Wilhelm Meisters Lehrjahre. 
[Buch 1-Buch 3]

[Apparat]  [Paralipomena]  [Paralipomena]  



Erstes Buch.



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Erstes Capitel.

[Lesarten]  2 Das Schauspiel dauerte sehr lange. Die alte Barbara 3 trat einigemal an's Fenster und horchte, ob die 4 Kutschen nicht rasseln wollten. Sie erwartete Marianen, 5 ihre schöne Gebieterin, die heute im Nachspiele 6 als junger Officier gekleidet das Publicum entzückte, 7 mit größerer Ungeduld als sonst, wenn sie ihr nur 8 ein mäßiges Abendessen vorzusetzen hatte; dießmal 9 sollte sie mit einem Packet überrascht werden, das 10 Norberg, ein junger reicher Kaufmann, mit der Post 11 geschickt hatte, um zu zeigen, daß er auch in der Entfernung 12 seiner Geliebten gedenke.

13 Barbara war als alte Dienerin, Vertraute, Rathgeberin, 14 Unterhändlerin und Haushälterin in Besitz 15 des Rechtes, die Siegel zu eröffnen, und auch diesen 16 Abend konnte sie ihrer Neugierde um so weniger widerstehen, 17 als ihr die Gunst des freigebigen Liebhabers 18 mehr als selbst Marianen am Herzen lag. Zu ihrer 19 größten Freude hatte sie in dem Packet ein feines 20 Stück Nesseltuch und die neuesten Bänder für Marianen, 21 für sich aber ein Stück Cattun, Halstücher und 22 ein Röllchen Geld gefunden. Mit welcher Neigung, 

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1 welcher Dankbarkeit erinnerte sie sich des abwesenden 2 Norbergs! wie lebhaft nahm sie sich vor, auch bei 3 Marianen seiner im Besten zu gedenken, sie zu erinnern, 4 was sie ihm schuldig sei und was er von 5 ihrer Treue hoffen und erwarten müsse.

6 Das Nesseltuch, durch die Farbe der halbaufgerollten 7 Bänder belebt, lag wie ein Christgeschenk auf 8 dem Tischchen; die Stellung der Lichter erhöhte den 9 Glanz der Gabe, alles war in Ordnung, als die Alte 10 den Tritt Marianens auf der Treppe vernahm und 11 ihr entgegen eilte. Aber wie sehr verwundert trat sie 12 zurück, als das weibliche Officierchen, ohne auf die 13 Liebkosungen zu achten, sich an ihr vorbei drängte, 14 mit ungewöhnlicher Hast und Bewegung in das Zimmer 15 trat, Federhut und Degen auf den Tisch warf, 16 unruhig auf und nieder ging und den feierlich angezündeten 17 Lichtern keinen Blick gönnte.

18 Was hast du, Liebchen? rief die Alte verwundert 19 aus. Um's Himmels willen, Töchterchen, was gibt's? 20 Sieh hier diese Geschenke! Von wem können sie sein, 21 als von deinem zärtlichsten Freunde? Norberg schickt 22 dir das Stück Mousselin zum Nachtkleide; bald ist 23 er selbst da; er scheint mir eifriger und freigebiger 24 als jemals.

25 Die Alte kehrte sich um, und wollte die Gaben, 26 womit er auch sie bedacht, vorweisen, als Mariane, 27 sich von den Geschenken wegwendend, mit Leidenschaft 28 ausrief: Fort! Fort! heute will ich nichts von allem 

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1 diesen hören; ich habe dir gehorcht, du hast es gewollt, 2 es sei so! Wenn Norberg zurückkehrt, bin ich 3 wieder sein, bin ich dein, mache mit mir, was du 4 willst, aber bis dahin will ich mein sein, und hättest 5 du tausend Zungen, du solltest mir meinen Vorsatz 6 nicht ausreden. Dieses ganze Mein will ich dem geben, 7 der mich liebt und den ich liebe. Keine Gesichter! 8 Ich will mich dieser Leidenschaft überlassen, als wenn 9 sie ewig dauern sollte.

10 Der Alten fehlte es nicht an Gegenvorstellungen 11 und Gründen; doch da sie in fernerem Wortwechsel 12 heftig und bitter ward, sprang Mariane auf sie los 13 und faßte sie bei der Brust. Die Alte lachte überlaut. 14 Ich werde sorgen müssen, rief sie aus, daß sie 15 wieder bald in lange Kleider kommt, wenn ich meines 16 Lebens sicher sein will. Fort, zieht euch aus! Ich 17 hoffe das Mädchen wird mir abbitten, was mir der 18 flüchtige Junker Leids zugefügt hat; herunter mit dem 19 Rock und immer so fort alles herunter! es ist eine 20 unbequeme Tracht, und für euch gefährlich, wie ich 21 merke. Die Achselbänder begeistern euch.

22 Die Alte hatte Hand an sie gelegt, Mariane riß 23 sich los. Nicht so geschwind! rief sie aus: ich habe 24 noch heute Besuch zu erwarten.

25 Das ist nicht gut, versetzte die Alte. Doch nicht 26 den jungen, zärtlichen, unbefiederten Kaufmannssohn? 27 Eben den, versetzte Mariane.

28 Es scheint, als wenn die Großmuth eure herrschende 

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1 Leidenschaft werden wollte, erwiderte die Alte 2 spottend; ihr nehmt euch der Unmündigen, der Unvermögenden 3 mit großem Eifer an. Es muß reizend 4 sein, als uneigennützige Geberin angebetet zu werden. --
5 Spotte, wie du willst. Ich lieb' ihn! ich lieb' ihn! 6 Mit welchem Entzücken sprech' ich zum erstenmal diese 7 Worte aus! Das ist diese Leidenschaft, die ich so oft 8 vorgestellt habe, von der ich keinen Begriff hatte. Ja, 9 ich will mich ihm um den Hals werfen! ich will ihn 10 fassen, als wenn ich ihn ewig halten wollte. Ich will 11 ihm meine ganze Liebe zeigen, seine Liebe in ihrem 12 ganzen Umfang genießen. --
13 Mäßigt euch, sagte die Alte gelassen: mäßigt euch! 14 Ich muß eure Freude durch Ein Wort unterbrechen: 15 Norberg kommt! in vierzehn Tagen kommt er! Hier 16 ist sein Brief, der die Geschenke begleitet hat. --
17 Und wenn mir die Morgensonne meinen Freund 18 rauben sollte, will ich mir's verbergen. Vierzehn Tage! 19 Welche Ewigkeit! In vierzehn Tagen, was kann da 20 nicht vorfallen, was kann sich da nicht verändern!

21 Wilhelm trat herein. Mit welcher Lebhaftigkeit 22 flog sie ihm entgegen! mit welchem Entzücken umschlang 23 er die rothe Uniform! drückte er das weiße 24 Atlaßwestchen an seine Brust! Wer wagte hier zu 25 beschreiben, wem geziemt es, die Seligkeit zweier Liebenden 26 auszusprechen! Die Alte ging murrend bei 27 Seite, wir entfernen uns mit ihr und lassen die 28 Glücklichen allein.



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1 
Zweites Capitel.

[Lesarten]  2 Als Wilhelm seine Mutter des andern Morgens 3 begrüßte, eröffnete sie ihm, daß der Vater sehr verdrießlich 4 sei und ihm den täglichen Besuch des Schauspiels 5 nächstens untersagen werde. Wenn ich gleich 6 selbst, fuhr sie fort, manchmal gern in's Theater gehe, 7 so möchte ich es doch oft verwünschen, da meine häusliche 8 Ruhe durch deine unmäßige Leidenschaft zu diesem 9 Vergnügen gestört wird. Der Vater wiederholt immer, 10 wozu es nur nütze sei? Wie man seine Zeit nur so 11 verderben könne? --
12 Ich habe es auch schon von ihm hören müssen, 13 versetzte Wilhelm, und habe ihm vielleicht zu hastig 14 geantwortet; aber um's Himmels willen, Mutter! ist 15 denn alles unnütz, was uns nicht unmittelbar Geld 16 in den Beutel bringt, was uns nicht den allernächsten 17 Besitz verschafft? Hatten wir in dem alten Hause 18 nicht Raum genug? und war es nöthig, ein neues zu 19 bauen? Verwendet der Vater nicht jährlich einen ansehnlichen 20 Theil seines Handelsgewinnes zur Verschönerung 21 der Zimmer? Diese seidenen Tapeten, diese englischen 

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1 Mobilien sind sie nicht auch unnütz? Könnten 2 wir uns nicht mit geringeren begnügen? Wenigstens 3 bekenne ich, daß mir diese gestreiften Wände, diese hundertmal 4 wiederholten Blumen, Schnörkel, Körbchen 5 und Figuren einen durchaus unangenehmen Eindruck 6 machen. Sie kommen mir höchstens vor, wie unser 7 Theatervorhang. Aber wie anders ist's vor diesem zu 8 sitzen! Wenn man noch so lange warten muß, so weiß 9 man doch, er wird in die Höhe gehen, und wir werden 10 die mannichfaltigsten Gegenstände sehen, die uns unterhalten, 11 aufklären und erheben. --
12 Mach' es nur mäßig, sagte die Mutter: der Vater 13 will auch Abends unterhalten sein; und dann glaubt 14 er, es zerstreue dich, und am Ende trag' ich, wenn er 15 verdrießlich wird, die Schuld. Wie oft mußte ich mir 16 das verwünschte Puppenspiel vorwerfen lassen, das ich 17 euch vor zwölf Jahren zum heiligen Christ gab, und 18 das euch zuerst Geschmack am Schauspiele beibrachte!

19 Schelten Sie das Puppenspiel nicht, lassen Sie sich 20 Ihre Liebe und Vorsorge nicht gereuen! Es waren 21 die ersten vergnügten Augenblicke, die ich in dem neuen 22 leeren Hause genoß; ich sehe es diesen Augenblick 23 noch vor mir, ich weiß, wie sonderbar es mir vorkam, 24 als man uns, nach Empfang der gewöhnlichen Christgeschenke, 25 vor einer Thüre niedersitzen hieß, die aus 26 einem andern Zimmer herein ging. Sie eröffnete sich; 27 allein nicht wie sonst zum Hin- und Wiederlaufen, 28 der Eingang war durch eine unerwartete Festlichkeit 

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1 ausgefüllt. Es baute sich ein Portal in die Höhe, das 2 von einem mystischen Vorhang verdeckt war. Erst 3 standen wir alle von ferne, und wie unsere Neugierde 4 größer ward, um zu sehen was wohl Blinkendes und 5 Rasselndes sich hinter der halb durchsichtigen Hülle 6 verbergen möchte, wies man jedem sein Stühlchen an 7 und gebot uns, in Geduld zu warten.

8 So saß nun alles und war still; eine Pfeife gab 9 das Signal, der Vorhang rollte in die Höhe, und zeigte 10 eine hochroth gemahlte Aussicht in den Tempel. Der 11 Hohepriester Samuel erschien mit Jonathan, und ihre 12 wechselnden wunderlichen Stimmen kamen mir höchst 13 ehrwürdig vor. Kurz darauf betrat Saul die Scene, 14 in großer Verlegenheit über die Impertinenz des schwerlöthigen 15 Kriegers, der ihn und die Seinigen herausgefordert 16 hatte. Wie wohl ward es mir daher, als 17 der zwerggestaltete Sohn Isai mit Schäferstab, Hirtentasche 18 und Schleuder hervorhüpfte und sprach: Großmächtigster 19 König und Herr Herr! es entfalle keinem 20 der Muth um deßwillen; wenn Ihro Majestät mir 21 erlauben wollen, so will ich hingehen und mit dem 22 gewaltigen Riesen in den Streit treten. --- Der erste 23 Act war geendet und die Zuschauer höchst begierig zu 24 sehen, was nun weiter vorgehen sollte; jedes wünschte, 25 die Musik möchte nur bald aufhören. Endlich ging der 26 Vorhang wieder in die Höhe. David weihte das Fleisch 27 des Ungeheuers den Vögeln unter dem Himmel und 28 den Thieren auf dem Felde; der Philister sprach Hohn, 

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1 stampfte viel mit beiden Füßen, fiel endlich wie ein 2 Klotz und gab der ganzen Sache einen herrlichen Ausschlag. 3 Wie dann nachher die Jungfrauen sangen: 4 Saul hat Tausend geschlagen, David aber Zehntausend! 5 der Kopf des Riesen vor dem kleinen Überwinder hergetragen 6 wurde, und er die schöne Königstochter zur 7 Gemahlin erhielt, verdroß es mich doch bei aller Freude, 8 daß der Glücksprinz so zwergmäßig gebildet sei. Denn 9 nach der Idee vom großen Goliath und kleinen David 10 hatte man nicht verfehlt, beide recht charakteristisch 11 zu machen. Ich bitte Sie, wo sind die Puppen hingekommen? 12 Ich habe versprochen, sie einem Freunde 13 zu zeigen, dem ich viel Vergnügen machte, indem ich 14 ihn neulich von diesem Kinderspiel unterhielt.

15 Es wundert mich nicht, daß du dich dieser Dinge 16 so lebhaft erinnerst: denn du nahmst gleich den größten 17 Antheil daran. Ich weiß, wie du mir das Büchlein 18 entwendetest und das ganze Stück auswendig lerntest; 19 ich wurde es erst gewahr, als du eines Abends dir 20 einen Goliath und David von Wachs machtest, sie 21 beide gegen einander peroriren ließest, dem Riesen endlich 22 einen Stoß gabst und sein unförmliches Haupt 23 auf einer großen Stecknadel mit wächsernem Griff 24 dem kleinen David in die Hand klebtest. Ich hatte 25 damals so eine herzliche mütterliche Freude über dein 26 gutes Gedächtniß und deine pathetische Rede, daß 27 ich mir sogleich vornahm, dir die hölzerne Truppe 28 nun selbst zu übergeben. Ich dachte damals nicht, 

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1 daß es mir so manche verdrießliche Stunde machen 2 sollte. --
3 Lassen Sie sich's nicht gereuen, versetzte Wilhelm: 4 denn es haben uns diese Scherze manche vergnügte 5 Stunde gemacht.

6 Und mit diesem erbat er sich die Schlüssel, eilte, 7 fand die Puppen und war einen Augenblick in jene 8 Zeiten versetzt, wo sie ihm noch belebt schienen, wo 9 er sie durch die Lebhaftigkeit seiner Stimme, durch die 10 Bewegung seiner Hände zu beleben glaubte. Er 11 nahm sie mit auf seine Stube und verwahrte sie 12 sorgfältig.



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1 
Drittes Capitel.

[Lesarten]  2 Wenn die erste Liebe, wie ich allgemein behaupten 3 höre, das Schönste ist, was ein Herz früher oder 4 später empfinden kann, so müssen wir unsern Helden 5 dreifach glücklich preisen, daß ihm gegönnt ward, die 6 Wonne dieser einzigen Augenblicke in ihrem ganzen 7 Umfange zu genießen. Nur wenig Menschen werden 8 so vorzüglich begünstigt, indeß die meisten von ihren 9 frühern Empfindungen nur durch eine harte Schule 10 geführt werden, in welcher sie, nach einem kümmerlichen 11 Genuß, gezwungen sind, ihren besten Wünschen 12 entsagen, und das, was ihnen als höchste Glückseligkeit 13 vorschwebte, für immer entbehren zu lernen.

14 Auf den Flügeln der Einbildungskraft hatte sich 15 Wilhelms Begierde zu dem reizenden Mädchen erhoben; 16 nach einem kurzen Umgange hatte er ihre Neigung gewonnen, 17 er fand sich im Besitz einer Person, die er 18 so sehr liebte, ja verehrte: denn sie war ihm zuerst 19 in dem günstigen Lichte theatralischer Vorstellung erschienen, 20 und seine Leidenschaft zur Bühne verband 21 sich mit der ersten Liebe zu einem weiblichen Geschöpfe. 

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1 Seine Jugend ließ ihn reiche Freuden genießen, 2 die von einer lebhaften Dichtung erhöht und 3 erhalten wurden. Auch der Zustand seiner Geliebten 4 gab ihrem Betragen eine Stimmung, welche seinen 5 Empfindungen sehr zu Hülfe kam; die Furcht, ihr 6 Geliebter möchte ihre übrigen Verhältnisse vor der 7 Zeit entdecken, verbreitete über sie einen liebenswürdigen 8 Anschein von Sorge und Scham, ihre Leidenschaft 9 für ihn war lebhaft, selbst ihre Unruhe schien 10 ihre Zärtlichkeit zu vermehren; sie war das lieblichste 11 Geschöpf in seinen Armen.

12 Als er aus dem ersten Taumel der Freude erwachte, 13 und auf sein Leben und seine. Verhältnisse 14 zurückblickte, erschien ihm alles neu, seine Pflichten 15 heiliger, seine Liebhabereien lebhafter, seine Kenntnisse 16 deutlicher, seine Talente kräftiger, seine Vorsätze 17 entschiedener. Es war ihm daher leicht, eine Einrichtung 18 zu treffen, um den Vorwürfen seines Vaters 19 zu entgehen, seine Mutter zu beruhigen und Marianens 20 Liebe ungestört zu genießen. Er verrichtete des 21 Tags seine Geschäfte pünctlich, entsagte gewöhnlich 22 dem Schauspiel, war Abends bei Tische unterhaltend, 23 und schlich, wenn alles zu Bette war, in seinen 24 Mantel gehüllt, sachte zu dem Garten hinaus und 25 eilte, alle Lindors und Leanders im Busen, unaufhaltsam 26 zu seiner Geliebten.

27 Was bringen Sie? fragte Mariane, als er eines 28 Abends ein Bündel hervorwies, das die Alte, in 

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1 Hoffnung angenehmer Geschenke, sehr aufmerksam 2 betrachtete. Sie werden es nicht errathen, versetzte 3 Wilhelm.

4 Wie verwunderte sich Mariane, wie entsetzte sich 5 Barbara, als die aufgebundene Serviette einen verworrenen 6 Haufen spannenlanger Puppen sehen ließ. 7 Mariane lachte laut, als Wilhelm die verworrenen 8 Drähte auseinander zu wickeln und jede Figur einzeln 9 vorzuzeigen bemüht war. Die Alte schlich verdrießlich 10 bei Seite.

11 Es bedarf nur einer Kleinigkeit, um zwei Liebende 12 zu unterhalten, und so vergnügten sich unsre Freunde 13 diesen Abend auf's beste. Die kleine Truppe wurde 14 gemustert, jede Figur genau betrachtet und belacht. 15 König Saul im schwarzen Sammtrocke mit der goldenen 16 Krone wollte Marianen gar nicht gefallen; er 17 sehe ihr, sagte sie, zu steif und pedantisch aus. Desto 18 besser behagte ihr Jonathan, sein glattes Kinn, sein 19 gelb und rothes Kleid und der Turban. Auch wußte 20 sie ihn gar artig am Drahte hin und her zu drehen, 21 ließ ihn Reverenzen machen und Liebeserklärungen 22 hersagen. Dagegen wollte sie dem Propheten Samuel 23 nicht die mindeste Aufmerksamkeit schenken, wenn ihr 24 gleich Wilhelm das Brustschildchen anpries und erzählte, 25 daß der Schillertaft des Leibrocks von einem 26 alten Kleide der Großmutter genommen sei. David 27 war ihr zu klein, und Goliath zu groß; sie hielt sich 28 an ihren Jonathan. Sie wußte ihm so artig zu 

[Seite 15]

1 thun, und zuletzt ihre Liebkosungen von der Puppe 2 auf unsern Freund herüber zu tragen, daß auch dießmal 3 wieder ein geringes Spiel die Einleitung glücklicher 4 Stunden ward.

5 Aus der Süßigkeit ihrer zärtlichen Träume wurden 6 sie durch einen Lärm geweckt, welcher auf der 7 Straße entstand. Mariane rief der Alten, die, nach 8 ihrer Gewohnheit noch fleißig, die veränderlichen 9 Materialien der Theatergarderobe zum Gebrauch des 10 nächsten Stückes anzupassen beschäftigt war. Sie gab 11 die Auskunft, daß eben eine Gesellschaft lustiger Gesellen 12 aus dem Italiäner Keller nebenan heraus 13 taumle, wo sie bei frischen Austern, die eben angekommen, 14 des Champagners nicht geschont hätten.

15 Schade, sagte Mariane, daß es uns nicht früher 16 eingefallen ist, wir hätten uns auch was zu Gute 17 thun sollen.

18 Es ist wohl noch Zeit, versetzte Wilhelm und 19 reichte der Alten einen Louisd'or hin: Verschafft Sie 20 uns, was wir wünschen, so soll Sie's mit genießen.

21 Die Alte war behend, und in kurzer Zeit stand 22 ein artig bestellter Tisch mit einer wohlgeordneten 23 Collation vor den Liebenden. Die Alte mußte sich 24 dazu setzen; man aß, trank und ließ sich's wohl sein.

25 In solchen Fällen fehlt es nie an Unterhaltung. 26 Mariane nahm ihren Jonathan wieder vor, und die 27 Alte wußte das Gespräch auf Wilhelms Lieblingsmaterie 28 zu wenden. Sie haben uns schon einmal, 

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1 sagte sie, von der ersten Aufführung eines Puppenspiels 2 am Weihnachtsabend unterhalten; es war lustig 3 zu hören. Sie wurden eben unterbrochen, als das 4 Ballet angehen sollte. Nun kennen wir das herrliche 5 Personal, das jene großen Wirkungen hervorbrachte.

6 Ja, sagte Mariane: erzähle uns weiter, wie war 7 dir's zu Muthe?

8 Es ist eine schöne Empfindung, liebe Mariane, 9 versetzte Wilhelm, wenn wir uns alter Zeiten und 10 alter unschädlicher Irrthümer erinnern, besonders 11 wenn es in einem Augenblick geschieht, da wir eine 12 Höhe glücklich erreicht haben, von welcher wir uns 13 umsehen und den zurückgelegten Weg überschauen können. 14 Es ist so angenehm, selbstzufrieden sich mancher 15 Hindernisse zu erinnern, die wir oft mit einem peinlichen 16 Gefühle für unüberwindlich hielten, und dasjenige, 17 was wir jetzt entwickelt sind, mit dem zu 18 vergleichen, was wir damals unentwickelt waren. 19 Aber unaussprechlich glücklich fühl' ich mich jetzt, da 20 ich in diesem Augenblicke mit dir von dem Vergangnen 21 rede, weil ich zugleich vorwärts in das reizende 22 Land schaue, das wir zusammen Hand in Hand durchwandern 23 können.

24 Wie war es mit dem Ballet? fiel die Alte ihm 25 ein. Ich fürchte, es ist nicht alles abgelaufen, wie 26 es sollte.

27 O ja, versetzte Wilhelm: sehr gut! Von jenen 28 wunderlichen Sprüngen der Mohren und Mohrinnen, 

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1 Schäfer und Schäferinnen, Zwerge und Zwerginnen, 2 ist mir eine dunkle Erinnerung auf mein ganzes 3 Leben geblieben. Nun fiel der Vorhang, die Thüre 4 schloß sich und die ganze kleine Gesellschaft eilte wie 5 betrunken und taumelnd zu Bette; ich weiß aber wohl, 6 daß ich nicht einschlafen konnte, daß ich noch etwas 7 erzählt haben wollte, daß ich noch viele Fragen that, 8 und daß ich nur ungern die Wärterin entließ, die 9 uns zur Ruhe gebracht hatte.

10 Den andern Morgen war leider das magische Gerüste 11 wieder verschwunden, der mystische Schleier weggehoben, 12 man ging durch jene Thüre wieder frei aus 13 einer Stube in die andere, und so viel Abenteuer 14 hatten keine Spur zurückgelassen. Meine Geschwister 15 liefen mit ihren Spielsachen auf und ab, ich allein 16 schlich hin und her, es schien mir unmöglich, daß da 17 nur zwo Thürpfosten sein sollten, wo gestern so viel 18 Zauberei gewesen war. Ach, wer eine verlorne Liebe 19 sucht, kann nicht unglücklicher sein, als ich mir damals 20 schien!

21 Ein freudetrunkner Blick, den er auf Marianen 22 warf, überzeugte sie, daß er nicht fürchtete, jemals 23 in diesen Fall kommen zu können.



[Seite 18]



1 
Viertes Capitel.

[Lesarten]  2 Mein einziger Wunsch war nunmehr, fuhr Wilhelm 3 fort, eine zweite Aufführung des Stücks zu sehen. 4 Ich lag der Mutter an, und diese suchte zu einer gelegenen 5 Stunde den Vater zu bereden; allein ihre 6 Mühe war vergebens. Er behauptete, nur ein seltenes 7 Vergnügen könne bei den Menschen einen Werth haben, 8 Kinder und Alte wüßten nicht zu schätzen, was ihnen 9 Gutes täglich begegnete.

10 Wir hätten auch noch lange, vielleicht bis wieder 11 Weihnachten, warten müssen, hätte nicht der Erbauer 12 und heimliche Director des Schauspiels selbst Lust gefühlt, 13 die Vorstellung zu wiederholen und dabei in 14 einem Nachspiele einen ganz frisch fertig gewordenen 15 Hanswurst zu produciren.

16 Ein junger Mann von der Artillerie, mit vielen 17 Talenten begabt, besonders in mechanischen Arbeiten 18 geschickt, der dem Vater während des Bauens viele 19 wesentliche Dienste geleistet hatte und von ihm reichlich 20 beschenkt worden war, wollte sich am Christfeste der 21 kleinen Familie dankbar erzeigen, und machte dem 

[Seite 19]

1 Hause seines Gönners ein Geschenk mit diesem ganz 2 eingerichteten Theater, das er ehmals in müßigen 3 Stunden zusammen gebaut, geschnitzt und gemahlt 4 hatte. Er war es, der mit Hülfe eines Bedienten 5 selbst die Puppen regierte und mit verstellter Stimme 6 die verschiedenen Rollen hersagte. Ihm ward nicht 7 schwer, den Vater zu bereden, der einem Freunde aus 8 Gefälligkeit zugestand, was er seinen Kindern aus 9 Überzeugung abgeschlagen hatte. Genug, das Theater 10 ward wieder aufgestellt, einige Nachbarskinder gebeten 11 und das Stück wiederholt.

12 Hatte ich das erstemal die Freude der Überraschung 13 und des Staunens, so war zum zweitenmale die Wollust 14 des Aufmerkens und Forschens groß. Wie das 15 zugehe, war jetzt mein Anliegen. Daß die Puppen 16 nicht selbst redeten, hatte ich mir schon das erstemal 17 gesagt; daß sie sich nicht von selbst bewegten, vermuthete 18 ich auch; aber warum das alles doch so hübsch 19 war, und es doch so aussah, als wenn sie selbst redeten 20 und sich bewegten, und wo die Lichter und die 21 Leute sein möchten, diese Räthsel beunruhigten mich 22 um desto mehr, je mehr ich wünschte, zugleich unter 23 den Bezauberten und Zauberern zu sein, zugleich meine 24 Hände verdeckt im Spiel zu haben und als Zuschauer 25 die Freude der Illusion zu genießen.

26 Das Stück war zu Ende, man machte Vorbereitungen 27 zum Nachspiel, die Zuschauer waren aufgestanden 28 und schwatzten durch einander. Ich drängte 

[Seite 20]

1 mich näher an die Thüre und hörte inwendig am 2 Klappern, daß man mit Aufräumen beschäftigt sei. 3 Ich hub den untern Teppich auf und guckte zwischen 4 dem Gestelle durch. Meine Mutter bemerkte es und 5 zog mich zurück; allein ich hatte doch so viel gesehen, 6 daß man Freunde und Feinde, Saul und Goliath 7 und wie sie alle heißen mochten, in Einen Schiebkasten 8 packte, und so erhielt meine halbbefriedigte Neugierde 9 frische Nahrung. Dabei hatte ich zu meinem größten 10 Erstaunen den Lieutenant im Heiligthume sehr geschäftig 11 erblickt. Nunmehr konnte mich der Hanswurst, so 12 sehr er mit seinen Absätzen klapperte, nicht unterhalten. 13 Ich verlor mich in tiefes Nachdenken und war nach 14 dieser Entdeckung ruhiger und unruhiger als vorher. 15 Nachdem ich etwas erfahren hatte, kam es mir erst 16 vor, als ob ich gar nichts wisse, und ich hatte Recht: 17 denn es fehlte mir der Zusammenhang, und darauf 18 kommt doch eigentlich alles an.



[Seite 21]



1 
Fünftes Capitel.

[Lesarten]  2 Die Kinder haben, fuhr Wilhelm fort, in wohleingerichteten 3 und geordneten Häusern eine Empfindung, 4 wie ungefähr Ratten und Mäuse haben mögen: 5 sie sind aufmerksam auf alle Ritzen und Löcher, wo 6 sie zu einem verbotenen Naschwerk gelangen können; 7 sie genießen es mit einer solchen verstohlnen wollüstigen 8 Furcht, die einen großen Theil des kindischen 9 Glücks ausmacht.

10 Ich war vor allen meinen Geschwistern aufmerksam, 11 wenn irgend ein Schlüssel stecken blieb. Je größer 12 die Ehrfurcht war, die ich für die verschlossenen Thüren 13 in meinem Herzen herumtrug, an denen ich Wochen 14 und Monate lang vorbeigehen mußte, und in die ich 15 nur manchmal, wenn die Mutter das Heiligthum 16 öffnete, um etwas heraus zu holen, einen verstohlnen 17 Blick that; desto schneller war ich, einen Augenblick 18 zu benutzen, den mich die Nachlässigkeit der Wirthschafterinnen 19 manchmal treffen ließ.

20 Unter allen Thüren war, wie man leicht erachten 21 kann, die Thüre der Speisekammer diejenige, auf die 22 meine Sinne am schärfsten gerichtet waren. Wenig 

[Seite 22]

1 ahnungsvolle Freuden des Lebens glichen der Empfindung, 2 wenn mich meine Mutter manchmal hineinrief, 3 um ihr etwas heraustragen zu helfen, und ich dann 4 einige gedörrte Pflaumen entweder ihrer Güte oder 5 meiner List zu danken hatte. Die aufgehäuften Schätze 6 über einander umfingen meine Einbildungskraft mit 7 ihrer Fülle, und selbst der wunderliche Geruch, den so 8 mancherlei Specereien durch einander aushauchten, hatte 9 so eine leckere Wirkung auf mich, daß ich niemals 10 versäumte, so oft ich in der Nähe war, mich wenigstens 11 an der eröffneten Atmosphäre zu weiden. Dieser 12 merkwürdige Schlüssel blieb eines Sonntag-Morgens, 13 da die Mutter von dem Geläute übereilt ward, und 14 das ganze Haus in einer tiefen Sabbathstille lag, 15 stecken. Kaum hatte ich es bemerkt, als ich etlichemal 16 sachte an der Wand hin und her ging, mich endlich 17 still und fein andrängte, die Thüre öffnete, und 18 mich mit Einem Schritt in der Nähe so vieler langgewünschter 19 Glückseligkeit fühlte. Ich besah Kästen, 20 Säcke, Schachteln, Büchsen, Gläser mit einem schnellen 21 zweifelnden Blicke, was ich wählen und nehmen sollte, 22 griff endlich nach den vielgeliebten gewelkten Pflaumen, 23 versah mich mit einigen getrockneten Äpfeln, und nahm 24 genügsam noch eine eingemachte Pomeranzenschale dazu: 25 mit welcher Beute ich meinen Weg wieder rückwärts 26 glitschen wollte, als mir ein paar nebeneinanderstehende 27 Kasten in die Augen fielen, aus deren einem 28 Drähte, oben mit Häkchen versehen, durch den übel 

[Seite 23]

1 verschlossenen Schieber heraushingen. Ahnungsvoll 2 fiel ich darüber her; und mit welcher überirdischen 3 Empfindung entdeckte ich, daß darin meine Helden- und 4 Freudenwelt auf einander gepackt sei? Ich wollte 5 die obersten aufheben, betrachten, die untersten hervorziehen; 6 allein gar bald verwirrte ich die leichten Drähte, 7 kam darüber in Unruhe und Bangigkeit, besonders da 8 die Köchin in der benachbarten Küche einige Bewegungen 9 machte, daß ich alles, so gut ich konnte, zusammendrückte, 10 den Kasten zuschob, nur ein geschriebenes 11 Büchelchen, worin die Komödie von David und 12 Goliath aufgezeichnet war, das oben aufgelegen hatte, 13 zu mir steckte, und mich mit dieser Beute leise die 14 Treppe hinauf in eine Dachkammer rettete.

15 Von der Zeit an wandte ich alle verstohlenen einsamen 16 Stunden darauf, mein Schauspiel wiederholt 17 zu lesen, es auswendig zu lernen, und mir in Gedanken 18 vorzustellen, wie herrlich es sein müßte, wenn 19 ich auch die Gestalten dazu mit meinen Fingern beleben 20 könnte. Ich ward darüber in meinen Gedanken 21 selbst zum David und Goliath. In allen Winkeln 22 des Bodens, der Ställe, des Gartens, unter allerlei 23 Umständen, studirte ich das Stück ganz in mich hinein, 24 ergriff alle Rollen, und lernte sie auswendig, nur daß 25 ich mich meist an den Platz der Haupthelden zu setzen 26 pflegte, und die übrigen wie Trabanten nur im Gedächtnisse 27 mitlaufen ließ. So lagen mir die großmüthigen 28 Reden Davids, mit denen er den übermüthigen 

[Seite 24]

1 Riesen Goliath herausforderte, Tag und Nacht 2 im Sinne; ich murmelte sie oft vor mich hin, niemand 3 gab Acht darauf, als der Vater, der manchmal einen 4 solchen Ausruf bemerkte, und bei sich selbst das gute 5 Gedächtniß seines Knaben pries, der von so wenigem 6 Zuhören so mancherlei habe behalten können.

7 Hierdurch ward ich immer verwegener, und recitirte 8 eines Abends das Stück zum größten Theile vor 9 meiner Mutter, indem ich mir einige Wachsklümpchen 10 zu Schauspielern bereitete. Sie merkte auf, drang in 11 mich, und ich gestand.

12 Glücklicher Weise fiel diese Entdeckung in die Zeit, 13 da der Lieutenant selbst den Wunsch geäußert hatte, 14 mich in diese Geheimnisse einweihen zu dürfen. Meine 15 Mutter gab ihm sogleich Nachricht von dem unerwarteten 16 Talente ihres Sohnes, und er wußte nun einzuleiten, 17 daß man ihm ein Paar Zimmer im obersten 18 Stocke, die gewöhnlich leer standen, überließ, in deren 19 einem wieder die Zuschauer sitzen, in dem andern die 20 Schauspieler sein, und das Proscenium abermals die 21 Öffnung der Thüre ausfüllen sollte. Der Vater hatte 22 seinem Freunde das alles zu veranstalten erlaubt, er 23 selbst schien nur durch die Finger zu sehen, nach dem 24 Grundsatze, man müsse den Kindern nicht merken lassen, 25 wie lieb man sie habe, sie griffen immer zu weit um sich; 26 er meinte, man müsse bei ihren Freuden ernst scheinen, 27 und sie ihnen manchmal verderben, damit ihre Zufriedenheit 28 sie nicht übermäßig und übermüthig mache.



[Seite 25]



1 
Sechstes Capitel.

[Lesarten]  2 Der Lieutenant schlug nunmehr das Theater auf, 3 und besorgte das Übrige. Ich merkte wohl, daß er 4 die Woche mehrmals zu ungewöhnlicher Zeit in's 5 Haus kam, und vermuthete die Absicht. Meine Begierde 6 wuchs unglaublich, da ich wohl fühlte, daß ich 7 vor Sonnabends keinen Theil an dem, was zubereitet 8 wurde, nehmen durfte. Endlich erschien der gewünschte 9 Tag. Abends um fünf Uhr kam mein Führer, und 10 nahm mich mit hinauf. Zitternd vor Freude trat ich 11 hinein, und erblickte auf beiden Seiten des Gestelles 12 die herabhängenden Puppen in der Ordnung, wie sie 13 auftreten sollten; ich betrachtete sie sorgfältig, stieg 14 auf den Tritt, der mich über das Theater erhub, so 15 daß ich nun über der kleinen Welt schwebte. Ich sah 16 nicht ohne Ehrfurcht zwischen die Bretchen hinunter, 17 weil die Erinnerung, welche herrliche Wirkung das 18 Ganze von außen thue, und das Gefühl, in welche 19 Geheimnisse ich eingeweiht sei, mich umfaßten. Wir 20 machten einen Versuch, und es ging gut.

21 Den andern Tag, da eine Gesellschaft Kinder geladen 

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1 war, hielten wir uns trefflich, außer daß ich 2 in dem Feuer der Action meinen Jonathan fallen 3 ließ, und genöthigt war, mit der Hand hinunter zu 4 greifen, und ihn zu holen: ein Zufall, der die Illusion 5 sehr unterbrach, ein großes Gelächter verursachte, 6 und mich unsäglich kränkte. Auch schien dieses Versehn 7 dem Vater sehr willkommen zu sein, der das 8 große Vergnügen, sein Söhnchen so fähig zu sehen, 9 wohlbedächtig nicht an den Tag gab, nach geendigtem 10 Stücke sich gleich an die Fehler hing, und sagte, es 11 wäre recht artig gewesen, wenn nur dieß oder das 12 nicht versagt hätte.

13 Mich kränkte das innig, ich ward traurig für den 14 Abend, hatte aber am kommenden Morgen allen Verdruß 15 schon wieder verschlafen, und war in dem Gedanken 16 selig, daß ich, außer jenem Unglück, trefflich 17 gespielt habe. Dazu kam der Beifall der Zuschauer, 18 welche durchaus behaupteten: obgleich der Lieutenant 19 in Absicht der groben und feinen Stimme sehr viel 20 gethan habe, so perorire er doch meist zu affectirt und 21 steif; dagegen spreche der neue Anfänger seinen David 22 und Jonathan vortrefflich; besonders lobte die Mutter 23 den freimüthigen Ausdruck, wie ich den Goliath herausgefordert, 24 und dem Könige den bescheidenen Sieger 25 vorgestellt habe.

26 Nun blieb zu meiner größten Freude das Theater 27 aufgeschlagen, und da der Frühling herbeikam, und 28 man ohne Feuer bestehen konnte, lag ich in meinen 

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1 Frei- und Spielstunden in der Kammer, und ließ die 2 Puppen wacker durch einander spielen. Oft lud ich 3 meine Geschwister und Kameraden hinauf; wenn sie 4 aber auch nicht kommen wollten, war ich allein oben. 5 Meine Einbildungskraft brütete über der kleinen Welt, 6 die gar bald eine andere Gestalt gewann.

7 Ich hatte kaum das erste Stück, wozu Theater 8 und Schauspieler geschaffen und gestempelt waren, 9 etlichemal aufgeführt, als es mir schon keine Freude 10 mehr machte. Dagegen waren mir unter den Büchern 11 des Großvaters die Deutsche Schaubühne und verschiedene 12 italiänisch-deutsche Opern in die Hände 13 gekommen, in die ich mich sehr vertiefte und jedesmal 14 nur erst vorne die Personen überrechnete, und 15 dann sogleich, ohne weiteres, zur Aufführung des 16 Stückes schritt. Da mußte nun König Saul in 17 seinem schwarzen Sammtkleide den Chaumigrem, Cato 18 und Darius spielen; wobei zu bemerken ist, daß die 19 Stücke niemals ganz, sondern meistentheils nur die 20 fünften Acte, wo es an ein Todtstechen ging, aufgeführt 21 wurden.

22 Auch war es natürlich, daß mich die Oper mit 23 ihren mannichfaltigen Veränderungen und Abenteuern 24 mehr als alles anziehen mußte. Ich fand darin 25 stürmische Meere, Götter, die in Wolken herabkommen, 26 und, was mich vorzüglich glücklich machte, Blitze und 27 Donner. Ich half mir mit Pappe, Farbe und Papier, 28 wußte gar trefflich Nacht zu machen, der Blitz war 

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1 fürchterlich anzusehen, nur der Donner gelang nicht 2 immer, doch das hatte so viel nicht zu sagen. Auch 3 fand sich in den Opern mehr Gelegenheit, meinen 4 David und Goliath anzubringen, welches im regelmäßigen 5 Drama gar nicht angehen wollte. Ich fühlte 6 täglich mehr Anhänglichkeit für das enge Plätzchen, 7 wo ich so manche Freude genoß; und ich gestehe, daß 8 der Geruch, den die Puppen aus der Speisekammer 9 an sich gezogen hatten, nicht wenig dazu beitrug.

10 Die Decorationen meines Theaters waren nunmehr 11 in ziemlicher Vollkommenheit; denn, daß ich von 12 Jugend auf ein Geschick gehabt hatte, mit dem 13 Cirkel umzugehen, Pappe auszuschneiden, und Bilder 14 zu illuminiren, kam mir jetzt wohl zu statten. Um 15 desto weher that es mir, wenn mich gar oft das 16 Personal an Ausführung großer Sachen hinderte.

17 Meine Schwestern, indem sie ihre Puppen aus- und 18 ankleideten, erregten in mir den Gedanken, meinen 19 Helden auch nach und nach bewegliche Kleider zu verschaffen. 20 Man trennte ihnen die Läppchen vom Leibe, 21 setzte sie, so gut man konnte, zusammen, sparte sich 22 etwas Geld, kaufte neues Band und Flittern, bettelte 23 sich manches Stückchen Taft zusammen, und schaffte 24 nach und nach eine Theater-Garderobe an, in welcher 25 besonders die Reifröcke für die Damen nicht vergessen 26 waren.

27 Die Truppe war nun wirklich mit Kleidern für 28 das größte Stück versehen, und man hätte denken 

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1 sollen, es würde nun erst recht eine Aufführung der 2 andern folgen; aber es ging mir, wie es den Kindern 3 öfter zu gehen pflegt: sie fassen weite Plane, machen 4 große Anstalten, auch wohl einige Versuche, und es 5 bleibt alles zusammen liegen. Dieses Fehlers muß ich 6 mich auch anklagen. Die größte Freude lag bei mir in 7 der Erfindung, und in der Beschäftigung der Einbildungskraft. 8 Dieß oder jenes Stück interessirte mich um 9 irgend einer Scene willen, und ich ließ gleich wieder 10 neue Kleider dazu machen. Über solchen Anstalten 11 waren die ursprünglichen Kleidungsstücke meiner Helden 12 in Unordnung gerathen und verschleppt worden, 13 daß also nicht einmal das erste große Stück mehr aufgeführt 14 werden konnte. Ich überließ mich meiner 15 Phantasie, probirte und bereitete ewig, baute tausend 16 Luftschlösser, und spürte nicht, daß ich den Grund 17 des kleinen Gebäudes zerstört hatte.

18 Während dieser Erzählung hatte Mariane alle ihre 19 Freundlichkeit gegen Wilhelm aufgeboten, um ihre 20 Schläfrigkeit zu verbergen. So scherzhaft die Begebenheit 21 von einer Seite schien, so war sie ihr doch 22 zu einfach, und die Betrachtungen dabei zu ernsthaft. 23 Sie setzte zärtlich ihren Fuß auf den Fuß des Geliebten, 24 und gab ihm scheinbare Zeichen ihrer Aufmerksamkeit 25 und ihres Beifalls. Sie trank aus seinem 26 Glase, und Wilhelm war überzeugt, es sei kein Wort 27 seiner Geschichte auf die Erde gefallen. Nach einer 28 kleinen Pause rief er aus: Es ist nun an dir, Mariane, 

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1 mir auch deine ersten jugendlichen Freuden mitzutheilen. 2 Noch waren wir immer zu sehr mit dem 3 Gegenwärtigen beschäftigt, als daß wir uns wechselseitig 4 um unsere vorige Lebensweise hätten bekümmern 5 können. Sage mir: unter welchen Umständen bist du 6 erzogen? Welche sind die ersten lebhaften Eindrücke, 7 deren du dich erinnerst?

8 Diese Fragen würden Marianen in große Verlegenheit 9 gesetzt haben, wenn ihr die Alte nicht sogleich 10 zu Hülfe gekommen wäre. Glauben Sie denn, sagte 11 das kluge Weib, daß wir auf das, was uns früh begegnet, 12 so aufmerksam sind, daß wir so artige Begebenheiten 13 zu erzählen haben, und, wenn wir sie zu erzählen 14 hätten, daß wir der Sache auch ein solches Geschick 15 zu geben wüßten?

16 Als wenn es dessen bedürfte! rief Wilhelm aus. 17 Ich liebe dieses zärtliche, gute, liebliche Geschöpf so 18 sehr, daß mich jeder Augenblick meines Lebens verdrießt, 19 den ich ohne sie zugebracht habe. Laß mich 20 wenigstens durch die Einbildungskraft Theil an deinem 21 vergangenen Leben nehmen! Erzähle mir alles, ich 22 will dir alles erzählen. Wir wollen uns wo möglich 23 täuschen, und jene für die Liebe verlornen Zeiten 24 wieder zu gewinnen suchen.

25 Wenn Sie so eifrig darauf bestehen, können wir 26 Sie wohl befriedigen, sagte die Alte. Erzählen Sie 27 uns nur erst, wie Ihre Liebhaberei zum Schauspiele 28 nach und nach gewachsen sei, wie Sie sich geübt, wie 

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1 Sie so glücklich zugenommen haben, daß Sie nunmehr 2 für einen guten Schauspieler gelten können? Es 3 hat Ihnen dabei gewiß nicht an lustigen Begebenheiten 4 gemangelt. Es ist nicht der Mühe werth, daß 5 wir uns zur Ruhe legen, ich habe noch eine Flasche 6 in Reserve; und wer weiß, ob wir bald wieder so 7 ruhig und zufrieden zusammensitzen?

8 Mariane schaute mit einem traurigen Blick nach 9 ihr auf, den Wilhelm nicht bemerkte, und in seiner 10 Erzählung fortfuhr.



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Siebentes Capitel.

[Lesarten]  2 Die Zerstreuungen der Jugend, da meine Gespannschaft 3 sich zu vermehren anfing, thaten dem einsamen 4 stillen Vergnügen Eintrag. Ich war wechselsweise 5 bald Jäger, bald Soldat, bald Reiter, wie es unsre 6 Spiele mit sich brachten: doch hatte ich immer darin 7 einen kleinen Vorzug vor den andern, daß ich im 8 Stande war, ihnen die nöthigen Geräthschaften schicklich 9 auszubilden. So waren die Schwerter meistens 10 aus meiner Fabrik; ich verzierte und vergoldete die 11 Schlitten, und ein geheimer Instinct ließ mich nicht 12 ruhen, bis ich unsre Miliz in's Antike umgeschaffen 13 hatte. Helme wurden verfertiget, mit papiernen Büschen 14 geschmückt, Schilde, sogar Harnische wurden gemacht, 15 Arbeiten, bei denen die Bedienten im Hause, 16 die etwa Schneider waren, und die Nähterinnen manche 17 Nadel zerbrachen.

18 Einen Theil meiner jungen Gesellen sah ich nun 19 wohlgerüstet; die übrigen wurden auch nach und nach, 20 doch geringer, ausstaffirt, und es kam ein stattliches 21 Corps zusammen. Wir marschirten in Höfen und 

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1 Gärten, schlugen uns brav auf die Schilde und auf 2 die Köpfe; es gab manche Mißhelligkeit, die aber bald 3 beigelegt war.

4 Dieses Spiel, das die andern sehr unterhielt, war 5 kaum etlichemal getrieben worden, als es mich schon 6 nicht mehr befriedigte. Der Anblick so vieler gerüsteten 7 Gestalten mußte in mir nothwendig die Ritter-Ideen 8 aufreizen, die seit einiger Zeit, da ich in das 9, 10 Lesen alter Romane gefallen war, meinen Kopf anfüllten.

11 Das befreite Jerusalem, davon mir Koppens Übersetzung 12 in die Hände fiel, gab meinen herumschweifenden 13 Gedanken endlich eine bestimmte Richtung. 14 Ganz konnte ich zwar das Gedicht nicht lesen; es 15 waren aber Stellen, die ich auswendig wußte, deren 16 Bilder mich umschwebten. Besonders fesselte mich 17 Chlorinde mit ihrem ganzen Thun und Lassen. Die 18 Mannweiblichkeit, die ruhige Fülle ihres Daseins, 19 thaten mehr Wirkung auf den Geist, der sich zu entwickeln 20 anfing, als die gemachten Reize Armidens, ob 21 ich gleich ihren Garten nicht verachtete.

22 Aber hundert und hundertmal, wenn ich Abends 23 auf dem Altan, der zwischen den Giebeln des Hauses 24 angebracht ist, spazierte, über die Gegend hinsah, und 25 von der hinabgewichenen Sonne ein zitternder Schein 26 am Horizont heraufdämmerte, die Sterne hervortraten, 27 aus allen Winkeln und Tiefen die Nacht hervordrang, 28 und der klingende Ton der Grillen durch 

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1 die feierliche Stille schrillte, sagte ich mir die Geschichte 2 des traurigen Zweikampfs zwischen Tancred und Chlorinden 3 vor.

4 So sehr ich, wie billig, von der Partei der Christen 5 war, stand ich doch der heidnischen Heldin mit ganzem 6 Herzen bei, als sie unternahm, den großen Thurm 7 der Belagerer anzuzünden. Und wie nun Tancred 8 dem vermeinten Krieger in der Nacht begegnet, unter 9 der düstern Hülle der Streit beginnt, und sie gewaltig 10, 11 kämpfen! --- Ich konnte nie die Worte aussprechen: 12     Allein das Lebensmaß Chlorindens ist nun voll,
13     Und ihre Stunde kommt, in der sie sterben soll!


14 daß mir nicht die Thränen in die Augen kamen, die 15 reichlich flossen, wie der unglückliche Liebhaber ihr 16 das Schwert in die Brust stößt, der Sinkenden den 17 Helm lös't, sie erkennt, und zur Taufe bebend das 18 Wasser holt.

19 Aber wie ging mir das Herz über, wenn in dem 20 bezauberten Walde Tancredens Schwert den Baum 21 trifft, Blut nach dem Hiebe fließt, und eine Stimme 22 ihm in die Ohren tönt, daß er auch hier Chlorinden 23 verwunde, daß er vom Schicksal bestimmt sei, das 24 was er liebt überall unwissend zu verletzen!

25 Es bemächtigte sich die Geschichte meiner Einbildungskraft 26 so, daß sich mir, was ich von dem Gedichte 27 gelesen hatte, dunkel zu einem Ganzen in der 28 Seele bildete, von dem ich dergestalt eingenommen 

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1 war, daß ich es auf irgend eine Weise vorzustellen 2 gedachte. Ich wollte Tancreden und Reinalden spielen, 3 und fand dazu zwei Rüstungen ganz bereit, die ich 4 schon gefertiget hatte. Die eine von dunkelgrauem 5 Papier mit Schuppen sollte den ernsten Tancred, die 6 andere von Silber- und Goldpapier den glänzenden 7 Reinald zieren. In der Lebhaftigkeit meiner Vorstellung 8 erzählte ich alles meinen Gespannen, die davon 9 ganz entzückt wurden, und nur nicht wohl begreifen 10 konnten, daß das alles aufgeführt, und zwar 11 von ihnen aufgeführt werden sollte.

12 Diesen Zweifeln half ich mit vieler Leichtigkeit 13 ab. Ich disponirte gleich über ein paar Zimmer in 14 eines benachbarten Gespielen Haus, ohne zu berechnen, 15 daß die alte Tante sie nimmermehr hergeben würde; 16 eben so war es mit dem Theater, wovon ich auch keine 17 bestimmte Idee hatte, außer daß man es auf Balken 18 setzen, die Coulissen von getheilten spanischen Wänden 19 hinstellen und zum Grund ein großes Tuch nehmen 20 müsse. Woher aber die Materialien und Geräthschaften 21 kommen sollten, hatte ich nicht bedacht.

22 Für den Wald fanden wir eine gute Auskunft: 23 wir gaben einem alten Bedienten aus einem der 24 Häuser, der nun Förster geworden war, gute Worte, 25 daß er uns junge Birken und Fichten schaffen möchte, 26 die auch wirklich geschwinder, als wir hoffen konnten, 27 herbeigebracht wurden. Nun aber fand man sich in 28 großer Verlegenheit, wie man das Stück, eh die 

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1 Bäume verdorrten, zu Stande bringen könne. Da 2 war guter Rath theuer! Es fehlte an Platz, am 3 Theater, an Vorhängen. Die spanischen Wände waren 4 das Einzige, was wir hatten.

5 In dieser Verlegenheit gingen wir wieder den 6 Lieutenant an, dem wir eine weitläufige Beschreibung 7 von der Herrlichkeit machten, die es geben sollte. So 8 wenig er uns begriff, so behülflich war er, schob in 9 eine kleine Stube, was sich von Tischen im Hause und 10 der Nachbarschaft nur finden wollte, an einander, stellte 11 die Wände darauf, machte eine hintere Aussicht von 12 grünen Vorhängen, die Bäume wurden auch gleich mit 13 in die Reihe gestellt.

14 Indessen war es Abend geworden, man hatte die 15 Lichter angezündet, die Mägde und Kinder saßen auf 16 ihren Plätzen, das Stück sollte angehn, die ganze 17 Heldenschaar war angezogen; nun spürte aber jeder 18 zum erstenmal, daß er nicht wisse, was er zu sagen 19 habe. In der Hitze der Erfindung, da ich ganz von 20 meinem Gegenstande durchdrungen war, hatte ich vergessen, 21 daß doch jeder wissen müsse, was und wo er 22 es zu sagen habe; und in der Lebhaftigkeit der Ausführung 23 war es den übrigen auch nicht beigefallen: 24 sie glaubten, sie würden sich leicht als Helden darstellen, 25 leicht so handeln und reden können, wie die 26 Personen, in deren Welt ich sie versetzt hatte. Sie 27 standen alle erstaunt, fragten sich einander, was zuerst 28 kommen sollte? und ich, der ich mich als Tancred 

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1 vorne an gedacht hatte, fing, allein auftretend, einige 2 Verse aus dem Heldengedichte herzusagen an. Weil 3 aber die Stelle gar zu bald in's Erzählende überging, 4 und ich in meiner eignen Rede endlich als dritte Person 5 vorkam, auch der Gottfried, von dem die Sprache 6 war, nicht herauskommen wollte, so mußte ich unter 7 großem Gelächter meiner Zuschauer eben wieder abziehen: 8 ein Unfall, der mich tief in der Seele kränkte. 9 Verunglückt war die Expedition; die Zuschauer saßen 10 da, und wollten etwas sehen. Gekleidet waren wir; 11 ich raffte mich zusammen, und entschloß mich kurz und 12 gut, David und Goliath zu spielen. Einige der Gesellschaft 13 hatten ehemals das Puppenspiel mit mir 14 aufgeführt, alle hatten es oft gesehn; man theilte die 15 Rollen aus, es versprach jeder sein Bestes zu thun, 16 und ein kleiner drolliger Junge mahlte sich einen 17 schwarzen Bart, um, wenn ja eine Lücke einfallen 18 sollte, sie als Hanswurst mit einer Posse auszufüllen, 19 eine Anstalt, die ich, als dem Ernste des Stückes zuwider, 20 sehr ungern geschehen ließ. Doch schwur ich 21 mir, wenn ich nur einmal aus dieser Verlegenheit 22 gerettet wäre, mich nie, als mit der größten Überlegung, 23 an die Vorstellung eines Stücks zu wagen.



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Achtes Capitel.

[Lesarten]  2 Mariane, vom Schlaf überwältigt, lehnte sich an 3 ihren Geliebten, der sie fest an sich drückte und in 4 seiner Erzählung fortfuhr, indeß die Alte den Überrest 5 des Weins mit gutem Bedachte genoß.

6 Die Verlegenheit, sagte er, in der ich mich mit 7 meinen Freunden befunden hatte, indem wir ein 8 Stück, das nicht existirte, zu spielen unternahmen, 9 war bald vergessen. Meiner Leidenschaft, jeden Roman 10 den ich las, jede Geschichte die man mich lehrte, in 11 einem Schauspiele darzustellen, konnte selbst der unbiegsamste 12 Stoff nicht widerstehen. Ich war völlig 13 überzeugt, daß alles, was in der Erzählung ergötzte, 14 vorgestellt eine viel größere Wirkung thun müsse; 15 alles sollte vor meinen Augen, alles auf der Bühne 16 vorgehen. Wenn uns in der Schule die Weltgeschichte 17 vorgetragen wurde, zeichnete ich mir sorgfältig aus, 18 wo einer auf eine besondere Weise erstochen oder vergiftet 19 wurde, und meine Einbildungskraft sah über 20 Exposition und Verwicklung hinweg und eilte dem 21 interessanten fünften Acte zu. So fing ich auch 22 wirklich an, einige Stücke von hinten hervor zu schreiben, 

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1 ohne daß ich auch nur bei einem einzigen bis 2 zum Anfange gekommen wäre.

3 Zu gleicher Zeit las ich, theils aus eignem Antrieb, 4 theils auf Veranlassung meiner guten Freunde, welche 5 in den Geschmack gekommen waren, Schauspiele aufzuführen, 6 einen ganzen Wust theatralischer Productionen 7 durch, wie sie der Zufall mir in die Hände 8 führte. Ich war in den glücklichen Jahren, wo uns 9 noch alles gefällt, wo wir in der Menge und Abwechslung 10 unsre Befriedigung finden. Leider aber 11 ward mein Urtheil noch auf eine andere Weise bestochen. 12 Die Stücke gefielen mir besonders, in denen 13 ich zu gefallen hoffte, und es waren wenige, die ich 14 nicht in dieser angenehmen Täuschung durchlas; und 15 meine lebhafte Vorstellungskraft, da ich mich in alle 16 Rollen denken konnte, verführte mich zu glauben, daß 17 ich auch alle darstellen würde; gewöhnlich wählte ich 18 daher bei der Austheilung diejenigen, welche sich gar 19 nicht für mich schickten, und, wenn es nur einigermaßen 20 angehn wollte, wohl gar ein paar Rollen.

21 Kinder wissen bei'm Spiele aus allem alles zu 22 machen; ein Stab wird zur Flinte, ein Stückchen Holz 23 zum Degen, jedes Bündelchen zur Puppe, und jeder 24 Winkel zur Hütte. In diesem Sinne entwickelte sich 25 unser Privattheater. Bei der völligen Unkenntniß 26 unserer Kräfte unternahmen wir alles, bemerkten kein 27 qui pro quo, und waren überzeugt, jeder müsse uns 28 dafür nehmen, wofür wir uns gaben. Leider ging 

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1 alles einen so gemeinen Gang, daß mir nicht einmal 2 eine merkwürdige Albernheit zu erzählen übrig bleibt. 3 Erst spielten wir die wenigen Stücke durch, in welchen 4 nur Mannspersonen auftreten; dann verkleideten wir 5 einige aus unserm Mittel, und zogen zuletzt die 6 Schwestern mit in's Spiel. In einigen Häusern hielt 7 man es für eine nützliche Beschäftigung und lud Gesellschaften 8 darauf. Unser Artillerie-Lieutenant verließ 9 uns auch hier nicht. Er zeigte uns, wie wir 10 kommen und gehen, declamiren und gesticuliren sollten; 11 allein er erntete für seine Bemühung meistens wenig 12 Dank, indem wir die theatralischen Künste schon besser 13 als er zu verstehen glaubten.

14 Wir verfielen gar bald auf das Trauerspiel: denn 15 wir hatten oft sagen hören, und glaubten selbst, es 16 sei leichter, eine Tragödie zu schreiben und vorzustellen, 17 als im Lustspiele vollkommen zu sein. Auch fühlten 18 wir uns bei'm ersten tragischen Versuche ganz in 19 unserm Elemente; wir suchten uns der Höhe des 20 Standes, der Vortrefflichkeit der Charaktere, durch 21 Steifheit und Affectation zu nähern, und dünkten uns 22 durchaus nicht wenig; allein vollkommen glücklich 23 waren wir nur, wenn wir recht rasen, mit den Füßen 24 stampfen und uns wohl gar vor Wuth und Verzweiflung 25 auf die Erde werfen durften.

26 Knaben und Mädchen waren in diesen Spielen 27 nicht lange beisammen, als die Natur sich zu regen, 28 und die Gesellschaft sich in verschiedene kleine Liebesgeschichten 

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1 zu theilen anfing, da denn meistentheils 2 Komödie in der Komödie gespielt wurde. Die glücklichen 3 Paare drückten sich hinter den Theaterwänden 4 die Hände auf das zärtlichste; sie verschwammen in 5 Glückseligkeit, wenn sie einander, so bebändert und 6 aufgeschmückt, recht idealisch vorkamen, indeß gegenüber 7 die unglücklichen Nebenbuhler sich vor Neid verzehrten, 8 und mit Trotz und Schadenfreude allerlei 9 Unheil anrichteten.

10 Diese Spiele, obgleich ohne Verstand unternommen 11 und ohne Anleitung durchgeführt, waren doch nicht 12 ohne Nutzen für uns. Wir übten unser Gedächtniß 13 und unsern Körper, und erlangten mehr Geschmeidigkeit 14 im Sprechen und Betragen, als man sonst in so 15 frühen Jahren gewinnen kann. Für mich aber war 16 jene Zeit besonders Epoche, mein Geist richtete sich 17 ganz nach dem Theater, und ich fand kein größer 18 Glück, als Schauspiele zu lesen, zu schreiben und zu 19 spielen.

20 Der Unterricht meiner Lehrer dauerte fort; man 21 hatte mich dem Handelsstand gewidmet, und zu unserm 22 Nachbar auf das Comptoir gethan; aber eben zu 23 selbiger Zeit entfernte sich mein Geist nur gewaltsamer 24 von allem, was ich für ein niedriges Geschäft 25 halten mußte. Der Bühne wollte ich meine ganze 26 Thätigkeit widmen, auf ihr mein Glück und meine 27 Zufriedenheit finden.

28 Ich erinnere mich noch eines Gedichtes, das sich 

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1 unter meinen Papieren finden muß, in welchem die 2 Muse der tragischen Dichtkunst und eine andere 3 Frauengestalt, in der ich das Gewerbe personificirt hatte, 4 sich um meine werthe Person recht wacker zanken. 5 Die Erfindung ist gemein, und ich erinnere mich nicht, 6 ob die Verse etwas taugen; aber ihr sollt es sehen, 7 um der Furcht, des Abscheues, der Liebe und der 8 Leidenschaft willen, die darin herrschen. Wie ängstlich 9 hatte ich die alte Hausmutter geschildert mit 10 dem Rocken im Gürtel, mit Schlüsseln an der Seite, 11 Brillen auf der Nase, immer fleißig, immer in Unruhe, 12 zänkisch und haushältisch, kleinlich und beschwerlich! 13 Wie kümmerlich beschrieb ich den Zustand dessen, 14 der sich unter ihrer Ruthe bücken und sein knechtisches 15 Tagewerk im Schweiße des Angesichtes verdienen sollte!

16 Wie anders trat jene dagegen auf! Welche Erscheinung 17 ward sie dem bekümmerten Herzen! Herrlich 18 gebildet, in ihrem Wesen und Betragen als eine 19 Tochter der Freiheit anzusehen. Das Gefühl ihrer 20 selbst gab ihr Würde ohne Stolz; ihre Kleider ziemten 21 ihr, sie umhüllten jedes Glied, ohne es zu zwängen, 22 und die reichlichen Falten des Stoffes wiederholten, 23 wie ein tausendfaches Echo, die reizenden Bewegungen 24 der Göttlichen. Welch ein Contrast! Und auf welche 25 Seite sich mein Herz wandte, kannst du leicht denken. 26 Auch war nichts vergessen, um meine Muse kenntlich 27 zu machen. Kronen und Dolche, Ketten und Masken, 28 wie sie mir meine Vorgänger überliefert hatten, waren 

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1 ihr auch hier zugetheilt. Der Wettstreit war heftig, 2 die Reden beider Personen contrastirten gehörig, da 3 man im vierzehnten Jahre gewöhnlich das Schwarze 4 und Weiße recht nah an einander zu mahlen pflegt. 5 Die Alte redete, wie es einer Person geziemt, die eine 6 Stecknadel aufhebt, und jene, wie eine, die Königreiche 7 verschenkt. Die warnenden Drohungen der Alten 8 wurden verschmäht; ich sah die mir versprochenen 9 Reichthümer schon mit dem Rücken an: enterbt und 10 nackt übergab ich mich der Muse, die mir ihren goldnen 11 Schleier zuwarf und meine Blöße bedeckte. --
12 Hätte ich denken können, o meine Geliebte! rief er 13 aus, indem er Marianen fest an sich drückte, daß 14 eine ganz andere, eine lieblichere Gottheit kommen, 15 mich in meinem Vorsatz stärken, mich auf meinem 16 Wege begleiten würde; welch eine schönere Wendung 17 würde mein Gedicht genommen haben, wie interessant 18 würde nicht der Schluß desselben geworden sein! Doch 19 es ist kein Gedicht, es ist Wahrheit und Leben, was 20 ich in deinen Armen finde; laß uns das süße Glück 21 mit Bewußtsein genießen!

22 Durch den Druck seines Armes, durch die Lebhaftigkeit 23 seiner erhöhten Stimme, war Mariane erwacht, 24 und verbarg durch Liebkosungen ihre Verlegenheit: 25 denn sie hatte auch nicht ein Wort von dem 26 letzten Theile seiner Erzählung vernommen, und es 27 ist zu wünschen, daß unser Held für seine Lieblingsgeschichten 28 aufmerksamere Zuhörer künftig finden möge.



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Neuntes Capitel.

[Lesarten]  2 So brachte Wilhelm seine Nächte im Genusse vertraulicher 3 Liebe, seine Tage in Erwartung neuer seliger 4 Stunden zu. Schon zu jener Zeit, als ihn Verlangen 5 und Hoffnung zu Marianen hinzog, fühlte er sich wie 6 neu belebt, er fühlte, daß er ein anderer Mensch zu 7 werden beginne; nun war er mit ihr vereinigt, die 8 Befriedigung seiner Wünsche ward eine reizende Gewohnheit. 9 Sein Herz strebte, den Gegenstand seiner 10 Leidenschaft zu veredeln, sein Geist, das geliebte Mädchen 11 mit sich empor zu heben. In der kleinsten Abwesenheit 12 ergriff ihn ihr Andenken. War sie ihm sonst 13 nothwendig gewesen, so war sie ihm jetzt unentbehrlich, 14 da er mit allen Banden der Menschheit an sie 15 geknüpft war. Seine reine Seele fühlte, daß sie die 16 Hälfte, mehr als die Hälfte seiner selbst sei. Er war 17 dankbar und hingegeben ohne Gränzen.

18 Auch Mariane konnte sich eine Zeitlang täuschen; 19 sie theilte die Empfindung seines lebhaften Glücks 20 mit ihm. Ach! wenn nur nicht manchmal die kalte 21 Hand des Vorwurfs ihr über das Herz gefahren wäre! 

[Seite 45]

1 Selbst an dem Busen Wilhelms war sie nicht sicher 2 davor, selbst unter den Flügeln seiner Liebe. Und 3 wenn sie nun gar wieder allein war, und aus den 4 Wolken, in denen seine Leidenschaft sie emportrug, in 5 das Bewußtsein ihres Zustandes herabsank, dann war 6 sie zu bedauern. Denn Leichtsinn kam ihr zu Hülfe, 7 so lange sie in niedriger Verworrenheit lebte, sich über 8 ihre Verhältnisse betrog, oder vielmehr sie nicht kannte; 9 da erschienen ihr die Vorfälle, denen sie ausgesetzt 10 war, nur einzeln: Vergnügen und Verdruß lös'ten sich 11 ab, Demüthigung wurde durch Eitelkeit, und Mangel 12 oft durch augenblicklichen Überfluß vergütet; sie konnte 13 Noth und Gewohnheit sich als Gesetz und Rechtfertigung 14 anführen, und so lange ließen sich alle unangenehmen 15 Empfindungen von Stunde zu Stunde, von 16 Tag zu Tage abschütteln. Nun aber hatte das arme 17 Mädchen sich Augenblicke in eine bessere Welt hinüber 18 gerückt gefühlt, hatte, wie von oben herab, aus Licht 19 und Freude in's Öde, Verworfene ihres Lebens herunter 20 gesehen, hatte gefühlt, welche elende Creatur ein 21 Weib ist, das mit dem Verlangen nicht zugleich 22 Liebe und Ehrfurcht einflößt, und fand sich äußerlich 23 und innerlich um nichts gebessert. Sie hatte nichts, 24 was sie aufrichten konnte. Wenn sie in sich blickte 25 und suchte, war es in ihrem Geiste leer, und ihr Herz 26 hatte keinen Widerhalt. Je trauriger dieser Zustand 27 war, desto heftiger schloß sich ihre Neigung an den 28 Geliebten fest; ja die Leidenschaft wuchs mit jedem 

[Seite 46]

1 Tage, wie die Gefahr, ihn zu verlieren, mit jedem 2 Tage näher rückte.

3 Dagegen schwebte Wilhelm glücklich in höheren 4 Regionen, ihm war auch eine neue Welt aufgegangen, 5 aber reich an herrlichen Aussichten. Kaum ließ das 6 Übermaß der ersten Freude nach, so stellte sich das 7 hell vor seine Seele, was ihn bisher dunkel durchwühlt 8 hatte. Sie ist dein! Sie hat sich dir hingegeben! 9 Sie, das geliebte, gesuchte, angebetete Geschöpf, 10 dir auf Treu und Glauben hingegeben; aber sie hat 11 sich keinem Undankbaren überlassen. Wo er stand 12 und ging, redete er mit sich selbst; sein Herz floß beständig 13 über, und er sagte sich in einer Fülle von 14 prächtigen Worten die erhabensten Gesinnungen vor. 15 Er glaubte den hellen Wink des Schicksals zu verstehen, 16 das ihm durch Marianen die Hand reichte, sich 17 aus dem stockenden, schleppenden bürgerlichen Leben 18 heraus zu reißen, aus dem er schon so lange sich zu 19 retten gewünscht hatte. Seines Vaters Haus, die 20 Seinigen zu verlassen, schien ihm etwas Leichtes. Er 21 war jung und neu in der Welt, und sein Muth, in 22 ihren Weiten nach Glück und Befriedigung zu rennen, 23 durch die Liebe erhöht. Seine Bestimmung zum Theater 24 war ihm nunmehr klar; das hohe Ziel, das er 25 sich vorgesteckt sah, schien ihm näher, indem er an 26 Marianens Hand hinstrebte, und in selbstgefälliger 27 Bescheidenheit erblickte er in sich den trefflichen Schauspieler, 28 den Schöpfer eines künftigen National-Theaters, 

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1 nach dem er so vielfältig hatte seufzen hören. 2 Alles, was in den innersten Winkeln seiner Seele bisher 3 geschlummert hatte, wurde rege. Er bildete aus 4 den vielerlei Ideen mit Farben der Liebe ein Gemählde 5 auf Nebelgrund, dessen Gestalten freilich sehr in einander 6 flossen; dafür aber auch das Ganze eine desto 7 reizendere Wirkung that.



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1 
Zehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Er saß nun zu Hause, kramte unter seinen Papieren, 3 und rüstete sich zur Abreise. Was nach seiner 4 bisherigen Bestimmung schmeckte, ward bei Seite gelegt; 5 er wollte bei seiner Wanderung in die Welt 6 auch von jeder unangenehmen Erinnerung frei sein. 7 Nur Werke des Geschmacks, Dichter und Kritiker, 8 wurden als bekannte Freunde unter die Erwählten 9 gestellt; und da er bisher die Kunstrichter sehr wenig 10 genutzt hatte, so erneuerte sich, seine Begierde nach 11 Belehrung, als er seine Bücher wieder durchsah und 12 fand, daß die theoretischen Schriften noch meist unaufgeschnitten 13 waren. Er hatte sich, in der völligen 14 Überzeugung von der Nothwendigkeit solcher Werke, 15 viele davon angeschafft, und mit dem besten Willen 16 in keines auch nur bis in die Hälfte sich hinein lesen 17 können.

18 Dagegen hatte er sich desto eifriger an Beispiele 19 gehalten, und in allen Arten, die ihm bekannt worden 20 waren, selbst Versuche gemacht.

21 Werner trat herein, und als er seinen Freund mit 22 den bekannten Heften beschäftigt sah, rief er aus: 

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1 Bist du schon wieder über diesen Papieren? Ich wette, 2 du hast nicht die Absicht, eins oder das andere zu 3 vollenden! Du siehst sie durch und wieder durch, und 4 beginnst allenfalls etwas Neues. --
5 Zu vollenden ist nicht die Sache des Schülers, es 6 ist genug, wenn er sich übt. --
7 Aber doch fertig macht, so gut er kann.

8 Und doch ließe sich wohl die Frage aufwerfen: ob 9 man nicht eben gute Hoffnung von einem jungen 10 Menschen fassen könne, der bald gewahr wird, wenn 11 er etwas Ungeschicktes unternommen hat: in der Arbeit 12 nicht fortfährt, und an etwas, das niemals einen 13 Werth haben kann, weder Mühe noch Zeit verschwenden 14 mag.

15 Ich weiß wohl, es war nie deine Sache, etwas zu 16 Stande zu bringen, du warst immer müde, eh' es zur 17 Hälfte kam. Da du noch Director unsers Puppenspiels 18 warst, wie oft wurden neue Kleider für die 19 Zwerggesellschaft gemacht, neue Decorationen ausgeschnitten? 20 Bald sollte dieses, bald jenes Trauerspiel 21 aufgeführt werden, und höchstens gabst du einmal den 22 fünften Act, wo alles recht bunt durch einander ging, 23 und die Leute sich erstachen.

24 Wenn du von jenen Zeiten sprechen willst, wer 25 war denn Schuld, daß wir die Kleider, die unsern 26 Puppen angepaßt und auf den Leib fest genäht waren, 27 herunter trennen ließen, und den Aufwand einer weitläufigen 28 und unnützen Garderobe machten? Warst 

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1 du's nicht, der immer ein neues Stück Band zu verhandeln 2 hatte, der meine Liebhaberei anzufeuern und 3 zu nützen wußte? --
4 Werner lachte und rief aus: Ich erinnere mich 5 immer noch mit Freuden, daß ich von euren theatralischen 6 Feldzügen Vortheil zog, wie Lieferanten vom 7 Kriege. Als ihr euch zur Befreiung Jerusalems rüstetet, 8 machte ich auch einen schönen Profit, wie ehemals 9 die Venetianer im ähnlichen Falle. Ich finde nichts 10 vernünftiger in der Welt, als von den Thorheiten 11 anderer Vortheil zu ziehen.

12 Ich weiß nicht, ob es nicht ein edleres Vergnügen 13 wäre, die Menschen von ihren Thorheiten zu heilen. --
14 Wie ich sie kenne, möchte das wohl ein eitles Bestreben 15 sein. Es gehört schon etwas dazu, wenn ein 16 einziger Mensch klug und reich werden soll, und 17 meistens wird er es auf Unkosten der andern.

18 Es fällt mir eben recht der Jüngling am Scheidewege 19 in die Hände, versetzte Wilhelm, indem er ein 20 Heft aus den übrigen Papieren herauszog: das ist doch 21 fertig geworden, es mag übrigens sein wie es will.

22 Leg' es bei Seite, wirf es in's Feuer! versetzte 23 Werner. Die Erfindung ist nicht im geringsten lobenswürdig; 24 schon vormals ärgerte mich diese Composition 25 genug, und zog dir den Unwillen des Vaters zu. Es 26 mögen ganz artige Verse sein; aber die Vorstellungsart 27 ist grundfalsch. Ich erinnere mich noch deines 28 personificirten Gewerbes, deiner zusammengeschrumpften 

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1 erbärmlichen Sibylle. Du magst das Bild in 2 irgend einem elenden Kramladen aufgeschnappt haben. 3 Von der Handlung hattest du damals keinen Begriff; 4 ich wüßte nicht, wessen Geist ausgebreiteter wäre, 5 ausgebreiteter sein müßte, als der Geist eines echten 6 Handelsmannes. Welchen Überblick verschafft uns 7 nicht die Ordnung, in der wir unsere Geschäfte führen! 8 Sie läßt uns jederzeit das Ganze überschauen, ohne 9 daß wir nöthig hätten, uns durch das Einzelne verwirren 10 zu lassen. Welche Vortheile gewährt die 11 doppelte Buchhaltung dem Kaufmanne! Es ist eine 12 der schönsten Erfindungen des menschlichen Geistes, 13 und ein jeder gute Haushalter sollte sie in seiner 14 Wirthschaft einführen.

15 Verzeih mir, sagte Wilhelm lächelnd, du fängst 16 von der Form an, als wenn das die Sache wäre; 17 gewöhnlich vergeßt ihr aber auch über eurem Addiren 18 und Bilanciren das eigentliche Facit des Lebens.

19 Leider siehst du nicht, mein Freund, wie Form 20 und Sache hier nur eins ist, eins ohne das andere 21 nicht bestehen könnte. Ordnung und Klarheit vermehrt 22 die Lust zu sparen und zu erwerben. Ein 23 Mensch, der übel haushält, befindet sich in der Dunkelheit 24 sehr wohl; er mag die Posten nicht gerne zusammen 25 rechnen, die er schuldig ist. Dagegen kann 26 einem guten Wirthe nichts angenehmer sein, als sich 27 alle Tage die Summe seines wachsenden Glückes zu 28 ziehen. Selbst ein Unfall, wenn er ihn verdrießlich 

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1 überrascht, erschreckt ihn nicht; denn er weiß sogleich, 2 was für erworbene Vortheile er auf die andere Wagschale 3 zu legen hat. Ich bin überzeugt, mein lieber 4 Freund, wenn du nur einmal einen rechten Geschmack 5 an unsern Geschäften finden könntest, so würdest du 6 dich überzeugen, daß manche Fähigkeiten des Geistes 7 auch dabei ihr freies Spiel haben können.

8 Es ist möglich, daß mich die Reise, die ich vorhabe, 9 auf andere Gedanken bringt.

10 O gewiß! Glaube mir, es fehlt dir nur der Anblick 11 einer großen Thätigkeit, um dich auf immer zu 12 dem unsern zu machen; und wenn du zurück kommst, 13 wirst du dich gern zu denen gesellen, die durch alle 14 Arten von Spedition und Speculation einen Theil 15 des Geldes und Wohlbefindens, das in der Welt seinen 16 nothwendigen Kreislauf führt, an sich zu reißen wissen. 17 Wirf einen Blick auf die natürlichen und künstlichen 18 Producte aller Welttheile, betrachte, wie sie wechselsweise 19 zur Nothdurft geworden sind! Welch eine angenehme 20 geistreiche Sorgfalt ist es, alles, was in dem 21 Augenblicke am meisten gesucht wird und doch bald 22 fehlt, bald schwer zu haben ist, zu kennen, jedem, was 23 er verlangt, leicht und schnell zu verschaffen, sich vorsichtig 24 in Vorrath zu setzen, und den Vortheil jedes 25 Augenblickes dieser großen Circulation zu genießen! 26 Dieß ist, dünkt mich, was jedem, der Kopf hat, eine 27 große Freude machen wird.

28 Wilhelm schien nicht abgeneigt, und Werner fuhr 

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1 fort: Besuche nur erst ein paar große Handelsstädte, 2 ein paar Häfen, und du wirst gewiß mit fortgerissen 3 werden. Wenn du siehst, wie viele Menschen beschäftiget 4 sind; wenn du siehst, wo so manches herkommt, 5 wo es hingeht, so wirst du es gewiß auch 6 mit Vergnügen durch deine Hände gehen sehen. Die 7 geringste Waare siehst du im Zusammenhange mit 8 dem ganzen Handel, und eben darum hältst du nichts 9 für gering, weil alles die Circulation vermehrt, von 10 welcher dein Leben seine Nahrung zieht.

11 Werner, der seinen richtigen Verstand in dem Umgange 12 mit Wilhelm ausbildete, hatte sich gewöhnt, 13 auch an sein Gewerbe, an seine Geschäfte mit Erhebung 14 der Seele zu denken, und glaubte immer, daß 15 er es mit mehrerem Rechte thue, als sein sonst verständiger 16 und geschätzter Freund, der, wie es ihm schien, 17 auf das Unreellste von der Welt einen so großen 18 Werth und das Gewicht seiner ganzen Seele legte. 19 Manchmal dachte er, es könne gar nicht fehlen, dieser 20 falsche Enthusiasmus müsse zu überwältigen, und ein 21 so guter Mensch auf den rechten Weg zu bringen 22 sein. In dieser Hoffnung fuhr er fort: Es haben 23 die Großen dieser Welt sich der Erde bemächtiget, sie 24 leben in Herrlichkeit und Überfluß. Der kleinste 25 Raum unsers Welttheils ist schon in Besitz genommen, 26 jeder Besitz befestigt, Ämter und andere bürgerliche 27 Geschäfte tragen wenig ein; wo gibt es nun noch 28 einen rechtmäßigeren Erwerb, eine billigere Eroberung, 

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1 als den Handel? Haben die Fürsten dieser Welt die 2 Flüsse, die Wege, die Häfen in ihrer Gewalt, und 3 nehmen von dem, was durch und vorbei geht, einen 4 starken Gewinn: sollen wir nicht mit Freuden die 5 Gelegenheit ergreifen, und durch unsere Thätigkeit 6 auch Zoll von jenen Artikeln nehmen, die theils das 7 Bedürfniß, theils der Übermuth den Menschen unentbehrlich 8 gemacht hat? Und ich kann dir versichern, 9 wenn du nur deine dichterische Einbildungskraft anwenden 10 wolltest, so könntest du meine Göttin als eine 11 unüberwindliche Siegerin der deinigen kühn entgegenstellen. 12 Sie führt freilich lieber den Ölzweig als das 13 Schwert; Dolch und Ketten kennt sie gar nicht: aber 14 Kronen theilet sie auch ihren Lieblingen aus, die, es 15 sei ohne Verachtung jener gesagt, von echtem aus der 16 Quelle geschöpftem Golde und von Perlen glänzen, 17 die sie aus der Tiefe des Meeres durch ihre immer 18 geschäftigen Diener geholt hat.

19 Wilhelmen verdroß dieser Ausfall ein wenig, doch 20 verbarg er seine Empfindlichkeit; denn er erinnerte 21 sich, daß Werner auch seine Apostrophen mit Gelassenheit 22 anzuhören pflegte. Übrigens war er billig genug, 23 um gerne zu sehen, wenn jeder von seinem 24 Handwerk auf's beste dachte; nur mußte man ihm 25 das seinige, dem er sich mit Leidenschaft gewidmet 26 hatte, unangefochten lassen.

27 Und dir, rief Werner aus, der du an menschlichen 28 Dingen so herzlichen Antheil nimmst, was wird es 

[Seite 55]

1 dir für ein Schauspiel sein, wenn du das Glück, das 2 muthige Unternehmungen begleitet, vor deinen Augen 3 den Menschen wirst gewährt sehen! Was ist reizender, 4 als der Anblick eines Schiffes, das von einer glücklichen 5 Fahrt wieder anlangt, das von einem reichen 6 Fange frühzeitig zurückkehrt! Nicht der Verwandte, 7 der Bekannte, der Theilnehmer allein, ein jeder fremde 8 Zuschauer wird hingerissen, wenn er die Freude sieht, 9 mit welcher der eingesperrte Schiffer an's Land springt, 10 noch ehe sein Fahrzeug es ganz berührt, sich wieder 11 frei fühlt, und nunmehr das, was er dem falschen 12 Wasser entzogen, der getreuen Erde anvertrauen kann. 13 Nicht in Zahlen allein, mein Freund, erscheint uns 14 der Gewinn; das Glück ist die Göttin der lebendigen 15 Menschen, und um ihre Gunst wahrhaft zu empfinden, 16 muß man leben und Menschen sehen, die sich recht 17 lebendig bemühen und recht sinnlich genießen.



[Seite 56]



1 
Eilftes Capitel.

[Lesarten]  2 Es ist nun Zeit, daß wir auch die Väter unsrer 3 beiden Freunde näher kennen lernen; ein paar Männer 4 von sehr verschiedener Denkungsart, deren Gesinnungen 5 aber darin übereinkamen, daß sie den Handel für 6 das edelste Geschäft hielten, und beide höchst aufmerksam 7 auf jeden Vortheil waren, den ihnen irgend eine 8 Speculation bringen konnte. Der alte Meister hatte 9 gleich nach dem Tode seines Vaters eine kostbare 10 Sammlung von Gemählden, Zeichnungen, Kupferstichen 11 und Antiquitäten in's Geld gesetzt, sein Haus 12 nach dem neuesten Geschmacke von Grund aus aufgebaut 13 und möblirt, und sein übriges Vermögen auf 14 alle mögliche Weise gelten gemacht. Einen ansehnlichen 15 Theil davon hatte er dem alten Werner in 16 die Handlung gegeben, der als ein thätiger Handelsmann 17 berühmt war, und dessen Speculationen gewöhnlich 18 durch das Glück begünstigt wurden. Nichts 19 wünschte aber der alte Meister so sehr, als seinem 20 Sohne Eigenschaften zu geben, die ihm selbst fehlten, 21 und seinen Kindern Güter zu hinterlassen, auf deren 

[Seite 57]

1 Besitz er den größten Werth legte. Zwar empfand 2 er eine besondere Neigung zum Prächtigen, zu dem 3 was in die Augen fällt, das aber auch zugleich einen 4 innern Werth und eine Dauer haben sollte. In 5 seinem Hause mußte alles solid und massiv sein, der 6 Vorrath reichlich, das Silbergeschirr schwer, das Tafelservice 7 kostbar; dagegen waren die Gäste selten, denn 8 eine jede Mahlzeit ward ein Fest, das sowohl wegen 9 der Kosten als wegen der Unbequemlichkeit nicht oft 10 wiederholt werden konnte. Sein Haushalt ging einen 11 gelassenen und einförmigen Schritt, und alles, was 12 sich darin bewegte und erneuerte, war gerade das, 13 was niemanden einigen Genuß gab.

14 Ein ganz entgegengesetztes Leben führte der alte 15 Werner in einem dunkeln und finstern Hause. Hatte 16 er seine Geschäfte in der engen Schreibstube am uralten 17 Pulte vollendet, so wollte er gut essen, und wo 18 möglich noch besser trinken, auch konnte er das Gute 19 nicht allein genießen: neben seiner Familie mußte er 20 seine Freunde, alle Fremden, die nur mit seinem 21 Hause in einiger Verbindung standen, immer bei 22 Tische sehen; seine Stühle waren uralt, aber er lud 23 täglich jemanden ein, darauf zu sitzen. Die guten 24 Speisen zogen die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich, 25 und niemand bemerkte, daß sie in gemeinem Geschirr 26 aufgetragen wurden. Sein Keller hielt nicht viel 27 Wein, aber der ausgetrunkene ward gewöhnlich durch 28 einen bessern ersetzt.



[Seite 58]

1 So lebten die beiden Väter, welche öfter zusammen 2 kamen, sich wegen gemeinschaftlicher Geschäfte berathschlagten 3 und eben heute die Versendung Wilhelms 4 in Handelsangelegenheiten beschlossen.

5 Er mag sich in der Welt umsehen, sagte der alte 6 Meister, und zugleich unsre Geschäfte an fremden 7 Orten betreiben; man kann einem jungen Menschen 8 keine größere Wohlthat erweisen, als wenn man ihn 9 zeitig in die Bestimmung seines Lebens einweiht. Ihr 10 Sohn ist von seiner Expedition so glücklich zurückgekommen, 11 hat seine Geschäfte so gut zu machen gewußt, 12 daß ich recht neugierig bin, wie sich der meinige beträgt; 13 ich fürchte, er wird mehr Lehrgeld geben, als 14 der Ihrige.

15 Der alte Meister, welcher von seinem Sohne und 16 dessen Fähigkeiten einen großen Begriff hatte, sagte 17 diese Worte in Hoffnung, daß sein Freund ihm 18 widersprechen und die vortrefflichen Gaben des jungen 19 Mannes herausstreichen sollte. Allein hierin betrog 20 er sich; der alte Werner, der in praktischen Dingen 21 niemanden traute, als dem, den er geprüft hatte, 22 versetzte gelassen: Man muß alles versuchen; wir 23 können ihn eben denselben Weg schicken, wir geben 24 ihm eine Vorschrift, wornach er sich richtet; es sind 25 verschiedene Schulden einzucassiren, alte Bekanntschaften 26 zu erneuern, neue zu machen. Er kann auch die 27 Speculation, mit der ich Sie neulich unterhielt, befördern 28 helfen; denn ohne genaue Nachrichten an 

[Seite 59]

1 Ort und Stelle zu sammeln, läßt sich dabei wenig 2 thun.

3 Er mag sich vorbereiten, versetzte der alte Meister, 4 und so bald als möglich aufbrechen. Wo nehmen 5 wir ein Pferd für ihn her, das sich zu dieser Expedition 6 schickt?

7 Wir werden nicht weit darnach suchen. Ein Krämer 8 in H---, der uns noch einiges schuldig, aber sonst 9 ein guter Mann ist, hat mir eins an Zahlungsstatt 10 angeboten; mein Sohn kennt es, es soll ein recht 11 brauchbares Thier sein.

12 Er mag es selbst holen, mag mit dem Postwagen 13 hinüberfahren, so ist er übermorgen bei Zeiten wieder 14 da, man macht ihm indessen den Mantelsack und die 15 Briefe zurechte, und so kann er zu Anfang der künftigen 16 Woche aufbrechen.

17 Wilhelm wurde gerufen, und man machte ihm 18 den Entschluß bekannt. Wer war froher als er, da 19 er die Mittel zu seinem Vorhaben in seinen Händen 20 sah, da ihm die Gelegenheit ohne sein Mitwirken zubereitet 21 worden! So groß war seine Leidenschaft, so 22 rein seine Überzeugung, er handle vollkommen recht, 23 sich dem Drucke seines bisherigen Lebens zu entziehen, 24 und einer neuen edlern Bahn zu folgen, daß sein 25 Gewissen sich nicht im mindesten regte, keine Sorge 26 in ihm entstand, ja daß er vielmehr diesen Betrug 27 für heilig hielt. Er war gewiß, daß ihn Eltern und 28 Verwandte in der Folge für diesen Schritt preisen 

[Seite 60]

1 und segnen sollten, er erkannte den Wink eines 2, 3 leitenden Schicksals an diesen zusammentreffenden Umständen.

4 Wie lang ward ihm die Zeit bis zur Nacht, bis 5 zur Stunde, in der er seine Geliebte wieder sehen 6 sollte! Er saß auf seinem Zimmer und überdachte 7 seinen Reiseplan, wie ein künstlicher Dieb oder Zauberer 8 in der Gefangenschaft manchmal die Füße aus 9 den festgeschlossenen Ketten herauszieht, um die Überzeugung 10 bei sich zu nähren, daß seine Rettung möglich, 11 ja noch näher sei, als kurzsichtige Wächter 12 glauben.

13 Endlich schlug die nächtliche Stunde; er entfernte 14 sich aus seinem Hause, schüttelte allen Druck ab, und 15 wandelte durch die stillen Gassen. Auf dem großen 16 Platze hub er seine Hände gen Himmel, fühlte alles 17 hinter und unter sich; er hatte sich von allem los 18 gemacht. Nun dachte er sich in den Armen seiner 19 Geliebten, dann wieder mit ihr auf dem blendenden 20 Theatergerüste, er schwebte in einer Fülle von Hoffnungen, 21 und nur manchmal erinnerte ihn der Ruf 22 des Nachtwächters, daß er noch auf dieser Erde wandle.

23 Seine Geliebte kam ihm an der Treppe entgegen, 24 und wie schön! wie lieblich! In dem neuen weißen 25 Negligee empfing sie ihn, er glaubte sie noch nie so 26 reizend gesehen zu haben. So weihte sie das Geschenk 27 des abwesenden Liebhabers in den Armen des gegenwärtigen 28 ein, und mit wahrer Leidenschaft verschwendete 

[Seite 61]

1 sie den ganzen Reichthum ihrer Liebkosungen, 2 welche ihr die Natur eingab, welche die Kunst sie gelehrt 3 hatte, an ihren Liebling, und man frage, ob er 4 sich glücklich, ob er sich selig fühlte?

5 Er entdeckte ihr, was vorgegangen war, und ließ 6 ihr im Allgemeinen seinen Plan, seine Wünsche sehen. 7 Er wolle unterzukommen suchen, sie alsdann abholen, 8 er hoffe, sie werde ihm ihre Hand nicht versagen. 9 Das arme Mädchen aber schwieg, verbarg ihre Thränen 10 und drückte den Freund an ihre Brust, der, ob er 11 gleich ihr Verstummen auf das günstigste auslegte, 12 doch eine Antwort gewünscht hätte, besonders da er 13 sie zuletzt auf das bescheidenste, auf das freundlichste 14 fragte: ob er sich denn nicht Vater glauben dürfe? 15 Aber auch darauf antwortete sie nur mit einem 16 Seufzer, einem Kusse.



[Seite 62]



1 
Zwölftes Capitel.

[Lesarten]  2 Den andern Morgen erwachte Mariane nur zu 3 neuer Betrübniß; sie fand sich sehr allein, mochte 4 den Tag nicht sehen, blieb im Bette und weinte. Die 5 Alte setzte sich zu ihr, suchte ihr einzureden, sie zu 6 trösten; aber es gelang ihr nicht, das verwundete Herz 7 so schnell zu heilen. Nun war der Augenblick nahe, 8 dem das arme Mädchen wie dem letzten ihres Lebens 9 entgegen gesehen hatte. Konnte man sich auch in 10 einer ängstlichern Lage fühlen? Ihr Geliebter entfernte 11 sich, ein unbequemer Liebhaber drohte zu kommen, 12 und das größte Unheil stand bevor, wenn beide, 13 wie es leicht möglich war, einmal zusammentreffen 14 sollten.

15 Beruhige dich, Liebchen, rief die Alte: verweine 16 mir deine schönen Augen nicht! Ist es denn ein so 17 großes Unglück, zwei Liebhaber zu besitzen? Und 18 wenn du auch deine Zärtlichkeit nur dem einen schenken 19 kannst, so sei wenigstens dankbar gegen den andern, 20 der, nach der Art wie er für dich sorgt, gewiß dein 21 Freund genannt zu werden verdient.



[Seite 63]

1 Es ahnte meinem Geliebten, versetzte Mariane dagegen 2 mit Thränen, daß uns eine Trennung bevorstehe; 3 ein Traum hat ihm entdeckt, was wir ihm so 4 sorgfältig zu verbergen suchen. Er schlief so ruhig 5 an meiner Seite. Auf einmal höre ich ihn ängstliche 6 unvernehmliche Töne stammeln. Mir wird bange, 7 und ich wecke ihn auf. Ach! mit welcher Liebe, mit 8 welcher Zärtlichkeit, mit welchem Feuer umarmt' er 9 mich! O Mariane! rief er aus, welchem schrecklichen 10 Zustande hast du mich entrissen! Wie soll ich dir 11 danken, daß du mich aus dieser Hölle befreit hast? 12 Mir träumte, fuhr er fort, ich befände mich, entfernt 13 von dir, in einer unbekannten Gegend; aber dein Bild 14 schwebte mir vor; ich sah dich auf einem schönen 15 Hügel, die Sonne beschien den ganzen Platz; wie 16 reizend kamst du mir vor! Aber es währte nicht 17 lange, so sah ich dein Bild hinuntergleiten, immer 18 hinuntergleiten; ich streckte meine Arme nach dir aus, 19 sie reichten nicht durch die Ferne. Immer sank dein 20 Bild und näherte sich einem großen See, der am 21 Fuße des Hügels weit ausgebreitet lag, eher ein 22 Sumpf als ein See. Auf einmal gab dir ein Mann 23 die Hand; er schien dich hinaufführen zu wollen, aber 24 leitete dich seitwärts, und schien dich nach sich zu 25 ziehen. Ich rief, da ich dich nicht erreichen konnte, 26 ich hoffte dich zu warnen. Wollte ich gehen, so schien 27 der Boden mich fest zu halten; konnt' ich gehen, so 28 hinderte mich das Wasser, und sogar mein Schreien 

[Seite 64]

1 erstickte in der beklemmten Brust. --- So erzählte der 2 Arme, indem er sich von seinem Schrecken an meinem 3 Busen erholte, und sich glücklich pries, einen fürchterlichen 4 Traum durch die seligste Wirklichkeit verdrängt 5 zu sehen.

6 Die Alte suchte so viel möglich durch ihre Prose 7 die Poesie ihrer Freundin in's Gebiet des gemeinen 8 Lebens herunter zu locken, und bediente sich dabei der 9 guten Art, welche Vogelstellern zu gelingen pflegt, 10 indem sie durch ein Pfeifchen die Töne derjenigen nachzuahmen 11 suchen, welche sie bald und häufig in ihrem 12 Garne zu sehen wünschen. Sie lobte Wilhelmen, 13 rühmte seine Gestalt, seine Augen, seine Liebe. Das 14 arme Mädchen hörte ihr gerne zu, stand auf, ließ sich 15 ankleiden und schien ruhiger. Mein Kind, mein Liebchen, 16 fuhr die Alte schmeichelnd fort, ich will dich 17 nicht betrüben, nicht beleidigen, ich denke dir nicht 18 dein Glück zu rauben. Darfst du meine Absicht verkennen, 19 und hast du vergessen, daß ich jederzeit mehr 20 für dich als für mich gesorgt habe? Sag' mir nur, 21 was du willst; wir wollen schon sehen, wie wir es 22 ausführen.

23 Was kann ich wollen? versetzte Mariane; ich bin 24 elend, auf mein ganzes Leben elend; ich liebe ihn, 25 der mich liebt, sehe, daß ich mich von ihm trennen 26 muß, und weiß nicht, wie ich es überleben kann. 27 Norberg kommt, dem wir unsere ganze Existenz 28 schuldig sind, den wir nicht entbehren können. Wilhelm 

[Seite 65]

1 ist sehr eingeschränkt, er kann nichts für mich 2 thun. --
3 Ja, er ist unglücklicherweise von jenen Liebhabern, 4 die nichts als ihr Herz bringen, und eben 5 diese haben die meisten Prätensionen.

6 Spotte nicht! der Unglückliche denkt sein Haus zu 7 vorlassen, auf das Theater zu gehen, mir seine Hand 8 anzubieten.

9 Leere Hände haben wir schon viere.

10 Ich habe keine Wahl, fuhr Mariane fort, entscheide 11 du! Stoße mich da oder dort hin, nur wisse 12 noch eins: wahrscheinlich trag' ich ein Pfand im Busen, 13 das uns noch mehr an einander fesseln sollte; das bedenke 14 und entscheide, wen soll ich lassen? wem soll 15 ich folgen?

16 Nach einigem Stillschweigen rief die Alte: Daß 17 doch die Jugend immer zwischen den Extremen schwankt! 18 Ich finde nichts natürlicher, als alles zu verbinden, 19 was uns Vergnügen und Vortheil bringt. Liebst du 20 den einen, so mag der andere bezahlen; es kommt 21 nur darauf an, daß wir klug genug sind, sie beide 22 aus einander zu halten. --
23 Mache was du willst, ich kann nichts denken; 24 aber folgen will ich.

25 Wir haben den Vortheil, daß wir den Eigensinn 26 des Directors, der auf die Sitten seiner Truppe stolz 27 ist, vorschützen können. Beide Liebhaber sind schon 28 gewohnt, heimlich und vorsichtig zu Werke zu gehen. 

[Seite 66]

1 Für Stunde und Gelegenheit will ich sorgen; nur 2 mußt du hernach die Rolle spielen, die ich dir vorschreibe. 3 Wer weiß, welcher Umstand uns hilft. 4 Käme Norberg nur jetzt, da Wilhelm entfernt ist! 5 Wer wehrt dir, in den Armen des einen an den andern 6 zu denken? Ich wünsche dir zu einem Sohne 7 Glück; er soll einen reichen Vater haben.

8 Mariane war durch diese Vorstellungen nur für 9 kurze Zeit gebessert. Sie konnte ihren Zustand nicht 10 in Harmonie mit ihrer Empfindung, ihrer Überzeugung 11 bringen; sie wünschte diese schmerzlichen Verhältnisse 12 zu vergessen, und tausend kleine Umstände 13 mußten sie jeden Augenblick daran erinnern.



[Seite 67]



1 
Dreizehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Wilhelm hatte indessen die kleine Reise vollendet, 3 und überreichte, da er seinen Handelsfreund nicht zu 4 Hause fand, das Empfehlungsschreiben der Gattin des 5 Abwesenden. Aber auch diese gab ihm auf seine 6 Fragen wenig Bescheid; sie war in einer heftigen 7 Gemüthsbewegung und das ganze Haus in großer 8 Verwirrung.

9 Es währte jedoch nicht lange, so vertraute sie ihm 10 (und es war auch nicht zu verheimlichen), daß ihre 11 Stieftochter mit einem Schauspieler davon gegangen 12 sei, mit einem Menschen, der sich von einer kleinen 13 Gesellschaft vor kurzem los gemacht, sich im Orte 14 aufgehalten, und im Französischen Unterricht gegeben 15 habe. Der Vater, außer sich vor Schmerz und Verdruß, 16 sei in's Amt gelaufen, um die Flüchtigen verfolgen 17 zu lassen. Sie schalt ihre Tochter heftig, 18 schmähte den Liebhaber, so daß an beiden nichts 19 Lobenswürdiges übrig blieb, beklagte mit vielen Worten 20 die Schande, die dadurch auf die Familie gekommen, 21 und setzte Wilhelmen in nicht geringe Verlegenheit, 

[Seite 68]

1 der sich und sein heimliches Vorhaben durch 2 diese Sibylle gleichsam mit prophetischem Geiste voraus 3 getadelt und gestraft fühlte. Noch stärkern und innigern 4 Antheil mußte er aber an den Schmerzen des 5 Vaters nehmen, der aus dem Amte zurückkam, mit 6 stiller Trauer und halben Worten seine Expedition 7 der Frau erzählte, und, indem er, nach eingesehenem 8 Briefe, das Pferd Wilhelmen vorführen ließ, seine 9 Zerstreuung und Verwirrung nicht verbergen konnte.

10 Wilhelm gedachte sogleich das Pferd zu besteigen, 11 und sich aus einem Hause zu entfernen, in welchem 12 ihm, unter den gegebenen Umständen, unmöglich wohl 13 werden konnte; allein der gute Mann wollte den 14 Sohn eines Hauses, dem er so viel schuldig war, nicht 15 unbewirthet und ohne ihn eine Nacht unter seinem 16 Dache behalten zu haben, entlassen.

17 Unser Freund hatte ein trauriges Abendessen eingenommen, 18 eine unruhige Nacht ausgestanden, und 19 eilte frühmorgens so bald als möglich sich von Leuten 20 zu entfernen, die, ohne es zu wissen, ihn mit ihren 21 Erzählungen und Äußerungen auf das empfindlichste 22 gequält hatten.

23 Er ritt langsam und nachdenkend die Straße hin, 24 als er auf einmal eine Anzahl bewaffneter Leute 25 durch's Feld kommen sah, die er an ihren weiten 26 und langen Röcken, großen Aufschlägen, unförmlichen 27 Hüten und plumpen Gewehren, an ihrem treuherzigen 28 Gange und dem bequemen Tragen ihres Körpers sogleich 

[Seite 69]

1 für ein Commando Landmiliz erkannte. Unter 2 einer alten Eiche hielten sie stille, setzten ihre Flinten 3 nieder, und lagerten sich bequem auf dem Rasen, um 4 eine Pfeife zu rauchen. Wilhelm verweilte bei ihnen, 5 und ließ sich mit einem jungen Menschen, der zu 6 Pferde herbeikam, in ein Gespräch ein. Er mußte 7 die Geschichte der beiden Entflohenen, die ihm nur zu 8 sehr bekannt war, leider noch einmal und zwar mit 9 Bemerkungen, die weder dem jungen Paare noch den 10 Eltern sonderlich günstig waren, vernehmen. Zugleich 11 erfuhr er, daß man hierher gekommen sei, die jungen 12 Leute wirklich in Empfang zu nehmen, die in dem 13 benachbarten Städtchen eingeholt und angehalten 14 worden waren. Nach einiger Zeit sah man von ferne 15 einen Wagen herbeikommen, der von einer Bürgerwache 16 mehr lächerlich als fürchterlich umgeben war. 17 Ein unförmlicher Stadtschreiber ritt voraus, und 18 complimentirte mit dem gegenseitigen Actuarius (denn 19 das war der junge Mann, mit dem Wilhelm gesprochen 20 hatte) an der Gränze mit großer Gewissenhaftigkeit 21 und wunderlichen Gebärden, wie es etwa 22 Geist und Zauberer, der eine inner- der andere 23 außerhalb des Kreises, bei gefährlichen nächtlichen 24 Operationen thun mögen.

25 Die Aufmerksamkeit der Zuschauer war indeß auf 26 den Bauerwagen gerichtet, und man betrachtete die 27 armen Verirrten nicht ohne Mitleiden, die auf ein 28 paar Bündeln Stroh bei einander saßen, sich zärtlich 

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1 anblickten, und die Umstehenden kaum zu bemerken 2 schienen. Zufälligerweise hatte man sich genöthigt 3 gesehen, sie von dem letzten Dorfe auf eine so unschickliche 4 Art fort zu bringen, indem die alte Kutsche, in 5 welcher man die Schöne transportirte, zerbrochen war. 6 Sie erbat sich bei dieser Gelegenheit die Gesellschaft 7 ihres Freundes, den man, in der Überzeugung, er sei 8 auf einem capitalen Verbrechen betroffen, bis dahin 9 mit Ketten beschwert nebenher gehen lassen. Diese 10 Ketten trugen denn freilich nicht wenig bei, den Anblick 11 der zärtlichen Gruppe interessanter zu machen, 12 besonders weil der junge Mann sie mit vielem Anstand 13 bewegte, indem er wiederholt seiner Geliebten die 14 Hände küßte.

15 Wir sind sehr unglücklich! rief sie den Umstehenden 16 zu; aber nicht so schuldig, wie wir scheinen. So belohnen 17 grausame Menschen treue Liebe, und Eltern, 18 die das Glück ihrer Kinder gänzlich vernachlässigen, 19 reißen sie mit Ungestüm aus den Armen der Freude, 20 die sich ihrer nach langen trüben Tagen bemächtigte!

21 Indeß die Umstehenden auf verschiedene Weise ihre 22 Theilnahme zu erkennen gaben, hatten die Gerichte 23 ihre Ceremonien absolvirt; der Wagen ging weiter, 24 und Wilhelm, der an dem Schicksal der Verliebten 25 großen Theil nahm, eilte auf dem Fußpfade voraus, 26 um mit dem Amtmanne, noch ehe der Zug ankäme, 27 Bekanntschaft zu machen. Er erreichte aber kaum 28 das Amthaus, wo alles in Bewegung und zum Empfang 

[Seite 71]

1 der Flüchtlinge bereit war, als ihn der Actuarius 2 einholte, und durch eine umständliche Erzählung, wie 3 alles gegangen, besonders aber durch ein weitläufiges 4 Lob seines Pferdes, das er erst gestern vom Juden 5 getauscht, jedes andere Gespräch verhinderte.

6 Schon hatte man das unglückliche Paar außen 7 am Garten, der durch eine kleine Pforte mit dem 8 Amthause zusammenhing, abgesetzt, und sie in der 9 Stille hineingeführt. Der Actuarius nahm über diese 10 schonende Behandlung von Wilhelmen ein aufrichtiges 11 Lob an, ob er gleich eigentlich dadurch nur das vor 12 dem Amthause versammelte Volk necken, und ihm das 13 angenehme Schauspiel einer gedemüthigten Mitbürgerin 14 entziehen wollte.

15 Der Amtmann, der von solchen außerordentlichen 16 Fällen kein sonderlicher Liebhaber war, weil er meistentheils 17 dabei einen und den andern Fehler machte, und 18 für den besten Willen gewöhnlich von fürstlicher Regierung 19 mit einem derben Verweise belohnt wurde, 20 ging mit schweren Schritten nach der Amtsstube, 21 wohin ihm der Actuarius, Wilhelm und einige angesehene 22 Bürger folgten.

23 Zuerst ward die Schöne vorgeführt, die, ohne Frechheit, 24 gelassen und mit Bewußtsein ihrer selbst hereintrat. 25 Die Art, wie sie gekleidet war und sich überhaupt 26 betrug, zeigte, daß sie ein Mädchen sei, die etwas 27 auf sich halte. Sie fing auch, ohne gefragt zu werden, 28 über ihren Zustand nicht unschicklich zu reden an.



[Seite 72]

1 Der Actuarius gebot ihr zu schweigen, und hielt 2 seine Feder über dem gebrochenen Blatte. Der Amtmann 3 setzte sich in Fassung, sah ihn an, räusperte 4 sich, und fragte das arme Kind, wie ihr Name heiße 5 und wie alt sie sei?

6 Ich bitte Sie, mein Herr, versetzte sie, es muß 7 mir gar wunderbar vorkommen, daß Sie mich um 8 meinen Namen und mein Alter fragen, da Sie sehr 9 gut wissen, wie ich heiße, und daß ich so alt wie Ihr 10 ältester Sohn bin. Was Sie von mir wissen wollen, 11 und was Sie wissen müssen, will ich gern ohne Umschweife 12 sagen.

13 Seit meines Vaters zweiter Heirath werde ich zu 14 Hause nicht zum besten gehalten. Ich hätte einige 15 hübsche Partien thun können, wenn nicht meine Stiefmutter, 16 aus Furcht vor der Ausstattung, sie zu vereiteln 17 gewußt hätte. Nun habe ich den jungen Melina 18 kennen lernen, ich habe ihn lieben müssen, und 19 da wir die Hindernisse voraussahen, die unserer Verbindung 20 im Wege stunden, entschlossen wir uns, mit 21 einander in der weiten Welt ein Glück zu suchen, das 22 uns zu Hause nicht gewährt schien. Ich habe nichts 23 mitgenommen, als was mein eigen war; wir sind 24 nicht als Diebe und Räuber entflohen, und mein Geliebter 25 verdient nicht, daß er mit Ketten und Banden 26 belegt herumgeschleppt werde. Der Fürst ist gerecht, 27 er wird diese Härte nicht billigen. Wenn wir strafbar 28 sind, so sind wir es nicht auf diese Weise.



[Seite 73]

1 Der alte Amtmann kam hierüber doppelt und 2 dreifach in Verlegenheit. Die gnädigsten Ausputzer 3 summten ihm schon um den Kopf, und die geläufige 4 Rede des Mädchens hatte ihm den Entwurf des Protocolls 5 gänzlich zerrüttet. Das Übel wurde noch 6 größer, als sie bei wiederholten ordentlichen Fragen 7 sich nicht weiter einlassen wollte, sondern sich auf 8 das, was sie eben gesagt, standhaft berief.

9 Ich bin keine Verbrecherin, sagte sie. Man hat 10 mich auf Strohbündeln zur Schande hierher geführt; 11 es ist eine höhere Gerechtigkeit, die uns wieder zu 12 Ehren bringen soll.

13 Der Actuarius hatte indessen immer ihre Worte 14 nachgeschrieben, und flüsterte dem Amtmanne zu: er 15 solle nur weiter gehen; ein förmliches Protocoll würde 16 sich nachher schon verfassen lassen.

17 Der Alte nahm wieder Muth, und fing nun an, 18 nach den süßen Geheimnissen der Liebe mit dürren 19 Worten und in hergebrachten trockenen Formeln sich 20 zu erkundigen.

21 Wilhelmen stieg die Röthe in's Gesicht, und die 22 Wangen der artigen Verbrecherin belebten sich gleichfalls 23 durch die reizende Farbe der Schamhaftigkeit. 24 Sie schwieg und stockte, bis die Verlegenheit selbst zuletzt 25 ihren Muth zu erhöhen schien.

26 Sein Sie versichert, rief sie aus, daß ich stark genug 27 sein würde, die Wahrheit zu bekennen, wenn ich 28 auch gegen mich selbst sprechen müßte; sollte ich nun 

[Seite 74]

1 zaudern und stocken, da sie mir Ehre macht? Ja, 2 ich habe ihn von dem Augenblicke an, da ich seiner 3 Neigung und seiner Treue gewiß war, als meinen 4 Ehemann angesehen; ich habe ihm alles gerne gegönnt, 5 was die Liebe fordert, und was ein überzeugtes Herz 6 nicht versagen kann. Machen Sie nun mit mir, was 7 Sie wollen. Wenn ich einen Augenblick zu gestehen 8 zauderte, so war die Furcht, daß mein Bekenntniß 9 für meinen Geliebten schlimme Folgen haben könnte, 10 allein daran Ursache.

11 Wilhelm faßte, als er ihr Geständniß hörte, einen 12 hohen Begriff von den Gesinnungen des Mädchens, 13 indeß sie die Gerichtspersonen für eine freche Dirne 14 erkannten, und die gegenwärtigen Bürger Gott dankten, 15 daß dergleichen Fälle in ihren Familien entweder 16 nicht vorgekommen oder nicht bekannt geworden waren.

17 Wilhelm versetzte seine Mariane in diesem Augenblicke 18 vor den Richterstuhl, legte ihr noch schönere 19 Worte in den Mund, ließ ihre Aufrichtigkeit noch 20 herzlicher und ihr Bekenntniß noch edler werden. Die 21 heftigste Leidenschaft, beiden Liebenden zu helfen, bemächtigte 22 sich seiner. Er verbarg sie nicht, und bat 23 den zaudernden Amtmann heimlich, er möchte doch der 24 Sache ein Ende machen, es sei ja alles so klar als 25 möglich, und bedürfe keiner weitern Untersuchung.

26 Dieses half so viel, daß man das Mädchen abtreten, 27 dafür aber den jungen Menschen, nachdem man 28 ihm vor der Thüre die Fesseln abgenommen hatte, 

[Seite 75]

1 hereinkommen ließ. Dieser schien über sein Schicksal 2 mehr nachdenkend. Seine Antworten waren gesetzter, 3 und wenn er von einer Seite weniger heroische Freimüthigkeit 4 zeigte, so empfahl er sich hingegen durch 5 Bestimmtheit und Ordnung seiner Aussage.

6 Da auch dieses Verhör geendiget war, welches mit 7 dem vorigen in allem übereinstimmte, nur daß er, 8 um das Mädchen zu schonen, hartnäckig läugnete, 9 was sie selbst schon bekannt hatte, ließ man auch sie 10 endlich wieder vortreten, und es entstand zwischen 11 beiden eine Scene, welche ihnen das Herz unsers 12 Freundes gänzlich zu eigen machte.

13 Was nur in Romanen und Komödien vorzugehen 14 pflegt, sah er hier in einer unangenehmen Gerichtsstube 15 vor seinen Augen: den Streit wechselseitiger 16 Großmuth, die Stärke der Liebe im Unglück.

17 Ist es denn also wahr, sagte er bei sich selbst, daß 18 die schüchterne Zärtlichkeit, die vor dem Auge der 19 Sonne und der Menschen sich verbirgt, und nur in 20 abgesonderter Einsamkeit, in tiefem Geheimnisse zu 21 genießen wagt, wenn sie durch einen feindseligen 22 Zufall hervorgeschleppt wird, sich alsdann muthiger, 23 stärker, tapferer zeigt, als andere brausende und großthuende 24 Leidenschaften?

25 Zu seinem Troste schloß sich die ganze Handlung 26 noch ziemlich bald. Sie wurden beide in leidliche 27 Verwahrung genommen, und wenn es möglich gewesen 28 wäre, so hätte er noch diesen Abend das Frauenzimmer 

[Seite 76]

1 zu ihren Eltern hinüber gebracht. Denn er 2 setzte sich fest vor, hier ein Mittelsmann zu werden, 3 und die glückliche und anständige Verbindung beider 4 Liebenden zu befördern.

5 Er erbat sich von dem Amtmanne die Erlaubniß, 6 mit Melina allein zu reden, welche ihm denn auch 7 ohne Schwierigkeit verstattet wurde.



[Seite 77]



1 
Vierzehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Das Gespräch der beiden neuen Bekannten wurde 3 gar bald vertraut und lebhaft. Denn als Wilhelm 4 dem niedergeschlagnen Jüngling sein Verhältniß zu 5 den Eltern des Frauenzimmers entdeckte, sich zum 6 Mittler anbot, und selbst die besten Hoffnungen zeigte, 7 erheiterte sich das traurige und sorgenvolle Gemüth 8 des Gefangnen, er fühlte sich schon wieder befreit, 9 mit seinen Schwiegereltern versöhnt, und es war nun 10 von künftigem Erwerb und Unterkommen die Rede.

11 Darüber werden Sie doch nicht in Verlegenheit 12 sein, versetzte Wilhelm; denn Sie scheinen mir beiderseits 13 von der Natur bestimmt, in dem Stande, den 14 Sie gewählt haben, Ihr Glück zu machen. Eine 15 angenehme Gestalt, eine wohlklingende Stimme, ein 16 gefühlvolles Herz! Können Schauspieler besser ausgestattet 17 sein? Kann ich Ihnen mit einigen Empfehlungen 18 dienen, so wird es mir viel Freude machen.

19 Ich danke Ihnen von Herzen, versetzte der andere; 20 aber ich werde wohl schwerlich davon Gebrauch machen 21 können, denn ich denke, wo möglich, nicht auf das 22 Theater zurückzukehren.



[Seite 78]

1 Daran thun Sie sehr übel, sagte Wilhelm nach 2 einer Pause, in welcher er sich von seinem Erstaunen 3 erholt hatte, denn er dachte nicht anders, als daß 4 der Schauspieler, sobald er mit seiner jungen Gattin 5 befreit worden, das Theater aufsuchen werde. Es 6 schien ihm eben so natürlich und nothwendig, als 7 daß der Frosch das Wasser sucht. Nicht einen Augenblick 8 hatte er daran gezweifelt, und mußte nun zu 9 seinem Erstaunen das Gegentheil erfahren.

10 Ja, versetzte der andere, ich habe mir vorgenommen, 11 nicht wieder auf das Theater zurückzukehren, vielmehr 12 eine bürgerliche Bedienung, sie sei auch welche sie 13 wolle, anzunehmen, wenn ich nur eine erhalten kann.

14 Das ist ein sonderbarer Entschluß, den ich nicht 15 billigen kann; denn ohne besondere Ursache ist es niemals 16 rathsam, die Lebensart, die man ergriffen hat, 17 zu verändern, und überdieß wüßte ich keinen Stand, 18 der so viel Annehmlichkeiten, so viel reizende Aussichten 19 darböte, als den eines Schauspielers.

20 Man sieht, daß Sie keiner gewesen sind, versetzte 21 jener. --
22 Darauf sagte Wilhelm: Mein Herr, wie selten ist 23 der Mensch mit dem Zustande zufrieden, in dem er 24 sich befindet! Er wünscht sich immer den seines 25 Nächsten, aus welchem sich dieser gleichfalls 26 heraussehnt. --
27 Indeß bleibt doch ein Unterschied, versetzte Melina, 28 zwischen dem Schlimmen und dem Schlimmern; Erfahrung, 

[Seite 79]

1 nicht Ungeduld, macht mich so handeln. Ist 2 wohl irgend ein Stückchen Brot kümmerlicher, unsicherer 3 und mühseliger in der Welt? Beinahe wäre 4 es eben so gut, vor den Thüren zu betteln. Was 5 hat man von dem Neide seiner Mitgenossen, und der 6 Parteilichkeit des Directors, von der veränderlichen 7 Laune des Publicums auszustehen! Wahrhaftig, man 8 muß ein Fell haben wie ein Bär, der in Gesellschaft 9 von Affen und Hunden an der Kette herumgeführt 10 und geprügelt wird, um bei dem Tone eines Dudelsacks 11 vor Kindern und Pöbel zu tanzen.

12 Wilhelm dachte allerlei bei sich selbst, was er 13 jedoch dem guten Menschen nicht in's Gesicht sagen 14 wollte. Er ging also nur von ferne mit dem Gespräch 15 um ihn herum. Jener ließ sich desto aufrichtiger 16 und weitläufiger heraus. --- Thäte es nicht Noth, 17 sagte er, daß ein Director jedem Stadtrathe zu Füßen 18 fiele, um nur die Erlaubniß zu haben, vier Wochen 19 zwischen der Messe ein paar Groschen mehr an einem 20 Orte circuliren zu lassen. Ich habe den unsrigen, 21 der so weit ein guter Mann war, oft bedauert, wenn 22 er mir gleich zu anderer Zeit Ursache zu Mißvergnügen 23 gab. Ein guter Acteur steigert ihn, die schlechten 24 kann er nicht los werden; und wenn er seine Einnahme 25 einigermaßen der Ausgabe gleich setzen will, 26 so ist es dem Publicum gleich zu viel, das Haus 27 steht leer, und man muß, um nur nicht gar zu Grunde 28 zu gehen, mit Schaden und Kummer spielen. Nein, 

[Seite 80]

1 mein Herr! da Sie sich unsrer, wie Sie sagen, annehmen 2 mögen, so bitte ich Sie, sprechen Sie auf 3 das ernstlichste mit den Eltern meiner Geliebten! 4 Man versorge mich hier, man gebe mir einen kleinen 5 Schreiber- oder Einnehmer-Dienst, und ich will mich 6 glücklich schätzen.

7 Nachdem sie noch einige Worte gewechselt hatten, 8 schied Wilhelm mit dem Versprechen, morgen ganz 9 früh die Eltern anzugehen und zu sehen, was er ausrichten 10 könne. Kaum war er allein, so mußte er sich 11 in folgenden Ausrufungen Luft machen: Unglücklicher 12 Melina, nicht in deinem Stande, sondern in dir liegt 13 das Armselige, über das du nicht Herr werden kannst! 14 Welcher Mensch in der Welt, der ohne innern Beruf 15 ein Handwerk, eine Kunst oder irgend eine Lebensart 16 ergriffe, müßte nicht wie du seinen Zustand unerträglich 17 finden? Wer mit einem Talente zu einem 18 Talente geboren ist, findet in demselben sein schönstes 19 Dasein! Nichts ist auf der Erde ohne Beschwerlichkeit! 20 Nur der innere Trieb, die Lust, die Liebe helfen uns 21 Hindernisse überwinden, Wege bahnen, und uns aus 22 dem engen Kreise, worin sich andere kümmerlich abängstigen, 23 emporheben. Dir sind die Breter nichts 24 als Breter, und die Rollen, was einem Schulknaben 25 sein Pensum ist. Die Zuschauer siehst du an, wie 26 sie sich selbst an Werkeltagen vorkommen. Dir könnte 27 es also freilich einerlei sein, hinter einem Pult über 28 liniirten Büchern zu sitzen, Zinsen einzutragen und 

[Seite 81]

1 Reste herauszustochern. Du fühlst nicht das zusammenbrennende, 2 zusammentreffende Ganze, das allein durch 3 den Geist erfunden, begriffen und ausgeführt wird; 4 du fühlst nicht, daß in den Menschen ein besserer 5 Funke lebt, der, wenn er keine Nahrung erhält, wenn 6 er nicht geregt wird, von der Asche täglicher Bedürfnisse 7 und Gleichgültigkeit tiefer bedeckt, und doch so 8 spät und fast nie erstickt wird. Du fühlst in deiner 9 Seele keine Kraft ihn aufzublasen, in deinem eignen 10 Herzen keinen Reichthum, um dem erweckten Nahrung 11 zu geben. Der Hunger treibt dich, die Unbequemlichkeiten 12 sind dir zuwider, und es ist dir verborgen, daß 13 in jedem Stande diese Feinde lauern, die nur mit 14 Freudigkeit und Gleichmuth zu überwinden sind. Du 15 thust wohl, dich in jene Gränzen einer gemeinen 16 Stelle zu sehnen; denn welche würdest du wohl ausfüllen, 17 die Geist und Muth verlangt! Gib einem 18 Soldaten, einem Staatsmanne, einem Geistlichen deine 19 Gesinnungen, und mit eben so viel Recht wird er sich 20 über das Kümmerliche seines Standes beschweren 21 können. Ja, hat es nicht sogar Menschen gegeben, 22 die von allem Lebensgefühl so ganz verlassen waren, 23 daß sie das ganze Leben und Wesen der Sterblichen 24 für ein Nichts, für ein kummervolles und staubgleiches 25 Dasein erklärt haben? Regten sich lebendig in deiner 26 Seele die Gestalten wirkender Menschen, wärmte deine 27 Brust ein theilnehmendes Feuer, verbreitete sich über 28 deine ganze Gestalt die Stimmung, die aus dem Innersten 

[Seite 82]

1 kommt, wären die Töne deiner Kehle, die Worte 2 deiner Lippen lieblich anzuhören, fühltest du dich 3 genug in dir selbst, so würdest du dir gewiß Ort und 4 Gelegenheit aufsuchen, dich in andern fühlen zu 5 können.

6 Unter solchen Worten und Gedanken hatte sich 7 unser Freund ausgekleidet, und stieg mit einem Gefühle 8 des innigsten Behagens zu Bette. Ein ganzer Roman, 9 was er an der Stelle des Unwürdigen morgenden 10 Tages thun würde, entwickelte sich in seiner Seele, 11 angenehme Phantasien begleiteten ihn in das Reich 12 des Schlafes sanft hinüber, und überließen ihn dort 13 ihren Geschwistern, den Träumen, die ihn mit offenen 14 Armen aufnahmen, und das ruhende Haupt 15 unsers Freundes mit dem Vorbilde des Himmels 16 umgaben.

17 Am frühen Morgen war er schon wieder erwacht, 18 und dachte seiner vorstehenden Unterhandlung nach. 19 Er kehrte in das Haus der verlassenen Eltern zurück, 20 wo man ihn mit Verwunderung aufnahm. Er trug 21 sein Anbringen bescheiden vor, und fand gar bald 22 mehr und weniger Schwierigkeiten, als er vermuthet 23 hatte. Geschehen war es einmal, und wenn gleich 24 außerordentlich strenge und harte Leute sich gegen das 25 Vergangene und Nichtzuändernde mit Gewalt zu setzen, 26 und das Übel dadurch zu vermehren pflegen, so hat 27 dagegen das Geschehene auf die Gemüther der meisten 28 eine unwiderstehliche Gewalt, und was unmöglich 

[Seite 83]

1 schien, nimmt sogleich, als es geschehen ist, neben dem 2 Gemeinen seinen Platz ein. Es war also bald ausgemacht, 3 daß der Herr Melina die Tochter heirathen 4 sollte; dagegen sollte sie wegen ihrer Unart kein Heirathsgut 5 mitnehmen und versprechen, das Vermächtniß 6 einer Tante, noch einige Jahre, gegen geringe 7 Interessen, in des Vaters Händen zu lassen. Der 8 zweite Punct, wegen einer bürgerlichen Versorgung, 9 fand schon größere Schwierigkeiten. Man wollte das 10 ungerathene Kind nicht vor Augen sehen, man wollte 11 die Verbindung eines hergelaufenen Menschen mit 12 einer so angesehenen Familie, welche sogar mit einem 13 Superintendenten verwandt war, sich durch die Gegenwart 14 nicht beständig aufrücken lassen; man konnte 15 eben so wenig hoffen, daß die fürstlichen Collegien 16 ihm eine Stelle anvertrauen würden. Beide Eltern 17 waren gleich stark dagegen, und Wilhelm, der sehr 18 eifrig dafür sprach, weil er dem Menschen, den er 19 geringschätzte, die Rückkehr auf das Theater nicht 20 gönnte, und überzeugt war, daß er eines solchen 21 Glückes nicht werth sei, konnte mit allen seinen Argumenten 22 nichts ausrichten. Hätte er die geheimen 23 Triebfedern gekannt, so würde er sich die Mühe gar 24 nicht gegeben haben, die Eltern überreden zu wollen. 25 Denn der Vater, der seine Tochter gerne bei sich behalten 26 hätte, haßte den jungen Menschen, weil seine 27 Frau selbst ein Auge auf ihn geworfen hatte, und 28 diese konnte in ihrer Stieftochter eine glückliche Nebenbuhlerin 

[Seite 84]

1 nicht vor Augen leiden. Und so mußte 2 Melina wider seinen Willen mit seiner jungen Braut, 3 die schon größere Lust bezeigte, die Welt zu sehen und 4 sich der Welt sehen zu lassen, nach einigen Tagen 5 abreisen, um bei irgend einer Gesellschaft ein Unterkommen 6 zu finden.



[Seite 85]



1 
Funfzehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Glückliche Jugend! Glückliche Zeiten des ersten 3 Liebesbedürfnisses! Der Mensch ist dann wie ein Kind, 4 das sich am Echo stundenlang ergötzt, die Unkosten 5 des Gespräches allein trägt, und mit der Unterhaltung 6 wohl zufrieden ist, wenn der unsichtbare Gegenpart 7 auch nur die letzten Sylben der ausgerufenen Worte 8 wiederholt.

9 So war Wilhelm in den frühern, besonders aber 10 in den spätern Zeiten seiner Leidenschaft für Marianen, 11 als er den ganzen Reichthum seines Gefühls 12 auf sie hinüber trug, und sich dabei als einen Bettler 13 ansah, der von ihren Almosen lebte. Und wie uns 14 eine Gegend reizender, ja allein reizend vorkommt, 15 wenn sie von der Sonne beschienen wird, so war auch 16 alles in seinen Augen verschönert und verherrlicht, 17 was sie umgab, was sie berührte.

18 Wie oft stand er auf dem Theater hinter den 19 Wänden, wozu er sich das Privilegium von dem 20 Director erbeten hatte! Dann war freilich die perspectivische 21 Magie verschwunden, aber die viel mächtigere 

[Seite 86]

1 Zauberei der Liebe fing erst an zu wirken. Stundenlang 2 konnte er am schmutzigen Lichtwagen stehen, den 3 Qualm der Unschlitt-Lampen einziehen, nach der Geliebten 4 hinausblicken, und, wenn sie wieder hereintrat 5 und ihn freundlich ansah, sich in Wonne verloren 6 dicht an dem Balken- und Latten-Gerippe in einen 7 paradiesischen Zustand versetzt fühlen. Die ausgestopften 8 Lämmchen, die Wasserfälle von Zindel, die 9 pappenen Rosenstöcke und die einseitigen Strohhütten 10 erregten in ihm liebliche dichterische Bilder uralter 11 Schäferwelt. Sogar die in der Nähe häßlich erscheinenden 12 Tänzerinnen waren ihm nicht immer 13 zuwider, weil sie auf Einem Brete mit seiner Vielgeliebten 14 standen. Und so ist es gewiß, daß Liebe, 15 welche Rosenlauben, Myrtenwäldchen und Mondschein 16 erst beleben muß, auch sogar Hobelspänen und Papierschnitzeln 17 einen Anschein belebter Naturen geben kann. 18 Sie ist eine so starke Würze, daß selbst schale und 19 ekle Brühen davon schmackhaft werden.

20 Solch einer Würze bedurft' es freilich, um jenen 21 Zustand leidlich, ja in der Folge angenehm zu machen, 22 in welchem er gewöhnlich ihre Stube, ja gelegentlich 23 sie selbst antraf.

24 In einem feinen Bürgerhause erzogen, war Ordnung 25 und Reinlichkeit das Element, worin er athmete, 26 und indem er von seines Vaters Prunkliebe einen 27 Theil geerbt hatte, wußte er in den Knabenjahren 28 sein Zimmer, das er als sein kleines Reich ansah, 

[Seite 87]

1 stattlich auszustaffiren. Seine Bettvorhänge waren 2 in große Falten aufgezogen und mit Quasten befestigt, 3 wie man Thronen vorzustellen pflegt; er hatte sich 4 einen Teppich in die Mitte des Zimmers, und einen 5 feinern auf den Tisch anzuschaffen gewußt; seine Bücher 6 und Geräthschaften legte und stellte er fast mechanisch 7 so, daß ein niederländischer Mahler gute Gruppen zu 8 seinen Still-Leben hätte herausnehmen können. Eine 9 weiße Mütze hatte er wie einen Turban zurecht gebunden, 10 und die Ärmel seines Schlafrocks nach orientalischem 11 Costüme kurz stutzen lassen. Doch gab er 12 hiervon die Ursache an, daß die langen weiten Ärmel 13 ihn im Schreiben hinderten. Wenn er Abends ganz 14 allein war, und nicht mehr fürchten durfte gestört zu 15 werden, trug er gewöhnlich eine seidene Schärpe um 16 den Leib, und er soll manchmal einen Dolch, den er 17 sich aus einer alten Rüstkammer zugeeignet, in den 18 Gürtel gesteckt, und so die ihm zugetheilten tragischen 19 Rollen memorirt und probirt, ja in eben dem Sinne 20 sein Gebet knieend auf dem Teppich verrichtet haben.

21 Wie glücklich pries er daher in früheren Zeiten den 22 Schauspieler, den er im Besitz so mancher majestätischen 23 Kleider, Rüstungen und Waffen, und in steter 24 Übung eines edlen Betragens sah, dessen Geist einen 25 Spiegel des Herrlichsten und Prächtigsten, was die 26 Welt an Verhältnissen, Gesinnungen und Leidenschaften 27 hervorgebracht, darzustellen schien. Eben so dachte sich 28 Wilhelm auch das häusliche Leben eines Schauspielers 

[Seite 88]

1 als eine Reihe von würdigen Handlungen und Beschäftigungen, 2 davon die Erscheinung auf dem Theater 3 die äußerste Spitze sei, etwa wie ein Silber, das vom 4 Läuter-Feuer lange herum getrieben worden, endlich 5 farbig-schön vor den Augen des Arbeiters erscheint, 6 und ihm zugleich andeutet, daß das Metall nunmehr 7 von allen fremden Zusätzen gereiniget sei.

8 Wie sehr stutzte er daher anfangs, wenn er sich 9 bei seiner Geliebten befand, und durch den glücklichen 10 Nebel, der ihn umgab, neben aus auf Tische, Stühle 11 und Boden sah. Die Trümmer eines augenblicklichen, 12 leichten und falschen Putzes lagen, wie das glänzende 13 Kleid eines abgeschuppten Fisches, zerstreut in wilder 14 Unordnung durch einander. Die Werkzeuge menschlicher 15 Reinlichkeit, als Kämme, Seife, Tücher waren 16 mit den Spuren ihrer Bestimmung gleichfalls nicht 17 versteckt. Musik, Rollen und Schuhe, Wäsche und 18 italiänische Blumen, Etuis, Haarnadeln, Schminktöpfchen 19 und Bänder, Bücher und Strohhüte, keines 20 verschmähte die Nachbarschaft des andern, alle waren 21 durch ein gemeinschaftliches Element, durch Puder und 22 Staub, vereinigt. Jedoch da Wilhelm in ihrer Gegenwart 23 wenig von allem andern bemerkte, ja vielmehr 24 ihm alles, was ihr gehörte, sie berührt hatte, lieb 25 werden mußte, so fand er zuletzt in dieser verworrenen 26 Wirthschaft einen Reiz, den er in seiner stattlichen 27 Prunkordnung niemals empfunden hatte. Es war 28 ihm --- wenn er hier ihre Schnürbrust wegnahm, um 

[Seite 89]

1 zum Clavier zu kommen, dort ihre Röcke auf's Bette 2 legte, um sich setzen zu können, wenn sie selbst mit 3 unbefangener Freimüthigkeit manches Natürliche, das 4 man sonst gegen einen andern aus Anstand zu verheimlichen 5 pflegt, vor ihm nicht zu verbergen suchte --- 6 es war ihm, sag' ich, als wenn er ihr mit jedem 7 Augenblicke näher würde, als wenn eine Gemeinschaft 8 zwischen ihnen durch unsichtbare Bande befestigt würde.

9 Nicht eben so leicht konnte er die Aufführung der 10 übrigen Schauspieler, die er bei seinen ersten Besuchen 11 manchmal bei ihr antraf, mit seinen Begriffen vereinigen. 12 Geschäftig im Müßiggange schienen sie an 13 ihren Beruf und Zweck am wenigsten zu denken; über 14 den poetischen Werth eines Stückes hörte er sie niemals 15 reden, und weder richtig noch unrichtig darüber urtheilen; 16 es war immer nur die Frage: Was wird das 17 Stück machen? Ist es ein Zugstück? Wie lange wird 18 es spielen? Wie oft kann es wohl gegeben werden? 19 und was Fragen und Bemerkungen dieser Art mehr 20 waren. Dann ging es gewöhnlich auf den Director 21 los, daß er mit der Gage zu karg, und besonders 22 gegen den einen und den andern ungerecht sei, dann 23 auf das Publicum, daß es mit seinem Beifall selten 24 den rechten Mann belohne, daß das deutsche Theater 25 sich täglich verbessere, daß der Schauspieler nach seinen 26 Verdiensten immer mehr geehrt werde, und nicht genug 27 geehrt werden könne. Dann sprach man viel von 28 Kaffeehäusern und Weingärten, und was daselbst vorgefallen, 

[Seite 90]

1 wie viel irgend ein Kamerad Schulden habe 2 und Abzug leiden müsse, von Disproportion der 3 wöchentlichen Gage, von Cabalen einer Gegenpartei; 4 wobei denn doch zuletzt die große und verdiente Aufmerksamkeit 5 des Publicums wieder in Betracht kam, 6 und der Einfluß des Theaters auf die Bildung einer 7 Nation und der Welt nicht vergessen wurde.

8 Alle diese Dinge, die Wilhelmen sonst schon manche 9 unruhige Stunde gemacht hatten, kamen ihm gegenwärtig 10 wieder in's Gedächtniß, als ihn sein Pferd 11 langsam nach Hause trug, und er die verschiedenen 12 Vorfälle, die ihm begegnet waren, überlegte. Die 13 Bewegung, welche durch die Flucht eines Mädchens 14 in eine gute Bürgerfamilie, ja in ein ganzes Städtchen 15 gekommen war, hatte er mit Augen gesehen; die 16 Scenen auf der Landstraße und im Amthause, die 17 Gesinnungen Melina's, und was sonst noch vorgegangen 18 war, stellten sich ihm wieder dar, und brachten 19 seinen lebhaften vordringenden Geist in eine Art von 20 sorglicher Unruhe, die er nicht lange ertrug, sondern 21 seinem Pferde die Sporen gab und nach der Stadt 22 zueilte.

23 Allein auch auf diesem Wege rannte er nur neuen 24 Unannehmlichkeiten entgegen. Werner, sein Freund 25 und vermuthlicher Schwager, wartete auf ihn, um 26 ein ernsthaftes, bedeutendes und unerwartetes Gespräch 27 mit ihm anzufangen.

28 Werner war einer von der geprüften, in ihrem 

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1 Dasein bestimmten Leuten, die man gewöhnlich kalte 2 Leute zu nennen pflegt, weil sie bei Anlässen weder 3 schnell noch sichtlich auflodern; auch war sein Umgang 4 mit Wilhelmen ein anhaltender Zwist, wodurch sich 5 ihre Liebe aber nur desto fester knüpfte: denn ungeachtet 6 ihrer verschiedenen Denkungsart fand jeder seine 7 Rechnung bei dem andern. Werner that sich darauf 8 etwas zu gute, daß er dem vortrefflichen, obgleich gelegentlich 9 ausschweifenden Geist Wilhelms mitunter 10 Zügel und Gebiß anzulegen schien, und Wilhelm 11 fühlte oft einen herrlichen Triumph, wenn er seinen 12 bedächtlichen Freund in warmer Aufwallung mit sich 13 fortnahm. So übte sich einer an dem andern, sie 14 wurden gewohnt sich täglich zu sehen, und man hätte 15 sagen sollen, das Verlangen einander zu finden, sich 16 mit einander zu besprechen, sei durch die Unmöglichkeit, 17 einander verständlich zu werden, vermehrt worden. 18 Im Grunde aber gingen sie doch, weil sie beide gute 19 Menschen waren, neben einander, mit einander nach 20 Einem Ziel, und konnten niemals begreifen, warum 21 denn keiner den andern auf seine Gesinnung reduciren 22 könne.

23 Werner bemerkte seit einiger Zeit, daß Wilhelms 24 Besuche seltner wurden, daß er in Lieblingsmaterien 25 kurz und zerstreut abbrach, daß er sich nicht mehr in 26 lebhafte Ausbildung seltsamer Vorstellungen vertiefte, 27 an welcher sich freilich ein freies, in der Gegenwart 28 des Freundes Ruhe und Zufriedenheit findendes Gemüth 

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1 am sichersten erkennen läßt. Der pünctliche und bedächtige 2 Werner suchte anfangs den Fehler in seinem 3 eignen Betragen, bis ihn einige Stadtgespräche auf 4 die rechte Spur brachten, und einige Unvorsichtigkeiten 5 Wilhelms ihn der Gewißheit näher führten. Er ließ 6 sich auf eine Untersuchung ein, und entdeckte gar bald, 7 daß Wilhelm vor einiger Zeit eine Schauspielerin 8 öffentlich besucht, mit ihr auf dem Theater gesprochen 9 und sie nach Hause gebracht habe; er wäre trostlos 10 gewesen, wenn ihm auch die nächtlichen Zusammenkünfte 11 bekannt geworden wären; denn er hörte, daß 12 Mariane ein verführerisches Mädchen sei, die seinen 13 Freund wahrscheinlich um's Geld bringe, und sich 14 noch nebenher von dem unwürdigsten Liebhaber unterhalten 15 lasse.

16 Sobald er seinen Verdacht so viel möglich zur 17 Gewißheit erhoben, beschloß er einen Angriff auf 18 Wilhelmen, und war mit allen Anstalten völlig in 19 Bereitschaft, als dieser eben verdrießlich und verstimmt 20 von seiner Reise zurückkam.

21 Werner trug ihm noch denselbigen Abend alles, 22 was er wußte, erst gelassen, dann mit dem dringenden 23 Ernste einer wohldenkenden Freundschaft vor, ließ 24 keinen Zug unbestimmt, und gab seinem Freunde alle 25 die Bitterkeiten zu kosten, die ruhige Menschen an 26 Liebende mit tugendhafter Schadenfreude so freigebig 27 auszuspenden pflegen. Aber wie man sich denken kann, 28 richtete er wenig aus. Wilhelm versetzte mit inniger 

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1 Bewegung, doch mit großer Sicherheit: Du kennst das 2 Mädchen nicht! Der Schein ist vielleicht nicht zu 3 ihrem Vortheil, aber ich bin ihrer Treue und Tugend 4 so gewiß, als meiner Liebe.

5 Werner beharrte auf seiner Anklage, und erbot 6 sich zu Beweisen und Zeugen. Wilhelm verwarf sie, 7 und entfernte sich von seinem Freunde verdrießlich und 8 erschüttert, wie einer, dem ein ungeschickter Zahnarzt 9 einen schadhaften festsitzenden Zahn gefaßt und vergebens 10 daran geruckt hat.

11 Höchst unbehaglich fand sich Wilhelm, das schöne 12 Bild Marianens erst durch die Grillen der Reise, 13 dann durch Werners Unfreundlichkeit in seiner Seele 14 getrübt und beinahe entstellt zu sehen. Er griff zum 15 sichersten Mittel, ihm die völlige Klarheit und Schönheit 16 wieder herzustellen, indem er Nachts auf den gewöhnlichen 17 Wegen zu ihr hineilte. Sie empfing ihn 18 mit lebhafter Freude; denn er war bei seiner Ankunft 19 vorbei geritten, sie hatte ihn diese Nacht erwartet, 20 und es läßt sich denken, daß alle Zweifel bald aus 21 seinem Herzen vertrieben wurden. Ja, ihre Zärtlichkeit 22 schloß sein ganzes Vertrauen wieder auf, und er 23 erzählte ihr, wie sehr sich das Publicum, wie sehr sich 24 sein Freund an ihr versündiget.

25 Mancherlei lebhafte Gespräche führten sie auf die 26 ersten Zeiten ihrer Bekanntschaft, deren Erinnerung 27 eine der schönsten Unterhaltungen zweier Liebenden 28 bleibt. Die ersten Schritte, die uns in den Irrgarten 

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1 der Liebe bringen, sind so angenehm, die ersten Aussichten 2 so reizend, daß man sie gar zu gern in 3 sein Gedächtniß zurück ruft. Jeder Theil sucht einen 4 Vorzug vor dem andern zu behalten, er habe früher, 5 uneigennütziger geliebt, und jedes wünscht in diesem 6, 7 Wettstreite lieber überwunden zu werden, als zu überwinden.

8 Wilhelm wiederholte Marianen, was sie schon so 9 oft gehört hatte, daß sie bald seine Aufmerksamkeit 10 von dem Schauspiel ab und auf sich allein gezogen 11 habe, daß ihre Gestalt, ihr Spiel, ihre Stimme ihn 12 gefesselt; wie er zuletzt nur die Stücke, in denen sie 13 gespielt, besucht habe, wie er endlich auf's Theater 14 geschlichen sei, oft, ohne von ihr bemerkt zu werden, 15 neben ihr gestanden habe; dann sprach er mit Entzücken 16 von dem glücklichen Abende, an dem er eine 17 Gelegenheit gefunden, ihr eine Gefälligkeit zu erzeigen, 18 und ein Gespräch einzuleiten.

19 Mariane dagegen wollte nicht Wort haben, daß 20 sie ihn so lange nicht bemerkt hätte; sie behauptete, 21 ihn schon auf dem Spaziergange gesehen zu haben, 22 und bezeichnete ihm zum Beweis das Kleid, das er 23 am selbigen Tage angehabt; sie behauptete, daß er ihr 24 damals vor allen andern gefallen, und daß sie seine 25 Bekanntschaft gewünscht habe.

26 Wie gern glaubte Wilhelm das alles! wie gern 27 ließ er sich überreden, daß sie zu ihm, als er sich ihr 28 genähert, durch einen unwiderstehlichen Zug hingeführt 

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1 worden, daß sie absichtlich zwischen die Coulissen neben 2 ihn getreten sei, um ihn näher zu sehen und Bekanntschaft 3 mit ihm zu machen, und daß sie zuletzt, da 4 seine Zurückhaltung und Blödigkeit nicht zu überwinden 5 gewesen, ihm selbst Gelegenheit gegeben, und 6 ihn gleichsam genöthigt habe, ein Glas Limonade 7 herbeizuholen.

8 Unter diesem liebevollen Wettstreit, den sie durch 9 alle kleinen Umstände ihres kurzen Romans verfolgten, 10 vergingen ihnen die Stunden sehr schnell, und Wilhelm 11 verließ völlig beruhigt seine Geliebte, mit dem 12 festen Vorsatze, sein Vorhaben unverzüglich in's Werk 13 zu richten.



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1 
Sechzehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Was zu seiner Abreise nöthig war, hatten Vater 3 und Mutter besorgt; nur einige Kleinigkeiten, die an 4 der Equipage fehlten, verzögerten seinen Aufbruch um 5 einige Tage. Wilhelm benutzte diese Zeit, um an 6 Marianen einen Brief zu schreiben, wodurch er die 7 Angelegenheit endlich zur Sprache bringen wollte, über 8 welche sie sich mit ihm zu unterhalten bisher immer 9 vermieden hatte. Folgendermaßen lautete der Brief:

10 "Unter der lieben Hülle der Nacht, die mich sonst 11 in deinen Armen bedeckte, sitze ich und denke und 12 schreibe an dich, und was ich sinne und treibe, ist nur 13 um deinetwillen. O Mariane! mir, dem glücklichsten 14 unter den Männern, ist es wie einem Bräutigam, 15 der ahnungsvoll, welch eine neue Welt sich in ihm 16 und durch ihn entwickeln wird, auf den festlichen 17 Teppichen steht, und, während der heiligen Ceremonien, 18 sich gedankenvoll lüstern vor die geheimnißreichen Vorhänge 19 versetzt, woher ihm die Lieblichkeit der Liebe 20 entgegen säuselt.



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1 Ich habe über mich gewonnen, dich in einigen 2 Tagen nicht zu sehen; es war leicht, in Hoffnung 3 einer solchen Entschädigung, ewig mit dir zu sein, 4 ganz der deinige zu bleiben! Soll ich wiederholen 5 was ich wünsche? und doch ist es nöthig; denn es 6 scheint, als habest du mich bisher nicht verstanden.

7 Wie oft habe ich mit leisen Tönen der Treue, die, 8 weil sie alles zu halten wünscht, wenig zu sagen 9 wagt, an deinem Herzen geforscht nach dem Verlangen 10 einer ewigen Verbindung. Verstanden hast du mich 11 gewiß: denn in deinem Herzen muß eben der Wunsch 12 keimen; vernommen hast du mich in jedem Kusse, in 13 der anschmiegenden Ruhe jener glücklichen Abende. 14 Da lernt' ich deine Bescheidenheit kennen, und wie vermehrte 15 sich meine Liebe! Wo eine andere sich künstlich 16 betragen hätte, um durch überflüssigen Sonnenschein 17 einen Entschluß in dem Herzen ihres Liebhabers zur 18 Reife zu bringen, eine Erklärung hervor zu locken, 19 und ein Versprechen zu befestigen, eben da ziehst du 20 dich zurück, schließest die halbgeöffnete Brust deines 21 Geliebten wieder zu, und suchst durch eine anscheinende 22 Gleichgültigkeit deine Beistimmung zu verbergen; 23 aber ich verstehe dich! Welch ein Elender müßte ich 24 sein, wenn ich an diesen Zeichen die reine, uneigennützige, 25 nur für den Freund besorgte Liebe nicht erkennen 26 wollte! Vertraue mir und sei ruhig! Wir 27 gehören einander an, und keins von beiden verläßt 28 oder verliert etwas, wenn wir für einander leben.



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1 Nimm sie hin, diese Hand! feierlich noch dieß 2 überflüssige Zeichen! Alle Freuden der Liebe haben 3 wir empfunden, aber es sind neue Seligkeiten in dem 4 bestätigten Gedanken der Dauer. Frage nicht, wie? 5 Sorge nicht! Das Schicksal sorgt für die Liebe, und 6 um so gewisser, da Liebe genügsam ist.

7 Mein Herz hat schon lange meiner Eltern Haus 8 verlassen; es ist bei dir, wie mein Geist auf der Bühne 9 schwebt. O meine Geliebte! Ist wohl einem Menschen 10 so gewährt, seine Wünsche zu verbinden, wie mir? 11 Kein Schlaf kömmt in meine Augen, und wie eine 12 ewige Morgenröthe steigt deine Liebe und dein Glück 13 vor mir auf und ab.

14 Kaum daß ich mich halte, nicht auffahre, zu dir 15 hinrenne und mir deine Einwilligung erzwinge, und 16 gleich morgen frühe weiter in die Welt nach meinem 17 Ziele hinstrebe. --- Nein, ich will mich bezwingen! 18 ich will nicht unbesonnen thörichte verwegene Schritte 19 thun; mein Plan ist entworfen, und ich will ihn 20 ruhig ausführen.

21 Ich bin mit Director Serlo bekannt, meine Reise 22 geht gerade zu ihm, er hat vor einem Jahre oft seinen 23 Leuten etwas von meiner Lebhaftigkeit und Freude 24 am Theater gewünscht, und ich werde ihm gewiß willkommen 25 sein; denn bei eurer Truppe möchte ich aus 26 mehr als einer Ursache nicht eintreten; auch spielt 27 Serlo so weit von hier, daß ich anfangs meinen 28 Schritt verbergen kann. Einen leidlichen Unterhalt 

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1 finde ich da gleich; ich sehe mich in dem Publico 2 um, lerne die Gesellschaft kennen, und hole dich nach.

3 Mariane, du siehst, was ich über mich gewinnen 4 kann, um dich gewiß zu haben; denn dich so lange 5 nicht zu sehen, dich in der weiten Welt zu wissen! 6 recht lebhaft darf ich mir's nicht denken. Wenn ich 7 mir dann aber wieder deine Liebe vorstelle, die mich 8 vor allem sichert, wenn du meine Bitte nicht verschmähst, 9 ehe wir scheiden, und du mir deine Hand 10 vor dem Priester reichst, so werde ich ruhig gehen. 11 Es ist nur eine Formel unter uns, aber eine so schöne 12 Formel, der Segen des Himmels zu dem Segen der 13 Erde. In der Nachbarschaft, im Ritterschaftlichen, 14 geht es leicht und heimlich an.

15 Für den Anfang habe ich Geld genug; wir wollen 16 theilen, es wird für uns beide hinreichen; ehe das 17 verzehrt ist, wird der Himmel weiter helfen.

18 Ja, Liebste, es ist mir gar nicht bange. Was mit 19 so viel Fröhlichkeit begonnen wird, muß ein glückliches 20 Ende erreichen. Ich habe nie gezweifelt, daß man 21 sein Fortkommen in der Welt finden könne, wenn 22 es einem Ernst ist, und ich fühle Muth genug für 23 zwei, ja für mehrere einen reichlichen Unterhalt zu 24 gewinnen. Die Welt ist undankbar, sagen viele; ich 25 habe noch nicht gefunden, daß sie undankbar sei, wenn 26 man auf die rechte Art etwas für sie zu thun weiß. 27 Mir glüht die ganze Seele bei dem Gedanken, endlich 28 einmal aufzutreten und den Menschen in das Herz 

[Seite 100]

1 hinein zu reden, was sie sich so lange zu hören sehnen. 2 Wie tausendmal ist es freilich mir, der ich von der 3 Herrlichkeit des Theaters so eingenommen bin, bang 4 durch die Seele gegangen, wenn ich die Elendesten 5 gesehen habe sich einbilden, sie könnten uns ein großes 6 treffliches Wort an's Herz reden! Ein Ton, der durch 7 die Fistel gezwungen wird, klingt viel besser und 8 reiner; es ist unerhört, wie sich diese Bursche in ihrer 9 groben Ungeschicklichkeit versündigen.

10 Das Theater hat oft einen Streit mit der Kanzel 11 gehabt; sie sollten, dünkt mich, nicht mit einander 12 hadern. Wie sehr wäre zu wünschen, daß an beiden 13 Orten nur durch edle Menschen Gott und Natur 14 verherrlicht würden! Es sind keine Träume, meine 15 Liebste! Wie ich an deinem Herzen habe fühlen können, 16 daß du in Liebe bist; so ergreife ich auch den glänzenden 17 Gedanken und sage --- ich will's nicht aussagen, 18 aber hoffen will ich, daß wir einst als ein Paar gute 19 Geister den Menschen erscheinen werden, ihre Herzen 20 aufzuschließen, ihre Gemüther zu berühren, und ihnen 21 himmlische Genüsse zu bereiten, so gewiß mir an 22 deinem Busen Freuden gewährt waren, die immer 23 himmlisch genennt werden müssen, weil wir uns in 24 jenen Augenblicken aus uns selbst gerückt, über uns 25 selbst erhaben fühlen.

26 Ich kann nicht schließen; ich habe schon zu viel 27 gesagt, und weiß nicht, ob ich dir schon alles gesagt 28 habe, alles, was dich angeht: denn die Bewegung 

[Seite 101]

1 des Rades, das sich in meinem Herzen dreht, sind 2 keine Worte vermögend auszudrücken.

3 Nimm dieses Blatt indeß, meine Liebe! ich habe 4 es wieder durchgelesen und finde, daß ich von vorne 5 anfangen sollte; doch enthält es alles, was du zu 6 wissen nöthig hast, was dir Vorbereitung ist, wenn 7 ich bald mit Fröhlichkeit der süßen Liebe an deinen 8 Busen zurückkehre. Ich komme mir vor wie ein Gefangener, 9 der in einem Kerker lauschend seine Fesseln 10 abfeilt. Ich sage gute Nacht meinen sorglos schlafenden 11 Eltern! --- Lebe wohl, Geliebte! Lebe wohl! 12 Für dießmal schließ' ich; die Augen sind mir zweidreimal 13 zugefallen; es ist schon tief in der Nacht."



[Seite 102]



1 
Siebzehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Der Tag wollte nicht endigen, als Wilhelm, 3 seinen Brief schön gefaltet in der Tasche, sich zu 4 Marianen hinsehnte; auch war es kaum düster geworden, 5 als er sich wider seine Gewohnheit nach ihrer 6 Wohnung hinschlich. Sein Plan war: sich auf die 7 Nacht anzumelden, seine Geliebte auf kurze Zeit wieder 8 zu verlassen, ihr, eh' er wegginge, den Brief in die 9 Hand zu drücken, und bei seiner Rückkehr in tiefer 10 Nacht ihre Antwort, ihre Einwilligung zu erhalten, 11 oder durch die Macht seiner Liebkosungen zu erzwingen. 12 Er flog in ihre Arme und konnte sich an ihrem Busen 13 kaum wieder fassen. Die Lebhaftigkeit seiner Empfindungen 14 verbarg ihm anfangs, daß sie nicht wie 15 sonst mit Herzlichkeit antwortete; doch konnte sie einen 16 ängstlichen Zustand nicht lange verbergen; sie schützte 17 eine Krankheit, eine Unpäßlichkeit vor; sie beklagte 18 sich über Kopfweh, sie wollte sich auf den Vorschlag, 19 daß er heute Nacht wieder kommen wolle, nicht einlassen. 20 Er ahnte nichts Böses, drang nicht weiter in 21 sie; fühlte aber, daß es nicht die Stunde sei, ihr seinen 22 Brief zu übergeben. Er behielt ihn bei sich, und da 

[Seite 103]

1 verschiedene ihrer Bewegungen und Reden ihn auf 2 eine höfliche Weise wegzugehen nöthigten, ergriff er 3 im Taumel seiner ungenügsamen Liebe eines ihrer 4 Halstücher, steckte es in die Tasche, und verließ wider 5 Willen ihre Lippen und ihre Thüre. Er schlich nach 6 Hause, konnte aber auch da nicht lange bleiben, kleidete 7 sich um, und suchte wieder die freie Luft.

8 Als er einige Straßen auf- und abgegangen war, 9 begegnete ihm ein Unbekannter, der nach einem gewissen 10 Gasthofe fragte: Wilhelm erbot sich, ihm das 11 Haus zu zeigen; der Fremde erkundigte sich nach dem 12 Namen der Straße, nach den Besitzern verschiedener 13 großen Gebäude, vor denen sie vorbei gingen, sodann 14 nach einigen Polizeieinrichtungen der Stadt, und sie 15 waren in einem ganz interessanten Gespräche begriffen, 16 als sie am Thore des Wirthshauses ankamen. Der 17 Fremde nöthigte seinen Führer hinein zu treten, und 18 ein Glas Punsch mit ihm zu trinken; zugleich gab 19 er seinen Namen an und seinen Geburtsort, auch 20 die Geschäfte, die ihn hierher gebracht hätten, und 21 ersuchte Wilhelmen um ein gleiches Vertrauen. Dieser 22 verschwieg eben so wenig seinen Namen, als seine 23 Wohnung.

24 Sind Sie nicht ein Enkel des alten Meisters, der 25 die schöne Kunstsammlung besaß? fragte der Fremde.

26 Ja, ich bin's. Ich war zehn Jahre, als der 27 Großvater starb, und es schmerzte mich lebhaft, diese 28 schönen Sachen verkaufen zu sehen.



[Seite 104]

1 Ihr Vater hat eine große Summe Geldes dafür 2 erhalten.

3 Sie wissen also davon?

4 O ja, ich habe diesen Schatz noch in Ihrem Hause 5 gesehen. Ihr Großvater war nicht bloß ein Sammler, 6 er verstand sich auf die Kunst, er war in einer 7 frühern glücklichen Zeit in Italien gewesen, und hatte 8 Schätze von dort mit zurück gebracht, welche jetzt um 9 keinen Preis mehr zu haben wären. Er besaß treffliche 10 Gemählde von den besten Meistern; man traute 11 kaum seinen Augen, wenn man seine Handzeichnungen 12 durchsah; unter seinen Marmorn waren einige unschätzbare 13 Fragmente; von Bronzen besaß er eine sehr 14 instructive Suite; so hatte er auch seine Münzen für 15 Kunst und Geschichte zweckmäßig gesammelt; seine 16 wenigen geschnittenen Steine verdienten alles Lob; 17 auch war das Ganze gut aufgestellt, wenn gleich die 18 Zimmer und Säle des alten Hauses nicht symmetrisch 19 gebaut waren.

20 Sie können denken, was wir Kinder verloren, als 21 alle die Sachen herunter genommen und eingepackt 22 wurden. Es waren die ersten traurigen Zeiten meines 23 Lebens. Ich weiß noch, wie leer uns die Zimmer 24 vorkamen, als wir die Gegenstände nach und nach 25 verschwinden sahen, die uns von Jugend auf unterhalten 26 hatten, und die wir eben so unveränderlich 27 hielten, als das Haus und die Stadt selbst.

28 Wenn ich nicht irre, so gab Ihr Vater das gelös'te 

[Seite 105]

1 Capital in die Handlung eines Nachbars, mit dem 2 er eine Art Gesellschaftshandel einging.

3 Ganz richtig! und ihre gesellschaftlichen Speculationen 4 sind ihnen wohl geglückt; sie haben in diesen 5 zwölf Jahren ihr Vermögen sehr vermehrt, und sind 6 beide nur desto heftiger auf den Erwerb gestellt; auch 7 hat der alte Werner einen Sohn, der sich viel besser 8 zu diesem Handwerke schickt, als ich.

9 Es thut mir leid, daß dieser Ort eine solche Zierde 10 verloren hat, als das Kabinett Ihres Großvaters war. 11 Ich sah es noch kurz vorher, ehe es verkauft wurde, 12 und ich darf wohl sagen, ich war Ursache, daß der 13 Kauf zu Stande kam. Ein reicher Edelmann, ein 14 großer Liebhaber, der aber bei so einem wichtigen 15 Handel sich nicht allein auf sein eigen Urtheil verließ, 16 hatte mich hierher geschickt und verlangte meinen Rath. 17 Sechs Tage besah ich das Kabinett, und am siebenten 18 rieth ich meinem Freunde, die ganze geforderte Summe 19 ohne Anstand zu bezahlen. Sie waren als ein munterer 20 Knabe oft um mich herum; Sie erklärten mir die 21 Gegenstände der Gemählde, und wußten überhaupt 22 das Kabinett recht gut auszulegen.

23 Ich erinnere mich einer solchen Person, aber in 24 Ihnen hätte ich sie nicht wieder erkannt.

25 Es ist auch schon eine geraume Zeit, und wir 26 verändern uns doch mehr oder weniger. Sie hatten, 27 wenn ich mich recht erinnere, ein Lieblingsbild darunter, 28 von dem Sie mich gar nicht weglassen wollten.



[Seite 106]

1 Ganz richtig! es stellte die Geschichte vor, wie 2 der kranke Königssohn sich über die Braut seines Vaters 3 in Liebe verzehrt.

4 Es war eben nicht das beste Gemählde, nicht gut 5 zusammengesetzt, von keiner sonderlichen Farbe, und 6 die Ausführung durchaus manierirt.

7 Das verstand ich nicht, und versteh' es noch nicht; 8 der Gegenstand ist es, der mich an einem Gemählde 9 reizt, nicht die Kunst.

10 Da schien Ihr Großvater anders zu denken; denn 11 der größte Theil seiner Sammlung bestand aus trefflichen 12 Sachen, in denen man immer das Verdienst 13 ihres Meisters bewunderte, sie mochten vorstellen was 14 sie wollten; auch hing dieses Bild in dem äußersten 15 Vorsaale, zum Zeichen, daß er es wenig schätzte.

16 Da war es eben, wo wir Kinder immer spielen 17 durften, und wo dieses Bild einen unauslöschlichen 18 Eindruck auf mich machte, den mir selbst Ihre Kritik, 19 die ich übrigens verehre, nicht auslöschen könnte, wenn 20 wir auch jetzt vor dem Bilde stünden. Wie jammerte 21 mich, wie jammert mich noch ein Jüngling, der die 22 süßen Triebe, das schönste Erbtheil, das uns die 23 Natur gab, in sich verschließen, und das Feuer, das 24 ihn und andere erwärmen und beleben sollte, in 25 seinem Busen verbergen muß, so daß sein Innerstes 26 unter ungeheuren Schmerzen verzehrt wird! Wie 27 bedaure ich die Unglückliche, die sich einem andern 28 widmen soll, wenn ihr Herz schon den würdigen 

[Seite 107]

1 Gegenstand eines wahren und reinen Verlangens gefunden 2 hat!

3 Diese Gefühle sind freilich sehr weit von jenen Betrachtungen 4 entfernt, unter denen ein Kunstliebhaber 5 die Werke großer Meister anzusehen pflegt; wahrscheinlich 6 würde Ihnen aber, wenn das Kabinett ein 7 Eigenthum Ihres Hauses geblieben wäre, nach und 8 nach der Sinn für die Werke selbst aufgegangen sein, 9 so daß Sie nicht immer nur sich selbst und Ihre 10 Neigung in den Kunstwerken gesehen hätten.

11 Gewiß that mir der Verkauf des Kabinetts gleich 12 sehr leid, und ich habe es auch in reifern Jahren 13 öfters vermißt; wenn ich aber bedenke, daß es gleichsam 14 so sein mußte, um eine Liebhaberei, um ein Talent 15 in mir zu entwickeln, die weit mehr auf mein Leben 16 wirken sollten, als jene leblosen Bilder je gethan 17 hätten; so bescheide ich mich dann gern, und verehre 18 das Schicksal, das mein Bestes und eines jeden Bestes 19 einzuleiten weiß.

20 Leider höre ich schon wieder das Wort Schicksal 21 von einem jungen Manne aussprechen, der sich eben 22 in einem Alter befindet, wo man gewöhnlich seinen 23 lebhaften Neigungen den Willen höherer Wesen unterzuschieben 24 pflegt.

25 So glauben Sie kein Schicksal? Keine Macht, 26 die über uns waltet, und alles zu unserm Besten 27 lenkt?

28 Es ist hier die Rede nicht von meinem Glauben, 

[Seite 108]

1 noch der Ort, auszulegen, wie ich mir Dinge, die 2 uns allen unbegreiflich sind, einigermaßen denkbar 3 zu machen suche; hier ist nur die Frage, welche Vorstellungsart 4 zu unserm Besten gereicht. Das Gewebe 5 dieser Welt ist aus Nothwendigkeit und Zufall gebildet; 6 die Vernunft des Menschen stellt sich zwischen 7 beide, und weiß sie zu beherrschen; sie behandelt das 8 Nothwendige als den Grund ihres Daseins; das Zufällige 9 weiß sie zu lenken, zu leiten und zu nutzen, 10 und nur, indem sie fest und unerschütterlich steht, 11 verdient der Mensch ein Gott der Erde genannt zu 12 werden. Wehe dem, der sich von Jugend auf gewöhnt, 13 in dem Nothwendigen etwas Willkürliches finden zu 14 wollen, der dem Zufälligen eine Art von Vernunft 15 zuschreiben möchte, welcher zu folgen sogar eine Religion 16 sei. Heißt das etwas weiter, als seinem eignen 17 Verstande entsagen, und seinen Neigungen unbedingten 18 Raum geben? Wir bilden uns ein, fromm zu sein, 19 indem wir ohne Überlegung hinschlendern, uns durch 20 angenehme Zufälle determiniren lassen, und endlich 21 dem Resultate eines solchen schwankenden Lebens den 22 Namen einer göttlichen Führung geben.

23 Waren Sie niemals in dem Falle, daß ein kleiner 24 Umstand Sie veranlaßte, einen gewissen Weg einzuschlagen, 25 auf welchem bald eine gefällige Gelegenheit 26 Ihnen entgegen kam, und eine Reihe von unerwarteten 27 Vorfällen Sie endlich an's Ziel brachte, das Sie 28 selbst noch kaum in's Auge gefaßt hatten? Sollte 

[Seite 109]

1 das nicht Ergebenheit in das Schicksal, Zutrauen zu 2 einer solchen Leitung einflößen? --
3 Mit diesen Gesinnungen könnte kein Mädchen 4 ihre Tugend, niemand sein Geld im Beutel behalten; 5 denn es gibt Anlässe genug, beides los zu werden. 6 Ich kann mich nur über den Menschen freuen, der 7 weiß, was ihm und andern nütze ist, und seine Willkür 8 zu beschränken arbeitet. Jeder hat sein eigen 9 Glück unter den Händen, wie der Künstler eine rohe 10 Materie, die er zu einer Gestalt umbilden will. Aber 11 es ist mit dieser Kunst wie mit allen; nur die Fähigkeit 12 dazu wird uns angeboren, sie will gelernt und 13 sorgfältig ausgeübt sein.

14 Dieses und mehreres wurde noch unter ihnen abgehandelt; 15 endlich trennten sie sich, ohne daß sie einander 16 sonderlich überzeugt zu haben schienen, doch 17 bestimmten sie auf den folgenden Tag einen Ort der 18 Zusammenkunft.

19 Wilhelm ging noch einige Straßen auf und nieder; 20 er hörte Clarinetten, Waldhörner und Fagotte, es 21 schwoll sein Busen. Durchreisende Spielleute machten 22 eine angenehme Nachtmusik. Er sprach mit ihnen, 23 und um ein Stück Geld folgten sie ihm zu Marianens 24 Wohnung. Hohe Bäume zierten den Platz vor ihrem 25 Hause, darunter stellte er seine Sänger; er selbst ruhte 26 auf einer Bank in einiger Entfernung, und überließ 27 sich ganz den schwebenden Tönen, die in der labenden 28 Nacht um ihn säuselten. Unter den holden Sternen 

[Seite 110]

1 hingestreckt war ihm sein Dasein wie ein goldner 2 Traum. --- Sie hört auch diese Flöten, sagte er in 3 seinem Herzen; sie fühlt, wessen Andenken, wessen Liebe 4 die Nacht wohlklingend macht; auch in der Entfernung 5 sind wir durch diese Melodien zusammengebunden, 6 wie in jeder Entfernung durch die feinste Stimmung 7 der Liebe. Ach! zwei liebende Herzen, sie sind wie 8 zwei Magnetuhren; was in der einen sich regt, muß 9 auch die andere mit bewegen, denn es ist nur Eins, 10 was in beiden wirkt, Eine Kraft, die sie durchgeht. 11 Kann ich in ihren Armen eine Möglichkeit fühlen, 12 mich von ihr zu trennen? und doch, ich werde fern 13 von ihr sein, werde einen Heilort für unsere Liebe 14 suchen, und werde sie immer mit mir haben.

15 Wie oft ist mir's geschehen, daß ich abwesend von 16 ihr, in Gedanken an sie verloren, ein Buch, ein Kleid 17 oder sonst etwas berührte, und glaubte ihre Hand 18 zu fühlen, so ganz war ich mit ihrer Gegenwart umkleidet. 19 Und jener Augenblicke mich zu erinnern, die 20 das Licht des Tages wie das Auge des kalten Zuschauers 21 fliehen, die zu genießen Götter den schmerzlosen Zustand 22 der reinen Seligkeit zu verlassen sich entschließen 23 dürften! --- Mich zu erinnern? --- Als wenn man 24 den Rausch des Taumelkelchs in der Erinnerung 25 erneuern könnte, der unsere Sinne, von himmlischen 26 Banden umstrickt, aus aller ihrer Fassung reißt. --- 27 Und ihre Gestalt --- --- Er verlor sich im Andenken 28 an sie, seine Ruhe ging in Verlangen über, er umfaßte 

[Seite 111]

1 einen Baum, kühlte seine heiße Wange an der Rinde, 2 und die Winde der Nacht saugten begierig den Hauch 3 auf, der aus dem reinen Busen bewegt hervordrang. 4 Er fühlte nach dem Halstuch, das er von ihr mitgenommen 5 hatte, es war vergessen, es steckte im vorigen 6 Kleide. Seine Lippen lechzten, seine Glieder zitterten 7 vor Verlangen.

8 Die Musik hörte auf, und es war ihm, als wär' 9 er aus dem Elemente gefallen, in dem seine Empfindungen 10 bisher empor getragen wurden. Seine Unruhe 11 vermehrte sich, da seine Gefühle nicht mehr von den 12 sanften Tönen genährt und gelindert wurden. Er 13 setzte sich auf ihre Schwelle nieder, und war schon 14 mehr beruhigt. Er küßte den messingenen Ring, womit 15 man an ihre Thüre pochte, er küßte die Schwelle, 16 über die ihre Füße aus und ein gingen, und erwärmte 17 sie durch das Feuer seiner Brust. Dann saß er wieder 18 eine Weile stille, und dachte sie hinter ihren Vorhängen, 19 im weißen Nachtkleide mit dem rothen Band 20 um den Kopf in süßer Ruhe, und dachte sich selbst 21 so nahe zu ihr hin, daß ihm vorkam, sie müßte nun 22 von ihm träumen. Seine Gedanken waren lieblich, 23 wie die Geister der Dämmerung; Ruhe und Verlangen 24 wechselten in ihm; die Liebe lief mit schaudernder 25 Hand tausendfältig über alle Saiten seiner Seele; es 26 war, als wenn der Gesang der Sphären über ihm 27 stille stünde, um die leisen Melodien seines Herzens 28 zu belauschen.



[Seite 112]

1 Hätte er den Hauptschlüssel bei sich gehabt, der 2 ihm sonst Marianens Thüre öffnete, er würde sich 3 nicht gehalten haben, würde in's Heiligthum der Liebe 4 eingedrungen sein. Doch er entfernte sich langsam, 5 schwankte halb träumend unter den Bäumen hin, 6 wollte nach Hause, und ward immer wieder umgewendet; 7 endlich als er's über sich vermochte, ging, 8 und an der Ecke noch einmal zurücksah, kam es ihm 9 vor, als wenn Marianens Thüre sich öffnete, und 10 eine dunkle Gestalt sich heraus bewegte. Er war zu 11 weit, um deutlich zu sehen, und eh' er sich faßte und 12 recht aufsah, hatte sich die Erscheinung schon in der 13 Nacht verloren; nur ganz weit glaubte er sie wieder 14 an einem weißen Hause vorbei streifen zu sehen. Er 15 stund und blinzte, und ehe er sich ermannte und 16 nacheilte, war das Phantom verschwunden. Wohin 17 sollt' er ihm folgen? Welche Straße hatte den 18 Menschen aufgenommen, wenn es einer war?

19 Wie einer, dem der Blitz die Gegend in einem 20 Winkel erhellte, gleich darauf mit geblendeten Augen 21 die vorigen Gestalten, den Zusammenhang der Pfade 22 in der Finsterniß vergebens sucht, so war's vor seinen 23 Augen, so war's in seinem Herzen. Und wie ein 24 Gespenst der Mitternacht, das ungeheure Schrecken 25 erzeugt, in folgenden Augenblicken der Fassung für 26 ein Kind des Schreckens gehalten wird, und die fürchterliche 27 Erscheinung Zweifel ohne Ende in der Seele 28 zurückläßt, so war auch Wilhelm in der größten 

[Seite 113]

1 Unruhe, als er, an einen Eckstein gelehnt, die Helle 2 des Morgens und das Geschrei der Hähne nicht achtete, 3 bis die frühen Gewerbe lebendig zu werden anfingen, 4 und ihn nach Hause trieben.

5 Er hatte, wie er zurück kam, das unerwartete 6 Blendwerk mit den triftigsten Gründen beinahe aus 7 der Seele vertrieben; doch die schöne Stimmung 8 der Nacht, an die er jetzt auch nur wie an eine 9 Erscheinung zurück dachte, war auch dahin. Sein 10 Herz zu letzen, ein Siegel seinem wiederkehrenden 11 Glauben aufzudrücken, nahm er das Halstuch aus 12 der vorigen Tasche. Das Rauschen eines Zettels, der 13 herausfiel, zog ihm das Tuch von den Lippen; er hob 14 auf und las:

15 "So hab' ich dich lieb, kleiner Narre! was war 16 dir auch gestern? Heute Nacht komm' ich zu dir. Ich 17 glaube wohl, daß dir's leid thut, von hier wegzugehen; 18 aber habe Geduld; auf die Messe komm' ich dir nach. 19 Höre, thu' mir nicht wieder die schwarzgrünbraune 20 Jacke an, du siehst drin aus wie die Hexe von Endor. 21 Hab' ich dir nicht das weiße Negligé darum geschickt, 22 daß ich ein weißes Schäfchen in meinen Armen haben 23 will? Schick' mir deine Zettel immer durch die alte 24 Sibylle; die hat der Teufel selbst zur Iris bestellt."



[Seite 115]




Zweites Buch.



[Seite 117]



1 
Erstes Capitel.

[Lesarten]  2 Jeder, der mit lebhaften Kräften vor unsern Augen 3 eine Absicht zu erreichen strebt, kann, wir mögen seinen 4 Zweck loben oder tadeln, sich unsre Theilnahme 5 versprechen; sobald aber die Sache entschieden ist, 6 wenden wir unser Auge sogleich von ihm weg; alles, 7 was geendigt, was abgethan da liegt, kann unsre Aufmerksamkeit 8 keineswegs fesseln, besonders wenn wir 9 schon frühe der Unternehmung einen übeln Ausgang 10 prophezeit haben.

11 Deßwegen sollen unsre Leser nicht umständlich 12 mit dem Jammer und der Noth unsers verunglückten 13 Freundes, in die er gerieth, als er seine Hoffnungen 14 und Wünsche auf eine so unerwartete Weise zerstört 15 sah, unterhalten werden. Wir überspringen vielmehr 16 einige Jahre, und suchen ihn erst da wieder auf, wo 17 wir ihn in einer Art von Thätigkeit und Genuß zu 18 finden hoffen, wenn wir vorher nur kürzlich so viel, 19 als zum Zusammenhang der Geschichte nöthig ist, 20 vorgetragen haben.

21 Die Pest oder ein böses Fieber rasen in einem 22 gesunden, vollsaftigen Körper, den sie anfallen, schneller 

[Seite 118]

1 und heftiger, und so ward der arme Wilhelm unvermuthet 2 von einem unglücklichen Schicksale überwältigt, 3 daß in Einem Augenblicke sein ganzes Wesen zerrüttet 4 war. Wie wenn von ungefähr unter der Zurüstung 5 ein Feuerwerk in Brand geräth, und die künstlich 6 gebohrten und gefüllten Hülsen, die, nach einem gewissen 7 Plane geordnet und abgebrannt, prächtig 8 abwechselnde Feuerbilder in die Luft zeichnen sollten, 9 nunmehr unordentlich und gefährlich durch einander 10 zischen und sausen: so gingen auch jetzt in seinem 11 Busen Glück und Hoffnung, Wollust und Freuden, 12 Wirkliches und Geträumtes auf einmal scheiternd 13 durch einander. In solchen wüsten Augenblicken erstarrt 14 der Freund, der zur Rettung hinzu eilt, und 15 dem, den es trifft, ist es eine Wohlthat, daß ihn die 16 Sinne verlassen.

17 Tage des lauten, ewig wiederkehrenden und mit 18 Vorsatz erneuerten Schmerzens folgten darauf; doch 19 sind auch diese für eine Gnade der Natur zu achten. 20 In solchen Stunden hatte Wilhelm seine Geliebte 21 noch nicht ganz verloren; seine Schmerzen waren 22 unermüdet erneuerte Versuche, das Glück, das ihm 23 aus der Seele entfloh, noch fest zu halten, die Möglichkeit 24 desselben in der Vorstellung wieder zu erhaschen, 25 seinen auf immer abgeschiedenen Freuden ein kurzes 26 Nachleben zu verschaffen. Wie man einen Körper, so 27 lange die Verwesung dauert, nicht ganz todt nennen 28 kann, so lange die Kräfte, die vergebens nach ihren 

[Seite 119]

1 alten Bestimmungen zu wirken suchen, an der Zerstörung 2 der Theile, die sie sonst belebten, sich abarbeiten; 3 nur dann, wenn sich alles an einander 4 aufgerieben hat, wenn wir das Ganze in gleichgültigen 5 Staub zerlegt sehen, dann entsteht das 6 erbärmliche leere Gefühl des Todes in uns, nur 7 durch den Athem des Ewiglebenden zu erquicken.

8 In einem so neuen, ganzen, lieblichen Gemüthe 9 war viel zu zerreißen, zu zerstören, zu ertödten, und 10 die schnellheilende Kraft der Jugend gab selbst der Gewalt 11 des Schmerzens neue Nahrung und Heftigkeit. 12 Der Streich hatte sein ganzes Dasein an der Wurzel 13 getroffen. Werner, aus Noth sein Vertrauter, griff 14 voll Eifer zu Feuer und Schwert, um einer verhaßten 15 Leidenschaft, dem Ungeheuer, in's innerste Leben zu 16 dringen. Die Gelegenheit war so glücklich, das Zeugniß 17 so bei der Hand, und wie viel Geschichten und 18 Erzählungen wußt' er nicht zu nutzen. Er trieb's 19 mit solcher Heftigkeit und Grausamkeit Schritt vor 20 Schritt, ließ dem Freunde nicht das Labsal des mindesten 21 augenblicklichen Betruges, vertrat ihm jeden 22 Schlupfwinkel, in welchen er sich vor der Verzweiflung 23 hätte retten können, daß die Natur, die ihren Liebling 24 nicht wollte zu Grunde gehen lassen, ihn mit 25 Krankheit anfiel, um ihm von der andern Seite Luft 26 zu machen.

27 Ein lebhaftes Fieber mit seinem Gefolge, den Arzeneien, 28 der Überspannung und der Mattigkeit; dabei 

[Seite 120]

1 die Bemühungen der Familie, die Liebe der Mitgebornen, 2 die durch Mangel und Bedürfnisse sich erst 3 recht fühlbar macht, waren so viele Zerstreuungen 4 eines veränderten Zustandes, und eine kümmerliche 5 Unterhaltung. Erst als er wieder besser wurde, das 6 heißt, als seine Kräfte erschöpft waren, sah Wilhelm 7 mit Entsetzen in den qualvollen Abgrund eines dürren 8 Elendes hinab, wie man in den ausgebrannten hohlen 9 Becher eines Vulcans hinunter blickt.

10 Nunmehr machte er sich selbst die bittersten Vorwürfe, 11 daß er, nach so großem Verlust, noch einen 12 schmerzenlosen, ruhigen, gleichgültigen Augenblick haben 13 könne. Er verachtete sein eigen Herz, und sehnte sich 14 nach dem Labsal des Jammers und der Thränen.

15 Um diese wieder in sich zu erwecken, brachte er 16 vor sein Andenken alle Scenen des vergangenen Glücks. 17 Mit der größten Lebhaftigkeit mahlte er sie sich aus, 18 strebte wieder in sie hinein, und wenn er sich zur 19 möglichsten Höhe hinauf gearbeitet hatte, wenn ihm 20 der Sonnenschein voriger Tage wieder die Glieder zu 21 beleben, den Busen zu heben schien, sah er rückwärts 22 auf den schrecklichen Abgrund, labte sein Auge an 23 der zerschmetternden Tiefe, warf sich hinunter, und 24 erzwang von der Natur die bittersten Schmerzen. 25 Mit so wiederholter Grausamkeit zerriß er sich selbst; 26 denn die Jugend, die so reich an eingehüllten Kräften 27 ist, weiß nicht, was sie verschleudert, wenn sie dem 28 Schmerz, den ein Verlust erregt, noch so viele erzwungene 

[Seite 121]

1 Leiden zugesellt, als wollte sie dem Verlornen 2 dadurch noch erst einen rechten Werth geben. 3 Auch war er so überzeugt, daß dieser Verlust der 4 einzige, der erste und letzte sei, den er in seinem 5 Leben empfinden könne, daß er jeden Trost verabscheute, 6, 7 der ihm diese Leiden als endlich vorzustellen unternahm.



