Kolonialpolitik und Kriegsziele  von v. Zchutsbsr - MilchUng lismmerherr 5. /N. äes Ksisers unä Wnigs. Verlag von Lieorg 8tilke in Verlin 7 ttofbuchhSnäler 8r. Ksiserl. unä künigl. ttvheit äes Kronprinzen 1917 2,- Akk.Kotonicrtpotitik und Kriegsziete von v. Schuybar-Mlchlmg Rammerherr Seiner Majestät des Kaisers und Ronigs, Rittmeister a. D. / Mir einer Rarce und zwei Rarrcnskizzcn. Verlag von Georg Srilke, Berlin 7 «Äofbuchhändler Sr. Raiserl. und Rönigl. Hoheit des Rronprinzen 1917Alle Rechte vorbehalten. / " 57^^75'"', >ö!NUc)IS-»L!<! '" /, ^Aorwort. Heute, wo das gesamte deutsche Volk für seines Vaterlandes Freiheit die allerschwersten Opfer bringen muß, ist es jedes Deutschen Ehrenpflicht, nach besten Kräften daran mitzuarbeiten, in diesem Weltkrieg den Endsieg und einen starken Frieden zu erringen. Bei der Abwägung der deutschen Kriegsziele stehen wir vor Entschlüssen, die über unsere Zukunft und die Lebens bedingungen unserer Nachwelt entscheiden. Ich habe versucht, einen Teil dieser Kriegsziele vou meinem Standpunkt aus zu beleuchten, und zwar habe ich hauptsächlich uuser Streben nach außereuro päischem Besitz und die Gesichtspunkte erörtert, unter denen künftig unsere koloniale EntWickelung Aussicht auf Erfolg haben könnte. Ich bin überzeugt, daß die in Nachfolgendem entworfenen Pläne der Erwägung wert und durchführbar sind. Zn Hilfe kamen mir besonders neben theoretischen Studien umfangreich?, in der Praxis gemachte Erfahrungen. Im Jahre 1906, kurz uach der Algeeiras-Konferenz, begann ich auf An heimgeben des deutscheu Gesandten in Marokko, Ministers Or. Rosen, mit dem Erwerb Tanger naheliegender Ländereien. Es geschah dies in der Absicht, vaterländische Interessen fördern zu helfen. Um für die Bewirtschaftung dieser Ländereien Anord nungen zu jtresfen, reiste ich alljährlich im Frühling und im Herbst für .mehrere Wochen dorthin. Mein der französischen und der spanischen Zone, sowie dem englischen Gibraltar nahe liegender Besitz gab mir Gelegenheit zn Beobachtungen auf politischem Ge biet, deren Verwertung im deutschen Interesse mir nunmehr als vaterländische Pflicht erscheint. Ich darf hinzufügen, daß der ver--storbenc Staatssekretär von Kiderlen Waechter in einer mir seiner Zeit gewährten Unterredung meine aus eigenen Beobachtungen und Erfahrungen gewonnenen Anschauungen und Ideen durchaus teilte, und daß ich mich auch neuerdings der Zustimmung einer großen Reihe von Persönlichkeiten erfreuen durfte, deren hohe Stellung oder deren amtlicher Wirkungskreis ihr Urteil schwer wiegen läßt. — Möchten meine Ausführungen Anregung geben, nachzuprüfen, ob sich nach ihnen der Weg zu einer glücklichen kolonial-politischen Zukunft Deutschlands bahnen ließe! Juni 1917. v. Schutzvar-Mikchling. Inhalt. Seite Kolonialpolik und Kriegsziele 5 I. Unsere Kolonien 15 II. Deutschlands Ziele im Orient 26 III. Die Bedeutung der Sinai-Halbinsel für Deutschland und die Bagdad-Bahn 37 IV. Marokko . 51 V. Deutschlands weltwirtschaftliche Ziele gZKolonialpolitik und Kriegsziete. Wie lange noch? Wie lange wird der Krieg noch dauern? Das ist die bange Frage, die heute Jeder aus seinen persönlichen Nöten und Be drängnissen heraus an die Zukunft stellt. Und was wird mit uns werden, wie wird Deutschlands Schicksal sich nach dem Kriege gestalten und entwickeln? Das ist die Lebensfrage des deutschen Volkes, und jeder vaterländisch gesinnte Deutsche,ist im vierten Kriegsjahre dazu berechtigt, die Frage zu tun, und verpflichtet, eine Antwort darauf zu suchen und an ihrer Lösung mitzuarbeiten. Nun: Durchhalten bis zum Endsieg und bis zu einem ehrenvollen Frieden ist die deutsche Parole ge worden, der Niemand mehr widerspricht, welcher ernst genommen sein will. Denn freilich wäre es auch für Deutschland leicht, diesen Weltkrieg zu irgend einem Zeitpunkt durch einen Friedens schluß abzubrechen — aber was dann, wenn mit einem solchen Abbruch der Zündstoff zu künftigen Bränden nicht aus der Welt geschafft fein würde? Wenn ein solcher Abbruch Deutschland in Lebensbedingungen hineinzwingen würde, die zu seinem Nieder gang, ja zu seinem Untergang führen müßten? Ein ehrenvoller Friede darf solche Folgen nicht haben. Und um Wesen und In halt eines «ehrenvollen Friedens wogt nun der Kampf der Rede und Gegenrede. „Kriegsziele", „Friedensgedanken" und Aehnliches sind die Namen zahlloser Broschüren und Schriften des heutigen Büchermarktes, das Thema immer neuer Aufsätze in Zeitungen und Zeitschriften das Losungswort von Hunderten von Versamm lungen und Kundgebungen. Pas Wätset der Sphinx. Diese Bestrebungen sind verständlich, ja sie sind sogar not wendig. Denn es handelt sich bei dem Streit um die Kriegsziele gar nicht darum, das Rätsel der Sphinx zu lösen, sondern darum.— 6 — dazu beizutragen, daß der Öffentlichkeit endlich völlige Auf klärung über die politische Lage in Europa und außer halb Europas werde. Es liegt durchaus im Staatsinteresse, nach allen Seiten hin ausführlich zu erwägen, was zur Erreichung eines'ehrenvollen Friedens notwendig sei, und was dem zurzeit noch entgegenstehe. Es liegt im Staatsinteresse, die natürlichen Grundlagen für einen dauernden Weltfrieden zu finden, ihre Bedingungen zu untersuchen und die Mittel nachzu weisen, durch welche sie zu beschaffen wären. Wenn so überall volles Verständnis ifür unsere politische Lage erzielt ist, dann kann ein Jeder selbst die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Dann wird das deutsche Volk die von der Natur geforderten Kriegs ziele klarer ^erkennen und zu der Ueberzeugung kommen, daß wir einen starken ^Frieden brauchen. Freilich, das Durchhalten ist schwer, wenn der Hunger sein Nechr verlangt, so schwer, daß es kaum möglich ist, dem auf dem Papier Ausdruck zu geben. Andrerseits sollten Alle daran denken, daß die Notlage, in welcher die Bewohner der von uns besetzte^ feindlichen Gebiete !leben, noch viel schrecklicher ist — obwohl unsere Soldaten und Behörden doch menschlich handeln —, und Alle sollten immer wieder daran denken, wie fürchterlich es ge worden wäre, wenn Rußlands Horden oder Frankreichs Ne gerarmeen in Deutschland eingedrungen wären. So vertraut denn auch junser Volk trotz Not und Entbehrungen in mili tärischen Dingen «blindlings Hindenbnrg und seines Gene ralstabs bewährter Leitung. Aber gerade darum ist es Pflicht der Regierung, in politischen und wirtschaft lichen Fragen das ihre zur vollen Aufklärung beizutragen. Das ist doch nicht so schwierig! Es ist Pflicht der Regierung, dem Volke die über unsere Kriegsziele herrschende Unklarheit zu nehmen und damit die Verstimmung über diese Unklarheit zu beseitigen. Dann werden Alle mit noch stärkerer Zuversicht durch halten und -mit noch unerschütterlicherer Festigkeit und noch mann hafterer Geduld die Leiden ertragen, die der Krieg ihnen auf erlegen muß. Z>ie Zerstückelung Aeutschrands. Was haben wir denn seit dem Erwachen des neuen deutschen Reiches zu ^eigenem Leben immer nur gewollt, und was alleinwollen wir heute noch? Eine Weltherrschaft? Eine Herrschaft über die Meere? Nein. Wir wollten und wollen freie Bahn in der Welt für jede tüchtige Nation. Aber das eben wollen die andern, vor allem England, nicht. Sie wollen es uns nicht gönnen, daß wir mitreden und mithandeln. Brotneid war die Triebfeder unserer Feinde, als sie uus diesen Weltkrieg aufzwangen, Neid und Haß waren die Gründe zu der verhöhnenden ablehnenden Beant wortung des deutschen Friedensangebotes vom 12. Dezember 1916 durch die Entente. Da zeigte sich uns deren wahres Gesicht nnverschleiert; denn danach gehen ihre Absichten nach wie vor auf die Zerstückelung Deutschlands und seiner Bun desgenossen hinaus. So wissen denn die Mittelmächte, was sie von ihren Gegnern zu erwarten haben. England und Frankreich haben von Ansang unserer welt wirtschaftlichen Bestrebungen M alle Mittel und Kräfte einge setzt, jeden Aufschwung Deutschlands im Weltverkehr zu verhin dern, und jsie werden das auch weiter tun. England, Frank reich und Rußland — letzteres in Verfolg seiner althergebrachten Wünsche, Konstantinopel Zu erreichen — haben immer danach ge zielt, Deutschland ^besonders vom Orient fern zu halteu. Sie wollten ihm die Wege zu seinen Kolonien verlegen nnd damit seine Kolonisation überhaupt zunichte machen. .Und darum, wenn auch Deutschlands militärische Machtstellung rn Europa jederzeit die Grundlage für seine Weltpolitik bilden und bleiben muß, kann doch der Krieg mit unseren der zeitigen militärischen Erfolgen noch nicht beendet sein. Je un vollkommener Englands und Frankreichs Niederzwingung aus fällt. um >fo höher wird der Haß aller unserer Feinde nach dem Kriege gegen, uns auflodern. Und umgekehrt, je entscheidender und einschneidender der deutsche Erfolg sein wird, desto eher wird die Gehässigkeit abflauen, und desto eher werden unsere Gegner sich mit dem abfinden, was der Weltkrieg dann einmal geschaffen haben wird. Kindenvurgs Aront. Gewiß, wir alle haben die Uebcrzcngnng von der Unüber windlichkeit unserer Waffen auf dem europäischen Kriegsschau- Platz, und wie bisher, werden wir auch allen kommenden An-— 8 — stürmen im Westen und Osten der deutschen Grenzen standhalten. Dazu ist nach Hindenburgs Urteil, „daß unsere Front auf allen Seiten feststeht", alle Aussicht vorhanden. Und wir alle haben die Ueberzeugung von dem wachsenden Erfolg der Tätigkeit unserer U-Boote, die England und seine Genossen! in Vergeltung lihrer Aushungerungspläne immer enger einschnü ren. Damit äst die Entscheidung in Europa zu unseren Gunsten gewährleistet. Aber wenn England und Frankreich auch jetzt zu Lande und Au Wasser erheblich geschwächt sind, so ist damit doch der Weltkrieg moch nicht entschieden. Denn leider haben wir von England kein Pfand in Händen, das wir bei dem Ab schluß des Friedens vorweisen könnten, England dagegen und Japan haben unsere Kolonien. Schon während des Krieges haben unsere Feinde überall in Europa und noch mehr in Asien und Afrika weitere Maßnahmen gegen uns ge troffen und sich Stützpunkte für ihre weltumspannende Kolonial politik gesichert. >F rank reich hat sich in Marokko festge- gesetzt. England hat den Brückenkopf Calais genommen, es streckt sein? Hand nach den dem rigaischen und dem finni schen Meerbusen vorliegenden Inseln aus, es hat Arch angelsk iu seiner Gewalt. Es hat seine Stellung im Mittet- meer durch die Besetzung Cyperns und von griechischen Inseln wesentlich verstärkt. Es hat großzügige Politik in Per sien und Arabien verfolgt, Bagdad erobert, rückt gegen Ghaza vor und drückt so von Persien her einerseits und von Aegypten! her andrerseits die Türken und uns vom Persischen Golf und dem Roten Meere ab. Es hat als Beherrscher des Seeweges durch! den Suez-Kanal den Schlüssel zu unseren Kolonien in seiner Hand und sperrt uns in Bagdad auch den Landweg. Und es hat endlich in dem Heer Sarrails bei Saloniki eins nicht zu unterschätzende Flankenstellung gegen alle Vorstöße er richtet, welche die Mittelmächte gegen Aegypten unternehmen könnten. Z)er Mass vor dem Hricnt. Dieser Wall por dem Orient verschließt uns den Zugang zu unseren Kolonien vollkommen. Wollen und dürfen wir dem gegenüber die Hände in den Schoß legen? Der Aufruf des Kaisers an das deutsche Volk und sein Armeebefehl von— 9 — der Jahreswende gemahnen uns, den bitteren Ernst der Lage zu erkennen und im festen Gottvertrauen durchzuhalten bis zum vollen Sieg über die Vernichtungswut unserer Gegner. Deutschland muß, wie vr. Solf, der Staatssekretär des Reichs kolonialamts, neulich sagte, den furchtbaren Kampf um sein Dasein weiter kämpfen. Und wie die Wurzeln dieses Krieges im Orient liegen und dort immer neue Keime zu weiteren Verwicke lungen treiben, so ist auch die Niederwerfung unserer Feinde und damit ein siegreicher Kriegsabschluß und ein starker, für uns und unsere Bundesgenossen heilsamer Friede in Europa allein nicht zu erreichen. Denn immer mehr sind unsere Gegner, England voran, bestrebt, das Kriegstheater und damit den Boden für ihre Hilfsquellen nach Ost und West, nach Süd uud Nord in der Welt auszudehnen. England kämpft um feine Weltherrschaft, deren Stärke vor allem im Orient liegt. Und darum, wenn wir das Uebel ganz ausrotten wollen, dürfen wir nicht zurückschrecken vor einem neuen Abschnitt dieses Krieges, dessen Schwerpunkt außerhalb Europas liegen wird. Deutschland wird auch da seinen Platz behaupten, wenn es schon j etzt mili tärisch und diplomatisch energische Maßregeln ergreift. Auch wir haben die allergrößten Interessen im Orient. Wir müssen der angemaßten Weltherrschaft und Seeherrschaft des englischen Weltreiches gegenüber den gesunden Unterbau zu einem starken Weltstaat Deutschland schaffen, nicht in dem Sinne, daß wie an Stelle der Engländer herrschen wollten, sondern so, daß auch wir Weltgeltung und Seegeltung genießen wollen, gleich berechtigt mit den anderen. Wir müssen dazu England an seinem schwächsten Angriffspunkte treffen. Ein genaues Studium der Weltkarte zeigt uns, wo dieser zu suchen ist: es ist der Snez- Kana l und Aegypten. Gin deutsches Gibraltar. Deutschlands eiserner Kanzler hat einst Aegypten als das> Genick Englands bezeichnet. Brechen wir ihm das Genick! Erobern wir mit den Türken den Suez-Kanal und Unterägypten — das bedeutete nach Bismarckscher und Moltkefcher Auffassung die Niederwerfung Englands. Der Ort aber, von dem aus dieses- Kriegsziel erreicht, und der Lebensnerv Englands, der Suez-Kanal, unterbunden werden kann, ist die Sinai-Halb-»— 10 — inse l. Ergreifen wir, nach Verständigung mit der Türkei, Besitz von der Sinai-Halbinsel, befestigen wir sie, erschließen wir sie durch Bahnstrecken! Erwerben wir Stadt und Bucht von Aka b a, um daraus eiueu Stützpunkt für die deutsche und die türkische Flotte zu machen — sperren wir die Bucht von Suez! Schaffen wir dort ein deutsches Gibraltar, und ent reißen wir so England den. Schlüssel zu unseren Kolonien! Die moralische Wirkung eines solchen Vorgehens auf unsere Feinde würde außerordentlich sein: es wäre der Todesstoß für Groß- Britannien. Nach der Schwächung Englands durch die gewaltigen Schlachten in Europa und durch den U-Bootkrieg muß die Wucht eines solchen Schlages den Gegner endlich auf die Knie zwingen. — Zleugruppierungen. Unmöglichkeiten gibt es in diesem Kriege anscheinend nicht. Und so fest gefügt der Bund der Mittelmächte dasteht, so wenig innerlich ist das Band, das Haß, Profithunger, Ländergier und Herrschsucht um die Reiche der Entente geschlungen habeu. Gegen sätze zwischen den Alliierten sind oft genug nur künstlich verklebt worden, Spannungen und Spuren von Entfremdungen treten immer von neuem hervor. Andererseits könnten vielleicht in einem weiteren Abschnitt dieses Krieges oder nach ihm Annähe rungen, die bisher für unmöglich galten, auf Grund kühler Berücksichtigung wohlverstandener Interessen zur Tatsache werden. So wird der weitere Verlauf des Weltkrieges zu neuen Gruppie rungen der Großmächte führen. Die heutige Ententefreuudfchaft wird Brüche bekommen, zumal, wenn Englands immer nur selbst süchtige Absichten von seinen jetzigen Bundesgenossen erst voll erkannt und gewürdigt sein werden. Und auch des emporkom menden Japan schlaue, weitsichtige Politik, welche größten Zielen zustrebt, wird ihreu inneren Gegensatz nicht -nur zu Eugland, sondern auch zu Rußland und Amerika bald noch mehr offen baren. Weisen doch schon heute die zusehends bedeutender wer denden strittigen Fragen zwischen Japan und Amerika, sowie zwischen Japan und England auf eine politische Umgestaltung des asiatischen Ostens, ja vielleicht des britischen Südens hin. Es kommt die allseitige Begehrlichkeit nach der Ländermasse des verfallenden chinesischen Kolosses mit seinen Reichtümern hinzu, in welcher der Keim zu andauernden Zerwürfnissen, besonders— 11 — zwischen Japan und Rußland trotz deren derzeitigem Bündnisse verborgen ist. Lachende Kröen. Japan und Amerika scheinen die lachenden Erben in diesem Kampf werden zu sollen. Wird aber das weltgeschichtliche Völkerringen nach dem jetzigen Kriege in einem zweiten fort gesetzt, lassen in Ostasien uud auf dem Marsche nach Ostasien die vielfach in einander greifenden Interessenbereiche der anderen Großmächte diese endlich auseinander platzen, warum sollte dauu die vorteilhafte Rolle der ferner steheudeu, starken, allseitig um worbenen Macht nicht Deutschland zufallen können? Wollen wir auch dazu gewappnet sein, so müssen wir nicht nur unsere Reichs- greuzen nach West und Ost soweit vorschieben, wie es nach der Ansicht militärischer Sachverständiger die künftige Staats sicherung erfordert, fondern wir müssen auch unseren wertvol leren Kolonialbesitz w i e d e r e r w e r b en, vereinheitli chen, vergrößern und verstärken. Vor allem aber müssen wir eine dauernde Sicherung der Zugänge zu unseren Kolonien durch befestigte Stützpunkte erlangen; denn Verträge oder Vereinbarungen mit irgend einem unserer jetzigen Feinde Äber die Freiheit solcher Wege uach unseren Gebieten wären nur Fetzen Papier ohne Bürgschaft. Sie wären Abmachungen ohne tatsächlichen Hintergrund, wenn Deutschland nicht über Plätze ge bietet, von welchen aus es jederzeit eiueu etwaigen Vertragsbruch ahnden kann. > Z)ie drei Weltstraßen. Wir müssen also die Bagdad-Bahn, jene Konkurrenzstraße des Suez-Kanals, in der Hand haben, um so den Weg nach dem Persischen Golf gegen die Bedrohung Rußlands und Eng lands uns offen zu halten. Dazu freilich ist es nötig, die Eng länder wieder ans Bagdad zu werfen. Wir müssen den Suez-Kanal selbst zur freien Verfügung haben, um zum Roten Meer gelangen zu können. Hierzu besonders, wie als grundlegendes deutsches Kriegs ziel für die gauze Orientfrage ist der Besitz der Sinai-Halb insel zu erstreben. Sie wird in militärischer und politischer Hinsicht die größte Bedeutung gewinnen, wenn bequeme Ver-— 12 — bindungen sie zugänglich machen, und wenn das zum Kriegs- hafen umgestaltete Akaba und die der gleichnamigen Bucht vor liegende Inselgruppe hinzukommen. Wir müssen endlich Tanger und Agadir besetzen, als Stützpfeiler unseres afrikanischen Interessenbereichs, und zur freien Benutzung der W e lt v e r k e h r s str a ß e, die über diese Plätze nach dem Süden Afrikas und nach Pernambuko und Buenos- Ayres hinüber führt. Denn wenn für die Weiterentwicklung unseres kolonialen Besitztums von maßgebender Stelle bei den Friedens verhandlungen mit dem genügenden Nachdruck eingetreten wird, so kann es ohnehin nicht ausbleiben, daß auch die Marokko frage wieder zur Sprache kommt. Deutschland^muß ^seiue Marokko- Interessen wieder geltend machen, deren Aufgeben 1911 uns so schwere Enttäuschungen von England und Frankreich eingebracht hat. Der Ausgangspunkt zweier von diesen drei Weltstraßen, deren Wichtigkeit ein Blick auf die Karte vollends klarstellt, ist aber Antwerpen. Dieser Welthafen im Nordwesten von Deutsch land, mit dem vlämischen Küstengebiet, muß. das starke Bollwerk für uns und unsere Bundesgenossen zum Ausbau unserer kolo nialen Bestrebungen werden, ebenso wie Belgien überhaupt mili tärisch den Schutzwall gegen künftige Ueberfälle von Westen her bildet. Und Bukarest im Südosten kann, als eine Art Bundes festung, einen Waffenplatz der Mittelmächte abgeben und zum Flankenschutz unserer Wege nach Konstantinopel und dem ganzen Orient dienen. Antwerpen und Bukarest haben wir aber schon. Und so werden sich uns die drei Weltstraßen öffnen: die Eisen bahnverbindung von Berlin über Bagdad nach dem Persischen Golf, der Seeweg von Antwerpen durch den Suez-Kanal nach dem Roten Meer, und der kür zeste Weg von Antwerpen über Tanger und Dakar n^lch West- und Süd-Afrika und Süd-Amerika! Z>as Werörechen an Aeutfchtands Zukunft. Unsere militärische Lage berechtigt nns dazu, solche Pläne,, die im ersteu Augenblick vielleicht kühn erscheinen mögen, aus zustellen und ihre Verwirklichung durchaus für möglich zu halten. Denn dem Erfolg unserer Waffen dürfen unsere Friedens ziele entsprechen, und diese sind in unsern Friedensbedin-— 13 - gungen zum Ausdruck zu bringen. Auch der Reichskanzler vr. von Beth mann-Hollweg hat gesagt, daß uuser Sieg auf dem Kontinent uns unseren Kolonialbesitz wieder sichern und ber deutschen Unternehmungslust eine neue, fruchtbare Tätigkeit -eröffnen werde. Freilich muß eine kluge, weitausschauende, zielbewußte Diplo matie mit Benutzung aller sich darbietenden günstigen Möglichkeiten, unter Ausschaltung aller Gefühlseinflüsse, unsere Siege auszu- Autzen verstehen. Und schon jetzt muß sie daran zu arbeiten anfangen. Wir dürfen vielleicht Vertrauen hierzu haben. Hat doch Staatssekretär Or. Sols bei einer Feier der deutschen Kolonialgesellschaft in Leipzig in Anwesenheit ihres Präsidenten, des Herzogs Johann Albrecht von Mecklenburg, als unser kolo niales Programm erklärt: „Wir wollen das wieder haben, was zur Zeit in die Hand des Feindes gefallen ist, und wollen diesen Besitz nach Möglichkeit zu einem widerstandsfähigen und leistuugsfähigen Gebilde ausgestalten." Möchte doch zeitig der gesamten deutschen öffentlichen Meinung die Ueberzengnng in Fleisch und Blut übergehen, daß ein Aufgeben unserer weltwirtschaftlichen Interessen und Ziele, unserer Kolonialpolitik, also zunächst ein Aufgeben der Sicherung der Land- und Wasser wege zu unseren Kolonien, ein politisches Verbrechen an Deutsch lands Zukunft wäre! Streben wir großen Zielen nach, die uns die Möglichkeit geben, den wertvollsten Teil unserer Kolonien zu einer kolonialen Macht zu erweitern! Machen wir unsere Kolonien in sich selbst so stark, daß sie gegen eine nochmalige Wegnahme geschützt sind und in-. Kriegsfalle sich.auf ihre eigene Stärke verlassen können! Der bloß in der Presse ausgedrückte Wunsch, offene Fahrt nach unseren Kolonien zu erlangen, nützt uns nichts. Es kommt hier auf die Erwägung der Mittel und Wege an, diesen Wunsch tatsächlich zu verwirklichen. Wir müssen, um unfern Haupt feind völlig niederzuzwingen, Maßnahmen ergreifen, die das stolze -England bisher für unmöglich gehalten hat. Unsere Feinde wünschten wohl, daß wir noch die alten Träumer wären, mit denen sich leicht leben ließ, und die wie Schillers zu spät gekommener Poet bei der Teilung der Erde mit «inem offenen Plätzchen im Himmel als Zeus' willkommener Gast zu frieden waren. Albion soll nicht recht behalten mit seinem von— 14 — großspuriger Einbildung eingegebenen Satze, daß Deutschland die Schlachten, aber England den Krieg gewinnen werde. — So viele Tausende von deutschen Helden dürfen nicht ver geblich gefallen sein. Das deutsche Volk soll durch den gewaltigen Krieg den Lohn erringen, den es sich mit seinem Blute verdient hat, und den ihm Hindenburgs Worte verheißen haben: „Unsere Kriegsziele werden sich gewißlich, der dar gebrachten Opfer würdig erweisen."I. Unsere Kolonien. ZUe Kolonien vor dem Kriege. Wir finden nicht ein Volk von Ansang der Staatenbildnngen an, welches nicht seine Kraft und sein Vermögen dadurch befestigt und erHöhr hätte, daß es seine kaufmännischen Unternehmungen über seine eigenen Grenzen hinaus ausdehnte. Auch dem mittel alterlichen Deutschland haben die überseeischen Unternehmungen der Hansa Macht und Wohlstand verliehen. Und bei Spaniern und Holländern, wie bei Römern und Phoeniziern waren es zu den Zeiten der höchsten Blüte dieser Nationen die Kolonien, um die sich das Interesse des ganzen Volkes drehte. Wir Deut schen von heute sind zu der Ueberzeugung, daß auch uns Kolonien notwendig sind, leider sehr spät gekommen. Der außerordentlich starke Bevölkerungszuwachs im Deutschen Reiche, der eine be denklich zunehmende Auswanderung in das fremde Ausland zur Folge hatte, mag zuerst die Erkenntnis gebracht haben, daß eigene Siedlungsgebiete die natürlichen Aufnahme- beckcn für diesen Abfluß seien. Zugleich forderten Handel uud Industrie die Gewinnung von Lebensmitteln und Rohstoffen aus eigenem Boden außerhalb des Mutter landes, zur Nahrung uud Kleidung für die einheimische Bevölke rung, wie zur Speisuug unserer technischen und gewerblichen Betriebe. Wir haben denn auch, seit einer Reihe von über zwanzig Jahren, opferwillig unvergleichlich große Mühen und Kosten auf gewendet, um Versäumtes selbst unter schwierigsten Verhältnissen nachzuholen. Die Früchte zeigten sich bald. In den neunziger— 16 Jahren begann der Aufschwung unseres kolonialen und unseres Welthandels. Die zunehmende Einfuhr und Ausfuhr machte uns zur handeltreibenden Weltmacht. Mit dem Wohlstand wuchsen Leistungsfähigkeit und weitere Unternehmungslust, die Kolonien brachten vermehrte Unabhängigkeit von den Welthandel treibenden Nachbarländern und von fremdem Kapital. Andrer seits kam der Aufstieg des deutschen Außenhandels und der durch ihn belebten Industrie in sehr großem Ausmaß den breiten Massen zugute. So versöhnten sich auch mit der Zeit die starrsinnigsten Gegner kolonialer Bestrebungen mit diesen neuen Erscheinungen. Durch die Erfahrungen des Weltkrieges vollends ist uns eindringlicher als je gelehrt worden, daß wir Kolonien brauchen, daß wir Kolonialpolitik treiben müssen. Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben immer deutlicher eingesehen, wie nötig die vom Ausland unabhängige Einfuhr gewisser Rohstoffe — wie unter anderem Chilisalpeter, Baumwolle, Kautschuck und Elfen bein — für die weitere Entwicklung der mächtig entfalteten deut schen Industrie ist, zum bürgerlichen sowohl, wie noch mehr zum Kriegsbedarf. Wir alle haben es am eigenen Leibe gespürt, wie dringend wir zu einer ausreichenden Ernährung, wie zu den einfachsten Genußzwecken des ungehinderten Bezuges von Reis, Tee, Kaffee, Kakao, Pfeffer, Tabak und von anderen Erzeug nissen tropischer Länder bedürfen. Bei Beginn des Krieges waren unsere Kolonien alle in einer verheißungsvollen Entwicklung begriffen. Die Vorbedingungen für eine weitere Steigerung der Erfolge waren gegeben, wie dies klar aus den Berichten hervorging, welche die Regierung -dem Reichstage alljährlich vorlegen konnte. Unsere Handels flagge wehte neben der Kriegsflagge unserer Auslandskreuzer achtunggebietend in aller Welt, und die Freude an ihr und an unseren Kolonien wuchs nicht nur unter den seegewohnten Stämmen der deutschen Küste, sondern bis tief ins Binnenland und in die Berge des deutschen Südens hinein. Hatten die Ergebnisse des Krieges 1870—1871 Deutschland in die Reihe der Weltmächte gesetzt, so hatten sie es aber auch zugleich in Widerstreit mit diesen gebracht. Sie wollten uns eben den Mitgenuß der Vorteile, die sie bisher allein aus Weltb und Ueberseeverkehr gezogen, nicht gönnen. England und— 17 — Frankreich besonders waren von Anfang unserer kolonialen Bestrebungen au mit Eiusatz aller Mittel und Kräfte bemüht, uns überall die größten Schwierigkeiten zu bereiten, jeden Auf schwung Deutschlands im Welthandel zu vernichten und allent halben unsere kolonialen und weltwirtschaftlichen Interessen vou vorn herein zu unterbinden. Sie wurden getrieben von Eifer sucht auf die zuuehmeude Achtung, die das neue Reich in der Welt zu genießen begann, von Handelsneid auf unsere wach sende kaufmännische Unternehmungslust und von A n g st vor unserer sich immer mehr entfaltenden Macht. Wie man schon 1897 in England dachte, zeigt ein Satz aus der bekannten und angesehenen englischen Zeitschrift „Saturday Review" vou jenem Jahre: „Wenn Deutschland morgen ans der Welt vertilgt würde, fo gäbe es übermorgen keinen Engländer in der Welt, der nicht um so reicher wäre/' Die Spannung wuchs. Deutschland, das den Frieden, fast um jeden Preis, bewahren wollte, gab 1911 seine Ansprüche in Marokko nnd die geplante Festsetzung daselbst zu Gunsten Eng lands nnd Frankreichs auf, indem es als Gegenleistung dafür ein Entgegenkommen jener im östlichen Mittelmeer und im tür kischen Orient erwartete. England und Frankreich scheuten sich aber gar nicht, ihm den Weg zu seiner kolonialen Weiterent wicklung auch dort nach wie vor zu verlegen. Naturgemäß ver schlechterte sich unser Verhältnis zu den beteiligten Mächten dadurch immer mehr" es entstand jene jahrelange Gewitterschwüle, die lähmend auf alleu europäischen Nationen lastete, und endlich brach der Weltkrieg aus. Damit ist klar, daß die tieferen Ur sachen des Völkerringens außerhalb Europas liegen, uud daß eine der hauptsächlichsten Veranlassuugen zu seiner Entstehung darin zu suche» ist, daß England und Frankreich systematisch darauf ausgegangen sind, Deutschlands kolouiale und weltwirt schaftliche Interessen znnichte zu macheu. Kurz nach Ausbruch des Krieges verloren wir fast uufereu gesamten, mit den erdenklichsten Anstrengungen zusammenge brachten Kolonialbesitz an England nnd Japan, was diese beiden Mächte lange vorhergesehen und erhofft hatten. Japan be mächtigte sich, nach seiner in Deutschland genossenen Schulung, Kiautschons, Tsingtaus und Schautuugs, und Eng land nahm von uusereu anderen Kolonien soviel, als ihm v, Schubbar-Milchlwg, Kolontalpolitik und Kriegsziele. 2— 18 - zur Zeit möglich war. Dazu hält England heute auch noch den Schlüssel zu allem unserem Ueberseebcsitz in seiner Hand, indem es die Zugangswege zu ihm planmäßig für immer zn sperren sucht. Die Kolonien nach dem Kriege. Das darf nicht sein, und das darf nie wieder vorkommen, wenn wir künftig überhaupt mit Erfolg Kolonialpolitik treiben wollen. Aus dem Erlebten wollen wir unsere Lehren ziehen. Wir woll/n schon jetzt Mittel und Wege ins Auge fassen, die uns künftig gegen derartige oder ähnliche Ausplünderungen schützen, und die jeden nochmaligen Versuch unmöglich machen, eine nahezu siebzig Millionen zählende Bevölkerung aushungern zu wollen. Warum aber konnte es so kommen? Weil unser Kolonial besitz unzusammenhängend war, und die Wege zu ihm nicht frei. Wir müssen also einen zusammenhängenden Besitz er streben und freie, sichere Wege dahiu gewiuuen. Das können wir nur, wenn wir unsere Feinde nicht bloß auf dem europäischen Kriegsschauplatz besiegen, sondern sie anch in ihren außereuropäischen Kraftquellen tödlich treffen, und wenn^wir damit die Wurzeln dieses Krieges ausreißen uud auf immer beseitigen. Allein in diesem Falle haben wir die sichere Aussicht auf einen wirklichen Endsieg, auf einen starken Frieden, auf ein in jeder Richtung unabhängiges deutsches Reich, gegen das kein Unruhestifter je wieder aufkommen kann! Allein in diesem Falle besteht für uns die Möglichkeit, nach dem Kriege unsere Kolonien auf gesunder Grundlage großzügig, nach klarem, weitausgreifendem Plane zu einem starken, nutzbringenden Gebilde auszubauen. Wenn wir bei dem Friedensschluß nicht die Voraussetzungen für einen größeren, zusammenhängenden Kolonialbesitz nnd für die Freiheit der Wege zu ihm mit festem Griff und auf Grund gewonnener realer Pfänder erwerben, dann steht nach einigen Jahren ein neuer Weltkrieg vor der Tür, unter Verhältnissen, die für uns noch ungünstiger sein werden. Das Blut vieler Tausende wäre umsonst geflossen, Deutschlands Weiterentwickelnng aus kolo nialem Gebiet und damit auf dem Gebiet des Welthandels wäre für absehbare Zeit abgetan, und spätere Geschlechter würden uns verantwortlich machen. Haben uns doch die Feinde durch die Ankündigung eines unbarmherzigen Wirtschaftskrieges— 1l) — gegen uns nach jedem wie immer geartetem Frieden genugsam über ihre niedrige Gesinnung und ihre haßerfüllten, in weite Zukunft reichenden Pläne aufgeklärt. Daß Deutschland, wenn es als Sieger aus dem Weltkrieg hervorgeht, die Rückgabe seines Kolonialbesitzes im afrikanischen Ost und West verlangen wird, ist selbstverständlich. Hierauf muß sich aber.ein großer, in sich geschlossener mittelafri kanischer deutscher Kolonial st aat mit militärischer Orga nisation erheben, welcher jederzeit auf eigenen Füßen stehen kann, und welcher der fortschreitenden Militarisierung Afrikas durch England und Frankreich die Spitze bietet. Er muß die Verwendung afrikanischer Kolonialtruppen, also farbiger Engländer uud farbiger Franzosen gegen Deutschland in Europa künftig erschweren, ja möglichst ausschließen. — Kolonialbesitz wird immer in der Hauptsache aus kausmäuui- scheu Gesichtspunkten zu bewerten sein. Vergleichen wir einmal unsere Kolonien mit einem mächtigen Geschäftshanse, und stellen wir an sie, wie an jeden Neuerwerb außerhalb Europas, dieselben Hauptanforderungen, wie an ein solches Haus. Welches sind denn die? Beste Geschäftslage an belebter Straße, leichte ^ Erreichbarkeit und eine feste Grundlage! Es hängt demnach alles davon ab, daß wir klar die Haupt wege erkennen, ans denen sich in kommenden Zeiten voraussichtlich der größte und bedeutendste Weltverkehr abspielen wird, und wo infolge dessen ein schnelles nnd ertragreiches wirt schaftliches Erblühen zu erwarten ist. Weiter kommt in Frage, an welchen Punkten auf diesen Wegen Fuß zu fassen wäre, damit der zu erwerbende Besitz auch gegen alle späteren Kriegsgefahren gefestigt und gesichert werden kann. Die Lage dieser Punkte muß also nicht bloß wirtschaftlichen nnd politischen, sondern auch stra tegischen Anforderungen genügen. Die Weltkarte zeigt es uns, und wir haben es oben schon gesagt, welches die d r e i H a u p t - W elth a n d e ls st r aß e n sind, auf denen Deutschland seine handelspolitische Zukunft zu suchen hat: der Schieueuweg Berlin — Bagdad, der Seeweg von. London —Antwerpen durch den Suez-Kanal nach dem O st en, und die kürzeste Verbindung v o n L o n- don—Antwerpen über Tanger—Agadir—Dakar mit Bnenos-Ayres. Die Karte veranschaulicht uns auch, welchen Be- 2»— 20 - sitzerwerb Deutschland beim Kriegsabschluß anzustreben hat, um seine weltpolitischen Aufgaben an diesen Straßen zn erfüllen. Drei feste Stützpunkte sind es, die den freien Verkehr auf diesen Welt- und Handelsstraßen uns sichern: im türkischen Orieirt die Sinai-Halbinsel, in Afrika Tanger und Agadir, und als Ausgangspunkt der beiden großen Seewege Antwerpen mit der Sch e l d e m ü n d n n g. Antwerpen. Der Besitz Antwerpens, der Besitz Belgiens überhaupr ist für Deutschlands Politik, seine Kolonial-Wirtschast, seinen Welt- und Handelsverkehr und ganz besonders für seine militärischen Be dürfnisse in alle Zukuust vou weit trageuder Bedeutung. Wir brauchen Antwerpen zur Oeffuuug f r e i e r S e ew e ge nach unseren eigenen Kolonien und nach den Haupthandelsplätzen der Welt, wir brauche» Belgien als Aufmarschgelände, um künftigen Ueberfällen der Westmächte vorbeugen zu können. Unsere militä rischen Sachverständigen haben auch die Notwendigkeit des Erwerbs Belgiens, zumal der vlämischeu Küste, voll erkannt. So weist das politische Testament des leider zu früh verstorbenen General- Obersten und Gcneral-Gouvcrueurs von Belgien, Frei herrn von Bissing, überzeugt auf die Gefahren hin, welche Deutschlands Zukunft bevorstehen, wenn dieser Erwerb unterbliebe. Glücklicherweise ist Belgien fest in unserer Hand, und keiu englischer Ansturm soll es uns wieder nehmen. Darum beim Friedensschluß: keine Herausgabe Belgiens, kein Verzicht darauf, es Deutschland anzugliedern, soust bliebe unsere westliche Grenze ewiger Bedrohung ausgesetzt, Deutschlands Industrie und Handel bliebe gefährdet, der vollen Entfaltung von Deutschlands Welt- uud Seegeltuug bliebe für alle Zeiten ein Riegel vor geschoben. Der Schlttssek zu unseren Kolonien. Der Schlüssel zu dem großen Geschäftshaus«, vou dem wir oben sprachen, ist in Englands Hand. Dieses hat mit dem Wall, den es vor dem Orient bei Bagdad, Suez und Saloniki errichtete, die Zugaugstore zu unseren vormaligen asiatischen und zu unseren afrikanischen Kolonien verrammelt und möchte sie dauernd geschlossen halten. Es hat den Ueberlandweg durch— 21 — Arabien und Mesopotamien zum Persischen Golf und den Seeweg durch den Suez-Kanal zum Noten Meer besetzt. Der Suez-Kanal ist freilich eigentlich noch heute interna tional. Aber unbekümmert um Verträge, wie überall, läßt Eng land diese Jnteruationalität auf dem Papiere steheu uud spricht deu Kanal einfach als seiuen Besitz an. Indessen merkwürdig: dieses wichtige Durchgangstor nach dem Orieut ist mit Aegypten einer der schwächsten Puukte in deu langen Verteidigungs- linien des englischen Imperiums, er ist desseu Achillesferse. Das wissen die Engländer gut genug, uud die Erfahrungen des Krieges haben es ihnen weiter bewiesen. Darum peitschte England seine Bundesgenossen immer von Neuem zum Kampf gegen uns ans. Darum spornte es insbesondere Frankreich und Italien zur an- dauerudeu Entfaltung ihrer Streitkräfte uuter Sarrail bei S a- louiki an, das nichts als eine Flankenstellnng gegen einen mög lichen Vormarsch deutscher uud türkischer Truppen gegen Aegypten darstellt. Darum vergewaltigte es Griechenland. Darnm entbot es die Völkerschaften Asiens und Afrikas gegen uus. Darum, während der Weltbrand Europa zu verzehren und zu verderben droht, und Schlachten geschlagen werden, wie die Weltgeschichte sie nicht kennt, benutzt es die Zeit, um alle strategisch wichtigen Zugangspunkte der Landwege und Seewege nach Aegypten und Indien mit Beschlag zu belegen. Es drängt in dieser Absicht mit großer Uebermacht unsere türkischen Bundesgenossen möglichst weit vou seiner eigenen Angriffsbasis, also vom Persischen Golf uud voni Suez-Kanal, zurück. Es wird weitausfchauend und zähe auf diesen« Wege fortschreiten uud wird eiueu zweiten Abschnitt des Weltkrieges oder einen neuen Weltkrieg nicht scheuen. Nud wenn es auch für immer darauf verzichten müßte, Hiuden- burgs Mauern im Westen und Osten deutscher Erde durch eigene Kraft oder die seiner Vasallen einzudrücken, und wenn auch in Europa die eisernen Würfel der Entscheidung zu seinen Un gunsten, sielen, wird England inzwischen seinen Interessenbereich im Orient erweitert und gestärkt haben: noch bevor es znm Welt friedensschluß kommt, wird der Wall vor dem Orieut, an dem England auch jetzt fieberhaft arbeitet, erhöht, befestigt und fast uneiuuehmbar gemacht dastehen. Die Engländer haben die unausrottbare Vorstellung, daß ihr Land das natürliche Recht auf eine unumschränkte— 22 — Handels- und See Herrschaft in der Welt besäße, und aus diesem Gesichtspunkt verstehen sie nnter der Ausrechterhaltuug des europäischen Gleichgewichts die Niederwerfung jeder europäi schen Macht, die begänne, über die anderen hervorzuragen und zu einem gefährlichen wirtschaftlichen Konkurrenten des Jnselreiches heranzuwachsen. Sie sind mit solchen Anschauungen zu dem bru talsten Eroberervolk Ker neueren Zeit geworden, uud es ist uur logisch iu ihrem Siuue, weun sie sich jenes alten Römers immer wiederholtes Veruichtuugsurteil über Karthago dahin übersetzen, daß Deutschlands weltwirtschaftliche Zukunft zer stört werden müsse. Das also droht uus, und darum ist keine Zeit zu verlieren. Wir müssen schon jetzt Schritte in der Richtung tun, daß wir die Wege zu uusereu Kolonien frei legen. Dazu muß jener englische Wall vor dem Osten durchbrochen werden. Den Eng ländern muß Bagdad genommen, sie müssen aus ihren befestigten Stellungen zwischen Euphrat und Tigris bis zum Persischen Golf, sowie über Koweit hiuaus, zurückgedrängt, und andererseits vom Suez-Kanal abgedrängt werden. Wir dürfen erwarten, daß in einem neuen Abschuitt des Weltkrieges es deu gewaltigen Erfolgen unserer U-Boote beschieden sein wird, Eng land jenen Schlüssel zu uusereu Kolonien zu ent reißen. Schon hat die Tätigkeit diesem neuen Waffe Englands einst unnahbare Seemacht in kurzer Zeit unterwühlt; hoffent lich führen ihre Niefenleistuugen Englands weiteren Verfall herbei. Unzweifelhaft haben sie bereits dnrch ihre Wirkung im Mittelmeer seine Stellung im Orient und in Aegypten erschüttert und ihr Teil dazu beigetragen, die künftige Freiheit der Wege zu unseren Kolonien vorzubereiten. Um uns die freie Benutzung des Suez-Kauals zu sichern, muß Aegypten wieder unter t ü r k i s ch e O b e rh o h e i t kom men, es müssen auch die Landverbindungen dorthin von Konstan- tinopel und dem Marmara-Meer her sachgemäß ausgebaut werden. Die Hauptsache aber ist, daß durch Vereinbarungen mit der Türkei schon bald die S i n a i-H a l b i u s e l, die türkische Stadt und Bucht von Akaba, die dieser anliegende östliche Küste, sowie die am Zugang dieser Bucht belegene Inselgruppe mit Tiran und Senafir von uns erworben werden. Denn eine in unserem Besitz befindliche, befestigte Sinai-Halbinsel,— 23 — eine gesperrte Straße von Tiran, das ist die starke Basis für Deutschlands künftige Orientpolitik. Und die Bucht vonAkaba, durch die Sinai-Halbinsel von der Weltverkehrsstraße des Suez-Kauals geschieden und durch sie geschützt, ist für die deutsche und die türkische Flotte- der gegebene Stützpunkt von unvergleichlicher Widerstandskraft für alle Zeiten. In der treffsicheren Auswahl solcher Stützpunkte, deren Not wendigkeit von allen Kolonialpolitik treibenden Nationen längst erkannt und in die Tat umgesetzt wurde, köunten wir von England lernen, wenn auch uicht in der Art, wie es sich meistens in den Besitz solcher Plätze gesetzt hat. Dazu sind wir zu anständig. Aber freilich ist es notwendig, daß eine weitausschauende, zielbewußte uud energische Politik unsere gewaltigen militärischen Erfolge zu Lande uud zu Wasser begleitet, sonst führen die guten Aussichten, welche jene uns sichern, nicht zu dauernden Erfolgen. Wenn wir die Sinai-Halbinsel besetzen, wenn wir von da aus gegeu England am Suez-Kanal und in Aegypten vorgehen, so bekommen wir damit nicht nnr den Schlüssel zu unseren Kolonien in die Hand, wir greisen auch England an den Puukteu an, welche für das Mutterland wesentliche Le- beusquelleu und Kraftspeicher sind. Denn England schuf sich seine Weltmacht aus feinen Kolonien! Und es ist sich völlig klar über die Lage, in welche es der U-Bootkrieg durch das Ab schneiden seiner Zufuhren uud durch seine immer engere Ein schnürung einzwängt. Auch darüber ist es sich zweifellos heute gewiß geworden, daß znr See die übermächtige Stellung, welche es bei Weltkriegsbeginn einnahm, schon in dessen bisherigem Ver lauf gebrochen, und daß zu Laude seiue Armee, deren Blüte in Frankreichs Erde bestattet liegt, in ihrer Stärke für Gene rationen geschwächt ist. Also drauf und dran! Noch ist Zeit! Diplomatie und Wresse. Um solche Ziele, wie wir sie im Vorstehenden dargelegh haben, bald erreichen zu können, um noch während des Krieges günstige Vereinbarungen mit unseren Bundesgenossen ans kolo nialem Gebiet anzubahnen und abzuschließen, dazu bedarf Deutsch land einer geschickten und rührigen Diplomatie. Auch aus audereu Gründen scheint es dringend nötig, unsere Ver-— 24 — tretungen im Auslande zu verstärken uud auf ein möglichst noch tiefergeheudes Zusammenwirken der Gesandtschaften mit den Kon sulaten hinzuwirken. Es ist notwendig, durch innigere Fühlung mit Land und Leuten in den uns verbündeten Staaten die öffentliche Meinung noch mehr von den redlichen Absichten Deutschlands zu unterrichten; so beispielslveise ist den Türken der nugehenre Vorteil nahe zu legen, den ihnen Deutschland als bcfrenndctcjr Nachbar auf Siuai gegenüber der ewigen Bedrohnug dnrch Eng land bietet. Es wird davon später noch des Näheren die Rede sein. In den neutralen Ländern aber sind alle Mittel auszunutzen, um der öffentlichen Meinnng die Wahrheit über uns beizubringen. Wenn wir uns vergegenwärtigen, wie unsere Feinde die gewaltigen deutschen Siege in den Augen der ganzen Welt abschwächen und auf der audern Seite ihre eigenen Nieder lagen ableugnen und vertuschen, dann können wir nns des Ein drucks nicht erwehren, daß es ihnen leider geluugen ist, mit ihren Lügen nicht nur in ihrer eigenen Presse zu herrschen, sondern damit auch in der Presse des neutralen Auslandes die Oberhand zu gewiunen. Auf diese Weise haben sie die öffentliche Meinnng in den neutralen Staaten in ihren Bann geschlagen und lassen diese die Dinge sehen, wie sie wollen. Glücklicherweise bestehen nicht überall solche nichtswürdigen Zustände, wie in der völlig verlogenen und ganz uud gar käuflichen rumänischen Presse, welche, offen und unverfroren im Solde der Ententemächte, das Unglück ihres Landes zum großen Teil mit verschuldete. Aber es ist in dieser ernstesten Stunde, in dieser für Deutschlands Ansehen ausschlaggebenden Zeit, gewiß auch eine vaterländische Pflicht, und eine überaus dringliche, mit allen erlaubten Mitteln und durch eine geeignete, gut augeordnete Propaganda auf die neutrale Presse unsererseits einzuwirken und das Lügen netz unserer Gegner zu zerreißen. Die neutrale Presse wird viel eingehender aufgeklärt, und viel geschickter und mannigfaltiger beeinflußt werden müssen, als bisher. Vor allem sind die feindlichen-Miß erfolge mehr in das rechte Licht zu stellen und ihre Folgen für die Welt nach allen Seiten klar zu legen. Denn die im wesent lichen von der Presse abhängige Stimmung der Neutralen ist überaus wichtig und kann von entscheidender Bedeutung werden. Bietet doch England offensichtlich alles auf, um die neutralen Staaten durch rücksichtslos ausgeübten Druck jeder Art,— 25 — und nicht zuletzt durch Bestechung der Presse, gegen Deutschland zu stellen, und uns auch auf diesem Wege die bereits