Drei Kriegsjahre in Südwest. Schilderungen von K. Jitschin. Grünberg, Schles. 1910. Drei Kriegsjahre in Südwest. Schilderungen von K. Jitschin. * V Grünberg, Schief. 1910. Mit klingendem Spiele rückte das Infanterie-Regiment Nr. 132, vom Regimentsexerzieren kommend, ins Bitscher Lager ein. Es war ein sehr heißer Tag gewesen, trotzdem wir erst im Anfang des Monats Mai 1904 waren. Ich lies; die Kompagnie wegtreten, nachdem ich die vonr Regiment befohlene Bettruhe angeordnet hatte, und begab mich nach meinem in einer Wellblechbaracke gelegenen Feld- webelbureau, wo ich mich, ebenfalls müde, ans mein Lager warf, denn ich war als Zugführer eingetreten gewesen und nicht minder müde, als die Leute der Kompagnie. — Da überbrachte mir die Bataillons-Ordonnanz einen mit „Eilt sehr" bezeichneten Befehl. Freiwillige für Südwestafrika wurden gebraucht. Sofort entschloß ich mich mitzugehen. Ich hielt alsbald bei der Kompagnie Umfrage und begab mich dann mit den sich meldenden Leuten zum Hauptmann, welcher entschied, wer sich eignen könnte. Schließlich meldete ich dem Hauptmann, daß ich ebenfalls bereit sei, mit hinaus zuziehen, worauf ich denn nach einigem Hin- und Herreden die Einwilligung erhielt. Noch an demselben Nachinittag wurden „die Hereros", wie man uns schnell getauft hatte, auf Tropendienstfähigkeit untersucht, wir mußten das übliche Chinin schlucken, und — „Hurra!" — ich war tropendienst fähig. Etwa acht Tage später traf der telegraphische Ge» steilungsbefehl ein, welcher mich für den 5. Juni auf den Truppenübungsplatz Munster, den Formierungsort des 2. Feld-Regiments, berief. Dort angekommen, wurde ich dem 2. Bataillon zugeteilt und zum Feldwebel der 4. Kompagnie bestimmt. Die Zusammenstellung des Bataillons erfolgte fast durchweg aus Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften der süd deutschen Bundesstaaten. Die Einteilung im Bataillon wurde dahin geregelt, daß die 5. Kompagnie durchweg aus Bayern, die 6. Kompagnie aus Sachsen und die 4. Kompagnie aus dein Rest, nämlich aus Bayern, Sachsen, Württem- bergern, Badenfern und Hessen, zusammengesetzt waren. Haüptmaun Richard und ich waren bei der 4. Kompagnie die einzigen Preußen. Die Einteilung in Züge und Beritts innerhalb der Kompagnie regelte sich, soweit angängig, ebenfalls wieder nach Landsmannschaften.6 Zunächst gewährte das Bataillon, als es am zweiten Tage zu Pferde stieg, ein recht malerisches Bild. In fanteristen, Kavalleristen, Pioniere und Jäger waren bunt durcheinander gewürfelt; dazwischen sah man auch ab und zu einen Zivilisten (Reservisten), angetan mit Gehrock, Husaren reithosen, steifeiu Hut und Segeltuchschuhen, sich mit einem kleinen ostpreußischen Ackerpferde abquälen. Nach einigen Tagen trafen Uniformen und Ausrüstungsstücke ein und das Bataillon konnte geschlossen zu Pferde Reit-, Schieß- und Felddienstübungen abhalten. Ständig hatten wir bei unseren Uebungen eine große Menge Zuschauer zu Pferde, zu Fuß und zu Wagen, welche selbst von weither kamen, um sich das nach ihrer Ansicht dem Tode geweihte „Wallensteiner Reiterkorps" anzusehen. Betreffs vieler von uns sollten sie recht behalten, denn ein großer Teil blieb draußen und schläft heute in der Omaheke, Kalahari oder an deren Grenzen den Schlaf, von dem es kein Erwachen mehr gibt. Am 16. Juni trat dann das Bataillon zu Fuß das letzte Mal in Munsterlager an und marschierte unter den Klängen des Abschiedsliedes „Muß i denn" nach dem Bahnhof. Am 17. Juni mit dem Morgengrauen hielt der Zug in Hamburg- Petersenkai, wo unsere Pferde bereits während der Nacht eingetroffen waren. Die 7. Feldbatterie, welche in Doberitz bei Berlin formiert worden war, traf ebenfalls nach kurzer Zeit ein und schloß sich uyferem Transport an. Mit Hoch druck wurde sofort das Verladen der Pferde bewirkt. Gegen 11 Uhr Vormittags war das große Werk, gegen 800 Mann und 1000 Pferde im Schiff untergebracht zu haben, beendet. Als Transportdampfer war einer der größten Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie, die „Palatia", gechartert worden, welche bereits durch Truppentransporte nach Ostasien in militärischen Kreisen bekannt geworden war. Um 12 Uhr Mittags trat das Bataillon zum letzten Male auf deutsch europäischem Boden, dem Petersenkai, an, um von dem Kommandierenden General des X. Armeekorps im Namen Seiner Majestät verabschiedet zu werden. Bald darauf setzte sich das stattliche, reich bewimpelte Schiff, von einem Schlepper gezogen, unter Hurrarufen und den Klängen der Abschieds weisen einer Infanterie-Kapelle in Bewegung. Lange blickten wir zurück. Die Schiffsmasten waren bis in die obersten Spitzen besetzt. Draußen, auf der großen, freien Elbe stimmte ein Reiter ein gemütvolles Abschiedslicd an, das alle tiefbewegt mitsangen. Es hatte wohl keiner von uns vorher Abschiedslieder mit solchem Empfinden gesungen, wie er es jetzt tat. Die Gedanken darüber, was jederzurück ließ, wurden lebendig. Wir gedachten der Lieben in der Heimat. Würden wir sie jemals Wiedersehen? — Einem alten vierzehn Jahre dienenden Vizefeldwebel meiner Kompagnie namens Zander hatte seine Braut bis Hamburg das Geleit gegeben. Ich sah, wie ihm Tränen über das gebräunte Gesicht in den Bart rollten. Ob er wohl ahnte, daß ihn der Tod zuerst ereilen würde?7 Doch der frische fröhliche Soldatenmut verscheuchte auch hier bald die Schatten, welche sich einzelnen auf die Stirn neleflt. Gegen Abend erreichten wir Cuxhaven, wo wir noch Artillerie-Munition und Schlachtvieh an Bord nehmen mußten, und beim Erwachen am nächsten Morgen befanden wir uns bereits auf hoher See. Es begann nun ein emsiger Dienstbetricb. Die Unter bringung der Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften be gegnete keinen Schwierigkeiten, da der Dampfer größtenteils vorher dem Personenverkehr gedient hatte. Die Verpflegung war durchweg eine sehr gute und regelte sich nach englischer Tischzeit. Schwierigkeiten dagegen hatte die Unterbringung der Pferde verursacht. Diese standen in drei Decks über einander, eng zusammengefercht. Für jedes Pferd war ein besonderer Stand hergerichtet worden, in welchem es gerade Platz hatte. Ein Hinlegen war für das Pferd unmöglich. Für den Fall des Sturmes war an jedem Stande eine Hänaevorrichtung angebracht, die aus einem breiten Gurt bestand, der dein Pferde unter dem Bauch hindurchgezogen und an beiden Seiten des Standes befestigt werden konnte. Das Pferd blieb somit vor dem unwillkürlichen Hin- und Herwerfen und vor Beschädigungen verschont. Die Pflege der Pferde nahin den ganzen Tag in An spruch. Jedes Pferd inußte täglich zwanzig Minuten bewegt werden. Es waren zu diesem Zweck drei Führbahnen ge- schaffeii worden, die sich ans dem Vorder-, Mittel- und Hinter deck befanden. Die größte Mühe verursachte der Transport der Pferde aus den unteren Schiffsräuineii nach deir Führ bahnen. Der Transport mußte zum Teil mittels Fahrstuhls erfolgen. Auf dem Mitteldeck, hinter dem großen Schornsteine, waren unsere Kriegshunde, etwa 70 an der Zahl, unter gebracht. Voiii frühesten Morgen bis in die späteste Nacht hörte inan dort in allen Tonarten bellen und heulen; es ivar die reine improvisierte Hundeausstellung. Viele der Tiere litten bald sehr an der Seekrankheit nutz einige haben auch ihren Bestimmungsort niemals zii sehen bekommen. Viel haben uns die Hunde übrigens nicht geleistet; sie verloreir in Südwest sehr bald die Nase und den „Verstand". Der Dienst der Mannschaften beschränkte sich aiif In struktion und Schießeii. Am 26. Juni legten wir bei Las Palmas an, um Kohlen und Wasser zu nehmen. Der eigentliche Hafen von Las Palmas wird durch eine halbkreisförmige Bucht gebildet, die ein mächtiger, isolierter, sich scharf znspitzender Berg nach Norden abschließt. Eine etwa 2 km lange, von diesem Berge nach Süden laufende Mole schützt den Hafen gegen das Meer. In dem Hafen herrschte ein außergeivöhnliches Treiben. Unter zahlreichen, mächtigen Handelsschiffen sah man auch englische, spanische und portugiesische Kriegsschiffe, die Kohlen und Proviant einnahmen.8 Stadt und Insel boten ein wundervolles Panorama. Die grauen felsigen Höhen sind zum Teil recht stark be festigt, jedoch schienen die Befestigungen und deren Armierungen veraltet. Ein auf einer hohen drehbaren Lafette liegendes mächtiges Geschütz erregte besonders unsere Aufmerksamkeit. Ani Fuße des hohen, spitzen Berges sahen wir auf einem größeren Platze spanische Soldaten ihre Exerzier- und Turnübungen abhalten. Sofort wurden wir von den Händlern als eine „will kommene Beute" betrachtet. Von allen Seiten ver anstalteten die laut schreienden und heftig gestikulierenden, Zigeunern nicht unähnlichen Gesellen in ihren Booten ein Wettfahren auf uns zu. Jeder wollte der erste sein. Deni förmlichen Ansturm dieser Gesellschaft wurde sofort energisch entgegen getreten. Der Kapitän beauftragte einen Matrosen, jeden auf das Schiff Dringenden aus einem Wasser schlauch unbarmherzig solange zu bespritzen, bis er von seinen: Vorhaben abließ. Das half. Trotzdem wurde uoch mancher von uns von diesen Händlern übers Ohr gehauen. Sie pellten sich mit Hilfe länger Leinen und daran befestigter .Körbchen sehr geschickt eine Verbindung her. Unter „a Mark" war nichts zu haben. Früchte, insbesondere Weintrauben und Bananen, waren verhältnismäßig billig. Kleine Jungen machten aus den: Tauchen nach Geld stücken ein Gewerbe, jedoch war ihre Tätigkeit anscheinend nicht sehr ertragreich, denn schimpfend zogen sie bald wieder ab. Uebrigens unterschieden sie schon beim Fallen des Geld stückes, ob man ihnen Kupfer, Nickel oder Silber ius Meer warf. Nach Kupfer tauchten sic erst gar nicht. Einer dieser Jungen brachte es fertig, für „a Mark" unter unserem Schiff hindurch zu tauchen. Leider durften wir nicht an Land, da die Zeit zu kurz war. Hierauf ging es dann in weiterer ununterbrochener vierzehntägiger Fahrt gegen Süden. Die einzige Ab wechselung bestand in der Beobachtung fliegender Fische und springender Delphine. Ab und zu bekamen wir auch die charakteristische Rückenflosse eines Haies oder einen sich schwerfällig im Wasser wälzenden Walfisch zu sehen. Am 2. Juli, Vormittags tl Uhr, passierte,: wir den Aequator. Die Hitze war so groß, daß die Pferde dauernd von Schweiß trieften. Die „Linientaufe" wurde auch an uns unter den üblichen Zeremonien vollzogen. Für Offiziere und Portepee-Unteroffiziere war auf den: Promenadendeck eine Ecke zur Taufe abgeteilt und mit Flaggen gcschnrückt. Um l Uhr versammelten wir uns zur Taufe und wurden von „Neptun" und „Thetis" begrüßt, worauf inan uns ans Tauf becken, das aus einem großen Segeltuch hergestellt war, führte. Nachdem mußten wir zu mehreren unsere Köpfe durch das Loch eines einer Knopfgabel ähnlich sehenden, langen Brettes stecken, worauf wir eingeseift und mit einen: mächtigen hölzernen Rasierincsser rasiert wurden. Dann wandert« einer nach den: anderen unter schallenden: Ge-9 lächter unbarmherzig rückwärts in das Taufbecken. Zuletzt beförderten einige Gemütsmenschen den „Neptun" in ganz respektwidriger Weise mit seinem phantastischen Aufputz ebenfalls ui das Becken, welcher Vorgang noch recht oft belacht wurde. Am anderen Tage wurden uns die Taufscheine aus gehändigt. Am 10. Juli Morgens hieß es endlich: „Land in Sicht". Mancher von uns blickte enttäuscht nach dem endlosen gelben Strande hinüber. Bald kamen auch einige Wellblcchhäuser und Zelte in Sicht: Swakopmund. Gegen 7 Uhr Vormittags gingen wir unter dem dröhnenden Geheul unserer Dampfsirenen vor Anker. Drüben sah inan an einem Maste vor der Kommandantur eine Flagge hochgehen, ein Kanonenschuß wurde gelöst: wir waren bemerkt worden. Die „Palatia" ankerte etwa iy s km vom Strande entfernt. Auf der Reede lagen etwa ein halbes Dutzend Dampfer, größtenteils der Wörmann-Linie ge hörend. Am weitesten nördlich sah man ziemlich nahe an der Brandung den zierlichen kleinen Kreuzer „Habicht", tropenmäßig weiß getüncht, auf den Wellen tanzen. Er interessierte uns insofern, als sich die Besatzung zu Beginn des Aufstandes sehr ruhmvoll geschlagen hatte. Uns'am nächsten lag ein ziemlich großer Dampfer unter holländischer Flagge. Die zu uns herüberdringenden „Muh "-Laute ließen keinen Zweifel über die Ladung aufkommen; er hatte Ochsen geladen. Mit Sehnsucht erwarteten wir nunmehr die erste Nach richt vom Lande. Unser größter Kummer war bereits seit Wochen der, daß wir unverrichteter Dinge wieder umkehren müßten, tvcil der Aufstand niedergekämpft sein könnte. Wollten wir doch alle die Kugeln pfeifen hören und etwas erleben. Endlich gegen 8 Uhr sahen wir den „Pionier", einen kleinen, aber festen Schlepper, sich mühsam durch die Brandung arbeiten. Nur zeitweise kanr er voll in Sicht, und zwar, wenn er sich auf den Kämmen der Wellen befand, ein Zeichen für einen überaus hohen Wellengang. Schließlich gelang es ihm doch, sich ai: die „Palatia" heranznarbeiten und festzumachen. Einige Offiziere und Unteroffiziere, letztere mit dem Zeichen polizeilicher Würde, einer breiten roten Schärpe, kletterten an einer ihnen zugeworsenen Strickleiter an Bord. Ich drängte mich sosort an einen der Unteroffiziere heran, um ihn zu frageu, wie es stände. Wir kamen noch nicht zu spät. Eine Entscheidung war noch nicht gefallen. Es hatte seit unserer Einberufung noch nicht einmal ein erwähnens wertes Gefecht stattgefunden. Jeder hatte seine Sachen vorsorglich bereits ein bis zwei Tage vorher gepackt, dachte er sich die Ausschiffung doch genau so, wie in Hamburg die Ein- schifsung, oder wenigstens so ähnlich. Darüber sollten wir sehr bald eines anderen belehrt werden. Die größten Schwierigkeiten machte uns das Ausschiffen der Pferde. Jedes Pferd wurde zu diesen: Zwecke in einen Kasten gebracht,10 der einem Pferdestand, wie ich ihn bereits beschrieben habe, ähnlich sah. Die vordere nnd Hintere Seite lies; sich mittels Türen verschließen. Sobald das Pferd den Stand betreten hatte, wurden Vorder- nnd Hintertür geschlossen, der ganze Stand wurde etwa 5 m hoch gewunden, der am Mast befindliche Kran nach der Wasserseite zu gedreht und der Stand in den neben dem Schiss hin- und hertanzenden Leichter gesenkt. Unter Leichter ist ein sehr stark gebauter Kahn zu verstehen, in welchem etwa 20 Pferde untergebracht werden können. Mühsam arbeitete hierauf der „Pionier" einen Leichter nach dem anderen durch die Brandung unter den Schuh der Mole, wo das Ausladen in ähnlicher Weise erfolgte. Es gelang uns, am ersten Tage etwa 100 Pferde zu tauben, ein für die dortigen Verhältnisse sehr gutes Resultat. Mit den Ochsen drüben ans dem Holländer wurde nicht so glimpflich verfahren. Ein um die Hörner geschlungenes Tan ersetzte den bei nn§ gebräuchlichen Käsig. Am nächsten Morgen hatten wir hohen Seegang: alles, was nicht niet- und nagelfest war, flog in Kajüten und Gängen hin und her. Der Strand lvar haushoch von Gischt ein gerahmt. Am Molenkopf brach sich die Brandung turmhoch. Au ein Landen war nicht zu denken. Ein Unteroffizier, der bereits früher im Lande gewesen war, erzählte, das; es oft wochenlang so anhielte. — Ein schöner Trost. — Zwei Tage konnte die'Landung nicht versucht werden, desto flotter ging es dann aber die darauffolgenden Tage, und bald setzten'wir unseren Fuß wieder auf festen Boden, nachdem wir 30 Tage die Schiffsplanken unter uns gehabt hatten. — Die 5. Kom pagnie sollte noch eine harte Nuß knacken. Erst vier Wochen später gelang es ihr, den letzten Mann nnb das letzte Pferd an Land zu bringen. Während dieser Zeit war Waterberg längst geschlagen. In Swakopmund galt es nun, die Mobilmachung so schnell wie möglich zu Ende zu führen. Ochsenwagen waren bald