[Seite 122]



1 
Zweites Capitel.

[Lesarten]  2 Gewöhnt, auf diese Weise sich selbst zu quälen, 3 griff er nun auch das Übrige, was ihm nach der 4 Liebe und mit der Liebe die größten Freuden und 5 Hoffnungen gegeben hatte, sein Talent als Dichter 6 und Schauspieler mit hämischer Kritik von allen Seiten 7 an. Er sah in seinen Arbeiten nichts als eine 8 geistlose Nachahmung einiger hergebrachten Formen, 9 ohne innern Werth; er wollte darin nur steife Schul-Exercitien 10 erkennen, denen es an jedem Funken von 11 Naturell, Wahrheit und Begeisterung fehle. In seinen 12 Gedichten fand er nur ein monotones Sylbenmaß, 13 in welchem, durch einen armseligen Reim zusammen 14 gehalten, ganz gemeine Gedanken und Empfindungen 15 sich hinschleppten; und so benahm er sich auch jede 16 Aussicht, jede Lust, die ihn von dieser Seite noch 17 allenfalls hätte wieder aufrichten können.

18 Seinem Schauspieler-Talente ging es nicht besser. 19 Er schalt sich, daß er nicht früher die Eitelkeit entdeckt, 20 die allein dieser Anmaßung zum Grunde gelegen. 21 Seine Figur, sein Gang, seine Bewegung 22 und Declamation mußten herhalten; er sprach sich 

[Seite 123]

1 jede Art von Vorzug, jedes Verdienst, das ihn über 2 das Gemeine empor gehoben hätte, entscheidend ab, 3 und vermehrte seine stumme Verzweiflung dadurch auf 4 den höchsten Grad. Denn, wenn es hart ist, der 5 Liebe eines Weibes zu entsagen, so ist die Empfindung 6 nicht weniger schmerzlich, von dem Umgange der 7 Musen sich loszureißen, sich ihrer Gemeinschaft auf 8 immer unwürdig zu erklären, und auf den schönsten 9 und nächsten Beifall, der unsrer Person, unserm Betragen, 10 unsrer Stimme öffentlich gegeben wird, Verzicht 11 zu thun.

12 So hatte sich denn unser Freund völlig resignirt, 13 und sich zugleich mit großem Eifer den Handelsgeschäften 14 gewidmet. Zum Erstaunen seines Freundes und 15 zur größten Zufriedenheit seines Vaters war niemand 16 auf dem Comptoir und der Börse, im Laden und 17 Gewölbe thätiger, als er; Correspondenz und Rechnungen, 18 und was ihm aufgetragen wurde, besorgte 19 und verrichtete er mit größtem Fleiß und Eifer. 20 Freilich nicht mit dem heitern Fleiße, der zugleich 21 dem Geschäftigen Belohnung ist, wenn wir dasjenige, 22 wozu wir geboren sind, mit Ordnung und Folge 23 verrichten, sondern mit dem stillen Fleiße der Pflicht, 24 der den besten Vorsatz zum Grunde hat, der durch 25 Überzeugung genährt und durch ein innres Selbstgefühl 26 belohnt wird; der aber doch oft, selbst dann, wenn 27 ihm das schönste Bewußtsein die Krone reicht, einen 28 vordringenden Seufzer kaum zu ersticken vermag.



[Seite 124]

1 Auf diese Weise hatte Wilhelm eine Zeitlang sehr 2 emsig fortgelebt und sich überzeugt, daß jene harte 3 Prüfung vom Schicksale zu seinem Besten veranstaltet 4 worden. Er war froh, auf dem Wege des Lebens 5 sich bei Zeiten, obgleich unfreundlich genug, gewarnt 6 zu sehen, anstatt daß andere später und schwerer die 7 Mißgriffe büßen, wozu sie ein jugendlicher Dünkel 8 verleitet hat. Denn gewöhnlich wehrt sich der Mensch 9 so lange als er kann, den Thoren, den er im Busen 10 hegt, zu verabschieden, einen Hauptirrthum zu bekennen, 11 und eine Wahrheit einzugestehen, die ihn zur 12 Verzweiflung bringt.

13 So entschlossen er war, seinen liebsten Vorstellungen 14 zu entsagen, so war doch einige Zeit nöthig, 15 um ihn von seinem Unglücke völlig zu überzeugen. 16 Endlich aber hatte er jede Hoffnung der Liebe, des 17 poetischen Hervorbringens und der persönlichen Darstellung, 18 mit triftigen Gründen, so ganz in sich vernichtet, 19 daß er Muth faßte, alle Spuren seiner Thorheit, 20 alles, was ihn irgend noch daran erinnern 21 könnte, völlig auszulöschen. Er hatte daher an einem 22 kühlen Abende ein Kaminfeuer angezündet, und holte 23 ein Reliquienkästchen hervor, in welchem sich hunderterlei 24 Kleinigkeiten fanden, die er in bedeutenden Augenblicken 25 von Marianen erhalten, oder derselben geraubt 26 hatte. Jede vertrocknete Blume erinnerte ihn 27 an die Zeit, da sie noch frisch in ihren Haaren blühte; 28 jedes Zettelchen an die glückliche Stunde, wozu sie 

[Seite 125]

1 ihn dadurch einlud; jede Schleife an den lieblichen 2 Ruheplatz seines Hauptes, ihren schönen Busen. 3 Mußte nicht auf diese Weise jede Empfindung, die 4 er schon lange getödtet glaubte, sich wieder zu bewegen 5 anfangen? Mußte nicht die Leidenschaft, über 6 die er, abgeschieden von seiner Geliebten, Herr geworden 7 war, in der Gegenwart dieser Kleinigkeiten 8 wieder mächtig werden? Denn wir merken erst, wie 9 traurig und unangenehm ein trüber Tag ist, wenn 10 ein einziger durchdringender Sonnenblick uns den aufmunternden 11 Glanz einer heitern Stunde darstellt.

12 Nicht ohne Bewegung sah er daher diese so lange 13 bewahrten Heiligthümer nach einander in Rauch und 14 Flamme vor sich aufgehen. Einigemal hielt er 15 zaudernd inne, und hatte noch eine Perlenschnur und 16 ein flornes Halstuch übrig, als er sich entschloß, mit 17 den dichterischen Versuchen seiner Jugend das abnehmende 18 Feuer wieder aufzufrischen.

19 Bis jetzt hatte er alles sorgfältig aufgehoben, 20 was ihm, von der frühsten Entwicklung seines Geistes 21 an, aus der Feder geflossen war. Noch lagen seine 22 Schriften in Bündel gebunden auf dem Boden des 23 Koffers, wohin er sie gepackt hatte, als er sie auf 24 seiner Flucht mitzunehmen hoffte. Wie ganz anders 25 eröffnete er sie jetzt, als er sie damals zusammen 26 band!

27 Wenn wir einen Brief, den wir unter gewissen 28 Umständen geschrieben und gesiegelt haben, der aber 

[Seite 126]

1 den Freund, an den er gerichtet war, nicht antrifft, 2 sondern wieder zu uns zurück gebracht wird, nach 3 einiger Zeit eröffnen, überfällt uns eine sonderbare 4 Empfindung, indem wir unser eignes Siegel erbrechen, 5 und uns mit unserm veränderten Selbst wie mit einer 6 dritten Person unterhalten. Ein ähnliches Gefühl 7 ergriff mit Heftigkeit unsern Freund, als er das erste 8 Packet eröffnete, und die zertheilten Hefte in's Feuer 9 warf, die eben gewaltsam aufloderten, als Werner 10 hereintrat, sich über die lebhafte Flamme verwunderte 11 und fragte, was hier vorgehe?

12 Ich gebe einen Beweis, sagte Wilhelm, daß es 13 mir Ernst sei, ein Handwerk aufzugeben, wozu ich 14 nicht geboren ward; und mit diesen Worten warf er 15 das zweite Packet in das Feuer. Werner wollte ihn 16 abhalten, allein es war geschehen.

17 Ich sehe nicht ein, wie du zu diesem Extrem 18 kommst, sagte dieser. Warum sollen denn nun diese 19 Arbeiten, wenn sie nicht vortrefflich sind, gar vernichtet 20 werden?

21 Weil ein Gedicht entweder vortrefflich sein, oder 22 gar nicht existiren soll; weil jeder, der keine Anlage 23 hat, das Beste zu leisten, sich der Kunst enthalten, 24 und sich vor jeder Verführung dazu ernstlich in Acht 25 nehmen sollte. Denn freilich regt sich in jedem 26 Menschen ein gewisses unbestimmtes Verlangen, dasjenige, 27 was er sieht, nachzuahmen; aber dieses Verlangen 28 beweis't gar nicht, daß auch die Kraft in uns 

[Seite 127]

1 wohne, mit dem, was wir unternehmen, zu Stande 2 zu kommen. Sieh nur die Knaben an, wie sie jedesmal, 3 so oft Seiltänzer in der Stadt gewesen, auf 4 allen Planken und Balken hin und wieder gehen und 5 balanciren, bis ein anderer Reiz sie wieder zu einem 6 ähnlichen Spiele hinzieht. Hast du es nicht in dem 7 Cirkel unsrer Freunde bemerkt? So oft sich ein 8 Virtuose hören läßt, finden sich immer einige, die 9 sogleich dasselbe Instrument zu lernen anfangen. Wie 10 viele irren auf diesem Wege herum! Glücklich, wer 11 den Fehlschluß von seinen Wünschen auf seine Kräfte 12 bald gewahr wird!

13 Werner widersprach; die Unterredung ward lebhaft, 14 und Wilhelm konnte nicht ohne Bewegung die Argumente, 15 mit denen er sich selbst so oft gequält hatte, 16 gegen seinen Freund wiederholen. Werner behauptete, 17 es sei nicht vernünftig, ein Talent, zu dem man nur 18 einigermaßen Neigung und Geschick habe, deßwegen, 19 weil man es niemals in der größten Vollkommenheit 20 ausüben werde, ganz aufzugeben. Es finde sich ja 21 so manche leere Zeit, die man dadurch ausfüllen, und 22 nach und nach etwas hervorbringen könne, wodurch 23 wir uns und andern ein Vergnügen bereiten.

24 Unser Freund, der hierin ganz anderer Meinung 25, 26 war, fiel ihm sogleich ein, und sagte mit großer Lebhaftigkeit:

27 Wie sehr irrst du, lieber Freund, wenn du glaubst, 28 daß ein Werk, dessen erste Vorstellung die ganze Seele 

[Seite 128]

1 füllen muß, in unterbrochenen, zusammen gegeizten 2 Stunden könne hervorgebracht werden. Nein, der 3 Dichter muß ganz sich, ganz in seinen geliebten 4 Gegenständen leben. Er, der vom Himmel innerlich 5 auf das köstlichste begabt ist, der einen sich immer 6 selbst vermehrenden Schatz im Busen bewahrt, er 7 muß auch von außen ungestört mit seinen Schätzen 8 in der stillen Glückseligkeit leben, die ein Reicher vergebens 9 mit aufgehäuften Gütern um sich hervorzubringen 10 sucht. Sieh die Menschen an, wie sie nach 11 Glück und Vergnügen rennen! Ihre Wünsche, ihre 12 Mühe, ihr Geld jagen rastlos, und wonach? nach 13 dem, was der Dichter von der Natur erhalten hat, 14 nach dem Genuß der Welt, nach dem Mitgefühl 15 seiner selbst in andern, nach einem harmonischen Zusammensein 16 mit vielen oft unvereinbaren Dingen.

17 Was beunruhiget die Menschen, als daß sie ihre 18 Begriffe nicht mit den Sachen verbinden können, daß 19 der Genuß sich ihnen unter den Händen wegstiehlt, 20 daß das Gewünschte zu spät kommt, und daß alles 21 Erreichte und Erlangte auf ihr Herz nicht die Wirkung 22 thut, welche die Begierde uns in der Ferne 23 ahnen läßt. Gleichsam wie einen Gott hat das Schicksal 24 den Dichter über dieses alles hinüber gesetzt. Er 25 sieht das Gewirre der Leidenschaften, Familien und 26 Reiche sich zwecklos bewegen, er sieht die unauflöslichen 27 Räthsel der Mißverständnisse, denen oft 28 nur ein einsylbiges Wort zur Entwicklung fehlt, 

[Seite 129]

1 unsäglich verderbliche Verwirrungen verursachen. Er 2 fühlt das Traurige und das Freudige jedes Menschenschicksals 3 mit. Wenn der Weltmensch in einer abzehrenden 4 Melancholie über großen Verlust seine 5 Tage hinschleicht, oder in ausgelassener Freude seinem 6 Schicksale entgegen geht, so schreitet die empfängliche 7 leichtbewegliche Seele des Dichters wie die wandelnde 8 Sonne von Nacht zu Tag fort, und mit leisen Übergängen 9 stimmt seine Harfe zu Freude und Leid. Eingeboren 10 auf dem Grund seines Herzens wächs't die 11 schöne Blume der Weisheit hervor, und wenn die 12 andern wachend träumen, und von ungeheuren Vorstellungen 13 aus allen ihren Sinnen geängstiget werden, 14 so lebt er den Traum des Lebens als ein Wachender, 15 und das Seltenste, was geschieht, ist ihm zugleich 16 Vergangenheit und Zukunft. Und so ist der Dichter 17 zugleich Lehrer, Wahrsager, Freund der Götter und 18 der Menschen. Wie! willst du, daß er zu einem 19 kümmerlichen Gewerbe herunter steige? Er, der wie 20 ein Vogel gebaut ist, um die Welt zu überschweben, 21 auf hohen Gipfeln zu nisten, und seine Nahrung von 22 Knospen und Früchten, einen Zweig mit dem andern 23 leicht verwechselnd, zu nehmen, er sollte zugleich wie 24 der Stier am Pfluge ziehen, wie der Hund sich auf 25 eine Fährte gewöhnen, oder vielleicht gar an die Kette 26 geschlossen einen Meierhof durch sein Bellen sichern?

27 Werner hatte, wie man sich denken kann, mit 28 Verwunderung zugehört. Wenn nur auch die Menschen, 

[Seite 130]

1 fiel er ihm ein, wie die Vögel gemacht wären, 2 und, ohne daß sie spinnen und weben, holdselige Tage 3 in beständigem Genuß zubringen könnten! Wenn 4 sie nur auch bei Ankunft des Winters sich so leicht 5 in ferne Gegenden begäben, dem Mangel auszuweichen, 6 und sich vor dem Froste zu sichern!

7 So haben die Dichter in Zeiten gelebt, wo das 8 Ehrwürdige mehr erkannt ward, rief Wilhelm aus, 9 und so sollten sie immer leben. Genugsam in ihrem 10 Innersten ausgestattet bedurften sie wenig von außen; 11 die Gabe, schöne Empfindungen, herrliche Bilder den 12 Menschen in süßen, sich an jeden Gegenstand anschmiegenden 13 Worten und Melodien mitzutheilen, bezauberte 14 von jeher die Welt, und war für den Begabten 15 ein reichliches Erbtheil. An der Könige Höfen, an 16 den Tischen der Reichen, vor den Thüren der Verliebten 17 horchte man auf sie, indem sich das Ohr und die 18 Seele für alles andere verschloß, wie man sich selig 19 preis't und entzückt stille steht, wenn aus den Gebüschen, 20 durch die man wandelt, die Stimme der Nachtigall 21 gewaltig rührend hervordringt! Sie fanden eine 22 gastfreie Welt, und ihr niedrig scheinender Stand 23 erhöhte sie nur desto mehr. Der Held lauschte ihren 24 Gesängen, und der Überwinder der Welt huldigte 25 einem Dichter, weil er fühlte, daß ohne diesen sein 26 ungeheures Dasein nur wie ein Sturmwind vorüberfahren 27 würde; der Liebende wünschte sein Verlangen 28 und seinen Genuß so tausendfach und so harmonisch 

[Seite 131]

1 zu fühlen, als ihn die beseelte Lippe zu schildern 2 verstand; und selbst der Reiche konnte seine Besitzthümer, 3 seine Abgötter, nicht mit eigenen Augen so 4 kostbar sehen, als sie ihm vom Glanz des allen Werth 5 fühlenden und erhöhenden Geistes beleuchtet erschienen. 6 Ja, wer hat, wenn du willst, Götter gebildet, uns 7 zu ihnen erhoben, sie zu uns herniedergebracht, als 8 der Dichter?

9 Mein Freund, versetzte Werner nach einigem Nachdenken, 10 ich habe schon oft bedauert, daß du das, was 11 du so lebhaft fühlst, mit Gewalt aus deiner Seele 12 zu verbannen strebst. Ich müßte mich sehr irren, 13 wenn du nicht besser thätest, dir selbst einigermaßen 14 nachzugeben, als dich durch die Widersprüche eines so 15 harten Entsagens aufzureiben, und dir mit der einen 16 unschuldigen Freude den Genuß aller übrigen zu 17 entziehen.

18 Darf ich dir's gestehen, mein Freund, versetzte der 19 andre, und wirst du mich nicht lächerlich finden, wenn 20 ich dir bekenne, daß jene Bilder mich noch immer verfolgen, 21 so sehr ich sie fliehe, und daß, wenn ich mein 22 Herz untersuche, alle frühen Wünsche fest, ja noch 23 fester als sonst darin haften? Doch was bleibt mir 24 Unglücklichem gegenwärtig übrig? Ach, wer mir 25 vorausgesagt hätte, daß die Arme meines Geistes so 26 bald zerschmettert werden sollten, mit denen ich in's 27 Unendliche griff, und mit denen ich doch gewiß ein 28 Großes zu umfassen hoffte, wer mir das vorausgesagt 

[Seite 132]

1 hätte, würde mich zur Verzweiflung gebracht haben. 2 Und noch jetzt, da das Gericht über mich ergangen 3 ist, jetzt, daß ich die verloren habe, die anstatt einer 4 Gottheit mich zu meinen Wünschen hinüber führen 5 sollte, was bleibt mir übrig, als mich den bittersten 6 Schmerzen zu überlassen? O mein Bruder, fuhr er 7 fort, ich läugne nicht, sie war mir bei meinen heimlichen 8 Anschlägen der Kloben, an den eine Strickleiter 9 befestigt ist; gefährlich hoffend schwebt der Abenteurer 10 in der Luft, das Eisen bricht, und er liegt zerschmettert 11 am Fuße seiner Wünsche. Es ist auch nun für mich 12 kein Trost, keine Hoffnung mehr! Ich werde, rief 13 er aus, indem er aufsprang, von diesen unglückseligen 14 Papieren keines übrig lassen. Er faßte abermals ein 15 paar Hefte an, riß sie auf und warf sie in's Feuer. 16 Werner wollte ihn abhalten, aber vergebens. Laß 17 mich! rief Wilhelm, was sollen diese elenden Blätter? 18 Für mich sind sie weder Stufe noch Aufmunterung 19 mehr. Sollen sie übrig bleiben, um mich bis an's 20 Ende meines Lebens zu peinigen? Sollen sie vielleicht 21 einmal der Welt zum Gespötte dienen, anstatt Mitleiden 22 und Schauer zu erregen? Weh über mich und 23 über mein Schicksal! Nun verstehe ich erst die Klagen 24 der Dichter, der aus Noth weise gewordnen Traurigen. 25 Wie lange hielt ich mich für unzerstörbar, für unverwundlich, 26 und ach! nun seh' ich, daß ein tiefer 27 früher Schade nicht wieder auswachsen, sich nicht 28 wieder herstellen kann; ich fühle, daß ich ihn mit 

[Seite 133]

1 in's Grab nehmen muß. Nein! keinen Tag des Lebens 2 soll der Schmerz von mir weichen, der mich noch 3 zuletzt umbringt, und auch ihr Andenken soll bei mir 4 bleiben, mit mir leben und sterben, das Andenken der 5 Unwürdigen --- ach, mein Freund! wenn ich von 6 Herzen reden soll --- der gewiß nicht ganz Unwürdigen! 7 Ihr Stand, ihre Schicksale haben sie tausendmal bei 8 mir entschuldigt. Ich bin zu grausam gewesen, du hast 9 mich in deine Kälte, in deine Härte unbarmherzig eingeweiht, 10 meine zerrütteten Sinne gefangen gehalten 11 und mich verhindert, das für sie und für mich zu 12 thun, was ich uns beiden schuldig war. Wer weiß, 13 in welchen Zustand ich sie versetzt habe, und erst 14 nach und nach fällt mir's auf's Gewissen, in welcher 15 Verzweiflung, in welcher Hülflosigkeit ich sie verließ! 16 War's nicht möglich, daß sie sich entschuldigen konnte? 17 War's nicht möglich? Wie viel Mißverständnisse 18 können die Welt verwirren, wie viel Umstände können 19 dem größten Fehler Vergebung erflehen? --- Wie oft 20 denke ich mir sie, in der Stille für sich sitzend, auf 21 ihren Ellenbogen gestützt. --- Das ist, sagt sie, die 22 Treue, die Liebe, die er mir zuschwur! Mit diesem 23 unsanften Schlag das schöne Leben zu endigen, das 24 uns verband! --- Er brach in einen Strom von 25 Thränen aus, indem er sich mit dem Gesichte auf 26, 27 den Tisch warf und die übergebliebenen Papiere benetzte.

28 Werner stand in der größten Verlegenheit dabei. 

[Seite 134]

1 Er hatte sich dieses rasche Auflodern der Leidenschaft 2 nicht vermuthet. Etlichemal wollte er seinem Freunde 3 in die Rede fallen, etlichemal das Gespräch wo anders 4 hinlenken, vergebens! er widerstand dem Strome nicht. 5 Auch hier übernahm die ausdauernde Freundschaft 6 wieder ihr Amt. Er ließ den heftigsten Anfall des 7 Schmerzens vorüber, indem er durch seine stille Gegenwart 8 eine aufrichtige reine Theilnehmung am besten 9 sehen ließ, und so blieben sie diesen Abend; Wilhelm 10 in's stille Nachgefühl des Schmerzens versenkt, und 11 der andere erschreckt durch den neuen Ausbruch einer 12 Leidenschaft, die er lange bemeistert und durch guten 13 Rath und eifriges Zureden überwältigt zu haben 14 glaubte.



[Seite 135]



1 
Drittes Capitel.

[Lesarten]  2 Nach solchen Rückfällen pflegte Wilhelm meist 3 nur desto eifriger sich den Geschäften und der Thätigkeit 4 zu widmen, und es war der beste Weg, dem 5 Labyrinthe, das ihn wieder anzulocken suchte, zu entfliehen. 6 Seine gute Art, sich gegen Fremde zu betragen, 7 seine Leichtigkeit, fast in allen lebenden Sprachen 8 Correspondenz zu führen, gaben seinem Vater und 9 dessen Handelsfreunde immer mehr Hoffnung und 10 trösteten sie über die Krankheit, deren Ursache ihnen 11 nicht bekannt geworden war, und über die Pause, 12 die ihren Plan unterbrochen hatte. Man beschloß 13 Wilhelms Abreise zum zweitenmal, und wir finden 14 ihn auf seinem Pferde, den Mantelsack hinter sich, erheitert 15 durch freie Luft und Bewegung, dem Gebirge 16 sich nähern, wo er einige Aufträge ausrichten sollte.

17 Er durchstrich langsam Thäler und Berge mit 18 der Empfindung des größten Vergnügens. Überhangende 19 Felsen, rauschende Wasserbäche, bewachsene 20 Wände, tiefe Gründe sah er hier zum erstenmal, und 21 doch hatten seine frühsten Jugendträume schon in 22 solchen Gegenden geschwebt. Er fühlte sich bei diesem 

[Seite 136]

1 Anblicke wieder verjüngt; alle erduldeten Schmerzen 2 waren aus seiner Seele weggewaschen, und mit völliger 3 Heiterkeit sagte er sich Stellen aus verschiedenen Gedichten, 4 besonders aus dem Pastor fido vor, die an 5 diesen einsamen Plätzen schaarenweis seinem Gedächtnisse 6 zuflossen. Auch erinnerte er sich mancher Stellen 7 aus seinen eigenen Liedern, die er mit einer besondern 8 Zufriedenheit recitirte. Er belebte die Welt, die vor 9 ihm lag, mit allen Gestalten der Vergangenheit, und 10 jeder Schritt in die Zukunft war ihm voll Ahnung 11, 12 wichtiger Handlungen und merkwürdiger Begebenheiten.

13 Mehrere Menschen, die auf einander folgend hinter 14 ihm herkamen, an ihm mit einem Gruße vorbeigingen, 15 und den Weg in's Gebirge, durch steile Fußpfade, 16 eilig fortsetzten, unterbrachen einigemal seine stille 17 Unterhaltung, ohne daß er jedoch aufmerksam auf sie 18 geworden wäre. Endlich gesellte sich ein gesprächiger 19 Gefährte zu ihm, und erzählte die Ursache der starken 20 Pilgerschaft.

21 Zu Hochdorf, sagte er, wird heute Abend eine 22 Komödie gegeben, wozu sich die ganze Nachbarschaft 23 versammelt.

24 Wie! rief Wilhelm, in diesen einsamen Gebirgen, 25 zwischen diesen undurchdringlichen Wäldern hat die 26 Schauspielkunst einen Weg gefunden, und sich einen 27 Tempel aufgebaut? und ich muß zu ihrem Feste 28 wallfahrten?



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1 Sie werden sich noch mehr wundern, sagte der 2 andere, wenn Sie hören, durch wen das Stück aufgeführt 3 wird. Es ist eine große Fabrik in dem Orte, 4 die viel Leute ernährt. Der Unternehmer, der so zu 5 sagen von aller menschlichen Gesellschaft entfernt 6 lebt, weiß seine Arbeiter im Winter nicht besser zu 7 beschäftigen, als daß er sie veranlaßt hat, Komödie 8 zu spielen. Er leidet keine Karten unter ihnen, und 9 wünscht sie auch sonst von rohen Sitten abzuhalten. 10 So bringen sie die langen Abende zu, und heute, da 11 des Alten Geburtstag ist, geben sie ihm zu Ehren 12 eine besondere Festlichkeit.

13 Wilhelm kam zu Hochdorf an, wo er übernachten 14 sollte, und stieg bei der Fabrik ab, deren Unternehmer 15 auch als Schuldner auf seiner Liste stand.

16 Als er seinen Namen nannte, rief der Alte verwundert 17 aus: Ei, mein Herr, sind Sie der Sohn des 18 braven Mannes, dem ich so viel Dank und bis jetzt 19 noch Geld schuldig bin? Ihr Herr Vater hat so 20 viel Geduld mit mir gehabt, daß ich ein Bösewicht 21 sein müßte, wenn ich nicht eilig und fröhlich bezahlte. 22 Sie kommen eben zur rechten Zeit, um zu sehen, daß 23 es mir Ernst ist.

24 Er rief seine Frau herbei, welche eben so erfreut 25 war, den jungen Mann zu sehen; sie versicherte, daß 26 er seinem Vater gleiche, und bedauerte, daß sie ihn 27 wegen der vielen Fremden die Nacht nicht beherbergen 28 könne.



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1 Das Geschäft war klar und bald berichtigt; 2 Wilhelm steckte ein Röllchen Gold in die Tasche, und 3 wünschte, daß seine übrigen Geschäfte auch so leicht 4 gehen möchten.

5 Die Stunde des Schauspiels kam heran, man erwartete 6 nur noch den Oberforstmeister, der endlich 7 auch anlangte, mit einigen Jägern eintrat, und mit 8 der größten Verehrung empfangen wurde.

9 Die Gesellschaft wurde nunmehr in's Schauspielhaus 10 geführt, wozu man eine Scheune eingerichtet 11 hatte, die gleich am Garten lag. Haus und Theater 12 waren, ohne sonderlichen Geschmack, munter und artig 13 genug angelegt. Einer von den Mahlern, die auf 14 der Fabrik arbeiteten, hatte bei dem Theater in der 15 Residenz gehandlangt, und hatte nun Wald, Straße 16 und Zimmer, freilich etwas roh, hingestellt. Das 17 Stück hatten sie von einer herumziehenden Truppe 18 geborgt, und nach ihrer eigenen Weise zurecht geschnitten. 19 So wie es war, unterhielt es. Die Intrigue, 20 daß zwei Liebhaber ein Mädchen ihrem Vormunde 21 und wechselsweise sich selbst entreißen wollen, 22 brachte allerlei interessante Situationen hervor. Es 23 war das erste Stück, das unser Freund nach einer 24 so langen Zeit wieder sah; er machte mancherlei Betrachtungen. 25 Es war voller Handlung, aber ohne 26 Schilderung wahrer Charaktere. Es gefiel und ergötzte. 27 So sind die Anfänge aller Schauspielkunst. Der rohe 28 Mensch ist zufrieden, wenn er nur etwas vorgehen 

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1 sieht; der gebildete will empfinden, und Nachdenken 2 ist nur dem ganz ausgebildeten angenehm.

3 Den Schauspielern hätte er hie und da gerne nachgeholfen; 4 denn es fehlte nur wenig, so hätten sie um 5 vieles besser sein können.

6 In seinen stillen Betrachtungen störte ihn der 7 Tabaksdampf, der immer stärker und stärker wurde. 8 Der Oberforstmeister hatte bald nach Anfang des 9 Stücks seine Pfeife angezündet, und nach und nach 10 nahmen sich mehrere diese Freiheit heraus. Auch 11 machten die großen Hunde dieses Herrn schlimme 12 Auftritte. Man hatte sie zwar ausgesperrt; allein 13 sie fanden bald den Weg zur Hinterthüre herein, 14 liefen auf das Theater, rannten wider die Acteurs, 15 und gesellten sich endlich durch einen Sprung über 16 das Orchester zu ihrem Herrn, der den ersten Platz 17 im Parterre eingenommen hatte.

18 Zum Nachspiel ward ein Opfer dargebracht. Ein 19 Porträt, das den Alten in seinem Bräutigamskleide 20 vorstellte, stand auf einem Altar, mit Kränzen behangen. 21 Alle Schauspieler huldigten ihm in demuthvollen 22 Stellungen. Das jüngste Kind trat, weiß 23 gekleidet, hervor, und hielt eine Rede in Versen, wodurch 24 die ganze Familie und sogar der Oberforstmeister, 25 der sich dabei an seine Kinder erinnerte, zu Thränen 26 bewegt wurde. So endigte sich das Stück, und 27 Wilhelm konnte nicht umhin, das Theater zu besteigen, 28 die Actricen in der Nähe zu besehen, sie wegen ihres 

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1 Spiels zu loben, und ihnen auf die Zukunft einigen 2 Rath zu geben.

3 Die übrigen Geschäfte unsers Freundes, die er 4 nach und nach in größern und kleinern Gebirgsorten 5 verrichtete, liefen nicht alle so glücklich, noch so vergnügt 6 ab. Manche Schuldner baten um Aufschub, 7 manche waren unhöflich, manche läugneten. Nach 8 seinem Auftrage sollte er einige verklagen; er mußte 9 einen Advocaten aufsuchen, diesen instruiren, sich vor 10 Gericht stellen, und was dergleichen verdrießliche 11 Geschäfte noch mehr waren.

12 Eben so schlimm erging es ihm, wenn man ihm 13 eine Ehre erzeigen wollte. Nur wenig Leute fand er, 14 die ihn einigermaßen unterrichten konnten; wenige, 15 mit denen er in ein nützliches Handelsverhältniß zu 16 kommen hofste. Da nun auch unglücklicherweise Regentage 17 einfielen, und eine Reise zu Pferd in diesen 18 Gegenden mit unerträglichen Beschwerden verknüpft 19 war, so dankte er dem Himmel, als er sich dem flachen 20 Lande wieder näherte, und am Fuße des Gebirges, 21 in einer schönen und fruchtbaren Ebene, an einem 22 sanften Flusse, im Sonnenscheine, ein heiteres Landstädtchen 23 liegen sah, in welchem er zwar keine Geschäfte 24 hatte, aber eben deßwegen sich entschloß, ein paar 25 Tage daselbst zu verweilen, um sich und seinem Pferde, 26 das von dem schlimmen Wege sehr gelitten hatte, 27 einige Erholung zu verschaffen.



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1 
Viertes Capitel.

[Lesarten]  2 Als er in einem Wirthshause auf dem Markte abtrat, 3 ging es darin sehr lustig, wenigstens sehr lebhaft 4 zu. Eine große Gesellschaft Seiltänzer, Springer und 5 Gaukler, die einen starken Mann bei sich hatten, waren 6 mit Weib und Kindern eingezogen, und machten, indem 7 sie sich auf eine öffentliche Erscheinung bereiteten, 8 einen Unfug über den andern. Bald stritten sie mit 9 dem Wirthe, bald unter sich selbst; und wenn ihr 10 Zank unleidlich war, so waren die Äußerungen ihres 11 Vergnügens ganz und gar unerträglich. Unschlüssig, 12 ob er gehen oder bleiben sollte, stand er unter dem 13 Thore, und sah den Arbeitern zu, die auf dem Platze 14 ein Gerüst aufzuschlagen anfingen.

15 Ein Mädchen, das Rosen und andere Blumen 16 herumtrug, bot ihm ihren Korb dar, und er kaufte sich 17 einen schönen Strauß, den er mit Liebhaberei anders 18 band und mit Zufriedenheit betrachtete, als das 19 Fenster eines, an der Seite des Platzes stehenden, 20 andern Gasthauses sich aufthat, und ein wohlgebildetes 21 Frauenzimmer sich an demselben zeigte. Er konnte 22 ungeachtet der Entfernung bemerken, daß eine angenehme 

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1 Heiterkeit ihr Gesicht belebte. Ihre blonden 2 Haare fielen nachlässig aufgelös't um ihren Nacken; 3 sie schien sich nach dem Fremden umzusehen. Einige 4 Zeit darauf trat ein Knabe, der eine Frisirschürze 5 umgegürtet und ein weißes Jäckchen anhatte, aus der 6 Thüre jenes Hauses, ging auf Wilhelmen zu, begrüßte 7 ihn und sagte: Das Frauenzimmer am Fenster läßt 8 Sie fragen, ob Sie ihr nicht einen Theil der schönen 9 Blumen abtreten wollen? --- Sie stehn ihr alle zu 10 Diensten, versetzte Wilhelm, indem er dem leichten 11 Boten das Bouquet überreichte, und zugleich der 12 Schönen ein Compliment machte, welches sie mit 13 einem freundlichen Gegengruß erwiderte, und sich 14 vom Fenster zurückzog.

15 Nachdenkend über dieses artige Abenteuer ging er 16 nach seinem Zimmer die Treppe hinauf, als ein junges 17 Geschöpf ihm entgegen sprang, das seine Aufmerksamkeit 18 auf sich zog. Ein kurzes seidnes Westchen mit 19 geschlitzten spanischen Ärmeln, knappe lange Beinkleider 20 mit Puffen standen dem Kinde gar artig. 21 Lange schwarze Haare waren in Locken und Zöpfen um 22 den Kopf gekräuselt und gewunden. Er sah die Gestalt 23 mit Verwunderung an, und konnte nicht mit sich 24 einig werden, ob er sie für einen Knaben oder für 25 ein Mädchen erklären sollte. Doch entschied er sich 26 bald für das letzte, und hielt sie auf, da sie bei ihm 27 vorbei kam, bot ihr einen guten Tag, und fragte sie, 28 wem sie angehöre, ob er schon leicht sehen konnte, 

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1 daß sie ein Glied der springenden und tanzenden 2 Gesellschaft sein müsse. Mit einem scharfen schwarzen 3 Seitenblick sah sie ihn an, indem sie sich von ihm 4 losmachte, und in die Küche lief, ohne zu antworten.

5 Als er die Treppe hinauf kam, fand er auf dem 6 weiten Vorsaale zwei Mannspersonen, die sich im 7 Fechten übten, oder vielmehr ihre Geschicklichkeit an 8 einander zu versuchen schienen. Der eine war offenbar 9 von der Gesellschaft, die sich im Hause befand, 10 der andere hatte ein weniger wildes Ansehn. Wilhelm 11 sah ihnen zu, und hatte Ursache, sie beide zu bewundern, 12 und als nicht lange darauf der schwarzbärtige 13 nervige Streiter den Kampfplatz verließ, bot 14 der andere, mit vieler Artigkeit, Wilhelmen das 15 Rapier an.

16 Wenn Sie einen Schüler, versetzte dieser, in die 17 Lehre nehmen wollen, so bin ich wohl zufrieden, mit 18 Ihnen einige Gänge zu wagen. Sie fochten zusammen, 19 und obgleich der Fremde dem Ankömmling 20 weit überlegen war, so war er doch höflich genug, 21 zu versichern, daß alles nur auf Übung ankomme; 22 und wirklich hatte Wilhelm auch gezeigt, daß er früher 23 von einem guten und gründlichen deutschen Fechtmeister 24 unterrichtet worden war.

25 Ihre Unterhaltung ward durch das Getöse unterbrochen, 26 mit welchem die bunte Gesellschaft aus dem 27 Wirthshause auszog, um die Stadt von ihrem Schauspiel 28 zu benachrichtigen, und auf ihre Künste begierig 

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1 zu machen. Einem Tambour folgte der Entrepreneur 2 zu Pferde, hinter ihm eine Tänzerin auf einem ähnlichen 3 Gerippe, die ein Kind vor sich hielt, das mit 4 Bändern und Flintern wohl herausgeputzt war. Darauf 5 kam die übrige Truppe zu Fuß, wovon einige 6 auf ihren Schultern Kinder, in abenteuerlichen Stellungen, 7 leicht und bequem daher trugen, unter denen 8 die junge, schwarzköpfige, düstere Gestalt Wilhelms 9 Aufmerksamkeit auf's neue erregte.

10 Pagliasso lief unter der andringenden Menge 11 drollig hin und her, und theilte mit sehr begreiflichen 12 Späßen, indem er bald ein Mädchen küßte, bald einen 13 Knaben pritschte, seine Zettel aus, und erweckte unter 14 dem Volke eine unüberwindliche Begierde, ihn näher 15 kennen zu lernen.

16 In den gedruckten Anzeigen waren die mannichfaltigen 17 Künste der Gesellschaft, besonders eines 18 Monsieur Narciß und der Demoiselle Landrinette 19 herausgestrichen, welche beide, als Hauptpersonen, die 20 Klugheit gehabt hatten, sich von dem Zuge zu enthalten, 21 sich dadurch ein vornehmeres Ansehn zu geben, 22 und größere Neugier zu erwecken.

23 Während des Zuges hatte sich auch die schöne 24 Nachbarin wieder am Fenster sehen lassen, und Wilhelm 25 hatte nicht verfehlt, sich bei seinem Gesellschafter 26 nach ihr zu erkundigen. Dieser, den wir einstweilen 27 Laertes nennen wollen, erbot sich, Wilhelmen zu ihr 28 hinüber zu begleiten. Ich und das Frauenzimmer, 

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1 sagte er lächelnd, sind ein paar Trümmer einer Schauspielergesellschaft, 2 die vor kurzem hier scheiterte. Die 3 Anmuth des Orts hat uns bewogen, einige Zeit hier 4 zu bleiben, und unsre wenige gesammelte Baarschaft 5 in Ruhe zu verzehren, indeß ein Freund ausgezogen 6 ist, ein Unterkommen für sich und uns zu suchen.

7 Laertes begleitete sogleich seinen neuen Bekannten 8 zu Philinens Thüre, wo er ihn einen Augenblick 9 stehen ließ, um in einem benachbarten Laden Zuckerwerk 10 zu holen. Sie werden mir es gewiß danken, 11 sagte er, indem er zurück kam, daß ich Ihnen diese 12 artige Bekanntschaft verschaffe.

13 Das Frauenzimmer kam ihnen auf ein paar leichten 14 Pantöffelchen mit hohen Absätzen aus der Stube 15 entgegen getreten. Sie hatte eine schwarze Mantille 16 über ein weißes Negligé geworfen, das, eben weil 17 es nicht ganz reinlich war, ihr ein häusliches und 18 bequemes Ansehn gab; ihr kurzes Röckchen ließ die 19 niedlichsten Füße von der Welt sehen.

20 Sein Sie mir willkommen! rief sie Wilhelmen 21 zu, und nehmen Sie meinen Dank für die schönen 22 Blumen. Sie führte ihn mit der einen Hand in's 23 Zimmer, indem sie mit der andern den Strauß an 24 die Brust drückte. Als sie sich niedergesetzt hatten, 25 und in gleichgültigen Gesprächen begriffen waren, 26 denen sie eine reizende Wendung zu geben wußte, 27 schüttete ihr Laertes gebrannte Mandeln in den 28 Schoß, von denen sie sogleich zu naschen anfing. 

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1 Sehn Sie, welch ein Kind dieser junge Mensch ist! 2 rief sie aus: er wird Sie überreden wollen, daß ich 3 eine große Freundin von solchen Näschereien sei, und 4 er ist's, der nicht leben kann, ohne irgend etwas 5 Leckeres zu genießen.

6 Lassen Sie uns nur gestehn, versetzte Laertes, daß 7 wir hierin, wie in mehrerem, einander gern Gesellschaft 8 leisten. Zum Beispiel, sagte er, es ist heute 9 ein sehr schöner Tag; ich dächte wir führen spazieren 10 und nähmen unser Mittagsmahl auf der Mühle. --- 11 Recht gern, sagte Philine, wir müssen unserm neuen 12 Bekannten eine kleine Veränderung machen. Laertes 13 sprang fort, denn er ging niemals, und Wilhelm 14 wollte einen Augenblick nach Hause, um seine Haare, 15 die von der Reise noch verworren aussahen, in Ordnung 16 bringen zu lassen. Das können Sie hier! sagte 17 sie, rief ihren kleinen Diener, nöthigte Wilhelmen 18 auf die artigste Weise, seinen Rock auszuziehen, ihren 19 Pudermantel anzulegen, und sich in ihrer Gegenwart 20 frisiren zu lassen. Man muß ja keine Zeit versäumen, 21 sagte sie; man weiß nicht, wie lange man 22 beisammen bleibt.

23 Der Knabe, mehr trotzig und unwillig als ungeschickt, 24 benahm sich nicht zum besten, raufte Wilhelmen, 25 und schien sobald nicht fertig werden zu 26 wollen. Philine verwies ihm einigemal seine Unart, 27 stieß ihn endlich ungeduldig hinweg, und jagte ihn 28 zur Thüre hinaus. Nun übernahm sie selbst die Bemühung, 

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1 und kräuselte die Haare unsers Freundes 2 mit großer Leichtigkeit und Zierlichkeit, ob sie gleich 3 auch nicht zu eilen schien, und bald dieses bald jenes 4 an ihrer Arbeit auszusetzen hatte, indem sie nicht 5 vermeiden konnte, mit ihren Knien die seinigen zu 6 berühren, und Strauß und Busen so nahe an seine 7 Lippen zu bringen, daß er mehr als einmal in Versuchung 8 gesetzt ward, einen Kuß darauf zu drücken.

9 Als Wilhelm mit einem kleinen Pudermesser seine 10 Stirne gereinigt hatte, sagte sie zu ihm: Stecken Sie 11 es ein, und gedenken Sie meiner dabei. Es war ein 12 artiges Messer; der Griff von eingelegtem Stahl zeigte 13 die freundlichen Worte: Gedenkt mein. Wilhelm 14 steckte es zu sich, dankte ihr, und bat um die Erlaubniß, 15 ihr ein kleines Gegengeschenk machen zu dürfen.

16 Nun war man fertig geworden. Laertes hatte 17 die Kutsche gebracht, und nun begann eine sehr lustige 18 Fahrt. Philine warf jedem Armen, der sie anbettelte, 19 etwas zum Schlage hinaus, indem sie ihm zugleich 20 ein munteres und freundliches Wort zurief.

21 Sie waren kaum auf der Mühle angekommen, 22 und hatten ein Essen bestellt, als eine Musik vor 23 dem Hause sich hören ließ. Es waren Bergleute, die 24 zu Cither und Triangel mit lebhaften und grellen 25 Stimmen verschiedene artige Lieder vortrugen. Es 26 dauerte nicht lange, so hatte eine herbeiströmende 27 Menge einen Kreis um sie geschlossen, und die Gesellschaft 28 nickte ihnen ihren Beifall aus den Fenstern zu. 

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1 Als sie diese Aufmerksamkeit gesehen, erweiterten sie 2 ihren Kreis, und schienen sich zu ihrem wichtigsten 3 Stückchen vorzubereiten. Nach einer Pause trat ein 4 Bergmann mit einer Hacke hervor, und stellte, indeß 5 die andern eine ernsthafte Melodie spielten, die Handlung 6 des Schürfens vor.

7 Es währte nicht lange, so trat ein Bauer aus 8 der Menge, und gab jenem pantomimisch drohend zu 9 verstehen, daß er sich von hier hinwegbegeben solle. 10 Die Gesellschaft war darüber verwundert, und erkannte 11 erst den, in einen Bauer verkleideten, Bergmann, als 12 er den Mund aufthat, und in einer Art von Recitativ 13 den andern schalt, daß er wage auf seinem Acker zu 14 hantiren. Jener kam nicht aus der Fassung, sondern 15 fing an, den Landmann zu belehren, daß er Recht 16 habe, hier einzuschlagen, und gab ihm dabei die ersten 17 Begriffe vom Bergbau. Der Bauer, der die fremde 18 Terminologie nicht verstand, that allerlei alberne 19 Fragen, worüber die Zuschauer, die sich klüger fühlten, 20 ein herzliches Gelächter aufschlugen. Der Bergmann 21 suchte ihn zu berichten, und bewies ihm den Vortheil, 22 der zuletzt auch auf ihn fließe, wenn die unterirdischen 23 Schätze des Landes herausgewühlt würden. Der 24 Bauer, der jenem zuerst mit Schlägen gedroht hatte, 25 ließ sich nach und nach besänftigen, und sie schieden 26 als gute Freunde von einander; besonders aber zog 27 sich der Bergmann auf die honorabelste Art aus 28 diesem Streite.



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1 Wir haben, sagte Wilhelm bei Tische, an diesem 2 kleinen Dialog das lebhafteste Beispiel, wie nützlich 3 allen Ständen das Theater sein könnte, wie vielen 4 Vortheil der Staat selbst daraus ziehen müßte, wenn 5 man die Handlungen, Gewerbe und Unternehmungen 6 der Menschen von ihrer guten lobenswürdigen Seite 7 und in dem Gesichtspuncte auf das Theater brächte, 8 aus welchem sie der Staat selbst ehren und schützen 9 muß. Jetzt stellen wir nur die lächerliche Seite der 10 Menschen dar; der Lustspieldichter ist gleichsam nur 11 ein hämischer Controleur, der auf die Fehler seiner 12 Mitbürger überall ein wachsames Auge hat und froh 13 zu sein scheint, wenn er ihnen eins anhängen kann. 14 Sollte es nicht eine angenehme und würdige Arbeit 15 für einen Staatsmann sein, den natürlichen wechselseitigen 16 Einfluß aller Stände zu überschauen, und 17 einen Dichter, der Humor genug hätte, bei seinen Arbeiten 18 zu leiten? Ich bin überzeugt, es könnten auf 19 diesem Wege manche sehr unterhaltende, zugleich nützliche 20 und lustige Stücke ersonnen werden.

21 So viel ich, sagte Laertes, überall wo ich herumgeschwärmt 22 bin, habe bemerken können, weiß man 23 nur zu verbieten, zu hindern und abzulehnen; selten 24 aber zu gebieten, zu befördern und zu belohnen. 25 Man läßt alles in der Welt gehn, bis es schädlich 26 wird; dann zürnt man und schlägt drein.

27 Laßt mir den Staat und die Staatsleute weg, 28 sagte Philine, ich kann mir sie nicht anders als in 

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1 Perrücken vorstellen, und eine Perrücke, es mag sie 2 aufhaben wer da will, erregt in meinen Fingern eine 3 krampfhafte Bewegung; ich möchte sie gleich dem ehrwürdigen 4 Herrn herunter nehmen, in der Stube 5 herumspringen und den Kahlkopf auslachen.

6 Mit einigen lebhaften Gesängen, welche sie sehr 7 schön vortrug, schnitt Philine das Gespräch ab, und 8 trieb zu einer schnellen Rückfahrt, damit man die 9 Künste der Seiltänzer am Abende zu sehen nicht versäumen 10 möchte. Drollig bis zur Ausgelassenheit, 11 setzte sie ihre Freigebigkeit gegen die Armen auf dem 12 Heimwege fort, indem sie zuletzt, da ihr und ihren 13 Reisegefährten das Geld ausging, einem Mädchen 14 ihren Strohhut und einem alten Weibe ihr Halstuch 15 zum Schlage hinauswarf.

16 Philine lud beide Begleiter zu sich in ihre Wohnung, 17 weil man, wie sie sagte, aus ihren Fenstern 18 das öffentliche Schauspiel besser als im andern Wirthshause 19 sehen könne.

20 Als sie ankamen, fanden sie das Gerüst aufgeschlagen, 21 und den Hintergrund mit aufgehängten 22 Teppichen geziert. Die Schwungbreter waren schon 23 gelegt, das Schlappseil an die Pfosten befestigt, und 24 das straffe Seil über die Böcke gezogen. Der Platz 25 war ziemlich mit Volk gefüllt, und die Fenster mit 26 Zuschauern einiger Art besetzt.

27 Pagliaß bereitete erst die Versammlung mit einigen 28 Albernheiten, worüber die Zuschauer immer zu lachen 

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1 pflegen, zur Aufmerksamkeit und guten Laune vor. 2 Einige Kinder, deren Körper die seltsamsten Verrenkungen 3 darstellten, erregten bald Verwunderung, bald 4 Grausen, und Wilhelm konnte sich des tiefen Mitleidens 5 nicht enthalten, als er das Kind, an dem er 6 beim ersten Anblicke Theil genommen, mit einiger 7 Mühe die sonderbaren Stellungen hervorbringen sah. 8 Doch bald erregten die lustigen Springer ein lebhaftes 9 Vergnügen, wenn sie erst einzeln, dann hinter einander 10 und zuletzt alle zusammen sich vorwärts und rückwärts 11 in der Luft überschlugen. Ein lautes Händeklatschen 12 und Jauchzen erscholl aus der ganzen Versammlung.

13 Nun aber ward die Aufmerksamkeit auf einen 14 ganz andern Gegenstand gewendet. Die Kinder, eins 15 nach dem andern, mußten das Seil betreten, und zwar 16 die Lehrlinge zuerst, damit sie durch ihre Übungen 17 das Schauspiel verlängerten, und die Schwierigkeit 18 der Kunst in's Licht setzten. Es zeigten sich auch 19 einige Männer und erwachsene Frauenspersonen mit 20 ziemlicher Geschicklichkeit; allein es war noch nicht 21 Monsieur Narciß, noch nicht Demoiselle Landrinette.

22 Endlich traten auch diese aus einer Art von Zelt 23 hinter aufgespannten rothen Vorhängen hervor, und 24 erfüllten durch ihre angenehme Gestalt und zierlichen 25 Putz die bisher glücklich genährte Hoffnung der Zuschauer. 26 Er, ein munteres Bürschchen von mittlerer 27 Größe, schwarzen Augen und einem starken Haarzopf; 28 sie, nicht minder wohl und kräftig gebildet; beide 

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1 zeigten sich nach einander auf dem Seile mit leichten 2 Bewegungen, Sprüngen und seltsamen Posituren. 3 Ihre Leichtigkeit, seine Verwegenheit, die Genauigkeit, 4 womit beide ihre Kunststücke ausführten, erhöhten mit 5 jedem Schritt und Sprung das allgemeine Vergnügen. 6 Der Anstand, womit sie sich betrugen, die anscheinenden 7 Bemühungen der andern um sie gaben ihnen das 8 Ansehn, als wenn sie Herr und Meister der ganzen 9 Truppe wären, und jedermann hielt sie des Ranges 10 werth.

11 Die Begeisterung des Volks theilte sich den Zuschauern 12 an den Fenstern mit, die Damen sahen unverwandt 13 nach Narcissen, die Herren nach Landrinetten. 14 Das Volk jauchzte, und das feinere Publicum enthielt 15 sich nicht des Klatschens; kaum daß man noch über 16 Pagliassen lachte. Wenige nur schlichen sich weg, als 17 einige von der Truppe, um Geld zu sammeln, sich 18 mit zinnernen Tellern durch die Menge drängten.

19 Sie haben ihre Sache, dünkt mich, gut gemacht, 20 sagte Wilhelm zu Philinen, die bei ihm am Fenster 21 lag, ich bewundere ihren Verstand, womit sie auch 22 geringe Kunststückchen, nach und nach und zur rechten 23 Zeit angebracht, gelten zu machen wußten, und wie 24 sie aus der Ungeschicklichkeit ihrer Kinder und aus 25 der Virtuosität ihrer Besten ein Ganzes zusammen 26 arbeiteten, das erst unsre Aufmerksamkeit erregte, und 27 dann uns auf das angenehmste unterhielt.

28 Das Volk hatte sich nach und nach verlaufen, 

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1 und der Platz war leer geworden, indeß Philine und 2 Laertes über die Gestalt und die Geschicklichkeit Narcissens 3 und Landrinettens in Streit geriethen und 4 sich wechselsweise neckten. Wilhelm sah das wunderbare 5 Kind auf der Straße bei andern spielenden 6 Kindern stehen, machte Philinen darauf aufmerksam, 7 die sogleich, nach ihrer lebhaften Art, dem Kinde rief 8 und winkte, und da es nicht kommen wollte, singend 9 die Treppe hinunter klapperte und es heraufführte.

10 Hier ist das Räthsel, rief sie, als sie das Kind 11 zur Thüre herein zog. Es blieb am Eingange stehen, 12 eben als wenn es gleich wieder hinaus schlüpfen wollte, 13 legte die rechte Hand vor die Brust, die linke vor die 14 Stirn, und bückte sich tief. Fürchte dich nicht, liebe 15 Kleine, sagte Wilhelm, indem er auf sie los ging. 16 Sie sah ihn mit unsicherm Blick an, und trat einige 17 Schritte näher.

18 Wie nennest du dich? fragte er. --- Sie heißen 19 mich Mignon. --- Wie viel Jahre hast du? --- Es 20 hat sie niemand gezählt. --- Wer war dein Vater? --- 21 Der große Teufel ist todt. --
22 Nun das ist wunderlich genug! rief Philine aus. 23 Man fragte sie noch einiges; sie brachte ihre Antworten 24 in einem gebrochenen Deutsch und mit einer 25 sonderbar feierlichen Art vor; dabei legte sie jedesmal 26 die Hände an Brust und Haupt und neigte sich tief.

27 Wilhelm konnte sie nicht genug ansehen. Seine 28 Augen und sein Herz wurden unwiderstehlich von dem 

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1 geheimnißvollen Zustande dieses Wesens angezogen. 2 Er schätzte sie zwölf bis dreizehn Jahre; ihr Körper 3 war gut gebaut, nur daß ihre Glieder einen stärkern 4 Wuchs versprachen, oder einen zurückgehaltenen ankündigten. 5 Ihre Bildung war nicht regelmäßig, aber 6 auffallend; ihre Stirne geheimnißvoll, ihre Nase 7 außerordentlich schön, und der Mund, ob er schon 8 für ihr Alter zu sehr geschlossen schien, und sie manchmal 9 mit den Lippen nach einer Seite zuckte, noch 10 immer treuherzig und reizend genug. Ihre bräunliche 11 Gesichtsfarbe konnte man durch die Schminke kaum 12 erkennen. Diese Gestalt prägte sich Wilhelmen sehr 13 tief ein; er sah sie noch immer an, schwieg und vergaß 14 der Gegenwärtigen über seinen Betrachtungen. 15 Philine weckte ihn aus seinem Halbtraume, indem sie 16 dem Kinde etwas übriggebliebenes Zuckerwerk reichte, 17 und ihm ein Zeichen gab, sich zu entfernen. Es 18 machte seinen Bückling, wie oben, und fuhr blitzschnell 19 zur Thüre hinaus.

20 Als die Zeit nunmehr herbei kam, daß unsre 21 neuen Bekannten sich für diesen Abend trennen sollten, 22 redeten sie vorher noch eine Spazierfahrt auf den 23 morgenden Tag ab. Sie wollten abermals an einem 24 andern Orte, auf einem benachbarten Jägerhause, ihr 25 Mittagsmahl einnehmen. Wilhelm sprach diesen Abend 26 noch manches zu Philinens Lobe, worauf Laertes nur 27 kurz und leichtsinnig antwortete.

28 Den andern Morgen, als sie sich abermals eine 

[Seite 155]

1 Stunde im Fechten geübt hatten, gingen sie nach 2 Philinens Gasthofe, vor welchem sie die bestellte 3 Kutsche schon hatten anfahren sehen. Aber wie verwundert 4 war Wilhelm, als die Kutsche verschwunden, 5 und wie noch mehr, als Philine nicht zu Hause anzutreffen 6 war. Sie hatte sich, so erzählte man, mit 7 ein paar Fremden, die diesen Morgen angekommen 8 waren, in den Wagen gesetzt, und war mit ihnen davon 9 gefahren. Unser Freund, der sich in ihrer Gesellschaft 10 eine angenehme Unterhaltung versprochen hatte, konnte 11 seinen Verdruß nicht verbergen. Dagegen lachte Laertes, 12 und rief: So gefällt sie mir! Das sieht ihr ganz 13 ähnlich! Lassen Sie uns nur gerade nach dem Jagdhause 14 gehen; sie mag sein, wo sie will, wir wollen 15 ihretwegen unsere Promenade nicht versäumen.

16 Als Wilhelm unterwegs diese Inconsequenz des 17 Betragens zu tadeln fortfuhr, sagte Laertes: Ich 18 kann nicht inconsequent finden, wenn jemand seinem 19 Charakter treu bleibt. Wenn sie sich etwas vornimmt 20 oder jemanden etwas verspricht, so geschieht 21 es nur unter der stillschweigenden Bedingung, daß 22 es ihr auch bequem sein werde, den Vorsatz auszuführen 23 oder ihr Versprechen zu halten. Sie verschenkt 24 gern, aber man muß immer bereit sein, ihr das Geschenkte 25 wieder zu geben.

26 Dieß ist ein seltsamer Charakter, versetzte Wilhelm.

27 Nichts weniger als seltsam, nur daß sie keine 28 Heuchlerin ist. Ich liebe sie deßwegen, ja ich bin 

[Seite 156]

1 ihr Freund, weil sie mir das Geschlecht so rein darstellt, 2 das ich zu hassen so viel Ursache habe. Sie 3 ist mir die wahre Eva, die Stammmutter des weiblichen 4 Geschlechts; so sind alle, nur wollen sie es nicht 5 Wort haben.

6 Unter mancherlei Gesprächen, in welchen Laertes 7 seinen Haß gegen das weibliche Geschlecht sehr lebhaft 8 ausdruckte, ohne jedoch die Ursache davon anzugeben, 9 waren sie in den Wald gekommen, in welchen Wilhelm 10 sehr verstimmt eintrat, weil die Äußerungen des Laertes 11 ihm die Erinnerung an sein Verhältniß zu 12 Marianen wieder lebendig gemacht hatten. Sie fanden 13 nicht weit von einer beschatteten Quelle, unter herrlichen 14 alten Bäumen, Philinen allein, an einem 15 steinernen Tische sitzen. Sie sang ihnen ein lustiges 16 Liedchen entgegen, und als Laertes nach ihrer Gesellschaft 17 fragte, rief sie aus: Ich habe sie schön angeführt; 18 ich habe sie zum Besten gehabt, wie sie es verdienten. 19 Schon unterwegs setzte ich ihre Freigebigkeit auf die 20 Probe, und da ich bemerkte, daß sie von den kargen 21 Näschern waren, nahm ich mir gleich vor, sie zu bestrafen. 22 Nach unsrer Ankunft fragten sie den Kellner, 23 was zu haben sei, der mit der gewöhnlichen Geläufigkeit 24 seiner Zunge alles, was da war, und mehr als 25 da war, hererzählte. Ich sah ihre Verlegenheit, sie 26 blickten einander an, stotterten, und fragten nach 27 dem Preise. Was bedenken Sie sich lange, rief ich 28 aus, die Tafel ist das Geschäft eines Frauenzimmers, 

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1 lassen Sie mich dafür sorgen. Ich fing darauf an, 2 ein unsinniges Mittagmahl zu bestellen, wozu noch 3 manches durch Boten aus der Nachbarschaft geholt 4 werden sollte. Der Kellner, den ich durch ein paar 5 schiefe Mäuler zum Vertrauten gemacht hatte, half 6 mir endlich, und so haben wir sie durch die Vorstellung 7 eines herrlichen Gastmahls dergestalt geängstigt, 8 daß sie sich kurz und gut zu einem Spaziergange 9 in den Wald entschlossen, von dem sie wohl 10 schwerlich zurückkommen werden. Ich habe eine Viertelstunde 11 auf meine eigene Hand gelacht, und werde 12 lachen, so oft ich an die Gesichter denke. Bei Tische 13 erinnerte sich Laertes an ähnliche Fälle; sie kamen in 14 den Gang, lustige Geschichten, Mißverständnisse und 15 Prellereien zu erzählen.

16 Ein junger Mann von ihrer Bekanntschaft aus 17 der Stadt kam mit einem Buche durch den Wald geschlichen, 18 setzte sich zu ihnen, und rühmte den schönen 19 Platz. Er machte sie auf das Rieseln der Quelle, auf 20 die Bewegung der Zweige, auf die einfallenden Lichter 21 und auf den Gesang der Vögel aufmerksam. Philine 22 sang ein Liedchen vom Kuckuck, welches dem Ankömmling 23 nicht zu behagen schien; er empfahl sich bald.

24 Wenn ich nur nichts mehr von Natur und Naturscenen 25 hören sollte, rief Philine aus, als er weg 26 war; es ist nichts unerträglicher, als sich das Vergnügen 27 vorrechnen zu lassen, das man genießt. Wenn 28 schön Wetter ist, geht man spazieren, wie man tanzt, 

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1 wenn aufgespielt wird. Wer mag aber nur einen 2 Augenblick an die Musik, wer an's schöne Wetter 3 denken? Der Tänzer interessirt uns, nicht die Violine, 4 und in ein paar schöne schwarze Augen zu sehen 5 thut einem paar blauen Augen gar zu wohl. Was 6 sollen dagegen Quellen und Brunnen, und alte morsche 7 Linden! Sie sah, indem sie so sprach, Wilhelmen, 8 der ihr gegenüber saß, mit einem Blick in die Augen, 9 dem er nicht wehren konnte, wenigstens bis an die 10 Thüre seines Herzens vorzudringen.

11 Sie haben Recht, versetzte er mit einiger Verlegenheit, 12 der Mensch ist dem Menschen das Interessanteste, 13 und sollte ihn vielleicht ganz allein interessiren. Alles 14 andere, was uns umgibt, ist entweder nur Element, 15 in dem wir leben, oder Werkzeug, dessen wir uns bedienen. 16 Jemehr wir uns dabei aufhalten, jemehr 17 wir darauf merken und Theil daran nehmen, desto 18 schwächer wird das Gefühl unsers eignen Werthes 19 und das Gefühl der Gesellschaft. Die Menschen, die 20 einen großen Werth auf Gärten, Gebäude, Kleider, 21 Schmuck oder irgend ein Besitzthum legen, sind weniger 22 gesellig und gefällig; sie verlieren die Menschen aus 23 den Augen, welche zu erfreuen und zu versammeln 24 nur sehr wenigen glückt. Sehn wir es nicht auch 25 auf dem Theater? Ein guter Schauspieler macht 26 uns bald eine elende unschickliche Decoration vergessen, 27 dahingegen das schönste Theater den Mangel an guten 28 Schauspielern erst recht fühlbar macht.



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1 Nach Tische setzte Philine sich in das beschattete 2 hohe Gras. Ihre beiden Freunde mußten ihr Blumen 3 in Menge herbeischaffen. Sie wand sich einen 4 vollen Kranz, und setzte ihn auf; sie sah unglaublich 5 reizend aus. Die Blumen reichten noch zu einem 6 andern hin; auch den flocht sie, indem sich beide 7 Männer neben sie setzten. Als er unter allerlei 8 Scherz und Anspielungen fertig geworden war, drückte 9 sie ihn Wilhelmen mit der größten Anmuth auf's 10 Haupt und rückte ihn mehr als einmal anders, bis 11 er recht zu sitzen schien. Und ich werde, wie es scheint, 12 leer ausgehen, sagte Laertes.

13 Mit nichten, versetzte Philine. Ihr sollt euch 14 keinesweges beklagen. Sie nahm ihren Kranz vom 15 Haupte und setzte ihn Laertes auf.

16 Wären wir Nebenbuhler, sagte dieser, so würden 17 wir sehr heftig streiten können, welchen von beiden 18 du am meisten begünstigst.

19 Da wärt ihr rechte Thoren, versetzte sie, indem 20 sie sich zu ihm hinüberbog, und ihm den Mund zum 21 Kuß reichte, sich aber sogleich umwendete, ihren Arm 22 um Wilhelmen schlang und einen lebhaften Kuß auf 23 seine Lippen drückte. Welcher schmeckt am besten? 24 fragte sie neckisch.

25 Wunderlich! rief Laertes. Es scheint, als wenn 26 so etwas niemals nach Wermuth schmecken könne.

27 So wenig, sagte Philine, als irgend eine Gabe, 28 die jemand ohne Neid und Eigensinn genießt. Nun 

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1 hätte ich, rief sie aus, noch Lust, eine Stunde zu 2 tanzen, und dann müssen wir wohl wieder nach unsern 3 Springern sehen.

4 Man ging nach dem Hause, und fand Musik daselbst. 5 Philine, die eine gute Tänzerin war, belebte 6 ihre beiden Gesellschafter. Wilhelm war nicht ungeschickt, 7 allein es fehlte ihm an einer künstlichen 8 Übung. Seine beiden Freunde nahmen sich vor, ihn 9 zu unterrichten.

10 Man verspätete sich. Die Seiltänzer hatten ihre 11 Künste schon zu produciren angefangen. Auf dem 12 Platze hatten sich viele Zuschauer eingefunden, doch 13 war unsern Freunden, als sie ausstiegen, ein Getümmel 14 merkwürdig, das eine große Anzahl Menschen 15 nach dem Thore des Gasthofes, in welchem Wilhelm 16 eingekehrt war, hingezogen hatte. Wilhelm sprang 17 hinüber, um zu sehen, was es sei, und mit Entsetzen 18 erblickte er, als er sich durch's Volk drängte, den 19 Herrn der Seiltänzergesellschaft, der das interessante 20 Kind bei den Haaren aus dem Hause zu schleppen 21 bemüht war, und mit einem Peitschenstiel unbarmherzig 22 auf den kleinen Körper losschlug.

23 Wilhelm fuhr wie ein Blitz auf den Mann zu, 24 und faßte ihn bei der Brust. Laß das Kind los! 25 schrie er wie ein Rasender, oder Einer von uns bleibt 26 hier auf der Stelle. Er faßte zugleich den Kerl mit 27 einer Gewalt, die nur der Zorn geben kann, bei der 28 Kehle, daß dieser zu ersticken glaubte, das Kind losließ, 

[Seite 161]

1 und sich gegen den Angreifenden zu vertheidigen 2 suchte. Einige Leute, die mit dem Kinde Mitleiden 3 fühlten, aber Streit anzufangen nicht gewagt hatten, 4 fielen dem Seiltänzer sogleich in die Arme, entwaffneten 5 ihn, und drohten ihm mit vielen Schimpfreden. 6 Dieser, der sich jetzt nur auf die Waffen seines Mundes 7 reducirt sah, fing gräßlich zu drohen und zu fluchen 8 an: die faule unnütze Creatur wolle ihre Schuldigkeit 9 nicht thun; sie verweigere den Eiertanz zu tanzen, 10 den er dem Publico versprochen habe; er wolle sie 11 todtschlagen, und es solle ihn niemand daran hindern. 12 Er suchte sich los zu machen, um das Kind, das sich 13 unter der Menge verkrochen hatte, aufzusuchen. Wilhelm 14 hielt ihn zurück, und rief: Du sollst nicht eher 15 dieses Geschöpf weder sehen noch berühren, bis du 16 vor Gericht Rechenschaft gibst, wo du es gestohlen 17 hast; ich werde dich auf's Äußerste treiben; du sollst 18 mir nicht entgehen. Diese Rede, welche Wilhelm in 19 der Hitze, ohne Gedanken und Absicht, aus einem 20 dunklen Gefühl, oder, wenn man will, aus Inspiration 21 ausgesprochen hatte, brachte den wüthenden Menschen 22 auf einmal zur Ruhe. Er rief: Was hab' ich mit 23 der unnützen Creatur zu schaffen! Zahlen Sie mir, 24 was mich ihre Kleider kosten, und Sie mögen sie behalten; 25 wir wollen diesen Abend noch einig werden. 26 Er eilte darauf, die unterbrochene Vorstellung fortzusetzen, 27 und die Unruhe des Publicums durch einige 28 bedeutende Kunststücke zu befriedigen.



[Seite 162]

1 Wilhelm suchte nunmehr, da es stille geworden 2 war, nach dem Kinde, das sich aber nirgends fand. 3 Einige wollten es auf dem Boden, andere auf den 4 Dächern der benachbarten Häuser gesehen haben. Nachdem 5 man es aller Orten gesucht hatte, mußte man 6 sich beruhigen, und abwarten, ob es nicht von selbst 7 wieder herbei kommen wolle.

8 Indeß war Narciß nach Hause gekommen, welchen 9 Wilhelm über die Schicksale und die Herkunft des 10 Kindes befragte. Dieser wußte nichts davon, denn 11 er war nicht lange bei der Gesellschaft, erzählte dagegen 12 mit großer Leichtigkeit und vielem Leichtsinne 13 seine eigenen Schicksale. Als ihm Wilhelm zu dem 14 großen Beifall Glück wünschte, dessen er sich zu erfreuen 15 hatte, äußerte er sich sehr gleichgültig darüber. 16 Wir sind gewohnt, sagte er, daß man über uns lacht, 17 und unsre Künste bewundert; aber wir werden durch 18 den außerordentlichen Beifall um nichts gebessert. Der 19 Entrepreneur zahlt uns, und mag sehen, wie er zurechte 20 kömmt. Er beurlaubte sich darauf, und wollte 21 sich eilig entfernen.

22 Auf die Frage, wo er so schnell hinwolle, lächelte 23 der junge Mensch, und gestand, daß seine Figur und 24 Talente ihm einen solidern Beifall zugezogen, als der 25 des großen Publicums sei. Er habe von einigen 26 Frauenzimmern Botschaft erhalten, die sehr eifrig 27 verlangten, ihn näher kennen zu lernen, und er fürchte, 28 mit den Besuchen, die er abzulegen habe, vor Mitternacht 

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1 kaum fertig zu werden. Er fuhr fort mit der 2 größten Aufrichtigkeit seine Abenteuer zu erzählen, 3 und hätte die Namen, Straßen und Häuser angezeigt, 4 wenn nicht Wilhelm eine solche Indiscretion abgelehnt 5 und ihn höflich entlassen hätte.

6 Laertes hatte indessen Landrinetten unterhalten, 7 und versicherte, sie sei vollkommen würdig ein Weib 8 zu sein und zu bleiben.

9 Nun ging die Unterhandlung mit dem Entrepreneur 10 wegen des Kindes an, das unserm Freunde für 11 dreißig Thaler überlassen wurde, gegen welche der 12 schwarzbärtige heftige Italiäner seine Ansprüche völlig 13 abtrat, von der Herkunft des Kindes aber weiter 14 nichts bekennen wollte, als daß er solches nach dem 15 Tode seines Bruders, den man wegen seiner außerordentlichen 16 Geschicklichkeit den großen Teufel genannt, 17 zu sich genommen habe.

18 Der andere Morgen ging meist mit Aufsuchen des 19 Kindes hin. Vergebens durchkroch man alle Winkel des 20 Hauses und der Nachbarschaft; es war verschwunden, 21 und man fürchtete, es möchte in ein Wasser gesprungen 22 sein, oder sich sonst ein Leids angethan haben.

23 Philinens Reize konnten die Unruhe unsers Freundes 24 nicht ableiten. Er brachte einen traurigen nachdenklichen 25 Tag zu. Auch des Abends, da Springer 26 und Tänzer alle ihre Kräfte aufboten, um sich dem 27 Publico auf's beste zu empfehlen, konnte sein Gemüth 28 nicht erheitert und zerstreut werden.



[Seite 164]

1 Durch den Zulauf aus benachbarten Ortschaften 2 hatte die Anzahl der Menschen außerordentlich zugenommen, 3 und so wälzte sich auch der Schneeball des 4 Beifalls zu einer ungeheuren Größe. Der Sprung 5 über die Degen und durch das Faß mit papiernen 6 Böden machte eine große Sensation. Der starke 7 Mann ließ zum allgemeinen Grausen, Entsetzen und 8 Erstaunen, indem er sich mit dem Kopf und den Füßen 9 auf ein Paar aus einander geschobene Stühle legte, 10 auf seinen hohlschwebenden Leib einen Ambos heben 11 und auf demselben, von einigen wackern Schmiedegesellen, 12 ein Hufeisen fertig schmieden.

13 Auch war die sogenannte Herkules-Stärke, da 14 eine Reihe Männer, auf den Schultern einer ersten 15 Reihe stehend, abermals Frauen und Jünglinge trägt, 16 so daß zuletzt eine lebendige Pyramide entsteht, deren 17 Spitze ein Kind, auf den Kopf gestellt, als Knopf 18 und Wetterfahne ziert, in diesen Gegenden noch nie 19 gesehen worden, und endigte würdig das ganze Schauspiel. 20 Narciß und Landrinette ließen sich in Tragsesseln 21 auf den Schultern der Übrigen durch die vornehmsten 22 Straßen der Stadt unter lautem Freudengeschrei 23 des Volks tragen. Man warf ihnen Bänder, 24 Blumensträuße und seidene Tücher zu, und drängte 25 sich, sie in's Gesicht zu fassen. Jedermann schien 26 glücklich zu sein, sie anzusehn, und von ihnen eines 27 Blicks gewürdigt zu werden.

28 Welcher Schauspieler, welcher Schriftsteller, ja 

[Seite 165]

1 welcher Mensch überhaupt würde sich nicht auf dem 2 Gipfel seiner Wünsche sehen, wenn er durch irgend 3 ein edles Wort oder eine gute That einen so allgemeinen 4 Eindruck hervorbrächte? Welche köstliche Empfindung 5 müßte es sein, wenn man gute, edle, der 6 Menschheit würdige Gefühle eben so schnell durch einen 7 elektrischen Schlag ausbreiten, ein solches Entzücken 8 unter dem Volke erregen könnte, als diese Leute durch 9 ihre körperliche Geschicklichkeit gethan haben; wenn 10 man der Menge das Mitgefühl alles Menschlichen 11 geben, wenn man sie mit der Vorstellung des Glücks 12 und Unglücks, der Weisheit und Thorheit, ja des 13 Unsinns und der Albernheit entzünden, erschüttern, 14 und ihr stockendes Innere in freie, lebhafte und reine 15 Bewegung setzen könnte! So sprach unser Freund, 16 und da weder Philine noch Laertes gestimmt schienen, 17 einen solchen Discurs fortzusetzen, unterhielt er sich 18 allein mit diesen Lieblingsbetrachtungen, als er bis 19 spät in die Nacht um die Stadt spazierte, und seinen 20 alten Wunsch, das Gute, Edle, Große durch das 21 Schauspiel zu versinnlichen, wieder einmal mit aller 22 Lebhaftigkeit und aller Freiheit einer losgebundenen 23 Einbildungskraft verfolgte.



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1 
Fünftes Capitel.

[Lesarten]  2 Des andern Tages, als die Seiltänzer mit großem 3 Geräusch abgezogen waren, fand sich Mignon sogleich 4 wieder ein, und trat hinzu, als Wilhelm und Laertes 5 ihre Fechtübungen auf dem Saale fortsetzten. Wo 6 hast du gesteckt? fragte Wilhelm freundlich: du hast 7 uns viel Sorge gemacht. Das Kind antwortete 8 nichts, und sah ihn an. Du bist nun unser, rief 9 Laertes, wir haben dich gekauft. --- Was hast du bezahlt? 10 fragte das Kind ganz trocken. --- Hundert 11 Ducaten, versetzte Laertes; wenn du sie wieder gibst, 12 kannst du frei sein. --- Das ist wohl viel? fragte 13 das Kind. --- O ja, du magst dich nur gut aufführen. --- 14 Ich will dienen, versetzte sie.

15 Von dem Augenblicke an merkte sie genau, was 16 der Kellner den beiden Freunden für Dienste zu 17 leisten hatte, und litt schon des andern Tages nicht 18 mehr, daß er in's Zimmer kam. Sie wollte alles 19 selbst thun, und machte auch ihre Geschäfte, zwar 20 langsam und mitunter unbehülflich, doch genau und 21 mit großer Sorgfalt.



[Seite 167]

1 Sie stellte sich oft an ein Gefäß mit Wasser, und 2 wusch ihr Gesicht mit so großer Emsigkeit und Heftigkeit, 3 daß sie sich fast die Backen aufrieb, bis Laertes 4 durch Fragen und Necken erfuhr, daß sie die Schminke 5 von ihren Wangen auf alle Weise los zu werden 6 suche, und über dem Eifer, womit sie es that, die 7 Röthe, die sie durch's Reiben hervorgebracht hatte, 8 für die hartnäckigste Schminke halte. Man bedeutete 9 sie, und sie ließ ab, und nachdem sie wieder zur Ruhe 10 gekommen war, zeigte sich eine schöne braune, obgleich 11 nur von wenigem Roth erhöhte Gesichtsfarbe.

12 Durch die frevelhaften Reize Philinens, durch die 13 geheimnißvolle Gegenwart des Kindes, mehr als er 14 sich selbst gestehen durfte, unterhalten, brachte Wilhelm 15 verschiedene Tage in dieser sonderbaren Gesellschaft zu, 16 und rechtfertigte sich bei sich selbst durch eine fleißige 17 Übung in der Fecht- und Tanzkunst, wozu er so leicht 18 nicht wieder Gelegenheit zu finden glaubte.

19 Nicht wenig verwundert, und gewissermaßen erfreut 20 war er, als er eines Tages Herrn und Frau 21 Melina ankommen sah, welche, gleich nach dem ersten 22 frohen Gruße, sich nach der Directrice und den übrigen 23 Schauspielern erkundigten, und mit großem Schrecken 24 vernahmen, daß jene sich schon lange entfernt habe, 25 und diese bis auf wenige zerstreut seien.

26 Das junge Paar hatte sich nach ihrer Verbindung, 27 zu der, wie wir wissen, Wilhelm behülflich gewesen, 28 an einigen Orten nach Engagement umgesehen, keines 

[Seite 168]

1 gefunden, und war endlich in dieses Städtchen gewiesen 2 worden, wo einige Personen, die ihnen unterwegs begegneten, 3 ein gutes Theater gesehen haben wollten.

4 Philinen wollte Madame Melina, und Herr Melina 5 dem lebhaften Laertes, als sie Bekanntschaft machten, 6 keinesweges gefallen. Sie wünschten die neuen Ankömmlinge 7 gleich wieder los zu sein, und Wilhelm 8 konnte ihnen keine günstigen Gesinnungen beibringen, 9 ob er ihnen gleich wiederholt versicherte, daß es recht 10 gute Leute seien.

11 Eigentlich war auch das bisherige lustige Leben 12 unsrer drei Abenteurer durch die Erweiterung der Gesellschaft 13 auf mehr als eine Weise gestört; denn Melina 14 fing im Wirthshause (er hatte in eben demselben, in 15 welchem Philine wohnte, Platz gefunden) gleich zu 16 markten und zu quängeln an. Er wollte für weniges 17 Geld besseres Quartier, reichlichere Mahlzeit und 18 promptere Bedienung haben. In kurzer Zeit machten 19 Wirth und Kellner verdrießliche Gesichter, und wenn 20 die andern, um froh zu leben, sich alles gefallen ließen, 21 und nur geschwind bezahlten, um nicht länger an 22 das zu denken, was schon verzehrt war, so mußte die 23 Mahlzeit, die Melina regelmäßig sogleich berichtigte, 24 jederzeit von vorn wieder durchgenommen werden, 25 so daß Philine ihn ohne Umstände ein wiederkäuendes 26 Thier nannte.

27 Noch verhaßter war Madame Melina dem lustigen 28 Mädchen. Diese junge Frau war nicht ohne Bildung, 

[Seite 169]

1 doch fehlte es ihr gänzlich an Geist und Seele. Sie 2 declamirte nicht übel, und wollte immer declamiren; 3 allein man merkte bald, daß es nur eine Wortdeclamation 4 war, die auf einzelnen Stellen lastete, und die 5 Empfindung des Ganzen nicht ausdruckte. Bei diesem 6 allen war sie nicht leicht jemanden, besonders Männern, 7 unangenehm. Vielmehr schrieben ihr diejenigen, die 8 mit ihr umgingen, gewöhnlich einen schönen Verstand 9 zu: denn sie war, was ich mit einem Worte eine 10 Anempfinderin nennen möchte; sie wußte einem 11 Freunde, um dessen Achtung ihr zu thun war, mit 12 einer besondern Aufmerksamkeit zu schmeicheln, in 13 seine Ideen so lange als möglich einzugehen, sobald 14 sie aber ganz über ihren Horizont waren, mit Ekstase 15 eine solche neue Erscheinung aufzunehmen. Sie verstand 16 zu sprechen und zu schweigen, und ob sie gleich 17 kein tückisches Gemüth hatte, mit großer Vorsicht aufzupassen, 18 wo des andern schwache Seite sein möchte.



[Seite 170]



1 
Sechstes Capitel.

[Lesarten]  2 Melina hatte sich indessen nach den Trümmern 3 der vorigen Direction genau erkundigt. Sowohl 4 Decorationen als Garderobe waren an einige Handelsleute 5 versetzt, und ein Notarius hatte den Auftrag von 6 der Directrice erhalten, unter gewissen Bedingungen, 7 wenn sich Liebhaber fänden, in den Verkauf aus freier 8 Hand zu willigen. Melina wollte die Sachen besehen 9 und zog Wilhelmen mit sich. Dieser empfand, 10 als man ihnen die Zimmer eröffnete, eine gewisse 11 Neigung dazu, die er sich jedoch selbst nicht gestand. 12 In so einem schlechten Zustande auch die geklecks'ten 13 Decorationen waren, so wenig scheinbar auch türkische 14 und heidnische Kleider, alte Carricaturröcke für Männer 15 und Frauen, Kutten für Zauberer, Juden und 16 Pfaffen sein mochten, so konnt' er sich doch der Emfindung 17 nicht erwehren, daß er die glücklichsten Augenblicke 18 seines Lebens in der Nähe eines ähnlichen Trödelkrams 19 gefunden hatte. Hätte Melina in sein Herz 20 sehen können, so würde er ihm eifriger zugesetzt haben, 21 eine Summe Geldes auf die Befreiung, Aufstellung 

[Seite 171]

1 und neue Belebung dieser zerstreuten Glieder zu einem 2 schönen Ganzen herzugeben. Welch ein glücklicher 3 Mensch, rief Melina aus, könnte ich sein, wenn ich 4 nur zweihundert Thaler besäße, um zum Anfange den 5 Besitz dieser ersten theatralischen Bedürfnisse zu erlangen. 6 Wie bald wollt' ich ein kleines Schauspiel 7 beisammen haben, das uns in dieser Stadt, in dieser 8 Gegend, gewiß sogleich ernähren sollte. Wilhelm 9 schwieg, und beide verließen nachdenklich die wieder 10 eingesperrten Schätze.

11 Melina hatte von dieser Zeit an keinen andern 12 Discurs als Projecte und Vorschläge, wie man ein 13 Theater einrichten und dabei seinen Vortheil finden 14 könnte. Er suchte Philinen und Laertes zu interessiren, 15 und man that Wilhelmen Vorschläge, Geld herzuschießen, 16 und Sicherheit dagegen anzunehmen. Diesem 17 fiel aber erst bei dieser Gelegenheit recht auf, daß er 18 hier so lange nicht hätte verweilen sollen; er entschuldigte 19 sich, und wollte Anstalten machen, seine 20 Reise fortzusetzen.

21 Indessen war ihm Mignons Gestalt und Wesen 22 immer reizender geworden. In alle seinem Thun und 23 Lassen hatte das Kind etwas Sonderbares. Es ging 24 die Treppe weder auf noch ab, sondern sprang; es 25 stieg auf den Geländern der Gänge weg, und eh' man 26 sich's versah, saß es oben auf dem Schranke, und 27 blieb eine Weile ruhig. Auch hatte Wilhelm bemerkt, 28 daß es für jeden eine besondere Art von Gruß hatte. 

[Seite 172]

1 Ihn grüßte sie, seit einiger Zeit, mit über die Brust 2 geschlagenen Armen. Manche Tage war sie ganz 3 stumm, zu Zeiten antwortete sie mehr auf verschiedene 4 Fragen, immer sonderbar, doch so, daß man nicht 5 unterscheiden konnte, ob es Witz oder Unkenntniß der 6 Sprache war, indem sie ein gebrochnes mit Französisch 7 und Italiänisch durchflochtenes Deutsch sprach. In 8 seinem Dienste war das Kind unermüdet, und früh 9 mit der Sonne auf; es verlor sich dagegen Abends 10 zeitig, schlief in einer Kammer auf der nackten Erde, 11 und war durch nichts zu bewegen, ein Bette oder 12 einen Strohsack anzunehmen. Er fand sie oft, daß 13 sie sich wusch. Auch ihre Kleider waren reinlich, obgleich 14 alles fast doppelt und dreifach an ihr geflickt 15 war. Man sagte Wilhelmen auch, daß sie alle 16 Morgen ganz früh in die Messe gehe, wohin er ihr 17 einmal folgte, und sie in der Ecke der Kirche mit dem 18 Rosenkranze knien und andächtig beten sah. Sie bemerkte 19 ihn nicht, er ging nach Hause, machte sich 20 vielerlei Gedanken über diese Gestalt, und konnte sich 21 bei ihr nichts Bestimmtes denken.

22 Neues Andringen Melina's um eine Summe Geldes, 23 zur Auslösung der mehr erwähnten Theatergeräthschaften, 24 bestimmte Wilhelmen noch mehr, an 25 seine Abreise zu denken. Er wollte den Seinigen, 26 die lange nichts von ihm gehört hatten, noch mit dem 27 heutigen Posttage schreiben; er fing auch wirklich 28 einen Brief an Wernern an, und war mit Erzählung 

[Seite 173]

1 seiner Abenteuer, wobei er, ohne es selbst zu bemerken, 2 sich mehrmal von der Wahrheit entfernt hatte, schon 3 ziemlich weit gekommen, als er, zu seinem Verdruß, 4 auf der hintern Seite des Briefblatts schon einige 5 Verse geschrieben fand, die er für Madame Melina 6 aus seiner Schreibtafel zu copiren angefangen hatte. 7 Unwillig zerriß er das Blatt und verschob die Wiederholung 8 seines Bekenntnisses auf den nächsten Posttag.



[Seite 174]



1 
Siebentes Capitel.

[Lesarten]  2 Unsre Gesellschaft befand sich abermals beisammen, 3 und Philine, die auf jedes Pferd, das vorbei kam, 4 auf jeden Wagen, der anfuhr, äußerst aufmerksam 5 war, rief mit großer Lebhaftigkeit: Unser Pedant! 6 Da kommt unser allerliebster Pedant! Wen mag er 7 bei sich haben? Sie rief und winkte zum Fenster 8 hinaus, und der Wagen hielt stille.

9 Ein kümmerlich armer Teufel, den man an seinem 10 verschabten, graulich-braunen Rocke und an seinen 11 übelconditionirten Unterkleidern für einen Magister, 12 wie sie auf Akademien zu vermodern pflegen, hätte 13 halten sollen, stieg aus dem Wagen, und entblößte, 14 indem er Philinen zu grüßen den Hut abthat, eine 15 übelgepuderte, aber übrigens sehr steife Perrücke, und 16 Philine warf ihm hundert Kußhände zu.

17 So wie sie ihre Glückseligkeit fand, einen Theil 18 der Männer zu lieben und ihre Liebe zu genießen, 19 so war das Vergnügen nicht viel geringer, das sie 20 sich so oft als möglich gab, die übrigen, die sie eben 21 in diesem Augenblicke nicht liebte, auf eine sehr leichtfertige 22 Weise zum Besten zu haben.



[Seite 175]

1 Über den Lärm, womit sie diesen alten Freund 2 empfing, vergaß man auf die Übrigen zu achten, die 3 ihm nachfolgten. Doch glaubte Wilhelm die zwei 4 Frauenzimmer und einen ältlichen Mann, der mit 5 ihnen hereintrat, zu kennen. Auch entdeckte sich's 6 bald, daß er sie alle drei vor einigen Jahren bei der 7 Gesellschaft, die in seiner Vaterstadt spielte, mehrmals 8 gesehen hatte. Die Töchter waren seit der Zeit heran 9 gewachsen; der Alte aber hatte sich wenig verändert. 10 Dieser spielte gewöhnlich die gutmüthigen polternden 11 Alten, wovon das deutsche Theater nicht leer wird, 12 und die man auch im gemeinen Leben nicht selten 13 antrifft. Denn da es der Charakter unsrer Landsleute 14 ist, das Gute ohne viel Prunk zu thun und zu 15 leisten, so denken sie selten daran, daß es auch eine 16 Art gebe, das Rechte mit Zierlichkeit und Anmuth 17 zu thun, und verfallen vielmehr, von einem Geiste 18 des Widerspruchs getrieben, leicht in den Fehler, durch 19 ein mürrisches Wesen ihre liebste Tugend im Contraste 20 darzustellen.

21 Solche Rollen spielte unser Schauspieler sehr gut, 22 und er spielte sie so oft und ausschließlich, daß er 23 darüber eine ähnliche Art sich zu betragen im gemeinen 24 Leben angenommen hatte.

25 Wilhelm gerieth in große Bewegung, sobald er 26 ihn erkannte; denn er erinnerte sich, wie oft er diesen 27 Mann neben seiner geliebten Mariane auf dem Theater 28 gesehen hatte; er hörte ihn noch schelten, er hörte 

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1 ihre schmeichelnde Stimme, mit der sie seinem rauhen 2 Wesen in manchen Rollen zu begegnen hatte.

3 Die erste lebhafte Frage an die neuen Ankömmlinge, 4 ob ein Unterkommen auswärts zu finden und 5 zu hoffen sei? ward leider mit Nein beantwortet, 6 und man mußte vernehmen, daß die Gesellschaften, 7 bei denen man sich erkundigt, besetzt, und einige 8 davon sogar in Sorgen seien, wegen des bevorstehenden 9 Krieges aus einander gehen zu müssen. Der polternde 10 Alte hatte mit seinen Töchtern, aus Verdruß und 11 Liebe zur Abwechselung, ein vortheilhaftes Engagement 12 aufgegeben, hatte mit dem Pedanten, den er unterwegs 13 antraf, einen Wagen gemiethet, um hieher zu 14 kommen, wo denn auch, wie sie fanden, guter Rath 15 theuer war.

16 Die Zeit, in welcher sich die Übrigen über ihre 17 Angelegenheiten sehr lebhaft unterhielten, brachte Wilhelm 18 nachdenklich zu. Er wünschte den Alten allein 19 zu sprechen, wünschte und fürchtete von Marianen 20 zu hören, und befand sich in der größten Unruhe.

21 Die Artigkeiten der neuangekommenen Frauenzimmer 22 konnten ihn nicht aus seinem Traume reißen; 23 aber ein Wortwechsel, der sich erhub, machte ihn aufmerksam. 24 Es war Friedrich, der blonde Knabe, der 25 Philinen aufzuwarten pflegte, sich aber dießmal lebhaft 26 widersetzte, als er den Tisch decken und Essen 27 herbeischaffen sollte. Ich habe mich verpflichtet, rief 28 er aus, Ihnen zu dienen, aber nicht allen Menschen 

[Seite 177]

1 aufzuwarten. Sie geriethen darüber in einen heftigen 2 Streit. Philine bestand darauf, er habe seine Schuldigkeit 3 zu thun, und als er sich hartnäckig widersetzte, 4 sagte sie ihm ohne Umstände, er könnte gehn, wohin 5 er wolle.

6 Glauben Sie etwa, daß ich mich nicht von Ihnen 7 entfernen könne? rief er aus, ging trotzig weg, machte 8 seinen Bündel zusammen, und eilte sogleich zum 9 Hause hinaus. Geh, Mignon, sagte Philine, und 10 schaff' uns was wir brauchen; sag' es dem Kellner, 11 und hilf aufwarten!

12 Mignon trat vor Wilhelm hin, und fragte in 13 ihrer lakonischen Art: Soll ich? darf ich? und Wilhelm 14 versetzte: Thu', mein Kind, was Mademoiselle 15 dir sagt.

16 Das Kind besorgte alles, und wartete den ganzen 17 Abend mit großer Sorgfalt den Gästen auf. Nach 18 Tische suchte Wilhelm mit dem Alten einen Spaziergang 19 allein zu machen: es gelang ihm, und nach 20 mancherlei Fragen, wie es ihm bisher gegangen, 21 wendete sich das Gespräch auf die ehemalige Gesellschaft, 22 und Wilhelm wagte zuletzt nach Marianen 23 zu fragen.

24 Sagen Sie mir nichts von dem abscheulichen Geschöpf! 25 rief der Alte, ich habe verschworen, nicht mehr 26 an sie zu denken. Wilhelm erschrak über diese Äußerung, 27 war aber noch in größerer Verlegenheit, als der 28 Alte fortfuhr, auf ihre Leichtfertigkeit und Liederlichkeit 

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1 zu schmählen. Wie gern hätte unser Freund das 2 Gespräch abgebrochen; allein er mußte nun einmal 3 die polternden Ergießungen des wunderlichen Mannes 4 aushalten.

5 Ich schäme mich, fuhr dieser fort, daß ich ihr so 6 geneigt war. Doch hätten Sie das Mädchen näher 7 gekannt, Sie würden mich gewiß entschuldigen. Sie 8 war so artig, natürlich und gut, so gefällig und in 9 jedem Sinne leidlich. Nie hätt' ich mir vorgestellt, 10 daß Frechheit und Undank die Hauptzüge ihres Charakters 11 sein sollten.

12 Schon hatte sich Wilhelm gefaßt gemacht, das 13 Schlimmste von ihr zu hören, als er auf einmal mit 14 Verwunderung bemerkte, daß der Ton des Alten milder 15 wurde, seine Rede endlich stockte, und er ein Schnupftuch 16 aus der Tasche nahm, um die Thränen zu trocknen, 17 die zuletzt seine Rede unterbrachen.

18 Was ist Ihnen? rief Wilhelm aus. Was gibt 19 Ihren Empfindungen auf einmal eine so entgegengesetzte 20 Richtung? Verbergen Sie mir es nicht; ich 21 nehme an dem Schicksale dieses Mädchens mehr Antheil, 22 als Sie glauben; nur lassen Sie mich alles wissen.

23 Ich habe wenig zu sagen, versetzte der Alte, indem 24 er wieder in seinen ernstlichen verdrießlichen Ton 25 überging: ich werde es ihr nie vergeben, was ich um 26 sie geduldet habe. Sie hatte, fuhr er fort, immer ein 27 gewisses Zutrauen zu mir; ich liebte sie wie meine 28 Tochter, und hatte, da meine Frau noch lebte, den 

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1 Entschluß gefaßt, sie zu mir zu nehmen, und sie aus 2 den Händen der Alten zu retten, von deren Anleitung 3 ich mir nicht viel Gutes versprach. Meine Frau 4 starb, das Project zerschlug sich.

5 Gegen das Ende des Aufenthalts in Ihrer Vaterstadt, 6 es sind nicht gar drei Jahre, merkte ich ihr 7 eine sichtbare Traurigkeit an; ich fragte sie, aber sie 8 wich aus. Endlich machten wir uns auf die Reise. 9 Sie fuhr mit mir in Einem Wagen, und ich bemerkte, 10 was sie mir auch bald gestand, daß sie guter Hoffnung 11 sei, und in der größten Furcht schwebe, von 12 unserm Director verstoßen zu werden. Auch dauerte 13 es nur kurze Zeit, so machte er die Entdeckung, kündigte 14 ihr den Contract, der ohnedieß nur auf sechs 15 Wochen stand, sogleich auf, zahlte was sie zu fordern 16 hatte, und ließ sie, aller Vorstellungen ungeachtet, in 17 einem kleinen Städtchen, in einem schlechten Wirthshause 18 zurück.

19 Der Henker hole alle liederlichen Dirnen! rief der 20 Alte mit Verdruß, und besonders diese, die mir so 21 manche Stunde meines Lebens verdorben hat. Was 22 soll ich lange erzählen, wie ich mich ihrer angenommen, 23 was ich für sie gethan, was ich an sie gehängt, wie 24 ich auch in der Abwesenheit für sie gesorgt habe. 25 Ich wollte lieber mein Geld in den Teich werfen, 26 und meine Zeit hinbringen, räudige Hunde zu erziehen, 27 als nur jemals wieder auf so ein Geschöpf die mindeste 28 Aufmerksamkeit wenden. Was war's? Im Anfang 

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1 erhielt ich Danksagungsbriefe, Nachricht von einigen 2 Orten ihres Aufenthalts, und zuletzt kein Wort mehr, 3 nicht einmal Dank für das Geld, das ich ihr zu ihren 4 Wochen geschickt hatte. O die Verstellung und der 5 Leichtsinn der Weiber ist so recht zusammengepaart, 6 um ihnen ein bequemes Leben, und einem ehrlichen 7 Kerl manche verdrießliche Stunde zu schaffen!



[Seite 181]



1 
Achtes Capitel.

[Lesarten]  2 Man denke sich Wilhelms Zustand, als er von 3 dieser Unterredung nach Hause kam. Alle seine alten 4 Wunden waren wieder aufgerissen, und das Gefühl, 5 daß sie seiner Liebe nicht ganz unwürdig gewesen, 6 wieder lebhaft geworden; denn in dem Interesse des 7 Alten, in dem Lobe, das er ihr wider Willen geben 8 mußte, war unserm Freunde ihre ganze Liebenswürdigkeit 9 wieder erschienen; ja selbst die heftige Anklage 10 des leidenschaftlichen Mannes enthielt nichts, was sie 11 vor Wilhelms Augen hätte herabsetzen können. Denn 12 dieser bekannte sich selbst als Mitschuldigen ihrer Vergehungen, 13 und ihr Schweigen zuletzt schien ihm nicht 14 tadelhaft; er machte sich vielmehr nur traurige Gedanken 15 darüber, sah sie als Wöchnerin, als Mutter, 16 in der Welt ohne Hülfe herumirren, wahrscheinlich 17 mit seinem eigenen Kinde herumirren, Vorstellungen, 18 welche das schmerzlichste Gefühl in ihm erregten.

19 Mignon hatte auf ihn gewartet, und leuchtete ihm 20 die Treppe hinauf. Als sie das Licht niedergesetzt 21 hatte, bat sie ihn zu erlauben, daß sie ihm heute Abend 

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1 mit einem Kunststücke aufwarten dürfe. Er hätte es 2 lieber verbeten, besonders da er nicht wußte, was es 3 werden sollte. Allein er konnte diesem guten Geschöpfe 4 nichts abschlagen. Nach einer kurzen Zeit trat 5 sie wieder herein. Sie trug einen Teppich unter dem 6 Arme, den sie auf der Erde ausbreitete. Wilhelm 7 ließ sie gewähren. Sie brachte darauf vier Lichter, 8 stellte eins auf jeden Zipfel des Teppichs. Ein Körbchen 9 mit Eiern, das sie darauf holte, machte die 10 Absicht deutlicher. Künstlich abgemessen schritt sie 11 nunmehr auf dem Teppich hin und her, und legte 12 in gewissen Maßen die Eier aus einander, dann rief 13 sie einen Menschen herein, der im Hause aufwartete 14 und die Violine spielte. Er trat mit seinem Instrumente 15 in die Ecke; sie verband sich die Augen, gab das 16 Zeichen, und fing zugleich mit der Musik, wie ein 17 aufgezogenes Räderwerk, ihre Bewegungen an, indem 18 sie Tact und Melodie mit dem Schlage der Castagnetten 19 begleitete.

20 Behende, leicht, rasch, genau führte sie den Tanz. 21 Sie trat so scharf und so sicher zwischen die Eier hinein, 22 bei den Eiern nieder, daß man jeden Augenblick 23 dachte, sie müsse eins zertreten oder bei schnellen Wendungen 24 das andre fortschleudern. Mit nichten! Sie 25 berührte keines, ob sie gleich mit allen Arten von 26 Schritten, engen und weiten, ja sogar mit Sprüngen, 27, 28 und zuletzt halb knieend sich durch die Reihen durchwand.



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1 Unaufhaltsam, wie ein Uhrwerk, lief sie ihren 2 Weg, und die sonderbare Musik gab dem immer wieder 3 von vorne anfangenden und losrauschenden Tanze bei 4 jeder Wiederholung einen neuen Stoß. Wilhelm war 5 von dem sonderbaren Schauspiele ganz hingerissen; er 6 vergaß seiner Sorgen, folgte jeder Bewegung der geliebten 7 Creatur, und war verwundert, wie in diesem 8 Tanze sich ihr Charakter vorzüglich entwickelte.

9 Streng, scharf, trocken, heftig, und in sanften 10 Stellungen mehr feierlich als angenehm, zeigte sie sich. 11 Er empfand was er schon für Mignon gefühlt in 12 diesem Augenblicke auf einmal. Er sehnte sich, dieses 13 verlassene Wesen an Kindesstatt seinem Herzen einzuverleiben, 14 es in seine Arme zu nehmen, und mit 15 der Liebe eines Vaters Freude des Lebens in ihm zu 16 erwecken.

17 Der Tanz ging zu Ende; sie rollte die Eier mit 18 den Füßen sachte zusammen auf ein Häufchen, ließ 19 keines zurück, beschädigte keines, und stellte sich dazu, 20 indem sie die Binde von den Augen nahm, und ihr 21 Kunststück mit einem Bücklinge endigte.

22 Wilhelm dankte ihr, daß sie ihm den Tanz, den 23 er zu sehen gewünscht, so artig und unvermuthet vorgetragen 24 habe. Er streichelte sie, und bedauerte, daß 25 sie sich's habe so sauer werden lassen. Er versprach 26 ihr ein neues Kleid, worauf sie heftig antwortete: 27 Deine Farbe! Auch das versprach er ihr, ob er gleich 28 nicht deutlich wußte, was sie darunter meine. Sie 

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1 nahm die Eier zusammen, den Teppich unter den Arm, 2 fragte, ob er noch etwas zu befehlen habe, und schwang 3 sich zur Thüre hinaus.

4 Von dem Musicus erfuhr er, daß sie sich seit 5 einiger Zeit viele Mühe gegeben, ihm den Tanz, welches 6 der bekannte Fandango war, so lange vorzusingen, 7 bis er ihn habe spielen können. Auch habe sie ihm 8 für seine Bemühungen etwas Geld angeboten, das er 9 aber nicht nehmen wollen.



[Seite 185]



1 
Neuntes Capitel.

[Lesarten]  2 Nach einer unruhigen Nacht, die unser Freund 3 theils wachend, theils von schweren Träumen geängstigt, 4 zubrachte, in denen er Marianen bald in aller 5 Schönheit, bald in kümmerlicher Gestalt, jetzt mit 6 einem Kinde auf dem Arm, bald desselben beraubt 7 sah, war der Morgen kaum angebrochen, als Mignon 8 schon mit einem Schneider hereintrat. Sie brachte 9 graues Tuch und blauen Taffet, und erklärte nach 10 ihrer Art, daß sie ein neues Westchen und Schifferhosen, 11 wie sie solche an den Knaben in der Stadt 12 gesehen, mit blauen Aufschlägen und Bändern haben 13 wolle.

14 Wilhelm hatte seit dem Verlust Marianens alle 15 muntern Farben abgelegt. Er hatte sich an das 16 Grau, an die Kleidung der Schatten, gewöhnt, und 17 nur etwa ein himmelblaues Futter oder ein kleiner 18 Kragen von dieser Farbe belebte einigermaßen jene 19 stille Kleidung. Mignon, begierig seine Farbe zu 20 tragen, trieb den Schneider, der in kurzem die Arbeit 21 zu liefern versprach.



[Seite 186]

1 Die Tanz- und Fecht-Stunden, die unser Freund 2 heute mit Laertes nahm, wollten nicht zum besten 3 glücken. Auch wurden sie bald durch Melina's Ankunft 4 unterbrochen, der umständlich zeigte, wie jetzt 5 eine kleine Gesellschaft beisammen sei, mit welcher 6 man schon Stücke genug aufführen könne. Er erneuerte 7 seinen Antrag, daß Wilhelm einiges Geld 8 zum Etablissement vorstrecken solle, wobei dieser abermals 9 seine Unentschlossenheit zeigte.

10 Philine und die Mädchen kamen bald hierauf 11 mit Lachen und Lärmen herein. Sie hatten sich 12 abermals eine Spazierfahrt ausgedacht: denn Veränderung 13 des Orts und der Gegenstände war eine 14 Lust, nach der sie sich immer sehnten. Täglich an 15 einem andern Orte zu essen, war ihr höchster Wunsch. 16 Dießmal sollte es eine Wasserfahrt werden.

17 Das Schiff, womit sie die Krümmungen des angenehmen 18 Flusses hinunterfahren wollten, war schon 19 durch den Pedanten bestellt. Philine trieb, die Gesellschaft 20 zauderte nicht, und war bald eingeschifft.

21 Was fangen wir nun an? sagte Philine, indem 22 sich alle auf die Bänke niedergelassen hatten.

23 Das Kürzeste wäre, versetzte Laertes, wir extemporirten 24 ein Stück. Nehme jeder eine Rolle, die seinem 25 Charakter am angemessensten ist, und wir wollen 26 sehen, wie es uns gelingt.

27 Fürtrefflich! sagte Wilhelm, denn in einer Gesellschaft, 28 in der man sich nicht verstellt, in welcher 

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1 jedes nur seinem Sinne folgt, kann Anmuth und 2 Zufriedenheit nicht lange wohnen, und wo man sich 3 immer verstellt, dahin kommen sie gar nicht. Es ist 4 also nicht übel gethan, wir geben uns die Verstellung 5 gleich von Anfang zu, und sind nachher unter der 6 Maske so aufrichtig, als wir wollen.

7 Ja, sagte Laertes, deßwegen geht sich's so angenehm 8 mit Weibern um, die sich niemals in ihrer 9 natürlichen Gestalt sehen lassen.

10 Das macht, versetzte Madame Melina, daß sie 11 nicht so eitel sind, wie die Männer, welche sich einbilden, 12 sie seien schon immer liebenswürdig genug, 13 wie sie die Natur hervorgebracht hat.

14 Indessen war man zwischen angenehmen Büschen 15 und Hügeln, zwischen Gärten und Weinbergen hingefahren, 16 und die jungen Frauenzimmer, besonders aber 17 Madame Melina, drückten ihr Entzücken über die 18 Gegend aus. Letztre fing sogar an, ein artiges Gedicht 19 von der beschreibenden Gattung über eine ähnliche 20 Naturscene feierlich herzusagen; allein Philine 21 unterbrach sie, und schlug ein Gesetz vor, daß sich 22 niemand unterfangen solle, von einem unbelebten 23 Gegenstande zu sprechen; sie setzte vielmehr den Vorschlag 24 zur extemporirten Komödie mit Eifer durch. 25 Der polternde Alte sollte einen pensionirten Officier, 26 Laertes einen vacirenden Fechtmeister, der Pedant 27 einen Juden vorstellen, sie selbst wolle eine Tyrolerin 28 machen, und überließ den Übrigen sich ihre Rollen 

[Seite 188]

1 zu wählen. Man sollte fingiren, als ob sie eine 2 Gesellschaft weltfremder Menschen seien, die so eben 3 auf einem Marktschiffe zusammen komme.

4 Sie fing sogleich mit dem Juden ihre Rolle zu spielen 5 an, und eine allgemeine Heiterkeit verbreitete sich.

6 Man war nicht lange gefahren, als der Schiffer 7 stille hielt, um mit Erlaubniß der Gesellschaft noch 8 jemand einzunehmen, der am Ufer stand, und gewinkt 9 hatte.

10 Das ist eben noch was wir brauchten, rief Philine: 11 ein blinder Passagier fehlte noch der Reisegesellschaft.

12 Ein wohlgebildeter Mann stieg in das Schiff, 13 den man an seiner Kleidung und seiner ehrwürdigen 14 Miene wohl für einen Geistlichen hätte nehmen 15 können. Er begrüßte die Gesellschaft, die ihm nach 16 ihrer Weise dankte, und ihn bald mit ihrem Scherz 17 bekannt machte. Er nahm darauf die Rolle eines 18 Landgeistlichen an, die er zur Verwunderung aller auf 19 das artigste durchsetzte, indem er bald ermahnte, bald 20 Histörchen erzählte, einige schwache Seiten blicken 21 ließ, und sich doch im Respect zu erhalten wußte.

22 Indessen hatte jeder, der nur ein einzigesmal aus 23 seinem Charakter herausgegangen war, ein Pfand 24 geben müssen. Philine hatte sie mit großer Sorgfalt 25 gesammlet, und besonders den geistlichen Herrn 26 mit vielen Küssen bei der künftigen Einlösung bedroht, 27 ob er gleich selbst nie in Strafe genommen 28 ward. Melina dagegen war völlig ausgeplündert, 

[Seite 189]

1 Hemdenknöpfe und Schnallen, und alles, was Bewegliches 2 an seinem Leibe war, hatte Philine zu sich 3 genommen; denn er wollte einen reisenden Engländer 4 vorstellen, und konnte auf keine Weise in seine Rolle 5 hineinkommen.

6 Die Zeit war indeß auf das angenehmste vergangen, 7 jedes hatte seine Einbildungskraft und seinen 8 Witz auf's möglichste angestrengt, und jedes seine 9 Rolle mit angenehmen und unterhaltenden Scherzen 10 ausstaffirt. So kam man an dem Ort an, wo man 11 sich den Tag über aufhalten wollte, und Wilhelm 12 gerieth mit dem Geistlichen, wie wir ihn, seinem Aussehn 13 und seiner Rolle nach, nennen wollen, auf dem 14 Spaziergange bald in ein interessantes Gespräch.

15 Ich finde diese Übung, sagte der Unbekannte, 16 unter Schauspielern, ja in Gesellschaft von Freunden 17 und Bekannten, sehr nützlich. Es ist die beste Art 18 die Menschen aus sich heraus und durch einen Umweg 19 wieder in sich hinein zu führen. Es sollte bei jeder 20 Truppe eingeführt sein, daß sie sich manchmal auf 21 diese Weise üben müßte, und das Publicum würde 22 gewiß dabei gewinnen, wenn alle Monate ein nicht 23 geschriebenes Stück aufgeführt würde, worauf sich 24 freilich die Schauspieler in mehrern Proben müßten 25 vorbereitet haben.

26 Man dürfte sich, versetzte Wilhelm, ein extemporirtes 27 Stück nicht als ein solches denken, das aus dem 28 Stegreife sogleich componirt würde, sondern als ein 

[Seite 190]

1 solches, wovon zwar Plan, Handlung und Scenen-Eintheilung 2 gegeben wären, dessen Ausführung aber 3 dem Schauspieler überlassen bliebe.

4 Ganz richtig, sagte der Unbekannte, und eben was 5 diese Ausführung betrifft, würde ein solches Stück, 6 sobald die Schauspieler nur einmal im Gang wären, 7 außerordentlich gewinnen. Nicht die Ausführung 8 durch Worte, denn durch diese muß freilich der überlegende 9 Schriftsteller seine Arbeit zieren, sondern die 10 Ausführung durch Gebärden und Mienen, Ausrufungen 11 und was dazu gehört, kurz das stumme 12 halblaute Spiel, welches nach und nach bei uns ganz 13 verloren zu gehen scheint. Es sind wohl Schauspieler 14 in Deutschland, deren Körper das zeigt, was sie denken 15 und fühlen, die durch Schweigen, Zaudern, durch 16 Winke, durch zarte anmuthige Bewegungen des Körpers 17 eine Rede vorzubereiten, und die Pausen des Gesprächs 18 durch eine gefällige Pantomime mit dem Ganzen zu 19 verbinden wissen; aber eine Übung, die einem glücklichen 20 Naturell zu Hülfe käme, und es lehrte, mit 21 dem Schriftsteller zu wetteifern, ist nicht so im Gange, 22 als es zum Troste derer, die das Theater besuchen, 23 wohl zu wünschen wäre.

24 Sollte aber nicht, versetzte Wilhelm, ein glückliches 25 Naturell, als das Erste und Letzte, einen Schauspieler, 26 wie jeden andern Künstler, ja vielleicht wie jeden 27 Menschen, allein zu einem so hochaufgesteckten Ziele 28 bringen?



[Seite 191]

1 Das Erste und Letzte, Anfang und Ende möchte 2 es wohl sein und bleiben; aber in der Mitte dürfte 3 dem Künstler manches fehlen, wenn nicht Bildung 4 das erst aus ihm macht, was er sein soll, und zwar 5 frühe Bildung; denn vielleicht ist derjenige, dem man 6 Genie zuschreibt, übler daran als der, der nur gewöhnliche 7 Fähigkeiten besitzt; denn jener kann leichter 8 verbildet und viel heftiger auf falsche Wege gestoßen 9 werden, als dieser.

10 Aber, versetzte Wilhelm, wird das Genie sich nicht 11 selbst retten, die Wunden, die es sich geschlagen, selbst 12 heilen?

13 Mit nichten, versetzte der andere, oder wenigstens 14 nur nothdürftig; denn niemand glaube die ersten 15 Eindrücke der Jugend überwinden zu können. Ist 16 er in einer löblichen Freiheit, umgeben von schönen 17 und edlen Gegenständen, in dem Umgange mit guten 18 Menschen aufgewachsen, haben ihn seine Meister das 19 gelehrt, was er zuerst wissen mußte, um das Übrige 20 leichter zu begreifen, hat er gelernt, was er nie zu 21 verlernen braucht, wurden seine ersten Handlungen 22 so geleitet, daß er das Gute künftig leichter und bequemer 23 vollbringen kann, ohne sich irgend etwas abgewöhnen 24 zu müssen, so wird dieser Mensch ein reineres, 25 vollkommneres und glücklicheres Leben führen, 26 als ein anderer, der seine ersten Jugendkräfte im 27 Widerstand und im Irrthum zugesetzt hat. Es wird 28 so viel von Erziehung gesprochen und geschrieben, und 

[Seite 192]

1 ich sehe nur wenig Menschen, die den einfachen aber 2 großen Begriff, der alles andere in sich schließt, fassen 3 und in die Ausführung übertragen können.

4 Das mag wohl wahr sein, sagte Wilhelm, denn 5 jeder Mensch ist beschränkt genug, den andern zu seinem 6 Ebenbild erziehen zu wollen. Glücklich sind diejenigen 7 daher, deren sich das Schicksal annimmt, das jeden 8 nach seiner Weise erzieht!

9 Das Schicksal, versetzte lächelnd der andere, ist ein 10 vornehmer, aber theurer Hofmeister. Ich würde mich 11 immer lieber an die Vernunft eines menschlichen 12 Meisters halten. Das Schicksal, für dessen Weisheit 13 ich alle Ehrfurcht trage, mag an dem Zufall, durch 14 den es wirkt, ein sehr ungelenkes Organ haben. Denn 15 selten scheint dieser genau und rein auszuführen, was 16 jenes beschlossen hatte.

17 Sie scheinen einen sehr sonderbaren Gedanken auszusprechen, 18 versetzte Wilhelm.

19 Mit nichten! Das Meiste, was in der Welt begegnet, 20 rechtfertigt meine Meinung. Zeigen viele Begebenheiten 21 im Anfange nicht einen großen Sinn, und 22 gehen die meisten nicht auf etwas Albernes hinaus?

23 Sie wollen scherzen.

24 Und ist es nicht, fuhr der andere fort, mit dem, 25 was einzelnen Menschen begegnet, eben so? Gesetzt, 26 das Schicksal hätte einen zu einem guten Schauspieler 27 bestimmt, (und warum sollt' es uns nicht auch mit 28 guten Schauspielern versorgen?) unglücklicherweise 

[Seite 193]

1 führte der Zufall aber den jungen Mann in ein 2 Puppenspiel, wo er sich früh nicht enthalten könnte, 3 an etwas Abgeschmacktem Theil zu nehmen, etwas 4 Albernes leidlich, wohl gar interessant zu finden, und 5 so die jugendlichen Eindrücke, welche nie verlöschen, 6 denen wir eine gewisse Anhänglichkeit nie entziehen 7 können, von einer falschen Seite zu empfangen.

8 Wie kommen Sie auf's Puppenspiel? fiel ihm 9 Wilhelm mit einiger Bestürzung ein.

10 Es war nur ein unwillkürliches Beispiel; wenn 11 es Ihnen nicht gefällt, so nehmen wir ein andres. 12 Gesetzt, das Schicksal hätte einen zu einem großen 13 Mahler bestimmt, und dem Zufall beliebte es, seine 14 Jugend in schmutzige Hütten, Ställe und Scheunen 15 zu verstoßen, glauben Sie, daß ein solcher Mann 16 sich jemals zur Reinlichkeit, zum Adel, zur Freiheit 17 der Seele erheben werde? Mit je lebhafterm Sinn 18 er das Unreine in seiner Jugend angefaßt und nach 19 seiner Art veredelt hat, desto gewaltsamer wird es 20 sich in der Folge seines Lebens an ihm rächen, indem 21 es sich, inzwischen daß er es zu überwinden suchte, 22 mit ihm auf's innigste verbunden hat. Wer früh 23 in schlechter unbedeutender Gesellschaft gelebt hat, 24 wird sich, wenn er auch später eine bessere haben 25 kann, immer nach jener zurücksehnen, deren Eindruck 26 ihm, zugleich mit der Erinnerung jugendlicher, nur 27 selten zu wiederholender Freuden, geblieben ist.

28 Man kann denken, daß unter diesem Gespräch sich 

[Seite 194]

1 nach und nach die übrige Gesellschaft entfernt hatte. 2 Besonders war Philine gleich vom Anfang auf die 3 Seite getreten. Man kam durch einen Seitenweg 4 zu ihnen zurück. Philine brachte die Pfänder hervor, 5 welche auf allerlei Weise gelös't werden mußten, wobei 6 der Fremde sich durch die artigsten Erfindungen und 7 durch eine ungezwungene Theilnahme der ganzen 8 Gesellschaft, und besonders den Frauenzimmern, sehr 9 empfahl, und so flossen die Stunden des Tages unter 10 Scherzen, Singen, Küssen und allerlei Neckereien auf 11 das angenehmste vorbei.



[Seite 195]



1 
Zehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Als sie sich wieder nach Hause begeben wollten, 3 sahen sie sich nach ihrem Geistlichen um; allein er 4 war verschwunden, und an keinem Orte zu finden.

5 Es ist nicht artig von dem Manne, der sonst viel 6 Lebensart zu haben scheint, sagte Madame Melina, 7 eine Gesellschaft, die ihn so freundlich aufgenommen, 8 ohne Abschied zu verlassen.

9 Ich habe mich die ganze Zeit her schon besonnen, 10 sagte Laertes, wo ich diesen sonderbaren Mann schon 11 ehemals möchte gesehen haben. Ich war eben im 12 Begriff, ihn bei'm Abschiede darüber zu befragen.

13 Mir ging es eben so, versetzte Wilhelm, und ich 14 hätte ihn gewiß nicht entlassen, bis er uns etwas 15 Näheres von seinen Umständen entdeckt hätte. Ich 16 müßte mich sehr irren, wenn ich ihn nicht schon 17 irgendwo gesprochen hätte.

18 Und doch könntet ihr euch, sagte Philine, darin 19 wirklich irren. Dieser Mann hat eigentlich nur das 20 falsche Ansehen eines Bekannten, weil er aussieht wie 21 ein Mensch, und nicht wie Hans oder Kunz.



[Seite 196]

1 Was soll das heißen, sagte Laertes, sehen wir 2 nicht auch aus wie Menschen?

3 Ich weiß, was ich sage, versetzte Philine, und wenn 4 ihr mich nicht begreift, so laßt's gut sein. Ich werde 5 nicht am Ende noch gar meine Worte auslegen sollen.

6 Zwei Kutschen fuhren vor. Man lobte die Sorgfalt 7 des Laertes, der sie bestellt hatte. Philine nahm 8 neben Madame Melina, Wilhelmen gegenüber, Platz, 9 und die Übrigen richteten sich ein so gut sie konnten. 10 Laertes selbst ritt auf Wilhelms Pferde, das auch 11 mit heraus gekommen war, nach der Stadt zurück.

12 Philine saß kaum in dem Wagen, als sie artige 13 Lieder zu singen und das Gespräch auf Geschichten 14 zu lenken wußte, von denen sie behauptete, daß sie 15 mit Glück dramatisch behandelt werden könnten. 16 Durch diese kluge Wendung hatte sie gar bald ihren 17 jungen Freund in seine beste Laune gesetzt, und er 18 componirte aus dem Reichthum seines lebendigen 19 Bildervorraths sogleich ein ganzes Schauspiel mit 20 allen seinen Acten, Scenen, Charakteren und Verwicklungen. 21 Man fand für gut, einige Arien und Gesänge 22 einzuflechten; man dichtete sie, und Philine, die in 23 alles einging, paßte ihnen gleich bekannte Melodien 24 an, und sang sie aus dem Stegreife.

25 Sie hatte eben heute ihren schönen, sehr schönen 26 Tag; sie wußte mit allerlei Neckereien unsern Freund 27 zu beleben; es ward ihm wohl, wie es ihm lange 28 nicht gewesen war.



[Seite 197]

1 Seitdem ihn jene grausame Entdeckung von der 2 Seite Marianens gerissen hatte, war er dem Gelübde 3 treu geblieben, sich vor der zusammenschlagenden Falle 4 einer weiblichen Umarmung zu hüten, das treulose 5 Geschlecht zu meiden, seine Schmerzen, seine Neigung, 6 seine süßen Wünsche in seinem Busen zu verschließen. 7 Die Gewissenhaftigkeit, womit er dieß Gelübde beobachtete, 8 gab seinem ganzen Wesen eine geheime Nahrung, 9 und da sein Herz nicht ohne Theilnehmung bleiben 10 konnte, so ward eine liebevolle Mittheilung nun zum 11 Bedürfnisse. Er ging wieder wie von dem ersten 12 Jugendnebel begleitet umher, seine Augen faßten jeden 13 reizenden Gegenstand mit Freuden auf, und nie war 14 sein Urtheil über eine liebenswürdige Gestalt schonender 15 gewesen. Wie gefährlich ihm in einer solchen 16 Lage das verwegene Mädchen werden mußte, läßt sich 17 leider nur zu gut einsehen.

18 Zu Hause fanden sie auf Wilhelms Zimmer schon 19 alles zum Empfange bereit, die Stühle zu einer Vorlesung 20 zurechte gestellt, und den Tisch in die Mitte gesetzt, 21 auf welchem der Punschnapf seinen Platz nehmen 22 sollte.

23 Die deutschen Ritterstücke waren damals eben neu, 24 und hatten die Aufmerksamkeit und Neigung des 25 Publicums an sich gezogen. Der alte Polterer hatte 26 eines dieser Art mitgebracht, und die Vorlesung war 27 beschlossen worden. Man setzte sich nieder. Wilhelm 28 bemächtigte sich des Exemplars und fing zu lesen an.



[Seite 198]

1 Die geharnischten Ritter, die alten Burgen, die 2 Treuherzigkeit, Rechtlichkeit und Redlichkeit, besonders 3 aber die Unabhängigkeit der handelnden Personen 4 wurden mit großem Beifall aufgenommen. Der Vorleser 5 that sein Möglichstes, und die Gesellschaft kam 6 außer sich. Zwischen dem zweiten und dritten Act 7 kam der Punsch in einem großen Napfe, und da in 8 dem Stücke selbst sehr viel getrunken und angestoßen 9 wurde, so war nichts natürlicher, als daß die Gesellschaft 10 bei jedem solchen Falle sich lebhaft an den Platz 11 der Helden versetzte, gleichfalls anklingte und die Günstlinge 12 unter den handelnden Personen hoch leben ließ.

13 Jedermann war von dem Feuer des edelsten 14 Nationalgeistes entzündet. Wie sehr gefiel es dieser 15 deutschen Gesellschaft, sich ihrem Charakter gemäß 16 auf eignem Grund und Boden poetisch zu ergötzen! 17 Besonders thaten die Gewölbe und Keller, die verfallenen 18 Schlösser, das Moos und die hohlen Bäume, 19 über alles aber die nächtlichen Zigeunerscenen und 20 das heimliche Gericht eine ganz unglaubliche Wirkung. 21 Jeder Schauspieler sah nun, wie er bald in Helm 22 und Harnisch, jede Schauspielerin, wie sie mit einem 23 großen stehenden Kragen ihre Deutschheit vor dem 24 Publico produciren werde. Jeder wollte sich sogleich 25 einen Namen aus dem Stücke oder aus der deutschen 26 Geschichte zueignen, und Madame Melina betheuerte, 27 Sohn oder Tochter, wozu sie Hoffnung hatte, nicht 28 anders als Adelbert oder Mechthilde taufen zu lassen.



[Seite 199]

1 Gegen den fünften Act ward der Beifall lärmender 2 und lauter, ja zuletzt, als der Held wirklich seinem 3 Unterdrücker entging, und der Tyrann gestraft wurde, 4 war das Entzücken so groß, daß man schwur, man 5 habe nie so glückliche Stunden gehabt. Melina, den 6 der Trank begeistert hatte, war der Lauteste, und da 7 der zweite Punschnapf geleert war und Mitternacht 8 herannahte, schwur Laertes hoch und theuer, es sei 9 kein Mensch würdig, an diese Gläser jemals wieder 10 eine Lippe zu setzen, und warf mit dieser Betheurung 11 sein Glas hinter sich und durch die Scheiben auf die 12 Gasse hinaus. Die Übrigen folgten seinem Beispiele, 13 und ungeachtet der Protestationen des herbeieilenden 14 Wirthes wurde der Punschnapf selbst, der nach einem 15 solchen Feste durch unheiliges Getränk nicht wieder 16 entweiht werden sollte, in tausend Stücke geschlagen. 17 Philine, der man ihren Rausch am wenigsten ansah, 18 indeß die beiden Mädchen nicht in den anständigsten 19 Stellungen auf dem Canapee lagen, reizte die andern 20 mit Schadenfreude zum Lärm. Madame Melina recitirte 21 einige erhabene Gedichte, und ihr Mann, der im 22 Rausche nicht sehr liebenswürdig war, fing an auf 23 die schlechte Bereitung des Punsches zu schelten, versicherte, 24 daß er ein Fest ganz anders einzurichten verstehe, 25 und ward zuletzt, als Laertes Stillschweigen gebot, 26 immer gröber und lauter, so daß dieser, ohne sich lange 27 zu bedenken, ihm die Scherben des Napfs an den Kopf 28 warf und dadurch den Lärm nicht wenig vermehrte.



[Seite 200]

1 Indessen war die Schaarwache herbei gekommen 2 und verlangte in's Haus eingelassen zu werden. Wilhelm, 3 vom Lesen sehr erhitzt, ob er gleich nur wenig 4 getrunken, hatte genug zu thun, um mit Beihülfe 5 des Wirths die Leute durch Geld und gute Worte zu 6 befriedigen und die Glieder der Gesellschaft in ihren 7 mißlichen Umständen nach Hause zu schaffen. Er 8 warf sich, als er zurück kam, vom Schlafe überwältigt, 9 voller Unmuth, unausgekleidet auf's Bette, und nichts 10 glich der unangenehmen Empfindung, als er des andern 11 Morgens die Augen aufschlug, und mit düsterm Blick 12 auf die Verwüstungen des vergangenen Tages, den 13 Unrath und die bösen Wirkungen hinsah, die ein geistreiches, 14 lebhaftes und wohlgemeintes Dichterwerk hervorgebracht 15 hatte.



[Seite 201]



1 
Eilftes Capitel.

[Lesarten]  2 Nach einem kurzen Bedenken rief er sogleich den 3 Wirth herbei, und ließ sowohl den Schaden als die 4 Zeche auf seine Rechnung schreiben. Zugleich vernahm 5 er nicht ohne Verdruß, daß sein Pferd von Laertes 6 gestern bei dem Hereinreiten dergestalt angegriffen 7 worden, daß es wahrscheinlich, wie man zu sagen 8 pflegt, verschlagen habe, und daß der Schmied wenig 9 Hoffnung zu seinem Aufkommen gebe.

10 Ein Gruß von Philinen, den sie ihm aus ihrem 11 Fenster zuwinkte, versetzte ihn dagegen wieder in einen 12 heitern Zustand, und er ging sogleich in den nächsten 13 Laden, um ihr ein kleines Geschenk, das er ihr gegen 14 das Pudermesser noch schuldig war, zu kaufen, und 15 wir müssen bekennen, er hielt sich nicht in den Gränzen 16 eines proportionirten Gegengeschenks. Er kaufte ihr 17 nicht allein ein Paar sehr niedliche Ohrringe, sondern 18 nahm dazu noch einen Hut und Halstuch, und einige 19 andere Kleinigkeiten, die er sie den ersten Tag hatte 20 verschwenderisch wegwerfen sehen.

21 Madame Melina, die ihn eben, als er seine Gaben 22 überreichte, zu beobachten kam, suchte noch vor Tische 

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1 eine Gelegenheit, ihn sehr ernstlich über die Empfindung 2 für dieses Mädchen zur Rede zu setzen, und er 3 war um so erstaunter, als er nichts weniger denn 4 diese Vorwürfe zu verdienen glaubte. Er schwur hoch 5 und theuer, daß es ihm keineswegs eingefallen sei, sich 6 an diese Person, deren ganzen Wandel er wohl kenne, 7 zu wenden; er entschuldigte sich, so gut er konnte, 8 über sein freundliches und artiges Betragen gegen sie, 9 befriedigte aber Madame Melina auf keine Weise, 10 vielmehr ward diese immer verdrießlicher, da sie bemerken 11 mußte, daß die Schmeichelei, wodurch sie sich 12 eine Art von Neigung unsers Freundes erworben hatte, 13 nicht hinreiche, diesen Besitz gegen die Angriffe einer 14 lebhaften, jüngern und von der Natur glücklicher begabten 15 Person zu vertheidigen.

16 Ihren Mann fanden sie gleichfalls, da sie zu 17 Tische kamen, bei sehr üblem Humor, und er fing 18 schon an, ihn über Kleinigkeiten auszulassen, als der 19 Wirth hereintrat und einen Harfenspieler anmeldete. 20 Sie werden, sagte er, gewiß Vergnügen an der Musik 21 und an den Gesängen dieses Mannes finden; es kann 22 sich niemand, der ihn hört, enthalten, ihn zu bewundern 23 und ihm etwas Weniges mitzutheilen.

24 Lassen Sie ihn weg, versetzte Melina, ich bin 25 nichts weniger als gestimmt, einen Leiermann zu 26 hören, und wir haben allenfalls Sänger unter uns, 27 die gern etwas verdienten. Er begleitete diese Worte 28 mit einem tückischen Seitenblicke, den er auf Philinen 

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1 warf. Sie verstand ihn, und war gleich bereit, zu 2 seinem Verdruß, den angemeldeten Sänger zu beschützen. 3 Sie wendete sich zu Wilhelmen, und sagte: Sollen wir 4 den Mann nicht hören, sollen wir nichts thun, um 5 uns aus der erbärmlichen Langenweile zu retten?

6 Melina wollte ihr antworten, und der Streit 7 wäre lebhafter geworden, wenn nicht Wilhelm den im 8 Augenblick hereintretenden Mann begrüßt und ihn 9 herbeigewinkt hätte.

10 Die Gestalt dieses seltsamen Gastes setzte die ganze 11 Gesellschaft in Erstaunen, und er hatte schon von 12 einem Stuhle Besitz genommen, ehe jemand ihn zu 13 fragen oder sonst etwas vorzubringen das Herz hatte. 14 Sein kahler Scheitel war von wenig grauen Haaren 15 umkränzt, große blaue Augen blickten sanft unter 16 langen weißen Augenbrauen hervor. An eine wohlgebildete 17 Nase schloß sich ein langer weißer Bart an, 18 ohne die gefällige Lippe zu bedecken, und ein langes 19 dunkelbraunes Gewand umhüllte den schlanken Körper 20 vom Halse bis zu den Füßen; und so fing er auf 21 der Harfe, die er vor sich genommen hatte, zu präludiren 22 an.

23 Die angenehmen Töne, die er aus dem Instrumente 24 hervorlockte, erheiterten gar bald die Gesellschaft.

25 Ihr pflegt auch zu singen, guter Alter, sagte 26 Philine.

27 Gebt uns etwas, das Herz und Geist zugleich mit 28 den Sinnen ergötze, sagte Wilhelm. Das Instrument 

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1 sollte nur die Stimme begleiten; denn Melodien, Gänge 2 und Läufe ohne Worte und Sinn, scheinen mir 3 Schmetterlingen oder schönen bunten Vögeln ähnlich 4 zu sein, die in der Luft vor unsern Augen herum 5 schweben, die wir allenfalls haschen und uns zueignen 6 möchten; da sich der Gesang dagegen wie ein Genius 7 gen Himmel hebt, und das bessere Ich in uns ihn 8 zu begleiten anreizt.

9 Der Alte sah Wilhelmen an, alsdann in die Höhe, 10 that einige Griffe auf der Harfe, und begann sein 11 Lied. Es enthielt ein Lob auf den Gesang, pries das 12 Glück der Sänger, und ermahnte die Menschen, sie zu 13 ehren. Er trug das Lied mit so viel Leben und 14 Wahrheit vor, daß es schien, als hätte er es in diesem 15 Augenblicke und bei diesem Anlasse gedichtet. 16 Wilhelm enthielt sich kaum, ihm um den Hals zu 17 fallen; nur die Furcht, ein lautes Gelächter zu erregen, 18 zog ihn auf seinen Stuhl zurück; denn die 19 Übrigen machten schon halb laut einige alberne Anmerkungen, 20 und stritten, ob es ein Pfaffe oder ein 21 Jude sei.

22 Als man nach dem Verfasser des Liedes fragte, 23 gab er keine bestimmte Antwort; nur versicherte er, 24 daß er reich an Gesängen sei, und wünsche nur, daß 25 sie gefallen möchten. Der größte Theil der Gesellschaft 26 war fröhlich und freudig, ja selbst Melina nach 27 seiner Art offen geworden, und indem man unter 28 einander schwatzte und scherzte, fing der Alte das Lob 

[Seite 205]

1 des geselligen Lebens auf das geistreichste zu singen 2 an. Er pries Einigkeit und Gefälligkeit mit einschmeichelnden 3 Tönen. Auf einmal ward sein Gesang 4 trocken, rauh und verworren, als er gehässige Verschlossenheit, 5 kurzsinnige Feindschaft und gefährlichen 6 Zwiespalt bedauerte, und gern warf jede Seele diese 7 unbequemen Fesseln ab, als er, auf den Fittigen 8 einer vordringenden Melodie getragen, die Friedensstifter 9 pries, und das Glück der Seelen die sich wiederfinden 10 sang.

11 Kaum hatte er geendigt, als ihm Wilhelm zurief: 12 Wer du auch seist, der du, als ein hülfreicher Schutzgeist, 13 mit einer segnenden und belebenden Stimme zu 14 uns kommst, nimm meine Verehrung und meinen 15 Dank! fühle, daß wir alle dich bewundern, und vertrau' 16 uns, wenn du etwas bedarfst!

17 Der Alte schwieg, ließ erst seine Finger über die 18 Saiten schleichen, dann griff er sie stärker an, und sang:



19     Was hör' ich draußen vor dem Thor,
20     Was auf der Brücke schallen?
21     Laßt den Gesang zu unserm Ohr
22     Im Saale widerhallen!
23     Der König sprach's, der Page lief,
24     Der Knabe kam, der König rief:
25     Bring' ihn herein den Alten.

26     Gegrüßet seid ihr hohen Herrn,
27     Gegrüßt ihr, schöne Damen!
28     Welch reicher Himmel! Stern bei Stern!
29     Wer kennet ihre Namen?


[Seite 206]

1     Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit
2     Schließt, Augen, euch, hier ist nicht Zeit
3     Sich staunend zu ergötzen.

4     Der Sänger drückt die Augen ein,
5     Und schlug die vollen Töne;
6     Der Ritter schaute muthig drein,
7     Und in den Schoß die Schöne.
8     Der König, dem das Lied gefiel,
9     Ließ ihm, zum Lohne für sein Spiel,
10     Eine goldne Kette holen.

11     Die goldne Kette gib mir nicht,
12     Die Kette gib den Rittern,
13     Vor deren kühnem Angesicht
14     Der Feinde Lanzen splittern.
15     Gib sie dem Kanzler, den du hast,
16     Und laß ihn noch die goldne Last
17     Zu andern Lasten tragen.

18     Ich singe, wie der Vogel singt,
19     Der in den Zweigen wohnet.
20     Das Lied, das aus der Kehle dringt,
21     Ist Lohn, der reichlich lohnet;
22     Doch darf ich bitten, bitt' ich eins,
23     Laß einen Trunk des besten Weins
24     In reinem Glase bringen.

25     Er setzt es an, er trank es aus:
26     O Trank der süßen Labe!
27     O! dreimal hochbeglücktes Haus,
28     Wo das ist kleine Gabe!
29     Ergeht's euch wohl, so denkt an mich,
30     Und danket Gott so warm, als ich
31     Für diesen Trunk euch danke.



[Seite 207]

1 Da der Sänger nach geendigtem Liede ein Glas 2 Wein, das für ihn eingeschenkt dastand, ergriff, und 3 es mit freundlicher Miene, sich gegen seine Wohlthäter 4 wendend, austrank, entstand eine allgemeine Freude 5 in der Versammlung. Man klatschte und rief ihm 6 zu, es möge dieses Glas zu seiner Gesundheit, zur 7 Stärkung seiner alten Glieder gereichen. Er sang noch 8 einige Romanzen, und erregte immer mehr Munterkeit 9 in der Gesellschaft.

10 Kannst du die Melodie, Alter, rief Philine, der 11 Schäfer putzte sich zum Tanz?

12 O ja, versetzte er; wenn Sie das Lied singen und 13 aufführen wollen, an mir soll es nicht fehlen.

14 Philine stand auf, und hielt sich fertig. Der Alte 15 begann die Melodie, und sie sang ein Lied, das wir 16 unsern Lesern nicht mittheilen können, weil sie es 17 vielleicht abgeschmackt oder wohl gar unanständig 18 finden könnten.

19 Inzwischen hatte die Gesellschaft, die immer heiterer 20 geworden war, noch manche Flasche Wein ausgetrunken, 21 und fing an sehr laut zu werden. Da aber unserm 22 Freunde die bösen Folgen ihrer Lust noch in frischem 23 Undenken schwebten, suchte er abzubrechen, steckte dem 24 Alten für seine Bemühung eine reichliche Belohnung 25 in die Hand, die andern thaten auch etwas, man ließ 26 ihn abtreten und ruhen, und versprach sich auf den 27, 28 Abend eine wiederholte Freude von seiner Geschicklichkeit.



[Seite 208]

1 Als er hinweg war, sagte Wilhelm zu Philinen: 2 Ich kann zwar in Ihrem Leibgesange weder ein dichterisches 3 noch sittliches Verdienst finden; doch wenn 4 Sie mit eben der Naivetät, Eigenheit und Zierlichkeit 5 etwas Schickliches auf dem Theater jemals ausführen, 6 so wird Ihnen allgemeiner lebhafter Beifall gewiß 7 zu Theil werden.

8 Ja, sagte Philine, es müßte eine recht angenehme 9 Empfindung sein, sich am Eise zu wärmen.

10 Überhaupt, sagte Wilhelm, wie sehr beschämt dieser 11 Mann manchen Schauspieler. Haben Sie bemerkt, 12 wie richtig der dramatische Ausdruck seiner Romanzen 13 war? Gewiß, es lebte mehr Darstellung in seinem 14 Gesang, als in unsern steifen Personen auf der 15 Bühne; man sollte die Aufführung mancher Stücke eher 16 für eine Erzählung halten und diesen musikalischen 17 Erzählungen eine sinnliche Gegenwart zuschreiben.

18 Sie sind ungerecht! versetzte Laertes: ich gebe mich 19 weder für einen großen Schauspieler noch Sänger; 20 aber das weiß ich, daß, wenn die Musik die Bewegungen 21 des Körpers leitet, ihnen Leben gibt, und ihnen 22 zugleich das Maß vorschreibt; wenn Declamation und 23 Ausdruck schon von dem Compositeur auf mich übertragen 24 werden: so bin ich ein ganz andrer Mensch, 25 als wenn ich im prosaischen Drama das alles erst 26 erschaffen, und Tact und Declamation mir erst erfinden 27 soll, worin mich noch dazu jeder Mitspielende 28 stören kann.



[Seite 209]

1 So viel weiß ich, sagte Melina, daß uns dieser 2 Mann in Einem Puncte gewiß beschämt, und zwar 3 in einem Hauptpuncte. Die Stärke seiner Talente 4 zeigt sich in dem Nutzen, den er davon zieht. Uns, 5 die wir vielleicht bald in Verlegenheit sein werden, 6 wo wir eine Mahlzeit hernehmen, bewegt er, unsre 7 Mahlzeit mit ihm zu theilen. Er weiß uns das 8 Geld, das wir anwenden könnten, um uns in einige 9 Verfassung zu setzen, durch ein Liedchen aus der Tasche 10 zu locken. Es scheint so angenehm zu sein, das Geld 11 zu verschleudern, womit man sich und andern eine 12 Existenz verschaffen könnte.

13 Das Gespräch bekam durch diese Bemerkung nicht 14 die angenehmste Wendung. Wilhelm, auf den der 15 Vorwurf eigentlich gerichtet war, antwortete mit 16 einiger Leidenschaft, und Melina, der sich eben nicht 17 der größten Feinheit befliß, brachte zuletzt seine Beschwerden 18 mit ziemlich trocknen Worten vor. Es 19 sind nun schon vierzehn Tage, sagte er, daß wir das 20 hier verpfändete Theater und die Garderobe besehen 21 haben, und beides konnten wir für eine sehr leidliche 22 Summe haben. Sie machten mir damals Hoffnung, 23 daß Sie mir so viel creditiren würden, und bis jetzt 24 habe ich noch nicht gesehen, daß Sie die Sache weiter 25 bedacht oder sich einem Entschluß genähert hätten. 26 Griffen Sie damals zu, so wären wir jetzt im Gange. 27 Ihre Absicht zu verreisen haben Sie auch noch nicht 28 ausgeführt, und Geld scheinen Sie mir diese Zeit über 

[Seite 210]

1 auch nicht gespart zu haben; wenigstens gibt es Personen, 2 die immer Gelegenheit zu verschaffen wissen, 3 daß es geschwinder weggehe.

4 Dieser nicht ganz ungerechte Vorwurf traf unsern 5 Freund. Er versetzte einiges darauf mit Lebhaftigkeit, 6 ja mit Heftigkeit, und ergriff, da die Gesellschaft aufstund 7 und sich zerstreute, die Thüre, indem er nicht 8 undeutlich zu erkennen gab, daß er sich nicht lange 9 mehr bei so unfreundlichen und undankbaren Menschen 10 aufhalten wolle. Er eilte verdrießlich hinunter, sich 11 auf eine steinerne Bank zu setzen, die vor dem Thore 12 seines Gasthofs stand, und bemerkte nicht, daß er halb 13 aus Lust, halb aus Verdruß mehr als gewöhnlich 14 getrunken hatte.



[Seite 211]



1 
Zwölftes Capitel.

[Lesarten]  2 Nach einer kurzen Zeit, die er, beunruhigt von 3 mancherlei Gedanken, sitzend und vor sich hinsehend 4 zugebracht hatte, schlenderte Philine singend zur Hausthüre 5 heraus, setzte sich zu ihm, ja man dürfte beinahe 6 sagen, auf ihn, so nahe rückte sie an ihn heran, 7 lehnte sich auf seine Schultern, spielte mit seinen 8 Locken, streichelte ihn, und gab ihm die besten Worte 9 von der Welt. Sie bat ihn, er möchte ja bleiben, 10 und sie nicht in der Gesellschaft allein lassen, in 11 der sie vor langer Weile sterben müßte; sie könne 12 nicht mehr mit Melina unter Einem Dache ausdauern, 13 und habe sich deßwegen herüber quartirt.

14 Vergebens suchte er sie abzuweisen, ihr begreiflich 15 zu machen, daß er länger weder bleiben könne noch 16 dürfe. Sie ließ mit Bitten nicht ab, ja unvermuthet 17 schlang sie ihren Arm um seinen Hals, und küßte 18 ihn mit dem lebhaftesten Ausdrucke des Verlangens.

19 Sind Sie toll, Philine? rief Wilhelm aus, indem 20 er sich loszumachen suchte, die öffentliche Straße zum 21 Zeugen solcher Liebkosungen zu machen, die ich auf 

[Seite 212]

1 keine Weise verdiene! Lassen Sie mich los, ich kann 2 nicht und ich werde nicht bleiben.

3 Und ich werde dich fest halten, sagte sie, und ich 4 werde dich hier auf öffentlicher Gasse so lange küssen, 5 bis du mir versprichst, was ich wünsche. Ich lache 6 mich zu Tode, fuhr sie fort; nach dieser Vertraulichkeit 7 halten mich die Leute gewiß für deine Frau von 8 vier Wochen, und die Ehemänner, die eine so anmuthige 9 Scene sehen, werden mich ihren Weibern als 10 ein Muster einer kindlich unbefangenen Zärtlichkeit 11 anpreisen.

12 Eben gingen einige Leute vorbei, und sie liebkos'te 13 ihn auf das anmuthigste, und er, um kein Skandal 14 zu geben, war gezwungen, die Rolle des geduldigen 15 Ehemannes zu spielen. Dann schnitt sie den Leuten 16 Gesichter im Rücken, und trieb voll Übermuth allerhand 17 Ungezogenheiten, bis er zuletzt versprechen mußte, 18 noch heute und morgen und übermorgen zu bleiben.

19 Sie sind ein rechter Stock! sagte sie darauf, indem 20 sie von ihm abließ, und ich eine Thörin, daß ich 21 so viel Freundlichkeit an Sie verschwende. Sie stand 22 verdrießlich auf, und ging einige Schritte; dann kehrte 23 sie lachend zurück, und rief: Ich glaube eben, daß ich 24 darum in dich vernarrt bin, ich will nur gehen und 25 meinen Strickstrumpf holen, daß ich etwas zu thun 26 habe. Bleibe ja, damit ich den steinernen Mann auf 27 der steinernen Bank wieder finde.

28 Dießmal that sie ihm unrecht: denn so sehr er 

[Seite 213]

1 sich von ihr zu enthalten strebte, so würde er doch 2 in diesem Augenblicke, hätte er sich mit ihr in einer 3 einsamen Laube befunden, ihre Liebkosungen wahrscheinlich 4 nicht unerwiedert gelassen haben.

5 Sie ging, nachdem sie ihm einen leichtfertigen 6 Blick zugeworfen, in das Haus. Er hatte keinen 7 Beruf, ihr zu folgen, vielmehr hatte ihr Betragen 8 einen neuen Widerwillen in ihm erregt; doch hob er 9 sich, ohne selbst recht zu wissen warum, von der Bank, 10 um ihr nachzugehen.

11 Er war eben im Begriff, in die Thüre zu treten, 12 als Melina herbeikam, ihn bescheiden anredete, und 13 ihn wegen einiger im Wortwechsel zu hart ausgesprochenen 14 Ausdrücke um Verzeihung bat. Sie nehmen 15 mir nicht übel, fuhr er fort, wenn ich in dem Zustande, 16 in dem ich mich befinde, mich vielleicht zu 17 ängstlich bezeige; aber die Sorge für eine Frau, vielleicht 18 bald für ein Kind, verhindert mich von einem 19 Tag zum andern, ruhig zu leben und meine Zeit mit 20 dem Genuß angenehmer Empfindungen hinzubringen, 21 wie Ihnen noch erlaubt ist. Überdenken Sie, und 22 wenn es Ihnen möglich ist, so setzen Sie mich in den 23 Besitz der theatralischen Geräthschaften, die sich hier 24 vorfinden. Ich werde nicht lange Ihr Schuldner 25 und Ihnen dafür ewig dankbar bleiben.

26 Wilhelm, der sich ungern auf der Schwelle aufgehalten 27 sah, über die ihn eine unwiderstehliche 28 Neigung in diesem Augenblicke zu Philinen hinüberzog, 

[Seite 214]

1 sagte mit einer überraschten Zerstreuung und eilfertigen 2 Gutmüthigkeit: Wenn ich Sie dadurch glücklich 3 und zufrieden machen kann, so will ich mich nicht länger 4 bedenken. Gehn Sie hin, machen Sie alles richtig. 5 Ich bin bereit, noch diesen Abend oder morgen früh 6 das Geld zu zahlen. Er gab hierauf Melina'n die 7 Hand zur Bestätigung seines Versprechens, und war 8 sehr zufrieden, als er ihn eilig über die Straße weggehen 9 sah; leider aber wurde er von seinem Eindringen 10 in's Haus zum zweitenmal, und auf eine unangenehmere 11 Weise zurück gehalten.

12 Ein junger Mensch mit einem Bündel auf dem 13 Rücken kam eilig die Straße her, und trat zu Wilhelmen, 14 der ihn gleich für Friedrichen erkannte.

15 Da bin ich wieder! rief er aus, indem er seine 16 großen blauen Augen freudig umher und hinauf an 17 alle Fenster gehen ließ; wo ist Mamsell? Der Henker 18 mag es länger in der Welt aushalten, ohne sie zu 19 sehen!

20 Der Wirth, der eben dazu getreten war, versetzte: 21 Sie ist oben, und mit wenigen Sprüngen war er die 22 Treppe hinauf, und Wilhelm blieb auf der Schwelle 23 wie eingewurzelt stehen. Er hätte in den ersten 24 Augenblicken den Jungen bei den Haaren rückwärts 25 die Treppe herunterreißen mögen; dann hemmte der 26 heftige Krampf einer gewaltsamen Eifersucht auf einmal 27 den Lauf seiner Lebensgeister und seiner Ideen, 28 und da er sich nach und nach von seiner Erstarrung 

[Seite 215]

1 erholte, überfiel ihn eine Unruhe, ein Unbehagen, 2 dergleichen er in seinem Leben noch nicht empfunden 3 hatte.

4 Er ging auf seine Stube, und fand Mignon mit 5 Schreiben beschäftigt. Das Kind hatte sich eine Zeit 6 her mit großem Fleiße bemüht, alles, was es auswendig 7 wußte, zu schreiben, und hatte seinem Herrn 8 und Freund das Geschriebene zu corrigiren gegeben. 9 Sie war unermüdet, und faßte gut; aber die Buchstaben 10 blieben ungleich und die Linien krumm. Auch 11 hier schien ihr Körper dem Geiste zu widersprechen. 12 Wilhelm, dem die Aufmerksamkeit des Kindes, wenn 13 er ruhigen Sinnes war, große Freude machte, achtete 14 dießmal wenig auf das, was sie ihm zeigte; sie fühlte 15 es, und betrübte sich darüber nur destomehr, als sie 16 glaubte, dießmal ihre Sache recht gut gemacht zu 17 haben.

18 Wilhelms Unruhe trieb ihn auf den Gängen des 19 Hauses auf und ab, und bald wieder an die Hausthüre. 20 Ein Reiter sprengte vor, der ein gutes Ansehn 21 hatte, und der bei gesetzten Jahren noch viel 22 Munterkeit verrieth. Der Wirth eilte ihm entgegen, 23 reichte ihm als einem bekannten Freunde die Hand, 24 und rief: Ei, Herr Stallmeister, sieht man Sie auch 25 einmal wieder!

26 Ich will nur hier füttern, versetzte der Fremde, 27 ich muß gleich hinüber auf das Gut, um in der Geschwindigkeit 28 allerlei einrichten zu lassen. Der Graf 

[Seite 216]

1 kömmt morgen mit seiner Gemahlin, sie werden sich 2 eine Zeitlang drüben aufhalten, um den Prinzen 3 von --- auf das beste zu bewirthen, der in dieser 4 Gegend wahrscheinlich sein Hauptquartier aufschlägt.

5 Es ist Schade, daß Sie nicht bei uns bleiben 6 können, versetzte der Wirth: wir haben gute Gesellschaft. 7 Der Reitknecht, der nachsprengte, nahm dem 8 Stallmeister das Pferd ab, der sich unter der Thüre 9 mit dem Wirth unterhielt, und Wilhelmen von der 10 Seite ansah.

11 Dieser, da er merkte, daß von ihm die Rede sei, 12 begab sich weg, und ging einige Straßen auf und ab.



[Seite 217]



1 
Dreizehntes Capitel.

[Lesarten]  2 In der verdrießlichen Unruhe, in der er sich befand, 3 fiel ihm ein, den Alten aufzusuchen, durch 4 dessen Harfe er die bösen Geister zu verscheuchen 5 hoffte. Man wies ihn, als er nach dem Manne 6 fragte, an ein schlechtes Wirthshaus in einem entfernten 7 Winkel des Städtchens, und in demselben die 8 Treppe hinauf bis auf den Boden, wo ihm der süße 9 Harfenklang aus einer Kammer entgegen schallte. 10 Es waren herzrührende klagende Töne, von einem 11 traurigen ängstlichen Gesange begleitet. Wilhelm 12 schlich an die Thüre, und da der gute Alte eine Art 13 von Phantasie vortrug, und wenige Strophen theils 14 singend theils recitirend immer wiederholte, konnte 15 der Horcher, nach einer kurzen Aufmerksamkeit, ungefähr 16 Folgendes verstehen:



17        Wer nie sein Brod mit Thränen aß,
18     Wer nie die kummervollen Nächte
19     Auf seinem Bette weinend saß,
20     Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.


[Seite 218]


1        Ihr führt in's Leben uns hinein,
2     Ihr laßt den Armen schuldig werden,
3     Dann überlaßt ihr ihn der Pein;
4     Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.

5 Die wehmüthige herzliche Klage drang tief in die 6 Seele des Hörers. Es schien ihm, als ob der Alte 7 manchmal von Thränen gehindert würde fortzufahren; 8 dann klangen die Saiten allein, bis sich wieder die 9 Stimme leise in gebrochenen Lauten darein mischte. 10 Wilhelm stand an dem Pfosten, seine Seele war tief 11 gerührt, die Trauer des Unbekannten schloß sein beklommenes 12 Herz auf; er widerstand nicht dem Mitgefühl, 13 und konnte und wollte die Thränen nicht 14 zurückhalten, die des Alten herzliche Klage endlich 15 auch aus seinen Augen hervorlockte. Alle Schmerzen, 16 die seine Seele drückten, lös'ten sich zu gleicher Zeit 17 auf, er überließ sich ihnen ganz, stieß die Kammerthüre 18 auf, und stand vor dem Alten, der ein 19 schlechtes Bette, den einzigen Hausrath dieser armseligen 20 Wohnung, zu seinem Sitze zu nehmen genöthigt 21 gewesen.

22 Was hast du mir für Empfindungen rege gemacht, 23 guter Alter! rief er aus: alles, was in meinem Herzen 24 stockte, hast du los gelös't; laß dich nicht stören, 25 sondern fahre fort, indem du deine Leiden linderst, 26 einen Freund glücklich zu machen. Der Alte wollte 27 aufstehen und etwas reden, Wilhelm verhinderte ihn 28 daran; denn er hatte zu Mittage bemerkt, daß der 

[Seite 219]

1 Mann ungern sprach; er setzte sich vielmehr zu ihm 2 auf den Strohsack nieder.

3 Der Alte trocknete seine Thränen, und fragte mit 4 einem freundlichen Lächeln: Wie kommen Sie hierher? 5 Ich wollte Ihnen diesen Abend wieder aufwarten.

6 Wir sind hier ruhiger, versetzte Wilhelm, singe 7 mir, was du willst, was zu deiner Lage paßt, und 8 thue nur, als ob ich gar nicht hier wäre. Es scheint 9 mir, als ob du heute nicht irren könntest. Ich finde 10 dich sehr glücklich, daß du dich in der Einsamkeit so 11 angenehm beschäftigen und unterhalten kannst, und, 12 da du überall ein Fremdling bist, in deinem Herzen 13 die angenehmste Bekanntschaft findest.

14 Der Alte blickte auf seine Saiten, und nachdem 15 er sanft präludirt hatte, stimmte er an und sang:



16        Wer sich der Einsamkeit ergibt,
17     Ach! der ist bald allein;
18     Ein jeder lebt, ein jeder liebt,
19     Und läßt ihn seiner Pein.

20        Ja! laßt mich meiner Qual!
21     Und kann ich nur einmal
22     Recht einsam sein,
23     Dann bin ich nicht allein.

24        Es schleicht ein Liebender lauschend sacht,
25     Ob seine Freundin allein?
26     So überschleicht bei Tag und Nacht
27     Mich Einsamen die Pein,


[Seite 220]


1     Mich Einsamen die Qual.
2     Ach werd' ich erst einmal
3     Einsam im Grabe sein,
4     Da läßt sie mich allein!

5 Wir würden zu weitläufig werden, und doch die 6 Anmuth der seltsamen Unterredung nicht ausdrücken 7 können, die unser Freund mit dem abenteuerlichen 8 Fremden hielt. Auf alles, was der Jüngling zu ihm 9 sagte, antwortete der Alte mit der reinsten Übereinstimmung 10 durch Anklänge, die alle verwandten Empfindungen 11 rege machten und der Einbildungskraft ein 12 weites Feld eröffneten.

13 Wer einer Versammlung frommer Menschen, die 14 sich, abgesondert von der Kirche, reiner, herzlicher 15 und geistreicher zu erbauen glauben, beigewohnt hat, 16 wird sich auch einen Begriff von der gegenwärtigen 17 Scene machen können; er wird sich erinnern, wie 18 der Liturg seinen Worten den Vers eines Gesanges 19 anzupassen weiß, der die Seele dahin erhebt, wohin 20 der Redner wünscht, daß sie ihren Flug nehmen möge, 21 wie bald darauf ein anderer aus der Gemeinde, in 22 einer andern Melodie, den Vers eines andern Liedes 23 hinzufügt, und an diesen wieder ein dritter einen 24 dritten anknüpft, wodurch die verwandten Ideen der 25 Lieder, aus denen sie entlehnt sind, zwar erregt werden, 26 jede Stelle aber durch die neue Verbindung neu und 27 individuell wird, als wenn sie in dem Augenblicke 28 erfunden worden wäre; wodurch denn aus einem bekannten 

[Seite 221]

1 Kreise von Ideen, aus bekannten Liedern 2 und Sprüchen, für diese besondere Gesellschaft, für 3 diesen Augenblick ein eigenes Ganzes entsteht, durch 4 dessen Genuß sie belebt, gestärkt und erquickt wird. 5 So erbaute der Alte seinen Gast, indem er, durch 6 bekannte und unbekannte Lieder und Stellen, nahe 7 und ferne Gefühle, wachende und schlummernde, angenehme 8 und schmerzliche Empfindungen in eine Circulation 9 brachte, von der in dem gegenwärtigen 10 Zustande unsers Freundes das Beste zu hoffen war.



[Seite 222]



1 
Vierzehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Denn wirklich fing er auf dem Rückwege über 3 seine Lage lebhafter, als bisher geschehen, zu denken 4 an, und war mit dem Vorsatze, sich aus derselben 5 heraus zu reißen, nach Hause gelangt, als ihm der 6 Wirth sogleich im Vertrauen eröffnete, daß Mademoiselle 7 Philine an dem Stallmeister des Grafen eine 8 Eroberung gemacht habe, der, nachdem er seinen Auftrag 9 auf dem Gute ausgerichtet, in höchster Eile 10 zurück gekommen sei, und ein gutes Abendessen oben 11 auf ihrem Zimmer mit ihr verzehre.

12 In eben diesem Augenblicke trat Melina mit dem 13 Notarius herein; sie gingen zusammen auf Wilhelms 14 Zimmer, wo dieser, wiewohl mit einigem Zaudern, 15 seinem Versprechen Genüge leistete, dreihundert Thaler, 16 auf Wechsel, an Melina auszahlte, welche dieser sogleich 17 dem Notarius übergab, und dagegen das Document 18 über den geschlossenen Kauf der ganzen theatralischen 19 Geräthschaft erhielt, welche ihm morgen früh 20 übergeben werden sollte.

21 Kaum waren sie aus einander gegangen, als Wilhelm 22 ein entsetzliches Geschrei in dem Hause vernahm. 

[Seite 223]

1 Er hörte eine jugendliche Stimme, die, zornig und 2 drohend, durch ein unmäßiges Weinen und Heulen 3 durchbrach. Er hörte diese Wehklage von oben herunter, 4 an seiner Stube vorbei, nach dem Hausplatze eilen.

5 Als die Neugierde unsern Freund herunter lockte, 6 fand er Friedrichen in einer Art von Raserei. Der 7 Knabe weinte, knirschte, stampfte, drohte mit geballten 8 Fäusten, und stellte sich ganz ungebärdig vor Zorn 9 und Verdruß, Mignon stand gegenüber und sah mit 10 Verwunderung zu, und der Wirth erklärte einigermaßen 11 diese Erscheinung.

12 Der Knabe sei nach seiner Rückkunft, da ihn 13 Philine gut aufgenommen, zufrieden, lustig und 14 munter gewesen, habe gesungen und gesprungen bis 15 zur Zeit, da der Stallmeister mit Philinen Bekanntschaft 16 gemacht. Nun habe das Mittelding zwischen 17 Kind und Jüngling angefangen, seinen Verdruß zu 18 zeigen, die Thüren zuzuschlagen, und auf und nieder 19 zu rennen. Philine habe ihm befohlen, heute Abend 20 bei Tische aufzuwarten, worüber er nur noch mürrischer 21 und trotziger geworden; endlich habe er eine 22 Schüssel mit Ragout, anstatt sie auf den Tisch zu 23 setzen, zwischen Mademoiselle und den Gast, die ziemlich 24 nahe zusammen gesessen, hineingeworfen, worauf 25 ihm der Stallmeister ein paar tüchtige Ohrfeigen gegeben 26 und ihn zur Thüre hinausgeschmissen. Er, der 27 Wirth, habe darauf die beiden Personen säubern helfen, 28 deren Kleider sehr übel zugerichtet gewesen.



[Seite 224]

1 Als der Knabe die gute Wirkung seiner Rache 2 vernahm, fing er laut zu lachen an, indem ihm noch 3 immer die Thränen an den Backen herunter liefen. 4 Er freute sich einige Zeit herzlich, bis ihm der Schimpf, 5 den ihm der Stärkere angethan, wieder einfiel, da er 6 denn von neuem zu heulen und zu drohen anfing.

7 Wilhelm stand nachdenklich und beschämt vor dieser 8 Scene. Er sah sein eignes Innerstes, mit starken und 9 übertriebenen Zügen dargestellt; auch er war von einer 10 unüberwindlichen Eifersucht entzündet; auch er, wenn 11 ihn der Wohlstand nicht zurückgehalten hätte, würde 12 gern seine wilde Laune befriedigt, gern, mit tückischer 13 Schadenfreude, den geliebten Gegenstand verletzt, und 14 seinen Nebenbuhler ausgefordert haben; er hätte die 15 Menschen, die nur zu seinem Verdrusse da zu sein 16 schienen, vertilgen mögen.

17 Laertes, der auch herbeigekommen war, und die 18 Geschichte vernommen hatte, bestärkte schelmisch den 19 aufgebrachten Knaben, als dieser betheuerte und schwur: 20 der Stallmeister müsse ihm Satisfaction geben, er habe 21 noch keine Beleidigung auf sich sitzen lassen; weigere 22 sich der Stallmeister, so werde er sich zu rächen wissen.

23 Laertes war hier grade in seinem Fache. Er ging 24 ernsthaft hinauf, den Stallmeister im Namen des 25 Knaben heraus zu fordern.

26 Das ist lustig, sagte dieser; einen solchen Spaß 27 hätte ich mir heut Abend kaum vorgestellt. Sie gingen 28 hinunter, und Philine folgte ihnen. Mein Sohn, sagte 

[Seite 225]

1 der Stallmeister zu Friedrichen, du bist ein braver 2 Junge, und ich weigere mich nicht, mit dir zu fechten; 3 nur da die Ungleichheit unsrer Jahre und Kräfte die 4 Sache ohnehin etwas abenteuerlich macht, so schlage 5 ich statt anderer Waffen ein Paar Rapiere vor; wir 6 wollen die Knöpfe mit Kreide bestreichen, und wer 7 dem andern den ersten, oder die meisten Stöße auf 8 den Rock zeichnet, soll für den Überwinder gehalten, 9 und von dem andern mit dem besten Weine, der in 10 der Stadt zu haben ist, tractirt werden.

11 Laertes entschied, daß dieser Vorschlag angenommen 12 werden könnte; Friedrich gehorchte ihm als seinem 13 Lehrmeister. Die Rapiere kamen herbei, Philine setzte 14 sich hin, strickte, und sah beiden Kämpfern mit großer 15 Gemüthsruhe zu.

16 Der Stallmeister, der sehr gut focht, war gefällig 17 genug, seinen Gegner zu schonen, und sich einige 18 Kreidenflecke auf den Rock bringen zu lassen, worauf 19 sie sich umarmten, und Wein herbeigeschafft wurde. 20 Der Stallmeister wollte Friedrichs Herkunft und seine 21 Geschichte wissen, der denn ein Mährchen erzählte, das 22 er schon oft wiederholt hatte, und mit dem wir ein 23 andermal unsre Leser bekannt zu machen gedenken.

24 In Wilhelms Seele vollendete indessen dieser Zweikampf 25 die Darstellung seiner eigenen Gefühle: denn 26 er konnte sich nicht läugnen, daß er das Rapier, ja 27 lieber noch einen Degen selbst gegen den Stallmeister 28 zu führen wünschte, wenn er schon einsah, daß ihm 

[Seite 226]

1 dieser in der Fechtkunst weit überlegen sei. Doch 2 würdigte er Philinen nicht eines Blicks, hütete sich 3 vor jeder Äußerung, die seine Empfindung hätte verrathen 4 können, und eilte, nachdem er einigemal auf 5 die Gesundheit der Kämpfer Bescheid gethan, auf sein 6 Zimmer, wo sich tausend unangenehme Gedanken auf 7 ihn zudrängten.

8 Er erinnerte sich der Zeit, in der sein Geist durch 9 ein unbedingtes hoffnungsreiches Streben empor gehoben 10 wurde, wo er in dem lebhaftesten Genusse aller 11 Art, wie in einem Elemente schwamm. Es ward ihm 12 deutlich, wie er letzt in ein unbestimmtes Schlendern 13 gerathen war, in welchem er nur noch schlürfend 14 kostete, was er sonst mit vollen Zügen eingesogen 15 hatte; aber deutlich konnte er nicht sehen, welches 16 unüberwindliche Bedürfniß ihm die Natur zum Gesetz 17 gemacht hatte, und wie sehr dieses Bedürfniß durch 18 Umstände nur gereizt, halb befriedigt und irre geführt 19 worden war.

20 Es darf also niemand wundern, wenn er bei Betrachtung 21 seines Zustandes, und indem er sich aus 22 demselben heraus zu denken arbeitete, in die größte 23 Verwirrung gerieth. Es war nicht genug, daß er 24 durch seine Freundschaft zu Laertes, durch seine Neigung 25 zu Philinen, durch seinen Antheil an Mignon, 26 länger als billig an einem Orte und in einer Gesellschaft 27 festgehalten wurde, in welcher er seine Lieblingsneigung 28 hegen, gleichsam verstohlen seine Wünsche 

[Seite 227]

1 befriedigen, und, ohne sich einen Zweck vorzusetzen, 2 seinen alten Träumen nachschleichen konnte. Aus 3 diesen Verhältnissen sich loszureißen, und gleich zu 4 scheiden, glaubte er Kraft genug zu besitzen. Nun hatte 5 er aber vor wenigen Augenblicken sich mit Melina in 6 ein Geldgeschäft eingelassen, er hatte den räthselhaften 7 Alten kennen lernen, welchen zu entziffern er eine unbeschreibliche 8 Begierde fühlte. Allein auch dadurch sich 9 nicht zurückhalten zu lassen, war er nach lang hin 10 und her geworfenen Gedanken entschlossen, oder glaubte 11 wenigstens entschlossen zu sein. Ich muß fort, rief 12 er aus, ich will fort! Er warf sich in einen Sessel, 13 und war sehr bewegt. Mignon trat herein und fragte, 14 ob sie ihn aufwickeln dürfe? Sie kam still; es schmerzte 15 sie tief, daß er sie heute so kurz abgefertigt hatte.

16 Nichts ist rührender, als wenn eine Liebe, die sich 17 im Stillen genährt, eine Treue, die sich im Verborgenen 18 befestigt hat, endlich dem, der ihrer bisher 19 nicht werth gewesen, zur rechten Stunde nahe kommt 20 und ihm offenbar wird. Die lange und streng verschlossene 21 Knospe war reif, und Wilhelms Herz konnte 22 nicht empfänglicher sein.

23 Sie stand vor ihm und sah seine Unruhe. --- Herr! 24 rief sie aus, wenn du unglücklich bist, was soll 25 Mignon werden? --- Liebes Geschöpf, sagte er, indem 26 er ihre Hände nahm, du bist auch mit unter meinen 27 Schmerzen. --- Ich muß fort. --- Sie sah ihm in die 28 Augen, die von verhaltenen Thränen blinkten, und 

[Seite 228]

1 kniete mit Heftigkeit vor ihm nieder. Er behielt ihre 2 Hände, sie legte ihr Haupt auf seine Kniee, und war 3 ganz still. Er spielte mit ihren Haaren, und war 4 freundlich. Sie blieb lange ruhig. Endlich fühlte er 5 an ihr eine Art Zucken, das ganz sachte anfing, und 6 sich durch alle Glieder wachsend verbreitete. --- Was 7 ist dir, Mignon? rief er aus, was ist dir? --- Sie 8 richtete ihr Köpfchen auf, und sah ihn an, fuhr auf 9 einmal nach dem Herzen, wie mit einer Gebärde, 10 welche Schmerzen verbeißt. Er hob sie auf, und sie 11 fiel auf seinen Schoß; er drückte sie an sich, und 12 küßte sie. Sie antwortete durch keinen Händedruck, 13 durch keine Bewegung. Sie hielt ihr Herz fest, und 14 auf einmal that sie einen Schrei, der mit krampfigen 15 Bewegungen des Körpers begleitet war. Sie fuhr 16 auf, und fiel auch sogleich wie an allen Gelenken gebrochen 17 vor ihm nieder. Es war ein gräßlicher Anblick! 18 --- Mein Kind! rief er aus, indem er sie aufhob 19 und fest umarmte, mein Kind, was ist dir? --- 20 Die Zuckung dauerte fort, die vom Herzen sich den 21 schlotternden Gliedern mittheilte; sie hing nur in 22 seinen Armen. Er schloß sie an sein Herz, und benetzte 23 sie mit seinen Thränen. Auf einmal schien sie 24 wieder angespannt, wie eins, das den höchsten körperlichen 25 Schmerz erträgt; und bald mit einer neuen 26 Heftigkeit wurden alle ihre Glieder wieder lebendig, 27 und sie warf sich ihm, wie ein Ressort, das zuschlägt, 28 um den Hals, indem in ihrem Innersten wie ein 

[Seite 229]

1 gewaltiger Riß geschah, und in dem Augenblicke floß 2 ein Strom von Thränen aus ihren geschlossenen Augen 3 in seinen Busen. Er hielt sie fest. Sie weinte, und 4 keine Zunge spricht die Gewalt dieser Thränen aus. 5 Ihre langen Haare waren aufgegangen, und hingen 6 von der Weinenden nieder, und ihr ganzes Wesen 7 schien in einen Bach von Thränen unaufhaltsam dahin 8 zu schmelzen. Ihre starren Glieder wurden gelinde, 9 es ergoß sich ihr Innerstes, und in der Verirrung 10 des Augenblickes fürchtete Wilhelm, sie werde 11 in seinen Armen zerschmelzen, und er nichts von ihr 12 übrig behalten. Er hielt sie nur fester und fester. --- 13 Mein Kind! rief er aus, mein Kind! Du bist ja 14 mein! Wenn dich das Wort trösten kann. Du bist 15 mein! Ich werde dich behalten, dich nicht verlassen! --- 16 Ihre Thränen flossen noch immer. --- Endlich richtete 17 sie sich auf. Eine weiche Heiterkeit glänzte von ihrem 18 Gesichte. --- Mein Vater! rief sie, du willst mich 19 nicht verlassen! willst mein Vater sein! --- Ich bin 20 dein Kind!

21 Sanft fing vor der Thüre die Harfe an zu klingen; 22 der Alte brachte seine herzlichsten Lieder dem 23 Freunde zum Abendopfer, der, sein Kind immer fester 24 in Armen haltend, des reinsten unbeschreiblichsten 25 Glückes genoß.



[Seite 231]




Drittes Buch.



[Seite 233]



1 
Erstes Capitel.

[Lesarten]  

2     Kennst du das Land, wo die Citronen blühn,
3     Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn,
4     Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
5     Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,
6     Kennst du es wohl?
7        Dahin! Dahin
8     Möcht' ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!

9     Kennst du das Haus, auf Säulen ruht sein Dach,
10     Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
11     Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
12     Was hat man dir, du armes Kind gethan?
13     Kennst du es wohl?
14        Dahin! Dahin
15     Möcht' ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn!

16     Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
17     Das Maulthier sucht im Nebel seinen Weg,
18     In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut,
19     Es stürzt der Fels und über ihn die Fluth:
20     Kennst du ihn wohl?
21        Dahin! Dahin
22     Geht unser Weg; o Vater, laß uns ziehn!



[Seite 234]

1 Als Wilhelm des Morgens sich nach Mignon im 2 Hause umsah, fand er sie nicht, hörte aber, daß sie 3 früh mit Melina ausgegangen sei, welcher sich, um die 4 Garderobe und die übrigen Theater-Geräthschaften zu 5 übernehmen, bei Zeiten aufgemacht hatte.

6 Nach Verlauf einiger Stunden hörte Wilhelm 7 Musik vor seiner Thüre. Er glaubte anfänglich, der 8 Harfenspieler sei schon wieder zugegen; allein er unterschied 9 bald die Töne einer Cither, und die Stimme, 10 welche zu singen anfing, war Mignons Stimme. Wilhelm 11 öffnete die Thüre, das Kind trat herein und sang 12 das Lied, das wir so eben aufgezeichnet haben.

13 Melodie und Ausdruck gefielen unserm Freunde 14 besonders, ob er gleich die Worte nicht alle verstehen 15 konnte. Er ließ sich die Strophen wiederholen und 16 erklären, schrieb sie auf und übersetzte sie in's Deutsche. 17 Aber die Originalität der Wendungen konnte er nur 18 von ferne nachahmen. Die kindliche Unschuld des Ausdrucks 19 verschwand, indem die gebrochene Sprache übereinstimmend, 20 und das Unzusammenhängende verbunden 21 ward. Auch konnte der Reiz der Melodie mit nichts 22 verglichen werden.

23 Sie fing jeden Vers feierlich und prächtig an, als 24 ob sie auf etwas Sonderbares aufmerksam machen, 25 als ob sie etwas Wichtiges vortragen wollte. Bei der 26 dritten Zeile ward der Gesang dumpfer und düsterer; 27 das: kennst du es wohl? drückte sie geheimnißvoll 28 und bedächtig aus; in dem: dahin! dahin! lag eine 

[Seite 235]

1 unwiderstehliche Sehnsucht, und ihr: Laß uns ziehn! 2 wußte sie, bei jeder Wiederholung, dergestalt zu modificiren, 3 daß es bald bittend und dringend, bald treibend 4 und vielversprechend war.

5 Nachdem sie das Lied zum zweitenmal geendigt 6 hatte, hielt sie einen Augenblick inne, sah Wilhelmen 7 scharf an und fragte: Kennst du das Land? --- Es 8 muß wohl Italien gemeint sein, versetzte Wilhelm; 9 woher hast du das Liedchen? --- Italien! sagte Mignon 10 bedeutend: gehst du nach Italien, so nimm mich 11 mit, es friert mich hier. --- Bist du schon dort gewesen, 12 liebe Kleine? fragte Wilhelm. --- Das Kind 13 war still und nichts weiter aus ihm zu bringen.

14 Melina, der hereinkam, besah die Cither und freute 15 sich, daß sie schon so hübsch zurecht gemacht sei. Das 16 Instrument war ein Inventarienstück der alten Garderobe. 17 Mignon hatte sich's diesen Morgen ausgebeten, 18 der Harfenspieler bezog es sogleich, und das Kind 19 entwickelte bei dieser Gelegenheit ein Talent, das man 20 an ihm bisher noch nicht kannte.

21 Melina hatte schon die Garderobe mit allem Zugehör 22 übernommen; einige Glieder des Stadtraths 23 versprachen ihm gleich die Erlaubniß, einige Zeit im 24 Orte zu spielen. Mit frohem Herzen und erheitertem 25 Gesicht kam er nunmehr wieder zurück. Er schien 26 ein ganz anderer Mensch zu sein: denn er war sanft, 27 höflich gegen jedermann, ja zuvorkommend und einnehmend. 28 Er wünschte sich Glück, daß er nunmehr 

[Seite 236]

1 seine Freunde, die bisher verlegen und müßig gewesen, 2 werde beschäftigen und auf eine Zeitlang engagiren 3 können, wobei er zugleich bedauerte, daß er freilich 4 zum Anfange nicht im Stande sei, die vortrefflichen 5 Subjecte, die das Glück ihm zugeführt, nach ihren 6 Fähigkeiten und Talenten zu belohnen, da er seine 7 Schuld einem so großmüthigen Freunde, als Wilhelm 8 sich gezeigt habe, vor allen Dingen abtragen 9 müsse.

10 Ich kann Ihnen nicht ausdrücken, sagte Melina 11 zu ihm, welche Freundschaft Sie mir erzeigen, indem 12 Sie mir zur Direction eines Theaters verhelfen. Denn 13 als ich Sie antraf, befand ich mich in einer sehr 14 wunderlichen Lage. Sie erinnern sich, wie lebhaft ich 15 Ihnen bei unsrer ersten Bekanntschaft meine Abneigung 16 gegen das Theater sehen ließ, und doch mußte 17 ich mich, sobald ich verheirathet war, aus Liebe zu 18 meiner Frau, welche sich viel Freude und Beifall versprach, 19 nach einem Engagement umsehen. Ich fand 20 keins, wenigstens kein beständiges, dagegen aber, glücklicherweise, 21 einige Geschäftsmänner, die eben in außerordentlichen 22 Fällen jemanden brauchen konnten, der 23 mit der Feder umzugehen wußte, Französisch verstand, 24 und im Rechnen nicht ganz unerfahren war. So 25 ging es mir eine Zeitlang recht gut, ich ward leidlich 26 bezahlt, schaffte mir manches an, und meine Verhältnisse 27 machten mir keine Schande. Allein die außerordentlichen 28 Aufträge meiner Gönner gingen zu Ende, 

[Seite 237]

1 an eine dauerhafte Versorgung war nicht zu denken, 2 und meine Frau verlangte nur desto eifriger nach dem 3 Theater, leider zu einer Zeit, wo ihre Umstände nicht 4 die vortheilhaftesten sind, um sich dem Publicum mit 5 Ehren darzustellen. Nun, hoffe ich, soll die Anstalt, 6 die ich durch Ihre Hülfe einrichten werde, für mich 7 und die Meinigen ein guter Anfang sein, und ich 8 verdanke Ihnen mein künftiges Glück, es werde auch 9 wie es wolle.

10 Wilhelm hörte diese Äußerungen mit Zufriedenheit 11 an, und die sämmtlichen Schauspieler waren gleichfalls 12 mit den Erklärungen des neuen Directors so ziemlich 13 zufrieden, freuten sich heimlich, daß sich so schnell ein 14 Engagement zeige, und waren geneigt, für den Anfang, 15 mit einer geringen Gage vorlieb zu nehmen, weil die 16 meisten dasjenige, was ihnen so unvermuthet angeboten 17 wurde, als einen Zuschuß ansahen, auf den sie 18 vor kurzem noch nicht Rechnung machen konnten. 19 Melina war im Begriff diese Disposition zu benutzen, 20 suchte auf eine geschickte Weise jeden besonders zu 21 sprechen, und hatte bald den einen auf diese, den 22 andern auf eine andere Weise zu bereden gewußt, 23 daß sie die Contracte geschwind abzuschließen geneigt 24 waren, über das neue Verhältniß kaum nachdachten, 25 und sich schon gesichert glaubten, mit sechswöchentlicher 26 Aufkündigung wieder loskommen zu können.

27 Nun sollten die Bedingungen in gehörige Form 28 gebracht werden, und Melina dachte schon an die 

[Seite 238]

1 Stücke, mit denen er zuerst das Publicum anlocken 2 wollte, als ein Courier dem Stallmeister die Ankunft 3 der Herrschaft verkündigte, und dieser die untergelegten 4 Pferde vorzuführen befahl.

5 Bald darauf fuhr der hochbepackte Wagen, von 6 dessen Bocke zwei Bedienten heruntersprangen, vor dem 7 Gasthause vor, und Philine war nach ihrer Art am 8 ersten bei der Hand und stellte sich unter die Thüre.

9 Wer ist Sie? fragte die Gräfin im Hereintreten.

10 Eine Schauspielerin, Ihro Excellenz zu dienen, 11 war die Antwort, indem der Schalk mit einem gar 12 frommen Gesichte und demüthigen Gebärden sich neigte 13 und der Dame den Rock küßte.

14 Der Graf, der noch einige Personen umher stehen 15 sah, die sich gleichfalls für Schauspieler ausgaben, erkundigte 16 sich nach der Stärke der Gesellschaft, nach dem 17 letzten Orte ihres Aufenthalts und ihrem Director. 18 Wenn es Franzosen wären, sagte er zu seiner Gemahlin, 19 könnten wir dem Prinzen eine unerwartete 20 Freude machen, und ihm bei uns seine Lieblingsunterhaltung 21 verschaffen.

22 Es käme darauf an, versetzte die Gräfin, ob wir 23 nicht diese Leute, wenn sie schon unglücklicherweise nur 24 Deutsche sind, auf dem Schloß, so lange der Fürst bei 25 uns bleibt, spielen ließen. Sie haben doch wohl einige 26 Geschicklichkeit. Eine große Societät läßt sich am 27 besten durch ein Theater unterhalten, und der Baron 28 würde sie schon zustutzen.



