht gründlich durchgreifen können, obwohl seit 1881 ein die Zettelbanken ^ äffendes Bnndesgesetz existiert. Die Schweizer Banken ersetzen die mangelnde Ein de,'^ i^oiwilligc Verbände, sogenannte Concordate (Concordatsbanken). Selbst in Bereinigten Staaten hat man der ehemaligen Notenbankfreiheit während des urgerkricges ein Ziel gesetzt (1863/4). Seitdem bestehen, neben den von den einzelnen r aate,i concessionicrtcn Zettelbanken, dic aus Grundlage eines BnndesgesetzcS er- N cten „Nationalbanken", die strengen Vorschriften unterworfen sind. . , ^"n 19. Jahrhundert sind ferner gewisse Systeme der Notcndccknng eigen, deren S>,steine d-r stillste das englische oder das System der directen Contingentiernng, das putsche (continentalc) oder Ouvtaldcckungssystcm und das nordameri- n ')d)e sind. In einigen Ländern, z. B. in Frankreich, existiert kein Gesetz über die "Deckung der Banknoten. ns englische System beruht ans den Bestimmungen der Peel'scheu Bank TiU1 System ncte Baach uvn >844. Das Departement für Notenausgabe (issue department) ist vom kt Pausche» Bankacte. ein- -. Clmvtemen t ßctvcnut; ersteres übergibt dem letzteren gegen sichere Wertpapiere den ** r allemal festgesetzten (contingcnticrten) Betrag von 14 Mill. 4'. Den übrigenTcte baitidte Stiftern. Tie inbivecte (Simtiii genlierung. Amerika nische» Stiftern. tSirubattteti. Ltiequee. LIeartttg bituier. 234 IV. Abschnitt. Das panoccanischc Transcontinental-Zeitaltcr. Notenbanken ist ein Betrag von 8B Mill. £ zugewiesen. Jede Note, die über diesen Betrag hinaus emittiert wird, soll durch bares Geld in den Cnssen gedeckt sein. In den großen Creditkrisen von 1847, 1857, 1866 musste die Pcel'sche Acte, d. h. die Beschränkung der Notenausgabe, suspendiert werden. Nach dein deutschen oder contincntalen System genügt es, wenn ein Theil der umlaufenden Noten, gemeiniglich ein Drittel, metallisch gedeckt ist, voraus gesetzt, dass für den Rest (zwei Drittel) sichere, kurzfristige Wechsel in den Portefeuilles der Bank vorhanden sind. 1875 hat das deutsche Reichsbankgcsetz die Pcel'sche Eontin- gentierung zum System der „indirecten Contingentiernng" umgcbildet. Es dürfen 385N!ill. Mark vorschriftsmäßig gedeckter Noten im Umlauf gesetzt werden; die über diesen Betrag hinaus emittierten „ungedeckten" 'Noten unterliegen einer 5°/»igcn Steuer. Das indirccte Contingentierungssystem ist seit 1887 auch bei der Österreichisch-ungarischen Bank recipiert, indem die über den Betrag von 200 Mill. Gulden emittierten Noten einer 5°/,igen Steuer unterliegen; die Kontingentierung nach englischem Vorbild bestand jedoch schon seit der Plener'schen Reform von 1862 und war auch bei der Umgestaltung der österreichischen Nationalbank in die Österreichisch-ungarische Bank (L878) beibe halten worden. Das amerikanische System (st. 1864), das nur in der Schweiz nachgebildet worden ist, beruht darauf, dass die Notenbank ein Pfand in Stuatspapieren beim Schatzamt hinterlegt und für circa 90% des Wertes Noten in Umlauf fetzt. Das für die Entwicklungsgeschichte der Banken so wichtige Depositcn- geschüfl hat im 19. Jahrhundert eine gründliche Umgestaltung erfahren. Die Giro banken älteren Stils sind im Laufe des Jahrhunderts erloschen, am spätesten die Hamburger Bank, die bis 1875 fortbcstand. Sie wurden durch den Giroverkehr, wie er mährend des 18. Jahrhunderts in England sich entwickelt hat, überflüssig gemacht. Zwar verwendeten auch die älteren Girobanken die ihnen zur Aufbewahrung anvertrauten Depots zu Darlehen, allein micderrcchtlich. Die modernen Girobanken verwenden die augenblicklich oder in bestimmten Fristen kündbaren Depositen prin- cipiell zu eigenen Geschäften. Auf Depositen und Buchcreditcn beruht der moderne Giroverkehr mit seinen Umschreibe- und Zahlungsanweisungen (Checks im engeren Sinne). Der Check ist als Zahlungsanweisung eine uralte Einrichtung. Von den im Mittel- alter übliche» Anweisungen auf das englische Schatzamt (fr. ächiquier, engl, exehequer) hat er den Namen (weshalb die Schreibung Cheque vorzuzichen ist). In England fungiert er seit dem 18. Jahrhundert in der heute gebräuchlichen Weise, obwohl er erst 1828 von den Kronjuristen anerkannt worden ist. Ans britischem Boden hat sich aus der Praxis der Girobanken eine neue, technisch hochbedeutsame Veranstaltung entwickelt: das Clearing-Wesen. Um 177-5 entstand das Londoner Clearing-House (AbrechuungshauS, Saldicranstalt), wo die Vertreter der Umschrcibebanken zusammenkamen, um die wechselseitigen Forderungen der Kunden verschiedener Banken möglichst zu compcnsicren und nur den jeweilig zurückbleibenden Unterschied (Saldo) bar auszugleichen. Durch den Beitritt der Actie»' banken, der Bank von England (1804) und der Landbanken hat der englische Clearing' verkehr seinen gegenwärtigen Umfang erhalten. Die Girobanken selbst gleichen nunmehr ihre reslierenden Differenzen nicht mehr mittelst Barzahlung ans, sondern mittelli Überweisung ans ihr Guthaben bei der Bank von England, deren Kunden sie )'>»&¦ Ruch Manchester, Newcastle, Edinburgh, Dublin :c. haben ihre eigenen Clearing-Hältst^ Nur in Nordamerika hat sich (Neiv Yorker Cl.-H. 1853) das SaldierungSwcscn in ähnlich^8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 235 Umfanflc entwickelt, wie in England. Im Deutschen Reich functionicrt die Centrale der Deutschen Reichsbank als Abrechnungshaus für ihre zahlreichen ZiveigaNstaltcn, und neucstens (1888) hat auch die Österreichisch.-ungarische Bank die Abrechnung mit ihren den Giroverkehr pflegenden Filialen in ähnlicher Weise geordnet. In Wien existiert seit 1872 der Wiener Saldierlingsverein, der aus dem seit 186-1 bestehenden Saldosaal hervorgegangen ist. Ferner führt der Check- und Giroverkehr der österreichischen Postspar easse ebenfalls den Namen Clearingverkehr. Seit 1872 hat Frankreich seine Chambres de, compensation, deren Berkehr sich in mäßigen Dimensionen bewegt, weil die Franzosen das Clearingmesen nicht lieben. Während in England und in den Bereinigten Staaten der Clearingverkehr in den letzten Jahren eine durchschnittliche Höhe von je 150 Milliarden Mark erreicht hat, beschrankt er sich in Frankreich aus circa 5, in Wien ans '/, Milliarde Mark. Das moderne Giro-, Check- und Clearingwesen bildet den Gipfel der modernen ^reditwirtschaft: Maximum der Umsätze, Minimmn der Barzahlungen und des todten ^arschatzes. In kritischen Zeiten versagt jedoch der überkünstliche Mechanismus seine Dienste; dann enthüllt der vom imponderablen Vertrauen getragene Credit seine schwachen Seiten, wogegen das scheinbar entbehrliche Metallgeld den Beweis erbringt, dass es doch noch immer Herr in dieser grob materiellen Welt sei. Ter Geld-, Wechsel- und Effektenhandel bringt an und für sich die Banken Finanz, mit den Börsen in Verbindung. Nun zeigte das Beispiel der großen Privatbangniers ackci>!chasic» von, Typus Rothschild — die Größe dieses Hanfes datiert vom Sturze Napoleons 1., 1 181;) — uiic vortheilhaft cs sei, große Darlchcnsgeschüste abznschließen und die be lassenden Papiere in de» Börsenverkehr zu bringen. Bis zur Bütte des 19. Jahrhunderts lottcu nur vereinzelte Banken am EmissionS- oder Griinduitgsgcschäfte theilgenommcn: ic Law'sche Zettelbank, die Berliner Seehandlung (1772), die 1822 gegründete soeiste KonGruig ( p, s i> ays .B aSi Z„r principicllcn Hauptaufgabe wurde das Gründlings- und »rsengeschüft erst bei dem modernsten Typus der Acticnbankcn: den Finanzgcsell- schaften oder Gründcrbaiikcn (Cr6dits mobiliers). Das Vorbild für diese Gattung anken war der von den Brüdern Pereire ins Leben gerufene Pariser Credit mobilicr 8oä). Ei,, Jahr daraus entstand die Tarmstndtcr Bank, 1855/6 die Wiener Creditanstalt. >'Udey, einerseits die Crsäits mobiliers auch die gewöhnlichen Bankgeschäfte cultivieren und ""dcrseits viele gewöhnliche Banken die Emissions-, Conversions, Finanziernngsgeschäsle " elfteren pflegen, so hat eine allscitige Erweiterung der Banksphäre platzgegriffen, m’’ ^unde mit den großen Privatbangniers beherrschen die Specnlationsbanken die ^ Le, will sagen die Conrse; sie beeinflussen die Industrie, die BerkchrSanstalten, den - onbcj, bic Staatssinanzen und dadurch die Politik; die Zeitungen stehen in ihren dj ja bilden zumeist einen Bcrmögensbestaildtheil großer Geldinstitute. Wenn s/ . 0 ^"' und Girobanken die Leistungsfähigkeit und Beweglichkeit des Credites erweisen, volbn^" specnlationsbanken das Capital auf dem Gipfel seiner Macht und seines ' Lch-svcialen Einflusses. IV. Nlproduction. huid ^ Landwirtschaft. Ackerbau und Biehzllcht haben im 19. Jahr- Fortzchritte 1 Clt ssLvaltige Fortschritte gemacht. Lie sind auf wissenschaftlichen Grund ^ aufgebaul worden, wobei Mechanik, Chemie, Physiologie den236 JV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zcitalter. meisten Antheil haben. Die Praxis hat dann immer sogleich die erfahrungs- mäßige Probe über die Richtigkeit und Anwendbarkeit der Theoreme angestellt. Agrarreform. Roch tiefer als die wissenschaftlichen Neuerungen haben die Umwälzungen auf socialpolitischcm Gebiete auf die agrarischen Verhältnisse eingewirkt. Was das Aufklärungs- und stkevolutionszeitalter begonnen hatte, ist im 19. Jahr hundert vollendet worden: die Emancipation des Bauernstandes. Ohne die Dazwischenkunft des Staates hätte das Emancipationswerk nicht durch geführt werden können. Durch die Bauernbefreiung ist nicht bloß eine Elassc mittlerer und kleiner Freibauer» geschaffen worden, sondern auch eine Classe freier ländlicher Lohnarbeiter. Die Beseitigung der Reallasten und die Verwandlung des unvollkommenen Grundbesitzes in vollkommenes, un gebundenes Eigenthum hat der Mobilisierung des Immobiliarvermögens mit Hilfe des Capitals und zumal des Credits den weitesten Spielraum eröffnet. Es beginnt eine Zeit der Meliorationen, Gemeintheilungen, Ver koppelungen (Commassationen), der Veräußerung, Parcellierung, Belastung der Güter. Epochen der So ist baut aus die Epoche der Emancipation eine zweite gefolgt: Agrar- eine Epoche der fast unbeschränkten Freiwirtschaft: die beiden Epochen geschickte des ' , io. Jahr!), treten nicht in allen Culturstaaten gleichzeitig ein, und ebenso verhält es sich mit der neuesten Phase, dem dritten Abschnitte der modernen Agrargeschichte, dem unausbleiblichen und gerechtfertigten Ritckschlag gegen die Übertragung der freihändlerischen Grundsätze auf die Agrikultur. Der Einancipationsepoche kann man noch die ganze erste Hälfte des Jahrhunderts znweisen; die un umschränkte Herrschaft des FreiwirtschaftSshsteius reicht dann bis über die Mitte der Siebziger-Jahre (1850—1875); um diese Heit setzt die Rück schlags- und Rcformepoche ein, die kein der Vergangenheit, sondern ei» der Zukunft zngewandtes Antlitz trägt, obwohl sie vor allem erhalten und retten muss, was dessen noch wert ist, damit cs nicht von der großkapita listischen Creditwirtschaft nuterjocht, von dem freien Wettbewerb erdrückt, von dem riesenhaften Mechanismus des Welthandels zermalmt werde, iibkrgong von Tie Geschichte des europäischen Ackerbaues außerhalb der klassischen Länder b« Felder, bcfliitiit mit einem Zeitalter der Weide- und Feldgrnswirtschaft. Ein volles Jahr- zur Fnichi- tausend hindurch von der Karolingerzeit (8. Jahrhundert) bis tief ins 18., ja > 9 . Fahr' hundert herrschte dann die Felder-, zumal die Dreifelderwirtschaft. Die Fort' schritte, welche die allgemeine Cultnr in, 16. und 17. Jahrhundert machte, kamen der Agrikultur nicht zugute; denn zu den traurigen socialen Verhältnissen der ackcrba«' treibenden Klassen, zu den feudalen Lasten und den Servituten gesellte sich die l>»' gnnst der incrcantilistisch einseitigen Regierungen. Immerhin waren einige Viehzucht treibende Länder (Holland, England) von selbst über die Schablone des Dreifelder' systems hinauSgekoinincn. Bei diesem lag das Hauptgewicht ans dem Körnerbau: c '" unbedeutender Viehstand nährte sich von den natürlichen Wiesen und der Brachweide.8. Kapitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 237 der spärliche Dünger genügte nicht, den Boden vor Erschöpfung zn bewahren; abge sehen davon, dass ein Drittheil des Ackerlandes alljährlich brach lag, ließ man große Strecken unbebaut. In England gieng man nun dazu über, auf den Brachäckern Jutterkräuter und Wurzelgewächse (Klee, Luzerne, Esparsette, Kartoffel, Rüben, Brassicaceen) zu bauen, welche die Möglichkeit boten, den Mehstand (Stallfütterung) und dadurch die Düngerproduction zu vermehren. Die Fortschritte der holländisch-englischen Landwirtschaft blieben auf dem Kontinent nicht unbemerkt. Die phpsiokratische Theorie "nd die Praxis der Aufklärungsfürsten (Friedrich II., Josef II.) neigten sich eben dem Ackerbau zu, und so entwickelte sich, von oben begünstigt, ein neues System, das die Dreifelderwirtschaft zu verdrängen bestimmt war: die FruchtwechselWirtschaft. Im Jahrhundert verbesserten die Engländer bereits auch die landwirtschaftlichen Geräthc »nd erfanden die ersten landwirtschaftlichen Maschinen. Der Brabantcr Pflug (mit schraubenförmig gewundcuenl Streichbrett) wurde das Aiodell für die neue Gattung der Wendepflüge. Jcthro Tüll erfand die Pferdchackc und die Drillmaschine. ^ In Deutschland erstand der Mann, der die Ergebnisse der Empirie zu einem Albert Thaer. filtern rationeller Landwirtschaft zusammenfasste, der Reformator des modernen Ackerbaues: A. Thaer, Verfasser des bahnbrechenden Werkes: „Grundsätze der ratio- "Alen Landwirtschaft" und Gründer der ersten landwirtschaftlichen Akademie. Der 'Eckpunkt war günstig; denn die Hindernisse eines rationellen und intensiven Acker- aubctriebes waren oder wurden eben in den meisten europäischen Staaten mit den kaudalen Einrichtungen zugleich hinweggcräumt. ^ Die weiteren Fortschritte der Landwirtschaft beruhen auf den Arbeiten der 3. Siebig. ^turforscher. Für die naturwissenschaftliche Richtung waren die Leistungen des ^ lbpfers der Agriculturchemie, Justus Liebig, bahnbrechend. Seit Liebig ist die ^ "Wendung künstlicher oder käuflicher Dungmittcl (Kalisalze, Phosphorite, Apatite, 'auch „nd Futtermittel in Gebrauch gekommen. Aber auch die Maschinenbauer Maschine», gen das Ihrige zum Fortschritte der Agricultur bei. Lauge behaupteten aus diesem jg c Engländer einen Borsprung. Die erste Weltausstellung, die Londoner von -.0.'regte daun auch die coutincntalcu Völker zum Wetteifer an. Tic Landuürt- , "rrfügt nun über eine große Zahl von Säe-, Bläh-, Wende-, Dresch-, Ber- rckungsmaschinen u. s. iv., thcils für den Pferde-, thcils für de» Dainpfbetrieb. (tzx A^'erlangc waren die Fortschritte der Agricultur nur den gebildeten und reichen 1( '"rdbcsjtzern zugänglich. A!it der Zeit werden sie durch Ausstellungen, Vereine, Ge lchlost^st^"' Ackerbauschuleu, Wanderlehrer ». s. w. immer breiteren Schichten er- al-> Landwirtschaft der einzelnen Staatsgebiete blieb um so länger im Rückstand, Wendepunkt, ^ ,e Befreiung des Bauernstandes, überhaupt die socialpolitischc Agrarreform ver- da^c, Da und dort hatte man schon vor dem 18. Jahrhundert Schritte gethan, sich t° S . ^ Landmanues zu erleichtern. In der 2 . Hälfte des 18. Jahrhunderts mehrten lUiff ' f ' "Eisendem Widerstreben der privilegierten Stände, die landesherrlichen Ein einer ländliche Sphäre. Doch erst die französische Revolution gab das Beispiel D„rch^""^>"' und für die Privilegierten mit Opfern verbundenen Agrarreform, das v ' C ®' c 9 e der französischen Waffen verbreitete sich die Bauernbefreiung über ® lll ‘°l )rt und über das westliche Deutschland; der gegebene Anstoß '^°ch weit über den Alachtbcreich der Franzosen hinaus. Zeit " lc einzelnen Staaten Europas haben das EinaneipationSwerk nicht zu gleicher j, m i,griff ' uuch nicht in den Einzelheiten übereinstiinmend durchgeführt. Auch müssen nähme,238 IV. Abschnitt. Ta? panoccanischc Transcontinentaf-Zeitalter. die Länder mit einem zu befreienden Bauernstand (Frankreich, Deutschland, Österreich) von den Ländern mit überwiegendem Pachtsystem unterschieden werden (England und Irland, Nord- und Mittelitalieu); in ihnen formulieren sich die socinlpolitischen Aus gaben von: Anbeginne verschieden. Wirtschaft- Die Bancrnbesreinng hat ihre politischen und sittlichen Beweggründe; minder Ucheä Motiv, deutlich tritt das wirtschaftliche Motiv des ganzen Vorganges hervor: die bis herigen agrarischen Zustande verhinderten den Übergang zu einem intensiven, vernünftigen, einträglicheren Landwirtschaftsbetrieb, hemmten also die Zunahme der Bevölkerung, des Wohlstandes und der Steuerkraft. Indem man nun Hand an die Hemmnisse legte, ergab sich die Nothwendigkeit einer gründlicheren und verwickelteren Umgestaltung der Hauptviuiktc bestehenden Zustände, als man vorher zu vermuthen Anlass gehabt hatte. Es handelt der Agrar sich in, ganzen UNI folgende Punkte: 1. die Aufhebung der persönlichen llnfreiheit x ” mn - und des Bernfszwanges; 2. die Beseitigung der gutsherrlichen (patrimonialcn) Gerichts barkeit und Polizeigewalt, Ersatz derselben durch staatliche und communale Behörden; 3. die Beseitigung oder Ablösung der Reallasten (Frohnden, Zehnten), Aufhebung der Lehen und Erbpachtverhältnisse; 4. Abschaffung der Grnndgercchtigkeiten (Servituten) und etwaiger Überreste der ursprünglichen Feldgemeinschaft (Flurzwang, Strenlage); -'>. Freiheit, Grundbesitz zu kaufen, zu verkaufen und zu zerthcilcn (Parcellicrnngsfrcihcit); (>. die Belastnngsfreiheit und die Ordnung des Bodencrcdites. Fraiftrci-». In Frankreich ist mit der persönlichen und dinglichen Befreiung der ländliche» Classen schon in der Revolutionszeit voller Ernst gemacht worden. Die Besitzer wurden für den Verlust aller Fcndal- und Zinsrechte nicht entschädigt: nur die Reallasten, welche erweislich den Entgelt für die Überlassung von Grundstücken bildeten, wurden abgelöst. Die Pachtverhältnisse blieben unberührt. Durch die Revolution kam der kirchlich-adelige Großgrundbesitz in andere Hände. In der Rcstaurationszeit erhielt hierfür der Emigrantenadel eine Entschädigung von einer Milliarde Francs (1820). Mehr als in einem anderen Lande war in Frankreich die ^Heilbarkeit des (Grundbesitzes begünstigt. Schon vor der Revolution befand sich ein Drittheil des Bodens klein zerstückt in den Händen bäuerlicher Besitzer. Die Besitzvcründernngcn der Revolution führten jedoch nicht zu einer Zerreibung der Latifundien, sondern diese blieben zum 2heil erhalten, zum Theil verwandelten sie sich in mittelgroße Güter. Nicht einmal das der Zer stückelung förderliche Erbrecht des Code Napoleon hatte die gefürchtete Pulverisierung alles Grundbesitzes zur Folge. Zwar hat die Anzahl der Grundeigenthümcr, beziehungs weise der ländlichen Betriebe im l!>. Jahrhundert zngcnommen; das Übel der Zwerg Wirtschaft besteht in einzelnen Landestheilen: im allgemeinen hat jedoch Frankreich ebensoviel selbstwirtschaftendc Bauern, die keinen Nebenerwerb treiben, als irgend ein anderer Ackerbanstnnt Europas. Nur 20°/o der Betriebe sind in Zeit- oder Halbpacht (m^tayage) nnsgcthan. Die Hypothekarschulden des französischen Grundbesitzes möge» sich aus 15—20 Milliarden Francs belaufen. In Frankreich ist der erste Versuch eil»»' bankmäßigen Organisation des Bodcncredits in der Form einer Actiengcscllsch»» gemacht worden (1824). Das größte derartige Institut ist der 1852 gegründete Credit fonciei'. Deutschland. I» Deutschland ist die agrarische Reform bei den verwickelten und mauttig' faltigen Verhältnissen der einzelnen Territorien nur schrittweise vorgerückt. Maßgebend «oranirin war für die Lösung der diesbezüglichen Fragen das Beispiel Preußens. Nach de» Preußens, großen Niederlagen von 1800—1807 trat das Königreich in eine Zeit lief greifendet Reformen (Stein, Hardenberg, Scharnhorst). Schon 1807 erschien ein Edict, di»c>k8. Eapitcl. Tic britisch-amerikanische Periode (1815—x). 239 welche-? die Gutsuntcrthünigkeit die Beschränkung der persönlichen Freiheit - auf gehoben und allen Staatsbürgern der Erwerb jeglicher Art des Landbesitzes gestaltet wurde. Auch in den Mittel- und Kleinstaaten wurden vor der Revolution des Jahres 1848 die Beschränkungen der persönlichen Freiheit des Bauernstandes beseitigt. Hingegen ist die Patriinonialjustiz in Preußen erst 1851, in Mecklenburg und Lippe gar erst 1877 (Reichsgerichtsverfassung) aufgehoben worden. Auch die Ab lösung der Real lasten gieng langsam vor sich. Mcisteritheils blieb sie vor 1848 dem freien Übereinkommen der Interessenten anheimgestellt. Nur Sachsen gieng 1832 wit dem guten Beispiel einer Rentcntilgungscasse voran. Preußen begann erst 1850 die Verwandlung der Bauernstcllen in zins- und dienstfreies Vollcigenthnm; die Ablösung erfolgte unter Beihilfe der Rentcnbanken durch Zahlung des 18fachcn Betrages der Entschndigungsrentc oder in 41—56 Amortisationsquoten. Aus ähnliche Weise vollzog sich die Lastenablösung in den deutschen Klein- und Nüttelstaaten. Die Erbpacht blieb im allgemeinen bestehen; die Lehen, mit Ausnahme der Thronlehen, winden aufgehoben. In den Landstrichen, wo nicht das ccltische Einzelhos-, sondern das Dorfsystem mit Gewann- lheilung der Ackerflur herrschte, bestanden Flnrzwnng, Weide- und Waldservitutcn, die den Grundherrn und den Bauern gleichmäßig drückten. Tic Gesetzgebung begünstigte schon seit dem vorigen Jahrhundert die Zusammenlegung (Verkoppelung, Commassationt der Grundstücke, die Anstheilung des in Collectiucigcnthum stehenden Weide und Waldlandes, die Ablösung der Servituten (Grundgercchtigkciten). Nur in den Gebirgs- hegendeu l Deutschlands, Österreichs, der Schweiz) haben sich die Allmenden zugleich »üt der Fcldgraswirtschaft erhalten. Die jüngeren, der Epoche des Liberalismus an- üehörigen Gesetze begünstigen die freie Theilbarkeit des Grundbesitzes, hingegen hält d>o Sitte das Zusammenhalten der Höfe fest. In vielen Provinzen und Territorial »anten bestehen neuere Gesetze über Höfe- und Anerbenrecht. Doch gibt cs Land lchafte», z. B. Württemberg, >vo infolge der ParccllicrungSfrciheit das Zwerggütler- ch»m einen bedenklichen Grad erreicht hat. In allen Territorien ist der Boden ziemlich ^trk verschuldet, wiewohl nicht in dem Maße, als gemeinhin angenommen wird, ^"'tschland ist die Heimat der genossenschaftlichen Organisation des Boden tedites. Auf Friedrichs II. Veranlassung sind die „Landschaften" entstanden, d. i. ^orbände sämmtlicher Rittergutsbesitzer einer Provinz zur solidarischen Haftung für u ' Htzpothekarschnlden ihrer Ltandcsgcnosscn. Ein Berliner Kaufmann, Büring, hat f tc Ülr den Bodencredit geeignete Form der Obligationen, die Pfandbriefe, erfunden c - 1 ~70), die also um viele Jahrhunderte jünger sind, als die Wechsel. Dem 18. Jahr- Hmbcrt gehören auch noch die Landeshypothetarcassen an. Auf die modernen ^Mwthekarinslitnte haben die französischen Bodcncrcditbanken Einfluss genommen. Seit El besteht ein neuer Typus, die Landescultur Rentenbanken, zur Vermittlung Meliorationscrediten. In den Sechziger-Jahren wurden die ersten ländlichen ^Kehensvereine gegründet, die nach ihrem Urheber, F.W.Raiffeisen, benannt werden. Österreich, dessen landwirtschaftliche Verhältnisse denen Deutschlands ähnlich >>nd toat nach Josephs II. Tod (1700) eine lange Pause in der Agrarreform ein. otnrmjahr 1848 fegte die längst verderblich geivordenen Reste der Unfreiheit, ^tst das ^ Patrimonialjustiz und die Frohndienste (Roboten), hinweg. Nachdem der nngarischc '^ichstqg vorangegangen war, brachte auch im constituierendcn Reichstage zu Wien , cr Abgeordnete Hans K»blich den Antrag auf Beseitigung der bäuerlichen Lasten V*Erst die absolutistische Regierung der Fünfziger Jahre hat lange nach " Revolution die enormen Schwierigkeiten des Emancipationswerkcs bewältigt. In jeder Grund entlastnng. Lcrdilutcn. T Heilungen Bodencredit. Österreich. Grund rnNaftnng.240 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitalter. Provinz wurde ein besonderer Fonds gegründet, der den Grnndherren für die ihnen zuerkannte Ablösungssumme fünfprocentige, binnen 40 Jahren verlosbare Grund- entlastungs-Obligationen übermittelte, wogegen die Tilgnngsqnoten auf dem Wege der Steuereinhebung von den befreiten Bauern bcigetricben wurden. GcineinheitS- theilnngen, Verkoppelungen (diesbezügliches Gesetz von 1883), landwirtschaftliche Ge nossenschaften haben in Österreich-Ungarn nicht recht platzgegriffen. Die Gestaltung des Höferechtes ist in der diesseitigen Reichshälste den Landtagen anheimgestellt. In jüngster Zeit sind auch wieder neue Fideicommisse begründet worden. Auch der östcrreichisch- «erschulduug. ungarische Grundbesitz aller Kategorien ist stark verschuldet. Der Bodcncredit befindet sich zumeist in den Händen von Actienbanken, deren bedeutendste die dem Credit foncier Hochgebildete Bodencreditanstalt in Wien ist. Daneben cultivicren die Sparcassen die verschiedenen Zweige des Jmmobiliarcrcditcs (I. österreichische Sparcassc, gegründet 1810). Russland. Bon der Bauernbefreiung in West- und Mitteleuropa ist die russische hinsichtlich des Ausgangspunktes und des Zieles verschieden. Später als anderswo hat die Leib- reibeigcn eigenschaft in Russland Eingang gefunden. Erst in der Zeit vom Aussterben der schuft. Ruriks bis zur Thronbesteigung der Romanows (1597—1613) wurde der Bauer an die Scholle gebunden. Seit der Einführung der Kopfsteuer (1720) verwischte sich der Unterschied zwischen landsässigen Schollcnbaucrn und landlosen Leibeigenen gänzlich. Es kam eine Periode absoluter Rechtlosigkeit für die russische Landbevölkerung; doch bei dem Umstande, dass die Grundherren nicht selbst ihre Güter bewirtschafteten, erhielt sich die volksthüniliche Rechtsansicht: die Bauern gehören dem Gutsherrn, aber der Boden gehört den Bauern. Derselben Zeit entstammt auch die Macht, welche die für die Abgaben solidarisch haftende Gemeinde (Mir) über den Einzelnen gewann. Das Land wurde durch die Gemeinde getheilt und umgetheilt; in der Regel erhielt die zuwachsende Population Colonial- oder Neuland, woran das Czarenreich Überfluss hatte, oder sie bekam die Erlaubnis, einen anderen Erwerb gegen eine dem Gutsherrn Reform zu entrichtende Abgabe (Obrok) anfzusuchen. Seit Katharina II. mangelte es in Russ- beftrebungen. [ m tt> weder an Commissionen, noch an Ilkasen, welche die Milderung der Leibeigenschaft zum Zwecke hatten; jedoch einer ernstlichen Reform widerstrebte die Selbstsucht der Grundherren und die Indolenz der Muschiks. Der Krimkrieg erfüllte endlich die leitenden Kreise mit der Überzeugung, dass die alten Zustände nicht länger fortdauern könnten, wenn Russland eine seiner Größe entsprechende Stellung unter den Mächten Aushebung erlangen wollte. Durch die Botschaft Kaiser Alexanders II. an den Gouverneur von der Leibeigen Wilna (1857) wurde das Reforiuwerk officiell von oben her angeregt. In den Gou- schaft. vernements wurden Ausschüsse eingesetzt, deren Berichte an zwei Rcdactions-Coin- Missionen gelangten; ein Hauptcomite berieth den vorgelegten Entwurf noch einmal durch, der dann vor den Reichsrath und zuletzt vor den Czarcn kam. Der IlkaS vom 10. Februar 18(51 enthalt die gesetzlichen Bestimmungen über die Emancipation der Bauern. Allein die wirtschaftliche» Folgen entsprachen nicht den Erwartungen, die man an die Aufhcbling der Leibeigenschaft geknüpft hatte. Am schwersten wurde der Großgrundbesitz von den Reformen betroffen; aber auch die Bauern hatten an de» Lasten der Ablösung schivcr zu tragen; erst die Aufhebung der Kopfsteuer und die UoUcctin und Reduktion der Ablösung brachte ihnen in den Achtziger-Jahren einige Erleichterung. Das, Individual- was die agrarischen Zustände Russlands von denen Westeuropas unterscheidet, ist die cigkmhum. Fortdauer des Collectiveigenthums der Gemeinde und der Familie. Es scheint.8. Capitel. Dic britisch-amerikanische Periode (L815—x). 241 als ob sich »itter dein »iiwidcrstelilichcii Einfluss der modernen Geld- und Credit Wirtschaft das Collcctiv- in Jndividualeigcnthuin umwandeln und der russische Bauer dem Ziele znstencrn würde, das sein westeuropäischer StandeSgenosse durch die Emanci- vation erreicht hat: dem rollen, uneingeschränkten Privateigenthum an Grund und Boden. In England war die Leibeigenschaft und die Schollenpflichtigkeit bereits unter de» Tudors erloschen. Tie aus dem Lehensverband stammenden Beschränkungen der Freiheit und des Eigenthums wurden unter de» Stuarts aufgehoben. Hingegen blieb >n einzelnen Gegenden neben den Pächtern ein dienst und abgabenpflichtiger Bauernstand >»it unvollkommenem Eigenthumsrecht bestehen; erst durch eine 1836 eingesetzte Com- Nlissio» wurde die Entlastung dieser sogenannten copyhold tenures vollzogen. Im ganzen ist seit den Tudors und Stuarts der Bauernstand und auch der kleine Guts- besitzerstand (die l-uukeü gentry) durch die Latifundienbcsitzer ausgekauft, äufgcsangt worden. Die Großgrundbesitzer bewirtschaften aber ihre Güter nicht selbst, sondern verpachten sie. So hat sich die Bauernbevölkerung in eine Classe von Pächtern und Tag loh ne rn umgcbildct, dic im stetigen Zusammcnschmelzen begriffen ist. Wie sich der Großgrundbesitz in immer weniger Händen anhänft, so nehmen auch die Pachtungen unmer größere Dimensionen an, da seit der Aufhebung der Kornzölle (1842—1869) und seit der letzten Agrarkrise, die infolge der überseeischen Concurrcnz nach 1875 ein- getrcten ist, an Stelle des Getreidebaues die extensive Weidewirtschaft einen erneuten Aufschwung genommen hat. Spccicll Schottland bildet heute fast nur mehr ei» großes Fagdgebict für die englische Plutokratie. Der Sport hat die Landwirtschaft getödtet; wie das Schaf im 16. Jahrhundert den Mensche», so hat das Wild im 19. Jahrhundert Menschen und Hnnsthiere verdrängt. In Schottland ist das Ende eines Vorganges vveeicht, der sich in dem österreichischen und bayrischen Alpengebiet seit etwa 2 Jahr- a'hnten abzuspielen angefangen hat. Dass in England und Schottland keine einschneidende Agrarreform in Angriff llenvniincn werden konnte, ist eine natürliche Folge des Widerstrebens der aristokratischen ^voßgrunhtzxsj^r und des Borhcrrschcns der industriell commcrzicllen Interessen. Anders ^vhen Dinge in Irland. Die irische Landfrage ist wider de» Willen der Herr lchenden Rasse im >9. Jahrhundert aufgerollt worden; auch heute ist sic mehr denn je 'w Hauptproblem der inneren Politik Großbritanniens. Was die irischen Pächter "uugen, muss schließlich auch den englischen zntheil werden. ... Ursprünglich kannte die ccltische Bevölkerung Irlands das Privateigenthum an uund und Boden nicht. Es bestand, wie bei anderen indogermanischen Völkern, ein Blrarsscher Commnnismns der Stämme (Clane), an deren Spitze Häuptlinge , Auch nach der Occupatio» des „grünen Eilands" durch die Anglo-Normannen '-> erhielten sich die nationalen Einrichtungen ziemlich unverändert. Mit der Re- uiatjon beginnt der religiöse und sociale Kampf zwischen der herrschenden und der ^>asse. Durch die Verleihung eingezogenen KirchcnguteS und confiscicrter «>eld Icn - flfiter gelangte ein Theil Irlands in den Besitz englischer Grundherren, die einheimischen Bauern z» schwer belasteten Pächtern herabdrückten. Als dic ^ ""der während des Bürgerkrieges (1641) das beginnende Frcmdjoch abzuschütteln kül/ t'"' ^"i)en sie den Waffen Cromwclls (1649). Diese und dic späteren Rebellionen Bod^" ^iassenconfiscatione», so dass unter Wilhelm Hl. nur mehr 1 ,, des jcitj 1 ' 10 ÖCU 2rc» geblieben, alles Übrige an Engländer übergegangen war. (stleich- worft die .Katholiken, also die Irländer insgesammt, Ausnahmegesetzen unter die ihnen den Wicdcrerwcrb des Verlorenen unmöglich machte». 0,1 r , Lehrbuch der Haudeligeschichlc. ISlIfllrtllb. Latisundie»- wcscn. Dir irische öandsruqr. A »irische Agrurdcr hiiltuisse. Beginn sder Cousid- cutioncn. 16IV. Abschnitt. ?civ panocennische Transcontinental-Zeitaltcr. 242 Irisches Beständig von der Gefahr der Austreibung bedroht, lebten die entrechteten Massenelend. HMnder auf ihren Zwergpachtnngen dahin, indem sie sich bald nur mehr von Kar toffeln nährten und im SchnapSrausch Vergessenheit ihres Elends suchten. Die eng lischen Gutsherren blieben dein Lande fern (AbLcntcemm); ihre Mittelsmänner trieben die Pachtschillinge in die Höhe, so dass der Ire oft. das Zivölffache der Rente zahlte, die der in England lebende Grundherr wirklich bezog. Zudem ruinierten die Engländer mit Vorbedacht da» irische Woll- und Lcinengewerbe durch Ausfuhrverbote. Weder die parlamentarische Vereinigung Irlands mit England und Schottland (1801), noch die Katholiken-Emancipation (1829) führte eine Besserung der Zustände herbei. Den Gipfel HungcrSnoth erreichten die Leiden des unglücklichen Volkes, als über das nationale Hauptnährungs- «anderuna die Kartoffelfäule (1845,) kam. In den letzten Vierziger-Jahren decimierte der Hunger die Bevölkerung (circa 300.000 Erhungerte). Run erst suchten die den. hei mischen Boden leidenschaftlich liebenden Irländer ihr Heil in der Massenauswanderung. Die Einwohnerzahl nahm ab und beträgt heute kaum die Hälfte der Population in den Dreißiger-Jahren. Roch immer verschlechterten sich ihre Lebensbedingungen; indem die Grundherren viele kleine Pachtgüter zu großen Weidedistricten zusammenlegtcn, fanden erneute Austreibungen (1810—1886 circa Million) statt. Tic Pächter Endlich griff das bedrängte Volk zur Selbsthilfe durch Association. Es entstand i,i,a und tue hje Pächterliga (1850), die das Programm der drei F anfftelltc (fair ,-ent — Pacht- gcrichlshof zur Feststellung einer billigen Rente; Hxity of tenure — Nnvcrändcrlichkeit des Pachtvertrages innerhalb 15, Jahren; freu sale = Recht, die Pacht einschließlich der Meliorationen an Dritte zu veräußern). Abseits von der gemäßigten Liga bildete sich unter den nach Amerika auSgewanderten Iren der revolutionäre Bund der Feniers (Fenian Lrotberbovü). So sehr die englische Regierung zögerte, musste sie doch endlich selbst die irische Landfrage ihrer Lösung entgegenführen. Es ist das Verdienst G ladston es (und John B rights); mit der Land acte von 1870 einschließlich der Die Landacte Bright Clauses bcn ersten Schritt gethan zu haben. Da sich die Siebziger-Jahre den van >870. Landwirten äußerst günstig anließen, so nahm die Opposition einen gemäßigten Cha- rakter an. Als aber gegen Ende desselben Jahrzehnts die Chancen der Landwirtschaft sich verschlimmerten, so nahm die Agitation wieder zu, und cs bildete sich nutet' TieLandliga CH. St. Parnclls Führerschaft die irische Landliga (1879). Von nun an stand u»d Hnme das Programm fest: Umwandlung des der Nation entfremdeten Bodens in volles nationales Eigenthum. Irland wollte sicl> nicht länger mit Abschlagszahlungen begnügen; cs verlangte Home Rulc, d. i. Auflösung des bisherigen staatsrechtlichen Verbandet mit England, ein eigenes Parlament und politische Selbständigkeit. Die Landlign organisierte eine Nebenregiernng; wer sich ihr nicht sügte, wurde getödtel oder bo>? colticrt. Von dem Verfahren gegen den Capilän Boykott (1880) hat diese Ächtungs mcthode den Rainen erhalten. Vergeblich suchte man den Agrarverbrechen durch Tic Landacic Ausnnhmsgesetze zu steuern. Auch die 4 Gladstoncsche Landacte (1881), die der * xm i88i. g or j, erun( j j,er 3 F Gesetzeskraft verlieh, führte den Frieden uid>t herbei. Ebensowenig die Arcars Bill, durch die alle seit länger als drei Jahren nichtbezahlten Pachtzinsen für verjährt erklärt wurden, während die Regierung sich bereit erklärte, ein Drittheil der aus den drei letzten Jahren rückständigen Pachten selbst zu bezahlen. Die Unver- söhnlichkeit der extremen Parteien zeigte sich bei der Ermordung Bourkes und CavendW im Phönixparke zu Dublin. Gleichivohl setzte die Regierung ihr Rcsorniwerk stnl J ' f Infolge des Purchase Act Ashburncs (1885,) wird dem Pächter, der seine 0>nmdst"ch' Puribaicacic. in Pnvatcigenthnm verwandeln will, die Kaufsnmme vom Staate vorgestreckt; der8. Kapitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815-— x). 243 Pächter zahlt den Vorschuss in 49 Annuitäten zurück. Auch nach dein Sturze Gladstones (1886) unter dein Ministerium Salisbury ivurden die Reformen fortgesetzt. Das Parlament bewilligte 33 Millionen £ für den Ankauf von. Pachtgütern, die in das .Eigenthum der Pächter übergehen sollten. Bald nach Parnells Tod kam Gladskone (18921 von neuem ans Ruder, um den letzten Schritt zum Ausgleich mit Irland zu thnn: er brachte die Home R ule -Bill ein, die jedoch im Oberhaus abgelchnt wurde (1893). — Das Seitenstück zur europäischen Bauernbefreiung bildet die Emancipation der Feld- und Haussclaven in den transoceanischen Eolonien und ehemaligen Eolonial- ländern. Seit den Tagen Heinrichs des Seefahrers und Karls V. lieferte Afrika den Portugiesen und Spaniern das erforderliche Sclavcnniatcrial. In erhöhtem Maße dauerte der Sclaventransport aus Afrika fort, als die Holländer, Engländer, Franzosen die Herren der Meere ivurden. Je mehr die Nachfrage nach tropischen und subtropischen Eolonialwaren stieg, desto größere Dimensionen nahm der Negerhandel an. Seit dem Assicntovertrag (1713) stand England an der Spitze dieses Handelszweiges. Es ver borgte aber nicht bloß die spanischen Eolonien, sondern auch seine eigenen Tochterländer Nordamerika mit Mcnschcnwarc. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts trat eine bedeutsame Wendung in der Aus lassung des SclavcrciverhältnisscS immer lebhafter zu Tage. Die Kirche, die religiösen Tecten kOnäker), die Freidenker erhoben ihre Stimmen gegen Sclavenhandel und Sclaverci. Als sich nun die amerikanische» Eolonien von der englischen Herrschaft los- lagten, war die allgemeine Meinung gegen den Sclavenhandel in den nördlichen Maaten schon so sehr eingenommen, dass diese die Sclavcneinfnhr verboten und ans lreicn Stücken der Sclaverei ein Ziel steckten. Hingegen vermochten die Plantage» uclitzer des Südens auf dem Eongress zu Philadelphia dnrchznsetzen, dass der Import von Sclaven in das llnionsgebiet bis 1808 frei sein solle und dass flüchtige Sclaven ausgeliefert werde» mussten. Unterdessen kam im englischen Parlament nach zwanzigjähriger Agitation Wilbcrforce, Pitt, Fox, Burke rc.l die Abolitions-Acte von 1807 zustande, "zufolge vom 1. Jänner 1808 an der britische Sclavenhandel aushören sollte. England Zahlte nur eine alte Ehrenschuld, wenn es sich an die Spitze der gegen den Mcnschen- iandel gerichteten Bewegung stellte, nachdem es so lange, wider alle bessere Überzeugung, größten Nutze» ans ihm gezogen hatte. Bis v. 1820 war der Sclavenhandel u> beiden Erdhälften abgeschafst. England übte polizeiliche Eontrole, indem es verdächtige chisse durchsuchte. Als Asyl für befreite Ncgcrsclaven wurde 1823 die Republik 4'n-ia gegründet. . .. Die Sclavenfrage trat seit 18520 in ihre zweite Phase. Der Menschenhandel war, ^vie sich jcifltc, nicht anszumcrzen, so lange die Sclaverei nicht abgeschafst war. In dem spanischen, jetzt freien Columbien erlangte 182 l ein Gesetz Giltigkeit, ivornach J 'Voiiäj zum Loskans von Sclaven gebildet und den Sclavenkindern vorn >8. Jahre Freiheit gegeben wurde. Dem Beispiele Columbias folgte der größere Theil flier Cl ^llgiaud stellte sich in Europa abermals an die Spitze: 1831 gab die Re Kronsclaven die Freiheit. Daran schloss sich die Freilassung aller Privat >» den britischen Eolonien (1838); doch wurden die Besitzer durch eine Ablösungs- Uou 20 Millionen £ schadlos gehalten. Die ökonomische Wirkung war iiicin Hs^'^ch. Man musste, um dem Ruin der Pflanzungen Einhalt zu thnn, Arbeiter aus 11 u'N (Kulis) einsühren, denen so harte Vertragsbedingungen anserlegt wurden, lli* dlnino Nnls vor Pcut Parlament. Lclavcn- Ocfvciuiifl. Viegerhandel. Okficicllcs Verbot des Sclaven l>andeli> in den Vereinigten Staaten, in den übrigen rändern. Abschätzung der Lrlaverei,244 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitalter. Abolition und SecessionS- krieg in ^Nord amerika. sclaverci in Afrika, in den islamitischen Ländern. Weitere agrarische Reformen. dass sie cs nicht besser hatten, als die ehemaligen Negersclaven. Gleich England hoben auch Frankreich, Dänemark, Schweden, Holland die Sclaverci in ihren Colonicn ans. Mit den größten Schwierigkeiten war die Aufhebung der Sclavcrei in den Vereinigten Staaten von Nordamerika verbunden. Hier standen sich auch nach dein officicllen Aufhören des Negerhandels (1808) die Sclaven haltenden Süd- und die von Farmern cultivierten Nordstaaten gegenüber. Während die Pflanzer staaten mit ihren kostbaren Bodcnproducten, unter denen die Baumwolle den ersten Platz gewann, die europäischen Jndnstrieartikel bezahlten und deshalb für den Frei Handel (Beseitigung der Einfuhrzölle) waren, hatten die Nordstaaten, deren Getreide und Vieh noch keine Rolle im Welthandel spielte, das dringendste Verlangen nach Schutzzöllen, »m ihre noch schwache und wenig leistungsfähige Industrie in die Höhe zu bringen. Die beiden ökonomischen Parteien kämpften auch unter dem Namen Demokraten und Republikaner bei den Präsidentenwahlen und im Congrcss um die politische Vorherrschaft, welche mit wenigen Unterbrechungen die Vertheidigcr der Sclaverci, die Demokraten, auSübten. Als 1860 der Republikaner Abr. Lincoln zum Präsidenten gewählt wurde, sagten sich die Sclnvenstaatcn von der Union los, um ihr nunmehr bedrohtes Wirtschaftssystem und das Eigcnthuin über nahezu vier Millionen Sclaven bcibehalten zu können. Es begann ein vierjähriger Bürgerkrieg (.1861 bis 1865), der mit der Niederwerfung des scccssionslnstigcn Südens endigte. Nachdem schon während des Krieges (1863) die auf dein Boden der Union weilenden Sclaven für frei erklärt worden waren, kam 1865 das 13. Amendement zur Bundesverfassung zustande, demzufolge „weder Sclaverci, noch unfreiwillige Knechtschaft, ausgenommen als Bestrafung eines Verbrechens, innerhalb der Vereinigten Staaten oder eines ihrer Jurisdiction unterworfenen Ortes existieren sollen". 'Nachdem die Sclaverci auch in den spanischen Colonicn aufgehoben (1879 u. ff.) und in Brasilien gänzlich beseitigt worden war (1888), existiert sie in keinem Lande mehr, das dem europäischen Culturkreis angehört. Seit der Austheilung Afrikas ist cs Pflicht und Schuldigkeit der Europäer geworden, auch in diesem Weltthcil den Gräueln des namentlich von Arabern betriebenen Sclavenhandels ein Ende zu machen. Die Agitation des Cardinals Lavigerie lenkte die Blicke Europas auf die Angelegenheit, und so fasste eine internationale Confcrenz zu Brüssel eine Reihe von Beschlüssen, die in der Antisclavcrei-Acte von 1800 enthalten sind. Die Sclaverci besteht jetzt nur noch in den Theilen der Erde fort, die der europäische Einfluss noch nicht unterworfen hat; z. B. in den mohamedanischen Ländern, wo sie mit der historisch gewordenen Gesellschaftsordnung unlöslich verbunden ist. — Die agrarischen Reformen des 10. Jahrhunderts, die nur durch die Staatsgewalt zustande gekommen sind, haben das weitere Eingreifen derselben nicht überflüssig gemacht. In den wenigen Jahren, da die Landwirtschaft dem freien Spiel der ökonomischen Kräfte auSgesctzt war, haben sich schon vorhandene oder bisher unbekannte Übelstünde so mächtig entfaltet, dass der Agrarpolitik neue, unaufschiebbare Arbeiten erwachsen sind. Die ungleichmäßige Vertheilung des Grundes und Bodens mit ihre» Extremen der Latifundienbildung und des Zwcrggütlcrthums erforderte ebensosehr das Dazwischen- treten der öffentlichen Ntacht, als durch sie dem Ntifsbranch des Eredits, der Über schuldung, der Zertrümmerung des ländlichen Besitzes Einhalt gethan werden musste. Es handelt sich dabei um die Fortdauer des gesündesten, kräftigsten, unentbehrlichstcn Bevülkerungselcmentes, das im Rückgang begriffen ist und vor weiterem Verfall bewahrt werden soll, nämlich des mittleren Bauernstandes (Höferecht, Rcntengüter).8. Capitcl. Dic britisch-amerikanische Periode (1815—x). 245 Wie dic Landbau treibenden Classen vor der Überwucherung durch die indu- Schutz negen schnellen und capitalistischen Elemente im allgemeinen bewahrt werden sollen, so gilt cs '»ter- besouders, ihnen gegen den internationalen Wettbewerb im Handel mit land- Wcnbcwcrb wirtschaftlichen Producten (kurzweg Getrcidehandel) Hilfe zn schaffen. Das Mittel hierzu ich eine rationelle Zollpolitik. Getreideproduction und Getreidehandel haben im Laufe des 19.Jahr hunderts bedeutende Veränderungen dnrchgemacht. Zu Beginn des Jahrhunderts, vor der Ara der modernen Verkehrsmittel, musste jedes Land durchschnittlich für den eigenen Bedarf nnfkommcn. Der internationale Getreidehandel, der nur in der baltischen Region größeren Umfang besaß, in der politischen seit dem Borrücken Russlands ans Schwarze Bieer (Gründung Odessas 1705) eben wieder nnskeimte, diente nicht der regelmäßigen Versorgung bestimmter Länder (Skandinavien und dic Niederlande vielleicht aus- genommcn), sondern seine Aufgabe war, in ganzen oder halben Missjahren den uothleidcnden Gebieten Hilfe zn bringen, vorausgesetzt, dass sie zahlungsfähig waren. 2>n übrigen war der Getrcidehandel eine rein territoriale oder locale Auge wgcnheit. Die Preise, dic relativ höher standen als heute, schwankten rasch zwischen weit abstehenden Extremen. Roch war Brotthenernng eine häufig wicdcrkehrende Er icheinung, und wenn Hungcrsnöthe seltener wurden, als in den vorangehenden Jahr hunderten, so war dies eine Folge der Frnchtwechselwirtschaft, des dadurch ermöglichten Verbrauchs animalischer Nahrung und minderwertiger Lebensmittel (Kartoffel, Rüben, Kraut w.). Handel mit landwirt- schasllichcn Erzeugnissen. Vor inza. Unterdessen wuchs die Bevölkerung in einem bisher unerhörten Maße, und ins- 'e, andere nahmen die nicht Landbau treibenden Classen zn, ivogegcn sich die Land- cwohnerschaft theils durch überseeische Auswanderung, thcils durch Abzug in die Städte verminderte. Mithin wuchs der Bedarf an Nahrungsmitteln, eben als dic Länder, in "ieu pjx angeführten Erscheinungen anftratcn, immer ivöniger imstande waren, dem ^urfe zu entsprechen. Gleichzeitig verbesserten sich aber die Transportmittel, der Trans port ' Nuischwuilg gcgcu d.Ätillc dod >a. Jahr hunderts. Nordl selbst wurde billiger; die Eisenbahnen bohrten sich immer tiefer in die Kontinente, amerika, Russland, Ostindien wurden zugänglicher; dic Erzeugnisse immer weiterer Sphären konnten der See und den Atärkten zugeführt werden. Schon in den sechziger- Jahren erlangten dic nordamerikanische Union und Russland die Herrschaft über den 'uternationalen Getreidehandel. Der Handel mit Getreide und Mehl, der noch in den ersten Deccnnien des Jahrhunderts von nntergeordireter Wichtigkeit gewesen war, bildet fortab den vornehmsten Zweig des Welthandels. Gegenwärtig komme» lährlich 5—600 Millionen Hektoliter Brotstoffc zur Ein- und Ausfuhr, obenan -uzen, bann Mais. Gerste, Roggen, Hafer, kleinere Getreidearten (Hirse Buchweizen Hüften "'chtel im Gesammt,verte von 5-7 Milliarden Äiark. d. i. der 10 . The,l aller Wett handelswerte. Die Getreidepreise zeigen ein gleichmäßigeres Niveau »"d stehen ver stloichsweise niedrig; die Ernährung der noch immer rasch anwach,enden Nie»,chhe-lt >, "'"chtert und vor Katastrophen besser gesichert, als früher. L.e Lander scheiden sich """ solche, die mehr Brotstoffe exportieren, als importieren - Russland. die Ber- auligteu Staaten, Britisch - Ostindien. Österreich-Ungar», Rumänien, Argentinien, Australien, Canada. Nordafrika - und in solche, die mehr ein- als aussuhreiu Gro,,. "taniiien, Frankreich. Deutsches Reich, die Niederlande, Belgien, Italien. Spanien, Iweden-Norwcgen u. f. w. , „ Seit den, Ende der Siebziger-Jahre ist in West- und Mitteleuropa e.ne "grarkrisis - d. i. eine Gefährdung der landwirtschaftlicheil Erfttenzen »nolge Principal des Getreide^ Handels. Import nnd Exportländer. Chronische Agrarlrisis nach 1875.246 IV. Abschnitt. Das panoccanische Transcontiucntal-Zeitalter. unzulänglichen Reinertrages ihrer Betriebe — eingetretcn, als deren Hauptnrsache die russisch-amerikanische Concnrrenz betrachtet wird. Die Krisis dauert mit nie dagcwesener Hartnäckigkeit bi!' zur Gegenwart, ja ihr Ende ist noch gar nicht abznsehen. Sie zeigt sich vor allem in einem anhaltende» Rückgänge der Preise aller vegetabilischen und animalischen Rohproducte des betreffenden Länderkreises! selbst die Erzeugnisse des landwirtschaftlichen Gewerbflcißes, wie Spiritus »nd Rohzucker, haben an dem Preis rückgänge theil. Zur Verschärfung der Krisis wirken mit: das Steigen des Arbeitslohnes bei gleichzeitiger Abnahme der Arbeitskräfte, das Anwachsen der Steuern insonderheit der Gemeindeabgaben, die Verthcncrung des Grundwertes und der Pachtrcnte, die zunehmende Verschuldung und Zersplitterung des Bodens, die durchschnittliche Erhöhung des Standard of life :c. Ägrarichuy- Das chronische Leiden der mittel- »nd westeuropäischen Landwirtschaft hat die Re mid Frei giernngen veranlasst, dessen Hauptnrsache, die auswärtige Concnrrenz, durch Zollmaßregeln 'ftmucn bekämpfen. Nur die Länder mit überwiegender Industrie und nicht ausreichendem Ackerboden, wie England, Belgien, Holland, die Schweiz, sind den frcihändlerischen Grund sätzen aus der Bütte des Jahrhunderts treu geblieben; ebenso die Länder vorwiegenden Getreideexportes (Russland, Balkanstaaten, Amerika rc.). Hingegen sind die Länder mit an sich bedeutendem, aber nicht ausreichendem Ackerbau zu agrarischen Schutzzöllen nbergegangen (Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Griechenland, Skandinavien). England. Während der Continent noch tief im Mercantilismus steckte — mit seinem antiagrarischen Jndustrieschutz, seinen Verboten der Ausfuhr und Begünstigungen der Einfuhr landwirtschaftlicher Erzeugnisse — hatte sich in England der grundbcsitzcnde Adel bereits mittelst des Parlamentes Einfuhrzölle und Ausfuhrprämien für Agri- Agrarisäie cultnrproductc erobert (Ende des 17. Jahrhunderts). Der Einfluss des englischen Grund- Prmilrgien d. ^delz überdauerte die Napoleonischc Epoche; noch 1815 wurde zu dessen Vortheil die Weizeneinfuhr verboten und nur für den Fall, dass der Preis die Höhe von 80 ->l> erreichte, gestattet. Um die schwankenden Getreidepreise zu stabilisieren, wurde 1828 die „gleitende Scala" eingeführt, derznfolgc man den Zoll erhöhte, wenn der Preis sank, Gegenwirkung und umgekehrt. Unterdessen begannen die industriellen und kaufmännischen Kreise immer nachdrücklicher gegen die Vorrechte der Grnndaristokratie zu reagieren. Sic Händler, verlangten Anfhebnng der Agrarzöllc lind freien Handel mit Nahrungsmitteln, damit einerseits der Arbeiter wohlfeiler leben, anderseits der Unternehmer die Löhne herab setzen und seine Profitrate vergrößern könne. In den Jahren 1838/39 gründeten Manchesterer Fabrikanten, an ihrer Spitze Richard Cobdcn und John Bright, Brsciligung -,,x Agitation gegen die Kornzölle die Anti-corn-law-league. Das torystische Bliui- der Agrarzolle. Zerium Robert Peel gab dem Drucke nach lind ermäßigte die viclbekümpflen Zölle * 1842 und 1840), die aber erst 1869 bis auf den letzten Rest aufgehoben wurden. Trotz des üblen Zustandes der englischen Landwirtschaft ist bis jetzt kein agrarischer Schutzzoll wieder eingeführt worden. Wie England erheben die Niederlande und Belgien ans Rücksicht ans die Industriearbeiter keine Agrarzölle; nur Belgien hat Vieh- und Fleischeinfuhr mit einer Abgabe belegt. Frankreich. Auf dem Fcstlande brachte das allzeit protectionistifche Frankreich nach der Wiederherstellung der Bourbonen das System des industriell-agrarischen Solidar- schutzeS zu clast'ischer Vollendung. Unter Napoleon 111. erfolgte der Übergang zuin Freihandel; die Rohstoffzölle wurden aufgehoben, die Gctrcidczölle auf ein Geringes8. Kapitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 247 ' herabgesetzt. Die dritte Republik kehrte 1873 zum volkSthümlichcn Schutzsystem zurück, führte aber erst >885, nach dem Vorgänge Deutschlands, Schutzzölle auf land- mirtschaftliche Erzeugnisse ein. Die »ach dem Ablaufe der älteren Handelsverträge (1892) veröffentlichten Tarife zeigen eine weitere Erhöhung der Agrarzölle. Preußen beseitigte schon 1818 die agrarischen Ausfuhrzölle, erhob jedoch gelinde Einfuhrzölle von Getreide. Der freihändlerischc Geist der Fünfziger-Jahre bewirkte deren Aufhebung (1865). Als der Norddeutsche Bund und das neue Deutsche Reich gegründet wurden, blieb man dabei, doch die kritischen Symptome der Siebziger-Jahre gaben der Handelspolitik eine unerwartete Wendung. Im Widerspruch mit den herr schenden Theorien, aber im Einvernehmen mit den Industriellen und den Landwirten wurde unter Bismarcks Führerschaft der Übergang zum Solidaritätssystcm (1879) vollzogen. Die anfänglich niedrigen Agrarzölle ivurdeu 1885 und 1887 hiuaufgesetzt; erst in den Handelsverträgen von 1892 erscheinen wieder mäßigere Einfuhrzölle. 