Der Genius des Krieges und der Deutsche Krieg von Scheler Verlag der Weißen Bücher Der Genius des Krieges und der Deutsche Krieg Der Genius des Krieges und der Deutsche Krieg von Max Scheler Verlag der Weißen Bücher / Leipzig 1916. -/ ^ ^ > /. ^ ^ Copyright by Verlag der Weißen Bücher Leipzig 1915 Meinen Freunden im Felde Motto: Aber der Krieg auch hat seine Ehre, der Beweger des Menschengeschicks. Schiller Vorrede (^^^udem ich —dazu gezwungen zn Hause zu sitzen—dieses ^ Buch der deutschen Öffentlichkeit zu übergeben wage, ^ / fühle ich mehr, wie ich es je getan, den Abstand zwischen der gewaltigen Größe meines Gegenstandes und der winzigen Kleinheit nnd Enge meines Geistes und Gewissens; mehr wie je auch die hohe Verantwortung des Philosophen wie des Deutschen zu solch welthistorischer Stunde stch der Worte zu bedienen. Was mich bewog, diese Aufzeichnungen, die zunächst als ein natürlicher Überschwang meines Ideen- ganges und meiner Gefühle gegenüber diesem einzigartigen Ereignis in der moralischen TLelt — dem erhabensten seit der französtschen Revolution — auf das Papier glitten, dennoch zu veröffentlichen, das war allein der Gedanke, es möchte eine solch zusammenschauende Betrachtung des ^Wesens des Krieges mit der Seele, den Hauptmomenten, Grundeigenschaften und Zielen dieses unseres Krieges und mit derjenigen Geisterhal tung und Politik Deutschlands und Europas, die sein eigen tümlicher Genius aus stch hervortreiben wird und soll, meinen Freunden und einigen meiner deutschen Brüder zur Bildung eines eigenen Urteils und TLillens förderlich sein. Geht der erste Teil so vor, daß von dem uns umringenden Krieg gleichsam nur der Schatten erscheint, den er vermögedes Lichtes aus der ewigen Welt der Ideen auf die VZand des Seins wirft, so zeigt der zweite Teil eben dieselben Ideen ganz in das konkrete Leben, in die Tat uud die Forderung der Stunde hiueiugezogeu. Völlig fern lag diesem Buche alle genauere fortlaufende historische Erklärung der Entstehung des Krieges. Es ist im ersten Teile und im Anhange ganz philosophisch und psychologisch, im zweiten ganz politisch — im untechnischen Sinne des Wortes — gemeint. Schon jetzt fürchte ich, daß die leidenschaftliche Bewegung des Gemütes, in der dieses Buch geboren wurde — wie oft legte ich die Feder von ihr wie gefangen zur Seite — in Ur teilen über Personen und Völker über berechtigte Grenzen hinaus geführt habe. Ist es der Fall, so bitte ich die Be troffenen ob meiner großen Geistesenge um Verzeihung. Noch mehr fürchte ich, daß — aufrichtig gemessen an den Ideen eines absolut Wahren nnd Guten, an denen jeder Mensch seine Gedanken nnd Forderungen messen sollte — zn dem also Wahren und Rechten dieses Buches sich viel also Falsches und Unrechtes eingeschlichen haben werde. Dann hoffe ich, daß Gott das Wahre und Rechte mit seinen Händen halten, schirmen und zur Kraft des Lebeus werden, das Falsche laber, das ich sagte, so bald wie möglich wie Spreu im Wiude verwehe» lassen möge. Noch reden die Waffen ihre erhabene Sprache. Viel leicht entscheiden sie so, daß die zarten europäischen Saaten und juugeu Kräfte die diese Schrift hinter dem Geränsch und Schritt des Kriegögetümmels aufdeckt, zum dauernden Verdorren und zur Unwirksamkeit verdammt sind; daß auch die sittlichen, politischen und kulturelle» Ziele, für die dieseSchrift den Krieg mehr als Auslösung denn als Ursache ansetzt, niemals erreicht werden. Besäßen wir die freche Vermessenheit, an Stelle der Tat der Waffen und an Stelle echter „Geschichte", in der Etwas geschieht, Berechnungen der Zukunft zu setzen, so wäre die große Sprache der Waffen und Gottes heilige Stimme in dieser Sprache unnötig. Nur glauben dürfen wir! Aber glauben — müssen wir auch, so wir noch Renschen sein und so wir siegen wollen! Nür als Glaube, aber als fester und wohlgegründeter, ist daher alles Zukunftspolitische des zweiten Teiles dieser Schrift gemeint. VZenn ich häufig ältere und andere Schriften, auch aus meiner Feder zitierte, so geschah es, um dem Leser Gelegen heit zu geben, stch über hier häusig vorausgesetzte Grundbe griffe und Grundsätze nach strengem Gehalt und Begründung genauer zu informieren. Berlin, in der ersten Hälfte des November 1914.Inhalt Einleitung i Der Genius des Krieges . 7 Wurzel und Sinn des Krieges als Welteinrichtung 9 1. Der Krieg und das organische Leben ... 9 2. Krieg und Geisteskultur 58 z. Krieg und Ethik 77 Zur INetaphystk des Krieges . ......117 1. Die Realität der Nation . . . . . .119 2. Der Krieg und der Tod 122 Z. Der Krieg als Gottesgericht 127 Der gerechte und ungerechte Krieg iZz Der deutsche Krieg . i6z 1. Seine Gerechtigkeit i6Z 2. Der Glaube an unser höheres Recht in diesem Kriege 21z Die geistige Einheit Europas und ihre politische Forderung 2^1 LoS VoN England ZZA Anmerkungen Anhang: Zur Psychologie des englischen Ethos und des cantEinleitung ls zu Beginn des Augustmonats unser deutschesSchick- sal wie eine einzige ungeheure dunkle Frage vor uns hinkrat jedes Individuum bis ins M^ark erschüt ternd, dasselbe Schicksal, das noch einige Wochen vorher wie ein gerader wohlgebauter Weg vor Jedem lag und das unemp- snnden und mit der Gleichgültigkeit nnd Selbstverständlichkeit des Raumes uns eben noch umfangen hakte, da war es nur eine Antwort, die aus allen deutschen Seeleu zurücktönte, ein einziger erhobener Arm: Zu Schwert und zum Siege! In der heiligen Forderung der Stunde ertranken mit allem Parteigezänk auch die tiefsten Differenzen unserer Weltanschauung. IMit der Verwunderung einer Generation, für die der Friedens zustand die Unmerklichst der Atmosphäre angenommen hatte, sahen und fühlten wir alle, wie die Forderung ernster Tat eint, was in der INeinung über den Krieg und den Interessen an Krieg und Friede getrennt war; wie sonnen klar und eindeutig ein vor die Tat gestelltes Gewissen ant worten kann und muß, wo die Gedanken über Krieg über haupt und die Vermeidbarkeit dieses Krieges ebei: noch welten weit auseinander gingen. Daß wir in diesen Stunden über haupt empfanden, daß ein eigentümliches nationales Schicksal bis in den Kern jedes, des kleinsten und größten Individuums hineinreicht, und durch es vor- und mitentschieden wird, was i iJeder von uns ist und wert ist, und was aus Jedem und seiner Lebensarbeit wird — das war das öffentlichste, Allgemeinste uud Heimlichste, Individuellste zugleich, was diese Friedens- generationen erlebten. Der weite große Gang der Welt und jeder Seele iuuigste Bestrebung sahen stch plötzlich in einen Knoten geschürzt und wundersam auf ihren gegenseitigen Fortgang angewiesen. VZir waren nicht mehr, was wir so lange waren: Allein! — Der zerrissene Lebenskontakt zwischen den Reihen: Individuum — Volk — Nation — TLelt — Gott wurde mit einem N^ale wieder geschloffen und reicher wogten die Kräfte hin und her als es alle Dichtung, alle Philosophie, alles Gebet und aller Kult vorher je zur Empfindung bringen konnten. Doch das stnd Dinge, vor denen nicht nur das TLort, vor denen auch der Gedanke und Begriff in Ehrfurcht verstummen müssen. Dies Wunder ist am besten ungesagt im Herzen allein. Hier sei von Oberflächlicherem nnd weit Kleinerem die Rede: Nur davou, wie stch dieser Krieg unserem bisherigen Bewußtsein und Denken einordnet, uud welche Abänderungen unserer Bilder von der Welteinrichtung er erzwingt. Für jene Glückliche«, die jetzt auf dem Felde stehen dürfen, mag diese Frage unzeitgemäß erscheinen. Für solche, die es erst werden oder die Gesetz uud Mannschaftsbedarf bisher, oder überhaupt zwingt, zu Hause zu bleiben, ist ste es schon darum nicht, da auch bei intensivster sonstiger Arbeit jedes Bewußtsein faktisch fieberhaft arbeitet, die ungeheure Tat sache in fich aufzuuehmen und mit Bisherigem zu verketten. Die Uiiumgänglichkeit einer Frage ist der beste Beweis für ihr Recht.3 Sehe ich um mich, so gewahre ich eine Reihe sehr ver schiedener Gruppen. Ich sehe solche Ntenfchen, die durch das Erlebnis dieses Krieges völlig konsterniert wie vor einer ^Welt sieben, die sie als dieselbe nicht wiederzuerkennen ver mögen. Sie fühlen ihre erlebte Tatbereitschast und die bis herige Entwicklung ihrer Ideen, ja ihrer bisherigen Geschichte als einen absoluten ^Widerspruch. Sie sind wie mitten ent zweigeschnitten und sehen schon jetzt, daß sie nach dem Kriege, wie immer er ausgehen möge — zur „alten", zur „dama ligen" Generation gehören werden. Sie wurden an einem Tage 20 Jahre älter und müssen mit Grausen Ideen, Be schäftigungen, Ziele, begonnene 5Werke plötzlich als „Ver gangenheit" sehen lernen, die sie eben noch für blaneste Zu kunft hielten. Es ist wohl die größte Gruppe innerhalb der intellektuellen Sphäre, der es also ergeht. Nur ganz wenige halten ihre bisherige 2X5elt, für die alles, nur dieser Krieg keinen möglichen Platz hatte, mit jener Energie doktrinären Trotzes fest, die Schelling einmal angesichts ihm aufgewie sener ^Widersprüche seines naturphilosophischen Systems mit neu beobachteten Tatsachen sagen ließ: „lim so schlimmer für die Natur!" Ein wieder größerer Kreis schwankt, ob er seinen bisherigen Gesinnungen untreu werden, oder besser gesagt, ihre empfundene Korrektur durch die große Tatsache als solche „Untreue" ansehen soll, oder ob er nicht besser tue, Mit dem Gesühle der Berechtigung, welche die Regeln der Induktion an die Hand geben, einen Standpunkt über den Haufen zu werfen, den neue große Tatsachen als einen un möglichen dargetan haben. An diesen Kreis soll sich das Nachfolgende in erster Linie4 richten. Wer es gibt auch innerhalb der intellektuellen M!en- schen ein kleines Häuflein solcher, deren Vertrauen und Glaube auf Sinnhaftigkeit und Vernuuftrichtung unseres Lebens um gekehrt durch die letzten Jahrzehnte des europäischen Friedens bis aufs äußerste erschüttert waren, die erst jetzt die wirkliche VZelt als die ihrige wiedererkennen; und die trotz Leid, Not und Tod, welche die Erscheinung eines in der Geschichte unerhörten Krieges über uns alle bringen mag, stch in wuuderbarster Weise im Glauben an alles, was sie für die kernhafte Realität der Welt und der Geschichte, was sie für gut und schön und edel hielten, gestärkt und gekräftigt fühlen. Solche, die diesen Krieg nicht wie einen schweren Traum und Alpdruck, sondern als ein fast metaphysisches Erwachen aus dem dumpfen Zustand eines bleiernen Schlafes erleben. Es liegt gewiß auf den ersten Blick eiue tiefe Paradoxie darin, daß dieses Häuflein zu sammenfällt mit den Gläubigen des Lebens gegenüber den Gläubigen des ^Mechanismus, den Gläubigen der Liebe gegenüber den Gläubigen der klugen Organisation und des Nechtsvertrags, den Gläubigen der freien Tat gegenüber den Gläubigen „notwendiger Entwickluug"; den Gläubigen der Person gegenüber den Gläubigen des Werkes, den Gläubigen des Individuums gegenüber den Gläubigen des Gesetzes, den Gläubigen des schöpferischen Geistes gegenüber den Gläubigen des rechnenden Verstandes. Ich sage: Diese Tatsache er scheint paradox. Denn nicht Leben, sondern tausendfachen Tod, nicht Liebe, fondern Haß und Rachedurst, nicht Frei heit, sondern „Reaktion" und neue politische und soziale Gebundenheiten, nicht Geist und Persönlichkeit und Indi vidualität, sondern physische Gewalt, Nichtachtung derPerson und ihres Seins und Viertes, ja Steigerung aller bloß automatischen Kräfte unserer Seele, Ertrinken alles Individuellen im Urgefühl des Stamms und im Geiste der Masse scheint ja der Krieg zu bringen. TLie löst sich dieses Paradox?Der Genius des Krieges9 Wurzel und Sinn des Krieges als Welk- einrichtuug i. Der Krieg und das organische Leben ie alle ganz großen Dinge reichen die Wurzeln der Erscheinungen, die wir „Krieg" nennen, in die Tiefen des organischen Lebens zurück; aber wie alle großen Dinge ist auch der Krieg etwas eigentümlich ^Menschliches, das nicht als eine geradlinige Weiterentfaltung von Erscheinungen des uutermeuschlichen Lebens begriffen werden kann. So trüb die Analogien sind, nach denen man die Gesellschaft als „Organismus", die sogenannten Tier- gesellschasten als Vorformen der Staatsbildung verstehen wollte, so trüb ist auch die Analogie, nach der man ^Werk zeug und Waffe' als Fortbildungen der tierischen Organe der Nahrungssuche, des Angriffs nnd der Verteidigung, den Krieg selbst aber als Fortsetzung der tierischen Beute- und Daseinskämpfe sich klären wollte. Daß irgendwelche gleich artigen Kräfte hier und dort wirken, das freilich ist gewiß. Aber erst indem diese Kräfte mit dem bewußten vernünftigen Geiste zu einem einzigartigen Zusammenspiel treten, durch dessen Besitz das aufrechtgeheude ^Wirbeltier erst zum „Ilten- schen"- der Geschichte wird, erzeugen ste jene Erscheinungen. Und eben dies beides wird uns alles Folgende bestätigen:10 Der Krieg ist nicht — wie uns eine naturalistische Auf- fassung des Krieges einreden will — bloße physische Gewalk äußerung, die sich aus Ohnmacht des vernünftigen Geistes an dessen Stelle setzt; er ist Macht- und Willensauseiu- andersetzung der geistigen Kollektivpersönlichkeiten, die wir Staaten nennen. Diese Machtauseinandersetzung äußert sich nur in Taten physischer Gewalt, um die Herrschaftswürdig keit der Machtwillen festzustellen. Das letzte objektive Telos aber, dem der Krieg — jenseits der subjektiven Absichten der Kriegführenden — dient und jederzeit gedient hat, ist nichts anderes als maximale Geistesherrschaft auf Erden und allem voran: Bildung und Erweiterung irgendeiner der vielen For men von echten Liebeseinheiten, die als „Völker",,,Nationen" usw. das Gegenteil von bloß faktischen oder rechtlich geform ten Interessengemeinschaften darstellen? Aus dem Geiste entspringt und für den Geist ist der Krieg in seinem tiefsten Kern! Auch N^acht ist noch Geist. Sie ist es im Unter schiede zur Gewalt, die ihrer Natur nach kok, dumm und physisch ist. „Macht" ist eine Idee, die ihr Fundament im Erlebnis des Wollen- und Tunkönnens hak; und dieses „Können" ist edler und höheres Guk als alles bloße faktische Tun oder gar desseu Erfolg/ Gibk es zwischen NIachk und Gewalt ein ganz allgemeines Grundverhältnis, so ist es eben darin zu sehen, daß, je größer die pure Machk eines Wesens ist, es um so weniger der Gewalk bedarf, um seinen Willen durchzusetzen. Darum denken wir uns die göttliche Majestät gleichzeitig als „allmächtig" und als völlig gcwaltloö. Ein „Wink" Gottes genügt, damit die Planeten kreisen. Gewiß gehört zum Wesen des Krieges freilich ganz wesentlich die11 Anwendung physischer Gewalkmittel. Aber sie gehört zu ihm, da er zuvörderst eine Form der Feststellung faktischer M^acht- undKönnensverhältnifseist, nur als N^achtäußerung und gleichzeitig als M^achtprobe. Wo etwa schon bewaffnete Beobachtung eines fremden Staats genügt, um einen politi schen Zweck durchzusehen, da wäre es sinnlos, faktische Ge walt anzuwenden; desgleichen, wo das Heer sich ergibt. Nur so begreift es sich auch, daß in keinem Krieg der Welt je alle physischen Gewaltenergien der Gegner ins Spiel traten; ist vielmehr durch faktische Anwendung von Gewalt in Ge fechten, Schlachten, Belagerungen usw. die gegenseitige Macht der Gegner genügend erprobt, und die M^achtüberlegenheit des einen offenkundig geworden, so hak auch der Krieg sein natürliches Ende gefunden. So ist das Gefecht nur eine Stichprobe auf die M^acht, ein Anzeiger der N^acht. Überall ist also im Kriege die Gewaltausübung mit ihren Erfolgen der Iltassentötuug usw., aufweiche die naturalistische Kriegs- auffafsuug allem hiustarrt, nicht der Kern der Sache; sie ist nur Äußerung, INaß und Kennzeichen der Größe und Wucht der einander entgegentretenden souveränen M^achtwillen, und ihr Erfolg ist nur Anzeiger der faktisch bestehenden Gewichts- verhältniste der Iltächte. Schon diese eine Grundeigenschaft des Krieges macht ihn wesensverschiedeu von allen Daseins-, Beute- uud Erhaltungs kämpfen der untermenschlichen Natur. Diese stnd stets Ge- waltkämpse: entweder Nahrungskämpfe oder Kämpfe um die Fortpflanzung. Im Kriege handelt es stch auf keiner Stufe seiner geschichtlichen Entwicklung um das Ziel bloßer „Daseinserhaltung" des physischen Lebens der Individuenoder der Art. Vielmehr sind es stets, — wenn auch noch so primitive kollektive geistige Willenseinheiten, — „Stämme", „Völker", „Staaken", „Nationen", die als solche in die Kriegsbeziehuug zueinander treten. Die natürlichen Indivi duen stellen für ste nur Organe ihrer TLillensmacht dar. Wie in menschlich-geschichtlichen Verhältnissen ^ überhaupt der Kampf um M"acht, Geltung, Ehre, Besthgröße, das heißt der Kampf um Verteilung der Lebensgüter an die Stelle des in der untermenschlichen Natur stattstudeudeu Kampfes ums nackte Dasein und die Fortpslanzung tritt, an die Stelle der physischen Ausschaltung aus der Fortpflanzung aber, die bloße Ermächtigung von Individuen und Gruppen, De- klassteruug, Verlust politischer Selbständigkeit usw., so ist ? auch der Krieg nicht mehr eine Art des „Kampfes ums Da- ^ fein", fondern der Kampf um ein Höheres als Dasein, der ' Kampf um die Iltacht uud die mit ihr fallende und stehende politische „Freiheit". Eigentliche Machtkämpfe aber stnden wir in der untermenfchlichen Natur nicht. Zwischen Beute und Beutetier findet kein Machtkampf statt — so wenig wie zwischen uns Menschen nnd denjenigen Tieren, die uus Nah rung sind. „Jagd" ist nicht Krieg. Kämpfe aber z. B. zwischen zwei Ameisenhaufen, die noch am ehesten an den Krieg erinnern möchten, zielen auf Vernichtung des fremden Haufens ab. Innerhalb der historifchen Menschheit haben nun zu Zeiten zwar gleichfalls menschliche Vernichtuugs- kämpfe stattgefunden. Wo es der Fall war, wo die phystfche Vernichtung der Individuen einer Gruppe Ziel des Kampfes war — nicht bloß die Wehrlosmachuug eines fremden Staates wie in einigen Nasse- und Glaubenskämpfen (gegen Indianer, I 2Neger an manchen Orken, bei gewissen arabischen und tür kischen Zügen), da ist es Nießbrauch den edlen Namen des „Krieges" anzuwenden. Gemeinhin werden die natürlichen Volkseinheiten ihrem Dasein nach nicht vom Kriege betroffen; sie werden nur unter vorhandene oder im Kriege entstehende Staaten, die allein unmittelbare Kriegsobjekte sind, nach deren ausgeprobten Rechtverhältnissen neu verteilt. Nicht also auf Vernichtung natürlicher menschlicher Gruppen einheiten, sondern aus Neuverteilung der kollektiven geisti gen Willensmächte über diese natürlichen Einheiten zielt der echte Krieg ab. Hierzu gewahren wir in der lebendigen Natur kein Gegenstück. Aber auch die Triebmächte, die zu dem natürlichen Daseinskampf führen, Hunger und Fort pflanzungstrieb, haben mit den I^otoren des kriegerischen Geistes nichts zu tun. „Es ist ein Trugschluß, daß Kriege geführt werden um des materiellen Daseins willen", sagt Treitschke richtig. Dieser Sah gilt nicht nur für die moder- , neu Kriege, sondern schon für die allerprimitivsteu Kriegs formen. Es ist ein Grundirrtum der positivistischen und öko nomistischen Geschichtskonstrnktion, den primitiven Krieg, sei es als primitivste ökonomische Erwerbsquelle, sei es als auto matische Folge einer wachsenden Bevölkerungsdichte anzu sehen. Hat man dies einmal angenommen, so glaubt man sich freilich leicht berechtigt, alle historischen Kriegserschei nungen in „letzter Linie" auf ökonomische und sozialbiologische Ursachen zurückzuführen; ja auch den weiteren Schluß zu Ziehen, daß im selben Maß, als die gewerbliche und industri elle Arbeit zur Erwerbsquelle, und die gesteigerte Arbeits- kechuik und Arbeitsteilung zur Steigerung der Bevölkerungs- iZkapazität eines Landes führt, je inniger und umfassender zu gleich die gegenseitige ökonomische Abhängigkeit und Jnter- essensolidarikät zwischen den menschlichen Gruppen werden, die Erscheinung des Kriegers als TLirkuug der hypothetisch an genommenen „Ursache" überhaupt zurücktreten und schließlich völlig verschwinden müßte. In all dem steckt schon der Kern gedanke der Sonderart des Pazifismus, der nicht wie jener Kants auf die Forderung eines unioerfalen „Vernunftrechtes", oder wie andere feiner Formen auf die Idee fortschreitender „Humanität" die pazifistische These aufbaut, der vielmehr im Kriege eine vergängliche historische Erscheinung sieht, die kraft einer „notwendigen Entwicklung" zum vollkommen industri ellen Zustand oder sozialem Gleichgewicht vom „ewigen Frie den" müsse abgelöst werden/ Faktisch aber hat der Krieg eine vitale TLurzel und durch ste hindurch auch eine VZurzel in der Iltenschennatur, die mit dem Trieb zur Nahrungssuche nichts zu tun hat. Die vitale und willentliche Aktivität des im eigenen Selbstwertbewußtseiu gerechtfertigten und nur infolge dieser Rechtfertigung wahrhaft starken Macht- uud Herrfchaftswilleus hat zu keiner Zeit und bei keiner noch fo primitiv organisierten Gruppe des Stoßes der Nahruugsnot bedurft, um in die Bewegung zu geraten, die den kriegerischen Geist ausmacht. Diese Bewegung ist gerade umgekehrt ein ganz spontanes uud ursprüngliches Agens, dessen Wirksam keit erst sekundär die Befriedigung vorhandener ökonomischer und anderer „Bedürfnisse", später „Interessen", endlich die Erreichung frei gefaßter politischer, streng umschriebener „Zwecke" sich angliedern.? Nur der typische Fehlschluß aller populären Philosophie, nützliche Effekte eines Gefühls,^5 einer Ausdrucks- oder einer Handlungsart und Einrichtung, zum Beispiel der Sprache, des Staates oder des Opfer- uud Liebesdrangeö auf die seelische Ursache vorschauender Be rechnung dieses Nutzens oder irgendwelcher Steigerung der Wohlfahrt zurückzuführen, führte zur Ableitung des Krieges aus dem Nahrungs- oder Fortpstanzungsbedürfnis. Wie immer in primitiven Zeiten die Effekte kriegerischer Unter nehmungen nachträglich in den Dienst der „Habsucht" ge stellt und so zu Erwerbsquellen wurden, die Unternehmung selber geht aus N?otiven und Leidenschaften hervor, die völlig anderen ^Wesens sind als das ökonomische M^otiv. Die Be wegung des kriegerischen Geistes ist vielmehr ein ursprüng liches, spontanes Agens. Sinn uud Lust au der Umwelt probeweise^ und auf das wogeude Ohngefähr, auch auf die Gefahr des Meßlingens hin, feine N?acht zu betätigen und ste darin zu formen und zu gestalten, stnd in Lebewesen und auch im N?enschen ursprünglicher und stärker als der Drang ,,sein Dasein" zu erhalte», oder seine zustäudlicheu Glücks- gefühle zu steigern. Ursprünglicher ist die Freude au Tat und Kampf, als die Freude au ihrem „Erfolg" uud ihrer Beute; ursprünglicher die Freude am „Wagnis" und am „Opfer" als die Freude an Sicherheit und Wohlfahrt. ,,N?acht" über das höchste der irdischen TOesen, über den Renschen selbst, ist „Herrschaft". Drang nach Steigerung der Herrschaft be legt aber fchou die primitivste kriegerische Unternehmung; und dieser Drang geht aller Habsucht vorher; er gräbt ihr selbst erst die Bahnen ihrer möglichen Befriedigung. Schon ^ Zähmung der Tiere ist nicht aus einem Nutzmotiv, son dern aus dem Drang nach Ausdehnung der menschlichen16 Herrschasts- und Aktionssphäre entsprungen.^ Eben darum sind Staat, d. h. das organisierte Herrschaftsverhältnis in einer Gruppe und Krieg allüberall gleichzeitig entstanden — und stehen und fallen zusammen. Gewinnen Einheiten orga nisierter Herrschaftsverhältuisie im Laufe der Entwicklung eine Festigkeit und Stabilität (im Verein mit der allmählichen Fixierung der kriegerischen Jäger- und Nomadenhorde zur ackerbautreibenden Gesellschaft), fo daß Friede und Kriegs zustand sich fchärfer voneinander differenzieren und abheben und die Friedeuszeiten länger werden, fo ist dieser Zustand selbst immer schon ein kumulierter und nachdauernder Effekt früherer Kriege. Der Krieg ist es fchon, der schwärmende Stämme zu festeren Staatögebilden zusammenschweißt. Nutz nießung wie „Arbeit" an den Sachgütern, Verteilung beAer^ das M^aß und die Richtung des „Bedürfnisses" nach Ar beit und nach Nutznießung der Arbeitsprodukte, der Aufbau der Bedürfnisgliederung nach Dringlichkeit und Intensität in einer Gruppe, bilden sich und sinden nur statt in den je weiligen Grenzen der durch den kriegerischen Geist aufgebauten Herrfchaftsverhältnifse; sie werden nur innerhalb dieser Gren zen, nicht über sie hinweg durch das Recht ratioual geordnet. Die friedliche oder kriegerische „Okkupation" von Land und Sachgütern, die Wesenswurzel der „Eigeutums"beziehung geht aller rechtlichen Ordnung des Eigentumsverhältuifses vorher; und erst beide Faktoren zusammen bestimmen schon die Arbeits- und Nutznießungsmöglichkeiten der Grnppeuteile au ihnen. Wäre es — umgekehrt — wahr, daß der primi tive Krieg eine bloße, durch die Not und mangelhafte Ar beitstechnik motivierte Erwerbsform ist, alfo nur Fortsetzungdes tierischen I^ahrnngskampfes oder automatische Folge wachsender Bevölkerungsdichte, daß weiter Eigentum auf „Arbeit" beruht, „Herrschaft" aber auf „Reichtum",'" — so wäre es freilich auch richtig, daß jede Annahme, der Krieg sei eine bleibende ^Leiteinrichtung und nicht bloß eine, ans noch mangelndem industriellen nnd technischen Fortschritt beruhende „historische Erscheinung", das Zeichen eines reak tionären Geistes wäre. So etwa haben nns z. B. A. Comte ül seinem „Lourz cio pl»ilc>5oplüe positive", und noch mehr H. Spencer in seinen „Prinzipien der Iltoral" die Sache dargestellt. Faktisch aber ist eben diese Ansteht nur die Folge einer rein statischen Auffassung der menschlichen Geschichte; einer Auffassung, die hinter aller menschlichen Aktion „Be dürfniste" und „Notznstände", hinter allem ^Wollen und aller Tat irgendwelche ste bedingende „Milieuwirkungen", hinter jedem „Hinzu" eiues Strebens ein „Vouweg" sucht. V5ir haben in der modernen Dynamik gelernt, den Gleichgewichts- Zustaud nur als einen Spezialfall der Gesetze der Bewegung zu beurteilen. Wir müssen endlich lernen, auch den historischen Menschen als etwas ursprünglich Bewegliches, nicht Be wegtes, sein N?ilieu erst Bildendes und Suchendes, nicht durch es Gebildetes und Bedingtes zu sehen: dann werden wir er nennen, daß der Krieg das dynamische Prinzip katexochen der beschichte ist. Es ist dagegen die Friedensarbeit, als „An- passlings"tätigkeit angegebene, d. h. immer schon durch voraus gehende Kriege bestimmte ^Machtverhältnisse, welche das sta- k'sthe Prinzip der Geschichte ausmacht. Jeder Krieg ist Rück kehr auf den schöpferischen Ursprung, ans dem der Staat überhaupt hervorging; Untertauche» in die mächtige Lebens-18 quelle, aus der heraus die großen Grenzlinien bestimmt wer den, in der sich menschliches Geschick und Betätigung ferner hin bewegen kaun. Die posttivistisch-pazistzistische Geschichts- theorie, die ihre Gegner gerne als „reaktionär" bezeichnet, ist daher faktisch selbst nltrareaktionär, da sie alle dynamischen Kräfte der Geschichte zur Bildung neuer Rechtverhältnisse prinzipiell zuguusieu der nur statischen Prinzipien steigender „Anpassung" an gegebene N^achtverhältniste verleugnet. Niemand hat dies schärfer gesehen als H. von Treitschke." Er urteilt in seiner Politik: „Dem Historiker, der in der VZelt des TLillens lebt, ist sofort klar, daß die Forderung ewigen Friedens reaktionär ist von Grund aus; er steht, daß mit dem Kriege alle Bewegung, alles Vierden aus der Gefchichte ge strichen werden soll." Geschichte — das ist ein Bergwasser, das stch seine Bahn uud sein Bett erst im Dahinspringen bildet, kein Sumpf, der die Form eines vorhandenen Tales aus füllt. Eben darum iväre auch im Falle einer ideal-absoluten Solidarität der Wirtschafts- uud Wohlfahrtsinterefsen aller menschlichen Gruppen uud bei erreichter ideal-absoluter Aus bildung und Gellung des internationalen Völkerrechts die dauernde, lebende TLurzel des Krieges völlig unversehrt. Denn wie kräftig kämpfende ökonomische Interessen der Völker auch wirken können, zur Kriegsgesahr führen ste erst, wenn bei der Verhandlung über ste die nationale Ehre, das heißt die Durchdringung von Wert- und Machtbewußtseiu der im Kriege zur unmittelbaren Anschauung kommenden nationalen Staatspersönlichkeit verlebt wird. TLeil dies noch eben vermieden werden konnte, führte z. B. der ^Marokko- handel seiner Zeit keinen Krieg herbei. Andererseits sind Ver-19 letzungen solcher Art nicht an ökonomische Interessengegen sätze gebunden, sondern können auch ganz andere Herkunft haben. Der Grad und die Grenzen der Ausbildung des Ver lagsrechts in seiner Anwendung auf Staaten müssen daher von denjenigen Grenzen, die im TLesen des „Vertrags" als solchem liegen, begrisflich aufs schärfste geschieden werden. Es ist aber schon die Idee des Vertrages selbst und feiner mög lichen historischen ^Wirksamkeit überhaupt, — nicht der Grad seiner Ausbildung und seiner Anwendung auf gegebene Ge- schichtsverhältnisse—, die drei Dinge impliziert: i. den bloßen Interessenkonslikt im Unterschied von N^acht- und Ehren- kouflikt, 2. die faktisch immer mir fiktive Annahme eines ruhenden, statischen Zustandes der vorhandenen Gegensätze („rel ?u5 sic ztantilzuz^), Z. eine mit Herrschermacht ausgerüstete Autorität, die auf irgendeine D^eise die Einhaltung der Ver träge erzwingen kann, sofern durch solche die an sich und un abhängig von solcher Zwangsantorität geltende und idealiter existierende rechtliche Forderungsbeziehung erst historische Re alität gewinnt." Nur in den Grenzen, in denen diese Be dingungen erfüllt stnd, bestehen im Gegensatze zum casus kelli bloß internationale „Streitigkeiten", die völkerrechtlicher Schlichtung fähig stnd. Es gehört aber zum Wesen der zum Kriege führenden Gegensatze, daß bei ihnen keine dieser Be dingungen erfüllt ist. Der Krieg ist, wie gesagt, seiuer Natur «ach NTachtkonslikt, der durch Jnteressenkonstikte höchstens aufgelöst werden kann, niemals in solchen oder einer Häufung solcher besteht. Und nicht statisch existierende, fest- umschriebene formulierbare Interessengegensätze werden in ihm entschieden — wie im Falle alles rechtlichen „Streites" —20 sondern die Spielräume möglicher und zukünftiger Inter essengegensätze und -gleichheiten werden durch ihn ans dem Ge- woge der historischen „Zukunft", des historisch „Möglichen" gleichsam erst herausgeschnitten. Krieg ist nicht „Streit", der nach Regeln entscheidbar isi. Er ist eine Fuuktiou des konkreten einmaligen Wachsens- und Werdeuspro- zesses der Völker und Staaten und entscheidet Möglich keit, Größe und Richtung alles ferneren Wachsens und Vierdens; er ist keine bloße abhängige Funktion ihres gegenwärtigen und vergangenen zustäudlichen Seins. Ilm der Zukunft willen, nicht soweit sie gesetzlich geregelt und „be rechenbar", sondern soweit sie nur mehr in freier Tat gestaltbar ist, wurden zu allen Zeiten Kriege geführt. Im Kriege wird dasjenige Sein erst „gemacht", das alle internationalen Ver träge voraussetzen müssen, um einen Sinn zu haben. Er ist Grenze und Quelle, nicht eine Art des bloßen „Streites". Eben darum arbeiten alle völkerrechtlicheil Verträge mit der doppelten Fiktion, die Vertragsmaterie werde fortfahren, nur eine „Jnteressen"frage, nicht eine zentrale Machtfrage zu feiu und die Zustände der vertragsschließenden N^ächte werden zukünftig dieselben sein (rebus sie stantibus). Es ist nicht „mangelhaftes Vertragsrecht" oder diplomatischer Fehlgriff, sondern Grenze der Idee des Vertragsrechtes selbst, wenn die Tatsachen über diese Fiktionen hinwegschreiten und der Krieg eintritt. Endlich fehlt bei der „Souveränität" jedes Staates prinzipiell jede irdische, mit Herrschermacht ausgerüstete Au torität, die anders als durch, wieder in freiem Zusammen stimmen souveräner Staaten zustande gekommene, Garantie übernahme für die Einhaltung der Verträge, die Erfüllung21 bestimmter, aus dem Verkrag erwachsene Rechte und Forde rungen erzwingen könnte. 5Man ersieht hieraus, daß die po sitivistische Geschiehtvkonslruktion, soweit sie den Krieg aus ökonomischen Faktoren ableitet und der juristische Pazifismus ein und dieselbe Wurzel haben: die statische Geschichtsauf fassung und die Verwechslung von Interesse, Nutzen mit M^acht und Ehre. Die Geschichte lehrt uns nur eben das selbe, was die phänomenologische Forschung und die Deduktion aus den Grundtaksachen des Geistes erwarten läßt. Die krie gerische Unternehmung und die äußere Politik der Recht verhältnisse überhaupt, bedingt und bestimmt die Bildung und Gestaltung „ökonomischer Verhältnisse"; für denjenigen wenigstens, dem „Historie" ein Nach- uud M^itherauslebeu des Tuns und Wirkens des historischen Renschen ist, also auch ein das Vierden der Zeitalter verfolgendes ZMitsehen dessen, was zu jeder Zeit, im Unterschied zudem, was geschicht liche „TLirklichkeit" wurde, noch „möglich" war; — nicht also ein bloß denkendes Verbinden toter, gewordener Fakten.^ Sie bestimmt nicht nur die ökonomischen möglichen Beziehun gen zwischen den Staaten, sondern auch indirekt die inner staatlichen Klassenbildungeu, bis in das ökonomische Schicksal jedes Einzelnen. L. von Ranke hat den jeweiligen Druck der „weltpolitischen Verhältniste" und Spannungen auf die innere, auch ökonomische Politik der Staaten in seiner Ge schichtsschreibung vortrefflich geschildert. Freilich eben erst in dem INltsehen dessen, was ökonomisch jeweilig hätte werden „können", was aber faktisch nicht oder ganz anders wurde, — erst in dem Sehen dieser Differenz von jeweilig historisch M^öglichem und ^Wirklichem, offenbart stch die für das22 TLirtfchaftsleben determinierende Kraft des außerpolitischen Ganges der Dinge. Dieser typischen Werlaufsform gegen über ist die entgegengesetzte Form, bei der z. B. ans ökonomi schen Ursachen und steigender Bevölkerungsdichte entstehende, oder durch willkürliche Gewaltpolitik erzeugte, innerstaatliche revolutionäre, die Herrschaft der Regierungen bedrohende Be wegungen im Kriege nach außen abgeleitet werden — ein Schema, nach dem sozialistische Theoretiker so gerne alle Kriege erklären wollen — die durchaus irreguläre und unter geordnete. Es heißt das Wesen des Krieges auf den Kopf stellen, den auswärtigen Krieg aus dem drohenden Bürger krieg abzuleiten.^ Nichts hat in den letzten Friedensjahren den politischen Geist großer Volksmasten so sehr mißleitet, wie dies „ökonomische" Geschichtsschema, verbunden mit einer konstitutiv gewordenen Gestchtsseldeinengnng der betretenden Parteien auf Fragen der inneren Politik überhaupt. Daß selbst der Spielraum und die Richtungen aller „mög lichen" inneren Politik, aller Güter und Nechteverteilungen, uormaliter ganz uud gar vou den Erfolgen der äußeren Po litik abhängen, trat völlig außerhalb des Gesichtskreises. Aus diesem Schema heraus hat mau Frankreichs Marokko politik, Italiens Annexion von Tripolis, Österreichs Bal- kanpolitik, die Annexion Bosniens, den gewaltigen Kampf Rußlands nnd Österreichs um Erweiterung ihres N?acht- spielranms in die Richtung auf Konstantinopel, auf Ver suche, stch der inneren Revolution zu bemeistern, hat man den Konflikt mit Serbien auf das partikulare Interesse des südösterreichischen Großgrundbesitzes und der dortigen Groß industrie, zusammen mit Angst vor dem Zerfall des in Na-23 tionalitäten zersplitterten österreichischen Kaiserreiches zurück geführt. Auf Grund dieses Schemas haben uns die ebenso persönlich harmlosen, als eben politisch durch diese Harm losigkeit so überaus gefährlichen Leute, die in Vortäuschung englisch-deutscher Entspannung gemacht haben, ausgerechnet, daß England schon darum keinen Krieg gegen uns beginnen ,,könne", weil es für eine Anzahl großer Industrien von uns die Rohstoffe, für andere die Halbfabrikate beziehe und da wir sein bester Abnehmer seien. Und wieder nach dem gleichen leeren Schema leitet man jetzt den kriegerischen Geist der fran zösischen Jugend nud Negierung iu den letzten Jahren daraus her, daß die neue republikanische Regierung den Ärger der reichen Leute gegeil eine gerechtere Steuervorlage (progressive Einkommenssteuer) nach Bahnon^habe ableiten wollen; die russische Großsürsteupartei aber den Pauslavismus zu benutze» verstand, nm ihr wackelndes Regime zu stützen. (S. das Folgende.) Es scheint freilich, daß jedes Friedenszeitalter den Glauben an irgendein Universalheilmittel gegen den Krieg hervorbringt. " Ende des 18. Jahrhunderts war die europäische Bildung (s. Kants i. Desenstvartikel in der Schrift zum „Ewigen Frieden") fest überzeugt, daß die republikauifche Staatsform ein solches Allheilmittel sei. Die Geschichte des ig. Jahr hunderts, in der Republiken weit mehr Kriege als Monar chien geführt haben, (Amerika—Spanien, England—Trans vaal,) hat nns von der völligen Gleichgültigkeit dieser Staatsform für den Krieg und dem weit tieferen Verant- wortlichkeitsgefühl monarchisch regierter Staaken überzeugt. Um so stärker wurde in dem viernndvierzig Jahre währenden24 Friedenszeitalter der Glaube an die wachsende Solidarität der Interessen des internationalen Handels nnd Verkehrs und an die gemeinsamen Interessen sozialer Klassen, beson ders der Arbeitermassen als kriegshemmender Ursachen. Aber wie elend und wie schwach haben sich diese Interessen verbände und die ihnen dienenden Organisationen und internationalen ^Mechanismen erwiesen! Spinnegewebe ge trieben im Sturm! Es ist aber gerade gegenwärtig von höchstem Interesse, zu sehen, wie diese Friedensphilosophie, die im Kriege biologisch nur eine komplizierte Abart tierischer Il^ahrnngskämpse sieht und welche gleichzeitig die historischen Kriegserscheinungen aus ökonomischen nnd innerpolitischen Faktoren ableiten will, die weiterhin in steigender ökonomischer Interessensolidarität der Völker den Garanten eines immer näher kommenden „ewigen Friedens" sieht, auch bei uns Deutschen Herrschaft gewann. Sie ist in Sinn und histo rischer Wurzel völlig verschieden vom moralisch-juristischen Pazifismus. Dieser letztere begann nach dem Tod Lndwig XIV., nach dem Utrechter Frieden sein Haupt zu erheben. In dieser Zeit, die Friedrich der Große eine „Zeit allgemeiner Ent artung der europäischen Politik" nannte, begannen der ältere Rousseau und der Abbe Castel de Saint Pierre ihre Bücher vom „ewigen Frieden" zu schreiben. 179Z folgte Kant mit seinem „philosophischen Entwurf zum ewigen Frieden". In allen drei TLerken sind es moralische Forderungen, entweder solche der Humanität, oder solche, die sich ans einer Universa- listerung der Idee eines republikanisch orientierten Vernunft- rechtes (Kant) auf die Staateuverhältnisse ergeben, in deren-5 ITame der „ewige Friede" teils als Utopie, teils nur (wie bei Kant) als „regulative" Leitidee des politischen Handelns bestimmt wird. Der dritte „Präliminarartikel zum ewigeu Frieden" unter den Artikeln Kants fordert das Aufhören der stehenden Heere, die selbst notwendig zu Ursachen des Krieges würden, „wozu kommt, daß zum Töten und getötet zu werden in Sold genommen zu sein, einen Gebrauch von Menschen als bloßen Maschinen und Werkzeugen in der Hand eines anderen (des Staates) zn enthalten scheint, der stch nicht wohl mit dein Rechte der Menschheit in unserer Person vereinigen läßt". So wenig konnte selbst der Preuße Kant — das Unwesen der Kabinettskrise des 18. Jahr hunderts vor Augen — das stehende Heer als einen orga nischen Bestandteil der Staatseinrichtung und ein frei von den Bürgern selbst Gewolltes und Verantwortetes begreifen.^ Er empfiehlt daher ausdrücklich das Milizheer. Die „De- fenstvartikel" beginueu gleich mit dem vermeintlichen Uni- versalheilmirtel des i3. Jahrhunderts gegen den Krieg: „Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein." Denn „wenn die Beistimmung der Staatsbürger dazu erfordert wird, zu beschließen, ob Krieg sein solle oder nicht, so ist nichts natürlicher, als daß, da ste alle Drangsale des Krieges über stch selbst beschließen, ste sich sehr bedenken wer den, ein so schlimmes Spiel anzufangen". Im anderen Falle sei Gefahr, daß das Staatsoberhaupt, das als Staatseigen tümer „an seinen Tafeln, Jagden, Lustschlössern, Hoffesten und dergl. nicht das N^indeste einbüßt, diesen also wie eine Art von Lustpartie aus unbedeutenden Ursachen beschließen und der Anständigkeit wegen dem dazu allezeit fertigen diplo-26 matischen Korps die Rechtfertigung desselben gleichgültig überlassen kann". Der Abgrund politischer Verworfenheit der Zeit, in den diese Sähe blicken lassen, rechtfertigt das Urteil Treitschkes, daß nur „müde, geistlose und erschlaffte Zeiten" den Traum des ewigen Friedens geträumt haben, auch angesichts des Philosophen des „kategorischenImperativ", dessen sittliches „Pflicht"-Pathos in seinen Schülern Gneisenatt nnd Boyen die neue preußische Armeeverfassung der Befrei ungskriege mitanfbauen half, rechtfertigt es auch dann noch, wenn einige Kabinettskrise, die er sich dabei vorstellte, dieses Urteil einigermaßen verständlich machen. Immerhin legtKant dem Krieg noch eine Art ungewollter Zweckmäßigkeit zur Zivilisation der Erde bei; die ^Menschen seien durch ihn zur Bevölkerung der ganzen Erde ,,anch der unwirtschaftlichsten Gegenden" „wider ihre Neigung" gedrängt worden. Und im erfreulichen Gegensatz zu jener Lehre, nach der bloße Interesseukouslikte Ursprung des Krieges sein sollen, sindet Kant, daß nicht „eigennützige Triebfedern", sondern ,,sogar etwas Edles, wozu der JNensch durch den Ehrtrieb beseelt werde" seinen „letzten Beweggrund in der Menschennatur" ausmache, wodurch der Krieg eine „innere Würde" erhalte.'? TLenn dieser Typus von Kriegsphilosophie im Geiste der französischen Revolution ihren letzten Ursprung hat, so ist England das N?utterland jener andersartigen positivistischen Jnteressenlehre. Auch hier hängen Lehre, Theorien und die reale Geschichte Englands weit tiefer zusammen, als man annimmt. Seit England Aspirationen, sich auf dem Festland auszu dehnen, aufgegeben hat, seit es am edelsten Heere, das es je27 besaß, an Oliver Eromwells gottseligen, gnadentrunkenen Dra gonern, die nur die Idee einer religiösen Sekte, Gottes Herr schaft zu verbreiten, verbunden mit der aus der independenten Puritanerkirche stammenden Idee der religiös fundierten poli tischen Freiheit, nicht aber das Ganze des englischen Volkes vertraten, die furchtbare Erfahrung eines verheerenden Bürger krieges gemacht hatte, gewöhnte es sich daran, das Heer nicht als organischen Bestandteil der Nation, sondern als bloß Mechanisches IDerkzeng der jeweiligen Staatsregierung zu betrachten; au erster Stelle aber als Werkzeug für koloniale Erwerbsinteressen. Von der Aufgabe des Küstenschutzes ab gesehen, der au erster Stelle der Flotte obliegt, wurde der Soldat hier in der Tat an erster Stelle das, wofür ihn jene ueupositivistische Ausfassung überhaupt nimmt: der bloße Schrittmacher des Kaufmanns. Die Meutereiakte stellte nach der Nestauration das Heer unter ^Wilhelm III. außer halb der bürgerlichen Gesetze. Englische Historiker, wie Ilta- caulay, und fast alle englischen Philosophen bis zu H. Spen cer, haben dieses echt englische, konstitutive M^ißtrauen gegen das Heer zu dem Satze dogmatistert, jedes stehende Heer sei eine Gefahr für die politische Freiheit. Die Zwecke, zu denen Heer und Flotte hier vor allem verwendet wurden, zur be waffneten Handelsunternehmung und zum systematisierten kolonialen Beutezug, Unternehmungsformen, aus denen zu sammen mit der freien Initiative des englischen Kaufmanns sich langsam die großen Handelskompagnien nnd schließlich das englische Weltreich aufbauten, gestattete und forderte auch dieses lose, werkzeugliche Verhältnis von Heer und Nation. Denn nicht die edelsten und besten Elemente, sondern an erster28 Stelle verarmter, aber kühner und raubgieriger Adel, dessen ererbte normannische Seeräuberinstinkte im Frieden brach lagen, drängte sich automatisch an die Spitze bei diesen Kriegen, die ihr Krämerzweck nicht zu heiligen vermochte, und deren Führnngsart bei der Natur der mit englischem Nationalhochmut verachteten Gegner die Gesetze jener Ritter lichkeit, die das Menschentöten erst zum „Kriege" machen, in bekannter Weise mißachtete. Noch heute meldet sich der halb wegs anständige englische Arbeiter nicht leicht freiwillig zum Heeresdienst, wie die jüngsten Berichte zeigen. Homer Lea hat in seinem Buche „l'ke of cks 8axc>n" den Nieder gang dieses immerhin kraftvollen (nicht „kriegerischen", wie er irrig sagt) Räubergeistes, der „das englische Weltreich schuf", anschaulich geschildert und beklagt. Aber er wie der Dichter und Prophet eines neuen englischen Militarismus, R. Kipling, der Sänger des „Roten Kerls", vergaßen, daß zwar der „Räuber", nicht aber der „Krieger" eine nur histo rische Kategorie ist; und daß der seiner Romantik entkleidete „Räuber" eben nur der merkantile „Gentleman" ist und wer den kann — und darum bleiben muß, da er nie ein „Krieger" war. Auch die wahrscheinliche Einführung der allgemeinen Dienstpflicht in England in unserem Kriege wird ^»„Gentle man" nicht zum „Krieger" machen. Die gesamte englische Philosophie, die militaristische uud pazifistische, verwechselt den Krieger mit dem Räuber. Daher die Irrungen. Es ist daher kein VZunder, daß der echt englische Drang, von seinen insulären Verhältnissen ausWeltverhältuisse zu generalisieren — das „iusnläre Denken" nannte es vorzüglich der Oxforder Philosoph Breadley und Shaw spottet in seinem Stück29 Antonius und Cleopatra seiner so hübsch, wenn Cäsar gegen den angesichts der kanzenden Cleopatra prüden Britanniens sagt: „Laßt ihn reden, er hält die Sitten seiner Insel für Naturgesetze" — dazu führte, alle Kriege, ja des Krieges Wesen auf Ursachen der ökonomischen Erwerbssucht zurück zuführen; ja schließlich später in der biologischen lluterbauuug dieser Theorie durch Darwin und Spencer im tierischen Nah- rnngskamps seine letzte biologische TLurzel zu sehen. VZäre diese Voraussetzung wahr, so müßte natürlich die steigende ökonomische ^nterejsensolidarität der Völker auch sein end gültiges Aufhören bewirken. Aber auch an zwei allgemeinere Doktrinen vermochte diese schon aus der Praxis der englischen Geschichte nahegelegte Auffassung des Krieges anzuknüpfen. An die philosophischen, ökonomischen uud politischen Lehren des englischen „Liberalis mus" uud an den traditionellen Utilitarismus seit Bacon, dem stch später — nnr als kleine Seitenzweige derselben ^Äurzel des nationalenglischen Geistes — auch jene grund- lrrigen Prinzipien der englischen Biologie anschlössen, die durch N?althns und Darwin aufkamen, nachher aber durch H. Spencer wieder auf die Moral und Soziologie und hier ganz befonders anf die geschichtsphilosophische Auslastung des Friedens und Krieges übertragen wurden. Der politische ,,Liberalismus" brachte seit ^ohn Locke vornehmlich drei ^deen hervor, die aus die Auffassung des Krieges in genau dein gleichen Sinne wie die Generalisternngen der historischen ^Wirklichkeit Englands zurückwirkten: Die individualistische ^ertragslehre vom llrspruug des Staates; die Lehre von der gottgewollten „natürlichen Harmonie der Interessen" bei3° deren freier egoistischer Auswirkung; und endlich die (mecha nistische) Leugnung aller in das Spiel der Kräfte irgend welcher elementarer EinHeiken (der Welt, der Seele, des Staates) eingreifender und lenkender zentraler Agentien, wie ste Gottes TLeltlenknng und Regierung für die Teile der TLelt, die Perfon für das Spiel der Vorstellungen und Triebe, der Staat für das Spiel der wirtschaftlichen Vor gänge, die Kirche für eine spirituelle Oberleitung der geistigen Kultur darstellen. „Deismus", Assoziationspsychologie, Frei- haudelslehre und durch Adam Smith theoretisch unterbautes N^anchestertnm sowie freies Gemeindechristentum stnd also nur Bestandteile und gleichsam Seitenansichten der „TLelt", wie ste stch in der „liberalen" Weltanschauung malt. Ans den Maschen dieser Weltanschauung plumpst die ungeheure Ir rationalität des Krieges natürlich allüberall heraus. Beruhte der Staat, der zu friedlicher Ordnung feiner „Bürger" ge nannten Glieder faktisch geführt hak, fei es historisch, sei es auch nur essentiell auf der Idee des Vertrages, fo wäre frei lich nicht einzusehen, warum nicht durch Verträge der Staaten untereinander (alfo auf einein höheren Stockwerk gleichsam) eine analoge, dauernd friedliche Ordnung unter den Staaten zu erreichen wäre, wie ste im Staate durch Vertrag möglich ist/6 Nur als ursprüngliche Lebens- und Willensgemein schaft — die der Staat faktifch ist — deren organisierter VÄlle vor den Individuen ist und gilt uud als eine, von den durch mögliche Verträge zu regelnden Interessen unabhängige Macht, NechkS- und Werteinheit, deren Rechtsetzung oder Anerkennung erst saktische „Verträge" möglich macht, kann der Staat als Subjekt des Krieges sinnvoll angesehen werden.Die zweite Idee aber, jene von der „natürlichen Iuteresfeu- harmouie", wurde für A. Smith nicht nur zur Voraussetzung seiner Lehre von der automatischen „besten" Preisregulieruug ^ durch Angebot und Nachfrage, sondern auch seiner Lehre vom Freihandel aus Prinzip, als eines Nittels zur gegenseitigen besten Ergänzung der nationalen Produktionen untereinander zur vollkommensten Stillung des ökonomischen DZeltbedarss.^ Die Selbstwertigkeit der ökonomischen Autarkie der natio nalen JDirtschaftseiuheiteu als solcher, deren Grad in jedem Kriege einer der entscheidendsten Faktoren sürSieg und Nieder lage ist, trat vor diesem einseitig privatwirtfchaftlichen Ge sichtspunkt seiner ökonomischen Lehre völlig zurück. Die Ver bindung aber dieser Harmonielehre mit der mechanistischen Leugmmg aller zentraler, leitender Kräste wurde zur Begrün dung der folgenschweren Lehre vom „europäischen Gleich gewicht", über die schon Friedrich der Große die scharfe Lange feines Spottes ergoffen hat/° Im Bilde einer Wage wurden die europäischen Iltächte dargestellt, deren Balance durch die Kunst der Diplomatie sorgfältig zu hüten fei. In die fem Bilde der „ÄLage" ist das rein Statifche diefer Geschichts betrachtung, das Verkennen der Tatfache, daß jeder Staat ein VZachfendes und ^Werdendes ist, daß Geschichte Tat und Leben, nicht aber ein diplomatisches Rechenexempel ist, auch formell offenkundig. Diese Lehre fetzt voraus, daß jeder Krieg durch eine gute Diplomatie und kluge Verträge vermeidbar gewesen wäre, daß er immer nur die Folge eines subjektiven Rechenfehlers fei, nicht aber ein iu^den Dingen selbst liegendes / Irrationales. Daß fakrifch diplomatische Tlttterhandluugeu — un besten Falle — nur die oberflächlichsten Bewußtfeiusfpiege- Zi32 lungen der faktischen Kräfte und Spannungen sind, die zum Kriege führen und daß diefe Kräfte als sittliche Kräfte nichts roh Mechanisches und Berechenbares sind, fondern nur für jeden befonderen konkreten Fall Aufzeigbares, resp. historisch Nachzuerlebendes sind, wurde hier natürlich vergessen. ^Hn ihrer Anwendung aber wurde diese M°ethode des „politischen Gleich gewichts" in England so gefaßt, daß zu den als toten Gewichten gedachten, kontinentalen europäischen Staaten England als ein außerhalb der europäischen Kultnrfolidarität stehendes, über sie erhabenes, rechnendes und lenkendes Subjekt, das die „Wage" in der Hand hält, stets so viel „Gewichte" auf die Schalen mit kleinerem Gewicht zu legen habe, daß „Gleich gewicht" einträte. Dieser beispiellos freche Anspruch, mit Europa bloß zu „rechnen", anstatt sich als Glied Europas zu fühleu, erhielt dauu als köstliches ethisches Eachet die For mulierung, es fei Englands ganz besondere göttliche Sendung, „die Rechte der Schwachen" zu schütze». Der Haß gegen den jeweilig Starken (besonders Seestarken) wurde per Ressenti ment als „Liebe zu den Schwachen" oermöge des englischen (s. Anhang) so ausgelegt, daß das Gewissen des Gentle man selbst vor Gott noch „rein" zu bleiben schien. Genau analog hält noch Spencer ein ethisch absolut indifferentes, blödes, soziales Jnteressengleichgewicht (bei dem die Welt noch teuflisch fein könnte) für den „Ersatz" der Idee des christ lichen Liebes- und Gottesreiches! Und wieder zum gleichen Resultat führte der englische Utilitarismns, fei es der cant- verfchleierte, fei es der naiv ehrliche, die ideologische und prak- rifche Spezifität des Jnfelvolkes. In feiner Güterlehre muß der Utilitarismus nicht nur die geistigen Werte (Erkenntnis,33 VÄsseuschaft, Kunst), sondern auch alle Lebenswerke (Volks kraft, Nasse und Volksgesnndheit, echte „M^acht") denen des Nutzens und der Technik unterordnen. Das aber heißt einen schrankenlosen Volks- und landverwüstenden Jndustria- lismus predigen. Verbunden aber mit dem, alles Fremde ausschließenden und am Eigenen so naiv messenden nationalen Selbstgefühl des Inselvolkes führt diese Denkart zum tiefsten inneren ^Widerspruch, den Geschichte und Kultur Englands überhaupt iu stch enthalte». Dieser Widerspruch beruht dar auf, daß die ntilitarifchen Vierte, rein als solche betrachtet keinen Diffcreuzierimgsgruud für die Existenz von „Nationen" und uatioualeu Staaten in stch enthalten. Sie nnd ste allein stnd von Hause aus „international", ja anational, stnd es und sollen es sein; nur den ^Methoden ihrer Hervorbringuug — nicht deu Produkten — (so auch den ^Methoden, nicht den Resultaten des durch diese VZerte noch mitbestimmten Denkens der exakten Wissenschaften) kommt noch ein eigentümlicher „nationaler" Charakter zu. Siuu uud Existenz der Nationen und nationale« Staaten ruht alfo gerade ausschließlich auf den überutilitarifchen ^Worten, den Lebens- und Kulturwerten, auf N?acht, Ehre, Geist." Uud gleichwohl ist das englische Ethos, das — seiner Breitenherrschaft nach angesehen — die Lebens und Kulturwerte, damit auch gemeinsames Stammesgefühl und Kulrurfolidarität mit den TLestmächten, prinzipiell und in jedem praktisch bedeutsamen Falle den Nützlichkeitswerten unterordnet — anch jetzt wieder die von ihm tief verachteten Russe» uud Japaner gegen uns Deutsche für feine Kontobuch- Interessen arbeiten läßt — ausgeprägt nationalistisch! Aber nicht wie die echte Nation es tut, sucht es seiu „eigentümliches34 Bestes" zur Macht über die Erde werden zu lassen (I. G. Fichte), — dieses „Beste" kann ja von Hause aus nur in den geistigen und heldischen TLerten beschlossen liegen — vielmehr sucht es nur die Nühlichkeitsinteressen der Völker an die eigenen Interessen des englischen Kontobuches zuheften. So leugnet es zugleich prinzipiell das Fundament sür die Existenz des nationalen Staates — das Ethos, aus dem dieser immer und ewig hervorsprießt — uud schließt sich gleichwohl in seinem Selbstgefühl schärfer von allen anderen Nationen ab als jede andere Nation. Die Lösung dieses Rätsels liegt zum Teil in der Natur eines Inselvolkes, bei dem die Küste allein schon eine viel schärfere natürliche nationale Abgrenzung schafft, der geistige Kitt der Nation also entsprechend ver mindert sein kann; zum Teil aber eben darin, daß die schranken los Militärische Gesinnung selbst, hier zum Dogma erhoben, den besonderen und allerdings einzigartigen geistigen Kitt bildet, der gerade die englische Nation zusamenhält.^ Die Kriegsidee der englischen Philosophen und Historiker trägt darum den Widerspruch in stch, daß sie gleichzeitig den Krieg als dauernde ^Leiteinrichtung schroff verneinen, aber selbst vor der Billigung grausamster Vernichtungskriege nicht zu rückscheuen, wo es Nützlichkeitsinteressen gebieten. (Man denke an Indien nnd die englischen Feudalherrn im Kampf mit den Negern im Süden der Vereinigten Staaken.) All dem entspricht auch die Militärische Moraltheorie genau. Alle jene spezistsch vitalen Tugendwerte, deren positive Schätzung ein kriegerisches Volk auszeichnen, als da sind N?ut und Liebe zum Ohngefähr nnd zur Gefahr, Sinn für das Edle und Heldische, Ritterlichkeit, Treue, Opferkraft, Ehr-gefühl und Ruhmbegierde pflegen die englischen N^oraltheo- retiker traditionell aus der nützlichen Wirkung abzuleiten, welche nicht etwa der Besitz dieser Eigenschaften, sondern nur das Dafürgelten, daß man sie besitze, vor dem „unbeteiligten Zuschauer" und der „öffentlichen Nteinuug" mit sich führe. Es if! fast zum Lachen, wie Smiths Theorie von der Her kunst moralischer TLerte und des Gewissens aus dem reflexiven Mitgefühl des Übeltäters mit dem lobenden und tadeln den Urteil des „nnbekeiligken Zuschauers" dem englischen caut, wie D. Humes Ableitung der Schätzung des Ehr gefühls im zweiten Teile seines Traktates aus dem Nutzen und der Kreditfähigkeit, welche die Achtung anderer mit sich führen, die Natur des — eben nur englischen — „Ehrgefühls" theoretisch apologetisiert. (Siehe das Genauere im Anhang dieses Buches.) Die Herren wissen nicht: „De te taizula nar- ratur^! Sie merken nicht, daß sie überall da, wo „mensch liche Natur" sieht, ein „wir Engländer" zu setzen hätten. Genau so wie in praxi der englische Soldat nur Schrittmacher des Kaufmanns isi, so erscheinen auch in der Theorie der Philosophen die vitalen nnd kriegerischen Tugenden nur als Derivate der spezisisch kaufmännischen Tugenden, wie sie sich in Fleiß, Solidität, Rechtlichkeit, Sinn für Sekuritär in allen Lebensbeziehungen, guten Ruf, Klugheit und Konstanz der VZillensenergie usw. verkörpern. Das Kriegerisch-Ritter liche von dem Räuberischen zu unterscheiden isi den englischen N^oralisien siets am schwersten geworden — eben darum, da ihre Kriegführung stets räuberischen Charakter hatte. Kein ^Zunder denn auch, daß sie den Krieg selbst philojophisch und psychologisch auf eiue Art Räuberei uud schließlich äe 3* 3636 facto darauf zurückführen: daß die Welk noch nicht in ge nügendem M!aße in das Geschäftshaus Old England Lc Co. alsKommis eingetreten ist. Erst dann würde das „soziale und politische Gleichgewicht" völlig erreicht fein. Darf man von dem Kriege, den wir eben führen, hoffen, daß die oben bezeichneten Ideengänge, die ein großer Teil unseres Volkes und unserer Parteien allzubereitwillig von England übernahm, zurücktreten werden^ und wir wieder mit unseren eigenen deutschen Augen die Dinge sehen werden, fo darf man vielleicht auch hoffen, daß jene fchon vorher zurück gewiesene roheste und törichteste theoretische Auffassung des Krieges verschwindet, die wir fo lange sowohl von Angehöri gen des Pazifismus als von Leuten derKriegspartei vorgetra gen hörten, und die aus der englischen Biologie, besonders aus den Theorien Darwins, als besonderen Anwendungen des lltilitarismns auf die Lebenserfcheinnngen, hervorging. Der Krieg — fagte ich — hak, obzwar ein eigentümlich menschlicher Vorgang, eine Wurzel im Wesen des Lebens überhaupt. Aber diefe Wurzel ist gerade nicht — wie uns die Darwinisten und H. Spencer versichern — der tierische Daseins- und Nahrnngskampf; ste ist nicht eine Folge ge wisser Disharmonien der „Anpassung", die alfo mit steigender „Anpassung" überwunden würde. Die wahre Wurzel alles Krieges besteht darin, daß allem Leben selbst und unabhängig von feiner besonderen, wechselnden Umwelt und deren Reizen eine Tendenz zur Steigerung, zum TLachstum und zur Ent faltung feiner Mannigfaltigkeitsarken (Organ, Funktion usw.) innewohnt. Gleichzeitig und durch die gleichen Agen- tien bestimmt betätigt stch diefe Tendenz in Organbildnng37 resp. Organdifferenzierung und in Erweiterung sowie Herauö- formung einer der Artorgauisation entsprechenden „Umwelt" aus dem Gesamtdasein der toten Welt.^ Dieser Tendenz aber sind jene Momente, die Darwin und Spencer zu den alleinigen Wesenszügen desLebens machen, nämlich „Daseinserhaltnng" und „Anpassung innerer Beziehungen an äußere" der Um welt ganz untergeordnet. Analog sind die individualerhalten- den und -steigernden Tendenzen und Kräste (darunter auch die Erwerbsfähigkeit neuer „Gewohnheiten" bei den höheren VZirbeltieren) den arterhaltenden uud artsteigernden Kräften (wie in den echten „Instinkten") nicht wie Spencer wenig stens für die Ursprünge annimmt, übergeordnet, sondern untergeordnet. Zwei Merkmale hat also jener Darwin- Spencersche Lebensbegriff, welche uns tiefere Einsicht heute zurückzuweisen zwingt: Er ist (trotz mancher entgegengesetzter Anläufe Darwins) schroff individualistisch und er ist ganz passivisch und mechanisch. Er entwendet, wie schon Nietzsche, neuerdings Bunge ^ treffend sagten, dem Leben sein Wesen: „dieAktivität". Die großen Entfaltuugs-, DisferenzierungS- uud Formänderungserscheinungen in der Lebewelt sollen nach dieser überall mit Analogien aus der Mechanik spielenden Lehre keine eigene autonome Ursache haben. Sie sollen nur gleichsam statistische Durchschnittserfolge davon sein, daß zu fällig variierende Individuen und Individualkeime sich im „Dasein erhalten". Alle Ent-saltung soll nur Epiphänomen sein zu Er-Haltungsprozesfen; alles Wachstum nur Folge der Aufnahme und Bindung äußerer Stoffe in der Ernährung. Das Leben der Art und alle von ihm abhängigen psychologi schen Kräfte aber sollen dem Individuum nicht real immanent,38 sondern nur eine Zusammenfassung unseres künstlichen Ver standes sein, die er an den Erfolgen der individuellen Variation, den individuellen Erwerbungen (Spencer) und der an diesen Er werbungen und richtungslosen zufälligen Umbildungen statt findenden Selektion des Untauglichen durch äußere Kräfte vor nimmt. Faktisch aber geht die Tendenz zur Erweiterung und aktiven Formung der Umwelt — Nietzsche nannte ste einseitig und unzweckmäßig den „Willen zur Macht" — allen jenen Prozessen vorher, die nur die steigende (und stnkende) An passung der Individuen an ihre Umwelt bestimmen; faktisch geht — wie die N?enge der Restitutionen zeigten — die Ten denz zur Neubildung von Organen allen Prozessen vorher, die aus Grund äußerer Einwirkungen nur ihre Umbildung veranlassen. Faktisch ist die Wachstumstendenz schon der einzelnen Zelle Bedingung jener normalen Ernährung.^ Steigende Anpassung an die Umwelt, die nicht mit jener pri mären Tendenz zur Erweiterung und Erformnng einer „Um welt" gleichzeitig ist, ist alfo so wenig die mögliche Ursache einer „Entwickelung", daß ste vielmehr häusig zum Verlust schon entfalteter Organe führt und zur Entdisferenzierung der Art. Eine Reihe Schmarotzer haben ihre Beiveguugsorgaue und vieles andere durch „Anpassung" verloren und fast nur ihre Verdauungsorgane blieben schließlich zurück; ste gleichen einer Gesellschaft, die nur mehr Handels- und Jndnstrie- gesellschaft wäre. Anpassung und Erhaltung des Angepaßten kann schon darum wahre Entwicklung und Entfaltung der Organisation nicht erklären, da auf jeder Stufe der Orga nisationshöhe die Individuen in allen beliebigen Graden ihrer (von Organisation zu Organisation wechselnden) Umwelt39 angepaßt und nicht angepaßt sein können: Die Qualle wie der Ntensch.^ Nur indem Spencer die,,M'enschenrunwelt" auch den Tieren und Pflanzen zugrunde legt — anstatt deren jeweiliges Ncilieu so, wie es jetzt von Üxküll so instruktiv ge schieht, besonders zu studieren — kann er vermeinen, die echten Organisationöänderuugeu auf Kumulierung von Aupassungs- nnd Standartsvariationen zurückführen zu können. Durch diese grundirrigen Voraussetzungen erhielt aber auch der sogenannte ,,Kampf ums Dasein" und um die Nahrung eine ganz falsche Bedeutung zugeschrieben. Während er für Darwin — der hier charakteristischerweise von den an den englischen Iudustrieverhältnifseu der dreißiger uud vierziger Jahre gewonnenen sozialen Bevölkerungslehren des ortho doxen Puritaners N?althus seine» Ausgang nahm und die Sonderart ihrer Verhältnisse gleichsam in die Natur hinein- projizierte — einer der bedeutsamste» Faktoren der Fortent wicklung des Lebens zu höherer Organisation ist, gilt für eine zutreffendere Auffassung des Lebens das Umgekehrte. Es gilt, daß solcher Kampf um die Nahrung genau nur soweit und in den Grenzen stattstndet, als jene primäre Tendenz zur Erweiterung und Ersormuug eines besonderen N?ilieu, sowie gleichzeitiger, durch dasselbe Agens bestimmter Organbil dung, in ihrer Kraft nachläßt, das heißt als das Leben in einer Art stagniert nnd niedergeht. Was in Lebewesen zur Entfaltung, zur Erweiterung und Erformuug ihres eigen tümlichen N?ilieu führt, das eben hemmt zugleich diesen Konkurrenzkampf um die Nahrung und macht ihn relativ unnötig. Nur soweit stch die Milieus der Lebewesen jeweilig noch schneiden und das heißt soweit die Wirksamkeit derursprünglichen Differeuziernngsursache von Organ und Um welt stagniert, gibt es und kann es solchen „Kampf" um eine gemeinsame Nahruug geben. N^angelnde INachtent- faltnng des Lebens also snhrt zu Daseins- und Nahrnngs- konknrrenzkampf. Je schärfer die Artorganisationen ge schieden sind, und je tiefer zwischen ihnen die Verschieden heiten in deu vital wichtigsten Organen und Funktionen gehen, desto mehr gibt die lebendige Natur dem geistigen Auge das Bild eines friedlichen Zusammenwohuens und einer Solidarität der Kräfte, und nur an den Grenzen und unklaren Übergängen herrscht das Prinzip des Nahrungs kampfes. Analog gilt: Soweit die Organismen überhaupt im Verhältnis von Jäger und Beute zueinander stehen — nicht also bloß des Nahrungskonkurreuzkampfes — desto spezifischer wird die Beute bei wachsender Organisation, während gleichzeitig die Eintracht der Familien oder Herd genossen der soziallebenden Tiere und schließlich der Art- genoffen bei Verteilung und Verzehren der Beute, bei wach sender Höhe der Organisation zunimmt und mit sinkender sich verringert. Die Hyänenmutter — die Hyäne ist ein stark parasitäres Tier — entreißt selbst ihren Jungen die Beute im Gegensatz z. B. zu Löwe und Tiger. Beide Fak toren verringern also den Beutekampf. Desgleichen gilt, daß Ausscheidung der schwachen und kranken Individuen aus der Fortpflanzung — denn nur dies ist echte Selektion — nicht nur durchaus nicht in dem N^aße stattfindet, als Darwin meinte — eine sehr genaue Untersuchung an unfern Nordseeheringen ergab z. B. das gegenteilige Resultat — sondern auch nur in dem N?aße erfolgt, als die mit niedriger 4c>Organisation im allgemeinen wachsende, mit höherer ab nehmende Vermehrungstendenz der Arten sich steigert. Am irrigsten aber ist die Meinung, daß das Reüssieren im Da seins- und Nahrungskamps, soweit er unter Arten selbst stattfindet, auch Folge oder Zeichen höherer Organisation sei. Das ist so salsch, daß vielmehr gerade umgekehrt sehr häufig die große Masse der niedrig und schlecht organisierten Lebensformen die höhere und edlere Lebensform im Kampfe um bloße Nahrung überwindet und zum Aussterben bringt. Eine ganze Reihe hochorganisierter ausgestorbener Tierarten und Pstanzenarten geben uns Beispiele hiervon. Ich sagte: menschliche Dinge wie der Krieg und die Arbeit können niemals vollständig aus biologischen Gesehen begrissen werden; denn der neue Faktor „Geist" kommt bei ihnen hinzu. Aber gleichwohl haben sie alle eine vitale TLnrzel. Wir müssen also zwei Wurzeln auch aller mensch lichen Kämpfe unterscheiden. Für allen wirtschaftlichen Konkurrenzkampf zwischen Individuen und Völkern ist diese Wurzel dieselbe, die den tierischen Nahrungskampf und Beutekampf leitet; diese ^Wurzel ist sür die Ausbildung der Technik und der ökonomischen Organisationssormen das Prinzip der steigenden Anpassung an eine gegebene stationäre Umwelt. Sie hat gleichzeitig die individualistische Tendenz zur Voraussetzung. Diese Wurzel aber ist für deu Krieg nicht eines dieser Prinzipien oder beide zusammen, sondern das andere, das tiesere und dem Leben wesentlichere Prinzip ursprünglicher I^achtsteigerung in Erweiterung und Er- formuug der Um- und TLirkenswelt der edleren uud höher- gearteten menschlichen Gruppe«. Und gleichzeitig ist die42 TLurzel des Krieges das dem individualistischen Prinzip übergeordnete Prinzip des llniversalismus des Lebens, wie es sich in der Staatsbilduug als der Bildung eines in allen In dividuen identisch gemeinsamen, selbständigen, über alle In dividualinteressen und -Neigungen real erhabenen, die Zeitinter essen der Generationen real überdauernden Lebenswillen des Staatswesens und seiner vernünftigen Regeluug verkörpert. Eben darum liegt aber auch VZachseu uud Werden, liegt N^achtsteigerung im VZesen des Staates selbst; es ist kein ak zessorisches N^oment sür ihn, das da sein oder schien könnte. Der nichtwachsende Staat, der Staat, der nur aus,, Erhaltung" seines Seins und Soseius bedacht wäre, es wäre der tote, der er starrte, derseinTLesen ausgebende,—der sinkende Staat. Alles Tote, Mechanische sucht stch nur zu „erhalten" uud gehorcht den bekannten mechanischen „Erhaltungsprinzipien"; während Leben wächst oder niedergeht. Krieg aber, das ist der Staat in seinem aktuellstenTLachsenuudTLerden selbst. Krieg ist,Poli tik katexochen", wie Treitschke richtig sagt. Es ist also darum auch nicht richtig, daß es „natürliche Grenzen" der Nationen gäbe, denen der Staat stch nur „anzupassen" hätte, wie es jüngst wieder Ludo Hartmann auf dem Soziologentag mit, wenn auch noch so geschickten Gründen, sür die deutsche und tschechische Nationalität vertreten hat.^ Der Staat ist nicht von der „Umwelt" des naturgegebenen Volkes abhängig: er bildet ste, er sucht erst sür die Geistes- und TLilleusrichtung seines volklichen oder nationalen einfachen oder gemischten Substrates die deren Aktionsgröße und Richtung gemäße territoriale Umwelt. Alfo ist der Krieg mit der Existenz des Staates und der Vielheit der Staaken gleich ursprünglich,43 wie schon Treitschke richtig hervorhob. Ja, der kriegführende Staat ist der Staat in der höchsten Aktualität seines Daseins. Alle ökonomische Arbeit der Gesellschaft und alle ihr dienende und stch wandelnde ProduktionStechnik und Organisztionsform der Arbeit hingegen folgt dem, dem Leben nicht minder wesent lichen, aber seinem ursprünglichen Aktivismus untergeordneten Prinzip des Neaktivismns oder der Anpassung, desgleichen des ökonomischen Konkurrenzkampfes. Anpassung wie Kampf stnden aber immer nur innerhalb des Ganzen der Iltilieu- grenzen statt, welche die Staaten in Krieg und Kolonisation ersormt und gebildet haben. Und nur die, nach au stch be stehenden Vernuuftprinzipien, zugleich aber auf Grund des eigentümlichen Volkswesens, erfolgende Ordnung der inneren Organisation nnd der von all diesen Organisationen um spannten Privatinteressen, stellt das durch den Staat gesehte „Recht" dar. Also ist dem Staatsmacht und INachtwerden nicht minder wesentlich als Setzung und Realisterung der Rechtsordnung durch eine posttibe Gesetzgebung. Eben diese eigentümliche Art der Verwurzelung des Krieges im Leben selbst bringt es nun auch mit stch, daß er im ge schichtlichen Dasein analoge Funktionen ausübt, wie die ur sprünglichste Tendenz des Lebens selbst. Spencers biologisch fundierte Soziologie war in einem falschen Lebensbegrisf fundiert — und darum konnte Spencer diese wahre Funktion des Krieges nicht sehen darum allein konnte er glauben, den unbegrenzten Fortschritt des industrialistischenPazifismus soziologisch recht fertigen zu können. Sieht man genau auf die wesentlichsten Punkte der englischen Biologie hin, so gewahrt man ja nun ganz deutlich, daß ste nur die Projektion und Univerfalisterung44 der vorhin genannten liberalen und Militärischen Prinzipien der englischen Kaufmannsphilosophie auf das ganze Reich des organischen Lebens iß. Alles entspricht sich hier aufs ge nauste: der Individualismus hier und dort (siehe Vertrags- lehre), die grob-mechanistische M^etaphysik, der Glaube an „Nutzen" und „Anpassung" sogar als lebenssteigernder Mächte, die Verwechslung von „Umwelt" und „Welr", der Ökonomismus aller Geschichtsauffassung, die Unterord nung der Tugenden des Edlen unter das Nützliche, des Or gans unter Werkzeug und INaschine.^. So unvergleichlich tief also sind hierNatnrauffassuug,Ethik,Staatslehre uudGe- schichte dieses Volkes ineinander verwachsen! Kein TLnnder drum, daß Spencer (im Unterschied von älteren Utilitariern) aus seinen biologischen Prinzipien auch wieder den Liberalis mus, Pazifismus uud Militarismus abgeleitet hat; ja daß er damit gerade was Neues zu sagen wähnte! Der Grund, daß er es vermochte, ist einfach der, daß er ja zuerst diese traditio nellen Prinzipien englischen Denkens in die Lebenserscheinun gen hineingedeutet hatte! Nun aber sehen wir, daß der Krieg so wenig ans „ökonomischen Faktoren" zu begreisen ist oder als fortgebildeter Nahrungskampf und Beute- oder Raub zug — daß es vielmehr die mileuerweiterude Kraft des Krieges für die Sphäre des Staatswillens mit sich führt, daß die Intensität und die Gewaltformen des Nahrungskampfes sich durch den Krieg verringern. Dieser Gewaltkampf um TLirtfchaftswerte im Frieden ist durchaus kein bloßes N^erkmal unentwickelter VZirrfchafts- verhälrnisse. Er verschwindet in der historischen Entfaltung des Wirtschaftslebens nicht, fondern ändert allein feine Form von45 der mehr unmittelbar physischen Gewalk zur ökonomischen und moralischen Vergewaltigung — die sich gerade in langen, dem Kapitalismus günstigen Friedeuszeiken immer stärker ausbreitet und unter dem modernen Wirtschaftsprinzip „freier Konkur renz" sogar an Intensität nnd Ausbreitung im Verhältnis zu anderen Zeitaltern unverhältnismäßig gewachsen ist. Preis unterbietung und -überbietung, ungerechte Monopolisierung, Kartellierung uud Vertrustung, Sabotage, Streik mit Ver tragsbruch, lügenhafte und gewifsenlofe Reklame, all die tau senderlei auf List uud Täuschung beruhenden Kunstgriffe des Börsianers, des Schiebers und Wucherers, der Grundstück spinne, die durch die weiten N^ascheu der Gesehe hindurchfallen, die bekannten Formen des Beleidigungsprozesses, durch die der Mißliebige Gegner mundtot gemacht wird, wie immer er das sittliche Recht zur Seite habe, — und tausenderlei Ähnliches sind Gewaltformen des Kampfes im Frieden, die moralisch nicht um ein Haar weniger verdammenswert sind, weil sie sich der Gesehe und des „Rechtes" gar noch zur Erreichung ihrer Zwecke bedienen. TLohl aber stehen sie sittlich unendlich tief unter der Gewalt, die im Kriege angewandt wird, da ste nicht wie diese dem idealen Ziele der politischen Selbständigkeit, Freiheit und N?acht des Staates, sondern nur Privat interessen dienen uud gegenüber jener offenen und ehr lichen Gewalt noch den Schein einer pharisäischen Kor rektheit vortäuschen. Denken wir uns mm aber einen dau ernden Friedenszustand in einer Gesellschaft, in dem alle Ä^achterweiterung, die dem Abfluß der Privatinteressen und des wirtschaftlichen Unternehmungsgeistes nach außen (Kolonisierung) dienfam werden kann, alle möglichen Zu-46 fammenstöße mit fremden Völkern vermieden worden wären, so müßten sich im Innern dieser Gesellschaft gerade diese niedrigsten Gewaltformen bis aufs äußerste steigern. Die Ge samtsumme der „Gewalt" aus Erden würde nicht sinken, sondern bedeutend anwachsen. Denken wir gar die Mensch heit von jeher im Friedenszustand, (wobei wir anzunehmen hätten, daß stch die vorhandenen Gruppen nur die nach Natur, Klima, Bodenbeschaffenheit, Fruchtbarkeit günstigsten Po sitionen der Erde zu ihrem Wohnort ausgelesen hätten), so ist gar nicht auszudenken, welche Zunahme und Intenst- tätösteigeruug diese Art von Gewaltkämpfen angenommen hätte. Ich glaube, die Ilteuscheu hätten stch gegenseitig „friedlich" aufgefressen, wenn nicht die Würde des Kriegs selbst noch die Gewalt geheiligt und auf gemeinsame Ziele großer Gemeinschaften gespannt hätte. Es ist der Krieg — wie fchon Kant fah — der die Erdkugel gerade in den Zonen bevölkert hat, die durch die Arbeit, die ste als weniger von Natur begünstigte, erzwangen, Technik uud Zivilisations- bildnng aufs stärkste gefördert, ja erst möglich gemacht hat. Es ist der Krieg, der die faktischen M^ilieus der Völker erst aus möglichen ausschnitt, an welche dann technische und sonstige Anpassung vermöge TLerkzeug, ^Maschine, Arbeit und die gewerblichen uud kaufmännischen Tugenden erfolgen konnte. Die 2Laffe ging dem ^Werkzeug vorher und auch fast alle alte und neuere höhere M^echanik ist als Unterstützung der Kriegs und Befestigungstechnik entstanden (Galilei,^ Ubaldi, Leo nardo). Gleichzeitig aber schafft der Krieg damit auch dem Rechte des edleren Volkes eine weitere und weitere Sphäre der Verbreitung und Anerkennung. Vor allem aber wirkt der4? Krieg jenem ruinierenden Nahrungskampfprinzip entgegen, das — wie sich zeigte— gerade die höheren und edleren Lebens organisationen mit ihrer vergleichsweise sinkenden Vermeh- rnngstendenz und steigendem durchschnittlichem Lebensalter zur Beute der — vom Standpunkt der Anpassuugswerte ge messenen — häufig weit besser angepaßtem und fortpflanzungs kräftigeren großen Iltasse der gemeineren und niedrigeren kurzlebigeren Lebensformen werden läßt. Dächte man sich die Geschichte ohue Krieg und in ihr nur dasjenige Gesetz der Erhaltung des Nützlichen uud der bestangepaßten und an passungsfähigsten Varietäten wirksam, das in menschlichen Verhältnissen vor allein in den ökonomischen Konkurrenz kämpfen der Individuen und Klaffen und ihren Ergebnissen hervortritt, fo wäre die notwendige Folge, daß überall die bloße Nceuge des Kleinen das stets in N?inorität befindliche Nichtige uud Differenziertere vernichtete. Analog würden die Besitzer der Anpassungstugenden und -laster, Schlauheit, Schmiegfamkeit, Arbeitsamkeit, Sinn für Sicherheit, aber auch Feigheit, Mißtrauifchkeit, Verlogenheit, Servilität, egoistische Rechenhastigkeit die Besitzer der entgegengesetzten, das heißt der „edlen", der „heldischen" Eigenschaften über leben und überdauern! Darum ist der Krieg in seinem Ersolg nicht nur die Wirtschaftspolitik katexochen, fondern auch die qualitative (nicht quantitative) Bevölkerungspolitik katexochen. VZenn das wirtschaftliche Kampfprinzip nur auf Erhaltung und Steigerung der Quantität der Bevölkernngsvermehrung auf einem gegebenen Territorium durch steigende Technik und klügere Organisation gerichtet ist, damit aber gerade die niedrigeren Lebensformen von Haufe aus begünstigt,43 so wirkt das kriegerische Kampfprinzip dem eben dadurch entgegen, daß es die Fortpstanzungsfähigkeit der qualitativ edleren Minoritäten im Völkerkampf steigert, die durch die Wirksamkeit des ersten Prinzips allein dem sicheren Ruin ausgeliefert wären. Ein Volk oder eine Gruppe, die wir „edel" nennen, zeigt die damit angedeutete Höhe seiner geistig-vitalen Artung eben durchaus nicht in gesteigerter An passungsfähigkeit an alle möglichen Verhältnisse der Natur und Herrschaft. Umgekehrt erweist es diese Artung darin, daß es ties in seiner Seele gesonnen ist, lieber zu sterben als „so" — d. h. unter beliebigen Verhältnissen — zu leben. Nur wo es Natur und soziale Umwelt seiner vitalen und geistigen Eigen art anpassen kann, akzeptiert sein tieferes Wollen und Ge fühl Dasein, Leben und Fortpflanzung. Es stnd die Diener völker, die ohne selbständige, politische Organisation und Ter ritorium weiter zu existieren und stch allen beliebigen Natur- nnd Herrschastsverhältnissen „anzupassen" vermögen. Es ist das Unkraut, das überall gedeiht! In ebendieser Situation der edleren, differenzierteren N?inorität aber befindet stch gegenwärtig derjenige Teil der germanisch-keltisch-slavischen Völker ^Westeuropas, in denen der Geist des Edelstnns auch noch die Herrschaft im Staate besitzt und nicht vor einseitigen reaktiven Racheimpulsen wie in Frankreich und rein kapita listischem Räubergeist wie in England abgedankt hat, gegen über des Ganzen der russtch-byzantinischen und gelben Völker welt. W>ären lwir also auf den friedlichen, ökonomischen Konkurrenzkampfs allein angewiesen, fo würde Westeuropa, auch derjenige Teil, der hellte verblendet genug ist, aus purem Haß gegen uns Deutsche stch zum Vorkämpfer Rußlands-49 und der gelben Raffe zu machen, alsbald der Unterlegene, Besiegle fein. Obzwar diese östlichen Völker unfähig waren und sind, die ^Methoden und Techniken zu ersinnen und fort zubilden, die unsere höhere, auch unsere höhere ökonomische Zivilisation herbeigeführt haben, haben sie doch ein dauerndes Übergewicht über die edlere NÄnorität Europas. Dieses Übergewicht erwächst ihnen mit der Zeit notwendig, schon durch das Zusammenwirken der leichten, nicht bloß in unserer Eigensucht nnd Torheit, sondern im Weesen dieser und aller utilistischen N?ethoden nnd Techniken, auch noch im VZesen der Resultate der exakten TOiffenschaften (im Unterschied zu Kunst, Religion, Philosophie) liegenden internationalen Ver- breitbarkeit und Ablösbarkeit von ihrem nationalen und kul turellen Ursprungsboden, verbunden mit ihrem weit stärkeren quantitativen Bevölkerungswachstum. Auch hier kann also gerade nur das kriegerische, nicht das friedlich-ökonomische Kampsprinzip diese edlere N?inorität auf die Dauer vor dem Untergang retten. Ein siegendes Nußland wäre auch der Anfang vom Ende der englischen Herrfchaft in Persien und Indien und die Unterstützung Japans durch England hinsicht lich seiner chinesischen Aspirationen wird sich bei der ersten Ge legenheit gegen England selbst wenden. Nur die Annahme, Herr Grey habe, nach bekannter englischer Ncethode, die Kontinentalmächte nach Bedarf gegeneinander auszuspielen, damit gerechnet, daß Rußland als der gefährlichste Konkur rent Englands — ohne zu große englische Einbuße durch Englands Teilnahme am Dreiverbande — geschwächt werde, läßt ihn noch als einen politischen Kopf, wenigstens im macchia- vellistifcheu Sinn erfcheinen. Und so paradox es auch heute noch50 klingen mag, so sind wir doch überzeugt, daß dieser ungeheure Krieg, in dem wir jetzt allein und von aller JDelt verlassen stehen, nicht nur die selbstverständliche Folge eines innigeren Zusammenschlusses des deutschen Reiches und Österreichs habeu wird, als des festesten und durch den Kapitalismus englischer Herkunft noch am wenigsten in stch zerfressenen Kernes west licher Kultur, sondern daß gerade in ihm und seinen Folgen eine politische, geistige nnd wirtschaftliche Solidarität Euro pas angebahnt wird, die allein in dem immer näher rückenden Kampfe gegen den Osten überhaupt, der Sache der westeuro päischen Kultur und ihrer Völkerwelt den dauernden Sieg verheißen kann.^ Mtan lasse nnr erst England genügend schwere Enttäuschungen über seine jetzigen „Freunde" Ruß land und Japan, Frankreich aber — womit Belgien, was England betrifft, schon beginnt —, seine noch schwerere über Wert und Bedentnng seiner russtsch - englischen Freund schaft erleben, und die Bündnisfähigkeit der westeuropäische» Mächte zu einer solidarischen Einheit der Westmächte über haupt gegen den Osten, das Ganze zentriert um den Kern eines steghaften Deutschland und Ästerreich, wird gewaltig gesteigert fein. Ist der Krieg überhaupt die stärkste staateu-, Völker- und nationalbildende Krast der Geschichte — nicht aber, wie der oberflächliche Blick allein steht, nur Prinzip der Iltenschenscheidung, —so ist es also diesem unerhörten Kriege vielleicht vorbehalten, die westeuropäischen Nationen zu einer Art der Einheit und Solidarität zusammenzuschweißen, für die uns noch der Name fehlt. Für die innere Unklarheit unserer darwinistischen Kriegs- ideologen ist nichts charakteristischer, als daß ste aus demselben4* biologischen Kampf ums Daseinsprinzip bald einen extremen Pazifismus und Jndnstrialismus, bald den Militarismus und die meist sehr niedrig einzuschätzenden Intentionen bloß von militärischem Staudesehrgeiz uud Bernssinteresse geleiteter sogenannter „Kriegsparteien" abgeleitet haben. Die letzteren „Darwinisten" sehen im Kriege nur den menschlichen Spezial fall zu jenem „Kampf ums Dasein", den sie — durch Darwin geistig anglisiert — für deu JNotor aller Entwicklung halten. V5ie fchon E.^v. Hartman» meint (stehe „Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins", S. 670) ist ihnen der Krieg ein „Prin zip der natürlichen Zuchtwahl zwischen Rassen und Völkern", das solange die Herrschaft besitzen müsse, als bis „künstliche Zuchtwahl ste ablöse". Diese Lehre ist schon darum ganz un- stmüg, da ste streng genommen nur für die sittlich wie rechtlich ab solut zu verurteilenden Kriege,^ die puren Vernichtungskriege einen Sinn haben könnte, d. h. für Erscheinungen, welche die neuere Zeit iuuerhalb der zivilisierten Welt nicht kennt. Denn nur Vernichtung einer Gruppe ihrem Nüturdajein nach führt zum Ausschluß aus der Fortpslauzuug. Die bloße Neuver teilung der politischen M^acht schließt ja fernere Fortpstan- znng nicht aus, ja pstegt auch die Fortpstauzuugsgröße durch aus uicht wesentlich zu ändern. Überwundene und beherrschte Völker pslanzen sich ost — ja meist wie die dienenden Schich ten überhaupt — reichlicher fort als die herrschenden Grup pen. Dazu bürgt jene rein phystsche Stärke und Übermacht, welche die Anhänger dieser Lehre gemeinhin allein im Auge haben, mit nichten für höhere Macht, geschweige Kultur potenz. Der gerechte und ungerechte Krieg würde hier un- nnterfcheidbar. Der Vorzug wenigstens der logischen Konse-62 queuz aus den an sich falschen darwinistischen Voraussetzungen kommt denn auch hier durchaus den pazifistischen Geschichts naturalisten zu. Sie sagen ganz richtig, daß der Krieg nur eine bestimmte Form der biologischen Kämpfe sei, die sich ohne Verletzung des Nahrungskampsprinzips überhaupt in der Lebewelt sehr wohl historisch überleben könne, indem an ihre Stelle eben die ökonomischen Interessenkämpfe und an dere unkriegerische Kampfformen träten. Die pazifistischen Darwinisten weisen weiter ganz richtig (von dem falschen in dividualistischen Standpunkt ihrer englischen Geistesväter natürlich nur) darauf hin, daß gerade die Kriegsform des Kampfes kontrafelektorisch wirke, indem es ja gerade die jüng sten, kräftigsten, mit den besten Erbwerten ausgestatteten In dividuen sind, die, häustg vor der Fortpstanzung überhaupt, zum Teil wenigstens ohne die ihnen sonst mögliche Fortpslan- zungsleistung aus den Volkskörpern ausgemerzt werden.^ Irrig ist nur die individualistische Voraussetzung des Schlusses. Die momentane Ausscheidung einer größeren An zahl der Tüchtigsten in einem Volke kommt gegenüber den hohen vitalen Erbwerten der kriegerischen Eigenschaften des ganzen Volkes, die im Notfall anstatt zur Unterwerfung unter den Gegner zum Kriege drängen, gar nicht in Betracht. Um gekehrt ist der seelische Impuls zur Erhaltung der Tüchtigsten, der im Gegensatz zur kriegerischen Tugend der Opferbereit schaft gerade der Tüchtigsten und der von der Umwelt Gelieb testen für das Vaterland steht, ein sicheres Zeichen auch der biologischen N^iedergangstendenz dieses Volkes. Diese Opfer- bereitschaft aber gerade in den Tüchtigsten und ihrem An hang ist ein sicheres Zeichen des reichen, hohen Lebens in diesem53 Volke. Alles hochgeartete Leben ist verschwenderisch mit seinen Kräften. Der Schrei „a das I2 ^uerre" seitens der französischen Frauen und Kinder, ihr Sichhinwerfen vor die Schienen der Züge der abziehenden Soldaten, war sicherlich kein Zeichen der französischen Lebenskraft. Dazu balanciert das, was die Vorbereitung auf den Krieg, zumal im siehen den Volksheer au VÄllenserziehuug, an Förderung der Leibes- gesuudheit und Abhärtuug leistet in weitem N?aße jenen Aus fall. Endlich ivird der Ausfall quantitativ durchldjeiu ihren Ursachen noch nicht erklärte, aber schon von Süß<knw/nener- dings durch Pleß, Düsing u. a., festgestellte Tatsache einer erhöhten Knabengeburt nach Kriegen — eine Art Restitution des volklicheu Gesamtorganismus — zum Teil wieder wett gemacht. TLir ersehen nun, daß beide Teile, sowohl Pazifisten wie ^Militaristen, die aus deu darwinistischen Prinzipien ihre Lehren folgern, gleich unrecht haben und zwar darum, weil ihre gemeinsamen Prämissen falsche sind. Wie vielmehr in der menschlich-historischen Sphäre der bloße Daseins- und Nahruugskampf aufhört, ein Kampf um Existenz und Fort pflanzung zu sein; wie sich dieser Kampf vielmehr in einen bloßen Konkurrenzkampf um die höhere Lebenshaltung ver wandelt und sich nur mehr um Eingliederung der Einzel- subjekte in die bestimmten Klassen eines irgendwie gegliederten Klassennetzes dreht; wie gleichzeitig für Erhaltung durch Ver erbung das Prinzip der Kumulation der Kultur- und Zivili sationsmittel durch Tradition (Sprache, Geist) an die erste Stelle tritt: so tritt an die Stelle jener primären Tendenz des Lebens zur Il^achterweiteruug durch N^ilienerweiterung54 und neue Organbildung der Krieg als Ncittel willentlicher M"achtverteilung an die Völker in den sie umfassenden Staa ten. Daß diese tiefgreifende Umformung der Entwicklungs- kanfalität auf der Stufe des Menfchendafeins notwendig wird, hak seinen Grund darin, daß mit steigender Entwick lungshöhe des Lebens die fernere rein vitale Entwicklungs fähigkeit abnimmt; beim N?enfchen als dem höchstorgani- sterten Tier also die kleinste ist. Der M'enfch ist — wie Weismann treffend sagt, die organologisch „fixierteste Tier art". Daß aber diese Umformung auch möglich ist, hat feinen Grund im „Geiste", jenem autonomen und aus aller „Natur" nnableitbaren Prinzip, das im Ncenschen hervor bricht und eine neue AVelt über aller Natur gestaltet und formt: Die Zivilisation, die von ihr grundverschiedene „Kul tur" und das geistig geschichtliche Leben. Es ist also erst eine eigentümliche gegenseitige Befruchtung, welche die ursprünglich kriegerische Art des Lebens selbst („vi- vere est militare" sagt schon ein alter stoischer Sah) als einer ursprünglichen Tendenz des VZachsens nnd der Entfaltung von ^Mannigfaltigkeit, mit dem Geiste und feinen fpezistschen Vier ten eingeht, die uns die Stelle stchtbar macht, die der Krieg in der TLeltordmmg besitzt. Es war ein Irrtum — auch die ge schichtliche Erfahrung von I. G. Fichte bis Bismarck hat es uns gelehrt — wenn die alte deutfch-idealistifche Philosophie (Kant, Fichte, Hegel) die gleich ursprünglichen Erscheinungen von Staat nnd Krieg nur aus einem dieser beiden Prinzipien, dem vernünftigen Geiste verstehen wollten. Dieser Irrtum ist nicht minder groß wie jener der rein naturalistischen Kriegsanf- fasfung. Daß der Atem des Staates, auch des Nationalstaates55 N^acht ist, blieb diesen Rationalisten hierdurch verschlossen. Selbst bei G. Fichte, dem Herrlichen, der unker den deutschen Philosophen noch am meisten Sinn für das heldische Myomen: in der Geschichte besaß, und der die Nationalidee unter den deutschen Denkern am tiefsten formulierte, bleibt der deutsche Nationalstaat nur die Form, in der stch eine universale Ver- nuuftgestaltung und -bilduug vermittels einer Art Erziehung der N^enschheit durch das „Urvolk", das „Vermmstvolk", durchsehen soll. Der nationale Staat hat ihm als konkrete Kollektivpersönlichkeit noch kein letztes metaphystscheö Recht — er ist noch nicht nur stch selbst und Gott verantwortlich; er behält für ihn nur den TLert einer Einrichtung der „gött lichen Erziehung des Menschengeschlechts" (Lejstng) zur Ver wirklichung dessen, was sein Lehrer Kant, noch unmittelbarer als er selbst, als Maßstab an die Geschichte anlegte: Zur Realisierung der Idee der TLeltrepublik. F. N?einec?e, der in seinem Buche „Weltbürgertum und Nationalstaat" in äußerst feiustuuiger Voeise die DZandluugeu der deutschen Nationalidee verfolgt, bemerkt in bezug auf I. G. Fichte: „Zum Viesen des Ncachtstaates gehört die lebendige Be weguug nach außen hin, Berührung mit den Nachbarn in Freundschaft und Feindschaft uud eine gewisse Pleonexie. Hierzu mit in erster Linie gebraucht er seine Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Nach Fichte soll er ste jetzt gerade um gekehrt dazu gebrauchen, stch abzuschließen von den Macht kämpfen der übrigen Staaten." Aller Kolonialpolitik, durch die allein eine durch N^achtverteiluug vermittelte optimale Kulturverteilung anf der Erdkugel erfolgen kann, schneidet Fichte die Wurzel ab mit dem Satze: „O möchte doch den56 Deutschen sein günstiges Geschick ebenso bor dem mittelbaren Anteile an der Beute der anderen Welten bewahrt haben, wie es ihn vor dem unmittelbaren bewahrte!" Den Grund aber für diese skatische und letztlich universalistische Auffassung des Nationalstaates gibt Fichte selbst an, wenn er schreibt: „Das bunte und verworrene Gemisch der sinnlichen und geistigen Antriebe durcheinander soll überhaupt der Welt herrschaft entsetzt werden, und der Geist allein, rein und aus gezogen von allen sinnlichen Antrieben, soll an das Nuder der menschlichen Angelegenheiten treten." Also bleibt auch Fichtes Nationalidee doch in jener Grundstimmung des Nur- dichterdenkerdeutschen beschlossen, die Miseren Johann Paul Richter sagen ließ, daß bei der Verteilung der Erde „Frank reich das Reich der Erde, England das Reich des TLassers und Deutschland das Reich der Luft zukomme." Nein uicht „der Geist oder gar die Vernunft allein", fondern unter den individuell konkreten Nationalperfönlichkeiteu, die als solche immer mit ihrer Geist- und Personnatur zugleich letzte unteil bare Einheiten menschlicher Lebensmächte verkörpern, die edelste „soll" aus Ruder, nicht der „menschlichen", wohl aber der europäischen^ Angelegenheiten treten. Und diesem idealen „Soll", nicht der bloßen Verteidigung irgendwelcher „natürlicher Grenzen" der Nation dient der Krieg, in dem er das Examen rigorosum für den TOert aller physischer, intel lektueller nnd Charakterkräfte an den Völkern vollzieht. Ihm dient auch diefer hehre Krieg, dessen Erfolg das Gottesgericht über die Frage enthalten wird, welche Rangabstufnng zwischen den Herrschastswürdigkeiten über Europa nnd seine Kolonien zwischen den führenden Nationalpersönlichkeiten existiere. —-67 Es war aber ein noch tieferer Irrtum, als der jener philo sophischen Nationalisken Staat und Krieg, so wie es Spencer und die darwinistischen NMitaristen taten, ans bloßen Lebens gesetzen verstehen zu wollen und das eigentümliche Prinzip des Geistes — im genauen Gegensatze zum Fehler unserer klassi schen Philosophen — zu vergessen. Der Staat, d. i. an erster Stelle eine geistige Willenspersönlichkeit, ausgebaut aus einen vitalen Gesamtorganismus des Volks. Beide sind nicht min der real wie die einzelnen Organismen und Personen; das geistige Prinzip aber ist sür den vitalen Unterbau leitend und lenkend. Der Krieg ist demgemäß zugleich Ausdrucksgebärde und impulsive, stoßartige Entladung dieses unteilbaren nnd nur in al>8tracto zu scheidende» Ganzen der geistig-vitalen „Nation" uud willentliche Lenkung dieser Entladung, um zu einen: bestimmten Staatszweck, des Staates TLillen einem anderen Staate durch Gewalt aufzunötigen. So hat der Krieg immer die zwei entgegengesetzten Eigenschaften in sich: die Eigenschaft eines elementaren, seelisch vitalen Natur ereignisses, in dem steh lange gestaute Kräfte und „Span nungen" lösen/lmd eiuer bewußten Zweckhandlung der Staats person mit mehr oder minder fest umschriebenen „Forderungen" an den fremden Staat. Auch sprachlich kommt dies klar zum Ausdruck, indem man einmal sagt: der Krieg „bricht aus", uud eiu andermal, er wird „erklärt". Bei aller Er forschung der Ursachen der Kriege muß stets mit beiden, ihrer Natur nach ganz verschiedenen Kausalreihen gerechnet werden. TLeder eine rein geistige Zweckaussassuug, noch eine nur natu ralistische Auffassung des Krieges als eines soziologischen Natnrphänomens würde ihm gerecht.2. Krieg und Geisteskultur Ist mit dem Gesagten die vitale TLnrzel des Krieges an gedeutet — nicht als einer historischen Erscheinung, sondern als einer dauernden ^Leiteinrichtung — so entsteht nunmehr die große Frage, die so viele unserer besten Deutschen getrennt hat, wie er und sein Subjekt der Staat stch nun nicht mehr znr Wirtschaft nnd zur gesamten Nntzlichkeitszivilisation, die er, wie gezeigt, als eine ganz von ihm abhängige Er- scheinnngsgrnppe bedingt und bedingen soll, sondern zur freien Geisteskultur in Kunst, Philosophie, Wissenschaft usw., und ihrem Höhen- und Breitenwachstum verhält; nnd wie er stch in zweiter Linie der einheitlichen, religiös-stttlichen Aufgabe des Menschengeschlechtes und ihren höchsten posttiven Jdeal- bildungen, sei es einordnet sei es ihnen widerstreitet. Als Fr. Nietzsche und Jakob Burckhardt, der Verfasser der griechischen Kulturgeschichte, stch im Sprechzimmer der Universität Basel den Brand des Louvre gelegentlich der Einnahme von Paris im Jahre 1871 mitteilten, da durch zuckte kein Freudenstrahl die Herzen beider ob unseres Sieges. Nnr tiefe Trauer über den möglichen Verlust all dieser Klmstschätze, gemischt mit Entrüstung gegen die preußischen ,,Barbaren" ward laut. So maßen diese bedenkendenN?