[Seite 239]

1 Unter diesen Worten gingen sie die Treppe hinauf, 2 und Melina präsentirte sich oben als Director. Ruf 3 Er seine Leute zusammen, sagte der Graf: und stell 4 Er sie mir vor, damit ich sehe, was an ihnen ist. 5 Ich will auch zugleich die Liste von den Stücken sehen, 6 die sie allenfalls aufführen könnten.

7 Melina eilte mit einem tiefen Bücklinge aus dem 8 Zimmer, und kam bald mit den Schauspielern zurück. 9 Sie drückten sich vor und hinter einander, die einen 10 präsentirten sich schlecht, aus großer Begierde zu gefallen, 11 und die andern nicht besser, weil sie sich leichtsinnig 12 darstellten. Philine bezeigte der Gräfin, die 13 außerordentlich gnädig und freundlich war, alle Ehrfurcht; 14 der Graf musterte indeß die Übrigen. Er 15 fragte einen jeden nach seinem Fache, und äußerte 16 gegen Melina, daß man streng auf Fächer halten 17 müsse, welchen Auspruch dieser in der größten Devotion 18 aufnahm.

19 Der Graf bemerkte sodann einem jeden, worauf er 20 besonders zu studiren, was er an seiner Figur und 21 Stellung zu bessern habe, zeigte ihnen einleuchtend, 22 woran es den Deutschen immer fehle, und ließ so 23 außerordentliche Kenntnisse sehen, daß alle in der 24 größten Demuth vor so einem erleuchteten Kenner 25 und erlauchten Beschützer standen, und kaum Athem 26 zu holen sich getrauten.

27 Wer ist der Mensch dort in der Ecke? fragte der 28 Graf, indem er nach einem Subjecte sah, das ihm 

[Seite 240]

1 noch nicht vorgestellt worden war, und eine hagre 2 Figur nahte sich in einem abgetragenen, auf dem 3 Ellbogen mit Fleckchen besetzten Rocke; eine kümmerliche 4 Perrücke bedeckte das Haupt des demüthigen 5 Clienten.

6 Dieser Mensch, den wir schon aus dem vorigen 7 Buche als Philinens Liebling kennen, pflegte gewöhnlich 8 Pedanten, Magister und Poeten zu spielen, und 9 meistens die Rolle zu übernehmen, wenn jemand 10 Schläge kriegen oder begossen werden sollte. Er hatte 11 sich gewisse kriechende, lächerliche, furchtsame Bücklinge 12 angewöhnt, und seine stockende Sprache, die zu seinen 13 Rollen paßte, machte die Zuschauer lachen, so daß er 14 immer noch als ein brauchbares Glied der Gesellschaft 15 angesehen wurde, besonders da er übrigens sehr dienstfertig 16 und gefällig war. Er nahte sich auf seine 17 Weise dem Grafen, neigte sich vor demselben, und 18 beantwortete jede Frage auf die Art, wie er sich in 19 seinen Rollen auf dem Theater zu gebärden pflegte. 20 Der Graf sah ihn mit gefälliger Aufmerksamkeit und 21 mit Überlegung eine Zeitlang an, alsdann rief er, indem 22 er sich zu der Gräfin wendete: Mein Kind, betrachte 23 mir diesen Mann genau; ich hafte dafür, das ist 24 ein großer Schauspieler, oder kann es werden. Der 25 Mensch machte von ganzem Herzen einen albernen 26 Bückling, so daß der Graf laut über ihn lachen mußte, 27 und ausrief: Er macht seine Sachen excellent! Ich 28 wette, dieser Mensch kann spielen was er will, und 

[Seite 241]

1 es ist Schade, daß man ihn bisher zu nichts Besserm 2 gebraucht hat.

3 Ein so außerordentlicher Vorzug war für die Übrigen 4 sehr kränkend, nur Melina empfand nichts davon, 5 er gab vielmehr dem Grafen vollkommen recht, 6 und versetzte mit ehrfurchtsvoller Miene: Ach ja, es 7 hat wohl ihm und mehreren von uns nur ein solcher 8 Kenner und eine solche Aufmunterung gefehlt, wie wir 9 sie gegenwärtig an Ew. Excellenz gefunden haben.

10 Ist das die sämmtliche Gesellschaft? sagte der 11 Graf.

12 Es sind einige Glieder abwesend, versetzte der kluge 13 Melina, und überhaupt könnten wir, wenn wir nur 14 Unterstützung fänden, sehr bald aus der Nachbarschaft 15 vollzählig sein.

16 Indessen sagte Philine zur Gräfin: Es ist noch ein 17 recht hübscher junger Mann oben, der sich gewiß bald 18 zum ersten Liebhaber qualificiren würde.

19 Warum läßt er sich nicht sehen? versetzte die 20 Gräfin.

21 Ich will ihn holen, rief Philine, und eilte zur 22 Thüre hinaus.

23 Sie fand Wilhelmen noch mit Mignon beschäftigt, 24 und beredete ihn mit herunter zu gehen. Er folgte 25 ihr mit einigem Unwillen, doch trieb ihn die Neugier: 26 denn da er von vornehmen Personen hörte, war er 27 voll Verlangen, sie näher kennen zu lernen. Er trat 28 in's Zimmer, und seine Augen begegneten sogleich den 

[Seite 242]

1 Augen der Gräfin, die auf ihn gerichtet waren. 2 Philine zog ihn zu der Dame, indeß der Graf sich 3 mit den Übrigen beschäftigte. Wilhelm neigte sich, 4 und gab auf verschiedene Fragen, welche die reizende 5 Dame an ihn that, nicht ohne Verwirrung Antwort. 6 Ihre Schönheit, Jugend, Anmuth, Zierlichkeit und 7 feines Betragen machten den angenehmsten Eindruck 8 auf ihn, um so mehr, da ihre Reden und Gebärden 9 mit einer gewissen Schamhaftigkeit, ja man dürfte 10 sagen, Verlegenheit begleitet waren. Auch dem Grafen 11 ward er vorgestellt, der aber wenig Acht auf ihn 12 hatte, sondern zu seiner Gemahlin an's Fenster trat, 13 und sie um etwas zu fragen schien. Man konnte 14 bemerken, daß ihre Meinung auf das lebhafteste mit 15 der seinigen übereinstimmte, ja daß sie ihn eifrig zu 16 bitten und ihn in seiner Gesinnung zu bestärken 17 schien.

18 Er kehrte sich darauf bald zu der Gesellschaft, 19 und sagte: Ich kann mich gegenwärtig nicht aufhalten, 20 aber ich will einen Freund zu euch schicken, und wenn 21 ihr billige Bedingungen macht, und euch recht viel 22 Mühe geben wollt, so bin ich nicht abgeneigt, euch 23 auf dem Schlosse spielen zu lassen.

24 Alle bezeigten ihre große Freude darüber, und besonders 25 küßte Philine mit der größten Lebhaftigkeit 26 der Gräfin die Hände.

27 Sieht Sie, Kleine, sagte die Dame, indem sie dem 28 leichtfertigen Mädchen die Backen klopfte: sieht Sie, 

[Seite 243]

1 mein Kind, da kommt Sie wieder zu mir, ich will 2 schon mein Versprechen halten, Sie muß sich nur 3 besser anziehen. Philine entschuldigte sich, daß sie 4 wenig auf ihre Garderobe zu verwenden habe, und 5 sogleich befahl die Gräfin ihren Kammerfrauen, einen 6 englischen Hut und ein seidnes Halstuch, die leicht 7 auszupacken waren, herauf zu geben. Nun putzte die 8 Gräfin selbst Philinen an, die fortfuhr, sich mit einer 9 scheinheiligen unschuldigen Miene gar artig zu gebärden 10 und zu betragen.

11 Der Graf bot seiner Gemahlin die Hand und 12 führte sie hinunter. Sie grüßte die ganze Gesellschaft 13 im Vorbeigehen freundlich, und kehrte sich nochmals 14 gegen Wilhelmen um, indem sie mit der huldreichsten 15 Miene zu ihm sagte: Wir sehen uns bald wieder.

16 So glückliche Aussichten belebten die ganze Gesellschaft; 17 jeder ließ nunmehr seinen Hoffnungen, Wünschen 18 und Einbildungen freien Lauf, sprach von den 19 Rollen, die er spielen, von dem Beifall, den er erhalten 20 wollte. Melina überlegte, wie er noch geschwind, 21 durch einige Vorstellungen, den Einwohnern des Städtchens 22 etwas Geld abnehmen und zugleich die Gesellschaft 23 in Athem setzen könne, indeß andere in die 24 Küche gingen, um ein besseres Mittagsessen zu bestellen, 25 als man sonst einzunehmen gewohnt war.



[Seite 244]



1 
Zweites Capitel.

[Lesarten]  2 Nach einigen Tagen kam der Baron, und Melina 3 empfing ihn nicht ohne Furcht. Der Graf hatte ihn 4 als einen Kenner angekündigt, und es war zu besorgen, 5 er werde gar bald die schwache Seite des kleinen Haufens 6 entdecken, und einsehen, daß er keine formirte 7 Truppe vor sich habe, indem sie kaum Ein Stück gehörig 8 besetzen konnten; allein sowohl der Director als 9 die sämmtlichen Glieder waren bald aus aller Sorge, 10 da sie an dem Baron einen Mann fanden, der mit 11 dem größten Enthusiasmus das vaterländische Theater 12 betrachtete, dem ein jeder Schauspieler und jede Gesellschaft 13 willkommen und erfreulich war. Er begrüßte 14 sie alle mit Feierlichkeit, pries sich glücklich eine 15 deutsche Bühne so unvermuthet anzutreffen, mit ihr 16 in Verbindung zu kommen, und die vaterländischen 17 Musen in das Schloß seines Verwandten einzuführen. 18 Er brachte bald darauf ein Heft aus der Tasche, in 19 welchem Melina die Puncte des Contractes zu erblicken 20 hoffte; allein es war ganz etwas anderes. Der Baron 21 bat sie, ein Drama, das er selbst verfertigt, und das 

[Seite 245]

1 er von ihnen gespielt zu sehen wünschte, mit Aufmerksamkeit 2 anzuhören. Willig schlossen sie einen Kreis, 3 und waren erfreut, mit so geringen Kosten sich in 4 der Gunst eines so nothwendigen Mannes befestigen 5 zu können, obgleich ein jeder nach der Dicke des Heftes 6 übermäßig lange Zeit befürchtete. Auch war es wirklich 7 so; das Stück war in fünf Acten geschrieben, 8 und von der Art, die gar kein Ende nimmt.

9 Der Held war ein vornehmer, tugendhafter, großmüthiger 10 und dabei verkannter und verfolgter Mann, 11 der aber denn doch zuletzt den Sieg über seine Feinde 12 davon trug, über welche sodann die strengste poetische 13 Gerechtigkeit ausgeübt worden wäre, wenn er ihnen 14 nicht auf der Stelle verziehen hätte.

15 Indem dieses Stück vorgetragen wurde, hatte jeder 16 Zuhörer Raum genug an sich selbst zu denken, und 17 ganz sachte aus der Demuth, zu der er sich noch vor 18 kurzem geneigt fühlte, zu einer glücklichen Selbstgefälligkeit 19 empor zu steigen, und von da aus die 20 anmuthigsten Aussichten in die Zukunft zu überschauen. 21 Diejenigen, die keine ihnen angemessene Rolle in dem 22 Stück fanden, erklärten es bei sich für schlecht, und 23 hielten den Baron für einen unglücklichen Autor, 24 dagegen die andern eine Stelle, bei der sie beklatscht 25 zu werden hofften, mit dem größten Lobe zur möglichsten 26 Zufriedenheit des Verfassers verfolgten.

27 Mit dem Ökonomischen waren sie geschwind fertig. 28 Melina wußte zu seinem Vortheil mit dem Baron 

[Seite 246]

1 den Contract abzuschließen, und ihn vor den übrigen 2 Schauspielern geheim zu halten.

3 Über Wilhelmen sprach Melina den Baron im 4 Vorbeigehen, und versicherte, daß er sich sehr gut zum 5 Theaterdichter qualificire, und zum Schauspieler selbst 6 keine üblen Anlagen habe. Der Baron machte sogleich 7 mit ihm als einem Collegen Bekanntschaft, und Wilhelm 8 producirte einige kleine Stücke, die nebst wenigen 9 Reliquien an jenem Tage, als er den größten Theil 10 seiner Arbeiten in Feuer aufgehen ließ, durch einen 11 Zufall gerettet wurden. Der Baron lobte sowohl 12 die Stücke als den Vortrag, nahm als bekannt an, 13 daß er mit hinüber auf das Schloß kommen würde, 14 versprach, bei seinem Abschiede, allen die beste Aufnahme, 15 bequeme Wohnung, gutes Essen, Beifall und 16 Geschenke, und Melina setzte noch die Versicherung 17 eines bestimmten Taschengeldes hinzu.

18 Man kann denken, in welche gute Stimmung durch 19 diesen Besuch die Gesellschaft gesetzt war, indem sie 20 statt eines ängstlichen und niedrigen Zustandes auf 21 einmal Ehre und Behagen vor sich sah. Sie machten 22 sich schon zum voraus auf jene Rechnung lustig, und 23 jedes hielt für unschicklich, nur noch irgend einen 24 Groschen Geld in der Tasche zu behalten.

25 Wilhelm ging indessen mit sich zu Rathe, ob er 26 die Gesellschaft auf das Schloß begleiten solle, und 27 fand in mehr als einem Sinne räthlich dahin zu 28 gehen. Melina hoffte bei diesem vortheilhaften Engagement 

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1 seine Schuld wenigstens zum Theil abtragen zu 2 können, und unser Freund, der auf Menschenkenntniß 3 ausging, wollte die Gelegenheit nicht versäumen, die 4 große Welt näher kennen zu lernen, in der er viele 5 Aufschlüsse über das Leben, über sich selbst und die 6 Kunst zu erlangen hoffte. Dabei durfte er sich nicht 7 gestehen, wie sehr er wünsche, der schönen Gräfin 8 wieder näher zu kommen. Er suchte sich vielmehr im 9 Allgemeinen zu überzeugen, welchen großen Vortheil 10 ihm die nähere Kenntniß der vornehmen und reichen 11 Welt bringen würde. Er machte seine Betrachtungen 12 über den Grafen, die Gräfin, den Baron, über die 13 Sicherheit, Bequemlichkeit und Anmuth ihres Betragens, 14 und rief, als er allein war, mit Entzücken 15 aus:

16 Dreimal glücklich sind diejenigen zu preisen, die 17 ihre Geburt sogleich über die untern Stufen der Menschheit 18 hinaus hebt; die durch jene Verhältnisse, in 19 welchen sich manche gute Menschen die ganze Zeit 20 ihres Lebens abängstigen, nicht durchzugehen, auch nicht 21 einmal darin als Gäste zu verweilen brauchen. Allgemein 22 und richtig muß ihr Blick auf dem höheren 23 Standpuncte werden, leicht ein jeder Schritt ihres 24 Lebens! Sie sind von Geburt an gleichsam in ein 25 Schiff gesetzt, um bei der Überfahrt, die wir alle machen 26 müssen, sich des günstigen Windes zu bedienen, und 27 den widrigen abzuwarten, anstatt daß andere nur für 28 ihre Person schwimmend sich abarbeiten, vom günstigen 

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1 Winde wenig Vortheil genießen, und im Sturme mit 2 bald erschöpften Kräften untergehen. Welche Bequemlichkeit, 3 welche Leichtigkeit gibt ein angebornes Vermögen! 4 und wie sicher blühet ein Handel, der auf 5 ein gutes Capital gegründet ist, so daß nicht jeder 6 mißlungene Versuch sogleich in Unthätigkeit versetzt! 7 Wer kann den Werth und Unwerth irdischer Dinge 8 besser kennen, als der sie zu genießen von Jugend 9 auf im Falle war, und wer kann seinen Geist früher 10 auf das Nothwendige, das Nützliche, das Wahre leiten, 11 als der sich von so vielen Irrthümern in einem Alter 12 überzeugen muß, wo es ihm noch an Kräften nicht 13 gebricht, ein neues Leben anzufangen!

14 So rief unser Freund allen denenjenigen Glück 15 zu, die sich in den höheren Regionen befinden; aber 16 auch denen, die sich einem solchen Kreise nähern, aus 17 diesen Quellen schöpfen können, und pries seinen 18 Genius, der Anstalt machte, auch ihn diese Stufen 19 hinan zu führen.

20 Indessen mußte Melina, nachdem er lange sich den 21 Kopf zerbrochen, wie er, nach dem Verlangen des 22 Grafen und nach seiner eigenen Überzeugung, die Gesellschaft 23 in Fächer eintheilen und einem jeden seine bestimmte 24 Mitwirkung übertragen wollte, zuletzt, da es 25 an die Ausführung kam, sehr zufrieden sein, wenn 26 er bei einem so geringen Personal die Schauspieler 27 willig fand, sich nach Möglichkeit in diese oder jene 28 Rollen zu schicken. Doch übernahm gewöhnlich Laertes 

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1 die Liebhaber, Philine die Kammermädchen, die beiden 2 jungen Frauenzimmer theilten sich in die naiven und 3 zärtlichen Liebhaberinnen, der alte Polterer ward am 4 besten gespielt. Melina selbst glaubte als Chevalier 5 auftreten zu dürfen, Madame Melina mußte, zu ihrem 6 größten Verdruß, in das Fach der jungen Frauen, 7 ja sogar der zärtlichen Mütter übergehen, und weil 8 in den neuern Stücken nicht leicht mehr ein Pedant 9 oder Poet, wenn er auch vorkommen sollte, lächerlich 10 gemacht wird, so mußte der bekannte Günstling des 11 Grafen nunmehr die Präsidenten und Minister spielen, 12 weil diese gewöhnlich als Bösewichter vorgestellt und 13 im fünften Acte übel behandelt werden. Eben so 14 steckte Melina mit Vergnügen, als Kammerjunker 15 oder Kammerherr, die Grobheiten ein, welche ihm von 16 biedern deutschen Männern, hergebrachtermaßen, in 17 mehreren beliebten Stücken aufgedrungen wurden, weil 18 er sich doch bei dieser Gelegenheit artig herausputzen 19 konnte, und das Air eines Hofmannes, das er vollkommen 20 zu besitzen glaubte, anzunehmen die Erlaubniß 21 hatte.

22 Es dauerte nicht lange, so kamen von verschiedenen 23 Gegenden mehrere Schauspieler herbeigeflossen, welche 24 ohne sonderliche Prüfung angenommen, aber auch ohne 25 sonderliche Bedingungen festgehalten wurden.

26 Wilhelm, den Melina vergebens einigemal zu einer 27 Liebhaberrolle zu bereden suchte, nahm sich der Sache 28 mit vielem guten Willen an, ohne daß unser neuer 

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1 Director seine Bemühungen im mindesten anerkannte; 2 vielmehr glaubte dieser mit seiner Würde auch alle 3 nöthige Einsicht überkommen zu haben; besonders war 4 das Streichen eine seiner angenehmsten Beschäftigungen, 5 wodurch er ein jedes Stück auf das gehörige 6 Zeitmaß herunter zu setzen wußte, ohne irgend eine 7 andere Rücksicht zu nehmen. Er hatte viel Zuspruch, 8 das Publicum war sehr zufrieden, und die geschmackvollsten 9 Einwohner des Städtchens behaupteten, daß 10 das Theater in der Residenz keinesweges so gut als das 11 ihre bestellt sei.



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1 
Drittes Capitel.

[Lesarten]  2 Endlich kam die Zeit herbei, daß man sich zur 3 Überfahrt schicken, die Kutschen und Wagen erwarten 4 sollte, die unsere ganze Truppe nach dem Schlosse des 5 Grafen hinüber zu führen bestellt waren. Schon zum 6 voraus fielen große Streitigkeiten vor, wer mit dem 7 andern fahren, wie man sitzen sollte. Die Ordnung 8 und Eintheilung ward endlich nur mit Mühe ausgemacht 9 und festgesetzt, doch leider ohne Wirkung. Zur 10 bestimmten Stunde kamen weniger Wagen als man 11 erwartet hatte, und man mußte sich einrichten. Der 12 Baron, der zu Pferde nicht lange hinterdrein folgte, 13 gab zur Ursache an, daß im Schlosse alles in großer 14 Bewegung sei, weil nicht allein der Fürst einige Tage 15 früher eintreffen werde, als man geglaubt, sondern 16 weil auch unerwarteter Besuch schon gegenwärtig angelangt 17 sei; der Platz gehe sehr zusammen, sie würden 18 auch deßwegen nicht so gut logiren, als man es ihnen 19 vorher bestimmt habe, welches ihm außerordentlich 20 leid thue.

21 Man theilte sich in die Wagen, so gut es gehen 22 wollte, und da leidlich Wetter und das Schloß nur 

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1 einige Stunden entfernt war, machten sich die Lustigsten 2 lieber zu Fuße auf den Weg, als daß sie die 3 Rückkehr der Kutschen hätten abwarten sollen. Die 4 Caravane zog mit Freudengeschrei aus, zum erstenmal 5 ohne Sorgen wie der Wirth zu bezahlen sei. 6 Das Schloß des Grafen stand ihnen wie ein Feengebäude 7 vor der Seele, sie waren die glücklichsten und 8 fröhlichsten Menschen von der Welt, und jeder knüpfte 9 unterwegs an diesen Tag, nach seiner Art zu denken, 10 eine Reihe von Glück, Ehre und Wohlstand.

11 Ein starker Regen, der unerwartet einfiel, konnte 12 sie nicht aus diesen angenehmen Empfindungen reißen; 13 da er aber immer anhaltender und stärker wurde, 14 spürten viele von ihnen eine ziemliche Unbequemlichkeit. 15 Die Nacht kam herbei, und erwünschter konnte 16 ihnen nichts erscheinen, als der durch alle Stockwerke 17 erleuchtete Palast des Grafen, der ihnen von einem 18 Hügel entgegen glänzte, so daß sie die Fenster zählen 19 konnten.

20 Als sie näher kamen, fanden sie auch alle Fenster 21 der Seitengebäude erhellet. Ein jeder dachte bei sich, 22 welches wohl sein Zimmer werden möchte, und die 23 meisten begnügten sich bescheiden mit einer Stube in 24 der Mansarde oder den Flügeln.

25 Nun fuhren sie durch das Dorf und am Wirthshause 26 vorbei. Wilhelm ließ halten, um dort abzusteigen; 27 allein der Wirth versicherte, daß er ihm nicht 28 den geringsten Raum anweisen könne. Der Herr Graf 

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1 habe, weil unvermuthete Gäste angekommen, sogleich 2 das ganze Wirthshaus besprochen, an allen Zimmern 3 stehe schon seit gestern mit Kreide deutlich angeschrieben, 4 wer darin wohnen solle. Wider seinen Willen 5 mußte also unser Freund mit der übrigen Gesellschaft 6 zum Schloßhofe hineinfahren.

7 Um die Küchenfeuer in einem Seitengebäude sahen 8 sie geschäftige Köche sich hin und her bewegen, und 9 waren durch diesen Anblick schon erquickt; eilig kamen 10 Bediente mit Lichtern auf die Treppe des Hauptgebäudes 11 gesprungen, und das Herz der guten Wanderer 12 quoll über diesen Aussichten auf. Wie sehr 13 verwunderten sie sich dagegen, als sich dieser Empfang 14 in ein entsetzliches Fluchen auflös'te. Die Bedienten 15 schimpften auf die Fuhrleute, daß sie hier hereingefahren 16 seien; sie sollten umwenden, rief man, und 17 wieder hinaus nach dem alten Schlosse zu, hier sei 18 kein Raum für diese Gäste! Einem so unfreundlichen 19 und unerwarteten Bescheide fügten sie noch allerlei 20 Spöttereien hinzu, und lachten sich unter einander 21 aus, daß sie durch diesen Irrthum in den Regen gesprengt 22 worden. Er goß noch immer, keine Sterne 23 standen am Himmel, und nun wurde die Gesellschaft 24 durch einen holperichten Weg zwischen zwei Mauern 25 in das alte hintere Schloß gezogen, welches unbewohnt 26 da stand, seit der Vater des Grafen das vordere 27 gebaut hatte. Theils im Hofe, theils unter einem 28 langen gewölbten Thorwege hielten die Wagen still, 

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1 und die Fuhrleute, Anspanner aus dem Dorfe, spannten 2 aus und ritten ihrer Wege.

3 Da niemand zum Empfange der Gesellschaft sich 4 zeigte, stiegen sie aus, riefen, suchten, vergebens! Alles 5 blieb finster und stille. Der Wind blies durch das 6 hohe Thor, und grauerlich waren die alten Thürme 7 und Höfe, wovon sie kaum die Gestalten in der 8 Finsterniß unterschieden. Sie froren und schauerten, 9 die Frauen fürchteten sich, die Kinder fingen an zu 10 weinen, ihre Ungeduld vermehrte sich mit jedem Augenblicke, 11 und ein so schneller Glückswechsel, auf den niemand 12 vorbereitet war, brachte sie alle ganz und gar 13 aus der Fassung.

14 Da sie jeden Augenblick erwarteten, daß jemand 15 kommen und ihnen aufschließen werde, da bald Regen, 16 bald Sturm sie täuschte, und sie mehr als einmal den 17 Tritt des erwünschten Schloßvoigts zu hören glaubten, 18 blieben sie eine lange Zeit unmuthig und unthätig, 19 es fiel keinem ein, in das neue Schloß zu gehen, und 20 dort mitleidige Seelen um Hülfe anzurufen. Sie 21 konnten nicht begreifen, wo ihr Freund, der Baron, 22 geblieben sei, und waren in einer höchstbeschwerlichen 23 Lage.

24 Endlich kamen wirklich Menschen an, und man erkannte 25 an ihren Stimmen jene Fußgänger, die auf 26 dem Wege hinter den Fahrenden zurück geblieben waren. 27 Sie erzählten, daß der Baron mit dem Pferde gestürzt 28 sei, sich am Fuße stark beschädigt habe, und daß man 

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1 auch sie, da sie im Schlosse nachgefragt, mit Ungestüm 2 hieher gewiesen habe.

3 Die ganze Gesellschaft war in der größten Verlegenheit; 4 man rathschlagte, was man thun sollte, und konnte 5 keinen Entschluß fassen. Endlich sah man von weitem 6 eine Laterne kommen, und holte frischen Athem; allein 7 die Hoffnung einer baldigen Erlösung verschwand auch 8 wieder, indem die Erscheinung näher kam und deutlich 9 ward. Ein Reitknecht leuchtete dem bekannten Stallmeister 10 des Grafen vor, und dieser erkundigte sich, als 11 er näher kam, sehr eifrig nach Mademoiselle Philinen. 12 Sie war kaum aus dem übrigen Haufen hervorgetreten, 13 als er ihr sehr dringend anbot, sie in das neue Schloß 14 zu führen, wo ein Plätzchen für sie bei den Kammerjungfern 15 der Gräfin bereitet sei. Sie besann sich nicht 16 lange, das Anerbieten dankbar zu ergreifen, faßte ihn 17 bei dem Arme und wollte, da sie den andern ihren 18 Koffer empfohlen, mit ihm forteilen; allein man trat 19 ihnen in den Weg, fragte, bat, beschwor den Stallmeister, 20 daß er endlich, um nur mit seiner Schönen 21 los zu kommen, alles versprach, und versicherte, in 22 kurzem solle das Schloß eröffnet und sie auf das 23 beste einquartirt werden. Bald darauf sahen sie den 24 Schein seiner Laterne verschwinden, und hofften lange 25 vergebens auf das neue Licht, das ihnen endlich 26 nach vielem Warten, Schelten und Schmähen erschien, 27 und sie mit einigem Troste und Hoffnung 28 belebte.



[Seite 256]

1 Ein alter Hausknecht eröffnete die Thüre des alten 2 Gebäudes, in das sie mit Gewalt eindrangen. Ein 3 jeder sorgte nun für seine Sachen, sie abzupacken, sie 4 herein zu schaffen. Das Meiste war, wie die Personen 5 selbst, tüchtig durchweicht. Bei dem Einen Lichte ging 6 alles sehr langsam. Im Gebäude stieß man sich, stolperte, 7 fiel. Man bat um mehr Lichter, man bat um 8 Feuerung. Der einsylbige Hausknecht ließ mit genauer 9 Noth seine Laterne da, ging, und kam nicht wieder.

10 Nun fing man an das Haus zu durchsuchen; die 11 Thüren aller Zimmer waren offen, große Öfen, gewirkte 12 Tapeten, eingelegte Fußböden waren von seiner 13 vorigen Pracht noch übrig, von anderm Hausgeräthe 14 aber nichts zu finden, kein Tisch, kein Stuhl, kein 15 Spiegel, kaum einige ungeheuere leere Bettstellen, 16 alles Schmuckes und alles Nothwendigen beraubt. 17 Die nassen Koffer und Mantelsäcke wurden zu Sitzen 18 gewählt, ein Theil der müden Wandrer bequemte sich 19 auf dem Fußboden, Wilhelm hatte sich auf einige 20 Stufen gesetzt, Mignon lag auf seinen Knien; das 21 Kind war unruhig, und auf seine Frage, was ihm 22 fehlte? antwortete es: Mich hungert! Er fand nichts 23 bei sich, um das Verlangen des Kindes zu stillen, 24 die übrige Gesellschaft hatte jeden Vorrath auch aufgezehrt, 25 und er mußte die arme Creatur ohne Erquickung 26 lassen. Er blieb bei dem ganzen Vorfalle 27 unthätig, still in sich gekehrt: denn er war sehr verdrießlich 28 und grimmig, daß er nicht auf seinem Sinne 

[Seite 257]

1 bestanden und bei dem Wirthshause abgestiegen sei, 2 wenn er auch auf dem obersten Boden hätte sein 3 Lager nehmen sollen.

4 Die Übrigen gebärdeten sich jeder nach seiner Art. 5 Einige hatten einen Haufen altes Gehölz in einen 6 ungeheuren Kamin des Saals geschafft und zündeten 7 mit großem Jauchzen den Scheiterhaufen an. Unglücklicherweise 8 ward auch diese Hoffnung sich zu trocknen 9 und zu wärmen auf das schrecklichste getäuscht, denn 10 dieser Kamin stand nur zur Zierde da, und war von 11 oben herein vermauert; der Dampf trat schnell zurück 12 und erfüllte auf einmal die Zimmer; das dürre Holz 13 schlug prasselnd in Flammen auf, und auch die Flamme 14 ward herausgetrieben; der Zug, der durch die zerbrochenen 15 Fensterscheiben drang, gab ihr eine unstäte 16 Richtung, man fürchtete das Schloß anzuzünden, 17 mußte das Feuer aus einander ziehen, austreten, 18 dämpfen, der Rauch vermehrte sich, der Zustand 19 wurde unerträglicher, man kam der Verzweiflung 20 nahe.

21 Wilhelm war vor dem Rauch in ein entferntes 22 Zimmer gewichen, wohin ihm bald Mignon folgte 23 und einen wohlgekleideten Bedienten, der eine hohe, 24 hellbrennende, doppelt erleuchtete Laterne trug, hereinführte; 25 dieser wendete sich an Wilhelmen, und indem 26 er ihm auf einem schön porzellanenen Teller Confect 27 und Früchte überreichte, sagte er: Dieß schickt Ihnen 28 das junge Frauenzimmer von drüben, mit der Bitte, 

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1 zur Gesellschaft zu kommen; sie läßt sagen, setzte der 2 Bediente mit einer leichtfertigen Miene hinzu, es gehe 3 ihr sehr wohl, und sie wünsche ihre Zufriedenheit mit 4 ihren Freunden zu theilen.

5 Wilhelm erwartete nichts weniger als diesen Antrag, 6 denn er hatte Philinen, seit dem Abenteuer der 7 steinernen Bank, mit entschiedener Verachtung begegnet, 8 und war so fest entschlossen, keine Gemeinschaft 9 mehr mit ihr zu machen, daß er im Begriff stand, 10 die süße Gabe wieder zurück zu schicken, als ein bittender 11 Blick Mignons ihn vermochte, sie anzunehmen, 12 und im Namen des Kindes dafür zu danken; die Einladung 13 schlug er ganz aus. Er bat den Bedienten, 14 einige Sorge für die angekommene Gesellschaft zu 15 haben, und erkundigte sich nach dem Baron. Dieser 16 lag zu Bette, hatte aber schon, so viel der Bediente 17 zu sagen wußte, einem andern Auftrag gegeben, für 18 die elend Beherbergten zu sorgen.

19 Der Bediente ging und hinterließ Wilhelmen eins 20 von seinen Lichtern, das dieser in Ermanglung eines 21 Leuchters auf das Fenstergesims kleben mußte, und 22 nun wenigstens bei seinen Betrachtungen die vier 23 Wände des Zimmers erhellt sah. Denn es währte 24 noch lange, ehe die Anstalten rege wurden, die unsere 25 Gäste zur Ruhe bringen sollten. Nach und nach kamen 26 Lichter, jedoch ohne Lichtputzen, dann einige Stühle, 27 eine Stunde darauf Deckbetten, dann Kissen, alles 28 wohl durchnetzt, und es war schon weit über Mitternacht, 

[Seite 259]

1 als endlich Strohsäcke und Matratzen herbeigeschafft 2 wurden, die, wenn man sie zuerst gehabt 3 hätte, höchst willkommen gewesen wären.

4 In der Zwischenzeit war auch etwas von Essen 5 und Trinken angelangt, das ohne viele Kritik genossen 6 wurde, ob es gleich einem sehr unordentlichen Abhub 7 ähnlich sah, und von der Achtung, die man für die 8 Gäste hatte, kein sonderliches Zeugniß ablegte.



[Seite 260]



1 
Viertes Capitel.

[Lesarten]  2 Durch die Unart und den Übermuth einiger leichtfertigen 3 Gesellen, vermehrte sich die Unruhe und das 4 Übel der Nacht, indem sie sich einander neckten, aufweckten 5 und sich wechselsweise allerlei Streiche spielten. 6 Der andere Morgen brach an, unter lauten Klagen über 7 ihren Freund, den Baron, daß er sie so getäuscht und 8 ihnen ein ganz anderes Bild von der Ordnung und Bequemlichkeit, 9 in die sie kommen würden, gemacht habe. 10 Doch zur Verwunderung und Trost erschien in aller 11 Frühe der Graf selbst mit einigen Bedienten, und erkundigte 12 sich nach ihren Umständen. Er war sehr entrüstet, 13 als er hörte, wie übel es ihnen ergangen, und 14 der Baron, der geführt herbei hinkte, verklagte den Haushofmeister, 15 wie befehlswidrig er sich bei dieser Gelegenheit 16 gezeigt, und glaubte ihm ein rechtes Bad angerichtet 17 zu haben.

18 Der Graf befahl sogleich, daß alles in seiner Gegenwart 19 zur möglichsten Bequemlichkeit der Gäste geordnet 20 werden solle. Darauf kamen einige Officiere, die von 21 den Actricen sogleich Kundschaft nahmen, und der Graf 22 ließ sich die ganze Gesellschaft vorstellen, redete einen 

[Seite 261]

1 jeden bei seinem Namen an, und mischte einige Scherze 2 in die Unterredung, daß alle über einen so gnädigen 3 Herrn ganz entzückt waren. Endlich mußte Wilhelm 4 auch an die Reihe, an den sich Mignon anhing. Wilhelm 5 entschuldigte sich so gut er konnte über seine 6 Freiheit, der Graf hingegen schien seine Gegenwart 7 als bekannt anzunehmen.

8 Ein Herr, der neben dem Grafen stand, den man 9 für einen Officier hielt, ob er gleich keine Uniform 10 anhatte, sprach besonders mit unserm Freunde, und 11 zeichnete sich vor allen andern aus. Große hellblaue 12 Augen leuchteten unter einer hohen Stirne hervor, nachlässig 13 waren seine blonden Haare aufgeschlagen, und 14 seine mittlere Statur zeigte ein sehr wackres, festes und 15 bestimmtes Wesen. Seine Fragen waren lebhaft, und er 16 schien sich auf alles zu verstehen, wonach er fragte.

17 Wilhelm erkundigte sich nach diesem Manne bei 18 dem Baron, der aber nicht viel Gutes von ihm zu 19 sagen wußte. Er habe den Charakter als Major, sei 20 eigentlich der Günstling des Prinzen, versehe dessen 21 geheimste Geschäfte und werde für dessen rechten Arm 22 gehalten, ja man habe Ursache zu glauben, er sei sein 23 natürlicher Sohn. In Frankreich, England, Italien 24 sei er mit Gesandtschaften gewesen, er werde überall 25 sehr distinguirt, und das mache ihn einbildisch; er 26 wähne, die deutsche Literatur aus dem Grunde zu 27 kennen, und erlaube sich allerlei schale Spöttereien 28 gegen dieselbe. Er, der Baron, vermeide alle Unterredung 

[Seite 262]

1 mit ihm, und Wilhelm werde wohl thun, sich 2 auch von ihm entfernt zu halten, denn am Ende gebe er 3 jedermann etwas ab. Man nenne ihn Jarno, wisse aber 4 nicht recht, was man aus dem Namen machen solle.

5 Wilhelm hatte darauf nichts zu sagen, denn er 6 empfand gegen den Fremden, ob er gleich etwas Kaltes 7 und Abstoßendes hatte, eine gewisse Neigung.

8 Die Gesellschaft wurde in dem Schlosse eingetheilt, 9 und Melina befahl sehr strenge, sie sollten sich nunmehr 10 ordentlich halten, die Frauen sollten besonders 11 wohnen, und jeder nur auf seine Rollen, auf die Kunst 12 sein Augenmerk und seine Neigung richten. Er schlug 13 Vorschriften und Gesetze, die aus vielen Puncten bestanden, 14 an alle Thüren. Die Summe der Strafgelder 15 war bestimmt, die ein jeder Übertreter in eine gemeine 16 Büchse entrichten sollte.

17 Diese Verordnungen wurden wenig geachtet. Junge 18 Officiere gingen aus und ein, spaßten nicht eben auf 19 das feinste mit den Actricen, hatten die Acteure zum 20 Besten, und vernichteten die ganze kleine Polizeiordnung, 21 noch ehe sie Wurzel fassen konnte. Man jagte sich 22 durch die Zimmer, verkleidete sich, versteckte sich. Melina, 23 der anfangs einigen Ernst zeigen wollte, ward 24 mit allerlei Muthwillen auf das Äußerste gebracht, 25 und als ihn bald darauf der Graf holen ließ, um den 26 Platz zu sehen, wo das Theater aufgerichtet werden 27 sollte, ward das Übel nur immer ärger. Die jungen 28 Herren ersannen sich allerlei platte Späße, durch Hülfe 

[Seite 263]

1 einiger Acteure wurden sie noch plumper, und es schien, 2 als wenn das ganze alte Schloß vom wüthenden Heere 3 besessen sei; auch endigte der Unfug nicht eher, als bis 4 man zur Tafel ging.

5 Der Graf hatte Melina'n in einen großen Saal 6 geführt, der noch zum alten Schlosse gehörte, durch 7 eine Galerie mit dem neuen verbunden war, und worin 8 ein kleines Theater sehr wohl aufgestellt werden konnte. 9 Daselbst zeigte der einsichtsvolle Hausherr, wie er 10 alles wolle eingerichtet haben.

11 Nun ward die Arbeit in großer Eile vorgenommen, 12 das Theatergerüste aufgeschlagen und ausgeziert, was 13 man von Decorationen in dem Gepäcke hatte und 14 brauchen konnte, angewendet, und das Übrige mit 15 Hülfe einiger geschickten Leute des Grafen verfertiget. 16 Wilhelm griff selbst mit an, half die Perspective bestimmen, 17 die Umrisse abschnüren, und war höchst beschäftigt, 18 daß es nicht unschicklich werden sollte. Der 19 Graf, der öfters dazu kam, war sehr zufrieden damit, 20 zeigte, wie sie das, was sie wirklich thaten, eigentlich 21 machen sollten, und ließ dabei ungemeine Kenntnisse 22 jeder Kunst sehen.

23 Nun fing das Probiren recht ernstlich an, wozu sie 24 auch Raum und Muße genug gehabt hätten, wenn sie 25 nicht von den vielen anwesenden Fremden immer gestört 26 worden wären. Denn es kamen täglich neue Gäste an, 27 und ein jeder wollte die Gesellschaft in Augenschein 28 nehmen.



[Seite 264]



1 
Fünftes Capitel.

[Lesarten]  2 Der Baron hatte Wilhelmen einige Tage mit der 3 Hoffnung hingehalten, daß er der Gräfin noch besonders 4 vorgestellt werden sollte. --- Ich habe, sagte 5 er, dieser vortrefflichen Dame so viel von Ihren geistreichen 6 und empfindungsvollen Stücken erzählt, daß 7 sie nicht erwarten kann, Sie zu sprechen und sich 8 eins und das andere vorlesen zu lassen. Halten Sie 9 sich ja gefaßt auf den ersten Wink hinüber zu kommen, 10 denn bei dem nächsten ruhigen Morgen werden Sie 11 gewiß gerufen werden. Er bezeichnete ihm darauf 12 das Nachspiel, welches er zuerst vorlesen sollte, wodurch 13 er sich ganz besonders empfehlen würde. Die 14 Dame bedaure gar sehr, daß er zu einer solchen unruhigen 15 Zeit eingetroffen sei, und sich mit der übrigen 16 Gesellschaft in dem alten Schlosse schlecht behelfen 17 müsse. --
18 Mit großer Sorgfalt nahm darauf Wilhelm das 19 Stück vor, womit er seinen Eintritt in die große 20 Welt machen sollte. Du hast, sagte er, bisher im 21 Stillen für dich gearbeitet, nur von einzelnen Freunden 22 Beifall erhalten; du hast eine Zeitlang ganz 

[Seite 265]

1 an deinem Talente verzweifelt, und du mußt immer 2 noch in Sorgen sein, ob du denn auch auf dem rechten 3 Wege bist, und ob du so viel Talent als Neigung 4 zum Theater hast. Vor den Ohren solcher geübten 5 Kenner, im Kabinette, wo keine Illusion statt findet, 6 ist der Versuch weit gefährlicher als anderwärts, und 7 ich möchte doch auch nicht gerne zurückbleiben, diesen 8 Genuß an meine vorigen Freuden knüpfen, und die 9 Hoffnung auf die Zukunft erweitern.

10 Er nahm darauf einige Stücke durch, las sie mit 11 der größten Aufmerksamkeit, corrigirte hier und da, 12 recitirte sie sich laut vor, um auch in Sprache und 13 Ausdruck recht gewandt zu sein, und steckte dasjenige, 14 welches er am meisten geübt, womit er die größte 15 Ehre einzulegen glaubte, in die Tasche, als er an einem 16 Morgen hinüber vor die Gräfin gefordert wurde.

17 Der Baron hatte ihm versichert, sie würde allein 18 mit einer guten Freundin sein. Als er in das Zimmer 19 trat, kam die Baronesse von C--- ihm mit vieler 20 Freundlichkeit entgegen, freute sich seine Bekanntschaft 21 zu machen, und präsentirte ihn der Gräfin, die sich 22 eben frisiren ließ, und ihn mit freundlichen Worten 23 und Blicken empfing, neben deren Stuhl er aber leider 24 Philinen knien und allerlei Thorheiten machen sah. 25 --- Das schöne Kind, sagte die Baronesse, hat uns 26 verschiedenes vorgesungen. Endige Sie doch das angefangene 27 Liedchen, damit wir nichts davon 28 verlieren. --


[Seite 266]

1 Wilhelm hörte das Stückchen mit großer Geduld 2 an, indem er die Entfernung des Friseurs wünschte, 3 ehe er seine Vorlesung anfangen wollte. Man bot 4 ihm eine Tasse Chocolade an, wozu ihm die Baronesse 5 selbst den Zwieback reichte. Dessen ungeachtet schmeckte 6 ihm das Frühstück nicht, denn er wünschte zu lebhaft 7 der schönen Gräfin irgend etwas vorzutragen, was 8 sie interessiren, wodurch er ihr gefallen könnte. Auch 9 Philine war ihm nur zu sehr im Wege, die ihm als 10 Zuhörerin oft schon unbequem gewesen war. Er sah 11 mit Schmerzen dem Friseur auf die Hände, und hoffte 12 in jedem Augenblicke mehr auf die Vollendung des 13 Baues.

14 Indessen war der Graf hereingetreten, und erzählte 15 von den heut zu erwartenden Gästen, von der Eintheilung 16 des Tages, und was sonst etwa Häusliches 17 vorkommen möchte. Da er hinaus ging, ließen einige 18 Officiere bei der Gräfin um die Erlaubniß bitten, ihr, 19 weil sie noch vor Tafel wegreiten müßten, aufwarten 20 zu dürfen. Der Kammerdiener war indessen fertig 21 geworden, und sie ließ die Herren hereinkommen.

22 Die Baronesse gab sich inzwischen Mühe unsern 23 Freund zu unterhalten, und ihm viele Achtung zu bezeigen, 24 die er mit Ehrfurcht, obgleich etwas zerstreut, 25 aufnahm. Er fühlte manchmal nach dem Manuscripte 26 in der Tasche, hoffte auf jeden Augenblick, und fast 27 wollte seine Geduld reißen, als ein Galanteriehändler 28 hereingelassen wurde, der seine Pappen, Kasten, Schachteln 

[Seite 267]

1 unbarmherzig eine nach der andern eröffnete, und 2 jede Sorte seiner Waaren mit einer diesem Geschlechte 3 eigenen Zudringlichkeit vorwies.

4 Die Gesellschaft vermehrte sich. Die Baronesse 5 sah Wilhelmen an, und sprach leise mit der Gräfin; 6 er bemerkte es, ohne die Absicht zu verstehen, die ihm 7 endlich zu Hause klar wurde, als er sich nach einer 8 ängstlich und vergebens durchharrten Stunde wegbegab. 9 Er fand ein schönes englisches Portefeuille 10 in der Tasche. Die Baronesse hatte es ihm heimlich 11 beizustecken gewußt, und gleich darauf folgte der Gräfin 12 kleiner Mohr, der ihm eine artig gestickte Weste 13 überbrachte, ohne recht deutlich zu sagen, woher sie 14 komme.



[Seite 268]



1 
Sechstes Capitel.

[Lesarten]  2 Das Gemisch der Empfindungen von Verdruß und 3 Dankbarkeit verdarb ihm den ganzen Rest des Tages, 4 bis er gegen Abend wieder Beschäftigung fand, indem 5 Melina ihm eröffnete, der Graf habe von einem Vorspiele 6 gesprochen, das dem Prinzen zu Ehren, den Tag 7 seiner Ankunft, aufgeführt werden sollte. Er wolle 8 darin die Eigenschaften dieses großen Helden und 9 Menschenfreundes personificiret haben. Diese Tugenden 10 sollten mit einander auftreten, sein Lob verkündigen 11 und zuletzt seine Büste mit Blumen- und Lorbeerkränzen 12 umwinden, wobei sein verzogener Name mit 13 dem Fürstenhute durchscheinend glänzen sollte. Der 14 Graf habe ihm aufgegeben, für die Versification und 15 übrige Einrichtung dieses Stückes zu sorgen, und er 16 hoffe, daß ihm Wilhelm, dem es etwas Leichtes sei, 17 hierin gerne beistehen werde.

18 Wie! rief dieser verdrießlich aus, haben wir nichts 19 als Porträte, verzogene Namen und allegorische Figuren, 20 um einen Fürsten zu ehren, der nach meiner Meinung 21 ein ganz anderes Lob verdient? Wie kann es einem 22 vernünftigen Manne schmeicheln, sich in Effigie aufgestellt 

[Seite 269]

1 und seinen Namen auf geöltem Papiere schimmern 2 zu sehen! Ich fürchte sehr, die Allegorien würden, 3 besonders bei unserer Garderobe, zu manchen Zweideutigkeiten 4 und Späßen Anlaß geben. Wollen Sie 5 das Stück machen oder machen lassen, so kann ich 6 nichts dawider haben, nur bitte ich, daß ich damit 7 verschont bleibe.

8 Melina entschuldigte sich, es sei nur die ungefähre 9 Angabe des Herrn Grafen, der ihnen übrigens ganz 10 überlasse, wie sie das Stück arrangiren wollten. Herzlich 11 gerne, versetzte Wilhelm, trage ich etwas zum 12 Vergnügen dieser vortrefflichen Herrschaft bei, und 13 meine Muse hat noch kein so angenehmes Geschäfte 14 gehabt, als zum Lob eines Fürsten, der so viel Verehrung 15 verdient, auch nur stammelnd sich hören zu 16 lassen. Ich will der Sache nachdenken, vielleicht gelingt 17 es mir, unsre kleine Truppe so zu stellen, daß 18 wir doch wenigstens einigen Effect machen.

19 Von diesem Augenblicke sann Wilhelm eifrig dem 20 Auftrage nach. Ehe er einschlief, hatte er alles schon 21 ziemlich geordnet, und den andern Morgen, bei früher 22 Zeit, war der Plan fertig, die Scenen entworfen, ja 23 schon einige der vornehmsten Stellen und Gesänge in 24 Verse und zu Papiere gebracht.

25 Wilhelm eilte Morgens gleich den Baron wegen 26 gewisser Umstände zu sprechen, und legte ihm seinen 27 Plan vor. Diesem gefiel er sehr wohl, doch bezeigte 28 er einige Verwunderung. Denn er hatte den Grafen 

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1 gestern Abend von einem ganz andern Stücke sprechen 2 hören, welches nach seiner Angabe in Verse gebracht 3 werden sollte.

4 Es ist mir nicht wahrscheinlich, versetzte Wilhelm, 5 daß es die Absicht des Herrn Grafen gewesen sei, 6 gerade das Stück, so wie er es Melina'n angegeben, 7 fertigen zu lassen: wenn ich nicht irre, so wollte er 8 uns bloß durch einen Fingerzeig auf den rechten Weg 9 weisen. Der Liebhaber und Kenner zeigt dem Künstler 10 an, was er wünscht, und überläßt ihm alsdann die 11 Sorge das Werk hervorzubringen.

12 Mitnichten, versetzte der Baron; der Herr Graf 13 verläßt sich darauf, daß das Stück so und nicht anders, 14 wie er es angegeben, aufgeführt werde. Das Ihrige 15 hat freilich eine entfernte Ähnlichkeit mit seiner Idee, 16 und wenn wir es durchsetzen und ihn von seinen ersten 17 Gedanken abbringen wollen, so müssen wir es durch 18 die Damen bewirken. Vorzüglich weiß die Baronesse 19 dergleichen Operationen meisterhaft anzulegen; es wird 20 die Frage sein, ob ihr der Plan so gefällt, daß sie 21 sich der Sache annehmen mag, und dann wird es 22 gewiß gehen.

23 Wir brauchen ohnedieß die Hülfe der Damen, 24 sagte Wilhelm, denn es möchte unser Personal und 25 unsere Garderobe zu der Ausführung nicht hinreichen. 26 Ich habe auf einige hübsche Kinder gerechnet, die im 27 Hause hin und wieder laufen, und die dem Kammerdiener 28 und dem Haushofmeister zugehören.



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1 Darauf ersuchte er den Baron, die Damen mit 2 seinem Plane bekannt zu machen. Dieser kam bald 3 zurück und brachte die Nachricht, sie wollten ihn selbst 4 sprechen. Heute Abend, wenn die Herren sich zum 5 Spiele setzten, das ohnedieß wegen der Ankunft eines 6 gewissen Generals ernsthafter werden würde als gewöhnlich, 7 wollten sie sich unter dem Vorwande einer 8 Unpäßlichkeit in ihr Zimmer zurückziehen, er sollte 9 durch die geheime Treppe eingeführt werden, und könne 10 alsdann seine Sache auf das beste vortragen. Diese 11 Art von Geheimniß gebe der Angelegenheit nunmehr 12 einen doppelten Reiz, und die Baronesse besonders 13 freue sich wie ein Kind auf dieses Rendezvous, und 14 mehr noch darauf, daß es heimlich und geschickt gegen 15 den Willen des Grafen unternommen werden sollte.

16 Gegen Abend, um die bestimmte Zeit, ward Wilhelm 17 abgeholt und mit Vorsicht hinauf geführt. Die 18 Art, mit der ihm die Baronesse in einem kleinen 19 Kabinette entgegen kam, erinnerte ihn einen Augenblick 20 an vorige glückliche Zeiten. Sie brachte ihn in 21 das Zimmer der Gräfin, und nun ging es an ein 22 Fragen, an ein Untersuchen. Er legte seinen Plan 23 mit der möglichsten Wärme und Lebhaftigkeit vor, so 24 daß die Damen dafür ganz eingenommen wurden, 25 und unsere Leser werden erlauben, daß wir sie auch 26 in der Kürze damit bekannt machen.

27 In einer ländlichen Scene sollten Kinder das Stück 28 mit einem Tanze eröffnen, der jenes Spiel vorstellte, 

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1 wo eins herum gehen und dem andern einen Platz 2 abgewinnen muß. Darauf sollten sie mit andern 3 Scherzen abwechseln und zuletzt zu einem immer wiederkehrenden 4 Reihentanze ein fröhliches Lied singen. 5 Darauf sollte der Harfner mit Mignon herbeikommen, 6 Neugierde erregen und mehrere Landleute herbeilocken; 7 der Alte sollte verschiedene Lieder zum Lobe 8 des Friedens, der Ruhe, der Freude singen, und 9 Mignon darauf den Eiertanz tanzen.

10 In dieser unschuldigen Freude werden sie durch 11 eine kriegerische Musik gestört, und die Gesellschaft 12 von einem Trupp Soldaten überfallen. Die Mannspersonen 13 setzen sich zur Wehre und werden überwunden, 14 die Mädchen fliehen und werden eingeholt. 15 Es scheint alles im Getümmel zu Grunde zu gehen, 16 als eine Person, über deren Bestimmung der Dichter 17 noch ungewiß war, herbei kommt und durch die Nachricht, 18 daß der Heerführer nicht weit sei, die Ruhe 19 wieder herstellt. Hier wird der Charakter des Helden 20 mit den schönsten Zügen geschildert, mitten unter den 21 Waffen Sicherheit versprochen, dem Übermuth und 22 der Gewaltthätigkeit Schranken gesetzt. Es wird ein 23 allgemeines Fest zu Ehren des großmüthigen Heerführers 24 begangen.

25 Die Damen waren mit dem Plane sehr zufrieden, 26 nur behaupteten sie, es müsse nothwendig etwas Allegorisches 27 in dem Stücke sein, um es dem Herrn Grafen 28 angenehm zu machen. Der Baron that den Vorschlag, 

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1 den Anführer der Soldaten als den Genius der Zwietracht 2 und der Gewaltthätigkeit zu bezeichnen; zuletzt 3 aber müsse Minerva herbei kommen, ihm Fesseln anzulegen, 4 Nachricht von der Ankunft des Helden zu 5 geben und dessen Lob zu preisen. Die Baronesse übernahm 6 das Geschäft, den Grafen zu überzeugen, daß 7 der von ihm angegebene Plan, nur mit einiger Veränderung, 8 ausgeführt worden sei; dabei verlangte sie 9 ausdrücklich, daß am Ende des Stücks nothwendig die 10 Büste, der verzogene Namen und der Fürstenhut erscheinen 11 müßten, weil sonst alle Unterhandlung vergeblich 12 sein würde.

13 Wilhelm, der sich schon im Geiste vorgestellt hatte, 14 wie fein er seinen Helden aus dem Munde der Minerva 15 preisen wollte, gab nur nach langem Widerstande in 16 diesem Puncte nach, allein er fühlte sich auf eine sehr 17 angenehme Weise gezwungen. Die schönen Augen der 18 Gräfin und ihr liebenswürdiges Betragen hätten ihn 19 gar leicht bewogen, auch auf die schönste und angenehmste 20 Erfindung, auf die so erwünschte Einheit 21 einer Composition und auf alle schicklichen Details 22 Verzicht zu thun, und gegen sein poetisches Gewissen 23 zu handeln. Eben so stand auch seinem bürgerlichen 24 Gewissen ein harter Kampf bevor, indem bei bestimmterer 25 Austheilung der Rollen die Damen ausdrücklich 26 darauf bestanden, daß er mitspielen müsse.

27 Laertes hatte zu seinem Theil jenen gewaltthätigen 28 Kriegsgott erhalten. Wilhelm sollte den Anführer 

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1 der Landleute vorstellen, der einige sehr artige und 2 gefühlvolle Verse zu sagen hatte. Nachdem er sich 3 eine Zeitlang gesträubt, mußte er sich endlich doch 4 ergeben; besonders fand er keine Entschuldigung, da 5 die Baronesse ihm vorstellte, die Schaubühne hier auf 6 dem Schlosse sei ohnedem nur als ein Gesellschaftstheater 7 anzusehen, auf dem sie gern, wenn man nur 8 eine schickliche Einleitung machen könnte, mitzuspielen 9 wünschte. Darauf entließen die Damen unsern Freund 10 mit vieler Freundlichkeit. Die Baronesse versicherte 11 ihm, daß er ein unvergleichlicher Mensch sei, und begleitete 12 ihn bis an die kleine Treppe, wo sie ihm mit 13 einem Händedruck gute Nacht gab.



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1 
Siebentes Capitel.

[Lesarten]  2 Befeuert durch den aufrichtigen Antheil, den die 3 Frauenzimmer an der Sache nahmen, ward der Plan, 4 der ihm durch die Erzählung gegenwärtiger geworden 5 war, ganz lebendig. Er brachte den größten Theil 6 der Nacht und den andern Morgen mit der sorgfältigsten 7 Versification des Dialogs und der Lieder zu.

8 Er war so ziemlich fertig, als er in das neue 9 Schloß gerufen wurde, wo er hörte, daß die Herrschaft, 10 die eben frühstückte, ihn sprechen wollte. Er 11 trat in den Saal, die Baronesse kam ihm wieder zuerst 12 entgegen, und unter dem Vorwande, als wenn 13 sie ihm einen guten Morgen bieten wollte, lispelte sie 14 heimlich zu ihm: Sagen Sie nichts von Ihrem Stücke, 15 als was Sie gefragt werden.

16 Ich höre, rief ihm der Graf zu, Sie sind recht 17 fleißig und arbeiten an meinem Vorspiele, das ich zu 18 Ehren des Prinzen geben will. Ich billige, daß Sie 19 eine Minerva darin anbringen wollen, und ich denke 20 bei Zeiten darauf, wie die Göttin zu kleiden ist, damit 21 man nicht gegen das Costüm verstößt. Ich lasse 

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1 deßwegen aus meiner Bibliothek alle Bücher herbeibringen, 2 worin sich das Bild derselben befindet.

3 In eben dem Augenblicke traten einige Bedienten 4 mit großen Körben voll Bücher allerlei Formats in 5 den Saal.

6 Montfaucon, die Sammlungen antiker Statuen, 7 Gemmen und Münzen, alle Arten mythologischer 8 Schriften wurden aufgeschlagen und die Figuren verglichen. 9 Aber auch daran war es noch nicht genug! 10 Des Grafen vortreffliches Gedächtniß stellte ihm alle 11 Minerven vor, die etwa noch auf Titelkupfern, Vignetten 12 oder sonst vorkommen mochten. Es mußte 13 deßhalb ein Buch nach dem andern aus der Bibliothek 14 herbei geschafft werden, so daß der Graf zuletzt 15 in einem Haufen von Büchern saß. Endlich, da ihm 16 keine Minerva mehr einfiel, rief er mit Lachen aus: 17 Ich wollte wetten, daß nun keine Minerva mehr in 18 der ganzen Bibliothek sei, und es möchte wohl das 19 erstemal vorkommen, daß eine Büchersammlung so ganz 20 und gar des Bildes ihrer Schutzgöttin entbehren muß.

21 Die ganze Gesellschaft freute sich über den Einfall, 22 und besonders Jarno, der den Grafen immer mehr 23, 24 Bücher herbeizuschaffen gereizt hatte, lachte ganz unmäßig.

25 Nunmehr, sagte der Graf, indem er sich zu Wilhelm 26 wendete, ist es eine Hauptsache, welche Göttin 27 meinen Sie? Minerva oder Pallas? die Göttin des 28 Krieges oder der Künste?



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1 Sollte es nicht am schicklichsten sein, Ew. Excellenz, 2 versetzte Wilhelm, wenn man hierüber sich nicht bestimmt 3 ausdrückte, und sie, eben weil sie in der Mythologie 4 eine doppelte Person spielt, auch hier in doppelter 5 Qualität erscheinen ließe. Sie meldet einen Krieger 6 an, aber nur um das Volk zu beruhigen, sie preis't 7 einen Helden, indem sie seine Menschlichkeit erhebt, 8 sie überwindet die Gewaltthätigkeit, und stellt die 9 Freude und Ruhe unter dem Volke wieder her.

10 Die Baronesse, der es bange wurde, Wilhelm 11 möchte sich verrathen, schob geschwinde den Leibschneider 12 der Gräfin dazwischen, der seine Meinung 13 abgeben mußte, wie ein solcher antiker Rock auf das 14 beste gefertiget werden könnte. Dieser Mann, in 15 Maskenarbeiten erfahren, wußte die Sache sehr leicht 16 zu machen, und da Madame Melina, ungeachtet ihrer 17 hohen Schwangerschaft, die Rolle der himmlischen 18 Jungfrau übernommen hatte, so wurde er angewiesen, 19 ihr das Maß zu nehmen, und die Gräfin bezeichnete, 20 wiewohl mit einigem Unwillen ihrer Kammerjungfern, 21 die Kleider aus der Garderobe, welche dazu 22 verschnitten werden sollten.

23 Auf eine geschickte Weise wußte die Baronesse 24 Wilhelmen wieder bei Seite zu schaffen, und ließ ihn 25 bald darauf wissen, sie habe die übrigen Sachen auch 26 besorgt. Sie schickte ihm zugleich den Musicus, der 27 des Grafen Hauscapelle dirigirte, damit dieser theils 28 die nothwendigen Stücke componiren, theils schickliche 

[Seite 278]

1 Melodien aus dem Musikvorrathe dazu aussuchen sollte. 2 Nunmehr ging alles nach Wunsche, der Graf fragte 3 dem Stücke nicht weiter nach, sondern war hauptsächlich 4 mit der transparenten Decoration beschäftigt, 5 welche am Ende des Stückes die Zuschauer überraschen 6 sollte. Seine Erfindung und die Geschicklichkeit seines 7 Conditors brachten zusammen wirklich eine recht angenehme 8 Erleuchtung zuwege. Denn auf seinen Reisen 9 hatte er die größten Feierlichkeiten dieser Art gesehen, 10 viele Kupfer und Zeichnungen mitgebracht, und wußte, 11 was dazu gehörte, mit vielem Geschmacke anzugeben.

12 Unterdessen endigte Wilhelm sein Stück, gab einem 13 jeden seine Rolle, übernahm die seinige, und der Musicus, 14 der sich zugleich sehr gut auf den Tanz verstand, 15 richtete das Ballet ein, und so ging alles zum besten.

16 Nur ein unerwartetes Hinderniß legte sich in den 17 Weg, das ihm eine böse Lücke zu machen drohte. Er 18 hatte sich den größten Effect von Mignons Eiertanze 19 versprochen, und wie erstaunt war er daher, als das 20 Kind ihm, mit seiner gewöhnlichen Trockenheit, abschlug 21 zu tanzen, versicherte, es sei nunmehr sein und 22 werde nicht mehr auf das Theater gehen. Er suchte 23 es durch allerlei Zureden zu bewegen, und ließ nicht 24 eher ab, als bis es bitterlich zu weinen anfing, ihm 25 zu Füßen fiel und rief: Lieber Vater! bleib auch du 26 von den Bretern! Er merkte nicht auf diesen Wink, 27 und sann, wie er durch eine andere Wendung die 28 Scene interessant machen wollte.



[Seite 279]

1 Philine, die eins von den Landmädchen machte, 2 und in dem Reihentanz die einzelne Stimme singen 3 und die Verse dem Chore zubringen sollte, freute sich 4 recht ausgelassen darauf. Übrigens ging es ihr vollkommen 5 nach Wunsche, sie hatte ihr besonderes Zimmer, 6 war immer um die Gräfin, die sie mit ihren Affenpossen 7 unterhielt, und dafür täglich etwas geschenkt 8 bekam: ein Kleid zu diesem Stücke wurde auch für sie 9 zurechte gemacht; und weil sie von einer leichten nachahmenden 10 Natur war, so hatte sie sich bald aus dem 11 Umgange der Damen so viel gemerkt, als sich für sie 12 schickte, und war in kurzer Zeit voll Lebensart und 13 guten Betragens geworden. Die Sorgfalt des Stallmeisters 14 nahm mehr zu als ab, und da die Officiere 15 auch stark auf sie eindrangen, und sie sich in einem 16 so reichlichen Elemente befand, fiel es ihr ein, auch 17 einmal die Spröde zu spielen, und auf eine geschickte 18 Weise sich in einem gewissen vornehmen Ansehen zu 19 üben. Kalt und fein wie sie war, kannte sie in acht 20 Tagen die Schwächen des ganzen Hauses, daß, wenn 21 sie absichtlich hätte verfahren können, sie gar leicht 22 ihr Glück würde gemacht haben. Allein auch hier 23 bediente sie sich ihres Vortheils nur, um sich zu belustigen, 24 um sich einen guten Tag zu machen und 25 impertinent zu sein, wo sie merkte, daß es ohne Gefahr 26 geschehen konnte.

27 Die Rollen waren gelernt, eine Hauptprobe des 28 Stücks ward befohlen, der Graf wollte dabei sein, und 

[Seite 280]

1 seine Gemahlin fing an zu sorgen, wie er es aufnehmen 2 möchte. Die Baronesse berief Wilhelmen heimlich, 3 und man zeigte, je näher die Stunde herbei 4 rückte, immer mehr Verlegenheit: denn es war doch 5 eben ganz und gar nichts von der Idee des Grafen 6 übrig geblieben. Jarno, der eben herein trat, wurde 7 in das Geheimniß gezogen. Es freute ihn herzlich, 8 und er war geneigt, seine guten Dienste den Damen 9 anzubieten. Es wäre gar schlimm, sagte er, gnädige 10 Frau, wenn Sie sich aus dieser Sache nicht allein 11 heraushelfen wollten; doch auf alle Fälle will ich im 12 Hinterhalte liegen bleiben. Die Baronesse erzählte 13 hierauf, wie sie bisher dem Grafen das ganze Stück, 14 aber nur immer stellenweise und ohne Ordnung erzählt 15 habe, daß er also auf jedes Einzelne vorbereitet 16 sei, nur stehe er freilich in Gedanken, das Ganze werde 17 mit seiner Idee zusammentreffen. Ich will mich, 18 sagte sie, heute Abend in der Probe zu ihm setzen, 19 und ihn zu zerstreuen suchen. Den Conditor habe 20 ich auch schon vorgehabt, daß er ja die Decorationen 21 am Ende recht schön macht, dabei aber doch etwas 22 Geringes fehlen läßt.

23 Ich wüßte einen Hof, versetzte Jarno, wo wir so 24 thätige und kluge Freunde brauchten, als Sie sind. 25 Will es heute Abend mit Ihren Künsten nicht mehr 26 fort, so winken Sie mir, und ich will den Grafen 27 heraus holen, und ihn nicht eher wieder hinein lassen, 28 bis Minerva auftritt und von der Illumination bald 

[Seite 281]

1 Succurs zu hoffen ist. Ich habe ihm schon seit einigen 2 Tagen etwas zu eröffnen, das seinen Vetter betrifft, 3 und das ich noch immer aus Ursachen aufgeschoben 4 habe. Es wird ihm auch das eine Distraction geben, 5 und zwar nicht die angenehmste.

6 Einige Geschäfte hinderten den Grafen, bei'm Anfange 7 der Probe zu sein, dann unterhielt ihn die 8 Baronesse. Jarno's Hülfe war gar nicht nöthig. Denn 9 indem der Graf genug zurecht zu weisen, zu verbessern 10 und anzuordnen hatte, vergaß er sich ganz und gar 11 darüber, und da Frau Melina zuletzt nach seinem 12 Sinne sprach, und die Illumination gut ausfiel, bezeigte 13 er sich vollkommen zufrieden. Erst als alles 14 vorbei war, und man zum Spiele ging, schien ihm 15 der Unterschied aufzufallen, und er fing an nachzudenken, 16 ob denn das Stück auch wirklich von seiner 17 Erfindung sei? Auf einen Wink fiel nun Jarno aus 18 seinem Hinterhalte hervor, der Abend verging, die 19 Nachricht, daß der Prinz wirklich komme, bestätigte 20 sich, man ritt einigemal aus, die Avantgarde in der 21 Nachbarschaft campiren zu sehen, das Haus war voll 22 Lärmen und Unruhe, und unsere Schauspieler, die nicht 23 immer zum besten von den unwilligen Bedienten versorgt 24 wurden, mußten, ohne daß jemand sonderlich sich 25 ihrer erinnerte, in dem alten Schlosse ihre Zeit in 26 Erwartungen und Übungen zubringen.



[Seite 282]



1 
Achtes Capitel.

[Lesarten]  2 Endlich war der Prinz angekommen; die Generalität, 3 die Stabsofficiere und das übrige Gefolge, das 4 zu gleicher Zeit eintraf, die vielen Menschen, die theils 5 zum Besuche, theils geschäftswegen einsprachen, machten 6 das Schloß einem Bienenstocke ähnlich, der eben 7 schwärmen will. Jedermann drängte sich herbei, den 8 vortrefflichen Fürsten zu sehen, und jedermann bewunderte 9 seine Leutseligkeit und Herablassung, jedermann 10 erstaunte in dem Helden und Heerführer zugleich 11 den gefälligsten Hofmann zu erblicken.

12 Alle Hausgenossen mußten nach Ordre des Grafen 13 bei der Ankunft des Fürsten auf ihrem Posten sein, 14 kein Schauspieler durfte sich blicken lassen, weil der 15 Prinz mit den vorbereiteten Feierlichkeiten überrascht 16 werden sollte, und so schien er auch des Abends, als 17 man ihn in den großen wohlerleuchteten und mit gewirkten 18 Tapeten des vorigen Jahrhunderts ausgezierten 19 Saal führte, ganz und gar nicht auf ein Schauspiel, 20 vielweniger auf ein Vorspiel zu seinem Lobe, vorbereitet 21 zu sein. Alles lief auf das beste ab, und die 22 Truppe mußte nach vollendeter Vorstellung herbei und 

[Seite 283]

1 sich dem Prinzen zeigen, der jeden auf die freundlichste 2 Weise etwas zu fragen, jedem auf die gefälligste 3 Art etwas zu sagen wußte. Wilhelm als Autor 4 mußte besonders vortreten, und ihm ward gleichfalls 5 sein Theil Beifall zugespendet.

6 Nach dem Vorspiele fragte niemand sonderlich, in 7 einigen Tagen war es, als wenn nichts dergleichen 8 wäre aufgeführt worden, außer daß Jarno mit Wilhelmen 9 gelegentlich davon sprach, und es sehr verständig 10 lobte; nur setzte er hinzu: Es ist Schade, daß 11 Sie mit hohlen Nüssen um hohle Nüsse spielen. --- 12 Mehrere Tage lag Wilhelmen dieser Ausdruck im 13 Sinne, er wußte nicht, wie er ihn auslegen, noch 14 was er daraus nehmen sollte.

15 Unterdessen spielte die Gesellschaft jeden Abend so 16 gut, als sie es nach ihren Kräften vermochte, und 17 that das Mögliche, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer 18 auf sich zu ziehen. Ein unverdienter Beifall 19 munterte sie auf, und in ihrem alten Schlosse glaubten 20 sie nun wirklich, eigentlich um ihretwillen dränge 21 sich die große Versammlung herbei, nach ihren Vorstellungen 22 ziehe sich die Menge der Fremden, und sie 23 seien der Mittelpunct, um den und um deßwillen 24 sich alles drehe und bewege.

25 Wilhelm allein bemerkte zu seinem großen Verdrusse 26 gerade das Gegentheil. Denn obgleich der Prinz 27 die ersten Vorstellungen von Anfange bis zu Ende 28 auf seinem Sessel sitzend, mit der größten Gewissenhaftigkeit 

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1 abwartete, so schien er sich doch nach und 2 nach auf eine gute Weise davon zu dispensiren. Gerade 3 diejenigen, welche Wilhelm im Gespräche als die Verständigsten 4 gefunden hatte, Jarno an ihrer Spitze, 5 brachten nur flüchtige Augenblicke im Theatersaale 6 zu, übrigens saßen sie im Vorzimmer, spielten, oder 7 schienen sich von Geschäften zu unterhalten.

8 Wilhelmen verdroß gar sehr, bei seinen anhaltenden 9 Bemühungen des erwünschtesten Beifalls zu entbehren. 10 Bei der Auswahl der Stücke, der Abschrift der Rollen, 11 den häufigen Proben, und was sonst nur immer vorkommen 12 konnte, ging er Melina'n eifrig zur Hand, 13 der ihn denn auch, seine eigene Unzulänglichkeit im 14 Stillen fühlend, zuletzt gewähren ließ. Die Rollen 15 memorirte Wilhelm mit Fleiß, und trug sie mit 16 Wärme und Lebhaftigkeit, und mit so viel Anstand 17 vor, als die wenige Bildung erlaubte, die er sich 18 selbst gegeben hatte.

19 Die fortgesetzte Theilnahme des Barons benahm 20 indeß der übrigen Gesellschaft jeden Zweifel, indem 21 er sie versicherte, daß sie die größten Effecte hervorbringe, 22 besonders indem sie eins seiner eigenen Stücke 23 aufführte, nur bedauerte er, daß der Prinz eine ausschließende 24 Neigung für das französische Theater 25 habe, daß ein Theil seiner Leute hingegen, worunter 26 sich Jarno besonders auszeichne, den Ungeheuern 27 der englischen Bühne einen leidenschaftlichen Vorzug 28 gebe.



[Seite 285]

1 War nun auf diese Weise die Kunst unsrer Schauspieler 2 nicht auf das beste bemerkt und bewundert, so 3 waren dagegen ihre Personen den Zuschauern und 4 Zuschauerinnen nicht völlig gleichgültig. Wir haben 5 schon oben angezeigt, daß die Schauspielerinnen gleich 6 von Anfang die Aufmerksamkeit junger Officiere erregten; 7 allein sie waren in der Folge glücklicher und 8 machten wichtigere Eroberungen. Doch wir schweigen 9 davon und bemerken nur, daß Wilhelm der Gräfin 10 von Tag zu Tag interessanter vorkam, so wie auch in 11 ihm eine stille Neigung gegen sie aufzukeimen anfing. 12 Sie konnte, wenn er auf dem Theater war, die Augen 13 nicht von ihm abwenden, und er schien bald nur allein 14 gegen sie gerichtet zu spielen und zu recitiren. Sich 15 wechselseitig anzusehen, war ihnen ein unaussprechliches 16 Vergnügen, dem sich ihre harmlosen Seelen ganz 17 überließen, ohne lebhaftere Wünsche zu nähren, oder 18 für irgend eine Folge besorgt zu sein.

19 Wie über einen Fluß hinüber, der sie scheidet, zwei 20 feindliche Vorposten sich ruhig und lustig zusammen 21 besprechen, ohne an den Krieg zu denken, in welchem 22 ihre beiderseitigen Parteien begriffen sind, so wechselte 23 die Gräfin mit Wilhelm bedeutende Blicke über die 24 ungeheure Kluft der Geburt und des Standes hinüber, 25 und jedes glaubte an seiner Seite, sicher seinen 26 Empfindungen nachhängen zu dürfen.

27 Die Baronesse hatte sich indessen den Laertes ausgesucht, 28 der ihr als ein wackerer munterer Jüngling 

[Seite 286]

1 besonders gefiel, und der, so sehr Weiberfeind er war, 2 doch ein vorbeigehendes Abenteuer nicht verschmähete, 3 und wirklich dießmal wider Willen durch die Leutseligkeit 4 und das einnehmende Wesen der Baronesse 5 gefesselt worden wäre, hätte ihm der Baron zufällig 6 nicht einen guten, oder, wenn man will, einen schlimmen 7 Dienst erzeigt, indem er ihn mit den Gesinnungen 8 dieser Dame näher bekannt machte.

9 Denn als Laertes sie einst laut rühmte, und sie 10 allen andern ihres Geschlechts vorzog, versetzte der 11 Baron scherzend: Ich merke schon, wie die Sachen 12 stehen, unsre liebe Freundin hat wieder einen für ihre 13 Ställe gewonnen. Dieses unglückliche Gleichniß, das 14 nur zu klar auf die gefährlichen Liebkosungen einer 15 Circe deutete, verdroß Laertes über die Maßen, und 16 er konnte dem Baron nicht ohne Ärgerniß zuhören, 17 der ohne Barmherzigkeit fortfuhr:

18 Jeder Fremde glaubt, daß er der erste sei, dem 19 ein so angenehmes Betragen gelte; aber er irrt gewaltig, 20 denn wir alle sind einmal auf diesem Wege 21 herumgeführt worden; Mann, Jüngling oder Knabe, 22 er sei wer er sei, muß sich eine Zeitlang ihr ergeben, 23, 24 ihr anhängen, und sich mit Sehnsucht um sie bemühen.

25 Den Glücklichen, der eben, in die Gärten einer 26 Zauberin hinein tretend, von allen Seligkeiten eines 27 künstlichen Frühlings empfangen wird, kann nichts 28 unangenehmer überraschen, als wenn ihm, dessen Ohr 

[Seite 287]

1 ganz auf den Gesang der Nachtigall lauscht, irgend ein 2 verwandelter Vorfahr unvermuthet entgegen grunzt.

3 Laertes schämte sich nach dieser Entdeckung recht 4 von Herzen, daß ihn seine Eitelkeit nochmals verleitet 5 habe, von irgend einer Frau auch nur im 6 mindesten gut zu denken. Er vernachlässigte sie nunmehr 7 völlig, hielt sich zu dem Stallmeister, mit dem 8 er fleißig focht und auf die Jagd ging, bei Proben 9 und Vorstellungen aber sich betrug, als wenn dieß 10 bloß eine Nebensache wäre.

11 Der Graf und die Gräfin ließen manchmal Morgens 12 einige von der Gesellschaft rufen, da jeder denn 13 immer Philinens unverdientes Glück zu beneiden Ursache 14 fand. Der Graf hatte seinen Liebling, den 15 Pedanten, oft stundenlang bei seiner Toilette. Dieser 16 Mensch ward nach und nach bekleidet, und bis auf 17 Uhr und Dose equipirt und ausgestattet.

18 Auch wurde die Gesellschaft manchmal sammt und 19 sonders nach Tafel vor die hohen Herrschaften gefordert. 20 Sie schätzten sich es zur größten Ehre, und 21 bemerkten es nicht, daß man zu eben derselben Zeit 22 durch Jäger und Bediente eine Anzahl Hunde hereinbringen, 23 und Pferde im Schloßhofe vorführen ließ.

24 Man hatte Wilhelmen gesagt, daß er ja gelegentlich 25 des Prinzen Liebling, Racine, loben, und dadurch 26 auch von sich eine gute Meinung erwecken solle. Er 27 fand dazu an einem solchen Nachmittage Gelegenheit, 28 da er auch mit vorgefordert worden war, und der 

[Seite 288]

1 Prinz ihn fragte, ob er auch fleißig die großen französischen 2 Theaterschriftsteller lese, darauf ihm denn Wilhelm 3 mit einem sehr lebhaften Ja antwortete. Er 4 bemerkte nicht, daß der Fürst, ohne seine Antwort 5 abzuwarten, schon im Begriff war, sich weg und zu 6 jemand andern zu wenden, er faßte ihn vielmehr sogleich 7 und trat ihm beinah in den Weg, indem er 8 fortfuhr: er schätze das französische Theater sehr hoch 9 und lese die Werke der großen Meister mit Entzücken; 10 besonders habe er zu wahrer Freude gehört, daß der 11 Fürst den großen Talenten eines Racine völlige Gerechtigkeit 12 widerfahren lasse. Ich kann es mir vorstellen, 13 fuhr er fort, wie vornehme und erhabene 14 Personen einen Dichter schätzen müssen, der die Zustände 15 ihrer höheren Verhältnisse so vortrefflich und 16 richtig schildert. Corneille hat, wenn ich so sagen 17 darf, große Menschen dargestellt, und Racine vornehme 18 Personen. Ich kann mir, wenn ich seine Stücke 19 lese, immer den Dichter denken, der an einem glänzenden 20 Hofe lebt, einen großen König vor Augen hat, 21 mit den Besten umgeht, und in die Geheimnisse der 22 Menschheit dringt, wie sie sich hinter kostbar gewirkten 23 Tapeten verbergen. Wenn ich seinen Britannicus, 24 seine Berenice studire, so kommt es mir wirklich 25 vor, ich sei am Hofe, sei in das Große und Kleine 26 dieser Wohnungen der irdischen Götter geweiht, und 27 ich sehe, durch die Augen eines feinfühlenden Franzosen, 28 Könige, die eine ganze Nation anbetet, Hofleute, 

[Seite 289]

1 die von viel Tausenden beneidet werden, in 2 ihrer natürlichen Gestalt mit ihren Fehlern und 3 Schmerzen. Die Anekdote, daß Racine sich zu Tode 4 gegrämt habe, weil Ludwig der Vierzehnte ihn nicht 5 mehr angesehen, ihn seine Unzufriedenheit fühlen lassen, 6 ist mir ein Schlüssel zu allen seinen Werken, und es 7 ist unmöglich, daß ein Dichter von so großen Talenten, 8 dessen Leben und Tod an den Augen eines Königes 9 hängt, nicht auch Stücke schreiben solle, die des Beifalls 10 eines Königes und eines Fürsten werth seien.

11 Jarno war herbei getreten und hörte unserem 12 Freunde mit Verwunderung zu; der Fürst, der nicht 13 geantwortet und nur mit einem gefälligen Blicke 14 seinen Beifall gezeigt hatte, wandte sich seitwärts, 15 obgleich Wilhelm, dem es noch unbekannt war, daß 16 es nicht anständig sei, unter solchen Umständen einen 17 Discurs fortzusetzen und eine Materie erschöpfen zu 18 wollen, noch gerne mehr gesprochen und dem Fürsten 19 gezeigt hätte, daß er nicht ohne Nutzen und Gefühl 20 seinen Lieblingsdichter gelesen.

21 Haben Sie denn niemals, sagte Jarno, indem er 22, 23 ihn beiseite nahm, ein Stück von Shakespearen gesehen?

24 Nein, versetzte Wilhelm: denn seit der Zeit, daß 25 sie in Deutschland bekannter geworden sind, bin ich 26 mit dem Theater unbekannt worden, und ich weiß 27 nicht, ob ich mich freuen soll, daß sich zufällig eine 28 alte jugendliche Liebhaberei und Beschäftigung gegenwärtig 

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1 wieder erneuerte. Indessen hat mich alles, 2 was ich von jenen Stücken gehört, nicht neugierig 3 gemacht, solche seltsame Ungeheuer näher kennen zu 4 lernen, die über alle Wahrscheinlichkeit, allen Wohlstand 5 hinauszuschreiten scheinen.

6 Ich will Ihnen denn doch rathen, versetzte jener, 7 einen Versuch zu machen; es kann nichts schaden, 8 wenn man auch das Seltsame mit eigenen Augen 9 sieht. Ich will Ihnen ein paar Theile borgen, und 10 Sie können Ihre Zeit nicht besser anwenden, als 11 wenn Sie sich gleich von allem losmachen, und in 12 der Einsamkeit Ihrer alten Wohnung in die Zauberlaterne 13 dieser unbekannten Welt sehen. Es ist sündlich, 14 daß Sie Ihre Stunden verderben, diese Affen 15 menschlicher auszuputzen, und diese Hunde tanzen zu 16 lehren. Nur Eins bedinge ich mir aus, daß Sie sich 17 an die Form nicht stoßen; das Übrige kann ich Ihrem 18 richtigen Gefühle überlassen.

19 Die Pferde standen vor der Thür, und Jarno 20 setzte sich mit einigen Cavalieren auf, um sich mit 21 der Jagd zu erlustigen. Wilhelm sah ihm traurig 22 nach. Er hätte gern mit diesem Manne noch vieles 23 gesprochen, der ihm, wiewohl auf eine unfreundliche 24 Art, neue Ideen gab, Ideen, deren er bedurfte.

25 Der Mensch kommt manchmal, indem er sich einer 26 Entwicklung seiner Kräfte, Fähigkeiten und Begriffe 27 nähert, in eine Verlegenheit, aus der ihm ein guter 28 Freund leicht helfen könnte. Er gleicht einem Wanderer, 

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1 der nicht weit von der Herberge in's Wasser fällt; 2 griffe jemand sogleich zu, risse ihn an's Land, so wäre 3 es um einmal naß werden gethan, anstatt daß er sich 4 auch wohl selbst, aber am jenseitigen Ufer, heraus 5 hilft, und einen beschwerlichen weiten Umweg nach 6 seinem bestimmten Ziele zu machen hat.

7 Wilhelm fing an zu wittern, daß es in der Welt 8 anders zugehe, als er es sich gedacht. Er sah das 9 wichtige und bedeutungsvolle Leben der Vornehmen 10 und Großen in der Nähe, und verwunderte sich, wie 11 einen leichten Anstand sie ihm zu geben wußten. Ein 12 Heer auf dem Marsche, ein fürstlicher Held an seiner 13 Spitze, so viele mitwirkende Krieger, so viele zudringende 14 Verehrer erhöhten seine Einbildungskraft. 15 In dieser Stimmung erhielt er die versprochenen 16 Bücher, und in kurzem, wie man es vermuthen 17 kann, ergriff ihn der Strom jenes großen Genius, 18 und führte ihn einem unübersehlichen Meere zu, worin 19 er sich gar bald völlig vergaß und verlor.



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1 
Neuntes Capitel.

[Lesarten]  2 Das Verhältniß des Barons zu den Schauspielern 3 hatte seit ihrem Aufenthalte im Schlosse verschiedene 4 Veränderungen erlitten. Im Anfange gereichte es zu 5 beiderseitiger Zufriedenheit: denn indem der Baron 6 das erstemal in seinem Leben eines seiner Stücke, mit 7 denen er ein Gesellschaftstheater schon belebt hatte, 8 in den Händen wirklicher Schauspieler und auf dem 9 Wege zu einer anständigen Vorstellung sah, war er 10 von dem besten Humor, bewies sich freigebig, und 11 kaufte bei jedem Galanteriehändler, deren sich manche 12 einstellten, kleine Geschenke für die Schauspielerinnen, 13 und wußte den Schauspielern manche Bouteille Champagner 14 extra zu verschaffen; dagegen gaben sie sich 15 auch mit seinen Stücken alle Mühe, und Wilhelm 16 sparte keinen Fleiß, die herrlichen Reden des vortrefflichen 17 Helden, dessen Rolle ihm zugefallen war, auf 18 das genaueste zu memoriren.

19 Indessen hatten sich doch auch nach und nach einige 20 Mißhelligkeiten eingeschlichen. Die Vorliebe des Barons 21 für gewisse Schauspieler wurde von Tag zu Tag merklicher, 22 und nothwendig mußte dieß die Übrigen verdrießen. 23 Er erhob seine Günstlinge ganz ausschließlich, 

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1 und brachte dadurch Eifersucht und Uneinigkeit 2 unter die Gesellschaft. Melina, der sich bei streitigen 3 Fällen ohnedem nicht zu helfen wußte, befand sich in 4 einem sehr unangenehmen Zustande. Die Gepriesenen 5 nahmen das Lob an, ohne sonderlich dankbar zu sein, 6 und die Zurückgesetzten ließen auf allerlei Weise ihren 7 Verdruß spüren, und wußten ihrem erst hochverehrten 8 Gönner den Aufenthalt unter ihnen auf eine oder die 9 andere Weise unangenehm zu machen; ja es war ihrer 10 Schadenfreude keine geringe Nahrung, als ein gewisses 11 Gedicht, dessen Verfasser man nicht kannte, im Schlosse 12 viele Bewegung verursachte. Bisher hatte man sich 13 immer, doch auf eine ziemlich feine Weise, über den 14 Umgang des Barons mit den Komödianten aufgehalten, 15 man hatte allerlei Geschichten auf ihn gebracht, 16 gewisse Vorfälle ausgeputzt, und ihnen eine lustige und 17 interessante Gestalt gegeben. Zuletzt fing man an zu 18 erzählen, es entstehe eine Art von Handwerksneid 19 zwischen ihm und einigen Schauspielern, die sich auch 20 einbildeten, Schriftsteller zu sein, und auf diese Sage 21 gründet sich das Gedicht, von welchem wir sprachen, 22 und welches lautete wie folgt:



23     Ich armer Teufel, Herr Baron,
24     Beneide Sie um Ihren Stand,
25     Um Ihren Platz so nah am Thron,
26     Und um manch schön Stück Acker Land,
27     Um Ihres Vaters festes Schloß,
28     Um seine Wildbahn und Geschoß.



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1     Mich armen Teufel, Herr Baron,
2     Beneiden Sie, so wie es scheint,
3     Weil die Natur vom Knaben schon
4     Mit mir es mütterlich gemeint.
5     Ich ward mit leichtem Muth und Kopf,
6     Zwar arm, doch nicht ein armer Tropf.


7     Nun dächt' ich, lieber Herr Baron,
8     Wir ließen's beide wie wir sind:
9     Sie blieben des Herrn Vaters Sohn,
10     Und ich blieb' meiner Mutter Kind.
11     Wir leben ohne Neid und Haß,
12     Begehren nicht des andern Titel,
13     Sie keinen Platz auf dem Parnaß,
14     Und keinen ich in dem Capitel.


15 Die Stimmen über dieses Gedicht, das in einigen 16 fast unleserlichen Abschriften sich in verschiedenen 17 Händen befand, waren sehr getheilt, auf den Verfasser 18 aber wußte niemand zu muthmaßen, und als 19 man mit einiger Schadenfreude sich darüber zu ergötzen 20 anfing, erklärte sich Wilhelm sehr dagegen.

21 Wir Deutschen, rief er aus, verdienten, daß unsere 22 Musen in der Verachtung blieben, in der sie so lange 23 geschmachtet haben, da wir nicht Männer von Stande 24 zu schätzen wissen, die sich mit unserer Literatur auf 25 irgend eine Weise abgeben mögen. Geburt, Stand 26 und Vermögen stehen in keinem Widerspruch mit Genie 27 und Geschmack, das haben uns fremde Nationen gelehrt, 28 welche unter ihren besten Köpfen eine große 29 Anzahl Edelleute zählen. War es bisher in Deutschland 

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1 ein Wunder, wenn ein Mann von Geburt sich 2 den Wissenschaften widmete, wurden bisher nur wenige 3 berühmte Namen durch ihre Neigung zu Kunst und 4 Wissenschaft noch berühmter; stiegen dagegen manche 5 aus der Dunkelheit hervor, und traten wie unbekannte 6 Sterne an den Horizont: so wird das nicht 7 immer so sein, und wenn ich mich nicht sehr irre, so 8 ist die erste Classe der Nation auf dem Wege, sich 9 ihrer Vortheile auch zu Erringung des schönsten 10 Kranzes der Musen in Zukunft zu bedienen. Es ist 11 mir daher nichts unangenehmer, als wenn ich nicht 12 allein den Bürger oft über den Edelmann, der die 13 Musen zu schätzen weiß, spotten, sondern auch Personen 14 von Stande selbst, mit unüberlegter Laune und 15 niemals zu billigender Schadenfreude, ihresgleichen 16 von einem Wege abschrecken sehe, auf dem einen jeden 17 Ehre und Zufriedenheit erwartet.

18 Es schien die letzte Äußerung gegen den Grafen 19 gerichtet zu sein, von welchem Wilhelm gehört hatte, 20 daß er das Gedicht wirklich gut finde. Freilich war 21 diesem Herrn, der immer auf seine Art mit dem Baron 22 zu scherzen pflegte, ein solcher Anlaß sehr erwünscht, 23 seinen Verwandten auf alle Weise zu plagen. Jedermann 24 hatte seine eigenen Muthmaßungen, wer der 25 Verfasser des Gedichtes sein könnte, und der Graf, 26 der sich nicht gern im Scharfsinn von jemand übertroffen 27 sah, fiel auf einen Gedanken, den er sogleich 28 zu beschwören bereit war: das Gedicht könnte sich nur 

[Seite 296]

1 von seinem Pedanten herschreiben, der ein sehr feiner 2 Bursche sei, und an dem er schon lange so etwas 3 poetisches Genie gemerkt habe. Um sich ein rechtes 4 Vergnügen zu machen, ließ er deßwegen an einem 5 Morgen diesen Schauspieler rufen, der ihm in Gegenwart 6 der Gräfin, der Baronesse und Jarno's das 7 Gedicht nach seiner Art vorlesen mußte, und dafür 8 Lob, Beifall und ein Geschenk einerntete, und die 9 Frage des Grafen, ob er nicht sonst noch einige Gedichte 10 von frühern Zeiten besitze, mit Klugheit abzulehnen 11 wußte. So kam der Pedant zum Rufe eines 12 Dichters, eines Witzlings, und in den Augen derer, 13 die dem Baron günstig waren, eines Pasquillanten 14 und schlechten Menschen. Von der Zeit an applaudirte 15 ihm der Graf nur immer mehr, er mochte seine 16 Rolle spielen wie er wollte, so daß der arme Mensch 17 zuletzt aufgeblasen, ja beinahe verrückt wurde, und 18 darauf sann, gleich Philinen ein Zimmer im Schlosse 19 zu beziehen.

20 Wäre dieser Plan sogleich zu vollführen gewesen, 21 so möchte er einen großen Unfall vermieden haben. 22 Denn als er eines Abends spät nach dem alten Schlosse 23 ging, und in dem dunkeln engen Wege herum tappte, 24 ward er auf einmal angefallen, von einigen Personen 25 festgehalten, indessen andere auf ihn wacker losschlugen, 26 und ihn im Finstern so zerdraschen, daß er beinahe 27 liegen blieb, und nur mit Mühe zu seinen Kameraden 28 hinauf kroch, die, so sehr sie sich entrüstet stellten, 

[Seite 297]

1 über diesen Unfall ihre heimliche Freude fühlten, und 2 sich kaum des Lachens erwehren konnten, als sie ihn 3 so wohl durchwalkt, und seinen neuen braunen Rock 4 über und über weiß, als wenn er mit Müllern Händel 5 gehabt, bestäubt und befleckt sahen.

6 Der Graf, der sogleich hiervon Nachricht erhielt, 7 brach in einen unbeschreiblichen Zorn aus. Er behandelte 8 diese That als das größte Verbrechen, qualificirte 9 sie zu einem beleidigten Burgfrieden, und ließ 10 durch seinen Gerichtshalter die strengste Inquisition 11 vornehmen. Der weißbestäubte Rock sollte eine Hauptanzeige 12 geben. Alles, was nur irgend mit Puder und 13 Mehl im Schlosse zu schaffen haben konnte, wurde 14 mit in die Untersuchung gezogen, jedoch vergebens.

15 Der Baron versicherte bei seiner Ehre feierlich: 16 jene Art zu scherzen habe ihm freilich sehr mißfallen, 17 und das Betragen des Herrn Grafen sei nicht das 18 freundschaftlichste gewesen, aber er habe sich darüber 19 hinauszusetzen gewußt, und an dem Unfall, der dem 20 Poeten oder Pasquillanten, wie man ihn nennen wolle, 21 begegnet, habe er nicht den mindesten Antheil.

22 Die übrigen Bewegungen der Fremden und die 23 Unruhe des Hauses brachten bald die ganze Sache in 24 Vergessenheit, und der unglückliche Günstling mußte 25 das Vergnügen, fremde Federn eine kurze Zeit getragen 26 zu haben, theuer bezahlen.

27 Unsere Truppe, die regelmäßig alle Abende fortspielte, 28 und im Ganzen sehr wohl gehalten wurde, 

[Seite 298]

1 fing nun an, je besser es ihr ging, desto größere Anforderungen 2 zu machen. In kurzer Zeit war ihnen 3 Essen, Trinken, Aufwartung, Wohnung zu gering, 4 und sie lagen ihrem Beschützer, dem Baron, an, daß 5 er für sie besser sorgen, und ihnen zu dem Genusse 6 und der Bequemlichkeit, die er ihnen versprochen, doch 7 endlich verhelfen solle. Ihre Klagen wurden lauter, 8 und die Bemühungen ihres Freundes, ihnen genug zu 9 thun, immer fruchtloser.

10 Wilhelm kam indessen, außer in Proben und Spielstunden, 11 wenig mehr zum Vorscheine. In einem der 12 hintersten Zimmer verschlossen, wozu nur Mignon 13 und dem Harfner der Zutritt gerne verstattet wurde, 14 lebte und webte er in der Shakespearischen Welt, so 15 daß er außer sich nichts kannte noch empfand.

16 Man erzählt von Zauberern, die durch magische 17 Formeln eine ungeheure Menge allerlei geistiger Gestalten 18 in ihre Stube herbeiziehen. Die Beschwörungen 19 sind so kräftig, daß sich bald der Raum des Zimmers 20 ausfüllt, und die Geister, bis an den kleinen gezogenen 21 Kreis hinangedrängt, um denselben und über dem 22 Haupte des Meisters in ewig drehender Verwandlung 23 sich bewegend vermehren. Jeder Winkel ist vollgepfropft, 24 und jedes Gesims besetzt. Eier dehnen sich 25 aus, und Riesengestalten ziehen sich in Pilze zusammen. 26 Unglücklicherweise hat der Schwarzkünstler das Wort 27 vergessen, womit er diese Geisterfluth wieder zur Ebbe 28 bringen könnte. --- So saß Wilhelm, und mit unbekannter 

[Seite 299]

1 Bewegung wurden tausend Empfindungen 2 und Fähigkeiten in ihm rege, von denen er keinen 3 Begriff und keine Ahnung gehabt hatte. Nichts konnte 4 ihn aus diesem Zustande reißen, und er war sehr 5 unzufrieden, wenn irgend jemand zu kommen Gelegenheit 6 nahm, um ihn von dem, was auswärts 7 vorging, zu unterhalten.

8 So merkte er kaum auf, als man ihm die Nachricht 9 brachte, es sollte in dem Schloßhofe eine Execution 10 vorgehen und ein Knabe gestäupt werden, der 11 sich eines nächtlichen Einbruchs verdächtig gemacht 12 habe, und da er den Rock eines Perrückenmachers 13 trage, wahrscheinlich mit unter den Meuchlern gewesen 14 sei. Der Knabe läugne zwar auf das hartnäckigste, 15 und man könne ihn deßwegen nicht förmlich 16 bestrafen, wolle ihm aber als einem Vagabunden 17 einen Denkzettel geben und ihn weiter schicken, weil 18 er einige Tage in der Gegend herumgeschwärmt sei, 19 sich des Nachts in den Mühlen aufgehalten, endlich 20 eine Leiter an eine Gartenmauer angelehnt habe, 21 und herüber gestiegen sei.

22 Wilhelm fand an dem ganzen Handel nichts sonderlich 23 merkwürdig, als Mignon hastig herein kam und 24 ihm versicherte, der Gefangene sei Friedrich, der sich 25 seit den Händeln mit dem Stallmeister von der Gesellschaft 26 und aus unsern Augen verloren hatte.

27 Wilhelm, den der Knabe interessirte, machte sich 28 eilends auf, und fand im Schloßhofe schon Zurüstungen. 

[Seite 300]

1 Denn der Graf liebte die Feierlichkeit auch in dergleichen 2 Fällen. Der Knabe wurde herbeigebracht: 3 Wilhelm trat dazwischen und bat, daß man inne 4 halten möchte, indem er den Knaben kenne, und vorher 5 erst verschiedenes seinetwegen anzubringen habe. 6 Er hatte Mühe mit seinen Vorstellungen durchzudringen, 7 und erhielt endlich die Erlaubniß, mit dem 8 Delinquenten allein zu sprechen. Dieser versicherte, 9 von dem Überfalle, bei dem ein Acteur sollte gemißhandelt 10 worden sein, wisse er gar nichts. Er sei nur 11 um das Schloß herum gestreift, und des Nachts herein 12 geschlichen, um Philinen aufzusuchen, deren Schlafzimmer 13 er ausgekundschaftet gehabt und es auch gewiß 14 würde getroffen haben, wenn er nicht unterwegs aufgefangen 15 worden wäre.

16 Wilhelm, der, zur Ehre der Gesellschaft, das Verhältniß 17 nicht gerne entdecken wollte, eilte zu dem 18 Stallmeister und bat ihn, nach seiner Kenntniß der 19 Personen und des Hauses, diese Angelegenheit zu vermitteln 20 und den Knaben zu befreien.

21 Dieser launige Mann erdachte, unter Wilhelms 22 Beistand, eine kleine Geschichte, daß der Knabe zur 23 Truppe gehört habe, von ihr entlaufen sei, doch 24 wieder gewünscht, sich bei ihr einzufinden und aufgenommen 25 zu werden. Er habe deßwegen die Absicht 26 gehabt, bei Nachtzeit einige seiner Gönner aufzusuchen, 27 und sich ihnen zu empfehlen. Man bezeugte 28 übrigens, daß er sich sonst gut aufgeführt, 

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1, 2 die Damen mischten sich darein, und er ward entlassen.

3 Wilhelm nahm ihn auf, und er war nunmehr die 4 dritte Person der wunderbaren Familie, die Wilhelm 5 seit einiger Zeit als seine eigene ansah. Der Alte 6 und Mignon nahmen den Wiederkehrenden freundlich 7 auf, und alle drei verbanden sich nunmehr, ihrem 8 Freunde und Beschützer aufmerksam zu dienen, und 9 ihm etwas Angenehmes zu erzeigen.



[Seite 302]



1 
Zehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Philine wußte sich nun täglich besser bei den 3 Damen einzuschmeicheln. Wenn sie zusammen allein 4 waren, leitete sie meistentheils das Gespräch auf die 5 Männer, welche kamen und gingen, und Wilhelm 6 war nicht der letzte, mit dem man sich beschäftigte. 7 Dem klugen Mädchen blieb es nicht verborgen, daß 8 er einen tiefen Eindruck auf das Herz der Gräfin gemacht 9 habe; sie erzählte daher von ihm, was sie wußte 10 und nicht wußte; hütete sich aber irgend etwas vorzubringen, 11 das man zu seinem Nachtheil hätte deuten 12 können, und rühmte dagegen seinen Edelmuth, seine 13 Freigebigkeit und besonders seine Sittsamkeit im Betragen 14 gegen das weibliche Geschlecht. Alle übrigen 15 Fragen, die an sie geschahen, beantwortete sie mit Klugheit, 16 und als die Baronesse die zunehmende Neigung 17 ihrer schönen Freundin bemerkte, war auch ihr diese 18 Entdeckung sehr willkommen. Denn ihre Verhältnisse 19 zu mehrern Männern, besonders in diesen letzten Tagen 20 zu Jarno, blieben der Gräfin nicht verborgen, deren 21 reine Seele einen solchen Leichtsinn nicht ohne Mißbilligung 22 und ohne sanften Tadel bemerken konnte.



[Seite 303]

1 Auf diese Weise hatte die Baronesse sowohl als 2 Philine, jede ein besonderes Interesse, unsern Freund 3 der Gräfin näher zu bringen, und Philine hoffte noch 4 überdieß bei Gelegenheit wieder für sich zu arbeiten, 5 und die verlorne Gunst des jungen Mannes sich wo 6 möglich wieder zu erwerben.

7 Eines Tags, als der Graf mit der übrigen Gesellschaft 8 auf die Jagd geritten war, und man die Herren 9 erst den andern Morgen zurück erwartete, ersann sich 10 die Baronesse einen Scherz, der völlig in ihrer Art 11 war; denn sie liebte die Verkleidungen und kam, um 12 die Gesellschaft zu überraschen, bald als Bauermädchen, 13 bald als Page, bald als Jägerbursche zum Vorschein. 14 Sie gab sich dadurch das Ansehn einer kleinen Fee, 15 die überall, und gerade da, wo man sie am wenigsten 16 vermuthet, gegenwärtig ist. Nichts glich ihrer Freude, 17 wenn sie unerkannt eine Zeitlang die Gesellschaft bedient, 18 oder sonst unter ihr gewandelt hatte, und sie sich 19 zuletzt auf eine scherzhafte Weise zu entdecken wußte.

20 Gegen Abend ließ sie Wilhelmen auf ihr Zimmer 21 fordern, und da sie eben noch etwas zu thun hatte, 22 sollte Philine ihn vorbereiten.

23 Er kam und fand, nicht ohne Verwunderung, statt 24 der gnädigen Frauen, das leichtfertige Mädchen im 25 Zimmer. Sie begegnete ihm mit einer gewissen anständigen 26 Freimüthigkeit, in der sie sich bisher geübt 27, 28 hatte, und nöthigte ihn dadurch gleichfalls zur Höflichkeit.



[Seite 304]

1 Zuerst scherzte sie im Allgemeinen über das gute 2 Glück, das ihn verfolge, und ihn auch, wie sie wohl 3 merke, gegenwärtig hierher gebracht habe; sodann warf 4 sie ihm auf eine angenehme Art sein Betragen vor, 5 womit er sie bisher gequält habe, schalt und beschuldigte 6 sich selbst, gestand, daß sie sonst wohl so seine 7 Begegnung verdient, machte eine so aufrichtige Beschreibung 8 ihres Zustandes, den sie den vorigen nannte, 9 und setzte hinzu: daß sie sich selbst verachten müsse, 10 wenn sie nicht fähig wäre sich zu ändern, und sich 11 seiner Freundschaft werth zu machen.

12 Wilhelm war über diese Rede betroffen. Er hatte 13 zu wenig Kenntniß der Welt, um zu wissen, daß 14 eben ganz leichtsinnige und der Besserung unfähige 15 Menschen sich oft am lebhaftesten anklagen, ihre Fehler 16 mit großer Freimüthigkeit bekennen und bereuen, ob 17 sie gleich nicht die mindeste Kraft in sich haben, von 18 dem Wege zurück zu treten, auf den eine übermächtige 19 Natur sie hinreißt. Er konnte daher nicht unfreundlich 20 gegen die zierliche Sünderin bleiben; er ließ sich mit 21 ihr in ein Gespräch ein, und vernahm von ihr den 22 Vorschlag zu einer sonderbaren Verkleidung, womit 23 man die schöne Gräfin zu überraschen gedachte.

24 Er fand dabei einiges Bedenken, das er Philinen 25 nicht verhehlte; allein die Baronesse, welche in dem 26 Augenblick hereintrat, ließ ihm keine Zeit zu Zweifeln 27 übrig, sie zog ihn vielmehr mit sich fort, indem sie 28 versicherte, es sei eben die rechte Stunde.



[Seite 305]

1 Es war dunkel geworden, und sie führte ihn in 2 die Garderobe des Grafen, ließ ihn seinen Rock ausziehen, 3 und in den seidnen Schlafrock des Grafen 4 hinein schlüpfen, setzte ihm darauf die Mütze mit 5 dem rothen Bande auf, führte ihn in's Cabinet und 6 hieß ihn sich in den großen Sessel setzen und ein 7 Buch nehmen, zündete die argantische Lampe selbst an, 8 die vor ihm stand, und unterrichtete ihn, was er zu 9 thun, und was er für eine Rolle zu spielen habe.

10 Man werde, sagte sie, der Gräfin die unvermuthete 11 Ankunft ihres Gemahls und seine üble Laune ankündigen; 12 sie werde kommen, einigemal im Zimmer 13 auf- und abgehn, sich alsdann auf die Lehne des 14 Sessels setzen, ihren Arm auf seine Schultern legen, 15 und einige Worte sprechen. Er solle seine Ehemannsrolle 16 so lange und so gut als möglich spielen; wenn 17 er sich aber endlich entdecken mußte, so solle er hübsch 18 artig und galant sein.

19 Wilhelm saß nun unruhig genug in dieser wunderlichen 20 Maske; der Vorschlag hatte ihn überrascht, und 21 die Ausführung eilte der Überlegung zuvor. Schon 22 war die Baronesse wieder zum Zimmer hinaus, als 23 er erst bemerkte, wie gefährlich der Posten war, den 24 er eingenommen hatte. Er läugnete sich nicht, daß 25 die Schönheit, die Jugend, die Anmuth der Gräfin 26 einigen Eindruck auf ihn gemacht hatten; allein da 27 er seiner Natur nach von aller leeren Galanterie weit 28 entfernt war, und ihm seine Grundsätze einen Gedanken 

[Seite 306]

1 an ernsthaftere Unternehmungen nicht erlaubten, so 2 war er wirklich in diesem Augenblicke in nicht geringer 3 Verlegenheit. Die Furcht, der Gräfin zu mißfallen, 4 oder ihr mehr als billig zu gefallen, war 5 gleich groß bei ihm.

6 Jeder weibliche Reiz, der jemals auf ihn gewirkt 7 hatte, zeigte sich wieder vor seiner Einbildungskraft. 8 Mariane erschien ihm im weißen Morgenkleide, und 9 flehte um sein Andenken. Philinens Liebenswürdigkeit, 10 ihre schönen Haare, und ihr einschmeichelndes 11 Betragen waren durch ihre neueste Gegenwart wieder 12 wirksam geworden; doch alles trat wie hinter den 13 Flor der Entfernung zurück, wenn er sich die edle 14 blühende Gräfin dachte, deren Arm er in wenig Minuten 15 an seinem Halse fühlen sollte, deren unschuldige 16 Liebkosungen er zu erwidern aufgefordert war.

17 Die sonderbare Art, wie er aus dieser Verlegenheit 18 sollte gezogen werden, ahnete er freilich nicht. 19 Denn wie groß war sein Erstaunen, ja sein Schrecken, 20 als hinter ihm die Thüre sich aufthat, und er bei 21 dem ersten verstohlnen Blick in den Spiegel den 22 Grafen ganz deutlich erblickte, der mit einem Lichte 23 in der Hand herein trat. Sein Zweifel, was er zu 24 thun habe, ob er sitzen bleiben oder aufstehen, fliehen, 25 bekennen, läugnen oder um Vergebung bitten solle, 26 dauerte nur einige Augenblicke. Der Graf, der unbeweglich 27 in der Thüre stehen geblieben war, trat zurück 28 und machte sie sachte zu. In dem Moment 

[Seite 307]

1 sprang die Baronesse zur Seitenthüre herein, löschte 2 die Lampe aus, riß Wilhelmen vom Stuhle, und zog 3 ihn nach sich in das Cabinet. Geschwind warf er 4 den Schlafrock ab, der sogleich wieder seinen gewöhnlichen 5 Platz erhielt. Die Baronesse nahm Wilhelms 6 Rock über den Arm, und eilte mit ihm durch einige 7 Stuben, Gänge und Verschläge in ihr Zimmer, wo 8 Wilhelm, nachdem sie sich erholt hatte, von ihr vernahm: 9 sie sei zu der Gräfin gekommen, um ihr die 10 erdichtete Nachricht von der Ankunft des Grafen zu 11 bringen. Ich weiß es schon, sagte die Gräfin: was 12 mag wohl begegnet sein? Ich habe ihn so eben zum 13 Seitenthor herein reiten sehen. Erschrocken sei die 14 Baronesse sogleich auf des Grafen Zimmer gelaufen, 15 um ihn abzuholen.

16 Unglücklicherweise sind Sie zu spät gekommen! rief 17 Wilhelm aus; der Graf war vorhin im Zimmer, und 18 hat mich sitzen sehen.

19 Hat er Sie erkannt?

20 Ich weiß es nicht. Er sah mich im Spiegel, so 21 wie ich ihn, und eh' ich wußte, ob es ein Gespenst 22 oder er selbst war, trat er schon wieder zurück, und 23 drückte die Thüre hinter sich zu.

24 Die Verlegenheit der Baronesse vermehrte sich, als 25 ein Bedienter sie zu rufen kam, und anzeigte, der 26 Graf befinde sich bei seiner Gemahlin. Mit schwerem 27 Herzen ging sie hin, und fand den Grafen zwar still 28 und in sich gekehrt, aber in seinen Äußerungen milder 

[Seite 308]

1 und freundlicher als gewöhnlich. Sie wußte nicht, 2 was sie denken sollte. Man sprach von den Vorfällen 3 der Jagd und den Ursachen seiner früheren Zurückkunft. 4 Das Gespräch ging bald aus. Der Graf ward 5 stille, und besonders mußte der Baronesse auffallen, 6 als er nach Wilhelmen fragte, und den Wunsch 7 äußerte, man möchte ihn rufen lassen, damit er etwas 8 vorlese.

9 Wilhelm, der sich im Zimmer der Baronesse wieder 10 angekleidet und einigermaßen erholt hatte, kam nicht 11 ohne Sorgen auf den Befehl herbei. Der Graf gab 12 ihm ein Buch, aus welchem er eine abenteuerliche 13 Novelle nicht ohne Beklemmung vorlas. Sein Ton 14 hatte etwas Unsicheres, Zitterndes, das glücklicherweise 15 dem Inhalt der Geschichte gemäß war. Der 16 Graf gab einigemal freundliche Zeichen des Beifalls, 17 und lobte den besondern Ausdruck der Vorlesung, da 18 er zuletzt unsern Freund entließ.



[Seite 309]



1 
Eilftes Capitel.

[Lesarten]  2 Wilhelm hatte kaum einige Stücke Shakespears 3 gelesen, als ihre Wirkung auf ihn so stark wurde, 4 daß er weiter fortzufahren nicht im Stande war. 5 Seine ganze Seele gerieth in Bewegung. Er suchte 6 Gelegenheit, mit Jarno zu sprechen, und konnte ihm 7 nicht genug für die verschaffte Freude danken.

8 Ich habe es wohl vorausgesehen, sagte dieser, daß 9 Sie gegen die Trefflichkeiten des außerordentlichsten 10 und wunderbarsten aller Schriftsteller nicht unempfindlich 11 bleiben würden.

12 Ja, rief Wilhelm aus, ich erinnere mich nicht, 13 daß ein Buch, ein Mensch oder irgend eine Begebenheit 14 des Lebens so große Wirkungen auf mich hervorgebracht 15 hätte, als die köstlichen Stücke, die ich durch 16 Ihre Gütigkeit habe kennen lernen. Sie scheinen ein 17 Werk eines himmlischen Genius zu sein, der sich den 18 Menschen nähert, um sie mit sich selbst auf die gelindeste 19 Weise bekannt zu machen. Es sind keine 20 Gedichte! Man glaubt vor den aufgeschlagenen ungeheuren 21 Büchern des Schicksals zu stehen, in denen 22 der Sturmwind des bewegtesten Lebens saus't, und 

[Seite 310]

1 sie mit Gewalt rasch hin und wieder blättert. Ich 2 bin über die Stärke und Zartheit, über die Gewalt 3 und Ruhe so erstaunt und außer aller Fassung gebracht, 4 daß ich nur mit Sehnsucht auf die Zeit warte, 5 da ich mich in einem Zustande befinden werde, weiter 6 zu lesen.

7 Bravo, sagte Jarno, indem er unserm Freunde 8 die Hand reichte und sie ihm drückte, so wollte ich es 9 haben! und die Folgen, die ich hoffe, werden gewiß 10 auch nicht ausbleiben. --
11 Ich wünschte, versetzte Wilhelm, daß ich Ihnen 12 alles, was gegenwärtig in mir vorgeht, entdecken 13 könnte. Alle Vorgefühle, die ich jemals über Menschheit 14 und ihre Schicksale gehabt, die mich von Jugend 15 auf, mir selbst unbemerkt, begleiteten, finde ich in 16 Shakespears Stücken erfüllt und entwickelt. Es scheint, 17 als wenn er uns alle Räthsel offenbarte, ohne daß 18 man doch sagen kann: hier oder da ist das Wort 19 der Auflösung. Seine Menschen scheinen natürliche 20 Menschen zu sein, und sie sind es doch nicht. Diese 21 geheimnißvollsten und zusammengesetztesten Geschöpfe 22 der Natur handeln vor uns in seinen Stücken, als 23 wenn sie Uhren wären, deren Zifferblatt und Gehäuse 24 man von Krystall gebildet hätte, sie zeigten nach 25 ihrer Bestimmung den Lauf der Stunden an, und 26 man kann zugleich das Räder- und Federwerk erkennen, 27 das sie treibt. Diese wenigen Blicke, die ich in Shakespears 28 Welt gethan, reizen mich mehr als irgend 

[Seite 311]

1 etwas andres, in der wirklichen Welt schnellere Fortschritte 2 vorwärts zu thun, mich in die Fluth der 3 Schicksale zu mischen, die über sie verhängt sind, und 4 dereinst, wenn es mir glücken sollte, aus dem großen 5 Meere der wahren Natur wenige Becher zu schöpfen, 6 und sie von der Schaubühne dem lechzenden Publicum 7 meines Vaterlandes auszuspenden.

8 Wie freut mich die Gemüthsverfassung, in der 9 ich Sie sehe, versetzte Jarno, und legte dem bewegten 10 Jüngling die Hand auf die Schulter. Lassen Sie 11 den Vorsatz nicht fahren, in ein thätiges Leben überzugehen, 12 und eilen Sie, die guten Jahre, die Ihnen 13 gegönnt sind, wacker zu nutzen. Kann ich Ihnen 14 behülflich sein, so geschieht es von ganzem Herzen. 15 Noch habe ich nicht gefragt, wie Sie in diese Gesellschaft 16 gekommen sind, für die Sie weder geboren noch 17 erzogen sein können. So viel hoffe ich und sehe ich, 18 daß Sie sich heraus sehnen. Ich weiß nichts von 19 Ihrer Herkunft, von Ihren häuslichen Umständen; 20 überlegen Sie, was Sie mir vertrauen wollen. So 21 viel kann ich Ihnen nur sagen, die Zeiten des Krieges, 22 in denen wir leben, können schnelle Wechsel des Glückes 23 hervorbringen; mögen Sie Ihre Kräfte und Talente 24 unserm Dienste widmen, Mühe, und wenn es Noth 25 thut, Gefahr nicht scheuen, so habe ich eben jetzo eine 26 Gelegenheit, Sie an einen Platz zu stellen, den eine 27 Zeitlang bekleidet zu haben Sie in der Folge nicht 28 gereuen wird. Wilhelm konnte seinen Dank nicht 

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1 genug ausdrücken, und war willig, seinem Freunde 2 und Beschützer die ganze Geschichte seines Lebens zu 3 erzählen.

4 Sie hatten sich unter diesem Gespräche weit in 5 den Park verloren, und waren auf die Landstraße, 6 welche durch denselben ging, gekommen. Jarno stand 7 einen Augenblick still, und sagte: Bedenken Sie meinen 8 Vorschlag, entschließen Sie sich, geben Sie mir in 9 einigen Tagen Antwort, und schenken Sie mir Ihr 10 Vertrauen. Ich versichre Sie, es ist mir bisher unbegreiflich 11 gewesen, wie Sie sich mit solchem Volke 12 haben gemein machen können. Ich hab' es oft mit 13 Ekel und Verdruß gesehen, wie Sie, um nur einigermaßen 14 leben zu können, Ihr Herz an einen herumziehenden 15 Bänkelsänger und an ein albernes zwitterhaftes 16 Geschöpf hängen mußten.

17 Er hatte noch nicht ausgeredet, als ein Officier 18 zu Pferde eilends herankam, dem ein Reitknecht mit 19 einem Handpferd folgte. Jarno rief ihm einen lebhaften 20 Gruß zu. Der Officier sprang vom Pferde, 21 beide umarmten sich und unterhielten sich mit einander, 22 indem Wilhelm, bestürzt über die letzten Worte seines 23 kriegerischen Freundes, in sich gekehrt an der Seite 24 stand. Jarno durchblätterte einige Papiere, die ihm 25 der Ankommende überreicht hatte; dieser aber ging 26 auf Wilhelmen zu, reichte ihm die Hand, und rief 27 mit Emphase: Ich treffe Sie in einer würdigen Gesellschaft; 28 folgen Sie dem Rathe Ihres Freundes, und 

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1 erfüllen Sie dadurch zugleich die Wünsche eines Unbekannten, 2 der herzlichen Theil an Ihnen nimmt. 3 Er sprach's, umarmte Wilhelmen, drückte ihn mit 4 Lebhaftigkeit an seine Brust. Zu gleicher Zeit trat 5 Jarno herbei, und sagte zu dem Fremden: Es ist am 6 besten, ich reite gleich mit Ihnen hinein, so können 7 Sie die nöthigen Ordres erhalten, und Sie reiten 8 noch vor Nacht wieder fort. Beide schwangen sich 9 darauf zu Pferde, und überließen unsern verwunderten 10 Freund seinen eigenen Betrachtungen.

11 Die letzten Worte Jarno's klangen noch in seinen 12 Ohren. Ihm war unerträglich, das Paar menschlicher 13 Wesen, das ihm unschuldigerweise seine Neigung abgewonnen 14 hatte, durch einen Mann, den er so sehr 15 verehrte, so tief heruntergesetzt zu sehen. Die sonderbare 16 Umarmung des Officiers, den er nicht kannte, 17 machte wenig Eindruck auf ihn, sie beschäftigte seine 18 Neugierde und Einbildungskraft einen Augenblick; 19 aber Jarno's Reden hatten sein Herz getroffen; er 20 war tief verwundet, und nun brach er auf seinem 21 Rückwege gegen sich selbst in Vorwürfe aus, daß er 22 nur einen Augenblick die hartherzige Kälte Jarno's, 23 die ihm aus den Augen heraussehe, und aus allen 24 seinen Gebärden spreche, habe verkennen und vergessen 25 mögen. --- Nein, rief er aus, du bildest dir nur ein, 26 du abgestorbener Weltmann, daß du ein Freund sein 27 könntest! Alles was du mir anbieten magst, ist der 28 Empfindung nicht werth, die mich an diese Ungücklichen 

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1 bindet. Welch ein Glück, daß ich noch bei Zeiten 2 entdecke, was ich von dir zu erwarten hätte! --
3 Er schloß Mignon, die ihm entgegen kam, in die 4 Arme, und rief aus: Nein, uns soll nichts trennen, 5 du gutes kleines Geschöpf! Die scheinbare Klugheit 6 der Welt soll mich nicht vermögen, dich zu verlassen, 7 noch zu vergessen, was ich dir schuldig bin.

8 Das Kind, dessen heftige Liebkosungen er sonst 9 abzulehnen pflegte, erfreute sich dieses unerwarteten 10 Ausdrucks der Zärtlichkeit, und hing sich so fest an 11 ihn, daß er es nur mit Mühe zuletzt los werden 12 konnte.

13 Seit dieser Zeit gab er mehr auf Jarno's Handlungen 14 Acht, die ihm nicht alle lobenswürdig schienen; 15 ja es kam wohl manches vor, das ihm durchaus mißfiel. 16 So hatte er zum Beispiel starken Verdacht, das 17 Gedicht auf den Baron, welches der arme Pedant so 18 theuer hatte bezahlen müssen, sei Jarno's Arbeit. Da 19 nun dieser in Wilhelms Gegenwart über den Vorfall 20 gescherzt hatte, glaubte unser Freund hierin das Zeichen 21 eines höchst verdorbenen Herzens zu erkennen; denn 22 was konnte boshafter sein, als einen Unschuldigen, 23 dessen Leiden man verursacht, zu verspotten, und weder 24 an Genugthuung noch Entschädigung zu denken. Gern 25 hätte Wilhelm sie selbst veranlaßt, denn er war durch 26 einen sehr sonderbaren Zufall den Thätern jener 27 nächtlichen Mißhandlung auf die Spur gekommen.

28 Man hatte ihm bisher immer zu verbergen gewußt, 

[Seite 315]

1 daß einige junge Officiere, im unteren Saale des 2 alten Schlosses, mit einem Theile der Schauspieler 3 und Schauspielerinnen ganze Nächte auf eine lustige 4 Weise zubrachten. Eines Morgens, als er nach seiner 5 Gewohnheit früh aufgestanden, kam er von ungefähr 6 in das Zimmer, und fand die jungen Herren, die 7 eine höchst sonderbare Toilette zu machen im Begriff 8 stunden. Sie hatten in einen Napf mit Wasser Kreide 9 eingerieben, und trugen den Teig mit einer Bürste 10 auf ihre Westen und Beinkleider, ohne sie auszuziehen, 11 und stellten also die Reinlichkeit ihrer Garderobe auf 12 das schnellste wieder her. Unserm Freunde, der sich 13 über diese Handgriffe wunderte, fiel der weiß bestäubte 14 und befleckte Rock des Pedanten ein; der Verdacht 15 wurde um so viel stärker, als er erfuhr, daß einige 16 Verwandte des Barons sich unter der Gesellschaft 17 befänden.

18 Um diesem Verdacht näher auf die Spur zu kommen, 19 suchte er die jungen Herren mit einem kleinen 20 Frühstücke zu beschäftigen. Sie waren sehr lebhaft, 21 und erzählten viele lustige Geschichten. Der eine besonders, 22 der eine Zeitlang auf Werbung gestanden, 23 wußte nicht genug die List und Thätigkeit seines 24 Hauptmanns zu rühmen, der alle Arten von Menschen 25 an sich zu ziehen, und jeden nach seiner Art zu überlisten 26 verstand. Umständlich erzählte er, wie junge 27 Leute von gutem Hause und sorgfältiger Erziehung, 28 durch allerlei Vorspiegelungen einer anständigen Versorgung, 

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1 betrogen worden, und lachte herzlich über 2 die Gimpel, denen es im Anfange so wohl gethan 3 habe, sich von einem angesehenen, tapferen, klugen 4 und freigebigen Officier geschätzt und hervorgezogen 5 zu sehen.

6 Wie segnete Wilhelm seinen Genius, der ihm so 7 unvermuthet den Abgrund zeigte, dessen Rande er sich 8 unschuldigerweise genähert hatte. Er sah nun in 9 Jarno nichts als den Werber; die Umarmung des 10 fremden Officiers war ihm leicht erklärlich. Er verabscheuete 11 die Gesinnungen dieser Männer, und vermied 12 von dem Augenblicke mit irgend jemand, der eine 13 Uniform trug, zusammen zu kommen, und so wäre 14 ihm die Nachricht, daß die Armee weiter vorwärts 15 rücke, sehr angenehm gewesen, wenn er nicht zugleich 16 hätte fürchten müssen, aus der Nähe seiner schönen 17 Freundin, vielleicht auf immer, verbannt zu werden.



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1 
Zwölftes Capitel.

[Lesarten]  2 Inzwischen hatte die Baronesse mehrere Tage, von 3 Sorgen und einer unbefriedigten Neugierde gepeinigt, 4 zugebracht. Denn das Betragen des Grafen seit jenem 5 Abenteuer war ihr ein völliges Räthsel. Er war 6 ganz aus seiner Manier herausgegangen; von seinen 7 gewöhnlichen Scherzen hörte man keinen. Seine Forderungen 8 an die Gesellschaft und an die Bedienten 9 hatten sehr nachgelassen. Von Pedanterie und gebieterischem 10 Wesen merkte man wenig, vielmehr war er 11 still und in sich gekehrt, jedoch schien er heiter, und 12 wirklich ein anderer Mensch zu sein. Bei Vorlesungen, 13 zu denen er zuweilen Anlaß gab, wählte er ernsthafte, 14 oft religiöse Bücher, und die Baronesse lebte in beständiger 15 Furcht, es möchte hinter dieser anscheinenden 16 Ruhe sich ein geheimer Groll verbergen, ein stiller 17 Vorsatz, den Frevel, den er so zufällig entdeckt, zu 18 rächen. Sie entschloß sich daher, Jarno zu ihrem 19 Vertrauten zu machen, und sie konnte es um so mehr, 20 als sie mit ihm in einem Verhältnisse stand, in dem 21 man sich sonst wenig zu verbergen pflegt. Jarno 22 war seit kurzer Zeit ihr entschiedener Freund; doch 

[Seite 318]

1 waren sie klug genug, ihre Neigung und ihre Freuden 2 vor der lärmenden Welt, die sie umgab, zu verbergen. 3 Nur den Augen der Gräfin war dieser neue Roman 4 nicht entgangen, und höchst wahrscheinlich suchte die 5 Baronesse ihre Freundin gleichfalls zu beschäftigen, 6 um den stillen Vorwürfen zu entgehen, welche sie 7 denn doch manchmal von jener edlen Seele zu erdulden 8 hatte.

9 Kaum hatte die Baronesse ihrem Freunde die Geschichte 10 erzählt, als er lachend ausrief: Da glaubt der 11 Alte gewiß sich selbst gesehen zu haben! er fürchtet, 12 daß ihm diese Erscheinung Unglück, ja vielleicht gar 13 den Tod bedeute, und nun ist er zahm geworden, wie 14 alle die Halbmenschen, wenn sie an die Auflösung 15 denken, welcher niemand entgangen ist, noch entgehen 16 wird. Nur stille! da ich hoffe, daß er noch lange 17 leben soll, so wollen wir ihn bei dieser Gelegenheit 18 wenigstens so formiren, daß er seiner Frau und seinen 19 Hausgenossen nicht mehr zur Last sein soll.

20 Sie fingen nun, sobald es nur schicklich war, in 21 Gegenwart des Grafen an, von Ahnungen, Erscheinungen, 22 und dergleichen zu sprechen. Jarno spielte 23 den Zweifler, seine Freundin gleichfalls, und sie trieben 24 es so weit, daß der Graf endlich Jarno bei Seite 25 nahm, ihm seine Freigeisterei verwies, und ihn, durch 26 sein eignes Beispiel, von der Möglichkeit und Wirklichkeit 27 solcher Geschichten zu überzeugen suchte. Jarno 28 spielte den Betroffenen, Zweifelnden und endlich den 

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1 Überzeugten, machte sich aber gleich darauf in stiller 2 Nacht mit seiner Freundin desto lustiger über den 3 schwachen Weltmann, der nun auf einmal von seinen 4 Unarten durch einen Popanz bekehrt worden, und der 5 nur noch deßwegen zu loben sei, weil er mit so vieler 6 Fassung ein bevorstehendes Unglück, ja vielleicht gar 7 den Tod erwarte.

8 Auf die natürlichste Folge, welche diese Erscheinung 9 hätte haben können, möchte er doch wohl nicht gefaßt 10 sein, rief die Baronesse mit ihrer gewöhnlichen 11 Munterkeit, zu der sie, sobald ihr eine Sorge vom 12 Herzen genommen war, gleich wieder übergehen konnte. 13 Jarno ward reichlich belohnt, und man schmiedete 14 neue Anschläge, den Grafen noch mehr kirre zu 15 machen, und die Neigung der Gräfin zu Wilhelm 16 noch mehr zu reizen und zu bestärken.

17 In dieser Absicht erzählte man der Gräfin die 18 ganze Geschichte, die sich zwar anfangs unwillig darüber 19 zeigte, aber seit der Zeit nachdenklicher ward, 20 und in ruhigen Augenblicken jene Scene, die ihr zubereitet 21 war, zu bedenken, zu verfolgen und auszumahlen 22 schien.

23 Die Anstalten, welche nunmehr von allen Seiten 24 getroffen wurden, ließen keinen Zweifel mehr übrig, 25 daß die Armeen bald vorwärts rücken, und der Prinz 26 zugleich sein Hauptquartier verändern würde; ja es 27 hieß, daß der Graf zugleich auch das Gut verlassen 28 und wieder nach der Stadt zurückkehren werde. Unsere 

[Seite 320]

1 Schauspieler konnten sich also leicht die Nativität 2 stellen; doch nur der einzige Melina nahm seine Maßregeln 3 darnach, die andern suchten nur noch von dem 4 Augenblicke so viel als möglich das Vergnüglichste 5 zu erhaschen.

6 Wilhelm war indessen auf eine eigene Weise beschäftigt. 7 Die Gräfin hatte von ihm die Abschrift 8 seiner Stücke verlangt, und er sah diesen Wunsch der 9 liebenswürdigen Frau als die schönste Belohnung an.

10 Ein junger Autor, der sich noch nicht gedruckt gesehn, 11 wendet in einem solchen Falle die größte Aufmerksamkeit 12 auf eine reinliche und zierliche Abschrift 13 seiner Werke. Es ist gleichsam das goldne Zeitalter 14 der Autorschaft; man sieht sich in jene Jahrhunderte 15 versetzt, in denen die Presse noch nicht die Welt mit 16 so viel unnützen Schriften überschwemmt hatte; wo 17 nur würdige Geistesproducte abgeschrieben, und von 18 den edelsten Menschen verwahrt wurden, und wie 19 leicht begeht man alsdann den Fehlschluß, daß ein 20 sorgfältig abgecirkeltes Manuscript auch ein würdiges 21 Geistesproduct sei, werth von einem Kenner und Beschützer 22 besessen und aufgestellt zu werden.

23 Man hatte zu Ehren des Prinzen, der nun in 24 kurzem abgehen sollte, noch ein großes Gastmahl 25 angestellt. Viele Damen aus der Nachbarschaft waren 26 geladen, und die Gräfin hatte sich bei Zeiten angezogen. 27 Sie hatte diesen Tag ein reicheres Kleid angelegt, als 28 sie sonst zu thun gewohnt war. Frisur und Aufsatz 

[Seite 321]

1 waren gesuchter, sie war mit allen ihren Juwelen 2 geschmückt. Eben so hatte die Baronesse das Mögliche 3 gethan, um sich mit Pracht und Geschmack 4 anzukleiden.

5 Philine, als sie merkte, daß den beiden Damen 6 in Erwartung ihrer Gäste die Zeit zu lang wurde, 7 schlug vor, Wilhelmen kommen zu lassen, der sein 8 fertiges Manuscript zu überreichen und noch einige 9 Kleinigkeiten vorzulesen wünsche. Er kam und erstaunte 10 im Hereintreten über die Gestalt, über die 11 Anmuth der Gräfin, die durch ihren Putz nur sichtbarer 12 geworden waren. Er las nach dem Befehle 13 der Damen, allein so zerstreut und schlecht, daß, wenn 14 die Zuhörerinnen nicht so nachsichtig gewesen wären, 15 sie ihn gar bald würden entlassen haben.

16 So oft er die Gräfin anblickte, schien es ihm, als 17 wenn ein elektrischer Funke sich vor seinen Augen 18 zeigte; er wußte zuletzt nicht mehr, wo er Athem zu 19 seiner Recitation hernehmen solle. Die schöne Dame 20 hatte ihm immer gefallen; aber jetzt schien es ihm, 21 als ob er nie etwas Vollkommneres gesehen hätte, 22 und von den tausenderlei Gedanken, die sich in seiner 23 Seele kreuzten, mochte ungefähr Folgendes der Inhalt 24 sein:

25 Wie thöricht lehnen sich doch so viele Dichter und 26 sogenannte gefühlvolle Menschen gegen Putz und Pracht 27 auf, und verlangen nur in einfachen, der Natur 28 angemessenen Kleidern die Frauen alles Standes zu 

[Seite 322]

1 sehen. Sie schelten den Putz, ohne zu bedenken, daß 2 es der arme Putz nicht ist, der uns mißfällt, wenn 3 wir eine häßliche oder minder schöne Person reich und 4 sonderbar gekleidet erblicken; aber ich wollte alle Kenner 5 der Welt hier versammeln und sie fragen, ob sie 6 wünschten etwas von diesen Falten, von diesen Bändern 7 und Spitzen, von diesen Puffen, Locken und 8 leuchtenden Steinen wegzunehmen? Würden sie nicht 9 fürchten, den angenehmen Eindruck zu stören, der 10 ihnen hier so willig und natürlich entgegen kommt? 11 Ja, natürlich darf ich wohl sagen! Wenn Minerva 12 ganz gerüstet aus dem Haupte des Jupiter entsprang, 13 so scheinet diese Göttin in ihrem vollen Putze aus 14 irgend einer Blume mit leichtem Fuße hervorgetreten 15 zu sein.

16 Er sah sie oft im Lesen an, als wenn er diesen 17 Eindruck sich auf ewig einprägen wollte, und las 18 einigemal falsch, ohne darüber in Verwirrung zu gerathen, 19 ob er gleich sonst über die Verwechselung eines 20 Wortes oder Buchstabens als über einen leidigen 21 Schandfleck einer ganzen Vorlesung verzweifeln konnte.

22 Ein falscher Lärm, als wenn die Gäste angefahren 23 kämen, machte der Vorlesung ein Ende; die Baronesse 24 ging weg, und die Gräfin, im Begriff ihren Schreibtisch 25 zuzumachen, der noch offen stand, ergriff ein 26 Ringkästchen und steckte noch einige Ringe an die 27 Finger. Wir werden uns bald trennen, sagte sie, 28 indem sie ihre Augen auf das Kästchen heftete: nehmen 

[Seite 323]

1 Sie ein Andenken von einer guten Freundin, die 2 nichts lebhafter wünscht, als daß es Ihnen wohl 3 gehen möge. Sie nahm darauf einen Ring heraus, 4 der unter einem Krystall ein schön von Haaren geflochtenes 5 Schild zeigte, und mit Steinen besetzt war. 6 Sie überreichte ihn Wilhelmen, der, als er ihn annahm, 7 nichts zu sagen und nichts zu thun wußte, 8 sondern wie eingewurzelt in den Boden da stand. 9 Die Gräfin schloß den Schreibtisch zu, und setzte sich 10 auf ihren Sopha.

11 Und ich soll leer ausgehn, sagte Philine, indem 12 sie zur rechten Hand der Gräfin niederkniete: seht 13 nur den Menschen, der zur Unzeit so viele Worte im 14 Munde führt, und jetzt nicht einmal eine armselige 15 Danksagung herstammeln kann. Frisch, mein Herr, 16 thun Sie wenigstens pantomimisch Ihre Schuldigkeit, 17 und wenn Sie heute selbst nichts zu erfinden wissen, 18 so ahmen Sie mir wenigstens nach.

19 Philine ergriff die rechte Hand der Gräfin, und 20 küßte sie mit Lebhaftigkeit. Wilhelm stürzte auf seine 21 Kniee, faßte die linke, und drückte sie an seine 22 Lippen. Die Gräfin schien verlegen, aber ohne 23 Widerwillen.

24 Ach! rief Philine aus, so viel Schmuck hab' ich 25 wohl schon gesehen, aber noch nie eine Dame, so 26 würdig ihn zu tragen. Welche Armbänder! aber 27 auch welche Hand! Welcher Halsschmuck! aber auch 28 welche Brust!



[Seite 324]

1 Stille, Schmeichlerin, rief die Gräfin.

2 Stellt denn das den Herrn Grafen vor? sagte 3 Philine, indem sie auf ein reiches Medaillon deutete, 4 das die Gräfin an kostbaren Ketten an der linken 5 Seite trug.

6 Er ist als Bräutigam gemahlt, versetzte die 7 Gräfin.

8 War er denn damals so jung? fragte Philine: 9 Sie sind ja nur erst, wie ich weiß, wenige Jahre 10 verheirathet.

11 Diese Jugend kommt auf die Rechnung des Mahlers, 12 versetzte die Gräfin.

13 Es ist ein schöner Mann, sagte Philine. Doch 14 sollte wohl niemals, fuhr sie fort, indem sie die 15 Hand auf das Herz der Gräfin legte, in diese verborgene 16 Kapsel sich ein ander Bild eingeschlichen 17 haben?

18 Du bist sehr verwegen, Philine! rief sie aus: ich 19 habe dich verzogen. Laß mich so etwas nicht zum 20 zweitenmal hören.

21 Wenn Sie zürnen, bin ich unglücklich, rief Philine, 22 sprang auf und eilte zur Thüre hinaus.

23 Wilhelm hielt die schönste Hand noch in seinen 24 Händen. Er sah unverwandt auf das Armschloß, das, 25 zu seiner größten Verwunderung, die Anfangsbuchstaben 26 seiner Namen in brillantenen Zügen sehen ließ.

27 Besitz' ich, fragte er bescheiden, in dem kostbaren 28 Ringe denn wirklich Ihre Haare?



[Seite 325]

1 Ja, versetzte sie mit halber Stimme; dann nahm 2 sie sich zusammen, und sagte, indem sie ihm die Hand 3 drückte: Stehen Sie auf, und leben Sie wohl!

4 Hier steht mein Name, rief er aus, durch den 5 sonderbarsten Zufall! Er zeigte auf das Armschloß.

6 Wie? rief die Gräfin: es ist die Chiffer einer 7 Freundin!

8 Es sind die Anfangsbuchstaben meines Namens. 9 Vergessen Sie meiner nicht. Ihr Bild steht unauslöschlich 10 in meinem Herzen. Leben Sie wohl, lassen 11 Sie mich fliehen!

12 Er küßte ihre Hand, und wollte aufstehn; aber 13 wie im Traum das Seltsamste aus dem Seltsamsten 14 sich entwickelnd uns überrascht, so hielt er, ohne zu 15 wissen wie es geschah, die Gräfin in seinen Armen, 16 ihre Lippen ruhten auf den seinigen und ihre wechselseitigen 17 lebhaften Küsse gewährten ihnen eine Seligkeit, 18 die wir nur aus dem ersten aufbrausenden 19 Schaum des frisch eingeschenkten Bechers der Liebe 20 schlürfen.

21 Ihr Haupt ruhte auf seiner Schulter, und der zerdrückten 22 Locken und Bänder ward nicht gedacht. Sie 23 hatte ihren Arm um ihn geschlungen; er umfaßte sie 24 mit Lebhaftigkeit, und drückte sie wiederholend an seine 25 Brust. O daß ein solcher Augenblick nicht Ewigkeiten 26 währen kann, und wehe dem neidischen Geschick, das 27, 28 auch unsern Freunden diese kurzen Augenblicke unterbrach.



[Seite 326]

1 Wie erschrak Wilhelm, wie betäubt fuhr er aus 2 einem glücklichen Traume auf, als die Gräfin sich auf 3 einmal mit einem Schrei von ihm losriß, und mit 4 der Hand nach ihrem Herzen fuhr.

5 Er stand betäubt vor ihr da; sie hielt die andere 6 Hand vor die Augen, und rief nach einer Pause: Entfernen 7 Sie sich, eilen Sie!

8 Er stand noch immer.

9 Verlassen Sie mich, rief sie, und indem sie die 10 Hand von den Augen nahm und ihn mit einen unbeschreiblichen 11 Blicke ansah, setzte sie mit der lieblichsten 12 Stimme hinzu: Fliehen Sie mich, wenn Sie mich 13 lieben.

14 Wilhelm war aus dem Zimmer, und wieder auf 15 seiner Stube, eh er wußte, wo er sich befand.

16 Die Unglücklichen! Welche sonderbare Warnung des 17 Zufalls oder der Schickung riß sie aus einander?

Wilhelm Meisters Lehrjahre. 
[Buch 4-Buch 6]

[Apparat]  



Viertes Buch.

[Lesarten]  

[Seite 3]



1 
Erstes Capitel.

[Lesarten]  2 Laertes stand nachdenklich am Fenster und blickte 3 auf seinen Arm gestützt in das Feld hinaus. Philine 4 schlich über den großen Saal herbei, lehnte sich auf 5 den Freund, und verspottete sein ernsthaftes Ansehen.

6 Lache nur nicht, versetzte er, es ist abscheulich, wie 7 die Zeit vergeht, wie alles sich verändert und ein Ende 8 nimmt! Sieh nur, hier stand vor kurzem noch ein 9 schönes Lager, wie lustig sahen die Zelte aus! wie 10 lebhaft ging es darin zu! wie sorgfältig bewachte man 11 den ganzen Bezirk! und nun ist alles auf einmal verschwunden. 12 Nur kurze Zeit werden das zertretene 13 Stroh und die eingegrabenen Kochlöcher noch eine 14 Spur zeigen; dann wird alles bald umgepflügt sein, 15 und die Gegenwart so vieler tausend rüstiger Menschen 16 in dieser Gegend wird nur noch in den Köpfen einiger 17 alten Leute spuken.

18 Philine fing an zu singen, und zog ihren Freund zu 19 einem Tanze in den Saal. Laß uns, rief sie, da wir 20 der Zeit nicht nachlaufen können, wenn sie vorüber 21 ist, sie wenigstens als eine schöne Göttin, indem sie bei 22 uns vorbeizieht, fröhlich und zierlich verehren.



[Seite 4]

1 Sie hatten kaum einige Wendungen gemacht, als 2 Madame Melina durch den Saal ging. Philine war 3 boshaft genug, sie gleichfalls zum Tanze einzuladen, 4 und sie dadurch an die Mißgestalt zu erinnern, in 5 welche sie durch ihre Schwangerschaft versetzt war.

6 Wenn ich nur, sagte Philine hinter ihrem Rücken, 7 keine Frau mehr guter Hoffnung sehen sollte!

8 Sie hofft doch, sagte Laertes.

9 Aber es kleidet sie so häßlich. Hast du die vordere 10 Wackelfalte des verkürzten Rocks gesehen, die immer 11 voraus spaziert, wenn sie sich bewegt? Sie hat gar 12 keine Art noch Geschick, sich nur ein bischen zu mustern 13 und ihren Zustand zu verbergen.

14 Laß nur, sagte Laertes, die Zeit wird ihr schon 15 zu Hülfe kommen.

16 Es wäre doch immer hübscher, rief Philine, wenn 17 man die Kinder von den Bäumen schüttelte.

18 Der Baron trat herein, und sagte ihnen etwas 19 Freundliches im Namen des Grafen und der Gräfin, 20 die ganz früh abgereis't waren, und machte ihnen 21 einige Geschenke. Er ging darauf zu Wilhelmen, der 22 sich im Nebenzimmer mit Mignon beschäftigte. Das 23 Kind hatte sich sehr freundlich und zuthätig bezeigt, 24 nach Wilhelms Eltern, Geschwistern und Verwandten 25 gefragt, und ihn dadurch an seine Pflicht erinnert, 26 den Seinigen von sich einige Nachricht zu geben.

27 Der Baron brachte ihm, nebst einem Abschiedsgruße 28 von den Herrschaften, die Versicherung, wie sehr 

[Seite 5]

1 der Graf mit ihm, seinem Spiele, seinen poetischen 2 Arbeiten und seinen theatralischen Bemühungen zufrieden 3 gewesen sei. Er zog darauf zum Beweis dieser 4 Gesinnung einen Beutel hervor, durch dessen schönes 5 Gewebe die reizende Farbe neuer Goldstücke durchschimmerte; 6 Wilhelm trat zurück, und weigerte sich 7 ihn anzunehmen.

8 Sehen Sie, fuhr der Baron fort, diese Gabe als 9 einen Ersatz für Ihre Zeit, als eine Erkenntlichkeit für 10 Ihre Mühe, nicht als eine Belohnung Ihres Talents 11 an. Wenn uns dieses einen guten Namen und die 12 Neigung der Menschen verschafft, so ist billig, daß wir 13 durch Fleiß und Anstrengung zugleich die Mittel erwerben, 14 unsre Bedürfnisse zu befriedigen, da wir doch 15 einmal nicht ganz Geist sind. Wären wir in der 16 Stadt, wo alles zu finden ist, so hätte man diese kleine 17 Summe in eine Uhr, einen Ring oder sonst etwas verwandelt; 18 nun gebe ich aber den Zauberstab unmittelbar 19 in Ihre Hände; schaffen Sie sich ein Kleinod dafür, 20 das Ihnen am liebsten und am dienlichsten ist, 21 und verwahren Sie es zu unserm Andenken. Dabei 22 halten Sie ja den Beutel in Ehren. Die Damen 23 haben ihn selbst gestrickt, und ihre Absicht war, durch 24 das Gefäß dem Inhalt die annehmlichste Form zu 25 geben.

26 Vergeben Sie, versetzte Wilhelm, meiner Verlegenheit 27 und meinen Zweifeln, dieses Geschenk anzunehmen. 28 Es vernichtet gleichsam das Wenige, was 

[Seite 6]

1 ich gethan habe, und hindert das freie Spiel einer 2 glücklichen Erinnerung. Geld ist eine schöne Sache, 3 wo etwas abgethan werden soll, und ich wünschte nicht 4 in dem Andenken Ihres Hauses so ganz abgethan 5 zu sein.

6 Das ist nicht der Fall, versetzte der Baron; aber 7 indem Sie selbst zart empfinden, werden Sie nicht 8 verlangen, daß der Graf sich völlig als Ihren Schuldner 9 denken soll: ein Mann, der seinen größten Ehrgeiz 10 darein setzt, aufmerksam und gerecht zu sein. Ihm ist 11 nicht entgangen, welche Mühe Sie sich gegeben, und 12 wie Sie seinen Absichten ganz Ihre Zeit gewidmet 13 haben, ja er weiß, daß Sie, um gewisse Anstalten zu 14 beschleunigen, Ihr eignes Geld nicht schonten. Wie 15 will ich wieder vor ihm erscheinen, wenn ich ihn nicht 16 versichern kann, daß seine Erkenntlichkeit Ihnen Vergnügen 17 gemacht hat.

18 Wenn ich nur an mich selbst denken, wenn ich nur 19 meinen eigenen Empfindungen folgen dürfte, versetzte 20 Wilhelm, würde ich mich, ungeachtet aller Gründe, 21 hartnäckig weigern, diese Gabe, so schön und ehrenvoll 22 sie ist, anzunehmen; aber ich läugne nicht, daß sie 23 mich in dem Augenblicke, in dem sie mich in Verlegenheit 24 setzt, aus einer Verlegenheit reißt, in der ich 25 mich bisher gegen die Meinigen befand, und die mir 26 manchen stillen Kummer verursachte. Ich habe sowohl 27 mit dem Gelde als mit der Zeit, von denen ich Rechenschaft 28 zu geben habe, nicht zum besten hausgehalten; 

[Seite 7]

1 nun wird es mir durch den Edelmuth des Herrn 2 Grafen möglich, den Meinigen getrost von dem Glücke 3 Nachricht zu geben, zu dem mich dieser sonderbare 4 Seitenweg geführt hat. Ich opfre die Delicatesse, die 5 uns wie ein zartes Gewissen bei solchen Gelegenheiten 6 warnt, einer höhern Pflicht auf, und um meinem 7 Vater muthig unter die Augen treten zu können, steh' 8 ich beschämt vor den Ihrigen.

9 Es ist sonderbar, versetzte der Baron, welch ein 10 wunderlich Bedenken man sich macht, Geld von Freunden 11 und Gönnern anzunehmen, von denen man jede 12 andere Gabe mit Dank und Freude empfangen würde. 13 Die menschliche Natur hat mehr ähnliche Eigenheiten, 14 solche Skrupel gern zu erzeugen und sorgfältig zu 15 nähren.

16 Ist es nicht das Nämliche mit allen Ehrenpuncten? 17 fragte Wilhelm.

18 Ach ja, versetzte der Baron, und andern Vorurtheilen. 19 Wir wollen sie nicht ausjäten, um nicht vielleicht 20 edle Pflanzen zugleich mit auszuraufen. Aber 21 mich freut immer, wenn einzelne Personen fühlen, 22 über was man sich hinaussetzen kann und soll, und 23 ich denke mit Vergnügen an die Geschichte des geistreichen 24 Dichters, der für ein Hoftheater einige Stücke 25 verfertigte, welche den ganzen Beifall des Monarchen 26 erhielten. Ich muß ihn ansehnlich belohnen, sagte der 27 großmüthige Fürst; man forsche an ihm, ob ihm 28 irgend ein Kleinod Vergnügen macht, oder ob er nicht 

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1 verschmäht Geld anzunehmen. Nach seiner scherzhaften 2 Art antwortete der Dichter dem abgeordneten Hofmann: 3 Ich danke lebhaft für die gnädigen Gesinnungen, und 4 da der Kaiser alle Tage Geld von uns nimmt, so sehe 5 ich nicht ein, warum ich mich schämen sollte, Geld 6 von ihm anzunehmen.

7 Der Baron hatte kaum das Zimmer verlassen, als 8 Wilhelm eifrig die Baarschaft zählte, die ihm so unvermuthet, 9 und, wie er glaubte, so unverdient zugekommen 10 war. Es schien, als ob ihm der Werth und 11 die Würde des Goldes, die uns in spätern Jahren 12 erst fühlbar werden, ahnungsweise zum erstenmal entgegen 13 blickten, als die schönen blinkenden Stücke aus 14 dem zierlichen Beutel hervorrollten. Er machte seine 15 Rechnung und fand, daß er, besonders da Melina den 16 Vorschuß sogleich wieder zu bezahlen versprochen hatte, 17 eben so viel, ja noch mehr in Cassa habe, als an 18 jenem Tage, da Philine ihm den ersten Strauß abfordern 19 ließ. Mit heimlicher Zufriedenheit blickte er 20 auf sein Talent, mit einem kleinen Stolze auf das 21 Glück, das ihn geleitet und begleitet hatte. Er ergriff 22 nunmehr mit Zuversicht die Feder, um einen Brief 23 zu schreiben, der auf einmal die Familie aus aller 24 Verlegenheit, und sein bisheriges Betragen in das 25 beste Licht setzen sollte. Er vermied eine eigentliche 26 Erzählung, und ließ nur in bedeutenden und mystischen 27 Ausdrücken dasjenige, was ihm begegnet sein könnte, 28 errathen. Der gute Zustand seiner Casse, der Erwerb, 

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1 den er seinem Talent schuldig war, die Gunst der 2 Großen, die Neigung der Frauen, die Bekanntschaft 3 in einem weiten Kreise, die Ausbildung seiner körperlichen 4 und geistigen Anlagen, die Hoffnung für die 5 Zukunft bildeten ein solches wunderliches Luftgemählde, 6 daß Fata Morgagna selbst es nicht seltsamer hätte 7 durch einander wirken können.

8 In dieser glücklichen Exaltation fuhr er fort, nachdem 9 der Brief geschlossen war, ein langes Selbstgespräch 10 zu unterhalten, in welchem er den Inhalt des 11 Schreibens recapitulirte, und sich eine thätige und 12 würdige Zukunft ausmahlte. Das Beispiel so vieler 13 edlen Krieger hatte ihn angefeuert, die Shakespearische 14 Dichtung hatte ihm eine neue Welt eröffnet, und von 15 den Lippen der schönen Gräfin hatte er ein unaussprechliches 16 Feuer in sich gesogen. Das alles konnte, 17 das sollte nicht ohne Wirkung bleiben.

18 Der Stallmeister kam und fragte, ob sie mit Einpacken 19 fertig seien. Leider hatte, außer Melina, noch 20 niemand daran gedacht. Nun sollte man eilig aufbrechen. 21 Der Graf hatte versprochen, die ganze Gesellschaft 22 einige Tagereisen weit transportiren zu lassen, 23 die Pferde waren eben bereit, und konnten nicht lange 24 entbehrt werden. Wilhelm fragte nach seinem Koffer; 25 Madame Melina hatte sich ihn zu Nutze gemacht; er 26 verlangte nach seinem Gelde, Herr Melina hatte es 27 ganz unten in den Koffer mit großer Sorgfalt gepackt. 28 Philine sagte: Ich habe in dem meinigen noch Platz, 

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1 nahm Wilhelms Kleider, und befahl Mignon, das 2 Übrige nachzubringen. Wilhelm mußte es, nicht ohne 3 Widerwillen, geschehen lassen.

4 Indem man aufpackte, und alles zubereitete, sagte 5 Melina: Es ist mir verdrießlich, daß wir wie Seiltänzer 6 und Marktschreier reisen; ich wünschte, daß 7 Mignon Weiberkleider anzöge, und daß der Harfenspieler 8 sich noch geschwinde den Bart scheren ließe. 9 Mignon hielt sich fest an Wilhelm, und sagte mit 10 großer Lebhaftigkeit: Ich bin ein Knabe: ich will kein 11 Mädchen sein! Der Alte schwieg, und Philine machte 12 bei dieser Gelegenheit über die Eigenheit des Grafen, 13 ihres Beschützers, einige lustige Anmerkungen. Wenn 14 der Harfner seinen Bart abschneidet, sagte sie, so mag 15 er ihn nur sorgfältig auf Band nähen und bewahren, 16 daß er ihn gleich wieder vornehmen kann, sobald er 17 dem Herrn Grafen irgendwo in der Welt begegnet: 18 denn dieser Bart allein hat ihm die Gnade dieses 19 Herrn verschafft.

20 Als man in sie drang und eine Erklärung dieser 21 sonderbaren Äußerung verlangte, ließ sie sich folgendergestalt 22 vernehmen: Der Graf glaubt, daß es zur 23 Illusion sehr viel beitrage, wenn der Schauspieler auch 24 im gemeinen Leben seine Rolle fortspielt, und seinen 25 Charakter soutenirt; deßwegen war er dem Pedanten 26 so günstig, und er fand, es sei recht gescheidt, daß 27 der Harfner seinen falschen Bart nicht allein Abends 28 auf dem Theater, sondern auch beständig bei Tage 

[Seite 11]

1 trage, und freute sich sehr über das natürliche Aussehen 2 der Maskerade.

3 Als die andern über diesen Irrthum und über die 4 sonderbaren Meinungen des Grafen spotteten, ging 5 der Harfner mit Wilhelm bei Seite, nahm von ihm 6 Abschied, und bat mit Thränen, ihn ja sogleich zu 7 entlassen. Wilhelm redete ihm zu, und versicherte, 8 daß er ihn gegen jedermann schützen werde, daß ihm 9 niemand ein Haar krümmen, vielweniger ohne seinen 10 Willen abschneiden solle.

11 Der Alte war sehr bewegt, und in seinen Augen 12 glühte ein sonderbares Feuer. Nicht dieser Anlaß 13 treibt mich hinweg, rief er aus; schon lange mache 14 ich mir stille Vorwürfe, daß ich um Sie bleibe. Ich 15 sollte nirgends verweilen, denn das Unglück ereilt 16 mich und beschädigt die, die sich zu mir gesellen. 17 Fürchten Sie alles, wenn Sie mich nicht entlassen, 18 aber fragen Sie mich nicht, ich gehöre nicht mir zu, 19 ich kann nicht bleiben.

20 Wem gehörst du an? Wer kann eine solche Gewalt 21 über dich ausüben?

22 Mein Herr, lassen Sie mir mein schaudervolles 23 Geheimniß, und geben Sie mich los! Die Rache, die 24 mich verfolgt, ist nicht des irdischen Richters; ich gehöre 25 einem unerbittlichen Schicksale; ich kann nicht 26 bleiben, und ich darf nicht!

27 In diesem Zustande, in dem ich dich sehe, werde 28 ich dich gewiß nicht lassen.



[Seite 12]

1 Es ist Hochverrath an Ihnen, mein Wohlthäter, 2 wenn ich zaudre. Ich bin sicher bei Ihnen, aber Sie 3 sind in Gefahr. Sie wissen nicht, wen Sie in Ihrer 4 Nähe hegen. Ich bin schuldig, aber unglücklicher als 5 schuldig. Meine Gegenwart verscheucht das Glück, 6 und die gute That wird ohnmächtig, wenn ich dazu 7 trete. Flüchtig und unstät sollt' ich sein, daß mein 8 unglücklicher Genius mich nicht einholet, der mich 9 nur langsam verfolgt, und nur dann sich merken läßt, 10 wenn ich mein Haupt niederlegen und ruhen will. 11 Dankbarer kann ich mich nicht bezeigen, als wenn ich 12 Sie verlasse.

13 Sonderbarer Mensch! du kannst mir das Vertrauen 14 in dich so wenig nehmen, als die Hoffnung, 15 dich glücklich zu sehen. Ich will in die Geheimnisse 16 deines Aberglaubens nicht eindringen; aber wenn du 17 ja in Ahnung wunderbarer Verknüpfungen und Vorbedeutungen 18 lebst, so sage ich dir zu deinem Trost und 19 zu deiner Aufmunterung: geselle dich zu meinem Glücke, 20 und wir wollen sehen, welcher Genius der stärkste ist, 21 dein schwarzer oder mein weißer!

22 Wilhelm ergriff diese Gelegenheit, um ihm noch 23 mancherlei Tröstliches zu sagen; denn er hatte schon 24 seit einiger Zeit in seinem wunderbaren Begleiter einen 25 Menschen zu sehen geglaubt, der durch Zufall oder 26 Schickung eine große Schuld auf sich geladen hat und 27 nun die Erinnerung derselben immer mit sich fortschleppt. 28 Noch vor wenigen Tagen hatte Wilhelm 

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1 seinen Gesang behorcht, und folgende Zeilen wohl 2 bemerkt: 3     Ihm färbt der Morgensonne Licht
4     Den reinen Horizont mit Flammen,
5     Und über seinem schuld'gen Haupte bricht
6     Das schöne Bild der ganzen Welt zusammen.





7 Der Alte mochte nun sagen was er wollte, so 8 hatte Wilhelm immer ein stärker Argument, wußte 9 alles zum besten zu kehren und zu wenden, wußte so 10 brav, so herzlich und tröstlich zu sprechen, daß der 11 Alte selbst wieder aufzuleben und seinen Grillen zu 12 entsagen schien.




[Seite 14]



1 
Zweites Capitel.

[Lesarten]  2 Melina hatte Hoffnung, in einer kleinen aber 3 wohlhabenden Stadt mit seiner Gesellschaft unterzukommen. 4 Schon befanden sie sich an dem Orte, wohin 5 sie die Pferde des Grafen gebracht hatten, und 6 sahen sich nach andern Wagen und Pferden um, mit 7 denen sie weiter zu kommen hofften. Melina hatte 8 den Transport übernommen, und zeigte sich, nach 9 seiner Gewohnheit, übrigens sehr karg. Dagegen hatte 10 Wilhelm die schönen Ducaten der Gräfin in der Tasche, 11 auf deren fröhliche Verwendung er das größte Recht 12 zu haben glaubte, und sehr leicht vergaß er, daß er 13 sie in der stattlichen Bilanz, die er den Seinigen zuschickte, 14 schon sehr ruhmredig aufgeführt hatte.

15 Sein Freund Shakespear, den er mit großer 16 Freude auch als seinen Pathen anerkannte, und sich 17 nur um so lieber Wilhelm nennen ließ, hatte ihm 18 einen Prinzen bekannt gemacht, der sich unter geringer, 19 ja sogar schlechter Gesellschaft eine Zeitlang aufhält, 20 und, ungeachtet seiner edlen Natur, an der Roheit, 21 Unschicklichkeit und Albernheit solcher ganz sinnlichen 22 Bursche sich ergötzt. Höchst willkommen war ihm das 

[Seite 15]

1 Ideal, womit er seinen gegenwärtigen Zustand vergleichen 2 konnte, und der Selbstbetrug, wozu er eine 3 fast unüberwindliche Neigung spürte, ward ihm dadurch 4 außerordentlich erleichtert.

5 Er fing nun an über seine Kleidung nachzudenken. 6 Er fand, daß ein Westchen, über das man im Nothfall 7 einen kurzen Mantel würfe, für einen Wanderer 8 eine sehr angemessene Tracht sei. Lange gestrickte 9 Beinkleider und ein Paar Schnürstiefeln schienen die 10 wahre Tracht eines Fußgängers. Dann verschaffte er 11 sich eine schöne seidne Schärpe, die er zuerst unter dem 12 Vorwande, den Leib warm zu halten, umband; dagegen 13 befreite er seinen Hals von der Knechtschaft einer 14 Binde, und ließ sich einige Streifen Nesseltuch an's 15 Hemde heften, die aber etwas breit geriethen, und das 16 völlige Ansehen eines antiken Kragens erhielten. Das 17 schöne seidne Halstuch, das gerettete Andenken Marianens, 18 lag nur locker geknüpft unter der nesseltuchnen 19 Krause. Ein runder Hut mit einem bunten Bande 20, 21 und einer großen Feder machte die Maskerade vollkommen.

22 Die Frauen betheuerten, diese Tracht lasse ihm 23 vorzüglich gut. Philine stellte sich ganz bezaubert 24 darüber, und bat sich seine schönen Haare aus, die er, 25 um dem natürlichen Ideal nur desto näher zu kommen, 26 unbarmherzig abgeschnitten hatte. Sie empfahl sich 27 dadurch nicht übel, und unser Freund, der durch seine 28 Freigebigkeit sich das Recht erworben hatte, auf Prinz 

[Seite 16]

1 Harry's Manier mit den Übrigen umzugehen, kam 2 bald selbst in den Geschmack, einige tolle Streiche anzugeben 3 und zu befördern. Man focht, man tanzte, 4 man erfand allerlei Spiele, und in der Fröhlichkeit 5 des Herzens genoß man des leidlichen Weins, den man 6 angetroffen hatte, in starkem Maße, und Philine 7 lauerte in der Unordnung dieser Lebensart dem spröden 8 Helden auf, für den sein guter Genius Sorge 9 tragen möge.

10 Eine vorzügliche Unterhaltung, mit der sich die 11 Gesellschaft besonders ergötzte, bestand in einem extemporirten 12 Spiel, in welchem sie ihre bisherigen Gönner 13 und Wohlthäter nachahmten und durchzogen. Einige 14 unter ihnen hatten sich sehr gut die Eigenheiten des 15 äußern Anstandes verschiedner vornehmer Personen 16 gemerkt, und die Nachbildung derselben ward von der 17 übrigen Gesellschaft mit dem größten Beifall aufgenommen, 18 und als Philine aus dem geheimen Archiv 19 ihrer Erfahrungen einige besondere Liebeserklärungen, 20 die an sie geschehen waren, vorbrachte, wußte man 21 sich vor Lachen und Schadenfreude kaum zu lassen.

22 Wilhelm schalt ihre Undankbarkeit; allein man 23 setzte ihm entgegen, daß sie das, was sie dort erhalten, 24 genugsam abverdient, und daß überhaupt das Betragen 25 gegen so verdienstvolle Leute, wie sie sich zu sein 26 rühmten, nicht das beste gewesen sei. Nun beschwerte 27 man sich, mit wie wenig Achtung man ihnen begegnet, 28 wie sehr man sie zurückgesetzt habe. Das Spotten, 

[Seite 17]

1 Necken und Nachahmen ging wieder an, und man ward 2 immer bitterer und ungerechter.

3 Ich wünschte, sagte Wilhelm darauf, daß durch 4 eure Äußerungen weder Neid noch Eigenliebe durchschiene, 5 und daß ihr jene Personen und ihre Verhältnisse 6 aus dem rechten Gesichtspuncte betrachtetet. Es 7 ist eine eigene Sache, schon durch die Geburt auf einen 8 erhabenen Platz in der menschlichen Gesellschaft gesetzt 9 zu sein. Wem ererbte Reichthümer eine vollkommene 10 Leichtigkeit des Daseins verschafft haben, wer sich, 11 wenn ich mich so ausdrücken darf, von allem Beiwesen 12 der Menschheit, von Jugend auf, reichlich umgeben 13 findet, gewöhnt sich meist, diese Güter als das Erste 14 und Größte zu betrachten, und der Werth einer von 15 der Natur schön ausgestatteten Menschheit wird ihm 16 nicht so deutlich. Das Betragen der Vornehmen gegen 17 Geringere, und auch unter einander, ist nach äußern 18 Vorzügen abgemessen; sie erlauben jedem seinen Titel, 19 seinen Rang, seine Kleider und Equipage, nur nicht 20 seine Verdienste geltend zu machen.

21 Diesen Worten gab die Gesellschaft einen unmäßigen 22 Beifall. Man fand abscheulich, daß der Mann 23 von Verdienst immer zurück stehen müsse, und daß in 24 der großen Welt keine Spur von natürlichem und 25 herzlichem Umgang zu finden sei. Sie kamen besonders 26 über diesen letzten Punct aus dem Hundertsten in's 27 Tausendste.

28 Scheltet sie nicht darüber, rief Wilhelm aus, bedauert 

[Seite 18]

1 sie vielmehr! Denn von jenem Glück, das wir 2 als das höchste erkennen, das aus dem innern Reichthum 3 der Natur fließt, haben sie selten eine erhöhte 4 Empfindung. Nur uns Armen, die wir wenig oder 5 nichts besitzen, ist es gegönnt, das Glück der Freundschaft 6 in reichem Maße zu genießen. Wir können 7 unsre Geliebten weder durch Gnade erheben, noch durch 8 Gunst befördern, noch durch Geschenke beglücken. Wir 9 haben nichts als uns selbst. Dieses ganze Selbst 10 müssen wir hingeben, und, wenn es einigen Werth 11 haben soll, dem Freunde das Gut auf ewig versichern. 12 Welch ein Genuß, welch ein Glück für den Geber und 13 Empfänger! In welchen seligen Zustand versetzt uns 14 die Treue! sie gibt dem vorübergehenden Menschenleben 15 eine himmlische Gewißheit; sie macht das Hauptcapital 16 unsers Reichthums aus.

17 Mignon hatte sich ihm unter diesen Worten genähert, 18 schlang ihre zarten Arme um ihn, und blieb 19 mit dem Köpfchen an seine Brust gelehnt stehen. Er 20 legte die Hand auf des Kindes Haupt, und fuhr fort: 21 Wie leicht wird es einem Großen, die Gemüther zu 22 gewinnen! wie leicht eignet er sich die Herzen zu. Ein 23 gefälliges, bequemes, nur einigermaßen menschliches 24 Betragen thut Wunder, und wie viele Mittel hat er, 25 die einmal erworbenen Geister fest zu halten. Uns 26 kommt alles seltner, wird alles schwerer, und wie 27 natürlich ist es, daß wir auf das, was wir erwerben 28 und leisten, einen größern Werth legen. Welche 

[Seite 19]

1 rührenden Beispiele von treuen Dienern, die sich für 2 ihre Herren aufopferten! Wie schön hat uns Shakespear 3 solche geschildert! Die Treue ist, in diesem 4 Falle, ein Bestreben einer edlen Seele, einem Größern 5 gleich zu werden. Durch fortdauernde Anhänglichkeit 6 und Liebe wird der Diener seinem Herrn gleich, der 7 ihn sonst nur als einen bezahlten Sclaven anzusehen 8 berechtigt ist. Ja, diese Tugenden sind nur für den 9 geringen Stand; er kann sie nicht entbehren, und sie 10 kleiden ihn schön. Wer sich leicht loskaufen kann, 11 wird so leicht versucht, sich auch der Erkenntlichkeit zu 12 überheben. Ja, in diesem Sinne glaube ich behaupten 13 zu können, daß ein Großer wohl Freunde haben, aber 14 nicht Freund sein könne.

15 Mignon drückte sich immer fester an ihn.

16 Nun gut, versetzte einer aus der Gesellschaft: Wir 17 brauchen ihre Freundschaft nicht, und haben sie niemals 18 verlangt. Nur sollten sie sich besser auf Künste 19 verstehen, die sie doch beschützen wollen. Wenn wir 20 am besten gespielt haben, hat uns niemand zugehört: 21 alles war lauter Parteilichkeit. Wem man günstig 22 war, der gefiel, und man war dem nicht günstig, der 23 zu gefallen verdiente. Es war nicht erlaubt, wie oft 24 das Alberne und Abgeschmackte Aufmerksamkeit und 25 Beifall auf sich zog.

26 Wenn ich abrechne, versetzte Wilhelm, was Schadenfreude 27 und Ironie gewesen sein mag; so denk' ich, 28 es geht in der Kunst, wie in der Liebe. Wie will der 

[Seite 20]

1 Weltmann bei seinem zerstreuten Leben die Innigkeit 2 erhalten, in der ein Künstler bleiben muß, wenn er 3 etwas Vollkommenes hervorzubringen denkt, und die 4 selbst demjenigen nicht fremd sein darf, der einen solchen 5 Antheil am Werke nehmen will, wie der Künstler ihn 6 wünscht und hofft.

7 Glaubt mir, meine Freunde, es ist mit den Talenten 8 wie mit der Tugend: man muß sie um ihrer 9 selbst willen lieben, oder sie ganz aufgeben. Und doch 10 werden sie beide nicht anders erkannt und belohnt, als 11 wenn man sie, gleich einem gefährlichen Geheimniß, 12 im Verborgnen üben kann.

13 Unterdessen, bis ein Kenner uns auffindet, kann 14 man Hungers sterben, rief einer aus der Ecke.

15 Nicht eben sogleich, versetzte Wilhelm. Ich habe 16 gesehen, so lange einer lebt und sich rührt, findet er 17 immer seine Nahrung, und wenn sie auch gleich nicht 18 die reichlichste ist. Und worüber habt ihr euch denn 19 zu beschweren? Sind wir nicht ganz unvermuthet, 20 eben da es mit uns am schlimmsten aussah, gut aufgenommen 21 und bewirthet worden? Und jetzt, da es 22 uns noch an nichts gebricht, fällt es uns denn ein, 23 etwas zu unserer Übung zu thun, und nur einigermaßen 24 weiter zu streben? Wir treiben fremde Dinge, 25 und entfernen, den Schulkindern ähnlich, alles, was 26 uns nur an unsre Lection erinnern könnte.

27 Wahrhaftig, sagte Philine, es ist unverantwortlich! 28 Laßt uns ein Stück wählen; wir wollen es auf der 

[Seite 21]

1 Stelle spielen. Jeder muß sein Möglichstes thun, als 2 wenn er vor dem größten Auditorium stünde.

3 Man überlegte nicht lange; das Stück ward bestimmt. 4 Es war eines derer, die damals in Deutschland 5 großen Beifall fanden, und nun verschollen sind. 6 Einige pfiffen eine Symphonie, jeder besann sich schnell 7 auf seine Rolle, man fing an und spielte mit der 8 größten Aufmerksamkeit das Stück durch, und wirklich 9 über Erwartung gut. Man applaudirte sich wechselsweise; 10 man hatte sich selten so wohl gehalten.

11 Als sie fertig waren, empfanden sie alle ein ausnehmendes 12 Vergnügen, theils über ihre wohlzugebrachte 13 Zeit, theils weil jeder besonders mit sich zufrieden 14 sein konnte. Wilhelm ließ sich weitläufig zu 15 ihrem Lobe heraus, und ihre Unterhaltung war heiter 16 und fröhlich.

17 Ihr solltet sehen, rief unser Freund, wie weit wir 18 kommen müßten, wenn wir unsre Übungen auf diese 19 Art fortsetzten, und nicht bloß auf Auswendiglernen, 20 Probiren und Spielen uns mechanisch pflicht- und 21 handwerksmäßig einschränkten. Wie viel mehr Lob 22 verdienen die Tonkünstler, wie sehr ergötzen sie sich, 23 wie genau sind sie, wenn sie gemeinschaftlich ihre 24 Übungen vornehmen! Wie sind sie bemüht, ihre Instrumente 25 übereinzustimmen, wie genau halten sie 26 Tact, wie zart wissen sie die Stärke und Schwäche 27 des Tons auszudrücken! Keinem fällt es ein, sich bei 28 dem Solo eines andern durch ein vorlautes Accompagniren 

[Seite 22]

1 Ehre zu machen. Jeder sucht in dem Geist 2 und Sinne des Componisten zu spielen, und jeder das, 3 was ihm aufgetragen ist, es mag viel oder wenig sein, 4 gut auszudrücken. Sollten wir nicht eben so genau 5 und eben so geistreich zu Werke gehen, da wir eine 6 Kunst treiben, die noch viel zarter, als jede Art von 7 Musik ist, da wir die gewöhnlichsten und seltensten 8 Äußerungen der Menschheit geschmackvoll und ergötzend 9 darzustellen berufen sind? Kann etwas abscheulicher 10 sein, als in den Proben zu sudeln, und sich bei der 11 Vorstellung auf Laune und gut Glück zu verlassen? 12 Wir sollten unser größtes Glück und Vergnügen darein 13 setzen, mit einander übereinzustimmen, um uns wechselsweise 14 zu gefallen, und auch nur in so fern den Beifall 15 des Publicums zu schätzen, als wir ihn uns gleichsam 16 unter einander schon selbst garantirt hätten. Warum 17 ist der Capellmeister seines Orchesters gewisser, als der 18 Director seines Schauspiels? Weil dort jeder sich 19 seines Mißgriffs, der das äußere Ohr beleidigt, schämen 20 muß; aber wie selten hab' ich einen Schauspieler verzeihliche 21 und unverzeihliche Mißgriffe, durch die das 22 innere Ohr so schnöde beleidigt wird, anerkennen und 23 sich ihrer schämen sehen! Ich wünschte nur, daß das 24 Theater so schmal wäre, als der Draht eines Seiltänzers, 25 damit sich kein Ungeschickter hinauf wagte, 26 anstatt daß jetzo ein jeder sich Fähigkeit genug fühlt, 27 darauf zu paradiren.

28 Die Gesellschaft nahm diese Apostrophe gut auf, 

[Seite 23]

1 indem jeder überzeugt war, daß nicht von ihm die 2 Rede sein könne, da er sich noch vor kurzem nebst den 3 Übrigen so gut gehalten. Man kam vielmehr überein, 4 daß man in dem Sinne, wie man angefangen, auf 5 dieser Reise und künftig, wenn man zusammen bliebe, 6 eine gesellige Bearbeitung wolle obwalten lassen. Man 7 fand nur, daß weil dieses eine Sache der guten Laune 8 und des freien Willens sei, so müsse sich eigentlich 9 kein Director darein mischen. Man nahm als ausgemacht 10 an, daß unter guten Menschen die republicanische 11 Form die beste sei; man behauptete, das Amt 12 eines Directors müsse herumgehen; er müsse von allen 13 gewählt werden, und eine Art von kleinem Senat ihm 14 jederzeit beigesetzt bleiben. Sie waren so von diesem 15 Gedanken eingenommen, daß sie wünschten, ihn gleich 16 in's Werk zu richten.

17 Ich habe nichts dagegen, sagte Melina, wenn ihr 18 auf der Reise einen solchen Versuch machen wollt; ich 19 suspendire meine Directorschaft gern, bis wir wieder 20 an Ort und Stelle kommen. Er hoffte, dabei zu 21 sparen, und manche Ausgaben der kleinen Republik 22 oder dem Interimsdirector aufzuwälzen. Nun ging 23 man sehr lebhaft zu Rathe, wie man die Form des 24 neuen Staates auf's beste einrichten wolle.

25 Es ist ein wanderndes Reich, sagte Laertes; wir 26 werden wenigstens keine Gränzstreitigkeiten haben.

27 Man schritt sogleich zur Sache, und erwählte 28 Wilhelmen zum ersten Director. Der Senat ward 

[Seite 24]

1 bestellt, die Frauen erhielten Sitz und Stimme, man 2 schlug Gesetze vor, man verwarf, man genehmigte. 3 Die Zeit ging unvermerkt unter diesem Spiele vorüber, 4 und weil man sie angenehm zubrachte, glaubte 5 man auch wirklich etwas Nützliches gethan und durch 6 die neue Form eine neue Aussicht für die vaterländische 7 Bühne eröffnet zu haben.



[Seite 25]



1 
Drittes Capitel.

[Lesarten]  2 Wilhelm hoffte nunmehr, da er die Gesellschaft in 3 so guter Disposition sah, sich auch mit ihr über das 4 dichterische Verdienst der Stücke unterhalten zu können. 5 Es ist nicht genug, sagte er zu ihnen, als sie des 6 andern Tages wieder zusammen kamen, daß der Schauspieler 7 ein Stück nur so obenhin ansehe, dasselbe nach 8 dem ersten Eindruck beurtheile, und ohne Prüfung 9 seinen Gefallen oder Mißfallen daran zu erkennen gebe. 10 Dieß ist dem Zuschauer wohl erlaubt, der gerührt 11 und unterhalten sein, aber eigentlich nicht urtheilen 12 will. Der Schauspieler dagegen soll von dem Stücke 13 und von den Ursachen seines Lobes und Tadels Rechenschaft 14 geben können: und wie will er das, wenn er 15 nicht in den Sinn seines Autors, wenn er nicht in 16 die Absichten desselben einzudringen versteht? Ich habe 17 den Fehler, ein Stück aus einer Rolle zu beurtheilen, 18 eine Rolle nur an sich und nicht im Zusammenhange 19 mit dem Stück zu betrachten, an mir selbst in diesen 20 Tagen so lebhaft bemerkt, daß ich euch das Beispiel 21 erzählen will, wenn ihr mir ein geneigtes Gehör 22 gönnen wollt.



[Seite 26]

1 Ihr kennt Shakespears unvergleichlichen Hamlet 2 aus einer Vorlesung, die euch schon auf dem Schlosse 3 das größte Vergnügen machte. Wir setzten uns vor, 4 das Stück zu spielen, und ich hatte, ohne zu wissen 5 was ich that, die Rolle des Prinzen übernommen; ich 6 glaubte sie zu studieren, indem ich anfing, die stärksten 7 Stellen, die Selbstgespräche und jene Auftritte zu 8 memoriren, in denen Kraft der Seele, Erhebung des 9 Geistes und Lebhaftigkeit freien Spielraum haben, wo 10 das bewegte Gemüth sich in einem gefühlvollen Ausdrucke 11 zeigen kann.

12 Auch glaubte ich recht in den Geist der Rolle einzudringen, 13 wenn ich die Last der tiefen Schwermuth 14 gleichsam selbst auf mich nähme, und unter diesem 15 Druck meinem Vorbilde durch das seltsame Labyrinth 16 so mancher Launen und Sonderbarkeiten zu folgen 17 suchte. So memorirte ich, und so übte ich mich, und 18 glaubte nach und nach mit meinem Helden zu einer 19 Person zu werden.

20 Allein je weiter ich kam, desto schwerer ward mir 21 die Vorstellung des Ganzen, und mir schien zuletzt 22 fast unmöglich, zu einer Übersicht zu gelangen. Nun 23 ging ich das Stück in einer ununterbrochenen Folge 24 durch, und auch da wollte mir leider manches nicht 25 passen. Bald schienen sich die Charaktere, bald der 26 Ausdruck zu widersprechen, und ich verzweifelte fast, 27 einen Ton zu finden, in welchem ich meine ganze Rolle 28 mit allen Abweichungen und Schattirungen vortragen 

[Seite 27]

1 könnte. In diesen Irrgängen bemühte ich mich lange 2 vergebens, bis ich mich endlich auf einem ganz besondern 3 Wege meinem Ziele zu nähern hoffte.

4 Ich suchte jede Spur auf, die sich von dem Charakter 5 Hamlets in früher Zeit vor dem Tode seines 6 Vaters zeigte; ich bemerkte, was unabhängig von dieser 7 traurigen Begebenheit, unabhängig von den nachfolgenden 8 schrecklichen Ereignissen, dieser interessante 9 Jüngling gewesen war, und was er ohne sie vielleicht 10 geworden wäre.

11 Zart und edel entsprossen wuchs die königliche 12 Blume, unter den unmittelbaren Einflüssen der Majestät, 13 hervor; der Begriff des Rechts und der fürstlichen 14 Würde, das Gefühl des Guten und Anständigen 15 mit dem Bewußtsein der Höhe seiner Geburt, entwickelten 16 sich zugleich in ihm. Er war ein Fürst, 17 ein geborner Fürst, und wünschte zu regieren, nur 18 damit der Gute ungehindert gut sein möchte. Angenehm 19 von Gestalt, gesittet von Natur, gefällig von 20 Herzen aus, sollte er das Muster der Jugend sein und 21 die Freude der Welt werden.

