Der Kampf um unsere Kolonien Von Karl Mirbt Professor in Göttingen Friedr. Vieweg öc Sohn in Braunschweig 1914 Vortrag gehalten in Braunschweig am 30. Oktober 1914 in der Vortragsreihe „Deutsche Reden in großer Zeit"1. i A^ie Frage nach dm Ursachen des gegenwärtigen Krieges drängt sich jedem nachdenkenden Menschen auf. Wir stehen ihr nicht als kühl aburteilende Historiker gegenüber, sondern sie greift uns tief ins Herz. Dürfen wir als ehrliche Menschen den Anspruch erheben, daß das gute Recht auf unserer Seite steht? Jeder weiß, daß wir den Krieg nicht begonnen haben. Wir gingen nicht auf Eroberungen aus, wir haben ihn nicht aus Ruhm sucht unternommen, wir brauchten auch keine Ablenkung nach außen, etwa um inneren Schwierigkeiten vorzubeugen, wir wollten den Frieden und haben uns noch in jenen Julitagen redlich darum be müht, ihn zu erhalten. Unsere deutsche Friedensliebe, die so stark war und in den letzten 40 Jahren in so kritischen Zeiten bestätigt worden ist, daß unsere Gegner schon der Meinung waren, wir könnten nur rüsten, aber wagten keinen Kampf, hat sich bis an die äußersten Grenzen des Möglichen betätigt. Der Krieg ist uns aufgezwungen worden, wir wurden überfallen. Über Nacht enthüllte sich eine Ver schwörung der uns feindlichen Mächte, die mit brutaler Offenheit die Vernichtung Deutschlands als ihr Ziel proklamierten. Vor dem Ausbruch des Krieges konnte man gelegentlich hören, daß Deutschland sich noch in einem Zustand politischer Unreife be-finde. Wir lassen es dahingestellt, ob dieses Urteil zutreffend war. Jedenfalls hat unser deutsches Volk, als der Sturm losbrach und zum Orkan wurde, überraschend schnell begriffen, daß es sich sür uns um nichts geringeres handelt als nm unsere Existenz. Wofür wir kämpfen? Fragt den Landmauu, er wird euch sageu: für die Scholle Erde, auf der meine Eltern saßen, die ich mit Schweiß und Fleiß alljährlich bearbeite, die mir und den Meinigen das Brot gibt! Fragt den ergrauten Landwehrmann, der auf den Ruf des Kaisers zu den Waffen eilt, er wird euch sagen: für mein Haus und meine Kinder! Fragt die Mutter, die mit bebendem Herzen, aber mit leuchtenden Augen ihren Söhnen den letzten Blumen strauß in die Hand drückt, und sie wird euch, wenn auch vielleicht mit zitternder Stimme, stolz antworten: ich gebe willig mein Bestes, meine Hoffnung, meine Zukunft, denn das Vaterland ist in Gefahr! Wie oft haben sie darüber jenseits des Kanals gewitzelt, daß der Deutsche so viel von „Vaterland" rede. Ja dieses deutsche Vaterland ist das Größte, das Herrlichste, das Erhabenste, was wir kennen, es umschließt für uns die höchsten Lebenszwecke und die edelsten Güter, es hat eine unermeßlich reiche Geschichte und eine hochentwickelte Kultur, von der das Ausland sich gern befruchten ließ, bis ihm die Leidenschaft das Auge getrübt hat. Wir wissen, wofür wir kämpfen: für die Erhaltung deutschen Volkstums, für unsere geliebte deutsche Heimat, für die Freiheit, unser Leben so z» gestalten, wie wir es wollen. Das Kriegsspiel geht um einen hohen Einsatz, das fühlt jeder. Daher die Wucht des Ansturms unserer Armee, die nicht eine bezahlte Söldnertruppe, sondern das bewaffnete Volk selbst ist; daher der Wille zum Sieg, der aus der klaren Einsicht hervor geht, daß es sich für uns um Sein und Nichtsein handelt; daher die vor keinem Opfer zurückschreckende Hingebung, die aus einem reinen Gewissen uud einem tief erfaßten Pflichtbewußtsein ihre Kraft schöpft. 23 Die unheimlich langen Verlustlisten umschließen viel bitteres Herzeleid, aber sie zeigen zugleich, wie reich unser deutsches Volk ist. Die Klage über den sür das Vaterland Verbluteten hat ihr Recht, aber ein noch größeres das Leben, das weitere Ansprüche erhebt. Ein starker Trost ist auch der Gedanke, daß nicht die Länge eines Lebens über seinen Wert entscheidet, sondern der Inhalt, den es gehabt hat. Die auf dem Felde der Ehre Gefallenen aber haben das Größte vollbracht, was ein Mensch vollbringen kann. Sie lebten nicht sich selbst, sondern opferten sich ihrem Volk. Wir wissen, wofür wir kämpfen! Und unsere Gegner? Es ist eine müßige Frage, ob sie noch hente nach deu Erfahrungen der letzten drei Monate deu Waffeugang mit uns wagen würden, — hunderttausende von Familien sind ihrer Ernährer beraubt und die französische Mutter wird empfinden wie die deutsche, — wir haben es hier nur mit der Tatsache zu tun, daß sie uns zum Kriege gezwungen haben. Daher kommt unseren Feinden die Last des Beweises ihres vermeintlichen Rechtes zu. Wofür kämpfen sie? Gegen den deutschen Militarismus? So sagen sie. Die geographische Lage Deutschlands hat uns gezwungen, den Frieden zu schützen, indem wir uns für den Krieg rüsteten. Eingekeilt zwischen Rußland und Frankreich, mußten wir die schwere Bürde unserer Wehrmacht