ausgesucht und verfrachtet. Gewaltmärsche nach Waterberg wurden uns vom Hauptquartier helivgraphifch befohlen. Die Eisenbahn, eine schmalspurige Feldbahn, mußte für Verpflegnngs - Transport freigehalten werden, also hieß es, die 800 km zu Pferde zurückzulegen. Am II. August sollte der Angriff bereits erfolgen. Zunächst galt es, 180 km Wüste (die Namieb) zu durchreiten. Diese Strecke hatte nur zwei Wasserstellen, welche höchstens für eine halbe Kompagnie Wasser auf einmal lieferten. Es wurde un geordnet, das; die Kompagnie in zwei Teilen marschieren sollte. Die erste Halbkompagnie führte Oberleutnant Kramer, ein Herr, der sich bereits in Ostafrika das schwarz-weiße Band, den größten Stolz des Soldaten, erworben hatte. Ich blieb mit dem Hanptmann bei der zweiten Halbkompagnie. Doch auch für uns schlug die Stunde des Abmarsches, und so sahen wir uns am 26. Juli bereits auf der Pad (Straße) nach Nonidas. Südlich von uns befanden sich die gefürchteten gelben haushohen Sanddünen, auf denen oer Sand dauernd wie Schnee geweht wird. Die Zukunft hat gelehrt, das;11 auch sie ihre guten Seiten haben: Man sucht und findet heute dort Diamanten. Um uns kahles, sandiges Erdreich, auf welchem kein Hälmchen gedeiht. Ein paar Wagenspuren, die parallel mit der Eisenbahnstrecke liefen, zeigten uns den Weg an, den wir zu nehmen hatten. Nach iy 2 ständigem Ritt war Nonidas erreicht, wo übernachtet wurde. Ich baute mir mit Zander und dem Vizefeldwebel Deubert zu sammen ans Hcuballeu, die als Pferdefutter dorthingeschafft worden waren, eine Hütte. Dari» verbrachten wir das erste Biwak auf afrikanischem Boden verhältnismäßig gut. Etwa iy 2 Stunden später trafen unsere Ochsenwageu, vier an der Zahl, ein. Staunend betrachteten die Leute die eigenartigen, Wagen, ungefüge mächtige Kasten auf breiten, eisenbeschlagenen Holzrädern, oben mit einem Segeltuch, nach Art der Zigeunerwagen, überzogen. Die Bespannung bestand aus je 20 Ochsen, die rechts und links einer laugen Kette mit Ochsenfellriemen in Jochen befestigt sind.. Die Treiber entstammten meist der Kapkolonie. Sie wurden aber später wegen Faulheit und Unzuverlässigkeit durch Landeingeborene ersetzt. Diese Leute verstehen die unglaublich lauge Peitsche mit Bambusstiel sehr geschickt zcc handhaben, machen aber meistens erst daun davon Gebrauch, wenn ihr Geschrei erfolglos ist, wenigstens tun das die guten Treiber. Die Fahrt dieser ungelenken Beförderungsmittel wird in der Regel derart gehandhabt, daß die Wagen bereits einige Stunden vor der Truppe unter entsprechender Be deckung vorausgeschickt, um später von der Truppe überholt zu werden. Der Ochse ist gewohnt, nach einem Treck, das ist ein Marsch von zwei Stunden, ausgespannt und ins Gras geschickt zu werden. In der Regel macht sich solch' eine Ochsenwagenkolonne schon von weitem durch große Staub wolken uiid durch fortgesetztes Geschrei der Treiber und Peitschenknallen bemerkbar. 20 Ochsen in einem Gespann bildet die Regel. In schwierigen Fällen sind oft zwei oder drei solcher Gespanne zu eiueni Wagen erforderlich. Jede Kolonne hat ihren „Bas", einen mit der Sprache der Ein geborenen vertrauten Weißen, in der Regel einen Buren, als Obmann oder Konduktor. Anr Morgen des 26. sattelten wir frohgemut unsere Pferdchen und ritten vergnügt in den herrlichen Morgen hinein. Wir hatten den Sand hinter uns uno ritten auf einem festen, steinigen Wege dem Inneren zu. Bald wurde auch ein frisches, fröhliches Reiterlied angestimmt, und es war wirklich in diesem Augenblick, als wenn jeder in die frische, klare Luft hiuausjauchzeu wollte: „O, welche Lust, Soldat zu sein." — Doch bald meinte es Afrikas Sonne zu gut und Roß und Reiter ließen die Köpfe hängen. Es wuroe abwechselnd getrabt, Schritt geritten und daun wieder eine Strecke geführt. Gegen ll Uhr Vormittags sichteten wir mehrere Springböcke, die in großen possierlichen Zickzack- Sprüngen das Weite suchten. Es waren dieses nur Vor posten für ein bald in Sicht kommendes Rudel von etwa 60 bis 40 Stück. Der Hauptmann versuchte, zu Schuß zu12 kommen, was jedoch nicht gelang. Bald erreichten wir das wild zerklüftete Khan-Revier und marschierten diesem parallel gegen Osten. Wir merkten auf diesem Marsche, das; wir es mit einer „Durststrecke" zu tun hatten, dem: wir zählten ans einer Strecke von 15 Km 45 Ochsenkadaver. Gegen 2 Uhr Nachmittags trafen wir endlich in Heigainchab, einer kleinen Militär- und Zollstation, ein und fanden die vor uns marschierende Halbkompagnie gerade zum Abmarsch fertig. Ein alter graubärtiger Schütztruppenfeldwebel meldete: „Die Station ist besetzt mit einem Feldwebel, einem Ge freiten und einen: Landsturmmann." Die Station lag in den: sehr tiefen und wild zerklüfteten Khan-Revier. Sic bestand ans einem einstöckigen, kleinen, aus Steinen errichteten Gebäude, das mit Wellblech gedeckt war. Eine Tafel bezeichnete sie als Polizei- und Zvllstation. Hinter der Station hatte ein Bastardweib, dessen Mann sich in: Orlog (Kriege) befand, mit 7 oder 8 Kindern ihren bienen korbartigen Pontock lHütte) aufgcschlagen. Einige hohe Bäume gaben der Ansiedlung ein freundliches Aussehen. Die erste Frage war natürlich nach den: Wasser. „Das befindet sich eine halbe Stunde weit stromabwärts in: Revier," sagte mir der Stationsgefreite, und erklärte sich bereit, den Führer zu machen. So gingen wir denn, unsere müden Rößlein nachziehend, hinter den: Gefreiten her, den: Wasser zu. Bald weitete sich das enge Revier und die Vegetation begann etwas lebhafter zu werden. Das bis dahin sandige Revier zeigte etwas Graswuchs und dazivischen sahen wir, wie daheim auf einer sumpfigen Wiese, das Wasser. Aus den Eindrücken, welche die Hufe der Vorgänger hii:terlassen hatten, suchten sich die Pferde das kostbare Rast. Auf der gegenüberliegenden Seite des Reviers befand sich nach Angaben des Gefreiten die Farn: des Landsturmmannes. Ich beschloß, ihn: einen Besuch zu machen, lieber das Revier schreitend, erblickte ich auch bald auf einer von: Wasser an- geschwennnten Bodenerhöhung, welche :nit niedrigen Büschen betvachsen war, eine Hütte, die aus Brettern von Zucker- und anderen Kisten hergestellt war. Vor der Hütte befand sich ein Tisch und eine Bank aus demselben Material. Etwa 1 0 m seitwärts zeigte ein frisch aufgeworfener Hügel, daß dort Erdarbeiten verrichtet wurden. ' Ein Infanterie-Gewehr (Modell 88) war mit dem Kolben in das lose Erdreich gesteckt, daneben lag ein gefiillter Patronengurt und ein Kakirock. Näher tretend bemerkte ich dann auch in der etwa 4 m tiefen Grube den braven Landsturmmann mit dem Spaten in der Hand, in: Schweiße seines Angesichtes nach Wasser suchend. Er wollte sich einen Brunnen für seine Farn: bauen, >vie er sagte, geriet aber zum Teil auf Stein. Mühsam entstieg er den: Schacht, un: mir seine Farm zu zeigen. So ließ ich mir denn zunächst erklären, daß das ganze Machwerk auf gläsernen Füßen stände. Der Khanflnß hatte vor Jahren an einer Seite guten Boden abgesctzt, den es auszunützen galt. Voß, so hieß der Glückliche, versuchte, diese:: Umstand sich dienstbar zu machen, war aber keineswegs sicher, daß ihn: der Khan13 seine Reichtümer bei der nächsten Regenzeit nicht wieder mit fortnahm. Er wollte Grünzeug bauen und gedachte dasselbe in Swakopmund günstig abzusetzen. Zwei Mulis Maulesel), welche im Revier nach Gras suchten, sollten dann in jeder Woche einmal den Weg nach Swakopmund machen, um die Kostbarkeiten dorthin zu bringen. Voß hatte Plinsen gebacken. Sie schmeckten nicht übel. Ihm weiteren guten Erfolg wünschend, verließen wir sein „Königreich" und begaben uns zur Station zurück. Die Ochsenwagcn sollten gegen Abend eintreffen, aber sie kamen nicht. Die Pferde wurden während der Nacht in eins der vielen Felsdreiecke getrieben. Ein Dornenkraal und eine Postenkette sollten ihr Entweichen verhindern. Wein berger, mein Bursche, ein biederer Bayer, hatte sich ein herumliegendes Ochsenhorn, seines früheren Berufes als Postillon eingedenk, als „Posthorn" zurechtgemacht und blies, ans einer hohen Felszacke sitzend, seine Weisen in die sternenklare, kalte Mondnacht. Am nächsten Morgen hatten die Pferde vor Hunger das als Kraal verwendete Dornen- Gebüsch vollständig aufgefrcssen. Einige waren zwischen den kirchturmhohen Klippen in die Höhe geklettert und standen dort ratlos, weder vorwärts noch rückwärts könnend, ein gepfercht. Nur unter Anwendung großer Mühe gelang es, oie Tiere aus ihrer Lage zu befreien'. Einem schönen Apfel schimmel war ein Hinterschenkel entzweigeschlagen worden. Mitleidig gab ich dem Schimmel, ihm meinen Revolver auf die Stirn setzend, den Gnadenschuß. Der Stationsfeldwebel bat sich zum Zaumausbessern die Decke aus, das Fleisch wurde an die hungernde Kompagnie verteilt, denn die Mund- portionen befanden sich ans den Ochsenwagen. Im Besitz der Kompagnie war zwar die dreitägige „eiserne Portion", diese durfte aber vorläufig nicht angegriffen werden. Da die Ochsenwagen immer noch nicht angelangt waren, wurden Patrouillen ausgeschickt, die jedoch nach Stunden erfolglos zurückkehrtsn. Endlich, es war zum zweitenmal Abend geworden, hörte ich die „Halt-Werda"-Rufe eines Außenpostens von: Revier herüberschallen. Sofort lief ich hinüber und sah, wie sich im Mondschein drei Reiter näherten. „Patrouille von Richthofen" meldete inir der die Patrouille führende Unteroffizier, „die Ochsenwagen der Kompagnie treffen in einer halben Stunde ein, sie waren einen falschen Weg gefahren." Sofort wurde alles zum Abmarsch fertig gemacht, nach Eintreffen der Wagen Hafer gefüttert, Mund portionen ausgegebcn und der Weitermarsch angetreten. Sehnsüchtig erwarteten wir den Morgen. Die Nacht war bitter kalt, und wir konnten daher etwas Wärme vertrage,:. Als er endlich da war, wurde die Hitze bald wieder un erträglich. Gegen 9 Uhr Vornuttags sahen wir südlich der Pad etwa l0 Strauße flügelschlagend in langen Sturm schritten das Weite suchen. Um l0 Uhr Vormittags schlugen wir abermals in einem tiefen Revier, dieses Mal in: Swakop, unser Lager auf. Das Wasser mußte im Revier erst gegraben werden, ' war aber derart salpeterhaltig, daß selbst der14 Kaffee vollständig versalzen war. Am Nachmittag durfte ich den Hauptmann auf die Jagd begleiten. Wir schossen je ein Paar Turteltauben. Im Revier sichteten wir auch die Spuren eines Leoparden. Am Abend bereiteten uns viele Klippoachse und Klivpmäuse ein ungewohntes Konzert. Wiederum wurde Nachts marschiert. Am darauffolgenden Morgen erreichten wir Salem, eine von den Hereros stark verwüstete Farm. Auf dem Marsche dahin ergötzte uns ein Rudel flüchtender Paviane mit ihren lauten „Oa"-Rufen. Die Vegetation nahm zu, das Swakop-Revier zeigte sich mit schönen großen Bäuinen eingerahmt. Zander schoß auf der Jagd ein wahres Prachtexemplar von Steinadler. Nach mehreren Tagen befanden wir uns endlich auf dem Nacht- marsch nach Karibik. Ein eisiger Wind pfiff uns um die Ohren. Bei jeder Ruhepause wurde Feuer angemacht und Kaffee gewärmt, um uns warm zu erhalten. Plötzlich fuhr ein scharfer Windstoß über die Steppe, deren trockenes Gras in Brand geriet. Wir gedachten mit Schrecken der von Frey geschilderten amerikanischen Präriebrände und strebten eilig dem Norden zu, nachdem unsere Löschversuche erfolglos gewesen waren. Noch lange sahen wir uns diese Nacht nach dem geröteten Himmel um und gedachten grausend des Schicksals der uns nachfolgenden Ochsenwagen/ Sie langten zu unserer Freude aber einige Stunden später frisch und wohlbehalten in Karibik an. Nach einigen Ruhetagen wurde mit dein Bataillonsstab und einer Halbbatterie, bestehend aus Matrosen, Secsoldateu und alten Schutztrupplern, der Weitermarsch nach Omaruru angetreten. Mehrfach passierten wir zerstörte Farmen und langten nach Einbruch der Dunkelheit in Osonibirnbambe, einer Wasserstelle, an. Der Bataillonsstab war voraus- geritten und hatte in nordöstlicher Richtung ein Feuer brennen sehen, welchen Ilmstand eine Patrouille der 4. Kompagnie aufklären sollte. Ich meldete mich freiwillig und fünf Minuten später trat ich in Begleitung von vier Mann mit aufgepflanztem Seitengewehr den Marsch in die finstere Nacht an. Nach etwa zwei Stunden kehrten wir zurück. Vom Feinde und Feuer hatten wir nichts mehr entdecken können. Die sich in kleinen Banden herumtreibenden Hereros hatten wohl unsere Ankunft gemerkt und es vorgezogen, sich beizeiten aus dem Staube zu machen. Am nächsten Morgen passierten wir das Gesechtsfeld von Omaruru, das Ehrenfeld der Franke'schen Heldenschaar. Soldatengräber und umherliegende Waffenteile waren die noch vorhandenen Zeichen des vor über einem halben Jahre stattgefundenen Kampfes. In Omaruru selbst wurde ein Ruhetag gemacht, um uns für die darausfolgenden an strengenden Märsche zu stärken. Auf die Ochfenwagcn durfte keine Rücksicht inehr genommen werden, wenn wir für Waterberg zurecht kommen wollten. Es wurde Tag und Nacht marschiert, und wir passierten abermals eilt Gefechts feld, Otjihinamaparero. Ich stieg in die hohen Klippen, die Stellung, welche die Hereros innegehabt hatten, und fand15 dort nur noch die traurigen Reste des Schlachtfeldes, weiß- gebleichte Menschenschädel, zurückgelassene Kochtöpfe, Patronenhülsen, Kiris (Keulen) und anderes mehr. Die Hereros hatten eine gute Stellung innegehabt und waren erst nach langem Kampfe gewichen. Auf einem etwa 2 km langen, 10 bis lß m hohen Klippenrücken hatten sie einen Schützengraben angelegt, der deutscher Infanterie alle Ehre gemacht haben würde. Selbst die Verkleidung war nicht vergessen worden. Zwischen einzelnen Felsstücken hatte der Feind, damit das Vorhandensein einer künstlichen Stellung verdeckt wurde, Zweige eingeklemmt. Außerdem waren tadellose Brust- und Schulterwehren hergestellt. Einen ganzen Tag hatten alte Schutztruppler, im Verein mit Seesoldaten, um die Stellung gekämpft, welche erst eingenommen werden konnte, nachdem ein Flankenangriff glücklich durchgefochten worden war. Zahlreiche Maschinen kanonenhülsen bezeichnet«:: die ehemalige Stellung unserer Geschütze, Häuflein von 88er Hülsen und Patronenrahmen die Plätze, wo die einzelnen Soldaten stundenlang gelegen und jeden günstigen Moment für die Abgabe eines guten Schlusses erspäht hatten. Nach einigen Tagen erreichten wir Okateitei, die letzte Station vor Waterberg. Oberst Deimling ließ die Kompagnie beim Einmarsch ins Lager vorbeidefilieren und freute sich über den guten Zustand der Pferde und Mannschaften nach diesen Gewaltmärschen. Bald hatten wir zwischen den Kompagnien des l. Bataillons einen Lagerplatz bezogen. Neben uns lagerte eine Kompagnie, welche hauptsächlich aus Schlesiern und Posenern zusammengesetzt war. Ich freute mich, wieder einmal Landsleute zu treffen. Zander hatte den Auftrag erhalten, mit dem Pionierzuge der Kompagnie eine Wagenburg für die sich am Vorinarsch nicht beteiligende Bagage zu errichten und baute wacker darauf los. An: > 0 . August Vormittags wurde das Nähere über den Vormarsch besohlen. Es sollte nur 6 llhr Abends abgeritten uitb die ganze Nacht hindurch marschiert werden. Jeder sollte genügend Wasser mitnehmen, da die nächste Wasserstelle oem Feinde erst entrissen werden mußte. Meine Kompagnie hatte keinen Proviant mehr. Es wurde befohlen, daß uns die Schlesier etwas abgeben sollten. Wir erhielten dam: pro Mann eine Büchse Wurst und einige Beutel Feldzwieback. Am Nachmittag wurde für den Vormarsch alles vor bereitet. Oberst Deimling besichtigte die Wagenburg imd sprach Zander für die umsichtige Leitung seine volle An erkennung aus, die letzte, welche er in feinem Leben erhalten sollte. Die Wasserversorgung konnte leider nur zum Teil durchgeführt