22 Ohne irgend eine hervorstechende Leidenschaft war 23 seine Liebe zu Ophelien ein stilles Vorgefühl süßer 24 Bedürfnisse; sein Eifer zu ritterlichen Übungen war 25 nicht ganz original; vielmehr mußte diese Lust, durch 26 das Lob, das man dem Dritten beilegte, geschärft und 27 erhöht werden; rein fühlend kannte er die Redlichen, 28 und wußte die Ruhe zu schätzen, die ein aufrichtiges 

[Seite 28]

1 Gemüth an dem offnen Busen eines Freundes genießt. 2 Bis auf einen gewissen Grad hatte er in Künsten 3 und Wissenschaften das Gute und Schöne erkennen 4 und würdigen gelernt; das Abgeschmackte war ihm zuwider, 5 und wenn in seiner zarten Seele der Haß aufkeimen 6 konnte, so war es nur eben so viel als nöthig 7 ist, um bewegliche und falsche Höflinge zu verachten, 8 und spöttisch mit ihnen zu spielen. Er war gelassen 9 in seinem Wesen, in seinem Betragen einfach, weder 10 im Müßiggange behaglich, noch allzubegierig nach Beschäftigung. 11 Ein akademisches Hinschlendern schien er 12 auch bei Hofe fortzusetzen. Er besaß mehr Fröhlichkeit 13 der Laune als des Herzens, war ein guter Gesellschafter, 14 nachgiebig, bescheiden, besorgt, und konnte 15 eine Beleidigung vergeben und vergessen; aber niemals 16 konnte er sich mit dem vereinigen, der die Gränzen 17 des Rechten, des Guten, des Anständigen überschritt.

18 Wenn wir das Stück wieder zusammen lesen werden, 19 könnt ihr beurtheilen, ob ich auf dem rechten 20 Wege bin. Wenigstens hoffe ich meine Meinung 21 durchaus mit Stellen belegen zu können.

22 Man gab der Schilderung lauten Beifall; man 23 glaubte voraus zu sehen, daß sich nun die Handelsweise 24 Hamlets gar gut werde erklären lassen; man 25 freute sich über diese Art, in den Geist des Schriftstellers 26 einzudringen. Jeder nahm sich vor, auch irgend 27 ein Stück auf diese Art zu studieren und den Sinn 28 des Verfassers zu entwickeln.



[Seite 29]



1 
Viertes Capitel.

[Lesarten]  2 Nur einige Tage mußte die Gesellschaft an dem 3 Orte liegen bleiben, und sogleich zeigten sich für verschiedene 4 Glieder derselben nicht unangenehme Abenteuer, 5 besonders aber ward Laertes von einer Dame angereizt, 6 die in der Nachbarschaft ein Gut hatte, gegen 7 die er sich aber äußerst kalt, ja unartig betrug, und 8 darüber von Philinen viele Spöttereien erdulden mußte. 9 Sie ergriff die Gelegenheit, unserm Freund die unglückliche 10 Liebesgeschichte zu erzählen, über die der arme 11 Jüngling dem ganzen weiblichen Geschlechte feind geworden 12 war. Wer wird ihm übel nehmen, rief sie 13 aus, daß er ein Geschlecht haßt, das ihm so übel 14 mitgespielt hat, und ihm alle Übel, die sonst Männer 15 von Weibern zu befürchten haben, in einem sehr concentrirten 16 Tranke zu verschlucken gab? Stellen Sie 17 sich vor: binnen vier und zwanzig Stunden war er 18 Liebhaber, Bräutigam, Ehmann, Hahnrei, Patient 19 und Wittwer! Ich wüßte nicht, wie man's einem 20 ärger machen wollte.

21 Laertes lief halb lachend, halb verdrießlich zur 22 Stube hinaus, und Philine fing in ihrer allerliebsten 23 Art die Geschichte zu erzählen an, wie Laertes als ein 

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1 junger Mensch von achtzehn Jahren, eben als er bei 2 einer Theatergesellschaft eingetroffen, ein schönes vierzehnjähriges 3 Mädchen gefunden, die eben mit ihrem 4 Vater, der sich mit dem Director entzweiet, abzureisen 5 Willens gewesen. Er habe sich aus dem Stegreife 6 sterblich verliebt, dem Vater alle möglichen Vorstellungen 7 gethan zu bleiben, und endlich versprochen das 8 Mädchen zu heirathen. Nach einigen angenehmen 9 Stunden des Brautstandes sei er getraut worden, habe 10 eine glückliche Nacht als Ehmann zugebracht, darauf 11 habe ihn seine Frau des andern Morgens, als er in 12 der Probe gewesen, nach Standesgebühr mit einem 13 Hörnerschmuck beehrt; weil er aber aus allzugroßer 14 Zärtlichkeit viel zu früh nach Hause geeilt, habe er 15 leider einen ältern Liebhaber an seiner Stelle gefunden, 16 habe mit unsinniger Leidenschaft drein geschlagen, Liebhaber 17 und Vater herausgefordert, und sei mit einer 18 leidlichen Wunde davon gekommen. Vater und Tochter 19 seien darauf noch in der Nacht abgereis't, und er sei 20 leider auf eine doppelte Weise verwundet zurück geblieben. 21 Sein Unglück habe ihn zu dem schlechtesten 22 Feldscheer von der Welt geführt, und der Arme sei 23 leider mit schwarzen Zähnen und triefenden Augen 24 aus diesem Abenteuer geschieden. Er sei zu bedauern, 25 weil er übrigens der bravste Junge sei, den Gottes 26 Erdboden trüge. Besonders, sagte sie, thut es mir 27 leid, daß der arme Narr nun die Weiber haßt: denn 28 wer die Weiber haßt, wie kann der leben?



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1 Melina unterbrach sie mit der Nachricht, daß alles 2 zum Transport völlig bereit sei, und daß sie morgen 3 früh abfahren könnten. Er überreichte ihnen eine 4 Disposition, wie sie fahren sollten.

5 Wenn mich ein guter Freund auf den Schoß 6 nimmt, sagte Philine, so bin ich zufrieden, daß wir 7 eng und erbärmlich sitzen; übrigens ist mir alles 8 einerlei.

9 Es thut nichts, sagte Laertes, der auch herbei kam.

10 Es ist verdrießlich! sagte Wilhelm, und eilte weg. 11 Er fand für sein Geld noch einen gar bequemen 12 Wagen, den Melina verläugnet hatte. Eine andere 13 Eintheilung ward gemacht, und man freute sich, bequem 14 abreisen zu können, als die bedenkliche Nachricht 15 einlief: daß auf dem Wege, den sie nehmen wollten, 16 sich ein Freicorps sehen lasse, von dem man nicht viel 17 Gutes erwartete.

18 An dem Orte selbst war man sehr auf diese Zeitung 19 aufmerksam, wenn sie gleich nur schwankend und zweideutig 20 war. Nach der Stellung der Armeen schien es 21 unmöglich, daß ein feindliches Corps sich habe durchschleichen, 22 oder daß ein freundliches so weit habe 23 zurückbleiben können. Jedermann war eifrig unsrer 24 Gesellschaft die Gefahr, die auf sie wartete, recht gefährlich 25 zu beschreiben, und ihr einen andern Weg 26 anzurathen.

27 Die Meisten waren darüber in Unruhe und Furcht 28 gesetzt, und als nach der neuen republicanischen Form 

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1 die sämmtlichen Glieder des Staats zusammen gerufen 2 wurden, um über diesen außerordentlichen Fall zu 3 berathschlagen, waren sie fast einstimmig der Meinung, 4 daß man das Übel vermeiden und am Orte bleiben, 5 oder ihm ausweichen und einen andern Weg erwählen 6 müsse.

7 Nur Wilhelm, von Furcht nicht eingenommen, 8 hielt für schimpflich, einen Plan, in den man mit so 9 viel Überlegung eingegangen war, nunmehr auf ein 10 bloßes Gerücht aufzugeben. Er sprach ihnen Muth 11, 12 ein, und seine Gründe waren männlich und überzeugend.

13 Noch, sagte er, ist es nichts als ein Gerücht, und 14 wie viele dergleichen entstehen im Kriege! Verständige 15 Leute sagen, daß der Fall höchst unwahrscheinlich, ja 16 beinah unmöglich sei. Sollten wir uns in einer so 17 wichtigen Sache bloß durch ein so ungewisses Gerede 18 bestimmen lassen? Die Route, welche uns der Herr 19 Graf angegeben hat, auf die unser Paß lautet, ist die 20 kürzeste, und wir finden auf selbiger den besten Weg. 21 Sie führt uns nach der Stadt, wo ihr Bekanntschaften, 22 Freunde vor euch seht, und eine gute Aufnahme zu 23 hoffen habt. Der Umweg bringt uns auch dahin, 24 aber in welche schlimmen Wege verwickelt er uns, wie 25 weit führt er uns ab! Können wir Hoffnung haben, 26 uns in der späten Jahrszeit wieder heraus zu finden, 27 und was für Zeit und Geld werden wir indessen versplittern! 28 Er sagte noch viel, und trug die Sache 

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1 von so mancherlei vortheilhaften Seiten vor, daß ihre 2 Furcht sich verringerte, und ihr Muth zunahm. Er 3 wußte ihnen so viel von der Mannszucht der regelmäßigen 4 Truppen vorzusagen, und ihnen die Marodeurs 5 und das hergelaufene Gesindel so nichtswürdig 6 zu schildern, und selbst die Gefahr so lieblich und 7 lustig darzustellen, daß alle Gemüther aufgeheitert 8 wurden.

9 Laertes war vom ersten Moment an auf seiner 10 Seite, und versicherte, daß er nicht wanken noch weichen 11 wolle. Der alte Polterer fand wenigstens einige übereinstimmende 12 Ausdrücke in seiner Manier, Philine 13 lachte sie alle zusammen aus, und da Madame Melina, 14 die, ihrer hohen Schwangerschaft ungeachtet, ihre 15 natürliche Herzhaftigkeit nicht verloren hatte, den Vorschlag 16 heroisch fand; so konnte Melina, der denn 17 freilich auf dem nächsten Wege, auf den er accordirt 18 hatte, viel zu sparen hoffte, nicht widerstehen, und man 19 willigte in den Vorschlag von ganzem Herzen.

20 Nun fing man an, sich auf alle Fälle zur Vertheidigung 21 einzurichten. Man kaufte große Hirschfänger, 22 und hing sie an wohlgestickten Riemen über 23 die Schultern. Wilhelm steckte noch überdieß ein Paar 24 Terzerole in den Gürtel; Laertes hatte ohnedem eine 25 gute Flinte bei sich, und man machte sich mit einer 26 hohen Freudigkeit auf den Weg.

27 Den zweiten Tag schlugen die Fuhrleute, die der 28 Gegend wohl kundig waren, vor: sie wollten auf einem 

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1 waldigen Bergplatze Mittagsruhe halten, weil das 2 Dorf weit abgelegen sei, und man bei guten Tagen 3 gern diesen Weg nähme.

4 Die Witterung war schön, und jedermann stimmte 5 leicht in den Vorschlag ein. Wilhelm eilte zu Fuß 6 durch das Gebirge voraus, und über seine sonderbare 7 Gestalt mußte jeder, der ihm begegnete, stutzig werden. 8 Er eilte mit schnellen und zufriedenen Schritten den 9 Wald hinauf, Laertes pfiff hinter ihm drein, nur die 10 Frauen ließen sich in den Wagen fortschleppen. 11 Mignon lief gleichfalls nebenher, stolz auf den Hirschfänger, 12 den man ihr, als die Gesellschaft sich bewaffnete, 13 nicht abschlagen konnte. Um ihren Hut 14 hatte sie die Perlenschnur gewunden, die Wilhelm von 15 Marianens Reliquien übrig behalten hatte. Friedrich 16 der Blonde trug die Flinte des Laertes, der Harfner 17 hatte das friedlichste Ansehen. Sein langes Kleid 18 war in den Gürtel gesteckt, und so ging er freier. 19 Er stützte sich auf einen knotigen Stab, sein Instrument 20 war bei den Wagen zurück geblieben.

21 Nachdem sie nicht ganz ohne Beschwerlichkeit die 22 Höhe erstiegen, erkannten sie sogleich den angezeigten 23 Platz an den schönen Buchen, die ihn umgaben und 24 bedeckten. Eine große, sanft abhängige Waldwiese lud 25 zum Bleiben ein; eine eingefaßte Quelle bot die lieblichste 26 Erquickung dar, und es zeigte sich an der andern 27 Seite durch Schluchten und Waldrücken eine ferne, 28 schöne und hoffnungsvolle Aussicht. Da lagen Dörfer 

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1 und Mühlen in den Gründen, Städtchen in der 2 Ebene, und neue, in der Ferne eintretende Berge 3 machten die Aussicht noch hoffnungsvoller, indem sie 4 nur wie eine sanfte Beschränkung hereintraten.

5 Die ersten Ankommenden nahmen Besitz von der 6 Gegend, ruhten im Schatten aus, machten ein Feuer 7 an, und erwarteten geschäftig, singend, die übrige 8 Gesellschaft, welche nach und nach herbei kam, und 9 den Platz, das schöne Wetter, die unaussprechlich schöne 10 Gegend mit Einem Munde begrüßte.



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Fünftes Capitel.

[Lesarten]  2 Hatte man oft zwischen vier Wänden gute und 3 fröhliche Stunden zusammen genossen; so war man 4 natürlich noch viel aufgeweckter hier, wo die Freiheit 5 des Himmels und die Schönheit der Gegend jedes 6 Gemüth zu reinigen schien. Alle fühlten sich einander 7 näher, alle wünschten in einem so angenehmen Aufenthalt 8 ihr ganzes Leben hinzubringen. Man beneidete 9 die Jäger, Köhler und Holzhauer, Leute, die ihr Beruf 10 in diesen glücklichen Wohnplätzen fest hält; über 11 alles aber pries man die reizende Wirthschaft eines 12 Zigeunerhaufens. Man beneidete die wunderlichen 13 Gesellen, die in seligem Müßiggange alle abenteuerlichen 14 Reize der Natur zu genießen berechtigt sind; 15 man freute sich, ihnen einigermaßen ähnlich zu sein.

16 Indessen hatten die Frauen angefangen Erdäpfel 17 zu sieden und die mitgebrachten Speisen auszupacken 18 und zu bereiten. Einige Töpfe standen bei'm Feuer, 19 gruppenweise lagerte sich die Gesellschaft unter den 20 Bäumen und Büschen. Ihre seltsamen Kleidungen 21 und die mancherlei Waffen gaben ihr ein fremdes 22 Ansehen. Die Pferde wurden bei Seite gefüttert, und 

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1 wenn man die Kutschen hätte verstecken wollen, so 2 wäre der Anblick dieser kleinen Horde bis zur Illusion 3 romantisch gewesen.

4 Wilhelm genoß ein nie gefühltes Vergnügen. Er 5 konnte hier eine wandernde Colonie und sich als Anführer 6 derselben denken. In diesem Sinne unterhielt 7 er sich mit einem jeden und bildete den Wahn des 8 Moments so poetisch als möglich aus. Die Gefühle 9 der Gesellschaft erhöhten sich; man aß, trank und 10 jubilirte, und bekannte wiederholt, niemals schönere 11 Augenblicke erlebt zu haben.

12 Nicht lange hatte das Vergnügen zugenommen, als 13 bei den jungen Leuten die Thätigkeit erwachte. Wilhelm 14 und Laertes griffen zu den Rapieren, und fingen 15 dießmal in theatralischer Absicht ihre Übungen an. 16 Sie wollten den Zweikampf darstellen, in welchem 17 Hamlet und sein Gegner ein so tragisches Ende nehmen. 18 Beide Freunde waren überzeugt, daß man in dieser 19 wichtigen Scene nicht, wie es wohl auf Theatern zu 20 geschehen pflegt, nur ungeschickt hin und wieder stoßen 21 dürfe: sie hofften ein Muster darzustellen, wie man, 22 bei der Aufführung, auch dem Kenner der Fechtkunst 23 ein würdiges Schauspiel zu geben habe. Man schloß 24 einen Kreis um sie her; beide fochten mit Eifer und 25 Einsicht, das Interesse der Zuschauer wuchs mit 26 jedem Gange.

27 Auf einmal aber fiel im nächsten Busche ein Schuß, 28 und gleich darauf noch einer, und die Gesellschaft fuhr 

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1 erschreckt aus einander. Bald erblickte man bewaffnete 2 Leute, die auf den Ort zudrangen, wo die Pferde 3, 4 nicht weit von den bepackten Kutschen ihr Futter einnahmen.

5 Ein allgemeiner Schrei entfuhr dem weiblichen 6 Geschlechte, unsre Helden warfen die Rapiere weg, 7 griffen nach den Pistolen, eilten den Räubern entgegen, 8 und forderten, unter lebhaften Drohungen, Rechenschaft 9 des Unternehmens.

10 Als man ihnen lakonisch mit ein paar Musketenschüssen 11 antwortete, drückte Wilhelm seine Pistole auf 12 einen Krauskopf ab, der den Wagen erstiegen hatte, 13 und die Stricke des Gepäckes aus einander schnitt. 14 Wohlgetroffen stürzte er sogleich herunter; Laertes 15 hatte auch nicht fehl geschossen, und beide Freunde 16 zogen beherzt ihre Seitengewehre, als ein Theil der 17 räuberischen Bande mit Fluchen und Gebrüll auf sie 18 losbrach, einige Schüsse auf sie that, und sich mit 19 blinkenden Säbeln ihrer Kühnheit entgegen setzte. 20 Unsre jungen Helden hielten sich tapfer; sie riefen 21 ihren übrigen Gesellen zu, und munterten sie zu einer 22 allgemeinen Vertheidigung auf. Bald aber verlor 23 Wilhelm den Anblick des Lichtes, und das Bewußtsein 24 dessen, was vorging. Von einem Schuß, der ihn 25 zwischen der Brust und dem linken Arm verwundete, 26 von einem Hiebe, der ihm den Hut spaltete, und fast 27 bis auf die Hirnschale durchdrang, betäubt, fiel er 28 nieder, und mußte das unglückliche Ende des Überfalls 

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1, 2 nur erst in der Folge aus der Erzählung vernahmen.

3 Als er die Augen wieder aufschlug, befand er sich 4 in der wunderbarsten Lage. Das Erste, was ihm 5 durch die Dämmerung, die noch vor seinen Augen lag, 6 entgegen blickte, war das Gesicht Philinens, das sich 7 über das seine herüber neigte. Er fühlte sich schwach, 8 und da er, um sich empor zu richten, eine Bewegung 9 machte, fand er sich in Philinens Schoß, in den er 10 auch wieder zurück sank. Sie saß auf dem Rasen, 11 hatte den Kopf des vor ihr ausgestreckten Jünglings 12 leise an sich gedrückt, und ihm in ihren Armen, so 13 viel sie konnte, ein sanftes Lager bereitet. Mignon 14 kniete mit zerstreuten blutigen Haaren an seinen 15 Füßen, und umfaßte sie mit vielen Thränen.

16 Als Wilhelm seine blutigen Kleider ansah, fragte 17 er mit gebrochener Stimme, wo er sich befinde, was 18 ihm und den andern begegnet sei? Philine bat ihn, 19 ruhig zu bleiben; die Übrigen, sagte sie, seien alle in 20 Sicherheit, und niemand als er und Laertes verwundet. 21 Weiter wollte sie nichts erzählen, und bat ihn inständig, 22 er möchte sich ruhig halten, weil seine Wunden 23 nur schlecht und in der Eile verbunden seien. Er 24 reichte Mignon die Hand, und erkundigte sich nach der 25 Ursache der blutigen Locken des Kindes, das er auch 26 verwundet glaubte.

27 Um ihn zu beruhigen, erzählte Philine: dieses gutherzige 28 Geschöpf, da es seinen Freund verwundet gesehen, 

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1 habe sich in der Geschwindigkeit auf nichts besonnen, 2 um das Blut zu stillen, es habe seine eigenen 3 Haare die um den Kopf geflogen, genommen, um die 4 Wunden zu stopfen, habe aber bald von dem vergeblichen 5 Unternehmen abstehen müssen. Nachher verband 6 man ihn mit Schwamm und Moos, Philine hatte 7 dazu ihr Halstuch hergegeben.

8 Wilhelm bemerkte, daß Philine mit dem Rücken 9 gegen ihren Koffer saß, der noch ganz wohl verschlossen 10 und unbeschädigt aussah. Er fragte, ob die andern 11 auch so glücklich gewesen, ihre Habseligkeiten zu retten? 12 Sie antwortete mit Achselzucken und einem Blick auf 13 die Wiese, wo zerbrochene Kasten, zerschlagene Koffer, 14 zerschnittene Mantelsäcke und eine Menge kleiner Geräthschaften 15 zerstreut hin und wieder lagen. Kein 16 Mensch war auf dem Platze zu sehen, und die wunderliche 17 Gruppe fand sich in dieser Einsamkeit allein.

18 Wilhelm erfuhr nun immer mehr, als er wissen 19 wollte: die übrigen Männer, die allenfalls noch Widerstand 20 hätten thun können, waren gleich in Schrecken 21 gesetzt und bald überwältigt; ein Theil floh, ein Theil 22 sah mit Entsetzen dem Unfalle zu. Die Fuhrleute, 23 die sich noch wegen ihrer Pferde am hartnäckigsten 24 gehalten hatten, wurden niedergeworfen und gebunden, 25 und in kurzem war alles rein ausgeplündert und weggeschleppt. 26 Die beängstigten Reisenden fingen, sobald 27 die Sorge für ihr Leben vorüber war, ihren Verlust 28 zu bejammern an, eilten, mit möglichster Geschwindigkeit, 

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1 dem benachbarten Dorfe zu, führten den leicht 2 verwundeten Laertes mit sich und brachten nur wenige 3 Trümmer ihrer Besitzthümer davon. Der Harfner 4 hatte sein beschädigtes Instrument an einen Baum 5 gelehnt, und war mit nach dem Orte geeilt, einen 6 Wundarzt aufzusuchen, und seinem für todt zurückgelassenen 7 Wohlthäter nach Möglichkeit beizuspringen.



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Sechstes Capitel.

[Lesarten]  2 Unsre drei verunglückten Abenteurer blieben indeß 3 noch eine Zeitlang in ihrer seltsamen Lage, niemand 4 eilte ihnen zu Hülfe. Der Abend kam herbei, die 5 Nacht drohte hereinzubrechen; Philinens Gleichgültigkeit 6 fing an in Unruhe überzugehen, Mignon lief hin 7 und wieder, und die Ungeduld des Kindes nahm mit 8 jedem Augenblicke zu. Endlich, da ihnen ihr Wunsch 9 gewährt ward, und Menschen sich ihnen näherten, 10 überfiel sie ein neuer Schrecken. Sie hörten ganz 11 deutlich einen Trupp Pferde in dem Wege herauf 12 kommen, den auch sie zurückgelegt hatten, und fürchteten, 13 daß abermals eine Gesellschaft ungebetener Gäste 14 diesen Wahlplatz besuchen möchte, um Nachlese zu 15 halten.

16 Wie angenehm wurden sie dagegen überrascht, als 17 ihnen aus den Büschen, auf einem Schimmel reitend, 18 ein Frauenzimmer zu Gesichte kam, die von einem 19 ältlichen Herrn und einigen Cavalieren begleitet wurde; 20 Reitknechte, Bedienten und ein Trupp Husaren folgten 21 nach.



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1 Philine, die zu dieser Erscheinung große Augen 2 machte, war eben im Begriff zu rufen und die schöne 3 Amazone um Hülfe anzuflehen, als diese schon erstaunt 4 ihre Augen nach der wunderbaren Gruppe wendete, 5 sogleich ihr Pferd lenkte, herzuritt und stille hielt. 6 Sie erkundigte sich eifrig nach dem Verwundeten, dessen 7 Lage, in dem Schoße der leichtfertigen Samariterin, 8 ihr höchst sonderbar vorzukommen schien.

9 Ist es Ihr Mann? fragte sie Philinen. Es ist 10 nur ein guter Freund, versetzte diese mit einem Ton, 11 der Wilhelmen höchst zuwider war. Er hatte seine 12 Augen auf die sanften, hohen, stillen, theilnehmenden 13 Gesichtszüge der Ankommenden geheftet; er glaubte 14 nie etwas Edleres noch Liebenswürdigeres gesehen zu 15 haben. Ein weiter Mannsüberrock verbarg ihm ihre 16 Gestalt; sie hatte ihn, wie es schien, gegen die Einflüsse 17 der kühlen Abendluft, von einem ihrer Gesellschafter 18 geborgt.

19 Die Ritter waren indeß auch näher gekommen; 20 einige stiegen ab, die Dame that ein Gleiches, und 21 fragte, mit menschenfreundlicher Theilnehmung, nach 22 allen Umständen des Unfalls, der die Reisenden betroffen 23 hatte, besonders aber nach den Wunden des 24 hingestreckten Jünglings. Darauf wandte sie sich 25 schnell um, und ging mit einem alten Herrn seitwärts 26 nach den Wagen, welche langsam den Berg herauf 27 kamen, und auf dem Wahlplatze stille hielten.

28 Nachdem die junge Dame eine kurze Zeit am 

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1 Schlage der einen Kutsche gestanden, und sich mit 2 den Ankommenden unterhalten hatte, stieg ein Mann 3 von untersetzter Gestalt heraus, den sie zu unserm 4 verwundeten Helden führte. An dem Kästchen, das 5 er in der Hand hatte, und an der ledernen Tasche 6 mit Instrumenten erkannte man ihn bald für einen 7 Wundarzt. Seine Manieren waren mehr rauh als 8 einnehmend, doch seine Hand leicht, und seine Hülfe 9 willkommen.

10 Er untersuchte genau, erklärte, keine Wunde sei 11 gefährlich, er wolle sie auf der Stelle verbinden, alsdann 12 könne man den Kranken in das nächste Dorf 13 bringen.

14 Die Besorgnisse der jungen Dame schienen sich zu 15 vermehren. Sehen Sie nur, sagte sie, nachdem sie 16 einigemal hin- und hergegangen war, und den alten 17 Herrn wieder herbei führte, sehen Sie, wie man ihn 18 zugerichtet hat! Und leidet er nicht um unsertwillen? 19 Wilhelm hörte diese Worte, und verstand sie nicht. 20 Sie ging unruhig hin und wieder; es schien, als 21 könnte sie sich nicht von dem Anblick des Verwundeten 22 losreißen, und als fürchtete sie zugleich den 23 Wohlstand zu verletzen, wenn sie stehen bliebe, zu der 24 Zeit, da man ihn, wiewohl mit Mühe, zu entkleiden 25 anfing. Der Chirurgus schnitt eben den linken Ärmel 26 auf, als der alte Herr hinzutrat und ihr, mit einem 27 ernsthaften Tone, die Nothwendigkeit, ihre Reise fortzusetzen 28 vorstellte. Wilhelm hatte seine Augen auf 

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1 sie gerichtet, und war von ihren Blicken so eingenommen, 2, 3 daß er kaum fühlte, was mit ihm vorging.

4 Philine war indessen aufgestanden, um der gnädigen 5 Dame die Hand zu küssen. Als sie neben einander 6 standen, glaubte unser Freund nie einen solchen 7 Abstand gesehn zu haben. Philine war ihm noch nie 8 in einem so ungünstigen Lichte erscheinen. Sie sollte, 9 wie es ihm vorkam, sich jener edlen Natur nicht 10 nahen, noch weniger sie berühren.

11 Die Dame fragte Philinen Verschiedenes, aber leise. 12 Endlich kehrte sie sich zu dem alten Herrn, der noch 13 immer trocken dabei stand, und sagte: Lieber Oheim, 14 darf ich auf Ihre Kosten freigebig sein? Sie zog sogleich 15 den Überrock aus, und ihre Absicht, ihn dem 16 Verwundeten und Unbekleideten hinzugeben, war nicht 17 zu verkennen.

18 Wilhelm, den der heilsame Blick ihrer Augen bisher 19 festgehalten hatte, war nun, als der Überrock fiel, 20 von ihrer schönen Gestalt überrascht. Sie trat näher 21 herzu, und legte den Rock sanft über ihn. In diesem 22 Augenblicke, da er den Mund öffnen und einige Worte 23 des Dankes stammeln wollte, wirkte der lebhafte Eindruck 24 ihrer Gegenwart so sonderbar auf seine schon 25 angegriffenen Sinne, daß es ihm auf einmal vorkam, 26 als sei ihr Haupt mit Strahlen umgeben, und über 27 ihr ganzes Bild verbreite sich nach und nach ein 28 glänzendes Licht. Der Chirurgus berührte ihn eben 

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1 unsanfter, indem er die Kugel, welche in der Wunde 2 stak, herauszuziehen Anstalt machte. Die Heilige verschwand 3 vor den Augen des Hinsinkenden; er verlor 4 alles Bewußtsein, und als er wieder zu sich kam, 5 waren Reiter und Wagen, die Schöne sammt ihren 6 Begleitern, verschwunden.



[Seite 47]



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Siebentes Capitel.

[Lesarten]  2 Nachdem unser Freund verbunden und angekleidet 3 war, eilte der Chirurgus weg, eben als der Harfenspieler 4 mit einer Anzahl Bauern herauf kam. Sie 5 bereiteten eilig aus abgehauenen Ästen und eingeflochtenem 6 Reisig eine Trage, luden den Verwundeten darauf, 7 und brachten ihn unter Anführung eines reitenden 8 Jägers, den die Herrschaft zurückgelassen hatte, 9 sachte den Berg hinunter. Der Harfner, still und in 10 sich gekehrt, trug sein beschädigtes Instrument, einige 11 Leute schleppten Philinens Koffer, sie schlenderte mit 12 einem Bündel nach, Mignon sprang bald voraus, bald 13 zur Seite durch Busch und Wald, und blickte sehnlich 14 nach ihrem kranken Beschützer hinüber.

15 Dieser lag in seinen warmen Überrock gehüllt, 16 ruhig auf der Bahre. Eine elektrische Wärme schien 17 aus der feinen Wolle in seinen Körper überzugehen; 18 genug, er fühlte sich in die behaglichste Empfindung 19 versetzt. Die schöne Besitzerin des Kleides hatte 20 mächtig auf ihn gewirkt. Er sah noch den Rock von 21 ihren Schultern fallen, die edelste Gestalt, von Strahlen 22 umgeben, vor sich stehen, und seine Seele eilte 

[Seite 48]

1 der Verschwundenen durch Felsen und Wälder auf dem 2 Fuße nach.

3 Nur mit sinkender Nacht kam der Zug im Dorfe 4 vor dem Wirthshause an, in welchem sich die übrige 5 Gesellschaft befand, und verzweiflungsvoll den unersetzlichen 6 Verlust beklagte. Die einzige kleine Stube des 7 Hauses war von Menschen vollgepfropft: einige lagen 8 auf der Streue, andere hatten die Bänke eingenommen: 9 einige sich hinter den Ofen gedruckt, und Frau Melina 10 erwartete, in einer benachbarten Kammer, ängstlich ihre 11 Niederkunft. Der Schrecken hatte sie beschleunigt, und 12 unter dem Beistande der Wirthin, einer jungen unerfahrnen 13 Frau, konnte man wenig Gutes erwarten.

14 Als die neuen Ankömmlinge herein gelassen zu 15 werden verlangten, entstand ein allgemeines Murren. 16 Man behauptete nun, daß man allein auf Wilhelms 17 Rath, unter seiner besondern Anführung, diesen gefährlichen 18 Weg unternommen, und sich diesem Unfall 19 ausgesetzt habe. Man warf die Schuld des übeln Ausgangs 20 auf ihn, widersetzte sich an der Thüre seinem 21 Eintritt, und behauptete: er müsse anderswo unterzukommen 22 suchen. Philinen begegnete man noch schnöder; 23 der Harfenspieler und Mignon mußten auch das 24 Ihrige leiden.

25 Nicht lange hörte der Jäger, dem die Vorsorge für 26 die Verlassenen von seiner schönen Herrschaft ernstlich 27 anbefohlen war, dem Streite mit Geduld zu; er fuhr 28 mit Fluchen und Drohen auf die Gesellschaft los, 

[Seite 49]

1 gebot ihnen zusammenzurücken, und den Ankommenden 2 Platz zu machen. Man fing an sich zu bequemen. 3 Er bereitete Wilhelmen einen Platz auf einem Tische, 4 den er in eine Ecke schob; Philine ließ ihren Koffer 5 daneben stellen, und setzte sich drauf. Jeder druckte 6 sich so gut er konnte, und der Jäger begab sich weg, 7 um zu sehen, ob er nicht ein bequemeres Quartier für 8 das Ehepaar ausmachen könne.

9 Kaum war er fort, als der Unwille wieder laut 10 zu werden anfing, und ein Vorwurf den andern 11 drängte. Jedermann erzählte und erhöhte seinen Verlust, 12 man schalt die Verwegenheit, durch die man so 13 vieles eingebüßt, man verhehlte sogar die Schadenfreude 14 nicht, die man über die Wunden unseres Freundes 15 empfand, man verhöhnte Philinen, und wollte ihr 16 die Art und Weise, wie sie ihren Koffer gerettet, zum 17 Verbrechen machen. Aus allerlei Anzüglichkeiten und 18 Stichelreden hätte man schließen sollen, sie habe sich 19 während der Plünderung und Niederlage um die Gunst 20 des Anführers der Bande bemüht, und habe ihn, wer 21 weiß durch welche Künste und Gefälligkeiten, vermocht 22 ihren Koffer frei zu geben. Man wollte sie eine ganze 23 Weile vermißt haben. Sie antwortete nichts und 24 klapperte nur mit den großen Schlössern ihres Koffers, 25 um ihre Neider recht von seiner Gegenwart zu überzeugen, 26 und die Verzweiflung des Haufens durch ihr 27 eigenes Glück zu vermehren.



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1 
Achtes Capitel.

[Lesarten]  2 Wilhelm, ob er gleich durch den starken Verlust 3 des Blutes schwach, und nach der Erscheinung jenes 4 hülfreichen Engels mild und sanft geworden war, 5 konnte sich doch zuletzt des Verdrusses über die harten 6 und ungerechten Reden nicht enthalten, welche bei 7 seinem Stillschweigen von der unzufriednen Gesellschaft 8 immer erneuert wurden. Endlich fühlte er sich gestärkt 9 genug, um sich aufzurichten, und ihnen die 10 Unart vorzustellen, mit der sie ihren Freund und 11 Führer beunruhigten. Er hob sein verbundenes Haupt 12 in die Höhe, und fing, indem er sich mit einiger 13 Mühe stützte und gegen die Wand lehnte, folgendergestalt 14 zu reden an:

15 Ich vergebe dem Schmerze, den jeder über seinen 16 Verlust empfindet, daß ihr mich in einem Augenblicke 17 beleidigt, wo ihr mich beklagen solltet, daß ihr mir 18 widersteht und mich von euch stoßt, das erstemal, da 19 ich Hülfe von euch erwarten könnte. Für die Dienste, 20 die ich euch erzeigte, für die Gefälligkeiten, die ich euch 21 erwies, habe ich mich durch euren Dank, durch euer 22 freundschaftliches Betragen bisher genugsam belohnt 

[Seite 51]

1 gefunden; verleitet mich nicht, zwingt mein Gemüth 2 nicht, zurückzugehen und zu überdenken, was ich für 3 euch gethan habe; diese Berechnung würde mir nur 4 peinlich werden. Der Zufall hat mich zu euch geführt, 5 Umstände und eine heimliche Neigung haben mich bei 6 euch gehalten. Ich nahm an euren Arbeiten, an euren 7 Vergnügungen Theil; meine wenigen Kenntnisse waren 8 zu eurem Dienste. Gebt ihr mir jetzt auf eine bittre 9 Weise den Unfall Schuld, der uns betroffen hat, so 10 erinnert ihr euch nicht, daß der erste Vorschlag, diesen 11 Weg zu nehmen, von fremden Leuten kam, von euch 12 allen geprüft, und so gut von jedem als von mir gebilligt 13 worden ist. Wäre unsre Reise glücklich vollbracht, 14 so würde sich jeder wegen des guten Einfalls 15 loben, daß er diesen Weg angerathen, daß er ihn vorgezogen; 16 er würde sich unsrer Überlegungen und seines 17 ausgeübten Stimmrechts mit Freuden erinnern; jetzo 18 macht ihr mich allein verantwortlich, ihr zwingt mir 19 eine Schuld auf, die ich willig übernehmen wollte, 20 wenn mich das reinste Bewußtsein nicht frei spräche, 21 ja wenn ich mich nicht auf euch selbst berufen könnte. 22 Habt ihr gegen mich etwas zu sagen, so bringt es 23 ordentlich vor, und ich werde mich zu vertheidigen 24 wissen; habt ihr nichts Gegründetes anzugeben, so 25 schweigt, und quält mich nicht, jetzt da ich der Ruhe 26 so äußerst bedürftig bin.

27 Statt aller Antwort fingen die Mädchen an abermals 28 zu weinen und ihren Verlust umständlich zu 

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1 erzählen; Melina war ganz außer Fassung: denn er 2 hatte freilich am meisten, und mehr als wir denken 3 können, eingebüßt. Wie ein Rasender stolperte er in 4 dem engen Raume hin und her, stieß den Kopf wider 5 die Wand, fluchte und schalt auf das unziemlichste; und 6 da nun gar zu gleicher Zeit die Wirthin aus der 7 Kammer trat, mit der Nachricht, daß seine Frau mit 8 einem todten Kinde niedergekommen, erlaubte er sich 9 die heftigsten Ausbrüche, und einstimmig mit ihm heulte, 10 schrie, brummte und lärmte alles durch einander.

11 Wilhelm, der zugleich von mitleidiger Theilnehmung 12 an ihrem Zustande und von Verdruß über ihre niedrige 13 Gesinnung bis in sein Innerstes bewegt war, fühlte, 14 unerachtet der Schwäche seines Körpers, die ganze 15 Kraft seiner Seele lebendig. Fast, rief er aus, muß 16 ich euch verachten, so beklagenswerth ihr auch sein mögt. 17 Kein Unglück berechtigt uns, einen Unschuldigen mit 18 Vorwürfen zu beladen; habe ich Theil an diesem falschen 19 Schritte, so büße ich auch mein Theil. Ich liege 20 verwundet hier, und wenn die Gesellschaft verloren 21 hat, so verliere ich das Meiste. Was an Garderobe 22 geraubt worden, was an Decorationen zu Grunde gegangen, 23 war mein: denn Sie, Herr Melina, haben 24 mich noch nicht bezahlt, und ich spreche Sie von dieser 25 Forderung hiemit völlig frei.

26 Sie haben gut schenken, rief Melina, was niemand 27 wiedersehen wird. Ihr Geld lag in meiner Frau Koffer, 28 und es ist Ihre Schuld, daß es Ihnen verloren geht. 

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1 Aber, o! wenn das alles wäre! --- Er fing auf's neue 2 zu stampfen, zu schimpfen und zu schreien an. Jedermann 3 erinnerte sich der schönen Kleider aus der Garderobe 4 des Grafen, der Schnallen, Uhren, Dosen, Hüte, 5 welche Melina von dem Kammerdiener so glücklich gehandelt 6 hatte. Jedem fielen seine eigenen, obgleich 7 viel geringeren, Schätze dabei wieder in's Gedächtniß; 8 man blickte mit Verdruß auf Philinens Koffer, man 9 gab Wilhelmen zu verstehen, er habe wahrlich nicht 10 übel gethan, sich mit dieser Schönen zu associiren, und 11 durch ihr Glück auch seine Habseligkeiten zu retten.

12 Glaubt ihr denn, rief er endlich aus, daß ich etwas 13 Eignes haben werde, so lange ihr darbt, und ist 14 es wohl das erstemal, daß ich in der Noth mit euch 15 redlich theile? Man öffne den Koffer, und was mein 16 ist, will ich zum öffentlichen Bedürfniß niederlegen.

17 Es ist mein Koffer, sagte Philine, und ich werde 18 ihn nicht eher aufmachen, bis es mir beliebt. Ihre 19 paar Fittige, die ich Ihnen aufgehoben, können wenig 20 betragen, und wenn sie an die redlichsten Juden verkauft 21 werden. Denken Sie an sich, was Ihre Heilung kosten, 22 was Ihnen in einem fremden Lande begegnen kann.

23 Sie werden mir, Philine, versetzte Wilhelm, nichts 24 vorenthalten, was mein ist, und das Wenige wird uns 25 aus der ersten Verlegenheit retten. Allein der Mensch 26 besitzt noch manches, womit er seinen Freunden beistehen 27 kann, das eben nicht klingende Münze zu sein 28 braucht. Alles, was in mir ist, soll diesen Unglücklichen 

[Seite 54]

1 gewidmet sein, die gewiß, wenn sie wieder zu 2 sich selbst kommen, ihr gegenwärtiges Betragen bereuen 3 werden. Ja, fuhr er fort, ich fühle, daß ihr bedürft, 4 und was ich vermag, will ich euch leisten; schenkt mir 5 euer Vertrauen auf's neue, beruhigt euch für diesen 6 Augenblick, nehmet an, was ich euch verspreche! Wer 7 will die Zusage im Namen aller von mir empfangen?

8 Hier streckte er seine Hand aus, und rief: Ich verspreche, 9 daß ich nicht eher von euch weichen, euch nicht 10 eher verlassen will, als bis ein jeder seinen Verlust 11 doppelt und dreifach ersetzt sieht, bis ihr den Zustand, 12 in dem ihr euch, durch wessen Schuld es wolle, befindet, 13 völlig vergessen, und mit einem glücklichern 14 vertauscht habt.

15 Er hielt seine Hand noch immer ausgestreckt, und 16 niemand wollte sie fassen. Ich versprech' es noch einmal, 17 rief er aus, indem er auf sein Kissen zurück sank. 18 Alle blieben stille; sie waren beschämt, aber nicht getröstet, 19 und Philine auf ihrem Koffer sitzend, knackte 20 Nüsse auf, die sie in ihrer Tasche gefunden hatte.



[Seite 55]



1 
Neuntes Capitel.

[Lesarten]  2 Der Jäger kam mit einigen Leuten zurück, und 3 machte Anstalt, den Verwundeten wegzuschaffen. Er 4 hatte den Pfarrer des Orts beredet, das Ehepaar aufzunehmen; 5 Philinens Koffer ward fortgetragen, und 6 sie folgte mit natürlichem Anstand. Mignon lief 7 voraus, und da der Kranke im Pfarrhaus ankam, 8 ward ihm ein weites Ehebette, das schon lange Zeit 9 als Gast- und Ehrenbette bereit stand, eingegeben. 10 Hier bemerkte man erst, daß die Wunde aufgegangen 11 war und stark geblutet hatte. Man mußte für einen 12 neuen Verband sorgen. Der Kranke verfiel in ein 13 Fieber, Philine wartete ihn treulich, und als die 14 Müdigkeit sie übermeisterte, lös'te sie der Harfenspieler 15 ab; Mignon war mit dem festen Vorsatz zu wachen 16 in einer Ecke eingeschlafen.

17 Des Morgens, als Wilhelm sich ein wenig erholt 18 hatte, erfuhr er von dem Jäger, daß die Herrschaft, 19 die ihnen gestern zu Hülfe gekommen sei, vor kurzem 20 ihre Güter verlassen habe, um den Kriegsbewegungen 21 auszuweichen, und sich bis zum Frieden in einer ruhigern 22 Gegend aufzuhalten. Er nannte den ältlichen 

[Seite 56]

1 Herrn und seine Nichte, zeigte den Ort an, wohin sie 2 sich zuerst begeben, erklärte Wilhelmen, wie das Fräulein 3 ihm eingebunden, für die Verlassenen Sorge zu 4 tragen.

5 Der hereintretende Wundarzt unterbrach die lebhaften 6 Danksagungen, in welche sich Wilhelm gegen 7 den Jäger ergoß, machte eine umständliche Beschreibung 8 der Wunden, versicherte, daß sie leicht heilen würden, 9 wenn der Patient sich ruhig hielte und sich abwartete.

10 Nachdem der Jäger weggeritten war, erzählte Philine, 11 daß er ihr einen Beutel mit zwanzig Louisd'orn 12 zurückgelassen, daß er dem Geistlichen ein Douceur 13 für die Wohnung gegeben, und die Curkosten für den 14 Chirurgus bei ihm niedergelegt habe. Sie gelte durchaus 15 für Wilhelms Frau, introducire sich ein für allemal 16 bei ihm in dieser Qualität, und werde nicht zugeben, 17 daß er sich nach einer andern Wartung umsehe.

18 Philine, sagte Wilhelm, ich bin Ihnen bei dem 19 Unfall, der uns begegnet ist, schon manchen Dank 20 schuldig geworden, und ich wünschte nicht, meine Verbindlichkeiten 21 gegen Sie vermehrt zu sehen. Ich bin 22 unruhig, so lange Sie um mich sind: denn ich weiß 23 nichts, womit ich Ihnen die Mühe vergelten kann. 24 Geben Sie mir meine Sachen, die Sie in Ihrem 25 Koffer gerettet haben, heraus, schließen Sie sich an 26 die übrige Gesellschaft an, suchen Sie ein ander Quartier, 27 nehmen Sie meinen Dank und die goldne Uhr 28 als eine kleine Erkenntlichkeit; nur verlassen Sie 

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1 mich; Ihre Gegenwart beunruhigt mich mehr, als 2 Sie glauben.

3 Sie lachte ihm in's Gesicht, als er geendigt hatte. 4 Du bist ein Thor, sagte sie, du wirst nicht klug werden. 5 Ich weiß besser, was dir gut ist; ich werde 6 bleiben, ich werde mich nicht von der Stelle rühren. 7 Auf den Dank der Männer habe ich niemals gerechnet, 8 also auch auf deinen nicht; und wenn ich dich 9 lieb habe, was geht's dich an?

10 Sie blieb, und hatte sich bald bei dem Pfarrer 11 und seiner Familie eingeschmeichelt, indem sie immer 12 lustig war, jedem etwas zu schenken, jedem nach dem 13 Sinne zu reden wußte, und dabei immer that was 14 sie wollte. Wilhelm befand sich nicht übel; der Chirurgus, 15 ein unwissender, aber nicht ungeschickter Mensch, 16 ließ die Natur walten, und so war der Patient bald 17 auf dem Wege der Besserung. Sehnlich wünschte dieser 18 sich wieder hergestellt zu sehen, um seine Plane, seine 19 Wünsche eifrig verfolgen zu können.

20 Unaufhörlich rief er sich jene Begebenheit zurück, 21 welche einen unauslöschlichen Eindruck auf sein Gemüth 22 gemacht hatte. Er sah die schöne Amazone reitend aus 23 den Büschen hervorkommen, sie näherte sich ihm, stieg 24 ab, ging hin und wieder, und bemühte sich um seinetwillen. 25 Er sah das umhüllende Kleid von ihren Schultern 26 fallen; ihr Gesicht, ihre Gestalt glänzend verschwinden. 27 Alle seine Jugendträume knüpften sich an 28 dieses Bild. Er glaubte nunmehr die edle heldenmüthige 

[Seite 58]

1 Chlorinde mit eignen Augen gesehen zu haben: 2 ihm fiel der kranke Königssohn wieder ein, an dessen 3 Lager die schöne theilnehmende Prinzessin mit stiller 4 Bescheidenheit herantritt.

5 Sollten nicht, sagte er manchmal im Stillen zu 6 sich selbst, uns in der Jugend wie im Schlafe, die 7 Bilder zukünftiger Schicksale umschweben, und unserm 8 unbefangenen Auge ahnungsvoll sichtbar werden? 9 Sollten die Keime dessen, was uns begegnen wird, 10 nicht schon von der Hand des Schicksals ausgestreut, 11 sollte nicht ein Vorgenuß der Früchte, die wir einst 12 zu brechen hoffen, möglich sein?

13 Sein Krankenlager gab ihm Zeit, jene Scene tausendmal 14 zu wiederholen. Tausendmal rief er den 15 Klang jener süßen Stimme zurück, und wie beneidete 16 er Philinen, die jene hülfreiche Hand geküßt hatte. 17 Oft kam ihm die Geschichte wie ein Traum vor, und 18 er würde sie für ein Märchen gehalten haben, wenn 19 nicht das Kleid zurück geblieben wäre, das ihm die 20 Gewißheit der Erscheinung versicherte.

21 Mit der größten Sorgfalt für dieses Gewand war 22 das lebhafteste Verlangen verbunden, sich damit zu 23 bekleiden. Sobald er aufstand, warf er es über, und 24 befürchtete den ganzen Tag, es möchte durch einen 25 Flecken, oder auf sonst eine Weise beschädigt werden.



[Seite 59]



1 
Zehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Laertes besuchte seinen Freund. Er war bei jener 3 lebhaften Scene im Wirthshause nicht gegenwärtig 4 gewesen, denn er lag in einer obern Kammer. Über 5 seinen Verlust war er sehr getröstet, und half sich mit 6 seinem gewöhnlichen: Was thut's? Er erzählte verschiedene 7 lächerliche Züge von der Gesellschaft, besonders 8 gab er Frau Melina Schuld: sie beweine den Verlust 9 ihrer Tochter nur deßwegen, weil sie nicht das altdeutsche 10 Vergnügen haben könne, eine Mechtilde taufen 11 zu lassen. Was ihren Mann betreffe, so offenbare 12 sich's nun, daß er viel Geld bei sich gehabt, und auch 13 schon damals des Vorschusses, den er Wilhelmen abgelockt, 14 keineswegs bedurft habe. Melina wolle nunmehr 15 mit dem nächsten Postwagen abgehn, und werde 16 von Wilhelmen ein Empfehlungsschreiben an seinen 17 Freund den Director Serlo verlangen, bei dessen Gesellschaft 18 er, weil die eigne Unternehmung gescheitert, 19 nun unterzukommen hoffe.

20 Mignon war einige Tage sehr still gewesen, und 21 als man in sie drang, gestand sie endlich, daß ihr 22 rechter Arm verrenkt sei. Das hast du deiner Verwegenheit 

[Seite 60]

1 zu danken, sagte Philine, und erzählte: wie 2 das Kind im Gefechte seinen Hirschfänger gezogen, und, 3 als es seinen Freund in Gefahr gesehen, wacker auf 4 die Freibeuter zugehauen habe. Endlich sei es bei'm 5 Arme ergriffen und auf die Seite geschleudert worden. 6 Man schalt auf sie, daß sie das Übel nicht eher entdeckt 7 habe, doch merkte man wohl, daß sie sich vor 8 dem Chirurgus gescheut, der sie bisher immer für 9 einen Knaben gehalten hatte. Man suchte das Übel 10 zu heben, und sie mußte den Arm in der Binde tragen. 11 Hierüber war sie auf's neue empfindlich, weil 12 sie den besten Theil der Pflege und Wartung ihres 13 Freundes Philinen überlassen mußte, und die angenehme 14 Sünderin zeigte sich nur um desto thätiger 15 und aufmerksamer.

16 Eines Morgens, als Wilhelm erwachte, fand er 17 sich mit ihr in einer sonderbaren Nähe. Er war auf 18 seinem weiten Lager in der Unruhe des Schlafs ganz 19 an die hintere Seite gerutscht. Philine lag quer über 20 den vordern Theil hingestreckt; sie schien auf dem 21 Bette sitzend und lesend eingeschlafen zu sein. Ein 22 Buch war ihr aus der Hand gefallen; sie war zurück 23 und mit dem Kopf nah an seine Brust gesunken, über 24 die sich ihre blonden aufgelös'ten Haare in Wellen 25 ausbreiteten. Die Unordnung des Schlafs erhöhte mehr 26 als Kunst und Vorsatz ihre Reize; eine kindische lächelnde 27 Ruhe schwebte über ihrem Gesichte. Er sah 28 sie eine Zeitlang an, und schien sich selbst über das 

[Seite 61]

1 Vergnügen zu tadeln, womit er sie ansah, und wir 2 wissen nicht, ob er seinen Zustand segnete oder tadelte, 3 der ihm Ruhe und Mäßigung zur Pflicht machte. 4 Er hatte sie eine Zeitlang aufmerksam betrachtet, als 5 sie sich zu regen anfing. Er schloß die Augen sachte 6 zu, doch konnte er nicht unterlassen zu blinzen und nach 7 ihr zu sehen, als sie sich wieder zurecht putzte und 8 wegging, nach dem Frühstück zu fragen.

9 Nach und nach hatten sich nun die sämmtlichen 10 Schauspieler bei Wilhelmen gemeldet, hatten Empfehlungsschreiben 11 und Reisegeld, mehr oder weniger unartig 12 und ungestüm, gefordert und immer mit Widerwillen 13 Philinens erhalten. Vergebens stellte sie ihrem 14 Freunde vor, daß der Jäger auch diesen Leuten eine 15 ansehnliche Summe zurückgelassen, daß man ihn nur 16 zum Besten habe. Vielmehr kamen sie darüber in 17 einen lebhaften Zwist, und Wilhelm behauptete nunmehr 18 ein für allemal, daß sie sich gleichfalls an die 19 übrige Gesellschaft anschließen und ihr Glück bei Serlo 20 versuchen sollte.

21 Nur einige Augenblicke verließ sie ihr Gleichmuth, 22 dann erholte sie sich schnell wieder, und rief: Wenn 23 ich nur meinen Blonden wieder hätte, so wollt' ich 24 mich um euch alle nichts kümmern. Sie meinte Friedrichen, 25 der sich vom Wahlplatze verloren und nicht 26 wieder gezeigt hatte.

27 Des andern Morgens brachte Mignon die Nachricht 28 an's Bette: daß Philine in der Nacht abgereis't sei; 

[Seite 62]

1 im Nebenzimmer habe sie alles, was ihm gehöre, sehr 2 ordentlich zusammen gelegt. Er empfand ihre Abwesenheit; 3 er hatte an ihr eine treue Wärterin, eine muntere 4 Gesellschafterin verloren, er war nicht mehr gewohnt, 5 allein zu sein. Allein Mignon füllte die 6 Lücke bald wieder aus.

7 Seitdem jene leichtfertige Schöne in ihren freundlichen 8 Bemühungen den Verwundeten umgab, hatte 9 sich die Kleine nach und nach zurückgezogen, und war 10 stille für sich geblieben; nun aber, da sie wieder freies 11 Feld gewann, trat sie mit Aufmerksamkeit und Liebe 12 hervor, war eifrig, ihm zu dienen, und munter, ihn 13 zu unterhalten.



[Seite 63]



1 
Eilftes Capitel.

[Lesarten]  2 Mit lebhaften Schritten nahete er sich der Besserung; 3 er hoffte nun in wenig Tagen seine Reise antreten 4 zu können. Er wollte nicht etwa planlos ein 5 schlenderndes Leben fortsetzen, sondern zweckmäßige 6 Schritte sollten künftig seine Bahn bezeichnen. Zuerst 7 wollte er die hülfreiche Herrschaft aufsuchen, um seine 8 Dankbarkeit an den Tag zu legen, alsdann zu seinem 9 Freunde dem Director eilen, um für die verunglückte 10 Gesellschaft auf das beste zu sorgen, und zugleich die 11 Handelsfreunde, an die er mit Adressen versehen war, 12 besuchen, und die ihm aufgetragnen Geschäfte verrichten. 13 Er machte sich Hoffnung, daß ihm das Glück wie 14 vorher auch künftig beistehen und ihm Gelegenheit 15 verschaffen werde, durch eine glückliche Speculation 16 den Verlust zu ersetzen, und die Lücke seiner Casse 17 wieder auszufüllen.

18 Das Verlangen, seine Retterin wieder zu sehen, 19 wuchs mit jedem Tage. Um seine Reiseroute zu bestimmen, 20 ging er mit dem Geistlichen zu Rathe, der 21 schöne geographische und statistische Kenntnisse hatte, 22 und eine artige Bücher- und Karten-Sammlung besaß. 

[Seite 64]

1 Man suchte nach dem Orte, den die edle Familie 2 während des Kriegs zu ihrem Sitz erwählt hatte, 3 man suchte Nachrichten von ihr selbst auf; allein der 4 Ort war in keiner Geographie, auf keiner Karte zu 5 finden, und die genealogischen Handbücher sagten nichts 6 von einer solchen Familie.

7 Wilhelm wurde unruhig, und als er seine Bekümmerniß 8 laut werden ließ, entdeckte ihm der Harfenspieler: 9 er habe Ursache zu glauben, daß der Jäger, 10 es sei aus welcher Ursache es wolle, den wahren Namen 11 verschwiegen habe.

12 Wilhelm, der nun einmal sich in der Nähe der 13 Schönen glaubte, hoffte einige Nachricht von ihr zu 14 erhalten, wenn er den Harfenspieler abschickte; aber 15 auch diese Hoffnung ward getäuscht. So sehr der Alte 16 sich auch erkundigte, konnte er doch auf keine Spur 17 kommen. In jenen Tagen waren verschiedene lebhafte 18 Bewegungen und unvorgesehene Durchmärsche in diesen 19 Gegenden vorgefallen; niemand hatte auf die reisende 20 Gesellschaft besonders Acht gegeben, so daß der ausgesendete 21 Bote, um nicht für einen jüdischen Spion 22 angesehn zu werden, wieder zurück gehen und ohne 23 Ölblatt vor seinem Herrn und Freund erscheinen 24 mußte. Er legte strenge Rechenschaft ab, wie er den 25 Auftrag auszurichten gesucht, und war bemüht, allen 26 Verdacht einer Nachlässigkeit von sich zu entfernen. 27 Er suchte auf alle Weise Wilhelms Betrübniß zu 28 lindern, besann sich auf alles, was er von dem Jäger 

[Seite 65]

1 erfahren hatte, und brachte mancherlei Muthmaßungen 2 vor, wobei denn endlich ein Umstand vorkam, woraus 3 Wilhelm einige räthselhafte Worte der schönen Verschwundenen 4 deuten konnte.

5 Die räuberische Bande nämlich hatte nicht der 6 wandernden Truppe, sondern jener Herrschaft aufgepaßt, 7 bei der sie mit Recht vieles Geld und Kostbarkeiten 8 vermuthete, und von deren Zug sie genaue 9 Nachricht mußte gehabt haben. Man wußte nicht, ob 10 man die That einem Freicorps, ob man sie Marodeurs 11 oder Räubern zuschreiben sollte. Genug, zum Glücke 12 der vornehmen und reichen Caravane waren die Geringen 13 und Armen zuerst auf den Platz gekommen, 14 und hatten das Schicksal erduldet, das jenen zubereitet 15 war. Darauf bezogen sich die Worte der jungen 16 Dame, deren sich Wilhelm noch gar wohl erinnerte. 17 Wenn er nun vergnügt und glücklich sein konnte, daß 18 ein vorsichtiger Genius ihn zum Opfer bestimmt hatte, 19 eine vollkommene Sterbliche zu retten, so war er dagegen 20 nahe an der Verzweiflung, da ihm, sie wieder 21 zu finden, sie wieder zu sehen wenigstens für den 22 Augenblick alle Hoffnung verschwunden war.

23 Was diese sonderbare Bewegung in ihm vermehrte, 24 war die Ähnlichkeit, die er zwischen der Gräfin und 25 der schönen Unbekannten entdeckt zu haben glaubte. 26 Sie glichen sich, wie sich Schwestern gleichen mögen, 27 deren keine die jüngere noch die ältere genannt werden 28 darf, denn sie scheinen Zwillinge zu sein.



[Seite 66]

1 Die Erinnerung an die liebenswürdige Gräfin war 2 ihm unendlich süß. Er rief sich ihr Bild nur allzugern 3 wieder in's Gedächtniß. Aber nun trat die Gestalt 4 der edlen Amazone gleich dazwischen, eine Erscheinung 5 verwandelte sich in die andere, ohne daß er im Stande 6 gewesen wäre, diese oder jene fest zu halten.

7 Wie wunderbar mußte ihm daher die Ähnlichkeit 8 ihrer Handschriften sein! denn er verwahrte ein reizendes 9 Lied von der Hand der Gräfin in seiner Schreibtafel, 10 und in dem Überrock hatte er ein Zettelchen 11 gefunden, worin man sich mit viel zärtlicher Sorgfalt 12 nach dem Befinden eines Oheims erkundigte.

13 Wilhelm war überzeugt, daß seine Retterin dieses 14 Billet geschrieben, daß es auf der Reise in einem 15 Wirthshause aus einem Zimmer in das andere geschickt 16 und von dem Oheim in die Tasche gesteckt worden sei. 17 Er hielt beide Handschriften gegen einander, und wenn 18 die zierlich gestellten Buchstaben der Gräfin ihm sonst 19 so sehr gefallen hatten, so fand er in den ähnlichen 20 aber freieren Zügen der Unbekannten eine unaussprechlich 21 fließende Harmonie. Das Billet enthielt 22 nichts, und schon die Züge schienen ihn, so wie ehemals 23 die Gegenwart der Schönen, zu erheben.

24 Er verfiel in eine träumende Sehnsucht, und wie 25 einstimmend mit seinen Empfindungen war das Lied, 26 das eben in dieser Stunde Mignon und der Harfner 27 als ein unregelmäßiges Duett mit dem herzlichsten 28 Ausdrucke sangen:



[Seite 67]


1     Nur wer die Sehnsucht kennt
2     Weiß, was ich leide!
3     Allein und abgetrennt
4     Von aller Freude,
5     Seh' ich an's Firmament
6     Nach jener Seite.
7     Ach! der mich liebt und kennt
8     Ist in der Weite.
9     Es schwindelt mir, es brennt
10     Mein Eingeweide.
11     Nur wer die Sehnsucht kennt
12     Weiß, was ich leide!



[Seite 68]



1 
Zwölftes Capitel.

[Lesarten]  2 Die sanften Lockungen des lieben Schutzgeistes, anstatt 3 unsern Freund auf irgend einen Weg zu führen, 4 nährten und vermehrten die Unruhe, die er vorher 5 empfunden hatte. Eine heimliche Gluth schlich in 6 seinen Adern; bestimmte und unbestimmte Gegenstände 7 wechselten in seiner Seele und erregten ein endloses 8 Verlangen. Bald wünschte er sich ein Roß, bald 9 Flügel, und indem es ihm unmöglich schien, bleiben 10 zu können, sah er sich erst um, wohin er denn eigentlich 11 begehre.

12 Der Faden seines Schicksals hatte sich so sonderbar 13 verworren; er wünschte die seltsamen Knoten aufgelös't 14 oder zerschnitten zu sehen. Oft, wenn er ein 15 Pferd traben oder einen Wagen rollen hörte, schaute 16 er eilig zum Fenster hinaus, in der Hoffnung, es 17 würde jemand sein, der ihn aufsuchte, und, wäre es 18 auch nur durch Zufall, ihm Nachricht, Gewißheit und 19 Freude brächte. Er erzählte sich Geschichten vor, wie 20 sein Freund Werner in diese Gegend kommen und ihn 21 überraschen könnte, daß Mariane vielleicht erscheinen 22 dürfte. Der Ton eines jeden Posthorns setzte ihn in 

[Seite 69]

1 Bewegung. Melina sollte von seinem Schicksale Nachricht 2 geben, vorzüglich aber sollte der Jäger wieder 3, 4 kommen und ihn zu jener angebeteten Schönheit einladen.

5 Von allem diesen geschah leider nichts, und er 6 mußte zuletzt wieder mit sich allein bleiben, und indem 7 er das Vergangene wieder durchnahm, ward ihm ein 8 Umstand, je mehr er ihn betrachtete und beleuchtete, 9 immer widriger und unerträglicher. Es war seine 10 verunglückte Heerführerschaft, an die er ohne Verdruß 11 nicht denken konnte. Denn ob er gleich am Abend 12 jenes bösen Tages sich vor der Gesellschaft so ziemlich 13 herausgeredet hatte, so konnte er sich doch selbst 14 seine Schuld nicht verläugnen. Er schrieb sich vielmehr 15 in hypochondrischen Augenblicken den ganzen 16 Vorfall allein zu.

17 Die Eigenliebe läßt uns sowohl unsre Tugenden 18 als unsre Fehler viel bedeutender, als sie sind, erscheinen. 19 Er hatte das Vertrauen auf sich rege gemacht, 20 den Willen der Übrigen gelenkt, und war, von 21 Unerfahrenheit und Kühnheit geleitet, vorangegangen; 22 es ergriff sie eine Gefahr, der sie nicht gewachsen waren. 23 Laute und stille Vorwürfe verfolgten ihn, und wenn 24 er der irregeführten Gesellschaft nach dem empfindlichen 25 Verluste zugesagt hatte, sie nicht zu verlassen, bis er 26 ihnen das Verlorne mit Wucher ersetzt hätte, so hatte 27 er sich über eine neue Verwegenheit zu schelten, womit 28 er ein allgemein ausgetheiltes Übel auf seine Schultern 

[Seite 70]

1 zu nehmen sich vermaß. Bald verwies er sich, daß 2 er durch Aufspannung und Drang des Augenblicks 3 ein solches Versprechen gethan hatte; bald fühlte er 4 wieder, daß jenes gutmüthige Hinreichen seiner Hand, 5 die niemand anzunehmen würdigte, nur eine leichte 6 Förmlichkeit sei gegen das Gelübde, das sein Herz 7 gethan hatte. Er sann auf Mittel, ihnen wohlthätig 8 und nützlich zu sein, und fand alle Ursache, seine Reise 9 zu Serlo zu beschleunigen. Er packte nunmehr seine 10 Sachen zusammen, und eilte, ohne seine völlige Genesung 11 abzuwarten, ohne auf den Rath des Pastors und 12 Wundarztes zu hören, in der wunderbaren Gesellschaft 13 Mignons und des Alten, der Unthätigkeit zu 14 entfliehen, in der ihn sein Schicksal abermals nur zu 15 lange gehalten hatte.



[Seite 71]



1 
Dreizehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Serlo empfing ihn mit offenen Armen, und rief 3 ihm entgegen: Seh' ich Sie? Erkenn' ich Sie wieder? 4 Sie haben sich wenig oder nicht geändert. Ist Ihre 5 Liebe zur edelsten Kunst noch immer so stark und 6 lebendig? So sehr erfreu' ich mich über Ihre Ankunft, 7 daß ich selbst das Mißtrauen nicht mehr fühle, das 8 Ihre letzten Briefe bei mir erregt haben.

9 Wilhelm bat betroffen um eine nähere Erklärung.

10 Sie haben sich, versetzte Serlo, gegen mich nicht 11 wie ein alter Freund betragen; Sie haben mich wie 12 einen großen Herrn behandelt, dem man mit gutem 13 Gewissen unbrauchbare Leute empfehlen darf. Unser 14 Schicksal hängt von der Meinung des Publicums 15 ab, und ich fürchte, daß Ihr Herr Melina mit den 16 Seinigen schwerlich bei uns wohl aufgenommen werden 17 dürfte.

18 Wilhelm wollte etwas zu ihren Gunsten sprechen, 19 aber Serlo fing an, eine so unbarmherzige Schilderung 20 von ihnen zu machen, daß unser Freund sehr zufrieden 21 war, als ein Frauenzimmer in das Zimmer trat, 22 das Gespräch unterbrach, und ihm sogleich als Schwester 

[Seite 72]

1 Aurelia von seinem Freunde vorgestellt ward. 2 Sie empfing ihn auf das freundschaftlichste, und ihre 3 Unterhaltung war so angenehm, daß er nicht einmal 4 einen entschiedenen Zug des Kummers gewahr wurde, 5 der ihrem geistreichen Gesicht noch ein besonderes Interesse 6 gab.

7 Zum erstenmal seit langer Zeit fand sich Wilhelm 8 wieder in seinem Elemente. Bei seinen Gesprächen 9 hatte er sonst nur nothdürftig gefällige Zuhörer gefunden, 10 da er gegenwärtig mit Künstlern und Kennern 11 zu sprechen das Glück hatte, die ihn nicht allein vollkommen 12 verstanden, sondern die auch sein Gespräch 13 belehrend erwiderten. Mit welcher Geschwindigkeit 14 ging man die neusten Stücke durch! Mit welcher 15 Sicherheit beurtheilte man sie! Wie wußte man das 16 Urtheil des Publicums zu prüfen und zu schätzen! In 17 welcher Geschwindigkeit klärte man einander auf!

18 Nun mußte sich bei Wilhelms Vorliebe für Shakespearen 19 das Gespräch nothwendig auf diesen Schriftsteller 20 lenken. Er zeigte die lebhafteste Hoffnung auf 21 die Epoche, welche diese vortrefflichen Stücke in Deutschland 22 machen müßten, und bald brachte er seinen 23 Hamlet vor, der ihn so sehr beschäftigt hatte.

24 Serlo versicherte, daß er das Stück längst, wenn 25 es nur möglich gewesen wäre, gegeben hätte, daß er 26 gern die Rolle des Polonius übernehmen wolle. Dann 27 setzte er mit Lächeln hinzu: Und Ophelien finden sich 28 wohl auch, wenn wir nur erst den Prinzen haben.



[Seite 73]

1 Wilhelm bemerkte nicht, daß Aurelien dieser Scherz 2 des Bruders zu mißfallen schien; er ward vielmehr 3 nach seiner Art weitläufig und lehrreich, in welchem 4 Sinne er den Hamlet gespielt haben wolle. Er legte 5 ihnen die Resultate umständlich dar, mit welchen wir 6 ihn oben beschäftigt gesehn, und gab sich alle Mühe, 7 seine Meinung annehmlich zu machen, so viel Zweifel 8 auch Serlo gegen seine Hypothese erregte. Nun gut, 9 sagte dieser zuletzt, wir geben Ihnen alles zu; was 10 wollen Sie weiter daraus erklären?

11 Vieles, alles, versetzte Wilhelm. Denken Sie sich 12 einen Prinzen, wie ich ihn geschildert habe, dessen Vater 13 unvermuthet stirbt. Ehrgeiz und Herrschsucht sind 14 nicht die Leidenschaften, die ihn beleben; er hatte sich's 15 gefallen lassen, Sohn eines Königs zu sein; aber nun 16 ist er erst genöthigt, auf den Abstand aufmerksamer 17 zu werden, der den König vom Unterthanen scheidet. 18 Das Recht zur Krone war nicht erblich, und doch hätte 19 ein längeres Leben seines Vaters die Ansprüche seines 20 einzigen Sohnes mehr befestigt, und die Hoffnung zur 21 Krone gesichert. Dagegen sieht er sich nun durch seinen 22 Oheim, ungeachtet scheinbarer Versprechungen, vielleicht 23 auf immer ausgeschlossen; er fühlt sich nun so arm 24 an Gnade, an Gütern, und fremd in dem, was er von 25 Jugend auf als sein Eigenthum betrachten konnte. 26 Hier nimmt sein Gemüth die erste traurige Richtung. 27 Er fühlt, daß er nicht mehr, ja nicht so viel ist als 28 jeder Edelmann; er gibt sich für einen Diener eines 

[Seite 74]

1 jeden, er ist nicht höflich, nicht herablassend, nein, 2 herabgesunken und bedürftig.

3 Nach seinem vorigen Zustande blickt er nur wie 4 nach einem verschwundnen Traume. Vergebens, daß 5 sein Oheim ihn aufmuntern, ihm seine Lage aus einem 6 andern Gesichtspuncte zeigen will; die Empfindung 7 seines Nichts verläßt ihn nie.

8 Der zweite Schlag, der ihn traf, verletzte tiefer, 9 beugte noch mehr. Es ist die Heirath seiner Mutter. 10 Ihm, einem treuen und zärtlichen Sohne, blieb, da 11 sein Vater starb, eine Mutter noch übrig; er hoffte 12 in Gesellschaft seiner hinterlassenen edlen Mutter die 13 Heldengestalt jenes großen Abgeschiedenen zu verehren; 14 aber auch seine Mutter verliert er, und es ist schlimmer, 15 als wenn sie ihm der Tod geraubt hätte. Das 16 zuverlässige Bild, das sich ein wohlgerathenes Kind so 17 gern von seinen Eltern macht, verschwindet; bei dem 18 Todten ist keine Hülfe, und an der Lebendigen kein 19 Halt. Sie ist auch ein Weib, und unter dem allgemeinen 20 Geschlechtsnamen, Gebrechlichkeit, ist auch sie 21 begriffen.

22 Nun erst fühlt er sich recht gebeugt, nun erst verwais't, 23 und kein Glück der Welt kann ihm wieder ersetzen 24 was er verloren hat. Nicht traurig, nicht nachdenklich 25 von Natur, wird ihm Trauer und Nachdenken 26 zur schweren Bürde. So sehen wir ihn auftreten. 27 Ich glaube nicht, daß ich etwas in das Stück hineinlege, 28 oder einen Zug übertreibe.



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1 Serlo sah seine Schwester an, und sagte: Habe ich 2 dir ein falsches Bild von unserm Freunde gemacht? Er 3 fängt gut an, und wird uns noch manches vorerzählen 4 und viel überreden. Wilhelm schwur hoch und theuer, 5 daß er nicht überreden, sondern überzeugen wolle, und 6 bat nur noch um einen Augenblick Geduld.

7 Denken Sie sich, rief er aus, diesen Jüngling, 8 diesen Fürstensohn recht lebhaft, vergegenwärtigen Sie 9 sich seine Lage, und dann beobachten Sie ihn, wenn 10 er erfährt, die Gestalt seines Vaters erscheine; stehen 11 Sie ihm bei in der schrecklichen Nacht, wenn der ehrwürdige 12 Geist selbst vor ihm auftritt. Ein ungeheures 13 Entsetzen ergreift ihn; er redet die Wundergestalt an, 14 sieht sie winken, folgt und hört. --- Die schreckliche 15 Anklage wider seinen Oheim ertönt in seinen Ohren, 16 Aufforderung zur Rache und die dringende wiederholte 17 Bitte: Erinnere dich meiner!

18 Und da der Geist verschwunden ist, wen sehen wir 19 vor uns stehen? Einen jungen Helden, der nach Rache 20 schnaubt? Einen gebornen Fürsten, der sich glücklich 21 fühlt, gegen den Usurpator seiner Krone aufgefordert 22 zu werden? Nein! Staunen und Trübsinn überfällt 23 den Einsamen; er wird bitter gegen die lächelnden 24 Bösewichter, schwört, den Abgeschiedenen nicht zu vergessen, 25 und schließt mit dem bedeutenden Seufzer: 26 Die Zeit ist aus dem Gelenke; wehe mir, daß ich geboren 27 ward sie wieder einzurichten.

28 In diesen Worten, dünkt mich, liegt der Schlüssel 

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1 zu Hamlets ganzem Betragen, und mir ist deutlich, 2 daß Shakespear habe schildern wollen: eine große That 3 auf eine Seele gelegt, die der That nicht gewachsen ist. 4 Und in diesem Sinne find' ich das Stück durchgängig 5 gearbeitet. Hier wird ein Eichbaum in ein köstliches 6 Gefäß gepflanzt, das nur liebliche Blumen in seinen 7 Schoß hätte aufnehmen sollen; die Wurzeln dehnen 8 aus, das Gefäß wird zernichtet.

9 Ein schönes, reines, edles, höchst moralisches Wesen, 10 ohne die sinnliche Stärke, die den Helden macht, geht 11 unter einer Last zu Grunde, die es weder tragen noch 12 abwerfen kann; jede Pflicht ist ihm heilig, diese zu 13 schwer. Das Unmögliche wird von ihm gefordert, nicht 14 das Unmögliche an sich, sondern das, was ihm unmöglich 15 ist. Wie er sich windet, dreht, ängstigt, vor- und 16 zurücktritt, immer erinnert wird: sich immer erinnert 17 und zuletzt fast seinen Zweck aus dem Sinne verliert, 18 ohne doch jemals wieder froh zu werden.



[Seite 77]



1 
Vierzehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Verschiedene Personen traten herein, die das Gespräch 3 unterbrachen. Es waren Virtuosen, die sich bei 4 Serlo gewöhnlich einmal die Woche zu einem kleinen 5 Concerte versammelten. Er liebte die Musik sehr, und 6 behauptete, daß ein Schauspieler ohne diese Liebe niemals 7 zu einem deutlichen Begriff und Gefühl seiner 8 eigenen Kunst gelangen könne. So wie man viel 9 leichter und anständiger agire, wenn die Gebärden durch 10 eine Melodie begleitet und geleitet werden, so müsse der 11 Schauspieler sich auch seine prosaische Rolle gleichsam 12 im Sinne componiren, daß er sie nicht etwa eintönig 13 nach seiner individuellen Art und Weise hinsudele, 14 sondern sie in gehöriger Abwechselung nach Tact und 15 Maß behandle.

16 Aurelie schien an allem, was vorging, wenig Antheil 17 zu nehmen, vielmehr führte sie zuletzt unsern 18 Freund in ein Seitenzimmer, und indem sie an's 19 Fenster trat und den gestirnten Himmel anschaute, 20 sagte sie zu ihm: Sie sind uns manches über Hamlet 21 schuldig geblieben; ich will zwar nicht voreilig sein, 22 und wünsche, daß mein Bruder auch mit anhören möge, 

[Seite 78]

1 was Sie uns noch zu sagen haben, doch lassen Sie 2 mich Ihre Gedanken über Ophelien hören.

3 Von ihr läßt sich nicht viel sagen, versetzte Wilhelm, 4 denn nur mit wenig Meisterzügen ist ihr Charakter 5 vollendet. Ihr ganzes Wesen schwebt in reifer süßer 6 Sinnlichkeit. Ihre Neigung zu dem Prinzen, auf dessen 7 Hand sie Anspruch machen darf, fließt so aus der Quelle, 8 das gute Herz überläßt sich so ganz seinem Verlangen, 9 daß Vater und Bruder beide fürchten, beide geradezu 10 und unbescheiden warnen. Der Wohlstand, wie der 11 leichte Flor auf ihrem Busen, kann die Bewegung ihres 12 Herzens nicht verbergen, er wird vielmehr ein Verräther 13 dieser leisen Bewegung. Ihre Einbildungskraft ist 14 angesteckt, ihre stille Bescheidenheit athmet eine liebevolle 15 Begierde, und sollte die bequeme Göttin Gelegenheit 16 das Bäumchen schütteln, so würde die Frucht 17 sogleich herabfallen.

18 Und nun, sagte Aurelie, wenn sie sich verlassen 19 sieht, verstoßen und verschmäht, wenn in der Seele ihres 20 wahnsinnigen Geliebten sich das Höchste zum Tiefsten 21 umwendet, und er ihr, statt des süßen Bechers der 22 Liebe, den bittern Kelch der Leiden hinreicht --
23 Ihr Herz bricht, rief Wilhelm aus, das ganze 24 Gerüst ihres Daseins rückt aus seinen Fugen, der 25 Tod ihres Vaters stürmt herein, und das schöne 26 Gebäude stürzt völlig zusammen.

27 Wilhelm hatte nicht bemerkt, mit welchem Ausdruck 28 Aurelie die letzten Worte aussprach. Nur auf das 

[Seite 79]

1 Kunstwerk, dessen Zusammenhang und Vollkommenheit 2 gerichtet, ahnete er nicht, daß seine Freundin eine ganz 3 andere Wirkung empfand; nicht, daß ein eigner tiefer 4 Schmerz durch diese dramatischen Schattenbilder in ihr 5 lebhaft erregt ward.

6 Noch immer hatte Aurelie ihr Haupt von ihren 7 Armen unterstützt, und ihre Augen, die sich mit Thränen 8 füllten, gen Himmel gewendet. Endlich hielt sie nicht 9 länger ihren verborgnen Schmerz zurück; sie faßte des 10 Freundes beide Hände, und rief, indem er erstaunt vor 11 ihr stand: Verzeihen Sie, verzeihen Sie einem geängstigten 12 Herzen! die Gesellschaft schnürt und preßt mich zusammen; 13 vor meinem unbarmherzigen Bruder muß ich 14 mich zu verbergen suchen; nun hat Ihre Gegenwart alle 15 Bande aufgelös't. Mein Freund! fuhr sie fort, seit einem 16 Augenblicke sind wir erst bekannt, und schon werden Sie 17 mein Vertrauter. Sie konnte die Worte kaum aussprechen, 18 und sank an seine Schulter. Denken Sie nicht 19 übler von mir, sagte sie schluchzend, daß ich mich Ihnen 20 so schnell eröffne, daß Sie mich so schwach sehen. Sei'n 21 Sie, bleiben Sie mein Freund, ich verdiene es. Er 22 redete ihr auf das herzlichste zu; umsonst! ihre Thränen 23 flossen und erstickten ihre Worte.

24 In diesem Augenblicke trat Serlo sehr unwillkommen 25 herein, und sehr unerwartet Philine, die er 26 bei der Hand hielt. Hier ist Ihr Freund, sagte er zu 27 ihr; er wird sich freun, Sie zu begrüßen.

28 Wie! rief Wilhelm erstaunt, muß ich Sie hier 

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1 sehen? Mit einem bescheidnen gesetzten Wesen ging sie 2 auf ihn los, hieß ihn willkommen, rühmte Serlo's Güte, 3 der sie ohne ihr Verdienst, bloß in Hoffnung, daß sie 4 sich bilden werde, unter seine treffliche Truppe aufgenommen 5 habe. Sie that dabei gegen Wilhelmen 6 freundlich, doch aus einer ehrerbietigen Entfernung.

7 Diese Verstellung währte aber nicht länger, als die 8 beiden zugegen waren. Denn als Aurelie ihren Schmerz 9 zu verbergen wegging, und Serlo abgerufen ward, sah 10 Philine erst recht genau nach den Thüren, ob beide auch 11 gewiß fort seien, dann hüpfte sie wie thöricht in der 12 Stube herum, setzte sich an die Erde, und wollte vor 13 Kichern und Lachen ersticken. Dann sprang sie auf, 14 schmeichelte unserm Freunde, und freute sich über alle 15 Maßen, daß sie so klug gewesen sei, vorauszugehen, 16 das Terrain zu recognosciren und sich einzunisten.

17 Hier geht es bunt zu, sagte sie, gerade so wie mir's 18 recht ist. Aurelie hat einen unglücklichen Liebeshandel 19 mit einem Edelmanne gehabt, der ein prächtiger Mensch 20 sein muß, und den ich selbst wohl einmal sehen 21 möchte. Er hat ihr ein Andenken hinterlassen, oder 22 ich müßte mich sehr irren. Es läuft da ein Knabe 23 herum, ungefähr von drei Jahren, schön wie die 24 Sonne; der Papa mag allerliebst sein. Ich kann sonst 25 die Kinder nicht leiden, aber dieser Junge freut mich. 26 Ich habe ihr nachgerechnet. Der Tod ihres Mannes, 27 die neue Bekanntschaft, das Alter des Kindes, alles 28 trifft zusammen.



[Seite 81]

1 Nun ist der Freund seiner Wege gegangen; seit 2 einem Jahre sieht er sie nicht mehr. Sie ist darüber 3 außer sich und untröstlich. Die Närrin! --- Der 4 Bruder hat unter der Truppe eine Tänzerin, mit der 5 er schön thut, ein Actrischen, mit der er vertraut ist, 6 in der Stadt noch einige Frauen, denen er aufwartet, 7 und nun steh' ich auch auf der Liste. Der Narr! --- 8 Vom übrigen Volke sollst du morgen hören. Und 9 nun noch ein Wörtchen von Philinen, die du kennst; 10 die Erznärrin ist in dich verliebt. Sie schwur, daß 11 es wahr sei, und betheuerte, daß es ein rechter Spaß 12 sei. Sie bat Wilhelmen inständig, er möchte sich in 13 Aurelien verlieben, dann werde die Hetze erst recht 14 angehen. Sie läuft ihrem Ungetreuen, du ihr, ich dir 15 und der Bruder mir nach. Wenn das nicht eine Lust 16 auf ein halbes Jahr gibt, so will ich an der ersten 17 Episode sterben, die sich zu diesem vierfach verschlungenen 18 Romane hinzuwirft. Sie bat ihn, er möchte ihr 19 den Handel nicht verderben, und ihr so viel Achtung 20 bezeigen, als sie durch ihr öffentliches Betragen verdienen 21 wolle.



[Seite 82]



1 
Funfzehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Den nächsten Morgen gedachte Wilhelm Madame 3 Melina zu besuchen; er fand sie nicht zu Hause, fragte 4 nach den übrigen Gliedern der wandernden Gesellschaft, 5 und erfuhr: Philine habe sie zum Frühstück eingeladen. 6 Aus Neugier eilte er hin, und traf sie alle sehr aufgeräumt 7 und getröstet. Das kluge Geschöpf hatte sie 8 versammelt, sie mit Chocolade bewirthet, und ihnen zu 9 verstehen gegeben, noch sei nicht alle Aussicht versperrt; 10 sie hoffe durch ihren Einfluß den Director zu überzeugen, 11 wie vortheilhaft es ihm sei, so geschickte Leute 12 in seine Gesellschaft aufzunehmen. Sie hörten ihr aufmerksam 13 zu, schlürften eine Tasse nach der andern hinunter, 14 fanden das Mädchen gar nicht übel, und nahmen 15 sich vor, das Beste von ihr zu reden.

16 Glauben Sie denn, sagte Wilhelm, der mit Philinen 17 allein geblieben war, daß Serlo sich noch entschließen 18 werde, unsre Gefährten zu behalten? Mit 19 nichten, versetzte Philine, es ist mir auch gar nichts 20 daran gelegen; ich wollte, sie wären je eher je lieber 21 fort! Den einzigen Laertes wünscht' ich zu behalten; 22 die Übrigen wollen wir schon nach und nach bei 23 Seite bringen.



[Seite 83]

1 Hierauf gab sie ihrem Freunde zu verstehen, daß 2 sie gewiß überzeugt sei, er werde nunmehr sein Talent 3 nicht länger vergraben, sondern unter Direction eines 4 Serlo auf's Theater gehen. Sie konnte die Ordnung, 5 den Geschmack, den Geist, der hier herrsche, nicht 6 genug rühmen; sie sprach so schmeichelnd zu unserm 7 Freunde, so schmeichelhaft von seinen Talenten, daß 8 sein Herz und seine Einbildungskraft sich eben so sehr 9 diesem Vorschlage näherten, als sein Verstand und 10 seine Vernunft sich davon entfernten. Er verbarg 11 seine Neigung vor sich selbst und vor Philinen, und 12 brachte einen unruhigen Tag zu, an dem er sich nicht 13 entschließen konnte, zu seinen Handelscorrespondenten 14 zu gehen, und die Briefe, die dort für ihn liegen 15 möchten, abzuholen. Denn, ob er sich gleich die Unruhe 16 der Seinigen diese Zeit über vorstellen konnte, so 17 scheute er sich doch, ihre Sorgen und Vorwürfe umständlich 18 zu erfahren, um so mehr, da er sich einen 19 großen und reinen Genuß diesen Abend von der Aufführung 20 eines neuen Stücks versprach.

21 Serlo hatte sich geweigert, ihn bei der Probe zuzulassen. 22 Sie müssen uns, sagte er, erst von der 23 besten Seite kennen lernen, eh' wir zugeben, daß Sie 24 uns in die Karte sehen.

25 Mit der größten Zufriedenheit wohnte aber auch 26 unser Freund den Abend darauf der Vorstellung bei. 27 Es war das erstemal, daß er ein Theater in solcher 28 Vollkommenheit sah. Man traute sämmtlichen Schauspielern 

[Seite 84]

1 fürtreffliche Gaben, glückliche Anlagen und 2 einen hohen und klaren Begriff von ihrer Kunst zu, 3 und doch waren sie einander nicht gleich; aber sie 4 hielten und trugen sich wechselsweise, feuerten einander 5 an, und waren in ihrem ganzen Spiele sehr bestimmt 6 und genau. Man fühlte bald, daß Serlo die Seele 7 des Ganzen war, und er zeichnete sich sehr zu seinem 8 Vortheil aus. Eine heitere Laune, eine gemäßigte 9 Lebhaftigkeit, ein bestimmtes Gefühl des Schicklichen 10 bei einer großen Gabe der Nachahmung, mußte man 11 an ihm, wie er auf's Theater trat, wie er den Mund 12 öffnete, bewundern. Die innere Behaglichkeit seines 13 Daseins schien sich über alle Zuhörer auszubreiten, 14 und die geistreiche Art, mit der er die feinsten Schattirungen 15 der Rollen leicht und gefällig ausdrückte, 16 erweckte um so viel mehr Freude, als er die Kunst 17 zu verbergen wußte, die er sich durch eine anhaltende 18 Übung eigen gemacht hatte.

19 Seine Schwester Aurelie blieb nicht hinter ihm, 20 und erhielt noch größeren Beifall, indem sie die Gemüther 21 der Menschen rührte, die er zu erheitern und 22 zu erfreuen so sehr im Stande war.

23 Nach einigen Tagen, die auf eine angenehme Weise 24 zugebracht wurden, verlangte Aurelie nach unserm 25 Freund. Er eilte zu ihr, und fand sie auf dem Canapee 26 liegen; sie schien an Kopfweh zu leiden, und ihr 27 ganzes Wesen konnte eine fieberhafte Bewegung nicht 28 verbergen. Ihr Auge erheiterte sich, als sie den 

[Seite 85]

1 Hereintretenden ansah. Vergeben Sie! rief sie ihm 2 entgegen; das Zutrauen, das Sie mir einflößten, hat 3 mich schwach gemacht. Bisher konnt' ich mich mit 4 meinen Schmerzen im Stillen unterhalten, ja sie 5 gaben mir Stärke und Trost; nun haben Sie, ich 6 weiß nicht wie es zugegangen ist, die Bande der Verschwiegenheit 7 gelös't, und Sie werden nun selbst wider 8 Willen Theil an dem Kampfe nehmen, den ich gegen 9 mich selbst streite.

10 Wilhelm antwortete ihr freundlich und verbindlich. 11 Er versicherte, daß ihr Bild und ihre Schmerzen ihm 12 beständig vor der Seele geschwebt, daß er sie um ihr 13 Vertrauen bitte, daß er sich ihr zum Freund widme.

14 Indem er so sprach, wurden seine Augen von dem 15 Knaben angezogen, der vor ihr auf der Erde saß, 16 und allerlei Spielwerk durch einander warf. Er mochte, 17 wie Philine schon angegeben, ungefähr drei Jahre 18 alt sein, und Wilhelm verstand nun erst, warum das 19 leichtfertige, in ihren Ausdrücken selten erhabene 20 Mädchen den Knaben der Sonne verglichen. Denn 21 um die offnen Augen und das volle Gesicht kräuselten 22 sich die schönsten goldnen Locken, an einer blendend 23 weißen Stirne zeigten sich zarte, dunkle, sanftgebogene 24 Augenbrauen, und die lebhafte Farbe der Gesundheit 25 glänzte auf seinen Wangen. Setzen Sie sich zu 26 mir, sagte Aurelie: Sie sehen das glückliche Kind mit 27 Verwunderung an; gewiß, ich habe es mit Freuden 28 auf meine Arme genommen, ich bewahre es mit Sorgfalt; 

[Seite 86]

1 nur kann ich auch recht an ihm den Grad meiner 2 Schmerzen erkennen, denn sie lassen mich den Werth 3 einer solchen Gabe nur selten empfinden.

4 Erlauben Sie mir, fuhr sie fort, daß ich nun auch 5 von mir und meinem Schicksale rede; denn es ist mir 6 sehr daran gelegen, daß Sie mich nicht verkennen. 7 Ich glaubte einige gelassene Augenblicke zu haben, 8 darum ließ ich Sie rufen; Sie sind nun da, und ich 9 habe meinen Faden verloren.

10 Ein verlass'nes Geschöpf mehr in der Welt! werden 11 Sie sagen. Sie sind ein Mann, und denken: wie 12 gebärdet sie sich bei einem nothwendigen Übel, das 13 gewisser als der Tod über einem Weibe schwebt, bei 14 der Untreue eines Mannes, die Thörin! --- O mein 15 Freund, wäre mein Schicksal gemein, ich wollte gern 16 gemeines Übel ertragen; aber es ist so außerordentlich; 17 warum kann ich's Ihnen nicht im Spiegel zeigen, 18 warum nicht jemand auftragen, es Ihnen zu erzählen! 19 O wäre, wäre ich verführt, überrascht und dann verlassen, 20 dann würde in der Verzweiflung noch Trost 21 sein; aber ich bin weit schlimmer daran, ich habe 22 mich selbst hintergangen, mich selbst wider Wissen betrogen, 23 das ist's, was ich mir niemals verzeihen kann.

24 Bei edlen Gesinnungen, wie die Ihrigen sind, versetzte 25 der Freund, können Sie nicht ganz unglücklich sein.

26 Und wissen Sie, wem ich meine Gesinnung schuldig 27 bin? fragte Aurelie; der allerschlechtesten Erziehung, 28 durch die jemals ein Mädchen hätte verderbt werden 

[Seite 87]

1 sollen, dem schlimmsten Beispiele, um Sinne und 2 Neigung zu verführen.

3 Nach dem frühzeitigen Tode meiner Mutter bracht' 4 ich die schönsten Jahre der Entwicklung bei einer 5 Tante zu, die sich zum Gesetz machte, die Gesetze der 6 Ehrbarkeit zu verachten. Blindlings überließ sie sich 7 einer jeden Neigung, sie mochte über den Gegenstand 8 gebieten oder sein Sclav sein, wenn sie nur im wilden 9 Genuß ihrer selbst vergessen konnte.

10 Was mußten wir Kinder mit dem reinen und deutlichen 11 Blick der Unschuld uns für Begriffe von dem 12 männlichen Geschlechte machen? Wie dumpf, dringend, 13 dreist, ungeschickt war jeder, den sie herbeireizte; wie 14 satt, übermüthig, leer und abgeschmackt dagegen, sobald 15 er seiner Wünsche Befriedigung gefunden hatte. 16 So hab' ich diese Frau Jahre lang unter dem Gebote 17 der schlechtesten Menschen erniedrigt gesehen; was für 18 Begegnungen mußte sie erdulden, und mit welcher 19 Stirne wußte sie sich in ihr Schicksal zu finden, ja mit 20 welcher Art diese schändlichen Fesseln zu tragen!

21 So lernte ich Ihr Geschlecht kennen, mein Freund, 22 und wie rein haßte ich's, da ich zu bemerken schien, daß 23 selbst leidliche Männer, im Verhältniß gegen das 24 unsrige, jedem guten Gefühl zu entsagen schienen, zu 25 dem sie die Natur sonst noch mochte fähig gemacht haben.

26 Leider mußt' ich auch bei solchen Gelegenheiten viel 27 traurige Erfahrungen über mein eigen Geschlecht machen, 28 und wahrhaftig, als Mädchen von sechzehn Jahren 

[Seite 88]

1 war ich klüger als ich jetzt bin, jetzt, da ich mich selbst 2 kaum verstehe. Warum sind wir so klug, wenn wir 3 jung sind, so klug, um immer thörichter zu werden!

4 Der Knabe machte Lärm, Aurelie ward ungeduldig 5 und klingelte. Ein altes Weib kam herein, ihn wegzuholen. 6 Hast du noch immer Zahnweh? sagte Aurelie 7 zu der Alten, die das Gesicht verbunden hatte. Fast 8 unleidliches, versetzte diese mit dumpfer Stimme, hob 9 den Knaben auf, der gerne mitzugehen schien, und 10 brachte ihn weg.

11 Kaum war das Kind bei Seite, als Aurelie bitterlich 12 zu weinen anfing. Ich kann nichts als jammern 13 und klagen, rief sie aus, und ich schäme mich, wie 14 ein armer Wurm vor Ihnen zu liegen. Meine 15 Besonnenheit ist schon weg, und ich kann nicht mehr 16 erzählen. Sie stockte und schwieg. Ihr Freund, der 17 nichts Allgemeines sagen wollte, und nichts Besonderes 18 zu sagen wußte, drückte ihre Hand, und sah sie eine 19 Zeitlang an. Endlich nahm er in der Verlegenheit 20 ein Buch auf, das er vor sich auf dem Tischchen 21 liegen fand; es waren Shakespears Werke, und Hamlet 22 aufgeschlagen.

23 Serlo, der eben zur Thür herein kam, nach dem 24 Befinden seiner Schwester fragte, schaute in das Buch, 25 das unser Freund in der Hand hielt, und rief aus: 26 Find' ich Sie wieder über Ihrem Hamlet? Eben 27 recht! Es sind mir gar manche Zweifel aufgestoßen, die 28 das canonische Ansehn, das Sie dem Stücke so gerne 

[Seite 89]

1 geben möchten, sehr zu vermindern scheinen. Haben 2 doch die Engländer selbst bekannt, daß das Hauptinteresse 3 sich mit dem dritten Act schlösse, daß die 4 zwei letzten Acte nur kümmerlich das Ganze zusammen 5 hielten, und es ist doch wahr, das Stück will gegen 6 das Ende weder gehen noch rücken.

7 Es ist sehr möglich, sagte Wilhelm, daß einige 8 Glieder einer Nation, die so viel Meisterstücke aufzuweisen 9 hat, durch Vorurtheile und Beschränktheit auf 10 falsche Urtheile geleitet werden; aber das kann uns 11 nicht hindern, mit eignen Augen zu sehen, und gerecht 12 zu sein. Ich bin weit entfernt, den Plan dieses Stücks 13 zu tadeln, ich glaube vielmehr, daß kein größerer ersonnen 14 worden sei; ja, er ist nicht ersonnen, es ist so.

15 Wie wollen Sie das auslegen? fragte Serlo.

16 Ich will nichts auslegen, versetzte Wilhelm, ich 17 will Ihnen nur vorstellen, was ich mir denke.

18 Aurelie hob sich von ihrem Kissen auf, stützte sich 19 auf ihre Hand, und sah unsern Freund an, der mit 20 der größten Versicherung, daß er Recht habe, also zu 21 reden fortfuhr: Es gefällt uns so wohl, es schmeichelt 22 so sehr, wenn wir einen Helden sehen, der durch sich 23 selbst handelt, der liebt und haßt, wenn es ihm sein 24 Herz gebietet, der unternimmt und ausführt, alle 25 Hindernisse abwendet und zu einem großen Zwecke 26 gelangt. Geschichtschreiber und Dichter möchten uns 27 gerne überreden, daß ein so stolzes Loos dem Menschen 28 fallen könne. Hier werden wir anders belehrt; der 

[Seite 90]

1 Held hat keinen Plan, aber das Stück ist planvoll. 2 Hier wird nicht etwa nach einer starr und eigensinnig 3 durchgeführten Idee von Rache ein Bösewicht bestraft, 4 nein, es geschieht eine ungeheure That, sie wälzt sich 5 in ihren Folgen fort, reißt Unschuldige mit; der Verbrecher 6 scheint dem Abgrunde, der ihm bestimmt ist, 7 ausweichen zu wollen, und stürzt hinein, eben da, 8 wo er seinen Weg glücklich auszulaufen gedenkt. Denn 9 das ist die Eigenschaft der Greuelthat, daß sie auch 10 Böses über den Unschuldigen, wie der guten Handlung, 11 daß sie viele Vortheile auch über den Unverdienten 12 ausbreitet, ohne daß der Urheber von beiden oft weder 13 bestraft noch belohnt wird. Hier in unserm Stücke 14 wie wunderbar! Das Fegefeuer sendet seinen Geist 15 und fordert Rache, aber vergebens. Alle Umstände 16 kommen zusammen, und treiben die Rache, vergebens! 17 Weder Irdischen noch Unterirdischen kann gelingen, 18 was dem Schicksal allein vorbehalten ist. Die Gerichtsstunde 19 kommt. Der Böse fällt mit dem Guten. Ein 20 Geschlecht wird weggemäht, und das andere sproßt auf.

21 Nach einer Pause, in der sie einander ansahen, 22 nahm Serlo das Wort: Sie machen der Vorsehung 23 kein sonderlich Compliment, indem Sie den Dichter 24 erheben, und dann scheinen Sie mir wieder zu Ehren 25 Ihres Dichters, wie andere zu Ehren der Vorsehung, 26 ihm Endzweck und Plane unterzuschieben, an die er 27 nicht gedacht hat.



[Seite 91]



1 
Sechzehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Lassen sie mich, sagte Aurelie, nun auch eine 3 Frage thun. Ich habe Opheliens Rolle wieder angesehen, 4 ich bin zufrieden damit, und getraue mir, sie 5 unter gewissen Umständen zu spielen. Aber sagen 6 Sie mir, hätte der Dichter seiner Wahnsinnigen 7 nicht andere Liedchen unterlegen sollen? Könnte man 8 nicht Fragmente aus melancholischen Balladen wählen? 9 Was sollen Zweideutigkeiten und lüsterne Albernheiten 10 in dem Munde dieses edlen Mädchens?

11 Beste Freundin, versetzte Wilhelm, ich kann auch 12 hier nicht ein Jota nachgeben. Auch in diesen Sonderbarkeiten, 13 auch in dieser anscheinenden Unschicklichkeit 14 liegt ein großer Sinn. Wissen wir doch gleich zu 15 Anfange des Stücks, womit das Gemüth des guten 16 Kindes beschäftigt ist. Stille lebte sie vor sich hin, 17 aber kaum verbarg sie ihre Sehnsucht, ihre Wünsche. 18 Heimlich klangen die Töne der Lüsternheit in ihrer 19 Seele, und wie oft mag sie versucht haben, gleich einer 20 unvorsichtigen Wärterin, ihre Sinnlichkeit zur Ruhe 21 zu singen mit Liedchen, die sie nur mehr wach halten 

[Seite 92]

1 mußten. Zuletzt, da ihr jede Gewalt über sich selbst 2 entrissen ist, da ihr Herz auf der Zunge schwebt, wird 3 diese Zunge ihre Verrätherin, und in der Unschuld des 4 Wahnsinns ergötzt sie sich, vor König und Königin, an 5 dem Nachklange ihrer geliebten losen Lieder: vom 6 Mädchen, das gewonnen ward; vom Mädchen, das 7 zum Knaben schleicht, und so weiter.

8 Er hatte noch nicht ausgeredet, als auf einmal 9 eine wunderbare Scene vor seinen Augen entstand, 10 die er sich auf keine Weise erklären konnte.

11 Serlo war einigemal in der Stube auf und ab 12 gegangen, ohne daß er irgend eine Absicht merken 13 ließ. Auf einmal trat er an Aureliens Putztisch, 14 griff schnell nach etwas, das darauf lag, und eilte 15 mit seiner Beute der Thüre zu. Aurelie bemerkte 16 kaum seine Handlung, als sie auffuhr, sich ihm in 17 den Weg warf, ihn mit unglaublicher Leidenschaft 18 angriff, und geschickt genug war, ein Ende des geraubten 19 Gegenstandes zu fassen. Sie rangen und balgten 20 sich sehr hartnäckig, drehten und wanden sich sehr 21 lebhaft mit einander herum; er lachte, sie ereiferte 22 sich, und als Wilhelm hinzu eilte, sie aus einander 23 zu bringen und zu besänftigen, sah er auf einmal 24 Aurelien mit einem bloßen Dolch in der Hand auf 25 die Seite springen, indem Serlo die Scheide, die ihm 26 zurückgeblieben war, verdrießlich auf den Boden warf. 27 Wilhelm trat erstaunt zurück und seine stumme Verwunderung 28 schien nach der Ursache zu fragen, warum 

[Seite 93]

1 ein so sonderbarer Streit über einen so wunderbaren 2 Hausrath habe unter ihnen entstehen können.

3 Sie sollen, sprach Serlo, Schiedsrichter zwischen 4 uns beiden sein. Was hat sie mit dem scharfen 5 Stahle zu thun? Lassen Sie sich ihn zeigen. Dieser 6 Dolch ziemt keiner Schauspielerin; spitz und scharf 7 wie Nadel und Messer! Zu was die Posse? Heftig 8 wie sie ist, thut sie sich noch einmal von ungefähr 9 ein Leides. Ich habe einen innerlichen Haß gegen 10 solche Sonderbarkeiten: ein ernstlicher Gedanke dieser 11 Art ist toll, und ein so gefährliches Spielwerk ist 12 abgeschmackt.

13 Ich habe ihn wieder! rief Aurelie, indem sie die 14 blanke Klinge in die Höhe hielt: ich will meinen 15 treuen Freund nun besser verwahren. Verzeih' mir, 16 rief sie aus, indem sie den Stahl küßte, daß ich dich 17 so vernachlässigt habe!

18 Serlo schien im Ernste böse zu werden. --- Nimm 19 es wie du willst, Bruder, fuhr sie fort; kannst du 20 denn wissen, ob mir nicht etwa unter dieser Form 21 ein köstlicher Talisman beschert ist; ob ich nicht Hülfe 22 und Rath zur schlimmsten Zeit bei ihm finde; muß 23 denn alles schädlich sein was gefährlich aussieht?

24 Dergleichen Reden, in denen kein Sinn ist, können 25 mich toll machen! sagte Serlo, und verließ mit heimlichem 26 Grimme das Zimmer. Aurelie verwahrte den 27 Dolch sorgfältig in der Scheide, und steckte ihn zu 28 sich. Lassen Sie uns das Gespräch fortsetzen das der unglückliche 

[Seite 94]

1 Bruder gestört hat, fiel sie ein, als Wilhelm 2 einige Fragen über den sonderbaren Streit vorbrachte.

3 Ich muß Ihre Schilderung Opheliens wohl gelten 4 lassen, fuhr sie fort: ich will die Absicht des Dichters 5 nicht verkennen; nur kann ich sie mehr bedauern, als 6 mit ihr empfinden. Nun aber erlauben Sie mir 7 eine Betrachtung, zu der Sie mir in der kurzen Zeit 8 oft Gelegenheit gegeben haben. Mit Bewunderung 9 bemerke ich an Ihnen den tiefen und richtigen Blick, 10 mit dem Sie Dichtung und besonders dramatische Dichtung 11 beurtheilen; die tiefsten Abgründe der Erfindung 12 sind Ihnen nicht verborgen, und die feinsten Züge 13 der Ausführung sind Ihnen bemerkbar. Ohne die 14 Gegenstände jemals in der Natur erblickt zu haben, 15 erkennen Sie die Wahrheit im Bilde; es scheint eine 16 Vorempfindung der ganzen Welt in Ihnen zu liegen, 17 welche durch die harmonische Berührung der Dichtkunst 18 erregt und entwickelt wird. Denn wahrhaftig, 19 fuhr sie fort, von außen kommt nichts in Sie hinein; 20 ich habe nicht leicht jemanden gesehen, der die Menschen, 21 mit denen er lebt, so wenig kennt, so von Grund aus 22 verkennt, wie Sie. Erlauben Sie mir, es zu sagen: 23 wenn man Sie Ihren Shakespear erklären hört, glaubt 24 man, Sie kämen eben aus dem Rathe der Götter, 25 und hätten zugehört, wie man sich daselbst beredet, 26 Menschen zu bilden; wenn Sie dagegen mit Leuten 27 umgehen, seh' ich in Ihnen gleichsam das erste, groß 28 geborne Kind der Schöpfung, das mit sonderlicher 

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1 Verwunderung und erbaulicher Gutmüthigkeit Löwen 2 und Affen, Schafe und Elephanten anstaunt, und sie 3 treuherzig als seines Gleichen anspricht, weil sie eben 4 auch da sind und sich bewegen.

5 Die Ahnung meines schülerhaften Wesens, werthe 6 Freundin, versetzte er, ist mir öfters lästig, und ich 7 werde Ihnen danken, wenn Sie mir über die Welt 8 zu mehrerer Klarheit verhelfen wollen. Ich habe 9 von Jugend auf die Augen meines Geistes mehr nach 10 innen als nach außen gerichtet, und da ist es sehr 11 natürlich, daß ich den Menschen bis auf einen gewissen 12 Grad habe kennen lernen, ohne die Menschen im 13 mindesten zu verstehen und zu begreifen.

14 Gewiß, sagte Aurelie, ich hatte Sie anfangs in 15 Verdacht, als wollten Sie uns zum Besten haben, da 16 Sie von den Leuten, die Sie meinem Bruder zugeschickt 17 haben, so manches Gute sagten, wenn ich Ihre Briefe 18 mit den Verdiensten dieser Menschen zusammen hielt.

19 Die Bemerkung Aureliens, so wahr sie sein mochte, 20 und so gern ihr Freund diesen Mangel bei sich gestand, 21 führte doch etwas Drückendes, ja sogar Beleidigendes 22 mit sich, daß er still ward, und sich zusammen nahm, 23 theils um keine Empfindlichkeit merken zu lassen, theils 24 in seinem Busen nach der Wahrheit dieses Vorwurfs 25 zu forschen.

26 Sie dürfen nicht darüber betreten sein, fuhr Aurelie 27 fort: zum Lichte des Verstandes können wir immer 28 gelangen; aber die Fülle des Herzens kann uns niemand 

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1 geben. Sind Sie zum Künstler bestimmt, so 2 können Sie diese Dunkelheit und Unschuld nicht lange 3 genug bewahren; sie ist die schöne Hülle über der 4 jungen Knospe; Unglücks genug, wenn wir zu früh 5 herausgetrieben werden. Gewiß es ist gut, wenn wir 6 die nicht immer kennen, für die wir arbeiten.

7 O! ich war auch einmal in diesem glücklichen 8 Zustande, als ich mit dem höchsten Begriff von mir 9 selbst und meiner Nation die Bühne betrat. Was 10 waren die Deutschen nicht in meiner Einbildung, 11 was konnten sie nicht sein! Zu dieser Nation sprach 12 ich, über die mich ein kleines Gerüst erhob, von welcher 13 mich eine Reihe Lampen trennte, deren Glanz und 14 Dampf mich hinderte, die Gegenstände vor mir genau 15 zu unterscheiden. Wie willkommen war mir der 16 Klang des Beifalls, der aus der Menge herauf tönte; 17 wie dankbar nahm ich das Geschenk an, das mir 18 einstimmig von so vielen Händen dargebracht wurde! 19 Lange wiegte ich mich so hin; wie ich wirkte, wirkte 20 die Menge wieder auf mich zurück; ich war mit 21 meinem Publicum in dem besten Vernehmen; ich 22 glaubte eine vollkommene Harmonie zu fühlen, und 23 jederzeit die Edelsten und Besten der Nation vor mir 24 zu sehen.

25 Unglücklicherweise war es nicht die Schauspielerin 26 allein, deren Naturell und Kunst die Theaterfreunde 27 interessirte, sie machten auch Ansprüche an das junge 28 lebhafte Mädchen. Sie gaben mir nicht undeutlich 

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1 zu verstehen, daß meine Pflicht sei, die Empfindungen, 2 die ich in ihnen rege gemacht, auch persönlich mit 3 ihnen zu theilen. Leider war das nicht meine Sache; 4 ich wünschte ihre Gemüther zu erheben, aber an das, 5 was sie ihr Herz nannten, hatte ich nicht den mindesten 6 Anspruch; und nun wurden mir alle Stände, 7 Alter und Charaktere, einer um den andern, zur Last, 8 und nichts war mir verdrießlicher, als daß ich mich 9 nicht, wie ein anderes ehrliches Mädchen, in mein 10 Zimmer verschließen, und so mir manche Mühe ersparen 11 konnte.

12 Die Männer zeigten sich meist, wie ich sie bei 13 meiner Tante zu sehen gewohnt war, und sie würden 14 mir auch dießmal nur wieder Abscheu erregt haben, 15 wenn mich nicht ihre Eigenheiten und Albernheiten 16 unterhalten hätten. Da ich nicht vermeiden konnte, 17 sie bald auf dem Theater, bald an öffentlichen Orten, 18 bald zu Hause zu sehen, nahm ich mir vor, sie alle 19 auszulauern, und mein Bruder half mir wacker dazu. 20 Und wenn Sie denken, daß vom beweglichen Ladendiener 21 und dem eingebildeten Kaufmannssohn, bis 22 zum gewandten abwiegenden Weltmann, dem kühnen 23 Soldaten und dem raschen Prinzen, alle nach und 24 nach, bei mir vorbei gegangen sind, und jeder nach 25 seiner Art seinen Roman anzuknüpfen gedachte; so 26 werden Sie mir verzeihen, wenn ich mir einbildete, 27 mit meiner Nation ziemlich bekannt zu sein.

28 Den phantastisch aufgestutzten Studenten, den 

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1 demüthig-stolz verlegenen Gelehrten, den schwankfüßigen 2 genügsamen Domherrn, den steifen aufmerksamen 3 Geschäftsmann, den derben Landbaron, den 4 freundlich glatt-platten Hofmann, den jungen, aus der 5 Bahn schreitenden Geistlichen, den gelassenen, so wie 6 den schnellen und thätig speculirenden Kaufmann, alle 7 habe ich in Bewegung gesehen, und bei'm Himmel! 8 wenige fanden sich darunter, die mir nur ein gemeines 9 Interesse einzuflößen im Stande gewesen wären; vielmehr 10 war es mir äußerst verdrießlich, den Beifall 11 der Thoren im Einzelnen, mit Beschwerlichkeit und 12 langer Weile einzucassiren, der mir im Ganzen so 13 wohl behagt hatte, den ich mir im Großen so gerne 14 zueignete.

15 Wenn ich über mein Spiel ein vernünftiges Compliment 16 erwartete, wenn ich hoffte, sie sollten einen 17 Autor loben, den ich hochschätzte; so machten sie eine 18 alberne Anmerkung über die andere, und nannten ein 19 abgeschmacktes Stück, in welchem sie wünschten mich 20 spielen zu sehen. Wenn ich in der Gesellschaft herum 21 horchte, ob nicht etwa ein edler, geistreicher, witziger 22 Zug nachklänge, und zur rechten Zeit wieder zum 23 Vorschein käme, konnte ich selten eine Spur vernehmen. 24 Ein Fehler, der vorgekommen war, wenn ein Schauspieler 25 sich versprach oder irgend einen Provinzialism 26 hören ließ, das waren die wichtigen Puncte, an denen 27 sie sich fest hielten, von denen sie nicht los kommen 28 konnten. Ich wußte zuletzt nicht, wohin ich mich 

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1 wenden sollte; sie dünkten sich zu klug, sich unterhalten 2 zu lassen, und sie glaubten mich wundersam 3 zu unterhalten, wenn sie an mir herumtätschelten. 4 Ich fing an, sie alle von Herzen zu verachten, und 5 es war mir eben, als wenn die ganze Nation sich 6 recht vorsätzlich bei mir durch ihre Abgesandten habe 7 prostituiren wollen. Sie kam mir im Ganzen so 8 linkisch vor, so übel erzogen, so schlecht unterrichtet, 9 so leer von gefälligem Wesen, so geschmacklos. Oft 10 rief ich aus: Es kann doch kein Deutscher einen Schuh 11 zuschnallen, der es nicht von einer fremden Nation 12 gelernt hat!

13 Sie sehen, wie verblendet, wie hypochondrisch ungerecht 14 ich war, und je länger es währte, desto mehr 15 nahm meine Krankheit zu. Ich hätte mich umbringen 16 können; allein ich verfiel auf ein ander Extrem: ich 17 verheirathete mich, oder vielmehr ich ließ mich verheirathen. 18 Mein Bruder, der das Theater übernommen 19 hatte, wünschte sehr einen Gehülfen zu haben. 20 Seine Wahl fiel auf einen jungen Mann, der mir 21 nicht zuwider war, dem alles mangelte, was mein 22 Bruder besaß, Genie, Leben, Geist und rasches Wesen; 23 an dem sich aber auch alles fand, was jenem abging: 24 Liebe zur Ordnung, Fleiß, eine köstliche Gabe hauszuhalten 25 und mit Gelde umzugehen.

26 Er ist mein Mann geworden, ohne daß ich weiß 27 wie; wir haben zusammen gelebt, ohne daß ich recht 28 weiß, warum. Genug, unsre Sachen gingen gut. Wir 

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1 nahmen viel ein, davon war die Thätigkeit meines 2 Bruders Ursache; wir kamen gut aus, und das war 3 das Verdienst meines Mannes. Ich dachte nicht mehr 4 an Welt und Nation. Mit der Welt hatte ich nichts 5 zu theilen, und den Begriff von Nation hatte ich verloren. 6 Wenn ich auftrat, that ich's um zu leben; 7 ich öffnete den Mund nur, weil ich nicht schweigen 8 durfte, weil ich doch heraus gekommen war, um zu 9 reden.

10 Doch, daß ich es nicht zu arg mache, eigentlich 11 hatte ich mich ganz in die Absicht meines Bruders 12 ergeben; ihm war um Beifall und Geld zu thun: 13 denn, unter uns, er hört sich gerne loben und braucht 14 viel. Ich spielte nun nicht mehr nach meinem Gefühl, 15 nach meiner Überzeugung, sondern wie er mich anwies, 16 und wenn ich es ihm zu Danke gemacht hatte, war ich 17 zufrieden. Er richtete sich nach allen Schwächen des 18 Publicums; es ging Geld ein, er konnte nach seiner 19 Willkür leben, und wir hatten gute Tage mit ihm.

20 Ich war indessen in einen handwerksmäßigen 21 Schlendrian gefallen. Ich zog meine Tage ohne Freude 22 und Antheil hin, meine Ehe war kinderlos und dauerte 23 nur kurze Zeit. Mein Mann ward krank, seine Kräfte 24 nahmen sichtbar ab, die Sorge für ihn unterbrach 25 meine allgemeine Gleichgültigkeit. In diesen Tagen 26 machte ich eine Bekanntschaft, mit der ein neues Leben 27 für mich anfing, ein neues und schnelleres, denn es 28 wird bald zu Ende sein.



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1 Sie schwieg eine Zeitlang stille, dann fuhr sie 2 fort: Auf einmal stockt meine geschwätzige Laune, und 3 ich getraue mir den Mund nicht weiter aufzuthun. 4 Lassen Sie mich ein wenig ausruhen; Sie sollen nicht 5 weggehen, ohne ausführlich all mein Unglück zu 6 wissen. Rufen Sie doch indessen Mignon herein, und 7 hören was sie will.

8 Das Kind war während Aureliens Erzählung 9 einigemal im Zimmer gewesen. Da man bei seinem 10 Eintritt leiser sprach, war es wieder weggeschlichen, 11 saß auf dem Saale still und wartete. Als man sie 12 wieder hereinkommen hieß, brachte sie ein Buch mit, 13 das man bald an Form und Einband für einen kleinen 14 geographischen Atlas erkannte. Sie hatte bei dem 15 Pfarrer unterwegs mit großer Verwunderung die 16 ersten Landkarten gesehen, ihn viel darüber gefragt, 17 und sich, so weit es gehen wollte, unterrichtet. Ihr 18 Verlangen, etwas zu lernen, schien durch diese neue 19 Kenntniß noch viel lebhafter zu werden. Sie bat 20 Wilhelmen inständig, ihr das Buch zu kaufen. Sie 21 habe dem Bildermann ihre großen silbernen Schnallen 22 dafür eingesetzt, und wolle sie, weil es heute Abend 23 so spät geworden, morgen früh wieder einlösen. Es 24 ward ihr bewilligt, und sie fing nun an, dasjenige, 25 was sie wußte, theils herzusagen, theils nach ihrer 26 Art die wunderlichsten Fragen zu thun. Man konnte 27 auch hier wieder bemerken, daß bei einer großen Anstrengung 28 sie nur schwer und mühsam begriff. So 

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1 war auch ihre Handschrift, mit der sie sich viele Mühe 2 gab. Sie sprach noch immer sehr gebrochen Deutsch, 3 und nur wenn sie den Mund zum Singen aufthat, 4 wenn sie die Cither rührte, schien sie sich des einzigen 5 Organs zu bedienen, wodurch sie ihr Innerstes aufschließen 6 und mittheilen konnte.

7 Wir müssen, da wir gegenwärtig von ihr sprechen, 8 auch der Verlegenheit gedenken, in die sie seit einiger 9 Zeit unsern Freund öfters versetzte. Wenn sie kam 10 oder ging, guten Morgen, oder gute Nacht sagte, 11 schloß sie ihn so fest in ihre Arme, und küßte ihn 12 mit solcher Inbrunst, daß ihm die Heftigkeit dieser 13 aufkeimenden Natur oft angst und bange machte. Die 14 zuckende Lebhaftigkeit schien sich in ihrem Betragen 15 täglich zu vermehren, und ihr ganzes Wesen bewegte 16 sich in einer rastlosen Stille. Sie konnte nicht sein, 17 ohne einen Bindfaden in den Händen zu drehen, ein 18 Tuch zu kneten, Papier oder Hölzchen zu kauen. Jedes 19 ihrer Spiele schien nur eine innere heftige Erschütterung 20 abzuleiten. Das Einzige, was ihr einige Heiterkeit 21 zu geben schien, war die Nähe des kleinen Felix, 22 mit dem sie sich sehr artig abzugeben wußte.

23 Aurelie, die nach einiger Ruhe gestimmt war, sich 24 mit ihrem Freunde über einen Gegenstand, der ihr so 25 sehr am Herzen lag, endlich zu erklären, ward über 26 die Beharrlichkeit der Kleinen dießmal ungeduldig, 27 und gab ihr zu verstehen, daß sie sich wegbegeben 28 sollte, und man mußte sie endlich, da alles nicht 

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1 helfen wollte, ausdrücklich und wider ihren Willen 2 fortschicken.

3 Jetzt oder niemals, sagte Aurelie, muß ich Ihnen 4 den Rest meiner Geschichte erzählen. Wäre mein 5 zärtlich geliebter, ungerechter Freund nur wenige 6 Meilen von hier, ich würde sagen, setzen Sie sich 7 zu Pferde, suchen Sie auf irgend eine Weise Bekanntschaft 8 mit ihm, und wenn Sie zurückkehren, so haben 9 Sie mir gewiß verziehen, und bedauern mich von 10 Herzen. Jetzt kann ich Ihnen nur mit Worten sagen, 11 wie liebenswürdig er war, und wie sehr ich ihn 12 liebte.

13 Eben zu der kritischen Zeit, da ich für die Tage 14 meines Mannes besorgt sein mußte, lernt' ich ihn 15 kennen. Er war eben aus America zurückgekommen, 16 wo er in Gesellschaft einiger Franzosen mit vieler 17 Distinction unter den Fahnen der Vereinigten Staaten 18 gedient hatte.

19 Er begegnete mir mit einem gelass'nen Anstande, 20 mit einer offnen Gutmüthigkeit, sprach über mich 21 selbst, meine Lage, mein Spiel, wie ein alter Bekannter, 22 so theilnehmend und so deutlich, daß ich 23 mich zum erstenmal freuen konnte, meine Existenz in 24 einem andern Wesen so klar wieder zu erkennen. 25 Seine Urtheile waren richtig ohne absprechend, treffend 26 ohne lieblos zu sein. Er zeigte keine Härte, und sein 27 Muthwille war zugleich gefällig. Er schien des guten 28 Glücks bei Frauen gewohnt zu sein, das machte mich 

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1 aufmerksam; er war keinesweges schmeichelnd und 2 andringend, das machte mich sorglos.

3 In der Stadt ging er mit wenigen um, war meist 4 zu Pferde, besuchte seine vielen Bekannten in der 5 Gegend, und besorgte die Geschäfte seines Hauses. Kam 6 er zurück, so stieg er bei mir ab, behandelte meinen 7 immer kränkern Mann mit warmer Sorge, schaffte 8 dem Leidenden durch einen geschickten Arzt Linderung, 9 und wie er an allem was mich betraf, Theil nahm, 10 ließ er mich auch an seinem Schicksale Theil nehmen. 11 Er erzählte mir die Geschichte seiner Campagne, seiner 12 unüberwindlichen Neigung zum Soldatenstande, seine 13 Familienverhältnisse; er vertraute mir seine gegenwärtigen 14 Beschäftigungen. Genug, er hatte nichts 15 Geheimes vor mir; er entwickelte mir sein Innerstes, 16 ließ mich in die verborgensten Winkel seiner Seele 17 sehen; ich lernte seine Fähigkeiten, seine Leidenschaften 18 kennen. Es war das erstemal in meinem Leben, daß 19 ich eines herzlichen geistreichen Umgangs genoß. Ich 20 war von ihm angezogen, von ihm hingerissen, eh' ich 21 über mich selbst Betrachtungen anstellen konnte.

22 Inzwischen verlor ich meinen Mann ungefähr wie 23 ich ihn genommen hatte. Die Last der theatralischen 24 Geschäfte fiel nun ganz auf mich. Mein Bruder, 25 unverbesserlich auf dem Theater, war in der Haushaltung 26 niemals nütze; ich besorgte alles, und studirte 27 dabei meine Rollen fleißiger als jemals. Ich spielte 28 wieder wie vor Alters, ja mit ganz anderer Kraft 

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1 und neuem Leben, zwar durch ihn und um seinetwillen, 2 doch nicht immer gelang es mir zum besten, 3 wenn ich meinen edlen Freund im Schauspiel wußte; 4 aber einigemal behorchte er mich, und wie angenehm 5 mich sein unvermutheter Beifall überraschte, können 6 Sie denken.

7 Gewiß, ich bin ein seltsames Geschöpf. Bei jeder 8 Rolle, die ich spielte, war es mir eigentlich nur immer 9 zu Muthe, als wenn ich ihn lobte und zu seinen Ehren 10 spräche; denn das war die Stimmung meines Herzens, 11 die Worte mochten übrigens sein, wie sie wollten. 12 Wußt' ich ihn unter den Zuhörern, so getraute ich 13 mich nicht, mit der ganzen Gewalt zu sprechen, eben 14 als wenn ich ihm meine Liebe, mein Lob nicht geradezu 15 in's Gesicht aufdringen wollte; war er abwesend, dann 16 hatte ich freies Spiel, ich that mein Bestes mit einer 17 gewissen Ruhe, mit einer unbeschreiblichen Zufriedenheit. 18 Der Beifall freute mich wieder, und wenn ich 19 dem Publicum Vergnügen machte, hätte ich immer 20 zugleich hinunter rufen mögen: Das seid ihr ihm 21 schuldig!

22 Ja, mir war wie durch ein Wunder das Verhältniß 23 zum Publicum, zur ganzen Nation verändert. 24 Sie erschien mir auf einmal wieder in dem vortheilhaftesten 25 Lichte, und ich erstaunte recht über meine 26 bisherige Verblendung.

27 Wie unverständig, sagt' ich oft zu mir selbst, war 28 es, als du ehemals auf eine Nation schaltest, eben 

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1 weil es eine Nation ist. Müssen denn, können denn 2 einzelne Menschen so interessant sein? Keinesweges! 3 Es fragt sich, ob unter der großen Masse eine Menge 4 von Anlagen, Kräften und Fähigkeiten vertheilt sei, 5 die durch günstige Umstände entwickelt, durch vorzügliche 6 Menschen zu einem gemeinsamen Endzwecke geleitet 7 werden können. Ich freute mich nun, so wenig 8 hervorstechende Originalität unter meinen Landsleuten 9 zu finden; ich freute mich, daß sie eine Richtung von 10 außen anzunehmen nicht verschmähten; ich freute mich, 11 einen Anführer gefunden zu haben.

12 Lothar --- lassen Sie mich meinen Freund mit 13 seinem geliebten Vornamen nennen --- hatte mir immer 14 die Deutschen von der Seite der Tapferkeit vorgestellt, 15 und mir gezeigt, daß keine bravere Nation in der 16 Welt sei, wenn sie recht geführt werde, und ich schämte 17 mich, an die erste Eigenschaft eines Volks niemals 18 gedacht zu haben. Ihm war die Geschichte bekannt, 19 und mit den meisten verdienstvollen Männern seines 20 Zeitalters stand er in Verhältnissen. So jung er 21 war, hatte er ein Auge auf die hervorkeimende hoffnungsvolle 22 Jugend seines Vaterlandes, auf die stillen 23 Arbeiten in so vielen Fächern beschäftigter und thätiger 24 Männer. Er ließ mich einen Überblick über Deutschland 25 thun, was es sei, und was es sein könne, und 26 ich schämte mich, eine Nation nach der verworrenen 27 Menge beurtheilt zu haben, die sich in eine Theatergarderobe 28 drängen mag. Er machte mir's zur Pflicht, 

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1 auch in meinem Fache wahr, geistreich und belebend 2 zu sein. Nun schien ich mir selbst inspirirt, so oft 3 ich auf das Theater trat. Mittelmäßige Stellen 4 wurden zu Gold in meinem Munde, und hätte mir 5 damals ein Dichter zweckmäßig beigestanden, ich hätte 6 die wunderbarsten Wirkungen hervorgebracht.

7 So lebte die junge Witwe Monate lang fort. 8 Er konnte mich nicht entbehren, und ich war höchst 9 unglücklich, wenn er außen blieb. Er zeigte mir 10 die Briefe seiner Verwandten, seiner vortrefflichen 11 Schwester. Er nahm an den kleinsten Umständen 12 meiner Verhältnisse Theil; inniger, vollkommener ist 13 keine Einigkeit zu denken. Der Name der Liebe ward 14 nicht genannt. Er ging und kam, kam und ging --- 15 und nun, mein Freund, ist es hohe Zeit, daß Sie 16 auch gehen.



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1 
Siebzehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Wilhelm konnte nun nicht länger den Besuch bei 3 seinen Handelsfreunden aufschieben. Er ging nicht ohne 4 Verlegenheit dahin; denn er wußte, daß er Briefe von 5 den Seinigen daselbst antreffen werde. Er fürchtete sich 6 vor den Vorwürfen, die sie enthalten mußten; wahrscheinlich 7 hatte man auch dem Handelshause Nachricht 8 von der Verlegenheit gegeben, in der man sich seinetwegen 9 befand. Er scheute sich, nach so vielen ritterlichen 10 Abenteuern, vor dem schülerhaften Ansehen, in 11 dem er erscheinen würde, und nahm sich vor, recht 12 trotzig zu thun, und auf diese Weise seine Verlegenheit 13 zu verbergen.

14 Allein zu seiner großen Verwunderung und Zufriedenheit 15 ging alles sehr gut und leidlich ab. In 16 dem großen lebhaften und beschäftigten Comptoir hatte 17 man kaum Zeit, seine Briefe aufzusuchen; seines 18 längern Außenbleibens ward nur im Vorbeigehn gedacht. 19 Und als er die Briefe seines Vaters und 20 seines Freundes Werner eröffnete, fand er sie sämmtlich 21 sehr leidlichen Inhalts. Der Alte, in Hoffnung 22 eines weitläufigen Journals, dessen Führung er dem 23 Sohne bei'm Abschiede sorgfältig empfohlen, und wozu 

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1 er ihm ein tabellarisches Schema mitgegeben, schien 2 über das Stillschweigen der ersten Zeit ziemlich beruhigt, 3 so wie er sich nur über das Räthselhafte des 4 ersten und einzigen vom Schlosse des Grafen noch abgesandten 5 Briefes beschwerte. Werner scherzte nur auf 6 seine Art, erzählte lustige Stadtgeschichten, und bat 7 sich Nachricht von Freunden und Bekannten aus, die 8 Wilhelm nunmehr in der großen Handelsstadt häufig 9 würde kennen lernen. Unser Freund, der außerordentlich 10 erfreut war, um einen so wohlfeilen Preis loszukommen, 11 antwortete sogleich in einigen sehr muntern 12 Briefen, und versprach dem Vater ein ausführliches 13 Reise-Journal, mit allen verlangten geographischen, 14 statistischen und mercantilischen Bemerkungen. Er hatte 15 vieles auf der Reise gesehen, und hoffte daraus ein 16 leidliches Heft zusammenschreiben zu können. Er merkte 17 nicht, daß er beinah in eben dem Falle war, in dem 18 er sich befand, als er, um ein Schauspiel, das weder 19 geschrieben, noch weniger memorirt war, aufzuführen, 20 Lichter angezündet und Zuschauer herbei gerufen hatte. 21 Als er daher wirklich anfing, an seine Composition zu 22 gehen, ward er leider gewahr, daß er von Empfindungen 23 und Gedanken, von manchen Erfahrungen des 24 Herzens und Geistes sprechen und erzählen konnte, nur 25 nicht von äußern Gegenständen, denen er, wie er nun 26 merkte, nicht die mindeste Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

27 In dieser Verlegenheit kamen die Kenntnisse seines 28 Freundes Laertes ihm gut zu statten. Die Gewohnheit 

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1 hatte beide jungen Leute, so unähnlich sie sich 2 waren, zusammen verbunden, und jener war, bei allen 3 seinen Fehlern, mit seinen Sonderbarkeiten wirklich 4 ein interessanter Mensch. Mit einer heitern glücklichen 5 Sinnlichkeit begabt, hätte er alt werden können, 6 ohne über seinen Zustand irgend nachzudenken. Nun 7 hatte ihm aber sein Unglück und seine Krankheit das 8 reine Gefühl der Jugend geraubt, und ihm dagegen 9 einen Blick auf die Vergänglichkeit, auf das Zerstückelte 10 unsers Daseins eröffnet. Daraus war eine 11 launichte rhapsodische Art über die Gegenstände zu 12 denken, oder vielmehr ihre unmittelbaren Eindrücke zu 13 äußern, entstanden. Er war nicht gern allein, trieb 14 sich auf allen Kaffeehäusern, an allen Wirthstischen 15 herum, und wenn er ja zu Hause blieb, waren Reisebeschreibungen 16 seine liebste, ja seine einzige Lectüre. 17 Diese konnte er nun, da er eine große Leihbibliothek 18 fand, nach Wunsch befriedigen, und bald spukte die 19 halbe Welt in seinem guten Gedächtnisse.

20 Wie leicht konnte er daher seinem Freunde Muth 21 einsprechen, als dieser ihm den völligen Mangel an 22 Vorrath zu der von ihm so feierlich versprochenen Relation 23 entdeckte. Da wollen wir ein Kunststück machen 24 sagte jener, das seines Gleichen nicht haben soll.

25 Ist nicht Deutschland von einem Ende zum andern 26 durchreis't, durchkreuzt, durchzogen, durchkrochen und 27 durchflogen? Und hat nicht jeder deutsche Reisende den 28 herrlichen Vortheil, sich seine großen oder kleinen Ausgaben 

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1 vom Publicum wieder erstatten zu lassen? Gib 2 mir nur deine Reiseroute, ehe du zu uns kamst: das 3 andere weiß ich. Die Quellen und Hülfsmittel zu 4 deinem Werke will ich dir aufsuchen; an Quadratmeilen, 5 die nicht gemessen sind, und an Volksmenge, die nicht 6 gezählt ist, müssen wir's nicht fehlen lassen. Die Einkünfte 7 der Länder nehmen wir aus Taschenbüchern und 8 Tabellen, die, wie bekannt, die zuverlässigsten Documente 9 sind. Darauf gründen wir unsre politischen 10 Räsonnements; an Seitenblicken auf die Regierungen 11 soll's nicht fehlen. Ein paar Fürsten beschreiben wir 12 als wahre Väter des Vaterlandes, damit man uns desto 13 eher glaubt, wenn wir einigen andern etwas anhängen; 14 und wenn wir nicht geradezu durch den Wohnort einiger 15 berühmten Leute durchreisen, so begegnen wir ihnen 16 in einem Wirthshause, lassen sie uns im Vertrauen 17 das albernste Zeug sagen. Besonders vergessen wir 18 nicht eine Liebesgeschichte mit irgend einem naiven 19 Mädchen auf das anmuthigste einzuflechten, und es 20 soll ein Werk geben, das nicht allein Vater und Mutter 21 mit Entzücken erfüllen soll, sondern das dir auch jeder 22 Buchhändler mit Vergnügen bezahlt.

23 Man schritt zum Werke, und beide Freunde hatten 24 viel Lust an ihrer Arbeit, indeß Wilhelm Abends im 25 Schauspiel und in dem Umgange mit Serlo und Aurelien 26 die größte Zufriedenheit fand, und seine Ideen, 27 die nur zu lange sich in einem engen Kreise herumgedreht 28 hatten, täglich weiter ausbreitete.



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1 
Achtzehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Nicht ohne das größte Interesse vernahm er stückweise 3 den Lebenslauf Serlo's: denn es war nicht die 4 Art dieses seltnen Mannes, vertraulich zu sein, und 5 über irgend etwas im Zusammenhange zu sprechen. 6 Er war, man darf sagen, auf dem Theater geboren 7 und gesäugt. Schon als stummes Kind mußte er 8 durch seine bloße Gegenwart die Zuschauer rühren, 9 weil auch schon damals die Verfasser diese natürlichen 10 und unschuldigen Hülfsmittel kannten, und sein erstes: 11 Vater und Mutter, brachte in beliebten Stücken ihm 12 schon den größten Beifall zuwege, ehe er wußte, was 13 das Händeklatschen bedeute. Als Amor kam er, zitternd, 14 mehr als einmal, im Flugwerke herunter, entwickelte 15 sich als Harlekin aus dem Ei, und machte als 16 kleiner Essenkehrer schon früh die artigsten Streiche.

17 Leider mußte er den Beifall, den er an glänzenden 18 Abenden erhielt, in den Zwischenzeiten sehr theuer bezahlen. 19 Sein Vater, überzeugt, daß nur durch Schläge 20 die Aufmerksamkeit der Kinder erregt und festgehalten 21 werden könne, prügelte ihn bei'm Einstudiren einer jeden 22 Rolle zu abgemessenen Zeiten; nicht, weil das Kind 

[Seite 113]

1 ungeschickt war, sondern damit es sich desto gewisser 2 und anhaltender geschickt zeigen möge. So gab man 3 ehemals, indem ein Gränzstein gesetzt wurde, den umstehenden 4 Kindern tüchtige Ohrfeigen, und die ältesten 5 Leute erinnern sich noch genau des Ortes und der 6 Stelle. Er wuchs heran, und zeigte außerordentliche 7 Fähigkeiten des Geistes und Fertigkeiten des Körpers, 8 und dabei eine große Biegsamkeit sowohl in seiner 9 Vorstellungsart, als in Handlungen und Gebärden. 10 Seine Nachahmungsgabe überstieg allen Glauben. 11 Schon als Knabe ahmte er Personen nach, so daß 12 man sie zu sehen glaubte, ob sie ihm schon an Gestalt, 13 Alter und Wesen völlig unähnlich und unter einander 14 verschieden waren. Dabei fehlte es ihm nicht an der 15 Gabe, sich in die Welt zu schicken, und sobald er sich 16 einigermaßen seiner Kräfte bewußt war, fand er nichts 17 natürlicher, als seinem Vater zu entfliehen, der, wie 18 die Vernunft des Knaben zunahm, und seine Geschicklichkeit 19 sich vermehrte, ihnen noch durch harte Begegnung 20 nachzuhelfen für nöthig fand.

21 Wie glücklich fühlte sich der lose Knabe nun in 22 der freien Welt, da ihm seine Eulenspiegelspossen überall 23 eine gute Aufnahme verschafften. Sein guter Stern 24 führte ihn zuerst in der Fastnachtszeit in ein Kloster, 25 wo er, weil eben der Pater, der die Umgänge zu besorgen 26 und durch geistliche Maskeraden die christliche 27 Gemeinde zu ergötzen hatte, gestorben war, als ein 28 hülfreicher Schutzengel auftrat. Auch übernahm er 

[Seite 114]

1 sogleich die Rolle Gabriels in der Verkündigung, und 2 mißfiel dem hübschen Mädchen nicht, die als Maria 3 seinen obligeanten Gruß, mit äußerlicher Demuth und 4 innerlichem Stolze, sehr zierlich aufnahm. Er spielte 5 darauf successive in den Mysterien die wichtigsten 6 Rollen, und wußte sich nicht wenig, da er endlich 7 gar als Heiland der Welt verspottet, geschlagen und 8 an's Kreuz geheftet wurde.

9 Einige Kriegsknechte mochten bei dieser Gelegenheit 10 ihre Rollen gar zu natürlich spielen; daher er sie, um 11 sich auf die schicklichste Weise an ihnen zu rächen, bei 12 Gelegenheit des jüngsten Gerichts in die prächtigsten 13 Kleider von Kaisern und Königen steckte, und ihnen 14 in dem Augenblicke, da sie, mit ihren Rollen sehr 15 wohl zufrieden, auch in dem Himmel allen andern 16 vorauszugehen den Schritt nahmen, unvermuthet in 17 Teufelsgestalt begegnete, und sie mit der Ofengabel, 18 zur herzlichsten Erbauung sämmtlicher Zuschauer und 19 Bettler, weidlich durchdrosch, und unbarmherzig zurück 20 in die Grube stürzte, wo sie sich von einem hervordringenden 21 Feuer auf's übelste empfangen sahen.

22 Er war klug genug einzusehen, daß die gekrönten 23 Häupter sein freches Unternehmen nicht wohl vermerken, 24 und selbst vor seinem privilegirten Ankläger- und 25 Schergen-Amte keinen Respect haben würden; er 26 machte sich daher, noch ehe das tausendjährige Reich 27 anging, in aller Stille davon, und ward in einer 28 benachbarten Stadt von einer Gesellschaft, die man 

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1 damals Kinder der Freude nannte, mit offnen Armen 2 aufgenommen. Es waren verständige, geistreiche, lebhafte 3 Menschen, die wohl einsahen, daß die Summe 4 unsrer Existenz, durch Vernunft dividirt, niemals rein 5 aufgehe, sondern daß immer ein wunderlicher Bruch 6 übrig bleibe. Diesen hinderlichen, und, wenn er sich 7 in die ganze Masse vertheilt, gefährlichen Bruch 8 suchten sie zu bestimmten Zeiten vorsätzlich los zu 9 werden. Sie waren einen Tag der Woche recht ausführlich 10 Narren, und straften an demselben wechselseitig 11 durch allegorische Vorstellungen, was sie während 12 der übrigen Tage an sich und andern Närrisches 13 bemerkt hatten. War diese Art gleich roher als eine 14 Folge von Ausbildung, in welcher der sittliche Mensch 15 sich täglich zu bemerken, zu warnen und zu strafen 16 pflegt; so war sie doch lustiger und sicherer: denn 17 indem man einen gewissen Schoßnarren nicht verleugnete, 18 so tractirte man ihn auch nur für das, 19 was er war, anstatt daß er auf dem andern Wege, 20 durch Hülfe des Selbstbetrugs, oft im Hause zur 21 Herrschaft gelangt, und die Vernunft zur heimlichen 22 Knechtschaft zwingt, die sich einbildet, ihn lange verjagt 23 zu haben. Die Narrenmaske ging in der Gesellschaft 24 herum, und jedem war erlaubt, sie an seinem 25 Tage, mit eigenen oder fremden Attributen, charakteristisch 26 auszuzieren. In der Carnavalszeit nahm man 27 sich die größte Freiheit, und wetteiferte mit der Bemühung 28 der Geistlichen, das Volk zu unterhalten und 

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1 anzuziehen. Die feierlichen und allegorischen Aufzüge 2 von Tugenden und Lastern, Künsten und Wissenschaften, 3 Welttheilen und Jahrszeiten versinnlichten 4 dem Volke eine Menge Begriffe, und gaben ihm 5 Ideen entfernter Gegenstände, und so waren diese 6 Scherze nicht ohne Nutzen, da von einer andern Seite 7 die geistlichen Mummereien nur einen abgeschmackten 8 Aberglauben noch mehr befestigten.

9 Der junge Serlo war auch hier wieder ganz in 10 seinem Elemente; eigentliche Erfindungskraft hatte er 11 nicht, dagegen aber das größte Geschick, was er vor 12 sich fand zu nutzen, zurecht zu stellen, und scheinbar 13 zu machen. Seine Einfälle, seine Nachahmungsgabe, 14 ja sein beißender Witz, den er wenigstens einen Tag 15 in der Woche völlig frei, selbst gegen seine Wohlthäter, 16 üben durfte, machte ihn der ganzen Gesellschaft 17 werth, ja unentbehrlich.

18 Doch trieb ihn seine Unruhe bald aus dieser vortheilhaften 19 Lage in andere Gegenden seines Vaterlandes, 20 wo er wieder eine neue Schule durchzugehen 21 hatte. Er kam in den gebildeten, aber auch bildlosen 22 Theil von Deutschland, wo es zur Verehrung des 23 Guten und Schönen zwar nicht an Wahrheit, aber 24 oft an Geist gebricht; er konnte mit seinen Masken 25 nichts mehr ausrichten; er mußte suchen auf Herz 26 und Gemüth zu wirken. Nur kurze Zeit hielt er sich 27 bei kleinen und großen Gesellschaften auf, und merkte, 28 bei dieser Gelegenheit, sämmtlichen Stücken und Schauspielern 

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1 ihre Eigenheiten ab. Die Monotonie, die damals 2 auf dem deutschen Theater herrschte, den albernen 3 Fall und Klang der Alexandriner, den geschraubtplatten 4 Dialog, die Trockenheit und Gemeinheit der 5 unmittelbaren Sittenprediger hatte er bald gefaßt, 6 und zugleich bemerkt was rührte und gefiel.

7 Nicht Eine Rolle der gangbaren Stücke, sondern 8 die ganzen Stücke blieben leicht in seinem Gedächtniß, 9 und zugleich der eigenthümliche Ton des Schauspielers, 10 der sie mit Beifall vorgetragen hatte. Nun kam er 11 zufälligerweise auf seinen Streifereien, da ihm das 12 Geld völlig ausgegangen war, zu dem Einfall, allein 13 ganze Stücke besonders auf Edelhöfen und in Dörfern 14 vorzustellen, und sich dadurch überall sogleich Unterhalt 15 und Nachtquartier zu verschaffen. In jeder Schenke, 16 jedem Zimmer und Garten war sein Theater gleich 17 aufgeschlagen; mit einem schelmischen Ernst und anscheinenden 18 Enthusiasmus wußte er die Einbildungskraft 19 seiner Zuschauer zu gewinnen, ihre Sinne zu 20 täuschen, und vor ihren offenen Augen einen alten 21 Schrank zu einer Burg, und einen Fächer zum Dolche 22 umzuschaffen. Seine Jugendwärme ersetzte den Mangel 23 eines tiefen Gefühls; seine Heftigkeit schien Stärke, 24 und seine Schmeichelei Zärtlichkeit. Diejenigen, die 25 das Theater schon kannten, erinnerte er an alles, was 26 sie gesehen und gehört hatten, und in den Übrigen 27 erregte er eine Ahnung von etwas Wunderbarem, und 28 den Wunsch, näher damit bekannt zu werden. Was 

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1 an einem Orte Wirkung that, verfehlte er nicht am 2 andern zu wiederholen, und hatte die herzlichste 3 Schadenfreude, wenn er alle Menschen auf gleiche 4 Weise aus dem Stegreife zum Besten haben konnte.

5 Bei seinem lebhaften, freien und durch nichts gehinderten 6 Geist verbesserte er sich, indem er Rollen 7 und Stücke oft wiederholte, sehr geschwind. Bald 8 recitirte und spielte er dem Sinne gemäßer, als die 9 Muster, die er anfangs nur nachgeahmt hatte. Auf 10 diesem Wege kam er nach und nach dazu, natürlich 11 zu spielen und doch immer verstellt zu sein. Er schien 12 hingerissen, und lauerte auf den Effect, und sein 13 größter Stolz war, die Menschen stufenweise in Bewegung 14 zu setzen. Selbst das tolle Handwerk, das 15 er trieb, nöthigte ihn bald mit einer gewissen Mäßigung 16 zu verfahren, und so lernte er, theils gezwungen, 17 theils aus Instinct, das, wovon so wenig Schauspieler 18 einen Begriff zu haben scheinen: mit Organ und Gebärden 19 ökonomisch zu sein.

20 So wußte er selbst rohe und unfreundliche Menschen 21 zu bändigen und für sich zu interessiren. Da er überall 22 mit Nahrung und Obdach zufrieden war, jedes 23 Geschenk dankbar annahm, das man ihm reichte, ja 24 manchmal gar das Geld, wenn er dessen nach seiner 25 Meinung genug hatte, ausschlug; so schickte man ihn 26 mit Empfehlungsschreiben einander zu, und so wanderte 27 er eine ganze Zeit von einem Edelhofe zum 28 andern, wo er manches Vergnügen erregte, manches 

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1 genoß, und nicht ohne die angenehmsten und artigsten 2 Abenteuer blieb.

3 Bei der innerlichen Kälte seines Gemüthes liebte 4 er eigentlich niemand; bei der Klarheit seines Blicks 5 konnte er niemand achten, denn er sah nur immer 6 die äußern Eigenheiten der Menschen, und trug sie in 7 seine mimische Sammlung ein. Dabei aber war seine 8 Selbstigkeit äußerst beleidigt, wenn er nicht jedem 9 gefiel, und wenn er nicht überall Beifall erregte. Wie 10 dieser zu erlangen sei, darauf hatte er nach und nach 11 so genau Acht gegeben, und hatte seinen Sinn so geschärft, 12 daß er nicht allein bei seinen Darstellungen, 13 sondern auch im gemeinen Leben nicht mehr anders 14 als schmeicheln konnte. Und so arbeitete seine Gemüthsart, 15 sein Talent und seine Lebensart dergestalt 16 wechselsweise gegen einander, daß er sich unvermerkt 17 zu einem vollkommnen Schauspieler ausgebildet sah. 18 Ja, durch eine seltsam scheinende, aber ganz natürliche 19 Wirkung und Gegenwirkung stieg, durch Einsicht 20 und Übung, seine Recitation, Declamation und 21 sein Gebärdenspiel zu einer hohen Stufe von Wahrheit, 22 Freiheit und Offenheit, indem er im Leben und 23 Umgang immer heimlicher, künstlicher, ja verstellt und 24 ängstlich zu werden schien.

25 Von seinen Schicksalen und Abenteuern sprechen 26 wir vielleicht an einem andern Orte, und bemerken 27 hier nur so viel: daß er in spätern Zeiten, da er 28 schon ein gemachter Mann, im Besitz von entschiedenem 

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1 Namen, und in einer sehr guten obgleich nicht festen 2 Lage war, sich angewöhnt hatte, im Gespräch auf 3 eine feine Weise theils ironisch, theils spöttisch den 4 Sophisten zu machen, und dadurch fast jede ernsthafte 5 Unterhaltung zu zerstören. Besonders gebrauchte er 6 diese Manier gegen Wilhelm, sobald dieser, wie es ihm 7 oft begegnete, ein allgemeines theoretisches Gespräch 8 anzuknüpfen Lust hatte. Dessen ungeachtet waren sie 9 sehr gern beisammen, indem durch ihre beiderseitige 10 Denkart die Unterhaltung lebhaft werden mußte. 11 Wilhelm wünschte, alles aus den Begriffen, die er 12 gefaßt hatte, zu entwickeln, und wollte die Kunst in 13 einem Zusammenhange behandelt haben. Er wollte 14 ausgesprochene Regeln festsetzen, bestimmen, was recht, 15 schön und gut sei, und was Beifall verdiene; genug, 16 er behandelte alles auf das ernstlichste. Serlo hingegen 17 nahm die Sache sehr leicht, und indem er niemals 18 direct auf eine Frage antwortete, wußte er durch 19 eine Geschichte oder einen Schwank die artigste und 20 vergnüglichste Erläuterung beizubringen, und die Gesellschaft 21 zu unterrichten, indem er sie erheiterte.



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1 
Neunzehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Indem nun Wilhelm auf diese Weise sehr angenehme 3 Stunden zubrachte, befanden sich Melina und 4 die Übrigen in einer desto verdrießlichern Lage. Sie 5 erschienen unserm Freunde manchmal wie böse Geister, 6 und machten ihm nicht bloß durch ihre Gegenwart, 7 sondern auch oft durch flämische Gesichter und bittre 8 Reden einen verdrießlichen Augenblick. Serlo hatte sie 9 nicht einmal zu Gastrollen gelassen, geschweige daß er 10 ihnen Hoffnung zum Engagement gemacht hätte, und 11 hatte dessen ungeachtet nach und nach ihre sämmtlichen 12 Fähigkeiten kennen gelernt. So oft sich Schauspieler 13 bei ihm gesellig versammelten, hatte er die Gewohnheit 14 lesen zu lassen, und manchmal selbst mitzulesen. 15 Er nahm Stücke vor, die noch gegeben werden sollten, 16 die lange nicht gegeben waren, und zwar meistens 17 nur theilweise. So ließ er auch, nach einer ersten 18 Aufführung, Stellen, bei denen er etwas zu erinnern 19 hatte, wiederholen, vermehrte dadurch die Einsicht der 20 Schauspieler, und verstärkte ihre Sicherheit den rechten 21 Punct zu treffen. Und wie ein geringer aber richtiger 22 Verstand mehr als ein verworrenes und ungeläutertes 23 Genie zur Zufriedenheit anderer wirken kann; so erhub 

[Seite 122]

1 er mittelmäßige Talente, durch die deutliche Einsicht, 2 die er ihnen unmerklich verschaffte, zu einer bewundernswürdigen 3 Fähigkeit. Nicht wenig trug dazu 4 bei, daß er auch Gedichte lesen ließ, und in ihnen das 5 Gefühl jenes Reizes erhielt, den ein wohlvorgetragener 6 Rhythmus in unsrer Seele erregt, anstatt daß man 7 bei andern Gesellschaften schon anfing, nur diejenige 8 Prosa vorzutragen, wozu einem jeden der Schnabel 9 gewachsen war.

10 Bei solchen Gelegenheiten hatte er auch die sämmtlichen 11 angekommenen Schauspieler kennen lernen, das 12 was sie waren, und was sie werden konnten, beurtheilt, 13 und sich in der Stille vorgenommen, von ihren 14 Talenten, bei einer Revolution, die seiner Gesellschaft 15 drohete, sogleich Vortheil zu ziehen. Er ließ die Sache 16 eine Weile auf sich beruhen, lehnte alle Intercessionen 17 Wilhelms für sie mit Achselzucken ab, bis er seine 18 Zeit ersah, und seinem jungen Freunde ganz unerwartet 19 den Vorschlag that: er solle doch selbst bei 20 ihm auf's Theater gehen, und unter dieser Bedingung 21 wolle er auch die Übrigen engagiren.

22 Die Leute müssen also doch so unbrauchbar nicht 23 sein, wie Sie mir solche bisher geschildert haben, versetzte 24 ihm Wilhelm, wenn sie jetzt auf einmal zusammen 25 angenommen werden können, und ich dächte, ihre Talente 26 müßten auch ohne mich dieselbigen bleiben.

27 Serlo eröffnete ihm darauf, unter dem Siegel der 28 Verschwiegenheit, seine Lage: wie sein erster Liebhaber 

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1 Miene mache, ihn bei der Erneuerung des Contracts zu 2 steigern, und wie er nicht gesinnt sei, ihm nachzugeben, 3 besonders da die Gunst des Publicums gegen ihn so 4 groß nicht mehr sei. Ließe er diesen gehen, so würde sein 5 ganzer Anhang ihm folgen, wodurch denn die Gesellschaft 6 einige gute, aber auch einige mittelmäßige Glieder 7 verlöre. Hierauf zeigte er Wilhelmen, was er dagegen 8 an ihm, an Laertes, dem alten Polterer und 9 selbst an Frau Melina zu gewinnen hoffe. Ja, er 10 versprach dem armen Pedanten als Juden, Minister, 11 und überhaupt als Bösewicht einen entschiedenen Beifall 12 zu verschaffen.

13 Wilhelm stutzte, und vernahm den Vortrag nicht 14 ohne Unruhe, und nur, um etwas zu sagen, versetzte 15 er, nachdem er tief Athem geholt hatte: Sie sprechen 16 auf eine sehr freundliche Weise nur von dem Guten, 17 was Sie an uns finden und von uns hoffen; wie 18 sieht es denn aber mit den schwachen Seiten aus, die 19 Ihrem Scharfsinne gewiß nicht entgangen sind?

20 Die wollen wir bald durch Fleiß, Übung und 21 Nachdenken zu starken Seiten machen, versetzte Serlo. 22 Es ist unter euch allen, die ihr denn doch nur Naturalisten 23 und Pfuscher seid, keiner, der nicht mehr oder 24 weniger Hoffnung von sich gäbe; denn so viel ich alle 25 beurtheilen kann, so ist kein einziger Stock darunter, 26 und Stöcke allein sind die Unverbesserlichen, sie mögen 27 nun aus Eigendünkel, Dummheit oder Hypochondrie 28 ungelenk und unbiegsam sein.



[Seite 124]

1 Serlo legte darauf mit wenigen Worten die Bedingungen 2 dar, die er machen könne und wolle, bat 3 Wilhelmen um schleunige Entscheidung, und verließ 4 ihn in nicht geringer Unruhe.

5 Bei der wunderlichen und gleichsam nur zum 6 Scherz unternommenen Arbeit jener fingirten Reisebeschreibung, 7 die er mit Laertes zusammensetzte, war 8 er auf die Zustände und das tägliche Leben der wirklichen 9 Welt aufmerksamer geworden, als er sonst 10 gewesen war. Er begriff jetzt selbst erst die Absicht 11 des Vaters, als er ihm die Führung des Journals 12 so lebhaft empfohlen. Er fühlte zum erstenmale, 13 wie angenehm und nützlich es sein könne, sich zur 14 Mittelsperson so vieler Gewerbe und Bedürfnisse zu 15 machen, und bis in die tiefsten Gebirge und Wälder 16 des festen Landes Leben und Thätigkeit verbreiten zu 17 helfen. Die lebhafte Handelsstadt, in der er sich befand, 18 gab ihm bei der Unruhe des Laertes, der ihn 19 überall mit herumschleppte, den anschaulichsten Begriff 20 eines großen Mittelpunctes, woher alles ausfließt, 21 und wohin alles zurückkehrt, und es war das erstemal, 22 daß sein Geist im Anschauen dieser Art von Thätigkeit 23 sich wirklich ergötzte. In diesem Zustande hatte ihm 24 Serlo den Antrag gethan, und seine Wünsche, seine 25 Neigung, sein Zutrauen auf ein angebornes Talent, 26 und seine Verpflichtung gegen die hülflose Gesellschaft 27 wieder rege gemacht.

28 Da steh' ich nun, sagte er zu sich selbst, abermals 

[Seite 125]

1 am Scheidewege zwischen den beiden Frauen, die mir 2 in meiner Jugend erschienen. Die eine sieht nicht 3 mehr so kümmerlich aus, wie damals, und die andere 4 nicht so prächtig. Der einen wie der andern zu folgen 5 fühlst du eine Art von innerm Beruf, und von beiden 6 Seiten sind die äußern Anlässe stark genug; es scheint 7 dir unmöglich, dich zu entscheiden; du wünschest, daß 8 irgend ein Übergewicht von außen deine Wahl bestimmen 9 möge, und doch, wenn du dich recht untersuchst, 10 so sind es nur äußere Umstände, die dir eine 11 Neigung zu Gewerb, Erwerb und Besitz einflößen, 12 aber dein innerstes Bedürfniß erzeugt und nährt den 13 Wunsch, die Anlagen, die in dir zum Guten und 14 Schönen ruhen mögen, sie seien körperlich oder geistig, 15 immer mehr zu entwickeln und auszubilden. Und 16 muß ich nicht das Schicksal verehren, das mich ohne 17 mein Zuthun hierher an das Ziel aller meiner Wünsche 18 führt? Geschieht nicht alles, was ich mir ehemals 19 ausgedacht und vorgesetzt, nun zufällig ohne 20 mein Mitwirken? Sonderbar genug! Der Mensch 21 scheint mit nichts vertrauter zu sein als mit seinen 22 Hoffnungen und Wünschen, die er lange im Herzen 23 nährt und bewahrt, und doch, wenn sie ihm nun 24 begegnen, wenn sie sich ihm gleichsam aufdringen, 25 erkennt er sie nicht und weicht vor ihnen zurück. 26 Alles, was ich mir vor jener unglücklichen Nacht, 27 die mich von Marianen entfernte, nur träumen ließ, 28 steht vor mir, und bietet sich mir selbst an. Hierher 

[Seite 126]

1 wollte ich flüchten, und bin sachte hergeleitet worden; 2 bei Serlo wollte ich unterzukommen suchen, er sucht 3 nun mich, und bietet mir Bedingungen an, die ich 4 als Anfänger nie erwarten konnte. War es denn 5 bloß Liebe zu Marianen, die mich an's Theater fesselte? 6 oder war es Liebe zur Kunst, die mich an das Mädchen 7 festknüpfte? War jene Aussicht, jener Ausweg 8 nach der Bühne bloß einem unordentlichen unruhigen 9 Menschen willkommen, der ein Leben fortzusetzen 10 wünschte, das ihm die Verhältnisse der bürgerlichen 11 Welt nicht gestatteten, oder war es alles anders, 12 reiner, würdiger? und was sollte dich bewegen können, 13 deine damaligen Gesinnungen zu ändern? Hast du 14 nicht vielmehr bisher selbst unwissend deinen Plan 15 verfolgt? Ist nicht jetzt der letzte Schritt noch mehr 16 zu billigen, da keine Nebenabsichten dabei im Spiele 17 sind, und da du zugleich ein feierlich gegebenes Wort 18 halten, und dich auf eine edle Weise von einer schweren 19 Schuld befreien kannst?

20 Alles, was in seinem Herzen und seiner Einbildungskraft 21 sich bewegte, wechselte nun auf das 22 lebhafteste gegen einander ab. Daß er seine Mignon 23 behalten könne, daß er den Harfner nicht zu verstoßen 24 brauche, war kein kleines Gewicht auf der Wagschale, 25 und doch schwankte sie noch hin und wieder, als er 26 seine Freundin Aurelie gewohnter Weise zu besuchen 27 ging.



[Seite 127]



1 
Zwanzigstes Capitel.

[Lesarten]  2 Er fand sie auf ihrem Ruhebette; sie schien stille. 3 Glauben Sie noch morgen spielen zu können? fragte 4 er. O ja, versetzte sie lebhaft; Sie wissen, daran 5 hindert mich nichts. --- Wenn ich nur ein Mittel 6 wüßte, den Beifall unsers Parterre's von mir abzulehnen; 7 sie meinen es gut und werden mich noch 8 umbringen. Vorgestern dacht' ich, das Herz müßte 9 mir reißen! Sonst konnt' ich es wohl leiden, wenn 10 ich mir selbst gefiel; wenn ich lange studirt und mich 11 vorbereitet hatte, dann freute ich mich, wenn das 12 willkommene Zeichen, nun sei es gelungen, von allen 13 Enden widertönte. Jetzo sag' ich nicht, was ich will, 14 nicht wie ich's will; ich werde hingerissen; ich verwirre 15 mich, und mein Spiel macht einen weit größern 16 Eindruck. Der Beifall wird lauter, und ich denke: 17 Wüßtet ihr, was euch entzückt! Die dunkeln, heftigen, 18 unbestimmten Anklänge rühren euch, zwingen euch 19 Bewundrung ab, und ihr fühlt nicht, daß es die 20 Schmerzenstöne der Unglücklichen sind, der ihr euer 21 Wohlwollen geschenkt habt.

22 Heute früh hab' ich gelernt, jetzt wiederholt und 

[Seite 128]

1 versucht. Ich bin müde, zerbrochen, und morgen geht 2 es wieder von vorn an. Morgen Abend soll gespielt 3 werden. So schlepp' ich mich hin und her; es ist mir 4 langweilig aufzustehen, und verdrießlich zu Bette zu 5 gehen. Alles macht einen ewigen Cirkel in mir. 6 Dann treten die leidigen Tröstungen vor mir auf, 7 dann werf' ich sie weg, und verwünsche sie. Ich will 8 mich nicht ergeben, nicht der Nothwendigkeit ergeben --- 9 warum soll das nothwendig sein, was mich zu Grunde 10 richtet? Könnte es nicht auch anders sein? Ich muß 11 es eben bezahlen, daß ich eine Deutsche bin; es ist 12 der Charakter der Deutschen, daß sie über allem schwer 13 werden, daß alles über ihnen schwer wird.

14 O, meine Freundin, fiel Wilhelm ein, könnten 15 Sie doch aufhören, selbst den Dolch zu schärfen, mit 16 dem Sie sich unablässig verwunden! Bleibt Ihnen 17 denn nichts? Ist denn Ihre Jugend, Ihre Gestalt, 18 Ihre Gesundheit, sind Ihre Talente nichts? Wenn 19 Sie ein Gut ohne Ihr Verschulden verloren haben, 20 müssen Sie denn alles Übrige hinterdrein werfen? 21 Ist das auch nothwendig?

22 Sie schwieg einige Augenblicke, dann fuhr sie auf: 23 Ich weiß es wohl, daß es Zeitverderb ist, nichts als 24 Zeitverderb ist die Liebe! Was hätte ich nicht thun 25 können! thun sollen! Nun ist alles rein zu nichts 26 geworden. Ich bin ein armes verliebtes Geschöpf, 27 nichts als verliebt! Haben Sie Mitleiden mit mir, 28 bei Gott, ich bin ein armes Geschöpf!



[Seite 129]

1 Sie versank in sich, und nach einer kurzen Pause 2 rief sie heftig aus: Ihr seid gewohnt, daß sich euch 3 alles an den Hals wirft. Nein, ihr könnt es nicht 4 fühlen, kein Mann ist im Stande, den Werth eines 5 Weibes zu fühlen, das sich zu ehren weiß! Bei allen 6 heiligen. Engeln, bei allen Bildern der Seligkeit, die 7 sich ein reines gutmüthiges Herz erschafft, es ist nichts 8 Himmlischeres, als ein weibliches Wesen, das sich dem 9 geliebten Manne hingibt! Wir sind kalt, stolz, hoch, 10 klar, klug, wenn wir verdienen, Weiber zu heißen, 11 und alle diese Vorzüge legen wir euch zu Füßen, sobald 12 wir lieben, sobald wir hoffen, Gegenliebe zu 13 erwerben. O wie hab' ich mein ganzes Dasein so 14 mit Wissen und Willen weggeworfen! Aber nun will 15 ich auch verzweifeln, absichtlich verzweifeln. Es soll 16 kein Blutstropfen in mir sein, der nicht gestraft wird, 17 keine Faser, die ich nicht peinigen will. Lächeln Sie 18 nur, lachen Sie nur über den theatralischen Aufwand 19 von Leidenschaft!

20 Fern war von unserm Freunde jede Anwandlung 21 des Lachens. Der entsetzliche, halb natürliche, halb 22 erzwungene Zustand seiner Freundin peinigte ihn nur 23 zu sehr. Er empfand die Foltern der unglücklichen 24 Anspannung mit: sein Gehirn zerrüttete sich, und sein 25 Blut war in einer fieberhaften Bewegung.

26 Sie war aufgestanden, und ging in der Stube 27 hin und wieder. Ich sage mir alles vor, rief sie aus, 28 warum ich ihn nicht lieben sollte. Ich weiß auch, 

[Seite 130]

1 daß er es nicht werth ist; ich wende mein Gemüth 2 ab, dahin und dorthin, beschäftige mich, wie es nur 3 gehen will. Bald nehm' ich eine Rolle vor, wenn 4 ich sie auch nicht zu spielen habe; ich übe die alten, 5 die ich durch und durch kenne, fleißiger und fleißiger, 6 in's Einzelne, und übe und übe --- mein Freund, 7 mein Vertrauter, welche entsetzliche Arbeit ist es, sich 8 mit Gewalt von sich selbst zu entfernen! Mein Verstand 9 leidet, mein Gehirn ist so angespannt; um mich 10 vom Wahnsinne zu retten, überlass' ich mich wieder 11 dem Gefühle, daß ich ihn liebe. --- Ja, ich liebe ihn, 12 ich liebe ihn! rief sie unter tausend Thränen, ich liebe 13 ihn, und so will ich sterben.

14 Er faßte sie bei der Hand, und bat sie auf das 15 inständigste, sich nicht selbst aufzureiben. O, sagte 16 er, wie sonderbar ist es, daß dem Menschen nicht 17 allein so manches Unmögliche, sondern auch so manches 18 Mögliche versagt ist. Sie waren nicht bestimmt, ein 19 treues Herz zu finden, das Ihre ganze Glückseligkeit 20 würde gemacht haben. Ich war dazu bestimmt, das 21 ganze Heil meines Lebens an eine Unglückliche festzuknüpfen, 22 die ich durch die Schwere meiner Treue wie 23 ein Rohr zu Boden zog, ja vielleicht gar zerbrach.

24 Er hatte Aurelien seine Geschichte mit Marianen 25 vertraut, und konnte sich also jetzt darauf beziehen. 26 Sie sah ihm starr in die Augen und fragte: Können 27 Sie sagen, daß Sie noch niemals ein Weib betrogen, 28 daß Sie keiner mit leichtsinniger Galanterie, mit 

[Seite 131]

1 frevelhafter Betheurung, mit herzlockenden Schwüren 2 ihre Gunst abzuschmeicheln gesucht?

3 Das kann ich, versetzte Wilhelm, und zwar ohne 4 Ruhmredigkeit: denn mein Leben war sehr einfach, 5 und ich bin selten in die Versuchung gerathen, zu 6 versuchen. Und welche Warnung, meine schöne, meine 7 edle Freundin, ist mir der traurige Zustand, in den 8 ich Sie versetzt sehe! Nehmen Sie ein Gelübde von 9 mir, das meinem Herzen ganz angemessen ist, das 10 durch die Rührung, die Sie mir einflößten, sich bei 11 mir zur Sprache und Form bestimmt, und durch 12 diesen Augenblick geheiligt wird: jeder flüchtigen Neigung 13 will ich widerstehen, und selbst die ernstlichsten 14 in meinem Busen bewahren; kein weibliches Geschöpf 15 soll ein Bekenntniß der Liebe von meinen Lippen 16 vernehmen, dem ich nicht mein ganzes Leben widmen 17 kann!

18 Sie sah ihn mit einer wilden Gleichgültigkeit 19 an, und entfernte sich, als er ihr die Hand reichte, 20 um einige Schritte. Es ist nichts daran gelegen! 21 rief sie: so viel Weiberthränen mehr oder weniger, 22 die See wird darum doch nicht wachsen. Doch, fuhr 23 sie fort, unter Tausenden Eine gerettet, das ist doch 24 etwas, unter Tausenden Einen Redlichen gefunden, 25, 26 das ist anzunehmen! Wissen Sie auch, was Sie versprechen?

27 Ich weiß es, versetzte Wilhelm lächelnd, und hielt 28 seine Hand hin.



[Seite 132]

1 Ich nehm' es an, versetzte sie, und machte eine 2 Bewegung mit ihrer Rechten, so daß er glaubte, sie 3 würde die seine fassen; aber schnell fuhr sie in die 4 Tasche, riß den Dolch blitzgeschwind heraus, und fuhr 5 mit Spitze und Schneide ihm rasch über die Hand 6 weg. Er zog sie schnell zurück, aber schon lief das 7 Blut herunter.

8 Man muß euch Männer scharf zeichnen, wenn ihr 9 merken sollt, rief sie mit einer wilden Heiterkeit aus, 10 die bald in eine hastige Geschäftigkeit überging. Sie 11 nahm ihr Schnupftuch und umwickelte seine Hand 12 damit, um das erste hervordringende Blut zu stillen. 13 Verzeihen Sie einer Halbwahnsinnigen, rief sie aus, 14 und lassen Sie sich diese Tropfen Bluts nicht reuen. 15 Ich bin versöhnt, ich bin wieder bei mir selber. Auf 16 meinen Knien will ich Abbitte thun, lassen Sie mir 17 den Trost, Sie zu heilen.

18 Sie eilte nach ihrem Schranke, holte Leinwand 19 und einiges Geräth, stillte das Blut, und besah die 20 Wunde sorgfältig. Der Schnitt ging durch den Ballen 21 gerade unter dem Daumen, theilte die Lebenslinie, 22 und lief gegen den kleinen Finger aus. Sie verband 23 ihn still, und mit einer nachdenklichen Bedeutsamkeit 24 in sich gekehrt. Er fragte einigemal: Beste, wie 25 konnten Sie Ihren Freund verletzen?

26 Still, erwiederte sie, indem sie den Finger auf 27 den Mund legte: still!



[Seite 133]




Fünftes Buch.

[Lesarten]  

[Seite 135]



1 
Erstes Capitel.

[Lesarten]  2 So hatte Wilhelm zu seinen zwei kaum geheilten 3 Wunden abermals eine frische dritte, die ihm nicht 4 wenig unbequem war. Aurelie wollte nicht zugeben, 5 daß er sich eines Wundarztes bediente; sie selbst verband 6 ihn unter allerlei wunderlichen Reden, Ceremonien 7 und Sprüchen, und setzte ihn dadurch in eine 8 sehr peinliche Lage. Doch nicht er allein, sondern 9 alle Personen, die sich in ihrer Nähe befanden, litten 10 durch ihre Unruhe und Sonderbarkeit; niemand aber 11 mehr als der kleine Felix. Das lebhafte Kind war 12 unter einem solchen Druck höchst ungeduldig und 13 zeigte sich immer unartiger, je mehr sie es tadelte 14 und zurecht wies.

15 Der Knabe gefiel sich in gewissen Eigenheiten, die 16 man auch Unarten zu nennen pflegt, und die sie ihm 17 keinesweges nachzusehen gedachte. Er trank, zum Beispiel, 18 lieber aus der Flasche als aus dem Glase, und 19 offenbar schmeckten ihm die Speisen aus der Schüssel 20 besser als von dem Teller. Eine solche Unschicklichkeit 21 wurde nicht übersehen, und wenn er nun gar die Thüre 22 aufließ oder zuschlug, und, wenn ihm etwas befohlen 

[Seite 136]

1 wurde, entweder nicht von der Stelle wich oder ungestüm 2 davon rannte, so mußte er eine große Lection 3 anhören, ohne daß er darauf je einige Besserung 4 hätte spüren lassen. Vielmehr schien die Neigung zu 5 Aurelien sich täglich mehr zu verlieren; in seinem 6 Tone war nichts Zärtliches, wenn er sie Mutter 7 nannte, er hing vielmehr leidenschaftlich an der alten 8 Amme, die ihm denn freilich allen Willen ließ.

9 Aber auch diese war seit einiger Zeit so krank geworden, 10 daß man sie aus dem Hause in ein stilles 11 Quartier bringen mußte, und Felix hätte sich ganz 12 allein gesehen, wäre nicht Mignon auch ihm als ein 13 liebevoller Schutzgeist erschienen. Auf das artigste 14 unterhielten sich beide Kinder mit einander; sie lehrte 15 ihm kleine Lieder, und er, der ein sehr gutes Gedächtniß 16 hatte, recitirte sie oft zur Verwunderung der Zuhörer. 17 Auch wollte sie ihm die Landkarten erklären, 18 mit denen sie sich noch immer sehr abgab, wobei sie 19 jedoch nicht mit der besten Methode verfuhr. Denn 20 eigentlich schien sie bei den Ländern kein besonderes 21 Interesse zu haben, als ob sie kalt oder warm seien. 22 Von den Weltpolen, von dem schrecklichen Eise daselbst, 23 und von der zunehmenden Wärme, je mehr man 24 sich von ihnen entfernte, wußte sie sehr gut Rechenschaft 25 zu geben. Wenn jemand reis'te, fragte sie nur, 26 ob er nach Norden oder nach Süden gehe, und bemühte 27 sich die Wege auf ihren kleinen Karten aufzufinden. 28 Besonders wenn Wilhelm von Reisen sprach, 

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1 war sie sehr aufmerksam, und schien sich immer zu 2 betrüben, sobald das Gespräch auf eine andere Materie 3 überging. So wenig man sie bereden konnte, eine 4 Rolle zu übernehmen, oder auch nur, wenn gespielt 5 wurde, auf das Theater zu gehen; so gern und fleißig 6 lernte sie Oden und Lieder auswendig, und erregte, 7 wenn sie ein solches Gedicht, gewöhnlich von der 8 ernsten und feierlichen Art, oft unvermuthet wie aus 9 dem Stegreife declamirte, bei jedermann Erstaunen.

10 Serlo, der auf jede Spur eines aufkeimenden Talentes 11 zu achten gewohnt war, suchte sie aufzumuntern; 12 am meisten aber empfahl sie sich ihm durch 13 einen sehr artigen, mannichfaltigen und manchmal 14 selbst muntern Gesang, und auf eben diesem Wege 15 hatte sich der Harfenspieler seine Gunst erworben.

16 Serlo, ohne selbst Genie zur Musik zu haben, 17 oder irgend ein Instrument zu spielen, wußte ihren 18 hohen Werth zu schätzen; er suchte sich so oft als 19 möglich diesen Genuß, der mit keinem andern verglichen 20 werden kann, zu verschaffen. Er hatte wöchentlich 21 einmal Concert, und nun hatte sich ihm durch 22 Mignon, den Harfenspieler und Laertes, der auf der 23 Violine nicht ungeschickt war, eine wunderliche kleine 24 Hauscapelle gebildet.

25 Er pflegte zu sagen: Der Mensch ist so geneigt, 26 sich mit dem Gemeinsten abzugeben, Geist und Sinne 27 stumpfen sich so leicht gegen die Eindrücke des Schönen 28 und Vollkommenen ab, daß man die Fähigkeit, es zu 

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1 empfinden, bei sich auf alle Weise erhalten sollte. 2 Denn einen solchen Genuß kann niemand ganz entbehren, 3 und nur die Ungewohntheit etwas Gutes zu 4 genießen, ist Ursache, daß viele Menschen schon am 5 Albernen und Abgeschmackten, wenn es nur neu ist, 6 Vergnügen finden. Man sollte, sagte er, alle Tage 7 wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht 8 lesen, ein treffliches Gemählde sehen, und, wenn es 9 möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte 10 sprechen.

11 Bei diesen Gesinnungen, die Serlo gewissermaßen 12 natürlich waren, konnte es den Personen, die ihn 13 umgaben, nicht an angenehmer Unterhaltung fehlen. 14 Mitten in diesem vergnüglichen Zustande brachte man 15 Wilhelmen eines Tags einen schwarzgesiegelten Brief. 16 Werners Petschaft deutete auf eine traurige Nachricht, 17 und er erschrak nicht wenig, als er den Tod seines 18 Vaters nur mit einigen Worten angezeigt fand. Nach 19 einer unerwarteten kurzen Krankheit war er aus der 20 Welt gegangen, und hatte seine häuslichen Angelegenheiten 21 in der besten Ordnung hinterlassen.

22 Diese unvermuthete Nachricht traf Wilhelmen im 23 Innersten. Er fühlte tief, wie unempfindlich man 24 oft Freunde und Verwandte, so lange sie sich mit 25 uns des irdischen Aufenthaltes erfreuen, vernachlässigt, 26 und nur dann erst die Versäumniß bereut, wenn das 27 schöne Verhältniß wenigstens für dießmal aufgehoben 28 ist. Auch konnte der Schmerz über das zeitige Absterben 

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1 des braven Mannes nur durch das Gefühl 2 gelindert werden, daß er auf der Welt wenig geliebt, 3 und durch die Überzeugung, daß er wenig genossen 4 habe.

5 Wilhelms Gedanken wandten sich nun bald auf 6 seine eigenen Verhältnisse, und er fühlte sich nicht 7 wenig beunruhigt. Der Mensch kann in keine gefährlichere 8 Lage versetzt werden, als wenn durch äußere 9 Umstände eine große Veränderung seines Zustandes 10 bewirkt wird, ohne daß seine Art zu empfinden und 11 zu denken darauf vorbereitet ist. Es gibt alsdann 12 eine Epoche ohne Epoche, und es entsteht nur ein 13 desto größerer Widerspruch, je weniger der Mensch 14 bemerkt, daß er zu dem neuen Zustande noch nicht 15 ausgebildet sei.

16 Wilhelm sah sich in einem Augenblicke frei, in 17 welchem er mit sich selbst noch nicht einig werden 18 konnte. Seine Gesinnungen waren edel, seine Absichten 19 lauter, und seine Vorsätze schienen nicht verwerflich. 20 Das alles durfte er sich mit einigem Zutrauen 21 selbst bekennen; allein er hatte Gelegenheit 22 genug gehabt zu bemerken, daß es ihm an Erfahrung 23 fehle, und er legte daher auf die Erfahrung anderer 24 und auf die Resultate, die sie daraus mit Überzeugung 25 ableiteten, einen übermäßigen Werth, und 26 kam dadurch nur immer mehr in die Irre. Was 27 ihm fehlte, glaubte er am ersten zu erwerben, wenn 28 er alles Denkwürdige, was ihm in Büchern und im 

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1 Gespräch vorkommen mochte, zu erhalten und zu 2 sammeln unternähme. Er schrieb daher fremde und 3 eigene Meinungen und Ideen, ja ganze Gespräche, die 4 ihm interessant waren, auf, und hielt leider auf diese 5 Weise das Falsche so gut als das Wahre fest, blieb 6 viel zu lange an einer Idee, ja man möchte sagen 7 an einer Sentenz hängen, und verließ dabei seine 8 natürliche Denk- und Handelsweise, indem er oft 9 fremden Lichtern als Leitsternen folgte. Aureliens 10 Bitterkeit und seines Freundes Laertes kalte Verachtung 11 der Menschen bestachen öfter als billig war 12 sein Urtheil: niemand aber war ihm gefährlicher gewesen 13 als Jarno, ein Mann, dessen heller Verstand 14 von gegenwärtigen Dingen ein richtiges strenges Urtheil 15 fällte, dabei aber den Fehler hatte, daß er diese 16 einzelnen Urtheile mit einer Art von Allgemeinheit 17 aussprach, da doch die Aussprüche des Verstandes 18 eigentlich nur einmal und zwar in dem bestimmtesten 19 Falle gelten, und schon unrichtig werden, wenn man 20 sie auf den nächsten anwendet.

21 So entfernte sich Wilhelm, indem er mit sich selbst 22 einig zu werden strebte, immer mehr von der heilsamen 23 Einheit, und bei dieser Verwirrung ward es 24 seinen Leidenschaften um so leichter, alle Zurüstungen 25 zu ihrem Vortheil zu gebrauchen, und ihn über das, 26 was er zu thun hatte, nur noch mehr zu verwirren.

27 Serlo benutzte die Todespost zu seinem Vortheil, 28 und wirklich hatte er auch täglich immer mehr Ursache, 

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1 an eine andere Einrichtung seines Schauspiels 2 zu denken. Er mußte entweder seine alten Contracte 3 erneuern, wozu er keine große Lust hatte, indem 4 mehrere Mitglieder, die sich für unentbehrlich hielten, 5 täglich unleidlicher wurden; oder er mußte, wohin 6 auch sein Wunsch ging, der Gesellschaft eine ganz 7 neue Gestalt geben.

8 Ohne selbst in Wilhelmen zu dringen, regte er 9 Aurelien und Philinen auf; und die übrigen Gesellen, 10 die sich nach Engagement sehnten, ließen unserm 11 Freunde gleichfalls keine Ruhe, so daß er mit ziemlicher 12 Verlegenheit an einem Scheidewege stand. Wer 13 hätte gedacht, daß ein Brief von Wernern, der ganz 14 im entgegengesetzten Sinne geschrieben war, ihn endlich 15 zu einer Entschließung hindrängen sollte. Wir 16 lassen nur den Eingang weg und geben übrigens das 17 Schreiben mit weniger Veränderung.



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1 
Zweites Capitel.