auf uus nehmen und zur Sicherung nnseres Volkstums unsere Flotte ausbauen. Die Lasten waren für uus nicht leicht, aber die Statistik erweist, daß trotz der gewaltigen Summen, die wir für diese Zwecke verwandten, auf den Kopf des deutschen Volkes jährlich ein geringerer Betrag entfallen ist als im Durchschnitt der Russe, der Engländer und Franzose zu zahlen hatte. Doch nicht auf diese Zahlen kommt es an, sondern auf die Tatsache, daß wir 44 Jahre den Frieden bewahrt haben, und zwar unter Verhältnissen, deren Nichtausnutzung für unsere Zwecke den schlagenden Beweis fried fertiger Gesinnung erbracht hat. Es braucht nur an den Burenkrieg4 erinnert zu werden. Es war alw unser „Militarismus" ein Mittel zur Erhaltung des Friedens, er trieb uns nicht in den Krieg. Die Entwickelung Deutschlands in den letzten Jahrzehnten hat zugleich den Beweis geliefert, daß große Opfer für das Vaterland und die Pflege soldatischen Geistes mit ernster Kulturarbeit sehr wohl ver einbar sind. Wir dürfen sogar sagen, daß wir es eben unserem „Militarismus" zum nicht geringen Teil zu danken haben, daß unser deutsches Volk in der Zeit seit dem Jahre 1870 einen starken kulturellen Fortschritt zu verzeichnen hatte. Denn die unvergleichliche militärische Erziehung weckte und pflegte die Eigenschaften, die sür die Vorwärts- entwickelung eines Volkes entscheidend sind: die Unterordnung der eigenen Persönlichkeit unter höhere Zwecke, die Geistesgegenwart, die Fähigkeit zu selbständigem Handeln, die Selbstzucht, das Einsetzen aller Kraft für die Lösung einer übernommenen Aufgabe. Die entscheidenden Ursachen des kriegerischen Vorgehens unserer Nachbaren sind also auf andere» Gebiete» zu suchen. Wo liegen sie? Vor kurzem hat eiu günstiges Geschick uns Geheimakten der belgischen Regierung zugäng lich gemacht, aus denen hervorgeht, daß die Verschwörung gegen uns schon längst im Gange gewesen ist. Der Geschichtsschreiber künftiger Tage wird anch über viele andere Stücke der Vorgeschichte des ge waltigen weltgeschichtlichen Schauspiels, das wir durchleben, besser Bescheid wissen als wir und daher ein klareres Bild davon zeichnen können, wie man uns hinterging, wie die Hand das Schwert schon schliff, während der Mund Worte des Friedens sprach, wie man an die Friedensliebe unseres Kaisers appellierte und schon ausholte zu einem heimtückischen Einbruch in unsere östlichen Provinzen. Wenn einst sich die Archive der europäischen Staaten geöffnet haben wer den, wird vielleicht auch mancher jetzt verbreitete Irrtum richtig gestellt werden können, es werden auch einzelne Ereignisse unter nene Gesichtspunkte rücken, und manche Rätsel sich lösen. Aber es wirdsich doch immer nur um Dinge zweiten und dritten Ranges handeln können. Denn was diesen Weltkrieg im letzten Grunde hervorgebracht hat, wissen wir schon jetzt und brauchen nicht zu warten, bis die ver staubten Akten der Regierungen der wissenschaftlichen Forschung frei gegeben werden. Der tiefste Grund des Krieges ist das Aufsteigen des dentschen Volkes seit der Begründung des deutscheu Reiches. Wäre unser deutsches Volk auf der Entwicklungsstufe stehen geblieben, auf der es sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts befand, wir würden noch heute in Frieden leben. Solange wir „das Volk der Dichter und Denker" waren, solange der Bayer, der Hesse, der Preuße sich wie verschiedene Nationen gegenüberstanden, solange wir unsere Maschinen aus England bezogen, solange unsere Kauffahrtei schiffe unter britischem Schutz ihre Fahrten machten, solange wir zu dem englischen Volk wie zu einem Herrenvolk empor blickten uud seinen Weisungen folgten, waren wir wohlgelitten und erhielten von Zeit zu Zeit gnte Zenfureu für unser Wohlverhalten. Aber da erlebten wir das Größte, was ein Volk erleben kann: die Einigung unseres Volkes durch die Begründung des Deut sche« Reiches. Kein Zeitgenosse konnte ahnen, was dieser Zusammen schluß bedeuten sollte. Die kühnsten Erwartungen wnrden übertroffen. Indem die verschiedenen Stämme sich zn einem großen Ganzen zu sammenfügten, wurden nicht nur die bisher in verschiedener Richtung auseinandergehenden Kräfte zusammengefaßt und in den Dienst der gleichen Aufgaben gestellt, sondern es begannen in und mit diesem Zusammenarbeiten aus den Tiefen unseres Volkstums auch neue Lebensmächte emporzusteigen. Hatte bislang der Ausdruck „Deutsches Volk" eine durch die deutsche Sprache und die deutsche Eigenart lose zusammengehaltene Größe bezeichnet, so wurde er jetzt der Ehren titel einer Nation, die mit dem Augenblick, wo sie eine solche sein wollte, einer Zeit beispiellosen Fortschritts entgegenging. SDie Bevölkerung Deutschlands vermehrte sich unter besseren Lebensbedingungen, die sie sich selbst schns; sie stieg von 1! Millionen im Jahre 1871 auf 