Kaiser Wilhelm II. eröffnet den Deutschen Reichstag am 4. August I>-)I4 im Schlosse zu Berlin. Marsch! Marsch Hurra! Die Erlebnisse zweier Kriegsfreiwilliger im Weltkriege Für jung und alt erzählt von Oberleutnant a. D. Dans Miilig und Rektor K. Weichert Veriag, Verlin N.G./-I ? i? b ^5 ^ Sämtliche Rechte vorbehält«!. TopAiight I»I4 dg A. Welchnt, Berlio.1. Kapitel. Hans und Zram aus Vorderhaus und Hinterhaus. erlin, jen den glorreichen Kriegen von 1870—71 d> s Deutschen Reiches Hauptstadt, ist eigentlich gar keine Stadt mehr im üblichen Sinne! Die alte preußische Hauptstadt hat eine so gewaltige Entwicklung genommen, hat d-e früher in ihrer Nähe gelegenen kleineren Stadt- und Dorfgemein den an sich mit herangezogen, daß man heute unter „Groß-Berlin" eine Art Stadtprovinz mit Millionen von Einwohnern ver steht. So viel Einwohner hat nicht einmal die gesamte Schweiz und nicht einmal das große Land Norwegen. Groß-Berlin ist der Sammelpunkt vieler Tausende von Fami lien geworden, die aus den verschiedenen Provinzen und Ländern des Deutschen Reiches zusammenströmten, um hier Geld zu ver dienen und emporzukommen. Eine große Entwicklung hat diese Stadtprovinz genommen. Ohne andere deutsche Haupt- und Großstädte herunterzudrücken, ist Groß-Berlin doch der Brennpunkt des deutschen Lebens geworden. In Berlin wohnt der Deutsche Kaiser, tagt die deutsche Volksver tretung: der Reichstag. Und in diesen Brennpunkt des deutschen Lebens brach im Som mer 1914 der Ruf: Krieg I Wenn auch alle deutschen Gaue der Ruf des Kaisers „zu den Waffen" mit brausender Gewalt durcheilte und eine Kriegs begeisterung wachrief, die den Sturm von 1813 und 1870 noch über traf — in Groß-Berlin trat diese Begeisterung doch am fühlbarsten zutage, weil eben hier auf engere Räume sich Millionen von Deut, schen aller Stände zusammendrängen. — Li4 In einem Vororte von Verlin liegt eine lange Straße mit modernen Mietshäusern besetzt. Man nennt diese Mietshäuser oft nicht mit Unrecht „Mietskasernen", denn wie in einer Kaserne wohnen viele hunderte Menschen in einem solchen Hause neben-, über- und untereinander. Im Hause „Langerdamm 12" wohnten nicht weniger als 6V Familien. Da war ein Vorderhaus, zwei Seitenflügel, em soge nanntes „Gartenhaus" und ein zweites Hinterhaus. Der Aus druck „Gartenhaus" ist freilich eine Übertreibung, denn :in vier stöckiges Haus, auf dessen Hos einige Fleckchen grünen Kasens mid einige nicht gerade von Kraft strotzende Bäumchen uns Sträucher stehen, kann im eigentlichen Sinne wohl nicht gut als „Gartenhaus" angesprochen werden. Wer die Bewohner fühlten sich Wohl darin. Sie fühlten sich Wohl darin, weil sie einen guten Hauswirt in dem Fabrikbesitzer Wilhelm Knorr besaßen, der sie nicht drückte, sondern freundlich zu jedermann aus Vorderhaus und Hinterhaus war. Es war also im Sommer 1914, am 28. Juni. Ein prächtiger Sonntag. Herr Wilhelm Knorr machte mit seiner Frau einen Spaziergang durch die in der Nähe des Hauses gelegenen Anlagen. „Guten Tag, Herr Knorr," grüßte da ein anderer Mann, de? ebenfalls mit seiner Frau einen Sommersonntag-Spaziergang ge macht hatte, „haben Sie schon das Extrablatt gelesen?" „Welches Extrablatt?" fragte erstaunt der Angeredete, wäh rend die Miene seiner Frau einen etwas ängstlichen, erwartungs vollen Ausdruck annahm. , An der Zeitungsausgabestelle ist es angeschlagen: der oster- reichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand m^d dessen Zat tin sind in Serajewo ermordet worden!" „Das ist ja furchtbar — der arme Kaiser Franz Joseph von Oesterreich, er verliert aber auch alles durch Mord und Verrat. Sein Bruder Maximilian wurde in Mexiko erschossen, seine Frau fiel in Genf durch Mörderhand, sein einziger Sohn Rudolf sank durch mörderische Tragi! ins Grab — und nun auch noch sein Neffe, der Thronfolger!" „Das ist ein böses Unglück, das der Täter, ein haßerfüllter Serbe, da angerichtet hat, eine Untat, die von schlimmen Folgen5 sein wird/' sagte der Maschinenschlosser Briese, der seinen Wirt angeredet hatte. Knorr wie Briese waren beide sehr interessiert für öffentliche Angelegenheiten und hatten oft schon Gespräche über Politik und Kriegsgefahr geführt. „Wenn das nur nicht neue kriegerische Verwickelungen auf dem Balkan hervorruft, denn Oesterreich muß den Mörder und seine serbischen Helfer schwer bestrafen." „Hoffentlich wird dann aber der Kampf dort un ten im Südosten Europas ausgetragen und greift nicht etwa weiter um sich, Zündstoff ist genug in der Welt aufgehäuft. Oester reich ist mit Deutschland verbündet: Rußland, Eng land und Frankreich sind seit Jahren gerüstet, um im geeigneten Augenblick über das machtvoll auf strebende Deutschland her zufallen!" „Nun, wir wollen das Beste hoffen, sagte der Schlosser Briese. Aber das Hoffen beider Männer war vergebens. — Die Er eignisse folgten schnell aufeinander. Oesterreich drohte dem Serben volke, das seit Jahren danach strebte, österreichisches Gebiet an sich zu reißen, den Krieg an, mußte ihn androhen, um seine Ehre und sein Ansehen zu schützen. Serbien lehnte die berechtigten Forderun gen Oesterreichs ab, indem es auf die ihm längst zugesagte russische Hilfe vertraute. Deutschland mußte die Schritte Oesterreichs gut heißen. Das war aber für die Russen, Franzosen und Engländer ein willkommener Anlaß, endlich gegen den lange schon gehaßten „deut schen Feind" aufzutrumpfen. Der Mord in Serajewo war nur der äußere letzte Anlaß zum Ausbruch eines Krieges, wie ihn die Welt- Kaiser Franz Joseph,Geschichte noch nicht erlebt hat. Der wahre Grund war der Neid auf Deutschlands Macht und Größe! Rußland wollte die blühende deutsche Kultur vernichten und deutsches Land unter die russische Knute bringen, Frankreich wollte in verblendetem Hochmut seine Demütigung von 1870 auslöschen und England — der schlimmste und bösartigste Hasser des deutschen Aufschwungs im Welthandel — wollte Deutschlands Weltmacht zerstören. „Feinde ringsum!" sagte Herr Knorr am 30. Juli zu seinem Hausnachbar und Mieter Briese, „die Kriegsbereitschaft ist befohlen, es kommt zur Entscheidung!" „Na, unsere Jungen werden schon zu kämpfen wissen wie unsere Väter in den drei Kriegen Wilhelms des Ersten." »Ja, ja, lieber Briese, nicht nur unsere deutschen Jungen, die Soldaten, unsere eigenen beiden Jungen sind ja auch dabei. Mein Sohn Hans schwärmt ja schon seit Jahren für Soldatenwesen, beson ders seit er Pfadfinder und Wandervogel ist, und Ihr Franz hat ja als frischer freier froher Turner auch den Mut, das Vaterland, wenn es sein muß, zu schützen." „Wo weilt denn Ihr Sohn zur Zeit?" fragte Schlosser Briese. „Er ist mit meiner Frau während der Ferien in der Schweiz. Ich werde aber sofort telegraphieren, daß er zurückkommt. Es ist Zeit, das Ausland zu verlassen und in die Heimat zurückzukehren." „Mein Sohn Franz kann gar nicht genug Zeitungen bekommen. Er sitzt den ganzen Abend, sobald er aus der Fabrik nach Hause kommt, und liest und liest, was da wohl in der Welt werden mag. Er hat mir schon gesagt, .wenn es Krieg gibt, gehe ich sofort frei willig mitV „Sehen Sie, das ist brav, lieber Briese, so müssen deutsche Jungen in dieser ernsten schweren Zeit denken! Es geht um unsere ganze Existenz! Ich hoffe, mein Hans denkt auch nicht anders!" Die von den Vätern so erwähnten beiden Jungen Hans und Franz waren Jugendfreunde. Hans, der Sohn des Fabrikbesitzers Knorr, hatte fchon als Sechsjähriger den freundlichen, artigen, gut erzogenen Knaben des Maschinenschlossers Briese aus dem Hinter haus zu sich in sein Spielzimmer geladen, und beide Knirpse hatten fleißig auf der großen Diele mit Bleisoldaten gespielt. Die beiden Knaben waren fast gleichaltrig, Hans aus dem Vor derhaus war kaum ein Jahr älter als Franz aus dem Hinterhaus. s7 Hans zählte jetzt 18, Franz 19 Jahre, Hans war noch auf der Schule weil er später Deutschwissenschaft studieren wollte, Franz aber hatte seine Lehrzeit als Schlosser und Maschinenbauer vor kurzem beendet und arbeitete in einer großen Fabrik im Norden Berlins. Trotz dem aber Franz harte, schwielige Hände von seiner Arbeit hatte, war Hans, der gelehrte Primaner, nie zu stolz, um seinem Jugend freunde aus dem Hinterhause noch wie früher in der Kindheit freundschaftlich und herzlich die Hand zu reichen und mit Hm zu plaudern. „Unsere Freundschaft soll bleiben, wenn uns auch unser Lebens weg einmal auseinanderführt," hatte noch vor den Sommerferien Hans zu Franz gesagt, „ich werde dir aus der schönen Schweiz alle Woche eine Ansichtskarte mit den himmelanragenden Bergen schicken/ „Damit wirst du mich sehr erfreuen," erwiderte Franz beim Abschied, „du weißt, ich sammle schöne Ansichtskarten, man kann daraus viel lRnen!" „Du bist überhaupt ein lerneifriger Musterknabe," lachte der langaufgeschossene Primaner den gedrungenen jungen Schlosserge-- selten an. „Junge, wenn ich stets so fleißig gewesen wäre wie du, so hätte ich jetzt schon das Abiturientenexamen gemacht und müßte nicht noch über sin Jahr die Schulbank drücken und mich mit alten toten Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften abärgern! Aber warte, später als Student treibe ich nur noch meine geliebte deutsche Sprachwissenschaft, allen anderen Wissenskrempel werfe ich über Bord." „Aber etwas Französisch will ich immer noch von dir lernen/ sagte lachend auch Franz. „Das macht mir großes Vergnügen!" Hans, der höhere Schüler, hatte sich am engsten an Franz, den Volksschüler, angeschlossen, als beide in ihrem zwölften Jahre zu sammen in einem Ostseebade zusammentrafen. Der Schlosiersohn Franz wurde mit einer Ferienkolonie dorthin geschickt, der Fabrikan» Lensahn Hans weilte mit seinen Eltern dort zur Sommerfrische. Ferienarbeiten macht man ja heute nicht mehr viel, weil die Lehrer erkannt haben, daß sie wenig Wert haben. Der fleißige, strebsame Franz Briese aber arbeitete selbst in der Ferienkolonie täglich eine Stunde. Namentlich interessierte er sich für Geschichte und Natur wissenschaften. Hans mußte oft über sein Wissen in Geschichtszahlen, in Physik und Chemie staunen.„Du weißt ja mehr wie ich!" pflegte er oft auszurufen. „Wir wissen immer nur das, was der Lehrer gerade durchnimmt." Hier an der Ostseeküste hatte Franz Briese seinen Freund Hans' Knorr auch gebeten, ihm etwas Französisch beizubringen. Auch dabei staunte Hans, wie schnell der Schlossersohn und Volksschüler Franz begriff und welchen Eifer er beim Vokabellernen entwickelte. Mit einem Worte: Hans aus dem Vorderhaus und Franz aus dem Hinterhaus waren Freunde geworden. Freunde, wie man sie nicht oft trifft. Das Vorderhaus hatte keinen Hochmut und zeigte keine Ueberhebung, und das Hinterhaus hatte keine Scheu. Hier war hoch und niedrig im kleinen einig. Hoch und niedrig, arm und reich sollte in den nächsten Tagen in ganz Deutschland zeigen, daß das ganze deutsche Volk in Not und Tod, und Krieg und Sieg ein einzig Volk von Brüdern sein sollte! W. und 31. Juli hatte Kaiser Wilhelm mit dem Russenzaren Depeschen gewechselt und ehrliche Worte gebraucht, um den Frieden zu erhalten. Der Russenzar Nikolaus suchte faule Ausreden, um den deutschen Kaiser hinzuhalten, leugnete die Kriegsvorbereitungen ab und belog und betrog den deutschen Kaiser aus das Schmählichste. Kaiser Wilhelm II. KaisU Wilhelm gab am 1. "August 1914 den Befehl zur Mobile machung, da sicher« Nachrichten vorlagen, daß unsere Ostgrenze von längst kriegsstar ken russischen Heeren und daß unsere West grenze von ebenfalls längst mobilisierten französischen Heeren be droht war. Noch län ger die deutsche Mobil machunghinauszuschie ben, wäre gefährlich für den Bestand des Deutschen Reiches ge wesen. Aber noch am S9 Der Zar, der vor einem Jahrzehnt im holländischen Haag mit vielein Trara sogenannte „Friedenskonferenzen" der Völker abhalten ließ zeigte sich in seiner ganzen Hinterhältigkeit. Aus dem sogenannte?' Friedenszaren war ein barbarischer Blutzar geworden, der sein verwilderten Horden — denn Krieger konnte man die Russen nack> ihren bald auftretenden Greueltaten nicht nennen — in die geseg neten Gefilde Deutschlands sengend und brennend einbrechen ließ. Frankreich war dem Zaren verbündet, weil es sein Geld an Rußland geliehen hatte; das heuchlerische und gleisnerische England aber saß auf der Lauer, um gleich nach der deutschen Mobilmachung wie ein frecher Räuber über Deutschlands Handel und Weltmacht- stellung herzufallen. Schon in der Nacht vom 2. zum 3. August brachen russische Truppen an verschiedenen Stellen über die deutsche Grenze; damit hatte Rußland den Krieg eröffnet. Zu derselben Zeit wurden unsere Postenketten an der Westgrenze von französischen Truppen ohne Kriegserklärung angegriffen. Es trat ein lange schon abgekarteter Ueberfall auf Deutschland zutage. Man hatte Deutschland das Schwert in die Hand gedrückt. Und das gute, alte, stets scharf gehaltene Schwert Deutschlands flog aus der Scheide und schlug bald in blutigen Schlachten seine Gegner, die es zu vernichten getrachtet hatten. Auf steigenden Rossen die Führer voran! Die Schwerter gezogen voran ins Feld! Ganz Deutschland dahinter ein einziger Mann, Ein einziger Mann und einziger Held! 2. Kapitel. Das Volk steht aus, der Sturm bricht losk Wie wir schon sagten, war Hans Knorr im Juli mit seiner Mutter in der Schweiz. Als die Kriegswolken drohender wurden, bot auch die freie neutrale Schweiz ihren Landsturm auf, um ihre Grenzen und ihre Neutralität, ihre Unantastbarkeit zu schützen.10 Hans sah, wie in dem von Fremden viel besuchten Dorfe Wen gen im Berner Oberland das Schweizer Aufgebot erfolgte. Hotel angestellte, Hausdiener, Bahnwärter und Bahnbeamte, Bauern und Arbeiter waren in Zeit von einigen Stunden marschbereite Sol. daten, als der Mobilmachungsbefehl durch Trommelschlag in den Schweizer Dörfern bekannt gegeben wurde. „Mutter, das sind Soldaten, diese Schweizer; das sind Leute, die ihr alles setzen an die Verteidigung ihres Vaterlandes! Und da sollte ich als Deutscher nicht ins Feld ziehen, wenn man mein Vaterland vernichten will! Nimmermehr! Wir wollen so schnell wie möglich nach Hause eilen, mein Entschluß ist gefaßt: ich stelle mich freiwillig und zwar bei dem Regiment, in dem mein Vater einst gedient hat, bei den Grenadieren in Königsberg." Frau Knorr hatte zwar in mütterlicher Sorge noch einige Ein wendungen. Aber der Entschluß des mutigen, kriegsbegeisterten Hans war unweigerlich. „Mein Vater hat in dem Königsberger Grenadierregiment gedient, mein Großvater hat mit diesem Regi ment den Feldzug von 1870 mitgemacht, ich will diesmal nicht zu rückbleiben, ich will mich meiner Väter würdig erweisen." Schließlich war auch Frau Knorr einverstanden, war sie doch auch eine Tochter Ostpreußens und hatte mancherlei von den russi schen Horden gehört. „Nur die Nüssen nicht ins Land lassen, das sind barbarische Bestien in Menschengestalt!" Und daß ihr lieber Sohn Hans in das Königsberger Grenadier regiment eintreten wollte, das war ihr schließlich auch recht, hatte sie doch ihren Mann während seiner Dienstzeit in Königsberg kennen und lieben gelernt. Unter großen Schwierigkeiten kam Hans Knorr mit sei;, er Mutter aus der Schweiz nach Berlin zurück. Die wenigen Persom ^ züge fuhren sehr langsam, da gleich vom ersten Mobilmachungstaae an gewaltige Truppenmengen an die Grenzen befördert wurden. An den Eisenbahnwagen der Truppenzüge lasen Hans Knorr und seine Mutter gleich in den ersten Mobilmachungstagen recht drollige Inschriften: „Nach Paris!"; „Hühnerfrikassee in Paris — Bärenfrikassee in Petersburg!" „Feste druff!" „Antreten zum Tanz-^ vergnügen mit den Nothosen".Fahrt nicht nach Serbien, Nikolaus, jetzt hüte dir, Da ist nichts zu erbien, Nikolaus, jetzt kommen wir! Fahrt lieber nach Westen, Nikolaus, du wirst verhaut, Da' fluscht es am besten! Daß es dir, mein Junge, graut! In Paris, da ist es jetzt sehr mies, Jeder Schuß — ein Ruß! Aber wenn wir erst dort einmarschieren, Jeder Stoß — ein Frai M! Da woll'n wir uns schon amüsterenl Jeder Tritt ein Briii Auf österreichischen Wagen konnte Hans folgende Verst icsc-iz Gegen den Meraner Stutzen Wird den Russen kein Zar nichts nutzen. Am Balkan und im Norden Bedrohen uns feindliche Horden. Lieb Vaterland magst ruhig sein. Nie schießt ein Schutze nebendrein. Ari verschiedenen Wagen standen vollständige Verse.12 Wenn Tiroler auf zum Felde zish'n. Mutz der Feind von weitem flieh'n. Denn ist das Schwarze noch so klein. So mutz ein jeder Schutz hinein. In Belgrad, wo die Serben stehenI Wird man viel Serben sterben sehen! Im Elsaß, wo Franzosen Hausen Da werd'n wir Frankreichs Hosen zausenI — Die Bahnübergänge und Eisenbahnbrücken wurden überall schon von Soldaten und freiwilliger Bürgerwehr bewacht, hatte man doch sichere Anzeichen, daß französische Flieger versuchen würden, die deutschen Bahnen, ihre Brücken und Viadukte zu sprengen. Ver sucht wurde es auch, aber nirgends gelang es, trotzdem die fran zösischen Flieger das angeblich neutrale Belgien überflogen, um die Deutschen zu überrumpeln. In Frankfurt am Main hatten Hans Knorr und seine Mutter sine Nacht Aufenthalt nehmen müssen, da wegen der Truppentrans porte der Personenverkehr stark eingeschränkt war. Friedlich schliefen Mutter und Sohn im Frankfurter Gasthaus nach zwanzigstündiger, anstrengender Eisenbahnfahrt. Da plötzlich in der Nacht ertönt Gewehrfeuer. Mehrere Sal ven krachen! Beide wachen auf! „Was ist das, Hans?" fragte Frau Knorr schlaftrunken. „Das ist ein Gefecht!" „Aber in aller Welt, hier in Frankfurt?! Die Feinde können doch noch nicht hier mitten im deutschen Lande sein?!" Die Feinde waren tatsächlich im Herzen Deutschlands. Freilich waren es nur drei französische Flieger, die unter dem Dunkel der Nacht gekommen waren und versucht hatten, über dem für die Mobile machung so sehr wichtigen Frankfurter Hauptbahnhof Bomben ab- zuwerfen. Aber unsere deutsche Bahnhofswache hatte gut aufgepaßt: mit einigen wohlgezielten Gewehrsalven wurden die naseweisen Feinde aus dem Nachthimmel vertrieben, so daß sie nicht wiederkamen.13 Der uns auch schon bekannte Maschinenschlosser Briese saß w semer aus zwei Stuben und Küche bestehenden Wohnung im Hinter hause des Langerdamms. Eifrig las er in seiner Zeitung. „Wo nur wieder der Junge, der Franz, bleibt! Es ist doch längst Feierabend," sagte er zu seiner geschäftig in der Küche herum hantierenden Frau. „Er wird Wohl wieder in Berlin unter den Linden sein! Du weißt ja, da steht jetzt die kriegerische Begeisterung in ihrer edelsten Blüte." Und so war es. Franz Briese war direkt von seiner Arbeit aus nach der alten Kriegs- und Siegesstrahe, den Linden in Berlin, ge gangen. Kaiser Wilhelm war ja an diesem Tage von seiner ge wohnten Erholungsreise durch die norwegischen Gewässer zurück gekehrt. Die Berliner wollten jetzt ihren obersten Kriegsherrn sehen und wollten ihn sprechen hören. Unverrückbar, eine gewaltige Menschenmauer, harrte das Publi kum aus allen Ständen vor dem alten, grauen Königsschloß. De stand der Geheimrat neben dem Arbeiter, der Kutscher neben dem Großkausmann, der Lehrer neben dem Schüler, der Millionär neben dem Arbeiterinvaliden. Das „Heil dir im Siegerkranz" wurde von den Wartenden an gestimmt; unser Franz Briese, der schon in der Schule wegen seine-', guten Singstimme oft belobt worden war, sang mit Begeisterung in der vordersten Reihe mit. Mächtig brauste der Gesang zu dem Schloß und in den Nacht. Himmel empor. Da öffneten sich die auf einen großen Balkon herausführenden Fenstertüren. Der Kaiser mit ernstem, eisernem, entschlossenem Gesicht, die Deutsche Kaiserin und einige Prinzen traten auf den Balkon. Ein einziger, vieltausendfacher Hurraschrei brandet empor zu dem obersten Heerführer des Deutschen Volkes, der mit einer Arm - Bewegung Ruhe heischt. Klar und scharf hallen die Worte des Kaisers über den Platz; Franz Briese aber blickt seinem Kaiser in die harten, blauen Krieger augen: „Eine schwere Stunde ist heute über Deutschland hereingebro chen. Neider überall zwingen uns zu gerechter Verteidigung. Man14 -rückt uns das Schwert in die Hand. Ich hoffe, daß, wenn es nicht in letzter Stunde meinen Bemühungen gelingt, die Gegner zum Ein gehen zu bringen und den Frieden zu erhalten, wir das Schwert mit Gottes Hilfe so führen werden, daß wir es mit Ehren wieder in )ie Scheide stecken können. Enorme Opfer an Gut und Blut würde :in Krieg vom Deutschen Volle erfordern, den Gegnern aber würden Vir zeigen, was es heißt, Deutschland anzugreifen. Und nun '.mpfehle ich euch Gott. Jetzt geht in die Kirche, kniet nieder vor Hott und bittet ihn um Hilfe für unser braves Heer! Ich danke für Äe Liebe und Treu, die mir erwiesen worden. Wenn es zum Kampfe Z'ommt, hört jede Partei auf. Wir sind nur noch deutsche Brüder, ^n Friedenszeiten hat mich ja wohl die eine oder die andere Partei angegriffen, das verzeihe ich von ganzem Herzen. Wenn unser Nach- ar den Frieden uns nicht gönnt, dann hoffe und wünsche ich, daß unser gutes deutsches Schwert siegreich aus dem Kampfe hervorgeht." Franz Briese wurde ergriffen im tiefsten Herzen. „Hurra unser Kaiser!" rief er als einer der ersten. „Ein solcher Kaiser muß und wird Deutschland zum Siege führen!" Und unter dem Gesang der „Wacht am Rhein" entfernte sich der Zug, der auch vor dem Reichskanzlerpalast in der Wilhelmstraße hielt, vor dem Palaste, in dem einst der Schmied des Deutschen Reiches, der eiserne Bismarck gewohnt und in dem jetzt der Kanzler Vethmann-Hollweg die Geschicke der deutschen Politik leitete. Auch hier stand Franz Briese in der vordersten Reihe der Be geisterten, dabei tief Erregten und hörte den Reichskanzler die Worte sagen, die einst Prinz Friedrich Karl geprägt hatte: „Lastet eure Herzen zu Gott schlagen und eure Fäuste auf den Feind!" Der Ernst der Lage brach sich in dem Absingen des Chorals „Lobe den Herrn" Bahn, in dessen feierlichen Klängen die feste Zuver sicht und das Vertrauen unseres Volkes, für eine gerechte Sache ein zutreten, einen großartigen, ergreifenden Ausdruck fand. Franz Briese kam erst spät nach Hause. „Vater, ich trete freiwillig sofort in das Heer ein. Ich wäre ja ein elender Wicht, wenn ich wollte zuhause hinterm Ofen sitzen, wenn ganz Deutschland, das ganze Volk sich erhebt, um in dem an brechenden Sturm seine Ehre und sein Vaterland zu verteidigen!"„Du bist noch zu jung, auch scheinst du mir noch lange nicht kräftig genug zum Soldaten, deine Brustweite ist mir auch zu gering. Ich kenne das, denn ich bin auch Soldat gewesen und zwar gern. Wer du darfst die Anstrengungen eines Feldsoldaten, zumal eines freiwillig schnell ausgebildeten, nicht zu gering anschlagen," wagte der Vater einzuwenden. „Lies, Vater, diesen Vers, den ich heute in der Zeitung gesunden habe, er paßt für mich." Und Vater Briese las: „Ein junger Bursche, siebzehn Jahr. Steht im Bezirks-Gedräng — Der Stabsarzt sagt ihm klipp und klar: „Die Brust ist viel zu engl" „Für eine Kugel breit genug" Sagt keck der junge Schneuz, „Und wenn es Gott im Himmel will. Auch für ein Eisern Kreuz." Das alte Soldatenherz des Vaters schlug. Der Junge war sein Blut! Lieb Vaterland, magst ruhig sein! „Na dann gib her einen Bogen Papier!" Vater Briese schrieb auf ein Blatt: „Hiermit gebe ich meinem Sohne Franz Briese, geboren am 8. April 1897, die Einwilligung, freiwillig in den Kriegsdienst ein zutreten." Jubelnd und tränenfeuchten Auges fiel der große Junge seinem Vater um den Hals. „Hurra, Krieg, und ich kämpfe mit!" Mutter Briefe aber zerdrückte einige stille Tränen in ihren Augen. Einer Mutter wird es immer schwer, ihren Sohn herzu geben. Mütter sind nun einmal weicher als die Väter. Und das ist gut so! Denn die Mutterliebe ist ja doch die höchste und größte Liebe. — Am Montag, den 3. August 1914 gab es in ganz Deutschland !n allen Garnisonstädten einen gewaltigen Andrang von Kriegs-- freiwilligen. Eine Kriegsbegeisterung hatte unsere deutsche Jugend erfaßt, gegen die der Andrang zu den Waffen 1813 und 1870 vollständig verblaßte. IS16 Die Mobilmachung der gedienten Reservisten aus dem Vorder- Hause, den Seitenflügeln, dem Gartenhause und Hinterhause des Langendamms Nr. 12 vollzog sich wie am Schnürchen. Man konnte nachrechnen, daß aus fünfzig oder sechzig Familien, die in dem Hausgrundstück wohnten, mindestens ein Glied — Vater oder Sohn, zft mehrere Söhne — zu den Waffen einrückten. Und was die Hauptsache war: gern einrückten, während man bald aus Nußland und Frankreich erfuhr, daß die Leute mit mehr oder weniger Gewalt, mit Strafen und Bußen — in Nußland sogar mit der Knute — in die Reihen ihrer Regimenter hineingetrieben werden mußten. Da hielt es natürlich die Jugend nicht! Nicht weniger als zehn Kriegsfreiwillige stellte das eine Berliner Mietshaus. Und wie in diesem Hause, so war es überall in Groß-Berlin und in allen andern deutschen Städten und Dörfern. Man hat später festgestellt, daß sich in den ersten Augusttagen des Jahres 1914 über anderthalb Millionen junge Leute von 16 bis 20 Jahren in Deutschland und Oesterreich freiwillig zur Fahne gestellt haben. Franz Briese hatte es gar nicht so leicht, angenommen zu wer den. Die Berliner und Potsdamer Regimenter waren schon nach wenigen Stunden so überfüllt, daß sie keine Kriegsfreiwilligen mehr annehmen konnten. „Ich will aber mit und ich werde mitkommen," sagte sich unser Franz, als er die vierte Kaserne verließ, in der nicht mehr ange nommen wurde. „Es gibt ja noch genug Regimenter in der Pro vinz. Mein Vater hat in Wesel am Rhein gedient. Warum sollten sie dort nicht einen Soldatensohn noch annehmen!" — Im Geschäftszimmer des Berliner Ersatzbataillons hatte Franz Briese noch ein für die große kriegsbegeisterte Zeit charakteristisches Erlebnis. Es kommt schüchtern ein anscheinend noch schulpflichtige? Bürschchen in das Zimmer. Trotzdem der Feldwebel, die Schreiber und andere Dienstper sonen anwesend sind, entdeckt das Auge des Herrn Hauptmanns das Kerlchen, das barfuß und nur notdürftig bekleidet in respektvoller Entfernung nahe der Tür stehengeblieben ist und die Mütze unge duldig in der Hand dreht. „Was willst du, mein Junge?" fragte der freundliche ältere Herr mit den klirrenden Sporen an den Stiefeln.1? . „Ick will in den Krieg ziehn!" kommt zuversichtlich die Ant- woct von des Jungen Lippen. „Ich kann dich aber nicht brauchen, mein Sohn!" „Ick will aber, Herr Hauptmann!" ruft der Knirps. „Ick Hab' schon mit den Oeberften da an die Mauer gesprochen (dem Wacht posten wahrscheinlich), und der sagt: „Ick kann!" „Wie alt bist du denn?" „161 — aber den 3. Oktober werd' ick 16, Herr Hauptmann!" „Na, geh' nur nach Hause! Was sagt denn dein Vater?" „Der sagt: ick kann!" ruft das Kerlchen entschiedener noch als vorher. „Ja, wir ziehn ja noch gar nicht in den Krieg; wir bleiben jetzt hier," erklärt der Hauptmann dem enttäuschten Jungen. „Ick will aber in den Krieg!" ist das letzte Wort des Jungen, der es nicht verstehen kann, daß es in solch ernsten Zeiten Menschen geben kann, und gar noch richtige Soldaten, die nicht in den Krieg ziehen. Und er geht nach der Tür, um an der nächsten Stube aufs neue den Versuch zu machen, freilich auch vergebens. Man hatte so viel gesunde, kräftige Kriegsfreiwillige, daß Tausende abgewiesen werden mußten. Deutschland und Oesterreich brauchten es noch nicht so zu machen wie die Franzosen, die alle schwächlichen, kränklichen, schiefen und krummen Jungen schon vom sechzehnten Jahre an in ihr Heer einstellen mußten, um überhaupt Soldaten zu bekommen. Hans Knorr aus dem Vorderhause erhielt gleichfalls von seinem Vater den Erlaubnisschein. Er nahm sein Einjährigen-Zeugnis und fuhr schleunigst — soweit man bei den in Mobilmachungszeiten allein verkehrenden „Militär-Lokalzügen" von Schleunigkeit sprechen kann — nach Königsberg in Ostpreußen, um ebenfalls bei dem Regiment seines Vaters einzutreten. ^ Er hatte Glück, er wurde genommen, trotzdem auch dort der Andrang der Freiwilligen ein überaus großer war. — Nun war aber für den jungen Krieger, der freiwillig sein Leben dem Vaterlande zur Verfügung stellte, noch eine böse Klippe zu nehmen, nämlich das Abiturientenexamen! Wie ein Alp drückt bekanntlich auf alle höheren Schüler die Sorge vor den Prüfungen, (lle Jahre gibt's eine scharfe Versetzungsprüfung, beim Uebertri ' aus der Untersekunda in die Obersekunda: das Examen für den 2 Marsch! Marjchl18 „wissenschaftlichen Nachweis der Befähigung zum Einjährig-Freiwil- ligendienst" und nach zwölfjähriger Schulzeit endlich das „Abiturien tenexamen". Wer von unfern Lesern eine höhere Lehranstalt besucht oder sonst ein Examen zu machen hat, der weiß, w i e schwer einem die Wochen und Tage vor einer Prüfung werden! Nun war aber bestimmt worden, daß diejenigen jungen Leute, Schüler, Studenten, Kandidaten usw., die in den Krieg ziehen woll ten oder mußten, ein sogenanntes „Notexamen" vor der eigentlich geschriebenen Zeit machen konnten. Diese Bestimmung kam unserm Hans zugute. Mit noch sechs anderen Primanern wurde er, da er den Annahmeschein seines Re giments beibrachte, in der Notprüfung auf Universitätsreife geprüft. Es waren fünf schriftliche Arbeiten zu machen und in sieben Fächern mußte er seinen Wissensvorrat vor der gelehrten Prüfungs kommission auskramen. Man machte es glimpflich! Der gestrenge Schulrat, der sonst zu den Prüfungen zu kommen pflegt, erschien nicht, der Direktor der Schule leitete die jungen Leute glücklich über die gefürchteten Klippen. Als Aufsatz hatte Hans zu behandeln: „Warum ist der gegen wärtige Krieg ein Befreiungskrieg?" Mit schwungvollen Worten wies er nach, daß Oesterreich und Deutschland von ihren neidvollen und bösartigen Nachbarn überfallen seien, daß aber der beginnende Krieg das deutsche Volk fr-n machen solle von russischem Barbaris mus, vom Druck der Neider und Feinde — auch der englischen! — von fremdländischem Wesen in Wort und Schrift, von den Feinden deutscher Kultur, deutscher Industrie und deutschen Handels! Auch innerlich befreien sollte der große Krieg von mancherlei Mängeln und Fehlern, die dem Deutschtum in den letzten Jahrzehnten an hafteten. Ein großes, freies deutsches Volk sollte in Verbindung mit den österreich-ungarischen Völkern dem Europa des 20. Jahr hunderts den Segen der Freiheit, Wohlfahrt und Gesittung bringen. Die mündliche Prüfung war auch milde. Selbst Scherzsragen gestatteten sich die Herren Professoren. Am Tage der Prüfung war nämlich die Nachricht gekommen, daß der deutsche. Kreuzer „Augsburg" den russischen Kriegshafen Libau in Brand geschossen hatte.„Wo liegt Augsburg?" lautete eine Hans zunächst verblüffe ^ Frage. „Am Lech in Bayern," sagte prompt und richtig u, Examenkandidat. — „Ach wo, lieber Freund/' sagte der joviuls Herr Professor, „Augsburg liegt in der Ostsee vor Libau!" „Wo liegt aber Breslau?" wurde weiter gefragt. Hans war jetzt gewitzigt, denn ebenfalls am Prüfungstage war die Kunde ein getroffen, daß der deutsche Kreuzer „Breslau" die französischen Häfen in Algier beschossen hatte. Er sagte daher treffend: „Breslau liegt im Mittelmeer V05 französischen Häfen im afrikanischen Algier!" „Richtig — Sie können gute Kriegsgeographie!" Prüfungskollegium und Schüler konnten sich eines herzhafte Lachens nicht erwehren. „Wie waren Oesterreich und Preußen 1866 und wie sind sie 1914?" »Im Jahre 1866 waren sie entzweit, jetzt sind sie geeint!" „Nichtig, junger Freund! Na, ich sehe, Sie wissen etwas!" So bestand Hans mit Leichtigkeit das Kriegsexamen. Freude strahlend kam er nach Hause.20 „Bestanden!" — Das so inhaltsschwere Wort rief er seiner Eltern und seiner Schwester Grete zu, die gerade dabei war, einen Brief an ihren Verlobten, den Kaufmann und Vizefeldwebel der Reserve Gustav Drews zu schreiben. Die Verlobung war Pfingsren geschloffen worden; Grete Knorr — ein junges, liebes Mädchen von 13 Jahren — war aber beim Eingehen der Verlobung mehr den Wünschen ihrer Eltern gefolgt als ihrem Herzen. In ihrem Herzen hatte sie nämlich immer etwas übrig gehabt für den klugen aber armen Franz Briese aus dem Hinterhaus?. Zu einer Liebeserklärung war es freilich nie gekommen. Fran^ verehrte nur im stillen die junge Dame, die in den Kinderjahren auch mit ihm gespielt hatte, die ihm aber zu hoch stand, um sich ihr als Anbeter zu nahen. Vater Knorr erhoffte von einer Verbindung seiner Tochter mit Gustav Drews geschäftliche Vorteile, da der alte Drews schwer reich war und sein einziger Sohn Gustav einst Fabrik und Vermögen seines Vaters erben sollte. Grete Knorr fand Gustav Drews auch recht nett, er war ein feiner jnnger Mann, der aber gar zu sehr den Stolz des Geld- beutels herauskehrte und besonders nicht wenig stolz darauf war, einjährig gedient zu haben und die Aussicht hatte, einmal Reserve ossizier zu werden. Aeußeres Ansehen, äußerer Glanz war sei: ganzes Streben. „Ich gratuliere, lieber Hans, und werde es gleich an Gustac schreiben," sagte der Vater. „Ach der, der denkt ja doch: Wissen ist Unsinn, wenn's Geld nur da ist. Hat er doch mit Mühe und Not durch Besuch einer ..Presse" erst mit 19 Jahren das Einjährigen-Zeugnis erhalten." „Du sollst nicht immer über deinen zukünftigen Schwager si? ringschätzig urteilen," sagte Vater Knorr. „Lieber Vater, du bist doch der Beste, du weißt auch, was du ar deinem Hans hast!" Jubelnd umarmte der glückliche Abiturient seinen Voter Mutter und Schwester. „Und heute abend gibst du mir das versprochene kleine F '?- essen im Weinrestaurant „Nheingold". Dazu bitte ich aber, Fr ^ Briese einladen zu dürfen. Gerade dieser gute Junge ist men liebster Jugendfreund."2! Der Vater war damit einverstanden unÄ so wurde am Abend Franz Briese der Gast am Tische seines Freundes aus dem Vorder^ Hause. Selten nur findet man solche Freundschaften! Am nächsten Morgen beschlich doch die Familie Knorr ein leises Weh für die Zukunft. Frau Knorr fing an, sich um ihre Angehörigen in dem ost Preußischen Städtchen Soldau zu ängstigen und zu sorgen. „Soldau liegt hart an der russischen Grenze. Was für ein Unglück muß es für meine Angehörigen dort geben, wenn die Horden der Kosaken in das friedliche Städtchen einbrechen! Ich ängstige mich wirklich und male mir nachts im Traum aus, wie die Banden dort Hausen könnten. Die Barbaren schonen nicht Weib, nicht Kind!" „Noch sind die Kosaken nicht in Ostpreußen, und wenn sie wirk lich hereinkommen sollten, dann kannst du dich darauf verlassen, daß sie mit Schimpf und Schande wieder hinausgejagt werden! Ich kenne unsere Soldaten und ihre Führer, und ich kenne besonders unsere ostpreußischen Krieger. Wo die anfassen, da zerbricht Russe und.Kosak! — Freilich drückt mich auch eine Ungewißheit." Herr Knorr hatte früher längere Zeit in Wien gelebt und hatte dort viele Verwandte und Bekannte. Die kriegerischen Zeiten hatten ihn besonders wegen seines Vetters Joseph Töllchen beun ruhigt. Dieser Joseph Töllchen war österreichischer Reserveleutnant und mußte natürlich sofort mit ins Feld, als Kaiser Franz Joseph sein Heer gegen die Mörder-Serben und gegen ihre Schützer, die barbarischen Russen, mobil machte. „Wie mag es nur meinem lieben Joseph in Wien ergehen," sagte er nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten zu seiner Frau, „er hat seit mehreren Monaten nichts von sich hören lassen. Jet?' muß er ins Feld. Aber ich weiß, er ist ein kampfesfroher Soldo- und wird seinen Mann schon stehen!" Gerade in diesem Augenblick brachte der Briefträger einer. Brief aus Oesterreich. Frau Knorr öffnete ihn schnell — denn sehr neugierig waren in dieser aufregenden Kriegszeit alle auf Nachrichten der Verwandten und Angehörigen. Frau Knorr sagte dann: „Er ist längst dabei lies nur."Der Brief lautete: Lieber Vetter! In aller Eile heute nur die Nachricht, daß iH mich augenblicklich in Semlin befinde und gestern meine Feuer-- taufe empfangen habe. Ich wurde auf einen Monitor (Fluß kanonenboot) kommandiert, und wir haben den Serben in ihrer Hauptstadt Belgrad schon tüchtig eingeheizt. Belgrad soll morgen von unserer Infanterie besetzt werden. Die serbische Regierung bat schon Belgrad verlassen und sich in das Innere des Landes zurückgezogen. Mit einem serbischen Kanonenboot hatten wir bei Temeskabin schon ein Gefecht, wobei wir einige von den Ban diten ins Jenseits beförderten. Bei Kocerno an der Donau haben wir einen serbischen Truppentransport aufgebracht und dabei die ersten Gefangenen gemacht. Gestern haben wir Belgrad bombar diert; unsere Granaten saßen und eine Reihe Gebäude stand bald in Flammen. Wir kamen hinein in das Nest, trotzdem die Serben die Brücke zwischen Semlin und Belgrad gesprengt' haben. Hoch interessant war der Kampf um Belgrad. Abwechselnd schössen die kleinen Kriegsschiffe, die wie Miniaturkreuzer dunkel auf der sonnenüberstrahlten Donau unter hellblauem Himmel lagen. Alk Minuten fiel ein Schuß, manchmal auch etwas rascher. Neunzig Prozent der Schüsse waren Treffer, meist gegen die niedrig an der Donau gelegenen grünumhegten Befestigungen gerichtet. Mancher Schuß ging in das Wasser, und zwar absichtlich, um Minen zu zerstören. Dann schallte das Echo noch einmal so laut herüber. Um 1l Uhr vormittags begann die Artillerie auf kroatischem Gebiet hinter unserem Rücken einzugreifen. Gleich der zweit, Haubitzschuß hatte rechts von Toptschider eingeschlagen. Es brannte bereits an vier Stellen in der Gegend von Belgrad. Um Punkt 4 Uhr hatte die Beschießung der Belgrade'., Festungswerke wieder begonnen. Die Kanonen donnerten wieder von der kroatischen Seite herüber, aber der Haupteffekt des Vor mittags, die serbischen Monitore, sind ausgeblieben. Der war fast vollkommen leer. Friedlich lag drüben unter dem blau goldenen Nachmittagshimmel Belgrad. Ueber dem hier nicht sickt baren alten Donauarm schwebte leichter brauner Rauch, offenbar von einem Kriegsfahrzeug. Wäre nicht dieser regelmäßige Donner der Haubitze hinter unserem Rücken, dem ein Zischen über unseren Häuptern, ein Krach, das Aufschlagen der Geschosse, und an einer23 Stelle der Festung bläulich-roter Rauch folgten, gewesen, wir hätten nicht gewußt, daß wir im Kriege leben. Neben dem ein tönigen Donnern gab es auf dem verödeten Bahnhofe freilich noch manches zu hören und zu sehen. Zum Beispiel brachte man unter Eskorte einen gefesselten Serben; dem verschmutzten, äugst, lich glotzenden Kerl kann es unter dem Standrecht leicht den Kragen kosten. Arme zerlumpte Weiber mit kleinen, barfüßigen Kindern kamen und suchten vergebens eine Gelegenheit zur Ueber- fahrt. Um Mittag habe ich den Transport der drei Soldaten be gleitet, die bei der Ueberfahrt mit der Munition für zwölf Mann auf der Kriegsinsel verwundet wurden. Einer war bald zur Stelle; den andern sah man im Ried in einem Boot liegen, das von einem wackeren Eisenbahner gezogen wurde. Langsam gingen wir in guter Deckung gegen das Ried hinunter und trugen den Verwundeten herüber. Inzwischen war mit einer Lokomotive eine Dräsine herbeigefahren worden, und vorsichtig brachten wir auf ihr den Schwerverletzten zu einem improvisierten Kranken wagen; er hatte einen doppelten Lungenschuß davongetragen, eines der ersten Opfer in dem Kriege. Wie geht es Euch? Wird Hans nicht freiwillig eintreten? Jetzt muß jeder Mann in den Kampf! Es geht um Oesterreichs und Deutschlands Ehre! Nächstens schreibe ich mehr, Mit vielen Kriegsgrüßen Dein Joseph Töllchen. „Der Krieg ist doch etwas Furchtbares! Alles Familienglück reißt er auseinander," sagte Frau Knorr. „Aber liebe Frau! Furchtbar ist ein Krieg, gewiß! Aber der jetzt begonnene Krieg ist auch etwas Hohes und Hehres! Du kannst dich darauf verlassen, es beginnt ein Freiheitskampf, der die Be freiungskriege vor hundert Jahren bedeutend übertrumpft. Jetzt heißt es: nicht schwach sein! Denke nicht an die Sorgen und Greuel des Krieges — denke an die unübersehbaren Gefahren, die unserem Vaterlande und unserm verbündeten Oesterreich-Ungarn drohen, wenn wir — was Gott verhüten mag — unterliegen sollten!" „Gewiß, lieber Mann, ich will mich ja auch nicht schwach zeigen, aber ein Frauen-, besonders ein Mutterherz, fühlt doch noch anderes als der härtere Mann."24 Am nächsten Tage saß Franz Briese auf der Bahn nach dem Westen. Er hatte seine Papiere in der Tasche und auch den Militär« Paß seines Vaters — zum Nachweis, daß er der Sohn dieses alten Weselers war — eingesteckt. In Wesel wurde er glücklich angenommen. „So einen lustigen Berliner, wenn er nicht gar zu großmäulig wird, können wir bei unsern fröhlichen Rheinländern noch gebrau» chen," sagte der joviale Feldwebel in der Aushebe -Schreibstube. Franz Briese blieb gleich in der Kaserne, erhielt seinen ersten Drillichanzug und seine erste Kasernenverpflegung: Erbsen mit Speck. Ausgezeichnet mundete ihm das „Kaiseressen". Mit den Kameraden auf seiner Stube freundete er sich bald an. Und das waren eine ganze Menge; infolge der Mobilmachung lagen in der Kasernenstube, die sonst für 8 Mann Unterkommen bot, dop. Pelt so viel, nämlich sechzehn. Aber es ging — weil jeder gern Soldat sein wollte I Gustav Drews, der Bräutigam der Grete Knorr, nahm etwas geziert von seiner Braut und seinen zukünftigen Schwiegereltern Abschied, da er schon am dritten Mobilmachungstage bei seinem Regiment einrücken mußte. Ihm sollte es vergönnt sein, schon an den ersten Kämpfen teil» zunehmen. Aus dem geschniegelten, jungen, reichen Herrchen war — was kaum jemand, am wenigsten Hans Knorr, erwartet hatte ein kampfbegieriger schneidiger Krieger geworden. Als Vizefeldwebel sah er zwar in der neuen feldgrauen Uni form nicht so vorteilhaft aus wie im blauen Waffenrock mit 6en blanken, vergoldeten Knöpfen, aber der Ernst der Zeit fand auch in dem feinen jungen Herrn einen harten Kriegsmann, der genau so seinen Posten im Felde zu versehen hatte wie jeder andere. Eine große, eine prachtvolle patriotische Stimmung herrscht? überhaupt in der deutschen wie in der österreichischen Bevölkerung. In das Hoch und Heil der Deutschen, in das Eljen der Madjaren klang freundlich und freudig das Slawa der Tschechen. Es erhoben sich in Nord und Süd, in Ost und West, von der Nordsee bis zum Adriatischen Meere, von der Weichsel bis zum Rhein so einzig glorreiche Tage, daß sie jedem, der sie miterlebt hat, unvergessen bleiben werden. Der feste Wille, die unbeugsame Entschlossenheit, auszuhalten, bis das große Ziel: die Befreiung vonallen feindlichen Angriffen und allem fremdländischen Neid erreicht war, sprach in den ersten Augustwochen 1914 aus jedem Worte und aus jeder Tat. Selbst die Zaghaftesten wurden mutig. Wunderbar vorbereitet hatten in langer ernster Friedensarbeit beide Reiche ihre Mobilmachung. Der preußische Kriegsminister von Falkenhayn, der deutsche Teneralstabsches von Moltke und der österreichische Generalstabschef Konrad von Hohendorf hatten Großes geleistet. Die Mobilmachung vollzog sich mit einer Schnelligkeit und Pünktlichkeit, die bei jedermann Staunen erregen mußte. Und als Schlag auf Schlag die Ereignisse sich überhasteten, als aus dem österreichisch-serbischen Kriege der Krieg des Zweibundes gegen eine ganze Reihe von Neidern und Hassern wurde, da steigerte sich mit der Größe der zu leistenden Aufgabe die Kraft und Ent schlossenheit zu riesenhafter Höhe. Die Zivilverwaltung griff mit ungewöhnlicher Energie und Geschicklichkeit ein, um alle drohenden Stockungen des wirtschaft lichen Lebens zu überwinden. Die reifere Jugend, die zurückbleiben mußte, half besonders beim Einbringen der Ernte. Um Lebensmittelwucher zu verhüten, wurden Preistarife von den kommandierenden Generalen, die jetzt die Zügel der Verwaltung in ihre Hände nahmen, festgesetzt. Die Bäcker mußten zum Beispiel bestimmte Brotgrößen zu dem üblichen Generaloberst Helmuth Von Molile. Chss des deutschen Generalstabs, llonrad von Hötzendorf, Oesterreichischer GeneralstabDche«,Preise liefern. Keiner durfte aus der Kriegsnot des Vaterland?? persönlichen Vorteil schlagen. Eine großartige Kundgebung war die Kriegssitzung des deut schen Reichstages am 4. August. Im Schlosse zu Berlin eröffnete Kaiser Wilhelm persönlich den Reichstag. Mit markiger Stimme, der man aber die innere Er regung über den geplanten Ueberfall des friedfertigen Deutschlands anmerkte, verlas der Kaiser die Thronrede vor den Vertretern des Volkes: „In schicksalsschwerer Stunde habe Ich die gewählten Ver treter des deutschen Volkes um Mich versammelt. Fast ein halbes Jahrhundert lang konnten wir auf dem Weg des Friedens ver harren. Versuche, Deutschland kriegerische Neigungen anzudichten und seine Stellung in der Welt einzuengen, haben unseres Volkes Geduld oft auf harte Proben gestellt. In unbeirrbarer Redlichkeit hat Meine Regierung auch unter herausfordernden Umständen di« Entwicklung aller sittlichen, geistigen und wirtschaftlichen Kräfte als höchstes Ziel verfolgt. Die Welt ist Zeuge gewesen, wie unermiid- lich wir in dem Drang und den Wirren der letzten Jahre in erster Reihe standen, um den Völkern Europas einen Krieg zwischen den Großmächten zu ersparen. Uns treibt nicht Eroberungssucht, uns beseelt nur der unbeug. isame Wille, den Platz zu bewahren, auf den Gott uns gestellt hat, für uns und für alle kommenden Geschlechter. An die Völker und Stämme des Deutschen Reiches geht mein Ruf, mit gespannter Kraft, in brüderlichem Zusammenstehen mit unseren österreichischen Bundesgenossen, zu verteidigen, was wir in friedlicher Arbeit geschaffen haben. Nach dem Beispiel unserer Väter: fest und getreu, ernst und ritterlich, demütig vor Gott und kämpfest froh vor dem Feind, so vertrauen wir der ewigen Allmacht, die unsere Abwehr stärken und zu gutem Ende lenken wolle." Am Schlüsse der markigen Thronrede, die von den versammel ten Abgesandten des deutschen Volkes mit lautem und sich immer wiederholendem Beifall, mit stürmischen Hochrufen und großer Be geisterung aufgenommen wurde, ergriff der Kaiser nochmals das Wort und sagte: „Sie haben gelesen, meine Herren, was ich zu Meinem Volke vom Balkon des Schlosses aus gesagt habe. Ich wiederhole, ich kenne LL27 keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche, und zum Zeugen dessen, daß Sie fest entschlossen sind, ohne Parteiunterschiede, ohne Standes- und Konfessionsunterschiede zusammenzuhalten mit mir durch Dick und Dünn, durch Not und Tod, fordere ich die Vorstände der Parteien auf, vorzutreten und mir dies in die Hand zu geloben." Ein stürmisches Bravo durchbrauste nach diesen Worten den Saal des alten Schlosses. Hierauf traten die einzelnen Parteiführer an den kaiserlichen Herrn heran und gelobten ihm durch Handschlag ihre Treue. Es wurde wahr: Deutschland war einig, ein Volk, ein Vaterland! Die innerste Herzensregung Kaiser Wilhelms bekundete sich nach dem feierlichen weltgeschichtlichen Vorgang aber erst in den Worten, die der deutsche oberste Kriegsherr an einen der Abgeord neten richtete, der in Offiziersuniform zum Handschlag antrat. Zu ihm sagte der Monarch: „Nun wollen wir sie dreschen!" Und dies Kaiserwort sollte in den nächsten Wochen wahr werden. — — — Einig waren auch die Feinde in ihrem schon geplanten Ueberfall über Deutschland. Das trat am Abend des 4. August zutage, als England sich den Serben, Russen und Franzosen anschloß und an Deutschland und Oesterreich ebenfalls den Krieg erklärte. Wir wußten, daß es so geplant war — aber die Wut des Volkes über das „perfide Albion", das angeblich die von Deutschland verletzte Neutralität Belgiens zum Kriegsvorwande nahm, kannte kaum sine Grenze. Auch diesen neuen Feind werden wir unterkriegen, ebenso wie die schlitzäugigen Japaner, die mit England im Bunde sind! Das rechte Wort fand nach der Kriegserklärung Englands König Ludwig von Bayern. „Ein Feind mehr und damit ein Grund mehr, uns bis zum letzten Atemzuge zusammenzuschließen. Unsere Sache ist gerecht.- Gott wird uns nicht verlassen!"33 3. Kapitel. Die ersten deutschen Kriegstaten. Für Hans Knorr in Königsberg und Franz Briese in Wesel begann jetzt die mit großer Schnelligkeit vorgehende Kriegsaus- vildung. Es ist im Heere so eingerichtet, daß die Kriegsfreiwilligen — also Jünglinge, die darauf brennen, „ran an den Feind" zu kommen — in möglichst kurzer Zeit zu kriegsbrauchbaren Soldaten erzogen werden. Paradedrill bleibt fort, einzig das für Gefecht und Kampf Notwendige wird den Freiwilligen von älteren tüchtigen Feldwebeln und erprobten Unteroffizieren beigebracht. Es sollen so bald als möglich Gewehre an die Front, wenn auch darunter der sonstige soldatische Dienst etwas leidet. Bester daran als die erst auszubildenden Jünglinge Hans und Franz war der Vizefeldwebel Drews. Er war mit seinem Regiment sofort ausgerückt. In langen Eisenbahnzügen wurden die Truppen verladen. Mn Rosen und Nelken geschmückt, das Musikkorps an der Spitze, zogen die kampfesfrohen und todesmutigen Krieger von den Kasernen zum Bahnhofe. Das Hochrufen der Bevölkerung wollte nicht enden. „Unsere grauen Jungen ziehen aus! Hurra!" Begünstigt wurde die Mobilmachung und der Aufmarsch der Truppen an den Grenzen von außerordentlich schönem Wetter. Ts war, als wollte die Natur selbst sich den ausrückenden Kriegern gütig erweisen. Als Gustav Drews bei seinem Regiment ankam, hielt der Oberst eine flammende Rede an die von zwölfhundert auf drei tausend Mann Kriegsstärke erhöhte Mannschaft seines Regiments, in der er zum Schluß sagte:„Kameraden, so ziehen wir denn mit Gottvertrauen in Kampf! Gestützt auf unser Recht, unsere gerechte Sache und unsei' gutes Gewissen können wir der ganzen Welt entgegentreten. Feind stehen ringsum! Aber zeigen wir ihnen, daß vier Friedensjahr zehnte uns nicht verweichlicht haben, daß die eiserne Kraft, die 187k die Franzosen schlug, nicht gelähmt ist! Unser Kronprinz Wilhelm hat gesagt: „Immer feste druff!" Lassen wir das Wort wahr werden!" Vorher beim Regimentsappell war dem Regiment schon der Aufruf Kaiser Wilhelms bekannt gegeben worden. Der Kaiser sagte darin „Nach 43jähriger Friedenszeit rufe ich die deutsche wehrfähig? Mannschaft zu den Waffen. Unsere heiligsten Güter, das Vater- land, den eigenen Herd gilt es gegen ruchlosen Ueberfall zu schützen. Feinde ringsum, das ist. das Kennzeichen der Lage. Ei, schwerer Kamps, große Opfer stehen uns bevor. Ich vertraue, daß der alte kriegerische Geist noch in dem deutschen Volke lebt, jener gewaltige, kriegerische Geist, der den Feind, wo er ihn findet, an greift, koste es, was es wolle, der von jeher die Furcht und der S-Hrecken unserer Feinde gewesen ist. Ich vertraue auf euch, ihr deutschen Soldaten. In jedem von euch lebt der heiße, durch nichts zu bezwingende Wille zum Siege. Jeder von euch weiß, wenn es sein muß, wie ein Held zu sterben, bedenket unserer großer! ruhmreichen Vergangenheit, gedenket, daß ihr Deutsche seid. Gott helfe uns!" Und Kaiser Wilhelm konnte ebenso auf seine Soldaten ver trauen wie Kaiser Franz Joseph. Schon die ersten Augusttage bewiesen es. Deutschland hatte sichere Beweise, daß die Franzosen mit de.n angeblich neutralen Belgien verabredet hatten, durch belgisches ß > biet in die deutschen Provinzen am Niederrhein einzufallen, da man annahm, die deutschen Heere würden sich in Elsaß-Lothringcn versammeln. England hatte diesen Plan gebilligt und hätte die Neutralität Belgiens dann nicht geschützt. Die deutschen Heere hatten ihre Mobilmachung noch gar nichi vollendet, mußten aber, um den franzosischen Vormarsch durch Bel gien zu hindern, möglichst sofort die starke Festung Lütiich nehmen.Gustav Drews' Regiment war mit dazu bestimmt, diese einzig in der Kriegsgeschichte dastehende Tat zu vollbringen. General von Smmich kommandierte das gegen Lüttich vorgehende Armeekorps. Lüttich wurde vollständig überrascht. So schnell hatte man die Deutschen nicht erwartet, man hofiie eher, daß Franzosen und Engländer bald durch Belgien ziehen würden, um die Deutschen zu fassen. Schon am K. August versuchte eine unbedeutende Truppen abteilung mit großer Kühnheit :inen Handstreich auf Lüttich. Ein zelne Lanzenreiter sprengten in die von zwölf hochmodernen Panzer sorts umgebene Stadt und wollten sich des Kommandanten bemäch tigen. Dieser gute Mann konnte sich nur durch eilige Flucht in eines der Forts vor der Gefangennahme retten. Am 7. August früh 4 Uhr kam Drews' Regiment der Stadt nahe. Gustav Drews führte einen Zug Infanterie. „Jungens, ganz still," flüsterte sein Mund das Kommando. „Allemal, wenn ich den Degen hebe, geht's hundert Meter vor, dann schnell wieder nieder!" Ebenso machten es andere Führer. Ganz still und leise näherte man sich der Stadt durch eine waldige und buschige Lücke zwischen zwei Forts. Beim Ausgehen der Sonne lag die Stadt gar nicht mehr weit vor ihnen. Da mit einem Male erhebt sich ein furchtbares Getöse, sin Donnern, daß die Erde zu bersten droht: die deutsche Artillerie hatte in der Nacht ihre Kanonen und Mörser in Stellung gebracht und begann mit Macht die festen Forts zu beschießen. „Jetzt ist's Zeit! Marsch marsch zum Sturm! Hurra!" Und mit einer oft auf den Exerzierplätzen geübten Gewalt stürzen die braven grauen Jungen vorwärts, empfangen von dem Geschoßhagel der inzwischen munter gewordenen belgischen Be satzung. Aber „Vorwärts" ist die Losung. Mag fallen, wer fällt! Immer neue Massen Infanterie drängen nach. Kavallerie galoppiert dazu. Die Verluste sind verhältnismäßig gering trotz des rasenden Feuers der Belgier. Um 8 Uhr früh sind die Deutschen in der Stadt. Alle Straßen werden schnell besetzt. Die Artillerie hat durch ihr Feuer eine Reihe von Häusern in Brand geschossen! In feurigem Lauf vollbr'^en Z031 die deutschen Granaten ihr Werk. Wie ein Komet fährt eine solche höllische Bombe auf ihrem feurigen Schweif durch die Luft. Kaum ist sie in ein Haus eingeschlagen, so bricht eine pechschwarze Rauch wolke durch das Dach, untermischt mit hellen Flammen. Der Stadt wurde dabei eigentlich nur ein kleiner Denkzettel gegeben. Als inzwischen die deutsche Infanterie und Kavallerie eingerückt ist, verschonen die Granaten die eigentliche Stadt und richten sich nur noch gegen die Forts. Gustav Drews steht nach scharfem Lauf — manchen hat das Blei der Verteidiger niedergestreckt — anf dem Bahnhofsplatz. Dort war es zunächst, als ob die Hölle losgebrochen sei! Ein paar Züge stehen noch vor den Bahnsteigen. Man wußte nicht, ob sie abgehen oder wohin, aber jeder der verängstigten Bevölkerung will noch hin ein. Alles drängt sich an den Eingängen, stößt und drückt und schreit und jammert! Die Schwächsten werden niedergetreten, und Bahnhossbeamte, Bürgergarde und Gendarmen stehen machtlos diesem Wirrwarr gegenüber, der erst ein Ende erreicht, als unter dem Fluchen, Schreien und Weinen der Zurückgebliebenen die letzten Züge abgedampft sind. Die Deutschen ziehen inzwischen in Massen in die Stadt. Bald stehen alle Abteilungen in Reih und Glied, mit Gewehr bei Fuß und lösen einander in der Bewachung ab. Die Belgier hatten im letzten Augenblick ihre Brücken über die Maas gesprengt. Deutsche Pioniere bauen zwei Stunden später schon wieder neue! Hinter den deutschen Soldaten aber stehen am Nachmittage die Lütticher, neugierig und totenstill. Kein Wort, kein Gemurmel, nichts wird vernommen. Sie schauen nur nach den gefürchteten Deutschen, die so ruhig wie in einer Friedensgarnison dastehen. Gustav Drews kramt sein bißchen Französisch aus dem Ge dächtnis heraus und sagt zu den Neugierigen: „Lii-culs?! messieuisZ Vir<znl62!" (D. h. Geht weiter, heim). Eine Szene, die, wenn sie nicht durch eine belgische Zeitung bestätigt wäre, als ein Phantasiestück aus einer Operette anmutet, spielte sich bei dem schnellen Einbruch der Deutschen im Lütticher Quartier des Kommandanten ab. Der belgische kommandierende Genera! Leman war an der Arbeit mit den Mitgliedern seines Stabes, als ganz in der Nähe wild"'' Geschrei laut wurde.