1893 ist der Zollkrieg mit dem Haupterzcugnngslande von Agriculturprodncten, mit Russ land, ausgebrochen, 189-1 beendet worden. Dem Beispiele Deutschlands folgten die übrigen Länder, die auf Getreideeinfuhren angewiesen sind. Selbst Österreich-Ungarn, das zu den Erportgebicten zählt, erhebt seit 1888 zuin Schutze gegen Russland und Rumänien agrarische Einfuhrzölle. So zeigt sich denn in Mittel- und Westeuropa als typisch für die agrarische Handelspolitik: der Übergang vom Schutzsystem zum Freihandel (1850—75) und unter dem Drucke der auswärtigen Eoncnrreuz die Aufrichtung von Agrarzöllen oder die völlige Rückkehr zum Solidaritätssystem (nach 1875). 2. Forstwirtschaft. Seitdem in den Ländern Mittel- und Westeuropas die innere Eolonisatiou zum Stillstand gekommen war (circa 14. Jahrhundert), suchte man der rein occupatorischeu Benützung des Waldes Schranken zu setzen. Am leichtesten 'var dies in den Tomanialiväldern durchführbar, die sich in der Zeit der vorwiegenden ^vinänemvirtschast (bis ins 16. Jahrhundert) aus Kosten der Markgcnossenschafts- und Privativaldnngen vergrößerten. Seit dem 15. Jahrhundert waren die Fürsten bemüht, durch „Waldordnuugen" die forstwirtschaftlichen Verhältnisse ihrer Gebiete zu regeln, ^en Bauern, ja de» landlosen Leuten wurde als Ersatz für die frühere freie Benützung d« Wälder eine Anzahl von Nutzungsrechten (Waldscrvituten, Waldgrnndgerechtig- üüten) eingeränmt. Solche Servitute», die zum Theil heute noch bestehen, zum Thcil «." Laufe des >9. Jahrhunderts von den Waldeigenthümern abgelöst wurden, sind: Holz-, Mast-, Harzscharr-, Waldstreu-, Waldweide, Waldgrüserciberechtiguug. Die niercantilistische Epoche (17.—18. Jahrhundert) war der Forstwirtschaft so wenig fördcr- i'ch. als der Agricultur. Durch Holztaxcn wurden die Holzpreise niedergchalten, auch wurden die Wälder der Industrie, dem Bergbau- und Hüttcnbctriebc preisgegeben. Aiangel an Pflege, Ranbwirtschaft (Devastation) und Rodung erzeugten schon im Jahrhundert das Phänomen des Holzmangels. Die physiokratischc Periode brachte 'uliä) auch dem Forstwirt Sympathien entgegen; allein die individnalilüsche Richtung " politischen Ökonomie bekämpfte den Domanialbesitz, beförderte die Niobilisicrung v-' Waldeigenthums und sprach dem Staate das Recht ab, sich in die ,vorstmirtschaft, leibst -» - - Preuße». Deutsches Vicich. Agrarzölle. Österreich- Ungarn. Geschichtliche Wandlungen d. Forstpolitik. schasl osfcnkuudiger Devastation, etnzuniengen. 4"r nämlichen Zeit, als die Landwirtschaftskunde einen Anlauf nahm, Wissen- zu werden, hat auch die Forst,visscnschast durch Männer, wie Hartwig. Cotta. Hvndcshagen, König n s. w., fick, zu einer selbständige» Tisciplin entwickelt, für welche ^"hestühle an den Universitäten, eigene Akademien und Versuchsanstalten errichtet Äiodcrne Forstwissen schaft.248 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontincntal-Zcitalter. Moderne ForslpolilN. Holzhandel. Holzzölle. Btrgrcqal. Kranzösisil^o, enjzliicheo. deuiiilieo Bergreivl. wurden. Verbesserte Betriebsmethoden kamen an die Tagesordnung. Galt es ehedem, die größte Holzmasse auf der kleinsten Flüche zu erzielen, so richtete die neue Schule der Forstwirte ihr Augenmerk mehr auf die Qualität, als die Quantität, mehr ans die Nutzholz-, als die Brennholzerzciignng. „Die Aufstellung und Durchführung dieses Problems war die epochemachendste That in der Geschichte der Waldwirtschaft." Früher als auf einem anderen Wirtschaftsgebiete hat die moderne Gesetzgebung und Verwaltung hinsichtlich der Forstpolitik mit dem Grundsätze des Laissez faire gebrochen. (Gesetze über Bann- und Schutzwälder, Wildbachvcrbauungen in Frankreich, Österreich, der Schweiz, Servitutenablösung, Theilnng der Gcineindewälder u. s. w.). In neuester Zeit ist ailch der Holzhandel Gegenstand staatlicher Fürsorge gcivorden. Seit dem 12. Jahrhundert bewegte sich der Holzhandel ans den Wasserstraßen. Tie deutschen, polnischen, russischen, skandinavischen Wälder lieferten den holzarmen Ländern ihren Mehrbedarf. Danzig galt als die Metropole des Holzhandelsi ihre Ver bindungen erstreckten sich bis zur Mittelnieerregion. Im 17. Jahrhundert bemächtigten sich die Holländer der Führung im Holzhandel. Im 19. Jahrhundert haben, wie im Getreidehandel, Russland, die Vereinigten Staaten nebst Canada das Principat an sich gebracht. Nächst Russland führen in Europa Schivcdcn-Norwcgcn und Österreich-Ungarn das meiste Holz aus. Der Einfuhr bedürfen: England, Belgien und die Niederlande, Frankreich, Spanien u. s. w. Im Deutschen Reiche besteht seit 1879 ein (mehrmals erhöhter) Importzoll für Ban- und Nutzholz: Holzzölle gibt cs auch in Frankreich, in der Schweiz, in Griechenland, Rumänien, in den Vereinigten Staaten n. s. w. Zweck dieser Zölle ist „durch Ausschließung fremder Hölzer vom inländischen Markte einerseits den Preis der heimischen Waldprodncte, anderseits die Rentabilität der heimischen Forst Wirtschaft zu erhöhen". Nlit und ohne Schutzzoll hat der Holzpreis eine stetig steigende Tendenz. Holz ist der Haushaltungsartikel, der sich am meisten verthcnert hat. Während Brot und Fleisch seit 200 Jahren >»» das Fünffache gestiegen sind, hat sich der Preis des Brennholzes verdreißigfacht. 3. Bergbau. Schon im früheren Mittelalter herrschte in Europa die Rechts ansicht, dass die Bergwerke Eigenthnm des Staates, der Bergbau ein Vorrecht der Krone oder ein Regal sei, dessen Verleihung dem Staatsoberhaupte zustehe. Diese Ansicht von der Oberhoheit des Staates hat sich zumal in Frankreich behauptet. Noch in der Revolutionszeit siegte Mirabeau mit seinem Anträge, die Berg werke für Staatseigenthum zu erkläre», über die individualistische Lehrmeinung, man müsse die Bergwerke entstaatliche» und der Privatwirtschaft überliefern. Dem seit 181< 1 gilligen französischen Bergrechte gemäß crtheilt der Staat gegen eine Reinertragsquote die Concefsion zum Minenbetrieb nach eigenem Ermessen, ohne einen Rechtsanspruch des Grnndeigenthümers oder des Erstfinders anzuerkennen. Das französische Bergrecht hat mit geringen Modificationen i» Belgien, Luxemburg, den Niederlanden, in Spanien, Portugal, Griechenland, in der Türkei, im größeren Theile Italiens Aufnahme gefunden. In England hingegen hat schon zu Elisabeths Zeiten die Krone nur mehr ein Vorrecht aus Gold- und Silbermiuen gehabt, die es aus den britischen Inseln nicht gibt. Alle übrigen Bergwerke sind Zubehör zum Grundeigcnthum. Dieselbe Rechtsordnung besteht in de» Vereinigten Staaten, ausgenommen die ehemals spanischen Colonicn (Calisornien, Texas, Ncu-Merico u. s. iv.l. Das Bergregal der deutschen Könige und Kaiser ist seit dem 12. und 13. Jahr hundert in den Besitz der Landesherren übergcgange», daher die territoriale Mamiig8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815 - x). 249 faltigkcit desselben. AuS der Zeit des landesfiipstlichcn Bergmonopols stammen die großcir Staatsbergbane Prenßcns und Österreichs. Gegenwärtig ist im sächsischen nnd österreichischen (1854) Bergrecht das Bergregal beibehaltcn, insofcrne als die Bergbehörde die Erlaubnis zum Schürfen »nd, auf An suchen, zum Betrieb ertheilt; im preußischen Bergrecht (1865), das in den meisten deutschen Staaten Eingang gefunden, ist das Princip der Bergbausreiheit vollständig zum Durchbruch gelangt. Deutschen Ursprungs ist auch die Gewerkschaft, die specifische Form der Bcrgiverksgcnosscnschaft: in neuester Zeit sind vielfach Acticn- gesellschaftcn an die Stelle von Gewerkschaften getreten. Ungefähr im 15. Jahrhundert hat das bewegliche Capital die Herrschaft im Bergbanwescn erlangt, weil größere technische Anlagen (Wasserstollen, Pumpwerke, Luftzüge) ohne Geldmittel nicht auszuführen waren. Ilm diese Zeit begann man auch das Schießpulver als Sprengmittel z» verwenden. Das jüngste Zeitalter der Er findungen <18.—19. Jahrhundert) nnd der Aufschwung der Naturwissenschaften (Mineralogie, Geologie, Chemie) haben auch für den Bergbau eine neue Ära herbeigesührt (Verwendung der Dampfmaschinen zum Wasserhub, zur Ventilation, zur Förderung: Davys Sicherheitslampe 1815; Fahrkunst 1833: elektrische Zündung, Dynamit, Schrämm und Bohrmaschinen, Ventilatoren n. s. w.). Unter allen Bergbanprodncten nehmen seit etwa 100 Jahren Kohle nnd ^>sen die erste Stelle ein. Das Eisen haben im Grunde schon die vorgeschichtlichen Menschen zu würdigen verstanden. Die Geschichte der fossilen Kohlen beginnt mit den spärlichen Aachrichten über ihre Verwendung als Heizmaterial im 11. oder Ist. nach christlichen Jahrhundert. Im 17. brachte man aus den britischen Inseln Kohle nnd ssch'ry j„ bm Hochöfen zusammen, im 18. gelang es, die Steinkohlen wiederum zu verkohle» (id ost ju ucrfotfen) und so für die Rohciscnproduction brauchbar zu machen 1735). Es bedurfte noch ein Jahrhundert, bi» der Contincnt ins Kohlenzeit ulter eintrat. Im Beginne des 19. Jahrhunderts mag die Kohleuproduction Englands sicli My l>> Millionen Tonnen pro Jahr belaufen haben: gegenwärtig beträgt sie beinahe Zwanzigfachc. Die Kohleuproduction der Erde wird heutigen Tages ans 450 bis 00 Millionen Tonnen geschäht. Das l«i. Jahrhundert hat die Erhöhung eines längst bekannten, aber vcr ^chssshUcn mineralischen Stoffes zu einem Wclthandelsartikcl ersten Ranges erlebt, ^ Petroleums. Beim Bohren eines Brunnens in Pennsylvanien stieß man 1859 and.^"^ ^rdolgnelle, die das Vorhandensein eines unterirdischen Petrolcummccres < £tc CUtCtC ''’ uuen einem Jahrzehnt hatte der amerikanische Belcnchtnngsstoss seinen ,^ug durch die Welt zuückgclegt. Der ansängliche Atangel an Coneurrcnz vcran uni, ^ Petro,enn.konige (Rockeseller), untereinander den Wettbewerb einzustellen der m!" OKuiell (Stamhud Oll Trust) zu schließen, NM durch Regelung der Production veviex ^ Alonolpreise aufzucrlegcn. Glücklicher Weise findet fiel) ein zivciteS Erdöl das t ""i der Erde, das an Ergiebigkeit hinter dem amerikanischen nicht zurücksteht: de,, -""Evsische. Durch die Brüder Nobel ist letzteres in den Stand gesetzt worden, in 0"currenzkampf einzntreten. ist ' 10 kolossale Zunahme der Bergbauproductio», die ihrem Wese» »ach Raubbau üewissx. q erzeugt, dass eine baldige Erschöpfung der jedenfalls endlichen Menge 'vvrdon .. iiuevalftoffc, z. B. der Kohlen, einlreten iverde. Wenn nun auch berechnet 0 ' dass selbst in den Ländern intensivster Production, wie England und Nord Technische Fortschritte. »lotgc nnd Eise». Petroleum. Dercinstige Minen erschöpsnnoErfindung? Seift. Massenpro duktion. Modezwang. Erfinder - Prämie. Dampf maschinen. Andere Motoren. Fortschritte der Eisen industrie. 250 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitaltcr. amerika, vor 500 Jahren kein siohlenmangel fühlbar sein werde und wenn auch an den Mangel von Eisenerzen überhaupt noch niemand gedacht hat, so ist doch die Sorge um die Zukunft nicht unberechtigt, wofern eS sich um so seltene und immer nur spärlich vorkommende Mineralierk handelt, ivie Gold und Quecksilber. V. Getverbfleitz. Das neue Zeitalter der Erfindungen, welches um die Mitte des 18. Jahrhunderts einsetzt, erstreckt sich, ohne dass ein Ende abzusehen wäre, bis zur Gegenwart. Obwohl das Erfinden und Entdecken in hohem Grade von unberechenbaren Factoren abhängig ist, so kann man doch sagen, dass die Zustände der modernen Volkswirtschaft cs Hervor rufen oder vielmehr erzwingen. Einen solchen Zwang üben in erster Linie die Absatzverhältnisse ans. Die Massengüter der modernen Industrie müssen wohlfeil sein, und es müssen immer neue technische Mittel ersonnen werden, die Erzeugungs kosten zu vermindern. Freilich, das Streben nach vulgärer Billigkeit thnt der Güte des Geleisteten Abbruch. Die Großindustrie arbeitet mit riesigen Capitalien und mit erstaunlich geistreichen Vorrichtungen vielfach nur, um Surrogate, Falsificnte und Imitationen ins Dasein zu setzen. Einen anderen Factor, der den Erfindungsgeist mächtig anspornt, bildet die Mode. Niemals war diese einem so raschen »nd gründlichen Wechsel unterworfen, als iin schnellebige» Zeitalter der Eisenbahnen. Die Mode schafft nicht allein, sie ver nichtet auch bisher blühende Gewerbszweige, entwertet die rasch veralteten Erzeugnisse und untergrübt die wirtschaftliche Moral. Einen mächtigen Anreiz zu erfinderischer Thätigkeit übt auch das Interesse des Unternehmers aus. Concnrrcnz- und Lohnkampf, Handel »nd Speculation machen ihm den Unternehmergewinn unablässig streitig. Nur die Erfinderprämie hebt ihn eine Zeit lang über alle Bedrängnisse hinaus, bis ihn seine Mitbewerber wieder eingeholt haben, was doch immerhin einige Zeit in Anspruch nimmt. Unter den Kraftmaschinen oder Motoren haben auch im >9. Jahrhundert die Dampfmaschinen durch ihre Anpassungsfähigkeit an alle Zwecke und Betriebs methoden den ersten Platz behauptet (Hochdruck-, Mehrlingsmaschinen :c.). Während 1840 ans der ganzen Erde die industriell verwendete Dampskrast auf Uli Millionen Pferdekräftc geschützt wurde, beträgt sie gegenwärtig (1892) mehr als 50 Millionen. Das Capital- welches in Unternehmungen investiert ist, die mit Dampf arbeiten, schätzt man gegenwärtig ans 175 Milliarden Mark. Nächst dem Dampfe ist das Wasser wohl die industriell am meisten verwertete Kraft; ans dem Principe des Scgner'schen RcactionSrades beruhen die Turbinen (Burdin, Fourneyron 1897); für den Kleinbetrieb haben sich Wnssersäulenmaschinen nützlich erwiesen. Hauptsächlich als Kleinmotoren functionieren ferner: Heißluft' oder calorische Maschinen (Ericsson 1855), Gasmaschinen (Lenoir, Langen und Otto)/ Windmotoren (Halladaps Windrad 1878), Petroleum (Hock 1879) und elektrische Motoren; letztere werde» auch zum Betrieb von Eisenbahnen verwendet. Volkswirt' schaftliches Interesse besitzen insonderheit die großen Centralanstalten, welche Kraft >» beliebigen Biengen an Detailabnehmer vermieten. Das wichtigste Bintcrial für die Gewerbe liefern die Metalle und unter diese» das Eisen. Schon im vorigen Jahrhundert wurden die Gebläse (Kasten-, Ctzlindee-/ Centrifugalgebläse) verbessert, die Flammöfen kamen in Gebrauch und damit da§ Puddcln (Cranage, H. Cort 1184), desgleichen Stabeisenwalzwerke (Payne, H. Cort)>8. Capitcl. Die britisch-amerikanische Periode (1825—x). 251 Eisenschncidcwerke kannte man schon im 17. Jahrhundert. Die Idee des Dampf hammers hat bereits I. Watt beschäftigt, ausgeführt hat sie erst James Nasmyth (1839). Dem 19. Jahrhundert gehört die Gasfeuerung (Aubertot 1809) und das Regenerativ- Hlftcm (Wilh. Siemens 1856) an. Den Regenerativofen hat Martin zur Darstellung des Flammofenflussstahls oder Martinstahls verwendet (1865). Wenn man das laufende Jahrhundert im allgemeinen das eiserne nennt, so Ära des gebürt dem zu Ende gehenden der Name des stählernen. Zn den älteren Stahl- ® tat,w ‘ gattungen kamen im 18. Jahrhundert der Cement- und der Gussstahl. 1810 gründete Friedrich Krupp zu Essen eine kleine Gussstahlfabrik, die unter seinem Sohne Alfred "W berühmteste unter den Riesen-Etablissements der Erde geworden ist. Bis auf das zwischen 1856—1863 ausgebildetc Verfahren, das nach dem Erfinder, Henry Bessemer »i Sheffield, benannt worden ist, war Stahl noch ein kostspieliger Stoff. Von dieser Feit an wurde der Stahl wohlfeiler, besonders seitdem es das Thomas-Gilchrist'sche Entphosphorungsverfahrcn ermöglicht hat, auch minderwertige Eisensorten zur Flnss- ftahlbereitnng zu verwenden (1879). Die gcsammte Rohcisenproduction, die sich 1840 auf 3 Millionen t belief, Eise» und beträgt jetzt 27 Millionen t. Vor einem Vierteljahrhundert übertraf die Schweißeisen- ® tal11 ' Erzeugung die Stahlprodnction noch um das Zehnfache; 1890 kamen auf nnge- lähr >» Millionen t Schweißeisen 12 Aiillionen t Stahl. Die Eisenindustrie hat sich in den einzelnen Ländern ans localen Kleinbetrieben Die Eist» ^ innerer Concurrenzfreiheit unter dem Einflüsse des Sperr- oder Schntzsystemes emporgearbeitet. In England wurde sie im 17. und 18. Jahrhundert absichtlich Englands, Nledcrgehnltcn, iveil der Holzkahlenverbranch eine gänzliche Entwaldung des Jnselrciches estirchten ließ. Erft als Steinkohlen und Kokcs immer reichlichere Verwendung fanden omch 17go), geivährte die Regierung der Eisenerzeugung freieren Spielraum und einen "usgielijgcn Zollschutz. 1845, nachdem der Freihandel bereits regierungsfähig gcivorden (Min. Peel), wurden die Zölle auf Roheisen abgcschafft, die auf Eisen- und Stahl 'varcn herabgesetzt, 1860 gänzlich beseitigt. Im deutschen Zollvereinsgcbiete bestanden bis in die Vierziger-Jahre Deutschlands, '"agigc Eisenzölle, welche 1845 erhöht wurden, um die deutsche Metallurgie vor der suglischen Überproduktion zu schützen. In den Sechziger-Jahren wurden, ivie alle Zölle, w a>,ch Eisen herabgesetzt, 1877 wurden sie im Interesse der Landwirtschaft Gerade damals herrschte aber eine mit allgemeiner Stagnation verbundene ^ l ]-Mtion der Preise, deren üble Folgen man der Aufhebung der Zölle zuschrieb. --«t |k 7 ;i feln tj die Wirtschaftspolitik zum Schutzsystem zurück. Die bedrängten llnter- ,, e,lnec begannen durch Kartelle die Production zu regeln und weiteren Katastrophen vorzubcugeip . », Österreich «cherrt, dir «UM* pwlnbitivsystgm bis zur frcihändlcrisch angehauchten Ara der Fünfziger Jahre (4! t ^uck). In dem nächstfolgenden Jahrzehnt wurden die Eisenzölle ans cm Mmimum herabgesetzt doch ziehen sie seit der Rückwendung zum Schutzsyltcm (>^781 wieder an. Das schntzzöllnerische Frankreich hat Eisen und Eisenwaren immer sehr Fr°u,«.chs. fyH behandelt; nur in der Restanrationszeit (1822) giengen d.e Zollsätze m tue um unter Napoleon Il>. Ivieder ermäßigt zn 'vcrden. Auch die neueste proter w'ustische Ära hat das Eisen, mit Ausnahme seiner Fabrikate, nur m.t erschwinglichen "'luhrzvllen bedacht.IV. Abschnitt. Das pcmoceanische Transcontinental-Zcitalter. 252 Otaiiciu« In Italien war die Einfuhr von Eisen und Eisenfabrikaten niemals erschwert worden, weil das Land wegen Kohlenmangels eine rechte Eisenindustrie nicht Hervorbringen kann. Erst die neuesten Tarife (1887) zeigen eine protectionistische Tendenz. und andcrcr Belgien und die Schweiz haben ihre Eisenzölle im Laufe des Jahrhunderts Siaaicn. erniedrigt; Russland ist von dem Verbots- zu einem mäßigen Schutzsystem übcr- gegangcn, wogegen in den Tarifen der Vereinigten Staaten keine bestimmte handelspolitische Richtung, sondern nur der Einfluss der jeweilig herrschenden Partei zum Ansdruck gelangt. Dasjenige Nietall, das eine unbedeutende Vergangenheit hinter sich, doch, wie Aluminium, es scheint, eine große Zukunft vor sich hat, ist das von dem Chemiker Wähler 1827 entdeckte Aluminium. Die technische Brauchbarkeit dieses Mctalles erkannte der von Napoleon III. unterstützte Franzose Ste. Elaire-Dcville (1855). Das Metall kam aber noch zu hoch, bis neuestens der Versuch gelungen ist, cs auf elektrolytischem Wege aus bcr Thoncrde anszuscheiden (Cowles, Hsroult). Während 1856 das Kilo Aluminium noch 1200 Francs kostete, ist es jetzt ans 5 Francs gesunken. Galvano- Eine andere wichtige Verwendung findet die Elektricität schon seit längerer lechnii. geit in der Galvanotechnik (Jacob! 1838), sowohl in der Galvanostegie als in der Galvanoplastik. Mciau Wie Bergbau und Hüttenwesen, so trägt die gesummte Metallindustrie den industric. Charakter des Großbetriebes, nicht allein wenn cs sich »IN die Herstellung von Brücken, Thürmcn, Schiffspanzern, Cassen, Schienen, Röhren, Maschinell u. dgl. handelt, sondern auch bei der Erzeugung von Knöpfen, Stahlfedern (I. Perry 1825), Drahtstiften, Radeln, ja (hold- »nd Silberwaren, einschließlich der Uhren. Ein ganz besonderes Waffen. Interesse politisch-socialer Natur erweckt die Waffenfabrication. Es führt ein weiter Weg von den Lunten- und Radschlössern des 15. und 16. Jahrhunderts, über die Steinschloss- <17.—18. Jahrhundert) und PercussionSgeivehre (Forsyth 1807, Zünd hütchen von Egg 1818) zu den Handfeuerwaffen der jetzigen Armeen. Weder gezogene Läufe, noch Hinterlader, Dreh- und Repetiergewehre, Patronen sind Erfindungen der neuesten Zeit; man kennt sie vielmehr schon im 16. und 17. Jahrhundert. Gleichwohl haben erst die Erfolge der preußischen Armee (1864—66) dem gezogenen, mittelst Patronen geladenen Hinterlader (Dreyscs Zündnadelgewchr 1838) zur Anerkennung verholsen. In den Sechziger- und Siebziger-Jahren wetteiferten die großen Etablissements, den Armeen aller Welttheile verbesserte Typen der glorreichen Waffe zu verschaffen. Von Amerika aus begann jedoch seit dem achten Tcccnnium des Jahrhunderts da» Magazinsgewehr seinen Siegeslauf, so dass spätestens in den Achtziger Jahren die Militärstaatcn zu kleincalibrigcn Magazinsgewehren (Systeme Lee, Lebcl, Mannlicher :c.) übergegangen sind. Einen kaum minder raschen Wechsel der Systeme zeigen auch die schweren Geschütze aus Gussstahl und Hartbronze. Explosivstoffe. Mindestens sechs Jahrhunderte ist das Schwarzpulver alleiniger Schieß-, etwa drei Jahrhunderte alleiniger Sprengstoff geblieben. Erst anfangs des >9. Säculinns kamen die Knallpräparatc auf. Fast zu gleicher Zeit erfanden da»» Schönbein und Böttger die Schießbaumwolle (1845/46), Sobrero das Nitroglycerin (18471; das wichtigste Nitroglycerinpräparat wurde das von Alfred Nobel 1866 erfundene Dynamit. Jetzt bringt fast jedes Jahr ucuc Explosivstoffe (Pikriu, Roborit, ranchschwachcs Pulver »'¦>> denen die Industrie und die Militärverwaltungen eine verschieden motivierte A»f- mcrksauikeil entgegentragen.8 . Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 2:‘>;5 Eine enorme Bedeutung für den Haushalt des Menschengeschlechtes hat auch und die Industrie der nichtmetallischen Mineralien, zumal der Steine und Erde». Die Thonwarcnindnstrie erhielt aus der Vergangenheit einen Schah von Gat- Thouwaren. laugen und künstlerischen Anregungen: Majolica, Fayence (15. Jahrhundert), Stcinzcng (11.—15. Jahrhundert), Weich- (17. Jahrhundert) und Hartporzellan (18. Jahrhundert), Wedgwood (1759), englisches Steingut (Astbury 1720). Das 19. Jahrhundert hat eine linzahl technischer Methoden und Apparate, sowie neuer Gebrauchsgegenständc hinzn- gcfügt (Schmelztiegel, Chamottczicgel, Traiuagcröhren, Ziegelmaschinen, Ringöfen, blei- freie Glasuren :c.). In ähnlicher Weise verdankt die Glasindustrie der Vergangenheit wertvolle Anregungen und der Gegenwart zahlreiche Verbesserungen. Wie überall, so hat der maschinelle Großbetrieb auch in der Holzbearbeitung Holzindustrie, feinen Einzug gehalten und dem alten, handwerksmäßigen, patriarchalischen Befried wanches Gebiet streitig gemacht oder ganz entrissen. Neben den herkömmlichen Säge- kühlen haben sich Dampfsägewerke erhoben; Werkzeugmaschinen bohren, stemmen, hobeln, von unsichtbaren Kräften geleitet; die Bantischlerei und Fässerfabrication sind bom Kleinbetriebe fast gänzlich aus den Händen geivunden. Die Kunst, Holz dauernd )" biegen, hat einen neuen Zweig der Möbelfabrication hcrvorgernfen (Michael Thonet 1812 in Österreich). Eine ungeahnte Bedeutung erlangte die von F. <9. Keller (1843) erfundene, von H. Voller ansgebildete Holzschlcifcrei (Holzstoffabricationl, hör in den Siebziger-Jahren die sabriksmäßigc Erzeugung von Cellulose nachfolgte. In dem Holzstoff mar endlich das lange gesuchte Ersatzmittel für die nnzn- Pupicr. machende Hadcrnmenge bei der Papierfabrication gefunden. Bis ans Ende des W. Jahrhunderts ivar kein anderes als geschöpftes Hand- oder Büttenpapier bekannt. Zs" 19. Jahrhundert erfand man Maschinen zur Herstellung des PapicreS ohne Ende (die erste Schüttelmaschine 1799 Louis Robert, Eylindcrmaschine 1805 Bramah, 1809 f.' ^^'ttfou). LnxuSpapiere und Papiertapeten (im >8. Jahrhundert nach chinesischen -O'stern zuerst in England fabriciert) schlagen in das Fach der Kunstindustrie ein. Die Anzahl vorher unbekannter Rohstoffe, die erst im 19. Jahrhundert gewerblich verwendet worden sind, ist verhältnismäßig klein. Solche sind z. B. Kautschuk und "lttapercha. Gleich diesen war auch die Jute vordem l0. Jahrhundert in Europa ""bekannt. Unter allen exotischen Textilfasern, mit denen nenestens Versuche angestellt worden sind, hat sich dieses bengalische Product am besten bewährt. Aber den llrmaterialien n Textilindustrie hat eS keinen Eintrag thnn können: dem Flachs und der Baumivollc, Schafwolle und der Seide. Rur dem Hanf sind in der Inte, dem Manilahanf, - oiegncn (Sisalhanf), Rain«, Pitn, Aloehanf, Eoir ». s. w. Eoncnrrente» entstanden. ,/Die verschiedenen Zivcigc der Textilindustrie haben eine Reihe von technischen d^^'9s'" gemein, so dass die in ihnen verwendeten Maschinen nur Modificationcn ^gleichen Grundtypcn sind. Eine Anzahl von VorbcreitnngSmaschinen erleichtert ^binnen: die Egreniermaschine (Whitney 1793), der Klvpswols, der Whipper, „ .oder Krempel-, Kämm (Heilmann Schlnmberger 1838), Streck-, Vorspinn Mie (Spindelbank, I82l Cocker und Higgins). Das Feinspinnen erfolgt entweder Erv " intern,aschine, der verbesserten Erfindung ArkwightS, oder auf der verbesserten ^ "lpton'scheu Mnlemaschinc; MnleS, die von selbst alle Arbeiten einschließlich des Zwi"""^^"de»s verrichten, heißen SclfactorS (Richard Roberts 1825). Auch die ^"""tschinen beruhen auf dem Water oder ans dem Mnleprineip. Während die Spinnerei ohne nennenswerte Ausnahmen fabriksmäßig und mit .staulschuk und Äulwpercha. Jute. Borbc- vcitmift# und Lpinu- »inschiuen. Waschi ^'"on betrieben wird, ist in der Weberei der Handstnhl von dem mechanischen Wedslülgk u. dgl.254 IV. Abschnitt. Tci3 panoceanische Transcontinental-Zeitalter. Bauniwoll- industrie. Ostindische, amerikanische Baumwolle. skriscn. Baumwoll- zöllc in England, oder Kraststuhl noch lange nicht verdrängt. Tie Erfindung Cnrtwriglsts wurde von den Kraftstühlen HorrockS (1803) und Roberts' (1822) libertroffen, die durch Combi- nation mit den Borrichtungen des Jacquard'schcn Mustcrwcbstuhles an Brauchbarkeit gemonnen haben. Unerschöpflich geradezu ist die Fülle der Apparate, deren sich die sabriksmäßige Wirkerei, Stickerei, Strickerei, Spitzen- und Bobinetweberei, Posamenteric, die Druckerei, Färberei, Bleicherei, Appretur (flnishing) bedienen. Tie modernste unter den textilen Künsten, die technisch den anderen als Bor bild gedient und ihnen den Rang abgelaufen hat, ist die Banmwollindustrie. An sich ist sie nicht eben jünger als die Woll- und Leinenverarbeitung: in Indien, in China, im vorcolnnlbischen Amerika gehört sie zu den antochthonen Geiverben. Jedoch den Mittelmeeroölkern sind erst spät Rohstoff und Fabrikate bekannt geworden: in der Diadochen- und Römerzeit. 'Roch später, unter der Herrschaft des Islam, erfolgte die Berpfianznng der Baumwollstaude in die Mcditerranrcgion. 'Reben der siid- europäischen entwickelte sich im späteren Mittelalter auch eine mitteleuropäische Baum wollweberei. Schwaben (Ulm, Augsburg) und die Schiveiz zeichneten sich darin aus. Nachdem die Abendländer den Seeweg ums Cap gefunden hatten, brachten sic auch Banmivolle ans Ostindien. Seit dem zweiten Decennium des 19. Jahrhunderts stehen die Bereinigten Staaten von Nordamerika unter den Ausfuhrländern der Rohbaumwolle obenan. 1621 war in Carolina die erste Baumwollstaude angepflanzt, 1747 die erste nordamerikanische Banmivolle nach England gesandt worden. Gegen wärtig ist der jährliche Ernteertrag ans 3—3500 Millionen, die Ausfuhr auf mehr als 2000 Millionen englische Pfund im Werte von über l Milliarde Mark gestiegen. Tie Banmwollindustrie hat im Ul Jahrhundert zwei schivcrc Krisen durch gemacht: in den Sechziger-Jahren während des Abolitionskrieges und nach 1873, dem Jahre „des großen Kraches", als in der europäischen Volkswirtschaft eine Stockung eintrat, die erst nach einem Quinquennium wieder einer frischeren Bewegung Platz machte. Die internationale Concurrenz hält jedoch die Preise nieder, und trotz der steigenden Ansfuhrmengen hat der Ausfuhrwert die Neigung zu sinken. Kein Industriezweig spiegelt alle Nuancen der Handelspolitik mit solcher Deut lichkeit wieder, als die Baumwollindustrie: so besonders in England, wo deren Anfänge bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen. Schon 1701 ivnrde die Einfuhr indischer Kattune verboten. Aus Rücksicht für die Leinen- und Wollenindustrie wurde auch der Gebrauch inländischer Baumwollgewebe im Jnlandc verboten, so dass solche nur für den Export sabriciert werden durften. Erst >774 wurde dieses Verbot aufgehoben. Zur Zeit der Festlandssperre erfolgte ein rapider Aufschwung des durch Einfuhrzölle geschützten Industriezweiges. Tie Überlegenheit der britischen Fabrikate war bald so evident, dass in der Pecl'schen Reformzcit die Zölle ans Rohbaunnvolle, Garne und Geivebc größtentheils aufgehoben wurden (1845/46). England ist das einzige Land, das die Principien des Freihandels nicht wieder ansgegebe» hat. Schon ui» 1850 hatte die britische Baumwollindnstrie, deren Erzeugnisse am Ende des 18. Jahrhunderts n»v den 17. Theil des Wertes der Wollwaren betrugen, alle anderen Textilbranchen über holt. Gegenwärtig verwendet sie achtmal mehr Feinspindeln, als Woll-, Leinen u"d Seidenindustrie zusammengcnommen. Leistungsfähigkeit und Ausdehnung der Etab lissements sind im Znnchinen begriffen; dagegen wächst die Anzahl der Betriebe nickst- und auck> die Zahl der Arbeiter bleibt hinter der Prodnctionszunahme zurück. Taft in England die Zahl der mechanischen Stühle die Summe der Arbeiter in allen Zweige" der Baumwollverarbeitung übertrifft, kennzeichnet deren neueste Phase.8. Capitol, Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). :?:¦>!) Leinen iubiiftvic. Die nordamerikanische Baumwollindustric hat sich unter dem Schutzsystem, >»dcuübrigen das hie und da gemildert, niemals aufgehoben worden ist, den zweiten Rang in der wandern. Welt, trotz der überlegenen europäischen Concurrenz, erobert (1791 die erste Fabrik in Rhode-Jsland), Auch in allen übrigen Ländern ist dieser Gewerbszweig unter dem Zoll schütz gegen die auswärtige, zumal englische Concurrenz gediehen. Rach der Mitte des >9, Jahrhunderts, am meisten in den Sechziger-Jahren, haben zwar die deutschen Staaten, Österreich, Frankreich u, s, w. unter dem Einfluss der Freihandcls- idcen die Bannnvollzöllc herabgesetzt, in den Siebziger-Jahren aber das Schutzsystem auch in dieser Hinsicht rehabilitiert. Das Reich der Baumwolle hat sich am meisten ans Unkosten des Flachses und der Lcinenindustric ausgedehnt. In England, das im 17, und 18. Jahrhundert seine politische Übermacht missbrauchte, die irische Leinen- und Wollcnwcberci zugrunde zu Achten, hat die Maschine den Handbetrieb ans dem Felde geschlagen. Auf dem Eon- tinentc dagegen befindet sich die Lcincwebcrei, ein uraltes Volksgewcrbe, das ehedem i» den Niederlanden, in Wcstphalcn und Schwaben blühte, noch vielfach in den Händen von Kleingewerbetreibenden und hansindustriellen Arbeitern, deren traurige Lage sprich wörtlich geworden ist. Nur in der Musterweberci hat der Hand- und Kleinbetrieb noch Aussicht ans Dauer, hingegen ist er bei der Fabricatioir von gewöhnlichen Leincn- lougcn dein Untergänge geweiht. Ein merkwürdiges Überbleibsel ans der Vergangenheit hat sich in der Provinz Hannover erhalten, nämlich öffentliche Bcschananstaltcn oder »Seggen" für Leinenzeuge. Die Ägypter kleideten sich in sclbstvcrfertigte Linnen; auch die Babylonier Wollindustrie waren ausgezeichnete Leineweber. Aber in der griechisch-römischen Zeit überwog die ^chaswollkleidnng innerhalb des mediterranen Culturkreiscs. Die nordischen Völker hevorzngten wiederum den Flachs und behielten mindestens den Gebrauch leinener Unterkleider bei, wenngleich sic die romanische Sitte wollener Obergewänder annahmcn. Riittelalter kleideten sich die besser situierten Leute in feines buntes Tuch, die Minderbemittelten in Leinwaird und grobes Wollcnzcug. Tie Wollindustrie war der tonangebende Zweig der Tcrtilknnst, der Industrie überhaupt; sie lieferte dem intcr nationalen Handel einen der wichtigsten Artikel und vcranlasste die ersten Maßregeln onwr nationalen Handelspolitik. Trotz des Emporkömmlings Baumwolle hat die Schafwolle ihren industriellen und eommerziellen Rang behalten. Die Wollindustrie hängt aufs innigste mit der Schafzucht zusammen und adurch mit der Landwirtschaft und den socialen Zuständen der ländlichen Bevölkerung, j uic die Geschichte Spaniens und Englands beweist. In neuester Zeit ist die Schaf wrdcnhaltung, zum Bortheil eines intensiven Landwirtschaftsbetriebes, ans den dicht wwohnte» Eultnrstaatcn Europas in gewisse anßcrenropäische Colonialländer, namentlich " lädlich gemäßigten Zone, verlegt worden, wo die sonst minder günstigen klima 9a,ey Verhältnisse gerade dem Gedeihen der Schafvliese zuzusagen scheinen: Australien, ^ apland, Argentinien und llrngnay, lim >7!>0 wurde in Australien, wo es bis dahin Woll - Production keine s das chase gab, die erste Rlerinoherde ans dem Eapland cingcführt, 181o gelangte • l »itn>iieii !C -, '.erste Quantum australischer Wolle 71 Ay/ - nach England, Gegenwärtig k'ezissort sich der Schafhcrdcnbestand Anstr liens auf 125 Millionen Stück, die Wo» )"Änhr auf ng-l,r als 200 Millionen'le-/, Im Capland, das zu Anfang des Jahr wert» nur I()0C) kg Wolle exportierte, betrügt der gegenwärtige Wollcxport mehr hur * « mwm in m di, wegelosen mit getrockneten Schafen tjcijtc, 150 'JJiiüioncu j-in Europa. Hnupt- momrnte einer Geschichte der Seiden- iiidustric im IS. Jahrh. in Italien, i» Frantrcich. 256 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitalter. In Mitteleuropa Hot die Anzahl der Schafe und die Wollproduction abgc- nommen, die Wolleinfuhr zugenommen, umgekehrt in ben Vereinigten Staaten. In Großbritannien mit seiner Weidewirtschaft existieren große Schafherden fort, die aber nicht der Wolle, sondern des Fleisches wegen gehalten werden. Die Scidcnindnstric hat von ihrem ersten Auftreten bis zur Masscnfabri- cation der jetzigen Zeit den Charakter eines Kunst- und Lnxusgewcrbes am meisten bewahrt. Den Ausgangspunkt für die abendländische Seidenweberei bildet die des Sassanidenrciches, von welcher die byzantinische und die arabisch-maurische Tcxtil- knnst ihre Abstammung herleitet. Mit der Verbreitung des Islams im 7.-9. Jahr- bundert kam die orientalische Seidenindnstric nach Spanien und ©teilten. In Sicilicn gelangte sie seit der Mitte des 1^. Jahrhunderts unter den normannischen Königen ldas Hotel de Tiraz in Palermo) zu glänzender Entfaltung, desgleichen in Spanien unter den maurischen Herrschern. Im 13. Jahrhundert fasste die Seidenverarbeitung in Italien (Lucca, Venedig, Genna, Florenz) Wurzel; von hier gelangte sie nach Frankreich (Lyon), dem Deutschen Reich (Zürich) und den Niederlanden (Brügge), wo sie im 15. und Ui. Jahrhundert blühte. In der Rcnaissancczcit wurden seidene lind samnitenc Gewänder Mode bei Adeligen und Bürgern. Während der religiösen Kämpfe des Ui. und 17. Jahrhunderts »ahm der durchschnittliche Wohlstand ab, und mit ihm sanken die Lnxusgcwerbe in den Abgründ der Banausie. Den prnnklicbenden und geschmackvollen Fürsten des Mercantilalters lag die Hebung der Luxusgewcrbc und besonders der Scidenindustrie am Herzen. Das Beispiel Ludwigs XIV. und Colberts machte Schule. Die Nachahmer, denen die Auswanderung der hugenottischen Gewerbs- lcute (1085) zu statten kam, wollten jedoch nicht allein das Spinnen und Weben der Seide in ihren Ländern cinbürgern, sondern auch die Seidenraupen und die Maulbeer- pflanzungcn heimisch machen, so wenig diesen das Klima Zusagen mochte, z. B. in Preußen, Russland, Schweden. Die wohlgemeinten, aber thörichtcn Acclimatisations- bcstrebnngen machten Fiasco, die Einführung der Seidenindustrie, gelang. Neben den vom Staate begünstigten Fabriken bildete sich ein leistungsfähiges Kleingewerbe mit Meistern, Gesellen und Lehrlingen. In der Seidenindnstric hat sich der Kleinbetrieb während des 19. Jahrhunderts nur so lange behaupten können, als das Prohibitiv- oder Hochschutzsystcm in den ein zelnen Ländern Giltigkeit hatte. Schon die Ermäßigung, noch mehr die Aufhebung der Schutzzölle vernichtete den Kleinbetrieb und ließ nur den maschinellen Großbetrieb bestehen. Allein auch dieser würde in vielen Ländern der nusheimischen Concurrenz erlegen sein, wenn die Regierungen nicht, von den Industriellen gedrängt, seit den Siebziger-Jahren zum gemäßigten Schutzsystem znrückgekehrt mären. Hinsichtlich der Rohseidcnprodnction nimmt Italien das ganze Jahrhundert die vornehmste Stelle in Europa ein. In den Sechziger-Jahren gicng es diesem Erwerbs zweig übel, als die europäischen Seidenraupen von einer Krankheit dahingerasst wurden und theilwcise durch ostasiatische Raupen ersetzt werden mussten. Gegemvärtig beläuft sich die Menge der Cocons ans 40 Biillionen kg. Die Fabrikation von Seidcnware» genügte bisher nicht dem Bedarfc, erst in den letzten Jahren hat Italien eine geringe Mehrausfuhr von Seidenwaren. In Frankreich nahm während der Revolution die Erzeugung von Rohseide und von Seidenwaren ab, um sich schon in der Napoleonischen Zeit Iviedcr zu heben. Bon den Zwanziger-Jahren an beherrschte die französische Seidemnannsactur den Welt markt. 1856 fiel infolge der Raupcnkrankheit die Rohscidenproduction plötzlich auf ein8. Kapitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 257 Drittel des gewohnten Durchschnittes. Ter berühmte französische Chemiker, Louis Pasteur, entdeckte ein Verfahren, wie man der Krankheit Vorbeugen könne (Zellen engrainierung). Seither hat sich zwar die französische Seidenindnstrie von neuem gehoben; allein der Aufschwung desselben Gcwerbszwcigcs in der übrigen Welt, der allgemeine Preisrückgang und die Vorliebe für halbseidene, überhaupt für minderwertige Artikel haben bewirkt, dass sie die frühere Höhe nicht wieder erklimmen konnte. Die ehemals österreichischen Besitzungen in Italien, Südtirol sRovcrcdo und - Umgebung), das Küstenland, Dalmatien sind alte Sitze der Scidenzncht. Was seit Maria Theresia in de» übrigen Provinzen zur Hebung derselben geschah, hatte nur in Ungarn dauernden Erfolg. In den cisleithanischcn Ländern war vor 60 Jahren die Coconsprodnction ungefähr gleich grost ivie heute (1'2 Millionen kg). In Trans- lcithanicn gieng sie während der Sechziger-Jahre zurück. Das ungarische Ackerbnu- miuisterium nahm sich aber der Sache nachdrücklichst an, errichtete ein Landes-Seidenbau- Jnspcctorat, und siehe, die Production von Cocons, die 1880 bloß 10.000 betragen hatte, stieg binnen 10 Jahren um das Hundertfache (1 Million kg im Jahre 1890). Das josefinische Bcrbotsystcm kam der Seidenindnstrie, die ihren Sitz in Wien hatte, zugute. Seide gehörte zu den „außer Handel gesetzten Waren". Die Verhältnisse änderten sich bis zur Achtundvierziger-Revolution nur wenig. Es war eine Zeit, in der auch der kleine Scidenzeug- und Bandmachcr mit seinem Handwerks- mäßigen Apparate neben dem Fabrikanten bestehen konnte — die goldene Zeit des »Brillantengrnndes" (Schotteufeld, Gnmpendorf). Die Fabrikate waren solid — so weit es die Mode zuließ, geschmackvoll, nur die Appretur stand nicht auf der Höhe d« Zeit. Mit der neuen freihändlerischen Richtung, die in den Fünfzigerjahrcn anhob and in den darauffolgenden Jahrzehnten gipfelte, ändertön sich die patriarchalischen Verhältnisse unwiderruflich. Tie kleinen Weber, Bandmacher, Posamentierer, Färber Beugen zugrunde, und auch die größeren retteten sich nur, indem sie ihre Fabriken <n die Provinzen verlegten, wo die Arbeitskraft und die sonstigen Productions- afittel wohlfeiler zu haben waren. Mancher alte und neue Gewcrbszwcig ilt auch durch den Wechsel in der Stadt- und Banernmode verschlungen worden, z. B. die einst weltberühmte Shawlwcberci, die Erzeugung von Westenstoffen, von Chcnille- waren, zuletzt die ConfcctionS-Posamcnteric. Mit dem Jahre >878 erfolgte die protec- tionistische Umkehr in der Zollpolitik des Reiches. Seitdem hat zwar die Einfuhr von Rohseide zngcnommcn, aber auch die Ausfuhr von Seidenwaren. Eine namhafte Seidenindustrie von ehrwürdigem Alter (400 Jahren) besitzt auch d'e Schweiz und das Deutsche Reich. Die mühseligen Versuche der aufgeklärten Despoten, die Seidenindnstrie in den östlichen Provinzen Preußens, in Sachsen und Bayern einzubürgern, sind gescheitert; hingegen ist Crcfcld schon im 17. Jahrhundert u ° u selbst die Hauptstadt der deutschen Seidenverarbeitung geworden. Die englische Seidenindnstrie, eine Gründung flüchtiger Hugenotten, ist seit ^»geiu stationär oder vielmehr im Rückgang begriffen. Bis zum Jahre 1826 mar sie urch Einfuhrverbote geschützt; von da an begannen die Zollcrmäßigungen, bis 1860 ’ e volle Zollsrcihcit cingeführt wurde. Die Scidenindustrie der Bereinigten Staaten entstand vor einem halben Uohrhundcrt. Zwischen 1880 und 1890 hat sie um mehr als 100°/, 31,genommen, ” lmc den Eigenbedarf zu decken. Die Einfuhr von Seidenwaren ist seit dem Mac- mley-Tarif (1890) zurückgegangen. 0 tl r, Lehrbuch der HandelSgcschichtc. 17 österreichisch- ungarische Seidcnzucht, Wiener Seiden- indnstrie. Deutschland u. d. Schweiz. England. Tic Union.Ostasien. Chemische Industrie. Farbenchemie. Beleuchtnnq. Gasindustrie. 258 IV. Abschnitt. Das panoceanischc TranscontinentaltZeitaltcr. Das wichtigste ProductionSland für Rohseide ist China, die Urheimat der Seidenzucht. Das Gesetz, ivclches jeder Familie eine Naturalsteuer in Seide auscrlcgt und es solchermaßen der Regierung möglich macht, den Seidenhandel zu monopolisieren, soll ans dem 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung stammen. In den letzten 25 Jahren hat sich die früher schon bedeutende chinesische Seidenaussuhr verdoppelt. Soiveit die Zahlungsbilanz nicht durch europäisch-amerikanische Waren oder indisches Opium aus geglichen ivird, geschieht es durch Silber. Aus die Textilkunst sowohl, wie ans alle anderen Zweige der gewerblichen Technik hat die moderne Transformation der Alchhmie> die Chemie, diese wahre Goldmacherknnst, bestimmend cingeivirkt. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts sind ihre Grundfesten errichtet worden. Im >!». Jahrhundert hat sich eine stark specialisicrte chemische Industrie, vornehmlich Großindustrie, entwickelt, z. B. die Fabrication der Schwefelsäure (Bleikammcrn eingeführt von Rocbuk >746, Gap Lussac- und Glover- thnrm), der Soda (Le Blane'sches Verfahren 1786, Solvay-Process I86k, Regeneration des Schwefels in den Rückständen nach Schaffner in Aussig), des Chlors und Chlor kalks re. Eine Gruppe für sich bildet die Erzeugung pharinaceutischcr Präparate, z. B. der Alkaloide (Morphin von Sertürner >817, Chinin von Pelletier >826 dargestcllt), der Antiseptica (Carbolsäure, Salictzl). Ebenso die Industrie der Seifen »nd Kerzen, gegründet auf die Entdeckung des Glycerins (Scheele) und die Chemie der Fette (Chevreuil); ferner die der Öle, Lacke, Firnisse, der Parfümerien, der photographischen Präparate, der Explosivstoffe rc. Alle technischen Leistungen der Chemie sind durch ihre Erfolge auf dem Gebiete der Farbenindustrie übcrboteu worden. Abgesehen von der fabriksmäßigen Her stellung der Mineralfarben. (Ultramarin 1826 von Gnimet künstlich dargcstellt) und der Farbholzextracte (circa 1840) ist die epochemachende Entdeckung der Theerfarben Ausgangspunkt eines besonderen Industriezweiges geworden, der im Deutschen Reiche den Höhepunkt seiner Entwicklung erreicht hat. Scho» 1826 entdeckte Unverdorben einen Stoff, den er Krystallin nannte; A. W. Hofmann stellte dessen Identität mit dem 1840 von Fritzschc entdeckten Anilin fest und beobachtete das Aniliuroth, daS Vergnin unter dem Namen Fuchsin zuerst fabriksmäßig bereitete (1859). Ans dem von Dumas (1831) entdeckten Anthracen ivurde aus Grund der synthetischen Arbeiten Grobes und Liebermanns das künstliche Alizarin dargestellt (1868). Im Jahre 1874 entdeckten Baeyer und Caro das Eosin. 1880 gelang Bacycr die Synthese des Indigos- In den Achtziger-Jahren haben sich besonders die Azvfarbcn die Gunst der Färber erworben. Theilweisc mit chemischen, thcilweisc mit physikalischen Entdeckungen und Er findungen hängen die Fortschritte des BelenchtungSwcsens zusammen. Die Phosphor hölzchen repräsentieren die Lösung einer Aufgabe, die bei der vorgeschichtlichen Methode des FenerzündenS mittelst an einander geriebener Hölzer anfängt. Die Zündhölzchen sind in Wien erfunden worden (Römer und Preshel 1833). Bei den mittleren Classen mürbe im Laufe des 19. Jahrhunderts die Unschlitt durch die Stearinkerze (de Biilly), bei de» mittleren und unteren Classen die Ö» durch die Petroleumlampe (Sechziger-Jahre) verdrängt. Nur in der obersten Gesellschäfls- schichtc hielt man an der Wachskerze und der Moderatcurlampe (Franchot 1836) fest. Bon einer genügende» Beleuchtung der Straßen und öffentlichen Gebäude kann erst seit der Verwendung des Leuchtgases die Rede sei». Im letzten Dccenninm dcs 18. Jahrhunderts stellte W. Mnrdoch in der berühmten Watt'schcn Maschinenfabrik8. Capitel. Tic britisch-amerikanische Periode (1815—x). 259 ru Soho die ersten diesbezüglichen Versnche an. Ein Deutscher, namens Winzer (Winsor), machte sich die Agitation für die neue Belenchtnngsmethode zur Lebensaufgabe. Am Weihnachtsmorgen 1814 brannten die ersten Gaslaterneu in der Londoner Cit>>. Paris folgte 1820, Berlin 1823, Wien 1842, nachdem Prechtl schon 1817 das Polytechnieum init Gas hatte beleuchten lassen. Tic neueste Bclenchtnngsllrt, die elektrische, reicht mit ihren Wurzeln in die EicnrischcBe- erste Hälfte des Jahrhunderts zurück. Schon 1822 entdeckte Davy das Bogen-, Jobard ^uchnmg. 1838 das Glühlicht. Erst seit der Erfindung der Dynamomaschine (Werner Siemens 186<>, Gramme 1867) beginnt der Aufschwung der Elektrotechnik mit ihren erstaun lichen Avparaten (Transformatoren, Accumulatoren, Wechselstrommaschinen :c.). Edisons Mehr gestaltendes, als erfinderisches Genie gab dem Glüh licht seine verwendbare Form (1879). Auch das Bogen licht wurde erst von Jablochkoff, Brush, Siemens und Halste re. praktikabel gemacht. Durch die Pariser (1880) und Wiener (1883) elektrische Speeialnnsstellnng ist die Leistnngs- und Entwicklungsfähigkeit der Elektrotechnik aller Welt offenbar geworden. Chemische und mechanische Technologie wetteifern, dem Menschen dic Nahrnngs- Nahrung»- ». und Genussmittel, wie sie aus den Händen der Natur kommen, zu präparieren.9)cmii»mme(. Gerade dieses Gebiet hat sich eine meist mit groben Mitteln arbeitende Fälschnngs- lechnik zur Lieblingsdomüne erwählt. Schon aus hygienischen Gründen ist der Staat Mrpflichtet, den bezüglichen Ausschreitungen der menschlichen Gewinnsucht Schranken ziehen, lliicht in allen Staaten erfreuen sich die llntcrthancn eines wirksamen Schutzes durch ein umfassendes Nahrungsmittelgesetz, wie das Deutsche Reich ein lalches besitzt (vom Jahre 1879). Ter Staat hat an den Nahrungs- und Gennssmittcln 'Mch ein anderes, nämlich ein finanzielles Interesse. Es ist das Gebiet der indirekten Wienern (der sogenannten Aufwandstenern, wie Mahl-, Salz-, Schlacht-, Getränke-, Tabak-, Znckcrsteuer), deren Ertrag ja in den meisten Ländern den der dircctcn Abgaben übersteigt. Das Mehl gewinnt im internationalen Handel immer mehr Raum neben Ma>,i be »> unverarbeiteten Getreide. Noch immer hat sich i» der Müllerei der Kleinbetrieb mod»cic. an der Seite des Großbetriebes (Dampfmühlcn 1786 in England, 1840 die erste Dainpsmühlc in Österreich) erhalten. Wie in den meisten Lebcnsmittelgcwcrben, so uberwicgt auch in der Bäckerei der Klein- und (Mittelbetrieb. Wie durch die ungleiche Bertheilnng der Bcvölkerungsmcnge und der Erwerbs- glrisch »»d ^"iten i„, |<i. Jahrhundert ein kolossaler Gctreidehnndel hervorgerufen worden ist, so Blei,. auch der Vieh- und Fl ei sch Handel nebst den dazu gehörigen Gewerben eine Zunahme erfahren. Nord- und Südamerika (sowie Australien) versehen das iiber- uolkerte Europa, in erster Linie Großbritannien, mit den Überschüssen ihrer Vieh Md Fleischprodnction. Da nach Conserven und Extracten (Liebigs Lxtravt ok Lleat 0'»>nu,v j» Fray Bentos 1865) nur eine beschränkte Nachfrage vorhanden ist; da ?