errungene Siegespalme zu zerblättern. Darum liegt hier für unsere Diplo matie eine sehr ernste Aufgabe vor, und je energischer, schneller und geschickter der Hebel angesetzt wird, um so besser. Vou der Presse und der öffentlichen Meinung der Neutralen aus führt eine Brücke zu der öffentlichen Meinung auch der feind lichen Länder. Auf diese im Sinne der Wahrheit einwirken ist nichts weiter als eine notwendige Ausnutzung unserer mili tärischen Stärke und eine ebenso nötige Vorbereitung politischer und diplomatischer Erfolge, die sich daran kuüpfen sollen und müssen. Schweigen ist Schwäche!II. Deutschlands Ziele im Orient. Der Zug nach dem Asten. Bei der Schachpartie im Orient, im türkischen Orient sowohl als im fernen Osten, ist es vor allein nötig, daß Deutschland die Absichten der beteiligten Mächte klar erkennt, um danach seine eigenen Maßnahmen zu treffen. Auf Kosten der Türkei möchten sich hauptsächlich England, Rußland und Frankreich be reichern, während auf Kosten Chinas Rußland, England und Japan unter dem Deckmantel der Währung gegenseitiger Interessen heimtückisch einer dem andern nach Möglichkeit Abbruch tun. Um hier zunächst von der türkischen Frage zu sprechen, so liegt Englands politisches Ziel uns deutlich vor Augen. Von Aegypten über Mesopotamien und Bagdad will es sich zum Persischen Golf ausdehnen. Die verlorene Schlacht von Kte- fiphon und die Niederlage bei Kut el Amara am Tigris, bei der eine von Indien gekommene, 14 0OO Mann starke englische Abteilung in türkische Gefangenschaft geriet, haben seine Pläne nur aufhalten, nicht vereiteln können. Wieviel für England hier auf dem Spiele steht, beweist die Zähigkeit und Tatkraft, Mit welcher es auf seinem Vorhaben beharrt und mit welcher es dieses leider durch die Besetzung Bagdads zu einem vorläufigen Abschluß führte. Bekannt ist ferner, daß England seit Jahr und Tag daran arbeitete, sich neben Frankreich in Syrien und Palästina wirtschaftlich festzusetzen. Nußland bedeutet noch heute, wie wir bereits in den Schulen gelernt haben, den großen Oelsleck auf der Landkarte, der immer noch größer werden will. Seit Peter dem Großen strebt es danach, an den Meeren Fuß zu fassen und— 27 — hat dies Ziel nie aufgegeben. Aus jüngerer Zeit sei als Beleg hierfür uur an die Denkschrift Kuropatkius vom Jahre 1MV erinnert, in der dieser General die Wichtigkeit der russischen Herrschaft über den Bosporus mit dem Ausgang zum Mittel- meer auseinander setzte, und an den Armeebefehl des Zaren Ni kolaus bei Ablehnung des deutschen Friedensangebots, der von neuem Konstant inopel als russisches Kriegsziel bekundete. Da aber Koustautiuopel und die Dardanellen Nußland vorläufig verschlossen blieben, trachtete es^ den Persischen Golf zu erreichen, war auf diesem Wege in Persien bis Kirmanschah östlich Bagdad vorgedruugeu und hatte Jssahan besetzt. Hier scheint allerdings die russisch-englische Freundschaft auf zuhören, weil hier die Interessen dieser Genossen auf einander stoßen. Denn sonst würden doch wohl die in Nord-Persien ein- gedruugeueu russischen Heere ihren englischen „Freunden" Hilfe geleistet habeu, als diese bei Kut el Amara in die Klemme gerieten. Daß die Hilfe ausblieb, läßt politisch und militärisch recht bedeutsame Schlüsse zu. Frankreich, das in Ost-Asien Kolonien besitzt und in Tonking und Annam das Protektorat ausübt, hat auf dem Wege dahin seit langen Jahren in Klein afien, in Syrien und ganz besonders in Palästina seinen Einfluß geltend gemacht und vertieft. Es hat diese Länder recht eigentlich als seinen Interessenbereich betrachtet und hat das französische Wesen dort durch die Errichtung von Schulen und Wohltätigkeitsanstalten, durch Eisenbahnbauten und durch audere Maßnahmen mit vielem Erfolg auszubreiten verstanden. — Im heiligen Lande trat in den letzten Jahren vor dem Kriege besonders Rußland mit sehr großen Mitteln als sein Nebenbuhler auf. So erschiene, zumal nach der Eroberung Erzerums, Bagdad als der Punkt, wo in Zukunft Eugland, Rußland und Frankreich sich zum Schaden der Türkei die Hände reichen könnten, solange die Sonderinteressen jeder dieser Mächte eine einheitliche Orient politik zulassen. Das gemeinsame Ziel ihrer Politik war und ist, die Türkei in Ohnmacht zu erhalten und Deutschlands politische und wirtschaftliche Zukunft im Orient dauernd zu unterbinden. Zu diesem Zwecke habeu sich unsere Feinde noch immer zusammen gefunden und einander nicht gehindert, alle Miuen springen zu lassen.— 28 - Me Wrkei und ZSulgarien. Aber ihre Pläne sollen und werden ihnen nicht gelingen, wenn wir bei Zeiten mit Klugheit und Kraft dagegen auftreten. Hierzu müssen wir ein dauerndes Zusammengehen mit der Türkei und Bulgarien verlangen. Wir brauchen die Bundesgenossenschaft dieser beiden Länder unbe dingt, um auf dem Landweg nach Kleinasien und dem Orient zu gelangen. Beide haben sich ja auch in diesem Kriege als treue und verläßliche Freunde erwiesen. Es ist dringend zn wün schen, daß es der Tätigkeit unserer Diplomatie gelingt, die guten Beziehungen zwischen uns und unseren Verbündeten für alle Zukunft aufrecht zu erhalten. Andererseits werden diese gewiß auch daran denken, daß sie es hauptsächlich deu vorzüglichen deutschen Maßnahmen und dem deutschen Heere und seiner Leitnng zu danken haben, wenn die Mittelmächte dem Feinde bisher in Ost und West standzuhalten vermochten. Ein schönes Ergebnis des einmütigen und tapferen Zusam menwirkens der Bundesgenossen war der Siegeszug der Ar meen Mackensens und Falkenhayns durch Rumänien, das es so rasch und schwer hat lbüßen müssen, mit seiner Kriegserklärung dem russischen uud englischen Druck gefolgt zu seiu. Schneller als irgend jemand vermutete, und gegen alles Erwarten der Ententemächte wurde durch das deutsch-bulgarisch-türkische Waf fenglück in der Dobrutscha und die Besetzung des größten und wertvollsten Teiles von Rumänien nicht nur der Landweg nach dem Osten für uns wesentlich gesichert, sondern wir haben auch durch andere wichtige Pläne unserer Feinde einen Strich gemacht. England verfolgte damit, daß es Rumänien an seinen Schlachtwagen kettete, — ebenso wie mit seinem Druck auf Grie chenland und mit dem Saloniki-Unternehmen — sein altes Ziel, durch einen mächtigen Wall die Türken, die Bulgare» und uns zu fesseln und an einem Angriff auf den Suez-Kanal und auf Aegypten zu hindern. Hierfür etwa bestimmte Truppen sollten in Europa festgehalten oder in ihrer Stärke wenigstens beschränkt werden. Statt dessen wurde gerade in Rumänien die erste große Bresche in Englands Wall vor dem Orient geschlagen. Durch die Gestaltung der Dinge in der Dobrntscha haben unsere Bundesgenossen und wir einen höchst erfreulichen— 29 — Machtzuwachs erfahren: die uns zur Verfügung stehende gewallige rumänische Getreideernte hat die Eruährungsfrage, welche in diesem Weltkrieg die allergrößte Rolle spielt, für uus ihrer Lösung näher gebracht; die Mittelmächte sind ein Stück weiter auf dem Wege gekommen, das siegreiche Ende des Weltkrieges am Suez- Kanal und iu Aegypten zu erstreiten. Nußland im besonderen hatte mit der Aufhetzung Ru mäniens in den Krieg beabsichtigt, nachdem es in Ost-Asien dnrch Japan von den Küsten des Großen Ozeans zurückgedrängt worden war, nunmehr aufs neue durch Rumänien sich Konstautinopel zu uäheru, um sich die Durchfahrt durch die Dardanellen znm Mittelmeer zu erzwingen. Statt dessen ist mit der Festsetzung unserer Armeen iu der Dobrutfcha und in Nord-Rumänien schon jetzt eine Bedrohung Befsarabiens und Odessas nahe gerückt. Rußland aber ist der Landweg nach Konstantinopel fest verschlossen, und damit ist es ihm auch unmöglich gemacht, die Balkanstaaten länger zu beunruhigen. Bulgarien und die Türkei werden in der Erkenntnis der Vorteile, die ihnen das Bündnis mit uns gebracht hat, gewiß ferner bereit sein, unsere gemeinsamen Interessen zu fördern. Denn ein vermehrter deutscher Einfluß im Orient ist für die künftige Weiterentwickelung und Erstarkung der Machtstellung unserer beiden Bundesgenossen eine unerläßliche Vorbedingung. Eine der ersten gemeinsamen Aufgaben wird es sein, für den Ausbau der Verbindungswege nach dem Osten, nicht nur der Schienenwege, sondern auch der Landwege, Gebirgs straßen uud Brücken Sorge zu tragen, damit der Znsammenhang der verbündeten Länder, von Deutschland bis zum Orient, für Krieg und Frieden eine ununterbrochene, feste Grundlage zu ge meinsamen: Erblühen erhält. Pas deutsch-tiirkische Mündnis. Mit der Türkei fiud wir seit 1911, als Deutschland seine Marokko-Ansprüche zum größten Teil aufgab, um sich mehr im Orient zu betätigen, enger als vorher verknüpft. Unsere Be mühungen müssen dahiu gehen, dieses freundschaftliche Verhältnis immer herzlicher zu gestalten. Daß die Türkei begreift, daß beide Länder auf einander angewiesen sind, und daß sie die gleichen Wünsche für dauernde Bundesgenossenschast hegt, hat der türkische— 30 — Botschafter in Berlin, Hakki-Pascha, offen ausgesprochen; er sagte: „Die Türken werden es nicht vergessen, was die Deutschen zur Rettung Konstantinopels in schweren, bangen Stunden ge leistet haben, und sie sind stolz darauf, Seite an Seite mit den Zentral-Mächten den Gedanken der Einheitlichkeit der Kampf front mit ihrem Blute besiegeln zu können." Ebenso äußerte sich der türkische Minister des Aeußeren Halil-Bey, als er in Wien versicherte: „Wir stehen und fallen mit den Mittelmächten", und seine Rede mit den Worten schloß: „Wir Türken sind mit den Mittelmächten eins in der Entschlossenheit, unsere nationale Unversehrtheit zu verteidigen." Die Türkei allein hat ja freilich weder das Galipoli- Unternehmen der Alliierten zu Falle bringen können, noch ist sie imstande, den englischen Ansturm von Südosten her zn über winden. Sie muß heute ihre ganze Kraft aufbieten, ihm überhaupt standzuhalten. Ihrem Siege von Knt el Amara folgte die Nieder lage von Bagdad. Die Engländer gingen gegen Ghaza vor, und sogar Jaffa mußte geräumt werden, um das Lebeu der Bevölke rung für den Fall einer Beschießung der Stadt durch englische Kriegsschiffe zu sichern. Noch viel weniger kann die Türkei allein die Sinai-Halbinsel oder gar Aegypten zurücker obern. Ihre politische Lage bei Weltkriegsbeginn war die denkbar schlimmste. Denn die Entente wollte die Auflösung und Zer stückelung der Türkei. Erst ihr Anschluß an Deutschland und die Mittelmächte hat ihr das Rückgrat gestärkt. Und darum ist es der Türken eigenster Vorteil, sich mit Deutschland darüber zu verständigen, auf welche Weise die Bedrohung durch England endgültig beseitigt werden kann. Wie England sich auf dem Wege zu seinen Kolonien in Gibraltar, Malta, Cypern, Suez und Aden stärkste Stützpunkte schuf, und wie Frankreich sich zur Befestigung seines großeu afrikanischen Besitzes den Kriegshafen Biferta bei Tunis erbaute, so ist für uns und die Türkei das entsprechende Mittel vorge zeichnet: es gilt die Besitzerg reifuug der Sinai-Halb insel und damit die Errichtung eines widerstandsfähigen Stützpfeilers von der allergrößten politischen und militäri schen Bedeutung. Die Sinai-Halbinsel stand vormals unter türkischer Ober hoheit, ja sie gehört heut noch von Rechts wegen der Türkei.— 31 — Nur englische Anmaßung hat sie sich angeeignet. England be trachtete sie eben ohne Weiteres als zu Aegypten gehörig, be handelte sie aber sonst durchaus stiefmütterlich und nur als einen Puffer gegen einen möglichen Angriff auf Aegypten. Mögen auch während des Krieges von den Engländern die Vorbereitungen für eine Verteidigung des Suez-Kauals sehr erheblich verstärkt worden sein, mag sogar die Sinai-Halbinsel selbst bereits in den Befestigungsbereich gezogen worden sein, so bildet die Halb insel mit dem Kanal doch heute immer noch Englands schwäch- sten Punkt. So nennt den Kanal ausdrücklich und offen der vielgelefene Manchester Guardian iu einer seiner Novembernum mern des Jahres 1911. Wenn Deutschland mit der Türkei Eng land hier angreift, so ist ihm aller Wahrscheinlichkeit nach auch Erfolg beschieden und vielleicht das Mittel gegeben, den Welt krieg zu beendigen. Unsere türkischen Bundesgenossen haben nach allen vorliegenden Meldungen in dieser Richtung schon ganz er heblich vorgearbeitet, so daß es sich nur um ein festes Zugreifen und um ein energisches Weiterführen der bereits als notwendig erkannten und zum Teil ins Werk gesetzten Maßnahmen handelt. Darum ist es von außerordentlicher Bedeutung und Tragweite für Deutschlands militärische, politische und wirtschaftliche Zu kunft, wenn es schon während des Krieges den Bemühungen unserer Diplomatie gelingt, die Sinai-Halbinsel und den türkischen Besitz von Akaba und Umgebung durch ein Abkommen mit der Türkei zu erwerben. Hoffentlich wächst das Vertrauen derTürkei zum Deutsch tum immer mehr, so daß unseren Bundesgenossen der Gedanke nicht mehr als widersinnig vorkommen kann, daß Deutschland für sich Stützpunkte auf türkischem Gebiet ins Auge faßt, die der Türkei gleichermaßen dieuen sollen. Damit ist die Möglichkeit gegeben, mit der Türkei ein Abkommen darüber zu treffen, daß die Sinai- Halbinsel im Falle ihrer Eroberung deutsch werde, und die Schwierigkeiten eines solchen Vertrages können nicht unüberwindlich sein. Es erscheint doch für die politische Zukunft der Türkei offensichtlich günstiger, wenn sie dort Deutschland zum Nachbar erhält, als wenn England auf Sinai bleibt. Mit Deutschland lebt sie in Waffenbrüderschaft, und Deutschland ist mitinteressiert daran, die türkische Land- und Seemacht zu heben; und wenn in Akaba für unsere Flotte ein fester Stützpunkt geschaffen— 32 — wird, so gilt dieser auch für die türkische Flotte, und die Türkei hat zu ihm jederzeit auch auf dem Landwege Verbindung. England dagegen geht darauf aus, die Türkei über Palästina, Syrien und Kleinasien in Koustantinopel zu bedrohen! Anch im Privat leben ist es für deu Grundstücks- oder Häuserbesitzer vorteilhafter, wenn ein guter Freund sein Nachbar ist, als ein Feind, der nur immer darauf sinnt, ihn zu schädigen oder ihm gar seinen Besitz zu nehmen! Aegypten. Ein politisch-militärischer Schachzug iu solcher Absicht muß England schwer treffen. Denn dieses setzt die Anstürme an der Somme uud uun in Flandern mit verzweifelten An strengungen, mit Aufbietung aller Mittel und Kräfte und unter so ungeheure» Opfern, wie es sie sich bei Kriegsbeginn nie hat träumen lassen, nur zu dem Zwecke fort, den Weltkrieg in Europa zu beenden. Sie sollen Deutschland verhindern, England am Suez-Kanal und inAegypten anzugreifen. England fü rchtet eben, daß unsere Waffenerfolge in Europa es uns ermöglichen, dorthin Truppen zu entsenden und so eine Katastrophe seines Kolonialreiches herbeizuführen. Hieraus folgt, daß Englands Du rchbruchsv ersuche an der Westfront sofort ab flauen werden, sobald es sich an seiner Schlagader, dem Suez-Kanal, ernstlich bedroht nnd angegriffen fühlt. Es muß dann sofort möglichst starke Truppentransporte nach Aegypten werfen. Kommen diese nun auf dem Wasserwege, so sind sie im Atlantischen Ozean und in der Gibraltar-Straße durch die immer mehr entfaltete Tätigkeit der deutschen U-Boote gefährdet, kommen sie über Frankreich und Italien, so droht ihnen im Mittelmeer der Untergang. Ist so die Heranschaffung von Mannschaften, die Zufuhr von Kriegsmaterial und Lebensmitteln nach Aegypten unterbunden, so ist ein Angriff auf dieses, von der Sinai-Halbinsel her schon wesentlich erleichtert. Gleichzeitig wären Sarrails Truppen bei Saloniki zu dem Schicksal vieler anderer feindlicher Unternehmungen verurteilt und einer Unterstützung Aegyptens durch sie wäre ein Riegel vorgeschoben. Sperrt Deutschland im Bunde mit der Türkei den Suez- Kanal, erobert es die Sinai-Halbiusel und Uuter- ägypten mit Kairo uud Alexandrien, dann ist die eng lische Weltmachtstelluug erschüttert. Nicht uur, daß wir England— 33 — so zwingen, alle Kricgsznfuhren auf dem schwierigsten, zeitrau bendsten Wege um das Kaplaud zu bewerkstelligen, es wird dadurch auch der englische Einfluß in Ostafrika sofort bedeutend geschwächt, und es steht zu hoffen, daß dann dje islamitischen Völker Afrikas und Asiens doch noch gegen die englische Gewaltherr schaft aufstehen. Daß die englische Negierung schon im März 1915 den Be lagerungszustand über ganz Britisch^Jndien verhängte, Verhaf tungen vornahm, Gefängnis- und Todesstrafen aussprechen ließ, zeugt doch für die Wahrheit der Gerüchte über ausgebreitete Unruhen und über den großen Umfang der Gärung unter der indischen Bevölkerung. Nachdem ferner die Kunde von den englischen Riesenverlusten an der deutschen Westfront und von dem Schicksal der ersten von Lord Kitchen er gebildeten Armee orientalischer Völkerschaften, welche seiner Zeit den Suez- Kanal passierte, nach Indien, Neu-Seeland und Australien ge langt ist, wird es für England kaum möglich sein, eine zweite solche Armee aufzubringen. Ueberdies hat Lord Kitchener, Englands bedeutendster militärischer Organisator und Feldherr für Aegyp ten, in den Wellen der Nordsee sein Grab gefunden. — Ju deu englischen Kolonien muß man sich doch fragen, worin für sie, die sich durch Aufopferung ungezählter Tausende unter Englands Fahnen verbluteten, eigentlich das Kriegsziel und der Gewinn für ihre Leistungen besteht! Die Tatsache, daß in Frank reich die farbigen Truppen vor der Front der Weißen in unfern Fenerregen getrieben, und zurückweichende von ihren weißen Vorgesetzten niedergeschossen wurden, die Tatsache, daß in Nußland zurückgehende asiatische Abteilungen von ihrer eigenen Artillerie niederkartätscht wurden, die Tatsache endlich, daß überall den farbigen Heerscharen eine unmenschliche Behandlung zuteil geworden ist, muß in den englischen Kolonien trotz der dort so scharf gehandhabten Zensur endlich bekannt werden. Damit muß sich die Ueberzeugung einstellen, daß ein deutscher Sieg im Welt krieg, welchen die großen deutschen Erfolge immer wahrschein licher machen, weit vorteilhafter für sie ist, als Englands Sieg und Englands fortgesetzte Gewaltherrschaft über sie. Das Erscheinen deutscher Truppen auf der Sinai- Halbinsel und in Aegypten mnß sich von dort wie ein Lauf feuer verbreiten nnd der Wahrheit eine Gasse bahnen. Es kann v> Schuhbar-Milchltng, Kolonialpolitik und KricgSMc. 3— 34 — nicht ausbleiben, daß dann in den Kolonien unserer Feinde der Versuch gemacht wird, das französische und das englische Joch abzu schütteln, und gleichzeitig KriegundMevolution in Indien und Afrika beginnen. Unser Erscheinen bei Suez muß den islamitischen Völkern beweisen, daß die Besiegung Englands und Frankreichs- durch die Mittelmächte zur Tatsache wurde. Wie sehr dadurch für immer das Ansehen des Deutschtums in aller Welt gehoben werden wird, braucht nicht besonders betont zu werden. Das Erscheinen deutscher und türkischer Trup pen am Suez-Kanal wird England selbst seine äußerst gefährdete Lage sofort zur Erkenntnis bringen. Ein möglichst überraschender, mit großen Kampfmitteln angesetzter Vorstoß gegen Alexandrien,, von Westen unterstützt durch die bekannten Sennssen, muß die englisch-ägyptische Armee vom Mittelmeer trennen, er muß, nach dem jener alle Zufuhr an Kriegs- und an Lebensmitteln abge schnitten ist, endlich ihre Nebergabe herbeiführen. Es wäre nur natürlich, wenn England aus einer solchen Lage die Folgerungen zöge und, mit seiner schließlichen Niederzwingung rechnend, alles- aufbieten würde, um uns entgegen zu kommen und Frieden zu schließen. England kann auch Judien nicht weiter von Truppen ent blößen; es muß an der persischen Front seinen geliebten Bundes genossen Rußland im Schach halten, der sich hier durch Aus breitung seines Einflusses für das ihm entgangene Konstantinopel zu entschädigen trachtet. Frankreich und Italien, dnrch uugeheure Verluste geschwächt, sind ebensowenig in der Lage, nnd> wohl auch nicht gewillt, größere Truppeumassen nach Aegypten zur Verteidigung englischer Interessen zu entsenden. Und da endlich Englands Schwächung in Europa und im nahen Orient die Erstarkung Japans im fernen Osten bedeutet, so wird auch desseu Hilfe ausbleiben, zumal, wenn hier vorsichtige und ge schickte diplomatische Arbeit mitwirkt. Je länger England aber, nach Sperrung des Sncz-Kanals,. nach Besetzung und Befestigung der Sinai-Halbinsel und nach Eroberung von Kairo und Alexandrien durch uns, den Krieg fortzusetzen versuchen würde, desto mehr müßte es an seiner Welt- Machtstellung einbüßen. Besonders würde Japan, das dnrch seinen Vertrag mit Rußland vom 3. Juli 1916 schon dieses von jeder— 35 — 3* Vorherrschaft in Ostasien gänzlich ausgeschaltet hat, die Ge legenheit benutzen, auch, das bedrängte England in seinen ost- asiatischcnJnteressen weiter rücksichtslos und empfindlich zu schädigen. England hat doch wohl, so gut kaufmännisch es sonst zu rechnen verstand, mit seiner Kriegserklärung an Deutschland einen großen Fehler begangen. Das beweist auch die von gefan genen englischen Offizieren in diefem Zusammenhang wiederholt gemachte Bemerkung: „W ir° haben auf das falsche Pferd gefetz t." Wie würde der Krieg heute stehen, wenn wir schon seit zwei Jahren solche Gesichtspunkte, wie die oben entwickelten, vermehrt in den Kreis unserer Ziele einbezogen hätten? Und wird ohnedem ein starker Friede, wie Deutschland ihn braucht und von Gott erfleht, überhaupt jemals möglich sein? Sollen wir nicht auch daran denken, daß schon Napoleon Bonaparte Englands Kolo nialmacht zu allererst in Aegypten angegriffen hat? — Das deutsch-türkische Zusammengehen wird dauernd von gutem Erfolg begleitet sein, wenn Deutschlands Absichten im Orient der Türkei zeitig und klar bekannt gegeben werden, wenn die gemeinsamen Interessen festgestellt und geregelt werden, und wenn das gemeinsame Ziel, nämlich Englands Niederzwingnng, allem vorangestellt sein wird. Ein solches Bündnis wird dann aber auch für alle Zeiten von Bestand sein. Eine feste Grundlage hierzu, die beiden Teilen offensichtliche und bedeutende Vorteile bietet, ist für Deutschland und seiue Orientpolitik einmal der Besitz der Sinai-Halbinsel, als eines starken Grund pfeilers seiner Landmacht, zum andern aber die Anlegung eiyes Kriegshafens bei Akaba, als eines sicheren Stützpunktes für die deutsche Seemacht und die türkische Flotte. Hier können die Türkei und unsere anderen Bundesgenossen dann jederzeit und unbeeinflußt von dem Druck der Entente in allen kritischen Lagen Anlehnung uehmeu. Möchte auf unserem Zusammengehen mit dem Islam Glück und Gottes Segen ruheu, und möchte die deutsch-türkische Waf fenbrüderschaft auch die deutsche Stellung im Heiligen Lande weiter stärken, welche gegenüber französischen, englischen und russi schen Einflüssen seit der Jerusalemfahrt uuseres Kaisers vou 1898 so schön im Erblühen begriffen war.