[Lesarten]  2 "--- So war es und so muß es denn auch wohl 3 recht sein, daß jeder bei jeder Gelegenheit seinem Gewerbe 4 nachgeht und seine Thätigkeit zeigt. Der gute 5 Alte war kaum verschieden, als auch in der nächsten 6 Viertelstunde schon nichts mehr nach seinem Sinne im 7 Hause geschah. Freunde, Bekannte und Verwandte 8 drängten sich zu, besonders aber alle Menschenarten, 9 die bei solchen Gelegenheiten etwas zu gewinnen haben. 10 Man brachte, man trug, man zahlte, schrieb und rechnete; 11 die einen holten Wein und Kuchen, die andern 12 tranken und aßen; niemanden sah ich aber ernsthafter 13, 14 beschäftigt, als die Weiber, indem sie die Trauer aussuchten.

15 Du wirst mir also verzeihen, mein Lieber, wenn 16 ich bei dieser Gelegenheit auch an meinen Vortheil 17 dachte, mich deiner Schwester so hülfreich und thätig 18 als möglich zeigte, und ihr, sobald es nur einigermaßen 19 schicklich war, begreiflich machte, daß es nunmehr 20 unsre Sache sei, eine Verbindung zu beschleunigen, 21 die unsre Väter aus allzugroßer Umständlichkeit 22 bisher verzögert hatten.



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1 Nun mußt du aber ja nicht denken, daß es uns 2 eingefallen sei, das große leere Haus in Besitz zu 3 nehmen. Wir sind bescheidner und vernünftiger; 4 unsern Plan sollst du hören. Deine Schwester zieht 5 nach der Heirath gleich in unser Haus herüber, und 6 sogar auch deine Mutter mit.

7 Wie ist das möglich? wirst du sagen; ihr habt 8 ja selbst in dem Neste kaum Platz. Das ist eben die 9 Kunst, mein Freund! Die geschickte Einrichtung macht 10 alles möglich, und du glaubst nicht, wie viel Platz 11 man findet, wenn man wenig Raum braucht. Das 12 große Haus verkaufen wir, wozu sich sogleich eine gute 13 Gelegenheit darbietet; das daraus gelös'te Geld soll 14 hundertfältige Zinsen tragen.

15 Ich hoffe du bist damit einverstanden, und wünsche, 16 daß du nichts von den unfruchtbaren Liebhabereien 17 deines Vaters und Großvaters geerbt haben mögest. 18 Dieser setzte seine höchste Glückseligkeit in eine Anzahl 19 unscheinbarer Kunstwerke, die niemand, ich darf wohl 20 sagen niemand, mit ihm genießen konnte: jener lebte 21 in einer kostbaren Einrichtung, die er niemand mit 22 sich genießen ließ. Wir wollen es anders machen, 23 und ich hoffe deine Beistimmung.

24 Es ist wahr, ich selbst behalte in unserm ganzen 25 Hause keinen Platz als den an meinem Schreibepulte, 26 und noch seh' ich nicht ab, wo man künftig eine 27 Wiege hinsetzen will; aber dafür ist der Raum außer 28 dem Hause desto größer. Die Kaffeehäuser und Clubs 

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1 für den Mann, die Spaziergänge und Spazierfahrten 2 für die Frau, und die schönen Lustörter auf dem 3 Lande für beide. Dabei ist der größte Vortheil, daß 4 auch unser runder Tisch ganz besetzt ist, und es dem 5 Vater unmöglich wird, Freunde zu sehen, die sich nur 6 desto leichtfertiger über ihn aufhalten, je mehr er sich 7 Mühe gegeben hat, sie zu bewirthen.

8 Nur nichts Überflüssiges im Hause! nur nicht zu 9 viel Möbeln, Geräthschaften, nur keine Kutsche und 10 Pferde! Nichts als Geld, und dann auf eine vernünftige 11 Weise jeden Tag gethan, was dir beliebt. Nur 12 keine Garderobe, immer das Neueste und Beste auf 13 dem Leibe; der Mann mag seinen Rock abtragen und 14 die Frau den ihrigen vertrödeln, sobald er nur einigermaßen 15 aus der Mode kömmt. Es ist mir nichts unerträglicher, 16 als so ein alter Kram von Besitzthum. 17 Wenn man mir den kostbarsten Edelstein schenken 18 wollte, mit der Bedingung ihn täglich am Finger zu 19 tragen, ich würde ihn nicht annehmen; denn wie läßt 20 sich bei einem todten Capital nur irgend eine Freude 21 denken? Das ist also mein lustiges Glaubensbekenntniß: 22 seine Geschäfte verrichtet, Geld geschafft, sich 23 mit den Seinigen lustig gemacht, und um die übrige 24 Welt sich nicht mehr bekümmert, als in sofern man 25 sie nutzen kann.

26 Nun wirst du aber sagen: wie ist denn in eurem 27 saubern Plane an mich gedacht? Wo soll ich unterkommen, 28 wenn ihr mir das väterliche Haus verkauft, 

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1 und in dem eurigen nicht der mindeste Raum übrig 2 bleibt?

3 Das ist freilich der Hauptpunct, Brüderchen, und 4 auf den werde ich dir gleich dienen können, wenn ich 5 dir vorher das gebührende Lob über deine vortrefflich 6 angewendete Zeit werde entrichtet haben.

7 Sage nur, wie hast du es angefangen, in so wenigen 8 Wochen ein Kenner aller nützlichen und interessanten 9 Gegenstände zu werden? So viel Fähigkeiten ich an 10 dir kenne, hätte ich dir doch solche Aufmerksamkeit 11 und solchen Fleiß nicht zugetraut. Dein Tagebuch hat 12 uns überzeugt, mit welchem Nutzen du die Reise gemacht 13 hast; die Beschreibung der Eisen- und Kupferhämmer 14 ist vortrefflich und zeigt von vieler Einsicht 15 in die Sache. Ich habe sie ehemals auch besucht; 16 aber meine Relation, wenn ich sie dagegen halte, sieht 17 sehr stümpermäßig aus. Der ganze Brief über die 18 Leinwandfabrication ist lehrreich, und die Anmerkung 19 über die Concurrenz sehr treffend. An einigen Orten 20 hast du Fehler in der Addition gemacht, die jedoch 21 sehr verzeihlich sind.

22 Was aber mich und meinen Vater am meisten und 23 höchsten freut, sind deine gründlichen Einsichten in die 24 Bewirthschaftung und besonders in die Verbesserung 25 der Feldgüter. Wir haben Hoffnung, ein großes Gut, 26 das in Sequestration liegt, in einer sehr fruchtbaren 27 Gegend zu erkaufen. Wir wenden das Geld, das wir 28 aus dem väterlichen Hause lösen, dazu an; ein Theil 

[Seite 146]

1 wird geborgt, und ein Theil kann stehen bleiben; und 2 wir rechnen auf dich, daß du dahin ziehst, den Verbesserungen 3 vorstehst, und so kann, um nicht zu viel zu 4 sagen, das Gut in einigen Jahren um ein Drittel an 5 Werth steigen; man verkauft es wieder, sucht ein 6 größeres, verbessert und handelt wieder, und dazu bist 7 du der Mann. Unsere Federn sollen indeß zu Hause 8 nicht müßig sein, und wir wollen uns bald in einen 9 beneidenswerthen Zustand versetzen.

10 Jetzt lebe wohl! Genieße das Leben auf der Reise, 11 und ziehe hin, wo du es vergnüglich und nützlich 12 findest. Vor dem ersten halben Jahre bedürfen wir 13 deiner nicht; du kannst dich also nach Belieben in 14 der Welt umsehen: denn die beste Bildung findet ein 15 gescheidter Mensch auf Reisen. Lebe wohl, ich freue 16 mich, so nahe mit dir verbunden, auch nunmehr im 17 Geist der Thätigkeit mit dir vereint zu werden."

18 So gut dieser Brief geschrieben war, und so viel 19 ökonomische Wahrheiten er enthalten mochte, mißfiel 20 er doch Wilhelmen auf mehr als eine Weise. Das 21 Lob, das er über seine fingirten statistischen, technologischen 22 und ruralischen Kenntnisse erhielt, war ihm 23 ein stiller Vorwurf; und das Ideal, das ihm sein 24 Schwager vom Glück des bürgerlichen Lebens vorzeichnete, 25 reizte ihn keineswegs; vielmehr ward er durch 26 einen heimlichen Geist des Widerspruchs mit Heftigkeit 27 auf die entgegengesetzte Seite getrieben. Er überzeugte 28 sich, daß er nur auf dem Theater die Bildung, 

[Seite 147]

1 die er sich zu geben wünschte, vollenden könne und 2 schien in seinem Entschlusse nur destomehr bestärkt zu 3 werden, je lebhafter Werner, ohne es zu wissen, sein 4 Gegner geworden war. Er faßte darauf alle seine 5 Argumente zusammen und bestätigte bei sich seine 6 Meinung nur um destomehr, je mehr er Ursache zu 7 haben glaubte, sie dem klugen Werner in einem günstigen 8 Lichte darzustellen, und auf diese Weise entstand 9 eine Antwort, die wir gleichfalls einrücken.



[Seite 148]



1 
Drittes Capitel.

[Lesarten]  2 "Dein Brief ist so wohl geschrieben, und so gescheidt 3 und klug gedacht, daß sich nichts mehr dazu 4 setzen läßt. Du wirst mir aber verzeihen, wenn ich 5 sage, daß man gerade das Gegentheil davon meinen, 6 behaupten und thun, und doch auch Recht haben kann. 7 Deine Art zu sein und zu denken geht auf einen unbeschränkten 8 Besitz und auf eine leichte lustige Art zu 9 genießen hinaus, und ich brauche dir kaum zu sagen, 10 daß ich daran nichts, was mich reizte, finden kann.

11 Zuerst muß ich dir leider bekennen, daß mein 12 Tagebuch aus Noth, um meinem Vater gefällig zu 13 sein, mit Hülfe eines Freundes aus mehreren Büchern 14 zusammengeschrieben ist, und daß ich wohl die darin 15 enthaltenen Sachen und noch mehrere dieser Art weiß, 16 aber keinesweges verstehe, noch mich damit abgeben 17 mag. Was hilft es mir, gutes Eisen zu fabriciren, 18 wenn mein eigenes Inneres voller Schlacken ist? und 19 was, ein Landgut in Ordnung zu bringen, wenn ich 20 mit mir selber uneins bin?



[Seite 149]

1 Daß ich dir's mit Einem Worte sage, mich selbst, 2 ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel 3 von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht. 4 Noch hege ich eben diese Gesinnungen, nur daß mir 5 die Mittel, die mir es möglich machen werden, etwas 6 deutlicher sind. Ich habe mehr Welt gesehen, als du 7 glaubst, und sie besser benutzt, als du denkst. Schenke 8 deßwegen dem, was ich sage, einige Aufmerksamkeit, 9 wenn es gleich nicht ganz nach deinem Sinne sein 10 sollte.

11 Wäre ich ein Edelmann, so wäre unser Streit bald 12 abgethan; da ich aber nur ein Bürger bin, so muß 13 ich einen eigenen Weg nehmen, und ich wünsche, daß 14 du mich verstehen mögest. Ich weiß nicht wie es in 15 fremden Ländern ist, aber in Deutschland ist nur dem 16 Edelmann eine gewisse allgemeine, wenn ich sagen 17 darf personelle, Ausbildung möglich. Ein Bürger 18 kann sich Verdienst erwerben und zur höchsten Noth 19 seinen Geist ausbilden; seine Persönlichkeit geht aber 20 verloren, er mag sich stellen wie er will. Indem es 21 dem Edelmann, der mit den Vornehmsten umgeht, 22 zur Pflicht wird, sich selbst einen vornehmen Anstand 23 zu geben, indem dieser Anstand, da ihm weder Thür 24 noch Thor verschlossen ist, zu einem freien Anstand 25 wird, da er mit seiner Figur, mit seiner Person, es 26 sei bei Hofe oder bei der Armee, bezahlen muß: so 27 hat er Ursache, etwas auf sie zu halten, und zu zeigen, 28 daß er etwas auf sie hält. Eine gewisse feierliche 

[Seite 150]

1 Grazie bei gewöhnlichen Dingen, eine Art von leichtsinniger 2 Zierlichkeit bei ernsthaften und wichtigen 3 kleidet ihn wohl, weil er sehen läßt, daß er überall 4 im Gleichgewicht steht. Er ist eine öffentliche Person, 5 und je ausgebildeter seine Bewegungen, je sonorer 6 seine Stimme, je gehaltner und gemessener sein ganzes 7 Wesen ist, desto vollkommner ist er. Wenn er gegen 8 Hohe und Niedre, gegen Freunde und Verwandte 9 immer eben derselbe bleibt, so ist nichts an ihm auszusetzen, 10 man darf ihn nicht anders wünschen. Er 11 sei kalt, aber verständig; verstellt, aber klug. Wenn 12 er sich äußerlich in jedem Momente seines Lebens zu 13 beherrschen weiß, so hat niemand eine weitere Forderung 14 an ihn zu machen, und alles Übrige, was er 15 an und um sich hat, Fähigkeit, Talent, Reichthum, 16 alles scheinen nur Zugaben zu sein.

17 Nun denke dir irgend einen Bürger, der an jene 18 Vorzüge nur einigen Anspruch zu machen gedächte; 19 durchaus muß es ihm mißlingen, und er müßte desto 20 unglücklicher werden, je mehr sein Naturell ihm zu 21 jener Art zu sein Fähigkeit und Trieb gegeben hätte.

22 Wenn der Edelmann im gemeinen Leben gar keine 23 Gränzen kennt, wenn man aus ihm Könige oder königähnliche 24 Figuren erschaffen kann; so darf er überall 25 mit einem stillen Bewußtsein vor Seinesgleichen treten; 26 er darf überall vorwärts dringen, anstatt daß dem 27 Bürger nichts besser ansteht, als das reine stille Gefühl 28 der Gränzlinie, die ihm gezogen ist. Er darf 

[Seite 151]

1 nicht fragen: was bist du? sondern nur: was hast 2 du? welche Einsicht, welche Kenntniß, welche Fähigkeit, 3 wie viel Vermögen? Wenn der Edelmann durch 4 die Darstellung seiner Person alles gibt, so gibt der 5 Bürger durch seine Persönlichkeit nichts und soll nichts 6 geben. Jener darf und soll scheinen; dieser soll nur 7 sein, und was er scheinen will, ist lächerlich und abgeschmackt. 8 Jener soll thun und wirken, dieser soll 9 leisten und schaffen; er soll einzelne Fähigkeiten ausbilden, 10 um brauchbar zu werden, und es wird schon 11 vorausgesetzt, daß in seinem Wesen keine Harmonie 12 sei, noch sein dürfe, weil er, um sich auf eine 13 Weise brauchbar zu machen, alles Übrige vernachlässigen 14 muß.

15 An diesem Unterschiede ist nicht etwa die Anmaßung 16 der Edelleute und die Nachgiebigkeit der Bürger, sondern 17 die Verfassung der Gesellschaft selbst Schuld; ob 18 sich daran einmal etwas ändern wird und was sich 19 ändern wird, bekümmert mich wenig; genug, ich habe, 20 wie die Sachen jetzt stehen, an mich selbst zu denken, 21 und wie ich mich selbst und das, was mir ein unerläßliches 22 Bedürfniß ist, rette und erreiche.

23 Ich habe nun einmal gerade zu jener harmonischen 24 Ausbildung meiner Natur, die mir meine Geburt 25 versagt, eine unwiderstehliche Neigung. Ich habe, seit 26 ich dich verlassen, durch Leibesübung viel gewonnen; 27 ich habe viel von meiner gewöhnlichen Verlegenheit 28 abgelegt und stelle mich so ziemlich dar. Eben so habe 

[Seite 152]

1 ich meine Sprache und Stimme ausgebildet, und ich 2 darf ohne Eitelkeit sagen, daß ich in Gesellschaften 3 nicht mißfalle. Nun läugne ich dir nicht, daß mein 4 Trieb täglich unüberwindlicher wird, eine öffentliche 5 Person zu sein, und in einem weitern Kreise zu gefallen 6 und zu wirken. Dazu kömmt meine Neigung 7 zur Dichtkunst und zu allem, was mit ihr in Verbindung 8 steht, und das Bedürfniß, meinen Geist und 9 Geschmack auszubilden, damit ich nach und nach auch 10 bei dem Genuß, den ich nicht entbehren kann, nur 11 das Gute wirklich für gut und das Schöne für schön 12 halte. Du siehst wohl, daß das alles für mich nur auf 13 dem Theater zu finden ist, und daß ich mich in diesem 14 einzigen Elemente nach Wunsch rühren und ausbilden 15 kann. Auf den Bretern erscheint der gebildete Mensch 16 so gut persönlich in seinem Glanz, als in den obern 17 Classen; Geist und Körper müssen bei jeder Bemühung 18 gleichen Schritt gehen, und ich werde da so gut sein 19 und scheinen können, als irgend anderswo. Suche ich 20 daneben noch Beschäftigungen, so gibt es dort mechanische 21 Quälereien genug, und ich kann meiner Geduld 22 tägliche Übung verschaffen.

23 Disputire mit mir nicht darüber; denn eh' du 24 mir schreibst, ist der Schritt schon geschehen. Wegen 25 der herrschenden Vorurtheile will ich meinen Namen 26 verändern, weil ich mich ohnehin schäme als Meister 27 aufzutreten. Lebe wohl. Unser Vermögen ist in so 28 guter Hand, daß ich mich darum gar nicht bekümmere; 

[Seite 153]

1 was ich brauche, verlange ich gelegentlich von dir; es 2 wird nicht viel sein, denn ich hoffe, daß mich meine 3 Kunst auch nähren soll."

4 Der Brief war kaum abgeschickt, als Wilhelm 5 auf der Stelle Wort hielt und zu Serlo's und der 6 Übrigen großen Verwunderung sich auf einmal erklärte: 7 daß er sich zum Schauspieler widme und einen 8 Contract auf billige Bedingungen eingehen wolle. 9 Man war hierüber bald einig, denn Serlo hatte 10 schon früher sich so erklärt, daß Wilhelm und die 11 Übrigen damit gar wohl zufrieden sein konnten. Die 12 ganze verunglückte Gesellschaft, mit der wir uns so 13 lange unterhalten haben, ward auf einmal angenommen, 14 ohne daß jedoch, außer etwa Laertes, sich einer 15 gegen Wilhelmen dankbar erzeigt hätte. Wie sie ohne 16 Zutrauen gefordert hatten, so empfingen sie ohne 17 Dank. Die meisten wollten lieber ihre Anstellung 18 dem Einflusse Philinens zuschreiben, und richteten 19 ihre Danksagungen an sie. Indessen wurden die ausgefertigten 20 Contracte unterschrieben, und durch eine 21 unerklärliche Verknüpfung von Ideen entstand vor 22 Wilhelms Einbildungskraft, in dem Augenblicke, als 23 er seinen fingirten Namen unterzeichnete, das Bild jenes 24 Waldplatzes, wo er verwundet in Philinens Schoß 25 gelegen. Auf einem Schimmel kam die liebenswürdige 26 Amazone aus den Büschen, nahte sich ihm und stieg 27 ab. Ihr menschenfreundliches Bemühen hieß sie gehen 28 und kommen; endlich stand sie vor ihm. Das Kleid 

[Seite 154]

1 fiel von ihren Schultern; ihr Gesicht, ihre Gestalt 2 fing an zu glänzen und sie verschwand. So schrieb 3 er seinen Namen nur mechanisch hin, ohne zu wissen 4 was er that, und fühlte erst, nachdem er unterzeichnet 5 hatte, daß Mignon an seiner Seite stand, ihn am 6 Arm hielt und ihm die Hand leise wegzuziehen versucht 7 hatte.



[Seite 155]



1 
Viertes Capitel.

[Lesarten]  2 Eine der Bedingungen, unter denen Wilhelm sich 3 auf's Theater begab, war von Serlo nicht ohne Einschränkung 4 zugestanden worden. Jener verlangte, daß 5 Hamlet ganz und unzerstückt aufgeführt werden sollte, 6 und dieser ließ sich das wunderliche Begehren in so 7 fern gefallen, als es möglich sein würde. Nun hatten 8 sie hierüber bisher manchen Streit gehabt; denn was 9 möglich oder nicht möglich sei, und was man von 10 dem Stück weglassen könne, ohne es zu zerstücken, 11 darüber waren beide sehr verschiedener Meinung.

12 Wilhelm befand sich noch in den glücklichen Zeiten, 13 da man nicht begreifen kann, daß an einem geliebten 14 Mädchen, an einem verehrten Schriftsteller irgend 15 etwas mangelhaft sein könne. Unsere Empfindung 16 von ihnen ist so ganz, so mit sich selbst übereinstimmend, 17 daß wir uns auch in ihnen eine solche vollkommene 18 Harmonie denken müssen. Serlo hingegen 19 sonderte gern und beinah zu viel; sein scharfer Verstand 20 wollte in einem Kunstwerke gewöhnlich nur ein 21 mehr oder weniger unvollkommenes Ganze erkennen. 22 Er glaubte, so wie man die Stücke finde, habe man 

[Seite 156]

1 wenig Ursache mit ihnen so gar bedächtig umzugehen, 2 und so mußte auch Shakespear, so mußte besonders 3 Hamlet vieles leiden.

4 Wilhelm wollte gar nicht hören, wenn jener von 5 der Absonderung der Spreu von dem Weizen sprach. 6 Es ist nicht Spreu und Weizen durch einander, rief 7 dieser, es ist ein Stamm, Äste, Zweige, Blätter, 8 Knospen, Blüthen und Früchte. Ist nicht eins mit 9 dem andern und durch das andere? Jener behauptete, 10 man bringe nicht den ganzen Stamm auf den Tisch; 11 der Künstler müsse goldene Äpfel in silbernen Schalen 12 seinen Gästen reichen. Sie erschöpften sich in Gleichnissen, 13 und ihre Meinungen schienen sich immer weiter 14 von einander zu entfernen.

15 Gar verzweifeln wollte unser Freund, als Serlo 16 ihm einst nach langem Streit das einfachste Mittel 17 anrieth, sich kurz zu resolviren, die Feder zu ergreifen 18 und in dem Trauerspiele, was eben nicht gehen wolle, 19 noch könne, abzustreichen, mehrere Personen in Eine 20 zu drängen, und wenn er mit dieser Art noch nicht 21 bekannt genug sei, oder noch nicht Herz genug dazu 22 habe, so solle er ihm die Arbeit überlassen, und er 23 wolle bald fertig sein.

24 Das ist nicht unserer Abrede gemäß, versetzte Wilhelm. 25 Wie können Sie bei so viel Geschmack so leichtsinnig 26 sein?

27 Mein Freund, rief Serlo aus, Sie werden es auch 28 schon werden. Ich kenne das Abscheuliche dieser Manier 

[Seite 157]

1 nur zu wohl, die vielleicht noch auf keinem Theater 2 in der Welt statt gefunden hat. Aber wo ist auch 3 eins so verwahrlos't, als das unsere? Zu dieser ekelhaften 4 Verstümmelung zwingen uns die Autoren, und 5 das Publicum erlaubt sie. Wie viel Stücke haben 6 wir denn, die nicht über das Maß des Personals, 7 der Decorationen und Theatermechanik, der Zeit, des 8 Dialogs und der physischen Kräfte des Acteurs hinausschritten? 9 und doch sollen wir spielen, und immer 10 spielen, und immer neu spielen. Sollen wir uns dabei 11 nicht unsers Vortheils bedienen, da wir mit zerstückelten 12 Werken eben so viel ausrichten als mit 13 ganzen? Setzt uns das Publicum doch selbst in den 14 Vortheil! Wenig Deutsche, und vielleicht nur wenige 15 Menschen aller neuern Nationen, haben Gefühl für 16 ein ästhetisches Ganze; sie loben und tadeln nur 17 stellenweise; sie entzücken sich nur stellenweise: und 18 für wen ist das ein größeres Glück als für den 19 Schauspieler, da das Theater immer nur ein gestoppeltes 20 und gestückeltes Wesen bleibt.

21 Ist! versetzte Wilhelm; aber muß es denn auch 22 so bleiben, muß denn alles bleiben was ist? Überzeugen 23 Sie mich ja nicht, daß Sie recht haben; denn 24 keine Macht in der Welt würde mich bewegen können, 25 einen Contract zu halten, den ich nur im gröbsten 26 Irrthum geschlossen hätte.

27 Serlo gab der Sache eine lustige Wendung und 28 ersuchte Wilhelmen, ihre öftern Gespräche über Hamlet 

[Seite 158]

1 nochmals zu bedenken, und selbst die Mittel zu einer 2 glücklichen Bearbeitung zu ersinnen.

3 Nach einigen Tagen, die er in der Einsamkeit zugebracht 4 hatte, kam Wilhelm mit frohem Blicke zurück. 5 Ich müßte mich sehr irren, rief er aus, wenn 6 ich nicht gefunden hätte, wie dem Ganzen zu helfen 7 ist; ja ich bin überzeugt, daß Shakespear es selbst so 8 würde gemacht haben, wenn sein Genie nicht auf die 9 Hauptsache so sehr gerichtet, und nicht vielleicht durch 10 die Novellen, nach denen er arbeitete, verführt worden 11 wäre.

12 Lassen Sie hören, sagte Serlo, indem er sich gravitätisch 13 auf's Canapee setzte; ich werde ruhig aufhorchen, 14 aber auch desto strenger richten.

15 Wilhelm versetzte: Mir ist nicht bange; hören 16 Sie nur. Ich unterscheide, nach der genausten Untersuchung, 17 nach der reiflichsten Überlegung, in der Composition 18 dieses Stücks zweierlei: das erste sind die 19 großen innern Verhältnisse der Personen und der Begebenheiten, 20 die mächtigen Wirkungen, die aus den 21 Charakteren und Handlungen der Hauptfiguren entstehen, 22 und diese sind einzeln vortrefflich, und die 23 Folge, in der sie aufgestellt sind, unverbesserlich. 24 Sie können durch keine Art von Behandlung zerstört, 25 ja kaum verunstaltet werden. Diese sind's, die jedermann 26 zu sehen verlangt, die niemand anzutasten 27 wagt, die sich tief in die Seele eindrücken, und die 28 man, wie ich höre, beinahe alle auf das deutsche 

[Seite 159]

1 Theater gebracht hat. Nur hat man, wie ich glaube, 2 darin gefehlt, daß man das zweite, was bei diesem 3 Stück zu bemerken ist, ich meine die äußern Verhältnisse 4 der Personen, wodurch sie von einem Orte zum 5 andern gebracht, oder auf diese und jene Weise durch 6 gewisse zufällige Begebenheiten verbunden werden, für 7 allzu unbedeutend angesehen, nur im Vorbeigehn davon 8 gesprochen, oder sie gar weggelassen hat. Freilich sind 9 diese Fäden nur dünn und lose, aber sie gehen doch 10 durch's ganze Stück, und halten zusammen, was sonst 11 aus einander fiele, auch wirklich aus einander fällt, 12 wenn man sie wegschneidet, und ein Übriges gethan 13 zu haben glaubt, daß man die Enden stehen läßt.

14 Zu diesen äußern Verhältnissen zähle ich die Unruhen 15 in Norwegen, den Krieg mit dem jungen 16 Fortinbras, die Gesandtschaft an den alten Oheim, 17 den geschlichteten Zwist, den Zug des jungen Fortinbras 18 nach Polen und seine Rückkehr am Ende; ingleichen 19 die Rückkehr des Horatio von Wittenberg, 20 die Lust Hamlets dahin zu gehen, die Reise des 21 Laertes nach Frankreich, seine Rückkunft, die Verschickung 22 Hamlets nach England, seine Gefangenschaft 23 bei'm Seeräuber, der Tod der beiden Hofleute auf 24 den Uriasbrief: alles dieses sind Umstände und Begebenheiten, 25 die einen Roman weit und breit machen 26 können, die aber der Einheit dieses Stücks, in dem 27 besonders der Held keinen Plan hat, auf das äußerste 28 schaden und höchst fehlerhaft sind.



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1 So höre ich Sie einmal gerne! rief Serlo.

2 Fallen Sie mir nicht ein, versetzte Wilhelm, Sie 3 möchten mich nicht immer loben. Diese Fehler sind 4 wie flüchtige Stützen eines Gebäudes, die man nicht 5 wegnehmen darf, ohne vorher eine feste Mauer unterzuziehen. 6 Mein Vorschlag ist also, an jenen ersten 7 großen Situationen gar nicht zu rühren, sondern sie 8 sowohl im Ganzen als Einzelnen möglichst zu schonen, 9 aber diese äußern, einzelnen, zerstreuten und zerstreuenden 10 Motive alle auf einmal weg zu werfen 11 und ihnen ein einziges zu substituiren.

12 Und das wäre? fragte Serlo, indem er sich aus 13 seiner ruhigen Stellung aufhob.

14 Es liegt auch schon im Stücke, erwiederte Wilhelm, 15 nur mache ich den rechten Gebrauch davon. Es sind 16 die Unruhen in Norwegen. Hier haben Sie meinen 17 Plan zur Prüfung.

18 Nach dem Tode des alten Hamlet werden die ersteroberten 19 Norweger unruhig. Der dortige Statthalter 20 schickt seinen Sohn Horatio, einen alten Schulfreund 21 Hamlets, der aber an Tapferkeit und Lebensklugheit 22 allen andern vorgelaufen ist, nach Dänemark, auf die 23 Ausrüstung der Flotte zu dringen, welche unter dem 24 neuen, der Schwelgerei ergebenen König nur saumselig 25 von statten geht. Horatio kennt den alten 26 König, denn er hat seinen letzten Schlachten beigewohnt, 27 hat bei ihm in Gunsten gestanden, und die 28 erste Geisterscene wird dadurch nicht verlieren. Der 

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1 neue König gibt sodann dem Horatio Audienz und schickt 2 den Laertes nach Norwegen mit der Nachricht, daß die 3 Flotte bald anlanden werde, indeß Horatio den Auftrag 4 erhält, die Rüstung derselben zu beschleunigen; dagegen 5 will die Mutter nicht einwilligen, daß Hamlet, 6 wie er wünschte, mit Horatio zur See gehe.

7 Gott sei Dank! rief Serlo, so werden wir auch 8 Wittenberg und die hohe Schule los, die mir immer ein 9 leidiger Anstoß war. Ich finde Ihren Gedanken recht 10 gut: denn außer den zwei einzigen fernen Bildern, 11 Norwegen und der Flotte, braucht der Zuschauer sich 12 nichts zu denken; das Übrige sieht er alles, das 13 Übrige geht alles vor, anstatt daß sonst seine Einbildungskraft 14 in der ganzen Welt herumgejagt würde.

15 Sie sehen leicht, versetzte Wilhelm, wie ich nunmehr 16 auch das Übrige zusammenhalten kann. Wenn 17 Hamlet dem Horatio die Missethat seines Stiefvaters 18 entdeckt, so räth ihm dieser, mit nach Norwegen zu 19 gehen, sich der Armee zu versichern und mit gewaffneter 20 Hand zurück zu kehren. Da Hamlet dem König 21 und der Königin zu gefährlich wird, haben sie kein 22 näheres Mittel, ihn los zu werden, als ihn nach der 23 Flotte zu schicken, und ihm Rosenkranz und Güldenstern 24 zu Beobachtern mitzugeben; und da indeß Laertes 25 zurück kommt, soll dieser bis zum Meuchelmord erhitzte 26 Jüngling ihm nachgeschickt werden. Die Flotte 27 bleibt wegen ungünstigen Windes liegen; Hamlet kehrt 28 nochmals zurück, seine Wanderung über den Kirchhof 

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1 kann vielleicht glücklich motivirt werden; sein Zusammentreffen 2 mit Laertes in Opheliens Grabe ist 3 ein großer unentbehrlicher Moment. Hierauf mag 4 der König bedenken, daß es besser sei, Hamlet auf 5 der Stelle los zu werden; das Fest der Abreise, der 6 scheinbaren Versöhnung mit Laertes wird nun feierlich 7 begangen, wobei man Ritterspiele hält und auch 8 Hamlet und Laertes fechten. Ohne die vier Leichen 9 lann ich das Stück nicht schließen; es darf niemand 10 übrig bleiben. Hamlet gibt, da nun das Wahlrecht 11 des Volks wieder eintritt, seine Stimme sterbend dem 12 Horatio.

13 Nur geschwind, versetzte Serlo, setzen Sie sich hin 14 und arbeiten das Stück aus; die Idee hat völlig 15 meinen Beifall; nur daß die Lust nicht verraucht.



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1 
Fünftes Capitel.

[Lesarten]  2 Wilhelm hatte sich schon lange mit einer Übersetzung 3 Hamlets abgegeben; er hatte sich dabei der 4 geistvollen Wieland'schen Arbeit bedient, durch die er 5 überhaupt Shakespearn zuerst kennen lernte. Was in 6 derselben ausgelassen war, fügte er hinzu, und so 7 war er im Besitz eines vollständigen Exemplars in 8 dem Augenblicke, da er mit Serlo über die Behandkung 9 so ziemlich einig geworden war. Er fing nun 10 an, nach seinem Plane auszuheben und einzuschieben, 11 zu trennen und zu verbinden, zu verändern und oft 12 wiederherzustellen; denn so zufrieden er auch mit seiner 13 Idee war, so schien ihm doch bei der Ausführung 14 immer, daß das Original nur verdorben werde.

15 Sobald er fertig war, las er es Serlo und der 16 übrigen Gesellschaft vor. Sie bezeugten sich sehr zufrieden 17 damit; besonders machte Serlo manche günstige 18 Bemerkung.

19 Sie haben, sagte er unter andern, sehr richtig 20 empfunden, daß äußere Umstände dieses Stück begleiten, 21 aber einfacher sein müssen, als sie uns der 22 große Dichter gegeben hat. Was außer dem Theater 

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1 vorgeht, was der Zuschauer nicht sieht, was er sich 2 vorstellen muß, ist wie ein Hintergrund, vor dem die 3 spielenden Figuren sich bewegen. Die große einfache 4 Aussicht auf die Flotte und Norwegen wird dem 5 Stücke sehr gut thun; nähme man sie ganz weg, so 6 ist es nur eine Familienscene, und der große Begriff, 7 daß hier ein ganzes königliches Haus durch innere 8 Verbrechen und Ungeschicklichkeiten zu Grunde geht, 9 wird nicht in seiner ganzen Würde dargestellt. Bliebe 10 aber jener Hintergrund selbst mannichfaltig, beweglich, 11 confus: so thäte er dem Eindrucke der Figuren 12 Schaden.

13 Wilhelm nahm nun wieder die Partie Shakespears, 14 und zeigte, daß er für Insulaner geschrieben habe, für 15 Engländer, die selbst im Hintergrunde nur Schiffe 16 und Seereisen, die Küste von Frankreich und Caper zu 17 sehen gewohnt sind, und daß, was jenen etwas ganz 18 Gewöhnliches sei, uns schon zerstreue und verwirre.

19 Serlo mußte nachgeben, und beide stimmten darin 20 überein, daß, da das Stück nun einmal auf das deutsche 21 Theater solle, dieser ernstere einfachere Hintergrund 22 für unsre Vorstellungsart am besten passen werde.

23 Die Rollen hatte man schon früher ausgetheilt; 24 den Polonius übernahm Serlo; Aurelie, Ophelien; 25 Laertes war durch seinen Namen schon bezeichnet; ein 26 junger, untersetzter, muntrer, neuangekommener Jüngling 27 erhielt die Rolle des Horatio; nur wegen des 28 Königs und des Geistes war man in einiger Verlegenheit. 

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1 Für beide Rollen war nur der alte Polterer 2 da. Serlo schlug den Pedanten zum Könige 3 vor; wogegen Wilhelm aber auf's äußerste protestirte. 4 Man konnte sich nicht entschließen.

5 Ferner hatte Wilhelm in seinem Stücke die beiden 6 Rollen von Rosenkranz und Güldenstern stehen lassen. 7 Warum haben Sie diese nicht in Eine verbunden? 8, 9 fragte Serlo; diese Abbreviatur ist doch so leicht gemacht.

10 Gott bewahre mich vor solchen Verkürzungen, die 11 zugleich Sinn und Wirkung aufheben! versetzte Wilhelm. 12 Das, was diese beiden Menschen sind und 13 thun, kann nicht durch Einen vorgestellt werden. In 14 solchen Kleinigkeiten zeigt sich Shakespears Größe. 15 Dieses leise Auftreten, dieses Schmiegen und Biegen, 16 dieß Jasagen, Streicheln und Schmeicheln, diese Behendigkeit, 17 dieß Schwänzeln, diese Allheit und Leerheit, 18 diese rechtliche Schurkerei, diese Unfähigkeit, wie 19 kann sie durch Einen Menschen ausgedrückt werden? 20 Es sollten ihrer wenigstens ein Dutzend sein, wenn 21 man sie haben könnte; denn sie sind bloß in Gesellschaft 22 etwas, sie sind die Gesellschaft, und Shakespear 23 war sehr bescheiden und weise, daß er nur zwei solche 24 Repräsentanten auftreten ließ. Überdieß brauche ich 25 sie in meiner Bearbeitung als ein Paar, das mit 26 dem Einen, guten, trefflichen Horatio contrastirt.

27 Ich verstehe Sie, sagte Serlo, und wir können 28 uns helfen. Den einen geben wir Elmiren (so nannte 

[Seite 166]

1 man die älteste Tochter des Polterers); es kann nicht 2 schaden, wenn sie gut aussehen, und ich will die Puppen 3 putzen und dressiren, daß es eine Lust sein soll.

4 Philine freute sich außerordentlich, daß sie die 5 Herzogin in der kleinen Komödie spielen sollte. Das 6 will ich so natürlich machen, rief sie aus, wie man 7 in der Geschwindigkeit einen Zweiten heirathet, nachdem 8 man den Ersten ganz außerordentlich geliebt 9 hat. Ich hoffe mir den größten Beifall zu erwerben, 10 und jeder Mann soll wünschen, der Dritte zu werden.

11 Aurelie machte ein verdrießliches Gesicht bei diesen 12 Äußerungen; ihr Widerwille gegen Philinen nahm 13 mit jedem Tage zu.

14 Es ist recht Schade, sagte Serlo, daß wir kein 15 Ballet haben; sonst sollten Sie mir mit Ihrem ersten 16 und zweiten Manne ein Pas de deux tanzen, und 17 der Alte sollte nach dem Tact einschlafen, und Ihre 18 Füßchen und Wädchen würden sich dort hinten auf 19 dem Kindertheater ganz allerliebst ausnehmen.

20 Von meinen Wädchen wissen Sie ja wohl nicht 21 viel, versetzte sie schnippisch, und was meine Füßchen 22 betrifft, rief sie, indem sie schnell unter den Tisch 23 reichte, ihre Pantöffelchen herauf holte und neben 24 einander vor Serlo hinstellte: hier sind die Stelzchen, 25 und ich gebe Ihnen auf, niedlichere zu finden.

26 Es war Ernst! sagte er, als er die zierlichen Halbschuhe 27 betrachtete. Gewiß, man konnte nicht leicht 28 etwas Artigers sehen.



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1 Sie waren Pariser Arbeit; Philine hatte sie von 2 der Gräfin zum Geschenk erhalten, einer Dame, deren 3 schöner Fuß berühmt war.

4 Ein reizender Gegenstand! rief Serlo; das Herz 5 hüpft mir, wenn ich sie ansehe.

6 Welche Verzuckungen! sagte Philine.

7 Es geht nichts über ein Paar Pantöffelchen von 8 so feiner schöner Arbeit, rief Serlo; doch ist ihr Klang 9 noch reizender, als ihr Anblick. Er hub sie auf und 10 ließ sie einigemal hinter einander wechselsweise auf 11 den Tisch fallen.

12 Was soll das heißen? Nur wieder her damit! rief 13 Philine.

14 Darf ich sagen, versetzte er mit verstellter Bescheidenheit 15 und schalkhaftem Ernst, wir andern Junggesellen, 16 die wir Nachts meist allein sind, und uns 17 doch wie andre Menschen fürchten, und im Dunkeln 18 uns nach Gesellschaft sehnen, besonders in Wirthshäusern 19 und fremden Orten, wo es nicht ganz geheuer 20 ist, wir finden es gar tröstlich, wenn ein gutherziges 21 Kind uns Gesellschaft und Beistand leisten 22 will. Es ist Nacht, man liegt im Bette, es raschelt, 23 man schaudert, die Thüre thut sich auf, man erkennt 24 ein liebes pisperndes Stimmchen, es schleicht was 25 herbei, die Vorhänge rauschen, klipp! klapp! die Pantoffeln 26 fallen, und husch! man ist nicht mehr allein. 27 Ach der liebe, der einzige Klang, wenn die Absätzchen 28 auf den Boden aufschlagen! Je zierlicher sie sind, je 

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1 feiner klingt's. Man spreche mir von Philomelen, 2 von rauschenden Bächen, vom Säuseln der Winde, 3 und von allem, was je georgelt und gepfiffen worden 4 ist, ich halte mich an das Klipp! Klapp! --- Klipp! 5 Klapp! ist das schönste Thema zu einem Rondeau, 6 das man immer wieder von vorne zu hören wünscht.

7 Philine nahm ihm die Pantoffeln aus den Händen 8 und sagte: Wie ich sie krumm getreten habe! Sie 9 sind mir viel zu weit. Dann spielte sie damit und 10 rieb die Sohlen gegen einander. Was das heiß wird! 11 rief sie aus, indem sie die eine Sohle flach an die 12 Wange hielt, dann wieder rieb und sie gegen Serlo 13 hinreichte. Er war gutmüthig genug nach der Wärme 14 zu fühlen, und Klipp! Klapp! rief sie, indem sie ihm 15 einen derben Schlag mit dem Absatz versetzte, daß er 16 schreiend die Hand zurück zog. Ich will euch lehren 17 bei meinen Pantoffeln was anders denken, sagte Philine 18 lachend.

19 Und ich will dich lehren alte Leute wie Kinder 20 anführen! rief Serlo dagegen, sprang auf, faßte sie 21 mit Heftigkeit und raubte ihr manchen Kuß, deren 22 jeden sie sich mit ernstlichem Widerstreben gar künstlich 23 abzwingen ließ. Über dem Balgen fielen ihre 24 langen Haare herunter und wickelten sich um die 25 Gruppe, der Stuhl schlug an den Boden, und Aurelie, 26 die von diesem Unwesen innerlich beleidigt war, stand 27 mit Verdruß auf.



[Seite 169]



1 
Sechstes Capitel.

[Lesarten]  2 Obgleich bei der neuen Bearbeitung Hamlets 3 manche Personen weggefallen waren, so blieb die Anzahl 4 derselben doch immer noch groß genug, und fast 5 wollte die Gesellschaft nicht hinreichen.

6 Wenn das so fort geht, sagte Serlo, wird unser 7 Soufleur auch noch aus dem Loche hervorsteigen 8 müssen, unter uns wandeln, und zur Person werden.

9 Schon oft habe ich ihn an seiner Stelle bewundert, 10 versetzte Wilhelm.

11 Ich glaube nicht, daß es einen vollkommenern 12 Einhelfer gibt, sagte Serlo. Kein Zuschauer wird 13 ihn jemals hören; wir auf dem Theater verstehen jede 14 Sylbe. Er hat sich gleichsam ein eigen Organ dazu 15 gemacht, und ist wie ein Genius, der uns in der Noth 16 vernehmlich zulispelt. Er fühlt, welchen Theil seiner 17 Rolle der Schauspieler vollkommen inne hat, und 18 ahnet von weitem, wenn ihn das Gedächtniß verlassen 19 will. In einigen Fällen, da ich die Rolle kaum überlesen 20 konnte, da er sie mir Wort vor Wort vorsagte, 21 spielte ich sie mit Glück; nur hat er Sonderbarkeiten, 22 die jeden andern unbrauchbar machen würden: er nimmt 

[Seite 170]

1 so herzlichen Antheil an den Stücken, daß er pathetische 2 Stellen nicht eben declamirt, aber doch affectvoll 3 recitirt. Mit dieser Unart hat er mich mehr als 4 einmal irre gemacht.

5 So wie er mich, sagte Aurelie, mit einer andern 6 Sonderbarkeit einst an einer sehr gefährlichen Stelle 7 stecken ließ.

8 Wie war das bei seiner Aufmerksamkeit möglich? 9 fragte Wilhelm.

10 Er wird, versetzte Aurelie, bei gewissen Stellen so 11 gerührt, daß er heiße Thränen weint, und einige Augenblicke 12 ganz aus der Fassung kommt; und es sind eigentlich 13 nicht die sogenannten rührenden Stellen, die ihn in 14 diesen Zustand versetzen; es sind, wenn ich mich deutlich 15 ausdrücke, die schönen Stellen, aus welchen der reine 16 Geist des Dichters gleichsam aus hellen offenen Augen 17 hervorsieht, Stellen, bei denen wir andern uns nur 18 höchstens freuen, und worüber viele Tausende wegsehen.

19 Und warum erscheint er mit dieser zarten Seele 20 nicht auf dem Theater?

21 Ein heiseres Organ und ein steifes Betragen 22 schließen ihn von der Bühne, und seine hypochondrische 23 Natur von der Gesellschaft aus, versetzte Serlo. Wie 24 viel Mühe habe ich mir gegeben, ihn an mich zu gewöhnen! 25 aber vergebens. Er lies't vortrefflich, wie 26 ich nicht wieder habe lesen hören; niemand hält wie 27 er die zarte Gränzlinie zwischen Declamation und 28 affectvoller Recitation.



[Seite 171]

1 Gefunden! rief Wilhelm, gefunden! Welch eine glückliche 2 Entdeckung! Nun haben wir den Schauspieler, der 3 uns die Stelle vom rauhen Pyrrhus recitiren soll.

4 Man muß so viel Leidenschaft haben wie Sie, versetzte 5 Serlo, um alles zu seinem Endzwecke zu nutzen.

6 Gewiß, ich war in der größten Sorge, rief Wilhelm, 7 daß vielleicht diese Stelle wegbleiben müßte, und 8 das ganze Stück würde dadurch gelähmt werden.

9 Das kann ich doch nicht einsehen, versetzte Aurelie.

10 Ich hoffe, Sie werden bald meiner Meinung sein, 11 sagte Wilhelm. Shakespear führt die ankommenden 12 Schauspieler zu einem doppelten Endzweck herein. Erst 13 macht der Mann, der den Tod des Priamus mit so viel 14 eigner Rührung declamirt, tiefen Eindruck auf den 15 Prinzen selbst; er schärft das Gewissen des jungen 16 schwankenden Mannes: und so wird diese Scene das 17 Präludium zu jener, in welcher das kleine Schauspiel 18 so große Wirkung auf den König thut. Hamlet fühlt 19 sich durch den Schauspieler beschämt, der an fremden, 20 an fingirten Leiden so großen Theil nimmt; und der 21 Gedanke, auf eben die Weise einen Versuch auf das 22 Gewissen seines Stiefvaters zu machen, wird dadurch 23 bei ihm sogleich erregt. Welch ein herrlicher Monolog 24 ist's, der den zweiten Act schließt! Wie freue ich 25 mich darauf, ihn zu recitiren:

26 "O! welch ein Schurke, welch ein niedriger Sclave 27 bin ich! --- Ist es nicht ungeheuer, daß dieser Schauspieler 28 hier, nur durch Erdichtung, durch einen Traum 

[Seite 172]

1 von Leidenschaft, seine Seele so nach seinem Willen 2 zwingt, daß ihre Wirkung sein ganzes Gesicht entfärbt: 3 --- Thränen im Auge! Verwirrung im Betragen! 4 Gebrochene Stimme! Sein ganzes Wesen von Einem 5 Gefühl durchdrungen! und das alles um nichts --- um 6 Hekuba! --- Was ist Hekuba für ihn oder er für 7 Hekuba, daß er um sie weinen sollte?"

8 Wenn wir nur unsern Mann auf das Theater 9 bringen können, sagte Aurelie.

10 Wir müssen, versetzte Serlo, ihn nach und nach 11 hineinführen. Bei den Proben mag er die Stelle 12 lesen, und wir sagen, daß wir einen Schauspieler, 13 der sie spielen soll, erwarten, und so sehen wir, wie 14 wir ihm näher kommen.

15 Nachdem sie darüber einig waren, wendete sich das 16 Gespräch auf den Geist. Wilhelm konnte sich nicht 17 entschließen, die Rolle des lebenden Königs dem Pedanten 18 zu überlassen, damit der Polterer den Geist 19 spielen könne, und meinte vielmehr, daß man noch 20 einige Zeit warten sollte, indem sich doch noch einige 21 Schauspieler gemeldet hätten, und sich unter ihnen 22 der rechte Mann finden könnte.

23 Man kann sich daher denken, wie verwundert Wilhelm 24 war, als er unter der Adresse seines Theaternamens 25 Abends folgendes Billet mit wunderbaren 26 Zügen, versiegelt, auf seinem Tische fand!

27 "Du bist, o sonderbarer Jüngling, wir wissen es, 28 in großer Verlegenheit. Du findest kaum Menschen 

[Seite 173]

1 zu deinem Hamlet, geschweige Geister. Dein Eifer verdient 2 ein Wunder; Wunder können wir nicht thun, aber 3 etwas Wunderbares soll geschehen. Hast du Vertrauen, 4 so soll zur rechten Stunde der Geist erscheinen! Habe 5 Muth und bleibe gefaßt! Es bedarf keiner Antwort; 6 dein Entschluß wird uns bekannt werden."

7 Mit diesem seltsamen Blatte eilte er zu Serlo zurück, 8 der es las und wieder las, und endlich mit bedenklicher 9 Miene versicherte: die Sache sei von Wichtigkeit; 10 man müsse wohl überlegen, ob man es wagen dürfe und 11 könne. Sie sprachen vieles hin und wieder; Aurelie 12 war still und lächelte von Zeit zu Zeit, und als nach 13 einigen Tagen wieder davon die Rede war, gab sie nicht 14 undeutlich zu verstehen, daß sie es für einen Scherz 15 von Serlo halte. Sie bat Wilhelmen, völlig außer 16 Sorge zu sein, und den Geist geduldig zu erwarten.

17 Überhaupt war Serlo von dem besten Humor; denn 18 die abgehenden Schauspieler gaben sich alle mögliche 19 Mühe gut zu spielen, damit man sie ja recht vermissen 20 sollte, und von der Neugierde auf die neue Gesellschaft 21 konnte er auch die beste Einnahme erwarten.

22 Sogar hatte der Umgang Wilhelms auf ihn einigen 23 Einfluß gehabt. Er fing an mehr über Kunst zu 24 sprechen, denn er war am Ende doch ein Deutscher, 25 und diese Nation gibt sich gern Rechenschaft von dem, 26 was sie thut. Wilhelm schrieb sich manche solche Unterredung 27 auf; und wir werden, da die Erzählung hier 28 nicht so oft unterbrochen werden darf, denjenigen unsrer 

[Seite 174]

1 Leser, die sich dafür interessiren, solche dramaturgische 2 Versuche bei einer andern Gelegenheit vorlegen.

3 Besonders war Serlo eines Abends sehr lustig, als 4 er von der Rolle des Polonius sprach, wie er sie zu fassen 5 gedachte. Ich verspreche, sagte er, dießmal einen recht 6 würdigen Mann zum Besten zu geben; ich werde die 7 gehörige Ruhe und Sicherheit, Leerheit und Bedeutsamkeit, 8 Annehmlichkeit und geschmackloses Wesen, 9 Freiheit und Aufpassen, treuherzige Schalkheit und erlogene 10 Wahrheit, da wo sie hin gehören, recht zierlich 11 aufstellen. Ich will einen solchen grauen, redlichen, 12 ausdauernden, der Zeit dienenden Halbschelm auf's 13 allerhöflichste vorstellen und vortragen, und dazu sollen 14 mir die etwas rohen und groben Pinselstriche unsers 15 Autors gute Dienste leisten. Ich will reden wie ein 16 Buch, wenn ich mich vorbereitet habe, und wie ein Thor, 17 wenn ich bei guter Laune bin. Ich werde abgeschmackt 18 sein, um jedem nach dem Maule zu reden, und immer 19 so fein, es nicht zu merken, wenn mich die Leute zum 20 Besten haben. Nicht leicht habe ich eine Rolle mit 21 solcher Lust und Schalkheit übernommen.

22 Wenn ich nur auch von der meinigen so viel hoffen 23 könnte, sagte Aurelie. Ich habe weder Jugend noch 24 Weichheit genug, um mich in diesen Charakter zu finden. 25 Nur eins weiß ich leider: das Gefühl, das Ophelien 26 den Kopf verrückt, wird mich nicht verlassen.

27 Wir wollen es ja nicht so genau nehmen, sagte 28 Wilhelm: denn eigentlich hat mein Wunsch, den Hamlet 

[Seite 175]

1 zu spielen, mich bei allem Studium des Stücks, 2 auf's äußerste irre geführt. Je mehr ich mich in die 3 Rolle studire, desto mehr sehe ich, daß in meiner ganzen 4 Gestalt kein Zug der Physiognomie ist, wie Shakespear 5 seinen Hamlet aufstellt. Wenn ich es recht überlege, 6 wie genau in der Rolle alles zusammen hängt, so 7 getraue ich mir kaum, eine leidliche Wirkung hervor 8 zu bringen.

9 Sie treten mit großer Gewissenhaftigkeit in Ihre 10 Laufbahn, versetzte Serlo. Der Schauspieler schickt 11 sich in die Rolle wie er kann, und die Rolle richtet 12 sich nach ihm wie sie muß. Wie hat aber Shakespear 13 seinen Hamlet vorgezeichnet? Ist er Ihnen denn so 14 ganz unähnlich?

15 Zuvörderst ist Hamlet blond, erwiderte Wilhelm.

16 Das heiß' ich weit gesucht, sagte Aurelie. Woher 17 schließen Sie das?

18 Als Däne, als Nordländer, ist er blond von Hause 19 aus, und hat blaue Augen.

20 Sollte Shakespear daran gedacht haben?

21 Bestimmt find' ich es nicht ausgedrückt, aber in 22 Verbindung mit andern Stellen scheint es mir unwidersprechlich. 23 Ihm wird das Fechten sauer, der Schweiß 24 läuft ihm vom Gesichte, und die Königin spricht: Er 25 ist fett, laßt ihn zu Athem kommen. Kann man 26 sich ihn da anders als blond und wohlbehäglich vorstellen: 27 denn braune Leute sind in ihrer Jugend selten 28 in diesen Falle. Paßt nicht auch seine schwankende 

[Seite 176]

1 Melancholie, seine weiche Trauer, seine thätige Unentschlossenheit 2 besser zu einer solchen Gestalt, als 3 wenn Sie sich einen schlanken braunlockigen Jüngling 4 denken, von dem man mehr Entschlossenheit und 5 Behendigkeit erwartet.

6 Sie verderben mir die Imagination, rief Aurelie, 7 weg mit Ihrem fetten Hamlet! stellen Sie uns ja 8 nicht Ihren wohlbeleibten Prinzen vor! Geben Sie 9 uns lieber irgend ein Quiproquo, das uns reizt, das 10 uns rührt. Die Intention des Autors liegt uns nicht 11 so nahe, als unser Vergnügen, und wir verlangen 12 einen Reiz, der uns homogen ist.



[Seite 177]



1 
Siebentes Capitel.

[Lesarten]  2 Einen Abend stritt die Gesellschaft, ob der Roman 3 oder das Drama den Vorzug verdiene? Serlo versicherte, 4 es sei ein vergeblicher mißverstandener Streit; 5 beide könnten in ihrer Art vortrefflich sein, nur 6 müßten sie sich in den Gränzen ihrer Gattung 7 halten.

8 Ich bin selbst noch nicht ganz im Klaren darüber, 9 versetzte Wilhelm.

10 Wer ist es auch? sagte Serlo, und doch wäre es 11 der Mühe werth, daß man der Sache näher käme.

12 Sie sprachen viel herüber und hinüber, und endlich 13, 14 war Folgendes ungefähr das Resultat ihrer Unterhaltung:

15 Im Roman wie im Drama sehen wir menschliche 16 Natur und Handlung. Der Unterschied beider 17 Dichtungsarten liegt nicht bloß in der äußern Form, 18 nicht darin, daß die Personen in dem einen sprechen, 19 und daß in dem andern gewöhnlich von ihnen erzählt 20 wird. Leider viele Dramen sind nur dialogirte 21 Romane, und es wäre nicht unmöglich, ein Drama 22 in Briefen zu schreiben.



[Seite 178]

1 Im Roman sollen vorzüglich Gesinnungen und 2 Begebenheiten vorgestellt werden; im Drama Charaktere 3 und Thaten. Der Roman muß langsam gehen, 4 und die Gesinnungen der Hauptfigur müssen, es sei 5 auf welche Weise es wolle, das Vordringen des Ganzen 6 zur Entwickelung aufhalten. Das Drama soll eilen, 7 und der Charakter der Hauptfigur muß sich nach dem 8 Ende drängen, und nur aufgehalten werden. Der 9 Romanheld muß leidend, wenigstens nicht im hohen 10 Grade wirkend sein; von dem dramatischen verlangt 11 man Wirkung und That. Grandison, Clarisse, Pamela, 12 der Landpriester von Wakefield, Tom Jones 13 selbst sind, wo nicht leidende, doch retardirende Personen, 14 und alle Begebenheiten werden gewissermaßen 15 nach ihren Gesinnungen gemodelt. Im Drama modelt 16 der Held nichts nach sich, alles widersteht ihm, und 17 er räumt und rückt die Hindernisse aus dem Wege, 18 oder unterliegt ihnen.

19 So vereinigte man sich auch darüber, daß man 20 dem Zufall im Roman gar wohl sein Spiel erlauben 21 könne; daß er aber immer durch die Gesinnungen der 22 Personen gelenkt und geleitet werden müsse; daß hingegen 23 das Schicksal, das die Menschen, ohne ihr Zuthun, 24 durch unzusammenhängende äußere Umstände zu 25 einer unvorgesehenen Katastrophe hindrängt, nur im 26 Drama statt habe; daß der Zufall wohl pathetische, 27 niemals aber tragische Situationen hervorbringen 28 dürfe; das Schicksal hingegen müsse immer fürchterlich 

[Seite 179]

1 sein, und werde im höchsten Sinne tragisch, wenn 2 es schuldige und unschuldige, von einander unabhängige 3 Thaten in eine unglückliche Verknüpfung bringt.

4 Diese Betrachtungen führten wieder auf den wunderlichen 5 Hamlet, und auf die Eigenheiten dieses 6 Stücks. Der Held, sagte man, hat eigentlich auch 7 nur Gesinnungen; es sind nur Begebenheiten, die zu 8 ihm stoßen, und deßwegen hat das Stück etwas von 9 dem Gedehnten des Romans; weil aber das Schicksal 10 den Plan gezeichnet hat, weil das Stück von einer 11 fürchterlichen That ausgeht, und der Held immer vorwärts 12 zu einer fürchterlichen That gedrängt wird, so 13 ist es im höchsten Sinne tragisch, und leidet keinen 14 andern als einen tragischen Ausgang.

15 Nun sollte Leseprobe gehalten werden, welche Wilhelm 16 eigentlich als ein Fest ansah. Er hatte die 17 Rollen vorher collationirt, daß also von dieser Seite 18 kein Anstoß sein konnte. Die sämmtlichen Schauspieler 19 waren mit dem Stücke bekannt, und er suchte sie nur, 20 ehe sie anfingen, von der Wichtigkeit einer Leseprobe 21 zu überzeugen. Wie man von jedem Musicus verlange, 22 daß er, bis auf einen gewissen Grad, vom 23 Blatte spielen könne, so solle auch jeder Schauspieler, 24 ja jeder wohlerzogene Mensch, sich üben, vom Blatte 25 zu lesen, einem Drama, einem Gedicht, einer Erzählung 26 sogleich ihren Charakter abzugewinnen, und sie mit 27 Fertigkeit vorzutragen. Alles Memoriren helfe nichts, 28 wenn der Schauspieler nicht vorher in den Geist und 

[Seite 180]

1 Sinn des guten Schriftstellers eingedrungen sei; der 2 Buchstabe könne nichts wirken.

3 Serlo versicherte, daß er jeder andern Probe, ja 4 der Hauptprobe nachsehen wolle, sobald der Leseprobe 5 ihr Recht widerfahren sei: denn gewöhnlich, sagte er, 6 ist nichts lustiger, als wenn Schauspieler von Studiren 7 sprechen; es kommt mir eben so vor, als wenn 8 die Freimäurer von Arbeiten reden.

9 Die Probe lief nach Wunsch ab, und man kann 10 sagen, daß der Ruhm und die gute Einnahme der 11 Gesellschaft sich auf diese wenigen wohlangewandten 12 Stunden gründete.

13 Sie haben wohl gethan, mein Freund, sagte Serlo, 14 nachdem sie wieder allein waren, daß Sie unsern 15 Mitarbeitern so ernstlich zusprachen, wenn ich gleich 16 fürchte, daß sie Ihre Wünsche schwerlich erfüllen 17 werden.

18 Wie so? versetzte Wilhelm.

19 Ich habe gefunden, sagte Serlo, daß so leicht man 20 der Menschen Imagination in Bewegung setzen kann, 21 so gern sie sich Mährchen erzählen lassen, eben so 22 selten ist es, eine Art von productiver Imagination 23 bei ihnen zu finden. Bei den Schauspielern ist dieses 24 sehr auffallend. Jeder ist sehr wohl zufrieden, eine 25 schöne, lobenswürdige, brillante Rolle zu übernehmen; 26 selten aber thut einer mehr, als sich mit Selbstgefälligkeit 27 an die Stelle des Helden setzen, ohne sich 28 im mindesten zu bekümmern, ob ihn auch jemand dafür 

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1 halten werde. Aber mit Lebhaftigkeit zu umfassen, 2 was sich der Autor bei'm Stück gedacht hat, 3 was man von seiner Individualität hingeben müsse, 4 um einer Rolle genug zu thun, wie man durch eigene 5 Überzeugung, man sei ein ganz anderer Mensch, den 6 Zuschauer gleichfalls zur Überzeugung hinreiße, wie 7 man, durch eine innere Wahrheit der Darstellungskraft, 8 diese Breter in Tempel, diese Pappen in Wälder 9 verwandelt, ist wenigen gegeben. Diese innere Stärke 10 des Geistes, wodurch ganz allein der Zuschauer getäuscht 11 wird, diese erlogene Wahrheit, die ganz allein 12 Wirkung hervorbringt, wodurch ganz allein die Illusion 13 erzielt wird, wer hat davon einen Begriff?

14 Lassen Sie uns daher ja nicht zu sehr auf Geist 15 und Empfindung dringen! Das sicherste Mittel ist, 16 wenn wir unsern Freunden mit Gelassenheit zuerst 17 den Sinn des Buchstabens erklären, und ihnen den 18 Verstand eröffnen. Wer Anlage hat, eilt alsdann 19 selbst dem geistreichen und empfindungsvollen Ausdrucke 20 entgegen; und wer sie nicht hat, wird wenigstens 21 niemals ganz falsch spielen und recitiren. Ich 22 habe aber bei Schauspielern, so wie überhaupt, keine 23 schlimmere Anmaßung gefunden, als wenn jemand 24 Ansprüche an Geist macht, so lange ihm der Buchstabe 25 noch nicht deutlich und geläufig ist.



[Seite 182]



1 
Achtes Capitel.

[Lesarten]  2 Wilhelm kam zur ersten Theaterprobe sehr zeitig 3 und fand sich auf den Bretern allein. Das Local 4 überraschte ihn, und gab ihm die wunderbarsten Erinnerungen. 5 Die Wald- und Dorfdecoration stand 6 genau so, wie auf der Bühne seiner Vaterstadt; auch 7 bei einer Probe, als ihm an jenem Morgen Mariane 8 lebhaft ihre Liebe bekannte, und ihm die erste glückliche 9 Nacht zusagte. Die Bauernhäuser glichen sich auf 10 dem Theater wie auf dem Lande; die wahre Morgensonne 11 beschien, durch einen halb offenen Fensterladen 12 hereinfallend, einen Theil der Bank, die neben der 13 Thüre schlecht befestigt war; nur leider schien sie nicht 14 wie damals auf Marianens Schoß und Busen. Er 15 setzte sich nieder, dachte dieser wunderbaren Übereinstimmung 16 nach, und glaubte zu ahnen, daß er sie 17 vielleicht auf diesem Platze bald wieder sehen werde. 18 Ach, und es war weiter nichts, als daß ein Nachspiel, 19 zu welchem diese Decoration gehörte, damals auf dem 20 deutschen Theater sehr oft gegeben wurde.

21 In diesen Betrachtungen störten ihn die übrigen 22 ankommenden Schauspieler, mit denen zugleich zwei 

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1 Theater- und Garderobenfreunde herein traten, und 2 Wilhelmen mit Enthusiasmus begrüßten. Der eine 3 war gewissermaßen an Madame Melina attachirt; 4 der andere aber ein ganz reiner Freund der Schauspielkunst, 5 und beide von der Art, wie sich jede gute 6 Gesellschaft Freunde wünschen sollte. Man wußte 7 nicht zu sagen, ob sie das Theater mehr kannten oder 8 liebten. Sie liebten es zu sehr, um es recht zu kennen; 9 sie kannten es genug, um das Gute zu schätzen und 10 das Schlechte zu verbannen. Aber bei ihrer Neigung 11 war ihnen das Mittelmäßige nicht unerträglich, und 12 der herrliche Genuß, mit dem sie das Gute vor und 13 nach kosteten, war über allen Ausdruck. Das Mechanische 14 machte ihnen Freude, das Geistige entzückte sie, 15 und ihre Neigung war so groß, daß auch eine zerstückelte 16 Probe sie in eine Art von Illusion versetzte. 17 Die Mängel schienen ihnen jederzeit in die Ferne zu 18 treten, das Gute berührte sie wie ein naher Gegenstand. 19 Kurz sie waren Liebhaber, wie sie sich der 20 Künstler in seinem Fache wünscht. Ihre liebste Wanderung 21 war von den Coulissen in's Parterre, vom 22 Parterre in die Coulissen, ihr angenehmster Aufenthalt 23 in der Garderobe, ihre emsigste Beschäftigung an 24 der Stellung, Kleidung, Recitation und Declamation 25 der Schauspieler etwas zuzustutzen, ihr lebhaftestes 26 Gespräch über den Effect, den man hervorgebracht 27 hatte, und ihre beständigste Bemühung, den Schauspieler 28 aufmerksam, thätig und genau zu erhalten, 

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1 ihm etwas zu Gute oder zu Liebe zu thun, und, ohne 2 Verschwendung, der Gesellschaft manchen Genuß zu 3 verschaffen. Sie hatten sich beide das ausschließliche 4 Recht verschafft, bei Proben und Aufführungen auf 5 dem Theater zu erscheinen. Sie waren, was die Aufführung 6 Hamlets betraf, mit Wilhelmen nicht bei 7 allen Stellen einig; hie und da gab er nach, meistens 8 aber behauptete er seine Meinung, und im Ganzen 9 diente diese Unterhaltung sehr zur Bildung seines Geschmacks. 10 Er ließ die beiden Freunde sehen, wie sehr 11 er sie schätze, und sie dagegen weissagten nichts weniger 12 von diesen vereinten Bemühungen, als eine neue Epoche 13 für's deutsche Theater.

14 Die Gegenwart dieser beiden Männer war bei den 15 Proben sehr nützlich. Besonders überzeugten sie unsre 16 Schauspieler, daß man bei der Probe Stellung und 17 Action, wie man sie bei der Aufführung zu zeigen 18 gedenke, immerfort mit der Rede verbinden und alles 19 zusammen durch Gewohnheit mechanisch vereinigen 20 müsse. Besonders mit den Händen solle man ja bei 21 der Probe einer Tragödie keine gemeine Bewegung 22 vornehmen; ein tragischer Schauspieler, der in der 23 Probe Taback schnupft, mache sie immer bange: denn 24 höchst wahrscheinlich werde er an einer solchen Stelle, 25 bei der Aufführung, die Prise vermissen. Ja, sie 26 hielten dafür, daß niemand in Stiefeln probiren solle, 27 wenn die Rolle in Schuhen zu spielen sei. Nichts 28 aber, versicherten sie, schmerze sie mehr, als wenn die 

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1 Frauenzimmer in den Proben ihre Hände in die Rockfalten 2 versteckten.

3 Außerdem ward durch das Zureden dieser Männer 4 noch etwas sehr Gutes bewirkt, daß nämlich alle 5 Mannspersonen exerciren lernten. Da so viele Militärrollen 6 vorkommen, sagten sie, sieht nichts betrübter 7 aus, als Menschen, die nicht die mindeste Dressur 8 zeigen, in Hauptmanns- und Majors-Uniform auf 9 dem Theater herumschwanken zu sehen.

10 Wilhelm und Laertes waren die ersten, die sich 11 der Pädagogik eines Unterofficiers unterwarfen, und 12 setzten dabei ihre Fechtübungen mit großer Anstrengung 13 fort.

14 So viel Mühe gaben sich beide Männer mit der 15 Ausbildung einer Gesellschaft, die sich so glücklich 16 zusammengefunden hatte. Sie sorgten für die künftige 17 Zufriedenheit des Publicums, indeß sich dieses 18 über ihre entschiedene Liebhaberei gelegentlich aufhielt. 19 Man wußte nicht, wie viel Ursache man hatte ihnen 20 dankbar zu sein, besonders da sie nicht versäumten, 21 den Schauspielern oft den Hauptpunct einzuschärfen, 22 daß es nämlich ihre Pflicht sei, laut und vernehmlich 23 zu sprechen. Sie fanden hierbei mehr Widerstand 24 und Unwillen, als sie anfangs gedacht hatten. Die 25 meisten wollten so gehört sein, wie sie sprachen, und 26 wenige bemühten sich so zu sprechen, daß man sie 27 hören könnte. Einige schoben den Fehler auf's Gebäude, 28 andere sagten, man könne doch nicht schreien, 

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1 wenn man natürlich, heimlich oder zärtlich zu sprechen 2 habe.

3 Unsre Theaterfreunde, die eine unsägliche Geduld 4 hatten, suchten auf alle Weise diese Verwirrung zu 5 lösen, diesem Eigensinne beizukommen. Sie sparten 6 weder Gründe noch Schmeicheleien, und erreichten zuletzt 7 doch ihren Endzweck, wobei ihnen das gute Beispiel 8 Wilhelms besonders zu statten kam. Er bat 9 sich aus, daß sie sich bei den Proben in die entferntesten 10 Ecken setzen, und sobald sie nicht vollkommen 11 verstünden, mit dem Schlüssel auf die Bank pochen 12 möchten. Er articulirte gut, sprach gemäßigt aus, 13 steigerte den Ton stufenweise, und überschrie sich nicht 14 in den heftigsten Stellen. Die pochenden Schlüssel 15 hörte man bei jeder Probe weniger; nach und nach 16 ließen sich die andern dieselbe Operation gefallen, 17 und man konnte hoffen, daß das Stück endlich in 18 allen Winkeln des Hauses von jedermann würde verstanden 19 werden.

20 Man sieht aus diesem Beispiel, wie gern die Menschen 21 ihren Zweck nur auf ihre eigene Weise erreichen 22 möchten, wie viel Noth man hat, ihnen begreiflich zu 23 machen, was sich eigentlich von selbst versteht, und 24 wie schwer es ist, denjenigen, der etwas zu leisten 25 wünscht, zur Erkenntniß der ersten Bedingungen zu 26 bringen, unter denen sein Vorhaben allein möglich 27 wird.



[Seite 187]



1 
Neuntes Capitel.

[Lesarten]  2 Man fuhr nun fort, die nöthigen Anstalten zu 3 Decorationen und Kleidern und was sonst erforderlich 4 war zu machen. Über einige Scenen und Stellen 5 hatte Wilhelm besondere Grillen, denen Serlo nachgab, 6 theils in Rücksicht auf den Contract, theils aus 7 Überzeugung, und weil er hoffte, Wilhelmen durch 8 diese Gefälligkeit zu gewinnen, und in der Folge destomehr 9 nach seinen Absichten zu lenken.

10 So sollte zum Beispiel König und Königin bei 11 der ersten Audienz auf dem Throne sitzend erscheinen, 12 die Hofleute an den Seiten und Hamlet unbedeutend 13 unter ihnen stehen. Hamlet, sagte er, muß sich ruhig 14 verhalten; seine schwarze Kleidung unterscheidet ihn 15 schon genug. Er muß sich eher verbergen als zum 16 Vorschein kommen. Nur dann, wenn die Audienz geendigt 17 ist, wenn der König mit ihm als Sohn spricht, 18 dann mag er herbei treten und die Scene ihren Gang 19 gehen.

20 Noch eine Hauptschwierigkeit machten die beiden 21 Gemählde, auf die sich Hamlet in der Scene mit seiner 22 Mutter so heftig bezieht. Mir sollen, sagte Wilhelm, 

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1 in Lebensgröße beide im Grunde des Zimmers neben 2 der Hauptthüre sichtbar sein, und zwar muß der alte 3 König in völliger Rüstung, wie der Geist, auf eben 4 der Seite hängen, wo dieser hervortritt. Ich wünsche, 5 daß die Figur mit der rechten Hand eine befehlende 6 Stellung annehme, etwas gewandt sei und gleichsam 7 über die Schulter sehe, damit sie dem Geiste völlig 8 gleiche, in dem Augenblicke, da dieser zur Thüre hinaus 9 geht. Es wird eine sehr große Wirkung thun, 10 wenn in diesem Augenblick Hamlet nach dem Geiste 11 und die Königin nach dem Bilde sieht. Der Stiefvater 12 mag dann im königlichen Ornat, doch unscheinbarer 13 als jener, vorgestellt werden.

14 So gab es noch verschiedene Puncte, von denen 15 wir zu sprechen vielleicht Gelegenheit haben.

16 Sind Sie auch unerbittlich, daß Hamlet am Ende 17 sterben muß? fragte Serlo.

18 Wie kann ich ihn am Leben erhalten, sagte Wilhelm, 19 da ihn das ganze Stück zu Tode drückt? Wir 20 haben ja schon so weitläufig darüber gesprochen.

21 Aber das Publicum wünscht ihn lebendig.

22 Ich will ihm gern jeden andern Gefallen thun, 23 nur dießmal ist's unmöglich. Wir wünschen auch, 24 daß ein braver nützlicher Mann, der an einer chronischen 25 Krankheit stirbt, noch länger leben möge. Die 26 Familie weint und beschwört den Arzt, der ihn nicht 27 halten kann: und so wenig als dieser einer Naturnothwendigkeit 28 zu widerstehen vermag, so wenig können 

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1 wir einer anerkannten Kunstnothwendigkeit gebieten. 2 Es ist eine falsche Nachgiebigkeit gegen die Menge, 3 wenn man ihnen die Empfindungen erregt, die sie 4 haben wollen, und nicht die sie haben sollen.

5 Wer das Geld bringt, kann die Waare nach seinem 6 Sinne verlangen.

7 Gewissermaßen; aber ein großes Publicum verdient, 8 daß man es achte, daß man es nicht wie 9 Kinder, denen man das Geld abnehmen will, behandle. 10 Man bringe ihm nach und nach, durch das 11 Gute, Gefühl und Geschmack für das Gute bei, und 12 es wird sein Geld mit doppeltem Vergnügen einlegen, 13 weil ihm der Verstand, ja die Vernunft selbst bei 14 dieser Ausgabe nichts vorzuwerfen hat. Man kann 15 ihm schmeicheln wie einem geliebten Kinde, schmeicheln, 16 um es zu bessern, um es künftig aufzuklären; nicht 17 wie einem Vornehmen und Reichen, um den Irrthum, 18 den man nutzt, zu verewigen.

19 So handelten sie noch manches ab, das sich besonders 20 auf die Frage bezog: was man noch etwa 21 an dem Stücke verändern dürfe, und was unberührt 22 bleiben müsse? Wir lassen uns hierauf nicht weiter 23 ein, sondern legen vielleicht künftig die neue Bearbeitung 24 Hamlets selbst demjenigen Theile unsrer Leser 25 vor, der sich etwa dafür interessiren könnte.



[Seite 190]



1 
Zehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Die Hauptprobe war vorbei; sie hatte übermäßig 3 lange gedauert. Serlo und Wilhelm fanden noch 4 manches zu besorgen: denn ungeachtet der vielen 5 Zeit, die man zur Vorbereitung verwendet hatte, 6 waren doch sehr nothwendige Anstalten bis auf den 7 letzten Augenblick verschoben worden.

8 So waren zum Beispiel die Gemählde der beiden 9 Könige noch nicht fertig, und die Scene zwischen 10 Hamlet und seiner Mutter, von der man einen so 11 großen Effect hoffte, sah noch sehr mager aus, indem 12 weder der Geist noch sein gemahltes Ebenbild 13 dabei gegenwärtig war. Serlo scherzte bei dieser Gelegenheit 14 und sagte: Wir wären doch im Grunde 15 recht übel angeführt, wenn der Geist ausbliebe, die 16 Wache wirklich mit der Luft fechten, und unser Soufleur 17 aus der Coulisse den Vortrag des Geistes suppliren 18 müßte.

19 Wir wollen den wunderbaren Freund nicht durch 20 unsern Unglauben verscheuchen, versetzte Wilhelm; er 21 kommt gewiß zur rechten Zeit, und wird uns so gut 22 als die Zuschauer überraschen.



[Seite 191]

1 Gewiß, rief Serlo, ich werde froh sein, wenn das 2 Stück morgen gegeben ist: es macht uns mehr Umstände, 3 als ich geglaubt habe.

4 Aber niemand in der Welt wird froher sein als 5 ich, wenn das Stück morgen gespielt ist, versetzte 6 Philine, so wenig mich meine Rolle drückt. Denn 7 immer und ewig von Einer Sache reden zu hören, 8 wobei doch nichts weiter heraus kommt, als eine 9 Repräsentation, die, wie so viele hundert andere, vergessen 10 werden wird, dazu will meine Geduld nicht 11 hinreichen. Macht doch in Gottesnamen nicht so viel 12 Umstände! Die Gäste, die vom Tische aufstehen, haben 13 nachher an jedem Gerichte was auszusetzen; ja wenn 14 man sie zu Hause reden hört, so ist es ihnen kaum 15 begreiflich, wie sie eine solche Noth haben ausstehen 16 können.

17 Lassen Sie mich Ihr Gleichniß zu meinem Vortheile 18 brauchen, schönes Kind, versetzte Wilhelm. Bedenken 19 Sie, was Natur und Kunst, was Handel, 20 Gewerke und Gewerbe zusammen schaffen müssen, bis 21 ein Gastmahl gegeben werden kann. Wie viel Jahre 22 muß der Hirsch im Walde, der Fisch im Fluß oder 23 Meere zubringen, bis er unsre Tafel zu besetzen würdig 24 ist, und was hat die Hausfrau, die Köchin nicht alles 25 in der Küche zu thun! Mit welcher Nachlässigkeit 26 schlürft man die Sorge des entferntesten Winzers, des 27 Schiffers, des Kellermeisters bei'm Nachtische hinunter, 28 als müsse es nur so sein. Und sollten deßwegen 

[Seite 192]

1 alle diese Menschen nicht arbeiten, nicht schaffen 2 und bereiten, sollte der Hausherr das alles nicht sorgfältig 3 zusammen bringen und zusammen halten, weil 4 am Ende der Genuß nur vorübergehend ist? Aber 5 kein Genuß ist vorübergehend: denn der Eindruck, den 6 er zurückläßt, ist bleibend, und was man mit Fleiß 7 und Anstrengung thut, theilt dem Zuschauer selbst 8 eine verborgene Kraft mit, von der man nicht wissen 9 kann, wie weit sie wirkt.

10 Mir ist alles einerlei, versetzte Philine, nur muß 11 ich auch dießmal erfahren, daß Männer immer im 12 Widerspruch mit sich selbst sind. Bei all eurer Gewissenhaftigkeit, 13 den großen Autor nicht verstümmeln 14 zu wollen, laßt ihr doch den schönsten Gedanken aus 15 dem Stücke.

16 Den schönsten? rief Wilhelm.

17 Gewiß den schönsten, auf den sich Hamlet selbst 18 was zu Gute thut.

19 Und der wäre? rief Serlo.

20 Wenn Sie eine Perrücke auf hätten, versetzte Philine, 21 würde ich sie Ihnen ganz säuberlich abnehmen: 22 denn es scheint nöthig, daß man Ihnen das Verständniß 23 eröffne.

24 Die andern dachten nach, und die Unterhaltung 25 stockte. Man war aufgestanden, es war schon spät, man 26 schien aus einander gehen zu wollen. Als man so unentschlossen 27 da stand, fing Philine ein Liedchen, auf 28 eine sehr zierliche und gefällige Melodie, zu singen an.



[Seite 193]



1     Singet nicht in Trauertönen
2     Von der Einsamkeit der Nacht;
3     Nein, sie ist, o holde Schönen,
4     Zur Geselligkeit gemacht.

5     Wie das Weib dem Mann gegeben
6     Als die schönste Hälfte war,
7     Ist die Nacht das halbe Leben,
8     Und die schönste Hälfte zwar.

9     Könnt ihr euch des Tages freuen,
10     Der nur Freuden unterbricht?
11     Er ist gut, sich zu zerstreuen;
12     Zu was anderm taugt er nicht.

13     Aber wenn in nächt'ger Stunde
14     Süßer Lampe Dämmrung fließt,
15     Und vom Mund zum nahen Munde
16     Scherz und Liebe sich ergießt;

17     Wenn der rasche lose Knabe,
18     Der sonst wild und feurig eilt,
19     Oft bei einer kleinen Gabe
20     Unter leichten Spielen weilt;

21     Wenn die Nachtigall Verliebten
22     Liebevoll ein Liedchen singt,
23     Das Gefangnen und Betrübten
24     Nur wie Ach und Wehe klingt:

25     Mit wie leichtem Herzensregen
26     Horchet ihr der Glocke nicht,
27     Die mit zwölf bedächt'gen Schlägen
28     Ruh und Sicherheit verspricht!


[Seite 194]


1     Darum an dem langen Tage
2     Merke dir es, liebe Brust:
3     Jeder Tag hat seine Plage
4     Und die Nacht hat ihre Lust.

5 Sie machte eine leichte Verbeugung, als sie geendigt 6 hatte, und Serlo rief ihr ein lautes Bravo 7 zu. Sie sprang zur Thür hinaus und eilte mit Gelächter 8 fort. Man hörte sie die Treppe hinunter 9 singen und mit den Absätzen klappern.

10 Serlo ging in das Seitenzimmer, und Aurelie 11 blieb vor Wilhelmen, der ihr eine gute Nacht wünschte, 12 noch einige Augenblicke stehen und sagte:

13 Wie sie mir zuwider ist! recht meinem innern 14 Wesen zuwider! bis auf die kleinsten Zufälligkeiten. 15 Die rechte braune Augenwimper bei den blonden 16 Haaren, die der Bruder so reizend findet, mag ich 17 gar nicht ansehn, und die Schramme auf der Stirne 18 hat mir so was Widriges, so was Niedriges, daß ich 19 immer zehn Schritte von ihr zurücktreten möchte. 20 Sie erzählte neulich als einen Scherz, ihr Vater 21 habe ihr in ihrer Kindheit einen Teller an den Kopf 22 geworfen, davon sie noch das Zeichen trage. Wohl 23 ist sie recht an Augen und Stirne gezeichnet, daß 24 man sich vor ihr hüten möge.

25 Wilhelm antwortete nichts, und Aurelie schien 26 mit mehr Unwillen fortzufahren:

27 Es ist mir beinahe unmöglich, ein freundliches 28 höfliches Wort mit ihr zu reden, so sehr hasse ich 

[Seite 195]

1 sie, und doch ist sie so anschmiegend. Ich wollte, wir 2 wären sie los. Auch Sie, mein Freund, haben eine 3 gewisse Gefälligkeit gegen dieses Geschöpf, ein Betragen, 4 das mich in der Seele kränkt, eine Aufmerksamkeit, 5 die an Achtung gränzt, und die sie, bei Gott, 6 nicht verdient!

7 Wie sie ist, bin ich ihr Dank schuldig, versetzte 8 Wilhelm; ihre Aufführung ist zu tadeln; ihrem Charakter 9 muß ich Gerechtigkeit widerfahren lassen.

10 Charakter! rief Aurelie: glauben Sie, daß so eine 11 Creatur einen Charakter hat? O ihr Männer, daran 12 erkenne ich euch! Solcher Frauen seid ihr werth!

13 Sollten Sie mich in Verdacht haben, meine Freundin? 14 versetzte Wilhelm. Ich will von jeder Minute 15 Rechenschaft geben, die ich mit ihr zugebracht habe.

16 Nun, nun, sagte Aurelie, es ist spät, wir wollen 17 nicht streiten. Alle wie einer, einer wie alle! Gute 18, 19 Nacht, mein Freund! gute Nacht, mein feiner Paradiesvogel!

20 Wilhelm fragte, wie er zu diesem Ehrentitel komme?

21 Ein andermal, versetzte Aurelie, ein andermal. 22 Man sagt, sie hätten keine Füße, sie schwebten in 23 der Luft, und nährten sich vom Äther. Es ist aber 24 ein Mährchen, fuhr sie fort, eine poetische Fiction. 25 Gute Nacht, laßt euch was Schönes träumen, wenn 26 ihr Glück habt.

27 Sie ging in ihr Zimmer und ließ ihn allein; er 28 eilte auf das seinige.



[Seite 196]

1 Halb unwillig ging er auf und nieder. Der 2 scherzende aber entschiedne Ton Aureliens hatte ihn 3 beleidigt: er fühlte tief, wie Unrecht sie ihm that. 4 Philine konnte er nicht widrig, nicht unhold begegnen; 5 sie hatte nichts gegen ihn verbrochen, und dann fühlte 6 er sich so fern von jeder Neigung zu ihr, daß er recht 7 stolz und standhaft vor sich selbst bestehen konnte.

8 Eben war er im Begriffe sich auszuziehen, nach 9 seinem Lager zu gehen und die Vorhänge aufzuschlagen, 10 als er zu seiner größten Verwunderung ein Paar 11 Frauenpantoffeln vor dem Bett erblickte; der eine 12 stand, der andere lag. --- Es waren Philinens Pantoffeln, 13 die er nur zu gut erkannte; er glaubte auch 14 eine Unordnung an den Vorhängen zu sehen, ja es 15 schien als bewegten sie sich; er stand und sah mit 16 unverwandten Augen hin.

17 Eine neue Gemüthsbewegung, die er für Verdruß 18 hielt, versetzte ihm den Athem; und nach einer kurzen 19 Pause, in der er sich erholt hatte, rief er gefaßt:

20 Stehen Sie auf, Philine! Was soll das heißen? 21 Wo ist Ihre Klugheit, Ihr gutes Betragen? Sollen 22 wir morgen das Mährchen des Hauses werden?

23 Es rührte sich nichts.

24 Ich scherze nicht, fuhr er fort, diese Neckereien 25 sind bei mir übel angewandt.

26 Kein Laut! Keine Bewegung!

27 Entschlossen und unmuthig ging er endlich auf das 28 Bette zu, und riß die Vorhänge von einander. Stehen 

[Seite 197]

1 Sie auf, sagte er, wenn ich Ihnen nicht das Zimmer 2 diese Nacht überlassen soll.

3 Mit großem Erstaunen fand er sein Bette leer, 4 die Kissen und Decken in schönster Ruhe. Er sah sich 5 um, suchte nach, suchte alles durch, und fand keine 6 Spur von dem Schalk. Hinter dem Bette, dem Ofen, 7 den Schränken war nichts zu sehen; er suchte emsiger 8 und emsiger; ja, ein boshafter Zuschauer hätte glauben 9 mögen, er suche um zu finden.

10 Kein Schlaf stellte sich ein; er setzte die Pantoffeln 11 auf seinen Tisch, ging auf und nieder, blieb manchmal 12 bei dem Tische stehen, und ein schelmischer Genius, der 13 ihn belauschte, will versichern: er habe sich einen 14 großen Theil der Nacht mit den allerliebsten Stelzchen 15 beschäftigt; er habe sie mit einem gewissen Interesse 16 angesehen, behandelt, damit gespielt, und sich erst 17 gegen Morgen in seinen Kleidern auf's Bette geworfen, 18, 19 wo er unter den seltsamsten Phantasien einschlummerte.

20 Und wirklich schlief er noch, als Serlo herein trat 21 und rief: Wo sind Sie? Noch im Bette? Unmöglich! 22 Ich suchte Sie auf dem Theater, wo noch so mancherlei 23 zu thun ist.



[Seite 198]



1 
Eilftes Capitel.

[Lesarten]  2 Vor- und Nachmittag verflossen eilig. Das Haus 3 war schon voll und Wilhelm eilte, sich anzuziehen. 4 Nicht mit der Behaglichkeit, mit der er die Maske 5 zum erstenmal anprobirte, konnte er sie gegenwärtig 6 anlegen; er zog sich an, um fertig zu werden. Als 7 er zu den Frauen in's Versammlungszimmer kam, 8 beriefen sie ihn einstimmig, daß nichts recht sitze; der 9 schöne Federbusch sei verschoben, die Schnalle passe 10 nicht; man fing wieder an aufzutrennen, zu nähen, 11 zusammen zu stecken. Die Symphonie ging an, Philine 12 hatte etwas gegen die Krause einzuwenden, Aurelie 13 viel an dem Mantel auszusetzen. Laßt mich, ihr 14 Kinder! rief er, diese Nachlässigkeit wird mich erst 15 recht zum Hamlet machen. Die Frauen ließen ihn 16 nicht los und fuhren fort zu putzen. Die Symphonie 17 hatte aufgehört und das Stück war angegangen. Er 18 besah sich im Spiegel, drückte den Hut tiefer in's 19 Gesicht und erneuerte die Schminke.

20 In diesem Augenblick stürzte jemand herein und 21 rief: Der Geist! der Geist!



[Seite 199]

1 Wilhelm hatte den ganzen Tag nicht Zeit gehabt, 2 an die Hauptsorge zu denken, ob der Geist auch kommen 3 werde. Nun war sie ganz weggenommen, und man 4 hatte die wunderlichste Gastrolle zu erwarten. Der 5 Theatermeister kam und fragte über dieses und jenes; 6 Wilhelm hatte nicht Zeit, sich nach dem Gespenst umzusehen, 7 und eilte nur sich am Throne einzufinden, 8 wo König und Königin schon von ihrem Hofe umgeben 9 in aller Herrlichkeit glänzten; er hörte nur 10 noch die letzten Worte des Horatio, der über die Erscheinung 11 des Geistes ganz verwirrt sprach, und fast 12 seine Rolle vergessen zu haben schien.

13 Der Zwischenvorhang ging in die Höhe und er 14 sah das volle Haus vor sich. Nachdem Horatio seine 15 Rede gehalten und vom Könige abgefertigt war, 16 drängte er sich an Hamlet, und als ob er sich ihm, 17 dem Prinzen, präsentire, sagte er: Der Teufel steckt 18 in dem Harnische! Er hat uns alle in Furcht gejagt.

19 In der Zwischenzeit sah man nur zwei große 20 Männer in weißen Mänteln und Capuzen in den 21 Coulissen stehen, und Wilhelm, dem in der Zerstreuung, 22 Unruhe und Verlegenheit der erste Monolog, 23 wie er glaubte, mißglückt war, trat, ob ihn gleich 24 ein lebhafter Beifall bei'm Abgehen begleitete, in der 25 schauerlichen dramatischen Winternacht wirklich recht 26 unbehaglich auf. Doch nahm er sich zusammen und 27 sprach die so zweckmäßig angebrachte Stelle, über das 28 Schmausen und Trinken der Nordländer, mit der gehörigen 

[Seite 200]

1 Gleichgültigkeit, vergaß, so wie die Zuschauer, 2 darüber des Geistes und erschrak wirklich, als Horatio 3 ausrief: Seht her, es kommt! Er fuhr mit Heftigkeit 4 herum, und die edle große Gestalt, der leise unhörbare 5 Tritt, die leichte Bewegung in der schwerscheinenden 6 Rüstung, machten einen so starken Eindruck auf 7 ihn, daß er wie versteinert da stand, und nur mit 8 halber Stimme: Ihr Engel und himmlischen Geister 9 beschützt uns! ausrufen konnte. Er starrte ihn an, 10 holte einigemal Athem, und brachte die Anrede an 11 den Geist so verwirrt, zerstückt und gezwungen vor, 12 daß die größte Kunst sie nicht so trefflich hätte ausdrücken 13 können.

14 Seine Übersetzung dieser Stelle kam ihm sehr zu 15 statten. Er hatte sich nahe an das Original gehalten, 16 dessen Wortstellung ihm die Verfassung eines überraschten, 17 erschreckten, von Entsetzen ergriffenen Gemüths 18 einzig auszudrücken schien.

19 "Sei du ein guter Geist, sei ein verdammter 20 Kobold, bringe Düfte des Himmels mit dir oder 21 Dämpfe der Hölle, sei Gutes oder Böses dein Beginnen, 22 du kommst in einer so würdigen Gestalt, ja 23 ich rede mit dir, ich nenne dich Hamlet, König, Vater, 24 o antworte mir!" --
25 Man spürte im Publico die größte Wirkung. 26 Der Geist winkte, der Prinz folgte ihm unter dem 27 lautesten Beifall.

28 Das Theater verwandelte sich, und als sie auf den 

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1 entfernten Platz kamen, hielt der Geist unvermuthet 2 inne und wandte sich um; dadurch kam ihm Hamlet 3 etwas zu nahe zu stehen. Mit Verlangen und Neugierde 4 sah Wilhelm sogleich zwischen das niedergelassene 5 Visir hinein, konnte aber nur tiefliegende Augen neben 6 einer wohlgebildeten Nase erblicken. Furchtsam ausspähend 7 stand er vor ihm; allein als die ersten Töne 8 aus dem Helme hervordrangen, als eine wohlklingende, 9 nur ein wenig rauhe Stimme sich in den Worten 10 hören ließ: Ich bin der Geist deines Vaters, trat 11 Wilhelm einige Schritte schaudernd zurück, und das 12 ganze Publicum schauderte. Die Stimme schien jedermann 13 bekannt, und Wilhelm glaubte eine Ähnlichkeit 14 mit der Stimme seines Vaters zu bemerken. Diese 15 wunderbaren Empfindungen und Erinnerungen, die 16 Neugierde, den seltsamen Freund zu entdecken, und 17 die Sorge, ihn zu beleidigen, selbst die Unschicklichkeit, 18 ihm als Schauspieler in dieser Situation zu nahe zu 19 treten, bewegten Wilhelmen nach entgegengesetzten 20 Seiten. Er veränderte während der langen Erzählung 21 des Geistes seine Stellung so oft, schien so unbestimmt 22 und verlegen, so aufmerksam und so zerstreut, 23 daß sein Spiel eine allgemeine Bewunderung, 24 so wie der Geist ein allgemeines Entsetzen erregte. 25 Dieser sprach mehr mit einem tiefen Gefühl des Verdrusses, 26 als des Jammers, aber eines geistigen, langsamen 27 und unübersehlichen Verdrusses. Es war der 28 Mißmuth einer großen Seele, die von allem Irdischen 

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1 getrennt ist, und doch unendlichen Leiden unterliegt. 2 Zuletzt versank der Geist, aber auf eine sonderbare 3 Art: denn ein leichter, grauer, durchsichtiger Flor, der 4 wie ein Dampf aus der Versenkung zu steigen schien, 5 legte sich über ihn weg und zog sich mit ihm hinunter.

6 Nun kamen Hamlets Freunde zurück und schwuren 7 auf das Schwert. Da war der alte Maulwurf so 8 geschäftig unter der Erde, daß er ihnen, wo sie auch 9 stehen mochten, immer unter den Füßen rief: Schwört! 10 und sie, als ob der Boden unter ihnen brennte, schnell 11 von einem Ort zum andern eilten. Auch erschien da, 12 wo sie standen, jedesmal eine kleine Flamme aus dem 13 Boden, vermehrte die Wirkung, und hinterließ bei 14 allen Zuschauern den tiefsten Eindruck.

15 Nun ging das Stück unaufhaltsam seinen Gang 16 fort, nichts mißglückte, alles gerieth; das Publicum 17 bezeigte seine Zufriedenheit; die Lust und der Muth 18 der Schauspieler schien mit jeder Scene zuzunehmen.



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1 
Zwölftes Capitel.

[Lesarten]  2 Der Vorhang fiel und der lebhafteste Beifall 3 erscholl aus allen Ecken und Enden. Die vier fürstlichen 4 Leichen sprangen behend in die Höhe und umarmten 5 sich vor Freuden. Polonius und Ophelia 6 kamen auch aus ihren Gräbern hervor und hörten 7 noch mit lebhaftem Vergnügen, wie Horatio, als er 8 zum Ankündigen heraustrat, auf das heftigste beklatscht 9 wurde. Man wollte ihn zu keiner Anzeige 10 eines andern Stücks lassen, sondern begehrte mit 11 Ungestüm die Wiederholung des heutigen.

12 Nun haben wir gewonnen, rief Serlo, aber auch 13 heute Abend kein vernünftig Wort mehr! Alles kommt 14 auf den ersten Eindruck an. Man soll ja keinem 15 Schauspieler übel nehmen, wenn er bei seinen Debüts 16 vorsichtig und eigensinnig ist.

17 Der Cassier kam und überreichte ihm eine schwere 18 Casse. Wir haben gut debütirt, rief er aus, und das 19 Vorurtheil wird uns zu statten kommen. Wo ist 20 denn nun das versprochene Abendessen? Wir dürfen 21 es uns heute schmecken lassen.

22 Sie hatten ausgemacht, daß sie in ihren Theaterkleidern 

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1 beisammen bleiben und sich selbst ein Fest 2 feiern wollten. Wilhelm hatte unternommen das 3 Local, und Madame Melina das Essen zu besorgen.

4 Ein Zimmer, worin man sonst zu mahlen pflegte, 5 war auf's beste gesäubert, mit allerlei kleinen Decorationen 6 umstellt und so herausgeputzt worden, daß es 7 halb einem Garten, halb einem Säulengange ähnlich 8 sah. Bei'm Hereintreten wurde die Gesellschaft von 9 dem Glanz vieler Lichter geblendet, die einen feierlichen 10 Schein durch den Dampf des süßesten Räucherwerks, 11 das man nicht gespart hatte, über eine wohl 12 geschmückte und bestellte Tafel verbreiteten. Mit 13 Ausrufungen lobte man die Anstalten und nahm 14 wirklich mit Anstand Platz; es schien, als wenn eine 15 königliche Familie im Geisterreiche zusammen käme. 16 Wilhelm saß zwischen Aurelien und Madame Melina; 17 Serlo zwischen Philinen und Elmiren; niemand war 18 mit sich selbst noch mit seinem Platze unzufrieden.

19 Die beiden Theaterfreunde, die sich gleichfalls eingefunden 20 hatten, vermehrten das Glück der Gesellschaft. 21 Sie waren einigemal während der Vorstellung auf 22 die Bühne gekommen, und konnten nicht genug von 23 ihrer eignen und von des Publicums Zufriedenheit 24 sprechen; nunmehr ging's aber an's Besondere; jedes 25 ward für seinen Theil reichlich belohnt.

26 Mit einer unglaublichen Lebhaftigkeit ward ein 27 Verdienst nach dem andern, eine Stelle nach der 28 andern herausgehoben. Dem Soufleur, der bescheiden 

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1 am Ende der Tafel saß, ward ein großes Lob über 2 seinen rauhen Pyrrhus; die Fechtübung Hamlets und 3 Laertes konnte man nicht genug erheben; Opheliens 4 Trauer war über allen Ausdruck schön und erhaben; 5 von Polonius Spiel durfte man gar nicht sprechen; 6 jeder Gegenwärtige hörte sein Lob in dem andern 7 und durch ihn.

8 Aber auch der abwesende Geist nahm seinen Theil 9 Lob und Bewunderung hinweg. Er hatte die Rolle 10 mit einem sehr glücklichen Organ und in einem großen 11 Sinne gesprochen, und man wunderte sich am 12 meisten, daß er von allem, was bei der Gesellschaft 13 vorgegangen war, unterrichtet schien. Er glich völlig 14 dem gemahlten Bilde, als wenn er dem Künstler gestanden 15 hätte, und die Theaterfreunde konnten nicht 16 genug rühmen, wie schauerlich es ausgesehen habe, als 17 er unfern von dem Gemählde hervorgetreten und vor 18 seinem Ebenbilde vorbeigeschritten sei. Wahrheit und 19 Irrthum habe sich dabei so sonderbar vermischt, und 20 man habe wirklich sich überzeugt, daß die Königin 21 die eine Gestalt nicht sehe. Madame Melina ward 22 bei dieser Gelegenheit sehr gelobt, daß sie bei dieser 23 Stelle in die Höhe nach dem Bilde gestarrt, indeß 24 Hamlet nieder auf den Geist gewiesen.

25 Man erkundigte sich, wie das Gespenst habe 26 hereinschleichen können, und erfuhr vom Theatermeister, 27 daß zu einer hintern Thüre, die sonst immer 28 mit Decorationen verstellt sei, diesen Abend aber, 

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1 weil man den gothischen Saal gebraucht, frei geworden, 2 zwei große Figuren in weißen Mänteln 3 und Capuzen hereingekommen, die man von einander 4 nicht unterscheiden können, und so seien sie nach geendigtem 5, 6 dritten Act wahrscheinlich auch wieder hinausgegangen.

7 Serlo lobte besonders an ihm, daß er nicht so 8 schneidermäßig gejammert und sogar am Ende eine 9 Stelle, die einem so großen Helden besser zieme, seinen 10 Sohn zu befeuern, angebracht habe. Wilhelm hatte 11 sie im Gedächtniß behalten und versprach sie in's 12 Manuscript nachzutragen.

13 Man hatte in der Freude des Gastmahls nicht 14 bemerkt, daß die Kinder und der Harfenspieler fehlten; 15 bald aber machten sie eine sehr angenehme Erscheinung. 16 Denn sie traten zusammen herein, sehr abenteuerlich 17 ausgeputzt; Felix schlug den Triangel, Mignon das 18 Tambourin und der Alte hatte die schwere Harfe 19 umgehangen und spielte sie, indem er sie vor sich 20 trug. Sie zogen um den Tisch und sangen allerlei 21 Lieder. Man gab ihnen zu essen, und die Gäste 22 glaubten den Kindern eine Wohlthat zu erzeigen, 23 wenn sie ihnen so viel süßen Wein gäben, als sie 24 nur trinken wollten; denn die Gesellschaft selbst hatte 25 die köstlichen Flaschen nicht geschont, welche diesen 26 Abend, als ein Geschenk der Theaterfreunde, in 27 einigen Körben angekommen waren. Die Kinder 28 sprangen und sangen fort, und besonders war Mignon 

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1 ausgelassen, wie man sie niemals gesehen. Sie schlug 2 das Tambourin mit aller möglichen Zierlichkeit und 3 Lebhaftigkeit, indem sie bald mit druckendem Finger 4 auf dem Felle schnell hin und her schnurrte, bald 5 mit dem Rücken der Hand, bald mit den Knöcheln 6 darauf pochte, ja mit abwechselnden Rhythmen das 7 Pergament bald wider die Knie, bald wider den Kopf 8 schlug, bald schüttelnd die Schellen allein klingen 9 ließ, und so aus dem einfachsten Instrumente gar 10 verschiedene Töne hervorlockte. Nachdem sie lange gelärmt 11 hatten, setzten sie sich in einen Lehnsessel, der 12 gerade Wilhelmen gegenüber am Tische leer geblieben 13 war.

14 Bleibt von dem Sessel weg! rief Serlo, er steht 15 vermuthlich für den Geist da; wenn er kommt, kann's 16 euch übel gehen.

17 Ich fürchte ihn nicht, rief Mignon; kommt er, so 18 stehen wir auf. Es ist mein Oheim, er thut mir 19 nichts zu Leide. Diese Rede verstand niemand, als 20 wer wußte, daß sie ihren vermeintlichen Vater den 21 großen Teufel genannt hatte.

22 Die Gesellschaft sah einander an, und ward noch 23 mehr in dem Verdacht bestärkt, daß Serlo um die 24 Erscheinung des Geistes wisse. Man schwatzte und 25 trank, und die Mädchen sahen von Zeit zu Zeit 26 furchtsam nach der Thüre.

27 Die Kinder, die, in dem großen Sessel sitzend, 28 nur wie Pulcinellpuppen aus dem Kasten, über den 

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1 Tisch hervorragten, fingen an, auf diese Weise ein 2 Stück aufzuführen. Mignon machte den schnarrenden 3 Ton sehr artig nach, und sie stießen zuletzt die Köpfe 4 dergestalt zusammen und auf die Tischkante, wie es 5 eigentlich nur Holzpuppen aushalten können. Mignon 6 ward bis zur Wuth lustig, und die Gesellschaft, so 7 sehr sie anfangs über den Scherz gelacht hatte, mußte 8 zuletzt Einhalt thun. Aber wenig half das Zureden, 9 denn nun sprang sie auf und ras'te, die Schellentrommel 10 in der Hand, um den Tisch herum. Ihre 11 Haare flogen, und indem sie den Kopf zurück und 12 alle ihre Glieder gleichsam in die Luft warf, schien 13 sie einer Mänade ähnlich, deren wilde und beinah 14 unmögliche Stellungen uns auf alten Monumenten 15 noch oft in Erstaunen setzen.

16 Durch das Talent der Kinder und ihren Lärm 17 aufgereizt, suchte jedermann zur Unterhaltung der 18 Gesellschaft etwas beizutragen. Die Frauenzimmer 19 sangen einige Canons, Laertes ließ eine Nachtigall 20 hören, und der Pedant gab ein Concert pianissimo 21 auf der Maultrommel. Indessen spielten die Nachbarn 22 und Nachbarinnen allerlei Spiele, wobei sich 23 die Hände begegnen und vermischen, und es fehlte 24 manchem Paare nicht am Ausdruck einer hoffnungsvollen 25 Zärtlichkeit. Madame Melina besonders schien 26 eine lebhafte Neigung zu Wilhelmen nicht zu verhehlen. 27 Es war spät in der Nacht, und Aurelie, die 28 fast allein noch Herrschaft über sich behalten hatte, 

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1 ermahnte die Übrigen, indem sie aufstand, aus einander 2 zu gehen.

3 Serlo gab noch zum Abschied ein Feuerwerk, indem 4 er mit dem Munde, auf eine fast unbegreifliche 5 Weise, den Ton der Raketen, Schwärmer und Feuerräder 6 nachzuahmen wußte. Man durfte die Augen 7 nur zumachen, so war die Täuschung vollkommen. 8 Indessen war jedermann aufgestanden, und man reichte 9 den Frauenzimmern den Arm, sie nach Hause zu führen. 10 Wilhelm ging zuletzt mit Aurelien. Auf der 11 Treppe begegnete ihnen der Theatermeister, und sagte: 12 Hier ist der Schleier, worin der Geist verschwand. 13 Er ist an der Versenkung hängen geblieben und wir 14 haben ihn eben gefunden. Eine wunderbare Reliquie! 15 rief Wilhelm, und nahm ihn ab.

16 In dem Augenblicke fühlte er sich am linken 17 Arme ergriffen und zugleich einen sehr heftigen 18 Schmerz. Mignon hatte sich versteckt gehabt, hatte 19 ihn angefaßt und ihn in den Arm gebissen. Sie 20 fuhr an ihm die Treppe hinunter und verschwand.

21 Als die Gesellschaft in die freie Luft kam, merkte 22 fast jedes, daß man für diesen Abend des Guten zu 23 viel genossen hatte. Ohne Abschied zu nehmen verlor 24 man sich aus einander.

25 Wilhelm hatte kaum seine Stube erreicht, als er 26 seine Kleider abwarf und nach ausgelöschtem Licht 27 in's Bett eilte. Der Schlaf wollte sogleich sich seiner 28 bemeistern; allein ein Geräusch, das in seiner Stube 

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1 hinter dem Ofen zu entstehen schien, machte ihn aufmerksam. 2 Eben schwebte vor seiner erhitzten Phantasie 3 das Bild des geharnischten Königs; er richtete sich 4 auf, das Gespenst anzureden, als er sich von zarten 5 Armen umschlungen, seinen Mund mit lebhaften 6 Küssen verschlossen, und eine Brust an der seinigen 7 fühlte, die er wegzustoßen nicht Muth hatte.



[Seite 211]



1 
Dreizehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Wilhelm fuhr des andern Morgens mit einer 3 unbehaglichen Empfindung in die Höhe, und fand 4 sein Bett leer. Von dem nicht völlig ausgeschlafenen 5 Rausche war ihm der Kopf düster, und die Erinnerung 6 an den unbekannten nächtlichen Besuch machte 7 ihn unruhig. Sein erster Verdacht fiel auf Philinen, 8 und doch schien der liebliche Körper, den er in seine 9 Arme geschlossen hatte, nicht der ihrige gewesen zu sein. 10 Unter lebhaften Liebkosungen war unser Freund an 11 der Seite dieses seltsamen stummen Besuches eingeschlafen 12 und nun war weiter keine Spur mehr davon 13 zu entdecken. Er sprang auf, und indem er sich 14 anzog, fand er seine Thüre, die er sonst zu verriegeln 15 pflegte, nur angelehnt, und wußte sich nicht zu erinnern, 16 ob er sie gestern Abend zugeschlossen hatte.

17 Am wunderbarsten aber erschien ihm der Schleier 18 des Geistes, den er auf seinem Bette fand. Er hatte 19 ihn mit herauf gebracht und wahrscheinlich selbst dahin 20 geworfen. Es war ein grauer Flor, an dessen 21 Saum er eine Schrift mit schwarzen Buchstaben gestickt 22 sah. Er entfaltete sie und las die Worte: Zum 

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1 ersten und letztenmal! Flieh! Jüngling, flieh! 2 Er war betroffen und wußte nicht was er sagen sollte.

3 In eben dem Augenblick trat Mignon herein und 4 brachte ihm das Frühstück. Wilhelm erstaunte über 5 den Anblick des Kindes, ja man kann sagen, er erschrak. 6 Sie schien diese Nacht größer geworden zu 7 sein; sie trat mit einem hohen edlen Anstand vor ihn 8 hin und sah ihm sehr ernsthaft in die Augen, so daß 9 er den Blick nicht ertragen konnte. Sie rührte ihn 10 nicht an, wie sonst, da sie gewöhnlich ihm die Hand 11 drückte, seine Wange, seinen Mund, seinen Arm, oder 12 seine Schulter küßte, sondern ging, nachdem sie seine 13 Sachen in Ordnung gebracht, stillschweigend wieder 14 fort.

15 Die Zeit einer angesetzten Leseprobe kam nun herbei; 16 man versammelte sich, und alle waren durch 17 das gestrige Fest verstimmt. Wilhelm nahm sich zusammen, 18 so gut er konnte, um nicht gleich anfangs 19 gegen seine so lebhaft gepredigten Grundsätze zu verstoßen. 20 Seine große Übung half ihm durch; denn 21 Übung und Gewohnheit müssen in jeder Kunst die 22 Lücken ausfüllen, welche Genie und Laune so oft 23 lassen würden.

24 Eigentlich aber konnte man bei dieser Gelegenheit 25 die Bemerkung recht wahr finden, daß man keinen 26 Zustand, der länger dauern, ja der eigentlich ein Beruf, 27 eine Lebensweise werden soll, mit einer Feierlichkeit 28 anfangen dürfe. Man feire nur, was glücklich 

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1 vollendet ist; alle Ceremonien zum Anfange erschöpfen 2 Lust und Kräfte, die das Streben hervor bringen und 3 uns bei einer fortgesetzten Mühe beistehen sollen. 4 Unter allen Festen ist das Hochzeitfest das unschicklichste; 5 keines sollte mehr in Stille, Demuth und 6 Hoffnung begangen werden als dieses.

7 So schlich der Tag nun weiter, und Wilhelmen 8 war noch keiner jemals so alltäglich vorgekommen. 9 Statt der gewöhnlichen Unterhaltung Abends fing 10 man zu gähnen an; das Interesse an Hamlet war 11 erschöpft, und man fand eher unbequem, daß er des 12 folgenden Tages zum zweitenmal vorgestellt werden 13 sollte. Wilhelm zeigte den Schleier des Geistes vor; 14 man mußte daraus schließen, daß er nicht wieder 15 kommen werde. Serlo war besonders dieser Meinung; 16 er schien mit den Rathschlägen der wunderbaren Gestalt 17 sehr vertraut zu sein; dagegen ließen sich aber 18 die Worte: Flieh! Jüngling, flieh! nicht erklären. 19 Wie konnte Serlo mit jemanden einstimmen, der den 20 vorzüglichsten Schauspieler seiner Gesellschaft zu entfernen 21 die Absicht zu haben schien.

22 Nothwendig war es nunmehr, die Rolle des Geistes 23 dem Polterer und die Rolle des Königs dem Pedanten 24 zu geben. Beide erklärten, daß sie schon einstudirt 25 seien, und es war kein Wunder, denn bei den vielen 26 Proben und der weitläufigen Behandlung dieses Stücks 27 waren alle so damit bekannt geworden, daß sie sämmtlich 28 gar leicht mit den Rollen hätten wechseln können. 

[Seite 214]

1 Doch probirte man einiges in der Geschwindigkeit, 2 und als man spät genug aus einander ging, flüsterte 3 Philine bei'm Abschiede Wilhelmen leise zu: Ich muß 4 meine Pantoffeln holen; du schiebst doch den Riegel 5 nicht vor? Diese Worte setzten ihn, als er auf seine 6 Stube kam, in ziemliche Verlegenheit; denn die Vermuthung, 7 daß der Gast der vorigen Nacht Philine 8 gewesen, ward dadurch bestärkt, und wir sind auch 9 genöthigt, uns zu dieser Meinung zu schlagen, besonders 10 da wir die Ursachen, welche ihn hierüber 11 zweifelhaft machten und ihm einen andern sonderbaren 12 Argwohn einflößen mußten, nicht entdecken 13 können. Er ging unruhig einigemal in seinem Zimmer 14 auf und ab, und hatte wirklich den Riegel noch 15 nicht vorgeschoben.

16 Auf einmal stürzte Mignon in das Zimmer, faßte 17 ihn an und rief: Meister! Rette das Haus! Es brennt! 18 Wilhelm sprang vor die Thüre und ein gewaltiger 19 Rauch drängte sich die obere Treppe herunter ihm 20 entgegen. Auf der Gasse hörte man schon das Feuergeschrei, 21 und der Harfenspieler kam, sein Instrument 22 in der Hand, durch den Rauch athemlos die Treppe 23 herunter. Aurelie stürzte aus ihrem Zimmer und 24 warf den kleinen Felix in Wilhelms Arme.

25 Retten Sie das Kind! rief sie; wir wollen nach 26 dem Übrigen greifen.

27 Wilhelm, der die Gefahr nicht für so groß hielt, 28 gedachte zuerst nach dem Ursprunge des Brandes hinzudringen, 

[Seite 215]

1 um ihn vielleicht noch im Anfange zu ersticken. 2 Er gab dem Alten das Kind, und befahl 3 ihm, die steinerne Wendeltreppe hinunter, die durch 4 ein kleines Gartengewölbe in den Garten führte, zu 5 eilen, und mit den Kindern im Freien zu bleiben. 6 Mignon nahm ein Licht, ihm zu leuchten. Wilhelm 7 bat darauf Aurelien, ihre Sachen auf eben diesem 8 Wege zu retten. Er selbst drang durch den Rauch 9 hinauf; aber vergebens setzte er sich der Gefahr aus. 10 Die Flamme schien von dem benachbarten Hause herüber 11 zu dringen und hatte schon das Holzwerk des 12 Bodens und eine leichte Treppe gefaßt; andre, die 13 zur Rettung herbeieilten, litten, wie er, vom Qualm 14 und Feuer. Doch sprach er ihnen Muth ein und rief 15 nach Wasser; er beschwor sie, der Flamme nur Schritt 16 vor Schritt zu weichen, und versprach, bei ihnen zu 17 bleiben. In diesem Augenblick sprang Mignon herauf 18 und rief: Meister! Rette deinen Felix! Der Alte 19 ist rasend! der Alte bringt ihn um! Wilhelm sprang, 20 ohne sich zu besinnen, die Treppe hinab und Mignon 21 folgte ihm an den Fersen.

22 Auf den letzten Stufen, die in's Gartengewölbe 23 führten, blieb er mit Entsetzen stehen. Große Bündel 24 Stroh und Reisholz, die man daselbst aufgehäuft 25 hatte, brannten mit heller Flamme; Felix lag am 26 Boden und schrie; der Alte stand mit niedergesenktem 27 Haupte seitwärts an der Wand. Was machst 28 du, Unglücklicher? rief Wilhelm. Der Alte schwieg, 

[Seite 216]

1 Mignon hatte den Felix aufgehoben, und schleppte 2 mit Mühe den Knaben in den Garten, indeß Wilhelm 3 das Feuer aus einander zu zerren und zu 4 dämpfen strebte, aber dadurch nur die Gewalt und 5 Lebhaftigkeit der Flamme vermehrte. Endlich mußte 6 er mit verbrannten Augenwimpern und Haaren auch 7 in den Garten fliehen, indem er den Alten mit durch 8 die Flamme riß, der ihm mit versengtem Barte unwillig 9 folgte.

10 Wilhelm eilte sogleich, die Kinder im Garten zu 11 suchen. Auf der Schwelle eines entfernten Lusthäuschens 12 fand er sie, und Mignon that ihr Möglichstes, 13 den Kleinen zu beruhigen. Wilhelm nahm ihn auf 14 den Schoß, fragte ihn, befühlte ihn und konnte 15, 16 nichts Zusammenhängendes aus beiden Kindern herausbringen.

17 Indessen hatte das Feuer gewaltsam mehrere Häuser 18 ergriffen und erhellte die ganze Gegend. Wilhelm besah 19 das Kind bei'm rothen Schein der Flamme; er 20 konnte keine Wunde, kein Blut, ja keine Beule wahrnehmen. 21 Er betastete es überall, es gab kein Zeichen 22 von Schmerz von sich, es beruhigte sich vielmehr nach 23 und nach, und fing an sich über die Flamme zu verwundern, 24 ja sich über die schönen, der Ordnung nach, 25 wie eine Illumination, brennenden Sparren und Gebälke 26 zu erfreuen.

27 Wilhelm dachte nicht an die Kleider und was er 28 sonst verloren haben konnte; er fühlte stark, wie werth 

[Seite 217]

1 ihm diese beiden menschlichen Geschöpfe seien, die er 2 einer so großen Gefahr entronnen sah. Er drückte 3 den Kleinen mit einer ganz neuen Empfindung an 4 sein Herz, und wollte auch Mignon mit freudiger 5 Zärtlichkeit umarmen, die es aber sanft ablehnte, ihn 6 bei der Hand nahm und sie fest hielt.

7 Meister, sagte sie (noch niemals, als diesen Abend, 8 hatte sie ihm diesen Namen gegeben, denn anfangs 9 pflegte sie ihn Herr, und nachher Vater zu nennen), 10 Meister! wir sind einer großen Gefahr entronnen: 11 dein Felix war am Tode.

12 Durch viele Fragen erfuhr endlich Wilhelm, daß 13 der Harfenspieler, als sie in das Gewölbe gekommen, 14 ihr das Licht aus der Hand gerissen und das Stroh 15 sogleich angezündet habe. Darauf habe er den Felix 16 niedergesetzt, mit wunderlichen Gebärden die Hände 17 auf des Kindes Kopf gelegt und ein Messer gezogen, 18 als wenn er ihn opfern wolle. Sie sei zugesprungen 19 und habe ihm das Messer aus der Hand gerissen; sie 20 habe geschrieen, und einer vom Hause, der einige 21 Sachen nach dem Garten zu gerettet, sei ihr zu Hülfe 22 gekommen, der müsse aber in der Verwirrung wieder 23 weggegangen sein, und den Alten und das Kind allein 24 gelassen haben.

25 Zwei bis drei Häuser standen in vollen Flammen. 26 In den Garten hatte sich niemand retten können, 27 wegen des Brandes im Gartengewölbe. Wilhelm war 28 verlegen wegen seiner Freunde, weniger wegen seiner 

[Seite 218]

1 Sachen. Er getraute sich nicht die Kinder zu verlassen, 2 und sah das Unglück sich immer vergrößern.

3 Er brachte einige Stunden in einer bänglichen 4 Lage zu. Felix war auf seinem Schoße eingeschlafen, 5 Mignon lag neben ihm und hielt seine Hand fest. 6 Endlich hatten die getroffenen Anstalten dem Feuer 7 Einhalt gethan. Die ausgebrannten Gebäude stürzten 8 zusammen, der Morgen kam herbei, die Kinder fingen 9 an zu frieren, und ihm selbst ward in seiner leichten 10 Kleidung der fallende Thau fast unerträglich. Er 11 führte sie zu den Trümmern des zusammengestürzten 12 Gebäudes, und sie fanden neben einem Kohlen- und 13 Aschenhaufen eine sehr behagliche Wärme.

14 Der anbrechende Tag brachte nun alle Freunde 15 und Bekannte nach und nach zusammen. Jedermann 16 hatte sich gerettet, niemand hatte viel verloren.

17 Wilhelms Koffer fand sich auch wieder, und Serlo 18 trieb, als es gegen zehn Uhr ging, zur Probe von 19 Hamlet, wenigstens einiger Scenen, die mit neuen 20 Schauspielern besetzt waren. Er hatte darauf noch 21 einige Debatten mit der Polizei. Die Geistlichkeit verlangte: 22 daß nach einem solchen Strafgerichte Gottes 23 das Schauspielhaus geschlossen bleiben sollte, und Serlo 24 behauptete: daß theils zum Ersatz dessen, was er diese 25 Nacht verloren, theils zur Aufheiterung der erschreckten 26 Gemüther, die Aufführung eines interessanten Stückes 27 mehr als jemals am Platz sei. Diese letzte Meinung 28 drang durch, und das Haus war gefüllt. Die Schauspieler 

[Seite 219]

1 spielten mit seltenem Feuer und mit mehr 2 leidenschaftlicher Freiheit als das erstemal. Die Zuschauer, 3 deren Gefühl durch die schreckliche nächtliche 4 Scene erhöht, und durch die Langeweile eines zerstreuten 5 und verdorbenen Tages noch mehr auf eine 6 interessante Unterhaltung gespannt war, hatten mehr 7 Empfänglichkeit für das Außerordentliche. Der größte 8 Theil waren neue, durch den Ruf des Stücks herbeigezogene 9 Zuschauer, die keine Vergleichung mit dem 10 ersten Abend anstellen konnten. Der Polterer spielte 11 ganz im Sinne des unbekannten Geistes, und der 12 Pedant hatte seinem Vorgänger gleichfalls gut aufgepaßt; 13 daneben kam ihm seine Erbärmlichkeit sehr 14 zu statten, daß ihm Hamlet wirklich nicht Unrecht 15 that, wenn er ihn, trotz seines Purpurmantels und 16 Hermelinkragens, einen zusammengeflickten Lumpen-König 17 schalt.

18 Sonderbarer als er, war vielleicht niemand zum 19 Throne gelangt; und obgleich die Übrigen, besonders 20 aber Philine, sich über seine neue Würde äußerst 21 lustig machten, so ließ er doch merken, daß der Graf, 22 als ein großer Kenner, das und noch viel mehr von 23 ihm bei'm ersten Anblick voraus gesagt habe; dagegen 24 ermahnte ihn Philine zur Demuth und versicherte: sie 25 werde ihm gelegentlich die Rockärmel pudern, damit er 26 sich jener unglücklichen Nacht im Schlosse erinnern, 27 und die Krone mit Bescheidenheit tragen möge.



[Seite 220]



1 
Vierzehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Man hatte sich in der Geschwindigkeit nach Quartieren 3 umgesehen, und die Gesellschaft war dadurch 4 sehr zerstreut worden. Wilhelm hatte das Lusthaus 5 in dem Garten, bei dem er die Nacht zugebracht, liebgewonnen; 6 er erhielt leicht die Schlüssel dazu und 7 richtete sich daselbst ein; da aber Aurelie in ihrer 8 neuen Wohnung sehr eng war, mußte er den Felix 9 bei sich behalten und Mignon wollte den Knaben 10 nicht verlassen.

11 Die Kinder hatten ein artiges Zimmer in dem 12 ersten Stocke eingenommen, Wilhelm hatte sich in 13 dem untern Saale eingerichtet. Die Kinder schliefen, 14 aber er konnte keine Ruhe finden.

15 Neben dem anmuthigen Garten, den der eben aufgegangene 16 Vollmond herrlich erleuchtete, standen die 17 traurigen Ruinen, von denen hier und da noch Dampf 18 aufstieg; die Luft war angenehm und die Nacht außerordentlich 19 schön. Philine hatte, bei'm Herausgehen aus 20 dem Theater, ihn mit dem Ellenbogen angestrichen 21 und ihm einige Worte zugelispelt, die er aber nicht 22 verstanden hatte. Er war verwirrt und verdrießlich, 

[Seite 221]

1 und wußte nicht, was er erwarten oder thun sollte. 2 Philine hatte ihn einige Tage gemieden und ihm nur 3 diesen Abend wieder ein Zeichen gegeben. Leider war 4 nun die Thüre verbrannt, die er nicht zuschließen 5 sollte, und die Pantöffelchen waren in Rauch aufgegangen. 6 Wie die Schöne in den Garten kommen 7 wollte, wenn es ihre Absicht war, wußte er nicht. 8 Er wünschte sie nicht zu sehen, und doch hätte er sich 9 gar zu gern mit ihr erklären mögen.

10 Was ihm aber noch schwerer auf dem Herzen lag, 11 war das Schicksal des Harfenspielers, den man nicht 12 wieder gesehen hatte. Wilhelm fürchtete, man würde 13 ihn bei'm Aufräumen todt unter dem Schutte finden. 14 Wilhelm hatte gegen jedermann den Verdacht verborgen, 15 den er hegte, daß der Alte Schuld an dem 16 Brande sei. Denn er kam ihm zuerst von dem brennenden 17 und rauchenden Boden entgegen, und die Verzweiflung 18 im Gartengewölbe schien die Folge eines 19 solchen unglücklichen Ereignisses zu sein. Doch war 20 es bei der Untersuchung, welche die Polizei sogleich 21 anstellte, wahrscheinlich geworden, daß nicht in dem 22 Hause, wo sie wohnten, sondern in dem dritten davon 23 der Brand entstanden sei, der sich auch sogleich 24 unter den Dächern weggeschlichen hatte.

25 Wilhelm überlegte das alles in einer Laube sitzend, 26 als er in einem nahen Gange jemanden schleichen hörte. 27 An dem traurigen Gesange, der sogleich angestimmt 28 ward, erkannte er den Harfenspieler. Das Lied, das 

[Seite 222]

1 er sehr wohl verstehen konnte, enthielt den Trost 2 eines Unglücklichen, der sich dem Wahnsinne ganz 3 nahe fühlt. Leider hat Wilhelm davon nur die letzte 4 Strophe behalten.


5  An die Thüren will ich schleichen,
6  Still und sittsam will ich stehn,
7  Fromme Hand wird Nahrung reichen,
8  Und ich werde weiter gehn.
9  Jeder wird sich glücklich scheinen,
10  Wenn mein Bild vor ihm erscheint,
11  Eine Thräne wird er weinen,
12  Und ich weiß nicht was er weint.

13 Unter diesen Worten war er an die Gartenthüre 14 gekommen, die nach einer entlegenen Straße ging; er 15 wollte, da er sie verschlossen fand, an den Spalieren 16 übersteigen; allein Wilhelm hielt ihn zurück und redete 17 ihn freundlich an. Der Alte bat ihn, aufzuschließen, 18 weil er fliehen wolle und müsse. Wilhelm stellte ihm 19 vor: daß er wohl aus dem Garten, aber nicht aus der 20 Stadt könne, und zeigte ihm, wie sehr er sich durch 21 einen solchen Schritt verdächtig mache; allein vergebens! 22 Der Alte bestand auf seinem Sinne. Wilhelm 23 gab nicht nach und drängte ihn endlich halb mit Gewalt 24 in's Gartenhaus, schloß sich daselbst mit ihm 25 ein und führte ein wunderbares Gespräch mit ihm, 26 das wir aber, um unsere Leser nicht mit unzusammenhängenden 27 Ideen und bänglichen Empfindungen zu 28 quälen, lieber verschweigen als ausführlich mittheilen.



[Seite 223]



1 
Funfzehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Aus der großen Verlegenheit, worin sich Wilhelm 3 befand, was er mit dem unglücklichen Alten beginnen 4 sollte, der so deutliche Spuren des Wahnsinns zeigte, 5 riß ihn Laertes noch am selbigen Morgen. Dieser, 6 der nach seiner alten Gewohnheit überall zu sein 7 pflegte, hatte auf dem Kaffeehaus einen Mann gesehen, 8 der vor einiger Zeit die heftigsten Anfälle von 9 Melancholie erduldete. Man hatte ihn einem Landgeistlichen 10 anvertraut, der sich ein besonders Geschäft 11 daraus machte, dergleichen Leute zu behandeln. Auch 12 dießmal war es ihm gelungen; noch war er in der 13 Stadt, und die Familie des Wiederhergestellten erzeigte 14 ihm große Ehre.

15 Wilhelm eilte sogleich den Mann aufzusuchen, vertraute 16 ihm den Fall und ward mit ihm einig. Man 17 wußte unter gewissen Vorwänden ihm den Alten zu 18 übergeben. Die Scheidung schmerzte Wilhelmen tief, 19 und nur die Hoffnung, ihn wieder hergestellt zu sehen, 20 konnte sie ihm einigermaßen erträglich machen, so sehr 21 war er gewohnt, den Mann um sich zu sehen und 22 seine geistreichen und herzlichen Töne zu vernehmen. 

[Seite 224]

1 Die Harfe war mit verbrannt; man suchte eine andere, 2 die man ihm auf die Reise mitgab.

3 Auch hatte das Feuer die kleine Garderobe Mignons 4 verzehrt, und als man ihr wieder etwas Neues 5 schaffen wollte, that Aurelie den Vorschlag, daß man 6 sie doch endlich als Mädchen kleiden solle.

7 Nun gar nicht! rief Mignon aus und bestand mit 8 großer Lebhaftigkeit auf ihrer alten Tracht, worin 9 man ihr denn auch willfahren mußte.

10 Die Gesellschaft hatte nicht viel Zeit, sich zu besinnen; 11 die Vorstellungen gingen ihren Gang.

12 Wilhelm horchte oft in's Publicum, und nur 13 selten kam ihm eine Stimme entgegen, wie er sie zu 14 hören wünschte, ja öfters vernahm er, was ihn betrübte 15 oder verdroß. So erzählte zum Beispiel, gleich 16 nach der ersten Aufführung Hamlets, ein junger 17 Mensch mit großer Lebhaftigkeit, wie zufrieden er 18 an jenem Abend im Schauspielhause gewesen. Wilhelm 19 lauschte und hörte, zu seiner großen Beschämung, 20 daß der junge Mann zum Verdruß seiner 21 Hintermänner den Hut aufbehalten und ihn hartnäckig 22 das ganze Stück hindurch nicht abgethan hatte, 23 welcher Heldenthat er sich mit dem größten Vergnügen 24 erinnerte.

25 Ein anderer versicherte: Wilhelm habe die Rolle 26 des Laertes sehr gut gespielt; hingegen mit dem 27 Schauspieler, der den Hamlet unternommen, könne 28 man nicht eben so zufrieden sein. Diese Verwechslung 

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1 war nicht ganz unnatürlich, denn Wilhelm und 2 Laertes glichen sich, wiewohl in einem sehr entfernten 3 Sinne.

4 Ein dritter lobte sein Spiel, besonders in der 5 Scene mit der Mutter, auf's lebhafteste, und bedauerte 6 nur: daß eben in diesem feurigen Augenblick 7 ein weißes Band unter der Weste hervorgesehen habe, 8 wodurch die Illusion äußerst gestört worden sei.

9 In dem Innern der Gesellschaft gingen indessen 10 allerlei Veränderungen vor. Philine hatte seit jenem 11 Abend nach dem Brande Wilhelmen auch nicht das 12 geringste Zeichen einer Annäherung gegeben. Sie 13 hatte, wie es schien vorsätzlich, ein entfernteres Quartier 14 gemiethet, vertrug sich mit Elmiren und kam 15 seltener zu Serlo, womit Aurelie wohl zufrieden war. 16 Serlo, der ihr immer gewogen blieb, besuchte sie 17 manchmal, besonders da er Elmiren bei ihr zu finden 18 hoffte, und nahm eines Abends Wilhelmen mit sich. 19 Beide waren im Hereintreten sehr verwundert, als sie 20 Philinen in dem zweiten Zimmer in den Armen eines 21 jungen Officiers sahen, der eine rothe Uniform und 22 weiße Unterkleider an hatte, dessen abgewendetes Gesicht 23 sie aber nicht sehen konnten. Philine kam ihren 24 besuchenden Freunden in das Vorzimmer entgegen und 25 verschloß das andere. Sie überraschen mich bei einem 26 wunderbaren Abenteuer! rief sie aus.

27 So wunderbar ist es nicht, sagte Serlo: lassen Sie 28 uns den hübschen, jungen, beneidenswerthen Freund 

[Seite 226]

1 sehen; Sie haben uns ohnedem schon so zugestutzt, 2 daß wir nicht eifersüchtig sein dürfen.

3 Ich muß Ihnen diesen Verdacht noch eine Zeitlang 4 lassen, sagte Philine scherzend; doch kann ich 5 Sie versichern, daß es nur eine gute Freundin ist, 6 die sich einige Tage unbekannt bei mir aufhalten 7 will. Sie sollen ihre Schicksale künftig erfahren, ja 8 vielleicht das interessante Mädchen selbst kennen lernen, 9 und ich werde wahrscheinlich alsdann Ursache haben, 10 meine Bescheidenheit und Nachsicht zu üben; denn ich 11 fürchte, die Herren werden über ihre neue Bekanntschaft 12 ihre alte Freundin vergessen.

13 Wilhelm stand versteinert da; denn gleich bei'm 14 ersten Anblick hatte ihn die rothe Uniform an den 15 so sehr geliebten Rock Marianens erinnert; es war 16 ihre Gestalt, es waren ihre blonden Haare, nur 17 schien ihm der gegenwärtige Officier etwas größer 18 zu sein.

19 Um des Himmels Willen! rief er aus, lassen Sie 20 uns mehr von Ihrer Freundin wissen, lassen Sie 21 uns das verkleidete Mädchen sehen. Wir sind nun 22 einmal Theilnehmer des Geheimnisses; wir wollen 23 versprechen, wir wollen schwören, aber lassen Sie uns 24 das Mädchen sehen!

25 O wie er in Feuer ist! rief Philine, nur gelassen, 26 nur geduldig, heute wird einmal nichts draus.

27 So lassen Sie uns nur ihren Namen wissen! rief 28 Wilhelm.



[Seite 227]

1 Das wäre alsdann ein schönes Geheimniß, versetzte 2 Philine.

3 Wenigstens nur den Vornamen.

4 Wenn Sie ihn rathen, meinetwegen. Dreimal 5 dürfen Sie rathen, aber nicht öfter; Sie könnten 6 mich sonst durch den ganzen Kalender durchführen.

7 Gut, sagte Wilhelm: Cecilie also?

8 Nichts von Cecilien!

9 Henriette?

10 Keineswegs! Nehmen Sie sich in Acht! Ihre Neugierde 11 wird ausschlafen müssen.

12 Wilhelm zauderte und zitterte; er wollte seinen 13 Mund aufthun, aber die Sprache versagte ihm. 14 Mariane? stammelte er endlich, Mariane!

15 Bravo! rief Philine, getroffen! indem sie sich nach 16 ihrer Gewohnheit auf dem Absatze herum drehte.

17 Wilhelm konnte kein Wort hervorbringen, und 18 Serlo, der seine Gemüthsbewegung nicht bemerkte, 19 fuhr fort in Philinen zu dringen, daß sie die Thüre 20 öffnen sollte.

21 Wie verwundert waren daher beide, als Wilhelm 22 auf einmal heftig ihre Neckerei unterbrach, sich Philinen 23 zu Füßen warf und sie mit dem lebhaftesten 24 Ausdrucke der Leidenschaft bat und beschwor. Lassen 25 Sie mich das Mädchen sehen, rief er aus, sie ist 26 mein, es ist meine Mariane! Sie, nach der ich mich 27 alle Tage meines Lebens gesehnt habe, sie, die mir 28 noch immer statt aller andern Weiber in der Welt 

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1 ist! Gehen Sie wenigstens zu ihr hinein, sagen Sie 2 ihr, daß ich hier bin, daß der Mensch hier ist, der 3 seine erste Liebe und das ganze Glück seiner Jugend 4 an sie knüpfte. Er will sich rechtfertigen, daß er sie 5 unfreundlich verließ, er will sie um Verzeihung bitten, 6 er will ihr vergeben, was sie auch gegen ihn gefehlt 7 haben mag, er will sogar keine Ansprüche an sie 8 mehr machen, wenn er sie nur noch einmal sehen 9 kann, wenn er nur sehen kann, daß sie lebt und 10 glücklich ist!

11 Philine schüttelte den Kopf und sagte: Mein 12 Freund, reden Sie leise! Betrügen wir uns nicht; 13 und ist das Frauenzimmer wirklich Ihre Freundin, 14 so müssen wir sie schonen, denn sie vermuthet keinesweges, 15 Sie hier zu sehen. Ganz andere Angelegenheiten 16 führen sie hierher, und das wissen Sie doch, 17 man möchte oft lieber ein Gespenst als einen alten 18 Liebhaber zur unrechten Zeit vor Augen sehen. Ich 19 will sie fragen, ich will sie vorbereiten und wir wollen 20 überlegen, was zu thun ist. Ich schreibe Ihnen 21 morgen ein Billet, zu welcher Stunde Sie kommen 22 sollen, oder ob Sie kommen dürfen; gehorchen Sie 23 mir pünctlich, denn ich schwöre, niemand soll gegen 24 meinen und meiner Freundin Willen dieses liebenswürdige 25 Geschöpf mit Augen sehen. Meine Thüren 26 werde ich besser verschlossen halten, und mit Axt und 27 Beil werden Sie mich nicht besuchen wollen.

28 Wilhelm beschwor sie, Serlo redete ihr zu; vergebens! 

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1 Beide Freunde mußten zuletzt nachgeben, das 2 Zimmer und das Haus räumen.

3 Welche unruhige Nacht Wilhelm zubrachte, wird 4 sich jedermann denken. Wie langsam die Stunden des 5 Tages dahinzogen, in denen er Philinens Billet erwartete, 6 läßt sich begreifen. Unglücklicherweise mußte 7 er selbigen Abend spielen; er hatte niemals eine größere 8 Pein ausgestanden. Nach geendigtem Stücke eilte er 9 zu Philinen, ohne nur zu fragen, ob er eingeladen 10 worden. Er fand ihre Thüre verschlossen, und die 11 Hausleute sagten: Mademoiselle sei heute früh mit 12 einem jungen Officier weggefahren; sie habe zwar gesagt, 13 daß sie in einigen Tagen wiederkomme, man 14 glaube es aber nicht, weil sie alles bezahlt und ihre 15 Sachen mitgenommen habe.

16 Wilhelm war außer sich über diese Nachricht. Er 17 eilte zu Laertes, und schlug ihm vor, ihr nachzusetzen, 18 und, es koste was es wolle, über ihren Begleiter Gewißheit 19 zu erlangen. Laertes dagegen verwies seinem 20 Freunde seine Leidenschaft und Leichtgläubigkeit. Ich 21 will wetten, sagte er, es ist niemand anders als 22 Friedrich. Der Junge ist von gutem Hause, ich weiß 23 es recht wohl; er ist unsinnig in das Mädchen verliebt, 24 und hat wahrscheinlich seinen Verwandten so 25 viel Geld abgelockt, daß er wieder eine Zeitlang mit 26 ihr leben kann.

27 Durch diese Einwendungen ward Wilhelm nicht 28 überzeugt, doch zweifelhaft. Laertes stellte ihm vor, 

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1 wie unwahrscheinlich das Mährchen sei, das Philine 2 ihnen vorgespiegelt hatte, wie Figur und Haar sehr 3 gut auf Friedrichen passe, wie sie bei zwölf Stunden 4 Vorsprung so leicht nicht einzuholen sein würden, 5 und hauptsächlich wie Serlo keinen von ihnen beiden 6 bei'm Schauspiele entbehren könne.

7 Durch alle diese Gründe wurde Wilhelm endlich 8 nur so weit gebracht, daß er Verzicht darauf that, 9 selbst nachzusetzen. Laertes wußte noch in selbiger 10 Nacht einen tüchtigen Mann zu schaffen, dem man 11 den Auftrag geben konnte. Es war ein gesetzter 12 Mann, der mehreren Herrschaften auf Reisen als 13 Courier und Führer gedient hatte, und eben jetzt ohne 14 Beschäftigung stille lag. Man gab ihm Geld, man 15 unterrichtete ihn von der ganzen Sache, mit dem 16 Auftrage, daß er die Flüchtlinge aufsuchen und einholen, 17 sie alsdann nicht aus den Augen lassen und 18 die Freunde sogleich, wo und wie er sie fände, benachrichtigen 19 solle. Er setzte sich in derselbigen Stunde 20 zu Pferde und ritt dem zweideutigen Paare nach, 21 und Wilhelm war durch diese Anstalt wenigstens 22 einigermaßen beruhigt.



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1 
Sechzehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Die Entfernung Philinens machte keine auffallende 3 Sensation weder auf dem Theater noch im Publico. 4 Es war ihr mit allem wenig Ernst; die Frauen 5 haßten sie durchgängig, und die Männer hätten sie 6 lieber unter vier Augen als auf dem Theater gesehen, 7 und so war ihr schönes und für die Bühne selbst 8 glückliches Talent verloren. Die übrigen Glieder der 9 Gesellschaft gaben sich desto mehr Mühe; Madame 10 Melina besonders that sich durch Fleiß und Aufmerksamkeit 11 sehr hervor. Sie merkte, wie sonst, Wilhelmen 12 seine Grundsätze ab, richtete sich nach seiner Theorie 13 und seinem Beispiel, und hatte zeither ein ich weiß 14 nicht was in ihrem Wesen, das sie interessanter machte. 15 Sie erlangte bald ein richtiges Spiel und gewann 16 den natürlichen Ton der Unterhaltung vollkommen, 17 und den der Empfindung bis auf einen gewissen Grad. 18 Sie wußte sich in Serlo's Launen zu schicken, und 19 befliß sich des Singens ihm zu Gefallen, worin sie 20 auch bald so weit kam, als man dessen zur geselligen 21 Unterhaltung bedarf.



[Seite 232]

1 Durch einige neu angenommene Schauspieler ward 2 die Gesellschaft noch vollständiger, und indem Wilhelm 3 und Serlo jeder in seiner Art wirkte, jener bei jedem 4 Stücke auf den Sinn und Ton des Ganzen drang, 5 dieser die einzelnen Theile gewissenhaft durcharbeitete, 6 belebte ein lobenswürdiger Eifer auch die Schauspieler, 7 und das Publicum nahm an ihnen einen lebhaften 8 Antheil.

9 Wir sind auf einem guten Wege, sagte Serlo 10 einst, und wenn wir so fortfahren, wird das Publicum 11 auch bald auf dem rechten seyn. Man kann 12 die Menschen sehr leicht durch tolle und unschickliche 13 Darstellungen irre machen; aber man lege ihnen das 14 Vernünftige und Schickliche auf eine interessante Weise 15 vor, so werden sie gewiß darnach greifen.

16 Was unserm Theater hauptsächlich fehlt, und warum 17 weder Schauspieler noch Zuschauer zur Besinnung 18 kommen, ist, daß es darauf im Ganzen zu bunt aussieht, 19 und daß man nirgends eine Gränze hat, woran 20 man sein Urtheil anlehnen könnte. Es scheint mir 21 kein Vortheil zu sein, daß wir unser Theater gleichsam 22 zu einem unendlichen Naturschauplatze ausgeweitet 23 haben; doch kann jetzt weder Director noch Schauspieler 24 sich in die Enge ziehen, bis vielleicht der Geschmack 25 der Nation in der Folge den rechten Kreis selbst 26 bezeichnet. Eine jede gute Societät existirt nur unter 27 gewissen Bedingungen, so auch ein gutes Theater. 28 Gewisse Manieren und Redensarten, gewisse Gegenstände 

[Seite 233]

1 und Arten des Betragens müssen ausgeschlossen 2 sein. Man wird nicht ärmer, wenn man sein Hauswesen 3 zusammen zieht.

4 Sie waren hierüber mehr oder weniger einig und 5 uneinig. Wilhelm und die meisten waren auf der 6 Seite des englischen, Serlo und einige auf der Seite 7 des französischen Theaters.

8 Man ward einig in leeren Stunden, deren ein 9 Schauspieler leider so viele hat, in Gesellschaft die 10 berühmtesten Schauspiele beider Theater durchzugehen, 11 und das Beste und Nachahmenswerthe derselben zu 12 bemerken. Man machte auch wirklich einen Anfang 13 mit einigen französischen Stücken. Aurelie entfernte 14 sich jedesmal, sobald die Vorlesung anging. Anfangs 15 hielt man sie für krank; einst aber fragte sie Wilhelm 16 darüber, dem es aufgefallen war.

17 Ich werde bei keiner solchen Vorlesung gegenwärtig 18 sein, sagte sie, denn wie soll ich hören und 19 urtheilen, wenn mir das Herz zerrissen ist? Ich hasse 20 die französische Sprache von ganzer Seele.

21 Wie kann man einer Sprache feind sein, rief Wilhelm 22 aus, der man den größten Theil seiner Bildung 23 schuldig ist, und der wir noch viel schuldig werden 24 müssen, ehe unser Wesen eine Gestalt gewinnen kann?

25 Es ist kein Vorurtheil! versetzte Aurelie: ein unglücklicher 26 Eindruck, eine verhaßte Erinnerung an 27 meinen treulosen Freund hat mir die Lust an dieser 28 schönen und ausgebildeten Sprache geraubt. Wie ich 

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1 sie jetzt von ganzem Herzen hasse! Während der Zeit 2 unserer freundschaftlichen Verbindung schrieb er Deutsch, 3 und welch ein herzliches, wahres, kräftiges Deutsch! 4 Nun da er mich los sein wollte, fing er an Französisch 5 zu schreiben, das vorher manchmal nur im Scherze 6 geschehen war. Ich fühlte, ich merkte, was es bedeuten 7 sollte. Was er in seiner Muttersprache zu sagen 8 erröthete, konnte er nun mit gutem Gewissen hinschreiben. 9 Zu Reservationen, Halbheiten und Lügen 10 ist es eine treffliche Sprache; sie ist eine perfide Sprache! 11 ich finde, Gott sei Dank! kein deutsches Wort, um 12 perfid in seinem ganzen Umfange auszudrücken. Unser 13 armseliges treulos ist ein unschuldiges Kind dagegen. 14 Perfid ist treulos mit Genuß, mit Übermuth und 15 Schadenfreude. O, die Ausbildung einer Nation ist 16 zu beneiden, die so feine Schattirungen in Einem 17 Worte auszudrücken weiß! Französisch ist recht die 18 Sprache der Welt, werth, die allgemeine Sprache zu 19 sein, damit sie sich nur alle unter einander recht 20 betrügen und belügen können! Seine französischen 21 Briefe ließen sich noch immer gut genug lesen. Wenn 22 man sich's einbilden wollte, klangen sie warm und 23 selbst leidenschaftlich; doch genau besehen, waren es 24 Phrasen, vermaledeite Phrasen! Er hat mir alle 25 Freude an der ganzen Sprache, an der französischen 26 Literatur, selbst an dem schönen und köstlichen Ausdruck 27 edler Seelen in dieser Mundart verdorben; mich 28 schaudert, wenn ich ein französisches Wort höre!



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1 Auf diese Weise konnte sie stundenlang fortfahren 2 ihren Unmuth zu zeigen und jede andere Unterhaltung 3 zu unterbrechen oder zu verstimmen. Serlo machte 4 früher oder später ihren launischen Äußerungen mit 5 einiger Bitterkeit ein Ende; aber gewöhnlich war für 6 diesen Abend das Gespräch zerstört.

7 Überhaupt ist es leider der Fall, daß alles was 8 durch mehrere zusammentreffende Menschen und Umstände 9 hervorgebracht werden soll, keine lange Zeit 10 sich vollkommen erhalten kann. Von einer Theatergesellschaft 11 so gut wie von einem Reiche, von einem 12 Cirkel Freunde so gut wie von einer Armee, läßt sich 13 gewöhnlich der Moment angeben, wenn sie auf der 14 höchsten Stufe ihrer Vollkommenheit, ihrer Übereinstimmung, 15 ihrer Zufriedenheit und Thätigkeit standen; 16 oft aber verändert sich schnell das Personal, neue 17 Glieder treten hinzu, die Personen passen nicht mehr 18 zu den Umständen, die Umstände nicht mehr zu den 19 Personen; es wird alles anders, und was vorher verbunden 20 war, fällt nunmehr bald aus einander. So 21 konnte man sagen, daß Serlo's Gesellschaft eine Zeitlang 22 so vollkommen war, als irgend eine deutsche sich 23 hätte rühmen können. Die meisten Schauspieler standen 24 an ihrem Platze; alle hatten genug zu thun, und 25 alle thaten gern was zu thun war. Ihre persönlichen 26 Verhältnisse waren leidlich, und jedes schien in 27 seiner Kunst viel zu versprechen, weil jedes die ersten 28 Schritte mit Feuer und Munterkeit that. Bald aber 

[Seite 236]

1 entdeckte sich, daß ein Theil doch nur Automaten 2 waren, die nur das erreichen konnten, wohin man 3 ohne Gefühl gelangen kann, und bald mischten sich 4 die Leidenschaften dazwischen, die gewöhnlich jeder 5 guten Einrichtung im Wege stehen und alles so leicht 6 aus einander zerren, was vernünftige und wohldenkende 7 Menschen zusammen zu halten wünschen.

8 Philinens Abgang war nicht so unbedeutend als 9 man anfangs glaubte. Sie hatte mit großer Geschicklichkeit 10 Serlo zu unterhalten, und die Übrigen mehr 11 oder weniger zu reizen gewußt. Sie ertrug Aureliens 12 Heftigkeit mit großer Geduld, und ihr eigenstes Geschäft 13 war, Wilhelmen zu schmeicheln. So war sie eine 14 Art von Bindungsmittel für's Ganze, und ihr Verlust 15 mußte bald fühlbar werden.

16 Serlo konnte ohne eine kleine Liebschaft nicht leben. 17 Elmire, die in weniger Zeit herangewachsen und man 18 könnte beinahe sagen schön geworden war, hatte schon 19 lange seine Aufmerksamkeit erregt, und Philine war 20 klug genug, diese Leidenschaft, die sie merkte, zu 21 begünstigen. Man muß sich, pflegte sie zu sagen, 22 bei Zeiten auf's Kuppeln legen; es bleibt uns doch 23 weiter nichts übrig, wenn wir alt werden. Dadurch 24 hatten sich Serlo und Elmire dergestalt genähert, daß 25 sie nach Philinens Abschiede bald einig wurden, und 26 der kleine Roman interessirte sie beide um so mehr, 27 als sie ihn vor dem Alten, der über eine solche Unregelmäßigkeit 28 keinen Scherz verstanden hätte, geheim zu 

[Seite 237]

1 halten alle Ursache hatten. Elmirens Schwester war 2 mit im Verständniß, und Serlo mußte beiden Mädchen 3 daher vieles nachsehen. Eine ihrer größten Untugenden 4 war eine unmäßige Näscherei, ja wenn man will, 5 eine unleidliche Gefräßigkeit, worin sie Philinen keinesweges 6 glichen, die dadurch einen neuen Schein von 7 Liebenswürdigkeit erhielt, daß sie gleichsam nur von 8 der Luft lebte, sehr wenig aß, und nur den Schaum 9 eines Champagnerglases mit der größten Zierlichkeit 10 wegschlürfte.

11 Nun aber mußte Serlo, wenn er seiner Schönen 12 gefallen wollte, das Frühstück mit dem Mittagessen 13 verbinden, und an dieses durch ein Vesperbrot das 14 Abendessen anknüpfen. Dabei hatte Serlo einen 15 Plan, dessen Ausführung ihn beunruhigte. Er glaubte 16 eine gewisse Neigung zwischen Wilhelmen und Aurelien 17 zu entdecken, und wünschte sehr, daß sie ernstlich werden 18 möchte. Er hoffte den ganzen mechanischen Theil der 19 Theaterwirthschaft Wilhelmen aufzubürden, und an 20 ihm, wie an seinem ersten Schwager, ein treues und 21 fleißiges Werkzeug zu finden. Schon hatte er ihm 22 nach und nach den größten Theil der Besorgung unmerklich 23 übertragen, Aurelie führte die Casse, und 24 Serlo lebte wieder wie in früheren Zeiten ganz nach 25 seinem Sinne. Doch war etwas, was sowohl ihn als 26 seine Schwester heimlich kränkte.

27 Das Publicum hat eine eigene Art, gegen öffentliche 28 Menschen von anerkanntem Verdienste zu verfahren; 

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1 es fängt nach und nach an gleichgültig gegen 2 sie zu werden, und begünstigt viel geringere aber 3 neu erscheinende Talente; es macht an jene übertriebene 4 Forderungen, und läßt sich von diesen alles 5 gefallen.

6 Serlo und Aurelie hatten Gelegenheit genug hierüber 7 Betrachtungen anzustellen. Die neuen Ankömmlinge, 8 besonders die jungen und wohlgebildeten, hatten 9 alle Aufmerksamkeit, allen Beifall auf sich gezogen, 10 und beide Geschwister mußten die meiste Zeit, nach 11 ihren eifrigsten Bemühungen, ohne den willkommenen 12 Klang der zusammenschlagenden Hände abtreten. Freilich 13 kamen dazu noch besondere Ursachen. Aureliens 14 Stolz war auffallend, und von ihrer Verachtung des 15 Publicums waren viele unterrichtet. Serlo schmeichelte 16 zwar jedermann im Einzelnen, aber seine spitzen 17 Reden über das Ganze waren doch auch öfters herumgetragen 18 und wiederholt worden. Die neuen Glieder 19 hingegen waren theils fremd und unbekannt, theils 20 jung, liebenswürdig und hülfsbedürftig, und hatten 21 also auch sämmtlich Gönner gefunden.

22 Nun gab es auch bald innerliche Unruhen und 23 manches Mißvergnügen; denn kaum bemerkte man, 24 daß Wilhelm die Beschäftigung eines Regisseurs übernommen 25 hatte, so fingen die meisten Schauspieler um 26 desto mehr an unartig zu werden, als er nach seiner 27 Weise etwas mehr Ordnung und Genauigkeit in das 28 Ganze zu bringen wünschte, und besonders darauf 

[Seite 239]

1 bestand, daß alles Mechanische vor allen Dingen 2 pünctlich und ordentlich gehen solle.

3 In kurzer Zeit war das ganze Verhältniß, das 4 wirklich eine Zeitlang beinahe idealisch gehalten hatte, 5 so gemein, als man es nur irgend bei einem herumreisenden 6 Theater finden mag. Und leider in dem 7 Augenblicke, als Wilhelm durch Mühe, Fleiß und 8 Anstrengung sich mit allen Erfordernissen des Metiers 9 bekannt gemacht und seine Person sowohl als seine 10 Geschäftigkeit vollkommen dazu gebildet hatte, schien 11 es ihm endlich in trüben Stunden, daß dieses Handwerk 12 weniger, als irgend ein andres, den nöthigen 13 Aufwand von Zeit und Kräften verdiene. Das Geschäft 14 war lästig und die Belohnung gering. Er 15 hätte jedes andere lieber übernommen, bei dem man 16 doch, wenn es vorbei ist, der Ruhe des Geistes genießen 17 kann, als dieses, wo man nach überstandenen 18 mechanischen Mühseligkeiten noch durch die höchste 19 Anstrengung des Geistes und der Empfindung erst 20 das Ziel seiner Thätigkeit erreichen soll. Er mußte 21 die Klagen Aureliens über die Verschwendung des 22 Bruders hören, er mußte die Winke Serlo's mißverstehen, 23 wenn dieser ihn zu einer Heirath mit 24 der Schwester von ferne zu leiten suchte. Er hatte 25 dabei seinen Kummer zu verbergen, der ihn auf das 26 tiefste drückte, indem der nach dem zweideutigen 27 Officier fortgeschickte Bote nicht zurückkam, auch 28 nichts von sich hören ließ, und unser Freund daher 

[Seite 240]

1 seine Mariane zum zweitenmal verloren zu haben 2 fürchten mußte.

3 Zu eben der Zeit fiel eine allgemeine Trauer 4 ein, wodurch man genöthigt ward, das Theater auf 5 einige Wochen zu schließen. Er ergriff diese Zwischenzeit, 6 um jenen Geistlichen zu besuchen, bei welchem 7 der Harfenspieler in der Kost war. Er fand ihn in 8 einer angenehmen Gegend, und das Erste, was er in 9 dem Pfarrhofe erblickte, war der Alte, der einem 10 Knaben auf seinem Instrumente Lection gab. Er bezeugte 11 viel Freude, Wilhelmen wieder zu sehen, stand 12 auf und reichte ihm die Hand und sagte: Sie sehen, 13 daß ich in der Welt doch noch zu etwas nütze bin; 14 Sie erlauben, daß ich fortfahre, denn die Stunden 15 sind eingetheilt.

16 Der Geistliche begrüßte Wilhelmen auf das freundlichste 17 und erzählte ihm, daß der Alte sich schon recht 18 gut anlasse, und daß man Hoffnung zu seiner völligen 19 Genesung habe.

20 Ihr Gespräch fiel natürlich auf die Methode, 21 Wahnsinnige zu curiren.

22 Außer dem Physischen, sagte der Geistliche, das 23 uns oft unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg 24 legt und worüber ich einen denkenden Arzt zu Rathe 25 ziehe, finde ich die Mittel vom Wahnsinne zu heilen 26 sehr einfach. Es sind eben dieselben, wodurch man 27 gesunde Menschen hindert, wahnsinnig zu werden. 28 Man errege ihre Selbstthätigkeit, man gewöhne sie 

[Seite 241]

1 an Ordnung, man gebe ihnen einen Begriff, daß sie 2 ihr Sein und Schicksal mit so vielen gemein haben, 3 daß das außerordentliche Talent, das größte Glück 4 und das höchste Unglück nur kleine Abweichungen 5 von dem gewöhnlichen sind; so wird sich kein Wahnsinn 6 einschleichen, und wenn er da ist, nach und nach 7 wieder verschwinden. Ich habe des alten Mannes 8 Stunden eingetheilt, er unterrichtet einige Kinder auf 9 der Harfe, er hilft im Garten arbeiten, und ist schon 10 viel heiterer. Er wünscht von dem Kohle zu genießen, 11 den er pflanzt, und wünscht meinen Sohn, dem er 12 die Harfe auf den Todesfall geschenkt hat, recht emsig 13 zu unterrichten, damit sie der Knabe ja auch brauchen 14 könne. Als Geistlicher suche ich ihm über seine wunderbaren 15 Scrupel nur wenig zu sagen, aber ein thätiges 16 Leben führt so viele Ereignisse herbei, daß er bald 17 fühlen muß, daß jede Art von Zweifel nur durch 18 Wirksamkeit gehoben werden kann. Ich gehe sachte zu 19 Werke; wenn ich ihm aber noch seinen Bart und seine 20 Kutte wegnehmen kann, so habe ich viel gewonnen: 21 denn es bringt uns nichts näher dem Wahnsinn, als 22 wenn wir uns vor andern auszeichnen, und nichts 23 erhält so sehr den gemeinen Verstand, als im allgemeinen 24 Sinne mit vielen Menschen zu leben. Wie 25 vieles ist leider nicht in unserer Erziehung und in 26 unsern bürgerlichen Einrichtungen, wodurch wir uns 27 und unsere Kinder zur Tollheit vorbereiten.

28 Wilhelm verweilte bei diesem vernünftigen Manne 

[Seite 242]

1 einige Tage, und erfuhr die interessantesten Geschichten, 2 nicht allein von verrückten Menschen, sondern auch 3 von solchen, die man für klug, ja für weise zu halten 4 pflegt, und deren Eigenthümlichkeiten nahe an den 5 Wahnsinn gränzen.

6 Dreifach belebt aber ward die Unterhaltung, als 7 der Medicus eintrat, der den Geistlichen, seinen Freund, 8 öfters zu besuchen, und ihm bei seinen menschenfreundlichen 9 Bemühungen beizustehen pflegte. Es war ein 10 ältlicher Mann, der bei einer schwächlichen Gesundheit 11 viele Jahre in Ausübung der edelsten Pflichten 12 zugebracht hatte. Er war ein großer Freund vom 13 Landleben und konnte fast nicht anders als in freier 14 Luft sein; dabei war er äußerst gesellig und thätig, 15 und hatte seit vielen Jahren eine besondere Neigung, 16 mit allen Landgeistlichen Freundschaft zu stiften. 17 Jedem, an dem er eine nützliche Beschäftigung kannte, 18 suchte er auf alle Weise beizustehen; andern, die noch 19 unbestimmt waren, suchte er eine Liebhaberei einzureden; 20 und da er zugleich mit den Edelleuten, Amtmännern 21 und Gerichtshaltern in Verbindung stand, 22 so hatte er in Zeit von zwanzig Jahren sehr viel im 23 Stillen zur Cultur mancher Zweige der Landwirthschaft 24 beigetragen, und alles, was dem Felde, Thieren 25 und Menschen ersprießlich ist, in Bewegung gebracht, 26 und so die wahrste Aufklärung befördert. Für den 27 Menschen, sagte er, sei nur das Eine ein Unglück, 28 wenn sich irgend eine Idee bei ihm festsetze, die keinen 

[Seite 243]

1 Einfluß in's thätige Leben habe oder ihn wohl gar 2 vom thätigen Leben abziehe. Ich habe, sagte er, 3 gegenwärtig einen solchen Fall an einem vornehmen 4 und reichen Ehepaar, wo mir bis jetzt noch alle Kunst 5 mißglückt ist; fast gehört der Fall in Ihr Fach, 6 lieber Pastor, und dieser junge Mann wird ihn nicht 7 weiter erzählen.

8 In der Abwesenheit eines vornehmen Mannes verkleidete 9 man, mit einem nicht ganz lobenswürdigen 10 Scherze, einen jungen Menschen in die Hauskleidung 11 dieses Herrn. Seine Gemahlin sollte dadurch angeführt 12 werden, und ob man mir es gleich nur als 13 eine Posse erzählt hat, so fürchte ich doch sehr, man 14 hatte die Absicht, die edle, liebenswürdige Dame vom 15 rechten Wege abzuleiten. Der Gemahl kommt unvermuthet 16 zurück, tritt in sein Zimmer, glaubt sich 17 selbst zu sehen, und fällt von der Zeit an in eine 18 Melancholie, in der er die Überzeugung nährt, daß 19 er bald sterben werde.

20 Er überläßt sich Personen, die ihm mit religiösen 21 Ideen schmeicheln, und ich sehe nicht, wie er abzuhalten 22 ist, mit seiner Gemahlin unter die Herrenhuter zu 23 gehen, und den größten Theil seines Vermögens, da er 24 keine Kinder hat, seinen Verwandten zu entziehen.

25 Mit seiner Gemahlin? rief Wilhelm, den diese Erzählung 26 nicht wenig erschreckt hatte, ungestüm aus.

27 Und leider, versetzte der Arzt, der in Wilhelms 28 Ausrufung nur eine menschenfreundliche Theilnahme 

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1 zu hören glaubte, ist diese Dame mit einem noch 2 tiefern Kummer behaftet, der ihr eine Entfernung 3 von der Welt nicht widerlich macht. Eben dieser 4 junge Mensch nimmt Abschied von ihr, sie ist nicht 5 vorsichtig genug, eine aufkeimende Neigung zu verbergen; 6 er wird kühn, schließt sie in seine Arme, und 7 drückt ihr das große mit Brillanten besetzte Portrait 8 ihres Gemahls gewaltsam wider die Brust. Sie empfindet 9 einen heftigen Schmerz, der nach und nach 10 vergeht, erst eine kleine Röthe und dann keine Spur 11 zurück läßt. Ich bin als Mensch überzeugt, daß sie sich 12 nichts weiter vorzuwerfen hat; ich bin als Arzt gewiß, 13 daß dieser Druck keine üblen Folgen haben werde, 14 aber sie läßt sich nicht ausreden, es sei eine Verhärtung 15 da, und wenn man ihr durch das Gefühl 16 den Wahn benehmen will, so behauptet sie, nur in 17 diesem Augenblick sei nichts zu fühlen; sie hat sich fest 18 eingebildet, es werde dieses Übel mit einem Krebsschaden 19 sich endigen, und so ist ihre Jugend, ihre Liebenswürdigkeit 20 für sie und andere völlig verloren.

21 Ich Unglückseliger! rief Wilhelm, indem er sich 22 vor die Stirne schlug und aus der Gesellschaft in's 23 Feld lief. Er hatte sich noch nie in einem solchen 24 Zustande befunden.

25 Der Arzt und der Geistliche, über diese seltsame 26 Entdeckung höchlich erstaunt, hatten Abends genug mit 27 ihm zu thun, als er zurückkam und bei dem umständlichern 28 Bekenntniß dieser Begebenheit sich auf's lebhafteste 

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1 anklagte. Beide Männer nahmen den größten 2 Antheil an ihm, besonders da er ihnen seine übrige 3 Lage nun auch mit schwarzen Farben der augenblicklichen 4 Stimmung mahlte.

5 Den andern Tag ließ sich der Arzt nicht lange 6 bitten, mit ihm nach der Stadt zu gehen, um ihm 7 Gesellschaft zu leisten, um Aurelien, die ihr Freund 8 in bedenklichen Umständen zurückgelassen hatte, wo 9 möglich Hülfe zu verschaffen.

10 Sie fanden sie auch wirklich schlimmer, als sie 11 vermutheten. Sie hatte eine Art von überspringendem 12 Fieber, dem um so weniger beizukommen war, als 13 sie die Anfälle nach ihrer Art vorsätzlich unterhielt 14 und verstärkte. Der Fremde ward nicht als Arzt 15 eingeführt, und betrug sich sehr gefällig und klug. 16 Man sprach über den Zustand ihres Körpers und 17 ihres Geistes, und der neue Freund erzählte manche 18 Geschichten, wie Personen, ungeachtet einer solchen 19 Kränklichkeit, ein hohes Alter erreichen könnten; nichts 20 aber sei schädlicher in solchen Fällen, als eine vorsätzliche 21 Erneuerung leidenschaftlicher Empfindungen. 22 Besonders verbarg er nicht, daß er diejenigen Personen 23 sehr glücklich gefunden habe, die bei einer nicht 24 ganz herzustellenden kränklichen Anlage wahrhaft religiöse 25 Gesinnungen bei sich zu nähren bestimmt gewesen 26 wären. Er sagte das auf eine sehr bescheidene 27 Weise und gleichsam historisch, und versprach dabei 28 seinen neuen Freunden eine sehr interessante Lectüre 

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1 an einem Manuscript zu verschaffen, das er aus den 2 Händen einer nunmehr abgeschiedenen vortrefflichen 3 Freundin erhalten habe. Es ist mir unendlich werth, 4 sagte er, und ich vertraue Ihnen das Original selbst 5 an. Nur der Titel ist von meiner Hand: Bekenntnisse 6 einer schönen Seele.

7 Über diätetische und medicinische Behandlung der 8 unglücklichen aufgespannten Aurelie vertraute der Arzt 9 Wilhelmen noch seinen besten Rath, versprach zu schreiben 10 und wo möglich selbst wieder zu kommen.

11 Inzwischen hatte sich in Wilhelms Abwesenheit 12 eine Veränderung vorbereitet, die er nicht vermuthen 13 konnte. Wilhelm hatte während der Zeit seiner Regie 14 das ganze Geschäft mit einer gewissen Freiheit und 15 Liberalität behandelt, vorzüglich auf die Sache gesehen, 16 und besonders bei Kleidungen, Decorationen 17 und Requisiten alles reichlich und anständig angeschafft, 18 auch, um den guten Willen der Leute zu erhalten, 19 ihrem Eigennutze geschmeichelt, da er ihnen 20 durch edlere Motive nicht beikommen konnte; und er 21 fand sich hierzu um so mehr berechtigt, als Serlo 22 selbst keine Ansprüche machte, ein genauer Wirth zu 23 sein, den Glanz seines Theaters gerne loben hörte 24 und zufrieden war, wenn Aurelie, welche die ganze 25 Haushaltung führte, nach Abzug aller Kosten, versicherte, 26 daß sie keine Schulden habe, und noch so 27 viel hergab, als nöthig war, die Schulden abzutragen, 28 die Serlo unterdessen durch außerordentliche Freigebigkeit 

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1 gegen seine Schönen und sonst etwa auf sich geladen 2 haben mochte.

3 Melina, der indessen die Garderobe besorgte, hatte, 4 kalt und heimtückisch wie er war, der Sache im 5 Stillen zugesehen, und wußte, bei der Entfernung 6 Wilhelms und bei der zunehmenden Krankheit Aureliens, 7 Serlo fühlbar zu machen, daß man eigentlich 8 mehr einnehmen, weniger ausgeben, und entweder 9 etwas zurücklegen oder doch am Ende nach Willkür 10 noch lustiger leben könne. Serlo hörte das gern und 11 Melina wagte sich mit seinem Plane hervor.

12 Ich will, sagte er, nicht behaupten, daß einer von 13 den Schauspielern gegenwärtig zu viel Gage hat: es 14 sind verdienstvolle Leute, und sie würden an jedem 15 Orte willkommen sein; allein für die Einnahme, die 16 sie uns verschaffen, erhalten sie doch zu viel. Mein 17 Vorschlag wäre eine Oper einzurichten, und was das 18 Schauspiel betrifft, so muß ich Ihnen sagen, Sie 19 sind der Mann, allein ein ganzes Schauspiel auszumachen. 20 Müssen Sie jetzt nicht selbst erfahren, daß 21 man Ihre Verdienste verkennt. Nicht, weil Ihre Mitspieler 22 vortrefflich, sondern weil sie gut sind, läßt 23 man Ihrem außerordentlichen Talente keine Gerechtigkeit 24 mehr widerfahren.

25 Stellen Sie sich, wie wohl sonst geschehen ist, nur 26 allein hin, suchen Sie mittelmäßige, ja ich darf sagen 27 schlechte Leute für geringe Gage an sich zu ziehen, 28 stutzen Sie das Volk, wie Sie es so sehr verstehen, 

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1 im Mechanischen zu, wenden Sie das Übrige an die 2 Oper, und Sie werden sehen, daß Sie mit derselben 3 Mühe und mit denselben Kosten mehr Zufriedenheit 4 erregen, und ungleich mehr Geld als bisher gewinnen 5 werden.

6 Serlo war zu sehr geschmeichelt, als daß seine Einwendungen 7 einige Stärke hätten haben sollen. Er gestand 8 Melina'n gern zu, daß er bei seiner Liebhaberei 9 zur Musik längst so etwas gewünscht habe; doch sehe 10 er freilich ein, daß die Neigung des Publicums dadurch 11 noch mehr auf Abwege geleitet, und daß bei so 12 einer Vermischung eines Theaters, das nicht recht Oper 13 nicht recht Schauspiel sei, nothwendig der Überrest 14 von Geschmack an einem bestimmten und ausführlichen 15 Kunstwerke sich völlig verlieren müsse.

16 Melina scherzte nicht ganz fein über Wilhelms 17 pedantische Ideale dieser Art, über die Anmaßung 18 das Publicum zu bilden, statt sich von ihm bilden 19 zu lassen, und beide vereinigten sich mit großer Überzeugung, 20 daß man nur Geld einnehmen, reich werden 21 oder sich lustig machen solle, und verbargen sich kaum, 22 daß sie nur jener Personen los zu sein wünschten, 23 die ihrem Plane im Wege standen. Melina bedauerte, 24 daß die schwächliche Gesundheit Aureliens ihr kein 25 langes Leben verspreche, dachte aber gerade das Gegentheil. 26 Serlo schien zu beklagen, daß Wilhelm nicht 27 Sänger sei, und gab dadurch zu verstehen, daß er ihn 28 für bald entbehrlich halte. Melina trat mit einem 

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1 ganzen Register von Ersparnissen, die zu machen seien, 2 hervor, und Serlo sah in ihm seinen ersten Schwager 3 dreifach ersetzt. Sie fühlten wohl, daß sie sich über 4 diese Unterredung das Geheimniß zuzusagen hatten, 5 wurden dadurch nur noch mehr an einander geknüpft 6 und nahmen Gelegenheit, insgeheim über alles, was 7 vorkam, sich zu besprechen, was Aurelie und Wilhelm 8 unternahmen zu tadeln, und ihr neues Project in 9 Gedanken immer mehr auszuarbeiten.

10 So verschwiegen auch beide über ihren Plan sein 11 mochten, und so wenig sie durch Worte sich verriethen, 12 so waren sie doch nicht politisch genug, in dem Betragen 13 ihre Gesinnungen zu verbergen. Melina widersetzte 14 sich Wilhelmen in manchen Fällen, die in seinem 15 Kreise lagen, und Serlo, der niemals glimpflich mit 16 seiner Schwester umgegangen war, ward nur bitterer, 17 jemehr ihre Kränklichkeit zunahm, und jemehr sie bei 18 ihren ungleichen leidenschaftlichen Launen Schonung 19 verdient hätte.

20 Zu eben dieser Zeit nahm man Emilie Galotti 21 vor. Dieses Stück war sehr glücklich besetzt, und alle 22 konnten in dem beschränkten Kreise dieses Trauerspiels 23 die ganze Mannichfaltigkeit ihres Spieles zeigen. Serlo 24 war als Marinelli an seinem Platze, Odoardo ward 25 sehr gut vorgetragen, Madame Melina spielte die 26 Mutter mit vieler Einsicht, Elmire zeichnete sich in 27 der Rolle Emiliens zu ihrem Vortheil aus, Laertes trat 28 als Appiani mit vielem Anstand auf, und Wilhelm 

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1 hatte ein Studium von mehreren Monaten auf die 2 Rolle des Prinzen verwendet. Bei dieser Gelegenheit 3 hatte er, sowohl mit sich selbst als mit Serlo und 4 Aurelien, die Frage oft abgehandelt: welch ein Unterschied 5 sich zwischen einem edlen und vornehmen Betragen 6 zeige, und in wiefern jenes in diesem, dieses 7 aber nicht in jenem enthalten zu sein brauche?

8 Serlo, der selbst als Marinelli den Hofmann rein, 9 ohne Carricatur vorstellte, äußerte über diesen Punct 10 manchen guten Gedanken. Der vornehme Anstand, 11 sagte er, ist schwer nachzuahmen, weil er eigentlich 12 negativ ist, und eine lange anhaltende Übung voraussetzt. 13 Denn man soll nicht etwa in seinem Benehmen 14 etwas darstellen, das Würde anzeigt: denn leicht fällt 15 man dadurch in ein förmliches stolzes Wesen; man 16 soll vielmehr nur alles vermeiden, was unwürdig, 17 was gemein ist; man soll sich nie vergessen, immer 18 auf sich und andere Acht haben, sich nichts vergeben, 19 andern nicht zu viel, nicht zu wenig thun, durch 20 nichts gerührt scheinen, durch nichts bewegt werden, 21 sich niemals übereilen, sich in jedem Momente zu 22 fassen wissen, und so ein äußeres Gleichgewicht erhalten, 23 innerlich mag es stürmen wie es will. Der 24 edle Mensch kann sich in Momenten vernachlässigen, 25 der vornehme nie. Dieser ist wie ein sehr wohlgekleideter 26 Mann: er wird sich nirgends anlehnen, 27 und jedermann wird sich hüten, an ihn zu streichen; 28 er unterscheidet sich vor andern, und doch darf er 

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1 nicht allein stehen bleiben; denn wie in jeder Kunst, 2 also auch in dieser, soll zuletzt das Schwerste mit 3 Leichtigkeit ausgeführt werden; so soll der Vornehme, 4 ungeachtet aller Absonderung, immer mit andern verbunden 5 scheinen, nirgends steif, überall gewandt sein, 6 immer als der erste erscheinen, und sich nie als ein 7 solcher aufdringen.

8 Man sieht also, daß man, um vornehm zu scheinen, 9 wirklich vornehm sein müsse; man sieht, warum 10 Frauen im Durchschnitt sich eher dieses Ansehen geben 11 können als Männer, warum Hofleute und Soldaten 12 am schnellsten zu diesem Anstande gelangen.

13 Wilhelm verzweifelte nun fast an seiner Rolle, 14 allein Serlo half ihm wieder auf, indem er ihm über 15 das Einzelne die feinsten Bemerkungen mittheilte, und 16 ihn dergestalt ausstattete, daß er bei der Aufführung, 17 wenigstens in den Augen der Menge, einen recht feinen 18 Prinzen darstellte.

19 Serlo hatte versprochen ihm nach der Vorstellung 20 die Bemerkungen mitzutheilen, die er noch allenfalls 21 über ihn machen würde; allein ein unangenehmer 22 Streit zwischen Bruder und Schwester hinderte jede 23 kritische Unterhaltung. Aurelie hatte die Rolle der 24 Orsina auf eine Weise gespielt, wie man sie wohl 25 niemals wieder sehen wird. Sie war mit der Rolle 26 überhaupt sehr bekannt, und hatte sie in den Proben 27 gleichgültig behandelt; bei der Aufführung selbst aber 28 zog sie, möchte man sagen, alle Schleusen ihres individuellen 

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1 Kummers auf, und es ward dadurch eine 2 Darstellung, wie sie sich kein Dichter in dem ersten 3 Feuer der Empfindung hätte denken können. Ein unmäßiger 4 Beifall des Publicums belohnte ihre schmerzlichen 5 Bemühungen, aber sie lag auch halb ohnmächtig 6 in einem Sessel, als man sie nach der Aufführung 7 aufsuchte.

8 Serlo hatte schon über ihr übertriebenes Spiel, 9 wie er es nannte, und über die Entblößung ihres 10 innersten Herzens vor dem Publicum, das doch mehr 11 oder weniger mit jener fatalen Geschichte bekannt war, 12 seinen Unwillen zu erkennen gegeben, und, wie er es 13 im Zorn zu thun pflegte, mit den Zähnen geknirscht 14 und mit den Füßen gestampft. Laßt sie, sagte er, 15 als er sie von den übrigen umgeben in dem Sessel 16 fand, sie wird noch eh'stens ganz nackt auf das Theater 17 treten, und dann wird erst der Beifall recht vollkommen 18 sein.

19 Undankbarer! rief sie aus, Unmenschlicher! Man 20 wird mich bald nackt dahin tragen, wo kein Beifall 21 mehr zu unsern Ohren kommt! Mit diesen Worten 22 sprang sie auf und eilte nach der Thüre. Die Magd 23 hatte versäumt, ihr den Mantel zu bringen, die Portechaise 24 war nicht da; es hatte geregnet und ein sehr 25 rauher Wind zog durch die Straßen. Man redete ihr 26 vergebens zu, denn sie war übermäßig erhitzt; sie ging 27 vorsätzlich langsam und lobte die Kühlung, die sie 28 recht begierig einzusaugen schien. Kaum war sie zu 

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1 Hause, als sie vor Heiserkeit kaum ein Wort mehr 2 sprechen konnte; sie gestand aber nicht, daß sie im 3 Nacken und den Rücken hinab eine völlige Steifigkeit 4 fühlte. Nicht lange, so überfiel sie eine Art von 5 Lähmung der Zunge, so daß sie ein Wort für's 6 andere sprach; man brachte sie zu Bette, durch häufig 7 angewandte Mittel legte sich ein Übel, indem sich das 8 andere zeigte. Das Fieber ward stark und ihr Zustand 9 gefährlich.

10 Den andern Morgen hatte sie eine ruhige Stunde. 11 Sie ließ Wilhelm rufen und übergab ihm einen Brief. 12 Dieses Blatt, sagte sie, wartet schon lange auf diesen 13 Augenblick. Ich fühle, daß das Ende meines Lebens 14 bald heran naht; versprechen Sie mir, daß Sie es 15 selbst abgeben und daß Sie durch wenige Worte meine 16 Leiden an dem Ungetreuen rächen wollen. Er ist 17 nicht fühllos, und wenigstens soll ihn mein Tod 18 einen Augenblick schmerzen.

19 Wilhelm übernahm den Brief, indem er sie jedoch 20 tröstete und den Gedanken des Todes von ihr entfernen 21 wollte.

22 Nein, versetzte sie, benehmen Sie mir nicht meine 23 nächste Hoffnung. Ich habe ihn lange erwartet und 24 will ihn freudig in die Arme schließen.

25 Kurz darauf kam das vom Arzt versprochene 26 Manuscript an. Sie ersuchte Wilhelmen, ihr daraus 27 vorzulesen, und die Wirkung, die es that, wird der 28 Leser am besten beurtheilen können, wenn er sich mit 

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1 dem folgenden Buche bekannt gemacht hat. Das heftige 2 und trotzige Wesen unsrer armen Freundin ward auf 3 einmal gelindert. Sie nahm den Brief zurück und 4 schrieb einen andern, wie es schien in sehr sanfter 5 Stimmung; auch forderte sie Wilhelmen auf, ihren 6 Freund, wenn er irgend durch die Nachricht ihres 7 Todes betrübt werden sollte, zu trösten, ihn zu versichern, 8 daß sie ihm verziehen habe, und daß sie ihm 9 alles Glück wünsche.

10 Von dieser Zeit an war sie sehr still und schien 11 sich nur mit wenigen Ideen zu beschäftigen, die sie 12 sich aus dem Manuscript eigen zu machen suchte, 13 woraus ihr Wilhelm von Zeit zu Zeit vorlesen 14 mußte. Die Abnahme ihrer Kräfte war nicht sichtbar, 15 und unvermuthet fand sie Wilhelm eines Morgens 16 todt, als er sie besuchen wollte.

17 Bei der Achtung, die er für sie gehabt, und bei 18 der Gewohnheit, mit ihr zu leben, war ihm ihr Verlust 19 sehr schmerzlich. Sie war die einzige Person, die 20 es eigentlich gut mit ihm meinte, und die Kälte Serlo's 21 in der letzten Zeit hatte er nur allzusehr gefühlt. Er 22 eilte daher, die aufgetragene Botschaft auszurichten 23 und wünschte sich auf einige Zeit zu entfernen. Von 24 der andern Seite war für Melina diese Abreise sehr 25 erwünscht: denn dieser hatte sich bei der weitläufigen 26 Correspondenz, die er unterhielt, gleich mit einem 27 Sänger und einer Sängerin eingelassen, die das Publicum 28 einstweilen durch Zwischenspiele zur künftigen 

[Seite 255]

1 Oper vorbereiten sollten. Der Verlust Aureliens und 2 Wilhelms Entfernung sollten auf diese Weise in der 3 ersten Zeit übertragen werden, und unser Freund 4 war mit allem zufrieden, was ihm seinen Urlaub auf 5 einige Wochen erleichterte.