° u ferner mit der Methode, gefrorenes Fleisch über den Ocean zu verfrachten, Üechte Erfahrungen gemacht hat: so überwiegt heute der Transport von lebendem Vieh, üeränchertem oder frischem Fleisch in Kühlräumen. Das Fleischergcwcrbe ist in " Alten Welt Kleingewerbe geblieben, nur in den Vereinigten Staaten hat es den larakter einer Großindustrie angenommen. Tie Riescnschlächtercie» und Wurstereien ,)on Chicago, New-Uork, Omaha, Kansas City versehen mittelst tausenden Eiswaggonö die Detailhändlcr der Union mit der gewünschten Ware.260 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitalter. Polizeiliche Maßregeln. Rübenzucker. Spiritus. Alkoholismus In allen europäischen Staaten wird die Vetcrinärpolizei streng gehandhabt; besonders ist gegen das ans Osteuropa kommende Vieh von Frankreich, Deutschland, Österreich-Ungarn, Rumänien, Serbien in den Achtziger-Jahren die Grenzsperre verhängt worden, woinit auch den inländischen Viehprodncenten ein Dienst erwiesen worden ist. Denselben Nebenzweck hatte wohl auch das Verbot der Einfuhr von amerikanischen Schweinen und Würsten im Deutschen Reich (1883), erloschen 1892. Ganz und gar modern ist die Rübenzucker-Fabrication. Sic beruht ans einer lange unbeachteten Entdeckung des deutschen Chemikers A. S. Marggraf (1745). Erst 1799 legte Achard die erste Zuckerfabrik zu Kunnern in Schlesien an. Die Continentalsperre brachte dem Rübenzucker Glück. 1810 begann man in Frankreich mit der Fabrication dieses Surrogates, das allmählich ein vollwertiger Ersatz des Rohrzuckers geworden ist. 1811 lehrte C. Kirchhofs die Bereitung des Stärkeznckcrs. Etwa 1830 wurde die Rübenzucker-Fabrication auch nach Österreich verpflanzt. Die Seclowitzer Fabrik in Mähren wurde die Gebnrtsstätte wichtiger Erfindungen (Roberts Verdampfapparat, Diffnsionsverfahren). Seit einer Reihe von Jahren steht das Deutsche Reich in der Rübenznckererzengnng obenan, dann kommen Österreich-Ungarn, Frank reich, Russland. England erzeugt so gut wie keinen Zucker; die Vereinigten Staaten producieren wohl Rohr-, doch wenig Rübenzucker. Die Gesammtmcnge des Rübenzuckers beträgt jährlich 25—30 Millionen q. Frankreich ist mit dem Beispiel einer Zncker- stener schon 1837 vorangegangen. Eine solche existiert so ziemlich in allen Zucker fabricierenden Ländern. Das Spstem der Steuerrückvergütung bei der Ausfuhr hat die Wirkung, dass der Exporteur und der ausländische Consument aus Kosten des Steuerträgers und des Fiscus begünstigt werden. Der Zuckerindnstrie und der Zuckcr- steuer ist jn dem von Fahlberg 1880 entdeckten Saccharin ein Feind erstanden, weshalb denn auch dieses Fabricat, das 300mal süßer sein soll als Zucker, in mehreren Staaten verboten morden ist (Frankreich, Italien, Spanien, Großbritannien). Aus den Rückständen der Rohzuckerfabrication (Melasse), inchr noch aus Wein, Cerealien und Kartoffeln werden derzeit Spirituosen fabriksmäßig gewonnen. Von zwei Seiten her ist der dem Alterthumc unbekannte Brantwein in Europa vorgerückt: von Spanien her, wo ihn die Araber als Medicament gebrauchten, und von Russland her, wo er schon um das Jahr 1000 eingebürgert war. Im 16. Jahrhundert drang er in Mittel- und Westeuropa ein. Im 17. Jahrhundert war er ein viclbeliebter Ausfuhrartikel Frankreichs geworden. Bis um die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde nur Korn- und Weinbrantwcin erzeugt. Bon da an drängte die eben erfundene Kartoffelbrennerei langsam jene edleren Arten in den Hintergrund. Wo die Brennerei landwirtschaftliches Rebengewerbc geblieben ist, was ja beim Kartoffelspiritus der Fall ist, trägt die Fabrication den Charakter des Mittelbetriebes (Deutschland, Holland, Union, teilweise auch Österreich-Ungarn). Hingegen zeigt die großbritannische und französische Production den Typus des Großbetriebes. Der Productionsziffer nach stehen heute Russland und das Deutsche Reich obenan, der Exportmcnge nach Deutschland, Frankreich und die Österreichisch-ungarische Monarchic- Auch der Spiritus ist ein beliebtes Stcucrobjcct, das nach verschiedenen Grundsätze» behandelt wird (Material-, Raum-, Fabrikatssteuer). Jn neuester Zeit verfolgt die Brantweinbestenerung das sccundäre Ziel, den landwirtschaftlichen Breunereibetricb durch Begünstigungen gegenüber dem städtischen Großbetrieb am Leben zu erhalte!» Bisher haben die Rücksichten der Volksmornl hinter den Interessen der Prod»' ccntcn und des Staatsschatzes zurückstehen müssen. Dach sind gesetzliche Vorschriften8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (1818—x). 261 und auch Steuersätze vorhanden, deren Tendenz gegen die schädlichste Form der Trunksucht gerichtet ist. Die Erhöhung der Preise infolge der jüngsten Steuererhöhung hat überall zur Abnahme des Consums von Trinkbrantwein geführt. In England und Amerika existiert seit den ersten Decennien des Jahrhunderts eine lebhafte, mit unter scctiererisch angehauchte Agitation gegen den Alkoholismus (Müßigkcitsvereinc ieit 1820, Heilsarmee). Bier brauten schon zn Anfang der christlichen Ära die meisten keltischen und Bierbrauerei, ücrmanischcn Völker. Im Zeitalter der Grundherrschasten war die Brauerei ein all- gcmein verbreitetes Hausgewerbe. Seit dem !l. und 12. Jahrhunderte fasste sie auch in den Städten Wurzel I es entstanden Branerzünftc, oder die Gemeinden übten, gleich den Grundherren, das Brau- und Schankrecht zu eigenem Vortheil. Schon im 13. Jahr hundert war die Brauerei ein in den Niederlanden und im Hnnsegebict blühendes Erportgeivcrbe, während weder Österreich, noch das übrige südliche Deutschland über den Bedarf hinaus prodncicrtcn. Seit dem 15. Jahrhundert exportierte auch England Bier. Im 17. Jahrhundert nahm die Bierproduclion in den nördlichen Ländern ab — eine Folge des vermehrten Verbrauches von Brantwein, Kaffee, Thee n. s. w.; hingegen degann Bayern im 18. Jahrhundert seine Brauthütigkeit, die seit der Begründung Bier des Deutschen Reiches (1870) erst in ihre Glanzperiode getreten ist. Der Aufschwung des österreichischen Brauergcwerbcs datiert aus dem zweiten Viertel des 19. Jahr- Hunderts, cs erreichte in den Sechziger-Jahren einen Höhepunkt; die bayerische Eon eurrenz verursachte dann einen etwa 20 Jahre anhaltenden Rückgang. Mittlerweile gewannen die böhmischen Biere inner- und außerhalb der schwarzgclben Pfähle vermehrten Äbsatz, ui,d in den Achtziger Jahren begann ein neuer allgemeiner Aufschwung der österreichischen Brauerei. Im 19. Jahrhundert hat sich die großbritannische, die belgische, öuletzt auch die norddeutsche Bierprodnction wieder gehoben. Bis 1889 nahm Grosi- dritannic» hinsichtlich der erzeugten Bicrmenge die erste Stelle ein; seitdem hat das Tentschc Reich die Führung ergriffen. Wenn auch in allen Ländern die Prodtiction Großbrauerei, «n Wachsen begriffen ist — Gesammtproduction der Erde 170—180 Millionen hl —, ’° nimmt die Anzahl der Betriebe dennoch ab. Die eigentlich moderne Form der Brauerei ist der Größtbetricb, der eher die großen Etablissements bedroht, als die kleinen, die nur für den localen Absatz arbeiten. Übrigens ist die Gtoßbrauerci ein Hguptgebict des Cartellwesens. Mit Vorliebe werden Bierfabriken auf Aktien gegründet °öer von Aktiengesellschaften erworben. Von allen Gctränkesteucm ist die Biersteuer ^ ergibigste und die leichtest eontrolierbarc (Apparaten-, Rohstoff-, Mengen- und ^ürzestcuer). Mehr noch als die Bier- und Brantweinprodnction wurzelt der Weinbau .ö der Landwirtschaft. Doch auch die Weinbcreitung hat sich in neuester Zeit von . , Ustriellen Einflüssen nicht sreihalten können. Besonders hat die Kellerwirtschaft, cQ tUlf . f'c von Großprodnccntcn und Wcinhändlern betrieben wird, einen industriellen, 'lalistjsxh^ Grundzug angenommen. Das „Weinverbessern" — das Gallisieren, locleisirrcn, Pasteurisieren u. s. w. — beruht auf wissenschaftlichen Principien, wo- <g^» öas „Verschneiden" Gegenstand der Empirie ist. Gewisse Dessert- und alle s^ k^Mlweine werden fabriksmäßig dargestellt. Tie Erfindung des Champagners (cir^^„'nan dem Kellermeister der Abtei von Haut-Villers, Tom Porig non, zu diest^ i700) ; '"' c klängt mit der Verivcndling von Glasflaschen und Korken, die um ^cit in den Kellereien Eingang fanden, zusammen. Seit 1830 hat sich die öuuiweinfabrication in Deutschland, seit 1840 in Österreich (Schlnmbcrger zu Weinbau. ltabrication und262 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitalter. Fiilslti»»jc. Medilcn'mic Weinrcgio». Tic Reblaus. Italienischer, spanisch- portugiesischer Wein. Madeira. Tcutsche, österreichische Weincultnr. Weinbau in Afrika, Auslralie», Amerika. VöSlau) eingebürgert. Leider ist die Weinbereitung nicht beiin „Verbessern" stehen geblieben; abgesehen von allen erdenklichen, mitunter schädlichen „Schmierereien", sind die Fälscher neucstens nicht ohne wissenschaftliches Raffinement dabei angelangt, Kunst wein tut großen ohne Rebensaft zu erzeugen. Für die auch schätzungsweise nicht bekannte Menge des Knnstweines gicbt cs nur einen MildernngSgrund, dass nämlich die Durchschnittsernte des Naturweines nicht ausreicht (gegenivärtig etwa 120 Mill. hl). Auch heute noch bringt die Mittelmecrregion, wie im Alterthum, die besten und meisten Weine hervor. Nur die mohamedanischen Länder Vorderasiens und Afrikas sind in der Weiüproduction seit dem Alterthum zurückgegangcn, iveil der Koran den Weingenuss verbietet. Die unbedingte Hegemonie Frankreichs, die etwa 200 Fahre existiert, ist, was das Quantum betrifft, neucstens in Frage gestellt. Tics hat die Reblaus <PbvlIoxora vastatrix) verschuldet, die 1854 zum crstcnmale beobachtet wurde und ihre Verwüstungen im Jahre 1868 begann. Die Wcinbaustäche Frank reichs hat sich um mindestens 7a Million hu verkleinert, und noch immer ist kein Ende der Seuche abzusehen. In den von der Krankheit heimgesuchten Ländern hat man mit dem Anpflanzen amerikanischer. Reben begomren, die der Reblaus Wider stand leisten, aber veredelt werden müssen. Seit 1881 besteht eine internationale Reblausconventi o n, um die Seuche nach übcrcinsl immenden Grundsätzen zu bekämpfen. Wirksamer lässt sich ein vegetabilischer Schädling des Weinbaues bekämpfen, die 1878 in Frankreich entdeckte Peronospora.' Seit den Siebziger-Jahren ist Frankreich ge- nöthigt gewesen, fremden Wein, spanischen, italienischen und etwas istrianisch-dalma- tinischen, einzuführen, um den durch die Reblaus verursachten Ausfall zu decken. Dem zufolge hat der Weinbau in den südlichen Halbinseln Europas zugenommen. Portugal liefert den Engländern, wie zur Zeit des längst aufgehobenen Mcthuen-Vertragcs, noch immer den Portwein, der mit dem Madeira, Champagner und Bordeaux (Claret) die Vicrzahl der Weltwcine *. c. repräsentiert. Allein echter Madeira existiert nur in geringen, jüngstens wieder zunehmenden Quantitäten, da ihn seit 1852 das Oidium Tücken (Schimmelpilz) total vernichtet und später die Reblaus heimgesucht hat. Der Madeira, der in den Handel gelangt, stammt von den südkanarischen Inseln oder ist gefälscht. In den Gebieten Nordeuropas, die den Römer» ihren Weinbau verdanken — Deutschland und Österreich Ungarn — hat die Rebencultur eine große Ausdehnung erlangt, ist aber seit dem Mittelalter und ganz besonders in der jüngsten Zeit im Rückgänge begriffen. Noch heute reicht der Weinbau im Deutschen Reiche weiter nach Norden, als in einem anderen Land Europas! aber in Preußen oder Kurland existiert er denn doch nimmer, wie im 15. und 16. Jahrhundert. So hatte auch in Böhme» das Weinbau-Areal (böhmischer Wein wird schon im 10. Jahr hundert erwähnt) unter den Luxemburgern (14. Jahrhundert) eine größere Ausdehnung als jetzt, Noch gegenwärtig verschwindet der niederösterreichische Weinbau ans allen minderwertigen Lagen; sein Ausbrcitungsmaximum fällt ebenfalls in das spätere Mittelalter. In Ungarn, in Steiermark, im Küstenland und in Dalmatien ist dieser Rückgang nicht zu bemerken. Zu den Gebieten mit fortschreitender Weincultur gehören auch Südrussland und Kaukasicn. Tie Europäer haben den Weiixstock auf die Sttdhalbkugel der Erde verpflanzt. Ins Capland brachten ihn die Holländer im 17. Jahrhundert, nach Australien die Engländer im 19. Amerika hat zwar eine große Zahl autochthoner Vitls-Arten; die aus Europa cingeführten Spielarten der Vitis vinifera bilden trotzdem die Grund-8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 263 läge der Rcbencultnr. Um diese haben sich die spanischen Mönche Verdienste erworben: von ihnen rührt auch der cakifornische Weinbau her. Californien nimmt heute unter den amerikanischen Weinlandern den ersten Platz ein. — Wie die täglichen Bedürfnisse des Leibes, so befriedigt die ans Chemie und Schreibe» und Mechanik gegründete moderne Industrie auch die Alltagsbedürfnisse des Geistes. Selbst der Kunst des Schreibens stehen heute durch Schreib-, Stenographier-, Copier- maschincn n. dgl. Ersatzmittel zur Verfügung. Eine eigenartige Reproduction des gesprochenen Wortes wird dereinst der Phonograph (Edisons PH. 1877) vielleicht ermög lichen. Auch die Buchdruckcrkuust partieipiert an den Fortschritten der modernen Drucke». Maschinentechnik und Arbeitstheilnng. Besonders knüpft sich au die Erfindung der Schnellpresse (Friedrich König und A. F. Bauer 1803 u. ff.) eine typographische Revolution. Die Rotationsmaschinen gehören zu den unentbehrlichen Apparaten des heutigen Zeitnngsmesens. Unter den vervielfältigenden oder graphischen Künsten hat die im Graphische 17. Jahrhundert verfallene Xylographie (Holzschneidekunst) eine Wiedergeburt erlebt, ebenso der Kupferstich (Chalkographie) in all seinen Varianten. Neueren Ursprungs sind: der Stahlstich oder die Siderographie (Charles Heath 1820), der Steindruck oder die Lithographie (Alois Senefelder 1799), die Chromolithographie (Farbendruck). Die Photographie hat dann de» Geist des llmstnrzes in die vervielfältigenden Künste Photographie, hineingetragen. Sie beruht ans den grundlegenden Erfindungen DagnerreS, der beiden Riöpce, Talbots, Archers (1826—51). Petzval in Wien berechnete die für photographische Zwecke venvendbnren Linsen. Ter jüngsten Epoche gehören die Trockenplatten, die Mikrophotographie (Dagron 1870), die Momentaufnahme (Detectivcameras), vor allem die Photochromie (Gabriel Lippmann 1891/2) an. Ans photographischer Basis beruhen: die Photolithographie, die Heliogravüre, der Woodbury'sche Reliefdruck, der Lichtdruck oder die Albertotypic, die Phototypie re. Gerade im Zeitalter der Maschinen war es »othwendig, dass sich ividcr den Industrie und Geist der Massenproduction, wider die vorwaltcnde Ideen-, Form-, Geschmacklosigkeit und Schleuderet eine Gegenströmung einstellte, welche mit Bewusstsein die Forderungen des ästhetischen und moralischen Sinnes auf ihre Fahnen schrieb. Es ist eine der segensreichsten Folgen des Ausstellungswefcns, den Sinn für kunstgewerbliche Leistungen in weiteren Kreisen eriveckt zu haben. Museen und Gewerbeschulen haben sich um die Ausbildung der natürlichen Anlagen kunstbegabter Völker verdient gemacht. Rach dem Ansgange des Empire war auch in Frankreich, welches seit Colbert Tiefstand de« das Erbe Italiens in Geschmncksangelegenheitcn übernommen hatte, das Gewerbe der "»»st- Ttil- und Charakterlosigkeit anheimgefallen. Trotzdem übertraf es noch immer alles, oewcrdee. was die übrigen Länder des europäischen Gesittungskrcises im Kunsthandwcrkc leisteten- Von dem Aufschwünge der bildenden Künste in den ersten Tccennien des 19. Jahr- hunderteS, selbst von der Restauration der mittelalterlichen Baustile, ivar das Gewerbe Tie Londoner unberührt geblieben. Da kam die erste Weltausstellung zu London 1851. Mit Ausstellung patriotischer Beklemmung geivahrten Engländer, Deutsche, Österreicher die Überlegenheit 18M - der französischen Knnstindustric, mit Staunen die stilvolle Eigenart der indischen Prodncte. Alan begann nach den Gründen zu forschen. Der geniale Architekt Gottfried Temper war wohl der erste, der seinen Gedanken wirksamen Ausdruck verlieh in dem grundlegenden Werk: „Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten." Rasch machte sich England an die praktische Verbesserung seiner kunstgewerblichen Zu stande. Als Centralstelle für alle diesbezüglichen Tendenzen entstand das South-Kensington-264 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitalter. Kunstgcwcrde in Österrrich, im Deutschen Reich. Genest» der modernen sociale» Frage. Übergang znm O-'roü betrieb Gewaltsamer Durchbruch der Gewerbe- sreiheit. Museum (1858). Schon auf der zweiten Londoner Weltausstellung (1862) konnte man die Fortschritte des englischen Kunstgewerbes bewundern. Unterdessen war für Wien durch die Stadterweiterung eine neue Ära gekommen; eine solche haben früher oder später alle lebensfähigen Städte der Alten Welt dnrch- gemacht. Wie in den großen Epochen der Kunstgeschichte, fiel den Architekten die Führerschaft zu, einem van der Nüll, Siccardsburg, Ferstel, Hansen, Schmidt, Semper n. a., denen Capacitüten der Industrie zur Seite traten, ein Lobmeyer, Haas, Hollenbach, Giani n. a. Die monumentalen Aufgaben hälifteir sich, aber auch für das bürger liche Wohnhaus kam die Zeit der künstlerischen Verjüngung. Freilich den Ton gaben, nicht zum Vortheile des Ganzen, die plutokratischen Kreise an. Die edleren Be strebungen fanden an dem Österreichischen Museum für Kunst und Industrie (1864 gegründet und fortan geleitet von R. Eitelberger und I. Falke), soivie an der Kunstgewerbeschnle (1868) einen dauernden Halt. Ähnliche Institute wurden in den Provinzen gegründet. Das Beispiel Österreichs und der Misserfolg des deutschen Gewerbes auf der Weltausstellung zu Philadelphia (1876) brachte schließlich auch im Deutschen Reich eine heilsame Umkehr zustande. In den ersten Achtziger-Jahren hat das deutsche Kunstgewerbe schoir seine Nebenbuhler eingeholt, ans einzelnen Gebieten übertroffen Mehr als in anderen Ländern ist die kunstgewerbliche Production und die Consumtion des Deutschen Reiches decentralisiert; deshalb ist sic auch reicher, mannigfaltiger, indi vidualisierter als anderswo. VI. Die sociale Frage. Jedes Zeitalter hat seine sociale Frage oder vielmehr seinen Coniplex socialer Fragen gehabt. Der moderne Sprachgebrauch schränkt den Umfang des Begriffes „sociale Frage" auf das gewerbliche Gebiet ein, ja versteht darunter meist nur die gewerb liche Arbeiterfrage, weil diese unter den socialen Fragen der Gegenwart das meiste Geräusch macht. In Wahrheit ist die ganze Gesellschaftsordnung in Frage gestellt worden, und die Reformpolitik des gegenwärtigen Geschlechtes hat nicht bloß die Aufgabe, sich mit den Industriearbeitern zu befassen, sondern auch an vielen anderen Punkten ihre Hebel einzusetzen. Vorbereitet wird die „sociale Frage" des 19. Jahrhunderts und unausweichlich bedingt durch die Richtung, ivclche das wirtschaftliche Gesammtdasein in der mercanti- listischen Periode eingcschlagen hat. Im 16. und 17. Jahrhundert veränderten sich die Absatzverhältnisse vom Grund aus. Die alten Handelsprivilegien verloren ihre Giltigkeit, und die reservierten aus ländischen Märkte wurden dem Wettbewerbe der Nationen anheimgegeben (z. B. das nordöstliche Europa). Außerdem eröffneten sich, sei cs dein regulären Handel, sei es dem Schmuggel, überseeische Absatzgebiete. Ans der Rothwcndigkeit, den vermehrten Ansprüchen zu genügen, im internationalen Wettbeiverbe zu bestehen, also massenhaft und wohlfeil zu producieren, giengen die neuen Formen des Gewerbe betriebes hervor: die Groß- und Maschinenindustrie. Im Mercantilzeitaltcr (17. und 18. Jahrhundert) förderten die Regierungen um ihres eigenen Vortheiles willen die Interessen des Großhandels und der Großindustrie' Es war die entscheidendste Wendung, die in der Wirtschaftspolitik eingeschlagen werden konnte: denn von nun an ergriff die öffentliche Gewalt, die bis dahin auf der Seite des Consumenten gestanden war, die Partei des Producenten. Jedoch »och nicht8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (18 Lö —x). 265 unbedingt. Die Regierungen suchten die emporstrebcnde Industrie am Gängelbande festznhalten und zögerten, ihr die anderen Bolksclassen, zumal das Kleingewerbe und die Arbeiter, preiszugeben. Allein der begonnene Process war nicht mehr aufzuhalten. Was die angestammten Regierungen zu bewerkstelligen zögerten, vollzog die Revolution mit einem Schlage; sie beseitigte die bisherige Rechtsordnung des Gewerbewesens und ersetzte sic durch ihre Negation: die Gewerbefreiheit. Längst hatte die Theorie diesen Umschwung gefordert, und zwar ebensosehr im Theoretische Namen der abhängigen, wie der unabhängigen Gewerbetreibenden. In Wahrheit 3Uu,u, " cn - profitierten durch die Gewerbefreiheit nur die Großunternehmer und die hinter ihnen stehenden Capitalistcn, Creditgebcr, Spekulanten. Die Schwere der neuen Zu stände fiel mit vervielfachter Gewalt auf den gewerblichen Mittelstand und die Arbeiter, welch letztere erst unter diesem Drucke zu einer besonderen Classe — zum „4. Stand" — znsammcngeschweißt worden sind.. Die neue, auf Freiheit gegründete Gewerbeordnung beseitigte die Zünfte und die Das Ende der Zunftvorschrifteu. Tic Zünfte waren Verbände der Kleinen und Schwachen gewesen, m ' 6 die vermöge des Coalitionsprincipes dem Eindringen der Großindustrie in gewisse ^rbe Gewerbszweige erfolgreich Widerstand geleistet hatten. Nach der Aufhebung der alten Verbände war der isolierte Handwerker, ob Meister oder Geselle, schutzlos der Macht des kapitales und der Concurrenz des wohlfeiler producierenden Großbetriebes preis gegeben. Das Kleingewerbe war kein Factor mehr, nüt dem man zu rechnen brauchte. Es war der niedergeworfene Feind, dessen gellende Klagen von dem Sieger unliebsam vermerkt wurden. Bisher war der zünftige Arbeiter durch lange Vertragsfristen gebunden, aber Der ziinsUge auch gesichert gewesen. Der Großbetrieb substituierte nun seine „freien Arbeitsverträge", imb öcr itcic . Arbeiter denen zufolge der Arbeiter bei der geringsten Gcschästsstockung sogleich entlasten werden konnte. Außerdem bedurfte der Industrielle nur für gewisse Verrichtungen „gelernte" (gualificierte) Arbeiter; je mehr die Maschinen sich vervollkommten, desto überflüssiger wurden die geschulten, männlichen, erwachsenen Arbeiter; Frauen, Kinder, halbwüchsige Knaben thatcn eS auch — also Arbeitskräfte, die vermöge der Zunftordnungen vom Gewerbebetrieb ausgeschlossen waren und mit denen man nun die arbeitskundigen Männer ans den Fabriken drängte. In der Znnftzeit waren die Löhne für ganze Gewerbszweige und ans lange Fristen festgesetzt; auch das taugte dem Großunternehmer nicht, der jede Chance zu benützen trachtete, um den Arbeitslohn zu vermindern, dem zufolge concurrenzfähiger zu bleiben und seinen Gewinn zu vergrößern. Ebenso war >n der Znnftperiode die Arbeitszeit und die Sonntagsruhe geregelt; aber der Industrielle verlangte, schon um seine kostspieligen Anlagen möglichst rasch zu amortisieren, dass Tag und Nacht, ohne Unterlass gearbeitet ivcrde. Die bisherige Ordnung der Dinge stand ihm überall im Wege. Es sollte tabula rasa gemacht werden durch eine Rechts vrdnung, die alles dem freien Ermesse» der aus ihren Gewinn bedachten llntcrnchmer nnheimgab. Der vereinzelte, durch das CoalitionSverbot gelähmte Arbeiter musste dann >edc Bedingung stillschweigend hinnehmen. Ohne Aussehen, ohne Lärm vollzog sich die Unterjochung der wirtschaftlich Schwachen durch die wirtschaftlich Starken. Tie charakteristischen Merkmale der individualistischen und nach der Theorie des Charakteristik ^»üthianismus unanfechtbaren Gewcrbefreiheit find: „l. Das Recht der Frei-der bewerte Zügigkeit und freien Niederlassung; 2 - das Recht der freien Wahl des gewerblichen '"Nmi. Berufs; Z. die Gründung gewerblicher Unternehmungen ist in der Regel jedem frei Qeftcllt »nd lediglich an die Bedingung polizeilicher Anzeige bei Beginn desselben266 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitattcr. geknüpft. In der Regel wird kein Nachweis einer besonderen persönlichen Onalification, keine bestimmte Art der Vorbildung, keine obrigkeitliche Concession, keine Zugehörigkeit zu einer Corporation (Innung, Zunft) gefordert; 4. die Gewerbetreibenden sind im allgemeinen frei in der Herstellung und dem Absatz gewerblicher Producte; 5. die persönliche Freiheit des Arbeiters und die Freiheit des Arbeitsvertrages." Schranke» dkl ^ie Gewerbefreiheit, wie sie vrincipiell den Gcwerbegesetzen des 19. Jahrhunderts ^rcihcn" zugrunde liegt, ist niemals und nirgends eine unbedingte gewesen. Endweder sind in den betreffenden Gesetzen gewisse Einschränkungen vorgesehen, oder sic sind in Novellen nachgetragen worden, oder sie sind in anderen giltigen Bestimmungen schon enthalten. Die Einschränkungen der Gewerbefreiheit sind thcils finanzieller Natur (Staatsmono pole, indirecte Steuern), thcils sind sie sicherheits-, sittlichkeits- und gesnndheitspoli- zeilich motiviert (Einschränkung gefährlicher Betriebe, der Medicinalgewerbe u. s. w.). A>ich das Motiv, die Consnmentcn vor Betrug und anderweitiger Schädigung zu behüten, fehlt dem modernen Gewerberecht nicht ganz. Ein besonderes, von der allgemeinen Gewerbeordnung erinnertes Recht haben die Verkehrsanstalten, die Bergwerke, Handel und Schiffahrt, ferner die Actiengesellschaften, die Erwerbs- und Wirtschaftsgenossen- schaften. In neuester Zeit hat die Arbeiterschntz- oder Fabriksgesetzgebnng das Gebiet des freien Beliebens noch weiter eingeengt. Allerdings in den sechs ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts beherrschten die Glaubenssätze der individualistischen lfreiwirtschastlichcn, liberalen) Volkswirtschafts lehre und des politischen Liberalismus die Gewerbegesetzgebnng. War ja das Französische, erste, fast uneingeschränkt freiheitliche Gewerbegesetz, das französische von 1791, ein Geschöpf der Revolution. Aber schon das Directorium und noch mehr das erste Kaiser reich mussten der unbedingten Freiheit Schranken ziehen. Diese Tendenz dauerte bis auf Napoleon 111. und die dritte Republik. Das Coalitionsverbot, das die Revo lution ans Feindschaft gegen die Zünfte verhängt hatte, blieb ebenfalls, zum Nnchtheil der Unternehmer und noch mehr des Arbeiterstandes, bis 1804 bestehen; gänzlich ist es erst durch das Gesetz von 1884 beseitigt worden, das der Bildung unabhängiger gewerblicher Associationen, sei es der Arbeitgeber, sei es der Arbeitnehmer (sogenannter Spndicate) vollständige Freiheit lässt. englisches. Kaum in einem anderen Lande hatten die städtischen Gilden - die M erchant Gilds(Krämergilden) und Croft Gilds (Innungen) — eine so herrschende Stellung, als in dem Reich der britischen Plantagenets und Tndors. Aber mit der berühmten Monopolsacte von 1020, welche die Privilegienertheilung vom Parlament abhängig machte, begann die Zerbröckelung des Gildenwesens. Schon im 17. Jahrhundert waren die außerhalb der Städte erwachsenen und überhaupt die neuen Geivcrbszmeige von allen Zunftvorschriftcn frei. Die Aushebung der Elisabethinischen Lehrlingsordnung <1562—1814) und das Mnnicipalgcsetz von 1835 räumten mit den Überresten einer- veralteten Legislation ziemlich auf. Aber England wurde nun, trotz grundsätzlicher Gewerbefreiheit, das Mutterland der Arbeiterschntzgesetzgcbnng, der Gewerkvereine, der Einigungsämtcr und einer großen Zahl von Beschränkungen des freien Gewerbebetriebes, die in Rücksichten auf die Gesundheitspflege, die Sicherheit und die Moral ihren Grund haben. Leiaschts, In Deutschland eröffnetc Preußen schon 1810 es war die Epoche der Stein-Hardenbcrgischen Reformen — die Ara der Gewerbefreiheit. Diesem Principe blieb das Königreich bis 1849 treu, wo ein zünftlerischer Rückschlag erfolgte, der bis in die Sechziger-Jahre andauerte. Die freisinnige Gewerbeordnung von 1809 erlangte8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815-—x). 267 1871 auch im neuen Deutschen Reiche Giltigkeit. Als infolge der Krisis des Jahres 1873 die uneingeschränkte Frciwirtschaft in Misscrcdit kam, entstand eine Reihe gewerberecht licher Novellen, die einen entschieden socialreformatorischen Grundzng aufweisen. 1883 musste demzufolge die bisher giltigc Gewerbeordnung nmredigiert werden. Aber jedes Jahr brachte ivieder neue positive Ergänzungen. Im Österreichischen Kaiserstaate blieben während der ersten Hälfte des österreichischem Jahrhunderts die Verhältnisse der theresianisch-josefinischcn Epoche unverändert. Eine ^""^berecht. Frucht der lebhaften Freihandelsbewegung der Fünfziger-Jahre war die liberale Gewerbeordnung von 1859, die noch heute Giltigkeit hat, soweit sie nicht ins besondere durch die Novellen von 1883 und 1885 abgeändert worden ist. Diese jüngste österreichische Gewerbegesetzgebnng, die noch nicht beendigt ist und der Weiterführung Social-re- harrt, hat ebenfalls so eia lreformatorische Tendenzen. Im Gegensätze zur indivi- dualistischen Richtung der Gewerbeordnung des Jahres 1859 wird „dem Staate, soivie “ den Korporationen, unter Neubelebung des genossenschaftlichen Geistes, eine entsprechende Einflussnahme auf das Gewerbewesen zumeist zu dem Zwecke eingeränmt, um dem kleinen (Handwerks-) Betrieb in dem Kanipfe mit der Großindustrie (und der Schleuder- concnrrenz) eine Stühe zu bieten". Auch in den übrigen Staaten folgt der Periode einer möglichst uneingeschränkten Gewerbefreiheit eine neue Ära der positiven Satzungen socialreformatorischen Charakters selbst dort, wo cs bisher ein fpeciclles Geiverberccht gar nicht gegeben hat, wie in Italien oder in Rumänien. Eine in allen Staaten vorhandene Einschränkung der unbedingten Gewerbe freiheit enthalten die Patent-, Muster-, Marken und Urhcberrechtsgesetzc. Das unzweifelhaft älteste Patentgesetz Europas ist die englische Monopolacte Pa»nttrchi von 1623. In dieser Acte, die gegen das Privilegienwesen im allgemeinen gerichtet ist, ivird dem Erfinder die gnadcnwcise Verleihung des Rechtes, seine Erfindung inner halb eines Zeitraumes bis zu 14 Jahren ausschließlich verwerten zu dürfen, zugesagt. Seit dieser Zeit haben sich das englische und das französische Patentrecht entwickelt; sie dienen als Vorbilder für die Legislation der übrigen Staate». Eine in den Sechziger-Jahren entstandene sreiivirtschaftliche Antipatentbewegung ist gegen die Hauptgesichtspunkte des Patentrechtes — Schutz der Erfindung zugunsten ihres Urhebers und Förderung der Gewerbsamkeit — ohnmächtig gewesen, wie das deutsche Patentgesetz von 1877 (revidiert 1891) und die englische Patent-, Muster- und Markcnacte von 1883 beweisen. Die Heimat des Musterschutzes scheint Italien und das Gewerbe, das ihn Musterschutz, zuerst in Anspruch nahm, die Seidenweberei gewesen zu sein. In Frankreich, wohin die Seidenmannfactnr ans Italien verpflanzt worden ist, erhielt das Recht des Muster schutzes seine eigentliche Ausbildung (1806). Im 19. Jahrhundert empfingen so ziemlich alle civilisicrten Staaten diesbezügliche Gesetze, obwohl die lange Zeit mächtige Freihandels partei dem Mnsterschutze feindlich gesinnt war. Sie vermochte z. B. im Deutschen Reich das Zustandekommen eines gesetzgeberischen Actes zu verhindern, bis das Drängen der elsüssischen Industrie und die auf der Wiener Weltausstellung über die Vorthcilc des Musterschutzes gemachten Erfahrungen ein Hinausschieben nicht länger gestalteten (L876). Ein ehrwürdiges Alter besitzen die Marke». Im Mittelalter gab es Herkunfts-, Markenschutz. Beschau- und Erbzeichcn; die letzteren gehörten dem Handwerker und seiner Nachkommen schaft. Aus dieser Art sind die modernen Fabriks- und Handelsmarken hervorgegangen. Der klassische Staat des Schutzsystems, Frankreich, hat auch auf diesem Feld der Legis-268 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontincntnl-Zeitalter. lation den Vortritt gehabt. Im letzten Decennium haben die meisten Culturstaaten neue oder revidierte Markenschutzgcsetze erhalten (Engl. 1887, Osterr. 1890). Eine weittragende Wichtigkeit hat die 1883 abgeschlossene Convention pour la protection de la propriötä internationale, die eilt ständiges Eentral- institut ins Leben gerufen hat, das Bureau internationale de l’ünion pour la protection de la propriete industrielle in Bern. Sie soll das Zustande kommen eines Weltmorkenregisters, sowie eines Welt-Patent-Muster (Modell)- und Markenrechtes, anbahnen, etwa so wie es in der Sphäre des Verkehrswesens bereits ein Welt-Eiscnbahn-Frachtrecht gibt. Übrigens enthalten auch die neuesten Handels verträge internationale Abmachungen über die Schutzrcchte. Url,ebc>vrchl. Das ehedem durch persönliche oder zünftige Privilegien geschützte Urheberrecht auf literarische und künstlerische Werke ist im 19. Jahrhundert durch specielle Gesetze, zum Theil auch durch Staatsvertrüge eines besonderen Schutzes theilhaftig geworden. Seit 1886 besteht die „Berner Literatur-Convention", dcrznfolgc jeder einem Vertrags staat angehörige Autor in allen anderen denselben Rechtsschutz genießt, wie ein Inländer. Ltaaa-- und Die freiheitlichen Gewerbeordnungen mit ihren Anhangsgesetzen haben viel dazu Privathilfe. bcigctvagcn, die Krisis der socialen Frage zu beschleunigen. Hauptsächlich ist cs aber die von Gesetzen und Verordnungen unabhängige Selbstcntwicklung des Gewerbes gewesen, welche die einzelnen gewerblichen Classen vor die Nothweudigkeit gestellt hat, thcilS die Wege der Selbsthilfe zu betreten, theils die Stantshilfc herbeizurufen. Darnach gliedern sich alle positiven Maßregeln, die man bisher angemendet oder vorgeschlagen hat, um die socialen Übelstünde zu bekämpfen, in private und öffentliche. Tic gemein Es zeigte sich im Verlauf der Entwicklung, dass cs Gruudübel gebe, an denen samcii Grund- am gewerblichen Leben betheiligten Factorcn gemeinschaftlich, nur in verschiedenem u ' c ’ Grade, litten. Eben jener schrankenlose Wettbewerb, den die Industrie ihres Vor theiles wegen gefordert und gefördert hatte, kehrte sich wieder sie. Der große Markt, für den sie blind darauf los producierte, zeigte sich als unübersehbar, unlenkbar, unberechenbar. Ein endloses Schwanken und Beben war ihm eigen, das um so heftiger wurde, jemchr neben den Producenten ein eigener Stand von Speculanten dasselbe künstlich erhöhte, um ans den Differenzen des Auf- und Niederganges Nutzen zu ziehen. Diese Unsicherheit, dieser Mangel an Stetigkeit und Stabilität ist das Übel, an dem die Unternehmer, wie die ihnen dienstbaren Kräfte laborieren. Und nun kam cs zu Tage, dass die Auflösung der alten ständisch und genossenschaftlich gegliederten Welt in ihre Atome, in vereinzelte Individuen, das andere Haupt gebrechen der bestehenden Wirtschafts- und Rechtsordnung sei. Das freie, aber isolierte Individuum fühlte den ganzen Jammer seiner Hilflosigkeit, und diese Erkenntnis weckte in allen am gewerblichen Leben betheiligtcn Kreisen das Bedürfnis nach Association, Structnrierung, Organisation, um durch Coalitionen (Verbände, Genossenschaften, Vereine, Körperschaften) die Übel zn überwinden, die der Einzelne nicht bewältigen kann und die nur deshalb so groß werden konnten, weil im Zustande der Auslösung die Mög lichkeit, Widerstand zn leisten, der Gesellschaft und ihren 2heilen gebrach. Die Groß- Tie Großindustrie. Am unmittelbarsten (obgleich nicht am härtesten) industricunter werden durch den schrankenlosen Wettbewerb auf dem nationalen und internationalen der Ägide des Markte die Unternehmer und die Capitalisten betroffen, die ihr Geld im Groß gewerbe angelegt haben, sie find es aber, die vermöge ihres Einflusses ans die Gesetzgebung und Verwaltung die Nachtheile des Wettbewerbes am wirksamsten abzu wehren vermögen. Ihnen ist es zuzuschrcibcn, dass das Schutzsystem in den europäischen8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 269 Staaten so lange erhalten, und dass dann, vermeintlich in ihrem Interesse, das Frei handelssystem substituiert wurde, bis man schließlich, abermals um ihretwillen, zum Schutzsystem zurückgckehrt ist. Ihren Interessen dient die Handels- und Verkehrs-, besonders die Tarifpolitik, auf ihrer Seite stehen die stärksten parlamentarischen Parteien und die Mehrheit der Verwaltungsorgane. Erst in jüngster Zeit, cs ist noch kein Menschcnalter her, sind, zum Missvergnügen der industriellen Kreise, auch die Interessen des Ackerbaues, des Kleingewerbes und der Arbeiterschaft von der officiellen Wirt schaftspolitik mit in Berücksichtigung gezogen worden. Allein der freie Wettbewerb hat die Großunternehmer trotz aller Stantshilfe gezwungen, private Schutzmittel ausfindig zu machen: a) Ein solches bietet in erster Linie die Actiengesellschaft mit der für sie charakteristischen beschränkten Haftbarkeit dar. Eben wegen des ans viele ver° theilten und von den Einzelnen unschwer zu tragenden Risicos, wegen der Leichtigkeit, sein Geld aus ihr herauSzuziehcn, außer der Dividende hohe Gründer- oder Spccnlations- gewinnc zu erzielen, eventuell die Verwaltung im eigenen Interesse zu beeinflussen, haben sich während des lö. Jahrhunderts so viele neue Actiengesellschaften gebildet oder sind schon bestehende, andersartige Unternehmungen in ActienUnternehmungen verwandelt worden. Tie Geschichte der Actiengesellschaften beginnt im mittelalterlichen Italien mit der Begründung von Anlcihc-Montes (Staatsgläubiger-Gcnosscn- schaften) und Rhedcrvereinen (letztere auch in Südfrankreich). Während des 17. und 18. Jahrhunderts nehmen die privilegierten Welthandelscompagnien Hollands, Englands, Frankreichs, Deutschlands die Form von Actienvereine» an. Deren glücks spielartig wechselnder Geschüftsgewinn verlockt zur Speeulation. In der nämlichen Periode treten auch Giro- und Zettelbanken (die vcnetianische, die englische Bank re.), sowie Versicherungsanstalten als Actiengesellschaften ins Leben. Allein der Zusammenbruch der englischen Südseegesellschaft, der Ln w'schen Compagnie d’oceident, der orientalischen Compagnie Karls VC führe» einen Stillstand in der Entwicklung des Actienwesens herbei. Die englische Bubble-Acte (1720—1825) untersagt die Gründung von Gesellschaften mit beschränkter Haftbarkeit; in den Colonien fassen die Rechtsanschanungen des Mutterlandes Wurzeln. Die Franzosen wollen seit der Law'schcn Katastrophe von Actien und Banken nichts mehr wissen, und der Napoleonische Code du Commerce unterwirft noch alle Actiengesellschaften (8oci6t.es anonymes) der staatlichen Genehmigung, weshalb sich das reelle Geschäft »nd der Schwindel auf die Errichtung von Commanditgesellschaften werfen, die einer obrigkeitlichen Bewilligung nicht bedürfen. Seit dem 5. Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts nahm das Actienwesen einen erneuten Aufschwung; es war die Epoche der Canal- und Eisenbahnbauten, der Be- leuchtnngs- und Assanierungsanstalten, der Schiffahrtsgesellschaften gekommen. Nun wurden auch private Industrie-Unternehmungen vereinzelt auf 'Ketten gegründet. In der Epoche der Cr6dits mobiliers und des Freihandels (Fünfziger- und Sechziger- Jahre) erhielt das Actienwesen seinen modernen Umfang und seine moderne Rechtsform. Noch 1844 verlangte ein englisches Gesetz die solidarische Haftung aller Theil- uehmer einer Joint-Stock-Odmpany. Allein bereits 1856—1862 gab die Legislation die Bildung von Gesellschaften mit beschränkter Haftbarkeit frei (Companies limited by sbares). Daraufhin gestattete auch das französische Gesetz von 1863 die Bil- Massnahme» der Lcldst- l)ilfc. AclicngcseU- schasten. (beschichte der Actieugcscll- schastcn. Aufschwung im li). Jahr hundert. Actieurechl.IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitalter. 270 Culmi- nationSpunkl der Aclien- zksellschaften. Gegkn- «ärligcr Zu stand. Coalilionen der Unlcr- nehmer. CoalitioiiS- verbol. ilufhebung der Eoaliliond- verdole. düng von Gescllschaftcn mit beschränkter Haftbarkeit ohne behördliche Genehmigung. Doch sind die französischen Actiengesellschaftcn (Looistds Liionxmss) noch immer größeren Beschränkungen nnterworsen, als in anderen Staaten. In Deutschland und Öster reich erhielt das Actienwesen durch das allgemeine Handelsgesetzbuch (1862) seine moderne Form. Während in Österreich die Bestimmungen des Handelsgesetzbuches (darunter staatliche Concessio») noch zu Recht bestehen, ist das deutsche Actienrecht seit 1870 wiederholten Abänderungen, und 1884, unter dem Eindruck scandalöser Miss» brauche, einer gründlichen Umarbeitung unterzogen worden. Gegen Ende der Sechziger-Jahre, in der Zeit des „volkswirtschaftlichen Auf schwunges", nahmen die Gründungen auf Actien zu; in den Jahren 1872—1878 er reichten sie ihr Maximum. Die Krisis von 1878 »nd die ihr folgenden Depressions jahre rafften zahlreiche Neugründungen hinweg. Erst seit 1879 nahm die Anzahl frisch entstehender Acticngesellschaften wieder zu, um sich während der Depression in den Jahren 1888—1888 abermals zu vermindern, hierauf wieder zu heben. Während des letzten Menschcnalters hat sich die Anzahl der auf Actien ge gründeten und in Actiengesellschaften verwandelten Industrie-Unternehmungen derart vermehrt, dass sic percentuell unter den Actiengesellschaften obenanstchen. Doch werden sie von den Transport-Unternehmungen, was die Größe des Capitals betrifft, und von den Aktienbanken hinsichts der Dividenden überragt. Wie sehr die Capitalisten das Risico der Einzel- oder der Gesellschafts-Unternehmungen mit unbeschränkter Haft barkeit scheuen, zeigt sich darin, dass nicht nur die Anzahl der Actiengesellschaften zu nimmt, sondern dass man auch kleinere Unternehmungen, die von Einzelnen besser be trieben werden können, auf Actien gründet, überhaupt dass die für den Actienbctrieb wenig geeigneten Industrie- und Handelsgeschäfte in wachsendem Maß von demselben ergriffen werden. d) Das Hauptmittel der Selbsthilfe, das den Unternehmern zugebote steht, um dem Concurrcnz- und Lohnkampfc Stand halten zu könne», ist die Eoalition. Die ältesten Unternehmer- oder Arbeitgeberverbände sind wohl diejenigen, welche gegen die Arbciterausstünde gerichtet sind und die Aussperrung (lock out) der wider spenstigen Elemente znm Zweck haben, d. h. die Fabriken der znm Verband gehörigen Unternehmer stellen so lange ihren Betrieb ein, bis die Streikenden in jedem Ver bands-Etablissement die Arbeit wieder ansnehmen. Überdies setzen sich die Unternehmer verbände im Kamps gegen die coalierten Arbeiter noch die Aufgabe, „Lohnerhöhungen und jeder Verbesserung der Arbeitsbedingungen, welche zu einer Berthenerung der Prodnctionskosten führen könnte, zu widerstehen . . . Der Lohn und die übrigen Arbeitsbedingungen werden im Verein vereinbart. Wer mehr gewährt, verfällt in Strafe . . . Wer durch die Maßregeln des Vereines Schaden leidet, erhält Entschädi gung . . . Es tritt das völlige Gegenstück zur Taktik der Arbeiter hervor". Bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts litten die Coalitionen der Arbeitgeber, wie die der Arbeitnehmer, unter der Ungunst der zu Recht bestehenden Coalitions- vcrbote; in der Regel ergriff die gerichtliche Praxis und die öffentliche Meinung da mals die Partei der gegen die Arbeiter auftretcnden Unternehmer. Die nrbeiterfrcund- lichc Socialpolitik und die Parteinahme der Unbctheiligten für die Arbeiter gegen die Arbeitgeber sind erst Phänomene der jüngsten Zeit. Die Eoalitionsvcrbote stammten in den meisten Ländern ans der Mercantil- zeit, wo sie gegen die Ausschreitungen der Gesellenverbände (Oompagnonnuxoch und die Preistreibereien der privilegierten Meister oder Fabrikanten gerichtet waren. Inner-M Capitel. Tie britisch-amerikanische Periode (1815—3t). 27 i halb der modernen Gewerbefrcihcit waren sic eine nnhaltbare Anomalie. Am srühesten (1824—1825) wurde in Großbritannien die Koalitionsfreiheit eingeführt, in Frankreich successive 1864— 1884, in Preußen 1869, in Österreich 1878, in Holland 1872 n. s. w. Hiermit waren die rechtlichen Hindernisse der Organisation von ^Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden aus dem Wege geräumt. TaS moderne Cartellwcfcn kam aber, von Ausnahmen abgesehen, erst in den letzten Siebziger- und in den Achtziger-Jahren, je mehr die Folgen der Überprodnction und der Wcltconcurrenz fühlbar wurden, zur Entwicklung. Innerhalb gewisser Schranken repräsentieren die Cartcllc das geeignete (wenngleich nicht fehlerlose und unfehlbare) Mittel, den Unter nehmungen Fortdauer und Stetigkeit des Betriebes, mithin sowohl den Unternehmern (sammt ihrem Anhänge mitinteressiertcr Geldgeber), als auch den Arbeitern ihre Existenz und sociale Stellung zu sichern. In ihrer Mehrheit sind die Kartelle (l’ools, Syndicats, Trades unions of the employers) Verbände von Unternehmern (bisherigen Concurrcntcn) desselben Staats- oder Zollgebietes, seltener haben sic internationalen Charakter. Indem sie gemeinschaftlich Bestellnngen übernehmen, auf die zugehörigen Etablissements nach deren Leistungsfähigkeit vertheilen »iw ebenso den Geschäftsgeivinn repartieren, verhindern sic thnnlichst das Sinken der Preise unter die Grenze, bei der sich die Production noch lohnt, verhindern sie den Ruin der schwächeren Unternchmcr, die den Arbeitern verderbliche Einstellung oder sprungweise Reduction des Betriebes. Tie Anzahl der Cartelle hat (namentlich im Bergbau- und Hüttenbetricb, in der metallurgischen und chemischen Industrie) mit reißender Schnelligkeit zngcnoinnicn, so dass es z. B. in Deutschland, wo sie vor 20 Jahren so gut ivie unbekannt waren, 1890 ungefähr >20 Kartelle gab. Einzelne Cartelle, insonderheit amerikanische Trusts (z. B. der 1878 gebildete Silber-Trust, der im Jahre >882 gegründete Standard Oil Trust) verfolgen nicht so sehr den Zweck, die Production zu regeln, als den, die außerhalb stehenden Concnrrentcn zugrunde zu richten und dann dem nationalen oder internationalen Markte Monopol preise zu dicticren. Tiefe Wsicht konnte schon wegen des Eingreifens der Staatsgewalt noch in keinem Fall auf längere Zeit erreicht werden, wie denn überhaupt die Kartelle das Sinken »nd Steigen der fiir den Groswerkehr maßgebenden Weltpreise wohl zu beeinstnsscn, aber nicht willkürlich zn beherrschen imstande sind. Die monopolistischen Trusts berühren sich mit den sogenannten Ringen, vorübergehenden nationalen oder internationalen Koalitionen von Unternehmern, die, nach Art der Anfkanfsgesellschasten des 16. Jahrhunderts, irgend eine Ware zu monopolisieren trachte», nt» deren Preis nach Gutdünken in die Höhe treiben zn können. Solche rasch vergängliche Gebilde waren z. B. der internationale Knpfcrring von 1888—1889 oder der österreichisch- ungarische Maisring von 1890. Besser ist es einzelnen capitalkräftigen Häusern ge lungen, bestimmte, relativ seltene Artikel ihrer Alleinherrschaft zn »ntcrwcrfen. So hat das Hans Rothschild das Ouccksilbcrmonopol in Händen. <¦) In der Mitte zwischen privaten und öffentlichen Einrichtungen stehen die Gewerbcknmmern oder Handels- und Gcwcrbckammcrn, d. h. aus freier Wahl hervorgegangene, aber mit obrigkeitlichen (administrativen) Befugnissen ausgestattete Korporationen zur Vertretung der Interessen des Gewerbestandes oder Gewerbe- und Handelsstandes eines bestimmten Bezirkes gegenüber den gesetzgebenden und ver waltenden Organen des Staates. Cartelle. Trusts. Ringe. (bewerbe kümmern.272 IV. Abschnitt. Das panoeeanische Transcontinental-Zeitalter. Gewerbe . Für sich bestehende Gewcrbckammern gibt es im Deutschen Reich und auch Handels- und hg mir j„ den Hansestädten, in Leipzig und Weimar; außerdem noch in Frankreich Wirtschafte- (Qhambres consultatives des arts et manufactures). Handels- und Gewerbe- rammern. ^ ^ kammern (mit gemeinsamem Bureau, hie und da auch mit Lcparatvcriammlnngen der Handels- und der Gewcrbeabtheilung) bestehen in Österreich-Ungarn (34), in mehreren deutschen Staaten, England, Italien, Holland; bloße Handelskammern, die das Gewerbe mit vertreten, existieren in Frankreich, Spanien und Rumänien. In vielen Staaten sind dergleichen Körperschaften nicht vorhanden (Schweiz, Belgien, Schweden- Norwegen, Russland, Dänemark). Den umfassendsten Plan besitzen die 1884 in Preußen eingerichteten, aber mittlerweile wieder verschwundenen Gcwerbckammern (besser „Wirtschaftskammern"), mit vier Sectionen, einer landwirtschaftlichen, kleingcwcrblichen, großindnstricllen und commcrzicllen. Eiitsiehuiig. Die älteste Handelskammer ist in Marseille zu Colberts Zeit aus einem Großhändler-Gremium hcrvorgegangen (1650). In Frankreich wurden auch die ersten Gewerbekainmern errichtet (1803). Anderswo stammen diese Institutionen, wenigstens in ihrer gegenwärtigen Gestalt, ans der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, es wäre denn, dass sie noch unter Napoleonischcr Herrschaft cingeführt worden sind. Wo immer Gc- itlage» über ,verbc- oder Handelskammern errichtet wurden, war bald die Klage vernehmbar, dass den grotzcapl- sjx nuv öic Interessen der Großindustrie und des Großhandels gefördert würden CharaNer^dcr a »T Kosten des Kleingewerbes und des Detailhandels. Selbst wo man, wie in Östcr- jtnmmcrn. reich, die Handels- und Gewerbekammern aus Rücksicht für das Kleingewerbe reorgani siert hat (1884), dauern die Klagen fort. In Deutschland und Österreich verlangen die betheiligten Kreise Trennung der Gewerbe- von den Handelskammern oder ge trennte Handwerkerkammern. Allenthalben befreundet man sich mit dem Ge danken. in die Kammern nicht nur die Vertreter der Arbeitgeber, sondern auch die des Arbeiterstandes nnszunchmen. In Österreich besteht mehr ans politischen, als aus ökonomischen Gründen eine lebhafte Agitation für gesonderte Arbeitcrknmmern. Groß- und ü. Das Kleingewerbe. Zweifellos hat im Laufe des 19. Jahrhunderts, be- Kleinbctrieb. sonders in der 2. Hälfte desselben, der Großbetrieb den Kleinbetrieb, die Maschine das Werkzeug, das Fabriksetablissemcnt die Werkstatt, die gemüthslose In dustrie das patriarchalisch-familienhafte Handwerk aus vielen Gewerbszweigcn gänzlich oder bis auf spärliche Reste verdrängt, in anderen schwer beeinträchtigt. Der declassierte Handwerker ist entweder zum Heim- oder zum Fabriksarbeiter, ja oft zum bloßen Handlanger oder Maschinenwärter herabgedrückt worden. Trotzdem hat sich in mehreren Branchen das Kleingewerbe so weit erhalten, dass seine Fortexistcnz bei einiger Selbstthätigkeit und einiger Nachhilfe vonseiten des Staates als in absehbarer Zeit gesichert gelten kann. Reservcgcbicl Der Großbetrieb hat dem Kleinbetrieb vor allem die kleineren Städte, die des jilem- g( cc f cn nnö Dörfer nicht zu entreißen vermocht; selbst in den großen Städten existieren manche handwerksmäßige Kleinbetriebe neben den Großbetrieben fort, namentlich ver möge des begnemen Detailhandels im eigenen, gemeinschaftlichen oder ftemden Gasscn- laden. Dem Kleinbetrieb sind die Reparatur-, großentheils auch die Nahrungs-, Be- kleidungs-, Reinigungs- und Baugewerbe, die Tischlerei, Schlosserei, Klempnerei, Sattlerei geblieben — überhaupt alle Hantierungen, bei denen es auf die Befriedigung eines individuellen Bedürfnisses oder auf die Geltendmachung eines besonderen Talentes (Kunst, Kunstgewerbe) ankommt.8. Kapitel. Tie britisch-amerikanische Periode (1815—x). 