Erlebnisse des Verfassers in zweijähriger Kriegsgefangenschaft in Frankreich und Afrika sowie die Flucht über die Schweizer Grenze, Von p. ksiusberger. , Verlag von Gedr. hoser la Saarbrücken. ?./ Verkaufspreis: 1 Mark.Gefangen! Ans de« Erletniffen des BerWrs in zweijähriger stmzöslscher KriegsgesmigeuWst von P.). yinsberger. Reise-Erlebnisse in Asrilia und Zucht W der GesWenschnst. Alle Wechte vorbehalten.I. rühlingsaufaug! Welche Gefühle löst nicht dieses Wort im Menschenherzen aus; vergessen sind all' die Unbilden und Widerwärtigkeiten des Winters, neues Hoffen, neues Leben schwellt unsere Brust; rascher kreist das Blut in unseren Adern. Auch uus rauheu Kriegern hellte der lachende Souuen- scheiu, der nach langen, bittern Wintermonaten hente, am 21. März 1915, znm erstenmale glitzernd und wie spielend über Schluchten nnd Höhen der Bogesen hnschte, die ernsten Mienen wieder auf. Munteres, regeres Leben machte sich in den Schützengräben bemerkbar, und auch von den Lippen Derer, die in den härtesten Wintertagen in den nicht selten in meterhohem Schnee verbrachten Stuuden den Mut sinken ließen, hörte man fröhliche Frühlingsmelodien. Mich litt es nicht länger im Unterstande. Unsere Stellung war an dieser Stelle etwas zurückverlegt, sodaß uns ein Zwischenraum vou etwa 1200 Meter von den Franzosen trennte nnd man sich ungefährdet in die Schluchten nnmittelbar vor dem Graben wagen kouute. Mit Gewehr und Fernglas versehen, gesellte ich mich zu einem etwa 50 Meter vor der Stellung auf hohem, durch Buschwerk gedeckten Felsen befindlichen Doppel posten, irm von hier ans die herrliche Aussicht iu das wild romantische Goldbachtal zu genießen. Ich erinnere mich noch, an diesem Tage eine Karte an meinen Brnder geschrieben zu haben, worin ich von Frühlings anfang nnd den an Naturschönheiten so reichen Vogesen sprach, nicht ahnend, daß es meine letzte Karte ans dem Felde sein sollte. Am Nachmittage werde ich zu einer Offizierspatrouille kommandiert. Nur mit Gewehr bewaffnet, die Kleider von Kopf bis zu Fuß mit kleinen Tannenzweigen bedeckt, pürfchten wir iu den erwähnten Goldbachtal bis zur feindlichen Stellung heran, zeichneten dieselben anf und kehrten gegen 11 Uhr abends, nachdem der Zweck der Patrouillen vollkommen erreicht, nnversehrt zurück. Ermüdet wie ich war, mußte ich noch in der Nacht einen Befehl an eine in mehrere Stunden entfernter Stellnng befindliche Kompanie bringen, um dann, nachdem ich am Morgen zn meiner Truppe zurückgekehrt,— 6 — am Nachmittage wieder mit derselben in Stellung zu gehen, nnd zwar im Zentrum des Hartmannsweilerkopfes, welcher Punkt damals von meinem Regiment verteidigt wurde. Da ich die beiden letzten Nächte uicht geschlafen hatte, erhielt ich die Erlaubnis, mich in deu von den Pionieren erbanten Baracken in Reserve auszuruhen, während der Zng meiner Kompanie, dem ich zugeteilt war, am nächsten Morgen in Stellung ging zum Schauzeu, Ich schlief die Nacht über, und als am nächsten Morgeu meine Kameraden abrückten, litt es auch mich nicht mehr im Unterstande, ich nahm Gewehr und Schanzzeug uud zog mit. Es war der 23. März. Die Luft war klar und rein, die aufgehende Sonne hat den letzten Rest von Nebel verscheucht, scharf zeichneten sich die Schueegipsel des „Großen Neichen" am Horizont ab. „Wenns so klar bleibt, gibt's heute wieder was vou den „Dicken", rief mein Zugführer uns zu, und er behielt Recht. Gegen 12 Uhr mittags begannen die Franzosen unsere Stellung mit schwerem Kaliber zn bombardieren. Die ersten Treffer fielen in die Reservestellnng und zwangen uns, die Arbeit einzustellen und uns in die vordersten Gräben zu begeben, welche jedoch schon in den nächsten Minuten auch unter Feuer läge». Schuß für Schuß traf uuu mit systema tischer Genauigkeit in den Graben. Wir wichen aus, bald nach links, bald nach rechts, unsere Reihen lichteten sich mehr und mehr. Die Maschinengewehre in unserer uächsteu Nähe wareu schon mit samt der Mannschaft von den ersten Volltreffern vernichtet. „Ob Wohl dies mörderische Feuer bald aufhört", fragten wir uns. Aber es hörte uicht auf, Stunde um Stunde verrann, und noch immer dauerte dieses nervenzerrüttende Trommeln an; immer noch stieg Säule um Säule der von den platzenden Granaten in die Lnft geschleuderten Felsstücke hoch, beim Niederfallen Dutzeude von Menschen zerschmetternd. Vier Stunden bereits hatte dieses Morden gedauert, als eine kleine Pause entstand; „jetzt werden sie kommen", riefen wir. Aber sie kamen noch nicht, es waren noch nicht alle Gräben zerstört, der Feind war für einen Angriff ihrerseits noch nicht genug geschwächt. Nach ungefähr einviertelstündiger Panse setzte das Artilleriefeuer erneut eiu, uud zwar diesmal noch durch etwa 2 Batterien Feldartillerie unterstützt. Unter das dumpfe Heule» der schweren Geschosse mischte sich das Zischen uud Pfeifen der 75 Millimeter-Granaten, dazwischen das Hilferufen der Verwundeten, das Röcheln der Sterbenden.— 7 — Das Häuflein Überlebender schmolz mehr und mehr zusammen; die Glücklichen, die den jeweiligen Treffern entgingen, suchten lmd sammelten sich fast alle an einem Pnnkte des Grabens, wo auch ich mich während der letzten Minuten des Feuers befand. Es mochte Wohl gegen Uhr abends sein. Ich hatte, als jede Rettung niid Hilfe unmöglich schien, in meinen Taschen noch etliche Zigaretten entdeckt, nnd nm ja nicht denken zu müssen, eine derselben angezündet, als das Feuer der schweren Geschütze plötzlich verstummte und die Feld artillerie zwischen uns und unsere Reserven Sperrfeuer legte; das war der Moment, wo sie angreifen mnßten, „Sie kommen", hieß es von links, was noch Beine hatte, sprang an die noch vorhandenen Schießscharten, es waren nur noch wenig Überlebende. Aber sie kamen nicht mehr, sondern sie waren schon da. Sie waren schon rechts und links in unseren vernichteten Flauken, teilweise sogar schon hinter uns in der zweiten Linie. Mit noch einem Kameraden bildete ich den rechten Flügel des weiter seitwärts völlig zertrümmerten Grabens; gruppen weise stürmten die Franzosen mit dem Bajonett auf nns ein, nm auch jedesmal gruppenweise in dem Feuer unserer Hand granaten zusammenzusinken. Die Leichen türmten sich um uns zu entsetzlichen Haufen, der Nahkampf hatte schon ohne dem etwa 30 Minuten gewütet, als ein Leutnant, der uns bisher die Granaten ans dem verschütteten Magazin aus gegraben und durchgereicht hatte, zurief: „Die Handgranaten sind alle". Jäher Schreck lähmte mich, wir waren also verloren. Die letzte Granate, die mir noch zu Füßen lag, schleuderte ich gegen eine soeben auf mich anstürmende Abteilung von etwa i> Mann Stärke, wovon 4 Mann fielen, 2 jedoch sich sofort hinter einen von einer Granate gefällten Baum knieten und ihre Gewehre luden. Ich suchte nach einer Waffe lind entdeckte nnter den Toten noch ein Gewehr, in welchem noch 5, iiber und über mit Schmutz und Sand bedeckte Patronen bis zur Hälfte iu der Kammer steckten. Es blieb mir keine Sekunde Zeit. Den Franzosen stets im Auge behaltend, trieb ich die Patronen mit Gewalt ius Gewehr uud gleichzeitig legten wir anseinander an, wobei zwischen den beiden Mündungen höchstens ein Zwischenraum vou 3 Meter war. Ich lehute ohue jede Deckung mit der rechten Schulter an einer vorspringenden Felsenecke, es war einer jener Momente, wo der Mensch in dem Bruchteil einer Minnte seine ganze— 8 — Vergangenheit noch einmal geistig durchlebt. Mein letzter Gedanke galt meinen Lieben zu Hanse, dann sah ich nichts mehr als die drohende Mündung und das von Angst und der Schwere des Augenblicks verzerrte Gesicht meines Gegners vor mir. Den Kops meines Feindes im Visier, drückte ich zuerst ab und der Schuß ging nicht los, das mit Sand und Lehm angefüllte Gewehrschloß funktionierte nicht mehr. Voll Verzweiflung wollte ich das Gewehr gegen den Felsen schleudern, als mir eine Feuergarbe ins Gesicht blitzte; ich drehte mich mehrmals um meine eigene Achse und griff unwillkürlich nach meinem rechten Arm, der mit nach oben stehendem Ellenbogen und Handfläche schlapp und kraftlos herabhing. Blut quoll mir in dickem Strahl an der rechten Schulter aus dem Waffenrock; mein Gegner hatte mich durch die Schulter geschossen. Durch seinen Sieg ermutigt, wollte er mir anscheinend noch eine Kugel geben, was jedoch sein Verhängnis wnrde. Ich sah noch, wie er zum zweiten Male anlegte uud wie, die Gefahr bemerkend, noch im letzten Moment mein neben mir stehender Freund, der noch über einige Patronen verfügte, sein Gewehr hochriß und der Franzose durch den Kops getroffen langsam vornüber sank. Ich kroch, schon halb besinnungslos, noch einige Schritte seitwärts in ein kleines Erdloch, iu welchem sich bereits ein Toter und ein Schwer- verwnndeter befanden. Dann sah und hörte ich nichts mehr, ich war besinnungslos geworden. Es mochte Wohl erst kurze Zeit verstrichen sein, als ich die Auge» aufschlug, deun es war noch nicht völlig dunkel. Die Kleider waren mir vom Oberkörper geschnitten, ein Fetzen Verbandmull steckte in der Wunde, man hatte mich anscheinend zu verbinden gesucht. Mein Blick suchte meine Kameraden und wer beschreibt mein Entsetzen; vor mir an den zerfetzten Schießscharten standen .... Franzosen, Franzosen, soweit mein Blick reichte. Gefangen! — Gefangen war also das Häuflein Helden, die sich in diesem Winkel des Grabens bis zum letzte« Moment so tapfer gehalten, die ihre letzte Patrone ver schossen hatten. Ich stöhnte lant auf vor innerem Weh. Die vor mir stehenden Franzosen sichren erschrocken hernm; sie zogen mich nnter den Toten hervor nnd versuchten mich ans die Beine zu stellen. Da es mir jedoch infolge des starken Blut verlustes uicht möglich war, mich aufrecht zu halten, faßte mich ein Alpenjäger unterm Arm und schleppte mich— 9 — über Leichen und Gräben hinweg nach der französischen Reservestellung. In den französischen Gräben sah ich jetzt anch, was unsere Artillerie, die während der letzten Stunden die französische Stellung uuter Feuer genommen, angerichtet hatte. In Dutzenden lagen hier Tote und Verwundete, man konnte fast keiueu Schritt tun, ohue auf dieselben zu treten. Ich fühlte keinen Schmerz in der Wnnde, nicht achtete ich die Schrappnels der deutsche» Batterien, die immer noch Tod und Vernichtung in die Franzosen säeten: ein Gedanke übertäubte alles iu mir, ich war gefaugeu. In der Reservestellung angelangt, waren meine Kräfte völlig erschöpft. In laugen Reihen standen die französischen Truppen zu beiden Seiten des Waldweges, es mußten Wohl erst eben die übrigen Gefangenen dort vorbeigekommen sein. Ich hatte Spott und Verhöhnungen seitens der Soldaten erwartet, aber nichts dergleichen wurde laut; nur Mitleid sah man in den Zügen der einen, Teilnahmslosigkeit bei anderen. Zwei Soldaten nahmen und trugen mich in einen Sanitäts-Unterstand, wo ich beim matten Schein einer Kerze noch einen deutschen Verwundeten, anf Stroh gebettet, vorfand. Ich redete ihn an, und, wer beschreibt meine Freude; — es war mein Frennd und Lebensretter, der, als ich den ver hängnisvollen Schuß erhalten, meinen Gegner niedergeschossen hatte. Er hatte im letzten Stadium des Gefechtes einen Schuß durch deu linken Oberschenkel erhalten. Man reichte uus hier einen Becher heißen Tee zur Stärkung, verband sorgfältig nnd gut uusere Wundeu uud lud nns dann auf ein Manltier, anf dessen beiden Seiten des Sattels eine Sitzvorrichtung zum Transportieren von Ver wundeten anf den nnfahrbaren Gebirgspfaden bis zn der Stelle, wo die Sanitätswagen hielten, befestigt war. Nie werde ich diesen Transport vergessen. Bei jedem Schritt des Tieres anf dem holperigen Wege, bei jedem Stoßen nnd Rütteln litten wir fürchterliche Schmerzen; dazn kam noch, daß mein Kamerad auf der anderen Seite des Sattels leichter war von Gewicht als ich, fodaß er bald oben anf dem Sattel nnd ich unterm Baach des Tieres hing. Der Führer, ein alter Landsturinmann, versuchte uns wieder in unsere frühere Lage zu bringen, was dem Maultiere jedoch anscheinend zn lange dauerte; es legte sich eiufach platt auf die Erde und wir beide rollten in den Schnee. Der alte Führer war nicht imstande, uns wieder in den Sattel zn helfen, nnd nur dem zufälligen Vorbeikommen— 10 — einer Proviantkolonne verdanken wir es, das; wir nicht nvch länger in unserer hilflosen Lage verbringen mußten. Nachdem wir sv etwa 2 Stunden geschleppt wurden waren, gelangten wir endlich an den Ort, wv die Wagen hielten. Ich wurde von nieiuem Freunde getrennt, mit noch zwei schwerverwnndeteu Franzosen in eiuem Auto nach dem Feld lazarett Mosch gebracht, wv mir die erste ärztliche Hilfe zuteil wurde. Es wurde festgestellt, daß das Geschoß, welches znerst den Felsen gestreift, als sogenannter „Querschläger" unter halb des rechten Schultergelenkes eingedrnngen nnd nnterm Schulterblatt im Riickeu wieder den Körper verlassen hatte. Durch das Aufschlagen anf die stark angespannten Schulter muskeln war der rechte Oberarm an zwei Stellen gebrochen. Ich erhielt einen sorgfältigen Verband; eine Pflegerin brachte mir reine Wäsche und etwas Brot, sowie Tee znr Stärknng; dann wurde ich iu eiu unten bereitstehendes Auto gebracht, wo ich noch elf deutsche Verwundete vou meinem Regiment vorfand, darunter auch meinen Freuud. Wir sollten zusammen iiber „Bnssons" nach Epinal gebracht werden. Iu Bussous überuachteteu wir in einem provisorischen, zum Lazarett umgewandelten Schnlgebände, erhielten am nächsten Morgen etwas Tee, Brot uud je zwei Mauu eine Büchse Fleischkonserven nnd wnrden dauu, nachdem unsere Verbände nochmals erneuert, mit der Bahn nach Epinal ins Hospital „St. Maurice" überführt. Die Bevölkerung iu nud unmittelbar hinter dem Kampf gebiet bis Epinal verhielt sich rnhig, nnd auch in Epinal selbst sah man höchstens einige Neugierige, die sich an den * Wagen drängten, um die „Boches" zu sehe»; oder fragten: ob das wahr sei, daß man in Deutschland nichts mehr zu essen habe. Die französische Presse verbreitete nämlich haupt sächlich zu der Periode die nnglanblichsten Gerüchte über die angebliche Hungersnot in Deutschland. Am 24. März kamen wir gegen Abend im Hospital zu Epinal an. Die Pflege lag hier größtenteils in Händen der katholischen Krankenschwestern und war gilt; die ärztliche Behandlung war, wenn anch etwas oberflächlich, so doch im allgemeinen zufriedenstellend. In den ersten Tagen hatte ich ziemlich viel Schmerzeil, besonders beim Atmen, da der Schnßkanal nnmittelbar den Lungenflügel streifte und letzterer bei jedem schweren Atmen uud besonders bei Hilsteuansälleu iu den Schußkaual trat. Ungleich — viel schmerzlicher als die Wnnden jedoch war— II — das niederdrückende Gefühl, das keine freudige Regung, keinen Scherz in mir aufkommen ließ, und das, so oft wieder draußen französische Truppen mit ihrer eigeuartigeu Musik vorbeizogen, so oft ich im Nebensaal, wo französische Verwundete lagen, ihre Laute oder Lieder hörte, sich mir von neuem und mit doppelter Gewalt aufdrängte, - ich bin gefangen! Wohl ließ man es nns seitens des VerpfleguugSpersouals nicht direkt fühlen, aber es war nicht die gleiche Art; nicht das gleiche Verständnis wnrde einem entgegengebracht wie im Heimatlande, wo deutscher Opfermut und Liebe den Verwundeten seine Leiden vergessen lassen. Unmittelbar neben mir lagen drei Kameraden mit Ober- armschüsseu, Sie wurden gleich in den ersten Tagen schon vom Wnndfieber gepackt, sprangen des Nachts ans den Betten, liefen im Zimmer anf und ab uud redeten irre, oder riefen laut uach ihreu Lieben in der Heimat. Es dauerte oft geraume Zeit bis der Wärter ankam, um sie wieder zu Bett zu bringen uud zu beruhigen, sodaß ihr Znstaud infolge des Nmherlaufens mit nackten Füßen auf dem kalten Boden sich meistens verschlimmerte. Ans einer Photographie der Ver wundeten des Hospitals Epinal sah ich denn anch später zwei dieser unglücklichen Opfer französischer Nachlässigkeit mit amputiertem rechtem Arm wieder. Die schönste» Trostworte, die ich je in Frankreich gehört, und die mich auch während meiner ganzen späteren Gefangen schaft in vielen schlimmen Stuudeu ausgerichtet haben, gab uns der damalige französische Kommandant des Hospitals St. Maurice, ein Kapitän, dessen Namens ich mich nicht ent sinne, bei unserer Überführung von dort nach Lyon am 4. April 191S mit auf den Weg. Er fragte uns in leidlichem Deutsch, wie es uns giuge, und ob wir viele Schmerzen hätten. Wir gaben zur Antwort, daß wir unsere körperlichen Schmer zen gern ertrügen, wenn wir nicht gefangen wären, worauf er ungefähr erwiderte: „Wohl ist es kein erhebendes Gefühl, Gefangener zn fein, aber es ist ja nicht eure Schuld, daß ihr hier seid; ihr habt ja eure Pflicht getau für euer Vater land, nnd wer immer auch Schuld an diesem Krieg sei, ihr könnt stolz sein, eiuem Volke anzugehören, für eiu Land gekämpft zu haben, das sich bisher gegen eine Welt von Fein den so tapfer gehalten hat. Ihr werdet später in Frankreich vielleicht Leute treffen, die ench beschimpfen nnd beleidigen werden, darauf dürft ihr nicht achte», es find nicht die Intelligen testen, die das tn», nicht die, auf deren Urteil man was geben kann."