— 36 — ^sldinssl Ziiisi. . » P-S77!. Itz/VQ556/- I^L65QUaL6/^ LaTl/k^III. Die Bedeutung der Sinai-Halbinsel für Deutschland, und die Bagdad-Bahn. Aushungerung. Dcr viel gelesene politische und militärische Schriftsteller aus den Jahren der Freiheitskriege, Heinrich, von Bülow, schreibt, das Ziel militärischer Operationen sei die Erlangung gewisser geo graphischer Punkte, vou deren Besitz die Entscheidung des Krieges abhinge. Als ein solcher geographischer, strategisch wichtiger Pnnkt erscheint heute eine befestigte Sinai-Halbinsel in deutscher Hand. Als in diesem Weltkrieg die Hoffnung unserer Feinde, uns schnell durch Waffengewalt und Uebermacht zu Boden zu werfen, versagte, faßte England den Plan, Dentschland mit seiner über 68 Millionen zählenden Bevölkerung auszuhungern; ein wür diges Seiteustück zu König Eduards von England Politik, der seiner Zeit es sich zur Aufgabe gemacht hatte, uns von allen Freuudeu zu entblößen und durch England uud dessen Schleppen träger einzukreisen. Auch die Abficht, uns auszuhungern, ist Eng land bisher nicht gelungen, uud sie wird ihm nicht gelingen, wenn unser Volk weiter in Treue durchhält. Indessen, trotz der / gewaltigen Mißerfolge Englands an der Somme und in Flandern, die in dessen Geschichte unvergeßlich und unverwindlich bleiben werden, ist doch mit dem bloßen Durchhalten die völlige Nieder ringung unseres Hauptfeiudes nicht erreicht. Diese ist erst dann zu erwarten, wenn Deutschland Gleiches mit Gleichem vergelten kann, wenn es also auch England alle Zufuhr abschneidet. Nur großzügige, energische deutsche Maßnahmen können Englands Ueberhebung herabdrücken und es besonders auch in— 38 — kolonialen Fragen zum Entgegenkommen zwingen. Noch befindet es sich im Besitz fast aller unserer Kolonien, noch haben wir kein englisches Besitztum bei Friedensschluß dagegen zu setzen. Darum wird sich England nicht eher für bezwungen halten, bevor es nicht Hunger und Mangel am eigenen Leibe spürt, und wir werden unser Vaterland nicht eher von dem englischen Druck befreien, bevor wir nicht englisches Gebiet als Faustpfand in Beschlag genommen haben. Zur Erreichung dieser beiden Zwecke scheinen sich uns zwei Angriffsziele zu bieten: London, oder der Suez-Kanal mit Aegypten. Von diesen dürfte eine Eroberung der Hauptstadt Albions das schwieriger erreichbare seiu, wenn auch die herrlichen, kühnen Taten unserer Luftfchiffer und Flieger der Festung London schon manche Bresche geschossen haben. Ein Angriff auf den Suez-Kanal dagegen bietet bei einem Zusammengehen mit der Türkei bessere Aussichten. Denn England hat bisher Hekatomben von Menschenleben an unserer Westfront nur geopfert, um uns von der Stelle fern zu halten, an der es sich selbst schwach fühlt, und an der es bis jetzt verschont blieb: von dem Suez-Kanal und von Aegypten. Gehen wir nun aber doch auf diesem Wege vor, so werfen wir damit alle englischen Berechnungen über den Haufen. Darum sollte Deutschland die überaus günstigen Umstände des Augenblicks, da England zu Lande und zu Wasser erheblich geschwächt ist, politisch und militärisch ausnützen. Es sollte durch Eroberung der Sinai-Halbinsel, des Suez-Kanals und Unterägyptens mit einem Schlage England seinen Hauptzufuhrweg unterbinden, und ihm damit die Kehle zuschnüren, uns durch die Weg nahme eines wertvollen Pfandes die feste Grundlage zu einem starken Frieden sichern und für die koloniale und wirtschaftliche Zukunft Deutschlands im Orient einen dauernden Stützpfeiler errichten. — England hat sich in Aegypten erst zwölf Jahre nach der Eröffnung des Suez-Kanals allmählich festzusetzen begonnen. Als Ferdinand von Lesseps am 17. November 1869 den Kanal dem Weltverkehr übergab, war davon noch keine Rede. Aber England erkannte, was für sein Kolonialreich diese Verkehrsstraße be deutete, die, 161 km lang und etwa 8 m tief, die Wasser des— 39 — Roten Meeres und des Indischen Ozeans mit denen des Mittel- ineeres und des Atlantischen Ozeans verbindet. Und so begann es seine Ausbreitung in Unterägypten. Frankreich erkannte die englische Oberhoheit daselbst 1904 an, ohne die Türkei zu befragen; es wollte dadurch Vorrechte in Marokko erlangen. So sind also ungefähr 35 Jahre verflossen, seit England dort den Herrn zu spielen begonnen hat. Wie schon gesagt, betrachtete England die Sinai-Halbinsel mit gewohnter Anmaßung als zu Aegypten gehörig. Es hat aber seine Hoheits-„Rechte" über dieses Land hauptsächlich nur dadurch zum öffentlichen Ausdruck gebracht, daß es auf englischen Karten eine Linie gegen Palästina und Syrien hin als „Grenze von Aegypten 1892" eintragen ließ, welche etwa 45 km östlich El-Arisch am Mittelmeer beginnt und 12 Icm westlich von der türkischen Stadt Akaba an der gleichnamigen Bucht eudet. Im pebrigen hat sich England über die Rechtmäßigkeit dieses angeb lichen Besitztums einfach ausgefchwiegeu. Ju Anbetracht der Ver bindungsschwierigkeiten, die zwischen Aegypten und Konstantinopel bestehen, sah es die Halbinsel lediglich als ein willkommenes natürliches Hindernis für einen feindlichen Angriff an. Während des Krieges hat England dann seine Grenzen über die bisher willkürlich angenommenen Linien hinaus in Palästina gegen Ghaza vorgeschoben, um die alte Karawanenstraße Rafah— Ghaza in die Hände zu bekommen, und hat sie andrerseits über Akaba ausgedehnt. An sich wäre es ja unerheblich, ob geographisch die Sinai- Halbinsel als zu Asien gehörig anzusehen sei, oder zu Afrika. Vor dem Bestehen des Suez-Kanals konnte man sie wohl als ein .zu Afrika gehörendes Verbindungsglied mit Asien betrachten. Durch den Kanal ist sie aber von Afrika abgetrennt und Asien ange gliedert, und der Suez-Kanal selbst erscheint wie eine natürliche Grenze zwischen beiden Erdteilen. — Der Wert der Sinai-Halb insel, abgesehen von ihrer strategisch so bedeutsamen Lage, ist nicht zu unterschätzen. Schon die Pharaonen haben dort Bergbau be trieben; die Bergwerke von Marara, die Sinai-Minen und -Kupser- lager sind aus alter Zeit bekannt. Sonst ist das Land wasserarm und in seinem jetzigen Zustande nur an wenigen Stellen anbau fähig. Bevölkert war es von jeher schwach, mit etwa 1t) 000 Beduinen, deren Stammeszugehörigkeit ja auch nach Asieu weist.— 40 — Z>le strategische Aedeutung der Sinai-Kalöinsel. England hat selber auf die Stellen hingewiesen, wo es sich für verwundbar hält. Es hat Gibraltars wegen Spanien bei Kriegsandrohung die Befestigung der Höhen untersagt, welche die Bucht von Algeeiras umgeben, und ebenso hat es 1906 der Türkei den Ausbau der Zweigbahn von Maan nach Akaba verboten; Maan liegt an der Hedjasbahn, welche etwas landeinwärts der Westküste Arabiens folgt, uud die ge plante Zweigbahn würde etwa 100 km Länge haben. Die Gründe für dieses Verbot bestehen natürlich darin, einmal der Türkei jede Angriffsbasis ans Aegypten zu nehmen, und dann überhaupt jede Behebung des in ganz Syrien und Arabien be stehenden Mangels an Verkehrswegen zu verhindern, weil eben diese Verkehrsschwierigkeiten die Sicherheit Aegyptens erhöhen. Welche hohe strategische Bedeutung die englische Hee resverwaltung im übrigen zumal dem südlichen gebirgigen Teil der Sinai-Halbinsel mit der Bucht von Akäba und dem Zngang zum Noten Meer beilegt, geht daraus hervor, daß die englischen Generalstabskarten vom Jahre 1907, welche den nördlichen san digen Wüsten-Teil Sinais betreffen, im Verlagshandel erschienen sind, daß aber die Blätter zurückbehalten wurden, welche den Süden der Halbinsel behandeln. Wenn England bis zum Beginn des Krieges in diesem südlichen Teil noch keine Befestignngsmaß- nahmen getroffen zu haben scheint, so ist das wohl nur auf Mangel an Besatzungtruppen zurückzuführen. So ist denn die Sinai- Halbinsel, deren Besitz bei ihrer Lage zwischen zwei Weltverkehrs- straßen politisch und strategisch so außerordentlich wertvoll für die Zuknust zu werden verspricht, mit dem Suez-Kanal der schwache Punkt geblieben, als-den ihn die Engländer selbst so harmlos be zeichnet haben. Dieses Bekeuutuis entspricht jedenfalls der Wahr heit um so mehr, als es sicher nicht in der Erwartung ausge sprochen wurde, daß Euglauds Feinde es einmal ausnutzen könnten. Denn in Aegypten und auf Sinai kann England seine Macht zu Lande uud zur See viel weniger zur Geltung bringen, als irgendwo anders. Deutschland und seine Verbündeten hingegen würden ihre militärische Stärke dort glänzend verwerten können. Der südliche Teil der Halbinsel muß mit Befestigungs anlagen versehen und in eine große Bergfeste umgewandelt— 41 — werden. Eine solche muß bei der heutigen Weltlage als ein wert volles Objekt erscheinen, das für Deutschlands und seiner Bundes genossen Zukunft Gibraltars Bedeutung für England weit über trifft. Wenn also Deutschland vou seinen Kämpfern in Europa eine ausreichende Truppenmacht für dieses Unternehmen abzweigen kann, wenn es im Bunde mit der Türkei uns gelingt, dort über raschend anzugreifen, so stehen uns auch leicht zu errin gende große Erfolge in Aussicht. Die Türkei wird ja schon durch den Zwang der Selbsterhaltuug darauf hingewiesen, zu versuchen, auf Sinai militärisch Fuß zu fassen. Welchen gewal tigen moralischen Eindruck wird die Erkeuntnis auf England machen, daß seine Rechnung irrtümlich war, welche sich auf einer ohnmächtigen Türkei aufbaute! Die Früchte eines solchen ent schlossenen Handelns werden nicht ausbleiben; die Entscheidung des Weltkrieges hängt ab von der Eroberung Sinais, des Suez- * Kanals und Unterägyptens. Drücken wir England die Kehle zu. Dann haben wir es, wo wir es haben müssen: Der Weltkrieg findet seinen Abschluß. — Die Sperre des Suez-Kanals. Die Voraussetzung für das Unternehmen ist, daß die Ver kehrsstraßen durch Kleinasien und Syrien zum Suez- Kanal und durch Arabien über Akaba zur Sinai-Halbinsel möglichst schnell ausgebaut und alle rückwärtigen Verbindungen gesichert werden. England rechnete vor dem Weltkrieg mit den »Verbindungs- und Beförderungsschwierigkeiten, welche einer Armee zwischen Konstantinopel und Kairo entgegenstanden. Darum ver spricht der deutsche Erfolg nach jeder Richtung hiu um so größer zu werden, je schneller und besser diese Verkehrswege von Konstan tinopel, dem Zentrum der türkischen Macht aus, uuter Benutzung der Bagdad-Bahn und der Hedjasbahn, in Stand gesetzt werden. Vor allem wäre auch die von England „verbotene" eben er wähnte Nebenstrecke Maan — Akaba sofort in Angriff zu nehmen. Die türkische Stadt Akaba und die gleichnamige Bucht liegen bis jetzt, unbeachtet von aller Welt, außerhalb des durch die Suezstraße führenden großen internationalen Verkehrs weges. Akaba, am nördlichen Ende der Bucht, au der alten— 42 — Pilgerstraße nach Mekka, hat seine Geschichte. Es war in rö mischer Zeit bereits Standort einer Legion. Seine Bedeutung wird einen gewaltigen Aufschwung nehmen, wenn es zum Mittel punkt des Verkehrs vom Roten Meer zur Bagdad- Bahn und desjenigen über Suez nach Aegypten, und andrererseits zur Ausgaugsstation für allen Verkehr zum Roten Meere von Osten her wird. Die Bucht von Akaba hat indessen doch schon die Aufmerk samkeit einer Marine-Verwaltuug auf sich gezogen: Oesterreich- Ungarn ließ 1895—1896 durch sein Schiff „Pola" dort Ver- messungen anstellen, die gute Unterlagen für die Kenntnis der Bucht und deren Zugang durch die Tiran-Straße liefern. Das Schiff nahm auch Uuterfuchuugeu über mögliche Ankerplätze vor, sowohl an der östlichen, der arabischen, wie an der westlichen, der Sinai-Küste. Diese österreichischen Vermessungen haben zwi schen den Inseln Tirau und Senasir, welche der Bucht von Akaba vorgelagert fiud, uud dem arabischen Küstenland nur sehr geringe Wassertiefen ergeben, während die Tiefe der Ti ran-Straße an 128 m beträgt. Daraus folgt, daß diese Inselgruppe als zu Asien gehörig zu betrachten ist. Es kann ^ für deutsche Interessen kaum etwas günstigeres geben, als auf diesen von unseren österreichischen Bundesgenossen vor 2V Jahren gewonnenen Grundlagen weiter zu bauen. Der Besitz der Stadt und Bucht von Akaba als Kriegs hafen, zu welchem das östlich anliegende Gestade und die vorliegende, eben erwähnte Inselgruppe von Tiran ^ und Seuafir kommen müßten, würde für die deutsche Flotte ein idealer Stützpunkt seiu. Von einer solchen Flottenstation aus und von einem Flugplatz bei Akaba kaun jederzeit die Suezstraße gesperrt, und Aegypten mit Kairo und das Rote Meer mit seinem Zugang vou dem Golf von Aden aus beherrscht werden. Wenn England zuerst überhaupt nicht mit der Möglichkeit eines deutsch-türkischen Bündnisses gerechnet hatte, und wenn es dann die Gefahr eines dentfch-türkifchen Angriffs auf den Suez- Kanal und Aegypten durch seinen Wall vor dem Orient abwenden zu können geglaubt hat, wieviel weniger wird es daran gedacht haben, daß wir durch Minen, Flieger uud andere militärische Überraschungen die Bucht von Suez und damit den Zugang— 43 — zum Suez-Kanal sperren könnten! Auf diese Weise können wir England alle Zufuhr vom Roten Meere her abschneiden. Gelingt cs, von der Sinai-Halbinsel aus den Golf von Suez zu sperren, und gleichzeitig einen deutsch-türkischen Vorstoß gegen den Kanal durchzuführen, dann muß sämtliches feindliches Schiffs und Kriegsmaterial, welches sich im Suez-Kanal nnd in der Bucht befindet, uns als Beute zufallen. England bliebe nur die V e rk e h r s st r a ß e des Nil und die diesen begleitende Militärbahn über Kairo und Alexan drien übrig; alle vom Roten Meer herankommenden Transporte und Waren müßten also zwei- bis dreimal umgeladen werden. Dies setzt noch die Annahme voraus, daß englischerseits bereits eine Verbindungsbahn gelegt wurde, um den Verkehr zwischen dem Roten Meer und dem Nil zn vermitteln. Wenn überhaupt, so ist eine solche Bahn höchst wahrscheinlich bei Keneh gebaut, wo der Nil aus uugefähr 150 km an das Rote Meer herantritt. Sollte aber England diesen Verkehrsweg, vielleicht wegen der Unznverlässigkeit der Anwohner, noch nicht hergestellt haben, so würde sein Nenban weitere Zeit beanspruchen, und die Verzögerung der Transporke würde sich noch bedeutend vergrößern. Es bliebe England dann nur noch die wohl schon ausgebaute Bahnstrecke Suakin—Berber, die beträchtlich nilaufwärts unweit der erytrüischen Grenze liegt. Die Sperre des Suez-Kanals und die Eroberung von Unter ägypten würde also England zwingen, alle Kriegslieferungen von Westen her um das-Kap der guten Hoffnung herum aus zuführen. Hierfür sind aber die Schiffe, die sonst den Suez- Kanal benutzen, und Ine in Gibraltar, Malta, Port Said und Aden Kohleustationen haben, nicht eingerichtet, weil ihre Kohlen laderäume nicht groß genug sind, um den Umweg um das Kap, bei der geringen Zahl von Kohlenplätzen auf diesem Wege, machen zu köunen. Wird die Sinai-Halbinsel deutsch, dann empfiehlt es sich, unsererseits möglichst schnell mit ihrer Erschließung voran zn gehen. Es muß eine etwa 280 bis 3vl) km lange Eisenbahn in Angriff genommen werden, welche, den Karawanenstcaßen fol gend, Akaba mit dem Mittel meer verbindet. Sic müßte an der Nordküste von Sinai bei einer befestigten Hafenan lage enden; eine solche kann bei El-Arisch angelegt werden.— 44 — oder, wenn die Bahn an der Küste von El-Arisch nach Westen noch ein Stück weiter geführt wird, bis etwa IVO km östlich Port Said, so wäre dort, wo eine Landzunge den Barduil-See vom offenen Meere trennt, ein ebenso günstiger Platz, um einen Kriegshafen zu schaffen. Eine Abzweigung dieser Bahn muß das Innere der Halbinsel bis in den südlichen gebirgigen Teil hinein öffnen. Das hätte den Vorteil, daß die von alters her wüst und öde daliegende Sinai-Halbinsel endlich vom Mittel meer aus.zugänglich gemacht uud ihre Urbarmachung angebahnt werden würde. Deutsch-türkifche Transporte nach der Halbinsel und nach Akaba könnten erfolgen, ohne daß die feindliche Mit welt es zu erfahren brauchte, und wir und unsere Verbündeten wären unabhängig vom Suez-Kanal. Me Nagdad-Aahn. Die Bagdad-Bahn kürzt den Weg nach Indien, O st- afien und Australien gegen den bisherigen Seeweg um Spanien herum über Suez ganz erheblich ab, wie das ein Blick auf die Karte lehrt. Sie erleichtert also den internationalen Verkehr Europas mit Indien, Ostasien uud Australien, der bisher allein durch den Suez-Kanal ging, indem sie die Fahrzeit bedeutend verringert. Euglands Ueber macht hat sich uur durch den Seeverkehr herausgebildet, iu einer Zeit, als ein schnellerer internationaler Landverkehr nicht möglich war. Da nun der See verkehr durch die Bagdad-Bahn allmählich eine beträchtliche Ein buße erleiden muß, so wird dadurch auch die englische Weltmacht- stellung berührt, uud zwar in dein Maße, wie die Verkehrs- entwickelung zu Laude zunimmt. Nach der „Wochenschrift für das Deutschtum im Auslande" durchfuhren im Jahre 1911 im ganzen 4858 Schiffe den Suez- Kanal. Von diesen befanden sich 3036 in englischem Besitz, 662 in deutschem, 231 in französischem, 18V in österreichischem, 152 in russischem und 83 in italienischem Besitz. Englands Schiffs zahl ist also fast doppelt so groß, wie die gesamte Anzahl der Schiffe aller andern vorgenannten Staaten. Daraus kann man schließen, wie groß die englischen Interessen am Suez-Kanal fein müssen. Zn beachten ist aber weiter, daß die Zahl der deutschen Schiffe mit 662 die Gesamtzahl derjenigen der andern vorgenannten Staaten — zusammen 646 — noch— 45 — AM 16 übertrifft. Deutschland steht also an zweiter Stelle. Auch das ist ein Grund, der Deutschland vollkommen berechtigt, bei den Friedensbedingungen des Weltkrieges ausgiebiger als vordem seine Macht im Orient zu betonen nnd die Voraussetzungen für deren weitere Ausbreitung sich zu sichern. , Deutschlands kontinentale Lage hatte trotz ihrer großen Gefahren und Schwierigkeiten das Gute, daß sie die Ver- jehrsentwickeluug bis zu ihrer heutigen Höhe förderte. Dem Fleiß und der rastlosen Arbeit des deutschen Volkes, seiner unvergleich lichen Organisation und seinen praktischen Einrichtungen verdan ken wir es, daß wir unsere Nachbarn überflügelten. Ein Vergleich der neuesten Welthandels- uud Weltverkehrskarte mit denen von Dor Ig Jahren gemahnt uns, den Blick in die Zukunft zu richten, um für diese sachliche Schlußsolgerung zu ziehen! Denn nachdem die unaufhaltsam zunehmende Entwickelung des internationalen Verkehrs dem bisher alleinigen Weg zwischen Europa And Indien, dem Seeweg, die Konkurrenz durch die Bagdad-Bahn geschaffen und so die entferntesten Gebiete auch auf dem Land wege erschlossen hat, werden und müssen nach Kriegsbeendigung politische Mach tverfchiebungen eintreten, und eine Um gestaltung der bisherigen Welt kann nicht ausbleiben. Für England hat diese Richtung der Handels- und Verkehrs entwickelung immer größere und fühlbarer werdende Nachteile gebracht, Deutschland hingegen erlangte dadurch nur Vorteile. Es kommt darauf an, bei einem starken Frieden uns weitere günstige Möglichkeiten in diesem Zusammenhang offen zu halten und den Schienenweg Berlin — Bagdad, der uns mit Per sien und Indien verbindet, voll auszuuutzen. Nach Zurück- drängung der Engländer und der Russen aus Mesopotamien und dem nordwestlichen Persien wird deutsch-türkischer Einfluß dort überall tzunehmen, kie Bagdad-Bahn wird eine lebhafte Befiedelung der fruchtbaren Gefilde zwischen Euphrat und Tigris und der Gebiete am Persischen Golf durch die Völker der Mittelmächte mit sich bringen: Die Bahn hat,e ine deutsche Zukunft! Die Gründe für Englands vormalige Bemühungen, ihren -Bau zu hintertreiben, und, als das nicht gelang, sie in eigene Gewalt zu bringen, waren also triftig genug. Ist doch der Türkei schon jetzt die Möglichkeit, größere, im Bau vollendete Strecken Zu benutzen, bei Transporten nach Mesopotamien nnd in der— 46 — Richtung Suez-Kanal—Aegypten außerordentlich zu Gute gekom men. Die Bahn wird sich anch weiter als ein Unternehmen heraus stellen, das wesentlich dazu beitragen muß, die englische Welt- Machtstellung zu schwächen, die unsrige aber zu stärken. Die Sinai-Halbinsel in deutschem Besitz wird auch dabei ein starker Stützpunkt von nicht hoch genug anzuschlagender Bedeutung sein. Per Werg Sinai. Setzen wir uns nach einem Abkommen mit der Türkei in den Besitz der' Sinai-Halbinsel und der Bucht von Akaba, erobern wir Unterägypten, schaffen wir auf Sinai eine starke Feste nni> in Akaba einen starken Kriegshafen, dann haben wir die Hand auf deu Knotenpunkt gelegt, der zwei Weltverkehrs- straßen beherrscht: die Bagdad-Bahn von Berlin zum Persischeu Golf, und den Suez-Kanal von London—Antwerpen zum Roten Meer. Damit geben wir diesen beiden Straßen die Freiheit des internationalen Verkehrs wieder. Mit dem Augenblick, wo England die Herrschaft über deu Suez-Kanal verliert, sinkt auch die Bedentuug Gibraltars als Schlüssel zum Mittel.