änuer die großen geschichtlichen Dinge. I. Burckhardt zeigt auch in seinen historischen Arbeiten für den Atem des Staates keinen Sinn. In der griechischen Kulturgeschichte tritt die Polis fast gewollt auffällig zurück. Den Eindruck eigent- tümlicher Leere und Ilnvollständigkeit, den selbst die, jenem VZerke weit überlegene „Kultur der Renaissance" durch den59 INangel aller Berücksichtigung des Staatslebens der Re naissance und seiner tollen Kriegstänze macht, hak Treitschke mit Recht hervorgehoben. N?an sieht schimmernde Spitzen eines historischen Lebenszusammenhangs, auch die Breite von blinken Gebräuchen, Sitten — man sieht keine Lebens- nnd N?ächtebasis und alles scheint wie in der Lust zu stehen. Ncan sieht Bild, hört Gesang, aber ihr tiefer Einklang mit dem Klirren der Schwerter und dem Blitzen der TVasfen bleibt verborgen. Damit auch verborgen, wie diese Kultur ganz aus dem Gewaltsiaat der Renaissance geboren war. Hatten diese INauuer etwa darin unrecht, wenn sie in ihren TLertschätzuugen den geistigen Kulturinhalt und seine freien Schöpfungen über alle bloßeNcacht erhaben wähnlen? TLenn sie den Genius über den Helden setzten? Nein, darin hakten sie recht! Hier gibt es nicht Vorliebe und Geschmack, sondern nur gauz einfache ewige Gesetze, die dag Herz so klar sieht, wie der Verstand einfachste mathe matische Beziehungen.^ Erkenntnis der Wahrheit, die Vierte reiner Schönheit und Erhabenheit stehen an Rang über dem JDerke des ,,Edlen"; ebenso wie dieses „Edle" über dem „Nützlichen" stehk; wie der Logos über dem ^ dieses aber über dem so wie es Plakos tieses Gleichnis des Wagenlenkers und des hinaus und hinab ziehen den Rosses ausdrückt. Echte Kultur ist ein Höheres als N?acht, höchste personhafte Geistesbildung ein Höheres als Herrscher kugend; der „Genius" ist von höherem Range als der „Held".^ Plato und Sophokles bedeuten mehr für uns als N^iltiades.^ NIag sich Sinn und Geist anch noch am Bilde desjenigen Helden erheben, der nicht unserem eigenen Volke60 und Staat angehört; das isi nur sinnvoll, wenn wir zuvor dieses ganze Volk, dessen Held er isi, bejaht haben; uud isi nur möglich durch die Vermittlung reflektierter historischer Erkenntnis. Nur die Helden unseres Volkes sind uns durch das ruhmbekränzte plastische Bild, das schon geheimnisvoll wirksame Tradition weiterträgt, unvermittelt durch Geschichts betrachtung und Werturteil snr die Anschauung uud Herzens- siärkuug zugänglich. Eines Werturteiles bedars es nur hier nicht; denn in unserem Helden verehren wir unser eigenstes nationales Sein. Der Genius aber bedars dieser zwiefachen Vermittlungen nicht! TLir können ihn lieben ohne Durch gang durch seine Beziehung zu seinem Volke; und er isi uns ge geben mit seiner eigentümlichen „Welt" unmittelbar iu seiuem ILerke selbst, das gerade um so größer ist, je unabhängiger von der wechselnden historischen Umwelt sein tiefster Gehalt ist, und je direkter es die Gnade hat, uns anzusprechen und zu stch iu seine Höhe zu reiße». Also sieht überall ,,Geist", „Vernunft", „Person" über dem „Leben", dem „Organis mus", Geistesiverte über deu Werte» der Macht, des Edlen, der Herrschaft. Der ältere türkische Staat vor Abschaffung der Janitscharen war „edel" und kriegerisch bis auf die Knochen. Aber seine N?acht war leer von allem ursprüng lichen, über Sinnenluxus hinausgehenden Knlturgehalt. Die Hagia Sosta allein klagt seine Existenz an. Heute noch isi der Türke wahrhaftig, treu, edel, bieder, aber Barbar. Roheit, die das nicht einsteht — wie die Roheit der sog. Rasseethik und Marsiallpolitik — isi nicht besser als englische Krämermoral, die den Helden zum Diener des Kaufmanns uud Technikers macht; stch kultiviert düukt, indem ste nur zivilisiert ist.61 Nicht darin also lag die Irrung jener apolitischen Man schen. Sie lag in ihrem Begriff von „Kultur" und in einer prinzipiellen Nichtvergegenwärtigung des schöpferischen Bo dens der kulturbildenden Kräfte. Ich sagte, daß im Viesen der NÄHlichkeitswerte nichts liegt, was ihre Hervorbringung und ihren Gebrauch auf bestimmte individuelle Völker, Na tionen, Staaten, ja Kulturkreise wie z. B. Westeuropa, Rußland, Iüongolentum einschränkte. Es wäre ganz kon sequent, wenn derjenige, der diese Vierte zn den höchsten Vierten und ihre Hervorbringnng zu den höchsten Zielen menschlichen Wirkens machen wollte, auch die Vielheiten der Staaten und Völker als etwas zu Überwindendes ansähe und in ihrer Existenz einen Beweis für die noch allzujugend liche Entwicklungsstufe der M^enschheit erblickte.^ Insofern ist die positivistische Nühlichkeitöphilosophie mit ihrem Ideal der einen friedlichen Herde, durchaus konsequent; auch dann noch, wenn sie auf Auflösung des Nationalgefühls und des nationalen Staates hinarbeitet. Die Realisierung derIltilitäts- werte hat daher durch ihr Wesen allein auch keinen not wendigen Bezug zur politischen Freiheit und Selbständigkeit der Völker. Sie stnd ihrem TLesen nach „international" und von Volk zn Volk leicht übertragbar. Ganz anders die VZerte höchster freier Geisteskultur. Ihnen fehlt gerade jene Art von „Allgemeinmenschlichkeit", die Werkzeugen nnd anch noch Ergebnissen exakter Wissenschaften zukommt. Denn auch diese Wissenschaften ragen nur durch ihre Me thoden noch in die Sphäre der Kultur hinein. Geistige Kultur werte stnd persönlich, individuell, national, stnd im höchsten Fall europäisch oder russisch oder chinesisch oder indisch, so-62 wohl nach den Kräften ihres Ursprungs wie nach ihrer vollen Verstehbarkeit. Und sie sind es von Hause aus. Chemie und Physik ist iu Paris, Berlin, Petersburg, Tokio, Kalkutta dieselbe; nicht aber Kunst, Philosophie, religiöse Lebensform. Die „TLifsenfchaften" konnten in dem Völkerwirbel des Alexandria der Ptolemäer sich hoch entwickeln. Die griechi sche Philosophie forderte die Selbständigkeit der hellenische« Nation und ging mit ihr zugrunde. Und nicht trotz, sondern gerade wegen ihres Anspruchs aus "Weltbedeutung und abso luten, nicht mehr aus „menschliche Bedürfnisse" bezogenen Sinn, sind diese VZerte national, respektiv in einem Knltnr- kreis z. B. europäisch verwurzelt; ivegen dieses Anspruches sind sie einmalig und nicht wie Werkzeug und exaktes IAissen- schastsresnltat nach übertragbaren ^Methoden und Techniken der Herstellung durch jedes Volk und jeden Kulturkreis neu reproduzibel; nicht auch siud sie wie diese Gebilde jeweilig wertvoll als bloße Phasen eines kontinuierlichen Fortschritts prozesses, der die Genien der Völker und Kulturkreise über springt. In der Sphäre echter Kulturioerte gibt es nur ge schichtliches TLachstum selbstivertiger Tatbestände, keinen, jede Generation mediatisierenden sogenannten „Fortschritt"; gibt es nur ein immer wieder „Zurück" in ihre dauernde schöpferische Quelle des nationalen Geistes und Neubildung aus dieser Quelle heraus, kein kontinuierliches TLeiterbaueu. Die Begriffe der „Renaissancen" nnd „Reformationen" — Ulisinnig und nur „Rückschritt" sür alle Zivilisation — er halten erst hierdurch eiueu Siuu. Nur die baualsten Dinge, die unser Wesen nicht berühren, ließen sich in einer noch so vollkommenen 'Weltsprache ausdrücleu. Daß sie nicht „sort-63 schreiten" — eben das läßt echte Kulturgebilde an der einzig artigen Stelle, wo sie geboren, wie in Ewigkeit erglänzen! Aber eben deswegen ist auch die Hervorbriuguug dieser Kul turgebilde ganz und gar bedingt durch die politische Freiheit und Selbständigkeit des Staates, als des organisierten Volkes. Und selbst bei vollerreichter, gleichmäßig verbreiteter Nutz- uud N^euschheitszivilisation, bei gleichzeitiger äußerster öko nomischer Imerestensolidarität würde die unverletzliche Freiheit uud Fähigkeit zur immer neuen Hervorbringung freier TLerke des Geistes allein noch N^achtstaat und Krieg rechtfertigen und notwendig machen. Das ist es, was Jakob Bnrckhard übersteht. Er betrachtet die Geisteskultur zu sehr wie ein genießender Antiquitätensammler, der seine Sachen und Sächelchen von dem organischen Ganzen losreißt, in dem ste einst lebten. Er steht ste nicht vom Standort derer, die ste schufen und immer weiter schaffen sollen; auch nicht derer, die darin die Heimat ihres eigentümlichen Geistes fanden. VZas Krieg, ivas Feuer, TL asser, Rost und Ntotten zer stören kann, — das Völkerrecht fordert, auch dies nach N?ög- lichkeit zu vermeiden — das ist niemals die lebendige „Kul tur" selbst, sondern stnd nur die materiellen Vorrichtungen, durch die wir uns ihrer bewußt werden; an denen wir Durch blicke gewannen in die „geistige TLelt" des Künstlers und Stichproben von ihr. An dieser TLelt aber lebt, was allein „Kunstwerk" zu heißen verdient. Iltögen die Kriege beliebig viele solcher Vorrichtungen und Kulturmittel vernichtet haben, so haben ste nicht diese ,,M>elt", sondern nur unsere Einsichtnahme in ste vernichtet. Dafür aber haben die Kriege für die Kulturschöpfung die eminent positive Bedeutung,64 daß sie die vorhandenen Begabungen tief zurücktauchen lassen in die schöpferischen Quellen des nationalen und persönlichen Geistes. Denn nur im Kriege selbst wird Historie — sonst nur eine Wissenschaft — zu einer erlebten Erfahrung. Wie der Krieg — so daß man sein selbsteigenes geistiges Dasein wie des Himmels Sonne gewahren kann — das Volk eint, so verdichtet er auch dessen geschichtliches Bewußtsein und spannt den Geist ganzer Generationsketten zu neuer stch durch dringender Einheit. In allem, im Skaaksleben, in der Dich tung und M^ustk wird man stch plötzlich wieder der tiefen Zusammenhänge mit der Vergangenheit bewußt. Ihre eben noch vom Lärm des Friedenstages wie abgeschreckten hehren Gestalten — Klassiker, Staatsmänner, Heerfüher, Fürsten — treten wie aus dem Dunkel der Nacht hervor und an unsere Seele heran. Unser Tag wird verdunkelt; aber die Geschichte wird hell und ihre großen Schatten beginnen sich zu rühren! Große Geschichtfchreibung ist daher stets eine Folgeerscheinung des Krieges. Der Geist des Dramas, durch aus nicht mir des „historischen" oder dessen, für das der Krieg Stoffquelle ist, wird aufgeweckt. Es bleibt dabei ganz richtig, daß das hohe Knltur- werk niemals durch den Staat unmittelbar bestimmt ist. So läßt sich die tausendfältige Befruchtung, welche alle Geisteswissenschaften durch die deutsche Romantik erfuhren, läßt sich auch der reine Kuustgehalt dieser Bewegung ohne die Befreiungskämpfe bis zum Jahre 181Z gar nicht denken. Karl Joel hat jüngst in seinem Buche „Antibarbarns" eine wundervoll gesättigte Darstellung des Ineinander von Dich- tnng, Philosophie und Heldentum in dieser Zeit ^gegeben.Die Überwindung des individualistischen Rationalismus der Aufklärung, die erste fundamentalste Vorbedingung für alles tiefere Verständnis geistiger Kulturwerte von Staat und Recht, Poeste und Religion, die VZiederstudung des Begriffes des „objektiven Geistes", das tiefere Verständnis fremder Nationalkultureu ist eine NÄenfrucht diefer Verdichtung des historischen Bewußtseins durch die deutsche Erhebung. Oder wer möchte die athenische Blüte in Tragödie, Plastik, Philosophie vor und nach den Perserkriegen ohne die geistige Neugebnrt verstehen, welche der athenische Staat dnrch die siegreiche Abwehr der Barbaren in steh erlebt hatte? VZenn man die geistigen Kulturwerke als „Werke des Friedens" be zeichnet, so hat man recht, wenn man an ihren geistigen Aus bau denkt; an all das, was „Iltühe", „Arbeit" an ihnen, und was das Glück des rnhigen Genusfes ihrer ist. Geht man aber zurück auf die tiefen geheimnisvollen Stunden ihrer Geburt im Geiste, fo gehen diese Werke allesamt aus einem Zustand des Geistes hervor, der mehr als „kriegerisch" denn als „friedlich" zu bezeichne» ist. TLas in jedem einzelnen Falle das schöpferische Individuum vor der Inangriffnahme eines großen VZerkes erlebt, bei seiner sogenannteu „Kon zeption", dies wundersame Heraustreten der Seele aus dem festdeterminierten Gang regelhaft dahinstießender Tage, ihr Sichzurückbeugeu auf ihr wahres Kräftezentrum, aus dem die Lebensquelle mit wachsender Konzentration immer reiner stießt, das stürmische Ergriffensein und Erzittern dnrch die hier gewahrten, in abwechselnden großen Gestchten spielenden Kräfte, eben das erleben im großen die Völker uud Nationen in ihren Kriegen als foziale Ganzheiten. Hier befruchtet Eisen 6 65und Blut den Geis! auf dunkle TLeise, und das Geheimnis der „TLiedergeburt" umfaßt nicht nur den Staat, der in jedem echten Kriege neuersteht, sondern auch die hinter Staat und fertiger Kultur quellenden Kräfte ihrer immer neuen Her vorbringung. Es kommt dabei durchaus nicht in erster Linie darauf an, daß der Krieg der Kunst eine neue Stoffquelle gibt: künstlerisch plastische oder poetische Verherrlichung der führenden Personen, historisches Drama, Belebung der Archi tektur durch TLerke, welche die neue nationale Einheit sym bolisch verkörpern, Schlachtenmalerei, Soldatenlied und vieles Ähnliche. Auch das ist von Bedenkung. Es genügt, Noamen wie Pindar, Tasso, Kleist, Hölderlin, die M'ar- feillaise zu nennen. Aber weit wichtiger als diefe neue Er weiterung der künstlerischen Stoffgebiete ist die neue geistige Einstellung auf Leben und TLelt überhaupt, welche der krie gerische Geist der feurigen Liebe und Hingabe an ein großes Ganzes (des Vaterlandes) und die neue Kraft der Opferfähig keit aller selbstischen Interessen, auch im Künstler und Denker erzeugt. Es war ein tiefes und äußerst deutsches DZork, das Adolf von Hildebrand jüngst in einem Briefe über die Be schädigung der Kathedrale von Reims gesprochen: Daß es ein Teil derselben Kraft geivesen fei, die uns jetzt — nach der Befestigung dieser Stadt und Benutzung der Kathedrale zu Kriegszwecken durch die Franzosen — dieses verehrungs würdige Kunstwerk zum Teile zu zerstören gebot, derselben Kraft, durch die dieses N^eisterwerk einer himmelstürmenden Gotik einst erbaut war. Ja, die tiefere Seele dieses Bau werkes — wahrlich die äußerste Antithese zu jener „Weltan schauung" der es beklagenden Rechtsanwälte, die zurzeit Frauk esreich regieren, einer Weltanschauung, wie sie sich in der dummdreisten Äußerung des Herrn Briand malte, es „habe die moderne TLisseuschaft die Sterne des Himmels ausge löscht", — sie würde, vermöchte sie zu denken und zu fühlen, noch im Schmerze unserer Kanonenschüsse, die ihre Verkör perung trafen, jauchzend die Kraft wahrgenommen haben, die jene Kanonen abschoß, als freundlicher, als näher ihrer eigenen großen, religiösen Seele, als der Entrüstung jener vollendet „zivilisierten" Rechtsanwälte, die über ihre Beschädi gung zeterten. TLie lauge wohl mußte ihre Seele schon über eine sranzösische Regierung bitter gelächelt haben, die seit Jahren alles mit Füßen trat, was zu dem großen Geistes- zusammeuhaug gehörte, von dem sie selbst ein Teil ist? — Die Liebe, die das künstlerische Schauen und Schaffen be- slügelt, die den Geist heraustreibt aus dem egoistischen Ich und der Konvention der gemeinen Natur- und TLeltansicht — sie ist im letzten Grund ein und dieselbe Liebe mit jener, die der Genius des Krieges in der Seele hervortreibt. Kultur freilich, deren Schöpfer der Staat sein will, Kultur auf Grund von Staats auftrag ist meist unr Öldruck und Kulisie. Und doch behält der Staat, seine Autonomie und Freiheit den Charakter einer mittelbaren Bedingung auch zur Geisteskultur. Die erste und ganz uuaufhebliche Bedingung ist nicht etwa, daß er dem Genius vorschreibe oder Richtungen erteile, sondern daß er ihm einen freien Boden seines Schaffens dadurch gewähre, daß er die egoistischen Triebe des nur durch Interesse und Vorteil bewegten gesellschaftlichen Seins und Handelns zwecks natio- naler TLohlfahrt bändige und einschränke. Immer wieder werden aus Griechen Graeculi werden, wenn der Staat durch 6* 6768 Verlust seiner N?acht diese Ausgabe nicht mehr erfüllen kann. Der Zivilisation mag man als Sklave vielleicht ebenso gut, ja noch besser dienen denn als Freier: der echten Kultur nicht! Der Genius bedars wesensnotwendig des Rückhaltes edler, ritterlicher Kräfte gegen alles N?assenhafte, Kräfte, über die er aus sich selbst heraus nie verfügen kann. So grundverschieden daher die Kräfte stnd, ans denen die N?acht des Staates und aus denen freie Geisteskultur erwachsen, so gottgeschenkt und von der Staatsmacht ganz unabhängig die ersteren, so entscheidet doch Selbständigkeit und N?acht des Staates ganz und gar, wie weit ans der, durch die vor handenen Begabungen möglichen Kultur wirkliches und faktisches Kulturwerk wird. Diese einfachen und prinzipiellen Sätze zu vergessen, stnd frei lich wenige Völker so sehr versucht wie wir Deutsche. Scheint uns doch gerade unsere Geschichte eine besonders weitgehende Unabhängigkeit von Kulturblüte und staatlicher Einheit und N?acht aufzuweisen. Selbst so wohlwollende Beurteiler unseres Wesens wie Romain Rolland und Bernhard Shaw halten dem Deutschland Bismarcks das Deutschland Goethes und Beethovens als Vorbild entgegen. Unsere bisher höchste Blüte der Dichtkunst — wie manche meinen auch der Philo sophie — fiel zusammen mit äußerster staatlicher Zersplitte rung. Leibniz und Kant hatten noch kein starkes nationales Bewußtsein und fühlten stch ganz als Glieder der „wissen schaftlichen Republik"; noch weniger hatten ste ein deutsches Staatsbewußtsein. Goethe dichtete an den Befreiungs kriegen vorbei und sah Napoleon als ästhetisches Phänomen. Umgekehrtwar das erste Jahrzehnt des Reiches nach dem Kriege69 von 1870 die zweifellos geistig tiefststehende Epoche des ganzen neunzehnten Jahrhunderts: Überall niedrigster N?akerialis- Mus.^ Selbst in diesen Tagen höchster nationaler Begeisterung kann man die bange Frage hören: TLie wird es diesmal werden? Gegen diesen Einwand ist aber weit mehr zu antworten, als man anzunehmen pflegt. Zuerst vergißt mau doch allzu sehr, daß jene Einheit einer bloßen Kulturuatiou ohne politische Form, die Deutschland vor der Reichsgründung gewesen ist, auch kein rein apolitisches DZerk puren Friedens gewesen ist. Nicht immer waren die Deutschen nur „Dichter und Denker" gewesen. Es gab einst ein herrliches deutsches Kaisertum; es gab die Zeiten einer kühnen, kraftvollen Hansa.^ Das Abendrot dieser stolzen Zeiten, die N^ajestät und das Licht des alten Reichsgedankens haben troh Glaubeuskämpseu und dem Elend des Dreißigjährigen Krieges niemals aufge hört, das deutsche Volk zu durchleuchten. Das Ntikkelalter kennt Interregnumsdauern, die länger waren als die Zeit zwischen dem endgültigen Zerfall des alten und dem Aufbau des neuen Reiches im Jahre 1870. Nur die Zurückdrängung der großdeutfcheu Idee, deren Vertreter in einer tiefen Be- wußtfeinskoutinuität mit dem alten Reichsgedanken und dem alten deutschen Kaisertum lebten, haben für unser Bewußt sein, nicht aber für unser tiefes historisches Leben, die innere Bindegewalt dieser großen politischen Vergangenheit auch auf unser Denken und geistiges Schassen zeitweise verstecken müssen. Gewiß — das war eine historisch-politische Not wendigkeit! TLir kennen heute die Irrungen des Frankfurter Parlaments wie die Irrungen derer, welche stch tatlos die70 polltische Reichseinheit aus der ökonomischen Einheit des deut schen Zollvereins hervorwachsend dachten. Nur an der fest konsolidierten Grundlage des preußischen N^achtstaates konnte der regionale deutsche Ideen- und Fürstenpartikularismus sein Gegengewicht smden; nur an Preußen konnte der bis zum emkarraz äe riclie58e reiche und mannigfaltige deutsche Geist und Sinn, konnte der mit Anlagen und Kräften unerhört begabte, an ihnen fast zerberstende deutsche Junge seinen rauhen Lehrer des realen Lebens finden, — den ,,Zwingherrn zur Deutschheit" so wie ihn schon der alte G. Fichte fernstchtig gefordert hatte.^ Die große Sehnsucht nach politischer Ein heit erfüllte stch uur auf dem dornigen ÄLege zweier Kriege, deren erster Österreich aus der Kontinuität des alten Reichs gedankens ausschied, so aber — dies war Bismarcks M^eister- werk, dem wir gerade heute mit aufgehobenen Händen danken müssen — daß Österreich durch unsere Mäßigung bünd nisfähig erhalten wurde; deren zweiter aber uns die Reichs einheit brachte, die eben jetzt auf dem Felde ihren ersten Existenz kampf zu bestehen hat. Aber wie dürften wir wähnen, daß es mit dieser Einheit des Jahres 1870 zu Ende sei? Darum hervor an die Sonne wieder du großdeutscher Gedanke mit all den stolzen Erinnerungen an das alte deutsche Reich und Kaisertum! Der Grund zur zeitweise notwendigen Verdrän gung dieser nie zerrissenen Tradition beginnt zu weichen. Die Feindschaft einer ganzen B^elt, die heute älteste Stammes liebe und Kulturgemeinschaft zwischen Ästerreich und dem Reiche neu zusammenschmiedet, ösfnet uns wieder die Wände, die vor der Zukunft der großdentschen Idee — ich sage der großdeutschen Kulturidee, nicht einer Verkörperung derselbenim politischen „alldeutschen" Sinne — so lange gestanden hatten. Darum aber auch weg mit der müden Weisheit unserer Ästheten und Pessimisten, der Deutsche könne nur als ein Leidender in geistigen Dingen bedeutend sein! Die alte Kulturuation, in der Goethe und Schiller wirkten, war noch von eben dem Reichsgedanken genährt, dessen Seele in diesem Kriege wieder aufflammt. Nehmen wir dieses sein unbewußtes Fortwirken weg, wo wäre dann auch uur die Einheit der bloßen deutschen Kulturuation geblieben? Und ist nicht der Anfang des neuen Selbstbewußtseins, mit dem Lessing der französischen Tragödie entgegentritt und neue Formen und I^?aße für Literatur und Dichtung aufstellt, wiederum ganz bediugt durch den Siebenjährigen Krieg Friedrich des Großen? Die Haupt figur aus dem ersten deutschen Lustspiel, Teilheim, ist ein Offi zier aus diesem Krieg. Ebenso wenig aber dürfen die geistigen Opfer vergessen werden, die uns auch in kultureller Hinsicht Armut und Kleinstaaterei gekostet haben; nicht auch darf durch eine einseitige akademische Verhimmelung dieses Zeitalters aus den Augen gedrängt werden, was diese Kulturidee an Einseitigem und Fragwürdigem in sich barg. Die Lebensschicksale Lessings, Kleists, Hölderlins — um von Geringeren zu schweigen — reden eine Sprache, grausam genug. Was aber das andere angeht, so fehlt dem Ganzen dieser Kultur doch vor allem dies: daß sie ein organischer Be standteil des nationalen Lebens und eine aus dessen tiefsten Kräften selbst auskeimende Verherrlichung dieses Lebens und seiner Wirklichkeit gewesen wäre. Die bildende Kunst und die Architektur, deren Nährboden noch in höherem N^aße wie jener der Literatur und Dichtung politische Freiheit,72 Größe, Stolz und Reichtum des Daseins ist, lag wie das Kunstgewerbe ganz darnieder! Die Kunst- und Schönheits ideale stnd — von Goethe abgesehen — von einem wirklich- keitsstüchtigen Zug beherrscht, gleichgültig ob man wie Schiller Schönheit erst im sogenannten „Reich des Ideals" stnden konnte, ob man zu Griechen oder ins N?ikkelalter stoh. Etwas Nlattes, Abstraktes, gelehrtenhaft Unmännliches, etwas Abseitsstehendes, Blut- und Leidenschaftsloses im Kerne dieser Knltnridee, selbst noch angestchts Goethes zu empstnden, darum wird kein echtes Kind unserer Tage herumkommen. Dazu dichtet und philosophiert hier fast ausschließlich ein ein ziger sozialer Bestandteil des deutschen Volkes, der bei aller innerer Gemütsgröße doch auch sehr bestimmte Grenzen seiner geistigen V?elt und seiner Perspektiven hat: das deutsche Klein bürgertum, stch sonnend in der Lust kleiner und oft kleinlicher Höfe. Die vollen Tiefen des Lebens eines leidenschaftlichen Volkes ösfnen stch in dieser Dichtung so wenig, wie ste an dererseits durch ste voll ergriffen und nach höheren Zielen ge führt wurden. N?an weiß ja, wie wenig diefe Großen gelesen wurden!" Eben weil wir den unvergeßlich Großen jener Tage nichts als Dank und Liebe schulden, dürfen wir nicht vergessen, was der Staat und die deutsche Gesellschaft ihnen schuldig blieb und was ste und die Unzähligen, denen Kleinstaaterei und Armut den sang- oder weisheitsbereiten N^uttd verschlossen, hätten schaffen können, wenn Zeit, Volk und Staat ihrer und ihres Geistes würdig gewesen wären. TLenn aber die Zeit nach 1870 kulturell so wenig Hoffnungen erfüllte, so lag dies in erster Linie nicht daran, daß es eine allgemeine Regel wäre, daß stegreiche Kriege den N^ateria-73 lismus und Zurückdrängung alles Geistigen im Gefolge haben müßten; oder daß der Deutsche nur im Leiden groß sein könne, im Glücke aber an der Erde klebe. Es lag auch nicht allein an der Befruchtung des Unternehmertums und der „Gründer" durch die fünf NTilliarden — eine Folge, die wir diesmal auch bei Zv M^illiardeu sicher uicht zu erwarten haben. Es lag viel mehr daran, daß das neue große leere Neichshaus eine Ein richtung und einen fruchtbaren Garten forderte, auf deren Her stellung sich bei uns im Gegensatz zu den Fällen siegreicher Kriege anderer Nationen — z. B. den Kriegen Ludwigs XIV. — zunächst die gesamte Kraft der Nation zu spannen hatte. Es lag aber auch daran, daß gleichzeitig mit unserem national- politischen Aufschwung der allgemeine TLeltkapitalismus von englischem Typus seinen höchsten Kulminationspunkt zu er steigen begann und unser nationalwirtschaftliches wie „weltpoli tisches" Aufsireben in Formen zwang, die der deutfche Geist schon aus seiner, so lange währenden rein ideologischen Richtung heraus, nicht aus stch selbst geboren hakte, die ihm vielmehr im wesentlichen durch die Konkurrenz der Völker englischer Zunge, — gegen sein wahres TLesen— aufgenötigt wurden. Daß der Deutsche gleichwohl auch in diesen besonderen Formen, die ihm von Hause aus, trotz seines uralten ökonomischen ^Wirklich- keitsstnnes fremd waren, das historische Ursprungsland dieser Formen überflügeln konnte, darin ist die letzte Ursache der Spannungsbilduug zu sehen, die stch zuerst in der englischen Einkreisnngspolitik, schließlich in diesem Kriege entluden.^ Denn dieser Krieg ist — wie immer der diplomatische Her gang seiner Entstehung eine andere INeinuug nahelege — Zuerst und zuletzt ein deutsch-englischer Krieg. Hier liegt74 seine prima causa und sein letztes Ziel; und alle anderen Ur sachen und Ziele sind abgeleiteter Art. Dieser Krieg ist aber eben darum von deutscher Seite aus gesehen nicht ein Krieg, welcher der Konkurrenz mit England in diesen neu- und hoch- kapitalistischen Formen, und Englands in ihnen Überstüge- lung dient! Dieser Konkurrenzgedanke ist nnr Sinn und Ziel des englischen Krieges gegen uns! Er hat bielmehr die viel tiefere und welthistorischere Bedeutung, daß er auf Befreiung abzielt von jenen neukapitalistischen Lebensformen überhaupt, in denen mit England zu konkurrieren und ste dabei selbst anzunehmen, die welthistorische Situation uns zwang, — vor allem die Tatsache zwang, daß wir so spät erst und zu einer Zeit, da diese Formen schon gebildet und da ste von England aus den Siegeszug durch die TLelt gemacht hakten, zu einem Leben realökonomischer Gesamttätigkeit gelangten. Nicht also stegreiche Konkurrenz, sondern steigende Erlösung vom Zwang einer Konkurrenz mit England, die uns allerdings zeitweise von unserem historischen VZesenscharakter abge fallen scheinen lassen konnte, ist das Hauptziel des englisch- deutschen Krieges in diesem Kriege. Denn jeder Krieg gegen England als gegen das Mutterland des modernen Hochkapi- talismus ist auch Krieg gegen den Kapitalismus und seine Auswüchse überhaupt.^ Sehe ich recht, so war in dem letzten Jahrzehnt in unserem Lande, war zumal in seiner neuen herr lichen Jugend, die jetzt auf dem Schlachtfelde den inneren Wert ihres neuen Geistes und ihrer Bestrebungen an des Tages Licht bringt, war in TLeltanschauung und Lebensart ein tiefgehender Bruch mit eben jenem kapitalistischen Bürger- geifl englischer Provenienz aufgekommen, der ihre Väter noch75 allzusehr umspannen mußte. Ich habe andernorts über diese Ä5endung gehandelt/? Dieser neue deutsche Ingendgeist wird sich in diesem Krieg beflügeln und seine Grundstruktur wird sich Härten und stählen. Gibt uns Gott den Sieg, so wird in dem sertiggebanten und gefüllten und hoffentlich erweiter ten Reichshause nach denjenigen Formen weitergearbeitet werden, die uns nicht von außen aufgedrungen wurden, die vielmehr zum Geiste und Wesen seiner Bewohner passen. Das aber wird auch unseren vielversprechenden kulturbilden den Kräften iu Kunst nnd Wissenschast, in Philosophie und Religion die JMuße, die Freiheit gegenüber der fatalen Aus lesekraft des Bourgeoisgeschmacks, die Leidenschaft geben zu einer großen, zn einer blut- und lebensvollen deutschen Kultur, die nichts mehr von TLirklichkeitsflncht in stch hat, sondern die sein wird: VZirklichkeitsvcrherrlichuug. Aber jene positive Beziehung des Krieges zur Freileguug der schöpferischen Kraft aller Geistesknltur vermag die Ge- samterscheinnng des Krieges nicht im entferntesten zu recht fertigen. N?öchte ste so tief wie immer sein — der eigentliche Sinn, der letzte Wert nnd Unwert des Krieges, bestimmt stch allein nach seinem Verhältnis zur stttlicheu und reli giösen Aufgabe nnd MLifstou unseres Geschlechtes. Es wäre auch ein prinzipiell irriger Standpunkt, die stttlicheu TLerte als bloße „Bedingungen" höchster Kulturentfaltung abzu leiten, wie es Hegel uud TL. Wuudt versuchten/? TLeder öer alle Sachwerte überragende VZert der Perfon noch die qualitative Eigenart der sittlichen Vierte, wäre aus dieser Änuahme verständlich. Und noch weniger ginge es an, den religiösen Grundwert, der alle Bildung religiöser Objektvor-Heilungen leitet, den Werk des „Heiligen" als bloße „Er gänzung" und letzte „Grundlegung" für alle übrigen Kultur- werte verstehen zu wollen. Eine VZelt, so eingerichtet, daß Leben und Kultur in ihr prinzipiell nur unter der ^Wirksamkeit einer Krast gediehen und wüchsen, die uns die sonnenklaren Einsichten mußten ver dammen lassen, die alles menschliche Ethos begründen — eine solche Welt könnte nur eine teuflische genannt werden. Denn unbeugsam ist echte sittliche Einsicht gegen alle bloße ^Wirk lichkeit des Irdischen gegen allen „Erfolg" und gegen alle jene Klugheiten und ^Weisheiten der „VZelt", die ach so schal sind, wenn sie ein gottinniges Gewissen mit jenem fröhlichen metaphysischen Leichtsinn betrachtet, den im letzten Grunde alle bloß „irdischen" Angelegenheiten so sehr ver dienen. 5Wie das Edle über dem Nützlichen, der Held über dem „führenden" oder „großen" N?ann der Zivilisation sieht, die M^acht und die Herrfchaft über dem Nutzen; wie das geisiige 5Wort der Erkenntnis an Rang über dem Edlen, die geisiige Kultur über Vital- und Rassekraft und -tilgend, der Genius über dem Helden sieht: Jllfo sieht der TLert des „Heiligen" an Rang über allen geistigen Werten von Er kenntnis und Schönheit, die Religion, darin wir Gott und die Gestalten des „Heiligen" erfassen, über aller Kultur — der Heilige aber an Rang unendlich über dem Genius! Und was nun ist es, das der Krieg in dieser Perspektive bedeutet?77 Z. Krieg und Ethik Was immer also der Krieg für Erhaltung und Förderung höchster menschlicher Lebenswerte (Kap. I) und Kulkurwerte (Kap. II) bedeute, es würde ihm die höchste Sanktion, die alles menschliche Tun fordert, gebrechen, könnte er — zu rechtem Ziele und aufrechte Weise geführt, — nicht Bestand haben vor dem sittlichen Gewissen und dem religiösen Sinne des Daseins und Lebens unseres Geschlechts. Hätten die jenigen, die ihn von hier aus prinzipiell verwerfen, sei es vom Standort der Idee der Gerechtigkeit, sei es vom Standort des Liebesgebotes aus, in der Sache recht, ihre Stimme könnte noch so schwach und klein, könnte gegen die Kräfte, die immer neu in Kriege treiben, noch so unwirksam sein, der Krieg wäre doch gerichtet! Er wäre gerichtet, auch wenn er allein den biologischen Aufstieg der INenschheit garantierte; er wäre gerichtet, auch wenn er die stärkste knlturschöpferische Kraft der Geschichte wäre. Nur der sittliche Pessimismus hiustchtlich der menschlichen Natur und die alte protestan tische Lehre von der radikalen Sündhaftigkeit des Renschen gewännen die stärkste ihrer Stühe«. Die Unsmnigkeit gewisser exzessiver Zeitungs- und Partei anklagen gegen den Krieg ist leicht zu sehen, z.B. seine Auf fassung als „^Massenmord". Denn zum Morde gehört zu allen Zeiten als TLesensmoment, daß der VZille vor der auf Tötung gerichteten Absicht die Existenz einer indi viduellen Person als Person verneint, sie gleichsam ihres Daseins und ihrer TLürde entmächtigt. Nichts davon findet im Kriege statt. Kriege werden nicht gegen Individuen,78 sondern — gemeinhin auf vorherige Erklärung und nach freiwilligem Übereinkommen — gegen Staaken geführt. Ihr Prinzipalzweck ist VZehrlosmachuug des fremden Staates, beziehungsweise feiner Regierung; nicht das Töten von Menfchen! Auch im Gefecht steht dem Soldaten nicht eine Summe von Individuen und Personen als Gegner vor dem geistigen Auge, fondern die dort wogende Kollektiv gewalt des „Feindes", als eines Werkzeugs der fremden Regierung, deren BZille in diefer Gewalt als Ganzes tätig ist. Schon dies allein schlösse den ethischen Tatbestand des „Iltordes" völlig aus.^ Vor allem aber beruht jede echte Kriegführung analog wie der Zweikampf auf dem ritterlichen Prinzip, das Achtung und Personbejahung des Gegners im pliziert; ja das fogar einschließt, daß die geistige Willens- perfönlichkeit des Gegners auch noch im Töte« feines Organis mus um fo tiefer und herzlicher bejaht und geachtet werde, je besser und erfolgreicher er auf Schlag mit dem eventuell töd lichen Gegenfchlag antwortet. Dieses Töten ist ein Töten ohne Haß, ja ein Töten mit der Einstellung der Achtnug! Das macht die Majestät des furchtbaren Werkes aus. Dar um ist überall in der Gefchichte das Recht, die rriegerifche ZDasfe zu führen, an ganz fest umschriebene Qualitäten, ins besondere die Anerkennung des 3Wasfenträgers als einer freien Person geknüpft. M^ag derNahkampfTLut, Zorn, momen tanen Rachedurst entzünden — der Haß des Gegners ist ein dem echten Kriege völlig fremdes Element. Der Schuß eines einzigen Franktireurs erzeugt mehr Rachedurst und Haß als die schärfste Niederlage, die von regulären Truppen bei gebracht ist. Nur ganz unkriegerische, weichliche, sinnliche,79 feige Völker, wie z. B. jetzt die Belgier, sind es, die eine geringe Unterscheidungsgabe für ritterliche Tötung im Krieg und den gemeinen Ntord der Franktireurs besitzen. Jene naturali stische Lehre vom Krieg als „Massenmord" wurde diese feigen und schwachen Völker rechtfertigen! Genug also von der Torheit und Niedrigkeit, den Krieg als „M'afsenmord" zu bezeichnen! Das christliche Ethos aber steigert das Prinzip der Ritter lichkeit oder der Feindesachtung, das schon den heidnischen Krieg, ja den Krieg zwischen allen edleren Naturvölkern be herrscht, zur Forderung, daß die Nächstenliebe zu dem Bruder in Gott — also bezogen (den ,,Feind") und erlebt in dieser transzendenten Seins- und TOertsphäre — auch im Kriege nicht aussetze, sondern auch mitten im Kampfe weiterwirke („Feindesliebe!") Internationale Organisationen wie jene des Noten Kreuzes stellen dieses Prinzip auch äußerlich und gleich sam technisch dar. Leute, die das Priuzip der christlichen Liebe von der auf völlig anderem Boden gewachsenen Idee der modernen „Nteuschenliebe" oder Liebe zu „allem was M^en- schenangestcht" trägt, nicht zu unterscheiden vermögen^, ver kennen natürlich auch von Grund aus den Sinn der Forde rung der „Feindesliebe". Sie machen daraus das von ihr völlig verschiedene: Nur keine Feindschaft! Aber die Tiefe und die Paradoxie dieser Forderung — gegen das natürliche Bewußtsein — besteht ja eben darin, daß der Bestand von Feindschaft nnd auch des edlen hohen Charakters der Kräfte des Gemütes, die zu ihr im Privat- und Völkerleben treiben können, von Jesus vorausgesetzt und posttiv anerkannt werden; und dann doch mitten im Kampf und Krieg Liebe80 des „Bruders in Gott" gefordert wird. „Christen streiten — als stritten ste nicht" sagt Richard Rothe. Nicht aber: „Christen streiten überhaupt nicht". Im Neuen Testament werden häustg Kriege prophezeit (Lukas 21,9—15; Iltar- kus iZ, 7— 26); bei N?atthäus heißt es (10, z4) Jesus sei nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert und bei Lukas (12, 49) er sei gekommen nm Feuer und Spaltung auf die Erde zu werfen. In der Antwort, die bei Lukas (z, 14) Johannes den Kriegsleuten gibt, auf ihre Frage nach gerechter Buße, steht keine Silbe, daß ste ihr Handwerk aufgeben sollen. Die Friedenspreisnngen (Pau lus an die Kolosser Z, iZ, Petrus Ep. I, 14, Paulus an die Philipper 4, 7, an die Epheser 2, 14, an Timotheus II, 2, 22, an die Römer 12,17—20, an die Hebräer 12, 14) stehen zu alledem nicht im mindesten Gegensatz. Nirgends meinen ste den Begrisf desjenigen „Friedens", der nur der „Nichtkrieg" ist, d. h. eine von der Idee des Krieges hergebildete negative Korrelatidee des „Krieges". Sie wenden stch teils gegen das individualistische Prinzip der Habsucht, des Neides, des ehr geizigen Konkurrenzstrebens, das gerade in seiner ganzen Ge walt dem Nichtkrieg oder dem „Friedenszustand" das generelle Gepräge gibt und das der, die Individuen und Parteien geistig einigende Kriegszustand gerade verringert, ja in höchsten Mto- menten aufhebt; teils meinen ste jenes transzendente Ruhe gefühl, Stillegefühl, jenes Erlebnis von Geborgenheit des alle Nleuschen als „Bruder in Gott" mit stch einschließenden Gemütes, die natürlich nur den Lautkomplex „Friede" mit dem gemein hat, was das Gegenteil des Kriegszustandes, den „Nichtkrieg", bedeuten soll. Dieser „Friede" der Friedens-preisungen aber kann auch noch im Kriege, — so er ritterlich und fromm geführt wird — die Leidenschaften durchschneiden wie der Sonnenstrahl den Sturm. Es sind denn auch nur gewisse, moralistische, deu Erlösungs-, Gnaden- nnd supra- naturalen Charakter des Christentums durch und durch ver kennende utopistische moralistische Sekten, wie z.B. Wieder täufer, Quäker, M^ennoniten und andere, gewesen, die eine Ver urteilung des Krieges überhaupt aus den Evangelien ableiten wollten. Keine der großen christlichen Kirchen ist dem gefolgt.^ Und es stnd andererseits Personen und Gruppen, welche die mo derne, ganz irdische und auf den Erfolg eingestellte TLohlfahrts- moral, für welche „Liebe" nicht eine in fich höchstwertige Gemütsbewegung, sondern nur ein seelischer Kausalfaktor für deu allgemeinen Nutzen^ ist, mit der christlichen Ethik aufs peinlichste vermischt haben, die heute noch das Evangelium gegen den Krieg überhaupt zitieren zu können glauben. Aber dieser Tatbestand, daß die höchste und reinste For mung, die das sittliche Bewußtsein bisher gesunden hat, den Krieg nicht prinzipiell verwirft, sagt noch nichts über das positive Sinnverhältnis aus, das Friedensznstand und Kriegs znstand für jenes höchste Ziel besitzen, das die christliche Lebens- lehre stets im Gedanken der Verwirklichung eines,,Gottes- reiches", das zugleich ein Reich der Liebe und des Friedens (im positiven Sinne) ist, gefunden hak. Hier aber liegt — in der Tiefe — ein aus den ersten Blick eminent paradoxes, positives Verhältnis vor, das gerade die jenige Ethik zum Kriege besitzt, die nicht wie antiker Stoizis mus oder wie die Ethik Immanuel Kants in der universalen Gerechtigkeit oder in einem „Reiche von Vernunftpersonen, in 6 8182 dem Jedes Freiheit mik der Freiheit Jedes widerspruchslos zu sammen bestehen kann", die auch nicht in allgemeinster, größter ^Wohlfahrt oder in höchster Kulturevolutiou (wie die Ethik Hegels und Wuudts), sondern in einem M^aximum von Liebe auf Erden das höchste Ziel aller menschlichen Bestre bung erblickt. Der Architekt des Haager Friedenspalastes hat seinen Bau mik der Devise geschmückt — einer Transformierung des bekannten Wortes z,si vi; xacem, pars, bellum" — „81 vis pgcsliiz para iustitiani". Die Phrasenhastigkeit und Nichtig keit dieses Satzes besteht zunächst in der kindlichen Voraus setzung, daß man die „Gerechtigkeit" irgendwie schaffen und bereiten (parare) könnte — so wie man etwas ganz anderes, nämlich gerechte oder ungerechte Rechtsinstitute schaffen und „bereiten" kann. Aber daneben besteht ein Irrtum, den jener Architekt mit den strengen Vertretern einer jeden rationa listischen Gerechtigkeitsmoral teilt. Es ist der durch das Christentum zuerst aufgedeckte, nur negative und begrenzende, nicht positive und schöpferische Charakter jeder reinen Gerech- tigkeitsmoral und ihre notwendige Unterordnung unter die Moral der Liebe. Diese Unterorduuug ist in Begriffen aus gedrückt der Kerngehalt der Bergpredigt. Wie fein und subtil wir die Idee der „Gerechtigkeit" auch aualystereu, ste führt nie und nimmer hinaus über eiue bloß logisch-formale Ordnung uud Systematisterung von Willenszwecken: Es werde Gleichwertiges Gleichwertigem unter gleichwertigen Um ständen.^ Was aber zu wollen und zu tun sei und was nicht, davon sagt nns diese Idee nichts. Sie scheint uns nur dann etwas Derartiges zu sagen, wenn wir Verhal-tuugsweisen, wie Achtung, Liebe, ^Wohlwollen in den Sub jekten heimlich schon voraussetzen, um deren „Gerechtigkeit" es sich handelt, bestimmte inhaltlich wertvolle Eigenschaften aber in denen, auf die sie zielt. „Systematisch" können die Ziele des Teufels ebenso sein, wie die Ziele Gottes! Nennt man z. B. Gleiche gleich stark hassen, quälen, bestehlen, berauben unter gleichen Umständen, sinnvoll keine „gerechte" Hand lung, so gibt man selbst zu, daß man alles „gerechte" Ver halte« gegen jemaud bereits iu irgendwelcher Form einer auf die Anschauung positiver TLerte in ihm gegründeten Liebe verwurzelt hatte. „Gerechtigkeit" ist eben keine neben oder gar über der Liebe stehende sittliche Grundidee, sondern nur die logische Ordnung in der Betätigung irgendeiner Art und Form von Liebe, resp. eines vou Liebes-Gesinnung noch irgend wie umspannten inneren Verhaltens.^ Es ist der tiefste sittliche Grundgedanke des Christentums, daß die vollkommene Liebe, auch alle nach dem N?aßstab der Gerechtigkeit „guteu" Akte des Willens und Handlungen von selbst in sich schließe und nur eben noch ein unvergleichliches Etwas hinzufüge, das sie erst zu rein sittlichen Handlungen mache! Darum „enthält"— nach dem Geiste der Bergpredigt — das Liebesgebot alle anderen „Gesetze" uud Gebote, als vou ihm abgeleitet, in sich. Augusiiu hat diesen Gedanken schon mit klarster uud schärfster Kon sequenz herausgestellt. VZenn aber dieses Grundverhältnis von „Gerechtigkeit" und „Liebe" zugegeben wird, dann ist auch ohne weiteres klar, daß die „Gerechtigkeit" eines Subjekts uie wertvoller sein kann, als die jeweilige Art und der jeweilige TLert der Liebe des Subjekts, die sie notwendig suudiert uud inspiriert. Die höhergeartete Liebe oder jene Liebe, die sich aus 6* 8334 Schutz, Erhaltung, Förderung von Werken höheren Ranges in einem anderen TLesen, wenn auch vielleicht gegen die nie driger gearteten Impulse, Wünsche, Zwecke dieses geliebten TLesens richtet, bestimmt also auch erst die Höhenlage der zu diesem Weesen auch nur möglichen Gerechtigkeit. Eine Liebe, die man schon als eine „Disposition, anderen wohlzn- tnn", d. h. im Sinne der Nutzlichkeitsmoral definieren würde, eine solche Liebe kann freilich auch danu nicht mehr „wehe- tun" und unter Umständen „züchtigen"; auch dauu nicht mehr, wenn die Forderung des höheren Viertes im Gegenüber, die Bewahrung der Geisteswürde des anderen, die Förderung seiner zentralsten Intentionen, die er selbst vielleicht eben preisgeben will, dies erforderte. Die echte Liebe aber, die nicht auf die Wünsche, sondern die VZerte^ und die TLürde des anderen Teiles und auf fem wahres „Heil" gerichtet ist, kann auch hier nach dem Vorbilde Gottes verfahren, der weise „züchtigt, die er liebt". Das gilt auch noch im Völker leben. N?an hat uns z. B. den Vorwurf gemacht, daß wir 1871 unsere Erwerbung der uns von Ludwig XIV. entrissenen Landesteile des Elsaß nicht von einem Plebiszit der Elsäfser Bevölkerung abhängig machten. Aber die Zugehörigkeit zu einer Nation bestimmt stch nicht nach VZunsch und „Na tionalbewußtsein" der iu Frage kommenden Subjekte. Sic bestimmt stch nach Art und Richtung der Arbeit, der For mung, die dieser Boden in stch ausgenommen hat und nach jenen tieseren LebenS-Schaffens-ÄRerttraditionen, die jenseits der Oberfläche des „Urteilsbewußtseins" und des „Wunsches" in dieser Bevölkerung leben. Die eben vollzogene Formu lierung dieses Gruudverhältnifses der Idee „Gerechtigkeit" zur85 Idee „Liebe" hat den Einwurf zu gewärtigen, daß doch die Gerechtigkeit erfordere, „ohue Liebe und Haß zu richten", be ziehungsweise Gesetze, die Gerechtigkeit verwirklichen sollen, „ohne Liebe und Haß" aufzustellen.^ Aber es ist offensichtlich, daß in diesem Sake etwas ganz anderes mit demWorte„Liebe" gemeint ist als in unserem: Nämlich Vorliebe für eine Partei vor der anderen Partei. TLaS wir oben meinten, bedenket dieses ganz andere: daß wesensgesetzmäßig alle „gerechte" Haltung (Gerechtigkeit als Tugend) von irgendeiner Form der Liebe gegen jene Gesamtheit schon bestimmt sei, in der das gerechte Verhalten eine vernünftige einheitliche Ordnung der Zwecke bewirken soll — uud daß gleichzeitig die Sachidee der „Ge rechtigkeit" durch bestimmte TOerte bedingt und getragen fei (und eine Rangordnung solcher), die Objektgrundlagen dieser Liebe sind. Nur gegen jene Neigungen der „Begierde", die eben das Gegenteil von Liebe (jeder Art) sind, soll Gerechtig keit das sein, als das sie Dichter uud bildende Künstler dar stellen: „Blind". Eine auch wert- und liebesblinde Gerechtig keit aber wäre auch blind und ohnmächtig für — die Ge rechtigkeit selbst. Und wieder gilt nicht, daß Liebe sondern daß die Begierde „blind" mache, wogegen die Liebe das geistige Auge überhaupt erst für alle die TLerte öffnet und sie in den Geist einströmen läßt, deren fühlendes Sehen irgend welche Gerechtigkeit erst möglich macht. Die Liebe ist die Wurzel aller echte» „Objektivität" im Verhalte« — sie ist es in der Iltoral wie in der Erkenntnis und das einzige, letzte Agens, das unseren Geist aus dem Ilmkreis unseres Leibes und seiner Begierdeimpulse stch heraus ins Freie, zu Dingen und Vierten hinbewegen läßt. Ntan muß auch86 Gerechtigkeit und Erkenntnis noch „lieben", um darnach zu verlangen und in einer dieser Richtungen tätig zu sein. Die pure Gerechtigkeitsmoral (besser sagte man „Gesetzlichkeits- mcral") wird nun dadurch, daß sie alle anderen willensbestim menden Faktoren außer der Idee formaler Gesetzlichkeit aus schließlich in Egoismus, Interesse, Lust, Nutze« verlegt^, gleichwohl aber doch Liebe das Fuudameut auch der, über „Ge- setzlichkeit"hmausgehenden „Gerechtigkeit" ist, dazugeführt, die Liebe nur als „Disposition zur Förderung allgemeiner JDohl- fahrt" anzusehen. Das heißt ste wird gerade im Hauptpunkt aller Ethik — ihrer Stellung zum Liebesgedanken — zu einer bloßen Unter form des UtilitarismuS. Sie setzt bei all ihren Ableitungen darum schließlich nichts voraus als kämpfende Individualegoismen — ihre Wohlfahrt aber als Summe der TLohlfahrt aller Einzelnen — und eine logische Regel ihrer durch das TLollen zu bewirkenden Ordnung. Uber selbst bei dieser Ansehung vergißt ste, daß ste den Satz vom positiven VZert der TLohlfahrt und ihrer Liebenswürdigkeit als einen un mittelbar evidenten Satz uud so wenigstens die niedrigste Form der Liebe als der Liebe zu dem, was allem menschlichen TLert- bewußtseiu ,,gemeinsam" ist—d. h. Sinnenlust und -schmerz — bereits heimlich vorausgesetzt hak. Eben darum gerät die Ge rechtigkeitsmoral auch sofort in den zweiten Grundirrtum, der uebeu der Verwechslung von „Begierde", „Neigung" uud „Liebe"stets dieHaupthemmuugfürdasVerstäuduisvouVolk, Nation uud Krieg gebildet hat: er besteht darin, daß man die „höherwertige Liebe" nicht gleichsetzt mit der Liebe zum Trä ger höherer TLerte (wie groß oder klein auch der Kreis der Träger dieser Werte immer sei), sondern mit der Liebe zum87 jeweilig größeren Menschenkreise und seiner „Wohlfahrt". So wird die echte (auch „christliche") „Nächstenliebe" zu etwas total Anderem, zur „Liebe zur N^enfchheit" umgebogen; und es kann nun natürlich alle Liebe zn Heimat, Volk, Nation, Staat, Kulturkreis, ex äeliintione nur als eine Art widerrecht liche Entziehung eines Liebesquautums erscheinen, das man der „Ntenfchheik" als solcher, als dem größten Kreise schuldet. Hierbei wird aber eben die Hauptsache übersehen: daß die „höherwertige" Liebe, — auch die „innigere" und tiefer in das zentraleWesenihresGegenstandeseindringendeLiebe—faktisch stets die auf die höheren TLerte (alfo z.B. nicht TLohlfahrt, Nutzen, soudern dem Edlen nnd den geistigen ^Werten der Kul tur, nicht Sachwerten, sondern Personwerten usw.) aufgebaute Liebe ist; und daß gleichzeitig eben die Sphäre dieser höheren, alle „VZohlfahrt" weit überragenden Werte, von Haufe aus nicht allenN?enfchen,,gemeinsame"stnd, fondern nurvolklifch national oder nachKulturkreifen differenzierten Eigenfchafteu, TLerken nnd Kräften der Ntenschen zukommen können. Dar um ist dem: auch faktisch jede sogenannte Liebe zur N?ensch- heit und zn ihrem Gesamtwohl — so berechtigt und notwendig ste aus ihrer Rangstnse ist nnd so sehr gerade diese Liebesart die Voraussetzung ist auch aller „iuteruatioualen" Ncoral, in direkt alles Privat- und öffentlichen Rechts — in dem Augen blick eine widerfittliche und darum auch widerrechtliche Ent ziehung von Liebe gegen die Träger jener „höheren TLerte", die z. B. als echte Knltnr- und Perfonwerte stch in der Sphäre jener großen geistigen Gesamtpersonen, die wir Nationen nennen, darstellen nud eben nur hier ihren „Ort" haben — in dem Augenblick, als diese „Liebe zur Menschheit" in Kon-88 f!ikt mik der Liebe zu den Trägern der an sich auf Grund ihrer Qualität höheren Werke tritt. N?it ihrem unumstöß lichen Fundament, der „Liebe zur N?eufchheit" und dem ihr als solcher Liebe allein noch zukommenden VZohlfahrtswert, ist aus diesem Grunde auch die Forderung „allgemeinmensch licher Gerechtigkeit" so lange in ihrer willensbestimmenden Kraft ausgesetzt, als bis den Forderungen der höherwertigen Liebe zu Nation und Staat und ihrer geistigen Kultur volles Gehör nnd Folge gegeben wurdet Damit stnd die fundamentalen ethischen Axiome kurz be zeichnet, die auch für die Beurteiluug des Krieges als Obersätze zu gelten haben. DiepureratioualeGerechtigkeitsmoral—deren reinstes Musterbild immerdar die EthikJmmanuelKants dar stellen wird — fordert von ihren falschen und durch die christliche Liebesethik längst überwundenen Grundsätzen aus, in völlig schlüssiger nnd strenglogischer VZeise auch den „ewigen Frie den" als regulative Idee alles politischen Handelns; ste fordert weiter internationale Rechtöinstitnte, die auf Grund der Idee und Norm der „Gerechtigkeit" alle internationalen Gegen sätze auf rechtliche Weife fchlichteu. Diese ihre Schlüsse und Forderungen erfahren aber auf Grund des Primates der Liebe über die Gerechtigkeit und des Satzes von der notwendigen Fundierung aller Gerechtigkeit in Liebe, der „höheren" Ge rechtigkeit aber in „höherer" Liebe, nun eine tiefeinfchneidende Einschränkung: Ihre logisch schlüssige Forderung nach Friede und ihn gewährleistende Rechtsinstitute, ist eine „sittliche Forderung" nur insoweit uud iusoferue, als auf Grund des Friedens eine gleichgroße Fülle von Liebe auf Erden und zwar von Liebe der höchsten Arten — und gemessen nach dem89 Range dieser Arten >— erhalten bleibt. VZenn dagegen durch eine, vermöge dieserInstitute, gemäß der Norm ^„Gerechtig keit" zn gewährleistende Ordnung der Interessengegensätze die Gesamtfülle der Liebe in der TLelt (und an erster Stelle der Arten der höheren und höherwertigen Liebe) abnähme, und wenn dies auch in beliebigem N?aße außerdem noch zugunsten der Maximisteruug „allgemeinmenschlicher Wohlfahrt", durch Entfalleu aller der unsäglichen Kriegsübel geschähe, so wäre solche Ordnung auch in der Idee eine wesenhaft widersttt- liche, „böse" Ordnung uud darum auch eiue „ungerechte" — nicht etwa nur wegen der faktischen Schwierigkeiten ihrer Her stellung ans Grund der meuschlicheu Schwäche und unserer gegenwärtigen historischen Entwicklungsstufe. Denn alle mög liche „Rechtsordnung" erhält ihre eigene Würde und Digni- tät erst insofern, als sie stch aus der sittlichen Ordnung ableitet — nicht aber umgekehrt, wie heute eine gewisse „neukautische" Karikatur der großen Ethik Kants will. Das besagt der unver gleichlich tiefstmüge Sah: ,,8uminuinju5,8umma injuria!^ Und das zeigt auch, daß es widerstuuig ist, die nationalen Lebens- und Kulturgemeinschaften mit Subjekten iu Analogie zu be handeln, die überhaupt keine echten „Gemeinschaften", sondern nur auf gemeiusameu Nutzen hin gegründete „Gesellschaften" smd, Gruppen also, in denen man egozentrischeIudividual- oder Kollektivinteresfeu („Interessen" stiidwesenhaft„egozenkrisch", wenn ste auch das sogenannte „Gemeiniuteresse" beliebig vieler sind) als die einzigen, zum „Streit" treibenden und durch Ver trag und Recht zu schlichtenden Kräfte voraussetzt und voraus setze:! darf. Die Idee der geistig-vitalen Liebesgemeinschaft aber ist Voraussetzung der Idee aller bloßen „Gesellschaft"wie Liebe überhaupt Fundament und Bedingung alles Rech tes. Diesen Satz verkennt die „formale" Ethik der Gerech tigkeit ebenso wie die Wohlfahrtsmoral; nur in anderer Richtung! Sie verkennt damit auch, daß sich das richtig for mulierte Prinzip der Gerechtigkeit aufStaaten und Nationen faktifch gar nicht arnoenden läßt. Denn dieses richtig for mulierte Prinzip fordert nicht, daß „unter denselben Umständen bestimmten Subjekten Gleiches geleistet und genommen werde", sondern daß Gleichen oder gleichwertigen Subjekten unter gleichwertigen Umständen Gleichwertiges widerfahre. TAo aber wäre auch nur ein denkbarer NLaßstab für den TLert der Staaten nnd Nationen, der fchon für die Herstellung der „Normen"eines solchen Gerichtshofes — nicht erst seiner Recht sprechung — Voraussetzung wäre? Nur unter der ständigen Fiktion der Gleichwertigkeit und der gleichen Herrschafts- würdigkeit der Staaten könnte solcher Gerichtshof operieren: d. h. unter einer Fiktion, welche alle „höhere Gerechtigkeit" schon prinzipiell und von Hause aus als widerstttlich verneint.^ Natürlich hatte z. B. Polen vor seiner ersten Teilung das formale Recht für stch. Und doch sagt jede gesunde Ver nunft, daß dieser Staat sein Recht ans Existenz verloren hatte, da er durch feine innere Anarchie jeder Herrfchafts- würdigkeit bar geworden war. Auch jetzt hatte Belgien gegen uns das „Recht" für stch, wie der Kanzler so großartig — im Gegensatz zu allerhand mit fragwürdigen Argumenten ver nünftelnden Juristen — zugegeben hak. Und doch war unser Verhalten so„stttlich" wie „gerecht"! Nicht also ist der wert vollere Staat derjenige, der in der Geschichte am meisten bei trägt, die Idee eines internationalen, nach Gerechtigkeit ge- go91 ordneten Friedensreiches zu verwirklichen (Kant); sondern der wertvollere „Staat" „soll" herrschen und der Krieg ent scheidet nach der „höheren Gerechtigkeit" eines Gottesgerichts in lebendiger Tat, — einer Tat, die eben nicht die leere Fik tion der Gleichwertigkeit der Staaken, als bloßes Zugeständ nis an die menschliche Schwäche macht, welcher Staat der wertvollere sei! Eben damit isi aber der „gerechte Krieg" das Vehikel, durch das sich auch die jeweilig höhere Gerechtigkeit und die vermittelnden Systeme ihrer Realisierung, d. h. die höherwertigen uud „gerechteren" Rechts- und Gesetzessysieme aus Erden aus die maximal beste TLeise verbreiten. Die Er oberungen Roms wurden auch zu Eroberungen eines Teiles der V5elt für das höhergeartete römische Recht. VZie isi Preußisch-Polen ganz anders geordnet, seit es preußisch isi und liegt darin nicht eine „höhere" Gerechtigkeit als sie im Spruch jenes Schiedsgerichtes gelegen gewesen wäre, das Polens for males Recht gegen seine Teilung geschützt hätte?^ Eben damit isi der letzte Grund derHarmouie aufgedeckt, der zwischen echter christlicherLiebesmoral und jeder M^oral besieht, die den „kriegerischen Geisi" und die „kriegerischen Tugen den" des M^euscheu eiuer positiven und hohen TLertjchätzung unterwirft. Und es ist gezeigt, wie das pazifistische Ideal, im herkömmlichen Sinne aller seiner Formen, der rationalistischen und utilisiischen niemals aus den Grundsätzen der Liebesmoral gewonnen werden kann, sondern vielmehr immer nur aus falfcher Gerechtigkeitsmoral und lltilitarismus oder einer Verbindung beider. Die Liebesmoral bildet nicht nur histo risch und faktisch, z.B. innerhalb der älteren keltischen, germa nischen, romanischen und slawischen TNelt, sondern auch ihren92 inneren Wesensbangesetzen nach, eine strenge Stileinheit mit der kriegerischen Ncoral und der hohen Wertschätzung der spezifisch „edlen" und „ritterlichen" menschlichen Eigen schafken. Verschiedene Kriegshelden sind zugleich Heilige. Liebes- und Kriegsmoral bilden eine solche genau im selben Sinne, wie umgekehrt rationale Gerechtigkeitsmoral, lltili- karismus und Pazifismus, oder eine jener beiden Nlorale« und Pazifismus solche inneren Stileinheiten darstellen! Diese Stileinheiten stud aus evidente TLesenszusammenhänge zwi schen Vierten und sittlichen Akten gegründet, die aller posi tiven historischen Erfahrung vorhergehen und ihr gegenüber „a priori^ stnd, — die aber selbst noch notwendig stnd, nm die faktische historische Entwickelnug zu „verstehen".^ Nichts stnde ich gegenwärtig von Killkurparteien, Philo sophen, Ethikeru, Historikern mehr verkannt als den Be stand eben dieser moralischen reinen Typen und Stilgefetze der Ntoralen. Da gibk es zunächst eine Gruppe solcher, welche die innere Unmöglichkeit einer bloßen Kankischen Gerechtigkeitsmoral wie eines Iltilismus begreifen, welche eine neue ^Wertschätzung der „edlen", kriegerischen, ritter lichen Eigenschafken der Ncenschen fordern, aber gleich zeitig der M^einuug stnd, daß man gerade dann auch die Grundsätze der echte«christliche« Ethik preisgebe« müsse. In dieser Linie bewegt stch Fr. Nietzsche, dem nicht nur „eine gute Sache den Krieg" heiligk, fondern dem „der Krieg jede gnke Sache" heiligen soll. In dieser Richkuug bewegeu stch — auf tiefstem Niveau uud mit Nietzsches Tiefstuu nicht zu vergleichen — eine Neihe Ekhiker, die aus deu Grundsätzen Darwins, uichk wie H. Spencer höchst stnnvoll den Pazi-93 fizismus sondern das Recht einer kriegerischen Moral ab leiten wollen. Der Unsinn von Voraussetzung wie Ableitung bei diesen Schriftstellern wurde früher aufgewiesen. Aber auch tiefe Denker gehen von einem sinnvolleren und rich tigeren Begriff des „Lebens" nnd der „Lebensentwickelung" aus diesen Weg, z. B, der Franzose Guyau. Auch TO. Rathe nau stellt in seinen schönen und lesenswerten Büchern^ ähn lich wie Fr. Nietzsche das germanische „Mutethos" dem christlichen „Mitleids-, Passivus-, Demuts-, Liebesethos" als sich ausschließende Gegensätze der Stilformen des sittlichen Bewußtseins nnd seiner möglichen Strukturen gegenüber — ohne freilich wie Nietzsche einseitig für das eine oder andere Partei zu ergreifen. (Ich gedenke dabei nicht jener „lächer lichen" Karikaturen dieses Standpunktes, die uns auffor dern, uns wieder lauge Barte wachsen zu lassen, an Stelle Christus „Wnotan" oder sonst was der Art zu setzen, welche Religion ans der „Rasse" ableiten und die sittliche Güte in „Langschädligkeit" zu erkenne« glanben. Sie sind der TLiderleguug nicht wert.) Der Grund dafür, daß sie die aufgewieseue Stileinheit von echter Liebesmoral und Hoch- schätzuug — wenn auch nicht spartanischrohe Höchstschätzung des kriegerischen Ethos verkennen, ist an erster Stelle ein voll kommenes Mißverständnis der christlichen Liebesethik. Dieses ^Mißverständnis besteht teils in der Verwechslung von christ licher Liebe mit Schopenhanerschem^ Mitleid oder Comte- schem „Altruismus", teils mit moderner „Menschenliebe" und „Humanität", teils in derVerwechsluug von (positiver) tapferer „Duldung" mit „Pafsivität", von „Demut" mit „Servili- kät", dies alles verbünde» mit einer Naturalisierung der94 christlichen Gesamtidee, wie sie freilich auch einem Teile der sogenannten „liberalen" christlichen Theologie zur Last fällt. In geringerem N^aße ist der Grund für die Zinnahme dieses „Gegensatzes" auch die einseitige und rohe Fassung des kriege rischen Ethos als bloßes blindes Draufgängertum, bloßes „Mutethos" nud wohl gar noch irdisches, nur auf die eigene Gruppe bezogenes Herrschaftsethos. Kriegerisches Ethos ist aber ebenso ursprünglich wie es Nbutethos ist, auch Ethos ritterlicher Selbstbeherrschung der eigenen Triebe und Opfer ethos; kriegerisches Ethos ist gerade nicht rohes Säbeltnm, sondern ritterliches und großherziges Degenethos, das mitten im Kampf den Feind bejaht uud achtet und „Haß" und „Neid", d. h. die spezifischen Haltungen der „Ohn macht" nicht kennt; ist nicht nur Ethos des guten Besehlens, sondern auch des guten echten Gehorchens (im Gegensätze zu sklavischer, meist mit dem Bewußtsein äußerster „Selbständig keit" gepaarten Beeinstußbarkeit uud Ansteckbarkeit durch fremdes Wollen); nicht nur Ethos der Siegesfreude, sondern auch Ethos ruhigen uud stillen Duldenkönnens einer Nieder lage; nicht nur irdisches Herrschastsethos, sondern auch der Unsterblichkeit zugewandtes Rnhmesethos. So liegen im kriegerischen Ethos faktisch bereits alle die Anknüpfungen zu dem höhere«, es unendlich Überragendell Stockwerke der höch sten rein religiösen, sittlichen, christlichen Tugenden— und dies eben im Gegensatze zu aller Militärischen Kaufmanns- und zu aller brutal „biologischen" blonden Bestienmoral, die von Selbstbeherrschung, Gehorsam, Opfer, Demut, Duldung, Fortleben nichts wissen will. Nur durch diese doppelte Ver kennung sowohl des echten Liebes- als des echten kriegerischen95 Ethos vermögen die Vertreter dieses Dualismus von Liebes und Kriegsmoral natürlich auch für die tiefgreifendste Er scheinung der westeuropäischen Geschichte, für die Annahme des Christentums durch Germanen und Kelten, keinerlei Ver ständnis mehr zu gewinnen. Diese allen sonstigen Geschichts- verlanf Westeuropas bedingende Geistessynthese muß sür sie ein vollendetes Rätsel sein. MÄre das christliche Ethos von Hanse aus eine auf Ressentiment beruhende Sklaven- und Dienerreligion und -Moral gewesen — wie konnten die Ger manen und Kelten, diese kriegerischen Herrschervölker, so un endlich instinktverlassen sein, es anzunehmen? Waren ste aber so suggerierbar — dann waren es auch keine „Herren"! Nnr der Sklave läßt sich seine Instinkte wegsuggerieren. Unser Stilgesetz aber macht die Geschichte der Ausbreitung der christlichen M'oral in der nordischen Völkerwelt sinnvoll und verständlich. Das entgegengesetzte macht ste zu einer patho logischen unfaßlichen Ntassensuggestion. In anderer Richtung verkennen diese Stilgesetze alle die jenigen, die umgekehrt wie die puren Krastethiker alle kriege rische Moral mit dem Kriege selbst im Namen der christ lichen Liebe verwerfen, wie z. B. Tolstoi; ste setzen gleichfalls Liebesmoral mit VLohlfahrts- und moderner Nueuschheits- liebemoral gleich, nur daß ste dies im Gegensatze zu den hier konsequenten „lltilitarieru" nicht merken, also eine radikale Begrisfsverwechölung begehen. VZeitere Verkennnng der Stilgesetze liegt vor bei allen christlichen Theologen, die eine christliche N?oral auf den kategorischen Imperativ ausbauen wollen (zwei Dinge, die stch ansschließen wie Feuer und Wasser) und die darum auch zum Kriege (im Gegensatz zu96 dem tiefsinnigen, konsequenten Kant) nur eine ganz opportu nistische halbe, schwächliche Stellung gewinnen können. Eben diesem Verhältnis der Kriegsmoral als einer Vor stufe zur religiösenLiebesmoral entspricht es, daß der Krieg eben sowohl die Kraft in sich birgt, die Gemüter innerlich zu einen, als er die große Kraft ist, die N?enschen äußerlich zu trennen und zu scheiden; wogegen der Friedenszustand die Iltenschen ebenso äußerlich eint, als er ste innerlich atomistert und trennt! Gewiß ist diese Emling, die der Krieg im Laufe der Geschichte innerhalb wachsend größerer und umfassenderer Gruppen be wirkt (ans Stämmen Völker, aus Völkern Nationen bildend und schassend) zunächst nur durch das N?otiv der Schwäche, gemeinsamer Not der Individuen, gemeinsamer Existenz gefahr, gemeinsamer Feindschaft, ja wohl auch gemeinsamer Angriffslust oder gemeinsamer Rache bestimmt. Aber das ist nun das Entscheidende, daß die Akte der tieferen TLillens- nnd Gestnnnngseinignng und das Wachstum der Liebe, die durch diesen Notstand nicht gemacht, sondern nur als in sich freie Kräfte zur Betätigung ausgelöst werden, nach ihrem Grade und ihrer Tiefe hin angesehen, nicht mit dem Notstand, der sie ins Spiel setzte, vergehen, sondern weiter durch die Folge zeiten des Frieden hindurchschwingen. Die einmal ausgelöste Kraft wirkt und fammelt weiter. Daß es überhaupt erst solcher „Ncotive", daß es des Krieges auch nur zum Geburts helfer dei^ echte „Gemcinschast" bildenden Liebeskraft über haupt bedarf— darin, aber auch nur darin sah die christliche Lehre mit Recht eine „Folge der menschlichen Sündhaftig keit", die sie auf Sündenfall und Erbsünde zurückführten. Gleichwohl bleibt der Krieg, indem er diese Auslösung voll-zieht, hierdurch ein positiver Wesensbestandteil der göttlichen Erlösuugsordnung. Und wie hark, rauh gewunden und dornig dieser Weg immer sei, so ist er doch noch ein geraderer und sanfterer Weg zu dem überschwenglichen Ziele des „Reiches Gottes", als ein „ewiger Friede" wäre, der durch bloße stei gende Interesseusolidarität der Völker nnd vollkommene Aus dehnung der Vertrags- und Rechtsidee über die Staateuwelt sich anbahnte. Denn dieser „ewige Friede" würde nicht aus schließe», daß sein sittlicher Inhalt — in christlicher Sprache — zugleich das „Reich des Teufels" sei. Das ist der Grund- irrtnm aller naturalistischen Kriegs- und Friedensphilosophie, daß man, ganz auf das äußerlich Sinnliche und Sichtbare des Iltenschlichen gerichtet, den Krieg nur als M^acht der Schei dung und der Trennung unter N?enschen versteht; den bloßen „Nichtkrieg" aber, der durch eine kluge Verzahnung der Interessen erreicht ist, sür ein positives Liebes- und Friedens reich hält. Aber scheidet und trennt wirklich der Krieg die Renschen mehr als er sie eint? Scheidet und trennt er sie mehr als ein dauernder Friedenszustand? Und worin scheidet er, worin trennt er? Hier gerade liegt die ungeheure Paradoxie des Krieges, daß er, der auf den ersten Blick Kraft und Prinzip tiefgreifendster und furchtbarster Scheidung und Trennung unter den N?en- schen zu fem scheint, faktisch und tiefer gesehen, die stärkste Kraft der Menscheneiniguug darstellt, so daß man seinen Genius geradezu deu mächtigsten Einheitsbildner unter Renschen nennen kann. Die erste und sittlich bedeutsamste Einigungsieistimg, die 7 9798 der Krieg einer sozialen Gruppe, sei sie Stamm, Volk, Na tion, hervorruft, ist die Einigung der Teile der in den Krieg ziehenden Gruppen untereinander. Schon der erste Ruf,,Auf zum Kriege" trifft die Egoität eines Jeden mit einer Ge walt, wie es Zungen von Engeln nicht vermöchten. Die Distanzen der Individuen, der Klaffen, der Stände, des Hoch nnd Nieder, des Arm und Reich, vermindern sich mit einem N^ale; die Harken Eigeutumsbegriffe des Friedens werden weich und stüsstg; starre bislang in sich beschlossene Herzen und Gemüter öffnen stch und sehen stch verwundert in einen großen, einheitlich dahinrauschenden Strom macht vollen Lebens einschmelzen. Der Geist der Liebe und Opfer- bereitschast, das wiederkehrende Bewußtsein der Tiese auch vorher schon vorhandener Liebe zur gemeinsamen Heimat, Sitte, Staat, das der auf die materiellen Werke bezogene Koukurreuzgeist des Friedens versteckte und verbarg, alles das leuchtet hell und fcharf auf. „Keine Parteien mehr" und hinter mir das „ganze deutsche Volk!" Der Friedensznstand mit dieser neuen Wachheit und Helle über gemeinsame Werte, (und unter ihnen über die gemeinsamen höchsten Herzens- und Geisteswerte) verglichen, gleicht hiegegen einem Zustand des Schlases und der Gefühls- und Teistesblindheit. JeHt aber sehen die vorher Blinden, hören die vorher Tauben, gehen die vorher Lahmen! Im Frieden erblickt das Auge des Herzens nur die jeweiligen Differeuzwerte als Werte über haupt^; nur das, was einer „mehr ist" als ein Anderer, das, was einer „mehr hat" oder weniger, ist hier als Wert gegeben; oder noch schlimmer, was Jeder nicht hat! Denn für die Kräfte menschlicher Habsucht, für Strebergeist, fürEhrsucht und Neid, die der Friede hegt und pflegt, sind nur eben diese Differenzwerke Angriffspunkte der Betäti gung des Handelns uud der Sorge. Alles andere wird für das erlebende Bewußtsein in nächtlichem Dunkel gehalten. Der Krieg dagegen läßt uns aus diesem Schlaf, dieser Blindheit erwachen: TLir sehen, was wir sind und was wir besitzen. V?ir begehren weniger und lieben viel mehr! Verschlafene, in der Gewohnheit des selbstverständlichen Hin nehmens der Tage, erstickte Liebe zwischen Gatten, Geschwisterif, Eltern und Kind, Freund und Lebenskamerad glüht wiedier auf, da sie sich in das große einheitliche Schicksal des Volkes einbeschlossen und durch die Bewegung des Ganzen mit iü^ eine große Bewegung gezogen sieht. N^ag der Freund, der Geliebte, der Gatte, der Sohn sterben; dies ist dann schwere Herzensuot. Aber vorher wurde das Band verschlafener Liebe neu geknüpft. Und nun starb der Geliebte als Geliebter — während im Frieden ebenderselbe länger gelebt hätte aber ungeliebt, vielleicht nur dem Namen nach „Freund", „Gatte", „Bruder". Also erhöht, erweitert, vertieft und spannt auf die höchsten, gemeinsamen unteilbaren TLerte der Krieg nnser sittliches Bewußtsein! Er gibt uns eben damit auch für den folgenden Frieden ein neues N^aß unserer Existenz; hängt über uns eine neue Forderung, die zu ver gessen wir uns von nun an schämen müssen. Im Bilde und Nachleben der Erinnerung wird im Frieden „Norm", ein „Soll", ein „Ideal", was „damals" die gesteigerte ^Wirklichkeit selbst war. Also bildet sich die „Norm" des Friedens aus der erhöhten sittlichen Wirklichkeit des Krieges. N?ag der Kamps der Klassen, der Parteien im Frieden wieder 7* 99100 beginnen. Ammer doch stnden wir die packenden beschämenden Argumente der Führer der Unterdrückten des Volkes, der ^Massen gegen wiedererwachenden Klassenegoismus, Klassen- stolz: „Denkt an damals, da ihr uns die Hand drücktet und wir Kameraden waren." -i TLenn aber der Krieg schon durch einen, in jeder Staats- einheit ablausenden Vorgang die Gesamtsülle der Liebe aus Erden bedeutend steigert — wie immer er auch die allgemeine Wohlfahrt schädigt — so gewinnt er für den moralischen Gesamtstatus keine geringere Bedeutung dadurch, daß er in ganz großem Stile die furchtbaren Spannungen von Haß, Neid, Ärger, Rache, Zorn und Ekelgefühle, die der Frie- densznstand zur Verdrängung in die tieferen Schichten der Seele führt, gleichsam mit einem M^ale auswirft und so erst die Vorbedingung echterer gegenfeitiger Achtung und Zu neigung unter deu Völkern wiederherstellt. So ist er eine Psychotherapeut!? der Völker im großen, wie sehr er anch gerade die Geisteskrankheiten einzelner steigert.^ Mit Recht hat man daher zu alleu Zeiten den Krieg mit dem lust reinigenden elementaren Naturphäuomeu des „Gewitters" ver glichen. In der Tat, der Krieg ist das Gewitter der moralischen Welt. Ich kenne viele, nnd ich leugne nicht, daß ich selbst zu ihnen gehöre, die mit Entsetzen und Grauen den furcht baren Ausbruch des Hasses, des Neides, der Verärgerung wahrnahmen, dazn die daraus stch erst als TLirkuugeu aus bauenden Illusionen^ und ^Mißverständnisse, die („Barbar", „Ulau", „Attila", „tollerHund" usw.) gleich nach dem Be ginn des Krieges allem deutsche» Weseu auch aus vielen neu tralen Staaten entgegenschlugen. Von diesem Phänomen101 waren wir alle, wäre» auch solche, die wußten, wie viele Nei der wir hatten und die die billigen Nlanöver von Vortän- schungen einer „Entspannung" z. B. zwischen Deutschland und England längst durchschallt hatten, doch ans das äußerste überrascht. Wie war doch das ganze Heer dieser gelben und bisstgen Gesühle unter den N?asken des Geschäftsinteresfes und geschmeidiger Geschästsmoral gegen uns als den „Kunden" und nnter den ein wenig seineren des TLohlanstandes und internationaler Kourtoiste versteckt, aber nicht etwa weniger, sondern stärker wirksam gewesen! Denn stärker wirkt auf das Ganze der Seele der durch Anstand, N?anier usw. ver drängte als der ausgedrückte Affekt. Und doch tröstet mich heute tief der Gedanke, daß das rabiate Ausbrechen dieses Hasfes in formuliertes Mißverständnis, in N?asfenillusionen und Schimpf die ganz fundamentale Bedingung dafür ist, daß fürderhiu deutsches TLefeu im Auslände ein tieferes, wahreres Verständnis und echtere ^Würdigung stnde. Denn nicht der Krieg oder unsere Kriegführung hat ja diese lieblichen Gefühle nnd Affekte erst geschaffen; der Krieg löst sie nur und bringt sie zum Ausdruck; er leitet sie nur ab und entlastet die Völker von ihnen. Unser wahres Verhalten in diesem Kriege, das stch mit der Zeit gegen alle Lügen durchsetzen wird, unser weiteres Verhalten beim Friedensschluß, das besonders gegen Frankreich das der Großmut und der Ritter lichkeit sein wird, werden dann aus die so erst gereinigten Volksseelen ein echteres und wahreres Bild deutschen Wesens stch einprägen lassen, als es vor dem Kriege bestand. Aber sehen wir von dieser Ableitung des Hasses ab; so wird man, was Wesen uud Ursachen des Krieges betrifft, noch er-102 heblich welker gehen müssen. Man wird zur Einsicht kommen müssen, daß es neben nnd unabhängig von allen „historisch" so unendlich variablen Ursachen zum Kriege, neben allen Inter essen-und N^achtkonflikten, Beleidigungen usw., die zu Kriegen führen, noch eine konstant wirksame Ursache zur rhythmi schen Abwechslung von Frieden und Kriegszustand gibt, die auch bei Fehlen aller jener historisch variablen Kausalfaktoren noch iu Wirksamkeit bliebe, und die zum mindeste» rhythmisch abwechselnde Kriegs- und Friedeusueigungen erzeugte. Diese gleichsam organisch wirksame Mitursache zum Kriege ist — so paradox es klingen mag — nichts anderes als der „Friede" selbst. TLenn nichts anderes den Krieg erzeugen würde — der „Friede" ganz allein würde ihn immer aufs neue hervor treiben! Schon F.Dostojewski, dieser unvergleichliche Seelen analytiker, macht in seinem Anssatz: „Rettet denn ver gossenes Blut?" (s. Politische Schriften) die Bemerkung: „Und als Resultat erst erweist es stch, daß der bourgeoise lange Friede zu guter Letzt selbst das Bedürfnis nach Krieg erzeugt, ihn wie eine traurige Folge von stch selbst aus stch heraus schafft." Ein allwissendes Wesen, das die Phasen der Geschichte mit einem Blick zu umfassen vermöchte, könnte sicher eine Regel des Rhythmus in der Abwechslung von Krieg und Frieden auf Erden gewahren, die ihm nicht ver wunderlicher wäre als der Rhythmus des Ein- und Aus- atmens, eiue Regel, die erst superpouiert mit allen anderen kon kreten Geschichtsnrsachen und terminbestimmenden Anlässen der Kriege ihm die volle und letzte Einsicht über die Kausalität von Krieg und Frieden gewährte. Denn so ist einmal die mensch liche Natur eingerichtet, daß die bloße Form des „Friedens-znstandes" als solche — ganz abgesehen von dem wechselnden Inhalt des Friedens und den variablen Volkscharakteren und ihren Geschicken — konstitutive Gefahren, ja konstitutive Kraftfaktoren sittlicher und intellektueller Schädigungen der Seele und der alle^. Kultur uud Ethos tragender Vi talität der Gemeinschaften in stch schließt, die nur der Krieg und nichts anderes als der Krieg heilen und ab stellen kann. Eine dieser konstitutiven Schädigungen ist eben jene feelenzerwühlende Verdrängung der Gemütsbe wegungen nnd Asfekte des Neides, des Hasses, des Ärgers, des Zornes, der Rache, der Eifersucht, welche die festen fach haften Zwangsordnungen der Friedensarbeit zusammen mit dem konstitutiven Pharifäismns aller Friedensmoral mit stch führen. Es gibt einen Punkt, Ivo die Kumulation dieser gelben Gefühle in den Seelen der N^assen einen Grad er reicht, bei dem nur noch das „Ausbrechen" des schon kryp- togam vorhandenen Krieges — wie die Sprache fo tiefsinnig fagt — die Erlösung und den tieferen Frieden der Seele gibt. Darum ist auch, ganz unabhängig von politischer Vor- ausbercchmmg und Kenntnis der diplomatischen Verwick lungen bei ganz apolitischen Menfchen (Bauern, Kauf- leuten, Künstlern, Forfchern) meist ein in sich wenig klares, aber doch fehr bestimmtes Vorgefühl für den nahenden Krieg vorhanden; vergleichbar dem Vorgefühl, das der erfahrene Seemann für den Sturm hat, ohne daß er doch die Zeichen angeben kann, auf die er fein Urteil stützt, oder gewisser Leute für das TLetter. Ich habe eine ganze Reihe völlig apolitischer Kaufleute zirka zwei Neonate vor dem Krieg gesprochen, die, ob sie gleich kein Interesse am Krieg hatten, I0Z104 sagten: Wir Kaufleute hier (in Halle a. S.) können den Zustand nicht mehr ertragen, und wünschen, daß der Krieg endlich ausbräche. Die Gründe, die sie angaben, waren dabei ganz verschieden. Die einen fanden die Kreditverhältnisse unerträglich; andere klagten über ganz andere Dinge. Die Gründe waren also zu dem Vorgefühl wohl nur Hinzuge macht! Und wer hätte nicht auch in den Tönen unserer jüngsten Dichtung^ und in uuserer bildenden Kunst bis hinein in futuristische Auswüchse gar mancherlei vom kom menden Kriege läuten hören und blinken sehen? Selbst die Reichsten begannen Ekel an ihrem Reichtum und ihrem allzu großen Kuchen zu empfinden. Überall war Übersättigung an den immer korrupteren Vergnügungen des Friedens, an Hyperkompliziertheit und Greisenhaftigkeit der Genüsse des ausgelebten europäischen Kapitalismus eingetreten, überall fand man sich, was auch nur den primitivsten Reiz des Lebens betrifft, an der Grenze; und nicht nur bei uns in Deutschland, sondern in allen kriegführenden Staaten war der Geist einer „neuen Jugend" an der Arbeit, den allzu langen Friedensgeist Europas zu bestatten. Was man in Frankreich „l'ezprit nouveau" in Literatur, Dichtung, Philo sophie nannte/? was man bei uns als ,,Geist der neuen Jugend" bezeichnete und so mannigfaltig beschrieb, es hatte vice verxa auch feine nachweisbare Analogie in Oxford und Cambridge, ja sogar in Petersburg und Moskau. Man vergesse bei Erforschung der Ursachen zu diesem Kriege ja nicht, daß er vor allem auch der Krieg einer neuen Gene ration ist — der Krieg der Jugend Europas! Denn eben nach der Ordnung der Generatiouenauseinanderfolgen wirken105 naturgemäß in jene „organischen" Ursachen, von denen ich hier rede. TLer gegen diese liebessteigernde und haßabreagierende Kraft des Krieges einwendet, daß doch andererseits der Krieg schon dadurch, daß immer ein Teil unterliegen müsse, auf Jahrzehnte, ost Jahrhunderte hinaus neuen Haß erzeuge, der hat nur sür den Fall Recht, daß es sich entweder um einen ungerechten Krieg, oder um ungerechten und politisch törichten Friedensschluß, oder um verbrecherische Kriegführung, oder endlich nm ganz unkriegerische Völker handelt, die das Wesen des Krieges nicht begreisen können. Hat der unter den furcht barsten Opfern verlausende uud so kurz erst verflossene russisch- japanische Krieg es ausgeschlossen, daß Russen und Japaner sich alsbald wieder sehr wohl verstanden, jetzt aber gegen nns zusammengehen? Hat das blutige Rittgen der Buren mit England es ausgeschlossen, daß jetzt General Botha England seine Loyalität versichert? Im „gerechten Krieg" aber sührt auch die blutigste Niederlage nicht zum dauern den Hasse, sondern allein zur geistig-sittlichen Einkehr des besiegten Volkes, sowie zur Einsicht in dil^ durch den Krieg aufgedeckten Fehler nnd M'äugel feiner staatlichen und sittlichen Existenz. So waren die Niederlage der deutschen Heere bei Jena und der Zusammenbruch des preußischen Staates „gerecht" von Grund ans und sie erst konnte die großen Stein-Hardenbergschen Reformen, den großen Geist des Befreiungskrieges zeitigen. Das schmerzende Schwert des überlegenen Feindes wird eben in einem gerechten Kriege not wendig immer auch als heilendes Richtfchwert empfunden. Und das allein fchon schließt dauerudeu „Haß" des Gegners106 aus, der dies Richtfchwert führt. Andererseits muß der ge rechte Krieg so geführt werden, daß er die Möglichkeit des Bestandes desjenigen Vertrauens nicht untergräbt, das zu einem künftigen Friedensschluß und dem Glauben an die Fest haltung seiner Bedingungen notwendig ist. M^it Recht for dert daher I. Kant in seinem sechsten Präliminarartikel: „Es soll stch kein Staat mit einem anderen im Kriege solche Feind seligkeiten erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen; als da sind An stellung der Meuchelmörder, Giftmischer, Brechung der Ka pitulation, Anstiftung des Verrats im bekriegten Staat usiv." Aber auch die Friedensbedingungen selbst müssen so gehalten sein, daß sie die mögliche Bündnisfähigkeit des besiegten Staates bei etwa eintretender Gemeinschaft der Interessen mit dem stegenden Staate nicht ausschließen. Dazu ist vor allem nötig, möglichste Schonung der Ehre des fremden Staates und seiner Repräsentanten; freie ritterliche An erkennung der in seinem Kampfe aufgewandten Energie rmd der Tapferkeit feiner Armee; endlich Unterlassung von solchen territorialen Erwerbungen, die der stegende Staat nachIItaß- gäbe der Volkscharaktere und seiner moralischen Asstmilations- kraft nicht dauernd zu verwalken und stch zu afstmilieren die Kraft in stch fühlt.^ Andererseits ist die radikale Fortführung eines Krieges bis zur möglichst vollständigen Klärung der Machtverhältnisse gerade eine fundamentale Bedingung da für, daß nachdauernder Haß vermieden werde. Ein zu früher Friedensschluß, ein zu frühes Zurückweichen vor den^. dem Kriege natürlich abholden, stch meist unter dem Banner der „Humanität" heuchlerifch verbergende» Interessen des inter-107 nationalen Börsenkapitals, zurückbleibende Unklarheit, ob nicht etwa bloße Zufälle die Entscheidung herbeigeführt haben, sind für die^ dem Kriege folgenden Zeiten von größtem Übel. Die dauernden Haß erzeugende Kraft, die man dem Kriege fälsch lich nachsagt, fällt aber znm größten Teile nur eiuer falschen, unritterlichen Kriegführung zur Last. Es ist eiu Zug tiefer Vornehmheit der M^enschennatur, der darin in die Erschei nung tritt, daß auch die schwersten, opferreichsten Nieder lagen, die von regulären Truppen in offener Feldschlacht bei gebracht worden stnd, nicht den tausendsten Teil so erbitternd wirken, wie der Schuß eines einzigen Franktireurs aus dem Hinterhalt oder eine andere der von Kant angeführten ver brecherischen Maßnahmen. Eben darin zeigt auch der ge meine M^ann, wie wenig er nach den Regeln der Wohl- fahrtsmoral fühlt und denkt. Oder: hätte der Kaifer von Österreich dem gefangenen serbischen Oberstkommandierenden nicht ritterlich freien Abzug gewährt, hätte er die Gunst des Zufalls benutzt und ihn während des Krieges gefangen gehalten — diese eine Handlung hätte mehr Haß und Erbitterung erregt, als eiue Auzahl schwerer serbischer Niederlagen. Wäre der Krieg an stch ungerecht, griffe er die Struktur unseres moralischen Bewußtseins auslösend au — wie könnte stch dieses seine, haarscharfe Unterscheidungsbewußtsein sür „ge recht" und „ungerecht", sür ritterlichen Tod und Tod als Verbrechensfolge auch im Kriege erhalten? Warum gerade dieser Krieg in dieser Richtung so viel zu klagen gibt, darauf komme ich gegen Schluß zurück. Abgesehen von der Kriegsführung gibt es nur eine Emo tion, die der Krieg im Besiegten hervorrufen kann: das ist108 der Rachegedanke und das Rachegesühl — nicht zu ver wechseln mit der Idee der „Revanche". Nun ist zu aller erst die Racheemotion^ in keiner ihrer existierenden Formen mit „Haß" identisch. Sie kann auch in intensivster Form ohne diese existenzentmächtigende Gefühls- und Willensvernei nung des Gegners bestehen, die wir „Haß" nennen. Das zeigt ja schon die Tatsache, daß das Rachegefühl mit der voll zogenen Rache erlischt, während beim echten Hasse eine regel mäßige Form fehlt, durch die er zur Erlöschung gebracht wird. Haß ist auf das dauernde Wesen und die Wesens eigenschaften des Gegners gerichtet: Rache ist die emotionale Reaktion gegen eine Handlung oder Haudlungsreihe — nicht gegen das Wesen des Gegners. Der Haß führt sehr leicht zur „Nachsucht" gegen das gehaßte Subjekt, d. h. dazu, in jeder Äußerung des Gegners einen Rachegrnnd zu witteru, oder in alle — auch harmlose — Äußerungen eine feindliche Spitze hineinzulegen. Die Racheemotion aber kann nicht umgekehrt zum Hasse führen, wenn nicht noch andere, in den Charakteren liegende Momente der Abstoßung hinzukommen, auf die die Racheemotion höchstens aufmerksam macht oder sie Heller als vorher beleuchtet. Trotz dieser TLesensverschiedenheit von Haß uud Racheemotion, kann auch die heimlich, in der Seele fort glimmende Racheemotion zu lange dauernder Untergrabung der Kulturgemeiuschaft zwischen Völkern führen und immer nene Ketten feindseliger Handlungen hervorbringen. Doch auch zwischen der eigentlichen Racheemotion und dem, was wir — nicht umsonst — mit dem französischen Ausdruck „Revanche" zu belegen pslegen, ist ein tiefgreifender Unter schied. Das Wort „Revanche" bezeichnet nicht nur als deut-109 fcheS Fremdwort, sondern auch als rein französisches Wort ein weit weniger scharfes und bissiges Gefühl, als es die echte Racheemotion darstellt. Es ist kein Zufall, daß wir fogar im Spiele von „Revanchenehmen" und „Revanchegeben" reden, oder in heiterer spielerischer Rede von einem „Sich revanchieren" (z. B. für einen lustigen Spott) sprechen. In diesen Fällen kann man das V5ort nie durch „Rache" er setzen. Wird das Wort auf so ernste, vom Spiele weitab- liegende Dinge gebraucht, wie auf das französische Volks gefühl gegen uns nach dem siebziger Kriege, so liegt zwar alles leicht Spielerische fern; aber dennoch bleibt, was es be zeichnet, von eigentlicher Racheemotion verschieden. Die fran zösische Sprache hat denn auch für Rache ein eigenes Work, das Wort vcnAeance, das unserer „Rache" genau entspricht. „Venßeznce" bezeichnet ein ganz subjektives, dunkles, bitteres Gefühl — „Revanche" ist objektiver, freier, weniger bitter und gewinnt feinen vollen Sinn erst durch feine noch fühlbare Kontinuität mit dem ritterlichen Kriegsspiel des Turniers, dessen besondere Emotionen sich bei den Galliern stets bis zu einem gewissen Grade bis in den wirklichen Krieg fortgesetzt haben/° Die Revancheidee ist auch historisch weit weniger durch den Verlust von Elsaß-Lothringen und durch die Höhe der Kriegskontribntion im Jahre 1871, noch viel weniger durch die eigentlichen menschlichen Kriegsopfer und das Nach gefühl dieser Opfer bei Eltern, Kindern, Verwandten, Freun den ausgelöst worden — hier wäre „Rache" vielmehr am Platz — als dnrch den Flecken, den durch unfern Sieg das hell strahlende Banner der ruhmgekröuten und (mit Ausnahme von i8iz) ruhmgewohuteu „Zloire"-durstigen französischen110 Armee erhielt. Das französische alte Nationalisier der Eitel keit, das in Frankreich so leicht wie nirgends in der Welt mit Ehrgefühl verwechselt wird, und der ganz eigenartige, einst so großartige und helle gallische „Gloiregedanke" sind die Wur zeln der Nevancheidee. Trotz der Tatsache des gegenwärtigen Krieges und des frankorussischen Bündnisses, das zu ihm sührte, muß heute noch gesagt werden, daß dieses Revanche gelüste kein ursprüngliches französisches Volksgefühl ist; es war ursprünglich lediglich ein Gefühl der geschlagenen Ar mee und ihrer Führer und nur durch die Sympathie mit der Armee hindurch, aber nicht ursprünglich aus der Tiefe des Volkstums hervorfchießend, fand es feine Verbreitung; durch Mäuuer der Armee, zuerst durch Gambetta, in dem sich Armee und Volk verband, auch seine immer wieder neue Anfachung. Es gehört wie mir scheint zu jenen tiefen, schwer zu beseitigenden Mißverständnissen, die im Gegensatz der Volkscharaktere wurzeln, daß wir in die französische Re vancheidee, auch in ihre ersten Entwickelungsphasen, immer ^Momente deutschen Ernstes nnd deutscher Schwere hinein- dichteten, die sie aufaugs nicht befaß. Sie ist zuerst ganz ritterlicher Gloiredurst, dann später aber viel mehr flackerndes Strohfeuer gewesen als eine große, tiefe, still wirksame Volke- krast. Beriefe man sich also auf die französische Revanche idee, um zu beweisen, daß der Krieg zum mindesten immer erbittertes Rachegefühl im Unterlegenen und damit eine TLnrzel zu uenen Kriegen zurücklassen müßte, so würde man nicht unr etwas ganz spezifisch Gallisches zu Unrecht genera lisieren, sondern man würde auch die Wirkkraft der primären Form der Nevancheidee in der Vorgeschichte diefes Kriegesganz bedeutend überschätzen. 