65 Millionen im Jahre 1910. In rastlosem Eifer entwickelte sich unsere Industrie, unsere Technik vervollkommnete sich, unser Handel breitete sich aus bis an die Enden der Erde, es entstand das deutsche Weltreich, d. h. das Riesenreich, das weit über die politischen Grenzen unseres Vaterlandes hinausstrebte und in seiner Mitte deutsche Kultur, deutsches Denken und deutsches Fühlen, deutsche Arbeit und deutschen Fleiß zn einer bisher unbekannten Höhe uud Blüte emporhob. Nachdem dieser Prozeß einmal begonnen hatte, nahm er einen raschen Fortgang. Wir brauchten Brot, wir brauchten Arbeit, wir brauchten Käufer. Darum zog aus der deutsche Bauer, der deutsche Kaufmann, der deutsche Ingenieur, der deutsche Techniker, um, wohin sie drangen, den deutschen Namen durch deutsche Pflichterfüllung und Gründlichkeit zu Ehren zu bringen und dnrch deutsches Wissen und Können neue Werte zn schaffen. Ein Strom von Kraft ging von nnserem Volke aus und befruchtete fernste Länder, Deutschland wurde sich seiner Kraft bewußt, wurde unternehmend, wurde reich. War es ein Unrecht gegen England, daß unsere Fabriken billiger und zum Teil besser arbeiteten als die englischen, daß unsere Schiffe in immer größerer Zahl den Ozean durchfurchten, daß die Riesen dampfer der Hapag und des Norddeutschen Lloyd die besten Dampfer der Welt wurden, daß die Erzeugnisse unserer Industrie auf dem Weltmarkt siegreich vordrangen, und daß für einzelne Industriezweige das deutsche Fabrikat die Industrie anderer Länder schlug? War es ein Übergriff in die Rechte anderer, daß die deutschen Universitäten und technischen Lehranstalten das Höchste boten, was der Menschen geist geschaffen und erarbeitet hat, so daß alle europäischen Staaten ihre jungen Gelehrten zu ihrer Ausbildung uns zusandten und wir 67 in die Lage kamen, den Vertretern aller Erdteile Gastfreundschaft zu gewähren? Wir wissen, daß wie der Reichtum Pflichten auferlegt, so auch die Bildung. Haben wir sie etwa vernachlässigt? Hat jemand die Stirn, zu behaupten, daß wir Deutschen die Früchte unserer Arbeit geizig nnd kleinlich nur selbst genießen wollten? Nein, wir haben hochherzig und freigebig jedem einen Anteil an dem ge währt, was rastloser Fleiß, was spürender Scharfsinn, was die ge schickte Hand unseres Arbeiters in unserer Mitte hervorgebracht hatten. Wir öffneten den fremden Gästen unsere Kliniken, unsere Labora torien, unsere Versuchsanstalten ohne Arg, wir freuten uns des Fort schritts als solchen, auch wenn er sich nicht mit einem deutschen Namen verknüpfte, wir fühlten uns als Glieder einer alle Völker umfassenden Arbeitsgemeinschaft, die von dem Gedanken getragen war, daß jeder Teil seine besten Kräfte in den Dienst der Menschheit zu stellen hatte. Wir verstehen, daß diese wirtschaftliche, industrielle, handels politische Machtstellung Deutschlands als eine Konkurrenz empfunden worden ist, wir begreifen, daß dieses unvermeidliche Vorwärtsstreben des deutschen Volkes anderen Völkern lästig wurde, wir verkennen auch nicht, daß unser deutsches Volk, das kaum noch Analphabeten in seiner Mitte kennt, den Nationen eine fast unheimliche Größe wurde, die für Volksbildung kein Interesse hatten oder sie fürchteten. Aber aller Fortschritt in der Geschichte der Menschheit ruht auf dem Wettbewerb, er ist die Seele der Entwickeluug zu höheren Kultur stufen. Die durch das deutsche Volk sich beengt fühlenden Nationen hatten daher Recht und Pflicht, in diesen Kampf einzutreten. An dem Tage, wo es ihnen gelang, die deutsche Technik zu schlagen, die deutsche Industrie zn überflügeln, durch Qualitätswaren ersten Ranges die deutschen Waren in Schatten zu stellen, hätte es keine „deutsche Gefahr" mehr gegeben. Und ein solcher Ringkampf mit uns konnte8 uns selbst nur willkommen sein, denn er hielt uns in Atem, zwang uns zn unermüdlicher Prüfung unserer eigenen Leistungen, trieb uns weiter hinein in das ruhelose Riugcn um eine Verbesserung unserer Arbeitsmethoden. Ein solcher Wettkampf wäre ehrlich und gerecht gewesen und er hätte dem Fortschritt gedient. Kein Volk hat ein Erbrecht auf die Führerstellung in der Welt geschichte. Spanien und Portugal hatten einst ihre große Zeit, dann Holland, darauf Frankreich, dann stieg England empor und hat das 19. Jahrhundert hindurch als Beherrscherin der Meere die Welt politik gemacht. Vom Beginn des deutsch-französischen Krieges 1870 an ist offenbar, daß England, das in dem deutschen Volk die Weltmacht der Zukunft ahnte, ihm zu schaden versuchte, wo sich ihm immer eine Gelegenheit geboten hat. Sein Neid wuchs mit jedem Jahrzehnt und steigerte sich, je mehr es seine Unfähigkeit erkannte, in ehrlichem Wettbewerb sich seine führende Stellung zu erhalten. Da es ihm auf friedlichem Wege nicht gelang, des deutschen Nebenbuhlers Herr zu