„Das ist unerträglich, man kann gar nicht mehr arbeiten!" -aaten die Offiziere, die an die Tür gingen und nachsehen wollten. „Die Deutschen sind da!" schrie man ihnen entgegen. In demselben Augenblick knallten Schüsse, und der Oberst Mar- and lag am Boden. Zwei preußische Offiziere und sechs Mann, Pistole in der Faust, standen vor dem Hause. „Schnell einen Revolver her!" rief General Leman. «Herr General, Sie dürfen Ihr Leben im gegenwärtigen Augen blick nicht aufs Spie! setzen, Sie werden ja niedergemacht werden," tief ein Major. „Nein, nein, lassen Sie mich durch!" Der Major, ein Hüne, machte kurzen Prozeß; er ergriff den General, der weder groß noch stark war, und warf ihn über eine Mauer, dann kletterte er selbst hinüber. Nun war er in den Neben gebäuden der Fonderie (Wassenfabrik). Man schoß auf die beid - aus den Fenstern der Nachbarhäuser, wo „Zivilisten" mit Browning Pistolen ausgestellt waren. Der Major drängte den General ge waltsam in das Häuschen eines der Fabrikarbeiter, wo die beioen Zuflucht in einer Familie fanden. Jenseits der Mauer „holten" die Kameraden des Majors und die Gendarmen der Bedeckung die beiden deutschen Offiziere und die sechs Mann in einem kurzen Kampf „herunter", in welchem auch zwei belgische Gendarmen getötet wurden. Etwa 70 oder 75 Kilometer von dem Schauplatz dieses Er eignisses entfernt, hatte der Generalstab der Armee eine Ahnuno von dieser Tragödie, und zwar unter Umständen, die an das rea listische Theaterstück: „Ein Drama am Fernsprecher" erinner:. Einer der Mitarbeiter Lemans telephonierte eine Meldung an den Großen Generalstab. Plötzlich brach er ab mit dem Rufe: „Zum Donnerwetter, die Deutscheu sind da!" Man hörte dann nichts weiter als Schüsse. Ja, ja, die deutschen „grauen Jungen" waren da, ehe sich dir !angsamen belgischen Offiziere besinnen konnten! Der General Leman aber wnrde am nächsten Tage von einer Eskorte, die Feldwebel Drews führte, nach dem nächsten deutschen Rcrnzbahnhof geleitet und von dort durch eine Offiziersbegleitung der Festung Magdeburg gebracht, wo er deutsche Festunc?ord-32 nung kennen lernte. Ein deutscher Festungskommandant hätte sich gewiß nicht so schnell überrumpeln lasten! Als man schon die Stadt Lüttich besetzt hatte, waren ein großer Teil der Forts, die die Stadt wie ein Panzerkranz umgaben, noch im Besitz der Feinde. Belgische und französische Besatzungen ver teidigten sie. Aber die Deutschen hatten ein Mittel, um auch die stärksten Panzerforts in kürzester Zeit zu vernichten. So wurde das Fort Loucin — das stärkste — vom Lütticher Marktplatz mitten der Stadt aus mit gewaltigen Mörsern beschossen. Diese gewaltigen, neuen großen „Brummer" hatte Deutsch, land ganz im stillen durch die bekannte Kruppsche Waffenfabrik in Essen herstellen lassen. Keiner unserer Feinde wußte, daß wir eins so furchtbare Waffe hatten. Mit Hilfe dieser 42-Zentimeter-Mörser wurden die Festungen und Forts der Belgier und bald auch der Franzosen in Zeit Von wenigen Stunden in Massengräber ver wandelt. Drews stand mit seinem Zuge in einer Nebenstraße, als die „Brummer" vom Markt aus ihre gewaltigen „Zuckerhüte" nach dem Fort Loucin sandten. Sämtliche Scheiben in weitem Umkreise zersprangen schon beim ersten Schuß, Balkons und Erker, Dachteile und Vorbauten der nächstgelegenen Häuser fielen einfach nur durch den Luftdruck, den die abgefeuerten Geschosse verursachten, prasselnd auf das Straßen pflaster. Es war, als od die Hölle ihre Vulkane gegen die Forts g« öffnet hätte. Die Lütticher Einwohner glaubten, Erdbeben seien gekomm«? und Pech und Schwefel müsse vom Himmel regnen. Das Krachen war noch schlimmer als Erdbeben. Unser Drews und feine Leute mußten sich wie alle anderen in der Nähe weilenden Soldaten die Ohren fest mit Watte verstopfen. Auch für sie war das Feuer der großen deutschen Brummer ein Höllenkonzert, ein Konzert, bei dem viele der Leute von Freund und Feind tatsächlich Zahnschmerzen bekamen! So stark war der Lärm das Krachen und Blitzen. Z Marsch! Marsch34 ?! Schon nach wenigen Schüssen mußte sich das Fort Loucin er geben. Die Weiße Fahne wurde von den Belgiern auf den Trüm mern gezeigt. Am nächsten Morgen betrat die Drewssche Kompagnie als erste das zerschossene Fort. Unbeschreiblich war die Verwüstung, die die Kruppschen Brum mer angerichtet hatten. Die starken Betonwände der Kasematten — drei und vier Meter dick — und die starken Panzerdecken darunter waren einfach wie Papierhüllen zerrissen und zerschlagen. Drews konnte mit seinen Leuten etwa zweihundert Verwundete auflesen. Aber vierhundert Tote lagen in dem Felsenmeer! Ein Massengrab! Der Gestank der Leichen war bald unerträglich. Ganze Wagen voll Chlorkalk mußten auf die Stätte des Grauens ge schüttet werden. In der Krankenstube des Forts fand Feldwebel Drews nach einen Verwundeten, der allem Anschein nach operiert werden sollte, als ihn die Explosion und der Tod überraschten. Im gepanzerten und von meterstarken Betonmauern umge benen Geschützturm sah Drews noch Tote in derselben Lage und Stellung, wie sie die Geschütze zur Abwehr der Deutschen bedient hatten, Beine, Arme, Hände, ein Kopf ragten abgerissen und grauen haft aus den Trümmern heraus. Der starknervige Drews mußte, ebenso wie seine Leute, alle Kraft zusammennehmen, um nicht beim Anblick dieser grauenvollen Verwüstung zusammenzubrechen. Vom Drewsschen Zuge war beim Sturm auf die Stadt Lüi> tisch ein Mann der Seitendeckung abgeschnitten und von den Belgiern gefangen genommen worden. Dieser Musketier — Reinald hieß er — erzählte einige Wochen später: „In der Nacht vom 6. zum 6. August begann der Marsch über den Maasfluß. Es war für uns eine äußerst anstrengende Nacht: am Mittwoch, den 6. August früh, standen wir vor der Stadt. Wir waren vorn — hinter uns auf Hügeln und Höhen stand — aber durch Wald und Unterholz vollständig gedeckt — die Ar tillerie. Eine Granate nach der andern schlug in das vor uns liegende Lüttich ein. Wir konnten das Pfeifen der Geschosse über unseren Köpfen hören und die Flugbahn der Granaten sehen.Vormittags 11 Uhr kam für uns der Befehl zum weiteren Vor gehen; in den dörflichen Vorortstraßen Lüttichs stand uns eine fünf, fache Uebermacht gegenüber. Aus allen Dächern und Luken reg nete es Feuer auf unsere stürmenden Kolonnen. Der Tod hielt die erste reiche Ernte dieses Krieges. Manche Brave fällt neben mir. „Vorwärts, Jungen!" rief unser Haupt mann Wohl zum zehnten Male, um einen Geländeabschnitt weiter darzubringen. Im selben Augenblick fällt er von einer belgischen Spitzkugel in den Kopf getroffen nieder. Oberleutnant Dingler übernimmt das Kommando — „Ich .. . grüßen Sie . . nichts weiter kam noch aus seinem Munde, dann war der Held stumm für immer. Im vollen Kugelregen durchstürmten wir weiter einen Voror! Zweihundert der Unsern eröffneten ein schnelles Schützenfeuer auf zweitausend Belgier, von denen in Zeit von fünf Minuten wohl fünfhundert fallen. Mein Zug wird sodann zum Vorgehen durch eins Fabrikanlag« — Lüttich hat sehr viele Waffenfabriken — kommandiert. Da — geschieht's: ich werde von einem ganzen Zuge Belgier überwältigt erhalte einen Säbelhieb über den Kopf und falle ohnmächtig den Feinden in die Hände. Ich wurde von einigen Leuten der belgischen Bürgergarde nach dem Fort Lyers gebracht, das als letztes erst in die Hände meiner deutschen Kameraden fiel. Am ersten Tage gaben mir die Belgier überhaupt nichts zu essen, am nächsten Tage erhielt ich etwas Brot und Kaffee. Die deutschen Kameraden nahmen inzwischen ein Fort nach dem andern. Kaiser Wilhelm hatte besohlen, es sollte das Leben keines deutschen Soldaten vorher beim Stürmen auf die Forts eingesetzt werden, die deutsche schwere Artillerie schoß sie der Reihe nach hinter einander in Trümmerhaufen. Fort Lyers, in dem ich untergebracht war, kam als letztes heran. Als am 12. August — also sechs Tage nach dem Fall des ersten Lütticher Forts — auch unsere Kasematten Feuer erhielten, bemäch tigte sich der belgischen Besatzung eine gewaltige Angst. In eine? Kasematte saßen Offiziere und Soldaten ohne Licht. s-Jedesmal, wenn eine der deutschen Riesengranaten in unser Fort einschlug, erzitterte die Erde und unser Bau in einer Grauen einflößenden Weise. Alle bangten um ihr Leben — und ich muß sagen, ich auch. Gegen ein solches Feuer, wie es unsere deutschen 42-Zentimeter-Mörfer verursachen, könnte auch die deutsche Besatzung einer Festung nicht aufkommen. Alle paar Minuten, wenn eins der Riesengeschosse in unsere Katakomben einschlug, flog durch die riesenhafte Explosion stinkendes Gas, Pulver und Erde in unseren Schutzraum, dazu Staub des Zementbetons, daß meine belgischen Hüter wie ich selbst mit dem Er stickungstode rangen. Viele Belgier wurden ohnmächtig, eimge direkt wahnsinnig. Stier blickten ihre Augen, wahnsinnige Todes angst hatte alle erfaßt. Zur Verteidigung feuerten die Belgier wie sinnlos ins Blaue hinein, da sie gar nicht wußten, wo denn eigentlich die deutsche Artillerie, die uns so furchtbar bombardierte, stand. Durch den Luftdruck einer Bombe zersprangen die eisernen Türen der Kasematten wie Pappdeckel. Endlich muß Wohl auch der Kommandant unseres Forts ein gesehen haben, daß weiterer Widerstand nutzlos ist. Er zieht ein Bettlaken als Weiße Fahne! Die Deutschen marschieren in das Fort ein, in dem gerade noch ein einziger Kasemattenraum brauchbar ist. Meine Hüter legen die Waffen fort und ergeben sich. Ich werde von meinen in die Trümmer des Forts anrückenden Kameraden befreit und wurde am nächsten Tage in meine Kom pagnie wieder eingereiht. Daß ich in Gefangenschaft geriet, war mir beschämend, daß ich aber die Wirkung unserer deutschen Belagerungsgeschütze dadurch aus eigener Erfahrung hören, sehen, riechen und fühlen konnte, das war für mich erhebend! Wie durch ein Wunder bin ich bei dem furchtbaren Bombardement am Leben und unverletzt geblieben. Noch einmal möchte ich nicht in den Wirkungskreis deutscher Belagerungs- mörser fallen!" Feldwebel DrewS spendete dem gefangenen und wieder befreiten Musketier Reinald für die flotte Erzählung seiner Erlebnisse im zerschossenen Panzerfort eine seiner letzten Zigarren. Beim Krämer L«in Lüttich erstanden die Kameraden eine Flasche Wein und begossen das Wiedersehen mit ihrem längst totgeglaubten Kameraden. Im ganzen Reiche, besonders in Berlin war der Jubel Wer die Lütticher Waffentat der Deutschen groß. Vater Knorr und Vater Briese eilten unter die Linden. „Der Anfang ist gemacht! Hurra, Freund Briese!" „Gott gebe, daß es so weiter geht!" Da sahen sie noch, wie ein General auf dem Brunnenrand vor dem Schlosse steht und den jubelnd Aufhorchenden mitteilt, daß Lüttich — die angeblich Unbesiegbare — von sechs deutschen Bri gaden, also einer erstaunlich geringen Truppenmacht, genommen sei. „Mein Herz bebt unter dieser ersten großen Waffentat unseres tapferen Heeres," sagt Vater Briese. „Lieber Freund, wir können mit Zuversicht den kommenden Ereignissen entgegensehen!" erwiderte Herr Knorr. „Solche Truppen, die einen Widerstand von 20 000 Verteidi gern so schnell brechen, die werden in offener Feldschlacht unüber windlich sein!" Die beiden biederen deutschen Männer hatten wahrgesprochen. Es sollte so kommen, wie sie unb jeder andere im Heimatlande wünschte. Und die Glieder beider Familien aus Vorderhaus und Hinterhaus sollten wirksamen Anteil an der Vertreibung der Feind« in Ost und West haben. „Der Emmich ist doch ein groß artiger Mann, nimmt im Verein mit dem General Ludendorff im offenen Feldkriege, nachdem sein Armeekorps noch gar nicht einmal seine Mobil machung vollendet hat, eine starke moderne Festung, die nach Ansicht ihres Erbauers Brialmont unein nehmbar sein sollte," sagte Knorr einige Tage später zu Briese. „Ich habe hier schon seine Per sonalien. Der kühne Eroberer von Lüttich ist bürgerlicher Herkunft. Er ist im Jahre 1343 als Sohn eineS Z7 «euer»! von Emmich.Maurermeisters geboren, steht also im 67. Lebensjahre. Seine Schulbildung erhielt er auf dem Gymnasium in Minden, wo er mit 18 Jahren in das westfälische Infanterieregiment Nr. 55 eintrat. Im deutsch-französischen Kriege erwarb sich der junge Offizier das Eiserne Kreuz; er zeichnete sich aus in den Schlachten bei Spichern, Tolombey-Neuilly, bei Gravelotte, St. Privat, und bei der Belage rung von Paris. Dann hatte er einen sehr schnellen Aufstieg, wurde 1880 Hauptmann, 1882 Major, 1894 Kommandeur des Kur hessischen Jägerbataillons Nr. 11, kommandierte als Oberst das badische Infanterieregiment Nr. 114, wurde 1901 Generalmajor, 1909 General der Infanterie und Kommandeur des 10. Armeekorps in Hannover. Als solcher wurde er erst geadelt. Er ist jetzt mit einem Schlage volkstümlich geworden: Da sprach General von Emmich Den Teufel — Lüttich nemm ich! — Dies Wort wird Wohl für lange Zeit fortleben." In Belgien erhob sich für die deutschen Truppen gleich nach Ler Besetzung ein neuer schlimmer hinterhältiger Feind: die Franktireurs. Deutschland hatte der belgischen Regierung schriftlich zugesichert, daß kein Belgier, kein Mensch, kein Tier, kein Haus, kein Eigentum Schaden leiden solle, wenn den deutschen Truppen freier Durchzug durch Belgien gewährt werden würde. Die deutschen Soldaten be zahlten auch alles mit barem Gelde, was sie gebrauchten. Aber die belgische Regierung war in den Jahren vor dem Kriege durch die französischen und englischen Vertreter, besonders auch durch die in französischer Sprache erscheinenden Zeitungen, so sehr gegen Deutschland — das man als einen eroberungslüsternen Bar barenstaat darzustellen suchte — aufgehetzt worden, daß sie in ihr Unglück gewisseynaßen hineinlief. Belgien lehnte den freien Durch zug der Deutschen ab. Ja, die belgische verblendete Regierung ließ sich dazu herbei, den bewaffneten Krieg der Zivilbevölkerung gegen die Deutschen zu organisieren. L«39 Die fanatische, zum größten Teile wegen mangelnder Schul bildung kurzsichtig und verkehrt denkende Bevölkerung wurde von den belgischen und französischen Behörden bewaffnet und eröffnete in blutigster und furchtbarster Weise den Kleinkrieg des Frank- rireurs gegen uns. Vizefeldwebel Drews hatte eines Tages den Auftrag, ein Dorf zu besetzen. Er schickte eine Patrouille von fünf Mann vor, die auch unan gefochten bis zum Bürgermeister des Dorfes kam. Der falsche Kerl versprach, die Truppen aufzunehmen und sagte: „Es gibt keinen Bewaffneten mehr im Dorf; alle haben ihre Waffen schon im Schulzenamt abgeliefert." Die Patrouille glaubte in ihrer deutschen Gutmütigkeit dem lügnerischen Schurken. „Geben Sie uns erst etwas zu trinken!" „Sehr gern, meine Herren!" Die Frau des Schulzen brachte Wasser, sogar etwas Wein. Müde setzten sich die Leute einen Augenblick — das Gewehr im Arm — auf die Bank vor der Tür des Hauses. Da — ein Knall, ein Blitzen! Zwei, drei Schüsse fielen. „Ich bin getroffen!" rief der eine. Hatten doch die Bestien, die Frau und der Sohn des Bürger meisters, die Freundlichkeit heuchelten, aus dem Zimmer des Bür germeisters auf die trinkenden fünf Soldaten hinterhältig geschossen! „Nieder mit den Schuften!" rief der Unteroffizier. Und aus den Gewehren knallten die Schüsse gegen den Bürgen meister, seine Frau und seinen Sohn. „Zurück zum Zuge! Meldung machen!" Von den fünf Mann kamen zwei nur bis zum Feldwebel Drews zurück und meldeten. Gustav Drews ließ sofort seinen Zug gegen das Dörfchen vor- gehen. Das Haus des Schulzen-Bürgermeisters (Uz.irs sagt man französisch) wurde niedergebrannt. Alle Gehöfte wurden durchsucht. Ueberall wurden noch Waffen gefunden! Geplant war, die deutsche Abteilung in das Dorf zu lassen und dann aus dem Hinterhalte über dk Nichtsahnenden herzufallen.Am nächsten Morgen ging die Abteilung weiter. Drews kam mit ihr an ein abseits liegendes, von Weißdornhecken umgebenes Bauerngehöft. Eine Frau erscheint auf sein Rufen. „Sind Sie allein im Hause?" „Ja/' kommt es kleinlaut hervor. „Wirklich ganz allein?" „Ich habe noch eine Tochter." „Sonst ist wirklich kein Mensch im Gehöft?" inquiriert Gustav Drews, die Frau mit scharfen Augen ansehend. „Mein Mann ist auch noch daheim," klingt es weinerlich. „Da haben wir es ja! Drei Mann ins Haus und den Kerl herausholen!" befiehlt Drews. Er läßt die Gewehre schußbereit machen. Mann, Frau uno Tochter müssen auf die Straße treten. „Ihr werdet jetzt sofort alle Waffen abliefern, die Ihr im Hause habt!" befiehlt Drews dem Alten. Alle drei heben die Hände hoch. Der Alte schwort bei Gott und allen Heiligen, er habe nie, niemals eine Waffe in der Hand gehabt. „Sie wissen, daß jeder, der jetzt noch im Besitz einer Waffe be troffen wird, mit dem Tode bestraft werden muß!" „Wir haben keine Waffen auf dem Gute!" beteuerten noch ein- mal die drei. Die Mannschaften durchsuchten jetzt Haus, Wagen-, Vieh-, Ge- räteschuppen, Scheune und Stall, durchforschen auch den Garten nach frischen Grabestellen, da die hinterlistigen Bauern oft die Gewehre vergraben hatten. Da — gelogen hat der Alte, sein Weib und seine Tochter doch — ein Soldat schleppt einen jungen Burschen aus dem Hause. Dis Leute haben ihn auf dem Scheunenboden im Heu versteckt gefunden. Er hatte ein geladenes Gewehr im Arm! Aus der Dachluke mochts er schon manchen Deutschen hinterrücks niedergeknallt haben. Schlotternd steht der Franktireur da. „Wer ist der Bursche?" fragt Drews. Alle drei sind auf di« Knie niedergesunken. Die Frau schreit auf: „Um Gottes willen, es ist mein einziger Sohn. Herr Offizier, Sie werden ihn doch gewiß nicht tötend Aber es muß sein; kurzer Prozeß ist notwendig. t041 Drews befiehlt: „Er wird sofort erschossen! Drei Mann vor! Fertig!" Ein Schurke ist gefaßt, das Urteil wird vollzogen. Die Salve kracht. Der schlotternde Körper, den man gegen die Hausmauer gestellt hat, bricht in sich zusammen und — rührt sich nicht mehr! „Herr Feldwebel, wir müßten dem Alten die ganze Wirtschaft niederbrennen!" „Wir sind keine Brenner wie die Russen. Wir richten nur die Feinde!" sagte Feldwebel Drews. „Vorwärts marsch!" — Der Jammer der Eltern war herzbrechend — aber im Kriege hilft kein Mitleid! — Schlimmer als die Kannibalen betrugen sich überhaupt den ganzen Monat August hindurch die wallonischen Belgier gegen das deutsche Militär. So wurden im Dorfe Vifs Offiziere und Mannschaften im Schlaf überfallen und getötet. Daraufhin wurde natürlich das Dorf eingeäschert, die mit den Waffen betroffenen Einwohner wurden erschossen. Unser Vizefeldwebel Drews sah bejammernswerte Verwundete in der Umgegend Lüttichs, denen die Bestien — es sollen sogar Frauen gewesen sein — die Augen ausgestochen und Ringe und Geld abgenommen hatten. Außerordentlich vorsichtig mußten die nach der Einnahme Lüt- tichs vorgehenden Truppen mit ihren Seitensicherungen sein. Auf Schritt und Tritt tauchten feindliche Franktireurbanden auf; Män ner, Frauen und Burschen, die, im harmlosen Arbeitskittel, jeden von der großen Truppe abgeirrten Soldaten überfielen und unter grausamen Foltern töteten. Einzelne Bagagekolonnen wurden in den Hinterhalt gelockt und von den Dorfbewohnern beschossen. Aerzte und Verwundetentrans. Porte wurden niedergemetzelt und selbst in den Dorfschulhäusern eingerichtete Lazarette überfallen und den schwerverwundeten Sol- daten völlig der Garaus gemacht. Jeder Garten, jedes Strauchwerk wurde lebendig, Hände streck ten sich vorsichtig heraus und Schüsse streckten die Vorübergehenden nieder. Automobile, die mit Aerzten und Verwundeten zum Lazarett snhren wollten, wurden umgeworfen und die Insassen unter grauen-haften Qualen zu Tode gemartert. Ein Herr aus Aachen, der mit Verbandsmaterial im eigenen Auto herbeieilen wollte, erhielt aus eine? Hecke einen Schuß in den Kopf. Gerade die belgischen Frauen beteiligten sich mit einem wahren Fanatismus an diesen hinterlistigen Ueberfällen. Von einer Autokolonne, die nach Lüttich abgegangen war. mußte ein Wagen in einem Dorfe halten. Eine junge Frau trat harmlos an den Chauffeur heran, hielt ihm aber Plötzlich einen Re volver an den Kopf und schoß ihn nieder. Als bei der Sprengung zur Freilegung eines gesperrten Tun nels eine Anzahl deutscher Soldaten verletzt wurde und hilflos auf den Böschungen umherlagen, kamen aus der Umgegend die Frauen herbei und schleuderten auf die Wehrlosen hohnlachend große Stein massen herunter. Gegen solche entmenschten Horden mußten unsere Soldaten kämpfen! Ist es da ein Wunder, wenn die rebellischen Dörfer erst in Schutt und Asche gelegt wurden, bevor unsere Abteilungen hin einmarschierten? Wenn man von diesen Greueltaten der „zivili sierten belgischen Nation" hört, kommt es einem fast wie Hohn vor. daß dieses Volk den Schwarzen am Kongo Erlösung und Kultur bringen wollte! Ebenso schlecht erging es auch den deutschen Zivilisten in den großen belgischen Städten, in Brüssel, Antwerpen usw. Alle Reichs deutschen suchten in den ersten Tagen nach dem Kriegsausbruch aus Belgien zu fliehen, viele fanden dabei den Tod. Ein Augenzeuge der an den Deutschen in Belgien begangenen viehischen Grausamkeiten meldete u. a.: „Frauen und Kinder, sogar Kranke wurden in Antwer pen an den Haaren aus den Betten gerissen, in rohester Weise mit Stöcken geschlagen und die Treppe hinuntergejagt. Auf der Straße sah ich, wie ein Mann mit seiner Frau und seinen beiden Kindern zu fliehen suchte. Belgier stürzten auf sie los, einer erstach die Frau, die ohnmächtig in den Armen ihres Mannes lag, mit einem Messer. Aus' dem vierten Stockwerk eines Hauses wurden zwei deutsche Kinder im Alter von etwa 3 bis 6'Jahren aus dem Fenster auf das Pflaster geworfen, wo sie mit zerschmetterten Gliedern liegen blieben. Mit Fußtritten und Faustschlägen trieb der Pöbel, etwa 4000 Mann stark, die Deutschen vor sich her. Die deutschen Läden43 wurden ausgeraubt und in Brand gesteckt. Polizeibeamte sahen dem Treiben der Mordbrenner lachend zu." Nur unter äußerst schwierigen Verhältnissen konnte ein Teil der in Belgien lebenden Deutschen das schützende Vaterland erreichen. Viele Hunderts mußten in den belgischen Städten bleiben und von sehr vielen hat man nie wieder etwas gehört. Feldwebel Drews schrieb in seinem ersten Briefe in die Heimat: „Wer die von hinterlistigen Franktireurs in Belgien verübten Greueltaten miterlebt hat, vielleicht selbst gequält und gemartert und mit knapper Not dem Foltertode entgangen ist, der weiß, daß nur rücksichtslosestes Eingreifen vor diesen Bestien in Menschengestalt retten konnte." So mußte Drews auch Zeuge sein, wie die belgische Stadt Löwen energisch und hart gestraft wurde, mußte selbst mehrere von den Heimtückern niederschießen. Durch falsche Gerüchte aufgestachelt, beschoß plötzlich die Be völkerung aus allen Fenstern, aus den Kellern und von den Dächern herab die in den Straßen befindlichen ahnungslosen deutschen Wachen, Kolonnen und durchmarschierenden Truppen mit Gewehr- und Pistolenfeuer, während Weiber siedendes Oel auf sie Herab gossen. Es entwickelte sich dann ein fürchterliches Handgemenge, an dem sich die gesamte Zivilbevölkerung beteiligte. Den Soldaten gelang es erst nach 24 Stunden, der rasenden Bevölkerung Herr zu werden. Auch Drews Bataillon, das auf dem Bahnhofsplatze lagerte, kam in harte Bedrängnis. „Alle Eingänge der Stadt sind von Truppenkommandos ab zuschließen. Die Schuldigen sind zu erschießen," lautete der Befehl des Kommandanten. Viele, viele Schuldige mußten niedergemacht, ihre Häuser nieder gebrannt werden. Jede Granate der schnell aufgefahrenen Artillerie war ein Treffer. Das Regiment, in dem Gustav Drews diente, blieb nicht lange in Belgien, es wurde mit verschiedenen anderen nach Straßburg und Kolmar verladen, da inzwischen starke französische Kräfte von der Festung Belfort aus in das südliche Ober-Elsaß eingefallen und bis an die deutsche Industriestadt Mülhausen vorgedrungen waren.Ein Freund unseres Drews, ein junger Kavallerieleutnant, hatte dabei seinen ersten Zusammenstoß mit den Rothosen. Wäh rend unsere Soldaten bekanntlich alle in der praktischen, unsichtigen feldgrauen Uniform gekleidet waren, hatten die törichten Franzosen ihre Soldaten genau wie 1870 noch in leuchtenden roten Hosen und blauen Schoßröcken in den Kampf ziehen lassen. Nicht einmal ordentliches Schuhzeug hatte die bunte Gesellschaft! Fünf Kilometer von der Grenze traf ich auf eine starke fran- zösische Offizierspatrouille und ich beschloß, sie mit der Lanze an zugreifen. Mit „Hurra" attackierte ich mit meiner kleinen Schar den Feind. Wir warfen ihn zurück, verwundeten mehrere und nahmen den Führer, einen Oberleutnant, und einen Mann gefangen. Ein Un teroffizier brachte die Gefangenen zu unserem Truppenteil zurück, wo alle die ersten Rothosen lächelnd bestaunten. Ich selbst ritt mit meinen übrigen Leuten weiter und geriet bald in das Feuer einer abgesessenen feindlichen Eskadron. Die Kerle schössen uns unsere sämtlichen Pferde unter dem Leibe zu sammen. Gegen die Uebermacht konnten wir — zumal zu Fuß — nicht» machen. „Zurück in den Wald! Ich decke den Rückzug!" Solche Gegner waren natür- lich gute Ziele für unsere „grauen Jungen"! Generalleutnant von Falkenhahn, Preußischer KrlegZmtnister. „Ich hatte," erwähnte der junge Leutnant später unserem Drews, „mit meiner aus acht Mann bestehenden Patrouille den Auftrag, die feindliche Grenze zu erkunden. Im fahlen Morgenlicht rückte ich in den Vogesenwald. Meine Leute waren in gehobener freudiger Stimmung, endlich mal den ersten Franzosen sehen zu können.Aber da hättest du ineine Ulanen sehen sollen; alle riefen: „Wir verlassen unsern Leutnant nicht, sondern wollen mit ihm sterben!" Und nun schössen wir, rückwärts in den Wald springend, mit Todesverachtung auf die uns verfolgenden Feinde. Mit großer Mühe gelangten wir auf deutschen Boden zurück. Nur ein braver Kame rad war gefallen, er hatte einen Kopfschuß und damit schnellen Tod. Ich selbst erhielt einen Streifschuß am Oberarm. Es war ein gefährliches kleines Abenteuer. Aber ich hatte die Genugtuung, meinen Vorgesetzten die Stärke des jenseits der Grenze stehenden Feindes zu melden I" Gustav Drews brannte bei dieser Erzählung danach, auch bald wieder an den Feind zu kommen. Am 9. und 10. August kam es zur Schlacht bei Mülhausen. Das siebente französische Armeekorps hatte die schwachen deutschen Grenztruppen angegriffen. Man mußte die Gesamtzahl der Feinde auf etwa 50 000 bis 60 000 Mann schätzen. Diesen bedeutenden Kräften gegenüber verhielten sich die Deutschen zunächst defensiv, unter leichteren Gefechten in nördlicher Richtung zurückweichend, aber immer den eigenen rechten Flügel am bezw. auf dem Abhang des Gebirges haltend, wo die Höhen bei Thann den ersten höheren Punkt bilden. Demgegenüber erlahmte die französische Offensivbewegung: man grub sich ein in der freien, schutzlosen Ebene, in der Linie Mülhausen—Sennheim, wurde VM den allmählich verstärkten Deut schen angefaßt und geschlagen. Diese, im Besitz der Höhen von Thann, mit stark vorgenommenem rechten Flügel, drängten den feindlichen linken Flügel von der Rückgangslinie Dammerkirch—Belfort ab und drückten den in höchst schwieriger Lage befindlichen Feind gegen die Schweizer Grenze. Die Schlacht bei Mülhausen kennzeichnete sich also als eine Reihe von Teilgefechten, die, über mehrere Tage verteilt, in ihrer Gesamtheit das Oberelsaß von dem feindlichen Einfall für immer säuberten. „Wir haben die Deutschen nur gesehen, wenn sie im Laufschritt auf uns zukamen. Unsere Toten hatten fast nur Kopf- und Brust wunden," erzählte ein Gefangener. „Bei der Stadt Mülhausen waren uns die Deutschen auf 60 Meter nahe gekommen und schössen alles über den Haufen. Unser tö46 Leutnant sagte: Wo stecken die Deutschen nur. Er sah trotz de? Feldstechers nichts. Alles war grau. Die Erde und die feldgrau? Uniform sahen sich ähnlich wie ein Ei dem andern. Wir hatten unsere alte Exerzieruniform an und sind in dieser aus Belfort aus- gerückt, weil nichts anderes da war!" Trotzdem wurde die Stadt Mülhausen zunächst vom Feinde besetzt. Die Rothosen brachten Maueranschläge für das „befreit? elsäßische Volk", sogar Atlanten für die Schuljugend mit, in denen Elsaß-Lothringen als zu Frankreich gehörig eingezeichnet war. Lange haben sich die Franzosen aber des Besitzes von Mül hausen nicht zu erfreuen gehabt. Einzelne Teile der französischen Streitmacht versuchten schon, über Mülhausen hinaus vorzudringen, als deutsche verstärkte Grenzschutztruppen, zu denen auch Drews' Regiment gehörte, heranrückten und die Franzosen zurückwarfen. In den Straßen Mülhausens wurde um den Besitz der Stadt mit Erbitterung gekämpft. Feldwebel Drews tat Offiziersdienft und mußte mit seinen Soldaten um jeden fußbreit Straßenland erbittert kämpfen. „Drauf, Jungen, die Kerle müssen heraus!" Zu Hunderten bedeckten bald Tote und Verwundete die Straßen. Da — neue Gegner. Aus einem Hause wird von Zivilisten geschossen! „Magazinfeuer auf das rote Haus rechts!" rief Gustav Drews, und krachend fiel die Salve in die Fenster. Hinterher stellte sich heraus, daß die Franzosen Zivilkleider angezogen hatten, um aus dem Hinterhalt zu schießen und dann zn verschwinden. Der Wiederbesitz Mülhausens war am 11. August gesichert. Die Straßen der Stadt aber zeigten die schaurigen Reste, die ein Kampf feld bietet: herumliegende Gewehre, Ausrüstungsstücke, Hunderts von deutschen und französischen Gewehrpatronen. Gustav Drews konnte mit feinem Zuge einige fünfzig Ge- fangene abliefern. Im ganzen wurden aus dem Kampfe bei Mül hausen 600 Gefangene eingebracht. Die schlecht gekleideten und vor allem schlecht beschuhten französischen Gefangenen stachen recht un vorteilhaft von den ganz neu gekleideten deutschen Soldaten ab. Noch am Abend, als Gustav Drews sein Notguartier bei einem Mülhausener Gärtner bezogen hatte, schrieb er eine Feldpostkart« nach Berlin an seine Braut. —47 Grete Knorr las sie mit Interesse, nicht aber mit der Inbrunst, die man sonst Briefen des Geliebten entgegenbringt. Mutter Knorr sagte: „Dein Bräutigam ist ein Held!" Grete fügte jedoch hinzu: „Aber er bildet sich auch sehr viel darauf ein! Ich bin überzeugt, unsere Jungen, der Hans und der Franz, wer den genau ebensolche Helden." „Ich weiß nicht, was du mit dem Franz immer hast," sagte die Mutter, „er ist ja ein netter Mensch, aber du mußt ihn, den Schlossergesellen, doch nicht bei jeder Gelegenheit herausstreichen. Das kann dir vielleicht auch dein Bräutigam übel nehmen." Grete zuckte nur mit den Achseln und sagte nichts weiter. — Einige Tage später hatte der Bräutigam der Grete Knorr aber mals ein Gefecht zu bestehen. Es war dies in der Nähe der kleinen Stadt Altkirch im Oberelsaß. Bei Tagsdorf und Umgebung stießen deutsche Truppen wieder auf überlegene französische Streitkräfte mit starker Artillerie. Die Deutschen hielten trotz starker Uebermacht lange aus und erfüllten so ihre Aufgabe, starke französische Kräfte festzulegen, vortrefflich. Ungemein heftig war der Kampf in der Umgegenb der „Drei Häuser" und im Hunsbacher Tal. Aus den Höhen gegenüber von „Drei Häuser" hatte die deutsche Artillerie vor dem Dorf Kappeln Aufstellung genommen, während die Franzosen von Altkirch über Tagsdorf vordrangen in der Richtung gegen Jettingen. Hier wurde durch deutsche Artillerie die französische Infanterie, die zum großen Teil aus Zuaven bestand, zum Stehen gebracht. Das mörderische Artilleriefeuer brachte den Franzosen starke Ver luste bei und warf sie in regellose Flucht; namentlich die Zuaven sollen fürchterliche Verluste erlitten haben. Die Verwundeten bestätigten übereinstimmend, daß die deut schen Truppen sehr viele Gefangene machten. Auch Gustav Drews flogen die Kugeln um die Ohren, ein Granatsplitter traf seine Degenscheide; nur dadurch wurde Drews vor einer Beinverwundung bewahrt. Mancher berichtete von Taten heldischer Nächstenliebe. Ein Dragonerleutnant ist von acht Patrouillenritten heil zu rückgekehrt. Bei der neunten Streife wird ihm aufgelauert. Mit zwei Mann schlägt er sich durch. Beide sinken hinter ihm vom Pferde.Auch er ist verwundet: Lanzenstiche in den Oberschenkel, die Schulter, den Hals, dazu noch zwei Kugeln. Mühsam schleppt er sich noch eine Strecke weit. Als er von einem Automobil des Kaiserlichen Freiwilligen Autokorps gefunden wird, sagt er zu dem Chauffeur, der ihn auf laden will: „Nur, wenn Sie meine beiden Leute noch suchen, die da hinten irgendwo an der Straße liegen. Ich will's nicht besser haben als siel" Offizier und Dragoner kamen auch glücklich ins Lazarek. 4. Kapitel. Vetternbriefe aus Oesterreichs Kämpfen. Der fröhliche österreichische Reserveleutnant Joseph Töllchen. der Vetter des Herrn Knorr, hielt das in seinem ersten Briefe ge gebene Versprechen und sandte im Laufe der nächsten Wochen mehrere Briefe nach Berlin, in denen er die Kämpfe des österreichisch-unga- rischen Heeres gegen Serben und Russen schilderte. Hans Knorr übte fleißig in Königsberg und erhielt von seinem Vater auch stets in Feldpostbriefen — die bekanntlich unentgeltich befördert werden — Mitteilungen aus den Briefen des österreichischen Onkels. Im ersten Briefe schrieb Joseph Töllchen folgendes: „Lieber Vetter Knorr! Es ist eine Lust zu leben! Oesterreichs Feinde erfahren in fast täglichen Kämpfen, daß das österreichisch» Heer darauf brennt, seinen Feinden vernichtende Schläge beizu bringen. Und neben den Jungmannschaften beweist sich auch unsere Land wehr als ganz ausgezeichnete Kampfwaffe. Laßt Euch nur ein schneidiges Stücklein von der ungarischen Honvedkavallerie heute er zählen. Die Division hatte die schwierige Aufgabe, die russische Grenz, sicherung am Zbrus zu durchbrechen, um festzustellen, ob sich dahin- ter stärkere feindliche Massen befänden. Bei Satanow gelang die Erzwingung des Ueberganges und der Einbruch in russisches Gebiet. 4dZn Löwen.43 Die Honveds stießen südwestlich von Kutzmin auf überlegene feindliche Kavallerie, die von Infanterie unterstützt wurde. Mit äußerster Bravour warfen sich die ungarischen Reiter auf die Kosaken und trieben sie nach heißem Kampfe in die Flucht. Die Kerle wurden zum größten Teile zusammengehauen und wandten sich zur Flucht. Nicht einmal ihre Verwundeten nahmen sie in der Eile mit; ihre Toten zu bergen fanden sie erst recht nicht die Zeit. Die Verfolgung stand erst an den Ufern des Smotrizbaches still, wo sich bei Gorodok russische Verstärkung festgesetzt hatte. Obwohl nun der Angriff gar nicht Aufgabe der mutigen Hon- vedreiter war, griffen sie den Feind doch in seiner befestigten Stel lung an, freilich nicht ohne felbft schwere Verluste zu erleiden. Der Kampf bewies, daß in dieser Gegend starke russische Kräfte standen. Nach Lösung ihrer Erkundungsaufgabe quartierte sich die Divi sion bei Satanow wieder ein. Nachts überfielen nun die Ortsbe wohner, verstärkt durch versteckt gehaltene russische Soldaten, die schlafenden Honveds, von denen sie eine Anzahl töteten. Zur Strafe dafür wurde der Ort sofort niedergebrannt. Nach diesem Vorfall sammelte sich die tapfere Honveddivision wie der vollkommen schlagfertig und kehrte zu der Armee des Generals von Auffeuberg zurück. Dieser Ge neral wird überhaupt in nächster Zeit Wohl schwere Kämpfe zu leiten haben. — Wie mit den Russen wird unsere Truppe auch mit den Serben immer wieder fertig. Da ist mir besonders der fol gende Handstreich gelungen. Ich fuhr mit meinem Pa trouillenboot gegen eine Stelle unterhalb der Drinamündung, wo die Serben eifrig an Befestigungen arbeiteten. Als wir etwa zwanzig Meter vom Ufer entfernt waren, fchwang ich mich mit drei Kilogramm unsres Sprengmittels Ekrasit beladen über Bord, 4 Marschl Marsch! General von Aufsenberg,1 50 schwamm ans Land, erreichte unbemerkt die Befestigungen, schaffte die Sprengladung hinein und brachte sie mit einer Zündschnur zur Explosion. Ich hatte gut getroffen, denn eine lange Strecke der felsigen Befestigung war vernichtet! Die serbischen Kerle — sie sehen aus wie die Räuber, so struppig, schmutzig und unordentlich bewaffnet — eilten zwar schnell herbei und eröffneten ein heftiges Feuer auf mein Boot. Meine Leute im Boot empfingen die Serben aber auch mit Schnellfeuer, das eine ganze Reihe von Feinden glatt niederstreckte. Ich selbst blieb unverwundet und konnte das Boot schwimmend er reichen. — Wie Ihr schon aus den Zeitungen erfahren haben werdet, be- gehen die serbischen Banden große Grausamkeiten und sind würdige Bundesgenossen der Belgier, unter deren Grausamkeiten ja Eure deutschen Truppen so furchtbar zu leiden haben. Ich habe selbst gesehen, daß serbische Soldaten und Komitatschis unsere Gefangenen und Verwundeten auf scheußliche bestialische Weise massakrieren. Fassen wir solche Bluthunde, so werden sie natürlich ohne Gnade niedergeschossen. Unsere Verbandplätze werden sehr oft beschossen. Serbische reguläre Truppen hissen die Parlamentärflagge und überfallen nach Einstellung des Feuers hinterlistig die österreichischen Truppen. Soldaten sowie Komitatschis entledigen sich bei drohender Gefahr der Waffen und suchen als friedliche Bürger zu erscheinen. Bei getöteten Komitatschis habe ich mit Nägeln und Kupfervitriolstücken geladene Patronen gesunden. Die serbische Zivilbevölkerung, insbesondere Weiber und Kin» der, schießt und wirft heimtückisch im Rücken der Armee Bomben. In Losnitza, wo die Bevölkerung Feindseligkeiten beging, wurde zur Strafe eine Geldkontribution erhoben. — Aus Eurem letzten Briefe habe ich ersehen, daß sich Euer Hans freiwillig zum Heeresdienst gestellt hat. Das ist brav von ihm! Solche Jünglinge müssen wir haben! Und wir haben sie in Deutsch land wie bei uns in Oesterreich. Auch bei uns ist der Andrang von Kriegsfreiwilligen sehr groß. Daß Hans dabei auch gleich das Abiturientenexamen gemacht hat, freut mich zudem außerordentlich. Ich gratuliere Euch herzlich64 Bvzu! Ist er doch jetzt die Schulqual los und kann als freier deut. scher Mann seinem Vaterlande seine Dienste leisten. Ich muß für heute schließen, da mein Dienst beginnt. Ich muh die Außenwachen revidieren. Den geladenen Revolver habe ich dabei immer schußbereit in der Hand. Außerdem nehme ich meine« Kriegshund „Tuffel" mit auf diese Gänge. Der Köter ist sehr wach, sam und würde mir jeden Feind stellen. Gott befohlen! Mit Kriegs- und bald Siegesgruß Euer Joseph Töllchen." „Der sonst so schreibfaule Joseph ist ja jetzt ordentlich schreib lustig geworden und schickt uns lange Kriegsberichte," sagte Vater Knorr zu seiner Ehehälfte. „Ich hätte ihm die Abfassung eines so langen Briefes gar nicht zugetraut." „Er ist eben mit der ganzen Seele Soldat und Vaterlandsver» leidiger," erwiderte Frau Knorr. „Schreibe ihm nur auch bald wieder von den deutschen Siegen!" Das tat denn Vater Knorr auch sehr ausführlich, schickte auch Zinige hübsche illustrierte Zeitungen mit, in denen Bilder von den Waffentaten der deutschen Armee enthalten waren. — Frau Knorr aus dem Vorderhause wie auch die einfache Frau Briese aus dem Hinterhause trugen jetzt als einzigen Schmuck ihrer Blusen gleichartige Schleifen in den deutschen und österreichi schen Farben. Joseph Töllchen war weiter fleißig im Schreiben an seine Ber» liner Verwandten, die ja zugleich sämtlich seine Bundesgenossen und zwei von ihren Angehörigen auch seine Kampfgenossen, wenn auch auf weit entfernt gelegenen Kriegsplätzen waren. Eine Woche später traf abermals ein Feldpostbrief aus Oesterreich in der deut> scheu Hauptstadt ein. „Lieber Vetter Knorr! Besten Bank sage ich Dir und Deiner Frau für die hübsche illustrierte Feldpostkarte. Die darauf abge° bildeten Kampfszenen entsprechen so ziemlich der Wirklichkeit, ob gleich Bilder nie- die volle Wirklichkeit erreichen können. Von Hans habe ich eine Karte aus Königsberg erhalten. Er scheint ja mit Siebenmeilenstiefeln in die kriegsmäßige Ausbildung hineinzugehen. Hat der Junge doch sogar schon scharf geschossen und auf 200 Meter Entfernung ansagen können: 8 6 8 10 und 12i Das ist ein sehr gutes Schießresultat für einen Rekruten. Hoffent- 4-lich kommt er m den nächsten Tagen schon in eine kämpfende Kom-> pagnie. Ich habe mich hier wieder verschiedentlich mit den Serben, zur Abwechslung eines Tages aber auch mit Montenegrinern herum geschlagen. Die Serben hatten auf ihrem Drinaufer — dem wir gegen» über standen — starke Feldbefestigungen erbaut. Nach dem Ueber- gang über die Drina rückten wir trotz der Ermüdung der Truppen in Eilmärschen vorwärts. Die Soldaten brachen beim Anblick der ersten serbischen Stellung in Jubelgeschrei aus. Wir Offiziere versuchten die Mannschaft vergeblich zu halten, bis wir die Feuerüberlegenheit gewonnen hatten. Als jedoch die serbischen Geschosse über unsere Köpfe sausten und unser Gewehrfeuer den gut gedeckt stehenden Soldaten nicht viel schadete, waren dw Mannschaften einfach nicht mehr zu zügelnl Mit gefälltem Bajonett stürzten sie wie besessen auf die ser bischen Stellungen. Binnen wenigen Minuten war der Feind ge worfen und flüchtete Hals über Kopf, während die unfrigen nach drangen. b258 Damit war das Passieren des Flusses für unsere nachfolgenden Verstärkungen möglich geworden. Die mit Beton verkleideten Artilleriestellungen des Gegners empfingen unsere Regimenter mit mörderischem Feuer. Links und rechts von mir sielen meine wackeren Leute. Aber vorwärts ging es unaufhaltsam. Unsere Artillerie fuhr einige Gebirgshaubitzen-Batterien auf und wenige Schüsse der Feuerschlünde genügten dann, um in die feste feindliche Stellung Bresche zu schlagen. Mit größter Bravour stürmten meine Leute die Stellung. Ich Möst hieb mehrere Serben, darunter zwei Offiziere, nieder. Nach der Erstürmung sahen wir die fürchterliche Wirkung unserer Geschosse. Hunderte von toten und verwundeten Serben lagen in den Artilleriestellungen und den Schützengräben. Aber das frugale Abendbrot schmeckt nach diesem heißen Kampf tage! Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, mit welchem Hochgefühl man fein Mahl nach solcher Arbeit einnimmt, und wenn es auch nur aus Hammelfleisch mit Kohlstücken besteht. — Einige Tage darauf wurde ich mit meinem Zuge zu einer Unter» nehmung gegen anrückende montenegrinische Truppen kommandiert. Die Feinde hatte ein Flieger gemeldet. Längere Zeit konnten wir den Feind aber nicht finden. Es war Wald und Berg, Busch und Gesträuch zu durchstreifen. Recht ermüdet waren wir schon. Plötzlich aber wurden wir von einigen vor uns liegenden fei- sigen Anhöhen von Komitatschis (das sind bekanntlich nicht eigent lich soldatische Banden, ein Komitatschi ist mehr Räuber als Krie ger!) beschossen. Auch aus Schluchten und Höhlen krachte es unauf hörlich um uns herum. Ein regulärer Kampf war in diesem Felsen- und Waldgewirr undenkbar! Wir durchstöberten daher in kleinen Abteilungen den Wald und erschossen Dutzende von Komitatschis. Ich nahm mit meinem Zuge zwanzig gesangen. Und bei dieser Räubergesellschaft befand sich ssogar ein bis an die Zähne bewaffnetes Frauenzimmer! Wie gereizte Löwen stürzten sich meine braven Mannschaften die Höhen hinan, während auch hier einige Batterien Artillerie Volltreffer in die Banden sandten.Wie aus einem Vulkan flogen Erde, Felsstücke, Baumstämme und gegnerische Kanonenlafetten in die Luft. Hunderte von Mon tenegrinern waren an diesem Tage gefallen. — Nicht nur die Heeres-, sondern auch die Honvedkavallerie leistete das Aeußerste an Ausdauer und Wagemut. Einzelne Schwadronen gingen todesmutig gegen die feuerspeienden feindlichen Schützen gräben vor und nahmen sie. Bezeichnend für den Geist, der die österreichisch -ungarische Armee beherrscht, ist die Tat eines meiner Infanteristen. Der Mann heißt Julius Reif. Reif sprang in einem Gefecht, das wir bei Suchodol hatten, unter dem furchtbaren Kugelregen allein voraneilend vor. Er ent fernte die von der feindlichen Verteidigungsstellung vorbereiteten Distanzpflöcke, die den Russen die Ziele angeben sollten, und eroberte dann an der Spitze seiner Korporalschaft die feindliche Stellung. Am nächsten Tage führte derselbe Unteroffizier äußerst geschickt seine Korporalschaft gegen eine neue feindliche Stellung vor. Der brave Kerl attackierte mit zwanzig Mann hundert Feinde, die von einer Waldhöhe aus meinem Zuge in den Rücken fallen wollten. Er durchbohrte — wie ich selbst sehen konnte — den feind lichen Offizier, der auf ihn feuerte — mit dem Bajonett. „Waffen nieder! Ergebt euch!" rief er den Russen zu. Sie schössen. „Magazinfeuer!" befahl der brave Unteroffizier. Die Hälfte der Russen wurde kampfunfähig gemacht, der Rest in die Flucht gejagt. Hierauf stieß Reif wieder mit seiner Korporalschaft zu meinem Zuge und meldete, als ob er den kleinsten Garnisondienst vollbracht hätte. Gleich darauf mußten wir alle gegen vier feindliche Maschinen gewehrabteilungen vorstürmen, die uns mit rasendem Schnellfeuer überschütteten. Ich ließ Reif mit den zwölf Mann, die er von seinen zwanzig aus der ersten Attacke zurückgebracht hatte, gegen die Flanke der Maschinengewehrstellung vorgehen. Der Held hatte sich dabei durch ein sumpfiges Dickicht so fein herangeschlichen, daß die Feinde sein Nahen gar nicht merkten. Mit lautem Hurra fiel ich inzwischen auf die Maschinengewehre «m! Sie hörten bald auf mit ihren Leierkästen! V455 Die Hälfte der Bedienungsmannschaft machten wir nieder, eins der letzten Geschosse durchschlug meinen Brotbeutel, ohne mir zu schaden. Die Maschinen wurden erbeutet. Am nächsten Tage wurde die Meldung von dem schneidigen Verhalten Reifs unserem Hauptmann erstattet. Er ernannte Reis sofort zum Feldwebel. Ich hoffe, einen guten Kameraden in dem jungen Helden — er ist erst 24 Jahre alt — erhalten zu haben. Neidisch bin ich auch durchaus nicht darauf, daß einige Tage später an Reif die goldene Tapferkeitsmedaille verliehen wurde. Ich selbst erhielt die silberne. Viele hunderte von solchen Einzelzügen tapferer österreichischer Jungen könnte ich Dir, lieber Vetter, erzählen, aber der Bogen geht zu Ende. Seid alle herzlich in Bundestreue gegrüßt und grüßt mir ganz besonders meinen lieben Hans dort oben an der Ostsee, in dem von den Russen bedrohten Königsberg. Euer Joseph Töllchen." „Famos ist der Joseph! Erlebt so viel! Hoffentlich ist unser Hans nun auch bald so weit, ich denke, er wird vier Wochen nach dem Eintritt kriegsbrauchbar sein!" sagte Herr Knarr, als er den Brief seines Vetters gelesen hatte und ihn seiner Frau reichte. „Wer Mann, in vier Wochen kann er doch noch nicht fertig sein! Das wäre ja schrecklich, wenn der arme Junge jetzt schon so schnell in das Kriegstreiben hinein sollte. Und noch dazu gegen die Russen horden. Von denen liest man ja jetzt alle Tage in den Zeitungen, wie grausam sie sich in Ostpreußen an der Grenze betragen." „Ach was, liebe Frau. Ein Krieger, der sein Leben freiwillig für sein Vaterland in die Schanze schlägt, ist kein bedauernswerter armer Junge, wie du dich auszudrücken beliebst, sondern ein solcher Jüngling ist ein Held! Und wenn die Russen, vor denen du so große Angst zu haben scheinst, wirklich Barbaren, Mordbrenner und Kulturzerstörer sind, so kannst du dich darauf verlassen, daß unsere Krieger sie so schwer züchtigen werden, daß keiner mehr daran denkt, in Deutschland oder in Oesterreich zu morden und zu rauben!" „Ja, aber unsere Verwandten dort in Soldau — wie mag es ihnen gehen! Man liest ja schon alle Tage, daß die Russen mit ihren Kosakenschwärmen über die deutsche Grenze kommen und alleszerstören. Mein Vetter Trony, ein echter Litauer, hat so viel Vieh, wenn sie ihm das nur nicht rauben!" „Auch unsere Verwandten werden, wenn sie wirklich zu Anfang des Krieges etwas Schaden erleiden sollten, alles später wieder er setzt bekommen. Das ist nicht zu ändern, im Kriege müssen Opfer gebracht werden." „Der alte Briese sagte mir übrigens heute morgen, als er mich auf der Treppe traf, daß sein Franz sich in Wesel sehr Wohl fühle. Die Ausbildung sei schnell — aber in jeder Weise kriegsmäßig, der Junge hofft, schon nach einer Woche als Ersatz zum Regiment ge- schickt zu werden," sagte Frau Knorr, um das Gespräch von der Ostgrenze sortzulenken. „Ich habe mich auch gefreut, daß unser Hans gestern auf seiner Feldpostkarte dasselbe schrieb. Der Hauptmann hatte jetzt schon ge fragt, wer möglichst bald vor den Feind wolle, und unser Hans war natürlich freiwillig auch dazu bereit." „Weißt du, Mann, ich will jetzt, wo alle für das Vaterland ihr Bestes einsetzen, mich auch nützlich machen. Ich habe gestern schon Schritte getan, um mich an der Einrichtung einer „Kriegsnot- Speisung" für Angehörige der im Felde stehenden Truppen zu be teiligen. Eine ganze Reihe von Damen aus den besten Kreisen hat sich mit einigen gemeinnützig denkenden Männern zu einem Bunde zusammengefunden, um durch die Speisung und Fürsorge für Kinder und Erwachsene in der eisernen Zeit wahre Menschen- liebe zu bekunden." Herr Knorr lächelte. „Na, siehst du, Frau, was für eine tüch tige Vereinsdame noch aus dir wird. Früher hast du mich immer von der Tätigkeit in Vereinen, Komitees, Verbänden, Ausschüssen zurückhalten wollen, weil dies den Mann zu sehr der Familie ent ziehe. Jetzt bist du selbst ein Mensch geworden, der soziales Empfin den hat. — Wie steht's denn aber mit den Kosten für eure Kriegs, notspeisung armer Soldatenfamilien?" Halb verlegen, halb freudig blickte Frau Knorr ihren Gatten an. „Ich weiß, daß du schon 500 Mark für die allgemeine Kriegs- fursorge des „Roten Kreuzes" gegeben hast, und auch eine ganze Reihe von deinen Arbeiterfamilien, die ihren Ernährer im Felde haben, unterstützt. Darum wollte ich dir nicht mit einer neuen Geld forderung für die Liebestätigkeit kommen. Und da . . . da . . . Lg57 hckbe ich mir anders geholfen. Mein kostbarstes Schmuckstück war bisher mein Brillantenhalsschmuck mit der länglichen schönen Perle. Ich habe ihn sehr gern gehabt und mich damals, als du bei gutem Geschäftsgang mir das kostbare Schmuckstück schenktest, recht sehr ge stellt. Nimm es mir nicht krumm, daß ich diesen Schmuck verkauft habe und den Erlös — es sind tausend Mark — für unsere Wohl tätigkeitszwecke verwenden werde." Herr Knorr nahm das eigenmächtige Handeln seiner Ehehälfte nicht krumm, sondern streichelte ihr lieb die Hände und sagte stolz: „So gefällst du mir, Frau! Ich wollte, andere Frauen täten eile so." Und fehr viele deutsche Frauen waren tatsächlich von der gleichen Opferfreudigkeit beseelt. In ungezählter Menge brachten aus Vorder- und Hinterhäusern die Frauen ihre Schmucksachen dem Vaterlande dar. Ungeheure Summen wurden von reich und arm, hoch und niedrig für die allgemeinen Wohltätigkeitszwecke gestiftet. Für Verwundete, Kranke, Genesende, für Kriegerfrauen und Sol datenkinder wurde in weitgehendster Weise gesorgt. Unsere Truppen draußen in West und Ost wußten, daß ihre Angehörigen in der Hei mat nicht Not zu leiden brauchten. „Ich habe noch mehr für Wohltätigkeitszwecke gegeben, als ich dir bisher mitgeteilt habe," sagte Herr Knorr weiter. „Ich habe zwar jetzt in der Fabrik so gut wie keine Einnahmen, aber von unserem Vermögen gebe ich gern noch mehr. Ich will auch durch halten in meiner Fabrikation; so lange es irgend möglich ist, soll kein Angestellter und Arbeiter gekündigt werden. Es wird mir zwar sehr schwer fallen, den Betrieb aufrecht zu erhalten, da eben Ein nahmen so gut wie gar nicht zu buchen sind. Das Heer der durch den Krieg arbeits- und brotlos gewordenen Kaufleute, Handwerker und Arbeiter will ich nicht noch vergrößern." „Du bist doch ein guter Mensch!" sagte die treue Hausgenossin. „Uebrigens hat auch der Opfersinn deinen Mieter und Freund Briese erfaßt. Die Frau sagte mir, daß er für die arbeitslos gewordenen Angehörigen seines Werkverbandes schon 150 Mark gespendet hat." „Sieh den wackeren Briese an! Das ist ein ganzer Monats- 'oerdienst des tüchtigen Schlossers. Er ist doch ein braver Mensch. Sowie es möglich sein wird, will ich ihn zum Werkmeister in meiner Fabrik machen."Das gute, menschenfreundliche Herz Knorrs zeigte sich ferner darin, daß er verschiedenen seiner Mieter im Hinterhause die Miete während der Kriegszeit stundete, einigen Arbeiterfamilien sogar ganz erließ. — „Da fällt mir übrigens zu rechter Zeit ein, daß ich noch eine goldene englische Medaille besitze. Ich erhielt sie vor zehn Jahren auf einer Brüsseler Fach-Ausstellung für hervorragende Leistungen in meinen Maschinen. Du bringst mich durch deinen Schmuckverkauf auf einen guten Gedanken. Die Medaille wird heute noch von mir verkauft und der Erlös dem „Roten Kreuz" zugestellt." Ein dankbarer, freundlicher Blick seiner Frau traf ihn, sein Töchterchen Grete gab ihm einen Schmatz. So geschah es. Herr Knorr verkaufte seine Anerkennungs medaille und erhielt 300 Mark dafür, die der Verwundetenpflege zugute kamen. Ueberhaupt legten alle guten Deutschen und Oesterreicher ihre Auszeichnungen, Orden, Ehrenstellen usw., die sie von uns feind lichen Mächten einst erhalten hatten, freiwillig nieder. Kaiser Wil helm war der erste, der auf die Titel eines englischen und russischen Feldmarschalls, eines englischen Admirals verzichtete. Viele hun derttausende von Mark kamen durch den Verkauf feindlicher Orden und Ehrenzeichen ein. Kein deutscher Gelehrter wollte noch Mitglied gelehrter Gesell schaften in London, Paris, Petersburg sein. Und, was sehr wichtig war und von allen Vaterlandsfreunden mit Genugtuung begrüßt wurde, war, daß die deutschen und österreichischen Universitäten be schlossen, fortan keine englischen, französischen, russischen, serbischen und japanischen Studenten mehr in ihren Hörsälen zu dulden. Namentlich die schlitzäugigen Japaner, diese heimtückischen, undank» baren Mongolen, hatten sich ihr bißchen Kultur auf deutschen Hoch schulen gestohlen. Als Bundesgenossen Englands konnten sie jetzt aus „Dankbarkeit" gegen Deutschlands Gastfreundlichkeit die deut sche Kolonie Kiautschou bedrohen. Die Niedertracht Englands aber scheute sich nicht, die Farbigen auf die weiße Rasse zu Hetzen! Auch Grete Knorr war eifrig in der Liebestätigkeit für die Krieger begriffen. Sie wurde freiwillige Helferin bei einer Schuld Weisung und in einem Kinderhort, in dem solche Kinder von Sol daten untergebracht waren, deren Mütter in den Fabriken arbeiteten. b«53 In ihren sonst noch bleibenden Mußestunden aber strickte Grete Knorr eifrig an warmen Wintersachen für die Truppen. Es ent- standen Strümpfe, Leibbinden, Pulswärmer, Kopfschützer, Unter- jacken und dergleichen nützliche Dinge für die Vaterlandsverteidiger. Eine große Menge von sogenannten Liebesgabenpaketen gingen regelmäßig an die im Felde stehenden Truppen ab. — Joseph Töllchen, der österreichische Vetter Knorrs, zeigte sich inzwischen weiter als Held des Schwertes, der auch die Feder gut zu führen wußte. Sein nächster Feldpostbrief lautete: „Meine Lieben in Berlin! Ich grüße Euch aus Pulverdampf und Kanonendonner heraus. Ich liege jetzt in der Stadt Kielcze in Russisch-Polen in Alarmquartier und finde Zeit, Euch auf einigen aus meinem Notizbuch gerissenen Blättern wieder etwas über die weiteren Taten im österreichisch-russischen Kriege zu berichten. Jetzt geht es nämlich gegen die Russen! Den Bluthunden haben wir gründliche Hiebe zugedacht. Denn ihre Greuel waren an der österreichischen Grenze ebenso groß wie die der Serbenbande. Diese elenden, verhungerten Gesellen haben sich in den letzten Wochen wieder scheußliche Schandtaten zu schulden kommen lassen. Die serbische Regierung hatte gegenüber einem rumänischen Diplomaten behauptet, das österreich-ungarifche Hauptquartier habe den Kommandanten der in Serbien eingedrungenen Truppen Auf trag gegeben, die aus den Feldern stehende Ernte zu vernichten, die Dörfer anzuzünden und die Einwohner zu töten oder gefangen zu nehmen. Ueberhaupt hätten die österreich-ungarifchen Soldaten un erhörte Grausamkeiten begangen und selbst Kinder und alte Frauen nicht verschont. Dadurch seien die serbischen Soldaten so aufgebracht, daß es schwer falle, sie von Vergeltungstaten zurückzuhalten. Es war klar, was mit dieser bewußt lügenhaften Darstellung von serbischer Seite bezweckt wurde. Es sollte einfach den Vorwür fen zuvorgekommen werden, die zu erheben das tatsächliche Verhalten der Serben in diesem Kriege die österreich-ungarische Regierung ohnehin früher oder später gezwungen hätte. Schon die ersten Be richte von serbischen Kampfschauplätzen hatten viele Grausamkeiten der serbischen Kriegführung und ein völkerrechtswidriges Vorgehen der von den Behörden aufgehetzten Bevölkerung festgestellt. Das60 Armee-Oberkommando hatte Erhebungen in dieser Hinsicht ange ordnet, die folgendes Ergebnis lieferten: Bei Serbisch-Schabatz sind wiederholt Leichen verstümmelter Soldaten des österreichischen Heeres gefunden worden, so ein Leutnant mit aufgeschlitztem Bauche, ein Soldat mit ausgestochenen Augen, in deren Höhlen Uniform knöpfe eingepreßt waren, und ein Soldat, an einem Baume hängend, dem Kopf und Arme fehlten. Die Einwohner von Serbisch-Schabatz und den umliegenden Ortschaften haben auf die österreichischen Trup pen meist von hinten geschossen, besonders auf die Offiziere' und kleinen Abteilungen. Selbst als Schabatz