273 In Deutschland gehörten 1882 (dem Jahre der letzten statistischen Berufs- Relative zählung) noch 61 Procent aller im eigentlichen Gewerbe beschäftigten Personen und 97 Procent aller selbständigen Unternehnningen dem Kleinbetriebe an. Von dem 6etricbe g industriell hoch entwickelten Deutschland kann man einen Rückschluss auf andere minder entwickelte Länder ziehen. Sieht man von England und den nordamerikani- schon Vereinsstaaten ab, so ist heute der Bestand des Kleingewerbes dem der Groß- industrie noch allerorten überlegen. Die misslichen Zustände, an denen die klein- gewerbsarmen Länder leiden, sind erst recht ein Ansporn für die Socialpolitik, den noch lebensfähigen Handwerken im Kampf um ihre Selbständigkeit beizuspringen. a) Von grosser Wichtigkeit für den Daseinskampf des Kleingewerbes gegen den Erwerb«- und Großbetrieb sind die auf Selbsthilfe beruhenden Erwerbs- und Wirtschafts- '^nichaft«- genosse»schäften. Sie bezwecken, dein kleinen Manne die ökonomisch-technischen Vortheile der Großindustrie durch gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb zu verschaffen. Es gibt solche Genossenschaften für die Landwirtschaft und für das Gewerbe. Auf die Bedürfnisse des Kleingewerbes sind namentlich die Kredit- (Vorschuss-), RohstoffS- und Magazinsgenossenschaften berechnet. Den Prodnctivgenossenschaften haben die Arbeiter ein stärkeres Interesse entgegengebracht, als die Handwerker. Von den Konsumvereinen und Baugenossenschaften kann behauptet werden, dass sie für alle Gesellschastsclassen Wert besitzen. Die Abarten der Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften sind nicht in allen deren E»i- Knltnrstaaten zu gleichmäßiger Entwicklung gelangt. In England, dein Mutterlande 111 des Genossenschaftswesens, überwiegen die Konsumvereine und die Baugenossenschaften "Ludern (Building Soeieties); ebenso in den außereuropäischen Ländern englischer Zunge. Den Productivgenossenschaften hat man in Frankreich die unverdrossenste Pflege gewidmet. Deutschland, Österreich, Italien sind die Länder der Borschusscaffen oder Kreditgenossen schaften! hier überwiegt auch der kleingewerbliche Standpunkt, während in Westeuropa das Genossenschaftswesen im Dienst einer den Arbeitern günstigen Regelung des Productions- und Konsumtionsprocesses steht. Ein ganz und gar ursprüngliches, durchaus nationales Gebilde sind die russischen Artelle, deren Geschichte sich bis in die Mongolenzeit zurückverfolgen lässt. Die Geschichte des modernen Genossenschaftswesens beginnt in England und England. Frankreich mit den Anregungen, die den Kreisen der socialistischen Schwärmer aus der dchnle Rob. Owens und St. Simons entstammten. In England nahmen dann die christlich gesinnten Reformer (Maurice, Lndlow, Reale) den Associationsgedanken >» Pflege. Doch gab ein praktischer Versuch den Ansschlag; der Ruhm des ersten Wagnisses gebürt einem Häuflein armer Flanellweber zu Rochdale. Die „Pionniere von Die Pionnicre Rochdale" (Rochdale cquitable pioncers) gründeten 1844 denjenigen Konsumverein, dessen ttim Rochdale. Principien (der „Rochdaler Plan") in der ganzen Welt zur Annahme gelangt sind: ^iufauf im großen, Verkauf im kleinen, nur gegen bar, zu Marktpreisen, Vertheilung ^rs Geschäftsgewinnes an die Mitglieder nach Maßgabe der Einkäufe ». s. w. Das Rochdaler System hat in den Sechziger-Jahren seinen Abschluss erhalten durch Gründung Uou Prodnctivgenossenschaften (eigentlich bloßen Fabriken) ans den Vereinsmitteln und bau Großeinkaufsstellen (in Manchester mib Glasgow). Neben den Konsumvereinen "och dem Rochdaler Plan gibt es auch andere, die so billig als möglich verkaufe» und Re Überschüsse an die Geschäftstheilhaber repartieren (Kivil-Service-Plan). Die von den Petaillisten und einzelnen Kategorien des Kleingewerbes ausgehende „Anti-Konsnmverein- Mayr, vchrliuch der Haiidelbgeschichle. lg274 IV. Abschnitt. Das pauoccniüfclic Transcontincntal-Zcitalter. Frankreich ». die Prodncilv- geuossen- schaflcn. Tcmschea Genosse»- schaftawest» Genossen schaftSrecln. Der Rnf nach Slaatehilse. Bewegung" hat in Deutschland wenigstens den Erfolg gehabt, dass den Vereinen der Verkauf an Nichtinitgliedcr untersagt worden ist. Die französische Idee der Product!vgenosscnschastcn ist vor 1848 naiWit- lich von Buche; und Louis Blanc weiter ansgebildet worden. Während des Revo- lutionsjahrcs bewilligte die französische Regierung einen Credit von 3 Millionen Francs zur Errichtung solcher Genossenschaften, die als Heilmittel aller wirtschaftlichen Gebrechen gepriesen wurden. Von den damals gegründeten Genossenschaften (circa 60) sollen heute noch etwa 5 bestehen. In den Fünfziger-Jahren verhielt sich die Regierung feindselig gegen die revolutionären Gebilde. Erst als in den Sechziger-Jahren eine arbciter- frenndliche Strömung in den Tuilerien ihren Einzug hielt, gab man zu, dass mittelst Creditvereinen wieder Prodnctivgenossenschastcn ins Leben gerufen würden. Was 1870 noch vorhanden war, fegte der deutsch-französische Krieg hinweg. Erst in den Achtziger- Jahren ist man im republikanischen Frankreich wieder ans die Prodnctiv-Associationcn znrückgekonnncn, hauptsächlich im Interesse des Kleingewerbes. Auch außerhalb Frank reichs haben die Productivgenossenschaften nicht recht Wurzel fassen können. Nach kurzem Bestände sind sie eingegangen oder haben sich in Actiengesellschaften capitali stischcr Tendenz unigebildet. Der Ruf nach freien Genossenschaften (Handwerkerbanken) ivurde in Deutsch land zuerst während der Achtundvierziger-Revolution vernehmbar. Die Begründung des deutschen, nach allen Ländern der Welt verpflanzten Genossenschaftswesens ist jeöoch ans die Initiative Hermann Schnlzcs, PatrinionialrichterS in Delitzsch (daher Schulze-Delitzsch genannt), zurkickzuführen. 184!» gründete er in seinem Wohnort eine Kranken- und Sterbegeldeasse, ferner eine Rohstoffgenossenschaft für Tischler und eine für Schuhmacher, 1850 den ersten Vorschussverei». Der letztgenannte Typus erwies sich als der lebensfähigste, wogegen Rohstoffvereinc nur mäßig, Magazins- gcnossenschaften so gut wie gar nicht gedeihen wollen. Schulze-Delitzsch verwirft mit crasser Einseitigkeit jedwede Inanspruchnahme staatlicher Hilfe, während seine Schütz linge nicht viel Vertrauen ans die Selbsthilfe haben. Auf dem Gebiete des landwirt schaftlichen Eredits bekämpfen sich heute das Schnlzc'schc und das ebenso alte, doch erst später verbreitete Raiffcisen'sche System, welches für die kleinbäuerlichen Verhältnisse das geeignetere zu sein scheint und auch von einzelnen Regierungen be günstigt wird. In mehreren Staaten existieren besondere Normativbestimmnngcn über Erwerbs- und Wirtschaftsgcnosscnschaftcn (Österreich 1873, Großbritannien 1876, Deutsches Reich 188g). Übrigens suchen sich die Genossenschaften durch nationale — das nationale Motiv ist von Schulze-Delitzsch besonders heroorgehoben ivorden — und internationale Verbände zu kräftigen. 1>) Der Handwerkerstand erwartet die Rettung seiner Zukunft nicht von der Selbst-, sondern von der Staatshilfc, von der politischen Action überhaupt. Dies zeigt sich gerade dort, wo er noch am kräftigsten dem modernen Zersetzungsprocesse stand- gehalten hat und seine Stimme vernehmbar machen kann: in Deutschland und Österreich. Handwerker Jni Jahre 1848 trat, nach langer Stille, der Handwerkerstand Deutschlands dcwcglinq IN , 0 i e bcr ans den Plan. Mit verschwindenden Ausnahmen erklärte er sich gegen die ^e,ns >and. Das Frankfurter Reichsparlamcnt, an das sich die Handwerkcrcongrcsse mittels Petitionen wendeten, konilte ihnen ivcgen eigener Hilflosigkeit nicht helfen. Dagegen erfüllte Friedrich Wilhelm IV. durch die Gewerbeordnung von 1849 einen großen Thcil8. Kapitel. Tie britisch-amerikanische Periode (181.5—x). 275 der zünftlerischen Wünsche des Handwerkerstandes. Als sich in den Fünsziger- nnd Sechziger-Jahren zugleich mit dem Freihandel die Gemerbefreiheit in den deutschen Staaten und in Österreich Bahn gebrochen hatte, bildete sich zur Wahrung der genossenschaft lichen Interessen (1873) der „Verein selbständiger Handwerker und Fabrikanten", der bis 1881 bestand nnd mehrere Kongresse abhielt. Unterdessen nahm sich die frei- eonservative Partei im deutschen Reichstag und das Bismarck'sche Regime des Hand werkerstandes an. Das Ergebnis bildeten die Novellen zur Gewerbeordnung (von 1881 bis 1887). Das darniederliegende Korporationswesen sollte durch faeultative Innungen wieder gehoben werden. Nicht besriedigt durch das Maß der Zugeständnisse, gründeten 1883 die Kleingewerbsleute Deutschlands den „Allgemeinen Deutschen Handwerkerbund", welcher alljährlich Kongresse abhält. Im Jahre 1884 entstand der „Kentralausschuss Vereinigter Jnnungsverbände" in Berlin, von dem die „Deutschen Jnnungstage" einbernfen werden. In jüngster Zeit haben sich beide Verbände zu einem alljährlichen „Deutschen Jnnüngs- nnd allgemeinen Handwerkertag" (1892 Berlin) vereinigt. Größere Zugeständnisse, als die deutsche, macht die österreichische Gewerbe- Lmndwcricr' gesetzgebnng der Achtziger-Jahre dem Handwerkerstande. Die Gesetze von 1883 und 1885 krc»»d>iche repräsentieren den Gipfelpunkt der einschlägigen Legislation überhaupt. Ihre wichtigsten Punkte sind: 1. die Reorganisation der obligatorischen Innung (Genossenschaft) mit Meister- nnd Gehilfenausschuss; 2. die Wiederherstellung des Befähigungsnachweises in den handiverksmäßigen Gewerben. e> In historischer und wirtschaftlich-technischer Hinsicht besteht eine Mittel- nnd rif Übergangsstufe zwischen Handwerker nnd Fabriksarbeiter: der hansindnstrielle l " k " ,tr ‘ e ' oder Heimarbeiter, dieser Frohnknecht seines Verlegers oder Factors, dieser Paria des Arbeiterstandes, dem jedes wirksame Mittel der Eigenhilfe fehlt, seine jämmerliche Lage zu verbessern., dem selbst die social-reformatorischen Gesetze der jüngsten Zeit wenig Erleichterung verschaffen konnten. Und doch beruhen in West- nnd Osteuropa, ja außerhalb des europäischen Gesittnngskreises große und weltberühmte Industrien (die französische, italienische, deutsche Seidenindustrie, die französische und belgische Spitzen- fabrieation, die Articles de Paris, die italienische Strohflechterei, die schweizerische Uhren- fabrieatio» re.) auf der Heimarbeit. Die hausindustriellen Arbeiter zählen auch heute noch nach Millionen. I» Mittel- nnd Westeuropa bildet die Heimarbeit seit dem 15. nnd 16. Jahr hundert das Übergüngsstadium zwischen dem zünftigen Kleinhändwerk und dem fabriks mäßigen Großbetrieb. Bei den Bekleidungsgewerben vollzieht sich dieser Übergang vor den Angen der Gegenwart. In Osteuropa hingegen (Russland, Skandinavien, Balkanstaaten, Ungarn) geht erst im Ul. Jahrhundert, mit Überspringnng der handiverker- lichen Stufe, die Hansindnstrie ans dem bäuerlichen, für de» eigenen Konsum und für den eigenen Wandervertrieb arbeitenden Haussleiß hervor. Was hält nun den Heimarbeiter fest nnd verhindert ihn, sein armseliges Los Kampf um mit dem besseren eines Fabriksarbeiters zu vertauschen? Derselbe Beweggrund, der i»c Scipst- anch den sinkenden Handwerker an seine Werkstatt sich anklammern lässt: der Drang und) Erhaltung der Selbständigkeit, der Widerwille gegen den Zwang der Fabrik- ordnnng, die Scheu vor den Zwingburgen der modernen Großindustrie, das Bewusstsein, wenigstens in Kleinigkeiten sein eigener Herr sein z» können. 'Es gibt eben Dinge, die and, der Ärmste höher schützt, als die Befriedigung des gesthäftlidien Eigennutzes.Tie Classe der Lohn arbeiter. Vereine »nd Wohlsahrlo- einrichtnnqcn. Tie Strikes. Vor und seil der Toali- tiondsreihcit. Zunahme der AuSstände. Gewerk vereine. 276 IV. Abschnitt. Das panoceänische Transcontinental-Zeitalter. 6. Tic Arbeiterschaft. Auch den Lohnarbeitern, zumal denen, die sich im Dienste der Großindustrie befinden, stehen Mittet der Selbsthilfe zugebotc; außerdem ist die Gesetzgebung und Verwaltung aller Culturstaaten, namentlich in den letzten zwanzig Jahren, bemüht, den gerechtfertigten Wünschen der Arbciterbcvölkcrung cnt- gegcnzukommcn, den Umsturztendenzen die Nahrung zu entziehen und den socialen Zukunstsfrieden vorzubereiten. Abgesehen von der Theilnahmc an den Erwerbs- und Wirtschaftsgcnosscnschastcn, unter denen die Consumvercine (nebst Arbciterspeiseanstalten) und Baugenossenschaften den arbeitenden Classen bessere Dienste geleistet haben, als die von den socialistischcn Theoretikern überschätzten Prodnctivgenosscnschaften, steht den Arbeitern das Vercins- wcsen (Arbciterbildungsvereinc, Hilfs-, Versicherungs-, Pcnsionscassen, Arbeitcrspnrcasscn, Arbeitsbureaux) :c. zur Disposition. Keineswegs gering zu achten sind die freiwilligen Wohlfahrtseinrichtungen humaner Fabriksherren (Arbeitcrwohnungen, Schulen, Unter haltungsräume, Lesezimmer, Badeanstalten u. dgl.). a) Das Verhältnis zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern hat sich nun aber einmal zu einem langwierigen Krieg ausgestaltet, und im Krieg sind die wirksanistcn auch die beliebtesten Kampfmittel. Ein solches haben die Arbeiter an der Arbeits einstellung (dem Streik oder Ausstande), ein Mittel, das auch dienen muss, ihren politischen Forderungen Nachdruck zu geben. Die Arbeitseinstellungen sind ein altes Erbstück aus der Verfallszeit des Zunft wesens und haben ebenso wie die Verrnfserklärnngen (BoycottS) durch Jahrhunderte den Handwerksgchilfen im Kampf gegen die Kleinmeister gedient. Seit sich das Fabriks- jystem ansgebildct »nd das Standcsbewusstscin der Arbeiter mehr und mehr entwickelt hat, sind Strikes und BoycottS immer häufiger, immer bedenklicher geworden. In der Geschichte der Strikes lassen sich zwei Hauptepochen unterscheiden: die Zeit vor der Bewilligung des Coalitionsrechtes, in welcher die Ausstände bestraft und mit Gewalt unterdrückt wurden, und in die Zeit nach Aufhebung der Coalitionsverbote, seit welcher die Ansstände nur dann den Behörden Anlass zum Einschreiten geben, wenn sic mit Ercessen oder Gewaltthätigkciten gegen die nicht sinkenden Arbeiter ver bunden sind. Die großen socialistischcn Parteien, die ehemalige Internationale und die jetzige Socialdcmokratie, begünstigen die Ausstände principiell nicht, aber dulden und verwenden sie als Einschüchterungsmittel gegenüber der Bourgeoisie. Entschieden haben in allen Cnlturländern die Arbeitseinstellungen seit der Streik- freiheit an Häufigkeit zugenommen; auch ist die Tendenz bemerkbar, die localen zu nationalen, ja internationalen Ansständen zu erweitern. Allein dies hängt auch mit den heftigen Schwankungen, den ProductionS- »nd Absatzkrisen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zusammen. Die Strikes mehren sich in den Jahren ungewöhnlich erhöhter Production und ungewöhnlicher Geschäftsdepression, führen in jenen meist zu Erfolgen, in diesen nicht. Gewerkvereinc und Einigungsämter leisten seit etwa zwei Jahrzehnte» gute Dienste, drohenden Ausständen vorzubengen. Ein Novum in der Streikgeschichtc ist die Berniittlungsthätigkcit des englischen Ministeriums in dem kolossalen Kohlenstreik des Jahres 1893 — eine Illustration der Stellung, die dem Staate in der socialen Frage zukommt. t>) Das Ausstandwcse» hat überall einen rationelleren Charakter angenommen, wo eS den Arbeitern gelungen ist, sich in Gewerkvereinc» (Gewerkschaften, Fach vereinen, Syndicalcn, Trades-Unions) zu constitniercn. Diese Verbände der Arbeiter eines und desselben Gewerbes (womöglich an allen Orten des gleichen Landes) haben8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 277 den Zweck, den Wettbewerb der Arbeiter unter einander zn beseitigen und deren Inter essen gegen die Arbeitgeber, insonderheit die Koalitionen der Arbeitgeber gemeinschaft lich geltend zu machen. Sie haben sich als das förderlichste Mittel der Eigenhilfe, ja als die beste Bürgschaft für das gcschliche Verhalten der Arbeiter erwiesen. Tie Geschichte der Gewerkvereinc hängt gleichfalls mit dem Bestehen und dem Großbriw»- Aufhörcn des Coalitionsverboles in de» Einzelstaaten zusammen. Am frühesten und vollkommensten haben sic sich in Großbritannien und in den britischen Colonicn, zumal in Australien, entwickelt. Hier haben auch die zweischneidigen Mittel deS vereine. Kampfes zwischen Unternehmer- und Arbeiterverbänden die Entstehung eines organisierten SchiedS- und Einigungsverfahrens herbeigcführt. Ms im 18. Jahrhundert die englische Haus- und Fabriksindnstrie hcranwnchs, Tie ge» dev kam die Festsetzung der Löhne durch die Friedensrichter und Stadtobrigkeiten, wie sie in der Elisabethinischen Lehrlingsordnung vorgeschriebe» war, außer Übung. Um dem ' Hcrabdrücken der Löhne cntgegcnzuwirken, gründeten die Arbeiter entweder neue Vereine, oder sie accommodicrtcn die seit alters bestehenden Gesellenverbände den neuen Verhält nissen. Dem setzten die Behörden unter dem Einfluss der Arbeitgeber Coalitionsverbote entgegen: ja zuletzt gicng ein Gesetz durch (1800), „das alle Verabredungen, Versamm lungen und Vereine zum Zwecke, eine Lohnaufbesserung hcrbeizuführen, mit Zuchthaus strafe bedrohte". Unter dem Scheine von Kranken- und Begräbniscassen bildeten sich trotzdem neue Vereine. Aber umsonst. Durch die Aufhebung der Lehrlingsacte (1814) wurde die ganze alte Rechtsordnung, die den arbeitenden Elasten Schutz gewährt hatte, beseitigt. In der neu nnbrechenden Epoche absolutester Rechtlosigkeit und maßlosester Unterdrückung brachten die Arbeiter jene bernfsgenosscnschaftlichen Vereine zur Aus bildung, die 'Ir-cäv-Unloiis, durch die sic die Ungleichheit in der Macht der Arbeitnehmer und Arbeitgeber beim Abschluss des Arbeitsvertrages wcttzumachen strebten. Allein die Behörden, welche die Eoalitionen der Arbeitgeber duldeten, behandelten die sich vereinigenden Arbeiter wie Verschwörer. Nun brachte der Abgeordnete Moore (1823) den Antrag ans Abschaffung der Coalitionsverbote ei»! durch die Bills Joseph Humes (1824) und William HuskiffonS (1825) wurde zwar die CoalitionSfreiheit anerkannt, allein dermaßen eingeschränkt, dass sich die Gewerkvereinc nur als locale Unterstützungs- vercinc brotloser Genossen constitnieren und durch Zweigvereine ansbreiten konnten. Der erste Gewerkverein, der sich durch Verschmelzung vieler localer Vereine zu einem Aenc Ära der Verbände der überwiegenden Mehrzahl von Arbeitern desselben Faches auSwuchs, war die Vereinigte Gesellschaft der Maschincnbancr (1851), deren Verzweigungen sich nach Eanada, Australien, dem Orient, der Union rc. erstrecken. Seitdem haben sich die meisten englischen Gewerbe nach dem Vorbilde der Maschinenbauer gewerk schaftlich organisiert; doch konnten sie erst in den Sechziger-Jahren sympathische Zu stimmung bei den Christlich-Socialen und dann in immer weiteren Kreisen finden. Durch die Trade-Union-Act »o» 1871 erhielten die bisher nur geduldeten Gewerkvereinc gesetzliche Anerkennung; sie bilden seitdem ein respektiertes „Glied der bestehenden Gesellschaftsorganisation". Den ursprünglich nur ans gelernten männlichen Arbeitern bestehenden Vereinen haben sich neuestens auch Gewerkschaften von Arbeiterinnen und ungelernte» Arbeitern bcigesellt. Die nationalen Gewerkvereinc halten regelmäßige Kongresse (seit 1868) ab und knüpfen mit ausländischen Genossenschaften internationale. Beziehungen an. Die contincntalc Arbeiterschaft hat sich erheblich später in Associationen nach Dnujche cvc- Art der englischen Gewerkvereinc zusammengcsellt. In Deutschland haben die der u>vrvcr«ns.278 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontincntal-Zeitalter. Fortschrittspartei angehörigen Abgeordneten, Max Hirsch und Franz Dnnckcr, zuerst die Bildung von Gewerkvereinen angeregt (1869), an deren Spitjc der „Centralrath des Verbandes deutscher Gewerkvereine" steht. Gegenwärtig zahlen die Hirsch-Duncker'schen Gewerkvereinc über 60.000 Mitglieder, haben aber bei der Gegnerschaft der radicaleren Verbände einen schwierigen Stand. Zur selben Zeit, wie Hirsch und Dnnckcr, griffen auch die Anhänger Lassalles, Schweitzer und Fritzsche, die Gewerkvereinsidee aus. Die Reste des von ihnen begründeten Allgemeinen Arbeiter-Unterstütznngsverbandes gierigen in den SiebeNzigcr-Jahrcn zu den Marxisten über, welche ihrerseits ivicdcr „internationale Geiverksgenossenschaften" ins Dasein gerufen hatten. Das Svcialistengesetz vom Jahre 1878 führte die Auflösung der Gewerkvereinc herbei. Solange dieses Ausnahmsgesetz in Geltung stand (1878—1890), wurden nur unpolitische Fachvereine geduldet, die von der 1887 gebildeten „Gcneralcommission der Gewerkschaften Deutschlands" geleitet werden. Auch in Deutschland streben die Gewerkschaften internationalen Vereinbarungen zu, ivic sie für Streike bei den Arbeitern mehrerer Branchen schon existieren. Seit dem Erlöschen des Socialistengesctzes (1890) sind die deutschen Gewerkvereinc, ausgenonnnen die Hihsch-Duncker'schen, der Socialdemokratie verfallen. Tie Anzahl der gewerkschaftlich verbundenen Arbeiter Deutschlands dürfte sich gegenwärtig ans 5—600.000, also kaum den zehnten Thcil der Arbeiterschaft, belaufen. Zurückbleiben Noch weniger ist bisher das Gewcrkschaftswesen in Österreich-Ungarn in Österreich, ^ Entwicklung gelangt. Bald nachdem das Coalitionsverbot aufgehoben Wörden war (1870), entstanden in den Siebenzigcr-Jahren die ersten Gewerkvereinc, deren Gedeihen durch behördliche Ungunst und infolge der anarchistischen Umtriebe der Jahre 1882/84 ins Stocken gerietst. Seit einigen Jahren verlegt sich die socialdemo kratische Parteiführcrschaft (Victor Adler) ans die Organisation von Gewerkvereincn. Trotzdem sind sic, wie die Gewerkschaftscongresse zeigen, noch immer schwach. Bon den 350.000 Arbeitern Wiens sind gegenwärtig nur 20.000 gewerkschaftlich organisiert. Seit 185) 1 liegt dem Parlament ein Gesetzentwurf der Regierung vor, welcher die Berufsorganisation der Großindustrie (nach Analogie des Kleingewerbes) zum Zwecke hat und die Gewerkvereinc sowohl, als auch die Arbeitgeberverbände zu dauernden obligatorischen Einrichtungen ausgestaltcn will. Damit würde nicht bloß für Österreich das Gewerkvereinswesen in eine neue Phase treten, in den vonia In den romanischen Ländern liegen die Gewerkverveinc noch immer darnieder. Lünbern dlnr in Frankreich haben sich die seit 1867 geduldeten, seit 1884 gestatteten Fach- 1 verbände (Syndicats) einen Platz innerhalb der lange missgünstig gesinnten Arbeiter schaft erkämpft. JhtieitcrtuT In den Vereinigten Staaten von Nordamerika und in Canada i& Union ^ erfolgen die Gewerkvereinc nicht bloß wirtschaftliche, sondern auch politische Zwecke. Seit 1886 bilden sie einen das ganze Gemerkschaftsmesen der Union centralisierenden Bund: die American Federation of Labour, welche eine rührige Agitatioil für den Achtstundentag und die Maiausstände entfaltet. Ten mächtigsten Verband ameri- T>e urngdts kanischcr Arbeiter bilden die Ritter der Arbeit (Knights of Labour). Ursprünglich of labour. (^ 09 ) a ß @ e i) e j )u b un b non dem Schneider Uriah Stevens gegründet, hat dieser Arbeiterordcn in den Achtziger-Jahren seinen Übergang zur Öffentlichkeit vollzogen. Er umfasst gelernte und ungelernte Arbeiter aller Bernfszwcige, aller Confessionen, Nationen, Geschlechter und Rassen. Tie Anzahl seiner Mitglieder beläuft sich ans V 3 Million.8. Eapitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 279 Euiigungs- ämter. Gewerbe gerichte. Ohne ein bestimmtes socialistischeS Programm tritt der Orden überall ein, wo es die Förderung nnd Hebung des LohttarbeiterstandeS gilt. Wie England die Heimat der Gewerkvereinc, so ist es auch die der Einignngs- amtcr, für die übrigens in der Zunstzeit ebenfalls schon Analogien vorhanden sind. Die modernen, den Verhältnissen der Großindustrie angepassten Einignngsämtcr lassen sich auf zwei coucrete Versuche zurückführen, den Frieden zwischen Arbeitgebern nnd Arbeitnehmern herzustellen: der eine erfolgte unter Vermittlung des Parlaments- mitgliedcs Mündella in der Wirkerei zu Nvttigham (1860), der andere unter Ver- inittlnng dcS Grasschaftsrichters Kettle im Baugewerbe zu Wolverhampton (1863). Durch ein Gesetz vom Jahre 1872 sind die Einignngsämtcr nach dem System Kettle (Anwendung von Zwang, um die Entscheidungen der Ämter durchznsühren) eine staatlich anerkannte Institution geworden. Im Deutschen Reich fungieren die Gewerbegerichte eventuell auch als Einigungsämter. Specifisch deutsch sind die Arbeiterausschüsse (Vertretungen von Arbeitern eines Etablissements, „mit denen der Unternehmer sich über gewisse Punkte der Arbeitsordnung zu berathen pflegt"). Österreich hat keine Einigungsämter, doch Gewerbegerichte, die, ungeachtet sic seit 1869 bestehen, keine erhebliche Wirksamkeit entfaltet haben. Die kleingewerblichen Genossenschaften haben in Österreich und Ungarn ihre besonderen schiedsrichterlichen Institutionen. Die Gewerbegerichte selbst sind französischen Ursprungs — Conseils de prud’homtnes genannt — und entstammen der Epoche des ersten Kaiserreichs (1806). (st Langsam und schrittweise hat sich der moderne Rechtsstaat seiner socialen Die Arde'a er Schuldigkeit gegen die arbeitenden Elasten entledigt. So ist denn, trotz hartnäckigen be I^ t CtI,tä * Widerstreben-- der individualistischen Doctrinäre und der Unternehmer, eine Reihe von Arbeite r schütz gesehen zu Stande gekomiuen, die in einzelnen Staaten bereits codificiert worden sind. Hierdurch ist zahlreichen gerechten Beschwerden, die den staats feindlichen Arbeitcrsecten Anlass boten, die bestehende Rechts- und Wirtschaftsordnung zu verdammen, der Boden entzogen worden. Auch hinsichtlich des Arbeiterschutzes hat England historisch den Vortritt. Englische Coucrete Übelstände gaben in dem Ursprungslande des Individualismus und der Fabriksindustrie Anlass zu gesetzgeberischem Einschreiten gegen die Folgen, „welche der der naturwüchsigen Ausgestaltung überlassene industrielle Productionsprocess dem Lande zu bereiten imstande ist, wo er sich uneingeschränkt zu entfalten vermag". Das älteste Gesetz stammt schon vom Jahre 1802 und bezweckt den Schutz der an die Baumwollspinnereien verhandelten Kinder (Kirchspielslehrlinge) oder eigentlich den der Erwachsenen, die durch deren Hinstcrben infolge von Seuchen bedroht waren. Zwei Menschcnalter bedurfte es, bis die Schutzgesetzgebuug alle Kategorien gewerblicher Anstalten nnd außer den Kindern auch jugendliche Arbeiter und Frauen in ihre Kreise einbezog. Den erwachsenen Männern bieten die englischen Gesetze nur Schutz gegen vermeidliche Bedrohungen der Gesundheit und des Lebens, sowie gegen das Trucksystem. Die englische Fabriksgcsetzgcbung des ganzen Jahrhunderts ist in dein Gesetze von 1878 (9>e factory and workshop act) zusammengefasst. Eine über den Rahmen der englischen Fabriksgesetze hinausgehende Schutzgesetz- tzebung haben derzeit die Schweiz (Bundesgesetz von 1877), Österreich (1885) — imt Verbot der Arbeit von Kindern unter 14 Jahren, mit dem Elsstnndcntag und der Fabriksinspection — und seit 1891 das Deutsche Reich. In den übrigen Staaten vristiert kein zusammenfassendes Arbeiterschntzgesctz, wiewohl eine Fülle specieller Rormeu. Tcr Continent.280 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitalter. Teutsche Ardcilcr- schutzgcsch- gebimg. Ter „neue Curs". Jnter- naiionale Arbeitcrschutz- Conscren;. Arbeiter- Versicherung. Unfall- und Kranken versicherung in Österreich. Partei bildung. Gleich dem liberalen österreichischen Geiverbegesetz von 1859, enthielt auch die deutsche Gewerbeordnung von 1809 keine wirksamen Schutzbestimmungen. Das erste Gesetz der neuen socialpolitischen Ära, das Gewerbegesetz von 1878, führte wenigstens die obligatorische Arbeitsiirspcction ein. Bismarck, der sich mit höchstem Eifer für das Zustandekommen der Arbciterversichcrung einsctzte, stellte allen Bemühungen, die Schutzgcsetzgcbung weiter zu führen. Widerstand entgegen. Es war eine Hauptursache seines Sturzes (1890)- Der junge Kaiser Wilhelm II., erfüllt von der socialen Mission des preußischen Herrscherhauses, trug dann Sorge, dass der neue Entwlirs eines Reichsgesetzes über den Arbeitcrschuh nicht wieder scheiterte (Gesetz von 1891), unb ergriff auch die Initiative zu einem weitaussehenden Schritt. Die Schweiz hatte nämlich schon 1881 den Gedanken einer internationalen Regelung des Arbeiterschutzes lanciert. Wilhelm II. bewirkte, dass die betreffende internationale Conferenz nicht in Bern, sondern in Berlin (1890) abgehalten wurde, wo die Delegierten zwar über eine Reihe von Punkten Übereinstimmung erzielen, aber keine bindenden Beschlüsse fassen konnten. Eine Arbeiterversichcrnng (im Sinne einer allgemeinen obligatorischen Ver sicherung der Lohnarbeiter für den Fall der Erwerbsunfähigkeit) existiert bisher bloß im Deutschen Reich und in Österreich, und auch da erst seit den letzten Achtziger Fahren. Bis dahin bestand in diesen Ländern, sowie dies im übrigen Europa und in Amerika noch heute der Fall ist, die Versichernngsfrcihcit zu Recht: das Hilfscassen- wesen, wie es vorzüglich in England durch die Friendly Soeieties und die Arbeiter orden organisiert ist. Nur das Reichshilfscnsscngesctz von 10*71 enthielt die Bestimmung, dass cs den communalcn Obrigkeiten srcistehc, für ihren Bezirk den zwangsweisen Beitritt der Arbeiter zu den localen Hilfscassen anzuordnen. Easseuzwaug bestand außerdem bei den Knappschaftscnssen (Brudcrladen) Deutschlands und Österreichs. Bereits 1881, unter dem unmittelbaren Eindruck der Botschaft Wilhelms I., in der die Staatsgewalt sich für verpflichtet erklärte, die Heilung der socialen Schäden durch positive Maßregeln anzubahncn, wurde dem Reichstag der Entwurf eines Unfall versicherungsgesetzes vorgelegt. Doch kam zuerst das Gesetz über Kranken versicherung zur Erledigung (1888), dem 1884 das Unfallgesctz folgte. Den vor läufigen Abschluss hat das Riesenwerk — cs handelt sich um 10—12 Millionen Ver- sicheruugspflichtiqer aus allen Arbeitssphärcn — durch die Alters- und Jnvaliditäts- Bersicherungsgesctzc von 1889 erhalten. An diesem Monumente der Bismarck'schen Socialpolitik hat der Staatsminister v. Bötticher den Hauptantheil. Bis zu den Höhen der Alters- und Fnvnliditätsvcrsichcrnng ist Österreich dem deutschen Vorbilde nicht nachgefolgt. Immerhin besitzt es an der Unfall- und Krankenversicherung (1887—1888) die Grundlagen zu einer weiteren Ausgestaltung des Principes. Eine Eigcuthümlichkcit bildet die territoriale (nicht gcsammtstaatlichc) Organisation der Arbeiterversichcrnng.. D. Die socialen Reformen der jüngsten Zeit sind nicht ohne Kampf ins Dasein getreten. Sie haben Freundschaft oder Feindschaft gefunden, je nach den Parteistand- punkten, die in den Parlamenten, in freien Vereinigungen oder im Publicum obwalten, je nach den Lchrmeinungen, die von der Rcdnerbühne, vom Katheder, von der Kanzel aus, in Büchern, Broschüren, Zeitschriften oder in der Tagesprcsse, mit gesetzlichen oder ungesetzlichen Mitteln, friedlich oder gewaltsam, um der Sache selbst willen oder aus Eigennutz verfochten werden.8. Capitel. Tie britisch-amerikanische Periode (1815—x). 281 Die socialen Parteien oder Parteirichtungen, die sich im öffentlichen Leben knndgeben, lassen sich aus drei Haupt- oder Urgattungcn reducicren: die rcformatorische (die Staatssocialisten, die Christlich-Socialen, die Liberal-Socialen), die conscrvativ-rcactionärc (die Manchester-Liberalen, die Zünftler, die Feudal- Agraricr), die radikale (Socialdemvkratcn, Anarchisten). Selbstverständlich hat im realen, nicht bloß geistigen Parteikampf der Radi- Die calismus die größte Rührigkeit entfaltet. Tie Radikalen sind die Pionniere der ’“ ciaIl ' ti ' t * ,e Interessen des vierten Standes. Um ihnen das Heft ans den Händen zu winden, ' haben sich die Regierungen rascher, als cs sonst der Fall gewesen wäre, zum Programm der maßvollen Socialreform bekehrt. Die erste große socialpolitische Action des vierten Standes im 19. Jahrhundert Der ist die englische Chartisten-Bewegung (Chartismus). Bald nach dein Sturze Dauismus. Napoleons war eine Krise ausgebrochcn, die tausende von Arbeitern brotlos machte. Es kam zu brutalen Ausschreitungen; geschickte Agitatoren (Cobbctt, Hunt) wussten jedoch der Bewegung ciir politisches Ziel zu weisen. Die Parole des allgemeinen Stimm rechtes wurde ansgegeben, als ja auch in den bürgerlichen Kreisen das Verlangen nach einer zeitgemäßen Wahlrcform obwaltete. Wie groß war aber die Enttäuschung der besitzlosen Classen, als ihnen in der endlich zustande gekommenen Wahlrcform von 1892 das allgemeine Stimmrecht nicht cingeräumt, ja ihnen jede Hoffnung, cs zu erlange», ausdrücklich benommen wurde! Nun suchten sie ihre politischen Forderungen, sei es wie immer, mit eigener Kraft dnrchzusetzen und formulierten sic in der Volks- Charte von 1837 (allgemeines Wahlrecht, geheime Abstimmung, Diäten, jährliche Parlamente). Unter den Chartisten zeigten sich alsbald zwei Richtungen: die Partei der physischen Gewalt unter der Führung des Irländers O'Connor und die der moralischen Propaganda unter O'Brien. In den Dreißiger- und Vierziger-Jahren kam cs wieder holt zu Aufläufen, Massenversammlungen, Petitionen und sonstigen Demonstrationen, die von den herrschenden Parteien siegreich znrückgewiesen wurden. Eine abermals erfolglose Massenpetition an das Parlament im Jahre 1848 war die letzte missglückte Kundgebung des Chartismus. Die Arbeiter Englands wendeten sich einer anderen Taktik zu — der gewerkschaftlichen Association und die herrschenden Classen hörten auf, der socialpolitischen Reform einen so unüberwindlichen Widerstand entgcgenzusetzen, wie bisher. Da gleichzeitig Einkommen und Lebenshaltung der Arbeiter im Steigen waren, so nahmen sic an der continentalen Socialbewegnng keinen hervorragenden Antheil. Erst in dem letzten Jahrzehnt hat der SocialiSmus auch in England Anhänger gewonnen, namentlich unter den jüngeren Gewerkvereinen der ungelernten Arbeiter. Die focialdemokratische Föderation arbeitet für die praktische, die Gesellschaft der Fabier für die theoretische Propaganda des Socialismus. In Frankreich, der Heimat des literarischen Socialismns und des socialen Der vrangchc Dilettantismus der Salons, wuchs der praktische Socialismus des vierten Standes aus de» politisch-radicalen Gehcimbündcn des Zeitalters der Restauration und des m " ll " 1 Juli-Königthnms hervor. Tic Arbeiterschaft betheiligte sich zwar an der Revolution uon 1830, aber ein Gcmcinbewnsstsein und eine überwiegend sociale Richtung erhielt der vierte Stand erst in den Dreißiger- und Vierziger-Jahren. In Paris und Lyon drachc» Arbeiteraufstände aus. Die socialistisch-communistischen Scctcn vermehrten uch I cs gab St. Simonisten, Babonvisten (nach Babeuf benannt), Fonricristcn, Cabctisten, Anhänger Buche;', Louis Blancs, Proudhons, Christlich-Sociale (Lamenais, Leroux) :c. August Blanqui sieng an, seine Taktik der Erneuten, Handstreiche, Attentate zu ent-282 IV. Abschnitt. Das panöceanische Transcontinental-Zeitalter. Tie Februar Otevolurian. -Watioiia U Werkstätten. Juni Tchlachl. Tao zweite Kaiserreich. Tie Commune. Ter deutsche Socialiomuo vor 1848. satten, derlclbe Mann, der wiederholt zum Tode vcrnrtheilt, viermal begnadigt ivurde und 37 Jahre seines Lebens im Gefängnisse zugebracht hat. Alle diese socialistischen Fractionen hatten einen hervorragenden Antheil an der Untcrminierung und dein endlichen Zusammensturz des Jnli-Königthuiils. Wie schon in den Julitagen von 1830, standen auch im Februar 1848 die Proletarier im Vordertreffen der Revolution. Die höchste Geivalt entglitt auch diesmal ihren Händen; inimerhin waren sie in der provi sorischen Regierung durch Louis Blanc und den Mcchanikcrgchilscn Albert vertreten. Auch ein Arbeiterparlament wurde einberufe», das ziemlich ergebnislos verlief. Da seit dem Ausbruche der Revolution Handel und Wandel stockten, musste für eine Beschäftigung der brotlos gewordenen Arbeiter Sorge getragen werden. Es »mvbeti die sogenannten Rationalwcrkstritten (ateliers nationaux) eingerichtet. Diejenigen, denen man Beschäftigung, meistens überflüssige Erdarbeitcn, zuwies, erhielten 2 Francs Taglohn, die anderen, für die man keine Arbeit hatte, ein Taggeld von l Franc. Die unerträgliche Belastung des Budgets und die sonstigen Unzukömmlichkeiten, welche mit dieser Organisation der Arbeit verbunden waren, bewogen die Regierung, in einem Decret die Auflösung der Nätioitaliverkstätten zu verfügen. Die Arbeiter rüsteten sich, und zuni ersten Mal maßen der dritte und der vierte Stand im offenen Kampf ihre Kräfte. Die viertägige Juni ns sch lacht in Paris endigte mit der Niederlage des Proletariats. 10.H00 Arbeiter waren im Straßenkampf gefallen, 4000 wurden deportiert. Die Bourgeoisie lenkte in die altgewohnten Bahnen zurück und beugte sich der Herrschaft Napoleons III. , welcher abwechselnd die Rolle eines Retters und eines Reformators der Gesellschaft spielte, um de» dritten durch den vierten und den vierten durch den dritten Stand niederznhalten. Ter deutsch-französische Krieg (1870—1871), das Ende des zweiten Kaiserreiches und die Belagerung von Paris, wodurch Hnnderttausenden die Subsistenzmittel ent zogen wurden, verschaffte dem Soeialrsmus wiederum Spielraum. Während der Belagerung wurden die Arbeiter in die Nationalgarde cingereiht und bewaffnet. Als nun nach der Eapitnlation von Paris die französische Regierung die Bataillone auf zulösen, d. h. zu entwaffiren begann, vereinigten sich alle radicalcn Elemente der Hauptstadt znm Widerstand und proclamicrten die Commune (Auflösung des Staates in selbständige Stadtrcpubliken) als Anfang einer neuen Staats- und Gesellschaftsordnung. Allein die reguläre Armee unter Marschall Mac Mahon schloss Paris von neuem ein, über rumpelte es nach sechsmöchcntlicher Belagerung und machte in einem siebentägigen Straßenkampf dem Regime der Commnnnrds ein Ende. Die Flammen der von den „Petroleurs“ in Brand gesteckten Akonumentalbanten beleuchteten die Gräuel eines beispiellosen.Gemetzels. Wiederum hatte die Bourgeoisie den Sieg davongetragcn und drückte auch der dritten Republik ihr Gepräge auf. Mittlerweile war die Hegemonie in socialen Angelegenheiten an Deutschland ubcrgegangett. Bor dem Jahre 1848 tauchten in de» deutschen Bundesstaaten socialistische Bestrebungen nur vereinzelt ans. Stärker wurden die im Ausland weilenden oder wandernden Deutschen von den daselbst herrschenden Strömungen beeinflusst, in Frank reich, in der Schweiz, in England. Insbesondere bildete der „Bund der Gerechten" mit dem Hauptsitze London einen Mittelpunkt der Agitation. Ihm traten unter anderen Karl Marx und Friedrich Engels bei, die Verfasser der berühmten Proclamatioir von 1848, welche den Gedanken einer internationalen Verbindung der arbeitenden Classcn („Proletarier aller Länder vereinigt Euch!") in die Massen warf. Die Revolutions zeit (1848 184!» war jedoch den socialistischen Absichten nicht günstig; politische und8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 283 nationale Tendenzen hatte» die Oberhand. Noch weniger war in der Reactionszcit der Fünfziger-Jahre eine wirksame Propaganda des Socialismus durchführbar. Erst die constitntionelle Ära der Sechziger-Jahre ermöglichte das Entstehen einer deutschen Arbeiter bewegung, umsomehr, als Deutschland aufhörte, ein Land von Ackerbauern und Hand werkern zu sein, und anficng, ein Industriestaat zu werden. In das Jahr 1863 fällt das epochemachende Auftreten Ferdinand Lassalles. Der Allgemeine deutsche Ferdinand Arbeiterverband, der im selben Jahre zustande kam, fügte sich blind den Orakel- Malle, sprüchen und der Leitung des begabten Agitators. Als er schon 1864 im Duell fiel, blieb zwar der Verband seiner Anhänger unter v. Schweitzers Führerschaft bestehen: allein es erstand ihm alsbald ein mächtiger Nebenbuhler in dem Verbände deutscher Arbeitervereine (gegründet 1863). Im Jahre 1864 bildete sich auf Grundlage älterer Beziehungen die „Inter- Tic Inter nationale Arbciterassociation" (oder Internationale schlechthin), welche Karl Marx " atll, " alc - zum Stützpunkte zu machen gedachte, die alte Welt aus den Angeln zu heben. Allein trotz aller Bemühungen hat die Internationale selbst in ihrer Blütezeit (in den letzten Sechziger-Jahren) weder bei den Arbeitern großen Anhang gefunden, noch sonstwie maßgebenden Einfluss ansgeübt. Durch den Kampf zwischen ihren gemäßigten und den anarchistischen Elementen ist sic zugrunde gerichtet morden, ungeachtet die Anarchisten ausgeschicden worden waren. 1876 löste sich die Internationale auch formell auf. Den Emissären der Internationale, Liebknecht und Bebel, gelang es aber in «>cg der dem „Verbände deutscher Arbeitervereine", den ursprünglich die Fortschrittspartei Marxisten, gegründet hatte, die Führerschaft zu gewinnen. 1869 constituierten sich ihre Anhänger und eine Schar abtrünniger Lassalleaner auf dem Eisenacher Kongreß als „Social demokratische Arbeiterpartei" mit vollständig Marxistischem Programm. Bei den Wahle» zum deutschen Reichstag machte sich die socialistische Partei bereits derart bemerkbar, dass die Regierung durch Repressiv-Maßregeln deren weiterem Umsichgreifen entgegenzutreten beschloss. Allein dies veranlasstc die beiden feindlichen Fractionen, Fusion der die Marxistische und die ohnedies im Zerfall begriffene Lassalle'sche, sich auf dem ^'"^^"^ Gothaer Congr eß 1875 zu vereinigen, wobei letzteres Element vom ersteren gänzlich aufgesaugt worden ist. Die Attentate auf Kaiser Wilhelm I. im Jahre 1878 führten eine Ära der Verfolgungen herbei. Unter der Herrschaft des Ausnahmegesetzes Das bestand aber die „socialistische Arbeiterpartei" nicht nur fort, sondern ihre Mitglieder- zahl wuchs, so dass bei den Reichsrathswahlen 1890 ihre Kandidaten schon IVa Millionen '' Stimmen erhielten (gegen i / i Million im Jahre 1877). Nach dem Rücktritte Bismarcks wurde das Ausnahmegesetz nicht wieder verlängert. Tic Socialisten konnten nun und dessen abermals vom Vereins- und Versammlungsrecht unbehinderten Gebrauch machen. Ihre <Stlü J rf,cn Einheit ist neucstcns durch die Secession einer Fraction der Unabhängigen oder Jungen, welche sich unter die seit 30 Jahren bestehende Bcbel-Licbknecht'sche Dictatnr uicht beugen wollen, in die Brüche gegangen. Wenn aber die deutsche Regierung gehofft hatte, das Anfhörcn des AnSuahmSgesetzeS werde eine versöhnliche Wirkung ausüben, so zeigten alsbald die Thatsachc», dass die Haltung der Socialdcmokratie leiudlich blieb wie bisher und dass ihre Anhängerschaft Jahr für Jahr zunahm. Die Socialdemokratie hat, seitdem sie in Deutschland zur Herrschaft gelangr ist, 2 oc>av bei den Arbeiter» der meisten Länder die Oberhand erlangt, so in Österreich, in der k '"“!