— 12 — Wenn man bedenkt, daß diese Worte aus dem Munde eines Franzosen kamen, welcher in seinem Hasse gegen Deutschland sich noch selten soweit überwindet, diesem seine Vorzüge anzuerkennen, so wird man verstehen können, wie Wohl nus dieses Bekenntnis tat, und um wie vieles leichter wir die späteren Widerwärtigkeiten und Schikanen ertrugen. Wie bereits erwähnt, wurden wir am 4. April mit einem Verwnndetentransportzug nach Lyon gebracht. Auf der Fährt nach dort wurden wir hauptsächlich auf größereu Bahnhöfen oft von der Zivilbevölkerung belästigt und verhöhnt, sie ver suchten sich an den Wagen heranzudrängen, um uns unsere Kokarden von den Mützen oder die Knöpfe von den Röcken zu schueiden, was jedoch meistens von der französischen Begleit mannschaft verhindert wurde. Am nächsten Morgen in Lyon angelangt, wurde ich auf dem Bahnhof mit noch zwei Schwerverwuudeten in einem Auto untergebracht, welches dann, da man anscheinend noch nicht wußte, wo man nus unterbringen sollte, in einen durch ein Gitter abgeschlosseneu Teil des Bahnhofes einlief. Doch auch bis hierhin verfolgte uns die meist aus Weibern bestehende Menge. Sie schimpften auf deu Kaiser, johlten und hoben schließlich Steine auf nnd zertrümmerten damit ein Fenster unseres Autos, sodajz eiu anwesender französischer Leutnant sie schließlich mit blanker Waffe auseinander trieb uud uns vor Schlimmerem bewahrte. Zwei deutsche Verwundete, mit denen ich später zusammen traf, erzählten, daß, als sie im Herbst 1914 auf demselben Bahnhof eine im Dienste des Roten Krenzes stehende Dame in Begleitung ihres Gatten, eines höheren Offiziers um Wasser baten, sie eine Antwort erhielten, die hier wiederzugeben mir unmöglich ist und die überhaupt nur ein von grenzenlosem Deutschenhaß beherrschtes französisches Weib geben kann. Das Auto brachte uns dann ohne bemerkenswerten Zwischen fall ins Hospital „Desgenettes", wohin zu meiner großen Freude mein Frennd G. auch folgte. Desgeuettes ist eiu größeres Militärlazarett, iu welchem damals auch etwa 60—70 Deutsche lageu. Die Beaufsichtigung nnd Leitung dieser Gefangenen-Ab teilung lag zunächst iu Händen eines französischen Dolmetschers; dann waren nus einige Krankenträger und eine Pflegerin zu geteilt; letztere tat für die Kranken alles, was in ihren Kräften stand, peinlich auf Sauberkeithielt, dafür sorgte, daß das was vom Arzt verordnet wurde, auch wirklich au den Kranken gelangte nnd ihnen auf jedmögliche Art ihr Los zu erleichtern suchte.— 1» — Den ärztlichen Dienst versah ein junger, sehr geschickter Militärarzt, der mit den Gefangenen nie ein freundliches Wort sprach, uie mehr als das Alleruötigste fragte, aber seine Pflicht als Arzt tat bis ins kleinste. Mitunter geschah es sogar, daß wenn in dem Znstand des einen oder anderen Verwundeten eine Verschlechterung eingetreten war, er mehr mals in einer Nacht ans seiner Privatwohnung kam, den Kranken untersuchte und das Erforderliche veranlaßte, oder manchmal sogar bis znm nächsten Morgen selbst wachte. Auch sind in der Behandlung dieses Arztes währeud der Zeit vom 5. April bis Mitte Mai nur zwei Todesfälle vorgekommen und zwar waren dies von vorneherein hoffnungslose Fälle (Granatsplitter iu der Herzgegend nnd schwerer Nnterleibs- schnß), während in verschiedenen anderen Lazaretten Frankreichs zahlreiche Todesfälle von Deutschen, dereu Verwundungen oft ganz leichter Natnr waren, zu verzeichnen sind. Ein wahrer Teufel in Menschengestalt jedoch war der Dolmetscher „Eoruy", der die schriftliche Arbeit der Gefangenen abteilung, sowie Postsachen nnd dergleichen erledigte, überhaupt so ziemlich die ganze Leitung in Händen hatte. Dieser Unmensch, aus dessen Gesichtszügen schon Haß nnd Gemeinheit sprachen, versuchte ans jede mögliche Art und Weise die Kranken zu demoralisieren nnd zu demütigen. Weuu neue Verwundete ankamen, so machte er vor ihnen öfters die Bemerkung: „Na, ich weiß nicht, warnm man die alle noch hierher bringt, die sollte man doch draußen totschlagen." Oder zu dem oder jenem Schwerkranken, wenn er des Morgens den Saal betrat: „Bist du immer noch nicht verreckt, Du könntest schon lange kapnt sein", und dergleichen mehr. Wenn ein Kranker in seinem Schmerz stöhnte, so stellte er sich neben die Betten uud äffte ihueu uach, oder stieß uud rüttelte au dem betreffenden Bett, nm den Verwundeten noch mehr Schmerzen zubereiten. Als ich bei einem ähnlichen Vorfall die Geduld verlor und ihn zur Rede stellte, erhielt ich 4 Tage Essenabzug. Auch benutzte dieser Held jede Gelegeuheit, um die Gefangenen gegen Deutschland und sein Herrscherhaus aufzuhetzen, was danu meistens zu heftige» Auftritten führte. Die Kontrolle uud Ausgabe der Brieffacheu uud Postpakete wurden ebenfalls von diesem „Corny" besorgt. Die Pakete brachte er ans Bett des Empfängers, nahm vor dessen Augen etwa die Hälfte des Inhalts für sich mit der Bemerkung: „Diese Schokolade ist gut, die halte ich für mich, oder, diese Zigarre ist eine feine Marke, die gebe ich in die Küche, dann bekomme ich die besten Portionen", und dergleichen mehr.— 14 — Den Rest überließ er dann den Gefangenen mit einer Miene, als ob er sagen wollte: „Dn kannst noch froh sein, daß ich Dir überhaupt noch etwas drin lasse". Beschwerden über diesen Menschen drangen niemals durch, da die französischen Behörden solche von den Deutschen meistens ungeprüft zurückwiesen. Die verabfolgte Nahrung im Hospital Desgenettes war, wenn auch nicht gut, so doch ausreichend, um leben zu können. An Getränken gab es täglich ein Glas Tee, sowie des Morgens etwa einen halben Trinkbecher Kaffee. Die Heilung meiner Wuude, sowie des Armbruches verlief in deu nächsten Wochen über Erwarten gut, sodaß ich gegen Anfang Mai fast den ganzen Tag umherlaufen konnte. Was hätte ich nicht alles darum gegeben, mir ein Stündlein ins Freie gehen zu dürfen, wo die Bäniue bereits herrlich blühten und die Blumen im Lazarettpark in lieblichen Farben prangten; aber auch das war deu „Boches" nicht gestattet. Während der ganzen Zeit, die ich im genannten Hospital verbrachte, durften wir nicht eine Minute auch uur in deu Hof. In diese» Tagen war es auch, wo ich die ersten lieben Zeilen aus der Heimat empfing: die ersten Grüße aus deut schen Landen! Was der erste Brief von seinen Lieben für den Gefangenen bedeutet, welche Gefühle jubeluder Freude, da feiue Ärnft durchziehen, läßt sich nicht in Worte kleiden, das kaun nnr der nachempfinden, der es selbst miterlebt hat. Gegen Mitte Mai wurde ich von meinem Freunde G. getrennt nnd mit noch einigen Genesenden in ein anderes Lazarett Lyons, nach „Lcüle äe überwiesen, wo ich bis zu meiner völligen Genesung, bis zum 5. Juni 1915 ver blieb. Verpflegung und ärztliche Hilfe waren hier sehr gut. Während wir iu Desgenettes nur die Speiseu, die vom vor hergehenden Tage in den Küchen der französischen Verwundeten übrig geblieben waren, erhielten, bekamen wir hier genau dasselbe.Esse« wie auch die Franzosen, sogar der Wein fehlte nicht. Ärzte uud Pflegepersonal waren sehr höflich und zu vorkommend, brachten uus Karteu und Schachspiele, nnd so gar die Tagesblätter, die sonst überall verboten waren, fehlten nicht. Auch durften wir hier täglich 3 Stunden im Hofe spazieren oder spielen, unter Beauffichtiguug der Wachmann schaft. Gegen Ende des Monats Mai war mein Arm schon so weit hergestellt, daß die Binde entfernt werden konnte und einige Tage später gelang es mir sogar schon, wenn ich den Kopf dabei etwas vornüber beugte, mit der rechten Hand den— 15 — Löffel zum Munde zu führen, welches Experiment dann allen Znschanern und nicht am wenigsten mir selbst, großen Spaß machte. Infolge größerer Verwuudetentrausporte, die gegen An fang Juni im letztgenannten Hospital eintrafen, wurde ich mit mehreren, ebenfalls annähernd geheilten Kameraden dem Gefangenenlager „Romans" überwiesen, wo wir am 5. Juni abends ankamen nnd ich zu meiner nicht geringen Freude meine» Kampf- nnd Leidensgenossen vom Hartmannsweiler- kopf, den Reservisten G. wieder traf. Das Gefangenenlager Romans zählte damals mehrere hundert Deutsche, die teils in den Gebäuden einer früheren Handelsschule, teils in eiuer Schuhfabrik untergebracht waren. Die Wohnungsverhältnisse der Gefangenen waren gnt nnd reinlich, anch war einmalige wöchentliche Badegelegenheit vorhanden. Dagegen war die Ernährung sehr mangelhaft. Es gab täglich dieselbe Suppe, pro Mann einen Teller diinne Kar toffelsuppe mittags uud abends, dazu des Mittags ein win ziges Stückchen Fleisch nnd die tägliche Ration eines sehr schlechten Brotes, das meist schon wenige Stunden, nachdem es gebacken, schimmelig war. Die Folgen blieben denn anch nicht ans. Nach Angaben der Gefangenen, die schon seit Herbst 1914 dort waren, seien schon 26 Deutsche in Romans dem Hungertyphus erlegeu, uud anch jetzt waren noch täg liche Erkrankungen nichts seltenes. Was mich hier am meisten empörte und so recht den wahren Charakter der Franzosen zeigte, war eiue Kriegsgesaugeuenzeitnng, die hier in Romans sowohl als auch in allen späteren Lagern, durch die ich kam, an die Gefangenen verteilt wurde. In derselben wurde ans die gemeinste Art nnd Weise gegen Deutschland, sein Staats wesen uud insbesondere gegen den deutschen Kaiser gehetzt, und selbst die gröbsten Lügen und Unverschämtheiten wagte man den Gefangenen aufzutischen, die ihrerseits dieses Blatt natürlich stets entweder verweigerten oder zerrissen, wofür sie dann nicht selten bestraft wurden. Hier reifte in mir zum ersten Male der Entschluß zu fliehen! Ich zog einen Frennd, den Einj. Kriegsfreiw. V., der, so viel ich mich entsinne, dem .. Pionierbataillon angehörte, ins Vertrauen und wir beschlossen, nns beide freiwillig zn einem Arbeitskommando zu melden, um dann zu verschwinden. Am 25. Juni gelang es uns auch wirklich, obwohl wir beide kaum geheilt, als Freiwillige mit einer Abteilung, die znr Ent-— 16 — Wässerung des von der Jser überschwemmten Gebietes nach „Voreppe", einem kleinen Städtchen nnweit der Festung Gre- noble, bestimmt waren, mitzukommen. In Boreppe auf dem Henboden eines anßerhalb des Ortes liegenden Bauernhofes wurde uuser Quartier aufgeschlagen. Heu diente uns zum Nachtlager und der Wind, der unge hindert durch den nur von 3 Seiten geschlossenen Schuppen strich, saug uns, wenn wir nach elfstüudiger Arbeitszeit in Sumpf uud Morast zur Ruhe gingen, sein Schlummerlied. Oft sah man sich auch genötigt, mitten in der Nacht aufzu brechen mit Hab und Gut, um iu deu Viehställen Schutz zu suchen; wenn bei dein im Jfertale nicht seltenen Gewitter regen das Wasser durch den offenen Teil des Schuppens ein drang und unser Lager überschwemmte. Die Lebensmittel erhielten wir von der Gemeindever waltung; sie waren hier etwas reichlicher bemessen als in Romans. Wir erhielten täglich Fleisch, genügend und gntes Brot, sowie verschiedenerlei Gemüse, was wir aber stets mit den Kartoffeln zusammen in einem Kessel zu Suppe verarbeiten mußten, da uus keine weiteren Kochgefäße zur Verfügnng standen. Pakete nnd Postsachen trafen hier ziemlich regelmäßig ein, anch konnte man beim Besitzer des Hofes Eier, Käse und dergl. kaufen, fodaß wir, B. nnd ich, betreffs Anschaffung des Reiseproviants' nicht allzuviel Schwierigkeiten hatten. Dazu kam noch, daß gerade zu der Zeit einige Pakete mit Fleischkonserven nnd Schokolade aus Deutschland für uns ein trafen, die dann auch in die ans einer französischen Schlaf decke angefertigten Rucksäcke wanderten und nnterm Heu ihre« vorläufigen Platz fanden. Es hatten sich inzwischen noch zwei Teilnehmer gesunden, die deu ..Ausflug" mitmachen wollten; die beiden Artilleristen Georg Sch. und Valentin W. Nach langem Erwägen des Für uud Wieder beschlossen wir denn zu Vieren zu wandern, was einerseits wegen der zu großen Zahl von Nachteil, ander seits aber auch wieder vorteilhaft war, da V-, der wegen seines schweren Oberschenkelbrnches schlecht marschieren konnte, uun keinen Rucksack zu tragen brauchte uud sich die Schwierig keiten in dem sehr gebirgigen Gelände zu Vieren anch leichter überwinden ließen. Als den Tag der Flucht setzten wir den 4. August fest. In den letzten Tagen des Monats Juli blieb öfters einer von nns im Lager als krank zurück, um an den Vorbereitungen, wie Ausbessern der Kleidungsstücke, des Schuh werks nnd dergl. zu arbeiten.- 17 - V., der ein sehr gutes Französisch sprach, (er war in Pa ris geboren) machte der Tochter des Besitzers den Hof, um durch sie das noch fehlende zur Flucht, wie Karte, Kompaß nnd noch Chokolade zu erhalten. Letztere besorgte sie denn auch reichlich, Karte und Kompaß zn beschaffen schien ihr je doch nicht geraten, denn sie hatte von voruhereiu Verdacht, daß wir entfliehen wollten, nnd sie dann ihren Robert, für den sie schwärmte, verlieren würde. Aus demselben Grnnde verriet sie uns aber auch uicht, da sie seine Bestrafung, die anch gleichzeitig eine Trennung zur Folge gehabt hätte, ver meiden wollte. So beschlossen wir denn, auch ohne Karte das Spiel zu wagen, da wir die geographische Lage dieses Gebietes einiger maßen kannten und uns auch iu den zur Zeit sehr klaren Nächten nach den Sternen orientieren konnten. Je näher der ereigniövolle Tag heranriickte, desto größer wurde, unsere nervöse Ungeduld. Vermittels Nachschlüssels versuchten wir am Vorabend eine unter nnserm Schuppen befindliche, vom Hof in den Garten führende Tür zu öffnen, es ging nach Wunsch, wir verschlossen sie wieder, nnd versteckten den Schlüssel. In einem Nebengebäude, daß früher deu Dienstboten zur Wohnung diente, jetzt aber unbewohnt war, befanden sich einige alte Hüte uud Mützen. W. meldete sich am Morgen des 4. August krank nnd nahm, währenddem der französische Abteilnngsschef mit seinen drei Posten draußen bei uns auf der Arbeitsstelle war, vier von diesen Kopfbedeckungen, wusch und trocknete sie. . Unsere Ausrüstung war nun vollendet, nichts stand mehr unserer Abreise im Wege. Die nichtsahnende Wachmanschast hielt es nicht für nötig, des nachts einen Posten auszustellen, sie dachten nicht im Entferntesten daran, daß einen der „Boches" einmal die Wanderlust ankommen könnte. Gegen 8'/z Uhr abends waren wir reisefertig, nahmen ernsten, stillen Abschied von all' unseren Kameraden und machteu uns ans Werk, die bereits erwähnte Tür zu öffnen; während die Zurückgebliebenen nach Verabredung lärmten und sauge», mu so das von nns verursachte Geräusch zu übertönen. Zu unserem Schreck fanden wir nun im Dunkeln den verwahrten Nachschlüssel nicht mehr. Es blieb uns nichts übrig, als das von innen befestigte Türschloß, welches von drei ziemlich starken Schrauben und einer Niete gehalten wurde, zu entfernen. Ich brach die Spitze von meinem Taschenmesser und dasselbe als Schraubenzieher verwendend, löste ich ziemlich leicht die drei Schrauben; während V. uud W.— 18 — „Schmiere" standen und Sch. ein Beil herbeischleppte, um die Niete zu entfernen. Das an den drei Ecken losgelöste Schloß klaffte nun soweit, daß man mit dem Beil dahintersassen konnte und uach mehr maligem gewaltsamen Drehen, wobei mir der Schweiß aus allen Poren rann, war nun endlich nnter erheblichem Lärm das letzte Hindernis beseitigt; die Tür gab nach und die frische Lust strömte uns entgegen. Wir horchten noch einige Angenbicke nach dem Hause hin, ob man uns nicht bemerkt habe, aber nichts regte sich. Die Rucksäcke auf dem Rücken, huschten wir durch den Garten, überstiegen die niedere Mauer und rannten quer durch das hier kaum zwei Kilometer breite Jsertal nach Norden, dem sich jäh ans dem Tal erhebenden schroffen Gebirgszuge zu. Die durch denselben führende Landstraße konnten wir nicht betreten, da in den von ihr berührten Ortschaften noch munteres Leben war und wir mit unserer mangelhaften Kleidung und unserer „Kolouialwareuhandlnng" auf dem Rücken, uuS nicht hindurch wagen konnten. Wir versuchten nun, den rechts von Voreppe gelegenen, etwa 1200 Meter hohen Berg zu übersteigen, wobei sich uns jedoch fast unüber windliche Hindernisse in den Weg stellten. Die steilen mit Dornen nnd dichtem Gebüsch bewachsenen Hänge waren nur sehr schwer zu erklimmen, jeden Augen blick hingen wir mit uusereu Rucksäcken fest oder rutschten an den mühsam erklommenen Felsen wieder hinab, wobei sich nicht selten größere Steinblöcke lösten, die mit lantem Gepolter in die Tiefe stürzten. Um den Schwierigkeiten auszuweichen, beschlossen wir den Berg auf der linken Seite zu umgehen. Es mochte wohl 12 Uhr nachts gewesen sein, als wir in nngefähr halber Höhe des Berges an dessen westlichem Abhang einer Mulde zusteuerten, die uns, soviel man in der Dunkel heit erkennen konnte, passierbar erschien. W. und ich gingen vor, V. nnd Sch. folgten in geringem Abstaude. Wir ließen uns schrittweise an den hier ziemlich starken Bäumen fest haltend, hinabgleiten, als plötzlich dnrch das lichter werdende Dickicht eine weißlich schimmernde Ebeue sichtbar wurde. Ich tat uoch einige Schritte vorwärts und schickte mich eben an, auf die vermeintliche Wiese hinauszutreten, als W. mir zurief: „Wirf doch mal erst einen Stein hin, obs auch wirklich eine Wiese ist". Ich warf einen Stein nach vorne, hörte aber keinen Aufschlag, ein zweiter Versuch verlief ebenfalls resultatlos. Nun wurde uns die Sache doch etwas verdächtig. W. behauptete tief unter uns einen dumpfen— 19 — Ton nach dem Werfen des Steines gehört zu haben. Kurz entschlossen zündete ich ein Streichholz an, um aber auch schon im nächsten Moment unwillkürlich einen Schritt zurück zuweichen, — unmittelbar zu Miseren Füßen gähnte ein Abgrnnd, dessen Felsenwände senkrecht abfielen nnd der nns mit seinem in der Dunkelheit gähnenden Rachen anstarrte. Die grauweiße Fläche, die wir geseheu hatte», war ein leichter Nebel, der wie eine Decke über der Schlucht aus gebreitet lag. Wir versuchten, den Weg, den wir gekommen, wieder zurückzugehen, aber auch das war unmöglich; bei jedem Schritt, den wir vorwärts taten in der Finsternis, glitten wir 2 Schritte zurück, sodaß zu befürchte» war, daß doch noch der eine oder andere schließlich abstürzte. Es wurde also beschlossen, an Ort und Stelle die Däm merung abzuwarten, um dann bei Tageslicht den dnrch Gebüsch geschützte», uubewohuten Berggipfel zu erklimmen. Wir setzten nns jeder an einen Baumstamm uud banden uns mit den Tragriemen unserer Rucksäcke fest, um bei etwaigem Einschlafen ein Abstürzen zu verhindern nnd erwarteten so den kommenden Morgen. Beim Anbruch der Dämmerung erkannten wir erst die Gefahr, in der wir nns befanden. Die Stelle wo wir saßen war nur wenige Meter breit und fiel auf 3 Seiten senkrecht in die etwa 100 Meter tiefe Schlucht ab, und nur eiuem gütigen Schicksal verdanken wir es, daß unserem Unternehmen nicht schou am ersten Tage ein jähes Ziel gesetzt wurde. Wir kletterten den steile« Haug wieder hinaus und erreichten win beim dämmernden Morgengrauen ohne allzngroße Schwierigkeiten nach zweistündigem