3Dir waren zn verschiedenen M^alen einem deutsch-französischen Bündnis näher als man allgemein weiß — und am Marokkokousiikt z. B. hatte die Revancheidee kaum eiuen Anteil. Selbst dieser seltene und ausgezeichnete Fall beweist mit nichten, daß Kriege dauernden „Haß" erzeugen müssen; nichts auch gegen die einigende Kraft des Krieges. Hier also liegt der Kern der großen ethischen Paradoxie des Krieges: Im Namen einer „allgemeinen Menschenliebe", im Namen der „Humanität" werden die großen, weitschichti- gen Anklagen der Modernen und Liberalen gegen den Krieg gerichtet. Aber gebraucht oder mißbraucht man den edlen Namen der,,Liebe" nicht für solche kluge Verzahnung der Pri vatinteressen, daß die Förderung jedes ihrer Teile die anderen Teile mitfördert, also sür eben das, was die edelste Kraft im ^Menschen, das Göttliche in ihm, was Liebe, -Opfer, Pflicht, ja am EndeGeist überhaupt so lauge ökonomi>ch „spart", bis aller Geist überflüssig wird;^ und mißbraucht man den Namen „Mansch" nicht für das, was, weil es allen M^enschentieren gemeinsam sein kann, dem „Menschen" eben auch mit dem Tiere gemeinsam ist — z. B. sinnliche Lust- und Schmerz fähigkeit, — sieht man ein, daß wahrhaft „menschlich" in dem aufrecht gehende» Zweifüßler nur das in ihm Gottähnliche ist, und daß es eben zu dieser Idee des „Menschen", wie zu aller höchsten Werte, Religion, Kunst, Philosophie, Sittlichkeit, Staat, Rech^ Wesen gehört, daß sie sich nur in einer Fülle charakteristisch verschiedener Volks- und Nationaleinheiten darstelle; nnd daß umgekehrt alle VZerte zu „allgemeinmensch lichen" oder allen Menschen gemeinsamen machen zu wollen112 schon das Wesen dieser, von Hause aus individuellpersönlichen höchsten Werke leugnen, gerade sür sie erblinden und alle Werke aus die niedersten der Sinnenlust und des Schmerzes reduzieren und nivellieren heißt: so gibt es den Höhepunkt der echten „N?enschenliebe" und der „Humanität", in deren Namen man den Krieg verwirft, — wenigstens alsM^assen- erscheinuug —, nicht vor dem Krieg, nicht nach dem Krieg, sondern gerade nur im Kriege selbst. Gibt es darum im Laufe der Geschichte eine wahrhaft dauernde Erhöhung des moralischen Status und eine Stei gerung der Innigkeit und Tiefe in der Einigung der Ntensch- heit, so sind nicht der WÄtsriede, sondern der Krieg und die kumulierten, aus seinen Traditionen und tiefen Erinnerungen stießenden moralischen Dauereffekte in der menschlichen Seele die konstruktive Auslösekraft für diese Erhöhung und Einigung. Nicht das Absterben des kriegerischen Geistes, der als Geist des wachsenden Lebens stets zugleich Auslösung einer über alle „Interessen" hinausreicheudeu Liebe, Großmut, Opferkraft ist, und das Aufhören des Krieges, sondern die Tatsache, daß immer umfassendere und immer inniger und tiefer selbst früher einmal durch den Krieg in stch geeinte Gruppenein heiken zu kriegführenden Nlächken werden; daß der Krieg die gemükerscheidenden und gemeinschaftszerfekenden Kräfte, die in bloßer Friedenszivilisation und -gesellschask wirksam stnd, immer umfassender und in immer größeren Gruppen konkrebalanzierk, — kann als Vehikel des stktlichen Fort schritts angesehen werden. Dies aber ist nicht der Fortschritt über den Krieg hinaus zu einem sogenannten Welkfrieden, sondern der Fortschritt des Krieges selbst (die immer reinereAusprägung seines Viesens und seine Vergeistigung) und der sittliche Fortschritt gerade durch die gemeinschaftsbildnerische Kraft des Krieges. Die positivistischen Philosophien uudPazisi- zisteu vergessen immer, daß die gegenwärtigen, großen geistig und territorial geeinten Gruppeneinheiten, auf deren Tatsäch lichkeit sie ihreIdeeu von Vertrag uudSchiedsgericht stützen, — in unserer gegenwärtigen nniversalhistorischen Entwicklungs periode die großen „Nationen", — zum größten Teile nud der Hauptsache nach selbst dasTLerk und Residuum von Kriegen sind; daß sie durch Kriege zusammengeschweißt wnrden und die gemeinsame Kriegserinnernng eben den Kern ihrer Schick salsgemeinschaft ausmacht, die gemeinsamen Bilder ihrer Helden aber die stärkste Kraft ihres Zusammenhalts nnd ihrer Einheit darstellen. Diese Kraft bildet ein Band, das selbst gemeinsame Nassezugehörigkeit, Sprache, geistige Kultur an Stärke weit übertrifft. 2Lie großartig sehen wir dies eben jetzt in Österreich. Wohl schaffen die M!ächte der Friedensarbeit ihrerseits gleichfalls eine große Fülle mensch licher Einheitsbildlmgen. Aber sehen wir von Ehe und Fa milie in ihrer engen Begrenztheit, von der Kraft des Eros, von rein persönlichen Gesinmmgsbeziehnngen und frommen, durch heilige Liebe geeinten Sekten ab, so sind diese Einheiten immer nur partikulare, eventuell durch Recht und Vertrag geordnete Zweck- und Interessengesellschaften, nicht aber dnrch irgendeine Art der Liebe zusammengefaßte Lebensgemeinfchaften, deren Kräfte von innen uud wie durch eine» Stoß von rückwärts, nicht durch den Zug des Zweckes wirkend, das ganze konkrete Leben der Glieder um fassen und durchstuteu. Sie sind, so umfassend sie sein mögen, 8 "3wie etwa die großen internationalen EinHeiken des Verkehrs wesens und gleichgültig, ob sie materiellen oder geistigen Zwecken dienen und wie vollkommen „organisiert" sie sich darstellen, doch allesamt ans das Prinzip des Egoismus und der bloßen Jnter- essensolidarität, im höchsten Falle theoretischer Arbeitsgemein schaft gegründet, nicht aus das der tiesen Gesinuuugs- und Willenssolidarität. Eben darum könnten diese Verbindungs- arten selbst eine, in ihrer Linie unendliche Vollkommenheit er reicht haben — nicht nur so, daß der Zustand der menschlichen Gesellschaft der Jdealsormel Kants entspräche, daß „Jedes Zweck mit jedes Anderem Zweck in einem einigen Reiche widerspruchslos znsammenbestehen könnte", sondern selbst po sitiv so, daß „Jedes Zweck den Zweck jedes Anderen in seiner Erreichung auch unmittelbar objektiv fördere" — jene ganz wesensverschiedene Einheit einer immer umfassenderen Lebens gemeinschaft der II?enschen würde auch in diesem idealen Zustande, den die Mächte der Friedenszivilisation wie einen unendlich fernen Punkt asymplotisch anstreben, nicht um ein Minimum gefördert, geschweige erreicht werden. Freilich: Auch der ganz wesensverschiedene historische Prozeß, in dem durch die einheitsbildende Macht des Krieges die N^enschheit immer tiefer und inniger (gleichzeitig aber extensiv umfassender geeinigt ivird), hat einen idealen Richtpunkt, der als „regulative Idee" bezeichnet werden kann: Aber dieser Richtpunkt wiese nicht wie für die konsequenten positivistischen Vertreter eines dau ernden ^Weltfriedens auf den TLeg einer steigenden Auflösung der Völker in Nationen, der Nationen aber in eine nur mehr durch Interessenverträge in sich äußerlich geeinten sogenannten 2^enschhej^ sondern im Gegenteil daraufhin, daß die Grup-pen, die sich heute nur als Nationen darstellen, das heißt als wesentlich durch die gebildete N?inorität getragene geistige Kulturpersönlichkeiten stch zu noch höheren Lebensverbänden"^ zusammenschlössen, gleichzeitig aber selber jene noch innigere Einheit und Einigkeit unter ihren Gliedern annähmen, die jetzt das „Volkstum" charakterisiert; die N^enschheit aber selbst allmählich so jene Tiefe der TLillens- und Geistesgemeiuschaft erreichte, die gegenwärtig den Kulturkreis, Nation und Volk charakterisiert. Auch uach dieser „regulativen Idee" kann der Krieg nur dem universalhistorischen Endziel dienen, den Krieg überflüssig zu machen. Und doch hätte es keine Spur von Sinn, die Idee dieses ewig anzustrebenden „Endzustandes" — denn nur als regulative Idee, nicht als Utopie dürfte er gelten — als „allgemeinen oder ewigen Weltfrieden" zu bezeichnen; es hätte dies so wenig Sinn als zu sagen, die Teile eines heutigen Volkes oder einer heutigen Nation befänden stch untereinander im Zu stande des „Friedens". Der „Friede" ist eben nur die reiu negative Korrelatividee des Krieges und seht als Sein und Begriff, Sein und Begriff des Krieges als positiver TLeltein- richtuug voraus! Mit dem Uberstüsstgwerden dieser Weltein richtung gäbe es auch keinen solchen negativen „Frieden" mehr, sondern nur mehr die positive Idee einer umfassenden Liebes gemeinschaft aller Geist- und Veruunftioefen, d. h. eine Idee, die das polare Gegenteil des positivistischen Ideals einer bloß durch Interessensolidarität und Verträge geeinten M^enschen- masse ist! Diese Idee hat stets den Kernbestandteil der christlichen Idee eines einzigen allumfassenden, katholifchen Liebes- und Gotteöreiches gebildet. In dem Kriege, in dem wir uns 8* "5beenden, bestätigt stch diese höchste und edelste Dienstschaft des Genius des Krieges an die heilige Liebesgemeinschaft aller Personen, indem er aus der festen Grundlage einer viel tieferen Gemeinschaft der europäischen Zentralmächte, Deutschlands und des österreichischen Kaiserstaates, eine Solidarität der enro- vr päischeu Westmächte gegen Asten als die nächste Vorstufe zu dem überschwänglichen Ziele vorbereiten wird, von deren posi tiven geschichtlichen Aussichten hier nicht die Rede sein soll.^117 Zur Metaphysik des Krieges s ist ein großes Vorurteil, daß man die vorhandenen Realitäten der sinnlichen und intelligiblen Welt zu allen Zeiten und in allen individuellen und sozialen Gesamt lagen des Gemütes und des Geistes in ganz gleichmäßiger Weise erleben und erkennen könnte. Faktisch gilt dieser Sah nur — und ausschließlich für den Betrieb und die ^Methode der jenigen TLissenschasten, die es mehr mit einem Ordnen der Gegenstände zwecks ihrer Lenkung und technischen Beherrsch- barmachnng, als mit adäquater Erkenntnis ihres Viesens zu tun haben, welch letztere Erkenntnis allein die evident erlebte Berührung mit der Sache selbst und ihrer Fülle gibt. Außer^ dem gilt diese Annahme nur sür Erkenntnis von solchen Gegen ständen, die auf die Organisation einer gleichförmigen „mensch lichen Natur" — oder doch des Lebens in ihr — überhaupt daseiuörelativ stud; gleichzeitig aber auch erkenntnisrelativ auf eine^dnrch Konvention „allgemeingültige" Gruppe von sym bolischen Zeichen und deren Verknüpfungen; nicht aber gilt ste für die Erkenntnis de^. ihrem Dasein nach absoluten und asymbolischen Gegenstandswirklichkeiten, mit denen es die Philosophie oder die VZesenserkenntnis zu tun hat. Für die Erkenntnis der absoluten Dinge aber gibt es überall eigen tümliche, bevorzugte Haltungen des Gemütes und Geistes,118 gewisse Gesamtsituationen und Lebensarten, die nicht ohne einen sittlich-geistigen Aufschwung, unter Umständen durch dauernde Übung einer Lebensart, der ganzen NTenschen- person in eine höhere Daseinsordnung, zum „TOesenhaften", — wie Piaton schon die wahre Aufgabe des Philosophen definiert — in das erlebbare Selbstdasein treten können. An Stelle des unsere Sinne unterstützenden Instrumentes und der logischen Schlußfolgerungen, die uns in den positiven Wissen schaften über die Schranken unseres natürlichen ^Weltbildes weit hinausführen, — z. B. zur Feststellung von Strahlen, für die uns Sinne fehlen — tritt hier als erkenntnisbedingendes und erkenntnisdisponierendes N?ittel eine innere Tat des Zen trums unserer Person selbst, eine Tat, die immer auch eine sittliche Tat ist, — ein machtvolles „Heraus" aus unseren sonstigen allzumeuschlicheu, vitalen und leiblichen Bedingt heiten. Und erst an die in dieser Tat vermittelte Anschaunngs- reinheit schließt sich dann das volle Erleben von Realitäten an, für die wir — ohne jene Tat — blind waren, blind fein mußten.?"» VZer natürlich der Realität der Dinge zuerst die lächerliche Bedingung auferlegt, sie müsse sich von „Jedem", in „jeder" Lage des Gemütes und auf jedem Niveau des sttt- licheu Höhenganges eines Lebens gleichmäßig zur Erkenntnis geben und bringen lassen — es gäbe also sür gewisse Teile und Arten der Realität nicht anch ganz spezifische Bedin gungen einer Gemüts- und Geisteshaltnng, um mit ihnen im Erleben in eine mögliche Berührung zu treten, ja es „könne" gar keine solche geben: der muß freilich das in folchen inneren Lagen Erlebte nnd Erschaute „g priori" sür eitel „Phantasie", „Einbildung", „Traum" halten. Aber —"9 was kümmert sich die Realität selbst um Erkennknisbedin- gungen, die ihr die Gelehrken auferlegen wollen? Welch lächerliche Illusion, die Dinge hätten die Verpflichtung auf sich genommen, sich ohne solchen Gesamkaufschwnng der Seele und des Geistes jederzeit jedem in jeder Lage zu er kennen zu geben! Gerade wenn es absolute Realität gibt, und wir uns nicht damik erschöpfen müssen, bloß Gegenstände, die eine fpezisifch menschliche Erfahrungsark und -form schon gebunden hat und die so zur bloßen „Erscheinung" geworden sind, eindeutig zu ordnen, — so ist eben dieser Fall der un wahrscheinlichste von allen möglichen Fällen. Eine solche erkennknisdisponierende Bedeutung für abfolnke ^Wirklichkeiten eignet aber dem Kriege, eignet dem eigentüm lichen Aufschwung des Geistes, den der Krieg hervorruft, in ganz besonderem NTaße. i. Die Realität der Nation Eine erste Erkenntnis, die der Krieg möglich macht, und die an die Form der „Kriegserfahrung" in ihrer vollen Fülle geradezu gebunden ist, ist die Erkenntnis der Realität der Nation als geistige Gesamtperson. Im Kriege erst werden sich jene großen machtvollen geisti gen Kollektivpersönlichkeiten, die wir „Nationen" nennen, ihrer Existenz nnd ihres Wesens voll bewußt. Und es sind dieselben geistig-soziologischen Prozesse, aus denen das Dahin- schmelzen der kleinen Egoitäken in den Strom der Kriegs- begeisternng, das sich -Asfnen und das sich Verklammern der Herzen, und aus denen diese neue TLachheit der im Frieden wie schlafenden Nationalpersönlichkeik, ihr volles Seins- undVZerterlebnis beruht. ^m Frieden iß die Nation für ihre Glieder mehr ein symbolischer Begriff als ein anschauliches, erlebtes selbstdaseiendes Etwas; mehr eine komplizierte Kollek tion nnd Relation als eine substantielle Person. Erst im Kriege wird dieser Begriff mit jener Anschauung und jenem geheimen Leben erfüllt, die auch noch im Frieden sein^hier nur für Anschauung und Gefühl uuerreichbaresFundameut bilden; erst hier wird die gleichsam konstitutionelle, in der Friedeus- egoität begründete metaphysische Täuschung, Nation sei ein bloßer Beziehungskomplex oder ein mehr oder weniger künstlich zusammengebundenes Kollektivum klar durchschaut. Jetzt erst meinen wir voll das große geistige VZesen zu schauen und zu fühlen, dem wir alle als seine Glieder angehören und das uns erst jetzt als bloße „Glieder" stürmisch zu stch an sein pochendes Herze reißt. Sowohl hinstchtlich aller mikroskopi schen, wie aller makroskopische» Realitäten ist ja uuser Geist von Hause aus von Täuschungsformen benebelt, die alle in der Dienstschast des Geistes an die gemeinen Lebensbedürfnisse begründet stnd.^ Jetzt erst wird die in der leiblichen Egoität begründete besondere Täuschungsform des nur atomistischeu Sehens der geistigen TLelt — so, als ob die einzelnen sicht baren Leiber die Fundamente sür die Einheiten und Gliede rungen auch der geistigen V5elt wären — zerbrochen. Als ob das Bewußtsein „im Kopfe" wäre! Die Realität der Na tion wird für das geistige Auge wahrhaft sichtbar und greif bar und die ihr im Frieden zuerteilte Rechtfertigungspsticht ihrer Realität vor dem Eiuzelbewußtfeiu fällt nun umgekehrt auf das Einzelbewußtsein als Last der Rechtfertigung znrück. Jeder empfindet nun, es sei viel selbstverständlicher und sehr I 20121 viel evidenter, daß die Nation „sei" als daß er selber „sei"; und jeder empsindet, er müsse sein Sein vor ihr, der Nation rechtfertigen und durch Tat verdienen — nicht aber wie vorher sie vor ihm. In diesem großen Erlebnis aber liegt eine metaphysische Erkenntnisbedeutung des Krieges, die auf niedrigerer wie höherer Stufe ihr Aualogou hak, Auf niedrigerer Stufe gibt das Erlebnis der „Verschmelzung" von Seele und Leib im liebebeseelten Umfangen der Ge schlechter die Erkenntnis der realen Einheit des Lebens, trotz seiner au organischen Körpern räumlich nnd zeitlich diskreten Erscheinuugsweise. Ans höchster Stnfe aber geht uns in jener Gottinnigkeit heiliger Liebe, in der wir nns fchon als Mtenschen, ja darüber hinaus als „Inbegriff aller persönlicher Geister" alle als Brüder und als Kinder eines „göttlichen Vaters" fühle» und sehen, die ganze Ausdehnung des geistigen Reiches auf. Zu dieser Richtung der Anschauung, deren Gegenstand die christliche Kirche das „mystische Eorpns Christi" nennt, leitet nns aber der Krieg trotz alles Kampfes der Völker als der Glieder dieses Korpus mehr als der Friede, dessen vorwiegende geistige Einstellung jenes atomistische Sehen aller geistigen Einheiten uud Realitäten ist, die sie ganz als bloße anhangende M^odi der sichtbar getrennten körperlichen Einheiten und deren Teilen nnd wie als bloße Komplexionen der leiblich noch lokali sierten Empstndnngsgrnppen auffaßt; so aber fchou das An schaue» derRichtung erschwert, die zur Idee einesGottesreiches führt. N?ag auch bei vielen der Geist stehen bleiben an der neugegebeneu Realität der J^ation uud nicht darüber hinaus- ^ gehen, eiu Bruch mit jeuer konstitutiv materialistischen Schan-122 form des Friedens ist doch vollzogen, jener Schauform, die den Geist „im Kopfe", das Streben nur im Ilnterleibe wähnt und der gemäß man nur durch Schlüsse (Analogieschluß) vom Selbsterlebken aus zu fremdem Seelenleben, feiner Exi stenz und feinem Inhalt zu gelangen glaubt.^ Ein VZeg ist geöffnet, eine Quelle ist aufgetan, die, fo man ihnen folgt, an die Grenze leitet, wo die Religion und ihre Welt beginnt. 2. Der Krieg und der Tod Aber dies ist nicht der einzige metaphysische Erkenntniswerl, den der Krieg in sich birgt. Sein Genius haucht uns allen, jedem einzelnen, eine Wahrheit ins Ohr, für die uns die Ge räusche des Friedens taub machen. Sie ist ausgedrückt in den alten deutfchen Worten: „Ich leb, ich weiß nicht wie lang, ich sterb, ich weiß nicht wann, ich fahr, ich weiß nicht wohin, — mich wundert, daß ich fo fröhlich biu". Der Krieg stellt das wahre, das der ^Wirklichkeit angemessene Verhältnis von Leben und Tod für unser Bewußtfein wieder her. Er vollbringt dies große Werk, indem er jenes „Leben", das im Frieden sich nur an uns abspielt, uns wie eine dumpfe Kraft weiter von dem Tag iu die Tage — horizontlos in die Weite — hineinstößt, als „unser" Leben, d. h. das Leben nicht als identisch mit unserer Perfon, fondern nur als Eigentum und Spielraum unserer sreien geistigen Persönlichkeit auch wahrhaft schauen, fühlen, empstnden lehrt — als kurzen, endlichen Spielraum, als Jnfel auf einem Meer unendlichen schwarzen Schweigens; aber als Spielraum für eine Perfon von unendlichen, über diesen Spielraum weit hinausschießenden Kräften, Zielen und ewigen Forderungen; als Spielraum für eine Perfon, die imselben Akte zu den ewigen Sternen greift, in dem sie ihr Leben wagt und dahingibt. Ich suchte anderen Ortes?? zn zeigen, daß die letzte Wurzel alles neueren Unglaubens an die Un sterblichkeit nicht in irgendwelchen „wissenschaftlichen Erkennt nissen" über den Zusammenhang seelischer und physiologischer Vorgänge oder über die zusammengesetzte Natur des Ich besieht, sondern in etwas ganz Einfachem: In dem Nicht- sehen des Todes, in der Verdrängung und Verdunkelung der zu allen Zeiten hell und klar in uus leuchteuden, nicht erst aus der induktiven Erfahrung der Sterbenserscheinungen in der organischen Natur abgezogenen Todesidee, durch die täuschenden Schleier einer zu stumpser Gewohnheit geworde nen Lebenspraxis. Diese biologisch zweckmäßige Täuschung läßt den Erdenwnrm bei jeder durchlaufenen Strecke nur die kleine nächsteStrecke erblicken, die er nun zu durchlausen hat. Sie läßt ihn sich nicht „erheben" über seine Bahn, um sie in ein Ganzes zusammenzuschauen. Wer vom Tode nicht nur „weiß" aus Büchern, oder vom Hörensagen, auch nicht nur mit ihm „rechnet", wie dieLebensversicherungen, sondern ihn vor sich sieht, der sieht „sich" — d. h. seine geistige Person, sein wahres Selbst — zu gleicher Zeit über den Tod als Lebens- grenze hinausschwingen und hinauslebeu. M^an kann nicht das eine ohne das andere. Ein TLesenszusammenhang der Schauungen bindet das eine an das andere. Der Genius des Krieges befreundet unser geistiges Auge (nach Überwin dung der ersten Fnrchtschauer der pfeifenden Kugeln) mit dem Tode; er bringt unseren dnmpsen Lebensdrang, der ihn uns immer zu verbergen strebt, zu einer tiefen Versöhnung mit der großen herben Realität des Todes; er macht sie süß I2Z124 und süßer. Dieser Genius erhebt das Bewußtsein des dahin siechenden Erdenwurms über seine Bahnkurde und läßt diese Kurde als geschlossenes Ganzes — wie aus Sternenblick — das geistige Auge gewahren. Er demonstriert aus eine un widerlegliche TOeise die große VZahrheit, das „Leben" sei etwas das wir „haben" und erweist es uns als Täuschung des Frie dens, daß es etwas sei, was „uns" hat (unsere Person). Denn nur, wer es gewagt, innerlich dahingegeben und wie durch Gnade zurückerhalten hat, hat sein Leben sürderhin und für alle Zeiten wahrhaft „im Besitz". Dieses „Wagen" und „Dahin- geben" haben als innere Akte noch nichts zu tun mit dem wirklichen Sterben; aber dieses „VZagen" und die Liebe, um derentwillen es gewagt war, stnd hier die erkenntnisdisponie renden Akte für das Schanen der Existenz-Erhabenheit nnd damit auch des Fort- und Hinauslebens der Person über den Leib — und kein Beobachten und Schließen kann Akte solcher Art ersetzen. ^Wieder wird hier das, was die Denker, was der komo reUAiosuz auf feine Weife gefunden und der auf horchenden Menge als wie eine fremde, dem Alltag ferne Mär erzählt hakten, zum erlebten Gemeingut. Jeder wird I^etaphystker, indem jeder ein Held werden kann! Denn die wahre Spekulation ist — im Gegenfatz zn positiver Wissen schaft — nur Heldentum des Gedankens; fo wie auch der Held ein „praktischer M"etaphystker" genannt werden kann. Beide leben, beide wachsen miteinander in uns in die Höhe, Held und Metaphysiker.^ VZie auf Stufen läßt der Genius des Krieges feinen Lehr ling bis an die Grenze der großen herrlichen religiösen Wahr heit wandeln: die da heißt „Unsterblichkeit", Gewißheit und125 Sicht auf ewiges Leben! Er zeigt seinem Jünger zuerst Ehre und Auszeichnung und lockt ihn herang aus dem dumpfen, in sich geschlossene« Ichgefühl, das ihn in Friedenszeiten fo leicht seinen Leib und dessen Lust und Schmerz als die Wurzel seines wahren Selbst vorspiegelt! Er führt ihn hinaus über die Liebe zu seiner Ehre und läßt ihn im Blick auf die ge liebte Fahne, in: Kampf und Einstehen für sie, die Ehre eines Größeren, die Ehre des „Regimentes", bis zur Armee, den Fährnissen wie feines Leibes fo auch feiner eigenen Ehre vor ziehen. Aber das alles ist noch irdifch — allznirdifch — für den großen Lehrer. Ehre und Nlchtehre hängen vom Ver halten der noch Lebenden ab, vom Verhalten der Umwelt uud Nachwelt. Viele taten Kühnstes ohne daß es jemand weiß! Viele erhielten nicht die Auszeichnung und Ehrung, die sie verdienten; viele erhielten Auszeichnungen, die sie nicht verdienten. Die „Fahne" — fo herrlich sie dort winkt und fo berechtigt das Symbol unser Gefühl erregt — für Gott ist sie nur ein — Stück Tuch. Aber der Genius des Krieges verfügt über noch tiefere Künste, die fchlafenden Seelen zu sich felbst zu erwecken. Er führt feinen Schüler vor etwas, das größer und besser ist als alle Ehre: vor den Ruhm, vor die „irdifche Unsterblichkeit", wie schon die Alten den Ruhm nannten. Denn Ruhm, das ist das lebendige bildnerische Fortwirken und Fortexistieren der Person in ihrer VÄllenstat oder in ihrem ÄLerke auf die irdischen Dinge j elbst, — Ruhm liebe, Vorgefühl und Sehnsucht «ach dieser ^Wirksamkeit in der Dauer einer nnmeßbaren Geschichte. Ruhm besteht durch aus nicht in Sehen nnd Schätzung dieses Fortlebens und -wirkens durch Umwelt und Nachwelt, d. h. durch andere, die126 sich auch täuschen oder blind sein können. Wer dies meint, ver wechselt ihn mit bloßer „Ehrung". Es selbst, — dieses Sein und Schönsein im Aktus des Fortwirkens über alle begrenzte Geschichte und Zukunft ist der wahre Ruhm. TTer Ruhm gewinnt, wird nicht mit ihm „gekrönt" und „bekränzt" und „geschmückt" durch llm- und Nachwelt: er schmückt, kränzt und „verewigt" stch, im irdischen Sinne, selbst in edler Tat und schlägt sein Bild in ein dauerhafteres Element als in mensch liche M^einnng und Schätzung: in den lebendigen Wirknngs- znsammenhang des historischen Wirkens selbst, das so geheim nisvoll und lautlos den Kern seiner Existenz in seiner Tat oder seinem VZerke verborgen ins llngemessene weiterträgt — auch tragen würde, wenn es keiner — keiner wüßte. Hier schon hängt Wert und VZeiterwirken nicht mehr ab von dem wechselnden Verhalten, der Schätzung, der Ehrung anderer, N?it- oder Nachwelten: hier hängt umgekehrt der TOert, die Schätzbar keit der „anderen", der Ilm- und Nachwelt davon ab, daß ste den sehen und „ehren", der „stch mit Ruhm bedeckt", der jene „irdische Unsterblichkeit" errang. So ist der Ruhm sehr viel stiller, sehr viel geräuschloser, aber größer und herrlicher als alle und jede „Ehre" und „Ehrling", die stets ein wenig klappern. „Ehre" — das bringen uns die anderen; wir können „uns" nicht mit Ehre „bedecken". Solche Rede erlaubt die Sprache nicht. Aber wir können uns bedecken mit Ruhm, — auch noch als verlorener nngekannter Posten in der Schlacht. Die Nachwelt verherrlicht nur, auf deu stch dieser hehre Glanz niederließ und mißt stch selbst darin ab, wie weit ste es tut uud wie iveit ste es uicht tut. Sie prägt den Glanz nicht. Im Sehnen nach dem Ruhme, da beginnt stch leise und127 unmerklich unser geistiges Antlitz abzuwenden vom Irdischen und sich nach einem „Oben", wie nach Sternen zu kehren. Darnm beginnt hier zuerst der Dnrchbruch des Erlebens durch die Schranken und durch die „Angst des Irdischen". Der Anhauch der Ewigkeit und seine Aufnahme im Vorgeschmack des ewigen Lebens beginnen im Ruhmgedanken gar wunder bar miteinander Fühlung zu nehmen. Das ist der höchste Punkt, zu dem der Genius des Krieges uns führen kann: zur Pforte in die religiöse Unsterblichkeit, zur Schwelle des Glaubens an ste. Den Eintritt über die Schwelle aber muß der Glanbe vollziehen, — so diese Schwelle betreten ist. Z. Der Krieg als Gottesgericht Wie uns das kriegerische Prinzip der Ritterlichkeit an die Schwelle der Feindesliebe, die erschaute Realität der Nation an die Schwelle des Gottesreicheö, der stille, schöne Heldenruhm an die Schwelle des ewigen Lebens sührt, also führt nns die mit jedem echten Kriege verbundene Empfindung eines in seinem Ausgang stattfindenden „Gottesgerichtes", — eine Empfindung, der sich auch die sogenannten „Ungläu bigen" nur mit dem Muude, nicht mit dem Herzen ent schlagen können, — an die Schwelle des Erlebens der gött lichen Realität selbst und ihres heiligen Regimentes. Nur der allerverständnisloseste Aberwitz hat daran Anstoß ge nommen, daß stch im Kriege alle kämpfenden Parteien gleich mäßig auf Gott stützen und von seiner Gnade und Gerechtig keit den Sieg erflehen und erhoffen. Natürlich kann diese Hereinziehung des Namens Gottes seitens der kriegführenden128 Parteien auch tief irreligiösen Charakter haben. Dies ist dann der Fall, wenn anstatt demütige Tlnkerwerfuugsbereit- schaft unter den göttlichen VÄllen vor aller Kriegsentschei dung, aber gleichzeitiges Vertrauen auf das eigene Recht und die göttliche Hilfe, bewußt oder unbewußt die Gottheit wie zur eigenen Partei herübergezogen erscheint — so daß der ^Monotheismus eigentlich in den Henotheismus des ältesten Judentums und seines Stammesgottes Jahwe auseinander zu fallen, die Tendenz gewinnt. Das war stets eine Gefahr protestantischen Staatschristentums. Die Rede „Unser alter Preußengott" ist stcher leicht in diesem Sinne mißverständlich. Dieses „unser" ist nicht das „unser" des Vaterunsers. Auch die Rede vom „Deutsche» Gott" sollte man unterlassen. Eine andere Gefahr — die spezifisch englische, (stehe den Anhang über den cam) — ist umgekehrt die unbewußte Versteckung seiner Interessen unter den Namen eines ganz universal und echt monotheistisch schein-intendierten „Gottes". Die letztere Gefahr ist die — häßlichere, unfrömmere. So wenig aber ist vom Standort der echten Religion an der rechten Anrufung Gottes Anstoß zu nehmen, daß umgekehrt schon die Voraus setzung einer irdischen Rechtöinstanz, durch die eine Einung über die in einen „gerechten Krieg" (stehe folgende Kapitel) treibenden Konflikte herbeizuführen wäre, eine unerhört an maßende Verleugnung der letzten und höchsten aller Rechts- instanzen, der Instanz des lebendigen Gottes ist; ein vor witziger Versuch, ihr in den Arm zu fallen! Eben weil die Rechtsidee nicht erst ans dem vom Staate gesetzten Rechte stch ableitet, sondern die logische Wesensordnung eines reinen unendlichen Vernunstwilleus selbst ausdrückt, — gleichwohlaber jeder Staat „souverän" ist und keine irdische positive Rechtsetzung über diese seine Souveränität anerkennen kann — vermag nur Gott im Richterspruch des Krieges, d. h. im Richtspruch der Tat, solche Rechtsfrage zu entscheiden. Es isi also entweder Erniedrigung oder Beugung der Erhaben heit der Rechtsidee iu die Grenzen menschlicher Institute, Schwächen und Bedürfnisse oder es ist Leugnung der Sou veränität des Staates, wenn man prinzipiell an die Stelle des göttlichen Gerichtes durch den Krieg ein menschliches Schiedsgericht setzen will; wenn man die Erhabenheit des Krieges zu einem „Streit" vor Perücken erniedrigen will. Daß diese Art der Rechtssnche und der Rechtsfindung in der Form eines Gewaltkampses zwecks Erprobung der M!acht verläust, erscheint nur der Sentimentalität der Gottheit un angemessen. Gott ist auch Gott der Nlacht — ist „All mächtiger". „Daß Gott immer bei den stärksten Batail lonen sei", ein VZort, das ein Brief der Pompadour dem N?arschall Turenne zuschreibt und das nicht von Friedrich dem Großen stammt — ist, so frech es vielleicht gemeint ist (auch dies muß es nicht fein, da es an der Stelle, wo es steht, nur die englische Form von Bigotterie treffen will) doch auch geradezu wahr; nämlich eine strenge De duktion aus der Idee göttlicher Allmacht. So schlägt die noch witzigere TLahrheit des Satzes den TAitz der iro nischen Intention des Argumentes! Wie in höchster mensch licher Güte uud ^Weisheit Spureu der göttlichen Güte und TLeisheit und Lichtblicke von deren Existenz in die Erscheinung treten, so anch in der stegreichen Deucht der N^acht Spuren lind Durchblicke auf die göttliche Allmacht. Gott ist so ur- 9 129sprünglich „allmächtig", als er allgerecht und allweise ist und nur eines ist er noch ursprünglicher und wnrzelhaster als dies alles zusammen: Alliebend und allgnädig! Es ist eine durch das Christentum überwundene antik-gelehrtenhafte Gottes- idee, wenn man nur den „Allweisen" in ihm steht und dann auch konsequent Schöpfermacht und TOeltregiment ihm ab sprechen muß, so wie es Aristoteles konsequent tun mußte und tat. Es ist nicht minder ein Rückgang gegen die christ liche Gottesidee, wenn der moderne Rationalismus (z. B. Kant) ausschließlich den „gerechten TLiedervergelter" und Richter in Gott steht und seine Allmacht nur als ein äußer liches Werkzeug seiner Gerechtigkeit annehmen will; wenn derselbe Rationalismus auch im menschlichen Bewußtsein das Könnensbewußtsein nach dem Satze „Du kannst, denn du sollst" erst auf das „Sollensbewußtseiu" aufbauen will.^ Das ist Verwechslung der M^acht mit der Gewalt, die allein verdient „Werkzeug" zu heißen nnd deren gerade Gott nicht bedarf. Die „Macht" ist also so ursprünglich im Wesen der Dinge verwurzelt wie das Recht; die Kraft so ursprüng lich wie das Gesetz. Wer nur im Säuseln der Pappeln und im Gezwitscher der Vögel das Wehen des göttlichen Geistes vernimmt und nicht auch in dem Donner der Ge schütze, der ist vielleicht ein liebenswürdiger, aber kein ganzer und liebenswerter N?ensch. Gewiß ist es auch tiefe Irrung, so wie es Calvin und in anderer Form Spinoza getan haben, die „Allmacht" in der Gottesidee so zu übersteigern, daß stch wie bei Spinoza der falsche, frivole Satz ergibt „Iltacht ist Recht" oder die Gnade — eine Äußerung der Liebe — wie bei Calviu (nnd im schärfsten Gegensatz zu Augustin) zu IZ09* finsterer Willkür der grundlosen „Erwählung" wird. Auf Erden suchen vielmehr echte Macht und echtes Recht einander, die in Gott stch real decken und eines sind. Oft findet die wahre Macht nicht ihre Rechtsform nnd ihren Rechtsausdruck, da sie durch die bloße Gewalt oder die Schlauheit des faktisch Ohnmächtigeren daran verhindert wird. Oft auch findet das faktische Recht nicht die Ncacht, in der es sich behauptet. Aber erst da, wo sie sich finden, da wird die Welt voll kommen „gut" und ihres Schöpfers wert. Der gerechte Krieg, das eben ist die höchste Form dieses Suchens und Fin- dens! 2Lo TLillkür uud pure Gewalt ohne heiliges Nechts- bewnßtsein für die eigene Sache den Krieg vom Zaune brechen, da besteht freventliche verbrecherische Anwendung dieser höchsten Form der Rechtssache durch die lebendige Tat und vor dem Richterstuhle Gottes selbst. Solche „ungerechte" Kriege hat es natürlich gar viele gegeben. Aber auch kaum mehr, eher viel weniger als ungerechte Gerichte und ungerechte Gesetze! Manche Kabinettskriege des i3. Jahrhunderts, manche Kriege, die man nur anzettelte, um die verlorene Gewalt im Staate wieder zu erreichen, manche Handels- nnd M^enschenvernichtungskriege sind Kriege solcher Art gewesen. Aber auch wo pures Pochen auf das eigene Recht eines Staates vorliegt, wo der ganze und heilige Wille fehlt, die Machtprobe zu wagen und die eigene Existenz für fein Recht auf die Karte zu setzeu, wo die Diplomaten noch schwatzen, ivenn allein nur mehr die Waffen freier Män ner das Wort haben sollen fehlt faktisch das ganze und volle Rechtsbewußtsein; denn dieses drängt, voll lebendig von selbst zu Tat. Nur derjenige Staat, dem es fehlte,132 und der damit schon vor sich selbst verloren wäre, könnte sich also einem Schiedssprüche unterwerfen. TLie also sollten denn die Kriegsparteien nicht, jede ihrerseits Gott als den höchsten Richter, den Richter in der lebendigen Tat selbst anrufen und dies wahrhaft und aus vollem Herzen, wenn ihnen nur dieses volle Rechtsbewußtfeiu nicht gebricht? Das bedeutet durchaus nicht, Gott gleichsam auf die eigene Partei herüberziehen. Das bedeutet vielmehr stch feinem Gerichte eben in und mit der Wucht eigener Tat, zugleich demütig unterwerfen. ^ Zu dieser Vorstellung des Krieges als Gottesgericht führt aber das volle Erlebnis des Krieges selbst notwendig hin und die Geschichte, durch es erleuchtet, bestätigt das Erlebte. Der echte Krieg bringt alle TLefenskräfte des Volkes oder der Nation zur Geltung, — im Gegensatz zum Zweikampf, den nnr der Zynismus heute noch als Gottesgericht bezeichnen könnte, mit feinem Zufall und feiner einseitigen N?esfnng bloß physischer Kraft oder irgendeiner Waffenkunst. — Er mißt ihren konkreten Gesamtwert ab auf eine Weife, wie es keine noch so subtilen und objektiven Urteile menschlicher Richter vermöchten, auch nicht mit den feinsten ethischen, politischen und ökonomischen N^aßmethoden. Nicht nur der momentane Stand der Nationalkräste, auch der V?ert der gesamten Friedensarbeit sindet erst im Kriege die volle Bewähr seiner Realität. Richtig nennt H. von Treitschke den Krieg das „Examen ri^orosum" der Staaten. Zu allernächst wird nicht nur für die auswärtigen Be trachter, sondern auch für den kriegführenden Staat selber Wert und Kraft feines innerpolitifchen Ausbaus, seiner Ver-fassuug, Rechtsform und Organisation, wie der in ihm ent haltenen Gruppen- und Parteikonstellationen klarer und Heller erleuchtet, als es zehntausend amtliche uud außeramtliche En queten im Frieden vermögen. Gruppen, die schon vorher nur aus Zwang oder Not zum Staate hielten, die er sich ans eigener Schuld nicht zu assimilieren wußte, mit denen er nur unpolitischen Raubbau trieb — wie die Karthager mit ihreu Eroberungen — die er lange belog oder täuschte, fallen bei der ersten Gelegenheit ab; fo wie ivir es jetzt in Nußland bei einem kleinen Teile der Polen, einem Teile der Rnthenen, einem gewijlen Teil der Galizier und der russischen Juden sehen. Ilmgekehrt erweist sich langjähriges Mißtrauen der ,,staats erhaltenden" Parteien gegen gewisse Parteien und Gruppen entweder auf einen nun zurückstutenden radikalen Phrafeu- schwall von Presse und Führerschaft jener Parteien, oder um gekehrt auf die bloße Prositgier und Stellenjägerei jener „Staatserhaltenden" gegründet. DZagten sie diese früher mit dem Staate zu identisizieren, so wird jetzt dies Verhalten als frivole Frechheit knnd. Beide ^Momente treten jetzt in Deutschland und Ästerreich bei den Sozialdemokraten her vor, in Osterreich bei den Tschechen und Alldeutschen, in Deutschland zum Teil im Elsaß nnd in Polen. So sondert sich Freund und Feind des Staates, Echtes vom Unechten ' scharf und klar voneinander. Jeder kleinste Zweig der Ver waltung, das 5)^aß von Ordnung oder Uuordnuug, Pünkt lichkeit und Unpünktlichkeit in ihm, der innere TLert aller dem Verkehr und dem Nachrichtendienst dienenden Organi sationen, erhält jetzt seine haarscharfe Beleuchtung und in die dunkelsten Winkel des Staatslebens flutet das Licht des iZZTages. Sofort z.B. wurde in diesem Kriege neben der Güte und Ordnung der Verwaltung unseres Eisenbahn- und Trans portwesens, unserer Kriegsindustrie usw. die M^augelhaftig- keit unseres internationalen Nachrichtendienstes klar. Das Maß sozialpolitischer Vorbereitung (Versicherungswesen usw.) äußert stch haarscharf in der inneren Kriegsbereitschaft der Armee und der Zahl der Freiwilligen; denn nur da ziehen die Leute gerne ins Feld, wo ste Familie und Kinder geborgen wissen; es äußert stch nicht weniger in der Ruhe, dem Sicher- heitsgefühl der Zurückbleibenden in der Erhaltung der wäh rend eines Krieges so wichtigen inneren Ordnung des Staates. Die gesamte Volkswirtschaft, Ackerbau, Industrie, Börsen- Bankwesen, nach Organisation und nach den in ihr wirksamen moralischen Kräften der Nation, werden genau auf ihre Tüch tigkeit und Tragfähigkeit geprüft; aber auch jeder einzelne auf feine Solidarität und Ehrlichkeit. Iltan spricht, daß der Kriegszustand fo viele,,trübe Fluten" erzeuge, in denen dann fo viele Leute stscheu gingen! Ja, das ist gerade seine hehre Krast — nicht die trüben Fluten zu „erzeu gen", wie man irrig sagt, sondern ste stchtbar zu machen und an das Tageslicht zu ziehen. Sie waren ja schon vorher da — die ,,trüben Fluten", und auch der Wille zum Fischen ist nicht durch den Krieg geboren! Das ist ja eben der Sieg der Gerechtigkeit, über den die Engel lachen, daß der vornehme, unnahbare Herr von gestern, heute auch als der notorische Lump herumläuft, der er ist; daß der besreiende und heilende Eiter ausbricht, wo tief verborgen stttliche Krankheiten fchlum- merten. Das ist gerade im Nloralischen die ungemeine Be deutung des Krieges, daß er die Ntaskeu herabreißt, die der135 Friede über jenes „Tierische", „Wilde" und „Niedrige" der Menschennatur so kunstvoll breitet und über das die liberalen Illusionisten dann immer so klagen, wenn sie es sehen. Ein moralischer Rückschritt Europas, bewirkt durch die kapita listischen Lebensformen, welchen die Tiefersehenden längst er kannt hatten, ist durch die Formen der Kriegführung, die das gesamte ^Mittelalter an Grausamkeit übertreffen, vor aller TOelt nun völlig klar aufgedeckt worden/" Denn nur jeuer konstitutive Pharisäismus alles Friedenszustandes samt den jetzt zurückweichenden, die echten sittlichen Wlerte versteckenden Ntotiven des Geschäftsgeistes und der Geschäftsmoral ver hüllte auch jenes Tierische, Niedrige, Rohe, Gransame der menschlicher: Natur vor den Augen der Öffentlichkeit; ließ es aber gerade um so stärker auf den vielverästelten Wegen wirken und graben, die das kompliziertere, beziehuugsreichere Dasei» des Friedens an die Hand gibt. Im Innern des Staates wie innerhalb der kriegführenden Armee selbst son dern sich also jetzt scharf die inneren, moralischen, die tiefen echten Gewissensbindungen des Handelns, des Egoismus, der Habsucht, der Begierde jeder Art von jenen nur äußeren Bin dungen, die das Böse nur zurückdrängen von der Sphäre der Sichtbarkeit und des Bekenntnisi"es; die es aber gerade hier durch sich kieser und tiefer in den Kern der Personen eingraben ließen! Was die „Wohlfahrt" verlieren mag, das gewinnen jetzt die echten moralischen Kräfte und Werte, die nun erst in ihrem eigenen Glänze klar zu leuchten beginnen. Nur wer draußen im Feindesland nicht stiehlt, nicht plündert, nicht die fremde Frau verführt, wer jetzt dem Fremden seine Ware bezahlt, iver jetzt zn Hause nicht den Preis drückt oder Goldthesauriert und dem Freunde die Treue hält, nur der ist im moralischen Sinne wertvoll! Es ist dasselbe M^otiv, das Jesus gegen den Pharisäismus und gegen die Halbheit, Ver schwommenheit und das Versteckspiel der menschlichen Mo tive, gegen das lächerliche, schon im Altertum bei den Stoikern beliebte Versteckspiel eben mit seiner tierischen Natur, kämpfen läßt, das ihn auch sagen läßt, er sei „nicht gekommen den Frieden zu bringen, sondern das Schwert!" Das Bild des ganzen, großen, umfänglichen Menschen, von dem der Friede nur eine kleine, graumelierte mittlere Zone sehen ließ — das Bild des Renschen, wie er vor Gott steht, die Füße tief im Moraste seiner Tierheit, beladen mit den Geschwüren der Erbsünde und seiner eigenen Schuld, und das Haupt im Lichte der Sonne und im Glänze der Sterne, dort und da den Himmel berührend, dies Bild steht jetzr plastisch bor uns. Der Krieg erst ermißt deu Ilmfang, die Spann weite der menschlichen Natur; der Mansch wird stch seiner ganzen Größe, seiner ganzen Kleinheit bewußt. Das ist einer der Grundfehler der naturalistischen Kriegs- auffassuug, daß ste das geheime, unsichtbare Zusammenweben der geistigen, moralischen, vitalen und organisatorischen Fak toren nicht zu stnden vermag, die den endgültigen Sieg be stimmen. Daß ste nur ans Säbel und Kanonen blickt! Sie neigt dazu, den Krieg nur als eine Entscheidung für die phy sische Gewalt der Völker, eventuell ihre Leistungen für die Heeresorganisation, höchstens noch für das Maß von Klug heit und Ordnung in der Organisation der Armee und der Volkswirtschaft zuzugestehen: Eigenschaften, die doch mit be liebigem Tiefstand der höheren N?oral nnd der Geisteskultur IZ6eines Volkes verbunden sein könnten. Das ist auch henke ein weitverbreitetes Bild im neutralen Ausland, daß in unserem Kriege ein ganz einseirig militaristisch und ökonomisch Hoch organisterter Staat mir Völkern in den Kamps getreten sei, die ihn zum Teil an Geisteskultur, Lebensform und Aus geglichenheit der Bildung hoch überragen. Das ist ja auch mit der Sinn des Vorwurfes von den „Barbaren". Nietzsche sand noch 1871 — nicht in jedem Betrachte mit Unrecht — daß mitten iin Siege Deutschlands mit den Waffen die französische Kultur die unsrige in analoger TLeisc überwunden habe, wie die hellenische jene des Reiches Alexanders, ja selbst später Roms; wie die antike Kultur überhaupt bis zu einem gewissen Grade diejenige der ihre Staatssormen zerschlagen den germanischen Völker! In der Tat gibt der Ausgang des Krieges weder über den TLert der vorhandenen Kulturwerke und Kultursormen noch über den TLert der in den Völkern schlummernden schöpfe rischen Kulturkräfte irgendeine Entscheidung. Bilder, philo sophische Systeme und mathematische Abhandlungen wer den nicht schlechter und nicht besser, nicht wahrer und nicht salscher, ob das Volk, ans dein ste hervorgingen, stege oder unterliege. Für die vorhandenen und ererbten TLerke und Formen kommt dem Kriege nur eine Bedeutung zu, die in des auch nicht gering anzuschlagen ist: Er wirkt ähnlich wie in der M^oral als der große Scheidekünstler des Echten und Unechten. TLas nur durch die Gunst des Staates und seiner herrschenden Schicht, durch Konvention, N?ode oder vor einem zn beschränkten nationalen Zeitgeschmack im bestegten Volke als „gut" galt, — das geht nun verloren und nur das Echte iZ7überdauert den politischen Niedergang des Volkes! Und ana log wird im siegenden Volke alle Art von Kunst, Lebensform, die ohne echte Ergriffenheit von ihrem innewendigen TLerr nnr modisch nachgeahmt werden, als Anreiz des eigenen Schaffens preisgegeben. So z. B. wird man nach dem Kriege sehen, wie weit die jnngdentsche an den französischen Im pressionismus anknüpfende Iltalerei auf solch echter Wert ergriffenheit beruhte und wie weit die unerhörte Anglisierung unseres Geistes und unserer Sitten auf Gemeinschaft des „Stammesgefühls" und des deutsch-englischen Knltnrgeisics oder auf blöder Nachäfferei beruht. Daß Tolstoi und Dosto jewski ihre Bedeutung behalten werden, des bin ich z. B. gewiß, wenn man auch das flavische Chaos des Gefühls und das dem europäischen Wesen überhaupt Fremde in ihren TLerken deutlicher gewahren wird. Daß aber der Krieg nur in dieser bezeichneten Beschränkung eines Scheidekünstlers in der Geschichte aus die Kultur wirkt und soweit er eben diese Beschränkung einhält, dies macht gerade seinen edlen und erhabenen Charakter aus; gerade dies zeigt, daß er nicht, wie die Pazifisten meinen, ein Rest des „Barbarentums" ist. Der Krieg schafft gerade damit die denkbar vollkommenste Kultur kritik und Kulturverteilnng in Raum und Zeit im großen. Das Allerniedrigste ist es daher, wenn ein Volk oder Gruppen des Volkes sich hinter Kulturwerke verstecken, gleichsam Bilder als Deckung vor dem feindlichen Schuß benützen, architek tonisch wertvolle Städte befestigen usw., und damit in frevler DZeise das hohe TLerk ihrer Ahnen zum Deckmantel ihrer fehlenden Kräfte oder ihres fehlenden Müntes zu dem Zwecke machen, später Anklagen gegen die „Barbaren" erheben zu IZ8können, die dieses niedrige Sklavenressentiment durchschaut hatten und auch dann — mit vollem Rechte — die Kunst werke nicht schonten. Denn wer dem Bilde die Funktion eines Walles gab, nicht wer daranf schoß — hat es zerstört! Er tat nicht besser wie jene feigsten Völker, die Weiber und Kinder in den Kamps voranschicken, um dann den daraus schießenden Feind der „Grausamkeit" anklagen zu können. Dieses niedrigste Ressentiment — wir haben es an Belgien in Löwen und in Frankreich in Reims erlebt. Was nun aber die kulturbildenden Kräfte betrifft, so entscheidet der Krieg — abgesehen von der nicht hierhergehörigen Kraft der durchschnittlichen Intelligenz, Bildungshöhe und Bildungs verbreitung in einem Volke (TLert des Schulwesens) — sicher nicht unmittelbar über den Wert dieser schöpferischen Kräste. V?ir wissen nicht, welche Kräfte durch Verlust poli tischer Selbständigkeit der Völker, dem ste angehörten, durch Tötung ihrer Träger im Kriege usw., zur historischen Unwirk samkeit verurteilt wurden. Noch weniger vermag er da solche Kräfte zu schassen, wo keine stnd. Wohl aber bestimmt sein Ausgang in erster Linie und vor allen ökonomischen Fak toren der Besttzverteilnng, die dies erst in zweiter Linie tun, welche der überhanpt vorhandenen Kräfte zu fernerer bilden der Wirksamkeit gelangen werden. So seligiert der Krieg mögliche Kultur zu wirklicher. Richtung dieser Kräfte und eventualer Wertinhalt ihrer Hervorbringungen, Stil und Gesamtstruktur des nationalen Kulturwerkeö stnd und bleiben also von der durch die Kriege stch vollziehenden M'achtvertei- lnng auf die Staaten prinzipiell völlig unabhängig. So un sinnig die ökonomische Geschichtsauffassung ist, die uns auch IZ9140 nur den Baustil der Kathedrale von Reims — geschweige sie selbst — als eine abhängige Funktion von den ökonomischen Verhältnissen ihrer Erbauungszeit aufschwatzen will, so un sinnig wäre es auch zu meinen, daß die N?achtverteilung und die ste bestimmenden Faktoren (wie der Krieg) jemals den eigentümlichen künstlerischen und religiösen TLertgehalt dieses Bauwerkes verständlich machen können. Jedes Kulturgebiet folgt in seiner Entfaltung autonomen spontanen Kräften des Geistes nach den ihm allein immanenten Regeln der VZertbilduug und der besonderen Geistes-, Schau- und Liebes strukturen der Völker. Aber das schließt nicht aus, daß Iltachtwie ökouomischeBesttzverteilungdiejeweiligeuDurch- bruchsstellen dieses spontanen, eigengerichteten schaffenden Geistes in jene VZirklichkeitssphäre der Geschichte, die der Historiker schon als „gegeben" vorfmdet, öffnen und schließen kann. Und ebendieö heißt: Sie seligieren möglichen (das heißt nach diesen Kräften möglichen) Kulturinhalt zu wirklichem. Aber auch dieses „Öffnen" und „Schließen", von dem alle wirkliche Kulturgestaltung ebensowohl abhängig ist, wie jenen spontane» Geisteskräften ihr purer idealer Gehalt entspricht, geschieht nach einer bestimmten Regel der Wirksamkeit der das „Öffnen" und „Schließen" regierenden Faktoren. Und diese Regel ist, daß die N^achtverteiluug diese Selektion „möglicher" zu „wirklicher" Kultur vor und unabhängig von den ökonomischen Faktoren erfolgt; daß die Besttzverhältnifse also erst zu selektiver ^Wirksamkeit kommen da, wo jene erste Selektion schon erfolgt ist. Gerade darum ist aber die äußerste Anspannung zu mili tärischer, innerer und äußerer Kriegsbereitschaft die erste und141 fundamentalste Pflicht eines Staates, die er gerade gegen die in seiner Bevölkerung schlummernden kulturbildenden Kräfte besitzt; und sie ist zehntanfendmal fundamentaler als die Pflicht, durch sogenannte „Kulturausgaben", durch die er sein Mili tärbudget über dessen Bedarf kürzte, auf unmittelbare Weise die Kultur durch seine Staatstätigkeit zu fördern! Es wäre eben damit die tiefste moralische Schuld gegen dasein seinen Grenzen gestaltende geistige Leben, der ihn der Kriegsausgang als Gottesurteil schuldig sprechen müßte, wenn er dieser funda mentalsten Pflicht vergäße oder sie nur ungenügend erfüllte. Der Standpunkt, wie ihu kürzlich vor dem Kriege der preu ßische Kriegsmiuister Herr von Falkenhayn zum Problem Militarismus und Kultur im Reichstag einnahm, ist paradoxerweise genau derjenige, den jeder echte Liebhaber geistiger und schöner Dinge einzunehmen hat. Gott behüte uns vor dem sogenannte« ,,Kulturstaat" und aller unmittel baren „Staatsknltur", Gott behüte uns vor aller Er wartung, daß Ausgaben für die Universitäten, Laboratorien, Institute, Hoftheater, Akademien, Staatsaufträge für die Künstler ufw. usw., die unser Militärbudget über das be rechtigte Maß kürzten, das je hervorzubringen vermöchten, was allein ein freies Geschenk der spontanen Kräfte des Genius der ihn frei Verstehenden, freier Kritik und hoch herziger, verständnisvoller Personen und Il^äzene sein kann ewig sein darf! Mit Ausnahme der kleinen Strecke von Kant bis Herbark in Preußen, hat sich die gesamte europäische Philosophie feit Descartes in allen Ländern völlig jenseits der staatlichen Universitäten vorher und nachher entwickelt. Konrad Fiedlers Schriften haben hinsichtlich der Bedeutung142 von Akademien und staatlichem Ausstelluugöwefeu für die bildende Kunst genau dasselbe Ergebnis.^ Der Genius hat allzeit den ruhmgekränzten Soldaten, der seine Freiheit ver teidigt, tiefer geliebt, als den Herrn Beamten, der stch anmaßt, über ihn und fein TLerk ,,zu befinden". Schwert und Geist können ein fchönes, würdiges Paar bilden. Sie erklingen miteinander in tiefer Harmonie. Geist und grüner Tifch schließen stch aus und ergeben einen abfoluteu Desakkord. TAer daher unter „Kulturbefähigung" die Kraft versteht, weife, fchöne und bedeutende Dinge hervorzubringen, in der Philo sophie reiner Wahrheit zu dienen, „für sie", wie fchon Schopenhauer sagt, nicht „von ihr" zu leben, wer nicht die zu bloßer Zivilisation gehörigen Fragen allgemeiner Schul bildung, exaktwissenfchaftliche Institute zu feinster Größen- Messung, Bibliotheken, Akademien zur Organisation wissen schaftlicher Arbeit usw. iu diefeu Begriff einschließt, — für welche kulturtechuifchen Institute der Staat selbstverständ lich zu forgen hat — der möge das TLort „Kulturstaat" schnellstens aus feinem TLörterbuch streichen; er möge flugs zur altgermanischen Ausfafjung zurückkehren, in der N^acht und Recht allzeit den Inhalt der Jentralaufgabeu des Staates gebildet haben. Wir Dentfche bedanken uns für ein „Ministerium der fchönen Künste" — wie es in Frankreich existiert, und mit welchem TLert sür die Kunst, das wissen die Kenner. Und Deutsche, die das TLesen von Philosophie und Wissenschaft verstehen, lieben in allen Dingen der Kultur das „System Althoff", dieses uuschemarische, auf der Beurteilung von Personen durch eine Person beruhende System kluger Gunst und Ungunst, verbunden mit weitester143 Heranziehung freien Mäzenatentums. Dies, was man „Kor ruption" zu nennen beliebte (dieser Bourgeoisiephilosophie erscheint ja schon die Existenz von „Personen" als eine Korrup tion eines „transzendentalen Vernuuftschematas"), dient im höchsten M^aße echter Kultur. Vor einer Auswahl der kultur- bildeudeu Kräfte nach der „strengen Gerechtigkeit" der sonst üblichen Schematismen, die das Aufrücken von „Beamten" regeln — sei es auch nur der regelmäßige Vorschlag der Fach-- koterieu nnd Fakultäten — davor bewahre uns der Himmel noch genau so lange als er uns bewahre, daß wir je in jenen vollkommen „zivilisierten" Zustand eingingen, in dem der Reichstag oder sonst ein Ausschuß durch Beschlüsse über Kul turwerte „besiudet" und jene „Auswahl" besorgt. Die inneren Kulturbestrebungen eines Volkes werden durch den Krieg, aber nicht nur in ihrer unmittelbaren Bedeutung für den Sieg, sondern anch nach ihrem eigenen TLerle wenigstens in einer Richtung einer scharfen Kritik unter zogen. Und wieder ist diese Wirkung nicht etwa Ablenkung aus ihrer bisherige» Richtung oder Erhöhung ihres ^Wertes wohl aber Reduktion ihrer vielfachen komplizierten Er scheinung auf ihren wesenhaften Gehalt. In den großen Stunden der Tat vermag Misere Seele nur in jenen einfachen großen Gestalten uud Gedanken zu leben, die irgendwie den Sinn des Lebens komprimieren und zusammenfassen. VZas in Knnst und Philosophie mir subtiler Technik, — was dem Virtuofentum uud der bloßen Gelehrigkeit, nach einer ge gebenen N?ethode ein wenig sortznschreiten, sein Dasein ver dankt, — was nur durch die zweifelhafte Gunst einer maß losen Arbeitsteilung lebte, die den Vertreter eines jeden Faches144 und Fächleins zwingt, die Leistung jedes anderen Faches und Fächleins 2 priori zu bestaunen, wenn ste nur in der kleinen Koterie jener Fachvertreter gelobt wird, was dem Sich- emporlobeu der Vertreter kleiner Zirkel in Literatur und Kunst sein Ansehen verdankt, was durch bloße Gesuchtheit und Geistreichtum glänzte und Logik und TLahrheit verachtete, — das alles hat nach dem Kriege seine Zukunft verloren. Es war ein N?ann, der in Feldlagern schrieb, der die vielfachen subtilen Regeln der scholastischen Logik aus die wenigen ein fachen Sähe der „Regulas" seines Discours zurückführte — Reue Descartes. Es ist daher wohl verständlich, daß der philosophische, synthetische, integrierende Geist nach Kriegen ein gewisses Übergewicht über den Geist der Spezifizierung, Analyse und Differenzierung, die Philosophie aber über die Spezialwissenschasteu erhält — das heißt derselbe Geist, aus dem dieTLisseuschasteu geboren waren und, wo ste neue Me thoden in stch aufnehmen, immer aufs neue geboren werden. Und es ist analog zu erwarten, daß gleichzeitig auf dem Boden der Philosophie selbst die Lust an bloßer formalistischer Haar spalterei zurücktritt uud nur das, was auf selbständige ori ginale Anschauung der Welt stch zurückzuführen vermag, das neue Interesse gewinnt. Die große griechische Philosophie des Platon und Aristoteles ist ohne die Perserkriegc nicht denkbar; die Philosophie Hegels mit ihren Stärken und Schwächen nicht ohne die Napoleonschen Bestrebungen zu einem französischen Weltimperialismus, — wie Kuno Fischer sehr treffend dartat. (Siehe Hegels Leben und V5erke.) Ist der Krieg nur mit dieser Einschränkung ein Gottes gericht über die Kultur der Völker, so werden aber gewisseformale Gruudeigeuschasteu der Kulturgesiuuungcn und Be tätigungen, die als Grnndbestimmnngen des nationalen Geistes auch andere Bekätignngsrichtiingen mit nmfassen — zum Beispiel auch Wirtschaft, Technik nnd Kriegführung der Armee, als unmittelbare sieg- und niederlagebestim- mende Faktoren bedeutsam. Die deutsche unvergleichliche Sündhaftigkeit in der Kriegführung nnd die llnermüdlich- keit in der Verfolgung des Feindes bis zn seiner vollen Ans- reibung — wie sie schou die Vernichkiingstheorie von Clanse- witz lehrt — ist dieselbe Kraft, die sich in den ungeheuren V?erkeu M^ommsens nnd L. von Rankes, in dieser unver gleichlichen Zähigkeit in der Verfolgung ergriffener Zwecke nnd der Gründlichkeit ihrer Ausführung Form gegeben hat; eine gewisse geistige Schwerbeweglichkeit und eine zu große Liebe zum Methodischen im Gegensatze zu jener Eigenschaft, die sich in den Franzosen in den Wissenschaften als „Ingenio sität", im Kriege als kühner Angriffsgeist und Vorliebe für die osfeue Feldschlacht, aber ohue nachhaltige Kraft, einen ge wonnenen Vorteil gründlich auszunützen, änßert, charakteri siert Wissenschaft wie Kriegführung der Deutschen. Die französische Vorliebe zur Deduktion aus wenigen Prinzipien und zur „Klarheit", anch auf Kosten der Fülle der Realität in den Wissenschaften, besitzt eine tiefe Analogie mit der Tendenz der französischen Kriegführung, die Ereignisse auf den Erfolg einer Hauptschlacht zuzuspitzen. Eine N^axwell- sche Abhandlung dagegen, die höchst undurchsichtig ihre Er gebnisse von alle» möglichen getrennten Reihen von Einzel daten her gewinnt; die nicht TLahrheit, sondern eine zweck mäßige Arbeitshypothese geben will, um „der Forschung neueAnregungen zu erteilen", — wie M^axwell hinsichtlich der „Bilder" in seinen Arbeiten zur Elektrizitätslehre sagt, — hat die tiefsie Analogie mit der alten englischen Kriegsführung, die Erfolge durch Summieruug vieler kleiner Erfolge an den verschiedensten Punkten der Operatiousbasts zu erreichen und dem ganzen Krieg nur einen ntilistischen Zweck unterzulegen. (Vgl. den Anhang über den englischen csnt.) Über den Wert eben dieser formalen umfassenden geistigen Grundeigenschaften, die zusammen mit den analogen moralischen den „Geist" der Völker ausmachen, spricht der Kriegserfolg aber gerade an erster Stelle sein Urteil. Und das ist viel wichtiger noch als jenes Urteil, das er über TLissenschast und Technik eines Volkes insofern fällt, als diese, wie N?echanik, Jugeuieur- kunst, dieKriegswissenschasten selbst, Befestigungslehre, Stra tegie, Taktik, TLasfentechnik, medizinische ^Wissenschaft und Technik, unmittelbar die Ereignisse und den Gesamteffekt be einflussen. Allen diesen Faktoren, über die der Krieg zu Gericht sitzt, übergeordnet sind aber die vitalen und moralischen Gemüts- und Willenskräste der Nationen, — beide in letzter Linie bedingt durch ihre religiöse Glaubenstiefe. Wie die techno logische Geschichtsauffassung, die den Kapitalismus aus der ^Maschine, die Denkformen einer Zeit aus ihren Arbeits formen, die religiösen Gegenstands-Adeen mit llsener aus dem Kult, die Kuuststile aus wechselndem M^aterial und Technik (Semper), den Stil des Dramas aus der Theater- nnd Regiekunst usw. ableitet, aus jedem Gebiete gleich ver kehrt und irrig ist, so ist sie es auch da, wo sie die innere Heeresorganifation und ihren TLandel sowie den Ersolg der147 Kriege aus dem Stande der TLaffentechnik respektiv deren Höhe und Artung ableiten will. Das Rittertum ist nicht durch die Schießwaffe zugrundegegangen, wie Delbrück in seiner Geschichte der Kriegskuust eingehend nachgewiesen hat.^ Unser sogenannter „großer Brummer" ist eine vorzügliche Sache, aber Sieg nnd Niederlage entscheidet nicht er — viel eher die Gesamtersolge derjenigen Gestmnmg, die uns so lange über diesen Besitz schweigen ließ uud ihn den Kapitalinterefsen der VZaffenindustrie zuwider, sür unser eigenes Heer aussparte. Allen diesen Dingen aber, Kriegstechuik und Heeresorgaui- satiou geht als sie formend voran der gesamte Vitalcharakter nnd Vitalivert des Volkes oder der Nation. ^ Vor allen Schulmeistern — denen der deutsche Gelehrte nicht nur bei „Austerlitz" eine allzuhohe Bedeutung anzu weisen liebt — bestimmen die IMütter den Ausgang der Schlachten. Die römische Matroue — ein Typus, der im zweifachen Gegensatz zur griechischen Köchin nnd Gebärmaschine wie zur Hetäre steht — ist eiues der Fundamente des Imperiums gewesen. Das Übergewicht des Fortpstauzungswilleus über den individualistischen Willen zur Lust, das schon Tacitus der deutscheu Jungfrau nachsagt, ist eines der Fundamente aller germanischen Eroberungen. Sie fuchte „in der Wahl des Mannes den künftigen Vater", nicht umgekehrt im Kinde eine bloße Erinnerung an den Geliebten wie so ausgeprägt die modern-sranzöstsche Frau. Das Gründverhältuis zwischen ^Mütterlichkeit und Hetärismus innerhalb des Fraueutums eines Volksganzeu — und hier zuerst der herrschenden Schich ten — kommt ebenso nnmittelbar in Qualität uud Qnan-tität des Bevölkerungswachstums mit deren fuudameutalec Bedeutung für das Heeresmaterial, wie in den moralischen Eigenschaften der Art und Tiefe der Kinderliebe fowie der Opferfähigkeit der Frauen zum Ausdruck, mit der sie ihre Gatten, Geliebten, Kinder usw. ,,gerne" oder ,,uugerue" in den Krieg ziehen lassen und sich bei Heilung der Schäden und Wunden, die er brachte, intensiv oder weniger intensiv be teiligen. Es besieht ein tiefer innerer Zusammenhang zwischen dem französischen Zwei- und Dreikindersysiem und dem Ruf der französischen Frauen a bas la Auerre! Die französische Frau empsindet selbst dunkel — mit dem feinen Vorgefühl des Weibes — daß der Spruch des Krieges gegen sie und ihre Kinder und Gatten ausfallen muß. — Der sittlich sehr Hochsiehende Frauentypus der Französin — wie gegen solche gesagt sei, die sich ihren Begriff an der Pariser Ehebruchs komödie oder auf den Boulevards zurechtgemacht haben — isi trotz seiner geradezu selten innigen und zärtlichen Kinder liebe weit weniger ,,mütterlich" als die deutsche Frau. Es isi zuviel Geiz uud Individualismus auch iu dieser Kinderliebe, der Geiz und Individualismus der Schwäche uud des mangeln den Fortpsianznngswillens; derselbe Geisi, der in Frankreich aus ökonomischem Gebiete das Heer der „kleinen Sparer", das Kleinrentnertnm, sowie den maßlosen Andrang an die Staatskrippe hervorbringt. Das Kind wird um des Ge liebten im Manne willen, nicht der Mann als Vater des Kindes geliebt; und diese zärtliche und verzärtelnde Kinder liebe, die ganz nur auf die Individualität des Kindes ge richtet isi, läßt der Französin, wenn zwei bis drei Kinder da sind, eiu weiteres Kind schon als Beraubung der vorhandenen 1^8149 an Liebe und Erbeigentum erscheinen. Wie könnte so dieser Typus denselben Willen zum Opfer auch des Mannes, des Geliebten, des Kindes hervorbringen, der die Frau kriegerischer Völker auszeichnet? Die Mütter der für das Vaterland ge fallenen Spartaner feierten ein Freudeufeft, daß es ihnen ver gönnt war, die Helden zu gebären, die fürs Vaterland sterben durften. Dies erscheint anch nns als „barbarisch" und im entgegeugesekten Sinne als nniveiblich. Und doch ist der deutsche Typus diesem spartanischen noch näher als dem sran. zösischen. Die höhere Opferkraft der deutschen Frau ist die Opferkraft des größereu verschwenderischeren Lebens — nicht Kälte, Temperameutslostgkeit oder Leideufchaftsmaugel, wie man es sich in Frankreich auslegt. Also muß auch der Krieg über die Frau sein furchtbares Gericht halten! lind er hält damit gleichzeitig Gericht über das Erziehuugssystem in der Familie nnd sekundär anch über die Schnle nnd ihren Geist. Über allen diesen vitaleu Faktoreu aber zusammen steht als der leHte Faktor der Entscheidung die Größe nnd Tiefe der sittlichen Opferkraft des Volkes oder der I cation, die stch für ihre Freiheit und Selbständigkeit einseht. VZas alle anderen Faktoren inspiriert, was die Vehemenz des Angriffes, die Standhastigkeit in der Verteidigung bestimmt, was auch deu schwächereu Willen stark nnd gerade macht, was den Geist beslügelt nnd ökonomisch durchhalten läßt, — das ist schließlich die Gesamtfülle der Liebe, die unter den Gliedern der Nation gegeneinauder, die zu ihrem Eigentümlichen des Landes, der Sitte, derGeistesknltur gegenwärtig nnd kräftig ist. Von dieser Liebe ist auch die Opferkraft die abhängige Funktion. Sieg gibt der Gott der Liebe den Liebenden. Die Größe des150 TLillens zum Siege und die Tiefe des echten Glaubens nnd Ver trauens auf die eigene Kraft, die im Kriege so wesentliche Mit- nrfachen des Geglaubten werden, sind wieder ganz abhängig von diesem erlebten Opfernkönnen in jeglicherHinsicht. DieseOpfer- macht ist überlegen aller Vehemenz jenes vitalen Mutes, der die Gefahr verachtet, weil er sie nicht steht oder ihr Sehen stumpf und automatisch unterdrückt; überlegen auch jenem Nlnte, der den mongolischen japanischen Barbaren treibt, da er noch kein Gefühl für die Individualität und ihren ewigen Wert hat, da fein „Ich" noch im „Wir", feine Persou uoch im Stammes gefühl ertrinkt. Sie erst erhöht den znständlichen ,,N?ut" zu geistesbeseelter bewegter Kühnheit und zu sittlicher, das heißt die Gefahr klar sehender und die Furcht bewußt unterdrückender, die Dauer eines ganzen Feldzugs aushaltender Tapferkeit des Willens. Erst durch sie hindurch werde« anch Ehrgeiz uud Ruhmbegier der Führer oder historifcher Regimenter, die partikular wirkend fo häustg um den Sieg betrogen haben und auch Söldner beseelen können, zu fruchtbare» Motiveu.^ Hier erst wird die Idee des Krieges als Gottesgericht völlig klar. Ist Gott ein Gott der Liebe, so wird er auch dem Volke den Sieg geben, in dem die Liebe die reichste, die tiefste, die hochgeartetste ist! Ilnd eben hier wird wieder der Genius des Krieges wie von selbst zur Religio» — zum Führer zu Gott. Er wird es auch für den vorher Ungläubigen; denn die Opferkraft, die fo aus der Liebe gespeist in der Seele emporwuchs, ste ist zu groß, sie ist zu maßlos, als daß ste der Verstand aus der Summe natürlicher begrenzter Ilcotive voll begreifen könnte, die er vor sich steht uud auf ihre Kraft hin zusammenzählt. Das151 erlebte Emporquellen dieser Opferkraft aus der Seele Wurzeln lenkt das verwunderte Auge von selbst auf einen tieferen und universelleren Ursprung zurück als ihn das Bewußtsein der eigenen natürlichen Kräfte und der diese Kräfte anziehenden Gegenstände uud Inhalte bietet. Das Maßlose fordert eine maßlofe Quelle! Uud indem das geistige Auge dem Ursprung dieser Ouelle^iu ihre Tiefe nachgeht und ihn weiter und weiter mit dem Blicke verfolgt, gewahrt es wie von selbst das Meer von Gnade nnd Liebe, das die Seele speist und in diesem Ilteere die Gottheit! Im Frieden gewahren ste nur wenige; uud die Mehrzahl „glaubt" nur an ste. Jetzt aber gewahren ste viele, und viele zum ersten M°ale, um ihrer nie wieder vergessen zu können. — Damit aber wird das Gottesgericht des Krieges Erlebnis. Wenn ich hier die Wurzeln aufwies, die der echte Krieg in das metaphysische Erdreich unseres Daseins hineinerstreckt, fo soll dies durchaus keiueu rein historifch-empirifchen Sinn haben, als fei es eine Aussage von allen Erscheinungen der Geschichte, die man,,Kriege" nennt. Wir sprachen allein von jenem Wesen des Krieges, jener der Anschauung zugänglichen Idee des Krieges, die auch dieVoraussetzung des möglichen Ver ständnisses aller historischen Kriege ist — nicht aber eine Folge dieses Verständnisses. Von derselben Idee des „ absoluten Krie ges" war die Rede, die auch Clausewitz seinen Erörterungen zugrunde legt. Dabei bleibt die Tatsache voll bestehen, daß der Zufall in allen wirklichen Kriegen eine ungeheure Stelle besttzt und noch mehr die andere: daß es neben dem „gerechten Krieg" anch ungerechte, ja verbrecherische Kriege in der Ge schichte gibt, die als Gottesgericht aufzufassen Sünde wäre.Was den „Zufall" als Sieg oder Niederlage bestimmen den Faktor betrifft, so ist aber dies offensichtlich, daß seine Be deutung in der Geschichte der Entwicklung des Krieges bis zum modernen Volks- und NTassenkrieg immer geringer und geringer wird. Die größte Nolle spielt der Zufall offenbar im Zweikampf, dessen Ausgang als „Gottesgericht" anzusehen eben deswegen frivol wäre. Er spielt auch eine um so größere Nolle, je kleiner die Heere, je ungleichförmiger Zivilisation und Kriegstechnik zwischen den Völkern verbreitet sind, je mehr ein einziges, respektive ganz wenige, nicht eine große Gruppe verschieden gearteter Zusammenstöße das Ende des Krieges ent scheiden; je eingeschränkter der Kriegszweck, je beziehungsloser die Lebensfaktoren (^Wirtschaft, Kultur, Zivilisation, Organi sation nsw.) im Leben der Völker noch zu einander sind, die seinen Ausgang bestimmen. Je mehr sich diese ^Momente in die Richtung der modernen Nationalkriege — wie sie sich seit Napoleons Austreten gestalteten — abändern, desto ge ringer wird relativ die Rolle des Zufalls; desio mehr hebe« eiuauder zugleich die noch vorhandenen „Zufälle" bei Freuud und Feind emSüder anf. Das heißt aber auch: Ein desio gerechteres Iltaß wird der faktifche Krieg für Wert nnd Höhe des Ganzen der nationalen Geisies-, Gemüts- und Vitalkräfte. So „wird" der Krieg felbst im Laufe der Ge schichte, kraft feiner eigenen Entwicklung auch facto immer mehr die immer gerechtere Realisierungsform einer höheren Rechtsordnung; einer höheren, als diejenige ist, die menschliche Rechtsinstiture je verwirklichen können, — d. h. er wird em pirisch immer mehr das, was er seiner Idee nach ist nnd sei" soll.153 Der gerechte und ungerechte Krieg s muß aber der gerechte und der ungerechte Krieg scharf unterschieden werden und das Recht dieser Unterschei dung sowohl gegen solche gewahrt werden, die wie Hegel oder in der Richtung des Schillerschen JZZortes „die TLeltgeschichte ist das ^Weltgericht" zu pantheistischen An betern des bloßen Erfolgs und zu Glorisikatoren des positive» Geschichtsverlaufs werden, als gegen solche, die den Krieg überhaupt als eine „Form menschlicher Ungerechtigkeit" an sehen nnd darum den Begriff des „gerechten Krieges" nicht kennen. Für jene sind schließlich alle Kriege, für diese keiner „gerecht". Will man sagen, ob ein Krieg „gerecht" sei, so darf lnan indes nicht etwa die sogenannten „Rechte der Parteien" abwägen nnd je nach Ausgang dieser Erwägung es gerecht oder ungerecht nennen, daß diese Partei ange griffen hat oder sich verteidigt. Wäre diese Feststellung der Rechte der Parteien überhaupt vor der Kriegsentschei dung möglich, so hätte ja der Pazifismus 2 priori recht und es bedürfe nicht notwendig des Krieges zur Feststellung dieser Rechte. Ob eiu Krieg gerecht oder ungerecht isi, das isi auch uicht darnach zu entscheiden, wer Angreifer nnd wer Vertei diger war und aufweiche VZeise es zur Erklärung des Krieges kam. Die Ursachen der Kriegserklärung sind niemals die Ur--54 fachen des Krieges, sondern höchstens die Ursachen seiner Termin- und Zeitbestimmung. Wer Angreifer und Vertei diger war, läßt sich in zahllosen Fällen überhaupt nicht stcher feststellen; hängt aber, wo es feststellbar ist, häufig von zu fälligen Umständen ab; gibt aber auch da, wo dies nicht der Fall ist, keineswegs das Recht, etwa generell den Angriffs krieg ungerecht, den Verteidigungskrieg gerecht zu nennen.^ Das Volk hak immer die Neigung, den Verteidigungskrieg gerechter zu studeu. Aber ohne tieferen Gruud. Habe» das^. im Verhältnis zu einem anderen Staate beschleunigte An wachsen der N^acht eines Staates oder der IILachtniedergang, respektive die innereKorrnption des angegriffenen Staates, oder haben Ursachen, die während des Friedens wirkten und die dem angegriffenen Staate Vorteile, Gebietserweiterungen usw. verschafften, die feiner N?acht und feinen politischen Herr- fchaftskräften nicht entsprechen, eben darum aber nach höherer Gerechtigkeit ,,ungerecht" sind — wie immer ste das formelle historische Recht für sich in Anspruch nehmen mögen — fo kann der Angriffskrieg durchaus der Gerechtigkeit entsprechen.^ Die Karthager z. B. verdienten die von ihnen im Laufe des Fortschritts ihrer Handelspolitik annektierten Gebiete nicht zu behalte:,, da ste keinerlei Fähigkeiten besaßen, ste politisch zu organisieren und zu verwalten uud da ste keine höhere Geistes- kultur hinter sich hatten. Ist andererseits das Machtverhält nis der angegriffenen Partei zur angreifenden Partei fchon vor dem Kriege völlig klar, ist ste sich z. B. heimlich ihrer Ohnmacht uud mangelnden Kriegsbereitschaft gewiß, fo kann anch der Verteidigungskrieg als sinn- und zwecklose Hin- opferung von Iltenfchen ungerecht und verbrecherisch fein.Wäre der Angriffskrieg generell ungerecht, so müßte — da jeder Krieg einen Angreifer vorausseht, — ja schließlich auch jeder Krieg „ungerecht" sein. Ob ein Krieg gerecht oder ungerecht ist, bemißt sich viel mehr allein liud ausschließlich nach zwei Maßstäben: Nach der Art und Natur der zum Kriege führenden Gegensätze und nach der Echtheit und wahren Provenienz des TLillens zum Kriege iu deu beteiligten Völkern, Staaten, Nationen, Kulturkreisen. Die Gegensähe müssen kriegsgewichtig sein und es muß der Krieg den echten Gemeinwillen (der „vo- lonte Energie", nicht der „volonte äs tous^) der beteiligten Völker und Nationen entsprechen. Die primäre Bedingung ist hierbei die Kriegsgewichtigkeit der Gegensähe. Kriegsgewichtige Gegensähe stnd es, wenn es sich um die Existenz, die politische Selbständigkeit nnd Frei heit des Staates (absoluter Krieg) in zweiter Linie um um schriebene Rechte, die seiner faktischen Macht entsprechen, in dritter Linie um Bewahrung seiner internationalen Ehre uud seiues „Prestige" handelt (Formen des relativen Krieges). Gegensähe, die sich nicht unmittelbar oder mittelbar auf diese Vierte beziehen, oder aber, obzwar von Hause aus anderer Na tur (z. B. ökonomische, Nassen-, Neligions- und Glaubeus- gegensähe), im Verlauf der historischen Dinge die genannten Vierte in ein^ ihrem Viesen entsprechende ^Mitleidenschaft ziehen, können, da sie eine andere Form von Schlichtung der Gegensähe fordern wie erlauben als die kriegerische Form, nie mals zn „gerechten Kriegen" Anlaß geben. So stnd generell „ungerecht" alle bloßen Handelskriege, alle puren Rasfenkriege und Glaubenskriege, alle reiuen Kulturkriege und generell alle156 sogenannten „Präventivkriege".^ Kriege aus rein ökonomi schen Gründen versuchen die Kampfform des Krieges an Stelle der den ökonomischen Vierten allein entsprechenden, Kampfform der freien Konkurrenz und Handels- und zoll politischer Maßregeln zur Erziehung der Industrie oder Prohi bition zu setzen. Sie hemmen damit die ökonomische Entwick lung der Menschheit, der Grundbedingung einer stetigen Befreiung des Geistes. Dazu widerstreiten sie dem evidenten Vorzugsgesetz, daß menschliche Vitalwerte solchen des Nutzens vorzuziehen find. Indes ist natürlich nicht aus geschlossen, daß ökonomische Gegensätze auch die kriegsge wichtigen Gegensatzarten in wesentliche Mitleidenschaft ziehen. Das ist zum Beispiel überall da der Fall, wo die Armut oder die qualitativ zu partikulare Ausstattung uud enge Begrenztheit der durch Eigenproduktion herzustellen den Güterarten und -mengen eines Staatsterritoriums im Verhältnis zu seiner Bevölkerungsmenge dessen Ernährung während eines möglichen Krieges, der durch gewichtige Gegen sätze ausgelöst wäre, grundsätzlich in Frage stellt. Da dies z.B. für Englands Inseln iu weitem 5Maße zutrisft, fo siud die englischen Handelskriege uicht generell ungerecht. Hier nimmt die Form des Existenzkrieges wie voll selbst häusig die Form eines Handelskrieges au. Generell ungerecht sind weiter alle bloßeu Glaubenskriege, alle Versuche, also eiue Religion oder einen Glauben durch die Gewalt der Waffen anstatt durch friedliche Misston und Überzeugung zu verbreiten. Nur iu dem Maße, als die Staatsform felbst theokrarischen Charakter trägt, wird der Krieg eines solchen Staates gerecht; uud uur seine Staatsform selber ist dann vou einer höheren Moral uud157 Religion aus verwerflich. Der sogenannte „heilige Krieg" der mohammedanischenWeltisthiernachznbeurteilen.^N'ichtmin- der ist der Rassenkrieg ungerecht; er ist es schon darum, da er nur als Vernichtungskrieg einen möglichen Sinn besitzt und jeder Vernichtungskrieg (nicht des Staates, sondern der Manschen) ungerecht ist; er ist es auch darum, weil er au Stelle der Kampfform der instinktiven Liebeswahl und -konkurrenz und der auf ihren VZahlfaktoren beruhenden Blnrmischuug, welche allein die, günstigste Iltischungen versprechendeSelektions- und Steigeruugsart der Rasseuwerte darstellt, die ganz ungeeig nete Form des Krieges setzt. Er ist es endlich, weil er gleich- zeitigWesen imdWürde des Staates prinzipiell verneint, dessen Ausgabe eben darin mitbesteht, Menschengruppen verschiede nen Blutes zur Einheit eines geistigen TLillens zn vereinen und die Gewalt der bloßen BlnkSgegensätze durch seinen sitt lichen TLillen zu bändigen. Ungerecht wäre auch ein Kultur- krieg, das heißt ein Krieg, bei dem geistige Kulturgegensätze die unmittelbar kriegsbestimmenden Ursachen wären und die Gegner aus die Vernichtung der gegnerischen Kultur abzielten. Denn nicht der Krieg, sondern die sriedliche Solidarität im Ausbau der Kultur (nicht also wie bei den ökonomischen Vierten die internationale Konkurrenz) ist die Horm nnd die wesenhaste Kraft aller Kulturförderuug. Die ökonomischen, zivilisatorischen nnd die Rassengegensätze lasten sich nnter den Begriff der „kriegsuntergewichtigen", die Glaubens- und Kulrnrgegensätze nuter den Zzegrisf der „kriegsübergewich- tigen" Gegensätze zusammenfassen, — beides Arten der,,kriegs- uichtgewichtigen" Gegensätze. Alle mögliche Ausbildung von internationalen Nechtsinstitnten kann nur darauf abzielen, die158 kriegsnichtgewichtigen Gegensätze zu schlichten und gleichzeitig zu hindern, daß solche Gegensätze für die Entstehung von Kriegen bestimmend werden./Das heißt sie haben nicht den Krieg je zu ersetzen, sondern den ungerechten Krieg zu verhüten. Ungerecht ist generell aber auch jeder Präventivkrieg, da aller historische Hergang ein einmaliges Geschehen ist, also seiner Natur nach jede Berechnung nach Naturgesetzen ausschließt.^ Auch Fürst Bismarck hat den Präventivkrieg mit Recht generell als „verbrecherisch" verworfen. Jede Art, ihm ein sittliches Recht zu vindizieren, schlösse eine unsittliche Bevor rechtung des älteren Staates vor dem jungen Staate und da mit das Recht zu einer prinzipiellen Einschränkung und Ab- tötuug der in der Menschennatur gelegenen Mannigfaltig keiten von Entwicklungsmöglichkeiten in sich und eben damit eine sittliche Rechtfertigung eines starren, tödlichen, allgefräßi- gen Konservativismus iu der TVelt. Völlig verkehrt wäre es aber andererseits, die präventive Kriegserklärung mit dem Präventivkrieg zu verwechseln. Die präventive Kriegserklä rung bestimmt ja nicht den Krieg, sondern nur seinen Zeit punkt präventiv und setzt voraus, daß man das Dasein schon bestehender kriegsgewichtiger Gegensätze (nicht erst künstlich zu schaffender) kenne, anßerdem aber den Krieg um ihretwillen in der Willensrichtnng der beteiligten feindlichen Staaten gelegen wisse. Die präventive Kriegserklärung ist daher unter Um ständen ein au sich völlig gerechtes Vorgehen. Unser gegen wärtiger Krieg wäre also auch dann gerecht und „Verteidi gungskrieg", wenn wir unsererseits jetzt zum Kriege gedrängt hätten; denn wir kannten die Pläne unserer Feinde, die französisch-englischen und belgische:: Pläue und militärischen159 Abmachungen bezüglich der Entsendung eines englischen Ex peditionskorps nach Belgien vom Jahre 1906, seit Juni 1914 die englisch-russischen Ostseeabmachnngen und die Natur des franko-russischeu Bündnisses genau; es wäre nur ein Gebot der Klugheit gewesen, nicht aus den weiteren Ausbau des durch den japauisch-russlschen Krieg geschwächten russischen Heeres und die Ausführung der beschlossenen dreijährigen Dienst- zeitgesetze in Frankreich zu warten. Die zweite Bedingung für den gerechten Krieg ist der Be stand eines echten Gemeinwillens in den beteiligten Völkern zum Kriege. Seit der Ausbildung der Volksheere, deren erstes das Revolutionsheer Napoleons war, zuerst in Spanien, dann in Österreich und Preußen (z. September 1814) ist der Menschheit diese sittliche Forderung klar zum Bewußtsein gekommen. Alle Kabinettskrise im Stile des 18. Jahr hunderts, alle durch Ehrgeiz, Geld- und Ländergier, militä rische Ruhmsucht, Ableitungsabsicht einer revolutionären Be wegung im Staatsinnern seitens einer Dynastie oder einer sonstigen Regierung hervorgerufenen Kriege, aller Kriege, die bloß den Jntereffen einer Klasse oder bloß den politischen und religiösen Forderuugen einer Partei im Staate („Mili- tärparteien") entsprechen, sind also ungerecht. Sie sind äs facto zum großen Teil nur heimliche unterirdische Bürger- und Klassenkämpfe, die nur den Bestand echter Kriege vortäu schet,. Sie alle verneinen wie der sogenannte „Bürgerkrieg" das Wesen des Staates selbst in dem betreffenden Staate. Indes besagt die obige Anforderung an einen „gerechten" Krieg nicht, daß die Majorität, anch nur die Majorität der ^Äaffenberechtigten in einem Staate, ausdrücklich für den160 Krieg und nicht gegen denselben öffentlich eintreten müsse. Der „Gemein"wille des Volkes ist weder notwendig der VZille oder gar der ausdrückliche Wille „aller", noch der VZille und ausdrückliche M>ille der N?ajorität seiner Staats bürger. Es ist vielmehr derjenige TLille, der in der erlebten (darum nicht notwendig „gewußten") historischen Kontinui tät der faktischen Strebnngsrichtnngen (nicht „Willens zwecke") des Volkes oder der Nation als einer realen Strebens- einheit Iiegt;^° uud es ist die Staatsverfassung, die aus der selben Gesamtstrebensrichtnng geboren, bestimmt, in welcher Form dieser Gemeinwille und sein auf Krieg oder Nicht- krieg zielender Inhalt festzustellen sei. Nach unserer Reichs verfassung ist der Kriegserklärung durch den deutschen Kaiser zugleich die prinzipielle Bedeutung vindiziert, den Gemein willen des deutscheu Volkes zum Kriege festzustellen nnd zu vollziehen. Indes kann natürlich auch ein formell verfassungs mäßig festgestellter Gemeinwille dem wahren Gemeinwillen des Volkes nicht entsprechen; sei es, daß die faktifche Ver fassung selbst dem faktischen Gemeinstreben nicht mehr ent spricht, sei es, weil die verfassungsmäßigen Rechte der znr Kriegserklärung berechtigten Instanz einem ^Mißbrauch für anderweitige partikulare Zwecke als zur Abwägung der Kriegsgewichtigkeit der Gegensätze und zur Feststellung des Gemeinwillens unterworfen wurden. All dies kann im Einzel falle nicht anf juristische Weise, solider» nur historisch uud moralisch festgestellt werden. Nicht notwendig ist in der For derung der Übereinstimmung des Kriegswilleus mit dem Ge- meinwillen eingeschlossen, daß der Krieg anch „populär" sein müsse. Denn die sogenannte „öffentliche Meinung" und11 ihr Ausdruck in der Presse sind durchaus nicht notwendig adäquate Ausdrucksformen des echten Gemeinwillens. TOenn die für uns selbst fo sonnenklare Tatsache, daß auf unserer Seite die Führung des Krieges dem deutschen Gemeinwillen entspricht, heute im gesamten Ausland mit Einschluß der neutralen Staaten einen so seltsam geringen Glanben sindet; wenn seitens der Geistesführer uud des weit überwiegenden Teiles der Pressen fast der ganzen anderen Welk fortwährend die Behauptung ausgesprochen wird, es sei das deutsche Volk wider seinen innersten Willen durch eine preußische Kriegs und „Militärpartei" zum Kriege gezwungen oder suggeriert worden, und man müsse nicht nur stch selber, sondern auch das deutsche Volk „retten" vor „Potsdam" und dem preußischen ,,N?ilitarismns", — so ist es nicht ausschließlich Böswillig keit der Gegner, was zu diesem Vorwurfe geführt hak. Es ist vielmehr der prinzipielle Fehlschluß von dem Inhalt der „öffentlichen M^einuug" und des größten Teiles der deutschen Presse der letzten Jahre vor dem Kriegsausbruch hinsichtlich unserer moralischen Kriegsbereitschaft und des eventualen Kriegswillens auf die faktische moraliscke Kriegsbereitschaft und den faktischen deutschen Gemeinwillen. Das Ausland kann die Größe des Unterschiedes der öffentlichen M^einung vor dem Kriege und jetzt nicht begreifen: So wenig brachte also Presse und öffentliche ^Meinung den Gemeinwillen des deutschen Volkes Jahre hindurch zu adäquatem Ausdruck!Der deutsche Krieg165 i. Seine Gerechtigkeit er ruhig prüft, ob der gegenwärtige Krieg in diesem scharf bestimmten Sinne ein „gerechter Krieg" ist, der wird ihm meiner Überzeugung nach diesen Titel als Einheit eines Krieges nicht verweigern können. Nur wer solche Prüfung ernsthaft nicht anstellen will, wer nicht aufhört die Rechte (und das Rechtsbewußt sein) der kriegführenden Parteien, die ja eben der Krieg erst durch Tat gottesgerichtlich entscheiden soll, mit der „Ge rechtigkeit" des Krieges, als Gesamterscheinung, zu verwech seln; oder wer fälschlich die Gerechtigkeit des Krieges mit der Frage gleichsetzt, auf welche und ob auf rechtmäßige oder auf unrechtmäßige TLeise es zur Erklärung und zur zeitliche» Terminbestimmung des Krieges gekommen ist, nur der kann meines Erachtens diese Frage verneinen. Ich lese fast jeden Tag Reden und Erklärungen von Männern, die man mit mehr, weniger oder gar keinem Recht zn den deutschen Geistessnhrern zählt, daß dieser Krieg im Kern ein ganz „ungerechter" sei, da er „Intrigen nndWort- brüchigkeiten einer russischen Kriegspartei", „englischem Ver rat" usw. sein Dasein verdanke; daß er uns wider alles Recht „aufgezwungen" sei und wir — mitten im Frieden sozusagen an gar nichts Böses denkend — von unseren Feinden „räuberisch überfallen" nnd so zur „Notwehr" gezwungen worden seien.166 Ich kann nicht finden, daß eine solche einseitig juristische oder subjektiv moralische Fragestellung und Auffassung der Größe und TLürde des ungeheuren Ereignisses mit seinen beispiel losen Opfern entspricht. Noch weniger kann ich finden, daß ste mir und irgendeinem mir ähnlich empstndenden deutschen Soldaten irgendwelche höhere Befriedigung gewähren könnte. Ich sehe nicht, wie die klägliche, nokige Lage, in die ich durch deu Überfall eines gemeinen Räubers versetzt werde, wie einen solchen „Nokwehrkampf" irgend so etwas wie Begeisterung oder auch nur das Gefühl, für eine erhabene Sache zu kämpfen, ja irgendeine Art höherer Befriedi gung überhaupt begleiten könnte. Das klägliche Gefühl, die Beute eines Verbrechens zu sein, mag den unfruchtbaren Affekt moralischer Entrüstung erwecken, auch wohl ver zweifelten Widerstand bewirken. All die erhabenen Empfin dungen, die einen ritterlichen Krieg begleiten, in deffen Be wegung die TLeltgeschichte einen fühlbaren Schritt weiter- schreitet, — schließt dies Gefühl mit Sicherheit ans. Der Gedanke, durch jene gemeine Not, die auch die furchtsamsten Tiere, z. B. die Wölfe, augriffslustig zu machen pstegt, ge zwungen zu sein, in einem ungerechten Kriege die Waffeu er greifen zu müsse» und für Erhaltung der nackten „räuberisch" bedrohten „Existenz von Weib und Kind" das eigene Selbst und seine Lebensarbeit aufs Spiel setzen zu müssen, könnte uur das äußerste Gefühl der Tragik und der Sinnlosigkeit alles Lebens in mir hervorrufen. Denn gibt es ein schreck licheres Gefühl als durch gemeine Not gezwungen zu sein, stch an einer ganz ungerechten verbrecherischen Sache beteiligen zu müssen, die dann ja durch bessere Staatsleiker und eine klügere167 Diplomatie leicht hätte vermieden werden können, — also auch wenn Herr Grey ein anständigerer Mensch und der Zar weniger schwach gegen seine Großfürsten gewesen wäre? Für nichts als ein ,,N^alhenr" die ungeheuren Opfer au Blut, Leben, Gut, Arbeit geben zn müssen? Auch könnte es, fühlte ich mich selbst so engelrein wie die Engel im Himmel selber, mich nur gar wenig befriedigen, die halbe TLelt um mich herum in eine Räuber- und Diebsbande verwandelt, die andere Hälfte der JÄelt aber zum weitaus größten Teil zu dereu Werk beifällig in die Hände klatschend zu sehen. Sähe ich solch Ungeheures — selbst die Krast zn moralischer Entrüstung würde jenes erhabene Solidaritätsgefühl mit der N?enschheit als eines großen Ganzen, eines Ganzen, das uns zn Kindern eines Vaters macht, und das selbst noch die sitt liche Voraussetzung jedes echten Krieges ist, in mir verzehren. Nur ein furchtbarer Zusammenbruch alles inneren Lebens und Glaubens, aller derGewissensmaße selbst, nach denen ich mich selbst als engelrein und die Welt als „verbrecherisch" ansah, — ein Zusammenbruch unter Weinen, Klagen, Trä nen, wäre die Folge dieses neuen Bildes der VZelt! Ja, ich gestehe: Ich würde in solchen Kampf weniger ziehen, um mein Volk und die Rheinen auch nur zu „verteidigen", als darum, um möglichst rasch die erlösende Kngel zu empfangen, die mich aus einer WÄt hinausläßt, die sich plötzlich in eine ge meine Verbrecherhöhle umgewandelt hat. Doch weg von diesem traurig-kläglichem Tranm gelehrter Kleinbürger und Pantoffelträger, die durch den Genius des Krieges ihren gewohnten Beschäftigungen entrissen nun ihre fade moralische Entrüstung in eine TLelt verpuffen,168 welche von denen, die nicht im Krieg mitwirken, nur eines fordert: Ehrfurcht und Stille, was sie Großes zu gebären sich anschickt; die aber am allerwenigsten erlaubt, jene „höheren Rechte Deutschlands über die TLelt und gegen seine Feinde", anstatt 'sie gläubig in der Seele festzuhalten, aus mora lischen Lehrsätzen schon vorher zu deduzieren — „Rechte", die nur seine Waffen bewähren und an das Licht des Tages bringen können. Weg, du kläglicher Philistertraum, un würdig eines großen, mächtigen, wachsamen, kriegerischen Volkes! Dieser Krieg ist — wie selten einer — ein gerechter und darum auch ein heiliges Recht findender Krieg. Lassen wir die zweckmäßige Illusion eines „räuberischen zufälligen An griffs" denen, deren Herz es zwar noch erkennt und fühlt, daß dieser Krieg gerecht ist und deren tatkräftiger Wille, ihn tapfer und herzhaft zu führen, es ihnen heimlich gegen ihr eigenes Urteil bezeugt, — die aber auf Grund ihrer gewohnten pazifistischen alten Träume ihre faktische moralische V5illens- bereitschaft, ihn zu führen, nur noch mit dieser Illusion der „Notwehr" gegen einen „räuberischen Überfall" vor ihrem gebrechlichen Verstände rechtfertigen können: Uns Andere aber laßt auch uoch vor dem klare» Urteil des Bewußtseins die große Tatsache seiner Gerechtigkeit erkennen! Ob er gerecht oder ungerecht ist, das entscheidet stch ja gar nicht nach jener oberstächlichen Entstehungsgeschichte seiner letzten diplomatischen uud sonstigen Anlässe, sondern enr- scheidet sich auch hier nach Art, Größe und Kriegsgewichtig keit der Gegensätze, die in ihm treiben und die er ordnen soll. Dieser Krieg ist gerecht schon darum an erster Stelle,169 weil er ein durch und durch politischer Krieg ist — und gar nicht au erster Stelle durch „ökonomische" Ursachen bestimmt, wie zum Teil die letzten Kolonialkriege, — ein Krieg um die M^acht im Herzen der Welt, — ja um das Herz des Her zens der TLelt, um die Hegemonie in Europa.