werden. Als nach 6 Uhr alles zum Abmarsch bereit ivar, brachte Zander eine Kiste Zigarren zu 25 Stück aus seiner Packtasche zum Vorschein und bot Denbert und mir mehrere an. Er machte dabei ein sehr sonderbares Gesicht. Ich fragte ihn, was ihm fehle. „Lieber Kamerad," sagte er, „morgen bin ich nicht mehr und was sollen mir dann die16 Zigarren." Er bot auch den Offizieren Zigarren an. Sie schlugen ihm seine Bitte nicht ab. Zudem waren uns Zigarren schon seit langenr nicht mehr beschicken gewesen. Die Sonne ging blutigrot unter. Schweigend ritten wir in langem Zuge gegen Osten, Waterberg entgegen. Am Vormarsch waren beteiligt: 2 ., 3., 4. und 6. Kom- pagnie des 2. Feldregiments, 7. Feldbatteric und die bereits erwähnte, aus Matrosen, Seesoldaten und alten Schutz, trupplern zusammengesetzte Halbbatterie. Nach langem Nachtmarsch begann endlich die Dämmerung. Wir hatten das hohe felsige Waterberg- Plateau vor uns liegen. Gegen 5% Uhr wurde Halt gemacht. Wir hörten vor uns Vieh brüllen, ein Zeichen dafür, daß wir unfern Gegnern nahe gekommen waren. Patrouillen zu Fuß kletterten rechts und links mit schußbereitem Gewehr, das Seitengewehr aufgepflanzt, in den Klippen umher, uns gegen Hinterhalte zu sichern. Eine Artilleriestellung war bald ausgesucht, und unter Bedeckung einer Kompagnie wurde die Stellung eingenommen. Um 6 Uhr sollte in das Gefecht eingetreten werden. Zischend flog die erste Granate um diese Zeit über unsere Köpfe in die über dem Busch sichtbar werdende Staubwolke. Die einzelnen Kompagnien schwärmten aus und gingen inr dichten Busch vor, die Pferde unter Bedeckung zurücklassend. Ich folgte als Schließender dem ersten Zuge. Nachdem wir etwa 300 m vorgegangen waren, erhielten wir plötzlich Feuer auf etwa 60 Schritt; die Schüsse wurden zum Teil aus großkalibrigen sogenannten Paviansbüchsen aus uns abgegeben, verstummten aber bald, nachdem von uns energisch vorgegangen wurde. Vom Gegner war des dichten Busches wegen nichts zu sehen. Wir merkten bald, daß wir es nur mit dem Nachtrupp zu tun hatten, und der Gegner im übrigen im vollen Abzüge hegriffen war. Bald durchschritten wir einzelne Werften (Dörfer). Frisch geschlachtetes, an Bäumen hängendes Vieh, zurückgelassenes Hausgerät, Sattelzeug u. s. w. bestätigten uns das Entweichen der Schwarzen. Der Omuwerumuepaß war unser, die Wasserstellen in unserem Besitz. Die Abteilung Fiedler, bestehend aus der l. Kompagnie 2. Feldregiments und I. Halbbatterie, von Nordwesten kommend, sollte sich hier init uns vereinigen. Die Wasserstellen, sehr tiefe in den Sand des Omurambaflußes eingegrabene Wasserlöcher, lieferten bei weitem nicht genügend Wasser, und mißmutig zog mancher Reiter, der seinem Rößlein gern das Satt-Trinken gegönnt hätte, nach dem Lagerplatze. In dessen Mitte befand sich ein etwa 4 m hoher, spitzer Termiteuhaufen, au dessen Fuß ich mich mit Zander und Deubert lagerte. Wir waren sehr bekümmert, denn auf dem Vormarsche war uns der ganze zweite Zug, I Leutnant und 24 Reiter, abhanden gekommen. Es gab nur zwei Möglichkeiten, entweder hatten sie sich im Busch verirrt oder sie waren von uns abgedrängt worden.2 17 Plötzlich fielen aus dem dichteil Busch heraus auf etwa 20 Schritt Schüsse. Mehrere Reiter, darunter auch ein Sanitäts-Unteroffizier, wälzteil sich in ihrem Blute. Leider gelang es uns nicht, trotz sofortiger gründlicher Absuchung des Busches, die Schütze» zu stellen. Die Gelegenheit zum Rückzuge war eben zu günstig. Zudem waren die Schüsse von unserer Rückenseite her gefallen. Dort hatten wir ain allerwenigsten Feinde vermutet, da bei unserem Vorinarsch alles gründlich abgesucht worden war. Die Abteilung Fiedler war eingetroffen und der weitere Vormarsch wilrdc angetreten. Meine Kompagnie erhielt die Avantgarde und ich übernahm die Führung des Vortrupps. Es wurde, wie auch bei sonstigen Märschen, abwechselnd Trab iliid Schritt geritten. Die Gewehre hatten wir, der Schuß bereitschaft wegen, mit dein Kolben ans den rechten Ober- schenkel gestützt, die Mündung senkrecht nach oben zeigend. 200 'Schritt vor mir ritt die Spitze, bei welcher sich auch Hauptmann Franke, der Held von Okahandja und Omaruru, befand. Der Spitze waren etwa 10 Wittbois, kleine, rotbraune, zerlumpte Gesellen, zugeteilt, welche hauptsächlich zum Spurensuchen verwendet werden sollten. Sie ritten ihre eigenen nbgemagerteu, aber zähen Pferde, waren mit Gewehren 88 bewaffnet und trugen als Zeichen ihres Staurmes über den breiten Hüten eine weiße Kappe. Eine ganze Kompagnie war aus diesen Leuten zusammen gestellt und schlug sich während des Hererofeldzuges auf unsere Seite, von weißen Offizieren und Unteroffizieren ge führt. Sie waren weniger gut als fechtende Soldaten ver wendbar, leisteten aber auf Patrouillenritten durch ihr überaus scharfes Auge und ihre Landeskenntnisse sehr gute Dienste. Urplötzlich erhielten wir auf ganz kurze Entfernung heftiges Feuer, rechts und links aus dem Busch. Sofort ließ ich absitzen und ausschwärmeu und lief mit meinen Leuten in die Linie der im Feuer liegenden Spitze. Auch diesmal hielten die Hereros nicht stand, sondern gingen in wilder Flucht zurück. Wahrscheinlich hatten sie unsere Stärke gut ausgekundschaftet und fürchteten diese. So manchesmal bückten wir uns noch, wenn die Kugeln über uns hinweg zischten. Spitze und Vortrupp gerieten beim Anblick der wie Hirsche durch den Busch springenden Hereros immer mehr in Aufregung. Es brannte schließlich in jeden: einzelnen der Wunsch, diese fliehenden Feinde zum Stehen zu bringen. Die Sporen wurden eingesetzt und dahin fegten wir durch den Busch zwischen die Feinde. Bald mußten wir ein Karree formieren. Hinter uns und vor uns fluteten die schwarzen Gesellen über de» Weg. Das Feuer wurde immer heftiger. Viele Hereros fielen. Vom Gros her hörteir wir heftiges Gewehrfeuer, was keinen Zweifel aufkommen ließ, daß auch dort das Gefecht heftig entbrannt war. „Das Gros muß Meldung von unserer Lage bekommen!" Der Oberleutnant sah mich au und ich wußte, was der Blick bedeutete. Sofort zog ich meinen Schimmel aus dem Pferdekueuel, schwang mich18 in den Sattel, und im Galopp flog ich den Weg zurück, den wir gekommen waren. Doch bald ging es nicht mehr. Etwa 100 Schritt vor mir zog eine größere Truppe Hereros heftig gestikulierend über den Weg. Mit schußbereitem Gewehr drückte ich mich hinter eiiren Busch und wartete. Die letzten kamen und hatten die Pad gekreuzt. Es kitzelte mich inr Zeigefinger. Sollte ich den Letzten noch einen Denkzettel mitgeben? Es hieß schnell besinnen, sonst verschwanden sie im Busch. Meinen Schuß, der einen der Feiirde niederstrcckte, beantworteten mehrere von ihnen, jedoch ohne zu treffen. Sic waren weit aufgeregter als ich. Weit vornübergelegt, drückte ich die Sporen in die Flanken und bald hatte ich die Hauptabteilung und den Oberst Deimling erreicht. Meine Kompagnie lag zwischen der Pad und dem Waterberg im Gefecht; sie wurde von der 6. Kompagnie unterstützt. Eine neue Spitze mußte formiert werde» und bald hatten wir unsere voreilige Spitze entsetzt. Wiederum führte ich meinen Vortrupp. Gegen 4 Uhr Nachmittags bekamen wir einige Häuser auf einem großen freien Platze in Sicht. Heftiges Gewehrfeuer empfing uns. Die Pferde zurücklassend, gingen wir gegen die Häuser sprungweise vor, wie daheim auf dem Exerzierplätze. Die Hereros waren eifrig bestrebt, sich unserer Um klammerung zu entziehen und versuchten hartnäckig nach Osten durchzubrechen und unseren rechten Flügel zu über laufen, bei welchem ich mich befand. Ich nistete mich mit meinen Leuten, so gut es ging, in einem tiefen Graben ein, in welchem sich Wasser befand, das von dem zahlreich umher stehenden Vieh stark verunreinigt ivorden war. Sofort warfen sich einige meiner Leute ein dem Grabenrand nieder und sogen das schmutzige Wasser gierig ein, sich nicht um die um sie herumfliegenden Kugeln kümmernd. Die Hereros, das Vergebliche ihrer Bestrebungen einsehend, hatten sich in die am Abhänge des Waterbcrges etagenförmig über einandergelegenen Schanzen zurückgezogen und unterhielten von dort aus ein lebhaftes Feuer. Ein weiteres Vorgehen von uns aus wäre zwecklos gewesen und hätte nur zu großen Verlusten führen können; dieses umsomehr, als das Vor gelände für uns keine Deckung bot. Es mußte das Gros und die Artillerie abgewartet und mit deren Hilfe der Feind er schüttert werden. Bald schwärmten auch die einzelnen Kompagnien rechts und links von uns aus und gingen sprung weise vor. Die Geschütze fuhren dicht hinter uns ans und polternd schlugen die ersten Granaten gegen die Klippen. Die Entfernung lag fest, sie ivar bereits von uns ausprobiert worden. Wir riefen sie den Kanonieren zu. Sofort feuerten diese mit Schrapnels. Das Feuer drüben wurde schwächer mid hörte schließlich ganz auf. Das J. Bataillon suchte die Stellung ab und fand nur noch Tote. Aber auch bei uns waren Lücken entstanden. Zander war mit einigen Hereros in einen Nahkampf geraten. Hinter einem Baume kniend, hatte er auf einen Herero angelegt, als ihn die Kugel eines anderen niederstreckte. Außerdem2 « 19 waren mehrere Leute jum Teil recht schwer verwundet, ein weiterer Mann tot. Da der Kampf jeden Augenblick von neuem entbrennen konnte, hoben die Pioniere der Kom pagnie schnell ein Grab aus und legten ihren Führer, sorglich in den Mantel gehüllt, hinein. Eine kurze Ansprache von seiten des Hauptmanns beendete die kurze, aber zu Herzen gehende Feier. Die Beerdigung des Reiters konnte nicht erfolgen, weil er im Busch gefallen und liegen geblieben war. In geschlossenem Viereck wurde das Lager aufgeschlagen und durch starke Posten gesichert. Noch mehrere Male wurden wir in dieser Nacht durch Gewehrfener beunruhigt, wenn uns dieses überhaupt noch beunruhigen konnte. Der Durst, den wir auszustchen hatten, und die seelischen Ein drücke ließen uns nicht schlafen. Deubert und ich saßen noch lange am Lagerfeuer und gedachten des gefallenen Freundes. Der Hauptmann trat gegen Mitternacht zu uns und erbat sich den Löffel von Zander als Andenken aus. Am anderen Morgen wurde init Tagesanbruch gesattelt und in südlicher Richtung abmarschiert. Wir waren an diesem Tage inc Haupttrupp und kamen zu keinen: direkten Eingreifen. Um 10 Uhr Vormittags kam der Signalballon^ der Funken station des Hauptquartiers in Sicht. Eine Stunde später langten wir an der Wasserstelle Hamakari, dem Standorte des Hauptquartiers, an. Die Hauptabteilung hatte ein über aus schweres Gefecht gehabt und überall lagen tote Hereros mit furchtbar verzerrten Gesichtern und hoch aufgedunsenen Leibern umher. Biele hielten die Arme init krampfhaft geballten Fäusten steif nach oben. Zum Teil hatte man sich schon dadurch geholfen, daß man die Toten in vertrocknete Wasserlöcher gelegt und diese notdürftig mit Erde zugedeckt hatte. Sofort wurde wieder ein geschlossenes Viereck als Latzer hergerichtet. Jede Kompagnie erhielt mehrere Geschütze und Maschinengewehre und verstärkte ihre Stellung durch Astverhaue. Die umherliegenden Leichen und Tierkadaver wurden ans dein Lager geschafft, damit die Luft nicht verpestet wurde. Bemerkt sei, daß sich nach diesen Gefechten fast sämtliche Unteroffiziere die Tressen von Kragen und Aermelaufschlägen entfernt hatten. Auch die Offiziere hatten vor dein Gefecht bereits ihre Achselstücke abgelegt; sie unterschieden sich, da sie genaii Uitc die Mannschaften mit Gewehr und Infanterie- Seitengewehr bewaffnet und mit dem Patronengurt aus gerüstet waren, von diesen durch keinerlei Abzeichen. Die Dienstgradabzeichen der Unteroffiziere bestanden für die Folge für den Feldwebel aus vier, für den Vizefcldwebel aus drei, für den Sergeanten aus zivei und für den Unteroffizier aus einem Winkelabzeichen. Diese Abzeichen ließen sich init Hilfe dreier Haken auf dem linken Oberarm leicht befestigen und konnten in jeder kritischen Lage sofort entfernt werden. Daß diese Maßnahmen diirchaus nötig waren, hatteii die immer wiederkehrenden großen Verlustziffern an Offizieren und Unteroffizieren bewiesen. Die Hereros kannten die20 Dienstgradabzeichen genau und bemühten sich, die Führer zuerst totzuschießen. Patrouillen kamen und gingen, zu Pferde und zu Fuß und stellten schließlich fest, daß die Abzugsrichtung in die Omaheke (Wüste) zeigte. Eingeborene, welche sich bei der Truppe befanden, wurden nachgeschickt, um die Feinde zur Uebergabe zu bewegen; sie wären aber dazu nicht bereit. Nach einem Ruhetage wurde mit ausgesuchten Pferden und gut bespannten Batterien die Verfolgung ausgenommen. Bald hatten wir die Abzugspad erreicht und folgten ihr. Nach Stunden passierten wir vertrocknete Wasserlöcher, um welche sich Tausende Stück Rindvieh und Bockis (Ziegen) gelagert hatten und unruhig umherliefen. Die Wasserlöcher wären zum großen Teil mit noch lebendem Vieh angefüllt, welches nach Wasser suchend, in die 4 bis 5 m tiefen Löcher gefallen war und dort die Knochen gebrochen hatte. Der Pionierzug versuchte, einige Wasserlöcher für uns nutzbar zu machen, jedoch ohne Erfolg. Plötzlich erhielten wir lebhaftes Gewehrfeuer von allen Seiten. Rasch schwärmten die einzelnen Kompagnien in die Vorposteuketteu ein, der Feind hielt jedoch nicht stand, sondern ließ von seinem Vorhaben, die Wasserstelle und sein Vieh zurückzuerobern, ab, um das Weite zu suchen. Sofort ging es au die weitere Verfolgung. Wir hatten wieder die Avantgarde und trieben die Hereros vor uns her. Schreckliche Anblicke boten sich unseren Augen. Die Pad, welche die Hereros zogen, war genau gekennzeichnet durch umher- liegende Leichen, Kadaver und weggeworfenes Hausgerät. Sie war etwa 100 m breit. Ueberall im Schatten der Bäume lagen und standen Viehherden, die ihr klägliches Gebrüll ertönen ließen. Sie scharrten wohl auch im Erdboden und suchten erfolglos nach Wasser und Kühle. Merkwürdig ist, daß den meisten gefallenen Tieren die Eingeweide heraus- gerissen waren. Wahrscheinlich hatte dieses das zurückfliehende Hererovolk getan, um sich an den im Körper enthaltenen Feuchtigkeiten und dein Bülte bcn Durst zu stillen. Um 6 Uhr Abends erreichten wir abermals eine größere Anzahl Wasserlöcher, aber nur einige hatten etwas Wasser. Sofort wurden Posten mit aufgepflanztem Seitengewehr an die betreffenden Wasserlöcher gestellt und die Verteilung des Wassers ourch Offiziere genau geregelt. Auf jeden Zug kamen nur zwei Tränkeimer voll. Jedes Pferd durfte demnach nur einen Moment sciil Maul in den Eimer stecken, dann wanderte dieser mit dem schlammigen Rest weiter zum nächsten Pserde. Die armeil Tiere litten nicht minder wie das Herero- Vieh. An ein lveitcres Vordringen unsererseits tvar nicht zu denken. Um 12 Uhr Nachts sattelten wir unsere Rößlein, die noch knapp den Sattel zu tragen vermochten, und traten ben Rückweg an. Ein Reiten tvar natürlich unmöglich. Selbst müde und durstig, zogen tvir die müden Tiere hinter uns her, in die bitter kalte Nacht hinaus, zurück den schauerlichen Weg, den wir gekommen waren.21 Seit Karibik hatten wir kein. Brot und seit mehreren Tagen lebten wir von dem Fleische des erbeuteten Viehs. Als wir von Hamakari abmarschierten, hatte ich mir ein kleines Bockt geschlachtet, das Fleisch gekocht und in die Packtaschen gesteckt. Dieses Fleisch wäre ein Leckerbissen für mich ge worden, hätte ich dazu Salz und vor allen Dingen Wasser ge habt. Die Zunge klebte uns am Gaumen. Es war fürwahr ein schwerer Rückmarsch für uns. Unwillkürlich gedachte ich der Worte aus dem llhland'scheu Gedicht: „Piel Steine gab's und wenig Brot, und mancher deutsche Reitersmann hat dort den Trunk sich abgetan. Den Pferden war's so schwach im Magen, fast mußte der Reiter die Mähre tragen ..." Alle Augenblicke zerrte ein Reiter sein Pferd ans der Kolonne und meldete: „Herr Feldwebel, cs geht nicht mehr." Der Gnadenschuß erlöste die armen Tiere in der Regel von ihren Qualen. Der Marsch hat uns gegen 20 Pferde gekostet. Gegen 4 Uhr Morgens wurde Halt gemacht. Sofort machte ich ein großes Feuer an, an welches nach kurzer Zeit Exzellenz Generalleutnant v. Trotha trat, um sich ebenfalls 'zu er wärmen. Nach langem, beschwerlichem Marsche erreichten wir endlich Hamakari wieder und dort traf auch der bei Waterberg vermißte zweite Zug der Kompagnie ein, welcher sich im Busch verirrt hatte. Unsere Ochsenwagen waren noch immer nicht zur Stelle. Wir sollten uns einige Tage erholen, um dann den Südrand der Omaheke zu besetzen und den Hereros den Rücktritt in fruchtbares Gelände zu wehren. An allen Wasserstellen waren Aufforderungen befestigt worden, die zur Uebergabe aufforderten, und fortgesetzt gingen Buschleute und Klippkaffern in die Omaheke, um das gleiche den Hereros zu melden. Sie wollten den Orlog (Krieg) bis aufs Messer; es war ihnen nicht zu helfen. In Hamakari war des wenigen Wassers wegen Wasch verbot ergangen. So sahen wir denn beinahe selbst aus, wie die Hereros, da wir uns seit Okateitei nicht mehr gewaschen hatten. Gesicht und Hände klebten vor Schinutz, da. Schweiß und Staub an der Tagesordnung gewesen waren. Bald riß die Ruhr mächtige Lücken in unsere Reihen. Nach einigen Tagen der Erholung erhielten wir den Befehl zum Weiter marsch auf Otjnsondu. Die Märsche gingen langsam und mühselig von statten. Die Hereros hatten das Gras überall angezündet. Nächtelang ritten wir tmrd) die verqualmte und überall brennende Steppe. Das Schlimmste dabei war, daß unseren Pferden nun noch das wenige Fritter vor der Nase verbrannte. Wie mußten die armen Tiere leiden. Biele hatten sich durch das Fressen der scharfen Gräser ein ganz wundes Maul geholt. In Otjusondn mußten wir wegen der großen Pferdeverluste zwei Züge zu Fuß einrichten. Die Leute machten sich von ihrem Mantel ein Bündel zurecht, das dein sogenannten „Berliner", einem Handwerksburschen- ränzel, nicht unähnlich sah, und stapften dann mit um gehängtem Gewehr in ben hohen Reiterstiefcln rechts und links nebeii den Berittenen her.22 Otjvsondu, am Otjosonduberge gelegen, war zu einer größeren Etappe ausgebaut. Den größten Teil der Be bauung bildete das Feldlazarett. Wir sollten in der Nieder lassung Proviant empfangen; unsere Wünsche wurden jedoch nur zun: kleinen Teil erfüllt. Mißmutig fchlenderte ich mit Deubert durch das Lager und auch an dem gefürchteten Typhus-Lazarett vorbei. Ein Sanitäts-Unteroffizier war damit beschäftigt, einen auf einer Kiste liegenden Gegenstand in Sackleinwand einzunähen. Ich fragte ihn, was' er dort mache. Er erzählte uns, daß er einen am Typhus ver storbenen Soldaten für die Beerdigung vorbereite, Auf meine Frage nach Namen und Landsmannschaft des Ver storbenen nannte mir der Unteroffizier den Namen Neumann und fügte hinzu, daß der Tote ein Schlesier war. Der Unter offizier zeigte uns auch den Friedhof von Otjvsondu. Offiziere, Aerzte, Unteroffiziere und Mannschaften, etwa 30 an der Zahl, schliefen dort bereits den ewigen Schlaf. Mitleidige Kameraden hatten jedem aus Proviantkistenholz ein Kreuz ge zimmert und mit Bleistift oder Kreide Namen und Dienst grad des Soldaten, Ursache und Tag seines Todes darauf geschrieben. _ Wir erhielten Befehl, die etwa 80 km östlich gelegene Wasserstelle Karidona zu besetzen, wo wir am I. September 11% Uhr Nachts anlangten. Deubert und ich bauten uns, da wir voraussichtlich längere Zeit an der Wasserstelle liegen bleiben sollten, ein Zelt, richteten uns überhaupt möglichst wohnlich ein. Es kam Befehl, daß viele Patrouillen zu Pferde und zu Fuß in die Omaheke unternommen werden sollten, um Durchbruchsversuche möglichst frühzeitig zu melden und auch Gefangene zu machen.' Ich wurde an: 7. September mit 7 Mann, darunter ein Kriegsfreiwilliger aus Chile, zu einer derartigen Fußpatrouille kommandiert. Wir marschierten um 4 y 2 Uhr Nachmittags in nordöstlicher Richtung ab und befanden uns bald in dichtem Busch. Vor Einbruch der Nacht ließ ich ab und zu einen Baum besteigen und Ausschau halten. Für die Nacht machten wir uns einen Dornenkral, um uns gegen einen unvorbereiteten Uebersall zu schützen. Mit dem Morgengrauen traten wir den Rückmarsch an und befanden uns bald auf der Rückzugspad der Hereros. Umnittelbar nach Sonnenaufgang gelang es mir, einen Ducker <cine Antilope in ungefährer Größe eines Rehes) zu schießen. Gegen 10 Uhr Vormittags erreichten wir unser Lager wieder und fanden dasselbe leer. Die Truppe hatte, während wir uns auf Patrouille befanden, Abmarschbefehl erhalten und war in der Richtung auf Epukiro abmarschiert. Nach kurzer Zeit traf auch eine Offiziers patrouille der Kompagnie von Otjosond» ein, der wir uns beim Weitermarsch anschlossen. Am Nachmittage er reichten wir die Kompagnie, die an einigen ausgetrockneten Wasserlöchern lagerte. Um wieder Wasser zu erlangen, wurde bald weitermarschiert. Am 13. September erreichten wir die Wasserstelle Okatjeknri. Als wir uns anschickten, ab zusatteln und zu tränken, hörten wir von der Spitze her heftiges23 Gewehrfeuer. Sofort sollten wir ins Gefecht eingreifen. Die Hereros ließen sich jedoch auf ein Gefecht nicht ein, sondern suchten eilig das Weite, ihre Rinder und Bockis zurücklasfend. Am l5. September kauwn wir an die Wasserstelle Sturinfeld, an der im 1806er Aufstande ein schweres Gefecht stattgefunden hatte. Die Wasserstelle war sehr schön gelegen und mit hohen Bäumen eingefaßt. Unter den Bäumen hatte sich ein ehemaliger Schutztruppenfeldwebel sein Farin- haus erbaut, das von beu Hereros zerstört worden war. Er selbst hatte bei diesen: Ueberfall mit knapper Not sein Leben gerettet, um später bei Owikokorero zu fallen. Wir hätten uns soweit ganz wohl gefühlt, wenn wir uns nur ein einziges Mal hätten satt essen können. Seit etwa einem Monat gingen wir hungrig schlafen, um hungrig zu erwachen. Eine Handvoll Reis war das einzige, was wir für den ganzen Tag Genießbares erhielten. Die Patrouillen wurden deshalb an gewiesen, sich soweit wie möglich von Wildfleisch zu nähren, und auch vom Lager wurden Jagdpatrouillen ausgeschickt. Am 20. September machte ich abermals eine Patrouille, um eine nähere Pad nach Epukiro auszukundschaften. Kaum hatte ich meinen Weg etwa 20 Minuten durch den dichten Busch genommen, als mein Bursche Weinberger mir meldete: „Herr Feldwebel, der Ott is nitt me do." Ott war der dritte Mann der Patrouille. Ich rief mehrere Male seinen Namen, gab auch mehrere Signalschüsse ab, erhielt aber keine Antwort. Ich glaubte nun, daß Ott ins Lager zurückgekehrt wäre, und versuchte, ineinen Auftrag weiter auszuführen. Als ich gegen II lihr Vormittags ius Lager kam, war Ott jedoch noch nicht eingetroffen. Es konnte kein Zweifel bestehen, Ott hatte sich verirrt. Ich machte urich am Nachmittag des selben Tages abermals auf, um Ott zu suchen und fand ihn gegen Abend etwa 10 km vom Lager entfernt, an einem hohen Termitenhaufen sitzend. Ich >var der Spur nachgegangen, hätte diese aber nicht weiter verfolgen können, da die Nacht hereinbrach. So gab ich denn kurz vor Einbruch der Dunkel heit mehrere Signalschüsse ab, welche Ott beantwortete. Bemerkt sei hier, daß eine Orientierung iin südwestafrikanischcn Busch ohne Kompaß unmöglich ist. Ich habe es selbst versucht, ohne Kompaß das Lager wieder zu finden; es ist mir aber nicht gelungen. Daß ich inich verirrt hatte, merkte ich daran, daß ich zum zweiten Male meine Fußspur kreuzte. Auf derselben zurückgehend, fand ich daun das Lager wieder. Am 21. September traf einer unserer Ochsenwagen ein, den wir in Omaruru verlassen hatten. Es wurde unter anderem Mehl ausgegeben und Deubert, Weinberger und ich machten uns zum ersten Male ans Brotbacken. Leider war das Mehl zum Brotbacken wenig geeignet. Die gefüllten Mehlsäcke hatten zu Anfang des Aufstandes in Karibik zum Schanzenbau Verwendung gefunden. Das Mehl >var durch vielen Regen naß und darauf steinhart geworden. Es mußte erst mit der Axt in Stücke gehauen werden, um es verteilen zu können. Mit der Kaffeemühle wurde es dann zum zweiten Male zu Mehl gemahlen. Mit Essig versuchten wir uns24 Sauerteig herzustellen. Auf der Zeltbahn (Plane) wurde der Teig angerichtet, geknetet und zu kleinen Braten geformt. Wir drei hatten soviel Mehl erhalten, das; wir uns *5 Brote backen konnten. Als Backofen wurde ein etlva 50 cm tiefes, l m langes und 50 cm breites Erd loch benutzt. In dieses Loch kam zunächst eine Schicht glühender Holzkohlen, worauf 5 Kochgeschirre mit je einem Brot gelegt wurden. Auf die Kochgeschirre kam abermals eine Schicht Holzkohlen. Nach etwa einer Stunde konnten wir frischen Brotgeruch wahr- nehmen. Die Freude war groß; wir hatten am nächsten Morgen nach langer Zeit ivicder einmal Brot. Der Aufenthalt in Sturmfeld wäre für uns ganz schön geworden, wenn sich nicht der Typhus in unseren Reihen so breit gemacht hätte. Die Krankheitsfälle infolge dieser furcht baren Seuche steigerten sich bald derartig, ' daß in einer Woche 82 Mann dienstunfähig wurden. Fortgesetzt fuhr ein Krankenwagen von Sturmseld nach Epukiro, um Leute ins dortige Feldlazarett zu bringen. Auch Deubert, meinen besten Freund, fuhr mau sehr bald dorthin. Wir erhielten bald Befehl, nach Epukiro zu übersiedeln. Die Proviantreste waren wieder zur Neige gegangen und wir traten unseren Marsch beinahe vollständig ausgehungert an. Die zu erivartenden Fleischtöpfe von Epukiro ließen uns jedoch guten Mutes sein. Wir mußten die ganze Nacht marschieren. Die Hungerqualen jener Nacht werden mir dauernd in der Erinnerung bleiben. Ich hatte feinen sehnlicheren Wunsch, als den, nur ein kleines Stückchen von dem verschimmelten Brote zu besitzen, das vour Deck der „Palatia" aus des öfteren als ungenießbar ins Meer geworfen worden war. Endlich hörten wir das laute Quaken von einigen Ochsenfrvschen; wir näherten uns Epukiro. Unter einigen großen Bäumen machten wir Halt. Ich frug Weinberger, ob er nicht noch irgend etwas Genießbares hätte, und er brachte mir in einem Leinwaudbeutel eine Haudvoll Mehl. Wir machten uns ein Feuer und bereiteten uns eine Mehlkleister ähnliche Suppe. In meinem Leben hat es mir nie so gut geschmeckt, wie in jener Nacht in Epukiro. Die unzureichende Versorgung der Truppenteile mit Lebensmitteln erklärt sich dadurch, daß die Entfernungen zu weit waren und die Transportmittel bei weitein nicht aus- reichteu. Wäre die Bahnlinie Swakopmuud-Windhnk nicht gewesen, wir hätten sehr wahrscheinlich verhungern müssen. Epukiro hatte zwar ein sehr schönes großes Proviantzelt, aber keinen Proviant. Wir mußten uns noch etwas gedulden. Am 30. September traf auch Hauptmaim Richard, der uns bei Otjvsoudu krank verlassen hatte, ivicder bei der Kompagnie ein. An diesem Tage erhielten wir auch die erste Deutschlaudpost, worüber wir uns sehr freuten. Endlich trafen mehrere größere Ochscuwagenkolvnnc» ein, die uns init Proviant versorgten. Da >vir längere Zeit liegeii bleiben sollten, richteten wir uns so gut wie möglich ein. Wasser war ausreichend vorhanden und so ließ es sich25 schon aushalteic. Unter uns wurde jetzt viel von der Heim fahrt gesprochen, da ja der Hererofeldzug so gut wie beendet, war. Einmal wurde noch eine größere Expedition unter Oberst Deimling gegen die englische Grenze unternommen, was wegen der Wasserverhältnisse mit großen Schwierig keiten verbunden war. Das Wasser mußte den zu Friß marschierenden Mannschaften auf Ochsenwagen nachgefahren werden. Plötzlich traf, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, die Nachricht vom A u s b r u ch des Hottentotten- Aufstandes im Süden der Kolonie ein. Wittbois, Bethanier, Bersebaer, Bondelzwarts u. s. w. sollten zahlreiche Farmer, Soldaten und Beamte, welche sich außerhalb der größeren Stationen befanden, an ein und ocmselben Tage überfallen und niedergemetzelt haben, ein Zeichen dafür, daß der Aufstand seit langer Zeit vorbereitet worden war. Das Oberkommando unter Exzellenz v. Trotha ging sofort unter Bedeckung der 2. Kompagnie Feld-Regiments 1 (Franke'sche Kompagnie) nach Windhuk. Meine Koinpagnie erhielt ebenfalls Befehl, so schnell wie möglich über Windhuk nach den: Süden vorzurücken. Sofort begaben wir uns auf die Pad imb erreichten nach über drei Wochen dauernden, be schwerlichen Märschen Windhuk. Neue Ersatztruppenteile waren von Deutschland an- gekommen und sahen unserem Einmarsch zu. Als wir ab sattelten, trat ein Neuangekommener Feldwebel an mich heran und frug mich, ob denn die Kompagnie nicht bald käme. Er hatte das, was die Kompagnie war, als Vortrupp angesehen. Von den 180 Mann, mit denen wir in Karibib nnsgerückt waren, waren nur 52, von 2)3 Pferden nur 29 übrig geblieben. Die letzteren waren vollständig herunter gekommen. Nur 9 konnten als felddienstfähig mit nach dem Süden genommen werden. In fieberhafter Tätigkeit wurde die Kompagnie in 2-/. Tagen neu mobil gemacht. In die entstandenen Lücken traten Ersatzmannschaften, neue Pferde und neue Ochsen wagen. Auf diese Weise hatten lvir nach der obengenannten Zeit die Kompagnie lvieder auf 125 Gewehre und 140 Pferde gebracht. Der Pferdeersatz entstammte meist dem Pferde depot Nauchas. Leider waren die Pferde noch zu jung, als daß sie die ihrer harrenden Strapazen hätten ertragen können. Fast durchlveg hatten die Pferde bis dahin weder Sattel noch Zamnzeug getragen. Die ersten Sattel- und Reit versuche gestalteten sich infolgedessen sehr schwierig. Es zeigte sich hier so recht, wie schnell sich der deutsche Soldat in die an ihn herantretenden Verhältnisse findet. Energisch wicrde überall zugefaßt. Das Fangen eines Pferdes mit dem Lasso <Stalleine) war gar nichts seltenes. Viele Pferde wollten sich durchaus nicht satteln lassen. Oft waren 4 oder 6 Man» zur Sattelung eines Pferdes nötig. Am 12. November Nachmittags hielten wir in Zugkolonne vor der Feste in Windhuk. Exzellenz v. Trotha hielt eine Ansprache, wonach ein Parademarsch in Zügen im Schritt26 erfolgte. Hefter die Kritik schweige ich. Erwähnen möchte ich aber, daß in jedem der vier Züge einige Durchgeher waren, welche das Gelingen eines Parademarsches durchaus zu ver hindern suchten. Ich erhielt dann vom Hauptmann den Auf trag, der Bagage, bestehend aus vier neubespannten Ochsen wagen, „noch etwas Dampf zu machen", und ritt infolge dessen nach dein Proviantamt. Bei den Wagen stellte sich mir ein junger Pater der katholischen Mission vor, angetan mit Tropenhut, Kaki-Anzug, langen Reitstiefeln und uüt Gewehr und Seitengewehr bewaffnet. Er wollte mit der Kompagnie als kriegsfreiwilliger Feldgeistlicher ins Feld ziehen. Nachdem die Ochsenwagen sich in Marsch gesetzt hatten, ritt ich mit dem Pater der Kompagnie nach, die wir in völliger Dunkelheit, in dem Paß des Auasaebirges lagernd, erreichten. Nach einigen Tagemärschen kamen wir nach Rehoboth, einem großen Bastarddorf, wo wir von Oberst Deimling mit einer Ansprache begrüßt wurden. Südlich von Rehoboth angelangt, mußten wir uns auf eventuelle Zusammenstöße mit Hottentotten gefaßt machen. Da die Hottentotten in bcu früheren Feldzügen immer Hinterhalte gelegt und Versuche gemacht hatten, der Truppe die Pferde wegzunehmen, mußte mit großen Vorsichtsmaßregeln marschiert und geweidet werden. Für jede Nacht wurde ein geschlossenes Karree hergestellt, in welchem die Pferde weioeten. Da der Graswuchs ein sehr spärlicher war und die Pferde während der Nacht weiden sollten, wurde die Kom pagnie alle 2 Stunden geweckt. Jeder Mann nahm hierauf sein Sattelzeug und