6 Er hatte sich eine sonderbar wichtige Idee von seinem 7 Auftrage gemacht. Der Tod seiner Freundin hatte ihn 8 tief gerührt, und da er sie so frühzeitig von dem Schauplatze 9 abtreten sah, mußte er nothwendig gegen den, 10 der ihr Leben verkürzt, und dieses kurze Leben ihr so 11 qualvoll gemacht, feindselig gesinnt sein.

12 Ungeachtet der letzten gelinden Worte der Sterbenden, 13 nahm er sich doch vor, bei Überreichung des Briefs 14 ein strenges Gericht über den ungetreuen Freund ergehen 15 zu lassen, und da er sich nicht einer zufälligen Stimmung 16 vertrauen wollte, dachte er an eine Rede, die in 17 der Ausarbeitung pathetischer als billig ward. Nachdem 18 er sich völlig von der guten Composition seines 19 Aufsatzes überzeugt hatte, machte er, indem er ihn auswendig 20 lernte, Anstalt zu seiner Abreise. Mignon war 21 bei'm Einpacken gegenwärtig und fragte ihn, ob er nach 22 Süden oder nach Norden reise? und als sie das letzte 23 von ihm erfuhr, sagte sie: So will ich dich hier wieder 24 erwarten. Sie bat ihn um die Perlenschnur Marianens, 25 die er dem lieben Geschöpf nicht versagen konnte; das 26 Halstuch hatte sie schon. Dagegen steckte sie ihm den 27 Schleier des Geistes in den Mantelsack, ob er ihr gleich 28 sagte, daß ihm dieser Flor zu keinem Gebrauch sei.



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1 Melina übernahm die Regie, und seine Frau versprach 2 auf die Kinder ein mütterliches Auge zu haben, 3 von denen sich Wilhelm ungern losriß. Felix war sehr 4 lustig bei'm Abschied, und als man ihn fragte: was 5 er wolle mitgebracht haben, sagte er: Höre! bringe 6 mir einen Vater mit. Mignon nahm den Scheidenden 7 bei der Hand, und indem sie, auf die Zehen gehoben, 8 ihm einen treuherzigen und lebhaften Kuß, doch ohne 9 Zärtlichkeit, auf die Lippen drückte, sagte sie: Meister! 10 vergiß uns nicht und komm bald wieder.

11 Und so lassen wir unsern Freund unter tausend 12 Gedanken und Empfindungen seine Reise antreten, und 13 zeichnen hier noch zum Schlusse ein Gedicht auf, das 14 Mignon mit großem Ausdruck einigemal recitirt hatte, 15 und das wir früher mitzutheilen durch den Drang so 16 mancher sonderbaren Ereignisse verhindert wurden.



17  Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen,
18  Denn mein Geheimniß ist mir Pflicht;
19  Ich möchte dir mein ganzes Innre zeigen,
20  Allein das Schicksal will es nicht.

21  Zur rechten Zeit vertreibt der Sonne Lauf
22  Die finstre Nacht, und sie muß sich erhellen,
23  Der harte Fels schließt seinen Busen auf,
24  Mißgönnt der Erde nicht die tiefverborgnen Quellen.

25  Ein jeder sucht im Arm des Freundes Ruh,
26  Dort kann die Brust in Klagen sich ergießen;
27  Allein ein Schwur drückt mir die Lippen zu,
28  Und nur ein Gott vermag sie aufzuschließen.



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1 
Sechstes Buch. 

[Seite 259]

2 
Bekenntnisse einer schönen Seele.

[Lesarten]  3 Bis in mein achtes Jahr war ich ein ganz gesundes 4 Kind, weiß mich aber von dieser Zeit so wenig 5 zu erinnern, als von dem Tage meiner Geburt. Mit 6 dem Anfange des achten Jahres bekam ich einen Blutsturz, 7 und in dem Augenblick war meine Seele ganz 8 Empfindung und Gedächtniß. Die kleinsten Umstände 9 dieses Zufalls stehn mir noch vor Augen, als hätte 10 er sich gestern ereignet.

11 Während des neunmonatlichen Krankenlagers, das 12 ich mit Geduld aushielt, ward, so wie mich dünkt, 13 der Grund zu meiner ganzen Denkart gelegt, indem 14 meinem Geiste die ersten Hülfsmittel gereicht wurden, 15 sich nach seiner eigenen Art zu entwickeln.

16 Ich litt und liebte, das war die eigentliche Gestalt 17 meines Herzens. In dem heftigsten Husten und abmattenden 18 Fieber war ich stille wie eine Schnecke, die 19 sich in ihr Haus zieht; sobald ich ein wenig Luft 20 hatte, wollte ich etwas Angenehmes fühlen, und da 21 mir aller übrige Genuß versagt war, suchte ich mich 22 durch Augen und Ohren schadlos zu halten. Man 

[Seite 260]

1 brachte mir Puppenwerk und Bilderbücher, und wer 2 Sitz an meinem Bette haben wollte, mußte mir etwas 3 erzählen.

4 Von meiner Mutter hörte ich die biblischen Geschichten 5 gern an; der Vater unterhielt mich mit Gegenständen 6 der Natur. Er besaß ein artiges Kabinett. 7 Davon brachte er gelegentlich eine Schublade nach der 8 andern herunter, zeigte mir die Dinge und erklärte sie 9 mir nach der Wahrheit. Getrocknete Pflanzen und 10 Insecten und manche Arten von anatomischen Präparaten, 11 Menschenhaut, Knochen, Mumien und dergleichen 12 kamen auf das Krankenbette der Kleinen; 13 Vögel und Thiere, die er auf der Jagd erlegte, wurden 14 mir vorgezeigt, ehe sie nach der Küche gingen; 15 und damit doch auch der Fürst der Welt eine Stimme 16 in dieser Versammlung behielte, erzählte mir die Tante 17 Liebesgeschichten und Feenmährchen. Alles ward angenommen, 18 und alles faßte Wurzel. Ich hatte Stunden, 19 in denen ich mich lebhaft mit dem unsichtbaren 20 Wesen unterhielt; ich weiß noch einige Verse, die ich 21 der Mutter damals in die Feder dictirte.

22 Oft erzählte ich dem Vater wieder, was ich von 23 ihm gelernt hatte. Ich nahm nicht leicht eine Arzenei, 24 ohne zu fragen, wo wachsen die Dinge, aus denen sie 25 gemacht ist? wie sehen sie aus? wie heißen sie? Aber 26 die Erzählungen meiner Tante waren auch nicht auf 27 einen Stein gefallen. Ich dachte mich in schöne Kleider 28 und begegnete den allerliebsten Prinzen, die nicht ruhen 

[Seite 261]

1 noch rasten konnten, bis sie wußten, wer die unbekannte 2 Schöne war. Ein ähnliches Abenteuer mit 3 einem reizenden kleinen Engel, der in weißem Gewand 4 und goldnen Flügeln sich sehr um mich bemühte, 5 setzte ich so lange fort, daß meine Einbildungskraft 6 sein Bild fast bis zur Erscheinung erhöhte.

7 Nach Jahresfrist war ich ziemlich wieder hergestellt; 8 aber es war mir aus der Kindheit nichts Wildes 9 übrig geblieben. Ich konnte nicht einmal mit 10 Puppen spielen, ich verlangte nach Wesen, die meine 11 Liebe erwiderten. Hunde, Katzen und Vögel, dergleichen 12 mein Vater von allen Arten ernährte, vergnügten 13 mich sehr; aber was hätte ich nicht gegeben, 14 ein Geschöpf zu besitzen, das in einem der Mährchen 15 meiner Tante eine sehr wichtige Rolle spielte. Es 16 war ein Schäfchen, das von einem Bauermädchen 17 in dem Walde aufgefangen und ernährt worden war, 18 aber in diesem artigen Thiere stak ein verwünschter 19 Prinz, der sich endlich wieder als schöner Jüngling 20 zeigte und seine Wohlthäterin durch seine Hand belohnte. 21 So ein Schäfchen hätte ich gar zu gerne 22 besessen!

23 Nun wollte sich aber keines finden, und da alles 24 neben mir so ganz natürlich zuging, mußte mir nach 25 und nach die Hoffnung auf einen so köstlichen Besitz 26 fast vergehen. Unterdessen tröstete ich mich, indem ich 27 solche Bücher las, in denen wunderbare Begebenheiten 28 beschrieben wurden. Unter allen war mir der Christliche 

[Seite 262]

1 deutsche Herkules der liebste; die andächtige Liebesgeschichte 2 war ganz nach meinem Sinne. Begegnete 3 seiner Valiska irgend etwas, und es begegneten ihr 4 grausame Dinge, so betete er erst, eh' er ihr zu Hülfe 5 eilte, und die Gebete standen ausführlich im Buche. 6 Wie wohl gefiel mir das! Mein Hang zu dem Unsichtbaren, 7 den ich immer auf eine dunkle Weise fühlte, 8 ward dadurch nur vermehrt; denn ein für allemal 9 sollte Gott auch mein Vertrauter sein.

10 Als ich weiter heran wuchs, las ich, der Himmel 11 weiß was, alles durch einander; aber die Römische 12 Octavia behielt vor allen den Preis. Die Verfolgungen 13 der ersten Christen, in einen Roman gekleidet, 14 erregten bei mir das lebhafteste Interesse.

15 Nun fing die Mutter an, über das stete Lesen zu 16 schmälen; der Vater nahm ihr zu Liebe mir einen 17 Tag die Bücher aus der Hand und gab sie mir den 18 andern wieder. Sie war klug genug zu bemerken, 19 daß hier nichts auszurichten war, und drang nur 20 darauf, daß auch die Bibel eben so fleißig gelesen 21 wurde. Auch dazu ließ ich mich nicht treiben, und 22 ich las die heiligen Bücher mit vielem Antheil. Dabei 23 war meine Mutter immer sorgfältig, daß keine 24 verführerischen Bücher in meine Hände kämen, und 25 ich selbst würde jede schändliche Schrift aus der Hand 26 geworfen haben; denn meine Prinzen und Prinzessinnen 27 waren alle äußerst tugendhaft, und ich wußte 28 übrigens von der natürlichen Geschichte des menschlichen 

[Seite 263]

1 Geschlechts mehr, als ich merken ließ, und hatte 2 es meistens aus der Bibel gelernt. Bedenkliche Stellen 3 hielt ich mit Worten und Dingen, die mir vor Augen 4 kamen, zusammen, und brachte bei meiner Wißbegierde 5 und Combinationsgabe die Wahrheit glücklich heraus. 6 Hätte ich von Hexen gehört, so hätte ich auch mit der 7 Hexerei bekannt werden müssen.

8 Meiner Mutter und dieser Wißbegierde hatte ich 9 es zu danken, daß ich bei dem heftigen Hang zu 10 Büchern doch kochen lernte; aber dabei war etwas zu 11 sehen. Ein Huhn, ein Ferkel aufzuschneiden war für 12 mich ein Fest. Dem Vater brachte ich die Eingeweide, 13 und er redete mit mir darüber, wie mit einem jungen 14 Studenten, und pflegte mich oft mit inniger Freude 15 seinen mißrathenen Sohn zu nennen.

16 Nun war das zwölfte Jahr zurückgelegt. Ich lernte 17 Französisch, Tanzen und Zeichnen, und erhielt den gewöhnlichen 18 Religionsunterricht. Bei dem letzten wurden 19 manche Empfindungen und Gedanken rege, aber nichts 20 was sich auf meinen Zustand bezogen hätte. Ich hörte 21 gern von Gott reden, ich war stolz darauf, besser als 22 Meinesgleichen von ihm reden zu können; ich las nun 23 mit Eifer manche Bücher, die mich in den Stand setzten, 24 von Religion zu schwatzen, aber nie fiel es mir ein zu 25 denken, wie es denn mit mir stehe, ob meine Seele 26 auch so gestaltet sei, ob sie einem Spiegel gleiche, von 27 dem die ewige Sonne widerglänzen könnte; das hatte 28 ich ein für allemal schon vorausgesetzt.



[Seite 264]

1 Französisch lernte ich mit vieler Begierde. Mein 2 Sprachmeister war ein wackerer Mann. Er war nicht 3 ein leichtsinniger Empiriker, nicht ein trockner Grammatiker; 4 er hatte Wissenschaften, er hatte die Welt 5 gesehen. Zugleich mit dem Sprachunterrichte sättigte 6 er meine Wißbegierde auf mancherlei Weise. Ich liebte 7 ihn so sehr, daß ich seine Ankunft immer mit Herzklopfen 8 erwartete. Das Zeichnen fiel mir nicht schwer, 9 und ich würde es weiter gebracht haben, wenn mein 10 Meister Kopf und Kenntnisse gehabt hätte; er hatte 11 aber nur Hände und Übung.

12 Tanzen war anfangs nur meine geringste Freude; 13 mein Körper war zu empfindlich und ich lernte nur 14 in der Gesellschaft meiner Schwester. Durch den Einfall 15 unsers Tanzmeisters, allen seinen Schülern und 16 Schülerinnen einen Ball zu geben, ward aber die 17 Lust zu dieser Übung ganz anders belebt.

18 Unter vielen Knaben und Mädchen zeichneten sich 19 zwei Söhne des Hofmarschalls aus: der jüngste so alt 20 wie ich, der andere zwei Jahr älter, Kinder von einer 21 solchen Schönheit, daß sie nach dem allgemeinen Geständniß 22 alles übertrafen, was man je von schönen 23 Kindern gesehen hatte. Auch ich hatte sie kaum erblickt, 24 so sah ich niemand mehr vom ganzen Haufen. 25 In dem Augenblicke tanzte ich mit Aufmerksamkeit 26 und wünschte schön zu tanzen. Wie es kam, daß auch 27 diese Knaben unter allen andern mich vorzüglich bemerkten? 28 --- Genug, in der ersten Stunde waren wir 

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1 die besten Freunde, und die kleine Lustbarkeit ging noch 2 nicht zu Ende, so hatten wir schon ausgemacht, wo 3 wir uns nächstens wieder sehen wollten. Eine große 4 Freude für mich! Aber ganz entzückt war ich, als 5 beide den andern Morgen, jeder in einem galanten 6 Billet, das mit einem Blumenstrauß begleitet war, 7 sich nach meinem Befinden erkundigten. So fühlte 8 ich nie mehr, wie ich da fühlte! Artigkeiten wurden 9 mit Artigkeiten, Briefchen mit Briefchen erwidert. 10 Kirche und Promenaden wurden von nun an zu 11 Rendezvous; unsre jungen Bekannten luden uns schon 12 jederzeit zusammen ein, wir aber waren schlau genug, 13 die Sache dergestalt zu verdecken, daß die Eltern nicht 14 mehr davon einsahen, als wir für gut hielten.

15 Nun hatte ich auf einmal zwei Liebhaber bekommen. 16 Ich war für keinen entschieden; sie gefielen 17 mir beide, und wir standen auf's beste zusammen. 18 Auf einmal ward der ältere sehr krank; ich war 19 selbst schon oft sehr krank gewesen, und wußte den 20 Leidenden durch Übersendung mancher Artigkeiten und 21 für einen Kranken schicklicher Leckerbissen zu erfreuen, 22 daß seine Eltern die Aufmerksamkeit dankbar erkannten, 23 der Bitte des lieben Sohns Gehör gaben 24 und mich sammt meinen Schwestern, sobald er nur 25 das Bette verlassen hatte, zu ihm einluden. Die 26 Zärtlichkeit, womit er mich empfing, war nicht kindisch, 27 und von dem Tage an war ich für ihn entschieden. 28 Er warnte mich gleich, vor seinem Bruder 

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1 geheim zu sein; allein das Feuer war nicht mehr zu 2 verbergen, und die Eifersucht des jüngern machte den 3 Roman vollkommen. Er spielte uns tausend Streiche; 4 mit Lust vernichtete er unsre Freude, und vermehrte 5 dadurch die Leidenschaft, die er zu zerstören suchte.

6 Nun hatte ich denn wirklich das gewünschte 7 Schäfchen gefunden, und diese Leidenschaft hatte, wie 8 sonst eine Krankheit, die Wirkung auf mich, daß sie 9 mich still machte und mich von der schwärmenden 10 Freude zurückzog. Ich war einsam und gerührt und 11 Gott fiel mir wieder ein. Er blieb mein Vertrauter, 12 und ich weiß wohl, mit welchen Thränen ich für den 13 Knaben, der fortkränkelte, zu beten anhielt.

14 So viel Kindisches in dem Vorgang war, so viel 15 trug er zur Bildung meines Herzens bei. Unserm 16 französischen Sprachmeister mußten wir täglich, statt 17 der sonst gewöhnlichen Übersetzung, Briefe von unsrer 18 eignen Erfindung schreiben. Ich brachte meine Liebesgeschichte 19 unter dem Namen Phyllis und Damon zu 20 Markte. Der Alte sah bald durch, und um mich 21 treuherzig zu machen, lobte er meine Arbeit gar sehr. 22 Ich wurde immer kühner, ging offenherzig heraus 23 und war bis in's Detail der Wahrheit getreu. Ich 24 weiß nicht mehr, bei welcher Stelle er einst Gelegenheit 25 nahm, zu sagen: Wie das artig, wie das natürlich 26 ist! Aber die gute Phyllis mag sich in Acht 27 nehmen, es kann bald ernsthaft werden.

28 Mich verdroß, daß er die Sache nicht schon für 

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1 ernsthaft hielt, und fragte ihn piquirt, was er unter 2 ernsthaft verstehe? Er ließ sich nicht zweimal fragen, 3 und erklärte sich so deutlich, daß ich meinen Schrecken 4 kaum verbergen konnte. Doch da sich gleich darauf 5 bei mir der Verdruß einstellte, und ich ihm übel 6 nahm, daß er solche Gedanken hegen könne, faßte ich 7 mich, wollte meine Schöne rechtfertigen und sagte mit 8 feuerrothen Wangen: Aber, mein Herr, Phyllis ist 9 ein ehrbares Mädchen!

10 Nun war er boshaft genug, mich mit meiner ehrbaren 11 Heldin aufzuziehen, und, indem wir Französisch 12 sprachen, mit dem "honnête" zu spielen, um die Ehrbarkeit 13 der Phyllis durch alle Bedeutungen durchzuführen. 14 Ich fühlte das Lächerliche und war äußerst 15 verwirrt. Er, der mich nicht furchtsam machen wollte, 16 brach ab, brachte aber das Gespräch bei andern Gelegenheiten 17 wieder auf die Bahn. Schauspiele und 18 kleine Geschichten, die ich bei ihm las und übersetzte, 19 gaben ihm oft Anlaß zu zeigen, was für ein schwacher 20 Schutz die sogenannte Tugend gegen die Aufforderungen 21 eines Affects sei. Ich widersprach nicht mehr, 22 ärgerte mich aber immer heimlich, und seine Anmerkungen 23 wurden mir zur Last.

24 Mit meinem guten Damon kam ich auch nach und 25 nach aus aller Verbindung. Die Chikanen des jüngern 26 hatten unsern Umgang zerrissen. Nicht lange Zeit darauf 27 starben beide blühende Jünglinge. Es that mir 28 weh, aber bald waren sie vergessen.



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1 Phyllis wuchs nun schnell heran, war ganz gesund 2 und fing an die Welt zu sehen. Der Erbprinz vermählte 3 sich und trat bald darauf nach dem Tode 4 seines Vaters die Regierung an. Hof und Stadt 5 waren in lebhafter Bewegung. Nun hatte meine 6 Neugierde mancherlei Nahrung. Nun gab es Komödien, 7 Bälle und was sich daran anschließt, und ob 8 uns gleich die Eltern so viel als möglich zurück 9 hielten, so mußte man doch bei Hof, wo ich eingeführt 10 war, erscheinen. Die Fremden strömten herbei, 11 in allen Häusern war große Welt, an uns selbst 12 waren einige Cavaliere empfohlen und andre introducirt, 13 und bei meinem Oheim waren alle Nationen 14 anzutreffen.

15 Mein ehrlicher Mentor fuhr fort mich auf eine 16 bescheidene und doch treffende Weise zu warnen, und 17 ich nahm es ihm immer heimlich übel. Ich war 18 keinesweges von der Wahrheit seiner Behauptung überzeugt, 19 und vielleicht hatte ich auch damals Recht, vielleicht 20 hatte er Unrecht, die Frauen unter allen Umständen 21 für so schwach zu halten; aber er redete zugleich 22 so zudringlich, daß mir einst bange wurde, er 23 möchte Recht haben, da ich denn sehr lebhaft zu ihm 24 sagte: Weil die Gefahr so groß und das menschliche 25 Herz so schwach ist, so will ich Gott bitten, daß er 26 mich bewahre.

27 Die naive Antwort schien ihn zu freuen, er lobte 28 meinen Vorsatz; aber es war bei mir nichts weniger 

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1 als ernstlich gemeint; dießmal war es nur ein leeres 2 Wort: denn die Empfindungen für den Unsichtbaren 3 waren bei mir fast ganz verloschen. Der große 4 Schwarm, mit dem ich umgeben war, zerstreute mich 5 und riß mich wie ein starker Strom mit fort. Es 6 waren die leersten Jahre meines Lebens. Tagelang 7 von nichts zu reden, keinen gesunden Gedanken zu 8 haben, und nur zu schwärmen, das war meine Sache. 9 Nicht einmal der geliebten Bücher wurde gedacht. Die 10 Leute, mit denen ich umgeben war, hatten keine Ahnung 11 von Wissenschaften; es waren deutsche Hofleute, 12 und diese Classe hatte damals nicht die mindeste 13 Cultur.

14 Ein solcher Umgang, sollte man denken, hätte 15 mich an den Rand des Verderbens führen müssen. 16 Ich lebte in sinnlicher Munterkeit nur so hin, ich 17 sammelte mich nicht, ich betete nicht, ich dachte nicht 18 an mich noch an Gott; aber ich seh' es als eine 19 Führung an, daß mir keiner von den vielen schönen, 20 reichen und wohlgekleideten Männern gefiel. Sie 21 waren liederlich und versteckten es nicht, das schreckte 22 mich zurück; ihr Gespräch zierten sie mit Zweideutigkeiten, 23 das beleidigte mich, und ich hielt mich kalt 24 gegen sie; ihre Unart überstieg manchmal allen 25 Glauben, und ich erlaubte mir grob zu sein.

26 überdieß hatte mir mein Alter einmal vertraulich 27 eröffnet, daß mit den meisten dieser leidigen 28 Bursche nicht allein die Tugend, sondern auch die 

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1 Gesundheit eines Mädchens in Gefahr sei. Nun 2 graute mir erst vor ihnen, und ich war schon besorgt, 3 wenn mir einer auf irgend eine Weise zu 4 nahe kam. Ich hütete mich vor Gläsern und Tassen, 5 wie vor dem Stuhle, von dem einer aufgestanden 6 war. Auf diese Weise war ich moralisch und physisch 7 sehr isolirt, und alle die Artigkeiten, die sie mir sagten, 8 nahm ich stolz für schuldigen Weihrauch auf.

9 Unter den Fremden, die sich damals bei uns aufhielten, 10 zeichnete sich ein junger Mann besonders aus, 11 den wir im Scherz Narciß nannten. Er hatte sich 12 in der diplomatischen Laufbahn guten Ruf erworben, 13 und hoffte bei verschiedenen Veränderungen, die an 14 unserm neuen Hofe vorgingen, vortheilhaft placirt 15 zu werden. Er ward mit meinem Vater bald bekannt, 16 und seine Kenntnisse und sein Betragen öffneten 17 ihm den Weg in eine geschlossene Gesellschaft der 18 würdigsten Männer. Mein Vater sprach viel zu 19 seinem Lobe, und seine schöne Gestalt hätte noch 20 mehr Eindruck gemacht, wenn sein ganzes Wesen 21 nicht eine Art von Selbstgefälligkeit gezeigt hätte. 22 Ich hatte ihn gesehen, dachte gut von ihm, aber wir 23 hatten uns nie gesprochen.

24 Auf einem großen Balle, auf dem er sich auch befand, 25 tanzten wir eine Menuett zusammen; auch das 26 ging ohne nähere Bekanntschaft ab. Als die heftigen 27 Tänze angingen, die ich meinem Vater zu Liebe, der 28 für meine Gesundheit besorgt war, zu vermeiden 

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1 pflegte, begab ich mich in ein Nebenzimmer, und 2 unterhielt mich mit ältern Freundinnen, die sich 3 zum Spiele gesetzt hatten.

4 Narciß, der eine Weile mit herumgesprungen war, 5 kam auch einmal in das Zimmer, in dem ich mich 6 befand, und fing, nachdem er sich von einem Nasenbluten, 7 das ihn bei'm Tanzen überfiel, erholt hatte, 8 mit mir über mancherlei zu sprechen an. Binnen 9 einer halben Stunde war der Discurs so interessant, 10 ob sich gleich keine Spur von Zärtlichkeit drein 11 mischte, daß wir nun beide das Tanzen nicht mehr 12 vertragen konnten. Wir wurden bald von den andern 13 darüber geneckt, ohne daß wir uns dadurch irre 14 machen ließen. Den andern Abend konnten wir 15 unser Gespräch wieder anknüpfen und schonten unsre 16 Gesundheit sehr.

17 Nun war die Bekanntschaft gemacht. Narciß wartete 18 mir und meinen Schwestern auf, und nun fing 19 ich erst wieder an, gewahr zu werden, was ich alles 20 wußte, worüber ich gedacht, was ich empfunden hatte, 21 und worüber ich mich im Gespräche auszudrücken verstand. 22 Mein neuer Freund, der von jeher in der 23 besten Gesellschaft gewesen war, hatte außer dem 24 historischen und politischen Fache, das er ganz übersah, 25 sehr ausgebreitete literarische Kenntnisse, und 26 ihm blieb nichts Neues, besonders was in Frankreich 27 herauskam, unbekannt. Er brachte und sendete 28 mir manch angenehmes Buch, doch das mußte geheimer 

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1 als ein verbotenes Liebesverständniß gehalten 2 werden. Man hatte die gelehrten Weiber lächerlich 3 gemacht, und man wollte auch die unterrichteten nicht 4 leiden, wahrscheinlich weil man für unhöflich hielt, so 5 viel unwissende Männer beschämen zu lassen. Selbst 6 mein Vater, dem diese neue Gelegenheit, meinen Geist 7 auszubilden, sehr erwünscht war, verlangte ausdrücklich, 8 daß dieses literarische Commerz ein Geheimniß 9 bleiben sollte.

10 So währte unser Umgang beinahe Jahr und Tag, 11 und ich konnte nicht sagen, daß Narciß auf irgend 12 eine Weise Liebe oder Zärtlichkeit gegen mich geäußert 13 hätte. Er blieb artig und verbindlich, aber 14 zeigte keinen Affect; vielmehr schien der Reiz meiner 15 jüngsten Schwester, die damals außerordentlich schön 16 war, ihn nicht gleichgültig zu lassen. Er gab ihr 17 im Scherze allerlei freundliche Namen aus fremden 18 Sprachen, deren mehrere er sehr gut sprach, und 19 deren eigenthümliche Redensarten er gern in's deutsche 20 Gespräch mischte. Sie erwiderte seine Artigkeiten 21 nicht sonderlich; sie war von einem andern Fädchen 22 gebunden, und da sie überhaupt sehr rasch und er 23 empfindlich war, so wurden sie nicht selten über Kleinigkeiten 24 uneins. Mit der Mutter und den Tanten 25 wußte er sich gut zu halten, und so war er nach 26 und nach ein Glied der Familie geworden.

27 Wer weiß wie lange wir noch auf diese Weise 28 fortgelebt hätten, wären durch einen sonderbaren Zufall 

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1 unsere Verhältnisse nicht auf einmal verändert 2 worden. Ich ward mit meinen Schwestern in ein 3 gewisses Haus gebeten, wohin ich nicht gerne ging. 4 Die Gesellschaft war zu gemischt, und es fanden sich 5 dort oft Menschen wo nicht vom rohsten doch vom 6 plattsten Schlage mit ein. Dießmal war Narciß 7 auch mit geladen, und um seinetwillen war ich geneigt 8 hin zu gehen: denn ich war doch gewiß, jemanden 9 zu finden, mit dem ich mich auf meine Weise unterhalten 10 konnte. Schon bei Tafel hatten wir manches 11 auszustehen, denn einige Männer hatten stark getrunken; 12 nach Tische sollten und mußten Pfänder 13 gespielt werden. Es ging dabei sehr rauschend und 14 lebhaft zu. Narciß hatte ein Pfand zu lösen; man 15 gab ihm auf, der ganzen Gesellschaft etwas in's Ohr 16 zu sagen, das jedermann angenehm wäre. Er mochte 17 sich bei meiner Nachbarin, der Frau eines Hauptmanns, 18 zu lange verweilen. Auf einmal gab ihm 19 dieser eine Ohrfeige, daß mir, die ich gleich daran 20 saß, der Puder in die Augen flog. Als ich die Augen 21 ausgewischt und mich vom Schrecken einigermaßen erholt 22 hatte, sah ich beide Männer mit bloßen Degen. 23 Narciß blutete, und der andere, außer sich von Wein, 24 Zorn und Eifersucht, konnte kaum von der ganzen 25 übrigen Gesellschaft zurück gehalten werden. Ich 26 nahm Narcissen bei'm Arm und führte ihn zur 27 Thüre hinaus eine Treppe hinauf in ein ander 28 Zimmer, und weil ich meinen Freund vor seinem 

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1 tollen Gegner nicht sicher glaubte, riegelte ich die 2 Thüre sogleich zu.

3 Wir hielten beide die Wunde nicht für ernsthaft, 4 denn wir sahen nur einen leichten Hieb über die 5 Hand; bald aber wurden wir einen Strom von 6 Blut, der den Rücken hinunterfloß, gewahr, und es 7 zeigte sich eine große Wunde auf dem Kopfe. Nun 8 ward mir bange. Ich eilte auf den Vorplatz, um 9 nach Hülfe zu schicken, konnte aber niemand ansichtig 10 werden, denn alles war unten geblieben, den rasenden 11 Menschen zu bändigen. Endlich kam eine Tochter 12 des Hauses heraufgesprungen, und ihre Munterkeit 13 ängstigte mich nicht wenig, da sie sich über den tollen 14 Spectakel und über die verfluchte Komödie fast zu 15 Tode lachen wollte. Ich bat sie dringend, mir einen 16 Wundarzt zu schaffen, und sie, nach ihrer wilden 17 Art, sprang gleich die Treppe hinunter, selbst einen 18 zu holen.

19 Ich ging wieder zu meinem Verwundeten, band 20 ihm mein Schnupftuch um die Hand, und ein Handtuch, 21 das an der Thüre hing, um den Kopf. Er blutete 22 noch immer heftig: der Verwundete erblaßte und schien 23 in Ohnmacht zu sinken. Niemand war in der Nähe, 24 der mir hätte beistehen können; ich nahm ihn sehr 25 ungezwungen in den Arm und suchte ihn durch 26 Streicheln und Schmeicheln aufzumuntern. Es schien 27 die Wirkung eines geistigen Heilmittels zu thun; er 28 blieb bei sich, aber saß todtenbleich da.



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1 Nun kam endlich die thätige Hausfrau und wie 2 erschrak sie, als sie den Freund in dieser Gestalt in 3 meinen Armen liegen und uns alle beide mit Blut 4 überströmt sah: denn niemand hatte sich vorgestellt, 5 daß Narciß verwundet sei; alle meinten, ich habe ihn 6 glücklich hinaus gebracht.

7 Nun war Wein, wohlriechendes Wasser und was 8 nur erquicken und erfrischen konnte, im Überfluß da, 9 nun kam auch der Wundarzt und ich hätte wohl abtreten 10 können; allein Narciß hielt mich fest bei der 11 Hand, und ich wäre ohne gehalten zu werden stehen 12 geblieben. Ich fuhr während des Verbandes fort, 13 ihn mit Wein anzustreichen und achtete es wenig, 14 daß die ganze Gesellschaft nunmehr umher stand. 15 Der Wundarzt hatte geendigt, der Verwundete nahm 16 einen stummen verbindlichen Abschied von mir und 17 wurde nach Hause getragen.

18 Nun führte mich die Hausfrau in ihr Schlafzimmer; 19 sie mußte mich ganz auskleiden, und ich 20 darf nicht verschweigen, daß ich, da man sein Blut 21 von meinem Körper abwusch, zum erstenmal zufällig 22 im Spiegel gewahr wurde, daß ich mich auch ohne 23 Hülle für schön halten durfte. Ich konnte keines 24 meiner Kleidungsstücke wieder anziehn, und da die 25 Personen im Hause alle kleiner oder stärker waren 26 als ich, so kam ich in einer seltsamen Verkleidung 27 zum größten Erstaunen meiner Eltern nach Hause. 28 Sie waren über mein Schrecken, über die Wunden 

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1 des Freundes, über den Unsinn des Hauptmanns, 2 über den ganzen Vorfall äußerst verdrießlich. Wenig 3 fehlte, so hätte mein Vater selbst, seinen Freund auf 4 der Stelle zu rächen, den Hauptmann herausgefordert. 5 Er schalt die anwesenden Herren, daß sie ein solches 6 meuchlerisches Beginnen nicht auf der Stelle geahndet; 7 denn es war nur zu offenbar, daß der Hauptmann 8 sogleich, nachdem er geschlagen, den Degen gezogen 9 und Narcissen von hinten verwundet habe; der Hieb 10 über die Hand war erst geführt worden, als Narciß 11 selbst zum Degen griff. Ich war unbeschreiblich 12 alterirt und afficirt, oder wie soll ich es ausdrücken; 13 der Affect, der im tiefsten Grunde des Herzens ruhte, 14 war auf einmal losgebrochen, wie eine Flamme, 15 welche Luft bekömmt. Und wenn Lust und Freude 16 sehr geschickt sind, die Liebe zuerst zu erzeugen und 17 im Stillen zu nähren, so wird sie, die von Natur 18 herzhaft ist, durch den Schrecken am leichtesten angetrieben, 19 sich zu entscheiden und zu erklären. Man 20 gab dem Töchterchen Arznei ein und legte es zu 21 Bette. Mit dem frühesten Morgen eilte mein Vater 22 zu dem verwundeten Freund, der an einem starken 23 Wundfieber recht krank darnieder lag.

24 Mein Vater sagte mir wenig von dem, was er 25 mit ihm geredet hatte, und suchte mich wegen der 26 Folgen, die dieser Vorfall haben könnte, zu beruhigen. 27 Es war die Rede, ob man sich mit einer Abbitte begnügen 28 könne, ob die Sache gerichtlich werden müsse 

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1 und was dergleichen mehr war. Ich kannte meinen 2 Vater zu wohl, als daß ich ihm geglaubt hätte, daß 3 er diese Sache ohne Zweikampf geendigt zu sehen 4 wünschte; allein ich blieb still, denn ich hatte von 5 meinem Vater früh gelernt, daß Weiber in solche 6 Händel sich nicht zu mischen hätten. übrigens schien 7 es nicht, als wenn zwischen den beiden Freunden 8 etwas vorgefallen wäre, das mich betroffen hätte; 9 doch bald vertraute mein Vater den Inhalt seiner 10 weitern Unterredung meiner Mutter. Narciß, sagte 11 er, sei äußerst gerührt von meinem geleisteten Beistand, 12 habe ihn umarmt, sich für meinen ewigen 13 Schuldner erklärt, bezeigt, er verlange kein Glück, 14 wenn er es nicht mit mir theilen sollte; er habe sich 15 die Erlaubniß ausgebeten, ihn als Vater ansehn zu 16 dürfen. Mama sagte mir das alles treulich wieder, 17 hängte aber die wohlmeinende Erinnerung daran, auf 18 so etwas, das in der ersten Bewegung gesagt worden, 19 dürfe man so sehr nicht achten. Ja freilich, antwortete 20 ich mit angenommener Kälte, und fühlte der 21 Himmel weiß was und wieviel dabei.

22 Narciß blieb zwei Monate krank, konnte wegen der 23 Wunde an der rechten Hand nicht einmal schreiben, 24 bezeigte mir aber inzwischen sein Andenken durch die 25 verbindlichste Aufmerksamkeit. Alle diese mehr als 26 gewöhnlichen Höflichkeiten hielt ich mit dem, was ich 27 von der Mutter erfahren hatte, zusammen, und beständig 28 war mein Kopf voller Grillen. Die ganze 

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1 Stadt unterhielt sich von der Begebenheit. Man sprach 2 mit mir davon in einem besondern Tone, man zog 3 Folgerungen daraus, die, so sehr ich sie abzulehnen 4 suchte, mir immer sehr nahe gingen. Was vorher 5 Tändelei und Gewohnheit gewesen war, ward nun 6 Ernst und Neigung. Die Unruhe, in der ich lebte, 7 war um so heftiger, je sorgfältiger ich sie vor allen 8 Menschen zu verbergen suchte. Der Gedanke, ihn zu 9 verlieren, erschreckte mich, und die Möglichkeit einer 10 nähern Verbindung machte mich zittern. Der Gedanke 11 des Ehestandes hat für ein halbkluges Mädchen 12 gewiß etwas Schreckhaftes.

13 Durch diese heftigen Erschütterungen ward ich 14 wieder an mich selbst erinnert. Die bunten Bilder 15 eines zerstreuten Lebens, die mir sonst Tag und Nacht 16 vor den Augen schwebten, waren auf einmal weggeblasen. 17 Meine Seele fing wieder an sich zu regen; 18 allein die sehr unterbrochene Bekanntschaft mit dem 19 unsichtbaren Freunde war so leicht nicht wieder hergestellt. 20 Wir blieben noch immer in ziemlicher Entfernung; 21 es war wieder etwas, aber gegen sonst ein 22 großer Unterschied.

23 Ein Zweikampf, worin der Hauptmann stark verwundet 24 wurde, war vorüber, ohne daß ich etwas davon 25 erfahren hatte, und die öffentliche Meinung war 26 in jedem Sinne auf der Seite meines Geliebten, der 27 endlich wieder auf dem Schauplatze erschien. Vor 28 allen Dingen ließ er sich mit verbundnem Haupt 

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1 und eingewickelter Hand in unser Haus tragen. Wie 2 klopfte mir das Herz bei diesem Besuche! Die ganze 3 Familie war gegenwärtig; es blieb auf beiden Seiten 4 nur bei allgemeinen Danksagungen und Höflichkeiten; 5 doch fand er Gelegenheit, mir einige geheime Zeichen 6 seiner Zärtlichkeit zu geben, wodurch meine Unruhe 7 nur zu sehr vermehrt ward. Nachdem er sich völlig 8 wieder erholt, besuchte er uns den ganzen Winter auf 9 eben dem Fuß wie ehemals, und bei allen leisen 10 Zeichen von Empfindung und Liebe, die er mir gab, 11 blieb alles unerörtert.

12 Auf diese Weise ward ich in steter übung gehalten. 13 Ich konnte mich keinem Menschen vertrauen und von 14 Gott war ich zu weit entfernt. Ich hatte diesen während 15 vier wilder Jahre ganz vergessen; nun dachte 16 ich dann und wann wieder an ihn, aber die Bekanntschaft 17 war erkaltet; es waren nur Ceremonienvisiten, 18 die ich ihm machte, und da ich überdieß, 19 wenn ich vor ihm erschien, immer schöne Kleider anlegte, 20 meine Tugend, Ehrbarkeit und Vorzüge, die 21 ich vor andern zu haben glaubte, ihm mit Zufriedenheit 22 vorwies; so schien er mich in dem Schmucke gar 23 nicht zu bemerken.

24 Ein Höfling würde, wenn sein Fürst, von dem er 25 sein Glück erwartet, sich so gegen ihn betrüge, sehr 26 beunruhigt werden; mir aber war nicht übel dabei zu 27 Muthe. Ich hatte was ich brauchte, Gesundheit und 28 Bequemlichkeit; wollte sich Gott mein Andenken gefallen 

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1 lassen, so war es gut; wo nicht, so glaubte 2 ich doch meine Schuldigkeit gethan zu haben.

3 So dachte ich freilich damals nicht von mir; aber 4 es war doch die wahrhafte Gestalt meiner Seele. Meine 5 Gesinnungen zu ändern und zu reinigen, waren aber 6 auch schon Anstalten gemacht.

7 Der Frühling kam heran, und Narciß besuchte 8 mich unangemeldet zu einer Zeit, da ich ganz allein 9 zu Hause war. Nun erschien er als Liebhaber und 10 fragte mich, ob ich ihm mein Herz, und, wenn er 11 eine ehrenvolle wohlbesoldete Stelle erhielte, auch dereinst 12 meine Hand schenken wollte?

13 Man hatte ihn zwar in unsre Dienste genommen; 14 allein anfangs hielt man ihn, weil man sich vor 15 seinem Ehrgeiz fürchtete, mehr zurück, als daß man 16 ihn schnell empor gehoben hätte, und ließ ihn, weil 17 er eignes Vermögen hatte, bei einer kleinen Besoldung. 18 Besoldung.

19 Bei aller meiner Neigung zu ihm wußte ich, daß 20 er der Mann nicht war, mit dem man ganz gerade 21 handeln konnte. Ich nahm mich daher zusammen 22 und verwies ihn an meinen Vater, an dessen Einwilligung 23 er nicht zu zweifeln schien, und mit mir 24 erst auf der Stelle einig sein wollte. Endlich sagte 25 ich Ja, indem ich die Beistimmung meiner Eltern 26 zur nothwendigen Bedingung machte. Er sprach alsdann 27 mit beiden förmlich; sie zeigten ihre Zufriedenheit, 28 man gab sich das Wort auf den bald zu hoffenden 

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1 Fall, daß man ihn weiter avanciren werde. Schwestern 2 und Tanten wurden davon benachrichtigt, und ihnen 3 das Geheimniß auf das strengste anbefohlen.

4 Nun war aus einem Liebhaber ein Bräutigam 5 geworden. Die Verschiedenheit zwischen beiden zeigte 6 sich sehr groß. Könnte jemand die Liebhaber aller 7 wohldenkenden Mädchen in Bräutigame verwandeln, 8 so wäre es eine große Wohlthat für unser Geschlecht, 9 selbst wenn auf dieses Verhältniß keine Ehe erfolgen 10 sollte. Die Liebe zwischen beiden Personen nimmt 11 dadurch nicht ab, aber sie wird vernünftiger. Unzählige 12 kleine Thorheiten, alle Koketterien und Launen 13 fallen gleich hinweg. Äußert uns der Bräutigam, 14 daß wir ihm in einer Morgenhaube besser als in dem 15 schönsten Aufsatze gefallen, dann wird einem wohldenkenden 16 Mädchen gewiß die Frisur gleichgültig, und 17 es ist nichts natürlicher, als daß er auch solid denkt, 18 und lieber sich eine Hausfrau, als der Welt eine 19 Putzdocke zu bilden wünscht. Und so geht es durch 20 alle Fächer durch.

21 Hat ein solches Mädchen dabei das Glück, daß 22 ihr Bräutigam Verstand und Kenntnisse besitzt, so 23 lernt sie mehr, als hohe Schulen und fremde Länder 24 geben können. Sie nimmt nicht nur alle Bildung 25 gern an, die er ihr gibt, sondern sie sucht sich auch 26 auf diesem Wege so immer weiter zu bringen. Die 27 Liebe macht vieles Unmögliche möglich, und endlich 28 geht die dem weiblichen Geschlecht so nöthige und anständige 

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1 Unterwerfung sogleich an; der Bräutigam 2 herrscht nicht wie der Ehemann; er bittet nur, und 3 seine Geliebte sucht ihm abzumerken, was er wünscht, 4 um es noch eher zu vollbringen als er bittet.

5 So hat mich die Erfahrung gelehrt, was ich nicht 6 um vieles missen möchte. Ich war glücklich, wahrhaft 7 glücklich, wie man es in der Welt sein kann, 8 das heißt, auf kurze Zeit.

9 Ein Sommer ging unter diesen stillen Freuden 10 hin. Narciß gab mir nicht die mindeste Gelegenheit 11 zu Beschwerden; er ward mir immer lieber, meine 12 ganze Seele hing an ihm, das wußte er wohl und 13 wußte es zu schätzen. Inzwischen entspann sich aus 14 anscheinenden Kleinigkeiten etwas, das unserm Verhältnisse 15 nach und nach schädlich wurde.

16 Narciß ging als Bräutigam mit mir um, und 17 nie wagte er es, das von mir zu begehren, was uns 18 noch verboten war. Allein über die Gränzen der 19 Tugend und Sittsamkeit waren wir sehr verschiedener 20 Meinung. Ich wollte sicher gehen und erlaubte durchaus 21 keine Freiheit, als welche allenfalls die ganze 22 Welt hätte wissen dürfen. Er, an Näschereien gewöhnt, 23 fand diese Diät sehr streng, hier setzte es nun 24 beständigen Widerspruch; er lobte mein Verhalten und 25 suchte meinen Entschluß zu untergraben.

26 Mir fiel das ernsthaft meines alten Sprachmeisters 27 wieder ein, und zugleich das Hülfsmittel, 28 das ich damals dagegen angegeben hatte.



[Seite 283]

1 Mit Gott war ich wieder ein wenig bekannter geworden. 2 Er hatte mir so einen lieben Bräutigam 3 gegeben und dafür wußte ich ihm Dank. Die irdische 4 Liebe selbst concentrirte meinen Geist und setzte ihn 5 in Bewegung, und meine Beschäftigung mit Gott 6 widersprach ihr nicht. Ganz natürlich klagte ich ihm, 7 was mich bange machte, und bemerkte nicht, daß ich 8 selbst das, was mich bange machte, wünschte und begehrte. 9 Ich kam mir sehr stark vor und betete nicht 10 etwa: Bewahre mich vor Versuchung! über die Versuchung 11 war ich meinen Gedanken nach weit hinaus. 12 In diesem losen Flitterschmuck eigner Tugend erschien 13 ich dreist vor Gott; er stieß mich nicht weg; auf die 14 geringste Bewegung zu ihm hinterließ er einen sanften 15 Eindruck in meiner Seele, und dieser Eindruck bewegte 16 mich, ihn immer wieder aufzusuchen.

17 Die ganze Welt war mir außer Narcissen todt, 18 nichts hatte außer ihm einen Reiz für mich. Selbst 19 meine Liebe zum Putz hatte nur den Zweck, ihm zu 20 gefallen; wußte ich, daß er mich nicht sah, so konnte 21 ich keine Sorgfalt darauf wenden. Ich tanzte gern; 22 wenn er aber nicht dabei war, so schien mir, als 23 wenn ich die Bewegung nicht vertragen könnte. Auf 24 ein brillantes Fest, bei dem er nicht zugegen war, 25 konnte ich mir weder etwas Neues anschaffen, noch 26 das Alte der Mode gemäß aufstutzen. Einer war 27 mir so lieb als der andere, doch möchte ich lieber 28 sagen, einer so lästig als der andere. Ich glaubte 

[Seite 284]

1 meinen Abend recht gut zugebracht zu haben, wenn 2 ich mir mit ältern Personen ein Spiel ausmachen 3 konnte, wozu ich sonst nicht die mindeste Lust hatte, 4 und wenn ein alter guter Freund mich etwa scherzhaft 5 darüber aufzog, lächelte ich vielleicht das erstemal 6 den ganzen Abend. So ging es mit Promenaden 7 und allen gesellschaftlichen Vergnügungen, die sich nur 8 denken lassen. 9     Ich hatt' ihn einzig mir erkoren;
10     Ich schien mir nur für ihn geboren,
11     Begehrte nichts als seine Gunst.


12 So war ich oft in der Gesellschaft einsam, und 13 die völlige Einsamkeit war mir meistens lieber. Allein 14 mein geschäftiger Geist konnte weder schlafen noch 15 träumen; ich fühlte und dachte, und erlangte nach 16 und nach eine Fertigkeit, von meinen Empfindungen 17 und Gedanken mit Gott zu reden. Da entwickelten 18 sich Empfindungen anderer Art in meiner Seele, die 19 jenen nicht widersprachen. Denn meine Liebe zu Narciß 20 war dem ganzen Schöpfungsplane gemäß und stieß 21 nirgend gegen meine Pflichten an. Sie widersprachen 22 sich nicht und waren doch unendlich verschieden. Narciß 23 war das einzige Bild, das mir vorschwebte, auf 24 das sich meine ganze Liebe bezog; aber das andere 25 Gefühl bezog sich auf kein Bild und war unaussprechlich 26 angenehm. Ich habe es nicht mehr und 27 kann es mir nicht mehr geben.

28 Mein Geliebter, der sonst alle meine Geheimnisse 

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1 wußte, erfuhr nichts hiervon. Ich merkte bald, daß 2 er anders dachte; er gab mir öfters Schriften, die 3 alles, was man Zusammenhang mit dem Unsichtbaren 4 heißen kann, mit leichten und schweren Waffen 5 bestritten. Ich las die Bücher, weil sie von ihm 6 kamen, und wußte am Ende kein Wort von allem 7 dem, was darin gestanden hatte.

8 Über Wissenschaften und Kenntnisse ging es auch 9 nicht ohne Widerspruch ab; er machte es wie alle 10 Männer, spottete über gelehrte Frauen und bildete 11 unaufhörlich an mir. Über alle Gegenstände, die 12 Rechtsgelehrsamkeit ausgenommen, pflegte er mit mir 13 zu sprechen, und indem er mir Schriften von allerlei 14 Art beständig zubrachte, wiederholte er oft die bedenkliche 15 Lehre: daß ein Frauenzimmer sein Wissen 16 heimlicher halten müsse, als der Calvinist seinen 17 Glauben im katholischen Lande; und indem ich wirklich 18 auf eine ganz natürliche Weise vor der Welt 19 mich nicht klüger und unterrichteter als sonst zu 20 zeigen pflegte, war er der erste, der gelegentlich der 21 Eitelkeit nicht widerstehen konnte, von meinen Vorzügen 22 zu sprechen.

23 Ein berühmter und damals wegen seines Einflusses, 24 seiner Talente und seines Geistes sehr geschätzter 25 Weltmann fand an unserm Hofe großen Beifall. 26 Er zeichnete Narcissen besonders aus und hatte 27 ihn beständig um sich. Sie stritten auch über die 28 Tugend der Frauen. Narciß vertraute mir weitläufig 

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1 ihre Unterredung; ich blieb mit meinen Anmerkungen 2 nicht dahinten, und mein Freund verlangte 3 von mir einen schriftlichen Aufsatz. Ich schrieb 4 ziemlich geläufig Französisch: ich hatte bei meinem 5 Alten einen guten Grund gelegt. Die Correspondenz 6 mit meinem Freunde war in dieser Sprache geführt, 7 und eine feinere Bildung konnte man überhaupt damals 8 nur aus französischen Büchern nehmen. Mein 9 Aufsatz hatte dem Grafen gefallen; ich mußte einige 10 kleine Lieder hergeben, die ich vor kurzem gedichtet 11 hatte. Genug, Narciß schien sich auf seine Geliebte 12 ohne Rückhalt etwas zu Gute zu thun, und die Geschichte 13 endigte zu seiner großen Zufriedenheit mit 14 einer geistreichen Epistel in französischen Versen, die 15 ihm der Graf bei seiner Abreise zusandte, worin 16 ihres freundschaftlichen Streites gedacht war, und 17 mein Freund am Ende glücklich gepriesen wurde, daß 18 er nach so manchen Zweifeln und Irrthümern in 19 den Armen einer reizenden und tugendhaften Gattin 20 was Tugend sei am sichersten erfahren würde.

21 Dieses Gedicht ward mir vor allen und dann 22 aber auch fast jedermann gezeigt, und jeder dachte 23 dabei, was er wollte. So ging es in mehreren 24 Fällen, und so mußten alle Fremden, die er schätzte, 25 in unserm Hause bekannt werden.

26 Eine gräfliche Familie hielt sich wegen unsres 27 geschickten Arztes eine Zeitlang hier auf. Auch in 28 diesem Hause war Narciß wie ein Sohn gehalten; 

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1 er führte mich daselbst ein, man fand bei diesen 2 würdigen Personen eine angenehme Unterhaltung für 3 Geist und Herz, und selbst die gewöhnlichen Zeitvertreibe 4 der Gesellschaft schienen in diesem Hause nicht 5 so leer wie anderwärts. Jedermann wußte wie wir 6 zusammen standen; man behandelte uns, wie es die 7 Umstände mit sich brachten, und ließ das Hauptverhältniß 8 unberührt. Ich erwähne dieser einen Bekanntschaft, 9 weil sie in der Folge meines Lebens 10 manchen Einfluß auf mich hatte.

11 Nun war fast ein Jahr unserer Verbindung verstrichen, 12 und mit ihm war auch unser Frühling dahin. 13 Der Sommer kam und alles wurde ernsthafter 14 und heißer.

15 Durch einige unerwartete Todesfälle waren Ämter 16 erledigt, auf die Narciß Anspruch machen konnte. 17 Der Augenblick war nahe, in dem sich mein ganzes 18 Schicksal entscheiden sollte, und indeß Narciß und 19 alle Freunde sich bei Hofe die möglichste Mühe gaben, 20 gewisse Eindrücke, die ihm ungünstig waren, zu vertilgen, 21 und ihm den erwünschten Platz zu verschaffen, 22 wendete ich mich mit meinem Anliegen zu dem unsichtbaren 23 Freunde. Ich ward so freundlich aufgenommen, 24 daß ich gern wiederkam. Ganz frei gestand 25 ich meinen Wunsch, Narciß möchte zu der Stelle gelangen; 26 allein meine Bitte war nicht ungestüm, und 27 ich forderte nicht, daß es um meines Gebets willen 28 geschehen sollte.



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1 Die Stelle ward durch einen viel geringern Concurrenten 2 besetzt. Ich erschrak heftig über die Zeitung, 3 und eilte in mein Zimmer, das ich fest hinter mir 4 zumachte. Der erste Schmerz lös'te sich in Thränen 5 auf; der nächste Gedanke war: Es ist aber doch nicht 6 von ungefähr geschehen, und sogleich folgte die Entschließung, 7 es mir recht wohl gefallen zu lassen, weil 8 auch dieses anscheinende Übel zu meinem wahren 9 Besten gereichen würde. Nun drangen die sanftesten 10 Empfindungen, die alle Wolken des Kummers zertheilten, 11 herbei; ich fühlte, daß sich mit dieser Hülfe 12 alles ausstehen ließ. Ich ging heiter zu Tische, zum 13 Erstaunen meiner Hausgenossen.

14 Narciß hatte weniger Kraft als ich, und ich mußte 15 ihn trösten. Auch in seiner Familie begegneten ihm 16 Widerwärtigkeiten, die ihn sehr drückten, und bei dem 17 wahren Vertrauen, das unter uns statt hatte, vertraute 18 er mir alles. Seine Negociationen in fremde 19 Dienste zu gehen waren auch nicht glücklicher; alles 20 fühlte ich tief um seinet- und meinetwillen, und alles 21 trug ich zuletzt an den Ort, wo mein Anliegen so 22 wohl aufgenommen wurde.

23 Je sanfter diese Erfahrungen waren, desto öfter 24 suchte ich sie zu erneuern, und den Trost immer da, 25 wo ich ihn so oft gefunden hatte; allein ich fand ihn 26 nicht immer: es war mir wie einem, der sich an der 27 Sonne wärmen will, und dem etwas im Wege steht, 28 das Schatten macht. Was ist das? fragte ich mich 

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1 selbst. Ich spürte der Sache eifrig nach, und bemerkte 2 deutlich, daß alles von der Beschaffenheit 3 meiner Seele abhing; wenn die nicht ganz in der 4 geradesten Richtung zu Gott gekehrt war, so blieb 5 ich kalt; ich fühlte seine Rückwirkung nicht, und 6 konnte seine Antwort nicht vernehmen. Nun war 7 die zweite Frage: Was verhindert diese Richtung? 8 Hier war ich in einem weiten Feld, und verwickelte 9 mich in eine Untersuchung, die beinahe das ganze 10 zweite Jahr meiner Liebesgeschichte fortdauerte. Ich 11 hätte sie früher endigen können, denn ich kam bald 12 auf die Spur; aber ich wollte es nicht gestehen, und 13 suchte tausend Ausflüchte.

14 Ich fand sehr bald, daß die gerade Richtung 15 meiner Seele durch thörichte Zerstreuung und Beschäftigung 16 mit unwürdigen Sachen gestört werde; 17 das Wie und Wo war mir bald klar genug. Nun 18 aber wie herauskommen in einer Welt, wo alles 19 gleichgültig oder toll ist? Gern hätte ich die Sache 20 an ihren Ort gestellt sein lassen, und hätte auf Gerathewohl 21 hingelebt wie andere Leute auch, die ich 22 ganz wohlauf sah; allein ich durfte nicht: mein 23 Inneres widersprach mir zu oft. Wollte ich mich 24 der Gesellschaft entziehen und meine Verhältnisse verändern, 25 so konnte ich nicht. Ich war nun einmal 26 in einen Kreis hinein gesperrt; gewisse Verbindungen 27 konnte ich nicht los werden, und in der mir so angelegenen 28 Sache drängten und häuften sich die Fatalitäten. 

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1 Ich legte mich oft mit Thränen zu Bette, 2 und stand nach einer schlaflosen Nacht auch wieder 3 so auf; ich bedurfte einer kräftigen Unterstützung, 4 und die verlieh mir Gott nicht, wenn ich mit der 5 Schellenkappe herumlief.

6 Nun ging es an ein Abwiegen aller und jeder 7 Handlungen; Tanzen und Spielen wurden am ersten 8 in Untersuchung genommen. Nie ist etwas für oder 9 gegen diese Dinge geredet, gedacht oder geschrieben 10 worden, das ich nicht aufsuchte, besprach, las, erwog, 11 vermehrte, verwarf, und mich unerhört herumplagte. 12 Unterließ ich diese Dinge, so war ich gewiß, Narcissen 13 zu beleidigen; denn er fürchtete sich äußerst vor dem 14 Lächerlichen, das uns der Anschein ängstlicher Gewissenhaftigkeit 15 vor der Welt gibt. Weil ich nun 16 das, was ich für Thorheit, für schädliche Thorheit 17 hielt, nicht einmal aus Geschmack, sondern bloß um 18 seinetwillen that, so wurde mir alles entsetzlich schwer.

19 Ohne unangenehme Weitläufigkeiten und Wiederholungen 20 würde ich die Bemühungen nicht darstellen 21 können, welche ich anwendete, um jene Handlungen, 22 die mich nun einmal zerstreuten und meinen innern 23 Frieden störten, so zu verrichten, daß dabei mein 24 Herz für die Einwirkungen des unsichtbaren Wesens 25 offen bliebe, und wie schmerzlich ich empfinden mußte, 26 daß der Streit auf diese Weise nicht beigelegt werden 27 könne. Denn sobald ich mich in das Gewand der 28 Thorheit kleidete, blieb es nicht bloß bei der Maske, 

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1 sondern die Narrheit durchdrang mich sogleich durch 2 und durch.

3 Darf ich hier das Gesetz einer bloß historischen 4 Darstellung überschreiten, und einige Betrachtungen 5 über dasjenige machen, was in mir vorging? Was 6 konnte das sein, das meinen Geschmack und meine 7 Sinnesart so änderte, daß ich im zwei und zwanzigsten 8 Jahre, ja früher, kein Vergnügen an Dingen 9 fand, die Leute von diesem Alter unschuldig belustigen 10 können? Warum waren sie mir nicht unschuldig? 11 Ich darf wohl antworten: Eben weil sie mir nicht 12 unschuldig waren, weil ich nicht, wie andre Meinesgleichen, 13 unbekannt mit meiner Seele war. Nein, ich 14 wußte aus Erfahrungen, die ich ungesucht erlangt 15 hatte, daß es höhere Empfindungen gebe, die uns ein 16 Vergnügen wahrhaftig gewährten, das man vergebens 17 bei Lustbarkeiten sucht, und daß in diesen höhern 18 Freuden zugleich ein geheimer Schatz zur Stärkung 19 im Unglück aufbewahrt sei.

20 Aber die geselligen Vergnügungen und Zerstreuungen 21 der Jugend mußten doch nothwendig einen starken Reiz 22 für mich haben, weil es mir nicht möglich war, sie zu 23 thun, als thäte ich sie nicht. Wie manches könnte ich 24 jetzt mit großer Kälte thun, wenn ich nur wollte, was 25 mich damals irre machte, ja Meister über mich zu werden 26 drohte. Hier konnte kein Mittelweg gehalten werden: 27 ich mußte entweder die reizenden Vergnügungen oder 28 die erquickenden innerlichen Empfindungen entbehren.



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1 Aber schon war der Streit in meiner Seele ohne 2 mein eigentliches Bewußtsein entschieden. Wenn auch 3 etwas in mir war, das sich nach den sinnlichen 4 Freuden hinsehnte, so konnte ich sie doch nicht mehr 5 genießen. Wer den Wein noch so sehr liebt, dem 6 wird alle Lust zum Trinken vergehen, wenn er sich 7 bei vollen Fässern in einem Keller befände, in welchem 8 die verdorbene Luft ihn zu ersticken drohte. Reine 9 Luft ist mehr als Wein, das fühlte ich nur zu lebhaft, 10 und es hätte gleich von Anfang an wenig Überlegung 11 bei mir gekostet, das Gute dem Reizenden vorzuziehen, 12 wenn mich die Furcht, Narcissens Gunst zu 13 verlieren, nicht abgehalten hätte. Aber da ich endlich 14 nach tausendfältigem Streit, nach immer wiederholter 15 Betrachtung, auch scharfe Blicke auf das Band warf, 16 das mich an ihm festhielt, entdeckte ich, daß es nur 17 schwach war, daß es sich zerreißen lasse. Ich erkannte 18 auf einmal, daß es nur eine Glasglocke sei, 19 die mich in den luftleeren Raum sperrte; nur noch 20, 21 so viel Kraft sie entzwei zu schlagen, und du bist gerettet!

22 Gedacht gewagt. Ich zog die Maske ab und handelte 23 jedesmal, wie mir's um's Herz war. Narcissen 24 hatte ich immer zärtlich lieb; aber das Thermometer, 25 das vorher im heißen Wasser gestanden, hing nun an 26 der natürlichen Luft; es konnte nicht höher steigen, 27 als die Atmosphäre warm war.

28 Unglücklicherweise erkältete sie sich sehr. Narciß 

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1 fing an, sich zurückzuziehen und fremd zu thun; das 2 stand ihm frei; aber mein Thermometer fiel, so wie 3 er sich zurückzog. Meine Familie |bemerkte es, man 4 befragte mich, man wollte sich verwundern. Ich erklärte 5 mit männlichem Trotz, daß ich mich bisher 6 genug aufgeopfert habe, daß ich bereit sei, noch ferner 7 und bis an's Ende meines Lebens alle Widerwärtigkeiten 8 mit ihm zu theilen; daß ich aber für meine 9 Handlungen völlige Freiheit verlange, daß mein Thun 10 und Lassen von meiner Überzeugung abhängen müsse; 11 daß ich zwar niemals eigensinnig auf meiner Meinung 12 beharren, vielmehr jede Gründe gerne anhören wolle, 13 aber da es mein eignes Glück betreffe, müsse die Entscheidung 14 von mir abhängen, und keine Art von 15 Zwang würde ich dulden. So wenig das Raisonnement 16 des größten Arztes mich bewegen würde, eine, 17 sonst vielleicht ganz gesunde, und von vielen sehr geliebte 18 Speise zu mir zu nehmen, sobald mir meine 19 Erfahrung bewiese, daß sie mir jederzeit schädlich sei, 20 wie ich den Gebrauch des Kaffee's zum Beispiel anführen 21 könnte, so wenig und noch viel weniger würde 22 ich mir irgend eine Handlung, die mich verwirrte, 23 als für mich moralisch zuträglich aufdemonstriren 24 lassen.

25 Da ich mich so lange im Stillen vorbereitet hatte, 26 so waren mir die Debatten hierüber eher angenehm 27 als verdrießlich. Ich machte meinem Herzen Luft, 28 und fühlte den ganzen Werth meines Entschlusses. 

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1 Ich wich nicht ein Haar breit, und wem ich nicht 2 kindlichen Respect schuldig war, der wurde derb abgefertigt. 3 In meinem Hause siegte ich bald. Meine 4 Mutter hatte von Jugend auf ähnliche Gesinnungen, 5 nur waren sie bei ihr nicht zur Reife gediehen; keine 6 Noth hatte sie gedrängt und den Muth, ihre Überzeugung 7 durchzusetzen, erhöht. Sie freute sich, durch 8 mich ihre stillen Wünsche erfüllt zu sehen. Die jüngere 9 Schwester schien sich an mich anzuschließen; die zweite 10 war aufmerksam und still. Die Tante hatte am 11 meisten einzuwenden. Die Gründe, die sie vorbrachte, 12 schienen ihr unwiderleglich, und waren es auch, weil 13 sie ganz gemein waren. Ich war endlich genöthigt, 14 ihr zu zeigen, daß sie in keinem Sinne eine Stimme 15 in dieser Sache habe, und sie ließ nur selten merken, 16 daß sie auf ihrem Sinne verharre. Auch war sie 17 die einzige, die diese Begebenheit von nahem ansah 18 und ganz ohne Empfindung blieb. Ich thue ihr nicht 19 zu viel, wenn ich sage, daß sie kein Gemüth und die 20 eingeschränktesten Begriffe hatte.

21 Der Vater benahm sich ganz seiner Denkart gemäß. 22 Er sprach weniges, aber öfter mit mir über 23 die Sache, und seine Gründe waren verständig, und 24 als seine Gründe unwiderleglich; nur das tiefe Gefühl 25 meines Rechts gab mir Stärke, gegen ihn zu 26 disputiren. Aber bald veränderten sich die Scenen; 27 ich mußte an sein Herz Anspruch machen. Gedrängt 28 von seinem Verstande brach ich in die affectvollsten 

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1 Vorstellungen aus. Ich ließ meiner Zunge und meinen 2 Thränen freien Lauf. Ich zeigte ihm, wie sehr ich 3 Narcissen liebte, und welchen Zwang ich mir seit zwei 4 Jahren angethan hatte, wie gewiß ich sei, daß ich 5 recht handle, daß ich bereit sei, diese Gewißheit mit 6 dem Verlust des geliebten Bräutigams und anscheinenden 7 Glücks, ja wenn es nöthig wäre, mit Hab und 8 Gut zu versiegeln; daß ich lieber mein Vaterland, 9 Eltern und Freunde verlassen, und mein Brot in 10 der Fremde verdienen, als gegen meine Einsichten 11 handeln wolle. Er verbarg seine Rührung, schwieg 12 einige Zeit stille und erklärte sich endlich öffentlich 13 für mich.

14 Narciß vermied seit jener Zeit unser Haus, und 15 nun gab mein Vater die wöchentliche Gesellschaft auf, 16 in der sich dieser befand. Die Sache machte Aufsehn 17 bei Hofe und in der Stadt. Man sprach darüber, 18 wie gewöhnlich in solchen Fällen, an denen das 19 Publicum heftigen Theil zu nehmen pflegt, weil es 20 verwöhnt ist, auf die Entschließungen schwacher Gemüther 21 einigen Einfluß zu haben. Ich kannte die 22 Welt genug, und wußte, daß man oft von eben den 23 Personen über das getadelt wird, wozu man sich 24 durch sie hat bereden lassen, und auch ohne das 25 würden mir bei meiner innern Verfassung alle solche 26 vorübergehende Meinungen weniger als nichts gewesen 27 sein.

28 Dagegen versagte ich mir nicht, meiner Neigung 

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1 zu Narcissen nachzuhängen. Er war mir unsichtbar 2 geworden, und mein Herz hatte sich nicht gegen ihn 3 geändert. Ich liebte ihn zärtlich, gleichsam auf das 4 neue und viel gesetzter als vorher. Wollte er meine 5 Überzeugung nicht stören, so war ich die seine; ohne 6 diese Bedingung hätte ich ein Königreich mit ihm 7 ausgeschlagen. Mehrere Monate lang trug ich diese 8 Empfindungen und Gedanken mit mir herum, und 9 da ich mich endlich still und stark genug fühlte, um 10 ruhig und gesetzt zu Werke zu gehen, so schrieb ich 11 ihm ein höfliches, nicht zärtliches Billet, und fragte 12 ihn, warum er nicht mehr zu mir komme?

13 Da ich seine Art kannte, sich selbst in geringern 14 Dingen nicht gern zu erklären, sondern stillschweigend 15 zu thun, was ihm gut deuchte, so drang ich gegenwärtig 16 mit Vorsatz in ihn. Ich erhielt eine lange 17 und wie mir schien abgeschmackte Antwort, in einem 18 weitläufigen Stil und unbedeutenden Phrasen: daß 19 er ohne bessere Stellen sich nicht einrichten, und mir 20 seine Hand anbieten könne, daß ich am besten wisse, 21 wie hinderlich es ihm bisher gegangen, daß er glaube, 22 ein so lang fortgesetzter fruchtloser Umgang könne 23 meiner Renommée schaden, ich würde ihm erlauben, 24 sich in der bisherigen Entfernung zu halten; sobald 25 er im Stande wäre, mich glücklich zu machen, würde 26 ihm das Wort, das er mir gegeben, heilig sein.

27 Ich antwortete ihm auf der Stelle: da die Sache 28 aller Welt bekannt sei, möge es zu spät sein, meine 

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1 Renommée zu menagiren, und für diese wären mir 2 mein Gewissen und meine Unschuld die sichersten 3 Bürgen; ihm aber gäbe ich hiermit sein Wort ohne 4 Bedenken zurück, und wünschte, daß er dabei sein 5 Glück finden möchte. In eben der Stunde erhielt 6 ich eine kurze Antwort, die im Wesentlichen mit der 7 ersten völlig gleichlautend war. Er blieb dabei, daß 8 er nach erhaltener Stelle bei mir anfragen würde, 9 ob ich sein Glück mit ihm theilen wollte.

10 Mir hieß das nun so viel als nichts gesagt. Ich 11 erklärte meinen Verwandten und Bekannten, die Sache 12 sei abgethan, und sie war es auch wirklich. Denn 13 als er neun Monate hernach auf das erwünschteste 14 befördert wurde, ließ er mir seine Hand nochmals 15 antragen, freilich mit der Bedingung, daß ich als 16 Gattin eines Mannes, der ein Haus machen müßte, 17 meine Gesinnungen würde zu ändern haben. Ich 18 dankte höflich, und eilte mit Herz und Sinn von 19 dieser Geschichte weg, wie man sich aus dem Schauspielhause 20 heraus sehnt, wenn der Vorhang gefallen 21 ist. Und da er kurze Zeit darauf, wie es ihm nun 22 sehr leicht war, eine reiche und ansehnliche Partie 23 gefunden hatte, und ich ihn nach seiner Art glücklich 24 wußte, so war meine Beruhigung ganz vollkommen.

25 Ich darf nicht mit Stillschweigen übergehen, daß 26 einigemal, noch eh' er eine Bedienung erhielt, auch 27 nachher, ansehnliche Heirathsanträge an mich gethan 28 wurden, die ich aber ganz ohne Bedenken ausschlug, 

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1 so sehr Vater und Mutter mehr Nachgiebigkeit von 2 meiner Seite gewünscht hätten.

3 Nun schien mir nach einem stürmischen März und 4 April das schönste Maiwetter beschert zu sein. Ich 5 genoß bei einer guten Gesundheit eine unbeschreibliche 6 Gemüthsruhe; ich mochte mich umsehen, wie ich wollte, 7 so hatte ich bei meinem Verluste noch gewonnen. 8 Jung und voll Empfindung wie ich war, deuchte 9 mir die Schöpfung tausendmal schöner als vorher, 10 da ich Gesellschaften und Spiele haben mußte, damit 11 mir die Weile in dem schönen Garten nicht zu lang 12 wurde. Da ich mich einmal meiner Frömmigkeit nicht 13 schämte, so hatte ich Herz, meine Liebe zu Künsten 14 und Wissenschaften nicht zu verbergen. Ich zeichnete, 15 mahlte, las, und fand Menschen genug, die mich 16 unterstützten; statt der großen Welt, die ich verlassen 17 hatte, oder vielmehr, die mich verließ, bildete sich 18 eine kleinere um mich her, die weit reicher und unterhaltender 19 war. Ich hatte eine Neigung zum gesellschaftlichen 20 Leben, und ich läugne nicht, daß mir, 21 als ich meine ältern Bekanntschaften aufgab, vor der 22 Einsamkeit grauete. Nun fand ich mich hinlänglich, 23 ja vielleicht zu sehr entschädigt. Meine Bekanntschaften 24 wurden erst recht weitläufig, nicht nur mit 25 Einheimischen, deren Gesinnungen mit den meinigen 26 übereinstimmten, sondern auch mit Fremden. Meine 27 Geschichte war ruchtbar geworden, und es waren viele 28 Menschen neugierig, das Mädchen zu sehen, die Gott 

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1 mehr schätzte als ihren Bräutigam. Es war damals 2 überhaupt eine gewisse religiöse Stimmung in Deutschland 3 bemerkbar. In mehreren fürstlichen und gräflichen 4 Häusern war eine Sorge für das Heil der 5 Seele lebendig. Es fehlte nicht an Edelleuten, die 6 gleiche Aufmerksamkeit hegten, und in den geringern 7 Ständen war durchaus diese Gesinnung verbreitet.

8 Die gräfliche Familie, deren ich oben erwähnt, 9 zog mich nun näher an sich. Sie hatte sich indessen 10 verstärkt, indem sich einige Verwandte in die Stadt 11 gewendet hatten. Diese schätzbaren Personen suchten 12 meinen Umgang, wie ich den ihrigen. Sie hatten 13 große Verwandtschaft, und ich lernte in diesem Hause 14 einen großen Theil der Fürsten, Grafen und Herren 15 des Reichs kennen. Meine Gesinnungen waren niemanden 16 ein Geheimniß, und man mochte sie ehren 17 oder auch nur schonen, so erlangte ich doch meinen 18 Zweck und blieb ohne Anfechtung.

19 Noch auf eine andere Weise sollte ich wieder in 20 die Welt geführt werden. Zu eben der Zeit verweilte 21 ein Stiefbruder meines Vaters, der uns sonst 22 nur im Vorbeigehn besucht hatte, länger bei uns. 23 Er hatte die Dienste seines Hofes, wo er geehrt und 24 von Einfluß war, nur deßwegen verlassen, weil nicht 25 alles nach seinem Sinne ging. Sein Verstand war 26 richtig und sein Charakter streng, und er war darin 27 meinem Vater sehr ähnlich; nur hatte dieser dabei 28 einen gewissen Grad von Weichheit, wodurch ihm 

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1 leichter ward, in Geschäften nachzugeben und etwas 2 gegen seine Überzeugung nicht zu thun, aber geschehen 3 zu lassen, und den Unwillen darüber alsdann entweder 4 in der Stille für sich oder vertraulich mit 5 seiner Familie zu verkochen. Mein Oheim war um 6 vieles jünger, und seine Selbstständigkeit ward durch 7 seine äußern Umstände nicht wenig bestätigt. Er 8 hatte eine sehr reiche Mutter gehabt, und hatte von 9 ihren nahen und fernen Verwandten noch ein großes 10 Vermögen zu hoffen; er bedurfte keines fremden Zuschusses, 11 anstatt daß mein Vater bei seinem mäßigen 12 Vermögen durch Besoldung an den Dienst fest geknüpft 13 war.

14 Noch unbiegsamer war mein Oheim durch häusliches 15 Unglück geworden. Er hatte eine liebenswürdige 16 Frau und einen hoffnungsvollen Sohn früh verloren, 17 und er schien von der Zeit an alles von sich entfernen 18 zu wollen, was nicht von seinem Willen abhing.

19 In der Familie sagte man sich gelegentlich mit 20 einiger Selbstgefälligkeit in die Ohren, daß er wahrscheinlich 21 nicht wieder heirathen werde, und daß wir 22 Kinder uns schon als Erben seines großen Vermögens 23 ansehen könnten. Ich achtete nicht weiter darauf; 24 allein das Betragen der Übrigen ward nach diesen 25 Hoffnungen nicht wenig gestimmt. Bei der Festigkeit 26 seines Charakters hatte er sich gewöhnt, in der 27 Unterredung niemand zu widersprechen, vielmehr die 28 Meinung eines jeden freundlich anzuhören, und die 

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1 Art, wie sich jeder eine Sache dachte, noch selbst 2 durch Argumente und Beispiele zu erheben. Wer ihn 3 nicht kannte, glaubte stets mit ihm einerlei Meinung 4 zu sein; denn er hatte einen überwiegenden Verstand 5 und konnte sich in alle Vorstellungsarten versetzen. 6 Mit mir ging es ihm nicht so glücklich, denn hier 7 war von Empfindungen die Rede, von denen er gar 8 keine Ahnung hatte, und so schonend, theilnehmend 9 und verständig er mit mir über meine Gesinnungen 10 sprach, so war es mir doch auffallend, daß er von 11 dem, worin der Grund aller meiner Handlungen lag, 12 offenbar keinen Begriff hatte.

13 So geheim er übrigens war, entdeckte sich doch 14 der Endzweck seines ungewöhnlichen Aufenthalts bei 15 uns nach einiger Zeit. Er hatte, wie man endlich 16 bemerken konnte, sich unter uns die jüngste Schwester 17 ausersehen, um sie nach seinem Sinne zu verheirathen 18 und glücklich zu machen; und gewiß sie konnte nach 19 ihren körperlichen und geistigen Gaben, besonders 20 wenn sich ein ansehnliches Vermögen noch mit auf 21 die Schaale legte, auf die ersten Partien Anspruch 22 machen. Seine Gesinnungen gegen mich gab er gleichfalls 23 pantomimisch zu erkennen, indem er mir den 24 Platz einer Stiftsdame verschaffte, wovon ich sehr 25 bald auch die Einkünfte zog.

26 Meine Schwester war mit seiner Fürsorge nicht 27 so zufrieden und nicht so dankbar wie ich. Sie entdeckte 28 mir eine Herzensangelegenheit, die sie bisher 

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1 sehr weislich verborgen hatte: denn sie fürchtete wohl, 2 was auch wirklich geschah, daß ich ihr auf alle mögliche 3 Weise die Verbindung mit einem Manne, der 4 ihr nicht hätte gefallen sollen, widerrathen würde. 5 Ich that mein Möglichstes, und es gelang mir. Die 6 Absichten des Oheims waren zu ernsthaft und zu 7 deutlich, und die Aussicht für meine Schwester, bei 8 ihrem Weltsinne, zu reizend, als daß sie nicht eine 9 Neigung, die ihr Verstand selbst mißbilligte, aufzugeben 10 Kraft hätte haben sollen.

11 Da sie nun den sanften Leitungen des Oheims 12 nicht mehr wie bisher auswich, so war der Grund 13 zu seinem Plane bald gelegt. Sie ward Hofdame an 14 einem benachbarten Hofe, wo er sie einer Freundin, 15 die als Oberhofmeisterin in großem Ansehn stand, 16 zur Aufsicht und Ausbildung übergeben konnte. Ich 17 begleitete sie zu dem Ort ihres neuen Aufenthaltes. 18 Wir konnten beide mit der Aufnahme, die wir erfuhren, 19 sehr zufrieden sein, und manchmal mußte ich 20 über die Person, die ich nun als Stiftsdame, als 21 junge und fromme Stiftsdame, in der Welt spielte, 22 heimlich lächeln.

23 In frühern Zeiten würde ein solches Verhältniß 24 mich sehr verwirrt, ja mir vielleicht den Kopf verrückt 25 haben; nun aber war ich bei allem, was mich umgab, 26 sehr gelassen. Ich ließ mich in großer Stille 27 ein paar Stunden frisiren, putzte mich, und dachte 28 nichts dabei, als daß ich in meinem Verhältnisse diese 

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1 Gallalivrée anzuziehen schuldig sei. In den angefüllten 2 Sälen sprach ich mit allen und jeden, ohne 3 daß mir irgend eine Gestalt oder ein Wesen einen 4 starken Eindruck zurückgelassen hätte. Wenn ich wieder 5 nach Hause kam, waren müde Beine meist alles Gefühl, 6 was ich mit zurückbrachte. Meinem Verstande 7 nützten die vielen Menschen die ich sah; und als 8 Muster aller menschlichen Tugenden, eines guten und 9 edlen Betragens, lernte ich einige Frauen, besonders die 10 Oberhofmeisterin, kennen, unter der meine Schwester 11 sich zu bilden das Glück hatte.

12 Doch fühlte ich bei meiner Rückkunft nicht so 13 glückliche körperliche Folgen von dieser Reise. Bei 14 der größten Enthaltsamkeit und der genausten Diät 15 war ich doch nicht, wie sonst, Herr von meiner Zeit 16 und meinen Kräften. Nahrung, Bewegung, Aufstehn 17 und Schlafengehn, Ankleiden und Ausfahren hing 18 nicht, wie zu Hause, von meinem Willen und meinem 19 Empfinden ab. Im Laufe des geselligen Kreises darf 20 man nicht stocken, ohne unhöflich zu sein, und alles, 21 was nöthig war, leistete ich gern, weil ich es für 22 Pflicht hielt, weil ich wußte, daß es bald vorüber 23 gehen würde, und weil ich mich gesunder als jemals 24 fühlte. Dessen ungeachtet mußte dieses fremde unruhige 25 Leben auf mich stärker, als ich fühlte, gewirkt 26 haben. Denn kaum war ich zu Hause angekommen 27 und hatte meine Eltern mit einer befriedigenden Erzählung 28 erfreut, so überfiel mich ein Blutsturz, der, ob 

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1 er gleich nicht gefährlich war und schnell vorüberging, 2 doch lange Zeit eine merkliche Schwachheit hinterließ.

3 Hier hatte ich nun wieder eine neue Lection aufzusagen. 4 Ich that es freudig. Nichts fesselte mich an 5 die Welt, und ich war überzeugt, daß ich hier das 6 Rechte niemals finden würde, und so war ich in dem 7 heitersten und ruhigsten Zustande, und ward, indem 8 ich Verzicht auf's Leben gethan hatte, bei'm Leben 9 erhalten.

10 Eine neue Prüfung hatte ich auszustehen, da meine 11 Mutter mit einer drückenden Beschwerde überfallen 12 wurde, die sie noch fünf Jahre trug, ehe sie die Schuld 13 der Natur bezahlte. In dieser Zeit gab es manche 14 Übung. Oft wenn ihr die Bangigkeit zu stark wurde, 15 ließ sie uns des Nachts alle vor ihr Bette rufen, um 16 wenigstens durch unsre Gegenwart zerstreut, wo nicht 17 gebessert zu werden. Schwerer, ja kaum zu tragen, 18 war der Druck, als mein Vater auch elend zu werden 19 anfing. Von Jugend auf hatte er öfters heftige 20 Kopfschmerzen, die aber auf's längste nur sechsunddreißig 21 Stunden anhielten. Nun aber wurden sie 22 bleibend, und wenn sie auf einen hohen Grad stiegen, 23 so zerriß der Jammer mir das Herz. Bei diesen 24 Stürmen fühlte ich meine körperliche Schwäche am 25 meisten, weil sie mich hinderte, meine heiligsten liebsten 26 Pflichten zu erfüllen, oder mir doch ihre Ausübung 27 äußerst beschwerlich machte.

28 Nun konnte ich mich prüfen, ob auf dem Wege, den 

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1 ich eingeschlagen, Wahrheit oder Phantasie sei, ob ich 2 vielleicht nur nach andern gedacht, oder ob der Gegenstand 3 meines Glaubens eine Realität habe, und zu 4 meiner größten Unterstützung fand ich immer das 5 letztere. Die gerade Richtung meines Herzens zu 6 Gott, den Umgang mit den beloved ones hatte ich 7 gesucht und gefunden, und das war was mir alles 8 erleichterte. Wie der Wanderer in den Schatten, so 9 eilte meine Seele nach diesem Schutzort, wenn mich 10 alles von außen drückte, und kam niemals leer zurück.

11 In der neuern Zeit haben einige Verfechter der 12 Religion, die mehr Eifer als Gefühl für dieselbe zu 13 haben scheinen, ihre Mitgläubigen aufgefordert, Beispiele 14 von wirklichen Gebetserhörungen bekannt zu 15 machen, wahrscheinlich weil sie sich Brief und Siegel 16 wünschten, um ihren Gegnern recht diplomatisch und 17 juristisch zu Leibe zu gehen. Wie unbekannt muß 18 ihnen das wahre Gefühl sein, und wie wenig echte 19 Erfahrungen mögen sie selbst gemacht haben!

20 Ich darf sagen, ich kam nie leer zurück, wenn ich 21 unter Druck und Noth Gott gesucht hatte. Es ist 22 unendlich viel gesagt, und doch kann und darf ich 23 nicht mehr sagen. So wichtig jede Erfahrung in 24 dem kritischen Augenblicke für mich war, so matt, so 25 unbedeutend, unwahrscheinlich würde die Erzählung 26 werden, wenn ich einzelne Fälle anführen wollte. 27 Wie glücklich war ich, daß tausend kleine Vorgänge 28 zusammen, so gewiß als das Athemholen Zeichen 

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1 meines Lebens ist, mir bewiesen, daß ich nicht ohne 2 Gott auf der Welt sei. Er war mir nahe, ich war 3 vor ihm. Das ist's, was ich mit geflissentlicher Vermeidung 4 aller theologischen Systemsprache mit größter 5 Wahrheit sagen kann.

6 Wie sehr wünschte ich, daß ich mich auch damals 7 ganz ohne System befunden hätte; aber wer kommt 8 früh zu dem Glücke, sich seines eignen Selbsts, ohne 9 fremde Formen, in reinem Zusammenhang bewußt zu 10 sein? Mir war es Ernst mit meiner Seligkeit. Bescheiden 11 vertraute ich fremdem Ansehn; ich ergab mich 12 völlig dem Hallischen Bekehrungssystem, und mein 13 ganzes Wesen wollte auf keine Wege hineinpassen.

14 Nach diesem Lehrplan muß die Veränderung des 15 Herzens mit einem tiefen Schrecken über die Sünde 16 anfangen; das Herz muß in dieser Noth bald mehr 17 bald weniger die verschuldete Strafe erkennen und 18 den Vorschmack der Hölle kosten, der die Lust der 19 Sünde verbittert. Endlich muß man eine sehr merkliche 20 Versicherung der Gnade fühlen, die aber im 21 Fortgange sich oft versteckt und mit Ernst wieder 22 gesucht werden muß.

23 Das alles traf bei mir weder nahe noch ferne zu. 24 Wenn ich Gott aufrichtig suchte, so ließ er sich finden, 25 und hielt mir von vergangenen Dingen nichts vor. 26 Ich sah hintennach wohl ein, wo ich unwürdig gewesen, 27 und wußte auch, wo ich es noch war; aber 28 die Erkenntniß meiner Gebrechen war ohne alle Angst. 

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1 Nicht einen Augenblick ist mir eine Furcht vor der 2 Hölle angekommen, ja die Idee eines bösen Geistes 3 und eines Straf- und Quälortes nach dem Tode 4 konnte keinesweges in dem Kreise meiner Ideen Platz 5 finden. Ich fand die Menschen, die ohne Gott lebten, 6 deren Herz dem Vertrauen und der Liebe gegen den 7 Unsichtbaren zugeschlossen war, schon so unglücklich, 8 daß eine Hölle und äußere Strafen mir eher für sie 9 eine Linderung zu versprechen, als eine Schärfung der 10 Strafe zu drohen schienen. Ich durfte nur Menschen 11 auf dieser Welt ansehen, die gehässigen Gefühlen in 12 ihrem Busen Raum geben, die sich gegen das Gute 13 von irgend einer Art verstocken und sich und andern 14 das Schlechte aufdringen wollen, die lieber bei Tage 15 die Augen zuschließen, um nur behaupten zu können, 16 die Sonne gebe keinen Schein von sich --- wie über 17 allen Ausdruck schienen mir diese Menschen elend! 18 Wer hätte eine Hölle schaffen können, um ihren Zustand 19 zu verschlimmern!

20 Diese Gemüthsbeschaffenheit blieb mir, einen Tag 21 wie den andern, zehn Jahre lang. Sie erhielt sich 22 durch viele Proben, auch am schmerzhaften Sterbebette 23 meiner geliebten Mutter. Ich war offen genug, 24 um bei dieser Gelegenheit meine heitere Gemüthsverfassung 25 frommen, aber ganz schulgerechten Leuten nicht 26 zu verbergen, und ich mußte darüber manchen freundschaftlichen 27 Verweis erdulden. Man meinte mir eben 28 zur rechten Zeit vorzustellen, welchen Ernst man anzuwenden 

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1 hätte, um in gesunden Tagen einen guten 2 Grund zu legen.

3 An Ernst wollte ich es auch nicht fehlen lassen. 4 Ich ließ mich für den Augenblick überzeugen und 5 wäre um mein Leben gern traurig und voll Schrecken 6 gewesen. Wie verwundert war ich aber, da es einfür 7 allemal nicht möglich war. Wenn ich an Gott 8 dachte, war ich heiter und vergnügt; auch bei meiner 9 lieben Mutter schmerzensvollem Ende graute mir vor 10 dem Tode nicht. Doch lernte ich vieles und ganz 11 andere Sachen, als meine unberufenen Lehrmeister 12 glaubten, in diesen großen Stunden.

13 Nach und nach ward ich an den Einsichten so 14 mancher hochberühmten Leute zweifelhaft und bewahrte 15 meine Gesinnungen in der Stille. Eine gewisse 16 Freundin, der ich erst zu viel eingeräumt hatte, 17 wollte sich immer in meine Angelegenheiten mengen; 18 auch von dieser war ich genöthigt mich los zu machen, 19 und einst sagte ich ihr ganz entschieden, sie solle ohne 20 Mühe bleiben, ich brauche ihren Rath nicht; ich kenne 21 meinen Gott und wolle ihn ganz allein zum Führer 22 haben. Sie fand sich sehr beleidigt, und ich glaube, 23 sie hat mir's nie ganz verziehen.

24 Dieser Entschluß, mich dem Rathe und der Einwirkung 25 meiner Freunde in geistlichen Sachen zu entziehen, 26 hatte die Folge, daß ich auch in äußerlichen 27 Verhältnissen meinen eigenen Weg zu gehen Muth 28 gewann. Ohne den Beistand meines treuen unsichtbaren 

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1 Führers hätte es mir übel gerathen können, 2 und noch muß ich über diese weise und glückliche Leitung 3 erstaunen. Niemand wußte eigentlich, worauf 4 es bei mir ankam, und ich wußte es selbst nicht.

5 Das Ding, das noch nie erklärte böse Ding, das 6 uns von dem Wesen trennt, dem wir das Leben verdanken, 7 von dem Wesen, aus dem alles, was Leben 8 genannt werden soll, sich unterhalten muß, das Ding, 9 das man Sünde nennt, kannte ich noch gar nicht.

10 In dem Umgange mit dem unsichtbaren Freunde 11 fühlte ich den süßesten Genuß aller meiner Lebenskräfte. 12 Das Verlangen, dieses Glück immer zu genießen, war 13 so groß, daß ich gern unterließ, was diesen Umgang 14 störte, und hierin war die Erfahrung mein bester 15 Lehrmeister. Allein es ging mir wie Kranken, die 16 keine Arznei haben und sich mit der Diät zu helfen 17 suchen. Es thut etwas, aber lange nicht genug.

18 In der Einsamkeit konnte ich nicht immer bleiben, 19 ob ich gleich in ihr das beste Mittel gegen die mir 20 so eigene Zerstreuung der Gedanken fand. Kam ich 21 nachher in Getümmel, so machte es einen desto größern 22 Eindruck auf mich. Mein eigentlichster Vortheil bestand 23 darin, daß die Liebe zur Stille herrschend war, 24 und ich mich am Ende immer dahin wieder zurück 25 zog. Ich erkannte, wie in einer Art von Dämmerung, 26 mein Elend und meine Schwäche, und ich suchte 27 mir dadurch zu helfen, daß ich mich schonte, daß ich 28 mich nicht aussetzte.



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1 Sieben Jahre lang hatte ich meine diätetische Vorsicht 2 ausgeübt. Ich hielt mich nicht für schlimm und 3 fand meinen Zustand wünschenswerth. Ohne sonderbare 4 Umstände und Verhältnisse wäre ich auf dieser 5 Stufe stehen geblieben, und ich kam nur auf einem 6 sonderbaren Wege weiter. Gegen den Rath aller meiner 7 Freunde knüpfte ich ein neues Verhältniß an. Ihre 8 Einwendungen machten mich anfangs stutzig. Sogleich 9 wandte ich mich an meinen unsichtbaren Führer, und 10 da dieser es mir vergönnte, ging ich ohne Bedenken 11 auf meinem Wege fort.

12 Ein Mann von Geist, Herz und Talenten hatte 13 sich in der Nachbarschaft angekauft. Unter den Fremden, 14 die ich kennen lernte, war auch er und seine 15 Familie. Wir stimmten in unsern Sitten, Hausverfassungen 16 und Gewohnheiten sehr überein, und 17 konnten uns daher bald an einander anschließen.

18 Philo, so will ich ihn nennen, war schon in gewissen 19 Jahren, und meinem Vater, dessen Kräfte abzunehmen 20 anfingen, in gewissen Geschäften von der größten Beihülfe. 21 Er ward bald der innige Freund unsers Hauses, 22 und da er, wie er sagte, an mir eine Person fand, die 23 nicht das Ausschweifende und Leere der großen Welt, 24 und nicht das Trockne und Ängstliche der Stillen im 25 Lande habe, so waren wir bald vertraute Freunde. 26 Er war mir sehr angenehm und sehr brauchbar.

27 Ob ich gleich nicht die mindeste Anlage noch Neigung 28 hatte, mich in weltliche Geschäfte zu mischen 

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1 und irgend einen Einfluß zu suchen, so hörte ich doch 2 gerne davon, und wußte gern, was in der Nähe und 3 Ferne vorging. Von weltlichen Dingen liebte ich, 4 mir eine gefühllose Deutlichkeit zu verschaffen; Empfindung, 5 Innigkeit, Neigung bewahrte ich für meinen 6 Gott, für die Meinigen und für meine Freunde.

7 Diese letzten waren, wenn ich so sagen darf, auf 8 meine neue Verbindung mit Philo eifersüchtig, und 9 hatten dabei von mehr als einer Seite Recht, wenn 10 sie mich hierüber warnten. Ich litt viel in der Stille, 11 denn ich konnte selbst ihre Einwendungen nicht ganz 12 für leer oder eigennützig halten. Ich war von jeher 13 gewohnt, meine Einsichten unterzuordnen, und doch 14 wollte dießmal meine Überzeugung nicht nach. Ich 15 flehte zu meinem Gott, auch hier mich zu warnen, 16 zu hindern, zu leiten, und da mich hierauf mein 17 Herz nicht abmahnte, so ging ich meinen Pfad getrost 18 fort.

19 Philo hatte im Ganzen eine entfernte Ähnlichkeit 20 mit Narcissen; nur hatte eine fromme Erziehung sein 21 Gefühl mehr zusammengehalten und belebt. Er hatte 22 weniger Eitelkeit, mehr Charakter, und wenn jener 23 in weltlichen Geschäften fein, genau, anhaltend und 24 unermüdlich war, so war dieser klar, scharf, schnell, 25 und arbeitete mit einer unglaublichen Leichtigkeit. 26 Durch ihn erfuhr ich die innersten Verhältnisse fast 27 aller der vornehmen Personen, deren Äußeres ich in 28 der Gesellschaft hatte kennen lernen, und ich war 

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1 froh, von meiner Warte dem Getümmel von weiten 2 zuzusehen. Philo konnte mir nichts mehr verhehlen: 3 er vertraute mir nach und nach seine äußern und 4 innern Verbindungen. Ich fürchtete für ihn, denn 5 ich sah gewisse Umstände und Verwickelungen voraus, 6 und das Übel kam schneller als ich vermuthet hatte; 7 denn er hatte mit gewissen Bekenntnissen immer zurückgehalten, 8 und auch zuletzt entdeckte er mir nur so 9 viel, daß ich das Schlimmste vermuthen konnte.

10 Welche Wirkung hatte das auf mein Herz! Ich 11 gelangte zu Erfahrungen, die mir ganz neu waren. 12 Ich sah mit unbeschreiblicher Wehmuth einen Agathon, 13 der, in den Hainen von Delphi erzogen, das Lehrgeld 14 noch schuldig war, und es nun mit schweren rückständigen 15 Zinsen abzahlte, und dieser Agathon war 16 mein genau verbundener Freund. Meine Theilnahme 17 war lebhaft und vollkommen; ich litt mit ihm, und 18 wir befanden uns beide in dem sonderbarsten Zustande.

19, 20 Nachdem ich mich lange mit seiner Gemüthsverfassung 21 beschäftigt hatte, wendete sich meine Betrachtung 22 auf mich selbst. Der Gedanke, du bist nicht 23 besser als er, stieg wie eine kleine Wolke vor mir 24 auf, breitete sich nach und nach aus, und verfinsterte 25 meine ganze Seele.

26 Nun dachte ich nicht mehr bloß, du bist nicht 27 besser als er; ich fühlte es, und fühlte es so, daß 28 ich es nicht noch einmal fühlen möchte: und es war 

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1 kein schneller Übergang. Mehr als ein Jahr mußte 2 ich empfinden, daß, wenn mich eine unsichtbare Hand 3 nicht umschränkt hätte, ich ein Girard, ein Cartouche, 4 ein Damiens und welches Ungeheuer man nennen 5 will, hätte werden können: die Anlage dazu fühlte 6 ich deutlich in meinem Herzen. Gott, welche Ent- 7 etdeckung!

8 Hatte ich nun bisher die Wirklichkeit der Sünde 9 in mir durch die Erfahrung nicht einmal auf das 10 leiseste gewahr werden können, so war mir jetzt die 11 Möglichkeit derselben in der Ahnung auf's schrecklichste 12 deutlich geworden, und doch kannte ich das Übel nicht, 13 ich fürchtete es nur; ich fühlte, daß ich schuldig sein 14 könnte, und hatte mich nicht anzuklagen.

15 So tief ich überzeugt war, daß eine solche Geistesbeschaffenheit, 16 wofür ich die meinige anerkennen mußte, 17 sich nicht zu einer Vereinigung mit dem höchsten Wesen, 18 die ich nach dem Tode hoffte, schicken könne; so wenig 19 fürchtete ich, in eine solche Trennung zu gerathen. 20 Bei allem Bösen, das ich in mir entdeckte, hatte ich 21 Ihn lieb, und haßte, was ich fühlte, ja ich wünschte 22 es noch ernstlicher zu hassen, und mein ganzer Wunsch 23 war, von dieser Krankheit und dieser Anlage zur 24 Krankheit erlös't zu werden, und ich war gewiß, daß 25 mir der große Arzt seine Hülfe nicht versagen würde.

26 Die einzige Frage war: was heilt diesen Schaden? 27 Tugendübungen? An die konnte ich nicht einmal 28 denken; denn zehn Jahre hatte ich schon mehr als 

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1 nur bloße Tugend geübt, und die nun erkannten 2 Greuel hatten dabei tief in meiner Seele verborgen 3 gelegen. Hätten sie nicht auch wie bei David losbrechen 4 können, als er Bathseba erblickte, und war er 5 nicht auch ein Freund Gottes, und war ich nicht im 6 Innersten überzeugt, daß Gott mein Freund sei?

7 Sollte es also wohl eine unvermeidliche Schwäche 8 der Menschheit sein? Müssen wir uns nun gefallen 9 lassen, daß wir irgend einmal die Herrschaft unsrer 10 Neigung empfinden, und bleibt uns bei dem besten 11 Willen nichts andres übrig, als den Fall, den wir 12 gethan, zu verabscheuen, und bei einer ähnlichen Gelegenheit 13 wieder zu fallen?

14 Aus der Sittenlehre konnte ich keinen Trost 15 schöpfen. Weder ihre Strenge, wodurch sie unsre 16 Neigung meistern will, noch ihre Gefälligkeit, mit 17 der sie unsre Neigungen zu Tugenden machen möchte, 18 konnte mir genügen. Die Grundbegriffe, die mir der 19 Umgang mit dem unsichtbaren Freunde eingeflößt 20 hatte, hatten für mich schon einen viel entschiedenern 21 Werth.

22 Indem ich einst die Lieder studirte, welche David 23 nach jener häßlichen Katastrophe gedichtet hatte, war 24 mir sehr auffallend, daß er das in ihm wohnende 25 Böse schon in dem Stoff, woraus er geworden 26 war, erblickte, daß er aber entsündigt sein wollte, 27 und daß er auf das dringendste um ein reines Herz 28 flehte.



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1 Wie nun aber dazu zu gelangen? Die Antwort 2 aus den symbolischen Büchern wußte ich wohl: es 3 war mir auch eine Bibelwahrheit, daß das Blut 4 Jesu Christi uns von allen Sünden reinige. Nun 5 aber bemerkte ich erst, daß ich diesen so oft wiederholten 6 Spruch noch nie verstanden hatte. Die Fragen: 7 Was heißt das? Wie soll das zugehen? arbeiteten 8 Tag und Nacht in mir sich durch. Endlich glaubte 9 ich bei einem Schimmer zu sehen, daß das, was ich 10 suchte, in der Menschwerdung des ewigen Worts, 11 durch das alles und auch wir erschaffen sind, zu 12 suchen sei. Daß der Uranfängliche sich in die Tiefen, 13 in denen wir stecken, die er durchschaut und umfaßt, 14 einstmal als Bewohner begeben habe, durch unser 15 Verhältniß von Stufe zu Stufe, von der Empfängniß 16 und Geburt bis zu dem Grabe, durchgegangen 17 sei, daß er durch diesen sonderbaren Umweg wieder 18 zu den lichten Höhen aufgestiegen, wo wir auch 19 wohnen sollten, um glücklich zu sein: das ward mir, 20 wie in einer dämmernden Ferne, offenbart.

21 O warum müssen wir, um von solchen Dingen 22 zu reden, Bilder gebrauchen, die nur äußere Zustände 23 anzeigen! Wo ist vor ihm etwas Hohes oder 24 Tiefes, etwas Dunkles oder Helles? Wir nur haben 25 ein Oben und Unten, einen Tag und eine Nacht. 26 Und eben darum ist er uns ähnlich geworden, weil 27 wir sonst keinen Theil an ihm haben könnten.

28 Wie können wir aber an dieser unschätzbaren Wohlthat 

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1 that Theil nehmen? Durch den Glauben, antwortet 2 uns die Schrift. Was ist denn Glauben? Die Erzählung 3 einer Begebenheit für wahr halten, was 4 kann mir das helfen? Ich muß mir ihre Wirkungen, 5 ihre Folgen zueignen können. Dieser zueignende 6 Glaube muß ein eigener, dem natürlichen Menschen 7 ungewöhnlicher Zustand des Gemüths sein.

8 Nun, Allmächtiger! so schenke mir Glauben, flehte 9 ich einst in dem größten Druck des Herzens. Ich 10 lehnte mich auf einen kleinen Tisch, an dem ich 11 saß, und verbarg mein bethräntes Gesicht in meinen 12 Händen. Hier war ich in der Lage, in der man sein 13 muß, wenn Gott auf unser Gebet achten soll, und 14 in der man selten ist.

15 Ja, wer nur schildern könnte, was ich da fühlte! 16 Ein Zug brachte meine Seele nach dem Kreuze hin, 17 an dem Jesus einst erblaßte; ein Zug war es, ich 18 kann es nicht anders nennen, demjenigen völlig gleich, 19 wodurch unsre Seele zu einem abwesenden Geliebten 20 geführt wird, ein Zunahen, das vermuthlich viel 21 wesentlicher und wahrhafter ist, als wir vermuthen. 22 So nahte meine Seele dem Menschgewordnen und 23 am Kreuz Gestorbenen, und in dem Augenblicke 24 wußte ich, was Glauben war.

25 Das ist Glauben! sagte ich, und sprang wie halb 26 erschreckt in die Höhe. Ich suchte nun meiner Empfindung, 27 meines Anschauens gewiß zu werden, und 28 in kurzem war ich überzeugt, daß mein Geist eine 

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1 Fähigkeit sich aufzuschwingen erhalten habe, die ihm 2 ganz neu war.

3 Bei diesen Empfindungen verlassen uns die Worte. 4 Ich konnte sie ganz deutlich von aller Phantasie unterscheiden; 5 sie waren ganz ohne Phantasie, ohne Bild, 6 und gaben doch eben die Gewißheit eines Gegenstandes, 7 auf den sie sich bezogen, als die Einbildungskraft, indem 8, 9 sie uns die Züge eines abwesenden Geliebten vormahlt.

10 Als das erste Entzücken vorüber war, bemerkte 11 ich, daß mir dieser Zustand der Seele schon vorher 12 bekannt gewesen; allein ich hatte ihn nie in dieser 13 Stärke empfunden. Ich hatte ihn niemals fest halten, 14 nie zu eigen behalten können. Ich glaube überhaupt, 15 daß jede Menschenseele ein- und das anderemal davon 16 etwas empfunden hat. Ohne Zweifel ist er das, 17 was einem jeden lehrt, daß ein Gott ist.

18 Mit dieser mich ehemals von Zeit zu Zeit nur 19 anwandelnden Kraft war ich bisher sehr zufrieden gewesen, 20 und wäre mir nicht durch sonderbare Schickung 21 seit Jahr und Tag die unerwartete Plage widerfahren, 22 wäre nicht dabei mein Können und Vermögen bei mir 23 selbst außer allen Credit gekommen, so wäre ich vielleicht 24 mit jenem Zustande immer zufrieden geblieben.

25 Nun hatte ich aber seit jenem großen Augenblicke 26 Flügel bekommen. Ich konnte mich über das, was 27 mich vorher bedrohete, aufschwingen, wie ein Vogel 28 singend über den schnellsten Strom ohne Mühe fliegt, 

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1 vor welchem das Hündchen ängstlich bellend stehen 2 bleibt.

3 Meine Freude war unbeschreiblich, und ob ich gleich 4 niemand etwas davon entdeckte, so merkten doch die 5 Meinigen eine ungewöhnliche Heiterkeit an mir, ohne 6 begreifen zu können, was die Ursache meines Vergnügens 7 wäre. Hätte ich doch immer geschwiegen, und 8 die reine Stimmung in meiner Seele zu erhalten gesucht! 9 Hätte ich mich doch nicht durch Umstände verleiten 10 lassen, mit meinem Geheimnisse hervor zu treten! 11 dann hätte ich mir abermals einen großen Umweg ersparen 12 können.

13 Da in meinem vorhergehenden zehnjährigen Christenlauf 14 diese nothwendige Kraft nicht in meiner Seele war, 15 so hatte ich mich in dem Fall anderer redlichen Leute 16 auch befunden; ich hatte mir dadurch geholfen, daß ich 17 die Phantasie immer mit Bildern erfüllte, die einen 18 Bezug auf Gott hatten, und auch dieses ist schon wahrhaft 19 nützlich: denn schädliche Bilder und ihre bösen 20 Folgen werden dadurch abgehalten. Sodann ergreift 21 unsre Seele oft ein und das andere von den geistigen 22 Bildern, und schwingt sich ein wenig damit in die 23 Höhe, wie ein junger Vogel von einem Zweige auf 24 den andern flattert. So lange man nichts Besseres 25 hat, ist doch diese Übung nicht ganz zu verwerfen.

26 Auf Gott zielende Bilder und Eindrücke verschaffen 27 uns kirchliche Anstalten, Glocken, Orgeln und Gesänge, 28 und besonders die Vorträge unsrer Lehrer. Auf 

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1 sie war ich ganz unsäglich begierig; keine Witterung, 2 keine körperliche Schwäche hielt mich ab, die Kirchen 3 zu besuchen, und nur das sonntägige Geläute konnte 4 mir auf meinem Krankenlager einige Ungeduld verursachen. 5 Unsern Oberhofprediger, der ein trefflicher 6 Mann war, hörte ich mit großer Neigung; auch seine 7 Collegen waren mir werth, und ich wußte die goldnen 8 Äpfel des göttlichen Wortes auch aus irdenen Schalen 9 unter gemeinem Obste heraus zu finden. Den öffentlichen 10 Übungen wurden alle möglichen Privat-Erbauungen, 11 wie man sie nennt, hinzugefügt, und auch 12 dadurch nur Phantasie und feinere Sinnlichkeit genährt. 13 Ich war so an diesen Gang gewöhnt, ich 14 respectirte ihn so sehr, daß mir auch jetzt nichts 15 Höheres einfiel. Denn meine Seele hat nur Fühlhörner 16 und keine Augen; sie tastet nur und sieht nicht; 17 ach! daß sie Augen bekäme und schauen dürfte!

18 Auch jetzt ging ich voll Verlangen in die Predigten; 19 aber ach, wie geschah mir! Ich fand das nicht mehr, 20 was ich sonst gefunden. Diese Prediger stumpften sich 21 die Zähne an den Schalen ab, indessen ich den Kern 22 genoß. Ich mußte ihrer nun bald müde werden; aber 23 mich an den allein zu halten, den ich doch zu finden 24 wußte, dazu war ich zu verwöhnt. Bilder wollte ich 25 haben, äußere Eindrücke bedurfte ich, und glaubte ein 26 reines geistiges Bedürfniß zu fühlen.

27 Philo's Eltern hatten mit der herrnhutischen Gemeinde 28 in Verbindung gestanden; in seiner Bibliothek 

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1 fanden sich noch viele Schriften des Grafen. Er 2 hatte mir einigemal sehr klar und billig darüber gesprochen, 3 und mich ersucht, einige dieser Schriften durchzublättern, 4 und wäre es auch nur, um ein psychologisches 5 Phänomen kennen zu lernen. Ich hielt den Grafen 6 für einen gar zu argen Ketzer; so ließ ich auch das Ebersdorfer 7 Gesangbuch bei mir liegen, das mir der Freund 8 in ähnlicher Absicht gleichsam aufgedrungen hatte.

9 In dem völligen Mangel aller äußeren Ermunterungsmittel 10 ergriff ich wie von ungefähr das gedachte 11 Gesangbuch, und fand zu meinem Erstaunen wirklich 12 Lieder darin, die, freilich unter sehr seltsamen Formen, 13 auf dasjenige zu deuten schienen, was ich fühlte; die 14 Originalität und Naivetät der Ausdrücke zog mich an. 15 Eigene Empfindungen schienen auf eine eigene Weise 16 ausgedrückt; keine Schul-Terminologie erinnerte an 17 etwas Steifes oder Gemeines. Ich ward überzeugt, 18 die Leute fühlten, was ich fühlte, und ich fand mich 19 nun sehr glücklich, ein solches Verschen in's Gedächtniß 20 zu fassen und mich einige Tage damit zu tragen.

21 Seit jenem Augenblick, in welchem mir das Wahre 22 geschenkt worden war, verflossen auf diese Weise ungefähr 23 drei Monate. Endlich faßte ich den Entschluß, 24 meinem Freunde Philo alles zu entdecken, und ihn 25 um die Mittheilung jener Schriften zu bitten, auf 26 die ich nun über die Maßen neugierig geworden war. 27 Ich that es auch wirklich, ungeachtet mir ein Etwas 28 im Herzen ernstlich davon abrieth.



[Seite 321]

1 Ich erzählte Philo die ganze Geschichte umständlich, 2 und da er selbst darin eine Hauptperson war, da 3 meine Erzählung auch für ihn die strengste Bußpredigt 4 enthielt, war er äußerst betroffen und gerührt. Er 5 zerfloß in Thränen. Ich freute mich, und glaubte, 6 auch bei ihm sei eine völlige Sinnesänderung bewirkt 7 worden.

8 Er versorgte mich mit allen Schriften, die ich nur 9 verlangte, und nun hatte ich überflüssige Nahrung 10 für meine Einbildungskraft. Ich machte große Fortschritte 11 in der Zinzendorfischen Art zu denken und zu 12 sprechen. Man glaube nicht, daß ich die Art und 13 Weise des Grafen nicht auch gegenwärtig zu schätzen 14 wisse; ich lasse ihm gern Gerechtigkeit widerfahren; er 15 ist kein leerer Phantast; er spricht von großen Wahrheiten 16 meist in einem kühnen Fluge der Einbildungskraft, 17 und die ihn geschmäht haben, wußten seine Eigenschaften 18 weder zu schätzen, noch zu unterscheiden.

19 Ich gewann ihn unbeschreiblich lieb. Wäre ich 20 mein eigner Herr gewesen, so hätte ich gewiß Vaterland 21 und Freunde verlassen, wäre zu ihm gezogen; 22 unfehlbar hätten wir uns verstanden, und schwerlich 23 hätten wir uns lange vertragen.

24 Dank sei meinem Genius, der mich damals in 25 meiner häuslichen Verfassung so eingeschränkt hielt! 26 Es war schon eine große Reise, wenn ich nur in den 27 Hausgarten gehen konnte. Die Pflege meines alten 28 und schwächlichen Vaters machte mir Arbeit genug, 

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1 und in den Ergötzungsstunden war die edle Phantasie 2 mein Zeitvertreib. Der einzige Mensch, den ich sah, 3 war Philo, den mein Vater sehr liebte, dessen offnes 4 Verhältniß zu mir aber durch die letzte Erklärung 5 einigermaßen gelitten hatte. Bei ihm war die Rührung 6 nicht tief gedrungen, und da ihm einige Versuche, 7 in meiner Sprache zu reden, nicht gelungen 8 waren, so vermied er diese Materie um so leichter, als 9 er durch seine ausgebreiteten Kenntnisse immer neue 10 Gegenstände des Gesprächs herbei zu führen wußte.

11 Ich war also eine herrnhutische Schwester auf 12 meine eigene Hand, und hatte diese neue Wendung 13 meines Gemüths und meiner Neigungen besonders vor 14 dem Oberhofprediger zu verbergen, den ich als meinen 15 Beichtvater zu schätzen sehr Ursache hatte, und dessen 16 große Verdienste auch gegenwärtig, durch seine äußerste 17 Abneigung gegen die herrnhutische Gemeinde, in meinen 18 Augen nicht geschmälert wurden. Leider sollte dieser 19 würdige Mann an mir und andern viele Betrübniß 20 erleben!

21 Er hatte vor mehreren Jahren auswärts einen 22 Cavalier als einen redlichen frommen Mann kennen 23 lernen, und war mit ihm, als einem der Gott ernstlich 24 suchte, in einem ununterbrochenen Briefwechsel 25 geblieben. Wie schmerzhaft war es daher für seinen 26 geistlichen Führer, als dieser Cavalier sich in der Folge 27 mit der herrnhutischen Gemeinde einließ, und sich lange 28 unter den Brüdern aufhielt; wie angenehm dagegen, 

[Seite 323]

1 als sein Freund sich mit den Brüdern wieder entzweite, 2 in seiner Nähe zu wohnen sich entschloß, und sich 3 seiner Leitung auf's neue völlig zu überlassen schien.

4 Nun wurde der Neuangekommene gleichsam im 5 Triumph allen besonders geliebten Schäfchen des 6 Oberhirten vorgestellt. Nur in unser Haus ward er 7 nicht eingeführt, weil mein Vater niemand mehr zu 8 sehen pflegte. Der Cavalier fand große Approbation; 9 er hatte das Gesittete des Hofs und das Einnehmende 10 der Gemeinde, dabei viel schöne natürliche Eigenschaften, 11 und ward bald der große Heilige für alle, 12 die ihn kennen lernten, worüber sich sein geistlicher 13 Gönner äußerst freute. Leider war jener nur über 14 äußere Umstände mit der Gemeine brouillirt, und im 15 Herzen noch ganz Herrnhuter. Er hing zwar wirklich 16 an der Realität der Sache; allein auch ihm war das 17 Tändelwerk, das der Graf darum gehängt hatte, 18 höchst angemessen. Er war an jene Vorstellungs- und 19 Redensarten nun einmal gewöhnt, und wenn er 20 sich nunmehr vor seinem alten Freunde sorgfältig 21 verbergen mußte, so war es ihm desto nothwendiger, 22 sobald er ein Häufchen vertrauter Personen um sich 23 erblickte, mit seinen Verschen, Litaneien und Bilderchen 24 hervor zu rücken, und er fand, wie man denken 25 kann, großen Beifall.

26 Ich wußte von der ganzen Sache nichts, und tändelte 27 auf meine eigene Art fort. Lange Zeit blieben 28 wir uns unbekannt.



[Seite 324]

1 Einst besuchte ich, in einer freien Stunde, eine 2 kranke Freundin. Ich traf mehrere Bekannte dort 3 an, und merkte bald, daß ich sie in einer Unterredung 4 gestört hatte. Ich ließ mir nichts merken, 5 erblickte aber, zu meiner großen Verwunderung, an 6 der Wand einige herrnhutische Bilder, in zierlichen 7 Rahmen. Ich faßte geschwinde, was in der Zeit, da 8 ich nicht im Hause gewesen, vorgegangen sein mochte, 9 und bewillkommte diese neue Erscheinung mit einigen 10 angemessenen Versen.

11 Man denke sich das Erstaunen meiner Freundinnen. 12 Wir erklärten uns, und waren auf der Stelle einig 13 und vertraut.

14 Ich suchte nun öfter Gelegenheit auszugehn. Leider 15 fand ich sie nur alle drei bis vier Wochen, ward mit 16 dem adelichen Apostel und nach und nach mit der 17 ganzen heimlichen Gemeinde bekannt. Ich besuchte, 18 wenn ich konnte, ihre Versammlungen, und bei meinem 19 geselligen Sinn war es mir unendlich angenehm, das 20 von andern zu vernehmen und andern mitzutheilen, 21 was ich nur bisher in und mit mir selbst ausgearbeitet 22 hatte.

23 Ich war nicht so eingenommen, daß ich nicht bemerkt 24 hätte, wie nur wenige den Sinn der zarten 25 Worte und Ausdrücke fühlten, und wie sie dadurch 26 auch nicht mehr, als ehemals durch die kirchlich symbolische 27 Sprache, gefördert waren. Dessen ungeachtet 28 ging ich mit ihnen fort, und ließ mich nicht irre 

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1 machen. Ich dachte, daß ich nicht zur Untersuchung 2 und Herzensprüfung berufen sei. War ich doch auch 3 durch manche unschuldige Übung zum Besseren vorbereitet 4 worden. Ich nahm meinen Theil hinweg, 5 drang, wo ich zur Rede kam, auf den Sinn, der bei 6 so zarten Gegenständen eher durch Worte versteckt als 7 angedeutet wird, und ließ übrigens mit stiller Verträglichkeit 8 einen jeden nach seiner Art gewähren.

9 Auf diese ruhigen Zeiten des heimlichen gesellschaftlichen 10 Genusses folgten bald die Stürme öffentlicher 11 Streitigkeiten und Widerwärtigkeiten, die am Hofe 12 und in der Stadt große Bewegungen erregten, und ich 13 möchte beinahe sagen, manches Scandal verursachten. 14 Der Zeitpunct war gekommen, in welchem unser Oberhofprediger, 15 dieser große Widersacher der herrnhutischen 16 Gemeinde, zu seiner gesegneten Demüthigung 17 entdecken sollte, daß seine besten und sonst anhänglichsten 18 Zuhörer sich sämmtlich auf die Seite der Gemeinde 19 neigten. Er war äußerst gekränkt, vergaß im 20 ersten Augenblicke alle Mäßigung, und konnte in der 21 Folge sich nicht, selbst wenn er gewollt hätte, zurückziehn. 22 Es gab heftige Debatten, bei denen ich glücklicherweise 23 nicht genannt wurde, da ich nur ein zufälliges 24 Mitglied der so sehr verhaßten Zusammenkünfte 25 war, und unser eifriger Führer meinen Vater 26 und meinen Freund in bürgerlichen Angelegenheiten 27 nicht entbehren konnte. Ich erhielt meine Neutralität 28 mit stiller Zufriedenheit; denn mich von solchen 

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1 Empfindungen und Gegenständen selbst mit wohlwollenden 2 Menschen zu unterhalten, war mir schon 3 verdrießlich, wenn sie den tiefsten Sinn nicht fassen 4 konnten, und nur auf der Oberfläche verweilten. Nun 5 aber gar über das mit Widersachern zu streiten, 6 worüber man sich kaum mit Freunden verstand, schien 7 mir unnütz, ja verderblich. Denn bald konnte ich 8 bemerken, daß liebevolle edle Menschen, die in diesem 9 Falle ihr Herz von Widerwillen und Haß nicht rein 10 halten konnten, gar bald zur Ungerechtigkeit übergingen, 11 und, um eine äußere Form zu vertheidigen, 12 ihr bestes Innerste beinahe zerstörten.

13 So sehr auch der würdige Mann in diesem Fall 14 Unrecht haben mochte, und so sehr man mich auch 15 gegen ihn aufzubringen suchte, konnte ich ihm doch 16 niemals eine herzliche Achtung versagen. Ich kannte 17 ihn genau; ich konnte mich in seine Art, diese Sachen 18 anzusehen, mit Billigkeit versetzen. Ich hatte niemals 19 einen Menschen ohne Schwäche gesehen; nur ist sie 20 auffallender bei vorzüglichen Menschen. Wir wünschen 21 und wollen nun ein für alle Mal, daß die, die so 22 sehr privilegirt sind, auch gar keinen Tribut, keine Abgaben 23 zahlen sollen. Ich ehrte ihn als einen vorzüglichen 24 Mann, und hoffte den Einfluß meiner stillen 25 Neutralität, wo nicht zu einem Frieden, doch zu 26 einem Waffenstillstande zu nutzen. Ich weiß nicht 27 was ich bewirkt hätte; Gott faßte die Sache kürzer, 28 und nahm ihn zu sich. Bei seiner Bahre weinten 

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1 alle, die noch kurz vorher um Worte mit ihm gestritten 2 hatten. Seine Rechtschaffenheit, seine Gottesfurcht 3 hatte niemals jemand bezweifelt.

4 Auch ich mußte um diese Zeit das Puppenwerk 5 aus den Händen legen, das mir durch diese Streitigkeiten 6 gewissermaßen in einem andern Lichte erschienen 7 war. Der Oheim hatte seine Plane auf meine Schwester 8 in der Stille durchgeführt. Er stellte ihr einen jungen 9 Mann von Stande und Vermögen als ihren Bräutigam 10 vor, und zeigte sich in einer reichlichen Aussteuer, 11 wie man es von ihm erwarten konnte. Mein 12 Vater willigte mit Freuden ein; die Schwester war 13 frei und vorbereitet, und veränderte gerne ihren Stand. 14 Die Hochzeit wurde auf des Oheims Schloß ausgerichtet, 15 Familie und Freunde waren eingeladen, und 16 wir kamen alle mit heiterm Geiste.

17 Zum erstenmal in meinem Leben erregte mir der 18 Eintritt in ein Haus Bewunderung. Ich hatte wohl 19 oft von des Oheims Geschmack, von seinem italiänischen 20 Baumeister, von seinen Sammlungen und seiner 21 Bibliothek reden hören; ich verglich aber das alles 22 mit dem, was ich schon gesehen hatte, und machte mir 23 ein sehr buntes Bild davon in Gedanken. Wie verwundert 24 war ich daher über den ernsten und harmonischen 25 Eindruck, den ich bei'm Eintritt in das Haus 26 empfand, und der sich in jedem Saal und Zimmer 27 verstärkte. Hatte Pracht und Zierrath mich sonst nur 28 zerstreut, so fühlte ich mich hier gesammelt und auf 

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1 mich selbst zurückgeführt. Auch in allen Anstalten 2 zu Feierlichkeiten und Festen erregten Pracht und 3 Würde ein stilles Gefallen, und es war mir eben so 4 unbegreiflich, daß Ein Mensch das alles hätte erfinden 5 und anordnen können, als daß mehrere sich 6 vereinigen könnten, um in einem so großen Sinne 7 zusammenzuwirken. Und bei dem allen schienen der 8 Wirth und die Seinigen so natürlich; es war keine 9 Spur von Steifheit noch von leerem Ceremoniell zu 10 bemerken.

11 Die Trauung selbst ward unvermuthet auf eine 12 herzliche Art eingeleitet; eine vortreffliche Vocalmusik 13 überraschte uns, und der Geistliche wußte dieser Ceremonie 14 alle Feierlichkeit der Wahrheit zu geben. Ich 15 stand neben Philo, und statt mir Glück zu wünschen 16 sagte er mit einem tiefen Seufzer: Als ich die Schwester 17 sah die Hand hingeben, war mir's, als ob man mich 18 mit sied heißem Wasser begossen hätte. Warum? fragte 19 ich. Es ist mir allezeit so, wenn ich eine Copulation 20 ansehe, versetzte er. Ich lachte über ihn, und habe 21 nachher oft genug an seine Worte zu denken gehabt.

22 Die Heiterkeit der Gesellschaft, worunter viel junge 23 Leute waren, schien noch einmal so glänzend, indem 24 alles was uns umgab, würdig und ernsthaft war. 25 Aller Hausrath, Tafelzeug, Service und Tischaufsätze 26 stimmten zu dem Ganzen, und wenn mir sonst die 27 Baumeister mit den Conditoren aus Einer Schule 28 entsprungen zu sein schienen; so war hier Conditor 

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1 und Tafeldecker bei dem Architekten in die Schule 2 gegangen.

3 Da man mehrere Tage zusammenblieb, hatte der 4 geistreiche und verständige Wirth für die Unterhaltung 5 der Gesellschaft auf das mannichfaltigste gesorgt. Ich 6 wiederholte hier nicht die traurige Erfahrung, die ich 7 so oft in meinem Leben gehabt hatte, wie übel eine 8 große gemischte Gesellschaft sich befinde, die sich selbst 9 überlassen zu den allgemeinsten und schalsten Zeitvertreiben 10 greifen muß, damit ja eher die guten als die 11 schlechten Subjecte Mangel der Unterhaltung fühlen.

12 Ganz anders hatte es der Oheim veranstaltet. Er 13 hatte zwei bis drei Marschälle, wenn ich sie so nennen 14 darf, bestellt; der eine hatte für die Freuden der 15 jungen Welt zu sorgen: Tänze, Spazierfahrten, kleine 16 Spiele waren von seiner Erfindung, und standen 17 unter seiner Direction, und da junge Leute gern im 18 Freien leben, und die Einflüsse der Luft nicht scheuen; 19 so war ihnen der Garten und der große Gartensaal 20 übergeben, an den zu diesem Endzwecke noch einige 21 Galerien und Pavillons angebauet waren, zwar nur 22 von Bretern und Leinwand, aber in so edlen Verhältnissen, 23 daß man nur an Stein und Marmor dabei 24 erinnert ward.

25 Wie selten ist eine Fete, wobei derjenige, der die 26 Gäste zusammenberuft, auch die Schuldigkeit empfindet, 27 für ihre Bedürfnisse und Bequemlichkeiten auf 28 alle Weise zu sorgen!



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1 Jagd und Spielpartien, kurze Promenaden, Gelegenheiten 2 zu vertraulichen einsamen Gesprächen 3 waren für die ältern Personen bereitet, und derjenige, 4 der am frühsten zu Bette ging, war auch gewiß 5 am weitesten von allem Lärm einquartirt.

6 Durch diese gute Ordnung schien der Raum, in 7 dem wir uns befanden, eine kleine Welt zu sein, und 8 doch, wenn man es bei nahem betrachtete, war das 9 Schloß nicht groß, und man würde ohne genaue 10 Kenntniß desselben und ohne den Geist des Wirthes 11 wohl schwerlich so viele Leute darin beherbergt, und 12 jeden nach seiner Art bewirthet haben.

13 So angenehm uns der Anblick eines wohlgestalteten 14 Menschen ist, so angenehm ist uns eine ganze 15 Einrichtung, aus der uns die Gegenwart eines verständigen 16 vernünftigen Wesens fühlbar wird. Schon 17 in ein reinliches Haus zu kommen ist eine Freude, 18 wenn es auch sonst geschmacklos gebauet und verziert 19 ist: denn es zeigt uns die Gegenwart wenigstens von 20 Einer Seite gebildeter Menschen. Wie doppelt angenehm 21 ist es uns also, wenn aus einer menschlichen 22 Wohnung uns der Geist einer höhern, obgleich auch 23 nur sinnlichen Cultur entgegen spricht.

24 Mit vieler Lebhaftigkeit ward mir dieses auf dem 25 Schlosse meines Oheims anschaulich. Ich hatte vieles 26 von Kunst gehört und gelesen; Philo selbst war ein 27 großer Liebhaber von Gemählden, und hatte eine 28 schöne Sammlung; auch ich selbst hatte viel gezeichnet; 

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1 aber theils war ich zu sehr mit meinen Empfindungen 2 beschäftigt, und trachtete nur das Eine was Noth ist, 3 erst recht in's Reine zu bringen, theils schienen doch 4 alle die Sachen, die ich gesehen hatte, mich wie die 5 übrigen weltlichen Dinge zu zerstreuen. Nun war ich 6 zum erstenmal durch etwas Äußerliches auf mich selbst 7 zurückgeführt, und ich lernte den Unterschied zwischen 8 dem natürlichen vortrefflichen Gesang der Nachtigall 9 und einem vierstimmigen Hallelujah aus gefühlvollen 10 Menschenkehlen zu meiner größten Verwunderung erst 11 kennen.

12 Ich verbarg meine Freude über diese neue Anschauung 13 meinem Oheim nicht, der, wenn alles andere 14 in sein Theil gegangen war, sich mit mir besonders 15 zu unterhalten pflegte. Er sprach mit großer Bescheidenheit 16 von dem, was er besaß und hervorgebracht 17 hatte, mit großer Sicherheit von dem Sinne, in dem 18 es gesammlet und aufgestellt worden war, und ich 19 konnte wohl merken, daß er mit Schonung für mich 20 redete, indem er nach seiner alten Art das Gute, wovon 21 er Herr und Meister zu sein glaubte, demjenigen 22 unterzuordnen schien, was nach meiner Überzeugung 23 das Rechte und Beste war.

24 Wenn wir uns, sagte er einmal, als möglich denken 25 können, daß der Schöpfer der Welt selbst die Gestalt 26 seiner Creatur angenommen, und auf ihre Art und 27 Weise sich eine Zeitlang auf der Welt befunden habe, 28 so muß uns dieses Geschöpf schon unendlich vollkommen 

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1 erscheinen, weil sich der Schöpfer so innig damit vereinigen 2 konnte. Es muß also in dem Begriff des 3 Menschen kein Widerspruch mit dem Begriff der Gottheit 4 liegen, und wenn wir auch oft eine gewisse Unähnlichkeit 5 und Entfernung von ihr empfinden, so ist 6 es doch um desto mehr unsere Schuldigkeit, nicht 7 immer wie der Advocat des bösen Geistes nur auf 8 die Blößen und Schwächen unserer Natur zu sehen, 9 sondern eher alle Vollkommenheiten aufzusuchen, wodurch 10 wir die Ansprüche unsrer Gottähnlichkeit bestätigen 11 können.

12 Ich lächelte und versetzte: Beschämen Sie mich 13 nicht zu sehr, lieber Oheim, durch die Gefälligkeit, in 14 meiner Sprache zu reden! Das, was Sie mir zu sagen 15 haben, ist für mich von so großer Wichtigkeit, daß 16 ich es in Ihrer eigensten Sprache zu hören wünschte, 17 und ich will alsdann, was ich mir davon nicht ganz 18 zueignen kann, schon zu übersetzen suchen.

19 Ich werde, sagte er darauf, auch auf meine eigenste 20 Weise, ohne Veränderung des Tons fortfahren können. 21 Des Menschen größtes Verdienst bleibt wohl, wenn er 22 die Umstände so viel als möglich bestimmt und sich 23 so wenig als möglich von ihnen bestimmen läßt. Das 24 ganze Weltwesen liegt vor uns, wie ein großer Steinbruch 25 vor dem Baumeister, der nur dann den Namen 26 verdient, wenn er aus diesen zufälligen Naturmassen 27 ein in seinem Geiste entsprungenes Urbild mit der 28 größten Ökonomie, Zweckmäßigkeit und Festigkeit zusammenstellt. 

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1 Alles außer uns ist nur Element, ja 2 ich darf wohl sagen, auch alles an uns; aber tief in 3 uns liegt diese schöpferische Kraft, die das zu erschaffen 4 vermag, was sein soll, und uns nicht ruhen 5 und rasten läßt, bis wir es außer uns oder an uns, 6 auf eine oder die andere Weise, dargestellt haben. 7 Sie, liebe Nichte, haben vielleicht das beste Theil erwählt; 8 Sie haben Ihr sittliches Wesen, Ihre tiefe 9 liebevolle Natur mit sich selbst und mit dem höchsten 10 Wesen übereinstimmend zu machen gesucht, indeß wir 11 andern wohl auch nicht zu tadeln sind, wenn wir den 12 sinnlichen Menschen in seinem Umfange zu kennen 13 und thätig in Einheit zu bringen suchen.

14 Durch solche Gespräche wurden wir nach und nach 15 vertrauter, und ich erlangte von ihm, daß er mit 16 mir, ohne Condescendenz, wie mit sich selbst sprach. 17 Glauben Sie nicht, sagte der Oheim zu mir, daß ich 18 Ihnen schmeichle, wenn ich Ihre Art zu denken und 19 zu handeln lobe. Ich verehre den Menschen, der deutlich 20 weiß was er will, unablässig vorschreitet, die 21 Mittel zu seinem Zwecke kennt und sie zu ergreifen 22 und zu brauchen weiß; in wie fern sein Zweck groß 23 oder klein sei, Lob oder Tadel verdiene, das kommt 24 bei mir erst nachher in Betrachtung. Glauben Sie 25 mir, meine Liebe, der größte Theil des Unheils und 26 dessen, was man bös in der Welt nennt, entsteht 27 bloß, weil die Menschen zu nachlässig sind, ihre 28 Zwecke recht kennen zu lernen, und wenn sie solche 

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1 kennen, ernsthaft darauf los zu arbeiten. Sie kommen 2 mir vor wie Leute, die den Begriff haben, es könne 3 und müsse ein Thurm gebauet werden, und die doch 4 an den Grund nicht mehr Steine und Arbeit verwenden, 5 als man allenfalls einer Hütte unterschlüge. 6 Hätten Sie, meine Freundin, deren höchstes Bedürfniß 7 war, mit Ihrer innern sittlichen Natur in's Reine 8 zu kommen, anstatt der großen und kühnen Aufopferungen, 9 sich zwischen Ihrer Familie, einem Bräutigam, 10 vielleicht einem Gemahl nur so hin beholfen, Sie 11 würden, in einem ewigen Widerspruch mit sich selbst, 12 niemals einen zufriedenen Augenblick genossen haben.

13 Sie brauchen, versetzte ich hier, das Wort Aufopferung, 14 und ich habe manchmal gedacht, wie wir 15 einer höhern Absicht, gleichsam wie einer Gottheit, 16 das Geringere zum Opfer darbringen, ob es uns 17 schon am Herzen liegt, wie man ein geliebtes Schaf 18 für die Gesundheit eines verehrten Vaters gern und 19 willig zum Altar führen würde.

20 Was es auch sei, versetzte er, der Verstand oder 21 die Empfindung, das uns eins für das andere hingeben, 22 eins vor dem andern wählen heißt, so ist Entschiedenheit 23 und Folge, nach meiner Meinung, das 24 Verehrungswürdigste am Menschen. Man kann die 25 Waare und das Geld nicht zugleich haben; und der 26 ist eben so übel daran, dem es immer nach der Waare 27 gelüstet, ohne daß er das Herz hat das Geld hinzugeben, 28 als der, den der Kauf reut, wenn er die 

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1 Waare in Händen hat. Aber ich bin weit entfernt, 2 die Menschen deßhalb zu tadeln; denn sie sind eigentlich 3 nicht Schuld, sondern die verwickelte Lage, in der 4 sie sich befinden, und in der sie sich nicht zu regieren 5 wissen. So werden Sie, zum Beispiel, im Durchschnitt, 6 weniger üble Wirthe auf dem Lande als in 7 den Städten finden, und wieder in kleinen Städten 8 weniger als in großen; und warum? Der Mensch 9 ist zu einer beschränkten Lage geboren; einfache, nahe, 10 bestimmte Zwecke vermag er einzusehen, und er gewöhnt 11 sich, die Mittel zu benutzen, die ihm gleich zur 12 Hand sind; sobald er aber in's Weite kommt, weiß 13 er weder was er will, noch was er soll, und es ist 14 ganz einerlei, ob er durch die Menge der Gegenstände 15 zerstreut, oder ob er durch die Höhe und Würde derselben 16 außer sich gesetzt werde. Es ist immer sein 17 Unglück, wenn er veranlaßt wird, nach etwas zu 18 streben, mit dem er sich durch eine regelmäßige Selbstthätigkeit 19 nicht verbinden kann.

20 Fürwahr, fuhr er fort, ohne Ernst ist in der 21 Welt nichts möglich, und unter denen, die wir gebildete 22 Menschen nennen, ist eigentlich wenig Ernst 23 zu finden; sie gehen, ich möchte sagen, gegen Arbeiten 24 und Geschäfte, gegen Künste, ja gegen Vergnügungen 25 nur mit einer Art von Selbstvertheidigung zu Werke; 26 man lebt, wie man ein Pack Zeitungen lies't, nur 27 damit man sie los werde, und es fällt mir dabei 28 jener junge Engländer in Rom ein, der Abends, in 

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1 einer Gesellschaft, sehr zufrieden erzählte: daß er doch 2 heute sechs Kirchen und zwei Galerien bei Seite gebracht 3 habe. Man will mancherlei wissen und kennen, 4 und gerade das, was einen am wenigsten angeht, und 5 man bemerkt nicht, daß kein Hunger dadurch gestillt 6 wird, wenn man nach der Luft schnappt. Wenn ich 7 einen Menschen kennen lerne, frage ich sogleich, womit 8 beschäftigt er sich? und wie? und in welcher 9 Folge? und mit der Beantwortung der Frage ist auch 10 mein Interesse an ihm auf Zeitlebens entschieden.

11 Sie sind, lieber Oheim, versetzte ich darauf, vielleicht 12 zu strenge, und entziehen manchem guten Menschen, 13 dem Sie nützlich sein könnten, Ihre hülfreiche 14 Hand.

15 Ist es dem zu verdenken, antwortete er, der so 16 lange vergebens an ihnen und um sie gearbeitet hat? 17 Wie sehr leidet man nicht in der Jugend von Menschen, 18 die uns zu einer angenehmen Lustpartie einzuladen 19 glauben, wenn sie uns in die Gesellschaft der 20 Danaiden oder des Sisyphus zu bringen versprechen. 21 Gott sei Dank, ich habe mich von ihnen los gemacht, 22 und wenn einer unglücklicher Weise in meinen Kreis 23 kommt, suche ich ihn auf die höflichste Art hinaus zu 24 complimentiren: denn gerade von diesen Leuten hört 25 man die bittersten Klagen über den verworrenen Lauf 26 der Welthändel, über die Seichtigkeit der Wissenschaften, 27 über den Leichtsinn der Künstler, über die 28 Leerheit der Dichter und was alles noch mehr ist. 

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1 Sie bedenken am wenigsten, daß eben sie selbst und 2 die Menge, die ihnen gleich ist, gerade das Buch nicht 3 lesen würden, das geschrieben wäre wie sie es fordern, 4 daß ihnen die echte Dichtung fremd sei, und daß selbst 5 ein gutes Kunstwerk nur durch Vorurtheil ihren Beifall 6 erlangen könne. Doch lassen Sie uns abbrechen, 7 es ist hier keine Zeit zu schelten noch zu klagen.

8 Er leitete meine Aufmerksamkeit auf die verschiedenen 9 Gemählde, die an der Wand aufgehängt waren; 10 mein Auge hielt sich an die, deren Anblick reizend, 11 oder deren Gegenstand bedeutend war; er ließ es eine 12 Weile geschehen, dann sagte er: Gönnen Sie nun auch 13 dem Genius, der diese Werke hervorgebracht hat, einige 14 Aufmerksamkeit. Gute Gemüther sehen so gerne den 15 Finger Gottes in der Natur; warum sollte man nicht 16 auch der Hand seines Nachahmers einige Betrachtung 17 schenken? Er machte mich sodann auf unscheinbare 18 Bilder aufmerksam, und suchte mir begreiflich zu 19 machen, daß eigentlich die Geschichte der Kunst allein 20 uns den Begriff von dem Werth und der Würde eines 21 Kunstwerks geben könne, daß man erst die beschwerlichen 22 Stufen des Mechanismus und des Handwerks, an denen 23 der fähige Mensch sich Jahrhunderte lang hinauf arbeitet, 24 kennen müsse, um zu begreifen wie es möglich sei, 25 daß das Genie auf dem Gipfel, bei dessen bloßem Anblick 26 uns schwindelt, sich frei und fröhlich bewege.

27 Er hatte in diesem Sinne eine schöne Reihe zusammengebracht, 28 und ich konnte mich nicht enthalten, 

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1 als er mir sie auslegte, die moralische Bildung hier 2 wie im Gleichnisse vor mir zu sehen. Als ich ihm 3 meine Gedanken äußerte, versetzte er: Sie haben vollkommen 4 Recht, und wir sehen daraus, daß man nicht 5 wohl thut, der sittlichen Bildung, einsam, in sich 6 selbst verschlossen nachzuhängen; vielmehr wird man 7 finden, daß derjenige, dessen Geist nach einer moralischen 8 Cultur strebt, alle Ursache hat, seine feinere 9 Sinnlichkeit zugleich mit auszubilden, damit er nicht 10 in Gefahr komme, von seiner moralischen Höhe herab 11 zu gleiten, indem er sich den Lockungen einer regellosen 12 Phantasie übergibt, und in den Fall kommt, seine edlere 13 Natur durch Vergnügen an geschmacklosen Tändeleien, 14 wo nicht an etwas Schlimmerem herab zu würdigen.

15 Ich hatte ihn nicht im Verdacht, daß er auf mich 16 ziele, aber ich fühlte mich getroffen, wenn ich zurück 17 dachte, daß unter den Liedern, die mich erbauet hatten, 18 manches abgeschmackte mochte gewesen sein, und daß 19 die Bildchen, die sich an meine geistlichen Ideen anschlossen, 20 wohl schwerlich vor den Augen des Oheims 21 würden Gnade gefunden haben.

22 Philo hatte sich indessen öfters in der Bibliothek 23 aufgehalten, und führte mich nunmehr auch in selbiger 24 ein. Wir bewunderten die Auswahl und dabei die 25 Menge der Bücher. Sie waren in jedem Sinne gesammlet: 26 denn es waren beinahe auch nur solche 27 darin zu finden, die uns zur deutlichen Erkenntniß 28 führen, oder uns zur rechten Ordnung anweisen, die 

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1 uns entweder rechte Materialien geben, oder uns von 2 der Einheit unsers Geistes überzeugen.

3 Ich hatte in meinem Leben unsäglich gelesen, und 4 in gewissen Fächern war mir fast kein Buch unbekannt; 5 um desto angenehmer war mir's hier von 6 der Übersicht des Ganzen zu sprechen, und Lücken zu 7 bemerken, wo ich sonst nur eine beschränkte Verwirrung 8 oder eine unendliche Ausdehnung gesehen 9 hatte.

10 Zugleich machten wir die Bekanntschaft eines sehr 11 interessanten stillen Mannes. Er war Arzt und Naturforscher, 12 und schien mehr zu den Penaten als zu den 13 Bewohnern des Hauses zu gehören. Er zeigte uns 14 das Naturalienkabinett, das, wie die Bibliothek, in 15 verschlossenen Glasschränken zugleich die Wände der 16 Zimmer verzierte und den Raum veredelte, ohne ihn 17 zu verengen. Hier erinnerte ich mich mit Freuden 18 meiner Jugend, und zeigte meinem Vater mehrere 19 Gegenstände, die er ehemals auf das Krankenbette 20 seines kaum in die Welt blickenden Kindes gebracht 21 hatte. Dabei verhehlte der Arzt so wenig als bei 22 folgenden Unterredungen, daß er sich mir in Absicht 23 auf religiöse Gesinnungen nähere, lobte dabei den 24 Oheim außerordentlich wegen seiner Toleranz und 25 Schätzung von allem, was den Werth und die Einheit 26 der menschlichen Natur anzeige und befördere, 27 nur verlange er freilich von allen andern Menschen 28 ein Gleiches und pflege nichts so sehr, als individuellen 

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1 Dünkel und ausschließende Beschränktheit, zu verdammen 2 oder zu fliehen.

3 Seit der Trauung meiner Schwester sah dem Oheim 4 die Freude aus den Augen, und er sprach verschiedenemal 5 mit mir über das, was er für sie und ihre Kinder 6 zu thun denke. Er hatte schöne Güter, die er selbst 7 bewirthschaftete und die er, in dem besten Zustande, 8 seinen Neffen zu übergeben hoffte. Wegen des kleinen 9 Gutes, auf dem wir uns befanden, schien er besondere 10 Gedanken zu hegen: Ich werde es, sagte er, nur einer 11 Person überlassen, die zu kennen, zu schätzen und zu 12 genießen weiß was es enthält, und die einsieht, wie 13 sehr ein Reicher und Vornehmer, besonders in Deutschland, 14 Ursache habe etwas Mustermäßiges aufzustellen.

15 Schon war der größte Theil der Gäste nach und 16 nach verflogen; wir bereiteten uns zum Abschied und 17 glaubten die letzte Scene der Feierlichkeit erlebt zu 18 haben, als wir auf's neue durch seine Aufmerksamkeit, 19 uns ein würdiges Vergnügen zu machen, überrascht 20 wurden. Wir hatten ihm das Entzücken nicht 21 verbergen können, das wir fühlten, als bei meiner 22 Schwester Trauung ein Chor Menschenstimmen sich, 23 ohne alle Begleitung irgend eines Instruments, hören 24 ließ. Wir legten es ihm nahe genug, uns das Vergnügen 25 noch einmal zu verschaffen; er schien nicht 26 darauf zu merken. Wie überrascht waren wir daher, 27 als er eines Abends zu uns sagte: Die Tanzmusik 28 hat sich entfernt; die jungen flüchtigen Freunde haben 

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1 uns verlassen; das Ehepaar selbst sieht schon ernsthafter 2 aus als vor einigen Tagen, und in einer 3 solchen Epoche von einander zu scheiden, da wir uns 4 vielleicht nie, wenigstens anders wiedersehen, regt uns 5 zu einer feierlichen Stimmung, die ich nicht edler 6 nähren kann, als durch eine Musik, deren Wiederholung 7 Sie schon früher zu wünschen schienen.

8 Er ließ durch das indeß verstärkte und im Stillen 9 noch mehr geübte Chor uns vier- und achtstimmige 10 Gesänge vortragen, die uns, ich darf wohl sagen, 11 wirklich einen Vorschmack der Seligkeit gaben. Ich 12 hatte bisher nur den frommen Gesang gekannt, in 13 welchem gute Seelen oft mit heiserer Kehle, wie die 14 Waldvögelein, Gott zu loben glauben, weil sie sich 15 selbst eine angenehme Empfindung machen; dann die 16 eitle Musik der Concerte, in denen man allenfalls 17 zur Bewunderung eines Talents, selten aber, auch 18 nur zu einem vorübergehenden Vergnügen, hingerissen 19 wird. Nun vernahm ich eine Musik aus dem tiefsten 20 Sinne der trefflichsten menschlichen Naturen entsprungen, 21 die durch bestimmte und geübte Organe 22 in harmonischer Einheit wieder zum tiefsten besten 23 Sinne des Menschen sprach, und ihn wirklich in 24 diesem Augenblicke seine Gottähnlichkeit lebhaft empfinden 25 ließ. Alles waren lateinische geistliche Gesänge, 26 die sich, wie Juwelen, in dem goldnen Ringe 27 einer gesitteten weltlichen Gesellschaft ausnahmen, 28 und mich, ohne Anforderung einer sogenannten Erbauung, 

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1 auf das geistigste erhoben und glücklich 2 machten.

3 Bei unserer Abreise wurden wir alle auf das edelste 4 beschenkt. Mir überreichte er das Ordenskreuz meines 5 Stiftes, kunstmäßiger und schöner gearbeitet und emaillirt 6 als man es sonst zu sehen gewohnt war. Es hing 7 an einem großen Brillanten, wodurch es zugleich an 8 das Band befestigt wurde, und den er als den edelsten 9 Stein einer Naturaliensammlung anzusehen bat.

10 Meine Schwester zog nun mit ihrem Gemahl auf 11 seine Güter, wir andern kehrten alle nach unsern 12 Wohnungen zurück und schienen uns, was unsere 13 äußren Umstände anbetraf, in ein ganz gemeines 14 Leben zurückgekehrt zu sein. Wir waren, wie aus 15 einem Feenschloß, auf die platte Erde gesetzt und 16 mußten uns wieder nach unsrer Weise benehmen und 17 behelfen.

18 Die sonderbaren Erfahrungen, die ich in jenem 19 neuen Kreise gemacht hatte, ließen einen schönen Eindruck 20 bei mir zurück; doch blieb er nicht lange in 21 seiner ganzen Lebhaftigkeit, obgleich der Oheim ihn zu 22 unterhalten und zu erneuern suchte, indem er mir, 23 von Zeit zu Zeit, von seinen besten und gefälligsten 24 Kunstwerken zusandte, und wenn ich sie lange genug 25 genossen hatte, wieder mit andern vertauschte.

26 Ich war zu sehr gewohnt, mich mit mir selbst zu 27 beschäftigen, die Angelegenheiten meines Herzens und 28 meines Gemüthes in Ordnung zu bringen, und mich 

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1 davon mit ähnlich gesinnten Personen zu unterhalten, 2 als daß ich mit Aufmerksamkeit ein Kunstwerk hätte 3 betrachten sollen, ohne bald auf mich selbst zurück zu 4 kehren. Ich war gewohnt, ein Gemählde und einen 5 Kupferstich nur anzusehen wie die Buchstaben eines 6 Buchs. Ein schöner Druck gefällt wohl; aber wer 7 wird ein Buch des Druckes wegen in die Hand 8 nehmen? So sollte mir auch eine bildliche Darstellung 9 etwas sagen, sie sollte mich belehren, rühren, 10 bessern; und der Oheim mochte in seinen Briefen, 11 mit denen er seine Kunstwerke erläuterte, reden was 12 er wollte, so blieb es mit mir doch immer bei'm 13 Alten.

14 Doch mehr als meine eigene Natur zogen mich 15 äußere Begebenheiten, die Veränderungen in meiner 16 Familie, von solchen Betrachtungen, ja eine Weile 17 von mir selbst ab; ich mußte dulden und wirken, mehr, 18 als meine schwachen Kräfte zu ertragen schienen.

19 Meine ledige Schwester war bisher mein rechter 20 Arm gewesen; gesund, stark und unbeschreiblich gütig 21 hatte sie die Besorgung der Haushaltung über sich 22 genommen, wie mich die persönliche Pflege des alten 23 Vaters beschäftigte. Es überfällt sie ein Katarrh, 24 woraus eine Brustkrankheit wird, und in drei Wochen 25 liegt sie auf der Bahre; ihr Tod schlug mir Wunden, 26 deren Narben ich jetzt noch nicht gerne ansehe.

27 Ich lag krank zu Bette, ehe sie noch beerdiget war; 28 der alte Schaden auf meiner Brust schien aufzuwachen, 

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1 ich hustete heftig, und war so heiser, daß ich keinen 2 lauten Ton hervorbringen konnte.

3 Die verheirathete Schwester kam vor Schrecken 4 und Betrübniß zu früh in die Wochen. Mein alter 5 Vater fürchtete, seine Kinder und die Hoffnung seiner 6 Nachkommenschaft auf einmal zu verlieren; seine gerechten 7 Thränen vermehrten meinen Jammer; ich 8 flehte zu Gott um Herstellung einer leidlichen Gesundheit, 9 und bat ihn nur, mein Leben bis nach 10 dem Tode des Vaters zu fristen. Ich genas, und 11 war nach meiner Art wohl, konnte wieder meine 12 Pflichten, obgleich nur auf eine kümmerliche Weise, 13 erfüllen.

14 Meine Schwester ward wieder guter Hoffnung. 15 Mancherlei Sorgen, die in solchen Fällen der Mutter 16 anvertraut werden, wurden mir mitgetheilt; sie lebte 17 nicht ganz glücklich mit ihrem Manne, das sollte dem 18 Vater verborgen bleiben; ich mußte Schiedsrichter 19 sein, und konnte es um so eher, da mein Schwager 20 Zutrauen zu mir hatte, und beide wirklich gute 21 Menschen waren, nur daß beide, anstatt einander 22 nachzusehen, mit einander rechteten, und aus Begierde, 23 völlig mit einander überein zu leben, niemals einig 24 werden konnten. Nun lernte ich auch die weltlichen 25 Dinge mit Ernst angreifen, und das ausüben, was 26 ich sonst nur gesungen hatte.

27 Meine Schwester gebar einen Sohn; die Unpäßlichkeit 28 meines Vaters verhinderte ihn nicht, zu ihr 

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1 zu reisen. Bei'm Anblick des Kindes war er unglaublich 2 heiter und froh, und bei der Taufe erschien 3 er mir gegen seine Art wie begeistert, ja ich möchte 4 sagen, als ein Genius mit zwei Gesichtern. Mit dem 5 einen blickte er freudig vorwärts in jene Regionen, 6 in die er bald einzugehen hoffte, mit dem andern auf 7 das neue, hoffnungsvolle irdische Leben, das in dem 8 Knaben entsprungen war, der von ihm abstammte. 9 Er ward nicht müde auf dem Rückwege mich von 10 dem Kinde zu unterhalten, von seiner Gestalt, seiner 11 Gesundheit, und dem Wunsche, daß die Anlagen dieses 12 neuen Weltbürgers glücklich ausgebildet werden möchten. 13 Seine Betrachtungen hierüber dauerten fort, als 14 wir zu Hause anlangten, und erst nach einigen Tagen 15 bemerkte man eine Art Fieber, das sich nach Tisch, 16 ohne Frost, durch eine etwas ermattende Hitze äußerte. 17 Er legte sich jedoch nicht nieder, fuhr des Morgens 18 aus und versah treulich seine Amtsgeschäfte, bis ihn 19, 20 endlich anhaltende ernsthafte Symptome davon abhielten.

21 Nie werde ich die Ruhe des Geistes, die Klarheit 22 und Deutlichkeit vergessen, womit er die Angelegenheiten 23 seines Hauses, die Besorgung seines Begräbnisses, 24 als wie das Geschäft eines andern, mit der 25 größten Ordnung vornahm.

26 Mit einer Heiterkeit, die ihm sonst nicht eigen war, 27 und die bis zu einer lebhaften Freude stieg, sagte er 28 zu mir: Wo ist die Todesfurcht hingekommen, die ich 

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1 sonst noch wohl empfand? Sollt' ich zu sterben scheuen? 2 Ich habe einen gnädigen Gott, das Grab erweckt mir 3 kein Grauen, ich habe ein ewiges Leben.

4 Mir die Umstände seines Todes zurückzurufen, der 5 bald darauf erfolgte, ist in meiner Einsamkeit eine 6 meiner angenehmsten Unterhaltungen, und die sichtbaren 7 Wirkungen einer höhern Kraft dabei wird mir 8 niemand wegräsonniren.

9 Der Tod meines lieben Vaters veränderte meine 10 bisherige Lebensart. Aus dem strengsten Gehorsam, 11 aus der größten Einschränkung kam ich in die größte 12 Freiheit, und ich genoß ihrer wie einer Speise, die 13 man lange entbehrt hat. Sonst war ich selten zwei 14 Stunden außer dem Hause; nun verlebte ich kaum 15 Einen Tag in meinem Zimmer. Meine Freunde, 16 bei denen ich sonst nur abgerissene Besuche machen 17 konnte, wollten sich meines anhaltenden Umgangs, 18 so wie ich mich des ihrigen, erfreuen; öfters wurde 19 ich zu Tische geladen, Spazierfahrten und kleine Lustreisen 20 kamen hinzu, und ich blieb nirgends zurück. 21 Als aber der Cirkel durchlaufen war, sah ich, daß 22 das unschätzbare Glück der Freiheit nicht darin besteht, 23 daß man alles thut, was man thun mag, 24 und wozu uns die Umstände einladen, sondern daß 25 man das ohne Hinderniß und Rückhalt, auf dem 26 geraden Wege thun kann, was man für recht und 27 schicklich hält, und ich war alt genug, in diesem Falle 28 ohne Lehrgeld zu der schönen Überzeugung zu gelangen.



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1 Was ich mir nicht versagen konnte, war, sobald 2 als nur möglich, den Umgang mit den Gliedern der 3 herrnhutischen Gemeine fortzusetzen und fester zu 4 knüpfen, und ich eilte, eine ihrer nächsten Einrichtungen 5 zu besuchen: aber auch da fand ich keinesweges, 6 was ich mir vorgestellt hatte. Ich war ehrlich 7 genug meine Meinung merken zu lassen, und 8 man suchte mir hinwieder beizubringen: diese Verfassung 9 sei gar nichts gegen eine ordentlich eingerichtete 10 Gemeine. Ich konnte mir das gefallen lassen; 11 doch hätte nach meiner Überzeugung der wahre Geist 12 aus einer kleinen so gut als aus einer großen Anstalt 13 hervorblicken sollen.

14 Einer ihrer Bischöfe, der gegenwärtig war, ein 15 unmittelbarer Schüler des Grafen, beschäftigte sich 16 viel mit mir; er sprach vollkommen Englisch, und 17 weil ich es ein wenig verstand, meinte er, es sei ein 18 Wink, daß wir zusammen gehörten; ich meinte es 19 aber ganz und gar nicht; sein Umgang konnte mir 20 nicht im geringsten gefallen. Er war ein Messerschmied, 21 ein geborner Mähre; seine Art zu denken 22 konnte das Handwerksmäßige nicht verläugnen. Besser 23 verstand ich mich mit dem Herrn von L, der Major 24 in französischen Diensten gewesen war; aber zu der 25 Unterthänigkeit, die er gegen seine Vorgesetzten bezeigte, 26 fühlte ich mich niemals fähig; ja es war 27 mir, als wenn man mir eine Ohrfeige gäbe, wenn 28 ich die Majorin und andere, mehr oder weniger angesehene 

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1 Frauen dem Bischof die Hand küssen sah. 2 Indessen wurde doch eine Reise nach Holland verabredet, 3 die aber, und gewiß zu meinem Besten, niemals 4 zu Stande kam.

5 Meine Schwester war mit einer Tochter niedergekommen, 6 und nun war die Reihe an uns Frauen, 7 zufrieden zu sein und zu denken, wie sie dereinst, uns 8 ähnlich, erzogen werden sollte. Mein Schwager war 9 dagegen sehr unzufrieden, als in dem Jahr darauf 10 abermals eine Tochter erfolgte; er wünschte bei seinen 11 großen Gütern Knaben um sich zu sehen, die ihm 12 einst in der Verwaltung beistehen könnten.

13 Ich hielt mich bei meiner schwachen Gesundheit 14 still, und bei einer ruhigen Lebensart ziemlich im 15 Gleichgewicht; ich fürchtete den Tod nicht, ja ich 16 wünschte zu sterben, aber ich fühlte in der Stille, 17 daß mir Gott Zeit gebe, meine Seele zu untersuchen 18 und ihm immer näher zu kommen. In den 19 vielen schlaflosen Nächten habe ich besonders etwas 20 empfunden, das ich eben nicht deutlich beschreiben 21 kann.

22 Es war als wenn meine Seele ohne Gesellschaft 23 des Körpers dächte; sie sah den Körper selbst als ein 24 ihr fremdes Wesen an, wie man etwa ein Kleid ansieht. 25 Sie stellte sich mit einer außerordentlichen Lebhaftigkeit 26 die vergangenen Zeiten und Begebenheiten 27 vor, und fühlte daraus, was folgen werde. Alle diese 28 Zeiten sind dahin; was folgt wird auch dahin gehen: 

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1 der Körper wird wie ein Kleid zerreißen, aber Ich, 2 das wohlbekannte Ich, Ich bin.

3 Diesem großen, erhabenen und tröstlichen Gefühle 4 so wenig als nur möglich nachzuhängen, lehrte mich 5 ein edler Freund, der sich mir immer näher verband; 6 es war der Arzt, den ich in dem Hause meines 7 Oheims hatte kennen lernen, und der sich von der 8 Verfassung meines Körpers und meines Geistes sehr 9 gut unterrichtet hatte; er zeigte mir, wie sehr diese 10 Empfindungen, wenn wir sie unabhängig von äußern 11 Gegenständen in uns nähren, uns gewissermaßen aushöhlen 12 und den Grund unseres Daseins untergraben. 13 Thätig zu sein, sagte er, ist des Menschen erste Bestimmung, 14 und alle Zwischenzeiten, in denen er auszuruhen 15 genöthiget ist, sollte er anwenden, eine deutliche 16 Erkenntniß der äußerlichen Dinge zu erlangen, 17, 18 die ihm in der Folge abermals seine Thätigkeit erleichtert.

19 Da ber Freund meine Gewohnheit kannte, meinen 20 eigenen Körper als einen äußern Gegenstand anzusehn, 21 und da er wußte, daß ich meine Constitution, 22 mein Übel und die medicinischen Hülfsmittel ziemlich 23 kannte, und ich wirklich durch anhaltende eigene und 24 fremde Leiden ein halber Arzt geworden war; so 25 leitete er meine Aufmerksamkeit von der Kenntniß 26 des menschlichen Körpers und der Specereien auf die 27 übrigen nachbarlichen Gegenstände der Schöpfung, und 28 führte mich wie im Paradiese umher, und nur zuletzt, 

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1 wenn ich mein Gleichniß fortsetzen darf, ließ er 2 mich den in der Abendkühle im Garten wandelnden 3 Schöpfer aus der Entfernung ahnen.

4 Wie gerne sah ich nunmehr Gott in der Natur, 5 da ich ihn mit solcher Gewißheit im Herzen trug; 6 wie interessant war mir das Werk seiner Hände, und 7 wie dankbar war ich, daß er mich mit dem Athem 8 seines Mundes hatte beleben wollen!

9 Wir hofften auf's neue, mit meiner Schwester, 10 auf einen Knaben, dem mein Schwager so sehnlich 11 entgegen sah, und dessen Geburt er leider nicht erlebte. 12 Der wackere Mann starb an den Folgen eines 13 unglücklichen Sturzes vom Pferde, und meine Schwester 14 folgte ihm, nachdem sie der Welt einen schönen Knaben 15 gegeben hatte. Ihre vier hinterlassenen Kinder konnte 16 ich nur mit Wehmuth ansehn. So manche gesunde 17 Person war vor mir, der Kranken, hingegangen; 18 sollte ich nicht vielleicht von diesen hoffnungsvollen 19 Blüthen manche abfallen sehen? Ich kannte die Welt 20 genug, um zu wissen, unter wie vielen Gefahren ein 21 Kind, besonders in dem höhern Stande, heraufwächs't, 22 und es schien mir, als wenn sie seit der Zeit meiner 23 Jugend sich für die gegenwärtige Welt noch vermehrt 24 hätten. Ich fühlte, daß ich, bei meiner Schwäche, 25 wenig oder nichts für die Kinder zu thun im Stande 26 sei; um desto erwünschter war mir des Oheims Entschluß, 27 der natürlich aus seiner Denkungsart entsprang, 28 seine ganze Aufmerksamkeit auf die Erziehung 

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1 dieser liebenswürdigen Geschöpfe zu verwenden. Und 2 gewiß, sie verdienten es in jedem Sinne, sie waren 3 wohlgebildet, und versprachen, bei ihrer großen Verschiedenheit, 4 sämmtlich gutartige und verständige Menschen 5 zu werden.

6 Seitdem mein guter Arzt mich aufmerksam gemacht 7 hatte, betrachtete ich gern die Familienähnlichkeit 8 in Kindern und Verwandten. Mein Vater hatte 9 sorgfältig die Bilder seiner Vorfahren aufbewahrt, 10 sich selbst und seine Kinder von leidlichen Meistern 11 mahlen lassen, auch war meine Mutter und ihre 12 Verwandten nicht vergessen worden. Wir kannten 13 die Charaktere der ganzen Familie genau, und da wir 14 sie oft unter einander verglichen hatten, so suchten 15 wir nun bei den Kindern die Ähnlichkeiten des Äußern 16 und Innern wieder auf. Der älteste Sohn meiner 17 Schwester schien seinem Großvater, väterlicher Seite, 18 zu gleichen, von dem ein jugendliches Bild sehr gut 19 gemahlt in der Sammlung unseres Oheims aufgestellt 20 war; auch liebte er wie jener, der sich immer 21 als ein braver Officier gezeigt hatte, nichts so sehr 22 als das Gewehr, womit er sich immer, so oft er 23 mich besuchte, beschäftigte. Denn mein Vater hatte 24 einen sehr schönen Gewehrschrank hinterlassen, und 25 der Kleine hatte nicht eher Ruhe, bis ich ihm ein 26 Paar Pistolen und eine Jagdflinte schenkte, und bis 27 er herausgebracht hatte, wie ein deutsches Schloß 28 aufzuziehen sei. Übrigens war er in seinen Handlungen 

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1 und seinem ganzen Wesen nichts weniger als 2 rauh, sondern vielmehr sanft und verständig.

3 Die älteste Tochter hatte meine ganze Neigung 4 gefesselt, und es mochte wohl daher kommen weil sie 5 mir ähnlich sah, und weil sie sich von allen vieren 6 am meisten zu mir hielt. Aber ich kann wohl sagen, 7 je genauer ich sie beobachtete, da sie heranwuchs, 8 desto mehr beschämte sie mich, und ich konnte das 9 Kind nicht ohne Bewunderung, ja ich darf beinahe 10 sagen, nicht ohne Verehrung ansehn. Man sah nicht 11 leicht eine edlere Gestalt, ein ruhiger Gemüth und 12 eine immer gleiche, auf keinen Gegenstand eingeschränkte 13 Thätigkeit. Sie war keinen Augenblick 14 ihres Lebens unbeschäftigt, und jedes Geschäft ward 15 unter ihren Händen zur würdigen Handlung. Alles 16 schien ihr gleich, wenn sie nur das verrichten konnte, 17 was in der Zeit und am Platz war, und eben so 18 konnte sie ruhig, ohne Ungeduld, bleiben, wenn sich 19 nichts zu thun fand. Diese Thätigkeit ohne Bedürfniß 20 einer Beschäftigung habe ich in meinem Leben 21 nicht wieder gesehen. Unnachahmlich war von Jugend 22 auf ihr Betragen gegen Nothleidende und Hülfsbedürftige. 23 Ich gestehe gern, daß ich niemals das 24 Talent hatte, mir aus der Wohlthätigkeit ein Geschäft 25 zu machen; ich war nicht karg gegen Arme, ja 26 ich gab oft in meinem Verhältnisse zu viel dahin, 27 aber gewissermaßen kaufte ich mich nur los, und es 28 mußte mir jemand angeboren sein, wenn er mir

[Seite 353]

1 meine Sorgfalt abgewinnen wollte. Gerade das Gegentheil 2 lobe ich an meiner Nichte. Ich habe sie niemals 3 einem Armen Geld geben sehen, und was sie von mir 4 zu diesem Endzweck erhielt, verwandelte sie immer erst 5 in das nächste Bedürfniß. Niemals erschien sie mir 6 liebenswürdiger, als wenn sie meine Kleider- und 7 Wäschschränke plünderte; immer fand sie etwas, das 8 ich nicht trug und nicht brauchte, und diese alten 9 Sachen zusammenzuschneiden und sie irgend einem 10, 11 zerlumpten Kinde anzupassen, war ihre größte Glückseligkeit.

12 Die Gesinnungen ihrer Schwester zeigten sich schon 13 anders; sie hatte vieles von der Mutter, versprach schon 14 frühe sehr zierlich und reizend zu werden, und scheint 15 ihr Versprechen halten zu wollen; sie ist sehr mit 16 ihrem Äußern beschäftigt und wußte sich, von früher 17 Zeit an, auf eine in die Augen fallende Weise zu 18 putzen und zu tragen. Ich erinnere mich noch immer, 19 mit welchem Entzücken sie sich als ein kleines Kind 20 im Spiegel besah, als ich ihr die schönen Perlen, die 21 mir meine Mutter hinterlassen hatte, und die sie von 22 ungefähr bei mir fand, umbinden mußte.

23 Wenn ich diese verschiedenen Neigungen betrachtete, 24 war es mir angenehm zu denken, wie meine Besitzungen, 25 nach meinem Tode, unter sie zerfallen und durch 26 sie wieder lebendig werden würden. Ich sah die Jagdflinten 27 meines Vaters schon wieder auf dem Rücken 28 des Neffen im Felde herumwandeln, und aus seiner 

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1 Jagdtasche schon wieder Hühner herausfallen; ich sah 2 meine sämmtliche Garderobe bei der Oster-Confirmation, 3 lauter kleinen Mädchen angepaßt, aus der Kirche 4 herauskommen, und mit meinen besten Stoffen ein sittsames 5 Bürgermädchen an ihrem Brauttage geschmückt: 6 denn zu Ausstattung solcher Kinder und ehrbarer armer 7 Mädchen hatte Natalie eine besondere Neigung, ob sie 8 gleich, wie ich hier bemerken muß, selbst keine Art von 9 Liebe, und wenn ich so sagen darf, kein Bedürfniß 10 einer Anhänglichkeit an ein sichtbares oder unsichtbares 11 Wesen, wie es sich bei mir in meiner Jugend so lebhaft 12 gezeigt hatte, auf irgend eine Weise merken ließ.

13 Wenn ich nun dachte, daß die jüngste an eben 14 demselben Tage meine Perlen und Juwelen nach Hofe 15 tragen werde, so sah ich mit Ruhe meine Besitzungen, 16 wie meinen Körper, den Elementen wieder gegeben.

17 Die Kinder wuchsen heran, und sind zu meiner 18 Zufriedenheit gesunde, schöne und wackre Geschöpfe. 19 Ich ertrage es mit Geduld, daß der Oheim sie von 20 mir entfernt hält, und sehe sie, wenn sie in der Nähe 21 oder auch wohl gar in der Stadt sind, selten.

22 Ein wunderbarer Mann, den man für einen französischen 23 Geistlichen hält, ohne daß man recht von 24 seiner Herkunft unterrichtet ist, hat die Aufsicht über 25 die sämmtlichen Kinder, welche an verschiedenen Orten 26 erzogen werden und bald hier bald da in der Kost sind.

27 Ich konnte anfangs keinen Plan in dieser Erziehung 28 sehn, bis mir mein Arzt zuletzt eröffnete: der 

[Seite 355]

1 Oheim habe sich durch den Abbé überzeugen lassen, 2 daß, wenn man an der Erziehung des Menschen etwas 3 thun wolle, müsse man sehen, wohin seine Neigungen 4 und Wünsche gehen. Sodann müsse man ihn in die 5 Lage versetzen, jene sobald als möglich zu befriedigen, 6 diese sobald als möglich zu erreichen, damit der Mensch, 7 wenn er sich geirret habe, früh genug seinen Irrthum 8 gewahr werde, und wenn er das getroffen hat, was 9 für ihn paßt, desto eifriger daran halte und sich desto 10 emsiger fortbilde. Ich wünsche, daß dieser sonderbare 11 Versuch gelingen möge; bei so guten Naturen ist es 12 vielleicht möglich.

13 Aber das, was ich nicht an diesen Erziehern billigen 14 kann, ist, daß sie alles von den Kindern zu entfernen 15 suchen, was sie zu dem Umgange mit sich selbst und 16 mit dem unsichtbaren, einzigen treuen Freunde führen 17 könne. Ja, es verdrießt mich oft von dem Oheim, 18 daß er mich deßhalb für die Kinder für gefährlich hält. 19 Im Praktischen ist doch kein Mensch tolerant! Denn 20 wer auch versichert, daß er jedem seine Art und Wesen 21 gerne lassen wolle, sucht doch immer diejenigen von der 22 Thätigkeit auszuschließen, die nicht so denken wie er.

23 Diese Art, die Kinder von mir zu entfernen, betrübt 24 mich desto mehr, je mehr ich von der Realität 25 meines Glaubens überzeugt sein kann. Warum sollte 26 er nicht einen göttlichen Ursprung, nicht einen wirklichen 27 Gegenstand haben, da er sich im Praktischen so 28 wirksam erweiset? Werden wir durch's Praktische doch 

[Seite 356]

1 unseres eigenen Daseins selbst erst recht gewiß, warum 2 sollten wir uns nicht auch auf eben dem Wege von 3 jenem Wesen überzeugen können, das uns zu allem 4 Guten die Hand reicht?

5 Daß ich immer vorwärts, nie rückwärts gehe, daß 6 meine Handlungen immer mehr der Idee ähnlich werden, 7 die ich mir von der Vollkommenheit gemacht habe, 8 daß ich täglich mehr Leichtigkeit fühle, das zu thun, 9 was ich für Recht halte, selbst bei der Schwäche meines 10 Körpers, der mir so manchen Dienst versagt; läßt sich 11 das alles aus der menschlichen Natur, deren Verderben 12 ich so tief eingesehen habe, erklären? Für mich nun 13 einmal nicht.

14 Ich erinnere mich kaum eines Gebotes; nichts erscheint 15 mir in Gestalt eines Gesetzes; es ist ein Trieb, 16 der mich leitet und mich immer recht führet; ich folge 17 mit Freiheit meinen Gesinnungen, und weiß so wenig 18 von Einschränkung als von Reue. Gott sei Dank, 19 daß ich erkenne, wem ich dieses Glück schuldig bin 20 und daß ich an diese Vorzüge nur mit Demuth denken 21 darf. Denn niemals werde ich in Gefahr kommen, 22 auf mein eignes Können und Vermögen stolz zu werden, 23 da ich so deutlich erkannt habe, welch Ungeheuer 24 in jedem menschlichen Busen, wenn eine höhere Kraft 25 uns nicht bewahrt, sich erzeugen und nähren könne.

Wilhelm Meisters Lehrjahre. 
[Buch 7-Buch 8]

[Apparat]  



Siebentes Buch.

[Lesarten]  

[Seite 3]



1 
Erstes Capitel.

[Lesarten]  2 Der Frühling war in seiner völligen Herrlichkeit 3 erschienen; ein frühzeitiges Gewitter, das den ganzen 4 Tag gedrohet hatte, ging stürmisch an den Bergen 5 nieder, der Regen zog nach dem Lande, die Sonne 6 trat wieder in ihrem Glanze hervor, und auf dem 7 grauen Grunde erschien der herrliche Bogen. Wilhelm 8 ritt ihm entgegen und sah ihn mit Wehmuth an. 9 Ach! sagte er zu sich selbst, erscheinen uns denn eben 10 die schönsten Farben des Lebens nur auf dunklem 11 Grunde? Und müssen Tropfen fallen, wenn wir entzückt 12 werden sollen? Ein heiterer Tag ist wie ein 13 grauer, wenn wir ihn ungerührt ansehen, und was 14 kann uns rühren, als die stille Hoffnung, daß die 15 angeborne Neigung unsers Herzens nicht ohne Gegenstand 16 bleiben werde? Uns rührt die Erzählung jeder 17 guten That, uns rührt das Anschauen jedes harmonischen 18 Gegenstandes; wir fühlen dabei, daß wir 19 nicht ganz in der Fremde sind, wir wähnen einer 20 Heimath näher zu sein, nach der unser Bestes, Innerstes 21 ungeduldig hinstrebt.

22 Inzwischen hatte ihn ein Fußgänger eingeholt, der 23 sich zu ihm gesellte, mit starkem Schritte neben dem 

[Seite 4]

1 Pferde blieb, und, nach einigen gleichgültigen Reden, 2 zu dem Reiter sagte: Wenn ich mich nicht irre, so 3 muß ich Sie irgendwo schon gesehen haben.

4 Ich erinnere mich Ihrer auch, versetzte Wilhelm; 5 haben wir nicht zusammen eine lustige Wasserfahrt 6 gemacht? --- Ganz recht! erwiderte der andere.

7 Wilhelm betrachtete ihn genauer und sagte nach 8 einigem Stillschweigen: Ich weiß nicht was für eine 9 Veränderung mit Ihnen vorgegangen sein mag; damals 10 hielt ich Sie für einen lutherischen Landgeistlichen 11 und jetzt sehen Sie mir eher einem katholischen 12 ähnlich.

13 Heute betrügen Sie sich wenigstens nicht, sagte der 14 andere, indem er den Hut abnahm und die Tonsur 15 sehen ließ. Wo ist denn Ihre Gesellschaft hingekommen? 16 Sind Sie noch lange bei ihr geblieben?

17 Länger als billig: denn leider wenn ich an jene 18 Zeit zurück denke, die ich mit ihr zugebracht habe, 19 so glaube ich in ein unendliches Leere zu sehen; es 20 ist mir nichts davon übrig geblieben.

21 Darin irren Sie sich; alles, was uns begegnet, 22 läßt Spuren zurück, alles trägt unmerklich zu unserer 23 Bildung bei; doch es ist gefährlich, sich davon Rechenschaft 24 geben zu wollen. Wir werden dabei entweder 25 stolz und lässig, oder niedergeschlagen und kleinmüthig, 26 und eins ist für die Folge so hinderlich als das 27 andere. Das Sicherste bleibt immer, nur das Nächste 28 zu thun was vor uns liegt, und das ist jetzt, fuhr 

[Seite 5]

1 er mit einem Lächeln fort, daß wir eilen in's Quartier 2 zu kommen.

3 Wilhelm fragte, wie weit noch der Weg nach Lothario's 4 Gut sei, der andere versetzte, daß es hinter 5 dem Berge liege. Vielleicht treffe ich Sie dort an, 6 fuhr er fort, ich habe nur in der Nachbarschaft noch 7 etwas zu besorgen. Leben Sie so lange wohl! Und 8 mit diesen Worten ging er einen steilen Pfad, der 9 schneller über den Berg hinüber zu führen schien.

10 Ja wohl hat er Recht! sagte Wilhelm vor sich, 11 indem er weiter ritt: An das Nächste soll man denken, 12 und für mich ist wohl jetzt nichts Näheres als der 13 traurige Auftrag, den ich ausrichten soll. Laß sehen, 14 ob ich die Rede noch ganz im Gedächtniß habe, die 15 den grausamen Freund beschämen soll.

16 Er fing darauf an, sich dieses Kunstwerk vorzusagen; 17 es fehlte ihm auch nicht eine Silbe, und je mehr 18 ihm sein Gedächtniß zu statten kam, desto mehr wuchs 19 seine Leidenschaft und sein Muth. Aureliens Leiden 20 und Tod waren lebhaft vor seiner Seele gegenwärtig.

21 Geist meiner Freundin! rief er aus, umschwebe 22 mich! und wenn es dir möglich ist, so gib mir ein 23 Zeichen, daß du besänftigt, daß du versöhnt seist!

24 Unter diesen Worten und Gedanken war er auf 25 die Höhe des Berges gekommen, und sah an dessen 26 Abhang, an der andern Seite, ein wunderliches Gebäude 27 liegen, das er sogleich für Lothario's Wohnung 28 hielt. Ein altes unregelmäßiges Schloß, mit einigen 

[Seite 6]

1 Thürmen und Giebeln, schien die erste Anlage dazu gewesen 2 zu sein; allein noch unregelmäßiger waren die 3 neuen Angebäude, die theils nah, theils in einiger 4 Entfernung davon errichtet, mit dem Hauptgebäude 5 durch Galerien und bedeckte Gänge zusammenhingen. 6 Alle äußere Symmetrie, jedes architektonische Ansehn 7 schien dem Bedürfniß der innern Bequemlichkeit aufgeopfert 8 zu sein. Keine Spur von Wall und Graben 9 war zu sehen, eben so wenig als von künstlichen 10 Gärten und großen Alleen. Ein Gemüse- und Baumgarten 11 drang bis an die Häuser hinan, und kleine 12 nutzbare Gärten waren selbst in den Zwischenräumen 13 angelegt. Ein heiteres Dörfchen lag in einiger Entfernung; 14 Gärten und Felder schienen durchaus in 15 dem besten Zustande.

16 In seine eignen leidenschaftlichen Betrachtungen 17 vertieft, ritt Wilhelm weiter, ohne viel über das was 18 er sah nachzudenken, stellte sein Pferd in einem Gasthofe 19 ein und eilte nicht ohne Bewegung nach dem 20 Schlosse zu.

21 Ein alter Bedienter empfing ihn an der Thüre, 22 und berichtete ihm mit vieler Gutmüthigkeit, daß er 23 heute wohl schwerlich vor den Herren kommen werde; 24 der Herr habe viel Briefe zu schreiben und schon einige 25 seiner Geschäftsleute abweisen lassen. Wilhelm ward 26 dringender, und endlich mußte der Alte nachgeben 27 und ihn melden. Er kam zurück, und führte Wilhelmen 28 in einen großen alten Saal. Dort ersuchte 

[Seite 7]

1 er ihn sich zu gedulden, weil der Herr vielleicht noch 2 eine Zeitlang ausbleiben werde. Wilhelm ging unruhig 3 auf und ab, und warf einige Blicke auf die 4 Ritter und Frauen, deren alte Abbildungen an der 5 Wand umher hingen, er wiederholte den Anfang 6 seiner Rede, und sie schien ihm in Gegenwart dieser 7 Harnische und Kragen erst recht am Platz. So oft 8 er etwas rauschen hörte, setzte er sich in Positur, um 9 seinen Gegner mit Würde zu empfangen, ihm erst 10 den Brief zu überreichen, und ihn dann mit den 11 Waffen des Vorwurfs anzufallen.

12 Mehrmals war er schon getäuscht worden, und 13 fing wirklich an verdrießlich und verstimmt zu werden, 14 als endlich aus einer Seitenthür ein wohlgebildeter 15 Mann in Stiefeln und einem schlichten Überrocke 16 heraustrat. Was bringen Sie mir Gutes? sagte er 17 mit freundlicher Stimme zu Wilhelmen; verzeihen 18 Sie, daß ich Sie habe warten lassen.

19 Er faltete, indem er dieses sprach, einen Brief, 20 den er in der Hand hielt. Wilhelm, nicht ohne Verlegenheit, 21 überreichte ihm das Blatt Aureliens, und 22 sagte: Ich bringe die letzten Worte einer Freundin, 23 die Sie nicht ohne Rührung lesen werden.

24 Lothario nahm den Brief und ging sogleich in 25 das Zimmer zurück, wo er, wie Wilhelm recht gut 26 durch die offne Thüre sehen konnte, erst noch einige 27 Briefe siegelte und überschrieb, dann Aureliens Brief 28 eröffnete und las. Er schien das Blatt einigemal 

[Seite 8]

1 durchgelesen zu haben, und Wilhelm, obgleich seinem 2 Gefühl nach die pathetische Rede zu dem natürlichen 3 Empfang nicht recht passen wollte, nahm sich doch 4 zusammen, ging auf die Schwelle los und wollte 5 seinen Spruch beginnen, als eine Tapetenthüre des 6 Kabinetts sich öffnete, und der Geistliche hereintrat.