^ Er ist gerechr, weil gleichzeitig höchst charakteristische und große, historisch be währte Kulturideen hinter den kämpfenden M^ächten stehen. Ganz und gar politisch ist nicht nur der österreichisch-ser bische und der rnsstsch-österreichisch-deutsche Krieg, sondern auch der englisch-deutsche Krieg. Die russische Hegemonie über die Balkanstaaten mit dem Endziel einer Eroberung von Konstantinopel-Byzanz, der ^Mutterstadt russischen Geistes und russische:: Glaubens, russi scher Gefellschaftsverfassung, Kunst und Sitte ist wirklich nicht der bösartige Einfall „einer kleinen brutalen Kriegs- partei", sondern das seit Jahrhunderten in der Ferne schim mernde Ideal des gesamten echtrussischen Volkes uud aller seiner großen Staatsmänner und Geisiesführer. Seit Iwan III. im Jahre die byzantinische Braut heimführte den zweiköpstgen byzantinischen Adler über sein altes ^Wappen setzte uud damit die Pflicht auf sich »ahm, alle rechtgläu bigen Völker unter seinen Schutz zu nehme» — gegen Musel manen und gegen alles westliche ihm als ketzerisch geltende Christentum — hat kein russischer Staatsmann, kein russischer Denker, der aus dem Geiste seines Volkes schuf, bis zu F. Dosto jewski dieses politisch-religiös-kulturelle Ideal verleugnet. Im apokryphen Testamente Peters des Großen war das Ziel „Konstantinopel" eine Hanptbestimmuug. Im Ncärz 1877 schrieb Dostojewski seinen Aufsatz: „Früher oder fpätermuß Konstantinopel doch uns gehören." Er redet unker anderem von der „Notwendigkeit der Sündhaftigkeit Ruß lands in der Orientfrage und der energischen Durchführung jener Politik, die uns unsere ganze Geschichte zur Pflicht ge machthak." „In dieser Angelegenheit" — sagt er — „dürfen wir Europa keine einzige Konzession machen, denn hier handelt es sich für uns um Leben und Tod." Fast prophetisch aber sieht er voraus: „Mit einem Wort: diese furchtbare Orient frage — das ist in Zukunft beinahe unser ganzes Schicksal. In ihr liegen geradezu alle unsere Aufgaben und — vor allem unsere einzige Möglichkeit, in die große Geschichte der Menschheit einzutreten. In ihr liegt auch unser definitiver Zusammenstoß und unsere destnitive Vereinigung mit Europa, und zwar aus neuer, mächtiger, fruchtbarer Grundlage. Wie sollte Europa diese ganze, uns vom Schicksal bestimmte Lebensbedentung, die für uns in der Entscheidung dieser Frage liegt, jetzt schon begreifen? TLomit auch die gegenwärtigen, vielleicht nokwendigen diplomatischen Unterhandlungen und Verträge mit Europa enden sollten, — früher oder später muß Konstantinopel doch uns gehören, und sei es auch erst im nächsten Jahrhundert." Die russisch-türkischen Kriege des vorigen Jahrhunderts, alle unternommen unter der Devise, mehr noch die Rechtgläubigst als die „Slavenbrüder" vom türkischen Joch zu befreien, begleitet Dostojewski fortlaufend mit ähnlichen Bemerkungen. Und in der Tat: Alles Sehnen, alle TLirksamkeit der Lebensfaktoren Rußlands koinzidieren in dem Ziele: Byzanz. Die militärische Forderung des Aus tritts der Kriegsflotte aus dem Schwarzen Meer durch Bos porus und Hellesponk, die durch Konstantinopel und durch 17c»171 Verträge gesperrt sind; der Drang nach der Freiheit und dem weiten Atem der Meere, die Absatzbedürfnisse der wachsenden südrusstschen Industrie, die Sicherung des Kaspi- schen N?eeres und der Weg durch Turan nach Indien, die natürliche Sehnsucht eines ganzen Kultnrgeistes nach seinem N?utterboden, seiner N?utterstadt; weiter die gerade im russi schen Volke so mächtige religiöskirchliche Sehnsucht nach einer vollen Konsolidierung der Rechtgläubigkeit unter dem „weißen Zaren" als ihrem geheimen Oberherrn gegen west liches „Ketzertum" wie gegen die Welt des Islam. Dieser machtvolle Zug eines Riesenvolkes war durch die russtsch- türkischeu Kriege Schritt sür Schritt gefördert worden; immer begleitet von größeren und kleineren Zusammenstößen mit den großen europäischen Staaten. Schon der 82jährige Fürst Gortschakoff, Bismarcks ebenbürtiger Gegner, hatte ein Jahr, nachdem Dostojewski diese VZorte schrieb, im Jahre 1878 gelegentlich des Berliner Kongresses, der den auf Englands und Österreichs Betreiben geführten Krieg gegen die russi schen VZünsche beendete, genrteilt: „Konstantinopel muß in Berlin erobert werden." Erst mit dem immer fühlbarer werdenden notwendigen Zusammenstoß mit den österreichischen Erpanstons- nnd Handelsbestrebuugen nachAsfnnng der Wege Mm Orient wurde es zum anerkannten obersten Daueraxiom der russischen Politik, daß „der Weg nach Konstantinopel nur über Wien und Berlin" gehe, wurde zugleich das französtsch- rufstsche Bündnis zur Folge dieses Axioms. Dazu führte die durch die deutsch-englische Spannung (Bagdadbahn) veran- laßte Verständigung Nußlands mit England über die Auf- teilung Perstcns und anderer Orientfragen (1907) Zur Aus-sicht, die russische Politik auf das alte Axiom neu einzustellen. Ist etwa dieses Axiom eine willkürliche Erfindung böser Diplomaten? Ach nein: Es ist genau so eine welthistorische Notwendigkeit als das entgegengesetzte politische Axiom, daß Ästerreich und Deutschland diesem Zuge des russischen Volkes notwendig entgegentreten müssen! Es ist auch vollkommener Unsinn zu sagen, nur wirtschaftliche und partikulare Inter essen des südösterreichischen Grundbesitzes, der Industrie und des Handels hätten zu diesem Zusammenstoß geführt — ver bunden mit einer überspannten Idee von unserer Bündnistrene zu unserem österreichischen Brnderstaat. Nein: so groß und alle Lebenögebiete Rußlands umfassend der russische Drang nach Konstantinopel ist, ebenso groß und umfassend ist auch die Schicksalshaft, die uns zum TLiderstande dagegen treibt! Die gesamte Einheit des österreichisch-deutschen Wirtschaftssystems, — nicht nur „südösterreichische" Interessen — fordert freies Feld in den Orient, und dies um fo mehr, je abhängiger die Teile dieses Systems mit jedem Tage voneinander wurden und werden. Und darüber weit hinaus fordert die noch erst end gültig zu vollziehende Aufteilung des südwestlichen Asiens die Macht über Konstantinopel, diesen Schlüssel Asiens, in die Hand der europäischen Kernvölker. Zu der jetzt durch die Osmanen zu erwartenden Sperrung des Suezkanals und dem vollzogenen Einfall der uns verbündeten Osmanen in Ägypten erhält unsere Bagdadbahn eine Rechtfertigung, die weit über uusere ökonomischen kleinasiatifchen Interessen hinausgeht. lIudBündnistrene? So tiesdieses nuserBündnisinStammes- gefühl, Sprache, Kultur gegründet sein mag — all dies allein genommen forderte nur vor der antieuropäischen Sentimentali- I 72tat des „Alldeutschtums" ein politisches Zusammengehen: auch wenn das deutsch-österreichische Bündnis gar nicht bestanden hätte, es hätte ans rein politischen Gründen, ans europäischen Gründen geschlossen werden müssen, um Rußland entgegenzu treten! (Vergleiche das Kapitel über „Die geistige Einheit Europas".) Die heiligen Interessen der ans Tat und Liebe und nicht wie die Rechtgläubigkeit aus Chaos der Empfindung, Quietismus und gnostische vereinsamende Kontemplation ge gründeten christlichen Kirche müssen stch gleichfalls gegen das russische Streben sperren. Und unser ist, nicht Englands, diese große M'ission! Englands „Weltherrschaft" ist ja kon stitutiv transttorisch, wie immer auch — für oder gegen Eng land — gerade dieser Krieg ausgehe. Sie wird zum Atavis mus im Augenblicke, da seine Kolonien reifzur Selbständigkeit geworden, Japaner nnd Mohammedaner ihre Rechte durch sehen,die Fortschritte der Kriegstechnik erlauben, die englischen Häfen vom Lande zu beschießen nnd die Unterseeboote die teuren Dreadnought entwerten. Und wenn auch gegenwärtig Eng land und Frankreich diese russische Politik zu unterstützen schei nen (England tut es ja stcher nur zum Scheine), so bleibt es doch ein weit über alle momentanen Interessenkombinationen der europäischen Staaken erhabener Grundsah, daß es ein europäisches Gemeininteresse ist, den russischen Drang nach Konstantinopel ansznhalten. Ein russisches Reich mit Kon- stantinopel, mit freiem Feld nach dem Süden über Rumänien hinweg, mit dann unausbleiblicher Balkanhegemonie — das wäre der Anfang nicht einer transitorifchen (wie der englischen), sondern einer dauernden Weltherrschaft, gegen die Englands „Weltreich" trotz seiner quantitativen Geblähtheit nur ein174 Kinderspiel gewesen wäre. Noch gibt es kein bewußtes und gewolltes „europäisches Gemeininterefse". Dieser Krieg wird Xes schaffen, in ungeahnter TLeise. Und dann wird dieser Gegensatz gegen die russische Politik von Jahrhunderten einer seiner wichtigsten Dauerinhalte sein. Andererseits können schon die ungeheuren, aber von dem russischen Koloß spielend ertragenen Opfer, die er seit dem 17. Jahrhundert um dieses Ziel gebracht hak (2 ,79 Nullionen Nlenschen find im 16. und 19. Jahrhundert dafür verblutet) «jemals ihn auf dieses Ziel verzichten lassen. Wie aber sollte Nußland in der Situ ation, die stch vor diesem Kriege gestaltet hatte, nicht diesem furchtbar vehementen Drang gefolgt sein? Die Expansion des wachsenden Riesen nach dem Osten war im russisch-japa nischen Kriege zurückgeworfen worden. Der Balkankrieg hatte das welthistorische Ergebnis, die Osmanen aus Europa zu werfen. Wenn Rußland nicht hier schon eingriff und stch gegen Österreich wandte, so war es nur, weil es auf die volle Kriegsbereitschaft der französischeu Verbündeten wartete. Im Jahre 19 iz hemmten wir seinen Einmarsch in Armenien. Jetzt, wo ihm der Rettungsruf Serbiens Gelegenheit bot, ein zugreifen, wo es ihm die Erhaltung seines Prestiges auf dem Balkan unbedingt gebot uud die Kriegsbereitschaft der Ver bündeten erheblich gesteigert schien, hätte es aus Grundsätzen einer Privatmoral heraus, die auf Völker anzuweudeu Kinderei uud Posfeufpiel ist — um den politischen Ncord eines verhetzten Knaben nicht zu unterstützen — zögern sollen? Ja, vielleicht hätte es dies sollen von seinem Standpnnkr aus — uämlich aus Gründen der Kriegsbereitschaft seiner selbst nnd des fran zösischen Verbündeten! Aus einem anderen Grunde wirklich176 nicht! Das einzige, was demgegenüber die Telegramme zwischen dem Zaren und dem deutschen Kaiser zeigen, ist — nicht die „Ungerechtigkeit" des Krieges, sondern nur das eine: daß der Zar ein Schwächling ist, daß in ihm der russische Volksgeist uicht wahrhaft kulminierte, da er zu einer Zeit noch mit Friedensideen spielte, als der Krieg not wendig geworden war, und die russische Seele ihn in ihrem tieferen Gemeinwillen machtvoll forderte; und daß die russi schen Großfürsten dies erkannten und den schwächlichen Fan tasten, der zeitlebens zwischen gewissen parfümierten Ideen ^Westeuropas (Haag) und dem Einfluß mysteriöser Gaukler und Iltönche herumschwankte, auf russische N^anier in seiner Psticht unterwiesen, ist dies zu verwundern? So kam es zum Schein eiues TLortbruches von N^inistern, der faktisch auf der Pstichtvergesseuheit des Schwächlings beruhte, die fchon erteilte Anordnung der ^Mobilisierung seinen N^inistern recht zeitig mitzuteilen. VÄe das für deu gerechten Krieg wesentliche Ncerkmal der Kriegsgewichtigkeit der Gegensätze hier voll gegeben ist, so also auch das IIterkmal des GemeinwillenS zum Krieg. Denn ob das russische „Volk" den Krieg „will", oder ob er nur das künstliche Werk einer „ehrgeizigen Kriegspartei" ist und ein Ncittel, die „innere Revolution abzuleiten" — darüber sind ja wirklich nicht gewisse revolutionäre Teile der Polen, Rurhenen, Finnen, Inden, noch die ganz einseirigen Bilder Zuständig, die wir — nachgewiesenermaßen —vor dem Kriege durch die fast ausschließlich iu den Händen der kapitalistischen „Intelligenz" gelegenen, inrernarionalen Telegramm- und Preßvermittlnugsinstitute erhalten haben! Dafür ist zuständig176 die tiefe und lebendige Kontinuität der Idee, die das russische Kriegsziel und die russische Kriegeleidenschaft bestimmt, die Analogie mit Rußlands früheren Kriegen und Kriegsopfern, die dasfelbe Ziel hatten, und die gemeinsame Aussage der von keinen „Klaffen"-, Partei- und Hof- oder Nlilitärintereffen, auch nicht von denen einer „Kriegspartei", abhängigen großen russischen Geistesführer. Diese Loyalität des Urteils — for dert, darf fordern auch der schlimmste unserer schlimmen Feinde von einem Volke, wie dem deutschen ritterlichen Kriegervolk. Nicht ganz so klar ist die Frage nach dem gerechten Krieg im deutsch-euglischen Kriege. Daß der von England an gegebene Grund zur Kriegserklärung an uns — die Ver letzung der belgischen Neutralität — zwar feste Überzeugung der meisten Engländer, aber gleichzeitig Hnmbng des engli schen caM ist^ darüber braucht kein TLort verloren werden. TLenn Herr Grey sagt, England hätte auch Frankreich den Krieg erklärt, wenn es seinerseits die belgische Neutralität verletzt hätte, so zeigt er nur, wie sein cant nachträglich faktifche Absichten nmkonstruiert. Aber für die „Gerechtig keit" des deutsch-englischen Krieges im oben desinierten Sinne, und zwar des Krieges selbst — nicht seiner Erklärung und Zeitbestimmung seitens Englands — ist dies alles äußerst unerheblich. Die sogenannte „Kriegserklärung" im modernen Volkskrieg ist stets die Folge des anfGrnnd der angewachsenen Spannungen im „Ausbruch" bereits begriffenen Krieges, d.h. die bewußte öffentliche Anerkennung dieses Tatbestandes und die öffentliche Willenserklärung des Staates — nicht sein davon unabhängiger Willensakt — ihn zu führen; nicht aber ist der Krieg die Folge der Kriegserklärung. Diese Folge ist177 nur der „juristische Takbestand" des Kriegszustandes zwischen Staaken, der den faktischen Takbestand des Krieges als seine Grundlage vorausseht. Auch hier bemißt stch die Gerechtig keit des Krieges vielmehr allein nach der inneren Natur der Gegensätze. Sind diese kriegögewichtig oder stnd ste es nicht? Sie wären es stcher nicht, wenn wirklich nichts als „Profitgier" der englischen Kausleute und unbequeme Konkurrenz auf dem VZeltmarkte zum Kriege gegen uns geführt hätte;^ ste wäre es erst recht nicht, wenn — wie H. N^ünsterberg meint — die persönliche Antipathie König Edwards gegen den deutschen Kaiser die Eiukrcisungspolitik zur Folge gehabt hätte und diese zur Übernahme von Verpflichtungen Englands an Frankreich nnd Rußland geführt hätte, die dem englischen Volke offiziell verborgen, jetzt ihre unumgängliche Einlösung gefordert hätte; oder wenn gar, wie E. Häckel so naiv ver kündete, der persönliche Ehrgeiz nnd die Gestnnuugsniedrig- keit des Herrn Grey, „des größten Verbrechers der Geschichte", die Schuld dieses Blutmeeres ganz persönlich allein zu ver antworten hätte. Die Gegensätze wären auch nicht kriegö gewichtig, wenn ivir umgekehrt nicht ans den innersten Not wendigkeiten unseres nationalen Volkswachstums heraus Kolonialpolitik zu treibe« angefangen uud uuö in den Handel der VZelt gemischt hätten, dazu eine weit über den Zweck des Küsten- nnd Handelsschntzes hinausgehende Flotte ausgebaut hätten, um bei der Verteilung der noch knlturbedürftigen Erdkugel anch unser Teil zu erhalten und unseren Handel Zu schützen, sondern dies alles nur aus „Großmannssucht" unter Abfall von uusereu traditiouelleu nationalen historischen Idealen nnternommeu hätten, wie man uns jenseits des178 Kanals, ja fast in der ganzen Welt vorwirft. Aber mögen sich oberstächliche Zeituugsleser hüben und drüben mit solchen Hin- und Herargumenten begnügen — der nur ein wenig eruster Geschichte Kundige wird ihnen darin nicht folgen. Er wird alles in allem übersehen, auch dem englisch-deutschen Kriege einen notwendigen M^achtkoustikt zugrunde legen müssen, der aus Wesen und historischer Entwicklung beider Völker notwendig hervorwuchs, den kein Edward und kein Grey hätte willkürlich schaffen, kein Tirpih hätte vermeiden können, an dem unsere Diplomatie so unschuldig ist wie ein Kindlein — wenn sie auch die sogenannte künstlich gemachte „Entspannung" weniger ernst zu nehme» verpflichtet gewesen wäre, als ste ste nahm. Nicht der Gegensah, — seine Ver tuschung wurde künstlich gemacht. N?an kann ruhig die Behauptung wagen, daß die Gesamtsumme der ökonomischen englischen Privatinteressen weit mehr gegen als sür diesen Krieg sprach.^ Das hatten auch während der Entspannuugs- komödie hervorragende Nationalökonomen mit ungeheuren statistischen Materialien ganz richtig herausgerechuet, um — gemäß ihrem ökonomischen Kriegsschema — die Ent spannung zu rechtfertigen. Der deutsche und englische Handel konnten — ganz abgesehen von dem ungeheuren deutsch englischen Geschäft (eiu Zehntel des Gesamthandels der ver einigten Königreiche) — sich vertragen und beide konnten zu ihrem Vorteil kommen. Nicht in diesen ganz richtigen Rechnungen — in der selbst allzueuglischen „ökonomischen Geschichtsauffassung" lag der Fehler! Was vermögen die amtlichen Vertreter dieser sonderbaren zweizinkigen Politik, die gleichzeitig zum Bau eiuer nur als179 gegen England gerichtet aufzufassenden Schlachtflotte führte und zu einer ernsien Entspannung mit England (seit der Hoch spannung der Gegensätze im Jahre 1911) führen sollte, für ihre Annahme einer seit dieser Zeit eingetretenen Entspan nung anzugeben? Etwa die schlechte Nachahmung jenes englischen cant, mit dem sie die einzig mögliche Richtung dieser Flotteupolitik unter „ökonomischen" Argumenten zu ver bergen suchten? Das heißt doch die liebenswürdige Form, in der englische Staatsmänner solchen Versicherungen zu „glau ben" pflegen, gar zu ernst nehmen. Für die Entspannung führt man jetzt lauter Dinge an, welche die Spannung faktisch nur steigern konnten und die ihrer Natur nach im äußersten Falle das englische Bewußtsein seiner Kriegsbereitschaft, nicht seines Kriegswillens hätten vermindern können. So fagt man, daß England töricht genug war, nns Helgoland zu verkaufen, uud diese Torheit hinterher einsah; daß die Einführung der Dreadnonghts ihm zum Nachteil ausschlug, da sie das Zahlen- verhältuis unserer nnd seiner Großkampffchiffe zu unserem Vorteil beeinflußte nnd den größeren älteren Schiffsbestand Englands gegen unseren kleineren relativ entwertete (?); daß es durch die Zunahme der öffentlichen Lasten für seine durch Lloyd George inaugurierte, der deutschen Sozialgesetzgebung nachgeahmte gesetzliche Sozialpolitik für eine der deutschen Hlotteurüstung proportionale Vermehrung seiner Flotte in die Lage gekommen sei, eher eine Verständigung als eine wachsende Spamnmg mit Deutschland anzustreben; daß in England während der I^arokkokrisis nnd des Balkankrieges die Einsicht reifte, der deutsche Wohlstand sei so groß, daß Man auf die durch eiueu Krieg früher erhoffte ökonomische180 Aushungerung Deutschlands nicht mehr rechnen könne; daß die deutsche Luftschiffflotte in einem Seekriege den Operationen der deutschen N^arine ein nicht abzusehendes Übergewicht verschaffen müsse. Aber welche Naivetät mußte dazu gehören, aus diesen Gründen eine ernstliche Entspannung der gerade in dem parlamentarischen England so wichtigen Volksleidenschaft zu hoffeu? Mußten nicht gerade diese Gründe den Haß, den Neid, die Feindseligkeit gegen Deutsch land im selben N?aße steigern, als sie diese Leidenschaften von der Schwelle öffentlicher Bemerkbarmachung durch die offiziellen Vertreter der englischen Politik in die Tiefen der Volksseele zurückdrängten? Und glaubte man ernstlich, daß auf diese Gründe hin England seinen alten Anspruch auf Allseegeltung und ein Arbitrium munäi ruhig fallen lafsen und sich in das Unabänderliche fügen werde? Oder ließ man sich in diesen Glauben dadurch wiegen, daß England mit lächelnder cant-Rhiene, aber im Geheimen mit den Zähnen knirschend, schließlich nach mancherlei Zugeständnissen von unserer Seite zu unserer Bagdadbahn ja sagte und unsere» Absichten, iuWesi- afrika uuferen Interefsenspielraum gelegentlich zu vergrößern, nicht entgegenzutreten versprach? Entspricht nicht vielmehr die scharfe Trennung dieser einzelnen Fragen von der Gesamt politik des Staates uud besonders von der dazu ganz nnver- hältnismäßigeu Kriegs- und Friedenssrage allen Gepflogen heiten der englischen Politik? Alle diese Dinge, auf die man offiziell die Annahme einer Entspannung aufbaute, berührten den fakrifchen deutsch-englischen Gegensatz so oberflächlich, waren zugleich so sehr auf die Kenntnis der spezifischen Be rufspolitiker lokalisiert, daß man eine VZendnng der öffent-181 lichen Nleiming nicht im entferntesten erhoffen durfte. Dafür waren sie ihrer Natur nach alle wohl dazu angetan, den cant zu vergrößern, die Lippe noch freundlicher lächeln, die Rede noch öliger fließen zu machen, der die faktisch steigende Span nung verbarg — nicht aber eine Entspannung herbeizuführen. Faktisch war denn auch jene gefährliche Annahme einer Ent spannung auf unserer Seite weit stärker durch jenes alte, sänder bare deutsch-liberale Gemeingefühl mit der liberalen Partei Euglaudö regiert, das seit dem Beginn der liberalen Minister- präsidentschaft von Asquith — trotzdem Grey im Amt blieb — von einer liberalen Regierung keinen Krieg erwartete. Daß eben dadurch die Abhängigkeit der Regiernngsentschlüsfe von der öffentlichen I^einung, besonders im mittleren Dnrch- schnittskanfmann, die gerade der eigentliche Ausgangspunkt der Spannung von je gewefen ist, nur noch erheblich gesteigert wurde, das zu erkennen fehlten unseren deutschen Bewunderern der herrliche» „englischen Freiheit" natürlich alle Organe. Andere Faktoren emotionaler Art traten noch hinzu. Solche Faktoreu stud für andere Entspannungskünstler der Pangermanismns, der steh genau wie der Paus lavismus als die leere Sentimentalität, die er stets gewesen, nun auch vor der ÄZelt erwiesen hak, teils eine maßlos überschätzte sogenannte ,,deutsch-englische Kulturgemeiufchaft" und eingebildete „pro- testamisch-religiöse Solidarität". Es ist ja fast unglaublich, ivas in den letzten drei Iahren von einem gewissen Typus ebenso repräseutativer als iu der Forschung unbedeutender Rede- profesforen von hüben nnd drüben, Beschwichtignngshofräten, odeu Schwätzern, die in der Philosophie, die ste einst als ueu- hegelschesKauderwelsch iu Qrsord traktiert, fo langweilig uud182 unoriginell waren, wie in der Politik — nach der Art des Lord Haidane; was andererseits von gewissen protestantischen Theo logen, die stch die völlig haltlose Idee eines über den abgrund tiefen Gegensätzen von Luthertum, Pnritanismus, Kalvinismus und Hochkirche stehen sollenden liberalen Protestantismus — mau nannte ihn auch gerne „Transzendentalismus" — gemacht hatten, von der kiesen Notwendigkeit der deutsch-englischen, meist dazu noch amerikanischen Geistes- und Kulturgemeiu- schaft — gegen die gesamte übrige VZelt (einschließlich des gesamten südlichen und westlichen katholischen Deutschlands und Ästerreichs) zusammengeredet^ worden ist. Leider stnd auch Forscher besseren Ranges dieser Auffassung allzu nahe gekommen. In dem hierfür äußerst interessanten Brief wechsel einer Reihe englischer Theologen mit Adols von Harnack stndet man sehr charakteristische Äußerungen in dieser Richtung. Gelegentlich einer TLiederholnng des be kannten Geredes vom belgischen Neutralitätsbruch, als Grund der Kriegserklärung seitens Großbritanniens, das 21. v. Harnack mit gebührender Schärfe zurückweist, finden stch in diesem englischen Schreiben Stellen wie: „IDir können niemals das Gesetz an Stelle des Krieges zu scheu hoffen, wenn feierliche internationale Verträge nach dem Belieben einer beteiligten N?acht zerrissen werden können. Solche Verpflichtungen binden aber nach unserer Auffassung beson ders streng, wenn ste die Garantie einer Neutralität betreffen." Nach allgemeiner geschichtlicher Erfahrung und besonders derjenigen, die uusEuglaud seit Jahrhunderten gibt (stehe sei» Verhalten zn Dänemark und die Beschießung Kopenhagens) ganz besonders wenig streng! „Denn die stetige Erweiterungder Neutralität erscheint uns als einer der sichersten TLege zur fortschreitenden Austilgung des Krieges vom Antlitz der Erde." Als sei nicht nur die Schwäche der Grund zu so genannter ewiger Neutralität und böten nicht gerade die jenigen ewig neutralen Staaten, die im Gegensatz zu stark bewehrten neutralen Staaten wie die Schweiz, ihre Neu tralität uicht ehrlich zn wahren wissen, eben den Haupt grund zur Entstehung von Kriegen! Es hat weiter die Herren „mit tiefsten Schmerze erfüllt, zu sehen, wie ein christliches Volk ein Kriegsheer wurde mit kriegsheermäßiger Moral". Die Herren sind in echt englischer Generaliste- rnng offenbar von der stets minderwertigen Ntoral der Kriegführung ihrer kolouialen Räuberheere zur Vorstellung gekommen, daß eine christliche N?oral einer kriegerischen (im Unterschiede znr „Ränbermoral") Nloral widerstreite. „Wir verabscheuen jeden Krieg usw." Ich meine, Über einstimmung oder Differenzen religiös-sittlicher Auffassungen prinzipieller Art können sich zehnmal besser als in allem gelehrten Disput au der inneren Stellungnahme zu einem so ungeheuren Vorgang iu der moralischen Welt als ihn dieser Krieg darstellt erweiseu. Und würde auch nur ein einziger jener deutschen Theologen, die diese tiefe „englisch-deutsche Gesinnnngsgemeinschaft" vertreten nnd Jahre hindurch geför dert haben, eiu so unendlich oberflächlich „pazisizistisches" Urteil über den Krieg überhaupt teile» — eiu so unchristliches, ja wider- christljcheg Urteil, wie es diese Sätze enthalten? Nicht das „Gesetz" uud den „Vertrag" oder dieInteressensolidarität an Stelle des Krieges, sondern die Liebe an Stelle des Krieges — und darum Krieg so lange unter den Bedingungen eines ge- i8z184 rechten Krieges, als die Liebe noch nicht zur Reife gekommen — das ist für denjenigen ein „christliches Ideal", der nicht in englifch-merkantilem cant die unter den Namen „Huma nität" stch verbergenden Interessen englischer und anderer Kanflente und Börsen mit „christlicher Liebe" verwechselt; und der auch uur aus die Kenntnis der ersten Elemente des Evangeliums nnd des Alten Testamentes Anspruch machen will. Aber auch A. von Harnack schreibt in feiner übrigens aus gezeichneten Antwort auf das englische Schreiben, einen Satz feiner Rede an die Berliner Amerikaner zitierend: „Unsere Kultur, der Hauptschatz der M!enfchheit, war vornehmlich drei Völkern, ja ihnen fast allein anvertraut: Uns, den Ameri kanern und — den Engländern. TLeiter fage ich nichts. Ich verhülle mein Haupt!" Und später heißt es: „Wir und Groß britannien im Bunde mit Amerika konnten die N?enfchheit im friedlichen Verein auf eine höhere Stufe heben und im Frie den die VZelt leiten, jedem das Seine lassend. VZir Deutsche kannten^!) und kennen(ü) kein höheres Ideal als dieses". Ich verstehe, ich fühle mit, daß Harnacks Enttäuschung unter diesen Voraussetzungen unendlich, ja einer stch im Verhüllen des Hauptes zum Ausdruck kommenden Verzweiflung am Schicksal aller höheren europäischen Kultur gleichkommen muß! Wir aber teilen diese Verzweiflung nicht im minde sten! Nicht nur studeu wir Harnacks Sätze im Widerstreit mit aller derjenigen echten Kultur, Religion, Ethos, deren Seele noch deutsch stud, welche Seele eiue gewisse Enge und Borniertheit in aller englischen Philosophie und Wissenschaft, dürres hochmütiges Puritanertum, englifche Tefchäftsmoral und englischen csnt stets als giftige Fremd-185 körper von sich ausstießen oder hätten ausstoßen sollen; nicht nur sehen wir zwischen englischem Christentum aller Spiel arten und deutschem Luthertum nebst seinen Fortsetzungen eine weit tiesere Differenz als zwischen Luthertum, deut schem Protestantismus und der germanischen Form des Ka tholizismus^, — wir finden auch die tiefen Bezüge, die nicht nur den südwestlichen Teil unseres Landes und das uus von nun an jedenfalls in irgendeiner Form so viel nähertretende Deutsch-Österreich, die vielmehr den ganzen germanischen Geist und seiue hehrsten Führer mit Italien nnd Frankreich als Knl- tureinheiten und mit der^anglo-amerikanischen TLeseu am tief ste« entfremdeten Antike verbinden nnd stets verbunden haben, hier in mehr als auffälliger Form mißachtet. Auch für Ernst Troeltsch, dem weit überragenden Kopf in der systematischen Theologie und Neligionsgeschichte des hentigen dentschen Pro testantismus, ist es „am schmerzlichsten", daß unsere geistigen Bande zu dem stammesverwaudten England so nachdrücklich zer rissen stnd. Soweit es steh um internationale Institute gehandelt hat und handelt, die den exakten Wissenschaften dienen, auch noch dem technischen Betriebe der Geisteswissenschaften, mag Man dies natürlich wie jede solche Aerschneidnng internatio naler Fäden tief bedauern. Soweit es stch aber um den Geist, uin die tieferen ^Methoden der Wissenschaften, der Künste, den Frömniigkeitsgeist der Religion nnd um das christlich religiöse Ethos handelt, die alle echte „Theologie" erst be dingen nnd gestalten ist es im Gegenteil im höchsten Maße Zn begrüßen, daß dies künstliche Gemächte einer sogenanmen „Kiilrnrgememschaft" nnnmehr einer ganz exemplarischen Prüfung seiner Echtheit nnd Festigkeit durch diesen Krieg186 unkerzogen wird! Tlnd was gerade Christentum und Theo logie betrifft — Gott sei Dank schweigen jetzt mich alle kon fessionellen deutschen Kämpfe! — so möge es diesem Kriege beschieden sein, die Träger des deutschen christlich religiösen Lebens überhaupt energisch an den gemeinsamen Bestand^ des evangelisch-lutherischen und katholischen positiven Christen tums zu erinnern, — zumal bei der geographischen Religions gliederung jeder mögliche Zuwachs deutscher Iltachksphären, auch nur der M^acht einer tieferen Kulturbeeinfluffuug (nicht notwendig gerade Zuwachs territorialer INacht) nur ein Zuwachs katholischer Volksteile und katholischen Geistes sein kann. Eine gleichzeitige Verminderung des romanischen Eiustuffes in der katholischen Kirche und eine tiefere ^Wür digung des Tiefen und Echten in ihi^. durch die protestan tische Theologie dürste eine Auslösungsfolge eines stegreichen Krieges sein, der mit der Zeit selbst die ,,Verzweiflung" und den ,,tiefen Schmerz" an jener eingebildeten englisch-deutschen Geistessolidarität auch in dieser wesentlichste» Sphäre alles echte» Menschentums verschwinden lasten könnte. Auch hier ist eben dieser Krieg ein unerbittlicher Kritiker, und diese Kritik der Tat — wenn auch schmerzhaft — zu empfinden, und ihr gemäß seine Begriffe zu korrigieren, dürfte dem Klagen, Jammern und dem ,,Verhüllen des Hauptes" hier ganz entschieden vorzuziehen sein. Neben dem voll berechtigten Angriffsgeist, der jetzt in Deutschland gegen England wütet, ist der davon ganz uuab- hängige spezifische Haß gegen England nur die dieser weitverbreiteten Illusionen über unser wahres historisches Ver hältnis zu England. Aber die grundsätzliche Selbsteinkehr187 über diese Illusionen nnd ihr mutiges Abtun wäre besser als der sich in sachlich ganz unmotiviertem Zurücksenden englischer Auszeichnungen und Beschimpfung von Personen bekundende Haß, der nur anzeigt, daß diese Illusionen immer noch so stark vorhanden sind, daß sie solche unmotivierte Haßakte gebären müssen. Der bloße um sich herum schlagende Haß des betrogenen Liebhabers wirkt auch zwischen Völkern mehr komisch als ernsthaft nnd isi kein sittlich würdiges Verhalten. Das gilt insbesondere auch von der deutsch-englischen „Kultur- gemeiuschafk", die sich — vou so alten unaktuellen übernatio nalen Figuren wie Shakespeare, N^ilton, Byron, Shelley, Keats, Scott nnd dem geisiig halbdeutschen Carlyle ab gesehen — zn einem großen Teile nur ans die mehr als pein lichen Abhängigkeiten berufe» kann, in die der deutsche Geist insbesondere in Philosophie (Nenhumeanismus), Psychologie (Assoziationspsychologie), einem großen Teile der National ökonomie, anch ivie schon Zöllner nnd Dühring beklagten in der Physik ganz unverhältnismäßig aber in der Bio logie (Darwin, Speucer) entgegen seinem wahren VZefen und den jüngeren deutschen Bestrebungen gekommen war. Diese Einbildungen nnd falschen Abhängigkeiten, verbunden mit der Entspannungsvortäuschnng und der historisch-tradi tionellen Vorbildhaftigkeit Englands für unseren gesamten Liberalismus iu Verfassungsfragen, Politik, Ökonomiepro- bleme und Moral sind es, die heute zusammenwirkend, ein zelnen Personen wie König Edward oder Grey und Chur chill und bloßen bösartigen Intrigen die Schuld des deutsch-englische, Krieges fälschlich beimessen oder auch in völliger Uubekanntfchaft mit dem Wesen des cant, die eng-188 Irschen Staatsmänner bewußter Lüge zeihen. Dieser Haß, der Einzelne unseres Volkes zu den verdammenswertesten Schimpsworten gegen die Personen englischer Staatsmänner und Souveräne hinriß — natürlich um das englische Volk als Ganzes von aller Schuld zu entlasten — der stch auch in völlig unbegründeter Znrücksendnng selbst gelehrter Auszeich nungen an englische wissenschaftliche Gesellschaften verrät, ist aber nur die Enttäuschung einer Jahrzehnte dauernden grund falschen Art von Liebe zu englischem Viesen und blindester I^achäffnng seiner gewesen. Wer von all diesen Quellen der Täuschung und des Mißverständnisses absteht, gewahrt hinter dem deutsch-englischen Gegensatz nicht bloßen Handelö- neid — wie es A. Wagner zu beweisen sucht —, uicht „Pennyjagd", uicht eiuzelue „böse" Staatsmänner und Für sten, sondern den historisch notwendigen, in der Linie der ganzen englischen Geschichte gelegenen Existenzkampf der englischen Seemachtstellung um jene dauernde Präponderanz, die Vor aussetzung seiner Art von Welkmachtstellung ist. Auch wenn Chamberlains großartige Pläne auf Herstellung eines Zoll schutzverbandes des Nlntterlaudes mit den Kolonien und einer britischen ökonomischen Autarkie in Erfüllung gegangen wären, wäre diese Ursache des Krieges nicht verschwunden. In allen Zeiten seit dem Gewinn seiner Seegeltung war England der erklärte Feind der jeweilig stärksten und in ihrer Entwickelung ausstchtsreichsten Seemacht. Zuerst kehrte es stch gegen Spanien und Portugal, danu gegen Holland und seit der Zeit des Colbertscheu Merkantilismus gegen Frankreich, dessen Feind es blieb — bis unsere Seemacht geboren war, und stch in kurzer Zeit bis zu einer Höhe entwickelte, die bei189 einem Kampfe — auch wenn er siegreich für England aus ginge nnd die deutsche Flotte völlig vernichtet würde — die Präponderanz der englischen Seemacht in der Welt in Frage stellte und insbesondere die Freiheit der englischen M^aßnahmen gegen Japau, den großen ostastatifcheu Gegner feiner TLelt- machtstellung in Indien uud feiner Expanstonspläne in China, stark einschränken müßte. Vermöge diefer Tatfachen entspricht die sogenannte „Einkreifungspolitik" und der jetzige Krieg Englands gegen uns haarfcharf den alten, dauernden tradi tionellen N^ethoden der englischen Politik. TLer ste mit uns verdammt, wende stch gegen diefe M^ethoden— nicht gegen Personen! Nur darüber konnte in England Streit fein und besteht noch Streit, ob man nur die junge Seegeltnng Deutsch lands, feinen TLelthandel, feine Kolonialkonkurrenz bei erster Gelegenheit vernichten müsse, oder ob auch feine iunereuro- päifche M!acl)tstellung zu treffen das Ziel der englischen Politik fein müsse. Daß man in den führenden englischen Kreifen hier nicht den radikalen Ausführungen von Homer Lea in feinem Buche "Ilie of ttie 8axon" (Merlin 191Z auch deutsch) gefolgt ist, der nur in einer Renaissance des „kriege rischen" Geistes in dem vermerkantilisterten England und der vollen Vernichtung des dentfchen Reiches das englifche Heil steht, daß man auch hier der alten englischen ?I^ethode treu blieb, die Kontinentalmächte gegeneinander auszuspielen und w diesem Falle das dentfche Reich als Sturmbock gegen das Indien nnd Persten gefährliche Rußland zu gebrauchen ja allenfalls es zu diesem Zwecke zu erhalten, das duldet keinen Zweifel. Dies hat feinen Grund in der Unmöglichkeit solcher „Nenaifsance", wie ste Lea als Voraussetzung fordert. Auch190 die noch bleibenden Differenzen der öffentlichen N?einuug Englands und seiner ernst zu nehmenden führenden Politiker in diesem Kriege betreffen und betrafen nicht dieses Axiom von der Vernichtung der deutschen Seemacht, soweit ste mehr ist als Küstenschuh nnd Beschützerin des deutschen Handels. Hieriu ist alles eiuig, was Anspruch auf politische Beachtung in England hat nnd nicht den obengenannten Täuschungs quellen unterliegt, die steh auch analog auf unserer Seite stnden. Diese Differenzen betreffen allein die Frage, ob auch nur unter einem rein kontinentalen Siege Deutschlands das englische Prestige in der V!elt nicht dauernd leiden werde und ob es zweckmäßig sei, so lange als größere Erfolge der beiden Verbündeten auf dem Lande gegen Deutschland noch ausge blieben, und große Stücke Belgiens in unserem Besttz stnd, offene entscheidende Seekämpfe zu wagen oder ob so lange nur der Kleinkrieg des Handels und des Kolonialkrieges uud der ökonomischen Aushungerungspolitik gegen uns zu führen sei — ja ob man es im Falle dauernder kontinentaler Nieder lagen der dnrch das Expeditionskorps unterstützten Verbün deten zu einem entscheidenden Schlage in diesem Kriege über haupt koinmen lassen solle. Alles das, was unsere geheimen enttäuschten Euglandfreunde jetzt so maßlos haßerfüllt Per sonen und Intrigen zuschreiben wollen, ist sakrisch eine Folge des dauernden englischen Viesens, der dauernden N^acht- bedingungeu des Inselstaates als Spinnenleib eines „^Welt reiches", das ein Viertel der Landmaste und der Bevölkerung des Erdbodens umsaßt, nnd der durch den denrjchen Hlotten- ban geschaffenen Konstellation. Anch dieser Flottenbau aber war eine Notwendigkeit. Als wir von Bismarcks Prinzi-191 pien —^der hierin noch ähnlich Fichte und dem älteren deut schen Typus dachte — abgingen, und unter den Augen unseres weitblickenden kaiserlichen Herrn eine Kolonialpolitik begannen, die uns den „Platz an der Sonne" schaffen sollte, den allein schon das rapide VZachstmn unserer Bevölkerung nnd das Fehlen aller Ansdehmmgsspielränme im Unlande an unseren Grenzen gebieterisch forderte, da sind wir dem Rufe eines Schicksals gefolgt, das genau so ehern und festgefügt ist in der ganzen bisherigen deutschen Geschichte wie das Schick sal Euglauds! Diese Schicksale beider Völker mußten zu sammenstoßen ! Sie können mir in einem radikalen Kriege end gültig entschieden werden. Sollte dieser jetzige Krieg ste nicht entscheiden, so wird es ein anderer Krieg oder eine ganze Kette solcher Kriege tnn. Herr Romain Rolland schrieb in jeinem Briefe an Herrn Gerhart Hauptmann: „Der Franzose glanbt nicht an das Fatnm, das Fatum ist die Entschuldi gung der Schwachen". Er deckt mit diesem Satze, ohne es zu wiffeu, mir das Prinzip der frechen nnheiligen Willkür auf, das die französische Geschichte seit der französischen Re volution, — in dem sie klassisch wurde — regiert! Umge kehrt gilt: Wie nur der starke und große N^ensch ein echtes „Schicksal" hat, so auch gerade das starke, große vor den inneren Notwendigkeiten seiner Geschichte ehrfürchtige, und den tiefen VZcisuugeu seiner inneren Konstitution über alle momentanen Qppormnitätszivecke, etwaige Regierungs und Diplomateuwillkür hinaus folgende Volk. Eben die Schicksalsmäßigkeit des deutsch-englischen Krieges ist es, die bcn Krieg zn einem „gerechten" Kriege macht; uud vor der die törichten Anklagen von Personen voll Ehrfurcht verstummen192 sollten, Anklagen, die einen so großen Raum hüben und drüben einnehmen! Eine schwere, berechtigte Anklage gegen Personen ist allein und ausschließlich bezüglich der unter Bülow begonnenen, dann bis vor wenigen TLochen vor dem Kriege sich fortseienden Ent spannungspolitik zu erheben. Daß man hier das VZahre und Richtige sehen konnte, das zeigt vollendet klar das Buch des Generals Bernhardi „Deutschland und der deutsche Krieg", erschienen im Oktober 1911. Die jetzt häustg gehörte Rede wendung, das alles sei doch, zum mindesten von deutscher Seite, vollendet „gut gemeint" und von der berechtigten Ab sicht, den Frieden möglichst lange zu erhalte«, getragen gewesen, ist eine völlig falsche, ja verdammenswerte Auffassung. Dar um und darum allein handelt es sich, daß wir gleichzeitig die über Küsten- und Handelsschuh hinausgehenden Seerüstun gen betrieben und doch jene Entspannungspolitik betrieben — eben hierdurch aber die von Frankreich unter Deleasse schon zu Bülows Zeit um die Jahrhundertwende gewollte und er strebte Bündnisannäherung an Frankreich aussichtslos machten und auch spätere Gelegenheiten, darunter eine russische ver säumten. Ich kenne Sozialdemokraten, die im Gegensah zu meiuer Auffassung nicht diese Entspannungsversnche, sondern umgekehrt den gesteigerten Flottenbau verwerfen. Aber in der Verurteilung dieses inneren Widerspruchs und der N^itschuld der von ihm beseelten Doppelpolitik an der „Einkreisung" Deutschlands, — sind sie mit mir einer Ilteinung. „TNohlmeinend", „gute Absicht" — ja! Aber unter der tiefsten Unkenntnis des Viesens und der dauernden politischen M^ethoden zweier großer Nationen,unter illusionistischer Verdrängung der Wahrheit und Wirk lichkeit an Stellen und bei öffentlichen Gelegenheiten, welche eine Verantwortungsübernahme von einer Schwere erheischen, die nur auf Gruud dieser Kenntnis und äußerster Selbstkritik gegen alle außerpolitischeu „Neigungen" (Stammesgefühl, liberalparlamentarische Neigungen, evangelische Solidarität usw. usw.) stttlich berechtigt übernommen werden darf, stch auf bloße Wohlmeiuendheit zu berufen, wie es jetzt besonders eine Reihe von Gelehrten tun, die sich bei dieser Mache mit beteiligten,— das ist nicht deutsches Ethos, das ist nicht Echos der „inneren" ^Nahrhaftigkeit, sondern ist schlecht nach geahmter cant. — TLenn es einen berechtigten und tiefen Zweifel gibt über das Vorhandensein der Kriterien des „gerechten Krieges" in diesem Kriege, so kann er ernstlich allein den deutsch-sran- Zösischen Teilkrieg betreffen. Daß hier Gegensätze und Ä^achtkoustikte fehlen, wie sie im russisch-deutsch-österrei chischen und deutsch-englischen Kriege vorhanden sind, — das sieht Jeder. Interessengegensätze von der Art, wie sie Il^arokko, in Sachen des Kongostaares und der jüng sten französischen Levantepolitik bestehen, rechtfertigen einen innerenropäischen Krieg selbstverständlich nicht. Sie stud evident „nnterkriegsgewichtig". So bleiben als letzte kriegs- bestünmeude Faktoren für diesen Krieg nur die Ideen der -Wiedergewinnung Elsaß-Lothringens, die alte romanisch germanische Rafsensremdheit und die schon in ihrem TLesen gekennzeichnete, der Krise vou 191 l und der Ab tretung des Kongo ueubefeuerte Revancheidee. Von ihnen kann aber als „kriegsgeivichtiger" Gegensatz nur die Wieder- iZ194 gewinnug des Elsaß überhaupt ernstlich in Frage gestellt werden. Die ^Wiedergewinnung eines durch kriegerische Gewalt eroberten Laudesteiles, über dessen rechtmäßige Zugehörigkeit zu den beiden in Frage kommenden Staaten bei dessen Be wohnern grundverschiedene Rechtsaussassungen dauernd ob walten, kann — der inneren qualitativen N^atur des Konfliktes zufolge — einen kriegsgewichtigen Gegensah bilden. Freilich nur unter gewissen Voraussetzungen: Daß der Krieg, der zur Einkörperuug dieses Laudesteiles in den fremden Staat ge führt hat, entweder selbst ein ungerechter Krieg war, respektive ein solcher „gerechter" Krieg, in dem der Zufall bei der Ent scheidung eine, eben diese Entscheidung herbeiführende Rolle ge spielt hat — oder daß der eigentliche Kriegszustand saktisch uicht aufgehört hat, sondern nur in Latenz sich befunden hat, da der besiegte Staat den Friedensschluß nicht in einem echten TLillensakt vollzog, sondern seine Bereitwilligkeit zum Frieden seiuerseits nur als VZaffeustillstaud ansah, seine Be dingungen aber als die eines faktischen ^Waffenstillstandes. Die Franzosen haben hinsichtlich des Elsaß eine dauernde Rechtsauffafsimg ihren Kindern in allen Schulen gelehrt, nach der seit der Teilung des Reiches Karls des Großen, den ste als französischen Herrscher auffafseu, das Reichsland nur ein heilloses Kampsseld für die Fürsten gewesen sei, bis es Ludwig XIV. aus diesem Schicksal rettete und ihm durch Ein verleibung in seinen Staat die Bedingungen ruhiger Blüte und Kultur gab. Unsere deutsche Auffassung ist eine radikal andere und es konnte nie einen anderen objektiven Richter ge ben, um hier zu entscheiden — als den Krieg. Der gerechte Kriegvon 1870 und 1871 nnd sein Friedensschluß hatte aber die Frage entschieden. Er hatte hier eben jenes „höhere Recht" gefunden, das bei Gegensähen solcher Natur der Krieg allein smden kann. Oder hat man unseren Sieg sür einen Zufalls steg gehalten? Die an sich bewundernswerte Einkehr des französischen Volkes nach dem Kriege, die Wiederkehr des Bewußtseins seiner tieferen Kräfte und deren baldige über raschende Entwicklung, die fruchtbare Kritik, die damals frei mütig am Heere von großen Franzofen geübt wurde, das noch vor kurzer Zeit erfolgte Zugeständnis eines Forschers wie Ernest Denis, der Sieg Deutschlands sei wohl verdient gewesen, vor allem aber die im entgegengesetzten Falle ganz unbegreifliche Friedensdaner von 44 während der man sich zweimal bis zur dichtesten Nahe eines deutsch-französtfchen Bündnisses entgegenkam, bezeugen das offensichtliche Gegenteil. Bezüg lich der Eventualität des latenten Krieges urteilt Kant: ,,Es soll kein Friedensschluß für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden" (1. Präliminarartikel). Und er setzt er läuternd hinzn: ,,Denn alsdann wäre es ja ein bloßer ^Waffen stillstand, Aufschub der Feindseligkeiten, nicht Friede, der ^as Ende aller Hostilitäten bedeutet, und dem das Beiwort ,,eivig" anzuhängen schon ein verdächtiger Pleonasmus ist. Die vorhaudeueu, obgleich jetzt vielleicht den Paziszierenden ^lbst noch nicht bekannten Ursachen zum künftigen Kriege sind durch den Friedensschluß insgesamt vernichtet, sie mögen auch aus archivarischen Dokumenten mit noch so scharfsichti ger Ausspürnngsgeschicklichkeit ausgeklaubt sein." Nur um Preis, Frankreich die Schuld eines verbrecherischen Frie-196 densschlufses zu vindizieren, könnte man also die Sache des Elsaß als einen kriegsgewichtigen Gegensatz gelten lassen. Aber selbst ein solcher bestand faktisch nicht. TLie wäre sonst während dieser Zeit diese doppelte Bündnisnähe mög lich gewesen? Es bleibt also nur die^.in die alte romanisch-germanische Rassensremdheit eingebettete Revancheidee, die bereits in ihrem Viesen charakterisiert wurde. Nun ist nichts klarer, als daß ein purer „Revanchekrieg" ein absolutes stttliches Nonsens ist. Die eitle, mehr und mehr zum niedrigen Rachegefühl herab gesunkene Spieleridee der Revanche — ohne neu entstandene oder vorher fchon lebendige M^achtgegensätze — zum ziel gebenden N?oment der Politik eines großen, in seinen Knltur- leistungen bewunderungswürdigen Volkes zu machen, an statt, da der Franzose nun einmal so eitel ist, zu einem unter geordneten Bedürfnis, das gelegentlich einmal, wenn es ernste positive Zwecke erlauben und stch die Sache in ste einfügt, be friedigt werden kann — das ist und bleibt der Gipfelpunkt des politischen Verbrechens. Ich vermag in Ehrfurcht auf die großen, welthistorischen Gegensähe zu sehen, die zwischen Deutschland-Österreich und Rußland, Deutschland und Eng land bestehen; ich vermag dabei — zwar ohne Liebe — aber doch mit dem kühlem Blicke geschichtlich nacherlebenden Ver- stehens auf diese uns feindlichen Völker zu blicken. Hier aber ergreift stuulofer Schmerz meine Seele über einen beispiellosen Niedergang menschlicher und nationaler echter Größe. Trauer und Schmerz über ein so verführerisches und leicht verführtes und mit Hilfe seiner eigenen Schwächen von klugen und skru pellosen fremden Staatsmännern verführtes Volk und tiefste197 Verachtung der Personen, die ein ganzes Volk, die die geistige Persönlichkeit einer edlen Nation zur Sklavin ihrer eigenen spielerischen Eitelkeit und ihres unfruchtbaren Hasses entwür digt haben. Es gibt keine traurigere Geschichte einer Idee und eines Gefühls — tragisch sie zu nennen fehlt ihr die Würde der inneren Notwendigkeit — als die Geschichte der franzö sischen Revancheidee. Es gab eine Zeit, wo sie sich nicht nur einem Gefüge höherer politischer Zwecke wie dem des VZieder- aufbaues des Frankreich dnrch England Stück für Stück entrissenen Kolonialreiches auf der Grundlage der ihm noch gebliebenen und neuerworbenen afrikanischen Besitzungen unter zuordnen schien; wo sie außerdem noch jenes Zuges ritterlicher Helle, Bravour uud Kühnheit nicht entbehrte, die dem Fran zosen trotz der diese Tugenden begleitenden Schatten so wohl ansteht und die ihrer Herkunft aus dem ritterlichen mit galli schem Sinn für edle geführtem Kampfspiel entspricht. ^ Beschränkt vor allen: aus die Armee, getragen von einer starken Seele wie der Seele Gambettas, und noch nicht in die tieferen Schichten der Volksexistenz als wurmendes Ressen timent hineingefressen, war sie weder ohne jenes höhere Recht, das eine glorreiche Geschichte einer ritterlichen Armee gibt^ Noch ohne den echt gallischen Reiz einer gewissen schönen und liebenswürdigen Verwegenheit. Erst dadurch, daß sie diesen ihren ursprünglichen Ort — die Armee — verließ nnd eine Kette von bourgeoisen, politisch aller höheren Pläne baren, m 40 Jahre,, ^o mal wechselnden Regierungen ansteckte, die bald mehr von Gnaden eines plntokratischen Pöbels bald wehr von Gnaden eines^alle Grundlagen moralischer Autori- zersetzenden Massengeistes lebten, — eines Pöbels, der198 auf alle Fälle alle großen Traditionen Frankreichs, voran jene des Geistes und der Religion mit seinen dicken Bour geoisfüßen niederzutreten begann und dem alles, was in Frankreich noch Geist, Wurde und Hoheit besaß (in Kunst, Literatur, Priesterrum) stch stets so auffällig ferne hielt, — erst als gleichzeitig mit dieser Verallgemeinerung und Ver- gröberuug^ die Revancheemotion in einer Friedenszeit fast eines halben Jahrhunderts ihre ritterliche Helligkeit verlor und bis zur Ausbildung eines immer dumpferen, verhaltene ren halberstickten Rachegefühls gleichsam in das Innere der Volksseele, wühlend, zersehend nnd vergiftend zurückschlug: erst seit dieser Zeit ist ste zu jener unseligen M^acht ge worden, die Frankreich schließlich zur willfährigen Dirne der klugen Pläne König Eduards, der russischen Staats männer und der in den Volksentwicklungeu Rußlands und Englands wohlgegründeten Machtinteressen gemacht hat. Seit Frankreich aber gar alle seine Nechtsforderungeu auf Ägypten aufgeben mußte und das damals in Paris fo ge- fcholteue „perstde Albion" seinem großen Plane, einen Ko- lonialstaat von Senegambien quer durch Afrika bis zum Roten Meere und Abesstuieu zu legen stch entgegenstemmte, als es von Faschoda, das den Übergang zu seinem östlichen Besitze bilden sollte, durch Euglauds Kriegsdrohung vertrieben wurde und diesen Kampf um ein positives, großes Ziel nicht wagte oder nicht wagen durfte, — seitdem fehlen seiner äußeren Politik auch alle größeren, beherrschenden Ziele. Nachdem die Schmach von Faschoda —wie vergeßlich war hier das leicht- verletzliche, nachträgerische Frankreich! — vergessen war, und König Eduard, zuerst als überall sich in Paris an-199 schwatzender Lebemann, dann als König schon unter der Herrschaft der Idee der Einkreifuugspolitik alles tat, um Frankreich zu gewinnen und die „Schmach" Frankreich ver gessen und unter der alten Revancheidee gegen Deutschland er sticken zu lassen (i 904), als gar noch England in der N?arokko- sache Frankreich hilfreichen Beistand leistete, waren auch die äußeren Disposttionen gegeben, um den Revanchegedanken zum Axiom seiner Politik zu machen. Nichts lenkt ja den Geist so einseitig zu uuträchtigem Verweilen in der Sphäre der Vergangenheit zurück, nichts hütet und hegt so ^ehr einen alten halberstickten „Groll" wie der Mangel großer, das Leben beherrschender Aufgaben. Bildung und Geist leben in Frankreich seit langem ferne von der Sphäre feiner Regie rung. Erst seit Aufkommen des sogeuaunten „Nouvean exprit" und Poincare erfolgte eine leise Annäherung. Der Typus des gewandte« beredten Rechtsanwaltes (schon Auguste Comte nennt ihn verächtlich den „Legisten" und den Typus des schlech testen Staatenlenkers), der Fragen der großen äußeren Politik nach Analogie mit den Privathändeln seiner Aktenbündel auf- zufasfen pflegt, konnte solche Aufgaben nicht erspähen; fühlte stch aber in feinem Plebejerherzen geschmeichelt, wenn ein hoher englischer oder rufstfcher Herr, der ihn in feinem Privatberuf und auf Grund feiner Perfon keines Blickes gewürdigt hätte, ihn eines Gespräches über die Geschicke der TLelt würdigte. So kam es zu den riefenhaften Anleihen Frankreichs an Rußland (i? Milliarde«), uuter dem festen Druck Rußlands zu dem ^efchiuß der dreijährigen Dienstzeit, die bis zum Jahre 1915 Frankreich j» volle Kriegsbereitschaft gefetzt hätte, zu den be- lannte«, trotz ihrer scheinbar nur militärisch-technischen Fragen200 dienenden Natur, verschwörerischen Besprechungen mit Eng land, so dazu, daß Frankreich wider seinen tieferen Gemein willen von dem ekelgewordenen, von England und Rußland emporgefütterten Gefühl seiner Rache in einen Krieg ge schleppt wurde, der es vielleicht in eine N?acht zweiten Ranges zurückwerfen kann, auch dann noch könnte, wenn Deutsch land gegen seine übrigen Feinde keinen zweifellosen Sieg erfechten würde. Hier und hier allein besteht also das Recht, einzelnen Per sonen und Koterieu in der französischen Regierung, sowie ein zelnen Personen der englischen und russischen Regierung und Diplomatie (König Eduard, Grey, Iswolsky u. a.), die auf die ersteren anfeuernd einwirkten, eine die französische Kriegs- politik mitentscheidende Schuld moralischer Natur beizu messen, die von tragischer Verschuldung notwendiger Volks entwicklungen wohl zu scheiden ist.^ Hier klage man an, hier zeige man auch moralische Entrüstung! Das ist die ungeheure Paradoxie, die für jeden Denkenden fo unendlich lehrreich ist, daß gerade in demjenigen Staatswesen, das stich als der klassische Hüter der republikanischen Staatsform nnd der Demokratie fühlt, in dem Mitglieder der radikal- sozialistischen Parteien längst regierungsfähig sind, über ein Jahrzehnt hindurch die gesamte äußere Staatspolitik sich iu Bahnen bewegen konnte, die den tieferen Gemeinwillen des französischen Volkes völlig entgegen waren und deren Be schreiten in einer D5eise von einzelnen ehrgeizigen spielerischen Äbentenrern und deren Anhang inauguriert worden ist, wie dies in keinem monarchischen europäischen Staat, — nicht einmal im antokratischen Rußland je möglich gewesen wäre!201 Der innere Widerspruch einer ganz monarchisch geformten, hyperzentralistischen Verwaltung und stets wechselnder Kam mermajoritäten, die sie regieren, läßt diesen Hergang allein mög lich erscheinen. Selbst die Nachtträume eiues deutschen Kaisers kl Nacht bringen den Gemeinwillen des deutschen Volkes noch tieser zum Ausdruck als die wachen Gedanken und Über legungen jener Männer Frankreichs. Und angesichts dieser nicht nur uudemokratischen, sondern ethisch antidemokratischen sranzöstschen äußeren Politik, die Frankreich an den Rand des Abgrundes geführt und zu einem Kriege gegen den echten Gemeinwillen des französischen Volkes gebracht hak, wagt Man in England und Italien (stehe das Verhalten der italie nischen Republikaner), ja selbst in Amerika zu sagen, daß die deutsche Sache darum gegen die „Demokratie" der ganzen Welt gehe, da ste gegen Frankreich gehe, ihren „Hort", und daß selbst Nußland noch der „Demokratie der ganzen Wlelt" diene, da es Frankreich helfe! Beginnt hier nicht schon das Satyrspiel zu jenem unsagbar tiefen Fall Frank reichs? Auch das zweite Hanptkriterium für einen gerechten Krieg — daß er dem echten Gemeinwillen des Volkes entspreche, fehlt also dem französisch-deutschen Krieg auf französischer Seite. Es war das grausige Schauspiel, das Schwächlinge bieten, die ein Jahrzehnt lang eine dunkle Sache mit uner müdlicher Heftigkeit betriebe» haben, — im letzten Augen blick, da ste zur Verwirklichuug führen soll, aber im er wachenden Gefühl ihrer eigenen Schuld und ihres Nicht- gewachsenseins vor der Verantwortung zurückschaudern, gleich- wohl von den Konsequenzen ihres dunklen Treibens mit202 der Gewalt der praktischen Logik gezogen, zur Tat gezwungen werden, — das die französische Regierung bot, als sie von der nnsrigen nach Eintritt unserer N?obilisiernngsordre gefragt wurde, wie sie sich verhalten wolle. Hinter ihrer halb trotzigen, halb ausweichenden Antwort, „so wie es dem Interesse des französischen Volkes gemäß" sei, lag der ganze Jammer einer im Kerne unschlüssigen, aber durch die Logik ihrer Politik über das, was sie verantworten konnte, weit fort gerissenen Regierung. N?an sieht: Es war nicht ein neuer resoluter ALillensakt, der seitens der französischen Regierung die Führung dieses Krieges bejahte — es war lediglich die schon jetzt als surchtbar empfundene bloße Konsequenz der eingegangenen Bündnisverpflichtungen zu Rußland samt der 17 Nlilliarden Kredit, die nun einen Entschluß Iltenschen abrangen, die sich zu klein für ihn fühlten. Umgekehrt lag die Sache bei uns. VZir wollten diesen Krieg, als er reis und notwendig geworden war. V5ir schrieen nicht ä bas la Zuerre, bevor wir nach Frankreich zogen! Aber wahrlich, wir wollten nicht jene Politik der Eduard, Grey, Iswolsky, Delcassä, die ihn auch gegen Frankreich notwendig machte; diese Politik, die unter dem Schein der Liebe zu Frankreich und der schmeichelnden Bewunderung seiner Reize nur die suk zessive Großfütterung des tiefsieu Feindes war, den Frank- reich gegen sich selbst in seinem Busen barg: Seiner ihm alle positiven, politischen Ziele verdeckenden Nachsucht. Ich kann mich des Eindruckes nicht entschlagen: Es isi etwas Teuf lisches, etwas grausig Dämonisches in einer Politik, die durch die Großfütterung eines^ ein ganzes Volk verderbenden und zerfressenden Hasses kalt nur auf die Förderung der eigenenegoistischen Zwecke durch eben diesen Haß gerichtet ist! Die das eigene Gute oder sür gut Gehaltene durch das Böse und das Selbstmörderische im „Freunde" verwirklichen lassen will! Ewig schließt dies die stttliche Weltordnung von stch aus! Ewig wird die Häupter derer, die es getan, jene Schmach bedecken, die die Schmach des Judas ist — den Dante in die tiefste Tiefe der Hölle verweist. Auch das ist kein schönes Amt, hier der vom göttlichen Richter bestellte Henker sein zu müssen; hier die so heillos verletzte stttliche Ordnung der TLelt, die eine Ordnung des heiligen Gottes ist, wieder einrenken zu muffen. Und das ist nun unseres Amtes geworden! Aber mag es ,,schön" oder „unschön" sein: Wir Deutsche stud keiue gallischen Schönredner und wir folgen hier wahrlich am wenigsten unferer Neigung, fon dern dem Gebot einer furchtbaren Pflicht. Dies Amt ist nicht „fchöu" — aber es ist heilig! Selbst das M^erkmal ewiger Dummheit, das der stnnvolle Volksmund mit dem des ewigen Haffes dem „Teufel" zuteilt, fehlt hier nicht. Denn wie follte die Politik, die ein Volk innerlich tötet, auch nur den Interessen der Verführer dauernd helfen? V?enn der bündiger der Herzen auch heute — auch jetzt iu diejem Augen blick — prüfte, bei welchen Völkern mehr echte Liebe ist für Frankreich, viel Liebe dabei, die stch schüchtern wie vor stch leibst versteckt, die stch nnter dem Druck des Krieges nicht hervorwagt, die stch schämt und zittert, bei den Verbün deten, deren Heere aus seiner Seite kämpfen oder bei uns, die wir jetzt feine Felder nnd Städte verwüsten und feine Jugend Dezimieren — und dies mit jener deutschen Kraft und deut- Icheni Angrisfszorn, der nichts weiß von giftigem Hasse — 20Z204 was würde er gewahren? Er würde auch — ich kenne viele Beispiele — beim gemeinen Mann selbst, der nichts weiß von französischer Form, Kultur, von klassischer Logizität und der tiefen Schönheit französischer Wissenschaft, erst recht nichts von französischer Finesse, hinter der empfundenen sittlichen Notwendigkeit, diesen volkswidrigen Staat ebenfo furchtbar zu strafen, als feine Sünde furchtbar war, — er würde hinter allem Angriffszorn und aller Angriffswut der „Barbaren" noch eine fast gerührte Liebe zum großen guten Kerne Frank reichs gewahren, zum Volke Frankreichs, zu all dem auch, in dem es uns sittlich und geistig komplementär zu ergänzen, in dem es das ernste, duukle, unbewußte, fchwere, erhabene, ger manische Leben heiterer, klarer, leichter und schöner zu machen vermag. Er würde daneben überall in Deutschland ein tiefes N?itgefühl sinden für die Not und das Geschick Frankreichs, das mitzuverwirklichen uns die ewige Gerechtigkeit als schwer sten Dienst in diesem Kriege verordnet hat. Aber noch mehr! Sehen wir einmal von England ab. Sein Bündnis mit Rußland ist völlig anderer Natur, als das Bündnis Frankreichs mit Nußlaud. Es entspricht nicht, wie das letztere, dem Wunsche, Deutschland auch als inner europäische M^acht in eine M^acht zweiten oder dritten Ranges zu verwandeln; es ist nur Folge der alten Gleichgewichts- methode und im Geheimen rechnete man mit einer starken Schwächung Rußlands durch die deutschen VZassen. Dazu sind die politischen Lebensgesetze des Inselstaates >o eigentüm liche und spezisische, daß er jedenfalls denjenigen VZeststaat dar stellt, der von der großen welthistorischen Auseinandersetzung der Ostmächte mit den kontinentalen ÄLestmächten, die seit205 dem japanisch-russischen Kriege in den Gesichtskreis der D5elt- geschichte getreten ist, in sie ein ganz neues Beweguugs- element hineingetragen und — relativ — am unabhängig sten ist. Hätte der große Drang von Ost nach West, der mit der Niederlage des zum Teil seelisch noch immerhin europauaheu Rußlands und der Erschütterung seiner Ex pansionspläne gegen den Osten begann, und der sich in diesem Kriege als Bewegung der halbasiatischeu Autokratie, des Byzantinismus und der Orthodoxie, gegründet auf das Eigentümliche und relative Asiatische in der russischen Welt anschauung, aber im Gegensätze zu der sogenannten Euro- päisieruugsbeivegung in Rußland seit Peter dem Großen fortsetzt, — hätte dieser Drang welthistorischen Erfolg, wür den die westeuropäischen Kontinentalmächte aus derjenigen führenden geistigen und politischen Weltstellung verdrängt, durch die sie in einem gewissen Sinne der ganzen menschlichen Knlturwelt deu Stempel ihres eigentümlichen TLe^ens auf drückte«, so würde damit das englische ^Weltreich noch relativ am wenigsten betroffen. Die Wendung selbst aber wäre die radikalste, die seit dem Untergang des Römerreiches und dem Erscheinen der Germanen die Geschichte genommen hat. Englands Existenz hängt viel mehr von der technischen Frage der Landnngsmöglichkeit au seinen Küsten ab, als von dieser welthistorischen Frage. Freilich: Gelänge es dabei dem Westen nicht, im Sinne des weitsichtigen, seiner Zeit nur zu sehr anf die gelbe Gefahr vereugteu Kaiserwortes „Europas heiligste Güter zu wahren", d. h. die ostivestliche Bewegung umzukehren, so wäre es mehr als fraglich, ob England, selbst wenn es dann noch politisch und ökonomisch existenzfähig206 wäre, allein auf sich gestellt, auch die Führerschaft der euro päischen geistigen Kultur auch nur bewahren, geschweige diese Kulturmacht führen und steigern könnte. VZahrscheinlicher ist, daß der alte utilistische Geist in ihm dann noch mehr das Übergewicht erhielte uud es lediglich zum Lieferanten und Dienstboten der Zivilisationsmechauismeu, die für diese neue, nun zur Herrschaft gekommenen östlichen Kultur brauchbar wären, herabsänke, im Banne, in den Scheuklappen seines jetzt schon so starken „insulären Denkens" aber völlig stch geistig verdunkelte. Von Newman, O. TLilde bis zu Chesterton und Shaw zeigt stch immer stärker, daß in England der Geist, — wenn nicht wie in Newman als JMärtyrer — nur mehr als Postenreißer Platz hat. Die russische Gefahr kennt auch Eng land gut genug; und da es ste kennt, würde es einer Rusststzie- rung Europas, selbst einem über Deutschland stegenden Ruß land stcher entgegentreten — wenn nur die deutsche Flotte vorher vernichtet ist. DasV^ort des Postenreißers Shaw, man müsse zuerst „mitHilfe Rußlands den deutschen ^Militarismus, danu mit Hilfe Deutschlands die russische Autokratie tresfeu", gibt— so widerspruchsvoll es ist — die eben hier „widerspruchsvolle" M^eiuuug des Inselvolkes ganz treffend wieder. 3Die ganz anders aber ist das französtsch-russtsche Bündnis, ist die Unter stützung, die das arme verführte Frankreich jetzt der großen Bewegung von Ost nach 2Lest leistet, zu beurteilen! Schon in der Tatsache dieses perversen Zusammengehens steckt auf feiten Frankreichs ein geheimer VZille zur Dekadenz, eine TLirkuug eben desselben Grundwillens, der sich im Bevölke rungsrückgang und Zwei- und Dreikindersystem äußert, eine so gesuchte Nichrachrung westeuropäischer Kulturwürde,207 eine so hysterisch weibische Preisgabe jahrhundertelangen Staats- und Kulturwollens für eigenes Rancüne- und Rache gelüst zugunsten des antokratischen Qststaates, daß schon die Tatsache des Bündnisses — wenn man sie allein sür sich betrachtete — die stärkste Sprache für die TLahrheit des sogenannten Testamentes Peter des Großen und jener slavo- philen, byzantinischen Geschichtsphilosophie der Dostojewski, Leontjew, Solovjew, Pobjedonoszew, Tolstoi reden würde, die bei aller sonstigen Verschiedenheit der Gedanken und Ziele die Lehre von der weltgeschichtlichen Ermüdung nnd Ausgelebt- heit des europäischen TLestens predigen und dem russischen Volk und Staat das schimmernde Ideal einer großen kultu rellen Zukunft in TLesteuropa prophezeiten. Hier darf man wirklich einen Augenblick die ernste Frage im Sinne jener großen slavischen Denker stellen: Ist Westeuropa vielleicht doch wert, zugrunde zu gehen, da einer der zentralsten Ursprungsquelleu seiner jahrhunderte langen weltorganisterenden Aktion zum willfährigen Diener seines größten Dauerseiudes, des Russentums und des Zaris mus, geworden ist? Frankreich, des Diestens Verräter! Frank reich, der Verräter aller, aber auch aller seiner eigenen Staats-, Rechts-, Knlturideale, seines eigensten TLollens, seiner eigenen Kraft! Dn edles, du klassisches Frankreich des 17. Jahr hunderts, Reine, Stolze, Ritterliche du, unserer heiligen west lichen antiguostischen, auf Tat und Liebe gegründeten Kirche älteste Tochter, du Land der Klarheit des Geistes, der höchsten Ingeniosität des erfinderischen Denkens und der politischen F reiheit—wie ist all dein Adel und schließlich selbst all dein Reiz von dir abgefallen! Wie klein uud gemein, wie niedrig bist du208 geworden — wie zerstört dein Antlitz, seit Haß und Neid nur mehr die geheimen Schöpfer deiner politischen Liebe wurden und du dein eigenes VZefen, dein Selbst dem niedrigsten Affekte der Rache zum Opfer bringst! Seit du nichts mehr bist als Reaktivität, zerwühlt und zerfreffen von nichts als Ressentiment! Eine Staatengruppe, die wie diejenige Europas durch Kulturgeist solidarisch ist, deren Glieder aber stch politisch nur mehr „lieben" aus gemeinsamem Haß gegen ein anderes Glied der eigenen Gruppe, und die mit Staaten außerhalb diefer Gruppe nur aus gemeiufamemHaß gegen einher eigenen Gruppe ungehöriges Glied in eine Bündnisverbindnng treten, wäre nach allen Grundgesetzen des geistigen Lebens, die vom Elementarsten ins Komplizierteste hineinreichen, der notwen digen Auflösung verfallen. Dies bedenke man! Iltan stelle stch Frankreichs Revanchegelüste für 1870 durch einen jetzt erfolgenden Sieg des Zweibundes gestillt und befriedigt vor! Vielleicht stndet es dann fein TLesen wieder! Vielleicht kommt es dann wieder zu stch selbst. Aber — es wäre zu fpät! Nachdem es einmal den gemeinfamen Kulturboden ^Westeuropas, den es mit Italien als erster gedüngt und be arbeitet hat, verraten hätte — verraten nur für feineu Haß — würde es mit Schrecken in das Antlitz eines neuen Herrn Europas sehen, der schon durch dieKraft feiner zeugeudeuLendeu allein den zierlichsten Ritter unferer Zivilisation zu schänden machen müßte. Diese zuerst nur platonisch - romantische damenhafte Koketterie mit dem Zarismus, deren reale Folge schon zu Beginn des Krieges der Franzose mit innerstem Er starren und dem kläglichen Schrei: „a kaz la Zuerre'' gewährte, war mit all ihrem perverfen Reiz des Alien zum Jungen,209 des Überzivilisierten zum Roh-Naiven, des unfruchtbaren Schönen zum fruchtbar Massigen, ja selbst mir möglich, — weil ein selbständiges nationales Deutschland und Österreich allzu derbe Annäherungen der Verliebten verwehrte. Nur die Entfernung, das weit vom Schliß, machte den Reiz und die Möglichkeit dieser allzu romantischen Liebe aus. Mau würde daher dieseu Krieg uuter eiuem prinzipiell falschen Gesichtswinkel sehen, sähe man nur ausschließlich die deutsche uud österreichische Sache an seinen Ausgang geheftet. Wie groß diese Sache nnd wie selbstwertig sie immer sei, — das, was heute auf dem Spiele sieht, ist faktisch Tod oder Sieg des lebeudigeu Knltnrodems, der feit den klassischen Griechen alle wesiliche Geschichte nnd Leistung, alle» Staat, alles Recht bis auf dereu religiös -metaphysische Wurzeln im westlichen Christentum aus seiuer Tiefe ausgehaucht hat. Und so weit, nnd doch so charakteristisch mnß die Idee dieses Kultur odems gefaßt werde«, daß Hellas uud Rom, ja Antike uud ^Mittelalter, Renaissance, Reformation nnd Nenzeit darin ebenso mir relativ zufällige Spielformeu ausmachen, wie — erst recht — die imiereu uatioualeu und volklichen Sonderformen dieser europäische» Kulturbilduugen, wie die Weltanschau ungen voil Gregor VII. bis Voltaire, von Thomas bis Kant, wie alle disferenten gegenwärtigen politischen nnd sozialen Gräfte nnd Ideale von Bebel bis zn Herrn von Hertling lind Herrn von Heydebrand. Alles dies und noch tausendfältig anderes fällt noch nicht heraus aus dem Hauche dieses Odems, sondern ivar in seiner Möglichkeit noch enthalten. Aber wahrhaft aus ihm heraus fällt — lücht etwa das Slaven- ttnn in wto — wohl aber jener tiefe Zusammenhang, den griechische Orthodoxie, Zäsaropapismus, Byzantinismus, religiöser Quietismus, Knute und Schnaps, Peitsche und Zuckerbrot, der brutale Sadismus einer rohen, niedrig gestirnten Herrscherkaste und weibischer Masochismus einer knutenlüsternen, unorgauischen Masse, den weibischer Gefühlsüberschwang und Vernunftverachtung miteinander bilden. (Vergleiche das Kapitel: „Die geistige Einheit Europas".) Was also täteu wir in ^Wahrheit, wenn wir Frankreich an der Erreichung des Erfolges dieser seiner eigenen Selbstprosti- tutiou und in ihr des Diestens hindern, indem wir es nieder ringen? ALir täten — objektiv — nichts anderes, als daß wir mit Einsah unserer eigenen Existenz sein besseres Selbst retten und den schönen Genius seiner Kultur für eine fernere große Auswirkung in derGeschichte bewahren! Ich wage zu sagen: wir vollzögen, indem wir jetzt vielleicht zunächst sein militäri- fcher Henker werden müßten, die größte Tat der Liebe auch au ihm, die zur Zeit an ihm möglich ist! — Und ich wage zu sagen: einst wird dies Frankreich erkennen! V?ird ihm das Heil widerfahren, von uns gründlich bestegt, ohne als Großstaat vernichtet zu werden, wird es damit errettet fein von der ewigen Schmach, durch feine« Verrat des westlichen Knlturodems die Fahne der Kultur uud Zivilisation an Amerika abgeliefert und Europa endgültig aus seiner Führer- ftelluug herausgedrängt zu haben, fo wird alles Gute und Große in diesem edlen Volke wieder erwachen! Es wird feine abeutenerifchen Rechtsanwälte, die Frankreich von einer^seiner tiefsten TLnrzeln, seiner Religion und Kirche, in der Kultgesetz- gebnng (1901—1906) frech und ehrfurchtslos abzuschneiden suchten, die all seinen Besitztum an Geist nnd einer edlen ritter-211 liehen Heerestradition mit ihrer willkürlichen Regiererei aus der französischen Politik möglichst herauszudrängen suchten, die es ohne volle Kenntnis von den faktischen Bedingungen der vollen Kriegsbereitschaft eines modernen Staates in dieses Bündnis und in diesen Krieg hineinlockten — es wird das ganze System, das zur Herrschaft dieses Typus Ilteufch in Frankreich führte, ein Typus, der sich seit Jahrzehnten in immer niedrigeren, theatralischeren Skandalen (Panama 1892, Dreyfusprozeß 1894,1906, Schlachtschisskatastrophen 1907 und 1911, Caillanxprozeß) so wundervoll selbst charakte risierte, es wird dies System, dessen erste historische Keime schon Balzac so herrlich in seinen lächerlichen Typen zu schildern begann und dem er in der Vorrede zur Loiueäie liumzine das Urteil spricht, — zur Rechenschaft ziehen uud über den Haufen werfen; es wird die wahre Natur seiuer „Freunde" erkennen uud, wie wir alle zu Gott hoffen, dann mit uns in eine dauerude Bündnissähigkeit gelangen. Also möchte dieser ungerechte Krieg vielleicht doch noch für Europa zur TLurzel eines neuen höheren Rechtszustandes werden? Er kann es. Aber er birgt —- wie jede an sich un gerechte Sache auch für uus eiu hohes N>-aß von Ver- ftthruug, einer zwiefachen Verführung, der wir nicht folgen dürfen, nicht, nm keinen Preis! Die erste Gefahr dieser Versuchung besteht darin, daß wir, von vornherein an einen eventuellen Krieg mit Frankreich so viel besser angepaßt, als an einen Krieg mit Rußland uud erst recht mit England, Mehr dasjenige tuu, was wirkönnen als das, was wir sollen; dazu sind uusere militärischen Operationen gegen Frankreich I" sehr viel weiter fortgeschritten als jene gegen Rußland uudEngland! Die Gefahr liegt allzunahe, daß wir — eine wirk liche Austragung des echten welthistorischen Gegensatzes zwischen uns (einschließlich Österreichs) und Rußland ist iu diesem Kriege von Hause aus nicht zu erwarten — ohne end gültige Aluseinandersetzung mit England zn einem zu frühenGe- samtfri eden gelangen würden; dann aber für die ungeheuersten Opfer und Unkosten dieses Krieges in einseitiger TLeise Frank reich, und Frankreich zum großen Teile auch dafür belasteten, was uns unsere anderen Feinde an Schaden zugefügt haben. Dies aber müffen wir — nach Möglichkeit — unbedingt zu vermeiden suchen! Soweit es nur irgendwie angeht, müssen wir in den beiden gerechten Kriegen überhaupt, hier aber an erster Stelle mit England zu einer möglichst endgültigen Aus tragung der großen Gegensätze kommen. Und kein Opfer darf uns für dieses Ziel zu teuer fein! Die Spannung mit Frankreich i st aufzuheben mit dem gegenwärtigen Typus von französischer Regierung; die anderen Spannungen stnd solche welthistorischer Art erster Ordnung und müssen — sollten ste nicht hinlänglich ausgetragen werden — in immer neue Kriege hineintreiben! Ist aber eine Austragung jener welthistorischen Gegensätze in diesem Kriege, wie zweifellos die Austragung ihrer gegenüber Rußland, nicht möglich — nun so müssen wir jedes Verfahren gegen ein besiegtes Frankreich vermeiden, das es dauernd ausschließt, daß die dauu stcher uud notwendig noch folgenden Kriege in einem Bündnis mit Frankreich geführt werden. VZir müsten weise sein — wie Bismarck in Prag, als er der „Ouesteuberg im Lager" hieß! M^it Abstcht rede ich hier uur so allgemein und bestimme nicht näher, was hier „Austragung der Gegensätze" und was jenes zu „vermeidendeVerfahren gegen Frankreich" im einzelnen bedenken möchte. Denn dazu ist die Zeit noch nicht da! — In einem ungerechten Krieg ziemt Großmut dem Sieger mehr wie in einem ge rechten ! 2. Der Glanbe an unser höheres Recht in diesem Kriege Alles Bewußtsein des höheren Rechtes eines Volkes wäh rend eines noch sich vollziehenden Krieges, ob er an sich „gerecht" ist oder „ungerecht", muß und darf nur — so sagte ich — die Form des Glaubensbewußtseins haben, nicht aber jenes vermessenen scheinbaren Wissens, das die lebendige Tat der Nechtssinduug, die im Erfolg der IDasfen in einem gerechten Krieg allein nur bestehen kann, überflüssig machen würde: und zwar jenes Glaubens, das nicht ein un vollkommenes Wissen ist, ein Mangel an Wissensevidenz, das vielmehr seine eigene Art von Evidenz hat, eben die „Glaubcuöevideuz", eine Art der Evidenz, die stch nur an jenes tätige Festhalten der Güte eines Drillens und der Ä5ahrheit eines Gedankens im Zentrum der Person, an jene Selbstidentistziernng der Person mit einer Sache knüpst, die !vir „Glanben" in jenem tiesen Sinne nennen, in dem Luther das Wort begriff. Em Glaube hat keine „Gründe", die ihn notwendig machen, wie der Schlußsah aus den Prämissen heraus notwendig ist. Aber er hat „Grundlagen", die ihn rechtmäßig motivieren oder nicht motivieren — und diese „Grundlagen" sind nicht etwa mit seinen seelischen Ursachen Zu verwechseln. Die Grundlagen des Glaubens an das höhere Recht 2IZ214 eines Volkes sind aber immer und wefensnotwendig zugleich Grundlagen des Glaubens an seinen Sieg! Denn eben der Sieg ist hier zugleich die Erwirkung und Bewährung auch des höheren Rechtes! Selten war das höhere Recht eines Volkes so bestritten wie das uusrige! Noch seltener ward an solches Recht tiefer und heiliger geglaubt! Und zwar geglaubt ans unsere IAeise, — so wie eben nur der Deutsche an sein Recht „glauben" kann, glauben muß, so er glaubt. Vergessen wir es nie, vergessen wir es auch nicht in diesen Tagen, daß eine gewisse tiesste TLnrzel dessen, was man „Kosmopolitismus" nennen darf, selbst ein Wesens merkmal des deutschen, gerade als eines eigentümlichen natio nalen Geistes ist! Das erscheint paradox, daß jenes tiefe Verstehen, das mit dem Herzen und dem Geiste llmfassen- können von fremdem Volkstum, fremder Geistesart, das unsere Geisteswissenschaften und unsere Geschichtswissenschaft so groß gemacht, daß analog im Sittlichen eine tief-geheime M^itverantwortlichkeitsempsindung für das Geschick der ganzen ^Menschheit im deutsche» Geiste gerade die Seinsform eines einmaligen, ganz individuellen, „nationalen Geistes" angenommen haben. Wer eben dieses Paradox ist die ^Wirk lichkeit des Deutscheu! Aus eben diesen Bestandteil des Deutschtums gründet sich an erster Stelle mi^, seine TOelt- bestimmuug, sein VZeltberuf, feine Pslicht zum Weltfinn all seiner Tat uud Arbeit. Und aus ihr folgt, daß es das deutsche Gewissen ewig dem Deutschen verbietet, sich irgend ein Recht und irgendeine Pslicht anzumaßen, die er gegen den Sinn jenes großen, in der Tiese solidarischen Ganzen empfände, das wir die „V?elt", die TLelt Gottes nennen!Dieser „Kosmopolitismus" des deutschen Weesens hatte im Laufe der Zeiten gar verschiedene Gestalken. Fr. Ilteinecke hat sie uns innerhalb der politischen Sphäre jüngst feinsinnig mit allen ihren historischen Übergängen entwickelt; darunter auch Gestalten, die wir allmählich als falsch, als verderblich erkannt haben. Im 18. Jahrhundert hatte ste zu falscher Anpassung an Fremdes, bis zum Unglauben an den VZert des eigensten deutschen Wesens geführt, ja noch mehr bis zur Verschüttung des Sinnes für unser Eigentümliches, selbst dafür noch, daß eben der Kosmopolitismus selbst gar nichts Kosmopolitisches, sondern ein Eigentümliches, uns national Eigentümliches ist. Aber auch bei Fichte, bei Stein, Harden berg, Wilhelm von Humboldt bis herauf in den roman tischen Iugendkreis des Fürsten Bismarck mit seinen beiden legitimistisch gestnnten Freunden Gerlachs behielt der Kosmo politismns noch eine Mtacht neben, dauu innerhalb der lang sam stch entfaltenden, vielgewandten deutschen National- idee selbst, die noch nicht seine tiefste Form darstellt, die er aunehmeu kann. Er war immer noch zu unmittelbar, zu rationalistisch, zu phystsch, zu politisch! Immer noch galt in irgendeiner Form der Gedanke, daß stch der Deutsche in seiuem politischen Handeln nicht nur sein eigentümliches Bestcg, sondern ein politisches „Weltbestes" zum Ziele setzen, ja zum bewußten Zwecke zn machen habe; auch wem,, wie in Fjchtes „Reden" dieses „Weltbeste" in der deutschen Mission selbst enthalten gedacht war. Der „Vernnnft"- begriff jener Zeit (Fichte z. B. schildert in seinen Reden das deutsche Volk als das Vernunftvolk) schloß im tiefsten Grunde den Begriff einer „geistigen Individualität"^ aus, -'S216 d. h. einer solchen Individualität, die nicht erst auf Grund ihrer natnrhaften, stnnlichen Beimischungen nnd Funda mente zur Individualität bloß beschränkt sei, die viel mehr als rem Geistiges selbst schou individuell und national in einem positiven Sinne — nicht also in dem einer Berau bung und Beschränkung einer allgemeinen Vernunfttätigkeit sei. Erst Bismarck gab uns die in Tat und Wort so große, so ehrliche Lehre, die einen ungeheuren Fortschritt in der politischen N^oral bedeutete, daß eine „Politik für das ^Welt beste", sei es auch nur im Sinne Fichtes oder des ganz anders artigen Gerlachschen „Legitimismns", für einen Staat der Abgrund der Sünde sei. Der Abgrund der Sünde — nicht etwa ein „utopisches Ziel", das anzustreben nur die realen Bedingungen alles Staatslebens versagen! Aber diese große, herrliche Lehre wurde nicht immer richtig verstanden! An statt eine Umformung nnd Verinnerung des deutschen Kos mopolitismus in ihr zu sehen, der zum Deutscheu gehört wie die Luft zum Vogel, das TLasser zum Fisch, der das heilige Element ist, in dem die deutsche Seele allein lebt und atmet — allein leben, atmen kann, atmen frei und selig im ewigen Gegensatz zu englisch insulärer Borniertheit, englischer Ver wechslung von Umwelt nnd Welt, englischer Sitte mit kos mischem Gesetz, zu englischem Dummstolz, aber auch zu gallischer Eitelkeit, allüberall die zu vertreten — sahen gewisse „dentschnationale Kreise" iu Bismarcks großer Lehre einen Bruch mit der kosmopolitischen Idee überhaupt. Sie wagten es, allen Kosmopolitismus „Traum" und „VZahu" zu uennen! Sie erdreisteten sich, an die Tiefe der deutschen Seele zn greifen, an den Kern des deutschen217 Gewissens selbst! Sie nannten sich „alldeutsch" und löschten zuerst ein Wesensmerkmal aus der Dentschheit selbst aus, das sie konstituiert. Sie wollten alldeutsch seiu und waren noch nicht einmal dentsch! Sie nannten sich „alldeutsch" uud — ahmten ässisch den englischen Egoismus und Jingoismus, englische Endlichkeit, nur entsetzlich vergröbert, nach! Ihre Deutschheit war also nur Ressentiment gegen England, das sie verdammten, indem sie es nachahmten, das sie nachahmten, indem sie es verdammten! Aber wie kann alldeutsch sein, wer zuerst das Wesen des Deutschen so abgrundtief verkennt? Nein! Das ist vielmehr die große Umformung, daß jetzt erst — uach Bismarcks tiefer Lehre der ,,Kosmopolitismus" den heiligsten Ort im Deutschen fand, an den er hingehört, der seiuer Tiefe und inneren Schönheit allein ganz würdig ist: Den Ort der deutschen Gesinnung, des deutschen Ge wissens, des deutscher: Herzens nnd zwar an der Stelle, wo diese drei ihre Geistesaugen vor dem Ewigen anstnn — nicht vor dem Irdisch-Politischen — wo sie stille und abgesondert von der Erde unmittelbarer Tat und Erdeuarbeit vor Gott und der V!elt Gottes stehen. 2Do sie sich geheimnisvoll mit Gott als dem Genius der Welt auch über das noch beraten, was der deutsche Staat zu tun habe, was nicht! Das ist also die Umformung, daß im 18. Jahrhundert nnd in gemäßigter Form anch noch später der Kosmopolitismus ganz irdisch lvar, ja ein politischer Zweck, das Nationale aber umgekehrt gauz eiu halbtrauszeudeutaler Traum iu den Lüsten der Dich tung und Literatur; daß mm aber die Nationalidee znr einzigen uud ausschließliche» zweckbestimmeudeu Idee des politischen Handelns des deutschen Staates wurde, das Kos-218 mopolitische aber ganz in die Sphäre des Gewissens, der Gesinnung, d.h. des metaphysischen und ethischen Wie alles und jedes politischen Handelns siel. Alles mit Kosmopolitis- nms, nichts aus Kosmopolitismus, möchte man mit einer Transformierung des tiefen Schleiermacherwortes über die Religion sagen! Was Bismarck erkannt, war also: Ein kosmopolitisches Gut, irgendein Weltbestes als Zweck für das Handeln eines Staates zu setzen ist nicht eine schöne und hu mane, sondern eine freche, unehrfürchtige Haltung, ist un verschämter Eingriff in die Güte, die Iltachk des heiligen Gottes, der allein die Alliebe nnd die Allweisheit hat, für das „Weltbeste" zu sorgen! Wer sich das anmaßt, ein Einzelner oder ein Staat, der tut nichts anderes, hat nie ein anderes getan, als seine Interessen unter die Idee deS„ÄLelt- besten" zu verstecken; d. h. er ist ein Pharisäer und Heuchler! Iltit dieser Unverschämtheit hat schon Ludwig XIV., hat auch Napoleon seine Erobernngsgier gedeckt, hat Talleyrand aus dem TLiener Kongreß die Sieger betrogen und zu diesem Zwecke das leere Idol des „Legitimismus" erfunden, 3Wr dieser unerhörten Frechheit gegen den lebendigen Gott im N^nnde hat England bis zn den VZorten des Imperialisten Chamberlain, „es liege zweifellos in der Vorsehung Gottes für die Menschheir begründet, daß der Globus künftighin möglichst viel englisch Not enthalte", oder dem TLorte Curzous 1L94, daß „das Britische Reich vou der Vor- sehuug zum größte« Werkzeug für das Gute bestimmt sei, das die TLelt je gesehen hat", bis zu seiner jetzigen Geste, es habe mit seiner Kriegserklärung an uns „für die Rechte der Überfallenen kleinen Völker, Serbien und Belgien ans219 Gründen der Gerechtigkeit eintreten müssen", Vorsehung gespielt und allen seinen ungerechtenKolonialeroberungen — zuletzt seinem niederträchtigen Verhalten in Ägypten — die Schmach der Lüge und die tiefere der Verleugnung und Verlästeruug des lebendigen Gottes hinzufügt! 5Wir Deutschen also, wir wollen nicht für das Weltbeste, nicht für „die Rechte fremder Nationen" in diesem Kriege eintreten, son dern ganz schlicht und recht für unsere eigenen Rechte, für unser „Bestes"! Ja, wir halten schon die Ncoral, nach der „gut" ist, was die Engländer hier „gut" nennen, für absolute Unmoral! (s. Anhang). Nicht aber für unser „Bestes" im Sinne des englischen „Nutzens", sondern für das „Beste" in uns, d. h. das eigentümlich Geistige und Nichtigste in uns und für feiueu notwendigen Spielraum der ^at wollen wir eintreten! Aber indem wir das tun werden, werden wir es run in unserer eigeusten kosmopolitischen deutschen Gesinnung, die unsere handelnde Seele umspült und umweht als ihr einzig mögliches schönes Element! Nicht in Kontinuität mit dem also, was andere Völker sür ihr TLohl oder für das „Wohl der Menschheit" halten, oder was wir uns selbst anmaßten, dafür zu halten, sondern in erlebter Kontinuität Mit dem Herze» der Welt selbst, iu dessen unendlicher Um hegung wir demütig das Herz unseres eigenen Volkes pochen fühlen, werden wir handeln nnd dabei werden wir nicht wissen und deduzieren, wohl aber werden wir es glauben, es werde eben auch dies für die Welt, für Gottes Welt das Beste sei«! Und in diesem Sinne „glauben" wir es und halten es tief ui unserer Seele fest, daß eine Bewahrung unserer Freiheit220 und Selbständigkeit, daß zugleich eine Neugeburt des deut schen Staates und Ästerreichs in diesem Kriege — obzwar der Zweck unseres Tuns allein nur und ausschließlich durch dieJdee u u seresHeileö bestimmt ist— auch noch einen „Sinn" besitzen möge, der weit über unser nationales Heil hinausgeht, der also gar nicht Teil unserer „Zwecke" ist, sondern allein Folge davon, daß wir Deutsche es stnd, die die Zwecke sehen, daß es die kosmopolitische deutsche Seele ist, aus der sich die Zwecke emporringen! — x. Das erste und zweifelloseste Fundament dieses unseres Glaubens an unser Recht ist, daß wir einen Verteidigungs krieg führen, und zwar einen Verteidigungskrieg um Existenz, Selbständigkeit und Freiheit unseres Staates — nicht also um eines partikularen „Zweckes" wegen, dessen Ausgeben uns diesen Krieg hätte ersparen können, das Schwert ergriffen, llud dieser Sah steht fest völlig unabhängig davon, ob wir Ästerreichs Note an Serbien kannten oder nicht, ob diese Note den Krieg Serbiens mit Österreich voranssehbar not wendig machte oder nicht, ob Ästerreich und wir Rußlands Eingreifen bei einem serbisch-österreichischen Kriege voraus sahen oder nicht. V?ie sich im einzelnen diese Hergänge voll zogen, darüber dürfen wir vielleicht einmal nach einem Jahr zehnten strengen Aufschluß aus den Archiven erwarten. Auch wenn unsere Verhandlungen so beschaffen waren — dies wäre ein eminentes Verdienst uuserer Diplomatie gewesen — daß wir durch sie unseren Gegner moralisch zwaugeu, uus jeht und nicht erst zwei oder drei Jahre später anzugreifen, so bleibt nnser Krieg gleichwohl ein purer Verteidigungskrieg. Besser als alle Überlegungen über die Politik unserer Feindeseit 1891 (deutsch-französisches Bündnis), 1904 (Einver nehmen Englands mit Frankreich) und 1907 (Einvernehmen Englands mit Rußland), besser selbst als die große Menge von allznberedten, jetzt an das Tageslicht gekommenen Tat sachen und Eiuzclabmachungeu zwischen Belgien-Frankreich, Belgien-England, Rußland-England über militärisches Zu sammenwirken gegen uns, zeigt dies der einfache Tatbestand, daß uns bestimmte angebbare Zwecke in diesem Kriege — außer ebeu der Erhaltung unserer politischen Reichsexistenz selbst — fehlen. Vernichtung der deutschen Seemacht, des deutschen Kolonialreiches und des deutschen Handels — even tuell Abschneidung Deutschlands vom Nceere, Wieder gewinnung des Elsaß, Rußlands Balkanhegemonie und Kon stantinopel — dies stud klar durchschaubare „Zwecke!" Wo wäre aus unserer Seite ein Gleiches? Haben wir einst „Zwecke" — erst durch diesen Krieg, erst in ihm wurden sie und werden sie geboren! Von einer innereuropäischen Ex pansionspolitik konnte bei uns auch uicht im entferntesten die Rede sein! Friedlich gesinnt bis zu einem Grade, der uns den frechen Rnf der französischen Presse „Ii 2 peur, le Kon Quil- (bei Unkenntnis der Person unseres Kaisers) fast ver ständlich machen konnte, der „reine Thor" in dem ^mmer- und ^ulmerwiederglaubeu an englische Friedens- undFreund- Ichastsbeteuernngen, auch iu unseren ökonomischen und gei stigen Interessen gauz nur ans den Frieden gerichtet, konnte es für uns einen eigentlichen positiven Kriegs zw eck gar nicht geben. Allein — nnsere Existenz, allein unsere Existenz als machtvolles, wachsendes Volk uud als wachsames, auf feine Nüstnngen bedachtes Staatswesen war der Dorn im Augeunserer Feinde — war das dauernde Hindernis für ihre poli tischen „Zwecke". Hier also eine große zusammenhängende nationale, stammesgleiche Existenz-, Lebens-, Liebes- und Kul- turgemeinsch ast! Dort eine künstliche, in einen „Verband" zusammengewachsene, mir in der Gemeinschaft des Hasses ge einte Zweckgesellschaft von Staaten! TLas Italien betrifft, so war der Dreibund seit Italiens Feldzug nach Tripolis er heblich gelockert. Und die durch diese Annexion noch erschwerte Stellung Italiens gegen England kannten wir zu gut, um mehr als wohlwollende Neutralität erhoffen zu dürfen. Und was konnte denn das noch Gemeinsame in den Zwecken dieser Gesellschaft gegen uns sein! Nur und nur eines: Die Vernichtung des deutschen Reiches als politischer Einheit, die Absprengnng der Bundesstaaten von ihrem „Kerne", von Preußen. Nur dieser eine Zweck macht es, daß dieser Krieg nicht ans drei Kriegen besteht, die nur zufällig in der Zeit zusammenträfen und bei denen stch die Interessen der verbündeten Feinde nur an gewissen Stellen berührten, daß er vielmehr den Charakter einer einzigen Kollektivhand lung und eines einzigen Krieges an stch trägt, auch an stch trüge, wenn man nicht — auf dem Papier — übereingekommen wäre, nur gemeinsam einen Friedensschluß zu machen. Und da dieser Krieg einer ist, so verdient er auch nur einen Namen! Dieser eine Name kann aber vermöge des einzig Identischen in den Zwecken unserer, in ihren Interessen so unsagbar weit anseinandergehenden Feinde nur der Name der Sache sein, um deren TLesen und Existenz es stch handelt: der Name „Deutschland". Dieser Krieg ist nicht der „D5eltkrieg" — auch Amerika gehört zur „TLelt" — troh seiner europäischenBedeutung nicht der europäische Krieg (auch Italien, Schive- den, Spanien, Portugal, Dänemark, Norwegen, Holland, die Schweiz usw. gehören zu Europa) — es ist der „Deutsch- Krieg" schlechthin. Vielleicht sehen jetzt die Parteien, die den deutschen „Befreiungskrieg" von 181Z vorschnell mit dem Namen „Freiheitskrieg" benannten, daß sie diesen Namen als zweite Bestimmung des Deutschen Krieges noch aufsparen mußten. Denn jetzt erst handelt es sich um die Freiheit des deutschen Volkes und Staates schlechthin — der damals noch nicht bestand — um die Freiheit, die nicht eine auf- und ab- klebbare Eigenschaft seiner Existenz, als einer Summe von N^enschen, souderu die TLurzel seiner geistig politischen Existenz selber ist; ihr Grnud und ihr Sinn zugleich! Diese „Freiheit" geht der Existenz voran, sie folgt ihr nicht! Gäbe es nichts weiteres zn sagen über unseren Glauben an unser höheres Recht in diesem Kriege — dies allein machte ihn zu einem „heiligen" Kriege. Und nicht nur zu einem heiligen Krieg „sür uns" — nein zu einem heiligen Kriege nur durch uns — aber für Europa! Denn nicht nur für uns, — nein für Enropa, ja durch die Europaeiuheit hindurch für die ^Äelt, für die TLelt Gottes — ist es von unermeßlicher Bedentnng, daß das Weltvolk, das kosmopolitische Volk, das Volk, dessen nationale Eigenart eben diese große welt- sammelnde Krast, diese große Kraft der Liebe und desVer- stehenkönnens alles Menschlichen, ja alles Lebendigen ist, geistig und politisch frei bleibe, frei für seine kosmopolitische, 'hm in dieser besonderen eigentümlichen Eigenschaft allein von Gort gesetzte Ausgabe! Und wenn nns unser Leben nichts gälte — lüchfg auch das freie Lebeu von unseren Kindern224 und Enkeln, nichts unser Land mir seinen süßen Fluren und seinem geheimnisreichen Wald — uuser^. unserer geistigen Eigenart entsprechendes, gottgesetztes Merk müßte uns der Festhaltung derFundamentalbedinguug seinermöglichen Aus führung jedes nur denkbare Opfer bringen lassen! Haben wir zunächst auch keinen weiteren „Zweck" in diesem Kriege, als unsere über allen „Zwecken" erhabene ihnen vor angehende Freiheit, — höher und edler als die Zwecke, die stch der Geist vor der Tat „seht", um daun Nittel sür ste zu berechnen und zu suchen, stnd in allem lebendigen Geist jene Zwecke, die stch selbst aus der Tat der Erkämpsung dieser seiner Freiheit ans einem Geisteoweseu wie von selber emporringen. Höher als alle „Zwecke" überhaupt ist der Gesamtsinu einer Handlung. Und damit kommen wir zu weiteren Fundameuten des Glaubens an unser „höheres Recht!" Solcher stch aus der Tat dieses Krieges selbst mit Ncacht emporringender „Zweck" ist aber an erster Stelle die Zurück- werfung jener Beweguugskette, die mit der russtsch-japani- schen Niederlage einsetzte und die stch nun in den russtsch-öster- reichischen und russtsch-deutschen Krieg fortsetzt! Lernen wir doch diese Wiederauknüpfung der Weltgeschichte an die mon golischen und hunnischen Eroberungskriege als eine einzige dynamische Kette begreifen, durch die ein Strom der Be wegung hindurchläuft! 