ging nach einer näher bezeichneten Richtung in neues Gras. Am 21 . November erreichten wir Sendlingsgrab, den Begräbnisplatz eines Missionars. Da der nächste Marsch durch eine Durststrecke führte, wurde beschlossen, Nachmittags 5 Uhr abzumarschieren und die ganze Nacht hindurch zu reiten. Kurz vor dem Abmarsch wurde der Führer des 3. Zuges, Leutnant Donner, mit mehreren Leuten zur Bedeckung der Sigualstatiou Oas kommandiert, worauf ich mit der Führung dieses Zuges beauftragt wurde. Die Züge der Kompagnie marschierten nun in folgender Reihenfolge: Avantgarde 2. Zug Leutnant Graf v. Hardenberg, 3. Zug Feldwebel Jitschiu, 4. Zug Vizefeldwebel Deubert, 1. Zug Oberleutnant Ahrens. Unterwegs trafen wir eine aus 20 Wagen be stehende Maultierkolonne, die Proviant nach Kub gebracht hatte und nun auf den: Rückmarsch nach Windhuk be griffen war. Mit dem Morgengrauen machten wir an einem kleinen Revier Halt, sattelten ab und kochten uns den Morgenkaffee, d. h. es konnten dieses nur diejenigen Leute tun, die noch Wasser hatten. Ich legte mich, da ich sehr müde war, etwas hin. Nach kurzer Zeit wurde jedoch Satteln befohlen und weiter geritten. Oberst Deimling ritt bei der Spitze. Vor dem 3. Zuge neben mir ritt Hauptmann Richard. Wir mußten die Station Knb unmittelbar vor uns haben. Eine Koppel27 Pferde wurde etwa 300 m nördlich von uns in der Richtung auf Windhuk getrieben, woraus wir fchlofsen, das; die Weide um Kub herum aufgebraucht war. Hätten wir unsere Gläser genommen und genau hingesehen, so hätten wir vielleicht gemerkt, das; es Hottentotten mit erbeuteten deutschen Pferden waren. Wir nahmen mit Bestimmtheit an, daß die Reiter deutsche Reiter waren, welche die Pferde zur Weide brachten. Abermals passierten wir ein kleines Flußrevier und hörten plötzlich von vorn heftiges Gewehrfeuer. Zunächst glaubten wir an ein Uebungsschießeu seitens der Besatzung von Kub. Die verschiedenen Knalle belehrten uns aber sehr bald, daß die Schießerei vor uns nicht ausschließlich aus deutschen Infanterie-Gewehren stammte. Wir hörten deutlich, daß zwischen den kurzen scharfen auch dumpfer tönende Schüsse abgegeben wurden, die nur dem englischen Henry-Martin- oder dem deutschen Infanterie-Gewehr Modell 7 t entstammen konnten. Der Hauptmann sprengte sofort mit seinem Ordonnanz- Unteroffizier in schärfstem Galopp zur Spitze, die wir des unübersichtlichen, wild zerklüfteten Geländes wegen nicht sehen konnten. Rach kurzer Zeit sah ich den Ordonnanz-Unter offizier au der Padhiegung sein Pferd parieren und dreimal den rechten Arm senkrecht in die Luft stoßen, ein Zeichen dafür, daß wir uns in Galopp setzen sollten. Ich gab sofort dasselbe Zeichen für die Kompagnie, worauf schärfste Gangart an geschlagen wurde. Eine kleine Erhöhung passierend, sahen wir die Etappenstation Kub mit ihren weißen Zeltdächern vor uns liegen. Gleichzeitig befanden wir uns aber auch im feindlichen Feuer, trotzdem wir bis zur Stellung der Hotten totten noch etwa >500 m hatten. Sie versuchten anscheinend, die große Tragfähigkeit ihrer Gewehre an uu§ auszuprobieren. Bald belehrte mich der Aufschrei eines Reiters, daß sie ihre Schießerei nicht ohne Erfolg auf so weite Entfernung pro bierten. Bevor ich das Ge echt weiter schildere, ist es nötig, ein Bild der Lage von Kub und des Gefechtsanfanges zu geben. Am großen Fischfluß gekegen, bildete es damals den Haupt stützpunkt der Deutschen. Zahlreiche Buren und Farmer hatten mühselig ihr naktes Leben und das ihrer Angehörigen dorthin gerettet. Einige Buren waren sogar so glücklich ge wesen, einiges Bieh mit nach Kub zu bringen. Für die Verteidigung lag es allerdings ungünstig. Ringsherum lagen Höhen, die knapp eine Gewehrschußweite entfernt waren. Die Weide war bereits auf einige Kilometer Entfernung ab gegrast worden. Besetzt war Kub mit der 2. Feldkompagnie, 1 . Regiments, der 2. Ersatzkompagnie, welche, von Deutsch land kommend, sofort von Windhuk aus in Marsch gesetzt, aber bereits größtenteils als Ersatz an andere Truppenteile verteilt worden war, und der 2. Gebirgsbatterie. Außerdem befand sich in Kub noch ein Feldlazarett. Die ganze Be satzung war auf etwa 200 Gewehre, einschließlich der von 20 Buren und Farmern, und 3 Gebirgsgeschütze zu rechnen.28 Der Not gehorchend, hatte die 2. Gebirgsbatterie ihre Pferde und Maultiere über Nacht auf einem Platze etwa 3 km nördlich der Station auf der Weioe gelassen. Die aus einem Unteroffizier und einigen Mann bestehende Pferde wache war am Morgen des 22. November plötzlich überfallen und niedergemacht worden. Die Pferde wurden dann von den Hottentotten in nördlicher Richtung abgetrieben. Sie waren etwa 300 m seitwärts, kurz vor Kilo, von uns ge sehen worden. Die Hottentotten trieben die Pferde nach Norden, also gerade in die entgegengesetzt liegende Richtung, um die Verfolgung zu erschweren und die Spur zu ver wischen. Ein Bambuse (Diener), ein Klipptaffer, war der einzig am Leben gebliebene der Pferdewache. Er hatte es verstanden, so schnell wie möglich nach der Station zu laufen unb ' den Ueberfall zu melden. Sofort war eine berittene Patrouille unter der Führung des Batterieführers, Oberleutnants Werner Hack, hinausgesprengt, um die Sachlage zu erkunden. Die Patrouille geriet in einen voll Hottentotten geschickt angelegten Hinterhalt und wurde zum großen Teil, einschließlich'des Führers, erschossen. Der letztere Vorgang spielte sich etwa I !;,» von Kub auf einer Anhöhe ab und war das Zeichen zu einem allgemeinen An griff auf die Station geworden. Bon allen Seiten wurde darauf von den Höhen herunter in die Station hinein geschossen. Wäre " die Patrouille Hack etwas später oder überhaupt nicht hinausgeritten, so wäre die Einschließung nach der Nordwestseite sicher auch noch vollständig geworden und die Station hätte sich ohne unser Eintreffen wahrscheinlich nicht halten können. Im schärfsten Galopp sprengte meine Kompagnie bis auf etwa 500 m an die feindliche Stellung heran. Die Be fehle wurden pünktlich und schnell ausgeführt. Spitze und Vortrupp waren bereits vor uns in Stellung gegangen und hatten das Feuer ausgenommen. Ich erhielt Befehl, links neben den feuernden Schützen auszuschwärmen, und beide Züge sollten versuchen, Gelände zu gewinnen. Der l. Zug (Ahrens) sollte in der Reserve verbleiben und der 4. Zug (Deubert) sollte die Pferde schützen. Beiin Absitzen erhielt Denbert einen Schilf; aus einem 88er durch den rechten Oberschenkel; er behielt jedoch die Führung des Zuges. Ich inachte mit meinem Zuge sofort einen „Sprung" und nistete mich dann ein. Der Schützenreihe entlang blickend, sah ich überall die Geschoßeinschläge dicht bei uns in der Schützenlinie, ein Zeichen dafür, daß die braunen Gesellen drüben das richtige Visier hatten. Die Stelliing der Hotten totten ivar äußerst günstig. Auf einer etiva 20 m hoheii, beinahe senkrecht aufsteigenden Anhöhe batten sie sich gut verschanzt. Gerade über ihrer Stellung ging die Soime auf und erschwerte uns das Zielen ungemein. Ich sah im Hintergründe ein Koppel Pferde stehen und koinmandierte darauf eine Salve, worauf die Pferde schleunigst ver schwanden. Drei ivareil auf dem Platze geblieben. Ich29 versuchte im weiteren Vorgehen, die Flanke des Feindes zu umgehen, worauf er seine Stellung räumte. Der Rückzug des Feindes war tadellos. Sobald wir die von den Hottentotten geräumte Stellung eingenominen hatten, wurden wir von einer anderen Abteilung unter Feuer genommen, die weiter rückwärts eine Höhe besetzt hatte und den Rückzug der Schützen butdj ihr Feuer deckte. Dieses Manöver wiederholte sich nn Laufe des Gefechts dreimal und der endgültige Abzug erfolgte in drei Abteilungen. J>n weiteren Vorgehen traf ich einen Trupp von 12 bis 15 Buren, die sich an der Verfolgung beteiligten. Unter ihnen fiel mir ein etwa 13jähriger Junge, der tüchtig mitschoß, besonders auf. Ein Leutnant, völlig unbewaffnet, stellte sich bei meinem Zuge ein. Ihm war anr Morgen auf Patrouille das Pferd totgeschossen worden und er hatte es verstanden, sich zu ver bergen, bis er von meinem Zuge ausgenommen wurde. Das; unsere Verfolgung mißglückte, lag daran, daß wir in dem unwegsamen Gelände unsere Pferde nicht nachbekamen. Als wir die Pferde endlich erhielten, war es zu einer Erfolg versprechenden Verfolgung bereits zu spät. Bemerken möchte ich noch, daß mir im Laufe des Ge fechts beim Laden ein Patronenrahmen aus der Hand ge schossen wurde. Nur um Millimeter handelte es sich und die Patronen wären zur Explosion gekommen. Gegen Mittag gaben wir die Verfolgung auf und er reichten gegen 3 Uhr Nachmittags halb verdurstet die Station. An Wasser war kein Mangel. Der große Fischflnß ist einer der wenigen Flüsse, die' dauernd fließendes Wasser haben. Das fließende Wasser darf man sich jedoch durchaus nicht wie den Oderstrom vorstellen. Das Flußrevier liegt ebenso trocken vor uns, wie alle übrigen Reviers, zeigt nur ab und zu einen größeren oder kleineren Tümpel. Das Wasser fließt nicht auf der Oberfläche, sondern sickert 2 bis 3 Fuß tief im Flußsande weiter. Für die Nacht wurden starke Wachen eingerichtet und das Lager verschanzt. Ein weiteres Vorgehen war nicht be absichtigt. Wir mußten vielmehr erst neue Kräfte Nach kommen lassen. Anr 23. November traf denn auch bereits die 5. Feldbatterie, von Rehoboth kommend, ein. Jeden Tag wurden Patrouillen geritten, welche die Stellrrng des Feindes aufklären sollten. Sie brachten über einstimmend die Meldung, daß sich dieser bei Rietmond imb Marienthal sammele. Es wurde nun beschlossen, ihn dort am 5. Dezember anzugreifen. Auch hier in Afrika sollte der Grundsatz befolgt werden, wie schon 1870/71 in Frankreich: „Getrennt marschieren, vereint schlagen." Rietmond sollte an einem Tage von uns von Nord westen, von: 3. Bataillon 2. Regiments, unter Major Lengerke, von Süden und von der 7. Kompagnie 2. Regiments und der Halbbatterie Stuhlmann von Norden kommend, angegriffen werden. Patrouillen mit diesbezüglichen Befehlen' wurden abgeschickt.30 Oberleutnant Ahrens wurde als Ordonnanz-Offizier zuin Regimentsstabe kommandiert rind wir erhielten dafür Leutnant Roßbach von der 2. Ersatzkompagnie, die voll- ständig aufcjelöft wurde. Leutnairt Roßbach ritt am zweiten Tage mit mehreren Reitern eine Verbindungspatronille zur 7. Kompagnie. Er sollte seine Kompagnie nicht Wiedersehen, denn er fiel am 4. Dezember bei Naris, nachdem er seinen Auftrag ausgeführt hatte und zur Kompagnie zurückkehren wollte, in einen Hinterhalt, und wurde mit dein größten Teil der Patrouille erschossen. Am 28. November traten Ivir den Vormarsch an, der unter großen Vorsichtsmaßregeln von statten giiig. Eine Heliographen-Abteilung begleitete uns, und versuchte jede Stacht, Verbindung nach rückwärts gelegenen Stationen u>id Posten herzustellen, was oft erst von hohen Bäumen uiid steilen Bergkuppen aus gelang. Ju der Nacht ziliii 30. November leuchtete uns die Ab- teilinig, die in unserer unmittelbaren Nähe Verbiiidung suchte, mit ihrem grellen Scheinwerfer plötzlich ins Lager, was zur Folge hatte, daß die Pferde scheii wurden, im ge streckten Galopp über uns hinwegsetzten und das Weite suchten. Mit großer Mühe gelang es uns, die Pferde wieder einzufangeu. Wären die Hottentotten im ersten Bioment zur Stelle gewesen, es wäre ihnen wahrscheinlich ein leichtes gewesen, uns einzeln totznschießen. Aiu 1. Dezember Nachmittags ging abermals eine Patrouille unter Oberleutnant Ahrens zur 7. Kompagnie. Die Mannschaften, Vizefeldwebei der Reserve Bethel und 4 Mann, wurden von meiner Kompagnie gestellt. Diese Patrouille vermochte ihren Auftrag nicht auszuführen, sie wurde kurz vor ihrem Ziel zersprengt. Dem Oberleutnant Ahrens und einem Reiter gelang es, sich durchzuschlagen; die übrigen fielen. Am Morgen des 2. Dezember erreichten wir die Wasser stelle David. Von Kub aus war eine größere Patrouille (2 Offiziere und 16 Mann) auf Rietmond imterwegs. Vou der Kompagnie waren hierzu ein Unteroffizier (Beyer) und zwei Manu kommandiert worden. Kurz vor der Wasserstelle David kam uns cher Rest der Patrouille, Leutnant Auer v. Herrenkirchen mit einigen Leuten, in wilder Flucht ent gegen. Die Patrouille lvar ebenfalls in einen Hinterhalt geraten und größtenteils erschossen worden. Der Offizier war süstver verwundet. Beyer war mit seinem Pferde in einen Schakalsüau gestürzt, hatte sich schwer verletzt und erst in dem Moment wieder aufs Pferd schwingen können, als die Hottentotten bereits die Hände nach ihm ausstreckten. Ein Mann der Patrouille hatte einen schweren Unterleibsschuß erhalten und starb gleich nach dem Eintreffen bei uns. Leutnant von der Marwitz von der 2. Kompagnie i. Re giments und 10 Reiter, darunter auch zwei meiner Kom pagnie, waren gefallen. Wir wollten, bevor wir augriffeu, die 5. Kompagnie 2. Regiments, die bald bei uns eintreffen mußte, erwarten und blieben daher in David liegen. Am31 -l. Dezember, einem Sonntag, traf die 5. Kompagnie ein. Wir waren somit eine ganz ansehnliche Truppe, bestehend aus drei starken Kompagnien und zwei Batterien. Gegen lO Uhr Vormittags hörten wir plötzlich in be deutender Entfernung heftiges Gewehrfeuer. Die Patrouille Roßbach war in einen Hinterhalt geraten und wurde auf- geriebeu, ohne daß wir etwas tun konnten. Eine Kompagnie machte sich sofort marschbereit und setzte sich in schärfste Gangart, das Feuer war jedoch zu dieser Zeit bereits ver- stunriut. Nach ^Stunden kehrte die Kompagnie zurück, ohne etwas vom Feinde gesehen zu haben. Nachmittags um 2 Uhr sollte bis zur Wasserstelle Naris, der letzten vor Riet- mond-Mariental, vorgerückt werden. Kurz vor Mittag saßen wir, Pater Schulte, Deubert, Vizefeldwebel der Landwehr Runk, Sergeant Litt und ich, in fröhlichster Souutags- stimmuug in den Klippen und unterhielten uns. Schickte hatte eine Flasche Kognak zun: besten gegeben, der tüchtig zugesprochen wurde. Keiner von uns ahnte, daß uns das Schicksal noch an demselben Tage so grausam auseinander- reißen würde. Der Kompagnieschlächter, Reiter Müller, ein Württemberger, brachte uns das Geschlinge eines frisch ge schlachteten Bockis. Drei Stunden später' lag er mit durch schossenen: Kopf lautlos vor mir. Er war der erste, der an: Nachmittage sein Leben aushauchte. — Soldatenlos im Kriege. — Um 2 Uhr Nachmittags waren wir abmarschiert. Die 2. Kompagnie l. Regiments hatte die Avantgarde. Es folgten die Gebirgsbatterie, 4. Kompagnie, 3. Batterie, 5. Kompagnie, Bagage. Gegen 3 Uhr erhielt die Spitze plötzlich Feuer. Ein Teil stürzte, andere sprengten im Galopp ans den Vortrupp zurück, der sich sofort gefechtsbereit machte und zu Fuß, mit aufgepflanzteiu Seitengewehr, die gestürzten Reiter der Spitze im „Marschmarsch" zu erreichen suchte. Diese lagen, zum Teil zweimal vertvundet, hinter den ge stürzten Pferden und versuchten durch fortgesetztes Schießen, sich die vordrängenden Hottentotten vom Leibe zu halten. Die Gebirgsbatterie ging vor uns in Stellung, wir sollten rechts und die Kompagnie links von der 2. Kompagnie eingreifen. Sofort wurde Zugkolonne formiert und in ge strecktem. Galopp nach rechts hinausgejagt. Ich war in diesen: Gefecht zunächst Schließender und ritt als solcher hinter der Kompagnie. Plötzlich erhielten Ivir heftiges Feuer auf etwa 160 Schritt in die linke Flanke. Die Reiter, die zum Teil bis dahin noch die in Sudwestafrika gebräuchlichen kurzen Tabakspfeifen rauchten, beugten sich bei diesem Feuer imch vorn aus den Pferdekopf und ließen die Kugeln über sich hintvegpfcifen. Wir versuchten, eine etwa 60» m seitwärts liegende Anhöhe zu erreichen, mußten aber vor dieser Anhöhe absitzen, da wir von dort Feuer bekamen. In raschem Anlauf wurde