- meer. Denn, wie die Weltkarte veranschaulicht, bildet Gibral tar, auch wenn es seine vormalige Bedeutung schon jetzt verlor^ immerhin uoch den Schlüssel, und der Suez-Kanal das Schloß für den britischen Besitz in I n d i e n n n d A n st r a l i e n, auf welchem sich Englands Weltmacht aufbaut. In gleicher Weise aber ist Antwerpen mit der Scheldemündnng der Schlüssel zu Deutschlands künftiger kolonialen Größe, und dev Besitz einer befestigten Sinai-Halbinsel das Schloß dazn im Orient. Darum seien Sinai, Suez und Akaba unverrückbare Kriegsziele der verbündeten Mittelmächte! Am Suez-Kaual liegt aber auch der Knotenpunkt, von dem aus die afrikanischen Besitzungen Englands mit den ostasia tischen auf dem Landwege in Zusammenhang gebracht werden können. Denn dem britischen Weltreich, das sich in Afrika vom Kapland bis zum Nil auszudehnen im Begriffe steht und in Asien von Indien über die Länder am Persischen Golf und durch Mesopotamien einer Vereinigung mit diesen afrikanischen Macht bereichen zustrebt, bedeutet die Sinai-Halbinsel die Brücke zwischen den beiden gewaltigen Gebieten. Für Deutschland aber und seine Bundesgenossen stellt die Halbinsel den starken Keil dar, der— 47 — das britische Weltreich spalten kann. Einer Aufteilung der Welt nach der Absicht der maßlosen und rücksichtslosen eigensüchtigen Uebcrhcbnng Englands wäre damit ein kräftiges Halt geboten! England hat sich von Indien aus im Irak, also zwischen dem Persischen Meerbusen und Bagdad, durch den Bau von Klein bahnen über Basra in der Richtung Kut el Amara, und in den Stromgebieten des Euphrat und Tigris schon eingenistet. Meso potamien soll ja sogar „befreit" und uuter dem Namen Arabistan selbständig gemacht werden. Es soll auch nach englischen Blättern schon ciue Kleinbahn von Suez aus nach Sinai hinein angelegt sein, zunächst wohl nur zur Versorgung der Truppen auf ihrem Normarsch durch die Wüste. Bliebe die Sinai-Halbinsel und Aegypten in Englands Hand, träfe die Türkei im Einverständnis mit uns und unter unserer Beihilfe keine entsprechenden Gegenmaßregeln, wie ständen dann die türkischen Aussichten nach dem Kriege? Schon während des großen Ringens arbeitete England immer weiter daran, von großen Gesichtspunkten ausgehend, überall möglichst zahlreiche strategische Stützpunkte zu besetzen, um sie, wenn in Europa seine militärischen Absichten zu Lande und zu Wasser scheitern sollten, bei den Friedensverhandlungen in die Wagschale werfen zu können. So schob es auch feine Grenzen von Aegypten aus bis Ghaza und über Akaba vor. Seine Politik wird nach dem Feldzug noch mehr als vorher darauf ausgehen, die Türkei zu vernichten. Geld und Propaganda werden mithelfen sollen, das bisherige Ziel ferner zu verfolgen. Und dnrch Aufwurf des Walles, den es vom Suez-Kanal bis Bagdad mit allen Mitteln herstellt, zeigt es, wie es auch Deutschland nicht nur den Weg zu seinen Kolonien dauernd abschneiden, sondern uns von einer Ein wirkung auf einen kommenden Kolonialkrieg überhaupt ausschalten will. So sind unsere und die Interessen der Türkei auch hier eng verknüpft. Nach den Erfahrungen des Weltkrieges wird England sicher die Sinai-Halbinsel, wenn es sie behält, ihrer strategischen Be deutung gemäß zu einem stark befestigten Platz umgestalten, welcher die Türkei in Palästina, Syrien und Arabien ständig bedroht. Diese Gebiete werden mit Engländern, Franzosen und Italienern überschwemmt, uud der Versuch erneuert werden, ein Zermür ben der Türkei herbeizuführen. Die letztere war im Zufam-— 48 — mengehen mit Deutschland zusehends und wesentlich erstarkt. Hat doch die türkische Regierung in richtiger Erkenntnis des Not wendigen während des Krieges unter anderem die von den Eng ländern, Italienern und vor allem von den Franzosen errichteten Schulen geschlossen und zumeist in türkische umgewandelt, und allenthalben an den höheren Schulen den Unterricht im Deutschen eingeführt. Aber dies und alles im Weltkrieg mit deutsch-tür kischem Blut Errungene würde bald wieder verloren gehen, die Entente-Mächte würden die Türkei um den Lohn und die Lorbeern bringen, die ihre tapferen Söhne an Deutschlands Seite sich er kämpften. — l Also: die Sinai-Halbinsel ist bestimmt, ein zweites Gibraltar im östlichen Mittelmeer zu werden. An uns ist es, dafür zu sorgen, daß sie nicht ein englisches, sondern daß sie ein deutsches Gibraltar wird. Kommt die Halbinsel in deutschen Besitz, kommt Aegypten wieder unter türkische Oberhoheit, so wird dadurch ein unzerstörbarer Keil zwischen die englischen Riessngebiete in Afrika und Asien getrieben, die Türkei ist in ihrem Bestände gesichert und behält an Deutschland einen starken Anhalt. Die türkische Flotte aber kann in Anlehnung an einen deutschen Kriegs hafen Akaba ihren Ausbau fortsetzen. So wird die SiNai-Halbinsel in deutschem und türki schem Interesse die gesunde Grundlage für ein dauern des Bündnis der beiden Völker bilden und einen deutsch-türki schen Schutzwall von historischer Bedeutung für die Nachwelt; ihr Besitz wird für den ganzen weiteren Verlauf des Feldzuges ausschlaggebend sein. Bei Friedensschluß darf sie unter keinen Umständen bei England verbleiben, wir brauchen sie, um mitsprechen zu können, wenn der Weltbrand in einen neuen Abschnitt tritt, wenn bei veränderter Mächtegruppierung ein neuer Weltkrieg aufflammt. Denn dann wird es sich nicht mehr darum handeln, die Grenzen des deutschen Reiches zu verteidigen, sondern es wird um Deutschlands kolo nial-politische Zukunft gehen. Haben wir die Halbinsel, so haben wir eine gewichtige Waffe, die uns im günstigen Falle auch in den Stand setzt, bei diesem neuen Ringen eine dankbare Vermittlerrolle zu spielen. Ihr Besitz würde sich auch als das beste Mittel erweisen,' unsere afrikanischen Kolonien zurückzuerhalten, indem wir uns— 49 — den Weg zu ihnen noch während des Krieges frei machten, — Da die großen Kriegszufuhren Japans für England und Frank reich durch den Suez-Kanal an ihren Bestimmungsort gelangen, wird Deutschland von Sinai aus auch Japan treffen können, das ihm sein wertvolles ostasiatisches Besitztum raubte. Zweifellos besteht für die Mittelmächte hier die Möglichkeit, Einfluß auf Japan und auf den Entwicklungsgang der Dinge in Ostasien überhaupt auszuüben. Bei dauerndem Zusammengehen mit der Türkei eröffnet sich uns die Aussicht, von dem Gebiet ans, welches die Sinai-Halbinsel, die Stadt und Bucht von Akaba, die dieser anliegende Küste und die Inseln Tiran und Senafir umfaßt, einen großen, blühen den deutschen Interessenbereich zur EntWickelung zu bringen, welcher sich zwischen dem Roten Meer und dem Mittel meer nach Palästina uud Syrien hinauf und über Damaskus nach Mesopotamien hinein, ferner am Persischen Golf nach Koweit und im nordwestlichen Persien nach Teheran, ebenso aber auch westwärts uach Aegypten erstrecken würde. Sinai iund Akaba würden dabei den Stützpunkt, Beirut den am Mittelmeer gelegenen Haupthandelshafen bilden muffen. Der französische und anderer feindlicher Einfluß in Syrien und Palästina würde endgültig verdrängt werdeu. Ja vielleicht köuute die türkische, aber durch Pachtvertrag seit 1878 unter englischer Hand stehende Insel Cy- pern in deutsche Verwaltung übergehen. Die Sinai-Halbinsel, ^ als Bindeglied zwischen zwei Weltteilen und zwei Ozeanen sichert die deutsche Zukunft sowohl in Asien, wie in Afrika, und sichert die Freiheit der Meere, deren Wellen sie bespüleu, Vou ihr aus können wir an dem Weltverkehr nach Indien nnd Australien unsern Vorteilen gemäß teilnehmen. Wenn Gottes Segen die deutschen Waffen auch ferner be gleitet, werden wir den Abschluß des Weltkrieges dort herbei führen, wo seine Wurzeln liegen, im Orient. Packen wir den alten Unruhestifter, England, da, wo er am ehesten und am festesten zu packen ist, und entreißen wir ihm dort ein tüchtiges Stück seines wertvollen Besitzes, aus welchem fußend wir bei den Friedensverhandlungen fordern und vorschreiben kön nen! Möchte es darnm den Bemühungen unserer Diplomatie ge lingen, durch Einigung mit der Türkei noch vor Ablauf des v, SchuSbar-Milchling, Kolonialpolittl und Kriegsziele. 4— 50 — Krieges Sinai und Akaba für uns zu erwerben, ehe eine andere, den Mittelmächten nachteilige Lösung dieser Frage erfolgt. Möchte es den deutschen Truppen, die im heldenmütigsten Kampfe die deutsche Erde vor den Greueln des Krieges be wahrten, die sich unverwelkliche Siegeskränze in Europa errangen, nun auch vergönnt sein, auf Sinai, als dem starken Stützpunkt für unsere Landmacht im Orient, das deutsche Banner zu hissen, und möchte die deutsche Kriegsflagge über Stadt und Bucht von Akaba wehen, als über dem starken Kriegshafen unserer Flotte und dem Ausgangspunkt für ihre Fahrten nach den fernen Gestaden deutscher Kolonialgebiete. Dann wären Sinai und Akaba bei den Weltfriedens-Verhandlungen der feste Granitblock für die Geltendmachung unserer Interessen im Orient und den Nen-Ausbau des deutschen Kolonialbesitzes. — Wenn in grauer Vorzeit vom Berge Sinai herab durch Moses die Gesetze des Herrn verkündet worden sind, so fügt es heute vielleicht Gottes Wille, daß Deutschland, auf Sinai gestützt, England den Frieden diktiert.IV. Marokko. Z)ie Marokkanische Aragc. Wenn, wie wir hoffen, Deutschland bald mit entscheidenden Schlägen die Kämpfe im nordwestlichen Europa zu unseren Gunsten ihrenb Ende entgegenführen wird, muß sich der Schwerpunkt des Weltkrieges in feinem neuen Abschnitt nach dem Orient verschieben. Hierbei wird es sich noch mehr als jetzt darum handeln, die mit Gottes Segen errungenen deutschen Wassenersolge für unsere koloniale Zukunft zu verwerten und auszunutzen. Unter den Zielen dieses neuen Feldznges muß auch die marokkanische Frage wieder zur Sprache kommen. Ist doch in dem Verlauf der marokkanischen Angelegenheit vor dem Kriege unzweifelhaft einer der Herde des Wcltbrandes zu suchen. Als wir 1871, vor 46 Jahren, nach Frankreichs Nieder werfung, Elsaß-Lothringen dem deutscheu Reiche zurückgewounen hatten, da hoffte unser großer Bismarck — uud unter den damals ganz anders gearteten Verhältnissen wohl nicht ohne Wahrscheinlichkeit —, daß Frankreich durch eine Ablenkung nach dem afrikanischen Norden und durch die Aussicht, dort leicht zu kolonialem Erwerb zu kommen, den Verlust von Elsaß-Loth ringen schneller verschmerzen und den Revanchegedanken vergessen würde. Wir ließen also Frankreich! in Marokko ge währen, obwohl dort schon damals deutsche kaufmännische Inter essen bestanden. Die Hoffnung hat sich leider als trügerisch erwiesen, weil sie den ehrgeizigen, ruhmgierigen und rachsüchtigen Charakter des französischen Volkes nicht richtig einschätzte. Die kolonialen 4*— 52 — Bestrebungen Frankreichs in Nordafrika nahmen einen gewaltigen Aufschwung. Damit schwoll den Franzosen der Kamm immer mehr. Der Revanchegedanke, statt abzublassen, trat immer greller hervor. Unaufhörliche Hetzartikel in der Presse, die ständige Wühl arbeit von Offizieren der alten Armee schürten das Feuer. Er folglos blieben alle Bemühungen unseres vielgeliebten Kaisers, Frankreich zu versöhnen, und jahrelangem, weitestem Nachgeben der deutschen Politik, besonders auch in der Marokkofrage, folgten an Stelle eines besseren Einvernehmens nur neue Heraus forderungen. Unser Verhalten wurde von den Franzosen als Schwäche verstanden. In Verfolg dieser Politik kam es 1906 zur Algeciras-, Konferenz, bei welcher England und Frankreich darauf aus gingen, Deutschland von jeder Verständigung über Marokko aus zuschließen. Deutschland war diplomatisch in der Defensive und gab nach. Frankreich hat dann vermöge seiner guten Kenntnis der marokkanischen Verhältnisse, vermöge geschickter Beeinflussungen und unermüdlich gesammelter Erfahrungen, und vermöge seines besseren Kartenmaterials die Ergebnisse der Konferenz alsbald zu Deutschlands wirtschaftlicher Schädigung ausgenutzt. Die Abmachungen von Algeciras waren durch die Vermengung der Begriffe Sultanat und geographisches Marokko auf eine gänzlich unhaltbare, unklare Basis gestellt; sie konnten sich selbstverständlich nur auf das dem Sultan von Marokko untertänige Sultanat beziehen, in dem Stämme und eine Bevöl kerung wohnen, die dem Sultau von alters her Stenern zahlen, oder das wenigstens einmal taten, und das Ansehen des Sultans auerkennen. Und die der Kon ferenz beiwohnenden Vertreter des Sultans konnten nur über dieses Gebiet verfügen. Trotzdem ging Frankreich unter Ver letzung des Siuues der Akte sofort daran, seinen Einfluß auch über das ganze, das Atlas-Gebiet einschließende geographische Marokko auszudehnen. Das Sultanat bildet aber nur einen kleinen Teil davon. Den größeren Teil des Gebietes, welches die Landkarten als Marokko bezeichnen, und dessen südöstliche Aus dehnung über den Atlas geographisch überhaupt nicht feststeht, bewohnen völlig unabhängige Stämme, in deren Gebiet auch nicht einmal ein Geleitbrief des Sultans geachtet wird. So ist es auch wegen des Widerstandes dieser nicht unterworfenen, immer unrn-— 53 — s. r ^ c> IVlZpoKKc). ^e^^-a/??^cM^c^-amsÄcan.SiT/^.— 54 — higen Stämme den Herrschern von Marokko niemals möglich gewesen, auf geradem Wege von einer Hauptstadt des Landes zur anderen, von Fez nach Marokko, zu gelangen; sie waren vielmehr gezwungen, bei Zurücklegung dieser Reise stets eine Strecke weit den Küstenweg über Rabat—Casablanea zu benutzen. — Als ich kurz nach der Konferenz von Algeciras mit dem Erwerb von Liegenschaften bei Tanger begann, bot sich mir die beste Gelegenheit, überall den besonders seit der Landung unse res Kaisers in Tanger (am 31. März 1905) zunehmenden deutschen Einfluß zu beobachten. Leider war es mit diesem Zu nehmen bald vorbei. Als ich 1908 von Casablanea ans in Be gleitung eines Algeriers das so äußerst fruchtbare Schauja- Gebiet durchzog und mir bei Ber Reschid und Settat die französischen Vorpostenlinien ansah, konnte mich nur tiefstes Be dauern darüber erfüllen, daß dieser prachtvolle, dem Sultan gehörige Landesteil schon beträchtlich französiert war und der deutsche Einfluß Schritt für Schritt verschwand. Noch kurz zuvor war ich oftmals dem Gerücht begegnet, Frankreich hätte Casa blanea und seine Zone an Deutschland abgetreten. Bis zum Kriegsausbruch besuchte ich alljährlich Marokko und bereiste es zum Teil mit eigener Karawane, um es noch besser kennen zu lernen. Und immer trauriger wurden meine Erfahrungen. Die Klagen der deutschen Kaufleute in den Küstenplätzen bestätigten meine eigenen Eindrücke. — Frankreich begann sich bei diesem Zurückweichen Deutschlands immer sicherer zu fühlen. Seine Uebergriffe mehrten sich. Von algerischer Seite her wurde der französische Interessen bereich über Figig bis tief ins Innere Marokkos unge stört und unaufhaltsam so erweitert, daß Frankreich auch in hundert Jahren nicht zu dessen Besiedelnng imstande ist. Deuts ch- land blieb von der Verbreitung seiner Interessen im Innern des Landes ausgeschaltet, bei der Besiedelung der Küsten städte aber wurde es durch Frankreichs Verhalten wirtschaftlich und in feinem Ansehen auf das schwerste geschädigt. Die Fran zosen griffen iu dieser Zeit zu den merkwürdigsten Mitteln. Um ihre Truppenstärke zu verschleiern, berichteten sie nach Europa Monate lang von angeblichen Rücktransports, während in Wirk lichkeit in Casablanea Truppen bei Tage eingeschifft wurden, um nachts wieder ausgeladen zu werden. —— 55 — So folgte dann gegen 1911 die Einrichtung einer kleinen, internationalen Zone um Tanger, einer diese ein schließenden, etwas größeren, aber immer noch kleinen spanischen Zone, und einer großen, sich über das ganze geographi sche Marokko ausbreitenden französischen Zone. Damit war die allmähliche gänzliche Verdrängung des deutschen Handels und des deutschen Knltnreinflufses in die Wege geleitet. Dieser Rückblick auf das letzte Jahrzehnt deutscher Marokkopolitik muß jeden mit Trauer im Herzen erfüllen, der sich für Marokko und seine Zukuuft und für ein Erblühen deutscher kolonialer Be strebungen erwärmt hat. Es kam zu dem Marokko-Abkommen von 1911 und im Anschluß darau zur Errichtung des französischen Protektorats 1312. Unsere Regierung hoffte durch Aufgeben fast aller unserer Marokko-Interessen von Frankreich nnd Eng land eine entgegenkommende Haltung für uns im östlichen Mittelmeer und Entschädigung bei der Bagdad-Bahn zu gewinnen. Auch in dieser Erwartung sah sie sich bitter getäuscht. Frankreich und England dachten nicht daran, ihr Versprechen zu halten. Der Erwerb eines kleinen Teils des franzö sischen Kongo konnte Deutschland die Preisgabe seiner viel wertvolleren Ansprüche in Marokko niemals ersetzen; herrscht doch gerade in diesem sumpfigen Kongogebiet nach den Mit? teilnngen eines deutschen Gelehrten, welcher dort mehrere Jahre Forschungen oblag, am allerschlimmsteu die schreckliche Schlaf krankheit. Mit der zunehmenden Erstarkung Frankreichs in Nordafrika wuchs der Rcvanchegedanke. Die Franzosen, statt uns für unser Ent gegenkommen dankbar zu seiu, lauerten nur auf die Gelegenheit, gcgen uns loszuschlagen. 1914 endlich hielten sie, mit den Russen und Engländern verbündet, den Augenblick hierzu für gekommen. Sie haben damit, daß sie in Marokko unsere Vertragsrechte mit Füßen getreten haben, und damit, daß sie bei Kriegs ausbruch und im weiteren Verlauf des Krieges die deutschen Bewohner Marokkos völkerrechtswidrig, brutal uud unmenschlich und das deutsche Eigentum als vogelfrei behandelten, selbst alle Verträge vernichtet. Die Marokkofrage ist wieder aufgerollt, unsere alten ursprünglichen Interessen dort bestehen wieder zu Recht. Die Marokkofrage muß also— 56 — bei Erwägung der Kricgsziele als eine ganz neue Aufgabe behandelt werden. Pie schwarze Armee. Was hat Frankreichs energische Betätigung in Marokko in zwischen für Früchte getragen! Der Masseneinsatz und die großen Erfolge frauzösischer farbiger Truppen haben es uns bewiesen, welche Gefahr ein französisches Marokko für Deutschland schon jetzt ist und künftig noch mehr werden muß. Unsere Kämpfer an der Westfront haben erfahren, was Frankreich seinen schwarzen Truppen verdankt. Die französischen farbigen Armeen haben ganz unvergleichlich Größeres geleistet, als ihre Vorgänger von 1870/1871. Kein Zweifel kann darüber bestehen, daß ihre Ver wendbarkeit, wenn sie fortdauernd gut geschult und, nach der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in den französischen Kolonien, zahlenmäßig noch erheblich ver stärkt werden, sich immer bedrohlicher geltend machen wird; zumal, wenn erst die beabsichtigte Sahara-Bahn den schwarzen Erd teil weiter erschlossen hat. Dazu kommt, daß es bessere, den An strengungen des Krieges und der Witterung gewachsenere Soldaten, als die gestählten Söhne Marokkos, kaum gebeu kauu. Seit Kriegsausbruch war die völlige Ausrottung der Deutschen in Marokko und des deutschen Ansehens bei der marokkanischen Bevölkerung durch Gewalt und Schimpf französisches Ziel. Gleichzeitig steht Frankreich im Begriff, die französische Zone über den ganzen afrikanischen Nordwesten, von Tunis über Algier, Marokko und den Atlas bis zum Senegal auszudehnen. Es plant ferner, durch die Sahara-Bahn von Algier ans über Timbuktu Afrikas Inneres für sich zu erschließen, und strebt im französischen Aeqnatorial-Afrika und im französischen Kongo dem Kongostrome zu. Das deutsche Volk hat seiner Zeit, wie kaum bei einer anderen kolonialen Angelegenheit, für die Marokkofrage Interesse gezeigt. Heut stehen wir einer Welt von Feinden siegreich gegenüber, sind aber in Marokko von Frankreich, gedemütigt und in unserem Ansehen bei den Marokkanern auf das Tiefste herabgesetzt. Er innern wir uns besonders des Vorgehens gegen unsere Gesandt schaft in Tanger, das den Gipfelpunkt französischer Unverschämt-— 57 — heit bildete: wurde doch die Kaiserliche Gesandtschaft von der Polizeitruppe unter Führung französischer Offi ziere überfallen und besetzt, der Kaiserliche Geschäfts träger und das Gesandtfchaftspersonal in der entehrendsten Form entfernt und sofort zwangsweise an Bord eines französischen Kreuzers geschafft! Die Unverletzlichkeit des Gesandten und seines Hauses, die auch für das Rechtsbewußtsein einfachster Völkerschaften feststeht, wurde so gewalttätig verletzt, und damit gegen das deutsche Ansehen der schwerste Schlag geführt, der es treffen konnte. Darum entspricht es nicht der Würde des Deutschen Reiches, diese Frage abgeschlossen sein zu lassen, Ucvanche. Wenn jetzt noch, im Sommer 1917, nachdem beträchtliche Gebiete Frankreichs über zwei und ein Halbes Jahr hindurch von uns besetzt sind, die Rückgabe Elsaß-Lothringens von der Deputiertenkammer, die doch als Ausdruck der fran zösischen Volksstimmuug gelten muß, verlangt wird, uud man dabei vertrauensvoll auf die Erstarkung der französischen Kolonial-Armee hinweist, so ist das nicht bloß eine drohende Redensart. Solange Frankreichs nordafrikanische Kolonialmacht ini Wachsen begriffen ist, so lange wird auch der Glaube in Frankreich bestehen, daß der Tag der Vergeltung und der Zurück- gewinnnng von Elsaß-Lothringen kommen werde. So uuauslösch!- lich dieser Revauchegedauke in den Herzen der Franzosen feststeht, auf so realen Grundlagen ruhen ihre kolonialen Hoffnungen; denn, wenn Marokko alleiniger französischer Besitz bleibt, muß Frankreichs politisch, wirtschaftlich und militärisch in wenigen Jahren einen ungeheuren Machtzuwachs erfahren, der für uns die stärkste Bedrohung darstellt. Zielt doch sein ausgesprochener Plan darauf hin, nach kaum 10 Jahren, wie im Oktober 1916 in der fran zösischen Kammer erklärt wurde, zwei Millionen Mann gut ausgebildeter afrikanischer Mannschaften auf den europäischen Kriegsschauplatz zu führen! Davon käme eine Million auf Marokko. Diefeu schwarzeu Truppen müßten wir die gleiche Zahl gegenüberstellen, unser erstklassiges Menschen material gegen farbige Franzosen! Wenn wir aber verhindern können, daß Frankreich in Marokko bleibt, wären wir um zwei— 58 — Millionen Soldaten stärker. — So ist Hand in Hand mit Frank reichs kolonialem Aufschwung, mit der Kräftigung seines nord- west-afrikanischen Besitztums uud mit den immer frecher gewor denen Herausforderungen des deutschen Ansehens in Marokko, die sich bis zu seiner völligen Vernichtung steigerten, der Revanche gedanke emporgeschwollen, der uns in Frankreich unseren leiden schaftlichsten, verbittertsten Gegner erkennen läßt. Unsere bisherige Marokko-Politik war ein schwerer Fehler. Sie muß in kräftige, positive Bahnen einlenken, sie muß zu ^iner endgültigen, sachgemäßen Regelung der Marokko-Angelegenheit führen und uns für immer von dieser Bedrohung be freien, sonst ist an ein Nekleneinanderleben mit Frankreich ohne Krieg nie zu denken. Spanien. Es würde bei dem französischen Ausdehuungsbestrebeu vor aussichtlich auch gar nicht lange dauern, bis Frankreich die spa nische Zone in Marokko mit El-Araisch und Tetuan besetzen würde. Jeder Spanier weiß dies und weiß, daß ein Sieg Frank reichs in diesem Weltkrieg Spanien sein Marokko-Besitztum kosten würde. Besteht doch überhaupt im spauischen Volk uud in einem Teil seiner Presse schon seit Jahren eine besondere Abneigung gegen eine kriegerische Betätigung Spaniens in Marokko. Ein Zusammengehen mit Spanien würde für uns schon wegen seiner geographischen Lage von allergrößter Bedeutung sein; Spa nien selbst aber würde dabei srei werden von englischem und französischem Druck, der ständig zunehmend auf ihm lastet. Die Sympathie des spauischen Volkes ist im großen und ganzen bisher auf deutscher Seite gewesen, und nur die fran zösische und englische Presse haben gegenteilige Einflüsse ausgeübt. Hiervon konnte sich der Verfasser auf seinen Reisen durch Spanien nach Tanger von der Zeit der Algeciras-Konferenz bis vor Kriegs ausbruch überzeugen. Unserer Diplomatie winkt auch hier eine ebenso wichtige als lohnende Aufgabe. Spaniens König uud Volk haben gelegentlich des Uebertritts der Deutschen Kameruns auf neutrales spanisches Gebiet ihrer freundlichen Gesinnung offenen Ausdruck gegebeu, indem sie ihnen eine überaus zuvorkommende Behandlung zuteil werden ließen.