Aufstieg de« Gipfel. Müde wie wir waren, niachteu wir »us im Dickicht ei» Lager zurecht nnd frühstückten mit gutem Appetit von unseren Vorräten an hartgesottenen Eiern, Brot nnd Chokolade. Darauf zündeten wir uns eine deutsche Zigarette an und stellten uusereu Beobachtuugsposteu aus. Es mochte Wohl gegeu 6^2 Uhr morgeus gewesen sein als W, der zuerst Posten stand, uns zurief und winkte, wir möchten doch auf die Lichtung komme», von welcher man das Tal übersehen konnte. Was wir hier sahen, machte uns unbeschreibliches Ver gnügen Unte» im Jsertal rannten die Franzosen nmher, nnt Mann und Roß und Wagen, um »ach den „Boches" zu Mcheii. In und um den Gehöften suchten sie, rannten durch die Maisfelder uud durchwühlten alle Büsche, derweil wirhier ivben in aller Seelenruhe unsere Zigarette rauchten und ihrem Treiben zu sahen. Daß man auch da oben ans die steilen Berggipfel steigen könne, daran schienen die Herren nicht zu denken. Wir blieben den ganzen Tag über unbehelligt, lösten uus nach der Reihe regelmäßig auf Posten ab und setzten abends bei Anbruch der Dunkelheit, nachdem wir unfern Lebensmittelborrat noch um etwas erleichtert, uusern Weg nach Norden fort. In den nächstfolgenden Nächten hatten wir mehr Glück. Das Gelände war, wenn anch gebirgig, so doch nicht ganz nnwegbar, sodaß wir ziemlich rasch vorwärts kamen. Am Tage bersteckten wir nns in schwer zugänglichen Hecken uud Wäldern, wobei wir uns möglichst in der Nähe bom Wasser hielten. Mittels Hartspiritus, von welchem wir genügenden Vorrat besaßen, kochten wir dann aus zu diesem Zwecke mitgenommenen Bouillonwürfeln in einem Blechtopf ein bis zwei Mal Bouillon am Tage. Konserven, Zwieback und Schokolade ergänzten die Mahlzeiten. In der Nacht, vom 6. ans den 7. August erreichten und verfolgten wir die von Grenoble in ziemlich nördlicher Richtung durchs Gebirge uach „Aouste" führende Straße, legten auf derselben eine beträchtliche Anzahl Kilometer zurück und gelangten ohne bemerkenswerten Zwischenfall in die Ebene von Aouste. Eiu einziges Mal find wir auf dieser Straße verfolgt wordeu. Ein Auto, auf dessen Trittbrettern zu beiden Seiten Polizisten mit Blendlaternen standen, raste den Weg uud die uächste Umgegend grell beleuchtend daher. Wir hatten die Gefahr rechtzeitig bemerkt uud rannten einige Meter weit ins Feld, warfen uns platt auf die Erde und blieben so den Spähern unbemerkt. Gegen 3'/s1lhr morgens sahen wir nns, da es bereits stark zn dämmern anfing, nach einem passenden Versteck um. Das Gelände war sehr schlecht dazu geeignet, Felder, Wiesen und Weinberge. Wir schickten uns eben an, in eiu manns hohes Ataisfeld zu kriechen, als Sch. in geringer Entfernung eiueu mehrere Meter im Umfang zählenden Dornbusch entdeckte, welcher sich denn auch als genügend dicht und unserem Zwecke dienlich erwies. Wir bahnten uns emen Weg bis zur Mitte, verwischten die Spuren des Eingangs soviel wie möglich nnd bereiteten uns aus Zweigen ein Lager. Der Boden war schlüpfrig nnd feucht, infolge eines in unmittelbarer Nähe vorboifließenden Flüßchens, welcher Umstand aber bezüglich unseres Wasserbedarfs wieder günstig war.— Ll — Der Tag verlief wie alle vorhergehenden vhne Störimg. Auf der Landstraße herrschte reges Leben, welches bei Anbruch der Dunkelheit allmählich verstummte. Gegen 8 Uhr wagten wir uns an deu Rand des Gebüsches, wo wir noch etwa eine Stunde liegen blieben, um dann auf der Straße unsere Route nach Norden fortzusetzen. Wir hofften so die Rhone zu erreichen und dauu stromaufwärts uach Genf zu gelangen. Es war noch nicht 10 Uhr, als wir nm eine scharfe Ecke biegend, plötzlich eine Stadt vor nns sahen. Zurück konnten wir nicht mehr, da eine Gruppe Frauen, die ans der hell erleuchteten Straße standen und plauderten, uus bereits bemerkt hatten. Also frisch voran! V. uud ich an der Spitze, die beiden andern mit größerem Abstand folgend, stolzierten wir in uuferm Räuberzivil, mit Kuoteuftöcken bewaffnet, durch die noch stark belebten, taghell erleuchteten Straßen von Aonste; denn wie sich später herausstellte, war es diese Stadt. Um möglichst wenig auszufallen, unterhielten wir uns laut in französischer Sprache, ueckteu uns mit den vorübergehenden Mädchen nnd blieben mehrmals stehen, um uns dieses oder jenes Gebäude oder dergleichen anzusehen. B. trug eine schwarze, ich eiue branne Militärhose, aus denen wir den roten Streifen entfernt hatten; Schnürschuhe nnd Wickel gamaschen hätten uns ein einigermaßen touristenmäßiges Aussehen verliehen, wenn nicht die Wolljacken, die wir beide in Ermaugeluug vouZivilröckeu trugen, sowie die jeder Form und Farbe entbehrende Kopfbedeckung eineu so schroffen Gegensatz zu der unteren Partie unserer Ausrüstung gebildet hätten. Unangefochten hatten wir bereits eine, mitten in der Stadt über einen kleineu Fluß führende Brücke passiert und Ware» eben iu eine uach Nordosteil führende Seitenstraße eingebogen, als hinter uns der Rnf: „ce sont cles kockes, LS Lont cles prisonniers!" (Das sind Deutsche, das sind Gefangene) lant wurde. Der Ruf galt uuseru beideu Kollegen, die, wie vorauszusehen war, in ihren feldgrauen Waffeuröckeu erkannt wurden uud nun mit großen Sprünge» keuchend hinter uns herkamen. Wir beschleunigten, nachdem die Beiden nns erreicht hatten, nnn anch uuser Tempo und die nur schwach erleuchtete Straße durcheilend, gewannen wir noch glücklich freies Gelände, wo wir uus seitlich der Straße iu die Furcheu eines Kartoffelackers warfen. — Im nächsten Moment schon sausten unsere Verfolger, 3 Znaven auf Fahrrädern, an uns vorbei, vhne nns in dem. herrschenden Dnnkel zu bemerken, — dann war alles still.22 Vorsichtig erhoben wir uns und rannten in gebückter Haltung westlich querfeldein. Durch Aecker, Wiesen nnd Moraste ging die Hetzjagd, bis wir plötzlich bis an die Knöchel im Schlamm versan ken; wir befanden uns in einem Moor und versnchten nach allen Richtungen hiudurchzukommen, aber stets gab der Boden unter nnsereu Füßen nach. Wir wateten wieder eine kurze Strecke zurück nnd versuchten weiter südlich eine dort durch deu Snmpf führende Bahnlinie zu erreichen, was uns dann auch uach uusäglicheu Mühen und Anstrengungen gelang. Diese, deu Sumpf von Osten uach Westen durchschneidende Bahnlinie verfolgend, gewannen wir nach etwa einer halben Stunde eine Landstraße, die in nord- und nordöstlicher Richtung fortlief und also mit unserer Marschroute so ziemlich übereinstimmte. Bon Zeit zu Zeit vorsichtig uach allen Richtungen hinhorchend, marschierten wir auf derselben weiter und stießen gegen 2 Uhr nachts, ohne irgend etwas Verdäch tiges bemerkt zu haben, ans eine mächtige Brücke. Im ersten Moment stützten wir; als dieselbe jedoch auf dieser Seite nicht bewacht war, wagten wir nns hinüber. Auf der Mitte der Brücke machteu wir halt und beratschlagten. Der zu uuseru Füßen dahinfließende Strom konnte kein anderer sein, als die Rhone; da außer derselbe» ein Fluß von solcher Größe hier uicht existierte, daß aber eine derartig große Brücke vollständig unbewacht sei, denchte nns sehr nu- wahrscheiulich uud war daher größte Vorsicht geboten. Der Mond war aufgegangen nnd bei seinem matten Schein erkannte man ans dem jenseitigen Brückenkopf ein kleines Hans, aus dem ein schwacher Lichtschein auf den Weg fiel. Vor demselben stand ein Schilderhäuschen; von einem Posten war jedoch nichts zu sehen. Wir krochen, uns dicht am Brückengeländer haltend, geräuschlos bis ans wenige Schritte an das Schilderhaus heran uud konnten zu unserer Frende feststellen, daß dasselbe leer war. Durch die nnr halbgeschlossenen Fensterläden des Kaffees, — denn als ein solches erwies sich das Hans — sah man zwei Gendarmen am Schenktisch stehen; sie sollten anscheinend die Brücke bewachen und holten sich eben in dem Kaffee eine Herzstärknng. Wie konnten sie anch ahnen, daß die „gesuchten Boches" gerade diesen Moment benutzten, nm sich, auf alle» Viereu kriechend, unter dem Fenster des Hanfes vorbeiznschleichen und sich dann, glücklich durchgeschlüpft, über die beiden harmlosen Wächter lnstig machteu. Stromaufwärts dein Laufe der Rhone folgend, versteckten wir uus gegen 4 Uhr morgens in einem dichten Gebüsch— 23 — unweit eines kleinen Dörfchens, wo wir dann bis znm Anbruch der Nacht unseren letzten Tag in der Freiheit verbrachten. Es mochte Wohl 9 Uhr abends gewesen sein, als wir unseren Weg fortsetzten, von den besten Hoffnungen erfüllt, und im Geiste nns schon den herrlichen Genüssen hingebend, die uus in der nahen Schweiz erwarteten. Die Nacht war stockfinster und die sich dicht am Felsen hinschlängelnde Straße war in ihren unzähligen Windungen und dem herrschenden Dunkel nur sehr schlecht zu übersehen. Au einem Wegweiser hatten wir festgestellt, daß wir nns in der Nähe der Stadt „Belley" befanden. Entgegengesetzt nnserer früheren Marschordnung bildeten diesmal Sch. und W. die Spitze, während V. und ich mit kurzem Abstaud folgten. An einer scharfen Wegebiegnng hörten wir Schritte vor uns, die erst näher zu kommen schienen. In der Annahme, es seien unsere beiden Kollegen, giugeu wir dreist darauf zu, um plötzlich fast buchstäblich mit zwei Gendarmen zusammenzuprallen. Eine Sekunde lähmte uns der Schreck, dann grüßten wir und wollten vorüber; die beiden Gendarmen hatten jedoch an unseren Rucksäcken und den auffälligen Erscheinungen Anstoß geuommeu und hielten uns fest. Auf die Frageu: Woher und wohin, gaben wir prompt Antwort, darauf verlangten sie Papiere. Wir sahen unser Spiel verloren. An eine weitere Flucht war uicht mehr zu denken: auf der einen Seite der Straße die Rhone, auf der anderen hohe Felsen, war nns jeder Ausweg abgeschnitten. Die beiden anzugreifen schien zwecklos, da wir in derselben Nacht die Grenze nicht mehr Hütten erreichen können und dann am nächsten Tage bestimmt von Belley ans mit allen znr Verfügung stehenden Mitteln verfolgt worden wären. Sie forderten uns auf mitzukommen und sagten nns auf deu Kopf zu, daß wir Gefangene seien; und als sie in meinem Rucksack deu Waffenrock entdeckten, gaben wir nns dann auch zu erkennen. — Wir waren am Ende unseres „Ansflnges". Wir wurdeu gefragt, wo deuu die beiden anderen Deut schen seien, wir seien doch zn Vieren entflohen, worüber wir aber jede Auskunft verweigerten. Man behandelte uns anständig, gab uns sogar noch, als wir ans der nächsten Gendarmeriestation angelangt waren, eine Flasche Wein und schloß uns beide in eine Zelle ein, wo wir nnn über den Erfolg unseres Unternehmens in Rnhe nachdenken konnten.— 24 — Zunächst starrten wir uns beide ohne ein Wvrt zu reden au, daun aber gewann der Hmnor die Überhand, wir lachten beide aus vollein Halse und gratulierten uns gegenseitig zu unseren! Erfolg. Dann leerteu wir die von den Gendarmen erhaltene Flasche Wein auf das Glück und Wohl unserer beiden Gefährten, die dem Unheil anscheinend entronnen waren. Wer beschreibt jedoch unseren Schreck, als gegen 4 Uhr morgens die Türe der Zelle sich öffnet, und — W, nnd Sch. auf der Schwelle erscheinen, hinter ihnen die höhnisch lachenden Gesichter der Gendarmen. Sch. nnd W. hatten, als sie am Abend vor uns her marschier ten, die beiden Gendarmen rechtzeitig bemerkt, sich in den Straßengraben geworfen uud dann, als wir aus die beschriebene Weise den Verfolgern in die Hände geraten, im Eilmarsch ihren Weg fortgesetzt, anstatt der Gefahr auszuweichen nnd im Gebirge den nächsten Tag abzuwarten. Die Beamten hatten, nachdem sie nns in Sicherheit ge bracht, auf Fahrrädern ohne Laternen den Weg zurück verfolgt, nnd war es ihnen auf diese Weise gelungen, auch den Rest der Karawane zu überraschen nnd einznsangeu. So sah nun der kommende Tag uns alle wieder vereinigt uud in sicherer Obhut der französischen Behörde, die uns dann, nachdem wir noch etwas Suppe erhalten, mit Kette« aueinandergefesselt und unter Begleitung nnd höhnischen Zurufen nach Belleh brachten. Nach Aussage der Gendarmen waren in Belley bisher noch keine Gefangenen gewesen und malten wir nns im Geiste schon unseren Einzng dort recht nett aus. Was wir dort erlebten, übertraf deuu auch alles Dagewesene. Schon vor der Stadt erwarteten uns ganze Scharen von Weibern uud jungen Burschen, schreiend nnd johlend uud machten Mieue, sich gleich aus uns zu stürzen, woran die 3 Gendarmen, die ans der Stadt mitgekommen waren, sie jedoch abhielten. Unsere Wache bestand jetzt ans 5 Gendarmen, die trotzdem nur mit Mühe uus gegen die Menge schützen konnten. Die Weiber schrien, warfen mit Steinen nnd fpnckten vor nns ans; einige junge Burschen drangen mit Knüppeln drohend auf uus ein, wurden jedoch von der Begleit mannschaft zurückgewiesen. Ein baumlanger Mensch näherte sich meiuem Nebenmanne, dem Einj. V., ihm mit der Faust drohend, indem er bemerkte: „Mit Dir möchte ich fünf Minuten allein sein", worauf B. schlagfertig iu tadellosem Französisch erwiderte: „Löse mir meine Fesseln, so kannst Du das Ver gnügen haben". Die Zunächststehenden schallten sich verdutzt an uud meinten: „all ce lui Is parle krsn^ais", (Der da spricht- 25 — französisch). Ich konnte mich in boshafter Freude nicht ent halten zn bemerken: „Hui, sus8i dien qus vous — (Ja ebensogut wie sie selbst!) Nnn war die Verwirrung erst groß: „Das sind Spione, das sind keine richtigen Deutschen" und ähnliche Rufe erschollen aus der Menge; ein Glück, daß uus im Moment das Gendarmeriegebäude aufnahm und wir so vorläufig der erregten Masse entzogen wurden. Nachdem wir hier vernommen nnd unsere Personalien festgestellt waren, setzte sich unser Spießrntenlanfen fort bis zum Zivilgefäuguis, wo wir die Nacht verbrachte», um am nächsten Morgen nnsere Rückreise nach dem Depot Romans anzutreten. Hübsch war es anzusehen, wenn während der Fahrt nach dort der eiue oder andere von uns eine Zigarette anzünden wollte uud der Nebenmann mußte, aneinandergeketlet wie wir waren, jedesmal den angeketteten Arm mit hochheben; oder wenn wir beim Ein- nnd Aussteigen auf de» Bahnhöfen immer getreulich einander auf dem Fuße folgten, wie „un zertrennliche Freunde", Die gehässige» Blicke und Zurufe der Bevölkerung störten nnS nicht im mindesten; in dicken Wolken bliesen wir den Ranch unserer Zigaretten in die Luft, uur darauf bedacht, möglichst viel vou dem mitgenommenen Vorrat zu verbrauche«, damit den Franzosen bei unserer An kunft im Lager nichts mehr znm Plündern blieb; und ander seits auch, um uus vor dem 30tägigen Fasten, das uns be vorstand, noch möglichst zu entschädigen. In Romans angelangt, erhielten wir nach kurzem Ver hör die üblichen 30 Tage Arrest nnd wanderten in einen zu diesem Zwecke notdürftig eingerichteten Keller, dessen Boden mit etwas schlechtem Stroh belegt war, nnd der von 2 win zigen Fenstern nnr sehr spärlich Licht erhielt. Bei nnserm Eintritt in den Keller scholl es nns von verschiedenen Seiten ans dem Dunkel entgegen: Woher und ob wir anch Aus reißer seien?— Nachdem uusere Auge» sich etwas au das Zwielicht gewöhnt, entdeckten wir zu unserer nicht geringen Frende, das; in dem Verließ sich anßer uns noch acht Kame raden befanden, die gleich nns von den Anstrengungen einer Gebirgstonr sich hier ansrnhen sollten. Die Begrüßung war feierlich uud gleich wurden Heimat lieder angestimmt, bis die Wache nns Ruhe gebot. Tagsüber machten wir Jagd ans Ungeziefer, wovon es hier nnr so wimmelte, erzählten nns gegenseitig von nnsern Abentenern nnd verkürzten nns die Zeit dnrch alle möglichen Sviele nnd Witze,- 26 — Die Strafzeit verfloß auf diese Weise ziemlich schnell und habe ich es nie bereut, für die 7 Tage iu der Freiheit 30 Tage Arrest eingetauscht zu haben. Uusere eigentliche Strafe sollte nach Angabe der französischen Vorgesetzten erst ans der Festung Greuoble beginnen, wohin wir »ach Abbüße der Arreststrafe am 11, September 1915 verbracht wurden. Wir malten uns diese Festungshaft in den schwärzesten Farben aus, schwere Arbeit, schlechtes Essen, keine Bewegungsfreiheit, Verbot des Rauchens nud dergl. mehr, uud waren daher auf das Angenehmste überrascht, als wir von allem das Gegenteil antrafen. In dieser Festung auf „Fort du Murier", wohin wir ver bracht wurden, befanden sich damals bereits etwa 200 ent flohene und wieder festgenommene Gefangene, die in den dortigen Kasematten untergebracht waren. Gearbeitet wurde, abgesehen Vvu Innen- uud Lagerdieust, sozusagen nichts. Das Essen war ziemlich gut, auch dursten wir nns tagsüber frei im Hofe bewegeu, Sportfeste, Konzerte und dergl. abhalten nnd jede nur erdenkliche Unterhaltung und Berguügeu ge statten, was wir bisher uoch nirgends in französischen Ge fangenenlagern angetroffen hatten. Der franz. Kommandant verlangte strenge Disziplin, war dafür aber auch gerecht uud zuvorkommend. Von Seiten verschiedener Mitgefangenen wnrde Unterricht in allen erdenklichen Fächer» wie: franz., engl., ital. Sprache, Mathematik, Buchführung, Stenographie n. s. w. erteilt, daß man sich gegenüber den Verhältnissen in früheren Lagern nnd bei der näturschoueu Lage des Forts eher als an einem Erholungsort weilend deuu als Gefangener vorkam. Doch sollte unsere Freude nicht von langer Daner sein. Gegen Anfang Oktober 1913 kam der Befehl: Die Aus reißer uach Afrika! uud am l7. Oktober schon wnrden wir mit Hab uud Gut iu Greuoble verlade» uud fort giugs über Voarou, Avignon rhoneabwärts nach Marseille. Die Fahrt durch die an Naturschönheiten reiche Gegend hätte unter uormaleu Verhältnissen herrliche Genüsse geboten, doch als Gefangener in Frankreich mußte mau, um nicht all zusehr der Wut des Pöbels ausgesetzt zu sei«, die Blende« stets vor dein Fenster halte« und nnr anf^ freier Strecke konnte man ab nnd zu einen Blick durchs Fenster auf die herbstlich schöne Landschaft werfen. In Marseille nmßte wohl schon der Zweck nnd die Art nnseres Transportes bekannt gewesen sein, denn als wir in der Nacht vom 17. a«f l8. Oktober dort aukameii, schrie man uns schon auf dem Bahnhof entgegen: voila les— 27 — teurs ceux qui veulent reprencire le kusil contre nous" — (Da sind ja die Werblicher, die das Gewehr wieder