die Höhe genommen und die Hottentotten zurück gedrängt. Der Hauptmaun war bei diesen: Sturm mit seine»: Ordonnanz-Unteroffizier, Sergeant Erdumun, der erste auf der Anhöhe. Ihm wurde durch einen Schuß der32 Gewehrkolben zersplittert, und Erdmann durch einen Unter schenkelschuß schwer verwundet. Ich brachte die Pferde sofort in eine sichere Deckung. Dort erst fielen 6 Pferde, die vorher getroffen worden waren. Ich wurde nach kurzer Zeit nach der Schützenlinie gerufen, um die Führung des ersten Zuges für den quer durch beide Schultern geschossenen Vizefeldwebel der Landwehr Ruuk zu übernehmen. Bald ließ das Feuer von vorn nach, worauf der Hauptmann be schloß, drei Züge zurückzuziehen und eine weitere Um gehung zu machen, da wir anderseits befürchten mußten, selbst umgangen zu werden. Ich erhielt den Befehl, die Stellung mit dem ersten Zuge besetzt zu halten. Kaum hatte der Hauptmann mit den drei Zügen den Platz verlassen, als ich von vorn und in beide Flanken heftiges Feuer erhielt. Schnell nacheinander fielen der Reiter Müller und Sergeant Litt, letzterer durch einen sehr schweren Unterleibsschutz. Außerdem wurden in rascher Reihenfolge 0 Reiter ver wundet. Mein Häuflein war somit sehr klein geworden, und noch immer erhielt ich aus allernächster Nähe heftiges Feuer. Das schlimmste bei dem Vorgang war aber, daß auch nicht ein einziger Feind zu erblicken war. Trotzdem das Feuer etwa 20 Minuten laug anhielt, sah ich bis dahin nur ab und zu eine schwarzbraune Fratze hinter einer Klippe hervorlugen. Auch in diesem Gefecht war die Stellung für uns wieder sehr ungünstig, während die Hottentotten eine sehr gute hatten. Wir lagen im freien offenen Gelände, während ihnen in ihren natürlichen Festungen sehr schwer beizukommen war. Ich sah mich nach Hilfe um und erblickte die Gebirgsbatterie, die etwa 300 m links von mir in Stellung ging. Da das S euer beim Gegner schwächer wurde, riskierte ich einen prung. Hch mußte mit den: Zuge durch eine etwa 5 m tiefe, sattelförmige Senkung, inn an die Hottentotten heran zukommen. Irr raschem Lauf passierte ich mit meinein kleinen Häuflein die kurze Strecke. Beinahe auf der Höhe angelangt, wandte ich mich nach meinem Zuge um, dem ich ein Stück voraus war, uno sah den Blick eiiies hinter einer Klippe liegenden Hottentotten auf mich gerichtet. Er machte sich ängstlich an seinem Gewehr zu schaffen; wahrscheinlich hatte er eine Ladehemmung. Air ein Schießen meinerseits war nicht zu denken, da ich damit das Leben meiner eigenen Leute gefährdet hätte. Mein Leben stand auf des Messers Schneide, denn wenn der Hotteutott sein Geivehr in Ordnung bekam, schoß er mich auf die wenigen Schritte rinfehlbar nieder. Blitzschnell drehte ich mein Gewehr um und schlug ihm den Kolben mit großer Gewalt auf deri Wollschädel, als er sich gerade erheben wollte. Gleichzeitig firhr ihm aber arich das Bajonett nreiues braven Biirscheu Weinberger zwischen die Rippen, der die Gefahr erkanut hatte, in ivetcher ich schwebte. Der ganze Vorgang ivar das Werk eines Augen blickes. Ich hatte mich kampfunfähig gemacht, mein Gewehr war beim Kvlbenhalsc durchgebrocheu. Der Ncgerschädel war für den Holzschaft des deutschen Infanterie-Gewehres zu hart gewesen.' 3 33 Rasch erklommen wir den Rest der Höhe. Die Gebirgs- batterie hatte unterdessen scharf nach etwa zurückgehenden Hottentotten ausgelugt. Kaum hatten wir die Höhe erreicht, als drüben rasch hintereinander mehrere Schüsse abgegeben wurden. Die Gebirgsbatterie hatte uns für zurückgehende Hottentotten gehalten und schickte uns ihre Grüße in Gestalt von Schrapnells. Hätte sie sofort die richtige Entfernung gehabt, so wäre es uns wahrscheinlich schlecht ergangen, denn die Schrapnells krepierten kaum 20 Schritt vor uns etwa 10 m in der Luft. Sofort kommandierte ich „Hinlegen" und schwang mich auf eine hohe Klippe, nur die Gebirgsbatterie durch Schwenken meines Hutes auf ihren Irrtum aufmerksam zu machen, was mir auch gelang. Uns umsehend, gewahrten wir, daß wir trotz der guten Deckung der Hottentotten nicht schlecht geschossen hatten. Mehrere Tote lagen in den Klippen umher. Einem hatten seine Genossen ein weißes Tuch über das Gesicht gedeckt. Ich zog es weg und sah, daß ihm eine Kugel mitten durch die Stirn gegangen war. Wohl etwa 20 Hüte, mit einem weißen Tuch, dein Stammeszeichen der Witbois, umwickelt, waren in der Eile liegen gelassen worden. Hinter der Anhöhe erbeuteten wir 5 Pferde, die ebenfalls zurückgelassen worden waren. Nicht weit von den Klippen zog sich ein kleines aber tiefes Flußrevier entlang, in welches sich die Witbois gerettet hatte,:. Bemerken will ich noch, daß in diesem Gefecht viel mit Dum-Dum- und Lhdit-Geschossen von: Feinde gefeuert wurde und demnach auch die Wunden zum Teil recht schwer waren. Das Eigentümliche an dem englischen Lydit-Geschoß ist, daß es :nit Lydit, einem Sprengstoff, gefüllt und aus der Spitze mit einen: Zündhütchen versehen ist. Jeder derartige Geschoßanfschlag hat zur Folge, daß eine Explosion entsteht. Trifft ein solches Geschoß einen Körperteil, so entstehen fast immer fehr schwere und außerordentlich schwierig heilende Wunden, weil die Fleischteile zerrissen und die Knochen zer splittert werden. Eine durchgreifende Verfolgung scheuerte auch hier wieder, da es uns nicht gelang/ die Pferde schnell genug heranzubekommen. In: weiteren Vorgehe:, traf ich wieder mit der Kompagnie zusammen und wir versuchten, in dem unwegsamen Gelände noch weiter vorzudringen, mutzten aber schließlich in einen: tiefen Revier die weitere Verfolgung aufgeben. Wir zogen uns an die Wasserstelle David zurück, >vo lvir tränkten, um dann auf Vorposten gegen Rietmond zu ziehen. Das Gefecht hatte etwa 3 Stunden gedauert und war von den Hottentotten vorbereitet worden? Sie hatten uns iedvch erst eine Stunde später erwartet und waren mit dein Hinterhalt noch nicht ganz fertig gewesen. Die Hufeisenform in ihrer Stellung, in ivelche wir hineinmarschieren sollten, war erst zum Teil hergestellt gewesen. Eine später über das Gefechtsfeld geschickte Patrouille hatte über 60 Tote gezählt. Besonders viel Verluste hatte eine Referveabteilnng des Feindes, die in Artilleriefeuer geraten war. Am Gefecht34 beteiligten sich auf feindlicher Seite gegen 500 Gewehre. Am Abend ließ ich mir ein auf dem Ochsenwagen befindliches Gewehr für mein unbrauchbares geben. Während der Nacht wurde von feiten des Feindes ver sucht, in unsere Stellung einzudringen. Alles blieb deshalb wach und ließ das Gewehr mit aufgepflanztem Seitengewehr nicht aus der Hand. Am Morgen des 5. Dezember erhielt die Kompagnie die Avantgarde. Ich behielt die Führung des 1. Zuges, der in der Kompagnie an zweiter Stelle ritt. Wir erwarteten nochmals ein schweres Gefecht, da wir annehmen mußten, daß die Hottcutotten ihre Residenz, das gut befestigte Riet- mond, nicht so leicht hergeben würden. Es mußte ihnen jedoch bei Naris sehr schlecht ergangen sein, denn sie über ließen nns Rietmvnd ohne Schwertstreich. So zogen wir denn nach wenigen Schüssen auf die Nachhut gegen io Uhr Vormittags in Rietmvnd ein. Alles deutete auf eine sehr eilige und unvorbereitete Flucht hin. Bor dein Hanse Hendrik Witbois hielt ich einen Augenblick und warf einen Blick hinein. Ein Kaffeeservice mit noch lauwarnrem Kaffee stand auf dem Tisch, umherliegende Gewehre waren beim Kolbenhals abgeschlagen. Ich nahm eine Menge Brief schaften an mich, die ich dem Oberst Deimling ablieferte. Sie zeigten uns, wie genau der Feind den .Kundschafterdienst ausgeführt hatte. Der Durchmarsch der Kompagnie, Gebirgs- und 7. Batterie durch Rehoboth war prompt, schriftlich, mit genauer Anzahl der Mannschaften, Pferde und Grotrohre (Geschütze) in holländischer Sprache nach Rietmvnd gemeldet worden. Da wir ganz erschöpft waren, konnten wir vor Abend an eine weitere Verfolgung nicht denken. Der Feind verstand cs aber, uns fortgesetzt iu Aufregung zu erhalten, und bald knallte es da, bald dort. Es handelte sich aber immer nur um kleine Abteilungen, mit denen wir uns in ein Gefecht nicht einlasscn konnten. ' Gegen Mittag machte ich mit Deubert einen Gang durch beit Ort. Zwischen einigen Pontocks <Hütten) sahen wir eine Glucke mit ihren etwa 2 Monate alten Küchlein. Wir erlegten die Tier>. mit dem Seitengewehr und begaben uns eilig nach der auf einer Höhe lagernden Kompagnie zurück, um uns frohgemut eine Suppe und einen leckeren Braten zu bereiten. Kanin hatten wir jedoch das Feuer angefacht, als eiliges Satteln befohlen wurde, weil sich eine größere feindliche Abteilung von Maricntal her näherte. Mit der schönen Hühnersuppe wars nichts: wir mußten sie fortgießen. Die Abteilung suchte aber sofort das Weite, als sie uns gefechts bereit fand. Zahlreiche Pferde, Rindvieh und Bockis kamen von selbst, wie sie es gewöhnt waren, ans Wasser. Sie wurden getränkt und traten gegen Abend den Rückmarsch auf Knb an, natürlich unter starker Bedeckung. Wir nahmen gegen Abend die Verfolgung über Kalk- fvntciu auf, das wir am 0 ., Mittags, erreichten.3 * 35 Die Kolonne Lengerke war durch Gefechte aufgehalten worden, die 7. Kompagnie 2. Regiments und die Halbbatterie Stahlmann in den Sanddünen bei Oas steZen geblieben. Der Grundsatz „getrennt marschieren" hatte sich mithin wohl durchsetzen lassen', nicht aber der wichtigere „vereint schlagen". Daran waren aber die afrikanischen Verhältnisse schuld. In Kalksontein richteten wir uns sofort ein befestigtes Lager her und schickten Patrouillen in die Abzugsrichtung der Hottentotten. Bei Kalksontein befindet sich eine grosse Kalkpfanne, die sich während der Regenzeit in einen See verwandelt, jetzt aber trocken war. Am Rande dieser Kalkpfanne hatte sich ein Farmer augesiedelt. Wir fanden ihn mit seinem etwa 8 Jahre alten Sohne unweit seines zerstörten Farmhauses erschossen vor und begruben beide in der Nähe ihrer früheren Wohnstätte. Eine Patrouille hatte mehrere Gefangene gemacht, die aussagten, daß ihre Stammesgcnossen bei Witvlei lagerten. Sofort wurde ein Vormarsch angeordnet und angetreten. Es gelang uns, bis unmittelbar vor Groß-Nabas vorzu dringen; wir fanden aber die Aussagen der Gefangene» nicht bestätigt, worauf wir beschlossen, der schlechten Wasser verhältnisse wegen wieder nach Kalksontein zurückzugehen. Wären wir damals noch 500 m weiter vorgedrungen, so wäre vielleicht Groß-Nabas bereits in jenen Tagen geschlagen worden. Auf dem Rücknrarsche stellte sich Fieber bei mir ein. Ich mußte nrich krank melden und der Arzt stellte Ruhr fest. Ich sollte mit den Verwundeten anr anderen Tage nach Kub zurückgehen und übergab Deubert die Feldwebelgeschäfte. Die afrikanische Ruhr war Gott sei Dank nicht mit der asiatischen zu vergleichen; ich war bereits wieder hergestellt, als wir nach Kub kamen. Da ich jedoch sehr herunter ge- konnuen war, erklärte mich der Arzt nur für etappendienst- fähig. Ich mußte den Wunsch, ins Feld zurückzukehren, zunächst aufgeben und fand einige Tage als Lazarett- Rechnuugssührer Verwendung. In dieser Eigenschaft ver lebte ich auch Weihnachten 1004. Aus den am Flnßrevier befindlichen Busch holte ich einen Dornenbaum, erbat mir von der Signalstation einige Kerzen und versuchte, so gut es ging, einen Christbaum daraus zu machen. Erwähnt sei, daß in Südwestafrika alle Bäume und Sträucher Dornen haben; ich hätte sonst wahrscheinlich nicht gerade einen Dornenbaum geholt. Der Chefarzt des Feldlazaretts, Stabsarzt vr Franz, hielt dann unter diesem Baume eine Ansprache, die allen sehr zu Herzen ging. Manche Träne rollte über ein sonnen gebräuntes oder totenbleiches Gesicht in einen verwilderten Bart, dachte doch jeder der teuren Heimat, die er vielleicht nie Wiedersehen sollte. Der in einer Ecke des Zeltes schwer am Typhus oaniederliegende Oberarzt meiner Kompagnie Dr Hildebrandt äußerte sich dahin, daß dem Baume Tannen duft entströme. Daran war aber natürlich nicht zu denken.36 Wahrscheinlich war ihm der Gedanke in seiner Fieberphantasie gekommen. Der Proviantnachschub versagte auch hier und Stabsarzt De Franz beschloß, sich selbst zu helfen, eine Kolonne ans Burenwagen zusammenzustellen und nach Windhuk zu schicken. Fünf Ochscnwagen mit Bespannung waren bald gefunden und es fehlte nur noch der Führer. Ich bat, mir die Führung zu übergeben, erhielt sie auch und zog, froh wieder eine einigermaßen felddienstmäßige Verwendung gefunden zu haben, mit meinen fünf Wagen nach Windhuk. Als Bedeckung waren mir 5 Mann, die zum Teil verwundet und krank gewesen waren, beigegeben. Ich sollte diese Leute in das Etappenlazarett Windhuk einliefern, wo sie vollständig auskuriert werden sollten. Nach Ablauf von 14 Tagen war ich in Windhuk und bekam Proviant. Von der Etappe erhielt ich 3 felddienstfähige Leute als Be deckung, wobei sich der Kriegsfreiwillige de Lutis, ein Italiener, befand. Er meldete sich bei mir mit einem Zettel, auf welchem ihm ein deutscher Kamerad bescheinigt hatte, daß er kein Wort deutsch könne, aber sehr willig wäre. Im Paß des Auasgebirges pqssierte mir das erste Un glück. Bei einem Wagen brach eine Achse, was mich ver anlasse, drei Wagen unter der Führung eines Unteroffiziers der Signalabteilnng, der sich — ebenfalls auf dem Marsch nach Kub befindlich — zu mir gesellt hatte, vorauszuschicken. Von einem Farmer requirierte ich dann einen Ochsenwagen und fuhr mit einigen Tagen Verspätung weiter. Von der Etappe Windhuk hatte ich auf mein Ansuchen ein Pferd er halten, das mir de Lutis an Kaisers Geburtstag weglaufen ließ. Die Fahrt ging nur sehr langsam von statten. Wir waren in der Regenzeit und Gewitter waren an der Tages ordnung. Die Temperatur stieg Mittags oft bis 44" 0. Oft mußten die Ochsen bis zu den Hüften durch Wasser. Sobald der Regen kam, spannten die Buren aus, weil sonst alle Riemen rissen. Das Einspannen funktionierte fast nie, da die Buren ziemlich faule Kerle waren und fast immer verschliefen. Um mein Schimpfen und um meine Drohungen kümmerten sie sich nicht im geringsten, und so mußte ich es denn in Güte versuchen, die Kolonne vorwärts zu bringen. In den Gespannen befanden sich mehrere junge Ochsen, die das erste Mal auf der Pad waren. Es machte ziemlich große Mühe, sie an das Joch zu gewöhnen. Ich habe in. dieser Hinsicht den Buren meine Bewunderung nicht versagen können. In jedem Falle wurde mit großer Energie durch gegriffen, was aber nur bei großen Körperkräften möglich ist. Wollte ein Ochse absolut nicht parieren, so faßte ihn der Bur mit einer Hano bei einem Horn und vergerbte ihm das Fell ganz gehörig. Alsdann bekam er eine lange, schwere eiserne Kette um den Hals geschlungen und wurde ins Feld gejagt. In großen Sätzen suchte er gewöhnlich das Weite, um sich dann aber „zu besinnen" und uns nachzutraben. Mit dieser Kette ging er mehrere Tage, um dann abermals eingespanntdl zu werden. In der Regel sträubte er sich und zog auch nach rückwärts, er wurde aber rücksichtslos mitgeschleift, bis er den Widerstand aufgab und sicki nach und nach am Ziehen be teiligte. Als wir Kub wieder erreichten, gingen sämtliche Ochsen iin Joch, als wenn sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht hätten. Unterwegs waren mehrere Tage lang dichte Heuschrecken schwärme über uns hinweggezogen, die von großen adler artigen Vögeln begleitet wurden. Die Schwärme waren so dicht, daß sie die Sonne, Wolken gleich, verdeckten. So erreichten wir denir Sendlingsgrab und hatten wieder die „Durststrecke" vor uns. Ich hatte in Rehoboth wieder ein Pferd erhalten und ritt meiner Kolonne etwa 600 m voraus. Plötzlich sah ich auf einein vor mir liegenden Kopie (Höhe) einen Eingeborenen auftauchen, der nach meinem Wagen Ausschau