schon 24 Stunden in öster reichischem Besitze war, wurde noch auf vorübergehende Soldaten ge schossen; die Schuldigen sind natürlich sofort standrechtlich erschaffen worden. Aus einer Fabrik wurde wiederholt auf Soldaten gefeuert, einmal sogar vom Fabrikschlote aus in die Offiziersmenage auf die dort versammelten Offiziere; die Fabrik ist niedergebrannt worden. Bei Mifchar wurden Leute, die auf durchziehendes Militär geschossen hatten, gefangen; ein Leutnant, dem die Gefangenen vorgeführt wurden, verfügte aus Menschlichkeit die Freilassung einer kranken Frau. Kaum freigelassen, zog das Weib einen Revolver und er schoß den Leutnant von hinten. Während des Kampfes bei Tekerifch wurde von serbischen Truppen die Parlamentärsflagge gehißt; der österreichisch-ungarische Kommandant befahl daraufhin die Einstel lung des Feuers und näherte sich den Serben, die sodann auf 300 Schritt Entfernung gegen ihn und seine Leute ein mörderisches Feuer eröffneten. Mit Vorliebe schössen die serbischen regulären Truppen auf österreichische Verbandsplätze und Verwundetenträger; ?ine Patrouille, die einen verwundeten Oberst transportierte, wurde aus nächster Nähe niedergeschossen. Ich wurde mit meinem Regiment in der Mitte des Monats August von der serbischen Grenze fortgenommen und nach Galizien geworfen. Auf der ermüdenden Eisenbahnfahrt dorthin feierten wir den vierundachtzigsten Geburtstag unseres lieben alten Kaisers Franz Joseph. In all den Tagen des Leides und in den Stunden ernste ster Entschließungen mußte es Kaiser und König Franz Joseph ein erhebender Trost gewesen sein, seine Völker ohne Unterschied des Stammes sein Leid einmütig mittragen und sie ebenso einmütig in treuester Hingabe in den Krieg ziehen zu sehen. Sie wußten, daß61 ihr Herrscher das Schwert zog, um das Gemeinwohl aller Glieder der Habsburgischen Monarchie zu schützen, und sie wollten ihre Pflicht tun. Auch in Deutschland gedachte man, wie ich gelesen habe, m diesen Tagen mit besonderer Innigkeit des ehrwürdigen Monarchen, der, mit Kaiser Wilhelm in unverbrüchlicher Bundestreue verknüpft, einen gerechten Kampf kämpft, der zum Siege führen mußl Das ist die feste Zuversicht aller! Und dann kamen die herrlichsten Schlacht-, Kampf- und Sieges tage. In zehntägigem blutigem Ringen hat unsere österreichisch ungarische Armee den größten Teil des nach Galizien vordrängenden russischen Heeres geschlagen. Diese Riesenschlacht war eine Kette von Einzelschlachten und Einzelgefechten. Mein Regiment nahm ruhmreichen Anteil an dem dreitägigen Ringen in der Gegend von Krasnik in Russisch-Polen. Die Russen horden wurden aus der ganzen etwa 70 Kilometer langen Front herausgeworfen und mußten fluchtartig den Rückzug gegen Lublir antreten. Wir haben bei Krasnik über dreitaufend Gefangene gemacht und fünf Fahnen, dreißig Geschütze und viele bespannte Maschinen gewehre erbeutet. Ich sprach nach der Schlacht mit einigen gefangenen Offizieren, die schon den Feldzug gegen Japan mitgemacht hatten. Sie sagten übereinstimmend aus, daß die Angriffe der Oesterreicher viel stür mischer waren als die der Japaner. Gute Dienste leisteten uns die Luftschiffe. Eine dieser modern- sten Kriegswaffen war auf einer einzigen Fahrt dreimal in daK feindliche Feuer gekommen, ohne Schaden zu nehmen und hatte drei zehn Stunden in der Luft verbracht. In der Nähe von Jwangerod war es in wahre Garben von Gewehrgeschossen geraten. Südöstlich von Lublin erhielt es Infanterie- und Artilleriefeuer gleichzeitig aus beiden Flanken. Fünfundzwanzig Gewehrgeschosse durchbohrten die Hinteren Gaszellen. Die russischen Schrapnells verfehlten aber ihr Ziel und explodierten sämtlich weit weg vom Ballon. Ein Sprengstück flog in die Gondel ohne Schaden anzurichten. Der Kom mandant des Luftschiffs konnte uns zahlreiche wichtige Beobachtun gen melden. Die Besatzung, die unverletzt blieb, fand bei der Rück kehr eine wahrhaft enthusiastische Aufnahme.Kameraden, die ich später im Quartier sprach, rühmten beson ders die Tapferkeit des Preßburger und Kerschauer Korps, sie hoben nicht nur die Leistungen der Linien- und Landwehrtruppen hervor, sondern auch die von den Landsturmmännern vollbrachten Taten. Hervorragende Erfolge erzielten nicht nur unsere großen, starken Kavalleriekörper, sondern auch kleine, ausgezeichnet geführte Pa trouillen, deren Führer dann sämtlich für ihre Tapferkeit ausge zeichnet wurden. So fuhren bei Zamosc 60 österreichische Geschütze im Galopp tausend Schritte über die Infanterie hinaus gegen den Feind vor, der infolgedessen aus seinen Befestigungen auf rückwärtige Höhen Die Mannschaft einer Autokolonne verteidigte stundenlang eine Brücke gegen angreifende Kosaken. Mit wohlgezielten Schüssen ihrer Karabiner schössen die wackeren Autoleute die pelzmützigen asiatischen Kosaken nieder. Gegenüber den immer wieder von unseren Feinden versuchten Lügen, die Verläßlichkeit der österreichisch-slawischen Regimenter in Zweifel zu ziehen, muß aus die heldenmütige Haltung unserer kroa tischen, böhmischen und südslawischen Regimenter hingewiesen wer den. Das eine fast nur aus slawischen Reichsgenossen bestehende 72. Regiment erstürmte in der Schlacht bei Krasnik die russische durch Flankendeckungen geschützte Front der Russen. Die Feinde waren in großer Uebermacht. Das mutige Regiment nahm zwei russische Generalstabsoffiziere, sechs Oberoffiziere und über fünf hundert Soldaten gefangen. floh. Beneral Vittor Dailkl. Unsere Armeeführer, die Gene rale Auffenberg und Dankl, habe« auf dem westlichen Flügel der Russen fürchterlich aufgeräumt. Durch den vollen Sieg der Armee Auffenberg und das von siegreichen Gefechten begleitete Vordringen der Arme? Dankl bis Lublin war das zunächst uns vorliegende Ziel der Angriffs bewegungen zwischen Bug und Weich- sel vollständig erreicht. Was den harten Kampf in Oftgalizien angeht,so war die Zuversicht wohl begründet, daß es in Kürze gelingen würde, auch die in der Gegend von Lemberg stehenden feindlichen Truppenmassen niederzuwerfen. Die Tatsache, daß der Gegner im Räume Zamosc-Tyczowze vollständig geschlagen und zum Rückzüge gezwungen worden war, bildete das entscheidende Moment der Riesenschlacht. Nicht nur die , strategische, sondern auch die moralische Bedeutung des Erfolges war gewaltig. Die Siegesbeute der Armeen Auffenberg und Dankl konnte erst nach und nach festgestellt werden. Meine Kompagnie mußte Ge fangene zurückbringen, im ganzen haben wir über zehntausend Ge fangene und zweihundert erbeutete Geschütze gezählt. Es ist mir natürlich ganz unmöglich, die einzelnen Kämpfe der einzelnen Schlachttage zu beschreiben. In dieser Riesenschlacht sah ich die gewaltige Wirkung der modernen Artillerie an furchtbaren Beispielen. Eine unserer Bat terien beschoß, wie wir beobachten konnten, eine aus einer Deckung vorbrechende Abteilung des Feindes so wirksam, daß wir beim Vor rücken über die Kampfstelle ganze Berge von gefallenen Russen vorfanden. Wir hatten natürlich auch große Verluste. So wurde eine unserer Batterien während des Auffahrens vom Feuer der russischen Geschütze so schwer getroffen, daß bis zum Abprotzen nur ein einziges Geschütz übrig blieb. Eine meiner Korporalschaften nahm durch plötzliches Heraus- springen aus einem Walde vier feindliche Automobile. Eine andere meiner Korporalschaften erbeutete eine russische Kriegskanzlei mit wichtigen Geheimakten, die wir unserem Generalstab sofort über sandten. Von General von Hötzendorf erhielten wir dafür ein Dank schreiben. Ich kann Euch, die Ihr daheim in stillem Frieden Eures Zim mers weilt, und weit vom Schuß seid, nur noch sagen, daß es mir unbegreiflich war, wie Menschen und Tiere diese ungeheuren An strengungen und nervenaufreibenden Kampfszenen so lange ertra- gen konnten. Die Kämpfe dauerten vom Tagesanbruch an bis sich die Abenddämmerung über das von Blut dampfende Feld breitete. Selbst in der Nacht mußten wir unausgesetzt vor Ueberfällen au5 der Hut sein. Wenn wir wirklich einmal eine oder zwei Stunden schliefen, dann geschah es mit der geladenen Waffe im Arm! ökGefährlich war die Spionage und Verräterei eines Teiles dev Bevölkerung. Am Tage wurde mit Sonnenreflexen auf Spiegeln, mit weißen oder grauen Rauchsäulen, nachts mit Lichtsignalen dem Feinde unsere Stellung angezeigt. Die Russen hatten stets Landes kundige als Führer, so daß sie selbst durch Sümpfe und WalddickiD an richtiger Stelle heraus gelangten. Die Hitze der Augusttage steigerte unsere Strapazen, aber das Bewußtsein, daß es sich um einen Kampf auf Leben und Tod han« delt, daß die Kosakenbanden stets in unserer Nähe sind, spannt jeden Nerv und alle Kräfte bis aufs Aeußerste an. Unsere Verwundeten, die ich noch im Lazarett gestern sprach, erwähnten als besonders charakteristisch, daß die früher oft so ge° fürchteten Kosaken Angriffen auf die Infanterie möglichst aus dem Wege gingen. Eine so große Angst haben die struppigen Kerle mit ihren noch struppigeren Pferden vor unserem Gewehr-Schnellfeuer. Die größte Zahl unserer Verwundeten ist durch Granaten, die mit Eisenteilen gefüllt waren, kampfunfähig gemacht worden. Aus den Nachrichten, die aus feindlichen Zeitungen übernom men worden sind, werdet Ihr vielleicht lesen, daß die Russen unsere Stadt Lemberg „erobert" hätten. Kommt Euch diese Meldung zu Ohren, so sagt nur allen Berliner Bekannten, daß diese Meldung vollständig erlogen ist. Unsere österreichische Armeeoberleitung hat die offene Stadt Lemberg aus strategischen und Humanitären Rück sichten ohne Kampf freiwillig geräumt. Es setzten nämlich die Russen den Angriff auch auf die östlich Lembergs kämpfenden österreichischen Armeeteile fort. Dadurch war ein Zurücknehmen hinter Guela Lipa und in den engern Raum östlich und nördlich Lemberg nicht mehr zu umgehen, zumal auch unsre südliche Flanke aus Richtung Brze» zany bedroht wurde. Die rückgängige Bewegung vollzog sich in voller Ordnung, ohne daß der offenbar gleichfalls sehr mitgenom» mene Feind wesentlich nachdrängte. Am nächsten Tage griffen die Russen an der ganzen Front erneut an und verschoben ihre Kräfte aus dem Raum nordöstlich Lembergs gegen Süden. Tags darauf steigerte sich dieser Angriff zu größter Heftigkeit. Insbesondere von Przemyslany und Firlejow her vermochte der Feind immer neue Kräfte einzusetzen, denen gegenüber unsre Truppen nach vergeblichen Versuchen, sie durch Offensivstöße neuer im Raum westlich Rohatyn versammelter Armeeteile zu entlasten, gegen Lemberg und Miko-lajow weichen mußten, Lemberg wurde schließlich, wie ich schon sagte, geräumt. In allen diesen Kämpfen erlitten unsere braven Truppen hauptsächlich durch die an Zahl weit überlegene und auch aus modernen schweren Geschützen feuernde feindliche Artillerie große Verluste. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß wir bisher gegen etwa vierzig Infanterie, und elf Kavallerie-Truppen-Divisionen ge kämpft und zumindest die Hälfte dieser feindlichen Kräfte unter großen Verlusten zurückgeworfen haben. Da ich Euch geschrieben habe, daß ich auch gegen die Hammel diebe, die Montenegriner, gefochten habe, so wird Euch interessieren, daß die von Generalmajor von Pongracz befehligte dritte Gebirgs- brigade, die schon einmal einen kühnen Vorstoß in das rauhe krie gerische Montenegro erfolgreich durchgeführt hatte, vor wenigen Tagen von neuem gegen die auf den Grenzhöhen bei Bilek stehenden Montenegriner vorbrach. Sie warf die an Zahl überlegenen feind lichen Kräfte in mehrtägigen heftigen Angriffen zurück, nahm ihnen dabei auch ein schweres Geschütz ab und entlastete durch die kühne Tat, die von den Montenegrinern bedrängte österreichische Grenz befestigung. Ich muß jetzt aber schließen, der Brief ist fowieso fchon ziem lich lang. Aber ich hoffe, Ihr nehmt weiteren Anteil an den Kämpfen unseres österreichischen Heeres. Das Auto der Feldpost kommt und nimmt diese Blätter mit. Gruß an alle Berliner Euer Joseph Töllchen." Mit größtem Interesse las die Familie Knorr auch diesen Brief. Mit dem Gefühl hochgespannten Stolzes vernahmen die Reichsdeutschen die Nachrichten von den siegreichen Kämpfen der österreichischen Bundesgenossen. „Was in langen Friedensjahren vorbereitet wurde, das besteht in diesem großen Kriege glänzend die erste ernste Prüfung!" sagte Knorr zu Briese beim gemeinsamen Heimgang aus der Fabrik. „Es bekräftigt meine und die im ganzen deutschen Reiche immer Vchegte Ueberzeugung, daß Deutschland und Oesterreich, Schulter an Schulter kämpfend, jeder feindlichen Uebermacht gewachsen sind, die ^ch je gegen sie erheben könnte," erwiderte der politisch geschulte Maschinenschlosser. 5 Marsch! Marsch, ö56. Kapitel. Auf der Flucht vor den Russen. Berlin und Wien, die Reichshauptstädte der beiden verbündeten Reiche, die ihren Befreiungskampf durchfochten, waren dauernd in einer gehobenen, wenn auch ernsten Stimmung. Die Vergnügungen waren überall mit Recht eingeschränkt wor- den. In ernsten Zeiten mußte aller Leichtsinn, alle übermütige Freude, jeder überflüssige Lebensgenuß beiseite gestellt werden. Dafür schlössen sich aber die Menschen enger aneinander. Gleiche Not verbindet die Herzen. Großartig waren die Fürsorgeeinrich tungen getroffen. Frau Knorr war eifrig tätig in ihrer Fürsorge für die Fami lien der ausgezogenen Krieger. Aber auch die Frau Briese aus dem Hinterhause machte sich nützlich. Frau Briese wurde, wie wir schon wissen, freiwillige Helferin bei einer Kinderfpeifung. Die Jugend der eingezogenen Mannschaf ten hatte ihren Schulunterricht wie in Friedenszeiten. Nur war der Lehrplan auf den Kriegszustand von den Rektoren und Lehrern zu- geschnitten worden. Fast alle Stunden wurden zeitgeschichtliche Kriegsstunden. In jeder Klasse hing eine Karte von den Kriegs» schauplätzen und täglich besprachen Lehrer und Schüler die Fort schritte der deutschen und österreichischen Armeen. Die Mädchen sahen mit ihren Lehrerinnen die Handarbeits» stunde als die wichtigste an. Hunderttausende von fleißigen Mäd chenhänden strickten und strickten von früh bis spät, in den Schul stunden und zu Hause. Galt es doch, für den kommenden Winter feldzug warmes Unterzeug für die Truppen zu schaffen: Strümpfe, Jacken. Pulswärmer, Ohrenschützer, Leibbinden usw. kkDa viele von den Kriegerfrauen in Fabriken und Geschäften arbeiteten, um zu der ihnen von den staatlichen und städtischen Be. Hörden gewährten Kriegsunterstützung noch etwaS zuzuverdienen, wurden ihre Kinder, damit sie nicht sich selbst überlassen blieben und Unfug stifteten, in Kriegskinderhorten und Kriegsschulspeisungen gesammelt. Frau Briese half beim Kochen des Mittagessens für die Krieger- Linder und gab mittags die Portionen aus. Frau Knorr sagte zu ihr: „Liebe Frau Briese, unsere Tätigkeit hält uns frischl Aber unsere armen Ostpreußen, wie mag es denen ergehen!" „Haben Sie denn Genaueres gehört? Es sollen ja die Russen gewaltigen Massen in die blühende Provinz Ostpreußen einge. wallen sein und alles verwüsten." „Es ist leider so. Gerade heute habe ich wieder einen Brief ^on meinen Verwandten aus Soldau bekommen." Mit Wehmut las Frau Briese den ihr gereichten Brief. „Dieser erste Brief ist von unserem Schwager Tronh an meinen Mann gerichtet." . . Es ist ein furchtbares Gericht hier in der Ostmark über uns hereingebrochen. In vielen blutigen Grenzkämpfen haben unsere Grenzschutztruppen zwar die ersten russischen Eindringlinge, zurückgeschlagen. Aber es sind immer neue Massen, viele Armee^ korps. auf Oftpreußen marschiert und haben große Gebiete über schwemmt. Starke russische Kräfte waren zunächst in der Richtung der Angerapp und nördlich der Eisenbahn Stallupönen-Jnsterburz vorgedrungen. Unser ostpreußisches Armeekorps hatte den Feind bei Wirballen in siegreichem Gefecht aufgehalten. Auch bei Gum- binnen wurden diese Russen — es war, wie man später feststellte — die russische Njemen-Armee unter dem General Rennenkampf — geschlagen. Dabei wurden den Russen achttausend Gefangene abge» nommen und mehrere Batterien erobert. Eine zum 1. Armeekorps gehörige Kavalleriedivision war drei Tage wie vom Erdboden ver schwunden. Man gab sie schon verloren. Am dritten Tage erschien sie aber wieder, hatte inzwischen zwei starke russische Divisionen — also acht Regimenter! — zurückgeworfen und dabei fünfhundert Ge^ ^angene gemacht, v"Die im Süden der Provinz Ostpreußen in der Nähe unsere? Stadt Solkau stehenden Truppen stießen in den letzten Wochen teils auf starke Befestigungen, die ohne Vorbereitung nicht genommen werden konnten, teils befanden sie sich in siegreichem Fortschreiten. Der Feind hat die Nachricht verbreitet, daß er vier deutsche Armeekorps geschlagen habe. Diese Nachricht ist unwahrI Kein deutsches Armeekorps ist geschlagen. Als die oberste Heeresleitung die Truppen in das Innere Ostpreußens bis in die Gegend der starken Festung Königsberg zurücknahm, nahm jedes Regiment das Bewußtsein des Sieges und der Ueberlegenheit mit sich. Das Königsberger Grenadierregiment, bei dem Euer Hans ja auch als Freiwilliger dient, hat sich äußerst tapfer erwiesen. Viel leicht kommt nun auch bald Euer Sohn an die Front. Denn große Entscheidungen stehen in Ostpreußen bevor. Die beklagenswerten Teile der Provinz, die dem feindlichen Ein bruch ausgesetzt sind, bringen dieses Opfer im Interesse des ganzen Vaterlandes. Daran soll sich dasselbe nach erfolgter Entscheidung dankbar erinnern. Die Nüssen führen natürlich ihren Krieg mit Sengen und Brennen." „Ist denn Ihr Sohn Hans schon so weit ausgebildet, daß er mit an die Front kann?" fragte Frau Briese. „Die Jungen sind ja gar nicht zu halten, meine liebe Frau Briese. Sobald gefragt wird, wer nach drei- bis vierwöchiger Aus bildung auf den Kriegsschauplatz will, so melden sich alle!" erwiderte Frau Knorr. „Mein Franz hat mir freilich auch dasselbe aus Wesel geschrie ben. Gott behüte unsere Jungen, wenn sie in den blutigen Kampf kommen." „Ungeheure Opfer fordert schon jetzt der Krieg. Unsere Laza rette haben schon viel Verwundete. Ich habe gestern erst in einem solchen Kriegslazarett freiwilligen Helferdienst getan. Aber gerade auch die Verwundeten sind es, die von neuer Kampfbegier brennen. Lesen Sie nur einmal diese Feldpostkarte, die uns ein Sohn meines Bruders, der bei den Jägern dient, geschrieben hat." „Liebe Tante! Du hast recht, hier erlebt man etwas vom Kriege. So wenn die Jäger in endlosen Reihen zu Rade vorbei sausen wie der Wind. Um die ganze Stadt liegen Schützengräben ÄLAnd Stacheldrahtzäune; niedergeschlagene Bäume sieht man auf dem Friedhof, um freies Schußfeld zu haben. Alle Außenhäuser haben Sandsäcke in den Fenstern und sind vollgepfropft mit Soldaten, ebenso alle Schulen, Kirchen und Scheunen. Unser sonst so fried liches Städtchen gleicht tatsächlich einer Festung. Man will den Russen die Ankunft gründlich versalzen. Alles ist hier: Artillerie, Dragoner, Flieger, Ulanen. Alle haben nur den einen Wunsch: Ran an den Feind! Es ist ein großartiges Bild . . „Auch ich habe eine Feldpostkarie von einem Verwandten, der sls Ulanen-Unteroffizier im Osten steht," sagte Frau Briese. Frau Knorr las: . . Auf einem Patrouillenritt an der rus sischen Grenze bin ich vor acht Tagen an der linken Hand ver wundet worden. Ich spürte die Verletzung erst nach einiger Zeit, muß aber des starken Blut verlustes wegen zurückbleiben. Ich schicke meine Leute noch um den vo? uns liegenden Wald herum. Ob sie noch Russen gefangen haben, weiß ich nicht. Einer der Ulanen aber bleibt bei mir: er sagt, er bleibe auf jeden Fall bei mir, denn er müsse mich verbinden. Rnd dieser Mann70 war ausgerechnet einer meiner schlechtesten Rekruten, ein Ber liner Gelegenheitsarbeiter, der mehrmals bestraft war und den ich in Berlin im Dienst oft geschliffen hatte. Es war wirk lich rührend. Ich stieg vom Pferde, zog mir die Ulanka aus und der gute Kerl machte mir mit seinem Verbandzeug, das jeder Soldat bei sich hat, einen Notverband. Es war eins Hauptader verletzt, das Blut quoll springend heraus. Da band er schlauerweise mit einem Stück Gazebinde meinen Arm oberhalb des Ellbogens ganz fest ab. Und gerade das war mein Glück, sonst wäre alles Blut zum Teufel gegangen. Von dem Augenblick an weiß ich nicht mehr viel. Ich weiß nur, daß gerade ein Leiterwagen nn! einer fliehenden Bauernfamilie vorbeikam, in den ich mich, schon halb ohnmächtig, mit Hilfe meines treuen Ulanen hineinsetzte. . Frau Knorr langte darauf in ihre Handtasche und förderte einen weiteren Feldpostbrief zu Tage. „Lesen Sie den einmal, den hat der Buchhalter meines Mannes.- den Sie ja auch kennen, gestern gesandt." . . Von ungeheurem Feuer wurden wir empfangen. Es war eine zwanzigfache Uebermacht gegen uns aufgeboten. Ich ließ meinen Zug in eine Kiesgrube einschwenken, wo wir Schutz hatten» Wir wären sonst verloren gewesen. Nun aber waren wir gerettet. Mit Hilfe des zweiten Zuges deckten wir das Dorf mit Feuer zu» Wir pfefferten rein, was wir an Munition hatten. Das feindliche Feuer ließ nach. Der Gegner war erschüttert. „Seitengewehr Pflanzt aufl" wurde geblasen. „Sprung auf — marsch, marsch — fällt das Gewehr! Hurra!" Der Sturm war angetreten. Unaufhaltsam, trotz des dichten Kugelregens, ging es vorwärts, bis weit in das Dorf hinein. Dort entspann sich ein regelrechtes Handgemenge. Was nicht Seichen wollte, wurde mit der blanken Waffe niedergemacht. Au5- allen Häusern, Kellern, von allen Dächern, aus allen Bäumen wur den wir befeuert. Doch wir wichen nicht zurück. Wir schössen k die Buden hinein, daß die Scheiben klirrten und keiner mehr wagte, seinen Lauf hinauszuhalten. Wir erbeuteten viele Gewehre. Wie durch «n Gotteswunder bin ich unverletzt geblieben. Wir hatten nuk geringe Verluste.Die Russen schössen sehr schlecht. Wenn wir in dieser Stellung gewesen wären und der Russe wäre über die freie Ebene gegen uns angelaufen, nicht ein Kerl wäre von diesen Banditen lebend davongekommen. Wenn die Kerls nicht so feige wären und besser zielen könnten, dann hätten sie uns bei dem ebenen Gelände zu sammenschießen müssen bis auf den letzten Mann. Wer wir hatten erreicht, was wir wollten. Die Infanterie war zurückgeworfen und zum Teil vernichtet. Eine weitere Verfol gung nahmen wir nicht mehr auf, da wir befürchten mußten, daß wir auf stärkere russische Abteilungen mit Artillerie stoßen könnten. Wir sammelten uns nun auf der Straße, nahmen den Helm ab, dankten Gott und sprachen für unsere Toten ein Vaterunser. Dann traten wir unter Mitnahme der Verwundeten den Rückmarsch in deutsches Gebiet an. Hier werden wir noch längere Zeit als Grenzschutz bleiben. Die Russen haben sich anständig die Nase verbrannt." „Das ist großartig! Ihrem Buchhalter hätte ich wirklich nicht zugetraut, daß er ein so kampfesmutiger Soldat wird. Er war, wie mir auch mein Mann sagte, ein so stiller, äußerlich oft schlaffer Mann," sagte Frau Briese, als sie den Brief zurückreichte. „Im Kriege ändern sich die Menschen. In Belgien und Serbien sind ja sogar die Weiber zu Hyänen geworden. Warum sollte da nicht aus unserem stillen Buchhalter ein tapferer Reservefeldwebel werden. Ich habe noch eine zweite Nachricht von ihm." Dieser zweite Brief lautete: „. . . Wir marschierten am letzten Sonntag über Soldau nach Mlawa, der ersten russischen Stadt. Rechts und links zierten die Straße Pferdekadaver, Sättel, Lanzen, Munitionskisten, Mützen usw. Dann ging es durch ein von den Russen niedergebranntes Dorf nach Jllowo. Dieser Ort glich einem einzigen Trümmerhaufen. Die rusfi schen Hunde hatten alles geplündert, runtergebrannt und sich an Trauen und Mädchen vergriffen. Da bekamen wir aber die rechte deutsche Wut! Mit Hurra und dem Gesänge „Deutschland, Deutschland über alles" überschrit ten wir die Grenze. Alles war wie ausgestorben. Die Fahrzeuge, die sonst bequem von zwei Pferden gezogen wurden, blieben im Morast stecken und mußten vierspännig herausgeholt werden.72 Ueberall sahen wir russische Pferde- und Kosakenleichen. Unser? deutsche Artillerie hatte hier eine Kavalleriedivision beschossen. Mlawa ist ein dreckiges Nest! Abends war Biwack bei Morl denschein. Feindliche Kavallerie war wieder gemeldet. Eine „an genehme" Nacht ist etwas anderes, als wir sie hier auf russischem Boden durchlebten. Schließlich schlief ich doch ein mitten in einem Rübenfelde. Mit einem Male wurden wir geweckt. Alarm! Draußen knallte es von allen Seiten. Die Rüsten ließen sich aber auf größeren Kampf nicht ein. Die Kosaken kamen bis in die Nähe unserer Vorposten waren aber im Nu auch wieder fort. Ihre Kugeln flogen über unser- Köpfe weg in das Strohdach einer Bauernkate. Gleich darauf erfuhren wir, daß zwei Mann von unserer Feld, wache tot waren. Es beruhigte sich aber alles wieder und wir legten uns in vollen Waffen nieder. Aber um drei Uhr wieder Alarm! Alles wieder auf! Wieder knallt es. In der Stadt brennt es, wir lassen es ruhig brennen. Früh sechs Uhr, als unsere Erkundung der Umgegend beendet Dar, rückten wir ab und marschierten nach Soldau zurück. An der Grenze, auf einem langgestreckten Sandhügel sahen wir eine preußische Reiterabteilung, nur wenige Schwadronen. Dicht hinter ihnen, durch den Hügel etwas gedeckt, stehen einige Maschinen gewehre. Unsere Erkundung in Mlawa hatten die Feinde gemerkt und uns verfolgen lafsen. Gerade an der Grenze kommen auch zwei russische Kavallerie- brigaden an. Wir werden an die Seite gezogen. Die Russen sahen vor sich die paar feldgrauen preußische-: Reiterchen. Sie stürzen auf sie ein, die eine Brigade vorn, die andere als Rückhalt hinterher. Unsere Dragoner sprangen ihnen entgegen. Vor dem Feinds aber, in rasendstem Galopp, teilen sie sich reHts und links, den Maschinengewehren auf dem Hügel freies Schußfeld lassend. Da tat sich dann den russischen Reitern die Hölle auf. Was da geschah, war einfach unbeschreiblich: in zwei Minuten, sobald die Maschinengewehre begonnen hatten, ihren rasenden Geschoßhage! in die Gesellen zu werfen, war die erste Rusienbrigade nur noch73 Rechts und links attackierten aber jetzt die deutschen Reite?, holten sie auf, schwenkten ein, preßten die Linie zu einem Haufen zusammen, so daß sich keiner rücken und rühren, geschweige denn die Lanzen und Säbel gebrauchen konnte. So wurden zwei volle russische Reiterbrigaden bei Soldau ver nichtet. Es war ein wahres Russenfrikassee von Pferd und Mensch! Unsere Verluste betrugen nur zwei Tote und etwa ein Dutzend' Verwundete. Ja, ja, verehrter Herr Knorr: Wir marschieren, wir marschieren Pfeifend durch die Polackei. Attackieren, attackieren. Lassen keinen Feind vorbei. Kommt der Ruß' uns vor die Klingen Muß er springen, muß er springen! Mit vielen Grüßen an Sie/ Frau Gemahlin und Hans. Ich -)offe, ihn bald hier im Felde begrüßen zu können . . Die beiden Frauen, die so ihre Kriegsbriefe ausgetauscht hat ten, trennten sich. Frau Briese ging zu ihrer Kinderspeisung nach Der Turnhalle einer Schule, Frau Knorr aber ging zu dem vom74 Vaterländischen Frauenverein eingerichteten Kursus zur Ausbildung von Krankenpflegerinnen. Der Andrang von Damen zu diesen Kursen war übergroß« Leider war auch etwas Standeshochmut dabei festzustellen. Frau Knorr hatte am Tage vorher von einigen dieser Damen den Ausspruch gehört, daß sie nur Offiziere und Einjährige Pflegen wollten. „Es ist gut, daß Sie mir diese Absicht der „edlen Frauen" mit geteilt haben, meine liebe Frau Knorr," hatte der alte Medizinalrat, der den Kursus leitete, am Tage vorher zu ihr gesagt. „Den Damen soll geholfen werden!" Als die lernbegierigen Damen heute im Saal versammelt waren, fragte der Medizinalrat ganz ruhig. „Welche von den Damen sind bereit, nur Offiziere und Ein jährige zu pflegen?" Eine ganze Reihe der zum Ausbildungskursus Angemeldeten trat vor. „So, das ist ja sehr schön. Also meine Damen, ich danke Ihnen. Aber Sie werden jetzt sofort nach Hause gehen und nicht wieder kommen! Ihr Wunsch kann Ihnen nicht erfüllt werden, da ich nur Verwundete ohne Grad- und Standesunterschied kenne. Leben Sie wohl! Mit den übrigen Damen beginne ich jetzt meine Arbeit!" — Die Sorge der Familie Knorr um ihre Verwandten in Ost preußen war wohlbegründet. Die Nüssen waren von jeher als bar barische Horden in Deutschland verschrien. Wie wir schon in dem ersten Briefe der Angehörigen Knorrs mitteilten, nahmen die Russeneinbrüche einen immer heftigeren Charakter an. Es kamen eben große Mengen, die von der eigenen Verwaltung nicht genügend verpflegt werden konnten, und die daher zum Teil der Hunger zum Rauben zwang. Die deutschen Verwaltungsbehörden haben, als die Russen wieder von deutschem Boden vertrieben waren, eine Reihe von un erhörten Schandtaten festgestellt. So nahmen die Feinde die Landräte, Beamten, die Lehrer, die Amtsvorsteher, Guts- und Gemeindevorsteher — also Zivilpersonen, die an den kriegerischen Ereignissen nicht beteiligt waren und nie mals etwa wie die belgischen und französischen Franktireurs hinter-78 listig zu den Waffen griffen — gefangen und führten sie in das Innere Rußlands ab. Der General Rennenkampf — angeblich der gebildetste und tüchtigste russische General — gab den Befehl, sämtliche Förster in der Romintener und Johannisburger Heide ohne weiteres zu er schießen. Ja, der General Martos gab sogar den Befehl, alle mann- lichen Personen Ostpreußens niederzuknallen! Das waren die rus sischen Führer! Wie mußten da erst die Soldaten sein! Die Gendarmeriewachtmeister wurden von den Russen regel mäßig gefangen genommen, und ihre Frauen und Kinder wurden vor ihren Augen gemartert und erschossen! Einwohner aus Bilder- weitschen haben hinterher ausgesagt, daß sie selbst gesehen haben, wie ihr Gendarm verwundet und auf ein Pferd gebunden wurde; so wurde er nach Eydtkuhnen gebracht und dort erschossen. Ein anderer Gendarm wurde von den Russen an eine Kanonenprotze gebunden und in der russischen Stadt Kibarty erstochen. Seine Leiche fanden später die Deutschen auf dem Marktplatz in Kibarty. Der Landrat des Goldaper Kreises — also ein höherer Beam ter — wurde gezwungen, mit anderen Gefangenen geraubtes Vieh nach Rußland zu treiben. Die Pfarrer in Schareyken und Szittkehmen weigerten sich, den Russen Angaben über die Stellung der preußischen Truppen zu machen. Sie wurden deshalb von den Bestien in den Mund ge schossen. Der eine war sofort tot, der andere wurde schwer verwun det ohne Hoffnung auf Genesung in das Krankenhaus nach Goldap gebracht. In einem Dorfe im Kreise Pillkallen wurden Frauen und Kin der zusammen auf ein Gehöft getrieben, die Hoftore geschlossen, das Gehöft in Brand gesteckt. Erst als die Eingeschlossenen in höchster Not und Bedrängnis geraten waren, wurden die Tore geöffnet und die gequälten Leute herausgelassen. Im Dorf Radßen hatten die russischen Soldaten fast alle Ge bäude angezündet, so daß im Augenblick fast das ganze Dorf in Flammen aufging. Auf die unglücklichen Bewohner des Dorfes wurde mit Hieb- und Schußwaffen losgegangen. Aehnliche Vorfälle von Mord, Brand und Verwüstung wurden aus zahlreichen Grenzorten gemeldet.Bei den Mordbrennereisn gingen die Russen in der Weise vor. daß zunächst die Domänengehöfte als königliches Eigentum mit allen Vorräten niedergebrannt wurden. Dann wurden die Güter vorgenommen und dann die Dörfer. Bis zum 18. August waren aus dem Gumbinner Bezirk sechs Domänen, aus dem Pillkaller Kreise allein über fünfzehn Dörfer und Güter niedergebrannt. Die Brandstiftungen sind von den Russen systematisch betrie ben worden. Den Truppen zogen mit Zündmaterial ausgerüstet-; Brandkommandos voran, welche die Häuser mit Petroleumgetränk, ten Schwämmen und Brandraketen anzündeten. Gewöhnlich wnr» den die Bewohner zuvor aufgefordert, die Häuser zu verlassen. Manche Kommandanten ließen gelegentlich die Wohnhäuser stehen und beschränkten sich auf Abbrennen der Ställe und Scheunen. Die Verheerung der Dörfer wurde häufig unter dem Vvrwand vorge nommen, daß aus ihnen geschossen worden sei. In Wirklichkeit ist dies niemals der Fall gewesen. Die in den westlichen Gouvernements garnisonierenden ruW scheu Truppen, besonders das Gardekorps, scheinen im großen und ganzen die Grundsätze des Völkerrechts eher beobachtet zu haben Gelegentlich warnten solche Truppenführer, die bei flüchtigen Strei- fereien im Lande eine ihren Wünschen entsprechende Aufnahme ge- funden hatten, Lehrer und Gutsbesitzer vor der rohen und grau samen Gesinnung ihrer eigenen später eintreffenden Kameraden. Die Feder sträubt sich, all dieses Furchtbare im einzelnen zu beschreiben. In Deutschland selbst herrschte maßloses Entsetzen über die Greueltaten dieser Hunnen. „Aber wartet nur, wenn Euch unsere grauen tapferen Jungen erst zu fassen kriegen!" sagte Vater Knorr zu seiner Frau, als er wieder die blutigen Taten in der Zeitung gelesen hatte. „Es ist i - kaum zu glauben, und man sollte meinen, die Zeitungsnachrichten übertreiben." Da kam ein Telegramm. Seine Verwandten schrieben: „Vor Russen auf der Flucht. Kommen morgen in Berlin an» um bei Euch Schutz zu suchen." „Frau, mache schnell Betten zurecht, wir bekommen Einquar Gerung, diesmal aber nicht von Kriegern, sondern von unseren Ver» ?S7? wandten, die wenigstens glücklich den Rufsengreueln entkommen z. 'sin scheinen." „Wenn sie nur alle noch leben I Gewiß sind sie auch schon ge martert worden!" Tränenden Auges machte Frau Knorr mit Hilfe der ihr oft bei Wirtschaftsarbeiten behilflichen Frau Briese zwei Zimmer zu. recht, um die Flüchtigen aufnehmen zu können. „Die Armen! Sie werden in einer bejammernswerten Ver fassung sein." Am nächsten Tage kam die verwandte Familie. Sie war wirk lich in einem bejammernswerten Zustande. „Nur erst schlafen! Wir haben seit acht Tagen kein Auge zu getan, nur in der Bahn etwas geruht. Aber nein! In dem Abteil, m dem wir Unterkunft gefunden hatten, waren nicht weniger als zwei undzwanzig Personen eingepfercht — und fo sind wir von Neiden- vurg bis Berlin gefahren! Von Soldau bis Neidenburg mußten wir zu Fuß gehen. Wir haben nichts gerettet als das nackte Leben!" Die Familie erhielt zunächst ein gutes, warmes Essen und konnte dann eine Nacht in dem ruhigen sicheren Berlin schlafen. Viele Taufende waren in gleicher Weise aus der ostpreußischen Heimat geflohen. Ein wahrer Strom von Flüchtlingen sammelte sich in Berlin an. Auf Wunsch Kaiser Wilhelms wurden sofort alle Vorkehrungen getroffen, um die bedauernswerten Landsleute Wohnlich unterzubringen und mit Speife und Trank, Kleidung und Geld zu versehen. Die amtliche und private Wohltätigkeit wetteiferten mitein ander. In Kasernen, Schulen, bei Privaten, auf Gütern und in Fabriken wurden Flüchtlingslager aufgeschlagen. Glücklich waren diejenigen, die wie die Familie Trony bei Verwandten unterkriechen konnten. Sie hatten es gut. Die Eheleute Knorr sorgten in bester Weise für ihre Flüchtlinge. Aber Furchtbares wußten sie zu erzählen. Die Zeitun gen hatten nicht gelogen — das Lügen überließen sie den russischen, französischen und englischen Blättern — es waren kaum glaubliche Untaten in Ostpreußen vollbracht worden.78 Jeder aber hoffte, daß ein verdientes Strafgericht die russischen Barbarenhorden erreichen würde. Und es wurde ja auch einige Zeit später vom General Hindenburg und seiner Armee gehalten. Die Familie Trony bestand aus sechs Köpfen, dem Vater, der Mutter und vier Kindern. Die Familie besaß dicht bei Soldau ein größeres Bauerngut. Der Vater bekleidete seit zehn Jahren das Ehrenamt eines Amtsvorstehers. Er erzählte der Familie Knorr, auch Briese und Frau waren dabei anwesend, folgendes: „Solche Tage wie die der letzten Wochen möchte ich nicht wieder erleben! Lieber gleich tot sein! Am letzten Sonntag kamen die Russen in unser Dorf. Sämt> liche Einwohner wurden unter der Beschuldigung, am Tage vorher auf ein russisches Auto geschossen zu haben, in zwei Hälften zu beiden Seiten der Dorfstraße aufgestellt. Dann mußten unsere Frauen an einer Ecke Aufstellung nehmen, während alle Einwohner über fünfzehn Jahren sich in Neih und Glied hinstellen mußten. „Alle Männer werden jetzt erschossen, während ihr Weiber Zeugen der Vollstreckung des Urteils sein sollt!" verkündete uns der russische Hauptmann, ein Kerl mit schwarzem Bart und stechenden bösartigen Augen. Ich gab als Amtsvorsteher, der ich mit meinem fünfzehnjähri gen Jungen bei der einen Hälfte der zum Tode Verurteilten war, eindringlichst mein Ehrenwort ab, daß von unseren Dorfeinwohnern nicht geschossen worden war, zeigte auch die Bescheinigung eines höheren russischen Offiziers vor, der sich über eine frühere gute Ver pflegung — hungrig war nämlich die Bande immer! — lobend ge äußert hatte. „Nun gut, daraufhin will ich es gnädig machen! Ihr sollt sehen, daß wir Russen gute Herren sind. Der rechts von mir stehen, den Männerabteilung soll noch einmal das Leben geschenkt werden. Die andern aber fallen!" Ein grausam teuflisches Grinsen überzog dabei das verwitterte Gesicht des Russen. Man sah an seinem Blick, welche Freude ihm das Morden machte.79 Ich befand mich bei der Hälfte der Männer, die dem Kerl zur Rechten stand. Mein und meines Jungen Leben war damit ge- rettet. Aber die andern! Erlaßt mir — das Grausige zu schildern! Vierzig brave unschuldige Männer, die nichts, aber auch absolut nichts Feindseliges getan hatten, wurden vor den Augen ihrer Frauen hingerichtet! Das Blut erstarrt mir noch jetzt in den Adern, wenn ich an bie scheußliche Szene denke." „Diese verfluchten Hunde!" konnte sich Knorr nicht enthalten zu fluchen. „Aber, lieber Trony, sei getrost, das Blut deiner Dorfgenossen wird schon noch gerächt werden!" „Das gebe der Himmel!" fügte Briese hinzu. Die Frauen Knorr und Briese, sowie Grete Knorr aber wein ten bitterlich und nahmen die arme ostpreußische Frau und ihre Kinder schützend in ihre Arme. Das Strafgericht mußte kommen und es kam. „Ich wünsche nur, daß unser Hans, wenn er in den Kampf gegen diese Räuber und Mordbrennerbanden zieht, keinen Pardon gibt. Die Rufsenhunde haben in keiner Weise Schonung verdient. Ihr Maß ist voll zum Ueberlaufen!" — Der schwergeprüfte Trony erzählte dann noch weiter: „Selbst an den Toten machten die Barbaren nicht Halt. Sie verübten die schamloseste Leichenschänderei. Als sie in das Dorf Eiserwagen einrückten, erbrachen sie das Erbbegräbnis, öffneten die Särge und plünderten die Leichen. Unfern Freund Kullmorgen trafen wir auch in Neidenburg auf der Flucht. Er erzählte ebenfalls furchtbare Dinge. In der Nähe seines Gutes sind fast alle Dörfer niedergebrannt worden, nur die Kirchen standen noch zum Teil. Furchtbar hatten die Kosaken ge haust unter den auf der Flucht zurückgebliebenen Familien, die auf großen Erntewagen sich mit ihrer Habe, in den Betten sitzend, ge flüchtet hatten. Die armen Leute waren — als sie von den Kosaken banden verfolgt wurden — in einen Chausseegraben gefahren, in dem sie von den Mordbrennern erschossen wurden! Zu einer Familie gehörten anscheinend fünf Kinder. Das eine ein kleines Kind von einem halben Jahre, das andere ungefähr drei bis vier Jahre, beide in den Armen der Mutter getötet! Zwei Schulkinder und ein Mädchen von fünfzehn Jahren, wie im Schlafe sitzend, neben80 der Mutter auf dem Wagen erschossen! Der Vater, etwa vierzig Jahre alt, hatte noch, tot, die Leine der beiden toten Pferde in der Hand. Auf einer Seite der Landstraße sah Freund Kullmorgen fünf Jünglinge im Alter von sechzehn bis zwanzig Jahren, die ebenfalls von den kalmückischen Kosaken gemordet waren. Niemand konnte sich zunächst um diese Leichen kümmern. Alles geht in Verwesung über, denn die meisten liegen schon über eine Woche hier in der heißen Augüstsonne. Vieh, Schweine, Hunde, Katzen treiben sich in Rudeln auf deT Landstraße herum. In dem Dorfe Ullwangen steht nur noch ein einziges Haus, in dem die Russen auch furchtbar gehaust haben. Einen Arzt, der im oberen Stocke gewohnt hat, haben die Strolche — denn „Soldaten" kann man diese wilden Kerle nicht nennen — mit gebundenen Hän den und Füßen aus dem Fenster geworfen und ihn dort verbluten lassen! Einem Pfarrer dieses Dorfes ging es aber noch viel schlimmer. Sein Haus wurde durch Brandstreifen aus Celluloid, die jeder d?r Rufsenhunde dutzendweise in der Tasche hatte, in Brand gesteckt. Seine Frau und seine beiden jüngeren Kinder flohen in die Kirche» Der ältere Sohn und das Dienstmädchen verbrannten elendiglich. Mehrere Postbeamte lagen mit geladenem Revolver in der Hsnd tot vor dem Postgebäude, das völlig abgebrannt ist. Das sind die verbürgten Taten der Bundesgenossen Englands und Frankreichs, die nach der Erklärung ihrer Regierenden angeb lich für europäische Kultur und Gesittung und die Freiheit der Völker kämpfen und — darum diese russischen Bestien entfesselt haben!" „Aufhängen müßte man die russischen Hunnen wie die Ver brecher!" riefen Knorr und Briese wie aus einem Munde. Der Flüchtling aus Ostpreußen konnte aber auch noch ein heiteres Kriegsstückchen erzählen. „Eines Tages erscholl im Dorfe Prostken Plötzlich der Ruf: „Alles flüchten, der Feind kommt!" Eine Panik bemächtigte sich der Bevölkerung. Unser Ostpreuße hielt es jedoch für richtig, sich zunächst den Feind mal anzusehen. Er ging zur Grenze und sah auch tatsächlich, wie eine Abteilung von etwa fünfzig russischen81 Kavalleristen wie rasend heranstürmte; sie waren noch etwa 800 Meter entfernt. Da krachte plötzlich ein Schuß, gleich darauf ein zweiter, dritter und vierter. Beim vierten Schuß fiel der russische Offizier, der die Patrouille führte, toi vom Pferde. Der nächste Schuß warf einen russischen Gefreiten tot in den Sand. Als der siebente Schuß fiel, machte die ganze „Heldenschar" kehrt und flüch- tete eiligst." „Und wer waren die Sieger?" fragten Knorr und Briese. „Drei deutsche Infanteristen, die in einem Kartoffelfelde lagen und deren Feuer ausgereicht hatte, um fünfzig russische Kavalleristen wie die Hasen vor sich herzujagen!" 6. Kcipile!. Bei den Rekruten des Krieges. Unser Hans Knorr war währenddes ein eifriger Rekrut in Königsberg und sein Freund Franz Briese war es nicht weniger in Wesel. Die Ausbildung ging mit schnellen Schritten vorwärts. Was der normale Rekrut in drei Monaten lernen muß, das wird beim Ausbruch eines Feldzuges den Kriegsfreiwilligen in einigen Wochen beigebracht. Aller Drill fällt fort. Man will nur kriegsbrauchbare Waffengebraucher schnell heranbilden, um den jungen Leuten recht bald Gelegenheit zu geben, die Waffen für ihr Vaterland zu führen. Franz Briese konnte es kaum erwarten, gegen die Franzosen vorzugehen. Als kräftiger Schlossergeselle fiel ihm auf dem Weseler Exerzierplatz das Ueben und Arbeiten viel leichter als vielen anderen Kriegsfreiwilligen, die Wohl das Einjährigenzeugnis besaßen und mehr gelernt hatten, die aber den körperlichen Anstrengungen weniger gewachsen waren. Ein Teil wurde „schlapp" und mußte schon nach vierzehn Tagen revierkrank geschrieben werden. Franz aber war immer oben auf. 6 Marsch! Marsch32 Er faßte die Ausbildung mit einem Ernst und einem Eifer aus- di« seine Vorgesetzten verblüffte. „Briese, Sie werden ein guter Soldat!" sagte schon nach acht Tagen der Feldwebel zu ihm. Und der gestrenge Herr Hauptmann machte sich eine Notiz. Nach acht Tagen erhielten die Kriegsfreiwilligen schon das Seitengewehr, nach vierzehn Tagen durften sie sogar schon mit dem Gewehr exerzieren. Seinen Eltern gab Franz Briese regelmäßig Nachricht über sein Ergehen und seine Fortschritte. „Der Junge ist der richtige Sohn seines Vaters!" sagte Mutter Briese nach Empfang einer Postkarte, „ernst, fleißig, strebsam und treu!" fügte sie mit stolzem Blick auf ihren Mann hinzu. „Ich freue mich wirklich, wie schnell er sich in das Soldaten. Handwerk einlebt. Paß auf, der ist einer von den ersten, die von den Kriegsfreiwilligen zur Front geschickt werden," war Vater Brieses Meinung. Jeder, der den jugendfrischen, vom Eifer geröteten Gesichtern der Weseler Kriegsfreiwilligen zusah, mußte seine Freude haben. Wie alte Soldaten waren sie bald „eingeölt". Wer da sah, wie sein Zug, das Gewehr zum Anschlag bereit, auf dem Bauche liegend, aus einer Kiesgrube hervorkroch, vorsichtig nach dem vermeintlichen Feinde ausspähend, der mußte fühlen, daß sich jeder der jungen Burschen am liebsten seinen Franzmann aufs Korn genommen hätte. Statt des Ernstfalles zeigte sich aber da vorn an der Seite des Exerzierplatzes nur ein sehr friedlicher Kinderwagen, umringt von einer Gruppe hingelagerter Weseler Schuljungen, die ebenso wie die tapfer für ihren Landwehrmann im Felde eifrig an Socken strickende Familienmutter furchtlos in die Gewehrläufe blickten. Denn „et is ja doch allens jetzt nur Spaß!" Kritisch waren aber diese Weseler Schuljungen. Sie beurteil ten beinahe so richtig wie ein Generalstabsoffizier das Vorgehen, Niederwerfen, Wiedererheben. Anschlag nehmen der Truppen. Die forschen und geschmeidigen Kriegsjungen in ihrer Uniform „Garnitur 6" sahen aber weder die Landwehrfrau noch die übrigen zuschauenden Feldbummler. Sie hörten nur auf das Kommando83 der Feldwebel und Unteroffiziere, das immer in der Form wohl gemeinter Belehrung erfolgte. „Nicht zwei zu dicht nebeneinander!" sagte der schon im moder nen Feldgrau steckende Leutnant. „Immer die richtige Entfernung halten I" „Kopf mehr herunter! Wenn erst die blauen Bohnen herum fliegen, werdet ihr schon den Schädel ducken! Immer unten an den Boden!" Deckung suchend, auch die winzigste Erderhebung benützend, schlängeln sich die Rekruten in eine tiefere Erdwelle, um von dem Kugelregen dort drüben verschont zu werden. Drüben grasen aber am Rheinufer nur ein paar Kühe. Die Sache im Felddienst hat einigermaßen geklappt. Der Zug erhebt sich nun und schließt sich in zwei Glieder zusammen. Dabei sieht man erst, daß sich unter den jüngsten Leuten auch ältere Reserve leute, ja sogar vollbärtige Landwehrmänner befinden. Diese alten Leute sind wie Säulen in den Gliedern verteilt, sie sollen beim Felddienst die Richtung und den Halt geben. Sie sind gleichsam die Wellenbrecher bei der oft allzu voreilig einsetzenden militärischen Jugend. „Immer mit der Ruhe, Kinder!" sagte der joviale Feldwebel. »Mit der Hastigkeit ist's im Gefecht nicht getan! Ruhig und sicher, dann gibt jeder Schuß einen Russ' und jeder Stoß einen Franzos!" Diese Schar Kriegsfreiwilliger kann in ihrer heißen Sehnsucht nach möglichst schneller Vollendung der ersten militärischen Aus bildung die nächste Aufgabe kaum erwarten. Sie wollen alle bald „ran an den Feind!" Es soll ausgeschwärmt werden. Die unerschütterliche, man möchte sagen behagliche Ruhe des beleibten angenehmen Feldwebels hat etwas Väterliches für diese dem Knabenalter kaum entwachsenen Kriegsjünglinge. Aber ihr Herz ist ja so geschwellt: Man hat ihnen gleichsam über Nacht mit dem Gewehr einen Vorgeschmack vom bittersten Ernst des Lebens gegeben. Man hat ihnen aber auch die Kriegsfreude, die Siegeszuversicht und die Heldenhoffnung auf das Eiserne Kreuz gegeben. s«84 Nach zehntägiger Ausbildung schrieb Franz an seinen Freund Hans Knorr in Königsberg eine Karte mit dem kurzen, aber viel sagenden Inhalt: „Hurra! Es lebe der Krieg, es lebe das Vaterland I Wir sind mitten drin! Ich grüße Dich und hoffe. Du bist nicht anders als ichl Wir arbeiten mit Lust und Liebe! Hier macht keiner schlapp! Mor gen geht's zum ersten Scharfschießen! Herzlichen Gruß Dein Franz Briese." Hans Knorr war nicht weniger fleißig bei der Sache wie Franz Briese. Manche Uebung fiel ihm, der seine Muskeln bisher doch noch nicht gestählt hatte wie sein Freund am Schraubstock und Maschinenbau, schwerer. Aber er war nicht zu seinem Schaden ein eifriger Pfadfinder gewesen. Im Geländedienst stand er stramm seinen Mann. Drückte auch oft der „Affe", drückte auch in der ersten Zeit der Helm ganz niederträchtig auf dem Schädel — die Zähne zusammen- gebissen und keinen Schmerzenslaut gegeben. Er kroch beim Felddienst an der Erde herum wie ein Regen wurm. Und so soll ja der Soldat mit dem Boden Erwachsen sein. Die moderne Kriegstaktik ist ganz, ganz anders als es Hans in seinen Kriegs- und Jugendschriften bisher gelesen hatte. Zum Handge menge, Mann gegen Mann, kommt es nur selten noch. In Massen wird nicht mehr vorgegangen, auch nicht mehr kniend oder stehend geschossen wie noch im 7ver Kriege. Auf der Stube in der Kaserne hatte Hans gute, freundliche Kameraden getroffen. Aber dem Zivilberufe nach eine sehr ge- mischte Gesellschaft. Da war ein Diplomingenieur, der schon das Staatsexamen gemacht hatte, ein Förstersohn, der als Forstlehrling schon einen Zusammenstoß mit einem Wilddieb gehabt hatte, ein Kaufmann, der mit zwanzig Jahren schon eine gut bezahlte Stel lung in London gehabt hatte und beim Kriegsausbruch gerade noch in letzter Stunde der Gefangensetzung durch die Engländer ent gangen war. Auch ein Marineangehöriger war unter diesen Freiwilligen des Landheeres. Er war bei seiner Meldung in Wilhelmshaven als Ueberzähliger zurückgeschickt worden und war voller Kriegsbegeiste- rung sofort bei der Infanterie freiwillig eingetreten. In denabendlichen Mußestunden erheiterte er die Stubengenossen durch feine humorvollen Erzählungen und seine derben Seemannswitze. Hans konnte nach vierzehn Tagen an Franz melden, daß er auch bereits mit seinem „Rekrutendepot" — so nannte man die Abteilungen der auszubildenden Kriegsfreiwilligen — zum Scharf schießen ausgerückt sei. „Mein lieber Franz! Besten Dank für Deine Karte. Anders als im Depeschenstil können wir nicht verkehren, aber das wollen wir immer beibehalten. Dienst hier streng! Wir haben den Feind viel näher als ihr. Unsere Truppen haben schon den Russen in einer Reihe von Gefechten tüchtig eingeheizt. Ich hoffe, bald an die Front zu kommen! Gestern hatten wir das erste Scharfschießen. Ich schoß 8 6 8 10 und 11 auf zweihundert Meter. Ein sehr gutes Resultat. Der Leutnant offerierte mir darauf eine gute Zigarre, die erste Kriegsliebesgabe für mich! Bald mehr! Mit kriegskameradschaftlichem Gruß Dein Hans Knorr." Eine andere Nachricht an den Freund sprach sich über die Sangeslust der Kriegsfreiwilligen aus. „Wir singen hier nicht nur unsere allbekannten patriotischen Lieder, wie wir sie in der Schule gelernt haben, sondern auf An ordnung unseres Hauptmanns haben wir auch neue Texte zu alten Melodien erhalten. Ich schreibe Dir eins dieser neuesten Kriegs lieder auf, damit du es nach der Melodie „Was blasen die Trom peten" auch dort einführen kannst. Gedichtet hat das neue Lied ein Berliner mit dem Namen Fromm. Sein Lied ist aber wenige« fromm als kriegerisch. Es lautet: Der Kaiser hat gerufen Zum Kampf für Haus und Herd, Sie haben uns den Frieden Nicht länger mehr gewährt. Nun setzt es deutsche Hiebe, In Osten und in West, Und Packt mit deutschen Griffen Den Engländer recht fest! . Juchheirassassa, ja wir Deutschen sind da; Auf alle deutschen Feinde mit donnernd Hurra! 8ZAuch Oest'reichs greiser Kaiser Griff nun zum Schwert mit Macht; . Nun wird den Russenbrüdern Das Fell recht mürb' gemacht. Nun saufet statt des Wutki Nur euer rotes Blut, Denn öst'reich»deutsche Hiebe Die sitzen immer gut! Juchheirassassa usw. Ja, schwöret nur auf England, Das euch zu Hilfe eilt, Von unfern blauen Jungen, Wird sicher es verkeilt I Wir wollen England lehren: Versteck wir spielen nie, Und Hiebe, die wir liefern — Nur: „ms,6s in Zermanz^I" Juchheirassassa usw. Nun „feste druff!" die Losung, Es gilt den heil'gen Krieg, Und Deutschlands reinen Waffen. Wird drum auch immer Sieg. Und alle Welt soll künden, Wenn Frieden wir geholt, Wie anno neunzehn-vierzehn Die Feinde wir versohlt! Juchheirassassa, ja wir Deutschen sind da; Auf alle deutschen Feinde mit donnernd Hurra! Unter den Kriegsfreiwilligen waren nicht nur junge Burschen, ssndern auch reifere Männer, namentlich solche, die in ihrer Jugend bei der Musterung zur Ersatzreserve oder zum Landsturm geschrie- den worden waren und somit in Friedenszeiten noch nicht mit der Waffe ausgebildet waren. In Hans Knorrs Stube lag auch so ein „alter Herr". „Grenadier Friedrich, die Schemel müssen vor das Fenster ge stellt werden und sollen nicht bei den Betten stehen, sonst schläft mir bloß noch einer ein!" ruft der Gefreite.87 Der Grenadier Friedrich, der gerade Stubendienst hat, beeilt sich, der Anweisung Folge zu leisten. Er hat bereits die Kasernenstube aufgewischt und ausgefegt, hat Wasser vom Hofbrunnen geholt und Kaffee aus der Küche für die Mannschaften herangefchleppt. „Kamerad Friedrich, soll ich dir die Dunstkiepe putzen?" „Danke, lieber Freund, mach ich alles selbst!" Und „Grenadier Friedrich" putzt Helm, Gewehr, reinigt Stiefel, Putzt die Knöpfe am Waffenrock, wäscht den grauen Stubenkittel, flickt Garnitur 6 der Uniform, ißt mittags Kohl und Bohnen mit Fett; wenn sie auch hart sind, ihm schmeckt das schwarze Kommiß brot gut, ihm bekommt überhaupt alles ausgezeichnet. Er lehnt jede Hilfe, die ihm von den jüngeren Kriegsfreiwilligen angeboten wird, freundlich dankend ab. Wenn man aber Hans Knorr fragt, was sein älterer Kamerad im Zivilleben ist, so erhält man die Antwort: „Kamerad Friedrich ist ein Universitätsprosessorl" — Die Kriegerväter Knorr und Briese trafen sich abends „Unter den Linden". Die neuesten Abendblätter mit den Nachrichten über weitere Siege in Ost und West, auch von den Oesterreichern in Gali- zien, wurden gerade ausgegeben. „Wenn das so weiter geht, haben unsere Jungen ja beinahe nichts mehr zu tun!" Mit diesen Worten begrüßte Briese feiner! Arbeitgeber. „Nur nicht zu hoffnungsfreudig, lieber Briese. Der Krieg ist so schnell bestimmt nicht zu Ende. Unsere Feinde werden uns nock manche harte Nuß zu knacken geben." „Gewiß, die Reihe der Feinde wird ja immer größer! Aber wir schaffen es! Wie sagte doch Kaiser Wilhelm: Deutschland ist noch nie besiegt worden, wenn es einig war." „Die Uebermacht der Feinde ist groß, sehr groß. Es liegt das Verhältnis von drei zu fünf vor. Aber ich tröste mich. Von uns Zählt jeder Mann doppelt, mithin steht das Verhältnis sechs zu fünf! Mit dieser Zuversicht siegen wir!" „Auch unsere Marine regt sich. Unsere Kreuzer haben schon sine Reihe von englischen Schiffen vernichtet."