gegen uns ergreifen wollen.) Bis znr Abfahrt des Schiffes, das nns übers Mittelineer nach Tnnis bringen sollte, wnrden wir anf Fort „St. Niko laus" untergebracht, woselbst sich iwbst bestraften franz. Soldaten auch Zivilbestrafte in Gefängnissen befanden. Unter anderen trafen wir dort auch zwei deutsche Militärärzte, die daselbst eine Gefängnishaft von einem Jahre verbüßt hatten, weil sie sich im Herbst 1914 französischem Berbandzenges bemäch tigt hatten, nm damit deutsche Verwundete zu oerbinden. Unsere Wut über solche Ungerechtigkeit und über die menschen- nnwürdigen Verhältnisse, in denen die Gefangenen hier leben mnßten, war groß. In einer Ecke des saalartigen Raumes lagen auf moderigem Stroh mehrere türkische Soldaten, meistens Krüppel; dieselben wnrden völlig veenachlässigt und erhielten weder Leibwäsche noch Kleidnng und waren in einem jämmer lichen Zustande. Auf Veranlassung unserer Vorgesetzten veranstalteten wir eine Sammlung nnter uns, von deren Ertrag wir Lebensmittel, Tabak und dgl. in der Kantine kauften nnd den Türken gaben. Anch erhielten sie von uus au Leibwäsche, Handtücher» und Seife. Die Unglücklichen, die aus Angst vor den Franzosen nie aus ihrer Ecke heraus kamen und völlig verschüchtert waren, konnten sich nnr dnrch Gesten mit uns verständigen, doch leuchtete ihnen freudige Dankbarkeit über die erhaltenen Geschenke aus deu Augen Gegen 11 Uhr vormittags mußten wir im Hofe des Forts antreten, um unser Essen zn empfangen. Jeder erhielt einen metallenen Eßtopf nnd einen Eßlöffel. Beides starrte vor Schutz nnd Rost. Das Essen bestand ans einigen verfaulten Kartoffeln mit Fischgräten vermengt, von deren Gernch allein man schon genng hatte. Es dauerte daun auch uicht lauge, so lagen sämtliche Eßuäpse samt dem Essen im Hose am Boden; wir gingen wieder in die Gebäude zurück und aßen von unseren Borräten, soweit noch etwas vorhanden war. Einer uuter uns, ein wahrer Riese von Gestalt, kletterte anf eine in der Mitte des Raumes stehende Kiste und rief mit dröhnender Stimme: „Alles hier autreteu, wir wollen de» Franzosen für das gnte Mittagsmahl danken". Wenige Minnten später scholl denn auch aus Dutzeudeu rauher Kehlen dnrch die geöffneten Fenster hoch über die Stadt hinweg — „die Wacht am Rhein". Der Kommandant des Forts kam bei der ersten Strophe, den Revolver in der Hand, hereingestürmt, nm nns Ruhe zn— 28 — bieten; Lachen nnd höhnische Znrnfe waren die Antwort, worauf er in die Stadt rannte, um Verstärkung zn holen. Wir hatteu uusern Gesang längst beendet, als er mit etwa vierzig Dragonern wiederkam; wir wurden aufgefordert, unser Gepäck zu nehmen und mußten uns ins Freie begeben, wo wir unter Bewachung der Soldaten bis zur Einschiffung gegeu S Uhr abends verblieben. Das Schiff, welches nns aufnahm, war ein größerer Passagierdampfer und trug den Namen „Dnc d'Aumal", Wir wurdeu im Laderaum desselben untergebracht nnd durften erst, nachdem das Schiff den Hafen verlassen hatte, auf einige Minuten an Deck gehen. Mit Wonne sogen wir die frische reine Seeluft eiu. ' Das sich sanftwiegende Schiff glitt fast geräuschlos auf den Welleu dahiu, die vom Purpur der unter gehende» Sonne gefärbt sich plätschernd an seinen Wänden brachen. Mit träumendem Blicke sahen wir den letzten schmalen Streifen Landes hinter uns kleiner nnd kleiner werden, bis er zuletzt gauz in Nebel zerfloß. Der vom Blnte seiner Nationen rot gefärbte Boden Europas lag hinter uns, wir gingen eiuem unbekannten Schicksal, einer uugewisseu Zukunft auf fremder Erde entgegen. II. „Alles an Bord gehen", rief am Nachmittage des 21. Ok tober der Trausportfiihrer von oben in den Laderaum des Schiffes hinab. Was Beiue hatte, stürmte nach oben, jeder von nus wollte als erster oben sei», jeder zuerst Afrikas Erde schauen. „Hier oben scheint Maskenball zn sein", rief einer der zuerst Obenangelangten zurück, und wirklich bot sich nus deim auch hier eiu höchst drolliger Anblick. Das Schiff hatte im Hafen von Bizerta, einem Städtchen in Tunis, angelegt uud die Bewohner drangen nnn in hellen Haufen herzu, um die Gefangenen zu scheu. Die Araber in ihren buudfarbeueu Gewänder», mit den scharfgefchnittenen Gesichtszügen, die durch die tiesbranne Hantsarbe und den künstlich um den Kopf geschlungenen Tur ban noch mehr hervortraten, waren zunächst der Gegenstand unserer Studien; dann fieleu uufere Blicke auf die eigen artige Banart der Häuser, die mit ihren flachen Dächern meist aus Stein so gauz verschieden von den Bauarten der Wohnuugeu iu Europa wareu.- 29 — Ueber all dem Sehen und Staunen war nns gar nicht aufgefallen, daß es hier ja eigentlich noch empfindlich warm war; währeud auf den Bergen um Grenoble bereits Neu schnee lag bei unserer Abreise, sandte die Sonne hier uoch recht warme Strahlen hernieder nnd konnte man schon einige, mit dem Taschentuch den Schweis; abtrocknend, bemerken. Der Küstenstrich bestand, soweit das Auge reichte, aus leichtem, von rotgelbem Sand schimmerudeu Hügelland; in der weiter landeinwärts führenden Meeresbucht, die in den Kriegshafen „Ferryville" mündet, heben sich die finsteren Um risse dreier Kriegsschiffe gegen den Horizont ab. Gegen Abend setzte der „Dne d'Anmal" seine Reise fort und wir mußten wieder das Deck verlassen, bis wir gegen Mitternacht in der Stadt Tunis anlangten, wo wir aus geladen uud in einem Schuppen bis zum nächsten Morgen untergebracht wurden. Als Bestimmungsort wurde nns das in der Nordostecke von Tunis gelegene alte Araberstüdtchen Monastir bezeichnet, wohin wir dauu auch am nächstfolgenden Tage unsere Weiter reise mit der Bahu fortsetzten. Die Fahrt durch die hier ziemlich bevölkerten Küstenge biete bot einige Abwechslung; herrliche Olivenhaine wechsel ten mit Weinbergen und Zitronenpslanznngen ab, uud die alleuthalben zwischen den Bäumen sichtbaren Gestalten der Araber in ihren malerischen Trachten vollendeten das Bild echt orientalischen Reizes. In der Stadt Sousse stiegen wir aus, um den Rest des Weges zn Fuß zurückzulegen. Eine bunte Menge Volkes emp fing uud begleitete uns beim Durchzuge durch die Stadt, wobei iu deu Zügen der Europäer (meist Franzosen nnd Italiener) nnr Spott und Hohn, in denen der Eingeborenen teils Neugierde, teils Mitleid zn lesen war. Das Gebiet, das »vir durchwanderten, war größtenteils sandiges Gelände, welches nnr an einzelnen Stellen, wo der Boden etwas Feuchtigkeit enthielt, mit Oliven- oder Palmeuwälderu bestanden war. Der Marsch war in der für nns empfindlichen Hitze uud mit unserm Gepäck ungemein schwierig, dazu kam uoch, daß auf der ganzen Strecke von 24 km kein Wasser zn finden war, fodaß schon auf halbem Wege ein großer Teil von uns liegen blieb, die vann später auf Maultiergespanne geladen nnd nachgefahren wurden. Völlig erschöpft langten wir am späten Nachmittag in Monastir, einem meist nnr von Eingeborenen bewohnten— Z0 — Städtchen, mit engen schmutzigen Straßen nnd uralten, nach orientalischem Stil erbaute» Häusern an. Das Gefangenen lager befand sich uumittelbar am Meere in einem Bollwerk, welches früher wohl Verteidigungszwecken gedient haben mochte und auf dessen gewaltigem Mauerwerk jetzt noch einige alte Geschütze standen. In einem kleinem Hofe im Innern dieser Burg mußten wir zunächst Aufstellung nehmen uud wurden nun die Taschen sowie sämtliches Gepäck der so berüchtigten „Ausreißer" einer umständlichen Untersuchung unterzogen; dann wurden wir in dunklen, niedrig-feuchten Verließen untergebracht, ohne Strohsäcke, ohne Schlafdecken, teilweise sogar ohne Stroh. Die Luft iu den größtenteils fensterlosen, unter der Erde liegenden Räumen war uner träglich, auch wimmelte es von Ungeziefer, wogegen die französische Behörde nicht das Mindeste tat, ja man verbot uns sogar die Benutzung des größeren der beiden vorhandenen Hofräume, um ein Znsammenleben mit den in den dort an grenzenden Gebäuden untergebrachten übrigen Gefangenen, die schonlängereZeithiernnd„Nichtansreißer" waren, zuverhindern. An Nahrung erhielten wir zweimal täglich ein kleines Quantum einer dünnen, fast nngeuießbaren Wassersuppe, die größtenteils nicht einmal Salz, geschweige denn Fett ent hielt, sowie die übliche Ration eines sehr schlechten, meist schimmeligeu Brotes. Die Folgen blieben denn auch nicht aus; schon nach wenigen Tage» lag eiu großer Prozentsatz von uns an Fieber und Darmerkranknngen darnieder, deren Zahl noch täglich zunahm, ohne daß von Seiten der Franzosen irgend welche Abhilfe geschaffen worden wäre. Da wir vorläufig noch von jeder Verbindung mit Deutschland abgeschnitten, waren wir auch nicht in der Lage, uns durch Einkaufen von Lebens mitteln in der Kantine selbst zu helfen. Ein Mitgefangener, Herr Offizierstellvertreter G. aus Bayern war noch glücklicher Besitzer eines größeren Vorrats von russischem Tee, den er in der Küche kochen und au alle verteilen ließ. Einen Teil der ausgekochten Teeblätter nahmen und trockneten wir au der Souue, um sie danu, zu Zigaretten verarbeitet, z» raucheu. Mehrfache Beschwerden beim Lager kommandanten über die menschenunwürdigen Verhältnisse blieben resnltatlos und wurde uuu beschlossen, zu dem einzige« uns übrigbleibenden Mittel, um die Zustände an die Oeffent- lichkeit zu bringen, zu einer Massenflucht zu greifen. Die äilßerst starken Umfassuugsmaneru wurden vermittels Spitzeisen an eiuer Stelle durchbrochen, Stricke uud dergleichenzum Hinablassen an Manern waren stets im Lager versteckt untergebracht, sodaß eines schönen Tages, es war in den ersten Tagen des Monats November 1915, unserem Unter nehmen nichts mehr im Wege zu stehen schien. Es mochten Wohl 70 bis 80 Mann gewesen sein, die sich an der Flucht beteiligen wollten. Bei Anbruch der Dunkelheit gegen 9 Uhr abends versam melten sich die Beteiligten mit ihren Rucksäcken (die meist leer wareu) vor der Maueröffnung, durch welche man zuerst auf eine vorspringende Terrasse und von da ans auf das flache Dach einer angrenzenden Moschee gelangte. Einer nach dem ändern schlüpfte uuu durch die Oessuung auf die Terrasse; die Vordersten befestigten den mitgenommenen Strick an einem Mauervorsprung der Moschee, um sich auf diese Weise an die hier flache Uferböschung des Meeres hinabgleiten zn lassen. Neunundzwanzig Mann hatten das Freie erreicht, Dutzende standen noch hinter der Maueröffnung und warteten bis die Reihe an sie kam, als draußen Plötzlich Schüsse fielen und verworrene Stimmen nnd Kommandos laut wurden; die hinzugekommene Roude hatte uns entdeckt und begannen nun aufs Geradewohl dazwischen zu schießen. Was uoch obeu war, zog sich schleunigst zurück und stellte sich schlafend; dranßen begann über Mauern, Terrassen und Gräben eine wilde Hetzjagd. Zu allem Unglück riß nun noch der an der Moschee befestigte Strick entzwei, wahrend noch 3 Mann sich oben befanden, die nun vou deu Posten verfolgt, deu Sprung aus zwölf Meter Höhe wagten und mit verenkten Füßen und zerbrochenem Nasenbein liegen blieben. Ein jnnger Zivilgesangener, der auf einem von den Franzosen gekaperten Schiff gefangen genommen war, erhielt einige Bajonettstiche nnd einen Revolverschuß iu den rechten Oberschenkel, alle übrigen blieben nnverwnndet, waren jedoch, wie bei den Geläudeschwierigkeiteu und dem herrschenden Wassermangel vorauszusehen war, nach 4 Tagen schon wieder eiugefaugeu und erhielten die übliche Strafe von 30 Tagen strengen Arrest, welche sie unter kleinen, etwa 60 Zentimeter breiten und 50 Zentimeter hohen Zelten liegend, verbüßen mußten. Während der ganze» 30 Tage konnte man weder sitzen uoch stehen und durften die Zelte nnr auf Erlaubnis für einige Minuten verlassen werden. Der Hauptzweck der Flucht jedoch war erreicht, deuu uach wenigen Tagen schon wurde das Lager durch einen General besichtigt nnd die größten Mißstände beseitigt; wir erhieltenStrohsäcke, Matten und Schlafdecken, auch wurde teilweise für Reinigung und Desinfizierung der Räume gesorgt. Am II. November schon wurde das Lager aufgelöst uud wir kameu nach dem weiter südlich gelegenen Graiba, zum Bau einer Bahnlinie von Sfax nach Gabes, der tripolitauischeu Grenze zu. Graiba war eiu größeres Zeltlager, iu welchem sich schon 500 Kriegsgefangene befanden, die bereits beim Bau der erwähnten Bahnstrecke beschäftigt waren. Wir wurden je 13 bis 14 Mann in einem Zelte untergebracht uud erhielten Strohsäcke und Decken. Zwischen dem ursprünglichen Lager und dein der Ausreißer wurde eiu Drahtzaun gezogen, um jede Verbindung zwischen uns und den übrigen Gefangenen abzuschneiden, während wir doch bei der Arbeit tagsüber stets mit ihnen zusammen waren. Außer dem Stationsgebäude uud einem Wohnhaus für das Bahupersoual wareu weit und breit keine menschlichen Wohnungen zn sehen, nur hier uud da sah man inmitten von Hammeln uud Ziegenherden, die das nur spärlich au eiuzelueu Stellen wachsende dürre Gras abweideten, einzelne schmutzige Fetzeu eiues Araberzeltes emporragen. Soweit das Auge reichte, war weder Baum uoch Strauch zu sehen; eine völlige ebene Sandwüste, die nur im Süden iu einen leichten kahlen Höhenzug überging und deren westliche Grenze das Meer bildete. Tagsüber war es hier im November noch augeuehm warm, während, sobald die Sonne uutergiug, eiue enorme Kälte eintrat, sodaß man des Nachts oft in den Zelten empfind lich fror. Gegen Ende des Monats Dezember traten schon mehrfach heftige Regengüsse ein, gegen welche die dünnen, meist schadhaften Zelte so gut wie keinen Schutz boten uud wir dauu oft samt unseren wenigen Habseligkeiten völlig durchnäßt wurdeu. Die Nahrung war reichlicher uud besser als in Mouastir, jedoch immer uoch uugeuügeud im Verhältnis zn der schweren Arbeit. In den ersten Tagen des Dezembers wurde auch eiue Kautiue für uus errichtet und als am 21. Dezember die erste Post uus erreichte, war der größte« Not abgeholfen; wir bezogen nun durch die Kautiue Brot, Wem, Fleisch konserven, Eier, Tabak uud dgl. uud konnte man auf diese Weise au Vorbereitungen zur Feier des nahen Weihnachts festes, soweit dies unter den waltenden Umständen möglich war, denken. Der Weihnachtsabend 1915 wird allen Beteiligten stets lebhaft in Erinnerung stehen, wo wir fern von den deutsche»— 33 — Landen auf afrikanischer Erde um einen znm Christbaum notdürftig ausgeschmückten Dorubnsch versammelt waren. Der klare, von der untergegangenen Sonne noch rot ge färbte Nachthimmel Afrikas wölbte sich über uns und schien dort, wo der eben aufgehende Mond mit silbernem Glänze die Welleu übergoß, im Meere zu versinken. Niemand be schreibt den Sturm von Gefühlen, der in den Herzen aller tobte, als Professor G. in einer Ansprache von Deutschland, vou Weihnachten bei unsern Lieben daheim sprach, uud als dann nebst verschiedenen Weihnachtsliedern die Weise des Liedchens: „Wie's daheim war, wo die Wiege stand", dnrch die feierliche Stille tönte, sah man gar manchen sich heimlich aus dem Kreise entfernen, um den Tränen freien Lauf zu lassen: selbst der französische Kommandant, der ein ziemlich gutes Deutsch sprach, verließ beim Klange dieser Heimat lieder, von seinen Gefühlen überwältigt, das Lager. Nach der Feier wnrde der Abend in den mit buntem Papier nnd Kerzen notdürftig geschmückten Zelten bei Spiel nnd Gesang verbracht; eine rechte Festfreude kam jedoch nicht auf trotz des afrikanischen Weines; es war nicht die heimische Erde, nicht das Land, wo die Natur gleichsam diesem Feste seine Weihe gibt nnd in ihrem Festgewande mit dem Menschen zu feiern scheint. Nach Weihnachten trat die hier ziemlich kurze Winter periode ein. Tagelang regnete und stürmte es dermaßen, daß man die Zelte selten verlassen konnte; oft riß der Wind auch mehrere derselben um, sodaß die Insassen mit Hab nnd Gut flüchten und in den Nachbarzelten Schutz suchen mußten. Während dieser Tage Vertrieben wir uns die Zeit mit Karten- und Schachspielen oder machten Jagd aus die Skor pione, die sich vor der Nässe draußen flüchteten und in den Zelten unter den Strohsäcken im Sande nisteten. Hatten wir glücklich einen erwischt, so wurde er mit einem anderen kleinen Tiere, wie Maus, Eidechse oder dgl. zusammen in einem Glasgefäß verschlossen, wo dann sofort ein Kampf anf Leben nnd Tod sich entspann, der aber meist mit dem Siege des Skorpions endete; mit seinem Giftstachel erlegte er jedes kleine Tier. Außer dem Skorpion hatte man in TnniS die sogenannte Horviper sehr zu fürchteu. Es ist dies eiue 6(1—70 cm lauge, gelbliche graue Schlange, die in ihrer Farbe dem Erdboden völlig gleicht und deren Biß äußerst gefährlich ist. Sie hält sich meistens unter losem Gestein oder kleineren Büschen auf, vou wo sie bei jedem— 34 — verdächtigen Geräusche sprimgartig hervorschuellt, um sich aus ihr Opfer zu stürzen. Ein harmloses, sehr interessantes Tiercheu war das Cha mäleon, deren fast in jedem Zelte einige zn finden waren, die dort auf den zu diesem Zwecke am Zeltpfahle angebrachten Zweigen herumhockten, ohne sich auch uur im geringste» zn be wegen, wobei nnr die beständig nach allen Richtungen hin blin zelnden Augen verrieten, das; es ans Fliegen lauerte, die ja seiue einzige Nahrung bildeten. Stundenlang konnte mau dieses Tier beobachten, wie es mit erstaunlicher Sicherheit jede Fliege, die sich in seiue Nähe verirrte, mit seiner langen bandartigen Zunge einfing, indem die Fliege mit der Spitze der Zunge erfaßt und iii dieselbe eingerollt, in das Maul des Chamäleons gezogen ward. Höchst interessant bei diesem Tierchen ist das stete Wechseln der Hautfarbe, die, wenn das Chamäleon in einem grünen Busche fitzt, grün ist, liegt es im Sande, so wird es gelbgrau, ändert überhaupt eigenwillig uud plötzlich je »ach seiner Umgebung die Farbe; ist es krank oder wird es ans irgend eine Art gereizt, so zieht es deu Rückeu krumm wie eine Katze nnd wird sofort vollständig schwarz. Besonders in dem 60 km weiter sndlich gelegenen „El- a-Karit", wohin uach Fertigstellung der Bahnlinie bis uach dort am 11. Januar 1916 das Lager verlegt wurde, siugen wir iu deu hier häufiger vorhandene» kleinen Büschen eine Menge dieser