hielt. Sofort gab ich meinem Pferde die Sporen und sprengte im Galopp auf ihn zu, worauf er eilends in den Klippen verschwand. Es gelang mir nicht, ihn zu erreichen, aber es war nrir sofort klirr, was er wollte. Um meine Leute nicht zu beunruhigen, sagte ich zunächst nichts, und wir fuhren weiter. Nach kurzer Zeit setzte ein kräftiger Regen ein, worauf die Buren ausspannten. Ich klärte sie nun doch auf und ordnete an, daß die Ochsen in unmittelbarer Nähe der Wagen bleiben sollten. Der Regen hielt die ganze Nacht an und wir mußten liegen bleiben. Gegen 4 Uhr Morgens, als der Regen nachgelassen hatte, entdeckte ich in unserer uinnittelbaren Nähe zwischen den Klippen ein Feuer. Es bestand kein Zweifel, die Hottentotten waren da, um sich „Kost" zu holen. Der Eingeborene, den ich anr Abend gesehen hatte, war ein Posten gewesen. Ich zog sofort sämtliche Leute, auch die Buren, zu den: vorderen Wagen und wir richteten uns zur Verteidigung ein. Der hintere Wagen stand etwa 200 m hinter uns auf der Pad, weil er am Abend vorher iin aufgeweichten Boden stecken ge blieben war. Um 3 Uhr hörten wir Pferdegetrappel von Kub her. Auf ineinen Anruf erhielt ich das Losiingswort „Viktoria" und „Patrouille" als Antwort. Es ivaren etwa 40 Reiter der in Kub liegenden l. Koinpaguie 2. Feld- regiments, unter Leutnant Wimmer, der einige Wochen später bei Kowiese-Kalk in der Kalahariwüste fiel. Der Führer der Spitze dieser Patrouille, ein Vizefeldwebel, sagte inir, daß etwa >00 m von uns ei» Mann an der Pad ge standen hätte iiiid bei ihrer Annäherung eilig in der Richtung auf das Feuer das Weite gesucht hätte. Das Feuer wäre hierauf sofort ausgclöscht worden. Ich beriet mit dem Leutnant, was zu tun sei, worauf wir den Entschluß faßten, sogleich abzufahren. Ich ließ an spannen; die Buren waren während der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal so schnell fertig geworden, wie dieses Mal. Um 3% Uhr befanden wir uns im Marsch. Der Leutnant sagte mir, daß er den Auftrag hätte, mich abzuholen. Eine starke Hottentotten-Abteilung hatte sich tatsächlich an die Pad Kub-Windhuk gelegt, um Proviantkolonnen abzufangen.38 Sie hatten die Stärke der mich abholenden Patrouille wohl überschätzt und warteten auf eine bessere Gelegenheit. Wären wir bis zum Morgen liegen geblieben, so hätten sie uns wahrscheinlich angegriffen. Nur notgedrungen greift der Hottentott während oer Nacht an. Mein Eintreffen wurde in Kub, besonders vom Feld lazarett, freudig begrüßt. War doch nun Aussicht vorhanden, einmal etwas anderes als das amerikanische Corned-Beef und Boulett-Beef zu Mittag zu erhalten. In Kub erhielt ich auch die Nachricht von dem überaus schweren Gefecht bei Groß-Nabas, das meine Kompagnie mitgemacht hatte. Wieder hatte die Kompagnie 2 Offiziere verloren, die Leutnants Donner und v. Kleist. Beide waren sehr schwer verwundet worden und befanden sich bereits im Feldlazarett Kub. Donner starb nach einigen Wochen und v. Kleist ging als felddienstunfähig nach Deutschland. Unter den Mannschaften, die gefallen waren, befand sich auch mein braver Bursche Weinberger. Er hatte sich als Gruppenführer besonders schneidig zeigen wollen. Seiner Gruppe voraus eilend, hatte er einen Schuß durch beide Oberschenkel erhalten; beide Schenkelknochen waren zersplittert worden. Der Sturm hatte der großen Uebermachi wegen nicht durch geführt werden können und so hatte Weinberger zwischen zwei Feuern liegen bleiben müssen. Man hatte ihn zunächst für tot gehalten, auf seine Signalschüsse hin jedoch erfolglose Rettungsversuche unternommen. Die Hottentotten waren aber gleichzeitig auf ihn aufmerksam geworden und hatten ihm mit Klippen den Schädel zerschmettert. So war er denn den Heldentot gestorben. Ich habe später seine, unter einem Kameldornbanme gelegene Ruhestätte noch zweimal besucht. Nachdem ich in Kub den Proviant abgeliefert hatte, wurde ich auf meinen Wunsch wieder felddienstfähig erklärt und ging mit einer Kolonne nach Kalkfontein, wo die Kom pagnie liegen sollte. Dort angekommen, traf ich jedoch nur einen Teil der Kompagnie an, der größere Teil lag in Schürf- penz, einer etwa 10 km nördlich gelegenen Wasserstelle. Da erst neue Ersatzmannschaften und Pferde erwartet werden mußten, beschränkten wir uns zunächst aus Stationsbesetzung. Sofort begannen wir mit Kasernenbauten aus Steinen. Das Dach stellten wir ans Wellblech der zerstörten Farm- häuser der Umgegend her. Bei dieser Gelegenheit fanden wir auch bei der Farm Zwartmodder unseren Vizefeldwebel der Reserve Bethel erschossen vor. Unweit der Farm waren 7 weiße Farmer nnt Ochsenriemen zusammengebunden und erschossen worden. Sämtliche Ermordete und der Gefallene wurden von uns beerdigt. Der Proviantnachschub versagte auch hier immer noch und wir waren in Betreff Fleischversorgnng größtenteils auf Jagd angewiesen. So kam der 12. Marz heran und die Bayern der Kompagnie sollten zur Feier des Geburtstages ihres Prinz-Regenten nicht einmal Fleisch zu essen bekommen. Am genannten Tage, Morgens gegen 6 Uhr, wurde ich plötzlich zum Hauptmann gerufen. Er zeigte mir mehrere39 etwa 3 km von der Station entfernt stehende Springböcke nnd stellte mir anheim, den Versuch zu machen, einen davon zu schießen. Sofort holte ich mein 98er Infanterie-Gewehr, steckte 12 Patronen zu mir und entfernte mich durch ein wüstes Chaos von Klippen in der Richtung auf das Wild. Es gelang inir, mich bis auf etwa 100 m heranzupürschen, was nur stein Unrstande zu verdanken war, daß ich das Wild vor dein Winde und ich selbst ausgezeichnete Deckung hatte. Ich hatte 3 Prachtexemplare vor inir; sie schienen jedoch schon Wind von mir zu haben, denn sie wurden unruhig. Schnell hintereinander gab ich 4 Schüsse auf^den größten Bock ab, worailf er nach einer Anzahl von Sprüngen zu sammenbrach. Die beiden anderen flüchteten auf etwa 60 Schritt aii Niir vorbei nach Norden. Nasch hintereinander verfeuerte ich jden Rest meiner Patronen auf die beiden Flüchtlinge, worauf auch sie zusammenbracheu. Ich ver suchte, die 3 Böcke zufammenzütragen, was iiiir aber nicht gelang, weil sie zu schwer waren. Von meinen 12 abgegebenen Schüssen war nur einer fehlgegangen. 2 Exemplare hatten je zwei Blattschüsse erhalten und waren trotzdem noch einige 100 m gesprungen. Vom Lager aus hatte man meine Jagd mit Hilfe sämtlicher Gläser verfolgt, aber doch nichts davon gesehen, daß eins der Tiere gefallen war. Die Schüsse hatte man gehört und kopfschüttelnd hatte der Hanptmann zu Denbert gesagt, daß er mich nie wieder auf die Jagd schicken werde, da ick ihm zu viel Patronen verschösse. Um so ver gnügter würde die Beute ins Lager geholt. Auf diese Weise würde es möglich, am Geburtstage des Prinz-Regenten Fleisch zu genießen und für noch einige Tage die leidige Proviantkalamität los zu sein. Eines Tages erhielt die Konrpagnic 2 Maschinenkanonen ohne Bedienungsmannschaften zugeteilt. Da war nun guter Rat teuer, denn wir hatten nicht einen einzigen Artilleristen bei der Kompagnie. Glücklicherweise befand sich bei den Kanonen ein Reglement, welches es uns ermöglichte, bereits am zweiten Tage Scharfschießen mit Granaten abzuhalten. Nach etwa einer Woche war der Pomp-Pomp-Zug derartig einexerziert, daß man glauben mußte, cingeübtc Artilleristen vor sich zu haben. Es ist dieser Umstand ein Beweis dafür, daß der deutsche gut ausgebildete Soldat sich rasch und sicher in jede Situation zu fügen weiß. Ende April hatten wir niis soweit erholt, daß wir uns wieder an Operationen be teiligen konnten. Zunächst begaben wir uns von Schürfpenz nach Spamprietfontcin. Eine von Gochas nach dort konnnende Proviantkolonne war bei Klein-Nabas überfallen und niedergemacht worden. Ich wurde mit 20 Reitern auf Berfolgungspatrouille kommandiert, mußte diese aber nach etwa 36 Stunden wegen Wassermangels einstellen. Während 48 Stunden blieben die Pferde unter dem Sattel, da ich keinen Augenblick vor einem Ucberfall sicher war. Bemerkt sei auch in diesem Falle die große Grausamkeit, welche die Hottentotten Verwundeten gegenüber an-40 wendeten. Ein Reiter der Kolonne war verwundet in den von den Hottentotten angezündeten Proviantwagen ge worfen und bei lebendigem Leibe verbrannt worden. Die Hottentotten verstanden es meisterhaft, uns für die E olge in Bewegung zu halten. Zunächst schlugen fie im üden bei Cowes los, was zur Folge hatte, daß wir sofort über Gochas dorthin marschierten. 'Wir waren jedoch noch nicht ganz an unserem Bestimmungsorte angelangt, als fie sich einen Ueberfall auf Aminuis leisteten. In Eilmärschen legten wir den mehrere 100 ko, betragenden Weg nach dorthin zurück, in Awadaob, im großen Nosfob gelegen, erreichten uns jedoch schon wieder Patrouillen, die uns größere llcber- fälle iin Süden meldeten. Sofort kehrten wir um und blieben zunächst in Aubes liegen. Hier verlebten wir auch das Osterfest 1006 bei recht knapper Kost. Osterfonnabend erbat ich mir eine Jagdpatrouille aus und schoß einen wirklichen (Oster-) Hafen. Schade, daß er nicht so groß war, wie die schlesischen Hasen. Von einer Patrouille war eine Spur gefunden worden. Die Hottentotten sollten aus einer weit in der Kalahariwüste gelegenen Oase liegen. Die Kalahari sieht durchaus nicht wie eine Wüste aus. Sie ist durchweg mit hohen Sand dünen von Nordwesten nach Südosten durchzogen. Die einzelnen Dünen sind etwa 6 bis io m hoch und zeigen nur auf den Kämmen Flugsand. Zwischen den V± bis ke, km auseinanderliegenden Dünen befindet sich ausgezeichneter Graswuchs und einiges Gestrüpp. Schade, daß dort das Wasser fehlt. Es würden sich jene Striche sonst ausgezeichnet zur Viehzucht iin großen eignen. Oberstleutnant v. Estorff faßte den Entschluß, den Hottentotten in der Kalahari aus den Leib zu rücken. Dieser Vorstoß erforderte die weitestgehenden Vorbereitungen, des Wassers wegen. Alle verfügbaren Ochsenwagen im Auobrevier wurden nach Cowes gezogen und zum Wassertransport eingerichtet. Da Gefäße nicht vorhanden waren, wurden die zur Ausrüstung gehörigen Zeltbahnen in Sackfornc zusammengebunden, mit Wasser gefüllt und in den Ochsenwagen aufgehängt. In jeden Ochsenwagen häugten wir an starke Querhölzer 30 bis 40 mit Wasser gefüllte Zeltbahnen und zwar derart, daß sie sich be wegen konnten. Die Ochsenwagen, etwa 40 an der Zahl, wurden nun in zwei Staffeln eiiigeteilt. Die erste Staffel erhielt den Auftrag, einen Tagemarsch weit quer durch die Dünen zu fahren. Am zweiten Tage folgten 20 Gespanne Ochsen in schnellster Gangart und brachten die Wasserwagen ihrerseits noch soweit, wie möglich, um dann leer oen Rückmarsch an zutreten. Am dritten Tage folgte die zweite Staffel der ersten mit den nunmehr wieder frisch getränkten Ochsen, welche die erste Staffel einen Tagesmarsch vorwärts gebracht hatten. Bemerkt sei, daß der südafrikanische Ochse 3 bis 4 Tage ohne Wasser aushalten kann, ohne ernstlichen Schaden zu nehmen, vorausgesetzt, daß er nach einer solchen Anstrengung wieder gutes Wasser und Gras bekommt.41 Wir hatten uns auf diese Weise zwei Wasseretappen geschaffen und konnten ain vierten Tage selbst den Marsch an- treten. Vordem hatten Appells stattgefunden, bei denen alle nicht ganz taktfesten Pferde ausgesucht und von der Expedition ausgeschlossen worden waren. 2 Geschütze und 2 Maschinen gewehre, mit je 24 Maultieren bespannt, mußten die Expedition begleiten. Am vierten Tage, also am 30. April 1005, traten wir, 4 Kompagnien zu 120 Gewehren und die bereits er wähnten Geschütze und Maschinengewehre, den Marsch an Das Lager der Hottentotten sollte hinter der 72. Sandoünc liegen, was ungefähr einer Marschleistung von 65 Km entsprach. Eine geebnete Pao war nicht vorhanden, wir mußten quer durch 'den Aum Teil recht tiefen Sand unseren Weg suchen. Wir marschierten in der Kolonne zu zweien, die einzelnen Kompagnien mit etwa 200 m Abstand. Zwischen den Dünen wurde Trab, über die Dünen Schritt geritten. Gegen 0 Uhr hatten wir die zweite, also die vorderste Ochsenwagenstaffel hinter uns, gegen l2 Uhr passierten wir das Revier des Elefantenflusses. Letzteres bereitete uns große Schwierig keiten, weil wir einen passenden Uebergang nicht finden konnten. Das Revier war ausgetrocknet, es war aber etwa 15 m tief und hatte sehr steile, felsige Ufer. Es dauerte daher geraume Zeit, bis unsere Patrouillen geeignete Uebergänge gefunden hatten. Die Ueberschreitung stellte an Mann und Pferd große Anforderungen. Um 6 Uhr sollte der Angriff erfolgen. Um diese Zeit hatten wir 70 Dünen überschritten. Es wurde Halt gemacht. Gespannt lauschten wir auf die ersten Schüsse, aber ver geblich. Die Patrouillenmeldung bestätigte sich nicht. Daß sie richtig gewesen war. erfuhr ich erst, nachdem ich mich bereits wieder in Deutschland befand. Der Führer der Patrouille, der beinr Vormarsch auch der unserige war, hätte uns während der Nacht nur durch Zufall richtig führen können. Die 72. Düne war etwa 300 Km lang. Nur eine kleine Abweichung von der angesetzten Marschrichtung konnte auf die Entfernung, die wir zurückgelegt hatten, 10 bis 20 Km Differenz haben. Es wurde zwar die größtinöglichste Auf klärung durch Patrouille,: versucht, was aber der Kürze der Zeit wegen erfolglos blieb. Sollte nicht eine Katastrophe wegen des fehlenden Wassers über uns hereinbrechen, so mußte der Rückmarsch sobald als möglich angetreten werden. Mutlos traten wir gegen 2 Uhr Nachmittags den Rückmarsch an. Wir hätten den schwarzen Gesellen draußen iu der Wüste, die vor uns noch kein Europäer betreten hatte, gern ein Treffen geliefert. Der Rückmarsch ging wegen der Erschlaffung von Mann und Pferd nur langsam von statten. Gegen 10 Uhr Abends passierten wir die vorderste, gegen 2 Uhr Morgens die hinterste Wasserwagenstaffel und um 10 Uhr Vormittags befanden wir uns wieder im Auobrevier. Nach einigen Tagen erhielten wir Befehl, die Wasser stelle Honirob, etwa 40 km im Auob stromab, zu besetzen. Zu unserem großen Leidwesen war diese Wasserstelle aber4*2 gar keine Wasserstelle. Von der Regenzeit hatte sich nn Revier ein schlammiger Brei gehalten, mit dem wir ebenso wie die Pferoe zufrieden sein mußten. Jedes Kochgeschirr voll Wasser setzte nach dem Kochen etwa y 3 festen Schlamm ab. Der Proviant blieb ebenfalls aus. Infolgedessen mußten wir es wieder tüchtig mit der Jagd versuchen. An einem Vornrittage hatte ich hierbei ein besonderes Jagdglück und schoß 3 Steinböcke und einen Schakal. An einem anderen Vormittage hätte ich durch meinen Leichtsinn beinahe mein Leben verwirkt. Die Decke der Schlangen eignet sich, wie ich erfahren hatte, sehr gut zur Herstellung von Portemonnaies und Zigarrentaschen. Gern hätte ich mir auch ein derartiges Andenken gesichert und wartete auf die Gelegenheit, wo sich mir die Erlegung eines, solchen Reptils bot.' Während der Kriegsmärsche hatte ich wiederholt Gelegenheit, auch größere Exemplare anzutreffen. Sv erblickte ich während eines Marsches im Auobrevier als Führer der Spitze ein Exemplar von etwa 5 r.i Länge. Ich konnte jedoch nicht schießen, weil jeder Schuß Alarm fürs Gros bedeutet hätte. Ein Kampf mit der Stichwaffe schien mir jedoch bei der Größe der Schlange zu gewagt. Von Honirob auf Jagdpatrouille befindlich, bemerkte ich plötzlich in einem Strauche eine etwa 2 m lange Schlange. Sofort sprang ich vom Pferd, führte es etwa lO Schritt zurück und gab auf den sich blitz schnell hin- und herbewegenden Kopf der Schlange mehrere Schüsse ab, die jedoch fehlgingen. Ich wollte 'den Kopf treffen, um die Decke inr übrigen fehlerfrei zu halten. Schließlich kam die Schlange auf mich zu, worauf ich, uni ihr auszuweichen, um den Strauch herumging. Jetzt bemerkte ich, wie das Reptil in ein