„Und dann sehen Sie hier, die neuesten Nachrichten vom Sieges zuge der Oesterreicher." Beide Männer lasen: „In den letzten Tagen hatte die öfter- reichische Kavallerie schöne Erfolge aufzuweisen. In Tomaszow wurde eine feindliche Truppendivision überfallen, zwei Kosaken regimenter und ein Ulanenregiment mußten die Flucht ergreifen. Eine russische Brigade wurde bei Turynka vernichtet, eine andere bei Kamionka-Strumilowa sehr stark mitgenommen. Die österrei chischen Flieger erzielten in außerordentlich kühnen Leistungen, die sie tief in russisches Gebiet hineinführten, vorzügliche Aufklärung^ refultate; sie riefen durch Abwerfen von Bomben große Verwirrung in den feindlichen Lagern und Trains hervor. Auf dem südöstlichen Kriegsschauplatz wurden östlich von Vise- grad-Rudo etwa dreißig serbische Bataillone nach hartnäckigen Kämp fen geworfen. Es handelte sich dabei um die Schumadia-Division, erstes Aufgebot, vier Regimenter Infanterie, ein Kavallerie-Regi ment, ein Artillerie-Regiment und je ein Regiment erstes, zweites und drittes Aufgebot der Drina-Division. Eine in der Richtung auf Sokal vorgedrungene feindliche Kosaken-Division der Vortruppen, verstärkt durch Infanterie, wurde angegriffen und nach kurzem Kampfe geschlagen, wobei eine Brigade vollkommen zersprengt wurde; zahlreiche Gefangene sind gemacht und Kriegsmaterial erbeutet worden. Feindliche Kavallerie, die sich in den Grenzgegenden im Norden von Lemberg bewegte, wurde auf der ganzen Linie zurückgeworfen. Sie zog sich fluchtartig zurück. Auf feindlicher Seite ist ein General gefallen. Ein General wurde verwundet ins Garnisonlazarett von Lemberg übergeführt. Der Feind hatte viele Tote und Verwundete. Es wurden auch viele Gefangene gemacht." „Das sind ja wieder großartige Erfolge unserer österreichischen Bundesbrüder. Das muß auch auf die deutschen Operationen gegen die Russen vorteilhaft einwirken," sagte Knorr. Briese hatte weiter in das Abendblatt gesehen und las vor: „Aus Serajewo ging beim deutschen Reichsmarineamt folgende Meldung ein: Am 20. August wurde die Serbenstellung bei Vise- grad genommen; deutsche Seesoldaten waren in erster Linie. Drei tot, zwei Offiziere, 21 Mann verletzt. Das Verhalten der Mann schaft war mustergültig. K889 Es handelte sich um das deutsche Skutari-Detachement, das sich nach Abzug von Skutari den österreichischen Operationen ange- schloffen hatte." „Hier haben also Deutsche und Oesterreicher zum ersten Male Schulter an Schulter gekämpft. Das ist ein weiteres gutes Zeichen für unsere Bundesbrüderschast." „Wenn nur die niederträchtigen Japaner auch erst mal ihre Prügel bekommen könnten, lieber Briese. Japans Nänkespiel gegen Deutschland wurde von England und Frankreich angezettelt, so daß tvir diesen beiden einander würdigen Bundesgenossen in unserer Abrechnung beim Friedensschluß die Rechnung für Kiautschou unter breiten werden. England hatte mit Japan das Spiel gegen Deutsch- Kiautschou von langer Hand abgekartet. Schwedische Zeitungen be zeichneten Japans Vorgehen mit dem von Schakalen und Aas- geiern. Das war das richtige Wort!" Der politisch geschulte Werkmeister erwiderte seinem Arbeit geber: „Gewiß, aber Frankreich war an dem schändlichen Vorgehen Japans mitbeteiligt. Nach holländischen Meldungen aus Paris bedauerte der frühere französische Minister des Auswärtigen, Pichon, die Deutschland in dem Ultimatum Japans gewährte Frist sür die Uebergabe Kiautschous, da Deutschland diese Frist voraussichtlich benutzen würde, um Kiautschou aus eigenem Antri^ an China zurückzugeben. Dadurch würde aber für Japan der Anlaß zum kriegerischen Eingreifen gegen Deutschland entfallen. Deshalb müß ten die Ententemächte diese Absicht durchkreuzen!" „Das ist ja müßiges Gerede. Der Minister Pichon ist durchaus nicht sähig, Deutschlands Absichten zu erraten; er zeigt aber mit seiner Mahnung vor aller Welt, daß Frankreich im Bunde mit Eng land Japan zum Kriege gegen Deutschland aufwiegelte und daß daher auch Frankreich für diese neue Verwickelung bei der schließ lichen Abrechnung mit verantwortlich zu machen ist." „Das wird gewiß geschehen. Eine bittere Lehre hat aber Deutsch land aus dem frechen Vorgehen der schlitzäugigen Mongolen ge sogen: alle Behörden haben beschlossen, den Japsen nie wieder Hoch schulen und Kriegsschulen zu öffnen, durch welche sie zu unserm Schaden klug und stark gemacht wurden!" „Ein Wort, wie wir es glücklicherweise als selbstverständlich er warten durften, war die kurze Drahtung, die der Gouverneur der90 ostasiatischen Kolonie Kiautschou dem Reichskanzler in Bestätigung der Mitteilung von Japans Ultimatum übersandte. Sie lautet in ihrer soldatischen Knappheit und Schlichtheit: „Einstehe für Pflicht erfüllung bis aufs äußerste. Gouverneur." „Gouverneur Meyer-Waldeck weiß am besten, was angesichts der japanischen Uebermacht für ihn und seine braven Leute die Pflichterfüllung bis zum äußersten bedeutet. Und den deutschen Heldengeist vermögen die Japse nicht unterzukriegen, und wenn sich mit den sieben noch der achte und neunte Feind und Schurke ver bunden hätte." Mit deutschem Händedruck trennten sich die beiden deutschen Patrioten aus Vorderhaus und Hinterhaus. Die Berliner Schuljugend hatte fast jede Woche einen Tag schulfrei. Das kam so: Kaiser Wilhelm, der selbst sieben Kinder in die Schule geschickt, auch selbst mit anderen Schülern das Kasseler Gymnasium besucht hat, wußte, welch Freudentag ein schulfreier Tag ist. Er wußte: „Die Schule, wenn sie aus patriotischen Grün den ausgefallen, stärkt das monarchische Gefühl!" Drum ließ er schon seit Jahren an den Paradetagen und an den Tagen, wo er eine Stadt besuchte, den Unterricht daselbst ausfallen. In se^An Bahnen wandelte der militärische Oberkomman- dierende zu Berlin, General von Kessel. Er war bald neben den siegreichen Feldherren der volkstümlichste Deutsche. War er es doch, der nach glorreichen Schlachttagen den — freien Schultag anordnete. Seine Beliebtheit bezeugen zwei Einsendungen auS Lehrerkreisen. Die eine erzählt: Als nach dem letzten Siege die Kinder mit bepacktem Tornister zur Schule kamen, erklärte ihnen der Lehrer, der Oberkomman dierende v. Kessel habe wieder freigegeben. Darob große Freude und Begeisterung. Beim Kaiserhoch meldet sich ein kleiner Knirps und sagt freudestrahlend: „Herr Lehrer, Kessel ooch!" Ein begabtes Mädelchen widmete dem Oberkommandierenden folgende Verse: Sehr beliebt bei alt und jung Ist doch unser Kessel, Setzt das Schulkollegium Einfach in die Nessel.Kinder, wir find drum nicht bang, Dürfen immer mittenmang. Kessel, er soll leben! Weiter frei uns geben. Joseph Töllchen — der österreichische Onkel aus Wien — schrick jetzt auch ab und zu an unseren deutschen Kriegsfreiwilligen Hans Knorr. In einem Briefe hieß es: „Vor einigen Tagen haben wir gegen Truppen des Moskauer Korps gekämpft. Als die Schlacht beendet war, da donnerte über das Feld ein vieltausendstimmiges Hurra I Daran schloß sich ein Jauchzen der Tiroler Jäger, wie es harmonischer und volltönender und reiner Wohl auch niemals in den Tiroler Bergen geklungen haben mag. Die Soldaten umarmten sich vor Freude über den Erfolg. Als Siegesbeute fielen meiner Kompagnie und den Tirolern, die neben uns vorgegangen waren, zwölf Geschütze in die Hand. Die Menage — ihr bei der deutschen Armee sagt ja wohl »Gulaschkanone" zu den Feldküchen, trotzdem wir Oesterreicher eigentlich ein größeres Anrecht für die Anwendung dieses Wortes hätten, denn der Gulasch ist bekanntlich ein ungarisches National- gericht — konnte erst in der späten Nacht uns zugefahren werden. Da schmeckte uns aber das Kraut vom Felde, mit etwas Salz ge würzt, ganz großartig! Auch frische Erbsen vom Felde mundeten uns sehr gut. Abends gruben wir uns ein Loch, packten etwas Laub und Erbsenstroh hinein und schliefen nach den Anstrengungen des Tages trotz des unaufhaltsamen Kanonendonners recht gut. Der Stimmung der Truppen entsprechend wurde auch im Lager allerlei Allotria getrieben. Du solltest einmal unsere braven Tiroler Jäger im Felde sehen. Wenn's zum Sturm geht, dann setzen sie als Zugabe noch mit '.hrem Jodeln und Juchzen ein. Liegt der Tiroler Alpenschütze in der Feuerlinie, so raucht er seine Pfeife und schießt drauf los, als wäre der feindliche Schützengraben ein heimatlicher Scheibenstand. öl93 Gibt es dann einmal einige Stunden Rast, so dauert es nicht lange und es wird geschuhplattelt und zum Gaudium aus Spaß gerauft. Und wenn es Abend wird, wenn dann aus hundert Schlünden Feuer aufblitzen, die Schrapnells gleich Leuchtkugeln von uns zum Feinde hinüberkreisen, so ist das schauerlich, aber doch schönl Den österreichischen Truppen wird auch in militärischer Kürze von den Vorgängen auf anderen Kriegsschauplätzen Mitteilung ge macht. Und zwar auf wirklich originelle Weise, die ihr euch für euren Dienst auch merken solltet. So hieß es eines Tages im Bataillonsbefehl: „Die siebente Kompagnie stellt in der Nacht die Feldwachen aus. — Der Papst in Rom ist gestorben. — Die Deutschen haben wieder einen großen Sieg in Nordfrankreich. — Oesterreicher haben abermals an der Save gesiegt. — Morgen mittag große Sonnen- finsternis." Du siehst also, lieber Hans, daß wir kämpfenden Oesterreicher nicht ohne alle Nachrichten aus der Welt sind, wenn sie uns auch oft etwas kunterbunt serviert werden. Also, Junge, nun bald heraus und auch auf die Russen los! Dein Onkel Töllchen." Kaiser Wilhelm war ein großer Freund der Kriegsfreiwilligen. An einem schönen Augustmorgen unternahm er im Hauptquartier, das sich damals in einer rheinischen Garnison befand, einen Mor- genritt. Mit seinem Adjutanten kam er an einem Exerzierplatz vor- über, auf dem man die vor einigen Wochen eingestellten Kriegs, freiwilligen in'die Grundgeheimnisse der Kriegskunst einweihte. „Habt mal acht, Jungens!" rief der Kaiser, „soeben erhalte ich die Nachricht, daß mein Sohn, der Kronprinz, die Franzosen in mehreren Grenzgefechten in den Vogefen und in Lothringen ganz gründlich verhauen hat. Nun freut euch und seid fleißig, damit ihr euern Kameraden im Felde recht bald zur Seite stehen könnt I" Ein begeistertes Hurra aus den jugendfrischen Kehlen der Kriegsfreiwilligen war die Antwort.Der Kaiser aber wendete sich zu seinem Begleiter. „Na, wenn das unser Generalquartiermeister erfährt, daß ich aus der Schule geplaudert habe, dann kriege ich aber eins ausge wischt!" Es durfte nämlich nichts aus den Kämpfen bekannt gegeben werden, ehe der Generalquartiermeister eine amtliche Nachricht der- öffentlichte. Fabrikant Knorr hatte einen Freund namens Weichert, der in Berlin mit seinem Bruder ein großes Verlagshaus besitzt, das er aber auch verlassen hatte, um für des Vaterlandes Ehre zu kämpfen. Mit ihm standen noch drei Brüder im Felde. Einer dieser Brüder schrieb von Hisfry-Circourt in diesen Augusttagen einen Brief, in dem es u. a. hieß: „. . . Sonntag gegen 2 Uhr nachm. wurde plötzlich alarmiert. Doch auf den Feind stießen wir nicht, und so kehrten wir nach Landres gegen 8 Uhr abends ins Quartier zurück. Dann kam der schlimme Montag, von dem Ihr gewiß schon in den Zeitungen gelesen habt. Um 2,30 Uhr nachts brachen wir auf. Fortwährend ging es vorwärts, unsere Eskadron hatte den rechten Flügel der Division zu decken, was sehr gefährlich war. Schließlich vereinten wir uns mit der Division hinter einem sehr großen Dorfe. Die Kavallerie-Division und ein Jägerbataillon hatten die französische Infanterie aus dem Dorf nach hartem Kampf herausgeworfen, woran sich auch leider die Dorfbewohner beteiligt hatten. Als ich hinein kam, fand ich nur noch ein großes Flammenmeer vor. Die Kavalleriedivision und das Jägerbataillon hatten jetzt Aufstellung hinter einer Anhöhe genommen. Wir konnten hier von den Forts der Festung Verdun beschossen werden, und so kam es auch. Kaum ging das Jägerbataillon vor, so platzten haufenweise die Granaten der schweren Geschütze in die Reihen unserer braven Jäger hinein. Trotzdem gingen sie mutig vor. Unsere Feldartil lerie konnte sich natürlich nicht mit den schweren Geschützen ein. lasten und schoß daher nur auf die feindliche Infanterie. Wir hatten inzwischen gedeckt hinter einem Wäldchen gestanden und waren zum Gefecht zu Fuß abgesessen. Nach drei Stunden rückten wir aus unserer Stellung heraus. Kaum hatten wir unsern Platz S3verlassen, so bestrichen die Festungsgeschütze unsern bisherigen Stand. So waren wir Gott sei dank einem ernsten Geschicke ent gangen. Hinter uns her platzten die schweren Granaten der Festungsgeschütze, die das Terrain ja ganz genau kennen. Unsere Artillerie und die Maschinengewehre des Jägerbataillons waren niedergekämpft. Wir mußten zurückgehen, denn die größte Festung Frankreichs kann von Kavallerie nicht genommen werden. Unverfolgt vom Feinde gingen wir zurück. Am nächsten Tage um drei Uhr nachts kamen wir ins Biwak. Wir waren über fünfund- zwanzig Stunden hintereinander ohne Pause im Sattel. Die Leute waren todmüde. Wir hatten in dem Kampfe 400 Tote und Verwundete, die Franzosen über tausend." . . . 7. Kapitel. Franz bei den Kämpfen in Lothringen. Franz Briese, der Kriegsfreiwillige, sollte sich noch einmal »freiwillig" stellen! Und das kam so. Nachdem er knappe drei Wochen ausgebildet und bei seinem Eifer tatsächlich kriegsbrauchbar war, trat die Kompagnie eines Morgens auf dem Exerzierplatz an. „Leute! Vom Regiment draußen ist beim Ersatzbataillon gebe ten worden, sofort noch zehn Mann zum Ausfüllen von Lücken, die durch Fußkranke entstanden sind, zu schicken. Wer will freiwillig gleich an die Front?" Mit straffem Tritt trat die ganze Kompagnie vor. „Das ist ja brav von euch, daß ihr alle hinaus wollt. Aber zehn darf ich nur senden! Da muß ich also aussuchen." Franz Briese klopfte das Herz. „Briese, Sie gehen auch mit!" Keine größere Freude konnte unserm Franz Briese bereitet werden. Er war sofort vom Dienst frei, mußte nach der Kammer S4und wurde sofort in die Felduniform eingekleidet. Alles, was e? erhielt, war funkelnagelneu: Unterzeug, Stiefel, Uniform, Tor« nister, Waffen. Einen prächtigen, hübschen, jungen Krieger gab der Schlosser geselle aus dem Hinterhause des Langendamms Berlin W ab. „Liebe Eltern! Hurra! Es geht los! Soeben eingekleidet! Morgen rücke ich mit noch neun Kameraden ins Feld! Ich lasse mich heute noch photographieren und schicke Euch mein Bild! Herz- lichen Gruß Euch beiden und beste Empfehlung an Familie Knorr! Euer glücklicher Franz!" Diese Feldpostkarte ging noch am Abend ab. Dem Photo graphen hatte er den Auftrag gegeben, die fertigen Bilder nach Berlin zu senden. Nach drei Tagen trafen die Photographien auf dem Langer- dämm ein. „Mutter, sieh, er ist ein famoser Kerl!" sagte Vater Briese, als er seiner Frau die Bilder zeigte. „Geh doch mal gleich zu Knorrs nach vorn und zeige den Jungen." Auch Familie Knorr war erfreut. Am meisten jedoch Grete Knorr, die immer wieder den schmucken Jungen betrachtete. „Hoffentlich macht's ihm unser Hans bald nach!" sagte sie. — Franz Briese wurde mit einem Reservistentransport nach Lothringen befördert und in das mobile Regiment eingereiht. Die Truppe hatte schon verschiedene Gefechte gehabt und die neuen Käme- raden konnten in ihrem Alarmquartier schon so manchen lustigen Soldatenstreich erzählen. In einem Orte wurden den durchfahrenden Truppen Er frischungen gereicht: Kaffee, Tee, Obst. Das Gespräch kam natür lich auf den Krieg. In einer Gruppe erhoben sich einige bedenk liche Stimmen; da richtete sich ein Reservist in die Höhe und sagte in unverfälschtem Berliner Dialekt: „Kinder, habt man keene Bange! ick bin ja ooch dabei." Franz Briese schloß mit diesem Berliner Landsmann gute Freundschaft. Hochinteressant für die Beurteilung der Stimmung in Deutsch- Lothringen waren unserem Briese einige Aeußerungen, die er in den Quartieren hörte. SöSeinem Wirt in Zabern brachte ein junger Kutscher in aller Eile mehrere Säcke Kohlen. Die Frau fragte ihn: „Mußt du auch noch mit, Toni?" „Orü," sagte er, „ich bin « Mariner. Morje fahr ich fort; ilbermorje schwimme ich uf'm Meer." Und dann hielt der Wackere, der gar keine Neigung hatte, wieder Franzose zu werden, Fritz Briese und seiner Quartierwirtin in schönstem elsäßer Deutsch, mit derben französischen Ausdrücken gemischt, einen Vortrag über Seegefecht, Bewaffnung der Panzer. Unterseeboote, Torpedojäger usw. — In einem andern reichsländischen Orte traf Briese auf dem Bahnhof einen ausrückenden Landwehrmann. Er tröstete eine An. zahl Frauen und Mädchen, die um ihn herumstanden. „Wenn alli drinschlage wie ich, ze-n-isch der Krieg bal herum, un's Finele kann noch vor em Winachte Hochzitt mache!" Der Einquartierung suchten die Elsaß-Lothringer, denen man in Friedenszeiten oft Gegnerschaft gegen das stramme deutsche Militär nachgesagt hatte, alles so bequem wie möglich zu machen. „Die häm mer gern, wenn nu keene Welschi un Kosake kummel" sagten die Leute. Oft schliefen die reichsländischen Bauernfamilien auf Stroh und ließen Franz Briese und seine Kameraden in ihren dicken Betten liegen. Sie gedachten Wohl dabei ihrer Söhne, die schon weiter vor im Felde standen. Am nächsten Tage ging das Regiment weiter. Es stand zu nächst noch in der zweiten Staffel der sich fortgesetzt Tag für Tag abspielenden Kämpfe. Die französische Grenze wurde mit Hurra überschritten. Der Marsch ging durch ein tags zuvor nur wenig mitgenom menes Dorf mit fruchtreichen Gärten. 'In einem Hause aber herrschte stärkere Verwüstung. Die Decke ist halb eingestürzt — durch eine Oesfnung hängt ein Tisch herab — seine Schublade hat sich im Fallen geöffnet — Brot und Käse und eine französische Zeitung mit Schmähungen gegen die Deutschen ruhen friedlich dort. Als Franz durch den Garten kommt, wölbt sich zu seinen Füßen ein kahler frischer Hügel, darauf ein roh zusammengenageltes Kreuz mit der Inschrift: „Hier ruht der Besitzer nach wohlverdienter Strafe." 3S„Also — ein Lump, ein Schuft, ein Franktireur," sagte Franz Miese zu seinem Kameraden. „Gedenken wir des armen Jungen, dem er die Kugel heim, tückisch in den Rücken geschickt hat. Gott sei Dank, er ist wenigstens gerächt!" — Es folgt ein friedlicheres Bild. Mitten in aller Verwüstung ein Hüttchen, das wie durch ein Wunder vom Kriegssturm des vorigen Tages verschont blieb. Ranken von Weißen und roten Rosen umklammern die niedrige Pforte, die gastlich weit offen steht. Ein einziger Raum mit Schrank, Stuhl und Bett, an der Wand ein Haussegen. Weiße Gardinchen am Fenster, durch das der strahlend? Herbstsonnenschein auf ein im Lehnstuhl sitzendes, steinaltes Müt terchen fällt. Ihre Hände ruhen gefaltet im Schoß. „Schläft sie? Hat man sie vergessen?" Nein, der Tod, der junge Krieger und friedliche Alte trifft, hat ihr den friedlichen, natürlichen Tod gegeben, bevor das Grausige rings herum hereinbrach. Unsere grauen Jungen weichen zurück vor der Majestät des Todes. „Laßt'uns ein stilles Gebet sprechen!" Weiter geht's! Jetzt dehnt sich vor Franz Brieses Augen ein weites Blach- feld. Hier hat in den letzten Tagen eine Schlacht getobt, hier ist gerungen worden auf Tod und Leben! Hier haben deutsche Männer Wut- und zornbebend ihre Feinde in den Staub gezwungen. Massengräber sieht Franz. Hier und da auch einen einzelnen Hügel, eine Sonnenblumenscheibe darauf gesteckt, oder ein paar Feld- blumen darüber gestreut — alles schon verwelkt! „Dank dir, Kamerad, du hast teil an Deutschlands Ruhm und Ehre!" Dann kommt die Kompagnie über die Wege, die die Franzosen -mf ihrer eiligen Flucht nahmen. Zerschlagene Gewehre, zertrüm- merte Autos, verlorene Tornister und Käppis, Pferdekadaver, zer schossene Gefährte. Auf einem weiten Platze häufen sich meterhoch französische Gewehre, zerbrochen, verbogen, ganze Berge von Uni- formstücken. Dazwischen stehen zertrümmerte Geschütze und Muni, tionswagen. Maschinengewehre auf Autos montiert. Die Mauern eines einsam gelegenen Bauerngehöfts sind berußt und braunrot gebrannt. Schutt- und Steinhaufen verlegenste Straße. 7 Warich! Marsch g?Franz hatte einen Vorgeschmack vom Schlachtengetümmel. — Er sollte am nächsten Tage mitten drin sein. — Das Regiment kam in die erste Staffel. Die Franzosen lagen hinter guten Deckungen und richteten ein scharfes Feuer auf die Grauen, die aber infolge ihrer schützenden Uniformfarbe schwer zu sehen und daher schwer zu treffen waren. Mit Ruhe und Sicherheit schoß Franz Briese nach den feind lichen Linien, die sich nur durch ein ab und zu auftauchendes blaues Käppi verrieten. Der Kampf wogte Wohl eine Stunde hin und her. Hinter unserer Infanterie stand die Artillerie und pfefferte ihre Granaten und Schrapnells über die Köpfe der Infanteristen hinweg in die drüben stehenden Feinde. Flieger und Fesselballons gaben ihr die Ziele an. Der Feind wurde an der Kampfstelle Brieses zurückgedrängt. Dann aber drohte Gefahr auf dem rechten Flügel. Die Offiziere lassen die Front der fechtenden Brigade dem einen Feinde zukehren. Ein Zischen, Donnern, Krachen erhebt sich von neuem. Die Maschinengewehre lasten ihr Tak-tak-tak da» zwischenklingen. Da ist rechts oben auf einer Höhe eine feindliche Batterie auf. gefahren. Ihr Feuer richtet sich auf Brieses Kompagnie. Kame raden fallen tot oder verwundet. Die ausgeschwärmten Schützen reihen werden verstärkt, schließen sich enger. Franz Briese erhält seine Feuertaufe. Sein Herz schlägt zwar schneller, aber alle seine Gedanken sind nur auf das eine, gut und sicher zu schießen, gerichtet. Dadurch werden ja auch die Nerven im Kampfe ruhig. Es ist nachmittags. Die Sonne bescheint das ausgedehnte Schlachtfeld, von dem der einzelne Kämpfer natürlich nur einen ganz kleinen Ausschnitt zu sehen bekommt. Die Truppe ist nur ein einziges schießendes Werkzeug in der Hand der Führer. Und die deutschen Führer, vom General bis zum jüngsten Leutnant sind gut. Das weiß jeder einzelne Soldat. Die deutsche Artillerie läßt ihre schweren Feldhaubitzen gegen die feindliche Batterie spielen. Der linke Flügelzug von Brieses Kompagnie arbeitet sich sprungweise an die schon erschütterte feindliche Batterie heran. Jede 9S99 Teländefalte, jedes Erdhäufchen wird benutzt, um in die Flanke der Batterie zu gelangen. Mag fallen, was fällt! Vorwärts ist die Losung! Heran an den Feind! Einen letzten Sprung, zum Sturm wird geblasen! Das Seiten gewehr ist aufgepflanzt. Noch zweihundert Meter sind zu durch laufen. Aber nichts hält die braven Jungen ab, die Geschütze werfen ihnen Grüße entgegen, Verderben speiend. Immer rasend vorwärts! Nichts hält die Truppen auf. Durch Rebstöcke und Weinbergsland winden sich die Stürmenden die An» höhe hinauf. In weiße Wolken gehüllt, Feuer speiend, starren ihnen die französischen Kanonen entgegen. Da — es stürzen sich die Tapferen hinein in den Feind. Furcht bar arbeiten sie jetzt mit der blanken Waffe gegen die schon zu sammengeschmolzene Bedienungsmannschaft. Angefeuert durch ihren Kapitän leisten die letzten Franzosen verzweifelten Widerstand. Es wird nicht mehr geschossen — Mann gegen Mann wütet der Kamps. Franz Brieses Bajonett hat die Brust des feindlichen Batterie chefs durchbohrt. Ein französischer Sergeant richtet sich gegen den Wütenden. Franz Briese pariert den Stoß und schlägt den An greifer nieder. Tapfer wehren sich die wenigen Bedienungsmannschaften. Briese, der junge kriegsfreiwillige Schlosser, ist rücksichtslos gegen alle Gefahr. Blutig färbt sich Geschütz und Erde. Man hört das Klirren der Waffen, die schweren Kolbenschläge — aber keinen Schuß. Nur Minuten vergehen. Dann aber ist auf dieser Anhöhe der Sieg errungen. Der Zug Brieses hat unter Führung seines Leutnants vier Ge schütze genommen und vierzig Franzosen niedergeworfen oder ge- fangen. Noch kein Besinnen. Mit Feuer wird erst noch verfolgt, waS von den Feinden zu fliehen versucht. Der Feldwebel bezeichnet mit Kreide an den genommenen Ge schützen Regiment und Kompagnie, die die kühne Tat vollbracht. 7"„Hochachtung, Musketier Briese! Sie haben sich gleich im ersten Waffentanz großartig benommen I" belobt am Abend de? Hauptmann unfern Franz. Aeußerst tapfer und draufgängerisch bewiesen sich die Bayern. Der Infanterist Fritz Lange aus Fürth übernahm, nachdem sein Leutnant schwer verwundet war, das Kommando über einen Zug. von 50 Mann. Mit ihnen hat er im hitzigen Kampfe den Fran zosen vier Geschütze und zwei Maschinengewehre abgenommen. Drei hundert Franzosen wurden bei diesem Kampfe von den Bayern nedergemacht. Der tapfere Führer Fritz Lange erhielt das Eiserne Kreuz, seinen Wahlspruch teilte er am Abend im Biwak Fritz Briese mit: „Eins und zwei sürcht' i net, drei und vier a noch net — fünf und sechs müassens sein, dann hau i drein." An demselben Tage wurde im Biwak beim lodernden Wacht feuer erzählt, daß ein deutscher Offizier, der tags zuvor beim Kampfe gegen Freischärler einen französischen Weinwirt und dessen Frau erschießen lassen mußte, sich des vierjährigen Kindes der er schossenen Feinde annahm und es seiner eigenen Frau heimschickte, die bisher keine Kinder hatte. — Die gewaltigen Riesenschlachten des heiligen Krieges von 191< bestanden stets aus vielen Einzelschlachten und Gefechten. Wie schon gleich die ersten Schlachten in Lothringen bewiesen, waren die Schlachtlinien zumeist 50, 60, 100 und mehr Kilometer lang. Das- Armeeoberkommando konnte denn auch nicht über jeden Kampf ein zeln berichten, sondern brachte von Zeit zu Zeit zusammengefaßte Kriegsberichte zur Kenntnis der Bevölkerung, die immer über eirie ganze Reihe von Schlachttagen berichteten. Im Gegensatz zu den überschwenglichen Kriegsberichten der Franzosen und Engländer zeichneten sich die deutschen Kriegsdepe schen durch Kürze — aber desto mehr durch Inhalt aus. So wurde über die ersten großen Schlachten in Lothringen, an deren Gelingen unser Franz Briese an seinem kleinen Teil auch beigetragen hatte wie folgt amtlich berichtet: Unter Führung Seiner Königlichen Hoheit des Kronprinzen von Bayern haben Truppen aller deutschen Stämme gestern iiv Schlachten zwischen Metz und den Vogesen einen Sieg erkämpft. Der mit starken Kräften in Lochringen vordringende Feind wurde- 10V101 Ruvprech! Kronprinz von Bayern. Quf der ganzen Linie unter schwe ren Verlusten geworfen. Viele Tausende von Gefangenen und zahlreiche Geschütze sind ihm abge nommen. Der Gesamterfolg läßt sich noch nicht übersehen, da das Schlachtfeld einen größeren Raum -einnimmt, als in den Kämpfen von 1870—71 unsere gesamte Armee in Anspruch nahm. Unsere Truppen, beseelt von unaufhalt samem Drang nach vorwärts, fol gen dem Feinde - und fetzen den Kampf auch heute fort. Nördlich Metz hat der deutsche Kronprinz mit seiner Armee zu beiden Seiten von Longwy vorgehend, den gegenüberstehenden Feind gestern siegreich zurückgeworfen. Die Truppen, die unter dem Kronprinzen von Bayern in Loth ringen siegten, haben die Linie Lunöville-Blamont-Cirey überschritten. Die Verfolgung beginnt reiche Früchte zu tragen. Außer zahl- reichen Gefangenen und Feldzeichen hat der an und in den Vogefen vorgehende linke Flügel bereits 15V Geschütze erbeutet. Die Armee des Deutschen Kronprinzen hat heute den Kampf und die Verfolgung vorwärts Longwy fortgefetzt. Die zu beiden Seiten von Neuf. schäteau vorgehende Armee des Her-- zogs Albrecht von Württemberg Hai heute eine über den Semois vorge drungene französische Armee vollstäm dig geschlagen und befindet sich in de? Verfolgung. Zahlreiche Geschütze, Feldzeichen und Gefangene, darunter mehrere Generale, sind ihr in dir Hand gefallen. Der Generalquartiermeister v. Stein. Als Ergänzung wurde dann noch verzog «ULrechl von Württemberg, gemeldet!102 Ein neuer Versuch des Gegners, in Oberelsaß vorzudringen-, wurde durch den Sieg in Lothringen vereitelt. Der Feind befin det sich auch in Oberelsaß im Abzüge. — „Hier bringe ich die Abendzeitung mit den neuen Siegesnach richten," sagte Vater Briese, als er am Abend aus der Fabrik, wo er inzwischen Werkmeister geworden war, heimkehrte. Er gab seiner Frau die Zeitung mit den oben mitgeteilten Telegrammen. „Wenn nur unser lieber Junge gesund geblieben ist," sagte die Mutter. „Jede Kugel trifft nicht, liebe Frau, das habe ich dir schon oft gesagt. Aber mit dabei war unser Kriegsfreiwilliger gewißI" „Hier lies auch, was Kaiser Wilhelm an seine Tochter Viktoria Luise, die Gattin des Herzogs Ernst August von Braunschweig, telegraphierte!" Mutter Briese las: „Gott der Herr hat unsere braven Truppen gesegnet und ihnen den Sieg verliehen. Mögen alle bei uns daheim ihm auf den Knien ihre Dankgebete darbringen, möge er auch ferner mit uns sein und unserem ganzen deutschen Volke. — Dein treuer Vater Wilhelm." „So schreibt ein Vater, der selbst im Felde steht, selbst sechs Sohne und einen Schwiegersohn im Kampfe hat. Und die Kaiserin pflegt daheim den einen schwer verwundeten Sohn. Die Kaiser familie nimm dir zum Vorbild, liebe Frau, und zage nicht um dein Kind!" Frau Briese hatte unterdes auch gelesen, was König Ludwig von Bayern zu seinen Münchnern gesagt hatte: „Ich bin stolz dar auf, daß mein Sohn an der Spitze seiner tapferen Truppen so schöne Erfolge errungen hat. Aber das war nur der Anfang. Wir haben noch schwere Kämpfe vor uns! Ich vertraue der Tüchtigkeit der deutschen Heere, daß es auch diese überwinden wird!" „Wenn die deutschen Fürsten in dem heiligen Kriege so fühlen und denken, dann dürfen wir nicht schwach und zaghaft sein, liebe Frau!" Wie Franz Briese, war auch Gustav Drews wieder im Gefecht gewesen. Der Kampf seines Truppenteils währte sieben Stunden lang in glühendstem August-Sonnenbrand gegen einen weit über- legenen, bis an die Nasenspitzen verschanzten Gegner. Die Wiesen-103 gründe waren mit Wolfsgruben durchzogen, allerdings erfolglos, denn unsere Lanzenreiter merkten bald die Falle und umgingen sie in geschicktester Weise. Kein einziger fiel hinein. Brillant war die Feuerwirkung der deutschen Artillerie. Zwei besonders gefährliche französische Batterien, die gerade auf den Zug des Feldwebels Drews ihr Granatfeuer gerichtet hatten, waren in ganz kurzer Zeit durch die deutschen Feldgeschütze sturmreif ge schossen. Darauf wurden sie von einer andern Kompagnie des Drewsschen Regiments glatt genommen. Zuvor hatten die Fran zosen noch die Verschlußstücke ihrer Geschütze so gut wie möglich unbrauchbar gemacht. „Marsch, marsch, Hurra! auf das Dorf vor uns!" Ein erbitterter Kampf begann in dem Orte. Die Franzosen hatten jedes Haus besetzt. Auf dem Kirchturm waren Maschinen gewehre geschickt aufgestellt und ließen ihren Geschoßregen auf Drews und seine durch die Dorfstraße stürmenden Leute niederprasseln. Ein wohlgezielter Schuß der vor dem Dorfe aufgefahrenen Ar tillerie brachte die Kirchturm-Maschinengewehre zum Schweigen. Unter dem stürzenden Turm wurden dreißig Feinde begraben. Das Dorf wurde immer mehr unter Feuer genommen. Ein Flankenangriff der Kavallerie erfolgte. Den konnten die Rothosen nicht aushalten; sie liefen einfach davon. Viele baten mit erhobenen Händen und auf ihre Eheringe deutend um Pardon. Dem Trompeter im Drewsschen Zuge rettete seine zuerst auf dem Rücken, dann auf der Brust getragene Trompete zweimal das Leben — — — — — — — — — — — Ein ganz eigenartiges Erlebnis sollte Franz Briese in seiner ersten mobilen Dienstzeit haben. Eines Tages lag sein Bataillon am Rastplatz, in Kompagnie front mit acht Schritt Zwischenraum zwischen jeder Kompagnie. „Achtung! Flieger!" Alles sah gen Himmel und bemerkte, daß mehrere feindliche Flieger in etwa fünfzehnhundert Meter Höhe über dem Lagerplatz kreisten. „Donnerwetter, was ist das?" Franz fühlte plötzlich einen stechenden Schmerz im rechten Fuß dicht oberhalb der Ferse. Im ersten Augenblick glaubte er, von einem Kameraden aus Versehen gestoßen worden zu sein. Er wurde aber gleich einesEs waren aber zu gleicher Zeit noch mehr Leute von den eigen artigen Geschaffen getroffen worden. Der eine durch die Wade, ein besseren belehrt, als mehrere andere Soldaten auch aufsprangen und schrien. Zwei vor einen Bagagewagen ge. spannte Pferde wurden im gleichen Augenblick scheu und wollten davon- rasen. Franz Briese sprang mit dem Wagenführer hinzu und beruhigte die Tiere. „Wollt ihr Schlingel wohl stehen! Es tut euch ja keiner etwas!" Man hatte den Tieren aber doch etwas getan; auch dem Franz Briese etwas zugefügt, woran kein Mensch im ganzen Kriege bisher gedacht hatte. Er untersuchte seinen Fuß. Durch den Stiefel hindurch war ein mehrere Zentimeter langer Pfeil — ein richtiger Pfeil! — in das Fleisch gedrungen und stak fest. Franz Briese zog ihn zwar mit Leichtigkeit heraus, hatte aber doch eine kleine Verwundung davongetragen, die er mit seinemVerbandpäckchen, das jeder Soldat bei sich trug, verbinden mußte. „Das ist ja der reine Jndianer- kampf!" sagte er lachend zu seinen Kameraden.anderer im Rücken, einem dritten war der Pfeil in die Backe und 5n den Mund gegangen. Nachdem sich das allgemeine Erstaunen gelegt hatte, entdeckt? man, daß die Pfeile nur von den englischen Fliegern herniederge worfen sein konnten. Die Pfeile, die die Soldaten als neuartige Kriegstrophäe aufbewahrten, bestanden aus einem fünfzehn Zenti meter langen Stift aus Preßstahl, dessen unteres Ende massiv war und in ein fast nadeldünnes verjüngtes Ende auslief. Durch eine Verminderung der Metallmasse und sternförmige Ausbiegung am anderen Ende konnten die Pfeile mit der Spitze vornweg herabsausen und in Masten geworfen infolge der Schnel ligkeit des Flugzeugs einen größeren Raum bestreichen. Im ganzen wurden zwanzig solcher Pfeile aufgelesen. „Mit solchem Kinderspielzeug werden uns aber die fliegenden Franzkes nicht unsere Laune raubenI Prosit!" Man hatte einige Flaschen Wein kurz zuvor requiriert und stieß bald fröhlich an. Die Pfeile werfenden Flieger hatten sich nach ihrer Heldentat schleunigst entfernt, da sie die deutschen Salven fürchteten. Franz Briese hinkte zwei Tage lang etwas, blieb aber in der Front. Den Pfeil verwahrte er im Tornister und schickte ihn später seiner Freundin aus dem Vorderhause, der Grete Knorr. — Ein Jubel ohnegleichen durchbrauste nach der Lothringer Schlacht Deutschland und Oesterreich. „Der große Sieg muß, das ist klar, von entscheidenden Folgen für den weiteren Krieg werden," sagte Knorr, der eine Kriegsfrei- willigenvater zum andern aus dem Hinterhause. „Zumal es unseren Truppen gelang, den fliehenden Feind auf' der mit unaufhaltsamem Ungestüm fortgesetzten Verfolgung gehörig zu packen," erwiderte Briese. „Aus dem gewaltigen Umfange des Schlachtfeldes, das einen größeren Raum einnahm, als in den Kämpfen von 1870 unsere gesamte Armee beanspruchte, geht hervor, daß ungeheure Massen von beiden Seiten zu entscheidendem Ringen hier aufeinander ge- stoßen waren." Briese aber fügte hinzu: „Die Kunde von diesem überwältigen- den deutschen Waffenerfolg wird man auch von Paris nicht fern- halten können, wo man schon nach einigen kleinen Gefechten, wie bei der Besetzung von Mülhausen und bei der Ueberrumpelung einer 1V5106 zu weit vorgegangenen deutschen Abteilung am Schirmekpaß in den Vogesen Siegesfeste gefeiert hatte." Unendlicher Jubel herrschte denn auch in allen deutschen Lan den und in dem verbündeten Oesterreich-Ungarn. In den Straßen Berlins nahm das Hurrarufen, Hüte- und Tücherschwenken lange kein Ende. Die Häuser legten überall zum ersten Male im Welt kriege Fahnenschmuck an. Lustig wehten die Fahnen im Sonnen schein und leisen Herbstwinde. Die Stimmung, die naturgemäß seit Kriegsausbruch noch etwas gedrückt war, wich einem beglücken den Hochgefühl. 8. Kapitel. Hans bei Hindenburg, dem Nusjenschreck. Einen Tag später als im Hinterhause Langerdamm 12 die Nachricht vom Ausmarsch Franz Brieses an die Front eingetroffen war, erhielt auch Familie Knorr im Vorderhause die kurze Mit teilung, daß ihr Sohn Hans als einer der ersten Kriegsfreiwilligen ausgewählt sei, an die Front zum mobilen Regiment zu gehen. „Es ist doch etwas Wunderbares um die Begeisterung unserer deutschen Jungen; wie ich gehört habe, konnte man ganze Regi menter von Kriegsfreiwilligen bilden. Es ist aber sehr richtig von der Heeresverwaltung, daß sie die jungen, draufgängerischen Kerle in festgefügte Truppenkörper einreihte. Die Jungen hätten sonst oft zu viel Mut und würden vielleicht in ihr Verderben hinein- rennen. Feindliche Kanonen und Maschinengewehre werfen nicht mit Papierschnitzeln!" „Weißt du, Mann, ich würde gern meinen Hans noch einmal sehen. Laß uns doch gleich nach Königsberg fahren," meinte Frau Knorr. „Es ist mir doch wehmütig ums Herz; ich freue mich ja, daß der Junge ein so tüchtiger Grenadier gerade in deinem alten Regi107 «ent geworden ist, aber ich empfinde doch auch etwas Schmerz über die Trennung und die ungewisse Zukunft." Dem Ehemann Knorr war das Herz bei aller Kriegsbegei sterung und Freude über seinen Hans Wohl auch etwas weich. Er willigte in die sofortige Reise. „Meinen guten Reifefeldstecher stifte ich dem Jungen als be sondere Gabe. Er hat ihn sich immer schon gewünscht." In Königsberg war Hans recht erfreut über die Gabe des Va. terS, aber noch weit mehr erstaunt über das Kommen seiner Eltern. „Ich brenne darauf, die Russen mit anzupacken," sagte er, „die Hunde haben in den letzten Wochen zu räuberisch in unserem Ost- Preußen gehaust I" Harte Kampfeslust, Haß gegen die Mordbren» ner blitzten aus seinen Augen. Wie Franz Briese war auch Hans ein schmucker Feldgrauer. Der Vater ließ mit zufriedenem Stolz seine Blicke über seinen Sohn schweifen, und die Mutter streichelte ihm liebkosend Wange und Hand. Allerlei warme Wintersachen wurden noch für den jungen Krie- ger besorgt: Kameelhaarjacke, Wollunterhose, Kniewärmer, dicke Strümpfe, Kopfschützer mit Ohrenklappen, Pulswärmer. „Und kaufe mir ja noch schnell ein seidenes Unterhemd, Mut ter," sagte Hans, „denn Seide hat den großen Vorteil, allerlei kleines Viehzeug, das bei den Russen zu Hause ist, vom Träger abzuhalten." „Da hat ja Franz Briese in seiner letzten Feldpostkarte ganz recht: Im Westen führt man einen Sekt krieg, hier im Osten gegen die Russen aber einen I n s e k t krieg!" suchte der Vater zu scherzen. Als besondere Waffe kaufte er seinem Sohne noch eine hochfeine Mauserpistole mit 50 Patronen. Es war gestattet, daß die Freiwilligen Pistolen trugen. Vater Knorr sagte nur: „Halte dich brav, mein Sohn, und zeige, daß du dein Vaterland liebst, und für dasselbe — wenn's sein muß — auch bluten kannst!" Frau Knorr aber konnte bei aller äußerlichen Standhaftigkeit 5ie Tränen nicht zurückhalten. „Wenn du mir nur gesund wiederkommst!" „Aber. liebste Mutter, du kennst wohl auch den alten Soldaten- Spruch: „Träfe jede Kugel ihren Mann, woher nähme der Kaiser103 Soldaten dann?" Damit tröste ich mich. Es gibt im Kriege nich^ nur Kugeln aufzufangen, sondern auch Eiserne Kreuze!" Wahrhafter Stolz blickte bei diesen Abschiedsworten aus den blauen Augen Hans Knorrs. „Grüßt mir ja auch Schwester Grete und meinen Freund Fran im Westen. Denn von mir wird er vorläufig Wohl nicht so leich- sine Karte erhalten. Die Feldpost arbeitet, wie ich in der Kaserm hörte, noch etwas langsam." Die Eltern fuhren am nächsten Tage wieder nach Berlin zurüc, und hörten von Mitreisenden noch mehr von den russischen Greueln als die Verwandten erzählt hatten. Vater Knorr kaufte unterwegs verschiedene Zeitungen. Wur den doch Zeitungen während des Krieges in ungeheuren Menge? morgens, mittags und abends gelesen. In der „Kattowitzer Zeitung' fand er dabei ein warmempfundenes Gedicht, das seiner eigener- Gemütsverfassung entsprach: Mein Kriegsfreiwilliger. Noch einmal die Handl — Nein, ich halte dich nicht, Du lieber, sonniger Junge. Ich sah dich, ich fühl' dich, ich spreche ja nicht. Ich meistre die bebende Zunge. Nun ziehst du dahin, und ich bleibe zurück, Muß ohne dich weiterleben; Aus den Augen leuchtet dir edelstes Glück, Wie du selbst es mir immer gegeben. Du opferst dich willig dem Vaterland, Du fürchtest den Tod nicht — nicht Wunden. In dir ist ein heil'ges Feuer entbrannt, Das ich schaudernd Hab' mitempfunden. So zieh' denn, mein Junge, von Sieg zu Sieg, Wie du hoffest in heißem Verlangen, Und kehrst du heim aus dem heiligen Krieg, Will mit Stolz ich dich zärtlich umfangen. Und kehrst du nicht heim, dann klage ich nicht. Dann wart' ich voll Demut im stillenBis zum eigenen Tod, — bis zum jüngsten Gericht Und füge mich GotteH Willen. Wenn aber dann an dem jüngsten Tag Der große Weckruf erklungen, Dann weiß ich, ist meine erste Frag' Nach meinem geliebten Jungen. Immer wieder mußte er die Verse lesen. Eine Träne stahl sich aus seinen alten Augen in den Bart. Dann bewahrte er das Ge dicht in seiner Brieftasche auf. Seiner Frau gab er es erst nach dem Kriege zu lefen, denn die so wie so schon weichen Mütter soll man nicht durch Gemütsbewegungen noch empfindsamer machen. — Das Königsberger Grenadierregiment stand sckon mehrere Wochen in blutigen Grenzkämpfen mit den Russen, als Hans Knorr dem zweiten Bataillon als Ersatz zugewiesen wurde. Hans mußte daher am ersten Tage mit der Eisenbahn fahren, um mit den andern Ersatzleuten seiner Truppe, die im südlichen Ostpreußen stand, zusammenzutreffen. Fröhlicher Kampfesmut be herrschte hier im Osten wie dort im Westen die zum Kriegsschau platz kommenden Soldaten. Alle wußten, daß der Generaloberst von Hindenburg, der Führer der hier im Osten des deutschen Reiches die Wacht haltenden Armee den vom Narewfluß in Russisch - Polen herandrängenden Riesenmassen der Russen nur wenige Armee korps entgegenschicken konnte, aber man war siegessicher! Und mit vollstem Recht, wie schon die nächsten Tage bewiesen. Trotzdem die Russenhorden viel Blut im Ost- und Südteile der Provinz forderten und schwere Kämpfe dem Königsberger Grena dierregiment bevorstanden, hatten die Leute ihren Humor nicht ver loren. Generaloberst von Hindenburg.110 Hans Knorr, der gern einen guten Happen aß, jetzt aber nur das Soldatenessen hatte, freute sich auf russische Tafelgenüsse. Er hatte an die Außenwand seines Eisenbahnwagens geschrieben:, „Küchenzettel für die nächste Woche. Asiatische Kosakensupps. Russisches Gehirn auf deutsche Art. Serbenkotelett auf österreichische Art. Englisches Beefsteak (d. h. Rindslende) mit russischen Eiern uyd französischer Tunke. Deutsche Eis(en)bombe. Wuttki mii Russenhimbeer." Einer seiner Kameraden schrieb dazu: „Nächstes Tanzkränzchen in Petersburg." Ein dritter Grenadier ging gleich aufs Ganze und schrieb an die Wagentür: „Hier ist das Sitzungszimmer der Soldatenkommission zu? Eingemeindung Rußlands." Nach der ermüdenden Eisenbahnfahrt folgten tagelange, noch mehr ermüdende Märfche. Auf einer Flußbrücke hatte unser Hans Knorr eine interessante Begegnung. Ein mit Offizieren besetztes Militärauto kam der marschierenden Kolonne Knorrs entgegen. Der Lenker war — eine Damel Man hatte ihr, wie ein Offizier abends im Lager erzählte, das Steuer nicht nur aus Galanterie überlassen, sondern es stand ihr von Rechtswegen zu. Diese Dame, die Frau eines Doktors, war der einzige weibliche Kraftwagenführer, der im Felde stand. Sie hat sich gut bewährt und sogar mitten in den Kugelgewittern ihre Fahrten gemacht, um Befehle zu übermitteln. Immer war die Truppe auf Alarmzustand. Von Knorrs Kompagnie wird an einem schönen, sonnigen Nachmittage ein Mann zum Erkunden vorausgeschickt. In der Nähe eines Dorfes sieht er von weitem sechs Russen. Von seinem Rade absteigen, sich in den Chausseegraben legen urü schußfertig machen, ist das Werk eines Augenblicks. Sobald die Russe: auf Schußweite herangekommen sind, gibt unser Grenadier Feuer. Die russischen Reiter reißen aus. Nicht ohne Verluste, da zw?' Reiter angeschossen sind. Durch den Erfolg etwas übermütig gemacht, radelt unser Königsberger Grenadier weiter. Plötzlich steht er zwanzig Russee gegenüber uiü> muß sich notgedrungen gefangen geben«Man nimmt ihm Waffen und Rock ab und sperrt ihn in einen Stall ein. Hemd und Hose und — merkwürdigerweise auch daS lederne Geldtäschchen auf der Brust haben die Kerle ihm gelassen. Vor dem Stalle steht ein russischer Posten und nicht weit davon liegt die russische Wache. Es wird Abend. Der Grenadier denkt an sein kaum eine Stunde entfernt stehendes Bataillon, das ihn gewiß schon als tot betrauert. Der Grenadier aber lebt und weiß den Russen zu ent schlüpfen. Hat er doch seine letzte zehntägige Kriegslöhnung im Be- trage von 6,60 Mark in der Tasche. Die soll ihm helfen. In der Nacht ruft nämlich unser Grenadier den russischen Posten leise an und macht ihm ein Zeichen. Er zeigt dem Russen ein.blankes, preußisches Fünfmarkstück, — der Russe nimmt richtig das Geld — dreht sich um — und läßt unsern Königsberger Grenadier aus dem Stall heraus! Nun aber marsch! marsch! im Laufschritt über Aecker und Büsche bis zum nächsten Chausseewege. Nach einem halbstündigen Rennen gewinnt der hemdärmelige Grenadier die deutschen Vor posten und ist gerettet. Er langt glücklich bei seiner Kompagnie an. Alles lacht, als er sein Abenteuer erzählt. „Für Geld tut der Russe, der nur einige Kopeken Sold zu fordern hat und die er nicht einmal immer bekommt, alles. Die Kerle sind hohl wie ein Koch topf!" „Nun aber zuerst eine Zigarre, Kamerad Knorr!" Der Hauptmann ersetzt dem Grenadier die „ausgelegten" fünf Mark durch einen ganz neuen Zwanzigmarkschein. Das Königsberger Grenadierregiment marschierte am nächsten Morgen zuerst stundenlang durch einen grünen Buchenwald, mit Unterholz untermischt. Man kam heute an den Feind. Hans Knorr sollte seine Feuer- iaufe an demselben Tage empfangen, an dem sein Freund Franz Briese im Westen den ersten Kamps bestand. Auch ähnlich spielte sich der Kampf ab. Knorrs Kompagnie lag zunächst hinter einer Maschinengewehr, abteilung, die eine vor dem Walde liegende feindliche, tief einge grabene Schützenkette mit ihrem Massenfeuer überschüttete. Die Russen standen in den Gruben und schössen, so lange sie Munition Iii112 hatten. Sie trafen aber unsere Grauen recht schlecht! Während unser Maschinengewehrfeuer furchtbare Verheerungen unter den großen, starken Kerlen eines russischen Garderegiments anrichtete, riß das feindliche Feuer nur wenige Lücken in den Linien der sich heranarbeitenden deutschen Grenadiere. Auf achthundert Meter lag der Gegner schwer verschanzt und dreifach überlegen. Die Geschosse prasselten in den Wald und flogen unserem Hans Knorr nur so um die Ohren. Da kommt der Befehl: „Alles den Wald räumen!" Auch Hans Knorr springt auf, sein Gewehr fest gefaßt, „Marsch, marsch!" Heraus geht's auf die freie Wiese ohne jegliche Deckung. Der Leutnant seines Zuges faßt das Gewehr eines Gefallenen und schießt aus dem nächsten Wiesenrain, der etwas Deckung bietet. Es werden ihm zwei Finger an der linken Hand zerschossen. Er achtet auf den Schmerz und den Blutverlust nicht! Jedes Gewehx ist jetzt von Wert und jedes Gewehr tut seine Schuldigkeit! Da erhält er einen Schuß in den Mund und fällt zurück! „Kinder, grüßt meine Frau . . Hans Knorr wurde von Kampfeswut gepackt. Er steht in der- Schußwirkung seinen älteren Kameraden nicht nach. Stundenlang wogt noch der Kampf. Stundenlang sind die Linien schwerem Granat- und Schrapnellfeuer ausgesetzt. Die ruf-. - ' -113 fische Artillerie hat sich auf 1500 Meter gut eingeschossen, den Grena- dieren schwere Verluste zufügend. In furchtbarem Feuer geht die Kompagnie aber stetig weiter vor. Zuletzt lagen die Kämpfenden sich nur noch auf hundert Meter gegenüber, Tod und Verderben sendend. Es kommt der Befehl zum Sturm. Das Horn schmettert. Das Seitengewehr hat Hans Knorr längst aufgepflanzt. Die russische Artilleriestellung muß genommen werden. Mit Hurra geht's darauf los! Da öffnet sich zwischen Wiese und Höhe eine Schlucht, nicht sehr tief, aber doch ein Kugelfang für die Stürmenden. Niemand zögerte. Deutsche Stürmer haben noch nie gezögert! Hinunter jagen die Grenadiere und wieder hinauf. Im Hand- kämpf werden hier die Russen niedergemacht wie am selben Tage in Lothringen die Franzosen. Die Verbündeten müssen im Osten wie im Westen zu gleicher Zeit die deutsche Faust spüren! Das Werk gelingt auch hier. Die feindlichen Geschütze wurden demoliert, die wenigen Ueberlebenden werden gefangen genommen. Die russische Infanterie war in dieser Gegend des Kampffeldes schon längst zerstoben. Die Gefchütze können zunächst nicht mitgenommen werden. Rus sische Reiterei naht. Da bricht neben den Königsberger Grenadieren, die die Russen sofort mit Schnellfeuer begrüßt hatten, deutsche Kavallerie vor. Sie haut und sticht auf die Kosaken ein, daß nach kurzer Zeit die Schwadronen Kehrt machen und in wildester Flucht davonjagen. Das war aber erst recht ihr Verderben! Denn eine halbe Stunde hinter der Stelle, an der Hans Knorr gekämpft hatte, lag ein von weiten Sumpfgebieten umgebener See. Hier hinein trieben die deutschen Reiter die Russen! Und wie es an dieser Stelle geschah, so geschah es an hundert andern. Der „Masuren" genannte Teil Ostpreußens enthält mit vielen weiten Seen und Sümpfen ausgestattete Stellen. In diese Sümpfe und Seen wurden — wie sich freilich erst nach einigen Tagen herausstellte — rund hundertundfünfzigtausend Russen aller Waf fengattungen getrieben! 8 Marsch! Marsch,114 Hans Knorr gehörte am Abend dieses seines ersten Kampftages zum Bewachungsdienst der von seiner Kompagnie gefangenen Russen. Einige der Leute konnten, da sie aus den an der deutschen Grenze liegenden Gouvernements waren, etwas Deutsch. Da hörte denn Hans Knorr aus ihren Aeußerungen, daß sie eine Heidenangst vor den deutschen Schützen hatten. „Germani schießen gutt," oder „Prnß sehr gutt schieß!" be teuerten sie. Von seinen Kameraden vernahm Hans Knorr am Abend, daß die Kerle, die solche Angst vor unseren Gewehren hatten, sich mehrmals beim Sturm unserer Grenadiere tot gestellt hatten, um nachher von rückwärts auf unsere vordringenden Soldaten zu schießen. Aber unsere Leute hatten bald ihren Blick für diese List geschärft, selbst wenn die Russen den Ergebungsruf ausstießen: „Freund, nicht Feind!" Viele entblößten auch ihren Hals und zeigten auf das von ihnen auf der Brust getragene goldene oder vergoldete kleine Kruzifix. Waren auch Schufte unter ihnen, so gab es doch auch eine weit größere Anzahl, die sich sehr gern gefangennehmen ließen und Ühre Gewehre schon vorher zerschlugen, ehe unsere grauen Jungen das besorgten. — Wie die Schlacht in Lothringen, währte auch die erste große Schlacht in Ostpreußen drei Tage. Auf der weiten Strecke zwischen Gilgenburg und Ortslsburg wurden in vielen Einzelschlachten die Feind? überall geworfen, geworfen mit einer Gewalt und einem Erfolge, der sich erst nach und nach übersehen und feststellen ließ. Knorrs Kompagnie kam am nächsten Tage abermals in ein Gefecht und zwar in der Nähe des großen Dorfes Tannenberg. Hans Knorr war es aus der deutschen Geschichte bekannt, daß auf den Feldern und Wiesen Tannenbergs schon einmal eine gewaltige Schlacht geschlagen worden war, und zwar im Jahre 1410. Damals wurde hier das Heer des „Deutschen Ritterordens" unter Ulrich von Jungingen von einer polnisch-litauischen Uebermacht entschei dend geschlagen. Damals kämpften 8V VW Deutsche gegen mehr als doppelt so viele Polen und Litauer. Am 30. August 1914 aberblieb der Sieg bei den Deutschen, obgleich das Verhältnis der beiden kriegführenden Heere ungefähr dasselbe war. In der Schlacht bei Tannenberg hielt Knorrs Grenadierkom pagnie einen Teil der Front und der linken Flanke des Dorfes besetzt. Der Hauptmann Knorrs hatte die Stellung durch Schützen- graben und Verhaue verstärken lassen. Es gelang, die mit großer Uebermacht mehrmals am Tage vorgehenden Russen abzuschlagen. Schon war der Tag weit vorgerückt, als nach einer Gefechts- Pause drei neue Anläufe durch eine russische Schützenbrigade er folgten. Die ersten Angriffe wurden durch das rasende Gewehrfeuer der Kompagnie mit Energie abgewiesen. Beim Ansturm einer dritten frischen Russenkolonne gegen die in vielstündigem Kampfe ermüdeten Preußen gelang es dem Feinde sogar, an einer Stelle in die Linie, in der Hans Knorr lag, ein zudringen. Kaum aber erkannte Knorrs Hauptmann, daß im Feuergefecht der Angriff nicht mehr abzuweisen ist, als er seinerseits mit seinen grauröckigen Leuten zur Offensive ging. Mit dem Bajonett geht die Kompagnie den Feinden zu Leibe. Der Hauptmann mit dem Degen in der Faust springt voran: »Vorwärts, Grenadiere!" Die Grenadiere folgen. Hans Knorr zeigt, daß er das Bajo nett gut gebrauchen kann. „Stechen kann man doch, wenn man auch in der Kaferne kein Bajonettieren geübt hat!" ruft er seinem Nebenmanne zu. Im blutigen Kamps ringen die Grenadiere um den Sieg. Zwei Offiziere und zahlreiche Mannschaften der Kompagnie liegen nieder gestreckt durch die russischen Schützen. Aber wie Helden fechten die Königsberger Grenadiere. Im verzweifelten Kampfe räumen die deutschen Bajonette auf unter den Russen. Schon scheint die Wucht des Angriffs gebrochen, als der Kom pagnieführer, von einem feindlichen Revolverschuß in die Brust ge- troffen, zusammenbricht. Das sollte aber der Russe mit seinem Leben büßen. 