5Was gab diesem Kriege auf unserer Seite jene absolute Übereinstimmung mit dem deutschen Gemeiuwillen, ja jene noch dazutretende absolute Popularität, die er bis in die Reihen der linksstehendsten Sozialdemokraten hinein besitzt: erstens,15 daß es ein Krieg ist um die deutsche Freiheit, zweitens, daß es ein Krieg ist gegen Rußland! Und wie tief und wahr empstudet hier unser deutsches Arbeitervolk — tiefer und wahrer noch als es selbst weiß, wenn es diese Haltung nur darum einnimmt, weil es den Hort aller „Reaktion" im russischen Staate steht, wenn es nur des dauernden Bruches der zweifel haften, dynastischen Freundschaft zwischen den Hohenzollern und den Romanows stch freut, die stets in Widerstreit zu dem beiderseitigen deutschen nnd russischen Volkswillen und Volksgefühl stand und so oft jene gefährlichen Züge des Preußeutums unterstützt uud gehegt hat, durch den es vor un geistiger Gewalt nicht immer zurückscheute. Das arbeitende Volk ahnt aber hinter dieser Abneigung noch mehr. Es ahnt — auch uoch in dieser schwachen, einseitigen Begründung seiner Empstudung — daß die Zurückwerfung dieser Be- weglingskette, die aus dem äußersten Osten von dem längst auf China lüsternen Japan ihren Ausgang nimmt, auch nicht nur seinen geknechteten Genossen in Rußland selbst und aller Weiterentwicklung, auch nur der nicht etwa „europäischen", sondern aus der eigenen Idee Rußlands geborenen Kultur politik Rußlands notwendig ist, ja das Schicksal aller Idee der in Rußland möglichen politischen Freiheit in Ruß land mitentscheiden wird, — es beginnt zu ahnen, daß es völlig unabhängig von allen innereuropäischen Differenzen der IZZeltanschammg, der Religion, der Politik, der Klasse — ja äe jure der Nation, nur eine jetzt erst klar uud allseitig er kannte weltpolitische Aufgabe für jeden „guten Europäer" unter ber^ schon dnrch ihre geographische Lage beiden Ländern in die Hand gegebenen Führung Deutschlands und Österreichs gibt:226 diejenigen Kultur- und diejenigen menschlichen Lebensformen auf die Dauer zu retten, welche selbst für alle jene Differenzen mit Nußland, die noch gemeinsame europäische Basis für alle europäischen Nationen sind, und deren Kontinuität sich räum lich über das heutige Berlin, TLien, Paris, Rom und London erstreckt, zeitlich aber von ihnen zurückreicht über das Rom der Päpste des Mittelalters bis in das Rom des Julius Cäsar und das Athen des Perikles! Das ist das zweite Fundament für den Glauben an die Gerechtigkeit unserer Sache — und gerade hier, wo es kaum mehr irgend welche gemeinsame Ntaße für die Werte echt russischer und europäischer Ideale^ überhaupt gibt, muß das Work „Glaube" dreimal unterstrichen werden. Natten in dem Narrentanz eines gegenüber seiner Solidarität als mensch liche Lebens- und Kultureiuheit anarchisch gewordenen Haupt- teiles Europas, dessen Nationen nur mehr die eigenen, im Verhältnis zur welthistorischen N^ission Europas winzigen Nationalinteressen kennen und nach ihnen tanzen, stehtDeutsch- laud-Asterreich ruhig da, um mit einem fast erhabenen Sinn für Ordnung und Vernunft, der „einzig Nüchternen unter Trunkenen", möchte man mit dem VZort des Aristoteles von Anaxagoras sagen, Ordnung und Einheit zu schaffen und zu bewirken zwischen den von Pleonexie, Neid, Rache, Haß trunkenen europäischen Genossen und sein Schwert ge zogen gegen die ungeheure N?asse des andrängenden Ostens — ganz ein vernünftiger Richter, ganz ein furchtbarer Krieger, einziger Hort und TLächter europäischer TOürde! Daß Frankreich, daß England es nicht begreifen, daß der Gegen satz Gefamteuropas gegen die russische Expausionsstut, dieseit zwei Jahrhunderten so erfolgreich nach allen Himmels richtungen vordrang, ein Gegensatz ganz anderer Größen ordnung (wenn ich mich eines Bildes aus der Physik be dienen darf) ist als die innereuropäischen Gegensätze, daß beide Völker im Banne des Scheuleders ihrer partikularen Interessen nnd ihres Hasses die Solidarität der westlichen Kultur verraten, das macht ihr sonnenklares weltgeschicht liches Unrecht in diesem Kriege aus! Und wenn, in welchem Maße immer, dabei England den festen Willen in stch trägt, Nnßland nicht zu weit nach Westen vordringen zu lassen, ja sogar heimlich hoffen mag, daß sein unbequemer russischer Konkurrent iu Indien nnd Persten durch Deutsch land geschwächt werden möge: aus das Können, nicht auf das Wollen kommt es an! Der politische Wille eines Staates, hinter dem keine, seinen Zielen angemessene eigene Kraft steckt, ist die Sünde der Sünden und er muß auf die Dauer zuschaudeu werden! Es gib t kein echtes „TLollen" -^hne Könnensbewußtsein; nicht den Namen Wollen, sondern nur deu des „TLüuscheus" verdient ein Streben, dem dieses M^omeut sehlt. Das eben ist die Frevelhaftigkeit jener eng- üschen „Gleichgewichtspolitik", daß ste in einem Medium wie ^r M^uscheugeschichte, wo es keine ,,Berechnung" gibt Und je geben kann nnd dars, nur mit auswärtigen „Krästen" ,,rechnet", „Kräften", die es selbst nicht besttzt, die es auch beim besten Willen nicht lenken kann, da solche Unlenkbar- keit von außen her die „moralische Krast" im Gegensatz zur Mechanisch-physischen geradezu desmiert! Woher hätte Eng land, das seine kriegerischen Instinkte nach Lea's treffender ^schreibuug in einem merkantilen Leben verkümmern ließ, I O 227228 dessen eins? so gewaltiger Adel seit der Nesormbill schon immer mehr an Einfluß verlor und gleichzeitig ganz und gar sich merkantilisierte, auch durch Nachschub reich gewordener Kauslente nnd Blutmischung sich innerlich immer mehr aus löste, denn die kriegerische Krast, woher die militärische Landmacht, die russische Expanstonsstnt zu hemmen, — wenn nicht wir sie von den Grenzen Europas zurückdrängten? Und wie hätte diese Krast ohne uns Frankreich, das dazu nicht ein mal den „frommen Wunsch" Englands gegen eine zu weite Ausdehnung Rußlands nach Westen für sich anführen kann? Es ist eine ungeheure Naivetät, wenn England sich einbildet, es könne sich auch bei einem welthistorischen Gegensatz von dieser Größenordnung mit seiuer Gleichgewichtspolitik durch die Geschichte hmdurchschlängeln, so wie es dies bisher in Zeiten, da die europäischen Staaten durch die Aufgaben ihres inneren nationalen Aufbaues und durch Verfassnngskämpse von aller eigentlichen Europapolitik abgelenkt waren und so viel geringere Konflikte in Frage kamen, getan hat! Diese „Gleichgewichtspolitik" hat, wenn irgend etwas, ihr V5elt- alter hinter sich und ist genau so wie das englische Vorurteil, daß die finanzielle Übermacht (die „letzte N^illion") bei Kriegen entscheide — schon der Balkankrieg hatte den Satz von der entscheidendsten Bedeutung des Geldes völlig wider legt — eigentlich schon seit der Entstehung des modernen abso luten Volkskrieges und dem Verschwinden der nur relativen Kabinettskriege, ein purer Anachronismus. Ein Atavismus aus dem 18. Jahrhundert und seinem mcchanisti>chen Geist! ÄLie weit das Ziel, das in diesem Kriege zum erstenmal klar als das Ziel einer deutschen und europäischen Politik noch von229 Jahrhunderten anflenchtet, — das Ziel, das Rnssentum auch geographisch uach Asien zurückzuwerfen, es vom Schwarzen Meer einmal dauernd zurückzudrängen, die Ostseeprovinzen unserem Staate einzuverleiben, Finnland die ihm gebührende Freiheit zu geben, seine ans Byzanz gerichteten Pläne zu vernichten nud die Balkansiaaten, die bisherige Boheme Europas, zu einer geordneten, von den Inspirationen Ruß lands unabhängigen Staakenwelt zu erziehen, ein selbständiges Polen als Bollwerk zwischen Rußland und TOesienropa zu bilden und so Rußland zu zwingen, auch seinerseits wieder der 2Lest-osibewegnng in seiner Expansionspolitik nach dem Osten zu folgen, — wie weit von diesem gewaltigen Ziel in diesem Kriege auch nur der geringste Bruchteil erreicht wird, — das sieht noch sehr dahiu! TLir glauben — ehrlich gesagt — daß von diesem Ziele gar nichts erreicht wird, daß Erhal tung der Grenzen Deutschlands und nicht zu große Opfer Ästerreichs noch das beste ist, was wir gegen Rußland erreichen können. Aber ein Gruudelemeut unserer dauernden poli tischen Gesinnung wird, muß durch diesen Krieg die dauernde VZacht gegeu Rußlaud werden! Und eben darin zeigt sich lttin gleichzeitig der europäische — und hierdurch vermittelt — der indirekt kosmopolitische Sinn unserer geistigen und poli tischen deutschen Sendung wie unseres geographisch-hisiorischen Schicksals, daß nnr dnrch entschiedenen Sieg über unseren tvesilichen uud nördlichen Feind jene Solidarität Europas, jene dauernde Abstellung seiner inneren Anarchie erreicht werden, und das große oben bezeichnete Ziel in der Folgezeit mit ge- lNeiilsarlien europäischen Krästen auch nnr scharf ins Ange gefaßt werden kann! Denn die wahre Größenordnung diesesGegensatzes wird sich auch in der Zeitdauer erweisen, in der er die TLeltpolitik noch in Altem halten wird! Denn das darf kühn gesagt werden: längst wenn Europas Schulknaben es mit Iltuhe ihrem Gedächtnis einprägen müssen, daß es einst einen „Revanchekrieg" Frankreichs gegen Deutschland gab, längst, wenn die Frage der Verteilung der Seemacht zwischen Deutschland und England dauernd geklärt und das seinem TLesen nach transttorische englische „^Weltreich" mit oder ohne Gewalt in tausend TLinde geweht sein wird, — wird diese Frage noch zu den aktuellsten und brennendsten Fragen der europäischen Politik gehören! Das russtsche Reich ist — trotz aller Revolutiönchen und Revolutionen — von einer ganz anderen Dauerhaftigkeit als dieser englische Koloß auf töner nen Füßen, dieses schon allein an die Fortschritte der Kriegs- technik niemals zu diesen Fortschritten gemäßer marxistischer Anpassung zu bringende englische „Weltreich" — dieser welt historische Anachronismus in der selbst schon auf seinem eigensten Gebiete, dem des TLelthandels, angefangen hatte, ein erstarrender Anachronismus zu werden. Wer aber da hofft, daß der russtsche Riese an seinen inneren politischen Wirren stch langsam verblute, wer hofft, daß die mangelnde Organi- sationskraft der Slaven und ihre geringeren ökonomischen Tugenden und Geschicklichkeiten eine dauernde, mächtige und ohne das Zusammentun aller europäischen Kräfte erfolgreiche Expansionspolitik Rußlands nach Süden, Südwesten, Diesten und Nordwesten ausschließe, ja wer gar, wie jüngst in einem Artikel des Berliner Tageblattes Iastrow, auf einen Zerfall des russischen Reiches in einzelne kleinere selbständige Staaten hofft — der gibt stch jenen ganz groben Täuschungen hin, die 2Z0aus der Anwendung westeuropäischer Maßstäbe auf einen nicht nur unsere Leistungen — auch unsere Maßstäbe und historische Erklärungsarken a priori verneinenden Kulturkreis so oft hervorgehen. Wie unberührbar hak der russische Riese im Lanfe der letzten Jahrhunderte Millionen von Manschen seiner südlichen Expanstonspolitik geopfert; was hak er dabei im Laufe der Zeit alles für stch gewonnen, ganz unvergleich bar einem westlichen Skaake; wie rafch hak er stch gegen alle unsere europäischen Erwartungen aus der ökonomischen Misere erholt, die die Folge des rufstsch-japanischen Krieges war — so daß die Staatsrente in kaum einem Jahr wieder die alte Höhe erreichte nnd die großzügige rnsstjche Agrar politik ihr riesenhaftes Werk errichten konnke! Dazu nehme Man die von keinem europäischen „Individualismus" an gekränkelte Vermehrungstendenz dieser Raste, die allein schon, wenn nicht der Krieg ste aufhält (stehe „Krieg und organisches Leben"), auch über alle europäische Technik und alle Beweglichkeit westeuropäischen Verstandes den Sieg behalten müßte! Und was an Organisationsstnn und -talenk diesem Volkstum mangeln mag — noch wissen wir nicht genau, was hier Jugendlichkeit und Unreife, was dauern der Müngel der „Anlage" ist — das erseht es durch die Huerschöpslichkeit seiuer M"enschenmassen, seine so reichen und vielseitigen Naturschätze, aber noch mehr durch sein > bespiellos starkes, seiner Primitivität entsprechendes Ein heitsgefühl feiner bor allem religiös geeinten Bevölkerung. und wie weit die Autokratie durch deu Fortgang der russische« Revolution usw. eiue Einschränkung erfahren wird oder nicht—das ist gegenüber den genannten Kräften äußerst 2ZIgleichgültig. Selbst bei Fortfall der Autokratie und bei Ein tritt jener unerhörten Verfassungsänderungen, über die der Russe im selben Maße gerne uferlos daher schwätzt und reflek tiert, als er unfähig ist, auch nur innerhalb der jetzigen Ver fassung für das Volk ein kleinstes Positives im freiheitlichen Sinne zu leisten, würde stch die Richtung der äußeren Politik Rußlands und würde stch auch der Kern seiner politischen Seele kaum wesentlich ändern. Denn diese Politik ist alles in allem gesehen volkstümlich von Grund; ste wird zunächst die Auto kratie überall nur stärken. Ja, solange ihr lieben Marxisten eure „ökonomische"Geschichtsauffassung—eine zurascheGene- ralisterung eines kleinen TLinkels letzter europäischer Geschichte, ja eigentlich nur eines Stückchens dieser Geschichte, der Ge schichte Englands auf die ganze D5elt und auch auf die Frage von Rußlands Zukunft und Möglichkeiten anwendet — fo lange werdet ihr freilich auch recht zu behalten scheinen, wenn ihr Rußland für einen „harmlosen Gegner Europas" haltet, der, im Sinne außerdeutscher Marxisten gesprochen, jetzt Frankreich und damit die Sache der „Demokratie" vor dem Untergang durch den „preußischen Militarismus" bewahrt. Aber seht ihr denn nicht, daß diese „ökonomische" Auffassungs form der Geschichte selbst und die Tatsachen, auf die ste stch stützt, selbst nur ein winziges Elementchen eben derjenigen Kultur ist, deren M^acht und Stärke, deren inneres Recht zugleich gegenüber der rnsstsch-slavischen hier gerade in Frage steht? Gerade darnm ist der Krieg hier allein „ultima ra- tio" —, iin strengsten DZortstnn, weil zwischen ^Westeuropa und Rußland alle gemeinsamen historischen Erkläruugs- prinzipien und TLertmaßstäbe, die über die ganz sormale Ge- 2Z2233 schichtsmethodik der Quellenkritik hinausgehen, aufhören. Kein Mensch kann es darnm auch „beweisen", daß es „besser" ist, daß der deutsche Bauer, als daß der russische M^nschik den Boden Brandenburgs pflüge — daß es „besser" ist, den Brüdern in Liebe zu dienen und tatkräftig für sie zu arbeiten als auf dem Berge Athos ein Mönch zu werden und Gott und den eigenen Nabel zu beschauen! Kein Mansch kann es „beweisen", daß es „besser" ist, ein strenges Leben der Ordnung und der Vernunft zu führen, als im Chaos der Gefühle und der Reflexion leidensgenüßlich russisch zu schwelgen, „besser" ein deutscher Staatsbürger als ein „treuer Hnnd" des Zaren zu sein und in jedem Kuß eines Beamten- mantels zu vermeinen, man küsse ein Ende von Gott. Jeder Versuch des Beweises müßte sich gewisser axiomatischer Prämissen bedienen, die die Partei, der gegenüber man „be weist", die der „rnsstsche Mansch" von vornherein ab lehnen müßte. Hier heißt es das Rechte „einsehen" und an seine Mission „glauben" und nur das läßt stch hier „beweisen", daß schließlich dieselben Axiome, die Voraus setzung unserer deutschen politischen und kulturpolitischer: „Beweise" stnd, auch die faktisch anerkannten unserer Feinde im VZesten und Norden uud aller jener europäischen und amerikanischen nenlralen Staaten sind, die jetzt in ihrer Ge sinnung unsere Gegner stnd, da ste unsere europäische, unsere kosmopolitische Mission für Europa gegen Rußland (also auch für sie selber noch) nicht begreifen. „Beweisen" läßt stch hier vor allem also eines: Daß unter all den Jllusioueu, die nicht sowohl (wie man meint) Ursachen als vielmehr Wir kungen des Hasses unserer Feinde uud ihres Gesinnungs-auhanges, nicht etwa Folgen der wahren kriegsgewichtigen Gegensätze sind, — Illusionen, die das Abschneiden unserer Kabel und die große Lügensabrik der ausländischen Presse nicht erst hervorgebracht hak, sondern nur nährt — keine einzige so unsinnig und unbegründet ist, als unseren eventuellen end gültigen Sieg als eine „Niederlage der Demokratie Europas und der ganzen Welk" anzusehen und das Schreckgespens? eines Volks- uud kulturverwüstenden „Militarismus" für diesen Fall an die Wand der europäischen Zukunft zu malen! — Hier ein paar Woorke über die Arten dieses „Hasses" selbst. Das Bild der „Barbaren", „Hunnen" (gerade „Hunnen", wo wir als einzige die alte Huuuentendenz des Ostens be kämpfen!) ist wenigstens auf die romanische Völkerwelt, die stch hier ein Recht auf die Kontinuität des antiken Sprach gebrauches zu haben einbildet, beschränkt. Der Vorwurf geht seiuer Intention nach nicht auf eine abschätzige Beurteilung unserer geistigen Kulturleistungen und unserer persönlichen Geistesbildung, wie gewisse deutsche Verteidigungen ein wenig naiv annehmen, um dann aus „Goethe, Schiller, Kant, Beethoven" hinzuweisen. Er zielt auf gewisse Seiten unserer äußeren Erscheinung aus Reisen und in Gesellschaft, auf welche die feine Empsmdlichkeit der romanischen Sinne so stark und einseitig eingestellt ist; daneben auf gewisse unleug bare deutsche INangel des Ethos der feineren Geselligkeit, wie sie stch z. B. in französischer Herzenshöflichkeit und Liebens würdigkeit, englischem Formsinn und englischer Diskretion äußern. Auch das aus der deutschen Geschichte wohlver ständliche Fehlen eines instinktiven nationalen Geschmacks, der auch dem gemeinen Iüann und Durchschnittsmenschen 2Z4in Fleisch und Blut überging, der ihn ohne sein Verdienst und seine Arbeit aus ein bestimmtes Niveau des Urteils über menschliche, literarische, künstlerische Dinge, der scheidenden Kritik, Wahl und einer wie selbstverständlichen Achtung und Liebe zur eigenen nationalen Kultur erhebt — ein N?angel, der durch geistige Höchstleistuugeu, nach absolutem Maße gemessen, nicht ausgeglichen wird, — ist mit dem ungeeig neten Anödruck „Barbaren" intendiert. N?an mag diesen seit Jahrhunderten wiederkehrenden Vorwurf der Romanen gegen uns Deutsche immer in seine berechtigten Grenzen zurück weisen: Aber ich meine, daß wir genug einzigartige deutsche Vorzüge besitzen, um gewisse Iltängel unseres Wesens zu zugestehen und ihn nicht ganz so hart zu empfinden, als er jetzt meist empfunden wird; zumal dann, wenn diese ^Mängel auch jene Vorzüge in gewissem N^aße bedingen sollten. Der Deutsche lebt nun einmal ein hartes und schweres Leben! TLas mag es gewesen sein, was Schiller zu seiner tiefsinnigen nnd ganz deutschen Definition des Schönen führte — es sei „Freiheit in der Erscheinung", Überwindung dessen, was auch Friedrich Nietzsche den verderblichen ,Meist der Schwere", den bösen Dämon der Deutschen nannte, was Goethe mit dem etymologischen Reiz des TLortes das „Nieder trächtige", „das Nichtige" nannte, über das sich niemand „beklagen" soll? Ach es war die Erfahrung der Deutschheit und eine aus ihr geborene, selbst wieder gerade echt deutsche Sehnsucht nach jener Helle, harmlosen Güte, Froheit, Leicht- heit, Klarheit — nach jenem freien Lächeln eines fchon natür lich, aus sich selbst geformten dahinströmenden Lebens, das die romanischen Länder wie eine^ Natur und Gesellschaft 2Z5236 gleich erfüllende glückvolle Atmosphäre erfüllt; dieselbe Sehn sucht, die den Deutschen immer wieder nach Italien trieb — ganz unabhängig von Italiens Kunst! Und analog im Sittlichen und Kulturellen! Es ist nicht eine ganz so selbstverständliche Entkräftung der uns in diefer Richtung gemachten Vorwürfe, als man meint, wenn wir auf sie immer mit Hinweis aufuufere großen Kulturleistungen antworten: Wir seien das Volk Goethes, Kants, Beethovens! Denn es handelt sich hier mehr um das Sein der Nlenschen als lim die sachliche Leistung, uud zwar um das Sein des N^enschen des Durchschnitts, nicht um das Sein des einzelnen Großen, in dem stch die Dentschheit über alle Leistung hinweg zuweilen zur TLelt einer Persönlichkeit höchsten Stiles zu sammenschließt; mehr auch um das Sein, das in der lebendigen Berührung der Geselligkeit stch bildet, als um das einsameSein der Seele vor dem Gewissen und vor Gott! Em wohltätiger Strom von allgemeiner Gunst und Güte — wenn auch durch aus uicht des tieferen Herzens und der „Gestnmmg" im deut schen Wortstnne — so doch von Ausdruck und sichtbarer, hör- und spürbarer Bewegung trägt in den romanischen Ländern das Bestreben jedes Einzelnen und stellt Bega bung und Talent mit einer fast automatischen inneren Logik auf den ihnen gebührenden Platz. Bei uns geht alles das, was die naturhaste Schwere der arbeitenden NTenge und deu Schematismus und die Enge des Beamtentums über windet, — alles, was stch zn irgendeiner höheren Lebensform emporringt, erst aus dem Kampfe gegen diese niederziehenden Ncächte hervor; und erst als Leidender wird der Deutsche meist bedeutend! Er selbst wie seine Leistung werden dann freilich ge-prägter, sie werden größer und herrlicher als bei den Romanen; sie wachsen unter Umständen zu gigantischer Erhabenheit und zmn Heldentum des ^Märtyrers auf. Oft gibt man aber auch mit großen Geisteögabeu bloß nach außen eine ungeheure Leistung ab, ohne dabei im Innern uud als Ganzer zn wachsen und sich wahrhaft zu „bilden"! Und analog dazu gibt es eine sowohl jenseits der „Pflicht" als der lieferen, zentraleren „Liebe" liegende moralische Schicht von Eigenschaften, als da sind „Zuvorkommenheit", „Loyalität", „Ritterlichkeit", „Freundlichkeit", „Gunst", „Takt des Herzens", „Dis kretion", menschliche Milde — deren Segen wir so häufig im deutschen Leben vermissen. Aber ich frage: N^uß es denn ewig dabei bleiben, daß diese beiden TLesenszüge sich uur abstoßen; daß man sich die I^an- gel hier und dort nur vorwirft uud das beiderseitige Positive übersieht? Gibt es gerade hier nicht fo etwas wie harmo nische Ergänzung zum „guteu Europäer" und Freude an dieser Ergänzung? 2Ler dies verneinen wollte, dem kann eine Tat sache aufgezeigt werden, die — wenn auch nur en nüniature — wenigstens die M^öglichkeit solcher Ergänzung zwischen Germanischem und Romanischem zeigt: Es ist die tiefere Durchdringung uud das Verstehen norddeutsch-preußischen und süddeutschen TLesens in unserem Lande selbst, die dieser Krieg — wie irrten unsere Feinde auch hier! — nicht ver hindern, sondern noch gewaltig steigern wird. 2Äir Süddeutj che und die Südwestdentschen wissen es natürlich sehr gut, daß die ungeheure Abneigung fast der ganzen Welt, die heute deut sches Wesen trifft, sich durchaus nicht primär gegen uns richtet, fondern vielmehr gegen das spezifisch „Preußische" 2Z7— auf uns aber nur mit überströmt. Und wir haben hier gelitten und wir leiden wahrhaft nicht weniger an eben derselben Gruppe von Charakterzügen des Preußeutums, welche die Abneigung des besonders romanischen Auslandes jetzt gegen das „Deutsche" überhaupt hervorruft. Aber gleiche wohl gerne und willig nehmen wir diefe Abneigung auch auf unsere Schultern, und wir wären tief unglücklich, wenn wir sie nicht mit unseren preußischen deutschen Brüdern mit tragen und mitverantworten dürften! Denn wir haben durch unsere Geschichte gelernt, etwas von unabänderlicher, aber eben darum entrüstungs- und tadelsfreier Tragik darin zu er kennen, daß eben die Eigenschaften des Preußeutums, durch die es allein von allen deutschen Völkern und Stämmen der staatliche und militärische Bildner und Führer uuferesDeutfch- laud werden konnte, — Pstichtgedanke, Schlichtheit, Pünkt lichkeit, Organisationsgeist usw. — mit jenen anderen Eigen schaften, die uns fremd stnd und uns leiden machen, fo unsag bar tief aueiuauder gekuüpft stnd, daß eben vor der Erkenntnis diefer tragischen W^escnsverkuüpfung auch die Härte des Leidens zergeht uud zu jeuer echtesten, realistischen klassischen nnromantischen Liebe einer guten Ehe wird, die ihren Gegen stand mit seinen Fehlern liebt — da sie feinen TLefenskern liebt, aus dem sie Fehler wie Tüchtigkeiten mit gleicher Notwendigkeit hervorstießen steht. Uud nun frage ich: N^öchte uicht einmal im großen innerhalb der größeren Völkerfamilie des kontinentalen TLesteuropa sich ebeu derselbe oder ein analoger Prozeß der Verständigung vollziehen, der feit 1870 in Deutschland abgelaufen ist: fo daß diefes kon tinentale Europa iu Deutschland zuerst seinen festen Schutz 2Z8und Schirm und seinen militärischen Führer und Einheits bildner gegen den drängenden Listen sähe und achtete, ein TLesen in ihm achtete, das schon darum härter gefügt und härter gepanzert sein und bis ins bürgerliche Leben hinein noch also auch einherschreiten muß als glücklichere Völker, denen ein blaues sonniges Nteer das Gefühl der Freiheit und Leichtheit gibt und denen es zugleich die Notwendigkeit von Befestigungen und Rüstungen in höherem Iltaße abnimmt. Europa wird noch einmal in der Bewunderung der Größe des deutschen kulturbildenden Geistes — die ja auch jetzt nur momentan durch die Leidenschaften des Krieges verdeckt ist — die Doppeltheit jener tragischen Verwebungen erkennen und als solche empfinden, die bei Romanen Glück, Heiterkeit, Schön heit, Helle, Liebenswürdigkeit, organische Kulturtradition mit dem Fehlen absoluter Höchstleistungen und absoluter Person größe, bei uns Deutschen aber ein schweres, so leicht in die Tiefe uud ius Mafseuhafte niederziehendes Leben mit oben genannten ,,schwierigen" Eigenschaften, aber auch mit Er habenheit von Iltenfch und Leistung eingegangen haben. Und verletzten die romanischen Völker nicht ihr eigenes, jetzt so sehr von ihnen in Anspruch genommenes Lebensgesetz der Urbanität und Humanität, wenn ste gegen den Deutschen, der mehr leistet uud leidet als ste, zuweilen mehr ist als ihre ^enieu, so gar nichts von jenem großen menschlichen Ncit- gefühl aufbringe« können, das ste uns nur absprechen, weil es I^ch welliger unmittelbar und weniger schön und „liebens würdig" zu äußern vermag? Ich meinerseits hoffe es nicht "ur, ich glaube es aus tiefster Seele, daß stch in Zukunft noch eine eigenartige Gefühlsmischuug — auf beiden Seiten sehr 2Z9verschieden — aber doch sich in ergäuzungsbedürstiger und er- gänznngsfroher Liebe und Achtung deckend, einstellen wird, die allen jetzigen Haß, die auch den Vorwurf des „Barbaren tums" in sich begraben wird. Es wäre undelikat, diese ^Mischungen in ÄNorke zu kleiden — hier sind die ÄLorte zu roh! Nür dies: VZie das frohe Lachen über das Komische in einer Erscheinung die Bitterkeit und Kälte der satirischen Empfindung löst, so löst die Erkenntnis der unabänderlichen Tragik einer Verkuotuug guter und schlechter Eigenschaften, auch das Brennen des Schmerzes über die schlechten! Je mehr wir hüben und drüben unsere guten und schlechten Eigen schaften komistziereu und tragistzieren werden, die guten frei bewundern lernen, die Verbindung der schwereren, schlechten aber mit ihnen als tragischen Tribut an die menschliche Enge, die leichteren als „komisch" zu empfinden vermögen, desto freier und fruchtbaren werden wir uns gegenseitig das Leben machen — und desto mehr Aussteht gewinnt auch die europäisch- kontinentale politische Solidarität! Ganz anders steht es mit dem Vorwurf des allgefräßigen deutschen „Iltilitarismus" und der prinzipiellen Gefährlich keit unseres Sieges „für die Demokratie der ganzen TLelt", mit dem unsere Feinde jetzt ihr höheres Recht zu erhärten suchen. Dieser Vorwurf ist weit mehr noch englischer und amerikanischer Herkunft als romanischer! Es heißt wahrlich frechen Spott der schwersten Notlage eines Volkes hinzufügen, wenn man uns unsere Rüstun gen nach dieser jahrelangen Einkreisnngspolitik und ihren Früchten noch vorzuwerfen wagt. Ja, — zu einer Stunde die Rede wagt, es müsse das deutsche Volk selbst „aus seinem 2^0Panzer" „zu seinem eigenen Heile" gelöst werden, da selbst die streng antimilitaristischen und republikanisch denkenden Kreise dieses Volkes stch von der übermächtigen Gewalt der Logik der Tatsachen überzeugen ließen, daß diese Rüstungen — wenigstens unter der Gesamtsituatiou Europas vor dem Kriege — notwendig waren. Dieser Vorwurf ist nicht, wenigstens halbverständlich wie jeuer der „Barbaren" er ist von jener paradoxen Unverschämtheit, die fast schon 2 priori seine englische Herkunft bezeugt. Aber seheu wir einmal ab von den^in deu längst sichtbar gewesenen Tendenzen der Ein- kreisnngspolitik gelegenen spezifischen Ursachen zu dem auf die Dauer für alle europäischen Nationen in der Tat uner träglichen Rüstungösieber der letzten Jahre, blicken wir auf den „Nlilitarisinns" als dauernde Einrichtung auch nach dem Kriege, fo gibt gerade dieser Krieg für seine Not wendigkeit und seine» Siuu einen ganz neuen Aufschluß; aber auch für die Richtung feiner Erhaltung und Fortent wicklung eine ganz neue Gewähr. Hätte der deutsche,,N^i- litarismus" als bloßer zweckfreier Ausdruck, als Seinsgeste jener bestimmten Lebensform einer Gemeinschaft, in der sich der höhere Rang der Vierte des „Edlen" (des über die DZerte des Nützlichen nnd Angenehmen, der Ehre über den vorteil, der N^acht über Interesse und Gewalt bekundet und allem Volke, ja der ganzen moralischen TLelt sichtbar, sühlbar, greifbar wird; hätte er weiter als das festeste Boll werk gegen die Überstutuug durch den kapitalistischen Geist, durch Ressentimentmoral nnd Pleonexie, auch keinerlei^, von seinem politischen Zwecke unabhängige und allen „Zwecken" borgeordnete Bedeutung; wären selbst alle innerwestenro-päischen Rüstungsmotive einmal dauernd ausgeschaltet, gäbe es so etwas wie die „Vereinigten Staaten ^Westeuropas", so würde ganz allein die Vormachtstellung Deutschlands in VZesteuropa gegen die ostwestliche Bewegung den „Mili tarismus" dauernd notwendig machen — notwendig auch zugunsten derjenigen Völker, die heute das deutsche Volk von ihm „erlösen" wollen. Den deutschen Militarismus vernichten, das hieße Europa gegen Rußland und gegen den Druck der mongolischen Horden abrüsten, hieße die Fahne aller sreien höchsten Kultur, deren Basts Europa war und ist, Europa entreißen und dauernd Amerika über lassen. Können unseren „Militarismus" unsere Nachbar völker sürderhin nur begreifen als „tragische" Notwendig keit, als ein Opfer an Lebensleichtigkeit und -freiheit, das Deutschland seiner^, ihm durch seine Lage und durch sein inneres TLesen erteilten Iltisston schuldet und bringen muß, — so mögen sie dies; aber dies ist auch das Minimum, was sie auch müssen! Und die „Demokratie der Welt"! Gibt es eine ehrliche Solidarität innerhalb der„Demokratie der VZelt", —die auch wir, das 5Wort richtig verstanden, ausHerzeusgruud bejahen, — so müßte schon aus diesem Grunde die Erhaltung des deutschen Militarismus einer ihrer fundamentalsten Grundsätze sein. Und für die deutsche Demokratie, in der das Bild eines Krieges gegen Rußland bis zu August Bebel stets populär war, gilt jedenfalls, daß durch diese» Krieg ihr diese Not wendigkeit des deutschen Ncilitarismus auch für die Dauer klar und hell geworden ist. Denn die Sicht auf noch jahr hundertelange Kämpfe gegen die ostwestliche Bewegung ist durch diesen Krieg nicht mehr — wie vorher — eine Einsicht 2^2243 einzelner politischer Köpfe, sondern sie wurde und wird nun mehr zu einem Gemeingut der politischen Bildung aller deutscher Parteien werden. Es kann also nur die Frage sein, welche Umformung der „Militarismus" eben durch diese ganz neue Tatfache, daß die deutsche Demokratie seine Not wendigkeit einzusehen beginnt, mit zu erleiden habe und welche Aussichten eine solche Umformung besitze. Denn dies ist klar: Kommt wirklich — wie wir hoffen — auch nach dem Kriege die deutsche Demokratie zum Militarismus, fo muß auch der Militarismus zur deutschen Demokratie kommen! Das Wort „Militarismus" bedeutet ja uuu freilich noch etwas ganz anderes als das Vorhandenfein eines starken, schlagkräftigen, vom Kaiser allein geleiteten Heeres. Es be deutet — besonders in Preußen — die Tatsache, daß der innere Aufbau des Heeres und feine fpezisifche Berufsmoral auch das formale Strukturvorbild für die gefamte außer- militärifche Gesellschaft, und hier vor allem für den Aufbau uud die Wirksamkeit der gesamten Kräfte ist, die aus des deutschen Volkes Fülle heraus die Talente nnd Begabungen auswählt, uln sie den notwendigen Aufgabe» des geistigen und materiellen Volksbedarfs zuzuführen. Das Wort „5Mili- karisnuis" bedenket vor allem auch, daß die zivile Beamten schaft militärförmig aufgebaut ist (Militärauwärtertum "fw.), und häusig iu einem analogen autoritativen und sche matisierenden Geist ihre Befugnisse auffaßt, als er relativ im VZese,, jeder Armeedifziplin liegt; dazn aber mit einem dem ^fsizier nachgeahmten Kommaudotou ihre Pflichten erfüllt, aljo in Geiste, der im deutschen Heere durch jedes Heeres wichtigstes sittliches Fundament, die Disziplin, und244 durch seinen Zweck jedenfalls unbedingt notwendig ist. Dieser „Militarismus", nicht des Militärs, sondern des Zivils ist eine nachschleppende Tradition des Vorreichsdeutschen preußi schen Beamteusiaates — weit hinaus über seinen ursprüng lichen Sinn und seine ursprüngliche Zweckmäßigkeit. Dieser „Militarismus", verbunden mit der politischen Einsluß- lostgkeit der Volksvertretung des Deutschen Reiches, die einfach schon den notwendigen Auöwahlsaktoreu der geistigen Krästefülle eines großen Volkes zwecks Hervorhebung der besten Kräfte widerstreitet, — dieser „Militarismus", der Begabun gen und Kräfte mit einer häustg ebenso großen Sicherheit da- hinmäht, mit der die Armee wenigstens die Tendenz hak, sie innerhalb ihres Raumes, zu den ihnen würdigen Aufgaben gelangen zu lassen, und der höchstenfalls alle höheren Talente und Begabungen in das private TLirtschaftsleben hineindrängt und von der Realisierung aller überindividuellen Vierte ab drängt, dadurch aber den „kapitalistischen Geist" maßlos stei gert, — diesen „Militarismus" nach dem Kriege dauernd zu beseitigen, das wird eine Hauptaufgabe derjenigen starken, mächtigen deutschen Demokratie sein, welche die Notwendig keit des einzig guten Militarismus — des M ilitarismusdes Militärs begriffen Hat./Äiese Aufgabe wird sie aber auck> nur dann lösen können, wenn sie auf Grund des oben genannten nenen Gemeingutes politischer Bildung mit dem Militaris mus im anderen Sinne, — als starke Heeresorganisation — resolut Frieden schließt. Erstes Erfordernis aber für die Be seitigung des falschen Militarismus ist es dann für ste, daß sie das verderbliche „militaristische Vorurteil", das im Glanben au die notwendige Stilidentität des Aufbaues der Heeres-245 organisation mit der Zivilverwaltung eines Staates — hüben wie drüben, bei ^Militaristen wie Antimilitarismen seine letzte Wurzel hat, resolut ausgibt und dieses Vorurteil nicht gerade dadurch auerkennt und neu besiegelt, daß sie auch eine Demo kratisierung der Heeresverwaltung, d. h. eine unberechtigte und dem historischen LLesen des deutschen Heeres wider sprechende Verminderung oder Einschränkung der Armee- geivalt des deutschen Kaisers und seiner ivahrhaft mehr als „wohlerworbenen" Rechte aus die alleinige Leitung des Heeres fordert. Das neue Vertrauen, das durch diesen Krieg — wie immer er aussalle — zwischen Kaiser und Volk, zwischen den Führern nud dem gemeinen Soldaten gerade in Hinsicht aus die Armee so einzigartig geknüpst wurde und in jeder Sekunde sich steigert, dars von Niemand, von keiner Partei nach dem Kriege mißachtet werden. Über die nähere Durch führung dieser großen Ausgabe mag man verschiedener Rai nung sein. Es soll hier mit Absicht keine aktuelle Poli tik getrieben werden. Aber soviel sollte selbst unseren Feinden klar sein: Das deutsche Reich ist seiner Natur nach historisch eine demokratische Schöpfung gegenüber dem konservativen und dynastischen Geiste der Einzelstaaten. Keinerlei Einzel heiten vermögen diese große historische Tatsache zu erschüttern. Äaß es den demokratischen Ausbau nicht fand, ferner daß lein moralisches Gewicht gegenüber den Einzelstaaren und besonders gegen Prenßen nicht in dem Maße zunahm, in dein es seiner geschichtlichen TLurzel und seinem Wesen entsprochen hätte, das war allem voran die Folge der — "n falschen Sinne — antimilitaristischen Haltung des größten Teiles seiner bisherigen Demokratie samt den5 vielen englischen Krankheiken der geistigen und theoretischen Grundlagen derselben Demokratie, von denen schon im ersten Teile die Rede war. Wie unsere „Alldeutschen" die Affen des englischen Egoismus und „Imperialismus" wurden und ihrer Deutschheit eben darin am meisten vergaßen, wo ste diese suchten und zu steigern meinten, so wurden unsere Anti- militaristen die Affen der englischen Lehre, daß das stehende, zentralgeleitete Heer mit allgemeiner Dienstpflicht „eine stän dige Gefahr für die politische Freiheit eines Staates" und die echte Demokratie sei. Vorstellungen über das Verhältnis von Heer und Volk kamen so oft auf beiden gegnerischen Seiten zur Verbreitung, die dem vornapoleonischen Zeitalter der Kabinettskrise entsprachen, — wo das Heer nur Werk zeug der Regierung war — nicht aber dem modernen konti nentalen Volksheer mit absolutem Kriegszweck als welches stets und schon von seiner Verwurzelung in dem Revolutions heer aus eine „demokratische" Einrichtung war und sein wird. Auch das verderbliche „militaristische Vorurteil" in oben definiertem Sinne, konnte aus Seiten der regierenden Kreise eben dadurch gar nicht fallen, da es auf Seiten des größten, Teiles unserer Demokratie ja ganz und gar geteilt und unter schrieben wurde. Denn auch jede entschlossene Preisgabe des Geistes des alten preußischen Beamtenstaates mußte so als Beraubung der auf seiten der Regierung klar erkannten Not wendigkeit einer starken militärischen Rüstung erscheinen. Die tiefen, steigenden Gegensätze zwischen Ncilitär- und Zivil gewalt, welche die letzten Jahre, nicht nur im Falle „Zabern", aufgewiesen haben, die unverwischbare feste Tatsache, daß in allen Hauptfragen äußerer Politik, besonders in Hinstcht auf 2^6247 England (stehe Bernhardts Buch) unsere militärischen Poli tiker so gewaltig viel weiter und tiefer sahen, als die Zivil leitung uuserer anßerpolitischen Angelegenheiten und unsere so fragwürdig gewordene Diplomatie, — Abrechnungen großen Stils mit diesen Übeln werden nach dem Kriege nicht ausbleiben — die neue natürliche mnere Gefühlsgemeinschaft, die diefer Krieg zwischen militärischen Führern und uujerer auf den Schlachtfeldern kämpfenden demokratischen Jugend heraus bilden wird — alle diese Kräfte wird eine wohlberatene De mokratie in Zukuust klug zu verwerten verstehen. Die Neu- gebnrt aber des Reichögedankens und feiner innersten demokra tischen Kraft durch einen Sieg im Deutschen Kriege und das TLachstum der Innigkeit in der Zusammengehörigkeit der nördlichen und südlichen von Haufe aus demokratischeren ^.eile Deutschlands, müssen im Gegensatze zur Meinung unferer Feinde, gerade auch die Demokratie fördern und damit auch diese ihre große Aufgabe. Die besondere Komik der Tatsachen, daß uns dieser Vorwurf der Autidemokratie von einem Lande gemacht wird, das wie England seit langem eine ungeheure Kristg seiner Demokratie und seiner gesamten inneren Ver fassung überhaupt erlebt, von einem Lande, dessen Demokratie stch noch vor kurzem als so völlig unfähig zur Ordnung des Kohlenstreiks und der drängenden irischen Frage erwiesen hat, daß diese Tatsache selbst ans den Zeitpunkt der Kriegserklä rung nicht ohne Einslnß blieb; von einem anderen Lande aber, das seit Jahrzehnten nach dem Urteil aller seiner Kenner die Tendenz hat, von einer demokratischen in eine aristokratische Republik überzugehen (den Vereinigten Staaten) und gar noch von einem dritten (Frankreich), dessen „Demokratie" es248 nicht einmal verhindern konnte, daß der Staat gegen den Gemeniwilleu des französischen Volkes in einen Krieg gestürzt wurde, der das größte Nationalunglück seiner ganzen Ge schichte darstellt, dies sei hier nur beiläufig erwähnt. — Doch zurück zu unserer östlichen Iltifston! Wie wäre es denn, wenn ivir — besiegt— diese europäische N^isstou gegen den andrängenden Osten dauernd nicht erfüllen könnten und auch England nicht für uns als Vormacht Europas gegen die östliche Flut eiutreteu könnte? Ich habe ein Gestcht, das graustgste, das sich die Phantasie, nur ersinnen kanu. Diese herrliche Erdkugel schließlich auf geteilt in drei große Reiche: in ein großes mongolisches Reich linker Japans Führung und unter Japans Devise „Asten für Asten"; in ein über den VZesten expandiertes russisches Reich, in das sich vielleicht europäische Kulturdinge, nicht ste frei schaffende Kulturkräfte noch hiueinrekten könnten, und ein mehr oder weniger mechanisiertes Amerika, das ohne das europäische Vorbild und ohne Europas ewig mahnendes Ge wissen, sich allein seinen spezistschen, nur allzu „spezifischen" Begabungen überließe! England höchstens politisch freier Dienstbote eines rusststzierten Europas! Deutschland, Frank reich und Italien politisch und kulturell gelähmt und auf Stufen eines Spaniens herabgedrückt. Wo ist die Schönheit noch, wo die Form, wo der Geist, wo das höhere Leben noch in solcher IÄelt? Wo etwas, das berufen wäre, die großen Traditionen der allen N^ittelmeer- kultur und des Christentums der Tat und der Liebe fortzu führen? Der Anfang und das Ende der Barbarei, die zwei streng komplementären Formen aller echten und wahren Bar-barei, eine, die individuelle Seele für nichts achtende autori- tativ-cäsaropapistische oder aber eine gleichwertige N?assen- herrfchaft von Slavenhorden und Gelben und eine für diese Seele nicht minder tötliche hyperzivilisterte Allmechani- sternng des Lebens. — Beides sich teilend über die Erde! Hier Freunde laßt uns das Haupt verhüllen! Ich sehe ein anderes Gesicht: ein siegendes Deutschland- Österreich und ein Europa, dessen Kontinentalmächte sich wahr haft geeinigt haben, das endlich in sich gegangen ist und seine So lidarität gegen den Osten unter deutscher militärischer Führung begriffen hat. Ein Europa, in dem die reichen, einzigartigen Anlagen seiner Volksindividualitäten einträchtig nnd sich er gänzend, — die großen Überlieferungen der großen Ntittel- Meerkultur bewahrend — zum Aufbau eiuer Kultur der Frei heit, des Geistes und der Individualität zusammenwirken; ein Europa, das englisch-amerikanischen Kapitalismus und dazugehörige calvinistisch-puritanische Verödung der Christ- ^ichkeit aus seinem Blute wie eiu fremdes Gift ausscheidet und gleichzeitig die ost-westliche Expausionsbewegung in eine West- östliche wieder znrückwandelk. Ich verneine das erste Gesicht unbedingt! Ich bejahe das Zweite Gesicht unbedingt! —geistige Einheit Europas und ihre politische Forderung"253 it diesem tieferen wirtschaftlichen und politischen Solidaritätsbewußtsein würde aber Westeuropa nur eine präzisere Formgestaltung dessen ge winnen, was es kulturell längst schon ist. Es würde gleich zeitig die Einsicht an Macht und Ausbreitung wachsen, die heute noch eine Einsicht ganz weniger ist: Daß es über den europäischen Nationen, aber völlig unabhängig von den for malen internationalen Interessen und Institutionen einen festen europäischen M^enfchen- und Kulturtypus gibt einen „gnten Europäer"! Alle Urteile über Geschichte, Politik, Wirtschaft, Kultur leiden ja unsagbar daran, daß unser Denken immer noch unter dem ganz primitiven Kategorieugegeufatz von „Natio nalismus" und „Internationalismus" dahiuläuft dieser bloßen Negation des Nationalen — oder „Kosmopolitismus", ein Begriff, der feine Herkunft ans einem Zusammenhang geistiger Interessen und geistiger Kongenialität fo deutlich verrät, wie der Begriss des „Internationalen" feine Herkunft aus der Sphäre der industriellen Arbeit und der TLertsphäre des „Nutzens". Denn durch das ausschließliche Denken in diesen Gegensätzen wird die Tatsache und Idee eiuer europäischen Kultnrgemeinschaft völlig unterdrückt, und wir wer den zwischen einem engen chauvinistischen Nationalismus oder "Imperialismus" uud einem leeren, nivellierenden Inter-254 Nationalismus oder Kosmopolitismus geistig hin und her ge rissen: Ideen, die beide die innere Lage nicht auszudrucken vermögen, welche wir innerhalb der Gliederung der Erdbevöl- kerung faktisch einnehmen. Schauen wir aber dann über die geistigen und politischen Grenzen unserer Nation hinaus — so meinen wir schon in eine Sphäre der „Welt", der „Welt literatur", der „Weltwirtschast", „VZeltpolitik" usw. zu blicken, während wir doch faktisch alle dabei, Deutsche, Fran zosen, Italiener usw. die „TLelt" noch durch die sehr be stimmte Struktur des europäischen Geistes hindurch gewahren, — neben der noch völlig verschiedene Strukturen existieren. Was wir faktisch gewahren, ist dann meist nur die Euro päerwelt. In Wirklichkeit entspricht das ausschließliche Denken in diesen Kategorien ebenso sehr einer völlig überwundenen Stufe unseres ^Wissens vom N^enschen, als einer völlig überwun denen Stufe unserer historischen Lebenserfahrung. Diese Denkart ist zunächst ein Ballast, den wir mitschleppen ans den Zeiten, da stch die modernen europäischen Nationen lang sam gegen Realität und Idee eines Kaiser- und Papsttums mit universalen NIachtansprüchen erhoben haben. Die so genannte „Universalität" dieser Ansprüche aber war im Grunde mehr eine Folge der selbstverständlich gewordenen Einschränkung des Gesichtskreises, in dem man die faktische Erdbevölkerung und ihre Geistesarten begriff, als ein ernster aus das Ganze der Erde („Universum") gerichteter TLille zur Herrschaft. Sie war vor allem eine Folge der Einschränkung auf den „Orkiz terrzrum" der Alten, der stch zur wirklichen Erde etwa fo verhielt, wie der astronomische Kosmos des255 Aristoteles mit seinen Schalen zur Welt des Kopernikns und G. Bruno. Selbst die Kreuzzüge, in denen das Reich über den Orkis hinauszufchauen begann, waren nicht eigentlich Eroberungskriege, die stch auf den Anspruch der „Universali tät" stützten, sondern Verteidigungskriege des Kreuzes und Sehnen nach dem Grab des Herrn. Und will etwa ernstlich — nicht aus dem Papier — der römische Papst, in dem stch dieser alte Anspruch heute am stärksten forterbt, den Mikado und den Dalai Lama ersetzen? Die geistige Korrelatidee zum römischen Imperialismus, der in Papsttum und Kaisertum fortlebte, fchon vorher zerbrochen in oströmifches und west römisches Kaisertum und den tiefen Gegensatz byzantinischer und westlicher Religiosität und Kirche — war der von den Stoikern geschaffene Begriff des „Kosmopolitismns", der im Grnnde die Völker nnd ihr Leben nie umfassen, fondern nur eine übernationale GeisteSgemeinschast der geistig-freien und kulturfchöpferischeu M^inoritäten bezeichnen sollte: Ein stch die Hand reichen der „freien Geister", hinweg nicht nur über den Raum, fondern auch über die Zeit und Geschichte. Aber auch dieser „Kosmopolitismus" blieb in den Grenzen der Spannweite des alten Imperiumsgedankens und des Orkis. Niemand dachte dabei — auch in weit späterem Gebrauch ernstlich an die Geistesführer der Azteken, an die N^edizin- Männer und Priester der Neger, kaum noch an Konfntfe "ud Buddha. Und diesen Faktizitäten entsprach ziemlich genau eine bestimmte Stufe der Erkenntnis des „Manschen" hinsichtlich feiner Einheitsform, die trotz allem inhaltlichen ^^echfel bestehen blieb bis zur Hochblüte z. B. der deutschen Literatur, Philosophie und Wisseufchaft im Anfang des256 19- Jahrhunderts; eine Stufe, die nicht nur Lessing, Goethe, Schiller, Wilhelm von Humboldt, sondern selbst so genaue Kenner der Völkerwelt wie Alexander von Humboldt imd Immanuel Kant, Herder und Hegel noch mitumsaßt. Iltan darf ruhig sagen: Von der Erzählung der Genesis des Alten Testamentes an, nach der die N?enschheit von einem Paare und von einem Orte der Erde, dem Paradiese, abstammt, bis zu den erleuchteten Vertretern dieser unserer „Hnmanitätsepoche" stndet stch in diesem Punkte kein wesentlicher Unterschied. VÄe sehr selbst A. von Humboldts Denken hier weniger durch die Tatsachen als durch ein Vorurteil — fast einen VZunsch seines Zeitalters bestimmt ist, zeigt die Äußerung, er wolle am Iltonogenismus festhalten ,,um der unerfreulichen Annahme von höheren und niederen Menschenrassen zu wider streben". Herders Humauitätsidee ist überall von der An nahme einer Gemeinsamkeit aller menschlichen Rassen und Gruppen in der intellektuellen und sittlichen Naturanlage, wie von der weiteren Annahme des einheitlichen Ursprungs des Menschengeschlechts geleitet; auch geistig sind ihm „der N^enschensresser in Neuseeland und Fenelon, der verworfene Pescheräh und Newton Geschöpfe einer und derselben Gat tung". Für Lessing, Schiller, Goethe, W. von Humboldt ist die Idee des „Allgemeinmenschlichen", — halb die Idee einer faktischen gemeinsamen Berührbarkeit aller N?enschen durch die höchsten TLerte von Leben, Erkenntnis, Kuust, halb die Idee eines idealen Ncaßes, durch das die faktischen Renschen uud TLerke selbst gemesseu werden sollen — ein mit stärksten positiven TLertgefühlen betonter Begriff. Immanuel Kant, obzwar er in seiner Anthropologie von den Zeitgenossen wohl den^ 257 tiefsten Begriff sowohl der Rassengegensätze als der National gegensätze besitzt, legt doch seiner gesamten Erkenntnistheorie die Idee einer einheitlichen intellektuellen Organisation des Nienschen als erforschbares Objekt zugrunde nnd spricht aus drücklich die Anschammgsformen von Raum und Zeit — bei den Verstaudesformen sieht es anders — dem N?enschen Menschen bei. Selbst wo man im Urteil der Theorie über die Grenze dieser Anschauung hinauszugehen scheint, bleibt doch für Anschauung und Gefühl und besonders für alle historisch-politischen Einstellungen die Überzeugung von einer einheitlichen, geistigen, spezifischen Gesetzmäßigkeit der Nten- schennatnr und deren Unwandelbarkeit ebenso fest bestehen, wie die Lehre von ihrem einheitlichen Ursprung. Die Geschichts- philosophen der Jeit, Herder, I. G. Fichte, Hegel, aber auch ihre positivistischen Gegner der Franzose A. Comte, der Eng länder Buckle und ihre Schüler stellen „Entwickeluugsziele", resp. ,,Stadiengesetze" der Iltenschheitsentsaltung auf, von denen es znm Teil schon L. von Ranke'" offensichtlich war, daß st? auch da, wo ste überhaupt Außereuropäisches heran ziehen — was selbst mir iu sehr engen Grenzen des N^aterials geschieht — ans die naivste VZeise europäische, ja zum Teil nur modern nordeuropäische Ideen und Rhythmen der histo rischen Abfolge auf jenes fremde Ncaterial konstruktiv über kragen. Die europäische Unruhe der Arbeit und der Seele, eme an ganz einzelnen, engen Sachgebieten, Wissenschaft, ^echnik^ Staatsverfassungen nsw. (und diese wieder nur be- Ichräukt auf das moderue Europa) abstrahierte Idee des nienschlichen „Fortschrittes", werden ebenso auf feiten der idealistisch^ von I. Kant bis Fichte nnd Hegel wesentlich258 von der Idee der politischen Freiheit geleiteten, wie auf seiten der positivistischen, von den Ideen des Fortschritts von exakter Wissenschaft und Technik bestimmten Lehre auf die außer europäische 2Lelt fälschlich übertragen. Die Fortschritts lehre unseres Durchschnittsliberalismus stammt noch aus dieser Zeit. Tritt aber nun neben diese alten universalistisch- humanistischen Ideen mit kosmopolitischem Geltungsauspruch und doch nur faktisch europäischem Inhalt — freilich einem europäischen Inhalt, der um so vager und undeutlicher ist, als er doch als bloßeuropäisch nicht erkanut wird — eine andere, gegen das 18. Jahrhundert neue geistige Einheits form, so ist es ausschließlich die Einheit der Nation (oder wie bei Herder des naturgegebenen „Volkes"). — Dies ist ja bei der ganz einseitigen Beschäftigung der euro päischen Völker im 19. Jahrhundert mit ihren inneren, nationalen Verfassungsangelegenheiten und dem neuen Hoch gang der nationalen Wullen in Rußland, Deutschland, Ita lien gegen Napoleons praktisch-politische Wiederaufnahme der alten Imperiumsidee auch wohl begreiflich. In diefe Lage der Dinge aber ist zunächst durch die mit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts beginnende gewaltige Erweiterung der Weltwirtschaft, der Folge der gesteigerten Kommnuikationstechnik, uud den stch an schließenden Austausch geistiger Erzeugnisse, Lehren und Lehr kräften eine erhebliche Bresche geschlagen worden. TLährend früher unsere Kenntnis außereuropäischen Viesens auf die Beobachtungen und ^Mitteilungen einzelner Reisender und M^isstouare, sür China uud Tibet z. B. der Jesuiten be schränkt war, lernten stch mm die europäischen und außer-europäischen Völker selbst in Handel und Wandel, in Ge schäft und Lebenspraxis kennen. Und gerade der Prozeß, den man fälschlich die „Enropäisiernng" der fremden Rassen und Völker genannt hak, d. h. die Übernahme der Wissen schaften, der Technik, der kapitalistischen N^ethoden, gewisser europäischer Rechtsformen (z. B. Japans neues, unserem Bürgerlichen Gesetzbuch nachgebildetes Recht) lief überall an scharf laufende Grenzen auf, die zwischen der dauernden Geistesart des Europäers nnd des ^Mongolen, des Negers, der osmanischen Welt nnd des Weißen Asiens bestehen. Gerade die formale InterNationalisierung gewisser Institute (Konvention über Ncaße, Gewichte, Ncünze, Schisfahrt, Post, Telegraph, internationales Privat- und Völkerrecht usw.) hob aus dereu Hintergrund gleichsam etwas, was von dem so Internationalisierbaren grundverschieden ist, und was dennoch die europäischen Nationen als ein gemeinsames Band um faßt, als ein Band, das über diese formale Solidarität der ^ützlichkeitsinteresfen an Qualität weit hinausgeht, — hob einen einheitlichen Typns des Europäertums und einer euro päischen Kultur scharf und genau ab. Der Begriff des „Internationalen" ist von jenem des ,,Kosmopolitischen" nach Inhalt nnd Ursprung ganz ver schieden: beide aber grundverschieden von der Erscheinung eben dieses „europäischen" Typus. VZährend das Kosmopolitische "ur auf die Gemeinschaft geistiger Betätigung höchstgebildeter Minoritäten in der Lösung gewisser Aufgaben (Erkenntnis, Kunst, Philosophie) geht, und auch eine zeitlich historische Er stickung hat (Plato reicht z. B. Kepler und Kant über „die -Jahrhunderte weg" „kosmopolitisch" die Hand) ist der Be-260 grisf des „Internationalen" gerade von den unteren Volks massen aus (siehe ^Wortverbindungen wie „internationales Proletariat", „internationale Arbeit") und von gewissen ganz formalen Nützlichkeitöinteressen (internationale Kommunika- tionsinteressen, Rechtsinteressen nsw.) gebildet, und umspannt dabei im Gegensztz zum Kosmopolitischen nur die jeweilig gleich- zeitig lebende N^enschheit. Kosmopolitismusistemvon„oben" her, den „Denkern" aus, Internationalismus ein von unten, der NTasse her gebildeter Begrisf. „Kosmopolitisch" dachten im 18. Jahrhundert gerade die Denker (Leibniz, Voltaire, Kant usw.), auch die Denker unter den Fürsten (Friedrich der Große usw.), während das „Volk" zuerst nur regional und dynastisch dachte, dann aber allmählich im Laufe der Selbst behauptung gegen Napoleon „national" zu denken lernte. „International" dagegen ist ein Begrisf, in dem die stürmische Seele des neuen vierten Standes pulstert, wogegen gerade die geistigen M^inoritäten im ig. Jahrhundert, wie ste sich aus den, stch allmählich durchdrmgenden„Ständen", AdelnndBürger- tum herausheben, vor allem den Nationalgedanken trugen. Erst in den letzten Jahrzehnten hat stch dies ein wenig geändert. Erst in der geahnten Einheit eines „Enropäismus" (Techet) entstand eine — freilich bis heute — noch sehr dünne Fläche von Gemeinschaft der arbeitenden N?ajfeu, des höheren Bürger tums und der geistigen Führer der Nationen. In Deutsch land traten innerhalb der Sozialdemokratie ziemlich unwillig begrüßte Ncäuuer wie Hildebrand, Schippe! und andere auf, die den Gedanken einer westeuropäischen DÄrtschafts- und Zollgemeinfchaft gegen Amerika propagierten. Andererseits bildete Friedrich Nietzsche den Begrisf des „guten Euro-261 päers" und das geistige Zusammenwirken der europäische» Geistesführer, die steigende Literatuu--uud Kunstbefrnchtuug der Nationen, der rege wissenschaftliche Gedankenaustausch zwischen ihueu, gabeu diesem Worte eine starke reale Wurzel. — Das große, weuu auch politisch uns zur Zeit seiner Aus sprache wenig nützliche Kaiserwort „Völker Europas wahrer eure heiligsten Güter" gab der Idee eine politische Spitze gegen die mongolische VZelt! Kurz es wurde erkannt, daß, wenn wir alle menschlichen Verbindungen in die zwei Grund arten der Jnreressen^Ulid Zweckverbände und der Liebes- und Lebensgemeinschaften einkeilen, Europa trotz der in ihm liegen den nationalen Gegensätze noch aus die Seite der Lebens- uud Liebesgemeiuschasteu gehört, nicht wie die wahrhaft „internationalen" Verbindungen auf die Seite der Jntereffen- uud Zweckoerbände. Eine erhebliche Rolle fpielte in der Ausbildung des Be griffes des Enropäertums das Bild, das die Angehörigen ver schiedener europäischer Nationen dem geistigen Auge der Gelbe« uud anderer Nichteuropäer darboten. An der eigen tümliche« Einheit des Stiles und der Ausdruckseinheit dieses Bildes im Nichteuropäer von uns, lernte der Europäer, ^ssen Auge jahrhundertelange nationale Kämpfe nur auf Differeuzeu der Nord- und Südeuropäer, der Romanen, Germanen, Slaven, Engländer eingestellt hatten, selber erst ö'e Einheit seines eigenen Typus sehen und begreifen. Ver wundert bemerkte man, daß es jenseits englischer Steif et, füditalienischen Gestenreichtums, deutscher Schwer fälligkeit frauzöstscher Behendigkeit und Anmut ein gemein sames europäisches Gestcht, als Ausdrucksfeld der Gemüts-262 beweguugen und europäische Geseke der Gesten gäbe, die einen nie in Frage gezogenen unbewußten Kanon für alles geistig seelische Verständnis innerhalb Europas bilden. 5Wie anders da gegen das „japanische Lächeln", das schon kleine Kinder haben gelegentliches, schmerzlicher Vorfälle! Wie anders schon jene Balkanvölker (Serben, Griechen), die „ja" und „nein" nicht mit Nicken und Schütteln des Kopfes, sondern umgekehrt ausdrücken. Wie anders die astatische Ruhe und Würde, oder die komplizierte chinesische Indirektheit in allen Lebensformen und Sitten bis zu Kaufen und Verkaufen von Waren. Wäh rend die geistigen Differenzen der europäischen Nationen — so ties ste gehen mögen — erst bei komplexeren Seelenvorgängen und hochkomplizierten seelischen Leistungen beginnen, gehen diejenigen der europäischen und außereuropäischen Völkern häufig aus sehr elementare seelische Gruudvorgäuge zurück. Bezüglich der musikalischen Grundqualitäten der Töne- und Klaugverbiudungen und deren TLohlgefälligkeit zeigte C. Stumpf und feine Schule, besonders die Herren E. von Hornbostel und O. Abraham, Differenzen des musikalischen Gehörs zwischen Europäern und Nichtenropäern auf (ins besondere Siamesen, Japaner, Inder, um nur hochkultivierte Gruppen zu nennen), die vordem kaum auch nur für möglich gehalten wurde«.""' Das Prinzip der siamesischen Tonleiter zum Beispiel weicht von jenem der europäischen ganz ab. M^an teilt die Oktave in sieben gleiche Stnsen, so daß jeder Ton zum folgenden nnd vorausgehenden ein überall gleichbleibendes Verhältnis hat. „Nicht ein einziges unserer Intervalle ist vorhanden, weder rein, noch in den noch für uns zulässigen Grenzen temperiert.Es gibt keinen Unterschied von Ganz- und Halbstnfen. Die kleine und die große Terz ebenso wie die kleine und die große Sexte und Septime sind zn einer neutralen Terz, Sexte, Septime zusammengezogen; die Quarte ist erhöht, die Quinte vertieft. Für die Herstellung dieser beider besitzen die Siamesen ein wunderbar seines Gehör." (C. Stumpf.) In Java finden steh analoge gleichstusigeSysteme. Das ganz befremdliche dieser Erscheinung ist, daß diese Völker vom Prinzip der Konsonanz, diesem natürlichsten Prinzip aller Leiterbildungen, nur für das Gauze der Oktave, nicht für den Oktavenraum An wendung machen. Eine harmonische N?usik ist mit diesem Prinzip der Leiterbildung von Haufe aus unvereinbar. Ge hört auch diefe Eigentümlichkeit des siamesisch-javanischen Gehörs kaum fchon der Besonderheit ihrer äußeren Sinnes organe und ihres inneren Sinneszentrums an, >o ist es doch eine schon sehr elementare Variable, die dieses ihr fehlendes Konfonanzbeivnßtfeiil bedingt. Nicht ganz fo große Dif ferenzen, aber gleichfalls sehr tiefgehende zeigt das Gehör der Japaner. Ihr absolutes Tongehör ist weit unentwickelter wie das europäische. Auch der japanischen N^usik fehlt der har monische Charakter, sowie unser Leitton; desgleichen fehlt unsere scharfe europäische Rhythmisierung. Die gesamte japanische Musik ist in vier hierarchische Rangordnungen eingeteilt, der vier Klassen von Berussmusikeru entsprechen, die Gakunin, die Genin, die blinden und die weiblichen Mu siker (Geishas), welch letzteren die klassische, heilige Musik ganz verfagt ist. Die iudifche Musikmethodik ist abgesehen von tiefgehen den Differenzen des Tonfystems dnrch die Gefetzmäßigkeit 26Z264 des Raga gekennzeichnet, für das sich in der europäischen Musik überhaupt keine strenge Analogie findet. Es be deutet weder Tonart, Modus noch Melodie, sondern wäre nach O./Abraham und Hornbostel noch am besten durch den Begriff eines ,,N^elodienskeletts" wiederzugeben, das für alle heutigen ^Melodien normativ wurde, weuu es auch ur sprünglich eine bestimmte Melodie gewesen ist. Die noch wenig geförderten analogen Probleme für den Farbensinn und die Farbenbewertung, für die TLohlgefälligkeit und Be vorzugung einfachster Raum- und Zeitgestalten (Rhythmen) und Linieuzüge in Auffassung und Bewertung, deuten analoge Resultate an. Ganz in die Tiefe aber greifen die Differenzen des Ethos und die Verschiedenheiten der Strukturen und Kategorien des erkennenden Geistes, wie sie sich in Sprache^ und Mythos, in Wissenschaft und Religion ausdrücken. 2Man nehme als Beispiel Japan. Alle tieferen europäischen Kenner Japans sind ebenfo wie die ernsteren Köpfe dieses Volkes selbst heute darin einer Meinung, daß die sogenannte ,,Europäisierung" Japans faktifch nur eine Technisierung und Kapitalisierung war, daß die übernommenen Neuerungen diesem Volkstum kaum unter die äußerste Haut gingen, und die Differenzen der Grundeinstellungen zu Welt, Leben, Gott, Kunst ganz und gar unberührt ließen. Japan wollte sich mit abendländischer Kultur nicht durchsäuern, „sondern nur bepanzern." (Haus- hofer.) Und überall, wo analoge Vorgänge, welche außer europäische Völker in den internationalen ^Mechanismus des Verkehrs einbezogen, stattfanden, da traten in dem legten265 Jahrzehnt konservative Reaktionen hervor (sehr stark in Ja pan,^ in China die sogenannte chinesische Oxfordbewegung,^ in der Türkei die Reaktion gegen die Jungtürken, in Ruß land die Bewegung gegen den TLitteschen G'eist) die diese Tatsache den Völkern zum klaren Bewußtsein brachten. Für das japanische Ethos z. B. fehlt allen europäischen Völkern gleichmäßig der „Patriotismus". Wie natürlich ist dieses Urteil! In Japan ertrinkt das Individuum vollständig in einer Stammeöverehruug und einem Ahnenkult, der die ja panische natürliche Volks- und Stammeseinheit vom Stiefel putzer bis zum Mikado religiös-metaphysisch verankert. Alle Japaner stammen nach dem Mythos dieses Volkes in Linien von verschieden großer Direktheit vom Urahn des Volkes (dem ersten Mikado), der ein Sohn der Gottheit ist. Jeder ist nicht nnr, sondern empstndet stch auch nur als anonymes Glied der Generationskette^ und der japanischen Gesamtfamilie. Was also bei uns „Patriotismus" heißt, ist dort nur ein ausgedehntes religiös-metaphystsch verankertes Familien- gefühl. Eine personal-individuelle Unsterblichkeit kennen ste nicht, sondern nur eiu übernatürliches Fortwirken der ganzen Dynamik der Generationskette auf die lebendige Geschichte, die eigentlich iu der Hauptsache vor: den toten Ahnen ge- Nlacht wird. Der letzte Japaner wäre sterblich; denn er wäre kein Ahn. In alle Geschäfte, vom kleinsten bis zum größten spüren ste die Ahnen hineinwirken. Dem entspricht k'n uns völlig nnsaßbares absolutes Gebot des elterlichen Gehorsams, demgemäß z. B. ein Mädchen„gnt" handelt, wenn es stch auf Wunsch der Eltern prostituiert. Im ja panisch-russischen Krieg kam es z. B. (ich zitiere eineu streng266 glaubwürdigen dänischen Offizier, der den Feldzug mit machte) vor, daß sich abgesprengte Teile von Regimentern töteten, damit ihre „Seelen" rascher zu deu im Kampf siehen den Stamm des Regimentes zurückkommen könnten, um da „mitzukämpfen". Ein Zurückdenken an die Familie und Freunde zu Hause, galt ihnen als schwerstes Verbrechen; die Opfertötung eines Geliebten als Nittel, die Neizursache der Ablenkung vom Kampf zu beseitigen, galt als „heldische" Tat. Jeder Rückzug galt als prinzipiell falsch — welch Opfer dieses militärische Prinzip auch kostete. Eine ungeheure M^euge Soldaten suchten nicht den „Sieg", sondern den Ruhm des Todes. Der Mikado mußte Erlaß für Erlaß geben, um das Heer aufmerksam zu machen, daß es zu siegen — nicht zu sterben gelte. Die Kategorie der „Individualität" fehlt aber auch ihrer Liebesauffassuug, ihrem Ethos, ihrer Kunst. Für „Liebe" gibt es in der japanischen Sprache kein gleichsinniges VZort. Die Beziehungen der Geschlechter regeln sich entweder nach rein sensuell-ästhetischen Iltotiven, oder nach dem VZillen der Eltern, der ja auch der der Kinder sein muß — wenn die Kiuder nur Kombinationen der Ahnenqualitäten, ihr Sehnen vererbtes Ahnensehnen ist, wie es die japanische Liebes- lehre besagt. Die Ehe ist ein Teil der japanischen Groß familie, wie diese ein Teil der gesamten Stammesgesamt- familie; nicht alfo ist die individuell geschlossene Ehe der Ausgangspunkt einer neuen Familie. Ihr Schamgefühl wie das Ehrgefühl ist vom europäischen grundverschieden. Zu diesem Ethos bildet dasEthosder europäischenVölkertrotz aller tiefen Unterschiede einen einzigen sichtbaren Gegensatz; es bildet einen Gegensatz, der einer ganz anderen Dimension267 angehört oder Größenordnung, als die innereuropäischen na tionalsteschen Differenzen. Es besteht hier ein Unterschied sHon der Vorzugsregeln einfachster V2ertqnalitäten, nicht wie in Europa ein solcher Unterschied, der nur die Anpassung dieser hier noch gemeinsamen Regeln des TLertvorzugs aus verschiedene historische Lebenswirklichkeiten und Volksanlagen betrifft!"? Ganz analoge Unterschiede stnden stch innerhalb des Kunst- und Nakurgefühls, der zelthafteu Bauweise, und dem, was bei der Nahrung für appetitlich (zum Beispiel rohe Fische) uud unappetitlich respektive ,,ekelhaft" gilt. Gleiches zeigt die bildende Kunst. Der Mangel unserer Art von Perspektive aus japanischen Bildern ist nicht mangelhaftes Können — wie man lange annahm — sondern entspricht einem anderen Naum -- Sehen und ästhetischen Werten der TLelt. Ähnlich ist vom europäischen TLesen grundverschieden der ausgeschlossene Sinn sür die kern- und substanzlose Sen sation (Schatten, Spiegelbild der Sterne im TLajfer, ein leiser Dust) iu der japanischen Lyrik und im japanischen Tanze. Für die am tiefsten Verstehenden unter den euro päischen Iapankennern halte ich, ähnlich wie dem indischen Kulturkreis gegenüber stets diejenigen Personen, die sagen, daß wir — sür ewige Zeiten — den Kern der japanischen Seele niemals verstehen werden. Diese Forscher allein ver meiden es, das Beobachtete unter europäische Schauformen und Geisteskategorien zu bringen; ste allein gewahren wenig stens noch die Grenze, über die ste eine feine Ahnung hinaus führt, die Grenze unseres europäischen Geistes. Die dauernden Einschränkungen einer sinnvollen christlichen Ntisstonstätig- keit, deren unbewußte Voraussetzung so lange die Annahme263 einer geistigen Einheit der NTenschennatur gewesen war, sind seit einigen Iahren allen aufgegangen, die Japan und China mit diesem Interesse bereis! haben. Die Rede, die vor kurzer Zeit der ausgezeichnete Göttinger Theologe Otto aus dem letzten internationalen Religionskougreß gehalten hat, gibt in vorzüglicher Weise diese neue Einsicht wieder. Ein Ein dringen in den tieferen Geist des Christentums ist seitens der N^ongolen, ist auch seitens der großen indischen Völker gruppen zu keinem, auch noch so entfernten Zeitpunkt zu er warten. Selbst die Aussicht einer ganz äußeren irreligiösen Konsesstonalisternng sind nach allen Sachkennern in Japan gleich null."° Aber auch gegenüber der christlichen Orthodoxie Rußlands — und was besonders lehrreich ist — auch gegenüber den russi schen so mannigfachen häretischen Gegenbewegungen gegen die Staatskirche, also gegenüber den Sekten, an denen Rußland so überreich ist, stellt das westliche Christentum, trotz seiner so mannigfaltigen tiefgehenden Spaltungen in Katholizismus, protestantische Formen der Orthodoxie und des Liberalismus, Luthertum, Calvinismus, reformierte Lehre und allem west lichen Sektenwesen eine einzige charakteristische religiöse Lebenseinheit dar. Diese Einheit läßt sich nicht im entfern testen ausschließlich an den dogmatischen und vielleicht ver gänglichen Institutionen (Cäsaropapismus) ermessen. Aus diese Differenzen ist aber der Blick des bloßen Theologen meist allzu einseitig gerichtet. Je tiefer man in die russisch-orthodoxe Religiosität eindringt — man vergleiche dabei ihre scharfe Um- rissenheit in Dostojewskis „Brüder Karamasow" und in seinen „Politischen Schriften^esto mehr wird man dies erkennen. Je269 mehr man die hier überragende Herrschaft des alten griechisch- gnostisch gefärbten Logosgedanken über die personlichen Ge stalten der westlichen Religionsanschanungen, je mehr man die Herrschaft der Idee der realen Solidarität der Individuen in Schnld und Verdienste über das westeuropäische Prinzip der Selbstverantwortlichkeit nnd bloß ideeller Solidarität, je mehr man die Herrschaft gnostischer vereinsamender Spe kulation über die westchristlichen Ideen gemeinschaftserzengen- der Tat und Liebe,die Herrfchaft passiver byzantinischer Devotion über aktive „Duldung" und stch geistig öffnende westliche „Demut"; je mehr man die tiefe Differenz westlich- tätigen und rnfstsch-kontemplierenden N?önchtnms, je mehr das Wesen des westkatholischen Antoritätsbegriffes, nach dem auch „Autorität" in ihrem schroffsten integralen Sinne noch - in letzter Linie — ein im Herrschen Dienendes, nicht ein durch den Kult byzantinisch als Selbstzweck zu Verherrlichendes ist, be greift; je mehr man stch die schmerzheischende und -liebende russische Opferidee — ste erfüllt wie die weltlichsten Gestalten der Epen Dostojewskis auch den Geist der russischen Armee — von der westlichen Opferidee, nach der der Opfernde seinen Älick nicht an erster Stelle auf dem Schmerz des Opfers, sondern auf dem Gute weilen läßt, für das er opfert; je mehr Man in der westlichen Trennung von Staat und Kirche die Gewähr aller individuellen Freiheit, in ihrer östlichen Ver einigung den Hort aller Unterdrückung der individuellen Seele sehen lernt: Desto mehr wird stch innerhalb der reichen Spiel- fvrmen des westlichen Christentums dem Betrachter ein fest- begrenzter gemeinsamer Spielraum an religiösen Gruudein- stellungen herausstellen, innerhalb dessen die historischen270 Schwenkungen seiner dogmalischen, kultischen, moralischen, institutionellen Besonderheiken allein möglich sind. Selbst das Tolstoische Christentum ist bei allem Rationalismus mit seiner wörtlichen Auffassung des Satzes „^Widerstehe nicht dem Übel", mit seiner Eisersucht aus heitere harmlose Freude, mit seinem bitteren Ressentiment gegen Schönheit und Lebens fülle, mit seinen selbst den westlichen Zeloten noch unfaß lichen Urteilen über Goethe, Schopenhauer, Richard TLagner, mit seiner feindlichen Frontstellung schon gegen die ersten Prin zipien der westlichen Wissenschaft, mit feinem gnostischen Dualismus zwischen Ewigem und Zeitlichem (stehe Tolstoijs Schrift über den „Sinn desLebens"), mit seiner dürr wörtlichen Auffassung des evangelischen TLortes, mit seinem verzweis- lnngsvollen Dualismus zwischen Gesinnung und Tat, — dem europäischen Viesen fremder als stch integraler Katholizismus und liberaler Protestantismus, ja den Grundeinstellungeu nach, liberaler Atheismus jemals iverden können. Das erscheint nur anders, wenn man die dogmatischen Begriffe und Worte wichtiger nimmt als die Struktur des religiösen Lebenöpro- zesses, der die Häresten und antireligiösen Weltanschauungen hier wie dort noch mitumfaßt. Auch die Häresten und Prote stantismen folgen eben in der Geschichte der Religion dem Gesehe, daß ste an den Glaubensbestand, von dem ste häre tisch abweichen oder gegen den ste „protestieren", irgendwie in ihrer Struktur gebunden bleiben. Auch der Verfolger zahlt noch den Tribnt geheimer Folge! z< Zu den fundamentalsten Unterschieden jener Konstanten, auf deren Grundlage stch alles historisches Leben bewegt, ge hören auch die Unterschiede im seelischem Verhältnis von271 Weib und Mann. Und hier finden wir eine strenge An erkennung wenigstens der metaphysischen und öffentlich rechtlichen Personalität und Individualität des Weibes — mit allen den ungemeinen Folgen dieser Tatsache bis ins kleinste"^ ausschließlich innerhalb des europäischen Geistesspiel raumes. Ju Indien hatten die Engländer mit der Witwen- verbrenmmg hart zu kämpfen. Der Koran spricht dem Weibe die höhere Personalität ab — das religiöse Fundament des Ha rems. In Japan ist troh der Überwindung des Systems der N^ebenfrauen und der Zeirehen, die Tradition uud Sitte nicht zur Anerkennung der Personalität des TLeibes gelangt. Selbst in Rußland, in dem die christliche Religion diese furchtbare Lehre von der ??ichtpersonalikät des Weibes ausschließt, über wiegt innerhalb der Landmasfe der patriarchalische Charakter im Verhältnis von Nrann und Frau deu Charakter einer ge heiligten Liebes- uud Lebensgemeinschaft selbständiger Per sonen. Wieder also erscheint bei allen nationalen Verschieden heiten innerhalb Europas in den geschlechtlichen Beziehungen — diese eine große Konstante! Analoge Größenordnuugeu von Unterschieden bestehen zwischen deu^.für die gesamte leiblich geistige Weiterbilduug desM^enschengeschlechtes fundamental sten Vorzugsregelu der Geschlechtswahl. Was soll man von der englischen Einheit zwischen IDeltauschauung und Politik heute sagen, wenn Herr Grey, ein Anhänger der Frauenstimm- rechtsbewegung, polirisch mit den Japanern und dem Zaren Zusammengeht? Wir halten es völlig falsch, wenn man versucht, geistige Ein- stelluugsuukerschiede der Art, wie wir ste an diesen Beispielen zwischen Europäischem und Nichteuropäischem verdeutlichen272 Wollken, auf den bloßen Gradunterschied verschiedener histori scher Enkwicklnngsstadien zurückführen zu wollen; so etwa wie es Sidney Gulick für Japan dartui: wollte, wenn er das heutige Japan mit dem europäischen Mittelalter vergleicht. Vielmehr bedingt jede dieser Einstellungsarten auch eine besondere Richtung der historischen Entwicklung, die auch durch keine Art der ,,Rezeption" dauernd abgelenkt werden kann. — Aber wie der Gegensah des Nationalen und Allgemein- menschlichen nicht mehr unserer historischen Lebenserfahrung entspricht, so auch nicht mehr unserer wissenschaftlichen Er kenntnis des M^enschen. Die Lehre von der geistigen und leiblichen Einheit der menschlichen Natur ging auch innerhalb der vergleichenden Anatomie und Physiologie der Rassen, der Entwicklungsgeschichte, der Anthropologie, Ethnologie und der Völkerpsychologie zusehends in die Brüche. Ist auch zwischen der monophyletischen und polyphyletischeu Lehre noch viel unausgeglichenerer Streit — niemand würde es wagen, die Frage in der Weise A. v. Humboldts kurzerhand zu entscheiden. Die psychologische Rassenlehre — soweit ste stch über lächerliche, hochmütige Idolatrie des Germanentums er hebt und ohne VZertnng die Disferenzen der Rassen heraus stellen möchte, liegt zwar noch in den Teindeln. Die Einheiten von Zeit, Ort und Handlung aber, in denen die ältere christ liche Geschichtsausfassung, auch weit über ste hinaus, — die Meisten modernen „Weltgeschichten" noch die Geschickte der ^Menschheit gleich einer alten französtfchen Tragödie Racines dahinrollen ließen, stnd schon durch den vermutlichen Ursprung des Renschen hart in Frage gezogen. H. Klaatsch, der zwischen den menschenähnlichen Affenarten und den Haupt-raffen der Renschen eingehende anatomische Vergleichnngen vorgenommen hat, hak Folgendes wahrscheinlich gemacht: ,,Sowie dieN^enschenaffenvorfahren bereits Verschiedenheiten voneinander besaßen, als die Simiation eintrat, so sind auch die M^enschenformen nicht einander gleiche, weil ebenfalls schon vor der Homination Verschiedenheiten sich angebahnt harten. Hieraus ergibt sich zum großen Teil eine Erklärung für die Rassenverschiedenheiten der N^enschen. Die Rassen gewinnen dadurch eine größere Bedeutung und auch die Ab neigung mancher Nassen wird mehr verständlich" (H. Klaatsch „Die Stellung des Menschen im Natnrganzen"). Hugo de Vries fuhrt den lioino sapiens als das bekannteste Beispiel dafür an, daß Linne mehrere scharf gesonderte Spezies zu einer künstlichen Einheit verschmolz. Ich zeigte anderenorts"", daß das, was von einer mehr als künstlichen Einheit des ,,Ncen- scheu", und vom „M^enschen" im Gegensatze zum „Tiere" alle Sprache« sprechen läßt, überhaupt kein psychischer und phy sischer Naturuuterschied ist, sondern mir in noetischen Begriffen desiniert werde» kauu; ja iu einem gewissen Verstände schon die Bezugidee aus eine Gottheit voraussetzt. Die Idee des ,,Ä?enschen" ist wirklich, wie schon Platon, Descartes und ^^alebranche lehrten, in gewissem Sinne ein Theomorphis- inus. Die Ideen von „Vernunft", „Sprache", „Gewissen" sind keine induktiven Abstraktionen an den einzelnen Gliedern der Natnrgaktnng „N?enschentier". Sie werden vielmehr "u spezifischen Sach- nnd TLertznsammenhängen"^, sowie chnen entsprechenden Aktgesetzmäßigkeiren des Geistes gewonnen ähnlich wie die Sätze der sogenannten Farbengeometrie, die der Physik der Farbe wie der Physiologie des Farbensehens274 vorhergehen. VZorte wie „Vernunft", „Gewissen" drücken nur Inbegriffe derjenigen Aktgesetzmäßigkeiten aus, (^„Den kens", der „TLerthaltung", des „Sprechens" des „Fühlens", des „Liebens" und „Haffens"), die einer rein fach gültigen Logik, Ethik und reiner Grammatik ufw. entsprechen. Und erst diefe Aktinbegriffe sind es, welche Viesen, die über die subjektive Befähigung, in solchen Aktgesetzen sich zu betätigen, verfügen, als „N^enschen" in einem anderen als dem natur wissenschaftlichen Sinne des N?enschentieres kenntlich machen. Für die Naturwissenschaft ist der sogenannte N^ensch, d. h. das M^enschentier nur eine kleine Ecke innerhalb der höchst organisierten VZirbeltiere — d. h. selbst ein Tier. Der Natur forscher hat nirgends das geringste Recht, die Begriffe „Iltensch" und „Tier" einander entgegenzusetzen. Aber ob der so als „Vernunftwesen" desmierte „Ntensch" faktisch mit dem Natnrwesen „M^enschentier" überall sich auch in der Sphäre des Begrisfsnmganges decke — das muß sicher zum mindesten als sehr fraglich angesehen werden. Lord Avebnry (John Lnbbock) bestritt, daß die meisten Natur völker ein „Gewissen" besitzen, obgleich das „Gewissen" als Inbegriff der Vermögen zu gewissen evidenten Vorzugsregeln zwischen Vierten, den „Renschen" in einem Sinne, in dem allein dieser Begrisfeine vom „Tier" streng getrennte Einheit darstellt, erst mitdesiniert"^. Es gibt sehr tüchtige Erforscher des primitiven Geisteslebens, die es bestreiten, daß gewifsetotemistische Stämme gemäß dem Satze des „V?iderspruches" denken, wenn sie z. B. eine strenge Identität zwischen je einem Gliede des Stammes und je einem Exemplar des Totemtieres an nehmen nnd behaupten. Das schadet natürlich dem „Satze275 des Widerspruches" gar nichts. Daß dieser durch solchen Befund in Frage gezogen sei, das müßten nur solche Logiker annehmen, die diesen Sah sür ein psychologisches, induktiv gefundenes Naturgesetz halten. V5ohl aber stellte es die „Menschlichkeit" jener Stämme im Sinne des eigentlichen Begriffes „Mensch" in Frage; d. h. im Sinne desjenigen Be griffes „ Mensch ", der eine m e h r als künstliche Ordnungseinheit unseres Verstandes ist. In tausend ähnlichen Fällen, die natür lich zur Frage nach der geistig-schöpferischen Begabung der Nassen nnd Völker zur Kultur- und Zivilisationsbildung (einer „Begabuug", die mau von jeder, wenn auch noch jo großen „Dressterbarkeit" scharf scheiden möge, der schon die höheren Tiere so weitgehend fähig stnd) einen ganz wesentlichen Bezug haben, — müssen wir jedenfalls anf die Dauer mit der ^Möglichkeit rechnen, daß gewisse strenge Geistesgesetzmäßig- keiten, deren Besttz anch zum Aufbau aller Kultur notwen dige Voraussetzungen stnd, nicht „allen", sondern nur einigen Vertretern des natürlichen Begriffes „Menschentier" zu eigen !lnd. Besonders werden wir auf das Ziel der Herstellung einer einzigen Weltanschauung und „Welt" unter denI^cen- scheu völlig verzichten müssen — wobei ich unter dem TLorte „^Äelkanschauung" und „TLelt" nicht das historisch wandel bare Produkt willkürlicher Forscherleistuugeu wissenschaftlicher ^Minoritäten und deren Gegenstände, sondern jene letzten ^trukrnren des TLeltanschauens und Weltseins, jener Glie- deruugs- und Geformtheirsarteu der stnnlichen Stoffe verstehe, von denen irgendeine Art — gleichviel welche — zum TLeseu der TLeltwirklichkeit selbst notwendig gehört. Die Kategorien- tafel Immanuel Kauts derer: Kategorie» Kant für „Bedin-276 gungen alles möglichen Erfahrens" der Gegenstände und darum auch für Bedingungen der Gegenstände der Erfahrung selbsthielt, erschöpft kaum das, was man die mögliche Erfahrung des Europäers oder die der Europäerwelk nennen kann — ge schweige auch nur alle Formen des vernünftigen Geistes der verschiedenen Nassen überhaupt. Die europäische „Wissen schaft", die Kaut als Datum vorausseht, entspricht mit allen ihren ungeheuren Differenzen von Thaies über Thomas Aqui- NO bis zu Newton und H. Spencer nur einer einzigen der vor handenen und möglichen „Weltanschauungen", — das TLort in unseremWortstunegenommen. Sie entsprichtwahrscheinlich nur derjenigen europäischen Struktur des Geistes, welche die möglichen Phänomene der Natur und Seele überhaupt nach dem RangeihrermöglichenaktivenBeherrschbarkeit ordnet und die jeweilig weniger beherrschbaren zu abhängigen Funk- tionen der beherrschbarsten werden läßt (d. h. als Abhängige von Ntasfe uud Bewegung). Das indische Denken z.B., so weit und tiefsinnig es in seiner Art ist hätte niemals diese „Wissenschaft" und ihre Methoden hervorbringen können. Denn der indische Geist besitzt völlig andere Strukturformen des Schauens und Denkens der TLelt als der europäische. Nur die Sähe reiner Logik, die noch nichts von Kants „Kate gorien" und „synthetischen Prinzipien des Verstandes" ein schließen, stnd hier und dort noch identisch. Und schon das erste AAort des nach Kant vermeintlich universalvernünftigen und für „alle Vernunftwesen" giltigen Sittengesetzes „Handle so usw." ist gegenüber dem indischen höchsten ethischen Ideal des NichtHandelns, der pureu Betrachtung der TLelt und Versenkung in sie, ein bloß europäischer Imperativ währendgar die Kant eigene, ganz eigenartige „Pflichtidee" nicht einmal deutsch, sondern nur preußisch ist. Je tiefer wir in die kategoriale Struktur der Syntaxen der großen Sprach stämme eindringen (in der IDeise etwa geschieden wie ste nach Wilhelm v. Humboldts Studien über die Welt anschauung in der Sprache und die sogenannte „innere Sprachform" neuerdings Finck gesondert hat), desto mehr wird uns klar, daß stch ans dem Hintergrund einer das Wesen von Wort und Sprache überhaupt umgrenzenden „reinen Grammatik" grundverschiedene Gliedernngsformen des stnnlichen Weltstoffes vorfinden, unter denen die europäi schen Sprachen bei allen ihren Differenzen den gemeinsamen ÄHiderschein einerTLelt des Seins und der HÄerte gewahren laffen, neben der noch völlig anders geartete „TLelten" und ihnen entsprechende Erlebnisformen des Seins bestehen. Unterschiede, wie ich ste hier im Äuge habe, reichen bis in die elementarsten Kategorien des Erlebens hinein. Daß Zuni Beispiel „TLollen" und die dem Erlebnisinhalt desVZil- lenswiderstandes eigene phänomenale Auszeichnung, welche „wirkliche" VZeltinhalte von „unwirklichen", sonst aber ilu Bildinhalt, der senstriven Fülle und Intensität gleiche Zuhalte, unterscheidet, etivas darstellen, was dem H^icht- wollen und dem Fehlen dieser Auszeichnung der „^Wirk lichkeit" (also der Unwirklichkeit des Gegenstandes) vorzu ziehen sei — sagen wir populärer, daß der TLirklichkeits- stnn dem Unwirklichkeitsstnn, dessen Höherschätznng z. B. auch die Idee des seligen, indisch-buddhistischen Nirwana ^ulspricht,vorzuziehen sei — das ist einAxiom des europäischen Geistes, ein Axiom der europäischen Wissenschaft und Kultur.278 Es ist ein „Axiom", das ganz jenseits alles logisch Erweis baren liegt."? Ähnliches gilt z. B. für den Unterschied, daß für den Inder der Tod des Individuums, für uns seine Fort existenz instinktiv die Last des Beweises trägt."° Ntan kann über solche Dinge, also über Europäer- und Inderwelt nicht einmal stnnvoll streiten — da contra principia ne^antem, non est äisputsnäuin. Irgendeine noch bestehende Gemeinschaft lebendiger „Tradition" enthüllt stch eben immer mehr in den Geisteswissenschaften als die Voraussetzung jedes^. über die philologischen Worthüllen und den logischen Sinnzusam menhang hinausgehenden möglichen VerstehenS; des Ver- stehens z. B. des altindischen und altchiuestscheu Schrifttums. Da aber ohne irgend welche eigentümliche, über den Gehalt reiner Logik hinausgehende Sach- und entsprechende Geistes strukturen das, was wir die „Welt" der Gegenstände nennen, essentiell gar nicht möglich ist, so werden wir das, was wir seit den ältesten Griechen das „Universum" oder den „Kos mos" nannten, immer mehr nur als eine Welt neben anderen Welten ansehen müssen. An Stelle des „Universum" würde besser treten, was W. James das „Iltultiversum" genannt hat."s Denn dies „Universum" unserer Väter, das war nur die Europawelt. Und diese Europawelt ist wirklich nichts, was wir durch „Reisen" — und gingen sie bis auf den Il^ond — je überwinden körmeu. Sie läuft mit uns wie unser Schatten, wo hin wir auch gehen und wohin stch unser Auge wendet. Das gegliederte Antlih des Seins und die Sprache der Dinge bleibt „europäisch" — auch noch in den Tiesen Chinas und Afrikas — und auch der Iltond wie er auf dem Iltonde selbst erschiene, könnten wir ihn beschreiten, bliebe uns der„europäischeN?ond".279 Daß in „diese TAelt so viele VZelten" hineingestickt sind — wie Hebbel sagt — das gewahren wir freilich nicht, oder gewahren es doch um so weniger, als wir uns begnügen, dem Seienden nur eine bequeme Ordnung zuteil werden zu lassen, die uuö erlaubt, die Sachen nach ihren bloß äußerlichen Beziehungen zur Befriedigung der sogenannten „allgemein menschlichen" Bedürfnisse, d. h. derselben Bedürfnisse, die wir mit den höheren Wirbeltieren eben noch keilen — nutzbar zu lenken. In einem Adreßbuch können wir ja auch die Menschlichen Charaktere nicht feststellen, die zu den tarnen des Buches gehören. TLem alle „Erkenntnis" nur ein öko nomischer „Weltkatalog" ist, dem mag die Welt freilich als eine „Einheit" erscheinen. TLir beneiden aber Herrn Ostwald und Genossen um diese „Einheit" nicht. Aber gerade je mehr wir nns im Geiste den Sachen, ihrem Gehalt, ihrer Fülle und ihrem Kern annähern und geistig zubewegen, je mehr wir vom eindeutigen Ordnen der Sachen zu ihrer Erkenntnis vor dringen, zu jener Vermählung des Geistes mit der Sache, die allein „Erkenntnis" zn heißen verdient; je mehr wir von der ^ützlichkeitszivilisation zur wahren „Kultur" aussteigen, — also gerade je objektiver, je „sachlicher" wir uns verhalten uud das „Tierische" unter uns lassen — desto mehr wird die vor gegebene Einheit der V^eltwirklichkeit, an die unsere Väter der „humanistischen" Zeit so fest glaubten, zu einer oberfläch lichen fzkle convenue. Desto reicher erglänzt vor unserem geistigen Auge auf die Fülle der „Welten", — in unsag baren Fernen. Je mehr wir aber diefe ferne Kälte anderer „Welten" ge ahnt haben, desto wärmer, desto heimlicher und näher, desto280 vertrauter umspielt uns aber auch das Fluidum Europas im Sinne der europäischen TLelt als ein einziger gemeinsamer Daseins-, Lebens- und Wirkraum! Unendliche historische Aufgaben stellt die Idee möglicher Enropawelt den euro päischen Nationen. Nur langsam können die Nationen in ihrer Geschichte — jede Nation wieder mit besonderen Ein stellungen aus die eine Europaivelt, jede auf einen besonderen Ausschnitt dieser V5elt gerichtet, ihre Grenzen ausmessen — und wohl in keiner endlichen Zeit je vollständig ermesten! Ilnd zu all jenen, zu allen Zeiten gleich notwendigen ewigen, un vergänglichen Formen der Liebe, die da heißen „Heimatliebe", „Vaterlandsliebe", „Liebe zur Nation" und zum nationalen Staate, wird — je mehr uns dies klar wird, — nicht mehr jene verächtliche, aus bloßem Heimats-, Vaterlands-, Natio nalhaß geborene Restenkimentscheinliebe"° zur,,N?enschheit" hinzu treten, die, soweit ste nicht in der Liebe zu allem „Leben digen" verschwindet und nur ein notwendiges Element eben dieser Liebe zum „Allebendigen" ist, nur alle höchsten Ilten - scheniverte nivelliert und zerstört. Es wird sich zu diesen Liebes- formen fügen eine neue posttive, am gemeinsamen Zug und Sehnen zu gewissen ^Werten und Formen geborene Liebe zur „Europäität" — wenn ich diese VZorrbildung wagen darf — nnd zum „guten Europäer" in allem Menschliche», zum gut Europäischen in allem Kosmischen! Der Patriotismus Europas — er wird im Blute und Eisen diesesKrieges erst jeht geboren! Ach suhlt ihr—empstndet ihr, ihr Freunde, diese herrlichste aller Liebesgeburten der Weltgeschichte seit urdeuklich laugen Zeiten? VZie ste her vortritt aus dem, alle Gestalten nivellierenden Nebelreich aller281 „Internationalismen", wie sie sich ans dem kreißenden Schoß unserer leidenden Nationen im Feuer und Donner der Schlachten von Erde und Messer und Luft, — wie in jener heiligen Durchdringung aller besonderen nationalen Säfte und Kräfte, die nur der Genius des Krieges als der große Gehilfe des Genius der Liebe bewirken kann, Glied für Glied, Form für Form aus eurem Kampfe emporarbeitet, wächst, sich bildet und fchöner und füßer wird — euerer Nationen Aller junges strahlendes Kind „Europa" — in unendlicher Weite und Fernsicht fein glänzendes Auge über eine neue, nun erst mögliche Gefchichte anfgefchlagen — die Zeugung eures Schwertes, aber mehr und ein Besseres wie ihr Zeugenden und euer ideales Maß? Europa, das Europa des Geistes! Ilud fühlt ihr, wie in N?itleid und verschämter Liebe zu dem christlichen Bruder iu Gott, den euch heilige Pflicht und Liebe zum Vaterlande zu töten oder gefangen zu nehmen befahl, wie in jenen furchtbaren „Reifen ins Ausland", die das echte „Volk" — fönst auf feiner festen Scholle sitzend — im Gegensatz zu Diplomaten, Lurusmenfchen, Geschäftsmännern und Lonwüs Vo^aAenrs, die auch im Frieden l)-Zug ins Ausland reisen, mir im volksverbiudenden Kriege zu machen p^egt, ein euch selbst zuerst kaum verständliches, uud euren Gegriffen noch so stummes unaussprechliches Gefühl in euren Herzen aufkeimen will: der erste, blasse Keim für die einst herr sch fchwellende Liebe einer neuen Richtung, einer neuen Leiden schaft, einer neuen Idee und eines neuen Wertes? Der Liebe zur Scholle, der Liebe zum Geiste uud zum Wesen Europas? ^>hr deutschen Soldaten im Felde seht zum erstenmal Ko saken, Inder, — ihr seht Leute aus Kanada, Neufundland,282 Australien, Neuseeland, seht Araber, Perser, Türken, Japa ner, M'aorisnnd steinewerfende Neger, seht gar viele sonderbare Lenke, von denen ihr euch alle nach dem Kriege so viel erzählen werdet: Schaut sie alle genau an! Leidet auch im schärfsten Kampfe stets den Schmerz der lebenden Kreatur mit! Achtet den edleren Schmerz des N?enschentieres in allen euren Gegnern, — des Il^enschentieres, ans dem auch der N^ensch geboren ward! Ehret noch die „Weißen", aus denen der Europäer emporstieg — aber liebet mir, nachdem ihr eurer heili geren Liebe zu eurer Nation gefolgt seid, den Franzosen, Eng länder, den sangesreichen und kriegerischen Serben! llnd ver gesset nie auch gegen den Russen, daß er — wie mißverstanden immer und ferne eurem VZesen — Jesus gehorche» will, unserem Herrn! Das ist die Abstufung der Gefühle, in der ihr fühlen solltet. — Diese „Enropäität" haben unsere modernen Kommuni kationsmittel, haben Freizügigkeit und Aufhebung oder Ver minderung der Zollschranken nicht etwa „geschaffen", so daß dieselben Kräste, wäre diese Lehre des Technizismns wahr, auch noch darüber hinaus eine „internationale" Gesellschaft „schaffen" könnten, deren Glieder uns Europäern gleich nahe stünden wie die europäischen Nationen! — Diese Kräfte haben die „Enropäität" nur entdeckt und gefunden, so wie der Astronom einen neuen Stern! Sie haben, indem ste stch über Europa hinansbewegten und hinauswirkten, aber zu gleich das „Andere", die Andersheit, das Außereuropäische gefunden, dasjenige gefunden, was „unser" nicht ist und nie sein kann! Und eben das müssen wir lernen, daß es nicht nur einen europäischen „Gesichtspunkt" auf die eine reale Welt gibt,d. h. eine Art der subjektiven Einschränkung des Sehens der „Welt" (im bisherigen historischen Wortstnne), sondern gerade umgekehrt eine saktisch bestehende Europäerwelt, die dem Anstch der Dinge näher steht als andere „TLelten"; und daß gerade jene „eine" V5elt, die vorgeblich das objektiv bestehende Korrelat des vermeintlichen europäischen „Gestchts- pnnktes auf die Welt" wäre, faktisch nur eine ganz subjek tiv menschliche Sache internationaler und interrastenhafter Konvenienz ist — nicht aber jene eine wahre TLelt Gottes, für die wir sie so lange fälschlich hielten. Die wahrhaftige Ä5elt Gottes aber, die allein wahrhaft eine TLelt, ist die Wlelt, in der anch die Europäerwelt als die ihr vielleicht — vielleicht! — nächstkommende noch enthalten ist! Über dies „Vielleicht" hinaus — führt allein der euro päische Glaube — nicht das Wiffen! — TLas nns aber Ethos und Erkenntnis lehren, das lehrt uns auch die Kunst. Fast unsere gesamte ältere europäische Ästhetik hat Ideen von „Schönheit", „Erhabenheit", „An mut" nsw. entwickelt, dazu ideale Maßstäbe der Kunst und des Viertens des Kunstwerkes, die ste als „allgemeinmenfch- lich verbindlich" hielt. Eine jüngere ästhetische Forschung und Kunstcrkenntnis hak ste zum größten Teil als ganz spezifischen, europäischen Einstellungen entsprechend klar er kannt. Niegl hak zuerst aus die damit verbundene Torheit hingewiesen, gewisse Erscheinungen auf ein Nichtkönncn der außereuropäischen Künstler — schon innerhalb der ägyptischen und archaisch-griechischen Kunst — zu schieben, wo ein anders- artiges „Knnstwollen" vorliegt. Die Welt der Gegenstände selbst, die der Künstler steh zum Vorwurf machte, ist ihm 28z284 hier so völlig andersartig gegeben, daß er vermeinen konnte, die Dinge ganz „naturalistisch" treu zu gebend" Schon die TLertideale der Knnstanschanung und des triebhaften KuustwolleuS, die schon vor dem Darstellungsprozeß die sinn lichen Stoffkomplexe zu eigentümlichen und grundverschie denen Form- und Werteinheiten zusammennehmen, weichen häusig von den europäischen ganz ab. N?an sah, wie grund verschieden eine Stiländeruug dieser Dimension von jenen ganz anderen Änderungen ist, die nur die wechselnde künst lerische subjektive Auffassung einer noch gemeinsam ästhetisch ausgezeichneten Wirklichkeit durch Personen oder durch „Schulen" betreffen. Die entgegengesetzten Schaurichtungen der Verlebendigung des Toten und der Vertotuug, Geometri- sierung, Erstarrung auch des Lebendigen traten schon für die ägyptische Hochkunst und die griechische Kunst auseinander. Die erste Richtung, die unsere Ästhetiker wie z. B. Lipps aller ästhetischen Betrachtung für wefentlich hielten, war als etwas spezisisch Europäisches erkannt."