— 59 — Jedem patriotisch gesinnten Spanier ist das englische Gi braltar ein Dorn im Auge, den er gern beseitigen würde, wäh rend er den mit teurem Blut und vielem Kostenaufwand erlangten Besitz in Marokko stets an Frankreich, zu verlieren befürchten muß. Hielt doch Maura, der bekannte Führer der spanischen Konservativen und vormalige Ministerpräsident, in einer seiner letzten großen Reden scharfe Abrechnung mit England und Frank reich, indem er bezüglich Tangers und Gibraltars sagte: „Wenn Spanien nicht eine grundsätzliche Aenderung in der eng lischen nnd französischen Politik herbeiführen kann, so können wir weder mit England, noch mit Frankreich gehen." Die in den Grenzprovinzen der Pyrenäen seit Jahr und Tag besonders stark zutage tretende gereizte Stimmung bekundet unzweideutig die Gegensätze, welche zwischen Spanien und Frank reich bestehen. Aber Spanien muß seiner ungeschützten Küsten städte halber mit dem Heraustreten aus seiner Neutralität sehr vorsichtig sein. Zn seinem jüngsten Vorgehen, der Besetzung des Kap Juby — den Kanarischen Inseln nahe gelegen — würde sich Spanien vor dem Weltkriege nie ausgerafft haben. Erst die deutschen Erfolge zur See und zu Lande haben ihm dazu Mut gemacht. In seinen marokkanischen Interessen aber würde Spanien bei einem in Marokko erstarkten Deutschland sichere An lehnung finden. Hoffen wir, daß unsere Waffenerfolge in Europa uns eine feste Grundlage dafür bieten werden, daß wir Frankreich ans Marokko werfen können, und hoffen wir, daß inzwischen schon die Arbeit der deutschen U-Boote an Marokkos Küsten und im Hafen von Tanger die Sühne und die Vergeltung ein leitet und die vormalige Hochachtung der Marokkaner für den „Prnß" uns zurückgewinnt. Im übrigen aber müssen Marokkos Völker wie Frankreichs farbige Truppen überhaupt vor allem in unseren Gefangen lagern darüber belehrt werden, welche ungeheuren Blutopfer Frankreich von ihnen im Weltkrieg verlangt; es muß ihnen vor Augen geführt werden, wie sie, ohne bei ihrer Abfahrt ihre Bestimmung zn erfahren, in den Krieg gehetzt und vor die deutschen Drahtverhaue der Lorettohöhe und ungezählter auderer Orte ge trieben wurden, und wie unmenschlich ihre Behandlung war; sie müssen wissen, daß Frankreich in Europa, selbst im Bündnis— 60 — mit sämtlichen Ententemächten, zu schwach war, Deutschland zu besiegen, und daß ihm dies auch mit Ausbietung aller seiner kolonialen Hilfstruppen nicht gelang. Zanger und Agadir. Wie Englands Kolonialmacht in Aegypten zu treffen ist, so Frankreichs in Marokko. Es ist nötig, daß wir das zur Zeit französischer Herrschaft unterstellte Tanger mit seiuem Hafen, der internationalen Zone und dem Gibraltar gegenüber liegenden Gebirgsstock, dem Djebel Mnsa, gewin nen, uud daß wir Agadir, mit dem Hinterland des Sus, nehmen. Tanger uub Agadir, letzteres der beste Hasen der ma rokkanischen Westküste, müsseu deutsche Flottenstützpunkte werden. Wir dürfen uns von der künftigen Welthandels- und Verkehrs straße, der i b e r i sch - a f r ik au i f ch - a m e r i k an i f che n Eisen bahn, nicht abdrängen lassen. Diese Bahn soll, nachdem sie durch Spanien geführt hat, die Nordwestküste Afrikas begleiten, von Tanger über Eafablanca, Mogador und Agadir bis Dakar laufen und iu einer Dampferlinie nach Pernam- buko sich fortsetzen. Sie wird die kürzeste Verbindung von Lon don—Antwerpen nach Rio deJaneiro und Buenos-Ayres darstellen, sie wird ein Teil der Weltstraße nicht nur nach West- uud Südafrika, sondern auch nach Mittel- und Südamerika werden. Es ist einleuchtend, welche Bedeutung Marokko als Binde glied mit Südamerika bekommen muß, wenn wir an die unauf haltsame fortschreitende internationale Verkehrsentwickclung nnd an die großen Interessen denken, die das Deutschtum in Bra silien und Argentinien hat, und die doch nach dem Kriege alsbald zu neuem Leben erwachen werden. Angegliedert werden muß unserem marokkanischen Besitz außer den zwischen Tanger nnd Agadir liegenden Plätzen, wie Saffi nnd Mogador, ^^nz Südmarokko bis zur spanischen Zone, mit dem großen Stamme der Ad rar, der bereits vor einem Jahrzehnt sich der deutschen Schutzherrschast lediglich darum unter stellen wollte, um nicht später dem Interessenbereich des ver haßten Frankreich einverleibt zu werden. Wenn wir uns fragen, was Spanien zu solchen Plänen sagen möchte, so ist zu bedenken, da? Tanger, als spanischer— 61 — Besitz, für Spanien stets ein Sorgenkind bedeuten würde, das jederzeit unter englischem und französischem Druck stände. Neulich, iu der Nacht zum 2. Juni, fielen „infolge eines Richtfehlers bei dem U e b un g s sch ie ß e n der Batterien von Gibral- t a r" etwa 20 englische Granaten von 30,5 em auf Algeciras. Dieser eigentümliche Nichtfehler sollte doch die Spanier nur einmal wieder den Pfahl Gibraltar in ihrem Fleisch fühlen lassen und sie vor einer politischen Wendung warnen. Niemand, der die militärische Lage und die örtlichen Verhältnisse auf Gibraltar kennt, wird an diesen Richtfehler glauben, man wird sich vielmehr daran erinnern, daß England erklärt hat, spanische Befestigungen in dem Gibraltar gegenüber liegenden bergigen Gelände als Kriegs erklärung auffassen zu müssen. Ist Tauger jedoch deutsch, so wird Spanien daran einen Anhalt haben, der eine Erstarkung seines Kolonialbesitzes, sowie Spaniens überhaupt, mit sich bringen muß. Ein Zusammengehen Deutschlands und Spaniens, nachdem wir in Marokko wieder Fuß gefaßt haben, wird beiden Teilen nur zum allergrößten Vorteil gereichen. — Man könnte später auch an die für uns dringend notwendige Legung eines deutscheu Kabels nach Marokko über Vigo -und die Kanarischen Inseln denken, vielleicht sogar — ohne Spaniens übriges kanarisches Eigentum zu zerreißen — an eine Abtretung der unweit Marokkos Küste gelegenen Insel Lanzarote an Deutschland. — Deutschland kann heute nur Kolonien brauchen, die es jederzeit erreichen kann, oder solche, die im Kriegs fall auf eigenen Füßen stehen. Frankreich befindet sich nicht in der Lage, Deutschland allein mit Kapital Sühne und Genugtuung beim Friedensschluß bieten zu köunen. Unsere Ent schädigung wird daher in Gebietsabtretungen bestehen. Marokko ist das Land, dessen Besitz Frankreich in seinem Revanchegedanken bestärkte. Es darf somit nicht bei Frankreich belassen werden, sonst ständen wir trotz aller unserer Waffenerfolge nach dem Feldzuge weit ungünstiger da, als vor ihm. Ein Blick auf die Weltkarte und Marokkos geographische Lage zeigt, daß dieses für uns in politischer, militärischer und wirt schaftlicher Beziehung unschätzbar ist, und daß zwei der wichtigsten Weltwege an seinen Küsten entlang laufen. Wie das Kapland im Süden und Aegypten im Nordosten, so ist— 62 — Marokko im Nordwesten die Pforte des dreieckigen schwarzen Erd teils. Der Besitz des französischen Marokko gibt uns die Gewähr eines Dauerfriedens. Das möge unsere Diplomatie bei Frie densschluß bedenken. Gar eng verknüpft mit Deutschlands kolonialer Zukunft und mit Deutschlands Sicherheit überhaupt ist daher die Marokko frage. Frankreichs Beteiligung am Weltkrieg und seine Sieges hoffnungen schienen ganz besonders auf die Machtstellung zurück geführt werden zu müssen, welche es in verhältnismäßig kurzer Zeit durch seinen nordafrikanischen Besitz errang. Unsere künftige Ruhe hängt davon ab, daß wir Frankreichs Macht dort brechen oder doch ganz erheblich einschränken. Dazu kommt, daß Marokko, dieses reiche, schöne Land voller Entwickeluugsmöglichkeiten, >an dessen Rändern wichtige Straßen des Weltverkehrs vorübersühren, in wenig Tagen von Deutschland aus zu erreichen ist. Und in diesem Land, in welchem die Bäume doppelt so schnell als bei uns zu Hause wachsen, finden wir Siedlungsgebiet in Menge, und Rohprodukte iu Hülle und Fülle, von der besten Art, soviel wir brauchen. Der deutsche Kaufmann und der deutsche Pflauzer werden dort durch Intelligenz, Arbeitslust uud Unternehmungsgeist jedeu Nichtdeutschen schneller überflügeln, als irgendwo anders. Also auch hier gilt es, ganze Arbeit zu schaffen und unsere vaterländischen Interessen voll wahrzunehmen. Marokko ist für Deutschland entweder eine Quelle ewiger Bedrohung oder eine der sichersten und ergiebigsten Grundlagen für seine koloniale Zukunft.V. Deutschlands weltwirtschaftliche Ziele. Ansere Aeinde. Deutschlands weltwirtschaftlicheZiele müssen sich darauf richten, freie Bahn zu schaffen für unfern Verkehr in Handel und Wandel, welcher bei der starken Bevölkerungszunahme des Mutterlandes auf eine Betätigung über die Landesgrenzen hinaus und über See angewiesen ist. Dazu brauchen wir die Freiheit der Meere und der Weltverkehrs st raßen, dazu brauchen wir große und starke Kolonialgebiete, und dazu brauchen wir gesicherte Stützpunkte auf den Wegen nach unseren Kolonien. Daß unsere politische und wirtschaftliche Lage, wie sie vor dem Weltkrieg bestanden hat, daß der yno ants zur Befriedigung dieser Ziele ungenügend gejwesen ist, hat der Verlauf der Dinge in diesem Kriege, haben insbesondere die Ersahrungen bewiesen, die wir mit unseren Kolonien machen mußten: unser Kolonialbesitz ist uns znm allergrößten Teil verloren gegangen, viele unserer Auslandskreuzer ^sind vernichtet, sie ruhen mit ihren tap feren Besatzungen auf dem Grunde der See. Wenn wir also leben, wenn wir atmen wollen, wenn wir vor künftigen Ueber- fällen gesichert sein wollen, dann müssen wir unsere Kriegsziele so fassen, daß der Friede uns bessere und gesichertere Lebensbedingungen bringt, und daß unsere koloniale EntWickelung iu Zukuust auf aussichtsreicherer, gesunderer Grundlage in neuen und gedeihlicheren Bahnen vorwärts schreiten kann. Dazu gehört die Ausdehnung und Sicherung unserer R e i ch s g r en z e n, die Begründung eines zusammenhängenden,— 64 — in sich gescsteten Kolonialreiches in Mittelafrika und die Erwerbung starker Stützpunkte an den drei Weltverkehrsstraßen, wie sie in Vorstehendem nachgewiesen worden sind: Antwerpens mit der Scheldemündnng, der Halb insel Sinai mit der Bucht von Akaba und der Gebiete von Tanger und Agadir. Dadurch müssen die Bagdad-Bahn, der Suez-Kanal und der iberisch-afrikanisch-ameri kanische Handelsweg von Englands und Frankreichs Herr schaft befreit werden. Das müssen unsere klaren Kriegsziele ans kolonialem Gebiete sein und bleiben. Im Gegensatz dazu geht die ausgesprochene Absicht unse rer Feinde dahin, die Lebensbedingungen des deutschen Volkes nach dem Kriege noch schlechter zu gestalten, als sie vor ihm waren. Sie wollen Deutschland verkleinern und zerstückeln, ebenso wie sie Oesterreich-Ungarn auflösen, die Türkei aus Europa werfen und Bulgarien zum abhängigen Kleinstaat zurückdrücken wollen. Sie möchten uns nicht bloß die Möglichkeit nehmen, als gleichberechtigte Großmacht zwischen ihnen zu stehen, sie möchten Germania die Kaiserkrone vom Haupte reißen, und am liebsten möchten sie das Deutschtum überhaupt, das sie nicht verstehen und das sie darum hassen, vertilgen und unseren Bestand als Nation vernichten. Wenn sie nun auch freilich bei der Aufstellung aller dieser ihrer Pläne und Wünsche den Mund überreichlich voll nehmen, wie das angelsächsische uud romanische Art ist, mit einer Absicht ist es ihnen bitterer Ernst, weil die Veranlassung dazu in allzu realem und auf sie stark fühlbar wirkendem Boden ruht: die Äugst vor unserer weiteren weltwirtschaftlichen EntWickelung, wie sie sich aus der Intelligenz, der Tüchtigkeit und dem Unternehmungsgeist unseres Volkes nnd seiner wirtschaftlichen Führer voraussehen läßt, hat ihren festen Entschluß reifen lassen, unsere koloniale Zukunft ganz und gar zu zertrümmern. Darum darf nichts uns davon abhalten, unsere Kriegsziele so zu stecken, daß diese Absichten unserer Feinde zu Schanden werden. Daß wir das können, daß wir besonders auch die politischen und weltwirtschaftlichen Ziele im Orient, wie sie hier dargelegt wurden, durchführen können, dafür bürgen uns schon jetzt die Erfolge, die unsere Waffen im Verlauf des Weltkrieges zu Lande und zu Wasser in Europa mit Gottes Segeu erreicht haben.— 65 — Denn die Stärke unserer Armee und unserer Flotte ist und bleibt die Grundlage für alle unsere Weltpolitik. Daß unsere Feinde ernstlich geschwächt sind, daß sie fühlen, wie das Wasser ihnen an die Kehle steigt, dafür zeugt der Umstand, daß sie, die in der Wahl ihrer Waffen von Anfang an nicht von Gewissens- bedenken geplagt gewesen sind, zu immer unwürdigeren und ver zweifelteren Kampfmitteln greifen. Sie, die „Befreier der kleinen Völker", vergewaltigen Griechenland nnd zwingen es nun doch noch zur Mobilmachung, sie steigern ihren brutalen Druck auf die nordischen Neutralen zur Unerträglichkeit. Sie, die Beschützer heiliger Stätten, die sich über die Beschädigungen der Kathedrale Von Reims trotz der in ihrem Schatten aufgefahreneu französischen Batterien so aufregten, belegen Jerusalem mit Fliegerbomben, das uralte Heiligtum dreier Weltreligionen. Sie sind am Rande mit ihren Kenntnissen. Widerwillig nur und mit Gewalt lassen sich die uach Frieden lechzenden Russen in eine neue Offensive hineinpeitschcn, die für fie zur Schlachtbank wird, und England muß feine besten Truppen an unserer Westfront hinopfern. Immer offenbarer wird es, daß sie alle erdenklichen Mittel aufwenden .und alle Kräfte anspannen, weil ihnen die Ueberzeugnng zu däm mern beginnt, daß, wenn der Durchbruch durch die deutsche Front jetzt nicht gelingt, die Besiegung Deutschlauds in Europa in der > UnWahrscheinlichkeit Nebel zerrinnt. Und Hindenbnrg hat in Wien gesagt: „Die verbündeten Armeen sind nicht zu schla gen!" Solchen Feinden gegenüber, deren Handlungen sich auf Neid, Haß und Rache gründen, kann nur der volle Sieg zu einem lang danern den Frieden führen. Zum immer währenden Frieden freilich auch der uicht. Denn hier auf Erden gibt es keinen ewigen Frieden. Die niemals stillstehende Entwickelnng drängt im kleinen wie im großen immer wieder zu Reibungen, immer wieder zum Kampf. Aber einen langdauernden Frieden können wir uns, unseren Kindern und Kindeskiudern erstreiten, wenn wir fest bleiben. Deshalb sind keine vorzeitigen An bietungen am Platze, kein Entgegenkommen, kein Hinhorchen hierhin und dahin, keine Hoffnungen auf Erkenntlichkeit gegenüber vor nehmem und anständigem Verhalten von unserer Seite, die schon im Frieden uns so oft und so bitter enttäuscht haben. Nur der vollständige Sieg unserer Waffen darf unser Kriegs- v, Schuhbar-Milchling, Kolonialpolitik und Krtegiziele, 5— 66 — ziel sein, nur der vollständige Sieg unserer Waffen kann uns die Bahn frei machen für die Erreichung uUserer klar erkannten nnd unerbittlich fest zu haltenden Friedensziele. Denn über den jetzigen Krieg hinaus gehen ihr Haß und ihr V e ru ich tun g s w i l l e. Den Wirtschaftskrieg bis aufs Blut habeu sie uus schon angekündigt für die Zeit uach dem Friedensschluß, und sie werden vor einem neuen Krieg gegen uns nicht zurückschrecken, wenn wir ihnen die Kraft dazu lassen, wenn wir jetzt nicht reinen Tisch machen. Von neuem und iu noch gewaltigeren Massen werden sie ihre farbigen Le gionen gegen uns heranführen. Wie schon in diesem Feldzug England, Frankreich uud Rußland nicht nur ihre weißen Regimenter, sondern auch die ihueu untertänigen schwarzen, braunen und gelben Völker in ungezählten Scharen aus aller Welt gegen uns aufgeboten haben, wie sie sich nicht gescheut haben, die Söhne der gelben Rasse in ihren Bund aufzunehmen und in die europäi sche Verwickelung hiueiuzuzerren, so werden England und Frank reich, nachdem sie die allgemeine Wehrpflicht in ihren Kolonien ins Werk gesetzt haben, die doppelte und die dreifache Zahl von Negern, Indern und Mongolen zum Kampf gegen Deutschland heranführen und uns so zu erdrücken suchen. Darum müssen wir stark und hart bleiben, daß wir aus dem jetzigen Feldzug als Sieger hervorgehen. Und wenn uns das gelungen ist, müssen wir uns auch in unserem wiedererlangten und vergrößerten Kolonialreich in Asrika stark machen, daß wir in einem neuen Weltkriege, dessen Schwerpunkt im Orient liegen wird, genug gerüstet siud, um diejenige Nolle zu spielen, die der Größe unseres Volkes und seinem Können zukommt. Darum jetzt keine Annäherungsversuche! Au Niemand! Das muß aufhöreu! Sie halten es doch nur für Schwäche vou uns und antworten mit brutalem Hohn, mit frechem Spott und mit erneuten Feindseligkeiten. Kalt und klar müssen wir unsern Gegnern und ihren Plänen ins Auge schauen. Kalt und hart müssen wir ihnen unsere Kriegsziele entgegensetzen und unsere Friedensbedinguugeu vorhalten. Unerbittlich müssen wir auf dem bestehen, was wir als unser gutes Recht erkannt haben und fordern dürfen. Und wenn wir endlich wieder Frieden haben werden, auch dann kein Entgegenkommen, kein Vergessen! Lernen wir von— 67 — ihnen! Freilich ist «s nicht deutsche Art, wie die Franzosen, haßerfüllte Revanchegedanken und Rachegelüste Jahre und Jahre hindurch zu nähren und in der heranwachsenden Jugend künstlich groß zn züchten. Aber kalt und fest sollen wir bleiben in der Politik und in würdiger und kühler Ueberlegenheit alle un klaren Gefühlseinflüsse von uns weisen^nnd unterdrücken. Immer aufs neue wollen wir vor allem der Kampfmittel und der Ge sinnung gedenken, die unsere Feinde bei diesem blutigen Völker ringen, entkleidet aller Menschlichkeit, gegen uns angewandt und gezeigt haben: Der barbarischen nnd entwürdigenden Behandlung der gefangenen Offiziere und Mannschaften, besonders der von den Franzosen nach Afrika verschleppten, der völkerrechtswidrigen nnd empörenden Mißhandlung der Zivilgefangenen und der Deutschen beiderlei Geschlechts in unseren Kolonien, der feigen Morde an wehrlosen Schiffbrüchigen, Seeleuten und Luftschiffern, die in den Wellen mit dem Tode kämpften. Mögen sie uns Haussen —! Sie werden uns hassen, so und so, wie sie uns immer gehaßt haben. Aber der Haß macht blind. England, das mächtige Jnselreich, das sich für unan greifbar hielt und darauf feine frivole Politik gegen Deutschland stützte, sieht seine Weltherrschaft gefährdet. Bei Kriegsbeginn hat ein englischer Staatsmann gesagt, England werde die Beteiligung am Kriege nicht viel mehr kosten, als wenn es neutral bliebe. Das Blättchen hat sich bitter für die Engländer gewendet? Gestraft i'st England schon heute dafür, daß es alle Bande vergaß, die es mit uns verknüpften, obwohl doch ein Zusammen halten der angelsächsischen und der germanischen Rasse eigentlich gegeben erschien, nnd obwohl die strittigen Punkte, die vor Kriegs- bcginn vorhanden waren, nicht unüberbrückbar gewesen sind. Gestraft ist England, daß es, politisch sonst so klug, sogar seine vielleicht noch größeren Jntereffen in Ostasien über seinem Haß gegen Deutschland und über seiner Angst vor Deutschland übersehen hat. Nun mögen sie uns kommen! .Halten wir es mit Schillers Tell: Der Starke ist am mäch tigsten allein! Der Weltkrieg hat die frühere Auffassung unserer Feinde über Deutschland und seine Macht auf militärischem und seine Hilfsquellen auf wirtschaftlichem Gebiet gebrochen. Sie ahnen die Wahrheit. Und wir dürfen zuversichtlich sein. Antwortete doch Ende Mai Hindenbnrg auf ein Huldigungstelegramm der s»— 68 — nationalen Vereine Braunschweigs: „Ich bin gewiß, daß die großen Opfer unseres Volkes und die Heldentaten der deutschen Kriegsmacht ihren Lohn finden werden." Was wollen wir weiter, als daß unser klares Recht sich durchsetze? Das Prinzip der Gleichberechtigung in der Staatenwelt wird von unfern Feinden nur im Munde geführt. England gar hält es für sein Recht, die Weltmacht zu sein. Wir wollen eine Weltmacht sein, neben und mit den anderen. Das ist auch unser gutes Recht! Wenn England uud Frankreich ihre Kriegsziele laut durch die ganze Welt ausrufen, wenn die Ententepresse die Vernichtung des Deutschtums mit Posauueustößen dem Erdkreis verkündet, dann erscheint es sehr fraglich, ob es vaterländischen Interessen entspricht, dem gegenüber ganz und gar zu schweigen. Denn unter den obwaltenden Umständen kann unser vornehmes Schwe i- gen über unsere Ziele leicht als Unsicherheit, als Mangel an Selbstvertrauen, als innerer Verzicht auf den Erfolg ausgelegt werden, nicht nur bei unseren Feinden, sondern, was schlimmer ist, auch bei den Neutralen. Und das ist hier und da auch schon geschehen. Darum sei es nochmals betont: die Presse des neutralen Auslandes muß in dieser für Deutsch lands Ansehen so hochwichtigen Zeit von uns viel mehr auf geklärt, es muß viel mehr und geschickter mit ihr gearbeitet werden. Sie muß und kann in ausgiebigerem Maße dazu benutzt werden, um auf die öffentliche Meinung der Neutralen sowohl, wie dadurch auch der feindlichen Länder einzuwirken. Unsere militärischen Riesenerfolge müssen in dieser Richtung gründlicher ausgenutzt, und diplomatische Erfolge, die sich daran knüpfen solleu, auch auf diesem Wege vorbereitet werden. Es ist selbstverständlich nicht empfehlenswert, der Welt im voraus alles anzukündigen, was wir Deutschen zur Erstarkung unseres Vaterlandes anstreben, und welche Mittel wir dazu anzu wenden gedenken. Es scheint aber doch erforderlich zu fein, jenem großsprecherischen und gut bezahlten Getue der feindlichen Presse auf seinem eigensten Gebiet entgegenzuwirken. Wir müssen unbe dingt die neutrale Presse bewegen, die ungeheuren Mißerfolge der Ententemächte und unsere Siege in Europa in ihrer Bedeu tung und in ihren Folgen mehr ins rechte Licht zu stellen. Die Listen lächerlicher und anmaßender englischer und franzö sischer Friedensbedingungen, wie sie des öfteren in der— 69 — Moruing-Post und anderen englischen und französischen Blättern erschienen, sind ja etwas seltener und etwas kürzer geworden; aber sie schweigen uoch lange nicht. Und darum müsseu auch wir reden. -Gegen ein brutales großes Maul, hiuter dem ja nicht einmal immer das größere Selbstvertrauen zu sinden ist, gibt es schließlich kein besseres Mittel, als auch zu schreieu. Darauf ist der Maulheld gewöhnlich am wenigsten vorbereitet. — Russische Areundschaft. Wenn es des eisernen Kanzlers Otto von Bismarck großer Wunsch auch war, Rußland von Deutschland nach Osten hin abzulenken, und wenn wir uns auch geru mit diesem Gedanken trugeu, wie mit dem eines nachbarlichl-frenndschastlichen Verhält nisses zn Rußlaud, ja mit dem meines deutsch-russischen Zusam mengehens, so gibt uns doch ein Blick auf die Weltkarte und das russische Eisenbahnnetz Aufklärung darüber, wie die Diuge wirklich gelegen haben nnd liegen. Rußlands ganzes Interesse war