8' IIS116 „Du — Hund — unsern lieben Hauptmann!" rief ein braver Ostpreuße, der Nebenmann unseres Hans Knorr, und stößt dem Russen das Eisen in die Brust, daß er sofort hintenübersinkt. Da rafft sich der Hauptmann noch einmal auf. „Voran! Haltet aus!" rief er, den Degen noch einmal hebend. Und sein Ruf, den nur die Nächftstehenden hörten, verhallte nicht ohne Erfolg. Der Anfall der feindlichen Schützen wird geworfen! Hunderts werden niedergemacht. Der Rest wirft die Büchsen fort und er gibt sich. So machte Knorrs Kompagnie beim historischen Dorfe Tan nenberg allein über dreihundert Gefangene. Hans Knorr trug mit Hilfe eines Sanitätssoldaten seinen schwer verwundeten Hauptmann zum Verbandsplatz. Im Lazarett kam der Verwundete dann neben einen andern ganz jungen Offizier zu liegen. Dieser Jüngling aber war — der jüngste Sohn Kaiser Wilhelms, Prinz Joachim, der bei den ostpreußi schen Kämpfen eine Verwundung am Bein davongetragen hatte. Der Hauptmann wie der Prinz erhielten noch im Lazarett das Eiserne Kreuz. — Hinterher erfuhr auch Hans Knorr, was für eine wichtige Auf gabe seine Kompagnie gelöst hatte. Sie hatte durch ihre mutige und entschlossene Einzeltat eine vorteilhafte Veränderung in der gerade vorliegenden Gefechtslage hervorgerufen, die bei dem Vorrücken der übrigen Kolonnen des linken Flügels der bei Tannenberg kämpfen den Truppenteile nicht ohne Wirkung blieb. Wie ein Keil hatten sich die Grenadiere hineingebohrt in die Stellung der Russen. — Das Regiment, in dem Hans Knorr diente, eroberte übrigens auch den Inhalt einer russischen Regimentskasse, über hunderttausend Rubel. Als Belohnung für diesen guten Fang gab's dafür zehn Tage lang doppelte Kriegslöhnung. Die Schlachten an den masurischen Seen zeigten die Vorzüge und die Fehler der russischen Armee. Die Soldaten der russischen Narewarmee — es war eine auserlesene Truppe — waren durch weg gut uniformiert und gut bewaffnet; ihr Train- und Sanitäts wesen stand aber in keinem Verhältnis zu ihrer Zahl. Hans Knorr hatte zwar zwei Tage lang auch nichts Ordent liches mehr im Magen gehabt, die gefangenen Russen mußten117 aber viel längere Zeit schon Not am Wichtigsten gelitten haben. Sie machten teilweise sogar einen verhungerten Eindruck. Einige baten weinend um Essen; sie hätten so großen Hunger, seit acht Tagen nur einige Stückchen Brot, keine Suppe erhalten. Die Offiziere hätten sie getröstet, daß sie sich in Berlin, das gleich hinter der Grenze läge, nach Herzenslust satt essen könnten! Mehrere der Regimenter, die bei Tannenberg vernichtet wur den, waren seit Anfang März unterwegs. Damals hatten sie schon den Mobilmachungsbefehl erhalten! Die Löhnung aber wäre bei nahe auch so lange schon ausgeblieben! Daß es in den Krieg ginge, hatten sie erst an dem Tage erfahren, als sie auf deutschem Boden angelangt waren, gleichzeitig war ihnen erst scharfe Munition aus gehändigt worden. Namentlich die vielen gefangenen Polen meinten: „Hätten wir gewußt, daß es in den Krieg gegen Deutschland geht, so hätte sich keiner von uns gestellt! Wir hörten immer nur von größeren militärischen Uebungen, an denen wir teilnehmen sollten!" Tatsächlich begrüßten auch an vielen anderen Stellen, wo die Deutschen die russische Grenze überschritten hatten und polnische Städte besetzten, so in Czenstochau, Kaiisch, Lodz usw., die Polen die Deutschen als Befreier vom drückenden Zarenjoche. Polen sollte nach verbrieften Verträgen eigene Verwaltung unter Rußlands Herrschast haben. Aber die russische Knutenherrschaft hatte längst alle polnischen Landesteile vollständig verrußt. Im österreichischen Heere wurde übrigens eine besondere national-polnische Legion ge bildet, die gegen die Russen mitkämpfte. — Ruhe gab's in diesen Tagen nicht viel für Hindenburgs Armee. Auch Knorrs Kompagnie mußte am nächsten Morgen früh vier Uhr schon wieder an eine andere Stelle des Schlachtfeldes rücken. An der Biegung zweier Waldschneisen traf die Kompagnie schon wieder auf eine feindliche Abteilung. Die Führung der Kompagnie hatte an Stelle des verwun deten Hauptmanns der Oberleutnant — ein Reserveoffizier, seines zivilen Zeichens nach ein Berliner Ingenieur — übernommen. Dieser war früher einige Zeit in Rußland im Elektrizitätsfache tätig gewesen und sprach etwas Russisch.118 Kompagnieführer und Grenadiere waren im ersten Augenblick" doch ein wenig unangenehm überrascht, als sie die abermalige Ueber- legenheit des Feindes gewahrten. Aber der starknervige, unerschrockene Kompagnieführer ließ je einen Zug rechts und links an die feindlichen Flanken gehen und rief mit gezogenem Degen den Nüssen in ihrer Muttersprache zu: „Gewehre abwerfen! Hände hoch!" Die beiden Offiziere, die die feindliche Abteilung führten» waren die ersten, die dem Befehle folgten. Die Mannschaften ahmten ihr Beispiel nach und ließen sich gefangennehmen. Hans Knorrs Korporalschaft mußte die fortgeworfenen Ge wehre aufsammeln. Es waren gute neue Waffen. Auf einen Haufen wurden sie deshalb geschichtet, und bis zu ihrer spätern Abholung eine Wache danebengestellt. Die Nüssen warfen ihre Patronen taschen dazu. Plötzlich fielen sogar die beiden russischen Offiziere sich in die Arme, weinten und küßten sich vor Freude, daß sie gefangen genommen worden, und daß sie so den ferneren Greueln des Krie» ges entgehen würden. Die beiden Offiziere waren zwei Brüder, Fabrikbesitzer aus Moskau, die ihre Ausbildung an der Technischen Hochschule in Darmstadt genossen hatten. — Der Marsch der Grenadiere ging weiter. Tagelang blieb man mit den Russen in dichtester Fühlung. Eines Tages hieß es: „Zwei Mann zum Schutze eines aufklärenden Autos!" Hans Knorr und fein Nebenmann wurden dazu kommandiert. Mit zwei Offizieren besetzt fuhr der Wagen durch die Front der deutschen Truppen hinein in die Ungewißheit. Hans und sein Kamerad lagen schußbereit, Hans vorn beim Chauffeur, der zweite Grenadier hinten quer in der Ecke. Anfangs ging alles gut. Auf einmal aber sahen sie rechts vor sich einen Russenposten, einen Offizier und drei Mann. Sofort stoppte das Auto. Hans schießt — die Russen sind wie vor Wind im Walde verschwunden. Die Grenadiere mit dem Ge wehr an der Backe, die Offiziere mit schußbereiter Mauserpistole, halten eine Weile Rundschau. Es zeigt sich aber kein Russe mehr.119 Langsam geht es weiter. Sie kommen an eine einsam stehende Bauernkate. Der Bauer steckt vorsichtig seinen grauen Kopf zur Bodenluke heraus, dann schwenkt er seine Mütze und ruft glücklich: „Hurra, Mutter, deutsche Offiziere! Jetzt ist alle Not vorbei!" Seit Tagen hatten die ostpreußischen Bauern schon sehnsüchtig auf das deutsche Militär gewartet. Die Russennot hatte durch die Schlachten an den masurischen Seen tatsächlich ihr Ende erreicht. Nachdem zuerst die Narewarmee bei Tannenberg, Ortelsburg und Gilgenburg vernichtet worden war, wurde die russische Njemenarmee unter dem General Nennenkampf, der als der fähigste der feindlichen Führer galt, ebenfalls geschlagen. Der kühne und weitsichtige Schlachtenplan des Oberkomman dierenden Hindenburg hatte zu einem Erfolg geführt, wie er kaum zu hoffen war. Nur die Anspannung aller Mittel und die unge heure Marschleistung der Regimenter hatten es ermöglicht, mit den vorhandenen Kräften gegen große Ueberlegenheit diesen entscheiden den Sieg zu gewinnen. Die so schnell folgenden Nachrichten über die russische Nieder lage in Ostpreußen ließen Freunde und Feinde die ganz gewaltige Schwere dieser Niederlage in Masuren erkennen. Der Kaiser hatte den heldenmütigen Truppen, die in dem ostpreußischen Seengebiet die beste russische Armee zerbrochen und in eiserner Umklammerung zerdrückt hatten, seine besondere Anerkennung ausgesprochen. Die Taten, die auf dem geschichtlichen Boden alter Ordenskämpfe durch die deutschen Truppen vollbracht wurden, sind in der Tat des höchsten Lobes, sind aller Ehren würdig, die jemals ein Sieger im Felde gewann! Ein überlegen von drei Seiten angesetzter Angriff, ein mehr tägiges heldenhaftes Ringen mit einer starken Uebermacht russischer Kerntruppen, endete mit der völligen Vernichtung dieses großen Einbruchsheeres, vor der es auch neue Verstärkungen nicht mehr retten konnten! Ungezählte Tausende russischer Soldaten bedeckten die weiten Schlachtfelder oder den Grund der Seen. Der gesamte Artilleriepark der russischen Narewarmee war vernichtet. Die Bedeutung der zweiten Schlacht in Ostpreußen war ebenso weittragend; war es doch gelungen, die letzte russische Haupt-12» macht aus dem deutschen Grenzgau zu vertreiben. Groß war das Gebiet nicht, das sie noch besetzt hielten, es war der nordöstlichste Teil der Provinz. Aber trotzdem war es ein störendes und peinliches Gefühl, daß der Feind noch auf heimatlicher Erde stand. Es schien zwar, als ob die Njemenarmee unter dem Eindruck der Niederlage der Narewarmee den Rückzug angetreten hätte, aber es zeigte sich bald, daß sie wieder Halt gemacht hatte und noch in Ostpreußen stand. In der Absicht, sie von ihren rückwärtigen Ver bindungen abzuschneiden, sie womöglich in die See zu Wersen, wurde der russische linke (südliche) Flügel angegriffen. Dieser Flügel wurde geschlagen und damit der Zugang in den Rücken des Feindes geöffnet. Die Russen fühlten sich trotz ihrer Ueberlegenheit nicht stark genug, um dem Angriff standzuhalten. So traten sie den Rückzug an. Es war mit dieser zweiten Schlacht in Ostpreußen die russische Offensive auf Berlin gänzlich gescheitert. Immer noch erhofften die Franzosen von ihr einen gänzlichen Umschwung der Lage und fabel ten, daß die Kosaken nur wenige Meilen von Berlin entfernt stän den! Dagegen waren unsere Truppen auf russischem Boden, bereit, den Angriff weiter in das Innere des russischen Reiches zu tragen. Selten hat denn auch ein so großer Jubel Deutschland durch hallt, wie nach den Siegen General Hindenburgs in Ostpreußen. Die dreitägige erste Schlacht zwischen Neidenburg und Ortels- burg, die besonders heftig in der Gegend von Tannenberg, wo Hans Knorr kämpfte, wütete, und dann die zweite Schlacht bei Lyck und Gumbinnen-Jnfterburg — fegten die russischen Hunnen vom deutschen Boden fort! Und hinter den restlichen Hunderttaufend setzte General Hin- denburg mit seiner „Wacht im Osten" her, bis der Feind, geschla. gen und zerschmettert, in wildester Flucht das deutsche Landgebiet verlassen mußte. — Beim Biwakfeuer aber sangen unsere grauen Jungen: Kommt auf seinem Gaul geritten Der schlitzäugige Kosak, Lassen wir nicht lang' uns bitten, Dülken keinen Schabernack, Schießen piffpaffpum den Plunder Immer runter, immer runter I121 Hans Knorr, der Berliner, konnte es sogar nicht unterlassen, eine bekannte Berliner Gasscnhanermelodie etwas umzuändern und mit seinen Kameraden zu singen: Die Serben sind alle Verbrecher, Ihr Land ist ein finsteres Loch, Die Russen sind ooch nich viel besser. Aber Keile, aber Keile gibt's doch! Ueberhaupt wurden alten Melodien neue Texte untergelegt. So erhielt ein bekanntes Kommerslied folgende neue Zusatzstrophen: Das war der Herr von Hindenburg, Der sprach: „Mit Gott zur Tat! Nun ,Iungens, werft die Russen raus Aus eurem Preußenstaati Raus da, raus da, aus dem Haus da, Kein Preuße läßt euch durch! Es knallt und schallt, es schallt und hallt: „Hurra für Hindenburg!" Vom Narew kam mit großem Troß Die Russenkumpanei, Da zielte Herr von Hindenburg Und zielte nicht vorbei: Raus da, raus da, aus dem Haus da, Und macht euch schleunigst fort. Mit Rumpf und Stumpf in See und Sumpf Der Rest nach Petrograd!122 9. Kapitel. Die Deutschen in der Champagne. Unaufhaltsam drangen Anfang September die deutschen Armeen in Nordfrankreich vor. Paris lag freilich noch weit und es sollten noch viele Schlachten geschlagen werden, ehe deutsche Truppen daA Wahrzeichen der Seinehauptstadt, den Eiffelturm, sehen konnten. Regenwetter war jetzt eingetreten, so ein richtiges Herbstwetter. Gewitter, Sonnenschein, Sturm, Landregen, kühle und kalte, aber auch warme Tage wechselten miteinander ab. Franz Brieses Kompagnie marschierte und marschierte. Schwer wurde es unseren Kriegsfreiwilligen, mit den besser „einmarschier ten" älteren Leuten auszuhalten, aber die unbeugsame Energie, die nun einmal alle deutschen Soldaten — freiwillige und ausge- hobene — auszeichnet, ließ ihn aushalten. Wenn auch die Füße Blasen hatten, die Schenkel und Waden schmerzten — Franz Briese „machte nicht schlapp". Er hatte sich Lanolin und Fußpuder aus Wesel mitgenommen und fettete und puderte seine Füße allabend lich ein. Alle Truppenteile „kilometerten" und „tippelten" täglich fast unglaubliche Strecken. Marschleistungen von 30 bis 40 Kilometern waren die Regel, es wurden aber an manchen Tagen mehr! Mit wasserschwerem Mantel, Wasser in den Stiefeln, war Franz Briese eines Vormittags nach bereits fünfstündigem Marsch in ein mit Weinbergen umgebenes Dorf der französischen Provinz Cham pagne eingerückt. Es war zehn Uhr und es wurde eine „Frühstückspause" ge macht. Die vor der Truppe donnernden Geschütze von Freund und Feind lieferten die Tischmusik; aus einigen Schlössern der Weinguts besitzer wurde Champagnerwein requiriert.123 „Jeder Mann erhält einen Becher voll! Daß aber auch keiner sich nicht verzählt, versteht ihr! Nur bis eins!" sagte der Kom pagnieführer. Franz Briese ließ sich seinen Aluminiumbecher mit dem edlen Wein füllen. Das war ein Göttertrunk zum Stück Kommißbrot. Wer — kaum lag man zehn Minuten, da kommt ein höherer Adjutant gesprengt. „Umhängen! Antreten! Es geht vor!" Wer ihn von unseren Lesern einmal erlebt hat: einen Marsch nach heftigem Gewitter, durch aufgeweichte, lehmige Wege, bergauf, bergab, der kann sich vielleicht eine Vorstellung machen. Ein anderer kann's nicht. Alles munkelte von „gleich ins Gefecht kommen". Und mit solcher Aussicht überwinden deutsche Feldgraue die lehmigsten Wege, nasses Gepäck und nasse Wunde Füße. Die Aussicht, den Franzosen wieder „ans Leder" zu gehen, und ihnen weitere deutsche Prügel zu verabfolgen, war unferm Kriegsfreiwilligen schon recht — trotz aller Nässe. Zwei Uhr nachmittags war's geworden, als die Kompagnie über eine Brücke die Maas passierte und das Gefechtsfeld betrat. Denn daß ein solches vorlag, das war klar: von allen Höhen rings herum donnerten die Kanonen — schsch-bnmm! sprachen die Maschinengewehre ihr Tak-tak-taktrattatat! zischten mit Sch—t s—t die Geschosse der Schützenlinien. Natürlich glaubte Franz Briese, es ginge gleich direkt auf die Weinberge los — wo der Horizont bedeckt war mit den kleinen, Weißen Wölkchen der Schrapnells, die so gar nich unheimlich aussahen, die aber doch ihren Wert „in sich" hatten! Abgeschwenkt und seitwärts in einen dichten Wald. Vorwärts ging's, ohne daß man zunächst vom Feinde etwas sah. Nur seine schweren Grüße flogen in das Gehölz. Aber auch hinter der deutschen Infanterie regte es sich, die deutschen schweren Feldhaubitzen suchten die feindlichen Schützengräben, die feindliche Artillerie „vorzube reiten". Dem Führer des Bataillons, einem Major, ging es gar nicht schnell genug vorwärts durch die Dickung des Gebüschs. „Wir müssen schneller heran!"124 Abermals eine halbe Stunde Marsch in gespanntester Aufmerk samkeit. Eine Chaussee wurde überschritten, ein neuer Waldabschnitt betreten. Der Major sprengte wieder vor, wie so oft! Sofort fielen einige Schüsse, sein Pferd kam zurück, aber den Reiter fand man durch den Kopf geschossen! Von diesem Augenblick an geriet Franz Briese in ein Wald gefecht, wie es erbitterter nicht zu denken ist. Die Kompagnie wurde aufgelöst und von Baum zu Baum folgten die Musketiere den zu rückweichenden Franzosen. Die Geschosse prasselten durch die Zweige, aber der schneidige Kompagnieführer ließ nicht los von dem Gegner. Mann auf Mann blieb liegen, beide Nachbarkameraden Briefes fielen in das hohe Heidekraut. Ein Geschoß riß Franz den Helm vom Kopfe; ein anderes traf seinen Gewehrlauf am Visier. „Ohne Helm kann man schießen, aber mit beschädigtem Visier nicht!" sagte sich Franz Briese. Schnell daher das Gewehr des eben gefallenen Kameraden auf gerafft, auch die Patronentaschen dazu. Nur nicht Munitions mangel leiden! Das neue Gewehr schoß gut, auf den Gegner konnte man wie auf Kopf- und Bruftfcheiben zielen. Zu seiner Linken hörte Franz Briese auch ein lebhaftes Feuer gefecht. Das erschien unangenehm brenzlich. Aber der Oberleutnant und Kompagnieführer ließ nicht los vom Gegner. — Da — ein Schuß in den Unterleib streckt ihn nieder. Der Nächstdienstälteste Leutnant übernimmt das Kommando. „Kom pagnie hört auf mein Kommando!" Von Brieses Korporalschaft fällt der Unteroffizier. Der Ge- freite tritt an seine Stelle. Hinter dem Walde liegt ein Dorf. Eine Kompagnie des Vatail- lons erhält den Befehl, sich den um das Dorf und einem dabei liegen- den Eisenbahndamm fechtenden Truppen anzuschließen. Brieses Kompagnie bleibt dicht am Feinde. Er wird mehr und mehr zurückgedrängt. Schritt für Schritt geht's vorwärts. Trotz des nassen, kühlen Wetters ist Franz Briese in Schweiß gebadet.125 Da plötzlich hört der Wald auf. Man atmet freier. Freies Feld, eine Anhöhe liegt vor Briese. Der Feldwebel und der Leutnant drängen zuerst hinüber. Franz ist an der Seite seines Gefreiten. „Briese, heute flutscht es aber!" „Donnerwetter, an meinem Gewehr ist etwas nicht in Ord nung!" „Springen Sie schnell dort über die Grabenbrücke und bringen Sie es in Ordnung!" Franz Briese sprang in die angegebene Deckung. Er war die Zielscheibe einer Menge feindlicher Gewehre, hörte die Geschosse nur so um sich pfeifen. Eine Granate platzte gar nicht weit ab im Graben. Einige Sprengstücke schlagen gegen die Balken, hinter denen Franz steht. Das Gewehr wird in Ordnung gebracht. Der Soldat wird mit seiner Waffe so vertraut, daß ihm eine fremde, wenn auch voll kommen technisch gleichartige, doch immer etwas fremd bleibt. Dann springt Franz Briese — nicht zwei Minuten hat der Aufenthalt im Graben unter der Brücke gedauert — wieder vor. „Briese, hier schnell heran, in das Kleefeld!" ruft der Gefreite. Auf ein Fabrikgebäude — ausgerechnet Sekt war bisher darin fabriziert worden! — geht der Sturm der Kompagnie weiter. Die Franzosen schössen aus Türen und Fenstern. Das Gefecht kommt ein paar Minuten zum Stehen. Dann aber wird „Avancieren" geblasen. Im Sturm geht's hinauf bis zur Fabrikmauer. Das war der fürchterlichste Augenblick für Franz Briese. Er war wie rasend, glaubte zu taumeln, seine Haare sträubten sich. Die Franzosen sahen, daß sie das Gebäude nicht halten konnten. Mit Hurra! gingen Briese und seine Kameraden weiter hinein m das Gebäude und den fliehenden Feinden nach durch einen großen Hofraum — über Tote und Verwundete hinweg. Dann faßten die Weseler Musketiere die letzten der blauröckigen Feinde, als sie das Gepäck abwarfen und sich über die Einfriedigung schwangen. Briese und seine nächsten Kameraden gingen jetzt mit Bajonett und Kolben drauf. Der Zaun wird eingeschlagen. Er setzt den126 Flüchtenden nach bis ihm der Atem ausgeht und er hinter einem Steinhaufen erschöpft Deckung nimmt. Zahlreiche Schützen anderer Regimenter lagen weit vorgescho ben in den Weinbergen. Kompagnien rückten gegen den Eisenbahn damm vor. Aber er bot wenig Schutz, denn an beiden Seiten hatten schließlich die Braven den hartnäckig und tapfer kämpfenden Feind vor sich. Einige Male hatten die Kompagnien ihre Plätze schon gewechselt, aber unausgesetzt bekamen sie aus dem Dorfe noch Feuer salven. Alle konnten nur langsam vorrücken, alle suchten, soweit es möglich war, Schutz in dem Weingelände. Ein eigenartiges Rasseln gab's, so ein Geknister und Geknaster, wenn die Geschosse durch die Rebstöcke, von denen reifende edle Trau ben hingen, entlang fuhren. Franz Brieses Feldwebel — er hieß Heyer — ließ die Leute hinter den Steinhaufen auch wieder vorbrechen. Nasendes Feuer Prasselt auf die Stürmenden wieder nieder! Vorwärts geht's. Da finden sich Leute aus anderen Kompagnien dazu. „Alle auf mein Kommando hören!" ruft der mutige Feldwebel. Weit vor war man mit den zusammengewürfelten Leuten. Der Feind hatte die Truppe bemerkt und richtete einen scharfen Angriff auf das Häuflein. Sollten sie aber etwa zurückgehen? „So etwas gibt's nicht!" fagte der Feldwebel. „Leute, wir bleiben hier!" Innerlich war es aber allen doch recht heiß. Die Flanke war frei — man war zu weit vorgebrochen — der Feind zehnmal stärker. Die Braven lagen wie auf einer Insel im feind lichen Feuermeer. Merkten die Feinde die verzweifelte Lage, dann blieb das Häuflein entweder ehrenvoll tot auf dem Platze, oder wer wirklich noch lebte, wanderte in Gefangenschaft. Aber sie merkten nichts. Sie faßten nur in der Front — und mit blutigen Köpfen wur den die Anstürmenden zurückgeschreckt. Franz Briese und seine Kameraden merkten, daß es knapp wurde mit Patronen. Der Feldwebel ließ das Feuer beschränken. Es wurde nur noch einzeln auf den Damm geschossen, denn noch ununterbrochen erfolgten kleinere Vorstöße. Munition der Gefalle nen wurde benutzt.127 Die Lage war kritisch und unser Kriegsfreiwilliger sah Tod oder Gefangenschaft vor Augen. - Da kommt endlich Hilfe. Unsere Artillerie hat sich der feind lichen Dorfstellung zugewendet und schießt in kürzester Zeit alles in Grunb und Boden. Der Feind verläßt fluchtartig die Häusergruppen. Die Kom pagnien am Eisenbahndamm erhalten jetzt auch Luft und eilen über das Kampffeld, auf dem Feldwebel Heyer mit Briese unb den weni gen zusammengerafften Leuten sich so heldenmütig wie auf einer sturmumbrausten Insel gegen eine starke Uebermacht verteidigt haben. — „Briese, ich hätte nicht geglaubt, daß Sie ein solcher Kerl sind! Ich muß Ihnen schon gestehen, daß ich wenig Zutrauen hatte, als Sie als kaum ausgebildeter Kriegsfreiwilliger meiner Kompagnie zugeschickt wurden. Aber Sie haben sich als „ganzer Kerl" gezeigt!" Franz Briese empfing einen kräftigen deutschen Männerhand, schlag seines Feldwebels. Der Feldwebel Heyer aber erhielt in den nächsten Tagen das Eiserne Kreuz, der Gefreite wurde Unteroffizier und unser Franz Briese erstieg die erste Stufe der militärischen Leiter, er wurde Gefreiter. Vorläufig genügte ihm diese Anerken nung seines soldatischen Eifers. Das war wieder ein großer Sieg! In der weingesegneten Champagne hatten die deutschen Truppen wieder ein Ruhmesblatt in ihrer Kriegsgeschichte erworben. Die amtliche Nachricht, die Vater Knorr in Berlin seinem Werk meister Briese im Kontor vorlas, lautete: „Die mittlere Heeresgruppe der Franzosen — etwa zehn Armeekorps — wurde zwischen Reims und Verdun von unseren Truppen zurückgeworfen. Die Verfolgung wird heute fortgesetzt. Französische Vorstöße aus Verdun wurden abgewiesen. Seine Maje stät der Kaiser befand sich während des Gefechts bei der Armee des Kronprinzen und verblieb die Nacht inmitten der Truppen. Der Generalquartiermeister v. Stein." „Danken wir Gott, daß er uns bisher beistand und hoffen wir, daß er uns auch weiterhin gnädig von Sieg zu Sieg führt!" sagte Briese. „Ja, Gottes Hand segnet sichtlich unser Werk und seine Hand ruht auf unserem Volke, das wie kein anderes von Anbeginn dieses123 Krieges an sich auf sein gutes Gewissen und seine ehrlichen Absichten berufen kann." „Die Größe dieses Erfolges tritt besonders darin hervor, daß das französische Heer im Frieden nur aus 21 Armeekorps besteht. Selbst wenn man die Neservedivisionen dazu rechnet, ist ein ganzes Drittel des französischen Feldheeres geschlagen. Zehn Armeekorps stellen einen Gefechtsstand von mehr als 3vt) ()()() Mann dar. Das ist eine Stärke, wie sie im Feldkriege 1870—71 niemals auf einer Seite aufgetreten ist." So sprach der klar blickende Werkmeister. „Sie haben recht, lieber Briese, die große Bedeutung dieses Sieges, an dem ja auch Ihr Sohn Franz teil hat, liegt darin, daß damit anscheinend die letzten Reserven des französischen Ostheeres geschlagen sind. Dieser letzte Versuch, den deutschen Vormarsch auf zuhalten, ist vollständig gescheitert. Der Weg nach Paris ist meiner Ansicht nach jetzt schon frei!" „Trotzdem werden uns noch schwere Kämpfe bevorstehen!" „Wie in Lothringen waren auch die Kämpfe in der Cham pagne eine Reihe von Einzelschlachten." Briese meinte stolz dazu: „Es geht aber weit schneller wie 1870." Und das war wahr: Sechs Wochen nach dem Kriegsbeginn konnte sich die deutsche Reiterei unter General von der Marwitz der feindlichen Hauptstadt nähern. Anfang September wurden in den verschiedenen Hauptstädten der deutschen Bundesstaaten die ersten eroberten Geschütze aufgestellt. Eine so große Zeit hatte Deutschland noch nicht erlebt, und auch das Verbündete Oesterreich, das zu gleicher Zeit die Russen in Südpolen vernichtend aufs Haupt schlug — wie ja Onkel Töllchen an die Familie Knorr in Berlin meldete — nahm teil an dem Siegesjubel. Das deutsche Hauptheer trieb jetzt in geschlossener Front von Westen und Norden die französischen Armeen auf Paris zusammen, um nicht weit vor dieser feindlichen Hauptstadt die große General abrechnung vorzunehmen. Eine außerhalb der Gesamtmasse im Oberelsaß stehende französische Armee wurde inzwischen von den dazu bestimmten deutschen Truppen besonders bekämpft. — Kaiser Wilhelm ließ seinen verbündeten Oesterreich-Ungarn nie ohne telegraphische Benachrichtigung. Der Telegraph zwischen beiden Kaisern war täglich in Tätigkeit.129 Oesterreichs greiser Kaiser depeschierte an Kaiser Wilhelm: „Sieg auf Sieg! Gott ist mit Euch und wird es auch mit uns sein! Allerinnigst beglückwünsche ich Dich, teurer Freund, die jugend lichen Helden, Deinen lieben Sohn, den Kronprinzen, sowie Kron prinz Rupprecht von Bayern und das unvergleichlich tapfere deutsche Heer. Worte fehlen, um auszudrücken, was mich und mit mir meine Wehrmacht in diesen weltgeschichtlichen Tagen bewegt. Herzlichst brückt Deine starke Hand Franz Joseph." Im Lager kam Franz Briese mit einigen Fliegern zusammen. Tie Leute brachten die tollsten Sachen fertig. So erfuhr z. B. Franz Briese folgendes verbürgtes Vorkommnis: Es erhielt einer der mutigen Burschen den Befehl, einen Lan dungsplatz für Flieger auszukundschaften. Der Fliegerunteroffizier saust mit einem ebenso mutigen freiwilligen Chauffeur los. In dem Augenblick, in dem er mit seinem Auto auf einem ge eigneten Platz neben einer Waldecke hält, stürzen aus dem Walde drei Zuaven hervor. Im Augenblick sind sie aber mit vorgehaltenem Re volver vom Flieger und seinem Chauffeur entwaffnet. Schießen Ware in der Nähe der Feinde gefährlich gewesen. Es mußte alles ge räuschlos vor sich gehen. Doch da Wirbeln auf der Straße, die der Flieger zurückfahren muß, Staubwolken auf. Es erscheint französische Reiterei. Der an Geistesgegenwart in den schwierigsten Lebenslagen ge wohnte Flieger überlegt nicht lange. Er setzt den einen Zuaven auf den Kühler des Kraftwagens und bindet ihn dort fest. Die beiden andern bunten Afrikaner fetzt er mit Draht zusammengebunden vor sich auf die Benzinkutsche. Und so fliegt der Wagen an der feindlichen Neiterabteilung vorbei! Der Flieger, gedeckt von den bunten Zuaven. wird für einen Franzosen gehalten und trifft wohlbehalten bei seiner Truppe ein. Am nächsten Tage kam Franz Brieses Kompagnie in ein Dorf, wo das Regiment, das seit Wochen keine Ruhepause gehabt hatte, einen Tag verweilen sollte. Das Dorf war vollkommen zusammengesckiossen und machte einen geradezu erbärmlichen Eindruck. Auch die Kirche sah aus wie L Marsch I Marsch180 ein Warenlager. Dort hatten vorher französische Trnppen gelegen und alles liederlich umherliegen lassenl Brot, Röcke. Konserven- büchsen, Unterzeug, Papier, Patronen, Speisereste — alles lag do im bunten Durcheinander. Die Kompagnie hatte auf dem Platze vor der Kirche die Ge wehre zusammengesetzt und die Soldaten gingen aus Neugierde hinein. Franz Briese ging auch hinein. Er hatte früher von seinem Freund Hans — unter Beistand der Grete Knorr — etwas Klavier spielen gelernt und, da er ein gutes, natürliches musikalisches Gehör hatte, Volkslieder und Chorale. auch einige Tänze spielen können. Hier entdeckte Fritz eine einfache Orgel und versuchte, erst leise, dann lauter, einige Choräle. Nachdem er einige Minuten gespielt hatte, sah sich unser Franz unwillkürlich um. Was sah er? Eine von Soldaten aller Truppen gattungen vollgepfropfte Kirche. Da trat ein Offizier zu ihm: „Sie können, wie ich höre, etwas spielen. Machen Sie sich bereit. Der Herr Brigadekommandeur will gleich einen einfachen Gottesdienst abhalten. Ich soll ihn vor bereiten!" „Jawohl, Herr Oberleutnant. Ich kann aber nur wenig." „Na, es wird schon gehen!" Und es ging. Der Herr Generalmajor kam gleich darauf. Franz Briese spielte zum Beginn der Feier: „Nun danket alle Gott." Der General knüpfte daran an und dankte in warmen, einfachen Worten unserm Gott für die Gnade, die er den deutschen Waffen zugewendet hatte. Dann forderte er die Krieger auf, weiter ihre Pflicht zu tun. Die Kriegergemeinde stand dann auf und betet« ein Vaterunser. Franz Briese endigte die Feier mit dem „Niederländischen Dankgebet", dessen drei Strophen von der eigenartigen Gemeinde — es waren alle Konfessionen vertreten — stehend gesungen wurden. Mächtig brauste es von den Kriegerkehlen durch das schlichte Gottes haus: Im Streite zur Seite ist Gott uns gestanden, Er wollte, es sollte das Recht siegreich sein, Da ward kaum begonnen, die Schlacht schon gewonnen, Du Gott, warst ja mit uns, dvr Sieg, er war dein.131 Wir loben dich oben, du Lenker der Schlachten, Und flehen, mögst stehen uns fernerhin bei, Daß deine Gemeinde, nicht Opfer der Feinde! Dein Name fei gelobt, o, Herr, mach' uns frei! Als der General die Kirche verlassen hatte, wartete FranZ Briese noch einen Augenblick, dann stimmte er „Deutschland, DeutM !and über alles" an. Noch nie hatte ihn, die anwesenden Offiziere und alle Sol» baten eine so glückliche, feierliche Rührung getroffen, wie an diesem Tage und an dieser Stelle. , Auch der alte General war zurückgetreten in die Kirche. Tränen der Freude, der Dankbarkeit glänzten in den Augen des soldatischen Graukopfes. „Das haben Sie gut gemacht, Gefreiter Briese!" sagte er, als sr Franz die Hand reichte. Es war eine Andacht, die nicht gekünstelt war, eine Andacht im Felde, die aus rauhen Kriegern milde Menschen machte, die der Führung Gottes, abe^ auch andererseits ihrer Lieben in der Heimat gedachten. — Einen tiefen Einblick in die französischen Verhältnisse erhielt Franz Briese durch die Erzählung eines französischen Gefangenen. „Wir waren ein Regiment von etwa dreitaufend Mann. Bei dem furchtbaren Artillerie- und Maschinengewehrfeuer der Deut schen blieben noch nicht einige hundert übrig. Unsere Offiziere haben sich kläglich benommen. Sobald sie sahen, daß wir nicht mehr vor» wärts konnten, ließen sie uns schmählich im Stich. So fielen wir in Gefangenschaft. Seit zwei Tagen hatten wir nichts zu essen." Als einige hundert Gefangene in Aachen eintrafen, fragten sie, wo sie sich eigentlich befänden. Sie glaubten in Berlin zu sein und hier die Russen vorzufinden! Begreifen konnten sie gar nicht, daß in Aachen noch so viele Truppen waren. Die Leute weinten oft, da sich ihre Familien zu Hause im großen Elend befanden. In demselben Gefangenentransport befanden sich belgische Ar tilleristen, französische Infanteristen und Jäger, englische Reiter, schottische Hochländer, Zuaven und Turkos aus Algier — also eine recht gemischte Gesellschaft! s«132 An die Familie Knorr hatte inzwischen auch wieder einer der Brüder Weichert einen langen Brief aus den letzten Kämpfen ge schrieben. Knorr gab im Kontor diesen Brief an Briese, der von den Gefahren des Kampfes folgende wahrheitsgetreue Schilderung las: „. . . Bis zum 7. September sind wir von der Maas zum Rhein-Marne-Kanal vorgerückt. Dann kam unsere Kavallerie- Division nach Revigny, einer größeren Stadt in der Nähe des Kanals. Solch ein Bild der Zerstörung habe ich wenigstens bei einer größeren Stadt noch nicht gesehen. Ganze Straßenzüge waren abgebrannt. Verschiedene Straßen und die große Kirche brannten noch bei unserem Durchzuge. Wir saßen dann zum Ge fecht zu Fuß ab in der Nähe der Kanalbrücke bei der Straße, die durch den jenseitigen Wald nach dem Dorfe Vassincourt führt. Dieses Dorf war vor einer halben Stunde von Infanterie und Jägern genommen worden. Unser Regiment ging zur Verstärkung dieser Fußtruppen auch zu Fuß vor. Die Waldstraße, die durch den Wald und dann über die Höhe nach Vassincourt führte, konn ten wir nicht benutzen, da diese andauernd von französischem Granat- und Schrapnellfeuer bestrichen wurde. Wir mußten also am Kanal entlang und dann mitten durch den Wald auf die Höhe hinauf. Dabei muß man bedenken, daß die französischen Wälder richtige Urwälder sind, da es in Frankreich so gut wie gar keine geregelte Forstwirtschaft gibt. Als wir an den Waldrand kamen, lag vor uns noch eine kleine Höhe, die sicher Hunderten von unse ren Leuten das Leben gerettet hat. Als wir den Waldrand nord lich von Vassincourt erreichten, kamen gerade zwei Kompagnien Infanterie mit 3—400 Gefangenen aus dem erstürmten Dorf zu rück. Die beiden Kompagnien waren ziemlich aufgerieben worden. Auch unsere Maschinengewehr-Abteilung ging zurück. Zahlreiche Verwundete wurden mühevoll durch den Wald über die Kanalbrücke getragen oder schleppten sich allein an uns vorbei. Die Infan teristen erzählten uns, daß sie bald an 800 bis 900 Gefangene im Dorfe gemacht hätten, die sie auf der Straße zusammentrieben, um sie nach rückwärts zu transportieren. Da hätten plötzlich die französischen Geschütze ins Dorf dazwischen geschossen, da sie ja nicht wußten, daß es ihre eigenen Leute waren. Es sollen dabei die Hälfte der Gefangenen gefallen sein. In den Straßen deL133 Dorfes haben haufenweise die Franzosen gelegen, was ich selbst noch am anderen Tage auf Patrouille gesehen habe. Wir blieben dann bis Abends hinter der Höhe liegen und zogen gegen acht Uhr abends wieder zu unseren Pferden hinter den Kanal. In der Nacht zum Dienstag gab es Biwak am Kanal, natürlich ohne Feuer anzumachen wegen der Nähe des Feindes. Abends um elf Uhr nahm ich im Rhein-Marne-Kanal ein herrliches Bad. Das Wasser war wunderbar warm. So etwas wird wohl selten vorkam- wen, in solcher Nähe des Feindes ein Schwimmbad zu nehmen! Es hatte seinen eigenen Reiz! Am nächsten Tage früh lagen wir schon wieder gefechtsbereit, um die Waldhöhen zu verteidigen. Unser Regiment lag am Kanal, also hinter dem Walde. Es war oben sehr ungemütlich. Die Franzosen beschossen andauernd die Höhen und den Wald. Auch aus den Wald hatten sich die Franzosen tadellos eingeschossen und zwar mit schweren Geschützen. Es platz ten andauernd die Granaten auf der Straße, die am Kanal ent lang geht; denn hier vermuteten sie unsere Kolonnen. Dann mußten französische Flieger die Stellung von uns erkundet haben; denn bald platzte alles in unserer nächsten Nähe. So hielten wir ein paar Stunden im Granatfeuer aus. Dann erhielt ich Befehl, die feindlichen Artillerie-Stellungen zu erkunden. Ich ging zu Fuß mit zwei Freiwilligen. Auf dem jenseitigen Ufer des Kanals ging es entlang. Andauernd platzten die Schrapnells dabei. Dann ging's in den Wald hinein, wo es ruhig war. Hier traf ich unsere Jäger, die sich hinter eine Felsmauer zurückgezogen hatten, da die feindliche Artillerie ihnen zu große Verluste beigebracht hatte. End lich kam ich oben am Waldrand an. Ich ließ die zwei Leute zurück und kroch auf die Höhe. Rechts von mir, ungefähr hundert Meter entfernt, platzten andauernd Schrapnells und Granaten. Ich konnte von hier aus nichts erkennen. Ich kroch nach links weiter vor und kam zu einer Baumreihe. Die Bäume waren alle mit Stachel draht umwickelt. Es glückte mir dennoch, auf einen Baum zu klettern, und von hier aus konnte ich zwei feindliche Feldartillerie. Stellungen erkunden, leider aber nicht die der schweren feindlichen Artillerie. Die Baumreihe schien der Haltepunkt der feindlichen Artillerie zu sein. Man hatte mich bemerkt und nun sausten die Schrapnells nur so um meine Ohren. Aber alle zu hoch. Ich sah Ae hinter mir platzen. Meine beiden Leute waren in großer Ge-134 fahr, aber sie hielten tapfer aus. Ich machte schleunigst, daß ich von meinem Baum wieder runter kam. Wir gingen dann alle drei etwas zurück und fanden Schutz hinter einer dichten Hecke. Hier stand das Feldtelephon. Ich telephonierte meine Meldung nach unten. Ich war jetzt schon zwei Stunden oben im Feuer, von zehn Uhr Vormittags an. Um ein Uhr ging ich nach dem rechten Waldrand. Hier kletterte ich auf eine 4V—öt) Meter hohe Eiche. Der Aufstieg war furchtbar mühevoll, aber er lohnte sich. Ich konnte das ganze Gelände einsehen. Ich blieb ungefähr eine Stunde oben in meinem luftigen Neste und hörte deutlich die feindlichen Brummer immer über meinen Kopf wegsausen. Sie waren für die Straße am Kanal für uns bestimmt. Gegen zwei Uhr setzte unsere schwere Artillerie ein. Sie brachte die feindliche Feld- artillerie zum Schweigen, wenigstens hörte sie auf zu schießen. Gerade, als ich wieder den Boden unter mir hatte, platzte eine Granate in den Waldrand. ^)er Jäger, der mir vom Baum ge holfen hatte, war sofort tot, der andere am Oberschenkel getroffen. Ich wurde vom Luftdruck der platzenden Granate beiseite geschleu dert. Ich ging sodann wieder in Deckung hinter die Hecke. Bis um halb fünf Uhr blieben wir auf der Höhe in andauerndem Granatfeuer. Um halb fünf Uhr baut der tapfere Mann am Tele phon ab, ebenso verlassen auch wir unser Versteck; denn das seind. liche Feuer wird jetzt zu stark. Ich gehe zurück zum Kanal. Als ich über die Brücke gehe, Platzen direkt über mir zwei Schrapnells? neben mir spritzt der Straßensand auf. Die Schwadronen und auch die anderen Regimenter hatten diesen gefährlichen Ort längst Ver lasien. Nach etwa einer Stunde erreichten wir glücklich das Regiment. Mittwoch blieben wir auch noch in Reserve. Abends kamen wir nach R6vigny ins Ortsbiwak. Am Donnerstag, den 10. Septem ber, kommt Befehl zum Abrücken. Das Regiment sammelt sich ab gesessen aus dem Biwakplatz; es ist ein ziemlich großer Raum, den so ein Kavallerie-Regiment einnimmt. Da nähert sich ein feindlicher Flieger. Er wird von uns beschossen und verschwindet darauf. Nach ein paar Minuten kommt er wieder. Es ist Befehl gegeben, nicht mehr zu schießen. Der Flieger ist jetzt über uns. Plötzlich hört man ein Zischen. Ich werfe mich auf den Boden. In zwei Sekun- dm ist die Wurfgranate mitten in unserer Schwadron geplatzt135 Wie es danach bei uns aussah, will ich nicht beschreiben. Wir haben 34 Pferde sofort verloren, weitere 28 waren verwundet, von diesen sind aber noch 11 eingegangen, also 45 Pferde auf einen Schlag. Von Leuten waren 48 Tote und Verwundete. Es war furchtbar. Der Flieger hatte mit seiner Granate einen Zufalls treffer, sonst werfen sie ihre Bomben meistens vorbei, wie ich es selbst schon gesehen habe. Wie wir so täglich leben? Wir schlachten immer selbst. Fast jeden Tag ein Schwein oder Hammel oder Kühe. Wir braten uns Fett aus, das uns auf dem Brot herrlich schmeckt. Heute haben wir Nieren gebraten, Zunge wird gekocht, Leber gebraten, auch manchmal Gehirn. Wir leiden also an Fleisch keinen Mangel. Sogar backen tun wir des öfteren, da ein Bäcker bei uns ist, natürlich nur, wenn Zeit ist. Ihr würdet gelacht haben, wenn Ihr heute gesehen hättet, wie fein ich zwei Kalbskeulen gebraten habe; das Fleisch war so zart wie noch nie. Das Kalb war erst vierzehn Tage alt. Die eine Keule wird morgen kalt mitgenommen. Honig und Milch haben wir hier auch gehabt. Vielleicht bleiben wir noch etwas länger hier, was sehr angenehm wäre. Unter den durch die Bombe Verwundeten befanden sich auch mehrere Offiziere. Es ist gerade mein Zug gewesen, der so ge litten hat. Ich stand — aus reinem Zufall — am linken Flügel der Schwadron. Hätte ich bei meinem Zug gestanden, wäre es mir gewiß schlimm ergangen. Hier lernt Wohl mancher an Gottes Allmacht glauben, der bis dahin noch ein Zweifler gewesen ist!" „Ja, das glaube ich auch, nur der Ernst des Lebens lehrt die Menschen, ihren Gott suchen," sagte Briese, als er den Brief gelesen hatte. „Hoffentlich behütet der Allmächtige auch unsere beiden Kriegsfreiwilligen!" fügte Knorr hinzu. Während Franz Briese in der Champagne kämpfte, war Gustav Drews, der Verlobte der Grete Knorr, weiter nach Nordosten, in der Provinz Picardie für des Vaterlandes Ruhm und Ehre tätig. Er kam in der Schlacht bei St. Quentin, wo den deutschen Truppen die Hauptmacht der Engländer gegenüberstand, mehrmals scharf ins Feuer.!36 Eine mitten im anrückenden Zuge — noch einige Kilometer von der eigentlichen Schlachtfront — platzende Granate hatte die unangenehme Dreistigkeit, ein Stück ihres Gußstahlmantels in Drews Arm zu senden. So mußte denn Gustav Drews seiner Verlobten in Berlin mit teilen, daß er „leicht verwundet" sei. Was man freilich so „leicht verwundet" im Kriege nennt. Das Mantelstück der Granate hatte ein ansehnliches Stück Fleisch aus dem Oberarm gerissen, die Wunde war gegen zehn Zentimeter lang, das Blut floß strömend heraus. Ein Notverband unter Hochbinden des Armes rettete Drews vor der Verblutung. Im friedlichen Leben hätte man solche Armver letzung als einen recht bösen Unfall angesehen, im Kriege aber gilt so etwas nur als „leicht verwundet". „Die Sache ist nicht schlimm," sagte der Stabsarzt seines Bataillons, „in einigen Wochen können Sie wieder zu uns heraus an die Front kommen. Auf Wiedersehen!" — In diesem Massenkrieg erfüllte übrigens kaum ein anderer Sieg die deutschen Herzen mit gleichem Jubel als die Schlacht bei St. Quentin, wo die mit so vielen reklamehaften Neden in Szene gesetzte englische Armee aufs Haupt geschlagen wurde. Es war das schon deswegen begreiflich, weil keine andere Kriegs erklärung Deutschland und Oesterreich so sehr erregte wie gerade das durch nichts begründete Hinwerfen des englischen Fehdehandschuhs. Es zeigte sich, daß die englischen Söldner nur tapfer sind, wenn sie Gegner haben, die mit vorsintflutlichen Feuersteingewehren und mit Speeren bewaffnet sind. Die Verluste der Engländer waren ganz ungeheure. Unsere Kanonen und Maschinengewehre mähten die Feinde nur so nieder. Große Mengen gerieten in Gefangenschaft. Daß auch ein preußischer Prinz unter Umständen ein guter „Tambour" sein kann, bewies Prinz Eitel Friedrich, der zweite Sohn Kaiser Wilhelms. Drei Tage lang stand er mit seinem Regiment bei St. Quentir, in ununterbrochenem Gesecht. Beim letzten entscheidenden Sturm ergriff der Prinz die Trom- mel eines gefallenen Tambours, schlug sie selbst und rief seinen Leuten zu: „Vorwärts, Kameraden, vorwärts!'Das gab frischen Mut. Wie ein Donnerwetter stürzten sich die Grenadiere auf den Feind. Die Schlacht wurde gewonnen. Der Tambour-Prinz erhielt das Eiserne Kreuz 1. Klaffe. Bei den Kämpfen in der Champagne zeichnete sich auch Oberst Prinz Oskar, ein Sohn Kaiser Wilhelms aus. Der Kaiser besuchte lhn nach der Schlacht im Lazarett, wo er wegen stark angegriffener Herznerven einige Zeit ruhen mußte. Die Herren Engländer — namentlich die Offiziere — hatten sich den Krieg fo als eine Art von besserem Sport vorgestellt, waren aber bei St. Quentin durch deutsche Hiebe, Schüsse und Stiche eines besseren belehrt worden. Ein deutscher Kriegskampf ist etwas anderes als ein englischer Kampf der Leicht- und Schwer-Athletik, und die deutschen Geschosse werden anders geworfen als der eng lische Fußball. Der verwundete Feldwebel Drews wurde dann bald nach der Schlacht in einen Verwundetenzug gebracht und über Belgien — wo die Eisenbahnen bereits von deutschen Beamten bedient wur den — nach der schönen rheinischen Stadt Trier gebracht. Großartig war der Transport der Verwundeten geregelt. Selbst verwundet ist der deutsche Soldat fröhlich und guter Dinge. Von vielen freundlichen Frauen und Mädchen ward auch der Verwundete Drews auf den Bahnhöfen gelabt. Die vornehmsten Damen sind mit Niesenpaketen und übervollen Körben gekommen. Kleinbürgerinnen haben ebenfalls alles Er langbare zusammengerafft, Dienstmädchen von ihrem Spargeld Semmeln und Kuchen gekauft. In bedachtsamer Hast tummelt sich das Leben auf den Bahn höfen. Hier waltet jetzt nicht die Baronin und ihre Zofe, nicht Herrin oder Magd. Hier sind alle Geschwister, die die verwundeten Brüder erquicken wollen. Das sonst so bekannte „Bier gefällig?" hört heute kein Ohr. Alkoholische Getränke wurden vom ersten Mobilmachungstage an während des ganzen Krieges nicht verschänkt. Es gab nur Kaffee, Tee, Milch, Kakao, Limonade; aber alles reichlich und gut. Und nicht nur für den Magen der Krieger war vorgeforgt Seife, Kämme, Streichhölzer, Schwämme, Wollhemden, Pulswär mer, Fußlappen, Salbe, Wundpuder, wollene Kappen, die unter dem Helm den Schädel schützen, werden kostenlos angeboten.133 Feldwebel Drews wie alle anderen Leute sind während der langen Fahrt gut genährt worden, man merkt, daß ihr Magen nicht geknurrt. „So schön lebt sich's ja nicht in Friedenszeiten!" sagte Feldwebel Drews zu einem hübschen jungen Mädchen, das ihm beim Abfahren des Zuges noch eine Tafel Schokolade und ein Tütchen Zigarren ins Fenster reichte. Truppenzüge begegneten dem Verwundetenzuge in Mengen. Es wurden aus dem Innern Deutschlands immer neue Reserven aachgeschoben. Da auch ganz Belgien mit der Hauptstadt Brüssel in deutschen Händen war, brauchte man Besatzungen. Auf einer Eisenbahnstation — der Zug hielt wie alle andern Militärzüge in der Kriegszeit auf jeder Station, wo die Soldaten verpflegt wurden — hörte Gustav Drews, wie sich eine Helferin des Roten Kreuzes mit einem gemütlichen sächsischen Reservisten unter» hielt. „Haben Sie noch Verwandte beim Heer?" „Ei ja, ich selbst bin der fünfte von acht Brüdern. Und davon hat meine Mutter sechs dabei. Vier jüngere sind schon vor mir herausgekommen." Hinzu fügte er: „Na, zwee Schwiegersöhne dazu; es is 'n bißchen viel für das alte Frauchen." Etwas weh mütig sieht er doch drein. „Haben Sie Angst?" fragte die Rote Kreuz-Dame. Da wird der alte Reservist beinahe wild. „Angst? Nee, Heeren Se, das müssen Se nich glooben! Mer kennen 's nich erwarten, bis mer alle acht drin sin!" — „Noch ein Täßchen Kaffee gefällig?" ruft da ein junges Mädchen. „Is er ooch heeß?" fragt unser Sachse, aber seine Augen leuch ten, als er kostet. „Zucker muß Se drinne sin im Gaffee," sagt er, „du, das is scheene, daß Se dadran gedacht ham!" „Na, dann versüßen Sie ihn auch den Franzosen nur gründlich! Der Sachse lacht vergnügt. „Wer'n mer gründlich besorgen!" Drews steigt aus und gibt in den nächsten Wagen eine dicke Wolljacke, die er soeben als Liebesgabe erhalten. „Hier, Kamerad Krause, dies Wollhemd kannst du mit deinem Reißen noch besser gebrauchen als ich."133 „Noch mal Kaffee gefällig?" fragte die Liebesdame. „Danke. Denen, die hinter uns kommen, wird's auch noch schmecken!" Preußen, Sachsen, Badener — alle höflich und liebenswürdig. Weil sie den Bart wachsen lassen mußten, sehen sie älter aus, als sie sind. Doch ihr Jngendübermut ist trotz der Verwundung nicht herbstlich getrübt. Und ein anständiger Spaß ist nicht verboten. Mancher hat sich trotz der Verwundung ulkig vermummt. Drews selbst trägt die bunte Mütze eines schottischen Hochländers. Ein Badener, mit bartlos verbrannten Backen, hat einige schot- tisch karierte englische Schlafdecken um die Schultern gelegt und ähnelt einem Araber. Alle Hände strecken sich aus, wenn Blumen angeboten werden. Es liebt die deutsche Mannschaft deutsches Gartengewächs. Und die Rose, den Asternstrauß, die Nelken, die sie von gütigen Frauenhänden erhalten, wollen sie nicht für das Eßwarenbesteck und das Kölnische Wasser hingeben, das soeben nebenan im Wagen einem verwundeten Leutnant gespendet wird. Und diese Leute waren von den Engländern als „Hunnen" ver schrien worden! Diese jungen Männer, denen nach mehrwöchiger Blutarbeit eine Blume lieber ist als ein Leckerbissen. „Abfahrt!" Hundert Arme winken. Kein Wort hat die Gefallenen lang und breit erwähnt! Wozu auch! Gewiß, mancher fehlte, der einige Wochen früher jubelnd und singend durch denselben Bahnhof fuhr. Er starb einen guten Tod. Wozu lange darüber reden. Wenn man umständlich drüber redet, wird Erzählern und Hörern das Herz gar zu schwer. Das soll nicht sein! Wir sind ja noch im Anfang! In Wehrkleid und Waffen zeigt auch der Verwundetentransport das deutsche Volk. Keiner mißtraute den Führern, keiner murrt, stöhnt, mäkelt. Keiner trachtet, sich zu Hause zu schonen. „Ich lechze danach, wieder ins Feuer zu kommen!" sagte Drews, als er sich in seinem Abteil niedergestreckt, den Arm sorgsam schonend.140 Jeder will so schnell wie möglich wieder dienstfähig werden. Niemals hat es solch ein Heer gegeben! Trier war als erster großer deutscher Ort inmitten der von hef tigen Kämpfen umtobten deutschen Westgrenze ein natürlicher Mit telpunkt der Hilss- und Liebestätigkeit an den Verwundeten. Zu Tausenden kamen sie hier an. Die am schwersten Getroffenen fanden hier großartige Lazarette und die besten Chirurgen. Wenn trotzdem ab und zu Todesfälle unter den Verwundeten zu verzeichnen waren, so hatten wir uns dafür bei unseren Feinden zu bedanken, die mit künstlich abgeplat teten Geschossen, mit sogenannten Dum-Dum-Geschossen, arbeiteten. Da sah denn Drews auch einen Trauerzug durch die Straßen zum Friedhofe ziehen, der in seiner Einfachheit um so erschütternder wirkte. Voran ein Zug Infanterie mit geladenem Gewehr, dahinter eine Anzahl Soldaten, die das schwarze Kruzifix mit dem Bilde des Erlösers an einer schwarzen Stange und dazu Weihrauchfässer und Lichter trugen. In ihrer Mitte ein weißhaariger, ernster Priester, den kleine rotwangige Ministranten geleiteten. Und dann — vier einfache, dunkelgelbe Särge ohne jeden Blu menschmuck. Nur obenauf ein Kranz von den Lazarettgenossen. Drinnen in der Kapelle des Friedhofs aber läutete laut und hell das Sterbeglöcklein. Und die Leute auf der Straße entblößter ihr Haupt. Den in Berlin oft recht oberflächlich denkenden Drews packt« der Eindruck in tiefster Seele. „Gute, brave Jungen, die ihr euer Leben für uns alle gelassen habt!" sprach er halblaut. „Ich will aber auch an meinem Teil den Zoll der Dankbarkeit euch entrichten, indem ich gelobe, weiter für mein Vaterland zu kämpfen." Im hellen Glanz der Septembersonne Wirbeln kleine Wölkchen aus dem Weihrauchkessel in die klare Luft. Der Priester spricht den Segen über dem offenen Grab der vier Streiter, und sprengt den Tau des geweihten Wassers über die schlichten Särge. Nun ein kurzes, militärisches Kommando. Dann brausen drei141 Salven über das Grab, das im engen Räume der Hoffnungen und Entwürfe gar vieles umschließen mag. „Ihr starbt als ruhmreiche Helden, damit wir noch lebenI Kein schönerer Tod ist auf der Welt, als wer vom Feind erschlagen! Fahrt tvohl, ihr Getreuen! Wer weiß, wie nahe mir mein Ends!" So murmelte Drews, der frühere Weltmensch! 10. Kapitel. Etwas von der „dicken Berta" und der „heiligen Barbara". Ehe wir nun die Erlebnisse unserer beiden Kriegsfreiwilligen weiter verfolgen, erscheint es geboten, etwas von der größten Ueber- raschung des heiligen Krieges von 1914 zu erzählen. Der Krieg brachte nämlich eine vollständige Umwälzung aller bisherigen Angriffe auf starke Festungen! Daß schon in der ersten Kriegswoche die starke Festung Lüttich von deutschen Truppen — bei denen auch Gustav Drews focht — m einer alle Welt überraschenden Weise erobert wurde, haben wir erzählt. Als das „Geheimnis von Lüttich" einige Wochen später ent schleiert wurde, erfuhr jeder in Heimat und Fremde, wie es zu» gegangen war. Man wußte allgemein, daß die „Heilige Barbara" — d. h. die Artillerie bei den Deutschen — der Artillerie der Feinde überlegen sei. Das Geheimnis der Erfolge in der modernen Festungsberen- rrung war aber trotz dieses Wissens von der Waffe der „heiligen Barbara" die „dicke Berta". Und wer war diese „dicke Berta". Das war das im Geheimen neu hergestellte schwerste deutsche Be lagerungsgeschütz, ein gewaltiger deutscher Mörser von 42 Zentimeter innerem Laufdurchmesserl142 So etwas von Geschützgröße war bisher einfach undenkbar ge wesen. Die Erfolge bei den Festungsbelagerungen von 1870, die Einnahme von Straßburg, Metz, Paris und der damaligen kleineren französischen Festungen, erreichten die Jünger der „Barbara" durch eine schwere Artillerie mit 21-Zentimeter-Geschützrohren. Die stärk sten deutschen und englischen Schiffsgeschütze hatten bisher nur ein? innere Rohrweite von 30 Zentimetern. Die „dicke Berta" — wie der Soldatenmund das neue deutsche Riesengeschütz taufte — hat ein kräftiges Rohr, das aber nicht so lang ist wie das der Schiffsgeschütze. Die Geschosse sind ungefähr mannshoch, und jedes wiegt viele Zentner, so daß sie zu den Geschützen auf Eisenbahngleisen herangeschafft werden müssen. Die Spreng, ladung allein geht in die Zentner. „Diese großen Mörser sehen eigenartig aus," ließ sich Franz Briese von einem Kanonier im Biwak erzählen, „die Rohre sind nicht, wie man vielleicht annehmen sollte, wagerecht oder schräg ge» richtet, sondern fast senkrecht. Beim Feuern sieht es aus, als schössen sie direkt in den Himmel und wollten die Verewigten aufwecken mit dem Donnerschall: Krieg ist! Krieg auf Erden!" „Wie weit trägt denn solch eine deutsche „dicke Berta?" fragte Briese, während er ein neues Holzscheit in die prasselnden Flammen des Biwakfeuers warf. „So weit, wie man's gerade haben will. Bei Lüttich schössen wir auf acht bis zehn Kilometer, bei der Eroberung von Namur aber auf zwölf bis sechzehn Kilometer." „Das ist ja wirklich erstaunlichI Wenn das unsere Feinde vor her gewußt hätten, hätten sie es sich gewiß nicht bloß dreimal, son dern zehnmal überlegt, ehe sie mit uns angebunden hätten!" „Sie haben es, Gott sei Dank, nicht gewußt, daß wir diese „Brummer", wie sie von den deutschen Zeitungen benannt worden sind, besitzen." „Vielleicht bekomme ich auch noch einmal diese Kerle zu sehen. Bis jetzt sah ich nur unsere Feldkanonen und unsere schweren Feld- Haubitzen, die ihr Artilleristen ja auch mit einem Mädchennamen — „schwarze Marie" — bezeichnet." „Grauenvoll hört sich so ein Wurf einer „dicken Berta" an/ sagte der Kanonier, sinnend in das Biwakfeuer blickend. „Schön ist anders! Das mehr als acht Zentner schwere Geschoß verursach!148 einen Luftdruck, der in weitem Umkreis alles in die Luft bläst. Das Getöse des Schusses ist kein Kanonendonner mehr, sondern ein Vul» kanausbruch. Unsere Offiziere haben Photographien von unseren Mörserfchüsfen aufgenommen, die ein ungefähres Bild von der Wirklichkeit geben, und man muß sich bei einer „dicken Berta" alles noch vergrößert denken." Er reichte Franz Briese einige der Photographien, die er bei sich führte, und die Franz mit großem Interesse betrachtete. Die erste Aufnahme zeigte zunächst ein Mörsergeschoß, wie es die Mündung noch nicht ganz verlassen hat. Eine zweite Aufnahme, den Bruchteil einer Sekunde später aufgenommen, stellt es von einem Hof leuchtender Gase umgeben dar. Auf den nächsten Bildern vergrößert sich dieser Hof zu eine? leuchtenden, kugelförmigen Wolke mit einer dunklen Grundfläche, die das Geschütz wie ein Ring umgibt. Auf der weiteren Photographie wurde die Wolke noch größer und verliert an Regelmäßigkeit, so daß sie mehr einer gewöhnlichen Dampfwolke gleicht; auch ist die dunkle Grundfläche nicht mehr sicht bar. Auf der folgenden Aufnahme endlich war die Wolke noch größer, und das Geschoß, das auf dem vorigen Bilde eben erst aus der Wolke zum Vorschein kam, befand sich jetzt ganz genau von dieser getrennt vor ihr. Franz Briese konnte erkennen, wie die144 Gase dem Geschoß zunächst vorauseilen, und dann von ihm überhoR werden. Mit Dank gab Franz die Aufnahmen zurück. „Wie kann man solchen Vorgang nur so genau photographieren?" Der Kanonier erklärte: „Die Aufnahme solcher Photographien ist eine Aufgabe, die besondere Sorgfalt erfordert. Ein gewöhn licher Kinematograph kann es nicht. Es gehört dazu eine elektrische Vorrichtung, durch die infolge des Rückstoßes, den das Geschütz er hält, die Blende der photographischen Kamera geschlossen wird. Die Blende muß auch eine eigenartige Betätigung erhalten und ist aus die winzige Zeit von einer fünftausendstel Sekunde berechnet. Der elektrische Strom wird in den gewünschten Abständen unterbrochen, um die Aufnahme der Bilder nacheinander zu bewirken. Die Be nutzung eines Kinematographen zu diesem Zweck hat bisher ver sagt, weil er der schnellen Abwickelung des Vorgangs nicht zu folgen vermag." Dieses Gespräch fand Ende September statt, als Franz Briese nach den Schlachten in der Champagne in der Nähe von Verdun lag. An dem Biwakfeuer fand sich auch ein Oesterreicher ein. Es war ein Artillerist, der ein starkes, österreichisches Motorgeschütz vor verschiedenen Festungen Nordfrankreichs, die sämtlich im Laufe der letzten Kriegswochen in die Hände der Deutschen gefallen waren, bedient hatte. Österreichisches Motorgeschiitz, , Die österreichischen Motorbatterien hatten den deutschen Armeen große Dienste geleistet, was auch in einem der üblichen zusammen fassenden Kriegsberichten der Deutschen anerkannt wurde. —In raschem Siegeslauf hatten die deutschen Heere also die bel gischen Maasfestungen Lüttich, Huy und Namur, sowie die nord französische Festungs- und Sperrfortlinie genommen. In Belgien tvurde nach der Einnahme von Brüssel, die am 2V. August schon erfolgt war, der Generalfeldmarschall Freiherr von der Goltz deut- scher Generalgouverneur. Diese Nachricht wurde besonders auch von der deutschen Jugend mit freudigem Stolz aufgenommen. War doch Feldmarschall Goltz der Begründer und Führer der Jungdeutsch, landbewegung. Einige rheinische Mitglieder der Jungmannschafts- verbände hatten sich bei der Fortschaffung von Verwundeten aus den Gefechten vor Lüttich sckion praktische Verdienste im Kriege erworben. Andere waren im weiteren Verlaufe des Krieges als Radfahr boten in Brüssel für das Gouvernement tätig. Vor Namur, das durch neun starke Forts in einem Umkreise von 40 Kilometern geschützt war. donnerten am 22. August die ersten deutschen Geschütze. Am 23. August fielen die ersten Forts und Infanterie stürmte. Am 24. war die Stadt samt fünf Forts in deutschen Händen. Der Rest ergab sich am 26. August. Erwähnt sei dabei, daß ein junger, neunzehnjähriger Offizier mit vier Mann den Kommandanten und die gesamte Besatzung eines der Forts durch einen kühnen Handstreich gefangen nahm. Der Held war der Leutnant von der Linde aus Potsdam. Er erhielt den höchsten deut schen Orden, den „?our ls m6rits". Das zwischen Lüttich und Namur liegende Sperrfort Huy wurde nach heftiger, kurzer Beschießung erobert. Nach dem Fall von Namur — das nach der Meinung unserer Feinde sechs Monate hätte Widerstand leisten sollen, aber eben in drei Tagen genommen wurde — sagte ein fremdländischer Offizier zu einem deutschen: „Man muß Sie darum beneiden, Deutscher zu sein!" Kein Stacheldrahtverhau, keine Barrikade, kein mörderisches Geschütz- und Gewehrfeuer aus den befestigten Stellungen der Bel- gier und Franzosen konnte die Deutschen aufhalten. Ein Teil der Armee des deutschen Kronprinzen nahm die nord- französische Grenzfestung Longwy. Die kleine Festung hatte sich wacker verteidigt. Nach der Kapitulation ließ Kronprinz Wilhelm dem Kommandanten den Degen. Als sich aber herausstellte, daß sich in Longwy Maschinen zur Herstellung von Dum-Dum-Geschossen 10 Maqchl Marl» 14übefanden, wurde dem Kommandan ten die Ehre des Degentragens doch noch entzogen. Das Verwenden der Dum-Dum-und Sprenggeschosse, die ganz furchtbare Verwundungen unse ren Truppen verursachten, war eine nichtswürdige, völkerrechtswidrige Einrichtung, die von den Engländern den Franzosen überliefert wurde. Ein starkes Sperrfort, Manon- villers, sperrte den Deutschen den Uebergang über die Vogesen. Es wurde aber auch in wenigen Tagen von den deutschen Geschützen zer schossen. Die deutschen Jünger der „heiligen Barbara" rückten sodann auf die starke Festungs- und Fortlinie Belfort, Epinal, Nancy, Toul und Verdun vor. Kaiser Wilhelm wohnte dabei den Angriffsbe wegungen gegen Nancy bei. Längeren Widerstand leistete die Festung Maubeuge. Etwa acht Tage lang wurde sie beschossen. Ein Fort fiel nach dem andern und am 7. September wurde vom Feinde auf Gnade und Ungnade kapituliert. Ueber 40 000 Gefangene — darunter auch wieder Eng länder — verließen durch das Spalier der deutschen Belagerungs truppen die Festung. Ueber 400 Geschütze wurden erbeutet. Franz Briese ließ sich von seinem artilleristischen Freunde über das Aussehen eines zerschossenen Forts erzählen. „Von dem ganzen festen, starken Fort war bei unserem Eintritt nur noch ein einziger Kasemattengang übrig. Der andere Rest war ein Chaos von Betonblöcken, Mauerresten, geborstenen und zer- bogenen Panzertürmen, von Schutt und Erde in wüstester Zerklüf tung. Es war, als ob vulkanische Kräfte hier Plötzlich aus dem Innern der Erde die sie deckende Fels- und Panzerrinde wie einen Federball in die Luft geschleudert hätten. Das Geschoß des zweiten Schusses einer „dicken Berta" traf die Kuppel eines Panzerturmes, durchbohrte ihn und das darunter befindliche fünf Meter dicke Beton werk und schlug dann in die Pulverkammer ein. Ein Knall — eine gewaltige Feuersäule lohte zum Himmel! Wilhelm, Deutscher Kronprinz.147 Von dem Fort war nichts mehr vorhanden als gerade ein kümmerlicher Rest von acht Mann von der fünfhundert Mann star ken BesatzungI Diese acht fielen in unsere Gefangenschaft und kamen mit dem Leben davon; alle andern wurden unter den Trüm- mern begraben und verbrannten!" „Dann sind ja diese bisher als uneinnehmbar geltenden Panzer forts nichts weiter als vorausbestimmte Massengräber," sagte Franz Briese. „Gewiß, das sind sie. Und die Toten liegen gut begraben! Denn wie könnte man überhaupt diese Beton- und Panzerblöcke von Hun derten von Zentnern Gewicht aus diesem Massengrabe beiseite schaffen! Wir kletterten darin herum, über Abhänge und Spalten wie in einem Stück felsigen Hochgebirge. Hier gähnte ein Abgrund, dort eine dunkle Höhle, aus der ein entsetzlicher Kadavergeruch her vordringt. Wir glaubten ihm zu entrinnen und retteten uns auf einen Erdschutthaufen. Aber aus der Erddecke stieg immer noch der Modergeruch empor. Wir mußten in Gemeinschaft mit Pionieren einige Tage darauf die Spalten und Höhlen ausfüllen, um auf diese Weise aus den Forts Massengrabhügel zu machen, die den Kindern und Kindeskindern unserer Feinde von dieser Strafe für lhre Väter in dem fürchterlichsten Kriege erzählen werden, den Politische Verbrecher — die Haupttreiber waren ja die Engländer — Wider Deutschland und Oesterreich entfesselt hatten!" „Sagen Sie, Kamerad, was sind Sie in Ihrem Zivilberuf?" fragte Franz Briese. „Sie erzählen so sachverständig." Lachend sagte der Artillerist: „Ich bin Maschinenbauer, freilich auch Diplomingenieur." „Ich bin freilich nur Schlossergeselle im Berliner Zivil." „Na, da sind wir ja Kollegen! Vielleicht kommen Sie als Handwerker eher zu einer Fabrik wie ich als akademischer und diplo mierter Ingenieur." — Einen eigenartigen Verlaus nahm die Eroberung der Feste Montmedy. Vor ihr befanden sich bayerische und württembergische Truppen. Die Feste sollte beschossen werden, alle Vorbereitungen waren eingeleitet. Da fiel es dem Kommandanten ein, einen Aus fall gegen unsere Süddeutschen zu machen. Er lief in eine Falle: die Bayern und Württemberger umzingelten ihn und nahmen ihn mit seiner ganzen Besatzung einfach gefangen! ic>'143 Dabei passierte eine drollige Sache: Ein bayerischer Solda! hatte sein Gewehr fortgelegt, da es durch einen Schuß verbogen war. Es war ein Riese von Gestalt, oberbayerischer Alpensohn. Sein Hauptmann ruft: „Nehmen Sie das Gewehr eines Gefallenen!" Da erwiderte der biedere Bayer: „A G'wehr brauch' i net. Wenn i mein' Arm ausstreck' und sechs fassen zu, nacha streckens alle sechs die Zung raus!" — Als Franz Briese ermüdet und doch im Innersten erregt von den gewaltigen Eindrücken des Tages in seinem Stroh des Biwaks hinter der Front lag, weckte ihn plötzlich ein Dröhnen und Rasseln in der Luft. „Ein Zeppelin zieht aus zur Erkundung und Verängstigung der VerdunerI" sagte ein Kamerad neben ihm, und zwar sagte er wirklich „Verduner", wie überhaupt in diesem Kriege endlich unsere Krieger sich daran gewöhnten, die französischen Namen deutsch aus zusprechen. Für sie gab es kein Verdön, sondern nur ein Verduhn. Trotzdem die Nacht klar und ziemlich hell war, konnte Franz Briese zunächst nichts von dem Zeppelin erkennen. Nur das Rollen und Nattern der Propeller, das die ganze Luft in zitternde Schwin gung zu versetzen schien, war immer näher zu vernehmen. Da leuchtete plötzlich in großer Höhe ein Blitz auf und für eine Sekunde sah Franz Briese den majestätischen Luftkreuzer wie von Hellem, innerem Lichte erstrahlend. Briese und seine Kameraden sprangen auf. Sie vergaßen fast, daß sie in Feindesland waren. Sie dachten nur daran, daß sie gerade hier diesen überwältigenden Anblick erleben durften. Ein lautes „Hurra — Hurra!" durchtönte die Nacht. Dann verklang das Dröhnen der Propeller und verlor sich rasch in der Ferne. Der Zeppelin machte der feindlichen, starken Feste einen Nacht besuch und sandte ihr seine Grüße in Gestalt von explosiblem Kriegs- zuckerwerk! Eine große Aufgabe lösten die fleißigen Jünger der „heiligen Barbara" in der langen Dauerschlacht an der Aisne in Nordfrank- reich, die in der ganzen zweiten Septemberhälfte wütete. Die Franzosen und Engländer machten tolle Versuche, durch die deutschen Infanterie- und Artilleriestellungen hindurchzubrechen — aber alle mißlangen.149 Es war tagelang ein hartnäckiger Kampf. Die deutschen schwe ren Feldhaubitzen wüteten furchtbar unter den Feinden. In das -.Artillerieduell" brachten Bajonettangriffe, Maschinengewehrsalven und ein lustiger Luftkrieg, auch ab und zu ein Pistolengefechtchen, mancherlei Abwechslung. Die Kämpfenden fühlten sich in der Hand Gottes und wurden don einer Art Fatalismus beherrscht. Ein deutscher Soldat wurde gerettet, weil er gerade den Mund aufmacht, Hurra schreit und — die Kugel seitwärts durch den Rachen zur Backe hinausgeht. Ein Schrapnell platzt über drei Herren, die um eine Karte stehen. Zwei wurden niedergerissen, der dritte bekommt „nur" eine einzige feindliche Schrapnellkugel ins Bein — und ist nach dem zwölften Tage wieder gesund. Schließlich wurden die feindlichen Granaten unseren Truppen angenehmer als gerade diese Streugeschosse, die Schrapnells. „Es muß schon ein sehr ungünstiger Zufall sein, wenn einem so ein Ding gerade auf den Kopf fliegt," sagte ein Mitkämpfer zu Franz Briefe. „Ich habe auch schon bemerkt bei unseren Gefechten, daß die französischen Granaten nicht alle gefährlich sind," erwiderte Franz Briese. „Ja, die Dinger sind lange nicht so wirkungsvoll wie unsere deutschen „Zuckerhüte". Die französischen Kanonengeschosse pfeifen, fahren in die Erde, werfen ein großes Loch aus und verbreiten einen gemeinen gelben Schwefeldampf." „Einer meiner Freunde, der in Ostpreußen seine Feuertaufe emfing und jetzt in Rußland kämpft, hat mir übrigens geschrieben, daß in den eroberten russischen Munitionswagen Mengen von Gra naten gefunden wurden, die mit — Sand, statt mit Sprengstoffen gefüllt waren," erzählte Franz Briese. „Na, das ist mal wieder charakteristisch für die Mißwirtschaft ?m russischen Heere. Der Bombenlieferant fagte sich: Wozu soll ich in die geschlossenen Geschosse erst noch teures Sprengmaterial tun, sind mir doch die Bestechungen der Offiziere, die die Dinger abzu nehmen h«i>en, teuer genug gekommen!" —150 Die großartigste Leistung vollbrachten die Jünger der „Barbara" Ende September und Anfang Oktober vor der starken Festung Ant werpen. Dieser Platz galt bisher bei allen militärischen Fachleuten als uneinnehmbar. Die Deutschen brachten die Eroberung in rund zehn Tagen fertig. Neben der „dicken Berta" — den 42-Zentimeter-Mörsern — traten hier auch die österreichischen schweren Motorbatterien, und bei der Bekämpfung der Ausfälle der englisch-belgischen Besatzung auch schwere Feldgeschütze — genannt „schwarze Marie", in Tätigkeit. In den Forts standen neben den starken belgischen Festungsge schützen auch schwere englische Schiffskanonen. Alles, was an schwerer Artillerie bisher in der Welt üblich war, donnerte bei Antwerpen herüber und hinüber. General von Beseler — ein Berliner Kind — vollbrachte das Werk, das niemand für möglich gehalten hatte! Schrieb doch drei Tage vor dem Fall der Feste — die durch einige zwanzig starke Forts und ebensoviele Zwischenwerke geschützt war — eine Pariser Zeitung: „Vor den Kanonen Antwerpens werden sich die Deutschen ver bluten I" Aber s i e verbluteten nicht — dafür die Engländer und Belgier! Am 29. September erfuhren Knorr und Briese in Berlin, daß die Belagerungsartillerie ihr Feuer gegen einen Teil der Forts eröffnet habe. „Ob's wirklich gelingen wird?" fragte Knorr seinen Werkmeister. „Ich gehe die Wette ein, daß wir in vierzehn Tagen die Scheide- festung in deutschem Besitz haben, trotz ihrer 80 000 Mann Be satzung," war Werkmeister Brieses Antwort. Am nächsten Tage konnte er, als Knorr früh in die Fabri? kam, seinem Arbeitgeber mitteilen: „Hier in der Morgenzeitung die Kunde: Zwei der unter Feuer genommenen Forts sind zerstört!" „Das ist wirklich staunenswert!" „Wir werden noch mehr Staunenswertes erleben!" Und richtig, Schlag auf Schlag folgte. Am 1. Oktober waren die Forts Wawre und St. Catherine, Dorpweldt zerschossen und ge stürmt, das Fort Waelhem eingeschlossen, der ernstliche Schulter punkt Termonde in unserm Besitz. «151 Am 3. Oktober waren auch schon die Forts Lierre, Waelhem, Königshookt erledigt, 3V Geschütze hatten die Deutschen in Händen. Die dadurch in den äußeren Fortgürtel gebrochene Lücke gestattete, ven Angriff gegen die innere Fortlinie und die Stadt vorzutragen. Der Generalstab meldete in den nächsten Tagen, kurz weiter: 5. Oktober: „Die Forts Kessel und Broechem zum Schweigen ge. bracht. Stadt Lierre und Eisenbahnfort an der Bahn Mecheln— Antwerpen genommen." 