werden, hat es jetzt den ruchlosen Krieg entfacht, der Deutschland zermalmen soll. Der Engländer liest sonst viel in der Bibel, aber jetzt schlug er sie nicht aus oder an der falschen Stelle; der Engländer weiß sonst eindringlich von Moral und Humanität zu reden, aber jetzt erwachte in ihm der alte Seeräuber; der Engländer pries sonst das Völkerrecht und gefiel sich gern in Abrüstungsvorschlägen, jetzt trat er das Völkerrecht mit Füßen und kehrte zur Kampfweise des 12. Jahrhunderts zurück, begeht schwersten Vertrauensbruch gegen über der Türkei, verwendet Dum-Dnm-Geschosse, kapert ein Lazarett schiff und gibt dem rohen Pöbel gegen wehrlose Deutsche freie Hand, die in langen Jahren durch ernste Berufsarbeit dem Lande gedient hatten. Wie Frankreich zu uns stand, wußten wir. In einer Art von Selbsthypnose hat es seine Kraft und seine Mittel an die Erreichung9 eines Ideals vergeudet, das ihm jetzt ferner gerückt ist als jemals zuvor. Immerhin es lebte, es kämpft und stirbt für ein, von seinem Stand punkt aus geurteilt hohes Ziel. Rußland, das asiatische Weltreich von uubezwinglichcm Länder- Hunger, das Land der chronischen Judenverfolgungen und des skrupel losen Despotismus, haßte in Dentschland den wirtschaftlich und kulturell überlegenen Nachbar, das Land des Fortschrittes und der höheren Gesittung. Das Verhalten der russischen Truppen in Ost preußen hat bewiesen, daß wir Rußland zn hoch einschätzten, wenn wir es zu dem europäischen Kulturkreis gerechnet haben. Aber weder Frankreich noch Rußland, noch beide vereint, würden den Mut gefunden haben, mit uns die Klingen zu kreuzen, wenn nicht England sie ermutigt hätte. So ist es England, dem wir es in letzter Linie verdanken, daß der grüne Rasen jetzt Hunderttausende deckt, daß die Millionenheere miteinander ringen, daß unser Erdteil von Waffen starrt. Und dasselbe England ist es gewesen, das die halbe Welt gegen uns mobilisiert hat, weil es selbst nicht den Mut findet, die allgemeine Wehrpflicht einzuführen, die die stärkste Bürgschaft des Friedens ist. Aber England ist noch einen Schritt weiter gegangen, denn es hat die Japaner gegen uns aufgerufen und die Völker Indiens gegen uns ins Feld geführt, während die Schwarzen Afrikas unter französischen Fahnen stehen und die Mongolen Junerasi'ens im russi schen Heere fechten. Wir wollen hier auf die Frage nicht eingehen, was diese Ver wendung außereuropäischer Truppen, was vor allem die Herein- ziehnng Japans in diesen Krieg für England selbst bedeutet — der Tag wird kommen, wo das englische Volk die Folgen dieser kurz sichtigen, mir dem Augenblick angepaßten Politik als einen der un heilvollsten Fehlgriffe der jetzigen Regierung beklagen wird, — aber diese Maßnahmen sind mehr als eine schwere Bedrohung Englands.Sie bedeuten nichts geringeres als die Zertrümmerung der Ein heit der weißen Rasse und die Zertrümmerung der großen Kulturgemeinschaft der Völker des europäisch-amerika nischen Knltnrkreises. Die Absichten und Ziele Englands gegenüber Deutschland treten vor allem in der Art hervor, wie es den Kampf außerhalb des euro päischen Kontinentes eingeleitet hat. Er gilt der Vernichtung des deutschen überseeischen Handels und des deutschen Kolonialreiches, d. h. der Vernichtung der deutschen Weltmachtstellung. Gelänge England dieser Schlag, dann würde es mit Gleichmut und vielleicht mit stiller Genugtuung auf die Zerfetzung Frankreichs und die unermeßlichen Blutopfer Rußlands Hinblicken und würde zu der ihm passend erscheinenden Zeit in wohlgesetzten Worten den Frieden verkünden, um zugleich das Verdienst für sich in Anspruch zu nehmen, dem Morden der Völker ein Ende gesetzt zu haben. Bei dieser Sachlage ist es durchaus verständlich, daß der An sturm unserer Feinde sich nicht nur gegen die Grenzen unseres Vater landes, sondern sofort auch gegen nnsere Kolonien gerichtet hat. 2. Vor 30 Jahren standen wir in den ersten Anfängen unserer deutschen Kolonialpolitik. Wenn vor 20 Jahren unser Kolonial besitz bedroht worden wäre, würde der größere Teil des deutschen Volkes mit Gleichmut den Lauf der Dinge verfolgt haben. Noch vor 10 Jahren war die deutsche Kolonialpolitik so wenig populär, daß die Kunde von dem Verlust einiger Kolonien kaum weitere Kreise unseres Volkes in größere Erregung versetzt hätte. Heute erblicken wir in ihnen deutsches Land, für das wir nnfere Kraft einsetzen wie für die Behauptung des heimatlichen deutschen Bodens. Es hat also langer Jahre bedurft, bis wir ein Kolonialvolk wurden. Wir 1011 waren so eng und kleinbürgerlich, daß »vir es anfänglich nicht be griffen, daß der Besitz von Kolonien für unser deutsches Volk schlecht hin unentbehrlich ist, wir waren auch so unerfahren, daß wir einige Zeit brauchten, um zu verstehen, daß die Kolonien erst Gegenstand ernster