Erdnrännchenloch kroch. Um mir die Schlange nicht entwischen zu lassen, sprang tc£) rasch um den Strauch herum, um den noch sichtbareil Schwanz der Schlange zu fassen und diese in großen: Bogen fort zuschleudern. Als ich jedoch den Schwanz anfassen wollte, kain der Kopf der Schlaiigc daneben heraus und nur durch das blitzschnelle Zurückreißen meiiier Hand blieb ich vor den: Biß bewahrt. Da die Schlange hierauf abernials in das Loch kroch, pflanzte ich zitternd vor Erregung mein Seitengewehr auf und es gelang mir, sie aufzuspießen. Vizefeldwebel der Landwehr Runk bestätigte mir im Lager, daß es sich um eure schwarze Momba, ciue der giftigsten Schlangen Südafrikas, handelte. Eni Biß hätte in kurzer Zeit meinen Tod zur Folge gehabt. Der Vorgang hatte mich derart nervös gemacht, daß ich noch lange Zeit nachher die rechte Hand znrückriß, weiiii ich an das Erlebnis dachte. Wir versuchten in Honirob, im Revier eineii Brunnen zu graben, erhielten aber Abmarschbefehl, nachdcul wir etwa 4 m tief auf Felsen gestoßen waren. Auf dein Marsch nach Cvwes hatte ich auf Seitenpatrouille Gelegenheit, ein Hyänenpaar mit 3 Jungen vor einer Höhle zri scheii. Leider konnte ich auch in diesem Falle auf die eine drohende Haltung einnehmenden Tiere nicht schießen, um die Truppe nicht zu alarmieren. Da wir die in der Nähe gelegene Wasserstelle43 Aubes besetzten, ritt ich nach einigen Tagen zurück, fand'aber die Hyänen nicht mehr var. Auf dem Rückwege gelang es mir, einen riesigen Pan (Trappe) zu schießen. Später schoß ich auf einer Jagdpatrouille ein wildes Beest, wilden Ochsen, der fast die Große eines hiesigen Ochsen hatte. Da sich die Hottentotten um Amaoaob im Nossob wieder sehr unangenehm bemerkbar machten, erhielten wir sehr bald wieder Marschbefehl nach dort. In einigen Tagen legten wir abermals die mehrere 100 Km lange Strecke zurück und konnten nur feststellen, daß die Abzugsrichtung wieder in die Kalahari zeigte. Es wurde hieraus zur Stationsbesatzung ühergegaugen. Wir wurden für die Wasserstelle Nunüb, in der Kalahari gelegen, bestimmt. Da der Maschinenkanonenzug zur Bedeckung des Feld lazaretts Kalkfontein befohlen worden war, ritt ich für einige Tage dorthin, um Löhnung und Verpflegung zu regeln. Den Rückweg legte ich dann mit einem Unteroffizier (Stauffert) quer durch die Sanddünen zurück. Unterwegs beabsichtigten wir, eine kurze Rast zu machen und sattelten zu diesem Zweck ab. Da die Nacht bitter kalt war, entschloß ich mich, ein Feuer anzuzünden. Ich glaubte doch, daß die Hottentotten nicht zwischen den Dünen sitzen würden, zwischen denen wir uns befanden. Plötzlich höre ich hinter mir rascheln. Wie der Blitz greifen wir beioe zu unseren Gewehren. Stauffert macht rasch das Feuer aus; sein Gesicht war weiß, wie eine Kalkwand. Jur Lichtschein des Feuers hatten wir beide das neugierige Gesicht eines Ochsen gesehen. Es war dieses das untrügliche Zeichen, daß wir uns mitten unter den Hottentotten befanden, denn die nächste von Truppen befahrene Pad befand sich mindestens 10 Km weiter südlich. Ich glaube, wir haben in Afrika niemals so schnell gesattelt, wie in jener Nacht. Tatsächlich stellte es sich spätercheraus, daß Samuel Jszak mit feinen Orloglenten in jener Gegend sein Lager gehabt hatte. Unter den Feldsoldaten stellte sich allmählich Kriegs müdigkeit ein. Sie bekamen die erfolglosen langen und auf reibenden Hetzjagden satt. Sobald die Nacht hereinbrach, setzten sie sich an ihre Lagerfeuer und sangen meistens schwer mütige Heimatslieder, am liebsten aber das schöne Lied: „Nach der Heimat möcht ich wieder." Wie waren doch die frischen, fröhlichen Jnngens von Munster heruntergekommen. Fast jeder hatte sich einen wilden struppigen Bart wachsen lassen. Die Gesichter waren von der Sonne verbrannt und die durchgemachten Strapazen und seelischen Eindrücke standen jedem im Gesicht geschrieben. Und noch immer war kein Ende des Feldzuges zu erwarten. Die Reiter, sich dessen wohl bewußt, sangen: „Doch das Schicksal will es nimmer, durch die Welt ich wandern muß." Jeder sehnte sich nach einem entscheidenden Gefecht, um dann nach Hause gehen zu können. Und wie sahen die Uniformen, wie die Waffen aus! Die ersteren waren vielfach geflickt, bei manchem auch zerrissen, das Schuhwerk ließ bei vielen die Zehen sichtbar werden. Mancher deutsche Truppen-44 büchfenmacher hätte beim Anblick der Gewehre wahrscheinlich die Hände über dem Kopfe zufammengeschlagen. Die Schäfte waren zerkratzt und ausgebrochen, viele Gewehre waren von den Reitern selbst am Kolbenhals mit einem aus einer Proviantkiste stammenden Blech umlegt und genagelt worden. Das Sattelzeug war ein buntes Gemisch von deutschem, englischem und hottentottischem. Ich glaube daß wir damals einer heruntergekommenen Reiterschaar aus dem 30jährigen Kriege am ähnlichsten gesehen haben. Nach einigen Wochen der Ruhe wurden wir abermals nach dem südlichen Auob gerufen, weil dort wieder ein Ueberfall stattgefunden hatte. Wir waren an die Mißerfolge in. letzter Zeit schon gewöhnt und zogen unseren bekannten Weg im tiefen Auobrevier nach dem Süden, um abermals eine Station, Awadaob, zu beziehen. Eines Sonntags ging ich 51 t Fuß mit einigen Unter offizieren auf die Jagd. ’lO km nördlich der Station gelang es mir, einen Ducker zu schießen, den wir auf einer hohen Sanddüne ausweideten. Es wurde dieses stets an erhöhten Stellen getan, um uns vor Ueberfällen zu sichern. Nach der Ausweidung des Bockes traten wir den Rückmarsch an und erhielten, als wir etwa 3VO m entfernt waren von der Stelle, wo wir den Bock ausgeweidet hatten, Feuer. Ich glaubte im ersten Augenblick, daß die Schüsse von den beiden Unter offizieren abgegeben worden wären, sah die beiden jedoch eilig Deckung hinter einigen Termitenhaufen suchen und auch die Geschosse um sie herum einschlagen. Ich folgte sofort ihrem Beispiel, dem: auch mir pfiffen die Kugeln um die Ohren. Da das Feuer nachließ und schließlich aufhörte, gelang es uns, mit dem Bock daS Lager zu erreichen. Die Hottentotten hatten wohl gehofft, uns mit einigen Schüssen abzutun, gaben ihr Schießen aber bald auf, weil sie be fürchten mußten, unser Lager zu alarmieren. Am nächsten Tage stellten wir fest, daß sie etwa 16 km von der Station an einem großen Blei gelagert hatten, aber abgezogen waren. Die Abzuasrichtung zeigte wieder in die Kalahari. Zweifellos lag der Grund zu dem Abzüge in dem erfolglosen Schießen auf meine Jagdpatrouille. Da sie sich in ein Gefecht nicht einlassen wollten, suchten sie so schnell als möglich das Weite. Nach einigen Wochen siedelten wir nach Persip über. Da ich dauernd 110 bis 120 Pulsschläge hatte, entschloß ich mich, zum Arzt zu gehen, der hochgradige nervöse Störung der Herztätigkeit fcststellte und mich für felddienstunfähig erklärte. Ich erhielt Befehl, mit der nächsten Proviant kolonne nach dem Etappenlazarett Okahandja zu gehen, das ich im November 1906 erreichte. Kurz vor dein Eintreffen der Kolonne in Windhuk mußte ich noch einmal mit be waffneter Hand mit eingreifen, da unser schwarzes Treiber- personal meuterte. Es gelang uns jedoch, dasselbe zu über wältigen und gefesselt im Eingeborenen-Gefängnis Windhuk abzuliefern. Schwer verletzt wurde der Führer der Proviant- kolonne, ein Sergeant, dessen Namen mir entfallen ist. Der45 Rädelsführer der Schwarzen hatte ihm mit einer Flasche, die er an der Pad gefunden haben mochte, eine tiefe Wunde an der Stirn beigebracht. Ich hatte bis zu meiner Einlieferung ins Etappen- Lazarett 510 Nächte ohne Bett, teils in eisigkaltem Sande, teils auf ödem Felsgeröll geschlafen, und als. Decke nur den mit der Zeit recht dünn gewordenen Pferdewoilach gehabt. Ich betrachtete mich in dem schönen weichen Bett als der glücklichste Mensch unter der Sonne. Nach 4 Wochen wurde ich dem Genesungsheim Ababis überwiesen, das an der Bahnlinie Swakopmund-Karibib liegt. Wir vertrieben uns dort die Zeit, indem wir aus einer unweit des Lagers vorbei laufenden Felsenader Kap-Rubinen klopften. Diese saßen so dicht in den Felsen, daß man in einer Stunde bei einiger maßen gutem Handwerkszeug 20 bis 30 Stück gewinnen konnte. In der letzten Woche meines Aufenthalts erhielt ich wieder Erlaubnis, meiner Passion, der Jagd, nachzugehen. Da es auch Leoparden in der Nähe gab, stellte ich mit einem Unteroffizier einige Fallen (Tellereisen). Eines Morgens war eine Falle verschwunden und die Schleifspur der an der Falle befindlichen langen Kette zeigte uns, wohin der Leopard gegangen war. Mit schußbereitem Gewehr folgten wir in dem schmalen, rechts und links von turmhohen steilen Felsen begrenzten Revier. Bald verriet uns ein dumpfes Knurren, daß wir nicht mehr weit hatten. Der Leopard hatte sich hinter einem Gebüsch niedergeduckt und wurde durch zwei gleichzeitig von uns abgegebene Schüsse niedergestreckt. Leider hat das schöne Fell später in Windhuk ganz unerwartet wieder „Beine bekommen". Auf einem meiner Jagdgänge kam ich auch nach den jüngst in der Presse vielfach erwähnten Marmorbergen. Ich habe damals über das blendende Weiß der noch rohen Steine gestaunt. Für die Abfuhr liegen jene Berge durchaus günstig, zum Teil direkt an der Bahn, zum Teil etlva 5 bis 10 km von dieser entfernt. Viel Spaß machte uns in Ababis der Stationsaffe, ein Pavian. Er war ein „besserer" Affe und man hatte ihm daher ein kleines Haus gebaut. In der Regel saß er aber auf einem fest in die Erde gerammten Baumstamme und winkte nach den Baracken ooer nach den vorbeifahrcnden Eisenbahnzügcn. Er wollte Zeitvertreib haben. Hunden gegenüber machte er kurzen Prozeß, indem er sie blitzschnell unter den Arm und mit auf seinen Baumstamm nahm, um sie von dort, nachdem er ihr Fell abgesucht hatte, in großem Bogen herunterzuwerfen. ' Nach Ablauf von 4 Wochen wurde ich etappendienst fähig der Etappcnkvmmandantur Windhuk überwiesen, um dort Verwendung zu finden. Von der Etappcnkvmmandantur erhielt ich zunächst das Kommando über die Station Gamams bei Windhuk, wurde aber bereits nach einigen Tagen zum ersten Schreiber der Kommandantur ernannt.46 Sa war der April 1906 herangekommen. Gegen Ende dieses Monats fühlte ich mich merklich schwach. Ich versuchte, mich auf den Beinen zu halten und riskierte au einem Sonnabend Nachmittag sogar noch einen Jagdritt auf Perl hühner in die Gamamser Gegend. Es gelang mir auch, mehrere zu erlegen, ich merkte aber auf dein Rückwege, das; sich ein heftiges Fieber eingestellt hatte. Besinnungslos fiel ich, in Windhuk angckommen, von: Pferde. Man schaffte mich ins Lazarett. Ich sollte doch nicht darum herumkommen, ich hatte Typhus. Am 4. Mai hatte ich das höchste Fieber, 41". Air dem selben Tage hauchte daheim meine gute Mutter, die schon lange vergeblich auf ineine Rückkehr gewartet hatte, ihr Leben aus. Bald lernte ich das Lebeir iin Typhuslazarett genau kennen. Katholische Missivusschwestern waren in demselben als Pflegerinnen tätig und mancher Soldat ver dankt ihrer guten Pflege die Wiederherstellung. In rührendster Weise diktierte eines Tages ein links neben urir liegender Reiter der Schwester einen Abschiedsbrief an seine Frau rnrd sein. Kind daheim. Er war hier hinausgezogen, um sich und den Seinen nach Schlich; des Feldzuges eine Existenz zu schaffen. Das Bild seiner Frau und seines Kindes lag vor ihm auf der Bettdecke. Am nächsten Morgen war das Bett leer. Drei Salven, die am Nachmittage vom nahen Friedhof herüberschallten, zeigten uns an, daß er dort eine dauernde Ruhestätte gefunden hatte. Ein anderer lag in dem Bett rechts neben mir. Er erzählte mir viel von seiner rheinischen Heimat. An einem Sonntags-Morgen war er auffallend ruhig geworden, ich glaubte, er schliefe. Plötzlich stöhnte er auf; er hatte sein Leben ausgehaucht. Einige Krankenwärter kamen mit einer Bahre, hüllten ihn in Decken und trugen ihn hinaus. Nach 10 Wochen war ich soweit hergestellt, das; ich die Reise nach Swakopmund antreten konnte. Da der nächste Dampfer erst nach 14 Tagen fuhr, vertrieb ich mir die Zeit mit Lachs- und Haifischfaug an: Strande. Einmal gelang es mir, einen mächtigen Tintenfisch zu fangen. Die Hai fische, die sich dort so zahlreich aufhalten, sind nicht mit dem Menschenhai zu vergleichen; es handelt sich um den sogenannten Grundhai, einen etwa l bis > 20 m langen Fisch, der aber dem Menschenhai ähnlich sieht. Sein Fleisch ist für den Europäer ungenießbar, cs wird aber von den Ein geborenen gegessen. In Swakopmund hatte sich sehr viel verändert. Die Mole, an der wir 1904 landeten, war ver sandet und wir konnten dort zur Zeit der Ebbe auf dem Strande spazieren gehen. Als Ersatz war von Pionieren ein mächtiges Pier etwa 900 m weit in das Meer gebaut worden. Die Landung von Pferden und Ochsen erfolgte nicht mehr lvie früher, sondern mittels mächtiger Flöße, die mit einem langen Seil durch die Brandung und auf den Strand gezogen wurden.47 Endlich lief der Dampfer „Professor Wörmann", von Lüderitzbucht kommend, ein. Wir wurden eingefchifft und befanden uns bald auf hoher See. Der Transport bestand ans etwa 500 Kranken, ureisteus Feldsoldateu, denen die Fcldzugsjahre in den Gesichtern geschrieben standen. Alle waren lustig und guter Dinge, ging es doch der lieben, teuren Heimat zu. Am ersten Abeird begegnete uns ein von Deutschland kommender Wörmann-Dampfer. Darauf schwammen wir wieder 14 Tage auf dein Wasser, ohne Land oder ein Schiff in Sicht zu bekommen. In Monrovia, dem Hanptverkehrspunkt der Neger- Republik Liberia, an der Pscfferküste, gingen wir auf etwa 6 Stunden vor Anker, um die mit von Swakopmnnd kommenden Bois, das sind Liberianer-Neger, abzusetzen. Sie waren bei der Südfahrt des Dampfers zum Löschen der Ladung angeworben worden und kehrten nun zur Heimat zurück. Südlich von uns lag ein größeres französisches Kauffahrteischiff. Rasch belebte sich die Reede mit den kleinen, aus Banm- stämmön angefertigten Kanoes, und geschickt ivie die Katzen kletterten die schwarzen Jungens an von: Schiff ausge worfenen Tauen zu den sie abhvlenden Angehörigen. Unter großem Geschrei trat dann die aus etwa 50 Kanoes be stehende Flotte ihre Fahrt nach der Küste an. Bald lichteten wir die Anker und dampften wieder dem Norden, der Heimat, zu. Nach einigen Tagen legten wir einige Stunden in Las Palmas an, um Wasser zu nehmen. Die Fahrt verlief im allgemeinen günstig. Kurz bevor wir in den Kanal einfnhren, hatten wir einige Tage dichten, undurchdringlichen Nebel, welcher Umstand Verminderung der Fahrt um % bedeutete. Fch habe dabei verstehen ge lernt, daß der Seemann den Nebel als seinen größten und gefürchtetsten Feind betrachtet. Nach mehreren Tagen näherte sich uns in der Nordsee ein Boot mit einem halben Dutzend Männern, die mit Teerjacken, Südwestern und hohen Wasserstiefeln bekleidet waren. Die Strickleiter wurde aus geworfen, worauf einer dieser Männer, der Lotse, zu uns an Bord kletterte. Bald näherten wir uns dein Strand und sahen zum ersten Male feit langer Zeit wieder grüne Wiesen und Bäume. Wie waren wir doch alle so froh, der Heimat wieder nahe zu sei». Der Regen goß in Strömen, aber dessen ungeachtet hielten wir die Paar Stunden bis Hamburg auf Deck aus und wurden nicht »rüde, die deutschen Häuser und weißen Menschen zu betrachten und zu bewundern. Es erschien uns alles Ivie neu. Von unserem Mast wehte der mehrere 100 m lange Heimatswimpel. Da, wo wir 1904 eingesticgen waren, sollten wir auch wieder anssteigen. Der „Professor Wörmann" drehte bei und das aus 500 Kehlen erschallende „Deutschland, Deutschland über alles" zeigte den Hamburgern an, daß wieder ein Transport aus Südwest die heimatlichen Gestade erreicht hatte.W. Levysohn'S Buchdrurkerei. Grünbkrg i. Schl.