7. Oktober: „Fort Broechem in unserem Besitz. Der Angriff hat den Netheabschnitt überschritten und nähert sich dem inneren Fortgürtel. Eine englische Brigade und die Belgier zwischen dem äußeren und dem inneren Fortgürtel auf Antwerpen zurückgeworfen. Vier schwere Batterien, 52 Feldgeschütze, viele Maschinengewehre, auch englische, im freien Felde genommen." 8. Oktober: „Fort Breendonck genommen. Der Angriff auf die innere Fortlinie und damit auch die Beschießung der dahinter liegen den Stadtteile hat begonnen, nachdem der Kommandant der Festung erklärt hatte, daß er die Verantwortung übernehme." 9. Oktober: „Vormittags mehrere Forts der inneren Be festigungslinie gefallen. Die Stadt nachmittags in deutschem Besitz." 1l). Oktober: „Sämtliche Forts in deutschem Besitz." Der Jubel war überall groß, der Mißmut und Aerger nament lich der Engländer noch größer! „Ich hätte es wirklich nicht für möglich gehalten!" sagte Fabri- kant Knorr zu seinem Werkmeister. „Ich doch, denn nach allem, was in diesem an Überraschungen reichen Kriege vorangegangen war, mußte ich es annehmen. Hätte ich nur vor zehn Tagen mit Ihnen um 100 Mark gewettet — ich hätte sie glatt verdient!" „Na, lieber Briese, wir wollen annehmen, Sie haben mit mir gewettet. Ich werde die hundert Mark spenden und zwar in wöchent lichen Raten von je zehn Mark für Ihren Sohn Franz." „Ich danke Ihnen, Herr Knorr. Unsere Jungen sind ja beide scharf am Feinde. Fräulein Grete hat sich gestern schon bei meiner Frau nach Franz erkundigt und mir Grüße aufgetragen. Heute geht ein langer Brief an meinen Freiwilligen ab."162 „An meinen auch! Möge Gott den Jungen und allen unfern braven Truppen weiter helfen I" — Wie sich eine moderne Festung gegen die bisher übliche Angriffs, weise im Festungskriege wirksam verteidigen konnte, das zeigte das Beispiel der österreichischen Festung Przemysl in Galizien. Nachdem die Kämpfe um Lemberg — wie Joseph Töllchen seinen Verwandten in Berlin mitgeteilt hatte — unentschieden blieben und die österreichisch-ungarischen Truppen eine neue strategische Stel lung einnahmen, wurde Przemysl von den Russen mehrere Wochen lang angegriffen. Da aber die Feinde nicht wie die Deutschen im Besitze ganz schwerer Belagerungsgeschütze waren, hat sich die Festung ausgezeich net verteidigen können. Ein österreichischer Offizier, der Anfang Oktober einen kühnen Flug nach der eingeschlossenen Festung unternahm, erzählte seinem Kameraden Töllchen, daß die Verteidigung mit der energischsten Tätigkeit und ausgezeichneter Umsicht geführt wurde. Mehrere Ausfälle drängten die feindlichen Linien zurück und erschütterten die Stellungen der Nüssen. Alle Angriffe der Russen brachen aber unter furchtbaren Ver lusten im Feuer der Festungswerke zusammen. Wir werden davon im nächsten Kapitel hören. 11. Kapitel. Ver deutsch-österreichische Bruderbund. Nach den gewaltigen Septemberkämpfen in Nordfrankreich, in Belgien und vor Antwerpen hörten unsere bekannten Familien im Hause Langerdamm 12 auch wieder recht Erfreuliches und Er hebendes aus dem Osten. Joseph Töllchen, der fleißige österreichische Briefschreiber, hatte153 zwar ausnahmsweise längere Zeit nichts über bedeutende Schlach ten berichtet. „Ich glaube, das ist jetzt nach der Räumung Lembergs durch die Oesterreicher die Ruhe vor großem Sturm," sagte Vater Knorr eines Tages zu seiner Frau. „Ja, Töllchen schrieb in seinen letzten Karten immer nur von fortwährenden Märschen, anstrengenden Biwaks und allerlei Klein kämpfen/' erwiderte Frau Knorr, „der liebe Joseph, wird übrigens auch bei Beginn der kalten Jahreszeit in dem kalten Polen frieren. Ich habe daher die zuletzt von mir und Grete gestrickten Wollsachen für ihn bestimmt und werde sie heute absenden." Am 1. Oktober kam darauf ein Dankbrief von Töllchen. In begeisterten Worten pries er die jetzt eingetretene wahre Waffen brüderschaft der deutschen und österreichischen Heere. „Schulter an Schulter kämpfen jetzt die Heere in der Weichsel- gegend gegen den gemeinsamen Feind, der wieder ungeheure Men schenmassen aus dem Innern Rußlands, am Schwarzen und Kas- pischen Meere, ja aus Sibirien an die deutsche und österreichische Grenze wirft. Mit den deutschen Truppen stehen die Oesterreicher sehr gut. Liegen sie zusammen in denselben Ortschaften im Quar tier, so wird die Waffenbrüderschaft in edelster und bester Weise gepflegt. Wir freuen uns übrigens auch, daß unser junger österreichi- sscher Thronfolger bei uns weilt, wie der deutsche Kronprinz bei Türen Truppen. Von mir selber kann ich heute nichts berichten, da wir so fort wieder weiter kilometern müssen." Gute vierzehn Tage lang jkam dann überhaupt keine Nach richt von Joseph Töllchen. Wir werden sehen, aus welchem Grunde. Der Grenadier Hans Knorr war mit seinem Regiment in den Erzherzog Karl Franz Jolevh, der Oesterreichische Thronsolger, geb- 17. August 1837.154 letzten Wochen weit in Rußland vorgerückt. Er zog mit dem m vielen Gefechten siegreichen Heere General Hindenburgs in Su- tvalki ein, wodurch das russische Gouvernement' gleichen Namens als erster russischer Landesbezirk unter deutsche Verwaltung ge stellt wurde. Hans Knorr zeichnete sich im Gefecht und im inneren Dienst der Kompagnie so aus, daß er schon Ende des Monats September zum Gefreiten ernannt wurde, damit also, wie man in Soldaten» kreisen oft spöttisch sagt, „den ersten Grad der Gemeinheit" er klommen hatte. So schrieb er auch lustig auf einer Feldpostkarte an seine Eltern. Die Russen, die bekanntlich in ihrem Riesenreiche über unge heure Menschenmassen verfügen, versuchten immer wieder einen Einbruch in norddeutsches Gebiet. Bei Lyck wurden sie allein drei mal zurückgeschlagen, auch bei Schirwindt erhielten sie im Oktober kräftige deutsche Hiebe und verloren viele Geschütze. Unser Gefreiter Hans Knorr kam in die Schlacht bei Augu- stow. Es ging dort wieder heiß her. Wo Truppenteile verschiedener Verbände längere Zeit im Feuergefecht zusammenwirken, da geschieht es oft, daß Mannschaf ten verschiedener Kompagnien und Regimenter durcheinanderge bracht werden. Besonders wenn es sich um Waldgefechte oder um Kämpfe in unübersichtlichem Gelände handelt, kommt das Ver sprengen vor. Verstärkungen rücken nach, Züge schieben sich ein, wo gerade Platz ist, und einzelne Schützen werden in die Lücken geworfen. Hans Knorrs Grenadierkompagnie ging durch einen sumpfi gen Wald vor. Ein Zug blieb liegen. Die Walddeckung war aber so wenig günstig, das Feuer der russischen Artillerie schwer, so daß ein Abschnitt auf einige hundert Meter aufgegeben werden mußte. Der Rest der Grenadiere flutete zurück in die Deckung, mischte sich mit anderen Kompagnien, auch Landwehr, die Verbindung mit dem eigenen Truppenteil ging bald verloren. Kommandos schallen durch den Wald — durch das Donnern der Geschütze, durch das Rattern der Maschinengewehre. Krachend fallen die von Granaten zersplitterten Baumäste zur Erde, Ver^wundste wurden von den Sanitätssoldaten fortgetragen, oder suchen Schutz hinter den starken Eichenstämmen. Mit „Marsch, marsch, Hurrai" dringen immer wieder neue Truppenmassen vor. Die Umsicht ist aber im Wald und Sumpf durch das Gesträuch erschwert. Und mitten in diesem Durcheinander, mitten im heftigsten Granat-, Schrapnell- und Gewehrgeschoßhagel ist unser Gefreiter Hans Knorr unermüdlich bemüht, die Reste seines ganz ausein- andergerissenen Grenadierzuges zu sammeln. Hans Knorr weiß, daß sein Zugführer verwundet in einer Sumpflache liegen blieb, er sieht, wie viele Leute ratlos umher irren, er ruft sie beim Namen, er läuft, sein junges Leben ein setzend, zurück, wo nur irgend ein Grenadier in Deckung liegen blieb, er bringt sogar ein paar Leichtverwundete aus allerlei Trup penteilen mit heran. Niemand widerspricht dem Befehle des Neunzehnjährigen — niemand läßt sein Kommando unbesolgt. Die Haltlosigkeit des einzelnen findet eine Stütze in der Um sicht und Energie des jungen, kriegsfreiwilligen Kameraden. Der Jüngling, der noch vor drei Monaten die Primaner-Schulbank ge drückt hat, wird hier zum Helden! Erst nach einer halben Stunde findet er feine Kompagnie und meldet sich beim Hauptmann Kuske. Mit freudigem Ueberrafchen erkennt der Kompagnieführer, wessen Leistung er den willkomme nen Zuwachs an Gewehren gegen die Russenmassen so schnell ver dankt. „Gefreiter Knorr, wie haben Sie das nur fertig gebracht?" sagte er mit dankbarem Ausdruck. Wenige Minuten später rückt die jetzt aus allen möglichen Regimentern zusammengewürfelte, aus Grenadieren, Füsilieren, Musketieren, Pionieren und Landwehrleuten bestehende Kompag nie zu neuem Angriffe vor, diesmal über das seitwärts des sumpfigen Waldes ansteigende freie Gelände. Oben liegen vor einem schmutzigen russischen Dorf mit Russen vollgepfropfte Schützengräben. Hinter den Russen aber stehen ihre Offiziere und Unteroffiziere und treiben die langen Kerle mit Revolver und Knute zum Schießen — andernfalls hätten sie sich längst ergeben! 1S5156 Knorrs Kompagnie stürmt gegen die dickköpfigen Nüssen an. Hans schießt mit sicherem Blick zwei der Offiziere nieder. Das Bajonett vollbringt seine Arbeit in den russischen Schützengräben. Als alle Offiziere tot sind — ergibt sich der Rest. — So ging's auf allen Stellen des Auguftower Schlachtfeldes. Die Russen wurden an allen Punkten geschlagen. Abends schmeckte dann den Grenadieren das frischbereitete Esten aus der mitgeführten „Gulaschkanone". Beim nächsten Appell lobte vor versammelter Front Haupt» mann Kuske seine Grenadiere. „Aber, Kinder, einer der tüchtigsten Kerle ist doch unser Kriegsfreiwilliger Knorr. Der junge Gefreite hat mir die Ver sprengten im Dreckwalde gesammelt, meine Kompagnie erst wieder gefechtsstark gemacht, hat sich wie ein Offizier benommen. Ich glaube, keiner wird neidisch sein, wenn ich den Gefreiten Knorr zum Eisernen Kreuz vorschlage!" — — — — — ^ „Liebe Eltern! Vor einigen Tagen hatten wir harten Kampf in der Schlacht bei Auguftow, von der Ihr wahrscheinlich schon in den Zeitun gen gelesen habt: Ich habe den Russen auch etwas eingeheizt, habe auch einige Versprengte gesammelt. Der Lohn kam heute: das Eiserne Kreuz! Hurra, der erste Lohn, der schönste Lohn! Es ist eine Lust Soldat zu sein! Herz lichen Gruß und Kuß Euch allen Euer Hans." So lautete die Feldpostkarte, die im Vor derhause Langerdamm 12 eintraf. Stolz waren Vater, Mutter und Schwester auf ihren Kriegsfreiwilligen. Vater Knorr trank eine Flasche guten Wein und schickte seinem Werkmeister Briese auch ein Fläschchen. „Der Junge aber soll sich einen Grog brauen. Ich packe einige Flaschen guten Rum ein und füge eine Kiste gute Zigarren bei." Vom steifen Grog und den guten Zigarren machte Knorrs Korporalschaft ein Fest im Quartier, zumal Mutter Knorr auch einige Leckerbissen für ihren guten Jungen beigefügt hatte.157 Eine eigenartige Erscheinung war es, daß in den wochen langen Kämpfen die deutschen und russischen Truppen in ihren Schützengräben sich oft stunden-, ja tagelang auf einige hundert Meter gegenüberlagen — ohne zu schießen. Hans Knorr sah dann oft, daß aus den russischen Schützen gräben hin und wieder ein vor Schmutz starrender russischer Sol dat hervorkroch, um frech und aufrecht vor den deutschen Gewehr läufen herumzuspazieren. „Den Kerlen ist schon alles gleich vor Kampsessaulheit und vor Hunger," sagte Knorrs Feldwebel, „ob sie gefangen oder er schossen werden! Lassen Sie den Dreckkerl ruhig laufen. Wir kriegen ihn doch noch, entweder tot oder lebendig." Es kam auch in den deutschen Schützengräben vor, daß Knorr und seine Kameraden zuweilen ein, auch zwei Tage des warmen Essens entbehren mußten. Ein Stück Brot und ein Stück Wurst hatte Hans aber immer bei sich, zumal die Eltern aus Berlin wöchentlich eine Liebesgabensendung expedierten. Die Russen hin gegen litten, nach den Aussagen der Gefangenen, die nach jedem Gefecht und jeder Schlacht zu Tausenden eingebracht wurden, durch die Bank und unausgesetzt großen Hunger. Es wäre auch ganz unmöglich gewesen, durch den einige vierzig Kilometer zwischen der deutschen Grenze und Suwalki liegenden, von Freund und Feind kahlgegrasten Gürtel Lebensmittel heran zuschaffen. Die Wege in Rußland waren in diesen nassen, kalten» regnerischen und stürmischen Herbsttagen fast unpassierbar. An manchen Tagen hatte man auf stärkere Angriffe gerech net — aber sie kamen meist nicht. Große Angriffslust zeichnet die Russen nicht aus. Nur hinter den deutschen Schützenlinien warfen die russischen Granaten ab und zu wahre Krater in den moorigen Wiesen auf. Eines Tages waren mehrere Granaten in einen eine halbe Stunde hinter Hans Knorrs Stellung liegenden See geklatscht. Die dadurch verursachte Explosion hatte sämtliche Fische im See getötet. „Da gibt es in den nächsten Tagen aber noch mehrmals Ab- wechslung im Essen," meinte Hans lachend zu seinen Kameraden, als sie sich abends in ihrer „Villa Berlin" Barsche und Karauschen brieten.553 Die „Villa Berlin" — der Name rührte von Hans her — wsr sin äußerst „komfortabler" Bau. „Die ist so schön, als ob sie die besten deutschen Pionier- Baumeister gebaut hätten," sagte lachend ein höherer Offizier, als zr den Bau eines Tages besichtigte. Man hatte nämlich mit vieler Mühe aber auch mit viel Kunst überdachte Teile im Schützengraben hergestellt. Die Decke bildeten dicke Bohlen aus einem russischen Stall, darüber quergelegte Bret ter, damit der Regen ablaufen konnte, dann folgte eine dicke Lage Stroh, die der russische Bauer hergeben mußte, und darauf lag eine starke Schicht ausgestochener Nasen von einigen zwanzig Zenti meter Dicke. Unter dieser Decke lagen mehrere Wohnräume — mit einem „Sofa" aus Holz, einigen „Saloustühlen", einem rich tigen Schaukelstuhl, einigen Pferdedecken als Teppich und einem — Kachelofen I Kacheln hatte er wenigstens an der Vorderseite. Die Seiten- und Rückwand bestand aus Steinen, Ziegeln und Lehm. Die größte Schwierigkeit verursachte die Beschaffung der Ofen röhre. Aber auch das gelang. Hans Knorr war nämlich so er finderisch, einem Bauern des eine Stunde abgelegenen Dorfes ein Stück Ofenrohr aus seiner Kate zu „entlehnen" und dann mit ein Paar Drainröhren aus der nahen Wiese zusammenzubringen. Der nahe Wiesengrund lieferte auch den Torf zum Brennen. Nun schmauchte das Oefchen, daß Knorr und seine Kameraden ihre durchnäßten Mäntel im Handumdrehen trocknen konnten und die im Schützengraben halb erfrorenen Grenadiere nach der Heim kehr in die „Villa Berlin" bald zu schwitzen anfingen! „Kinder, wenn es noch lange hier im heiligen Nußland dauert, dann wollen wir ein Mistbeetfenster über unsere Klause decken und — Gurken ziehen!" sagte ein Kamerad Knorrs, der seines Zeichens Gärtner war. Diese „Villa Berlin" war übrigens ein weit besseres Quartier, als die Grenadiere es in verschiedenen russischen Dörfern getroffen hatten. Die besorgte Mutter unseres Kriegsfreiwilligen hatte in einem Feldpostbriefe gefragt, wie denn die Quartiere seien. Franz Briese hätte in Frankreich nicht zu klagen. Hans antwortete: „Liebe Mutter, über unsere Quartiere sei unbesorgt. Sie sind gut. Als vorzüglich gilt schon eine zerfetzte,beschmutzte Matratze unter regendichtem Dach. Ratten sind ge wohnte Hausgenossen, niedliche Tiere, nach denen man, wenn sie zu frech werden, einfach einen Kommißstiefel wirft! Schlimmer sind die Wohnungen mit — Flöhen. Du darfst dabei in Rußland nur nicht an unsern gemütlichen, zart beißenden deutschen Floh denken ^?ulsx irrst-a-ns heißt solch Vieh zoologisch, wie ich früher, als ich noch die Schulbank drückte, gelernt habe). Ein deutscher Floh ist ein feiner Kerl verglichen mit dem russischen Biest, ein Schoßhünd chen verglichen mit einem blutgierigen Wolfe. Und diese sechs- beinigen Wölfe hatte ich in einem der russischen Dorfquartiere so viel, daß sie morgens gleich Wölkchen von meinem Körper auf sprangen. Der Stabsarzt wollte uns am nächsten Tage wegen Masern ins Lazarett schicken, so rot sahen wir von den Stichen der Biester aus! Läuse, die es in Rußland auch zu Millionen gibt, habe ich noch nicht aufgegriffen, davor schützt mich die seidene Unterwäsche, die du mir verehrt hast. Du bist doch die beste Mutter." — „Ich bin aber doch hoffentlich auch der beste Vater," sprach lächelnd Vater Knorr, als die inmitten des Kriegsernstes doch von frischem, derbem Soldatenhumor zeugende Karte ankam. „Ich werde aber der Sicherheit wegen der nächsten Zigarrensendung etwas Insektenpulver beilegen." — Mehrmals mußte Hans Knorr verwundete Kameraden tragen. Einer hatte eine schwere Verwundung an der rechten Hand. „Felddienstfähig wirst du Wohl nicht wieder werden!" meinte Hans. »I wo, zurückziehen ins Privatleben gibt es nicht. Sowie die Wunde nicht mehr blutet oder eitert, gehe ich wieder zur Front und schieße mit der linken Hand!" So dachten sie alle, die Leicht- wie die Schwerverwundeten. Ei? Artillerist erzählte Knorr: „Täglich sind wir 50 Kilometer marschiert, dabei immer Kämpfe. Vier Tage lang lebten wir nur von Zwieback und Wasser. Vier Stunden hielten wir das Feuer von 44 Geschützen aus, dann mußten wir etwas zurückgehen. Aber mit frischen Verstärkungen ging's alsbald von neuem heran an die Kerle. Eine unserer Batterien war im Sumpfe vor Ossowiec stecken geblieben, wir holten sie wieder heraus, mit größter An strengung, unter verheerendem Feuer. Dabei erhielt ich einen 1S9Granatsplitter, der mir im Oberschenkel steckt. Es tut zwar nieder trächtig weh, aber das sage ich, Kamerad: ist er heraus, dann gehe ich auch gleich wieder raus. Garnisondienst ist nicht mein Fall. Ich will den Russen unser Zuckerwerk von neuem zu schmecken geben!" Mit solchen Truppen mußte der volle Sieg an der Ost.- front trotz großer Uebermacht und trotz aller russischen Kerntruppen unser sein! — General von Hindenburg wurde nach seinem erfolgreichen Russen dreschen einer der volkstümlichsten und beliebtesten Männer in allen Kreisen. Dieser Held, der schon vor zwei Jahren aus dem aktive« Dienst ausgeschieden war, dieser doch so markige alte Sohn seiner ostpreußischen Heimat, hatte mit seinen 67 Jahren augenfällig be wiesen, daß er trotz alledem noch große Schlachten schlagen konnte. Von hoch und niedrig wurde Hindenburg geehrt. Die Uni versitäten ernannten ihn zum Ehrendoktor aller vier Fakultäten. Eine ganze Reihe von ostpreußischen und anderen deutschen Städten ernannte ihn zum Ehrenbürger. Zahlreich waren die Zuschriften» die er empfing. Eine akademische Vereinigung schickte an den Blücker des zwan zigsten Jahrhunderts folgende Huldigungsverse: voetor tdeolvAiael vootor pkilosopkiasl voetor beider Rechtel voetor auch der Medizin I Alles hat man Dir verliehn, Was von unserem Schlage viere in ein Lehramt brächte! Wahrlich, vier Lxamins RiZorosa hast Du ja Glänzend absolvieret! Viermal hunderttausend Mann, Deren keiner Dir entrann. Künden, daß man Dich mit Rechte viermal promovieret! Wenn das ganze Volk Dich preist — Die Studenten allermeist 16VEhren Deine Taten! Freudig grüßen sie von sen» Ihren viermal alten Herrn, Schwergelehrten — schwertgelahrten, Bis zu den Karpathen! Wie die Gelehrten, so waren die Ungelehrten für Hindenburg begeistert. Der Schüler einer Volksschule in Battau bei Neukuhren sandte folgenden Glückwunsch zu des Helden Geburtstag: „Sehr geehrter Herr General von Hindenburg I In der Zeitung habe ich gelesen, daß Sie am 2. Oktober Ge burtstag haben. Die Schule Pr.-Battau im Kreise Fisch» Hausen gratuliert aufs herzlichste und wünscht, daß Sie dem Russen wie bisher, so auch weiter das Leder vollhauen möchten. Wir spielen hier auch sehr häufig Soldat, aber keiner will Russe sein. Sie sagen immer: Als Ruß kriegen wir zu viel Schmier. Hier schickte ich Ihnen auch ein Bild, auf welchem wir als Sol daten angetreten sind. Ich bin der Anführer und habe ein Eisernes Kreuz auf der Brust. Auf einem Bilde stricken die Mädchen für die Soldaten Strümpfe. Ich'möchte auch gern ein Bild von Ihnen haben, aber ein recht großes. Wir wollen es in unserer Schule neben unsern Kaiser hängen. Als die Russen vor einigen Tagen immer näher nach Königsberg kamen, hatten hier auch viele Menschen Angst und zogen weg. Wir aber blieben ruhig zu Hause und gingen fleißig zur Schule. Hier erzählte uns der Herr Lehrer jeden Tag, was im Kriege ge schehen war. Nach der Schlacht bei Tannenberg haben wir hier ordentlich gefeiert. Wir holten gleich alle Fahnen vor und mar schierten durch das Dorf. Wir Jungens mochten auch alle gern in den Krieg, aber wir sind noch zu klein. Ich bin erst zwölf Jahre alt. Bitte, schreiben Sie doch zurück, ob Sie den Brief erhalten haben. Wenn Sie selbst nicht Zeit haben, lassen Sie doch einen anderen schreiben. Die Juugens sind hier alle neu gierig, ob ich auch Antwort bekommen werde. Nun nochmals viel Glück und Gesundheit wünschen alle Schüler aus der Schule Pr.-Battau, besonders der Kommandant Heinz Skronn." Marschl Marsch! IS!162 Der Generaloberst war gewiß Tag und Nacht mit seiner Armeeleitung beschäftigt, aber er hat den braven Jungenbrief gern gelesen, sich gefreut und dem Schüler ein dauerndes Andenken über- sandt. Es ging dem Jungen nämlich folgendes Schreiben zu. „Armeehauptquartier, den 11. Oktober 1914. Lieber Heinz! Seine Exzellenz der Herr Generaloberst v. Hindenburg läßt Dir für Deinen Brief und die Bilder vielmals danken. Seine Exzellenz läßt Dir ein Bild schenken und hofft, daß Ihr trotz des Krieges recht fleißig seid. I. A.: Caemmerer, Hauptmann und Adjutant." Nach der Mitte des Monats Oktober kam nach längerer Pause auch wieder ein Brief aus Galizien nach Berlin zur Familie Knorr. Joseph Töllchen schrieb: „Ihr werdet Euch gewundert haben, daß ich einige Wochen lang nicht geschrieben habe. Das hatte aber seinen guten Grund. Ich saß nämlich mit meinen Leuten in der Festung Przeinysl und wir haben uns vierzehn Tage lang von den Russen, die mehr als zehnmal so stark waren als unsere Festungsbesatzung, belagern lasten müssen. Wir haben ausgehalten! Es war nur gut, daß die Moskowiter keine unserer in Frankreich bewährten Motorbatterien und keine deutschen 42-Zentimeter-Mörser hatten, sonst wäre es uns am Ende doch noch schlimm ergangen. Also, wir wurden eingeschlossen. Und die Rüsten holten sich wochenlang blutige Köpfe, um uns wieder herauszuholen! Mehrmals hatte ich das Glück, an solchen Vorstößen gegen die Rüsten teilzunehmen. Wir wurden regelmäßig mit scharfem Feuer empfangen, aber wir konnten regelmäßig die Kerle zusammen schießen. Ganz ungeheure Verluste haben die Feinde erlitten' ins gesamt sollen sie vor unserer Festung 4ll t>l)v Mann verloren haben. In den Städten und Dörfern zwischen Lemberg und PrzemysI haben die Kosaken wie die Wilden gemaust. Da Ihr wißt, wie sie sich bei Euch in Ostpreußen gezeigt haben, so könnt Ihr auch er messen, wie sie hier in Galizien hausten. Wir waren in unserer Festung guten Mutes. Wir wußten, daß unsere österreichischen Heere die Festung entsetzen würden.163 Am Sonntag vor acht Tagen begannen die Russen unsere Forts mit außerordentlicher Heftigkeit zu beschießen, so daß die Fenster in unserer Kaserne klirrten und die Häuser bebten. Die Kanonade dauerte drei Tage lang. Schrapnells und Granaten flogen bis in die Stadt hinein, eine sogar bis auf den Hof vor meinem Zimmer. Offenbar war sie auf das neben meiner Kaserne liegende Verpflegungsmagazin gerichtet, traf es aber nicht. Viele Häuser, darunter ein mit Verwundeten gefülltes Hospital, wurden zerstört. Zwei östlich und südlich der Stadt gelegene Forts hatten am meisten unter dem feindlichen Feuer zu leiden, fügten aber ihrerseits dem Feinde außerordentlichen Schaden zu. Vor unserm Fort traf der Feind eine böse Ueberraschung. Er stieß nämlich auf die von mir und meinen Leuten gelegten Flatterminen, deren Explosion tausende von Russen tötete, die zum Teil noch jetzt, wo ich diesen Brief schreibe, unbegraben in Haufen übereinandergetürmt auf der Stätte des Unheils liegen. Der An» blick dieser zum Teil zerrissenen und zerstückelten Leichen ist fürch terlich! Aber der Krieg härtet die Nerven ab, daß sie auch das Grausamste ertragen. Der russische General soll den Austrag vom Blutzaren gehabt haben, Przemysl bis zum 9. Oktober zu nehmen, ohne Rücksicht auf Opfer! Aber es zeigte sich bald, daß ihm das unmöglich war. Seine schwere Artillerie konnte er nicht genügend in den Schlamm bächen, die fortwährender Regen und das Gewühle ganzer Völ kerwanderungen geschaffen hatten, in Stellung bringen. Der russische General Dimitriew ließ uns zwar am 2. Oktober, gleich nach der Einschließung, auffordern, uns zu ergeben, indem er schrieb: „Irgendwelche Hilfe für Sie von außen halte ich für unmöglich." Der Mann hatte sich aber gründlich in uns und unse ren Oesterreichern getäuscht! Unser Kommandant antwortete kurz und bündig: „Ich finde es unter meiner Würde, auf Ihr schimpf, liches Ansinnen eine Antwort zu geben." — Unsere Truppen ver jagten inzwischen die über die Karpathen in Ungarn eingefallenen Moskowiter, und zwar auch unter ganz furcktbaren Verlusten der Feinde. Dann rückte das Entsatzbeer von Westen zu unserer Ent setzung heran. Die Russen wurden in einer Reihe von Gesecbten und Schlachten geschlagen. Unsere Truppen erreichten den San- Ii«164 fluß. Am 12. Oktober konnten wir jubelnd unsere Retter hier in dex Festung begrüßen. Daß der Rückzug der Russen fluchtartig und mit großen Schwierigkeiten verbunden war, konnte ich hinterher vor der Festung an zahlreichen Beweisen sehen. So ließen sie ganze Ladun gen schwerer Geschosse in Kasten verpackt am Wege liegen, die Zahl der unter ihren Knutenhieben gefallenen Pferde ist Legion! Während in unserer belagerten Stadt, die natürlich von Trup» Pen vollgepfropft war, kaum nennenswerte Krankheitsfälle vor kamen, litten die abziehenden Russen fürchterlich unter der Cholera. Groß ist die Zahl derer, die am Wege starben und denen wir ihr Grab gruben. Nur wenige Feinde erreichten die Ihren wieder, um von diesen blutigen, furchtbaren Schlachten vor Przemysl zu erzählen. Wir haben gestern erst ein Riesengrab gegraben, das 500 Meter lang wurde, und in dem 5000 unserer Feinde den ewigen Schlaf schlafen. Nach grauen, trüben, nassen Wochen scheint heute zum ersten Male wieder die Sonne. Sie wischt unsere Verdrossenheit über das „Sauwetter" von den kriegsgehärteten Gesichtern unserer bra- ven Soldaten, wärmt ihren Mut, trocknet die Kleider und ebnet die Straße. Schnellen Schrittes und frohen Mutes marschieren wir mor> gen dem in der Ferne Horbaren Kanonendonner entgegen. Sehr viel beigetragen zum Entsätze von Przemysl hat es, baß seit dem 4. Oktober — dem Namenstag Kaiser Franz Josephs — die deutschen und österreichischen Heere in Russisch-Polen Schulter an Schulter kämpfen und die Russen an der Weichsel bedrohen. Wie wir hinterher hörten, hatte der furchtsame Russenzar Niko laus es über sich gewonnen, die russische Angriffsarmee vor unserer Stadt zu „inspizieren" — er soll aber dabei Angstfieber gehabt haben. Er konnte dafür aber auch nach seiner Hauptstadt, die er aus Petersburg in Petrograd umgetauft hat, die schmerzliche Nach richt mitnehmen, daß Przemysl seiner Riesenarmee widerstanden und sich aus der Umklammerung endgültig befreit hat. Jetzt sind wir obenauf! Ich denke demnächst mit meiner Truppe zu den Kämpfen an der Weichsel abkommandiert zu werden.Gruß an des Kriegsfreiwilligen Hans und für Euch alle. In weiterer Siegeszuversicht Euer Joseph Töllchen." Für Joseph Töllchen, der von Süden kam, und Hans Knorr, der von Norden mit der Bahn verschickt wurde, folgten anstrengende Tage. Die deutsche und österreichische Heeresleitung richtete jetzt ihr Augenmerk auf die stark befestigte Hauptstadt Russisch-Polens, auf die Großstadt Warschau, die schon so oft in der Kriegsgeschichte eine Nolle gespielt hat. Joseph Töllchen stand mit seinen Leuten auf dem Bahnhof in Lodz und sollte von dort mit deutschen Truppen zusammen weiter an die Festung Warschau herangeführt werden. Es war ein schöner Herbstsonnentag und die Bevölkerung von Lodz, in dem sehr viele Deutsche wohnen, wetteiferte, den Oester reichern und Deutschen Liebesgaben und Erfrischungen zu bringen. Langsam kam von Westen ein langer Eisenbahnzug heran. Wagen erster, zweiter, dritter und vierter Klaffe, Vieh- und Gepäck wagen bildeten einen einzigen Train, der mit Grün und Blumen ge schmückt war. Blumengeschmückt fuhren unsere Truppen ja immer, wenn sie zu neuen Kämpfen zogen. Der Zug hielt, die Leute stiegen aus und sollten in einer Baracke verpflegt werden. Ein junges Kerlchen in „Feldgrau" setzte sich, ehe es zur Atzung und Tränkung ging, auf die Stufen der Treppe, die zum Schaffner häuschen eines Viehwagens — „4V Mann oder 6 Pferde" — führte und schrieb schnell eine Feldpostkarte. »Meine Lieben! Eben sind wir in Lodz angekommen . . ." Diese Worte hatte er gerade fertig gebracht, als er eine kräftige Männerhand auf seinem Rücken spürte und ihn gleich darauf zwei kräftige Arme umfaßten und ein bärtiger, österreichischer Soldaten mund ihn abküßte. »Junge, Hans, du Berliner Kriegsfreiwilliger, bist du es wirk. RihI" rief freudig erstaunt Joseph Töllchen. ^ »Onkel, du hierl" konnte Hans Knorr nach anfänglichem Staunen nur sagen. 1ßc>166 „Junge, diese Freude habe ich mir ja schon seit einem Vierte! jähre gewünschtI Dich wollte ich als Kameraden neben mir sehenc Jetzt soll aber auch Berlin und Wien vereint gegen Warschau ziehen!" Die angefangene Feldpostkarte wurde schnell vollendet, das Zu sammentreffen mit dem Wiener Onkel mit Freuden gemeldet und von beiden Bundesbrüdern unterschrieben. „Welch eine Fügung des Zufalls!" sagte Herr Knorr zu seiner Frau einige Tage später, als die Karte in Berlin eintraf: „J^tzt kämpfen beide Krieger unserer Familie zusammen. Na, wenn d i e erst kommen, dann wehe den Russen!" fügte er fröhlich hinzu. „Nun fehlt nur noch unser lieber Gustav Drews, und der Knorrsche Familienskat vor Warschau könnte beginnen," sagte Frar. Knorr, die selbst eine eifrige Skatspielerin war. „Aber mit deutschen Karten!" erwiderte Knorr. „Doch leider kann es ja nicht werden! Der Verlobte unserer Grete kämpft ja weiter in Frankreich. Hat er doch gestern an Grete geschrieben, daß er geheilt und bald wieder zur Front gehen wird. Wenn es ihm nur weiter gut gehen wird. Ich weiß nicht, mich be schleicht immer eine Art unruhigen Gefühls, wenn ich an ihn denke. Um unseren Sohn habe ich weniger Sorge. Der wird sich schon durchschlagen. Auf ihm ruht der Eltern Segen!" Joseph Töllchen und Hans Knorr hatten in den nächsten Wochen ganz furchtbare Strapazen zu ertragen und nahmen fast täglich an blutigen Kämpfen teil. Die deutschen und österreichischen Heeresteile fochten jetzt in Russisch-Polen Schulter an Schulter. Es entwickelte sich eine innige Waffenbrüderschaft ohne jeden Neid und ohne Mißgunst zwischen Deutschen und Oesterreichern. Die Russen, Franzosen und Eng länder waren zwar auch Verbündete und durch den Haß auf Deutsch land eben flüchtig zusammengeführte „Waffenbrüder" — aber, wie sehr bald durchsickerte, war die Waffenbrüderschaft, namentlich zwi schen Franzosen und Engländern, eine recht wenig freundschaftliche. War es doch bekannt daß die Engländer in den von ihnen besetzten Teilen des ihnen verbündeten Frankreich wie die Herren und Erobe rer, wie die Sieger in den besetzten Landesteilen auftraten. Die französische Bevölkerung wäre wahrscheinlich heut froh gewesen,167 wenn sie diese Bundesgenossen nicht im Lande gehabt hätte! Die Engländer traten in Calais, Boulogne, Dünkirchen usw. wie die Herren auf, die die französischen Bürger mißachteten. Wenn die Deutschen englische und französische Gefangene — die sie zu Tausen den machten — gemeinsam nach Deutschland abschoben, so kam es gar nicht selten vor, daß sich die Franzosen und Briten kräftig — verprügelten. Man durfte deshalb die „Bundesgenossen" überhaupt nicht in gemeinsamen Gefangenenlagern zufammensperren, sondern mußte überall Franzosen, Engländer und Russen hübsch von einander trennen, um Blutvergießen unter den „Freunden" zu verhüten. Anders war eben die Waffenbrüderschaft zwischen Deutschen und Oesterreich-Ungarn. Da kämpfte wirklich jeder mit dem andern Schulter an Schulter. Auf dem östlichen wie auf dem westlichen Kriegsschauplatz trat im Oktober an die Stelle des „Bewegungskrieges" überall der nerven aufreibende „Stellungskrieg" in den Schützengräben. — Joseph Töllchen und Hans Knorr trafen sich eines Tages wieder in einer ehemaligen russischen Stellung im Weichselgebiet. „Sieh doch nur, mein Junge, wie geschickt sich die Rüsten ein graben können," sagte Töllchen zu Hans, indem er auf die mit toten Russen und allerlei Kriegsgerät angefüllten, setzt freilich längst von den Deutschen und Oesterreichern eroberten gut angelegten Schützen gräben wies. „Ja, das hat die feige Bande schon im russisch-japanischen Kriege gelernt. Mit dem Spaten können sie bester arbeiten als mit dem Gewehr," erwiderte Hans Knorr. „Na, wartet nur, ihr ,lieben' Rüsten, euch werden wir schon aus euren Maulwurfslöchern weiter ausgraben," lachte Töllchen. Der Dienst trennte dann Onkel Töllchen und Hans. In den nächsten Tagen folgten für die deutschen Grenadiere schwere anstrengende Märsche. Das erst so schöne Herbstwetter wurde nach und nach recht ungemütlich. Schwere Regengüsse weichten die sowieso schon schlechten polnischen Wege so auf, daß sie Morasten glichen. Das Marschicren wurde unserem Hans in diesen nassen Tagen oft recht schwer und er war mehrmals nahe daran, »schlapp zu machend aber die nie in deutschen Soldaten ermüdende Kampfbegier und Kampfeslust ließ ihn die letzten Kräfte anspannen.Neben ihm marschierte ein Gefreiter namens Sulek. „Weißt du, lange halte ich es wirklich nicht mehr aus/ sagte dieser eines Tages, als man schon van früh vier Uhr bis mittags bei strömendem Regen marschiert war. „Ich habe die Füße voller B!« sen und mein Herz klopft zum Zerspringen." „Lieber Kamerad, ich fühle mich auch hundemüde, aber wir sind doch deutsche Jungen! Wir werden doch den Landwehrleuten in unserer Kompagnie nicht das Schauspiel bieten, daß wir schlapp werden, während die Familienväter sich durchschlagen. Nur Mut, Kamerad, es wird schon noch einige Kilometer gehen," ermutigt« Hans seinen Freund Sulek. Und so kilometerten die beiden jungen Soldaten mit Tausenden anderen immer weiter, immer weiter, um der ^russischen Dampf walze^ den Weg zu verlegen. Die Franzosen und Engländer hatten nämlich in alle Welt hinausposaunt, daß das russische Heer ,gleich einer gewaltigen Dampfwalze^ über Deutschland herfallen und alles vor sich niederwerfen würde. Am Nachmittage langten die deutschen Truppen endlich in einem armseligen Dorfe an, in dem am Tage vorher noch die nc»ch Warschau und Jwangorod zurückgehenden Russen gelegen hatten. „Das sieht ja wunderbar hier aus," meinte Hans Knorr zu seinem Kameraden Sulek. „Hier ist ja kaum noch ein Haus ganz." „Da hat unsere Artillerie schon hineingefunkt," erwiderte Sulek. Die Bevölkerung des Dorfes nahm die einrückenden Deutschen gern auf, hatte sie doch bisher unter den Plünderungen der eigenen Soldaten furchtbar gelitten. Die Hälfte der Einwohner war übrigens schon lange vorhsr nach Warschau geflohen. Die Rufsenhorden hatten in den schmutzigen Ort noch mehr Schmutz hineingetragen. „Es ist doch eine Affenschande, daß die Kerle in ihrem eigenen Lande wie die Schweine Hausen," rief Hans Knorr entrüstet aus, als er mit dem Gefreiten Sulek in ein niedriges, strohgedecktes Hütt chen eintrat. „Entblödete sich die Bande nicht, neben dem Eßtisch, auf dein sie ihren Tee kochten, ihren Unrat zu entleeren!" „Das ist eben echt russisch!" erwiderte Sulek. „Die Kerle find eben zu unerzogen. Unter zehn Mann kann Höchstens nur einer lesen und seinen Namen schreiben. Es fehlt die Schulbildung «id WSdie Zucht zur Ordnung und Reinlichkeit, die unseren Deutschen schon von Kind auf im Hause und in der Volksschule anerzogen wird." „Ich glaube auch, unser deutsches Heer würde seine großen Er folge nicht haben, wenn wir nicht alle durch die Schule gegangen wären," meinte Hans Knorr. „Die Volksbildung liegt ja im Vergleich zu Deutschland hier noch Jahrhunderte zurück. Bei uns hat jedes Dorf seine Schule. Würde man in Rußland jeden Tag eine neue Schule begründen, so würde man volle zweihundert Jahre brauchen, um Rußland mit Schulen zu versehen." „Ich habe ja manchmal als Schüler auf unsere deutschen Schu len geschimpft, weil mir als Berliner Junge der Zwang nicht gefiel, hier in Rußland sehe ich aber doch den Segen der allgemeinen Schul pflicht ein. Ich bedaure jetzt aufrichtig, daß ich in meinem jugend. üchen Unverstand oft meine Lehrer geärgert habe." Sulek lachte. „So geht es uns allen, eben immer erst später!" Der Verstand kommt In fast hündi> scher Unterwürfigkeit umdienerte der schmutzige russische Bauer unsere Sol daten. Er schleppte alles an Eßwaren herbei, was er noch hatte. Schlotternd vor Furcht — denn sie glaubte ja, die ,deutschen Barbaren' würden jeden Men» schen gleich auf spießen — kam auch Äie Frau des Bauern zum Vorschein mü> kochte den beiden Sol- daten Tee. Hans Knorr und Sulek nahmen ihr aber das Teegefäß erst aus der Hand und reinigten es gründlich am Ziehbrunnen des Dor- L6S170 fes. Denn es war so schmutzig, daß kein Hund daraus in Deutsch- land getrunken hätte. Als die Bauern sahen, daß die beiden Barbaren recht gemütlich waren und gar keinen Anlaß nahmen, Roheiten gegen die Wehrlosen zu verüben, kamen auch die Kinder aus allen möglichen Schlupf winkeln der Hütte hervor. „Um Gotteswillen, die Leute sind doch anscheinend recht arm und haben sechs Kinder!" rief Hans Knorr. Wie erstaunte er aber, als zu den sechs noch sieben weitere kleine Rüsten nach und nach hervorkamen. „Dreizehn Kinderl Wie können die unter diesen armseligen Verhältnissen nur leben!" meinte er zu Sulek. „Die leben alle und werden alle groß, ja oft sogar starke Kerle, wenn sie auch nur trockenes Brot und Heu essen." „Heu? Das ist doch nicht möglich, daß Menschen Heu essen," sagte Hans. „Du kannst dich darauf verlassen. Der Russe frißt schlechtere Nahrung als bei uns das Vieh. Ich habe selbst gesehen, daß in einer russischen Bauernhütte die Leute Gras und Heu verzehrten. So ein russischer Bauernmagen ist eben ganz anders eingerichtet als ein deutscher, der auch in der Nahrung eine gewisse Kultur zeigt," er widerte Sulek. Die beiden Soldaten erhielten zur Nacht das beste Lager an gewiesen. Und das ,beste Bett< war ein mit Heu gefüllter Sack. Knorr stutzte wieder. „Federbetten, wie bei uns der letzte Knecht im entlegensten Dorfe, kennt der russische Bauer auch nicht," belehrte ihn Sulek. „Ein mit Heu gestopftes Bett ist hier schon die vornehmste Lagerstätte." Die müden Krieger schliefen sogar in ihrem Bett ganz gut. Nur die Flöhe, Wanzen und Läuse peinigten sie. „Verdammt« Schweinerei," rief mit' n in der Nacht Hans Knorr aus, als er von den Wanzen gepeinigt wurde. „Freu' dich, wenn dich nur Wanzen beißen," sagte Sulek, der auch aufgewacht war. „Mir ist es vor einigen Tagen zugestoßen, daß mich in der Nacht eine freche Ratte in den Finger biß. Das sind viel unangenehmere Tiere als so ein blutsaugendes Wänzchea-171 Kennst du nicht das neue schöne Lied von den ,Nachtgästen<, das vor kurzem ein Kamerad gedichtet hat und das schon weit bekannt ist. Ein paar Strophen will ich dir gern hersagen." Und Sulek deklamierte das ,polnische Ungezieserlied'I „Und legst du, Kamerad, dich nieder. Und sehnst dich nach ein bißchen Ruh', Dann macht ein Haustier dir zu schaffen. Bekannt bist du damit im Nu. Kaum hast du dich dem Schlaf ergeben. Du auch sogleich ein Krabbeln merkst, Dann fangen Flöhe an zu leben, Und jucken mußt du, bis du sterbst. Du kratzst am Hals dich, auf dem Rücken. Und kratzst an andern Stellen meist. Ein Fangen will dir selten glücken, Weil's Tierchen schon woanders beißt. Du kannst dabei in Wut geraten In einer solchen Flöhenacht, Glaubt mir es nur, ihr Kameraden. Ich Hab' es selber durchgemacht. Der Flöhe Gegner ist die Wanze, Die fällt von oben meist herab Und geht beim Sturze gleich aufs Ganze. Daß du dich schubberst — nicht zu knapp. Der beiden Freunde sind die Läuse. Ein jeder wohl von uns sie kennt. Als Sammelplatz und als Gehäuse Bewohnen sie bei uns das Hemd. Die kleinen Tierchen sind recht drollig. Man unterscheidet klein und groß, Und weil sie fühlen sich gar mollig, Wirst du sie selten wieder los. Und von Minute zu Minute Vermehren sie sich, Kamerad, Daß morgens du der lieben Guten Hast dutzendweise in der Tat."Hans Knorr mußte herzlich lachen und — sich kratzen. „Das ist ja ein recht bissiges Gedicht! Das mutzt du mir mo-rgM noch einmal sagen, damit ich's aufschreibe. Nun wollen wir ab«? wirklich versuchen, noch etwas zu schlafen." — Am nächsten Morgen gab es frühzeitig Alarm. Hans Knorr und Sulek wurden einer Feldwache von einmtd» zwanzig Ulanen zugeteilt. Die Leute setzten sich in Bewegung. Zehn Minuten, bevor fie an Ort und Stelle kamen, wo sie eine Landsturmwache ablösen sollte«, hörten sie schon vor sich lebhaftes Gewehrfeuer. Der führende Feldwebel ging mit seinen Leuten weiter vor. „Die Russen schicken uns den ersten Morgensegen. Kinder, wir werden Wohl bald antworten müssen," sagte er zu seinen Leuten. „Gewehre entsichern!" kam dann der Befehl. Hans Knorr wußte, daß es in kurzer Zeit wieder zu fechten galt. „Ich habe ordentliche Lust, dieser schmutzigen Gesellschaft Wied« mal eins aufzubrummen." sagte er zu Sulek. Als die Abteilung sich einem einsamen Gehöft näherte, schlug die erste Granate gerade an einem Waldrand ein, den sie soeben ver lassen hatten. Ehe sich die Leute noch recht besinnen können, sind sie auch schon mitten im schwersten Feuer. „Eine starke feindliche Uebermacht haben wir wieder vor uns." „Das schadet nichts. Wir kriegen die Kerle schon." Der Rückzug in den Wald war in wenigen Minuten durch feind liches Granatenfeuer versperrt. Ganze Salven an Geschützfeuer er tönten mit Donnerkrachen. Die Russen schössen nämlich immer a«s allen Kanonen einer Batterie zu gleicher Zeit. Von der Flanke her bekommt jetzt die kleine Abteilung auch leb haftes Gewehrfeuer. Die Grenaöiere hatten jetzt die Stelle erreicht, wo sie die Lairö- stürmer ablösen sollten. Aus der Ablösung wurde aber nichts. Gs hieß gemeinsam zu fechten. So schob sich denn Landsturm und Ab^ losung dicht an eine Scheune heran. Die Kugeln Pfiffen nur so um die Köpfe der Jungen und Alben, Mehrere Kameraden fielen. Die Granaten schlugen alle Minuten zu Vieren in de« Waw- ,7Zvand ein. Tod und Teufel waren wieder um unseren Hans Knorr- herum. Jetzt schlug auch eine Granate in die Scheune, an der die Sol- dakn lagen. Das Gebäude ging im Nu in Flammen auf. Die einzige Möglichkeit zur Rettung war, den erwähnten Wald- sand, der etwa hundertundfünfzig Meter entfernt lag, noch zu er reichen. Der Feldwebel befahl, das Gepäck abzulegen und einzeln hin über zu brechen. Aber von den ersten vier, die ihr Heil versuchten, blieben gleich zwei unterwegs liegen. Der Raum zwischen Waldrand und Scheune wurde immer stär ker durch mörderisches Gewehrfeuer beschossen. Trotzdem jagte der Feldwebel sie alle hinüber. Denn wären die Leute bei der Scheune liegen geblieben, so wären sie sicherlich alle zu sammengeschossen worden oder in die Hände der Feinde gefallen. An irgend eine Verteidigung konnte das kleine Häuflein ja zunächst gar nicht denken. Hans Knorr hatte noch schnell einige Schüsse nach der Richtung, sus der das feindliche Gewehrfeuer zu kommen schien, abgegeben. Dann aber lief er auch zu dem Wäldchen zurück. Wie durch ein Wunder erreichte er auch durch alle Kugeln und Granaten hin durch den schützenden Wald. „Hier können wir aber auch nicht bleiben," sagte der komman dierende Feldwebel. „Wir müssen versuchen, uns auf die Kompagnie zurückzuziehen." Die Truppe durchschritt das Wäldchen. Herabgeschossene Zweige fielen in Massen auf sie herab. Nachdem das Wäldchen durchschritten war, kamen Knorr und seine Kameraden abermals ins Artilleriefeuer. Granaten und Schrapnells platzten in Massen um die Feldgrauen herum. Aber schwer war es, die Kompagnie zu finden, sie war in dischen an eine andere Stelle gerückt. Von den dreiundzwanzig Mann, die der Feldwebel mitgenom men hatte, hatte er nur noch zehn um sich. Hans Knorr entging dem Tode dadurch, daß eine Schrapnellkugel an seinem Revolverlauf ab prallte. Der dadurch am Leibe verursachte Schlag wurde überwunden. Nach einer Weile ließ der Feldwebel seine Leute Front machen 17S174 und sie sich etwas einbuddeln. Zur Hilfe kam noch eine weitere ge ringe Abteilung Landstürmer. Es lagen jetzt etwa achtzig Mann dem Feinde gegenüber. Mit diesen zusammen wurde die Stellung wohl eine bange Stunde lang gehalten. Magazinfeuer wurde auf den Gegner, den man in einer Geländefalte entdeckt hatte, ununterbrochen gerichtet. Jeden Augenblick hoffte man, daß die Kompagnie zu Hilfe kom men sollte. Aber vergebens. Wie Hans Knorr später erfuhr, war sie an anderer Stelle durch feindliches Maschinengewehrfeuer fest gehalten worden. Das rasende Feuer des Feindes zwang schließlich das tapfere kleine Häuflein, noch weiter zurückzugehen. Beim Zurückkriechen, denn Aufstehen war in dem Geschoßhagel ganz ausgeschlossen, blieb noch mancher Getreue zurück. Nach langer Zeit kam endlich die Abteilung in die einige Sicher» heit bietenden deutschen Schützengräben zurück. „Einen Schluck Rum brauchen wir jetzt alle!" rief der Feld webel, als er seine Meldung erstattet hatte. Und richtig fand sich auch ein Wohltäter, der die Kameraden mit dem edlen Naß etwas laben konnte. Furchtbar gelitten hatte die Feldwachablösung. Nur vier Ver wundete hatten sie schließlich noch mitschleppen können. Der Feld webel, Hans Knorr, Sulek und noch drei Mann waren nur von den vierundzwanzig heil in den Schützengraben gelangt. Der Rest war tot oder verwundet in die Hände des Feindes gefallen. Die Kameraden schüttelten Knorr und Sulek die Hand. „Da seid ihr ja noch einmal gut fortgekommen!" hieß es all- gemein. Ein Stück Wurst, ein HappeN Speck und ein Schluck Portwein war das Abendbrot Hans Knorrs. Den Portwein gab ihm sein Leutnant aus der eigenen Flasche ab. „Freiwilliger, meinen letzten Schluck Wein haben Sie sich redlich verdient." — < Dann folgte eine scheußlich regnerische Nacht im Schützen- graben. Mit einer halben Zeltbahn zugedeckt, versuchte Hans Knorr zu schlafen. Das von dem nassen Unterstände niedertropfende Wasser verwandelte das Lager des Kriegers aber bald in eine Art Schlamm bad.Mitten in der Nacht sprang daher Hans Knorr auf. „Wo willst du denn hin?" fragte der Gefreite Sulek. „Lieber will ich noch freiwillig auf der Ausschau im Graben stehen, als hier ein Schlammbad zu nehmen," erwiderte Hans. Er lief ein paarmal im tiefen Schützengraben auf und ab, suchte die nassen verklammten Hände etwas zu erwärmen, nahm den Kopfschützer aus dem Tornister und stellte sich freiwillig an die Wache, wie ein Luchs hinausspähend in die dunkle Nacht. „Nicht einmal schießen kann man/ sagte er unwirsch zu dem neben ihm Stehenden. „Morgen sollen wir raus aus dem Graben und die Russen aus ihrer Stellung verjagen I" „Das ist mir auch ein ganzes Ende lieber, als hier etwa tage lang im nassen Schützengraben liegen." — Am nächsten Morgen erhielt die Kompagnie aus der Feldküche schönen warmen Kaffee und dann stieg die Truppe aus dem ,Schlammbad^ heraus, um vorzugehen. Knorr und Sulek waren mit ihrem Zuge kaum zweihundert Schritt vorgerannt, da raubte eine Granate ihnen bereits drei Mann aus der Korporalschaft. Der Zug mutzte einen Abhang im feindlichen Jnfanteriefeuer hinauf. Wieder fielen eine Reihe von Kameraden. Hans Knorr stolperte über eine Wurzel und fiel. „Hast du was weg?" fragte Sulek. „Noch nicht!" sagte Hans. Wieder ging's weiter. Der Feind zog sich, da rechts und links andere deutsche Bataillone in mehreren Staffeln vorgingen, zurück. Er war aber trotzdem stärker als die deutschen Angreifer, hatte auch Maschinengewehre, die unserer Truppe diesmal fehlten, so daß Knorrs Kompagnie zeitweilig sin Stück zurück mußte. Hin und her wogte der Kampf. Dreimal ging die Kompagnie vor und wieder zurück. Die Verluste mehrten sich. Hans bekam einen Schuß durch den Mantel. „Wieder einmal vorbei!" lachte er zu Sulek hinüber. „Doch armer Junge!" Er hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen. Sulek wankte, ließ das Gewehr fallen, faßte nach der Brust und sank zu Boden. 