™ tic Schweiz, in Italien, Belgien, Skandinavien. In Frankreich heißen die Bekenner des xnumemb. Marxismus Collectivisten lFührer: Jules Gucsdc), neben denen die gemäßigteren Possibilisten (unter Paul Brousse) einigen Einfluss besitzen.Der Anarchismus. Die Proud honisten. Bakunin und Netschajew. Russischer Nihilismus. Die Propaganda der That. Dauerndem Ansehen des Smithianis- mus. 284 IV. Abschnitt. Das pnnoceanische Transcontinental-Zeitalter. Während dir Socialdemokraten sich möglichst innerhalb der gesetzlichen Schranken halten und den ungleichen Kamps mit den bestehenden Gewalten scheuen, führt der Anarchismus mit terroristischen Mitteln einen tückischen Guerillakrieg gegen den bestehenden Staat und in erster Linie gegen die Bourgeoisie („die Capitalsbesticn, das Mastbürgerthnm"). Der Anarchismus ist theoretisch nichts anderes, als der bis zu den äußersten Folgerungen fortgeführte Individualismus. Das souveräne Individuum be kämpft jederlei stattliche, gesellschaftliche, collectivistische Ordnung wegen des Zwanges, wegen der Unterordnung, die damit immer verbunden sein muss, und fordert einen staats- und organisationslosen Gesammtzn stand, in dem die Freiheit und Gleichheit der Einzelnen erst ihre Verwirklichung erlangen kan». Einen theoretischen Anarchismus dieser Art verkündete Proudhon in Frankreich bereits vor 1848; in Deutschland huldigten M. Heß, K. Grün, Max Stirner, Wilh. Marr derselben Lehre, die nach der Revolutions zeit verschwand, um erst in den Sechziger-Jahren von dem russischen Emigranten Bakunin zu neuem Leben erweckt zu werden. Bon nun an war der gewaltsame Umsturz der bestehenden Staaten, um den Zustand der Staatslosigkeit Herstellen zu können, der Hauptzweck des durch Gehcimbünde sich verbreitenden Anarchismus. Die Mittel, welche schon seit langem Blanqüi anzuwenden pflegte (die „Blangni'sche Taktik"), wurden jcht auch von kn Anhängern Bakunins empfohlen. Die „Propaganda der That", wie man nun sagte, hat vorzüglich Bakunins Schüler, der Russe Netschajew, zum System gestaltet (1869). Netschajew verbreitete seine Lehre in seinem Vaterlandc, wo er seit 1872 spurlos verschwunden ist. In Russland waren schon früher innerhalb der höheren Gesellschaft wiederholt socialistische Verschwörungen angezettelt worden und misslungen. Unter dem Einflüsse Bakunins versuchte es insbesondere die studierende Jugend, die Ideen der socialen Revolution „unter das Volk zu tragen", d. h. unter die russischen Bauern, da ja Russland eine Arbeiterbcvölkerung westeuropäischer Art nicht besaß. Natürlich umsonst. Aber die „Propaganda der That" machte sich nun in jener Kette von Attentaten Lust, die mit der Ermordung des Generals Trepom durch Bjera Sassulitsch (1878) anfangcn und deren einem auch Czar Alexander II. 1881 zum Opfer gefallen ist. In den Siebenziger-Jahren verbreitete sich der Anarchismus in ganz Westeuropa. Er lenkte sofort durch Mordanschläge und Mordthaten die Aufmerksamkeit ans sich konnte jedoch nicht bloß seiner Verbrechen halber keine rechten Wurzeln fassen, sondern aucki wegen des eonscgucnten Gegenspieles der Socialdcmokratic. Sein namhaftester Vorkämpfer ist der einstweilen nach Norvamerika ausgewandertc Johann Most, Redacteur der „Freiheit", sei» bedeutendster Theoretiker der russische Fürst Krapotkin. Überhaupt hat er in der blasierten, überfeinerten Gesellschaft viele Gönner, die ihn durch Geldspenden fördern. Gerade in den letzten Jahren nehmen die anarchistischen Attentate vorzüglich in den romanischen Ländern wieder zu. VH. Nationalökonomische Literatur und wirtschastlichcs Bildungswesen. Zwischen der Wirtschaftslehrc dcS 18. und der des 19. JäWunderts bildet Adam Smith das verbindende Glied. An ihn lehnte sich eine Schule von Schrift stellern und Lehrern, die seine individualistischen Theorien fortführtcn und systemisierten. Man nennt das „System der natürlichen Freiheit" oder den Smithianismns im Hin blick auf seine Blethode und auf das canonischc Ansehen, das er durch drei Menschcn- altcr genoss, auch die abstractc oder die classischc oder die orthodore Nationalökonomie.8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 285 Ihre Autorität verdankte sie wohl zumeist dem Umstande, dass sic von England ausgieng und in England weiter cultivicrt wurde — also in demjenigen Lande, das wirtschaftlich alle Staaten der Welt überragte. Anderwärts wollte man hinter das Geheimnis seiner Erfolge kommen und glaubte einen der Schlüssel hierzu in den herr schenden nationalökonomischeu Ansichten, also im Smithianismus, zu finden. Gewiss, seit David Ricardo (1'iinciplcs of political economy) und Thomas Die orthodoxe Robert Malthns (Ilssay VN tbe prinoixls of population) war der Smithianismus die den nationalen Bedürfnissen Englands angepasste förderlichste Lehre, die Stütze und die Rechtfertigung seiner erfolgreichen Industrie- und Handelspolitik. Den politisch und agitatorisch thätigen Vertreten: der nationalen Freihandelsbewegnng (Cobdcn, Bright rc.), die ihr geistiges Rüstzeug der orthodoxen Wirtschaftslehre entnahmen, hat man den Namen der Manchesterschule oder Manchestermänner gegeben, weil die von ihnen gegründete Anti-corn-law-league in Manchester ihren Haupt sitz hatte. Auch die zweite Generation der britischen Nationalökonomikcr des 19. Jahr hunderts, die Epigonen, blieben trotz aller Selbständigkeit in Einzelfragen dem ortho doxen Systeme treu: Mac Eulloch, Harnet Martineau, John Stuart Will (Prineiples of political economy), E. Elliot Cairues (8ome leacling prineiples of political economy nevly exponmled) N. a. Erst die dritte Generation des Jahr hunderts hat den Bann der orthodoxen Lehre abgeschüttelt und erkannt, dass die Smith'schc Schule den Wirtschaftszustand und Vortheil Englands in einer vorüber gehenden historischen Epoche, nämlich ihrer eigenen Zeit, als für die Menschen aller Orten und Zeiten giltig, ja vorbildlich angesehen hat Gegen die angeblich ewigen ® ie und unumstößlichen „Naturgesetze" der alten Schule erhob sich das bis in die Gegen- mm Ätl,ulc ' wart herein lebende Geschlecht britischer Ökonoinikcr, welches unter dem Einflüsse der deutschen Wissenschaft, der Comte-Spencer'schen Philosophie und der vom Socialismns ausgehenden Anregungen steht: Walter Bagehot, W. Stanley Jevons, Cliffe Leslie, Thorold Rogers, Arn. Toynbee, Marshall, I. Kclls Ingram n. v. a. Die romanischen Länder haben bis jetzt durchschnittlich am SmithianisnmsFranzose»und festgehalten, soweit nicht die social-commnnistische Literatur in Betracht kommt. Be- '' tlUlcni;c ' sonders hat Frankreich eine Reihe glänzender, doch praktisch wenig erfolgreicher An wälte des von der Nachbarinsel Angeführten Gcdankensystcms hervorgebracht: Jean Bapt. Sny, Fröd. Bnstiat sHannonies eeonomigues), Michel Chevalier, Maurice Block, Leon Say, Leroy-Beaulien. Erst in allerneuester Zeit hat sich eine neue Schule Geltung verschafft (Charles Gide), die deutschen Einfluss zeigt, ebenso wie die jüngere Schule italienischer Nationalökonomen (Lnigi Cossa, Ferraris, Loria, Rabbcno u. A.). Früher als der europäische Continent hat sich Nordamerika von den Dogmen der englischen Volkswirtschaftslehre frei gemacht. Der natürliche Verstand sagte den Amerikanern, dass die Lehrsätze und praktischen Folgerungen, welche für das ausgereifte Großbritannien von Wert sein mochten, für das in der ersten Entwicklung begriffene Aenland nicht passen. So stellte denn Alex. Hamilton seine Lehre vom Schutzzoll und §. Eh. Carey (Prineiples of Social Science; Unity of law) seine Theorien über Wert, Grundrente, Bevölkerung, Schutzzoll, Verkehr denen der Smith'schcn Schule polemisch entgegen; sie sind auch nicht ohne Einfluss in Europa geblieben. Auch Deutschland ist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dein über mächtigen Ansehen der orthodoxen Ökonomik unterlegen. Tie Staatsmänner, z. B. die Matadoren des Stciu-Hardenberg'schen Kreises in Preußen, ferner Gentz, Nebenins, Die amerikanische Schule «Careyi. Deutsche Smithianer.286 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitalter. I. Fr. Lötz haben sich deren Grundsätze eher zu eigen gemacht, als die Universitäts lehrer, unter denen W. Hermann, K. H. Ran als Smithianer hervorragen, aiegncr Doch ist in Deutschland der Smithianismus niemals zur Alleinherrschaft gc- beöfctoen. j aU gj Bon Anfang hielten ihm die romantischen Philosophen und Staatslehrer das Gegengewicht: ein I. G. Fichte (Geschlossener Handelsstaat), Adam Müller, K. L. Schutzzöllner, v. Haller, Stahl k . In den Vierziger-Jahren arbeitete Friedrich List (Das natio nale System der politischen Ökonomie) durch seine Lehre von der nationalpädagogischen Aufgabe, des Schutzzolles für noch nicht voll entwickelte Völker dem orthodoxen Frei handelssystem entgegen. Seitdem ist der Streit zwischen Freihändlern und Schutzzöllnern Die historische nicht wieder zur Ruhe gekommen. In dasselbe Jahrzehnt fallen die Anfänge der histo- Lchine. rischen Schule: von nun ab übernimmt Deutschland die Führung im Bereiche der Staatswissenschaften. Die älteren Meister der historischen Schule sind: Wilhelm Roscher (System der Volkswirtschaft), Bruno Hildcbrand (Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft), Karl Knies (Die politische Ökonomie vom Standpunkte der geschichtlichen Methode). In den Vierziger-Jahren begann auch Lorenz v. Stein, dessen glänzende Thätigkeit später das Gesammtgebict der Staats- und Gesellschafts wissenschaften umspannte, seine schriftstellerische Laufbahn als Historiker des französischen Socialismus und Commnnismus, die er nicht als blosie Ausartungen brandmarkte, sondern als historische Erscheinungen aus ihren Entstehungsnrsachen erklärte. Freihändler Schon vor der Achtundvierziger-Revolution hatte in Brüssel (1847) ein inter- t,ntl nationaler Freihändler-Kongress getagt. Nach der Revolution schwoll in Europa und besonders in Deutschland die Agitation für den Freihandel noch mehr an. Die Ver treter dieser Richtung (Prince Smith, Faucher, M- Wirth, Michaelis, Böhmert u. v. a.) erhielten in dem „Volkswirtschaftlichen Kongress", der sich seit 1858 jährlich versammelte, einen geistigen Sammelpunkt. Zudem gewann um eben die Zeit der Freihandel in Katheder der praktischen Politik die Oberhand. Viele jüngere Nationalökonomeu, besonders die- Soc,allsten. j cil i flcu ^ die der historischen Schule nahe standen, hielten sich aber von der nun herrschenden Strömung ferne. Ihnen heftete der liberale Journalist und Abgeordnete H. B. Oppenheim den Parteiuamcu „Kathedcrsocialisten" aus. Die also Benannten und ihre Gesinnungsgenossen beriefen 1872 einen Kongress nach Eisenach ein, um sich hier als eine besondere socialpolitische Partei zu constituieren. Ihren Mittelpunkt hat sie im „Verein für Socialpolitik". Seit dieser Zeit hat sich die Partei der unbedingten Manchcstermänncr nahezu aufgelöst: die Frage, Freihandel oder Schutzzoll? hat ans- gehört, ein kennzeichnendes Schlagivort der Schulen zu sein. Dir Gegcnivürtig bekennt sich die Mehrzahl der deutschen Volkswirtschaftslehrer zur ncudeutschc socialreformatorischcn Richtung: »INN bezeichnet die neudcntsche (realistische) Schule wohl auch als die social-ethische oder die historisch-ethische. Zn den bedeutendsten Vertretern der socialreformatorischen Volkswirtschaftslehre in Deutschland (Österreich und der Schweiz) gehören: Albert Echäfslc, Adolf Wagner, Gustav Schmoller, der hervorragendste Erforscher der Wirtschaftsgeschichte, G. Schönberg, E. Nasse, L. Held, I. Conrad, W. Lexis, L. Brentano, A. MiaSkowski, E. Philippovich, Rud. Meyer n. A. Socialistisch Gleich den gelehrten Nationalökonomikern, setzen auch die socialistischen und runatu/in kommunistischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts die Gedankenarbeit des Aufklärungs- Frankreich, Zeitalters fort. Während der großen Revolution waren die Ideale des Rousscan'schcn Kreises wiederholt der Verwirklichung nahe. Als unter dem Dirbrtorinm der dritte Stand die Zügel, die ihm in der Schreckenszeit entglitten waren, wieder zur Hand8. Capitcl. Tie britisch-amerikanische Periode (1815—x). ¦ 287 nahm, legte Gracchus Babeuf Blutzeugenschast für seine communistisch-jacobinischen Ideen ab. Ten Schatten dieses Mannes citiertc sein Anhänger Buonarotti gerade in einer Zeit, als der Socinlismus in Frankreich durch den Grafen Saint-Simon wieder anferweckt wurde. Die in dessen Schriften (Catechisme des industriels; Nouveau Christianisme 1825) keimenden Ideen gelangten durch Bazard und Enfentiu zu vollster Entwicklung. Mit schwärmerischem Eifer verlegte sich das „junge Europa", dessen geistiger Mittelpunkt Paris war, ans den Saint-Simonismus. Die belletristische Literatur machte für die neuen Ideen Propaganda; man findet sie in den Romanen der George Saud und Eugene Sues ebenso, wie in den Feuilletons Börnes und Heines. Die Phantasien der Poeten wurden noch überboten durch die utopistischen Träumereien Charles Fouriers (Nouveau monde industriel 1820). Gemüßigter war der Commnnis- mus, dessen Grundlinien Etienne Cnbct in seinem Voyage en Iearie (1840) darlegte. Eine mehr wissenschaftliche Haltung gewann der französische Socialismns in den Schriften Louis Blaues und P. I. Prondhons (Qu’est-ce que la propriete - Systeme des contradictions economiques ou pliilosophie de la unsere. — Solution du problfeme social). Der bedeutendste Vertreter des älteren Socialismus in England ist Robert j» England. Owen, der reich genug war, seine socialistischen Experimente, die ausnahmslos miss glückten, zu bezahlen. Seit den Vierziger-Jahren drängte in der englischen Literatur die socialreformatorische, zumal die christlich-sociale Strömung de» utopistischen Socialismus in den Hintergrund. Auf social-rcsormntorischer Seite standen ein Carlyle, ein Eh. Kingsley, Ludlow, Maurice u. A. Von 1848 au haben die Deutschen auch in der socialistischen Literatur die ln Deutsch Führerschaft iune. Unbeachtet von den Zeitgenossen, schrieb Karl RodbcrtuS-Jagctzow '""d seine Ideen nieder, denen die Verwandtschaft mit dem modernen Staatssocialismns erst zu gebärender Anerkennung vcrholfen hat. Ebenso wenig wurde Karl Marios (recte WinkelbW) System der Weltökonomie beachtet. Seine geschichtliche Bedeutung erlangte der deutsche Socinlismus erst durch die Schriften Karl Marx' und seines Freundes Friedrich Engels'. Des crstcren Hauptwerk „Das Capital" wird von Freund und Feind als die hervorragendste literarische Leistung des deutschen Socialismus angesehen. Kurze Zeit schien es, als würde Eugen Dühring, wohl einer der viel' seitigstcn Gelehrten und schärfsten Polemiker des Jahrhunderts, dem Marxismus die Spitze bieten können; indessen hat er im vierten Staude selbst keine Proselytcn gemacht, so ivcnig als sich die Vorkämpfer des Agracsocialismus (Henry George und seine deutschen Anhänger Flürscheim, Hertzkn). eine größere Gefolgschaft erworben haben. Wiederum hat in den letzten 20 Jahren die schöne Literatur eine socialistische Färbung angenommen, indem sie entweder die Schäden der Gesellschaft erbarmungslos bloßlegt oder für das physisch und moralisch nothlcidcnde Proletariat Stimmung macht oder selbständige Socialideen entivickelt (Zola, Ibsen, Tolstoi, Gerh. Haupt mann u. a.). — Das Mercantilzeitaltcr und vor allem dessen letzte Phase, die AufklärungS- ®ettefi« kt zeit, hat die Idee einer vom klassischen llnterrichtc losgelösten Berufsbildung in die Wirtschaft Welt gesetzt. Augenscheinlich bedurfte derjenige, der sich einer wirtschaftlichen Erwerbs- s?ra "' t thätigkeit widmete, nicht bloß einer höheren Schulung, seit die gewerblichen und commerziellen Dinge immer verivickelter wurden, immer schwieriger zu überblicken waren, sondern auch einer speciellcn Fachbildung. bildung.Classification derselben. Fachschulen der Urproduction. (Gewerbliche Fachschulen. Handels schulen. Handels schulen in Österreich. 288 IV. Abschnitt. Das panoccnnischc Transcontinental-Zeitalter. Das wirtschaftliche Bildungsmesen umfasst heute die Urproduction, das Gewerbe, den Verkehr und den Handel. Die Fachschulen rjUcbcrn sich in Vorbildungs-, Fortbildungs- und Ausbildnngsschnlcn, die wieder in niedere und höhere oder in niedere, mittlere und Hochschulen zerfallen. Unter den Fachschulen für llrprodnction sind die landwirtschaftlichen und montanistischen Akademien die ältesten. Die Freiberger Bergakademie ist schon 1765, die landwirtschaftliche Akademie zu Möglin 1806 gegründet worden. Der mittlere und niedere Unterricht in den Zweigen der Urproduction ist dem hochschnlmäßigeu erst im Laufe der letzten Jahrzehnte nachgefolgt. Die feinste, allseitigste und praktischeste Organisation hat bis jetzt das gewerb liche Bildnngswesen gefunden. Ansätze hierzu enthielten die im 18. Jahrhundert entstandenen Realschulen (die Semler'sche in Halle 1706, die Hecker'sche in Berlin 1739), die großen, alle Berufszweige umfassenden, sozusagen encyklopädischen Akademien, wie das Carolinum in Brannschweig oder die hohe Karlsschule in Stuttgart, die Industrie schulen, wie sic vornehmlich für verwaiste und verwahrloste Kinder in Österreich, Sachsen k. errichtet wurden. Frankreich hatte bereits um 1750 Spccialschulcn für Civil- und Militäringenienre. In den französischen Eeoles kommt zuerst das Wesen der höheren, auf Mathematik und Mechanik fundierten Fachschule zu vollendetem Ausdruck. Epochemachend war die Gründung der Eeole pMz-teclmigne (1704), der Eeole des ponts et chaiÄees, der Eeole centrale des arts et manufactures. Nach französischem Muster errichtete man alsbald in ganz Europa polytechnische Institute (Prag 1806, Wien 1815, Berlin 1821 u. s. f.). Die mittleren und niederen Gewerbeschulen, die gewerblichen Fortbildungsschulen, die Lehrwerkstätten, die Schülerwcrkstättcn verdanken erst einer jüngeren Zeit ihren Ursprung. In Österreich specicll hat der Staat seit 1874 das Feld der gewerblichen Fachschulen zu cultivicren angefangen und das Fachschul wesen systematischer ausgebaut, als dies vielleicht in einem anderen Staate der Fall ist. Das Aufklärungszeitalter ist auch die Ursprungszeit der Handelsschulen. Die älteste derselben dürfte wohl die von Pombal 1759 ins Leben gerufene Aula do commercio in Lissabon sein. In Deutschland war die Hamburger Handelsakademie die erste; sie erlangte unter der Direction des Nationalökonomen I. G. Büsch (seit 1771) Weltruf. Die älteste Schule für Handelslehrlinge war die Arnold'schc zu Gotha (1819). Bis zur Gegenwart sind die deutschen Handelsschulen (Abendschulen und Tagesschulen mit 2—3 Jahrgängen) Gründungen von Commnnen, Corporationen (z. B. die von der „Kramerinnung" 1831 gegründete Leipziger Handelsschule) oder Privaten. Nur die mit Real- und Industrieschulen verbundenen Handelsabtheilungen (z. B. in Bayern) sind Staatsanstalten. In Österreich erwachte zur Zeit Maria Theresias im Handelsstande das Bedürfnis nach einer fachgemäßen Ausbildung angehender Kaufleute. Die Regierung kam dem Verlangen schon deshalb entgegen, damit die jungen Leute nicht genöthigt wären, ihrer Fachbildung wegen ins Ausland zu reisen. Unter dem fördernden Schutze der Regierung und von ihr subventioniert, wurde 1770 die Real- und Handlungs- akadcmie errichtet, die nach ihrem ersten Director die Wolf'sche Akademie genannt wurde. Spätere Reorganisationen raubten dieser Schule ihren commerziellen Grnnd- charakter. Als 1815 das Wiener polytechnische Institut errichtet wurde, erhielt es eine besondere commerzielle Abtheilung, die bis zum Jahre 1665 fortbcstand. llntcrdcsscu machte das Handelsschulwesen auf eigene Faust große Fortschritte. Bereits 1834 gründete Mahr in Laibach die erste niedere Handelsschule, 1840 der Procurist Geyer in Wien8. Capitel. Tie britisch-amerikanische Periode (1815—x). 289 eine ähnliche Privatanstalt (die Patzeit-Gkasser'sche). Schon früher (1817) war die Triester Navigationsschule in eine k. k. Handels- und nautische Akademie verwandelt worden. Das Jahr 1848 gab der Wiener Gremialhandelsschnle — einer Sonntags-, später Abendschule — den Ursprung. 1836 wurde die Prager, 1857 die Wiener Handelsakademie gegründet. In den letzten Jahren hat das Unterrichts-Ministerium allen Kategorien commercieller Lehranstalten (zwei- und dreiclassigen, sowie Fortbil dungsschulen) seine organisatorische Fürsorge zugewendet. Ein mehr oder weniger entwickeltes Handelsschulwesen haben ferner noch Ungarn, Frankreich (die Ecole supfcrieure de commerce, l 820), Italien, Belgien, Holland, die Union, ivogegen in England das Fachbildnngswcscn überhaupt zurückgeblieben ist. Tic modernen Cultnrstaaten verfügen noch über andere Mittel der Wirtschaft- Besörderungs- lichen Bildung des Volkes, als gerade Schulen sind. Demselben Zwecke dienen z. B. die Gewerbevereine, die Museen, insonderheit die Handels- und Gewerben,nscen li(()C l „ (Urbild: das Pariser Conservatoire des arts et des m6tiers, ans einer dem Staate Bildung, legierten Sammlung des Mechanikers Vaucanson hervorgegangen), die Mnsterläger, besonders die Ansfnhrmusterlager. In erster Linie sind aber die Ausstellungen zu nennen, diese colossalsten aller Reclamcmittcl, nicht nur für die Geschäftswelt, die sie beschickt, sondern auch für die Staaten, die sie in Scene setzen. 8 44. Handel und Handelspolitik. Production und Handel stehen iticht bloß unter dein Einfluss von specifisch wirtschaftlicheir oder socialen Kräften, sondern sic sind auch von der jeweiligen Politik, und zwar sowohl von den Vorgängen des inneren Staatslebcns, ivie von dcit Beziehungen der Staaten unter einander, abhängig. Trotz aller Culturgemeinschaft und trotz der wachsenden Hinneigung zu einem weltwirtschaftlichen Zusammenschlüsse der Volkswirtschaften, trägt die Handels geschichte doch auch im 19. Jahrhundert ein nationales oder cinzelstaat- liches Gepräge. 1. DaS britische Reich. (The British Empire.) A. Das Vereinigte Königreich Großbritannien und Irland. Nach dein Sturze Napoleons I. trat in England umso weniger eine Fortdauer d-s Veränderung des politischen Systems ein, als man demselben den Ruhm des Widerstandes und des endlichen Sieges zuzuschreiben geneigt war. Die Tories blieben am Ruder, wie dies nun bald ein halbes Jahrhundert der Fall gewesen; ihre Macht ruhte auf dein Parlamentarismus, ans einer Wahlordnung, welche die nichtadeligen Elemente von der Politik sernhielt. Als der Continent nach Aufhören der Festlandssperre wieder zugänglich drise von geworden war, überschwemmten die Engländer mit ihren aufgestauten Colonial- 1815, waren und Jndustricproduetcn die europäischen Märkte. Jedoch das durch zwanzig jährige Kriege erschöpfte Festland konnte den ihm zugcdachten Segen nicht auf- nehmen. Die englischen Waren fanden keine Ahnehmer, die Industrie gerieth Mayr, Lehrbuch der Handclayeschichte. pg200 IV. Abschnitt. Das panocennische TranscMincntal-Zeitnltcr. ins Stocken, eine Absatzkrise machte ihre verheerenden Wirkungen geltend (1815). Die beschäftigungslos gewordeneit Arbeiter, deren Noch durch Miss wachs gesteigert wurde, empörten sich uitd zertrümmerten die neuen Nkaschinen. Krisis von Erst 1818 traten wieder halbwegs normale Verhältnisse ei». Das sich 1K ‘ J ' ansammelnde Capital, welches während der Napoleonischen Kriege dem Staate vorgestreckt worden war, suchte jetzt in neugegründeten Actiengesellschasten, in auswärtigen (namentlich südainerikanischen) Privatnnternchmnngen und Staatsanlehen Verzinsung; wie zur Zeit des Südseeschwindels, hunder t Jahre vorher, gediehen die „Bubbles", bis die weithin fühlbare Prodnctions- und Creditkrisis von 1825 dem Treiben ein Ende machte. Zerbröckelung Unterdessen begann das bisherige Wirtschaftssystem zn zerbröckeln. Das Rüstzeug des bisherige» der Verbote unb Schutzzölle, das einst gegen überlegene Nebenbuhler Dienste geleistet ^chbte nunmehr ein Hindernis für den britischen Handel und die britische Industrie. Gegen wen sollten sie noch langer geschlitzt werden, da sie doch allen Con- cnrrenten überlegen und voraus waren? Der Freihandel, welchen die individualistischen Doctrinäre langst gefordert hatten, wurde nunmehr auch eine Forderung der Praktiker. Denn solange das Reich sich selbst dem Auslande gegenüber absperrte, musste es dulden, dass das Ausland die englischen Schutzzölle mit Vergeltungsmaßregeln (Retorsionen) beantwortete, dass also mit einigen Ländern gar kein oder doch nur ein geringfügiger Verkehr bestand. Den Landwirten ivar bnrdj das Schutzsystem eine übermäßige Rente garantiert; mit jenem musste auch diese fallen und dann, hoffte man, würde der ganze historische Nimbus der Grundaristokratie verblassen. Die Verthenerung des Brotes durch die Getreidezölle bildete das wirksamste Agitationsmittcl der Freihändler, ivelchc Sympathien für die arbeitenden Classen Vorgaben, in Wahrheit aber mir billiges Brot haben wollten, um die Löhne herabsetzen zn können. Das Fallen der Zollschranken in England sollte das Signal zil einer allgemeinen Eröffnung der bis dahin noch durch Verbote oder .Hochschutzzölle verschlossenen fremden Länder bilden. Die noch in der Kindheit befindliche Industrie des Continents sollte ihres handelspolitischen Schutzes beraubt und durch die überlegene englische Industrie zugrunde gerichtet werden. Mit Bewusstsein predigte England dem Anslande die Botschaft der „internationalen Arbeitstheilung". Tic übrige Welt sollte auf Lebensmittel- und Rohstofsproduction beschränkt werden, wogegen sich das Vereinigte Königreich die Rolle der alleinigen Welt- werkstätte (tlie workshop of the world) zusprach. England rechnete dabei auf die Bundes- genossenschaft der liberalen und kosmopolitisch gesinnten Parteien des Continents. Die auswärtige Politik Großbritanniens war eine durchwegs friedliche; doch „wünschte es aufrichtig, dass immer eine sanfte Kriegsgefahr über dem Festlande schivebte, damit England freie Hand behielt, sein Colonialreich zn erweitern und die Märkte der ganzen Welt zu besehen". Epochc dcr der englischen Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts, insofern englischen .. . ...... - „ Ha„de,s sie von dxr Frcthandclssragc bestimmt wird, lassen sich vier Epochen unter vom» im scheiden: 1. die Übergangszeit zum ge mäßigten Schutzzoll oder die Huskisson'sche L ' n "' Epoche (circa 1820— 1882); 2. die freihändlerische Rcformzeit oder die Cobdcu Pcel'sche Epoche (1832—186.0); 3. die Zeit der freihändlerischen Handels-Cnpitcl. Die britisch-amcvikanische Periode (1815—x). 291 19* Verträge oder die Cobdeu-Gladstone'schc Epoche (1800—1878); 4. die Zeit der schutzzöllnerischen Unterströmungen (seit 1878). Die gemäßigten Tories der Ztvanziger-Jahrc waren im Interesse ihrer H„Eso,,'sch- Partciherrschaft von der stcothwendigkeit wirtschaftlicher Reformen durchdrungen. Epoche. Der eigentliche Führer dieser Partei war Ea nnina. ihr handelspolitisch thätigsteö Äcitglicd William Huskisson, 1822—1827 Präsident des Handels amtes (Board ot“ trade). Der parlamentarischen Union Irlands mit Großbritannien folgte nun die zoll- deforme» der politische. Durch eine Reihe von Gege»seitigkeits-(Reciproeitä.t?-)Verträgen wurden die fremden Schiffe den britischen, soivohl im Mntterlande als auch in den Colonien gleichgestellt. Aber hinsichtlich der Einfuhr in den Colonien blieb das Mutterland gegenüber dem Auslande durch Differentialzölle bevorzugt. Das uralte englische Ausfuhrverbot ans Wolle wurde aufgehoben, dagegen ein solches ans Maschinen gelegt (giltig bis 1842). An die Stelle des prohibitiven Getreidegcsehes von 1815 trat die „gleitende Scala" (sliding scale) von 1828. Durch die Tarife von 1825/26 wurden die verbot- artigen Schutzzölle aus Rohstoffe, Lebens- und Genussmittel um Vs—Vs reduciert. Nach heißen parlamentarischen Kämpfen drangen endlich 1832 die Whigs Dir Wahr- (Russell, Grep, Brougham) mit der lang ersehnten Wahlreform durch. Es mar ein Sieg des beweglichen Großcapitals, des neuen Fabrikanten-, Kaufherren- und Börsen adels, über die bishin herrschende Grundnristokrntie. Die im Parlament noch nicht vertretenen Industriestädte (Aianchestcr, Liverpool, Birmingham n. s. m.) entsendeten jetzt erst Abgeordnete ins Unterhaus an Stelle der bedeutungslosen Landwahlbezirke (rotten boroughs), die in angestammter Abhängigkeit den Winken der Großgrnndherren gehorcht hatten. Seit dieser Zeit dominiert in England das Elasten- und nicht selten das Cligneninteresse. Der Ackerbau wird dem Gemerbefleiß und dem Handel systematisch untergeordnet. Der Wahlreform folgten bald andere reformatorische Acte: dasArmcngesetz (1834), die Städteordnung (1835), die Sclavenbefreinng (1838) n. s. s. Es ist zugleich der Zeitraum, der durch die großartige Umwandlung des Verkehrswesens (Eisenbahnen, transoceanische Dampfschiffahrt, elektrischer Telegraph, Penny-Porto) sein besonderes Gepräge erhält. Die entscheidende Umwälzung der englischen Volkswirtschaft im Sinne DiePcoychen des F reihande ls erfolgte unter dem Ministerium Robert Peel (1841—1840). Dieser der Tory-Partei angehörige Staatsmann wurde bei seinem Reform- werk theils von finanziellen, theils von socialpolitischen Absichten geleitet. Vor allem galt cs, das unter dem whigistischc» Ministerium Melbourne entstandene Deficit zu beseitigen und für den Ausfall, der mit der beab sichtigten Tarifrcform cintreten musste, genügende Deckung zu beschaffen. Deshalb stellte Peel die Einkommensteuer wieder her (18421, deren Höhe durchschnittlich 7 d. vom Pfund Sterling beträgt. Nunmehr konnte ein Tarif (1842) Nachfolge», der sümmtliche Einfuhrverbote, darunter das aus Vieh und Fleisch, beseitigte und zahlreiche Zollermäßigungen enthielt. Schon 184Ö erschien ein neuer, radicaler Tarif, durch den die meisten Vcrbranchsartikel,292 IV. Abschnitt. Das panoceanischc Transcontinental-Zeitaltcr. Rohstoffe, Halbfabrikate von jederlei Zoll befreit wurden. Alle Peel'schen Reformen (die Bankacte von 1844 nicht ausgenoininen) wurden jedoch an grundsätzlicher Wichtigkeit von der Beseitigung der gleitenden Scala und der Herabsetzung der Kornzölle (1846) übertroffen, an deren Stelle 1849 eine „statistische Gebär" von l Schilling pro Quarter trat (aufgehoben 1869). „Diese Aufhebung der Gctrcidegesetzc bedeutete den vollständigen Sieg der Großindustriellen über die grundbesitzende Aristokratie, in heißem mehrjährigen Kampf erstritten durch die mächtige Agitation, welche von der .Vnti-t'ornlnw- LeUgue, d. h. der Organisation der Fabrikanten Lancashires, und ihrem Führer, Richlird Cobden, inseenirt worden war." Aufhebung dcr Bald nach Peels Rücktritt, als sich auch der Chartismus im Tand NaviMious- v^-w„fen hatte (1848), wurde die ohnedies mehrfach durchlöcherte Navi gationsacte ausgehoben (1849). Nur die Küstenschiffahrt blieb noch der nationalen Flagge Vorbehalten, und auch dieses Privilegium fiel 1854, so dass fortab die coloniale und die auswärtige Marine der englischen gleichgestellt war. Mittlerweile hatte die englische Industrie und, trotz aller contincntalen Sperrmaßregeln, auch der englische Handel große Fortschritte gemacht. Allein mit verzweifelter Regelmäßigkeit wiederholten sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt die so unliebsame» acuten Krisen und dehnten ihren Erschütterungskreis immer weiter aus. Auf die Krisen von 1815 und 1825 folgte» die Krisen von 1836/39, 1847, 1857. jhifi« öou Die Krisis von 1836 war vornehmlich eine Creditkrisis, an der zahlreiche 1886/39. Neugründungen von Banken die Hauptschuld trugen- Bevor sic noch überwunden war, brach als Riickschlagserscheiunng einer amerikanischen Spcculationskrise (1837) die Krise von 1839 aus. In den Vierziger-Jahren warf sich das disponible Capital auf Eiseubahnspeculntionen, denen sich in den Missjahren seit 1845 große Getreidc- spccnlationen anrcihtcn. Als nach dcr Peel'schen Reform der Kornzölle die Getreidc- .'tvifii’ vm, preise zurückgienge», erfolgte der allgemeine Zusammenbruch (1847), welcher in mir. Paris, Amsterdam, Ncw-Aork, Frankfurt nachzittertc. Gleich die ersten Jahre nach dcr Achtundvierziger-Revolution begann eine Hochflut der internationalen Speculation, größer, als sic bisher erlebt worden war. Die californisch-australischen Goldfunde (seit 1847) machten sich ans dem Geldmärkte bemerkbar; die continentalen Staaten traten immer entschiedener in die Phase des Überganges von Agricultnr- zu Industrie staaten ein; Capitalic» der reicheren Länder, voran des Vereinigten Königreiches, wanderten in die mehr zurückgebliebenen, um auch dorthin das Gründungsficber zu Strip« v°» verpflanzen. Der Krimkrieg (1855- 1856) führte eine Stockung herbei, aber um so l«b7 toller erneute sich der Tanz, als dcr Friede geschlossen war. Die unausbleibliche Krise hatte ihren Ausgangspunkt 1857 in Nordamerika; von dort aus verpflanzten sich ihre zerstörenden Wirkungen nach Großbritannien, weiter nach Deutschland, zumal Hamburg, und Skandinavien. Österreich wurde nur mittelbar von den Ereignissen berührt.8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 293 In den Jahren 1853 und 1860, mit den GladstöNe'scheu Zolltarifen und dem Cobden'schen Handelsvertrag, gelangte das britische Freihandels system ans seinen Höhepunkt und zu seinem vorläufigen principiellen Abschluss. Von nn» an siengcn die übrigen Staaten an, sich zum liberalen Wirtschafts- system des Jnselreichcs zn bekehre». In England klagte man nur, dass sie es nicht früher schon gethan hatten, als sic noch ividerstandsunfähiger gewesen; außerdem war die Bekehrung selten vollständig und, wie sich später zeigte, meist nur von kurzer Dauer. Während England bis zur Gegenwart am Freihandel festhält, ist die über wiegende Mehrheit der Handelsstaaten nach ein bis zwei Jahrzehnten zum Schutzsystem zurückgekehrt, das in den britischen Colonicn gleichfalls Eingang gefunden hat. Die Hauptpunkte der »och gegenwärtig giltigen Gladstone'schen Tarifreform sind: l. Beseitigung der Differentialzölle zugunsten deöMutter- landes und zu Ungunsten der Ausländer in den Colonien; 2. Aufhebung sämmtlichcr Eingangszölle auf Fabrikate — es gab solche noch bis zu 10% des Wertes, nachdem die Zölle auf Rohstoffe und Halbfabrikate bereits abgeschafft waren; 3. durchgängige Zollfreiheit der Lebensmittel; 4. hingegen werden einige ausgiebige Finanzzölle eingeführt, die fortan einen wesentlichen Theil der Staatseinnahmen (20—25%) liefern. Sic betreffen nur solche Artikel, die im Vereinigten Königreich nebst Irland nicht erzeugt werden — Thec, Kaffee, Cacao, Tabak, Zucker (seit 1875 zollfrei), ge trocknete Früchte, Wein — oder solche, die im Inland einer Steuer unterliegen, wie Bier, Brantwein (Spirituosen), Spielkarten (sogenannte AuSgleichsstcuer). Es handelt sich mithin um Artikel nicht des Masscnbcdürfniffes, sondern des Massenluxus. Der Tarif des Jahres 1860 war kein bloßer Ausfluss britischer Sclbsthcrrlichkeit (Autvnontie), sondern Folge eines vorher geschlossenen Tractates, des berühmten und wahrhaft epochemachende» englisch-fran zösischen Handelsvertrages oder, wie er nach dem englischen Unter händler benannt wird, des Eobden-Bertrages. Er bildete das Modell für die zahlreichen Verträge, die England in den Sechziger-Jahren mit anderen europäischen Staaten abschloss. Ein förmliches Retz von Verträgen — das System der westeuropäischen Handelsverträge — wurde ausgespannt. Indem charakteristischer Weise mit den Vertrags-(Conventions-) Tarifen die McistbegünstignngSclansel verbunden war, kam die Begünstigung, die ein Staat einem anderen einräumtc, mittelbar allen Vertragsstaaten zugute. Zwischen England und den übrigen Staaten blieb aber ein großer Unterschied bestehen. Während England seinen freisinnigen Tarif allen Ländern auch ohne Gcgen- concessioncn (Rcciprocität) gewährte, waren die Verträge der übrigen Staaten frei händlerische oder eigentlich gemäßigt-protectionistische Verträge mit Gegenseitigkeit. England hatte also, da cs kostenlos das Äußerste bot, was nur geboten werden kann, kein Mittel in der Hand, auf die Gewährungen der fremden Länder Einfluss zn üben. Die erste See-, Industrie- und HandclSmacht der Erde konnte fürderhin nicht fordern Das britische Freihandels system von 186 ». Tarisreforin > 86 ». Finanzzelle. Der Cobden- Bertrag. lvcrzichl aus die counncr- zicllc Hege monie.294 IV. Abschnitt. Das pnnoccanische Transcontincntal-Zcitaltcr. Tic Epoche dcrauwilSmen ^^arife (1878— 92) und die mitteleurop. Haudeldver- träge (1892). und gebieten, sondern musste sich die handelspolitischen Launen jedes beliebigen Staates und sogar seiner Colonien gefalle» lassen. Übrigens ist das Eobden'sche Vertragssystem von. den extremen Freihändlern gleich von Anbeginn missbilligt morden In den Sechziger- und ersten Siebziger-Jahren war die Stimmung in Europa dem westeuropäischen Vertragssystem günstig. Weit empfindlicher wurden die Verhältnisse für das unentwegt freihäudlerischc Britannien, als nach der 'Witte der Siebziger-Jahre eine schntzzöllnerische Gegenströmnitg ein trat , die bis über 1890 hinaus mächtig anschwoll. Die Zeit von 1878 bis 1892 war die Zeit der autonomen Schutzzolltarife. Erst 1892 beginnt eine neue Epoche der Handelsverträge, die charakterisiert wird durch das gemäßigt schutzzöllnerische System der mitteleuropäischen Handels verträge. In der Zeit der autonomen Tarife vermochte England die Er- nenernng der freihändlerischen Verträge aus den Sechziger-Jahren weder in Frankreich, noch in Österreich, Italien, Deutschland du rchzusetz en. Mehr Erfolg hatte es in Spanien und Portugal, wo es vermöge seiner Weinzölle ein Äquivalent in Händen hatte, in den Balkanstaaten iiub in den außer europäischen Gebieten, wo es sein politisches Prestige in die Wagschale werfen konnte. Hingegen hat England seit der jüngsten Phase der Tarifpolitik (seit 1892) ohne sein Zuthnn, kraft der Meistbegünstigung, Antheil an den Zoll- crntäßigungcn der mitteleuropäischen Vertragsstaaten erhalten. Fair Trade Obgleich das Bereinigte Königreich bei seiner Freihandelspolitik eben nicht Übel contra b aran jy, so lässt sich doch bemerken, dass das unbedingte Ansehen derselben erschüttert Pj*0p Tmdp. , ' ist. Die Prophezeiungen der Manchestermänner, dass binnen wenigen Jahren alle Staaten sich zum Freihandel bekehren, die Kriege anfhören und alle socialen Streitig keiten erlöschen würden, giengen nicht in Erfüllung. Tie Welt wandelte ihre eigenen Wege, und so fragte man sich auch in England, ob Free Trade beim wirklich das allein gütige, absolute System der Volkswirtschaft sei. Schon in den Siebziger-Jahren trat dem Free Trade das Fair Trade — Princip gegenüber', feit 1881 besteht eine agitatorisch thätige National Fair Trade Leagae, deren Chancen sich je nach den Con- junctnren bald Hebens bald Fenken. Es hat unter den Landwirten und Industriellen viele Anhänger, die Arbeiter verhalten sich neutral', doch hat keine der großen politischen Parteien (liberal, radikal, conscrvativ) einstweilen Fair Trade ans ihre Fahnen ge schrieben. Grnndsühlich fordern die Bekenner dieser Lehre „für die Handelsbeziehungen des Inlandes zum Anslande Freihandel, wenn er gegenseitig ist; wenn dagegen dieses Schutzzölle erhebt oder Ausfuhrprämien gewährt, dann entsprechende Zölle auch im Inland, welche den Vorthcil ansgleichen sollen, den der ausländische Prodnccnt genießt". Rückgang kr Innerhalb des laufenden Menschenalters ist cs dies- und jenseits des Welthmideis- Kanals beobachtet worden, dass die Welthandelsherrschaft Englands, wenn Herrschaft, auch nicht absolut, so doch relativ, im Rückgänge begriffen sei. Die Eultur- staaten Europas und die nordamerikanische Union haben einerseits den Proeent- satz der britischen Einfuhr herabgedrückt, andererseits haben sie auf dem Welt markt den erfolgreichen Wettbewerb mit dem scheinbar unüberwindlichen Insel- reich anfgenomincn.8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 295 Als Hauptursachen dieser Verschiebung der commerziellen Machtverhältnissc können betrachtet werden: 1 der Ausbau dcS continentalen Eisenbahn- und Canal- systenrs, wodurch erst die breiten Binnengebicte erschlossen, befruchtet und bem Meere Näher gerückt worden sind; 2 . die enorme Steigerung der Production und Consumtion außerhalb Großbritanniens; 3. die Emancipation von dem englischen Zwischenhandel durch die Anknüpfung directer Verbindungen und die Anlage selbständiger Rohstoff- Märkte; 4. die Abkehr vom Freihandel als dem theoretischen Ausdruck des britischen Welthandelsmonopols und die Rückkehr zum Schutzsystem. Die typische Überproduction Englands und die Überexpansion des britischen Handels bewirken, dass Industrie, Handel und Rentencapital des Bereinigten Königreiches von jeder Wirtschaftskrisis ihren Theil abbekommen. Zuerst bedrohte die Baumwollkrise während des nordamerikanischen Secessionskrieges (1861—1865) den leitenden Industriezweig Englands mit dem Untergänge; doch schon 1863 wurde die Gefahr durch indische und ägyptische Zufuhren eingedänunt. Das Actiengcsetz von 1862 hatte die Wirkung, dass eine Masse von älteren Joint-Stock-Companies mit unbe schränkter Haftung (unlimited) in Actiengesellschaften (limited) verwandelt und zahlreiche Actiengesellschaften gegründet wurden. Schon nahm die Über spcculation bedenkliche Dimensionen an, als das Herannahen des preußisch- österreichischen Krieges 1866 das Fallissement einiger Häuser verursachte; doch wurde die Krise durch die Bank von England, deren Acte zmn dritten mal seit der Peel'schen Reform suspendiert werdeit musste, und durch das rasche Ende des Krieges im Keime erstickt. Während der folgenden Jahre, als der Gründungsschwindel auf dem Continent in die Halme schoss, zog England aus der erhöhten Geschäststhätigkcit Nutzen, sowie cs auch von dem mit französischem Capital erbauten Suezcanal (1869 eröffnet) den Hauptprofit einheiinstc. Der „große Krach" von 1873 schien England anfangs nicht zu berühren; allein die langdauernde Depression oder Stagnation, die der continentalen Katastrophe nachschlich, wurde denn doch auch jenseits des Canals bemerkbar (Preisfall, Geschäftsunlust, mangelhafte, ja gänzlich ver sagende Rentabilität u. s. w.). Nun kam der russisch-türkische Krieg (1877 bis 1878), in den das britische Reich beinahe verwickelt worden wäre; 1878 stand es geradezu am Rande einer wirtschaftlichen Katastrophe. Baumwollen und Eisenindustrie befanden sich in der ärgsten Bedrängnis. Doch brachte das Jahr 1879 einen regeren Geschäftsgang; die schleichende oder chronische Krise, die ein Lustrum angehalten hatte, war beseitigt. Die fetten Jahre >1879—1883) giengcn rasch wieder vorbei. Schon 1883 folgte eine abermals fünfjährige internationale Geschäftsstockung oder chronische Krisis. Die seit 1888 cintretende Wendung zum Besseren führte wieder zu leicht sinnigen Crcditgcwährungen und Speculationeu i» exotischen Werten. Der Krisen. Banniwoll- krise. Gründungs- Periode 1862 — 66 . Krise 1866. Depression 1873 — 79 . Erneute Depression 1883 — 88 .296 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zcitalter. Fall des Wclthauses Baring Brothers, durch den argentinischen Staatsbauk- bruch verschuldet, war ein Warnungssignal, das für den englischen Geldmarkt zu spät kam (1890). Außerdem verschlechterten sich infolge der zunehmenden i^TepreNon dlbschließuug bisheriger Absatzgebiete durch Schutzzölle (Mac Kinlcy-Tarif 1890) sei, 189Ü. die Geschäfte. Während cs 1890 bis 1896 in der Welt bald da, bald dort zu fiitanziellcu und ökonomischen Katastrophen jeder Art und jeden Kalibers kam, lagerten sich iiber die britischen Eilande wiederum die bleiernen Fittiche der Stagnation und schwindenden Rentabilität. B. Die britischen Colonicn. Seit dein Abfall der 13 nordamerikanischen Colonicn, des Grundstockes der Vereinigten Staaten, befleißigt sich England einer freisinnigen und nachgiebigen Colo nialpolitik. Periode der Das alte restriktive Colonialsystcm, wie cs in den späteren Redactioncn der Gegenseitig- Cromwcll'sche» Aavigationsacte zum schärfsten Ausdruck gekommen war, wurde nach 'und^Disfc^ Versailler Frieden (1783) nicht weiter aufrecht erhalten. Durch Gegcnseitigkcits- rcntialzöllc. Verträge wurden die Kolonien der fremden Schiffahrt und gewisse ausdrücklich genannte „Freihäfen" dem fremden Handel zugänglich gemacht; an die Stelle der commcrziellen Absperrung trat das System wechselseitiger Differentialzölle (Reichszölle) zu »n gunsten der fremden Ein- und Ausfuhr; der Entwicklung des colonialen Gewerbefleißes legte England fürderhin keine Hindernisse in den Weg. Mit der Aufhebung der Korn zölle und der Navigationsacte (1846—1849) endigt die Epoche der colonialen Differential Aufhebung der zölle. Zuerst verzichtete das Mutterland aus die ihm gewährten Differentialzölle, dann Siffcrcntmi. lmtl: j) erl j,j c t, en golonien eingeräumten Zollbegünstigungen aufgehoben (1854), mit ,0llc ' Ausnahme des Zolles auf Bauholz, der bis 1860 fortbestand. In den Handels verträgen der Sechziger-Jahre verzichtete England ausdrücklich auf die Wiedereinführung colonialer Differentialzölle. Imperial re- Von ber freihändlerischen Unterschätzung der Colouien ist die öffentliche Meinung und Englands ganz und gar zurückgekommen. Auch in den Colonicn ist die Lust, das Band mit dem Mutterlande entzwei zu schneiden, geringer, als vor einem Mcnschcn- alter. So existiert denn heute eine Strömung zugunsten einer engeren politischen und zwar föderativen Verbindung zwischen de» einzelnen Bestandtheilen des britischen Weltreiches. Die Propaganda der bezüglichen Ideen hat sich die 1884 gebildete Imperial Veäeratton League zur Aufgabe gemacht. Auf den von ihr projektierten Bundesstaat der Zukunft bezieht sich der stolze Name Urvater Uritain. Im Anschluss nu die Colonial-Ausstellung des Jahres 1886 trat 1*87 eine Conferenz von Staatsmännern der Colonicn zusammen, in welcher der Caplündcr Hosmeyer sein Projekt eines Reichs zuschlagszolles zu Ungunsten aller nicht dem britischen Empire angchörigen Fremde» entwickelte. Ties läuft auf die Idee einer commcrziellen oder zollpolitischcn Reichs - Union (Oommereial Union) hinaus, die in England und in den Colonicn viele Anhänger hat und der die 1891 entstandene Uniteck Empire Iracke Ueaguo ihre Thätigkeit widmet- Indien. a) Indien. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts stand Vorderindien noch unter der Herrschaft der ostindischen Compagnie, die allerdings schon seit der Pitt'schcn Ostindia-Bill (1784) dem Iloarck of Conti-ol unterstellt war. Tie Compagnie hatte unablässig mit finanziellen Schwierigkeiten zu ringen. Ihr Handelsmonopol gicng8. Kapitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 297 nach nnd nach in die Brüche: 1814 wurde der Handel mit Indien, 1833 der mit China allen britischen Unterthanen, 1849—1854 den Fremden freigegeben. Der Aus bruch eines gefährlichen Aufstandes (Sepoy-Aufstand 1857—1858) führte das längst gewünschte Ende des Missregimentes der Compagnie herbei (1858). Seitdem über nahm der englische Staat die Verwaltung Ostindiens, das zu drei Fünfteln Kroncolonie ist, zu zwei Fünfteln aus Schuhstaaten (Native States) besteht. Vom 1. Jänner 1877 an führt Britisch-Jndien den Titel Kaiserreich (Indian Empire). Die Verstaatlichung hat Indien zwei segensreiche Einrichtungen gebracht: ein Netz von Eisenbahnen nebst Telegraphen und Fürsorge gegen die Hungersnoth, von der Indien periodisch heim- gesucht wird. Indien ist die einzige Colonie, in welcher der britische Staat das eigene Frei handels- und Fiuanzzollsystem eingeführt hat', zwischen 1871 und 1882 sind süinmtlichc Zölle aufgehoben morden mit Ausnahme von Finanzzöllcn auf 7 Artikel (darunter auf die Mouopolartikel Salz und Opium) und der Aüsfuhrabgabe auf Reis. Der Übergang vom Schutz- zum Freihandelssystem ivurdc zu einer Zeit dürchgesührt, als die mit englischem Capital gegründete indische Großindustrie des Schutzes am meisten bedurfte, um von der überlegenen englischen nicht niedcrconcurriert zu werden Trotz der egoistischen Absichten Englands, insonderheit der Weber Lancashires, ist nicht einmal die indische Baumwollindustrie zugrunde gerichtet worden. Die weltwirt schaftliche Bedeutung Indiens beruht erst in zweiter Linie auf seinen Stapelartikeln (Rohbaumwolle, Opium, Reis, Weizen, Thcc, Häute u. s. w.); Indien ist vor allem wegen seiner activen Handelsbilanz das große Sammelbecken, dem alljährlich ansehnliche Mengen von Edelmetallen, zumal Silber, zufließen, um nicht wieder in den Kreislauf des internationalen Verkehrs zurückzugelangen. So war es im Alter thum, . so verhalt cs sich noch heute. Die Summe des vom 16. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts nach Indien abgeflossenen Silbers wird auf mehr als 8'5 Milliarden Mark — die Hälfte des in der genannten Zeit gewonnenen Silbers — geschützt. Seit 1835 besteht in Indien die Silbcrwahrnng und werden Rupien geprägt (bis jetzt über drei Milliarden). In den Sechziger-Jahren, zur Zeit der Baumwollkrise, hob sich wieder die unterdes zurückgegangene Silbereinfuhr. Gegenwärtig ergießen sich zwei große Silberströme »ach Indien, der europäische und der amerikanische; desgleichen zwei Goldbüche, der europäische und australische. Nach Ausgleich sümmtlicher Wechsel und der sogenannten Council-Bills (Wechsel, die die englische Regierung auf die indische Colouialregierung zieht) beträgt noch immer die durchschnittliche Mehreinfuhr von Edel metalle» über 100 Millionen Rupien, zu drei Viertheilcn Silber, zu einem Viertel Gold. So ist Indien eine Zufluchtsstätte für das der Demonetisierung verfallene Silber flc&Iicbcn; das Verbot der privaten Silberprägung (1893) hat bis jetzt noch keine Verminderung der Silbereinfuhr herbeigeführt. Was die sonstigen Besitzungen der Engländer in Südostasien anbelangt, so gehört ihnen das ehedem holländische Ceylon seit 1815, Singapore und Malakka seit 1824. Hongkong erhielten sie 1841 von den Chinesen, nachdem diese im „Opium- kricge" (1840—1841) besiegt worden waren. In Hongkong wie in den Straits Settle ments herrscht unbedingter Freihandel. l>) Australasien. Die älteste englische Niederlassung auf dem australischen Festland (1788) — eine Verbrcchercolonic — liegt auf dem Boden von Neusüdwales Dieses entwickelte sich zuerst und erhielt auch zuerst eine Repräsentativ-Verfassung mit verantwortlicher Regierung (1855): hierauf kamen Victoria, Queensland, Südaustralicn, Jndobrilischc Handels politik. Abfluss von Edelmetallen »ach Indien. Australasien298 IV. Abschnitt. 3)0* panoccanische Transcontincntal-Zeitalter. Neuseeland, Tasmanien an die Reihe. In Australien gaben zuerst die Urproducentcn, die Squatters und die Goldgräber, den Ton an. Das Mutterland versorgte die antipodischen Colonisten mit Jndustrieerzeugnissen. Nach Aufhebung der Differentialzölle herrschte, solange die Urproducentcn den Ausschlag gaben, Freihandel. Die Vermehrung der Staatsausgaben bewirkte zuerst die Einführung mäßiger Importzölle Als nun der unbeabsichtigte Nebeneffect eintrat, dass der heimische Gewerbefleiß unter dem Zollschul; emporblühte, wurden nach dem Vorantritt Victorias seit. 1870 die Zölle schrittweise erhöht. Nunmehr gab die industrielle, städtische Bevölkerung den handelspolitischen Ton an. Melbourne, Sidney, Adelaide erwuchsen mit amerikanischer Raschheit zu Großstädten. Die Ungleichheit der einzelnen Colonicn hinsichtlich des industriellen Fort schritts bewirkte, dass sie sich nicht allein gegen das Ausland (Großbritannien inbe griffen), sondern auch gegen die interaustralische Einfuhr zu schützen suchten. In neuester Zeit ist dieser Gegensatz zuni förmlichen Zollkrieg ausgenrtet. Lange erhöhte die von der Natur gesegnetste Colonie, Rcnsüdwales, ihren Tarif nicht und blieb freihändlerisch, bis 1892 auch hier die protectiouistifche Partei die Oberhand erlangte. common- Unterdessen vollzog sich, vom Mntterlande begünstigt, eine Annäherung der Wraiilf Nonien. Ans einem Dclegicrten-Congress 1891 wurden die Grundzüge einer Bundes verfassung angenommen. Bisher ist der Commontvealtli ot’ Australia — ein Seitenstück zur Dominion ok Oanacka — noch nicht ins Leben getreten. In dein zukünftigen Föderativstaate ivird der Grundsatz herrschen: Freihandel nach innen, Schutzzoll nach außen. britisch c ) Das britische Afrika. Durch die indischen, australischen und afrikanischen enrna. Besitzungen ist der Indische Ocean zu einer Art von britischem Binnensee geworden. Ta» Capland. Hat auch die Südspitze von Afrika — das einst holländische, seit 1811 cndgiltig britische Copland - - nicht mehr dieselbe indirectc Wichtigkeit wie ehedem, als der gcsammte südostasiatische Handel vorübergieng, so hat es an selbständiger Bedeutung gewonnen. Auch im Capstaat haben die Urproducentcn (Wolle, Diamanten) das Scepter in der Handelspolitik an die Gewerbetreibenden übergeben müssen; der Freihandel hat einem gemäßigten Schutzsystem Platz gemacht. Mit der Oranje-Republik, die 1877—1881 von den Engländern annecticrt war, ihre Unabhängigkeit jedoch wieder erlangt hat, besteht eine Zollunion, die mit den handelspolitischen Grundsätzen des britischen Reiches nicht ganz harmoniert. Dieser Zollcinigung mit Freihandel nach innen, Schutz nach außen ist Natal nicht beigetreten. Die oft Bei der jüngsten Theilung Afrikas hat England, das im Süden und Westen afriiauische dunklen Erdthcils bereits Niederlassungen besaß, seine ostafrikanrschc Inter- Interessen- iphiin- esscnsphäre mächtig ausgedehnt und deren Grenze» durch Abmachungen mit Portugal und dem Deutschen Reiche vorläufig abgesteckt. Am meisten hat wohl das britische Proteetorat über Sansibar zu bedeuten. England überlässt den Anbau und die commerzielle Ausbeutung der neuen Acqnisitionen zwei Charter-Compagnien: der British East Africa Company und der South Atriea Company, die NUN nach Art der einstigen Ostindischen Compagnie» der englisckien Herrschaft Pionnierdicnste leisten, ^»glischc «e 6) (Tic mediterrane Region und die orientalische Frage. Die älteste Minenuccr" k l ''Kfäi e Besitzung am Mittelinccr ist Gibraltar (1704). In der Napoleonischen Zeit (1800) fassten die Engländer in Malta festen Fuß und erlangten durch den zweiten Pariser Frieden (1815) das Proteetorat über die Ionischen Inseln, auf die sie 1862 zugunsten Griechenlands Verzicht geleistet haben. 1878 trat ihnen die Türkei Cypern ab. 18828. Kapitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 290 occupicrten sie Ägypten. Mindestens seit dem russisch-österreichischen Türkenkricg von Tic orienta« 1787—1792 legt England ein lebhaftes conscrvatives Interesse für die orientalische Iiirf,r * taäe - Frage, b. i. für den Fortbestand des türkischen Reiches und der anderen mohammedanischen Staaten Vorderasiens an den Tag. Das Interesse ist in dem nämlichen Maßstabc gewachsen, als sich die russische Macht in Asien der vorderindischen Grenze nähert. Seit der Eröffnung des Snezcanals (1869), der kürzesten Wasserstraße zwischen Europa uird Südostasien, siird die mediterranen und orientalischen Angelegenheiten die Angel punkte der britischen Reichspolitik geworden. Sowie England am Krimkriege theil- gcnommen, um dem Fortschreiten Russlands und dem Zerfall der Türkei Einhalt zu gebieten, so legte die drohende Haltung Englands auch 1878 dem Czaren, als Sieger im russisch-türkischen Krieg 1877—1878, Mäßigung ans. Der Gegensatz zwischen den russischen und den britischen Interessen führt auch »och ans einem anderen Schauplatz zu periodischen Conflictcn: in Afghanistan, das nachgerade der Pufferstaat zwischen Afghanistan, den beiden Weltmächten geworden ist. e) Das britische Amerika. Canada war seit dem Ende des 18.Jahrhunderts Canada. in zwei Provinzen mit Rcpräsentativ-Verfassnng getheilt: Ober- und Untercanada, jenes mit englischer, dieses mit französischer Bewohnerschaft. Ein Aufstand (1837) bewog die Engländer, die Provinzen wieder zu vereinigen und mit Selfgovernment auszustatten. Durch Föderation entstand aus den bisher vereinzelten Staaten 1867 die „Dominion of Canada“ mit verantwortlicher Regierung im Bundesstaate, wie in den Gliedstaaten. Der Dominion sind später Manitoba, Britisch-Columbia und die Prinz Edwards-Insel beigetreten. Schon in den Fünfziger-Jahren hatte sich in Canada die Neigung zu Schutz- und Erziehungszöllen gezeigt, die der aufkeimenden Industrie zustatten kamen. In derselben Richtung bewegte sich die Handelspolitik, als der canadische Föderativstaat größere Ausdehnung gewann. Im Gegensätze zur freihänd lerischen und für den Anschluss an die Union agitierenden liberalen Partei war das Programm der Conservativen unter Macdonalds Führerschaft schutzzöllncrisch und national Besonders vcrricth der Tarif von 1870 durch die Verbindung von Zöllen aus Fabrikate und Rohproducte die Absicht, den Handel des Mutterlandes zu begünsttgen, den der Union zu vermindern, welcher Zweck freilich nicht erreicht wurde. Hingegen hob sich die einheimische („nationale") Textil- und Eisenindustrie von Jahr zu Jahr. Der Mac Kinley-Tarif erweckte wieder eine lebhafte Agitation zugunsten einer frei- händlerischen Zollunion mit den Vereinigten Staaten; jedoch Macdonald, zugleich ein Hanptanhänger von Imperial Moderation, durchkreuzte kurz vor seinem Tode (1891) diese Absichten. Demselben Staatsmanne verdanken die Dominion und das Mutter- land die canadische Pacificbahn. Unter den übrigen amerikanischen Colonien Englands ist die westindische Insel Wcstindien. Barbadocs die älteste und wertvollste. Das größere Jamaika ist nach der Ab schaffung der Sclaverei zurückgegangen, doch hebt sich die Production der Insel seit einem Menschenalter wieder. Ein Aufstand der Neger gegen die Einfuhr von billiger arbeitenden Kulis wurde 1865 niedergeschlagen. Bei tisch-Guyana ist eine den Holländern abgenommene und durch den Wiener Kongress den Briten gesicherte Beute. 