7 Ich erhalte die wunderlichste Depesche von der 8 Welt, rief Lothario ihm entgegen; verzeihn Sie mir, 9 fuhr er fort, indem er sich gegen Wilhelmen wandte, 10 wenn ich in diesem Augenblicke nicht gestimmt bin, mich 11 mit Ihnen weiter zu unterhalten. Sie bleiben heute 12 Nacht bei uns! und Sie sorgen für unsern Gast, 13 Abbé, daß ihm nichts abgeht.

14 Mit diesen Worten machte er eine Verbeugung 15 gegen Wilhelmen, der Geistliche nahm unsern Freund 16 bei der Hand, der nicht ohne Widerstreben folgte.

17 Stillschweigend gingen sie durch wunderliche Gänge, 18 und kamen in ein gar artiges Zimmer. Der Geistliche 19 führte ihn ein, und verließ ihn ohne weitere 20 Entschuldigung. Bald darauf erschien ein munterer 21 Knabe, der sich bei Wilhelmen als seine Bedienung 22 ankündigte und das Abendessen brachte, bei der Aufwartung 23 von der Ordnung des Hauses, wie man zu 24 frühstücken, zu speisen, zu arbeiten und sich zu vergnügen 25 pflegte, manches erzählte, und besonders zu 26 Lothario's Ruhm gar vieles vorbrachte.

27 So angenehm auch der Knabe war, so suchte ihn 28 Wilhelm doch bald los zu werden. Er wünschte 

[Seite 9]

1 allein zu sein, denn er fühlte sich in seiner Lage 2 äußerst gedrückt und beklommen. Er machte sich Vorwürfe, 3 seinen Vorsatz so schlecht vollführt, seinen Auftrag 4 nur halb ausgerichtet zu haben. Bald nahm 5 er sich vor, den andern Morgen das Versäumte nachzuholen, 6 bald ward er gewahr, daß Lothario's Gegenwart 7 ihn zu ganz andern Gefühlen stimmte. Das 8 Haus, worin er sich befand, kam ihm auch so wunderbar 9 vor, er wußte sich in seine Lage nicht zu finden. 10 Er wollte sich ausziehen und öffnete seinen Mantelsack; 11 mit seinen Nachtsachen brachte er zugleich den 12 Schleier des Geistes hervor, den Mignon eingepackt 13 hatte. Der Anblick vermehrte seine traurige Stimmung. 14 Flieh! Jüngling, flieh! rief er aus, was soll das 15 mystische Wort heißen? was fliehen? wohin fliehen? 16 Weit besser hätte der Geist mir zugerufen: Kehre in 17 dich selbst zurück! Er betrachtete die englischen Kupfer, 18 die an der Wand in Rahmen hingen; gleichgültig 19 sah er über die meisten hinweg, endlich fand er auf 20 dem einen ein unglücklich strandendes Schiff vorgestellt: 21 ein Vater mit seinen schönen Töchtern erwartete den 22 Tod von den hereindringenden Wellen. Das eine 23 Frauenzimmer schien Ähnlichkeit mit jener Amazone zu 24 haben; ein unaussprechliches Mitleiden ergriff unsern 25 Freund, er fühlte ein unwiderstehliches Bedürfniß 26 seinem Herzen Luft zu machen, Thränen drangen aus 27 seinem Auge, und er konnte sich nicht wieder erholen, 28 bis ihn der Schlaf überwältigte.



[Seite 10]

1 Sonderbare Traumbilder erschienen ihm gegen 2 Morgen. Er fand sich in einem Garten, den er als 3 Knabe öfters besucht hatte, und sah mit Vergnügen 4 die bekannten Alleen, Hecken und Blumenbeete wieder; 5 Mariane begegnete ihm, er sprach liebevoll mit ihr 6 und ohne Erinnerung irgend eines vergangenen Mißverhältnisses. 7 Gleich darauf trat sein Vater zu ihnen, 8 im Hauskleide; und mit vertraulicher Miene, die ihm 9 selten war, hieß er den Sohn zwei Stühle aus dem 10 Gartenhause holen, nahm Marianen bei der Hand 11 und führte sie nach einer Laube.

12 Wilhelm eilte nach dem Gartensaale, fand ihn 13 aber ganz leer, nur sah er Aurelien an dem entgegengesetzten 14 Fenster stehen; er ging sie anzureden, 15 allein sie blieb unverwandt, und ob er sich gleich 16 neben sie stellte, konnte er doch ihr Gesicht nicht sehen. 17 Er blickte zum Fenster hinaus und sah, in einem 18 fremden Garten, viele Menschen beisammen, von denen 19 er einige sogleich erkannte. Frau Melina saß unter 20 einem Baum und spielte mit einer Rose, die sie in 21 der Hand hielt; Laertes stand neben ihr und zählte 22 Gold aus einer Hand in die andere. Mignon und 23 Felix lagen im Grase, jene ausgestreckt auf dem 24 Rücken, dieser auf dem Gesichte. Philine trat hervor, 25 und klatschte über den Kindern in die Hände, Mignon 26 blieb unbeweglich, Felix sprang auf und floh vor 27 Philinen. Erst lachte er im Laufen, als Philine ihn 28 verfolgte, dann schrie er ängstlich, als der Harfenspieler 

[Seite 11]

1 mit großen langsamen Schritten ihm nachging. 2 Das Kind lief grade auf einen Teich los; Wilhelm 3 eilte ihm nach, aber zu spät, das Kind lag im Wasser! 4 Wilhelm stand wie eingewurzelt. Nun sah er die 5 schöne Amazone an der andern Seite des Teichs, sie 6 streckte ihre rechte Hand gegen das Kind aus und 7 ging am Ufer hin, das Kind durchstrich das Wasser 8 in gerader Richtung auf den Finger zu, und folgte 9 ihr nach, wie sie ging, endlich reichte sie ihm ihre 10 Hand und zog es aus dem Teiche. Wilhelm war 11 indessen näher gekommen, das Kind brannte über 12 und über, und es fielen feurige Tropfen von ihm 13 herab. Wilhelm war noch besorgter, doch die Amazone 14 nahm schnell einen weißen Schleier vom Haupte 15 und bedeckte das Kind damit. Das Feuer war sogleich 16 gelöscht. Als sie den Schleier aufhob, sprangen zwei 17 Knaben hervor, die zusammen muthwillig hin und 18 her spielten, als Wilhelm mit der Amazone Hand 19 in Hand durch den Garten ging, und in der Entfernung 20 seinen Vater und Marianen in einer Allee 21 spazieren sah, die mit hohen Bäumen den ganzen Garten 22 zu umgeben schien. Er richtete seinen Weg auf beide 23 zu, und machte mit seiner schönen Begleiterin den 24 Durchschnitt des Gartens, als auf einmal der blonde 25 Friedrich ihnen in den Weg trat und sie mit großem 26 Gelächter und allerlei Possen aufhielt. Sie wollten 27 demungeachtet ihren Weg weiter fortsetzen; da eilte er 28 weg und lief auf jenes entfernte Paar zu; der Vater 

[Seite 12]

1 und Mariane schienen vor ihm zu fliehen, er lief nur 2 desto schneller, und Wilhelm sah jene fast im Fluge 3 durch die Allee hinschweben. Natur und Neigung 4 forderten ihn auf, jenen zu Hülfe zu kommen, aber 5 die Hand der Amazone hielt ihn zurück. Wie gern 6 ließ er sich halten! Mit dieser gemischten Empfindung 7 wachte er auf und fand sein Zimmer schon von der 8 hellen Sonne erleuchtet.



[Seite 13]



1 
Zweites Capitel.

[Lesarten]  2 Der Knabe lud Wilhelmen zum Frühstück ein; 3 dieser fand den Abbé schon im Saale; Lothario, hieß 4 es, sei ausgeritten; der Abbé war nicht sehr gesprächig 5 und schien eher nachdenklich zu sein; er fragte nach 6 Aureliens Tode und hörte mit Theilnahme der Erzählung 7 Wilhelms zu. Ach! rief er aus, wem es lebhaft 8 und gegenwärtig ist, welche unendliche Operationen 9 Natur und Kunst machen müssen, bis ein gebildeter 10 Mensch dasteht, wer selbst so viel als möglich an der 11 Bildung seiner Mitbrüder Theil nimmt, der möchte 12 verzweifeln, wenn er sieht, wie freventlich sich oft der 13 Mensch zerstört und so oft in den Fall kommt, mit 14 oder ohne Schuld, zerstört zu werden. Wenn ich das 15 bedenke, so scheint mir das Leben selbst eine so zufällige 16 Gabe, daß ich jeden loben möchte, der sie nicht 17 höher als billig schätzt.

18 Er hatte kaum ausgesprochen, als die Thüre mit 19 Heftigkeit sich aufriß, ein junges Frauenzimmer hereinstürzte, 20 und den alten Bedienten, der sich ihr in den 21 Weg stellte, zurückstieß. Sie eilte gerade auf den Abbé 22 zu, und konnte, indem sie ihn bei'm Arm faßte, vor 

[Seite 14]

1 Weinen und Schluchzen kaum die wenigen Worte hervorbringen: 2 Wo ist er? Wo habt ihr ihn? Es ist eine 3 entsetzliche Verrätherei! Gesteht nur! Ich weiß was 4 vorgeht! Ich will ihm nach! Ich will wissen wo er ist.

5 Beruhigen Sie sich, mein Kind, sagte der Abbé 6 mit angenommener Gelassenheit, kommen Sie auf Ihr 7 Zimmer, Sie sollen alles erfahren, nur müssen Sie 8 hören können, wenn ich Ihnen erzählen soll. Er bot 9 ihr die Hand an, im Sinne sie wegzuführen. Ich werde 10 nicht auf mein Zimmer gehen, rief sie aus, ich hasse 11 die Wände, zwischen denen ihr mich schon so lange 12 gefangen haltet! und doch habe ich alles erfahren, der 13 Obrist hat ihn herausgefordert, er ist hinausgeritten, 14 seinen Gegner aufzusuchen und vielleicht jetzt eben in 15 diesem Augenblicke --- es war mir etlichemal, als hörte 16 ich schießen. Lassen Sie anspannen und fahren Sie 17 mit mir, oder ich fülle das Haus, das ganze Dorf 18 mit meinem Geschrei.

19 Sie eilte unter den heftigsten Thränen nach dem 20 Fenster, der Abbé hielt sie zurück und suchte vergebens 21 sie zu besänftigen.

22 Man hörte einen Wagen fahren, sie riß das Fenster 23 auf: Er ist todt! rief sie, da bringen sie ihn --- Er 24 steigt aus! sagte der Abbé. Sie sehen, er lebt --- Er 25 ist verwundet, versetzte sie heftig, sonst käm' er zu 26 Pferde! Sie führen ihn! Er ist gefährlich verwundet! 27 Sie rannte zur Thüre hinaus und die Treppe hinunter, 28 der Abbé eilte ihr nach und Wilhelm folgte ihnen; 

[Seite 15]

1 er sah wie die Schöne ihrem heraufkommenden Geliebten 2 begegnete.

3 Lothario lehnte sich auf seinen Begleiter, welchen 4 Wilhelm sogleich für seinen alten Gönner Jarno erkannte, 5 sprach dem trostlosen Frauenzimmer gar liebreich 6 und freundlich zu, und indem er sich auch auf sie 7 stützte, kam er die Treppe langsam herauf; er grüßte 8 Wilhelmen und ward in sein Kabinett geführt.

9 Nicht lange darauf kam Jarno wieder heraus und 10 trat zu Wilhelmen: Sie sind, wie es scheint, sagte 11 er, prädestinirt, überall Schauspieler und Theater zu 12 finden; wir sind eben in einem Drama begriffen, das 13 nicht ganz lustig ist.

14 Ich freue mich, versetzte Wilhelm, Sie in diesem 15 sonderbaren Augenblicke wiederzufinden; ich bin verwundert, 16 erschrocken, und Ihre Gegenwart macht mich 17 gleich ruhig und gefaßt. Sagen Sie mir, hat es 18 Gefahr? Ist der Baron schwer verwundet? --- Ich 19 glaube nicht, versetzte Jarno.

20 Nach einiger Zeit trat der junge Wundarzt aus 21 dem Zimmer. Nun was sagen Sie? rief ihm Jarno 22 entgegen --- Daß es sehr gefährlich steht, versetzte 23 dieser, und steckte einige Instrumente in seine lederne 24 Tasche zusammen.

25 Wilhelm betrachtete das Band, das von der Tasche 26 herunter hing, er glaubte es zu kennen. Lebhafte 27 widersprechende Farben, ein seltsames Muster, Gold 28 und Silber in wunderlichen Figuren, zeichneten dieses 

[Seite 16]

1 Band vor allen Bändern der Welt aus. Wilhelm war 2 überzeugt, die Instrumententasche des alten Chirurgus 3 vor sich zu sehen, der ihn in jenem Walde verbunden 4 hatte, und die Hoffnung, nach so langer Zeit wieder 5 eine Spur seiner Amazone zu finden, schlug wie eine 6 Flamme durch sein ganzes Wesen.

7 Wo haben Sie die Tasche her? rief er aus. Wem 8 gehörte sie vor Ihnen? Ich bitte, sagen Sie mir's. 9 Ich habe sie in einer Auction gekauft, versetzte jener, 10 was kümmert's mich, wem sie angehörte? Mitdiesen 11 Worten entfernte er sich, und Jarno sagte: Wenn 12 diesem jungen Menschen nur ein wahres Wort aus 13 dem Munde ginge. --- So hat er also diese Tasche 14 nicht erstanden? versetzte Wilhelm. --- So wenig als 15 es Gefahr mit Lothario hat, antwortete Jarno.

16 Wilhelm stand in ein vielfaches Nachdenken versenkt, 17 als Jarno ihn fragte, wie es ihm zeither gegangen 18 sei? Wilhelm erzählte seine Geschichte im 19 Allgemeinen, und als er zuletzt von Aureliens Tod 20 und seiner Botschaft gesprochen hatte, rief jener aus: 21 Es ist doch sonderbar, sehr sonderbar!

22 Der Abbé trat aus dem Zimmer, winkte Jarno 23 zu, an seiner Statt hinein zu gehen, und sagte zu 24 Wilhelmen: Der Baron läßt Sie ersuchen hier zu 25 bleiben, einige Tage die Gesellschaft zu vermehren und 26 zu seiner Unterhaltung unter diesen Umständen beizutragen. 27 Haben Sie nöthig etwas an die Ihrigen zu 28 bestellen, so soll Ihr Brief gleich besorgt werden, und 

[Seite 17]

1 damit Sie diese wunderbare Begebenheit verstehen, von 2 der Sie Augenzeuge sind, muß ich Ihnen erzählen, 3 was eigentlich kein Geheimniß ist. Der Baron hatte 4 ein kleines Abenteuer mit einer Dame, das mehr Aufsehen 5 machte als billig war, weil sie den Triumph, 6 ihn einer Nebenbuhlerin entrissen zu haben, allzu lebhaft 7 genießen wollte. Leider fand er nach einiger 8 Zeit bei ihr nicht die nämliche Unterhaltung, ervermied 9 sie; allein bei ihrer heftigen Gemüthsart war 10 es ihr unmöglich ihr Schicksal mit gesetztem Muthe 11 zu tragen. Bei einem Balle gab es einen öffentlichen 12 Bruch, sie glaubte sich äußerst beleidigt, und wünschte 13 gerächt zu werden; kein Ritter fand sich, der sich 14 ihrer angenommen hätte, bis endlich ihr Mann, von 15 dem sie sich lange getrennt hatte, die Sache erfuhr 16 und sich ihrer annahm, den Baron herausforderte und 17 heute verwundete; doch ist der Obrist, wie ich höre, 18 noch schlimmer dabei gefahren.

19 Von diesem Augenblicke an ward unser Freund im 20 Hause, als gehöre er zur Familie, behandelt.



[Seite 18]



1 
Drittes Capitel.

[Lesarten]  2 Man hatte einigemal dem Kranken vorgelesen; 3 Wilhelm leistete diesen kleinen Dienst mit Freuden. 4 Lydie kam nicht vom Bette hinweg, ihre Sorgfalt für 5 den Verwundeten verschlang alle ihre übrige Aufmerksamkeit, 6 aber heute schien auch Lothario zerstreut, ja 7 er bat, daß man nicht weiter lesen möchte.

8 Ich fühle heute so lebhaft, sagte er, wie thöricht 9 der Mensch seine Zeit verstreichen läßt! Wie manches 10 habe ich mir vorgenommen, wie manches durchdacht, 11 und wie zaudert man nicht bei seinen besten Vorsätzen! 12 Ich habe die Vorschläge über die Veränderungen 13 gelesen, die ich auf meinen Gütern machen 14 will, und ich kann sagen, ich freue mich vorzüglich 15 dieserwegen, daß die Kugel keinen gefährlichern Weg 16 genommen hat.

17 Lydie sah ihn zärtlich, ja mit Thränen in den 18 Augen an, als wollte sie fragen, ob denn sie, ob seine 19 Freunde nicht auch Antheil an der Lebensfreude fordern 20 könnten? Jarno dagegen versetzte: Veränderungen, 21 wie Sie vorhaben, werden billig erst von 22 allen Seiten überlegt, bis man sich dazu entschließt.



[Seite 19]

1 Lange Überlegungen, versetzte Lothario, zeigen gewöhnlich, 2 daß man den Punct nicht im Auge hat, 3 von dem die Rede ist, übereilte Handlungen, daß 4 man ihn gar nicht kennt. Ich übersehe sehr deutlich, 5 daß ich in vielen Stücken, bei der Wirthschaft meiner 6 Güter, die Dienste meiner Landleute nicht entbehren 7 kann, und daß ich auf gewissen Rechten strack und 8 streng halten muß; ich sehe aber auch, daß andere 9 Befugnisse mir zwar vortheilhaft, aber nicht ganz 10 unentbehrlich sind, so daß ich davon meinen Leuten 11 auch was gönnen kann. Man verliert nicht immer, 12 wenn man entbehrt. Nutze ich nicht meine Güter 13 weit besser als mein Vater? Werde ich meine Einkünfte 14 nicht noch höher treiben? Und soll ich diesen 15 wachsenden Vortheil allein genießen? Soll ich dem, 16 der mit mir und für mich arbeitet, nicht auch 17 in dem Seinigen Vortheile gönnen, die uns erweiterte 18 Kenntnisse, die uns eine vorrückende Zeit 19 darbietet?

20 Der Mensch ist nun einmal so! rief Jarno, und 21 ich tadle mich nicht, wenn ich mich auch in dieser 22 Eigenheit ertappe; der Mensch begehrt alles an sich 23 zu reißen, um nur nach Belieben damit schalten und 24 walten zu können; das Geld, das er nicht selbst ausgibt, 25 scheint ihm selten wohl angewendet.

26 O ja! versetzte Lothario, wir könnten manches 27 vom Capital entbehren, wenn wir mit den Interessen 28 weniger willkürlich umgingen.



[Seite 20]

1 Das einzige, was ich zu erinnern habe, sagte 2 Jarno, und warum ich nicht rathen kann, daß Sie 3 eben jetzt diese Veränderungen machen, wodurch Sie 4 wenigstens im Augenblicke verlieren, ist, daß Sie selbst 5 noch Schulden haben, deren Abzahlung Sie einengt. 6 Ich würde rathen Ihren Plan aufzuschieben, bis Sie 7 völlig im Reinen wären.

8 Und indessen einer Kugel, oder einem Dachziegel 9 zu überlassen, ob er die Resultate meines Lebens 10 und meiner Thätigkeit auf immer vernichten wollte! 11 O, mein Freund! fuhr Lothario fort: das ist ein 12 Hauptfehler gebildeter Menschen, daß sie alles an 13 eine Idee, wenig oder nichts an einen Gegenstand 14 wenden mögen. Wozu habe ich Schulden gemacht? 15 Warum habe ich mich mit meinem Oheim entzweit? 16 meine Geschwister so lange sich selbst überlassen? als 17 um einer Idee willen. In Amerika glaubte ich zu 18 wirken, über dem Meere glaubte ich nützlich und 19 nothwendig zu sein; war eine Handlung nicht mit 20 tausend Gefahren umgeben, so schien sie mir nicht 21 bedeutend, nicht würdig. Wie anders seh' ich jetzt 22 die Dinge, und wie ist mir das Nächste so werth, so 23 theuer geworden.

24 Ich erinnere mich wohl des Briefes, versetzte 25 Jarno, den ich noch über das Meer erhielt. Sie 26 schrieben mir: Ich werde zurückkehren, und in meinem 27 Hause, in meinem Baumgarten, mitten unter den 28 Meinigen sagen: hier, oder nirgend ist Amerika!



[Seite 21]

1 Ja, mein Freund, und ich wiederhole noch immer 2 dasselbe, und doch schelte ich mich zugleich, daß ich 3 hier nicht so thätig wie dort bin. Zu einer gewissen 4 gleichen fortdauernden Gegenwart brauchen wir nur 5 Verstand, und wir werden auch nur zu Verstand, so 6 daß wir das Außerordentliche, was jeder gleichgültige 7 Tag von uns fordert, nicht mehr sehen, und wenn 8 wir es erkennen, doch tausend Entschuldigungen finden 9 es nicht zu thun. Ein verständiger Mensch ist viel 10 für sich, aber für's Ganze ist er wenig.

11 Wir wollen, sagte Jarno, dem Verstande nicht zu 12 nahe treten, und bekennen, daß das Außerordentliche, 13 was geschieht, meistens thöricht ist.

14 Ja, und zwar eben deßwegen, weil die Menschen 15 das Außerordentliche außer der Ordnung thun. So 16 gibt mein Schwager sein Vermögen, insofern er es 17 veräußern kann, der Brüdergemeinde, und glaubt 18 seiner Seele Heil dadurch zu befördern; hätte er einen 19 geringen Theil seiner Einkünfte aufgeopfert, so hätte 20 er viel glückliche Menschen machen, und sich undihnen 21 einen Himmel auf Erden schaffen können. Selten 22 sind unsere Aufopferungen thätig, wir thun gleich 23 Verzicht auf das, was wir weggeben. Nicht entschlossen, 24 sondern verzweifelt entsagen wir dem, was 25 wir besitzen. Diese Tage, ich gesteh' es, schwebt mir 26 der Graf immer vor Augen, und ich bin fest entschlossen, 27 das aus Überzeugung zu thun, wozu ihn 28 ein ängstlicher Wahn treibt; ich will meine Genesung 

[Seite 22]

1 nicht abwarten. Hier sind die Papiere, sie dürfen 2 nur in's Reine gebracht werden. Nehmen Sie den 3 Gerichtshalter dazu, unser Gast hilft Ihnen auch, 4 Sie wissen so gut als ich, worauf es ankommt, und 5 ich will hier genesend oder sterbend dabei bleiben und 6 ausrufen: hier, oder nirgend ist Herrnhut!

7 Als Lydie ihren Freund von sterben reden hörte, 8 stürzte sie vor seinem Bette nieder, hing an seinen 9 Armen und weinte bitterlich. Der Wundarzt kam 10 herein, Jarno gab Wilhelmen die Papiere und nöthigte 11 Lydien sich zu entfernen.

12 Um's Himmels willen! rief Wilhelm, als sie in 13 dem Saal allein waren, was ist das mit dem Grafen? 14 Welch ein Graf ist das, der sich unter die Brüdergemeinde 15 begibt?

16 Den Sie sehr wohl kennen, versetzte Jarno. Sie 17 sind das Gespenst, das ihn in die Arme der Frömmigkeit 18 jagt, Sie sind der Bösewicht, der sein artiges 19 Weib in einen Zustand versetzt, in dem sie erträglich 20 findet, ihrem Manne zu folgen.

21 Und sie ist Lothario's Schwester? rief Wilhelm.

22 Nicht anders.

23 Und Lothario weiß --- ?

24 Alles.

25 O lassen Sie mich fliehen! rief Wilhelm aus: wie 26 kann ich vor ihm stehen? Was kann er sagen?

27 Daß niemand einen Stein gegen den andern aufheben 28 soll, und daß niemand lange Reden componiren 

[Seite 23]

1 soll, um die Leute zu beschämen, er müßte sie denn 2 vor dem Spiegel halten wollen.

3 Auch das wissen Sie?

4 Wie manches andere, versetzte Jarno lächelnd; doch 5 dießmal, fuhr er fort, werde ich Sie so leicht nicht 6 wie das vorigemal los lassen, und vor meinem Werbesold 7 haben Sie sich auch nicht mehr zu fürchten. Ich 8 bin kein Soldat mehr, und auch als Soldat hätte ich 9 Ihnen diesen Argwohn nicht einflößen sollen. Seit 10 der Zeit, daß ich Sie nicht gesehen habe, hat sich vieles 11 geändert. Nach dem Tode meines Fürsten, meines 12 einzigen Freundes und Wohlthäters, habe ich mich 13 aus der Welt und aus allen weltlichen Verhältnissen 14 herausgerissen. Ich beförderte gern was vernünftig 15 war, verschwieg nicht, wenn ich etwas abgeschmackt 16 fand, und man hatte immer von meinem unruhigen 17 Kopf und von meinem bösen Maule zu reden. Das 18 Menschenpack fürchtet sich vor nichts mehr, als vor 19 dem Verstande; vor der Dummheit sollten sie sich 20 fürchten, wenn sie begriffen, was fürchterlich ist; 21 aber jener ist unbequem, und man muß ihn bei Seite 22 schaffen, diese ist nur verderblich, und das kann 23 man abwarten. Doch es mag hingehen, ich habe 24 zu leben, und von meinem Plane sollen Sie weiter 25 hören. Sie sollen Theil daran nehmen, wenn Sie 26 mögen; aber sagen Sie mir, wie ist es Ihnen ergangen? 27 Ich sehe, ich fühle Ihnen an, auch Sie 28 haben sich verändert. Wie steht's mit Ihrer alten 

[Seite 24]

1 Grille, etwas Schönes und Gutes in Gesellschaft von 2 Zigeunern hervorzubringen?

3 Ich bin gestraft genug! rief Wilhelm aus: erinnern 4 Sie mich nicht, woher ich komme und wohin 5 ich gehe. Man spricht viel vom Theater, aber wer 6 nicht selbst darauf war, kann sich keine Vorstellung 7 davon machen. Wie völlig diese Menschen mit sich 8 selbst unbekannt sind, wie sie ihr Geschäft ohne Nachdenken 9 treiben, wie ihre Anforderungen ohne Gränzen 10 sind, davon hat man keinen Begriff. Nicht allein will 11 jeder der erste, sondern auch der einzige sein, jeder 12 möchte gerne alle übrigen ausschließen, und sieht nicht, 13 daß er mit ihnen zusammen kaum etwas leistet; jeder 14 dünkt sich wunderoriginal zu sein, und ist unfähig 15 sich in etwas zu finden was außer dem Schlendrian 16 ist; dabei eine immerwährende Unruhe nach etwas 17 Neuem. Mit welcher Heftigkeit wirken sie gegen 18 einander! und nur die kleinlichste Eigenliebe, der beschränkteste 19 Eigennutz macht, daß sie sich mit einander 20 verbinden. Vom wechselseitigen Betragen ist gar die 21 Rede nicht; ein ewiges Mißtrauen wird durch heimliche 22 Tücke und schändliche Reden unterhalten; wer 23 nicht liederlich lebt, lebt albern. Jeder macht Anspruch 24 auf die unbedingteste Achtung, jeder ist empfindlich 25 gegen den mindesten Tadel. Das hat er selbst 26 alles schon besser gewußt! Und warum hat er denn 27 immer das Gegentheil gethan? Immer bedürftig und 28 immer ohne Zutrauen, scheint es, als wenn sie sich 

[Seite 25]

1 vor nichts so sehr fürchteten als vor Vernunft und 2 gutem Geschmack, und nichts so sehr zu erhalten 3 suchten, als das Majestätsrecht ihrer persönlichen 4 Willkür.

5 Wilhelm holte Athem, um seine Litanei noch weiter 6 fortzusetzen, als ein unmäßiges Gelächter Jarno's ihn 7 unterbrach. Die armen Schauspieler! rief er aus, 8 warf sich in einen Sessel und lachte fort: die armen 9 guten Schauspieler! Wissen Sie denn, mein Freund, 10 fuhr er fort, nachdem er sich einigermaßen wieder erholt 11 hatte, daß Sie nicht das Theater, sondern die 12 Welt beschrieben haben, und daß ich Ihnen aus allen 13 Ständen genug Figuren und Handlungen zu Ihren 14 harten Pinselstrichen finden wollte? Verzeihen Sie 15 mir, ich muß wieder lachen, daß Sie glaubten, diese 16 schönen Qualitäten seien nur auf die Breter gebannt.

17 Wilhelm faßte sich, denn wirklich hatte ihn das 18 unbändige und unzeitige Gelächter Jarno's verdrossen. 19 Sie können, sagte er, Ihren Menschenhaß nicht ganz 20 verbergen, wenn Sie behaupten, daß diese Fehler allgemein 21 seien.

22 Und es zeugt von Ihrer Unbekanntschaft mit der 23 Welt, wenn Sie diese Erscheinungen dem Theater so 24 hoch anrechnen. Wahrhaftig, ich verzeihe dem Schauspieler 25 jeden Fehler, der aus dem Selbstbetrug und 26 aus der Begierde zu gefallen entspringt; denn wenn 27 er sich und andern nicht etwas scheint, so ist er nichts. 28 Zum Schein ist er berufen, er muß den augenblicklichen 

[Seite 26]

1 Beifall hoch schätzen, denn er erhält keinen 2 andern Lohn; er muß zu glänzen suchen, denn deßwegen 3 steht er da.

4 Sie erlauben, versetzte Wilhelm, daß ich von meiner 5 Seite wenigstens lächele. Nie hätte ich geglaubt, daß 6 Sie so billig, so nachsichtig sein könnten.

7 Nein, bei Gott! dieß ist mein völliger wohlbedachter 8 Ernst. Alle Fehler des Menschen verzeih' 9 ich dem Schauspieler, keine Fehler des Schauspielers 10 verzeih' ich dem Menschen. Lassen Sie mich meine 11 Klaglieder hierüber nicht anstimmen, sie würden heftiger 12 klingen als die Ihrigen.

13 Der Chirurgus kam aus dem Kabinett, und auf 14 Befragen, wie sich der Kranke befinde? sagte er mit 15 lebhafter Freundlichkeit: Recht sehr wohl, ich hoffe ihn 16 bald völlig wieder hergestellt zu sehen. Sogleich eilte 17 er zum Saal hinaus, und erwartete Wilhelms Frage 18 nicht, der schon den Mund öffnete, sich nochmals und 19 dringender nach der Brieftasche zu erkundigen. Das 20 Verlangen, von seiner Amazone etwas zu erfahren, 21 gab ihm Vertrauen zu Jarno; er entdeckte ihm seinen 22 Fall, und bat ihn um seine Beihülfe. Sie wissen 23 so viel, sagte er, sollten Sie nicht auch das erfahren 24 können?

25 Jarno war einen Augenblick nachdenkend, dann 26 sagte er zu seinem jungen Freunde: Sein Sie ruhig, 27 und lassen Sie sich weiter nichts merken, wir wollen 28 der Schönen schon auf die Spur kommen. Jetzt beunruhigt 

[Seite 27]

1 mich nur Lothario's Zustand, die Sache 2 steht gefährlich, das sagt mir die Freundlichkeit und 3 der gute Trost des Wundarztes. Ich hätte Lydien 4 schon gerne weggeschafft, denn sie nutzt hier gar nichts, 5 aber ich weiß nicht, wie ich es anfangen soll. Heute 6 Abend hoff' ich soll unser alter Medicus kommen, 7 und dann wollen wir weiter rathschlagen.



[Seite 28]



1 
Viertes Capitel.

[Lesarten]  2 Der Medicus kam; es war der gute, alte, kleine 3 Arzt, den wir schon kennen, und dem wir die Mittheilung 4 des interessanten Manuscripts verdanken. 5 Er besuchte vor allen Dingen den Verwundeten, und 6 schien mit dessen Befinden keinesweges zufrieden. Dann 7 hatte er mit Jarno eine lange Unterredung, doch ließen 8 sie nichts merken, als sie Abends zu Tische kamen.

9 Wilhelm begrüßte ihn auf's freundlichste, und erkundigte 10 sich nach seinem Harfenspieler. --- Wir haben 11 noch Hoffnung, den Unglücklichen zu rechte zu bringen, 12 versetzte der Arzt. --- Dieser Mensch war eine traurige 13 Zugabe zu Ihrem eingeschränkten und wunderlichen 14 Leben, sagte Jarno. Wie ist es ihm weiter 15 ergangen? Lassen Sie mich es wissen.

16 Nachdem man Jarno's Neugierde befriediget hatte, 17 fuhr der Arzt fort: Nie habe ich ein Gemüth in einer 18 so sonderbaren Lage gesehen. Seit vielen Jahren 19 hat er an nichts, was außer ihm war, den mindesten 20 Antheil genommen, ja fast auf nichts gemerkt; bloß 21 in sich gekehrt, betrachtete er sein hohles leeres Ich, 

[Seite 29]

1 das ihm als ein unermeßlicher Abgrund erschien. Wie 2 rührend war es, wenn er von diesem traurigen Zustande 3 sprach! Ich sehe nichts vor mir, nichts hinter 4 mir, rief er aus, als eine unendliche Nacht, in der 5 ich mich in der schrecklichsten Einsamkeit befinde; kein 6 Gefühl bleibt mir, als das Gefühl meiner Schuld, 7 die doch auch nur wie ein entferntes unförmliches 8 Gespenst sich rückwärts sehen läßt. Doch da ist keine 9 Höhe, keine Tiefe, kein Vor noch Zurück, kein Wort 10 drückt diesen immer gleichen Zustand aus. Manchmal 11 ruf' ich in der Noth dieser Gleichgültigkeit: 12 Ewig! ewig! mit Heftigkeit aus, und dieses seltsame 13 unbegreifliche Wort ist hell und klar gegen die Finsterniß 14 meines Zustandes. Kein Strahl einer Gottheit 15 erscheint mir in dieser Nacht, ich weine meine Thränen 16 alle mir selbst und um mich selbst. Nichts ist mir 17 grausamer als Freundschaft und Liebe; denn sie allein 18 locken mir den Wunsch ab, daß die Erscheinungen, 19 die mich umgeben, wirklich sein möchten. Aber auch 20 diese beiden Gespenster sind nur aus dem Abgrunde 21 gestiegen, um mich zu ängstigen, und um mir zuletzt 22 auch das theure Bewußtsein dieses ungeheuren Daseins 23 zu rauben.

24 Sie sollten ihn hören, fuhr der Arzt fort, wenn 25 er in vertraulichen Stunden auf diese Weise sein Herz 26 erleichtert; mit der größten Rührung habe ich ihm 27 einigemal zugehört. Wenn sich ihm etwas aufdringt, 28 das ihn nöthigt, einen Augenblick zu gestehen, eine 

[Seite 30]

1 Zeit sei vergangen, so scheint er wie erstaunt, und 2 dann verwirft er wieder die Veränderung an den 3 Dingen als eine Erscheinung der Erscheinungen. Eines 4 Abends sang er ein Lied über seine grauen Haare; 5 wir saßen alle um ihn her und weinten.

6 O, schaffen Sie es mir! rief Wilhelm aus.

7 Haben Sie denn aber, fragte Jarno, nichts entdeckt 8 von dem, was er sein Verbrechen nennt, nicht die Ursache 9 seiner sonderbaren Tracht, sein Betragen bei'm 10 Brande, seine Wuth gegen das Kind?

11 Nur durch Muthmaßungen können wir seinem 12 Schicksale näher kommen; ihn unmittelbar zu fragen, 13 würde gegen unsere Grundsätze sein. Da wir wohl 14 merken, daß er katholisch erzogen ist, haben wir geglaubt, 15 ihm durch eine Beichte Linderung zu verschaffen; 16 aber er entfernt sich auf eine sonderbare Weise 17 jedesmal, wenn wir ihn dem Geistlichen näher zu 18 bringen suchen. Daß ich aber Ihren Wunsch, etwas 19 von ihm zu wissen, nicht ganz unbefriedigt lasse, will 20 ich Ihnen wenigstens unsere Vermuthungen entdecken. 21 Er hat seine Jugend in dem geistlichen Stande zugebracht; 22 daher scheint er sein langes Gewand und 23 seinen Bart erhalten zu wollen. Die Freuden der 24 Liebe blieben ihm die größte Zeit seines Lebens unbekannt. 25 Erst spät mag eine Verirrung mit einem 26 sehr nahe verwandten Frauenzimmer, es mag ihr 27 Tod, der einem unglücklichen Geschöpfe das Dasein 28 gab, sein Gehirn völlig zerrüttet haben.



[Seite 31]

1 Sein größter Wahn ist, daß er überall Unglück 2 bringe, und daß ihm der Tod durch einen unschuldigen 3 Knaben bevorstehe. Erst fürchtete er sich vor Mignon, 4 eh' er wußte, daß es ein Mädchen war; nun ängstigte 5 ihn Felix, und da er das Leben bei alle seinem 6 Elend unendlich liebt, scheint seine Abneigung gegen 7 das Kind daher entstanden zu sein.

8 Was haben Sie denn zu seiner Besserung für 9 Hoffnung? fragte Wilhelm.

10 Es geht langsam vorwärts, versetzte der Arzt, 11 aber doch nicht zurück. Seine bestimmten Beschäftigungen 12 treibt er fort, und wir haben ihn gewöhnt, 13 die Zeitungen zu lesen, die er jetzt immer mit großer 14 Begierde erwartet.

15 Ich bin auf seine Lieder neugierig, sagte Jarno.

16 Davon werde ich Ihnen verschiedene geben können, 17 sagte der Arzt. Der älteste Sohn des Geistlichen, 18 der seinem Vater die Predigten nachzuschreiben gewohnt 19 ist, hat manche Strophe, ohne von dem Alten 20 bemerkt zu werden, aufgezeichnet, und mehrere Lieder 21 nach und nach zusammengesetzt.

22 Den andern Morgen kam Jarno zu Wilhelmen, 23 und sagte ihm: Sie müssen uns einen Gefallen thun; 24 Lydie muß einige Zeit entfernt werden; ihre heftige, 25 und, ich darf wohl sagen, unbequeme Liebe und Leidenschaft 26 hindert des Barons Genesung. Seine Wunde 27 verlangt Ruhe und Gelassenheit, ob sie gleich bei 28 seiner guten Natur nicht gefährlich ist. Sie haben 

[Seite 32]

1 gesehen, wie ihn Lydie mit stürmischer Sorgfalt, unbezwinglicher 2 Angst und nie versiegenden Thränen 3 quält, und --- genug, setzte er nach einer Pause, mit 4 einem Lächeln, hinzu, der Medicus verlangt ausdrücklich, 5 daß sie das Haus auf einige Zeit verlassen 6 solle. Wir haben ihr eingebildet, eine sehr gute 7 Freundin halte sich in der Nähe auf, verlange sie 8 zu sehen und erwarte sie jeden Augenblick. Sie hat 9 sich bereden lassen, zu dem Gerichtshalter zu fahren, 10 der nur zwei Stunden von hier wohnt. Dieser ist 11 unterrichtet, und wird herzlich bedauern, daß Fräulein 12 Therese so eben weggefahren sei; er wird wahrscheinlich 13 machen, daß man sie noch einholen könne, Lydie 14 wird ihr nacheilen, und, wenn das Glück gut ist, 15 wird sie von einem Orte zum andern geführt werden. 16 Zuletzt, wenn sie drauf besteht, wieder umzukehren, 17 darf man ihr nicht widersprechen; man muß die 18 Nacht zu Hülfe nehmen, der Kutscher ist ein gescheidter 19 Kerl, mit dem man noch Abrede nehmen muß. Sie 20 setzen sich zu ihr in den Wagen, unterhalten sie und 21 dirigiren das Abenteuer.

22 Sie geben mir einen sonderbaren und bedenklichen 23 Auftrag, versetzte Wilhelm: wie ängstlich ist die Gegenwart 24 einer gekränkten treuen Liebe! und ich soll 25 selbst dazu das Werkzeug sein? Es ist das erstemal 26 in meinem Leben, daß ich jemanden auf diese Weise 27 hintergehe: denn ich habe immer geglaubt, daß es 28 uns zu weit führen könne, wenn wir einmal um 

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1, 2 des Guten und Nützlichen willen zu betrügen anfangen.

3 Können wir doch Kinder nicht anders erziehen, 4 als auf diese Weise, versetzte Jarno.

5 Bei Kindern möchte es noch hingehen, sagte Wilhelm, 6 indem wir sie so zärtlich lieben und offenbar 7 übersehen; aber bei unsers Gleichen, für die uns 8 nicht immer das Herz so laut um Schonung anruft, 9 möchte es oft gefährlich werden. Doch glauben Sie 10 nicht, fuhr er nach einem kurzen Nachdenken fort, 11 daß ich deßwegen diesen Auftrag ablehne. Bei der 12 Ehrfurcht, die mir Ihr Verstand einflößt, bei der 13 Neigung, die ich für Ihren trefflichen Freund fühle, 14 bei dem lebhaften Wunsch, seine Genesung, durch 15 welche Mittel sie auch möglich sei, zu befördern, mag 16 ich mich gerne selbst vergessen. Es ist nicht genug, 17 daß man sein Leben für einen Freund wagen könne, 18 man muß auch im Nothfall seine Überzeugung für 19 ihn verläugnen. Unsere liebste Leidenschaft, unsere 20 besten Wünsche sind wir für ihn aufzuopfern schuldig. 21 Ich übernehme den Auftrag, ob ich gleich schon die 22 Qual voraussehe, die ich von Lydiens Thränen, von 23 ihrer Verzweiflung werde zu erdulden haben.

24 Dagegen erwartet Sie auch keine geringe Belohnung, 25 versetzte Jarno, indem Sie Fräulein Theresen 26 kennen lernen, ein Frauenzimmer, wie es ihrer wenige 27 gibt; sie beschämt hundert Männer, und ich möchte 28 sie eine wahre Amazone nennen, wenn andere nur 

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1 als artige Hermaphroditen in dieser zweideutigen 2 Kleidung herum gehen.

3 Wilhelm war betroffen, er hoffte in Theresen 4 seine Amazone wieder zu finden, um so mehr, als 5 Jarno, von dem er einige Auskunft verlangte, kurz 6 abbrach und sich entfernte.

7 Die neue nahe Hoffnung, jene verehrte und geliebte 8 Gestalt wieder zu sehen, brachte in ihm die sonderbarsten 9 Bewegungen hervor. Er hielt nunmehr den Auftrag, der 10 ihm gegeben worden war, für ein Werk einer ausdrücklichen 11 Schickung, und der Gedanke, daß er ein armes 12 Mädchen von dem Gegenstande ihrer aufrichtigsten und 13 heftigsten Liebe hinterlistig zu entfernen im Begriff war, 14 erschien ihm nur im Vorübergehen, wie der Schatten 15 eines Vogels über die erleuchtete Erde wegfliegt.

16 Der Wagen stand vor der Thüre, Lydie zauderte 17 einen Augenblick hinein zu steigen. Grüßt euren 18 Herrn nochmals, sagte sie zu dem alten Bedienten, 19 vor Abend bin ich wieder zurück. Thränen standen 20 ihr im Auge, als sie im Fortfahren sich nochmals 21 umwendete. Sie kehrte sich darauf zu Wilhelmen, 22 nahm sich zusammen, und sagte: Sie werden an Fräulein 23 Theresen eine sehr interessante Person finden. 24 Mich wundert, wie sie in diese Gegend kommt: denn 25 Sie werden wohl wissen, daß sie und der Baron sich 26 heftig liebten. Ungeachtet der Entfernung war Lothario 27 oft bei ihr; ich war damals um sie, es schien, als ob 28 sie nur für einander leben würden. Auf einmal aber 

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1 zerschlug sich's, ohne daß ein Mensch begreifen konnte 2 warum. Er hatte mich kennen lernen, und ich läugne 3 nicht, daß ich Theresen herzlich beneidete, daß ich 4 meine Neigung zu ihm kaum verbarg, und daß ich ihn 5 nicht zurückstieß, als er auf einmal mich statt Theresen 6 zu wählen schien. Sie betrug sich gegen mich, wie 7 ich es nicht besser wünschen konnte, ob es gleich beinahe 8 scheinen mußte, als hätte ich ihr einen so werthen 9 Liebhaber geraubt. Aber auch wie viel tausend Thränen 10 und Schmerzen hat mich diese Liebe schon gekostet! 11 Erst sahen wir uns nur zuweilen am dritten Orte 12 verstohlen, aber lange konnte ich das Leben nicht ertragen; 13 nur in seiner Gegenwart war ich glücklich, 14 ganz glücklich! Fern von ihm hatte ich kein trocknes 15 Auge, keinen ruhigen Pulsschlag. Einst verzog er 16 mehrere Tage, ich war in Verzweiflung, machte mich 17 auf den Weg, und überraschte ihn hier. Er nahm 18 mich liebevoll auf, und wäre nicht dieser unglückselige 19 Handel dazwischen gekommen, so hätte ich ein himmlisches 20 Leben geführt; und was ich ausgestanden habe, 21 seitdem er in Gefahr ist, seitdem er leidet, sag' ich 22 nicht, und noch in diesem Augenblicke mache ich mir 23 lebhafte Vorwürfe, daß ich mich nur einen Tag von 24 ihm habe entfernen können.

25 Wilhelm wollte sich eben näher nach Theresen erkundigen, 26 als sie bei dem Gerichtshalter vorfuhren, 27 der an den Wagen kam, und von Herzen bedauerte, 28 daß Fräulein Therese schon abgefahren sei. Er bot 

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1 den Reisenden ein Frühstück an, sagte aber zugleich, 2 der Wagen würde noch im nächsten Dorfe einzuholen 3 sein. Man entschloß sich nachzufahren, und der 4 Kutscher säumte nicht; man hatte schon einige Dörfer 5 zurückgelegt und niemand angetroffen. Lydie bestand 6 nun darauf, man solle umkehren, der Kutscher fuhr zu, 7 als verstünde er es nicht. Endlich verlangte sie es 8 mit größter Heftigkeit; Wilhelm rief ihm zu und gab 9 ihm das verabredete Zeichen. Der Kutscher erwiderte: 10 Wir haben nicht nöthig denselben Weg zurück zu 11 fahren; ich weiß einen nähern, der zugleich viel bequemer 12 ist. Er fuhr nun seitwärts durch einen 13 Wald und über lange Triften weg. Endlich da kein 14 bekannter Gegenstand zum Vorschein kam, gestand der 15 Kutscher, er sei unglücklicher Weise irre gefahren, 16 wolle sich aber bald wieder zurechte finden, indem er 17 dort ein Dorf sehe. Die Nacht kam herbei, und der 18 Kutscher machte seine Sache so geschickt, daß er überall 19 fragte und nirgends die Antwort abwartete. So fuhr 20 man die ganze Nacht, Lydie schloß kein Auge; bei 21 Mondschein fand sie überall Ähnlichkeiten, undimmer 22 verschwanden sie wieder. Morgens schienen ihr die 23 Gegenstände bekannt, aber desto unerwarteter. Der 24 Wagen hielt vor einem kleinen, artig gebauten Landhause 25 stille; ein Frauenzimmer trat aus der Thüre 26 und öffnete den Schlag. Lydie sah sie starr an, sah 27 sich um, sah sie wieder an und lag ohnmächtig in 28 Wilhelms Armen.



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1 
Fünftes Capitel.

[Lesarten]  2 Wilhelm ward in ein Mansardzimmerchen geführt; 3 das Haus war neu, und so klein als es beinah nur 4 möglich war, äußerst reinlich und ordentlich. In 5 Theresen, die ihn und Lydien an der Kutsche empfangen 6 hatte, fand er seine Amazone nicht, es war 7 ein anderes, ein himmelweit von ihr unterschiedenes 8 Wesen. Wohlgebaut, ohne groß zu sein, bewegte sie 9 sich mit viel Lebhaftigkeit, und ihren hellen, blauen, 10 offnen Augen schien nichts verborgen zu bleiben was 11 vorging.

12 Sie trat in Wilhelms Stube, und fragte, ob er 13 etwas bedürfe? Verzeihen Sie, sagte sie, daß ich Sie 14 in ein Zimmer logire, das der Ölgeruch noch unangenehm 15 macht; mein kleines Haus ist eben fertig 16 geworden, und Sie weihen dieses Stübchen ein, das 17 meinen Gästen bestimmt ist. Wären Sie nur bei 18 einem angenehmern Anlaß hier! Die arme Lydie 19 wird uns keine guten Tage machen, und überhaupt 20 müssen Sie vorlieb nehmen; meine Köchin ist mir 21 eben zur ganz unrechten Zeit aus dem Dienste gelaufen, 22 und ein Knecht hat sich die Hand zerquetscht. 

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1 Es thäte Noth, ich verrichtete alles selbst, und am 2 Ende, wenn man sich darauf einrichtete, müßte es 3 auch gehen. Man ist mit niemand mehr geplagt als 4 mit den Dienstboten; es will niemand dienen, nicht 5 einmal sich selbst.

6 Sie sagte noch manches über verschiedene Gegenstände, 7 überhaupt schien sie gern zu sprechen. Wilhelm 8 fragte nach Lydien, ob er das gute Mädchen nicht sehen 9 und sich bei ihr entschuldigen könnte?

10 Das wird jetzt nicht bei ihr wirken, versetzte Therese, 11 die Zeit entschuldigt wie sie tröstet, Worte sind in 12 beiden Fällen von wenig Kraft. Lydie will Sie nicht 13 sehen. --- Lassen Sie mir ihn ja nicht vor die Augen 14 kommen, rief sie, als ich sie verließ; ich möchte an 15 der Menschheit verzweifeln! So ein ehrlich Gesicht, 16 so ein offnes Betragen und diese heimliche Tücke! 17 Lothario ist ganz bei ihr entschuldigt, auch sagt er 18 in einem Briefe an das gute Mädchen: "Meine 19 Freunde beredeten mich, meine Freunde nöthigten 20 mich!" Zu diesen rechnet Lydie Sie auch, und verdammt 21 Sie mit den übrigen.

22 Sie erzeigt mir zu viel Ehre, indem sie mich schilt, 23 versetzte Wilhelm: ich darf an die Freundschaft dieses 24 trefflichen Mannes noch keinen Anspruch machen, und 25 bin dießmal nur ein unschuldiges Werkzeug. Ich will 26 meine Handlung nicht loben; genug, ich konnte sie 27 thun! Es war von der Gesundheit, es war von dem 28 Leben eines Mannes die Rede, den ich höher schätzen 

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1 muß als irgend jemand, den ich vorher kannte. O 2 welch ein Mann ist das! Fräulein, und welche Menschen 3 umgeben ihn! In dieser Gesellschaft hab' ich, 4 so darf ich wohl sagen, zum erstenmal ein Gespräch 5 geführt, zum erstenmal kam mir der eigenste Sinn 6 meiner Worte aus dem Munde eines andern reichhaltiger, 7 voller und in einem größern Umfang wieder 8 entgegen; was ich ahnete, ward mir klar, und was 9 ich meinte, lernte ich anschauen. Leider ward dieser 10 Genuß erst durch allerlei Sorgen und Grillen, dann 11 durch den unangenehmen Auftrag unterbrochen. Ich 12 übernahm ihn mit Ergebung: denn ich hielt für 13 Schuldigkeit, selbst mit Aufopferung meines Gefühls 14 diesem trefflichen Kreise von Menschen meinen Einstand 15 abzutragen.

16 Therese hatte unter diesen Worten ihren Gast 17 sehr freundlich angesehen. O, wie füß ist es, rief sie 18 aus, seine eigne Überzeugung aus einem fremden 19 Munde zu hören! Wie werden wir erst recht wir 20 selbst, wenn uns ein anderer vollkommen Recht gibt. 21 Auch ich denke über Lothario vollkommen wie Sie; 22 nicht jedermann läßt ihm Gerechtigkeit widerfahren; 23 dafür schwärmen aber auch alle die für ihn, die ihn 24 näher kennen, und das schmerzliche Gefühl, das sich 25 in meinem Herzen zu seinem Andenken mischt, kann 26 mich nicht abhalten täglich an ihn zu denken. Ein 27 Seufzer erweiterte ihre Brust, indem sie dieses sagte, 28 und in ihrem rechten Auge blinkte eine schöne Thräne. 

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1 Glauben Sie nicht, fuhr sie fort, daß ich so weich, 2 so leicht zu rühren bin! Es ist nur das Auge, das 3 weint. Ich hatte eine kleine Warze am untern Augenlied, 4 man hat mir sie glücklich abgebunden, aber das 5 Auge ist seit der Zeit immer schwach geblieben, der 6 geringste Anlaß drängt mir eine Thräne hervor. 7 Hier saß das Wärzchen, Sie sehen keine Spur mehr 8 davon.

9 Er sah keine Spur, aber er sah ihr in's Auge, es 10 war klar wie Krystall, er glaubte bis auf den Grund 11 ihrer Seele zu sehen.

12 Wir haben, sagte sie, nun das Losungswort unserer 13 Verbindung ausgesprochen; lassen Sie uns sobald als 14 möglich mit einander völlig bekannt werden. Die 15 Geschichte des Menschen ist sein Charakter. Ich will 16 Ihnen erzählen, wie es mir ergangen ist, schenken 17 Sie mir ein kleines Vertrauen, und lassen Sie uns 18 auch in der Ferne verbunden bleiben. Die Welt ist 19 so leer, wenn man nur Berge, Flüsse und Städte 20 darin denkt, aber hie und da jemand zu wissen, der mit 21 uns übereinstimmt, mit dem wir auch stillschweigend 22 fortleben, das macht uns dieses Erdenrund erst zu 23 einem bewohnten Garten.

24 Sie eilte fort, und versprach ihn bald zum Spaziergange 25 abzuholen. Ihre Gegenwart hatte sehr angenehm 26 auf ihn gewirkt, er wünschte ihr Verhältniß 27 zu Lothario zu erfahren. Er ward gerufen, sie kam 28 ihm aus ihrem Zimmer entgegen.



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1 Als sie die enge und beinah steile Treppe einzeln 2 hinuntergehen mußten, sagte sie: Das könnte alles 3 weiter und breiter sein, wenn ich auf das Anerbieten 4 Ihres großmüthigen Freundes hätte hören wollen; 5 doch um seiner werth zu bleiben, muß ich das an mir 6 erhalten, was mich ihm so werth machte. Wo ist der 7 Verwalter? fragte sie, indem sie die Treppe völlig 8 herunter kam. Sie müssen nicht denken, fuhr sie fort, 9 daß ich so reich bin, um einen Verwalter zu brauchen; 10 die wenigen Äcker meines Freigütchens kann ich wohl 11 selbst bestellen. Der Verwalter gehört meinem neuen 12 Nachbar, der das schöne Gut gekauft hat, das ich in- und 13 auswendig kenne; der gute alte Mann liegt krank 14 am Podagra, seine Leute sind in dieser Gegend neu, 15 und ich helfe ihnen gerne sich einrichten.

16 Sie machten einen Spaziergang durch Äcker, Wiesen 17 und einige Baumgärten. Therese bedeutete den Verwalter 18 in allem, sie konnte ihm von jeder Kleinigkeit 19 Rechenschaft geben, und Wilhelm hatte Ursache genug 20 sich über ihre Kenntniß, ihre Bestimmtheit undüber 21 die Gewandtheit, wie sie in jedem Falle Mittel anzugeben 22 wußte, zu verwundern. Sie hielt sich nirgends 23 auf, eilte immer zu den bedeutenden Puncten, und so 24 war die Sache bald abgethan. Grüßt euren Herrn, 25 sagte sie, als sie den Mann verabschiedete; ich werde 26 ihn sobald als möglich besuchen, und wünsche vollkommene 27 Besserung. Da könnte ich nun auch, sagte 28 sie mit Lächeln, als er weg war, bald reich und vielhabend 

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1 werden; denn mein guter Nachbar wäre nicht 2 abgeneigt mir seine Hand zu geben.

3 Der Alte mit dem Podagra? rief Wilhelm; ich 4 wüßte nicht, wie Sie in Ihren Jahren zu so einem 5 verzweifelten Entschluß kommen könnten? --- Ich bin 6 auch gar nicht versucht! versetzte Therese. Wohlhabend 7 ist jeder, der dem, was er besitzt, vorzustehen weiß; 8 vielhabend zu sein ist eine lästige Sache, wenn man 9 es nicht versteht.

10 Wilhelm zeigte seine Verwunderung über ihre 11 Wirthschaftskenntnisse. --- Entschiedene Neigung, frühe 12 Gelegenheit, äußerer Antrieb und eine fortgesetzte Beschäftigung 13 in einer nützlichen. Sache machen in der 14 Welt noch viel mehr möglich, versetzte Therese, und 15 wenn Sie erst erfahren werden, was mich dazu belebt 16 hat, so werden Sie sich über das sonderbar 17 scheinende Talent nicht mehr wundern.

18 Sie ließ ihn, als sie zu Hause anlangten, in ihrem 19 kleinen Garten, in welchem er sich kaum herumdrehen 20 konnte; so eng waren die Wege, und so reichlich war 21 alles bepflanzt. Er mußte lächeln, als er über den 22 Hof zurückkehrte, denn da lag das Brennholz so 23 accurat gesägt, gespalten und geschränkt, als wenn es 24 ein Theil des Gebäudes wäre, und immer so liegen 25 bleiben sollte. Rein standen alle Gefäße an ihren 26 Plätzen, das Häuschen war weiß und roth angestrichen 27 und lustig anzusehen. Was das Handwerk hervorbringen 28 kann, das keine schönen Verhältnisse kennt, 

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1 aber für Bedürfniß, Dauer und Heiterkeit arbeitet, 2 schien auf dem Platze vereinigt zu sein. Man brachte 3 ihm das Essen auf sein Zimmer, und er hatte Zeit 4 genug Betrachtungen anzustellen. Besonders fiel ihm 5 auf, daß er nun wieder eine so interessante Person 6 kennen lernte, die mit Lothario in einem nahen Verhältnisse 7 gestanden hatte. Billig ist es, sagte er zu 8 sich selbst, daß so ein trefflicher Mann auch treffliche 9 Weiberseelen an sich ziehe! Wie weit verbreitet 10 sich die Wirkung der Männlichkeit und Würde. Wenn 11 nur andere nicht so sehr dabei zu kurz kämen! Ja, 12 gestehe dir nur deine Furcht. Wenn du dereinst deine 13 Amazone wieder antriffst, diese Gestalt aller Gestalten, 14 du findest sie, trotz aller deiner Hoffnungen 15 und Träume, zu deiner Beschämung und Demüthigung 16 doch noch am Ende --- als seine Braut.



[Seite 44]



1 
Sechstes Capitel.

[Lesarten]  2 Wilhelm hatte einen unruhigen Nachmittag nicht 3 ganz ohne Langeweile zugebracht, als sich gegen Abend 4 seine Thür öffnete, und ein junger artiger Jägerbursche 5 mit einem Gruße hereintrat. Wollen wir 6 nun spazieren gehen? sagte der junge Mensch, und in 7 dem Augenblicke erkannte Wilhelm Theresen an ihren 8 schönen Augen.

9 Verzeihn Sie mir diese Maskerade, fing sie an, 10 denn leider ist es jetzt nur Maskerade. Doch da ich 11 Ihnen einmal von der Zeit erzählen soll, in der ich 12 mich so gerne in dieser Weste sah, will ich mir auch 13 jene Tage auf alle Weise vergegenwärtigen. Kommen 14 Sie! selbst der Platz, an dem wir so oft von unsern 15, 16 Jagden und Spaziergängen ausruhten, soll dazu beitragen.

17 Sie gingen, und auf dem Wege sagte Therese zu 18 ihrem Begleiter: Es ist nicht billig, daß Sie mich 19 allein reden lassen; schon wissen Sie genug von mir, 20 und ich weiß noch nicht das Mindeste von Ihnen; 21 erzählen Sie mir indessen etwas von sich, damit ich 22 Muth bekomme Ihnen auch meine Geschichte und 

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1 meine Verhältnisse vorzulegen. Leider hab' ich, versetzte 2 Wilhelm, nichts zu erzählen als Irrthümer auf 3 Irrthümer, Verirrungen auf Verirrungen, und ich 4 wüßte nicht, wem ich die Verworrenheiten, in denen 5 ich mich befand und befinde, lieber verbergen möchte 6 als Ihnen. Ihr Blick und alles was Sie umgibt, 7 Ihr ganzes Wesen und Ihr Betragen zeigt mir, daß 8 Sie sich Ihres vergangenen Lebens freuen können, 9 daß Sie auf einem schönen reinen Wege in einer 10 sichern Folge gegangen sind, daß Sie keine Zeit verloren, 11 daß Sie sich nichts vorzuwerfen haben.

12 Therese lächelte und versetzte: Wir müssen abwarten, 13 ob Sie auch noch so denken, wenn Sie meine Geschichte 14 hören. Sie gingen weiter, und unter einigen allgemeinen 15 Gesprächen fragte ihn Therese: Sind Sie 16 frei? --- Ich glaube es zu sein, versetzte er, aber ich 17 wünsche es nicht. --- Gut! sagte sie, das deutet auf 18 einen complicirten Roman, und zeigt mir, daß Sie 19 auch etwas zu erzählen haben.

20 Unter diesen Worten stiegen sie den Hügel hinan 21 und lagerten sich bei einer großen Eiche, die ihren 22 Schatten weit umher verbreitete. Hier, sagte Therese, 23 unter diesem deutschen Baume will ich Ihnen die 24 Geschichte eines deutschen Mädchens erzählen, hören 25 Sie mich geduldig an.

26 Mein Vater war ein wohlhabender Edelmann 27 dieser Provinz, ein heiterer, klarer, thätiger, wackrer 28 Mann, ein zärtlicher Vater, ein redlicher Freund, 

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1 ein trefflicher Wirth, an dem ich nur den einzigen 2 Fehler kannte, daß er gegen eine Frau zu nachsichtig 3 war, die ihn nicht zu schätzen wußte. Leider muß 4 ich das von meiner eigenen Mutter sagen! Ihr Wesen 5 war dem seinigen ganz entgegengesetzt. Sie war rasch, 6 unbeständig, ohne Neigung weder für ihr Haus noch 7 für mich, ihr einziges Kind; verschwenderisch, aber 8 schön, geistreich, voller Talente, das Entzücken eines 9 Cirkels, den sie um sich zu versammeln wußte. Freilich 10 war ihre Gesellschaft niemals groß, oder blieb es nicht 11 lange. Dieser Cirkel bestand meist aus Männern, 12 denn keine Frau befand sich wohl neben ihr, und 13 noch weniger konnte sie das Verdienst irgend eines 14 Weibes dulden. Ich glich meinem Vater an Gestalt 15 und Gesinnungen. Wie eine junge Ente gleich das 16 Wasser sucht, so waren von der ersten Jugend an 17 die Küche, die Vorrathskammer, die Scheunen und 18 Böden mein Element. Die Ordnung und Reinlichkeit 19 des Hauses schien, selbst da ich noch spielte, mein 20 einziger Instinct, mein einziges Augenmerk zu sein. 21 Mein Vater freute sich darüber, und gab meinem 22 kindischen Bestreben stufenweise die zweckmäßigsten 23 Beschäftigungen; meine Mutter dagegen liebte mich 24 nicht, und verhehlte es keinen Augenblick.

25 Ich wuchs heran, mit den Jahren vermehrte sich 26 meine Thätigkeit und die Liebe meines Vaters zu mir. 27 Wenn wir allein waren, auf die Felder gingen, wenn 28 ich ihm die Rechnungen durchsehen half, dann konnte 

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1 ich ihm recht anfühlen wie glücklich er war. Wenn 2 ich ihm in die Augen sah, so war es, als wenn ich 3 in mich selbst hinein sähe, denn eben die Augen 4 waren es, die mich ihm vollkommen ähnlich machten. 5 Aber nicht eben den Muth, nicht eben den Ausdruck 6 behielt er in der Gegenwart meiner Mutter; er entschuldigte 7 mich gelind, wenn sie mich heftig und ungerecht 8 tadelte; er nahm sich meiner an, nicht als 9 wenn er mich beschützen, sondern als wenn er meine 10 guten Eigenschaften nur entschuldigen könnte. So 11 setzte er auch keiner von ihren Neigungen Hindernisse 12 entgegen; sie fing an mit größter Leidenschaft sich 13 auf das Schauspiel zu werfen, ein Theater ward erbauet, 14 an Männern fehlte es nicht von allen Altern 15 und Gestalten, die sich mit ihr auf der Bühne darstellten, 16 an Frauen hingegen mangelte es oft. Lydie, 17 ein artiges Mädchen, das mit mir erzogen worden 18 war, und das gleich in ihrer ersten Jugend reizend 19 zu werden versprach, mußte die zweiten Rollen übernehmen, 20 und eine alte Kammerfrau die Mütter und 21 Tanten vorstellen, indeß meine Mutter sich die ersten 22 Liebhaberinnen, Heldinnen und Schäferinnen aller 23 Art vorbehielt. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, 24 wie lächerlich mir es vorkam, wenn die Menschen, 25 die ich alle recht gut kannte, sich verkleidet hatten, 26 da droben standen, und für etwas anders, als sie 27 waren, gehalten sein wollten. Ich sah immer nur 28 meine Mutter und Lydien, diesen Baron und jenen 

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1 Secretär, sie mochten nun als Fürsten und Grafen, 2 oder als Bauern erscheinen, und ich konnte nicht begreifen, 3 wie sie mir zumuthen wollten zu glauben, 4 daß es ihnen wohl oder wehe sei, daß sie verliebt 5 oder gleichgültig, geizig oder freigebig seien, da ich 6 doch meist von dem Gegentheile genau unterrichtet 7 war. Deßwegen blieb ich auch sehr selten unter den 8 Zuschauern; ich putzte ihnen immer die Lichter, damit 9 ich nur etwas zu thun hatte, besorgte das Abendessen, 10 und hatte des andern Morgens, wenn sie noch lange 11 schliefen, schon ihre Garderobe in Ordnung gebracht, 12 die sie des Abends gewöhnlich über einander geworfen 13 zurückließen.

14 Meiner Mutter schien diese Thätigkeit ganz recht 15 zu sein, aber ihre Neigung konnte ich nicht erwerben; 16 sie verachtete mich, und ich weiß noch recht gut, daß 17 sie mehr als einmal mit Bitterkeit wiederholte: Wenn 18 die Mutter so ungewiß sein könnte als der Vater, 19 so würde man wohl schwerlich diese Magd für meine 20 Tochter halten. Ich läugnete nicht, daß ihr Betragen 21 mich nach und nach ganz von ihr entfernte, ich betrachtete 22 ihre Handlungen wie die Handlungen einer 23 fremden Person, und da ich gewohnt war wie ein 24 Falke das Gesinde zu beobachten: denn, im Vorbeigehen 25 gesagt, darauf beruht eigentlich der Grund aller 26 Haushaltung; so fielen mir natürlich auch die Verhältnisse 27 meiner Mutter und ihrer Gesellschaft auf. 28 Es ließ sich wohl bemerken, daß sie nicht alle Männer 

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1 mit ebendenselben Augen ansah, ich gab schärfer Acht, 2 und bemerkte bald, daß Lydie Vertraute war, und 3 bei dieser Gelegenheit selbst mit einer Leidenschaft bekannter 4 wurde, die sie von ihrer ersten Jugend an 5 so oft vorgestellt hatte. Ich wußte alle ihre Zusammenkünfte, 6 aber ich schwieg, und sagte meinem 7 Vater nichts, den ich zu betrüben fürchtete; endlich 8 aber ward ich dazu genöthigt. Manches konnten sie 9 nicht unternehmen, ohne das Gesinde zu bestechen. 10 Dieses fing an mir zu trotzen, die Anordnungen 11 meines Vaters zu vernachlässigen und meine Befehle 12 nicht zu vollziehen; die Unordnungen, die daraus entstanden, 13 waren mir unerträglich, ich entdeckte, ich 14 klagte alles meinem Vater.

15 Er hörte mich gelassen an. Gutes Kind! sagte 16 er zuletzt mit Lächeln, ich weiß alles; sei ruhig, ertrag' 17 es mit Geduld, denn es ist nur um deinetwillen, 18 daß ich es leide.

19 Ich war nicht ruhig, ich hatte keine Geduld. Ich 20 schalt meinen Vater im Stillen; denn ich glaubte 21 nicht, daß er um irgend einer Ursache willen so etwas 22 zu dulden brauche; ich bestand auf der Ordnung, und 23 ich war entschlossen, die Sache auf's äußerste kommen 24 zu lassen.

25 Meine Mutter war reich von sich, verzehrte aber 26 doch mehr als sie sollte, und dieß gab, wie ich wohl 27 merkte, manche Erklärung zwischen meinen Eltern. 28 Lange war der Sache nicht geholfen, bis die Leidenschaften 

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1 meiner Mutter selbst eine Art von Entwickelung 2 hervorbrachten.

3 Der erste Liebhaber ward auf eine eclatante Weise 4 ungetreu; das Haus, die Gegend, ihre Verhältnisse 5 waren ihr zuwider. Sie wollte auf ein anderes Gut 6 ziehen, da war es ihr zu einsam; sie wollte nach der 7 Stadt, da galt sie nicht genug. Ich weiß nicht, was 8 alles zwischen ihr und meinem Vater vorging; genug, 9 er entschloß sich endlich unter Bedingungen, die ich 10 nicht erfuhr, in eine Reise, die sie nach dem südlichen 11 Frankreich thun wollte, einzuwilligen.

12 Wir waren nun frei und lebten wie im Himmel; 13 ja ich glaube, daß mein Vater nichts verloren hat, 14 wenn er ihre Gegenwart auch schon mit einer ansehnlichen 15 Summe abkaufte. Alles unnütze Gesinde ward 16 abgeschafft, und das Glück schien unsere Ordnung zu 17 begünstigen; wir hatten einige sehr gute Jahre, alles 18 gelang nach Wunsch. Aber leider dauerte dieser frohe 19 Zustand nicht lange; ganz unvermuthet ward mein 20 Vater von einem Schlagflusse befallen, der ihm die 21 rechte Seite lähmte, und den reinen Gebrauch der 22 Sprache benahm. Man mußte alles errathen, was 23 er verlangte, denn er brachte nie das Wort hervor, 24 das er im Sinne hatte. Sehr ängstlich waren mir 25 daher manche Augenblicke, in denen er mit mir ausdrücklich 26 allein sein wollte; er deutete mit heftiger Gebärde, 27 daß jedermann sich entfernen sollte, und wenn 28 wir uns allein sahen, war er nicht im Stande das 

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1 rechte Wort hervor zu bringen. Seine Ungeduld stieg 2 auf's äußerste, und sein Zustand betrübte mich im 3 innersten Herzen. So viel schien mir gewiß, daß er 4 mir etwas zu vertrauen hatte, das mich besonders 5 anging. Welches Verlangen fühlt' ich nicht es zu 6 erfahren! Sonst konnt' ich ihm alles an den Augen 7 ansehen; aber jetzt war es vergebens! Selbst seine 8 Augen sprachen nicht mehr. Nur so viel war mir 9 deutlich: er wollte nichts, er begehrte nichts, er strebte 10 nur mir etwas zu entdecken, das ich leider nicht 11 erfuhr. Sein Übel wiederholte sich, er ward bald 12 darauf ganz unthätig und unfähig; und nicht lange, 13 so war er todt.

14 Ich weiß nicht, wie sich bei mir der Gedanke festgesetzt 15 hatte, daß er irgendwo einen Schatz niedergelegt 16 habe, den er mir nach seinem Tode lieber als 17 meiner Mutter gönnen wollte; ich suchte schon bei 18 seinen Lebzeiten nach, allein ich fand nichts; nach 19 seinem Tode ward alles versiegelt. Ich schrieb meiner 20 Mutter und bot ihr an als Verwalter im Hause zu 21 bleiben; sie schlug es aus, und ich mußte das Gut 22 räumen. Es kam ein wechselseitiges Testament zum 23 Vorschein, wodurch sie im Besitz und Genuß von 24 allem, und ich, wenigstens ihre ganze Lebenszeit über, 25 von ihr abhängig blieb. Nun glaubte ich erst recht 26 die Winke meines Vaters zu verstehn; ich bedauerte 27 ihn, daß er so schwach gewesen war, auch nach seinem 28 Tode ungerecht gegen mich zu sein. Denn einige 

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1 meiner Freunde wollten sogar behaupten, es sei beinah 2 nicht besser, als ob er mich enterbt hätte, und verlangten, 3 ich sollte das Testament angreifen, wozu ich 4 mich aber nicht entschließen konnte. Ich verehrte das 5 Andenken meines Vaters zu sehr; ich vertraute dem 6 Schicksal, ich vertraute mir selbst.

7 Ich hatte mit einer Dame in der Nachbarschaft, 8 die große Güter besaß, immer in gutem Verhältnisse 9 gestanden; sie nahm mich mit Vergnügen auf, und es 10 ward mir leicht, bald ihrer Haushaltung vorzustehn. 11 Sie lebte sehr regelmäßig und liebte die Ordnung in 12 allem, und ich half ihr treulich in dem Kampf mit 13 Verwalter und Gesinde. Ich bin weder geizig noch 14 mißgünstig, aber wir Weiber bestehn überhaupt viel 15 ernsthafter als selbst ein Mann darauf, daß nichts 16 verschleudert werde. Jeder Unterschleif ist uns unerträglich; 17 wir wollen, daß jeder nur genieße, insofern 18 er dazu berechtigt ist.

19 Nun war ich wieder in meinem Elemente, und 20 trauerte still über den Tod meines Vaters. Meine 21 Beschützerin war mit mir zufrieden, nur ein kleiner 22 Umstand störte meine Ruhe. Lydie kam zurück; meine 23 Mutter war grausam genug das arme Mädchen abzustoßen, 24 nachdem sie aus dem Grunde verdorben war. 25 Sie hatte bei meiner Mutter gelernt, Leidenschaften 26 als Bestimmung anzusehen; sie war gewöhnt sich in 27 nichts zu mäßigen. Als sie unvermuthet wieder erschien, 28 nahm meine Wohlthäterin auch sie auf; sie 

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1 wollte mir an die Hand gehn und konnte sich in 2 nichts schicken.

3 Um diese Zeit kamen die Verwandten und künftigen 4 Erben meiner Dame oft in's Haus, und belustigten 5 sich mit der Jagd. Auch Lothario war manchmal 6 mit ihnen; ich bemerkte gar bald, wie sehr er 7 sich vor allen andern auszeichnete, jedoch ohne die 8 mindeste Beziehung auf mich selbst. Er war gegen 9 alle höflich, und bald schien Lydie seine Aufmerksamkeit 10 auf sich zu ziehen. Ich hatte immer zu thun 11 und war selten bei der Gesellschaft; in seiner Gegenwart 12 sprach ich weniger als gewöhnlich: denn ich will 13 nicht läugnen, daß eine lebhafte Unterhaltung von 14 jeher mir die Würze des Lebens war. Ich sprach 15 mit meinem Vater gern viel über alles, was begegnete. 16 Was man nicht bespricht, bedenkt man nicht 17 recht. Keinem Menschen hatte ich jemals lieber zugehört 18 als Lothario, wenn er von seinen Reisen, 19 von seinen Feldzügen erzählte. Die Welt lag ihm 20 so klar, so offen da, wie mir die Gegend, in der 21 ich gewirthschaftet hatte. Ich hörte nicht etwa die 22 wunderlichen Schicksale des Abenteurers, die übertriebenen 23 Halbwahrheiten eines beschränkten Reisenden, 24 der immer nur seine Person an die Stelle des 25 Landes setzt, wovon er uns ein Bild zu geben verspricht; 26 er erzählte nicht, er führte uns an die Orte 27 selbst; ich habe nicht leicht ein so reines Vergnügen 28 empfunden.



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1 Aber unaussprechlich war meine Zufriedenheit, als 2 ich ihn eines Abends über die Frauen reden hörte.Das 3 Gespräch machte sich ganz natürlich; einige Damen 4 aus der Nachbarschaft hatten uns besucht und über 5 die Bildung der Frauen die gewöhnlichen Gespräche 6 geführt. Man sei ungerecht gegen unser Geschlecht, 7 hieß es, die Männer wollten alle höhere Cultur für 8 sich behalten, man wolle uns zu keinen Wissenschaften 9 zulassen, man verlange, daß wir nur Tändelpuppen 10 oder Haushälterinnen sein sollten. Lothario sprach 11 wenig zu all diesem; als aber die Gesellschaft kleiner 12 ward, sagte er auch hierüber offen seine Meinung. 13 Es ist sonderbar, rief er aus, daß man es dem Manne 14 verargt, der eine Frau an die höchste Stelle setzen 15 will, die sie einzunehmen fähig ist: und welche ist 16 höher als das Regiment des Hauses? Wenn der 17 Mann sich mit äußern Verhältnissen quält, wenn er 18 die Besitzthümer herbei schaffen und beschützen muß, 19 wenn er sogar an der Staatsverwaltung Antheil 20 nimmt, überall von Umständen abhängt, und, ich 21 möchte sagen, nichts regiert, indem er zu regieren 22 glaubt, immer nur politisch sein muß, wo er gern 23 vernünftig wäre, versteckt, wo er offen, falsch, wo er 24 redlich zu sein wünschte; wenn er um des Zieles 25 willen, das er nie erreicht, das schönste Ziel, die 26 Harmonie mit sich selbst, in jedem Augenblicke aufgeben 27 muß: indessen herrscht eine vernünftige Hausfrau 28 im Innern wirklich, und macht einer ganzen 

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1 Familie jede Thätigkeit, jede Zufriedenheit möglich. 2 Was ist das höchste Glück des Menschen, als daß wir 3 das ausführen, was wir als recht und gut einsehen? 4 daß wir wirklich Herren über die Mittel zu unsern 5 Zwecken sind? Und wo sollen, wo können unsere 6 nächsten Zwecke liegen, als innerhalb des Hauses? Alle 7 immer wiederkehrenden unentbehrlichen Bedürfnisse, 8 wo erwarten wir, wo fordern wir sie, als da, wo 9 wir aufstehn und uns niederlegen, wo Küche und 10 Keller und jede Art von Vorrath für uns und die 11 Unsrigen immer bereit sein soll? Welche regelmäßige 12 Thätigkeit wird erfordert, um diese immer wiederkehrende 13 Ordnung in einer unverrückten lebendigen 14 Folge durchzuführen! Wie wenig Männern ist es gegeben, 15 gleichsam als ein Gestirn regelmäßig wiederzukehren, 16 und dem Tage, so wie der Nacht vorzustehn! 17 sich ihre häuslichen Werkzeuge zu bilden, zu pflanzen 18 und zu ernten, zu verwahren und auszuspenden, und 19 den Kreis immer mit Ruhe, Liebe und Zweckmäßigkeit 20 zu durchwandeln! Hat ein Weib einmal diese 21 innere Herrschaft ergriffen, so macht sie den Mann, 22 den sie liebt, erst allein dadurch zum Herrn; ihre 23 Aufmerksamkeit erwirbt alle Kenntnisse, und ihre 24 Thätigkeit weiß sie alle zu benutzen. So ist sie von 25 niemand abhängig und verschafft ihrem Manne die 26 wahre Unabhängigkeit, die häusliche, die innere; das, 27 was er besitzt, sieht er gesichert, das, was er erwirbt, 28 gut benutzt, und so kann er sein Gemüth nach großen 

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1 Gegenständen wenden, und wenn das Glück gut ist, 2 das dem Staate sein was seiner Gattin zu Hause so 3 wohl ansteht.

4 Er machte darauf eine Beschreibung, wie er sich 5 eine Frau wünsche. Ich ward roth, denn er beschrieb 6 mich, wie ich leibte und lebte. Ich genoß im Stillen 7 meinen Triumph, um so mehr, da ich aus allen Umständen 8 sah, daß er mich persönlich nicht gemeint hatte, 9 daß er mich eigentlich nicht kannte. Ich erinnere mich 10 keiner angenehmern Empfindung in meinem ganzen 11 Leben, als daß ein Mann, den ich so sehr schätzte, 12 nicht meiner Person, sondern meiner innersten Natur 13 den Vorzug gab. Welche Belohnung fühlte ich! 14 Welche Aufmunterung war mir geworden!

15 Als sie weg waren, sagte meine würdige Freundin 16 lächelnd zu mir: Schade, daß die Männer oft denken 17 und reden, was sie doch nicht zur Ausführung kommen 18 lassen, sonst wäre eine treffliche Partie für meine 19 liebe Therese geradezu gefunden. Ich scherzte über 20 ihre Äußerung, und fügte hinzu, daß zwar der Verstand 21 der Männer sich nach Haushälterinnen umsehe, 22 daß aber ihr Herz und ihre Einbildungskraft 23 sich nach andern Eigenschaften sehne, und daß wir 24 Haushälterinnen eigentlich gegen die liebenswürdigen 25 und reizenden Mädchen keinen Wettstreit aushalten 26 können. Diese Worte sagte ich Lydien zum Gehör: 27 denn sie verbarg nicht, daß Lothario großen Eindruck 28 auf sie gemacht habe, und auch er schien bei jedem 

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1 neuen Besuche immer aufmerksamer auf sie zu werden. 2 Sie war arm, sie war nicht von Stande, sie konnte 3 an keine Heirath mit ihm denken; aber sie konnte 4 der Wonne nicht widerstehen, zu reizen und gereizt 5 zu werden. Ich hatte nie geliebt und liebte auch jetzt 6 nicht; allein ob es mir schon unendlich angenehm 7 war zu sehen, wohin meine Natur von einem so verehrten 8 Manne gestellt und gerechnet werde, will ich 9 doch nicht läugnen, daß ich damit nicht ganz zufrieden 10 war. Ich wünschte nun auch, daß er mich 11 kennen, daß er persönlich Antheil an mir nehmen 12 möchte. Es entstand bei mir dieser Wunsch ohne 13 irgend einen bestimmten Gedanken, was daraus folgen 14 könnte.

15 Der größte Dienst, den ich meiner Wohlthäterin 16 leistete, war, daß ich die schönen Waldungen ihrer 17 Güter in Ordnung zu bringen suchte. In diesen köstlichen 18 Besitzungen, deren großen Werth Zeit und Umstände 19 immer vermehren, ging es leider nur immer 20 nach dem alten Schlendrian fort, nirgends war Plan 21 und Ordnung, und des Stehlens und des Unterschleifs 22 kein Ende. Manche Berge standen öde, und einen 23 gleichen Wuchs hatten nur noch die ältesten Schläge. 24 Ich beging alles selbst mit einem geschickten Forstmann, 25 ich ließ die Waldungen messen, ich ließ schlagen, 26 säen, pflanzen, und in kurzer Zeit war alles im Gange. 27 Ich hatte mir, um leichter zu Pferde fort zu kommen 28 und auch zu Fuße nirgends gehindert zu sein, Mannskleider 

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1 machen lassen, ich war an vielen Orten, und 2 man fürchtete mich überall.

3 Ich hörte, daß die Gesellschaft junger Freunde mit 4 Lothario wieder ein Jagen angestellt hatte; zum erstenmal 5 in meinem Leben fiel mir's ein zu scheinen, 6 oder, daß ich mir nicht unrecht thue, in den Augen 7 des trefflichen Mannes für das zu gelten, was ich war. 8 Ich zog meine Mannskleider an, nahm die Flinte auf 9 den Rücken und ging mit unserm Jäger hinaus, um 10 die Gesellschaft an der Gränze zu erwarten. Sie kam, 11 Lothario kannte mich nicht gleich; einer von den Neffen 12 meiner Wohlthäterin stellte mich ihm als einen geschickten 13 Forstmann vor, scherzte über meine Jugend 14 und trieb sein Spiel zu meinem Lobe so lange, bis 15 endlich Lothario mich erkannte. Der Neffe secundirte 16 meine Absicht, als wenn wir es abgeredet hätten. Umständlich 17 erzählte er, und dankbar, was ich für die 18 Güter der Tante und also auch für ihn gethan hatte.

19 Lothario hörte mit Aufmerksamkeit zu, unterhielt 20 sich mit mir, fragte nach allen Verhältnissen der Güter 21 und der Gegend, und ich war froh, meine Kenntnisse 22 vor ihm ausbreiten zu können; ich bestand in meinem 23 Examen sehr gut, ich legte ihm einige Vorschläge zu 24 gewissen Verbesserungen zur Prüfung vor, er billigte 25 sie, erzählte mir ähnliche Beispiele, und verstärkte 26 meine Gründe durch den Zusammenhang, den er ihnen 27 gab. Meine Zufriedenheit wuchs mit jedem Augenblick. 28 Aber glücklicher Weise wollte ich nur gekannt, 

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1 wollte nicht geliebt sein: denn --- wir kamen nach 2 Hause, und ich bemerkte mehr als sonst, daß die Aufmerksamkeit, 3 die er Lydien bezeigte, eine heimliche 4 Neigung zu verrathen schien. Ich hatte meinen Endzweck 5 erreicht, und war doch nicht ruhig; er zeigte 6 von dem Tage an eine wahre Achtung und ein schönes 7 Vertrauen gegen mich, er redete mich in Gesellschaft 8 gewöhnlich an, fragte mich um meine Meinung 9 und schien besonders in Haushaltungssachen das Zutrauen 10 zu mir zu haben, als wenn ich alles wisse. 11 Seine Theilnahme munterte mich außerordentlich auf; 12 sogar wenn von allgemeiner Landesökonomie und von 13 Finanzen die Rede war, zog er mich in's Gespräch, 14 und ich suchte in seiner Abwesenheit mehr Kenntnisse 15 von der Provinz, ja von dem ganzen Lande zu erlangen. 16 Es ward mir leicht, denn es wiederholte sich 17 nur im Großen, was ich im Kleinen so genau wußte 18 und kannte.

19 Er kam von dieser Zeit an öfter in unser Haus. 20 Es ward, ich kann wohl sagen, von allem gesprochen, 21 aber gewissermaßen ward unser Gespräch zuletzt immer 22 ökonomisch, wenn auch nur im uneigentlichen Sinne. 23 Was der Mensch durch consequente Anwendung seiner 24 Kräfte, seiner Zeit, seines Geldes, selbst durch gering 25 scheinende Mittel für ungeheure Wirkungenhervorbringen 26 könne, darüber ward viel gesprochen.

27 Ich widerstand der Neigung nicht, die mich zu 28 ihm zog, und ich fühlte leider nur zu bald, wie sehr, 

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1 wie herzlich, wie rein und aufrichtig meine Liebe war, 2 da ich immer mehr zu bemerken glaubte, daß seine 3 öftern Besuche Lydien und nicht mir galten. Sie 4 wenigstens war auf das lebhafteste davon überzeugt; 5 sie machte mich zu ihrer Vertrauten, und dadurch 6 fand ich mich noch einigermaßen getröstet. Das, was 7 sie so sehr zu ihrem Vortheil auslegte, fand ich keinesweges 8 bedeutend; von der Absicht einer ernsthaften 9 dauernden Verbindung zeigte sich keine Spur, um so 10 deutlicher sah ich den Hang des leidenschaftlichen 11 Mädchens, um jeden Preis die Seinige zu werden.

12 So standen die Sachen, als mich die Frau vom 13 Hause mit einem unvermutheten Antrag überraschte. 14 Lothario, sagte sie, bietet Ihnen seine Hand an, und 15 wünscht Sie in seinem Leben immer zur Seite zu 16 haben. Sie verbreitete sich über meine Eigenschaften, 17 und sagte mir, was ich so gerne anhörte: daß Lothario 18 überzeugt sei, in mir die Person gefunden zu haben, 19 die er so lange gewünscht hatte.

20 Das höchste Glück war nun für mich erreicht: 21 ein Mann verlangte mich, den ich so sehr schätzte, 22 bei dem und mit dem ich eine völlige, freie, ausgebreitete, 23 nützliche Wirkung meiner angebornen Neigung, 24 meines durch Übung erworbenen Talents vor 25 mir sah; die Summe meines ganzen Daseins schien 26 sich in's Unendliche vermehrt zu haben. Ich gab 27 meine Einwilligung, er kam selbst, er sprach mit mir 28 allein, er reichte mir seine Hand, er sah mir in die 

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1 Augen, er umarmte mich und drückte einen Kuß auf 2 meine Lippen. Es war der erste und letzte. Er vertraute 3 mir seine ganze Lage, was ihn sein amerikanischer 4 Feldzug gekostet, welche Schulden er auf seine 5 Güter geladen, wie er sich mit seinem Großoheim 6 einigermaßen darüber entzweit habe, wie dieser würdige 7 Mann für ihn zu sorgen denke, aber freilich auf 8 seine eigene Art: er wolle ihm eine reiche Frau geben, 9 da einem wohldenkenden Manne doch nur mit einer 10 haushältischen gedient sei; er hoffe durch seine Schwester 11 den Alten zu bereden. Er legte mir den Zustand 12 seines Vermögens, seine Plane, seine Aussichten vor, und 13 erbat sich meine Mitwirkung. Nur bis zur Einwilligung 14 seines Oheims sollte es ein Geheimniß bleiben.

15 Kaum hatte er sich entfernt, so fragte mich Lydie: 16 ob er etwa von ihr gesprochen habe? Ich sagte 17 nein, und machte ihr Langeweile mit Erzählung von 18 ökonomischen Gegenständen. Sie war unruhig, mißlaunig, 19 und sein Betragen, als er wieder kam, verbesserte 20 ihren Zustand nicht.

21 Doch ich sehe, daß die Sonne sich zu ihrem Untergange 22 neigt! Es ist Ihr Glück, mein Freund, Sie 23 hätten sonst die Geschichte, die ich mir so gerne selbst 24 erzähle, mit allen ihren kleinen Umständen durchhören 25 müssen. Lassen Sie mich eilen, wir nahen einer 26 Epoche, bei der nicht gut zu verweilen ist.

27 Lothario machte mich mit seiner trefflichen Schwester 28 bekannt, und diese wußte mich auf eine schickliche 

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1 Weise bei'm Oheim einzuführen; ich gewann den 2 Alten, er willigte in unsre Wünsche, und ich kehrte 3 mit einer glücklichen Nachricht zu meiner Wohlthäterin 4 zurück. Die Sache war im Hause nun kein Geheimniß 5 mehr, Lydie erfuhr sie, sie glaubte etwas Unmögliches 6 zu vernehmen. Als sie endlich daran nicht mehr 7 zweifeln konnte, verschwand sie auf einmal, und man 8 wußte nicht wohin sie sich verloren hatte.

9 Der Tag unserer Verbindung nahte heran; ich 10 hatte ihn schon oft um sein Bildniß gebeten, und ich 11 erinnerte ihn, eben als er wegreiten wollte, nochmals 12 an sein Versprechen. Sie haben vergessen, sagte er, 13 mir das Gehäuse zu geben, wohinein Sie es gepaßt 14 wünschen. Es war so: ich hatte ein Geschenk von 15 einer Freundin, das ich sehr werth hielt. Von ihren 16 Haaren war ein verzogener Name unter dem äußern 17 Glase befestigt, inwendig blieb ein leeres Elfenbein, 18 worauf eben ihr Bild gemahlt werden sollte, als sie 19 mir unglücklicher Weise durch den Tod entrissen 20 wurde. Lothario's Neigung beglückte mich in dem 21 Augenblicke, da ihr Verlust mir noch sehr schmerzhaft 22 war, und ich wünschte die Lücke, die sie mir in 23 ihrem Geschenk zurückgelassen hatte, durch das Bild 24 meines Freundes auszufüllen.

25 Ich eile nach meinem Zimmer, hole mein Schmuckkästchen, 26 und eröffne es in seiner Gegenwart; kaum 27 sieht er hinein, so erblickt er ein Medaillon mit 28 dem Bilde eines Frauenzimmers, er nimmt es in 

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1 die Hand, betrachtet es mit Aufmerksamkeit, und 2 fragt hastig: Wen soll dieß Porträt vorstellen? --- 3 Meine Mutter, versetzte ich. --- Hätt' ich doch geschworen, 4 rief er aus, es sei das Porträt einer Frau 5 von Saint Alban, die ich vor einigen Jahren in der 6 Schweiz antraf. --- Es ist einerlei Person, versetzte 7 ich lächelnd, und Sie haben also Ihre Schwiegermutter, 8 ohne es zu wissen, kennen gelernt. Saint 9 Alban ist der romantische Name, unter dem meine 10 Mutter reis't; sie befindet sich unter demselben noch 11 gegenwärtig in Frankreich.

12 Ich bin der unglücklichste aller Menschen! rief er 13 aus, indem er das Bild in das Kästchen zurück warf, 14 seine Augen mit der Hand bedeckte und sogleich das 15 Zimmer verließ. Er warf sich auf sein Pferd, ich 16 lief auf den Balcon und rief ihm nach; er kehrte sich 17 um, warf mir eine Hand zu; entfernte sich eilig --- 18 und ich habe ihn nicht wieder gesehen.

19 Die Sonne ging unter, Therese sah mit unverwandtem 20 Blicke in die Gluth, und ihre beiden schönen 21 Augen füllten sich mit Thränen.

22 Therese schwieg, und legte auf ihres neuen Freundes 23 Hände ihre Hand; er küßte sie mit Theilnehmung, 24 sie trocknete ihre Thränen, und stand auf. Lassen Sie 25 uns zurück gehen, sagte sie, und für die Unsrigen sorgen!

26 Das Gespräch auf dem Wege war nicht lebhaft; 27 sie kamen zur Gartenthüre herein, und sahen Lydien 28 auf einer Bank sitzen; sie stand auf, wich ihnen aus, 

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1 und begab sich in's Haus zurück; sie hatte ein Papier in 2 der Hand, und zwei kleine Mädchen waren bei ihr. Ich 3 sehe, sagte Therese, sie trägt ihren einzigen Trost, den 4 Brief Lothario's, noch immer bei sich. Ihr Freund 5 verspricht ihr, daß sie gleich, sobald er sich wohl befindet, 6 wieder an seiner Seite leben soll; er bittet sie, 7 so lange ruhig bei mir zu verweilen. An diesen Worten 8 hängt sie, mit diesen Zeilen tröstet sie sich, aber 9 seine Freunde sind übel bei ihr angeschrieben.

10 Indessen waren die beiden Kinder herangekommen, 11 begrüßten Theresen, und gaben ihr Rechenschaftvon 12 allem, was in ihrer Abwesenheit im Hause vorgegangen 13 war. Sie sehen hier noch einen Theil meiner 14 Beschäftigung, sagte Therese. Ich habe mit Lothario's 15 trefflicher Schwester einen Bund gemacht; wir erziehen 16 eine Anzahl Kinder gemeinschaftlich: ich bilde die lebhaften 17 und dienstfertigen Haushälterinnen, und sie 18 übernimmt diejenigen, an denen sich ein ruhigeres 19 und feineres Talent zeigt; denn es ist billig, daß 20 man auf jede Weise für das Glück der Männer und 21 der Haushaltung sorge. Wenn Sie meine edle Freundin 22 kennen lernen, so werden Sie ein neues Leben 23 anfangen: ihre Schönheit, ihre Güte macht sieder 24 Anbetung einer ganzen Welt würdig. Wilhelm getraute 25 sich nicht zu sagen, daß er leider die schöne 26 Gräfin schon kenne, und daß ihn sein vorübergehendes 27 Verhältniß zu ihr auf ewig schmerzen werde; er war 28 sehr zufrieden, daß Therese das Gespräch nicht fortsetzte, 

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1 und daß ihre Geschäfte sie in das Haus zurückzugehen 2 nöthigten. Er befand sich nun allein, und 3 die letzte Nachricht, daß die junge schöne Gräfin auch 4 schon genöthigt sei, durch Wohlthätigkeit den Mangel 5 an eignem Glück zu ersetzen, machte ihnäußerst 6 traurig; er fühlte, daß es bei ihr nur eine Nothwendigkeit 7 war sich zu zerstreuen und an die Stelle 8 eines frohen Lebensgenusses die Hoffnung fremder 9 Glückseligkeit zu setzen. Er pries Theresen glücklich, 10 daß selbst bei jener unerwarteten traurigen Veränderung 11 keine Veränderung in ihr selbst vorzugehen 12 brauchte. Wie glücklich ist der über alles, rief er 13 aus, der, um sich mit dem Schicksal in Einigkeit zu 14 setzen, nicht sein ganzes vorhergehendes Leben wegzuwerfen 15 braucht!

16 Therese kam auf sein Zimmer, und bat um Verzeihung, 17 daß sie ihn störe. Hier in dem Wandschrank, 18 sagte sie, steht meine ganze Bibliothek; es sind eher 19 Bücher, die ich nicht wegwerfe, als die ich aufhebe. 20 Lydie verlangt ein geistliches Buch, es findet sich wohl 21 auch eins und das andere darunter. Die Menschen, 22 die das ganze Jahr weltlich sind, bilden sich ein, sie 23 müßten zur Zeit der Noth geistlich sein; sie sehen 24 alles Gute und Sittliche wie eine Arzenei an, die man 25 mit Widerwillen zu sich nimmt, wenn man sich 26 schlecht befindet; sie sehen in einem Geistlichen, einem 27 Sittenlehrer nur einen Arzt, den man nicht geschwind 28 genug aus dem Hause los werden kann: ich aber gestehe 

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1 gern, ich habe vom Sittlichen den Begriff als 2 von einer Diät, die eben dadurch nur Diät ist, wenn 3 ich sie zur Lebensregel mache, wenn ich sie das ganze 4 Jahr nicht außer Augen lasse.

5 Sie suchten unter den Büchern, und fanden einige 6 sogenannte Erbauungsschriften. Die Zuflucht zu 7 diesen Büchern, sagte Therese, hat Lydie von meiner 8 Mutter gelernt: Schauspiele und Romane waren ihr 9 Leben, so lange der Liebhaber treu blieb; seine Entfernung 10 brachte sogleich diese Bücher wieder in Credit. 11 Ich kann überhaupt nicht begreifen, fuhr sie fort, wie 12 man hat glauben können, daß Gott durch Bücher 13 und Geschichten zu uns spreche. Wem die Welt nicht 14 unmittelbar eröffnet, was sie für ein Verhältniß zu 15 ihm hat, wem sein Herz nicht sagt, was er sich und 16 andern schuldig ist, der wird es wohl schwerlich aus 17 Büchern erfahren, die eigentlich nur geschickt sind, 18 unsern Irrthümern Namen zu geben.

19 Sie ließ Wilhelmen allein, und er brachte seinen 20 Abend mit Revision der kleinen Bibliothek zu; sie 21 war wirklich bloß durch Zufall zusammen gekommen.

22 Therese blieb die wenigen Tage, die Wilhelm bei 23 ihr verweilte, sich immer gleich; sie erzählte ihm die 24 Folgen ihrer Begebenheit in verschiedenen Absätzen 25 sehr umständlich. Ihrem Gedächtniß war Tag und 26 Stunde, Platz und Name gegenwärtig, und wir ziehen, 27 was unsern Lesern zu wissen nöthig ist, hier in's 28 Kurze zusammen.



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1 Die Ursache von Lothario's rascher Entfernung 2 ließ sich leider leicht erklären: er war Theresens 3 Mutter auf ihrer Reise begegnet, ihre Reize zogen 4 ihn an, sie war nicht karg gegen ihn, und nun entfernte 5 ihn dieses unglückliche, schnell vorübergegangene 6 Abenteuer von der Verbindung mit einem Frauenzimmer, 7 das die Natur selbst für ihn gebildet zu 8 haben schien. Therese blieb in dem reinen Kreise 9 ihrer Beschäftigung und ihrer Pflicht. Man erfuhr, 10 daß Lydie sich heimlich in der Nachbarschaft aufgehalten 11 habe. Sie war glücklich, als die Heirath, 12 obgleich aus unbekannten Ursachen, nicht vollzogen 13 wurde, sie suchte sich Lothario zu nähern, und es 14 schien, daß er mehr aus Verzweiflung als aus Neigung, 15 mehr überrascht als mit Überlegung, mehr aus langer 16 Weile als aus Vorsatz ihren Wünschen begegnet sei.

17 Therese war ruhig darüber, sie machte keine weitern 18 Ansprüche auf ihn, und selbst wenn er ihr Gatte 19 gewesen wäre, hätte sie vielleicht Muth genug gehabt, 20 ein solches Verhältniß zu ertragen, wenn es nur ihre 21 häusliche Ordnung nicht gestört hätte; wenigstens 22 äußerte sie oft, daß eine Frau, die das Hauswesen 23 recht zusammenhalte, ihrem Manne jede kleine Phantasie 24 nachsehen und von seiner Rückkehr jederzeit gewiß 25 sein könne.

26 Theresens Mutter hatte bald die Angelegenheiten 27 ihres Vermögens in Unordnung gebracht; ihre Tochter 28 mußte es entgelten, denn sie erhielt wenig von ihr; 

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1 die alte Dame, Theresens Beschützerin, starb, hinterließ 2 ihr das kleine Freigut und ein artiges Capital 3 zum Vermächtniß. Therese wußte sich sogleich in den 4 engen Kreis zu finden, Lothario bot ihr ein besseres 5 Besitzthum an, Jarno machte den Unterhändler, sie 6 schlug es aus. Ich will, sagte sie, im Kleinen zeigen, 7 daß ich werth war, das Große mit ihm zu theilen; 8 aber das behalte ich mir vor, daß, wenn der Zufall 9 mich um meiner oder anderer willen in Verlegenheit 10 setzt, ich zuerst zu meinem werthen Freund, ohne 11 Bedenken, die Zuflucht nehmen könne.

12 Nichts bleibt weniger verborgen und ungenutzt 13 als zweckmäßige Thätigkeit. Kaum hatte sie sich 14 auf ihrem kleinen Gute eingerichtet, so suchten die 15 Nachbarn schon ihre nähere Bekanntschaft und ihren 16 Rath, und der neue Besitzer der angränzenden Güter 17 gab nicht undeutlich zu verstehen, daß es nur auf 18 sie ankomme, ob sie seine Hand annehmen und Erbe 19 des größten Theils seines Vermögens werden wolle. 20 Sie hatte schon gegen Wilhelmen dieses Verhältnisses 21 erwähnt, und scherzte gelegentlich über Heirathen und 22 Mißheirathen mit ihm.

23 Es gibt, sagte sie, den Menschen nichts mehr zu 24 reden, als wenn einmal eine Heirath geschieht, die 25 sie nach ihrer Art eine Mißheirath nennen können, 26 und doch sind die Mißheirathen viel gewöhnlicher 27 als die Heirathen; denn es sieht leider nach einer 28 kurzen Zeit mit den meisten Verbindungen gar mißlich 

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1 aus. Die Vermischung der Stände durch Heirathen 2 verdienen nur insofern Mißheirathen genannt zu 3 werden, als der eine Theil an der angebornen, angewohnten 4 und gleichsam nothwendig gewordenen 5 Existenz des andern keinen Theil nehmen kann. Die 6 verschiedenen Classen haben verschiedene Lebensweisen, 7 die sie nicht mit einander theilen noch verwechseln 8 können, und das ist's, warum Verbindungen dieser 9 Art besser nicht geschlossen werden; aber Ausnahmen 10 und recht glückliche Ausnahmen sind möglich. So 11 ist die Heirath eines jungen Mädchens mit einem 12 bejahrten Manne immer mißlich, und doch habe ich 13 sie recht gut ausschlagen sehen. Für mich kenne ich 14 nur Eine Mißheirath, wenn ich feiern und repräsentiren 15 müßte; ich wollte lieber jedem ehrbaren Pächterssohn 16 aus der Nachbarschaft meine Hand geben.

17 Wilhelm gedachte nunmehr zurückzukehren, und 18 bat seine neue Freundin, ihm noch ein Abschiedswort 19 bei Lydien zu verschaffen. Das leidenschaftliche 20 Mädchen ließ sich bewegen, er sagte ihr einige freundliche 21 Worte, sie versetzte: Den ersten Schmerz hab' ich 22 überwunden, Lothario wird mir ewig theuer sein; 23 aber seine Freunde kenne ich, es ist mir leid, daß er 24 so umgeben ist. Der Abbé wäre fähig wegen einer 25 Grille die Menschen in Noth zu lassen, oder sie gar 26 hinein zu stürzen; der Arzt möchte gern alles in's 27 Gleiche bringen; Jarno hat kein Gemüth, und Sie 28 --- wenigstens keinen Charakter! Fahren Sie nur so 

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1 fort, und lassen Sie sich als Werkzeug dieser drei 2 Menschen brauchen, man wird Ihnen noch manche 3 Execution auftragen. Lange, mir ist es recht wohl 4 bekannt, war ihnen meine Gegenwart zuwider, ich 5 hatte ihr Geheimniß nicht entdeckt, aber ich hatte 6 beobachtet, daß sie ein Geheimniß verbargen. Wozu 7 diese verschlossenen Zimmer? diese wunderlichen Gänge? 8 Warum kann niemand zu dem großen Thurm gelangen? 9 Warum verbannten sie mich, so oft sie nur 10 konnten, in meine Stube? Ich will gestehen, daß 11 Eifersucht zuerst mich auf diese Entdeckung brachte, ich 12 fürchtete eine glückliche Nebenbuhlerin sei irgendwo 13 versteckt. Nun glaube ich das nicht mehr, ich bin überzeugt, 14 daß Lothario mich liebt, daß er es redlich mit 15 mir meint, aber eben so gewiß bin ichüberzeugt, daß 16 er von seinen künstlichen und falschen Freunden betrogen 17 wird. Wenn Sie sich um ihn verdient machen 18 wollen, wenn Ihnen verziehen werden soll, was Sie 19 an mir verbrochen haben, so befreien Sie ihn aus 20 den Händen dieser Menschen. Doch was hoffe ich! 21 Überreichen Sie ihm diesen Brief, wiederholen Sie, 22 was er enthält: daß ich ihn ewig lieben werde, daß 23 ich mich auf sein Wort verlasse. Ach! rief sie aus, 24 indem sie aufstand und am Halse Theresens weinte: 25 er ist von meinen Feinden umgeben, sie werden ihn 26 zu bereden suchen, daß ich ihm nichts aufgeopfert 27 habe; o! der beste Mann mag gerne hören, daßer jedes 28 Opfer werth ist, ohne dafür dankbar sein zu dürfen.



[Seite 71]

1 Wilhelms Abschied von Theresen war heiterer; sie 2 wünschte ihn bald wieder zu sehen. Sie kennen mich 3 ganz! sagte sie: Sie haben mich immer reden lassen; 4 es ist das nächstemal Ihre Pflicht meine Aufrichtigkeit 5 zu erwidern.

6 Auf seiner Rückreise hatte er Zeit genug, diese 7 neue helle Erscheinung lebhaft in der Erinnerung zu 8 betrachten. Welch ein Zutrauen hatte sie ihmeingeflößt! 9 Er dachte an Mignon und Felix, wie glücklich 10 die Kinder unter einer solchen Aufsicht werden 11 könnten; dann dachte er an sich selbst, und fühlte, 12 welche Wonne es sein müsse, in der Nähe eines so 13 ganz klaren menschlichen Wesens zu leben. Als er 14 sich dem Schloß näherte, fiel ihm der Thurm mit 15 den vielen Gängen und Seitengebäuden mehr als 16 sonst auf; er nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit 17 Jarno oder den Abbé darüber zur Rede zu stellen.



[Seite 72]



1 
Siebentes Capitel.

[Lesarten]  2 Als Wilhelm nach dem Schlosse kam, fand er den 3 edlen Lothario auf dem Wege der völligen Besserung; 4 der Arzt und der Abbé waren nicht zugegen, Jarno 5 allein war geblieben. In kurzer Zeit ritt der Genesende 6 schon wieder aus, bald allein, bald mit seinen 7 Freunden. Sein Gespräch war ernsthaft und gefällig, 8 seine Unterhaltung belehrend und erquickend; oft bemerkte 9 man Spuren einer zarten Fühlbarkeit, ob er 10 sie gleich zu verbergen suchte, und, wenn sie sich wider 11 seinen Willen zeigte, beinah zu mißbilligen schien.

12 So war er eines Abends still bei Tische, ob er 13 gleich heiter aussah.

14 Sie haben heute gewiß ein Abenteuer gehabt, sagte 15 endlich Jarno, und zwar ein angenehmes.

16 Wie Sie sich auf Ihre Leute verstehen! versetzte 17 Lothario. Ja, es ist mir ein sehr angenehmes Abenteuer 18 begegnet. Zu einer andern Zeit hätte ich es 19 vielleicht nicht so reizend gefunden, als dießmal, da 20 es mich so empfänglich antraf. Ich ritt gegen Abend 21 jenseit des Wassers durch die Dörfer, einen Weg, den 22 ich oft genug in frühern Jahren besucht hatte. Mein 

[Seite 73]

1 körperliches Leiden muß mich mürber gemacht haben, 2 als ich selbst glaubte: ich fühlte mich weich, und 3 bei wieder auflebenden Kräften wie neugeboren. Alle 4 Gegenstände erschienen mir in eben dem Lichte, wie 5 ich sie in frühern Jahren gesehen hatte, alle so lieblich, 6 so anmuthig, so reizend, wie sie mir lange nicht 7 erschienen sind. Ich merkte wohl, daß es Schwachheit 8 war, ich ließ mir sie aber ganz wohlgefallen, 9 ritt sachte hin, und es wurde mir ganz begreiflich, 10 wie Menschen eine Krankheit lieb gewinnen können, 11 welche uns zu süßen Empfindungen stimmt. Sie 12 wissen vielleicht, was mich ehemals so oft diesen Weg 13 führte?

14 Wenn ich mich recht erinnere, versetzte Jarno, so 15 war es ein kleiner Liebeshandel, der sich mit der 16 Tochter eines Pachters entsponnen hatte.

17 Man dürfte es wohl einen großen nennen, versetzte 18 Lothario: denn wir hatten uns beide sehr lieb, 19 recht im Ernste, und auch ziemlich lange. Zufälligerweise 20 traf heute alles zusammen, mir die ersten Zeiten 21 unserer Liebe recht lebhaft darzustellen. Die Knaben 22 schüttelten eben wieder Maikäfer von den Bäumen, 23 und das Laub der Eschen war eben nicht weiter als 24 an dem Tage, da ich sie zum erstenmal sah. Nun 25 war es lange, daß ich Margareten nicht gesehen habe, 26 denn sie ist weit weg verheirathet, nur hörte ich zufällig, 27 sie sei mit ihren Kindern vor wenigen Wochen 28 gekommen, ihren Vater zu besuchen.



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1 So war ja wohl dieser Spazierritt nicht so ganz 2 zufällig?

3 Ich läugne nicht, sagte Lothario, daß ich sie anzutreffen 4 wünschte. Als ich nicht weit von dem Wohnhaus 5 war, sah ich ihren Vater vor der Thüre sitzen; 6 ein Kind von ungefähr einem Jahre stand bei ihm. 7 Als ich mich näherte, sah eine Frauensperson schnell 8 oben zum Fenster heraus, und als ich gegen die 9 Thüre kam, hörte ich jemand die Treppe herunter 10 springen. Ich dachte gewiß, sie sei es, und, ich will's 11 nur gestehen, ich schmeichelte mir, sie habe mich erkannt, 12 und sie komme mir eilig entgegen. Aber wie 13 beschämt war ich, als sie zur Thüre heraus sprang, 14 das Kind, dem die Pferde näher kamen, anfaßte und 15 in das Haus hineintrug. Es war mir eine unangenehme 16 Empfindung, und nur wurde meine Eitelkeit 17 ein wenig getröstet, als ich, wie sie hinweg eilte, 18 an ihrem Nacken und an dem freistehenden Ohr eine 19 merkliche Röthe zu sehen glaubte.

20 Ich hielt still und sprach mit dem Vater, und 21 schielte indessen an den Fenstern herum, ob sie sich 22 nicht hier oder da blicken ließe; allein ich bemerkte 23 keine Spur von ihr. Fragen wollt' ich auch nicht, 24 und so ritt ich vorbei. Mein Verdruß wurde durch 25 Verwunderung einigermaßen gemildert: denn ob ich 26 gleich kaum das Gesicht gesehen hatte, so schien sie 27 mir fast gar nicht verändert, und zehn Jahre sind 28 doch eine Zeit! ja sie schien mir jünger, eben so schlank, 

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1 eben so leicht auf den Füßen, der Hals wo möglich 2 noch zierlicher als vorher, ihre Wange eben so leicht 3 der liebenswürdigen Röthe empfänglich, dabei Mutter 4 von sechs Kindern, vielleicht noch von mehrern. Es 5 paßte diese Erscheinung so gut in die übrige Zauberwelt, 6 die mich umgab, daß ich um so mehr mit einem 7 verjüngten Gefühl weiter ritt, und an dem nächsten 8 Walde erst umkehrte, als die Sonne im Untergehen 9 war. So sehr mich auch der fallende Thau an die 10 Vorschrift des Arztes erinnerte, und es wohl räthlicher 11 gewesen wäre, gerade nach Hause zu kehren, so 12 nahm ich doch wieder meinen Weg nach der Seite des 13 Pachthofs zurück. Ich bemerkte, daß ein weibliches 14 Geschöpf in dem Garten auf und nieder ging, der 15 mit einer leichten Hecke umzogen ist. Ich ritt auf 16 dem Fußpfade nach der Hecke zu, und ich fand mich 17 eben nicht weit von der Person, nach der ich verlangte.

18 Ob mir gleich die Abendsonne in den Augen lag, 19 sah ich doch, daß sie sich am Zaune beschäftigte, der 20 sie nur leicht bedeckte. Ich glaubte meine alte Geliebte 21 zu erkennen. Da ich an sie kam, hielt ich still, 22 nicht ohne Regung des Herzens. Einige hohe Zweige 23 wilder Rosen, die eine leise Luft hin und her wehte, 24 machten mir ihre Gestalt undeutlich. Ich redete sie 25 an, und fragte, wie sie lebe. Sie antwortete mir 26 mit halber Stimme: Ganz wohl. Indeß bemerkte 27 ich, daß ein Kind hinter dem Zaune beschäftigt war 28 Blumen auszureißen, und nahm die Gelegenheit sie 

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1 zu fragen: wo denn ihre übrigen Kinder seien? Es 2 ist nicht mein Kind, sagte sie, das wäre früh! und 3 in diesem Augenblick schickte sich's, daß ich durch die 4 Zweige ihr Gesicht genau sehen konnte, und ich wußte 5 nicht, was ich zu der Erscheinung sagen sollte. Es 6 war meine Geliebte und war es nicht. Fast jünger, 7 fast schöner, als ich sie vor zehen Jahren gekannt 8 hatte. Sind Sie denn nicht die Tochter des Pachters? 9 fragte ich halb verwirrt. Nein, sagte sie, ich bin 10 ihre Muhme.

11 Aber Sie gleichen einander so außerordentlich, versetzte 12 ich.

13 Das sagt jedermann, der sie vor zehen Jahren gekannt 14 hat.

15 Ich fuhr fort sie verschiedenes zu fragen; mein 16 Irrthum war mir angenehm, ob ich ihn gleich schon 17 entdeckt hatte. Ich konnte mich von dem lebendigen 18 Bilde voriger Glückseligkeit, das vor mir stand, nicht 19 losreißen. Das Kind hatte sich indessen von ihr entfernt, 20 und war Blumen zu suchen nach dem Teiche gegangen. 21 Sie nahm Abschied, und eilte dem Kinde nach.

22 Indessen hatte ich doch erfahren, daß meine alte 23 Geliebte noch wirklich in dem Hause ihres Vaters sei, 24 und indem ich ritt, beschäftigte ich mich mit Muthmaßungen, 25 ob sie selbst, oder die Muhme das Kind 26 vor den Pferden gesichert habe. Ich wiederholte mir 27 die ganze Geschichte mehrmals im Sinne, und ich 28 wüßte nicht leicht, daß irgend etwas angenehmer auf 

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1 mich gewirkt hätte. Aber ich fühle wohl, ich bin noch 2 krank, und wir wollen den Doctor bitten, daß er 3 uns von dem Überreste dieser Stimmung erlöse.

4 Es pflegt in vertraulichen Bekenntnissen anmuthiger 5 Liebesbegebenheiten wie mit Gespenstergeschichten zu 6 gehen: ist nur erst eine erzählt, so fließen die übrigen 7 von selbst zu.

8 Unsere kleine Gesellschaft fand in der Rückerinnerung 9 vergangener Zeiten manchen Stoff dieser Art. 10 Lothario hatte am meisten zu erzählen. Jarno's Geschichten 11 trugen alle einen eigenen Charakter, und was 12 Wilhelm zu gestehen hatte, wissen wir schon. Indessen 13 war ihm bange, daß man ihn an die Geschichte 14 mit der Gräfin erinnern möchte; allein niemand 15 dachte derselben auch nur auf die entfernteste Weise.

16 Es ist wahr, sagte Lothario, angenehmer kann 17 keine Empfindung in der Welt sein, als wenn das 18 Herz nach einer gleichgültigen Pause sich der Liebe zu 19 einem neuen Gegenstande wieder öffnet, und doch 20 wollt' ich diesem Glück für mein Leben entsagt haben, 21 wenn mich das Schicksal mit Theresen hätte verbinden 22 wollen. Man ist nicht immer Jüngling, und man 23 sollte nicht immer Kind sein. Dem Manne, der die 24 Welt kennt, der weiß, was er darin zu thun, was 25 er von ihr zu hoffen hat, was kann ihm erwünschter 26 sein, als eine Gattin zu finden, die überall mit ihm 27 wirkt, und die ihm alles vorzubereiten weiß, deren 28 Thätigkeit dasjenige aufnimmt, was die seinige liegen 

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1 lassen muß, deren Geschäftigkeit sich nach allen Seiten 2 verbreitet, wenn die seinige nur einen geraden Weg 3 fortgehen darf. Welchen Himmel hatte ich mir mit 4 Theresen geträumt! nicht den Himmel eines schwärmerischen 5 Glücks, sondern eines sichern Lebens auf 6 der Erde: Ordnung im Glück, Muth im Unglück, 7 Sorge für das Geringste, und eine Seele, fähig das 8 Größte zu fassen und wieder fahren zu lassen. O! 9 ich sah in ihr gar wohl die Anlagen, deren Entwickelung 10 wir bewundern, wenn wir in der Geschichte 11 Frauen sehen, die uns weit vorzüglicher als alle 12 Männer erscheinen: diese Klarheit über die Umstände, 13 diese Gewandtheit in allen Fällen, diese Sicherheit 14 im Einzelnen, wodurch das Ganze sich immer so gut 15 befindet, ohne daß sie jemals daran zu denken scheinen. 16 Sie können wohl, fuhr er fort, indem er sich lächelnd 17 gegen Wilhelmen wendete, mir verzeihen, wenn Therese 18 mich Aurelien entführte: mit jener konnte ich ein 19 heitres Leben hoffen, da bei dieser auch nicht an eine 20 glückliche Stunde zu denken war.

21 Ich läugne nicht, versetzte Wilhelm, daß ich mit 22 großer Bitterkeit im Herzen gegen Sie hierher gekommen 23 bin, und daß ich mir vorgenommen hatte, 24 Ihr Betragen gegen Aurelien sehr streng zu tadeln.

25 Auch verdient es Tadel, sagte Lothario: ich hätte 26 meine Freundschaft zu ihr nicht mit dem Gefühl der 27 Liebe verwechseln sollen, ich hätte nicht an die Stelle 28 der Achtung, die sie verdiente, eine Neigung eindrängen 

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1 sollen, die sie weder erregen, noch erhalten 2 konnte. Ach! sie war nicht liebenswürdig, wenn sie 3 liebte, und das ist das größte Unglück, das einem 4 Weibe begegnen kann.

5 Es sei drum, erwiderte Wilhelm, wir können 6 nicht immer das Tadelnswerthe vermeiden, nicht vermeiden, 7 daß unsere Gesinnungen und Handlungen 8 auf eine sonderbare Weise von ihrer natürlichen und 9 guten Richtung abgelenkt werden; aber gewisse Pflichten 10 sollten wir niemals aus den Augen setzen. Die Asche 11 der Freundin ruhe sanft; wir wollen, ohne uns zu 12 schelten und sie zu tadeln, mitleidig Blumen auf ihr 13 Grab streuen. Aber bei dem Grabe, in welchem die 14 unglückliche Mutter ruht, lassen Sie mich fragen, 15 warum Sie sich des Kindes nicht annehmen? eines 16 Sohnes, dessen sich jedermann erfreuen würde, und 17 den Sie ganz und gar zu vernachlässigen scheinen. 18 Wie können Sie, bei Ihren reinen und zarten Gefühlen, 19 das Herz eines Vaters gänzlich verläugnen? 20 Sie haben diese ganze Zeit noch mit keiner Silbe an 21 das köstliche Geschöpf gedacht, von dessen Anmuth so 22 viel zu erzählen wäre.

23 Von wem reden Sie? versetzte Lothario, ich verstehe 24 Sie nicht.

25 Von wem anders, als von Ihrem Sohne, dem 26 Sohne Aureliens, dem schönen Kinde, dem zu seinem 27 Glücke nichts fehlt, als daß ein zärtlicher Vater sich 28 seiner annimmt?



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1 Sie irren sehr, mein Freund, rief Lothario: Aurelie 2 hatte keinen Sohn, am wenigsten von mir, ich weiß 3 von keinem Kinde, sonst würde ich mich dessen mit 4 Freuden annehmen; aber auch im gegenwärtigen Falle 5 will ich gern das kleine Geschöpf als eine Verlassenschaft 6 von ihr ansehen, und für seine Erziehung sorgen. 7 Hat sie sich denn irgend etwas merken lassen, daß der 8 Knabe ihr, daß er mir zugehöre?

9 Nicht daß ich mich erinnere, ein ausdrückliches 10 Wort von ihr gehört zu haben, es war aber einmal 11 so angenommen, und ich habe nicht einen Augenblick 12 daran gezweifelt.

13 Ich kann, fiel Jarno ein, einigen Aufschluß hierüber 14 geben. Ein altes Weib, das Sie oft müssen gesehen 15 haben, brachte das Kind zu Aurelien, sie nahm 16 es mit Leidenschaft auf, und hoffte ihre Leiden durch 17 seine Gegenwart zu lindern: auch hat es ihr manchen 18 vergnügten Augenblick gemacht.

19 Wilhelm war durch diese Entdeckung sehr unruhig 20 geworden, er gedachte der guten Mignon neben dem 21 schönen Felix auf das lebhafteste, er zeigte seinen 22 Wunsch, die beiden Kinder aus der Lage, in der sie 23 sich befanden, heraus zu ziehen.

24 Wir wollen damit bald fertig sein, versetzte Lothario. 25 Das wunderliche Mädchen übergeben wir 26 Theresen, sie kann unmöglich in bessere Hände gerathen, 27 und was den Knaben betrifft, den, dächt' ich, 28 nähmen Sie selbst zu sich: denn was sogar die Frauen 

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1 an uns ungebildet zurück lassen, das bilden die Kinder 2 aus, wenn wir uns mit ihnen abgeben.

3 Überhaupt dächte ich, versetzte Jarno, Sie entsagten 4 kurz und gut dem Theater, zu dem Sie doch 5 einmal kein Talent haben.

6 Wilhelm war betroffen; er mußte sich zusammennehmen, 7 denn Jarno's harte Worte hatten seine Eigenliebe 8 nicht wenig verletzt. Wenn Sie mich davon 9 überzeugen, versetzte er mit gezwungenem Lächeln, so 10 werden Sie mir einen Dienst erweisen, ob es gleich 11 nur ein trauriger Dienst ist, wenn man uns aus 12 einem Lieblingstraume aufschüttelt.

13 Ohne viel weiter darüber zu reden, versetzte Jarno, 14 möchte ich Sie nur antreiben, erst die Kinder zu holen; 15 das Übrige wird sich schon geben.

16 Ich bin bereit dazu, versetzte Wilhelm; ich bin unruhig 17 und neugierig, ob ich nicht von dem Schicksal 18 des Knaben etwas Näheres entdecken kann; ich verlange 19 das Mädchen wieder zu sehen, das sich mit so 20 vieler Eigenheit an mich angeschlossen hat.

21 Man ward einig, daß er bald abreisen sollte.

22 Den andern Tag hatte er sich dazu vorbereitet, 23 das Pferd war gesattelt, nur wollte er noch von 24 Lothario Abschied nehmen. Als die Eßzeit herbei 25 kam, setzte man sich wie gewöhnlich zu Tische, ohne 26 auf den Hausherrn zu warten; er kam erst spät, und 27 setzte sich zu ihnen.



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1 Ich wollte wetten, sagte Jarno, Sie haben heute 2 Ihr zärtliches Herz wieder auf die Probe gestellt, 3 Sie haben der Begierde nicht widerstehen können, 4 Ihre ehemalige Geliebte wiederzusehen.

5 Errathen! versetzte Lothario.

6 Lassen Sie uns hören, sagte Jarno, wie ist es 7 abgelaufen? Ich bin äußerst neugierig.

8 Ich läugne nicht, versetzte Lothario, daß mir das 9 Abenteuer mehr als billig auf dem Herzen lag; ich 10 faßte daher den Entschluß nochmals hinzureiten, 11 und die Person wirklich zu sehen, deren verjüngtes 12 Bild mir eine so angenehme Illusion gemacht hatte. 13 Ich stieg schon in einiger Entfernung vom Hause ab, 14 und ließ die Pferde bei Seite führen, um die Kinder 15 nicht zu stören, die vor dem Thore spielten. Ich 16 ging in das Haus, und von ungefähr kam sie mir 17 entgegen, denn sie war es selbst, und ich erkannte sie 18 ungeachtet der großen Veränderung wieder. Sie war 19 stärker geworden, und schien größer zu sein; ihre 20 Anmuth blickte durch ein gesetztes Wesen hindurch, 21 und ihre Munterkeit war in ein stilles Nachdenken 22 übergegangen. Ihr Kopf, den sie sonst so leicht und 23 frei trug, hing ein wenig gesenkt, und leise Falten 24 waren über ihre Stirne gezogen.

25 Sie schlug die Augen nieder, als sie mich sah, 26 aber keine Röthe verkündigte eine innere Bewegung 27 des Herzens. Ich reichte ihr die Hand, sie gab mir 28 die ihrige; ich fragte nach ihrem Manne, er war abwesend, 

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1 nach ihren Kindern, sie trat an die Thüre 2 und rief sie herbei, alle kamen und versammelten 3 sich um sie. Es ist nichts reizender, als eine Mutter 4 zu sehen mit einem Kinde auf dem Arme, und nichts 5 ehrwürdiger, als eine Mutter unter vielen Kindern. 6 Ich fragte nach den Namen der Kleinen, um doch 7 nur etwas zu sagen; sie bat mich hinein zu treten 8 und auf ihren Vater zu warten. Ich nahm es an; 9 sie führte mich in die Stube, wo ich beinahe noch 10 alles auf dem alten Platze fand, und --- sonderbar! 11 die schöne Muhme, ihr Ebenbild, saß auf eben dem 12 Schemmel hinter dem Spinnrocken, wo ich meine 13 Geliebte in eben der Gestalt so oft gefunden hatte. 14 Ein kleines Mädchen, das seiner Mutter vollkommen 15 glich, war uns nachgefolgt, und so stand ich in der 16 sonderbarsten Gegenwart, zwischen der Vergangenheit 17 und Zukunft, wie in einem Orangenwalde, wo in 18 einem kleinen Bezirk Blüthen und Früchte stufenweis 19 neben einander leben. Die Muhme ging hinaus, 20 einige Erfrischung zu holen, ich gab dem ehemals so 21 geliebten Geschöpfe die Hand, und sagte zu ihr: Ich 22 habe eine rechte Freude, Sie wieder zu sehen. --- Sie 23 sind sehr gut, mir das zu sagen, versetzte sie; aber 24 auch ich kann Ihnen versichern, daß ich eine unaussprechliche 25 Freude habe. Wie oft habe ich mir gewünscht, 26 Sie nur noch einmal in meinem Leben 27 wiederzusehen; ich habe es in Augenblicken gewünscht, 28 die ich für meine letzten hielt. Sie sagte das mit 

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1 einer gesetzten Stimme, ohne Rührung, mit jener 2 Natürlichkeit, die mich ehemals so sehr an ihr entzückte. 3 Die Muhme kam wieder, ihr Vater dazu --- 4 und ich überlasse euch zu denken, mit welchem Herzen 5 ich blieb, und mit welchem ich mich entfernte.



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1 
Achtes Capitel.

[Lesarten]  2 Wilhelm hatte auf seinem Wege nach der Stadt 3 die edlen weiblichen Geschöpfe, die er kannte und von 4 denen er gehört hatte, im Sinne; ihre sonderbaren 5 Schicksale, die wenig Erfreuliches enthielten, waren 6 ihm schmerzlich gegenwärtig. Ach! rief er aus, arme 7 Mariane! was werde ich noch von dir erfahren müssen? 8 Und dich, herrliche Amazone, edler Schutzgeist, dem 9 ich so viel schuldig bin, dem ich überall zu begegnen 10 hoffe, und den ich leider nirgends finde, in welchen 11 traurigen Umständen treff' ich dich vielleicht, wenn 12 du mir einst wieder begegnest!

13 In der Stadt war niemand von seinen Bekannten 14 zu Hause; er eilte auf das Theater, er glaubte sie in 15 der Probe zu finden; alles war still, das Haus schien 16 leer, doch sah er einen Laden offen. Als er auf die 17 Bühne kam, fand er Aureliens alte Dienerin beschäftigt, 18 Leinwand zu einer neuen Decoration zusammenzunähen; 19 es fiel nur so viel Licht herein, als nöthig 20 war, ihre Arbeit zu erhellen. Felix und Mignon 21 saßen neben ihr auf der Erde; beide hielten ein Buch, 22 und indem Mignon laut las, sagte ihr Felix alle 

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1 Worte nach, als wenn er die Buchstaben kennte, als 2 wenn er auch zu lesen verstünde.

3 Die Kinder sprangen auf und begrüßten den Ankommenden: 4 er umarmte sie auf's zärtlichste, und 5 führte sie näher zu der Alten. Bist du es? sagte 6 er zu ihr mit Ernst, die dieses Kind Aurelien zugeführt 7 hatte. Sie sah von ihrer Arbeit auf, und 8 wendete ihr Gesicht zu ihm; er sah sie in vollem 9 Lichte, erschrak, trat einige Schritte zurück; es war 10 die alte Barbara.

11 Wo ist Mariane? rief er aus. --- Weit von hier, 12 versetzte die Alte.

13 Und Felix? ...

14 Ist der Sohn dieses unglücklichen, nur allzuzärtlich 15 liebenden Mädchens. Möchten Sie niemals empfinden, 16 was Sie uns gekostet haben! Möchte der 17 Schatz, den ich Ihnen überliefere, Sie so glücklich 18 machen, als er uns unglücklich gemacht hat!

19 Sie stand auf, um wegzugehen. Wilhelm hielt 20 sie fest. Ich denke Ihnen nicht zu entlaufen, sagte 21 sie, lassen Sie mich ein Document holen, das Sie 22 erfreuen und schmerzen wird. Sie entfernte sich, und 23 Wilhelm sah den Knaben mit einer ängstlichen Freude 24 an; er durfte sich das Kind noch nicht zueignen. Er 25 ist dein, rief Mignon, er ist dein, und drückte das 26 Kind an Wilhelms Kniee.

27 Die Alte kam, und überreichte ihm einen Brief. 28 Hier sind Marianens letzte Worte, sagte sie.



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1 Sie ist todt! rief er aus.

2 Todt! sagte die Alte; möchte ich Ihnen doch alle 3 Vorwürfe ersparen können.

4 Überrascht und verwirrt erbrach Wilhelm den 5 Brief; er hatte aber kaum die ersten Worte gelesen, 6 als ihn ein bittrer Schmerz ergriff; er ließ denBrief 7 fallen, stürzte auf eine Rasenbank, und blieb eine 8 Zeitlang liegen. Mignon bemühte sich um ihn. 9 Indessen hatte Felix den Brief aufgehoben, und zerrte 10 seine Gespielin so lange, bis diese nachgab, und zu 11 ihm kniete und ihm vorlas. Felix wiederholte die 12 Worte, und Wilhelm war genöthigt sie zweimal zu 13 hören. "Wenn dieses Blatt jemals zu dir kommt, 14 so bedaure deine unglückliche Geliebte, deine Liebe 15 hat ihr den Tod gegeben. Der Knabe, dessen Geburt 16 ich nur wenige Tage überlebe, ist dein; ich sterbe dir 17 treu, so sehr der Schein auch gegen mich sprechen 18 mag; mit dir verlor ich alles, was mich an das 19 Leben fesselte. Ich sterbe zufrieden, da man mirversichert, 20 das Kind sei gesund und werde leben. Höre 21 die alte Barbara, verzeih ihr, leb' wohl und vergiß 22 mich nicht!"

23 Welch ein schmerzlicher und noch zu seinem Troste 24 halb räthselhafter Brief! dessen Inhalt ihm erstrecht 25 fühlbar ward, da ihn die Kinder stockend und stammelnd 26 vortrugen und wiederholten.

27 Da haben Sie es nun! rief die Alte, ohne abzuwarten, 28 bis er sich erholt hatte; danken Sie dem 

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1 Himmel, daß, nach dem Verluste eines so guten Mädchens, 2 Ihnen noch ein so vortreffliches Kind übrig 3 bleibt. Nichts wird Ihrem Schmerze gleichen, wenn 4 Sie vernehmen, wie das gute Mädchen Ihnen bis 5 an's Ende treu geblieben, wie unglücklich sie geworden 6 ist, und was sie Ihnen alles aufgeopfert hat.

7 Laß mich den Becher des Jammers und der 8 Freuden, rief Wilhelm aus, auf einmal trinken! 9 Überzeuge mich, ja überrede mich nur, daßsie ein 10 gutes Mädchen war, daß sie meine Achtung wie 11 meine Liebe verdiente, und überlaß mich dann meinen 12 Schmerzen über ihren unersetzlichen Verlust.

13 Es ist jetzt nicht Zeit, versetzte die Alte, ich habe 14 zu thun, und wünschte nicht, daß man uns beisammen 15 fände. Lassen Sie es ein Geheimniß sein, daß Felix 16 Ihnen angehört; ich hätte über meine bisherige Verstellung 17 zu viel Vorwürfe von der Gesellschaft zu erwarten. 18 Mignon verräth uns nicht, sie ist gut und 19 verschwiegen.

20 Ich wußte es lange und sagte nichts, versetzte 21 Mignon. --- Wie ist es möglich? rief die Alte --- 22 Woher? fiel Wilhelm ein.

23 Der Geist hat mir's gesagt.

24 Wie? wo?

25 Im Gewölbe, da der Alte das Messer zog, rief 26 mir's zu: Rufe seinen Vater, und da fielst du mir 27 ein.

28 Wer rief denn?



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1 Ich weiß nicht, im Herzen, im Kopfe, ich war 2, 3 so angst, ich zitterte, ich betete, da rief's und ich verstand's.

4 Wilhelm drückte sie an sein Herz, empfahl ihr 5 Felix und entfernte sich. Er bemerkte erst zuletzt, 6 daß sie viel blässer und magerer geworden war, als 7 er sie verlassen hatte. Madame Melina fand er von 8 seinen Bekannten zuerst; sie begrüßte ihn auf'sfreundlichste. 9 O! daß Sie doch alles, rief sie aus, bei uns 10 finden möchten, wie Sie wünschten!

11 Ich zweifle daran, sagte Wilhelm, und erwartete 12 es nicht. Gestehen Sie es nur, man hat alle Anstalten 13 gemacht, mich entbehren zu können.

14 Warum sind Sie auch weggegangen? versetzte die 15 Freundin.

16 Man kann die Erfahrung nicht früh genug machen, 17 wie entbehrlich man in der Welt ist. Welche wichtige 18 Personen glauben wir zu sein! Wir denken allein den 19 Kreis zu beleben, in welchem wir wirken; in unserer 20 Abwesenheit muß, bilden wir uns ein, Leben, Nahrung 21 und Athem stocken, und die Lücke, die entsteht, 22 wird kaum bemerkt, sie füllt sich so geschwind wieder 23 aus, ja sie wird oft nur der Platz, wo nicht für 24 etwas Besseres, doch für etwas Angenehmeres.

25 Und die Leiden unserer Freunde bringen wir nicht 26 in Anschlag?

27 Auch unsere Freunde thun wohl, wenn sie sich 28 bald finden, wenn sie sich sagen: da wo du bist, da 

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1 wo du bleibst, wirke was du kannst, sei thätig und 2 gefällig, und laß dir die Gegenwart heiter sein.

3 Bei näherer Erkundigung fand Wilhelm, was er 4 vermuthet hatte: die Oper war eingerichtet, und zog 5 die ganze Aufmerksamkeit des Publicums an sich. 6 Seine Rollen waren inzwischen durch Laertes und 7 Horatio besetzt worden, und beide lockten den Zuschauern 8 einen weit lebhaftern Beifall ab, als er 9 jemals hatte erlangen können.

10 Laertes trat herein, und Madame Melina rief 11 aus: Sehn Sie hier diesen glücklichen Menschen, der 12 bald ein Capitalist, oder Gott weiß was werden wird! 13 Wilhelm umarmte ihn, und fühlte ein vortrefflich 14 feines Tuch an seinem Rocke; seine übrige Kleidung 15 war einfach, aber alles vom besten Zeuge.

16 Lösen Sie mir das Räthsel! rief Wilhelm aus.

17 Es ist noch Zeit genug, versetzte Laertes, um zu 18 erfahren, daß mir mein Hin- und Herlaufen nunmehr 19 bezahlt wird, daß ein Patron eines großen 20 Handelshauses von meiner Unruhe, meinen Kenntnissen 21 und Bekanntschaften Vortheil zieht, und mir 22 einen Theil davon abläßt; ich wollte viel drum geben, 23 wenn ich mir dabei auch Zutrauen gegen die Weiber 24 ermäkeln könnte: denn es ist eine hübsche Nichte im 25 Hause, und ich merke wohl, wenn ich wollte, könnte 26 ich bald ein gemachter Mann sein.

27 Sie wissen wohl noch nicht, sagte Madame Melina, 28 daß sich indessen auch unter uns eine Heirath 

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1 gemacht hat? Serlo ist wirklich mit der schönen Elmire 2 öffentlich getraut, da der Vater ihre heimliche 3 Vertraulichkeit nicht gut heißen wollte.

4 So unterhielten sie sich über manches, was sich in 5 seiner Abwesenheit zugetragen hatte, und er konnte 6 gar wohl bemerken, daß er, dem Geist und dem Sinne 7 der Gesellschaft nach, wirklich längst verabschiedet war.

8 Mit Ungeduld erwartete er die Alte, die ihm tief 9 in der Nacht ihren sonderbaren Besuch angekündigt 10 hatte. Sie wollte kommen, wenn alles schlief, und 11 verlangte solche Vorbereitungen, eben als wenn das 12 jüngste Mädchen sich zu einem Geliebten schleichen 13 wollte. Er las indeß Marianens Brief wohl hundertmal 14 durch, las mit unaussprechlichem Entzücken 15 das Wort Treue von ihrer geliebten Hand, und mit 16 Entsetzen die Ankündigung ihres Todes, dessen Annäherung 17 sie nicht zu fürchten schien.

18 Mitternacht war vorbei, als etwas an der halboffnen 19 Thüre rauschte, und die Alte mit einem Körbchen 20 hereintrat. Ich soll euch, sagte sie, die Geschichte 21 unserer Leiden erzählen, und ich muß erwarten, daß 22 ihr ungerührt dabei sitzt, daß ihr nur, um eure 23 Neugierde zu befriedigen, mich so sorgsam erwartet, 24 und daß ihr euch jetzt, wie damals, in eure kalte 25 Eigenliebe hüllet, wenn uns das Herz bricht. Aber 26 seht her! so brachte ich an jenem glücklichen Abend 27 die Champagnerflasche hervor, so stellte ich drei Gläser 28 auf den Tisch, und so fingt ihr an, uns mit gutmüthigen 

[Seite 92]

1 Kindergeschichten zu täuschen und einzuschläfern, 2 wie ich euch jetzt mit traurigen Wahrheiten 3 aufklären und wach erhalten muß.

4 Wilhelm wußte nicht, was er sagen sollte, als 5 die Alte wirklich den Stöpsel springen ließ, und die 6 drei Gläser vollschenkte.

7 Trinkt! rief sie, nachdem sie ihr schäumendes Glas 8 schnell ausgeleert hatte, trinkt! eh' der Geist verraucht! 9 Dieses dritte Glas soll zum Andenken meiner unglücklichen 10 Freundin ungenossen verschäumen. Wie 11 roth waren ihre Lippen, als sie euch damals Bescheid 12 that! Ach! und nun auf ewig verblaßt und erstarrt!

13 Sibylle! Furie! rief Wilhelm aus, indem er aufsprang 14 und mit der Faust auf den Tisch schlug, welch 15 ein böser Geist besitzt und treibt dich? Für wen 16 hältst du mich, daß du denkst, die einfachste Geschichte 17 von Marianens Tod und Leiden werde mich nicht 18 empfindlich genug kränken, daß du noch solche höllische 19 Kunstgriffe brauchst, um meine Marter zu 20 schärfen? Geht deine unersättliche Völlerei so weit, 21 daß du bei'm Todtenmahle schwelgen mußt, so trink' 22 und rede! Ich habe dich von jeher verabscheut, und 23 noch kann ich mir Marianen nicht unschuldig denken, 24 wenn ich dich, ihre Gesellschafterin, nur ansehe.

25 Gemach, mein Herr! versetzte die Alte: Sie werden 26 mich nicht aus meiner Fassung bringen. Sie sind 27 uns noch sehr verschuldet, und von einem Schuldner 28 läßt man sich nicht übel begegnen. Aber Sie haben 

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1 Recht, auch meine einfachste Erzählung ist Strafe 2 genug für Sie. So hören Sie denn den Kampf und 3 den Sieg Marianens, um die Ihrige zu bleiben.

4 Die Meinige? rief Wilhelm aus, welch ein Mährchen 5 willst du beginnen?

6 Unterbrechen Sie mich nicht, fiel sie ein, hören 7 Sie mich, und dann glauben Sie, was Sie wollen, 8 es ist ohnedieß jetzt ganz einerlei. Haben Sie nicht 9 am letzten Abend, als Sie bei uns waren, ein Billet 10 gefunden und mitgenommen?

11 Ich fand das Blatt erst, als ich es mitgenommen 12 hatte; es war in das Halstuch verwickelt, das ich 13 aus inbrünstiger Liebe ergriff und zu mir steckte.

14 Was enthielt das Papier?

15 Die Aussichten eines verdrießlichen Liebhabers, 16 in der nächsten Nacht besser als gestern aufgenommen 17 zu werden. Und daß man ihm Wort gehalten hat, 18 habe ich mit eignen Augen gesehen, denn er schlich 19 früh vor Tage aus eurem Hause hinweg.

20 Sie können ihn gesehen haben; aber was bei 21 uns vorging, wie traurig Mariane diese Nacht, wie 22 verdrießlich ich sie zubrachte, das werden Sie erst 23 jetzt erfahren. Ich will ganz aufrichtig sein, weder 24 läugnen noch beschönigen, daß ich Marianen beredete, 25 sich einem gewissen Norberg zu ergeben; sie folgte, 26 ja ich kann sagen, sie gehorchte mir mit Widerwillen. 27 Er war reich, er schien verliebt, und ich hoffte, er 28 werde beständig sein. Gleich darauf mußte er eine 

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1 Reise machen und Mariane lernte Sie kennen. Was 2 hatte ich da nicht auszustehen! was zu hindern! was 3 zu erdulden! O! rief sie manchmal, hättest du meiner 4 Jugend, meiner Unschuld nur noch vier Wochen geschont, 5 so hätte ich einen würdigen Gegenstand meiner 6 Liebe gefunden, ich wäre seiner würdig gewesen, und 7 die Liebe hätte das mit einem ruhigen Bewußtsein 8 geben dürfen, was ich jetzt wider Willen verkauft 9 habe. Sie überließ sich ganz ihrer Neigung, und 10 ich darf nicht fragen, ob Sie glücklich waren. Ich 11 hatte eine uneingeschränkte Gewalt über ihren Verstand, 12 denn ich kannte alle Mittel ihre kleinen Neigungen 13 zu befriedigen; ich hatte keine Macht über 14 ihr Herz, denn niemals billigte sie, was ich für sie 15 that, wozu ich sie bewegte, wenn ihr Herz widersprach: 16 nur der unbezwinglichen Noth gab sie nach, 17 und die Noth erschien ihr bald sehr drückend. In 18 den ersten Zeiten ihrer Jugend hatte es ihr an nichts 19 gemangelt; ihre Familie verlor durch eine Verwickelung 20 von Umständen ihr Vermögen, das arme Mädchen 21 war an mancherlei Bedürfnisse gewöhnt, und 22 ihrem kleinen Gemüth waren gewisse gute Grundsätze 23 eingeprägt, die sie unruhig machten, ohne ihr viel 24 zu helfen. Sie hatte nicht die mindeste Gewandtheit 25 in weltlichen Dingen, sie war unschuldig im eigentlichen 26 Sinne; sie hatte keinen Begriff, daß man 27 kaufen könne, ohne zu bezahlen; vor nichts war ihr 28 mehr bange, als wenn sie schuldig war; sie hätte 

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1 immer lieber gegeben als genommen, und nur eine 2 solche Lage machte es möglich, daß sie genöthigt ward, 3 sich selbst hinzugeben, um eine Menge kleiner Schulden 4 los zu werden.

5 Und hättest du, fuhr Wilhelm auf, sie nicht retten 6 können?

7 O ja, versetzte die Alte, mit Hunger und Noth, 8 mit Kummer und Entbehrung, und darauf war ich 9 niemals eingerichtet.

10 Abscheuliche niederträchtige Kupplerin! so hast du 11 das unglückliche Geschöpf geopfert? so hast du sie 12, 13 deiner Kehle, deinem unersättlichen Heißhunger hingegeben?

14 Ihr thätet besser euch zu mäßigen, und mit 15 Schimpfreden inne zu halten, versetzte die Alte. Wenn 16 ihr schimpfen wollt, so geht in eure großen vornehmen 17 Häuser, da werdet ihr Mütter finden, die 18 recht ängstlich besorgt sind, wie sie für ein liebenswürdiges 19 himmlisches Mädchen den allerabscheulichsten 20 Menschen auffinden wollen, wenn er nur zugleich 21 der reichste ist. Seht das arme Geschöpf vor seinem 22 Schicksale zittern und beben, und nirgends Trost 23 finden, als bis ihr irgend eine erfahrne Freundin 24 begreiflich macht, daß sie durch den Ehestand das 25 Recht erwerbe, über ihr Herz und ihre Person nach 26 Gefallen disponiren zu können.

27 Schweig! rief Wilhelm: glaubst du denn, daß 28 ein Verbrechen durch das andere entschuldigt werden 

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1 könne? Erzähle, ohne weitere Anmerkungen zu 2 machen!

3 So hören Sie, ohne mich zu tadeln! Mariane 4 ward wider meinen Willen die Ihre. Bei diesem 5 Abenteuer habe ich mir wenigstens nichts vorzuwerfen. 6 Norberg kam zurück, er eilte Marianen zu sehen, die 7 ihn kalt und verdrießlich aufnahm und ihm nicht 8 einen Kuß erlaubte. Ich brauchte meine ganze Kunst, 9 um ihr Betragen zu entschuldigen; ich ließ ihn 10 merken, daß ein Beichtvater ihr das Gewissen geschärft 11 habe, und daß man ein Gewissen, so lange 12 es spricht, respectiren müsse. Ich brachte ihn dahin, 13 daß er ging, und versprach ihm mein Bestes zu thun. 14 Er war reich und roh, aber er hatte einen Grund 15 von Gutmüthigkeit, und liebte Marianen auf das 16 äußerste. Er versprach mir Geduld, und ich arbeitete 17 desto lebhafter, um ihn nicht zu sehr zu prüfen. Ich 18 hatte mit Marianen einen harten Stand; ich überredete 19 sie, ja ich kann sagen, ich zwang sie endlich, 20 durch die Drohung, daß ich sie verlassen würde, an 21 ihren Liebhaber zu schreiben, und ihn auf die Nacht 22 einzuladen. Sie kamen und rafften zufälliger Weise 23 seine Antwort in dem Halstuch auf. Ihre unvermuthete 24 Gegenwart hatte mir ein böses Spiel gemacht. 25 Kaum waren Sie weg, so ging die Qual von 26 neuem an; sie schwur, daß sie Ihnen nicht untreu 27 werden könne, und war so leidenschaftlich, so außer 28 sich, daß sie mir ein herzliches Mitleid ablockte. Ich 

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1 versprach ihr endlich, daß ich auch diese Nacht Norbergen 2 beruhigen, und ihn unter allerlei Vorwänden 3 entfernen wollte; ich bat sie zu Bette zu gehen, allein 4 sie schien mir nicht zu trauen: sie blieb angezogen, 5 und schlief zuletzt, bewegt und ausgeweint wie sie 6 war, in ihren Kleidern ein.

7 Norberg kam; ich suchte ihn abzuhalten, ich 8 stellte ihm ihre Gewissensbisse, ihre Reue mit den 9 schwärzesten Farben vor; er wünschte sie nur zu 10 sehen, und ich ging in das Zimmer, um sie vorzubereiten; 11 er schritt mir nach, und wir traten beide 12 zu gleicher Zeit vor ihr Bette. Sie erwachte, sprang 13 mit Wuth auf und entriß sich unsern Armen; sie 14 beschwur und bat, sie flehte, drohte und versicherte, 15 daß sie nicht nachgeben würde. Sie war unvorsichtig 16 genug, über ihre wahre Leidenschaft einige Worte 17 fallen zu lassen, die der arme Norberg im geistlichen 18 Sinne deuten mußte. Endlich verließ er sie, und sie 19 schloß sich ein. Ich behielt ihn noch lange bei mir, 20 und sprach mit ihm über ihren Zustand, daß sie 21 guter Hoffnung sei, und daß man das arme Mädchen 22 schonen müsse. Er fühlte sich so stolz auf seine 23 Vaterschaft, er freute sich so sehr auf einen Knaben, 24 daß er alles einging, was sie von ihm verlangte, und 25 daß er versprach, lieber einige Zeit zu verreisen, als 26 seine Geliebte zu ängstigen, und ihr durch diese Gemüthsbewegungen 27 zu schaden. Mit diesen Gesinnungen 28 schlich er Morgens früh von mir weg, und Sie, mein 

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1 Herr, wenn Sie Schildwache gestanden haben, so 2 hätte es zu Ihrer Glückseligkeit nichts weiter bedurft, 3 als in den Busen Ihres Nebenbuhlers zu sehen, den 4 Sie so begünstigt, so glücklich hielten, und dessen 5 Erscheinung Sie zur Verzweiflung brachte.

6 Redest du wahr? sagte Wilhelm.

7 So wahr, sagte die Alte, als ich noch hoffe Sie 8 zur Verzweiflung zu bringen.

9 Ja, gewiß Sie würden verzweifeln, wenn ich 10 Ihnen das Bild unsers nächsten Morgens recht lebhaft 11 darstellen könnte. Wie heiter wachte sie auf! 12 wie freundlich rief sie mich herein! wie lebhaft dankte 13 sie mir! wie herzlich drückte sie mich an ihren Busen! 14 Nun, sagte sie, indem sie lächelnd vor den Spiegel 15 trat, darf ich mich wieder an mir selbst, mich an 16 meiner Gestalt freuen, da ich wieder mir, da ich 17 meinem einzig geliebten Freund angehöre. Wie ist 18 es so süß überwunden zu haben! welch eine himmlische 19 Empfindung ist es seinem Herzen zu folgen! 20 Wie dank' ich dir, daß du dich meiner angenommen, 21 daß du deine Klugheit, deinen Verstand auch einmal 22 zu meinem Vortheil angewendet hast! Steh mir bei, 23 und ersinne, was mich ganz glücklich machen kann!

24 Ich gab ihr nach, ich wollte sie nicht reizen, ich 25 schmeichelte ihrer Hoffnung, und sie liebkos'te mich 26 auf das anmuthigste. Entfernte sie sich einen Augenblick 27 vom Fenster, so mußte ich Wache stehen: denn 28 Sie sollten nun ein für allemal vorbei gehen, man 

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1 wollte Sie wenigstens sehen; so ging der ganze Tag 2 unruhig hin. Nachts, zur gewöhnlichen Stunde, erwarteten 3 wir Sie ganz gewiß. Ich paßte schon an 4 der Treppe, die Zeit ward mir lang, ich ging wieder 5 zu ihr hinein. Ich fand sie zu meiner Verwunderung 6 in ihrer Officierstracht, sie sah unglaublich heiter 7 und reizend aus. Verdien' ich nicht, sagte sie, heute 8 in Mannstracht zu erscheinen? Habe ich mich nicht 9 brav gehalten? Mein Geliebter soll mich heute wie 10 das erstemal sehen, ich will ihn so zärtlich und mit 11 mehr Freiheit an mein Herz drücken, als damals: 12 denn bin ich jetzt nicht vielmehr die Seine als damals, 13 da mich ein edler Entschluß noch nicht frei 14 gemacht hatte? Aber, fügte sie nach einigem Nachdenken 15 hinzu, noch hab' ich nicht ganz gewonnen, 16 noch muß ich erst das Äußerste wagen, um seiner 17 werth, um seines Besitzes gewiß zu sein; ich muß 18 ihm alles entdecken, meinen ganzen Zustand offenbaren, 19 und ihm alsdann überlassen, ob er mich behalten 20 oder verstoßen will. Diese Scene bereite ich 21 ihm, bereite ich mir zu; und wäre sein Gefühl mich 22 zu verstoßen fähig, so würde ich alsdann ganz wieder 23 mir selbst angehören, ich würde in meiner Strafe 24 meinen Trost finden, und alles erdulden, was das 25 Schicksal mir auferlegen wollte.

26 Mit diesen Gesinnungen, mit diesen Hoffnungen, 27 mein Herr, erwartete Sie das liebenswürdige Mädchen; 28 Sie kamen nicht. O! wie soll ich den Zustand des 

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1 Wartens und Hoffens beschreiben? Ich sehe dich noch 2 vor mir, mit welcher Liebe, mit welcher Inbrunst 3 du von dem Manne sprachst, dessen Grausamkeit du 4 noch nicht erfahren hattest!

5 Gute liebe Barbara, rief Wilhelm, indem er aufsprang 6 und die Alte bei der Hand faßte: es ist nun 7 genug der Verstellung, genug der Vorbereitung! Dein 8 gleichgültiger, dein ruhiger, dein zufriedner Ton hat 9 dich verrathen. Gib mir Marianen wieder! sie lebt, 10 sie ist in der Nähe. Nicht umsonst hast du diese 11 späte einsame Stunde zu deinem Besuche gewählt, 12 nicht umsonst hast du mich durch diese entzückende 13 Erzählung vorbereitet. Wo hast du sie? Wo verbirgst 14 du sie? Ich glaube dir alles, ich verspreche dir 15 alles zu glauben, wenn du mir sie zeigst, wenn du 16 sie meinen Armen wiedergibst. Ihren Schatten habe 17 ich schon im Fluge gesehen, laß mich sie wieder in 18 meine Arme fassen! Ich will vor ihr auf den Knien 19 liegen, ich will sie um Vergebung bitten, ich will 20 ihr zu ihrem Kampfe, zu ihrem Siege über sich und 21 dich Glück wünschen, ich will ihr meinen Felix zuführen. 22 Komm! Wo hast du sie versteckt? Laß sie, 23 laß mich nicht länger in Ungewißheit! Dein Endzweck 24 ist erreicht. Wo hast du sie verborgen? Komm, 25 daß ich sie mit diesem Licht beleuchte! daßich wieder 26 ihr holdes Angesicht sehe!

27 Er hatte die Alte vom Stuhl aufgezogen, sie sah 28 ihn starr an, die Thränen stürzten ihr aus den 

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1 Augen, und ein ungeheurer Schmerz ergriff sie. Welch 2 ein unglücklicher Irrthum, rief sie aus, läßt Sie 3 noch einen Augenblick hoffen! --- Ja, ich habe sie 4 verborgen, aber unter die Erde; weder das Licht der 5 Sonne noch eine vertrauliche Kerze wird ihr holdes 6 Angesicht jemals wieder erleuchten. Führen Sie den 7 guten Felix an ihr Grab, und sagen Sie ihm, da 8 liegt deine Mutter, die dein Vater ungehört verdammt 9 hat. Das liebe Herz schlägt nicht mehr vor Ungeduld 10 Sie zu sehen, nicht etwa in einer benachbarten 11 Kammer wartet sie auf den Ausgang meiner Erzählung, 12 oder meines Mährchens; die dunkle Kammer 13 hat sie aufgenommen, wohin kein Bräutigam folgt, 14 woraus man keinem Geliebten entgegen geht.

15 Sie warf sich auf die Erde an einem Stuhle nieder 16 und weinte bitterlich; Wilhelm war zum erstenmal 17 völlig überzeugt, daß Mariane todt sei; er befand 18 sich in einem traurigen Zustande. Die Alte richtete 19 sich auf; ich habe Ihnen weiter nichts zu sagen, rief 20 sie, und warf ein Packet auf den Tisch. Hier diese 21 Briefschaften mögen völlig Ihre Grausamkeit beschämen; 22 lesen Sie diese Blätter mit trocknen Augen 23 durch, wenn es Ihnen möglich ist. Sie schlich leise 24 fort, und Wilhelm hatte diese Nacht das Herz nicht, 25 die Brieftasche zu öffnen, er hatte sie selbst Marianen 26 geschenkt, er wußte, daß sie jedes Blättchen, das sie 27 von ihm erhalten hatte, sorgfältig darin aufhob. 28 Den andern Morgen vermochte er es über sich; er 

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1 lös'te das Band, und es fielen ihm kleine Zettelchen 2 mit Bleistift von seiner eigenen Hand geschrieben 3 entgegen, und riefen ihm jede Situation, von dem 4 ersten Tage ihrer anmuthigen Bekanntschaft bis zu 5 dem letzten ihrer grausamen Trennung, wieder herbei. 6 Allein nicht ohne die lebhaftesten Schmerzen durchlas 7 er eine kleine Sammlung von Billeten, die an ihn 8 geschrieben waren, und die, wie er aus dem Inhalt 9 sah, von Wernern waren zurückgewiesen worden.


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10 Keines meiner Blätter hat bis zu dir durchdringen 11 können; mein Bitten und Flehen hat dich nicht erreicht; 12 hast du selbst diese grausamen Befehle gegeben? 13 Soll ich dich nie wieder sehen? Noch einmal 14 versuch' ich es, ich bitte dich: komm, o komm! ich 15 verlange dich nicht zu behalten, wenn ich dich nur 16 noch einmal an mein Herz drücken kann.


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17 Wenn ich sonst bei dir saß, deine Hände hielt, 18 dir in die Augen sah, und mit vollem Herzen der 19 Liebe und des Zutrauens zu dir sagte: lieber, lieber, 20 guter Mann! das hörtest du so gern, ich mußt' es 21 dir so oft wiederholen, ich wiederhole es noch einmal: 22 lieber, lieber, guter Mann! sei gut, wie du warst, 23, 24 komm und laß mich nicht in meinem Elende verderben!


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1 Du hältst mich für schuldig, ich bin es auch, aber 2 nicht wie du denkst. Komm, damit ich nur den einzigen 3 Trost habe, von dir ganz gekannt zu sein, es 4 gehe mir nachher wie es wolle.


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5 Nicht um meinetwillen allein, auch um dein 6 selbst willen fleh' ich dich an, zu kommen. Ich fühle 7 die unerträglichen Schmerzen, die du leidest, indem 8 du mich fliehst; komm, daß unsere Trennung weniger 9 grausam werde! Ich war vielleicht nie deiner würdig, 10 als eben in dem Augenblick, da du mich in ein 11 gränzenloses Elend zurückstößest.


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12 Bei allem, was heilig ist, bei allem, was ein 13 menschliches Herz rühren kann, ruf' ich dich an! Es 14 ist um eine Seele, es ist um ein Leben zu thun, um 15 zwei Leben, von denen dir eins ewig theuer sein 16 muß. Dein Argwohn wird auch das nicht glauben, 17 und doch werde ich es in der Stunde des Todes 18 aussprechen: das Kind, das ich unter dem Herzen 19 trage, ist dein. Seitdem ich dich liebe, hat kein 20 anderer mir auch nur die Hand gedrückt; o daß deine 21 Liebe, daß deine Rechtschaffenheit die Gefährten 22 meiner Jugend gewesen wären!


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23 Du willst mich nicht hören? so muß ich denn 24 zuletzt wohl verstummen, aber diese Blätter sollen 25 nicht untergehen, vielleicht können sie noch zu dir 

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1 sprechen, wenn das Leichentuch schon meine Lippe 2 bedeckt, und wenn die Stimme deiner Reue nicht 3 mehr zu meinem Ohre reichen kann. Durch mein 4 trauriges Leben bis an den letzten Augenblick wird 5 das mein einziger Trost sein: daß ich ohne Schuld 6 gegen dich war, wenn ich mich auch nicht unschuldig 7 nennen durfte.


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8 Wilhelm konnte nicht weiter; er überließ sich 9 ganz seinem Schmerz, aber noch mehr war er bedrängt, 10 als Laertes herein trat, dem er seine Empfindungen 11 zu verbergen suchte. Dieser brachte einen 12 Beutel mit Ducaten hervor, zählte und rechnete, und 13 versicherte Wilhelmen: es sei nichts Schöneres in der 14 Welt, als wenn man eben auf dem Wege sei reich 15 zu werden; es könne uns auch alsdann nichts stören 16 oder abhalten. Wilhelm erinnerte sich seines Traums 17 und lächelte; aber zugleich gedachte er auch mit Schaudern: 18 daß in jenem Traumgesichte Mariane ihn verlassen, 19 um seinem verstorbenen Vater zu folgen, und 20 daß beide wie Geister schwebend sich um den 21 Garten bewegt hatten.

22 Laertes riß ihn aus seinem Nachdenken, und führte 23 ihn auf ein Caffeehaus, wo sich sogleich mehrere 24 Personen um ihn versammelten, die ihn sonst gern 25 auf dem Theater gesehen hatten; sie freuten sich 26 seiner Gegenwart, bedauerten aber, daß er, wie sie 27 hörten, die Bühne verlassen wolle; sie sprachen so 

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1 bestimmt und vernünftig von ihm und seinem Spiele, 2 von dem Grade seines Talents, von ihren Hoffnungen, 3 daß Wilhelm nicht ohne Rührung zuletzt ausrief: 4 O wie unendlich werth wäre mir diese Theilnahme 5 vor wenig Monaten gewesen! Wie belehrend und 6 wie erfreuend! Niemals hätte ich mein Gemüth so 7 ganz von der Bühne abgewendet, und niemals wäre 8 ich so weit gekommen, am Publico zu verzweifeln.

9 Dazu sollte es überhaupt nicht kommen, sagte 10 ein ältlicher Mann, der hervortrat; das Publicum 11 ist groß, wahrer Verstand und wahres Gefühl sind 12 nicht so selten als man glaubt; nur muß der Künstler 13 niemals einen unbedingten Beifall für das, was er 14 hervorbringt, verlangen: denn eben der unbedingte ist 15 am wenigsten werth, und den bedingten wollen die 16 Herren nicht gerne. Ich weiß wohl, im Leben wie 17 in der Kunst muß man mit sich zu Rathe gehen, 18 wenn man etwas thun und hervorbringen soll; wenn 19 es aber gethan und vollendet ist, so darf man mit 20 Aufmerksamkeit nur viele hören, und man kann sich 21 mit einiger Übung aus diesen vielen Stimmen gar 22 bald ein ganzes Urtheil zusammen setzen: denn diejenigen, 23 die uns diese Mühe ersparen könnten, halten 24 sich meist stille genug.

25 Das sollten sie eben nicht, sagte Wilhelm. Ich 26 habe so oft gehört, daß Menschen, die selbst über 27 gute Werke schwiegen, doch beklagten und bedauerten, 28 daß geschwiegen wird.



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1 So wollen wir heute laut werden, rief ein junger 2 Mann, Sie müssen mit uns speisen, und wir wollen 3 alles einholen, was wir Ihnen und manchmal der 4 guten Aurelie schuldig geblieben sind.

5 Wilhelm lehnte die Einladung ab, und begab 6 sich zu Madame Melina, die er wegen der Kinder 7 sprechen wollte, indem er sie von ihr wegzunehmen 8 gedachte.

9 Das Geheimniß der Alten war nicht zum besten 10 bei ihm verwahrt. Er verrieth sich, als er den 11 schönen Felix wieder ansichtig ward. O, mein Kind! 12 rief er aus, mein liebes Kind! Er hub ihn auf, und 13 drückte ihn an sein Herz. Vater! Was hast du mir 14 mitgebracht, rief das Kind. Mignon sah beide an, 15 als wenn sie warnen wollte, sich nicht zu verrathen.

16 Was ist das für eine neue Erscheinung? sagte 17 Madame Melina. Man suchte die Kinder bei Seite 18 zu bringen, und Wilhelm, der der Alten das strengste 19 Geheimniß nicht schuldig zu sein glaubte, entdeckte 20 seiner Freundin das ganze Verhältniß. Madame 21 Melina sah ihn lächelnd an. O! über die leichtgläubigen 22 Männer! rief sie aus: wenn nur etwas 23 auf ihrem Wege ist, so kann man es ihnen sehr leicht 24 aufbürden; aber dafür sehen sie sich auch ein andermal 25 weder rechts noch links um, und wissen nichts 26 zu schätzen, als was sie vorher mit dem Stempel 27 einer willkürlichen Leidenschaft bezeichnet haben. Sie 28 konnte einen Seufzer nicht unterdrücken, und wenn 

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1 Wilhelm nicht ganz blind gewesen wäre, so hätte er 2 eine nie ganz besiegte Neigung in ihrem Betragen 3 erkennen müssen.

4 Er sprach nunmehr mit ihr von den Kindern, 5 wie er Felix bei sich zu behalten und Mignon auf 6 das Land zu thun gedächte. Frau Melina, ob sie 7 sich gleich ungerne von beiden zugleich trennte, fand 8 doch den Vorschlag gut, ja nothwendig. Felix verwilderte 9 bei ihr, und Mignon schien einer freien 10 Luft und anderer Verhältnisse zu bedürfen; das 11, 12 gute Kind war kränklich und konnte sich nicht erholen.

13 Lassen Sie sich nicht irren, fuhr Madame Melina 14 fort, daß ich einige Zweifel, ob Ihnen der Knabe 15 wirklich zugehöre, leichtsinnig geäußert habe. Der 16 Alten ist freilich wenig zu trauen, doch wer Unwahrheit 17 zu seinem Nutzen ersinnt, kann auch einmal 18 wahr reden, wenn ihm die Wahrheiten nützlich 19 scheinen. Aurelien hatte die Alte vorgespiegelt, Felix 20 sei ein Sohn Lothario's, und die Eigenheit haben 21 wir Weiber, daß wir die Kinder unserer Liebhaber 22 recht herzlich lieben, wenn wir schon die Mutter 23 nicht kennen, oder sie von Herzen hassen. Felix kam 24 herein gesprungen, sie drückte ihn an sich, mit einer 25 Lebhaftigkeit, die ihr sonst nicht gewöhnlich war.

26 Wilhelm eilte nach Hause, und bestellte die Alte, 27 die ihn, jedoch nicht eher als in der Dämmerung, 28 zu besuchen versprach; er empfing sie verdrießlich, 

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1 und sagte zu ihr: Es ist nichts Schändlichers in 2 der Welt, als sich auf Lügen und Mährchen einzurichten! 3 Schon hast du viel Böses damit gestiftet, 4 und jetzt, da dein Wort das Glück meines Lebens 5 entscheiden könnte, jetzt steh' ich zweifelhaft, und 6 wage nicht das Kind in meine Arme zu schließen, 7 dessen ungetrübter Besitz mich äußerst glücklich machen 8 würde. Ich kann dich, schändliche Creatur, nicht 9 ohne Haß und Verachtung ansehen.

10 Euer Betragen kommt mir, wenn ich aufrichtig 11 reden soll, versetzte die Alte, ganz unerträglich vor. 12 Und wenn's nun euer Sohn nicht wäre, so ist es 13 das schönste angenehmste Kind von der Welt, das 14 man gern für jeden Preis kaufen möchte, um es 15 nur immer um sich zu haben. Ist es nicht werth, 16 daß ihr euch seiner annehmt? Verdiene ich für 17 meine Sorgfalt, für meine Mühe mit ihm, nicht 18 einen kleinen Unterhalt für mein künftiges Leben? 19 O! ihr Herren, denen nichts abgeht, ihr habt gut 20 von Wahrheit und Geradheit reden; aber wie eine 21 arme Creatur, deren geringstem Bedürfniß nichts 22 entgegen kommt, die in ihren Verlegenheiten keinen 23 Freund, keinen Rath, keine Hülfe sieht, wie die sich 24 durch die selbstischen Menschen durchdrücken, und im 25 Stillen darben muß --- davon würde manches zu 26 sagen sein, wenn ihr hören wolltet und könntet. 27 Haben Sie Marianens Briefe gelesen? Es sind dieselben, 28 die sie zu jener unglücklichen Zeit schrieb. 

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1 Vergebens suchte ich mich Ihnen zu nähern, vergebens 2 Ihnen diese Blätter zuzustellen; Ihr grausamer 3 Schwager hatte Sie so umlagert, daß alle List 4 und Klugheit vergebens war, und zuletzt, als er mir 5 und Marianen mit dem Gefängniß drohte, mußte 6 ich wohl alle Hoffnung aufgeben. Trifft nicht alles 7 mit dem überein, was ich erzählt habe? Und setzt 8 nicht Norbergs Brief die ganze Geschichte außer allen 9 Zweifel?

10 Was für ein Brief? fragte Wilhelm.

11 Haben Sie ihn nicht in der Brieftasche gefunden? 12 versetzte die Alte.

13 Ich habe noch nicht alles durchlesen.

14 Geben Sie nur die Brieftasche her; auf dieses 15 Document kommt alles an. Norbergs unglückliches 16 Billet hat die traurige Verwirrung gemacht, ein 17 anderes von seiner Hand mag auch den Knoten 18 lösen, insofern am Faden noch etwas gelegen ist. 19 Sie nahm ein Blatt aus der Brieftasche, Wilhelm 20 erkannte jene verhaßte Hand, er nahm sich zusammen 21 und las.

22 "Sag' mir nur, Mädchen, wie vermagst du das 23 über mich? Hätt' ich doch nicht geglaubt, daß eine 24 Göttin selbst mich zum seufzenden Liebhaber umschaffen 25 könnte. Anstatt mir mit offenen Armen 26 entgegen zu eilen, ziehst du dich zurück; man hätte 27 es wahrhaftig für Abscheu nehmen können, wie du 28 dich betrugst. Ist's erlaubt, daß ich die Nacht mit 

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1 der alten Barbara auf einem Koffer in einer Kammer 2 zubringen mußte? Und mein geliebtes Mädchen war 3 nur zwei Thüren davon. Es ist zu toll, sag' ich 4 dir! Ich habe versprochen dir einige Bedenkzeit zu 5 lassen, nicht gleich in dich zu dringen, und ich möchte 6 rasend werden über jede verlorne Viertelstunde. Habe 7 ich dir nicht geschenkt, was ich wußte und konnte? 8 Zweifelst du noch an meiner Liebe? Was willst du 9 haben? sag' es mir! Es soll dir an nichts fehlen. 10 Ich wollte, der Pfaffe müßte verstummen und verblinden, 11 der dir solches Zeug in den Kopf gesetzt 12 hat. Mußtest du auch gerade an so einen kommen! 13 Es giebt so viele, die jungen Leuten etwas nachzusehen 14 wissen. Genug, ich sage dir, es muß anders 15 werden, in ein paar Tagen muß ich Antwort wissen, 16 denn ich gehe bald wieder weg, und wenn du nicht 17 wieder freundlich und gefällig bist, so sollst du mich 18 nicht wieder sehen." ...

19 In dieser Art ging der Brief noch lange fort, 20 drehte sich zu Wilhelms schmerzlicher Zufriedenheit 21 immer um denselben Punct herum, und zeugte für 22 die Wahrheit der Geschichte, die er von Barbara 23 vernommen hatte. Ein zweites Blatt bewies deutlich, 24 daß Mariane auch in der Folge nicht nachgegeben 25 hatte, und Wilhelm vernahm aus diesen und mehreren 26 Papieren nicht ohne tiefen Schmerz die Geschichte 27 des unglücklichen Mädchens bis zur Stunde ihres 28 Todes.



[Seite 111]

1 Die Alte hatte den rohen Menschen nach und 2 nach zahm gemacht, indem sie ihm den Tod Marianens 3 meldete, und ihm den Glauben ließ, als wenn 4 Felix sein Sohn sei; er hatte ihr einigemal Geld 5 geschickt, das sie aber für sich behielt, da sie Aurelien 6 die Sorge für des Kindes Erziehung aufgeschwatzt 7 hatte. Aber leider dauerte dieser heimliche Erwerb 8 nicht lange. Norberg hatte durch ein wildes Leben 9 den größten Theil seines Vermögens verzehrt, und 10 wiederholte Liebesgeschichten sein Herz gegen seinen 11 ersten, eingebildeten Sohn verhärtet.

12 So wahrscheinlich das alles lautete, und so schön es 13 zusammentraf, traute Wilhelm doch noch nicht, sich der 14 Freude zu überlassen; er schien sich vor einem Geschenke 15 zu fürchten, das ihm ein böser Genius darreichte.

16 Ihre Zweifelsucht, sagte die Alte, die seine Gemüthsstimmung 17 errieth, kann nur die Zeit heilen. 18 Sehen Sie das Kind als ein fremdes an, und geben 19 Sie desto genauer auf ihn Acht, bemerken Sie seine 20 Gaben, seine Natur, seine Fähigkeiten, und wenn 21 Sie nicht nach und nach sich selbst wiedererkennen, 22 so müssen Sie schlechte Augen haben. Denn das 23 versichre ich Sie, wenn ich ein Mann wäre, mir 24 sollte niemand ein Kind unterschieben; aber es ist 25 ein Glück für die Weiber, daß die Männer in diesen 26 Fällen nicht so scharfsichtig sind.

27 Nach allem diesen setzte sich Wilhelm mit der 28 Alten aus einander; er wollte den Felix mit sich 

[Seite 112]

1 nehmen, sie sollte Mignon zu Theresen bringen, und 2 hernach eine kleine Pension, die er ihr versprach, wo 3 sie wollte, verzehren.

4 Er ließ Mignon rufen, um sie auf diese Veränderung 5 vorzubereiten. --- Meister! sagte sie, behalte 6 mich bei dir, es wird mir wohl thun und weh.

7 Er stellte ihr vor, daß sie nun herangewachsen 8 sei, und daß doch etwas für ihre weitere Bildung 9 gethan werden müsse. --- Ich bin gebildet genug, 10 versetzte sie, um zu lieben und zu trauern.

11 Er machte sie auf ihre Gesundheit aufmerksam, 12 daß sie eine anhaltende Sorgfalt und die Leitung 13 eines geschickten Arztes bedürfe. --- Warum soll man 14 für mich sorgen, sagte sie, da so viel zu sorgen ist?

15 Nachdem er sich viele Mühe gegeben, sie zu überzeugen, 16 daß er sie jetzt nicht mit sich nehmen könne, 17 daß er sie zu Personen bringen wolle, wo er sie 18 öfters sehen werde, schien sie von alle dem nichts gehört 19 zu haben. Du willst mich nicht bei dir? sagte 20 sie. Vielleicht ist es besser, schicke mich zum alten 21 Harfenspieler, der arme Mann ist so allein.

22 Wilhelm suchte ihr begreiflich zu machen, daß 23 der Alte gut aufgehoben sei. --- Ich sehne mich jede 24 Stunde nach ihm, versetzte das Kind.

25 Ich habe aber nicht bemerkt, sagte Wilhelm, daß 26 du ihm so geneigt seist, als er noch mit uns lebte.

27 Ich fürchtete mich vor ihm, wenn er wachte; ich 28 konnte nur seine Augen nicht sehen, aber wenn er 

[Seite 113]

1 schlief, setzte ich mich gern zu ihm, ich wehrte ihm 2 die Fliegen, und konnte mich nicht satt an ihm sehen. 3 O! er hat mir in schrecklichen Augenblicken beigestanden, 4 es weiß niemand, was ich ihm schuldig bin. 5 Hätt' ich nur den Weg gewußt, ich wäre schon zu 6 ihm gelaufen.

7 Wilhelm stellte ihr die Umstände weitläufig vor, 8 und sagte: sie sei so ein vernünftiges Kind, sie möchte 9 doch auch dießmal seinen Wünschen folgen. --- Die 10 Vernunft ist grausam, versetzte sie, das Herz ist besser. 11 Ich will hingehen, wohin du willst, aber laß mir 12 deinen Felix!

13 Nach vielem Hin- und Widerreden war sie immer 14 auf ihrem Sinne geblieben, und Wilhelm mußte sich 15 zuletzt entschließen, die beiden Kinder der Alten zu 16 übergeben, und sie zusammen an Fräulein Therese 17 zu schicken. Es ward ihm das um so leichter, als 18 er sich noch immer fürchtete, den schönen Felix sich 19 als seinen Sohn zuzueignen. Er nahm ihn auf den 20 Arm und trug ihn herum, das Kind mochte gern 21 vor den Spiegel gehoben sein, und, ohne sich es zu 22 gestehen, trug Wilhelm ihn gern vor den Spiegel, 23 und suchte dort Ähnlichkeiten zwischen sich und dem 24 Kinde auszuspähen. Ward es ihm dann einen Augenblick 25 recht wahrscheinlich, so drückte er den Knaben 26 an seine Brust, aber auf einmal, erschreckt durch den 27 Gedanken, daß er sich betriegen könne, setzte er das 28 Kind nieder, und ließ es hinlaufen. O! rief er aus, 

[Seite 114]

1 wenn ich mir dieses unschätzbare Gut zueignen könnte, 2 und es würde mir dann entrissen, so wäre ich der 3 unglücklichste aller Menschen!

4 Die Kinder waren weggefahren, und Wilhelm 5 wollte nun seinen förmlichen Abschied vom Theater 6 nehmen, als er fühlte, daß er schon abgeschieden sei, 7 und nur zu gehen brauchte. Mariane war nicht 8 mehr, seine zwei Schutzgeister hatten sich entfernt, 9 und seine Gedanken eilten ihnen nach. Der schöne 10 Knabe schwebte wie eine reizende ungewisse Erscheinung 11 vor seiner Einbildungskraft, er sah ihn, an Theresens 12 Hand, durch Felder und Wälder laufen, in der freien 13 Luft und neben einer freien und heitern Begleiterin 14 sich bilden; Therese war ihm noch viel werther geworden, 15 seitdem er das Kind in ihrer Gesellschaft 16 dachte. Selbst als Zuschauer im Theater erinnerte 17 er sich ihrer mit Lächeln; beinahe war er in ihrem 18 Falle, die Vorstellungen machten ihm keine Illusion 19 mehr.

20 Serlo und Melina waren äußerst höflich gegen 21 ihn, sobald sie merkten, daß er an seinen vorigen 22 Platz keinen weitern Anspruch machte. Ein Theil 23 des Publicums wünschte ihn nochmals auftreten zu 24 sehen; es wäre ihm unmöglich gewesen, und bei der 25 Gesellschaft wünschte es niemand, als allenfalls Frau 26 Melina.

27 Er nahm nun wirklich Abschied von dieser Freundin, 28 er war gerührt, und sagte: Wenn doch der 

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1 Mensch sich nicht vermessen wollte irgend etwas für 2 die Zukunft zu versprechen! Das Geringste vermag 3 er nicht zu halten, geschweige wenn sein Vorsatz von 4 Bedeutung ist. Wie schäme ich mich, wenn ich denke, 5 was ich Ihnen allen zusammen in jener unglücklichen 6 Nacht versprach, da wir beraubt, krank, verletzt und 7 verwundet in eine elende Schenke zusammen gedrängt 8 waren. Wie erhöhte damals das Unglück meinen 9 Muth, und welchen Schatz glaubte ich in meinem 10 guten Willen zu finden; nun ist aus allem dem 11 nichts, gar nichts geworden! Ich verlasse Sie als 12 Ihr Schuldner, und mein Glück ist, daß man mein 13 Versprechen nicht mehr achtete, als es werth war, 14 und daß niemand mich jemals deßhalb gemahnt hat.

15 Sein Sie nicht ungerecht gegen sich selbst, versetzte 16 Frau Melina; wenn niemand erkennt, was Sie 17 für uns gethan hatten, so werde ich es nicht verkennen: 18 denn unser ganzer Zustand wäre völlig 19 anders, wenn wir Sie nicht besessen hätten. Geht 20 es doch unsern Vorsätzen, wie unsern Wünschen. Sie 21 sehen sich gar nicht mehr ähnlich, wenn sie ausgeführt, 22 wenn sie erfüllt sind, und wir glauben nichts 23 gethan, nichts erlangt zu haben.

24 Sie werden, versetzte Wilhelm, durch Ihre freundschaftliche 25 Auslegung mein Gewissen nicht beruhigen, 26, 27 und ich werde mir immer als Ihr Schuldner vorkommen.

28 Es ist auch wohl möglich, daß Sie es sind, versetzte 

[Seite 116]

1 Madame Melina, nur nicht auf die Art, wie 2 Sie es denken. Wir rechnen uns zur Schande ein 3 Versprechen nicht zu erfüllen, das wir mit dem 4 Munde gethan haben. O, mein Freund, ein guter 5 Mensch verspricht durch seine Gegenwart nur immer 6 zu viel! Das Vertrauen, das er hervorlockt, die 7 Neigung, die er einflößt, die Hoffnungen, die er erregt, 8 sind unendlich; er wird und bleibt ein Schuldner, 9 ohne es zu wissen. Leben Sie wohl. Wenn 10 unsere äußeren Umstände sich unter Ihrer Leitung 11 recht glücklich hergestellt haben, so entsteht in meinem 12 Innern durch Ihren Abschied eine Lücke, die sich so 13 leicht nicht wieder ausfüllen wird.