17k178 Hans Knorr sah noch, daß ihm ein Blutstrom aus dem Munde schoß. Anscheinend hatte Sulek einen Lungen-Herzschuß. „Leb' wohl, armer Junge!" konnte er nur slüstern und mit mn so größerer Wut vorwärts stürmen. Gern hätte er dem Sterbenden noch beigestanden, aber es war ja strenger Befehl, Fallenden im Sturm nicht zu helfen, sondern sie den gleich nachkommenden Sani tätern zu überlassen. Die Russen waren wieder in das Dorf eingedrungen und gaben Flankenfeuer. Der Hauptmann von Knorrs Kompagnie rief: „Jungens, immer weiter, mit einer Verwundung halten wir es aus!" Gleich darauf erhielt er einen Armschuß, machte aber sein Wovt wahr und stürmte weiter. Der Sturm gelang auch. Mit ,Hurra< drangen die Deutschen in die russischen Schützen gräben ein. „Nieder mit der Bande!" rief der verwundete, doch unermüdliche Hauptmann. Das Bajonett tat jetzt seine Schuldigkeit. Hans Knorr sah, daß aus einem Unterstande heraus mit Ma schinengewehren gefeuert wurde. Mit noch zwei Kameraden drang er in das Erdloch ein. Noch einmal drehte der Russe seine Revolverkanone. Dann streckte ein Schuß Knorrs ihn nieder. Feige, wie die Bande nun einmal war, hoben jetzt zehn Russen die Hände hoch. „Seht ihr, ihr Dickkoppe, jetzt haben wir euch!" rief Hans Knorr. Auch an anderen Stellen gaben die Russen ihren Widerstand auf. Hans Knorr aber brachte mit drei Mann zwanzig Rüsten und zwei Maschinengewehre als Beute des Tages zurück. — Joseph Töllchen lag mit seinem Regiment tagelang in einem Schützengraben in der Gegend von Nowo-Radomsk. Er bewies sich hier als eine Art Universalgenie im Ausbau von Schützengraben stellungen. Das regnerische Wetter machte auch ihm viel zu schaffen. Aber mit gut österreichischem Humor überwand er und seine Kamerade« alle Widerwärtigkeiten.Die Beschießung Antwerpens.177 Die Schützengräben wurden so tief angelegt, daß selbst ein großer Soldat von über 1,80 Meter Körperlänge aufrecht darin stehen konnte, ohne daß die Feinde eine Kopfspitze sehen konnten. Die Wände wurden mit Betten. Bohlen, Pfählen, Baumästen befestigt. Die Unterstände wurden kunstgerecht als kleine Wohnun gen ausgebaut. Hatte auch folch ein Erdhöhlensalon nur zwei Meter im Geviert, so war er doch nach angestrengtem Wachdienst im Gra ben ein leidlicher Aufenthalt. Aus einem nahen Dorfe hatten die Soldaten Tische und Stühle herbeigeschleppt. In einem Bauerngehöft hatte Töllchen eine Anzahl alter Getreidesäcke,entlehnt, die zur Bekleidung der Wände und zum Nachtlager benutzt wurden. Ein paar Heiligenbilder wurden an die Wände geheftet. Heiligenbilder fanden sich nämlich in großen Mengen in den russischen Dorfhäusern. Sogar einen alten eisernen Ofen hatte Töllchen aufgetrieben und in seiner ,guten Stube< untergebracht. Er rauchte zwar ganz furchtbar — aber er wärmte doch. „Wenn das noch lange so fort geht, fo werden wir noch Maul würfe," schrieb er auf eine Feldpostkarte an seine Angehörigen. „Ich kann mich jetzt schon nach meinen hiesigen Leistungen als Ofen- und Straßenkehrer, Heizer, Strohflechter, Erdarbeiter, Maurer, Zimmer mann, Dienstmann, Koch, Schlosser und Flickarbeiter anbieten. Be sondere Kenntnisse habe ich im Tiefbau und in der Anlage von Wasserleitungen erlangt. Da ich jetzt auch lange im Auslande tätig war und zwar bei einem erstklassigen Unternehmen, dem größten der Welt, nämlich der Firma „Austria-Germania", kann ich die besten Referenzen anführen. Doch Spaß beiseite: es ist furchtbar anstrengend, das Arbeiten und Leben hier im Schützengraben. Aber wir ertragen es gern, werden wir doch bald die russische Feste Warschau haben." So schnell, wie unsere Truppen es wünschten, sollte es freilich noch nicht mit der Eroberung Warfchaus gehen. Die Nüssen brachten starke neue Heere heran und die österrei chischen und deutschen Heeresabteilungen gingen aus ihren vorderen Stellungen im Innern Russisch-Polens, auch in Galizien, in die Nähe der deutschen und ungarischen Grenzen zurück. Dieser Rückzug war ein Meisterstück Feldmarschall Hinden- burgs. Die Verbindungen, Straßen, Eisenbahnen, Telegraphen, 12 Marsch I Marsch I17« Brücken wurden so gründlich zerstört, daß die Russen nur sehr lang, sam folgen konnten. In Galizien hatten inzwischen die österreichischen Heere die Russen in mehreren Schlachten geschlagen, namentlich auch in der Gegend um Lemberg. Daß schließlich Galizien eine Zeitlang auf gegeben werden mußte, hatte seinen Grund in einer eigenartigen Kriegslage, die in einer amtlichen Verlautbarung des österreichischen Generalstabes mit folgenden Worten erklärt wurde: „Der Sieg der Armee Ausfenberg an der Huczwa hatte eine Kriegslage geschaffen, die es ermöglichte, zu einem Angriff gegen die in Ostgalizien eingebrochenen sehr starken russischen Kräfte vorzugehen. In Erkenntnis der Notwendigkeit, unsere nach den Gefechten östlich von Lemberg zurückgegangene Armee zu unter stützen, erhielt die in der Schlacht bei Komarow siegreich gewesene Armee Befehl, gegen den Feind nach kurzer Verfolgung nur untergeordnete Kräfte zurückzulassen, ihr Gros aber im Räume Narol—Uhnow zur Vorrückung in der ihrer bisherigen An- griffsrichtung fast entgegengesetzten Direktion Lemberg zu grup pieren, was schon am 4. September durchgeführt war. Die Russen schienen nach ihrem Einzüge in die ihnen kampflos über lassen? Hauptstadt Galiziens einen Flankenstoß in Richtung Lublin vorzuhaben, wobei sie unsere Hintere in die Grodecker Teichlinie zurückgekehrte Armee Wohl vernachlässigen zu können glaubten. Indessen stand diese Armee bereit, in die zu erwar tende Schlacht unserer nun von Norden gegen Lemberg anrücken den Armeen einzugreifen. Am 5. September war letztere Heeres gruppe bereits über die Bahnstrecke Rawaruska—Horyniec hin ausgelangt. Weiterhin mit dem linken Flügel im Raum von Rawaruska sich behauptend, schwenkte sie mit dem rechten am 6. September bis Kurniki ein und trat am 7. September in einen ernsten Kampf gegen starke nordwärts vorgeschobene feind liche Kräfte. Mit Tagesanbruch des 8. September begann auf der 70 Kilometer breiten Front Komarow—Rawaruska unser allgemeiner Angriff, der bis zum 11. September durchaus erfolgreich war und namentlich am südlichen Flügel nahe an Lemberg herangetragen wurde. Trotz dieser Erfolge wurde es notwendig, eine neue Gruppierung unseres Heeres anzuordnen, weil sein Nordflügel bei Rawaruska bedroht war und frische.173 weit überlegene russische Kräfte sowohl gegen die vor- wärts Krasnik kämpfende Armee als auch im Räume zwischen dieser und dem Schlachtfelde von Lemberg vorgingen. In den schweren Kämpfen östlich von Grodek am 10. Sep tember waren die Erzherzöge Armeeoberkommandant Friedrich und Karl Franz Joseph bei der angreifenden Division. Wie in allen bisherigen Schlachten und Gefechten, so haben unsere braven und schon seit drei Wochen kämpfenden Truppen auch vor Lemberg ihr Bestes geleistet und ihre Bravour und Tüchtigkeit abermals erwiesen. In der fünftägigen Schlacht hatten beide Teile schwere Verluste, namentlich bei Rawaruska wurden meh rere Nachtangriffe der Russen blutig abgewiesen. Gefangene Russen, darunter viele Offiziere, wurden wieder in Massen ein gebracht. Aus Ausweisen unserer leitenden Etappenbehörden geht hervor, daß bisher 41 000 Russen und 8000 Serben in das Innere der Monarchie abgeschoben wurden. Zusammenfassend kann hervorgehoben werden, daß unsere Armee bisher in aktiv ster Weise in heldenmütigstem Kampfe dem an Zahl weit über legenen Gegnern, tapferen, hartnäckig kämpfenden Feinde er folgreich entgegentreten konnte." 12. Kapitel. Die Riesenschlacht in Nordfrankreich. Franz Briese, der seinem Freunde fern auf russischem Boden seine Beförderung zum Gefreiten gemeldet hatte, ertrug in den schwe ren Septemberkämpfen in Nordfrankreich ungeheure Strapazen. Tagelang wurde marschiert, marschiert, marschiert. Die Gulasch- kanonen konnten gar nicht so schnell folgen, so daß oft Schmalhans Küchenmeister war. In gewaltigen Märschen gingen die deutschen Armeen von Nor den her gegen die französische Marnelinie vor. 12«180 Deutsche Flieger erschienen jetzt mehrmals über Paris, so daß dort gewaltiger Schrecken die Bevölkerung packte. Alles, was die Franzosen an Soldaten zusammenbringen konnten, wurde zusammengerafft und zwischen Meaux und Mont- mirail den blitzschnell andringenden deutschen Heeren entgegengestellt. Die deutsche Heeresleitung zog deshalb die am weitesten vorgegan genen Truppen etwas zurück und die Schlachten und Gefechte der nächsten Monate spielten sich dann in der Linie des Aisneflusses ab. Heftige Kämpfe entwickelten sich besonders in der Gegend de? Festung Reims. Die Festung selbst war einige Zeit von schwachen deutschen Kräften besetzt gewesen, lag aber dann wieder in der Kampf front der Franzosen. Franz Brieses Regiment hatte an einem herbstlichen September tage den Aisnefluß überschritten und zwei Bataillone hatten den Feind zurückgeworfen, dabei wurden wieder viele Gefangene gemacht. Brieses Kompagnie stand in zweiter Linie. Brieses Zug erhielt sodann den Auftrag, zur Bedeckung de? Maschinengewehre zurückzubleiben. Ein Dorf, das der Zug soeben Verlasien hatte, brannte an allen Ecken und Enden — ein schaurig-schöner Anblick in der finsteren Herbstnacht. Die Nacht wurde in einem schnell ausgehobenen Schützengraben verbracht. Da kam gegen Morgen die Meldung, daß der Feind links von der Truppe auf Höhen und im Dorfe sich befinde, auch ein einzeln liegendes Bahnwärterhaus besetzt habe. Gegen 7 Uhr früh kam der Befehl: „Regiment greift an!" Brieses Kompagnie ging etwas links schwenkend vor. Im Augenblick horte Franz heftiges Gewehrfeuer. Hinter einer Höhe ging der Zug Brieses etwas in Deckung. Briese erhielt den Auftrag, mit zwei anderen Entfernungsschätzern die Stellungen des Feindes abzuschätzen. Auf dem Bauche kriechen alle vor. Kaum hatten die drei die Höhe erreicht, als auch rechts und links und über ihnen die Geschosse pfiffen. Vom Gegner war aber nichts zu sehen. Briese glaubte ihn zuerst auf der gegenüberliegenden Höhe auf etwa tausend Meter Entfernung zu sehen, jedoch hatte er sich, wiedie drei Entfernungsschätzer bald erkannten, im Getreide- und Rüben» feld auf dem Abhang der Höhe sehr gut versteckt. Sofort kehren die drei Schützen in die Stellung zurück und machen ihre Meldung. Das Feuer der Kompagnie wird eröffnet. Jetzt beginnt auch schon das feindliche Artilleriefeuer, daS größer und stärker zu werden droht. Die Feldgrauen gehen weiter vor. „Sprung auf! Marsch marsch!" Die ersten Verluste durch Artilleriefeuer treten ein. Es folgt ein zweiter Sprung in die Erdmulde hinein. Immer drohender das Granaten- und Schrapnellfeuer! Links von Brieses Truppe geht eine andere Kompagnie vor einem Artilleriefeuer zurück in Stellung, um große Verluste zu ver meiden. Brieses Zug geht auf Befehl des Führers ebenfalls etwa zehn Schritte zurück. Dann aber stürmt die ganze Kompagnie wieder vor und in .Marsch, marsck/ erreicht die gesamte Linie die zweite Höhe. Während unsere Jungen rennen und laufen, machte der Gegn« kehrt und verläßt unter schweren Verlusten seine Stellung. Beim dritten Sprung fühlt Hans Briese plötzlich einen Hammer- artigen elektrischen Schlag an feiner linken Halsseite. „Jetzt hat es mich getroffen! Sieh doch mal schnell nach!" imft er einem Kameraden zu, als sie nach dem Sprung keuchend an der Erde liegen. '182 „Junge, du bist mal gut fortgekommenI Es ist nur eine kleine Fleischwunde." Der Kamerad verband Franz die Wnnde, die man in Friedens' zeiten wahrscheinlich nicht als ,kleine< bezeichnet, sondern sie dem Arzt zur Behandlung überwiesen hätte. „Wollen Sie zurückbleiben, Briese?" fragte der Unteroffizier. „Fällt mir ja gar nicht ein," sagte der Tapfere. „Wenn's nichz schlimmer kommt, mit solch einer kleinen Schramme sehe ich mich noch nicht als Verwundeter an." Und er hielt weiter in dem scharfen Gefecht aus. Durch den angelegten Verband wurde ein größerer Blutverlust verhindert, wenn auch Kragen und Halstuch mit Blut durchtränkt waren. Jetzt konnten die Füsiliere sehen, wie großartig die feindliche Artillerie ihre Geschosse auf die deutschen Unterstützungen lenkte. Immer weiter ging die Truppe vor. Der Feind konnte auch in der zweiten Stellung sich nicht halten. Er wich. Die Brigadeleitung schien mit dem heutigen Erfolge zufrieden zu sein. Es wurde geblasen: >Das Ganze — halt!< Brieses Kompagnie hatte schwere Verluste. Der Hauptmann hatte einen Beinschuß, der Leutnant einen schweren Armschuß, ein junger Offizierstellvertreter war durch Herzschuß getötet. Ein Leutnant wurde Kompagnieführer. Ueberhaupt zeigte es sich in den schweren täglichen Kämpfen in Nordfrankreich, daß die Offiziersverluste im Verhältnis zu den Mannschaftsverlusten weit bedeutender waren. Der Grund liegt da- rin, daß der deutsche Offizier stets in allen Gefechten seiner Truppe als erster vorangeht. Dieser Mut der deutschen Offiziere wurde sogar von unseren Feinden anerkannt. Beim Ruhen auf dem eben genannten Kampffelde fah Franz Briese einige Schritte von sich ab einen verwundeten Franzosen lie gen, der großen Durst zu haben schien. Er gab ihm aus seiner mit Kaffee gefüllten Feldflasche zu trinken. Voll Dankbarkeit wollte ihn der Feind umarmen, zeigte auch dem deutschen,Barbaren^ das Bild seiner Frau und bat Briese um eine Adresse, an die er ihm schreiben könne.183 Briese gab einem Befehl gemäß aber nicht seine militärische Adresse an, sondern schrieb ihm die Adresse seines Vaters in Berlin ans. ,,^b, Lerlin! Ires belle vills!" sagte der Verwundete. „Kennen Sie denn Berlin?" „Ah ja, ich dort waren Koch in ein ssranö bötel!" Dann aber schrie er vor Schmerzen wieder: „I^a, — triste, triste!" — Franz Briese stellte sich der Sicherheit wegen am nächsten Tage dem Bataillonsarzt im nächsten Feldlazarett vor. Dieser untersuchte die Wunde, verband sie kunstgerecht und meinte, er solle acht bis vier zehn Tage im Lazarett bleiben. „Deswegen noch nicht, Herr Stabsarzt! Ich kehre gleich zur Kompagnie zurück. Es wird schon gehen." „Wie Sie wollen." So wurde denn Füsilier Franz Briese als ,leicht verwundet, verblieben bei der Truppe^, in die amtliche Verlustliste eingetragen. Familie Knorr war auf die Verlustlisten abonniert. Als die Liste mit der erwähnten Notiz eintraf, sagte Grete Knorr stolz zu ihrem Vater: „Siehst du, das ist doch ein mutiger Junge, der Franz, der drückt sich nicht, auch wenn er bluten muß!" „Ja, ein braver Junge ist es. Ich habe überhaupt die ganze Familie Briese gern. Der Vater ist auch ein prächtiger Mensch, und die Mutter ist eine Prachtfrau. Wenn alle deutschen Familien so gleichmäßig patriotisch sind und allesamt in der Heimat und im Felln so für die heilige Sache eintreten, dann muß uns der Triumph über unsere Feinde werden!" Einige Tage später traf bei Werkmeister Briese eine Feldpost, karte des von Franz auf dem Schlachtfelde gelabten Franzosen ein. in der er schrieb, daß ,Euer Sohn ein Mlantbomme ist, der mir gutt geHolsen hat/ Diese Karte wurde natürlich durch Briese auch der Familie Knorr vorgelegt. Alle freuten sich über den Edelmut ihres Kriegsfreiwilligen, «m meisten aber Grete Knorr. Große Heiterkeit erregte in Vorderhaus und Hinterhaus an einem der nächsten Tage die Zeitungsnachricht von einem Erlebnis.184 das ein Berliner Prinz — der eine Sohn des Kaisers — in Nord frankreich hatte Ein Reserveleutnant traf auf der Straße einen jungen Offizier, der keine Achselstücke auf dem Feldrock, dafür aber das Eiserne Kreuz im Knopfloch trug. Unser Neserveleutnant redet den jungen Kameraden an: „Sagen Sie mal, Sie haben schon das Eiserne Kreuz, wie kommt denn das? Unser Regiment hat doch noch nichts. Welches Regiment sind Sie denn?" Der junge Offizier: „X.-Grenadier." „Na, die haben sich ja auch ganz gut geschlagen. Haben alle Herren das Eiserne Kreuz?" Der junge Offizier erwidert: „Nicht alle, aber sie werden es Wohl alle bekommen." Der Neserveleutnant fragt weiter: „Bei Ihnen ist doch auch der Oskar. Wie macht sich denn der Mann?" Der junge Offizier: „Oh, ganz gut." Alsdann sagt der Reserveleutnant: „Der muß doch auch hier sein." Der junge Offizier: „Jawohl, er steht vor Ihnen." Unser Reserveleutnant bekam natürlich keinen kleinen Schreck und titulierte den Prinzen Oskar von Preußen, denn der war der junge Offizier, sogar gleich mit .Kaiserliche Hoheit. Im übrigen sei bemerkt, daß auch der Reserveleutnant sich ausgezeichnet geschlagen hat und zum Eisernen Kreuz eingegeben wurde. In einem der nächsten Alarmquartiere lag dann Franz Briese mit einigen Pionieren zusammen. Dabei erzählte einer der Pioniere: „Bei einem Sturmangriff auf die franzosische Stellung nord östlich Soissons war unser linker Flügel heftigem Flankenfeuer eines feindlichen Maschinengewehrs ausgesetzt. Mutig und entschlossen stürmten da der Gefreite Leimann und der Pionier Radzuhn auf das feuernde feindliche Maschinengewehr zu, töteten mit geschickt ge schleuderten Handgranaten die Bedienung, eroberten das Maschinen gewehr und nahmen noch vier unverwundete Franzosen gefangen.185 Eine Granate wurde dem Ge freiten Leimann im Augenblick des Schla derns nach einem feind lichen Geschütz in der Hand durch ein feindliches Jnfanteriegeschoß getroffen. Leimann wurde durch die Explosion an der Hand nur leicht verwundet, wäh rend eigentlich aller Vorausficht nach in einem solchen Falle die ge fährliche Handgranate die ganze Hand und womöglich den Menschen hätte zerschmettern müssen. Der kühne Held hatte aber Glück." „Ach was, Glück; er hatte ,Schwein' sagt man als guter deut- scher Soldat," mischte sich ein anderer Pionier ein. „Ja, Leimann hat noch mehr,Schwein' gehabt. Es wurde ihm am selben Tage vom Major das Eiserne Kreuz verliehen." „Na, weißt du, da hat er eigentlich kein Schwein gehabt, sondern da hat er nur erhalten, was er für seine Tapferkeit verdient hat," sagte der andere Pionier. „Wie ist das eigentlich mit den Handgranaten?" fragte Briese. „Ich habe solch ein Ding noch nicht gesehen." „Du wirst sie schon noch in die Hand bekommen, denn jetzt wer den auch unsere Infanteristen in der Handhabung dieser neuen Waffe susgebildet." „Ich weiß aus der Geschichte, daß man im Mittelalter Hand granaten warf, woher ja auch der Name ,Grenadier' stammt", sagte Briese darauf, „aber in neueren Kriegen war sie gar nicht mehr üblich." „War sie wohl auch zweihundert Jahre lang nicht," erwiderte der Pionier. „Erst im russisch-japanischen Kriege wurde sie wiederin Gebrauch genommen, und zwar von den Japanern. Jetzt be grüßen uns die Engländer damit. Wir haben aber sofort auch das neue Kampsmittel in unsere Waffenreihe ausgenommen und, wie gesagt, du wirst die moderne Handgranate schon auch noch in die Hand bekommen. Sie ist sogar ein sehr gutes Mittel, um die Feinde beim Nahsturm zu vernichten." „Wie wird denn das Ding geworfen?" fragte Briese weiter. Der Pionier erklärte: „Die Handgranate ist länglich und sieht einem Zylinderputzer in der Form ähnlich. Innen ist sie mit Spreng stoff und kleinen Kugeln gefüllt. Beim Aufschlagen explodiert sie. Der Soldat trägt einen Vorrat davon am Koppel. Sie besitzt einen eigenartigen Sicherheitsmechanismus: Beim Abschleudern bleibt nämlich eine etwa zehn Meter lange Schnur in der Hand des Schleu derers zurück, die erst nach ihrem Ablauf die Sicherung aufhebt und nun erst die Granate explodierbar macht. Selbst ein Fall vor dem Ablauf der Schnur würde die Granate noch nicht explodieren lassen, so daß der schleudernde Soldat durchaus sichergestellt ist." Es dauerte denn auch nicht vierzehn Tage, da wurden in Brieses Bataillon die Leute im Werfen dieser Handgranaten regelrecht aus gebildet. — Außerordentliche Kämpfe entwickelten sich Ende September und Anfang Oktober sodann an der Linie Compi^gne—Arras—Lille. Die deutsche Heeresleitung mußte mit verhältnismäßig schwachen Kräften große Massen der Franzosen aufhalten, die unseren rechten Flügel bedrohten. Brieses Regiment hatte wie alle anderen Truppenteile gewaltige Märsche zurückzulegen. Es wurde meilenweit in der zumeist hügelig beschaffenen Land schaft marschiert. Eine Abteilung deutscher Kavallerie, die in der Gegend von Lille und Hazebrouck mit feindlichen Reiterdivisionen im Gefecht gewesen war, begegnete der marschierenden Infanterie. Die Pferde waren ermüdet und die grauen Lanzenreiter von mehrtägi gem ununterbrochenem Dienst ermattet und beschmutzt, hatten aber trotzdem noch ein freundliches Lächeln und einen kameradschaftlichen Gruß für die marschierenden Kameraden übrig. Ueberhaupt bildete sich hier in Frankreich zwischen den stolzen Reitern und den von ihnen im Frieden oft spöttisch als,Fußlatschern" l8L187 bezeichneten Infanteristen ein brüderliches und kameradschaftliches Verhältnis heraus. Brieses Regiment sollte heute nicht direkt ins Feuer kommen, sondern blieb in Reserve, um jederzeit bereit zu sein. Den vorn kämpfenden Truppen mußte über das Schlachtfeld gefolgt werden. Und die Schlachtfelder von 1914 waren meist zwanzig und hundert mal größer als 1870! Damals wurde ja schon ein Kampffeld von wenigen Quadratmeilen als -Schlachtfeld^ bezeichnet. An einer Wegbiegung kam Brieses Regiment dicht an die Feuer linie. Die hier im Kampf befindlichen jungen deutschen Regimenter schössen sehr gut, denn Unmengen von toten Franzosen und Englän dern lagen auf den Rübenfeldern umher. Das Regiment kam durch mehrere Landstädtchen. Ueberall donnerten die Kanonen. Die Städte und Dörfer ringsum brannten und sandten grell leuchtende Feuergarben zum Himmel. „Ein ergreifender und furchtbarer Anblick," sagte Franz Briese zu einem Kameraden. „Es ist nur gut, daß es feindliche und nicht deutsche Ortschaften sind, die so der Kriegsfurie zum Opfer fallen." Seitwärts rechts der marschierenden Truppe standen einige deutsche schwere Batterien, die mit 21-Zentimeter-Granaten den weit links stehenden unsichtbaren Feind beschossen. Von den Laufgräben zwei Kilometer ab hörte Franz Briese das deutsche Gewehrfeuer knattern. Das Regiment war in der Mitte des gegnerischen Feuers. Ueber die Köpfe der langsam weiter nach Norden marschierenden Truppe Pfiffen die französischen und deutschen Granaten hinweg. Die Geschosse des Feindes fielen nicht weit von Brieses Kompagnie nieder, explodierten und zerrissen das Feld, gruben sich tief in die Erde hinein und ließen ganz gewaltige Löcher zurück. Dann hemmte ein fürchterliches Hindernis den Weitermarsch auf der weißstaubigen Chaussee. Ein feindliches Geschoß hatte einen deutschen Munitionstransport getroffen. Die Pferde waren buch stäblich in Stücke zerrissen, die Wagen zersplittert und die Ladungen explodiert. Die begleitenden Soldaten waren sämtlich tot, von den Geschoßsplittern entsetzlich verstümmelt. Ein Teil der Mannschaften wurde kommandiert, das Hindernis aus dem Wege zu schaffen. Unser Franz Briese konnte einige Tränenim Auge nicht Verhalten, als er die furchtbar zerrissenen deutschen Jungen sah, die hier in treuer Pflichterfüllung ihr Leben hatten lassen müssen. In dem nächsten Orte war alles entsetzlich zugerichtet. Hier hatten noch eine Stunde vorher hinter den zerschossenen rauchge schwärzten Mauern die deutschen Soldaten gelegen und die heran stürmenden französischen Züge beschossen. Noch jetzt siel ein Regen von Granaten über das Dorf. Ueberall herrschte ein Höllenlärm. Franz Briese war zumute, als ob er sich, inmitten eines Kanonenparks befände, von wo unablässig geschossen würde. An allen Seiten krepierten die Geschosse und die Schrapnells zerstieben vor und hinter Briese auf der Erde. „Es soll mich doch Wundern, ob wir durch diesen Eisen- und Bleirsgen hindurchkommen werden," sagte der Nebenmann Brieses zu diesem. Im selben Augenblick siel er seitwärts blutüberströmt zu Bo den. Ein Granatenstück hatte ihm den Kopf zerschmettert. Franz Briese schauderte bei dem Anblick. Ja, er meinte später, nichts habe ihn während des ganzen Krieges mehr innerlich bewegt, wie hier der Anblick des schauderhaft zerrissenen Körpers des eben noch gesund neben ihm marschierenden Kameraden. Aber es gab kein Aufhalten! Das Regiment marschierte weiter und kam in das Städtchen Noye. Die Straßen waren menschenleer, die Häuser zerstört und ver brannt. Es war, als ob ein Erdbeben die Ursache dieser Katastrophe gewesen wäre. Jeden Augenblick fanden noch neue Explosionen statt. Immer und immer wieder fielen neue Granaten auf die schon stark beschädigten Gebäude; um das grauenvolle Zerstörungswerk zu voll enden. Gerade war die Kompagnie Brieses im Begriff, um eine Straßenecke zu biegen, als eine gewaltige Mauer quer über den Weg der Kompagnie stürzte. Man kam aber mit dem Schrecken davon. Dann und wann sah Briese einen vor Schreck fast erstarrten verwundeten Franzosen in einer Mauerecke sich winden und vor Todesangst schreien, ja brüllen. Der Hauptmann rief jetzt einen leicht verwundeten Deutschen an, der der Kompagnie den Weg zum Rathause zeigen mußte. 1L3Alle Zugänge zu dem freien Platz vor dem Nathause — i« Frankreich sagt man unsere Soldaten sagten aber stramm: ,Maierei^ — waren durch die eingestürzten Häuser, umgefallene Mauern und durch brennendes Gebälk versperrt. Die Kompagnie mußte über Schutthaufen hinweg. In demselben Augenblick aber, als Briese und seine Kameraden vor dem Rathause anlangten, wurde es von einer Granate getroffen und ein großer Teil des Mauerwerks stürzte unter ohrenbetäubendem Lärm zusammen. „Darunter wird manch armer Teufel begraben sein, die Stadt obrigkeit, die ich suche, auch wohl mit," hörte Briese seinen Haupt mann zum Feldwebel sagen. Vor dem zerschossenen Haupteingang wurde ,Halt< komman- diert. Die Kompagnie durfte sich ,rührend Als Franz Briese sein Gewehr mit denen dreier anderer Kame raden zusammengesetzt hatte, legte er sich quer über einen Balken und zündete sich eine Zigarette — Liebesgabe von Grete Knorr — an. Es war ein unbewußtes Verlangen nach einem Beruhigungs mittel. Dann wurde er mit anderen kommandiert, die in dem bren nenden Nathause liegenden Verwundeten herauszutragen. Das Ge bäude drohte jeden Augenblick einzustürzen. In der großen Vorhalle des Hauses kam Franz Briese an einem toten Soldaten vorbei. Er lag auf dem Rücken, die gebrochenen Augen mit starrem Blick gegen die Decke gerichtet. Unter dem Kopfe hatte der Blutstrom eine große Lache gebildet. Ein anderer lag zusammengekauert neben ihm, das Gesicht in den Händen vergraben. Ein blutjunger Offizier kam den Eintretenden entgegen gelaufen. Vergeblich suchte er seine Erregung zu bemeistern. Mit bebender Stimme erzählte er, daß im Keller des Hauses viele Tote und Verwundete, und zwar Freund und Feind, lägen. Briese ging mit seinen Kameraden hinunter. Entsetzliches bot sich ihnen dar. Ganze Haufen sterbender und verwundeter Fran zosen türmten sich da auf. Die wenigen Deutschen waren auch sämt lich schwer verletzt. Es kamen jetzt auch andere Soldaten, auch die Sanitäter von Brieses Kompagnie hinzu; alle hatten die nervenerschütternde Auf- 1KS190 gäbe, die Verwundeten aus dem schwer gefährdeten Stadtgebäude in die Ambulanzen hinauszutragen, die inzwischen in einigen weiter abgelegenen weniger beschädigten Häusern eingerichtet worden waren. Während alle hier vollauf beschäftigt waren, drängte sich allen die bange Frage auf: ,Kommen wir lebend von hier fort?< Franz Brieses guter Stern behütete ihn auch diesmal. Er kam lebend heraus. Nur eine Schrapnellkugel streifte fast unmittelbar sein Gesicht, schlug dann an dem Gewehrlauf an und fiel zu Voden. Franz Briefe nahm sie vom Boden auf und bewahrte sie als An denken an den Tag, wo er inmitten des seitlichen Feuers arbeiten mußte, ohne selbst auch nur einen Schuß abgegeben zu haben. Gegen Abend ließ das feindliche Feuer nach, der Feind war von den fechtenden Truppen weiter nach Westen zurückgedrängt worden und seine Geschosse konnten jetzt die Stadt nicht mehr erreichen. Ganze Trupps gefangener feindlicher Soldaten wurden am Abend in Roye eingebracht. Briese gehörte mit zu den nächtlichen Bewachungsmannschaften. Die entwaffneten Soldaten waren sichtlich froh, in deutscher Gefangenschaft zu sein. Sie sagten teilweise recht fröhlich: „I.A Auerre est kinis — pour nous!" Als Franz Briefe einen der durch Entbehrungen gänzlich herab gekommenen Burschen fragte, ob die Verluste der auf Roye anrücken den deutschen Truppen bedeutend gewesen seien, erklärte er rundweg: „Die Teufelskerle trieben uns mit ihren Kanonen so gründlich zu rück, daß sie wenig Leute zu opfern brauchten. Bei uns ist es leider das Gegenteil. Uns jagt man blindlings in die Schlacht hinein!" „Voug Z,vo2 des (Meiers" (Ihr habt doch Offiziere), radebrecht? Franz Briese mit seinen paar französischen Brocken. Aergerlich sagte da der gefangene Monsieur: „Unsere Offiziere verstehen nichts. Wären wir unter besserer Führung, so könnten wir das Geschäft ebenso gut wie ihr!" Franz Briese mußte freudig bewegt lächeln über das hohe Lob, das der Franzose damit den deutschen Offizieren aussprach. Recht hatte der Mann ja. Denn ,den deutschen Leutnant macht uns keiner nach<, hatte ja schon Fürst Bismarck einst gesagt. Ein anderer Gefangener sagte noch zu Briese: „Es ist uns ganz unbegreiflich, wie die Deutschen imstande sind, sich auf ganz kurze Distanzen anzunähern, ohne daß man sie merkt. Ihre Aus-Nutzung des Geländes ist ganz fabelhaft und wird selbst von unseren Offizieren bewundert. Das bringen weder Franzosen noch Eng- länder zustande. Die deutschen Bataillone haben einen eisernen Schritt: das klingt immer, als kämen gerade noch dreimal so viele anmarschiert." „Wenn die Kerle so denken, dann: Lieb Vaterland magst ruhig sein! Wir müssen siegen," war die Meinung Brieses zu seinem Ka meraden, der mit ihm die Gefangenen bewachte. „Ich habe auch schon die tollsten Sachen gehört," erwiderte der Kamerad. „Der Zustand bei den verbündeten Franzosen und Eng ländern muß im höchsten Grade liederlich sein. Die frischen englischen Soldaten sollen so schlecht ausgebildet sein, daß man sie nur in ganz geringer Anzahl ins Gefecht schicken kann. Die englische Artillerie wird sogar vielfach von Franzosen bedient. Das Durcheinander bei den Verbündeten muß unbeschreiblich sein: Nichts geht in Ordnung vor sich." „In acht Tagen sind unsere Gefangenen bereits in Döberitz bei Berlin. Könnte man doch auch einmal acht Tage nach Berlin," seufzte Franz Briese. „Hast Wohl Sehnsucht nach Muttern?" lachte der Kamerad. „Damit warte aber nur noch ein Weilchen. Bis zum Siegeseinzug in Berlin hat es noch sehr lange Zeit. Ich glaube, der Krieg kann sehr lange dauern." „Hast du übrigens in der „Feldpostzeitung" gelesen, daß jetzt auch die Türkei in den Krieg eingreifen wird?" fragte Briese noch. „Ist ja famos! Die Muselmanen werden den Nüssen und Engländern schon schöne orientalische Märchen erzählen, zumal sie jetzt deutsche Lehrmeister haben." Die erwähnte „Feldpostzeitung" war auch eine Sache, die uns die Feinde schwer nachmachen konnten. Es wird nämlich die Zeiwng für unsere Soldaten in Feindesland geschrieben, gedruckt und ver teilt. So hatten unsere Feldgrauen immer die neuesten Kriegs- Nachrichten zu lesen, erfuhren auch vieles aus der Heimat und man- ches aus Feindesland. Franz Briese gab seinem Kameraden noch eine Nummer der „Feldpostzeitung" zu lesen, in der das Urteil eines franzosischen Generals über die deutschen Kämpfer abgedruckt war. Es lautete: IN192 »I <!!' ,Alle unsere Verwundeten sind darin einig, zu behaupten, daß die Deutschen einen praktischen und hervorragenden Er- kundungsdienst haben und daß sie sich vom technischen Gesichts punkte aus in bemerkenswerter Weise schlagen. Sie verstehen es, geduldig zu sein und zu warten. Sie haben gesicherte Lauf gräben und setzen eine wirkliche Kunst darein, das Gelände aus zunutzen. Sie machen sich unsichtbar und bereiten sich auf un seren Ansturm mit blutigen Ueberraschungen vor. Ihre Ma schinengewehre, sehr groß an Zahl, bald zusammen, bald zer streut, sind verborgen aufgestellt, oft an einer Waldgrenze, wobei sie eine versteckte Schußlinie zu gewinnen suchen. Ihre ersten Linien marschieren, geschützt durch Getreidegarben, vor oder verschanzen sich gut. Vor ihnen sind ihre besten Schützen, jene, die man ihre ,Offizierabschießer< genannt hat. Fast alle unsere Führer wurden durch diese Schützen getötet, die immer verborgen waren, entweder in hohen Bäumen oder hinter einer kleinen Deckung. Wenn sie ihre Stellungen eingenommen haben, rücken die Kompagnien vor. Ihre Verbindungen mit den verschiedenen Truppenteilen sind so vollständig, daß die Übereinstimmung zwischen Infanterie und Artillerie immerfort sehr eng ist. Ihre Infanterie rückt nur getragen von der Artillerie vor/ „Sieh mal an, wie richtig der Franzose urteilen kann. Ns- wir werden den Franzen noch manchesmal mit unseren Waffen zu setzen," sagte der Kamerad, als er Franz Briese das Blatt zurückgab. Als am nächsten Morgen die 'Kompagnie Brieses in einem zerschossenen Dorfe Alarmquartier bezogen hatte, gewahrte Franz Briese von seinem Quartier aus eine hübsche, ihn freilich zuerst ver blüffende Szene. Ein bärtiger Landwehrmann, Unteroffizier, breitschultrig, an den Schläfen schon ein bißchen grau, steht vor einem blutjungen schlanken Leutnant und schwingt einen zerknitterten Feldpostbrief vor der Nase des zurückweichenden Vorgesetzten. Dann schreit er ihn an: „Also, das bitt' ich mir aus, daß mir das nicht noch mal vorkommt!" Da tritt schnell ein Hauptmann auf den Aergerlichen zu und sagt: „Aber, Menschenskind, um Gotteswillen, machen Sie sich doch - nicht unglücklich. Das ist doch Ihr Vorgesetzter, ist ein Leutnant!"133 „Zu Befehl/' brummt der Landsturmmann. „Leutnant mag er sein, ist mir ganz gleich — aber mein Sohn ist er auchl Und er hat mich bei Muttern verpetzt. Er hat geschrieben, ich schone mich zu wenig, sei immer viel zu schnell vorne weg. Da hat sich die Alte zuhause geängstigt und schreibt mir, ich sollte mich nicht unnötig den Gefahren aussetzen und an Weib und Kind denken. Das kann ich mir als deutscher Krieger nicht gefallen lassen." Sowohl der erst so entsetzte Hauptmann wie auch unser Franz Briese mußten laut auslachen, als sich der so schlimm aussehende Vor fall so harmlos und doch so bezeichnend für den deutschen Soldaten aufklärte. — Die Lage in Nordfrankreich war wochenlang nicht so angenehm für unsere Musketiere, wie in den ersten sechs Wochen des Krieges: damals hatte man den Bewegungskrieg, jetzt den Stellungskrieg in den Schützengräben, der auch noch monatelang anhalten sollte. Trotzdem mußten die Truppen große Märsche machen. Die einzelnen Korps wurden nacheinander an den verschiedensten Plätzen der nach und nach von Flandern bis zu den Vogesen reichenden Kampffront verwendet. „Ich glaube, daß man sich in der Heimat von den Strapazen und Schrecknissen des Krieges noch gar nicht die rechte Vorstellung macht," sprach Franz Briese zu seinem Kameraden, als man wieder einmal nach 45 Kilometer Tagesmarsch in einem dürftigen Quar- tier lag. „Die zuhause Gebliebenen lesen in ihren Zeitungen Plaude reien von Leuten, die nie hier draußen waren und denken sich die Sache hochromantisch und nur ab und zu dramatisch," sagte ein Ein jähriger, der neben Briese lag. „So etwa: Generäle auf dem Feld herrnhügel, die Truppen im Tal, Glocken am Abend, Choräle und Siegesrufe! Dann singt man ,die Wacht am Rhein' und andere schöne Lieder, schäkert mit den Töchtern der Bauern im Quar tier usw." „Etwas Poesie hat ja auch der Krieg," erwiderte Franz Briese. „Ich muß immer abends, wenn ich mich in Regen und Sturm in meinen schmutzbedeckten und schon recht zerrissenen Mantel hülle, an das Holteische Lied vom Mantel, der ,dreißig Jahr alt' war, denken. Mein Mantel hat mich ja oft ,wie ein Bruder be schützet', auch manches Geschoß ist hindurchgegangen — aber dreißig IL Marsch! Marsch!Jahre wird kein Militärmantel alt. Drei Monate ist schon ein lange Lebensdauer für Militärzeug." Am nächsten Tag ging das Regiment wieder als Gefechts, reserve vor. „Ein Feldbecher brennend heißer Kaffee ist doch ein Labetrunk ersten Ranges," sagte Franz Briese zu dem Einjährigen-Kameraden. „Ja, bloß manchmal fehlt er auch, weil sich die Feldküchen wagen nicht zu weit in die vorderen Linien wagen dürfen." Bald sahen die übermüdet und ungewaschen Vormarschierenden Reiter und Patrouillen vor sich im Nebel des Herbstmorgens. Das nächste Dorf ist wieder vom Feinde besetzt. Die vor Brieses Regiment vorgehende Division geht zum Angriff darauf los. .Hinter dem Obersten hält Brieses Kompagnie in einer Schlucht vor einer mit Buschwerk bestandenen Höhe. Die Sonne ist jetzt aufgegangen, leuchtet hell und klar bis weit in die Ferne, nachdem sie den kalten Morgennebel verjagt hat. Franz Briese sieht durch das Fernglas, das ihm der Einjährige geliehen hat, die ersten ausgeschwärmten Schützenlinien über die Hü gel, die hier mit Wein bewachsen sind, vorgehen. „Das Regiment macht sich kampfbereit!" kommt an die Reser ven der Befehl. Eine halbe Stunde banger Erwarwng vergeht. Franz Briese hat auch sein Gewehr kampfbereit in der Hand. Morgenrot, Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod!< zieht es durch sein Hirn. ,Aber nein, ein deutscher Soldat soll nicht ans Sterben, soll nur ans Siegen denkenl^ sagt ihm seine klare Vernunft. ,Wir stehen alle in Gottes Hand/ Hügelwelle auf Hügelwelle wird gefechtsbereit langsam über schritten. Der rote Sonnenball scheint jetzt auf einen der Weinberge; dunkle Wolken quellen von dort auf. Unsere Flieger haben auch schon von dort feindliche Artillerie gemeldet. Schon sieht Franz Briese wieder die ihm schon so oft entgegen getretenen blau-roten Infanteristen der französischen Republik in flachen Erdgruben, an Straßenrainen, in Wasserabzuggräben und auf den Weinbergen. Der deutsche Divisionsgeneral will ihnen keine Zeit geben, erst noch tiefere Schützengräben auszuheben. Darum heißt es für alle Truppenteile schnell vorwärtsgehen! Man kommt auf siebzehnhundert Meter, auf zwölfhundert Me- 1S4ter heran. Es werden tausend, schließlich nur noch achthundert Me ter daraus. Brieses Kompagnie ist ausgeschwärmt. Wie auf dem Weseier Exerzierplatz nehmen auch hier die Leute ihren Abstand. Ruhig vollzieht sich alles, wenn auch immer unter dem Waffenrock das Herz klopft. Hier im Feuer der schon kräftig eintreffenden feindlichen Geschosse zeigt sich die Disziplin der deutschen Soldaten in hervor ragendster Weise. Immer neue Schützen schwärmen, auch andere Regiment« stoßen zu den Weselern. Auf allen Seiten wird jetzt geschossen. Helle Gewehrschüsse — und langsam schwer beginnt auch der Donner der Geschütze. Jetzt hat Brieses Kompagnie in mehreren ,Sprüngen< die Höhe erreicht. Rechts und links, in die eigenen Reihen schlagen die franzö sischen Kanonenzentner ein, ein Hagel von Gewehrgeschosien rasselt über die Köpfe der ruhig an der Erde Liegenden. Wieder ein Sprung! Was fällt, fällt. Es heißt nur: Weiter, weiter! Dann legt sich Brieses Kompagnie in einen Ackergraben. Mit allen Künsten einer großartigen Feuerdisziplin und Feuer> Verteilung, die jeden Mann zum Glied einer großen unzerreißbaren Kette macht, saufen die Kugeln der Musketiere und Füsiliere den Franzen um die Kopfe. „Es ist ein wohlgeübtes Zielen wie auf dem Schießstand," denkt unser todesmutiger Franz Briese. „Wir wollen treffen, treffen, treffen!" Was weiß man auch davon, daß die Feinde Menschen sind, die man tot oder zu Krüppeln schießt — für den Soldaten sind es jeU nur Zieles Drei große Granaten der weit hinter den Schützenlinien stehen den schweren deutschen Haubitzenbatterien reißen jetzt ihre Schlünde auf. Es ist, als ob einstürzende Häuser vom Himmel fallen. Die Befehle der Vorgesetzten werden in dem furchtbare« Schlachttoben nicht gerufen, sondern gebrüllt. Tote liegen neben Briese, vor ihm, hinter ihm. Neben ihm schreit ein Kamerad auf — der Einjährige, mit dem er noch vor kurzem geplaudert, er liegt in seinem Blute. 13* 1V5196 Weiter, nur immer weiter! Da reißen die Feinde auch schon aus. Heraus aus ihren flachen Gräben und Mann für Mann niedergemäht. Das Franz Briese längst wohlbekannte Signal ,Sturmangriffs ertont. Es folgt sogleich das Signal .Gewehr Pflanzt auf!< Die Trommel schlägt zum immer schneller werdenden gleich mäßigen Sturmangriff. Mit gefälltem Gewehr geht das Bataillon in die feindliche Stellung hinein. Da liegt Leiche an Leiche. Aber Franz Briese ist ja diesen An blick schon gewohnt. Man kann etwas Luft holen nach dem letzten Rennen. „Das ging schnell," sagt Franz Briese, „oder . . Er reißt seine Uhr vor — „Was, schon sechs Stunden währt der Kampf?!" Mittag ist es geworden. Die Sonne steht hoch am Himmel. „Herrgott, wie mir der Schweiß von der Stirne rinnt!" Franz Briese blickt sich um. Zum Verbandplatz schleppen sich die Verwundeten. Sanitäter tragen Schwerverletzte. Neben der Brieseschen Kompagnie ist jetzt die schnell vorgeeilte deutsche Artillerie aufgefahren. Im Nu ist sie in neuer Feuerstellung. Wie Feuersterne funken ihre Geschosse in die Reihen des Fein des hinein. Brieses Kompagnie folgt einem schon weiter vorgegangenen Bataillon auf die nächste Geländewelle. In einem nahen Gehölz werden die stark gelichteten Kom pagnien etwas gesammelt. Meldereiter, Gefechtsordonnanzen, Adjutanten rasen hinzu. Kilometerweit stehen Truppen, Truppen aller Art. Nochmals geht es vorwärts. Keine Ruhe hat heute wieder Brie ses Kompagnie. Vorwärts in die Ferne rechts seitwärts geht's. Alle Gebäude des großen Gehöftes, das ein Weingut für sich bildet, brennen. Kläglich brüllen angeschossene Rinder, noch kläglicher schreien angeschossene Schweine vor einem brennenden Stall. Neue feindliche Geschosse schlagen ein. Reichlich hält noch immev der Tod seine Ernte. „Wann trifft's mich, wann trifft's mich," denkt Franz Briese.Dort sind Obstgärten. Mitten im Feuer reißt Briese mit sei nen Kameraden einige Pflaumen von den Bäumen. Der Hunger ist ja schon so sehr groß, hat man doch außer dem frühmorgens erhaltenen heißen Kaffee noch nichts zu sich genommen. Der Ma gen muß an Gefechtstagen zurücktreten, das ist einmal so im deut schen Heere. Erst die Niederzwingung des Feindes, dann die Sorge für das eigene Ich. Im Laufschritt, die Lunge ausgepumpt, das Herz in Fieber- stoßen schlagend, geht's noch einige hundert Meter weiter. Wohin man kommt, weiß man nicht mehr. Das weiß nur die höhere Leitung, die die Schlacht auf vor sich ausgebreiteter Karte mit Sicherheit verfolgt. Der einzelne Soldat, auch der Offizier, geht nur immer weiter, ganz gleich wohin. Nur der Feind ist das Ziel. Nieder muß er! Ueber Ackerfurchen, durch Weinbergsspaliere, über Sträucher und Kalksteingeröll rast die wilde Jagd. Langsam hüllt endlich der Abend die Landschaft in Dämmern und Frieden. Todmüde sinkt Franz Briese mit seinen noch lebend gebliebenen Kameraden an einem Waldrande nieder. Wie ein Schrecken geht durch die noch übrige Schar die Kunde, daß der Haupt mann und die beiden Leutnants der Kompagnie tot oder verwundet sind. Der Feldwebel ist auch nicht mehr da. Ein Reserve-Vizefeld- webel übernimmt das Kommando der tapferen Kompagnie, die wie der die Hälfte ihres Bestandes auf dem Felde der Ehre eingebüßt hat. „Hunger, Hunger!" meldete sich der Magen unseres Franz. Den ganzen Tag nichts gegessen. Das letzte Stück Brot wird aus dem Beutel gerissen. Mit Heißhunger verzehrt es Franz. „Herr Gott, ich danke dir!" Kaum kann er es noch denken. Dann sinkt er in einen unruhigen Schlaf, wilde Träume jagen ihn. Mal ist er in Berlin, mal sitzt er neben Grete Kroll am Ostseestrande, dann glaubt er wieder inmitten toter Feinde zu liegen. Das er schöpfte Nervensystem wirbelt alles in tollem Wirbel durcheinander. Zwei Stunden unruhiger Schlaf. Um zehn Uhr abends aber kommen die Feldküchen, diese einzig dastehende großartige Fürsorgeeinrichtung unserer Truppen. Im Kriege 1870 hätte die todesmüde Truppe noch abkochen müssen, wenn sie essen wollte. In schnellster Gangart schleppen die schweißtriefenden Pferde die Gulaschkanone heran. I.S7Franz Briese erwacht, von einem Unteroffizier angestoßen. „Esten fassen!" Fast zu müde ist man, um aufzustehen. Aber der knurrende Magen bezwingt die Müdigkeit. Das warme Fleisch in der fetten Suppe wird von unserem Franz Briese hastig heruntergeschlungen. Dann heißt es noch einmal: „Auf!" „Bekommt man denn gar keine Ruhe heute," lallt der schwan kende Musketier. Ein Stück geht's in das Gehölz weiter hinein. Mit Schaufel, Hacke und Spaten wird von den todmüden Soldaten noch in kurzer Zeit ein brauchbarer Schützengraben hergestellt. Man ist dem Feinde ja wieder nahe! Stroh wird in den Graben geschüttet. Die Abendkühle macht sich bemerkbar. Hinein geht's in den Schützengraben. Das Gewehr wird über die Brüstung gelegt. Brieses Kompagnie verbringt die Nacht zwei» tausend Meter entfernt vom ebenfalls ermüdeten Feinde. Franz Brieses Gedanken wandern, während er am Schützen» stank liegt, nach der Heimat. In den nächsten beiden Wochen hatte Franz Briese dann etwas Ruhe. Sein Regiment kam erst in der Mitte des Oktober weiter nach Norden, nach Flandern, davon erzählen wir dann im nächsten Kapitel. Mehrmals schrieb er jetzt längere Briefe an die Eltern und an seine Freundin Grete Knorr. Auch fein Freund Hans Knorr, der im Osten auf dem Kriegspfad gegen die Russen große Mühsale ertrug, erhielt manche Feldpostkarte. Der Verkehr mit den Lieben in der Heimat war ja allen unseren Kriegern zu einem unabweis baren Bedürfnis geworden. Die Feldpost, die in den ersten sechs Kriegöwochen noch nicht so schnell ihren Dienst dem beispiellos schnell vorgehenden Heere anpassen konnte, arbeitete jetzt mit großer Pein lichkeit, so daß der regelmäßige Verkehr zwischen den Kämpfenden und den in der Heimat Tätigen sich glatt abwickeln konnte. In Bapaume, wo Franz Briese einige Tage in Quartier lag, war er bei einem französischen Weingroßhändler einquartiert, und auf einem Briefbogen dieses feindlichen Kaufmannes, der Geschäft, Keller und Kontor im Stiche gelassen hatte, um unnützerweise vor ISS199 den,deutschen Barbaren^ zu fliehen, schrieb Franz Briese einen lan gen Feldpostbrief, in dem sich folgende Stellen fanden: .... „Ein besonderer Sport entwickelt sich jetzt oft in den zerschossenen Dörfern. Es werden nämlich die verlaufenen Schweine in lustiger Jagd eingefangen und von Sachverständi gen alsbald kunstgerecht zerlegt und in irgendeinem noch halb wegs erhaltenen Hause auf dem Herd zu trefflichem Schmause hergerichtet. Kartoffeln und Gemüfe gibt es dazu reichlich in den hiesigen Gärten. Daß wir auch die Hühner nicht auslassen, versteht sich von selbst. Das sind Festtage, und das arme Vieh, das die geflohenen Besitzer zurückgelassen hatten, mußten wir doch schon aus Humanität vom Hungertode erretten! In einem dieser Dörfer habe ich übrigens die Erfahrung gemacht, daß die französischen Einwohner zwei Greisinnen und zwei alte Männer hilflos im Granatenhagel zurückgelassen hatten. Wir nahmen uns der armen Menschen, so gut es gmg, hilfreich an. An Schlachttagen nährten wir uns nach Möglichkeit von Büchsen fleisch aus den Tornistern gefallener französischer Soldaten. Eines tieftraurigen Ereignisses, dessen Zeuge ich war, will ich hier besonders gedenken. Es war eines Abends auf einem einsamen Pachthof. Drei Granaten waren dort am Tage ge platzt, und ein toter Soldat, acht tote Pferde lagen im Garten. Zwei frische Massengräber zeugten von früheren Kämpfen, und in diesem Grauen saß der Pächter mit der Frau und fünf Kin dern, von denen das kleinste ein zartes, krankes Mädchen von ein paar Monaten war. Unser Oberst gab den armen Leuten die Er laubnis, auszuziehen. Da luden sie ihre Habseligkeiten auf den Wagen, spannten zwei Pferde davor und zwei Kühe dahinter, und durch die Nacht rollte das Fuhrwerk fort — ein Bild wie aus ,Hermann und Dorotheas In langen Sprüngen lief der treue Hofhund hinterher. Dem Schicksal sei Dank, daß dieser unheilvolle Krieg, dieser Krieg der verwüsteten Fluren und heimatlosen Armen, unserm deutschen Vaterlande in der Haupt sache erspart bleibt! Wir Zurückgebliebenen schaufelten ein Grab zu Füßen einer Weide, in das wir den Toten legten, ein kleines hölzernes Kreuz pflanzten wir darauf, schrieben Name und Ort auf das Kreuzlein und hängten einen grünen Zweig darum.200 Ein armer Dienstknecht vom Bayrischen Wald, aus einem einsamen Bergdorf, war der Tote. Auch er starb für unser Vaterland! . . ." Die Frauen aus Vorderhaus und Hinterhaus betätigten sich währenddes weiter in der vaterländischen Hilfsarbeit. Frau Knorr tat eines Tages ihren sie alle Woche an einem Tage treffenden Dienst der Kriegsfürsorge auf einem Berliner Fern bahnhof. Es war noch früh am Morgen. Ein Herr von" vornehmer Er scheinung, der mit einem Schnellzuge aus dem Westen kam und nach Schlesiens Hauptstadt wollte, trat auf den Bahnsteig und wendete sick an Frau Knorr. „Kann man hier als Nichtverwundeter auch etwas WarmeS bekommen? Die Nacht war doch recht kühl." Frau Knorr erwiderte: „Aber gern! Hier ist eine Tasse Kaffee, er ist schön heiß und wird für ein paar Groschen für das Rote Kreuz auch an Private abgegeben." Der feine Herr nimmt die Tasse Verwundetenkaffee verbindlich entgegen und hebt sie leicht gegen die Spenderin. „?our ksÄltk, gnädige Frau!" „Halt, das kostet noch besonders zehn Pfennig. Dort auf dem Tisch steht die ,Fremdwortbüchse<. Sie hat unserer Kriegsfürsorge schon eine Menge eingebracht." „Natürlich, gnädige Frau. Jetzt darf man keine englischen Aus drücke mehr in Deutschland gebrauchen. Aber wissen Sie. ich war noch diesen Sommer in London, da gewöhnt man sich das so an. Also Prosit!" Frau Knorr lachte. „Das kostet nochmals zehn Pfennig. Sie können doch ebensogut sagen: Ihr Wohl!" Der Herr lächelte auch. „Du lieber Gott ja, das könnte man ja. Es kommt einem das Fremdwort nur so momentan auf die Zunge." „Momentan^ — das kostet auch einen Nickel, mein lieber Herr. Wir lasten hier kein überflüssiges Fremdwort mehr durch, wir deut. schen Frauen; unserer Kriegskasse wt das sehr gut. Warum sagen Sie nicht: augenblicklich, augenblicks oder im Augenblick?" „Na, meinetwegen. Ist ja alles schön und gut, aber verdammt anstrengend. Während des Krieges mag es noch gehen. Nachher201 Hort aber leider der ganze Zauber wieder auf. Also Pardon, mein« Gnädige . . Frau Knorr drohte ihm jetzt lächelnd mit dem Finger. Der Herr schrickt über das schlimme französische Fremdwort erst recht zusammen und steckt dann in komischer Zerknirschung ein blan kes Markstück in die „Fremdwort-Strafkasse". Zuhause erzählte dann Frau Knorr das Vorkommnis ihrem Manne und ihrer Tochter, die sich köstlich freuten, daß ihre Mutter, die selbst früher von der Fremdwortsucht der Deutschen nicht frei war, so zielbewußt gegen die Fremdwörterei im deutschen Verkehrs ton vorgegangen war. Vater Knorr erzählte dabei noch, daß er am Abend zuvor in seinem Stammlokal zu dem bekannten Radetzkymarsch die folgendes von den Gästen gedichteten Strophen gesungen habe: „Den Gentleman aus Engeland, Den Franzmann an der Seine Strand, Den Zaren aller Reußen, Die alle tat's verdrenßen, Daß Deutschlands Aar so kräftig war Und mächtig regt sein FWgelpaar, Sie wollten ihn erlegen, Doch war dabei kein Segen. Aus einem Adler wurden zwei. Denn Oesterreich war auch dabei. Zwei Adler und der Schnäbel drei. Die hau'n die ganze Welt entzwei!" Mit seinem Werkmeister Briese unterhielt sich Knorr in den nächsten Tagen über eine der nichtswürdigsten Unmenschlichkeiten, die die brutalen Engländer gegen unsere deutschen Helden an- wandten. „Es ist doch eine offenbare Schande für die sämtlichen Kulturvölker des zwanzigsten Jahrhunderts, daß diese Engländer sich nicht schämen, die sogenannten Dum-Dum-Geschasse zu verwen den. Diese grausamen, besonders präparierten Geschosse verursachen unmenschliche Wunden und sollten nach den internationalen Ver trägen, die auch England einst unterschrieben hat, nur gegen wilde Tiere, nicht aber in Kriegen der Weißen Kulturvölker verwendet werden," sagte der Fabrikherr zu seinem Werkmeister.202 «Ja, aber kümmert sich England um internationale Verträge, Herr Knorr?" antwortete Briese. „England ist so stockenglisch, das heißt also eingebildet rücksichtslos, daß es glaubt, alles tun zu dürfen und wenn es die gemeinste Niedertracht darstellt." „Soviel ich weiß, hat man Dum-Dumgeschosse zuerst 1837 in Ostindien verwandt. Als damals die englischen Truppen bei dem gefährlichen Aufstand der Aheidivölker merkten, daß ihre Hartblei geschosse mit Stahlmantel die verwundeten Gegner nicht sogleich kampfunfähig machten, suchten sie die Wirkung dadurch zu verstär ken, daß sie die Spitze abfeilten, bis der Blei kern sichtbar wurde. Nach der Stadt Dumdum bei Kalkutta, wo solche Geschosse zuerst fabrikmäßig hergestellt wurden, heißen sie bis heute ,Dum-Dum geschosse^. Bei ihnen zerreißt das Blei wegen seines großen Be harrungsvermögens — es ist bekanntlich spezifisch schwerer — den Mantel an der Spitze völlig, tritt wie ein platzender Wassertropfen aus und übt im Körper des Getroffenen eine Art Sprengwirkung von grauenhafter Wirkung." „So hat mir ein Arzt, den ich vor einigen Tagen sprach, auch die Sache erklärt," meinte Briese. „Während normal auftretende Langgeschosie den Leib des Gegners glatt durchschlagen und die Knochen nur splittern, reißen die Dum-Dumgeschosse einen nach hin ten stark sich vergrößernden Trichter, zermalmen dabei die Knochen und Wersen die inneren Gewebe nach außen, erzeugen also höchst grausame Wunden, die nur sehr schwer und mit dauernder Ent stellung des getroffenen Körperteils endigen." „Auch im Kriege gegen den mohammedanischen Mahdi im Su dan haben die Engländer diese Geschosse gebraucht," fügte Knorr hinzu. „Dann aber erhoben sich starke Stimmen gegen ihre Ver wendung und zwar mit Rücksicht auf die Petersburger Konvention von 1868, die verbietet, im Land- und Seekriege Geschosse unter 100 Gramm zu verwenden, die mit Explosivstoffen gefüllt sind. Da raufhin gestaltete England für sein Lee-Mitford-Gewehr das Blei spitzgeschoß zu einem Hohlspitzgeschoß um und verwandte es stark im Burenkriege, wo es nicht minder schreckliche Wunden verursachte." „Ich erinnere mich dabei," sagte der Werkmeister, „daß selbst im Londoner Parlament damals dem englischen Kriegsminister der hundertfache Ruf ,Pfui!' und ,eine Schande für England!' entgegen-203 gerufen wurde, als er zynisch diese barbarische Tatsache vor den Ab geordneten des englischen Volkes eingestand." „Trotzdem vertrat das perfide England auch auf der Haager ,Friedenskonferenz^ von 1899 den Standpunkt, daß die Dumdum geschosse keineswegs besonders grausam seien, auf jeden Fall noch humaner als die alten Bleigeschosse," sagte Knorr im weiteren Ver lauf des Gespräches. „Erst im Jahre 1907 unterzeichneten Eng land, Frankreich und Belgien — die schon damals übrigens zum Ueberrall auf das mächtig emporstrebende Deutschland eng ver bündet waren — das Haager Abkommen, wonach ,verboten werden: Gebrauch von Waffen, Geschossen oder Stoffen, die geeignet sind, un nötig Leiden zu verursachend" Briese fügte noch hinzu: „Daß es bei den Dumdum- und an deren verwandten Geschossen nur auf die grausame Wirkung an kommt, das beweist der Umstand, daß ihre veränderte, das heißt ab geplattete Spitze die Treffsicherheit stark herabsetzt. Bereits bei einigen hundert Metern Entfernung ist von richtigem Zielen keine Rede mehr. Ein anständiger Schütze wird sie also schon aus diesem Grunde niemals anwenden, aber was gilt einem Engländer — einem Weißen oder einem farbigen — die Menschlichkeit und An ständigkeit. Es sind die Dumdums die würdigen Geschosse für den heimtückischen Kampf aus dem Hinterhalt, wie ihn der Engländer ja besonders liebt." Knorr meinte: „Was nun ihre Verwendung durch unsere Feinde anbelangt, so sind folgende Tatsachen unableugbar festgestellt: Solche Geschosse wurden nicht nur bei englischen und französischen Gefangenen gefunden, zum Teil noch in der Originalpackung der Fabriken, sondern auch in den von uns eroberten französischen Festungen Longwy und Montmedy entdeckte man englische Maschinen zu ihrer fabrikmäßigen Herstellung." „England und Frankreich haben also auch hier in dieser Be ziehung wieder die völkerrechtlichen Abmachungen nicht gehalten," war Brieses Antwort. „Und da wagen es diese Leute, unsere bra. ven und ehrlichen deutschen Jungen .Barbaren' und .Hunnen' zu schimpfen!" Knorr fagte: „Sehr gefallen hat es mir und auch allen meinen Bekannten, daß der deutsche Kronprinz dem Festungskommandanten von Longwy, dem er zunächst in deutscher Ritterlichkeit den Degen204 beließ, dieses Ehrenzeichen wieder abforderte, als er mit Empörung hörte, daß in Longwy unter diesem Kommandanten Dumdums zur Vernichtung unserer Jungen hergestellt worden waren." „Ja, man ist noch auf weit eingehendere Feststellungen gekom men," meinte Briese, „man hat in der Kaserne des französischen Infanterieregiments Nr. 120 eine Kiste mit Dumdumgeschosien in fabrikmäßiger Verpackung, das heißt in Paketen zu je acht Patronen gefunden, deren Aufschrift war: ,Bis zur Mobilmachung sind diese Geschosse an die Schützengesellschaft in Mouzay auszuliefern/" Knorr meinte dazu: „Es ist also der Schluß berechtigt, daß die französische Militärbehörde die Beschaffung solcher Geschosse veran laßt hat, in der Absicht, die mit Handhabung der Waffen vertraute Zivilbevölkerung von Mouzay, einem Dorfe bei Sunay, bei Kriegs ausbruch damit auszurüsten, um den Franktireurkrieg gegen uns zu entfesseln." „Gelesen habe ich auch, daß ein englischer Major — der übri gens nebenbei bemerkt aus Torgau entfliehen wollte, aber wieder ein gefangen wurde — zynisch zugegeben hat, daß seine Leute mit Dum dumgeschossen versehen waren, indem er hinzufügte, daß man mit der Munition schießen müsse, die die Londoner Militärverwaltung geliefert habe." „Hoffentlich läßt unsere deutsche Heeresleitung den Feinden wissen, daß wir schwere Vergeltungen an die von uns Gefangenen ausüben werden, wenn das Anwenden der Dumdumgeschosie nicht aufhört," sagte Knorr. Dann fügte er noch hinzu: „Haben Sie übrigens auch gelesen, lieber Briese, daß wir jetzt endlich wegen der unbarmherzigen Be handlung unserer zivilen Landsleute durch die Engländer Vergel tung üben werden?" „Nein, noch nicht. Das wäre aber sehr geboten, denn in den sogenannten Konzentrationslagern Englands werden die armen Deutschen, die bei Ausbruch des Krieges im feindlichen Lande waren, wie Verbrecher gehalten." „Das will man aber vergelten," erwiderte Knorr. „Von An» fang des nächsten Monats an werden sämtliche Engländer, die sich noch in Deutschland aufhalten, ohne Unterschied ihres Berufes und Standes nach dem dazu bestimmten Konzentrationslager in der Rennbahn Ruhleben bei Spandau gebracht."