Fliegenfänger, die wir dann später anf Trans porten n»d bei Umzüge» i» kleinen selbstverfertigten Käfigen mitnahmen, wobei sie jedoch meist krauk wurden uüd eingingen. Das erwähnte El-a-Karit lag etwa 200 km von der tripolitauischeu Grenze entfernt, in unmittelbarer Nähe der Küste. Der Gesundheitszustand im Lager war allmählich ein besserer geworden? auch wareu die Kranken nicht mehr wie bisher in jedem Einfluß der Witterung ausgesetzten Zelten, sondern iu eiuer eigeus zu diesem Zwecke erbauten Baracke untergebracht, welch letztere aber erst anf Drängen einer Aerzte-Kommifsion ans der Schweiz, die inzwischen das Lager besichtigte, errichtet worden war. Regen gab es hier während der ganzen Winterperiode nnr sehr selten, dafür aber Tage uud Wochen anhaltende Sand stürme, die weit uuaugeuehmer und unerträglicher als Rege» und Hitze Ware». Tagsüber während der Arbeit schützten wir Mund nnd Nase durch Vorgebundeue Taschentücher vor dem Eindringen des Sandes; die Augen litten trotz der blauen— 35 — Schutzbrille, die wir uns aus eigenen Mitteln beschaffen mußten, sehr, da der änßerst feine, alles durchdringende Sand auch unter den meist schlecht sitzenden Brillen eindrang und in vielen Fällen Augenkrankheiten verursachte. Auch die Zelte gewährte» uns ungenügenden Schutz gegen den Sand. Wo dieselben nicht dnrch den heftigen Wind beschädigt und zer rissen wurden, drang der Flugsand dnrch das Zeltleinen ins Innere und überdeckte alles mit einer manchmal zentimeter hohen Staubschicht; alles Verschließen und Zudecken der Kisten und Habseligkeiten half nichts und wenn man des Morgens erwachte, so hatte man Mund, Nase und Ohren voll Sand, obwohl wir uns vor dem Schlafengehen Handtücher nud dgl. um den Kopf wickelten. Das Essen, das in einer kleinen Bretterbaracke für uns ge kocht wurde, war während dieser Tage kaum zu genieße», da die Suppe, falls sie nicht schon während des Kochens völlig versandet war, doch bestimmt noch einen beträchtlichen Znsatz während der Essenausgabe erhielt. Gegen Mitte März ließen die Stürme nach und machten mildem Wetter Platz. Ju diesen Tage» langten auch die reiche» Weihuachtsgescheuke für Kriegsgefangene vom Noten Krenz an nnd versorgten uns wieder mit dem Nötigsten, besonders an Leibwäsche, deren die Franzosen so herzlich wenig verausgabte». Aus dem Lager Graiba nud El-a-Karit wareu im Laufe des Winters mehrere Fluchtversuche seitens der „Ausreißer" unternommen worden. Trotz der beiden Drahtzänne, die das Lager umgaben, und trotz der äußerst schärfen Bewachung durch Araber und Znaven, gelang es immer wieder einigen, durch die unglaublichsten Tricks nnd nuter Beihilfe der Kame raden zn entkommen. Die Flüchtlinge beabsichtigten teils zu den zur damaligen Zeit gegen die Franzosen kämpfenden Auf ständischen in Tripolis zn stoßen, teils auch in den Häfen von Sfax und Tunis anf neutralen Schiffen zu entkommen. Trotz der hartnäckigsten gemachte» Austreugimgeu ist leider von all den in: Laufe dieser Monate gemachten Versuche nicht einer geglückt. Die Eingeborenen, die für das Ergreifen von flüch tigen Gefangenen pro Kopf 23 Fr. erhielten, verfolgten mit dem dieser Rasse eigene» Scharfsinn die in dein lose» Saud leicht erkenntliche» Fußspuren und brachten sie alle, meist schon nach wenigen Tagen, wieder ins Lager zurück, wo ihueu aber mals 30 Tage streuger Arrest unter den bereits erwähnten kleinen Zelten harrte. Unsere Bahnarbeiten waren bis Anfang des Monats April beendet nnd das Lager wurde mm aufgelöst und in kleinereKommandos geteilt. Ein Teil der Ausreißer war bereits einige Tage vorher schon nach Monastir zurückgeschickt worden, wo selbst inzwischen noch weitere hundert Flüchtlinge von der Festung Grenoble eingetroffen waren. Der Rest, unter denen anch ich mich befand, kam nach Sidi-Tabet, einer kleinen An siedelung 29 km südlich der Stadt Tunis zum Wegebau. Das Klima war in dem hier sumpfigen Gelände uud bei der täglich zunehmenden Temperatur sehr ungesund; dazu kam noch, daß das Triukwasser sehr schädlich und fast ungenießbar war, was denn anch alsbald zahlreiche Erkrankungen sowie einen Todesfall an Typhus zur Folge hatte. Gegeu Mitte Mai herrschte schon eine fast unerträgliche Hitze, dazu wurden uns von der französischen Behörde sämt liche Tropenhelme und Anzüge, die zu tragen uns bisher er laubt gewesen, abgenommen, sodaß man in den kleinen Militär mützen erbarmungslos den Sonnenstrahlen ausgesetzt war und schon nach kurzer Zeit konnten die meisten von uns sich be züglich der Hautfarbe mit den Eingeborenen messen. Die Gefangenen waren auch hier wie bekanntlich in allen Lagern Frankreichs und besonders der Kolonien der Willkür des jeweilige» Kommandanten und des Anfsichtspersonals aus gesetzt, welche dann durch die Obrigkeit eher noch dazu ermutigt als zurechtgewiesen, ihrem Deutscheuhaß iu weitestgehendem Maße die Zügel schießen ließen. Die Arrestzelle war stets überfüllt und wenn ein französischer Unteroffizier glücklich einen Grund zum Einsperren eines Gefangenen gefunden hatte, so wurde die verhängte Strafe vom Adjutanten oder Leutuaut verdoppelt; dasselbe wiederholte sich, wenn während der Ab- bnße der Strafe ein höherer Vorgesetzter zur Besichtigung kam, sodaß aus einer ursprünglichen Arreststrafe von vier Tagen nicht selten fünfzehn bis zwanzig wurden. Im Laufe des Mouats Mai 1916 wareu fast alle Gefangenen, mit Ausnahme eines Lagers in Ferryville nnd des Straflagers der Flüchtlinge, aus Tunis entfernt und nach Frankreich zu rückgeschickt worden, während erstgenanntes Lager Anfang Juni nach Algier verlegt wnrde. Obwohl ja das Klima dort auch nicht gerade angenehm ist, freuten wir uns doch, den Sommer wenigstens nicht in der Sandwüste Tunis verbringen zn müssen. Am 10. Juni wurde von Sidi-Tabet aufgebrochen und legten wir zunächst den Weg bis zur Stadt Tunis zu Fuß zurück, dort trafen wir mit den übrigen zu uuserm Lager ge hörigen Kameraden aus Monastir zusammen, die dann mit uns in Viehwagen eng zusammengepfercht, die Bahnfahrt nach Westen durch Tunis und Algier antraten.— 37 — Die Reise war eher alles andere als ein Vergnügen. Je vierzig Mann mit Gepäck waren in einem kleinen Wagen unter gebracht, sodasz man sich kaum zn rühren vermochte; dazu tagsüber eine erdrückende Hitze, in der man kaum atmen konnte. An Schlaf war des Nachts uicht zu denken, da Mann an Mann fest zusammengedrängt saßen und ein Ausstrecken der Glieder unmöglich war. Nach vier Tagen dieser entsetzlichen Reise langten wir end lich völlig erschöpft in Maillot, einer kleinen Bahnstation unweit Tizi-Onzon an, woselbst wir in einem Schuppen unter gebracht wurden, um am nächsten Morgen den Rest des Weges zu unserem neuen Lager zu Fuß zurückzulegen. Nördlich der Ebene von Maillot zieht sich ein mächtiger Gebirgszug, dessen höchste Spitzen 2300 Meter erreichten, von Westen nach Osten. Ein in etwa 1800 Meter Höhe durch dieses Gebirge führender Weg, der die Ebene mit der Meeres küste verbinden sollte, was bereits im Vorjahre von Kriegs gefangenen begonnen worden uud sollten wir nun, da das vorige Lager aufgelöst war, denselben vollenden. Schon vor Sonnenaufgang am nächsten Tage begann der Aufstieg auf dem sich in steter Steigung an den fruchtbaren Hängen hinaufwindenden Wege. Neberall in den Tälern und Schluchten sah man kleine, zerstreut liegende Araberdörfer, die mit ihren Lehmhütten inmitten von Feigen- und Aprikosen anpflanzungen einen gar lieblichen Anblick boten. Zn beiden Seiten des Weges standen oder lagen müßige Araber umher, die uns neugierig anstarrten, oder Feigen uud Eier zum Verkauf anboten. Je höher wir ins Gebirge kamen, desto seltener wurden dieAraberwohnnngen uud Anpflanzungen, bis in etwa 13—1400 Meter Hohe nur noch schroffe, größtenteils kahle Felsen und Berggipfel uns umgaben, die nur vereinzelt mit einer niederen verkrüppelten Baumart bestanden waren. Es war ungefähr Mittag, als wir an der Stelle, wo unser Lager aufgeschlagen werden sollte, ankamen. Obwohl es auch hier oben immer noch recht heiß war am Tage, war die Luft doch klar und rein und nicht von jener atemraubenden Schwüle wie uuteu in der Ebene, mitunter wehte sogar eine köstliche frische Luft. Die Zelte, die schon am vorhergehenden Tage durch Maul tiere herausgebracht waren, wurden am Haiige eines der höchsten Berge, etwa 500 Meter unter dessen Gipfel ansgeschlagen, in unmittelbarer Nähe einer Wasserquelle, deren außergewöhn lich klares und kühles Naß nns ein lang entbehrter Gennß- 38 - war. Zu unseren Füßen rauschte tief nnten in einer wild romantischen Schlucht ein kleiner Gebirgsbach, an dessen Ufern vereinzelte Araberzelte wie winzige Schwalbennester erschienen. An den Hängen zu beiden Seiten der Schlucht kletterten kleine, zottige Ziegen nnd Schafe über Felsen und Geröll, überall das spärliche meist dürre Gras abweidend. Die ersten Tage wurden zur Einrichtung des Lagers be nutzt. Wir zählten ungefähr zweihundertsiebzig Mann und wurden zu je sechs Mann in kleinen, drei Meter langen nnd zwei Meter breiten Zelten zusammengepfercht nnd erhielten je drei Mann zwei schmale Strohsäcke, zunächst noch ohne Stroh, Von vormittags sechs bis elf Uhr und nachmittags von zweieinhalb bis sieben Uhr wnrde am Ansban des Weges ge arbeitet und nachdem das erforderliche Gerät herausgeschafft war, auch Spreuguugeu und dergleichen vorgenommen. Während der Mittagszeit saßen wir unter den erwähnten niederen Zelten, während die Sonnenstrahlen uubarmherzig auf die dünnen Zeltbahnen brannten und den Aufenthalt drinnen unmöglich machteu, sodaß es mituuter im Freien weit ange nehmer war, als in den Zelten, Die verausgabten Lebensmittel waren hier reichlicher als in vorhergehenden Lagern, doch fehlte es an Vorrichtungen uud Behältern zum Kochen derselben, Leere Petroleum- und Karbidbehälter wurden als Kochkessel verwandt, in deneu das Essen natürlich stets unten verbrannt uud oben noch roh war. Ein Teil der verausgabten Nahrung konnte meist nicht ver wertet werden wegen Mangel an Kochbehältern, Das Brot war dermaßen schlecht und gesundheitsschädlich, daß schon nach wenigen Tagen Erkrankungen an Typhusfieber, Malaria nnd Dysentrie in erschreckendem Maße auftraten. In sanitärer Hinsicht war hier ebensowenig wie in den vorhergehenden Lagern iu Tunis getan. Französische Sanitäts soldaten vertraten nicht selten die Stelle eines Arztes und Heilmittel waren oft überhaupt nicht vorhanden. Die Kranken, die meist schon wenige Stunden nach der Erkrankung von hef tigem Fieber gepackt wurden, schleppte man in dazn bestimmte größere Zelte, wo sie nnn mit ihrer hohen Temperatur tags über iu der Gluthitze liegen mußten nnd anch das Aller- nötigste zur Linderung ihrer Schinerzen entbehrten. Glücklicherweise war hier Chinin vorhanden, während in früheren Lagern wir meist ans wohltätige Fürsorge der deutschen uud schweizerischen Hilfsvereine vom Roten Kreuz angewiesen waren, die uns mit Chlorkalk nnd Chinin hinlänglich versorgten.— 39 — Erst wenn der Zustand der Kranken ein bereits hoffnungs loser war, ließ man sich herbei, sie auf Manltierkarren nach den Lazaretten von Tizi-Ouzou und dem Araberhospital Akbu zu überführen, auf welchem fürchterlichen Transport die Un glücklichen dann entsetzliche Qualen ausstanden. Ju eiuem Falle erreichte eiu Kranker das Hospital überhaupt nicht mehr, sondern erlag schon während des Transportes seinen Leiden. Während der Zeit von Mitte Juui bis Ende August starben iu diesem Lager bezw. in den genannten Lazaretten elf uuserer Kameraden an Typhus und Malaria? weit über die Hälfte der Gefangenen lag an Fieber und Darmerkrankungen dar nieder. Drei der erwähnten Todesfälle kennzeichnen besonders die vielgerühmte französische Kultur. Die Betreffenden fühlten sich unfähig zu arbeiten uud meldeten sich krank, wofür sie, wie dies meistens geschah, in Arrest unter die beschriebenen kleinen Zelte gesteckt wurden. In den nächsten Tagen ver schlimmerte sich natürlich ihr Zustand zusehends; ihre Frei lassung wurde jedoch trotz wiederholter diesbezüglicher Meldung seitens anderer Mitbestraften verweigert; man ließ sie einfach im Arrest, wo in unmittelbarer Nähe der Zelte die Abort behälter in der Hitze noch wesentlich znr Förderung von Krank heiten und Seuchen beitrugen, liege», und als sie bereits hoffnungslos daruiederlagen, wurden sie ins Hospital geschafft, wo sie wenige Tager später starben. Bei jedem Einzelnen der elf Todesfälle wnrde uns aus drücklich verboten, die Angehörigen der Betreffenden in Deutsch land davon in Keuutuis zu setzeu, uud wcuu es trotzdem ver sucht wurde, so wurden die Briefe nicht befördert. Anch sind hier nach Aussage» eines Mitgefangenen H. V. vom Jnf.-Reg...., der schon 1915 in demselben Lager Maillot war, von dem damaligen Leutnant uud Lagerkommandanten drei entflohene und wieder eingefangene Kameraden nackt ent kleidet uud mit der Reitpeitsche geprügelt worden, während Posten mit den Bajonetten sie nmringten. In der letzten Hälfte des Monat Jnli 1916 wurde der bisherige Kominandaut des Lagers abberufen und durch eiuen Oberleutnant ersetzt, unter dessen Leitung Verschiedeue Miß stände im Lager beseitigt wurden. Wir erhielten weitere Zelte und lagen nun nicht mehr so eng zusammengedrängt, auch wurde jedem eine zweite und ans Wunsch eine dritte Schlaf decke, sowie eiu Strohhut bewilligt. Desgleichen wurde größere Sorgfalt ans regelmäßigeres Desinfizieren der Revierkranken zelte nnd Latrinen verwendet, was bisher meist wegen Mangel an Desinfektionsmitteln unterblieben war." '.tzMZDWMWWM'. > .!W — 40 — Die hinsichtlich der Arbeit an uns gestellten Anforderungen waren nicht allzugroß; besonders da die Temperatur während der Morgen- nnd Abendstunden nicht übermäßig hoch war. Das an Naturschönheiten reiche Gebirge bot manche Ab wechslung, und manch heitere Stunde bot nns eine Horde mittelgroßer Affen, die, ungefähr sechzig bis achtzig an der Zahl, fast täglich in den Schluchten oder auf den Höhen in der Nähe der Arbeitsstelle erschienen und uns durch ihre drol ligen Grimassen »ud Sprünge über Felsen und Klüfte oft stundenlang unterhielten, bis sie dann, wenn wir Sprengungen inl Gestein Vornahme», beim Kracheu der Schüsse schreiend nach allen Himmelsrichtungen auseinanderstoben. Ost auch belagerten sie eine sich niiweit der Arbeitsstelle befindliche Wasserquelle, ans welcher die Affen sowohl als auch wir währeud der Arbeit den Bedarf des Trinkwassers entnahmen, wo man sie dauu stets mit Steinwürfen, denen sie jedoch meist geschickt auswichen, vertreiben mußten. Alle Versuche unsererseits, einen dieser Affeu lebendig zu faugeu, wareu vergebens; weder dnrch Schlingenlegen, noch auf irgend einem anderen Wege war der Schlauheit dieser Tiere beizukommen, bis uns ein Eingeborener schließlich gegen Bezahlung ein noch ziemlich junges Tier einfing, welches dann zn aller Ergötzen in einem Kasten im Lager angebunden und von den Abfällen aus der Küche gefüttert wurde. Während die Affen fast nie in die Nähe des Lagers kamen, wurde dasselbe allnächtlich von ganzen Rudeln von Schakalen umkreist, die mit ihrem jämmerlichen Gehenl einen ohrenbetäubenden Lärm machten und mitunter sogar bis au den Drahtzaun sich heranwagten, wo sie dann von den Posten durch Schreckschüsse verjagt wurden. Bisher hatte mein Körper während des ganzen Sommers dem Klima widerstanden, und war ich noch von jeder Krank heit verschont geblieben, als ich in den letzten Tagen des Monats Jnli plötzlich heftige Kopfschmerzen und Schwindel anfälle verspürte. Anfänglich glanbte ich noch nicht an ernste Gefahr nnd versuchte noch, mich aufrecht zn halten, doch schon am Morgen des ersten Angnst lag ich mit 39 Grad Fieber und entsetzlichen Kopfschmerzen auf meinem Lager, unfähig mich zn bewegen oder aufzurichten. Der anwesende Arzt ver bot mir jeglichen Gennß von Speisen nnd verordnete Chinin und Tee. Während der nächsten beiden Tage dauerten die Kopfschmerzen an, während das Fieber anf 40,5 Grad stieg, worauf ich dann im Krankenzelt untergebracht wurde und in den drei nächste» Tagen je eine Chinineinspritzung erhielt. Erst nach zehn Tagen trat eine merkliche Besserung ein, die— 41 — Kopfschmerzen ließen nach und die Temperatur sank langsam bis auf 39 und 38,5 Grad, auf welcher Höhe sie weiter? acht Tage blieb. Ich war iu den wenigen Tagen bis znin Skelett abge magert uud zu schwach, auch nur den Oberkörper einige Minuten aufzurichten. Das Schlimmste jedoch war über wunden, dank der aufgeopferten Pflege meiner Kameraden, die Tag nnd Nacht um mich bemüht waren und mir, soweit es möglich war, jede erdenkliche Erleichterung verschafften. Auf mein Befragen, welcher Natur die Krankheit sei, gab mir der Arzt zur Äntwort: „wahrscheinlich Malaria". Ich konnte jetzt täglich schon etwas kondensierte Milch nehmen und als in der vierten Woche das Fieber völlig nachließ, versuchte ich einen Bissen Weißbrot zu essen, was jedoch sofortiges Steigen der Temperatur zur Folge hatte. Nach 36 Tagen erst war ich glücklich soweit hergestellt, daß ich ans einen Stock gestützt im Lager umher spazieren konnte. Obwohl völlig kräftlos und bis zur Unkenntlichkeit abgemagert, war ich doch für diesmal noch der Gefahr ent gangen und erholte ich mich nun täglich mehr, besonders da in den letzten Tagen die Hitze hier oben im Gebirge bedeutend nachgelassen und kühlem, regnerischem Wetter Platz gemacht hatte. Wir hatten uns schon an den Gedanken gewöhnt, unsere Gefangenschaft in Afrika verbringen zn müssen, als am 8. September ein Telegramm an den französischen Kom mandanten gelangte, wonach das Lager sofort abgebrochen nnd wir am 12. September iu Algier zur Ueberfahrt nach Frankreich eingeschifft werden sollten. Heller Jubel herrschte im Lager; die Freude hätte bei einer plötzlichen Friedensbotschaft nicht viel großer sein können, als jetzt, wo wir, nachdem wir bereits alle Hoffnung auf eine Rückkehr nach Europa aufgegeben hatten, dasselbe schon so bald wiedersehen, den langersehnten Boden wieder betreten sollten. Eine fieberhafte Tätigkeit entwickelte sich in den nächsten Tagen im Lager; alles was au überflüssigem Gepäck noch vorhanden, wurde verbrannt, Reisevorräte wie Tabak uud Zigaretten, die man hier sehr gnt und billig in der Kantine kaufen konnte, wurden in großen Mengen eingepackt. Früh morgens am 11. September begann der Abstieg nach Maillot, wo wir schon gegen elf Uhr vormittags anlaugten und nach einigeil Stunden Rast am Nachmittage mit der Bahn nach der Stadt Algier gebracht wurden.