2. Niederlande. Durch den Wiener Kongress wurde das germanische »nd protestantische Holland Handel i» eine unnatürliche politische Verbindung mit dem romanisierten katholischen Belgien i’ olilir bcc gebracht; auch volkswirtschaftlich hatten beide Länder widerstreitende Interessen. Holland • art ’ crlanl ' f .Verkehr. Die nieder ländischen Kolonien in Südasien. Das Kultur- Stelsel und die Handels- raaatscliap- py. Westindische Kolonien. 300 IV. Abschnitt- Das panoccanischc Transcontinental-Zcitnlter. mit seiner Ackerbau, Handel und Schiffahrt treibenden Bevölkerung neigte zum Frei handel, während das Industrieland Belgien einen ausgiebigen Zollschutz gegen das überlegene Großbritannien verlangte. Revolution und Krieg (1830—1839) haben die beiden Theilen schädliche Verbindung aufgelöst. Aber auch in den separierten Nieder landen führten Schntzzöllner und Freihändler noch lange einen unentschiedenen Kamps, bis mit den Schiffahrtsgcsetzcn von 1850 das Königreich cndgiltig zum Freihandel übcrgegangcn ist. Ser Differentialschutz, welcher der nationalen Flagge bisher ge währt worden mar, wurde aufgehoben. Ebenso nrachte man den Flusszöllen (Rhein, Mel, Maas) ein Ende- Die bis 1858 privilegierte Seefischerei wurde freigcgcbcn. Die liberalen Tarife von 1862 und 1877 enthalten keine Ausfuhr- und Durchfuhr zölle mehr, die Einfuhren sind frei oder mit geringen Wertzöllen belegt. Von der schutzzöllncrischen Strömung der Siebziger- und Achtziger-Jahre haben sich die Nieder lande nicht mit fortreißen lassen. Ihre Bedeutung beruht auf dem Transit, der Rhcderei und dem Zwischenhandel, die bei Zollfrciheit am besten gedeihen. Für den Verkehr ist in den Niederlanden namentlich durch Canalbauten viel geleistet worden. Auch die Austrocknung des Harlemer Meeres (1840—1853) gehört zu den bemerkenswerten Lcistiuigcn dieses Landes der Wafferbaukünste. Im Eisen bahnwesen hat sich die öffentliche Meinung vom Privatbau und Privatbetrieb zum Staatsbau und Staatsbetrieb bekehrt. Colonien. Während der Coalitionskriege, in die Holland als Vatavischc Republik und Napoleonischer Vasallenstaat hineingezogcn worden war, gicng die alte Ostindische Compagnie zugrunde (1798). Die Colonien ivnrden insgcsammt von den Engländern erobert, verwaltet, aber auf dem Wiener Congrcss mit Ausnahme Ceylons, des Caplandes und Guyanas zurückerstattet. Eine neue Epoche des Aufschwungs beginnt für Niederländisch-Ostindicn mit dem Gouvernement Jan's van den Bosch. Er ist der Urheber des 1830 eingeführten Kultur-(spr. Kültür-) Ztslsel. Mit Anknüpfung an schon bestehende Zustände wurde ein Fünftel des ColonialbodcnS in holländisches Staatscigenthum verwandelt und die einheimische Bevölkerung verhalten, ans demselben die erforderliche Arbeit zu leisten. Ter Vertrieb der Colonialprodncte wurde zu einem ausschließlichen Vorrecht der 1824 gegründeten Ueclerlanäselw Uauäel8m<rat8elurpi>z- gemacht; auch der Einkauf der für die Colonien nöthigen europäischen Waren bildete ein Monopol der Gesellschaft, die hinwiederum der Regierung Vorschüsse gegen 1 / 2 °/ 0 Zins gewährte. In neuester Zeit ist das Kultur-Stelsel zugunsten des Privatbetriebes eingeschränkt worden. Die Regierung lässt nur mehr Kaffee auf ihren Ländereien bauen; die Cultivation von Zuckerrohr, Thee, Tabak, Indigo, Cinchona ist dem Privatbetrieb ohne Staats- concurrenz überlassen. In Niederländisch-Ostindicn war früher zum Schutze der mntterlündischen gegen die englische Industrie ein hoher Differentialtarif in Giltigkeit. 1872 ivnrden die Differentialzölle aufgehoben und durch Finanzzölle ohne Rücksicht auf die Herkunft ersetzt. Weniger bedeutend als die Besitzungen der Niederländer im Osten der alten Welt sind ihre westindischen Colonien. Seitdem die Engländer den Sclavenhandel abgeschasft und seit die Holländer (in den Sechziger-Jahren) der Sclavcrci ein Ende gemacht haben, liegt dort die Plantagenwirtschast darnieder. Die privaten Unter nehmer waren trotz der Einfuhr von Kulis nicht recht imstande, sie wieder in Flor zu bringen.8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815— n). 301 3. Belgien. Vom Ausbruch der Revolutionskriege bis zum Sturze Napoleons I. bildete BeiM» vor Belgien — die ehemaligen österreichischen Niederlande — einen Beitandtheil Frank reichs. Es war dies eine für den Anfschmnng der belgischen Industrie, der das Kaiser reich mit seinen Nebenländem als Absatzgebiet offen stand, heilsame Verbindung. Früher denn in einem andern Lande des Continents kam in Belgien der maschinelle Großbetrieb zur Entwickelung. Als der Wiener Congress das 1814 von Frankreich losgelöste Belgien mit Holland staatlich zusammenschweißte und als das Absatzgebiet er heblich zusammcnschrnmpftc, da beschlichen bange Existenzsorgen die junge belgische Industrie, welche Prohibitionen und Hochschutzzölle verlangte, um wenigstens den in ländischen und colonialen Markt vor den übermächtigen Engländern zu retten. Wenn auch die Regierung den belgischen Schntzzöllnern einige Zugeständnisse machte, so konnte» diese ihre Wünsche doch erst durchsetzen, nachdem sich das Land von der Union mit Holland befreit und zu einem selbständigen Königreich nmgcstaltet hatte (1831). >mt> Der erste protection!stische Tarif (mit agrarisch-industriellem Solidarschutz) gehört dem mA) 1831 - Jahre 1834 an. Die schntzzöllnerische Strömung selbst dauerte bis in die Fünfziger- Jahre. Das Vorhaben der französischen Politik, eine Zollunion zwischen Belgien und Frankreich hcrznstellcn, scheiterte an dem Widerspruch der europäischen Mächte, die bis zum Jahre 1870 den immer wieder erneuten Gelüsten Frankreichs ans Belgien ent- gegenznwirken genöthigt waren. In den Fünfziger-Jahren mussten bereits die Schutzzöllner das Terrain Schritt für Schritt den Freihändlern preisgeben, welche die Aufhebung der Differential- Periode, zölle und die Freiheit des Transits durchsetzten. Der Handelsvertrag mit Frankreich (1861), dem eine lange Reihe von Tractaten mit anderen Mächten folgte, eröffnete in Belgien das Zeitalter des Freihandels. Im Jahre 1863 schloss Belgien einen Vertrag mit Holland, in welchem sich -cheldrzou jenes erbot, diesem den Scheidezoll gegen eine Summe von 36 Millionen Francs "bgemc. abzulösen. Holland hatte nämlich sofort nach dem Abfall Belgiens (1830) die Schelde gesperrt, war dann freilich gezwungen worden, die Sperre wieder aufzuheben, erhielt aber das Recht, an der Flussmündung einen einmaligen Ein- und Ausgangszoll zu erheben. Nachdem Belgien durch Jahrzehnte den eigenen und fremden Schiffen ihre Abgaben wiedererstattet hatte, brachte cs den Ablösnngsvertrag zustande; es nahm ein Drittel obiger Summe auf sich, während die übrigen interessierten Mächte den Rest repartierten. Belgien hatte keinen Grund, seine Handelspolitik zu bereuen. Der Gegensatz Pro seiner politischen Parteien, der liberalen und clericalen, ließ bis auf die jüngste Zeit nctlomstiiche die Tarife und Verträge unberührt. Trotz der protectiouistischen Strömung, die seit ^"°mui,gcn. dem Ende der Siebziger-Jahre-in Europa um sich griff, hielt die belgische Industrie, an den freihändlerischen Grundsätzen fest. Hingegen sattelte die Landwirtschaft um und bewirkte 1887 die Einführung von Importzöllen ans Vieh und Fleisch. Im Jahre 1892 ist Belgien dem System der mitteleuropäischen Handelsverträge bei. getreten. Jnsoferne Leopold II., König der Belgier, seit 1886 Souverän des Congo- Tn Staates ist, hat auch Belgien Antheil an den Fragen der Colonialpolitik. Es hat Congo-Lwcu. dem afrikanischen Nebenlande ein Darlehen vorgestreckt und erbt dereinst alle Rechts- ansprüche des Königs.Handels politik 1815 — 30 . Juli-ilievo- uttioit und Biirger- königthum. 302 IV. Abschnitt. Das panocc,mische Transcontinental-Zcitalter. 4. Frankreich. Die Handelspolitik der Nestaurationsepoche schien aitfänglich eine freiere Wendung nehmen zu wollen, da sich die Bourbonen ihren Gönnern, den Engländern, gefällig erzeigen wollten. Aber dis Nation hielt an den cr- erbten Grundsätzen des Hochschntzes fest. Schon 1816 wurden die meisten Einfuhrverbote und Hochschutzz'ölle auf Fabrieate wieder hergestellt, die fremden Schiffe und die auf solchen verfrachteten Waren mit Zuschlägen (surtaxes) belastet, die Colonieu gegen alle Nichtfranzosen abgesperrt, Colonial- und Küstenhandel der heimischen flagge Vorbehalten, die Fischerei- und Ausfuhr prämien erneuert. Durch die Tarife von 1819- 1822 erhielt auch die Landwirtschaft den ersehnten Schutz gegen die auswärtige (russische) Concurrenz. Die verbündeten Grundbesitzer und Industriellen lotsten das errungene Solidarschutzsystem durch alle Fährlichkeiten der Nestauration und des Julikönigthunts. Wo die Interessen der handelspolitischen Alliierten in Widerstreit geriethen (wie hinsichtlich der Wollzöllc, die den Wollproducenten zugute kamen, aber den Fabrikanten den Rohstoff verthcuerten) wurden die letzteren durch Ausfuhrprämien entschädigt. Als die reactionären Bestrebungen Karls X. und seines ultraroyalisti scheu Alinisteriums Polignac den Einfluss und die Interessen der die Allein Herrschaft beanspruchenden Classc, der Bourgeoisie (des besitzenden Bürger standes, der Geld- und Erwerbsaristokratie), in Frage stellte», wurde die missliebige Negierung durch die Julirevolutio» des Jahres >830 ge stürzt. Die Bourgeois, die den Kampf gegen die Negicrungstrnppcn durch Arbeiter oder Studenten aussechten licszen und ans ihren Berstecken erst wieder hcrvorkame», als es sicher geworden war, setzten einen der reichsten Männer Frankreichs, Louis Philipp von Orleans, auf den erledigten Thron. Seine ersten Ministerpräsidenten waren die Bangnicrs Lafitte und Eas. Pürier. Der Bürgcrkönig selbst hatte keinen höheren Lebenszweck, als den aller bürgerlichen Familienväter, sein Privatvermögcn ;» vergrößern, das er übrigens seinen Kindern abgetreten hatte, um cs nicht mit dem Kronvermögen vereinigen zu müssen. „Die goldenen Tage der Bourgeoisie brachen an. Die Demokratisierung der Gesellschaft brachte den Franzosen nicht, wie ihre Doetrinärc so oft geweissagt, die Herrschaft des Talentes, sondern die Herrschaft des Geldbeutels . . . Ebenso hart und hochmiithig lvie einst der alte Ritteradcl schaute dies pays legal des neuen Geldadels auf die breiten Blassen des Volkes hernieder und schmähte sie als die ge fährlichen Classe».' Der vierte Stand aber hatte schon einmal, i» den Tagen des Convents, Frankreich beherrscht und jetzt wieder durch seinen Barrieaden- tampf das alte Königthnm gestürzt . . . Bedrückt und verwahrlost konnte8. Kapitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 303 er nichts hoffen von einer Elasscnherrschast, die das kniend der kleinenLeute nicht einmal bemerken wollte, und erwartete feilt Heil von den hochtönenden Verheißungen der neuen socialistischen und eomniunistischen Lehren." Indern Louis Philipp die sociale Mission des Königthums den Schutz der Schwachen n»d Gedrückten nicht zu begreifen imstande ivar, eilte auch seine Herrschaft dein Ende zu, das ihr die mit seinem persönlichen Regiment unzufriedenen Bourgeois und die Lohnarbeiter bereiteten. Das französische Schutzsystem erlitt zur Zeit des Julikönigs (1830 bis 1848) nur unwesentliche Modificationen. Wenn in den Dreißiger-Jahren ab und zu kleine Erleichterungen eintraten, so kehrte die Regierling in den Vierziger-Jahren zur vollen Strenge des solidarische» Hochschutzes zurück. Auch die Februar-Revolution (1848) änderte an den wirtschaftlichen Verhältnissen Frankreichs nichts. Die Bourgeoisie behauptete sich durch die Juniusschlacht im Besitz ihrer Classenherrschaft und war mehr denn je ge neigt, sich der Regierung in die Arme zu werfen, welche ihr die stärksten Garantien gegen die Bestrebungen des vierten Standes bot. Louis Napoleon (Napoleon III.), Präsident der zweiten Republik (1848- 1852) und Begründer des zweiten Kaiserreiches (1852- 1870), kw« stai» betrachtete sich keineswegs, wie man dies dem Iulikönig zuzumnthen gewohnt l ™ K<m ’ war, als bloßen Geschäftssührcr der 1 laute Bourgeoisie oder eigentlich der Haute Financc. Dieser Erbe eines großen Namens, der durch den Staats streich vom 2. Deeembcr 1801 die ividerspenstigen Elemente des Bürger standes unschädlich gemacht hatte und mit eiserner Hand den seit der Juni schlacht überwundenen Arbeiterstand nicderhielt, sah seine Aufgabe in einem Ausgleich »nd in der allscitigen, parteilosen Beförderung der zu versöhnenden Classeninteresscn. Um gegen die Ansprüche der beiden feindlichen Classcn, die sich allein zur Herrschaft berechtigt hielten, der Bürger »nd Arbeiter, eine Stütze zu haben, näherte sich Napoleon III. mit Hilfe des Clerus dem Bauernstände. Jedoch auch der Bourgeois sollte durch Erschließung neuer Reichthumsgncllcn an sein Regime gefesselt werden und ebenso der Arbeiter, aus dessen Erinnerung die socialistischen Träume der vorhergehenden Epoche durch nie versiegende Arbeitsgelegenheit und hohe Löhne verdrängt werden sollte». Unter Napoleon UI. sind enorme Summen für landwirtschaftliche Zwecke Verkehre (Wiederanssorstnng, Urbarmachung, Credit foncier 1852, Gründung von Muster- wirtschaften n. dgl.), für Vieinalwege, Wasserstraßen, Hafenbauten verausgabt worden. Dao zweite Kaiserreich übernahm ans der Zeit Louis Philipps die Tyrannei der sechs großen (1842 begründeten) Eisenbahngesellschaften. Mit ihnen schloss die Regierung 185!! die Verträge über den Ban und Betrieb des „neuen Netzes". Unabhängig von ihnen sollte laut Gesetzes von 1865 ein System von Loealbahnen geschaffen werden. Diese Loealbahnen wurden in den Siebziger-Jahren von den großen (Gesellschaften304 IV. Abschnitt. Das panoceamsche Tmnscontinental-Zeitalter. aufgekauft. Auch der Versuch Freycinets und Gambcttas, ein unabhängiges Staats bahnnetz zu schaffen (1878—1883), ist an der Übermacht des sechsfachen Eisenbahn ringes gescheitert. Bauthiitigkeit. Nichts hat die Arbeitskräfte des Landes so dauernd in Anspruch genommen, als dass fast alle größeren Städte von Grund ans umgebaut, modernisiert, verschönert morden sind, allen voran die Hauptstadt, welche unter Leitung des Seine-Präfecten Haußmann in ästhetischer und praktischer Hinsicht musterhaft reconstruicrt worden ist. ruxilS. Tie Regierungszeit Napoleons III. war eine Epoche der großartigsten Consumtion. Der Hof selbst gab absichtlich das Beispiel luxuriösester Verschwendung. Einheimische und Fremde wetteiferten, seinem Beispiele zu folgen. Durch Verkehrseinrichtungen und Ausstellungen (1855, 1867, dann 1878, 1889) erlangte Paris eine Anziehungskraft, wie nie zuvor. Eitic»- Allein der sittenverderbende Luxus erweckte das Streben nach raschem, glücks- vcrderlm»-. spielmäßigem Gewinn. Börsenspeculation, Schwindel und Corrnption breiteten sich seuchenartig aus. Um das lästige Monopol der erbgesefsenen Weltbankhäuser zu erschüttern, unterstützte die Regierung das Treiben der Brüder Pereire (Begründer des Credit ,'iatastrophen. mobilier), eines Mirös u. A. Doch compromittiertcn wiederholte Spcculationskriscn (1857 internationale Krisis, 1862 Baumwollkrise, 1863—1864 locale Geldklemme) das Ansehen der mitschuldigen Regierung, die man, jemehr während der Sechziger- Fähre ihr Stern in der auswärtigen Politik zu erbleichen anfieng, überhaupt für alle Übelstände des öffentlichen Lebens verantwortlich machte und dadurch systematisch des Vertrauens beraubte. Übergang zum Auch durch seine bedeutendste wirtschaftspolitische Action den über- Freihandel. g an g Freihandel und die Schöpfung des Systems der west europäischen Handelsverträge — hat sich das zweite Kaiserreich nicht den Dank der Nation erworben. Die im Jahre 1860 inaugurierte Pertrags politik galt und gilt als das eigentliche Wahrzeichen der rein persönlichen, den nationalen Gefühlen und Interessen fremden Regierungöweise Napoleons III. Die Ära In den Fünfziger-Jahren ließen die stark beeinflussten französischen Kammern eine Reihe vereinzelter schntzfeindlicher Maßregeln (Aufhebung der Ausfuhrzölle, Hcralnnindcrnng der Rohstoff- und Getreidezölle) durchgehen; als aber Napoleon 1856 mit einem Tarif hcrausriicktc, kraft dessen die Hochschntzzvlle durch mäßige Wertzölle ersetzt werden sollten, da sträubten sie sich. Der Kaiser machte nun von seinem verfassungsmäßigen Recht, aus eigener Machtvollkommenheit Handelsverträge mit auswärtigen Staaten abzuschließen, Gebrauch. Napoleon ließ sich hierbei sowohl von seinen volks wirtschaftlichen Überzeugungen, als auch von politischen Erwägungen leiten. Es war ihm um eine Annäherung an das freihündlcrische England zu thun; auch wollte er andere Staaten durch freiwillig eingerüumte Handelsvortheile seinen politischen Zwecken geneigt machen. Das Am 23. Jänner 1860 wurde der epochemachende Handelsvertrag neue System. zwischen Frankreich und England abgeschlossen. Ihm folgten die Per träge mit Belgien (1861), dein Zollverein (1862), mit Italien (1863),8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 305 Österreich (1866) u. s. w. In der nämlichen Epoche kam auch der Lateinische Münzbund zustande (1865). Die neuen Conventionaltarife enthielten keine Rohstoff- und Getreidezölle und nur überaus inäßige Fabricatzölle, die höchstens 15% des Wertes betrugen. Nun wurden auch die Colonieu der fremden Schiffahrt erschlossen, die Flaggen- und Entrepot-Zuschläge zuerst herabgesetzt, dann aufgehoben. Endlich fielen selbst die Ausfuhrprämien hinweg, ausgenommen im Veredlungsverkehr. „So war also das Solidar- M-m^indc schutzsystem atis der Restaurationszeit gänzlich verschwunden, und es blieb nur ein mäßiger Jndnstrieschntz bestehen. Das neue System kam der Masse der französischen Bevölkerung als Consumenten ohne Zweifel zu statten, auch den Vertretern des Handels und gewisser Productionszwcige. Aber die Mehrheit der land- und capitalbcsitzenden Bourgeoisie konnte sich nicht mit ihm befreunden, und ihr Widerspruch nahm mit der Zeit nicht ab, sondern zu, so dass schon in der letzten Zeit des Kaiserreiches die Erneuerung der demnächst ablaufcnden Handelsverträge alo fraglich erscheinen musste." Die Misserfolge der äußeren Politik und die heftigen Angriffe feind- Ende de« licher Parteien unterwühlten das zweite Kaiserreich, bis cs unter dem Ein- Kaiserliches, druck der Niederlagen des Jahres 1870 zusammenbrach. Nach dem Frank furter Frieden (1871) war cs die erste Aufgabe der dritten Republik, %"r!«c die ihr von den Deutschen aufcrlcgte Contribution von 5000 Millionen fiimn Francs zu bezahlen und das Budget dem kolossalen Mehrbedarf anzupassen, ü-a-n Die Kosten des Krieges werden auf etwa 12 Milliarden Francs angeschlagen, retten. Die Staatsschuld, vor dem Kriege (1869) 13 Milliarden, beläuft sich jetzt ans 30 Milliarden. Die Kriegsentschädigung wurde binnen drei Jahren nur zum geringeren Theil in Edelmetallen abgezahlt, zu mehr als vier Fünfteln in Wechseln. Um auf die neuen Anlehen subscribiercu zu können, warfen die Franzosen einen großen Theil ihres Besitzes an auswärtigen Wertpapieren auf den Markt. Während sie mit diesen ihren allereigensten Angelegenheiten beschäftigt waren, gieng die extensivste und intensivste Krise des Jahrhunderts, der große Krach von 1873, an ihnen spurlos vorüber. Den budgetmäßigen Mehrbedarf (700- 800 Millionen) suchte der Präsident Thiers durch erhöhte Auslagen zu decken; unter anderem setzte er die Wiedereinführung von Rohstoffzöllen durch. Allein die mit seiner Finanzpolitik unzufriedenen Parteien stürzten ihn; Rohstofszöllc und Flaggenzuschlag wurden abermals ausgehoben, die aus der Napolconischen Zeit stammenden Handelsverträge erneuert. Unter dem Einflüsse der internationalen Geschäftsstockung der letzten 9tiicfwcui ’ un 0 , . ... zum Srebenziger-Jahre schwoll auch tn Frankreich, wie sonst tu Europa, die Schutzsystem, schutzzöllnerische Gegenbewcgung mächtig an. Nach endlosen Enqueten Ä! a >> r, ?ichrb»ch der Handetsgejchichie, 20Tas 92er System. Französische Handelskrisen. KrisiS von 1882. Der Knpserrinq, der Panama- Krach. Colonien. Algerien. 306 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zcitaltcr. und Debatten käin 1881 ein autonomer Generaltarif mit vorwiegend mäßigen Schutzzöllen zustande. Er bot fortan die Grundlage für den Ab schluss von noch gemäßigteren Vertragstarifen mit den auswärtigen Handels- Mächten. In de» Jahren 1885) und 1887 kamen agrarische Schutzzölle von ansehnlicher Höhe hinzu, da ja die französische Landwirtschaft infolge der überseeischen Concurrenz an derselben chronischen Krisis theilnahm, von tvelcher ganz Mittel- und Westeuropa heimgesucht war. Frankreich ivartete nur ans den Ablauf der Verträge im „handelspolitischen Kometenjahr" 1892, um zum ausgeprägtesten Solidarschntzsystcm überzugchen. Es hat nun mehr einen autonomen Maximal- lind Minimaltarif, ivelch letzteren cs den jenigen Staaten bietet, die ihm das Meistbegünstigungsrecht gewähren. Hohe Agrar- und Jndustriczöllc, Entrepotzuschläge, Ausschluss der Fremden von der Eabotagc, coloniale Differentialzölle charakterisieren dieses neueste französische Schutzsystem (1892). Die Handelskrisen, von denen Frankreich in neuester Zeit und überhaupt im Laufe des Jahrhunderts mehr gestreift als schivcr getroffen worden ist, sind vorwiegend Speculatiöüskriscn gewesen. Von kurzer Dauer, endigen sie mit dem Zusammenbruch der meist von einzelnen Spcculanten zugrunde gerichteten Unternehmungen und be schränken sich ans die unmittelbarst bcthciligten Kreise. Diesen vom englisch-amerika nischen verschiedenen Typus zeigt z. B. die Krisis des Jahres 1882. Sie wird nach dem schuldtragenden Großspeculantcn, Eugene Bontoux, die Bontonr-Krisis genannt. Dieser Mann, der vorher Gencraldirector der österreichischen Südbahn gewesen ivar, gründete 1878 die Union generale, eine überaus rührige Mobilierbank, für die Bontoux dadurch Reclame machte, dass er vorgab, er wolle die internationale Börsenherrschaft der Rothschildgruppe stürzen. Infolgedessen strömte i()m ans conscrvativen Kreisen Capital zu, das er binnen kurzem ebenso verspielte, ivic seinerzeit (186b) der Matador des clericalen Capitals in Belgien, Langrand-Dumonccau. Die Bontoux'schcn Grün dungen in Frankreich machten anfangs 1.882 Bankrott. Die Dircctoren, Bontoux und Feder, kamen in Untersuchungshaft; man konnte ihnen aber nach französischem Acticnrecht nichts anhaben. In ähnlicher Weise beschränkte sich der Zusammenbruch des Kupferringes (1889) auf die unmittelbar betheiligte Loeiete dos mfitaux und das Comptoir d’escompte. Dieselbe Bewandtnis hat es mit der 1882 gegründeten, seit 1888 wankenden und 1890 zahlungsunfähig gewordenen Panama;Canal-Gesellschaft. Ihr Bankrott kam den (angeblich 630.000) Actionären auf circa 1400 Millionen Francs zu stehen; trotzdem gieng er am französischen Wirtschaftsleben spurlos vorüber. Die Enthüllungen, welche der Panama-Process (1892/93) gebracht hat, lassen alle scnndalösen Vor gänge der Julizeit und des zweiten Kaiserreiches weit hinter sich. Französische Colonien. Nach dem Sturze Napoleons I. ivar Frankreich seiner ehemaligen Colonien bis auf wenige beraubt, llnvcrdrossen liest es sich im 19. Jahrhundert den Wiedererwerb auswärtiger Besitzungen angelegen sein. De» An fang machte cs mit Algier (1830), das jedoch erst, nachdem Abdel-Kader, der Held des Volks- und Glaubenskrieges, bezwungen war, zu Besicdelnngs- »nd Cultjvations- zwccken verwendbar ivurdc. Napoleon III. gab sich redliche Mühe, die einheimischen8- Kapitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 307 Bevölkerungselemente zu erziehen und aus sie die Zukunft des Landes zu stützenallein sie sind ebensowenig gute Franzosen geworden, als die Franzosen bisher große Lust gezeigt haben, sich in Nordafrika dauernd anzusiedeln. Immerhin ist Algerien ein wichtiges Exportgebiet (Getreide, Bieh, Wein u. s. w.) geworden, in dem die Franzosen den Handel, der sich inSgesammt ans circa 500 Millionen Francs beläuft, beherrschen. Den Fremden ist durch die neueste restrietive Gesetzgebung der Mitbewerb beinahe unmöglich gemacht. Einstweilen vermag die Kolonie, die den Franzosen über 5 Milliarden gekostet hat, noch nicht für die Administrationskosten aufznkommen. - Zur Zeit des zweiten Senegambien. Kaiserreiches kamen auch die uralten Ansiedlungen in Senegambien unter der treff lichen Verwaltung des Generals Faidherbe in Flor. Napoleon HI. ergriff jede Gelegenheit, um „das Prestige der großen Nation" Chinesische außerhalb Europas zur Geltung zu bringen. So vereinigte er sich mit den Engländern ^pcdttw». zu einer Expedition gegen die Chinesen (1857—60). Um die Stellung Frankreichs im Orient zu befestigen, nahm er nach den: Krimkrieg das Proteetorat über die katho lischen Christen daselbst in Anspruch. Zn deren Schutze wurde die syrische Expedition S tft J u o in (1860) unternommen. Von volkswirtschaftlich großer Bedeutung war die Protection, $>|ricu ' die Napoleon dem von französischer Seite (Ferdinand Lesseps) lancierten, mit französischem Tcr Gelbe und unter französischer Leitung ausgeführten Projeete, die Landenge von Suez Tue, -Canal, zu durchstechen, angedeihen ließ. Dadurch gewann Frankreich eine möglichst abgekürzte Verbindung mit seinen hinterindischen Kolonialgebieten. Kochinchina mar nach längeren Hiiiterindle». Feindseligkeiten bereits 1863 in eine Kolonie verwandelt worden, 1867 erlangte Frank reich das Proteetorat über Cambodja. Einzelne Punkte in Madagaskar und Obok am Rothen Meere wurden besetzt. Napoleon III. träumte von einem französischen Indien, das den Beruf hätte, dem englischen die Wage zu halten. Gänzliches Fiaseo machte das zweite Kaiserreich mit der kostspieligsten und weitest angelegten seiner überseeischen Die Expeditionen, der merikanischen. Ursprünglich verbanden sich Spanier, Engländer, Franzosen zu einem Unternehmen, um die republikanische Regierung von Mexiko zur ,i H61 AÖ7) Einhaltung ihrer Verpflichtungen gegen ihre europäischen Gläubiger zu zwingen (1861). Damals war bereits der nordanierikanische Bürgerkrieg ausgebrochen, und Napoleon glaubte, dass nun die Gelegenheit da sei, der lateinischen Rasse in Mittel- und Süd amerika unter französischem Schutze wieder aufzuhelfen. Aus dem Couponkrieg ivnrde eilt Colonial- und Rassenkrieg im großen Stil; die Franzosen eroberten Mexiko, das i» eine Monarchie nmgestaltet wurde (Kaiser Maximilian 1864—67). Als aber nach dem Seeessionskrieg die Vereinigten Staaten hen unerschütterlichen Willen zeigten, der französischen Schöpfung ein Ende zu machen, gab es Napoleon auf, seine Pläne weiter 511 verfolgen. Die Franzosen zogen ab, und das neue Kaiserthum stürzte zusammen (1867). Das republikanische Frankreich hat seit den Achtziger-Jahren seinen Kolonialbesitz 'JJeuefte erheblich vermehrt. 1881 erlangte es die Schutzherrschaft über Tunis, zum großen Crwcebungcn Missvergnügen der Engländer und Italiener. Von Senegambien, wie von Algier ' ua ' ans trachten die Franzosen unablässig, die Hinterländer in ihren Machtbereich einzu beziehen (Timbuktu). Auch das französische Kongoland ist in beständigem WachSthnm begriffen. Seit 1885 steht ganz Madagaskar unter französischem Proteetorat. Nur durch blutige Kämpfe konnte Tonking den hinterindischen Machthabern und den Ta,n>»g. intervenierende» Chinesen entrissen werden (1885). Seit 1888 sind die hinterindischen Besitzungen zu einer administrativen Einheit unter dem Namen Indo-China vereinigt. Zu dein bereits 1853 besetzte» Nen-Caledonien sind neneftens mehrere oeeanische 20 *Verfall Spanien?. Verbot- und Schutzsystem. Ausschwung Spaniens seit 1875. 308 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontincntal-Zeitalter. Inselgruppen hinzugekommen. Hingegen hat sich der alte Besitzstand in Amerika nicht verändert (Martinique, Guadeloupe, Cayenne). Seit den Achtziger-Jahren hat Frankreich einen Colonialrath, eine Ideale coloniale, seit 1802 eine Colonialarmee. Das Colonial-Departement, früher mit dem Marine-, dann mit dem Handelsministerium verbunden, ist neuestens in ein selbständiges Ministerium umgewandelt worden (1894). 5. Spanien. An der Scheide des 17. und 18. Jahrhunderts hatte der ivirtschaftlichc Verfall Spaniens seinen tiefsten Stand erreicht. Während des 18. Jahrhunderts, namentlich unter der Regierung Karls III., eines Hauptvertreters des aufgeklärten Absolutismus, hob sich das Königreich wieder. In diese Zeit fällt die Begründung der Industrie Cata- lonicns, welche bis heute einen mafigebendcn Einfluss auf die spanische Wirtschafts politik ausübt. In der Napoleonischcn Zeit sank Spanien tiefer denn je, und nur die Freundschaft Englands bewahrte es vor gänzlichcm Ruin. Der Schwächezustand des von Aufständen und Bürgerkriegen heimgcsnchten Reiches dauerte auch nach der Wieder herstellung des Weltfriedens fort; es konnte den Abfall seiner amerikanischen Colonien nicht verhindern. Bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts hielt Spanien am Verbotsystemc fest. Der erste für ganz Spanien giltige Tarif (1825) — bis dahin hatte jede Provinz ihre eigene Zollinic — belegte noch 650 Artikel mit Einfuhrverboten. Erst der Tarif von 1862 ersetzte die mit wenigen Ausnahmen abgeschafstcn Prohibitionen durch Hochschntz- zölle. Rach dem Sturze Jsabellas 11. (1868) trug die republikanische Regierung (Mini- sterinm Fignerola) endlich dem frcihändlerischen Zeitgeiste Rechnung. Doch blieben die Zollsätze immer noch vergleichsweise hoch, iveil die Zollerträgnifse einen unentbehrlichen Factor im Staatshaushalte bildeten. Auch wirkte dcu frcihändlerischen Liberalen stets eine conservative Schntzzollpartei entgegen. Seit der Wiederherstellung der Bourbonen (1875) haben sich die volkswirtschaft- lichen Verhältnisse deo spanischen Königreiches fortschreitend gebessert. Selbst die charakte ristische lluterbilauz des auswärtigen Handels ist znrückgegangen und hat in den letzten Jahren vereinzelt einem Aktivsaldo Platz gemacht. Der Export und die consumtiven Kräfte der Nation haben sich verdoppelt. Eben das Jnsect, das den Weinbaii Frank reichs schädigte und das erste Weinland der Erde nöthigte, steigende Weinmengcn ein zuführen, verursachte mittelbar den Aufschwung des Nachbarstaates. Bon 1876, in welchem Jahre die spanische Weinausfuhr 300.000 hl betragen hatte, stieg sic bis znm Beginn der Neunziger-Jahre auf circa 10 Millionen Hektoliter im Jahre. Binnen andert halb Decennien hat der Wcinexport den Spaniern mindestens 3 Milliarden Pesetas ein gebracht — „einen reinen Zuwachs zum Nationalvermögen". Eine andere Quelle nationaler Bereicherung bietet der gerade in den beiden letzte» Jahrzehnten mächtig entwickelte Bergbau. Dieser war im 17. Jahrhundert nahezu erloschen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nahm man wieder die Quecksilbergrnbcn von Almaden in Angriff; sie sind in den pfandweisen Besitz des Hauses Rothschild übergcgangen, wie vor 300 Jahren in den der Fugger. Seit 1830 wendete man den Silber- und Kupfergruben (Rio Tinto) Aufmerksamkeit zu, noch später dem Eisen und der Kohle. Der Haupthafen für Eisenerze unb Roheisen, Bilbao, ist Mittelpunkt einer mit fremden Capitalicn gegründeten Metallindustrie geworden.8. Capitel. Die britisch-anrerikanische Periode (1815—x). Z09 Als sich die große schutzzöllnerische Flutwelle über Europa hinwälzte, gesellten sich auch in Spanien zu den protectionistisch gesinnten Industriellen (Cataloniens) die Landwirte mit der Forderung von Agrarzöllen. Nach dem Vorgänge Frankreichs kündigte Spanien sänimtliche Handelsverträge. Am 1. Jänner 1892 erschien dann ein hochschutz- zöllnerischer Solidartarif mit einer Maximal- und einer Minimalcolonne. Ans dieser Basis wurden die Verhandlungen über nene Vertrüge mit den auswärtigen Mächten eröffnet. Spanische Colonien. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts nahm Spanien Colonien. unter allen Colonialmächtcn den ersten Rang ein. Gegenwärtig steht cs an 5. Stelle. Während unter den westindischen Eilanden, die Spanien verblieben sind, Portorico sich eines friedlichen und gedeihlichen Daseins erfreut, hat sich Cuba, die „Perle der Antillen", zu Spaniens Schmerzenskind ausgewachsen. Schon die Einstellung des Sclaven- handels, noch mehr die Aufhebung der Sclaverei (1888 vollendet) hat dem Tabak- und Zuckerrohrbau Abbruch gethnn. Hierzu kam ein zehnjähriger Revolutionskrieg (1868—78), der Cuba in Schulden stürzte. Ferner hat sich das Absatzgebiet für cubanischen Rohr zucker auf die Vereinigten Staaten eingeengt, deren Vorschläge wegen Ankaufs von Cuba zu keinem Resultat geführt habe». Bis heute hat Spanien auch in seinen westindischen Colonien an den altgewohnten Differentialzöllen festgehalten. Die Tarife unterscheiden zwischen spanischen und fremden Waren, spanischen und fremden Schiffen. Neuestens hat die Mac Kinley-Bill Spanien gezwungen, die nordamcrikanische Einfuhr in Cuba auf Kosten seines eigenen Importes zu begünstigen. 6. Portugal. Dieses im 16. Jahrhundert so seegcwaltige, im 17. so tief gesunkene Land erlebte Aufschwung im 18. durch den Aufschwung seiner gold-, diamanten- und znckcrreicbcn Colonie Brasilien Portugals in, eine Nachblüte, die bis ins erste Decennium des 19. Jahrhunderts fortdauerte. Die Occu- 6 * * * * * * * * * * * 18, pation Portugals durch die Heerscharen Napoleons veranlasste die königliche Familie zur Flucht über deir Occan (1807). Indem sich die transatlantische Ricsencolonie zu Verfall iu> einem selbständigen Reiche nmbildcte, sank Portugal in jeder Beziehung, auch in commer- >». üahrh. ziellcr, zu einem Staate dritten Ranges herab. Brasilien verkehrte nun ohne portu giesische Intervention mit der übrigen Welt. In Portugal selbst dauerte die wirtschaftliche Oberhoheit Britanniens fort, steigerte sich sogar, trotz der formellen Aufhebung des Methuen-Vertragcs (1830). In den Sechziger-Jahren gicng Portugal vom Hochschutz zu einer liberaleren Neueste Handelspolitik über und schloss auch freihäudlerisch angehauchte Verträge mit den Wandlungen, wichtigsten Handelsmächten. In den Achtziger-Jahren folgte das kleine Land der all gemeinen schutzzöllnerischcn Strömung. Portugal leidet an chronischer Fiuanznoth; es ist der relativ verschuldetste Staat Europas. Noch 1891 wurde es von einer argen Creditkrisis hcimgcsncht und bereitete 1892 seinen Gläubigern böse Überraschungen. Von seinem ehemaligen Colonialbesitz hat Portugal außer einigen südostasiatischen Kolonie». Districtcn (Goa, Diu, Ost-Timor, Macao) bloß in Afrika ausgedehntere Landstriche behalten. Bei der neuesten Aufthcilung Afrikas (in den Achtziger-Jahren) sind die ton angebenden Mächte — England, Frankreich, Deutschland — ziemlich rücksichtslos mit dem »»ebenbürtigen Nebenbuhler umgegangen. Immerhin rettete sich Portugal durch Ver trüge einen afrikanischen Besitz von mehr als 2 Millionen Quadratkilometern.310 IV. Abschnitt. Das panoccanische Transcontincntal-Zeitaltcr. 7. Italien. Zcrsplitleruiiz Italien war bis znin 19. Jahrhundert nur ein geographischer Begriff. Es bestand Italic, >o. mehreren Kleinstaaten, die unter einander nicht einmal soweit verbunden Ivarcn, wie die Theilc des weiland heiligen römischen Reiches deutscher Nation. Zwischenzollinien und Hochschutzzölle bildeten eine wirtschaftliche Scheidewand. Nur in Toscana und in der österreichischen Lombardei wurden schon vor der französischen Revolution freisinnige Reformen durchgeführt. Zur Zeit Napoleons 1. wurde die Apenninenhalbinsel zum erstenmale seit den Römern politisch und commerziell geeinigt, freilich auch dem System der Festlands sperre cingcglicdcrt. Als 181.', die alten Dynastien auf ihre Throne zurückkehrtcn, erfolgte auch die Restaurierung der Zwischenzollinien und des territorialen Schutzsystems. Toscaua und die österreichischen Provinzen (das lombardo-venetiauische Königreich)' wurden am besten verwaltet, wogegen das Königreich beider Sicilien der Ausbeutung durch die Fremden, insonderheit die Engländer, preisgegebcn und vom Kirchenstaat jede Neuerung einschließlich der Eisenbahnen sorgfältigst ferngehalten wurde. Italien galt wieder als ein Land der Bettler, Banditen und Geheimbündler, es entbehrte jedweder Industrie und war von Ausländern selbst des gewinnbringenden Handels mit seinen Naturpro- dncten beraubt. CMmnre Der Umschwung gieng vom Königreich Sardinien aus, als Graf Ca von r 1851 Handele fojg Ministerium des Handels, der Finanzen und der Marine übernahm. Ihm war potltlt ' die Handelspolitik vor allem ein Hilfsmittel der allgemeinen Politik, deren letztes und binnen zehn Jahren auch erreichtes Ziel die Einigung des italienischen Volkes unter deni Herrscherstab des Hauses Savoyen bildete. Überzeugter Freihändler, suchte er die Gunst Englands und Napoleons III. durch liberale Reformen zu erwerben. Mit den meisten Handelsstaaten schloss er neue Verträge. Von nationaler Bedeutung war be sonders seine Eiseubahnpolitik; der Schienenweg, der von Turin über den Apennin nach Genua geführt wurde (1854), verhnlf der noch immer darniedcrliegendcn lignrischen Seestadt zu neuem Glanze, Zu Cavours Zeiten verband einzig und allein die österreichische Südbahn Obcrjtalien mit den Ländern am Nordfuße der Alpen. Die Eröffnung der 1857 begonnenen, 1870 vollendeten M. Cenis-Bahn hat der große Patriot nicht mehr erlebt (ch 1801), sowenig als die der Brenner- (1867) und der St. Gotthardbahn (1*82). Unvcr Nachdem die kriegerischen Ereignisse der Jahre 1859/60 die Einigung Italiens schluss"» d"c herbeigeführt hatten, wurde sofort mit den kleinstaatlichen Zöllen aufgeräumt und ein für wcsteuro bas ganze Königreich gütiger Tarif von sehr gemäßigtem Charakter an die Stelle gesetzt päischc Ver- (1861). Italic,! trat dem von Frankreich und England patronisiertcn System der west- lragssqstcni. europäischen Handelsverträge bei. Der Übergang war jedoch zu schroff, zu unvermittelt. Die Einfuhr nahm rapid zu, die Ausfuhr blieb dagegen iveit zurück. Zudem hatte die regelmäßig wiederkehrende Unterbilanz einen sprunghaft wechselnden Charakter. Von der fremden Concurrenz überwältigt, rang die nationale Industrie mit dem Tode. Finanzielle Nicht zollivirtschaftliche, sondern finanzielle Erwägungen lenkten das junge .v„s>nc. Königreich rasch von der Bahn des Freihandels ab. Bloß um die Einnahmen zu erhöhen, wurde der Tarif von 1861 schon in den nächstfolgenden Jahren bald da, bald dort abgeändert. Was wollten aber solche Corrccturen bei einem Deficit bedeuten, das zwischen 200 und 500 Millionen schwankte, 1866 sogar über 700 Millionen Francs hinaufstieg ? Italien behalf sich mit Anlehen, Papiergeld und Zwangscours. Auwnomc Endlich entschloss sich die italienische Regierung, die Handelsverträge zu kündigen TarifpoittU. un)) eg nüt einem autonomen Schubzolltarif zu versuchen (1878). Freilich wurde8. Kapitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 311 cS nun schwieriger, Verträge zu schließen — eS kamen solche mit Frankreich, Österreich, England, der Schweiz zustande — aber die Zolleinnahmen verdoppelten sich innerhalb weniger Jahre. Nun wagte sich Italien an die Aufhebung des ZwangscourseS (1882 t und die Wiederaufnahme der metallischen Währung. Jedoch das behufs der Valnta- regnliernug im Anslande aufgcnommene Geld floss rasch wieder dahin ab, weil die Mehreinfnhr, welche in der Papiergeldperiode gesunken war, wieder znnahm. Unter dem Eindruck dieser Erscheinungen gieng Italien zum So lidarschntzsystem über und gesellte in seinem autonomen Tarif von 1887 den Jndustriezöllcn Agrarzölle bei. Seit Beginir der Schntzzollära (1878) hat sich die italienische Industrie zweifellos Bons- gehoben. Das Verlangen nach einer nationalen Industrie, nach Emancipation von dem überlegenen Ausland machte die protectionistische Politik volksthümlich. Der f Schutzzoll vermag zwar vorhandene Industrien zu erziehen und zu stärken, nicht aber Industrien zu schaffen. In Italien stellte sich dem Aufschwung einer maschinellen Großindustrie moderne» Stils der Mangel an Kohle und Erzen entgegen. Der Betrieb behielt vorwiegend den Typus der Haiismannfactur. Heimisches Capital und Credit wollten sich nicht cinfinden. Zwar hatte das Land Überfluss an wohlfeilen Arbeitskräften, allein die schlecht bezahlte und nicht zahlreiche Arbeiterschaft blieb in her Entwickelung zurück. Wenige Cnltnrlündcr haben eine mehr rückständige Arbeiter-Gesetzgebung als Italien. So ist denn die Halbinsel fortan auf die Einfuhr fremder Fabricate angewiesen. Italien ist ein Agricnltnrstaat geblieben. Es erzeugt Specialitüten, wie Wein, Öl, Südfrüchte, Rohseide, deckt jedoch nicht den Bedarf an Brotfrüchten. Die agrarischen Schutzzölle haben zwar den Großgrundbesitzern genützt, nicht aber den kleinen Bauern . und den die Mehrheit bildenden Pächtern. Charakteristischer Weise überwiegen »och Na- tnralpacht (mezzeria) und Naturallohn. Tic schntzzöllnerische Wendung, welche die italienische Handelspolitik seit de» Zollkrieg mit Siebenziger-Jahren genommen hatte, erregte das Missvergnügen Frankreichs. Das mächtige ^ mnim *• Nachbarland glaubte, auf die Gefügigkeit Italiens ein woblerworbcneS Anrecht zu haben, und erlebte nun, wie dieses Geschöpf französischer Großmnth darangieng, sein politisches und commerziclles Joch abznschüttcln. 1888 brach der schon lange drohende Zollkrieg zwischen Frankreich und Italien ans; doch musste letzteres bald vor dem übermächtigen Gegner die Waffen strecken. Frankreich setzte trotzdem seine feindseligen Umtriebe fort, entledigte sich der italienischen Wertpapiere, die nun rapid im Conrse sanken, und führte so den Ausbruch der großen Finanz- und Creditkrisis von 1893 herbei, die eine durchgreifende Krisis i«»z. Reform des Bankwesens nothwcndig erscheinen lässt. Was während des Zollkrieges der französische Handel eingebiißt hat, haben Deutschland, England, Russland ge wonnen. Auch gelangte Italien durch die mitteleuropäischen Handelsverträge von Hondcisver- 1892 zu einer für 12 Jahre gesicherten, dem Absätze seiner Specialitüten vortheil- krögemw/»2 hasten Position, so dass cs sich für den verlorenen französischen Markt anderwärts schadlos halte» kann. Ursprünglich halte das Königreich die Absicht, an der Nordküste von Afrika Ery», mische Posto zu fassen; allein Frankreich durchkreuzte seine Absichten, indem es die Schutz- Kolonie. Herrschaft über Tunis erwarb (1881). Nach heißen, kostspieligen Kämpfen (von 1885 a») gelangten die. Italiener am Rothe» Meer in den Besitz eines Colonialg'ebietes, das seit 1890 Erythräa genannt wird, ferner des ProtectoratS übcr Habesch (König Menelik) und die Somaliküste.Tie Handels politik als BundeS- augelelicnhcil. Freisinnige Zollpolitik. Aller der schweizerischen Industrie. Autonome Taris- iinderungcn. Beitritt z»m mittcl- enropäischen Beitrags- Mein. Ltaals- bankrott von 1811 . 312 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitalter. 8. Die Schweiz. Bis zum Sonderbundskrieg (1847) gab cs keine schweizerische Handelspolitik, sondern nur ein Chaos von Eingangs-, Durchgangs-, Ansgangszöllen, Straßen-, Brücken-, Wassermauten u. s. m. in den 25 Bundesstaaten, wozit ein an der allgemeinen Grenze erhobener „Landesbaßen" kam. Durch die Bundesverfassung von 1848 wurde das Zollwesen, der Abschluss von Handelsverträgen, die Gescßgebnng über wirtschaftliche An gelegenheiten der Competenz des Bundes untergeordnet. Die Eisenbahnen — bis 1848 gab es die einzige kurze Strecke Zürich-Baden—überließ man der privaten Unternehmungslust. Die Zollgesetzgebung von 1850/51 hatte einen so gemäßigten Charakter, wie zur selben Zeit sonst nirgends in Europa. Auf Grundlage ihres Bundestarifes schloss die Schweiz Handelsverträge mit einer Reihe von Staaten, denen sie bei ihren niedrigen Zollsätzen selten mehr als das nackte Meistbegünstignngsrecht abringen konnte. In den großindustriellcn Kreisen ivar man schon damals für den Freihandel. Tie Schweizer Industrie war überhaupt ziemlich bejahrt und ausgereift. Reicht doch die Tuch- und Leinenmanufactur bis ins Mittelalter, die Scidenindustrie thcils ins 15.,theils ins 17. Jahrhundert (französ. Hugenotten in Basel) zurück. Zur Neuenburger Uhren erzeugung legte schon im 17. Jahrhundert Daniel Joh. Richard (f l 741) den Grund, zur Genfer CH. Cousin gar schon im 16. Die Baumwollspinnerei und -Weberei verdankt der Napoleonischen Epoche ihren Ursprung. Das Sperrsystem der europäischen Staaten nöthigte die Schweizer frühzeitig, überseeische Absatzgebiete aufzusuchen. Handeltreibende und gewerbsfleißige Helvetier waren allerorten anzutrcsfcn. Durch die freisinnige Vertrags- Politik der Fünfziger- und Sechziger-Jahre suchte sich die Schweiz den europäischen Markt zugänglicher zu machen. Seit der Bundesverfassung von 1874 besaß die Schweiz ein finanziell motiviertem Interesse an Zollcrhöhnngen, da sich die Republik schwere Militärlasten aufgcbürdet hatte. Hierzu kam das Beispiel der Nachbarländer, ivelche sich gegen Ende der Siebziger-Jahre wiederum dem Schutzsystem znwandten. Es erfolgten nun auch in der Schweiz mehrere Tarifrevisionen, doch ohne feste Tendenz, da sich die freihändlerische und die schütz zöllnerische Jntercsscntcngruppe die Wage hielten. 1885 begannen sich aber die Landwirte einzumengen, Schutz und Hilfe für ihre Producte (Käse, Vieh, Getreide) zn begehren. Demzufolge enthielt der Tarif von 1887 eine bedeutende Erhöhung der Einfuhrzölle auf Vieh, Lebensmittel und Gcwerbserzengnisse. Nebenbei verfolgte die Schweizer Tarifpolitik auch sociale Zwecke: die Unternehmer sollten entschädigt werden für die Beeinträchtigung, die ihnen aus den Arbciterschntzgcsetzen erwuchs, lind ferner sollten die schwächeren Industrien heranerzogen werden, um die Arbeiter aufzunchmen, welche durch neue Maschinen und durch den fremden Wettbewerb ans mehreren Fabricationszweigcn ver drängt wurden. Um für den Ablauf der Verträge 1892 gerüstet zu sein und wirksame Ncgotiations- mittel zur Erlangung von Vortheilcn in der Hand zu haben, trat die Schivciz 1891 mit einem erhöhten Generaltarif hervor. Seitdem ist sie dem mitteleuropäischen Ver tragssystem beigetreten und hat sich mit Italien, Österreich, Deutschland, Belgien handels politisch alliiert (1892). 9. Österreich (seit 1867/8 Österreich-Ungarn). Die Franzosenkriege hatten das Kaiserthum Österreich wirtschaftlich und finanziell zerrüttet, erschöpft. Nach unsäglichen Wirrnissen verkündigte schließ8. Kapitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). ZHZ sich das Finanzpatent des Grafen Wallis (1811) den unverineidlichen Staatsbankrott: Papier- und Kupfergeld wurden auf den 5. Theil ihres Nennwertes herabgesetzt, die Zinsen der Staatsschuldverschreibungen ans die Hälfte rcducicrt. Zur Einlösung der entwerteten „Bankozettel" im Betrage von mehr als einer Milliarde Gulden wurde ein neues Papier geld („Wiener Währung") ausgegebcn, jedoch seit der abermaligen Theil- nähme am Weltkriege (1813—1815) weit über die prüliminierte Menge hinaus vermehrt. Nach dein Eintritt des allgemeinen .Friedens blieb dem Bankrott w„ Kaiserstaate nichts übrig, als sich 1816, zum zweiteninale binnen 5 Jahren, 1816 ' für bankrott zu erklären. Der Cours der Wiener Währung wurde auf 40 fixiert; fortan sollten 250 Gulden dieser Währung gegen 100 Gulden Conventionsmünze eingetauscht werden. Zu diesem Bchnfc rief Graf Philipp Stadion (Hoskaunnerpräsident 1814—1824), dem Pittersdorf und Kübeck zur Seite standen, die österreichische Nationalbank (1816, seit 1878 Die ngerr. österr.