„Das ist eine recht erfreuliche Maßregel. In den Pferdeställen in Ruhleben haben die stolzen vornehmen Engländer noch ein viel zu gutes Unterkommen gefunden," war die ehrliche Meinung des Werk meisters, der damit die Meinung aller Deutschen aussprach. Am nächsten Tage waren die beiden Männer abermals in Zorn geraten. „Das ist doch himmelschreiend, lieber Briesel" mit diesen Wor ten begrüßte der Fabrikherr seinen Werkmeister. „Lesen Sie doch einmal diese neueste amtliche Meldung!" Briese las: ,Der Generalstabsarzt der Armee und Chef des Sanitäts wesens, von Schjerning, hat dem Kaiser folgende Meldung er stattet: Vor einigen Tagen wurde in Orchies ein Lazarett von Franktireuren überfallen. Bei der am 24. September unter nommenen Strafexpedition durch das Landwehrbataillon 36 stieß diese auf überlegene feindliche Truppen aller Gattungen, und mußte unter Verlust von 8 Toten und 35 Verwundeten zurück. Ein am nächsten Tage ausgesandtes Pionierbataillon stieß auf keinen Feind mehr und fand'auch den Ort von den Einwohnern verlassen. — In Orchies wurden 29 bei dem Gefecht am vorhergehenden Tage verwundete Deutsche grauenhaft ver stümmelt aufgefunden. Ohren und Nafen waren ihnen abge° schnitten, und man hatte sie durch Einführen von Sägemehl in Nase und Mund erstickt. Die Richtigkeit des darüber aufge nommenen Befundes wurde von zwei franzosischen Geistlichen unterschriftlich bekräftigt. Orchies wurde dem Erdboden gleich gemacht/ „Das ist eine gerechte Strafe für diese Verbrecher!" war die Meinung des Entrüsteten. „Wenn wir da nicht mit den schärfsten Mitteln eingreifen, dann geht das verbrecherische Treiben noch weiter." „Das ist ganz meine Meinung," erwiderte Knorr. „Aber wir können uns darauf verlassen, daß die Feinde fortan nicht zart an gefaßt werden." — — 2W206 13. K ap i t e l. Zranz Briese in Flandern. England hatte Belgien schnöde im Stich gelassen, es hatte zwar einige Bataillone Marineinfanterie nach Antwerpen geschickt, aber wir haben in einem früheren Kapitel schon erzählt, wie schnell sich Belgier und Engländer aus dem von deutschen Brummern beschosse nen Antwerpen auf die Flucht machten. England hatte inzwischen stärkere Truppenmassen in Dünkirchen und Calais gelandet und suchte mit aller Gewalt das Vordringen der deutschen Heere nach der Nordseeküste aufzuhalten. Es mußten daher noch starke deutsche Truppen nach Flandern gesandt werden, um den Engländern den Vormarsch zu verlegen. Die Absicht der Franzosen und Engländer war noch immer, den rech ten deutschen Armeeflügel zu umfassen und womöglich Antwerpen und Brüssel zu befreien. Die ganze egoistische Hinterhältigkeit der britischen Politik enthüllte sich in diesen Tagen. England hatte mit tönenden heuch lerischen Worten verkündet, daß es nur um die von Deutschland ver letzte ,Neutralität Belgiens zu schützen, in den Krieg gezogen sei. Tatsächlich war England aber sehr wenig au dem Bestehen eines selbständigen Belgiens gelegen. Belgien sollte nur eine Art Brückenkopf für England sein, um dieses Jnselreich gegen das europäische Festland zu schützen. Englische Politiker sprachen es zynisch aus, daß England nur für sich und seine Interessen kämpfte, daß ihnen das Schicksal Belgiens und Frankreichs und Serbiens und Rußlands eigentlich gleichgültig wäre. Wenn England jetzt Belgien >helfen< wollte, so tat es das nur, um die Deutschen nicht an die Seeküste kommen zu lassen, von wo der Weg nach London nahe lag. Brieses Regiment wurde auch nach Flandern vorgeschickt. Da- bei kam Franz Briese wieder in recht fruchtbare Gegenden, wo es für die deutschen Soldaten reichlich zu essen gab. Er schrieb an seine Eltern:„Wir leben jetzt mal wieder acht Tage wie die feinsten oberen Zehntausend in Berlin, Paris und Wien: alle Tage Hühnerbraten, Sekt und — Kommißbrot. Dabei kann man bestehen! Ich würde Dir, lieber Vater, und Dir, liebste Mutter, gern einmal so ein Dutzend Flaschen feinen französischen Champagner schicken, denn im Hinter hause Langerdamm 12 kennt man Schaumwein nicht. Da muß eine große Weiße aushelfen. Ist aber auch nicht zu verachten. Ich wollte, ich hätte manchmal eine hier," so schrieb Franz Briese an seine Eltern. „Jetzt ist der Junge auf dem bedrohten rechten Heeresflügel der Deutschen. Wenn ihm nur nichts geschieht!" sagte Frau Briese zu ihrem Mann. „Es steht da schlecht um uns." „Wie kann man nur so etwas sagen, Frauchen; mit deutschen Hee ren steht es nie schlecht! Wenn sie auch einmal ein paar Wochen nicht jeden Tag hundert Kilometer sieg reich vordringen," erwiderte Vater Briese. „Warte nur die Zeit ab, wir kriegen hier am rechten deutschen Flügel, wo der General Kluck kom mandiert, die Franzosen und Eng länder doch noch klein." — Eine rührende Szene sah Franz Briese auf seinen vielen Märschen Gm-r-uobersl mu-r, in einer französischen Stadt. Er ging mit einem der älteren Reservisten, die tn seiner Kompagnie stan den, in einen Kramladen, um Putzzeug zu kaufen. Wie überall, wunderte sich auch hier die Krämerin, daß die „Hunnen", wie bel° gische, franzosische und englische Zeitungen die Deutschen oft ge- nannt hatten, alles Gekaufte bar bezahlten. Das hatten ja die Sol daten ihres eigenen Landes, die vorher in der Stadt waren, nichi getan. Als Franz Briese sein Geld aufgezählt bekam, öffnete sich eine Tür zum nebenanliegenden Zimmer. Drei niedliche französische Kinder — ein Knabe und zwei Mädchen — sahen mit erstaunten, Reugierigen Blicken auf die grauen Männer. A)7Der Reservemann ging auf die Kinderchen zu, nahm das etwa, fünfjährige Mädchen auf seinen Arm und herzte es. Kreischend vor Angst kommt da die Mutter gesprungen und will dem „Hunnen" — der doch geWitz die unschuldige kleine Made» moiselle töten Willi — das Kind entreißen. Dem Krieger aber stehen einige Tränen in den Augen und lächelnd wehrt er die Frau ab; in gebrochenem Französisch sprechend: „Nais, ainsi trois pstites evkantsl" (Ich, ich habe auch drei Kinderchen)! Sogar ein Stück Schokolade erhalten die Franzosenkinder von dem Kriegsmann, der an seine eigenen Krabben in der Heimat dachte. Waren solche Leute Hunnen? Ms solche hatten uns unsere Feinde verschrien. An einem schönen Herbsttage Mitte Oktober war Brieses Batail lon aufgebrochen und marschierte einem Walde am Aisnefluß ent gegen, wo vorgedrungene Feinde stehen sollten. Der Halbzug, dem Franz Briese angehörte, hatte den Auftrag, die linke Seitendeckung zu übernehmen und Verbindung mit einer andern Kompagnie zu halten. Der Wald war so dicht, daß der Halbzug aber bald die Verbin dung verlor. Dafür stieß man auf eine englische Kavalleriepatrouille, die aber sofort Kehrt machte, als sie die „grauen Jungen" durch den Wald kommen sah. Während des Vormarsches hörte Briese lebhaftes Geschütz- und Gewehrfeuer aus dem Westen — aus der Gegend der Festung Lille — herüber. Je näher man dem Waldrande kam, um fo bemerkbarer machte sich das Einschlagen der Granaten. Krachend fielen die Aeste nieder und die Gewehrgeschosie fuhren pfeifend und rasselnd durch die Zweige. Mit heillosem Feuer wurde der Halbzug Brieses von den vor° liegenden Höhen aus überschüttet. Engländer lagen dort in guten Schützengräben. Das Gehölz bot den Musketieren nur wenig Schutz. „Kommt heraus!" rief der Leutnant seinen Jungen zu. .Wix sind hier nutzlos im Feuer der englischen Banditen." L0S203 Mit Schrecken überzählte er seinen Halbzug. Nur zehn Leute waren ihm geblieben. Rasch eilten die vom Tode Verschonten eine steile Anhöhe hinan. Die Aufmerksamkeit richtete sich auf eine von Franzosen und Engländern bediente Maschinengewehrgruppe. „Sollte es möglich sein, dahin zu kommen?" Dieser Gedanke ergriff alle vom Leutnant bis zum letzten Musketier. Gleichsam als Antwort aller rief Briese: „Es geht!" Eine Senke lag zwischen den Musketieren und der feindlichen Stellung. Die Mitrailleufen richteten ihr Feuer auf die Wackeren. Toll und gefährlich wurde die Lage. Jeder wühlte sich im Boden mit Fußspitze und Ellbogen ein und schoß auf die Feinde. An scheinend war jeder Schuß ein Treffer. Englische Tellermützen und französische Käppis verschwanden etwas. „Jungen, hier können wir nicht bleiben!" rief der Leutnant, der mit dem Gewehr eines Gefallenen schoß. „Hier müssen wir alle sterben! Wir müssen zurück!" rief ein Unteroffizier, dem der Schweiß von der Stirn perlte. „Zurück?" fragte Franz Briese. „Nie zurück, das ist der Deutschen Losung!" Als ob alle das gleiche fühlten, fprang das wackere kleine Häuf lein auf, Franz Briese als erster. Ein tüchtiges Stück hatten sie in rasendem Lauf zurückgelegt. „Niederwerfen!" Eine Minute nur! Dann wieder auf. „marsch, marsch, Hurra!" Man glaubte etwas seitwärts auf die Maschinengewehre los gehen zu können, um die Feinde, deren Hintere und seitliche Deckung unter dem gleichzeitigen Granatenhagel der deutschen Artillerie ver nichtet oder geflohen war, zurückzuwerfen. Da — ein Zug vorstoßender Turkos! Da gibt's kein Ausweichen, kein Zurückgehen mehr. Noch lie gend ein paar wohlgezielte Schüsse. Dann drauf! ,Feste druff!" mit Hurra! Hurra! Der kühne Stoß gelang. Noch nicht oben waren die wenigen deutschen Jungen, da flohen die khakifarbenen Engländer und die bunten Franzosen und die pluderhosigen Turkos in wildester Flucht 14 Marsch210 Ueberraschend — in fliehender Hast — in Sekunden, nicht Minuten, waren die paar Todesmutigen in der feindlichen Stellung. Mit der blanken Waffe wurden die letzten „erledigt". Franz Briese bielt zwei Engländer fest und gab ihnen Berliner Schlosserfäuste zu spüren, als sie noch versuchten, sich zu wehren. Eine mit zwei Pferden bespannte Maschinengewehrlafette wollte noch abfahren. Die Fahrer wurden heruntergeholt. Drei Maschinengewehre hatten die Braven erbeutet. — Wer nicht zu Ende war dieser heiße gefährliche Kampf. Ein frischer Zug englischer Infanterie kam aus der zweiten Staffel der Feinde vor. Einer der Khakifarbenen legte in nächster Nähe auf Franz Briese an. Der hat jetzt seinen Revolver bereit. Zwei — drei Schüsse aus dem Sechsläufer und der Engländer ist auch „erledigt". Aber auch Franz Briese hat etwas abbekommen. Ein anderer Engländer hat ihm einen Kolbenschlag versetzt. Ihm schwindet die Besinnung. Wie es ihm weiter erging, ersehen wir erst aus einem Briefe, der acht Tage später in Berlin eintraf. „Lange mußte meine Ohnmacht gedauert haben. Als ich er- wachte, sah ich mich erschrocken um. Wo waren denn meine Maschinen-211 gewehre? Wo war denn ich? Hatte ich geträumt? Ich richtete mich auf. Nein, es war Wirklichkeit! Rings dröhnte Kanonendonner. Mein Kopf schmerzte, Blut riefelte am Kopfe herunter. Aber ich lebte! Jetzt erinnerte ich mich des Duells mit den letzten Englän dern. — Richtig, da lag ja mein „Müllkutscher"^). Ich hatte nicht geträumt. Eine Abteilung Krankenträger folgte uns. Ich rief sie an. „Wo sind die Maschinengewehre?" „Zurückgebracht und in Sicherheit!" „Gott sei Dank!" rief ich erleichtert aus. Meine Kopfwunde ist leicht, ängstigt Euch nicht, liebe Eltern, wenn Ihr meinen Namen in der Verlustliste als „leicht verwundet" lest. Ich liege im Laza rett zu Chaveny und bin in acht Tagen wieder in der Front!" Nachtragen wollen wir noch, daß der leichtverwundete Franz Briese sich mit einigen Kameraden, die das gleiche Schicksal ereilt hatte, in das nächste hinter der Schlachtlinie gelegene Dorf begab. Vorher hatten alle, wie es üblich war, aus der linken inneren Ecke ihres Waffenrockes ihre Notverbandpäckchen geholt und sich gegen- seitig notdürftig verbunden. Als der Trupp in das Dorf kam, hatte einer der Leute großen Durst. Er ging an eine verängstigte, aber doch neugierig gaffende Bauernfrau heran und spricht: „Geben Sie mir Milch!" „Nix eowprsaäs," erwiderte mit blödem Blick die Frau halb süddeutsch, halb französisch. Da buchstabierte der Musketier: „M—i—lich, Milch!" Franz Briese, der hinzugetreten ist, sagt jetzt ganz leise zu der Frau: äs Isit, s'il vous plait." (Neichen Sie mir, bitte, Milch.) „0ui, wonsisur, oui!« ruft sie und holt die Milch. Da sagt der durstige Musketier, der da glaubte, er hätte richtig gefordert, triumphierend: „Seht ihr, man muß nur deutlich mit der Bande reden, dann verstehen sie alles!" Franz Briese aber dachte an die einstigen Ferienkolonietage, wo er bei Hans und Grete Knorr ein paar französische Brocken ge lernt hatte. An Grete dachte er überhaupt sehr oft, schrieb ihr auch die Milchszene aus dem Lazarett auf einer Ansichts-Feldpostkarte. Grete bewahrte sie in ihrem Album am Ehrenplatz. — >) Die Berliner Soldaten nannten die Engländer .Miilllutscher», weil die Berliner Müllab- sohrer ähnliche braungelbe Tellermützen tragen.212 Im Knorrschen Hause ging bald darauf ein Brief des Verlags- buchhändlers Otto Weichert ein. Anschaulich erzählte er von seiner Wohnung und einem Kaffeebesuch im Felde. Frau Knorr las mit großem Interesse ihrem Manne vor: . . Ich schrieb Euch schon, daß ich jetzt in einem kleinen Bodenraum über meinen Pferden mit meinem Putzkameraden Ditt- rich liege, welcher mir aus Stroh das denkbar beste Lager geschaffen hat. E6en zimmert er neben meinem fürstlichen Schreibtisch, der neben einem Misthaufen steht, eine Tür, damit wir nachts unser bisher offenes Türloch schließen und uns so besser vor Kälte schützen können. Als Feldsoldat muß man überhaupt Vieles nachlernen. Meine ersten Näh- und Flickversuche solltet Ihr sehen! Ich glaube. Ihr würdet Euch krank lachen! Ich stellte mich so wenig geschickt an, dsß mir Dittrich entrüstet die Nadel fortnahm und weiternähte. Auch die Kochversuche der Leute sind kostbar. Zu Anfang war das Esten meist wenig genießbar, aber jetzt haben sich zwei meiner Leute so eingekocht, daß wir, soweit möglich, tatsächlich gut essen. Heute, Sonntag, wurde zuerst für mich eine gebratene Hammelleber serviert und nachher gab's gekochtes Hammelfleisch und Wrucken, auf Hoch deutsch Kohlrüben, sowie Kartoffeln. Heute nachmittag habe ich Kaffeebesuch, drei Kameraden, mit denen ich von Berlin zusammen fortfuhr, und da macht mein zweites Faktotum, ein echter Littauer, Plinsen aus Mehl, Wasser und Salz, gebraten in Oel, sowie wirklich guten Kaffee mittels eines gefundenen Kaffeetrichters. Die Herren müssen gleich kommen und ich schreibe morgen deswegen weiter. Der Kaffeebesuch verlief glänzend, die Plinsen waren ausge zeichnet. Die Freude stieg dann ins Ungemessene, als abends 7 Uhr neben einem Brief meiner Frau das erste Zigarrenpaket ankam. Ihr könnt Euch unmöglich vorstellen, mit welcher Freude und wel chem Genuß wir diese echten Berliner Zigarren rauchten. Zwölf Zigarren wurden sofort probiert, zehn als Reserve aufgehoben. Hoffentlich kommen bald wieder neue Sendungen. Meine Kameraden lassen sich jedenfalls herzlich bedanken und freuen sich schon auf mehr " „Die Zigarrenfreude soll er öfter haben," sagte lächelnd Vater Knorr. Mitte Oktober erhielt Familie Knorr eine weitere Feldpostkarte von Gustav Drews. Er schrieb:„Endlich ist die Zeit des Nichtstuns vorüber. Meine Verwun dung ist geheilt und ich kann in einigen Tagen wieder zur Front. Ich brenne darauf, wieder auf die Engländer, Belgier und Fran zosen einHauen zu können. Hoffentlich ist wenigstens Belgien bald erledigt, vor Antwerpen soll es ja bald bis zum Fall gekommen sein. Jetzt heißt es von neuem „Feste druff!" Hoffentlich ent wischen uns die Engländer nicht, wenn sie aus Antwerpen hinaus gejagt werden. Ich möchte zu gern noch einmal so einigen britischen Dickschädeln einige Grüße zusenden. Ihr schreibt ja so selten. Namentlich wundere ich mich, daß Grete immer nur einen kurzen Gruß schickt. Etwas herzlicher könnte sie schon sein. Von Hans habe ich einige Karten aus Ostpreußen erhalten. Er scheint ja auch feste zu dreschen auf die Nussenhunde . . ." „Und Franz Briese auf die Franzosenkatzen!" sagte Grete Knorr, als der Vater den Brief Gustav Drews vorlas. „Mädel, was ist das nur, wenn dein Bräutigam schreibt, dann denkst du an Franz Briese," meinte die Mutter. Später sollte es sich zeigen, daß der Gefreite Franz Briese weit mehr Raum in ihrem Herzen einnahm als der Verlobte Feld webel Gustav Drews. — Dieser kam zu seinem Truppenteil, der jetzt in der Nähe der kurz zuvor von den Deutschen eroberten Festung Lille lag. Schwere Kämpfe hatten nach dem Fall von Antwerpen gegen die Franzosen und die aus der Festung Antwerpen entwischten Heerestrümmer der Engländer und Belgier stattgefunden. Aber die Armee des Generalobersten Kluck hatte die zusammengewürfelte Gesellschaft überall geschlagen. Gent, Ostende, Brügge und die letzten belgischen Landstriche waren in der Hand der Sieger. Fast ganz Belgien war deutsch. Zur Besatzung kamen ganze Divisionen frischer neuer Truppen in das Land. Darunter waren auch Regimenter, die nur aus Freiwilligen bestanden und die zum Teil bis zu dreivierteln ihres Bestandes Leute mit dem Einjährigenzeugnis und bis zur Hälfte mit dem Abiturium hatten. Diese frischen Jungen brannten darauf, auch noch ihren Mut an den vielen Feinden Deutschlands zu erproben.Am 18. Oktober entspann sich westlich und nordwestlich von Lille abermals eine Schlacht. Die vereinigten Franzosen und Eng länder machten die letzten Versuche, den deutschen rechten Flügel — die Gesamtschlachtfront dehnte sich jetzt von den Vogesen bis zur Nordsee aus — zu durchbrechen. Alle Versuche scheiterten an der deutschen befestigten Linie, die wie ein Wall von Stahl stand und überall den Angriffen der Franzosen scharfe Gegenstöße entgegen setzte. Seit beinahe vier Wochen wurde von Verdun bis Lille fast täglich gekämpft. Die Tapferkeit der verbündeten Feinde machte unfern Truppen viel zu schaffen, aber doch blieben die Deutschen stets Sieger. Gustav Drews mußte schon am Abend vor der Schlacht mit in die vorderste Linie. Nur unter dem Schutze der Dunkelheit war es möglich, an den Feind heranzukommen. Die vorgeschobenen Patrouillen mußten das Gelände genau er kunden. Sie schleichen leise vor. Nach kurzer Zeit liegen sie mit abgeblendeten elektrischen Taschenlampen in der neuen Linie. Auf ein leises Zeichen erheben sich lautlos die Mannschaften' — auch unser Drews — und eilen ohne Kommando oder Geräusch vorwärts. Kein Waffenklappen, kein Raffeln, kein Klappern von Kochge schirren und Werkzeugen ist hörbar. Sowie die neue Linie erreicht ist, wirft sich alles hin. Die Spaten werden herausgeholt und das Eingraben beginnt. Da — ein Blitz! Der Verteidiger der gegenüberliegenden fran zösisch-englischen Stellung sucht mit einem elektrischen Scheinwerfer das Gelände ab. Drews legt den Spaten beiseite, wirft sich Platt auf die Erde. Er und seine Kameraden machen keine Bewegung mehr. Und jetzt kriecht der flackernde Lichtkegel über die am Boden Liegenden hin, — aber das deutsche praktische Feldgrau der Unifor men macht sie unsichtbar. Wie tote Klumpen Erde sehen sie aus. Neben jedem Mann liegt das Gewehr. Sie sind alle bereit blitzschnell aufzuspringen, falls sie doch entdeckt werden. Aber das unheimliche Licht wandert ahnungslos weiter.215 Wieder beginnt Drews mit seinen Nachbarn die lautlose Arbeit. Nach einigen Stunden hat die Truppe einen neuen tiefen Schützengraben aufgeworfen. Lautlos und doch klopfenden Herzens wartet man. Da beginnt im Osten das erste Frührot des Herbsttages aufzu tauchen. „Morgenrot, Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod," muß Gustav Drews unwillkürlich denken. Jetzt hebt ein Feuern aus Schützengräben, Maschinengewehr- stellungen und von der über Nacht ebenfalls näher herangezogenen Artillerie an. Drews achtet auf die Käppis der Franzosen. Sieht er eins, dann schnell darauf einen Schuß. Er sieht das Käppi verschwinden. Aber auch der Feind ist nicht nachlässig. Er patzt genau so auf wie Drews. Drews duckt sich, ein Geschoß geht dicht neben ihm in den Graben. Dann aber — ein Saufen in der Luft, ein Donnern, ein Blitz, sine Feuergarbe, ein Tosen und Singen. Gelbdunstige Dämpfe umhüllen die Streiter. Eine feindliche Granate ist in die deutsche Schützenlinie gefallen. Fünf Mann liegen zerschmettert am Boden. Drews auch! „Leb Wohl . . ." wollte er sagen: schöne Welt oder Grete? Nichts mehr war weiter verständlich. Gustav Drews, der Weltmann, der ein mutiger Kämpfer ge worden war, ist den Heldentod für das Vaterland gestorben. Im Knorrschen Hause herrschte tiefe und aufrichtige Trauer Wer den Tod des Verlobten der Grete. Aber gerade diese, die doch am meisten betroffen war, hatte Wohl die wenigsten Tränen für den Gefallenen. Auf ihrer Kommode standen Bilder des Gefallenen, ihres Bru ders und ihres Freundes Franz Briefe. Schweigend nahm sie Drews' Bild und legte es in den Kasten. Vor Franz Brieses Bild aber blieb sie lange Zeit sinnend stehen.216 Die Kämpfe zwischen Metz und den Vogefen, die schnelle Er oberung der nordfranzösischen Festungen, die wochenlange Reihe von Schlachten an der Aisne und Marne stellten Schlachten dar, wie sie auf unserem Erdenrund in der Weltgeschichte überhaupt noch nicht ausgefochten wurden. Ein großer, genial erdachter und mit peinlichster Ordnung und Folgerichtigkeit durchgeführter Plan beherrschte die Riesenfronten. Vor dem furchtbaren deutschen Ansturm wichen Franzosen, Belgier und Engländer in gleicher Kopflosigkeit. Belgien war erledigt und hatte deutsche Besatzung. Die Fran zosen standen vor dem Zusammenbruch und England bekam nach gerade eine Angst, die anfing komisch zu wirken, vor einem deutschen Einfall ins eigene Land, vor Zevpelinen und vor der deutschen Flotte. Die hinterhältigen Briten, die doch schließlich die Schürer und Anstifter des blutigen Weltkrieges waren, sollten bald noch mehr Furcht bekommen. Vorläufig hatte die deutsche Flotte schon gezeigt, daß sie ein nicht zu unterschätzender Gegner war. Unterseeboote hatten schon verschiedene englische Panzerkreuzer in den Grund ge bohrt. Der eigentliche Aampf zur See sollte aber erst noch kommen. Daß die Briten im Verein mit den schlitzäugigen Mongolen die deutschen Kolonien zum Teil besetzt hatten, war bedauerlich, aber vorläufig nicht zu verhindern. Jeder wußte, daß die Abrechnung auch für die Ueberfälle der Kolonien in Europa erfolgen sollte. Die Kriegsoperationen der deutschen Heere nahmen inzwischen auf den westlichen Kriegsschauplätzen guten Fortgang. Die Reste der aus Antwerpen geflohenen belgischen und englischen Divisionen wurden von dort nach Ostende. Brügge, Gent und weiter südlich getrieben. Brieses Regiment war einen Tag in Ostende und Franz Briese konnte hier zum zweiten Male in seinem Leben das Meer be grüßen. Das erste Mal hatte er es begrüßt, als er vor Jahren mit den Knorrschen Kindern an der Ostsee in der Ferienkolonie war. Die Erinnerung daran ließ ihn eine Feldpostkarte an Grete Knorr schreiben. Er sprach sein Beileid über den Tod ihres Ver lobten Gustav Drews aus und schrieb darin einige Zeilen über den Eindruck, den das Meer aus ihn machte.217 Grete Knorr hatte ihre Trauer um den gefallenen Bräutigam schnell überwunden. Sie schrieb nun an den Lebenden in freund- lichster Weise: „Lieber Franz! Herzlichen Dank für Ihre liebe Karte vom jetzt deutschen Weltbadeorte Ostende. Sie können ja jetzt dort verspätete Sonnenbäder nehmen. Ich erinnere mich noch sehr gern an unser früheres Beisammensein am Ostseestrande. Schade, daß wir dort in Ostende nicht auch wieder etwas Französisch ler nen können wie einst in der Ferienkolonie. Gebrauchen können Sie ja jetzt die paar Brocken, die Sie bei Hans und mir gelernt haben. Vergessen Sie aber nicht: dort drüben, jenseits des Meeres, liegt England! Dorthin müssen Sie und alle andern! Dort steht der Hauptseinb! Für die Meeres- und Küstenkämpfe schicke ich Ihnen mit der nächsten Feldpaketpost einige selbstge- arbeitete warme Sachen. Tragen Sie sie täglich und gedenken Sie dabei Ihrer herzlich grüßenden Grete Knorr. Als Nachschrift stand noch auf der Karte! „Hans geht es gut. Er hat sich mit unserm Wiener Onkel Töllchen in Russisch-Polen getroffen und wird jetzt Wien und Berlin vereint nach Warschau losgehen. Dann muß der Russe ja wieder fortlaufen, wenn unsere starken Helden kommen!" Franz Briese saß am Strande von Ostende und las immer wieder die Zeilen der Grete. „Es ist doch ein liebes Mädchen — aber . . . ." Er dachte an den Unterschied von Vorderhaus und Hinterhaus. Die Karte Grete Knorrs aber trug er während des weiteren Verlaufes des Krieges stets auf seinem Herzen, im grauen Waffen rod — Die deutschen Truppen jagten die Feinde in den nächsten Wochen vor sich her. Es entspannen sich äußerst heftige Schlachten und Gefechte an der belgisch-französischen Grenze und in der Ge gend zwischen Lille und Dünkirchen. Das ganze Gebiet ist für kriegrifche Operationen recht schwie- rig. Es ist der Küste zu von unzähligen Flüßchen und Kanälen durchschnitten. Die Deutschen aber erzwangen Tag für Tag und Schritt für Schritt ihren Fortschritt. 16 Marsch I Marsch213 Generaloberst von Kluck hatte starke Verstärkungen herange zogen, namentlich auch ganze Regimenter, die aus vielen im August eingetretenen und inzwischen gut ausgebildeten Kriegsfreiwilligen bestanden. Es gab darunter Regimenter, die bis zu drei Vierteln ihres Bestandes junge kriegsbegeisterte Leute waren, die das Ein- jährigen-Zeugnis aufweisen konnten. In den Schlachten in Flandern kam es zu Zusammenstößen, wie sie der blutige Krieg bis jetzt überhaupt noch nicht gesehen hatte. Noch nie aber hatte gleichzeitig eine so fassungslose Bewun derung über die unvergleichliche Tapferkeit der deutschen Soldaten in den englischen und französischen Zeitungen gestanden. Eine Viertelmillion Deutsche waren es, die in den letzten Oktobertagen allein hier in Flandern gegen die Verbündeten standen, die Neben den weißen Truppen auch Senegalesen, Zuaven, Turkos, Hindus, in dische Sikhs und indische Gurkhas gegen unsere frischen grauen Jungen führten. Franz Brieses Regiment kam auch mit in die große Vorwärtsbewegung. Franz konnte sich nicht genug freuen über die Todesverachtung, mit der die jungen Regimenter kämpf ten. Fühlte er doch auch in seinem Herzen den Stolz eines „Kriegs freiwilligen", der ohne Zwang sein Leben für das Vaterland einsetzt. Es bekamen die Belgier, die auf dem äußersten Flügel standen, Verstärkungen durch englische und indische Massen. Selbst die englische Flotte griff von der See her in den Kampf ein. Tagelang wogte der Kampf hin und her. Besonders schwer umstritten war das flandrische Städtchen Dixmuiden. Die deutschen neuen Divisionen faßten über Nacht trotz der zahlenmäßigen Ueberlegenheit der Feinde den Plan, anzugreifen. Brieses Regiment überrumpelte beim Tagesgrauen zunächst die Engländer, die teils mit Gewehrfeuer, teils mit dem aufge pflanzten Bajonett die ungestüm vorrückenden deutschen Regimen» ter aufhalten wollten. Eine Schrapnellkugel traf Brieses Tornister, zerriß ihn voll- ständig und schnellte ihn mit solcher Gewalt vom Rücken fort, daß die Riemen auf der Brust sprangen. Franz Briese wurde durch die Gewalt des Schusses zu Boden gerissen und mußte sich einige Male wie ein Artist im Zirkus über- schlagen.219 Halb ohnmächtig blieb er eine kurze Zeit liegen. Dann er wachte er aus der Betäubung. Der wuchtige Kanonendonner, das Einschlagen der Geschosse, das Zischen der Gewehrkugeln, das Hurra schreien der anstürmenden Feldgrauen, das jammervolle Wim mern der Verwundeten, das ängstliche Schreien der Feinde ver ursachten einen solchen Höllenlärm, daß ein Toter hätte erwachen mögen. Franz Brise spürte heftige Brust- und Rückenschmerzen. Sein Bewußtsein kam erst nach und nach wieder. Er befühlte Kopf, Schulter, Arme, Beine. „Lebe ich oder bin ich tot?" fuhr es ihm durch den Sinn. Er faßte nach dem Herzen. Es klopfte, klopfte sogar stark, sein Gehör summte. „Ich lebel" Aufgesprungen und weitergestürmt! Wie eine ungeheure Lawine wälzte sich die feldgraue Mauer heran, schwemmte die Engländer in fürchterlichen Kämpfen ein fach aus den Schützengräben und erstickte das Feuer der englischen Maschinengewehre; in hohen Bergen tote Soldaten. Die Engländer, die sich entsetzt hinter ihre französischen Freunde — und zwar hier Zuaven — geflüchtet hatten, sammelten sich dort in Hast und brachten ihre durchbrochenen Linien wieder in Ordnung. Inzwischen rasten die Weseler Musketiere mit Leuten anderer Truppenteile, darunter auch eines in Berlin aus Freiwilligen neu aufgestellten Regiments mit Gesang und Marsch, marsch, Hurrai gegen die Zuaven. Es gab ein wütendes Handgemenge, das von den Gluten des von deutscher Artillerie in Brand geschossenen Dixmuiden grell be- leuchtet wurde. Die zähnefletschenden, von Wut verzerrten Gesichter der afri- kanischen Zuaven in ihrer phantastischen Uniform tauchten dicht vor unferm Franz Briese auf. Ein solch Wutgesicht nahm sein bajonettiertes Gewehr und wollte es gerade Franz Briese in den Leib stoßen.220 Der Tod war unserm Freunde recht nahe! Aber er entging ihm noch einmal! Franz Briese sah den blitzenden feindlichen Stahl vor sich. Er setzte auch sein Gewehr auf den Kerl an, aber nicht zum Stoße, sondern zum Schusse. Er drückte im Augenblick der höchsten Gefahr ab. Ein Blitz, ein Knall, verschwindend in dem Höllenlärm der Zehntausende von Schüssen, und der schwarze buntgekleidete Afrikaner fiel glatt zu- rück auf seinen Rücken. Das Gewehr, das Franz Briese durchbohren sollte, fiel aus seiner Hand — einige gurgelnde Laute, der Feind war hinüber! Franz Briese atmete auf. „Du verflixter afrikanischer Hund sollst keinem deutschen Jun gen mehr den blanken Stahl auf die Brust setzen!" rief er. Nach Soldatenart, auch Wohl einer Art Soldatenaberglauben folgend, riß er dem toten Zuaven schnell einen Knopf vom Rocke und steckte ihn in seine Tasche. Die Reihen des feindlichen belgisch-französisch-englischen Völ» kergemischs wurden furchtbar gelichtet. Zu Taufenden lagen die regungslosen Leiber nebeneinander. Die Lücke, die der deutsche Angriff im ersten Ansturm in die feindliche Linie gerissen hatte, wurde immer größer. Und noch immer brausten wie ein entsetzliches Erdbeben die Feldgrauen vor wärts ! Mit Lachen und Hurrarufen, das grausig in den Ohren der Verbündeten widerhallte, fluteten sie vorwärts; ihre junge rück sichtslose Kraft erstickte jeden Gedanken an Widerstand. „Jungen, wir müssen immer weiter! Von den Hunden soll keiner mehr kämpfen können! Wir zerschmettern sie!" rief Fran? Briese, den die kochende Wut gepackt hatte, seinen Kameraden zu. Immer wieder ertönte das Hornsignal zum Avancieren „Marsch, marsch, Hurra!" So drangen die deutschen Massen hinter den fliehenden Fein den her, in Dixmuiden ein.221 Ohne sich aufzuhalten, stürmten die Deutschen in die Straßen, wo sich die ganze Nacht ein furchtbarer Häuserkampf abspielte. Die Leichen türmten sich so hoch, daß man straßenweit wie auf einem weichen Teppich zu gehen glaubte. Gleichzeitig hatten die Deutschen ihre schweren Kanonen von Antwerpen her über das von den Kanälen überschwemmte Sumpf land nach der Gegend von Apern gebracht und feuerten in die wankenden Reihen der Feinde. Dabei war auch ein neugebildetes Artillerieregiment, das sich wahrhaft heldenmütig benahm. Furchtbare Verheerungen richtete es unter den Feinden an. Aber auch die deutschen Opfer waren groß. Franz Briese ver lor manchen guten Kameraden, mit dem er seit Beginn seiner Kriegszeit brüderliche Freundschaft geschloffen hatte. Eine große Gefahr bildeten für die deutschen feldgrauen Hel den immer noch die belgischen Franktireurs. Die Bauern und die als harmlose Zivilisten sich aufspielenden ehemaligen belgischen Soldaten suchten unsere braven Jungen heim- tückisch zu schaden, wo sie nur konnten. Als Franz Briese zwei Tage und Nächte in den letzten Oktober tagen in den Schützengräben gelegen hatte, wurde seine Kompagnie wegen der natürlichen Erschöpfung aus der' vordersten Kampfünie einen Tag herausgezogen und stand in einem Dorfs bei Dixmuiden zur Reserve. In einem Heuboden lag Briese mit noch einigen fünfzig Kam?- raden. Kaum zwei Stunden hatten sie gelegen, da ertönte das so bekannte Hornsignal „Alarm!" „Aus den Häusern ist auf biwakierende Soldaten geschossen! Das Haus dort drüben durchsuchen!" Zwei Meuchelmörder erhalten sofort ihren Lohn. Andere folgen. Nach einer Stunde scheint die Sache erledigt. Noch eine Stund: Schlaf. Ermüdet sinkt Franz Briese mit seinem Kameraden wieder ins Heu. Er hat jetzt sechs Wochen hintereinander kein Bett gesehen. Nur selten ein Dach überm Kopfe gehabt. Märsche, Märsche. Schlachten.222 Gefechte, Schützengräbenwohnung in Regen und Stürmen, aber immer am Feinde. „Wenn ich doch nur eine einzige Nacht in meinem Bette in Berlin wieder mal ruhen könnte! Doch hier geht's auch. Schlafen — ach schlafen! Wie schön ist doch das Schlafen!" Müde schließt er die Augen. Aber nicht tief und ruhig ist der Schlaf. Schlachtenlärm umtost seine Nerven. Er glaubt sich im neuen Kampfe. Er sieht nur Zuaven, Engländer und Franzosen vor sich. Er glaubt sich durch Bajonettstich verwundet. Er wähnt sich auf dem Verwundetentransport. Trockener Durst quält seine Kehle.' „Wasser, Wasser!" ruft er; er glaubt Sanitätssoldaten zu sehen. „Gebt mir doch nur Wasser, ich durste ja so!" aber keiner springt hinzu, um den Durstenden zu laben. Da erwacht er. Frührot leuchtet am Horizont. Gleich ertönt auch das Signal. Die Nachtruhe ist zuende, die Ruhe knapp ge> Wesen. Wirkliche Nachtruhe kennt der Soldat nicht. Es ist ein rauhes hartes Handwerk — der Kriegsdienst. Und doch Packt unsere Feldgrauen nicht der Mißmut. Im Gegenteil, fröhliche Witzworte fliegen über den Bauernhof, als sich dreihundert Mann an einem einzigen Brunnen waschen — wollen. Denn es ist ja nur eine Katzenwäsche. Man ergattert einige Trop fen Naß auf der Hand und fährt sich damit über das Gesicht. „Kamerad Briese," sagt ein Kamerad, „komm schnell noch vor dem Antreten dort in den Garten nebenan. Wundervolle Aepfel gibt es da!" Beide gehen in den Bauerngarten. Briese bückt sich, um einige von Kameraden herabgeschlagene Aepfel aufzunehmen. Da — wieder ein Schuß, ein zweiter! Der Freund Brieses sinkt röchelnd nieder. Ein Franktireurschuß hat ihn mitten ins Herz getroffen. Franz Briese sieht noch, daß ein Menschengesicht grinsend aus dem Dachboden des nächsten Hauses verschwindet. „Verdammter Halunke! Hierher einige! Jungen, da oben ist so ein Bandit. Er hat soeben den Kameraden Schuhseil er schossen!"223 Sechs, acht Männer stürzen in das Haus. Und richtig, nach einigem Suchen finden sie den Halunken, auf dem äußersten Dachsparren über dem First versteckt. Ein Revolverschuß ist sein Lohn. So richten die Deutschen ihre von Mörderhand gefallenen Kameraden in schneller Justiz. „Armer Kamerad Schuhseil, mußtest du dem verruchten Hunde zum Opfer fallen," sagte Franz Briese leise. „Mir ist der Apfel geschmack für immer vergangen." Während des ganzen weiteren Feldzuges aß Franz Briese keinen Apfel mehr. Lieber hungerte und durstete er. Kamerad Schuhseil hatte noch vor einigen Tagen mit Franz Briese in Brügge in einer Konditorei Mengen von Pslaumenkuchen vertilgt. Auch diefe Art Kuchen rührte fortan Briese in seinem Leben nicht mehr an. — Frau Knorr, Frau Briese und Grete Knorr waren inzwischen eifrig in der freiwilligen Liebestätigkeit. Die Notstandsküchen, die Krieger-Kinderhorte, die Pflege der in Mengen eintreffenden Ver wundeten stellten ja auch an die daheimgebliebenen Frauen und Mädchen große Anforderungen. Grete Knorr betätigte sich jetzt in einer „freiwilligen Strick stunde" für Schulmädchen. Die Mädels in allen deutschen und österreichischen Orten waren ja so eifrig in der Fürsorge für unsere „Feldgrauen" dort draußen im Osten und Westen, daß sie nicht nur in den Handarbeitsstunden der Schule eifrig an Socken, Pulswär mern, Kopfschützern und anderen warmen Sachen arbeiteten, son dern auch nachmittags noch gern in die von fürsorglichen Frauen eingerichteten Strickstunden kamen. Namentlich jetzt, wo die rauhe Winterzeit mit Sturm und Kälte kam, wo auch das Weihnachtsfest nicht mehr fern war. herrschte ein reges fleißiges Treiben in allen Fürsorgeanstalten. Es hatten die Mädchen viel von Liebesgaben auch anderer als wollener Art gehört. Grete Knorr schlug daher im November vor, in ihrer Strickstube auch eine große Liebesgabenkiste fertig zu machen und rechtzeitig abzusenden, um sie zwei bestimmten Kompagnien224 zum Weihnachtsfest zukommen zu lasten. Die Feldpost brauchte gewöhnlich lange Zeit; Weihnachtssachen mußte man Wochen vor her absenden. Daß die beiden von Grete Knorr bestimmten Kom pagnien diejenigen waren, in denen ihr Bruder Hans und ihr Hausnachbar Franz dienten, war Wohl klar. So ließ sich denn Grete Knorr in den Nachmittagsstunden alles zusammentragen, was die Mädchen mitgebracht hatten, legte auch die von ihrem eigenen Taschengelde — das Vater und Mutter Knorr durch einen Kriegszuschuß noch erhöht hatten — gekauften hübschen und angenehmen Dinge hinzu. Da gab es Zigarren in kleinen Pappkartons, Tabak in größeren und kleineren Mengen. Andere Mädchen brachten Kaffee, Tee. Küchlein (die man früher Kakes nannte), Zucker, Schokolade, sogar Aepfel und Nüsse, auch Pfeifen, Zigaretten. Wieder andere hatten Taschentücher gestiftet, auch sogar Unterjacken und Unterhosen von ihrem Spargelde gekauft. Praktische Helferinnen hatten sich er innert, daß unsere Krieger draußen sich gewiß auch einmal waschen wollten und hatten Seife in allen möglichen Größen und Formen beschafft. Ein Vater der Mädchen hatte eine Anzahl Taschenmesser gestiftet. Kurz, es kam von den etwa dreißig Zwölf- bis Vierzehnjähri gen der freiwilligen Strickstube über hundert verschiedene Päckchen zusammen. Da jedes Kind auch noch den unter Grete Knorrs Lei tung selbst gefertigten Strümpfen, Pulswärmer usw. beilegte, baute sich ein großer Haufen Liebesgaben für das kommende Weihnachts- fest auf. Zwei große „Liebeskisten" wurden damit gefüllt. Alle Hände packten ihre guten Wünsche mit ein. „Aber wir müssen doch auch nach Osten und Westen einen Brief dazu schreiben, Fräulein," sagte ein Blondkopf. „Ein Gedicht wäre sogar noch schöner. Machen Sie uns doch ein hübsches Gedicht, Fräulein Knorr," meinte dazu eine andere. Grete erwiderte freundlich: „Nein, Mädels, ich nicht! Ihr schickt ja unsern tapfern Kriegern die Weihnachts-Liebeskiste. Also müßt ihr auch das Gedicht selbst machen." Nun ging das Dichten los. Jedes der Mädchen suchte einen hübschen Vers zu dem vorhergehenden Reim zu bilden. So ent-225 stand in gemeinsamer Arbeit unter Grete Knorrs Leitung ein Poein, das sich gar nicht übel machte. Es lautete folgendermaßen: An unsere Soldaten zu Weihnachten. Alle diese schönen Sachen Sollen Euch viel Freude machen. Viele brachten ein paar Gaben, Die sie von der Mutter haben. Nach des Tages Kampf und Mühe Kocht von der Boullion Euch Brühe. Schlürft den Tee mit Wohlbehagen, Denn das ist ja gut für'n Magen. Tut Ihr Zucker noch hinein. Dann erst schmeckt der Tee Euch sein. Vergeht auch nicht die Schokolade. Denn das wäre gar zu schade. Hinterher gibt's was zu rauchen, Soldaten mögen gerne schmauchen. Stopft den Tabak in die Pfeife Und wascht Euch die Händ' mit Seife. Im Paket noch Tücher liegen, Schnupfen braucht Ihr nicht zu kriegen. Alles schicken wir aus Liebe. Teilt Ihr weiter aus die Hiebe! Auf die Russen und Franzosen, Feste auf die roten Hofenl Grete Knorr schrieb das gemeinsam gefertigte Gedicht zweimal auf große weiße Bogen mit ihrer zierlichen Handschrift ab. Jeder Bogen erhielt als Unterschrift die Namen Gretes und aller Kinder, die zu dieser eigenartigen Weihnachtssendung ihre Gaben beige- steuert hatten. Die Feldpost beförderte dann auch richtig das eine Paket ar> Hans Knorr in Russisch-Polen und das andere an Franz Briese in Frankreich. Die Empfänger verteilten kurz vor dem Weihnachtsfest die Gaben an die Kameraden ihrer Kompagnien. Das Gedichj schrieb sich jeder zum Andenken ab und behielt es in seiner Brief, tasche bei sich.226 Bald nachdem Grete Knorr so für ihre lieben „Feldgrauen" schon zu Weihnachten vorgesorgt hatte, kam ein längerer Brief von Hans und Onkel Töllchen gemeinsam verfaßt. Sie schrieben: „Ihr werdet schon lange auf eine Nachricht ge- wartet haben. Aber Kämpfe und Vorkommnisse von größerer Be deutung sind in den letzten Wochen hier in Russisch-Polen nicht ein getreten. Unsere Heere waren, wie Ihr wißt, schon bis in die Nähe von Warschau vorgerückt, unsere Flieger haben auch schon Bombengrüße auf Warschau, aus dem die russischen Behörden und sin großer Teil der Bevölkerung in das Innere Rußlands aus Furcht vor den Deutschen und Oesterreichern geflohen sind, nieder geworfen. Vor kurzem kamen dann aber die Rufsen wieder mit unge heuren Menschenmassen über die Weichsel, sodaß es unsere obersten Heeresleitungen aus strategischen Gründen für richtig hielten, etwas nach Westen auszuweichen. Aber Ihr braucht deswegen keine Sorge zu haben und zu den ken, daß die Russen von neuem in unsere Gebiete einrücken werden. Sie werden schon zu geeigneter Zeit ihre Hiebe bekommen. Wir beide brennen darauf, auf die Russen mal wieder tüchtig loszuschlagen. Um ihnen einen Vorgeschmack der kommenden Tage zu geben, haben vorläufig andere Truppenteile drei starke feindliche Kavallerie-Divisionen — das sind zwölf Regimenter — bei Kolo über die Warthe zurückgeschlagen. Die Russen hüten sich vorzurücken, einmal, weil ihnen die Tage von Ostpreußen, Galizien und in den Karpathen schlecht bekommen sind, zweitens weil ihre Ausrüstung, besonders auch an Kanonen, immer schlechter wird, und drittens, weil sie — zu hungrig sind. Es ist beinahe unglaublich, wie sich die Kerle nach unserm Brot sehnen! In den Schützengräben, in welchen Hans und ich noch vor kurzem lagen, kamen an einem Tage nicht weniger als siebzig Ueberläufer, die ihre Waffen fortgeworfen hatten, um sich als Ge fangene bei uns ordentlich satt zu essen. Es herrscht jetzt hier schon eine starke Winterkälte. Sonst be finden wir uns beide wohl. Und mit uns alle Truppen. Wir werden die Kerle schon noch kriegen, und wenn es in Schnee und Eis sein soll." — — — — — — —> —22? So war Deutschland und Oesterreich nach den ersten drei Kriegsmonaten guten Mutes. Im Knorrschen Kontor sprachen wieder, wie in den letzten Monaten so oft, Arbeitgeber und Arbeitnehmer über den Krieg und seine bisherigen Erfolge. Namentlich freuten sich beide Männer über die Erfolge der deutschen Krieger und die Heldentaten der deutschen Unterseeboote. „Großartig sind doch die Leistungen der Schiffe, die bisher ge kämpft haben. Der Kreuzer „Emden" hat ja schon zwanzig eng lische Handelsschiffe aufgebracht und am 30. Oktober kam wieder die Nachricht, daß er einen russischen Panzerkreuzer und einer französischen Torpedobootszerstörer in den Grund gebohrt hat/ sagte Knorr zu seinem Werkmeister Briese. „Na und dann das Unterseeboot „U. 9"! brachte es doch zu erst drei englische Panzerkreuzer und jetzt wieder einen dieser Ko- lasse zum Sinken!" erwiderte Briese. „Es ist ja eine Lust zu leben," meinte Knorr im weiteren Ver lauf des Gesprächs. „Diese Erfolge hätte ich nicht in der kurzen Zeit von drei Monaten erwartet. Wenn es aber zum Frieden kommt, dann wollen wir auch die Frucht unserer harten Kriegsarbeit voll und ganz einernten. Es müssen die Grenzen und die Bedingungen so gestaltet werden, daß ein abermaliger Ueberfall auf Oesterreich und Deutschland — wenn überhaupt noch einmal möglich — nur mit den allergrößten Schwierigkeiten zustande kommen kann." „Gewiß, Herr Knorr, die Opfer dürfen nicht umsonst gebracht sein, das Blut unserer Jugend darf nicht umsonst geflossen sein." „Unsere Diplomaten dürfen nicht etwa das verderben, was das Schwert errang!" „Auch ich bin der Meinung, daß wir darum den Krieg bis zum Aeußerften durchhalten müssen. Große Erfolge haben wir. aber es ist noch lange nicht alles getan. Der Schürer des Welt brandes, das heuchlerische England, muß noch viel mehr bluten al: bisher schon in Belgien und Nordfrankreich und in der Nordsee/ „Für uns heißt es weiter: Sieg oder Untergang! Wir dürfen keinen schwachen Frieden schließen. Unsere gute und gerechte Sache228 wird siegen. Unser Vertrauen auf unsere tapferen Heere ist in den drei ersten Kriegsmonaten nur noch gestiegen. Ein schwacher Friede ist daher ganz ausgeschlossen." „Und dabei lügen unsere Feinde kräftig weiter — trotzdem sie nun doch wohl endlich einsehen müßten, wo die Stärke auch im Volke und in der wirtschaftlichen Rüstung steckt," meinte Briese. „Da verbreiten die Engländer das Märchen, hier in Berlin wie in der anderen Kaiserstadt Wien würde das Brot von Schutzleuten der- teilt; alle Häuser würden gewaltsam nach verstecktem Gelde durch sucht, alle versteckten Lebensmittel in Küchen und Speisekammern würden beschlagnahmt. Das elektrische Licht würde abends ausge dreht, so daß sich die Berliner und Wiener mit Kerzenlicht begnügen müßten." „Das sind wohl nur Märchen, die die Zeitungsschreiber sich aus den Fingern saugen. Das glaubt Wohl die englische Regierung selbst nicht. Aber sie muß glauben, daß Deutschland wirtschaftlich ausge zeichnet imstande ist, wenn sie erfährt, daß die Kriegsanleihe statt mit einer Milliarde mit viereinhalb Milliarden gezeichnet worden ist," meinte Knorr. „Wir halten durch!" „Wir halten durch wie unsere Jungen, unser Hans und unser Franz! Mögen sie weiter beide dazu beitragen, daß die Verbündeten. Deutschland und Oesterreich gegen alle Angriffe unserer vielen Feinde siegreich bleiben und die Farben schwarz-weiß-rot vereint mit den Farben schwarz-gelb einst die Höherentwickelung der europäischen Menschheit beschützen!" „Das walte Gott, lieber Briese!" Hier müssen die Verfasser nun die Erzählung der Kriegserleb nisse unserer beiden Helden abschließen, damit das vorliegende Buch noch rechtzeitig auf den Weihnachtstisch für das hohe Fest im heu tigen Kriege von 1914 gelangt. Wir stehen aber mit unseren Helden und ihren Familien in weiterer Verbindung und werden dann die in der Zeit folgenden Erlebnisse unseres Hans Knorr und unseres Franz Briese wie des österreichischen Vetters Joseph Töll- chen in einem zweiten Bande unter dem Titel: „Jungens! Frisch drauf!" unfern Lesern vorlegen.Harte und heiße Kämpfe sollten auch in den folgenden Mona-- ten den verbündeten österreichischen und deutschen Heeren bevor stehen; die staunende Welt sollte noch von ruhmvollen Taten hören. Deutschland und Oesterreich wehrten sich gegen eine gewaltige Uebermacht, beide Reiche aber waren einig in dem Ziele, das Kaiser Wilhelm in einer Ansprache an seine Brandenburger auf dem Kriegsschauplatze bezeichnet hatte und das kurz und bündig hieß: Die Feinde werden unter allen Umständen ge schlagen ! Deutschlands und Oesterreichs Banner flatterten und knatter ten auch siegreich im Wintersturm. Der Habsburgaar und der Zollernaar griffen mit ihren scharfen Fängen in Ost und West immer schärfer zu! — Max Geißler verlieh in der „Turn zeitung" dem in den Kämpferreihen herrschenden Geist herrlich? Worte: Die Banner hoch! Trompeten drein Und der Schwerter klirrender SchallI Die Donauwacht und die Wacht am Rhein, Die bringt kein Feind zu Fall. Der Habsburgaar und der Zollernaar Rauschen darüber in Ruh — Hallo, du trutziges Fliegerpaar, Wer schlüge die Schwingen wie du? Ein Herz und ein Schwert, die sollen es sein. Dazu eines Liedes Schall: Die Donanwacht und die Wacht am Rhein, Die bringt kein Feind z« Fall! LZ9Uebersicht der bisherigen denkwürdigsten Geschehnisse im Weltkriege 1914 28. Juni: Ermordung des Erzherzog- Thronfolger-Paares in Serajewo. 23. Juli: Ultimatum an Serbien. 28. Juli: Kriegserklärung an Serbien. 31. Juli: Russische Mobilmachung bestätigt. 1. August: Deutsche Mobilmachung angeordnet. 2. August: Deutsche Kriegserklärung an Rußland. Französische Truppen überschreiten die el>ässische Grenze. 3. August: Deutsche Kriegserklärung an Frankreich. Luxemburg besetzt. 4. August: Historische Reichstags- sitzung. 5. August: England erklärt den Krieg. Kühner Handstreich auf Lüttich. Erneuerung des Eisernen Kreuzes. Allgemeiner Bettag. S. August: Aufruf des Kaisers an das deutsche Volk. Oesterreich-Ungarn erklärt Rußland den Krieg. 7. August: Lüttich im Sturm ge nommen. 10. August: Sieg bei Mühlhausen. 11. August: Sieg bei Lagarde. 12. August: Kriegserklärung Englands und Frankreichs an Oesterreich. 20. August: Japanisches Ultimatum. Besetzung Brüssels. — v. d Goltz Generalgouverneur Belgiens. Sieg bei Gnmbinnen. 21. August: Sieg der 6. Armee in Loth ringen. 22. August: Sieg der S. Armee bei Longwh, 23. August: Sieg der 4. Armee am Semois, Der japanische Botschafter erhält statt einer Antwort seine Pässe. 24. August: Eroberung Namurs. 25. August: Russische Niederlage bei Krasnik. 26. August: Eroberung Longwys. Sieg de: 2. und 3. Armee an der Sainbre. 27. August: Seegefecht bei Helgoland. Sieg der 1. Armee über die Eng» länder bei Maubeuge. 28. August: Die Engländer erneut bei St. Quentin geschlagen. 29. August: Großer Sieg an den Masu- rischen Seen. 92 000 Russen gefangen. 31. August: Erster deutscher Flieger über Paris. Sieg der 2. Armee bei St. Quentin über vier franzö sische Korps. Einnahme von Mont- msdy. 2. September: Bei Reims zehn fran zösische Korps geworfen. Givet erobert. 3. September: Flucht der französischen Regierung nach Bordeaux. 4. September: Besetzung von Reims. Lemberg von den Oesterreichern geräumt. 6. September: Angriff auf Nancy in Gegenwart des Kaisers. Kreuzer „Pathfiuder" durch „II 21" ver nichtet. 7. September: Maubeuge gefallen. 4V 000 Gefangene. 5. September: Bei Lemberg neue Schlacht. Deutsche Besetzung der Walfischbai. 10. September: Schlacht an der Marne. 11. September: General von Hinden- burg schlägt die russische Njemen- Armee. Der deutsche Kronprinz nimmt befestigte Stellung südwest lich Verdun. 12. September: 22. russisches Armee korps bei Lyck geschlagen. 13. September: Die zweite Schlacht bei Lemberg endet nach größeren Teilerfolgen mit dem Rückzug der Oesterreicher vor russischer lieber- macht. 14. September: Sieg Hindenbnrgs bringt gewaltige Beute. Ausfallbelgischer Divistonen aus Antwerpen abgewiesen. 17. September: Erfolgreicher Fortgang der Schlacht in Frankreich. Sieg des rechten Flügels bei Noyon, 15. September: Das französisch-englische Heer überall in die Verteidigung gedrängt. Niederlage der 4. finni schen Schützenbrigade bei Augustow. Lüderitzbucht von den Südafrikanern besetzt. 20. September: Glänzendes Ergebnis der deutschen Kriegsanleihe. 21. September: Craonelle bei Reims und Betheny genommen. Ausfall der Franzosen aus Verdun abge wiesen. 512, September: Die englischen Panzer kreuzer „Aboukir". „Hogue" und „Cressy" Von „ll S" in den Grund gebohrt. SS. September: Varennes (Argonnen) genommen. Die Höhen bei Kru-- pauy ^Serbien) von den Oesterrei chern erobert. 24. September: Kämpfe auf dem rechten deutschen Flügel in Frankreich. 26. September: Sperrfort Camp des Romains bei Verdun gefallen. 26. September: Feindlicher Umgehungs versuch in Frankreich zum Stehen gebracht. Die angegriffenen Sperr- forts südlich Verdun haben das Feuer eingestellt. 29. September: Deutsche Belagerungs artillerie eröffnet das Feuer gegen einen Teil der Forts von Antwerpen. S. Oktober: Antwerpen einschließlich sämtlicher Forts in deutschem Besitz. 14. Oktober: Lille besetzt. — Niederlage der Russen bei Schirwindt. Russische Vortruppen auf Warschau zurück geworfen. Viele Gefangene und Geschütze. 16. Oktober: Mißlungener Versuch der Russen, sich wieder in den Besitz von Lyck zu setzen. 17. Oktober: Vier deutsche Torpedo boote unfern der holländischen Küste durch einen englischen Kreuzer und vier englische Torpedozerstörer zum Sinken gebracht. 18. Oktober: Vernichtung des englischen Unterseeboots „L 3" in der deutschen Bucht der Nordsee. 21. Oktober: Bei Nieuport wird ein englisches Torpedoboot kampfunfähig gemacht. 23. Oktober: Die Oesterreicher schlagen vor Jwangorod zwei russische Divi sionen. Viele Gefangene und IS Maschinengewehre sowie 1 Fahne erbeutet. Auch bei den Kämpfen an den Ufern des Strwiaz kämpfen die Oesterreicher erfolgreich. 24. Oktober: Unsere Truppen über' schreiten im Norden den User- Dpern-Kanal, 25. Oktober: Weitere Erfolge am Aser- Upern-Kanal. S(X> Engländer zu Gefangenen gemacht. In der Gegend von Jwangorod kämpfen deutsche und österreichisch-ungarische Trup pen Schulter an Schulter und machten 1800 Gefangene. 26. Oktober: Kämpfe zwischen Nieuport und Dixmuiden, an welchen sich das englische Geschwader beteiligt Drei Schiffe erhielten Volltreffer! das Geschwader dampft ab. — Nördlich Arras brach ein heftiger französischer Angriff in deutschem Feuer zusammen. 27. Oktober: Nördlich Jwangorod über' schreiten neue russische Armeekorps die Weichsel. — Oesterreichische Erfolge in Galizien, Serbien, Montenegro. 28. Oktober: In Polen ziehen sich die deutsch-österreichischen Truppen zu einer Neugruppierung gegen den an Zahl überlegenen Feind zurück. 2S. Oktober: Erfolgreiche Kämpfe bei Lille, im Argonnenwald und süd östlich Verdun. 31. Oktober: Der Angriff auf Dpern schreitet erfolgreich vor. — Vaillh gestürmt und der Feind unter schweren Verlusten über die Aisn» zurückgeworfen. c'>1232 Inhalt. Seit- 1. Kapitel? HanS und Franz aus Vorderhaus und Hinterhaus .... S 3. „ Das Volk steht auf. der Sturm bricht los! S S. „ Die ersten deutschen Kriegstaten 2S 4. . Vetternbriefe aus Oesterreichs Kämpfen 48 b. . Auf der Flucht vor den Russen SS 5. „ Bei den Rekruten des Krieges 81 7. „ Franz bei den Kämpfen in Lothringen S4 S. . Hans bei Hindenburg, dem Russenschreck 106 g. „ Die Deutschen in der Champagne 12S 10. , Etwas von der „dicken Berta" und der „heiligen Barbara" . 141 11. „ Der deutsch-österreichische Bruderbund ISS 12. „ Die Riesenschlacht in Nordfrankreich 17S 13. „ Franz Briese in Flandern . . . .- 2<ZS Nebersicht der bisherigen denkwürdigsten Geschehnisse im Weltkriege 1S14 . 2ZLDie Erlebnisse zweier Kriegsfreiwilliger im Wettkriege i Berlin, Manch! Marsch kma!