— 42 — Hier stießen auch diejenigen unserer Kameraden zu uuS, die einigermaßen wieder hergestellt nnd aus deu Lazaretten entlassen waren; eine große Anzahl jedoch blieb als nicht transportfähig in Tizi-Onzon nnd Algier zurück, von denen wir anch später nie ein Lebenszeichen erhielten. Am Nachmittage des nächstfolgenden Tages nahm uus eiu kleiner Passagierdampfer auf uud erleichtert atmeten wir auf, als die Erde, iu deren Glutsaud so mancher deutsche Soldat gebettet lag, allmählich unseren Blicken entschwand, Aehnlich wie bei der Hinfahrt nach Afrika, waren wir anch jetzt wieder im Laderaum des kleinen, mächtig schlingernden Dampfers untergebracht, doch durften wir abwechselnd an Deck gehe«. Die Kranke« bliebe» unter Aufsicht eiues deutschen Sauitäters beständig oben, da sie in der schlechten Luft im Schiffsraum uicht zu atmen vermochten. „Anßer den Gefangenen nnd deren Bewachung befindet sich an Bord ein einziger Passagier", hörte ich den Schiffs kapitän nnserm Trausportführer zurufen; „die Angst vor den U-Booten scheint allen in die Glieder gefahren zn sein." Aber nicht nur die vor der Ueberfahrt zurückschreckenden Passagiere fürchteten die U-Boote, sondern anch anf allen Gesichtern der Schiffsbemannuug war nervöse Unruhe und Furcht zu lesen. Der Dampfer fuhr nachts vollständig abgeblendet uud die Bordwache verbot uus aufs strengste auch nur eiue Zigarette anzuzünden. Ein Matrose behaup tete, das Schiff weiche von der gewöhnlichen Fahrstraße ab und mache einen Umweg von neun Stunden, nm den Unter seebooten auszuweichen, obwohl zwei Torpedoboote zur Sicheruug dem Dampfer voransfnhren. Die Nacht und der nächste Tag verliefen bei völlig ruhiger See ohne jeden Zwischenfall. Mit Wonne sogen wir die köstliche reine Luft eiu, die auch auf die eingefallenen Wangen der Kranken ein leichtes Rot zauberte. Gegeu Abend des 1!j. September bewölkte sich der Himmel leicht und eiu allmählich stärker werdender Ostwind peitschte die Wellen gegen die Wände des Schiffes. Während der Nacht wuchs der Wind mehr und mehr, mächtige Sturzwellen überfluteten das Deck uud zwangen die Kranken ebenfalls in das Schiffsinnere, wo sich alsbald die Seekrankheit allent halben bemerkbar machte. Das Bild, das sich hier in dem kleinen, schlecht erleuchteten Laderaum bot, spottet jeder Beschreibung. Etwa hundert Mann, von denen weit über die Hälfte seekrank waren, lagen hier in dem wenige Quadratmeter— 43 — zählenden Raum neben und übereinander, dazwischen standen die Entleerungsbehälter, die bei jeder Bewegung des stark schaukelnden Schiffes den Boden überschwemmten und die ohnehin schon entsetzliche Luft in dem Räume noch mehr verpesteten. Wie erlöst atmeten wir auf, als am nächsten Morgen der Sturm sich gelegt hatte uud wir wieder au Deck konnten. Die See war wieder vollkommen ruhig, uur vereinzelt tauchten noch kleine Wellen wie spielend ans den klaren Fluten, um auch ebenso schnell wieder zu verschwinden. III. Marseille! Zum zweitenmale als Gefangener durch wanderte ich nun diese mächtige Hafenstadt mit ihrem bunten Treiben und ihren aus allen Nationen zusammengewürfelten Bewohnern, die dicht gedrängt zu beiden Seiten unserer Straße uns angafften nnd verhöhnten. „Seht nur, wie diese Drecksäcke aussehen", scholl es aus der Menge; uud wirklich, wir waren anch in einem wenig erbauliche» Zustande. Erst jetzt, wo wir unsere Hautfarbe mit der der Umstehenden verglichen, merkten wir, wie gelbbraun unsere eingefallenen Gesichter waren nnd unsere ohnehin schlechten und nuu in dem erbärmlichen Schiffsraum völlig beschmutzte» Kleider waren auch »icht dazu angetan, einen besonders gnten Ein druck zu mache». Zu beide» Seite» der Kolo»»e marschierte» mit je zwei Meter Abstand arabische Truppen mit aufgepflanztem Bajonett, die wohl mehr zum Schutz der Gefangenen gegen die Zivil bevölkerung, als zur Bewachung der Erfteren dienten. Abgesehen von einzelnen Zwischenrufen und Schimpf wörtern, die auch meist in französischer Sprache prompt zurück gegeben wurden, erreichten wir im westliche» Hafenviertel eine» Ponton, wo wir Essen erhielten »nd bis zur Abfahrt unseres Zuges um 2 Uhr nachts blieben. Wir sollten dem Barackenlager Earpiagne zugewiesen werden, wo wir denn anch mit erwähntem Zuge am 15. Sep tember gegen acht Uhr vormittags eintrafen. Earpiagne war ein Lager in der Nähe der Mittelmeer küste und zählte wohl 12ÜV deutsche und etwa 900 öster reichische Gefangene, die teils in Holzbaracken nnd zum geringen Teil anch in größere» Zelte» untergebracht waren.44 — Gearbeitet wurde hier, mit Ausnahme von kleineren Kommandos für Wegebau und Innendienst nicht, dafür war die Nahrung aber auch sehr mäßig. Für sonstige Einrichtung zur Unterhaltung nnd Zerstreuung der Gefangenen war seitens neutraler Kommissionen verhält nismäßig gut gesorgt. Hier horte ich zum erstenmale während meiner Gefangenschaft wieder Musik. Es war dies eine nnr ans Gefangenen zusammengesetzte Kapelle mit guten Kräften, die wöchentlich zwei Mal in einer eigens dazu hergerichteten Baracke spielte. Bei unserem Eintreffen in Earpiagne wurde zu Ehren der „Ausreißer" eine Sondervorstellung für dieselben gegeben. Die Baracke war gedrängt voll, Theater und Musik wareu eben etwas, was man nur noch vom Höreusagen kannte. Lange hielt es mich jedoch nicht in dem Gebände. Bei den Klängen des „Mignon" beschlich mich ein eigenartig wehmütiges Gefühl; ich verließ den Raum uud schritt längs des Drahtzannes, der das Lager umgab, ans nnd ab; alles um mich herum war mir zu eng, die Musik hatte in mir von nenem nnd mächtiger die Sehnsucht uach dem heimat lichen Boden erweckt. Gesundheitlich hatte ich mich während der Seefahrt nnd der weuigeu hier verbrachten Tage schon wirklich erholt, während viele meiner Kameraden, die gleich mir in Maillot an Malaria darniederlagen, kaum einen Tag völlig fieber frei waren, blieb ich bisher noch von jeder Nachwirkung der Krankheit verschont. Wohl fühlte ich mich noch äußerst schwach uud hinfällig, aber die Hoffnung, daß jetzt hier auf dem Festlaude doch vielleicht noch einmal Gelegenheit zum Entweichen uud zur Rückkehr nach deutscheu Landen sich bieten werde, wirkte in mir mehr als Arznei und ließ mich Krankheit uud Siechtum völlig vergessen. Am 24. September ging von Earpiagne aus ein Gefange nentransport nach den Kohlengruben vou St. Etieune an der Loire. Die Gelegenheit wahrnehmend, meldete ich mich freiwillig zn genanntem Transport, denn, wie ich hoffte, bot sich von dein nnr etwa in Lnstlinie 240 Kilometer von der Schweiz entfernten Kohlenbecken eher eine Möglichkeit, die Letztere zu erreiche». Ich wurde augeuommeu uud mit uoch dreizehn Kame raden aus dem früheren „Außreißerlager" verließ ich uach herzlichein Abschied von allen Frennden, mit denen ich so manch schlimme und gute Stunde verlebt, Earpiagne.- 4S — Am 25. September gelangten wir nach Roanne (Loire), welchem Lager wir zunächst zugeteilt nnd von wo aus wir noch einige Wochen zn landwirtschaftlichen Arbeiten, wie Wein- und Kartoffelernte verwendet wurden, während der weit größere Teil der Gefangene», die in diesem Lager auf Fabriken, im Hafen, auf Bahnhöfen, in Werkstätten und an Straßenbauteu beschäftigt wurdeu, bei verhältnismäßig langer Arbeitszeit nur sehr wenig Essen bekamen, wurden die Erntearbeiter von den französische» Landwirten ziemlich gut verpflegt, aus welchem Gruude mau denn Wohl anch hauptsächlich die ans Afrika Zurückgekommenen zur landwirt schaftlichen Arbeit schickte. Die wenigen Wochen Aufenthalt in frischer, gesunder Luft bei guter Kost taten denn auch Wunder. Die krank hafte, gelbe Hautfarbe machte allmählich einer frischen, gesunden Röte Platz, das ganze Wesen jedes Einzelnen atmete wieder frischere, frohere Lebenslnst, statt der unheim lichen Teilnahmslosigkeit, die in den letzten Monaten in Afrika die Gemüter befallen, hörte man jetzt wieder muntere Scherze nnd fröhliches Lachen, fvdaß man sich unwillkürlich fragte: „Siud das dieselben Menschen, die noch vor wenigen Wochen siech und elend schon ihr Grab in fremder afrika nischer Erde offen zu sehen glaubten, die eine Rückkehr nach heimatlichen Landen, zum lieben alten Europa nnr noch als einen schöneu, nie zu verwirklichenden Tranm ansahen?" Gleich in den ersten Tagen unseres Aufenthaltes in Roanne war mir eine merkwürdige Aendernng in dem Ver halten der Bevölkerung den Gefangenen gegenüber aufgefallen. Während 1915 noch kein Dentfcher nnaugefochteu und nnbe- schimpst einen Ort oder eine Straße passieren konnte, kam es jetzt schon des Oefteren vor, daß mau von Zivilpersonen angeredet oder sogar gegrüßt wnrde. Wohl gab es noch einzelne, denen der unverkennbare Haß gegen die Deutschen aus den Augen leuchtete und die auch jetzt noch den vorbei ziehenden Gefangenenkolonnen Flüche und Schmähworte zuriefen, aber der jeder Beschreibung und gesundeu Vernuuft spottende Fanatismus, von dem das französische Volk während des ersten Kriegsjahres aufgepeitscht war, schien doch wohl im wesentlichen abgeflaut zu sein. Ein ähnlicher Umschwung in entgegengesetzter Richtung war auch in der Stimmung gegeu England zu bemerken. Wo man früher alles ans dessen Macht und Können gesetzt und seinen prahlerischen Versprechungen volles Vertrauen geschenkt hatte, machte sich jetzt, besonders in den unteren- 46'— Volksschichten und vielfach auch in militärischen Kreisen eine allgemeine Mißstimmnng gegen ihren überschlaneu Bundesgenossen bemerkbar; die allmählich im Volke auf dämmernde Erkenntnis der wenig schmeichelhaften Gewißheit, als ein Werkzeug Euglauds für dessen Herrschsucht und Eroberungsgelüste gleichsam den Prellbock abgeben zn müssen, hatte eine tiefe Erbitteruug hervorgerufen, die auch bereits ans verschiedenen Artikeln in einzelnen Blättern der franzö sischen Presse unverkennbar durchschimmerte. Auch auf den Teilen der Frout, wo frauzösische uud englische Truppen zusammen kämpften, machte sich nach Aussagen französischer Soldaten jene Verstimmnug bemerkbar uud waren heftige Streitigkeiten und Prügeleien nichts seltenes. Nach Beendigung ^>er Wein- und Kartoffelernte kam ich nun am 1. November niit dein ursprünglich znr Bergarbeit bestimmten Transport nach St. Etieuue, iu welcher Stadt und den umliegenden Kohlengruben mehrere Tausend Kriegs gefangene beschäftigt wurden, die in kleineren Abteilungen von 100 bis 200 Mann in Schnlhänsern und Zechengebäuden untergebracht wareu. Einer solchen Abteilung, die nach nnserm Eintreffen etwa hnndertzehn Mann zählte, wurden auch wir einverleibt. Unsere Wohnnng war ein verlassenes, früheres Kapuziner kloster, welches von Seiten der Grnbenverwaltnng in Stand gesetzt und als Gefangenenlager einigermaßen wohnlich ein gerichtet war. Während anfänglich in deu Bergwerke» uur Fachleute beschäftigt worden wareu, begann man bei Eintritt der Kohlenkrise im Herbst 1916 alle Gefangene, einerlei ob Studenten, Kanflente oder Schriftsteller, zur Grubenarbeit zn zwingen nnd verlangte dann von diesen, eiuer solch schweren Arbeit ungewohnten Lenten eine Arbeitsleistung, die selbst Facharbeiter bei deu iu den dortigen Grnben herrschenden Zuständen nicht imstande waren, zn leisten. Die Temperatur im Innern betrug an vielen Arbeitsstellen 30—32 Grad Wärme, sodaß meist mit nacktem Körper gearbeitet wurde; dazu war iu der ganzen Grnbe absolut keine Vorrichtung zum Berieseln der Oerter und Bremsberge, sodaß au vieleu Stellen, oft sogar iu Hauptförderstelleii, der Kohlenstaub bis zu 10 cm Höhe lag. Die Luftzufuhr war au vielen Arbeitsstellen eine äußerst schlechte, und wareu die letzteren oft stundenlang dermaßen mit Dunst uud Staub angefüllt, daß man auf zwei Meter Entfernung das Licht seiner eigenen Lampe nicht mehr sah.— 47 — Gegenüber dieser schweren Arbeit ließ die verabfolgte Nahrung viel zn wünschen übrig. Einmal am Tage und zwar bei Rückkehr von der Arbeit gegen Uhr nachmittags gab es Suppe, eiu Stück minderwertiges Kuhfleisch und die übliche Tagesration Brot. Als Frühstück znm Mitnehmen in die Grnbe würden pro Mann etwa 50 Gramm Speck oder Käse verausgabt, jedoch keinerlei Brot oder sonstige Zulage, sodaß, da bei der aufreibeudeu Arbeit die gesamte Tages ration Brot meist schon abends aufgegessen wnrde, die Gefangenen größtenteils ohne irgend welche Nahrung, mit Ausnahme eiues Trinkbechers Kaffee, den sie morgens er hielten, bis znm nächsten Abend arbeiten mußten. An Arbeitslöhuung erhielten wir 35—40 Centimes pro Tag, etwa das Doppelte, was für sonstige Arbeiten in Fabriken, Land wirtschaft und dgl, gezahlt wnrde. Außerdem wurde eine Gratifikation seitens der Grnbenverwaltnng in Höhe von 50 Ctms. pro Tag an diejenigen Arbeiter gezahlt, die nach Gutdünken der Beamten den Anforderungen genügten. Die letzteren waren jedoch so gestellt, daß der Mehrbetrag nnr selten gezahlt zu werden brauchte. Die in den einzelnen Detachements einlaufenden Post anweisungen für die Gefaugeueu bliebeu oft monatelang liegen, bevor sie zur Auszahlung gelangten. Man verfolgte damit den augenscheinlichen Zweck, die Gefangeneu zur Er- strebuug der Gratifikation und damit zu erhöhterArbeitsleistnng zu zwingen. Zur Aufbesserung der Nahrung kounte man nämlich in der Kantine des jeweiligen Lagers verschiedene Lebensmittel kaufen. Erhielten die Gefangenen nun regelmäßig ihre Post anweisungen, so waren sie nicht auf die Lockspeisen der Verwaltung augewieseu uud kouuteu ihren Hunger aus eigueu Mittelu stillen, was diese „Grand-Nation" auf die raffinierteste Weise zn verhindern wnßte. Mehrmals wurden unsererseits Beschwerden an die vorge setzte Behörde gerichtet über die uugeuiigeude Ernährung so wohl als anch über die sonstigen erbärmlichen Zustände/doch ohne jeden Erfolg; als Antwort wnrde entweder mit Be strafung gedroht oder womöglich die Lebensmittelration noch verringert, was zur Folge hatte, daß eines Morgens zu Ende des Monats November das ganze Lager die Arbeit verweigerte. Als Dolmetscher der Abteilung, und da man mich vorher mehrmals inmitten von Gruppen meiner Kameraden gesehen zu haben behauptete, w urde ich als Aufwiegler bezeichnet nnd mußte mich mehreren scharfen Verhören Unterziehen. Einfranzösischer Leutnant, dessen Kommando nnsere Abteilung unterstand, versuchte auf jede mögliche Art, mit dem Revolver in der Hand, mir irgendwelche Aussagen zu erpressen, indem er prahlte, er habe schon zweiundzwanzig Deutsche erschossen, eS komme ihm auf den dreiundzwanzigsten auch nicht an. Als er jedoch nichts erreichte und auch Verhöre meiner Kameraden ergebnislos verliefen, erhielt das ganze Lager acht Tage lang nur Wasser und Brot. Für mich war eine besondere Strafe diktiert und zwar mußte ich von nnn an in der Grube mit arbeiten. Als drei Wochen später jedoch neue Gefangenentrans porte aus der Front eiutrafen, erhielt ich wieder meinen früheren Posten; ein gewisses Mißtrauen nnd schärfere Be wachung mir gegenüber blieben auch für die Folge, besonders auch, da man in meinen Papieren Vermerke über früher unter nommene Flnchtversuche gefunden hatte. Die stets angefülltenArresträume des Detachements sprachen jedem menschlichen Empfinden Hohn. In einem barackenartigen Gebäude, nnter dessen Fußboden der Wind durchpfiff und dessen Wände während des Winters mit fingerdickem Eis überzogen waren, wurden die Gefangenen mit nur eiuer dünnen Schlaf decke versehen, des Nachts eingesperrt, während sie am Tage in etwa 30 Grad Wärme in der Grube arbeiten mußten. Wenn der Betreffende nun au den Folgen dieses schroffen Temperaturwechsels erkrankte und seine Arbeit nicht verrichten konnte, so wurde seine Arreststrafe noch nm einige Tage er höht; ernste Erkrankungen und völliges Anfreiben des Körpers waren dann die unausbleiblichen Folgen dieser unmenschlichen Schikanen. Bon den bei den Kämpfen um Verdnn im Dezember 1916 von den Franzosen gemachten Gefangeneu kamen in den letzten Tagen des Monats Januar 1917 ebenfalls einige Transporte nach St. Etienne zur Grubenarbeit. Dieselben waren körper lich wie geistig iu einem mitleiderregenden Znstande. Voll ständig verlumpt uud zerfetzt, bis zum Skelett abgemagert, mit tief in ihren Höhlen liegenden Augen, wankten sie wie die Leichen einher. Anf Befragen nach den Ursachen ihres jämmerlichen Aussehens erhielt ich die Bestätigung dessen, wovon Wohl in den letzten Tagen gemunkelt wurde, was zu glauben aber seiner unerhörten Niederträchtigkeit wegen mir bisher unmöglich schien. Die Franzosen hatten jene Gefangene direkt in der Front im Feuer der deutschen Artillerie untergebracht nnd beschäf tigt. Daselbst wurden sie gezwungen, Munition in französische Artillerie- uud Jnfanterieftellungen zu schleppen uud Schanz-- 49 — arbeiten zu verrichten, wobei sie täglich zahlreiche Verluste er litten. Weigerten sie sich, Muuitiou zu transportieren oder suchten sie Deckung gegen Artilleriefeuer, so wurden sie von den Offizieren mit dem Revolver und Fußtritten Vorwärts getrieben. An Nahrung erhielten sie meistens nur Brot und Wasser. Eine Kolonne war acht Tage lang iu einer Baracke derart zusammengedrängt, daß keiner sich weder setzen uoch hinlegen konnte, wobei einzelne buchstäblich im Stehen starben. Eine helle Entrüstung herrschte uuter den Gefangenen über solch feige Niederträchtigkeit einer sich zivilisiert nennenden Nation, die in ihrer ohnmächtigen Wut nicht eiumal zurück schreckt, wehrlose Gefangene ihrem wilden Hasse zu opfern. Still uud heimlich hatte ich im Verlans des Winters alle Vorbereitungen getroffen, um im kommenden Frühjahr einen nochmaligen, letzten Fluchtversuch zu unternehmen. Als Dol metscher war mir des öfteren Gelegenheit geboten, in der Grube mit französischen Arbeitern zusammenzukommen und zu sprechen und nach langem Mühen uud Auskundschaften war es mir denn anch glücklich gelungen, die erforderlichen Zivil kleider, als auch eine fehr gnte geographische Karte zn erlangen. Einer meiner Frennde, der Reservist Heinrich N. vom Juf.