^ Es gibt für die bildenden Künste als gemeinsame europäische Grundlage eine gemeinsame europäische Art des Sehens — worin be schlossen ist eine bestimmte Gliederung des Raumes und ins besondere der Tiefenwerte im Verhältnis zu einer gegebenen Eindriicksfülle, Bevorzugung gewisser Raumformen, Ge stalten und Kurvenzüge, schon in der Bildung der natürlichen Wahrnehmung der Dinge, Bevorzugung des dynamischen Sehens, d. h. des Sehens in einem Auge vor dem punktieren den und die Punkte nachträglich verbindenden Sehens, Bevor zugung gewisser Farbeukombinationseinheiten und bestimmter Gefühlswerte diefer Kombinationen. Diese Art des Sehens,285 stellt gegenüber der wechselnden aktiven Aufmerksamkeit und VZahl ebenso wie gegenüber dem puren Empsinduugsmaterial des äußeren Sensoriums und den besonderen Dingobjekten eine ganz besondere Variable dar. Die anderen europäischen Künste zeigen eine noch tiefere Ver- wandtschafk. Diehöhere polyphone Musik ist ein ganz spezisisch- europäisches Gut, gegenüber dem selbst die indische M^usik, ge schweige die Musik der so musikalisch begabten Schwarzen — wie aus einer anderen V?elt zu tönen scheinen. Die innere histo rische Verflechtung der europäischen Natioualliteraturen, der gemeinsame Charakter ihrer Grundformen in Lyrik, Epik, Ro man, Drama, Tragödie, Lustspiel, Posie usw. gibt uns dieIdee einer Einheit, die gelegentliche Nachahmungen — natürlich im europäischen Geiste — selbst nur orientalischer Poesie wie in Goethes westöstlichen Divan, in RüFerts Versuchen, nie mals verwischen können. TLelche andere V^elt in einem in dischen Drama oder gar in einem japanischen Schauersiück oder einer Geishaanfführnng! Die Goelhefche Idee einer ,,V5elt- literatur" blieb, wenn auch nicht dein Stoffe nach, so doch der ^Äahlkategorien nach, in denen er den Stoff seligierte, durch aus europäisch gebunden. Auch hier war der „Kosmopolitis- Mlis" der Jeit nur vager und unbestimmter Europäismus. Aber was ist das eigentlich für eine Einheit, die wir als die des Europäers, der europäischen Vierte, der europäischen Kultur bezeichnen? Und wo liegen ihre Grenzen, wo beginnt das andere? Ist es eine Einheit im geographischen Sinne, oder eine Einheit des Blutes, respektive eiue Einheit dessen, was man vieldeutig genug „Nasse" nennt — ein Wort, mit dem man bald eine Einheit der innerhalb der Art des M^enschentieres286 rein systematisch und diagnostisch zu scheidenden Varietäten der körperlichen Organisation, bald eine ebensolche der seelischen Anlagen, oft aber etwas ganz anderes, nämlich einen real zu sammenhängenden Gesamtzug generativerBlnts- und Abstam mungseinheit bezeichnet. Diese Einheit besitzt als seelisches und historisches Korrelat einen gewissen Zusammenhang seelischer Erbqualitäten und im großen ganzen auch eine gemeinsame „Tradition". M^it diesem TLorte bezeichnen wir nicht die ge meinsamen historischen LebensschiiLsale der Erwachsenen, oder das durch bewußte Erfahrung und Lehre Erworbene, sondern ausschließlich alles das, was durch unbewußte, seelisch-leibliche Ansteckung, durch ^Mitdenken, M^irleben, Ncitausdrückeu, Nuttun in den ersten Kinderjahren bis zur „^Mündigkeit" in den NTenschen an seelischen Grundeinstellungen gebildet wird. Daß hier von einem bloß geographischen Begriff nicht die Rede sein kann, ist wohl selbstverständlich. Die Bevöl kerung Nordamerikas gehört nach Sprache, Geist, Ab stammung der Spannweite dem europäischen M^enschen- typus an. Immer noch ist Nordamerika — bis auf un absehbare Zeiten hinaus — eine europäische Kulturkolonie; trotz staatlicher Selbständigkeit und allmählicher Ausbildung eines eigentümlichen nationalen Wesens. N?ag Nordame rika wirtschaftlich nicht einer europäischen Nation, sondern nur ganz Westeuropa äquivalent sein, mag es im Sinne der „Nation" aber in nicht allzulanger Zeit eine eigentümliche nationale Geistesemheit darstellen, so liegt es doch durch aus innerhalb der Struktur des europäischen Geistes und hat Zur Bevölkerung des geographischen Westeuropas kulturell nur die Bedeutung einer besonderen Nation — nicht jene287 eines eigentümlichen Kulturkreises wie Rußland, Indien, die Ntongolenländer; einer Nation, die sogar mit Eng land und Deutschland verglichen an Eigenart hinter der Differenz der Franzosen oder Italiener mit den Deutschen ganz erheblich zurückbleibt. Abgesehen von der Größe des Landes nnd der Zahl der Menschen, auch von der Zeitdauer seiner Existenz und Arbeit, würde ein gedachter Ausfall der Kulturarbeit Nordamerikas aus der gesamten Arbeit des Menschengeschlechts noch immer nicht im entferntesten soviel bedeuten als der Ausfall Frankreichs oder Italiens, dies wenigstens, wenn man nicht aufs Quantum der Leistung, sondern Qualität und Eigenart der erstttderischen Produktion steht. Noch viel mehr gilt dies sür große )^eile des spanischen und portugiesischen Südamerikas und für Australien. Rechnet Man Europa in geographischem Sinne des ^Wortes gen ^>sten bis zum Ural, so hört andrerseits die geistige Spann weite des Enropäertnms schon weit früher auf; und man muß Wik Hettner das ganze Osteuropa als „Halbasten" ansehen."« Nach Südosten zn muß die Grenze der Spannweite des Europageistes ausdrücklich als problematisch bezeichnet werden. Hier, zunächst hinsichtlich Ungarns und Rumäniens, tobt noch auf Jahrhunderte hinaus der Kampf. Ob das M!a- gyarentum, halb mongolifch-tatarifcher, halb sinnischer Her kunft und stark mit Osmanentum nach Blut und Sitte ge wischt, in der seht sich allmählich vollziehenden Bildung einer "ugarischen „Nation" mit europäischer Grundartung aus gehen wird, oder trotz seiner M^inderzahl diese Bildung ver hindernd, schließlich doch noch einmal dem ungarische» Staate emen Charakter aufprägen wird, der mehr astarifch als euro-288 päisch zu nennen wäre, das wird ganz wesentlich von einem Fortbestand des österreichischen Kaiserstaateö abhängen; oder sagen wir davon, ob in Österreich der europäische Geist, der dieses Staates Existenz als Hauptwerkzeug seiner Ausbreitung nach Osten und Südosten fordert, das Übergewicht behalten wird über die Spezifität der österreichischen Nationalitäten und damit auch des spezifisch germanischen Geistes, wie er stch im Deutschtum Österreichs darstellt. Das eben ist hier die Eigenart der Lage: daß der deutsche Nationalgeist in -Öster reich nur als primuz intcr pareg der Diener, nicht als Herr der österreichischen Staatsidee seine europäische Ncisstou er füllen kann — seine große, erhabene N?isston zur Solidari tät und zur möglichsten Erhaltung und Ausbreitung derSpanu- weite des Europageistes über das bunte Völkermaterial seiner eigenen und der angrenzenden Nationalitäten. Das möge das Deutschtum innerhalb des Reiches und in Ästerreich wohl be denken ! Auch jene deutschen Reichskreise mögen es bedenken, die unter gewissen, hier nicht zu bezeichnenden Umständen jetzt viel leicht geneigt wären, einen Separatsrieden des Deutschen Rei ches mit Rußland zu schließen — d. h. Ästerreich mehr oder weniger preiszugeben. Eine obzwar im machiavellistischen Sinne kluge, für die momentane Situation militärisch viel leicht zweckmäßige Politik, — könnten dann, des ökonomischen Vorteiles freier Ausfuhr und Einfuhr mit Rußland während eines länger dauernden englischen Krieges nicht zu gedenken, doch alle deutschen Restkräste gegen England sosort konzentriert werden — aber einer kurzsichtigen und antienropäischen Politik, steht jene andere weitstchtige europäische deutsche Politik gegen über, die ihren Trägern allesverbietet, was gegen die europäischeSolidarität als dem höchsten Sinne dieses Krieges ist. Dieser europäischen Politik aber ist ein selbständiges Osterreich wich tige^, als Verbreiter und Erhalter des europäischen Geistes, als die größere Bequemlichkeit und Gefühlsbefriedigug eines ein heitlichen alldeutschen Nationalstaates bis zur Adria (Triest). Ähnlich steht es mit dem europäisch-problematischen Ru mänien, das mit seiner stark wachsenden begabten, standhaften, patriotischen Bevölkerung von allen Balkanstaaten die stärkste Aufnahmefähigkeit sür die endgültige Gewinnung seiner Be völkerung für die Spannweite des europäischen Geistes aus weist. Solange als es mit einem selbständigen Osterreich sym pathisiert, wird es für die russischen Expansionstendenzen (aber auch für die einseitig magyarischen rumänischen Aspirationen) den stärksten Riegel bilden. Äb es aber ohne diese Anlehnung die Kraft besitzen wird, durch die Expansion des russischen Riesen einmal endgültiger Hinansdrängung ans der europäischen Geistessphäre zu entgehen, das ist mehr als sraglich. VZeit problematischer und in ihrer europäischen Fragwürdigkeit weniger bloß an staatliche Geschicke gebunden, mehr schon in ihrer Anlage sür die endgültige Einbeziehung in den Kreis der europäischen Geistesstruktur zweifelhaft sind die Serben, Montenegriner, Albaner — aber auch noch das tapfere ^auernvolk der Bulgaren. Iltögen aber diese gleichnamigen Nationen und Staaten als solche wie selbständig immer bleibe:, — der Alternative können sie nicht entgehen, ent weder sich schließlich doch in die Sphäre der westeuropäischen ^eistesstruktur einzubilden, oder endgültig dem russischen Kulturkreis sich noch vollständiger einzugliedern, als es bereits 6uf Grnnd der gemeinsamen Religion nnd zum kleineren Teil ^9 289290 des slawischen Rasfegefühls der Fall ist. Auch Griechenland wird seinen relativ europäisierenden Eiustuß auf die Völker- Welt des Balkans nur dauernd ausüben können, wenn es sich nicht gegen -Österreich stellt. Denn wer immer sich heute gegen jenen erhabenen Staat stellt, der, freilich unter stetigen furcht baren Zuckungen feiner inneren Existenz von der Vorsehung wie anserfehen scheint, den Idealismus der europäischen Staats idee zu verkörpern und ihre Erhabenheit über den ungezügelten Naturdrang des Blutes wie der bloßen Nationalität darzu stellen, — gegen die heroifche Kraft dieser Idee, die bloßen Naturdifferenzen in die Einheit eines geistigen ^Willens zu binden, — der sündigt an der Heiligkeit des europäifchen Geistes! Nicht oft genug kann ja auch für die allgemeine Beurtei lung unseres österreichischen Brnderstaates, dessen geheiligtes Haupt uns jene tiefe, über alle bloße Idee eines Bündnis vertrages hinausgehende, Treue bewährt hak auch bewährt hat zu einer Zeit, da König Eduard mit allen Mitteln feiner Schlauheit und Liebenswürdigkeit ihn, den Kaifer Franz zu gewinnen suchte , jene tiefe Treue, die man als leuchtendes Exempel für den altgermanifchenTreuegedanken, der nichts von „Verträgen" weiß, die,,Nibeluugeutreue" genannt hat, hervor gehoben werden: Daß es der Vorsehung ewiglich zu danken ist, daß sie in einem Zeitalter des allgemeinen Naturalismus, da der DZeg der Völker in der Tat — wie Grillparzer sagte die Inchtung ,,Von der Humanität über Nationalität znr Bestialität", d. h. bloßer Nasfengemeinfchaft einzuschlagen fchien, im österreichischen Kaiferstaar vor der ganzen Welr das edle heroifche Bild der Macht, der Hoheit uud Festigkeit der puren, gleichsam stofflofen Sraatsidee aufgerichtet hielt,291 — wie um an diesem einen Beispiel eine in die bloße Trieb haftigkeit der N^atnr zurücksinkende Welk immer fort zu ge mahnen: An die N?acht des sittlichen ^Willens über die bloße Natur imd das bloße Triebhafte des Ncenfchen! — Daß das Osmancnknm nicht nnr mehr problematisch, fon dern trotz allem Jungtürkentnm nnd europäifcher Phrafen aus der Struktur des europäischen Geistes heransfällt, braucht nicht gefagt zn werden, Im Grunde theokratifch und auf einem feudalen Lehensfystem aufgebaut, den Bozantismus Ostroms nicht eigentlich aufgebend, fondern nur feine Hierarchie mit fkythifchem Geiste erfüllend, ohne höhere Verdienste um die Kultur — die hinausgingen über einen asta- tifchen Luxus der Sinne — ein biederes, ehrliches Reitervolk ohne Adel des Geistes, höherer Freiheit und Form, ist das Osmanentum über den formalen Internationalismus der Zivilisation und den Salon hinaus vom europäischen Geiste im Kerne unberührt geblieben. Aber gerade weil es aus Europa völlig herausfällt, können momentane rein politische und militärische Verbindungen mit den Osmanen auch für den Aufbau einer politischen Form für die europäische Soli darität zweckmäßig fein. Denn als der Feind Rußlands, des gemeinsamen Feindes Westeuropas nnd als gegenwärtiger Eigentümer der Dardanellen, hak es — folange es noch dieses Bollwerk zn halten vermag — mit ^Westeuropa ein ge meinsames Interesse gegen den europäischen Osten. Als das führende Volk der mohainmedanifchen Welt, im Besttze ihrer höchsten geistlichen Würde, des Kalifats nnd der grünen Fahne des Propheten, vermag es den europäifchen Außenseiter eines politisch und ökonomisch folidarifchen Westeuropa, vermag es292 Englands Tendenz, das Kalifat auf den ihm unterworfenen Khedive von Ägypten oder eine andere englische Puppe zu über tragen, in Schach zu halten. So vermag es mitzuwirken, durch Aufregung, besonders Ägyptens gegen Englands Annexion dieses Landes, eine dem Werte der europäischen Nationen entsprechendere Form der Kolonisation der von der mohamme danischen Welt besiedelten Gebiete vorzubereiten. Daß die Osmanen durch den Balkankrieg aus dem geographischen Europa zum erstenmal so gut wie vollständig hinausgedrängt wurde«, ist für die Spannweite des europäischen Geistes nur dann ein wirklicher Gewinn, wenn durch den Fortbestand Österreichs und Rumäniens und deren südliche Nlisston für Gefamteuropa, dieRusststzieruug der Balkanstaaten gehemmt — und auf dieser Grundlage und nur auf ihr, auch die euro päisierende Misston Griechenlands in der Richtung auf Salo niki und darüber hinaus gewährleistet ist. Im anderen Falle ist diese Schwächung des Osmaneureiches für den europäischen Geist vorläustg noch ein Verlust seiner Herrschaftssphäre."^ - Ist aber der Begriff des ,,Europäers" kein geographischer begriff, fo darf er ebensowenig eine Raffeueinheit bezeichnen wollen. Sicher ist er keine Rasseneinheit in dem Sinne, in dem Rasse alsSystembegriff(imUnkerschiedezumzweitcu möglichen Inhalt dieses Begriffes, in dem die genetische Abstammungs einheit vorwiegt) genommen wird. Daß er nicht mit derSphäre des Begriffes der weißen Rasse zusammenfällt, das lehrt schon der bloße Hinweis auf Inder und Perser und der weißen Semiten, auch nicht mit dem selbst so schwierigen Begriff der „Indogermanen" der Hinweis auf Inder und Perfer. Lassen wir hier das vertrakte europäische Rassenproblem zur Seite293 liegen. Auf alle Fälle stellt der Träger des europäischen Geistes eine generativ zusammenhängende Ntischrasse vorwie gend aus Kelten, Romanen, Slaven und Germanen und einer verschwindenden jüdisch-semitischen Minderheit dar, die sich geographisch betrachtet in die vagen Typen der hellen, nordischen, blonden Rasse, der alpinen und der mediterranen Rasse gliedern läßt. Lassen wir auch deren Nterkmale auf stch be ruhe» und ihre im einzelnen so überaus fragwürdige Ver breitung. Wie immer das Rassenproblem einmal in Zukunft aussehe, wenn die bisherigen rohen Versuche, mit körperlichen NIerkmalen (wie Langköpstgkeit und Rundköpstgkeit usw.) auch zugleich geistige Eigenschaften, ja höchste Wertqualitäten verbunden zu denken, einmal aufgehört haben wird;"— und wenn, im historischen Leben allein fühlbar wirksame und moti vierende phystognomische Einheiten des leiblichen Ausdrucks sowie letzte psychische Einstellungsunterschiede, die stch in Vor zügen und Fehler» gleich sehr äußern, — nicht Werteigen- schastsnnterschiede wie Treue, Wahrhaftigkeit uj 10. — zu einer solchen Gliederung der europäischen Rassen geführt haben werden, die im Gegensatz zu rem metrischen oder anatomisch- natnrwissenschastlichen Bestimmungen für die Geisteswissen schaften allein von irgendwelcher Bedeutung sein kann: anfalle Fälle ist es mir ein Vorurteil, daß stch die Einheit des euro päische« Geistes gerade aus der Rasseumischuug müsse be greisen und stch als ein Gemisch von Bestandteilen elementarer geistiger Rasseuhaltuugen müsse darstellen lassen. Gerade da, wo wir noch die eraktesten psychologischen I^ach- forschimgen zu machen vermögen (z. B. Physiopsychologie der Farbe, der Gestaltwahrnehmung) wissen wir, daß sehr zu-294 sammeugesetzteu physischen und physiologischen Bedingungen ganz einfache, unzerlegbare geisiige Einheiten entsprechen können. Und hier im Kompliziertesten sollte uns die N^ethode ein anderes Vorgehen gebieten? Ist der französische und eng lische Geist nicht ein einheitlicher Typus—trotz aller verwickelten ^Mischungen von Normannen, Kelten, Romanen und der mannigfachen germanischen Stämme? Und was ginge die Geisteswissenschaft und Geschichte überhaupt gar eine objektiv körperlicheDifferenz an,für derenTräger nicht methodisch zuerst eine geistige oder eine solche nicht geistige Differenz (des Landes z. B. seiner Geographie, Geologie) aufgewiesen ist, die noch in die fühlbare und als wirksam erlebte Motivation des histo rischen N?enschen hineinreicht? Ich behaupte: Nichts. Rheine Antwort auf die Frage, welcher Art Einheit denn dann das,,Europa" ist, oder der „Europäer", von dem ich rede, ist daher diese: der Kern dieser Einheit ist eine bestimmte Geistesstruktur, z.B. eine bestimmte Form des Elhos, eine bestimmte Art des Weltanschaueus und der tätigen Welt formung. Gerade dieser europäische Geist, den man immer „ableiten" möchte, sei es aus Nasse, Klima, Milieu — ist der unableitbare Kern im Begriffe des Europäischen. Und was gefragt werden kann, das ist nur dies: Wie sich die Spannweite dieses Kulturgedankens „Europa" zu anderen Einheiten, wie z. B. zu Einheiten der Bewohnerschaft bestimmter geo- graphisch-abgegrenzter Territorien oder zu den Einheiten von Generationsraffenzügen verhält, welche er von letzteren Ein heiten noch umsaßt, welche nicht. Nicht aber kann diese Geistesstruktur aus anderen Einheiten hergeleitet oder — wie man sagt — „erklärt" werden! Umgekehrt ist diese Struktur-95 die Voraussetzung auch aller „Erklärungen", die das Teil- geschöpfdeseuropäischen Geistes, dieeuropäische„Wissenschaft" von diesem oder jenem Tatbestände zu geben vermag — auch noch die vielleicht einmal existierende Wissenschaft von der Nasse und von der genetischen Bildung der Nationen. Und gerade diese einfache, elementare Natur des europäischen Geistes ist es, die den Gedanken des Enropäertums erst seine ganze TLürde und Größe verleiht. Gerade daraus kommt es uns hier an, daß diese europäische geistige Einheit und ihre Unzerlegbarkeit, daß Europa als Liebes- und Geistesgemein schaft erst im letzten Halbjahrhundert zur Entdeckung ge kommen ist. Gewiß hak diese europäische Geisteseinheit auch ihr besonderes natürliches geographisches Ncilieu sowie ein be grenztes Rassen- und Nationalikäteumaterial je eigentümlicher Artung zum Stoffe möglicher Bearbeitung. Der Träger dieser schon desmitorifch bestimmten Geistesart kann z. B. dauernd nicht in den Tropen gedeihen; seine Kinder werden unfrucht bar, sein pfychischer Status verändert stch in gewissen N^ilieus und seine Kreuzungen mit gewissen Rassen (z. B. Negern) find wahrscheinlich sür die Erhaltung dieser Geistesstruktur verderblich. Aber das alles stud lediglich Fragen der Be ziehung dessen, was den Kern und das Wesen des Euro päers ausmacht zu gewissen Natureinheiten, lim Fragen, die solche „Beziehungen" betreffen, zu löse«, muß das Wesen des Europäischen als das TLesen des Trägers dieser Geistesart immer schon bewußt oder unbewußt vorausgesetzt werden. Nicht als „Anlage" einer schon sonst naturalistisch definierten Ncen- scheneinheit darf das „Europäische" gesucht werden, sondern umgekehrt so, daß jede andere N?enschcncinheik außer oder in296 der Spannweite des europäischen Geistes erst in Hinsicht ans die Träger D, Z dieser schau- und fühlbaren Geistes- einheit destniert wird. N?it dem Begriff des Kulturkreises z. B. des Europäertums verhält es sich auf höherer Stufe nicht anders als mit dem bisher so viel mehr und so viel präziser untersuchten Begriff der „Nation". Weder Volks- und Rechtseinheit, weder Bluts- uoch Spracheinheit, weder Staatseinheit, noch eineTerritorial- einheit, die geologisch,hydrographisch, pflanzen-tiergeographisch abgrenzbar wäre, weder Glaubenseinheit noch Kultur- uudBil- dungseinheit oder eine bestimmt geartete Mischung all dieser Einheiten vermag das nur Fühl- und Schaubare zu deckeu, was wir die „nationalen" Einheiten nennen. Für jeden Versuch, eine oder eine Kombination dieser Einheitsmomente zur Er klärung der nationalen Einheiten zugrundezulegen, lassen sich viele Ausnahmen aufdecken, Fälle, wo gerade die je bevorzugten N^omeute fehlen, andere der genannten aber vorhanden sind."^ Zu Fermeuteu für die Ausbildung eines einheitlichenNational- bewnßtseins aber können nachweisbar alle diese Momente, sogar die Religion (wie z. B. bei den katholischen Kroaten, die mit den orthodoxen Serben gleichen Stammes sind) wer den. Niemals aber ist die nationale Einheit aus solchen Unter einheiten zusammengesetzt. Immer stehen vielmehr diese Unter einheiten zur Nation mir im Verhältnis der Fnndamente uud Bedingungen für die nationale Lebens- nnd Schicksalsgemein- schaft, die schließlich ein einheitliches, einfaches und letztes Geistiges ist. Um Fuudameute uud Bedingungen dieser Ein heit aber zn prüfen, müssen wir Wesen und Sinn der kon kreten Nation immer schon erfaßt haben; können sie also297 nicht erst aus den Teileinheiten als eine bloße Mischung der selben gewinnen. Nur eine Idee genau derselben Art, aber eine Idee ans höherer Stufe, ist auch jene der „Geistesstruktur" uud des zugehörigen „Kulturkreises", von denen unser Europa (geographisch Westeuropa) ein Beispiel ist: eine Liebes- und Geistesgemeinschaft, welche die europäischen großen Nationen, so in stch befaßt, wie diese einzelne Völkerstämme, Rassen, Religionsgemeinschaften, die aber dennoch als ein Eigentüm liches stch zugleich über ste erhebt. Aber das ist uuu die Haupt- uud Grundfrage für die rich tige Auffassung des Deutschen Krieges, wie Nußlaud zu diesem Europa stch verhält und wie England — das als Nation ein selbstverständlicher Teil Europas ist — durch die dauern den Wesenszüge seiner Politik zu der etwaige« politische« und ökonomischen Formung dieses faktifch geistig-solidarischen Westenropäertnms steht, damit aber auch zur Aufgabe der Hervorbringung des gesteigerten Bewußtseins dieser Soli darität unter den Völkern Europas. — Zwei Einstellungen scheinen mir für die Feststellung des Verhältnisses der Spamttveite des europäisches Geistes zum Nusseutum beso«ders verderblich. Erstens die Ausfassung Rußlands nur als einer „Nation" unter anderen Nationen, analog Deutschland, Fraukreich, England; zweitens die Tei lung in ein europäisiertes uud asiatisches mongolisch-tatarisches Rnßland — eine Scheidung, die man von der harmlosen eines europäischen nnd asiatischen Rußlands im geographischen Sinne wohl scheiden möge. Was das erste betrifft, so hak aber Rußland stcher nicht nur den V5ert einer Nation, sondern mindestens den Wert eines298 Kulturkreises sowie V?esteuropa als Ganzes selbst wieder einen Kulturpreis, darstellt. Es heißt also Rußland in einem Sinne schon unterschätzen, wenn man es eine „Nation" nennt. Wer in einem anderen Sinne heißt es auch Rußland erheblich über schätzen. Vergessen wir nicht, daß „Nation" selbst ein Begrisf des westeuropäischen, ja nur des modernen westeuropäischen Kul turpreises ist, und es Außereuropäisches schon vergewaltigen heißt, wenn man es unter diese Kategorie zu bringen sucht. Um eine Nation zu sein ist Rußlands Bevölkerung— nehmen wir allein den echt rnsstschen Teil, Großrussen, TLeißrusseu, Klein- russeu, Tataren und sehen von den Anhängen des Reiches, den Polen, Littauen, Letten, Juden, Filmen, Esten, Schweden, Ru mänen ab — trotz der Einheit der Sprache und Religion in der geistigen Bildungshöhe viel zu ties iu steh verschieden. Die Trägerin der Nationalidee im Gegensatz zum natürlichen Volkstum aber ist überall, wo diese Kategorie stnnvoll ist, eine geistige Minorität. Die Seele besonders der ärmeren ländlichen Bevölkerung bleibt überall im naturgegebenen „Volkstum" — man denke z. B. an Bayern — beschlossen. Sie erhebt stch nur im Kriege zum Gesühl der „nationalen" Einheit. Sieben Achtel der russischen Gesamtbevölkeruug aber lebt auf dem flachen Lande. Eine solche geistige Mino rität, welche die eigentümliche Idee Rußlands trüge, — und nicht bloß trüge gauz verschiedene, meist Europa entstammende Jdeengruppeu, darnnter auch uoch die dann auf Rußland sekundär angewandte europäische Idee der „Natiou""? — gibt es aber in Rußland als Einheit nicht. Gerade die rus sische Bildung ist in Wirklichkeit heute noch die am meisten kosmopolitische respektive internationale der T?elt. Nirgends299 spricht die „Intelligenz" so viele Sprachen midist sie so kosmo politisch wie in Rußland. Rußland besteht also weder aus Nationen wie Österreich — noch ist es selbst eine Nation. Es ist eine^ fast alle klimatischen, pflanzen- und tiergeogra- phischenHauptzonen der Erde umfassende äußerst bunte Völker mischung, die kulturell in Religion nnd Sprache und einer ebenso eigentümlichen Geistesstruktur, wie sie Westeuropa nur als Ganzes aufweist, politisch im Eäsaropapismus des Zaren- tnms seine Einheit hat und gleichzeitig eine dünne fast aus schließlich vom Adel (darunter stark vom deutschen baltischen und polnischen) und Judentum herkommende Schicht kosmo politischer Bildung — auch dann noch kosmopolitisch nach Herkunft, wenn sie sich „panslavistisch" oder „nationalistisch" gebärdet — aus seiner ungeheuren kompakten Landmasse liegen hat. Sowohl der sogenannte „Panslavismus" als der spezistsch russische Nationalismus sind, sofern sie das Blut oder die Nation über die Orthodoxie, Byzantinismus und den Zaren setzen, nachweislich westeuropäischer Import. Ebenso irrig aber ist, die Einheit Rußlands in ein euro päisches uud asiatisch-mongolisches Element zu zerbrechen. Rußland ist trotz der mannigfachen Rassemischungen des sla- vischen Elemeuts in den Großrnssen mit den Finnen, in den Kleinrusfcn mit den Tataren, trotz der reichen Unterschiede der Großrnfsen von den mir dem Polentum stark gemischten Weißrussen nnd besonders den südlichen beweglichen Händlern der Kleinrussen und der Ukraine ein Land eines einheitlichen, scharf ausgeprägten Seelenrhythmus. Überall dieselbe gutmütig-tierisch rohe Kraft vereint mit Liebe zu einer mystischen Beziehungslosigkeit des inneren Ge-sühls und der gedanklichen Reflexion zn den jeweiligen Zielen dieser Kraft und den Aufgaben des Handelns. Überall dieselbe sonderbare Verbindung von ungeheurer Ausdauer, Trägheit und Konstanz in dem vom Instinkt Ergriffenen und vom Ncangel an europäischer Arbeitsamkeit, europäischem Ord nungssinn, europäischem Fleiß, europäischer Pünktlichkeit und Willensenergie. Überall das Clair-obscur von Melancholie, ^Weichheit, Sentimentalität, Romantik und bodenlos?m Leicht sinn. Überall das schon in den zärtlichen Sitten (Oskerkuß, Kuß beim Abschied, der M^enge der Kosenamen) znm Ausdruck kom mende unpersönliche zerstosseue Gemeinschaftsgefühl bei gleich zeitigem Fehlen aller ^Willenskraft zn künstlicher Organisation von N?enschenmaffen auf ein reich gegliedertes Zweckgefüge. Überall dieselbe Liebe und Ehrfurcht zur „Einteilung" um ihrer selbst willen, zu byzantinischem Reichtum stufenförmiger hier archischer Gliederung — aber diese Neigung ganz unabhängig von jener lex parsiinoniae, dem ökonomischen Prinzip, das in Europa alle Teilung der Arbeit, alle wissenschaftliche Klassifi kation, allen Aufbau des Beamtentums leitet. Selbst der Lehr stoff der Schulen wird in immer neuen Lehrbüchern immer neu eingeteilt und der Beamtenkörper bildet eine richtige, metaphy sisch verankert empfundene Hierarchie im byzantinischen Sinne. In der moralischen Sphäre kann stch der Europäer nicht genug wundern über das Znsammenspiel von Gewalt tätigkeit, Korruption uud Bestechlichkeit aller Behörden mit einem beispiellosen nneuropäischeu Opferstuu, ja eiuer eigentümlichen Opferliebe, oft Opfer sucht des Einzelnen für seine Ideen. Die Ncenge und die Kühnheit der rus- stscheu Spione, der weiblichen Soldaten in diesem Kriege Z00301 gab uns davon wieder aufs neue einen Begriff. Die russische männliche und weibliche Engend der „Intelligenz" (wie charakteristisch schon dieser Ausdruck, der eine kleine scharf abgegrenzte Gruppe gegen die ungeheure Landmasse stellt) — welch schwebend gefährliches Leben zwischen Zarismus und N?asje führt ste seit Jahrhunderten! Und welcher unerhörter Opfer war ste sähig! Und doch — wie falsch wäre es auch nur, diese sittlichen Verhältnisse au europäischem Ethos zu messen! Kein europäisches Land ertrüge zwei ^Wochen lang deu tausendsten Teil dieser Korruption, ohne sofort in voll ständige innere Verwirrung zu geraten. Und doch erträgt sie Rußland, ja gedeiht mit ihr! Gedeiht ganz anders als Nord amerika mit seiner Korruption. Der Grund dafür^ ist,daß hier das Prinzip ungeordneter gesetzloser Gewalt durch das Prinzip eines ebenso ungeordneten gesetzlosen Liebespatriarcha- lismus, der von aller russischen Zlntoritätsidee ebenso unab trennbar ist wie das Gewaltprinzip immer wieder ausgeglichen wird. Beides dem europäischen TLefeu gleich unbekannt! Gewalt, Brutalität von oben und eine Ncasse, die ste nicht nur erträgt und duldet, — duldet für auch nur ein bißchen, plötzlich mit weichem Gefühl gegebenes Zuckerbrot, — nein die sie geradezu heifcht, die trotz alles bewußten Gegeuwilleus unterbewußt im Grunde so beherrscht sein will, das ist der ethische Grundaspekt dieser Völker! Schon in dem Schluß des Brieses, in dem das erste russische Herrschergeschlecht, die schwedischen Ruriks, ins Land gerufen wurde, — ,,kommt, be herrscht uus!" — tritt dieser Zug des Heischens der Gewalt seitens der russischen Nceuge so plastisch hervor. Zärtlichkeit und Leidenssncht, die Prügel wünscht, dies fordert, wie dieFrau des M^uschiks vom M^auue, so diese Mäste von ihrer Negierung. Der Europäer, der dies alles nach seiner Idee von Gerech tigkeit und der Herrschask des Gesetzes mißt, verkennt mit seinem Schimpfen ausdie russische Knute diese Kuutenbedürstig- keit, dieses Heischen nach Knute seitens der N^asse, und ver gißt meist dabei die gleich darnach kommende beispiellose Zärt lichkeit und Liebe, (die Geste auch in der Anrede „Väter chen", „M^ütterchen"). Er steht da nur eine schlechte praktische N^oralität nach seinem Ethos, dem europäischen Ethos, wo ein ganz anderes Ethos herrscht. So steht er auch in Rußlaud meist nur „Reaktion" und „Unfreiheit". Und doch erscheinen wir Westeuropäer dem russischen Auge — ganz einheitlich, ob wir Engländer, Deutsche, Franzosen, Italiener stnd — alle samt so häusig als ganz „unfreie Philister", als M^onomanen einer sozialen Ordnungöidee, als äußerst „eng" in unseren Urteilen über das Individuum, seine Lebensart, seine Sitten; „eng" auch in nnserm Urteil über die uneheliche Ntntter, „eng" in unserem Urteil über den Verbrecher. In Rußland ist Ver brecher einfach der „Unglückliche". Und in der Tat: VZas Rußland an politischer Freiheit abgeht, das ersetzt es wieder durch den Besttz einer ganz eigenartigen sozialen Freiheit des Individuums vom Avang der „östentlichen Alteinnng", einer beispiellosen Fülle originaler Lebenstypen, die ganz nur „uach ihrem Kopfe" lebeu, träumen, stnnen. Wie uufrei ist z. B. dem gegenüber der Amerikaner nnd Engländer bei aller „poli tischen" Freiheit und „Demokratie"; wie gebunden der konven tionelle, schematische Franzose, der auch in der Kunst, — man denke au Balzac — überall Typen der menschlichen Iltena- Z02gerie sieht, „die"Frau von zo Iahren, „die"Kurtisane usw.! Auch unser europäisches Maß vou Bedürfnis nach Lebens sicherheit legen wir dem Russen so gerne unter, wenn wir das gefährliche Leben der Intelligenz zwischen Masse, Knute, Sibirien und Peter-Paulsfestung beklagen. Was aber erzählt uus Th. G. Mafaryk in seinen Skizzen zur russischen Reli- gions- und Geschichtsphilosophie? Es ist nach ihm eine ganz typische Erscheinung, daß die oft lange Jahre von der russischen Staatspolizei wie Hunde gehetzten geistigen Führer der russi schen Revolution sich einmal nach Ruhe, Stille, Sicherheit der Existenz sehnen — wie der Matrose im Sturm nach einem Waldspaziergang. Dieses Gefühl, diese Sehnsucht treibt sie dann nach Europa und — gelingt es zn entkommen — so leben sie in Deutschland, Frankreich, England, Ita lien, Schweiz eine Zeitlang ruhig atmend und regelhaft. Alber nicht länger als ein bis zwei Jahre genießen sie diese Ruhe. Dann ergreift sie tiefer Abscheu vor der europäi schen „Sicherheit" und „Ordnung" und die Sehnsucht nach den alten Abenteuern, nach dem alten gefährlichen, schweben den Leben zwischen Autokratie und Masse erwacht wieder in ihnen. Das ist die russische Seele! Wie prägt sie sich aus in dem abenteuerlichen Leben eines Baknnin, Herzen, Krapotkin (siehe Selbstbiographie), eines Leontjew, Dosto jewski nsw.! In seinem 1L81 geschriebenen Aufsatz „VZas ist Asien sür uns?" will Dostojewski die Frage beantworten, warum Europa Rußland so sehr hasse. Er antwortet: „VZir tragen eine ganz besondere Idee, eine andere als Europa in die M'enschheit." Die „russischen Europäer"— fährt er fort — „versichern dagegen Europa, Rußland habe keine besondere ZoZIdee, es wolle nur Europa nahekommen." „Europa jedoch glaubt unseren russischen Europäern wenigstens dieses eine nicht. Es stimmt hier mit dem echten Russeutum überein." „Europa glaubt ganz wie die Slavophilen, daß wir eine Idee haben, eine eigene besondere, nicht europäische Idee, und daß Rußland fähig sei, eine Idee zu haben." Bis heute — trotz allen ökonomischen Veränderungen, trotz Revolution, Witkesche Periode, Duma usw. hat Dostojewski recht. Der Unterschied des Ethos wie des intellektuellen Status Rußlands von dem Europas besteht darin, daß das Verhält nis von „Regel" und „Ausnahme" stch aus die entgegen gesetzten Inhalte und Werte verteilt. Das gilt vom Gegen satz von Gewalt, Liebe uud Gesetz, Gerechtigkeit; von Gesahr und Sicherheit; Abenteuer und Geordnetem Leben; es gilt auch von Kriegszustand und Friedenszustand, von TLnnder und Naturgesetz, vouM^asse und individuelle Seele. Rußland hatte nach Kuropatkin, im Laufe von 200 Jahren i zo Kriegs jahre, 70 Friedensjahre, darunter 90 Jahre Eroberungskrieg. D.h. im Grunde ist hier der Friede trotz der religiös gefärbten Friedenögefühlsneigung der russischen Menge noch ein Aus nahmezustand. Das Wunder ist Europa — auch noch für die frömmsten Katholiken — eine gottgewollte Ausnahme der zu nächst alsselbstverständlichgeltcndenGesetzmäßigkeitderNatur. Das ^Wunder, nicht das Gesetz trägt zum mindesten auch für den römischen Papst, ja noch für die spanische Bauern frau das onus probanäi. Der kirchliche Priesterrationalis- mns hat es stets auf ein Ntiuimnm zu beschränken gesucht. Dem russischen Ncenschen — der „altrussischen Erkenntnis theorie", wie NIasaryk zu sagen pstegt — ist derselbe Inhalt, 3c>4den wir objektiv „Wunder" und subjektiv puren „Glauben" nennen, die Regel und eine Ausnahme ist ihm das „Ge setz" — das Gesetz in Natur wie in Staat. Überall trägt die Behauptung einer Gesetzmäßigkeit das onus prokaucli. Dagegen sagt es gar nichts, daß Nußland große wissenschaft liche Forscher zu den Seinen zählt. Ich sagte schon: erst in dem besonderen Geiste der wissenschaftlichen ^Methoden der Wölker — nicht im Fortarbeiten in gegebenen M^ethoden zu neuen Resultaten erweist stch die geistige Selbständigkeit der Nation. Trotz aller sogenannten „Internationalität"derWis- senschaft gibt es in diesem Sinne nur eine, „die" europäische Wissenschaft und in ihr z. B. einen deutschen, sranzöstschen, englischen, italienischen M^ethodengeist. Es gibt keinen russi schen INethodengeist. Russische Physiker nnd ^Mathematiker arbeiten meist nach dem französischen Vorbild möglichster Deduktion aus ganz wenigen Prinzipien. Sie haben keine eigene Art des Erkenntnissortschrittes. Viel eher schon gibt es eine „russische Philosophie" — wenn auch die offiziellen Lehrer meist ganz nnd gar von Kant, Fichte und Hegel, oder vom englisch-französischen Positivismns, die geistigen Führer der revolutionären 5Masse vom N?arxismus abhängig sind. Aber in der Geistesart von Leontjew, Solovjew bis zur Einstellung des gegeuwärtigeu Petersburger Forscher Losskij, steckt etwas, was aus eine tiefe JDeise mit dem mythischen Denken dieses Volkes zusammenhängt und — was ganz uneuropäisch ist. Von dem tiefe» Gegeusatz der Orthodoxie und der zu ihr gehörigen Häresien zum europäischen Christentum wurde schon früher eingehend gesprochen. Die religiöse Einheit und ihre Grundeinstellungen, die auch der wechselnden kirchlichen Ent- 20 305Wickelung von der Selbständigkeit der Kirche bis zu ihrer Vereinigung mit dem Staate im Cäsaropapismns vorangeht, die sich erst in Peter dem Großen vollendete, ist aber das stärkste Emheitsmoment des Nnssentums. Auch die Autokratie würde ste überdauern. Und auch bei den wechselnden Inhalten, welche die russische Intelligenz ans Europa aufnahm — sei es Kant, Hegel, Positivismus, Marxismus — bleiben diese Einstel lungen konstant; ergreifen ste das Fremde und bringen es in die eigentümlichen Gestalten ihres Rhythmus. Ist es mit der Kunst anders? Trotz der unvergleichlichen Größe eines Tolstoi und Dostojewski, eines Gogol und Pusch kin besteht die Tatsache, daß der russische Geist die euro päische Kategorie einer „reinen Kunst" gar nicht kennt. Viel leicht ist das ein Vorzug. Ich fälle hier kein Werturteil. Aber überall, wo diese „Kunst" wahrhast groß ist, ist ste nicht nur uneuropäisch — sondern überhaupt nicht „Kunst", im europäische» Sinne. Sie ist eine auch ästhetisch ost un geheuer reizvolle grandiose Prophetie, ein undifferenzierter Iltykhos oder Sang von Religion, VZeisheit, Politik, ist in den bildenden Künsten (abgesehen von europäischen Nach ahmungen) entweder Schmuck (wie die alteBauernkuust) oder Form und Mittel des religiösen Kultus. Niemals aber „reine", selbständige Kunst, die schon der Idee nach ein europäisches „Vorurteil" ist. Von der tiefen Fremdheit der Gestalten dieser Kunst, deren exotisch anziehender Charakter uus gerade so oft ebeu diese Fremdheit verbarg, sei hier nicht die Rede. Was besagt mm hiergegen die seit Peter dem Großen fort schreitende sogenannte „Europäisterung Rußlands"? Wieder finde ich, daß man hier entweder einen ganz von innen kommen- zo6den Fortgang der russischen Gesellschaft oder Folgen allgemei ner internationaler Kapitalisierung der Wirtschaft, wie sich Beides in Bauernbefreiung, Aushebung der Leibeigenschaft bis zur Duma und zur jetzt sich vollziehenden Auflösung der allrus sischen Agrarverfassnng, des Mir und gleichzeitiger Prole tarisierung und Industrialisierung der bei der Agrarreform leer ausgehenden Kleinbesitzer vollzieht, fälschlich für „Europäi sierung" hält. Anch jene formale Technisierung, Eintritt in die Arbeit exakter TLisienfchaft, Eintritt in die inter nationalen Verkehrsinstitute ist keine „Europäisierung". Diese Erscheinungen finden wir doch genau ebenso in Japan, China, bei Osmanen und Ägyptern. Freilich: wer wie die Vertreter der ökonomischen Geschichts auffassung „Kapitalismus" für das Wesen, den Kern „Europas" hält und wer dazu noch glaubt, daß die öko nomischen Prozesse den sogenannten geistigen „Überbau" be stimmen, — der mag, der muß diese Dinge für Zeichen der „Europäisierung" halten. Der soll diese Prozesse der Jnternationalisiernng des Kapi talismus sür Enropäisierung halten! Denen aber, die solches tun, habe ich ehrlich und srei — ehrlich und srei auch noch mitten in diesem Kriege folgendes zu sagen: Unterstelle ich ihre Ansicht eine Sekunde als wahr, die Ansicht als wahr, daß der Kern Europas der Kapitalismus, der Kern des europäischen Geistes der „kapitalistische Geist" ist, und der Bourgeois, wie sein Schatten der Sozialist, die Hochblüte und der letzte Mensch Europas, daun stehe ich nicht an zu sagen, daß dieser Krieg auch der Anfang vom Ende Europas seiu wird; ja ich wage zu sagen, sein soll! 20* Z07308 Er wird es sein! Denn ist faktisch der kapitalistische Geist das Wesen des europäischen Geistes, dann kann auch nicht mehr diejenige N?acht in Europa dauernd das Lebenszentrnm dieses Geistes sein und seinen politischen Kristallisationspunkt bilden, die noch der machtvollste Träger des antikapitalisti schen, des heroischen, des antiindividualistischen Geistes und jener antiken Staatsidee ist, die den Staat als eine überindi viduelle Willensrealität saßt: Deutschland! Dann stegen, müssen auf die Dauer stegeu in Europa lauwarmer eng lischer Komfort und konventionelle Zivilisation über originale persönliche Kultur, der Bourgeois über den Geist Friedrichs des Großen, Goethes und Kants. Dann wird stch mit innerer Notwendigkeit jene Anarchie Europas, die bor dem Kriege von Jahr zu Jahr anschwoll und deren erhabener Arzt nach unserer Ilteinnng dieser Krieg ist, fort- und weiterfressen und eben mit dem, was hiernach ,,Enropäisteruug der Welt" genannt werden müßte, müßte Europa als eigentümlicher Kulturkreis von der Erde verschwinden. Eben dieser Europas vermeintliche Sieg — wäre sein Fall! Ein Europa als ein bloß technisch-ökonomischer Dienstboke fremder eigentümlicher Geistes- und Knlturartuugeu, ein folches Europa hätte auch kein Anrecht mehr auf politische Selbständigkeit seiner Teile, und keine N^acht ste dauernd aufrecht zu erhalten. — Das ist die ganze Größe der welthistorischen Situation: Daß dieser unerhörte Krieg entweder der Beginn der Neu geburt Europas oder der Beginn seines Absterbens ist! Es gibt kein Drittes! — Und noch mehr: Wenn Kapitalismus Kern und Wesen Europas ausmacht — Europa auch die Führung309 IN der Geschichte der N?enschheit, die es seit der Antike inne hatte, verlieren und es sollen sich bewahrheiten die Ideale der größten und tiefsten Geister Rußlands. Dann, ja dann schlösse ich mich den Worten Leontjews, des Lehrers so vieler russischer Geistessührer der neuesten Zeit, des tiessinnigen Lehrers auch des stachen Pobjedonoscew an: ,,Wäre es nicht fürchterlich und beleidigend zu denken, daß Mooses den Sinai bestiegen, daß die Griechen ihre schönen Akropolen errichte:, die Römer die pumscheu Kriege führten, daß der geniale schöne Alexander in seinem federwallenden Helm den Grani- kus überschritt und bei Arbela kämpfte, daß die Apostel pre digten, die Iltärtyrer litten, die Dichter sangen, die N?aler malten und die Ritter aus den Turnieren glänzten, — nur deshalb allein, daß der französische, deutsche oder russische Bourgeois in seinem häßlichen Gewände auf den Ruinen all dieser Herrlichkeiten ,individuell' und ,kollektiv^ sich Wohl befinden möchte?" Aber Leontjew — macht ja denselben Grundfehler wie unsere Vertreter der ,,ökonomischen" Geschichtsauffassung. Er hält den Kapitalismus für den Kern Europas! Wie wir anderen an eine eigentümliche ursprüngliche Geisteseinheit Europas glauben, so halten wir es auch mit Dostojewski und der besonderen „Idee" Rußlands. Wir sind dabei weit entfernt, diese Idee zu mißachten. Unsere inneren Zweifel sind ungeheuer groß, sie auch nur voll zu verstehen. Denn die gefühlte und geahnte Differenz ist hier ja so uner meßlich viel größer als die begriffene, in Worten ausdrück bare. Aber deswegen fordern wir, — im Gegensah zur öko nomischen Geschichtslehre — daß die autonome Kultursoli-darität Europas in ihrei^, hinker allem internationalen Kapitalismus gelegenen positiven Eigenart auch ihre zugehörige wirtschaftliche Autarkie und ihre politische Form stnde, daß die N^asken von Gleichförmigkeiten, die der Friede, die das Geschäft, die Salon- und Hotel-„Kultnr", die Nachahmung und Ntimikry über die tiefen Organisationsverschiedenheiten des europäischen und russischen Wesens stülpten, jetzt endlich fallen! Ilnd nicht um sogenannte „panslavistische Tendenzen" — die sich auch gegenwärtig in Böhmen nur als phantastisch- sentimentale Vorwände einer einseitig nationalistischen gegen Ästerreich gerichteten Tschechenpolitik (zum Teil aber auch als selbstgemachten „Feind" des Alldeutschtums) erweisen — han delt es stich hier. Es handelt stch überhaupt nicht um Rassen- begrisfe, sondern allein um den Gegensah Europa und Ruß land als zweier Einheiten von geistigen Erlebnisformen der TLelt. So begeistert wie es uns die Presse schilderte, gehen ja nach dem Urteil genauester Sachkenner die Tschechen durch aus nicht gegen Nußland mit. Aber auch diese Kühle folgt nicht aus ,,panslavistischer" Gefühlseinheit mit dem Rusteu- tum, sondern aus dem Streben nach einem selbständigen Königreich Böhmen. Nur ein Teil der tschechischen Sozial demokraten hak das Verdienst, für den anationalen euro päischen Vormachtstaat Ästerreich ernsthaft einzutreten. Auch auf tschechischer Seite — genan wie bei den sogenannten „All deutschen" im Reich und Ästerreich, überflutet ein schranken loser Nationalismus die Idee der europäischen Solidarität, die eine Erhaltung des heroischen Kaiserstaates fordert. Wer aber ist, nicht wie Frankreich der momentane — nein der konstitutive Feind dieser politischen Bewußtwerdung und ZI03" politischen Formung der europäischen Solidarität? Dieser Feind ist England! Dieser Staat kann, solange er das Ge füge seinerzeit dem 17. Jahrhundert erwachsenen dauernden, politischen Prinzipien und Methoden beibehält, — d. h. seit dem Beginn der Aspirationen, die in seinem Marinismus, seinem Anspruch auf Allgeltung zur See endeten, — nie und nimmer mehr ein ehrliches Il^itglied der europäischen Staatengesell schaft werden. Genau so lange, als England seine All- seegeltung behält, genau so lange muß es das Geschick jedes einzelnen europäischen Staates, ja — trotz aller Geistes- und Knlturznsammengehörigkeit mit Westeuropa, — das ganze Westeuropa außer stch selbst in seine politische Weltrechnung nicht anders einstellen, wie jeden außereuropäischen Staat. Genau so lange trägt es den radikalen Existenzwiderspruch in stch, zugleich eiu kulturelles Glied und ein politischer Außen seiter der europäischen Staatengesellschaft zu ^ein. Es kann, solange es an allen möglichen Punkten der Welt so überragend und über alle europäischen Staaten weit hinaus engagiert ist, nie und nimmer Europas „heiligste Güter" wahren! Es muß für seine TLeltinteressen jeden winkenden Vorteil in seinem „TLeltreich" preisgeben und anch alle anderen europäischen Staaten ans dem Stadium jener anarchischen Form vonÄLelt- politik stxieren, welches die letzte Wurzel auch dieses Krieges ist. Ginge es das nächstem«! zufällig einmal mit Deutschland und etwa gegen Rußland, weil es das für seine Herrschaft in Indien oder Persteu nötig hak, oder auch gegen Japan, das änderte an dieser Prinzipienfrage nicht das mindeste. Erst wenn England so weit in seiner Allseegeltung beschränkt würde, daß es keinen weltpolitischen Schritt unternehmen kann, ehe es dasEinverständnis der europäischen Ntachte erreicht hak, könnte sich diese seine Anßenseiterstellnng in die Stellung eines Glie des innerhalb der europäischen Staakengesellschaft oerwandeln. Das Prinzip der „Gleichgewichtsmethode", das Englands cant seit einem Jahrhundert und mehr trotz des vielfachen Wider spruches seiner Liberalen gegen dieses Prinzip, als die Garantie der „Ruhe und des Friedens in Europa" erklärt, ist faktisch das für Europas Schicksal auf die Dauer abs?lut tödliche Prin zip. Denn nicht eine von England hervorzubringende mecha nische Einheit, oder ein „Gleichgewicht" von Interessenver bänden— fondern eine Liebeseinheitist Europa seinem kulturellen Wesen nach (mit Einschluß Englands), und soll es auch wirt schaftlich durch eine europäische Autarkie und politifch durch ein dauerndes stetig weiter greifendes Staatenbündnis werden. Was England „Liebe znm Schwachen" nennt, das ist aber faktisch nur ein heuchlerischer Name für,,Haß auf den Star ken", den es jeweilig um so mehr fürchtet, je mehr es erwartet, daß er feine politische Außenfeiterstellung gegen Europas Soli darität durch feine eigene wachsende Seegeltung gefährden könnte. „Gleichgewicht der Kräfte" ist ideell ja das gerade Gegenteil von Solidarität. Dort mechanische Aufhebung zweier entgegengesetzt gerichteter Kräfte — hier eine einzige Kraft der Liebe und des ^Willens in mehreren Einheiten, eine Kraft der selben Richtung. Nicht das machen wir hier England an erster Stelle zum Vorwurf, daß es in gegenwärtiger Konstellation Rußland unterstützt und sich des japanischen Ehrgeizes und seiner asiatischen Expansionstendenzen ans China gegen Deutschland bedient. Momentane polinsch-militärische Verbindungen euro päischer Staaten mit außereuropäischen stud, ehe die Solidarität ZI2Europas eine politische Form gefunden hat — schwer ganz zu oermeiden. Auch wir gehen in diesem eng begrenzten Sinne zurzeit mit den Osmanen, und die Ehrlichkeit gebietet zu sagen, daß wir eine Wendung Japans nicht nur gegen Nußland, sondern auch gegen England nicht ungern gesehen, ja unterstützt hätten, wäre sie — wie Unkenntnis der histo rischen Tatsachen seit dem japanisch-russischen Kriege und Torheit anfänglich vermutete — eingetreten. Ein dentsch- englisch-japauischeö Bündnis mit der Spitze gegen Rußland, wie es uns seinerzeit Ehamberlain nach Englands Schwächung durch den Burenkrieg unter Bedingungen anbot, die wir Gott sei Dank ablehnten, könnte bei einer neuen politischen Kon stellation die Solidarität Europas nicht weniger gefährden. Darum handelt es sich vielmehr, daß Englands dauernde poli tische Iltethodik die Anarchie Europas in Permanenz erhalten muß, und daß es mir ein einziges NÄrtel gibt, die dauernde und konstitutive Hemmung der europäisch-politischen Solidarität gegen den Osten zu beseitigen: das Zerbrechen des Anspruchs Englands auf Allseegeltung und die daraus folgende Erzwin gung der Preisgabe dieser ^Methodik! Will England — wenn dies geschehen ist — ein ehrliches IMtglied der europäischen Staatengesellschaft werden, so sei es mit Freuden in diese auf genommen und dies genau nach demjenigen Ansprüche, die der Wert feiner eigentümlichen Spielform europäischerKultur und seine eigenartige Stellung als Inselstaat, ihm auf ein N^it- handeln in der Politik der europäischen Staatengesellschaft und aufKolouisiernng außereuropäifcherLänder, der faktischeWert seiner VZare aber ihm Anteil an dem Welthandel erteilt. N'icht wir sind es, die England aus der Einheit Europas aus- ZiZschließen wollen, fondern es selbst ist es, das stch durch seine politischen N?ethoden politisch daraus ausschließt; und wir stnd es, die es auch zum Heile Gesamtenropas zwingen müssen, stch auch politisch aus den Standpunkt des ,,guten Europäers" zu stellen, anstatt stch als eine übereuropäische Weltmacht „imperialistisch" auszuspielen, die mit Europa nur als einem Faktor unter anderen Faktoren in seiner großen ökonomisch-politischen Weltrechnung rechnet. Daß dieser Zwang erfolge, das ist im Gemeininteresse aller europäischen kontinentalen Staaten, und ist sogar noch das Interesse Eng lands als eines Gliedes von Europas selbst, das es kulturell ja zweifellos ist. Solange England seine Allseegeltung und jene einseitigen Hirten- und Weidenmethoden gegenüber einem so großen Teile der Erdkugel ausrecht erhalten kann, die sein csnt Lehr-, M^isstons- und Kulturmethoden nennt, so lange muß es stets zu künstlichen Bündnissen, künstlichen Neutrali täten unter den europäischen Staaten Anlaß geben, die weder deren besonderen Nationalinteressen noch dem solidarischen Interesse Europas entsprechen. So hält es jetzt Italien durch dessen natürliche Angst vor der Verletzung seiner Mittelmeerinteresien und seiner afrikanischen Kolonien durch die englische Flotte in Schach und sucht es zu einem Auf geben seiner Neutralität und zum Krieg gegen Österreich zn drängen; so hat es Portugal schon durch dessen Interessen im afrikanischen Angola auf seine Seite gezogen; so wirkt es aufwiegelnd auf Dänemark, das es 1864 auf ein paar W^orte Bismarcks hin preisgab, so auch ökonomisch vergewal tigend aus Norwegen und Schweden. Gelänge es ihm, Deutschland zu einem Binnenstaate zu machen und, wie 3^4man es schon englischerseits als Ziel des englischen Krieges gegen uns bezeichnet hat, den Nordostseekanal zu „neutrali sieren" — wir habeu es ja auch iu diesem Kriege gelernt, was England uuter „Neutralität" im Seerecht versteht —welches Schicksal würde diesen nordischen Völkern erblühen? Analoges aber gilt auch für die Erreichung des höchsten Zieles, das sich die europäische Wirtschaftspolitik zu setzen hat: die ökonomische Autarkie Westeuropas samt der ihm augegliederten Kolonien gegen den Osten und Amerika, ver mittelt durch eine zunächst herzustellende mitteleuropäische Wirtschaftsgemeinschaft, wie sie Julius Wolf und Andere längst gefordert haben. Auch die Erreichung dieses Zieles ist durch Englands Allseegeltnng dauernd gehemmt. Nur zwei priuzipielle TLege kam: die britische Wirtschaftspolitik ein schlagen: entweder den Weg mehr oder weniger reinen, wahl losen Freihandels, jedenfalls ohne Berücksichtigung der spezi fischen Einheit Europas oder jenen Weg, den seiner Zeit Chamberlain gehen wollte: Iltaximale ökonomische Autarkie des britischen Gesamtreiches, starke Vorzugszölle zwischen Ntntterland und Kolonien nnd Absperrung nach außeu. Beides aber verhindert die Erreichung jenes oben bezeichneten höchsten Zieles unbedingt. Beides verhindert aber auch dauernd die Erlösung Deutschlands vom kapitalistischen Geiste englischer Provenienz vermittels seiner Loslösung von dem Zwange, mit England in Formen konkurrieren zu müssen, die der englische Geist des Hochkapitalismns — nicht der deutsche — vorher zum europäischen Wirtschastsgeist überhaupt gemacht hat. Und wieder sehe ich nur in dem Zusammenwirken beider Richtungen der Politik — der Richtung auf die europäischepolitische Solidarität sowie auf die ökonomische Autarkie und auf Brechung der englischen Allseegeltung eine mögliche Aus^ sieht auf endgültige Ausstoßung des Giftes des seiner Haupt provenienz nach englischen kapitalistischen Geistes aus Europa. Vermöchten wir auch die englische Allseegeltung zu zerbrechen, aber ohne mit der deutsch-nationalen eine mindestens mittel europäische Wirtschaftspolitik zu vereinigen, so wäre diese hohe Aussicht darum nicht gefördert, weil uns der Zwang, mit Nordamerika, (das ökonomisch dem ganzen Westeuropa, nicht einer einzelnen Nation gleichwertig ist) in den Formen englischen Geistes zu konkurrieren, sofort wieder in die Fangarme des „kapitalistischen Geistes" hineinstürzen würde. Würden wir aber auf Grundlage einer deutschen sogenannten imperialistischen Politik analog wie seiner Zeit Chamberlain für das britische Reich eine deutsche ökonomische Autarkie an streben, so hieße dies entweder ein Unmögliches erstreben, oder es hieße uns zu einem ganz reaktionären Gegner auch des Jn- dustrialismus machen, der mit dem „kapitalistischen" Geist durchaus nichts zu tun hak. Im ersten Falle würden wir nur wieder — ganz undeutsch — England ebenso servil nachahmen, wie wir es seit so lauger Zeit getan haben. Auf alle Fälle aber hieße es die Anarchie Europas anch politisch verewigen uud es einschließlich unserer eigenen Existenz schließlich an die russische Expansionspolitik der nächsten Jahrhunderte preis geben. Denn nur unter Voraussetzung einer „imperialistischen" deutschen Welt- und Naubpolitik größten Stils könnte dieses Ziel deutscher Autarkie ohne ökonomische Reaktion der ökono mischen Betriebsformen auch nur ernstlich aufgestellt werden. Nur durch den schließlichen Zwang, daß auch England sich Zl6endlich — wie weit dies Ziel auch immer noch entfernt sei, einem europäischen Zollverband gegen Amerika, unter er heblicher Dezimierung seiues jetzigen Weltbesitzes eines Viertels der Erdoberfläche, eingliedert, ist es möglich, der kapitalistischen geistigen Anglisierung Europas dauernd und kräftig in den TLeg zu treten und das ausgenommene Gift wieder aus dem Körper Europas, voran unseres Deutschlands, herauszustoßen. Dazu aber ist Zerbrechen der englischen Allseegeltung die allersimdameutalste Bedingung! — Aber ich kann dieses Kapitel über die Solidarität Europas nicht beschließen, ohne des schmerzlichsten Anblicks zu gedenken, den dieser Krieg für den „guten Europäer" bietet, für jeden bieten muß, welcher Nation er auch gehöre. Dies ist der Anblick nicht nur der beispiellos niedrigen, unritterlichen Kriegführung und Verlogenheit unserer Gegner, samt der tragischen unser edles Heer verrohenden Gegenmaßregeln, die sie notwendig machen müssen, — es ist für mich der noch schmerzlichere Anblick des beispiellosen Versagens aller euro päischen Kulturträger und fast aller übernationaler euro päischer religiös-moralischer NTächte und Autoritäten. Die Preisgabe auch schon alles gemeinsamen europäischen Kapitals an sittlicher: N?aßstäben und Prinzipien zur Beurteilung der ungeheuren Vorkommnisse in der moralischen TLelt, wie ste dieser Krieg mit sich sührt, scheint nicht mehr zu übertreffen zu sein. Daß Europa keine übernationale, spirituell moralische gemeinsam anerkannte Autorität mehr besitzt, die Bedeutung dies?r Tatsache—nichtnur die beklagenswerteUberschwemmnng aller Grenzen des Völkerrechts, — trat seit dem Niedergang des mittelalterlichen Papsttums, der letzten Form solcher all-verehrter Autorität, noch niemals mit so furchtbarer greller Deutlichkeit in der westeuropäischen Geschichte hervor, wie während dieses Krieges. Aber damit auch gleich das andere: wie ephemer, wie windig und nichtig der Anspruch der so genannten „voraussetzungslosen", — also wohl auch national „voraussetzungslosen" — Wissenschaft gewesen isi, eine solche spirituelle, durch ihr moralisches Gewicht und ihre geheiligte Tradition mitwirkende europäische Autorität zu ersetzen. IMit einer geradezu erschreckende« Plastik und Klarheit traten die Folgen jenes grenzenlosen Subjektivismus hervor, der die ver borgene Seele jener spezifisch modernen Abart der so „objektiv" tuenden JDissenschast und ihrer Vertreter ist, die Naturalismus und Posttivismus an die Stelle zuerst echter „Philosophie", dann gar an die Stelle einer mit Autorität ausgerüsteten über nationalen religiösen Gemeinschaft zu setzen, stch vermessen wollten. Es muß gesagt werden: die Äußerungen aller Art, die mannigfachen Briefwechsel der Gelehrten verschiedener europäischer Nationen über Krieg und Kriegführung wiesen einen intellektuelle» und moralischen Tiefstand auf, eine Vler- dumpfung des Urteils, ein Seheu aller Dinge durch Masien- affekte, geuährt durch eine teils posttiv lügnerische, teils alle Wahrheit unterdrückende Presse, bis ins Groteske gesteigert durch jeden N^angel an Fähigkeit, stch anch nur westeuropäisch gemeinsam anerkannter Grundsätze im Gedankenaustausch, vor der Hin- und Herrede zn versichern — ganz zu schweigen von der Befriedigung des Anspruchs auf jene fast überirdische Sachlich keit und „Voraussetzungslostgkeit", ausweiche dieselben Herren sonst für das, was ste „Wissenschaft" nennen, Anspruch zu machen pstegen, daß selbst der Gegner jenes radikalen Ratio- Zl8nalismus und Szienkisismus, der dem größten Teil unserer europäischen Gelehrken zum Unheil aller echter Wissenschaft eigen ist, nur mit — ich finde kein anderes Wort — mit Ent setzen diesen Zusammenbruch auch der Wohlberechtigken TLürde der wissenschaftlichen Vernunft gewahren konnte. Selbst die Presse mußte die „Wissenschaft" korrigieren. Nur darum nenne ich keine Namen, weil ich die betreffenden Personen an dieser Tatsache für ganz unschuldig erachte. Sie waren so „gewissenhaft", als sie sein konnten. Nur das ist das Be klagenswerte, daß sie das Prinzip hatten, keine andere Er kenntnisquelle des an sich und evident Rechken und Guten anzuerkennen, als ausschließlich ihr subjektives, so unendlich relatives enges, kleines, verdumpftes „Gewissen". Ost konnte einem zumute sein — uud ich kenne viele, denen es so erging — als schlügen die Wellen des Chauvinismus, dieses Feindes aller geordneten Liebe, anch der geordneten Liebe zum Vater- laude, bis au die Grenze» eines TLahnsirmes, der selbst die primitivsten logischen nnd sittlichen Wahrheiten nicht mehr sieht und achtet. Auch in den zum Teil vornehmen und ge mäßigten Auseinandersetzungen zwischen den Oxforder Pro fessoren uud deutschen Akademikern öffnete sich eine Kluft, schon in den gemeinsam anerkannten Prinzipien von Recht, Moral, Skaatsidee, Kriegsanffassung, Geschichtsauffassung, die jedeu erfchaueru lassen mußte, der im Gegensatze zu einem seichten nationalen nnd Historistischen „Relativismus" an ab solute evidente Prinzipien in Logik, Ethik, Recht glaubt. Wer nicht wie der Schreiber dieser Zeilen seine Existenz im letzten Gruude in den Tiefen einer überwelrlichen Macht verankert hakte, die gelassen, allweise nnd allgerecht auf die menschlichen320 5 Engen, Täuschungen und Irrtümer herabblickt, der konnte — der mußte bei dieser radikalen Zersprengnng aller Bande der höheren Kultur und N?oral, unter seinen Augen einen nie ge ahnten Abgrund, ein nie gesehenes Chaos sich öffnen sehen; ein unförmliches höllisches Etwas, von dem er sich sagen mußte: es kann einmal die europäische Kultur bis hinein in ihre tiessten geistigen TLurzeln verschlingen. — Es muß es aus die Dauer — wenn sich Geis! und Gewissen Europas nicht ermannt. Ich kenne viele edle und dennoch wirklichkeitstapfere Seelen, die es tränenden Auges sahen. I?icht nur das gilt, was der deutsche Kaiser in seinem Appell an den amerika nischen Präsidenten Wilson wörtlich hervorhob, daß die Krieg führung auf „eine Stufe hinter das M^itkelalter zurückge sunken" sei; für den „Gedankenaustausch" der gegenwärtigen europäischen Kulturträger gilt, daß es uns isi, als träten wir aus mufsiger dumpfer Gefängnisluft in eine weite sonnenhelle Halle, wenn wir den Zustand von europäischer Kultur und Ethos bei analogen Anlässen aus der Höhe des M'ittelalters mit diesem Zurücksinke» in rohesie Trieberschlaffung ver gleichend betrachten. Wie erhaben über Erörterungen, wie sie z. B. zwischen Romain Rolland und Gerhart Hauptmann, zwischen N^aeterlinck und den deutschen Antworten auf seine ungezügelten Ausfälle möglich waren, isi auch noch ein Brief wechsel, wie jener von so mittelmäßigen Personen wie David Friedrich Strauß uud Ernsi Nenan über das Elsaß im 1870 er Krieg! Daß unser Kaiser, daß auch andere europäische ^Machte sich gezwungen sahen—und waren sie etwa nicht gezwungen?— den Präsidenten von Nordamerika zum Gegenstände eines mora lischen Appells über die Kriegführung europäischer Staatenzu wählen, welche tiefe Schande für die geistige Würde und den Bestand von moralischer Autorität in Europa! Wahr lich nicht wegen der Persönlichkeit des Präsidenten, die durch aus verehrungswürdig ist — nein, wegen des damit zugestan denen Ncangels einer ebenso verehruugswürdigeu Persönlichkeit in Europa. Präsident Wilson hat mit jener Vornehmheit, Schlichtheit nnd Demut geantwortet, die dem Oberhaupteines großen Staates in allgemein-moralischen Dingen, gerade wegen der notwendigen Inkompetenz eines Staatsoberhauptes für Fragen dieser Art geziemt und allein geziemen soll. Er wies jedes Richteramt ab; er verwies die appellierenden Par teien an die göttliche Gerechtigkeit und auf spätere Ausein andersetzungen zwischen den großen Kulturstaaten Europas. Er verwies die gegeneinander Protestierenden mit TLürde auf stch selbst zurück; er tat es, ohue daß sie in Scham erglühten. Innerhalb Europas stellt sich uns als letzter Nest einer über nationalen spirituell-moralischen Autorität das Papsttum dar. Für den Papst war es bei der Beteiligung katholischer Völker — die französische Regierung suchte die Katholiken und den Papst durch Abschaffung der antikirchlichen Kult- gesetzgebuug gleich zu Beginn des Krieges zu gewinnen — auf beiden feindlichen Parteien einen moralifch-spirituelleu Rat zu erteile», uicht ohue Schwierigkeit. Der Papst erteilte gleichwohl eiueu solchen Rat in einer Enzyklika, die wir trotz aller Bemühung noch nicht zu Gesicht bekamen und trat außerdem entschieden für die Neutralität Italiens ein. Bei der faktischen modernen Begrenztheit der päpstlichen Autorität komite freilich auch der Widerhall der päpstlichen Worte nur eiu sehr begrenzter sein. 21 Z2IIst zu erwarten, daß sich die kirchliche moralisch-spirituelle Autorität über Europa, — der letzte Res! einer übernationalen spirituellen Autorität in Europa überhaupt—nach diesem Kriege hebe? Für die katholische Kirche sind große und heilige Inter essen mit diesem Kriege und seinem Ausgange verknüpft. Der französischen Regierung ist sie für die Abschaffung der anti kirchlichen Kulturgesetzgebung wahrlich keinen Dank schuldig. Sie geschah nur, um die Katholiken momentan für den Krieg auch innerlich zu gewiuueu, oder ihnen wenigstens denGewissens- skrupel zu nehmen, für eine irreligiöse und kircheuseindliche Regierung kämpfen zu müssen. Siegte Frankreich und in ihm die jetzige Form der Repnblik, so würde diese Gesetzgebung als bald wieder aufgerichtet. Unterliegt Frankreich, so würde sie durch eine neue vermutlich bonapartistische Regierung sowieso sicher gefallen sein. Das französische Patronat über die katholischen Christen Kleinasiens würde im Falle einer Niederlage Frankreichs erheblich in Frage gestellt sein. Die kirchensreuudliche Gegenrevolution in Portugal da gegen, die noch mehr zum bewaffneten Eintreten für England zu neigen scheint, als die jetzige antikirchliche Regierung, vielleicht auch die Idee der Erhaltung eines selb ständigen Belgien, gibt der Kirche ein gewisses I^taß vom gemeinsamen Interesse mit dem Dreiverband. Dem stehen aber ganz unverhältnismäßig stärkere Interessen, die sie mit einem Sieg der kontinentalen Aentralmächte teilt, gegenüber. An erster Stelle eine Znrückwerfuttg der Orthodoxie auf dem Balkan uud gegen den Osten überhaupt; die Erhaltung eines selbständigen österreichischen Kaiserstaates nnd des katholischen Glaubens in der südslavischen Welt; die eventuelle Aussicht Z22auf ein mögliches selbständiges Polen mik einem katholischen König. Dazu muß jeder Sieg Deutschlands, der eine etwaige Expansion des Deutschen Reiches in irgendeiner Richtung zur Folge hätte, die katholische Bevölkerungskeile in die Majori tät gegenüber den evangelischen bringen — unter gleichzeitiger Schwächung der evangelischen Solidarität mik England. Für eine eventuelle Annexion Belgiens ist dies ohne weiteres offen sichtlich. Andererseits müßte ein entschiedener Sieg der Zentral mächte das Gewicht der germanischen tieferen, innigeren und religiöseren Form des Katholizismus erheblich steigern. Eine innere (nicht dogmatische) Reform der katholischen Kirche, die ihr über ihre gegenwärtige lateinische Partiknlaristerung, die Anwartschaft auf eine allseitigere spirituelle Leitung Euro pas vielleicht wieder zurückgeben könnte, möchte nur unter dieser Bedingung einige Aussicht auf Erfolg gewinnen. Ehe solche Reform in die Erscheinung treten wird, bleibt es bei dem Furchtbaren, das dieser Krieg zur Erscheinung brachte: Daß es in Europa zurzeit keinen N^ann, keine Stelle, keine Autorität mehr gibt, die der^.ihre Aussprache unwirksam machenden Gefahr der Parteilichkeit so sehr durch ihre innere TLürde und durch ihr moralisches Gewicht überhoben wäre, die zugleich jenes N?aß gemeinsamer Ehrfurcht und ge meinsamer Anerkennung genöffe, daß ihr Wort über die natio nalen Gebundenheiten des Geistes hinweg in das Herz Europas hiueiuschallte. Das ist der Aspekt der Zeit: Jeglicher ist frag würdig geworden; über jeden herrscht eine unbegrenzte Zahl ent gegengesetzter Nennungen—nndnurdieMafseund dieGewalt geben noch einige Bedeutung. Lieber alter Auguste Comte: Du fühltest das Bedürfnis, das jetzt heißer wie je in jedes Euro- Z2Z324 päers Herzen pocht, du wolltest an Stelle der alten kirchlichen übernationalen Autorität eine europäische „pouvoir spirituelle" aufrichten, die aus eiuem Senat von positivistischen Gelehrten bestehen sollte. Hättest du deine an stch große — nur auf eine falsche Philosophie gepfropfte, darum unfruchtbare — Idee angestchtS des gegenwärtigen Zerfalles aller gemeinsamen spirituellen Bande Europas wohl festgehalten? Und des Zer falles der „wissenschaftlichen" vor dem Zerfall aller anderen? Nlchtminder schwach als die wissenschaftliche, ja geradezu als kläglich unwirksam erwies stch die evangelische Solidarität, wie ste noch kurz vor dem Kriege auf der internationalen evangeli- schen DZeltmisstonskonferenzstchäußerlich dargestellt hatte.^— Zu all diesen beklagenswerten Erscheinungen, die zusammen genommen einen nun offensichtlich gewordenen erheblichen moralischen Rückschritt der gegenwärtigen europäischen Menschheit- trotz aller „Fortschritte" von Wistenschast und Technik — repräsentieren und die vor dem Auge sämtlicher außereuropäischen Völker eine so tiefe Schande implizieren, daß das europäische Prestige auf eine Stufe gesunken ist, die seinen Tiefstand durch das Verhalten Europas während der Balkankriege noch gewaltig überbietet, stnde ich indes häustg schon jetzt eine Stellung eingenommen, die im Keime als grnndirrig zu bekämpfen ist. Sehen wir ab von jenem niedrigsten Chauvinismus und N^oral- nnd Rechtsrelativismus, der stch heute srech und zynisch jauchzend freut, daß stch alle volksverbindenden geistigen Mächte, daß stch Moral und Recht als „ganz subjektiv" und „relativ" erwiesen haben, daß alles Völkerrecht nur „papiernes Recht" sei, so stnde ich gerade bei den wohlberechtigten Gegnerndieser wüsten Bestienmoral fast ausschließlich den Krieg selbst und den europäischen Militarismus vor dem Kriege für diesen inneren Zustand Europas in die Anklage erhoben. Vichts aber erfcheink mir irriger und auch für das künftige Schicksal der europäischen Geistessolidarität verderblicher als diese Behauptung. Was? Den diagnostizierenden aufdecken den und — wie zu hoffen — den erhabenen, heilenden Arzt für die inneren Fäulnisprozesfe des moralischen Europa der letzten vierzig Jahre haltet ihr für die Ursache der Fäulnis und der Krankheit? Wie ungerecht, wie undankbar für die bittere, heilende Arznei, für die gütige Hand Gottes, die euch in dieser so wunderbaren, wie schrecklichen Offenbarung eures wahren Wefens noch einmal in ganz großem Stile zeigen will, was aus euch geworden ist, indem ste euch züchtigt! VZie unheilbar die Seele, die den Arzt für die Krankheit hält! Nein! Nicht dem Kriege fällt diese Art der Kriegführung, fällt der stch darin bekundende moralische Niedergang zur Last. Ilmgekehrt ist die pure Tatsache dieses heilvollen und sittlich heilenden Krieges vielleicht noch das einzige, was selbst noch diese niedrige Dnm-Dumkriegsführung, die Grausam keiten aller Art relativ rechtfertigt, den sinnlosen Haß aller Art—rechtfertigt; rechtfertigt wenigstens als Symptom, als heilende Osfenbarwerdung der beispiellosen inneren Moralischen Fäulnis des vorangegangenen europäischen „Friedens". Und ist etwa der beispiellose Haß, ist ^Menfchen- und Bürgerhaß, Haß der regierenden Personen und Staatsober häupter der jeweilig feindlichen Staaten, Affekte, die diesen Krieg, dessen sittliche Seele wie die Seele jedes Krieges Ritter lichkeit und Achtung des Feindes ist und sein sollte, unaustilgbar 3-5beschmutzten und in die Gosse gezogen haben, ist dieser Haß eine Folge der in Europa noch nachglühenden kriegerischen und militärischen N^oral oder ist er umgekehrt die Folge der lang samen Überwindung der kriegerischen von der pazifistisch Militärischen M^oral in Europa, d. h. der Voranstellung des Nutzlichen vor dem Edlen? Schon die Frage enthält die Antwort. Der Antwort der stttlichen Einsicht entsprechen die Tatsachen. Wo wird denn am meisten gehaßt? N?it welchen Eigenschaften der Gruppen steigt und sinkt der Haß in diesem Kriege? Am meisten haßten unter Völkern diejenigen, die am unkriegerischsten stnd — die jenigen, die relativ am meisten Geld und am wenigsten Iltacht besitzen. Allen voran die sinnlichen, in VZeichlichkeit und Üppigkeit erstickenden Belgier, deren Staat ewige Neu tralität garantiert war, die aufrecht zu halten er zu schwach war und der von parfümierten Rechtsanwälten regiert wird. Und in den Völkern — welche Gruppen? Am meisten haßten unter ihnen nicht die kämpfenden Armeen, sondern die Zurück gebliebenen, die nichts zu tun haben, respektive diejenigen, die sich Ivider alles Völkerrecht am Kampfe als Franktireurs beteiligten. Und hat etwa das relativ kriegerischste Volk unter unseren Feinde«, hat Rußland Dum-Dumkugeln? Nein es hat die bei TLnnden gleicher Art am wenigsten lebengefährdenden Kugeln. Aber das kommerzielle England, das — schießt mit diesen Kugeln. Gerade die pazifistische Lehre, Krieg sei „Massenmord", ist es, die in diesem Kriege den NTord gegen über ritterlicher Kriegssührung rechtfertigt. Daß dieser Krieg aber überhaupt noch möglich war, möglich war als heilender Ausbruch jener tiefen Krankheitsprozesse des europäischen mora- Z26Irschen Status, die ich andernorts zn schildern suchte, das, und nur das ist noch die einzige, die letzte Hoffnung darauf, daß Europa noch einmal genese — noch einmal an Deutschland als Ganzes genese, d. h. an seinem noch innerlich gesündesten unter seinen edlen Organen. VLas dieser geistig sittliche Zerfall anzeigt, was die Rückkehr zu einer Kriegführung hinter jene der schlimmsten Kolonialkriege Englands — das ist allein die tiefe Demoralisierung, welche die kapitalistischen bonrgeoisen Lebensformen, eine maßlose allgemeine Pleonexie, die damit einhergehendeVerweichlichung undIIuaterialisterung desLebens in Europa als Europas historisch typischen, freilich über die Länder, Klassen, Berufe, Stände sehr verschieden verbreiteten Lebensstil geschaffen hatten. Ich habe den Prozeß dieser Demo ralisierung, dasTLesen und die Ursachen des TLandels der ethi schen Ideale und Vorzngsregeln — nicht mir ihrer Betätigung — in meinen Abhandlungen „Das Ressentiment im Aufbau der Iltoralen" uud ,,Der Bourgeois" eingehend geschildert. Das nun anch für den bisher Blinden sichtbar gewordene Er gebnis dieses Wandels ist der ungeheure moralische Rückschritt wie er sich iu der Führung dieses Krieges nnd den Verhand luttgen über ihn, wie er sich in der bald mehr lügnerischen, bald mehr seigen und servilen Presse Europas offenbarte. Aber ich habe in dem Aufsatz ,,Die Zukunft desKapitalismus" auch an gedeutet, wie und wodurch eine innere Reform des Lebens stiles des europäischen Ncenschen als Voraussetzung jeder anderen äußeren Reform zu erwarten ist. Aufjener n e nenIng en d Europas, an die in diesen Arbeiten appelliert ward, anfjenerIugend, die jetzt im Felde kämpft, auf ihres Schwertes Spitze steht auch der ueue menschliche Typus,328 der „Ethos" und „Geis!" des Kapitalismus überwindenkann— überwinden muß. Noch im äußersten Kampf gegeneinander ist diese europäische Jugend gegen ihre Friedeusväter solidarisch in dieser einen Richtung: in der Richtung auf eine Beseitigung des moralischen Umsturzes, der den kapitalistischen Geist charakteri siert. Und wenn der deutschen Jugend hier eine ausgezeichnete Stelle zukommt, so ist es darum, weil dies Land des „N?ili- tarismus", — des Volksmilitarismus — noch relativ am we nigsten von jenem Umsturz angesteckt war, der die Religion und ihre Inspirationen aus der Führung der öffentlichen An gelegenheiten ausschaltet, der wieFrankreichs regierende Rechts anwälte alles Heilige bespeit, der die geistigen Kulturwerte zur VZare erniedrigte und das national und international Nütz liche dem national und europäisch Edlen vorzieht wie Eng land: das JNukkerlaud des moderneuKapitalismus, das Europa allzulauge nachgeahmt hat. Also sort mit der Greinerei so vieler Leute über die ab gerissenen Fäden der internationalen wissenschaftlichen Ver bindungen, Organisationen, Freundschaften usw. Ist das Baud desGeistes nicht fest genug gewesen, die natioualenLeiden- jchaften des Krieges zu überdauern — dann war es nicht des Geistes Band, das hier knüpste. Daun bewirkte der Krieg nicht die Anarchie der Kultur — sondern er enthüllte ste nur uud riß dem bloßen Nutzinteresse, das hierband, diegleißnerischeN^aske des Geistes und der höheren Liebe zu TLahrheit, Recht, Schön heit vom blinzelnden Gesicht. Dann wird es nach dem Kriege Sache der Jugend sein, echtere und haltbarere Bänder, wahr hast „geistige" Bänder um die geistigen Minoritäten der euro päischen Nationen zu schlinge» und wahre „Freundschaft"329 unterscheiden zu lernen von „internationalem" Komödienspiel und von Interessengemeinschaft, die sich als solche der Kultur, des Geistes und der Religion aufzuspielen die Frechheit hatte. — So ergeben uns alfo die Untersuchung über die Struktur- eiuheit des europäische» Geistes und des gegenwärtigen Aus drucks dieser Einheit innerhalb der gegenwärtig zerrissenen euro päischen Kulturgemeinschaft völlig entgegengesetzte Resultate. Europa ist eine Liebes- und Geisteseinheit, ob es diese Tatsache weiß oder nicht weiß. Europa beträgt sich aber in seinen offi ziellen Knltnrführeru wie eiue zänkische Familie, deren Glieder in ihrer Wut gegeneinander vergessen, daß selbst diese Wut nur auf Grund der gemeinsamen geistigen Einstellungen mög lich ist, die sie verbinden — noch mehr aber vergessen, welches entsetzliche Bild sie dabei Nichteuropäeru bieten, der mongoli schen, der mohammedanischen, der altrussischen Welt; Welken bieten, deren stärkste, jahrhundertwährende Leidenschaften die europäischen Nationen jetzt so unsäglich leichtfertig vor ihre besonderen Interessen zu spanne» wagen — ohne mögliche Ab- messimg, wohin einst diese entfesselten Leidenschaften führen werden. VZer wird den nen entfesselten Ehrgeiz Japans, wer denFanatismnödermohammedanischenWeltimheiligenKrieg, wer den durch ih^ bewirkten orthodoxen Gegenfanatismus der russischen Wlelt) lenken und dämmen können, wenn diese gefährlichen Kräfte die Interessen der europäischen Nationen bis zn demjenigen Punkte gefördert haben werden, bis zu wel chem jene Interessen reichen? — N?it welchen furchtbaren Feuern spielt das leichtsinnige, das allzu selbstvertraueudeKind? Und doch ist die Frage: ,,V?o ist heute die Einheit des Europageisies" eine Frage, die der Frage dessen gleicht, der33» nach seiner Brille sucht, — die er aus der Nafe hat. Die wahre, die echte Einheit des Europageistes, die einzige zu gleich, die für die Zukunft die Gewähr bietet, daß einmal aus ihr heraus, sich jene echteren, haltbareren Geistesverknüpfungen bilden, die der aufgewiesenen Struktureinheit des Europageistes auch Ausdruck und Realität in Gestnnuug und Werk zu geben vermögen, diese Einheit ist—so paradox es klingen —gegen wärtig nicht über dem Kriege, sondern bestndet stch in ihm selbst. Diese Geisteseinheit ist der noch intakte, noch nicht kapitalistisch angefaulte edle kriegerische Geist der europäischen Jugend. Nur in ihm, in diesem gemeinsamen Idealismus, der alle Kämpfe der Nationen durchschneidet, der stch gegenseitig ehrt und achtet, liegt die Gewähr, daß diese in ihre Länder und Städte zurückkehrende Jugend alle Gebiete des Lebens, VÄrt- fchaft, Politik, Kunst und VZissenschaft mit ihrem TLesen durchsäure und so das alte materialistisch und merkantil zer- Morschte Europa langsam bestatte. Schon jetzt klingen die Feldbriefe so morgendlich, so anders als das vielsache Gewinsel der Zurückgebliebenen! Auch einen europäischen Generations- stnn — so sagte ich schon — hat gerade dieser Krieg im höchsten N>?aße. Und dieser Sinn ist im letzten Grunde wesentlicher und wichtiger noch als alle beteiligten nationalpolitischenInterejsen. Selbst ans englischer Seite kämpft die edelsteIugend Englands ans HDxford und Eambridge — gegen die Gewohnheit der 5l5äter — mit auf den Schlachtfeldern. Alles, Alles wird aber bei der Nenknüpfnng der echten geistigen Bänder um die europäischen Nationen, Alles selbst für die innere Lebenserneuerung der europäischen Völker innerhalb ihrer nationalen Grenzen darauf ankommen, daß nicht die alten, jetzt meist zurückgebliebeneneingefahrenen Partei- und Schulgehirne, die Vichts mehr lernen wollen oder können, die Zügel in den öffentlichen An gelegenheiten behalten, Zügel, die sie so sehr im Sande schleifen ließen; sondern eben diejenigen sie erfassen, die sich in diefem Kriege zu einer neuen und echteren Europaliebe zusammeu- gekämpft haben; ja deren längst vor dem Kriege kundgewor dener neuer Geist und deren neue sittliche Haltung in diesem Kriege ihre tiefste Erfüllung heimlich gesucht und nun gefuu- deu haben. Diese Forderung gilt in gleicher Schärfe für die geistige Führerschaft innerhalb der politischen Sphäre wie für jene innerhalb der höchsten Gebiete des Kultur^ chaffens. TLarum haben nicht nur Angehörige der Sozialdemokratie, sondern Mitglieder aller Parteien den Heldentod des freiwillig zu den Fahnen eilenden Reichstagsabgeordneten Frank so ties be klagt? Es geschah darum, weil man in diesem trefflichen N?anne, weit hinans über den Verlust eines klugen, ernsten Kopfes, der unserer verdoktrinaristerten Demokratie eine posi tive und schöpferische Richtung hätte einhauchen und das nun flüssig gewordene Erz unserer Parteibildnngen neu hätte schmie den helfen können, in dem Gefallenen ein Beispiel des Typus des deutschen und europäischen ^Menschen sah, wie wir ihn eben nach dem Kriege auf allen Gebieten so notwendig haben werden wie das tägliche Brot. Schon jeHt machen steh bei den Zurückgebliebenen auf allen Gebieten allznlante Stimmcn bemerkbar, die anstatt durch diesen Krieg eine Erweiterung und Neubefruchtung des deutschen Kulturgeuius in einem vertieften europäischen Sinne zu erhoffen, uns in ein verdumpftes, gewolltes, reflektiertes Deutschtum ZZi332 fürderhin einsperren wollen; die dazu, anstatt ehrfurchtsvoll zu Warken, welche Art Befruchtung der neue gemeinsame euro päische kriegerische Geist unseren besten deutschen Schaffens kräften in Nlalerei, Bildnerei, M'ustk Philosophie bringen werde, schulmeisterliche Programme, geleitet von einem nationalistischen Purismus, in abgeleiteten Kategorien auf zustellen stch anschicken, deren Zerbrechung die wichtigste Wirkung dieses Krieges sein wird. Da vertritt ein Professor der Kunstgeschichte nach einigen fehr treffenden VZorten gegen ein genüßliches Ästhetentum, das bald byzantinische M^osaiken, bald japanische Holzschnitte einschlürft, einen völligen Abschluß der deutschen N?alerei in stch selber; ein Rückgehen auf Cornelius und Schwind, einen antiromanischen Haß des Farbenreizes und eine bewußte Einstellung auf^zuerst vermöge der historischen Restexion als „deutsch" auch akade misch festgestellter Gemütswerte. Der Internationalismus der Sozialdemokratie, den er für die Idee einer übernationalen Kunst verantwortlich macht, ist demselben Historiker ein Nest des Kosmopolitismus des 18. Jahrhunderts^!). Alle klasstsche Kunst steht ihm auf der Stufe des „Diplomatenfranzöstsch". Das Graziöse, das er — verwunderlich genug — mit den niedrigen Werten des „Schicken" und „Puppenhaften" in einem Atem nennt, soll ans dem deutschen TLesen und seinem Kunststil radikal ausgerottet werden. „Ernste tüch- tige" Deutsche aber, die gegenwärtig einen „heiligen Zorn gegen Knnst überhaupt" in stch aufbringen, „als sei Kunst nichts Anderes als Sybaritismus, ein Verweichlichungs prozeß, der der Kation das N^ark aus den Gliedern sauge, alle ihre guten Kräfte annage, also eine Krankheit, die333 man vom blühenden Leib der Nation fernhalten müsse", irren zwar, „indem sie glauben, in einer Zeit, die stärkste Nerven fordert, sei für Kunst kein Platz weiter. Aber diese Urteile „sind ehrlich und treffen eine Art von Wahrheit". Ähnliche Stimmen hörten wir für die deutsche Musik, gegen die sich ein ausgezeichneter Feldpostbrief von Paul Bekker in Nr. ZZi der „Frankfurter Zeitung" wendet. (Natürlich ein Feldpostbrief!, die einzige „Post", von der man zurzeit Sinnvolles zu erwarten hat.) Innerhalb der Philosophie nennen für Beurteilung philosophischer Dinge völlig inkom petente Personen H. Bergson einen „Feuillctonisten", da er sich nach der ungeprüften Nachricht des „Petit Parisien" eine unsagbare Plattheit über deutschen „Zynismus nnd Bar barei" entschlüpfen ließ; Andere argumentieren gegen den philosophischen Sensualismus, er sei englisch und darum irrig. In all diesen Argumentationen ist durchaus nicht falsch, daß alle höchste Kultur auf europäischem Boden, gerade je vollen deter sie ist, aus dem Hintergründe der gemeinj amen europäischen Kunstideale für den nachträglich hinzutretenden Betrachter ein eigentümliches nationales Gepräge besitzen müsse, stets besessen habe und besitze. Falsch aber und dazu noch undeutsch, ja antideutsch, ist die sich in all diesen Bestrebungen ver ratende Doppeltendenz, für jedes der großen Kultursachgebiete eine ihm jeweilig allein entsprechende innere Logik seiner IDerte und seines Aufbaus, und eine Eigenform seines besonderen und von dem Wachstum anderer Gebiete unabhängigen ge schichtlichen Wachstums und Niedergangs zu leugnen, in deren Grenzen erst sich der besondere Duft des Kulturkreifes und des Nationalen einzeichnet; außerdem aber dieses „Natio-nale" zu einem bewußt intendierten und reflektiertem Zweck der schaffenden Genien machen zu wollen. Alles aber, was in Kunst und Philosophie als deutsch „gewollt" wird, ist schon darum falsch und undentsch, weil es „als" deutsch „gewollt" wird. Dieser „Wille" schließt ewig aus, daß das Werk deutsch auch werde, deutsch wachse und deutsch sei. Denn am allermeisten undeutsch, — weit nndentscher noch als impressionistischer Far benreiz, als alle „Verdebüßyrung" der N?ustk, ist alles das jenige, was auf diesem Boden der Kulturschöpfung nicht stille geworden und gewachsen ist, sondern „gemacht" wurde, und sei es,,als deutsches" gemacht. Die Herren Historiker der nächsten Jahrhunderte werden also nur dann für ihre Arbeit einen möglichen Stoff echt deutscher Kunst und Philosophie und dadurch überhaupt ein ferneres Existenzrecht haben, wenn gegen wärtig die aus diesen Gebieten Schaffenden so geartete Rat schläge wie Feuer meiden und wenn ste fortfahren, in ehrlicher Auseinandersetzung mit allen nicht deutschnationalen Werten allüberall das absolut Künstlerische, das absolut Wahre, das Gute zu suchen. Und diesen Geist sür das Vollkommene — im Gegen satze zur historistischen Gebrochenheit und Geistesverkrüvpe- luug vieler unserer lieben Väter — ernsthast zum Gemeingut Europas zu machen, dazu Heise uns die aus dem Kriege zurück kehrende Jugend! —335 Los von England! ie aber nähern wir uns dem zweiten Gesicht, von dem ich gesprochen hatte — wie der Verwirk lichung dieses Glaubens an unser höheres Recht und unsere europäisch und eben hierdurch kosmopolitisch emp fundene deutsche M^ission? Ich antworte: Nicht dadurch, daß wir vermeinen, eine Aufgabe, die wie die endgültige Zu- rückdräugung der russischen Expansion eine solche von Jahr hunderten sein wird, mit diesem einen Kriege lösen zu können, und etwa gar andere gegenwärtig weit dringlichere Aufgaben darüber versäumen. Das kann ja keine Frage sein, daß in der Größenordnnng der Gewichtigkeit der Gegensähe, die zu diesem Kriege geführt haben, dem englisch-deutschen Gegensatz nur die zweite Stelle eingeräumt werden kann. Aber das schließt nicht aus, daß der möglichste» Beseitigung des kriegsbestimmenden Gegensatzes zu England in der Zeitfolge unserer und der euro päischen Kriegsaktiouen der Zukunft die erste Stelle gebührt. Ja in einem Falle wäre dies sogar notwendig: VZenn eine Beseitigung dieser Gegensätze auch die Bedingung dafür wäre, daß die ihrer Natur nach tieferen nnd dauernderen zu Ruß land einmal beseitigt werden können. Dies aber scheint mir bei dem zweiten der kriegsgewichtigen Gegensätze, in dem ge rechten Kriege von Deutschland und England in der Tat der336 Fall zu sein. Nehmen wir einmal an, wir müßten uns dies mal begnügen, Rußland in seine Grenzen zurückzuweisen, wir nähmen ihm durch militärische und ökonomische Schwächung ans eine gewisse Zeitdauer die Lust, seine alten historischen Expanstonspläue nach ÄLesteu und Südwesten wieder aufzu nehmen; nehmen wir au, wir wären aus Grund unserer mili tärischen Operationen in der Lage, Frankreich so in die Knie zu zwingen, daß wir ihm die Hauptlasten dieses Krieges — allzuviel Geld dürfen wir von Rußland auf keinen Fall er warten — auf die Schultern wälzen könnten; und auch in der Lage wären, durch Annexionen der militärisch wichtigsten sesten Plätze Frankreich militärisch zu desarmiereu. Nehmen wir — wie unter diesen beiden Voraussetzungen zu erwarten ist — an, daß England nach diesen Enttäuschungen auf dem Kontinent Neigung zum Frieden verriete, auf alle Fälle aber steh dem dann in Aussicht stehenden Kontinentalfrieden anschließen möchte, und es bis zu dem Zeitpunkt dieser Ent scheidungen vermiede, seine Schlachtstotte zu größeren Macht proben zu stellen; und daß wir, die wir ja so lange, — so un faßbar lange — englischen Versprechungen getraut haben, diesen Krieg ohne kriegerische Beseitigung der deutsch-engli schen 3^?achtgegeusätze beendeten. TLas wäre die Folge? Die erste Folge wäre, daß wir dem eigentlichen Einfädler derjenigen Politik, die zum Kriege führte und dem Verführer Belgiens, ohne ihm dauernd zu fchaden, einen gewaltigen Dienst durch die Schwächung Rußlands, einen noch größeren durch unsere eigene ökonomische Schwächung geleistet hätten, die sich naturgemäß auch in einer erheblichen Herabsetzung unseresFlottenbndgets sür die folgenden Jahre bekunden müßte;daß es durch den Besitz des größten Teiles unserer Kolonien gleichzeitig vorzüglich in der Lage wäre, uns beim Friedens schluß weitgehende Vorschriften in allerg Belgien und die fernere deutsche Welkpolitik betreffenden Fragen zu machen; daß dabei der wahre Grund zur englisch-deutschen Spannung aber völlig unvermindert fortbestünde, unechte Bündnis komödien aufs neue Platz griffen — und daß dazu Frankreich in eine Lage gedrängt wäre, die unserer verzweifelten Lage gegen Napoleon vor und während der Befreiungskriege erheb lich ähnelte. Das heißt aber: Keine einzige der eigentlichen ^uelleu diefes Krieges wäre völlig verstopft — die des eng lischen Krieges gar nicht, die des russischen wie von vorn herein zu erwarten nnr aus eine gewisse Zeit abgelenkt. Die deutsch - französischen Gegensätze wären aus Jahrhunderte hinaus gewaltig und bis zum verzweifelten ^Widerstände Frankreichs gesteigert. Die Hauptsache: Jede Bildung einer Solidarität des kontinentalen Europa gegen den Expansions drang vom Osten her wäre unmöglich gemacht. Ncöchten wir selbst aus diese TLeise genügende augenblickliche Ent schädigungen sür unsere Kriegsopfer gewinnen, dabei — bei jahrelanger Anwesenheit unserer Armee — Frankreich ökonomisch aussaugen uud militärisch so gewaltig schwächen, daß es in absehbarer Zeit nicht in der Lage wäre, uns ernst lich zn bedrohen, so wäre doch unsere politische Gesamtsituation uicht Verbeffert, sondern im Verhältnis zu der Situation vor dem Kriege ganz erheblich verschlechtert. Nichts durfte Eng land in der Zeit vor dem Kriege mehr fürchten als das Zu standekommen eines deutsch-französischen Bündniffes — am Meisten in dem kritischen Moment der Jahrhundertwende 22 33733^ nach Faschoda. Dieser Furcht wäre es nun, wenn Frank reich durch unser Vorgehen selbst als möglicher Bundesgenosse Deutschlands entwertet ist, ein sür allemal enthoben. Es würde völlig srei sein, seine ostastatische Politik — nach Gewohnheit völlig unabhängig von dem europäischen Gesamtinteresse — zu betreiben; und indem es aus seinem Einzelinteresse heraus das so stark aufstrebende Japan zunächst noch in seiner chinesischen Po litik unterstützte, würde es den Gesamtdruck des Ostens gegen den Westen sogar noch erheblich steigern; also auch die sür uns allein erlösende Expansion Rußlands gegen den Osten und den Süden nach Möglichkeit hemmen. Das heißt aber: Der russtsch-deutsche Gegensatz, der zugleich ein russisch-west europäischer ist, würde durch solche Lösung gleichzeitig ver schärft und dazu noch jede, zu seiner dauernden Auslösung notwendige Solidarität des kontinentalen Europa dauernd i^^möglich gemacht. Also würde durch eine solche Lösung uns vollständig die ^Möglichkeit genommen, dem zu folgen, was ich unsere und Österreichs europäische M^isston gegen den Osten genannt habe und damit auch den europäischen Sinn dieses gan zen Krieges. Ja, könnte einem Kriege überhaupt noch irgendein höherer historischer Sinn beigelegt werden, bei dessen Abschluß die wahrhaft