Arbeit werden und erst beträchtliche Kapitalien in sie hinein gesteckt werden mußten, ehe wir auf reiche Ernten hoffen durften. Das letzte Jahrzehnt aber hat uns weiter gebracht. Der hohe wirt schaftliche, nationale und ideale Wert unserer Kolonien ist jetzt all gemein anerkannt und das deutsche Volk ist fest entschlossen, die Länder zu behaupten, die ihm große Opfer an Gut und Blut ge kostet haben. Da Deutschland jährlich zwei Milliarden Mark für Kolouial- prodnkte verausgabt, ist es für unseren Volkswohlstand von großer Wichtigkeit, wenn es gelingt, ans unseren eigenen Kolonien auch nur einen beträchtlichen Teil der bisher aus fremden Ländern bezogenen Rohstoffe zu beziehen. Dazu kommt, daß die Gesamtheit unseres Volkes ein lebhaftes Interesse daran hat, daß der deutschen Industrie in unseren überseeischen Besitzungen sich neue Absatzgebiete eröffnen. Eine nüchterne Prüfung der tatsächlichen Verhältnisse zeigt, daß nnser Kolonialbesitz in beiden Richtungen schon jetzt einen nicht unbedeu tenden ziffermäßig erweisbaren Wert darstellt und zu guten Hoff nungen für die Zukunft berechtigt. Vou besonderer Bedeutung ist es, daß in den letzten Jahren das Vertrauen zu der Entwickeluugsfähig- keit unserer Kolonien erheblich erstarkt ist und infolgedessen das heimatliche Kapital in größerem Umfang als früher sich ihnen zu gewandt hat. Da außerdem die Regierungen der einzelnen Schutz gebiete eifrigst bemüht sind, ihre wirtschaftliche Erschließuug zu er leichtern und zn fördern, z. B. durch die Anlegung von landwirt schaftlichen Versuchsstationen, durch die Beschaffung von Saatgut, durch die Einfuhr von Zuchtvieh, durch Unterstützung von Waffer-12 anlagen (Südwest), durch den Ausbau des Verkehrswesens usw., so kann die erfreuliche Tatsache festgestellt werden, daß der wirtschaft liche Wert unserer Schutzgebiete, seit sie unter dentscher Verwaltung stehen, einen bedeutenden Aufschwung erfahren hat. Im Jahre 1890 betrug der auswärtige Handel unserer Kolonien in Einfuhr nnd Aus fuhr noch nicht 10 Millionen Mark, er stieg bei Ausschaltung des Handels von Kiautschau 1900 auf58108000^ (Einfuhr 36761000, Ansfuhr 16978000), 1905 auf 99208000 (Einfuhr 71372000, Ausfuhr 27836000), 1910 auf 229 683 000 (Einfuhr 128811000, Ausfuhr 100 812 000) und erreichte 1912 die Summe von 263559000^5 (Einfnhr 112679000, Ausfuhr 120880000). In dem gesamten Außenhandel Deutschlands nimmt die Summe von 263 Millionen Mark freilich einen bescheidenen Platz ein, aber sie ist hoch zn bewerten, wenn man beachtet, daß der Wert unserer Kolonien in einer stetig aufsteigenden EntWickelung begriffen ist. Was ist bei spielsweise ans Deutsch-Südwestafrika geworden, seit der Frieden wieder hergestellt worden ist! Die Farmwirtschaft erweitert sich von Jahr zu Jahr und wird durch die planmäßig fortschreitende Wasser erschließung ergiebiger; schon hat mit der Ansfuhr von Fleisch be gonnen werden können. Dem Ackerbau wird" große Aufmerksamkeit geschenkt; Wein- und Obstbau machen große Fortschritte. Eine große Zukunft hat der Bergbau, der nicht nur auf die Gewinnung von Diamanten, die znr Zeit noch die Haupteinnahmequelle des Schutz gebietes bildet, gerichtet ist, sondern anch bei der Fördernng von Zinnerzen, Kupfer und Blei schon zahlreiche Arbeitskräfte beschäftigt. Auch die Straußenzucht erregt gute Hoffnungen; die Afrika-Marmor gesellschaft hat edles Gestein zu uns herübergebracht uud die junge Lüderitzbuchter Fischereigesellschaft hatte zur Zeit meines Besuches im Jahre 1913 schon recht befriedigende Resultate in der Verarbeitung von Walfischen aufzuweisen.13 Deutsch-Ostafrika besitzt im Vergleich mit Deutsch-Südwest noch größere und mannigfaltigere wirtschaftliche Aussichten. Was die Tropenwelt an Schätzen zu bieten vermag, breitet sich auf den lachenden Gefilden von Usambara und an den Abhängen des Kili mandscharo aus, die durch ihre Fruchtbarkeit so wertvoll sind, daß sich Plantage an Plantage drängt. Was bringt nicht alles der Boden hervor, an Kautschuk, Ölfrüchten (Kokospalmen und Erd nüssen), Baumwolle, Kaffee, Sisal, Zuckerrohr, Bananen, und die selbständigen Kulturen der Eingeborenen stehen hier neben denen der Europäer. Und wie wird die Viehzucht sich entwickeln, wenn erst die Tsetsefliege wirksam bekämpft werden wird. Unsere Kolonien bilden daher schon jetzt in unseren wirtschafts politischen Berechnungen einen wichtigen Faktor, sie sind auch das Ziel einer deutschen Einwanderung. Als eigentliches Besiede- lnngsgcbiet kann zwar nur Südwest gelten und einzelne Teile von Ostafrika, aber die Zahl der in den Kolonien ansässigen Weißen beträgt bereits 2-5 000, von denen etwa 1-5 000 aus Südwest entfalle». Wir dürfen es nicht gering einschätzen, daß hier bereits mehr als 2000 deutsche Familien ansässig sind. Das Klima