-ungar. Bank) ins Leben, welche das ausschließliche Recht der Noten- 9!atlomirta " f - emission (bis 1841 auch des Wechsel-Escomptes) erhielt. Die Handelspolitik der vormürzlichcn Zeit beruht ans dem Josephinischen Verbots,,sten,. Prohibitivsystem von 1784 und 1787. Trotz wiederholter Anläufe zu Re formen blieb cs, kn conservativen Grundsätzen der maßgebenden Persönlich keiten entsprechend, der Hauptsache nach beim Alten, wie die Zollordnung von 1835 und der Tarif von 1838 beweisen. Selbst der Staatskanzler Metternich, welcher mittelst zollpolitischer Maßregeln die Vorherrschaft Österreichs in Deutschland und Italien zu befestigen gedachte, konnte nicht durchdringen, ebensowenig als der vortreffliche Kübeck, der von 1840 bis 1848 Hoskaunnerpräsident war. Das Verbotsystem war im ganzen populär, befriedigte die Producenten und wurde erst von der liberalen Opposition der Vierziger-Jahre bekämpft. Wichtiger als die Tarifänderungen war die Beseitigung der Zwischen- afebuction bc, zollinien mit Ausnahme der ungarischen. Seit 1827 gab es ein cinheit- lichcs deutsch- slavi sch-italienisches Zollgebiet (außer Dalmatien, Istrien, den quarnerischen Inseln, den Freihäfen von Triest, Fiume, Porto Re, Zengg, Buccari, Carlopago, dem Freigebict von Brody). An die ivichtigste Zwischcnzollinic, welche die Länder der Stefanskrone von der übrigen Monarchie trennte, wagte man nicht zu rühren. Sie galt als unerlässlicher Schuh der österreichischen Ackerbauer gegen die überreiche Urproduction Ungarns. Auch die ungarische Fortschrittspartei, die ein heimisches Gewerbe schaffen wollte, hielt den lim ganzen mäßigen) Eingangszoll auf österreichische Fabricate für ein Schutzmittel der vaterländischen Zukunftsindustric. Bei dem herrschenden System waren natürlich die Zolleinnahmen sehr gering. Genüge go» Die „außer Handel gesetzten Waren" durften zwar gegen hohe Abgaben znm eigenen tmnflf,me "-IV. Abschnitt. Das panoccanische Transcontinental-Zeitalter. :114 Berbrauch cingesührt werden; allein der blühende Schmuggel betrog den Staatsscha« um seine Gebären. Die Einkünfte des Staates bestanden ans dein Ertrage der 1817 Besteuerung, regulierten Grund-, der Gebäude- und Erwerbsteuer (Personal- und Jndenstener auf gehoben), sowie aus dem Ertrag der indirecten Stenern einschließlich des Tabak-, Salz-, Pulver- und Lottomonopols. Bei der Einführung der Verzehrungssteuer (Accise) 1830 kam es in Wien zu Krmuallen. Dampfschiff- In die vormärzlichc Zeit fallen die Anfänge der Dampfschifsahrt (Donnn-Dampf- sahrt und schiffahrrS-Gcsellschaft, 1828 gegründet, dehnt 1836 ihre Fahrten bis Constantinopel Eifenbahnbau. ^. Österreichischer Lloyd, von Bruck gegründet und unter Beihilfe Metternichs und Rothschilds ;u einer Seedampfschiffnhrts-Gcsellschaft erweitert) und des Eisenbahnwesens (Budweis-Linz-Gmnndener Pferdebahn; Nordbahn, 1847 bis Oderberg geführt; Süd bahn, Raabcr Bahn). Jndustrik. Die österreichische Industrie bat trotz des Sperrsystems in der Zeit Franz I. und Ferdinands I. erhebliche Fortschritte gemacht Dieser vielgeschmähten Epoche ge hört die Begründung der meisten Specialitäten des österreichischen Gewerbefleißes an, und in vielen Fällen stehen heute noch die Nachkommen der damaligen Jndnstric- matadoren an der Spitze des betreffenden Geschäftszweiges. Es sei nur an Namen erinnert wie Liebig, Leitenbergcr, Lanna, Haas, Reithöfer, Seybel, Hartmuth, Schöllcr, Krupp, Ditmar, Thonet, Streicher, Bösendorfcr, Plößl u. s. f. Tic Mit dem politischen Umsturz des Jahres 1848 beginnt für die öfter- des'Jahre" rcithische Volkswirtschaft eine neue Epoche. Der Bürgerstand die noch 184«. im Aufsteigern begriffene Classe der Kauf- und Gelverbsleute, geführt von den Vertretern der geistigen Berufsarbeit hat sich gleiches Recht mit den bevorzugten Ständen der mittelalterlich feudalen Gesellschaftsordnung und einen freieren Erwerbsspielraum errungen. Dem Bauernstände ist die Befreiung von Patrimonialgerichten und Frohnarbeiten zuthcil geworden. Hingegen bildete sich nun abseits von den besitzenden Ständen die Classe der Lohn arbeiter, deren Wachsthum mit dem wirtschaftlichen Aufschwung gleichen Schritt hält. »iovi Ludwig Die der Revolution folgende Epoche des centralistischen Absolutismus vmi^Bruck. (1849 1860) bekam in volkswirtschaftlicher Hinsicht durch die geniale Per sönlichkeit des Freiherrn v. Bruck ihr Gepräge. Aus den Rheinlanden stammend, Protestant, Kaufmann, Mitbegründer und Director des Triestiner Lloyd, betrat er 1848 die politische Laufbahn, um schon gegen Ende des „tollen Jahres" im Ministerium Fehx Schwarzenberg das Portefeuille des Handels zu übernehmen, das er von 1848—1851 innehatte. Von 1855 bis 1860 be kleidete er das Amt eines Finanzministers. Bruck mar der erste österreichische Handelsminister und der Organisator des zugehörigen Vermaltnngsfaches, das in folgende Sectionen getheilt wurde: a) für Handel und Gewerbe; b) die Bausection mit der Ceutraldircctio» für Eisenbahnbauten; c) die Gencraldircction der Communi- cationcn (Post, Telegraphen, Eisenbahnbetrieb); il) die Dircction der administrativen Statistik. Die Errichtung von. Handelsgerichten, der Centräl-Seebehörde, der Börscn- kannner, die Einführung der allgemeinen Wechselordnung (1852), der Gewerbeordnung von 1859, die Vorbereitung des Handelsgesetzbuches (giltig seit 1862) n. s. w. gehören8. Kapitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 3 Ir, dieser reformlustigen Epoche an. Fremdes Capital wurde nach Österreich geleitet, das CommunicationSweseu verbessert (Bau der Semmering-Bahn 1848—1854 durch Ritter v. Ghega), die Großindustrie befördert und das Kreditwesen nach westeuropäischem Muster organisiert (Eseompte-Gesellschaft 1853, Kreditanstalt 1856). Unter Bruck'scher Ägide sind auch die Handels-Akademien in Prag, Wien, GmA-gegründet morden. Nach der Niederwerfung des ungarischen Ausstandes (1849) war eud- ^e,e,»igu»g lich der Zeitpunkt gekomnicn, die innere Zollinic, welche die Länder der dem öftere. Stefanskrone vom übrigen Kaiserstaate sonderte, zu beseitigen (1850). Auch das österreichische Steuerwesen — 1849 war den schon vorhan denen Steuern eine Einkommensteuer angereiht worden wurde mit dem sonstigen Verwaltungsapparate eines modernen Staates dem besiegten Ungarn, daö biöhin pietätvoll an vielen avitischen, durch und durch überlebten Einrichtungen festgehalten hatte, anfgcnöthigt. Der nun nach Jahrhunderten endlich Tarif vm, zustande gekommene österreichische Gcsammt- und Einheitsstaat erhielt einen gemeinsamen Grcnzzolltarif, in dem endgiltig mit dem Verbotsystem ge brochen wurde und specifische Hochschutzzölte an die Stelle der Verbote traten (1851/1852). Der neue Zolltarif lvar nicht blost ein Denkmal des Sieges der öfter- Kampf um , ... . ,, , .. . . bie $eflemonie rcichischen Gesammtstaatsidee über die ecntrisngälen Kräfte, sondern auch ein zwischen Kampfmittel in dem seit Friedrich dem Großen schwebenden Streit, den Preiißen Österreich »„d und Österreich um die Hegemonie in Deutschland führten. Felix Schwarzen berg (1848—I 851) war der Ansicht, dass die Zeit gekommen sei, den Kampf zugunsten Österreichs zu beendigen, nachdem der Preußenkönig Friedrich Wilhelin IV. die ihm vom Frankfurter Neichsparlament angebotene Kaiser krone abgclehnt hatte (1849) und die selbständigen Unionsbestrcbnngcn Preußens gescheitert waren (1850). Thatsüchlich musste das Berliner Eabinet (Aianteuffel) der Wiedererrichtung des Deutschen Bundes, in dem Österreich die leitende Rolle innehatte, seine Zustimmung ertheilen. Jedoch in dem Kampf, der ans handelspolitischem Felde fortgeführt wurde, schlug Preußen die Angriffe Öster reichs ab. Schon in den Dreißiger-Jahren war cs der preußischen Politik gelungen, einen erheblichen Theil Deutschlands im Zollverein unter seiner Führung wirtschaftlich zu einigen. Schwarzenberg und Bruck beabsichtigten, Österreich entweder den Zollverein zu sprengen oder mindestens die Aufnahme in den Aufnahme in Zollverein zu erlangen und dann Preußen in die zweite Linie oder ganz dm Z°a- , 061’Etll hinaus zu drängen. Sie rechneten dabei auf die österreichisch (großdeutsch) gesinnten Mttelstaaten und ans die blendende Wirkung, die ihre Conception eines zollpolitisch geeinigten, mitteleuropäischen Sicbzig-Millionen-Reiches ausüben werde. Jedoch Preußen kündigte dem Zollverein, nöthigte so die mit ihm durch Wirtschaftsinteressen jahrzehntelang verbundenen Staaten zu neuen Separatverträgen und reconstruierte den Zollverein für weitere 12 Jahre316 IV. Abschnitt. Das panoccanischc Transcontincntal-Zcitaltcr. (1853—1865), ohne dass Österreich Ausnahme fand. Immerhin wurde der Kaiserstaat, nachdcin bereits ein deutsch-österreichischer Post- und Telegraphen- Preuß.-österr. vertrag twrauSgegangen war, durch einen Handelsvertrag entschädigt, in dkttr-g isw. welchem sich Österreich und der Zollverein wechselseitige Differential-, i. e. Vorzugszölle mit Ausschluss Dritter zusicherten (1853). Die Frage der Auf nahme Österreichs in den Zollverein wurde vertagt und jeder spätere Ver such, sie zu verwirklichen, von der preußischen Staatskunst hintertrieben. Zollunions- Auch in Italien suchte Österreich seine Hegemonie durch handelspolitische Hilfs- Zu befestigen. Parma und Modena befanden sich thatsächlich mehrere Jahre in Zollunion mit Österreich. Jedoch den weiteren Plänen, z. B. der Stiftung eines mittelitalienischen Zollbundes, arbeitete die von Cavour geleitete Politik Sar diniens wirksam entgegen. Übergang zum Nach dem unglücklichen franco-sardischen Kriege des Jahres 1859 voll- nalibmus zog sich in Österreich der schwierige Übergang vom Absolutismus zum eon- (i86o). stitntionellen Regime. Das constitutionell-centralistische Ministerium Schmer ling und Ignaz Plener (1861 -1865), von den nichtdeutschen Völkerstämmen der Monarchie im Stich gelassen, hatte seine einzige Stütze an den Deutschen und suchte sowohl seine, als auch die Stellung des Staates durch Wieder- , aufnahme des großdentschen Programms zu befestigen. Aber das Preußen, Preußen, welches man jetzt zu bekämpfen hatte, war nicht mehr das Preußen Friedrich Wilhelms IV., sondern das Wilhelms I. (1861—1888) und Bismarcks (1862—1890), das fest entschlossen war, Deutschland ohne Österreich staat lich zu einigen. Um Österreich zu isolieren, schloss sich Preußen der frei- händlerischen Bewegung an, die durch den französisch-englischen Handelstractat (1860) cingeleitct wordei: war. Es wusste, dass ihm Österreich dahin nicht folgen könne, weil die maßgebende deutsche und slavische Jndustriebevölkernng protectionistisch gestimmt ivar. Preußen schloss, unbekümmert um die anderen Österreich und Zostvereinsstaaten, mit Frankreich einen sreihändlerischen Vertrag (1862) und bic 2 $vifc “ bc ., kündigte dem Zollverein, als sich die Mittclstaaten wieder um das schwarz- Zollvereines gelbe Banner scharten, seine Mitgliedschaft. Abermals waren die in ihrer 18 2 ß5 ' Existenz bedrohten Secessionisten gezwungen, sich den preußischen Bedingungen zu fügen, worauf der Zollverein für weitere 12 Jahre verlängert wurde (1865 1877). Jedoch nun erhielt Österreich nicht wieder eine ausschließlich bevorzugte Position, wie 1853, sondern einen Meistbegünstignngsvertrag mit einigen besonderen Zollermüßigungen gleich Frankreich oder Belgien (1865). Das Jahr daraus entschied die Schlacht von Königgrätz den alten Streit um die Vorherrschaft in Deutschland und Italien zum Nachtheile Österreichs (1866). Übergang zum Noch che ans den böhmischen Schlachtfeldern die Würfel der Entscheidung ßele», war das centralistische Ministerium Schmerling gestürzt und durch Belcredi das föderalistische Ministerium Beleredi (Sistierungs-Epoche 1865 - 1867)8. Kapitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 317 ersetzt worden. Theils weil eS auf die schutzzöllnerischen Neigungen der deutschen Industrie-Provinzen keilte Riicksicht nehmen mochte und den Ausgleich mit dem frcihiindlerischcn Aüerbaulande Ungarn anstrebte, theils weil cs wegen der Aufnahme von Anlehen die Gunst Frankreichs und Englands gewiitnen wollte, leitete das Sistierungs-Ministerium den Übergang vom Schutzzoll zum Freihandel ein. Die freihändlerische Richtung gelangte völlig zum Siege, unb Mus,, als der Ausgleich mit Ungarn factisch zum Abschluss kam (Beust 1867) und in beiden Reichshälften liberale, freihändlerisch oder tnanchestcrlich gesinnte Ministerien ans Ruder gelangten. Die Handelsverträge der letztcil Sechziger - Jahre, der französische (1866), noch mehr der deutsche (1868) und vollends der englische (1865) mit der Nachtrags-Convention van 1869, trugen ausgesprochen frei- händlerisches Gepräge. Die noch beibehaltcnen Zölle galten Veit Freihändlern als provisorische Übcrgangsstnfcn zur absoluten Handelsfreiheit im Sinne Peels unb Cobdens. All die Zeit über bereitetet» dem Kaiserstaate, der durch seine europäische Stellung Citcrreicijifrfje zu einer kostspieligen Kriegspolitik gezwungen ivar, seine Finanzen die größten Schmierig- 3 inan » e „ unt $ leiten. Seit 1848 circulierte ein Bank- und ei» Staatspapiergeld, welches nicht 1848 ' gegeit klingende Mtinze umgewechselt werden konnte, so dass sich das Hartgeld ver barg und ein dreißig Jahre mährendes Silberagio (1848—1878) einstellte. Auch im revolutionären Ungarn arbeitete 1848—1849 die Banknotenpresse, deren Erzeug nisse, die Kossuth-Noten, freilich von der legitimen Regierung geächtet ivurden. Ver geblich suchte man in den der Revolution folgenden Zeitläuften die Valuta ivieder herzustellen. Schon die bewaffnete Neutralität während des Krimkrieges zwang zu un- vortheilhaften Anlehen, zum Verkauf von Domänen und Staatseisenbahnen. Damals wurden Schienenstraßen — darunter die Südbahn — welche dem Staate 336 Millionen Gulden gekostet hatten, um 136 Millionen Gulden verschleudert. Durch die Münz- Tie Wiener Convention von 1857 und die Einführung der österreichischen Währung (1858, einer reinen Silberwahrung) an «teile der Conventionsmünze, Holste man, dem Ziele 1857 . der Valutareguliertmg näher zu kommen. Faetisch verschwanden Staatspapiergeld, Scheingeld (Wiener Währung) und alle älteren Metallgeldsorten aus dem Verkehr. Das Hauptzahlungsmittel bildeten jedoch immer noch die mit Zwangseours versehenen Banknoten. Brucks Pläne wurden durch den 39er, die analogen Absichten Pleners und Larisch' durch den deutschen Krieg des Jahres 1866 zunichte gemacht. Jaz in der Bedrängnis griff die Regierung 1866 wieder zur Emission von nneinlösbarem Staats- n„d Papiergeld in Abschnitten zu I, 5, 50 Gulden, wodurch auch die Nationalbank verhindert ’'O’ 1 )!” 0 " worden ist, trotz voller Solvenz ihre Noten einzulösen. Die Staatsnoten, die zu sammen mit den Salinenscheinen den eontigentierten Betrag voit 412 Millionen Gulden nicht übersteigen sollen, wurden beim Ausgleich mit Ungarn (1867) als gemein same schwebende Schuld von beiden ReichShälften übernommen. In analoger Weise erhielt die ältere eonsolidierte, fortan mit 4'2°/ 0 verzinsliche Staatsschuld die Bezeichnung gemeinsame Schuld. Seit 1867 haben dann beide Reichshälften begonnen, separate Anlehen anfzunehmen, anfangs zu hohen Zinsen nild niedrigen Emissionseonrsen.IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitaltcr. 318 Verschwinden Erst das Verschwinden des Silbe ragios (1.878), dein das Verbot der privaten dw Silberprägung ans dem Fuße folgte, die Zunahme der Steucrkraft, das allmähliche --U cragws. ^^Echen des Deficits, die Friedenspolitik u. s. w. bewirkten eine erfreuliche Besserung der Finanzen und ein stetiges Steigen des Courswertes der Staatspapiere. Krisen 1857 Seit ber Dualisierung des Kaiserstaates und der Wiederherstelluitg ^ eonstitutiaiiellcr Zustände begannen sich wirtschaftliche Erscheinungen kuudzu- gebeu, wie sie bisher wohl das westliche Europa oder Nordamerika, doch nicht Österreich-Ungarn kennen gelernt hatte. Bisher war die österreichische Geschäftswelt von einer einzigen der europäischen Krisen, nämlich der 1857er, leise gestreift worden. Österreich-Ungarn war sozusagen noch iticht krisenreif. In wenigen Jahren reiste es zu der Krise des Jahres 1873 heran, von welcher es härter als irgend ein anderes Land betroffen worden ist. Die Epoche Mit dem Freihandel, mit der liberalen Gesetzgebung und Verwaltung erhielt des Wirtschaft- moderne Credit-, Speculations-, Concessions- und Grüuderwcscn snmmt seinem inein- ^ ander greifenden Banken-, Börsen- und Jonrnalapparate im Donaustaat ungehin- ,n 8 betten Eintritt. Schon in den letzten Sechziger-Jahren erreichte, unterstützt von günstigen Erntc- und Ausfuhrcrträgnissen, das Gründnngs- und Spielfieber in Eisenbahnen und Banken Geldklcmmc eine dcrarligc Höhe, dass September 1869 eine Geldklemme eintrat und eine erkleckliche vo» 186 ». Anzahl von Fallimenten verursachte. Während das Kriegsjahr 1870 etwas stiller ver lief — war es doch bis zum August ungewiss, ob Österreich nicht auch thcilnehmen Erneuter Iverde — erneute sich das schwindelhafte Treiben nach dein Frankfurter Frieden mit Speculations- verdoppelter Gewalt. Von den ungeheueren Summen, die infolge der französischen taumel. Kriegscontribntion flüssig gemacht wurden, strömte ein beträchtlicher Theil nach Öster reich-Ungarn ab, um hier die höchstmögliche Fructisicierung aufzusuchen. Trotzdem ver- thencrte sich das Capital zusehends. Nun wagte sich auch das kleine und mittlere Privatcapital auf den Spielplan im naiven Vertrauen auf die Dauer unerhört hoher Zinsen, Dividenden und Coursgewinnc. Das Vertrauen ivurde dadurch gesteigert, dass auf den Prospectcn unter den Gründern allgemein geachtete Namen prangten. „Nach Gründungcu. amtlichen Erhebungen Ivurde in den Jahren 1867—1873 allein in Österreich die staat liche Concession 1005 Aktiengesellschaften mit einem Nominalcapital von 4 Milliarden Gulden ertheilt. In der That kam die Hälfte dieser 1005 neu concessionierten Actien gesellschaften nicht über die Gründungsepoche hinaus i denn 323 mit einem Nominal- capital von 1423 Millionen Gulden kamen überhaupt nicht zustande, 166 mit einem Nominalcapitale von 1023 Millionen Gulden verfielen der Liquidation oder dem Concurs und nur 516 mit einem Capitale von 1555 Biillionen Gulden erhielten sich Der große über das Jahr 1874 hinaus." Schon Ende 1872 schien der allgemeine Zusammenbruch Kroch. m . jj cr Thüre zu stehen. Allein ein undefinierbares Vertrauen auf die 1873 zu er öffnende Wiener Weltausstellung hielt die Agiotage in Athem. Preise und Löhne stiegen noch immer, als bereits das Abbröckeln der Conrsc begann. Am l. Mai war die Ausstellung eröffnet worden, und nun ließ die Katastrophe nicht länger ans sich warten. Der 9. Mai hat sich als der Tag des Verhängnisses dem Gedächtnisse der Mit- und Nachwelt eingcgraben. Zwar schienen Handel, Industrie, Urproduction und die soliden Bnnkfirmen vom großen Börsenkrache nicht mitbetroffen zu sein, wie denn auch die solideren Effecten keinen Courssturz erlitten. Es kamen aber bald auch für diese8. Capitel. Jic britisch-amerikanische Periode (1815—x). 319 Kreise die bösen Tage der schleichenden Krise, die als ein internationales Phänomen bis 1879 anhielt. Die Krisis von 1873 bezeichnet einen Wendepunkt in der Wirtschafts- Übergang z»r Politik Österreich-Ungarns. Der weiteren Ausbildung des Freihandels- und Freiwirtschaftsshsteinö war ein Ziel gesetzt. Schon vor der Krisis begann die Industrie, unter Führung der Brunner Wollwarenfabrikanten (Alfred Skene), das freihändlerische Vertragssystem, zumal die Nachtragsconvention mit England, offen uitd heimlich zu befehden. Sie schrieb die Absatz- und Productionsstockung, von der 1873 die ganze damalige Welt heimgesucht wurde, allein ans das Conto der ihr aufgenöthigten Verträge. Der englische Ver trag (1865/69) tvar das erste Opfer dieser freihandelfeindlichen Strömung; ein inhaltsloser Meistbegünstigüngsvertrag trat an seine Stelle. Als nun die Verhandlungen wegen eines neuen Handelstractates mit dcnt Deutschen Reich an der zum erstenmal hcrvortretenden Antipathie Bismarcks gegen Handelsverträge und Conventionaltarife scheiterten (1.8775 , trat Österreich Ungarn (Ministerium Ehlumcckv) vor allen andern Staaten mit dem anto nonien, mäßige Zollcrhöhungcn enthaltenden Zolltarif des Jahres 1878 auf den Schauplatz. Hiermit setzte die Ära der autonome» Zollpolitik ein, die in der österreichisch-ungarischen Monarchie 13 Jahre, bis zu den Decembervcrträgen 1891, dauerte. In den Jahren 1877/78 wurde der Ausgleich mit Ungarn zum ziveitcumalc Dcr;wc,ie perfect. Sclion in dem ersten Jahrzehnt des Dualismus hatte cs sich gezeigt, wie -lusglcich schwierig es war, bei dem Gegensatz des industriell fortgeschrittenen Cisleithaniens zu ' 78 ' dem agricolen Transleithanien, über die gemeinsamen Wirtschaftsangclcgenheiten (es sind dies die Handels- und Zollgesetzgebung, die indirecten Abgaben, das Münz- und Geldwesen, gewisse Communicationseinrichtungen) schlüssig zu werden. Mit dem Jahre 1878 wurde auch die Nationalbank dnalisiert und erhielt als Österreichisch-Un garische Bank ein neues Privilegium. Dasselbe Los traf den (1878—91 österrcichisch- nngarischcn) Lloyd in Triest. 1880 ivnrden Dalmatien, Istrien sammt den gnarnc- rüchen Inseln, ferner die 1878 occnpicrten Provinzen, Bosnien und die Herzegowina, dem österreichisch-ungarischen Zollgebiet einverleibt. Im Jahre 1891 erfolgte die Re dnetion der alten Freihasenbczirke Triest und Fiume aus ein Frei- oder Zollausschlnss- gebict, das mit den nöthigen Lagerhäusern für trausitierende und zu sortierende Waren versehen wurde. Seit dem Dualismus hat Ungarn die erfolgreichsten Anstrengungen gemacht, mume. Fiume in einen spccifisch ungarischen Ausfuhrhafen umzuwandeln. Es ist nämlich die Gefahr nicht ausgeschlossen, dass die Zollunion mit der westlichen Reichshälfte einmal in Stücke geht; dann ibärc der ungarische Handel dem westlichen Nachbarn aus Gnade und Ungnade preisgegeben, wenn er eben nicht in dem Finmauer Hafen ein selbstgeschasfenes Ausgangsthor besäße. Durch niedrige Eisenbahnfrachtsätze, Differentialzölle, Jndustrieprivilegien hat sich Fiume rasch emporgeschwungen, scheint jedoch einen gewissen Sättigungspunkt erreicht zu haben. Ungarn, beziehungsweise320 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitalter. Hebung der ungarischen Industrie. Triest. Kamps zwischen Adria und Nordsee. Die Arlbergbastn. Tic Tarisc von 1882 und 1887. Retorsionen gegen Deutschland. Zollkrieg mit Rumänien. Fiume besitzt auch eine eigene subventionierte Seeschiffahrtsgcsellschaft, die Adria (gegründet 1881), deren Fahrten den ungarischen Absatzgebieten zugekehrt sind. In und außerhalb Fiumes ist die ungarische Regierlmg bestrebt, eine Groß' Industrie modernsten Typs heranzubilden, um so die volle wirtschaftliche Unabhängig keit zu erzielen. Jndnstrieunteruehmungcn sind nach den Gesetzen von 1881 und 1889 von der Erwerbssteuer auf 12 Jahre, unter gewissen Bedingungen auch von der Eiu- kommenstener befreit; sic genießen Tarifbegünstigungen ans Eisenbahnen, erhalten kostenfrei Staats- oder Gemeindegrundstücke ic. Thatsachlich sind von 1881—1892 gegen 200 Etablissements gegründet worden. Die cisleithnnische Regierung hat es nicht an Maßregeln fehlen lassen, die Concnrrenzfähigkeit Triests mit Fiume und bcm wieder in die Höhe strebenden Venedig aufrecht zu erhalten. In den letzten Jahren sind 20 Millionen Gulden für Hafen- und Lagerhausbauten ausgegeben und dem Lloyd glänzende Subventionen zu- gewendet worden. Die österreichische Regierung war sich bewusst, dass die eigentlichen Eoncurrenten Triests nicht am Mittelmeere, sondern an der Nordsee gelegen seien, wohin vermöge des wohlfeilen internationalen Wasserweges der Elbe die österreichische Ausfuhr der leistungsfähigsten Provinzen gravitiert. Unter den neueren Maßregeln zur Hebung Triests, dessen Handel seit Karl VI. ein unaufhörliches Auf- und Nieder- schwanken zeigt, gehört der Unterschieds- oder Differentialzoll auf Colonialmaren, in sonderheit aus Kaffee, für den beim Seeimport um 3 Gulden weniger Zoll zu zahlen ist, als wenn er landwärts (i. e. von Hamburg) zugeführt wird. Während noch im Jahre 1881 unter dem alten Regime bloß 25°/, der Gesammteinfuhr von Kaffee zur See eiugiengcn und das Gros von den deutschen Nordseehäfen bezogen wurde, beträgt der Bezug zur See gegenwärtig nahezu 90°/, und ist der Handel in Kaffee nach Triest gewandert, das die Monarchie, Griechenland und die Türkei mit dieser Ware versorgt- Dem Rückgang des Zwischenhandels und Transits lässt sich in Triest sowenig abhelfen, wie anderswo, weil überall directc Verbindungen mit den Productionsländern der Welthandelsartikel cingeleitet sind. Wie Ungarn, um von den westlichen Nachbarn unabhängig zu werden, sich in Fiume ein eigenes Ausfallsthor geschaffen hat, so hat sich auch Österreich einen selbst ständigen Zugang zu seinen westeuropäischen Handclsfrennden (Schweiz, Frankreich) ge bohrt, die Arlberg bahn (1882 vglleudet), vermöge deren es von dem Wechsel und Wandel der deutschen Handels- und namentlich Eisenbahnpolitik nicht weiter abhängt. Dem autonomen Tarif von 1878 — seit diesem Jahr müssen die Zölle in Gold bezahlt werden folgten bald die schärfer ausgeprägten Schutztarife von 1882 und 1887. Außer protectionistischen Tendenzen verfolgten sic das Ziel, die Zollcinnahmen zn erhöhen, wie namentlich die Finanzzölle ans Kaffee und Petroleum beweisen (1882). Um diese Zeit versöhnte sich auch Ungarn einigermaßen mit dem Schutzsystem, weil es durch Erhöhung der Einfuhrzölle auf Fabricate Deutschland, den wichtigsten Jmportstaat, dahinbringen wollte, seine hohen Agrarzölle herabzusetzen und die Viehsperre anfzuheben. Im österreichisch-ungarischen Tarif von 1887 tauchen zum erstenmal nicht unerhebliche Agrarzölle auf, eine Sonderbar keit bei einem Bodenfrüchte aussührenden Land, ivelchc Anomalie sich aber8. Capitol. Dic britisch-amerikanische Periode (1815—x). 321 aus der Feindseligkeit Ungarns gegen das concurrierende Rumänien er klärt. Leider hat die österreichisch-ungarische Industrie durch Verschließung dieses eminenten Absatzgebietes viel verloren, die ungarische Landwirtschaft aber nichts gewonnen. Auch im Zeitalter der autonomen Tarife war die österreichisch-unga rische Regierung nicht abgeneigt, Tarifverträge abzuschließen. Mit Italien und der Schweiz kamen solche zustande. Aber mit dem wichtigsten Rachbar- reiche, dem deutschen, glückte nur der Abschluss von kurzfristigen Meist- bcgiinstignngSverträgen, die bis zu den Decemberverträgen des Jahres 1891 fort erstreckt wurden. Es zeigte sich eben, dass in commerciellen Dingen Österreich sich dem Willen des Deutschen Reiches unterordncn müsse, an dessen Gesammthandel Österreich-Ungarn mit ungefähr 17% betheiligt ist, wogegen das Deutsche Reich mit 46°/«, also nahezu der Hälfte, am Ge- sammthandel der Monarchie partieipicrt. Gerade in der autonomen Periode haben Handel und Industrie beider Reichs- hälftcn große Fortschritte gemacht. Namentlich gewinnt Österreich immer mehr den Charakter eines Industrielandes, da es auch seine Bodcnprodnctc großentheils ver arbeitet (als Mehl, Malz, Bier, Zucker, Spiritus re.) über dic Grenze schickt. Die er- freulichste Erscheinung bildet dic seit 1876 stets active Handelsbilanz; dic Mehr- einfnhr bewertet sich jährlich ans 100—200 Millionen Gulden. Ohne dieses Activ- saldo märe die Monarchie wohl schwerlich imstande, ihre im Anslande befindlichen Wertpapiere zu verzinsen oder znrückzukaufen. Die letzten großen Ereignisse der österreichisch-ungarischen Wirtschafts geschichte sind: die seit 1892 in Angriff genommene Valutaregulierung aus Grundlage der Goldwährung (Minister Steinbach) und die Rückkehr zum Princip der Handelsverträge, aber mit Beibehaltung des seit 1878 immer folgerichtiger und detaillierter ausgebildcten Solidarschutzes (Minister Bacqueheni). Das neue System der mitteleuropäischen Handelsverträge konnte erst nach dem Rücktritte des Hauptträgers der autonomen Zollpolitik, des Fürsten Bismarck (1890), errichtet werden. Die anfänglich kundgegebenc und namentlich in Budapest begünstigte Idee einer mitteleuropäischen Zollunion - im wesentlichen eine Reminiscen; an das Schwarzenbcrg-Bruck'schc Siebzig-Millionen-Reich kam nicht zur Ver wirklichung. Zuerst schlosse» Österreich und das Deutsche Reich einen in den wichtigsten Zollsätzen für 12 Jahre gebundenen Handelsvertrag, dann traten beide Mächte „kooperativ" mit Italien, der Schweiz und Belgien in Verhandlungen. Ob bei diesen Tractaten Österreich-Ungarn oder die anderen Vertragsmächte mehr profitiert haben, lässt sich bei der kurzen Dauer der vom l. Februar 1892 an gütigen Verträge heute noch nicht entscheiden. Mayr, Lehrbuch der Haudcldgeschichte. ZI Handels verträge mit Italien, der Lchlvei; und den, Deutschen Reiche. Fortschritte der österr. vnduslrie. Handels bilanz. Valuta regulierung. Ära der Handels verträge von 1891/82.n22 IV. Abschnitt. Das panoceanischc Transcontincntal-Zcitnlter. Rückblick >»>d Bei dem Rückblick auf die österreichische Handelspolitik des 19. Jahrhunderts Werunq Üdp folßcitbe Epochen unterscheiden: 1. Die Zeit des V er bot syst eins bis 1849; '' 2. die Zeit des Hochschutzsystems und der handelspolitischen Allianz mit dein Zoll verein 1849—1865; 5. die Zeit der freihändlerischen Conventionaltarife 1865 bis 1878 ; 4. die Zeit der autonomen Zollpolitik 1878—1891; 5. die neueste Ära der auf Solidarschutz beruhenden Tarifverträge. 10. Deutschland. Dir stein Die wirtschaftliche Wiedergeburt und Einigung Deutschlands knüpft sche Reform- "N bte Reformen an, die in Preußen nach dem Tilsiter Frieden (1807 1 ev°che. unter der Leitung Steins und Hardenbergs durchgeführt worden sind. Die Generation von Staatsmännern, die damals ans Ruder kam, lvar von den individualistischen Lehren der englisch-schottischen Schule beeinflusst. Es lvurde die Axt an die Erbuuterthänigkeit der Bauern gelegt und die Gewerbe- freiheit proclaiuiert. Auch verfügte eine Cabinetsordre von 1807 die Auf hebung der Einfuhrverbote in Altpreußen, wobei aber englische Waren in folge der Continentalsperre ausgenommen waren. Der deutsche Unter den 69 Staaten, die der Wiener Congress (1814/15) zum Suni ’' Deutschen Bunde vereinigte, befand sich auch Preußen. Der Artikel 19 der Bundesacte stellte die gemeinschaftliche Ordnung des deutschen Verkehrs und Handels für die Zukunft in Aussicht; allein schon der erste Versuch einer gemeindeutschen Handelspolitik, als während der Hungersnoth 1816/17 die Aushebung der Getreideausfuhrverbote beantragt wurde, scheiterte au dem iistsrum Yeto, das jedem Bundesmitgliede zustand. Desgleichen blieb die private Agitation ;u Gunsten eines nationalen, einheitlichen Zoll- und Handelssystenls (Fr. List, Nebenius) erfolglos. Selbständiges Unter solchen Umständen gieng Preußen au die Aufgabe, seine Volks tzrnißms. und Staatswirtschaft selbst zu ordnen und sich mit den deutschen Nachbarn durch Separatverträgc auseinanderzusetzen. Das ist der Weg, der zum Zollvereine geführt hat (1864). Aus der wirtschaftlichen Einigung ist ein Menschenalter später die politische Einheit der Nation unter preußischer Hegemonie hervorgegangen (1870). Preußische Trotz des Unheils, dos nach dem Sturze Napoleons die englische Mosseiieinfuhr Wirtschafte j„ Deutschland anrichtete, und trotz des Beispieles, das die meisten europäischen Staaten mit der Einflihrnng oder Verschärfung des Sperrsystems gaben, entschloss sich die preußische Regierung zu dein Wagnis einer vergleichsweise freisinnigen Wirt schaftspolitik. Allein der ökonomische Liberalismus musste in Einklang gebracht ivcrden mit den Bedürfnissen eines Staates, dessen Finanzen durch Contribntionen, Kriegskosten und hochverzinsliche Anlehen zerrüttet waren. Der Träger dieser Wirt schaftspolitik ist der damalige Generalsteuerdirector und spätere Fiunnzministcr K. G. Maaßen, der mit Motz und Eichhorn die Trias preußischer Beamter bildet,8. Kapitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 325 denen die peinlich mühsame Schöpfung des Deutschen Zollvereines vor allen zu danken ist. Den Anfang der preußischen Reformen machte die Aufhebung der Wasser-, ^ Vinnen- und Provinzialzölle (1816) und die Einführung des Salzregals. Im Jahre 1818 folgte das grundlegende Zollgesetz für die gesammtc Monarchie. Der neue Tarif trat an die Stelle von 67 Localtarifen. Durch ihn wurden alle Einfuhr verbote (die auf Salz und Spielkarten ausgenommen) aufgehoben; Rohstoffe waren nreist niedrigen Zöllen unterworfen; selbst Fabricate unterlagen keiner höheren Be lastring als 10% vom Wert; nur von Colonialwaren wurde ein 20% betragender Einfuhrzoll erhoben. Außerdem enthielt der Tarif Ausfuhr- und Durchgangszöllc. Beträchtliche Verbrauchssteuern ergänzten das Zollstistem nach der fiscalischen Seite hin. Der preußische Tarif von 1818 (revidiert 1821) enthält die ersten Anklange an die Grundsätze des Freihandels, weshalb auch die englischen Agitatoren der Zwanziger- Jahre ihn als nachahinenswert zu preisen pflegten. Es bot Schwierigkeiten, das einheitliche Zollsystem praktisch durchzuführen, weil Geographische die preußische Monarchie seit dem Wiener Kongress ans zwei geographisch unverbun- denen Stücken, den alten Provinzen und den Rhcinlandcn, bestand. Überdies lagen in manchen Grenzbezirken Ex- und Enclaven bunt durcheinander. Es war das natur gemäße Bestreben Preußens, diese Mängel geographischer Natur zu corrigieren. Des halb begann es Verhandlungen, um vorläufig die hinderlich gelegenen Klei nstaat en zum handelspolitischen Anschluss zu veranlassen. Schwarzbnrg-Sondershansen Zollbmidmsse ist der erste deutsche Staat gewesen, der dem preußischen Zollstisteme beitrat (1819), verlockt durch den seiner Bcwohnerzahl entsprechenden Antheil an den gesammten Zoll- cinnahmcn. Dieser Vertrag brachte die um ihre Souveränetät bangenden Klein- und Mittelstaaten in Aufruhr. Sie hätten Preußen mehr Schaden zufügen können, wenn sic einiger gewesen wären. Gleichwohl entstand 1828 der b a y e r i s ch - w ü r 11 e m h e r g i s ch e Zollbnnd. der den Hessen-Darmstädtern so gefährlich dünkte, dass sic sich dem preußischen Zollverein anschlossen, freilich nur gegen das Zugeständnis der Gleich berechtigung. Als sich unter Sachsens Führerschaft der mitteldeutsche Handels- Verein bildete, näherte sich der süddeutsche (bayerisch-württembyrgische) Zollbuud dem preußischen. Der Anschluss Kurhesse ns an PreußeiOzertrümmerte den mitteldeutschen Verein. Entscheidend war der nun folgende Beitritt der größten Mittclstaaten, Sachsens, Bayerns und Württembergs Die bezüglichen Verträge von 1866, die mit Der Deutsche 1. Januar 1834 für 8 Jahre in Wirksamkeit trete» sollten, sind die eigentlichen 3 ollpcre!». Gründungsurkunden des Deutschen Zollvereins. Die thüringischen Staaten schlossen sich ihm noch 1834., Baden, Nassau 1835, Frankfurt a. M. 1836 au. Kurz nach der Wiedercrncucruug des Zollvereins ans 12 Ja hre (1841) umfasste er ganz Deutsch land mit Ausnahme Mecklenburgs, des Steuervereins (Hannover, Oldenburg), der Hanse städte und der deutsch-österreichischen Länder. Bis z» Beginn der Vierziger-Jahre war im Zollverein der liberale preußische -chuhMnc- Tnrif von 1818/21 maßgebend geblieben. Von da an musste aber der Verein der starken schutzzöllnerischen Strömung nachgeben, die in der emporblühenden deutschen Pierziqer- Jndnstrie vorhanden war und durch die Agitationen Friedr ich Lif ts verstärkt wurde. Jahren. Bis dahin hatten die Interessen der freihändlerisch gesinnten Landwirtschaft, die vor allem den englischen Markt behaupten ivollte, den Ausschlag gegeben; von nun an konnten die Wünsche der schutzbedürstigen Industriellen nicht länger überhört werden. So brachten denn die Vierziger-Jahre verschiedenen Gewerbszweigcn mäßige Zollerhöhnngen.324 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitalter. Tie erste Zoll Bor der Erneuerung des Zollvereins 18D^ machte dieser eine schwere Krise veremskrislS Österreich den Eintritt in den Verein forcieren wollte und Preußen mit dem Austritte drohte. Während der Krisis erfolgte der Beitritt Hannovers und Oldenburgs (1852) ; sie endigte mit dem deutsch-österreichischen Handelsvertrag von 1853, welcher dem österreichisch en Ka iserstaate Vorzugszölle iitnerhalb des Vereins- gebictcS einräumte, aber seinen Beitritt auf eine unbestimmte Zukunft vertagte. Eine Tic zweite ähnliche Krisis erlebte der Zollverein kurz vor dem abermaligen Ablauf der Vertrüge nrcho ( 1865 ). Damals erzwang Preußen den Anschluss an das westeuropäische System der 18l '~ <>6 ' Handelsverträge. Die Frei- Die Ära der freihändlerischen Verträge ist durch die Traetate Handel« Äw. mit Frankreich (1862), Belgien (1863), Großbritannien, Italien (1865) u. s. w. gekennzeichnet. Der Freihandel genoss damals die Gunst der gesaminten Welt (außer den Vereinigten Staaten); er gehörte zu den schul- müßigcn Überzeugungen der Gebildeten, zn den Grundvesten des politischen Liberalismus. Er entsprach de» Interessen der deutschen Landwirte und Kaufleute. Er sollte auch der erstarkten Großindustrie die auswärtigen Märkte ansschließen und ihre Concurrenzfähigkeit in den überseeischen Handelö- gcbieten erhöhe». Nebenbei diente er der seit 1862 von Bismarck ge leiteten preußischen Politik als Waffe gegen das protectionistische Österreich. Während die oppositionelle Mehrheit im preußischen Landtag die innere unb äußere Politik Bismarcks mit leidenschaftlichem Ingrimm bekämpfte (Confliets- zeit 1863—1866), stimmte sie jubelnd den freihändlerischen Maßregeln der Regierung zu. Norddeutscher Gleichwie 1848 der Deutsche Zollverein nicht in Trümmer fiel, so Zoüparia- überlebte er ungestört auch den Bruderkrieg des Jahres 1866. Seit 1867 ment, umfasst er alle deutschen Staaten außer den Zollausschlüssen (Hamburg, Bremen). Jedoch an Stelle des früheren „Vereins unabhängiger Staaten mit liberum Veto eines jeden einzelnen wird eine Organisation mit Me^r- heitsbeschlüssen geschaffen". Ein Zollbundesrath und ein Zoll- parlament befassen sich mit de» Angelegenheiten des Vereines. Liberale Im Zeitalter des Norddeutschen Bundes (1867—1870) nahm die freiwirtschaft- Striimüng. liche, auf Beseitigilng aller gesetzlichen Schranken abzielende Richtung noch fortwährend zu, wie die Gewerbeordnung (1869), die Aufhebung der Wuchergesetze u. s. >v. zeigen. Die liberale Zollpolitik kam unter anderem in dem Handelsvertrag mit Österreich- Ungarn (1868) und in dem Zolltarif von 1870 zum Ausdruck. Der wichtigste Ber- Teibrult. trcter des Frcihändelssystems war der Minister Delbrück, dem einer der Matadoren des „Volkswirtschaftlicheie CongrcsseS", Michaelis, als Vortragender Rath zur Seite stand. Delbrück hatte seit 1849 eine einflussreiche Stellung ini Haudelsamte, leitete die freisinnige Vcrtragspolitik der Sechziger-Jahre, war seit 1867 Präsident des Bundes kanzler-, nachher Reichskanzleramtes, nebstbei preußischer Staatsminister und genoss eine solche Autorität, dass sich ihm bis zu seinem Rücktritte (1876) selbst Bismarck in volkswirtschaftlichen Angelegenheiten unbedingt untero dnete, iveil dieser seiner Mit arbeiterschaft nicht entbehren zu können meinte.8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). Nach der Begründung des neuen Deutschen Reiches (1871) ginifl Tn ^™ tlcl|! der Zollverein gewissermaßen im Reiche ans. Zoll-, Handels- und Vcr- brauchssteuergesetzgebung wurde Sache des Reiches (Bundesrath, ^Reichstag), desgleichen Maß-, Münz- und Gewichts-, Bank- und Versicherungswesen, Patent-, Marken- und Musterschutz, Schutz des geistigen Eigcnthumö, Consulats- und Schiffahrtsangelcgenheiten, Verkehröivesen im weitesten Sinne, Nicderlassuugsrecht, Gewerbebetrieb, Kolonisation, Auswanderung re. Die Zollerträgnisse sollten fortan nicht mehr repartiert werden, sondern der Reichs- eassc zufließen. Auch durfte die Zollgemeinschaft nicht mehr gekündigt werden. Im Frankfurter Frieden (1871) trat Frankreich das gewcrbflcißige Elsass- o>m»l«>tcr Lothringen ab und verpflichtete sich zu einer Contribution von 5 Milliarden Francs. rtUrtH ' Im Artikel 11 des Friedcnsvcrtrages sicherten sich Deutschland und Frankreich ans unbestimmte Zeit alle tarifarischen Vortheile zu, die sie England, Belgien, den Nieder landen, der Schweiz, Österreich-Ungarn und Russland einräumen würden. Die Milliardcnfluth, der Ersatz und die. Neuanschaffung von Kriegsmaterial, D>c Kns,s die Rückzahlung von Staatsschulden und die dadurch hervorgcrufcne Disponibilität I,s ' 3 ' großer Kapitalien, der Übergang zur Rcichsgoldwührnng, die in ganz Europa gleich zeitig grassierende Gründungswnth verursachte in den ersten Siebziger-Jahren eine solche Überproduetion und Übcrspcculation, dass bald nach dem Wiener Börsenkrach in Deutschland eine Krisis ausbräch, die namentlich im Spätherbst 1873 entsetzliche Verivüstnngcn anrichtetc. Früher war Deutschland nur von localen Erschütterungen hcimgesncht worden, welche den mit England und Amerika verbundenen Handelsplätzen Schade,: znfügten, so 1847 Frankfurt, 1857 Hamburg, dem damals die österreichische Re gierung mit einem Darlehen von 10 Millionen Mark Banco beisprang. Die Krise 2hr chro von 1873 erstreckte sich jedoch über ganz Deutschland, nahm einen chronischen Charakter mirt,l ' v an, ergriff 1875 das Eisenbahnwesen, zog die Montan- und Eisenindustrie in Mit- w '" leidenschaft und dauerte bis 1879, nachdem sie viel dazu beigetragen hatte, das Frci- handelsspstem zu discrcditieren, den Wunsch nach einer strammeren Wirtschaftsgcsetz- gebung und nach Schutzzöllen zu erzeugen. Das entscheidendste Moment war, dass Die chronische sich um die Mitte der Siebziger-Jahre die Handels- und Jndnstriekrisc mit einer Agrarinsi» Agrarkrisis zu verschlingen begann, welche in dem massenhaften Angebot russischen u " 1M '°' und amerikanischen Getreides auf dem Weltmarkt und nicht nur ans diesem, sondern auch auf dem inneren, dem auswärtigen Wettbewerb offenstehcnden Markt ihren Grund hatte. Trotzdem erreichte gerade in de» Jahren der Krisis das Freihandels-Mepun» de« shstein seinen Gipfelpunkt. Als sich bereits die Zeichen der Überproduetion '" c ,‘!j~ bcK ' entstellten, beschloss der Reichstag die Aufhebung der Roheisenzölle (1873), wogegen die niedrigen Zölle auf Eisenfabricate noch bis 1. Januar 1877^ gütig sein sollten. Es geschah auf Betreiben der wülhendsten Vorkämpfer des Freihandels, der nordostdeutschen Großgrundbesitzer. Gerade in der Zeit der ärgsten Stagnation, als dies- und jenseits der Grenzen aller Absatz stockte, verlor die übermäßig entwickelte Eisenindustrie die Reste ihres Zoll schutzes. Der 1. Januar 1877 bezeichnet de» Höhepunkt und die Schicksals wende des Freihandelsshstemö im Deutschen Reiche.Bruch mit dem Frei Wirtschaft- systein. Wirtschaft liche, sociale, nationale Motive. Beginn einer neuen Neformzeit ( 1879 ). Autonomer Solidarschny :)26 IV. Abschnitt. Das pnnoceanischc Transcontincntal-Zcitaltcr. Unterdessen traten die ersten Symptome des wirtschaftöpolitischcn Um schwunges zu Tage. Delbrück verließ den aetiven Staatsdienst (.1876). Sofort fasste Bismarck den Entschluss, die volkswirtschaftlichen Angelegen heiten selbst in die Hand zu nehmeit, und bereitete sich in ländlicher Zurück gezogenheit auf die verantwortungsvolle Aufgabe vor. Eben damals vereinigte sich mit den Interessen der schutzbedürftigen deutschen Industrie der Um- schwnng in den Ansichten dcö von einer unheimlichen .Krisis befallenen Groß grundbesitzes, der politisch einflussreichsten Intcrcsscntcngrnppc des Reiches, ferner der Niedergang des schulmäßigen Glaubens an die englische Frei handelslehre und die Nothwendigkeit einer von den Interessen der Unter nehincr abstrahierenden Socialpolitik. Die Attentate ans Kaiser Wilhelm i. zeigte», dass man mit der Praxis des laisser faire brechen müsse, und dass man dem freien Spiel der Kräfte nicht länger mit verschränkten Armen zuschc» dürfe. Bor den unmittelbarst bedrohlichen Erscheinungen des Soeia lismus suchte man hinter dem Ausnahmegesetz improvisierten Schutz (1878). Im übrigen sollte eine dein sreihändlcrischen Kosmopolitismus entgegen gesetzte, nationale, Deutschland den Deutschen iviedergcbende, alle Interessen solidarisch berücksichtigende Zollpolitik Abhilfe schaffen. Bei dem Stande der Handelsbilanz — die Einfuhr überstieg die Ausfuhr jährlich um l Milüfirde Mark — schien jeder Aufschub die „Anspovernng" Deutschlands zu be schleunigen. Das Jahr 1879 ist das Anfangsjahr einer Periode riefgreisender Rc- formen ans finanz-, Handels- und socialpolitischem Gebiet. Sie erhielt ihr Gepräge durch Bismarck, dessen gewaltigen Intentionen der deutsche Reichstag nicht überallhin zu folgen vermochte. Dem Reichs kanzler lag vor allem die Erhöhung der-Reichöeinnahmen, den Fabrikanten und den .Landwirten der wirksame Schutz der nationalen Production gegen die Mitbewerbcrschaft des Auslandes, dem Volk im allgemeinen die Abschwüchnng des socialen Gegensatzes zwischen den besitzenden und den besitz losen Classen, zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern am Herzen. Die Reforin der Zollpolitik vom Jahre 1879 an beruht ans dem Principe des Solidarschutzes. Indem die ehemals freihändlerischen Land wirte durch die chronische Agrarkrisis zu Proteetionisten umgewandclt worden waren, wie es die Eisen- und Textilindustriellen immer gewesen, erhielt der neue autonome Zolltarif mit seinen Fabricats- und Agrarzöllen die Mehrheit im Reichstage. Roch schärfer trat die Betonung der agrarischen Interessen in den Tarifen von 1883 und 1887 hervor; der Getreidezoll wurde bis zu 5 Mark pro 100 h/ hinaufgeschraubt. Durch schlechte Ernten und das russische Ausfuhrverbot während des Nothstandes 1890/92 erreichten8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 327 die Getreidepreise eine Höhe, dass sich nun wieder die Stimme der Co» sumenten Gehör verschaffen konnte. Die Consuinenten hatte» umsomehr Ursache 51 t klagen, als ihnen die geschlitzte und cartellierte Industrie gleichfalls Monopolpreise auszwang. Hingegen erklärten die Industriellen, dass sic ein Recht ans Begünstigung beanspruchen könnten, weil ihnen die Arbeiter Versicherung neue Lasten aufbürde, die ihre Berufsgenossc» in anderen Staate» nicht zu tragen hätten. Nach dein Rücktritte Bismarcks (1890) wendete sich jedoch die deutsche Handelspolitik wieder dem System der Tarifverträge zu. (1891er Decemberverträge, mit Giltigkeit vom 1 . Februar 1892 bis 1904). Die Beibehaltung des Hochschutzes gegen die nicht meistbegünstigten Staate» führte zu einem Zollkriege mit Russland; 1894 folgte der Friede und ein der deutschen Industrie günstiger Handelsvertrag. Eines der virtuosesten Kunststücke der Bisinarck'schen Resorinpolitik war die rasche und befriedigende Aufnahme Hamburgs und Bremens in den Reichszoll verband (Verträge von 1881 und 1885). Vom I. Jänner 1888 an gehören die beiden Hansestädte dem Zollvereine an, nachdem sie mittelst ausgiebiger Reichszuschüsse ein Frcrgebict mit Lagerhäusern und Etablissements für gewisse Erportindustricn aus gestattet haben. Gegenwärtig existiert nur mehr ein Freihafen im traditionellen Sinne des Wortes in Europa: Gibraltar. Der erste überhaupt mar Livorno gewesen (1548). Im 18. Jahrhundert sind bereits die althansischcn Nordseehäfcn Hamburg und (in einigem Abstande) Bremen (Bremcrhafen 1827 gegründet) der Entwickelung des sonstigen deutschen Handels vorangccilt; sie stehen auch heute noch an der Spitze des selben. Ihr Aufschwung als Welthandelsplätze datiert vom Abfall der nordnmerika- nischen Colonicn Englands (1776), von dem zeitweiligen Niedergänge Hollands in der Napoleonifchen Zeit (1795—1815) und von der Selbstbefreiung des lateinischen Amerikas (I 8 .I 0 —1825). Diese historischen Ereignisse machten dem deutschen Kauf mann den directen, nicht durch Großbritannien vermittelten Handel mit den ge nannten Ländern möglich. Immerhin beträgt auch heute noch der Antheil Englands am Hamburger Handel 40%,. Es ist ein Fehler der geographischen Lage Deutschlands, dass der Weltverkehr seines größten Industriegebietes, des rheinischen, nur zum geringsten Theil über deutsche Häfen und unter deutscher Flagge gehr. Ununterbrochen bauen die Deutschen seit Jahrhunderten an der Größe Antwerpens, Amsterdams, Rotterdams weiter. Hingegen leidet der deutsche Ostseehandel durch die abgeschlossene Lage des baltischen Beckens, durch die Anziehungskraft Hamburgs und durch die Handelspolitik des russischen Reiches, das mittelst Zöllen und Frachttarifen seine eigenen Ostseehäfen auf Kosten der deutschen begünstigt. Kein europäischer Staat hat in dem letzten Menschcnalter absolut und relativ solche wirtschaftliche Fortschritte gemacht, als der deutsche. Deutschland hat Frankreich überflügelt und ist die erste Handelsmacht des Continentes, neben der Union die zweite oder doch dritte der Erde geworden. Es wird nur von Großbritannien überragt, dessen europäischer Handel jedoch in relativer Abnahme begriffen ist. Freilich hat Deutschland seinen Charakter als Ackerbaustaat abgestrcift, der es bis über die 1860er-Fahre gewesen. Doch ist seine Agricültnr noch so kräftig, dass es nicht, wie Riickwenduug zun, TarisWein. ZollnufchtusS der Hansestädle. Deulsche Hiifen. Aufschwung dee Deutschen Reiches.Goloitide Bestrebungen. Handels politik. SundM. 328 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitalter. England, sein ganzes Ingenium verbrauchen muss, um schließlich im Auslände Brot und Fleisch zu saufen. Den Achtziger-Jahren gehört die Vcrivirklichung eines alten Traumes der deutschen Station an, die bei der Theilnng der Erde im 16. Jahrhundert leer ausgcgangen war: Deutschland kam in den Besitz außereuropäischer Colonialgebiete. Es geschah dies, man könnte sagen, gegeir dcir Willen der leitenden Kreise. Zuerst waren es einzelne Handelshäuser (Godefsroy, Wocrman, Lüdcritz), die zum Schutze ihrer privaten Inter essen in Afrika und Oceanien da? Einschreiten der deutschen Diplomatie in Anspruch nahmen. Hierzu gesellte sich die Pression mehrerer Gesellschaften, die der deutschen Aus wanderung neue selbständige Ansicdlungsgcbicte eröffnen wollten. Anfänglich sträubte sich die Regierung (Bismarck), Hoheitsrcchtc in den fraglichen Gebietcli auszuübcir und territoriale Erwerbungen zu machen. Die Schwierigkeiten aber, die namentlich England den deutschen Bestrebungen entgegcnstelltc, nöthigtcn die Regierung (seit 1884), vom privaten zum staats- und völkerrechtlichen Schutz überzugehen, die deutsche Flagge auf den beanspruchten Gebieten zu hissen, Kriegsschiffe, Regierungscommissäre, Schutztruppen zu entsenden und internationale Verträge abzuschlicßen. Seit 1884 hat das Deutsche Reich umfangreiche Erwerbungen in Westafrika (Südwestafrika, Kamerun, Togo), in Ostafrika, in Ren-Guinea (Schutzgebiet unter Verwaltung der N. G.-Compagnie) und Oceanien (Marschallsinscln) gemacht. Seit dem Rücktritte Bismarcks (1890) ist ein Stillstand in dem Erwerb von Colonicn cingetreten. Rücksichten gegen England haben znm Abschluss des Vertrages vom 1. Juli 1800 geführt; in demselben sind die Grenzen der afrikanischen Besitzungen genau sestgestellt und wird Deutschland für seine Zuge ständnisse an England durch Helgoland entschädigt. 11. Dänemark. Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts unterhielt Dänemark einen lebhaften Eigenhandel nach Ost- und Wcstindien, Nord- und Südamerika. Noch günstiger ge stalteten sich die commcrzicllen Verhältnisse des Königreiches, als der holländische und hamburgische Handel unter den Folgen der Revolutionskricge darnicderlagen. Plötzlich machte jedoch das feindliche England der dänischen Handelsherrlichkeit durch das Bom bardement von Kopenhagen, die Abführung der dänischen Flotte und die Wegnahme Helgolands ein Ende (1807). Nach dem Wiener Congress sperrte sich Dänemark zoll politisch gegen das Ausland ab; allein nicht aus Rücksichten auf eine zu erziehende Industrie, sondern aus finanziellen Gründen, die auch maßgebend blieben, als Däne mark znm gemäßigten Schutz- und Vertragssystem (1863) übergieng, Aus- und Durch fuhrzölle, sowie differentielle Schiffsabgaben anshob. Seit dreißig Jahren ist an diesem System keine wesentliche Veränderung vor sich gegangen, sowenig als an dem Typus des dänischen Handels, der einerseits durch den Austausch landwirtschaftlicher Producte gegen fremde Fabrikate und Colonialartikel, anderseits durch seine alljährliche Unter bilanz gekennzeichnet ist. Das ivichtigste Vorkommnis der neueren dänischen Handelsgeschichte ist die 1857 erfolgte Ablösung des Sundzolles (gegen 30V 2 Millionen Rcichsthaler in 40 halb jährigen Raten). Dem Sund droht in nicht mehr ferner Zukunft das Los der Ver ödung, wenn nämlich der Nordostseccanal fertig sein wird. Dieser Gefahr sucht Dänemark zu begegnen, indem es in Kopenhagen ein Freihasengebiet herzustellen an gefangen hat.8. Kapitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 329 Nachdem Dänemark 1814 Norwegen, 1864 Schleswig-Holstein und Lauenburg hat abtreten müssen, sind noch die Färöer und Island (seit 1380), Grönland (seit 1724 wieder besiedelt) und ein paar westindische Jnselchen in seinem Besitz geblieben. 