kriegsgeivichtigen Gegensätze, die zu ihm führten, im Kern ziemlich unvermindert bestehen blieben, und nur dort der allein entscheidende Kriegsersolg — die Niederwerfung der feindlichen Heeresmacht — erzielt würde, wo faktisch keine kriegsgewichtigen Gegensätze bestanden hatten und nur Irrtum und vermeidbare Schuld von Negierungen und Personen, wider den beiderseitigen Gemeinwillen der Völker den Krieg herbei führten? Einem Kriege, desjen „gerechte" Teilkriege nicht22* 339 die rechtssindende Kraft bewähren können, die wir dem „ge rechter- Kriege" beilegen mußten, da sie nicht zu endgültigen Entscheidungen gelangen, uud dessen notorisch „ungerechter" Teilkrieg diese Kraft ebenso wenig bewähren kann, weil eben der ganze Krieg ungerecht ivar? Ich will nicht reden von der furchtbareil (objektive«) Verletzung aller und jeder Idee von Gerechtigkeit, die schon darin läge, daß die Ver führer und voran der Hanptverführer Frankreichs, daß — England den Vorteil des Ganzen hätte, ein von einer schlechten Regierung verführtes Volk aber den Schaden des Ganzen. Ich will nicht von diefer furchtbaren Tatsache reden, die das sittliche Gesühl jedes Ehrlichen in der ganzen TLelt und Nachwelt aufs tiefste verletzen muß. Denn nicht wir sind — ivie gesagt — dazu da, Vorsehung zu spielen rmd ein univer sales Richteramt zu üben. Dies ist Gottes! Aber das ist unsere Sache, diesem Kriege diejenige Richtung zu erteilen, die unserem dauernden deutschen Heile gemäß ist und die jenen europäischen nnd kosmopolitischen Sinn unseres staailichen Handelns wenigstens nicht direkt ausschließt, dessen Vernich tung wir auf ewige Zeiten als einen Schlag ins Gesicht gegen unser nationales Viesen uud Gewissen empsinden müßten. TLie wir sür den Fall, daß wir nach Beseitigung unserer liarioualeu Existenzgesahr durch die uns feindlichen Kontinen talmächte, nicht nur mit diesen Ntächten, sondern auch gleich- Zeitig mit England einen Frieden schließen würden — dies zu erreichen, soll es schon jetzt die geschickte englische Diplomatie an keiner Anstrengung fehlen lassen — gar für unsere unge heuren Kriegsopfer Entschädigung von auch nur einiger An gemessenheit sinden sollten, ohne wie gesagt Frankreich dauerndfür jedes Bündnis mit uns wertlos zu machen, ist gar nicht auszudenken. Auch unser Besitz von Belgien würde uns dann wenig nützen, da ein großer Teil unserer Erwerbungen darauf gehen müßte, als Kompensationsobjekt für unsere Kolonial verluste zu dienen. Was Österreich in Serbien aber erreicht hak, das würde schon bei dem Friedenschluß mit Rußland kaum ausreichen, um seine Verluste iu Galizien zu kompen sieren. Und darum sage ich: Der Deutsche Krieg hat auch als der „heilige" Krieg, der er allein gegen Rußland genannt werden kann—denn „heilig"istuns der GeistderwesteuropäischeuKultur — nur dann jene höchste Bedeutung, die er haben kann, die Be deutung, das erste Glied notwendiger und fruchtbarer Aktionen ^Westeuropas gegen die ostwestliche Bewegung zu sein, wenn er resolut und ohne jede Rücksicht, ob sich England stellen will oder nicht, gegen England geführt wird; und wenn wir gleich zeitig nach einem unumgänglichen Friedensschluß mit Ruß land, den Rußland schon die trotz japanischer Unterstützung steigende Begrenztheit seiner Kriegsmittel, die türkischen Er folge uud der steigende Ntangel an geeigneter Führung bald nahe legen dürfte, gegen Frankreich, das mit feinem Vertrauen aufRußlauds Stoßkraft für diesen Fall seiner ferneren Bereit schaft znr Fortführung des Krieges wohl beraubt wäre, so ver fahren, daß ein Bündnis mit ihm möglich bleibt; Frankreichs Armee aber, die sich jetzt mit fo bewundernswertem Helden mut schlägt, in der weiteren Kette von Kriegen, welche die nach diesem Krieg noch nicht ausgeglichenen kriegsgewichtigen Gegensätze eventuell notwendig machen, — mit uns und auf unserer Seite kämpfte. Z4oSchon jetzt ist Frankreich mannigfach enrräuscht über Eng land; schon jetzt ist es innerlich schwankender geworden in seinem Vertrauen ans Rußlands Siege, als es zugibt. Das ungleiche Paar der älteren, zum Teil monarchistischen Natio nalisten, die niemals voll an Frankreichs moralische und mili tärische Kriegsbereitschaft geglaubt haben, und der Syndika listen, dazu noch ein erheblicher Teil der Sozialisten wollen baldigen Frieden und drängen in dieselbe Richtung! Ist die Hoffnung Frankreichs auf Rußlands Siege durch ^'riedens- ansstcht Rußlands mit uns und Österreich zerstört, ist unsere Übermacht gegen Frankreich auch ohne Vernichtung seiner Heeresmacht so klar an den Tag gekommen, daß VerHand- Inngen uns nicht mehr als Schwäche ausgelegt werden können, dann ist der JI?oment gekommen, Frankreich von unserer Seile her die Hand zn einem Separatfrieden zu bieten: zu einem Frieden deutscher Großmut und europäischer TLeisheit, der alten Haß begräbt nnd die ^Wunden Europas heilt. Noch immer (ich füge diesen Satz am 6. Dezember dem schon vor Wochen Geschriebenen bei) stnd die militärischen Operationen noch nicht soweit fortgeschritten, daß über das V5ie dieses Friedensschlusses auch nur eine bestimmte Ver mutung geäußert werden könnte. Daß stch (wie wir gemäß den obigen Sätzen schon vor Wochen erwarteten) das Haupt gewicht der Kontinentalkämpfe nach dem östlichen Kriegs schauplatz verlegt hat, ist offenkundig geworden. Ein kon tinentaler Friedensschluß dürfte auch darum vou beginnenden Verhandlinigen mit Rußland seinen Ausgang nehmen. Ruß land besitzt anch nicht das Maß von Verpflichtung, das Frankreich besttzt, nur in Gemeinschaft mit England einen 34iFrieden zu schließen, wobei außerdem eine Schwächung Eng lands seinen Interessen ebensosehr entgegenkommen würde, als Englands Interessen die möglichste Schwächung Ruß lands entgegenkäme. Würde Rußland nach ferneren glück lichen Operationen unserer gemeinsamen Heere zu einem für uns würdigen Frieden geneigt sein, so hätte es nicht nur den momen tanen militärischen Zweck Frankreichs gegen uns, der über eine Rußland entlastende Fixierung unserer westlichen Teilarmee kaum mehr erheblich hinausgeht, überflüssig gemacht, sondern auch Frankreich in dem ihm traditionell so bedeutsamen point ä'lionneur eine Gelegenheit gegeben, die Schließung eines mit Rußland gemeinsamen Separatfriedens mit uns und Öster reich England gegenüber triftig zu begründe::. Da der Krieg nach Treitschkes treffenden TLorten (vergleiche anch die tief sinnigen Ausführungen von Clansewitz über das Verhältnis von Krieg und Politik) nur erweiterte Politik ist, so darf auch die Politik im Kriege keine Sekunde ausfetzen. Es wird nach abzuwartenden militärischen Entscheidung»: von der Ge schicklichkeit zunächst der deutsch-österreichischen Verhand lungen mit Rußland, in zweiter Linie von dem Erfolg des entgegengefetzt gerichteten Druckes, den rufsifche und eng lische Diplomatie ans Frankreich in dieser Sache dann üben wird, Erhebliches abhängen, ob ein so gearteter Kontinental- friede erreicht wird oder nicht. Allem voran aber wird es abhängen von unserer eigenen moralischen Kraft, den Sinn dieses ganzen Krieges durch ein Nachgeben an die englischen Anstrengungen, an dem Konti- nentalfrieden teilzunehmen, nicht preiszugeben; von unserer sittlichen Krast, die Erfüllung der Pslicht zu einem radikalen, 3^2Europa Freiheit und polirische Autonomie zurückgebenden Kriege gegen England mehr zu lieben als das Glück nnd die Sicherheit eines baldigen allseitigen Friedens. Mit jedem Tage dringender wird die Situation Misere Ent scheidung fordern, ob in der noch zu erwartenden Kriegsperiode Rußland oder England unser hauptsächlichster Gegner sein soll. Gleich große Anstrengungen in beiden Richtungen schließt die Ökonomie unserer Kräfte aus. Und hier gibt es für denjenigen, der uus auch nur der Hauptsache uach bisher gefolgt ist, nur eine stnnvolle Ent scheidung: sie heißt: gegen England uud dauere der Krieg auch noch ein oder zwei Jahre! Sehe ich um mich, so gewahre ich innerhalb unseres Volkes mehr uud mehr drei Stimmen stch immer deutlicher von ein ander absondern — merkwürdigerweise nicht so, daß diese Stimmen aus politische Parteieinheiten klar verkeilt werden können. Oft durchschneiden die Stimmen die Parteien bis hinein in die Sozialdemokratie. Die erste Stimme ist hell, groß und kühn. Sie tönt etwa in der Richtung: wir Deutsche stud stark genug, alle Misere Feinde gleichmäßig zu Paaren zu treiben! Au der Erhaltung einer Bündnisfähigkeit mit einem Teile unserer Feinde braucht uns überhaupt nichts gelegen zu sein. TNr wollen volle Ent schädigung für unsere Kriegsopfer — zunächst durch die greif barsten Schuldner Frankreich und Belgien — wir wollen Frankreichs dauernde militärische Entmächtigung durch Ab tretung aller militärisch wichtigen Punkte der N^aaslinie; wohl auch weitgehende Annexion Belgiens für das Reich oder für Preußen; wir wolle» aber auch resoluten Kampf gegen 34Z344 England, womöglich dauernde Reduzierung seiner Seemacht stellung und Weltgeltung. Kommt der russisch-deutsche Gegensatz nicht zur vollen Auflösung, so werden wir wenig- stens allein stark genug sein, Rußland in Zukunft zu be gegnen. Auch die englische Einfuhr, der so unklare Gedanke des deutschen „Imperialismus" mischt sich meist in diese Stimmen hinein. Zuweilen auch der gefährliche „alldeutsche" Gedanke eines deutschen Separatfriedens mit Rußland — ohne Ästerreich. Die zweite Stimme ist jene, die eine ernste Auseinander setzung mit England nicht will, die alle Lasten dieses Krieges ans Frankreichs Schultern wälzen will, die — osfener oder geheimer — schon jetzt nach einem baldigen Frieden mit Eng land schielt. Die dritte ist jene, die im allgemeinen auch un sere Ausführungen beherrscht. VZas die erste dieser Stimmen betrifft, so mag sie, — was unsere militärische Stärke, unsere sinanzielle und ökonomische Fähigkeit zur TLeiterführnng des Krieges und was die Be rechtigung unserer Siegeshoffnungen betrifft — vielleicht durch aus im Rechte sein. Vielleicht! — Ich will dies hier nicht untersuchen. Dennoch mangelt ihr alle jene V?eisheit, Vor sicht, Gerechtigkeit — vor allem aber jene Vorschau in die Zukunft Europas und auf unsere Aufgaben in ihr, die Bis marck 1866 so sehr ausgezeichnet haben. Was sie will — das ist vielleicht möglich; aber der Erfolg hätte keinerlei Gewähr der Dauer in sich. Würden wir solche größeren Annexionen in Frankreich und Belgien ohne gleichwertige Rekompensationen vornehmen, weiter eine solche ökonomische Aussaugung der beiden Länder bewirken, wie es in der Kon-seqnenz dieser Stimmen läge; dazu noch nach einer eventuellen Belegung Englands unsere Häude nach Teilen des englischen Weltreiches ausstrecken, so würden wir eine Reaktion in den Staaken der annektierten Landesteile erleben, die selbst dann, wenn wir sie auf die Dauer niederhalten könnten, wenn wir auch die annektierten Provinzen und Gebiete ohne zu große Reibungen (weit größer als diejenigen, die sich im Elsaß und in Polen ergaben, würden sie natürlich sein!) verwalken könnten, jede Entfaltung unserer inneren Kräfte, befonders unserer geisiigeu Kräfte vollständig ausschlösse; die uns wahr scheinlich von Verfassungskonflikt zu Verfassungskonflikt treiben müßte, und die auf die Dauer die innere Anarchie Europas —die größte Gefahr für seine dauernde Führerschaft in der Welk — anstatt vermindern oder beilegen, noch ge waltig steigern müßte. Nein! Diese Summe ermangelt nicht nur jener deutschen Ehrfurcht vor der Größe und Iu- kunstsweite unserer deutschen J^bission, die Augenblickserfolge hinzugeben weiß — sie enthält auch eine allzu schroffe Leug- nung eben desselben Nationalprinzips, auf das wir uns zeit unseres historischen Seins und Wachstums selbst berufen und gestellt haben, nm unser, unserem Werte und unserer M'acht entsprechendes Recht in der Welt zu suchen. Auch hier müssen wir uns hüten — England nachahmen zu wollen — ja selbst noch gegen England selbst. Damit soll nicht im entferntesten gefagt sein, daß der bel gische Staat — diese künstliche Schöpfung Frankreichs, Eng lands, Preußens und Hollands — erhalten bleiben solle. Dieser Staat hat gerade in seiner Unfähigkeit zu ehrlicher Neu tralität und in seiner konstitutiven Abhängigkeit von Englandund Frankreich dokumentiert, daß ihm jedes tiefere Recht auf selbständige Existenz gebricht. Aber es läßt stch eine Ver teilung des belgischen Staatsgebietes — gemäß der in ihm vorherrschenden Nationalitäten — an Frankreich (gegen mili tärisch wichtige Kompensationsobjekte im Südosten und auf dem afrikanischen Kolonialgebiet), an Holland (gegen Ein tritt Hollands in die längst ökonomisch geforderte deutsche Zoll- und Wirtschaftsgemeinschaft), an Luxemburg und nur bezüglich einiger maritim und militärisch wichtiger Punkte an Deutschland denken, die sehr wohl geeignet wäre, künf tige Reibungen zu verringern. Es läßt stch für den Fall, daß Holland ans Angst, seine Selbständigkeit zu verlieren, diesen Eintritt in eine engere Zollverbindung mit Deutsch land ablehnt, auch an eine Annexion des östlichen Teiles Belgiens einschließlich Antwerpens und der militärisch wich tigsten Punkte Belgiens denken, mit gleichzeitiger Abtre tung der wallonischen Provinzen an Frankreich und Luxem burg — natürlich das letztere für gleichwertige Rekompens:- tionen militärischen Wertes und solcher kolonialer Gebiete, die wir für die Abrunduug unseres afrikanischen Besitzstandes nötig haben. Erfolgte diese Annexion für Preußen, so müßten Baden und Bayern natürliche bestimmte Äquivalente er halten. Die zweite — nach Zahl kleinere, nach Geltung der Per sonen weit mächtigere Stimme aber ist es, der meinerseits der schärfste, entschiedenste Kampf uud Protest zu gelten hat. Und dies um so mehr, als merkwürdigerweise gerade ein heftig zum Ausdruck gelangender Haß gegen Personen der englischen Politik, auch gegen Institutionen, die man sür wandelbar Z46hält (Zusammensetzung des Unterhauses und sein staatsrecht liches und faktisches Verhältnis zum Oberhaus), als endlich gerade die sür England scheinbar so herabwürdigende An schauung, England führe einen puren Handels- und „Penny"- krieg — und dies nicht einmal aus wahrer Einsicht in seine faktischen ökonomischen Interessen und die faktischen welköko nomischen Zusammenhänge, sondern eigentlich nur aus un fruchtbarem „Neid" uud mangelhafter natioualökonomischcr Bildung, — als gerade diese scheinbar so schroffen Haltungen gegen England nnd das dabei aufgewandte N^oralpathos, die wahre Richtung dieser England im Grunde freundlichen Stimme so klug zu verberge« und zu verschleiern weiß. Denn: siud es nur Personen, — man kann sie beim Frie densschluß entlasse». Ist es nur die Tatsacke, daß die gegen wärtige Verfassung dem Unterhaus nicht die ^Möglichkeit gibt, den englischen Gemeinwillen auszudrücken — man kann die Verfassung ändern. Führt England einen Handelskrieg wider sein wahres ökonomisches Interesse, die Erfahrungen im Kriege selbst werden seine mangelhaste 5) Nationalökonomie korrigieren nnd unsere deutschen Leuchten der nationalökono- unschen TLissenschast können vielleicht Englands heillose Un wissenheit, Rechenfehler und syllogistische Fehler ausbessern. Hinter all diesen, sich meist so moralpathetisch gebenden Reden — man sehe sich daraufhin z. B. die „Internationale ^Monats- schrift"an — sehe ich nur eines stehen: die alte Englandfreund- schast, den geheimen Willen zn baldigem Frieden mit England ohne Austragung der wahren Gegensätze; ich sehe genau die selben Kräfte wirksam, die znr Entfpannnngskomödie getrieben haben "v; ich sehe eine giftige Tradition, deren Vertreter zum Z4?Teil sich jetzt nicht gerne selbst „desavouieren" wollen, d. h. in nichtamtlicher Form geredet, nichts Echtes in der lebendigen Tat der Geschichte lernen wollen, ihr gefährliches Wesen weiter treiben. All das isi ja nicht wahr, nicht wirklich, wie ich zeigte. IDeder isi der englische Krieg gegen uns ein purer Handelskrieg, noch isi es wahr, daß ein erfolgreicher englischer Krieg gegen uns nicht als Folge (d.h. also nicht, als NTotiv, wie der Ausdruck „Handelskrieg"nahelegt) auch demenglischenHandelnocheinen ungeheuren Nutzen und noch weitere Ausbreitung brächte. Der englische Krieg geht vielmehr auf die Erhaltung seiner Allgel' tnng zur See, auf die England ein ewiges Recht zn haben glaubt, jener seiner Seehegemonie, die alle Ausbildung des Seerechts bisher in jeder dem Landrecht würdigen Entfaltung hemmte — eines Anspruches, der uns aus die Dauer absolut unerträglich sein muß, eines Anspruchs, der nicht mir unseren sondern jeden Kolonialbesitz anderer europäischer Völker dauernd gefährdet und jede sinnvolle und gerechte Aufteilung der Erdkugel, ent sprechend dem inneren TLert der durch sie zur Vertretung kom menden Nalionalkultureu dauernd hemmen muß; die aber, was den Handel betriffr zugleich jede Geltung der Ware «ach ihrem inneren TLerte der Brauchbarkeit und Qualität im Well handel uumöglich macht — uud trotzdem die englische TLare nachweislich so bedenkend an ALert verloren hat (schon durch die mangelnde Anpassungsfähigkeit der Engländer an fremde Bedürfnisse) sie dauernd über ihren T?ert hinaus monopoli sieren will. Über den Unsinn, nur Personen anzuklagen und den Krieg als gegen den englischen Gemeinwillen darzustellen, wurde schon gesprochen. Ziel dieses Krieges mnß also sein — nicht „Zerstörung des 3^8349 englischenWeltreiches", nicht deutscher,Imperialismus" statt englischen— aber endgültige Zerstörung jenes Anspruchs Eng lands aus seine Allgelkinig znr See und des ihr entsprechenden Prestiges in der 2Äelt. Alles weitere überlasse man der Ent wicklung der Dinge selbst in den Kolonien, überlasse man dem deutschen Fleiße und deutscher Tüchtigkeit im friedlichen Kon kurrenzkampf des deutschen und englischen Handels! Auch hier also hat unser Krieg zwar keinen kosmopoliti schen Zweck, aber einen europäischen, nnd hierdurch vermittelt, kosmopolitischen Sinn: denn nicht nur uns, alle europäischen Nationen drückt dieser (man denke allein nur au Italien!), der Wirklichkeit nicht mehr angepaßte englische Anspruch — bis zur Beengung des nationalen Atems. Alle können von ihm durch unsere Tat mit erlöst werden! Könnte dieses Ziel aber nicht erreicht werden in diesem Kriege, nicht aus mangelndem Wollen, sondern weil es uns nicht ge länge, England zur Stellung seiner Schlachtstotte zn vermögen — nicht mich gelänge, ihm noch ein wenig näher zu kommen, als dies die Mehrheit der Stimmen für möglich zu halten geneigt ist, — so bleibe man stch daun wenigstens eingedenk, daß noch fernere kriegerische Auseinandersehnngen mit England notwen dig folgen werden, folgen müssen. Man vermeide also auf alle Fälle innerlich unwahre Bündisbestrebungen mit England und jene einseitige Belastung Frankreichs, die unsere England- Verehrer wünschen! Denn dann brauchen wir Frankreich in Zukunft — in Kürze — erst recht gegen England und sei es nur als echt neutrale Macht, — also nicht nur gegen Nußland. Sehe ich aus den Ausgangspunkt der zweiten Stimme, so siude ich Kreise, — buntscheckig verschieden genug! Ich sthx350 hohe Finanz- und Industrieleute unseres Nordens, die mit England mehr Geschäfte machen als mit Frankreich und deren ökonomischer Einfluß sich mit der Dauer des Krieges — begreiflich — leicht steigern kann. Ich sehe den Geist eines Teiles unserer Neichsämter und anderer höherer Beamten schaft und Diplomatie, welche die Konsequenz einer politischen Tradition zwingt, sich nicht allzu sehr zu „desavouieren". Ich sehe auch solche, außer Amtes und im Amte, die bei einer ernsten TLendnng der Dinge in der Richtung unserer Hoffnungen, auch schwere politische Abrechnungen mit Handlungen und Unterlassungen nach dem Kriege gewär tigen müssen, die unserer Englandpartei in Zeiten mehrmals zur Last fallen sollen — „sollen" sage ich, denn Archivali- jches ist uns nicht bekannt — zn denen uns Frankreich die Hand zum Bündnis ernsthaft entgegengestreckt haben soll. Auf Details in dieser Richtung einzugehen ist jetzt nicht der Zeitpunkt. Ich sehe weiter das „englisch-deutsche Stammes- gesühl", die „evangelische Solidarität", die „englisch-deursche Knltnrgemeinschast", von deren innerer Unechtheit und Un fruchtbarkeit schon vorher die Rede war — die sich außer dem alle Süddeutschen, Südwestdeutschen, -Österreicher, desgleichen alle deutschen Katholiken nnd Juden als politische Motive in diesem Kriege ganz ernstlich nnd energisch verbitten dürfen. Alle diejenigen, die meinen Ausführungen gefolgt sind, mögen ermessen, ein wie großes Nuißtrauen man diefer Grnppe schuldet, nichr natürlich ihrem guten deutschen Willen, der für mich nicht in Frage kommt, und den ich auf allen Seiten über allen Preis erhaben voraussetze, wohl aber schärfstes Mißtrauen ihrer mangelnden politischen Bildung,schärfstes M^ißtranen der Kraft der ihr Denken unbewußt leitenden Interessen, schärfstes N^ißtrauen ihren Engen und Vorurteilen und ihren: N?angel an politischer Fernsicht! Aber noch weit stärker in dieser Richtung wirkt das Ganze der im ersten Teile und durch diese ganze Schrift hindurch gekennzeichnete Tatsache, daß ein so unverhältnis mäßig großer Teil unserer deutschen ÄLisfenfchaft, Bildung und zumal ethischer und politisch-ökonomischer Bildung in den Kategorie», in den Strukturformel! des englischen Den kens denkt. In den „Kategorien englischen Denkens denken" das heißt nicht etwa nukritifch das für „wahr" halten, was Engländer behauptet habe»; es heißt auch nicht englische In halte und Probleme als Gegenstände des Denkens bevorzugen: am wenigsten heißt es zu „Gunsten Englands denken". N^an kann England ehrlich „hassen" — und doch dabei ganz „eng lisch deukeu". kann über Inhalte denken, an die noch kein einziger Engländer gedacht und geschrieben hat und doch in englischen Kategorien und Denkregeln diese Inhalte sormen und gliedern. M!an könnte auch — prinzipiell — alle Sähe und Behauptungen aller Engländer für falsch halten und ste nach beliebig scharfer Kritik durch andere ersehen: man könnte dabei doch das tun, was ich in „englischen Kategorien denken" nannte. Aber man könnte auch alle diese Behaup tungen sür wahr halten — ohne doch englisch zu denken. TLohl aber gilt, daß jeder, der in englischen Kategorien denkt — sei es als Darwinist, als Freihändler aus Prinzip (nicht als Frei händler im Siune eines freiwilligen posttiven Sichenthaltens des Staates, in die wirtschastlichen Beziehungen einer bestimmten historischen Situation einzugreifen), sei es als Vertreter ökono- 35 r352 Mischer Geschichtsauffassung, sei es als englischer Pazifist oder ethischer Utilitarier — daß jeder, der in diesem Sinne „englisch denkt", ohne davon die mindeste Ahnung haben zu müssen, auch ohne Ahnung vielleicht von der historischen Herkunft seiner Gedankenformen, im objektiven Sinne „für" Eng land denkt, für sein dauerndes Gesamtintereste?^" Denn die „Struktur" eines nationalen Denkens entspricht eben den spezifischen Existenzbedingungen dieser Nation, — dazu hier nachweisbar vieles den Existenzbedingungen eines möglichen Inselstaates überhaupt. TLie groß allein aber die Abhängig keit unseres politischen Liberalismus und gerade in seinen for malen politisch-ökonomischen Kategorien von Englands Denk struktur ist, das ist gar nicht zu sagen und wurde noch durch keine historische Untersuchung ernsthast ausgemessen. Je größer solche Abhängigkeit, sagt ein Gesetz derSeele, desto geringer das TLifsen um ste! Der Suggerierte meint stets — im Gegensatz zum Gehorchenden — selbst aus stch heraus zu wollen, selbst zu denken, was ihm faktisch jener suggeriert. TLie groß aber die Abhängigkeit unseres heutigen deutschen Denkens, z. B. auch unserer „Imperialisten" das Wort ist englisch, — ja unserer Alldeutschen, aber anch ihres Gegenteiles, z. B. der Mehrzahl unserer sozialistischen Theoretiker, von den Kategorien des englischen Denkens ist, das wird uns allen erst klar wer den, wenn wir uns einmal von ihm ernsthaft losgelöst haben werden. Meint man denn etwa, das deutsche 18. Jahr hundert hätte gewußt, auch nur geahnt, wie tief es fran- zöststert war? Das sah Deutschland erst von der VZarte einer originären deutschen Nationalliteratur, von der D5arte Lessings, Goethes und Schillers usw. aus. Der Krieg helfe23 uns, das Analoge hinsichtlich Englands langsam sehen zu lernen!^ — Ich kehre zurück zu meinen beiden Gesichten. Hier das erste Gesicht das furchtbare Gesicht, das von den drei Neichen: Mongolenreich, Russenreich, Amerika! Es rückt mir näher und näher, wenn ich denke, die Stimme der Englandfreunde möchte siegen. Aber es entfernt sich wieder — es flieht wie die Schatten eines schweren Traumes, — es nähert sich das zweite Gesicht, das Gesicht eines solidarischen Kontinentalenropa unter Deutschlands militärischer Führung gegen den Osten, eines Europa, das die geistige Führung der VZelt dauernd behält und die edlen, denkwürdigen Traditionen der alten Mittelmeerkultur weiterführend, eine neue und größere Kultur des germanischen und romanischen Geistes schafft: militärisch gegründet auf ein machtvolles Deutschland- Österreich nnd auf die sinnvolle und so notwendige Ergänzung des germanischen und romanischen Viesens und Geistes! — Es ist wahr: es ist paradox, selbst während eines Krieges mit England noch „Los von England" rufen zu müssen. Aber vielleicht ist es notwendiger, als man glaubt! —Anmerkungen357 i Diese Vorstellung H. Spencers und anderer setzt die Wahrheit der mechanistischen Biologie voraus. Ich wies sie mit eingehender Begründung zurück in meiner Arbeit „Das Ressentiment im Aufbau der Moralen"; s. „Gesammelte Aufsätze", Leipzig igiH. Abschnitt „Organ und Werkzeug". Werkzeug wie Waffe sind einerseits Folgen stagnierender Entfaltungsfähigkeit des organischen Lebens, andererseits nachträglicheNutzbarmachung von Werken einer frei-spontanen Geistes betätigung. S. auch den Aufsatz: „Zur Idee des Menschen". S. „Ges. Aufsätze". ^ Daß der Begriff „Mensch" (im Gegensatz zum Begriff „Tier") erst als „Träger" einer schon definierten „Vernunft" selbst als Einheit abgrenzbar wird, ist eingehend gezeigt in dem Aufsatz „Zur Idee des Menschen". S. Ges. Aufsätze. Z Die Scheidung von Interessen- und Zweckgesellschaften und Liebes gemeinschaften ist eingehend philosophisch begründet in meinem Buche „Zur Phänomenologie und Theorie der Sympathiegefühle und von Liebe und Haß", Halle 191Z. Hier ist gezeigt, daß weder das Mit gefühl noch die Liebe genetisch aus irgendeine Form der Jnteressen- solidarität zurückgeführt werden kann — so wie es Bain, Darwin, Spencer u. a. versucht haben (S. öl ff.). Im selben Buche findet sich auch die genaue Bestimmung des Liebesbegriffs selbst und der Versuch einer Wesens- und Wertbestimmung der „Heimatliebe", „Vaterlandsliebe", „Liebe zum Staat" im Verhältnis zur „Liebe zur Menschheit". Für ein letztes Verständnis des hier Gesagten ist das dort Erwiesene Voraussetzung. 4 Über das Fundament des Machtbegriffs im Erlebnis des Könnens (Wollen-Könnens, Tun-Könnens) und über die Unzurückführbarkeit des Könnenserlebnisses auf die Willensdisposition siehe meine eingehen den Untersuchungen im „Jahrbuch für Philosophie und phänomeno logische Forschung", I. Bd., Teil II, S. 628 u. II. Bd., Abschn. „Können und Sollen".356 6 Treffend findet sich dieser Wesensunterschied der tierischen Daseins kämpfe und der menschlichen bloßen Konkurrenzkämpfe hervorgehoben in dem Buche Lloyd Morgans „Instinkt und Gewohnheit". Teubner 1909. 6 So erscheint für H. Spencers Ethik, Soziologie und Geschichts lehre der Krieg und die Schätzung kriegerischer Tugenden nur als ein „Atavismus" in der Entwickelung des sozialen Lebens in die Richtung des „sozialen Gleichgewichts", einer vollkommenen Solidarität der Interessen aller, bei deren Erscheinen die Ideen des „Sollens", der „Pflicht", der „Liebe", des „Opfers", weil „überflüssig" geworden, ab sterben werden. 7 Vgl. hierzu die von mir entwickelte Lehre vom Wesen und Ur sprung des Willens und der Willensmotivation im „Jahrbuch für Philosophie und phänomenolog. Forschung", I. Bd., Teil II, S. 6iz ff. sowie meine Kritik der Lehre, die ZivilisationS- und Kulturbildung auf die fog. „Bedürfnisbefriedigung" zurückführt im II. Bd. des Jahrbuchs. Vielfach Zustimmendes und Ergänzendes auch bei P. Messer, „Psycho logie", 1914, S. z 10 ff. ^ Die auf mechanische Reflexe oder sog. Tropismen unzurücksühr- baren „Probierbewegungen" finden rvir nach JenningS („Das Ver halten der niederen Organismen", Teubner 1910) schon auf den aller- elementarsten Stufen des Lebens, z.,B. bei Paramaecium. s Vgl. meine Grundlegung der Ethik im obigen Jahrbuch, Bd. II. Alle diese Theorien sind englischer Herkunft. Die Arbeitstheorie des Eigentums stammt von John Locke. Siehe meine Kritik und psychologische Herkunftslehre derselben im Aufsatz „Das Ressentiment im Aufbau der Moralen", IV. „Ges. Aufsätze". " Wie das Folgende zeigt, sind wir weit entfernt, diefem starken, leidenschaftlichen, aber in vieler Hinsicht auch engen Menschen in allem zu folgen, was Staat und Krieg betrifft. Aber der Ruhm gebührt ihm, den Krieg wieder als das gelehrt zu haben, als was ihn fchon Schiller bezeichnet, mit den Worten des Chores in der Braut von Messina: „Aber der Krieg auch hat seine Ehre — der Beweger des Menschengeschicks." " Die Idee der Rechtsordnung und auch die Idee des Vertrages fordert indes nicht — wie Treitfchke annimmt — die Voraussetzung einer sie ev. erzwingenden Autorität und Herrschgewalt; ja diese Idee ist359 selbst von der Existenz des Menschen unabhängig. S. A. Reinachs eingehende Klarstellung der Idee von „Versprechen" und „Vertrag" in seiner Arbeit: „Die apriorischen Grundlagen des bürgerlichen Rechts", „Jahrbuch f. Phil. u. phän. Forschung", I. Bd. Teil II, S. 726 ff. ^ Vgl. meine Analyse von W. Diltheys Geschichtstheorie im Aus satz „Versuche einer Philosophie des Lebens" in „Gesammelte Aufsätze". -4 Vgl. das Kapitel über den „gerechten" und „ungerechten" Krieg. '5 Dieser lautet: „Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein". Da Kant die Vertragstheorie des Staaten- ursprunges (nicht historisch genetisch, aber dem Wesen und Sinn des „Staates" nach) voraussetzt, hält er fälschlich diese Verfassung für die „einzige", die aus dem „reinen Quell des Rechtsbegriffes entsprungen ist." '6 Eine vorzügliche Schilderung des Wesens dieser Kabinettskrise im Unterschiede vom modernen absoluten Volkskrieg — wie überhaupt der historischen Stufen der Kriegsformen — gibt Claufewitz in seinem herrlichen Buche „Vom Kriege". In welchem äußersten Gegensatze indes Kant zu jenem Pazifis mus steht, der — englischer Herkunft — den Krieg wegen der durch ihn stattsindenden Opfer an allgemeiner Wohlfahrt verwirft, möge die folgende Stelle bezeugen: „Der Krieg, wenn er mit Ordnung und Heiligachtung der bürgerlichen Rechte geführt wird, hat etwas Er habenes an sich und macht zugleich die Denkungsart des Volkes, welche ihn auf diefe Art führt, nur um desto erhabener, je mehreren Gefahren es ausgesetzt war und sich mutig darunter hat behaupten können: da hingegen ein langer Friede den bloßen Handlungsgeist, mit ihm aber den niedrigen Eigennutz, Feigheit und Weichlichkeit herrschend zu machen und die Denkungsart des Volkes zu erniedrigen pflegt." ^ Die falsche philosophisch letzte Wurzel aller Art von „Vertrags theorien" des Staates und analoger Konventionstheorien für Sprache, GemütSauSdruck, Moral usw. habe ich in meinem „Anhang" zum Buche über die Sympathiegefühle in der falschen Lehre vom Grund des Wissens von der Existenz fremder Personen, die dieses „Wissen" auf Analogieschluß oder Nachahmung und Einfühlung zurückführt, ein gehend aufgewiesen. Faktisch wird das fremde Jcherleben im Ausdrucks- phänomen in genau demselben Sinne ursprünglich „wahrgenommen" wie in seiner Erscheinung das Körperding. ^ Mit dieser streng deduktiven Theorie des Freihandels aus letzten360 Prinzipien der menschlichen Natur verwechsle man nicht einen Frei- handelsstandpunkt ans Grund ganz bestimmter historischer Situationen eines Staates, der natürlich ganz berechtigt sein kann. Hätte Smith gesagt, daß es für eine Insel, die sich nicht ernähren kann, richtig ist, das Prinzip des Freihandels zu vertreten — solange nicht besondere positive Gründe dagegen sprechen, so hätte er recht gehabt. Aber — er verwechselt den Bewohner Englands mit dem „Menschen" und eben darin besteht der canr seiner Theorie. -<> Aje Spencersche Lehre vom Ideal des „sozialen Gleichgewichts" überhaupt ist nur eine Universalisierung dieses englischen politischen Grundprinzips vom „politischen Gleichgewicht". " Hier wie in allem Folgenden setze ich diejenige, an sich gültige Rangordnung der Werte voraus, die ich in meiner Grundlegung der Wertlehre und Ethik streng entwickelt habe. S. „Jahrbuch f. Phil, und phän. Forschung", Bd. I u. II. Ganz kurz und ohne strenge Beweis führung s. auchmeinenArtikel„Ethik" in„Jahrbüchern derPhilosophie", hrsg. von Frischeisen-Köhler, I. Jahrgang, Berlin igiz. ^ Vgl. den Anhang über das Ethos der Engländer und den c^nr. Vgl. den Abschluß dieses Buches über die Anglisierung des deut schen Geistes. 24 Vgl. meine eingehende Untersuchung des Begriffes „Umwelt" im „Jahrbuch für Phil. u. phän. Forfchung", S. 17-, desgl. den Aufsatz „Versuche einer Philosophie des Lebens" in „Ges. Aussätze". Vgl. auch die treffenden kritischen Sätze bei Üxküll in seinem Buche „Bausteine zu einer biologischen Weltanschauung" und „Innenwelt und Umwelt der Tiere", desgl. H. Driesch, „Die Philosophie des Orga nischen". 25 Der „Instinkt" ist also von Gewohnheit oder etwa vererbten Mechanismen, die das Ergebnis von Erwerbung und Übung gewisser Handlungsarten der Ahnen wären, im Prinzip unabhängig. Wie ab surd es ist, das Mitgefühl mit Darwin und Spencer aus „sozialen In stinkten" abzuleiten, habe ich in meinem Buche über „Sympathiegefühle" eingehend gezeigt. 26 S. G. von Bunge: „Lehrbuch der Physiologie des Menschen", I. Bd. 1. Vortrag. Vgl. auch das viele Treffende bei W. Stern, „Person und Sache", Leipzig. 2? Siehe hierzu die lehrreichen Ausführungen von Otto Ribbert inseinem Buche „DaS Wesen der Krankheit" über den „Wachstums- reiz" und die diesbezügliche Lehre Virchows. ^ S. das Treffende bei Üxküll, „Innenwelt und Umwelt der Tiere" und W. Stern, „Person und Sache". ^ S. L. HartmannS Hinweis auf die Forschungen des Geographen E. Hanslick, der in einer Arbeit über „Kulturgeographie der deutsch slawischen Sprachgrenze" nachweisen will, daß die Geschichte Europas nur gegebene Naturgrenzen herausarbeite; desgl. auf Wettsteins Beobachtungen, der an den Pflanzenarten zu sehen meinte, ob er sich in einer deutschen oder tschechischen Gegend befände. S. „Die Nation als politischer Faktor", „Verh. des Zweiten Deutschen Soziologen tages", Tübingen igiZ. Vgl. hierzu meinen Artikel„Ethik" in den „Jahrbüchern der Philo sophie", hrsg. von Frischeisen-Köhler, Berlin igiH- Zl IZgl. hierzu meinen Aufsah „Das Ressentiment im Aufbau der Moralen", „Ges. Aufsätze". Z- S- Galileis „DiScorsi", wo er feine Erörterungen mit einem Ge spräch über die Bruchfestigkeit von Balken beginnt. Vgl. E. Machs „Gefchichte der Mechanik". ZZ Vgl. das vorletzte Kapitel: „Der gute Europäer und die Soli darität Europas". Z4 Siehe das Kapitel „Über den gerechten und ungerechten Krieg". öS Aus diesem Grunde glaubt daher schon Darwin selbst den Krieg biologisch verurteilen zu müssen. S. „Abstammung des Menschen". 26 Vgl. das vorletzte Kapitel Die nachfolgenden Ausführungen setzen jene absolute Ethik vor aus, die ihre Grundlage in einer evidenten Rangordnung und streng einsichtigen Gesetzen des Vorziehens von Werten hat. Ich habe sie im „Jahrbuche f. Philosophie und phänomenologische Forschung", Bd. I, Teil II, S. zu entwickeln versucht. 28 Siehe meine Wesenscharakteristik der „reinen Persontypen", des Heiligen, des Genius, des Helden, des führenden Geistes, des Künstlers des Genusses, — deren Wertrangordnung eine absteigende ist, Bd. II obigen Jahrbuchs, Schlußteil. ^ Dies sehen zumeist nur die bloßen Historiker der „Helden" nicht ein. Die echten „Helden" selbst haben es stets eingesehen. „Der Name des Aristoteles wird öfter in den Schulen genannt als der des Alexander. Z61362 Man liest den Cicero und wiederholt die Lektüre desselben öfter als die der Kommentare Casars. Die guten Schriftsteller des letzten Jahr hunderts haben dag Jahrhundert Ludwigs XIV. berühmter gemacht als die Siege des Eroberers. Die Namen Fra-Paolo, Kardinal Bembo, Tasso, Ariost haben den Vorzug vor denen Karls V. und Leos X., so sehr der letztere auch behauptete Vize-Gott zu sein. Man spricht hun dertmal von Vergil, Horaz, Ovid, gegenüber einmal von Augustus, und noch dazu geschieht dies selten zu seinem Ruhm. Handelt es sich um England, so ist man neugieriger auf Anekdoten, welche von Män nern wie Newton, Locke, Shaftesbury, Milton, Bolingbroke handeln, als auf solche von dem weichlichen und genußsüchtigen Hofe Karls II., von dem feigen Aberglauben Jakobs II. und alle den elenden Jntriguen, welche die Regierung der Königin Anna beunruhigten; demnach wird, wenn Lehrer des menschlichen Geschlechtes wie Sie nach Ruhm trachten, Ihre Erwartung erfüllt, während wir in unseren Hoffnungen uns oft getäuscht fehen, weil wir nur für unsere Zeitgenossen, Sie aber für alle Zeitalter arbeiten." (Friedrich der Große an Voltaire z. Jan. 177Z.) 4" Dies etwa ist die Grundeinstellung W. Ostwalds. ^ Eine gute Schilderung dieser Zeit gab Richard M. Meyer in seiner „Literaturgeschichte des ig. Jahrhunderts". 42 Vorzüglich schildert Rudolf Eucken in feiner Schrift „Die welt geschichtliche Bedeutung des deutschen Geistes" (f. 3. Heft der „Poli tischen Flugschriften", hrsg. von E. Jäckh), die Tatsachengruppen, welche zeigen, daß der deutsche Geist durch seine politisch-realistische Wendung seit den zoer Jahren des 19. Jahrhunderts durchaus nicht von seinem Wesen abgefallen ist; wie unsere Feinde behaupten. Wir haben nur „eine Seite des Gegensatzes, den wir von Hause aus in uns trugen, wieder neu belebt." S. I. G. Fichtes Auf>atz über den „Prinripe des Macchivelli". 44 S. R. Roethes Göttinger Rektoratsrede über das Deutsche Publi kum. Wie diese Spamnmgsbildung schon mit dem Deutschen Zollverein begann und die Phasen ihrer allmählichen Steigerung schildert ein gehend AdolfWagner in feiner Schrift: „Gegen England", Berlin igiH. Ich rede vom Kapitalismus — nicht vom Jndustrialismus. Jener ist ein bestimmter Geist (f. meinen Aussatz über den „Bourgeois" in „Ges. Aufs."), dieser eine Betriebssorm. Jndustrialismus ist eine363 Betriebssorm, der gerade der deutsche Geist durch seinen Ordnungs sinn, durch seine Pünktlichkeit, seine Präzision und seine einzigartige Organisationskraft — Kräfte, die samt und sonders zuerst an der deutschen Heeresorganisation gebildet und geübt wurden, ganz hervor ragend angepaßt ist. 4? S. meinen Aufsatz: „Die Zukunft des Kapitalismus" in „Gef. Aufsätze". 42 Eine eingehende Analyse des Begriffes „Mord" und des Be griffes „Person" findet sich in meiner Grundlegung der Ethik im „Jahrbuch für Philosophie und phän. Forschung", Bd. II. 4? Vgl. meine eingehende Charakteristik der christlichen Liebesidee im Gegensatz zur (modernen) „allgemeinen Menschenliebe" und meine Ausführungen über die psychologische und historische Herkunft dieser letzteren Idee in dem Aufsatz: „Das Ressentiment im Aufbau der Moralen". Vgl. jetzt auch die hoch über die herkömmliche falsche Ver mischung beider Ideen — auch bei dem Hauptteil unserer Theologie — hinausgehenden Ausführungen von E. Troeltsch, „Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen", I. Bd., S. iZ^ff 6° Vgl. die Stellungnahme des Thomas von Aquino, bello" in „8umma l^eolo^ias", 2. 2g. ^c>a. Der thomistische Begriff eines „bellum prinitionis", den Kant mit Recht verwirst, dürfte unhaltbar fein. Vgl. übrigens: M. Reichmann: „Der hl. Thomas und der Krieg" in Stimmen der Zeit (Maria Laach), Oktober igiH' Luthers Schrift: „Ob Kriegsleute auch im seligen Stand fein können", 1Z26. Calvins Lehre vom Krieg ist auseinandergesetzt in „Insriruriolies" IV. 20., 11 u. 12. Wie sich im späteren angelsächsischen Calvinismus allmählich das pazifizistische Prinzip durchringt, dazu vgl. E. Troeltsch: „Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen", II. Hälfte, S. 728. Desgl. über die pazifizistischen Sekten S. 607, LiH. 910, 914. S. über diese falsche psychologische Auffassung der Liebe als „ein Gefühl, das zum Wohltun disponiert" oder als „Wohlwollen" meine Analysen in dem Buche „Zur Phänomenologie der Sympathie gefühle" usw. und zum diesbezüglichen Gegensatz der christlichen und der positivistischen Liebesidee meinen Aussatz: „Das Ressentiment im Aufbau der Moralen", „Ges. Aufsätze". 52 Vgl. meine Analyst der Gerechtigkeitsidee in meiner Grundlegung der Ethik „Jahrbuch f. Philosophie u. phänom. Forschung", II. Bd.364 Über das Verhältnis von Liebe und Wertvgl. „Sympathiegefühle". 64 Man muß natürlich die Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit eines Gesetzes selbst von der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit seiner Anwen dung unterscheiden. Niemals aber geht es an, die Idee der „Gerechtig keit" auf bloße Gesetzlichkeit zurückzuführen, auch nicht auf innere, moralische, rein formale Gesetzlichkeit des Wollens wie sie Kant zur Grundlage der Ethik machen will. Vgl. meine eingehende Kritik der Ethik I. Kants im „Jahrbuch f. Philosophie und phän. Forschung", I. Bd. 2. 66 Für die Ethik I. Kants habe ich dieses eingehend nachgewiesen im „Jahrbuch für Philosophie und Phänomenologie", Halle igiZ. Uber die Irrung, es sei die höhere Liebe die Liebe zum größeren Kreis vgl. „Sympathiegefühle" S. gl—gL. Über die psychologische Wurzel dieser Irrung vgl. den Aufsatz über das „Ressentiment usw." 67 Nicht die wahre und strenge Idee der Gerechtigkeit selbst, beruht — wie W. Rathenau in seinen Reflexionen fagt — „auf dem Neide". Wohl aber beruht jene Fälschung der Gerechtigkeitsidee auf dem Ressen timent der Schwachen, welche bei der Forderung gleicher Vorteile und Nachteile unter gleichwertigen Umständen die Bedingung der Gleich wertigkeit der Subjekte fortläßt. Gegen den Gesetzesgedanken, der aus dieser gefälschten „Gerechtigkeit" abgeleitet ist, gelten dann auch die tiefen Worte Schillers: „Denn der Mensch verkümmert im Frieden, Müßige Ruh ist das Grab des Muts. Das Gesetz ist der Freund des Schwachen, Alles will es nur eben machen. Möchte gerne die Welt verflachen, Aber der Krieg läßt die Kraft erscheinen. Alles hebt er zum Ungemeinen, Selbst dem Feigen erzeugt er den Mut". 6^ Auf die abgrundtiefe Komik, stch bei den in diesem Kriege in Frage kommenden Gegensätzen und der Überzahl der uns feindlichen Staaten, ein „Schiedsgericht" auch nur vorzustellen, hat H. Münster berg in einer Rede in Amerika jüngst treffend hingewiesen. 6? Vgl. die Begründung dieses Satzes in meiner Grundlegung der th>k, „Jahrb. f. Phil. u. phän. Forschung", II. Teil, Abschnitt über den Relativismus.365 6" Der „echten", nicht der durch Ressentiment verdorbenen, wie sie Fr. Nietzsche aufgefaßt hat. Vgl. meine Kritik der Aufstellungen Nietzsches über die christliche Liebesethik in dem Aufsatz: „Das Ressen timent im Aufbau der Moralen", (Gefammelte Aufsätze). S. bes. Walter Rathenau, „Zur Mechanik des Geistes" und „Zur Kritik der Zeit". 62 S. meine Kritik von Schopenhauers Mitleidslehre und aller jener pantheistischen Liebeslehren, die im Liebesgefühl eine Erkenntnis der Scheinhaftigkeit der Individualität und der metaphysischen Ein heit des Seins sehen wollen, in dem Buche über Sympathiegefühle. Der Buddhismus, der diese Auffassung der Liebe und des Mitleides teilt, kommt konsequent und im äußersten Gegensatze zur christlichen Moral, zum Pazisizismns. Sz Vgl. hierzu denI.Teil meiner Arbeit über „Das Ressentiment usw." 64 „Ich hatte eine ganze Reihe nervenschwacher Jünglinge im Lauf des letzten Jahres und zur Zeit des Ausbruches des Krieges in Be handlung: ängstliche, kleinmütige, zaudernde, willensschwache Men schenkinder, deren Bewußtseins- und Gefühlsinhalt nur durch öas eigene Ich bestimmt war und die in Klagen über körperliches und seelisches Weh sich erschöpften. Da kam der Krieg. Das Krankhafte siel wie mit einem Schlage von ihnen ab, ste meldeten sich bei der Truppe und — was mir noch merkwürdiger erscheint —, sie haben sich alle, bis auf eine einzige Ausnahme, bis zum heutigen Tage bewährt, und diese einzige Ausnahme ist nicht seelisch, sondern körperlich zusammen gebrochen. Also selbst bei diesen angekränkelten Naturen hat der große Reiniger .Krieg' sein Werk getan." (Prof. O. BinSwanger: „Die seelischen Wirkungen des Krieges", Der Deutsche Krieg, 12. Heft.) 6s Nur zum kleinsten Teil waren umgekehrt die „Illusionen" Ur sachen des Hasses. 66 Siehe hierzu die in dieser Richtung interessante Gedichtesamm lung: „Das Neue Pathos", und Franz Wersels Gedichte. 6? Von größtem Interesse sind hier die Schriften des edlen, jüngst gefallenen Franzosen Charles Peguy. 68 Ein Beispiel für solche mangelnde moralische Assimilationskraft und höhere VerwaltuugSkunst geben die seekühnen Phöniker und Kar thager im Vergleich zu den Römern. (S. dazu Mommsens „Römische Geschichte", Bd. I, III. Buch.)366 6? Zur Psychologie der Racheemotion vergleiche den Aufsatz „Das Ressentiment im Ausbau der Moralen", i. Abschnitt in „Ges. Aussätze^ u. „Jahrb. f. Phil. u. phän. Forschung", Bd. II. 7° So kam es in den Kriegen Ludwigs XIV. mit England vor, daß die Schlacht geradezu einen Turnierstil annahm; daß die französischen und englischen führenden Offiziere sich, man möchte fast sagen „galant", strikten, wer für den ersten Schuß den Borrritt haben sollte. Fr. Nietzsche nannte das „Prinzip des möglichst kleinsten Kraft- maßeS im Denken" (Avenarius) oder das „Prinzip der Ökonomie" derer, die damit die Logik überflüssig zu machen meinten, das Prinzip „größtmöglicher Dummheit". Das ethische Prinzip derer, die durch bloße Ökonomie und Verzahnung der Interessen die Ethik überflüssig machen wollen (wie H. Spencer) könnte man als das Prinzip „größt möglicher Gemeinheit" bezeichnen. Siehe das Kapitel von der Solidarität Europas. Hier bitte ich das später folgende Kapitel von der Solidarität Europas ergänzend heranzuziehen. Eine streng wissenschaftliche Begründung dieser hierher angezo genen Grundsätze der Erkenntnislehre findet der Lefer in meinem dem nächst bei Niemeyer-Halle erscheinenden Buche: „Phänomenologie und Erkenntnistheorie". Ihr Gegensatz zu allem sog. „Kritizismus", der überall die Kriteriumssrage der Frage nach der Selbstgegebenheit und Evidenz eines Seins und Wissens fälschlich voranstellt, ist bereits in dem Aufsatz „Versuche einer Philosophie des Lebens" (s. „Ges. Aufsätze") angedeutet. 75 Ich habe die Grundarten dieser Täuschungen eingehend entwickelt in meinem Aussatz „Die Idole der inneren Wahrnehmung", s. „Ges. Aussätze". 7^ Vgl. meine Theorie von der Erkenntnis des fremden Ich im An hang zu den Sympathiegefühlen. 77 S. meine eben im gleichen Verlag erscheinende Schrift: „Vom Tode und vom Fortleben". 76 In keiner Person stellt sich diese Einheit so tief dar, als in Platon, der die Einheit des geistigen Aufschwunges des ganzen Menschen, die der echten Metaphysik (nicht der so sich nennenden Scheinwissenschaft der Gelehrtenfchulen) wie dem Heldentum zugrunde liegt, so scharf ge sehen und überall in seinen Dialogen gekennzeichnet hat. Wie Helden-367 tum und Philosophie in der Zeit der deutschen Befreiungskriege sich durchdrangen, Hai neuerdings Karl Joel in seinem Buche „Antibar- barus" (s. das Kapitel „Das heroische Zeitalter") plastisch geschildert. Die Auffassung der „Spekulation" als „Wagnis des Gedankens" findet sich auch bei dem in mancher Hinsicht lesenswerten Jean Marie Guyau, „Sittlichkeit ohne Sanktion und Verpflichtung". S. „Jahrbuch f. Phil. u. phän. Forschung", Bd. II, Abschnitt: „Können und Sollen". Vgl. den Schluß des Kapitels zur Solidarität Europas. bi S. Konrad Fiedler, „Gesammelte Schriften über Kunst", hrsg. von Hans Marbach, Leipzig iög6. S. bef. „Über Kunstinteressen und deren Förderung". ^ Vgl. die Zusammenfassung der Resultate Hans Delbrücks in seiner Rede „Über den kriegerischen Charakter des deutschen Volkes" in „Deutsche Reden ans schwerer Zeit." S. g^io urteilt Delbrück: „Mit der Abschaffung des Rittertums hat al>o die Erfindung der Feuerwaffe selber nichts zu tun, sondern im Gegenteil das Merkwürdige ist: Als die Ritterheere ihre großen Niederlagen erlitten, da hatten sie ihrerseits Feuerwaffen an ihrer Seite, während die, die ihnen Nieder lagen beigebracht hatten, sie nicht in dem Maße hatten." 6>i Über die moralischen Faktoren, die den Sieg entscheiden, — bei Führern wie Geführten — vergleiche die psychologisch wie ethisch meisterhaften Ausführungen von Claufewitz in dem Kapitel „Der kriege rische Genius" seines Werkes „Vom Kriege". ^ Auch Luther verfällt in feiner Schrift „Ob Kriegsleute im feeligen Stand sein können" diesem Fehler. 65 Vgl. das Urteil Carlyles über den Angriff Friedrichs des Großen auf Schlesien und feine Verletzung der Pragmatischen Sanktion in seinem Werke über „Friedrich der Große". 86 Hier ist die Wortverbindung „Absoluter Krieg" natürlich anders gebraucht als da, wo es sich um den „absoluten Krieg" — Idee oder Wesen des Krieges handelt. Der Ausdruck „Bürgerkrieg" ist im Grunde ein Widerspruch in sich selbst und nur eine schwächliche Analogiebildung. Revolution ist kein Krieg, — so „gerecht" Revolution auch moralisch sein kann. Der Begriff gerechter Widerrechtlichkeit ist eben ein durchaus notwendiger und sinnvoller, fo die sittliche Ordnung der Rechtsordnung Fundament368 ist. Dahingegen ist ein „Recht auf Revolution" eine unzulässige Be- grisssbildung. 68 Die Einrichtung eines „heiligen Krieges" zwecks gewaltsamer Verbreitung des Glaubens kennt die christliche Welt im Grunde nicht, wenn stch auch die von Rußland unternommenen Kriege im Namen des „Weißen Zaren" zuweilen dieser Form anzunähern scheinen. Die Kreuzzuge hatten einen partikularen Zweck und sind nicht Beispiele für eine religiöse Einrichtung. Die übrigen europäischen Glaubens kriege waren nie als heilige Kriege empfunden, da ste erst dadurch zu stande kamen, daß Staaten und ihre Regierungen spontan — nicht aber um das Gebot einer Religion zu erfüllen, für einen bestimmten Glauben eintreten. Näheres zu Natur und Wesen des „heiligen Krieges" findet sich in dem Aufsatz von Prof. I. Hell, „Der heilige Krieg" Frankf. Ztg. Nr. zig, 17. Nov. 1914. ^ S. hierzu Heinrich Rickert, „Die Grenzen der naturwissenschaft lichen Begriffsbildung", 1. Aufl. 1902, 2. Aufl. 1914» Uber Strebensrichtung und Willenszweck vgl. meine Unter suchungen im „Jahrbuch f. Phil. u. phänomenologische Forschung", Bd. I, 2, S. Z^o. 9^ Vgl. hier das folgende Kapitel über „Die geistige Einheit Europas". S. den Anhang, der diesen scheinbaren Widerspruch auflöst. »Z Vgl. hierzu A.Wagners „Gegen England" und die anschaulichen Schilderungen M. HardenS in feinem Aufsatz „An die Engländer", „Die Zukunft" vom zr. Oktober 191/j. Wenn aber Herr Harden diesen welthistorischen Kampf unter das Bild des Konkurrenzstreites einer „vornehmen, uralten, in Wohlstand verfetteten Firma, die nur ihre be haglichen Gefchäfte macht und von der Kundschaft Anpassung an den Hausgebrauch verlangt mit einer jungen, aufstrebenden Warenhaus firma vergleicht, die sich in die Nähe des alten Geschäfts postierte", so ist dies Bild weder klärend, noch wahr. Das ist ein schönes Beispiel, wie man „englisch denken" kann, wenn auch gegen England und in deutschem Interesse. S. Anhang. s« In den letzten zwanzig, dreißig Jahren ist die deutsche Kohlen gewinnung zwar von einem Drittel auf zwei Drittel der britischen ge stiegen. In der Roheisenproduktion erreichten wir noch vor zwanzig Iahren nicht die Hälfte der britischen, sind ihr aber seit 190z beständig-und wachsend überlegen, z. B. 1911/12 schon um siebzig Prozent und analog in der Stahlgeroinnung. Bis zum Jahre ig 12 hat der deutsche Außenhandel drei Viertel des absoluten Betrages des britischen erreicht. Aber andererseits war die amerikanische Konkurrenz dem britischen Handel kaum weniger gefährlich und haben bis zum Jahre igiH eng lische Industrie, Handel, Reederei, Schiffahrt, Kredit- und Geldmarkt unsere Konkurrenz auf dem Weltmarkt immer wieder eingeholt; ja das Geschäft hat sich in den letzten zwei Jahren fast überall etwas zugunsten Englands wieder verschoben. Genaueres über die historische handels politische Entwicklung beider Länder gibt Adolph Wagner „Gegen England", Berlin lgiH- Doch kann ich A. Wagner nicht zustimmen, wenn er in dieser wachsenden Konkurrenz Deutschlands mit England „den Hauptgrund" der feindseligen Stellung Englands gegen uns sieht. >(S. S. z6 0. Schrift). ZZgl. hierzu die klassischen Ausführungen von Möhler in seiner „Symbolik der christlichen Glaubensgegensätze"; bes. sein Urteil über Luther. ?s In seinen reichen und bedeutenden Untersuchungen über die „So ziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen" kommt E. Troeltsch (2. Hälfte, S. bezüglich des deutschen Luthertums im Verhältnis zum Neucalvinismus englisch-amerikanischer Prägung zu dem Resul tat: „Heute liegt der ganze Kontinent unter dem stärksten Einfluß angelsächsisch-pietistisch-methodistischen Wesens". Was dieser Satz be deutet, das ist aus den vorhergehenden Abschnitten desselben Bandes über die Geschichte des Calvinismus, insbesondere über sein Verhältnis zum modernen engli>chen Kapitalismus, zur Demokratie, über seine „Vereinigung" von christlicher Ethik und Utilitarismus (i. e. „canr"), Pazifismus und kapitalistische Wirtschaftsgesinnung zu entnehmen. „Für unser Thema" — sagt Troeltsch — „ist das Bedeutende und Wich tige, daß bei diesen christlichen Gruppen und bei ihnen allein, der modern wirtschaftliche Betrieb mit dem christlichen Denken vereinbart wurde, daß er hier bis heute mit einem guten Gewissen möglich ist". „Man braucht sich nur der Umschweife zu erinnern, mit denen der Katholizis mus diese moderne Wirtschaftsform erträglich macht und im Grunde immer wieder zu hemmen versucht, oder der Abneigung, mit der das alte Luthertum und der heutige deutsche Konservativismus den Kapi talismus offiziell betrachtet. Dann wird die Bedeutung dieser neuen 24 369calvinistischen Form des Christentums für die gesamte moderne Ent wicklung und besonders für die Stellung des Protestantismus in ihr verständlich" (s. I. Bd. S. 71L). Wir schließen hieraus: Also möglichst rasch dieses christlich-präparierte canr-Gift heraus aus unserem Blute! S7 Vgl. meinen Aufsatz über das „Phänomen des Tragischen" in „Gesammelte Aufsätze". Eingehendes über den Begriff der „geistigen Individualität" gibt der Abschnitt über „Person" (f. bef. „Vernunft und Person") im II. Teil meiner der Grundlegung der Ethik gewidmeten Untersuchungen im „Jahrb. für Philosophie und Phänomen. Forschung", II. Bd. ss Vgl. das Kapitel über „Die geistige Einheit Europas". Eine gute Einführung in das Problem der Einheit des euro päischen Typus gibt das Buch von Carl Techet, „Völker, Vaterländer und Fürsten", München igiz. Das genannte Werk (vgl. meine An zeige in der „Neuen Rundschau", Oktober 191^) l>at uns für das Folgende manche Anregung gegeben. Die Folgen des neuen europäischen Einheitsbewußtseins für die Gestaltung der deutschen Politik, ja der Politik der europäischen Groß mächte überhaupt, sind noch nicht gesunden, geschweige formuliert worden. Was die deutsche Politik betrifft, so hat ein deutscher Diplo mat (unter dem Pseudonym Ruedorffer) in einem Buche „Grundzüge der Weltpolitik in der Gegenwart" treffend zwei Phasen unterschieden: die Phase (zu der noch Bismarck gehört), in der die kontinentalen Pro bleme das Übergewicht über die sog. „weltpolitischen" behaupteten und die Phase, (die nach Ruedorffer mit unserer Marokkounternehmung gegen den französischen Expansionsdrang im I. igoH beginnt), in der die Kontinentalpolitik von den Rückschlägen abhängig wird, die unsere „weltpolitischen" Unternehmungen bewirken (z.B.Bagdadbahnprojekt, das mithals, Rußland und England gegen uns bis zur Teilung PersienS im Jahre 1907 zusammenzudrängen). Von Bismarck sagt Ruedorffer: „Um Frankreichs Blicke von der Rheingrenze abzulenken, begünstigte er, so sehr er konnte, die französische Expansion in Asien und Afrika. Als er gegen Ende seiner Tätigkeit daran ging, einer zukünftigen ko lonialen Tätigkeit Deutschlands einige übriggebliebene Stücke Afrikas zu sichern, vermied er es sorgsam, weiter zu gehen, als das englische Interesse vertragen konnte. Er vermied es, von Deutsch-Südwestafrika aus auf das Hinterland der Kapkolonie, das heutige Rhodesien, über- 3?c>zugreifen. Bismarck hielt die deutsche Weltpolitik in den Grenzen, die die Rücksicht auf die Kontinentalpolitik nach seiner Ansicht ziehen mußte, stellte die Kontinentalpolitik in jeder Hinsicht über die Weltpolitik und ließ dieser nur zukommen, was jene gestattete." Analog vermied es Bismarck ängstlich, Deutschland zu Rußland in einen Gegensatz zu bringen durch Unterstützung der österreichischen Expansionstendenzen nach der Balkamvelt. Man denke an sein Wort von den „Knochen des pommerischen Musketiers" gelegentlich der projektierten Ehe Fer dinands von Bulgarien mit einer preußischen Prinzessin. Die Umkehr der Gewichts- und der gegenseitigen Abhängigkeit von Kontinental- und „Weltpolitik" ist für die Folgezeit offensichtlich. Bei allen seinen Unternehmungen in der Türkei, in Persien, in China begegnete das Deutsche Reich russischen, in Mesopotamien englischen Interessen, im Bagdadprojekt russischen und englischen zugleich, in Marokko-Kongo französischen und belgischen, Zusammenstöße, die auf die kontinentale Mächtegruppierung nicht nur mehr mitbedingend, sondern gradezu positiv gestaltend zurückwirkten. Auch für die englische Politik kann man fragen, ob die deutsch-englische Seemachtjpannung stärker auf seine Verständigung mit Rußland bezüglich seiner Orientpolitik im Jahre 1907 hinwirkte oder ob umgekehrt diese Verständigung (nach unserer Ablehnung eines deutsch-englischen Zusammengehens gegen Rußland) es war, die England in eine Abhängigkeit vom frankornfsifchcn Bündnis brachte, die feine Freundfeitigkeit gegen uns erst bewirkte. Ruedorffer kommt schließlich zu dem Ergebnis: „In diesem Zusammen hang zwischen Well- und Kontinentalpolitik liegt, wenn man so will, der Lirculuz viriv8U5 der auswärtigen Politik des Deutschen Reichs. Weltpolitische Unternehmungen haben Rückwirkungen aus die Konti nentalpolitik, unter deren Einfluß das Deutsche Reich sich weltpolitisch beschränken muß." Nun aber frage ich: Muß es bei diesem „Zirkel", d. h. bei dieser anarchoeuropäifchen Phase der deutschen nicht nur, nein der Welt politik aller europäischen Nationen überhaupt, auf die Dauer bleiben? Und kann es das, ohne daß das Gesamtprestige Europas in einem Maße leidet und sich gleichzeitig die europäischen Großmächte selbst gegenseitig so sehr schwächen, daß schließlich alle „Weltpolitik" unmög lich wird? Weder der reaktionäre Gedanke einer Rückkehr zur Bis marckischen nationalen Kontinentalpolitik, den schon unsere jährlich372 um 6—gooooc» Menschen wachsende Bevölkerung ausschließt, noch der Gedanke des pangermanistischen Imperialismus, der die Weltpoli tik aller europäischen Großmächte in einfache Abhängigkeit von der deutschen Wellpolitik bringen will, noch endlich die in der vielbespro chenen Schrift eines deutschen Diplomaten „Weltpolitik und kein Krieg" nahegelegte schwächliche Opportunitätshaltung, kann irgendeinen dauernden Erfolg versprechen. Einen solchen Erfolg kann nur versprechen eine neue, dritte Phase nicht nur der deutschen, sondern der europäischen Weltpolitik über haupt, die ich gegenüber den Phasen der „überwiegenden Kontinental politik" und der anarchoenropäischen Weltpolitik als die Phase der „geordneten europäischen Weltpolitik" bezeichnen möchte. Der Eintritt in diese Phase kann durch diesen Krieg erreicht werden. Sie wird erreicht werden, wenn nach einer baldigen Friedensverständi gung aus dem Kontinent, zunächst mit Rußland (ohne Bündnis), dann mit Frankreich das fundamentalste Hemmnis des Eintritts dieser Phafe, der englische AllseegeltungSanspruch und das weltpolitische prinzipielle Außenfeitertum Englands gegenüber den weltpolitischen Interessen der Kolonialmächte dauernd gebrochen wird, wenn England gezwungen wird, sür jeden Teil seines jetzigen Besitztums zu scheiden, was es vom moralischen Zusammengehörigkeitsgefühl seiner unterworfenen Bevöl kerungen mit dem Mutterlands und was es ausschließlich der Zwangs gewalt seines Allmarinismus verdankt, wenn es gleichzeitig gezwungen wird, zur bundesstaatlichen Verfassung seines dann noch restierenden Weltreiches überzugehen und alle seine weltpolitischen Schritte unter gemeinsamer Verständigung mit einem wenigstens weltpolitisch solida rischen Westeuropa zu unternehmen. Hierbei nehmen wir durchaus nicht an, es sei der moralische Zusammenhalt der englischen Kolonien mit dem Mutterlande so gering, wie er gemeinhin bei uns gegenwärtig gehalten wird. Den Satz Ruedorffers zwar, daß das englische Reich, selbst wenn die Kriegsflotte im Meere versinken würde, sich auf Grund seines Kulturzusammenhanges über Wasser halten könnte, halten wir für eine jener Übertreibungen, die der alles Englische anbetende Geist der deutschen Diplomatie vor dem Kriege so sehr verschuldet, daß der Einzelne dadurch entlastet wird. Für Australien (zumal bei der eng lischen Japanpolitik!), für Kanada, das längst nach den Vereinigten Staaten schielt, ist dies erheblich zweifelhaft. Ägyptens Verbleib in373 englischen Händen wird von den militärischen Fortschritten der Türkei abhängen. Völlig gesichert aber halten wir vorerst Indien für Eng land. Die jetzt vielverbreitete Meinung, es würden die 70 Millionen Mohammedaner Indiens dem Gebot des osmanischen Kalifen folgen (etwa durch die Vermittlung der Gefolgschaft der Afghanen), halten wir für ganz ungestützt. Daß Indien sich selbst regiere, schließen die inneren Gegensätze dieses Landes dauernd aus. So hätten die indischen führenden Politiker nur die Wahl zwischen einer Herrschaft Rußlands und Japans, das sicher nur daraus wartet, sich in etwaige indische Händel und Revolutionen über Südchina hineinzustürzen. Beide Even tualitäten liegen weder im indischen noch gesamteuropäischen Interesse. Nur unter Voraussetzung einer solch neuen Phase und solch neuen Geistes der europäischen Weltpolitik hätten aber auch die großen Auf gaben innerer sozialer Reformen, die aller europäischen Staaten noch warten und die neuerdings in England mit so weiten Perspektiven von Lloyd George unternommen wurden (Schaffung eines Kleinbanern- standes, Sozialpolitische Gesetzgebung im Sinne des deutschen Vorbil des, Beschneidung der Riesenvermögen der „Herzöge" usw. durch Steuerreform usw.), Aussicht auf einen ruhigen Fortgang. Jeder einseitige „Imperialismus" eines siegenden europäischen Staates mit Mißachtung der europäischen Solidarität müßte diese Linie der Ent wicklung in allen Staaten dauernd hemmen. — 10, L. von Ranke, „Über die Epochen der neueren Geschichte", hrsg. von A. Dove, Leipzig ignk, 1. Vortrag: „Allein es gibt in der Menschheit überhaupt doch nur ein System von Bevölkerungen, welche an dieser allgemeinen historischen Bewegung teilnehmen, dagegen andere Systeme, die davon ausgeschlossen sind. Wenden wir z. B. unser Augenmerk auf Asien, so sehen wir, daß dort die Kultur entsprungen ist, und daß dieser Weltteil mehrere Kulturepochen gehabt hat. Allein dort ist die Bewegung im Ganzen eher eine rückgängige gewesen; denn die älteste Epoche der asiatischen Kultur war die blühendste; die zweite und dritte Epoche, in denen das römische und griechische Element dominierten, war schon nicht mehr so bedeutend — und mit dem Ein brechen der Barbaren — der Mongolen — fand die Kultur in Asien vollends ein Ende. Man hat sich dieser Tatsache gegenüber mit der Hypothese geographischen Fortschreitens behelsen wollen; allein ich muß es von vornherein für eine leere Behauptung erklären, wenn manannimmt, — wie z. B. Peter der Große — die Kultur machte die Runde um den Erdball, sie sei von Osten gekommen und kehre wieder nach dem Osten zurück. S. Carl Stumpf, „Tonsystem und Musik der Siamesen" („Bei träge zur Akustik und Musikwissenschaft", Heft III); O. Abraham u. E. von Hornbostel, „Studien über das Tonfystem und die Musik der Japaner", s. Schriften der „Internationalen Musikgefellfchaft", Jahrg. IV, Heft 2; O- Abraham u. E. von Hornbostel, „Phonogra- phierte indische Melodien", Jahrg. V, Heft z. Wie weit sich von einem einheitlichen Typus des SprachenbauS der europäischen Sprachen — nicht im Sinne der historischen Genesis aus den sog. Sprachstämmen (siehe hierzu F. N. Finck, „Die Sprach stämme des Erdkreises", „Aus Natur und Geisteswelt", Teubner igog) — sondern im Sinne besonderer Weisen des AuffaffenS, Scheidens, VerbindenS, GliedernS der Eindrücke reden läßt, ist trotz der trefflichen Vorarbeiten F. N. Fincks (stehe „Die Haupttypen des menschlichen Sprachenbaus", „Aus Natur und Geisteswelt", Teubner) noch nicht genügend festgestellt. Vgl. auch die hierfür typische kleine Geschichte L. HearnS in Kokoro „Ein Konservativer". Vgl. das bei E.Diederichs erschienene Buch von Ku Hung-Ming: „Chinas Verteidigung gegen europäische Ideen", Jena ign. "6 Auch in der Personbenennung „Sohn des X" drückt sich dies aus. Vgl. meine eingehende „Lehre von den Dimensionen ethischer Differenzen" im „Jahrb. f. Philo f. u. phän. Forschung", II. Nur als ein Zeichen äußerster anthropologischer und politischer Unbildung können wir es ansehen, daß der deutsche Haß gegen Japan so maßlose Formen angenommen hat. Denn dieser Haß, der sich ge legentlich zu Ausdrücken wie „Halbaffen" in führenden deutschen Zeitungen verstieg, hat selbstverständlich gar nichts zu tun mit der höchsten Bewunderung unserer Besatzung von Tsingtau, dieser helden mütigen Schar von Männern, die ohne jede Aussicht auf den mili tärischen Erfolg, Kiautfchou durch Waffengewalt uns zu erhalten, und sich (bei vielen ihrer Mitglieder wenigstens dürfte es fo gewesen fein) be wußt, das Opfer einer wenig glücklichen deutschen Japanpolitik zu fein, rein nur um der Ehre des deutschen Namens und der deutschen Waffen wegen, in der Gesinnung der Griechen von Thermopylä dem Feinde Z?4375 bis „aufs Äußerste" standgehalten hat. Doch wozu so maßloser Haß gegen das japanische Volk und Regierung ? Welche sonderbare Art „von Gleichförmigkeit der Menschennatur" muß man voraussetzen, um einem mongolischen Volke von der festgeprägten kriegerischen Eigenart der Ja paner, das längst den Satz „Asien für Asien" (hierin der amerikanischen Monroedoktrin folgend) zum erklärten Axiom feiner Politik gemacht hat, zuzumuten, es werde in irgendeiner anderen Richtung als der jenigen der nach seiner Ansicht bestehenden Interessen handeln? Man sprach von Pflichten der„Dankbarkeit"Japans für seine deutschen Lehrer in Recht, Militär, Technik, Wissenschaft usw. Abgesehen von der darin liegenden Verwechslung von Privatmoral und Staatsmoral, müßte doch das politische Verhalten des Deutschen Reiches gegen Japan hier zuerst herangezogen werden. Und hier liegen die Dinge so: Im Jahre iLgZ, am Schlüsse des japanisch-chinesischen Krieges waren Li-Hung- Tschang und Marquis Jto in Tokio bereits vollständig überein gekommen, daß China die Halbinsel Liautung an Japan abtrete. Da erfolgte di^. durch eine ergiebige Flottendemonstration Rußlands, Frankreichs und Deutschlands unterstützte Intervention der genannten europäischen Mächte, die Japan gegen gemeinsame Kriegsdrohung die Annahme der seitens China schon abgetretenen Halbinsel untersagte. Japan gab „zähneknirschend", wie es damals hieß, nach. Zu dieser Intervention mochte Rußland noch ein^auS seiner geographischen Lage und der Sorge, den japanischen Nachbar nicht zu mächtig werden zu lassen, verständliches Motiv haben, Frankreich ein gleiches, um sich dem Verbündeten (iLgi) gefällig zu erweisen. Dem Deutschen Reiche fehlte ein der Größe seiner ostasiatischen Interessen angemessenes Motiv durch aus. Aber auch im Jahre igoZ, als der russisch-japanische Krieg seinen Abschluß erhielt,fand Japan England,nicht aber das damals nochrussen- freundliche Deutschland, gelegentlich der Grenzregulierung auf seiner Seite. Auch diesmal hinderte die deutsche Diplomatie Japan, die Früchte seines mit ungeheuren Opfern erkauften Sieges zu pflücken. Das englifch-japanifche Bündnis, das auch durch die folgenden Schieds gerichtsverträge Englands mit Amerika bezüglich chinesischer Angelegen heiten nicht inhaltlich geändert wurde, (insbesondere nicht dahin, daß nun — wie zu erwarten gewesen wäre — die Verpflichtung Japans, einen etwaigen Aufstand in Indien gegen England niederzuwerfen, weggefallen wäre), das wohl aber hierdurch etwas in seinem Gewichte376 geschwächt wurde, mußte freilich nicht sc? ausgelegt werden, daß Japan jetzt gegen uns mit seinem Ultimatum vorging. Aber jeder, der die vorhergegangenen Tatsachen der Geschichte und die inner politische Entwickelung Japans kannte, die Herrn Kato, den lang jährigen japanischen Botschafter in London und nahen Freund Greys, an die Spitze der Führung der auswärtigen japanischen Angelegen heiten brachte, unsere alten Freunde dortselbst aber zur Seite drängte, mußte angesichts der weiteren Kenntnis der Art und Weise, wie wir durch den bekannten „Pachtvertrag" mit China — ganz unter dem methodischen Einfluß englischer Kolonialpolitik segelnd — Kiautschou seiner Zeit ziemlich unmotiviert erwarben, erwarten, daß Japan eine Auslegung bevorzugen werde, die ihm seine bisherigen Erfahrungen mit Deutschland und sein politisches Axiom „Asien für Asien" für die Wahrung seiner Interessen an die Hand gaben. Wie ich aus sicher sten Quellen weiß, verurteilt gleichwohl die öffentliche Meinung der Gebildeten nicht den Schritt Japans an sich, wohl aber die Wahl des Zeitpunktes bei der gegenwärtigen Bedrängnis Deutschlands. In sofern entspricht Japans Vorgehen auch in der Tat seinem eigenen Ethos nicht, nicht dem ritterlichen Gebot des „buschido". Den Deut schen geht es in Japan, wie wir sicher wissen, ganz vortrefflich und Japans echt kriegerische und ritterliche Art hätte schon durch die Form, wie es die Russen bei sich zu Hause im japanisch-russischen Kriege behandelte, den europäischen Nationen, die jetzt unter sich mehr wie je ritterlichen Krieg von Staaten und Kampf gegen Bürger und von Bürgern zu unterscheiden verlernt haben, als Vorbild dienen können. Daß Japan weiter schon gleich nach dem russisch-japanischen Feldzug eine erhebliche Annäherung an Rußland vollzog und eiu^-uns zu Hilfe kommender Angriff Japans auf Rußland gar nicht in Frage kam, wußte jeder politisch Gebildete. Trotzdem trug man hier in Berlin zu Beginn des Krieges Japaner wider ihren Willen in dieser Illusion auf den Händen herum, um sich dann gleichzeitig für das plötzliche Entschwinden dieser Illusion durch Haß und Schimpf an Japan zu rächen und England vorzuwerfen, daß es ein gelbes Volk gegen uns aufgerufen habe. Daß Englands Ermunterung möglich war, das freilich ist ebenfo bedauerlich wie die Tatsache, daß wir noch der Osmanen gegen England bedürfen — beides ein Symptom der noch bestehenden Anarchie Europas. Immerhin hat unser^ Japan377 betreffender Haß gegen Englands Verführung einen weit tieferen Sinn als der analoge Englands gegen uns wegen unserer Antreibung der Osmanen, da Europas Solidarität durch Japan weit stärker gefähr det ist als durch die Osmanen. Darum steigere man sich nicht — so fern Japan nicht weiter geht, als es bisher ging und besonders nicht japanische Truppen nach Europa sendet — in die verkehrte Idee eines Rassenkrieges gegen Japan hinein, sondern schreibe Kiautschou im Falle eines Sieges gegen England auch England auf die Rechnung! Was sonstige „Dankbarkeit" betrifft, so möge man doch auch selbst Japanern nicht zumuten, daß sie Dinge wie die Absatzinteressen eines selbstmörderischen Kapitalismus zur Verbreitung seiner Maschinen und technischen Methoden in ihrem Lande, weiter das Motiv junger oder alter Gelehrter gegen Gehälter, die diejenigen der opferfreudigen japanischen Lehrer stets unverhältnismäßig übersteigen, fremde eigen artige Länder und Menschen zu sehen, und dabei ihre oft unverstandene Weisheit anzubringen, für reine Liebe zu nehmen, für die auch wo sie stattfindet, nur persönliche Dankbarkeit Pflicht wäre. Die deutschen Gelehrtenwanderungen nach dem außereuropäischen Auslände, die so reichen Nutzen für das wahre Verständnis der Völker abwerfen könnten, werden, sofern sie nicht bestehende Gleichförmigkeiten des Fühlens und Denkens durch „repräsentative" Oberflächlichkeit und Rede vortäuschen, nachgerade eher Mittel, um das Wesen der Völker vor sich selbst gegeneinander zu verstecken. Vgl. hierzu die Aufzeichnungen des Staretz in den „Brüdern Karamasow". "° Eine Liebe „zu Gott" oder „in Gott", die nicht wejenönotwendig zugleich ein Mitlieben des Menschen mit der unendlichen Liebe Gottes zum Menschen wäre, kennt das europäische Christentum nicht. Zum Beispiel tanzt innerhalb Asiens die Frau dem Mann vor. Ein Zusammentanzen gilt als äußerste Entwürdigung des Mannes. Siehe in meinen „Gesammelten Aussätzen" den Aufsatz über „Die Idee des Menschen" und meine Ausführungen über die Idee der „humanen Ethik" im „Jahrbuch für Phil. u. phänomen. Forschung" Bd. II. "2 So die Idee der „Vernunft" an den reinen Sätzen über die Idee des Gegenstandes; das „Gewissen" an den reinen Gesetzen des Höherseins von Werten, wie ich sie im Jahrbuch entwickelt habe; dieIdee der „Sprache" am Wesen und der Idee des „Wortes" im Gegen sah zum Zeichen und zur Bezeichnung. Vgl. hierzu mein Buch: „Gesammelte Aussätze" „Idee des Menschen" und Jahrbuch sür Phil. u. Phänomen. Forschung, II. Bd. und C. Stumpf, „Über den ethischen Skeptizismus". "5 Während die Idee des „Wirkens", des schallbaren „Überganges" und Eingreifens eines Dinges in die Seinssphäre eines anderen zweifel los eine^ die Weltanschauung des „Menschen" (vielleicht schon des Tieres) mitdefmierende Kategorie ist, desgleichen eine'ganz formale Idee der gegenseitigen Abhängigkeit in der Variation der Erscheinungen, eine eben solche Kategorie^ ist jener Gedanke der „gesetzmäßigen Zeit folge der Erscheinungen", den Immanuel Kant als „Bedingung aller möglichen Erfahrung der Gegenstände" und nach seinem berühmten (falschen) Prinzip, daß sich die Gegenstände nach dem Verstände rich ten, auch der „Gegenstände der Erfahrung selbst" behauptet, sicher nur ein g, priori der europäischen Weltanschauung und der europäischen „Welt". Ihr steht eine Einstellung gegenüber, in der gerade dag, was Kant „Gesetz" nennt, als „Wunder" gegeben ist, nicht wie bei unserem westeuropäischen Wunderbegrisf „die Ausnahme des Gesetzes". Auch das „Wunder" ist als ein Gewirktes oder als Wirkung einer Ursache gegeben — nur eben keiner solchen, die nach einer festen Regel der Zeit folge wirkte. "6 Siehe Edm. Husserl, „Logische Untersuchungen", 2. Aufl., Bd. I. Warum es „besser" sei, „Wirkliches" zu sehen als dem orien talischen Märchenerzähler zu horchen, als zu träumen, als Haschisch und Opium zu rauchen und dabei wunderbare Dinge zu träumen — oder im Traume Opium zu rauchen und dabei sich nur einzubilden, die Wirklichkeit zu sehen und handelnd darin zu leben, — welcher euro päische Philosoph, er sei so tiefsinnig, wie er wolle, will es „beweisen"? Welcher Inder aber das Gegenteil? Siehe Pischels „Buddha" in „Natur und Geisteswelt". "s Siehe W. JameS, „Das pluralistische Universum", deutsch von Jul. Goldstein, Leipzig igiH- Dem „Pragmatismus" dieses Philo sophen folgen wir nicht. Aber das Richtige, was feine Lehre vom „Multiverfum" in sich einschließt, erhält auch bei Annahme einer letzten „Einheit" der Welt — als der „Welt Gottes" — sein Recht.379 Siehe meinen Nachweis der psychologischen Herkunft der mo dernen „Liebe zur Menschheit" aus Ressentiment in meinem Aufsatz „Das Ressentiment im Ausbau der Moralen". „Ges. Aufsätze", Bd. I, Leipzig 1914. Richtig urteilt Emil Utitz in seiner „Grundlegung der allgemeinen Kunstwissenschaft", (Stuttgart igiH) Seite 197: „Das Kind und der Mann, der Eskimo und Europäer, der paläolithische Jäger und der durchgebildete Renaissancemensch stehen einer anderen .Wirklichkeit' gegenüber (d. h. haben nicht bloß andere Eindrücke derselben Wirklich keit); es ist dies ja eine Anschauung, welche immer mehr in den Arbeiten junger Kunstwissenschaft Wurzel faßt; sie ist das Quellgebiet, dem eine richtige Stilwissenschaft entspringen kann". ZZgl. W. Worringer, „Abstraktion und Einfühlung". "Z Wenn Kant sagt- Um eine Linie wahrzunehmen, müssen wir sie ziehen, so beschreibt er hier nur die Art des europäischen Seheng, der das punktuelle Sehen und das nachträgliche Verbinden der Punkte gegenübersteht. Diesem Unterschiede entsprechen gewisse Unterschiede im Typus des Sprachbaus, wie sie Finck in seinen „Haupttypen des menschlichen Sprachbaus" beschreibt. "4 Vgl. hierzu Carl Techet, „Völker, Vaterländer und Fürsten", S. 17^ (München 191z). "S Die erfolgte Erklärung des „heiligen Krieges" wird die 70 Millionen indischer Mohammedaner ganz kalt lassen. Wäre die Erklärung streng dogmatisch gemeint, so sehe ich nicht, wie es vermieden werden könnte, daß in diesem Falle auch Holland (in seinen Kolonien) und Italien (Tri polis usw.) in die kriegerischen Verwickelungen hereingezogen würden. "6 Vgl. zu dem hier Gesagten die für die Frage nach dem Wesen der „Nation" so instruktiven Vorträge und Verhandlungen des Deutschen Soziologentages vom Jahre 1912, Tübingen 191Z. Be sonders die Ausführungen Max Webers in der Debatte. Vgl. auch die einleitenden Abschnitte von Fr. Meineckes „Weltbürgertum und Nationalstaat", München 1908. Daß der Nationalismus wie die panslawistische Rassenidee nur europäischer, dem Geiste des echten RussentumS fremder Import sind, das haben schon Lontjew, Solovjew, im Grunde auch Dostojewski, der die Einheit des RussentumS durchaus religiös zentriert, hervor gehoben. Zum gleichen Ergebnis kommt auch der von diesen Denkernweit abweichende Masaryk in seinen „Studien zur russischen Religions- und Geschichtsphilosophie", Jena, lgiZ. Eine geradezu lächerliche Überschätzung solcher „Konferenzen" — außerdem Englands überhaupt, bei allem Haß gegen England — findet sich in dem Artikel „Die deutsche Erweckung" aus der Feder des Theo logen Adolf Deißmann. Deißniann hat die Geschmacklosigkeit, diese Zusammenkunft mit nichts Geringerem zu oergleichen als mit der — Schlacht von Waterloo!! Er sagt: „Die britische Hybris, welche die eine der beiden am dritten Schöpfungstag allen Menschen ge schenkten Provinzen Gottes für sich allein als Herrscherin beansprucht, hat igi^, >m fernen Osten die Gelben auf unsere blühenden Felder hetzend und das dem Evangelium offene Afrika mit dem Kampf von Weiß gegen Weiß erfüllend, nicht bloß Waterloo annulliert, sondern auch — Edinburgh". Auch sonst ist die maßlose Überschätzung der Be deutung Englands in diesem Artikel charakteristisch. „An England hing der Weltfriede; Frankreich und Rußland waren nur Puppen in feiner Hand" (S- iiä). „Unermeßliche Werte des geistigen Lebens hat Eng land, als es uns den Krieg erklärte, gefährdet". Ich fehe keinen ein zigen solcher Werte! Aber nur — setzt der Verfasser, der „Freund der deutschfreundlichen führenden britischen Theologen und Kirchenmän ner, an ihrer Spitze der Primas der Kirche von England" (S. 113) vorsichtig hinzu — „gefährdet"! Denn immer noch „sträubt sich alles in mir, an die völlige Aufhebung unserer christlichen Gemeinbürger schaft und unserer kulturellen Beziehungen mit England zu glauben". Wirklich immer noch, trotz der Duin-Dum-Kugeln des christlichen Bruderlandes und seiner beispiellos gehässigen Kriegführung? Die deutsch-englifche evangelische Solidarität — wo wäre der englische Widerhall? — scheint ja gute Nerven zu haben! — Noch ein Wort über „die Internationale Monatsschrift". Nach Herrn Deißmann hatte sich dieses Organ „lebhaft und mit innerer Freudigkeit an den Bemühungen beteiligt, auf dem Wege des Kulturaustausches und der persönlichen Verständigung England und Deutschland näher zu bringen und damit dem Weltfrieden zu dienen". Obzwar nun neben fehr vielem von ähnlichem Ton auch manches ganz Vortreffliche in den letzten Nummern dieses Organs steht, dürfte doch die Frage gestattet fein, ob es nicht geschmackvoller gewesen wäre, wenn das Organ jetzt eine Zeit lang vom Bilde der deutschen Öffentlichkeit verschwunden wäre, z8oanstatt immer aufs neue wenig würdige Lamentos über die „englisch deutsche Kulturgemeinschaft" anzustimmen. So schrieb Fürst Bülow in einem Aussatz über „Deutsche Poli tik": „Es wäre töricht, die englische Politik mit dem zum Tode gehetzten Worte des ,perfiden Albion' abtun zu wollen. In Wahrheit ist diese angebliche Perfidie nur ein gesunder und berechtigter nationaler Egois mus, an dem sich andere Völker, ebenso wie an anderen großen Eigen schaften des englischen Volkes, ein Beispiel nehmen können". So sprachen John Morley, so tönte es von Lord LonsdaleS nach einem Weihnachtsbesuche in Berlin über den Deutschen Kaiser, so klang es weiter aus dem Munde des Fürsten Lichnowski, bei den bekannten Bratenreden — bis zum Kieler Flottenbesuch, fünf Monate vor Kriegs beginn, da die „Entspannung" ihren Höhepunkt gesunden hatte. Einen besonderen Bestandteil des englischen (ethischen) Denkens beschreibt der Anhang dieses Buches „Über den englischen canr". ^ Überall, wohin ich blicke, sehe ich diese Anglisierung: Ich sehe sie in der Nachahmung englisch-lauwarmen „Komforts" in unseren Wohn räumen, in den neuesten Übertreibungen des Sports, in einer einseitigen unechten Willens- und „Charakterbildung, innerhalb der Mehrzahl der England nachgeahmten „Landerziehungsheimen" welche, Kultur und Schule auseinanderreißend, einen blöden ehrfurchtslosen englischen Boygeist und „Individualismus" züchteten, sehe sie in der päda gogischen Richtung der pragmatisiischen Münchner „Arbeitsschule" gegen die „Bildungsschule", in dem Kampf gegen das humanistische Gymnasium, in der peinlichen Virilisierung der Damenmode, sehe sie (wie schon Bismarck) in den staatsrechtlichen Grundsätzen des deutschen Liberalismus, sehe sie in so grundverschiedenen Dingen wie dem sog. deutschen „Imperialismus", in der ökonomischen Geschichtsauffassung der Marxisten trotz alles Hegelschen und historisch-deutschen Einschlags, im undeutschen sog.Alldeutschtum (diesem undeutschenVersuch,englische Borniertheit und englisches Jingotum bei uns anzupflanzen), im Pazi- fiziSmus der Jnteressensolidarität, sehe sie in der Calvinisierung unseres deutschen Luthertums und des übrigen Protestantismus (s. Troeltsch), in der doppelten Wahrheitslehre der Rietschelschen Theologie, sehe sie ganz besonders in den Wissenschaften, der Philosophie (Neuhumeanismus, Sensualismus, Assoziationspsychologie, ökonomieprinzip als Ersatz der Logik), der Nationalökonomie (Übertreibung des bourgeoisen Gewerk- z8ischaftggeöankens, extreme Freihandelslehre, Malthusianismus), der Phy sik (Maxwellsche Methodik), der Biologie (Darwinismus und mechani stische Lebensauffassung), — sah sie (hoffentlich) in den neuen Lebens formen der deutschen vornehmsten Gesellschaft, — sehe sie in schlechten Nachahmungen der sog. englischen Weltpolitik seit der Erwerbung von Kiautschou, sehe sie beim höfischen Hochadel, (Gott dank beim ein fachen Landadel noch am wenigsten), bei Bürgern, welche die „schöne englische Freiheit" (d. h. äußerste soziale canr-Bevormundung aller gut gewachsenen Individualität und Originalität) suchen, bei Arbeitern, die von rein ökonomischen Umwälzungen eine solche der ganzen Kultur erwarten, sah sie in Stil und Manieren unseres Auswärtigen Amtes, in der Internationalen Monatsschrift unserer Akademiker, in einer ungeheuren Menge höchst komischer ganz anglisierter Menschen- siguren, die kaum ordentlich mehr deutsch reden können. Fast wäre es einfacher zu sagen, wo man sie noch nicht sieht.AnhangZur Psychologie des englischen Echos und des cant. ir Deutsche müssen uns heute eine Frage vor legen: Wieso war das ungeheure Mißverständ nis dessen möglich, was ich mir die englische Ent spannungskomödie zu nennen erlaubt habe? Wie jene Komödie, die fast ebenso groß war, als es heute der Haß einer enttäuschten Liebe seitens unserer Entspannungskünstler und ihres Anhangs gegen England ist? Wie war es möglich, daß selbst Misere obersten Behörden bei Sir Goschens Kriegserklärung (S. Goschens Schilderung im englischen Blaubuch) nicht nur jene Überraschung zur Schau trugen, deren Ausdruck sür den Diplomaten zuweilen auch bei Ereignissen, die er vorhersteht, nicht unzweckmäßig sein karm, daß ste, wie wir fürchten müssen, vielmehr eine wirkliche und echte Überraschung war? Daß Berlin aufschrie, so wie der heißliebende Freund, wenn der für getreu gehaltene Freund sich als Verräter entpuppt? Ganz Deutschland aufschrie bis aus die ganz verschwindende Minorität, — die England kannte? Man mag, man muß diese sonderbare Tatsache im einzelnen unter suchen, an der Hand des Weiß-Blau-Oraugebuches, später au der Hand neuerschlossener Archive und der historischen Er kenntnis aller Vorgeschichten und beteiligten Personen. Das 26 3^5ist hier nicht meine Sache. Das ist auch nicht an der Zeit. Aber es ist mir, als läge über den historischen Ursachen hinaus noch ein ganz allgemeiner Grund schon für die ^Möglichkeit dieser Erscheinung in einem kiesen deutschen Mißverstehen und in einer radikalen Unkenntnis des Ethos, ja der verborgeneren Seele des Jnselvolkes: in einer Unkenntnis, die deutscher Ehr lichkeit und Biederkeit vielleicht zum Verdienste angerechnet werden muß, stcher aber nicht zum Verdienste deutscher Psycho logie gereicht. Sollte der Leser diese meine bescheidene ^Meinung nicht teilen, so bitte ich das Folgende nur als einen schlichten Beitrag zur Seelenlehre der interessanteren Völker anzusehen. In dem von Oxforder Gelehrten herausgegebenen Buche: -we are at war?" weisen die Verfasser in einem Kapitel über die deutsche Staatsaussassung den deutschen Vorwurf der englischen „Hypokriste" zurück. Es ist sehr witzig, sehr — cant, daß ste dieses griechische Wort, nicht das VZort cant gebrauchen. Nachdem ste die „Iltachkstaatstheorie" Heinrich von TreitschkeS als „die Philosophie der deutschen Regierung" geschildert und festgestellt haben, daß im englisch- deutschen Krieg eigentlich zwei „Prinzipien" im Kampfe lägen, deren erstes (englisches) als höchstes Ziel aller Politik „die Aufrechterhaltung der Rechtsordnung und der völkerrechtlichen Verträge Europas" — „Europas", wie ste vorsichtig, an ihre Vergewaltigung des Völkerrechts in Indien und Ägypten denkend sagen —, deren zweites die TLahrnng von Heil und M^acht des eigenen nationalen Staates gebiete („salus puklicrx, zupreina lex^), verwahren ste stch gegen unseren Vorwurf, es sei das englische Vorgeben nur „Hypokriste", daß England die Rechte Belgiens und Serbiens mit diesem Kriege schützen z86— daneben noch das arme außerpreußische Deutschland von „Goethe und Schiller" vom Joche des preußischen Iltilika- rismus erlösen wolle, mit folgenden, lapidaren und köstlichen Worten: „It is true, tliat are KZlitinA 5or our own inter- ssc. IZut 15 our iuterest? are iiZlitiliA tor izsc^use 18 our supreme interest." (Seite 1 16.) Gewiß hätten sie — so fahren sie weiter — auch viele und reiche Vor teile aus diesem Kriege zu erwarte», wenn er für sie siegreich ausgehe. Sollte« sie — so fragen die Verfasser — den Krieg etwa deswegen unterlassen? Aber nicht ihr Interesse sei es, das sie, wie wir Deutsche ungerecht sagten, zum Rechte Euro pas emporheuchelten, sondern dies sei eben einer der ältesten englischen moralischen Gedanken, daß das Recht der TLelt auch das englische Interesse sei. Wie durchaus richtig diese Be merkung vom „ältesten moralich-politischeu Gedanken" Eng lands ist, haben wir früher gesehen. Völlig irrig wäre es auch, der Festigkeit des Glaubens der Herren Verfasser an diese Grundsätze zu mißtrauen, oder gar in die Ehrlichkeit ihrer Worte irgendeinen Zweifel zu setzen. Aber wie konnte dieser „alte englische Gedanke" („tlie c>1ä — tlie ver^ olä — political tlieor^) — wie dieser Glaube entstehen? Wie Dauer gewinnen, wie in England herrschen? Die Gottheit selbst mit der Annahme zu bemühen, daß sie es sei, die es seit Ewigkeit so gefügt habe, daß eine prästabilierte ewige Harmonie zwischen den Forderungen der ewigen Rechts ordnung und den Interessen dieser Insel bestehe, verbietet uns das gerade in England stets — nur allzu sehr — anerkannte „?)rwzjp der Ökonomie" und der Ersparnis der Ursachen. TLie aber löst sich das Rätsel dieses Glaubens dann? 25* 367388 Es löst sich durch die Psychologie einer bei uns ebenso oft genannten als nur äußerst spärlich bekannten und voll ver standenen ethischen Grnndhaltung des englischen Geistes: durch die Psychologie des englischen cant. Der cant ist ein seelisches Gewächs, das zwar Bestandteile in stch birgt, die auch anderweitig in der Welt zu Hause stnd als da stnd Lüge, Pharisäismus, Formalismus, Scheinheilig keit, Heuchelei, sozialer Illusionismus bezüglich öffentlicher, sittlich verdammenswerter Zustände, das aber in seiner eigen artigen Ganzheit und in seinem einzigartigen Dust nur in England gedeiht. Der amerikanische Abkömmling davon verhält stch dazu wie Wildling und Edelrasse. Eine um fassende Destnition des cant läßt stch kaum geben. N?an kann nur nach und nach dieses sonderbare System des Denkens, Fühlens und DZollens des Inselvolkes entwickeln. „Laut" — das ist zunächst ein eigenartiger Zustand des Be wußtseins, der es erlaubt, alles dasjenige, was andere, denen dieser Zustand fehlt, nur in der Form der Lüge und mit ,,schlechtem" Gewissen sagen und tun können ohne diese Form und nicht nur mit dem Tone der Biederkeit, dessen stch auch der gemeine Lügner bedienen kann — nein auch mit dem Erlebnis und der Überzeugung des „guten Gewissens" und all seinen eigentümlichen Ausdruckserscheiuuugen zu sagen und zu tun. Oder auch: cant ist die zu einem seelischen Habitus ge wordene Kunst, alle Vorteile einzuheimsen, die eine Verletzung sittlicher und moralischer Grundsätze zuweilen mit stch bringen kann, ohne doch dem peinigenden und die Tatkraft hemmen den Gefühle zu unterliegen, daß man diese Grundsätze verletzte. Lank — ist ein „Lügenäquivalent mit gutem Gewissen".369 Nun mag es auf den ersten Blick freilich scheinen, als ob der so definierte ein vollständiges psychologisches und logisches Paradoxon darstellte. Denn wie kann man lügen, ohne zu wissen, daß man lugt? Es scheint doch die Destnition der Lüge zu sei», daß man gleichzeitig, indem man eine Un wahrheit äußert, die Wahrheit über den betreffenden Sach verhalt kennt. Es ist doch die Destnition des unmoralischen Verhaltens, daß man weiß, was gut oder das Bessere ist, in dem man das Schlechte oder das Schlechtere tut. Aber unsere Bewußtseinszustäude richten stch niemals nach so rigiden Definitionen. Um das scheinbar Unmögliche, den cant, hervorzubringen, verfügt die Seele über mehr als eine N^ethode. V?as Lüge und Heuchelei betrifft, so muß man unterscheiden zwischen der gemeinen Lüge und der Verlogenheit im Sinne einer Form und Konstitution der Seele. Es gibt sreilich auch eine „Ver logenheit", die nur eine Gewohnheit zu lügen darstellt. Diese ist hier nicht gemeint. Jene tiefere organische Verlogenheit, die ein Bestandteil des csnt ist, besteht nicht darin, daß Tat bestände, die wir kennen — in Form von Vorstellungen, Ur teilen, Erinnerungen usw. — in der Aussage gefälscht werden, oder daß solche Fälschungstätigkeit in der Aussage zu einer „Gewohnheit" geworden wäre; sie besteht darin, daß schon der Prozeß der Wahrnehmungs-, Vorstellungs- und Urteils bildung, in dem die Tatbestände erst zum klaren Bewußtsein kommen, der eigentümlichen Richtung folgt, daß Erwünschtes oder den eigenen Interessen Gemäßes unterstrichen und in der Tendenz von Wunsch und Interesse fortgebildet und um geformt, Unerwünschtes und den Interessen Zuwiderlaufen-390 des unterdrückt oder in dieser Tendenz verändert wird. Ins besondere wird das ans dem Gedächtnis hervorgeholt, worauf dag Gewissen positiv, das aber für die Bewußtwerduug unter drückt, worauf das Gewissen negativ reagieren würde. „Iltein Stolz sprach zu meinem Gedächtnis: das kannst du nicht getan haben. Da gab das Gedächtnis nach. Also habe ich es nicht getan." Dieses TLort Nietzsches ist für alle eng lische Geschichtsauffassung ebenso charakteristisch wie für das Verhalten jedes einzelnen Vertreters des stolzen Jnselvolkes. Gerade weil hier die Fälschung des Tatbestandes schon durch den Prozeß der Bildung der Vorstellungen automatisch geleistet ist, nicht aber an Stelle schon sertig gebildeter Vor stellungen andere willkürlich zwecks Aussage erdichtet werden, fehlt hier der Tatbestand der eigentlichen „Lüge". Die Aus sage oder das Verhalten decken stch vielmehr