seit Jahrzehnten auf die Erweiterung seiner Grenzen gegen Westen auf Kosten Deutschlands und Oesterreich-Ungarns gerichtet. Während eine einzige Hauptlinie, die sibirische Eisenbahn, Rußland durch die Mandschurei mit seinem vielgenannten Hafen Wladiwostok ver bindet, laufen sechs Haupteisenbahnen aus dem Innern des Landes auf der Liuie Warschau—Brest-Litowsk zusammen. Sie bringen, in Verbindung mit dem russischeu Einfall in Ostpreußen nnd dem Massenansturm russischer Völkerschaften gegen uns, deutlich genug zum Ausdruck, welche Absichten Nußland für den Kriegsfall lauge gehegt hat. Ostpreußens verwüstete Stätten zeugen davon, wie weit Nuß land auf diesen Ueberfall vorbereitet gewesen ist; er war der Dank der russischen Politik an die deutsche dafür, daß Deutsch land die Zeit russischer Schwäche während seines Krieges mit Japan ungenutzt hatte vorübergehen lassen. Was Deutschland von russischer Freuudschast zu halten hat, darüber hat der Krieg nns hoffentlich für immer die Augen geöffnet. Dankbar wird das deutsche Volk für alle Zeiten sein, daß Gott ihm zur rechten Stuude in Hiudenbnrg den Mann sandte, welchem es gelang, größeres Unheil abzuwenden uud Deutschlands— 70 — Waffenersolge weit über die Grenzen hinaus bis in ihre heutigen Stellungen zu tragen. Vergessen wir doch nicht, was Rußland uns angetan hätte, wenn seine „Walze" nicht zum Stehen ge bracht worden wäre! — Im Verfolg eigenster Interessen in Ostasien hatten England und Japan es längst verstanden, die russische Politik glauben zu machen, daß Rußlands große Zukuust nicht dort, sondern in Europa zu suchen sei. Und Japan scheint es jetzt ja auch ge lungen zu sein, Rußland von den Gestaden des Großen Ozeans abzudrängen. Neben den Einflüssen Englands und Japans waren mächtige Parteien in Rußland selbst bestrebt, es gegen Deutsch land in den Krieg zu treiben, um die Niederlage gegeu Japan auszuwetzen, die Mißerfolge in der Orientpolitik wieder auszu gleichen und das Volk von inneren Fragen abzulenken. So be nutzte Rußland den Augenblick, in welchem England und Frank reich gemeinsam zu Deutschlands Vernichtung ausholten, nin auch über uns herzufallen. Gottes gnädiger Wille hat die Pläne unserer Feinde zu Schanden gemacht. Der Sturz des Zarentums, die neue Regierung, die Uneinigkeit über die Weiterführung des Krieges und stetig steigende wirtschaftliche Schwierigkeiten haben Rußlands Kraft jedenfalls für die nächste Zeit erheblich geschwächt. Was dort weiter werden wird, das weiß freilich niemand. Nicht Amerika mehr, sondern Rußland ist jetzt das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Nach solchen traurigen Erfahrungen mit Rußland erscheint es uuter allen Umständen als unserer Regierung heilige Pflichr, die östliche» L a u d e s g r e u z eu so zu erweitern, wie es das Staatswohl für künftige Zeiten in militärischer, politischer und wirtschaftlicher Beziehung nach der Meinuug erprobter Sachverstäudiger erfordert. Da der Krieg in Europa zu Englands Ungunsten verläuft, müssen wir mit einem neuen Weltkampf auf kolonialem Gebiet rechnen, iu welchem es sich in der Hauptsache um den Osten handeln wird. Denn Englands uud Rußlands Inter essengegensätze in Asien treten immer mehr hervor, nnd Japan war bisher alles andere, als ein müßiger Zuschauer. Jede Schwächung Rußlands ist ja für England wie für Japan bloß ein Gewinn. Beide haben daher, angeblich zur Überwachung der dem russischen Staat gemachten großen Anleihen, Sonder-— 71 — abmachungen getroffen, um Rußland zur Fortsetzung des Krieges gegen Deutschland anzuhalten, und haben ihm mit der Entziehung der Kriegszuschüsse und -Lieferungen gedroht, wenn es sich weiter zu kämpfen weigern sollte. England und Japan im Bunde bezwecken Rußlands Ein schnürung durch Besetzung seiner wichtigsten strategischen Plätze. So erstrebt England in der Ostsee die dem rigaischen und dem finnischen Meerbusen vorliegenden Inseln, und hat Pressenachrichten zufolge Archangelsk, Rußlands Haupthafen am Weißen Meer, und Alexandrowsk bereits besetzt. Doch nicht genug! Im Mittelmeer hat es sich Cyperns und der den Dardanellen vorgelagerten griechischen Inseln bemächtigt, um Rußland hier die Ausfahrt zu sperren, falls dieses Konstantinopel oder doch, etwa durch ein Uebereinkommen mit der Türkei, die sreie Durchfahrt durch die Dardanellen erlangen sollte. Das edle England hofft eben, seine militärischen Miß erfolge zu Lande und zu Wasser zu vertuschen und, in anfrich- tiger Ententcfreundfchaft, den bisher mächtigen russischen Bundes genossen zu drücken und ihn durch seine geschickte, mit allen Mitteln arbeitende Diplomaiie zu seinem Vasallen zu machen. Bei der Beurteilung unseres Verhältnisses zu Rußland dürfen wir jedenfalls nicht vergessen, daß der Süden des russischen Reiches für uns ebenso wichtig ist, wie der Nordwesten. Schon durch unseren Feldzug in Rumänien hat sich das Kriegstheater nach dem Südosten Europas, den Gestaden des Schwarzen Meeres zu, ausgedehnt, und sein Schwerpunkt hat sich entsprechend ver schoben. Im Norden Rußlands bedeutet Petersburg freilich den Brennpunkt alles politischen Lebens und Treibens, im Süden pber ist Odessa mit seinem Hafen der Mittelpunkt russischen Handels und Verkehrslebens. Da nun in dem langen Winter des russischen Nordens durch das mit Eis und Schnee bedeckte Weiße Meer und die so hervorgerufene Uuzugänglichkeit des Hafens von Archangelsk die Lebensmittel- nnd Munitionszufuhr auf diesem Wege erheblich erschwert wird, so bleibt dafür nur die sibirische Bahn und der Weg über Norwegen und Schweden. Bei der ständig wachsenden Unordnung im russischen Reiche scheint daher schon jetzt die Ernährungsfrage für die Russen durchaus be denklich. Käme nun eine Bedrohung Odessas durch-uns hinzu, dann wäre Rußland vor eine Krise gestellt.— 72 — So wie so wird Rußland die Zeche bezahlen müssen, es wirk aus dem Weltkrieg als der Staat hervorgehen, welcher durch Gebietsabtretungen am meisten betroffen werden wird. Es kann kommen, daß Rußland von der Ostsee, vom Mittelmeer, vom Persischen Meerbusen und vom Großen Ozean teils von uns,, teils von seinen Freunden zurückgedrängt wird, und daß damit sein seit Jahrhunderten, von der Zeit Peters des Großen her, energisch verfolgtes Streben, an den Meeren Fuß zu fassen, gänzlich vernichtet, und seine Bedeutung als Großmacht wesentlich herabgedrückt wird. Z>ie gelbe Kasse. Nicht ohne Gruud hat unser Kaiser seinerzeit in Bild und Wort ausgesprochen: Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter! Er sah die Gefahr, die im fernen Osten drohend und wachsend ihr Fratzeuhaupt erhob, und wollte die alten Kultur nationen um deu damaligen Dreibund scharen, daß sie einig, fest und nachdrücklich ihr entgegenträten. Die Völker Europas- haben seinen Ruf nicht gehört. Uns gegenüber hatIapan grinsend und prompt quittiert: es hat uus die vor seiner Tür liegenden, blühenden Kolonien Kiantschou, Tsingtan und Schantung trotz deren zähester Verteidigung genommen. Die andern werden seine Macht, anch noch spüren. Auch die, welche zur Zeit mit ihm verbündet sind. Denn während in Europa das britische Jnselreich bemüht ist, sich zn Weltkriegszeiten möglichst vieler strategischer Punkte als Pfänder für die Friedensverhandlungen zu bemächtigen, ver folgt im asiatischen Osten Japan, in gleicher insularer Lage, noch weit größere Ziele. Abgesehen davon, daß es Deutschland, seinem vormaligen Lehrmeister, dessen ostasiatischen Besitz entriß, bestand freilich bisher seine ganze unmittelbare Betei ligung am weiteren Verlauf des Weltkrieges dariu, daß es seinen Bundesgenossen in Europa Munition und Kriegsmaterial lieferte, und so die gegenseitige Zerfleischung der abendländischen Groß mächte förderte. Aber seiner schlauen, mit der Zukunft rechnenden Politik gilt als unverrückbares Ziel für einen noch kommenden Krieg, die Vorherrschaft in Ostasien zu gewinnen, und die in gleicher Richtung sich bewegenden Bestrebungen der augen blicklich noch mit ihm verbündeten Ententemächte Rußland und England einzudämmen. Gleichzeitig ist sie darauf bedacht, Ame-^— 73 — rikas Einfluß in Asien zu unterbinden und diesem bei nächster Gelegenheit die von Japanern längst überschwemmten Philippinen zu nehmen, welche Amerika schwerlich halten können würde. Japans großzügige Ausdehnungspolitik geht ferner darauf aus, die morscheu Zustäude des, offen vor ihm liegenden großen chinesischen Reiches weidlich auszunutzen uud es einst mit zu beherrschen. Jede Verlängerung des europäi sche» Krieges uud die zunehmende Hereinziehung großer indi scher uud chinesischer Truppenmassen in diesen durch England kann seinen Zwecken bei dem Spiel der ostasiatischen Schachpartie also nur Vorschub leisten. So bedeutet jeder Tag länger Krieg in Europa eine Schwächung Englands in Ostasien zu Gunsten Japans. Rußland zeigte bereits bei seiuem Abkommen mit Japan vom 3. Juli 1916 solche Schwäche, daß Japan, zunächst im Zusammeugeheu mit England, die augenblicklichen Schwierigkeiten Rußlands voll nach allen Seiten ausnützen koMte. Weite Gebiete der Mandschurei und auch Teile des Generalgouvernements Amur sollen ihm durch seiu jüngstes Sonderabkommen mit England für bestimmte Gegenleistungen versprochen worden sein. Das würde Rußlands Bestreben, am Großen Ozean mitzusprechen, den denkbar schwersten Stoß versetzen, nnd seine Herrschaft in Ostasien, die ohnehin bereits vollständig erschüttert und untergraben ist, dürfte dann kaum noch auf dem Papier stehen. Rußland wird zum Vasallen Englands und Japans, deren Syndikate, ebenso wie die Amerikas, schon heute den Wirrwar im Innern des großen Reiches und die finanziellen Nöte des Staates und der Gemeinden aus nutzen, um öffentliche Institute aller Art durch Pachtung oder als Pfand an sich zu bringen. Kein Wunder, daß unter solchen Umständen uud Aussichten in Rußland der Druck der Friedens bewegung sich immer fühlbarer macht, nnd der Ruf nach Frieden, auch ohne Gebietserweiterungen oder andere Vorteile für Ruß land, immer lauter ertönt. Aber das Zusammengehen Japans mit England kann auch nur vorübergehend sein; denn das japanische AuSdehnungsbestreben wird sich später auch gegen England, und ebenso gegen Amerika^ wenden. Da Japau darauf abzielt, allmählich ganz China feinem Einfluß zu unterwerfen, und den Grundsatz ausstellt, „Asien den Asiaten", so werden ferner über kurz oder lang— 74 — auch der französische Besitz Ann am und Tonking, und endlich die holländischen Sunda-Jnseln dem Wechsel der Zeiten verfallen. Gegen wen Japan sich zunächst wenden wird, dürfte davou abhängen, welche der genannten Mächte seinen großen Zielen am meisten hinderlich ist, und gegen welche es die größten Erfolge auf die leichteste Weise einzuheimsen hoffe» kann. Manches weist in diesem Sinne auf Amerika hin. Es gibt kaum — wenn die Sache nicht so furchtbar ernst wäre — ein lächerlicheres „Büuduis", als das zwischen England, Rußland uud Japan: Jeder ist des anderen Feind, und zwei sind immer heimlich gegeu den dritten verschworen. Aas Zu sammengehen Japans mit Rußland in Ostasien ist, wie wir schon sagten, für England die größte Gefahr. Denn während England in Europa kämpfte, und Japan ihm, Frankreich uud Rußland, für gutes Geld natürlich, große Kriegsliefernngen und Zufuhren machte, während die kriegführenden Mächte sich ständig weiter schwächten, vergrößerte Japan in China und in Ostasien überhaupt uicht nur seine Kapitalkraft, sondern seine gesamte , wirtschaftliche, politische uud militärische Stellung. Die Gestaltung der Dinge brachte es mit sich, daß England an Japan, vermutlich uur, um es vorläufig zu ködern, die Ver waltung der vormals deutschen Marschall-Inseln übertrug, trotzdem Japan England auch dadurch in Neu-Gninea uud in Australien ständig mehr bedroht. Rußland trat an Japan für dessen Kriegslieferungen den nördlichen Teil von Sachalin und zugleich die bei Charbiu einmündende, von Peking und Tientsin — Mnkden kom mende Eisenbahn ab.. Durch die Besetzung Charbins kam Japan in die Lage, deu Verkehr ber sibirischen Bahn nach Wla diwostok, dem einzigen russischen eisfreien Hafen, im Falle von Verwickelungen sperren zu können. Anscheinend hat es auch bereits diese Verbindung unterbrochen nnd sogar von Wladi wostok selbst Besitz ergriffen. Wie es heißt, hat Japan anch schon begonnen, die sibirische Bahn für sich zweigleisig ausbauen. So hat sich Japan die Wege geöffnet, die es bei Auftei lung des chinesischen Riesenreiches zum Herrn der Lage machen? es hat, auch durch seine außerordentlich günstige geogra phische Lage unterstützt, im Weltkrieg die größten Vorteile errungen und in der kurzen Zeit seiner Entwickelung ungeheure politische— 75 — nnd militärische Erfolge davongetragen. Dies wird wie von Ruß land, so auch von England in kommenden Zeiten noch als eine schwere Last empfunden werden. Ob Deutschland oder seine Feinde in dem blutigen Ringen Sieger bleiben werden, für Japan kann der Ausgang dieses Krieges ziemlich gleichgültig sein. Denn der Kampf der europäischen Mächte gegeneinander mindert ihrer aller Kraft zu Japans Gunsten. Dieses verspricht in Ostasien das zu werden, was England in Europa gewesen ist und noch sein möchte: die herrschende Macht, zn der mit Selbstverständlichkeit alles aufschaut, und nach der sich alles richtet. Aer ungeschickte Wilson. Japan und Amerika schienen nach der natürlichen Enl- wickelnng der Weltlage die beiden Mächte zu seiu, die allein aus dem europäischen Kriege Vorteil ziehen würden. DaS glaubte man voraussehen zu können. Nicht aber war zu erwarten, baß Mr. Wilson, Amerikas Präsident, seine Rolle dabei so wenig geschickt spielen würde. Japan war seiner Zeit durch den Krieg mit Rußland finanziell völlig erschöpft; fein wirtschaft licher Aufschwung erfolgte erst während des jetzigen Krieges. Erst da konnte es ungestört und ohue jede russische und englische Konkurrenz seinen Einfluß in China und Ostasien dauernd in jedem Sinne vergrößern und befestigen. Sowohl durch eigene große Munitionslieferungen an Rußland, als auch besonders durch die Vermittlung amerikanischer Lieferungen, die ihren Weg über Japan nach Wladiwostok nehmen mußten, gelang es ihm, aus dem Weltkrieg Kapital zu schlagen. Dieser diplomatischen Leistung Japans gegenüber förderte Wilson die Interessen der Vereinigten Staaten durchaus nicht. Wilson wollte die Welt glauben machen, daß er als Vorkämpfer der Menschlichkeit dem uneingeschränkten U-Boot-Krieg Deutschlands entgegenträte. Aber in Wirklichkeit hatte er andere Gründe. Vor Englands schließlichcr Niederzwingung besorgt, be fürchtete er den Verlust der gewaltigen Vorschüsse nnd der Bezahlung der Lieferungen, welche von Amerika an England gemacht worden waren. So betrachtete er den Krieg gegen Deutschland als eine rein geschäftliche Angele genheit. Gleichzeitig hoffte er wohl, daß Amerikas Anschluß an England jenem ein Gegengewicht gegen Japan verschaffen— 76 — würdc, dessen Absichten ihm allmählich unheimlich vorkommen mußten. Denn die Abwanderung der ständig wachsenden Be völkerung Japans hatte sich iu immer steigeudem Maße auf Amerika, zumal aus die Philippinen, gerichtet, zum Teil auch infolge der dortigen hohen Bezahlungen. Seit langer Zeit waren von der amerikanischen Regierung Maßregeln gegen diese Einwanderung ergriffen worden, und es war sogar zu diplo matischen Verwickelungen gekommen. So glaubte Wilson viel leicht, nnn die Philippinen vor einem drohenden Angriff Japans bewahren zu können. Z)ie öffentliche Weinung öei unseren feindlichen Aachöarn. England hat natürlich, von uns zu Lande uud zu Wasser ernstlich bedroht, die sich darbietende Hilfe Amerikas begierig ergriffen, schon um für den nahenden neuen Abschnitt des Welt krieges einen Trumpf mehr in den Händeu zu haben. Wo aber liegen die Interessen der anderen, Ententemächte für diesen neuen Abschnitt? Erscheint es nicht fast unbegreiflich, daß Rußlands und Frankreichs öffentliche Meinung immer noch nicht erkennen, wie diese Läuder durch ihre weitere Teilnahme am Weltkrieg lediglich für Englands Zwecke und Vorteile kämpfen uud bluten? Klarere Beweise dafür, daß England, in der Entente mit Rußland uud Frankreich verbündet, in Wirklichkeit deren schärfster politischer Gegner ist, klarere Beweise, wie sie der Gang dieses Weltkrieges erbracht hat, sind doch kaum möglich! In Rußland müßten der derzeitigen Regierung und der öffentlichen Meinung die Augen endlich darüber aufgehen, daß das Land in feinem englischen Verbündeten seinen Todfeind zu erblicken hat, der es überall uud immer gehindert hat, gesteckte große Ziele zu erreichen, daß jede weitere Fortsetzung des Krieges gegen Deutschland der Schwächung Rußlands und der Stärkung Englands und Japans in Ostasien dient, und daß ein weiterer Kampf ein Wüten gegen Rußlands eigenste Interessen bedeutet. Ließen doch auch schou die früheren russischen und englischen Unternehmungen in Persien und an den Unterläufen des Enphrat uud Tigris keineswegs ein Zusammengehen der beiderseitigen Absichten voraussetzen, uud erscheint doch vollends >die Besetzung Bagdads durch England nicht nur gegen die Türkei, souderu auch gegeu Rußland gerichtet, um dieses voml. — 77 — Persischen Golf fernzuhalten und es auch hier nicht ans Meer zu lasscu. Wäre das alles in Rnszland hinlänglich bekannt und gewürdigt, so könnte als naturgemäße Folge eiue Annäherung au Deutschland, wenigstens ein Waffenstillstand, nicht ausbleiben. Und auch iu Frankreich mnsz doch endlich Klarheit darüber aufkommen, was jene Besetzung russischer strategischer Stützpunkte durch England und Japan zu bedeuten hat. Sollte die öffent liche Meinung in Frankreich nicht auch einsehen, daß wenn Frank reich nicht bei Zeiten Gegenmaßnahmen trifft, England den schon historisch bekannten, stark befestigten Brückenkopf Calais frei willig niemals wieder herausgeben wird, weil dieser Punkt zwei fellos für seine Zukuustspläue von unschätzbarem Werte ist? Und glaubt man in Frankreich, England würde mit dem Gedanken an die Möglichkeit eines Tunnels unter dem Englischen Kanal spielen, weuu es nicht die feste Absicht hätte, Calais zu behalten? Müßte man drüben nicht erkennten, daß die gewaltigen, für die Engländer so verlustreichen Schlachten an der Somme und in Flandern nicht bloß Frankreich Hilfe bringen, sondern Frankreich auch verpflichten sollten, Calais an Großbritannien zu überlassen, daß sie die Flaukenstellung unter Sarrail bei Saloniki entlasten, daß sie Aegypten und den Suez-Kanal schützen sollten? England kann Frankreich nie dafür entschädigen, daß es in sinnloser Weise dessen Städte und Ortschaften, wie St. Quentin, Bapaume, Peronne, Douai, in Trümmerhaufen ver wandelte. Die übrig gebliebenen Bewohner dieser unglücklichen Gegenden werden nicht schweigen, sie werden für ihr Vaterland und für die Geschichte als lebendige Zeugeu dafür auftreten, 5>aß Englands Politik auf die Schwächung des ihm verbündeten Frankreich abgezielt hat. Das öffentliche Rußland nnd das öffentliche Frankreich sollten hoch zu sehen anfangen, daß England und Japan ihre schärfsten politischen Jnteressengegner sind, und beide sollten sich bedenken, für England noch länger die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Sie sollten begreifen, daß selbst ein gemeinsames Vorgehen Rußlands und Frankreichs gegen die englischen nnd japanischen Machenschaften ohne anderweitigen Rückhalt keine Aus sicht mehr auf Erfolg hat. Unsere östlichen Nachbarn insbe sondere müßten nach den Erfahrungen des Weltkrieges zu der— 78 — Ueberzeugung kommen, daß eine gesündere Grundlage für ihre- innere und für ihre äußere Politik iu einer zukünftigen Au-- Näherung an die Mittelmächte liegen muß. Wie wir schon oben gesagt haben, dürfen solche Annäherungen- niemals von uns ausgehen, sondern nur von anderer Seite könnten, sie an uns herankommen. Aber große Zeiten bedingen großzügiges und vielseitiges Handeln. Jetzt, wo sich alles iu der Umgestaltung befindet, wo die Ausnutzung aller Gelegenheiten ratsam ist, sollte eine Einwirkung auf unsere Gefangenen, besonders, auf die farbigen, nicht unversucht bleiben. Einmal hat das Bündnis- mit der Türkei uns die Völker des Islam näher gebracht, zum. andern haben die farbigen Truppen aus den englischen und fran zösischen Kolouialläudern und aus dem Belgischen Kongo un menschliche Behandlung seitens derer erlitten, denen sie dienen mußten, sie haben ungeheure Verluste gehabt und die bittersten Enttäuschungen erlebt. Die Zeit, in welcher diese Farbigen in, deutscher Gefangenschaft sind, müßte deshalb dazn benutzt werden, sie durch gute Behandlung und Belehrung deutschfreundlich Zu. stimmeu. Sie müßten darüber aufgeklärt werden, uuter welchen schwierigen Umständen Deutschland auf den entscheidenden Schlacht feldern Europas gegen die halbe Welt als Sieger aus deni Kampfe hervorgegangen ist, nnd wie der Weltkrieg sich zu Gunsten Deutschlands gewendet hat, nachdem alle Alliierten zusammen Deutschland und feine Bundesgenossen nicht haben niederringen können. Man muß den farbigen Engländern, den farbigen Fran zosen, den farbigen Belgiern und, soweit es geht, auch den gelben Russen klar machen, daß England, Frankreich und Rußland allein sich Deutschland gegenüber zu schwach fühlten; sie müssen in ihrer Herbeischleppung die Tatfache dieser Schwäche erkennen, und wenn sie nach dem Ende des Feldzuges in ihre Heimat zurückkehren, müssen sie von dem Gefühl innerer Empörung besonders gegen England und Frankreich durchdrungen sein. Wir und Japan. Deutschland wird unter den jetzigen Umständen an den Rück- erwerb seiner oft asiatischen Kolonien nicht wieder denken können. Sie liegen vor Japans Tür und in dessen unmittelbarem Interessenbereich, sie liegen in zu weiter Ferne- vonl Mutterland, und ihre Erreichbarkeit kann nicht nur am— 79 — Suez-Kanal, sondern auch bei Singapore und in der Sunda- Straße durch England etschwert und bedroht werden. Ein gänz licher Verzicht auf kolonialen Erwerb in Ostasicn hingegen und Vereinbarungen über ein etwaiges Entgegenkommen Japans a n anderer, für uns günstigerer Stelle würde uus diesem wieder uäheru. Wenn Japan mit Deutschland in Ostasien nicht mehr zu rechnen hat, wenn wir ihm dort freie Hand lassen, würde seine schlaue Diplomatie der deutschen Weltmachtpolitik weniger feindlich sein. So, wenn wir etwa unsere Kriegsent schädigung von Frankreich in Marokko fordern würden. — Auch für derartige Abmachungen wäre übrigens eine bereits deutsche Sinai-Halbinsel von unbezahlbarem Werte für uns. Unsere Landuug in Kiautschou und Tsingtan erfolgte in den Jahren 1897 uud 1898; bald darauf kam der Schantnng- Vertrag, unsere Festsetzung an der chinesischen Küste und endlich unser China-Unternehmen unter Graf Waldersee. — Unser von den schönsten Hoffnungen getragenes Besitztum, das uns bei der friedlichen Erschließung des großen chinesischen Reiches einen mächtigen Rückhalt geboten hätte, wurde uns von Japan kurz nach dem Kriegsausbruch genommen. Leider war die Kolonie für uns soweit abgelegen, daß eine wirksame Verteidigung über haupt nicht möglich war. Die Dinge haben sich hier eben ganz anders gestaltet, als man vor etwa sechzehn Jahren erwarten konnte. Bei dein ungeheuren Aufschwung Japans, welches gewiß bei diesem Raub seine Folgen bis ins Kleinste erwogen hatte und damit sicherlich auch bezweckte, Rußland zuvorzukommen, liegt es nicht in unserem Interesse, uns um die Zurückerlangung unseres Besitztums zu bemühen. Wie sollten wir unter den augenblick lichen Verhältnissen Japau überhaupt dazu zwingen können, znmal da man als gewiß annehmen muß, daß die Befestigungen unserer ehemaligen Kolonie inzwischen noch bedeutend verstärkt worden sind? So bilden diese nun leider für Japans künftiges Vorgehen in China den gegebenen, fest gesicherten Ausgangspunkt. Es ist aber zu erwarten, daß Japan nach der Beendigung des Weltkrieges sehr daran gelegen sein wird, mit einem, so Gott will, siegreichen Deutschland wieder in gutes Einver nehmen zu kommen. Wenn auch in der Politik nicht das Gefühl, sondern nur der Vorteil ausschlaggebend sein darf, so denkt Japan vielleicht doch daran, daß seine über 2500 Jahre alte— 80 — Dynastie Jahrhunderte lang, und sogar ^u Zeiten, wo die größten Erfolge einzuheimsen gewesen wären, still gelegen hat, bis Japan dann erst durch seine Schulung in Deutschland die heutigen Er folge verhältnismüßig leicht errang. Und so wird es zweckmäßig sein, sich auf diplomatischem Wege mit den Japanern über die Ab tretung unseres vormaligen Besitztums zu verständigen, um seine Zustimmung in anderen Fragen zu erlangen. Japan hat Geld, und wir brauchen es. Seine Wirt schaftskraft ist durch die Gewinne bei den Kriegslieferungen jeden falls zu ungeahnter Höhe gestiegen, während alle an diesem Krieg beteiligten euröpäischen Mächte nach seiner Beendigung finanziell mehr oder weniger ausgesogen sein werden. Japan ist in jodem Sinne im Wachsen begriffen und wirft in Ostafien alles nieder, was sich ihm entgegenstellt. Rußland suchte 1900 seine Stellung an der asiatischen Ostküste, und zwar an dem Peking anlie genden Golf von Petschili, zu befestigen. Diesen russischen .Plan zerstörte Japan unter Ausnützung der Kriegsereignisse so gut wie völlig. 