-Reg—, mit den« ich schon in Afrika zusammen war, und der ebenfalls schon mehrere erfolglose Fluchtversuche unter nommen hatte, war ebenfalls mit leidlichem Zivil versehen und zu eiuer neuen Flncht bereit. Wir kannten uns beide durch uud durch und glaubten uns den Gefahren und Schwierig keiten gewachsen; auch verstand nnd sprach er etwas fran zösisch, was iu diesem Falle eiu Hauptersordernis ist. So wollten wir beide denn zusammen diesmal das Spiel wagen. An Lebensmitteln für die Reise hatten wir vier Pfund Schokolade, deren jeder Gefangene etwa ein Pfund als Weih nachtsgeschenk vom Roten Krenz-Hilfsverein erhalten hatte, uud wovou wir den Anteil zweier Kameraden zu dem uusrigen noch hinzugekauft hatten. Außer der Schokolade besäße» wir eine kleine Büchse mit Fett und glaubten wir mit diesem Proviant auszureichen, besonders, da wir an Barmitteln noch etwa fünfzig Francs besaßen, mit bereu Hilfe wir auf der Reise das eventuell Fehlende aufzutreiben hofften. Als den günstigsten Zeitpunkt zur Flucht hatten wir an fänglich den Monat März vorgesehen. Jedoch begann schon Mitte Februar unter dem Wacht- personal sich eine gewisse Unruhe und Vorsicht bemerkbar zu machen; fast täglich durchstöberte der aufsichtführende fran zösische Sergeant sämtliche Räume, revidierte das Gepäck und— 60 - die Strohsäcke, die er besonders im Verdacht hatte, und unter suchte jeden Wiukel des Hauses. Es war kein Zweifel möglich, die Franzosen mußten ans irgend eine Art uud Weise Wind bekommen haben. Alles Snchen und Umhertasten führte je doch zu keinem Resultat', alles Material war sorgfältig ver steckt, und seitens unserer Kameraden, von deueu ein gewisser Teil im kommenden Frühjahr auch das Weite suchen wollte, war keiu Verrat zu fürchten. Am 19. Februar geschah jedoch etwas, was uns stutzig machte und uus bewog, unsere Abreise zu beschleuuigeu. Am Morgen dieses Tages nämlich, während wir wie alltäglich zur Arbeit waren und nur zwei Kranke sich noch im Gebäude befanden, kam dieser französische Sergeant in Begleitung eines Soldaten schon in frühester Stunde ins Lager gestürmt und steuerte gerade auf meinen nnd meines Kameraden Platz los, durchsuchte Strohsäcke und Gepäck nnd warf all unsere Kisten und Kasten durcheinander, alle Taschen und Täschelchen um wühlend, jeden Briefumschlag uud jedes Wiukelcheu »ach Karten untersuchend. Natürlich fand er uichts. Der Vorfall jedoch war uns ein deutlicher Beweis dessen, was wir längst ver mutet, daß ein positiver Verdacht ans uns ruhte nnd daß speziell wir Beide scharf beobachtet wurdeu. Bis spät in die Nacht saßeu au demselben Abend mein Frennd N. und ich beisammen und beratschlagten. Was wir zur Reise benötigten, lag laugst au sicherem Orte bereit. Wohl herrschte draußen immer noch eine empfindliche Kälte und in den Bergen östlich St. Etiennes konnte man vom Lager aus noch beträchtliche Schueemassen sehen; aber die drohende Gefahr eiuer frühzeitigen Entdeckung unserer mit so viel Sorgfalt und Mühe getroffene« Vorbereitungen reifte schließ lich in uus der Entschluß: Wir brechen morgen schon auf! Vor Einfahrt in die Grnbe um SV- Uhr morgens wollten wir iu der Dunkelheit auf dem Zecheuplatze verschwinden. Nach einer schlaflos verbrachten Nacht erhoben wir uns am Morgen des 29. Febrnar eine Stunde vor allgemeinem Wecken und kleideten nns an;zuunterst die Zivilkleider uud darüber den blauleiueueu Arbeitsanzug. Die geographische Karte, unser kostbarstes Kleiuod, barg ich iu einem Etui auf der nackten Brnst, Proviant, sowie Tabak und Streichhölzer wurdeu von Kameraden bis vor dem Zechentore aufbewahrt, um beim Arbeitsappell jeden Verdacht von uns abzulenken. Die Zivilmiitzen trugen wir nnter der Arbeitsjacke versteckt. Ohne Verdacht erweckt zu haben, erreichte« wir den Zechen platz, wo wir in einer Baracke vor dem Hinabfahren in die— 51 — Grube wieder die Kleider wechselten und mit älteren, schmntzigen Kleidern vertanschten. Dann empfingen wir den von unfern Kameraden bis hierher gebrachten Proviant und nahmen mit festem innigem Händedruck Abschied von all den lieben Schick salsgenossen, die, obwohl sie sich dadurch selbst härterer Be handlung uud schärferer Bewachung aussetzten, in wahrer Kameradschaft uud mit echtem deutschem Mut ihre wackere Hilfe boten, um, selbst im Sklaventum weiterlebend, ihren Freunden zur Freiheit zu verhelfe». Um uicht schon frühzeitig vermißt zu werden, empfingen wir in dem dazu bestimmte» Räume unsere Grubenlampe und gingen damit, anstatt nach dem Schacht, zu unseren Baracken zurück, wo wir uusere Borräte uud dergleichen zurückgelassen hatten. Ich hatte als erster die Baracke wieder betreten und war eben damit beschäftigt, die Arbeitskleider abzustreifen, als mein Freund N, atemlos hereingestürmt kam und rief: „Mach schnell, wir müssen fort, sie sind schon hinter mir nnd wollen mich einsperren!" Und wirklich hörte man anch schon vor der Baracke die Schritte nnd Stimmen der ankommenden Posten. N. hatte am vorhergehenden Abend einen Teil des Tabak vorrates in den Behälter gesteckt, der znm Mitnehme» von Brot in die Grube diente und der mitunter vor Einfahrt in die Grube vom Zechenbeamten revidiert wird, da das Mitnehmen von Tabak, Streichhölzern und dergleichen in die Grube ver boten war. Unglücklicherweise wurde uuu gerade er uuter vielen anderen hervorgezogen uud man fand bei ihm den Tabak, worauf er sofort in Arrest gesteckt werden sollte. Den ihn suchenden Posten war er jedoch noch rechtzeitig entwischt und waren dieselben nun hinter ihn: her. Die aus mehreren Abteilungen bestehende Baracke hatte zwei Haupteingänge, wovon der eine nnr über eine ziemlich hohe Bretterwand von dieser Seite aus zu erreichen war. Während nuu die Posten diesseitig in die Baracken eintraten, half ich meinem Freunde die Bretterwand übersteigen, wo er auf der andere» Seite durch die offene Türe im Duukel ver schwand. Da»» warf ich eines der an den Wänden hängenden Kleidnngsstiicke über die verdächtigen Gegenstände, die auf der Erde ninherlagen, wie Schokolade, die Büchse mit Fett, Tabak, Streichhölzer, Kompaß und dergl.; war eben wieder i» die Arbeitshose geschlüpft, als die Posten anch schon vor mir standen. „Wo ist N. ?" fragten sie; ich deutete auf die angrenzende Baracke hin, in der er sein müsse, worauf sie sich entfernten um dort nachzusuchen, wo N. eben verschwnnden war. Dadurch- W — blieb ich einige Sekunden unbewacht; schnell raffte ich zu sammen, was ich in der Eile erwischen konnte nnd rannte zur Türe hinaus über die Bahngleise der Ladehalle, wo mein Kamerad in fieberhafter Ungeduld zwischen den Waggons hin und her lief und auf mich wartete. Am äußersteu Eude des Zecheugeläudes befand sich ein Tunnel, der unter der Umfassungsmauer uud einer außerhalb vorbeiführenden Straße durch ins Freie führte. Diesem Tunnel, von dessen Vorhandensein die französische Wachmannschaft an scheinend keine Ahnuug hatte, strebten wir nun in schnellstem Tempo zu, wobei wir während des Laufens ein Stück der Arbeitskleidung nach dem andern abstreiften und in leere Kohlenwaggons warfen. Nach wenigen Minuten langten wir schweißtriefend am jenseitigen Ausgang des Tunnels an. Der erste Schritt in die Freiheit war geglückt, wir befanden nns etwa zweihundert Meter außerhalb des Grubengebietes in einer Vorstadt. Die Straße, die ins Stadtinnere führte, war menschenleer, und hatten wir soviel Zeit, unsere Kleidung in Ordnung zu bringen und nachzusehen, was wir von unseren Habseligkeiten noch gerettet hatten. Karte, Fett, sowie den größten Teil der Schokolade besaßen wir noch, während derKompaß, fast sämtlicher Tabak, der größte Teil der mitgenommenen Zündhölzer und sämt liches Zigaretteupapier iu der Eile liegeu geblieben waren. Biel schmerzlicher jedoch war für mich der Verlust meiner Briefmappe, die ich ebenfalls zurückgelassen hatte, worin sich nebst wertvollen Aufzeichnungen eine Menge schöner photographischer Aufnahmen und verschiedene Skizzen befanden. Was uns noch übriggeblieben, rafften wir zusammen und schlugen den Weg ins Innere der Stadt ein, da wir dieselbe, um den Höhenzug östlich St. Etieuue zu erreichen, durchqueren mußten. Es war gegen sechs Uhr morgens, als wir dnrch die nur schwach erleuchteten Straßen der Stadt zogen. Eine zeitlang ließen wir uns mit dem Strome von Arbeitern nnd Arbeiterinnen, die den im Zentrum der Stadt liegenden Fabriken zuströmten, forttreiben, dann bogen wir in eine kleinere Nebenstraße ein, nm schneller aus der Stadt hinaus zu kommen, denn ans den allmählich sich mehr und mehr belebenden größere« Verkehrsstraßeu wollten wir uns nicht vom Tageslicht erwischen lassen. Nach vielem Hin- und Herrennen und nachdem wir mehrmals in Sackgassen geraten, fanden wir endlich eine Straße, die uns durch einige Vororte hindurch ins freie Gelände außerhalb der Stadt brachte. Unser hauptsächliches Bestreben war es zunächst, einige Kilo-- SS - meter außerhalb der Stadt ein sicheres Versteck zn finden, wo wir bis zum Anbruch der Nacht bleiben konnten. Auf welcher Seite der Stadt wir uns befanden, wußten wir nicht mehr, da wir keinen Kompaß mehr hatten und bei. dem be wölkten Himmel auch weder auf irgend eine andere Art und Weise uns zu orientieren wußten. Wir verfolgte» daher den sich vor uns durch ein breites Tal schlängelnden Weg eine kurze Strecke und steuerten dauu quer durch Wiesen und Felder, einem jenseits des Tales sich erhebenden Berge zu, auf dessen Gipfel größere Steinbrüche zu sehe» waren. Inzwischen war es Heller Tag geworden und mehrmals waren wir von Zivilpersonen bemerkt worden, die den beiden über Bäche uud Gräben dahiuschreiteudeu Unbekannten ver wundert nachschauten, doch ließ man uns des Weiteren unbehelligt und wir erreichten glücklich den Berggipfel, wo in einem der halbverschütteten Steinbrüche eine alte Hütte stand, die vor langer Zeit den Arbeitern zum Aufbewahren des Werkzeuges gedient haben mochte, jetzt aber völlig Ver wittert und zerfallen war. In einem noch ziemlich gut erhaltenen Winkel dieser Hütte versteckten wir uns und erwarteten den kommenden Abeud, Am Nachmittage setzte kaltes, regnerisches Wetter ein nnd wir froren in unserem nassen, teilweise noch mit Schnee an gefüllten Winkel entsetzlich. Von dermitgeuommeueu Schokolade wurde uach vorsichtiger Einteilung ein kleines Stück gegessen; das Einwickelpapier derselben mußte uus das Verloreue Ziga rettenpapier ersetzen. Nach eingetretener Dunkelheit verließen wir uuser Versteck uud steuerten einer Straße zu, die wir am Tage am östlichen Hange des Berges bemerkt hatten. Nachdem wir etwa eine Stunde auf derselben rüstig vorangeschritten wareu, sähe« wir^eine größere Stadt vor uus, von der wir glaubten, daß es St. Chamon sei und in die wir auch daher ohne Bedenken einmarschierten. Kaum hatten wir jedoch einige Straßen durchschritten, als die Gebäude uud überhaupt die ganze Umgebung uns bekannt vorkamen. Wir taten noch einige Schritte nnd, — o Himmel! vor uns in geringer Entfernung erhoben sich die Schornsteine und Gebäude derselben Grnbe, von der wir am Morgen geflohen waren. Wie ein kalter Strahl wirkte diese Entdeckung auf nns. Völlig niedergeschlagen durcheilten wir die bei dem nun stark strömenden Regen menschenleeren Straßen, einerlei in welcher Richtung sie uns führten, uud diesmal war uus das- 54 — Glück hold. Auf einer kleineren Straße, die an mehreren Ortschaften vorbei über einen Höhenrücken hinwegführte, erreichten wir das Tal, in welchem nach nnseren Berech nungen die Stadt St. Chamon nnd soweit die von nn» vorgesehene Reiseroute sich befinden mußte. Der Rege» fiel immer uoch mit zunehmender Heftigkeit und gegen Mitternacht waren wir derartig durchnäßt, daß wir uns gezwungen sahen, nnseren Marsch für heute zu unterbrechen, um irgendwo Schutz gegen den Regen zu suchen, da wir sonst am uächsteu Tage iu unseren nassen Kleidern die Kälte Wohl kanm ertragen konnten. Außerdem mußten wir auch vor alle» darauf bedacht seiu, unsere Landkarte vor Nässe zn schützen, da sonst nnser Unternehmen von vorn herein aussichtslos war. In einem einsam ani Wege stehenden Gehöfte glaubten wir eine Znflncht finden zn können und giugeu auf eiueu seitwärts des Wohnhauses angebauten, offenen Schuppen zu. Licht zu machen schien uns nicht ratsam, da dasselbe vom Wohngebände aus hätte leicht bemerkt werden können, nnd so tasteten wir denn im Dunkeln umher, nach irgend einem Lager von Heu oder Stroh suchend, als plötzlich mit einem gewaltigen Satz ein riesiger Schäferhund ans einer Ecke des Schuppens herausgeschossen kam und an nns vorbei dem Ausgange zurannte. Im ersten Schreck wagte das aus seinem Schlafe aufgescheute Tier nicht uns anzugreifen, sondern stellte sich au den Eingang des Schnppeus und bellte ans Leibeskräften. Unseres Bleibens konnte nun hier nicht sein, denn der Lärm mußte alsbald die Bewohner herbeilocken, also denn wieder hinaus und weiter fort. Einen am Boden liegcudeu Knüppel warfen wir dem Hunde in die Beine, der mit lautem Geheul zurückwich und uns den Aus gang freigab. Kaum einige Schritte vom Hause entfernt, öffneten sich auch schon die Fenster desselben und Stimmen wurden laut, es war höchste Zeit, daß wir das Weite suchten. Nachdem wir noch etwa eine Stunde in fortwährendem Regen gewandert waren und uns vergebens in verschiedenen Gebäuden uach eiuer passenden Unterkunft umgeschaut hatten, stießen wir unweit eines Bauernhauses auf eine Strohmiete nnd beschlossen, in derselben den nächsten Morgen abzuwarten. Ans der dem Hanse entgegengesetzten Seite der Miete wühlten wir ein beträchtliches Loch in dieselbe nnd krochen hinein, das herausgezogene Stroh hinter nns wieder beiziehend. Gegen den Regen waren wir nnn einigermaßen geschützt, aber in unseren nassen Kleidern konnteil wir vor Kälte keinen— 55 — Schlaf finden. Gegen Morgen, als unsere Kleider etwas trockner waren nnd wir vor Müdigkeit einzuschlafen drohten, verließen wir nuser Asyl und schlichen von dannen, denn in dem Gehöfte wurde es bereits lebendig und hörte mau die Türeu der Stallungen knarren nnd wurden mehrere scheltende Stimmen laut. Es war bereits fünf Uhr morgens und hohe Zeit, daß wir eiueu Schlupfwinkel fanden, wo wir den Tag verbringen konnten. Nach einer halben Stunde cutdeckten wir denn auf einer Anhöhe ein größeres Gut, iu desseu Nähe sich ein rings mit einer Mailer umgebener Wald befand. Wir überkletterten die Mauer und suchten uus ein passendes Plätzchen im Dickicht, wo wir festaneinandergerückt am Boden kauerten, wir froren jämmerlich in unfern nassen Lumpen. Gegen Mittag hellte sich das Wetter auf nnd die Sonne lngte mit mattem Strahl ab und zn dnrch die Banmwipfel. Wir schöpften neue» Mut. Die uasseu Oberkleider uud Strümpfe wurden ausgezogen und zum Trockueu ausgehängt, desgleichen breiteten wir unseren noch vorhandenen Tabak an einem sonnigen Plätzchen aus und nach wenigen Stunden war er bereits soweit getrocknet, daß wir wieder Zigaretten daraus drehe» uud rauchen konnten. Beim Dnft der Ziga rette lebten wir wieder anf. Wir zogen unsere nassen Strümpfe wieder an und liefen im Walde auf uud ab, um uus zu erwärmen. Juzwischeu war es Abend geworden. Nachdem wir von unserem Porrat an Fett nnd aufgeweichter Schokolade noch einen Teil verzehrt, überstiege» wir die Mauer uud schritten dem Tale zn. Der nunmehr klare Nachthimmel ließ uus die eiuzuschlagende Richtung leicht erkennen und schon gegen 7 Uhr hattcu wir die so lang gesuchte Stadt St. Chamo» erreicht, aus dere» Straßen die Arbeiter scharenweise aus den soeben geschlossene» Fabriken strömten nnd den Vorstädten zustrebten. Diesen Moment benutzend mischten wir uns unter die Meuge nnd erreichten mit ihr »»behelligt das je»seitige E»de der Stadt, wo ei» großer Teil der Arbeiter iu eiue Bäckerei eintrat, nm mit einem kleine» Brote unterm Arm wieder zu erscheine». Wir blieben einen Moment stehen, dann trat ich knrz entschlossen in den Laden ein nud uahm dem Beispiele memes Borderma»»es folgend, eines der anf einem Tische liegenden Brote und ging znr Kasse, wo der Franzose ebeu 70 Centimes hingelegt hatte. Ich tat das Gleiche, grüßte knrz und verschwand mit einem Brote unterm Arm um die nächste Ecke, wo im Schatten einer Mauer mein Freund mit Spannung mich erwartete. Durch- 56 — den Erfolg kühn gemacht, versuchte ich nun auch auf diese Weise Wurst, sowie Zigaretten und Streichhölzer zn erlangen; ich gab meinem Kompagnon das Brot und hatte nach kurzer Zeit wirklich auch eiu größeres Stück gute Wurst und einen beträchtlichen Vorrat an Zigaretten uud Streichhölzer ein gekauft, mit welchen Schätzen wir uns denn schleuuigst aus dem Staube machten nnd außerhalb der Stadt hinter einer Hecke am Wege niederließen. Im Vorbeigehen hatten wir in dem letzten Hanse der Stadt eine Wirtschaft erkannt und mm wir Brot und Wurst hatten, gelüstete uns auch nach einem Schluck Wein. Kurz entschlossen lies ich das kurze Stück Weg zurück und kaufte zum Preise von einem Franken einen Liter gnten Rotwein. Unsere Freude war groß. Mit gutem Appetit verzehrten wir unser königliches Mahl, darauf zündeten wir uus eine Zigarette an und setzten neugestärkt uud mit frischem Mut unseren Weg fort. Die Straße, auf der wir uns befanden, führte nordöstlich von St. Chamon durch ein ziemlich hohes und nur spärlich bewohutes Gebirge nach Pelusiu uud von da weiter nach Chavaney uud war unserer Karte gemäß der von uns vor gesehene Weg. Wir schritten die Nacht über rüstig fürbaß nnd langten am nächsten Morgen etwa fünfzehn Kilometer vor Pelnsin an, wo wir in den sich hier allmählich nach der Rhone hin abflachenden Gebirge Halt machten, um den nächsten Abend abzuwarten. Das Gebirge war hier teilweise schon ziemlich frei von Schnee nnd fanden wir einige Meter abseits des Weges nnter Tannen und dichtem Buschwerk eiue verhältnismäßig trockene Stelle, wo wir uns aus abgeschuitteueu Zweigen ein Lager bereiteten und dicht aneinandergeschmiegt uns mit Tannenzweigen zudeckten. Es mochte Wohl knapp eine Viertelstunde verstrichen sein, als auf der Straße Pferdegetrappel erscholl, das allmählich sich dem Orte, wo wir lagen, näherte. Borsichtig lngten wir ans den Zweigen heraus und au uus vorbei ritteu auf der Straße zwei Gendarmen, die scharf nach allen Seiten spähend, nnzweifelhaft nns suchten. Unser Versteck war von der Straße ans jedoch nicht zu sehen und wohlweislich waren wir an einer Stelle in den Wald eingedrnngeu, wo der Boden von Schnee frei.nnd fest gefroren war, fodaß keinerlei Spnren uns hätten verraten können. Die Gefahr ging vorüber und erleichtert atmeten wir anf, als unsere Verfolger in munterein Trab um die nächste Wege- bieguug verschwunden waren.