12. Schweden-Norwegen. a) Schweden. Wie Dänemark und die Hansestädte participierte auch Schweden Schwedische an den Conjuncturen, die der nordamerikanische Unabhängigkeitskampf und die Rcvo- liitionskriege dem germanischen Norden boten. Doch raubte ihm das eroberungssüchtige ' Russland, welches seit dem nordischen Krieg auf schwedische Unkosten die Herrschaft über die baltische Region anstrebte, den Besitz Finnlands (1809). Von 1810 an huldigte das schwedische Königreich dem zollpolitischen Allerweltssystem, der Prohibition. In den Fünfziger- und Sechziger-Jahren gieng das Ministerium Gripenstedt via Hochschutz zum westeuropäischen Freihandels- und Vertragssystem über. Auch Schweden hatte nun seine Ära der Communicationsbauten, Actiengesellschaften, großindustricllcn Grün dungen re. Als aber gegen Ende der Siebziger-Jahre die schlechten Zeiten kamen, Handel und Industrie zu stocken begannen, die Finanzen an einem chronischen Deficit litten und vollends das schutzzöllncrische Beispiel des Auslandes seine Wirkung ausübte: da entbrannte auch auf der skandinavischen Halbinsel der Streit zwischen Freihändlern und Schutzzöllnern i da traten auch hier den Kaufleuten, der Erportindnstrie, den „Con- sumenten" die durch Schulden und russische Concurrenz protectionistisch gewordenen Landwirte, die nicht exportierenden Industriellen, die Socialpolitiker entgegen und über- tünten mit dem Rufe „Schiveden für die Schweden" das Schlagwort „Keine Hunger zölle!" Seit 1877 hat sich der Systemwechsel vollzogen (neuester Tarif 1892); auch Schiveden bekennt sich znm gemäßigten Solidarschutz. l>) Norwegen. Die durch Personalunion verbundenen Königreiche Schweden Zwischen- u»d Norwegen regulieren ihre wechselseitigen Handelsbeziehungen durch einen Zwischen- reichstarif, der seit 1874 auf dem Princip gegenseitiger Zollfreiheit und völliger Autonomie nach außen beruht. In Norwegen, dessen Volkswirtschaft auf der Seefischerei, der Waldproduction nnd der Rhederei basiert, hat das Schutzsystem keinen Zweck, und so hat denn auch der Storthing seit den Fünfziger-Jahren den Freihandel begünstigt. Da aber Zölle die Haupt- '" fU,l ’" t ' cL einnahmsquelle des Staates bilden, so war immer ein Tarif nothmcndig, der, im Gegen satz zum englischen System, nicht einige Massenartikel stark, sondern viele Waren mit einem schwachen Eingangszoll belastete. In den letzten Jahren erhebt die junge Industrie den Ruf nach Zollschutz, so dass selbst im freihändlerischen Norwegen die protectionistische Zcitströmung zu bemerken ist. 13. Das Russische Reich. Der Schöpfer des modernen Czarcnreichcs und des russischen Fabrikswcsens, Peiers Ezar Peter, bahnte dem Binnenlandc den Weg zum baltischen Becken, >vo das dce («ro&a,. neugegründetc St. Petersburg (mit Kronstadt) sich rasch zur Handelsmetropole auf schwang, wogegen Riga, Reval (1721) und Libau (1795 russisch) erst im 19. Jahr hundert langsam wieder z» commerzieller Bedeutung gelangt sind. Unter Katharina II. kam in Russland eine relativ freisinnige Handels- und Katharina n. Gewerbcpolitik znm Durchbruch. Das Czarenreich ergriff nun Besitz von der pontischenBerbotsystem. Cancrin'schc Benvaltung. Kaiser Nikolaus I .». der Weste». Einverleibung Polens. Wendepunkt 1856 . Lrinätzignng des Schutzsystems. 330 IV. Abschnitt. Das panoccanische TranScontineiktal-Zeitalter. Region, der Friede von Kntschuk-Kninardsche (1774) öffnete ihm den Bosporus und die Dardanellen; den neugegründeten Häfen, wie: Cherson, Nikolajew, Taganrog, Odessa (1795), sollten die inländischen Naturprodncte auf den natürlichen Wasser wegen znin weiteren Vertrieb zugeführt werden. Hiermit beginnt der Wettbewerb zwischen dem baltischen Norden und dem pontischeil Süden. In den großen Centre» des Innern, zumal in Moskau, lebte bereits im 18. Jahrhundert eine Großkanfmannschaft, die an der Exploitation ihrer Capitalien nur durch die Verkehrsschwierigkeitcn und die Macht ererbter Gewohnheiten gehindert war. Immerhin berührten sich schon die Ausläufer des russischen Handels in den deutschen Messplätzen mit dem Westen, in Kjachta mit dem Osten, der Alten Welt. Mit Pauli. (1796—1801) setzt eine Periode der Prohibitionen ein, oder eigentlich eine Zeit willkürlicher Schwankungen, ivic es bei dem unsteten Wesen diese« und des nächsten Czaren, Alexanders I. (1801—1825), erklärlich ist. Die Wechselfälle der Napoleonischen .Zeit trugen das Ihrige dazu bei. Stetigkeit und System kamen in die russische Handelspolitik erst unter der viel gerühmten Verwaltung des Finanzministers Cancrin (1823—1844), überhaupt unter der Regierung des Kaisers Nikolai I. (1825—1855). Die russische Handelspolitik gieng vom Berbotsystem znm Hochschutzzoll über, von den für diesen Übergang charakteristischen Motiven geleitet: die Staatseinnahmen zu erhöhen und die Industrie einerseits durch Schutz gegen das überlegene Ausland, anderseits durch die Angst vor dem nicht ganz ausgeschlossenen Mitbewerb zurMündigkeit zu erziehen. Der gewaltige Autokrat, der sein Reich vor dem „Gifte der westeuropäischen Civilisation" ihres revolutionären Beisatzes halber behüten wollte, war zwar nicht gewillt, dass die Machtmittel, die in der modernen Technik enthalten sind, Russland vorenthalten blieben, aber von einem die Grenzländer verknüpfenden Eisenbahnsystem wollte er nichts wissen. Dagegen durften sich unter seinem Scepter die europafeindlichen Jdeensysteme der Slavophilcn und Panslavisten kühn entfalten, denen das politische und nationalökonomische Absperrnngs- systcm sympathisch war. Ganz im Sinne der russificiercnden Politik Nikolais war die Beseitigung der Zwischenzollinie, die bis 1851 Polen vom übrigen Czarenreiche geschieden hatte. Gleichzeitig erhielt ein neuer Tarif mit theilweise ermäßigten Schutzzöllen im ganzen Reiche Giltigkeit. Das Regierungssystem des Kaisers Nikolaus wurde durch den Krimkrieg zu Schanden. Es war der Beweis erbracht, dass die westeuropäische Cultur einen höheren Machtwert repräsentiere und das Einlenken in ihre Geleise schon ans Gründen der Staatsraison unvermeidlich in. Russland trat nach dem Pariser Frieden (1856) in die entscheidendste Reformepoche, die es seit Peter I. dnrchgemacht hat. Der Czar de« Reformzeitalters war Alexander II. (1855—1881), der Publicist desselben Alexander Herzen. Mit allen anderen westeuropäischen Ideen drangen auch freihündlerische Ten denzen über die Grenzen. Tie Handelspolitik der Jahre 1856—1876, vom Krimkrieg bis hart vor dem Türkenkrieg, trägt das Gepräge de« gemäßigten Schutzsystems, wie die Tarife von 1857 und 1867 zeigen, mit ihren herabgesetzten Zollsätzen ans Lebens- und Genussmittel, Rohstoffe und Halbfabricatc, ferner ans Erzeugnisse solcher Industrien, welche die Concurrenz des Auslandes ertragen zu können schienen, und mit einzelnen Zollbefreiungen.8. Capitcl. Tic britisch-amerikanische Periode (1815—x). 331 Unterdessen wnrde die Leibeigenschaft aufgehoben, der Eisenbahnbau bis an die Rcsorme» feuchten und trockenen Reichsgrenzen ausgedehnt, einheimisches und fremdes Capital n zu Unternehmungen modern europäischen Charakters ermuthigt. Mit einem Sprung >l '" L vollzog sich für die übergroße Mehrheit der russischen Nation die größte Umwälzung, die die Volkswirtschaft mitmnchen kann: der Übergang von der Natural- zur Geld-, ja zur Creditwirtschaft. Nicht nur der russische Ackerbau, auch Gewerbe und Handel traten in eine neue Phase. Plötzlich und unvermittelt entstand, abseits Neurussische vom staatlichen und vom adeligen Fabrikswesen, eine capitalistisch organisierte Groß- indnstric, vor allem im Herzen des Reiches, in und um Moskau, im Ural, am Donetz, im Süden. Diese national-russische Großindustrie versprach nicht bloß die wirt schaftliche Emancipation des Reiches vom verhassten Westen, sondern begehrte auch Vortheile gegen die polnische und baltische Industrie, welche gleichfalls als fremd ländisch gebrandmarkt wurden. Den Kanipf leitete die mittelrussi sche Industrie. In der That gewann sie, nicht immer durch lautere Mittel, maßgebenden Einfluss auf die Handelspolitik. Ja, sie vermochte die Unterordnung der agrarischen Interessen unter die gewerblichen durchzusetzen. Ihr stärkster Verbündeter war hierbei der russische Nationalismus (mit seinen panslavistischen Abzweigungen), der, unter Kaiser - bcrtnmbe,t - Nikolaus I. Wurzel gefasst, gegen Ende der Regierung Alexanders U. und namentlich unter Alexander Ul. die Herrschaft über die öffentliche Meinung angetreten hatte (Katkosf, Aksakow, Tolstoi). Die national-russische Großindustrie und die enropaseind- lichen Parteien eilten verbündet von Erfolg zu Erfolg. Freilich, die Textilien, die Mctallwarcn, der Zucker, der Spiritus :c. Russlands Expansion des vermochten sich in Mittel- und Westeuropa kein Absatzgebiet zu erobern, hingegen ist ' u, * a ' sw ' der russische Wettbewerb auf der Balkanhalbinsel bereits fühlbar geworden, was das Verlangen nach dem Besitze Constantinopels noch gesteigert hat. Der Export russischer Jndustricprodnctc hat aber seine Zukunft in Asien—China, Persien, Centralasien. Den Knotenpunkt des europäischen und asiatischen Handels Russlands bildet Nischm Nowgorod mit seiner (1817 gegründeten) Herbstmesse. Das Ende der frcihändlcrisch und europafreundlich gestimmten Epoche bezeichnet der u, " fcl ) r bct Ufas, demzufolge vom 1. Jänner 1877 an die Grcnzzölle in Gold erhoben werden sollten, was einer Erhöhung von mindestens 30°/,> gleichkam. Der Türkenkrieg 1877 78 ver- " p olitif mehrte die Nothwendigkeit, neue Einnahnlsqnellen ausfindig zu machen, während die Regierung gleichzeitig nicht umhin konnte, den feit der Emancipation überlasteten Bauern ihre Existenz (durch Aufhebung der Salzaccise und der Kopfsteuer) zu erleichtern, Eben wurde Russland, welchem die Mächte auf dem Berliner Congrcss (1878) die Sieges beute des Türkcnkriegcs großentheils wieder ans den Händen gewunden hatten, von einem solchen Europahasse ergriffen, dass nun die nationale Großindustrie bezüglich ihrer weitestgehenden Forderungen Gehör fand. In den Jahren 1881/82 wnrde ein 10°/„iger Zollzuschlag auf alle Einfuhren verordnet. Rasch folgten einander die Zoll' crhöhungen der Jahre 1885, 1887, 1890, bis der Tarif von 1891 eine Art von Schlussredaction der bisherigen Maßregeln z» Gunsten der Industrie und zum Nach- theile der Landwirtschaft, sowie des auswärtigen Handels enthielt (Min. Wischnegradsky). Da die russischen Tarifändernngen seit 1881 ihre Spitze gegen das Deutsche Zollkrieg mit Reich kehrten, welches den größten Antheil am russischen Gesammthandel hat, so fühlte sich dieser Nachbar beim Abschluss der mitteleuropäischen Verträge 1890/91 nicht ver anlasst, Russland das Meistbcgünstigungsrccht einznränmen. Damit war das SignalNeuer Ver trag (1894). Agricoler Charakter des Reiches. 'Oiitrfblicf. Österreichische Handele- Suprematie und deren Er schülteruug. Fortdauer derselbe» in Serbien. 332 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitalter. zum Ausbruch cincs hartnäckigen Zollkrieges zwischen beiden Reichen gegeben, der bis an die Schwelle des Jahres 1894 dauerte. Zuerst brachte Rilsslaud gegen Deutsch land einen Maximaltarif in Anwendung, der um 15—30% höhere Sätze enthielt, als der 1891er Tarif. Bald darauf schloffen Frankreich und Russland einen Vertrag mit ermäßigten Zollsätzen (1893), nachdem die alliierte Republik auch die von den anderen Geldmärkten abgcstoßcnen russischen Papiere an sich gebracht hatte. Als nun Deutsch land die russischen Feindseligkeiten mit einem 50%igen Zuschlag ans russische Provenienzen erwiderte, replicicrte Russland mit einer ebenfalls 50%igcn Erhöhung seines Maximal- tarifeS. Weiter konnte die Feindseligkeit nicht mehr getrieben werden. Beide Theile lenkten ein unb traten in Unterhandlungen; der neue Vertrag gewährt dem russischen Hauptausfuhrartikel, Getreide, die Zollsätze der meistbegünstigten Staaten, wogegen Russland die Zölle auf deutsche Jndustricimporte herabgesetzt hat. Hiermit hat Russland wieder anerkannt, dass es in erster Linie ein Ackcr- banstaat ist, ivas es mährend der Hungersnoth 1891/92 so recht mit Händen greifen konnte. Ist ja doch das stark ans Ausland verschuldete Czarenreich zum reichlichen Getreideexport gezwungen, um mit den Ergebnissen der Mehrausfnhr die Zinsen seiner auswärts untcrgebrachten Schuldtitel bezahlen zu können. Der Gctrcideexport ist auch in anderer Hinsicht eine staatliche Nothwendigkeit, da ohne denselben die Land wirte ihre Produkte nicht anbringen, also auch nicht Steuer zahlen können. Sa hat sich denn die russische Regierung seit zehn Jahren Mühe gegeben, der bedrohlichen Concurrenz Nordamerikas die Spitze zu bieten, indem sie sich die Organisation des dortigen Getreide- Handels (Elevatoren, Warrants) zum Muster nahm. Es war dies schon deshalb er forderlich, um die russischen Gctrcidcprodnccntcn aus den Klanen der Zwischenhändler zu befreien. Ohne das Eingreifen von oben wäre so gut wie nichts geschehen. Die russische Handelspolitik des l9. Jahrhunderts durchläuft mithin folgende Stadien: 1. Die Epoche der Verbote bis 1824; 2. die des Hochschlitzes (1824—1856); I. hie des gemäßigten Schutzes und der liberalen Reformen (1856—1877); 4. die der autonomen Hochschutztarifc (1877—1893), welcher Epoche mit den fortschreitenden 1890er Jahren eine Zeit der gemäßigten Conventionaltarife zu folgen scheint. 14. Die Balkanstanten. n) Serbien. . Bis vor einem Mcnschenalter (als Wendepunkt kann man de» Pariser Frieden von 1856 bezeichnen) hat Österreich den Handel mit der Balkanhalbinsel theils über Triest, theils auf der Donaustraße beherrscht. Dieses Übergewicht besteht hcnte nur mehr in Serbien, wogegen Österreich-Ungarn in Rumänien, Bulgarien, Griechenland und der Türkei den Markt mit theilweise überlegenen Nebenbuhlern (England, Frank reich, Russland, Deutschland, Belgien, Italien) theilen muss. Bis >864 genoss Österreich differentielle Begünstigungen im Ein- und Ans fnhrhandel. 1864 stellte Serbien mittelst eines autonomen Tarifes alle Staaten einander gleich. Zu Beginn dex 1886er Jahre schloss es, zum Königreich avanciert, Einzelver träge mit niedrigen Finanzzöllen ab, ivobei cs nicht umhin konnte, seiner Biehansfuhr halber, Österreich-Ungarn Sonderbegünstigungen einzuräumen. Die Verträge sind zumeist im Jahre 1893 abgelansen. Große Hoffnungen setzte das wankclmüthige Serbien ans den Ausbau der türkischen Rumpfbahnen. Es hoffte in Saloniki mit dein es über8. Gopitd. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 333 Nisch seit 1888 in Verbindung steht, einen Ausfuhrhafen zu gewi nnen, der cS von der österreichischen Suprematie unabhängig machen würde. Allein die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt, weil die türkischen Eisenbahntarife die thenersten der Welt sind. b) Rumänien. Bis 1856 hatte Österreich auch in der Moldau und Walacbci die commerziclle Vorherrschaft inne. Russland, dein seit 1812 die Donaumündungen gehörten, war nicht bloß concurrenzunfähig, sondern unterließ absichtlich alle Vorkehrungen, die Schiff barkeit seines Stromanthcilcs zu erhalten. Deshalb neutralisierte der Pariser Congress Mirbewerbder (1856) die untere Donau und bestellte die internationale Donau-Commission, in deren Wirkungskreis auch dieStroniregnlierung fällt. Von diesem Zeitpunkt an begann die commcrzielle Eroberung der Bnlkanhnlbinsel, Rumäniens insbesondere, durch die West- mäch te (England und Frankreich). Zuerst kamen sic mit ihren Dampfern, dann folgten ihre Eisenbahn-Ingenieure, um den Handel gegen die Donau, an welcher Galatz und Braila emporblühtcn, und von da gegen die Sec hin abzuleiten. Die Verkehrspolitik wurde V°rlc>,rs- der wichtigste Zweig der Wirtschaftspolitik des Landes, das auf die Verwertung seiner v '“ lmt ' Naturprodukte bedacht sein musste und zunächst nicht einmal die Anfänge einer sozn- nennendcn Industrie besaß. Im Jahre 1880 sind die Bahnen verstaatlicht worden. Schon vorher (1878) sind die Donanmündnngen unter rumänische Oberhoheit ge kommen. 1883 wurde das Königreich auch zur internationalen Tonancommission zu- gezogen. Ilm aber von dieser unabhängig zu sein, ist die Regierung auf die Hebung ihres einzigen selbständigen Seehafens, Eonstanza (Küstendje), bedacht. Seit der Thronbesteigung Karls von Ho he nzo l lern (1860) erhielt die Vcr- Agrarische waltnng einen europäischen Charakter. Doch dominieren in dem reichgesegneten Lande ULu ' l ' ta " bc - die Latifundienbesitzer (Bojaren); sie tragen Schuld an der missglückten Grundcnt- lastung, die eine Masse von bäuerlichen Zwergwirtschaften geschaffen hat, so dass auch heute noch Rumänien an einer schleichenden socialagrarischcn Krise leidet. Das ländliche Proletariat gibt auch kein brauchbares Arbeitermaterial für industrielle Zwecke ab, so dass trotz aller Anstrengungen »nd gesetzlichen Begünstigungen Rumänien noch immer keine Industrie hat, die aus eigenen Beinen zu stehen vermöchte. Zu den Westmächten hat sich seit den 1880er Jahren auch Deutschland ge-.Zunahme des feilt, das ja gleichfalls immer mehr auf den Bezug von fremden Brotstoffen und auf den überseeischen Absatz seiner Geiverbserzeugnisse angewiesen ist. Hingegen brach 1886 1 ' zwischen Rumänien und Österreich ein fünfjähriger Zollkrieg aus. Ursache ZEricg not war die Grenzsperre gegen rumänisches Vieh. Rach dem Erscheinen des rumänischen ^ Gencraltarifes von 1801 wurden die Feindseligkeiten eingestellt. Seitdem ist Rumänien im Zuge, nach allen Seiten neue Handelsverträge ans gemäßigt schutzzöllnerischer Basis abzuschließen. c) Bulgarien. Obwohl dem Namen nach unter türkischer Souverünetät, hat gleichwohl dieser jüngste Staat Europas (1878 entstanden, 1886 mit Ostrumelien vereinigt) provisorische Handelsconventionen mit den Mächten abgeschlossen und seine eigene Verkehrspolitik getrieben. Auch hier ist Österreich-Ungarn von England überflügelt worden, weil dieses die bulgarischen Cerealien unmittelbar gegen seine gewerblichen Prodncte in Tausch zu nehmen ein Interesse hat.IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitalter. :S34 (1) Griechenland. Neugriechische Bevor das Land der Hellenen seine Unabhängigkeit von der türkischen Herrschaft Diaspora, erlangt hatte, gab es bereits im Osten wie im Westen, soweit sich der levantinische Ber kehr erstreckte, eine neugriechische Diaspora. Ihren Kern bildeten Kaufleute, neutrale Vermittler des Dölkerverkehres, ohne entscheidenden Zusammenhang mit der nationalen Production oder Handelsthätigkcit. Auch heute noch existiert diese griechische Diaspora, die ab und zu Gemeinden mit gewerblicher und landwirtschaftlicher Thätigkeit bildet. Europa i Seit Griechenland ein eigener Staat geworden ist (1829), hat es sich an den Rändern sierung Neu- wenigstens ans halbasiatischer Versunkenheit herausgearbeitet. Seiner bescheidenen Ilr- ^lands"' Production und der noch in den Kinderschuhen steckenden Industrie entspricht ein mäßiger Außenhandel, dessen Centrcn Patras, der Piräus, das insulare Syra sind und an Tic dem England, die Balkanländcr, Österreich den Hauptantheil haben. Wie tm übrigen ein Kontinuität Land der Erinnerungen, so zeigt Hellas auch in materieller Hinsicht die Kontinuität ^^haistichcu^ menschlichen Handelns. Wo die alten Griechen Marmor und Erze geivonnen haben, da ihnen es auch die neuen, und den Canal von Korinth, den das Altcrthum nicht zustande gebracht hat, haben die modernen Griechen, allerdings nicht mit eigenen Mitteln, vollendet (1893). Den Kosten eines modernen Staates ist aber die Kraft Mugriechenlands noch nicht gewachsen, ivie seine gelegentlichen Zahlungsein stellungen beweisen. 15. Das Türkische Reich. Erstarrungdco Das Türkische Reich mit seinen asiatischen und afrikanischen Dependenzen ist der isiauunschen 2ppns eines Rninenlandes. In mehreren Schichten lagern die nntergegangencn Knitnum,^. ^lturen über einander, und die letzte, die arabisch-mohammedanische, fristet ihr Dasein bis zur Gegenwart. Seit vier Jahrhunderten sind die Triebkräfte des islamitischen Cultnrkreises unter dem Drucke der türkischen Säbelwirtschaft erlahmt. Ackerbau und Gewerbe bewegen sich nach dem Trägheitsprincip in den überlieferten Bahnen. Des Tausch- und Geldverkehrs haben sich internationale Handelsnoniaden und Handels- Auflösungs- colonisteu — Griechen, Armenier, Juden, „Franken" — bemächtigt. Seitdem der A u s- Procesp. lösnngsprocess der Türkei bemerkbar geworden ist (circa 1699), strebt das Ivest- lichc Europa, einerseits das Reich zu erhalten und die losgelösten Stücke als Sonder übergewicht staaten zu organisieren (Serbien, Griechenland, Romainen, Bulgarien), anderseits der gremd- geschlcnnigt cs die Zertrümmerung, indem es, seine materiellen Interessen verfolgend, nwrt,tei occnpicrt und annectiert, wie das Beispiel Englands (Cypern, Ägypten), Frankreichs lTnnis), Österreichs (Bosnien) zeigt. Freilich die lebhaft concnrricrenden Handcls- staaten Europas haben einigen türkischen Häfen und deren Hinterländern zu neuem Aufschwung verholten (Salonich, Trapezunt, Samsun, Smyrna, Alcxandrette, Beirut, Bnschir). Jedoch Constantinopel, dem die türkische Herrschaft bis über den Krimkrieg hinaus den Rang eines distribnierenden Handelsccntrnms gewahrt hat verliert diesen Charakter immer mehr. Es ist nur mehr eine große Schiffahrtsstation, ivährend die Kaufleute dorthin übersiedeln, wo die Geschäfte wirklich gemacht werden. Landels- In den Friedensverträgen des 18. und 19. Jahrhunderts haben sich die ans- mtväflc. würtigcn Mächte regelmäßig Handelsvortheile znsichern lassen. In den Dreißiger- und Sechziger-Jahren hat die Hohe Pforte ganze Reihen von Handelsverträgen abgeschlossen, und eben jetzt ist sie daran, es wieder zu thnn. Bisher war ein 8pcrccntigcr Wertzoll8. Snpitel. Die britksch-amcrikanische Periode (181 .t>— x). 337 rikanischeii Republiken, Columbia! Venezuela, Ecuador, Peru, Bolivia, Brasilien — der g emäßigten Colonisationssphare Chile, Argentinien, Paraguay, Uruguay und die brasilischen Südprovinzcn an. In die letztgenannten Länder wandern seit ungefähr einem halben Jahrhundert viele Europäer, in jüngster Zeit besonders Italiener ein- Differenzierend wirkt auf dw einzelnen Theilc Central- und Südamerikas auch die Lage gegen die Oceane. Eine eigenartige Lage zeichnet die eng zusammengeschnürten Festländsrünme am centralamerikanischen Mittelmeere aus. Sie haben den Beruf von Durchgangs- oder Passageländern, Den Maulthierkarawanen, der spanischen Periode ist auf dem Isthmus von Panama seit 1855 das DampfrofS gefolgt, und, wie an dieser Stelle, hat auch in Mexico amerikanisches Capital die großen Weltmeere durch Schienenwege verbunden. Dagegen ist das wichtigste aller technischen Probleme, die Erbauuug-cines mittelamerikanischen Sceschiffahrtscanalcs, noch immer ungelöst. Nach dein kläglichen Zusammenbruche der französischen Panama-Gesellschaft haben auch die amerikanischen Projectantcn eines Nicaragua-Canales die Angelegenheit ver tagt, Nicht Europa, sondern Hnerika ist berufen, diese brennendste aller Weltverkehrs- sragen zu löse». Die Zollpolitik der romanischen Staaten Amerikas ist, vorübergehender Schwankungen nicht zu gedenken, meistens von finanziellen, nicht von kaufmännischen Motiven geleitet gewesen, obwohl mitunter der schutzzöllucrische Gesichtspunkt betont wird- Der reguläre Handel des lateinischen Amerikas beruht eben, ivie es sich für Colonialländer geziemt, ans dem Austausch von Produkten der Natur — Kaffee, Cncao, Matö, Bich, Wolle, Guano, Edelmetalle, Kupfer, Natronsalpeter — gegen Fabrikate. Innen- und Außenhandel befinden sich, gleich der Schiffahrt, in den Händen von Ausländern, Aus die (1) Periode des spanischen Systems und des illegitimen Schmuggels ist seit dem Abfall (2) eine Epoche des internationalen Wettstreites gekommen, in dem Engländer, Deutsche, Franzosen den'Spaniern und Portugiesen ihren an gestammten Vorrang abgewonnen haben, (3) Seit 2 —3 Jahrzehnten sind die Nord amerikaner als Mitbewerber ausgetreten; ja noch mehr, sie zeigen seit einem Lnstrum das Bestreben, Europa aus dem lateinischen Amerika hinauszuconcurrieren. In Mexico und aus Cuba ist ihnen dies annähernd gelungen, Reciprocitäts- und Differential- vcrtrüge sollen ihnen auch in den übrigen Ländern zu einer bevorzugten Stellung verhelfen. So haben sie mit Brasilien eine Convention abgeschlossen (1891), der- znfolgc die wichtigsten Handelsartikel, sofern sie in den Vereinigten Staaten hcrgestcllt sind, entweder zollfrei oder mit einem 25"/«igcn Zollnachlass eingeführt werden dürfen. Es gehört dies zum panamerikanischen System, für das nenestcns mit besonderem Eifer agitiert wird. Freilich, der panamerikanische Cougress (1889) in Washington, aus dein unter Borsitz des Staatssekretärs James Blaine die Frage eines Zollvereins aller amerikanischen Staaten verhandelt wurde, ist ziemlich resultatlos auseinandcrgegangen; aber es lässt sich nicht leugnen, dass die Vereinigten Staaten halb bewusst, halb unbe wusst aus die commerzielle Eroberung des Südcontiueutcs lossteuer». Nur liegt das Ziel noch in einiger Ferne. Vorderhand beträgt nämlich der süd- und centralamerikanische Handel der Union (ohne Westindien) bloß 1v°/o ihres Gesammthandels. In den meisten Staaten ist der Handelsantheil Großbritanniens, ja Deutschlands und Frankreichs bedeutender, Mayr, Lehrbuch der HandNdgeschichte, Zv Die Golfländer. Eanal- Projecte. Handels Politik und Handel. spanische, inter nationale Epoche. Die Bereinigten Staaten und die pan amerikanischen Tendenzen.338 IV. Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zeitalter. 1». Die Bereinigten Staaten von Amerika. Wachsthum Das Gebiet der dreizehn conföderiertcn Staaten, die durch den Unabhängigkcits- dcr Uuwtt. f v j cg 177(3 —1783 ihre Befreiung von dem Handelsmonopol des englischen Mutterlandes erlangt haben, liegt an der atlantischen Seite des nordamerikanischen ContinentS. Sie ist seit der Entdeckung Amerikas die nniversalhistorische Seite der Neuen Welt; sie wird cs bleiben, solange die Cultnr der Alten Welt an der atlantischen Seite ras britische ihre höchsten Blüten treibt. Der Friede von Versailles (1783) verschaffte dem neuen Gemeinwesen Antheil an den Ufern des mexikanischen Golfes und alles Land ostwärts voin Mississippi (Britisch-Louisiana). Nach dieser Richtung hin erstreckte sich die erste große Erwerbung, welche die Union seit ihrer Constituierung gemacht hat: das fran- u. französische zöfische Louisiana, das ganze westliche Stromgebiet des Mississippi, das den Franzosen Simmaua. um 15 Millionen Dollars abgefeilscht wurde (1803). Nach einiger Zeit (1810) verkaufte Spanien den Nordamerikanern seine Rechte auf Florida. 1845 schloss sich das von Texas, Cali- Mexico abgcfallene Texas freiwillig der Union an, Ivns jedoch die Mexikaner als Kricgs- NcivMexico ^ll betrachteten (1846). Im Frieden von Guadclupe Hidalgo (1848) erhielten die Vereinigten Staaten — cs war der einzige Eroberungskrieg, den sie je geführt haben — Californicn und alles ehemals spanische Land bis zum Rio Grande. Kurz zuvor Nordpacifische (1846) hatten sic sich mit Großbritannien über den Besitz des pacifischen Nordwest- <"ciuctc. g c iji c i c § gceiniflt, das bis zum 49." den Amerikanern überlassen wurde. Der Atlantic, der Mexikanische Golf und der Stille Ocean bespülen seit Ende der 1840er Jahre die Gestade der Union. 1867 erwarb sie durch Vertrag mit Russland das isolierte Alaska und damit eine wichtige Stellung an den Confinien der pacisischen und der arktischen Erdräume. Atlantische Das rein atlantische Nordamerika des Unabhängigkeitskrieges, das nicht anf- hörte, eine Provinz des europäischen und zumal großbritannischcn Handclsgebictcs zu bilden, hat durch seine Acquisitionen am mexikanischen Golf nird ani Stillen Ocean neue commerzielle ilnd culturelle Aufgaben erhalten. Die Golfseite ist die schwächste, am meisten zurückgebliebene Partie der Union. Roch befindet sich eben Westindien in fremden Händen, noch ist der centralamcrikanische Schiffahrtscanal ein Zuknnftsproblem, noch entspricht der Mississippi den Ansprüchen an ein brauchbares Fahrwasser nicht, und paciftscheSo ist denn die pacifische Seite den Golfstaatcn in der Entwickelung vorangecilt. Die Richtung, in welcher sich die amerikanische Cultur vorwärts bewegt, ist die trans versale; sie läuft voir Osten nach Westen. Und jenseits des größten Meeres der Erde liegt die Morgenseitc der Alten Welt, mit der die Union seit der Erschließung Japans (1854) und seit den Verträgen mit China Verbindungen unterhält, ebenso wie mit Australasien und Indien. Hawaii bildet den Stützpunkt des pacifischen Verkehrs der Vereinigten Staaten. Soivie Mittel- und Südamerika, liegt auch der Stille Ocean mit seinen Inseln und seinen altweltlichen Randländern im Bannkreise des „ameri kanischen Systems". Die Vorkämpfer des Panamerikanismus, in der Art James Blaines, denken sich die Erde am liebsten wieder getheilt, wie zu Alexanders LI. Zeiten, aber von nun an gespalten in eine amerikanische und angloeuropüische Halbkugel. Tic Die großen Perspectiven, welche die Erwerbung der Länder am Golf und am bc«MBimicii. willst" Ocean eröffne teil, waren solange illusorisch, als die Verbindung zwischen Ost °gebic!cs°" ""b West fehlte, solange als jenseits des Alleghany-Gebirges unermessliche Waidländer,8. Capitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 339 22 * Prärien, Steppen, Bergketten den Strom des Verkehres abdämmten. Die Verbindung hcrgestellt und dabei das Binnenland der Cultur erschlossen zu haben, ist die größte That der ncuamcriknnischen Geschichte, eine Leistung, so kolossal und rapid, dass die Wirtschaftsgeschichte keines Volkes und keiner Zeit etwas Ähnliches aufznmcisen vermag. Drei Stiicke sind hierzu erforderlich gewesen: das moderne Verkehrswesen, das eigenthümliche System der Besiedelung und der durch die Einwanderung bedingte Menschenznfluss. Tie Geschichte des Verkehrswesens in den Vereinigten Staaten beginnt mit einer Das Zeitalter Epoche der Canalbantcn. Im Jahre 1808 legte der Finanzminister Galatin dem derCanale. Congrcssc bcn Plan zu einem umfassenden Canalnetze vor, das aber nur theilweise zur Ausführung gekommen und wegen des plötzlichen Enthusiasmus für Eisenbahnen bis heute ein Rumpf geblieben ist. Das bedeutendste Werk der Canalepoche war der 1825 unter Mac Clintons Leitung vollendete Eriecanal zur Verbindung des Hudson mit den großen Seen, von welchen künstliche Wasserstraßen zum Flusssystem des Mississippi hin abgezweigt wurden. Durch den Eriecanal erlangte New-Iork seinen Vorrang vor den anderen Großstädten des Ostens. Schon in den Zwanziger-Jahren baute man in Massachusetts Schienenwege für Beitmtcr dcr Dampfbetrieb, im nächsten Jahrzehnt brachte dcr Eisenbahnbau bereits den Canalban zum Stillstände. Amerika trat, ohne ein Zeitalter dcr Landstraßen erlebt zu haben, in die Epoche dcr Eisenbahnen. Auf dcr Grundlage vollständiger Freiheit und un beschränkten Wettbewerbes entwickelte sich in den bevölkerten Oststaaten ein dichtes Eisenbahnnetz. Um den Eisenbahnbau tiefer ins Innere und hinüber zum Großen Ocean zn leiten, musste man das System der Landschenkungen an die Unternehmer hinznfügen. Der Anfang dieses Systems fällt in das Jahr 1850: es bewährte sich namentlich bei den großen Überlandsrouten oder Pacific Railroads (ventral anä Union Pacific 1869). Bald enthüllte das zuerst so erfolgreiche System der Freiheit seine Schattenseiten. t£m ’ Die Rücksichtslosigkeit und Willkürlichkeit in den Tarifsätzen erzeugte eine energische ^rWscndalw Gegenaction dcr Farmer (Granger-Bewegnng 1872 ff.), welche bereits, wie die " heutigen Nationalisten, die Verstaatlichung des Eisenbahn- und Tarifwesens verlangten. Die Granger-Bewegnng verlief ergebnislos. Noch schlimmer gestalteten sich die Ver hältnisse, als die schwächeren Eisenbahnen Bankrott machten und nun großartige Fu sionen stattfanden, durch welche die großen Eiscnbahngesellschaften, die die kleinen anf- gesaugt hatten, zu einer Monopolstellung gelangten. Obendrein vereinigten sich die großen Gesellschaften zu Tarif-Cartellen (Pools). Diesen Übelständen suchte der Staat durch das Bnndesgesetz von 1887 abznhelfen. Die Bahnen stehen jetzt unter Staats aufsicht, das Tarifwesen ist in den Hauptzügen gesetzlich geregelt, die Pools sind ver boten. Überdies wendet sich Amerika wieder der Fortbildung seiner Wasserwege zu. Es ist eine Eigenthümlichkeit der nordamerikanischen Wirtschaftsgeschichte, dass Rückgang der gerade das für den Außenhandel wichtigste Verkehrsmittel, die Schiffahrt, seit einem a " ,crit “ m ' cf,cn Menschenalter zurückgeht, während der Handel selbst ununterbrochen zunimmt. Vor 1860 vermittelte die einheimische Schiffahrt noch 70% des Außenhandels. Bis 1890 Yt ihr Antheil auf 12% gesunken. Auch hier gedenkt man dem freien Lauf der Dinge >ucht lhatlos zuzusehen, sondern man beginnt das europäische System der subventionierten Linien und dcr Schiffbauprämicn nachznahmcn.340 IV. Abschnitt. Das panoceanischc Transcontincntal-Zeitaltcr. Bollcudung der Occupation des Unions gebietes. Landconcesfion und Heimstatt en- recht. Durch die räumlichen Fortschritte des Binnenverkehrs hat sich innerhalb eines halben Jahrhunderts die Occupatio» des Unionsgebietes vollzogen, so dass jetzt der Occupationsprocess als nahezu abgeschlossen betrachtet werden kann. Von Anbeginn galt der Bundesstaat als Eigenthümer des nicht occupiertcn BodenS. 1790 wurde das Land-Office errichtet. Grund und Boden wurden vermessen und in Parcellen bis zu 40 Acres herab verauctioniert. Der Mimmalpreis beträgt von 1819 bis heute IV« Dollar per Acre. DaS Systcni der Landschenkungen (10 Meilen Land zu beiden Seiten des Schienenweges) führte zu einer Variation des durchschnittlichen Gebrauches, zur sogenannten Landconcesfion (Maximum l00 Acres, 2'/^ Dollar per Acre, wenn innerhalb 10 Meilen von dem Eisenbahn lande gelegen, sonst l'/ 4 ). Eine andere Modi- fication enthält das Buudesheiiustättengesetz von 1802. Jeder kann eine Heimstätte von 80 oder 160 Acres unentgeltlich erwerben, wenn er innerhalb 6 Monaten nach der Zuweisung mit dem Urbarmachen beginnt und binnen 7 Jahren damit zu Ende kommt. Daneben existieren in den meisten Einzelstaaten Gesetze, die die Heimstätten innerhalb gewisser Grenzen vor Zwangsvollstreckung schützen. Die _ Seit der Occupation der großen Mais- und Weizendistricte und der ungeheuren amerikanische Wcidegebiete des Innern hat die Union die Fähigkeit erlangt, namentlich in West- europa jede Eoncurrenz nu Handel mit Cerealien und thierischen Producten ans dem Peripetie der Felde zu schlagen. Hiermit (feit den Siebziger-Jahren) beginnt die Peripetie der E«''europäischen Landwirtschaft, mau kann aber auch sagen, der amerikanischen wirtschast. selbst. Die Occupation und Urbarinachnng des Westens erfolgte durcl, Farmer, Re präsentanten des Hand- und Kleinbetriebes. Der Farmer war ursprünglich der agricole Typus der Nordoststaaten und stand im charakteristischen Gegensatz zum Pflanzer des Südens, dein Inhaber von Latifundien, die durch Sclaven bearbeitet und nach der Emancipntion in Pachtungen zerschlagen wurden. Eben dieser Farmer ist es, dessen Existenz durch die Exporttendenzeil der nordamerikanischen Landwirtschaft be droht ivird. Großbetrieb Noch immer ist die Union nicht imstande, ihren Bedarf an Jndustrieprodncten Kleinbetrieb 3 U decken; sic muss demnach welche importieren und bezahlt die Importe mit den Überschüssen ihrer Landwirtschaft. Sie bedarf auch einer activen Handelsbilanz, weil viel fremdes Capital in Amerika angelegt ist, dessen Zinsen in Form von Er- Zeugnissen der Urproduction übers Meer wandern. Nun ist es evident, dass sich gegen über dem kleinen Farmer der landwirtschaftliche Unternehmer, der mit Maschine» arbeitet, im Vortheil befindet. Thatsächlich bestehen viele Gros»virtschafte>l, welche die Farmer niederriugc» und die Farmen anssangen. Gegen landwirtschaftliche Großbe triebe mit ausländischem Capital existiert bereits ein Bundesgesetz. Noch schwerer leiden Organisation ^ f[ e j nni Farmer auch unter der capitalistischen Organisation des Getreide lt anbclo^ Freilich stehen ihnen die bewundernswerten technischen Einrichtungen des selben (Elevatoren) zugcbotc; allein zwischen den Prodncentcn und Consumenteu schiebt sich der Zwischenhandel mit feinem ganzen allmächtigen Aufgebot von Bank und Börseneinrichtungen. Die Preise stehen unter Einfluss des Termingeschäftes und iZarmerbnnd. der glücksspielmäßigen Speculation. So haben denn die Farmer der Vereinigten Staaten in Erkenntnis der sie umringenden Gefahren einen Bund geschlossen, der wohl zu den größten Jnteressentenverbänden der Erde gehören dürfte (National Farmers Alliance 1889). Als Gegner des herrschenden Schutzsystems haben sie bei der letzten Präsidenten wahl zugunsten des demokratischen Candidatcn, Cleveland, den Ausschlag gegeben.Sapitct. Tie britisch-amerikanische Periode (1815—x). :;4i Gewiss ivürde die Oeenpation des Binnenlandes noch weit vom Ziele entfernt Samralwn sein, wenn bie Union nicht das bevorzugte Einwanderungsgebiet, insonderheit für " m . .... „ .. ' . ... „. .. .., r Wanderern, die Sprösslinge der germanischen Rasse, wäre. Aber auch tu dreier Hmncht hat sich, ivie allüberall, die Nothwendigkeit herausgestellt, der anfänglich so heilsamen Freiheit Schranken zu ziehen und den Staat um Beihilfe anzugehen. Die „Nativisten" haben seit jeher die Einwanderung bekämpft; jetzt beherrschen sie die öffentliche Meinung (Chinesen-Bills, 1882—92; Gesetze gegen die Einwanderung von Idioten, Verbrechern und „Paupers", 1882 und 1891; Gesetz 1885 gegen die Einwanderung von Arbeitern, mit denen im voraus ein Arbeitsvertrag geschlossen worden ist). Auch auf der westlichen Erdhälfte sind Volkswirtschaft und Staat, Handel und Politische und politische Geschichte aufs innigste verflochten. Ökonomische Motive beeinflussen den Pulsschlag des historischen Lebens, haben sie doch den Vereinigten Staaten ihr Da- " ' sein gegeben. Gleich die Gründnngsjahre der neuen Republik sind durch einen Staats- Krise» der bankrott befleckt. 100 Millionen Dollars Papiergeld, während des Unabhängigkests- 1790Et 3af > re - krieges ausgegeben, wurden nachher nur mit I°/ 0 des Nennwertes eingelöst. Auch brachte die nach dem Kriege gesteigerte Handelsthätigkeit den Briten, mit welchen der freie Verkehr bald größere Dimensionen annahm, als ehedem der gebundene, Unglück; eine Krise raffte in den Jahren 1792/93 ungefähr 70 englische Landbanken und 1000 Handlungshüuser hinweg. Sofort nach Beendigung des Freiheitskrieges erhoben die Vereinsstaaten einen Älteste Tarife. 5°/„igen Wertzoll von allen Einfuhren. Die Verfassung regelte dann den Einfluss der Bundesregierung auf die wirtschaftlichen Verhältnisse. Die ersten Tarifgesetze — zwischen 1789 und 1813 beläuft sich ihre Zahl auf 25 — verfolgten mehr finanz politische als schutzzöllnerische Zwecke und trugen einen gemäßigten Charakter (durch schnittlich 8'/q°/o aä valorem). Noch hielten sich die beiden Hauptparteien, der frei- händlerische Süden (Demokraten) und der proteetionistische Norden (Repu blikaners wechselseitig im Zaume. Als 1803 der Kampf zwischen England und Frankreich von neuem in allen Embargo-Acte Zonen zum Ausbruch kam, profitierte die Union als neutraler Handelsstaat davon, und Krieg mit Die englischen Sperrmaßregeln beantwortete die Union mit der Embargo-Aete i 8 i 4 > von 1800, dcrzufolge de» Amerikanern die Schiffahrt nach fremden Ländern untersagt' ~ wurde. Sie blieb bis 1809 in Kraft. Nicht lange nachher brach wegen der Besetzung Floridas ein Krieg mit England aus <1812—1814). Dem Frieden von Gent folgte ei» englisch-amerikanischer Handelsvertrag (1815). Seitdem hat die Union keinen Krieg wieder mit einer europäischen Macht geführt. Während der großen Land- und Seesperre war die in den Neu-England-Staaten heimische Industrie gewachsen. Sie verlangte nach Schuh, denn sie war im Begriffe, vom Hand- zum maschinellen Großbetrieb überzngehen. Den Baumwollspinnern und Webern standen die Produeenten der Rohbaumwolle, die Latifundienbesitzer und Selaven- halter des Südens, als Freihändler entgegen. Sie hatten in der Kriegszeit mannig fachen Schaden erlitten. Ter lang verhaltene Gegensatz zwischen dem industriellen und agrarischen Großbetrieb entzündete nun einen jahrzehntelangen Kampf um die handels politische Vorherrschaft. Es war zugleich ein Kampf zwischen dem Prineip der freien Arbeit und dem der Selaverei. Schon damals begleiteten die Südstaaten jeden Sieg der Schutzpartei mit der Drohung ihres Austrittes aus der Union.342 IV. Abschnitt. Das panoceanische Tränsconffneutal-Zeitalter. Schutzzoll- Der Tarif von 1816 bezeichnet den Anfang einer Epoche des Schutzzolles, isis-isi« ^' e ^^0 reicht. In Übereinstimnnmg damit stellte sich das Schiffahrtsgesetz von 1817 auf den reinen Reciprocitätsstandpunkt. Fast jedes Jahr brachte neue und erhöhte Wllsätze. Der Tarif von 1828 (bill of abominations genannt) enthielt sogar Zölle auf Rohstoffe, mithin principiellen Solidarschutz. Infolge des Ansturmes der Freihändler kam unter Beihilfe des Wortführers der Schubzöllner, ftcitm Clan , die Comprymiss-Bill von 1833 zustande (stufenweise Herabsetzung der Zölle von 50% bis auf 20% des Wertes). Frei- Noch einmal erwirkten die Schutzzöllner einen Rückschlag (1842) , jedoch 1846 händlerische obsiegten die Frei Handelsmänner. Bon 1846 bis zum Borabend des großen . Bürgerkrieges ( 1860 ) behielten diese das Heft in Händen. Den Kulminationspunkt > 80 ». g r f 0 (g e bezeichnet der Tarif von 1857. Bankwesen. Das erste halbe Jahrhundert der Union weist eine Reihe von Krisen auf, die auf ihrem eigenen Boden entstanden sind. Das Versuchsland der Freiheit war mich Krise 1814. das Land der Bankfreiheit. Zahlreiche Notenbanken hatten ihre Emissionen und ihre Creditgewährungen derart ausgedehnt, dass sie 1814 gezwungen waren, ihre Bar zahlungen einzustellen. Die Gründung einer großen Centralbank (Vereinigte Staaten- Krise Bank) schuf keine Abhilfe, so dass 1818 eine Krise viele Banken beseitigte und eine ver- 1818 - 1821 . dcrblichc Stockung aller productiven Thätigkeiten nach sich zog, die bis 1821 andauerte. Ende der Zwanziger-Jahre begann das schwindelhafte Getriebe der Banken von neuem, ein Speculationsfieber ergriff die Union und influenzierte selbst das europäische Capital. Aber der Präsident Jackson (1829—1837) war entschlossen, dem Bankunwesen ein Ende zu machen. Thatsächlich erneuerte er das Privilegium der Bereinigten Staaten- Bank nicht wieder (1836), worauf sie noch einige Jahre als Privatbank unter ihrem Krise berüchtigten Präsidenten Biddle fortvcgctierte. Unterdessen kam über die Staatenbanken 1887—18»». lin ^, die unsoliden Gründungen 1837 ein Vorkrach, bis 1839 eine verstärkte Erschütterung eintrat, die 33.000 Fallimente mit 500 Millionen Dollars Passiva bewirkte. Speculations- Es trat nun eine Besserung im Bankwesen ein, die Banken warfen sich vom Noten- swver dcr nu f§ Depositengeschäft, so dass die Vierziger-Jahre leidlich ruhig abliefen. Die Gold- Jahre"' f un b £ in Kalifornien erzeugten eine Recidive des Speculationsfiebers, das überhaupt in den Fünfziger-Jahren einen kosmopolitischen Charakter annahm. Die Corruption des geschäftlichen Lebens und der öffentlichen Functionäre erreichte in keinem Lande der Welt eine solche unbeschränkte Ausdehnung, wie in den Vereinigten Staaten. Die Krise 1827 Speculationskrisis von 1857 begrub wenigstens einen Theil der tonangebenden Dicbs- nnd Spielerbandc unter den Trümmern ihrer schwindelhaften Schöpfungen. Sie begann mit dem Sturze der Ohio Life and Trust Comp, und endigte mit 5000 Bankrotten. Die sonstigen Verluste, welche die amerikanische Volkswirtschaft durch die Krise erlitten hat, schätzt man auf 2 Milliarden Dollars. Schutz- Ruch dem 1857er Krach begann der Streit der handelspolitischen Parteien von RkäcUon° uenem. Das Budget zeigte ein Deficit, und die Nothwendigkeit vermehrter Staats einnahmen verhalf dem Schutzsystem zn einem erneuten Sieg. Anfänglich abgelehnt, er- Morill-Bill langte die nach dem Antragsteller benannte Morill-Pill 1861 Gesetzeskraft. Hiermit 18B1 ’ beginnt die zweite protectionistische Epoche der nordamerikanischen Handelsgeschichte, die sich bis zur Gegenwart erstreckt. Während des Bürgerkrieges wurden die Zollsätze der Morill-Bill ziveimal erhöht (1862 und 1864). In den ersten Siebziger-Jahren erfolgte ein freihändlerischer Rückschlag, doch erlangten seit 1875 die Protectionisten wieder8 . Kapitel. Die britisch-amerikanische Periode (1815—x). 343 die Oberhand. Der Tarif von 1883, noch mehr der von 1890—der sogenannte Mac Kinkel) - Tarif — enthalten die Summe ihrer Wünsche. Durch letzteren wurden einige Mac Kmlcy- Fincmzzölle aufgehoben, die Schutzzölle für sicher stehende Industrien (z. B. Eisen) *' l[ 1890 ' herabgesetzt, dagegen neue Erziehungszölle für schwache oder noch unvorhandene In dustriezweige eingeführt. Die Agrarzölle der Mac Kinley-Bill sind gegen die canadische Concurrenz gerichtet. Die eigentlichen Tücken der Bill stecken in den Anhangsbestim mungen. Erstens ist der Bundespräsident ermächtigt, beliebige Erzeugnisse solcher Staaten, die seiner Ansicht nach amerikanische Productc unbillig behandeln, von der Einfuhr auszuschließen. Zweitens werden die Importzölle auf Zucker, Kaffee, Thcc, Häute aufgehoben, können jedoch in Kraft gesetzt werden, wenn die betreffenden Pro- ductionsländer keine Gegenleistung bieten. Darauf beruhen die der Union so günstigen Reciprocitüts- oder eigentlich Differentialverträge mit Cuba und Brasilien. Der Tarif des Jahres 1890 ist 1894 durch den Wilson-Tarif einer Modification unterzogen worden. ^ Als 1861 der Morill-Tarif gesetzliche Giltigkeit erlangte, war das Tuch zwischen finanzielle den Nord- und Südstaaten bereits entzwei geschnitten. Der Bürgerkrieg nahm seinen Anfang. Durch den Sieg der Nordstaaten wurde die staatliche Einheit der fviEjjeg . Republik für die Zukunft gerettet mtb die Aufhebung der Sclaverei besiegelt (1861 bis 1865). Aber die Vereinigten Staaten litten forthin an einer enormen Staats schuld — die von 11 Milliarden Mark jetzt auf circa 3 zurückgegangen ist — und an dem Übel eines entwerteten, mit Zwangscours behafteten Papiergeldes (Greenbacks). Nachdem während des Krieges (1864) das Goldagio auf 185 ge stiegen war, sind im Laufe der Zeiten (1878) die Greenbacks durch geeignete Rednc- tioncn wieder auf den Paricours gelangt. Seit dem Bürgerkriege steigerte sich das Vorwärtsdrängen der Eisenbahnen «rW cor» nach dem Westen. Die enorme Überspeculation in Eisenbahnmerten war die Haupt- ursache, dass auch die Vereinigten Staaten 1873 von der internationalen Krisis betroffen wurden. Ter Krach erfolgte mit solcher Heftigkeit, dass mehrere Tage hin durch die Effectenbörse geschlossen werden musste. Schon einige Jahre vorher war die Jay Gould. New-Aorker Börse Schauplatz eines vernichtenden Schlages gewesen, den der berüchtigte Monstre-Speculant Jap Gould ausführte, indem er alles verfügbare Gold an sich brachte, so den Preis desselben emportrieb und dann heimlich in die Contrcmine gieng. Diese Goldkrise hat unter dem Namen des Schwarzen Freitages (1869) eine dauernde Berühmtheit erlangt. Im Jahre 1893 machte sich wiederum eine Goldnoth in den Vereinigten Edelmetall- Staaten bemerkbar; doch diesmal war sie eine Folge der Überschwemmung mit Silber- (n ' e 1893 - münzen, ivic solche gemäß der Bland- nird Sherman-Bill massenhaft in Umlauf gesetzt worden waren. Das ivcrtvollcre Gold floss ins Ausland, das eben im Preisfall begriffene Silber blieb zurück. Durch Suspension der Sherman'schen Silberbill wurde die Krise zum Stillstand gebracht. Nordamerika nimmt seiner gcsammten wirtschaftlichen Bedeutung nach den zweiten Rang in der Welt ein, zivischcn Großbritannien und dem Deutschen Reich. Als Ackerbauland hat es dcir ersten Platz inne; doch hat sich auch seine Industrie, die mit allen Mitteln der Protection emporgehoben worden ist, einen Antheil am Welthandel erobert. 16"/, des Exportes der Union entfallen auf Fabrikate. Die Vereinigten Staaten stehen an einem Wendepunkte. Sie spiegeln den Glanz, aber auch die Gebrechen des modernen, in Europa, besonders in England, zur Entwickelung gekommenen Wirtschaftslebens gigantisch wieder. Wie in keinem curo-344 IV- Abschnitt. Das panoceanische Transcontinental-Zcitalter. päischen Lande war cS in Amerika dein Principe der Freiheit, der individuellen Freiheit und dem Spiele der freien Concnrrenz gestattet, sich vollständig zu entfalten. Aber nunmehr ist auch in den Vereinigten Staaten die Gegenströmung mächtig zum Durch bruch gekommen. Nur in einer Hinsicht hat Nordamerika die vielgcschmähtcn Zwängs- nnd Polizcistaaten Europas schon immer übertroffen, in dem Schutz, den es seiner Production angedeihen ließ, in seiner Abneigung gegen den Freihandel. Wenn wir von den frcihändlerischen Anläufen der Fünfziger- und Siebziger-Jahre absehen, so war es allzeit neben Russland und Frankreich das Hauptgebiet des Protectionismus.Anhang ansgewählter (historischer, nationalökonomischer, geographischer etc.) Schriften ;nr Wirtschafts- und Socialgeschichte. §8 i und 2 . "Roscher W., System der Volkswirtschaft, III, 8 13 (Stuttgart 1881 u. ö.>. — "Goldschmidt L., Handbuch des Handelsrechtes, v, l. Abth. 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