ist der deutschen Frau zuträglich, die Kinder gedeihen und das Leben in diesem Lande hat große Reize. Wie viele Schutztruppenoffiziere und Mannschaften haben sich Farmen nach Ablauf ihrer Dienstzeit angekauft, auch Ärzte und Beamte, und der tüchtige Handwerker hat ein sehr gutes Aus kommen. Jede deutsche Familie, die sich zu dauerndem Aufenthalt ansiedelt, stärkt den Wert der Kolonien und kann als ein Vorposten deutschen Wesens, deutscher Gesittung, deutschen Gemütslebens unserem Volke unschätzbare Dienste leisten. Schon gibt es zahlreiche Heim stätten deutschen Wesens in diesem Land, das jedem ans Herz wächst, der es kennen gelernt hat, und vielen zur zweiten Heimat geworden ist. Und es ist noch viel Raum für weiteren Zuzug aus Deutschland.14 Aber wir verdanken unseren Kolonien noch weit Größeres: sie haben in den Jahrzehnten seit der Reichsgründung unserem Volk große Ausgaben gestellt, die unsere Kräfte stark in Anspruch nahmen. Sie verlaugten zu unserem Glück ernste Anstrengungen, forderten Opfer, stellten uns vor unbekannte Schwierigkeiten. Unser Kolonialwesen wurde mehr und mehr den parteipolitischen Interessen und Gegensätzen entrückt, und ein Arbeitsfeld des gesamten deutschen Volkes, das den Unternehmungsgeist weckte, das tatkräftigen Persön lichkeiten mannigfache Möglichkeiten, sich zu betätigen, darbot, der allen Zweigen der Wissenschaft neue, zum Teil überaus anregende Forschungsgebiete erschloß, das Gelegenheit bot, militärische Erfah rungen zu sammeln und dem Geistesleben unseres ganzen Volkes eine Fülle von fruchtbringenden Anregungen zugeführt hat. Je mehr wir uns dann in das uns fremde Gebiet der Kolonial politik einlebten, um so klarer wurde uns, daß wir der eingeborenen Bevölkerung gegenüber ernste Pflichten haben. Hier setzte die großartige Wirksamkeit der christlichen Missionen ein, die sich um die Zivilisierung und geistige Hebung der Eingeborenen die größten Verdienste erwarben und sür die fortschreitende Kolonisierung in vielen Beziehungen ein wertvoller Mitarbeiter wurden. So ist in wenigen Jahrzehnten jenseits des Weltmeeres ein Neudeutschland entstanden, das nicht nur staatsrechtlich zu uns gehört, sondern durch starke Interessen, durch unsere Arbeit, durch das dort geflossene deutsche Blut, durch engste persönliche Beziehungen mit uns verknüpft wurde. Diese unsere Kolonien sind jetzt Kriegsschauplatz. 3. Sofort nach dem Ausbruch des Krieges stürzten sich unsere Gegner auf unsere Kolonien. Rußland schied für diesen Kolonial-krieg ans, da seine Flotte in den europäischen Gewässern festgehalten ist. Belgien und Frankreich kamen für unseren westafrikanischen Besitz als Feinde in Betracht, England ist näherer oder entfernterer Nach bar aller unserer Kolonien und der Todfeind nnseres Kolonialwesens. Unsere Besitzungen in der Südsee und in Ostasien sind in erster Linie dem Ansturm Japans ansgesetzt, das mit großer Behendigkeit sich von den Rücksichten auf seine Bundesgenossen frei gemacht hat und seine Raubzüge auf eigene Rechnung unternimmt. Der erste von England geführte Schlag war die Durchschnei dung der deutschen Kabel, d.h. es wurden unsere Kolonien iso liert. Seit diesem Zeitpunkt passieren alle von dort zu uns gelangenden Nachrichten die englische Zensur, und unsere Kolonien werden in gleicher Weise auf das angewiesen sein, was die englische Regierung mitzuteilen für gut befindet. Die Erfahrungen, die wir mit dem Reuterbüro in Europa gemacht haben, lassen uns ahnen, in welcher Weise das Telegraphenmonopol ausgenutzt werden wird, um durch tendenziöse Entstellungen unsere deutschen Landsleute draußen einzu schüchtern. Es ist daher das größte Mißtrauen in bezng auf alle Nachrichten am Platze, die durch englische Vermittelungen über Er eignisse in unseren Kolonien zu uns gelangen. In kürzester Zeit wurden alle Teile unseres Kolonial reiches in den Krieg hineingerissen. Daß unsere Südseekolonien nicht zu halten sein würden, war von vornherein klar, denn sie waren militärisch nur schwach besetzt und nicht befestigt, konnten auch nicht durch eine deutsche Flotte ge schützt werden. Im September ist daher der größte Teil von den Engländern besetzt worden; daß Japan auf die Marschall-, Marianen- uud Karolinen-Inseln die Hand gelegt hat, hat in London vielleicht mehr überrascht als in Berlin. Kiantschou ist unter musterhafter Verwaltung im Laufe von wenigen Jahren ein Knltnrzentrum ersten ISRanges und ein viel beneideter Vorort des Deutschtums in Ostasien geworden. Durch die große ihm zugewandte Mühe und Fürsorge ist es uns ans Herz gewachsen; was es jetzt durchzumachen hat, trägt unser ganzes Volk mit. Unsere afrikanischen Besitzungen befinden sich in sehr ver schiedener Lage. Togo war nicht zu behaupten; englische Trnppeu rückten von der Goldküste