mit Urteil oder Absteht genau so wie in der wahrhaftigen Äußerung; der Ton ist derselbe Ton der „heiligen Überzeugung"; das Gesteht hak denselben Ausdruck der Offenheit, Biederkeit nnd Sicherheit! Das peinliche Gefühl zn lügen fehlt, das unser Selbstgefühl, bei den Engländern den so stark ansgebildeten starren „Stolz", erniedrigt; ebenso fehlt seine gefährliche Folge des Schwan kens, Zögerns, der Zeichen der Beschämung, des schnellen und rhythmisch veränderten Atmens, die den Lügner so leicht ver raten. Obzwar vom organisch Verlogenen genau dasselbe geleistet ist (für seinen Vorteil oder für sein ehrlich dastehen des Bild im Zuschauer) was die nicht oder weniger organisch verlogene Seele nur in der Form der bewußten Lüge zu leisten vermag, hat ihm die automatische Form des Prozesses jener Leistung das surpluz des „guten Gewissens" und aller ihmentsprechenden Zeichen der Glaubwürdigkeit zu dieser Leistung dazu erkauft. So ist das „Geschäft", das er gemacht hat, zwiefach besser als das des gemeinen Lügners. Er hak den Vorteil; dazu ein gutes Gewissen nnd — man glaubt ihm! Ja, im Maße als ein Subjekt in diesem Wortsinne „ver logen" ist, braucht es nicht nur, es kann auch gar nicht im gemeinen Sinne „lügen". Die Wahrhaftigkeit wird für den Renschen des cant von einer sittlichen Pflicht — zu dem Naturgesetz: „Der Gentleman lügt nicht." Denn woher kämen hier auch nur die möglichen Ntotive zur Lüge, die ja gerade die organische Wahrhaftigkeit, d. h. die von den Interessen und von der Angst, sich moralisch anklagen zu müssen, unbeeinflußte Vorstelluugs- und Urteilsbildung schon voraussetzen? Es ist daher das scheinbare Paradox völlig be greiflich, daß das Volk des cant das Lügen von allen Völkern am strengsten verwirft und am fchärfsteu ahndet; nicht etwa mir aus „Scheinheiligkeit", sondern völlig ernst! „Der Gentle manlügt—wirklich—nicht." Denn erwärekein„Gentleman", besäße er nicht genug cant, um der gemeinen Lüge entraten zu können. Wie die Strenge des englischen Moralismiis und wie die so scharf ausgeprägte Empfindlichkeit des englischen Sittenstolzes überhaupt, so sind gerade diese strenge sittliche Verwerfung und Ahndung der gemeinen Lüge, ist die starke Aversion des englischen Stolzes gegen die in jeder solchen Lüge liegende Unterwerfung des eigenen Selbst unter fremde Wert schätzung und Interessen, eine starke Nutnrsache für die Aus bildung des cant. Was der Engländer daher an der Lüge so schars tadelt — das ist eben der unerhörte N^angel ihres Urhebers an dem englischen Nationalethos, d. h. an cant, der Z9i392 den gewöhnlichen Lügner zum täppischen Ausweg der bewußten Lüge zwang. Es ist also geradezu die Angst vor der gemeinen Lüge, die seelische Vorwirkung des keimenden Stolzes, der es abweisen würde, sich ihrer zu bedienen, was zur N?itursache jener organischen Verlogenheit wird, welche, indem sie die Lüge überflüssig macht und Lügen spart, diesen Zusammenstoß des Verhaltens mit dem eigenen Stolz und mit der sittlichen Verwerfung vermeidet. Ein Engländer braucht dies „Ge schäft", das der cam macht, nicht mehr zu berechnen. Die Seele berechnet hier schon automatisch, und die Iltühe der Berechnung entfällt. Derselbe Effekt wird aber noch auf eine andere TLeise er zielt. Dies geschieht durch eine eigentümliche Loslösung der see lischen Reihen und Komplexe voneinander, von denen die einen das Handeln, die anderen das Urteil über das Handeln und die das Urteil fundierenden Regungen des Gewissens bestimmen. Der Arensch des cant leidet an einer Art von moralischem Doppelich. Er bezieht die sittlichen Grundsähe, die er laut und durchaus ehrlich — durchaus nicht nur vorgebend — bekennt, auf alles, nur nicht auf seiue eigenen Handlungen im Iltomente des Handelns. Das praktisch tätige und das sittlich fühlende und beurteilende Ich bilden im Ganzen der Persönlichkeit zwei scharf getrennte Provinzen, von denen die Aktualisierung der einen Provinz die Regung der anderen automatisch aus dem Bewußtsein ausschaltet. TLie sagt doch B. Shaws Tanner in „Arensch und Übermensch": ,,N?ein lieber Tavy, deine fromme englische Gewohnheit, in der TLelt ein moralisches Gymnasium zu sehen, das eigens zu dem Zwecke eingerichtet wurde, deinen moralischen Charakter zu festigen, führt dichgelegentlich dazu, über deine eigenen verdammten Grundsätze immer in dem Augenblick nachzudenken, in dem du über an derer Leute Bedürfnisse nachdenken solltest" (S. 121). Da das Erlebnis des „schlechten Gewissens" aber durchaus an die lebendige Synthese und Einheit dieser beiden Ichs, an die be wußte Bezogenheit von Zweck-Motiv-Handlnng mit Grund satz oder Gewissensregung geknüpft ist, so vermag es hier zu einem „schlechten Gewissen" überhaupt schwer zu kommen. Fälschen also nicht Wunsch und Interesse den Hergang der Wahrnehmungs-, Urteils- und Vorstellungsbildung in einer dem positiven Ausfall des möglichen Gewissensurteils entsprechenden TOeise („ich bin gut"), so verdrängt der Stolz die klare Bewnßtwerdung der keimenden Gewissens regung stets gerade in dem Augenblick, da ste als aktives Motiv in das Wollen nnd Handeln einzugehen vermöchte. Hier ist wirklich — im Sinne des Goekheschen VZortes angesichts Hamlets „der Handelnde immer gewissenlos". Durch solche Abspaltung ganzer Bewußtseinszentren von einander entstehen jene ganz eigenartigen dualistischen Lebens formen, die Leben, Dichtung und Philosophie des Inselvolkes durchziehen. So der Gegensatz der Hamletnatur (Hamlet ist eine echt englische Gestalt!), des übergewissenhasten grüble rischen Träumers und „Idealisten", den gerade die als so drängend empfundene Aufgabe der Gewissenswertnng mög- licherHandlungen nicht zum Handeln selbst kommen läßt und des rückstchtslosen Draufgängers, dem umgekehrt das Handeln nicht zur TLertschätznng und zur Prüfung der eigenen Iltotive Zu gelangen erlaubt — ein Typ, der stch im „rückstchtslosen" englischen Kolonisten so scharf ausprägt. So entspringt auch 3SZ394 der schon von Kant hervorgehobene stets empfundene englische Dualismus von Privatmoral und Staatsmoral. Während der einzelne Engländer ehrlich, verläßlich, treu, und da, wo er Freund geworden, auch rücksichtsvoll und hervorragend opfer- sähig ist — ist die englische Politik stets von diesem allen das gerade Gegenteil gewesen. Und dieser Dualismus herrscht in einem Jltaße, das gewaltig hinausgeht über die bei allen Völkern konstante, in der Natur der Sache gelegene Ab weichung von privater und Staatsmoral. Es ist der so charakteristische englische Individualismus, die ^Wurzel der früher gekennzeichneten englischen Vertragslehre, der es hier mit stch bringt, daß das Gewissen in England niemals zu einer öffentlichenN?acht werden kann, sondern ganz auf die Einzel seele lokalisiert bleibt, llnd was stch im Verhältnis zu anderen Völkern im Großen spiegelt, das äußert stch innerhalb des englischen Lebens in dem schroffen Gegensatz einer formal sehr präzis und korrekt geordneten, aber nach innerem N?otiv und Zweck angesehen, maßlos brutalen und rücksichtslosen Geschäftsmoral; eines ungezügelten merkantilen Geistes und einer tiefen, feinen, grüblerisch-romantischen Religiosität, ver bunden mit feinster sittlicher Empstndung gegen Freunde, Familie, kurz gegen alle Personen, die den gewaltigen Trennungsstrich überschritten haben, der das englische „castle — (das Bild der „Festung" ist von einzigartiger Plastik für das englische Haus) von aller öffentlichen Sphäre trennt. Wie mit Kalvinismus und Puritanismns, für die jeder M'ensch eine mit Forts und Kanonen befestigte Seelen-Insel — ein kleines England — ist, nnd keiner dem anderen Vertrauen schenken darf, da jedes Vertrauen von395 Mensch zu Mensch, jenseits rechtlich nnd vertraglich fnndierter Erwartungen, schon als irreligiöse Verminderung und Be schränkung des wahren Gottvertranens gilt, diesen Dualismus gefördert haben, oder ob umgekehrt, diese englische Volks- eigenschast die puritanisch-ethische Färbung erst in den Cal vinismus hineingetragen hat, sei hier nicht untersucht. Ein einziges großes „castle" ist aber auch die ganze Insel selbst für alle Ausländer. „Für seine Landesgenossen" — so sagt schon Kant — „errichtet der Engländer große und allen anderen Völkern unerhört wohltätige Stiftungen. Der Fremde aber, der durch das Schicksal auf jenes seinen Boden ver schlagen und in große Not geraten ist, kann immer auf dem M'isthaufen umkommen, weil er kein Engländer, das ist kein Mansch ist". Und wieder entspricht diesem doppelten Dualismus jener, bei dem stch Gewissens- und Handelszentrum auf jene beiden Ichs verteilt, die TL. James das „intime Ich" und das „soziale Ich" genannt hat — nnd zwar so, daß das Ge wi ssmszentrnm ganz in das soziale Ich des Individuums fällt; das heißt in England in den „Gentleman". Der Franzose verschwindet fast völlig in seinem „sozialen Ich", in seiner sozialen „Nolle". Konversation und Geselligkeit ist der Wurzelboden auch für das Werden seiner Literatur, Kunst und Philosophie. Diese stud immer ein verdichteter Dialog, eine geronnene Kanserie. Der Deutsche neigt eher zum Gegen teil. Er seht an die Leerstelle seines „sozialen Ich" Titel und Amt. Seine Literatur, Kunst, Philosophie ist im wesent lichen JZZerk einzelner, einsam ringender Seelen. Nur im Engländer bewahren beide Ichs die gleiche Festigkeit der396 Existenz, geraten aber auch bis zur völligen Berühruugslostg- keit auseinander. Das „soziale Ich" sind ja nicht etwa die Vorstellungen und Wertschätzungen, die andere von uns haben. Das soziale Ich ist das von jedem erlebte soziale Aktionsich des „Gentleman" selbst, das sür den Engländer wie eine feste Substanz neben und außer seinem intimen Lebenszentrum schwebt. Gerade nach fremden Urteilen und Bewertungen fragt der „stolze" Engländer äußerst wenig — und insbesondere viel weniger als der so gerne herum horchende Deutsche. Verteilt stch nun aber Handlungs- und Gewissenszentrum auf diese beiden Ichs, so entstehen so ein zigartig-englische cant-Fignren, wie ste uns Oskar VZilde — das tragische Opfer des stch selbst durchschauenden cants — in seinem „Dorian Grey" und in seinem Lustspiel „Ernst" in den Figuren Dorians und des Lord Pemburry gemalt hat: Renschen, die schließlich geradezu ein Doppelleben führen, ein höchst ehrsames, würdiges, sormgebuudeues Leben in der großen Gesellschaft oder wie Lord Pemburry auf dem Lande, als Junker und Kirchenvorstand, und ein Leben in dunk len Lasterhöhlen Londons — beide Leben aber als gleich echt empfunden und jedes in seinem eigenen regelhaften Stil. V?as aber hier in der Form der poetischen Satire und Karikatur als statische Zweiheit vor uns steht, das zeigen auch die ganz einzig artigen zeitlichen Übergangsrhythmen, wenn eine eben noch ganz steife englische Herren- nnd Damengesellschaft „unter stch lustig und ausgelassen" wird. Hinter dem eben noch regierenden Gesetz einer steisen VZürde, die schon das Gestcht eines jeden echten Engländers zu einem selbstgeprägten TLerk einer langen Gewolltheit und schließlichen Gewohnheit macht, taucht plötz-397 lich ein beispielloser Jnfantilismns, eine Albernheit hervor, die uns anzeigen, wie sehr das intime Ich hinter dem sozialen des „Gentleman" in der Entfaltung znrückblieb, nnd wie sehr die englische Moral ganz einseitig eben mir im „Gentle man" lokalisiert ist. llnd derselbe Dualismus kehrt im großen wieder im Leben der englischen Stadt, allen voran in Lon don, seinem schroffen Wechsel von Tugend und Reichtum mit beispiellosem Laster nnd Armut und in der fast unglaub lichen Art, wie in der ersten dieser Welten schon die bloße Existenz jener zweiten TLelt und die Regeln ihrer Lebensfüh rung verleugnet und ignoriert wird. Genau so wenig man in einer Gesellschaft „Hose" sagen oder erwähnen darf, daß dem King irgendwo nnd irgendwann Menschliches nicht fremd blieb (bei dem Lebemann Eduard VII. war der Gegen satz besonders pofsterlich), genau so wenig darf die Existenz der riesenhaften Londoner Prostitution, statistisch die größte der ^Äelt, und alles, was mir im entferntesten damit zu tun hak, öffentlich in Parlament und Presse zugegeben und erwähnt werden. Sie ist nicht vüx vv aber ^ 3v. Die dem cant so eigen artige Haltung des „8lioc^inA", die im Gegensätze zum deut- „Pfuj" oder dem gallischen 6onc!" schon beim ersten Gerüche, beim ersten Wcrtparfüm von etwas für die öffentliche „Ntoral" Fragwürdigem es gar nicht zur Wahrnehmung und Vorstellung,—zum Bilde—geschweige gar zururteilsmäßigen Aonstatiernng seiner Existenz gelangen läßt, durchwaltet wie den einzelnen auch Presse und öffentliche H^einuug. Nur darum haben die seltenen englischen Gesellschaftsfkandale eine st» ungeheuerliche Größe und Entsetzlichkeit, weil die ^raft des cant die Skandalfchwelle unlauterer Vorgängeso gewaltig in die Höhe treibt, daß nur die allerschwersten Fälle die Hemmkraft des cant sprengen und zur Explosion zu bringen vermögen. Dazu unterbindet das englische Gesetz bei Beleidigungsprozessen nicht nur den TLahrheitsbeweis in einem für uns Kontinentale unerhörten Maße, sondern es gilt überdies in Rechtsprechung und Leben der englische Grund satz: Areater tlie trutli, tlie Areater tiis likel". IDird dieser dem kontinentalen Ethos widersprechende Grundsatz nun gar noch auf diejenige Beleidigung angewandt, die im Vor wurf der Lüge steckt, fo befagt dies, man sei um so mehr ver pflichtet den Schein zu vermeiden, daß man dem Anderen keinen Glauben fchenke, je mehr man zur Annahme geneigt fei, daß er lüge. Erfpart alfo der cant des Redenden ihm nicht fchon die Lüge, fo hat doch zum wenigsten der cant des Angeredeten jeden möglichen Vorwurf oder jede Feststellung einer Lüge auszufchließen. So wird der „gute Glaube" hier selber zum Inhalt einer selbstverständlichen sozialen Konven tion. Die Annahme der Wahrhaftigkeit wird zur „konven tionellen Lüge". Je mehr aber diefer beifpiellofe soziale Illusionismus die öffentliche Luft Englands als „rein", alle fozialen Zustände als „wohlgeordnet" erscheinen läßt, fo fehr nimmt er Kraft und Energie — wie jeder Illusionismus — die betresfenden versteckten Übel tatkräftig zu bekämpfen. M^öchte felbst der allgemein menschlichen Tatsache, daß die öffentliche Ncoral stets weit strenger und enger ist, als Hand lung und Urteil des Einzelnen, eine gewisse soziale Zweck mäßigkeit nicht abgesprochen werden, der englische cant, der diese Differenz ins äußerste Extrem steigert, wendet selbst diesen konstitutionellen Pharisäismus alles „sozialer" M^oral Zg6399 IN ünzweckmäßigkeit um. Er bewirkt jene äußerst sonder baren — 5it venia verbo — Verstopfungserscheinungen, an denen nicht nur die englische Verdauung, an dem auch die eng lische Seele und Geschichte so ausfällig leiden. In Indivi duum, Familie, Gemeinde, Staat fressen die Übel, welche die Illusiouskraft des cant verdunkelt, weiter uud weiter — nur weil der Angriff, sie abzuwenden eine momentane Über windung des cant, fchon als Voraussetzung der zu ihrer Ab wehr nötigen Anerkennung ihrer Existenz fordern würde. Und es ist wieder derselbe cant, der in der englischen Ver fassungsgerichte zn analogen Erscheinungen führt: zur Un fähigkeit, Alkes, Überlebtes, z. B. einzelne Gefetze und Ge wohnheitsrechte, fo vieles die lebendige Tätigkeit des Staats- oder Gruppenorganismus nur Belastendes auszuscheiden; zu all jener Erhaltung und Galoanisieruug leerer Formen im Staats-, Gemeinde- nnd privaten Rechte, z. B. im Ver hältnis des Königs zum Volke, — Formen, die längst über- stüjsig geworden sind. Noch heute gebietet, — trotzdem England eher Republik als N^onarchie ist — der cant des englischen Volkes dem auch im König wieder stillschweigend vorausgesetzten cant, daß sich der König in Formen verehren und etikettieren laste, die nur dem alten vorrevolutionären absoluten Iltonarchen anstanden. Der König muß sich Mit seinen mageren Revenüen scheinbar zufrieden geben und doch beispiellosen Reichtum uud Freigebigkeit heucheln. Noch heute spielt der Richter iu seiner uralten roten Amts- kracht mit der Perücke auf dem Kopf die feiner Bedeutung läugst njchk mehr angemessene Rolle eines römischen Prä ses. Aber eben nur in der Form des cant wird dieser eng-lische Traditionalismus, dieser Gewohnheitsglaube, der auch die gesamte englische M^oralphilosophie bis zu Bain, Iltill und Spencer durchzieht, — der einen David Hume nicht davor zurückscheuen ließ, selbst die Kausalverknüpfung ans,,Gewohn heit" zurückzuführen, dem faktisch so tatkräftigen und dem Rnse der Stunde folgenden Engländer erträglich. Denn dieser Traditionalismus schleppt nur die entleerte Form so pietätvoll und verehrungsvoll im Scheine weiter, überläßt aber die faktische Zwecksetznng des Willens um so mehr einer ganz prinziplos?n opportunistischen, klugen und geschickten Anpaffung an die momentane Realität. Von einer beispiellosen Wirkung, die noch viel zu wenig beachtet wurde, war der cant in der Geschichte der englischen Philosophie. Die durch das ganze spätere Mittelalter gehende Lehre von einer „zwiefachen oder doppelten Wahrheit" — ihr Ursprung, wahrscheinlich in Italien ist noch nicht genau fest gestellt — hak nirgend eine so große Bedeutung und Aus breitung gewonnen als in der Philosophie und Denkweise des Jnselvolkes. Bald ist es der Gegensatz einer „natürlichen" und „geoffenbarten", bald jener einer „theoretischen" und „praktischen" Wahrheit, der die englischen Gedankensysteme schon seit Roger Baeon und Franz Bacon wie ein roter Faden durchzieht. Der franziskanische Skotismns und Okka- mismuö, der das Gute auf autoritäre, grundlose TLilleusakte Gottes zurückführt — dasGutealsoaus dem „IDesen" derGott- heit herausverlegt — wird bald iu dieser religiösen Form, bald in der naturalistischen des Hobbes, bei dem an Stelle Gottes für die Logik die konventionelle Sehung und Destnition, für die Ethik der Wille des Staatssouveräns tritt, geradezu ein Erb-26 gut in der Hauptkette der englischen Denker. In diesen Lehren rechtfertigt sich der Kouventionalismus, die bloße Form- nnd Scheinhastigkeit, die soziale Idolatrie der englischen „Moral" auch vor dem philosophischen Bewußtsein. Hier schon tritt jene ganz eigenartige Hypostasiernng einer wie in der Luft schwebenden „Moral" zu einer bösartigen alten Tante hervor, die man um keinen Preis „verletzen" darf—und die dabei doch niemand hat oder zu haben braucht. Dieser Konventionalis mus theologisch oder weltlich gewandt, findet sich bei den beiden Bacons, bei John Locke, Thomas Hobbes, Berkeley und bei David Hurne. Er erhält anch im Denken des Volkes durch die calvinisiische Religiosität und Theologie, die in Gott ganz einseitig den souveränen grundlosen Machtwillen verkörpert steht, eine starke Stütze. Vor allem aber tritt die doppelte Ä^oral wie der Konventionalismus in der zweideutigen Hai- kung hervor, die fast alle englifchen Denker der Religion gegenüber, bis zu Darwin und 2l. James Balfour einnehmen, ^enfualistische Untergrabung der geistigen TLurzelu aller echten Religion findet sich verbunden mit Verbeugungen vor der Offenbarung, die in der inneren Logik derGedaukensysteme keine 'Wurzel haben. Häufig gesellt sich dazu eine erhebliche Erwei terung der Kompetenz der Offenbarung auf Frage», für deren Lösung man zuerst die Vernunft und die Anschauung als in kompetent glaubt nachgewiesen zu haben. Ist diese Haltung schon bei Bacon und John Locke ganz und gar durch jenen cant geleitet, der sichtbarlich die Religion nur als notwendigen Bestandteil einer sozialen Konvention und als Grundlage der sozialen Institutionen schätzt, so wird sie bei David Hume geradezu widerlich. Für Hume beruht selbst der Glaube an402 die Außenwelt, an das Ich, an die Substanz uud Kausalität nur auf einem zweckmäßigen cant unseres Bewußtseins; aus einem System biolog zweckmäßiger Selbsttäuschungen. So z. B. soll unser Glaube an einen von dem Inhalt der TLahrnehmnng verschiedenen dauernden Gegenstand auf zwei Täuschungen beruhen: die erste Täuschung führe uns dazn, ein zeitlich dauerndes und kontinuierliches Sein dem Inhalte zuzuschreiben. Diese Annahme aber führe uns — indem wir den zeitlichen ^Wechsel der Perzeptionen wieder bemerken, den wir vorher übersahen, zum ^Widerspruch, daß ein und dasselbe Etwas kontinuierlich existiere und nicht kontinuierlich existiere. Diesen Widerspruch lösten wir durch eine zweite Täuschung, der Scheidung einer Vorstellung und einer von ihr abgetrenn ten Substanz. (Traktat, Teil 2, 6. Abschnitt.) VZäre ans diese Gedankenkette — deren sachlicher VZert hier unberück sichtigt sei — ein französischer Forscher gekommen, er würde uns mit aller Beredsamkeit ermahnen, daß wir uns doch von diesen Täuschungen frei machen sollen. Ganz anders der caut Humes. Es fällt ihm gar nicht ein, diefen für das „Leben zweckmäßigen Glaube»" erschüttern zu wollen. Nein! „Sorg losigkeit und Nichtachten aus die Zweifelsgründe, das allein kann uns heilen. Auf ste baue ich hier denn ganz und gar; ich fetze demnach aufs bestimmteste voraus, daß jeder meiner Leser, was immer seine Anschauung im gegenwärtigen Augen blick fein mag, nach einer Stunde überzeugt fein wird, es gäbe eine äußere und innere TLelt. Dies ist auch die Voraussetzung von der ich ausgehe" (Seite 287 in der Übersetzung von Lipps). Oder Bain will uns zeigen, daß das M^itleid auf der momentanen Gefühlsillnston beruhe, der Zufchauer leideselber den Schmerz, den er leiden sieht; I. Sr. Mill, daß „Liebe zum Guten um seiner selbst willen"— ähnlich wie der Geiz — auf einem Vergessen der egoistischen Lnstprämien be ruhe, die in einem früheren Entwickelungsstadinm dieselben Handlungen besaßen. Auch Männer, wie Larochesoncauld oder der Deutsche Paul Ree gerate» auf ähnliche Gedanken gänge. (Siehe ihre fachliche Widerlegung in meinem Buch über Sympathiegefühle.) Aber das ist der Unterschied, daß der Deutsche und der Frauzose, weun sie solches annehmen, den Kampf gegen diefe „Illusion", gegen diefe „Vergeßlichkeit" der Zwecke über die Nittel predigen, wogegen die Herren Eng länder deucant von uus fordern, diefe illusionäre Selbsiverwechs- luug und diese Vergeßlichkeit auch nach vollzogener besserer Einsicht weiterzutreibeu und nnö selbsi dabei noch „gut" vorzu kommen. Hier isi der Bruch in diesem keltoromanisch-germa- nischen I^ischgewisfen des Engländers. Aber ersi in der Gegen wart hat der cant auch in dieser Linie seinen vollen Sieg er rungen. TLerke wie die „Soziale Evolution" von Kidd, der den Glaube« als uotweudiges Nittel im Daseinskampf der menschlichen Gruppen feiert, oder wie A. I. Balfours „Grundlagen des Glaubens", der auf eiue ganz billige Er kenntnistheorie eines wurmstichigen Skeptizismus die Fahne der „Autorität" und der „Gewohnheit" der Hochkirche auf- psianzen will, sind die äußersten Ausgeburten der Zweiwahr- heitslehre des cant, die sich nur denken lassen. Auf die deutsche protestantische Theologie hak dieser cant schon merkbar genug abgefärbt, besonders anf die Schule A. Rirfchls. Ritfchl's Lehre von den „religiösen Werturteilen", die dem Prediger erlaubt zur Gemeinde zu sagen: „Christus ist wahrhaftiger 26* HvZGott" — aber mit der reservatio mentalis „dem TLerte nach", gestattet auf wunderbare TLeife eine nicht bestehende Ein stimmigkeit zwischen Prediger und Gemeinde vorzutäuschen. Wie zum englischen Stolze, der das Hilfsmittel des cant erwählt, um stch gegen peinliche historische Erinner ungen zn schuhen, hak der cant auch sehr tiefe Beziehungen zu dem, was man in England „Glauben" (kellet) und „Charakter" neunt. Beides zufammen bildet einen eigenar tigen seelischen Zusammenhang mit der sprichwörtlichen „Bor niertheit" des Infelvolkes. „Borniertheit", die man ebenso wohl von Dummheit als von dem außerintellektualeu „Eigen- stnn" unterscheiden möge, kommt den Engländern wie keinem anderen Volke zu. TLeudungen wie „Glauben Sie an dieses technische Verfahren", „Glauben Sie an diefe M^edi- zin", „Glauben Sie an Sozialismus" treten dem Deut schen zu seiner Verwunderung in allen Klassen der Gesell schaft entgegen. Solche Fragen, bezogen auf ganze Gebiete von TLissen und Leben und in dieser Häufung wiederholt, erscheinen anderen Völkern darum so unfaßlich, weil es uns Allen selbstverständlich ist, daß hier doch allein Erfahrung und Wissen entscheiden könne und wir uns des Urteils eben zu enthalten pslegen, wo uns diese Basts seh It. Anders der Engländer: er will weniger die TLelt erkennen als stch mit ihr abfinden. Darum heißt es gerade bei ihm so leicht „stat pro ratione voluntas". „Stellungnahme", „Überzeugung" (be- liek) in allen Dingen -— auch wo man nichts weiß und ver steht — frühe feste Abrundnng feines TLeltbildes in feiner Geistesentwickelung, wenn auch um den Preis größter Geistes- enge, gilt ihm als Erfordernis des „Charakters". „Der^5 Charakter der Engländer — urteilt schon Kant äußerst fein — dürste nichts anderes bedeuten als den durch frühe Lehre und Bei spiel erlernten Grundsatz, er müsse sich eiueu solchen machen, d.i. einen zu habe« affektieren; indem ein steifer Sinn, auf einem freiwillig angenommenen Prinzip zu beharren, einem Manne die Wichtigkeit gibt, daß man stcher weiß, wessen man stch von ihm und er sich von anderen zu gewärtigen hat". Die englische „Borniertheit" ist im Gegensatze zur „Dumm heit", d. h. zu schlechter intellektualer Anlage, die wir dem Engländer durchaus uicht nachsagen dürfen, und im Gegen satze zu mangelnder Bildung und Wissen eben die Folge erscheinung jenes systematischenundgewolltenSichverschließens gegen neue Erkenntnisinhalte und gegen jede reine, hingebungs volle und liebevolle Aufnahme desgroßenBildeö derTLelt. Ein- grenzung des Geistes in die praktisch-merkantilen Kategorien des „common sense" ist aber nur die andere Seite, — gleich sam das Negativ zum moralischen cant. Beide beruhen auf derselben organischen Überbetonung des in die Interessen- und VZunschsphären „passenden" TLeltinhalts und auf organischer Unterdrückung des „Unpassenden". Für den reisenden Eng länder behalten auch die Alpen, der Lago Maggiore, das Gangesnser oder die Wüste genau das Relief jener möglichen praktischen Verwertbarkeitseinheiten, die ihm zu Hause iu London die Auslage eines Kaufhauses oder der Blick auf die Themse bieten. All dies ist ihm mögliche Industrie. Fehlen aber spezifischere Interessen am Gesehenen, so über hebt ihn das Vergnügen, die Identität jener Oase oder jenes Berggipfels mit der vollendeten Ordnung diefer Dinge auf seiner Landkarte oder in seinem Baedeker festgestellt znhaben, des weiteren Vergnügens, sich diese Dinge auch noch anzusehen. Auch diese Züge des englischen Viesens spiegelt die englische Philosophie sehr instruktiv ab. Die philosophische Theorie des Urteils hat am Urteil von jeher, bis zu I. St. N?ill ganz einseitig das Moment der „Überzeu gung" oder des „Glaubens" (kelieL) hervorgehoben. Seine ob jektive Seite, sowie die in ihm enthaltenen gedanklichen Be ziehungen wurden vernachlässigt. Auch theoretisch kommt dem Engländer das Urteil in die nächste Nachbarschaft einer Art von Willensentscheidung und „Stellungnahme". Iltacht Adam Smith die Bemerkung, daß sich die TOeltanschaunng der N?enschen nicht nach Einsicht und Gründen, sondern ganz und gar nach ihren vorherrschenden Interessen und Arbeits richtungen (Berufen usw.) bestimme, so gibt er natürlich nur eine vorwiegend englische Beobachtung wieder. Eine gewollt bornierte Genügsamkeit in der Erkenntnis aber ist seit Bacon das Hauptkennzeichen aller englischen Philosophie. Bacon hält die Astronomie für eine „eitle Sache", da ste zur Herr schaft über die Erde nichts beitrage. Die Astronomie des Fix sternhimmels will er ganz verwerfen, da die Fixsterne zu weit weg seien, um noch unser Interesse zu verdienen. John Locke hebt in seinem „Versuche über den menschlichen Verstand" immer wieder hervor, daß wir die TLelt nur soweit erkennen sollen, als dadurch das „menschliche Glück" noch berührt werde, als ste unsere Umgebung sei — und alles darüber hinaus sollen wir dahingestellt sein lassen oder der Ksfenbarung überlassen. Die englischen Denker, die über die „menschliche Natur"Trak- tate schriebe«, beschreiben im Intellektuellen wie Sittlichen durchaus nur typische Durchschnittsbilder des Engländers ^ so 4o6daß das Wort, das Shaw in seinem Lustspiel „Cäsar und Cleo patra" Cäsar in den Mund legt, Cäsars Sekretär, Britan niens, „verwechsle die Sitten seiner Insel mit Naturgesetzen" hier buchstäblich wahr wird. David Humes Traktat und seine Geschichte Englands stnd einzigartige Beispiele sür diese „Borniertheit". Ncan beachte z. B. nnr seine merkantile Ab leitung der Ehre als Steigerung der Kreditfähigkeit im zwei ten Teil des Traktats und seine köstlich bornierte Schilderung der deutschen Reformation, besonders der Person Luthers, den er zu einem eitlen Schulmeister macht, der aus Philologen ehrgeiz die beste Bibelübersetzung liefern wollte, dann aber über seinen ursprünglichen Zweck immer weiter hinausgetrieben wurde — bis zum Bruch mit dem Papsttum. Darwin und Spencer verfallen — anf höherem Stockwerk — genau der selben Bornierheit, wenn ste das N^ilien der menschlichen Or ganisation auch dem gesamten organischen Leben zngrunde- legen und die Organisationsmerkmale der Arten auf kumu lierte Anpasfnngsmerkmale an — das Ncenschenmilieu zu rückführen wollen. Überall zeichnet so der Engländer einen gewollt engen Daseinsranm um stch herum. Er macht das Sein zur Natur, die große Natur zur kleinen Natur der menschlichen „Umwelt", diese selbst wieder zur menschlichen Vorstellung und Sensation von ihr, die Erde zu seiner Insel und den Ntenschen — wie Kant so treffend sagt — „zum Engländer". Eine wundervolle Verbindung von cant, Borniertheit, Ge- wohnheitsglaube und Nützlichkeitsgeist aber ist der seit einigen JahreninModegekommene englisch-amerikanische sogenannte Pragmatismus, dergewiffe schou stark mit cant versetzte Metho-den der englischen Physiker des 19. Jahrhunderts zu dem erwei tern wollte, was die Engländer für eine „^Weltanschauung" halten. Der cant jenerphystkalischen M^ethodebestand darin, daß man die Physik bewußt von der Aufgabe entband, die Reali tät der Natur zu erkennen und damit das, was man früher „Hypothese" nannte (eine wahrscheinliche Annahme über die Realität) zu einer zwischen Sein und Nichtsein schwebenden opportunistischen sogenannten Hilfsvorstellung oder einem „mechanischen Bild" (M^axwell, Lord Kelvin) machte — zu einem „Bilde", das nur „eine momentane Zusammenfassung der Tatsachen" sein und nicht TLahrheit geben, sondern den „Fortschritt der Wissenschaft bewirken" sollte (Ncaxwell). Nachdem diese N^ethode eine Zeitlang auch bei uns stark in Schwang kam (N?achsche Schule), ist gegenwärtig der ge sunde Geist unserer Forscher — besonders Planck hat ste scharf bekämpft — darau, sie auszuscheiden. Der sogenannte „Prag matismus" aber erhob jenen Versuch, an Stelle echter Er kenntnis der Natur gewisse kluge Ntanöver zu ihrer momen tanen Beherrschung und Ordnung zu setzen, sogar bis zur systematischen Umdeutung der Idee „Wahrheit" zu „Brauch barkeit". Der Pragmatismus wurde damit aber freilich uur zum enfanr terrible der englischen Erkenntnistheorie überhaupt — auch eines großen Teiles der Erkenntnismethoden der älteren Forscher, die noch für „Wahrheit" (im alten Sinne) aus gaben, was faktisch nur brauchbar war. Der cant dieser Richtung besteht nicht darin, daß ste Fiktionen und gewisse Bilder" als für die exakte Forschung zweckmäßig aufweist. Er liegt darin, daß sie alle TLahrheit in solcher Zweckmäßig keit bestehen läßt. Es ist ein gewaltiger Unterschied, wenn 4c>8409 Friedrich Nietzsche die synthetischen Urteile a priori als „lebens fördernde Lügen a priori" aufdecken will und Vaihinger in feinem Buche „Die Philosophie des Als Ob" eine bewußte Theorie der Fiktion begründen will, d. h. den TLert der be wußten Fiktion in den Wissenschaften herauszustellen sucht (obzwar wir dem Versuche Vaihingers philosophisch nicht folgen können). Denn eben indem diefe Forscher von „Lüge" und „Fiktion" reden, zeigen sie, daß sie die Idee der ^Wahr heit diesen Dingen entgegenfetzen. Der cant besteht darin, den cant der Fiktion als bloßen cant zu leugueu und zu fagen, es gäbe gar keine andere „Wahrheit". Aber viel leichter sichtbar noch ist der cant in der englischen NToralphilofophie, deren seltene Fülle nnd Feinheit der Il^enfchenbeobachtnng noch erheblich gewänne, wenn nicht auch sie gar zu leicht den Engländer mit dem N?enfchen verwechselte. Niemand hat dies klarer erkannt als Friedrich Nietzsche, ^n feinem „jenseits von Tut uud Böse" nnd fchon in der „Genealogie der Ilcoral" kommt er immer wieder darauf zurück, daß sich „in die englische N^orallehre jenes alte englische Laster eingeschlichen hat, das cant heißt und moralische Tartüsserie ist, diesmal nnter die ^orm der JDissenschast versteckt". Ein Adam Smith bemerkt gar nicht, daß er nicht das Gewissen, sondern nur seiu englisches Surrogat, den csnt, in seiner Lehre von den moralischen Empsmdungen beschreibt. Lob und Tadel des eigenen Ge wissens soll nach Smith dadurch entstehen, daß ein 2l, der einen B schädigt (schlägt, bestiehlt, beraubt), die sympathetische Ilcitempstndung des „unbeteiligten Zuschauers" mit dem Rachegefühl des B gegen A und deu darauf folgenden Tadeldes Zuschauers gegen A selbst wieder sympathetisch (durch sogenannte „reflexive Sympathie") mitempsiudet — also durch diese psychische Ansteckung seitens des Zuschauers sich selbst tadelt. Natürlich wird hierbei das echte „Gewissen" nicht abgeleitet, sondern vorausgesetzt. TLohl aber wird das Streben, einem „unbeteiligten Zuschauer" eiu sittlich günstiges Bild darzubieten und die echt englische Neigung, auch im einsamen Verhalten zu sich selbst sich „vor dem Auge" der „ösfentlichen M^einnng" zu gewahren, das heißt eine ganz spe- zisische Form des cant, hierdurch verständlich gemacht. Das Gewissen soll erklärt werden — und sein englisches Surrogat der cant wird faktisch erklärt. Nicht fo ganz richtig ist Nietzsches Bemerkung, wenn er in dem englischen N^oralutilitarismus (er nennt Bentham) cant sindet. Zwar hat er darin recht, daß der englische N?oralutilikarismus nur auf Grund des englischen cant als des englischen Volksethos begreifbar ist. Und doch ist der cgnt gerade der eigentliche Gegner des Tltilitarismus, — ein Gegner freilich, der zugleich den moralischen Gesichtskreis des lltilitaristen bedingt und bindet, und nur insofern auch wieder im Utilitarier felber steckt. Wer den jahrhundertelangen Kampf des aufklärerischen englischen Ntoralnkilitarismus und des meist religiös christlich puritanisch oder quäkerisch fundierten cant ganz durchschaut hak, der hak eiue welthistorische N?oral-Posse kennen gelernt, die ihresgleichen fuchk. Die Posse besteht auf dürre Formeln und von jener Heiterkeit entkleidet, die ihr nur die An schauung des Lebens selbst zn geben vermag, gebracht in folgendem. Der Pharisäer des cant sagt nicht: „Das Gute411 ist das Nützliche!" Ach nein, beileibe nicht! Wohl trifft er mit seinem lebendigen Urteil in concreto, wo er „gut" sagt — merkwürdigerweise — immer gerade das Nützliche! Aber er „meint" es nicht — und er sagt es auch — beileibe nicht. Er „meint" vielmehr das „Gute" selbst, das „Gute an stch", das gerade der Iltensch des cant am bedacht samsten von dem „gemeinen" Nützlichen und von den eigenen Interessen unterscheidet. Dieses Gute ist ihm das „Gott gewollte" oder das durch eine ewige Sanktion des Gewissens unmittelbar Einleuchtende, einer ewigen Ordnung des Rechten Entsprechende. Demi — und hier ist der Springpunkt seines cant— es ist ja durchaus nicht nützlich, dasjenige mir „nützlich" für stch selbst anzusehen nnd gar auch zn nennen, was faktisch nur nützlich ist. Im Gegenteil, gerade das zu tuu, ist äußerst schädlich! Es ist schädlich, da das Zugeständnis, dieser M^ann sei einem nützlich oder die Handlung jenes ^Mannes sei einem „nützlich", ja den stillschweigenden Verzicht einschließt, daß dieser Manu uud diese Handlung auch von allem anderen, was Ncenschengestcht trägt, gelobt, geliebt und gefördert werde. Denn nur im „stttlich Gute«" oder doch als solchem Vorgestelltem steckt diese Forderung nach unbedingter all gemeiner Anerkennung uud Förderung von Hause aus. Äußerst nützlich aber ist es, dasjenige, was einem selber nützlich ist, — nicht etwa „nützlich", sondern gerade „sttt lich gut" zu nennen. Denn dieses Verfahren stellt nrki et orbi, stellt die ganze Welk, bis hinauf zu deu Eugelu und zu Gott in den selbstverständlichen Dienst der partikularen Interessen des Redenden. Und auch das ist äußerst nützlich, stch selbst zn verbergen, daß man nur in der Richtung desNützlichen und seiner Interessen handele. Es ist nützlich, wenigstens unker dem Schein des Guten zu handeln: denn dies erteilt eine ganz andere Energie und Kraft des Handelns und eine weik höhere Glaubwürdigkeit. Gerade in der Kunst, sein Handeln nur vom Nutzlichen bewegen zu lassen — aber es zugleich mit „heiliger Überzeugung" niemals und um keinen Preis „nützlich" sondern gerade gut und gottgewollt zu nennen, ja es selber wohl noch so ansehen zu können — darin gerade be steht der eigentliche cant. Denken wir uns nun in einem Volke, in dem dieser cant zur inneren Konstitution seiner ethischen Verfassung geworden ist, einige kluge, ehrliche dürrprosaische I^äuner herumgehen, die dieses Treiben objektiv wie von außen — beobachten. Sie machen gleichsam in einem Notiz buch Auszeichnungen darüber, welche Handlungen denn eigentlich in diesem Volke „gut" und „böse" genannt werden. Schotten ivie A. Smith, David Hume, James und John Ncill, eignen stch schon besser dazu als Engländer — nnd noch besser eignen stch dazu Ire« wie Bernard Shaw. TLas werden diese Herren stnden? Sie werden stnden, daß der einheitliche objektive Begriff und der Obersatz, unter welche die hier „gut" genannten Handlungen und M^aximen zu briugeu stnd, das „Nützliche" ist, die „böse" geuaunten das jeweilig „Schädliche". Nun aus eben diese VZeise entstand der englische Moralutilitarismus. — Er ist nicht selbst cant, wie Nietzsche meint. Er ist im Gegenteil das entant terrikle des cant, das sein Geheimnis ausschwatzt. Der Iltilitarist ist also der ehrliche, aber durch Geueralisteruug des in England Beobachteten aus die „menschliche Natur", durch Geuerali steruug englischer Sitten zu universalen Gesetzen sreilich sehr 412 /oberflächliche und eben durch den Gegenstand seiner Kritik selbst sehr bornierte Verräter des cant. Der englische Utili- tarist enthüllt das Geheimnis des englischen cant — würdigt aber freilich, da er seine Idee des Renschen zum Engländer verengte, die Moral selbst znm Nützlichen herab. Aber daß er so den cant enthüllt, — das ist nicht cant, das ist sein Gegenteil. TOohl aber wird der lltilitarier durch sein Ver fahren in einen fast burlesken logischen Widerspruch ge trieben, den der logisch konsequentere N^ensch des cant gerade vermeidet. Dieser Widerspruch besteht darin, daß er selbst seinem eigenen utilistischen Prinzip praktisch wider streitet. Und gerade darin widerstreitet er ihm, indem er den Akt der Aufstellung der These des Utilitarismus öffentlich vollzieht. Der These: ,,das Gute ist das Nützliche". Denn nicht nützlich, sondern schädlich ist es ja, das faktisch Nütz liche nur „nützlich" — und nicht wie der Mansch des cant, gerade es „gut" und „gottgewollt" zu nennen. So handelt zwar der Iltilitarist noch im echten Sinne „gut", indem er diese These ausstellt — aber er widerstreitet damit zugleich seinem Prinzip, indem er ja eben äußerst „Schädliches" tut. Also bilden der N^ensch des csnt und der Iltilitarist, jeder des anderen wundervolles Pendant! Ein Paar, das stch gegen seitig bedingt — beide englisch, beide borniert — aber doch jeder das Negativ vom anderen. Der Arensch des cant hak theoretisch recht. Das Gnte ist wirklich nicht das Nützliche. Aber er ist praktisch nnanständig, da er nur das Nützliche tut und das Gute zu tun nur vorgibt. Der llti litarier irrt theoretisch, wenn er meint, „das Gute ist das Nütz liche". Aber er ist ein praktisch höchst anständiger Mensch, 4iZder zu seinem Irrtum nur darum kommt, weil er im Volke des csnt lebt und sein Nachdenken aus dieses N^aterial be schränkt. Nicht der englische lltilitarismns ist also anzu klagen, wie so oft unsere deutschen idealistischen Philosophen in ihren Schulbüchern wimmern. Die englischen lltilitaristen — M^änner wie Jeremias Bentham, die JMills usw. — waren nachweisbar die anständigsten, verdienstvollsten JMänner ihres Landes. Klage verdient vielmehr das düstere Schicksal, in einem Volke zu leben, in dem der platte lltilitarismus die einzig mögliche Form ist, um ein anständiger Ncensch und zu gleich ein Patriot zu sein. Nicht vom „Utilitarismns", — sondern vom cant war aber auch die englische Politik stets geleitet. Sie ist das gerade (aber nicht bessere, sondern schlimmere) Gegenteil derjenigen Form der Politik, die man die kynische nennen könnte, d. h. des M^achiavellismns, des ausgesprochenen politischen N?achtegoismns. Daß M^achiavelli trotz seiner tiefen sitt lichen Irrungen, die fchon Friedrich der Große geißelte, einen gewaltigen Fortschritt der politischen ^Moral in einem Punkte bedeutete — dies hat mau in England trotz Th. Hobbes nie begriffen. Dieser eine Punkt ist die Trennung von Privat- und Staatsmoral. Die englische Politik hak zu allen Zeiten im Gegensatz zum Bismarckschen Prinzip der politischen Ehrlichkeit, — ein Prinzip, das gleichwohl der NToral des „principe" so unendlich ferne steht wie dem cant — daß jeder Staat nur für sein eigenes Heil zu sorgen habe und nie für das „VZeltbeste", das Prinzip des cant vertreten: das Prin zip, daß es sür das „^Weltbeste", zur „Verbreitung der Kul tur", für „die Rechte fremder Völker" (jetzt Serbiens undBelgiens) seine Kriege führe; ja jetzt gar nur deshalb, um dem armen Deutschland den christlichen Liebesdienst zu tun, es vom preußischen Militarismus zu befreien. Analog lehrte es im iL. Jahrhundert die Welt das für eine Insel, die sich nicht ernähren kann, gemeinhin nützliche Freihandelsprinzip — trieb aber selbst dabei nachweislich Schutzzollpolitik. Die englische Kunst, fremde Völker für Englands Interessen arbeiten zu lassen, sie aber zugleich mit der festen Überzeugung zu durch dringen, daß sie dabei nicht für England, fondern für die eigenen Interessen und am göttlichen TLeltplan arbeiteten, war sowohl den kontinentalen Staaten (Gleichgewichts methode) als den von ihm unterjochten Kolonialvölkern gegenüber stets von bewunderungswerter Feinheit und gleich zeitig genau der oben gegebenen Formel des „cant" folgend. Es ist dabei ganz richtig, daß es bei feiner Kolouifation — wie man fagt — „die Freiheit der fremden Völker zu schonen" verstand. M^an denke nur au die kluge Behandlung der indi schen Fürsten. Es ist ganz richtig, daß seine Kunst kalmierender Verwaltung unerreicht dasteht und daß es die Idee des eng lischen geheiligten Hauses, in dem jeder sicher ist und tun kann, was ihm beliebt, bei dieser Gelegenheit in alle Fernen trug. Aber es ist nur wieder der alte cant, wenn der Eng länder dies Verfahren wahrhafte „Kulturverbreitung" nennt. Umgekehrt enthält diese Methode den prinzipiellen Verzicht ans die Verbreitung echter Kultur, ist sie das systematische Ge nügen daran, die Völker nach ihrer eigenen roh-naturgegebenen Art, aber uuter Verbreitung eines gewissen allgemeinen Wohl gefühles unter ihnen wie eine nützliche Schafherde weiterexistie ren zu lassen und sinnig zu weiden. Diefer systematische Ver-zicht aufKulturformung der Welt war es, was die großen eng lischen Kolonisationserfolge zeitigte. Nur diese Tatsache er klärt auch die Paradoxie, daß der Engländer trotz seiner Starr heit, trotz seiner einzigartigen Unfähigkeit fremdes Volkstum seelisch zu verstehen, trotz seiner geistigen Enge und insularer Ge bundenheit der ausgezeichnete „Verwalter" ist, — der er ist. Er lehrt die fremden Völker dabei genau so wenig als er von ihnen lernt. Da er die Borniertheit, Spezisttät und Enge seiner eigenen hyper-„charakteristifchen" Geistesartfremdem Volks tum a priori nicht aufprägen kann und will, da er aber auch nicht wie der Deutsche im sokratischen Sinne der mäeutischeu „Erziehung" die fremde Anlage nach den ihr immanenten höchsten Zielrichtungen entwickeln und selbst dabei in diesem Erziehen geistig gewinnen und wachsen kann, so begnügt er stch im Sinne des cant, den fremden Völkern die wahre Freiheit durch Überlastung ihrer äußerlichen Formen zu suggerieren, die ökonomische Energie der Völker aber um so mehr für seine Interessen auszuschlachten. Er ist nicht ein guter „Lehrer"; er ist nicht ein guter „Erzieher" der Völker! Er ist nur ein guter Züchter und ein guter Hirt! Dies aber unter dem Schein des Lehrers und Erziehers! Des „Verbreiters der Kultur!" N?it dem cant hängt aber auch zusammen — die so viel verehrte „schöne englische Freiheit", die wir auf deu Inseln selber finden. Selbst in dieser Zeit schärfster Kritik alles Englischen stnde ich vielfach einen Zug englischen Lebens der Kritik ausdrücklich entnommen: die „englische Freiheit" oder wie man gerne sagt, die „schöne englische Freiheit". INit diesen Hi627 Worten meint man nicht nur die Tatsache, daß Eng lands Volk schon vor zirka 6^o Jahren von König Johann die N?agna Charta ertrotzte, daß seine parlamentarische Verfassung Vorbild fast aller europäischen Staaten wurde, daß sein Nationalphilosoph John Locke dem parlamenta rischen System die ersten philosophischen Grundlagen gab. Das ist mehr Folge dieser „Freiheit" als ste selbst. Auch Frankreich hat das parlamentarische System, — sogar auf rein republikanischer Grundlage — uud doch fehlt ihm die ,,schöue englische Freiheit". Die vielbeneidete englische Frei heit ist vielmehr jene besondere Lebensluft, die es z. B. jetzt mitten im Kriege erlaubt, daß die Schritte Churchills oder Greys von jedem „Gentleman" (sei er Lord oder Ladenjüngling) einer öffentlichen Kritik unterzogen werden können; daß jeder seine Vorschläge zur Kriegsführnng machen darf; ja daß es nicht ausgeschlossen ist, es erkläre jemand, das Recht Deutsch lands sei ihm einsichtiger klar wie Englands Recht in diesem Kriege. Das ist stcher bei uns nicht so. Es ist auch in Frankreich trotz Republik und Demokratie nicht so. Auch der „befreiende Humor" des neuesten englischen Soldaten liedchen, in dem die Soldaten scherzhaft bitten, man möge ein „Buben- und Mädelheer" ausrüsten, darin „meine N?ntter, meine Schwester, meine Brüder — nur ich nicht" kämpfen sollen, fehlt dem schweren gebundenen deutschen Ernst. Unse rem Ethos würde solche Kritik gleichzeitig als unerhörter Dilettantismus und als schuldhaftes Mißtrauen in unsere militärische Führung erscheinen, solch Liedchen aber als Frivo lität. Umgekehrt meinen die Engländer von ihrem Ethos ans unsere Haltung als servil, dienerhaft auffassen zu müssen,418 als eine Folge militaristischer „Unterdrückung" aller selb ständigen Regsamkeit der Geisteskräfte. Alber wie tief irren die Engländer und wie einseitig urteilen jene unter uns, die „englische Freiheit" schrankenlos bewun dern! TLir Deutsche stnd ein ganz sachhaft denkendes wie wollendes Volk; wir arbeiten nicht um zu verdieuen und um schon am Freitag aufs Land zu Tennis- und Golfspiel zu fahren, sondern aus Freude an der Sache. Demgemäß glau ben wir auch fest, daß überall nur Sachkunde entscheiden solle und daß es ein ganz verfehlter TLeg sei, die VZahrheit oder das Rechte in irgendeiner Angelegenheit nur dadurch st'nden zu wollen, daß^ behauptet, k widerspricht, L ergänzt usw. Anch unsere schroffsten Demokraten stnd es nur politisch, nicht ausIn stinkt und nicht im Sinne eines volksphilosophischen Axioms. Aus seinen tiefsten philosophischen Konzeptionen über die Idee der TLahrheit und des TLiffens heraus, — nicht aus zufälliger Zugehörigkeit zur aristokratischen Partei — behauptete Sokra- tes auch für das gesamte Staatslebeu, für die Gestaltung seines Aufbaus und für s?ine Führung den Primat der Sachkunde vor dem sophistischen Prinzip der Erwählung der Führer und Staatsleiter durch die Stimmenmehrheit, die stch aus der poli tischen Dialektik der Volksversammlung in Hin- und TLieder- rede, in Ergänzung und Kritik jeweilig herausbildet. TOir Deutsche stnd — welcher Parteirichtuug wir auch angehören — mit Sokrates gegen die griechischen Sophisten eben hierin einer M^einnng. TLir stnd es aus Instinkt. Sachkunde, nicht Stim menmehrheit solle, so meinen auch wir, in Fragen von TLahrheit und Recht entscheiden. Nach dem Axiom, das unser Denken bewegt, kann ein einziger eine Sachkunde haben, die sonstkeiner hat. Und dann haben alle diesem einen zu folgen. Da wir so denken, haben wir Vertrauen in solche, die wir für Sachkenner halten, d. h. aber gar nicht notwendig in die „Regierung"; auch in diese nur, wenn wir sie eben für sachkundig halten. Täuschen wir uns einmal in dieser An nahme, fo geht es uns vielleicht übler wie den Engländern; denn wir haben dann gegen diese Täuschung keinerlei Gegen gewicht. Aber das schädigt nicht uuser Prinzip; es schädigt auch nicht seine durchschnittliche Fruchtbarkeit. Ganz anders der Engländer: er stellt nicht wie wir Wahr heit und Sachkunde der Freiheit des Urteils voran; er glaubt uicht, daß „nur die TLahrheit euch frei" mache -— wie es im Evangelium heißt. Er hält die „Wahrheit" für eine bloße Resultante der freien Konkurrenz der Nceiimngsänße- rungen vieler; er glaubt oder verhält stch so, als ob er glaube, Wahrheit sei das unbekannte X, das sich durch, wenn auch noch so „dilettantischen", von Sachkenntnis weit entfernten Gedankenaustausch, Kritik, Ergänzung schließlich herausstellte. Natürlich muß er uuser freies, sittliches Vertrauen für Per sonen, die wir sür Sachkenner halten — von seiner Denk weise her — als „blinden Servilismus" auswerten, ^n England das ist, wie ich sagte, ein Erfordernis dessen, was man dort „Eharakter" nennt — muß jeder in jeder Sache einen „Glauben", eine „feste Überzeugung" haben. Iltan denke wieder an die sonderbare Rede: „Glauben Sie an Ilte- dizin, an die Technik, an Luftschiffahrt?" Das aber ist es, was zur englischen Borniertheit, d. h. zum voreiligen dilettan tischen Abschluß des ^Leitbildes durch bloße TLillensentschei- düng führt ohne eine Basis von Sachkunde und Gründen 27* 419420 swt pro ratione vo1unt25 — oder der „Charakter". Alle eng lische Erziehung zielt vor allem auf solchen „Charakter" ab. Ein notwendiger Schatten jener „schönen englischen Freiheit" ist also jene tiefe,.trieb- und interessengebundene geistige Unfrei heit, die wir im Intellektuellen „Borniertheit", im Sittlichen „cant" nennen, d.h. organische triebhafte Befangenheit des Gewissens und Verstandes durch das Nützlichkeitsintereffe ohne klares TLissen davon. Dieses Gesetz bindet schon von Hause aus alle geistigen Prozesse des Engländers und gibt ihnen die Richtung auf „Sagenkönnen". Die auch nur mögliche Korrektur des Fornms^der von den Engländern entdeckten, von John Locke begrifflich formulierten „öffentlichen Ncei- nung" regiert die englische Seele bis in ihre intimsten Vor gänge; regiert auch die steife Form im Kreise der Familie beim Essen usw. (Frack usw.). „Wahrhaftigkeit" im deutschen Sinne heißt: Sagen, Bekennen, was man denkt und glanbt. Ja, es ist unsere Überzeugung, daß der echte Glaube auch die Zunge sprengen müsse, daß jener noch nicht echt und wahr haft glaubt, der nicht bekennt. Im englischen Sinne heißt „Wahrhaftigkeit" dagegen: nichts glauben, nichts denken, was man nicht auch sagen kann. Bis in das einsame Liegen im Bette, sühlt steh der Eugläuder wie vor einem öffentlichen Forum. Der deutsche Geist setzt Einsicht, Sachkunde, Wahr heit allüberall der Freiheit des Urteilsaktes voran. Darum hat der Deutsche auch einen starken Glauben an Autoritäten und im sozialen und politischen Leben an das „Fach" j» den TLisseuschasten. Überall besteht dieser Glaube, wo das genaue deutsche Pflichtgefühl uud die deutsche Gewissen haftigkeit annehmen darf, daß die betreffenden Personen421 ebenso gewissenhaft wie derjenige, der das Vertrauen schenkt, der nötigen Sachkunde erfüllt seien. Aber dieses freie Ver trauen ans die Autorität hat gar nichts zu tun mit blindem Autoritätsglauben. Denn genau so, wie bei uns derjenige, der einen Andern sür sachkundig hält, sich ihm leicht unter wirft, genau so beansprucht er auch, daß man sich ihm selber unterwerfe, wo er sich als sachkundig weiß. Eine Methode wie die deutsche bringt in den komplizierten Verhältnissen der historischen TLirklichkeit freilich leicht anch jenen Geist hervor, den man den deutfchen „Glauben an die gottgewollten Abhängigkeiten" genannt und dem englischen System entgegengesetzt hat. Dieser Geist durchdringt—charak teristisch genng — anch die deutschen religiösen Lebensformen in Katholizismus wie Luthertum. TAenn auch nicht mehr wie einst auf dem Aufbau der Stände uud Klassen, so doch auf dem Aufbau des Beamtentums, der Organisationen der TLissen- schaft und der großen wirtschaftlichen Organisationen liegt bei uns eine Art religiöser TLeihe, welche vorschnelle, zu weilen anch berechtigte, Kritik zurückhält. Aber jedes System hak seine eigenen Fehler. Hier gilt es, Vorzüge und Fehler beider Systeme aus d^m verschiedenen Geiste der Na tionen zu begreifen. Wer sähe nicht, daß der deutsche, iu seiner Art einzigartige Sinn für Organisation auf diesen beiden Grundpfeilern des deutschen Wesens beruht: dem un bedingten Primat rationeller Sachkunde und dem gegen seitigen Sich-Vertrauen aller in der Organisation tätigen Personen? Freilich kann man bei uns Herrn Tirpih nicht wie in England Herrn Churchill öffentlich kritisieren. VZie aber hätte bei uns auch eine so abenteuerliche Gestalt wie Herr^22 Churchill das Oberstkommando der N?arine erhalten können? M^it dem TLorte Vertrauen denke ich einen weiteren Schat ten der „schönen englischen Freiheit" an. Die schöne englische Freiheit beruht nämlich ganz wesentlich ans jener prinzipiellen N^ißtrauenseinstellung von Ncensch zu Ntensch, die ge steigert durch die puritanische Form des Calvinismus, zum Teil schon durch den Calvinismus selbst zur Grundhaltung des eng lischen Sozialverhältnisses geworden ist. Nicht nur N5iß- traueu in Staat und Regierung als einer Sache über den Parteien ist der Grnndaffekt alles englischen Liberalismus (einschließlich der Gegenmaßregeln eines ungeheuren cant, den seitens der Regierungen dieses Verhalten hervorruft); Nuß- traueu in die Urteilsfähigkeit des Anderen ist auch der herr schende soziale Affekt. Nur durch die restlose Freiheit der N?einnngsäußcrung kann dieses prinzipielle, nicht erst ans be sondere Gründe hin erwachsende N?ißtrauen soweit kontre- balanziert werden, daß die Gesellschaft das nötige M^aß von Sicherheitsgefühl und Friede erhält. Und eben darum ent behrt auch die puritanisch calvinistifche Form der Religiosität völlig jenes deutschen Glaubens an die „gottgewollten Ab hängigkeiten". Ein dritter Schatten dieser Freiheit aber ist die geistige Unfreiheit des englischen ^Lesens. Nur ste garantiert jene Gleichförmigkeit von Nteiuuug und TLille, ohne die es keine Gesellschaft gibt. In Deutschland ist nicht mir der Pro fessor ein „Mann, der seine eigene Nteinuug hat". Nur Borniertheit und cant machen also zusammenwirkend diese schöne soziale Freiheit überhaupt möglich. Umgekehrt ist Misere Unfähigkeit zum Parlamentarismus englischer Prägung, unsereNeigung zum „Glauben an die Autorität", an den Beamten, in der Wissenschaft an das „Fach" Nichts als das not wendige Gegengewicht gegen die innere Freiheit unseres geistigen Organismus. In England ist mir der „Gentleman" frei, d. h. die gleichförmige soziale Figur des Engländers — der innere N?enfch ist ganz unfrei. Auch der König ist es nur als „der erste Gentleman der Nation", nicht als eine indivi duelle lebendige Person, wie unser „Deutscher Kaiser". Ein weiterer Schatten der „fchönen englischen Freiheit" ist der englische Todhaß auf alle Individualität, Originalität, eine Haltung, die schou John Stuart N^ill in seinem schönen Buche „Über die Freiheit" (Reclam) so tief beklagte. Man denke an Shelleys, an Byrons, an Oskar TOildes Schick sal; man denke an alle leeren Formen und Etiketten in Recht, Staatsleben, Gesellschaft, an die Enge der englischen „Prü derie", an die Gleichförmigkeit der Gesichter, der Sitten, der Ntoden,an das auffällige Fehlen fast aller iudividuellen Geistes- bildung in den höheren Ständen; an die alles Leben durch dringende Gewalt der Konvention, an die beispiellose englische Unfähigkeit, fremde Volksindividnalitäten zu verstehen und stch bis hinein in die ^Warenproduktion ihren Bedürfnissen frei an zupassen. Jene maßlose Knechtung der Freiheit des Indivi duums als Individuum und der mangelnde Sinn für fremde Individualität — das ist also wieder ein neuer Schatten der „schönen englischen Freiheit", d. h. der Freiheit des M^en- schen als bloßes Gentlemanez-emplar. Im Lande der größten politischen Unfreiheit, in Rußland selbst, ach wie gewaltig viel größer ist doch da diese Freiheit — die Freiheit des Indivi duums! Man sehe nur auf die Literatur beider Völker, auf424 das so reich differenzierte Sektenwesen in Rußland, dem gegen über die englischen Sekten ein weit einförmigeren Stil auf weisen. N!nr diese tiefe Unfreiheit des geistigen Innenorganismus des Engländers, verbunden mit maßloser Geistesgebundenheit durch Gewohnheit, Tradition, öffentliche Meinung verbürgt nun aber auch unter der Herrschaft des Prinzips jener schönen sozialen Freiheit dasjenige Ntaß von Übereinstimmung von Meinung und Wille, ohne das alles öffentliche Leben aus einander fiele. Bei deutscher innerer Geistes- und Gewissens freiheit wäre die soziale Freiheit Englands schon darum aus geschlossen, weil unter ihrer Herrschaft dieses Mindestmaß von Übereinstimmung niemals erreichbar wäre. Die schöne englische Freiheit hat also viele Schatten; sie ist mit Dilettantismus, cant, Borniertheit, M'ißtrauen, indi vidueller Unfreiheit, etwas teuer bezahlt; für uns Deutsche so teuer, daß wir in ihrer Bewunderung wirklich ein wenig vorsichtiger sein sollten. Doch kehren wir zum cant in der sozialen Sphäre zurück, um hier seinen seelischen Ursprung zu studieren. Eine eigen tümliche Hilssidee des cant ist eine gewisse Art von Personi fizierung dessen, was der Engländer „die Moral" nennt — jene „M^oral", die man um keinen Preis „verletzen" darf —, wie wenig man auch selbst davon besitze und wie sehr man dabei auch fremde Mäuschen, sremde Rechte usw. verletze. Es ist ein alter tiesstnniger Satz, daß auch die „Heuchelei eine Art Verehrung der Tugend ausdrückt". Eben diese „Verehrung" besttzt der Engländer im höchsten M^aße. In ihr ist er von äußerster Subtilität und Feinheit der Bil-düng. Ja, eben die Haltung der Verehrung einer hypo- stasterten „M°oral", das anbetend zn ihr als einem System geheiligter Regeln aufgeschlagene Auge wird ihm zum proba testen Mittel, stch dieselbe Moral ferne und vom Leibe zu halten und um so mehr nach feiueu Interessen feinen Weg zu gehen. Er verehrt die Moral zu sehr, als daß er ihr erlauben möchte, in die Roheit und Gemeinheit des „Wirk lichen" einzugehen. Eben diese Haltung macht zugleich seinen Moralismus uud seiue unvergleichlich tiefe personliche Im- moralität ans. Nur das eigentümliche Zusammentreffen der so ungemein feinen sittlichen Bildung des Engländers, das heißt feines Reichtums an präziser llnterscheidungskrast sitt licher Qualitäten, und die einzige Genauigkeit des Herzens in diefer Distinktion — fast uueudlich stehen ihm andere Völker in diefer „Bildung" nach — nur das Zusammentreffen der ausnehmend großen Verehrung für das N^oralifche als vom Ilceufcheu abgelöster „Regel" mit einem ganz unbild samen, starken, rohen uud jeder Vergeistigung nnzugärrg- licheu Triebnaturell, konnte das sublime innere Kunstwerk der Seele hervorbringen, das csnt heißt. Eben da es seine Triebe von allen Völkern am wenigsten zu vergeistigen weiß, ist das englische Volk vielleicht das unchristlichste Volk der Erde. Es könnte dies nach den heiligen prophetischen TLorten der Evangelien nicht sein, wenn es nicht mit dem M^unde zu gleich das allerchristlichste wäre. Die englische Haltung ist da bei freilich das abfolute Gegenteil zu jener, die wir „zynisch" und „frivol" nennen, das Gegenteil zu jener Haltung, die bei spielsweise die französtfche Gesellschaft des ancien regime be herrschte. Die Menschen des ancien reZime neigten dazu, das 4-5426 sittliche Prinzip zur niedrigen Wirklichkeit ihrer unsittlichen Lebensführung herabzuziehen und das Prinzip für offen aus gesprochene, ja oft lauter als es der VZirklichkeit entsprach aus gesprochen, die N^oral lustig auf den Kopf stürzende N?aximen preiszugeben. Der Franzose hat fchon feit den ältesten Zeiten, von dem provencalifchen Roman an bis zu Baudelaire weit unmoralischer geredet, als er gelebt hat. Er war immer ein wenig I,I?anlhnre. Die Logik des cant dagegen fordert, ein Prinzip unbedingt fesi und „hoch" zu halten, es niemals mit der Realität, wenn auch noch fo leife, sinken zu lassen; wohl aber die Realität siets fo anzusehen und anznfchielen, oder von ihr illusionistisch wegzufehen, daß sie mit ihm in Überein stimmung zu fein fcheint. Schon ein dreijähriges englifches Kind sieht auf der Straße weg, wenn es einen Betrunkenen oder einen unziemlichen Vorfall sieht, dessen „Unziemlichkeit" es fchon empsindet, ehe die Wahrnehmung des Vorgangs zur Reife kam. N?an fehe, wie abnegierend im großen Oskar TLilde auf Zola in feinem „Verfall der Lüge" reagiert. Oder man fehe sich die bekannten englifchen Bilder und Stiche an, auf denen mit einer fo einzigartig öligen Bravheit Verlobte, Jungverheiratete, der nach Hanfe kom mende ^äger, den die Gattin empfängt, fpielende und meist nur allzufüße Kinder nfw. dargestellt werden; dazu des englifchen Dnrchfchnittsleferomans. Oder man höre folgenden kleinen Vorgang! Vor kurzer Zeit erscheint eine führende Person der englifchen Regierung (der Name fei hier unterdrückt) im Unterhaus, ein paar Flafchen französischen Sekt im N?agen. Nirgends wird bekanntlich fo viel getrunken als in der ersten englifchen Gesellschaft, im427 Lande der Heilsarmee, die nicht umsonst die Bekämpfung der Trunksucht sich zum Ziele setzen mußte. In Flacons mit kölnischem Wasser, in eigens dazu hergerichteten Stöcken, die man oben öffnen kann, birgt sich, fromm oersteckt das süße N"aß des Whisky. Ein politischer Gegner jenes öffentlich ebenso allverehrten als heimlich viel bekämpften Führers der liberalen Partei bemerkt seinen Zustand an der Röte seines Gesichres und stellt ihm ein paar peinliche Zusatzfragen zu 24 Stunden vorher gestellten Fragen, deren Beantwortung im Unterhaus besonders schwierig und darum möglichst kurz zu sein pflegt, da jede Belastung mit „Konsequenzen" zu vermeiden ist. Jene Person erhebt sich, sängt an zn antworten setzt sich aber bald darauf wieder —- nm das Taschentuch an den Mund zn halten. Als der Gegner des hohen Herrn wieder beginnen will, erhebt sich Balfour, der beiauntc konser vative Führer und sagt, nachdem er ums D?ort gebeten, nur das eiue^Lörtchen: „Honour!" JDorauf sofort der Gegenstand verlaffen wird und der Gegner des betrunkenen Herrn sich noch entschuldigt. Das ist die Zucht descant. Bei uns hätte man sich über einen betrunkenen Staatsmann im Parlament laut moralisch entrüstet und der „Skandal" wäre unausbleiblich gewesen. Gewiß dies wäre dümmer gewesen als man in Eng land zu sein pflegt — uud stcher ist, daß unsere parlamenta rischen Formen beffere sein könnten, auch ohne daß die deutsche ^Wahrhaftigkeit dabei leide» müßte. Hier genügte der bloße Fingerzeig auf das „Dekorum", auf „die" Nl.oral, um so fort nicht nur alles schweigen zu lassen, sondern auch, um den wohl berechtigten INahner zu vermögen, seinerseits eine Schuld auf sich zu nehmen, die sicher nicht feine war.428 Eine solche „N?oral" besitzt aber nun auch jeder besondere Gesellschaftskreis in England und alle diese M^oralen sind der einen englischen Gesamtmoral eingeordnet. Als ein eng lischer Herzog von seinem Kammerdiener gefragt wurde, ob man Zahnstocher benützen dürfe, antwortet er nach einigem Nachdenken: Ja, aber nicht in schlechter Gesellschaft. Iltan kann aus all dem ermessen, wie ein ehrliches echt deutsches Zu geständnis wie das unseres Kanzlers am 4- August gelegentlich der Verletzung der belgischen Neutralität auf den Engländer wirken mnß. In einem Lande, wo die Iltoral zu einer sub tilen Jurisprudenz geworden ist, wo die allgemeine „menschliche Sündhaftigkeit" in ebenso hohen Tönen bekannt wird, als es jeder ängstlich vermeidet, auch nur das kleinste Stückchen der großen Erblast auf stch zu nehmen, und wo man das deutsche Bewußtsein der Endlichkeit allen Rechts und seiner Nichtigkeit vor dem Gebote des Gewissens nicht begreift, mußte dies Verfahren ganz unbegreiflich fein. TLie die „Ncoral" hier ein außerpersonales Etwas ist, dessen NichtVerletzung alle Ver letzung personlicher Rechte gestattet, fo ist auch das „Böse" etwas Außerpersonales, das, je größer es ist, doch — Niemand hat. Der Deutsche kann stch das „Böse" und „Gute" gar nicht anders denken, denn als ein Personales, in zweiter Linie als eine Eigenschaft der Gesinnung und der VZillensabstcht. Die wenn auch noch so strenge und ästhetisch feine Einhaltung einer bestimmten Form in der Äußerung von Gesinnung und Abstcht ist ihm gleichgültig, wenn er die schlechte Absicht da hinter gewahrt. Er braust auf, er zürnt — er gerät in seinen „deutschen Zorn!" TLarum tut er das? Er tut es, weil er an die N^öglichkeit der inneren Güte,429 der Gesinnungsgüre des Menschen glaubt. Und warum ist der Engländer der Mensch des cant? Er ist es, weil er prinzipiell auf die auch nur mögliche innere Güte des Men schen Verzicht getan hat — ein für allemal Verzicht getan hak. Er meint es tief in stch zu wissen — was ihn auch alle Spielformen seiner calvinistischen Religion gelehrt haben, die den ^Menschen durch den „Fall" als absolut korrumpiert schildern — er sei eigentlich des Teufels; und alle anderen mit ihm des Teufels, je tiefer mau iu ihrer Seelen Wurzeln hineinsteigt. Er glaubt, was er in sich irgendwann sah, von allen anderen Menschen. Er glaubt, daß der Mensch in seinem Inneren ein absolut unbildsames Ehaos von Trieben ist. — Aber er weiß zugleich, daß alle menschliche soziale Qrd, nung wenigstens den Schein eines anderen, eines Entgegen gesetzten notwendig verlangt. Das ist die metaphysische Ver zweiflung an seiner Seele, das ist das tragische Bewußtsein seiner inneren substanziellen Verlorenheit, die jene seiue tiefe Ordnung der Lebensformen des cant selbst aus sich ge biert. Genau so eutfaltet seiue tiefe essentielle Unsicherheit seinen gewollten, steifen, — die Christen fagen „teuflischen"— Stolz. Gewiß, es mag jene „Diskretion" des cant, die es vermeidet, hinter die Falten der Gesichter in die Seele des N^enschen vermessen hineinblicken zu wollen, anstatt sich bei einer gewissen Regelhastigkeit der sichtbaren Lebensführung zu beruhigen, etwas Anziehendes gegenüber der vorlauten deut schen Frageart besitzen — „wer" denn dieser Ankömmling sei, der hier im Hotel ißt und „was er hier wolle". Aber die englische „Diskretion" ist nur die Angst vor einer schon a priori feststehenden furchtbaren TLahrheit menschlicher ewigerVerdorbenheit. Auf diesem stets vorausgesetzten dunklen Chaos in der Seele des anderen tanzt der cant sein elegantes, so rationelles, süßliches Formenspiel; sein teuflisches, schein- christliches, öliges Spiel. Ich weiß nicht, wann und wo das englische Volk sich die Veredlung und Vergeistigung des Renschen einmal für immer und ewig abgeschworen, und dem Teufel sich zugeschworen hat: Ilm das Volk des IN'am- mons, der kunstvollsten Politik und der emlullendsten Ver waltung zu werden; um den cant als Geschenk des Teusels für seine Seele einzutauschen. Aber „einst" uud „irgendwo" geschah es. Und seit dieser Zeit ist es — metaphysisch — heimatlos, der „Herr der TLelr" und das Urvolk des Kapi talismus. Seit dieser Zeit ist es — genau wie die Evange lien es verkünden, wenn ste den Antichrist in Form des Christus erscheinen la^en, des Erlösers der N^enschheit — das einzig vollständig widerchristliche Volk. — Ein kluger anglisierter Freund — eines der vielen deutschen Opfer des heutigen Anglismus — hat mir gesagt, daß stch eben in diesem absoluten Unglauben an die mögliche Güte des inneren Iberischen, nicht die innere Verlorenheit dieser merkantilen Raste, sondern mir die tiesere und reichere Er fahrung und Erkenntnis über die „menschliche Natur", die feinere Optik in die^ dem blöden deutschen und romanischen Auge verschlossenen Faltungen des menschlichen Herzens und in seinen unbesiegbaren Egoismus bekunde. Aber wir kennen durch eine Literatur vou Jahrhunderten diesen selbst cant- geborenen Einwand des englisch-protestantischen Ressentiment, der die Roheit der eigenen Triebe und die Ohnmacht des eigenen geistigen TLillens als eine Form tieferer Erkenntnis 4Zound feinerer Gewiffensschärfe des Iltenschen auszulegen weiß. Der cant gebietet natürlich, das nicht wollen zu „können" — was man nur nicht tun kann. Das Chaos, das der cam so klug und mit so großem Aufwand von gezüchteter Selbst beherrschung und „Charakter" verbirgt, das ist faktisch nur das englische Chaos — und ist es allein! Die Partie lion- teuse" der menschlichen Natur — wie Friedrich Nietzsche das, was der englische Psychologe zumeist erforscht, genannt hak, hak stets, wenn auch nur unter den matten Ausdrücken von „Gewohnheit", „Nützlichkeit" „Vergessen des Nütz lichen" verborgen nicht umsonst uud nicht aus einer tieseren Einsicht heraus, sondern ans der Struktur des englischen Seins heraus, das besondere Interesse des euglischeu N^ora- listen erregt. Wie zwischen dem cam und der englischen Freiheit, so gibt es auch zwischen dem cank und dem berühmten englischen Hnmoreine unterirdische psychologische Brücke. Ich will hier uicht untersuchen, ob und wie weit nicht der sog. Humor, im Unterschied zur allmcuschlichen Erscheinung des Sinnes fürs Komische, weiter zu Scherz, Satire, Witz, Ironie, überhaupt eine spezistsch angelsächsische Tatsache ist; ob es wirklich er laubt ist, den Begriff „Humor" auch mir soweit zu fassen, daß unsere Deutschen Lichtenberg, Jean Panl, G. Keller, W. Raabe, W. Busch, Fritz Neuter, von Scheffel usw., uoch darunter fallen; geschweige, wie es oft zu Unrecht geschieht soweit, daß man sinnvoll auch vou „antikem Humor" oder von „romanischem Hnmor" reden könnte. Gibt es überhaupt einen außerenglischen Humor, der nicht irgendwie England nach gemacht ist, was man billig ebensowohl bezweifeln kann, wie 4Zies gäbe eine Tragödie außer der griechische», so ist jedenfalls der englische Humor der Sterne, Dickens, Thakeray, der humorvollste Humor, de» es aus der TLelt gibt. Humor, dies Schweben des Gemütes zwischen einem lachenden und einem feuchten Auge, diese süß-bittere Stimmung, dieses Ein gekeiltsein in das Leben, in seine Engen und zwischen seine Härten bei einem gleichzeitigen freiseinsollenden Blick darüber hinweg, einen Blick, der diese Situation noch als wie eine fremde Szene mit ansehen und darüber lachen kann, hat den selben Dualismus der handelnden, bezw. leidenden und der urteilenden Natur zur Grundlage, der auch Voraussetzung des cant ist. Dieser Humor ist in gewissem Sinne geradezu der cant der Lustigkeit und des Lachens. Jene „Befreiung", die er sprichwörtlich bringt, bezahlt er mit der inneren Ver zweiflung, aus der er hervorsprießt — derselben, wenn auch weniger tiefen Verzweiflung, welche die Wurzel des ge steigerten englischen Sinnes für die moralische Form ist. Hat nicht aller „Humor" etwas in sich, das gesteigert „Gal genhumor" heißt? — Wie der cant alle englischen Lebensgebiete durchdringt, so beherrscht er auch in ganz besonderem N?aße die sexuelle und erotische Sphäre in Gesellschaft und Erziehung. Hier hat er auf der einen Seite die so typische Form innerer Schamlostg- keit zur Folge, die wir die „englische Prüderie" nennen, auf der anderen jene Tartüsferie der sinnlichen Empsmdnng, die im Flirt — und auf etwas vergeistigterer Stufe, in der eng lischen Sentimentalität und erotischen Romantik, stch Form gegeben haben. Was ist denn Prüderie? Sie ist nicht etwa eine gesteigerte Schamhaftigkeit, die, ist sie nur echt, nie- 4Z228 nials tief und groß genug sein kann. Stets ist sie gut — stets liebenswert. Prüderie ist vielmehr die Mischung einer Art des geistigen Geschlechtsgenusses in der Form und N?aske einer rigiden Abwehr und eines entrüsteten „zkockinA«! gegen noch sichtbare Symptome dieser Sphäre, mit der besonders gefärbten Lust stttlicher Entrüstung, — beides aber verbunden mit der automatischen, dem Subjekt uubewußten Tendenz, Gelegenheiten sür diese genußreich entrüstete Abwehrreaktion immer wieder aufzusuchen. Aber die Prüderie werket stch selbst dabei — per cant — als echtes Schamgefühl, indem ste eine sehr feste, leere, überlieferte Form des bloßen äußeren Ausdrucks der Schamhaftigkeit, die im GegensaH zu Scham die Form des „Anstandes" heißt — ohne die lebendige echte Schamerfüllung dieser Form — aufs äußerste übertreibt; und gerade darum übertreibt und so regelhaft gestaltet, weil hier die natürliche Regulation des Betragens durch das echte leben dige Schamgefühl mangelt. Die Härte und Schärfe der Gefchlechtsmoral einer Gesellschaft steht — ceterix pariduz — mit der natürlichen Anlage zur Schamhaftigkeit und der Größe nnd Feinheit dieser Anlage, stets in umgekehrtem Verhältnis. Was das natürliche Schamgefühl nicht leistet, das muß die Regel mid die Festigkeit der Anstandsform wieder einholen. Darnm darf man von der Härte und Schärfe der englischen Geschlechtsmoral allein schon auf die geringe natürliche Schamhaftigkeit dieses Volkes schließen, lind es ist nicht wunderlich, sondern vielmehr nur zu er warten, daß die beiden Völker, bei denen der cant am stärksten lst und die Lebensbeziehungen der Geschlechter das höchste von Jndirektheit nnd Symbolik angenommen haben,434 die Engländer und die Chinesen, auch eine Literatur und Kunst so obszön Hervorbrachken, wie sie durch italienische Zynismen nnd gallische Verdorbenheit niemals erreicht wer den konnte. Nur im Lande der Prüderie konnte das Ob szöne seinen Aubrey Beardsley studeu. In Frankreich ge deiht fast nur das Frivole; in Italien und Deutschland überwiegt in dieser Sphäre das Zynische. England ist das Land des Obszönen. Das Obszöne, das ist der bewußte als reizvoll erlebte Schlag gegen die schon vorausgesetzte Prü derie. Prüderie mag in irgendeinem M^aße überall vorkom men. Aber während stch die Prüderie außer England auf das Geschlechtsressentiment alter Jungfern zu beschränken pflegt, ist eben jene Vorbildhaftigkeit der Gonvernantenmoral für die ganze englische Geschlechtsmoral der spezistsch englische Zug. Die Rache einer virilen Frauenschicht an Lebensfülle und Schönheit, die durch Hochzüchtung durch den englischen Indnstrialismus und gleichzeitigen Abwurs der weiblichen Individuen mit ausgeprägteren seelischen und leiblichen sekun dären Geschlechtsmerkmalen in die Richtung der Prostitution, für das englische Urteil exemplarisch wurde, hat erst jüngst durch die Zerstörung der Venus von Tizian durch jene famose Suffragette — die damit den ,,schönsten Charakter der Ge schichte" verherrlichen wollte — ihr äußerstes Symbol gefun den. Die Hieb- und Stichfestigkeit, welche die englische Damenehre kraft dieser kuriosen N^oral erhält, hat niemand bester wie B. Shaw charakterisiert, wenn er in seinem, dem englischen Geschlechtscant gewidmetem Buche „Ncensch und Übermensch" Tanner im Augenblick, als der weibliche Don Juan, der hier als das wohlerzogene junge Iltädchen Ann er-scheint, den Arm um seinen, ihres Vormundes, Hals legt, sagen läßt: „Wundervolle Frechheit". (Sie lacht und tätschelt ihn ans die Wange.) Wenn ich bedenke, daß mir diese Episode keine Seele glauben würde, von den Leuten abgesehen, die mich dafür schnitten, daß ich sie erzähle, während andererseits meinem Leugnen niemand Glauben schenken möchte, wenn Sie mich deswegen anklagten!"... (Seite 128). Es gibt kein Land der Welt, in dem sich die erotische Empfindung so subtil hinter andersartige, nichterotische Beziehungen wie Kamerad schaft, Freundschaft, Verwandtschaftsarten aller Grade, Formen des Dienstes, Lehr- und Schülerverhältnis, scheinbar harmlosem Spiel von l>c>/ und ßirl, nicht nur für die Außenwelt, souderu für die Beteiligten selbst noch zu mas kieren und die Schnhfarben diefer Beziehungen anzunehmen weiß; wo diese Maske hartnäckiger, dauernder nnd bis zu höheren Graden der erotischen Nahe von beiden Seiten fest- gehalten und wo gleichzeitig eben diese Ntaskerade noch als ein Plus zur bloßen Ntaterie der Sensation hinzu heimlich genossen wird, als dieses Land, in dem selbst die besseren Ko kotten wie Püppchen und Porzellanengelchen aussehen müssen, um begehrt und bezahlt zu werden. N^an wäre, wüßte man nicht, wie falsch und unstnnig die Theorien des Herrn Freud für die menschliche Natur in Aenere sind, hier zuweilen ernst lich versucht, Freudianer zu werden und an seine Lehre von den „Symbolhandlungen" zu glauben. Der berühmte „Flirt" — erst Amerika war so cant-verlassen, der alten englischen Tatsache das Skandalon eines besonderen Namens an zuhängen — diese in der Form harmlosester Geselligkeit sich gebende Elektrizität der Beziehungen bedeuten aber nur das- 28* 435436 selbe, was auf entwickelterer Stufe und in höherem Alter die Prüderie ist. Der Flirt ist der feinverästelte Alusweg, den die Seele aus den harten Zäunen der traditionellen puritanischen Geschlechtsmoral nimmt. Ntit steigendem Alter der Be teiligten verwandelte sich dann meist die Summe flüchtiger Sensationen, die der sogenannte „Charakter" und der merkan tile „Ernst" des Lebens den Seelchen noch erlaubt, in jene ein wenig blasse und dünne Sentimentalität und Romantik, die aus dem englischen Volksliebeslied hervorfenfzt, und die im Inselvolke die Stelle deutscher Innigkeit und romanischer Leidenschaft besetzt. Ans dem Flirt der Berührung von Arm und Hand wird nun der Flirt der Seelchen. TLie diese Ge schlechtsmoral auf Drama und Schauspielkunst wirkt, be schreibt B. Shaw mit kostbarer Ironie: „Die Heldin, welche die englische Schauspielerin verkörpert, darf die elementaren Beziehungen zwischen N?ännern und Frauen nicht besprechen; all ihr romantisches Geschwätz über romanhafte Liebe . . . verfehlt vollständig den TLeg zu unserem Herzen und quält unseren Geist. Um uns aber zu trösten, brauchen wir uns die Darstellerin bloß anzusehen. Wir tun es — und ihre Schön heit labt unsere verhungernden Gefühle. Zuweilen murren wir ungalant über die Dame, weil ste nicht ebenso gut spielt, wie ste aussteht. Aber in einem Drama, das trotz all seiner Beschäftigung mit dem Geschlecht von geschlechtlichem Inter esse gänzlich unberührt bleibt, ist — hübsches Aussehen er wünschter als schauspielerische Tätigkeit". TNas die englische M^oral der Figur der in künstlerischer Einstellung gegebenen ästhetischen Welt des Dramas so hart versagt, das nimmt stch der rohe Trieb, der im Theater schon mit der unkünst-437 lerischen Einstellung auf die bloße Wirklichkeit rechnet, aus dieser Wirklichkeit von Brettern und Kulissen, von Fleisch und Bein heimlich zurück. Jlber ist der cant Ethos und Laster Englands zugleich, so ist seine künstlerische Durchschauung seitens eines Menschen des Inselvolkes die Tragödie der Tragödien. Nicht ganz so schlimm ist es noch, wenn man ein Ire ist wie Shaw und den canc in der Distanzierung durchschaut, die Irentum oder die geistige Weite des Katholizismus gestatten. Dann muß man freilich das immerhin auch nicht verächtliche Opfer bringen und die Maske eines Possenreißer's annehmen, wenn auch eines „Possenreißer's" in höherem Verstände. Schon der schöne arme Byron war zuweilen auf diesem TLege. Daß man dabei — wenigstens heute nicht mehr — Märtyrer werden muß wie so viele ältere englische Große, das ist ein Verdienst des Wachstums des cant seit dieser Zeit. Selbst dem Vorwurs des cant begegnet dieser dem heutigen England neu hinzugewachsene cant mit neuem cant: der Engländer der Gegenwart ärgert sich nicht mehr, er lacht heute über Shaw und bewundert ihn sogar ein wenig, analog wie die Damen und Herren am Hofe Louis XVI. Rousseaus „Lontrat kurz bevor ihre Köpfe in den Staub rollten, sehr wihig fanden. Der heurige Engländer lacht über diesen witzigen phantastischen Mann B. Shaw, der Dinge schildert, die es doch — in aller Welt nicht gibt, — am wenigsten in England. Andererseits freilich zwingt der cant jede höhere moralische und geistige Begabung etwaige ihm unerträgliche Wahrheiten in die Form der verantwortungslosen Post'e zu verstecke», llud uur in der Schuhfarbe eines Narren, der die Insel Nirgendwoschildert, wird — wie schon bei Shakespeare zuweilen — die Weisheit noch in Leuten wie Shaw und in dem Katho liken Chesterton bei diesen gewalttätigen Kaufleuten geduldet. Aber den höchsten Punkt erklimmt die Tragödie in englischen Renschen, die nicht wie Shaw oder Chesterton den cant so distanziert durchschauen können, deren Bildung, Seele, Wesen vielmehr selbst schon cant ist, und die ein sonderbarer Überstuß von Bewußtsein fremden wie eigenen cant nun dennoch durchblicken läßt. An diesem Punkte stand Oskar Wilde —, das Spiegelbild aller englischen Spiegelbilder — der Schatten der cant-Träume aller Schatten von Gentle- mens! Ein selbst nur cant-geborener, das Bild einer höhe ren M^oral nur per nachahmender ^Widerspruch gegen den cant seines Landes ward O. ^Wildes Lebensform, — ein TLiderspruch also gegen denselben cant, der sein eigenes wesenloses Viesen war. In Wilde wurde das moralische Nichts selber noch sichtbar. Und eine ungeheure Symbolik sür Englands Schicksal wird vielleicht noch gewinnen sein Leben, sein Leiden, sein Tod, sein Tod in dem kleinen VZinkel in Paris, das er einst, wie King Edward mit feiner Liebens würdigkeit eroberte. — Um den ewigen Mißverständnissen steuern zu Helsen, die zwischen Engländern und Deutschen existieren und so lange immer neu entspringen müssen, als man stch von dem Katego- rialgefüge, der Struktur, in der das englische Denken und Fühlen verläuft, keinen hinlänglichen Begriff gemacht hat, sei es mir hier am Schlüsse noch erlaubt, eine Art Kategorien tafel des englischen Denkens zu entwerfen. Ich sammle dabei gleichzeitig eine Reihe von Ergebnissen dieses Buches zu einer439 übersichtlichen Einheit zusammen. Hilfe dieser oder einer noch verbesserten ähnlichen Tafel ist es vielleicht einmal mög lich, Sinn nnd Sinnzusammenhang einer englischen Rede in deutschen Sinn und Sinnzusammenhang jeweilig zu über setzen (was natürlich mit der rein sprachlichen Übersetzung nichts zn tun hat). Indem wir die jeweilig rechtsstehenden Begriffe, die in einer englischen Rede vorkommen, durch die linksstehenden ersetzen (freilich stets cum ßrano 52U5) wird es möglich sein, den wahren Sinn der englischen Rede zu ent ziffern. Außer dem Zwecke der Verständigung mag diese Tafel noch einem zweiten Zwecke dienen: einer Art Geistes- und Ge- mütskur für den deutschen Geist, soferne er heute — wie ich schon vorher mannigfach zeigte — einer ganz gewaltigen Angli- sternng verfallen ist. Es wäre ein ganz großer Irrtum, an zunehmen, daß diese geistige Ansteckung, ein Werk von Jahr zehnten, durch den bloßen Krieg gegen England mit Einschluß des ungeheuren deutschen Hasses gegen England zerstört werden, und diese Kräfte das umgekehrte Werk der Eutauglisterung des deutschen Geistes vollbringen könnten. Der Krieg kann höchstens zum Beginn des Prozesses der Entanglisterung Anlaß geben. Dieser Prozeß selbst wird aber sicherlich ebenso langeZeit dauern, als der Prozeß jener nationalen Suggestion im Großen gedauert hat. Was gar den Haß und die aus ihm hervorgehenden Folgen der Opposition gegen englisches Wesen betrifft, so ist er weit Mehr Symptom der Anglisierung, als Arznei gegen sie. Sol cher Haß bindet die Beteiligten nicht weniger stark wie ihre frühere Liebe sie band. Indem die Opposition gar meist selber in Kategorien und Struktursormen des englischen Denkens er-folgt und sich nur gegen bestimmte bejahende und verneinende englische Thesen richtet, stärkt ste s»gar mir das englische Den ken unter uns, da die mit dem Widerspruch gegen die englische These verbundene Befriedigung, nun endlich einmal deutsch zu sein und deutsch zu suhlen gerade verdeckt, daß man nur Deut sches denkt uud fühlt, uicht aber deutsch denkt und fühlt, d. h. daß man eben da am meisten Knecht ist, wo man stch am sreiesten empfindet. Zu einem echten geistigen Befreiungskampf von England kann nur jene Haltung der Kühle, der Gleich gültigkeit, verbunden mit dem tiefen Besttzbewußtsein eines eigentümlichen, jetzt noch vielfach uns selbst verborgenen deutschen Geistes sühren, der von selbst emportauchen wird, wenn man die Krusten seiner zurzeit bestehenden Ang- listerung langsam, kühl, ruhig gleich dem arbeitenden Arzte, abschabt. Der Kurgebrauch unserer Tafel ist so zu denken, daß man eine ernstliche Selbstprüfung sowie eine Prüfung seiner Freunde im somatischen Sinne systematisch vornimmt, ob man nicht da und dort in seinem Bewußtsein Neigungen zu ana logen Verwechslungen von Begriffen und Werten wahr nimmt, wie ste diese Tafel systematisch vorführt. Auf die Be griffe, nicht auf die Sätze kommt es hier an, oder noch bester auf jene ursprünglichsten Einheitsbildungen des Denkens an der VZeltgegebenheit, die ebenso wohl allen künstlichen Begriffs bildungen durch Definition als allen bloßen Sätzen vorher gehen. Findet man solche Neigungen vor, so verwerfe man ste nicht einfach oder kämpfe gegen ste an; englisches Denken kann ja da und dort mit rein vernünftigem Denken oder doch mit der besonderen Anlage der betreffenden Person überein-stimmen. Aber man prüfe in diesem Falle genau zuerst die sach lichen Anschauungsgrundlagen der betreffenden suspekten Be griffe; dann aber zumal wenn man keine solchen von ge nügender Klarheit vorfindet, überlege man stch, auf welche historische Weise man wohl zur Neigung, englisch zu denken, gekommen sei. Diese Erkenntnis wird dann jeweilig befreiend und entlastend wirken. Als Methode zur Herstellung einer solchen Tafel, — deren viele deckbar stnd —, wähle ich das Schema der Rede, mit der, (ZHÄ^einmal eine deutsche Neigung, einen Wert mit einem Unwert zn verwechseln, rügt: „Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist." Das Beispiel zeigt zugleich, daß wohl für alle Nationalcharaktere eine solche Tafel aufzustellen wäre, wenn ste auch bei uns Deutschen wegen der mangelnden Homogenität des Viesens der deutschen Stämme erheblich schwieriger zu gewinnen wäre. Die linksstehenden Begriffe auf der Tafel stnd jeweilig die jenigen, die Höherwertiges bedeuten und die der euglifche Geist mit den rechtsstehenden gleichzusetzen die Neigung hak. Die Tasel kann natürlich noch beliebiger Verbesserung unter liegen.442 Kategorienkafel. des englischen Denkens Es besteht die Tendenz, zu oerwechseln: Kultur Den Lehrer Den Krieger Denken Wahrheiten Wahres Weltbild Sachkunde Vernunft Axiom Grund und Folge Urteil Begriff mit Erklärung mit Wissenschaftliche Methode mit Charakter mit Gottes ewige Rechtsordnung mit Gottes Vorsehung mit Das Gute mit dem Verehrung der Tugend mit Stärke der sozialen Konvention mit Bildung mit Ehrlichkeit und Biederkeit mit Versprechen Treue mit Komfort mit dem Hirten mit dem Räuber mit Rechnen mit Tatfachen (so schon O. Wilde) mit zweckmäßigem Weltbild mit Unbestreitbarkeit durch andere mit Ökonomie ^Leute mit Definition mit Gewohnheit mit Abbruch eines verwickelten Ge dankengangs mit einem Glau bens- oder WillenSakt Wahrnehmungsersparnis Klassifikation Induktiver Methode Borniertheit den Interessen Englands Politik Englands Nützlichen canr Geistes- und Redefreiheit geistiger Abgeschlossenheit organischer Verlogenheit, welche das Lugen überflüssig macht mit gegenseitiger Vertragsbindimg mit Genauigkeit in der Einhaltung von VerträgenSittlichkeit mit Wahrhaftigkeit mit Schamhaftigkeit mit Anstand mit Ritterliches Spiel mit Ehrgefühl mit Macht Mit Welt mit Adel mit Menschliche Natur mit Naturgesetz mit Person mit Christliche Liebe mit Friedfertigkeit mit Liebe mit Sympathie mit Demokratie mit Gemeinschaft mit Moralische Gesinnung mit Güte der Menschen mit Liebe zu den Schwachen mit Gewissensurteil mit Stimme Gottes mit Europäische Gemeinschaft mit Leben mit Das Gute um seiner selbst willen mit Sinn für Komik mit Gemüt mit Frömmigkeit mit Wahrhaftigkeit der gefragten Per son mit Recht nichts denken und glauben, was man nicht sagen kann Anstand Prüderie Sport Sinn für Kreditfähigkeit Nützlichkeit Umwelt Reichtum, dessen Provenienz ver gessen wurde Engländer Sitten und Gewohnheiten in Eng- Gentleman ^land Humanität Pazifizismus Jnteressensolidarität sich selber mit einem andern Ich verwechseln Mißtrauen aller mit allen, die sich gegenseitig hierdurch in Schach halten Gesellschaft Korrektheit Intaktheit der „Moral" Haß auf die Starken möglichem Urteil des Zuschauers öffentlicher Meinung Englands europäischem Gleichgewicht Anpassung innerer Beziehungen an äußere Vergessen des Nutzens einer Hand- Humor ?ung Sentimentalität Bigotterie Höflichkeitspflicht der anredenden Person ,ihr Glauben zu schenken.Druck von W. Drugulin in LeipzigIm Verlag der Weißen Bücher / Leipzig ist erschienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen Max Scheler Abhandlungen und Aufsähe Zwei Bände im Umfang von 49 Bogen Geheftet N? 12.—, gebunden N? 15.— Aus dem Inhalt: Zur Rehabilitierung der Tugend. Das Ressentiment im Aufbau der Ncoraleu. Zum Phänomen des Tragischen. Zur Idee des Renschen. Die Idole der Selbst erkenntnis. Versuche einer Philosophie des Lebens. Die Psychologie der sogenannten Renkenhysterie und der rechte Kampf gegen das Übel. Zum Sinn der Frauenbewegung. Der Bourgeois. Der Bourgeois und die religiösen Mächte. Die Zukunft des Kapitalismus.Im gleichen Verlag beginnen zu erscheinen Friedrich Theodor Vischers Ästhetik oder: Die Wissenschaft des Schönen und Friedrich Theodor Vischers Kritische Gänge herausgegeben von Robert Bischer Vollständig in je vier Bänden Groß-Oktavformat. Subskriptionspreis geheftet je NT 9.—, einfach gebunden je NT 10.—, in Liebhaberhalbfranzband je NT 12.—. Der billige Subskriptionspreis bleibt noch bis zum Herbst 191Z bestehen, wo dann der erhöhte Ladenpreis in Kraft treten wird, der geheftet NT 11.Zc>, einfach gebunden NT 12.50, in Liebhaber-Halbfranzband NT 14.50 für jeden Band betragen wird.Außerdem werden in Kürze in einer Gesamtausgabe erscheinen Fr. Theod. Vischers Dichterische Werke Lyrische Gänge — Auch Einer — Faust, der Tragödie dritter Teil—Novellen, Gedichte usw. Vollständig in fünf Bänden Gebunden N? 20.—, in Gauzleder gebunden zo.— Als im vorigen Jahre der Kongreß der Ästhetiker in Berlin tagte, da wnrde unter allen Vorkämpfern der jungen Knust- Wissenschaft der Name Friedrich Theodor Vischer mit am freudigsten nnd lautesten genannt. Bischer war nicht nur eiu Gelehrter von umfassendem Wissen, eine für alles Schöne begeisterte, feurige Natur, er war vor allen Dingen eine Persönlichkeit, und seine mannigfaltigen Schriften stnd zu gleich leidenschaftliche Bekenntnisse, die schon darum unsterb lich stnd, weil sie im tiefsten Grunde empfundene Erkenntnis, gefühlte Wissenschaft enthalten. Der Dichter Friedrich Theo dor Bischer ist ja niemals dem Gesichtskreis des deutschen Volkes ganz entschwunden, wenn er stch selber auch gern unter allerlei Ntasken und Namen versteckt hat. „Auch Einer" hat immer zn den klassischen Werken unserer Erzählerkuust gehört. Bischer war aber auch ein Klassiker der Wissen schaft, ein Mann, von dem ein breiter, befruchtender Strom der Anregung ausging. Die Besten unseres Volkes, M^änner wie Gottfried Keller, Heinrich von Treitschke, Ludwig Spei- del, haben ihn wiederholt in den Ausdrücken höchster Be wunderung anerkannt.Als der „Praeceptor German-ae, als der große Repetent deutscher Nation für alles Schöne und Gute, Rechte uud VZahre", ist er von N?eister Gottfried gefeiert worden. Und über Wischers Ästhetik schreibt Treitschke: „Vischer bin ich für fein herrliches, von Unzähligen heim lich benutztes und nie genanntes Werk unendlich dankbar." Diesen Klassiker unserer VZissenschast gilt es für den großen Kreis des deutfcheu Lesepnblikums zurückzueroberu. Bisher wurde er mehr genannt als gekannt, mehr gepriesen als gelesen. Heute, wo der Kreis des Kunstschassens wie des Knnstgenießens sich immer mehr erweitert, wird eine Orien tierung auf dem Gebiete des Schönen auch für den Laien zu gebieterischer Notwendigkeit. Die Schriften von Friedrich Theodor Bischer sind Bausteine am Fundament der gesamten Ästhetik und als solche Großtaten des deutschen Geistes. Mscher war einer der ersten, die die Führung in dieser Wissenschaft dem deutschen Volke errangen.8SS M2<131651733010 8> 3?Der Genius des Krieges und der Deutsche Krieg von Mar Gcheler