1905, nach dem russisch-japanischen Kriege, schloß Japan mit Korea einen Vertrag, wonach dessen Zivil- und Militärverwaltung Japan unterstellt wurde. 1911 führt die Statistik Korea bereits als japanische Kolonie auf. So faßte Japan am Gelben Meer Fuß, und nach Wegnahme Kiautschous kann es sich als Beherrscher dieser See betrachten. Die von aufstrebendem Geist beseelte Bevölkerung Japans befindet sich in außerordentlich starker Zunahme. Sie betrug 1908 etwa 50 Millionen, hatte sich bis 1911 auf etwa 52 Millionen vermehrt, und würde danach bei einer sich gleich bleibenden Stei gerung gegenwärtig etwa 56 Millionen Menschen betragen! Hierzu kommen, nach der Statistik von 1911, über 13 Millionen Bewohner der „japanischen Kolonie" Korea, worunter sich an 150 000 Japaner befinden. Uebrigens hat Japan während der Kriegsjahre Reformarbeit in Korea betrieben, wohl weniger Koreas selbst wegen, als um bei einer etwaigen Aufteilung Chinas dort seine Absichten besser durchsetzen zu können. — So Hetzen aus dem Kriege, wie vorauszusehen war, die kämpfenden Völker Europas nach allen Richtungen geschwächt hervor, Japan, das aufstrebende, klug geleitete, gestärkt. Welches Ergebnis bei Amerika sich herausstellen wird, bleibt abzuwarten. — Englischerseits besonders scheint ein großer handelspolitischer— 81 — Rechenfehler vorzuliegen. Der Krieg hat Englands Gesamt- lage viel ungünstiger gestaltet, als sie vor ihm gewesen ist. Während nämlich vor dem Kriege Deutschland allein Eng lands ernsthafter Konkurrent auf dem Gebiet des Handels war, kamen nun Amerika und vor allem Japan hinzu. Japan nutzt den Krieg dahin aus, aus Englands und Rußlands Kosten seinen Einfluß in China nnanfhörlich zu vergrößern. Obschon zwischen Deutschland und England auf handelspolitischem Gebiet ein un überbrückbarer Interessen-Gegensatz kaum bestand, ließ England die Mahnung unbeachtet, die ihm noch in letzter Stunde von höchster deutscher Stelle zugegangen ist. — Japan aber wächst uun für die Engländer als ein neuer, sehr gefährlicher, sehr betriebsamer, höchst unbequemer Konkurreut empor. > Z)ie Weltkarte. Die unverrückbare Grundlage für Deutschlands Macht und damit für Deutschlands Politik bleibt sein Heer und seine Flotte. Durch diese erkämpfte es sich in dem bisherigen Verlans des Krieges in Europa ein bedeutendes militärisches U e b e r g e w i ch t. Eine weitausschauende, ziel bewußte Politik muß dieses bei dem Friedensschluß an gemessen zur Geltung bringen: Deutschlands militäri schen Riesenerfolgen in Europa muß seine koloniale Weltstellung iu eiuem erweiterten Besitz außerhalb Europas ent sprechen. Wenn Hindenburgs Mauern allen Anstürmen dauernd Widerstand geleistet haben werden, dann hat der große Kampf wohl in Europa feinen Abschluß gesunden, aber, wie wir gezeigt haben, unsere Gegner werden dann noch nicht am Ende ihrer Hoffnungen und Pläue sein. Sie werden das Kriegstheater ver schieben, der Krieg wird iu einen neuen Abschnitt treten, oder ein neuer Weltkrieg wird anheben, und in diesem wird es sich um Deutschlands koloniale Zukunft handeln. Die Gruppierung der Mächte, welche an diesem neuen Abschnitt der Ereignisse interessiert sind, nämlich Deutschlands einerseits, und der jetzt verbündeten Reiche England, Rußland, Frankreich, Japan nnd Amerika andererseits, wird dem Ausgang des jetzigen europäischen Krieges entsprechen. Nicht mehr das europäische Gleichgewicht wird die Losung sein, sondern das Gleich gewicht unter den Weltstaaten. Für die Interessen der genannten v. «chuybar-Milchling, Kolonialpolitil und Kriegsziele, 6— 8? - Mächte muß volles Verständnis von der gesamten politisch gebil deten Bevölkerung Deutschlands heute mehr denn je gefordert werden. Dieses Verständnis mnß geweckt nnd gewonnen werden vor allem durch das genaue Studium der Weltkarte, auf das schon in den Schulen hinzuweisen wäre. Aus dieser allein kann ein klares Bild der Lage uud der möglichen Neu- gruppiernngen anschaulich werdeu. Das Studium der Weltkarte setzt jeden in den Stand, sich einen Begriff von den Zielen nnd dem Verlauf eiues künftigen Kolonialkrieges selbst zu eutwerfcn, und ein solches Studium dürfte die vorstehenden Ausführungen nur bestätigen. Hängt die künftige Mächte-Gruppierung von dem Ausgang des jetzigen Krieges ab, so sehen wir, daß auch aus diesem Gesichtspunkt der Sieg für uus eine Lebensfrage ist. Ja, wir müssen siegen! Und wenn nach den Lehren des Generals von Clansewitz der Krieg auch nichts anderes ist, als eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, so ist doch nach demselben Clansewitz das Ziel des Krieges „die Niederwerfung nnd Vernichtung der feindlichen Streitkräfte". Wir müssen Frankreich ein für alle Mal den Revanchekoller anstreiben, vor allem aber müssen wir, selber kühl bis ans Herz, das kalt berechnende England zu Boden werfen, das die Seele der Verschwörung gegen uus ist. Und dazu wird auch helfen, daß wir den andern zeigen, wie England eigentlich auch ihr Feiud ist, wie England in gewissenlosem Ge schäftsgeist noch immer glaubt, es hätte das Recht, allein die überseeische Welt für sich auszubeuten — eine Meinung, die in den langen Jahrhunderten aus seiner insularen Lage und der daraus bisher sich ergebenden Sicherheit vor Angriffen auf dieses insulare Mutterland erwachsen war. Wie alle Kriege Englands Handelskriege waren, so anch dieser, in welchem es nicht nur darauf ausgeht, unsere Macht zu brechen, sondern die aller Staaten des europäischen Kontinents zu schwächen, auch der ihm verbündeten und der neutralen. Aber schon ist England nicht mehr das alte; schou beherrscht es nicht mehr den Atlantischen Ozean, viel weniger noch den Großen Ozean, ans dem die an seinen Küsten liegenden mächtigen Reiche Japan und Amerika die Hand halten. Noch freilich behauptet Euglaud feiue Eudabficht, Deutsch lands Einfluß in der Welt ein Ende zu bereiten. Wenn es— 83 — auch durch schwerste Verluste erschüttert ist, so wird dvch die Gefahr seiner herausfordernden Politik erst daun beseitigt sein, wenn Deutschland von einer festen Basis aus seinen Uebergrifsen in der Welt uud besonders auf den Meeren sofort entgegentreten kaun. Darum müssen wir durchhalten bis zu in Endsieg, müssen, während unsere Fronten ans allen Seiten fest stehen, die Augriffe unserer U-Boote steigern, müssen Sinai, Suez und Uuter- ägyptcn erobern! Nur so ist ein wirksamer, erfolgreicher, starker Friedensabschluß möglich, nur so können wir große Ziele in unserer Kolonialpolitik verfolgen und erreichen. Pfänder müssen wir in die Hand bekommen! Denn es wird aller Voraussicht nach unmöglich sein, das; England oder Frankreich oder eine der anderen feindlichen Mächte an Deutsche laud eine sachgemäße Kriegsentschädigung in barem Gelde zahlen kann. Deutschland wird deshalb darauf augewiesen sein, eine solche sich zum erheblichen Teil auf andere Weise zu ver schaffen, vor allem durch Gebietsabtretungen innerhalb uud außerhalb Europas, des Weiteren durch die Erlauguug sonstiger Vorteile. Wir wissen, daß ein> großer Teil unseres Reichtums aus der Zeit stammt, wo wir anfingen, Weltpolitik zn treiben; wir sehen auch an England, Frankreich, Belgien, Holland und anderen Ländern, daß eine vernünftig geführte Kolonialwirtschaft den Wohl stand des Mutterlandes hebt. Ebenso wissen wir, daß wir auf die Einführung außereuropäischer Lebensmittel und Rohstoffe ange wiesen sind. Darum müssen wir unsere Kolonialpolitik unbeirrt nnd nach, großen Gesichtspunkten weiter treiben. Und darnm müssen wir uns einen großen K o l o u i a l st a a t iu Afrika schaffen. Während Frankreich den ganzen Nordwesten Afrikas in Beschlag genommen hat, nnd England seinen Machtbereich vom Kapland bis nach Aegypten ausspannt, nnd diese Riesenstrecke durch eine Eisenbahn in Zusammenhang bringen will, sieht der uns jetzt gehörige Besitz in Afrika auf der Landkarte wie ein eingesetztes Flick werk aus. Das nene Kolonialreich mnß einheitlich sein, seine Verbindungen mit der Heimat müssen sicherer, leichter und schneller als die bisherigen werden. Dieser Kolonialstaat, wenn auch in der heißen Aeqnatorial- zone gelegen, würde durch die Verbindung Deutsch-Ostafrikas mit Kamerun nnd Dentsch?Südwestafrika entstehen. Dazu muß der 6*8^ B elgis ch e K ongo st a a t mit dem Stromgebiet des Kongo, foivie, als teilweisc Kriegsentschädigung Frankreichs, das Französi sche Kongo land kommen, nnd znr Verbindung von Deutsche Sudwestafrika mit der Kongomündung teilweise oder ganz anch das Portugiesische Angola. Wenn nach militärischer Auf fassung der Besitz Belgiens für uns als Aufmarschgelände nötig ist, dauu hat damit der von Belgien abhängige Kongostaat seine Daseinsberechtigung verloren. Seine Austeilung ist ebenso eine Folge des Weltkrieges, wie die der portugiesischen Kolonien in Afrika. Dnrch die Verbindung Deutsch-Ostafrikas mit Kamerun würden wir auch den Vorteil erlangen, das; wir in die über großen englischen uud französischen Interessenbereiche in Afrika einen Keil trieben. Denn der erstere durchzieht diesen Erdteil vom Südeu bis zum Nordeu, der andere erstreckt sich vom Mittel- meer bis an den Aeqnator. Seiner weiteren Ausdehnung nach Südeu wäre damit eiu Riegel vorgeschoben. An Dentsch-Ost afrika müßte für unser inittelafrikanifches Kolouialgebiet als teil weife englische Entschädigungen B r i t i s ch - O st a s r i k a mit S a n- sibar angeschlossen werden. Am Roten Meer müßte möglichst ein Teil des Aegyp tischen Sudan mit dem Hasen von Snakin, das Italienische Eryträa mit dem Hafen von Massana und das am Busen von Aden gelegene angrenzende 'Französische uud Englische Somaliland deutsch wer den. Das Italienische Somaliland wäre eine Kriegs entschädigung für Oesterreich-Ungarn. Vier Hanptzugänge würden dann bestehen, nm unseren großen mittclafrikanischen Kolonialstaat zu erreichen und zn erschließein am Indischen Ozean bei Dar es Salam und Sansibar, am Roten Meer bei Suakin uud Massaua, am Mittelmeer über den Nil und die diesen begleitende, nilauswärts verlängerte Eisenbahn — unter der Voraussetzung, daß Aegypten wieder unter türkischer Oberhoheit stände — und am Atlantischen Ozean durch die Kongomündung. " Für die Erschließung dieses Gebiets würde besonders die Schiffbarmachnng des Kongostrvmes und eine ihn begleitende Eisenbahn vou größter Bedeutung sein. Hierzu käme außerdem eine Bahn, welche Deutsch-Ostafrika von Dar es Salam ans mit der Kongomündung, also den Indischen Ozean mit dem Atlan tischen Ozean verbände, eine Strecke, die etwa doppelt so langsein würde, wie die von Frankfurt a. M. nach Königsberg i.P, Wenn auch die Baukosten sehr erheblich wären, so würden die Erfolge sie reichlich aufwiegen nnd ein schnelles, glänzendes Er blühen zur Macht für uufer afrikanisches Kolonialreich in Aus sicht stellein An Afrikas Westküste empfiehlt sich außerdem die Besitz nahme der Portugal gehörigen Kapverdischen Inseln, entweder der Dakar zunächst liegenden Inseln Santiago und Mayo, oder der ganzen Grnppe, Das sind die Pläne, wie sie einer großzügigen Kolo nialpolitik entsprechen, welche darauf ausgehen muß, die englische Weltherrschaft zur See zu stürzen, die Meere zu befreien, und damit für die Mittelmächte nnd für alle Welt eiue ungehinderte Benntzbarkeit der drei großen W e l t v e r k e h r s st r a ß e n zn schaffen: Der Bagdad-Bahn, welche den Schienenweg von Berlin über Wieu, Konstantinopel und Bagdad zum Persischen Meer busen abschließt, > des Suez-Kanals, welcher auf dem Seewege London —Antwerpen mit dem Noten Meere nnd dadurch mit Ostafrika und Ostindien in Verbindung bringt, und des i b e r i s ch - a s r i k a n i s ch - a m e r i k a n i f ch e n Ve r- kehrsweges, welcher die kürzeste Handelsstraße von London —Antwerpen durch Spauieu nnd Nordwestafrika nach West- und Südafrika, wie nach Südamerika darstellt, Per deutsche Wettstaat und der Weltfriede. Deutschlands Rolle iu der Znknnft wird von seinen F r i e d e n s z i e l e n und den daraus hervorgeheudeu F ried e u s- bedingungen abhängig sein. Einen ehrenvollen Frieden können wir nur haben, wenn diese Bedingungen aus dem festen Willen zu einem st a r k e n W e l t st a a t D e u t s ch l a u d erwachsen. Wir können als einen solchen Frieden nur den ansehen, durch deu wir eine anssichtsvolle koloniale Entwickelung erwarten dürfen, durch den wir uns also einen großen zusammenhängenden Kolo nialbesitz, freie Zugangswege zu diesem und ausreichende be festigte Stützpunkte schaffen, welche seine Erstarkuug und die Freiheit der Weltstraßen verbürgen. Denn Kolonialbesitz ist für Deutsch-— 86 - laud aus Ernährungsgründen, für die Weiterentwickelung unserer Industrie und unseres Handels und zu Besiedclungsgelegenheiten eine weltwirtschaftliche Notwendigkeit, Es handelt sich also hier um die gesunden Grundlagen zu einem starken Welt- staat Deutschland gegenüber dein englischen Weltreich, England hat laugst mit seiner rücksichtslosen Politik im Mittel- meer und iu Persien und Arabien sein großes Ziel gekennzeichnet: Afrika englisch von Kapstadt bis Kairo, englisches Gebiet von Kairo bis Bombay, von Arabien bis Indien. Und neben dieser * englischen Kolonialmasse wächst im Nordwesten, des schwarzen Erd teils ein uener bedrohlicher Riese empor: das französische Afrika. - Unsere Stellung in der Welt müßte für die Zukunft ganz traurig und unerträglich werde», das deutsche Volk ipürde um den verdienten Lohn schwerster Kriegszeit, unvergänglicher Hel dentaten uud unsäglicher Opfer und Entbehrungen betrogen, und alle Klassen seiner Bevölkerung, am meisten aber die wirtschaftlich schwächeren, wären anf lange Zeit hinaus in ihrer EntWickelung geknebelt und um viele Jahrzehnte zurückgeworfen, wenn die Ab sichten der sogenannten Scheide m anusche n Politik zur Aus führung kämen. Nicht einmal zur Herbeiführung eines schnellen Friedens, wenn wir anf einen solchen unter allen Umständen drängen müßten, wären die von dieser Seite geplanten Be dingungen geeignet. Ein kurzsichtiger Scheidemann-Frieden wäre nach den bisherigen Erfolgen unserer Waffen, »ach den» derzeitigen Stand unserer Fronten und den Ergebnissen des ruhmreiche» U-Boot-Krieges eine Schi» ach für Deutschland. Bei dem unauslöschlichen Haß der Franzosen, bei dem »»überwindliche» Neid der Engländer gegen nns gibt es für Deutschland nur eines: keine Annäherung an Frankreich und England dürfeu wir suchen, oder auch nur uns unterzuschieben Veranlassung geben; auf eigenen Füße» stehend, unbeeinflußt von dem Urteil der Welt über uns, müssen wir mit unseren Bundesgenossen die Kriegsziele gemäß den Lebensinteressen der deutschen Heimat »nd der Mittelmächte abwägen, ansstcllen und mit eiserner Fanst festhalten! Also wollen wir durchhalte» bis zum Endsieg nnd bis zu eiue »i ehrenvollen Frieden, wie unsere siegreiche Wehrkraft zu Laude, zu Wasser und in der Luft ihn uus verheißt.— 87 — Und dieser ehrenvolle Friede muß ein starker Friede sein; denn nur dieser kann ein dauernder Friede werden, der Grenzen und EntWickelung eines deutschen Weltstaates auf ab sehbare Zeit sicher stellt. Nur ein starker Friede wird unserem Volk in Waffen die Möglichkeit zu neuem Leben und zu neuem Wirken auf friedlichem Gebiete geben, und nur ein solcher Friede wird auch für die anderen Völker, soweit sie Frieden halten wollen, ein Weltfriede fein können. Möchte es unserem Kaiser vergönnt sein, bei dem Abschluß eines solchen Friedens den frommen, dank baren, stolzen Ausspruch des hochfeligen Kaisers Wilhelm des Großen neu zu prägen: „Welch eine Wendung durch Gottes Fügung!" Und darum müssen unsere Friedensbedingungen lauteu: militärisch uud politisch: Vorschieben der Reich sgrenzen nach West und Ost soweit, als es unsere Heeresleitung für nötig hält; ! wirtschaftlich und in kolonialer Beziehung: A u s r e i ch e u d e r E r w e r b v o n S ie d e l u u g s l an d durch V e r g r ö ß c r n u g n n d V e r st ä r k u n g n n s e r e s k o l o n i a l e n Besitzes, und dauernde Sicherung der Zugangs- wege zn unserem kolonialen Besitz. Gott gebe zu solchem Endsieg und zu solchem Frieden seinen Segen! Im Besonderen müssen wir für einen starken Weltstaat Deutschland als Kriegsziel in Europa verlaugeu, das; wir Belgien als Aufmarschgelände und als Bollwerk gegen die Westmächte behalteu, damit wir gegen deren Angriffe geschützt, und damit des Reiches Grenzen geschirmt sind. Wir müssen sür einen starken Weltstaat Deutschland als Kriegsziel ans kolonialem Gebiet verlangen, daß die drei H a n p t w e lt v e r k e h r s st r a ß e n frei sind sür Jeder mann. lim das zu erreichen, müssen wir uns in den Besitz der nötigen Stütz'puukte an diesen Weltstraßen setzen, damit wir eine feste Basis für unsere Bewegungsfreiheit haben, damit wir jedem Uebergriss eines Ruhestörers sofort nnd nachdrücklich ent gegentreten können, und damit wir, selbständig uud geachtet in der Welt, teilnehmen mögen am Welthandelsverkehr, nnd freien! Zugang zu unfern Kolonien gewinnen.Wir brauchen also: Antwerpen mit der Scheldemünduug; die Sinai-Halbinsel als Bergfeste und die Stadt und Bucht von Akaba mit dem anliegenden Gestade uud der vor liegenden Inselgruppe als Kriegshafen — und zwar wäre die Sinai-Halbinsel wegen ihrer geographischen Lage uud ihrer stra tegischeu Vorzüge der Hauptstützpfeiler für alle deutschen kolo nialen Unternehmungen in Asien und in Afrika; Tauger und Agadir mit ihren Häfen und Umgebungen. Diese drei Plätze an den Weltverkehrsstraßen und an ihrem Hauptausgangspunkt müssen das Rückgrat für allen deutscheu Kolonialbesitz sein. Wir müssen ferner für einen st a r k e n W e l t st a a t D e u t s ch- land verlangen, das; wir uns ein großes zusammenhän gendes Kolonialreich in Mittelafrika aufbauen, das sich selbst aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln verteidigen kann. Und wir müssen-endlich für einen starken Weltstaat Deutschland verlangen, daß wir unsere Interessenbe reiche in Syrien und Mesopotamien einerseits, und in Marokko andererseits so ausdehnen uud vertiefen können, als es erforderlich ist, um unserem Handel und uuserer Industrie freie Bahn zur Betätigung zu bieteu. — Diese Forderungen sind es, deren Verwirklichung wir für kommende, gesegnete Friedensjahre bedürfen; sie sind der Gegen stand und Juhalt einer vernünftigen Kolonialpolitik, und darum siud sie uusere Kriegsziele! Und wenn wie Welt voll Teufel wär' Und wollt' uns gar verschlingen, So fürchten wir uns nicht so sehr; Es soll uns doch gelingen! S, Preub, »gl, Hosbuchdruckerei, Berlin S> 14, DreSdencrstrake 43,Ai'öirlL ööÄo^ o^oMeaö-)^- ^ST-esori^ 5 ^oä-i^ 0e^.c»t.k1^isc;'ii.6 s »mci -Lopa/. Mvra^ Äzll^ke/ui^o' YÄ?S7^ 67«/!,. ..^^?. / X. ^ ^ ?',c Ii.^ > i . üe.Uz»s ^ -^>1 ^ ^ei.Ivc> I> i s/i^ ^ / Sv-AZ 2.1 s ) ^öMc^ä?ÄAü^ ^c>^ckc/u^a.! cz» 6ci?s<^ LsUu. ? s « s 3. ri c^Vu/'S'll/^ — -> sSaÄ'un. S/uz^ lÄ^ccvlo >/Lz^o,?Ho ^do^. MMk7 QK/Sa^llÄ?X^ z I i. 3. HZ.» ' SW/-F6YZ0' A Qu^!s k"^n K.) Fviols?» v Vo/Wt? V?cvll?o --tü«Sa? ^z^a/a. !,cd-/u . .Xvunt^ Ik z 1 Z z. s ^5.? 7xom. '0?7^^) LlOSQ^- ^ V^I?)SlU.t.S<Zl^ ? ^ sZ dA^. -uFaüv'Äe Ost.s.t'i'i^ ^Ä-rS7ia.-^iA7!) .^-o vroien^e -SÄnZ-5 Kriegslasten una inre Kolonien iur „Kolonislpolilck unä XnezsÄele" von v.Lckulzbsr-Mlcklmz Verlag von Oeorz 8tMe, kerlin I^XV 7 I^ofbuldtlsnäler 5r. Ksiserl. uncl Könixl. ttolieit 6ez Kronprinzen 0SMW. > A^cun^.-Z ^kiV/S< TVUA^^ ^ä/r^üis /d/-t ^Vö< oS/?^ ^Soi l «S«» 56,>5ttN > 1./«^^ ^ -1^ I l A?AöS/^ I- 1 ^'^.?/i«/s^ ^ * -^6.?Ü//^ Ss/ss^^/- . K^L/^e 7/^seö-^ 7^ ^?^>?6/!ZA/k/^ -»-»»---» ^ Äz/^ ^lv-viclTt- ^»^^^sii^^MDDDMMMMDIDDDDDDDMMDMDDDMD^^^ VVostsi'MLNn, Xsi'togi'Lpliiseks Anstalt, kfsunsekv/sig ^ugMkrung unk! lZruvk1 ,'..V!IS sKotoniceLpotitik und KriegszieLe Verlag von Georg Srilke, Berlin 7 Hofbuchhändlcr Gr. Raiscrl. und Rönigl. Hoheit des Rronprinzcn 19:7