ein, französische von Dahomey. Die wenigen Deutschen sollen der Übermacht erlegen sein. Wesentlich anders liegen die Verhältnisse in den drei anderen unserer größten Kolonien, in Kamerun, Südwest und Deutsch- Ostafrika. In Kamerun soll es Ansang September zu Kämpfen gekommen sein, die zur Besetzung des Küstenplatzes Dnala führten. Dann haben noch eiue Reihe von weiteren Zusammenstößen stattgefunden. Nach Zeitungsnachrichten von Anfang Oktober haben die deutschen Truppen über die Belgier Erfolge errnngen und machen den französischen und englischen Streitkräften sehr zu schaffen. In Südwest ist der Hafen Lüderitzbncht von den Engländern am 19. September besetzt worden, am 21. hat sich die Station Schuck- mannsbnrg am Sambesi in dem sogenannten Caprivizipsel einer rhodesischen Polizeitruppe ergeben müssen. In Deutsch-Ostafrika soll in Dar-es-Salam dnrch den eng lischen Kreuzer „Pegasus" das dort stationierte Vermessungsschiff die „Möve" versenkt und dann die Stadt zerstört worden sein, jedenfalls wurde der Funkenturm vernichtet. Außerdem haben in verschiedene» Greuzdistrikteu im Inneren zwischen englischen und deutschen Truppen Scharmützel stattgefunden. Ein Rnndblick über unseren Kolonialbesitz zeigt also, daß ein Teil in der Hand unserer Gegner ist. Es wird auch mit der Mög lichkeit zu rechnen sein, daß bei längerer Dauer des Krieges unsere 1617 Verluste noch wachsen werden. Wir haben die Pflicht, nüchtern und klar dieser ernsten Sachlage ins Gesicht zu sehen, damit wir ruhigen und festen Herzens allen etwa zn uns gelangende« bedrohliche» Nach richten gegenüberstehen. Aber die bisherigen Ereignisse und die gegenwärtige Gcsamtlage bietet keinen Grund zu Befürchtungen für die Zukunft. Unsere Zuversicht gründet sich auf folgende Tatsachen: Zu den erhebendsten Äußerungen der gewaltigen in unserem deutschen Volke ruhenden und jetzt mit elementarer Gewalt hervor brechenden sittlichen Kraft gehört die Tapferkeit, mit der der aufgedrungene Kampf durchfochten wird. Auch die Ausland- deutschen, die aus allen Teilen der Welt herbeieilen wollte», um in unsere Reihen einzutreten, sind von diesem Geist beseelt. Freilich ist es nur »venigen gelungen, den deutschen Boden zu erreichen. Und wie haben sich unsere Landsleute in Togo, in Kamerun geschlagen! Von Südwest aus wurdeu kühne Vorstöße unternommen nach Süden ins Kapland, am 19. September nach Rietfontein, östlich von Keet- mannshoop in Britisch-Betschnanaland. In Deutsch-Ostafrika hat uuser Kreuzer „Königsberg" in der Bucht von Sansibar den englischen Kreuzer „Pegasus" unschädlich gemacht uud auch im Inneren be tätigte sich der deutsche Augriffsgeist. Schon am Z. September hat eine Abteilung von der Südspitze des Tanganikasees aus eiueu Ein fall nach Britisch-Nordrhodesia gemacht und die Niederlassung Aberkorn angegriffen. Nach einer Meldung aus Nairobi, der Hauptstadt von Britisch - Ostafrika an der Ugandabahn in der Mitte zwischen dein Hafenplatz Mombassa und dem Viktoriajee, rückten unsere Truppen am 12. September am Ostufer des Viktoria sees in das britische Gebiet ein und haben offenbar den Engländern schwere Stunden gebracht. Auf diesem See scheint es dann zu ver schiedenen Kämpfen gekommen zu fein. Auf dem Njaffasee warschon vorher von englischer Seite der kleine Dampfer „Hermann von Wißmann" gekapert und am 8. September die am Ostufer gelegene Station Langenburg beschossen worden. Von den Kämpfen in unseren Südseekolonien haben wir nur einige genauere Nachrichten über den Überfall auf Herbertshöhe, der Hauptstadt von Neu-Pommern im Bismarckarchipel. Nach einem erbitterten Widerstand von 18 Stunden haben unsere Landsleute sich hier am l t. September unterwerfen müssen. Wie sich unn auch die Dinge in den einzelnen Kolonien ge stalten mögen, wir wissen, daß der Deutsche draußen vor dem Feinde sich ebenso halten wird, wie jetzt auf dem französisch-belgischen und auf dem russischen Kriegsschauplatze. Die Selbstverständlichkeit treuer Pflichterfüllung bis zum Tode, die unsere Krieger dort im Westen bewähren, wo der Donner der Geschütze mit dem Tosen des Atlan tischen Ozeans wetteifert, findet ihr packendes Gegenstück in jener Tragödie, die sich an den Grenzen des Großen Ozeans in Ostasien abspielt: Die Geschichte der Belagerung von Tsiugtau, die Geschichte schlichten dentschen Heldentums! Was der stahlharte Befehlshaber dieser Feste unserem Kaiser in jenem ergreifenden Telegramm: „Ein stehe für Pflichterfüllung bis aufs äußerste" gelobt hat, ist der Wille des ganzen deutschen Volkes. Unsere Zuversicht in bezng auf die Zukunft unserer drei größten Kolonien: Kamerun, Südwest und Deutsch-Ostafrika gründet sich ferner darauf, daß eine Eroberung dieser Länder durch Eng land in absehbarer Zeit nicht zu erwarten ist. Kamerun und