- S7 - Der Tag verlief weniger unangenehm fiir uns als der vorhergehende. Obwohl das Wetter rauh und kalt, waren doch unsere Kleider auf dem Marsche iu der Nacht getrockuet und die dichten Zweige, die wir rings um nns angehäuft, verliehen immerhin einigen Schutz gegen die Kälte, sodaß wir am Nachmittage sogar kurze Zeit Schlaf fanden. Lange währte derselbe jedoch nicht, da die vor Kälte starren Füße uus als bald wieder aufwachen ließen. Wir zogen die Schnhe aus, und riebeu abwechselnd einen Fuß nach dem andern warm, und als alles nichts helfen wollte, lösten wir unsere Wickel gamaschen und hüllten damit die Füße ein, worauf die Er starrung allmählich etwas nachließ. Ebenso freudig, wie wir des Morgeus die Strahlen der aufgehenden Sonne begrüßten, so sehnten wir auch ihren Untergang am Abend wieder herbei, damit wir unseren Marsch fortsetzen uud uufere erfrorenen Gelenke wieder in Bewegung bringen konnten. In der folgenden Nacht kamen wir unangefochten über Pelufiu uach Chavanneh au die Rhone, wo eine größere Brücke über dieselbe führte. Obwohl es vollständig dunkel und erst zwei Uhr uachts war, wagten wir uus doch nicht ohne weiteres über die Brücke, sondern versteckten uns in der Nähe derselben unterm Dache eines leerstehenden Gebäudes, von wo ans wir am nächsten Tage zn unserer nicht geringen Frende konsta tierten, daß dieselbe unbewacht war. Ohne irgend auf Schwierigkeiten zu stoße», passierten wir denn auch am nächsten Abend, es war der 23. Februar, die Brücke und hatten somit eiueu weiteren wichtigen Abschnitt unserer Flucht, der uus so viel Kopfzerbrechen verursacht hatte, hinter uns. Hier auf der linken Seite der Rhone war das Gelände völlig eben nnd fiir uns äußerst günstig; dazu kam noch, daß alle, anch die kleinsten Wege anf unserer Karte verzeichnet waren, sodaß wir ungehindert und ohne vou unserer Route abzuweicheu, allnächtlich große Strecken zurücklegen konnten. In „La Tour du Piu", welche Stadt wir am 26. Februar abeuds passierten, glückte es uns, ans ähnliche Weise wie in St. Chamou, Brot und Wein zn erhalten nnd konnten wir uusern sich bereits unangenehm bemerkbar machenden Hnnger wieder stillen. Das mitgenommene Fett war längst aufge gessen und nnr eiu kleines Stückchen Schokolade blieb uus noch für den nächsten Tag; doch hofften wir in einer der nächsten Städte, die wir noch zn passieren hatten, Gelegenheit zum Einkaufen irgend welcher Lebensmittel zu fiuden.Iii der Nacht vom 26. auf 27. Februar kamen wir wieder durch Aouste, welche Stadt mir noch von meiner ersten Flucht 1915 her bekannt war. Jedoch verfolgten wir nicht die selbe Straße wie damals, sondern während wir 1915 nördlich dieser Stadt die Rhone überschritten, um aus deren rechtem llser vorzudringen, folgten wir mm diesseits des Stromes der sich zwischen hohen Gebirgen und steilen Felswänden da- hiuschlängelnden Straße. Infolge der ungeheuren Strapazen und bei der geringen Nahruug verspürten wir in den letzten Tagen ein allmähliches Schwinden unserer Kräfte nnd wenn wir tagsüber am ganzen Körper frierend nnd zähneklappernd im Walde gelegen hatten, so waren wir des Abends kaum noch imstande, die Glieder zu bewegen. Erst nach einigen Stunden Marsches begann allmählich wieder das Blut in den Adern zu zirknlieren. Unsere Kleidung war durch das Umherstreiseu iu Büschen und Hecken schon arg mitgenommen und in unserem schmutzigen zerlumpten Aussehen konnten wir es nicht mehr wagen, in den Abeud- ftuudeu, wo die einzige Möglichkeit zum Einkaufen von Lebens mitteln gegeben war, eiueu größeren Ort zn betreten. Das einzige, was wir in eiuem alleinstehenden Geschäftshause außer halb eines kleinen Städtchens kaufen konnten, war eine Büchse Oelsardinen, die wir sofort mit Heißhunger verzehrten. Seit der Verfolgung durch die Geudarmeriepatrouillen in der zweite» Nacht unserer Flucht war nns nichts Verdächtiges mehr begegnet, bis in der Nacht vom 28. Februar auf 1. März. Iu dieser Nacht marschierten wir auf einer breiten Land straße, die von Jenne nach Seyssel führte. Die Nacht war äußerst kalt und ein rauher Nordwind trieb uns Schnee nnd Eis ius Gesicht. Mit hochgeschlagenem Rockkragen und die Hände in den Tascheu hasteten wir auf der menschenleeren Straße vorwärts, als plötzlich hiuter uus ein Lichtschein auftauchte. Ohne eiueu gegenseitigen Zuruf setzten wir mit einem Sprunge über einen längs des Weges errichteten Zaun nnd lageu auch kaum jenseits desselben platt auf der Erde, als auch schon eines jener bereits geschilderten Polizeiautos, die ich noch von meiner ersten Flncht her kannte, in schnell stem Tempo vorbeisanste. Dauk des scharfen Windes, der den Entgegenkonimenden ins Gesicht blies und jedes genaue Beobachten unmöglich machten, waren wir auch diesmal dem Verhängnis entronnen. Noch iu derselben Nacht stießen wir gegen viereinhalb Uhr morgens uuverhosft auf eiue Brücke, die au einer scharfen Straßenbiegnng über eiueu kleinen Nebenfluß der Rhone führte.— S9 — Auf dieser Seite der Brücke stand ein kleines, versteckt hinter Buschwerk liegendes Häuschen, welches wir erst bemerkten, als wir bereits den Fuß auf die Brücke gesetzt und als ein Alpenjäger aus demselben heraus und ans uns zutrat. Zurück kouuteu wir uicht mehr und Flucht Hütte unsere Lage nur verschlimmern können; alsv blieben wir zunächst ruhig stehen uud ließen deu Posten ruhig au nns herankommen. Seine erste Frage war nach Ausweispapieren, woranf wir barsch antworteten „wir haben keine und brauchen uicht, wenn wir nns einen Tag von zn Hanse entfernen, Papiere nachzuschlep pen." Darauf fragte er, woher wir denn kämen nnd wohin wir wollten? Wir nannten ihm einen Ort, den wir in der Nacht passiert hatten und als Ziel die vor uns liegende Stadt Seyssel uud erklärten ihm dann »och, daß wir von nnserm Arbeitgeber beauftragt seien, in dieser Stadt einzukaufen. Nachdem er noch einige Minuten hin nnd her überlegt hatte, lies; er uus schließlich uuseres Weges weiterziehen, nnd sahen wir nns der Mühe, deu Uebergaug erzwinge« zu müssen, ent hoben. Um jedoch einer eventuellen Verfolgung zn entgehen, brachen wir sofort deu Marsch für heute ab und versteckten uus vor der genannten Stadt Seyssel auf einem hohen, mit Bnschwerk bedeckten Felsen, der von der Straße ans nur unter größten Anstrengungen zn erklettern war und wo wir uus daher vollkommeu sicher glaubte». Es war der erste Marz uud mir hoffte», der letzte Tag, de» wir wie Diebe versteckt im Walde a»f Frankreichs Boden verbringen mußten. In der nächsten Nacht mnßten wir un serer Karte gemäß die uoch etwa vierzig Kilometer entfernte Schweiz erreichen, wenn nicht unsere Kräfte, die in den letzte» Tagen bedenklich nachließen, völlig versagten. Seit zwei Tagen schon hatten wir sozusagen nichts gegessen und die Zigaretten, die uns sonst in allen Nöten getröstet und aufgefrischt hatten, wollten dem schlappe» entkräftete» Körper auch nicht mehr zusagen. Doch nm alles in der Welt durften wir jetzt nicht erschlaffe». Mit äußerster Energie nnd durch ermunterndes Zureden suchten wir uns gegenseitig aufzu richten. Treuute uus ja uur uoch eiue kurze Strecke Weges und ein einziger Nachtmarsch vo» dem so heiß ersehnte» Ziele. Aus »»serer Karte war die Brücke, aus der wir i» der verflossenen Nacht angehalten worden, ebenso wie alle andern größeren Brücken und Straßenkreuzungen im Umkreis von dreißig bis vierzig Kilometer der schweizerische» Grenze dnrch kleine blane Flaggen als frühere Zollämter bezeichnet und— so - nahmen wir an, daß all diese Punkte ebenso wie bereits die passierte Brücke jetzt von Soldaten bewacht seien. In der nächsten Nacht waren wir ans das sorgfältigste bedacht, alle derartigen Punkte zu meiden und benutzten meist nur kleinere Straßen und Feldwege. Gegeu Mitternacht hatten wir mit Anspannung unserer letzten Kräfte einen hohen Gebirgskamm erstiegen, auf dessen Plateau sich ein zerstreut liegendes kleines Dörfchen befand. Wir waren zu Tode erschöpft und wankten nur noch anf dem holp rigen, mit Eis und Schnee bedeckten Wege vorwärts. In einem der Hänser bemerkten wir noch Licht uud näher kommend lasen wir über der Türe die Aufschrift „Cafe". Wir schöpfte» nuu neuen Mut. Wenn wir in dieser Wirtschaft noch einen Schluck Wem bekamen, dann war nns geholfen. Kurz entschlossen trat ich in die niedere Wirtschaft ein, wo au dem einzigen vorhandenen Tische ein altes Mütterlein und ein betrunkener Gast saßen. Ich grüßte höflich nnd bat um eine Flasche Wein, worauf die alte Frau sofort aufstand und mit der Lampe im Keller verschwand, um uach einiger Zeit mit eiuer gefüllten Flasche wieder zu erscheinen. Ich zahlte nnd fragte noch, ob ich auch etwas Brot erhalten könnte, worauf sie mir jedoch versicherte, sie habe selber nichts. Draußen angelangt, tranken wir beide einen kräftigen Schluck des köstlichen Weines, der uns wieder nen stärkte und das Blut iu nnsern Adern wieder in Bewegung brachte: den Rest nahmen wir in der Flasche mit auf den Weg, nm von Zeit zu Zeit, weuu die Kräfte wieder nachließen, jedesmal dnrch einen Trunk die Organe wieder nen zu beleben. Auf dem nun stets bergabführenden Wege kamen wir verhältnismäßig rasch vorwärts und näherten uns gegen 42/2 Uhr der Grenze, die zu unserm Erstaunen ringsum hell erleuchtet war. Vorsichtig schlichen wir nns durch Wiesen und Buschwerk bis auf wenige Meter an die Posten heran, die mit elektrischen Lampen versehen in Zwischenräumen von nur zwanzig Meter aufgestellt waren. Bei jedem Versuch, uns der Postenkette zn nähern, knirschte das Eis anf dem gefrorenen Boden lant nnter nnsern Tritten und mehrmals sahen wir uns gezwungen, den aufmerksam werdenden Posten auszuweichen und zurückzugehen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen entschlossen wir nns, die Stiefel auszuziehen uud uuter dem Arm zu nehmen. Barfnß irrten wir nuu noch eine geraume Weile in Eis uud Schnee umher, wobei nns die erfrorenen Füße unbe schreibliche Schmerzen verursachten; doch was halfen alle— kl — Schmerzen, jetzt galt nur das Eine, — wir müssen nm jeden Preis hinüber, hinüber nach dem Lande unserer Hoffnung, wo uns die goldene Freiheit winkte. Wir waren noch eine kurze Strecke vorwärtsgekrochen, als wir plötzlich die Stimmen der Posten hinter uns tiernahmen, während wir sie doch bisher vor uus hatten, die Lichter waren schon eine geraume Weile größtenteils erlöscht. Vor uns war freies Gelände und weit und breit war keiu Posten zu sehen, sodaß wir annehmen mußten, daß wir uns in der Schweiz befanden. Um jedoch ganz sicher zn gehen, zogen wir unsere Schuhe wieder an uud drangen noch eine beträchtliche Strecke vorwärts, wo wir an einem Bahndamm uns niederließen, um die Dämmerung abzuwarten. Gegen sieben Uhr morgeus, als es bereits Heller Tag gewordeu war, hielten wir Umschau, um uns zu orientieren und — vor Schrecken stockte uns fast der Herzschlag; vor uns in einigen hundert Metern Entfernung saheu wir die französische Grenzwache gemächlich auf und ab spazieren und nach uns hin grüßten höhnisch die blau-weiß-roten Grenzpfähle, wir wareu, wie unglaublich es uus auch erschien, immer noch oder vielmehr wieder auf französischem Boden; unzwei felhaft hatten wir bei dem planlosen Umherkriecheu im Dunkeln eine falsche Richtung eingeschlagen und waren, falls wir die Grenze schon überschritten hatten, wieder dnrch die Posten kette hindurch uud auf französischem Gebiet zurückgerateu. Was nun anfangen? In unserer Verzweiflung versuchten wir den Uebergang am helle» Tage. Die Nachtposten waren bei Tagesanbruch wieder eiugezog'eu worden uud standen die Posten jetzt nur noch mit etwa sechzig bis siebzig Meter Abstand. Ans einem Wegweiser eines in »nserer Nähe dnrch die Felder führenden Wege stand „nach Soral", zwei Kilometer. Dieses Dörfchen Soral war auf unserer Karte als der erste schweizerische Ort kenntlich nnd lag fast auf der Grenze. Von Weitem kouute man am Eingange des Dorfes einen Posten beobachten, der auf der Straße auf nnd ab lief, an scheinend um sich die Füße zu erwärmen. Als wir näher kamen, bemerkten wir, daß er ohne Gewehr war, nnd letzteres wahrscheinlich in dem etliche dreißig Meter abseits der Straße in einem Weinberge befindlichen Schilderhans hatte stehen lassen. Während uuu der Posten den Weg zurück deni Dorfe zulief, wobei er uns den Rücken drehte, rannten wir mit großen Sprüngen in den Weinberg anf das Schilderhaus zu.— S2 — Der Posten, als er uns nicht mehr auf der Straße sah, strebte nnn auch dem Schilderhanse zu, um zu seinem Gewehr zu gelangen und ging so auf unseren beabsichtigten Trick vollkommen ein. Während wir nämlich schon am Schilder- Hanse vorbei rannten, befand er sich noch ungefähr zwanzig Meter davon entfernt und noch bevor er sein Gewehr erreicht hatte, standen wir schon anf der Dorfstraße, — auf ueutralem Bodeu, Der Posten, der nicht wnßte, was das ganze Manöver zu bedeuten hatte uud was er von den beiden zerlumpten Zivilisten halten sollte, durfte unter keinen Umständen über die Grenze hinweg schießen und stand nnn unschlüssig und ratlos und starrte uns an; wir aber wandten uns um und lachten ans voller Kehle, wir waren ja jetzt frei. — Frei nach langem schwerem Ringen, nach endlosen bittern Leiden nnter dem Hasse und in den Klauen einer Nation, die sich „die Große" nennt. Eine unbeschreibliche Freude überkam uns; kaum vermochten wir es zu fassen, das Gefühl der völligen Freiheit verwirrte fast unsere Sinne. Wie im Tranm schritten wir durch die Straßen von Soral, nicht achtend, daß wir Misere Schuhe noch gar nicht wieder zugeschnürt hatten nnd daß uns die Bewohner, die in diesem Teile der Schweiz zum größten Teile nicht deutschfreundlich sind, mit teils neugierigen, teils miß trauischen Blicken verfolgten. In dem Gefühle überschweng lichen Glückes hätten wir jedem Vorübergehenden znrnfen mögen: „Wir sind frei!" Bor dem Dorfe setzten wir nns auf einen Steinhaufen am Wege uud brachten unseren Anzug, so gut es gehen wollte in Orduung, dann marschierten wir weiter bis zn einem Nachbarorte, vou wo aus eine Straßenbahn nach Genf fuhr. Hunger uud Müdigkeit Ware» völlig vergessen, nnr der eine Wunsch beseelte uns, sobald wie möglich nach Genf zu kommen, wo wir wieder Deutsche zn treffen hofften. An der Haltestelle der Straßenbahn ließen wir nns im Straßengraben nieder nnd gaben, als der nächste Wagen herankam, dem Führer ein Zeichen zum Halten, dieser machte jedoch unter verächtlichem Lachen eine abwehrende Hand- beweguug und der Wagen sauste ohue uns mitzunehmen an uns vorüber, man vermutete anscheinend bei solch frage- würdigen Gestalten kein Fahrgeld und wollte derartige Vagabunden nicht als Fahrgäste haben. Verdutzt schauten wir einen Moment dem Wagen nach, dann lachten wir selbst über die komischen Figureu, die wir darstellten und mußten nun wohl oder übel die letzten paar Kilometer bis Genf auch noch zu Fuß zurücklegen.- 63 — Gegen 9 Uhr vormittags langten wir in Genf an, wo wir zunächst in eine Speisewirtschaft eintraten und Essen bestellten. Die Wirtin, die bei unserem Anblick keinen geringen Schreck bekam, war anfänglich unschlüssig, ob sie uns Essen servieren sollte oder nicht. Nachdem wir ihr nun näheren Aufschluß Wege» uuseres bauditeuhasten Aussehens gegeben, setzte sie uns ein gutes Mittagsmahl vor, wouou wir jedoch nur mit Mühe die Suppe genießen konnten; der ausgehungerte Magen wollte absolut keine Speisen mehr annehmen. Wir zahlten und nachdem wir noch die genaue Adresse des deutschen Generalkonsuls erhalten, zogen wir dnrch die Straßen Genfs, um uns der deutschen Behörde zu stellen. Der Empfang und die Bewirtung, die uns in den nnn folgenden Tagen in Genf zu teil wurden, übertraf unsere kühnsten Erwartungen. Von Kopf bis,zn Fuß ueu eingekleidet und wieder zum Menschen umgewandelt, verlebten wir daselbst inmitten von Deutschen nnd unter deren liebevollen Pflege nnd Bewirtung einige sehr schöne Tage nnd werden jene, im Kreise opfer freudiger, von deutschem Geiste beseelter Menschen verbrachten Stunden in meinem Leben stets ein Lichtpunkt bleiben, dessen ich mich immer gleich freudig uud dankbar erinnern werde. Mit deu erforderlichen Papieren versehen setzten wir darauf am 7. März unsere Reise mit der Bahn fort und erreichten über Bern und Basel am 8. März vormittags bei Lörrach in Baden die deutsche Grenze. Dieser Tag, an dem wir zum erstenmale seit längerer Zeit wieder unser» Fuß auf deutschen Boden setzten, auf jene Erde, die so oft in trüben Stunden unter der Glutsonne Afrikas das Ziel unserer Wünsche war, wird stets der Schönste in meiuem Leben sein und werde ich die überwältigenden Gefühle und Eindrücke nie vergessen, die auf mich einstürmten, als ich wieder riugs um mich herum deutsche Soldateu und deutsches Wesen sah, jetzt erst wich der Druck des Gefangenseins völlig von nrir und machte einer stolzen ruhigen Gewißheit Platz: Ich war wieder frei! wieder deutsch!cm 1 2 Stsstsbidliottiek 7v Sellin pi's^izisctiei' ^ulwi-desit^ Eebr. Hofer, Saarbrücken