Deutsch-Ostafrika sind doppelt so groß wie Deutsch land, Südwest ist anderthalb mal so groß. Möglich und leicht erreichbar war die Besetzung des Haupt eingangshafens in Kamerun, die von Lüderitzbncht, auch die Besetzung 1819 von Dar-es-Salam, wenn sie erfolgt sein sollte. Ebenso könnte viel leicht ohne größere Schwierigkeit mich Swakopmnnd nnd Tanga be setzt iverden. Diese Maßnahmen sind zweifellos ein schwerer Schlag, da sie den gesamten Außenhandel lahm legen und zugleich die Ver bindung der Kolonien mit Europa gelöst haben. Aber damit sind die Kolonien noch nicht erobert. In wenigen Stunden würde die Bahn von Swakopmnnd ans ins Innere gesperrt werden, und in kürzester Zeit wird der von Lüderitzbucht nach Keetmanshoop führende Schienenstrang anf eine so weite Strecke zerstört worden ftiu, daß ein Eindringen der Engländer auf diesem Wege als ausgeschlossen gelten darf. Ähnliche Verhältnisse herrschen in Deutsch-Ostafrika, wo nur die beiden Bahnen von Dar-es-Salam nach dem Tanganika see und von Tanga nach dem Kilimandscharo ins Innere führen. Durch dieses Vorgehen wird für beide Kolonien — das Eisenbahn netz in Kamerun weist noch keine das ganze Schutzgebiet durchlaufende Linien auf — der Zustand wiederhergestellt sein, der vor dem Bau unserer Eisenbahnen dort bestand. Ein Eindringen in das Innere und damit die Möglichkeit der Besetzung auch nur der Hauptpunkte des Landes würde daher nur durch die Ausrüstung großer Expedi tionen möglich sein. Solche Expeditionen sind aber in dem Umfang, wie sie notwendig wären, nm diese Schutzgebiete zu erobern, zurzeit unmöglich. Bei dieser Sachlage ist es so gut wie ausgeschlossen, daß von englischer Seite auch nur der Versuch uuteruommeu wird, diese unsere Kolonien erobern zu wollen. Es werden daher unsere deutschen Familien in Südwest und Deutsch-Ostafrika zwar unter der Ab geschlossenheit von Deutschland leiden, aber sie werden schwerlich — abgesehen vielleicht von Grenzorten — einer englischen Invasion ausgesetzt sein. Die Aussichten für Südwest haben sich außerdem in den letzten Wochen dadurch wesentlich gebessert, daß die Erhebung eines Teiles der Buren gegen die englische Herrschaft die Verweud-barkeit des Militärs des Kaplandes gegen Deutschland wesentlich ein geschränkt, vielleicht sogar unmöglich gemacht hat. Nur in eiuem Falle könnte dieser Krieg sür unsere Kolonien und die in ihnen lebenden Deutschen verhängnisvoll werden, wenn nämlich die eingeborene Bevölkerung diese Kriegswirren zu einem Ausstand gegen die deutsche Herrschaft benutzte. Nim ist freilich die Psychologie der Eingeborenen ein großes Rätsel und wird es bleiben. Aber die deutsche Kolonialregierung hat sie gerecht und human be handelt, sie greift auch energisch und fest zn, wie die Unschädlich machung des King Bell in Kamerun beweist. Es ist daher zu hoffen, daß wir mit Massenerhebungen der Eingeborenen nicht zu rechnen haben. Endlich wird — nnd das ist von der allergrößten Bedentnng — die Entscheidung über die Zukunft nnserer Kolonien nicht in Afrika oder der Südsee, sondern in Europa fallen. Da unsere wackeren Truppen bereits Ostende uud, wie es scheint, bald Calais erreicht haben, werden wir bald in der Lage sein, England, dem wir das ganze Kriegselend verdanken, unseren Gruß zu entbieten von vorn, von oben und von uuteu her. Wenn erst unsere Zeppeline über London dahinfliegen werden, gleich Adlern, die ihre Beute suchen, wenn unsere Unterseeboote nach dem Vorbild von „U 9" todesmutig an die Pauzerkolosse heraustürmeu werden, als ob es gelte, die Mauern von Lüttich zu brechen, wenn erst unsere Kreuzer wie die „Emden" gleich dem fliegenden Holländer die Schrecken der Nordsee werden, dann ist die Zeit der Abrechnung gekommen. Dann wird die Zeit einer neuen großen deutschen Kolonialpolitik anbrechen und man wird nach neuen Kolonialkarten verlangen. England glaubt unser deutsches Volk zu vernichten, indem es unsere Schiffe zerstört, indem es unserem Handel schwere Schläge versetzt, indem es unsere Kolonien besetzt. Aber es übersieht, daß 2021 unsere Schiffe, unser Handel, unsere Kolonien die Wirkungen von Kräften sind, die unzerstörbar sind., Die deutsche Tatkraft, der deutsche Unternehmungsgeist, die deutsche Solidität in Handel und Wandel, die deutsche Ehrlichkeit, die deutsche Gründlichkeit sind Züge des deutschen Volkstums, die tiefer verankert sind, als daß sie durch Pulver und Blei vernichtet werden könnten. Unser Volk erlebt in dieser schweren, aber zugleich so großen Zeit eine religiöse und sittliche Wiedergeburt wie vor 1.00 Jahren. Alte vergessene und verschüttete Kraftquellen haben sich aufgetan und ein neuer Geist durchweht unser Volksleben. Wir werden siegen. Wir glauben an unser Volk! Der Kampf um unsere Kolonien Friedr. Vieweg & Sohn in Braunschweig 1914