14 Wilhelm schrieb vor seiner Abreise aus der Stadt 15 noch einen weitläufigen Brief an Wernern. Sie 16 hatten zwar einige Briefe gewechselt, aber weil sie 17 nicht einig werden konnten, hörten sie zuletzt auf zu 18 schreiben. Nun hatte sich Wilhelm wieder genähert, 19 er war im Begriff dasjenige zu thun, was jener so 20 sehr wünschte, er konnte sagen: ich verlasse das 21 Theater, und verbinde mich mit Männern, deren 22 Umgang mich, in jedem Sinne, zu einer reinen und 23 sichern Thätigkeit führen muß. Er erkundigte sich 24 nach seinem Vermögen, und es schien ihm nunmehr 25 sonderbar, daß er so lange sich nicht darum bekümmert 26 hatte. Er wußte nicht, daß es die Art aller 27 der Menschen sei, denen an ihrer innern Bildung 28 viel gelegen ist, daß sie die äußeren Verhältnisse ganz 

[Seite 117]

1 und gar vernachlässigen. Wilhelm hatte sich in 2 diesem Falle befunden; er schien nunmehr zum erstenmal 3 zu merken, daß er äußerer Hülfsmittel bedürfe, 4 um nachhaltig zu wirken. Er reis'te fort mit einem 5 ganz andern Sinn, als das erstemal; die Aussichten, 6 die sich ihm zeigten, waren reizend, und er hoffte auf 7 seinem Wege etwas Frohes zu erleben.



[Seite 118]



1 
Neuntes Capitel.

[Lesarten]  2 Als er nach Lothario's Gut zurückkam, fand er 3 eine große Veränderung. Jarno kam ihm entgegen 4 mit der Nachricht, daß der Oheim gestorben, daß 5 Lothario hingegangen sei, die hinterlassenen Güter 6 in Besitz zu nehmen. Sie kommen eben zur rechten 7 Zeit, sagte er, um mir und dem Abbé beizustehn. 8 Lothario hat uns den Handel um wichtige Güter in 9 unserer Nachbarschaft aufgetragen; es war schon lange 10 vorbereitet, und nun finden wir Geld und Credit 11 eben zur rechten Stunde. Das Einzige war dabei 12 bedenklich, daß ein auswärtiges Handelshaus auch 13 schon auf dieselben Güter Absicht hatte; nun sind 14 wir kurz und gut entschlossen mit jenem gemeine 15 Sache zu machen, denn sonst hätten wir uns ohne 16 Noth und Vernunft hinaufgetrieben. Wir haben, so 17 scheint es, mit einem klugen Manne zu thun. Nun 18 machen wir Calculs und Anschläge; auch muß ökonomisch 19 überlegt werden, wie wir die Güter theilen 20 können, so daß jeder ein schönes Besitzthum erhält. 21 Es wurden Wilhelmen die Papiere vorgelegt, man 22 besah die Felder, Wiesen, Schlösser, und obgleich 

[Seite 119]

1 Jarno und der Abbé die Sache sehr gut zu verstehen 2 schienen, so wünschte Wilhelm doch, daß Fräulein 3 Therese von der Gesellschaft sein möchte.

4 Sie brachten mehrere Tage mit diesen Arbeiten 5 zu, und Wilhelm hatte kaum Zeit, seine Abenteuer 6 und seine zweifelhafte Vaterschaft den Freunden zu 7 erzählen, die eine ihm so wichtige Begebenheit gleichgültig 8 und leichtsinnig behandelten.

9 Er hatte bemerkt, daß sie manchmal in vertrauten 10 Gesprächen, bei Tische und auf Spaziergängen, auf 11 einmal inne hielten, ihren Worten eine andere Wendung 12 gaben, und dadurch wenigstens anzeigten, daß 13 sie unter sich manches abzuthun hatten, das ihm verborgen 14 sei. Er erinnerte sich an das, was Lydie gesagt 15 hatte, und glaubte um so mehr daran, als eine 16 ganze Seite des Schlosses vor ihm immer unzugänglich 17 gewesen war. Zu gewissen Galerien und besonders 18 zu dem alten Thurm, den er von außen recht 19 gut kannte, hatte er bisher vergebens Weg und Eingang 20 gesucht.

21 Eines Abends sagte Jarno zu ihm: Wir können 22 Sie nun so sicher als den unsern ansehen, daß es 23 unbillig wäre, wenn wir Sie nicht tiefer in unsere 24 Geheimnisse einführten. Es ist gut, daß der Mensch, 25 der erst in die Welt tritt, viel von sich halte, daß 26 er sich viele Vorzüge zu erwerben denke, daß er alles 27 möglich zu machen suche; aber wenn seine Bildung 28 auf einem gewissen Grade steht, dann ist es vortheilhaft, 

[Seite 120]

1 wenn er sich in einer größern Masse verlieren 2 lernt, wenn er lernt um anderer willen zu leben, 3 und seiner selbst in einer pflichtmäßigen Thätigkeit 4 zu vergessen. Da lernt er erst sich selbst kennen, 5 denn das Handeln eigentlich vergleicht uns mit andern. 6 Sie sollen bald erfahren, welch eine kleine 7 Welt sich in Ihrer Nähe befindet, und wie gut Sie 8 in dieser kleinen Welt gekannt sind; morgen früh 9 vor Sonnenaufgang sein Sie angezogen und bereit.

10 Jarno kam zur bestimmten Stunde, und führte 11 ihn durch bekannte und unbekannte Zimmer des 12 Schlosses, dann durch einige Galerien, und sie gelangten 13 endlich vor eine große alte Thüre, die stark mit 14 Eisen beschlagen war. Jarno pochte, die Thüre that 15 sich ein wenig auf, so daß eben ein Mensch hineinschlüpfen 16 konnte. Jarno schob Wilhelmen hinein, 17 ohne ihm zu folgen. Dieser fand sich in einem 18 dunkeln und engen Behältnisse, es war finster um 19 ihn, und als er einen Schritt vorwärts gehen wollte, 20 stieß er schon wider. Eine nicht ganz unbekannte 21 Stimme rief ihm zu: Tritt herein! und nun bemerkte 22 er erst, daß die Seiten des Raums, in dem er sich 23 befand, nur mit Teppichen behangen waren, durch 24 welche ein schwaches Licht hindurch schimmerte. Tritt 25 herein! rief es nochmals; er hob den Teppich auf, 26 und trat hinein.

27 Der Saal, in dem er sich nunmehr befand, schien 28 ehemals eine Capelle gewesen zu sein; anstatt des 

[Seite 121]

1 Altars stand ein großer Tisch auf einigen Stufen, 2 mit einem grünen Teppich behangen, darüber schien 3 ein zugezogener Vorhang ein Gemählde zu bedecken; 4 an den Seiten waren schön gearbeitete Schränke mit 5 feinen Drahtgittern verschlossen, wie man sie in 6 Bibliotheken zu sehen pflegt, nur sah er anstatt der 7 Bücher viele Rollen aufgestellt. Niemand befand 8 sich in dem Saal; die aufgehende Sonne fiel durch 9 die farbigen Fenster Wilhelmen grade entgegen, und 10 begrüßte ihn freundlich.

11 Setze dich! rief eine Stimme, die von dem Altar 12 her zu tönen schien. Wilhelm setzte sich auf einen 13 kleinen Armstuhl, der wider den Verschlag des Eingangs 14 stand; es war kein anderer Sitz im ganzen 15 Zimmer, er mußte sich darein ergeben, ob ihn schon 16 die Morgensonne blendete; der Sessel stand fest, er 17 konnte nur die Hand vor die Augen halten.

18 Indem eröffnete sich, mit einem kleinen Geräusche, 19 der Vorhang über dem Altar, und zeigte, innerhalb 20 eines Rahmens, eine leere dunkle Öffnung. Es trat 21 ein Mann hervor in gewöhnlicher Kleidung, der ihn 22 begrüßte, und zu ihm sagte: Sollten Sie mich nicht 23 wieder erkennen? Sollten Sie, unter andern Dingen, 24 die Sie wissen möchten, nicht auch zu erfahren wünschen, 25 wo die Kunstsammlung Ihres Großvaters sich 26 gegenwärtig befindet? Erinnern Sie sich des Gemähldes 27 nicht mehr, das Ihnen so reizend war? Wo mag 28 der kranke Königssohn wohl jetzo schmachten? --- 

[Seite 122]

1 Wilhelm erkannte leicht den Fremden, der, in jener 2 bedeutenden Nacht, sich mit ihm im Gasthause unterhalten 3 hatte. Vielleicht, fuhr dieser fort, können wir 4 jetzt über Schicksal und Charakter eher einig werden.

5 Wilhelm wollte eben antworten, als der Vorhang 6 sich wieder rasch zusammenzog. Sonderbar! 7 sagte er bei sich selbst, sollten zufällige Ereignisse 8 einen Zusammenhang haben? Und das, was wir 9 Schicksal nennen, sollte es bloß Zufall sein? Wo 10 mag sich meines Großvaters Sammlung befinden? 11 und warum erinnert man mich in diesen feierlichen 12 Augenblicken daran?

13 Er hatte nicht Zeit weiter zu denken, denn der 14 Vorhang öffnete sich wieder, und ein Mann stand 15 vor seinen Augen, den er sogleich für den Landgeistlichen 16 erkannte, der mit ihm und der lustigen 17 Gesellschaft jene Wasserfahrt gemacht hatte; er glich 18 dem Abbé, ob er gleich nicht dieselbe Person schien. 19 Mit einem heitern Gesichte und einem würdigen Ausdruck 20 fing der Mann an: Nicht vor Irrthum zu bewahren, 21 ist die Pflicht des Menschenerziehers, sondern 22 den Irrenden zu leiten, ja ihn seinen Irrthum aus 23 vollen Bechern ausschlürfen zu lassen, das ist Weisheit 24 der Lehrer. Wer seinen Irrthum nur kostet, 25 hält lange damit Haus, er freuet sich dessen als 26 eines seltenen Glücks, aber wer ihn ganz erschöpft, 27 der muß ihn kennen lernen, wenn er nicht wahnsinnig 28 ist. Der Vorhang schloß sich abermals, und 

[Seite 123]

1 Wilhelm hatte Zeit nachzudenken. Von welchem 2 Irrthum kann der Mann sprechen? sagte er zu sich 3 selbst, als von dem, der mich mein ganzes Leben 4 verfolgt hat, daß ich da Bildung suchte, wo keine 5 zu finden war, daß ich mir einbildete ein Talent 6 erwerben zu können, zu dem ich nicht die geringste 7 Anlage hatte.

8 Der Vorhang riß sich schneller auf, ein Officier 9 trat hervor, und sagte nur im Vorbeigehen: Lernen 10 Sie die Menschen kennen, zu denen man Zutrauen 11 haben kann! Der Vorhang schloß sich, und Wilhelm 12 brauchte sich nicht lange zu besinnen, um diesen 13 Officier für denjenigen zu erkennen, der ihn in des 14 Grafen Park umarmt hatte, und Schuld gewesen 15 war, daß er Jarno für einen Werber hielt. Wie 16 dieser hierher gekommen, und wer er sei, war Wilhelmen 17 völlig ein Räthsel.---Wenn so viele Menschen 18 an dir Theil nahmen, deinen Lebensweg kannten, 19 und wußten, was darauf zu thun sei, warum führten 20 sie dich nicht strenger? warum nicht ernster? warum 21, 22 begünstigten sie deine Spiele, anstatt dich davon wegzuführen?

23 Rechte nicht mit uns! rief eine Stimme: Du 24 bist gerettet, und auf dem Wege zum Ziel. Du 25 wirst keine deiner Thorheiten bereuen und keine zurück 26 wünschen, kein glücklicheres Schicksal kann einem 27 Menschen werden. Der Vorhang riß sich von einander, 28 und, in voller Rüstung, stand der alte König 

[Seite 124]

1 von Dänemark in dem Raume. Ich bin der Geist 2 deines Vaters, sagte das Bildniß, und scheide getrost, 3 da meine Wünsche für dich, mehr als ich sie selbst 4 begriff, erfüllt sind. Steile Gegenden lassen sich nur 5 durch Umwege erklimmen, auf der Ebene führen gerade 6 Wege von einem Ort zum andern. Lebe wohl, 7 und gedenke mein, wenn du genießest, was ich dir 8 vorbereitet habe.

9 Wilhelm war äußerst betroffen, er glaubte die 10 Stimme seines Vaters zu hören, und doch war sie 11 es auch nicht; er befand sich durch die Gegenwart 12 und die Erinnerung in der verworrensten Lage.

13 Nicht lange konnte er nachdenken, als der Abbé 14 hervortrat, und sich hinter den grünen Tisch stellte. 15 Treten Sie herbei! rief er seinem verwunderten 16 Freunde zu. Er trat herbei, und stieg die Stufen 17 hinan. Auf dem Teppiche lag eine kleine Rolle. 18 Hier ist Ihr Lehrbrief, sagte der Abbé, beherzigen 19 Sie ihn, er ist von wichtigem Inhalt. Wilhelm 20 nahm ihn auf, öffnete ihn und las:



21 
Lehrbrief.

[Endnote: 2Kb]  22 Die Kunst ist lang, das Leben kurz, das Urtheil 23 schwierig, die Gelegenheit flüchtig. Handeln ist leicht, 24 Denken schwer; nach dem Gedanken handeln unbequem. 25 Aller Anfang ist heiter, die Schwelle ist der 26 Platz der Erwartung. Der Knabe staunt, der Eindruck 27 bestimmt ihn, er lernt spielend, der Ernst überrascht 

[Seite 125]

1 ihn. Die Nachahmung ist uns angeboren, der 2 Nachzuahmende wird nicht leicht erkannt. Selten 3 wird das Treffliche gefunden, seltner geschätzt. Die 4 Höhe reizt uns, nicht die Stufen; den Gipfel im 5 Auge wandeln wir gerne auf der Ebene. Nur ein 6 Theil der Kunst kann gelehrt werden, der Künstler 7 braucht sie ganz. Wer sie halb kennt, ist immer 8 irre und redet viel; wer sie ganz besitzt, mag nur 9 thun und redet selten oder spät. Jene haben keine 10 Geheimnisse und keine Kraft, ihre Lehre ist wie gebackenes 11 Brot schmackhaft und sättigend für Einen 12 Tag; aber Mehl kann man nicht säen, und die Saatfrüchte 13 sollen nicht vermahlen werden. Die Worte 14 sind gut, sie sind aber nicht das Beste. Das Beste 15 wird nicht deutlich durch Worte. Der Geist, aus 16 dem wir handeln, ist das Höchste. Die Handlung 17 wird nur vom Geiste begriffen und wieder dargestellt. 18 Niemand weiß, was er thut, wenn er recht 19 handelt; aber des Unrechten sind wir uns immer 20 bewußt. Wer bloß mit Zeichen wirkt, ist ein Pedant, 21 ein Heuchler oder ein Pfuscher. Es sind ihrer 22 viel, und es wird ihnen wohl zusammen. Ihr Geschwätz 23 hält den Schüler zurück, und ihre beharrliche 24 Mittelmäßigkeit ängstigt die Besten. Des echten 25 Künstlers Lehre schließt den Sinn auf; denn wo die 26 Worte fehlen, spricht die That. Der echte Schüler 27 lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln, 28 und nähert sich dem Meister.



[Seite 126]

1 Genug! rief der Abbé, das Übrige zu seiner Zeit. 2 Jetzt sehen Sie sich in jenen Schränken um.

3 Wilhelm ging hin und las die Aufschriften der 4 Rollen. Er fand mit Verwunderung Lothario's Lehrjahre, 5 Jarno's Lehrjahre und seine eignen Lehrjahre 6 daselbst aufgestellt, unter vielen andern, deren Namen 7 ihm unbekannt waren.

8 Darf ich hoffen, in diese Rollen einen Blick zu 9 werfen?

10 Es ist für Sie nunmehr in diesem Zimmer nichts 11 verschlossen.

12 Darf ich eine Frage thun?

13 Ohne Bedenken! und Sie können entscheidende Antwort 14 erwarten, wenn es eine Angelegenheit betrifft, 15 die Ihnen zunächst am Herzen liegt, und am Herzen 16 liegen soll.

17 Gut denn! Ihr sonderbaren und weisen Menschen, 18 deren Blick in so viel Geheimnisse dringt, könnt ihr 19 mir sagen, ob Felix wirklich mein Sohn sei? --
20 Heil Ihnen über diese Frage! rief der Abbé, indem 21 er vor Freuden die Hände zusammenschlug: 22 Felix ist Ihr Sohn! Bei dem Heiligsten, was unter 23 uns verborgen liegt, schwör' ich Ihnen, Felix ist 24 Ihr Sohn! und der Gesinnung nach war seine abgeschiedne 25 Mutter Ihrer nicht unwerth. Empfangen 26 Sie das liebliche Kind aus unserer Hand, kehren 27 Sie sich um, und wagen Sie es, glücklich zu sein.

28 Wilhelm hörte ein Geräusch hinter sich, er kehrte 

[Seite 127]

1 sich um, und sah ein Kindergesicht schalkhaft durch 2 die Teppiche des Eingangs hervor gucken, es war 3 Felix. Der Knabe versteckte sich sogleich scherzend, 4 als er gesehen wurde. Komm hervor! rief der Abbé. 5 Er kam gelaufen, sein Vater stürzte ihm entgegen, 6 nahm ihn in die Arme, und drückte ihn an sein 7 Herz. Ja, ich fühl's, rief er aus, du bist mein! 8 Welche Gabe des Himmels habe ich meinen Freunden 9 zu verdanken! Wo kommst du her, mein Kind, gerade 10 in diesem Augenblick?

11 Fragen Sie nicht, sagte der Abbé. Heil dir, 12 junger Mann! deine Lehrjahre sind vorüber; die 13 Natur hat dich losgesprochen.



[Seite 129]




Achtes Buch.

[Lesarten]  

[Seite 131]



1 
Erstes Capitel.

[Lesarten]  2 Felix war in den Garten gesprungen, Wilhelm 3 folgte ihm mit Entzücken, der schönste Morgen zeigte 4 jeden Gegenstand mit neuen Reizen, und Wilhelm 5 genoß den heitersten Augenblick. Felix war neu in 6 der freien und herrlichen Welt, und sein Vater nicht 7 viel bekannter mit den Gegenständen, nach denen der 8 Kleine wiederholt und unermüdet fragte. Sie gesellten 9 sich endlich zum Gärtner, der die Namen und 10 den Gebrauch mancher Pflanzen hererzählen mußte; 11 Wilhelm sah die Natur durch ein neues Organ, und 12 die Neugierde, die Wißbegierde des Kindes ließen ihn 13 erst fühlen, welch ein schwaches Interesse er an den 14 Dingen außer sich genommen hatte, wie wenig er 15 kannte und wußte. An diesem Tage, dem vergnügtesten 16 seines Lebens, schien auch seine eigne Bildung 17 erst anzufangen; er fühlte die Nothwendigkeit sich zu 18 belehren, indem er zu lehren aufgefordert ward.

19 Jarno und der Abbé hatten sich nicht wieder sehen 20 lassen; Abends kamen sie, und brachten einen Fremden 21 mit. Wilhelm ging ihm mit Erstaunen entgegen, er 22 traute seinen Augen nicht, es war Werner, der gleichfalls 

[Seite 132]

1 einen Augenblick anstand, ihn anzuerkennen. 2 Beide umarmten sich auf's zärtlichste, und beide konnten 3 nicht verbergen, daß sie sich wechselsweise verändert 4 fanden. Werner behauptete, sein Freund sei 5 größer, stärker, gerader, in seinem Wesen gebildeter 6 und in seinem Betragen angenehmer geworden. --- 7 Etwas von seiner alten Treuherzigkeit vermiss' ich, 8 setzte er hinzu. --- Sie wird sich auch schon wieder 9 zeigen, wenn wir uns nur von der ersten Verwunderung 10 erholt haben, sagte Wilhelm.

11 Es fehlte viel, daß Werner einen gleich vortheilhaften 12 Eindruck auf Wilhelmen gemacht hätte. Der 13 gute Mann schien eher zurück als vorwärts gegangen 14 zu sein. Er war viel magerer, als ehemals, sein 15 spitzes Gesicht schien feiner, seine Nase länger zu sein, 16 seine Stirn und sein Scheitel waren von Haaren 17 entblößt, seine Stimme hell, heftig und schreiend, 18 und seine eingedrückte Brust, seine vorfallenden Schultern, 19 seine farblosen Wangen ließen keinen Zweifel 20 übrig, daß ein arbeitsamer Hypochondrist gegenwärtig 21 sei.

22 Wilhelm war bescheiden genug, um sich über diese 23 große Veränderung sehr mäßig zu erklären, da der 24 andere hingegen seiner freundschaftlichen Freude völligen 25 Lauf ließ. Wahrhaftig! rief er aus, wenn 26 du deine Zeit schlecht angewendet, und, wie ich vermuthe, 27 nichts gewonnen hast, so bist du doch indessen 28 ein Persönchen geworden, das sein Glück machen 

[Seite 133]

1 kann und muß; verschlendere und verschleudere nur 2 auch das nicht wieder: du sollst mir mit dieser Figur 3 eine reiche und schöne Erbin erkaufen. --- Du wirst 4 doch, versetzte Wilhelm lächelnd, deinen Charakter 5 nicht verläugnen! Kaum findest du nach langer Zeit 6 deinen Freund wieder, so siehst du ihn schon als 7 eine Waare, als einen Gegenstand deiner Speculation 8 an, mit dem sich etwas gewinnen läßt.

9 Jarno und der Abbé schienen über diese Erkennung 10 keinesweges verwundert, und ließen beide Freunde sich 11 nach Belieben über das Vergangene und Gegenwärtige 12 ausbreiten. Werner ging um seinen Freund 13 herum, drehte ihn hin und her, so daß er ihn fast 14 verlegen machte. Nein! nein! rief er aus, so was 15 ist mir noch nicht vorgekommen, und doch weiß ich 16 wohl, daß ich mich nicht betrüge. Deine Augen 17 sind tiefer, deine Stirn ist breiter, deine Nase feiner 18 und dein Mund liebreicher geworden. Seht nur 19 einmal, wie er steht! wie das alles paßt und zusammenhängt! 20 Wie doch das |Faullenzen |gedeihet! 21 Ich armer Teufel dagegen --- er besah sich im Spiegel 22 --- wenn ich diese Zeit her nicht recht viel Geld 23 gewonnen hätte, so wäre doch auch gar nichts an 24 mir.

25 Werner hatte Wilhelms letzten Brief nicht empfangen; 26 ihre Handlung war das fremde Haus, mit 27 welchem Lothario die Güter in Gemeinschaft zu 28 kaufen die Absicht hatte. Dieses Geschäft führte 

[Seite 134]

1 Wernern hierher; er hatte keine Gedanken, Wilhelmen 2 auf seinem Wege zu finden. Der Gerichtshalter kam, 3 die Papiere wurden vorgelegt, und Werner fand die 4 Vorschläge billig. Wenn Sie es mit diesem jungen 5 Manne, wie es scheint, gut meinen, sagte er, so sorgen 6 Sie selbst dafür, daß unser Theil nicht verkürzt 7 werde; es soll von meinem Freunde abhängen, ob er 8 das Gut annehmen und einen Theil seines Vermögens 9 daran wenden will. Jarno und der Abbé 10 versicherten, daß es dieser Erinnerung nicht bedürfe. 11 Man hatte die Sache kaum im Allgemeinen verhandelt, 12 als Werner sich nach einer Partie Lombre sehnte, 13 wozu sich denn auch gleich der Abbé und Jarno mit 14 hinsetzten; er war es nun einmal so gewohnt, er 15 konnte des Abends ohne Spiel nicht leben.

16 Als die beiden Freunde nach Tische allein waren, 17 befragten und besprachen sie sich sehr lebhaft über 18 alles, was sie sich mitzutheilen wünschten. Wilhelm 19 rühmte seine Lage und das Glück seiner Aufnahme 20 unter so trefflichen Menschen. Werner dagegen schüttelte 21 den Kopf, und sagte: Man sollte doch auch 22 nichts glauben, als was man mit Augen sieht! 23 Mehr als Ein dienstfertiger Freund hat mir versichert, 24 du lebtest mit einem liederlichen jungen Edelmann, 25 führtest ihm Schauspielerinnen zu, hälfest 26 ihm sein Geld durchbringen, und seiest Schuld, daß 27 er mit seinen sämmtlichen Anverwandten gespannt 28 sei.---Es würde mich um meinet- und um der guten 

[Seite 135]

1 Menschen willen verdrießen, daß wir so verkannt 2 werden, versetzte Wilhelm, wenn mich nicht meine 3 theatralische Laufbahn mit jeder übeln Nachrede versöhnt 4 hätte. Wie sollten die Menschen unsere Handlungen 5 beurtheilen, die ihnen nur einzeln und abgerissen 6 erscheinen, wovon sie das wenigste sehen, weil 7 Gutes und Böses im Verborgenen geschieht, und eine 8 gleichgültige Erscheinung meistens nur an den Tag 9 kommt. Bringt man ihnen doch Schauspieler und 10 Schauspielerinnen auf erhöhte Breter, zündet von 11 allen Seiten Licht an, das ganze Werk ist in wenig 12 Stunden abgeschlossen, und doch weiß selten jemand 13 eigentlich, was er daraus machen soll.

14 Nun ging es an ein Fragen nach der Familie, 15 nach den Jugendfreunden und der Vaterstadt. Werner 16 erzählte, mit großer Hast, alles was sich verändert 17 hatte, und was noch bestand und geschah. Die 18 Frauen im Hause, sagte er, sind vergnügt und glücklich, 19 es fehlt nie an Geld. Die eine Hälfte der Zeit 20 bringen sie zu sich zu putzen, und die andere Hälfte 21 sich geputzt sehen zu lassen. Haushälterisch sind sie 22 soviel als billig ist. Meine Kinder lassen sich zu 23 gescheidten Jungen an. Ich sehe sie im Geiste schon 24 sitzen und schreiben, und rechnen, laufen, handeln 25 und trödeln; einem jeden soll sobald als möglich ein 26 eignes Gewerbe eingerichtet werden, und was unser 27 Vermögen betrifft, daran sollst du deine Lust sehen. 28 Wenn wir mit den Gütern in Ordnung sind, mußt 

[Seite 136]

1 du gleich mit nach Hause: denn es sieht doch aus, 2 als wenn du, mit einiger Vernunft, in die menschlichen 3 Unternehmungen eingreifen könntest. Deine 4 neuen Freunde sollen gepriesen sein, da sie dich auf 5 den rechten Weg gebracht haben. Ich bin ein närrischer 6 Teufel, und merke erst, wie lieb ich dich 7 habe, da ich mich nicht satt an dir sehen kann, daß 8 du so wohl und so gut aussiehst. Das ist doch 9 noch eine andere Gestalt, als das Porträt, das du 10 einmal an die Schwester schicktest, und worüber im 11 Hause großer Streit war. Mutter und Tochter fanden 12 den jungen Herrn allerliebst, mit offnem Halse, 13 halbfreier Brust, großer Krause, herumhängendem 14 Haar, rundem Hut, kurzem Westchen und schlotternden 15 langen Hosen, indessen ich behauptete, das Costüm 16 sei nur noch zwei Finger breit vom Hanswurst. 17 Nun siehst du doch aus wie ein Mensch, nur fehlt 18 der Zopf, in den ich deine Haare einzubinden bitte, 19 sonst hält man dich denn doch einmal unterweges als 20 Juden an, und fordert Zoll und Geleite von dir.

21 Felix war indessen in die Stube gekommen, und 22 hatte sich, als man auf ihn nicht achtete, auf's Canapee 23 gelegt, und war eingeschlafen. Was ist das 24 für ein Wurm? fragte Werner. Wilhelm hatte in 25 dem Augenblicke den Muth nicht, die Wahrheit zu 26 sagen, noch Lust, eine doch immer zweideutige Geschichte 27 einem Manne zu erzählen, der von Natur 28 nichts weniger als gläubig war.



[Seite 137]

1 Die ganze Gesellschaft begab sich nunmehr auf 2 die Güter, um sie zu besehen und den Handel abzuschließen. 3 Wilhelm ließ seinen Felix nicht von 4 der Seite, und freute sich, um des Knaben willen, 5 recht lebhaft des Besitzes, dem man entgegen sah. 6 Die Lüsternheit des Kindes nach den Kirschen und 7 Beeren, die bald reif werden sollten, erinnerten ihn 8 an die Zeit seiner Jugend und an die vielfache 9 Pflicht des Vaters, den Seinigen den Genuß vorzubereiten, 10 zu verschaffen und zu erhalten. Mit 11 welchem Interesse betrachtete er die Baumschulen und 12 die Gebäude! Wie lebhaft sann er darauf, das Vernachlässigte 13 wieder herzustellen und das Verfallene 14 zu erneuern! Er sah die Welt nicht mehr wie ein 15 Zugvogel an, ein Gebäude nicht mehr für eine geschwind 16 zusammengestellte Laube, die vertrocknet, ehe 17 man sie verläßt. Alles, was er anzulegen gedachte, 18 sollte dem Knaben entgegen wachsen, und alles, was 19 er herstellte, sollte eine Dauer auf einige Geschlechter 20 haben. In diesem Sinne waren seine Lehrjahre geendigt, 21 und mit dem Gefühl des Vaters hatte er 22 auch alle Tugenden eines Bürgers erworben. Er 23 fühlte es, und seiner Freude konnte nichts gleichen. 24 O, der unnöthigen Strenge der Moral! rief er aus, 25 da die Natur uns auf ihre liebliche Weise zu allem 26 bildet, was wir sein sollen. O, der seltsamen Anforderungen 27 der bürgerlichen Gesellschaft, die uns 28 erst verwirrt und mißleitet, und dann mehr als die 

[Seite 138]

1 Natur selbst von uns fordert! Wehe jeder Art von 2 Bildung, welche die wirksamsten Mittel wahrer Bildung 3 zerstört, und uns auf das Ende hinweis't, anstatt 4 uns auf dem Wege selbst zu beglücken!

5 So manches er auch in seinem Leben schon gesehen 6 hatte, so schien ihm doch die menschliche Natur 7 erst durch die Beobachtung des Kindes deutlich zu 8 werden. Das Theater war ihm, wie die Welt, nur 9 als eine Menge ausgeschütteter Würfel vorgekommen, 10 deren jeder einzeln auf seiner Oberfläche bald mehr, 11 bald weniger bedeutet, und die allenfalls zusammengezählt 12 eine Summe machen. Hier im Kinde lag 13 ihm, konnte man sagen, ein einzelner Würfel vor, 14 auf dessen vielfachen Seiten der Werth und der Unwerth 15 der menschlichen Natur so deutlich eingegraben 16 war.

17 Das Verlangen des Kindes nach Unterscheidung 18 wuchs mit jedem Tage. Da es einmal erfahren 19 hatte, daß die Dinge Namen haben, so wollte es 20 auch den Namen von allem hören; es glaubte nicht 21 anders sein Vater müsse alles wissen, quälte ihn 22 oft mit Fragen, und gab ihm Anlaß sich nach Gegenständen 23 zu erkundigen, denen er sonst wenig Aufmerksamkeit 24 gewidmet hatte. Auch der eingeborne 25 Trieb, die Herkunft und das Ende der Dinge zu erfahren, 26 zeigte sich frühe bei dem Knaben. Wenn er 27 fragte, wo der Wind herkomme und wo die Flamme 28 hinkomme, war dem Vater seine eigene Beschränkung 

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1 erst recht lebendig; er wünschte zu erfahren, wie weit 2 sich der Mensch mit seinen Gedanken wagen, und 3 wovon er hoffen dürfe sich und andern jemals Rechenschaft 4 zu geben. Die Heftigkeit des Kindes, wenn es 5 irgend einem lebendigen Wesen Unrecht geschehen sah, 6 erfreute den Vater höchlich, als das Zeichen eines 7 trefflichen Gemüths. Das Kind schlug heftig nach 8 dem Küchenmädchen, das einige Tauben abgeschnitten 9 hatte. Dieser schöne Begriff wurde denn freilich bald 10 wieder zerstört, als er den Knaben fand, der ohne 11 Barmherzigkeit Frösche todt schlug und Schmetterlinge 12 zerrupfte. Es erinnerte ihn dieser Zug an so viele 13 Menschen, die höchst gerecht erscheinen, wenn sie ohne 14 Leidenschaft sind und die Handlungen anderer beobachten.

15 Dieses angenehme Gefühl, daß der Knabe so 16 einen schönen und wahren Einfluß auf sein Dasein 17 habe, ward einen Augenblick gestört, als Wilhelm in 18 kurzem bemerkte, daß wirklich der Knabe mehr ihn 19 als er den Knaben erziehe. Er hatte an dem Kinde 20 nichts auszusetzen, er war nicht im Stande ihm eine 21 Richtung zu geben, die es nicht selbst nahm, und sogar 22 die Unarten, gegen die Aurelie so viel gearbeitet 23 hatte, waren, so schien es, nach dem Tode dieser 24 Freundin alle wieder in ihre alten Rechte getreten. 25 Noch machte das Kind die Thüre niemals hinter sich 26 zu, noch wollte er seinen Teller nicht abessen, und 27 sein Behagen war niemals größer, als wenn man 28 ihm nachsah, daß er den Bissen unmittelbar aus der 

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1 Schüssel nehmen, das volle Glas stehen lassen und 2 aus der Flasche trinken konnte. So war er auch 3 ganz allerliebst, wenn er sich mit einem Buche in 4 die Ecke setzte, und sehr ernsthaft sagte: Ich muß das 5 gelehrte Zeug studiren! ob er gleich die Buchstaben 6 noch lange weder unterscheiden konnte noch wollte.

7 Bedachte nun Wilhelm, wie wenig er bisher für 8 das Kind gethan hatte, wie wenig er zu thun fähig 9 sei, so entstand eine Unruhe in ihm, die sein ganzes 10 Glück aufzuwiegen im Stande war. Sind wir 11 Männer denn, sagte er zu sich, so selbstisch geboren, 12 daß wir unmöglich für ein Wesen außer uns Sorge 13 tragen können? Bin ich mit dem Knaben nicht eben 14 auf dem Wege, auf dem ich mit Mignon war? Ich 15 zog das liebe Kind an, seine Gegenwart ergötzte mich, 16 und dabei hab' ich es auf's grausamste vernachlässigt. 17 Was that ich zu seiner Bildung, nach der es 18 so sehr strebte? Nichts! Ich überließ es sich selbst 19 und allen Zufälligkeiten, denen es, in einer ungebildeten 20 Gesellschaft, nur ausgesetzt sein konnte; 21 und dann für diesen Knaben, der dir so merkwürdig 22 war, ehe er dir so werth sein konnte, hat dich denn 23 dein Herz geheißen auch nur jemals das Geringste 24 für ihn zu thun? Es ist nicht mehr Zeit, daß du 25 deine eigenen Jahre und die Jahre anderer vergeudest; 26 nimm dich zusammen, und denke, was du für dich 27 und die guten Geschöpfe zu thun hast, welche Natur 28 und Neigung so fest an dich knüpfte.



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1 Eigentlich war dieses Selbstgespräch nur eine Einleitung, 2 sich zu bekennen, daß er schon gedacht, gesorgt, 3 gesucht und gewählt hatte; er konnte nicht 4 länger zögern, sich es selbst zu gestehen. Nach oft 5 vergebens wiederholtem Schmerz über den Verlust 6 Marianens, fühlte er nur zu deutlich, daß er eine 7 Mutter für den Knaben suchen müsse, und daß er 8 sie nicht sichrer als in Theresen finden werde. Er 9 kannte dieses vortreffliche Frauenzimmer ganz. Eine 10 solche Gattin und Gehülfin schien die einzige zu sein, 11 der man sich und die Seinen anvertrauen könnte. 12 Ihre edle Neigung zu Lothario machte ihm keine 13 Bedenklichkeit. Sie waren durch ein sonderbares 14 Schicksal auf ewig getrennt, Therese hielt sich für 15 frei, und hatte von einer Heirath zwar mit Gleichgültigkeit, 16 doch als von einer Sache gesprochen, die 17 sich von selbst versteht.

18 Nachdem er lange mit sich zu Rathe gegangen 19 war, nahm er sich vor, ihr von sich zu sagen, so viel 20 er nur wußte. Sie sollte ihn kennen lernen, wie er 21 sie kannte, und er fing nun an, seine eigene Geschichte 22 durchzudenken; sie schien ihm an Begebenheiten so 23 leer und im Ganzen jedes Bekenntniß so wenig zu 24 seinem Vortheil, daß er mehr als einmal von dem 25 Vorsatz abzustehn im Begriff war. Endlich entschloß 26 er sich die Rolle seiner Lehrjahre aus dem Thurme 27 von Jarno zu verlangen; dieser sagte: Es ist eben 28 zur rechten Zeit, und Wilhelm erhielt sie.



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1 Es ist eine schauderhafte Empfindung, wenn ein 2 edler Mensch mit Bewußtsein auf dem Puncte steht, 3 wo er über sich selbst aufgeklärt werden soll. Alle 4 Übergänge sind Krisen, und ist eine Krise nicht 5 Krankheit? Wie ungern tritt man nach einer Krankheit 6 vor den Spiegel! Die Besserung fühlt man, 7 und man sieht nur die Wirkung des vergangenen 8 Übels. Wilhelm war indessen vorbereitet genug, die 9 Umstände hatten schon lebhaft zu ihm gesprochen, 10 seine Freunde hatten ihn eben nicht geschont, und 11 wenn er gleich das Pergament mit einiger Hast aufrollte, 12 so ward er doch immer ruhiger, je weiter er 13 las. Er fand die umständliche Geschichte seines Lebens 14 in großen scharfen Zügen geschildert; weder einzelne 15 Begebenheiten, noch beschränkte Empfindungen verwirrten 16 seinen Blick, allgemeine liebevolle Betrachtungen 17 gaben ihm Fingerzeige, ohne ihn zu beschämen, 18 und er sah zum erstenmal sein Bild außer sich, zwar 19 nicht, wie im Spiegel, ein zweites Selbst, sondern 20 wie im Porträt ein anderes Selbst: man bekennt 21 sich zwar nicht zu allen Zügen, aber man freut sich, 22 daß ein denkender Geist uns so hat fassen, ein großes 23 Talent uns so hat darstellen wollen, daß ein Bild 24 von dem, was wir waren, noch besteht, und daß es 25 länger als wir selbst dauern kann.

26 Wilhelm beschäftigte sich nunmehr, indem alle 27 Umstände durch dieß Manuskript in sein Gedächtniß 28 zurück kamen, die Geschichte seines Lebens für Theresen 

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1 aufzusetzen, und er schämte sich fast, daß er 2 gegen ihre großen Tugenden nichts aufzustellen hatte, 3 was eine zweckmäßige Thätigkeit beweisen konnte. 4 So umständlich er in dem Aufsatze war, so kurz 5 faßte er sich in dem Briefe, den er an sie schrieb; 6 er bat sie um ihre Freundschaft, um ihre Liebe, 7 wenn's möglich wäre; er bot ihr seine Hand an, und 8 bat sie um baldige Entscheidung.

9 Nach einigem innerlichen Streit, ob er diese wichtige 10 Sache noch erst mit seinen Freunden, mit Jarno 11 und dem Abbé berathen solle, entschied er sich zu 12 schweigen. Er war zu fest entschlossen, die Sache 13 war für ihn zu wichtig, als daß er sie noch hätte 14 dem Urtheil des vernünftigsten und besten Mannes 15 unterwerfen mögen; ja, sogar brauchte er die Vorsicht, 16 seinen Brief auf der nächsten Post selbst zu 17 bestellen. Vielleicht hatte ihm der Gedanke, daß er 18 in so vielen Umständen seines Lebens, in denen er 19 frei und im Verborgenen zu handeln glaubte, beobachtet, 20 ja sogar geleitet worden war, wie ihm aus 21 der geschriebenen Rolle nicht undeutlich erschien, eine 22 Art von unangenehmer Empfindung gegeben, und nun 23 wollte er, wenigstens zu Theresens Herzen, rein vom 24 Herzen reden, und ihrer Entschließung und Entscheidung 25 sein Schicksal schuldig sein, und so machte 26 er sich kein Gewissen, seine Wächter und Aufseher in 27 diesem wichtigen Puncte wenigstens zu umgehen.



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1 
Zweites Capitel.

[Lesarten]  2 Kaum war der Brief abgesendet, als Lothario 3 zurückkam. Jedermann freuete sich, die vorbereiteten 4 wichtigen Geschäfte abgeschlossen und bald geendigt zu 5 sehen, und Wilhelm erwartete mit Verlangen, wie 6 so viele Fäden theils neu geknüpft, theils aufgelös't, 7 und nun sein eignes Verhältniß auf die Zukunft 8 bestimmt werden sollte. Lothario begrüßte sie alle 9 auf's beste; er war völlig wieder hergestellt und 10 heiter, er hatte das Ansehen eines Mannes, der weiß, 11 was er thun soll, und dem in allem, was er thun 12 will, nichts im Wege steht.

13 Wilhelm konnte ihm seinen herzlichen Gruß nicht 14 zurückgeben. Dieß ist, mußte er zu sich selbst sagen, 15 der Freund, der Geliebte, der Bräutigam Theresens, 16 an dessen Statt du dich einzudrängen denkst. Glaubst 17 du denn jemals einen solchen Eindruck auszulöschen 18 oder zu verbannen? --- Wäre der Brief noch nicht 19 fort gewesen, er hätte vielleicht nicht gewagt ihn abzusenden. 20 Glücklicher Weise war der Wurf schon 21 gethan, vielleicht war Therese schon entschieden, nur 22 die Entfernung deckte noch eine glückliche Vollendung 

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1 mit ihrem Schleier. Gewinn und Verlust mußten 2 sich bald entscheiden. Er suchte sich durch alle diese 3 Betrachtungen zu beruhigen, und doch waren die 4 Bewegungen seines Herzens beinahe fieberhaft. Nur 5 wenig Aufmerksamkeit konnte er auf das wichtige 6 Geschäft wenden, woran gewissermaßen das Schicksal 7 seines ganzen Vermögens hing. Ach! wie unbedeutend 8 erscheint dem Menschen in leidenschaftlichen 9 Augenblicken alles was ihn umgibt, alles was ihm 10 angehört!

11 Zu seinem Glücke behandelte Lothario die Sache 12 groß, und Werner mit Leichtigkeit. Dieser hatte bei 13 seiner heftigen Begierde zum Erwerb eine lebhafte 14 Freude über den schönen Besitz, der ihm oder vielmehr 15 seinem Freunde werden sollte. Lothario von 16 seiner Seite schien ganz andere Betrachtungen zu 17 machen. Ich kann mich nicht sowohl über einen Besitz 18 freuen, sagte er, als über die Rechtmäßigkeit 19 desselben.

20 Nun, bei'm Himmel! rief Werner, wird denn 21 dieser unser Besitz nicht rechtmäßig genug?

22 Nicht ganz! versetzte Lothario.

23 Geben wir denn nicht unser baares Geld dafür?

24 Recht gut! sagte Lothario; auch werden Sie dasjenige, 25 was ich zu erinnern habe, vielleicht für einen 26 leeren Scrupel halten. Mir kommt kein Besitz ganz 27 rechtmäßig, ganz rein vor, als der dem Staate seinen 28 schuldigen Theil abträgt.



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1 Wie? sagte Werner, so wollten Sie also lieber, 2 daß unsere frei gekauften Güter steuerbar wären?

3 Ja, versetzte Lothario, bis auf einen gewissen 4 Grad: denn durch diese Gleichheit mit allen übrigen 5 Besitzungen entsteht ganz allein die Sicherheit des 6 Besitzes. Was hat der Bauer in den neuern Zeiten, 7 wo so viele Begriffe schwankend werden, für einen 8 Hauptanlaß, den Besitz des Edelmanns für weniger 9 gegründet anzusehen, als den seinigen? nur den, 10 daß jener nicht belastet ist, und auf ihn lastet.

11 Wie wird es aber mit den Zinsen unseres Capitals 12 aussehen? versetzte Werner.

13 Um nichts schlimmer! sagte Lothario, wenn uns 14 der Staat gegen eine billige regelmäßige Abgabe das 15 Lehns-Hocus-Pocus erlassen, und uns mit unsern 16 Gütern nach Belieben zu schalten erlauben wollte, 17 daß wir sie nicht in so großen Massen zusammenhalten 18 müßten, daß wir sie unter unsere Kinder 19 gleicher vertheilen könnten, um alle in eine lebhafte 20 freie Thätigkeit zu versetzen, statt ihnen nur die beschränkten 21 und beschränkenden Vorrechte zu hinterlassen, 22 welche zu genießen wir immer die Geister 23 unserer Vorfahren hervorrufen müssen. Wie viel 24 glücklicher wären Männer und Frauen, wenn sie mit 25 freien Augen umher sehen, und bald ein würdiges 26 Mädchen, bald einen trefflichen Jüngling, ohne 27 andere Rücksichten, durch ihre Wahl erheben könnten. 28 Der Staat würde mehr, vielleicht bessere Bürger 

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1 haben, und nicht so oft um Köpfe und Hände verlegen 2 sein.

3 Ich kann Sie versichern, sagte Werner, daß ich in 4 meinem Leben nie an den Staat gedacht habe; meine 5 Abgaben, Zölle und Geleite habe ich nur so bezahlt, 6 weil es einmal hergebracht ist.

7 Nun, sagte Lothario, ich hoffe Sie noch zum 8 guten Patrioten zu machen: denn wie der nur ein 9 guter Vater ist, der bei Tische erst seinen Kindern 10 vorlegt, so ist der nur ein guter Bürger, der vor 11 allen andern Ausgaben das, was er dem Staate zu 12 entrichten hat, zurücklegt.

13 Durch solche allgemeine Betrachtungen wurden 14 ihre besondern Geschäfte nicht aufgehalten, vielmehr 15 beschleunigt. Als sie ziemlich damit zu Stande 16 waren, sagte Lothario zu Wilhelmen: Ich muß Sie 17 nun an einen Ort schicken, wo Sie nöthiger sind als 18 hier: meine Schwester läßt Sie ersuchen sobald als 19 möglich zu ihr zu kommen; die arme Mignon scheint 20 sich zu verzehren, und man glaubt Ihre Gegenwart 21 könnte vielleicht noch dem Übel Einhalt thun. Meine 22 Schwester schickte mir dieses Billet noch nach, woraus 23 Sie sehen können, wie viel ihr daran gelegen ist. 24 Lothario überreichte ihm ein Blättchen. Wilhelm, 25 der schon in der größten Verlegenheit zugehört hatte, 26 erkannte sogleich an diesen flüchtigen Bleistiftzügen 27 die Hand der Gräfin, und wußte nicht, was er antworten 28 sollte.



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1 Nehmen Sie Felix mit, sagte Lothario, damit die 2 Kinder sich unter einander aufheitern. Sie müßten 3 morgen früh bei Zeiten weg; der Wagen meiner 4 Schwester, in welchem meine Leute hergefahren sind, 5 ist noch hier, ich gebe Ihnen Pferde bis auf halben 6 Weg, dann nehmen Sie Post. Leben Sie recht wohl, 7 und richten viele Grüße von mir aus. Sagen Sie 8 dabei meiner Schwester, ich werde sie bald wieder 9 sehen, und sie soll sich überhaupt auf einige Gäste 10 vorbereiten. Der Freund unseres Großoheims, der 11 Marchese Cipriani, ist auf dem Wege hierher zu 12 kommen; er hoffte den alten Mann noch am Leben 13 anzutreffen, und sie wollten sich zusammen an der 14 Erinnerung früherer Verhältnisse ergötzen, und sich 15 ihrer gemeinsamen Kunstliebhaberei erfreuen. Der 16 Marchese war viel jünger als mein Oheim, und verdankte 17 ihm den besten Theil seiner Bildung; wir 18 müssen alles aufbieten, um einigermaßen die Lücke 19 auszufüllen, die er finden wird, und das wird am 20 besten durch eine größere Gesellschaft geschehen.

21 Lothario ging darauf mit dem Abbé in sein 22 Zimmer, Jarno war vorher weggeritten; Wilhelm 23 eilte auf seine Stube; er hatte niemand, dem er sich 24 vertrauen, niemand, durch den er einen Schritt, vor 25 dem er sich so sehr fürchtete, hätte abwenden können. 26 Der kleine Diener kam, und ersuchte ihn einzupacken, 27 weil sie noch diese Nacht aufbinden wollten, um mit 28 Anbruch des Tages wegzufahren. Wilhelm wußte 

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1 nicht, was er thun sollte; endlich rief er aus: Du 2 willst nur machen, daß du aus diesem Hause kommst; 3 unterweges überlegst du, was zu thun ist, und bleibst 4 allenfalls auf der Hälfte des Weges liegen, schickst 5 einen Boten zurück, schreibst was du dir nicht zu 6 sagen getraust, und dann mag werden was will. 7 Ungeachtet dieses Entschlusses brachte er eine schlaflose 8 Nacht zu; nur ein Blick auf den so schön ruhenden 9 Felix gab ihm einige Erquickung. O! rief er aus, 10 wer weiß, was noch für Prüfungen auf mich warten, 11 wer weiß, wie sehr mich begangene Fehler noch 12 quälen, wie oft mir gute und vernünftige Plane für 13 die Zukunft mißlingen sollen; aber diesen Schatz, den 14 ich einmal besitze, erhalte mir, du erbittliches, oder 15 unerbittliches Schicksal! Wäre es möglich, daß dieser 16 beste Theil von mir selbst vor mir zerstört, daß 17 dieses Herz von meinem Herzen gerissen werden 18 könnte, so lebe wohl, Verstand und Vernunft, lebe 19 wohl, jede Sorgfalt und Vorsicht, verschwinde, du 20 Trieb zur Erhaltung! Alles, was uns vom Thiere 21 unterscheidet, verliere sich! und wenn es nicht erlaubt 22 ist, seine traurigen Tage freiwillig zu endigen, so 23 hebe ein frühzeitiger Wahnsinn das Bewußtsein auf, 24 ehe der Tod, der es auf immer zerstört, die lange 25 Nacht herbeiführt!

26 Er faßte den Knaben in seine Arme, küßte ihn, 27 drückte ihn an sich und benetzte ihn mit reichlichen 28 Thränen. Das Kind wachte auf; sein helles Auge, 

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1 sein freundlicher Blick rührten den Vater auf's 2 innigste. Welche Scene steht mir bevor, rief er aus, 3 wenn ich dich der schönen unglücklichen Gräfin vorstellen 4 soll, wenn sie dich an ihren Busen drückt, den 5 dein Vater so tief verletzt hat! Muß ich nicht fürchten, 6 sie stößt dich wieder von sich mit einem Schrei, sobald 7 deine Berührung ihren wahren oder eingebildeten 8 Schmerz erneuert!

9 Der Kutscher ließ ihm nicht Zeit weiter zu denken 10 oder zu wählen, er nöthigte ihn vor Tage in den 11 Wagen; nun wickelte er seinen Felix wohl ein, der 12 Morgen war kalt aber heiter, das Kind sah zum 13 erstenmal in seinem Leben die Sonne aufgehn. Sein 14 Erstaunen über den ersten feurigen Blick, über die 15 wachsende Gewalt des Lichts, seine Freude und seine 16 wunderlichen Bemerkungen erfreuten den Vater, und 17 ließen ihn einen Blick in das Herz thun, vor welchem 18 die Sonne wie über einem reinen stillen See empor 19 steigt und schwebt.

20 In einer kleinen Stadt spannte der Kutscher aus 21 und ritt zurück. Wilhelm nahm sogleich ein Zimmer 22 in Besitz, und fragte sich nun, ob er bleiben oder 23 vorwärts gehen solle? In dieser Unentschlossenheit 24 wagte er das Blättchen wieder hervorzunehmen, das 25 er bisher nochmals anzusehen nicht getraut hatte, es 26 enthielt folgende Worte: Schicke mir deinen jungen 27 Freund ja bald; Mignon hat sich diese beiden letzten 28 Tage eher verschlimmert. So traurig diese Gelegenheit 

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1 ist, so soll mich's doch freuen ihn kennen zu 2 lernen.

3 Die letzten Worte hatte Wilhelm bei'm ersten 4 Blick nicht bemerkt. Er erschrak darüber, und war 5 sogleich entschieden, daß er nicht gehen wollte. Wie? 6 rief er aus, Lothario, der das Verhältniß weiß, hat 7 ihr nicht eröffnet wer ich bin? Sie erwartet nicht 8 mit gesetztem Gemüth einen Bekannten, den sie lieber 9 nicht wieder sähe, sie erwartet einen Fremden, und 10 ich trete hinein! Ich sehe sie zurückschaudern, ich 11 sehe sie erröthen! Nein, es ist mir unmöglich dieser 12 Scene entgegen zu gehen. So eben wurden die 13 Pferde herausgeführt und eingespannt; Wilhelm war 14 entschlossen abzupacken und hier zu bleiben. Er war 15 in der größten Bewegung. Als er ein Mädchen zur 16 Treppe herauf kommen hörte, die ihm anzeigen 17 wollte, daß alles fertig sei, sann er geschwind 18 auf eine Ursache, die ihn hier zu bleiben nöthigte, 19 und seine Augen ruhten ohne Aufmerksamkeit 20 auf dem Billet, das er in der Hand hielt. Um 21 Gottes Willen! rief er aus, was ist das? das ist 22 nicht die Hand der Gräfin, es ist die Hand der 23 Amazone!

24 Das Mädchen trat herein, bat ihn herunter zu 25 kommen, und führte Felix mit sich fort. Ist es 26 möglich? rief er aus, ist es wahr? was soll ich thun? 27 bleiben und abwarten und aufklären? oder eilen? 28 eilen und mich einer Entwicklung entgegenstürzen? 

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1 Du bist auf dem Wege zu ihr, und kannst zaudern? 2 Diesen Abend sollst du sie sehen, und willst dich freiwillig 3 in's Gefängniß einsperren? Es ist ihre Hand, 4 ja sie ist's! diese Hand beruft dich, ihr Wagen ist angespannt, 5 dich zu ihr zu führen, nun lös't sich das 6 Räthsel: Lothario hat zwei Schwestern. Er weiß 7 mein Verhältniß zu der einen; wie viel ich der andern 8 schuldig bin, ist ihm unbekannt. Auch sie weiß 9 nicht, daß der verwundete Vagabund, der ihr, wo 10 nicht sein Leben, doch seine Gesundheit verdankt, in 11 dem Hause ihres Bruders so unverdient gütig aufgenommen 12 worden ist.

13 Felix, der sich unten im Wagen schaukelte, rief: 14 Vater, komm! o komm! sieh die schönen Wolken, die 15 schönen Farben! Ja, ich komme, rief Wilhelm, indem 16 er die Treppe hinunter sprang, und alle Erscheinungen 17 des Himmels, die du gutes Kind noch 18 sehr bewunderst, sind nichts gegen den Anblick, den 19 ich erwarte.

20 Im Wagen sitzend rief er nun alle Verhältnisse 21 in sein Gedächtniß zurück. So ist also auch diese 22 Natalie die Freundin Theresens! welch eine Entdeckung, 23 welche Hoffnung und welche Aussichten! 24 Wie seltsam, daß die Furcht, von der einen Schwester 25 reden zu hören, mir das Dasein der andern ganz 26 und gar verbergen konnte! Mit welcher Freude sah 27 er seinen Felix an; er hoffte für den Knaben wie 28 für sich die beste Aufnahme.



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1 Der Abend kam heran, die Sonne war untergegangen, 2 der Weg nicht der beste, der Postillon fuhr 3 langsam, Felix war eingeschlafen, und neue Sorgen 4 und Zweifel stiegen in dem Busen unseres Freundes 5 auf. Von welchem Wahn, von welchen Einfällen 6 wirst du beherrscht! sagte er zu sich selbst: eine ungewisse 7 Ähnlichkeit der Handschrift macht dich auf 8 einmal sicher, und gibt dir Gelegenheit, das wunderbarste 9 Mährchen auszudenken. Er nahm das Billet 10 wieder vor, und bei dem abgehenden Tageslicht 11 glaubte er wieder die Handschrift der Gräfin zu 12 erkennen; seine Augen wollten im Einzelnen nicht 13 wieder finden, was ihm sein Herz im Ganzen auf 14 einmal gesagt hatte. --- So ziehen dich denn doch 15 diese Pferde zu einer schrecklichen Scene! wer weiß 16 ob sie dich nicht in wenig Stunden schon wieder 17 zurück führen werden? Und wenn du sie nur noch 18 allein anträfest; aber vielleicht ist ihr Gemahl gegenwärtig, 19 vielleicht die Baronesse! Wie verändert 20 werde ich sie finden! Werde ich vor ihr auf den 21 Füßen stehen können?

22 Nur eine schwache Hoffnung, daß er seiner Amazone 23 entgegen gehe, konnte manchmal durch die trüben 24 Vorstellungen durchblicken. Es war Nacht geworden, 25 der Wagen rasselte in einen Hof hinein, und hielt 26 still; ein Bedienter, mit einer Wachsfackel, trat aus 27 einem prächtigen Portal hervor, und kam die breiten 28 Stufen hinunter, bis an den Wagen. Sie werden 

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1 schon lange erwartet, sagte er, indem er das Leder 2 aufschlug. Wilhelm, nachdem er ausgestiegen war, 3 nahm den schlafenden Felix auf den Arm, und der 4 erste Bediente rief zu einem zweiten, der mit einem 5 Lichte in der Thüre stand: Führe den Herrn gleich zur 6 Baronesse.

7 Blitzschnell fuhr Wilhelmen durch die Seele: Welch 8 ein Glück! es sei vorsätzlich oder zufällig, die Baronesse 9 ist hier! ich soll sie zuerst sehen! wahrscheinlich 10 schläft die Gräfin schon! Ihr guten Geister, helft, 11 daß der Augenblick der größten Verlegenheit leidlich 12 vorübergehe!

13 Er trat in das Haus, und fand sich an dem 14 ernsthaftesten, seinem Gefühle nach, dem heiligsten 15 Orte, den er je betreten hatte. Eine herabhängende 16 blendende Laterne erleuchtete eine breite sanfte Treppe, 17 die ihm entgegenstand, und sich oben bei'm Umwenden 18 in zwei Theile theilte. Marmorne Statuen 19 und Büsten standen auf Piedestalen und in Nischen 20 geordnet; einige schienen ihm bekannt. Jugendeindrücke 21 verlöschen nicht auch in ihren kleinsten 22 Theilen. Er erkannte eine Muse, die seinem Großvater 23 gehört hatte, zwar nicht an ihrer Gestalt und 24 an ihrem Werth, doch an einem restaurirten Arme 25 und an den neueingesetzten Stücken des Gewandes. 26 Es war, als wenn er ein Mährchen erlebte. Das 27 Kind ward ihm schwer; er zauderte auf den Stufen, 28 und kniete nieder, als ob er es bequemer fassen 

[Seite 155]

1 wollte. Eigentlich aber bedurfte er einer augenblicklichen 2 Erholung. Er konnte kaum sich wieder 3 aufheben. Der vorleuchtende Bediente wollte ihm 4 das Kind abnehmen, er konnte es nicht von sich 5 lassen. Darauf trat er in den Vorsaal, und zu 6 seinem noch größern Erstaunen erblickte er das wohlbekannte 7 Bild vom kranken Königssohn an der Wand. 8 Er hatte kaum Zeit einen Blick darauf zu werfen, 9 der Bediente nöthigte ihn durch ein Paar Zimmer 10 in ein Kabinett. Dort, hinter einem Lichtschirme, 11 der sie beschattete, saß ein Frauenzimmer und las. 12 O daß sie es wäre! sagte er zu sich selbst in diesem 13 entscheidenden Augenblick. Er setzte das Kind nieder, 14 das aufzuwachen schien, und dachte sich der Dame 15 zu nähern, aber das Kind sank schlaftrunken zusammen, 16 das Frauenzimmer stand auf und kam ihm 17 entgegen. Die Amazone war's! er konnte sich nicht 18 halten, stürzte auf seine Knie, und rief aus: Sie 19 ist's! er faßte ihre Hand, und küßte sie mit unendlichem 20 Entzücken. Das Kind lag zwischen ihnen 21 beiden auf dem Teppich und schlief sanft.

22 Felix ward auf das Canapee gebracht, Natalie 23 setzte sich zu ihm, sie hieß Wilhelmen auf den Sessel 24 sitzen, der zunächst dabei stand. Sie bot ihm einige 25 Erfrischungen an, die er ausschlug, indem er nur 26 beschäftigt war, sich zu versichern, daß sie es sei, 27 und ihre, durch den Lichtschirm beschatteten Züge 28 genau wieder zu sehen, und sicher wieder zu erkennen. 

[Seite 156]

1 Sie erzählte ihm von Mignons Krankheit im Allgemeinen, 2 daß das Kind von wenigen tiefen Empfindungen 3 nach und nach aufgezehrt werde, daß es 4 bei seiner großen Reizbarkeit, die es verberge, von 5 einem Krampf an seinem armen Herzen oft heftig 6 und gefährlich leide, daß dieses erste Organ des Lebens, 7 bei unvermutheten Gemüthsbewegungen, manchmal 8 plötzlich stille stehe, und keine Spur der heilsamen 9 Lebensregung in dem Busen des guten Kindes gefühlt 10 werden könne. Sei dieser ängstliche Krampf 11 vorbei, so äußere sich die Kraft der Natur wieder in 12 gewaltsamen Pulsen, und ängstige das Kind nunmehr 13 durch Übermaß, wie es vorher durch Mangel gelitten 14 habe.

15 Wilhelm erinnerte sich einer solchen krampfhaften 16 Scene, und Natalie bezog sich auf den Arzt, 17 der weiter mit ihm über die Sache sprechen, und die 18 Ursache, warum man den Freund und Wohlthäter 19 des Kindes gegenwärtig herbeigerufen, umständlicher 20 vorlegen würde. Eine sonderbare Veränderung, fuhr 21 Natalie fort, werden Sie an ihr finden; sie geht 22 nunmehr in Frauenkleidern, vor denen sie sonst einen 23 so großen Abscheu zu haben schien.

24 Wie haben Sie das erreicht? fragte Wilhelm.

25 Wenn es wünschenswerth war, so sind wir es 26 nur dem Zufall schuldig. Hören Sie, wie es zugegangen 27 ist. Sie wissen vielleicht, daß ich immer 28 eine Anzahl junger Mädchen um mich habe, deren 

[Seite 157]

1 Gesinnungen ich, indem sie neben mir aufwachsen, 2 zum Guten und Rechten zu bilden wünsche. Aus 3 meinem Munde hören sie nichts, als was ich selber 4 für wahr halte, doch kann ich und will ich nicht 5 hindern, daß sie nicht auch von andern manches vernehmen, 6 was als Irrthum, als Vorurtheil in der 7 Welt gäng und gäbe ist. Fragen sie mich darüber, 8 so suche ich, so viel nur möglich ist, jene fremden 9 ungehörigen Begriffe irgendwo an einen richtigen 10 anzuknüpfen, um sie dadurch, wo nicht nützlich, doch 11 unschädlich zu machen. Schon seit einiger Zeit hatten 12 meine Mädchen, aus dem Munde der Bauerkinder, 13 gar manches von Engeln, vom Knechte Ruprecht, vom 14 heiligen Christe vernommen, die zu gewissen Zeiten 15 in Person erscheinen, gute Kinder beschenken und 16 unartige bestrafen sollten. Sie hatten eine Vermuthung, 17 daß es verkleidete Personen sein müßten, 18 worin ich sie denn auch bestärkte, und, ohne mich 19 viel auf Deutungen einzulassen, mir vornahm, ihnen 20 bei der ersten Gelegenheit ein solches Schauspiel zu 21 geben. Es fand sich eben, daß der Geburtstag von 22 Zwillingsschwestern, die sich immer sehr gut betragen 23 hatten, nahe war; ich versprach, daß ihnen dießmal 24 ein Engel die kleinen Geschenke bringen sollte, die sie 25 so wohl verdient hätten. Sie waren äußerst gespannt 26 auf diese Erscheinung. Ich hatte mir Mignon zu 27 dieser Rolle ausgesucht, und sie ward an dem bestimmten 28 Tage in ein langes, leichtes, weißes Gewand 

[Seite 158]

1 anständig gekleidet. Es fehlte nicht an einem 2 goldenen Gürtel um die Brust und an einem gleichen 3 Diadem in den Haaren. Anfangs wollte ich die 4 Flügel weglassen, doch bestanden die Frauenzimmer, 5 die sie anputzten, auf ein Paar großer goldner 6 Schwingen, an denen sie recht ihre Kunst zeigen 7 wollten. So trat, mit einer Lilie in der einen Hand 8 und mit einem Körbchen in der andern, die wundersame 9 Erscheinung in die Mitte der Mädchen, und 10 überraschte mich selbst. Da kommt der Engel! sagte 11 ich. Die Kinder traten alle wie zurück; endlich 12 riefen sie aus: Es ist Mignon! und getrauten sich 13 doch nicht, dem wundersamen Bilde näher zu treten.

14 Hier sind eure Gaben, sagte sie, und reichte das 15 Körbchen hin. Man versammelte sich um sie, man 16 betrachtete, man befühlte, man befragte sie.

17 Bist du ein Engel? fragte das eine Kind.

18 Ich wollte, ich wär' es, versetzte Mignon.

19 Warum trägst du eine Lilie?

20 So rein und offen sollte mein Herz sein, dann 21 wär' ich glücklich.

22 Wie ist's mit den Flügeln? Laß sie sehen!

23 Sie stellen schönere vor, die noch nicht entfaltet 24 sind.

25 Und so antwortete sie bedeutend auf jede unschuldige 26 leichte Frage. Als die Neugierde der kleinen Gesellschaft 27 befriedigt war, und der Eindruck dieser Erscheinung 28 stumpf zu werden anfing, wollte man sie 

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1 wieder auskleiden. Sie verwehrte es, nahm ihre 2 Cither, setzte sich hier auf diesen hohen Schreibtisch 3 hinauf, und sang ein Lied mit unglaublicher Anmuth.



4     So laßt mich scheinen, bis ich werde;
5     Zieht mir das weiße Kleid nicht aus!
6     Ich eile von der schönen Erde
7     Hinab in jenes feste Haus.

8     Dort ruh' ich eine kleine Stille,
9     Dann öffnet sich der frische Blick,
10     Ich lasse dann die reine Hülle,
11     Den Gürtel und den Kranz zurück.

12     Und jene himmlischen Gestalten
13     Sie fragen nicht nach Mann und Weib,
14     Und keine Kleider, keine Falten
15     Umgeben den verklärten Leib.

16     Zwar lebt' ich ohne Sorg' und Mühe,
17     Doch fühlt' ich tiefen Schmerz genung;
18     Vor Kummer altert' ich zu frühe;
19     Macht mich auf ewig wieder jung!

20 Ich entschloß mich sogleich, fuhr Natalie fort, ihr 21 das Kleid zu lassen, und ihr noch einige der Art 22 anzuschaffen, in denen sie nun auch geht, und in 23 denen, wie es mir scheint, ihr Wesen einen ganz 24 andern Ausdruck hat.

25 Da es schon spät war, entließ Natalie den Ankömmling, 26 der nicht ohne einige Bangigkeit sich von 27 ihr trennte. Ist sie verheirathet oder nicht? dachte 28 er bei sich selbst. Er hatte gefürchtet, so oft sich 

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1 etwas regte, eine Thüre möchte sich aufthun, und der 2 Gemahl hereintreten. Der Bediente, der ihn in sein 3 Zimmer einließ, entfernte sich schneller, als er Muth 4 gefaßt hatte, nach diesem Verhältniß zu fragen. Die 5 Unruhe hielt ihn noch eine Zeitlang wach, und er 6 beschäftigte sich das Bild der Amazone mit dem 7 Bilde seiner neuen gegenwärtigen Freundin zu vergleichen. 8 Sie wollten noch nicht mit einander zusammenfließen; 9 jenes hatte er sich gleichsam geschaffen, 10 und dieses schien fast ihn umschaffen zu wollen.



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1 
Drittes Capitel.

[Lesarten]  2 Den andern Morgen, da noch alles still und 3 ruhig war, ging er sich im Hause umzusehen. Es 4 war die reinste, schönste, würdigste Baukunst, die er 5 gesehen hatte. Ist doch wahre Kunst, rief er aus, 6 wie gute Gesellschaft: sie nöthigt uns auf die angenehmste 7 Weise das Maß zu erkennen, nach dem 8 und zu dem unser Innerstes gebildet ist. Unglaublich 9 angenehm war der Eindruck, den die Statuen und 10 Büsten seines Großvaters auf ihn machten. Mit 11 Verlangen eilte er dem Bilde vom kranken Königssohn 12 entgegen, und noch immer fand er es reizend 13 und rührend. Der Bediente öffnete ihm verschiedene 14 andere Zimmer; er fand eine Bibliothek, eine 15 Naturaliensammlung, ein physikalisches Kabinett. 16 Er fühlte sich so fremd vor allen diesen Gegenständen. 17 Felix war indessen erwacht und ihm nachgesprungen; 18 der Gedanke, wie und wann er Theresens Brief erhalten 19 werde, machte ihm Sorge; er fürchtete sich 20 vor dem Anblick Mignons, gewissermaßen vor dem 21 Anblick Nataliens. Wie ungleich war sein gegenwärtiger 22 Zustand mit jenen Augenblicken, als er den 

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1 Brief an Theresen gesiegelt hatte, und mit frohem 2 Muth sich ganz einem so edlen Wesen hingab.

3 Natalie ließ ihn zum Frühstück einladen. Er trat 4 in ein Zimmer, in welchem verschiedene reinlich gekleidete 5 Mädchen, alle, wie es schien, unter zehn 6 Jahren, einen Tisch zurechte machten, indem eine 7 ältliche Person verschiedene Arten von Getränken 8 hereinbrachte.

9 Wilhelm beschaute ein Bild, das über dem Canapee 10 hing, mit Aufmerksamkeit, er mußte es für das Bild 11 Nataliens erkennen, so wenig es ihm genug thun 12 wollte. Natalie trat herein, und die Ähnlichkeit schien 13 ganz zu verschwinden. Zu seinem Troste hatte es ein 14 Ordenskreuz an der Brust, und er sah ein gleiches 15 an der Brust Nataliens.

16 Ich habe das Porträt hier angesehen, sagte er zu 17 ihr, und mich verwundert, wie ein Mahler zugleich 18 so wahr und so falsch sein kann. Das Bild gleicht 19 Ihnen, im Allgemeinen, recht sehr gut, und doch sind 20 es weder Ihre Züge noch Ihr Charakter.

21 Es ist vielmehr zu verwundern, versetzte Natalie, 22 daß es so viel Ähnlichkeit hat; denn es ist gar mein 23 Bild nicht; es ist das Bild einer Tante, die mir noch 24 in ihrem Alter glich, da ich erst ein Kind war. Es 25 ist gemahlt, als sie ungefähr meine Jahre hatte, und 26 bei'm ersten Anblick glaubt jedermann mich zu sehen. 27 Sie hätten diese treffliche Person kennen sollen. Ich 28 bin ihr so viel schuldig. Eine sehr schwache Gesundheit, 

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1 vielleicht zu viel Beschäftigung mit sich selbst, 2 und dabei eine sittliche und religiöse Ängstlichkeit 3 ließen |sie das |der Welt nicht sein, was sie unter 4 andern, Umständen hätte werden können. Sie war 5 ein Licht, das nur wenigen Freunden und mir besonders 6 leuchtete.

7 Wäre es möglich, versetzte Wilhelm, der sich einen 8 Augenblick besonnen hatte, indem nun auf einmal so 9 vielerlei Umstände ihm zusammentreffend erschienen, 10 wäre es möglich, daß jene schöne herrliche Seele, deren 11 stille Bekenntnisse auch mir mitgetheilt worden sind, 12 Ihre Tante sei?

13 Sie haben das Heft gelesen? fragte Natalie.

14 Ja! versetzte Wilhelm, mit der größten Theilnahme 15 und nicht ohne Wirkung auf mein ganzes Leben. Was 16 mir am meisten aus dieser Schrift entgegen leuchtete, 17 war, ich möchte so sagen, die Reinlichkeit des Daseins, 18 nicht allein ihrer selbst, sondern auch alles dessen, 19 was sie umgab, diese Selbstständigkeit ihrer Natur 20 und die Unmöglichkeit, etwas in sich aufzunehmen, 21 was mit der edlen liebevollen Stimmung nicht harmonisch 22 war.

23 So sind Sie, versetzte Natalie, billiger, ja ich darf 24 wohl sagen, gerechter gegen diese schöne Natur, als 25 manche anderen, denen man |auch dieses Manuscript 26 mitgetheilt hat. Jeder gebildete Mensch weiß, wie 27 sehr er an sich und andern mit einer gewissen Rohheit 28 zu kämpfen hat, wie viel ihn seine Bildung 

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1 kostet, und wie sehr er doch in gewissen Fällen nur 2 an sich selbst denkt, und vergißt, was er andern 3 schuldig ist. Wie oft macht der gute Mensch sich Vorwürfe, 4 daß er nicht zart genug gehandelt habe; und 5 doch, wenn nun eine schöne Natur sich allzu zart, 6 sich allzu gewissenhaft bildet, ja, wenn man will, sich 7 überbildet, für diese scheint keine Duldung, keine Nachsicht 8 in der Welt zu sein. Dennoch sind die Menschen 9 dieser Art außer uns, was die Ideale im Innern 10 sind, Vorbilder, nicht zum Nachahmen, sondern zum 11 Nachstreben. Man lacht über die Reinlichkeit der 12 Holländerinnen, aber wäre Freundin Therese was sie 13 ist, wenn ihr nicht eine ähnliche Idee in ihrem Hauswesen 14 immer vorschwebte?

15 So finde ich also, rief Wilhelm aus, in Theresens 16 Freundin jene Natalie vor mir, an welcher das Herz 17 jener köstlichen Verwandten hing, jene Natalie, die 18 von Jugend an so theilnehmend, so liebevoll und 19 hülfreich war! Nur aus einem solchen Geschlecht 20 konnte eine solche Natur entstehen! Welch eine Aussicht 21 eröffnet sich vor mir, da ich auf einmal Ihre 22 Voreltern und den ganzen Kreis, dem Sie angehören, 23 überschaue.

24 Ja! versetzte Natalie, Sie könnten in einem gewissen 25 Sinne nicht besser von uns unterrichtet sein, 26 als durch den Aufsatz unserer Tante; freilich hat ihre 27 Neigung zu mir sie zu viel Gutes von dem Kinde 28 sagen lassen. Wenn man von einem Kinde redet, 

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1 spricht man niemals den Gegenstand, immer nur 2 seine Hoffnungen aus.

3 Wilhelm hatte indessen schnell überdacht, daß er 4 nun auch von Lothario's Herkunft und früher Jugend 5 unterrichtet sei; die schöne Gräfin erschien ihm als 6 Kind mit den Perlen ihrer Tante um den Hals; auch 7 er war diesen Perlen so nahe gewesen, als ihre zarten 8 liebevollen Lippen sich zu den seinigen herunter neigten; 9 er suchte diese schönen Erinnerungen durch andere 10 Gedanken zu entfernen. Er lief die Bekanntschaften 11 durch, die ihm jene Schrift verschafft hatte. So bin 12 ich denn, rief er aus, in dem Hause des würdigen 13 Oheims! Es ist kein Haus, es ist ein Tempel, und 14 Sie sind die würdige Priesterin, ja der Genius selbst; 15 ich werde mich des Eindrucks von gestern Abend zeitlebens 16 erinnern, als ich hereintrat, und die alten 17 Kunstbilder der frühsten Jugend wieder vor mir 18 standen. Ich erinnerte mich der mitleidigen Marmorbilder 19 in Mignons Lied; aber diese Bilder hatten 20 über mich nicht zu trauern, sie sahen mich mit hohem 21 Ernst an, und schlossen meine früheste Zeit unmittelbar 22 an diesen Augenblick. Diesen unsern alten Familienschatz, 23 diese Lebensfreude meines Großvaters, 24 finde ich hier, zwischen so vielen andern würdigen 25 Kunstwerken aufgestellt, und mich, den die Natur zum 26 Liebling dieses guten alten Mannes gemacht hatte, 27 mich Unwürdigen, finde ich nun auch hier, o Gott! 28 in welchen Verbindungen, in welcher Gesellschaft!



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1 Die weibliche Jugend hatte nach und nach das 2 Zimmer verlassen, um ihren kleinen Beschäftigungen 3 nachzugehn. Wilhelm, der mit Natalien allein geblieben 4 war, mußte ihr seine letzten Worte deutlicher 5 erklären. Die Entdeckung, daß ein schätzbarer Theil 6 der aufgestellten Kunstwerke seinem Großvater angehört 7 hatte, gab eine sehr heitere gesellige Stimmung. 8 So wie er durch jenes Manuscript mit dem Hause 9 bekannt worden war, so fand er sich nun auch gleichsam 10 in seinem Erbtheile wieder. Nun wünschte er 11 Mignon zu sehen; die Freundin bat ihn sich noch 12 so lange zu gedulden, bis der Arzt, der in die Nachbarschaft 13 gerufen worden, wieder zurück käme. Man 14 kann leicht denken, daß es derselbe kleine thätige Mann 15 war, den wir schon kennen, und dessen auch die Bekenntnisse 16 einer schönen Seele erwähnten.

17 Da ich mich, fuhr Wilhelm fort, mitten in jenem 18 Familienkreis befinde, so ist ja wohl der Abbé, dessen 19 jene Schrift erwähnt, auch der wunderbare unerklärliche 20 Mann, den ich in dem Hause Ihres Bruders, 21 nach den seltsamsten Ereignissen, wiedergefunden habe? 22 Vielleicht geben Sie mir einige nähere Aufschlüsse 23 über ihn?

24 Natalie versetzte: Über ihn wäre vieles zu sagen; 25 wovon ich am genauesten unterrichtet bin, ist der Einfluß, 26 den er auf unsere Erziehung gehabt hat. Er 27 war, wenigstens eine Zeitlang, überzeugt, daß die 28 Erziehung sich nur an die Neigung anschließen müsse; 

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1 wie er jetzt denkt, kann ich nicht sagen. Er behauptete: 2 das erste und letzte am Menschen sei Thätigkeit, 3 und man könne nichts thun, ohne die Anlage dazu 4 zu haben, ohne den Instinct, der uns dazu treibe. 5 Man gibt zu, pflegte er zu sagen, daß Poeten geboren 6 werden, man gibt es bei allen Künsten zu, weil man 7 muß, und weil jene Wirkungen der menschlichen Natur 8 kaum scheinbar nachgeäfft werden können; aber wenn 9 man es genau betrachtet, so wird jede auch nur die 10 geringste Fähigkeit uns angeboren, und es gibt keine 11 unbestimmte Fähigkeit. Nur unsere zweideutige zerstreute 12 Erziehung macht die Menschen ungewiß; sie 13 erregt Wünsche statt Triebe zu beleben, und anstatt 14 den wirklichen Anlagen aufzuhelfen, richtet sie das 15 Streben nach Gegenständen, die so oft mit der Natur, 16 die sich nach ihnen bemüht, nicht übereinstimmen. Ein 17 Kind, ein junger Mensch, die auf ihrem eigenen Wege 18 irre gehen, sind mir lieber als manche, die auf fremdem 19 Wege recht wandeln. Finden jene, entweder durch 20 sich selbst, oder durch Anleitung, den rechten Weg, 21 das ist den, der ihrer Natur gemäß ist, so werden sie 22 ihn nie verlassen, anstatt daß diese jeden Augenblick 23 in Gefahr sind, ein fremdes Joch abzuschütteln, und 24 sich einer unbedingten Freiheit zu übergeben.

25 Es ist sonderbar, sagte Wilhelm, daß dieser merkwürdige 26 Mann auch an mir Theil genommen, und 27 mich, wie es scheint, nach seiner Weise, wo nicht geleitet, 28 doch wenigstens eine Zeitlang in meinen Irrthümern 

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1 gestärkt hat. Wie er es künftig verantworten 2 will, daß er, in Verbindung mit mehreren, mich gleichsam 3, 4 zum Besten hatte, muß ich wohl mit Geduld erwarten.

5 Ich habe mich nicht über diese Grille, wenn sie 6 eine ist, zu beklagen, sagte Natalie: denn ich bin freilich 7 unter meinen Geschwistern am besten dabei gefahren. 8 Auch seh' ich nicht, wie mein Bruder Lothario 9 hätte schöner ausgebildet werden können; nur hätte 10 vielleicht meine gute Schwester, die Gräfin, anders 11 behandelt werden sollen, vielleicht hätte man ihrer 12 Natur etwas mehr Ernst und Stärke einflößen können. 13 Was aus Bruder Friedrich werden soll, läßt sich gar 14 nicht denken; ich fürchte, er wird das Opfer dieser 15 pädagogischen Versuche werden.

16 Sie haben noch einen Bruder? rief Wilhelm.

17 Ja! versetzte Natalie, und zwar eine sehr lustige 18 leichtfertige Natur, und da man ihn nicht abgehalten 19 hatte in der Welt herumzufahren, so weiß ich nicht, 20 was aus diesem losen lockern Wesen werden soll. 21 Ich habe ihn seit langer Zeit nicht gesehen. Das 22 einzige beruhigt mich, daß der Abbé, und überhaupt 23 die Gesellschaft meines Bruders, jederzeit unterrichtet 24 sind, wo er sich aufhält und was er treibt.

25 Wilhelm war eben im Begriff Nataliens Gedanken 26 sowohl über diese Paradoxen zu erforschen, als auch 27 über die geheimnißvolle Gesellschaft von ihr Aufschlüsse 28 zu begehren, als der Medicus hereintrat, und nach dem 

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1 ersten Willkommen sogleich von Mignons Zustande 2 zu sprechen anfing.

3 Natalie, die darauf den Felix bei der Hand nahm, 4 sagte, sie wolle ihn zu Mignon führen, und das Kind 5 auf die Erscheinung seines Freundes vorbereiten.

6 Der Arzt war nunmehr mit Wilhelm allein, und 7 fuhr fort: Ich habe Ihnen wunderbare Dinge zu erzählen, 8 die Sie kaum vermuthen. Natalie läßt uns 9 Raum, damit wir freier von Dingen sprechen können, 10 die, ob ich sie gleich nur durch sie selbst erfahren 11 konnte, doch in ihrer Gegenwart so frei nicht abgehandelt 12 werden dürften. Die sonderbare Natur des 13 guten Kindes, von dem jetzt die Rede ist, besteht beinah 14 nur aus einer tiefen Sehnsucht; das Verlangen, 15 ihr Vaterland wieder zu sehen, und das Verlangen 16 nach Ihnen, mein Freund, ist, möchte ich fast sagen, 17 das einzige Irdische an ihr; beides greift nur in eine 18 unendliche Ferne, beide Gegenstände liegen unerreichbar 19 vor diesem einzigen Gemüth. Sie mag in der 20 Gegend von Mailand zu Hause sein, und ist in sehr 21 früher Jugend durch eine Gesellschaft Seiltänzer ihren 22 Eltern entführt worden. Näheres kann man von ihr 23 nicht erfahren, theils weil sie zu jung war, um Ort 24 und Namen genau angeben zu können, besonders aber, 25 weil sie einen Schwur gethan hat, keinem lebendigen 26 Menschen ihre Wohnung und Herkunft näher zu bezeichnen. 27 Denn eben jene Leute, die sie in der Irre 28 fanden, und denen sie ihre Wohnung so genau beschrieb, 

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1 mit so dringenden Bitten sie nach Hause zu 2 führen, nahmen sie nur desto eiliger mit sich fort, 3 und scherzten Nachts in der Herberge, da sie glaubten 4 das Kind schlafe schon, über den guten Fang, und 5 betheuerten, daß es den Weg zurück nicht wieder finden 6 sollte. Da überfiel das arme Geschöpf eine gräßliche 7 Verzweiflung, in der ihm zuletzt die Mutter Gottes 8 erschien, und es versicherte, daß sie sich seiner annehmen 9 wolle. Es schwur darauf bei sich selbst einen heiligen 10 Eid, daß sie künftig niemand mehr vertrauen, niemand 11 ihre Geschichte erzählen und in der Hoffnung 12 einer unmittelbaren göttlichen Hülfe leben und sterben 13 wolle. Selbst dieses, was ich Ihnen hier erzähle, 14 hat sie Natalien nicht ausdrücklich vertraut; unsere 15 werthe Freundin hat es aus einzelnen Äußerungen, 16 aus Liedern und kindlichen Unbesonnenheiten, die gerade 17, 18 das verrathen, was sie verschweigen wollen, zusammengereiht.

19 Wilhelm konnte sich nunmehr manches Lied, manches 20 Wort dieses guten Kindes erklären. Er bat seinen 21 Freund auf's dringendste, ihm ja nichts vorzuenthalten, 22 was ihm von den sonderbaren Gesängen und Bekenntnissen 23 des einzigen Wesens bekannt worden sei.

24 O! sagte der Arzt, bereiten Sie sich auf ein sonderbares 25 Bekenntniß, auf eine Geschichte, an der Sie, 26 ohne sich zu erinnern, viel Antheil haben, die, wie 27 ich fürchte, für Tod und Leben dieses guten Geschöpfs 28 entscheidend ist.



[Seite 171]

1 Lassen Sie mich hören, versetzte Wilhelm, ich bin 2 äußerst ungeduldig.

3 Erinnern Sie sich, sagte der Arzt, eines geheimen, 4 nächtlichen, weiblichen Besuchs nach der Aufführung 5 des Hamlets?

6 Ja, ich erinnere mich dessen wohl! rief Wilhelm 7 beschämt, aber ich glaubte nicht in diesem Augenblick 8 daran erinnert zu werden.

9 Wissen Sie, wer es war?

10 Nein! Sie erschrecken mich! um's Himmels willen, 11 doch nicht Mignon? wer war's? sagen Sie mir's!

12 Ich weiß es selbst nicht.

13 Also nicht Mignon?

14 Nein, gewiß nicht! aber Mignon war im Begriff 15 sich zu Ihnen zu schleichen, und mußte aus einem 16 Winkel mit Entsetzen sehen, daß eine Nebenbuhlerin 17 ihr zuvorkam.

18 Eine Nebenbuhlerin! rief Wilhelm aus, reden Sie 19 weiter, Sie verwirren mich ganz und gar.

20 Sein Sie froh, sagte der Arzt, daß Sie diese Resultate 21 so schnell von mir erfahren können. Natalie 22 und ich, die wir doch nur einen entferntern Antheil 23 nehmen, wir waren genug gequält, bis wir den verworrenen 24 Zustand dieses guten Wesens, dem wir zu 25 helfen wünschten, nur so deutlich einsehen konnten. 26 Durch leichtsinnige Reden Philinens und der andern 27 Mädchen, durch ein gewisses Liedchen aufmerksam gemacht, 28 war ihr der Gedanke so reizend geworden, eine 

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1 Nacht bei dem Geliebten zuzubringen, ohne daß sie 2 dabei etwas weiter als eine vertrauliche glückliche 3 Ruhe zu denken wußte. Die Neigung für Sie, mein 4 Freund, war in dem guten Herzen schon lebhaft und 5 gewaltsam, in Ihren Armen hatte das gute Kind 6 schon von manchem Schmerz ausgeruht, sie wünschte 7 sich nun dieses Glück in seiner ganzen Fülle. Bald 8 nahm sie sich vor, Sie freundlich darum zu bitten, 9 bald hielt sie ein heimlicher Schauder wieder davon 10 zurück. Endlich gab ihr der lustige Abend und die 11 Stimmung des häufig genossenen Weins den Muth 12 das Wagestück zu versuchen, und sich jene Nacht bei 13 Ihnen einzuschleichen. Schon war sie vorausgelaufen, 14 um sich in der unverschlossenen Stube zu verbergen, 15 allein als sie eben die Treppe hinaufgekommen war, 16 hörte sie ein Geräusch; sie verbarg sich, und sah ein 17 weißes weibliches Wesen in Ihr Zimmer schleichen. 18 Sie kamen selbst bald darauf, und sie hörte den 19 großen Riegel zuschieben.

20 Mignon empfand unerhörte Qual, alle die heftigen 21 Empfindungen einer leidenschaftlichen Eifersucht 22 mischten sich zu dem unerkannten Verlangen einer 23 dunkeln Begierde, und griffen die halb entwickelte 24 Natur gewaltsam an. Ihr Herz, das bisher vor 25 Sehnsucht und Erwartung lebhaft geschlagen hatte, 26 fing auf einmal an zu stocken, und drückte wie eine 27 bleierne Last ihren Busen, sie konnte nicht zu Athem 28 kommen, sie wußte sich nicht zu helfen, sie hörte die 

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1 Harfe des Alten, eilte zu ihm unter das Dach, und 2 brachte die Nacht zu seinen Füßen unter entsetzlichen 3 Zuckungen hin.

4 Der Arzt hielt einen Augenblick inne, und da 5 Wilhelm stille schwieg, fuhr er fort: Natalie hat mir 6 versichert, es habe sie in ihrem Leben nichts so erschreckt 7 und angegriffen, als der Zustand des Kindes 8 bei dieser Erzählung; ja unsere edle Freundin machte 9 sich Vorwürfe, daß sie durch ihre Fragen und Anleitungen 10 diese Bekenntnisse hervorgelockt, und durch 11 die Erinnerung die lebhaften Schmerzen des guten 12 Mädchens so grausam erneuert habe.

13 Das gute Geschöpf, so erzählte mir Natalie, war 14 kaum auf diesem Puncte seiner Erzählung, oder vielmehr 15 seiner Antworten auf meine steigenden Fragen, 16 als es auf einmal vor mir niederstürzte, und, mit 17 der Hand am Busen, über den wiederkehrenden 18 Schmerz jener schrecklichen Nacht sich beklagte. Es 19 wand sich wie ein Wurm an der Erde, und ich 20 mußte alle meine Fassung zusammen nehmen, um 21 die Mittel, die mir für Geist und Körper unter 22, 23 diesen Umständen bekannt waren, zu denken und anzuwenden.

24 Sie setzen mich in eine bängliche Lage, rief Wilhelm, 25 indem Sie mich, eben im Augenblicke, da ich 26 das liebe Geschöpf wieder sehen soll, mein vielfaches 27 Unrecht gegen dasselbe so lebhaft fühlen lassen. Soll 28 ich sie sehen, warum nehmen Sie mir den Muth ihr 

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1 mit Freiheit entgegen zu treten? Und soll ich Ihnen 2 gestehen: da ihr Gemüth so gestimmt ist, so seh' ich 3 nicht ein, was meine Gegenwart helfen soll? Sind 4 Sie als Arzt überzeugt, daß jene doppelte Sehnsucht 5 ihre Natur so weit untergraben hat, daß sie sich 6 vom Leben abzuscheiden droht, warum soll ich durch 7 meine Gegenwart ihre Schmerzen erneuern, und vielleicht 8 ihr Ende beschleunigen?

9 Mein Freund! versetzte der Arzt, wo wir nicht 10 helfen können, sind wir doch schuldig zu lindern, und 11 wie sehr die Gegenwart eines geliebten Gegenstandes 12 der Einbildungskraft ihre zerstörende Gewalt nimmt, 13 und die Sehnsucht in ein ruhiges Schauen verwandelt, 14 davon habe ich die wichtigsten Beispiele. Alles mit 15 Maß und Ziel! Denn eben so kann die Gegenwart 16 eine verlöschende Leidenschaft wieder anfachen. Sehen 17 Sie das gute Kind, betragen Sie sich freundlich, und 18 lassen Sie uns abwarten, was daraus entsteht.

19 Natalie kam eben zurück, und verlangte, daß Wilhelm 20 ihr zu Mignon folgen sollte. Sie scheint mit 21 Felix ganz glücklich zu sein, und wird den Freund, 22 hoffe ich, gut empfangen. Wilhelm folgte nicht ohne 23 einiges Widerstreben; er war tief gerührt von dem, 24 was er vernommen hatte, und fürchtete eine leidenschaftliche 25 Scene. Als er hereintrat, ergab sich gerade 26 das Gegentheil.

27 Mignon im langen weißen Frauengewande, theils 28 mit lockigen, theils aufgebundenen, reichen, braunen 

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1 Haaren, saß, hatte Felix auf dem Schoße und drückte 2 ihn an ihr Herz; sie sah völlig aus wie ein abgeschiedner 3 Geist, und der Knabe wie das Leben selbst; 4 es schien, als wenn Himmel und Erde sich umarmten. 5 Sie reichte Wilhelmen lächelnd die Hand, und sagte: 6 Ich danke dir, daß du mir das Kind wieder bringst; 7 sie hatten ihn, Gott weiß wie, entführt, und ich 8 konnte nicht leben zeither. So lange mein Herz auf 9, 10 der Erde noch etwas bedarf, soll dieser die Lücke ausfüllen.

11 Die Ruhe, womit Mignon ihren Freund empfangen 12 hatte, versetzte die Gesellschaft in große Zufriedenheit. 13 Der Arzt verlangte, daß Wilhelm sie öfters sehen, 14 und daß man sie sowohl körperlich als geistig im 15 Gleichgewicht erhalten sollte. Er selbst entfernte sich, 16 und versprach in kurzer Zeit wieder zu kommen.

17 Wilhelm konnte nun Natalien in ihrem Kreise 18 beobachten: man hätte sich nichts Besseres gewünscht, 19 als neben ihr zu leben. Ihre Gegenwart hatte den 20 reinsten Einfluß auf junge Mädchen und Frauenzimmer 21 von verschiedenem Alter, die theils in ihrem 22 Hause wohnten, theils aus der Nachbarschaft sie mehr 23 oder weniger zu besuchen kamen.

24 Der Gang Ihres Lebens, sagte Wilhelm einmal 25 zu ihr, ist wohl immer sehr gleich gewesen? denn die 26 Schilderung, die Ihre Tante von Ihnen als Kind 27 macht, scheint, wenn ich nicht irre, noch immer zu 28 passen. Sie haben sich, man fühlt es Ihnen wohl 

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1 an, nie verwirrt. Sie waren nie genöthigt einen 2 Schritt zurück zu thun.

3 Das bin ich meinem Oheim und dem Abbé schuldig, 4 versetzte Natalie, die meine Eigenheiten so gut zu 5 beurtheilen wußten. Ich erinnere mich von Jugend 6 an kaum eines lebhaftern Eindrucks, als daß ich 7 überall die Bedürfnisse der Menschen sah, und ein unüberwindliches 8 Verlangen empfand sie auszugleichen. 9 Das Kind, das noch nicht auf seinen Füßen stehen 10 konnte, der Alte, der sich nicht mehr auf den seinigen 11 erhielt, das Verlangen einer reichen Familie nach 12 Kindern, die Unfähigkeit einer armen die ihrigen zu 13 erhalten, jedes stille Verlangen nach einem Gewerbe, 14 den Trieb zu einem Talente, die Anlagen zu hundert 15 kleinen nothwendigen Fähigkeiten, diese überall zu 16 entdecken, schien mein Auge von der Natur bestimmt. 17 Ich sah, worauf mich niemand aufmerksam gemacht 18 hatte; ich schien aber auch nur geboren, um das zu 19 sehen. Die Reize der leblosen Natur, für die so viele 20 Menschen äußerst empfänglich sind, hatten keine Wirkung 21 auf mich, beinah noch weniger die Reize der 22 Kunst; meine angenehmste Empfindung war und ist 23 es noch, wenn sich mir ein Mangel, ein Bedürfniß 24 in der Welt darstellte, sogleich im Geiste einen Ersatz, 25 ein Mittel, eine Hülfe aufzufinden.

26 Sah ich einen Armen in Lumpen, so fielen mir 27 die überflüssigen Kleider ein, die ich in den Schränken 28 der Meinigen hatte hängen sehen; sah ich Kinder, die 

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1 sich ohne Sorgfalt und ohne Pflege verzehrten, so erinnerte 2 ich mich dieser oder jener Frau, der ich, bei 3 Reichthum und Bequemlichkeit, Langeweile abgemerkt 4 hatte; sah ich viele Menschen in einem engen Raume 5 eingesperrt, so dachte ich, sie müßten in die großen 6 Zimmer mancher Häuser und Paläste einquartiert 7 werden. Diese Art zu sehen war bei mir ganz 8 natürlich, ohne die mindeste Reflexion, so daß ich 9 darüber als Kind das wunderlichste Zeug von der 10 Welt machte, und mehr als einmal durch die sonderbarsten 11 Anträge die Menschen in Verlegenheit setzte. 12 Noch eine Eigenheit war es, daß ich das Geld nur 13 mit Mühe, und spät, als ein Mittel die Bedürfnisse 14 zu befriedigen ansehen konnte; alle meine Wohlthaten 15 bestanden in Naturalien, und ich weiß, daß oft genug 16 über mich gelacht worden ist. Nur der Abbé schien 17 mich zu verstehen, er kam mir überall entgegen, er 18 machte mich mit mir selbst, mit diesen Wünschen und 19 Neigungen bekannt, und lehrte mich sie zweckmäßig 20 befriedigen.

21 Haben Sie denn, fragte Wilhelm, bei der Erziehung 22 Ihrer kleinen weiblichen Welt auch die Grundsätze 23 jener sonderbaren Männer angenommen? lassen 24 Sie denn auch jede Natur sich selbst ausbilden? lassen 25 Sie denn auch die Ihrigen suchen und irren, Mißgriffe 26 thun, sich glücklich am Ziele finden, oder unglücklich 27 in die Irre verlieren?

28 Nein! sagte Natalie, diese Art mit Menschen zu 

[Seite 178]

1 handeln würde ganz gegen meine Gesinnungen sein. 2 Wer nicht im Augenblick hilft, scheint mir nie zu 3 helfen; wer nicht im Augenblicke Rath gibt, nie zu 4 rathen. Eben so nöthig scheint es mir gewisse Gesetze 5 auszusprechen und den Kindern einzuschärfen, die dem 6 Leben einen gewissen Halt geben. Ja, ich möchte beinah 7 behaupten: es sei besser nach Regeln zu irren, 8 als zu irren, wenn uns die Willkür unserer Natur 9 hin und her treibt, und wie ich die Menschen sehe, 10 scheint mir in ihrer Natur immer eine Lücke zu 11 bleiben, die nur durch ein entschieden ausgesprochenes 12 Gesetz ausgefüllt werden kann.

13 So ist also Ihre Handlungsweise, sagte Wilhelm, 14 völlig von jener verschieden, welche unsere Freunde 15 beobachten?

16 Ja! versetzte Natalie, Sie können aber hieraus 17 die unglaubliche Toleranz jener Männer sehen, daß 18 sie eben auch mich, auf meinem Wege, gerade deßwegen, 19 weil es mein Weg ist, keinesweges stören, 20 sondern mir in allem, was ich nur wünschen kann, 21 entgegenkommen.

22 Einen umständlichern Bericht, wie Natalie mit 23 ihren Kindern verfuhr, versparen wir auf eine andere 24 Gelegenheit.

25 Mignon verlangte oft in der Gesellschaft zu sein, 26 und man vergönnte es ihr um so lieber, als sie sich 27 nach und nach wieder an Wilhelmen zu gewöhnen, 28 ihr Herz gegen ihn aufzuschließen und überhaupt 

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1 heiterer und lebenslustiger zu werden schien. Sie hing 2 sich bei'm Spazierengehen, da sie leicht müde ward, 3 gern an seinen Arm. Nun, sagte sie, Mignon klettert 4 und springt nicht mehr, und doch fühlt sie noch immer 5 die Begierde über die Gipfel der Berge wegzuspazieren, 6 von einem Hause auf's andere, von einem Baume 7 auf den andern zu schreiten. Wie beneidenswerth sind 8 die Vögel, besonders wenn sie so artig und vertraulich 9 ihre Nester bauen.

10 Es ward nun bald zur Gewohnheit, daß Mignon 11 ihren Freund mehr als einmal in den Garten lud. 12 War dieser beschäftigt oder nicht zu finden, so mußte 13 Felix die Stelle vertreten, und wenn das gute Mädchen 14 in manchen Augenblicken ganz von der Erde los 15 schien, so hielt sie sich in andern gleichsam wieder 16 fest an Vater und Sohn, und schien eine Trennung 17 von diesen mehr als alles zu fürchten.

18 Natalie schien nachdenklich. Wir haben gewünscht 19 durch Ihre Gegenwart, sagte sie, das arme gute Herz 20 wieder aufzuschließen; ob wir wohl gethan haben, 21 weiß ich nicht. Sie schwieg und schien zu erwarten, 22 daß Wilhelm etwas sagen sollte. Auch fiel ihm ein, 23 daß durch seine Verbindung mit Theresen Mignon 24 unter den gegenwärtigen Umständen auf's äußerste 25 gekränkt werden müsse; allein er getraute sich in 26 seiner Ungewißheit nichts von diesem Vorhaben zu 27 sprechen, er vermuthete nicht, daß Natalie davon 28 unterrichtet sei.



[Seite 180]

1 Eben so wenig konnt er mit Freiheit des Geistes 2 die Unterredung verfolgen, wenn seine edle Freundin 3 von ihrer Schwester sprach, ihre guten Eigenschaften 4 rühmte, und ihren Zustand bedauerte. Er war nicht 5 wenig verlegen, als Natalie ihm ankündigte, daß er 6 die Gräfin bald hier sehen werde. Ihr Gemahl, sagte 7 sie, hat nun keinen andern Sinn, als den abgeschiedenen 8 Grafen in der Gemeinde zu ersetzen, durch Einsicht 9 und Thätigkeit diese große Anstalt zu unterstützen 10 und weiter aufzubauen. Er kommt mit ihr 11 zu uns, um eine Art von Abschied zu nehmen; er 12 wird nachher die verschiedenen Orte besuchen, wo die 13 Gemeinde sich niedergelassen hat; man scheint ihn 14 nach seinen Wünschen zu behandeln, und fast glaub' 15 ich, er wagt mit meiner armen Schwester eine Reise 16 nach Amerika, um ja seinem Vorgänger recht ähnlich 17 zu werden; und da er einmal schon beinah überzeugt 18 ist, daß ihm nicht viel fehle ein Heiliger zu sein, 19 so mag ihm der Wunsch manchmal vor der Seele 20 schweben, wo möglich zuletzt auch noch als Märtyrer 21 zu glänzen.



[Seite 181]



1 
Viertes Capitel.

[Lesarten]  2 Oft genug hatte man bisher von Fräulein Therese 3 gesprochen, oft genug ihrer im Vorbeigehen erwähnt, 4 und fast jedesmal war Wilhelm im Bégriff seiner 5 neuen Freundin zu bekennen, daß er jenem trefflichen 6 Frauenzimmer sein Herz und seine Hand angeboten 7 habe. Ein gewisses Gefühl, das er sich nicht erklären 8 konnte, hielt ihn zurück; er zauderte so lange, bis 9 endlich Natalie selbst mit dem himmlischen, bescheidnen, 10 heitern Lächeln, das man an ihr zu sehen gewohnt 11 war, zu ihm sagte: So muß ich denn doch 12 zuletzt das Stillschweigen brechen, und mich in Ihr 13 Vertrauen gewaltsam eindrängen! Warum machen 14 Sie mir ein Geheimniß, mein Freund, aus einer Angelegenheit, 15 die Ihnen so wichtig ist, und die mich 16 selbst so nahe angeht? Sie haben meiner Freundin 17 Ihre Hand angeboten; ich mische mich nicht ohne 18 Beruf in diese Sache, hier ist meine Legitimation! 19 hier ist der Brief, den sie Ihnen schreibt, den sie 20 durch mich Ihnen sendet.

21 Einen Brief von Theresen! rief er aus.



[Seite 182]

1 Ja, mein Herr! und Ihr Schicksal ist entschieden, 2 Sie sind glücklich. Lassen Sie mich Ihnen und meiner 3 Freundin Glück wünschen.

4 Wilhelm verstummte und sah vor sich hin. Natalie 5 sah ihn an; sie bemerkte, daß er blaß ward. Ihre 6 Freude ist stark, fuhr sie fort, sie nimmt die Gestalt 7 des Schreckens an, sie raubt Ihnen die Sprache. 8 Mein Antheil ist darum nicht weniger herzlich, weil 9 er mich noch zum Worte kommen läßt. Ich hoffe 10 Sie werden dankbar sein, denn ich darf Ihnen sagen: 11 mein Einfluß auf Theresens Entschließung war nicht 12 gering; sie fragte mich um Rath, und, sonderbarer 13 Weise, waren Sie eben hier, ich konnte die wenigen 14 Zweifel, die meine Freundin noch hegte, glücklich besiegen, 15 die Boten gingen lebhaft hin und wieder; hier 16 ist ihr Entschluß! hier ist die Entwickelung! Und nun 17 sollen Sie alle ihre Briefe lesen, Sie sollen in das 18 schöne Herz Ihrer Braut einen freien reinen Blick 19 thun.

20 Wilhelm entfaltete das Blatt, das sie ihm unversiegelt 21 überreichte; es enthielt die freundlichen Worte:

22 "Ich bin die Ihre, wie ich bin und wie Sie mich 23 kennen. Ich nenne Sie den Meinen, wie Sie sind und 24 wie ich Sie kenne. Was an uns selbst, was an unsern 25 Verhältnissen der Ehestand verändert, werden wir durch 26 Vernunft, frohen Muth und guten Willen zu übertragen 27 wissen. Da uns keine Leidenschaft, sondern 28 Neigung und Zutrauen zusammen führt, so wagen 

[Seite 183]

1 wir weniger als tausend andere. Sie verzeihen mir 2 gewiß, wenn ich mich manchmal meines alten Freundes 3 herzlich erinnere; dafür will ich Ihren Sohn als 4 Mutter an meinen Busen drücken. Wollen Sie mein 5 kleines Haus sogleich mit mir theilen, so sind Sie 6 Herr und Meister, indessen wird der Gutskauf abgeschlossen. 7 Ich wünschte, daß dort keine neue Einrichtung 8 ohne mich gemacht würde, um sogleich zu 9 zeigen, daß ich das Zutrauen verdiene, das Sie 10 mir schenken. Leben Sie wohl, lieber, lieber Freund! 11 geliebter Bräutigam, verehrter Gatte! Therese drückt 12 Sie an ihre Brust mit Hoffnung und Lebensfreude. 13 Meine Freundin wird Ihnen mehr, wird Ihnen alles 14 sagen."

15 Wilhelm, dem dieses Blatt seine Therese wieder 16 völlig vergegenwärtigt hatte, war auch wieder völlig 17 zu sich selbst gekommen. Unter dem Lesen wechselten 18 die schnellsten Gedanken in seiner Seele. Mit Entsetzen 19 fand er lebhafte Spuren einer Neigung gegen 20 Natalien in seinem Herzen; er schalt sich, er erklärte 21 jeden Gedanken der Art für Unsinn, er stellte sich 22 Theresen in ihrer ganzen Vollkommenheit vor, er 23 las den Brief wieder, er ward heiter, oder vielmehr 24 er erholte sich so weit, daß er heiter scheinen konnte. 25 Natalie legte ihm die gewechselten Briefe vor, aus 26 denen wir einige Stellen ausziehen wollen.

27 Nachdem Therese ihren Bräutigam nach ihrer Art 28 geschildert hatte, fuhr sie fort:



[Seite 184]

1 "So stelle ich mir den Mann vor, der mir jetzt 2 seine Hand anbietet. Wie er von sich selbst denkt, 3 wirst du künftig aus den Papieren sehen, in welchen 4 er sich mir ganz offen beschreibt; ich bin überzeugt, 5 daß ich mit ihm glücklich sein werde."


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6 "Was den Stand betrifft, so weißt du, wie ich 7 von jeher drüber gedacht habe. Einige Menschen fühlen 8 die Mißverhältnisse der äußern Zustände fürchterlich, 9 und können sie nicht übertragen. Ich will niemanden 10 überzeugen, so wie ich nach meiner Überzeugung handeln 11 will. Ich denke kein Beispiel zu geben, wie ich 12 doch nicht ohne Beispiel handle. Mich ängstigen nur 13 die innern Mißverhältnisse, ein Gefäß, das sich zu 14 dem, was es enthalten soll, nicht schickt; viel Prunk 15 und wenig Genuß, Reichthum und Geiz, Adel und 16 Rohheit, Jugend und Pedanterei, Bedürfniß und 17 Ceremonien, diese Verhältnisse wären's, die mich vernichten 18 könnten, die Welt mag sie stempeln und 19 schätzen wie sie will."


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20 "Wenn ich hoffe, daß wir zusammen passen werden, 21 so gründe ich meinen Ausspruch vorzüglich darauf, 22 daß er dir, liebe Natalie, die ich so unendlich 23 schätze und verehre, daß er dir ähnlich ist. Ja, er 24 hat von dir das edle Suchen und Streben nach dem 25 Bessern, wodurch wir das Gute, das wir zu finden 26 glauben, selbst hervorbringen. Wie oft habe ich dich 

[Seite 185]

1 nicht im Stillen getadelt, daß du diesen oder jenen 2 Menschen anders behandeltest, daß du in diesem oder 3 jenem Fall dich anders betrugst, als ich würde gethan 4 haben, und doch zeigte der Ausgang meist, daß 5 du Recht hattest. Wenn wir, sagtest du, die Menschen 6 nur nehmen wie sie sind, so machen wir sie schlechter; 7 wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein 8 sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu 9 bringen sind. Ich kann weder so sehen noch handeln, 10 das weiß ich recht gut. Einsicht, Ordnung, Zucht, 11 Befehl, das ist meine Sache. Ich erinnere mich noch 12 wohl, was Jarno sagte: Therese dressirt ihre Zöglinge, 13 Natalie bildet sie. Ja, er ging so weit, daß 14 er mir einst die drei schönen Eigenschaften: Glaube, 15 Liebe und Hoffnung völlig absprach. Statt des Glaubens, 16 sagte er, hat sie die Einsicht, statt der Liebe 17 die Beharrlichkeit, und statt der Hoffnung das Zutrauen. 18 Auch ich will dir gerne gestehen, eh ich dich 19 kannte, kannte ich nichts Höheres in der Welt als 20 Klarheit und Klugheit; nur deine Gegenwart hat mich 21 überzeugt, belebt, überwunden, und deiner schönen 22 hohen Seele tret' ich gerne den Rang ab. Auch meinen 23 Freund verehre ich in eben demselben Sinn; seine 24 Lebensbeschreibung ist ein ewiges Suchen und Nichtfinden; 25 aber nicht das leere Suchen, sondern das 26 wunderbare gutmüthige Suchen begabt ihn, er wähnt, 27 man könne ihm das geben, was nur von ihm kommen 28 kann. So, meine Liebe, schadet mir auch dießmal 

[Seite 186]

1 meine Klarheit nichts; ich kenne meinen Gatten besser, 2 als er sich selbst kennt, und ich achte ihn nur um 3 desto mehr. Ich sehe ihn, aber ich übersehe ihn nicht, 4 und alle meine Einsicht reicht nicht hin zu ahnen, 5 was er wirken kann. Wenn ich an ihn denke, vermischt 6 sich sein Bild immer mit dem deinigen, und 7 ich weiß nicht, wie ich es werth bin zwei solchen 8 Menschen anzugehören. Aber ich will es werth sein 9 dadurch, daß ich meine Pflicht thue, dadurch, daß ich 10 erfülle, was man von mir erwarten und hoffen kann."


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11 "Ob ich Lothario's gedenke? Lebhaft und täglich. 12 Ihn kann ich in der Gesellschaft, die mich im Geiste 13 umgibt, nicht einen Augenblick missen. O wie bedaure 14 ich den trefflichen Mann, der durch einen Jugendfehler 15 mit mir verwandt ist, daß die Natur ihn dir so nahe 16 gewollt hat. Wahrlich ein Wesen, wie du, wäre seiner 17 mehr werth als ich. Dir könnt' ich, dir müßt' ich 18 ihn abtreten. Laß uns ihm sein, was nur möglich ist, 19 bis er eine würdige Gattin findet, und auch dann 20 laß uns zusammen sein und zusammen bleiben."


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21 Was werden nun aber unsre Freunde sagen? begann 22 Natalie. --- Ihr Bruder weiß nichts davon? --- 23 Nein! so wenig als die Ihrigen, die Sache ist dießmal 24 nur unter uns Weibern verhandelt worden. Ich 25 weiß nicht, was Lydie Theresen für Grillen in den 26 Kopf gesetzt hat; sie scheint dem Abbé und Jarno zu 

[Seite 187]

1 mißtrauen. Lydie hat ihr gegen gewisse geheime Verbindungen 2 und Plane, von denen ich wohl im Allgemeinen 3 weiß, in die ich aber niemals einzudringen 4 gedachte, wenigstens einigen Argwohn eingeflößt, und 5 bei diesem entscheidenden Schritt ihres Lebens wollte 6 sie niemand als mir einigen Einfluß verstatten. Mit 7 meinem Bruder war sie schon früher übereingekommen, 8 daß sie sich wechselsweise ihre Heirath nur melden, 9 sich darüber nicht zu Rathe ziehen wollten.

10 Natalie schrieb nun einen Brief an ihren Bruder, 11 sie lud Wilhelmen ein, einige Worte dazu zu setzen, 12 Therese hatte sie darum gebeten. Man wollte eben 13 siegeln, als Jarno sich unvermuthet anmelden ließ. 14 Auf's freundlichste ward er empfangen, auch schien 15 er sehr munter und scherzhaft, und konnte endlich 16 nicht unterlassen zu sagen: Eigentlich komme ich hieher, 17 um Ihnen eine sehr wunderbare, doch angenehme 18 Nachricht zu bringen; sie betrifft unsere Therese. Sie 19 haben uns manchmal getadelt, schöne Natalie, daß 20 wir uns um so vieles bekümmern; nun aber sehen 21 Sie, wie gut es ist, überall seine Spione zu haben. 22 Rathen Sie, und lassen Sie uns einmal Ihre Sagacität 23 sehen!

24 Die Selbstgefälligkeit, womit er diese Worte aussprach, 25 die schalkhafte Miene, womit er Wilhelmen 26 und Natalien ansah, überzeugten beide, daß ihr Geheimniß 27 entdeckt sei. Natalie antwortete lächelnd: 28 Wir sind viel künstlicher, als Sie denken, wir haben 

[Seite 188]

1 die Auflösung des Räthsels, noch ehe es uns aufgegeben 2 wurde, schon zu Papiere gebracht.

3 Sie überreichte ihm mit diesen Worten den Brief 4 an Lothario, und war zufrieden, der kleinen Überraschung 5 und Beschämung, die man ihnen zugedacht 6 hatte, auf diese Weise zu begegnen. Jarno nahm das 7 Blatt, mit einiger Verwunderung, überlief es nur, 8 staunte, ließ es aus der Hand sinken, und sah sie 9 beide mit großen Augen, mit einem Ausdruck der 10 Überraschung, ja des Entsetzens an, den man auf seinem 11 Gesichte nicht gewohnt war. Er sagte kein Wort.

12 Wilhelm und Natalie waren nicht wenig betroffen, 13 Jarno ging in der Stube auf und ab. Was soll ich 14 sagen? rief er aus, oder soll ich's sagen? Es kann 15 kein Geheimniß bleiben, die Verwirrung ist nicht zu 16 vermeiden. Also denn Geheimniß gegen Geheimniß! 17 Überraschung gegen Überraschung! Therese ist nicht die 18 Tochter ihrer Mutter! das Hinderniß ist gehoben: ich 19 komme hierher Sie zu bitten, das edle Mädchen zu 20 einer Verbindung mit Lothario vorzubereiten.

21 Jarno sah die Bestürzung der beiden Freunde, 22 welche die Augen zur Erde niederschlugen. Dieser 23 Fall ist einer von denen, sagte er, die sich in Gesellschaft 24 am schlechtesten ertragen lassen. Was jedes 25 dabei zu denken hat, denkt es am besten in der Einsamkeit; 26 ich wenigstens erbitte mir auf eine Stunde 27 Urlaub. Er eilte in den Garten, Wilhelm folgte ihm 28 mechanisch, aber in der Ferne.



[Seite 189]

1 Nach Verlauf einer Stunde fanden sie sich wieder 2 zusammen. Wilhelm nahm das Wort und sagte: 3 Sonst, da ich ohne Zweck und Plan leicht, ja leichtfertig 4 lebte, kamen mir Freundschaft, Liebe, Neigung, 5 Zutrauen mit offenen Armen entgegen, ja sie drängten 6 sich zu mir; jetzt, da es Ernst wird, scheint das 7 Schicksal mit mir einen andern Weg zu nehmen. 8 Der Entschluß, Theresen meine Hand anzubieten, ist 9 vielleicht der erste, der ganz rein aus mir selbst 10 kommt. Mit Überlegung machte ich meinen Plan, 11 meine Vernunft war völlig damit einig, und durch 12 die Zusage des trefflichen Mädchens wurden alle meine 13 Hoffnungen erfüllt. Nun drückt das sonderbarste Geschick 14 meine ausgestreckte Hand nieder. Therese reicht 15 mir die ihrige von ferne, wie im Traume, ich kann 16 sie nicht fassen, und das schöne Bild verläßt mich 17 auf ewig. So lebe denn wohl, du schönes Bild! und 18 ihr Bilder der reichsten Glückseligkeit, die ihr euch 19 darum her versammelt!

20 Er schwieg einen Augenblick still, sah vor sich hin, 21 und Jarno wollte reden. Lassen Sie mich noch etwas 22 sagen, fiel Wilhelm ihm ein; denn um mein ganzes 23 Geschick wird ja doch dießmal das Loos geworfen. 24 In diesem Augenblick kommt mir der Eindruck zu 25 Hülfe, den Lothario's Gegenwart bei'm ersten Anblick 26 mir einprägte, und der mir beständig geblieben ist. 27 Dieser Mann verdient jede Art von Neigung und 28 Freundschaft, und ohne Aufopferung läßt sich keine 

[Seite 190]

1 Freundschaft denken. Um seinetwillen war es mir 2 leicht ein unglückliches Mädchen zu bethören, um 3 seinetwillen soll mir möglich werden der würdigsten 4 Braut zu entsagen. Gehen Sie hin, erzählen Sie 5 ihm die sonderbare Geschichte, und sagen Sie ihm 6 wozu ich bereit bin.

7 Jarno versetzte hierauf: In solchen Fällen, halte 8 ich dafür, ist schon alles gethan, wenn man sich nur 9 nicht übereilt. Lassen Sie uns keinen Schritt ohne 10 Lothario's Einwilligung thun! Ich will zu ihm, erwarten 11 Sie meine Zurückkunft oder seine Briefe ruhig.

12 Er ritt weg und hinterließ die beiden Freunde in 13 der größten Wehmuth. Sie hatten Zeit sich diese 14 Begebenheit auf mehr als Eine Weise zu wiederholen 15 und ihre Bemerkungen darüber zu machen. 16 Nun fiel es ihnen erst auf, daß sie diese wunderbare 17 Erklärung so gerade von Jarno angenommen, und 18 sich nicht um die nähern Umstände erkundigt hatten. 19 Ja Wilhelm wollte sogar einigen Zweifel hegen; aber 20 auf's höchste stieg ihr Erstaunen, ja ihre Verwirrung, 21 als den andern Tag ein Bote von Theresen ankam, 22, 23 der folgenden sonderbaren Brief an Natalien mitbrachte:

24 "So seltsam es auch scheinen mag, so muß ich 25 doch meinem vorigen Briefe sogleich noch einen nachsenden, 26 und dich ersuchen mir meinen Bräutigam 27 eilig zu schicken. Er soll mein Gatte werden, was 28 man auch für Plane macht, mir ihn zu rauben. Gib 

[Seite 191]

1 ihm inliegenden Brief! Nur vor keinem Zeugen, es 2 mag gegenwärtig sein wer will."

3 Der Brief an Wilhelmen enthielt Folgendes: "Was 4 werden Sie von Ihrer Therese denken, wenn sie auf 5 einmal, leidenschaftlich, auf eine Verbindung dringt, 6 die der ruhigste Verstand nur eingeleitet zu haben 7 schien? Lassen Sie sich durch nichts abhalten, gleich 8 nach dem Empfang des Briefes abzureisen. Kommen 9 Sie, lieber, lieber Freund, nun dreifach Geliebter, 10 da man mir Ihren Besitz rauben oder wenigstens erschweren 11 will."

12 Was ist zu thun? rief Wilhelm aus, als er diesen 13 Brief gelesen hatte.

14 Noch in keinem Fall, versetzte Natalie, nach einigem 15 Nachdenken, hat mein Herz und mein Verstand 16 so geschwiegen, als in diesem; ich wüßte nichts zu 17 thun, so wie ich nichts zu rathen weiß.

18 Wäre es möglich? rief Wilhelm mit Heftigkeit 19 aus, daß Lothario selbst nichts davon wüßte, oder 20 wenn er davon weiß, daß er mit uns das Spiel versteckter 21 Plane wäre? Hat Jarno, indem er unsern 22 Brief gesehen, das Mährchen aus dem Stegreife erfunden? 23 Würde er uns was anders gesagt haben, 24 wenn wir nicht zu voreilig gewesen wären? Was 25 kann man wollen? Was für Absichten kann man 26 haben? Was kann Therese für einen Plan meinen? 27 Ja, es läßt sich nicht läugnen, Lothario ist von geheimen 28 Wirkungen und Verbindungen umgeben, ich 

[Seite 192]

1 habe selbst erfahren, daß man thätig ist, daß man 2 sich in einem gewissen Sinne um die Handlungen, um 3 die Schicksale mehrerer Menschen bekümmert, und sie 4 zu leiten weiß. Von den Endzwecken dieser Geheimnisse 5 verstehe ich nichts, aber diese neueste Absicht, mir 6 Theresen zu entreißen, sehe ich nur allzu deutlich. 7 Auf einer Seite mahlt man mir das mögliche Glück 8 Lothario's, vielleicht nur zum Scheine, vor; auf der 9 andern sehe ich meine Geliebte, meine verehrte Braut, 10 die mich an ihr Herz ruft. Was soll ich thun? Was 11 soll ich unterlassen?

12 Nur ein wenig Geduld! sagte Natalie, nur eine 13 kurze Bedenkzeit! In dieser sonderbaren Verknüpfung 14 weiß ich nur so viel, daß wir das, was unwiederbringlich 15 ist, nicht übereilen sollen. Gegen ein Mährchen, 16 gegen einen künstlichen Plan stehen Beharrlichkeit und 17 Klugheit uns bei; es muß sich bald aufklären, ob die 18 Sache wahr oder ob sie erfunden ist. Hat mein Bruder 19 wirklich Hoffnung sich mit Theresen zu verbinden, 20 so wäre es grausam, ihm ein Glück auf ewig zu entreißen, 21 in dem Augenblicke, da es ihm so freundlich 22 erscheint. Lassen Sie uns nur abwarten, ob er etwas 23 davon weiß, ob er selbst glaubt, ob er selbst hofft.

24 Diesen Gründen ihres Raths kam glücklicherweise 25 ein Brief von Lothario zu Hülfe: Ich schicke Jarno 26 nicht wieder zurück, schrieb er; von meiner Hand eine 27 Zeile ist dir mehr als die umständlichsten Worte eines 28 Boten. Ich bin gewiß, daß Therese nicht die Tochter 

[Seite 193]

1 ihrer Mutter ist, und ich kann die Hoffnung, sie zu 2 besitzen, nicht aufgeben, bis sie auch überzeugt ist, und 3 alsdann zwischen mir und dem Freunde mit ruhiger 4 Überlegung entscheidet. Laß ihn, ich bitte dich, nicht 5 von deiner Seite! Das Glück, das Leben eines Bruders 6 hängt davon ab. Ich verspreche dir, diese Ungewißheit 7 soll nicht lange dauern.

8 Sie sehen, wie die Sache steht, sagte sie freundlich 9 zu Wilhelmen: geben Sie mir Ihr Ehrenwort nicht 10 aus dem Hause zu gehen.

11 Ich gebe es! rief er aus, indem er ihr die Hand 12 reichte; ich will dieses Haus wider Ihren Willen 13 nicht verlassen. Ich danke Gott und meinem guten 14 Geist, daß ich dießmal geleitet werde und zwar von 15 Ihnen.

16 Natalie schrieb Theresen den ganzen Verlauf und 17 erklärte, daß sie ihren Freund nicht von sich lassen 18 werde; sie schickte zugleich Lothario's Brief mit.

19 Therese antwortete: "Ich bin nicht wenig verwundert, 20 daß Lothario selbst überzeugt ist, denn gegen 21 seine Schwester wird er sich nicht auf diesen Grad verstellen. 22 Ich bin verdrießlich, sehr verdrießlich. Es ist 23 besser, ich sage nichts weiter. Am besten ist's, ich 24 komme zu dir, wenn ich nur erst die arme Lydie untergebracht 25 habe, mit der man grausam umgeht. Ich 26 fürchte, wir sind alle betrogen, und werden so betrogen, 27 um nie in's Klare zu kommen. Wenn der Freund 28 meinen Sinn hätte, so entschlüpfte er dir doch, und 

[Seite 194]

1 würfe sich an das Herz seiner Therese, die ihm dann 2 niemand entreißen sollte; aber ich fürchte, ich soll ihn 3 verlieren und Lothario nicht wieder gewinnen. Diesem 4 entreißt man Lydien, indem man ihm die Hoffnung, 5 mich besitzen zu können, von weitem zeigt. Ich will 6 nichts weiter sagen, die Verwirrung wird noch größer 7 werden. Ob nicht indessen die schönsten Verhältnisse 8 so verschoben, so untergraben und so zerrüttet werden, 9 daß auch dann, wenn alles im Klaren sein wird, doch 10 nicht wieder zu helfen ist, mag die Zeit lehren. Reißt 11 sich mein Freund nicht los, so komme ich in wenigen 12 Tagen, um ihn bei dir aufzusuchen und fest zu halten. 13 Du wunderst dich, wie diese Leidenschaft sich deiner 14 Therese bemächtiget hat. Es ist keine Leidenschaft, es 15 ist Überzeugung, daß, da Lothario nicht mein werden 16 konnte, dieser neue Freund das Glück meines Lebens 17 machen wird. Sag' ihm das, im Namen des kleinen 18 Knaben, der mit ihm unter der Eiche saß und sich 19 seiner Theilnahme freute! Sag' ihm das, im Namen 20 Theresens, die seinem Antrage mit einer herzlichen 21 Offenheit entgegen kam! Mein erster Traum, wie ich 22 mit Lothario leben würde, ist weit von meiner Seele 23 weggerückt; der Traum, wie ich mit meinem neuen 24 Freund zu leben gedachte, steht noch ganz gegenwärtig 25 vor mir. Achtet man mich so wenig, daß man 26 glaubt, es sei so was Leichtes diesen mit jenem aus 27 dem Stegreife wieder umzutauschen?"

28 Ich verlasse mich auf Sie, sagte Natalie zu 

[Seite 195]

1 Wilhelmen, indem sie ihm den Brief Theresens gab; 2 Sie entfliehen mir nicht. Bedenken Sie, daß Sie 3 das Glück meines Lebens in Ihrer Hand haben! 4 Mein Dasein ist mit dem Dasein meines Bruders 5 so innig verbunden und verwurzelt, daß er keine 6 Schmerzen fühlen kann, die ich nicht empfinde, keine 7 Freude, die nicht auch mein Glück macht. Ja ich 8 kann wohl sagen, daß ich allein durch ihn empfunden 9 habe, daß das Herz gerührt und erhoben, daß auf 10 der Welt Freude, Liebe und ein Gefühl sein kann, 11 das über alles Bedürfniß hinaus befriedigt.

12 Sie hielt inne, Wilhelm nahm ihre Hand und 13 rief: O fahren Sie fort! es ist die rechte Zeit zu 14 einem wahren wechselseitigen Vertrauen; wir haben 15 nie nöthiger gehabt uns genauer zu kennen.

16 Ja, mein Freund! sagte sie lächelnd, mit ihrer 17 ruhigen, sanften, unbeschreiblichen Hoheit, es ist vielleicht 18 nicht außer der Zeit, wenn ich Ihnen sage, 19 daß alles, was uns so manches Buch, was uns die 20 Welt als Liebe nennt und zeigt, mir immer nur als 21 ein Mährchen erschienen sei.

22 Sie haben nicht geliebt? rief Wilhelm aus.

23 Nie oder immer! versetzte Natalie.



[Seite 196]



1 
Fünftes Capitel.

[Lesarten]  2 Sie waren unter diesem Gespräch im Garten auf- und 3 abgegangen, Natalie hatte verschiedene Blumen 4 von seltsamer Gestalt gebrochen, die Wilhelmen völlig 5 unbekannt waren und nach deren Namen er fragte.

6 Sie vermuthen wohl nicht, sagte Natalie, für wen 7 ich diesen Strauß pflücke? Er ist für meinen Oheim 8 bestimmt, dem wir einen Besuch machen wollen. Die 9 Sonne scheint eben so lebhaft nach dem Saale der 10 Vergangenheit, ich muß Sie diesen Augenblick hineinführen, 11 und ich gehe niemals hin, ohne einige von 12 den Blumen, die mein Oheim besonders begünstigte, 13 mitzubringen. Er war ein sonderbarer Mann und 14 der eigensten Eindrücke fähig. Für gewisse Pflanzen 15 und Thiere, für gewisse Menschen und Gegenden, ja 16 sogar zu einigen Steinarten hatte er eine entschiedene 17 Neigung, die selten erklärlich war. Wenn ich nicht, 18 pflegte er oft zu sagen, mir von Jugend auf so sehr 19 widerstanden hätte, wenn ich nicht gestrebt hätte, 20 meinen Verstand in's Weite und Allgemeine auszubilden, 21 so wäre ich der beschränkteste und unerträglichste 22 Mensch geworden: denn nichts ist unerträglicher als 

[Seite 197]

1 abgeschnittene Eigenheit an demjenigen, von dem man 2 eine reine gehörige Thätigkeit fordern kann. Und 3 doch mußte er selbst gestehen, daß ihm gleichsam Leben 4 und Athem ausgehen würde, wenn er sich nicht von 5 Zeit zu Zeit nachsähe, und sich erlaubte, das mit 6 Leidenschaft zu genießen, was er eben nicht immer 7 loben und entschuldigen konnte. Meine Schuld ist es 8 nicht, sagte er, wenn ich meine Triebe und meine 9 Vernunft nicht völlig habe in Einstimmung bringen 10 können. Bei solchen Gelegenheiten pflegte er meist 11 über mich zu scherzen und zu sagen: Natalien kann 12 man bei Leibesleben selig preisen, da ihre Natur nichts 13 fordert, als was die Welt wünscht und braucht.

14 Unter diesen Worten waren sie wieder in das 15 Hauptgebäude gelangt. Sie führte ihn durch einen 16 geräumigen Gang auf eine Thüre zu, vor der zwei 17 Sphinxe von Granit lagen. Die Thüre selbst war 18 auf ägyptische Weise oben ein wenig enger als unten, 19 und ihre ehernen Flügel bereiteten zu einem ernsthaften, 20 ja zu einem schauerlichen Anblick vor. Wie 21 angenehm ward man daher überrascht, als diese Erwartung 22 sich in die reinste Heiterkeit auflös'te, indem 23 man in einen Saal trat, in welchem Kunst und 24 Leben jede Erinnerung an Tod und Grab aufhoben. 25 In die Wände waren verhältnißmäßige Bogen vertieft, 26 in denen größere Sarkophagen standen; in den 27 Pfeilern dazwischen sah man kleinere Öffnungen, mit 28 Aschenkästchen und Gefäßen geschmückt; die übrigen 

[Seite 198]

1 Flächen der Wände und des Gewölbes sah man regelmäßig 2 abgetheilt, und zwischen heitern und mannichfaltigen 3 Einfassungen, Kränzen und Zierrathen heitere 4 und bedeutende Gestalten in Feldern von verschiedener 5 Größe gemahlt. Die architektonischen Glieder 6 waren mit dem schönen gelben Marmor, der in's 7 Röthliche hinüberblickt, bekleidet, hellblaue Streifen 8 von einer glücklichen chemischen Composition ahmten 9 den Lasurstein nach, und gaben, indem sie gleichsam 10 in einem Gegensatz das Auge befriedigten, dem Ganzen 11 Einheit und Verbindung. Alle diese Pracht und Zierde 12 stellte sich in reinen architektonischen Verhältnissen 13 dar, und so schien jeder, der hineintrat, über sich 14 selbst erhoben zu sein, indem er durch die zusammentreffende 15 Kunst erst erfuhr, was der Mensch sei und 16 was er sein könne.

17 Der Thüre gegenüber sah man auf einem prächtigen 18 Sarkophagen das Marmorbild eines würdigen 19 Mannes, an ein Polster gelehnt. Er hielt eine Rolle 20 vor sich, und schien mit stiller Aufmerksamkeit darauf 21 zu blicken. Sie war so gerichtet, daß man die Worte, 22 die sie enthielt, bequem lesen konnte. Es stand darauf: 23 Gedenke zu leben.

24 Natalie, indem sie einen verwelkten Strauß wegnahm, 25 legte den frischen vor das Bild des Oheims; 26 denn er selbst war in der Figur vorgestellt, und 27 Wilhelm glaubte sich noch der Züge des alten Herrn 28 zu erinnern, den er damals im Walde gesehen hatte.--- 

[Seite 199]

1 Hier brachten wir manche Stunde zu, sagte Natalie, 2 bis dieser Saal fertig war. In seinen letzten Jahren 3 hatte er einige geschickte Künstler an sich gezogen, 4 und seine beste Unterhaltung war, die Zeichnungen 5 und Cartone zu diesen Gemählden aussinnen und bestimmen 6 zu helfen.

7 Wilhelm konnte sich nicht genug der Gegenstände 8 freuen, die ihn umgaben. Welch ein Leben, rief er 9 aus, in diesem Saale der Vergangenheit! Man könnte 10 ihn eben so gut den Saal der Gegenwart und der 11 Zukunft nennen. So war alles und so wird alles 12 sein! Nichts ist vergänglich, als der eine, der genießt 13 und zuschaut. Hier dieses Bild der Mutter, die ihr 14 Kind an's Herz drückt, wird viele Generationen glücklicher 15 Mütter überleben. Nach Jahrhunderten vielleicht 16 erfreut sich ein Vater dieses bärtigen Mannes, 17 der seinen Ernst ablegt, und sich mit seinem Sohne 18 neckt. So verschämt wird durch alle Zeiten die Braut 19 sitzen, und bei ihren stillen Wünschen noch bedürfen, 20 daß man sie tröste, daß man ihr zurede; so ungeduldig 21 wird der Bräutigam auf der Schwelle horchen, 22 ob er hereintreten darf.

23 Wilhelms Augen schweiften auf unzählige Bilder 24 umher. Vom ersten frohen Triebe der Kindheit jedes 25 Glied im Spiele nur zu brauchen und zu üben, bis 26 zum ruhigen abgeschiedenen Ernste des Weisen, konnte 27 man in schöner lebendiger Folge sehen, wie der Mensch 28 keine angeborne Neigung und Fähigkeit besitzt, ohne 

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1 sie zu brauchen und zu nutzen. Von dem ersten zarten 2 Selbstgefühl, wenn das Mädchen verweilt den Krug 3 aus dem klaren Wasser wieder heraufzuheben, und indessen 4 ihr Bild gefällig betrachtet, bis zu jenen hohen 5 Feierlichkeiten, wenn Könige und Völker zu Zeugen 6 ihrer Verbindungen die Götter am Altare anrufen, 7 zeigte sich alles bedeutend und kräftig.

8 Es war eine Welt, es war ein Himmel, der den 9 Beschauenden an dieser Stätte umgab, und außer den 10 Gedanken, welche jene gebildeten Gestalten erregten, 11 außer den Empfindungen, welche sie einflößten, schien 12 noch etwas andres gegenwärtig zu sein, wovon der 13 ganze Mensch sich angegriffen fühlte. Auch Wilhelm 14 bemerkte es, ohne sich davon Rechenschaft geben zu 15 können. Was ist das? rief er aus, das, unabhängig 16 von aller Bedeutung, frei von allem Mitgefühl, das 17 uns menschliche Begebenheiten und Schicksale einflößen, 18 so stark und zugleich so anmuthig auf mich zu wirken 19 vermag? Es spricht aus dem Ganzen, es spricht aus 20 jedem Theile mich an, ohne daß ich jenes begreifen, ohne 21 daß ich diese mir besonders zueignen könnte! Welchen 22 Zauber ahn' ich in diesen Flächen, diesen Linien, diesen 23 Höhen und Breiten, diesen Massen und Farben! Was 24 ist es, das diese Figuren, auch nur obenhin betrachtet, 25 schon als Zierrath so erfreulich macht! Ja ich fühle, 26 man könnte hier verweilen, ruhen, alles mit den Augen 27 fassen, sich glücklich finden und ganz etwas andres 28 fühlen und denken, als das, was vor Augen steht.



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1 Und gewiß, könnten wir beschreiben, wie glücklich 2 alles eingetheilt war, wie an Ort und Stelle durch 3 Verbindung oder Gegensatz, durch Einfärbigkeit oder 4 Buntheit alles bestimmt, so und nicht anders erschien 5 als es erscheinen sollte, und eine so vollkommene als 6 deutliche Wirkung hervorbrachte, so würden wir den 7 Leser an einen Ort versetzen, von dem er sich sobald 8 nicht zu entfernen wünschte.

9 Vier große marmorne Candelaber standen in den 10 Ecken des Saals, vier kleinere in der Mitte um einen 11 sehr schön gearbeiteten Sarkophag, der seiner Größe 12 nach eine junge Person von mittlerer Gestalt konnte 13 enthalten haben.

14 Natalie blieb bei diesem Monumente stehen, und 15 indem sie die Hand darauf legte, sagte sie: Mein 16 guter Oheim hatte große Vorliebe zu diesem Werke 17 des Alterthums. Er sagte manchmal: Nicht allein 18 die ersten Blüthen fallen ab, die ihr da oben in 19 jenen kleinen Räumen verwahren könnt, sondern auch 20 Früchte, die am Zweige hängend uns noch lange die 21 schönste Hoffnung geben, indeß ein heimlicher Wurm 22 ihre frühere Reife und ihre Zerstörung vorbereitet. 23 Ich fürchte, fuhr sie fort, er hat auf das liebe 24 Mädchen geweissagt, das sich unserer Pflege nach und 25 nach zu entziehen und zu dieser ruhigen Wohnung 26 zu neigen scheint.

27 Als sie im Begriff waren wegzugehn, sagte Natalie: 28 Ich muß Sie noch auf etwas aufmerksam machen. 

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1 Bemerken Sie diese halbrunden Öffnungen in der 2 Höhe auf beiden Seiten! Hier können die Chöre der 3 Sänger verborgen stehen, und diese ehrnen Zierrathen 4 unter dem Gesimse dienen die Teppiche zu befestigen, 5 die nach der Verordnung meines Oheims bei jeder 6 Bestattung aufgehängt werden sollen. Er konnte nicht 7 ohne Musik, besonders nicht ohne Gesang leben, und 8 hatte dabei die Eigenheit, daß er die Sänger nicht 9 sehen wollte. Er pflegte zu sagen: Das Theater verwöhnt 10 uns gar zu sehr, die Musik dient dort nur 11 gleichsam dem Auge, sie begleitet die Bewegungen, 12 nicht die Empfindungen. Bei Oratorien und Concerten 13 stört uns immer die Gestalt des Musicus; die 14 wahre Musik ist allein für's Ohr; eine schöne Stimme 15 ist das allgemeinste, was sich denken läßt, und indem 16 das eingeschränkte Individuum, das sie hervorbringt, 17 sich vor's Auge stellt, zerstört es den reinen Effect 18 jener Allgemeinheit. Ich will jeden sehen, mit dem 19 ich reden soll, denn es ist ein einzelner Mensch, dessen 20 Gestalt und Charakter die Rede werth oder unwerth 21 macht; hingegen wer mir singt, soll unsichtbar sein; 22 seine Gestalt soll mich nicht bestechen oder irre machen. 23 Hier spricht nur ein Organ zum Organe, nicht der 24 Geist zum Geiste, nicht eine tausendfältige Welt zum 25 Auge, nicht ein Himmel zum Menschen. Eben so 26 wollte er auch bei Instrumentalmusiken die Orchester 27 so viel als möglich versteckt haben, weil man durch 28 die mechanischen Bemühungen und durch die nothdürftigen, 

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1 immer seltsamen Gebärden der Instrumentenspieler 2 so sehr zerstreut und verwirrt werde. 3 Er pflegte daher eine Musik nicht anders als mit 4 zugeschlossenen Augen anzuhören, um sein ganzes Dasein 5 auf den einzigen reinen Genuß des Ohrs zu 6 concentriren.

7 Sie wollten eben den Saal verlassen, als sie die 8 Kinder in dem Gange heftig laufen und den Felix 9 rufen hörten: Nein ich! nein ich!

10 Mignon warf sich zuerst zur geöffneten Thüre 11 herein; sie war außer Athem, und konnte kein Wort 12 sagen; Felix, noch in einiger Entfernung, rief: Mutter 13 Therese ist da! Die Kinder hatten, so schien es, die 14 Nachricht zu überbringen, einen Wettlauf angestellt. 15 Mignon lag in Nataliens Armen, ihr Herz pochte 16 gewaltsam.

17 Böses Kind, sagte Natalie, ist dir nicht alle 18 heftige Bewegung untersagt? Sieh, wie dein Herz 19 schlägt?

20 Laß es brechen! sagte Mignon, mit einem tiefen 21 Seufzer, es schlägt schon zu lange.

22 Man hatte sich von dieser Verwirrung, von dieser 23 Art von Bestürzung kaum erholt, als Therese hereintrat. 24 Sie flog auf Natalien zu, umarmte sie und 25 das gute Kind. Dann wendete sie sich zu Wihelmen, 26 sah ihn mit ihren klaren Augen an, und sagte: Nun, 27 mein Freund, wie steht es, Sie haben sich doch nicht 28 irre machen lassen? Er that einen Schritt gegen sie, 

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1 sie sprang auf ihn zu und hing an seinem Halse. 2 O meine Therese! rief er aus.

3 Mein Freund! mein Geliebter! mein Gatte! ja 4 auf ewig die deine! rief sie unter den lebhaftesten 5 Küssen.

6 Felix zog sie am Rocke und rief: Mutter Therese, 7 ich bin auch da! Natalie stand und sah vor sich hin; 8 Mignon fuhr auf einmal mit der linken Hand nach 9 dem Herzen und indem sie den rechten Arm heftig 10 ausstreckte, fiel sie mit einem Schrei zu Nataliens 11 Füßen für todt nieder.

12 Der Schrecken war groß: keine Bewegung des 13 Herzens noch des Pulses war zu spüren. Wilhelm 14 nahm sie auf seinen Arm und trug sie eilig hinauf, 15 der schlotternde Körper hing über seine Schultern. 16 Die Gegenwart des Arztes gab wenig Trost; er und 17 der junge Wundarzt, den wir schon kennen, bemühten 18 sich vergebens. Das liebe Geschöpf war nicht in's 19 Leben zurückzurufen.

20 Natalie winkte Theresen. Diese nahm ihren Freund 21 bei der Hand und führte ihn aus dem Zimmer. Er 22 war stumm und ohne Sprache, und hatte den Muth 23 nicht, ihren Augen zu begegnen. So saß er neben 24 ihr auf dem Canapee, auf dem er Natalien zuerst angetroffen 25 hatte. Er dachte mit großer Schnelle eine 26 Reihe von Schicksalen durch, oder vielmehr er dachte 27 nicht, er ließ das auf seine Seele wirken, was er 28 nicht entfernen konnte. Es gibt Augenblicke des Lebens, 

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1 in welchen die Begebenheiten, gleich geflügelten Weberschiffchen, 2 vor uns sich hin und wieder bewegen, und 3 unaufhaltsam ein Gewebe vollenden, das wir mehr 4 oder weniger selbst gesponnen und angelegt haben. 5 Mein Freund! sagte Therese, mein Geliebter! indem 6 sie das Stillschweigen unterbrach, und ihn bei der 7 Hand nahm: laß uns diesen Augenblick fest zusammenhalten, 8 wie wir noch öfters, vielleicht in ähnlichen 9 Fällen, werden zu thun haben. Dieß sind die Ereignisse, 10 welche zu ertragen man zu zweien in der 11 Welt sein muß. Bedenke, mein Freund, fühle, daß 12 du nicht allein bist, zeige, daß du deine Therese liebst, 13 zuerst dadurch, daß du deine Schmerzen ihr mittheilst! 14 Sie umarmte ihn und schloß ihn sanft an ihren 15 Busen; er faßte sie in seine Arme, und drückte sie 16 mit Heftigkeit an sich. Das arme Kind, rief er aus, 17 suchte in traurigen Augenblicken Schutz und Zuflucht 18 an meinem unsichern Busen; laß die Sicherheit des 19 deinigen mir in dieser schrecklichen Stunde zu Gute 20 kommen. Sie hielten sich fest umschlossen, er fühlte 21 ihr Herz an seinem Busen schlagen, aber in seinem 22 Geiste war es öde und leer; nur die Bilder Mignons 23, 24 und Nataliens schwebten wie Schatten vor seiner Einbildungskraft.

25 Natalie trat herein. Gib uns deinen Segen! rief 26 Therese, laß uns in diesem traurigen Augenblicke vor 27 dir verbunden sein. --- Wilhelm hatte sein Gesicht an 28 Theresens Halse verborgen; er war glücklich genug 

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1 weinen zu können. Er hörte Natalien nicht kommen, 2 er sah sie nicht, nur bei dem Klang ihrer Stimme 3 verdoppelten sich seine Thränen. --- Was Gott zusammenfügt, 4 will ich nicht scheiden, sagte Natalie 5 lächelnd, aber verbinden kann ich euch nicht, und 6 kann nicht loben, daß Schmerz und Neigung die Erinnerung 7 an meinen Bruder völlig aus euren Herzen 8 zu verbannen scheint. Wilhelm riß sich bei diesen 9 Worten aus den Armen Theresens. Wo wollen Sie 10 hin? riefen beide Frauen. Lassen Sie mich das Kind 11 sehen, rief er aus, das ich getödtet habe! Das Unglück, 12 das wir mit Augen sehen, ist geringer, als 13 wenn unsere Einbildungskraft das Übel gewaltsam 14 in unser Gemüth einsenkt; lassen Sie uns den abgeschiedenen 15 Engel sehen! Seine heitere Miene wird 16 uns sagen, daß ihm wohl ist! --- Da die Freundinnen 17 den bewegten Jüngling nicht abhalten konnten, folgten 18 sie ihm, aber der gute Arzt, der mit dem Chirurgus 19 ihnen entgegen kam, hielt sie ab sich der Verblichenen 20 zu nähern, und sagte: Halten Sie sich von diesem 21 traurigen Gegenstande entfernt, und erlauben Sie mir, 22 daß ich den Resten dieses sonderbaren Wesens, so viel 23 meine Kunst vermag, einige Dauer gebe. Ich will 24 die schöne Kunst, einen Körper nicht allein zu balsamiren, 25 sondern ihm auch ein lebendiges Ansehn zu 26 erhalten, bei diesem geliebten Geschöpfe sogleich anwenden. 27 Da ich ihren Tod voraussah, habe ich alle 28 Anstalten gemacht, und mit diesem Gehülfen hier soll 

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1 mir's gelingen. Erlauben Sie mir nur noch einige 2 Tage Zeit, und verlangen Sie das liebe Kind nicht 3 wieder zu sehen, bis wir es in den Saal der Vergangenheit 4 gebracht haben.

5 Der junge Chirurgus hatte jene merkwürdige Instrumententasche 6 wieder in Händen. Von wem kann 7 er sie wohl haben? fragte Wilhelm den Arzt. Ich 8 kenne sie sehr gut, versetzte Natalie, er hat sie von 9 seinem Vater, der Sie damals im Walde verband.

10 O so habe ich mich nicht geirrt, rief Wilhelm, ich 11 erkannte das Band sogleich! Treten Sie mir es ab! 12 Es brachte mich zuerst wieder auf die Spur von 13 meiner Wohlthäterin. Wie viel Wohl und Wehe 14 überdauert nicht ein solches lebloses Wesen! Bei wie 15 viel Schmerzen war dieß Band nicht schon gegenwärtig, 16 und seine Fäden halten noch immer! Wie 17 vieler Menschen letzten Augenblick hat es schon begleitet, 18 und seine Farben sind noch nicht verblichen! 19 Es war gegenwärtig in einem der schönsten Augenblicke 20 meines Lebens, da ich verwundet auf der Erde 21 lag, und Ihre hülfreiche Gestalt vor mir erschien, 22 als das Kind mit blutigen Haaren, mit der zärtlichsten 23 Sorgfalt für mein Leben besorgt war, dessen 24 frühzeitigen Tod wir nun beweinen.

25 Die Freunde hatten nicht lange Zeit, sich über 26 diese traurige Begebenheit zu unterhalten, und Fräulein 27 Theresen über das Kind und über die wahrscheinliche 28 Ursache seines unerwarteten Todes aufzuklären; 

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1 denn es wurden Fremde gemeldet, die, als sie sich 2 zeigten, keinesweges fremd waren. Lothario, Jarno, 3 der Abbé traten herein. Natalie ging ihrem Bruder 4 entgegen; unter den Übrigen entstand ein augenblickliches 5 Stillschweigen. Therese sagte lächelnd zu Lothario: 6 Sie glaubten wohl kaum mich hier zu finden; 7 wenigstens ist es eben nicht räthlich, daß wir uns in 8 diesem Augenblick aufsuchen; indessen sei'n Sie mir 9 nach einer so langen Abwesenheit herzlich gegrüßt.

10 Lothario reichte ihr die Hand, und versetzte: Wenn 11 wir einmal leiden und entbehren sollen, so mag es 12 immerhin auch in der Gegenwart des geliebten wünschenswerthen 13 Gutes geschehen. Ich verlange keinen 14 Einfluß auf Ihre Entschließung, und mein Vertrauen 15 auf Ihr Herz, auf Ihren Verstand und reinen Sinn 16 ist noch immer so groß, daß ich Ihnen mein Schicksal 17 und das Schicksal meines Freundes gerne in die 18 Hand lege.

19 Das Gespräch wendete sich sogleich zu allgemeinen, 20 ja, man darf sagen, zu unbedeutenden Gegenständen. 21 Die Gesellschaft trennte sich bald zum Spazierengehen 22 in einzelne Paare. Natalie war mit Lothario, Therese 23 mit dem Abbé gegangen, und Wilhelm war mit Jarno 24 auf dem Schlosse geblieben.

25 Die Erscheinung der drei Freunde in dem Augenblick, 26 da Wilhelmen ein schwerer Schmerz auf der 27 Brust lag, hatte, statt ihn zu zerstreuen, seine Laune 28 gereizt und verschlimmert; er war verdrießlich und 

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1 argwöhnisch, und konnte und wollte es nicht verhehlen, 2 als Jarno ihn über sein mürrisches Stillschweigen 3 zur Rede setzte. Was braucht's da weiter? rief Wilhelm 4 aus. Lothario kommt mit seinen Beiständen, 5 und es wäre wunderbar, wenn jene geheimnißvollen 6 Mächte des Thurms, die immer so geschäftig sind, 7 jetzt nicht auf uns wirken, und ich weiß nicht was 8 für einen seltsamen Zweck mit und an uns ausführen 9 sollten. So viel ich diese heiligen Männer 10 kenne, scheint es jederzeit ihre löbliche Absicht, das 11 Verbundene zu trennen und das Getrennte zu verbinden. 12 Was daraus für ein Gewebe entstehen kann, 13 mag wohl unsern unheiligen Augen ewig ein Räthsel 14 bleiben.

15 Sie sind verdrießlich und bitter, sagte Jarno, das 16 ist recht schön und gut. Wenn Sie nur erst einmal 17 recht böse werden, wird es noch besser sein.

18 Dazu kann auch Rath werden, versetzte Wilhelm, 19 und ich fürchte sehr, daß man Lust hat meine angeborne 20 und angebildete Geduld dießmal auf's äußerste 21 zu reizen.

22 So möchte ich Ihnen denn doch, sagte Jarno, indessen, 23 bis wir sehen wo unsere Geschichten hinaus 24 wollen, etwas von dem Thurme erzählen, gegen den 25 Sie ein so großes Mißtrauen zu hegen scheinen.

26 Es steht bei Ihnen, versetzte Wilhelm, wenn Sie 27 es auf meine Zerstreuung hin wagen wollen. Mein 28 Gemüth ist so vielfach beschäftigt, daß ich nicht weiß, 

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1 ob es an diesen würdigen Abenteuern den schuldigen 2 Theil nehmen kann.

3 Ich lasse mich, sagte Jarno, durch Ihre angenehme 4 Stimmung nicht abschrecken, Sie über diesen Punct 5 aufzuklären. Sie halten mich für einen gescheidten 6 Kerl, und Sie sollen mich auch noch für einen ehrlichen 7 halten, und, was mehr ist, dießmal hab' ich 8 Auftrag. --- Ich wünschte, versetzte Wilhelm, Sie 9 sprächen aus eigner Bewegung und aus gutem Willen 10 mich aufzuklären; und da ich Sie nicht ohne Mißtrauen 11 hören kann, warum soll ich Sie anhören? --- 12 Wenn ich jetzt nichts Besseres zu thun habe, sagte 13 Jarno, als Mährchen zu erzählen, so haben Sie ja 14 auch wohl Zeit ihnen einige Aufmerksamkeit zu widmen; 15 vielleicht sind Sie dazu geneigter, wenn ich 16 Ihnen gleich anfangs sage: alles, was Sie im 17 Thurme gesehen haben, sind eigentlich nur noch Reliquien 18 von einem jugendlichen Unternehmen, bei dem 19 es anfangs den meisten Eingeweihten großer Ernst 20 war, und über das nun alle gelegentlich nur lächeln.

21 Also mit diesen würdigen Zeichen und Worten 22 spielt man nur, rief Wilhelm aus, man führt uns 23 mit Feierlichkeit an einen Ort, der uns Ehrfurcht 24 einflößt, man läßt uns die wunderlichsten Erscheinungen 25 sehen, man gibt uns Rollen voll herrlicher 26 geheimnißreicher Sprüche, davon wir freilich das 27 Wenigste verstehn, man eröffnet uns, daß wir bisher 28 Lehrlinge waren, man spricht uns los, und wir sind 

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1 so klug wie vorher. --- Haben Sie das Pergament 2 nicht bei der Hand? fragte Jarno, es enthält viel 3 Gutes: denn jene allgemeinen Sprüche sind nicht aus 4 der Luft gegriffen; freilich scheinen sie demjenigen leer 5 und dunkel, der sich keiner Erfahrung dabei erinnert. 6 Geben Sie mir den sogenannten Lehrbrief doch, wenn 7 er in der Nähe ist. --- Gewiß ganz nah, versetzte 8 Wilhelm, so ein Amulet sollte man immer auf der 9 Brust tragen. --- Nun, sagte Jarno lächelnd: wer 10 weiß ob der Inhalt nicht einmal in Ihrem Kopf 11 und Herzen Platz findet.

12 Jarno blickte hinein, und überlief die erste Hälfte 13 mit den Augen. Diese, sagte er, bezieht sich auf die 14 Ausbildung des Kunstsinnes, wovon andere sprechen 15 mögen; die zweite handelt vom Leben, und da bin 16 ich besser zu Hause.

17 Er fing darauf an Stellen zu lesen, sprach dazwischen 18 und knüpfte Anmerkungen und Erzählungen 19 mit ein. Die Neigung der Jugend zum Geheimniß, 20 zu Ceremonien und großen Worten ist außerordentlich, 21 und oft ein Zeichen einer gewissen Tiefe des 22 Charakters. Man will in diesen Jahren sein ganzes 23 Wesen, wenn auch nur dunkel und unbestimmt, ergriffen 24 und berührt fühlen. Der Jüngling, der vieles 25 ahnet, glaubt in einem Geheimnisse viel zu finden, 26 in ein Geheimniß viel legen und durch dasselbe wirken 27 zu müssen. In diesen Gesinnungen bestärkte der Abbé 28 eine junge Gesellschaft, theils nach seinen Grundsätzen, 

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1 theils aus Neigung und Gewohnheit, da er wohl ehemals 2 mit einer Gesellschaft in Verbindung stand, die 3 selbst viel im Verborgenen gewirkt haben mochte. Ich 4 konnte mich am wenigsten in dieses Wesen finden. 5 Ich war älter als die andern, ich hatte von Jugend 6 auf klar gesehen, und wünschte in allen Dingen nichts 7 als Klarheit; ich hatte kein ander Interesse, als die 8 Welt zu kennen wie sie war, und steckte mit dieser 9 Liebhaberei die übrigen besten Gefährten an, und 10 fast hätte darüber unsere ganze Bildung eine falsche 11 Richtung genommen: denn wir fingen an nur die 12 Fehler der andern und ihre Beschränkung zu sehen, 13 und uns selbst für treffliche Wesen zu halten. Der 14 Abbé kam uns zu Hülfe und lehrte uns, daß man 15 die Menschen nicht beobachten müsse, ohne sich für ihre 16 Bildung zu interessiren, und daß man sich selbst 17 eigentlich nur in der Thätigkeit zu beobachten und zu 18 erlauschen im Stande sei. Er rieth uns jene ersten 19 Formen der Gesellschaft beizubehalten; es blieb daher 20 etwas Gesetzliches in unsern Zusammenkünften, man 21 sah wohl die ersten mystischen Eindrücke auf die Einrichtung 22 des Ganzen, nachher nahm es, wie durch ein 23 Gleichniß, die Gestalt eines Handwerks an, das sich 24 bis zur Kunst erhob. Daher kamen die Benennungen 25 von Lehrlingen, Gehülfen und Meistern. Wir wollten 26 mit eigenen Augen sehen und uns ein eigenes Archiv 27 unserer Weltkenntniß bilden; daher entstanden die 28 vielen Confessionen, die wir theils selbst schrieben, 

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1 theils wozu wir andere veranlaßten, und aus denen 2 nachher die Lehrjahre zusammengesetzt wurden. Nicht 3 allen Menschen ist es eigentlich um ihre Bildung zu 4 thun; viele wünschen nur so ein Hausmittel zum 5 Wohlbefinden, Recepte zum Reichthum und zu jeder 6 Art von Glückseligkeit. Alle diese, die nicht auf ihre 7 Füße gestellt sein wollten, wurden mit Mystificationen 8 und anderm Hocus Pocus theils aufgehalten, theils 9 bei Seite gebracht. Wir sprachen nach unserer Art 10 nur diejenigen los, die lebhaft fühlten und deutlich 11 bekannten, wozu sie geboren seien, und die sich genug 12 geübt hatten, um, mit einer gewissen Fröhlichkeit und 13 Leichtigkeit, ihren Weg zu verfolgen.

14 So haben Sie sich mit mir sehr übereilt, versetzte 15 Wilhelm: denn was ich kann, will oder soll, weiß 16 ich, gerade seit jenem Augenblick, am allerwenigsten. 17 --- Wir sind ohne Schuld in diese Verwirrung gerathen, 18 das gute Glück mag uns wieder heraushelfen; 19 indessen hören Sie nur: derjenige, an dem viel zu 20 entwickeln ist, wird später über sich und die Welt 21 aufgeklärt. Es sind nur wenige, die den Sinn haben 22 und zugleich zur That fähig sind. Der Sinn erweitert, 23 aber lähmt; die That belebt, aber beschränkt.

24 Ich bitte Sie, fiel Wilhelm ein, lesen Sie mir 25 von diesen wunderlichen Worten nichts mehr! Diese 26 Phrasen haben mich schon verwirrt genug gemacht. --- 27 So will ich bei der Erzählung bleiben, sagte Jarno, 28 indem er die Rolle halb zuwickelte, und nur manchmal 

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1 einen Blick hinein that. Ich selbst habe der 2 Gesellschaft und den Menschen am wenigsten genutzt; 3 ich bin ein sehr schlechter Lehrmeister, es ist mir unerträglich 4 zu sehen, wenn jemand ungeschickte Versuche 5 macht, einem Irrenden muß ich gleich zurufen, und 6 wenn es ein Nachtwandler wäre, den ich in Gefahr 7 sähe geraden Weges den Hals zu brechen. Darüber 8 hatte ich nun immer meine Noth mit dem Abbé, der 9 behauptet, der Irrthum könne nur durch das Irren 10 geheilt werden. Auch über Sie haben wir uns oft 11 gestritten; er hatte Sie besonders in Gunst genommen, 12 und es will schon etwas heißen in dem hohen 13 Grade seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie 14 müssen mir nachsagen, daß ich Ihnen, wo ich Sie 15 antraf, die reine Wahrheit sagte. --- Sie haben mich 16 wenig geschont, sagte Wilhelm, und Sie scheinen 17 Ihren Grundsätzen treu zu bleiben. --- Was ist denn 18 da zu schonen, versetzte Jarno, wenn ein junger 19 Mensch von mancherlei guten Anlagen eine ganz 20 falsche Richtung nimmt? --- Verzeihen Sie, sagte 21 Wilhelm, Sie haben mir streng genug alle Fähigkeit 22 zum Schauspieler abgesprochen; ich gestehe Ihnen, 23 daß ob ich gleich dieser Kunst ganz entsagt habe, so 24 kann ich mich doch unmöglich bei mir selbst dazu 25 für ganz unfähig erklären. --- Und bei mir, sagte 26 Jarno, ist es doch so rein entschieden, daß wer sich 27 nur selbst spielen kann, kein Schauspieler ist. Wer 28 sich nicht dem Sinn und der Gestalt nach in viele 

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1 Gestalten verwandeln kann, verdient nicht diesen Namen. 2 So haben Sie, zum Beispiel, den Hamlet und einige 3 andere Rollen recht gut gespielt, bei denen Ihr Charakter, 4 Ihre Gestalt und die Stimmung des Augenblicks 5 Ihnen zu Gute kamen. Das wäre nun für ein 6 Liebhabertheater und für einen jeden gut genug, der 7 keinen andern Weg vor sich sähe. Man soll sich, 8 fuhr Jarno fort, indem er auf die Rolle sah, vor 9 einem Talente hüten, das man in Vollkommenheit 10 auszuüben nicht Hoffnung hat. Man mag es darin 11 so weit bringen, als man will, so wird man doch 12 immer zuletzt, wenn uns einmal das Verdienst des 13 Meisters klar wird, den Verlust von Zeit und Kräften, 14 die man auf eine solche Pfuscherei gewendet hat, 15 schmerzlich bedauern.

16 Lesen Sie nichts! sagte Wilhelm, ich bitte Sie inständig, 17 sprechen Sie fort, erzählen Sie mir, klären 18 Sie mich auf! Und so hat also der Abbé mir zum 19 Hamlet geholfen, indem er einen Geist herbeischaffte? 20 --- Ja, denn er versicherte, daß es der einzige Weg 21 sei Sie zu heilen, wenn Sie heilbar wären. --- Und 22 darum ließ er mir den Schleier zurück, und hieß mich 23 fliehen? --- Ja, er hoffte sogar mit der Vorstellung 24 des Hamlets sollte Ihre ganze Lust gebüßt sein. Sie 25 würden nachher das Theater nicht wieder betreten, 26 behauptete er; ich glaubte das Gegentheil und behielt 27 Recht. Wir stritten noch selbigen Abend nach der 28 Vorstellung darüber. --- Und Sie haben mich also 

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1 spielen sehen? --- O gewiß! --- Und wer stellte denn 2 den Geist vor? --- Das kann ich selbst nicht sagen, 3 entweder der Abbé oder sein Zwillingsbruder, doch 4 glaub' ich dieser, denn er ist um ein weniges größer. 5 --- Sie haben also auch Geheimnisse unter einander? --- 6 Freunde können und müssen Geheimnisse vor einander 7 haben; sie sind einander doch kein Geheimniß.

8 Es verwirrt mich schon das Andenken dieser Verworrenheit. 9 Klären Sie mich über den Mann auf, 10 dem ich so viel schuldig bin, und dem ich so viel 11 Vorwürfe zu machen habe.

12 Was ihn uns so schätzbar macht, versetzte Jarno, 13 was ihm gewissermaßen die Herrschaft über uns alle 14 erhält, ist der freie und scharfe Blick, den ihm die 15 Natur über alle Kräfte, die im Menschen nur wohnen, 16 und wovon sich jede in ihrer Art ausbilden läßt, 17 gegeben hat. Die meisten Menschen, selbst die vorzüglichen, 18 sind nur beschränkt; jeder schätzt gewisse 19 Eigenschaften an sich und andern; nur die begünstigt 20 er, nur die will er ausgebildet wissen. Ganz entgegengesetzt 21 wirkt der Abbé, er hat Sinn für alles, 22 Lust an allem, es zu erkennen und zu befördern. Da 23 muß ich doch wieder in die Rolle sehen! fuhr Jarno 24 fort: Nur alle Menschen machen die Menschheit aus, 25 nur alle Kräfte zusammengenommen die Welt. Diese 26 sind unter sich oft im Widerstreit, und indem sie sich 27 zu zerstören suchen, hält sie die Natur zusammen und 28 bringt sie wieder hervor. Von dem geringsten thierischen 

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1 Handwerkstriebe bis zur höchsten Ausübung der 2 geistigsten Kunst, vom Lallen und Jauchzen des Kindes 3 bis zur trefflichsten Äußerung des Redners und Sängers, 4 vom ersten Balgen der Knaben bis zu den ungeheuren 5 Anstalten, wodurch Länder erhalten und erobert werden, 6 vom leichtesten Wohlwollen und der flüchtigsten 7 Liebe bis zur heftigsten Leidenschaft und zum ernstesten 8 Bunde, von dem reinsten Gefühl der sinnlichen 9 Gegenwart bis zu den leisesten Ahnungen und Hoffnungen 10 der entferntesten geistigen Zukunft, alles das 11 und weit mehr liegt im Menschen, und muß ausgebildet 12 werden; aber nicht in einem, sondern in 13 vielen. Jede Anlage ist wichtig, und sie muß entwickelt 14 werden. Wenn einer nur das Schöne, der 15 andere nur das Nützliche befördert, so machen beide 16 zusammen erst einen Menschen aus. Das Nützliche 17 befördert sich selbst, denn die Menge bringt es hervor, 18 und alle können's nicht entbehren; das Schöne 19 muß befördert werden, denn wenige stellen's dar, und 20 viele bedürfen's.

21 Halten Sie inne! rief Wilhelm, ich habe das alles 22 gelesen. --- Nur noch einige Zeilen, versetzte Jarno, 23 hier find' ich den Abbé ganz wieder: eine Kraft beherrscht 24 die andere, aber keine kann die andere bilden; 25 in jeder Anlage liegt auch allein die Kraft sich zu 26 vollenden; das verstehen so wenig Menschen, die doch 27 lehren und wirken wollen. --- Und ich verstehe es 28 auch nicht, versetzte Wilhelm. --- Sie werden über 

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1 diesen Text den Abbé noch oft genug hören, und so 2 lassen Sie uns nur immer recht deutlich sehen und 3 festhalten, was an uns ist, und was wir an uns 4 ausbilden können; lassen Sie uns gegen die andern 5 gerecht sein, denn wir sind nur in so fern zu achten, 6 als wir zu schätzen wissen. --- Um Gottes willen! 7 keine Sentenzen weiter! ich fühle sie sind ein schlechtes 8 Heilmittel für ein verwundetes Herz. Sagen Sie mir 9 lieber, mit Ihrer grausamen Bestimmtheit, was Sie 10 von mir erwarten, und wie und auf welche Weise 11 Sie mich aufopfern wollen. --- Jeden Verdacht, ich 12 versichere Sie, werden Sie uns künftig abbitten. Es 13 ist Ihre Sache zu prüfen und zu wählen, und die 14 unsere Ihnen beizustehn. Der Mensch ist nicht eher 15 glücklich, als bis sein unbedingtes Streben sich selbst 16 seine Begränzung bestimmt. Nicht an mich halten 17 Sie sich, sondern an den Abbé; nicht an sich denken 18 Sie, sondern an das, was Sie umgibt. Lernen Sie 19 zum Beispiel Lothario's Trefflichkeit einsehen, wie 20 sein Überblick und seine Thätigkeit unzertrennlich mit 21 einander verbunden sind, wie er immer im Fortschreiten 22 ist, wie er sich ausbreitet und jeden mit 23 fortreißt. Er führt, wo er auch sei, eine Welt mit 24 sich, seine Gegenwart belebt und feuert an. Sehen 25 Sie unsern guten Medicus dagegen! Es scheint gerade 26 die entgegengesetzte Natur zu sein. Wenn jener nur 27 in's Ganze und auch in die Ferne wirkt, so richtet 28 dieser seinen hellen Blick nur auf die nächsten Dinge, 

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1 er verschafft mehr die Mittel zur Thätigkeit, als daß 2 er die Thätigkeit hervorbrächte und belebte; sein Handeln 3 sieht einem guten Wirthschaften vollkommen ähnlich, 4 seine Wirksamkeit ist still, indem er einen jeden 5 in seinem Kreis befördert; sein Wissen ist ein beständiges 6 Sammeln und Ausspenden, ein Nehmen und 7 Mittheilen im Kleinen. Vielleicht könnte Lothario 8 in einem Tage zerstören, woran dieser Jahre lang 9 gebaut hat; aber vielleicht theilt auch Lothario, in 10 einem Augenblick, andern die Kraft mit, das Zerstörte 11 hundertfältig wieder herzustellen. --- Es ist ein 12 trauriges Geschäft, sagte Wilhelm, wenn man über 13 die reinen Vorzüge der andern in einem Augenblicke 14 denken soll, da man mit sich selbst uneins ist; solche 15 Betrachtungen stehen dem ruhigen Manne wohl an, 16 nicht dem, der von Leidenschaft und Ungewißheit bewegt 17 ist. --- Ruhig und vernünftig zu betrachten ist 18 zu keiner Zeit schädlich, und indem wir uns gewöhnen 19 über die Vorzüge anderer zu denken, stellen sich die 20 unsern unvermerkt selbst an ihren Platz, und jede 21 falsche Thätigkeit, wozu uns die Phantasie lockt, wird 22 alsdann gern von uns aufgegeben. Befreien Sie wo 23 möglich Ihren Geist von allem Argwohn und aller 24 Ängstlichkeit! Dort kommt der Abbé, sein Sie ja 25 freundlich gegen ihn bis Sie noch mehr erfahren, wie 26 viel Dank Sie ihm schuldig sind. Der Schalk! Da 27 geht er zwischen Natalien und Theresen, ich wollte 28 wetten, er denkt sich was aus. So wie er überhaupt 

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1 gern ein wenig das Schicksal spielt, so läßt er auch 2 nicht von der Liebhaberei, manchmal eine Heirath zu 3 stiften.

4 Wilhelm, dessen leidenschaftliche und verdrießliche 5 Stimmung durch alle die klugen und guten Worte 6 Jarno's nicht verbessert worden war, fand höchst undelicat, 7 daß sein Freund, gerade in diesem Augenblick, 8 eines solchen Verhältnisses erwähnte, und sagte, 9 zwar lächelnd, doch nicht ohne Bitterkeit: Ich dächte 10 man überließe die Liebhaberei, Heirathen zu stiften, 11 Personen die sich lieb haben.



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1 
Sechstes Capitel.

[Lesarten]  2 Die Gesellschaft hatte sich eben wieder begegnet, 3 und unsere Freunde sahen sich genöthigt, das Gespräch 4 abzubrechen. Nicht lange, so ward ein Courier gemeldet, 5 der einen Brief in Lothario's eigene Hände 6 übergeben wollte; der Mann ward vorgeführt, er sah 7 rüstig und tüchtig aus, seine Livree war sehr reich 8 und geschmackvoll. Wilhelm glaubte ihn zu kennen, 9 und er irrte sich nicht, es war derselbe Mann, den 10 er damals Philinen und der vermeinten Mariane 11 nachgeschickt hatte, und der nicht wieder zurückgekommen 12 war. Eben wollte er ihn anreden, als Lothario, 13 der den Brief gelesen hatte, ernsthaft und fast verdrießlich 14 fragte: Wie heißt sein Herr?

15 Das ist unter allen Fragen, versetzte der Courier 16 mit Bescheidenheit, auf die ich am wenigsten zu antworten 17 weiß; ich hoffe der Brief wird das Nöthige 18 vermelden; mündlich ist mir nichts aufgetragen.

19 Es sei wie ihm sei, versetzte Lothario mit Lächeln, 20 da sein Herr das Zutrauen zu mir hat, mir so 21 hasenfüßig zu schreiben, so soll er uns willkommen 22 sein. Er wird nicht lange auf sich warten lassen, 

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1 versetzte der Courier mit einer Verbeugung, und entfernte 2 sich.

3 Vernehmet nur, sagte Lothario, die tolle abgeschmackte 4 Botschaft. Da unter allen Gästen, so schreibt 5 der Unbekannte, ein guter Humor der angenehmste 6 Gast sein soll, wenn er sich einstellt, und ich denselben 7 als Reisegefährten beständig mit mir herumführe, 8 so bin ich überzeugt, der Besuch, den ich Ew. 9 Gnaden und Liebden zugedacht habe, wird nicht übel 10 vermerkt werden, vielmehr hoffe ich mit der sämmtlichen 11 hohen Familie vollkommener Zufriedenheit anzulangen, 12 und gelegentlich mich wieder zu entfernen, 13 der ich mich, und so weiter, Graf von Schneckenfuß.

14 Das ist eine neue Familie, sagte der Abbé.

15 Es mag ein Vicariatsgraf sein, versetzte Jarno.

16 Das Geheimniß ist leicht zu errathen, sagte Natalie; 17 ich wette es ist Bruder Friedrich, der uns schon seit 18 dem Tode des Oheims mit einem Besuche droht.

19 Getroffen! schöne und weise Schwester, rief jemand 20 aus einem nahen Busche, und zugleich trat ein angenehmer, 21 heiterer, junger Mann hervor; Wilhelm 22 konnte sich kaum eines Schreies enthalten. Wie? rief 23 er, unser blonder Schelm, der soll mir auch hier noch 24 erscheinen? Friedrich ward aufmerksam, sah Wilhelmen 25 an und rief: Wahrlich, weniger erstaunt wär' ich gewesen, 26 die berühmten Pyramiden, die doch in Ägypten 27 so fest stehen, oder das Grab des Königs Mausolus, 28 das, wie man mir versichert hat, gar nicht mehr existirt, 

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1 hier in dem Garten meines Oheims zu finden, 2 als euch meinen alten Freund und vielfachen 3, 4 Wohlthäter. Seid mir besonders und schönstens gegrüßt!

5 Nachdem er rings herum alles bewillkommt und 6 geküßt hatte, sprang er wieder auf Wilhelmen los, 7 und rief: Haltet mir ihn ja warm diesen Helden, 8 Heerführer und dramatischen Philosophen! Ich habe 9 ihn bei unserer ersten Bekanntschaft schlecht, ja, ich 10 darf wohl sagen, mit der Hechel frisirt, und er hat 11 mir doch nachher eine tüchtige Tracht Schläge erspart. 12 Er ist großmüthig wie Scipio, freigebig wie Alexander, 13 gelegentlich auch verliebt, doch ohne seine Nebenbuhler 14 zu hassen. Nicht etwa, daß er seinen Feinden Kohlen 15 auf's Haupt sammelte, welches, wie man sagt, ein 16 schlechter Dienst sein soll, den man jemanden erzeigen 17 kann, nein, er schickt vielmehr den Freunden, die ihm 18 sein Mädchen entführen, gute und treue Diener nach, 19 damit ihr Fuß an keinen Stein stoße.

20 In diesem Geschmack fuhr er unaufhaltsam fort, 21 ohne daß jemand ihm Einhalt zu thun im Stande 22 gewesen wäre, und da niemand in dieser Art ihm 23 erwidern konnte, so behielt er das Wort ziemlich 24 allein. Verwundert euch nicht, rief er aus, über 25 meine große Belesenheit in heiligen und Profan-Scribenten; 26 ihr sollt erfahren, wie ich zu diesen 27 Kenntnissen gelangt bin. Man wollte von ihm wissen, 28 wie es ihm gehe, wo er herkomme; allein er konnte 

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1 vor lauter Sittensprüchen und alten Geschichten nicht 2 zur deutlichen Erklärung gelangen.

3 Natalie sagte leise zu Theresen: Seine Art von 4 Lustigkeit thut mir wehe; ich wollte wetten, daß ihm 5 dabei nicht wohl ist.

6 Da Friedrich, außer einigen Späßen, die ihm 7 Jarno erwiderte, keinen Anklang für seine Possen in 8 der Gesellschaft fand, sagte er: Es bleibt mir nichts 9 übrig als mit der ernsthaften Familie auch ernsthaft 10 zu werden, und weil mir, unter solchen bedenklichen 11 Umständen, sogleich meine sämmtliche Sündenlast 12 schwer auf die Seele fällt, so will ich mich kurz und gut 13 zu einer Generalbeichte entschließen, wovon ihr aber, 14 meine werthen Herrn und Damen, nichts vernehmen 15 sollt. Dieser edle Freund hier, dem schon einiges 16 von meinem Leben und Thun bekannt ist, soll es 17 allein erfahren, um so mehr, als er allein darnach 18 zu fragen einige Ursache hat. Wäret ihr nicht neugierig 19 zu wissen, fuhr er gegen Wilhelmen fort, wie 20 und wo? wer? wann und warum? wie sieht's mit 21 der Conjugation des griechischen Verbi Philéo, Philoh? 22 und mit den Derivativis dieses allerliebsten Zeitwortes 23 aus?

24 Somit nahm er Wilhelmen bei'm Arme, führte 25 ihn fort, indem er ihn auf alle Weise drückte und 26 küßte.

27 Kaum war Friedrich auf Wilhelms Zimmer gekommen, 28 als er im Fenster ein Pudermesser liegen 

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1 fand, mit der Inschrift: Gedenke mein. Ihr hebt 2 eure werthen Sachen gut auf! sagte er; wahrlich das 3 ist Philinens Pudermesser, das sie euch jenen Tag 4 schenkte, als ich euch so gerauft hatte. Ich hoffe ihr 5 habt des schönen Mädchens fleißig dabei gedacht, und 6 versichere euch, sie hat euch auch nicht vergessen, und 7 wenn ich nicht jede Spur von Eifersucht schon lange 8 aus meinem Herzen verbannt hätte, so würde ich euch 9 nicht ohne Neid ansehen.

10 Reden Sie nichts mehr von diesem Geschöpfe, versetzte 11 Wilhelm. Ich läugne nicht, daß ich den Eindruck 12 ihrer angenehmen Gegenwart lange nicht los 13 werden konnte, aber das war auch alles.

14 Pfui! schämt euch, rief Friedrich, wer wird eine 15 Geliebte verläugnen? und ihr habt sie so complet geliebt, 16 als man es nur wünschen konnte. Es verging 17 kein Tag, daß ihr dem Mädchen nicht etwas schenktet, 18 und wenn der Deutsche schenkt, liebt er gewiß. Es 19 blieb mir nichts übrig, als sie euch zuletzt wegzuputzen, 20 und dem rothen Officierchen ist es denn auch 21 endlich geglückt.

22 Wie? Sie waren der Officier, den wir bei Philinen 23 antrafen, und mit dem sie wegreis'te?

24 Ja, versetzte Friedrich, den Sie für Marianen 25, 26 hielten. Wir haben genug über den Irrthum gelacht.

27 Welche Grausamkeit! rief Wilhelm, mich in einer 28 solchen Ungewißheit zu lassen.



[Seite 226]

1 Und noch dazu den Courier, den Sie uns nachschickten, 2 gleich in Dienste zu nehmen! versetzte Friedrich. 3 Es ist ein tüchtiger Kerl, und ist diese Zeit 4 nicht von unserer Seite gekommen. Und das Mädchen 5 lieb' ich noch immer so rasend, wie jemals. Mir hat 6 sie's ganz eigens angethan, daß ich mich ganz nahezu 7 in einem mythologischen Falle befinde, und alle Tage 8 befürchte verwandelt zu werden.

9 Sagen Sie mir nur, fragte Wilhelm, wo haben 10 Sie Ihre ausgebreitete Gelehrsamkeit her? Ich höre 11 mit Verwunderung der seltsamen Manier zu, die Sie 12 angenommen haben, immer mit Beziehung auf alte 13 Geschichten und Fabeln zu sprechen.

14 Auf die lustigste Weise, sagte Friedrich, bin ich 15 gelehrt und zwar sehr gelehrt worden. Philine ist 16 nun bei mir, wir haben einem Pachter das alte Schloß 17 eines Rittergutes abgemiethet, worin wir, wie die 18 Kobolde, auf's lustigste leben. Dort haben wir eine 19 zwar compendiöse, aber doch ausgesuchte Bibliothek 20 gefunden, enthaltend eine Bibel in Folio, Gottfrieds 21 Chronik, zwei Bände Theatrum Europaeum, die 22 Acerra Philologica, Gryphii Schriften und noch einige 23 minder wichtige Bücher. Nun hatten wir denn doch, 24 wenn wir ausgetobt hatten, manchmal lange Weile, 25 wir wollten lesen, und ehe wir's uns versahen, ward 26 unsere Weile noch länger. Endlich hatte Philine 27 den herrlichen Einfall, die sämmtlichen Bücher auf 28 einem großen Tisch aufzuschlagen, wir setzten uns 

[Seite 227]

1 gegen einander und lasen gegen einander, und immer 2 nur stellenweise, aus einem Buch wie aus dem andern. 3 Das war nun eine rechte Lust! Wir glaubten wirklich 4 in guter Gesellschaft zu sein, wo man für unschicklich 5 hält, irgend eine Materie zu lange fortsetzen, 6 oder wohl gar gründlich erörtern zu wollen; wir 7 glaubten in lebhafter Gesellschaft zu sein, wo keins 8 das andere zum Wort kommen läßt. Diese Unterhaltung 9 geben wir uns regelmäßig alle Tage und 10 werden dadurch nach und nach so gelehrt, daß wir 11 uns selbst darüber verwundern. Schon finden wir 12 nichts Neues mehr unter der Sonne, zu allem bietet 13 uns unsere Wissenschaft einen Beleg an. Wir variiren 14 diese Art uns zu unterrichten auf gar vielerlei Weise. 15 Manchmal lesen wir nach einer alten verdorbenen 16 Sanduhr, die in einigen Minuten ausgelaufen ist. 17 Schnell dreht sie das andere herum, und fängt aus einem 18 Buche zu lesen an, und kaum ist wieder der Sand 19 im untern Glase, so beginnt das andere schon wieder 20 seinen Spruch, und so studiren wir wirklich auf wahrhaft 21 akademische Weise, nur daß wir kürzere Stunden 22 haben, und unsere Studien äußerst mannichfaltig sind.

23 Diese Tollheit begreife ich wohl, sagte Wilhelm, 24 wenn einmal so ein lustiges Paar beisammen ist; 25 wie aber das lockere Paar so lange beisammen bleiben 26 kann, das ist mir nicht so bald begreiflich.

27 Das ist, rief Friedrich, eben das Glück und das 28 Unglück: Philine darf sich nicht sehen lassen, sie mag 

[Seite 228]

1 sich selbst nicht sehen, sie ist guter Hoffnung. Unförmlicher 2 und lächerlicher ist nichts in der Welt als sie. 3 Noch kurz ehe ich wegging, kam sie zufälligerweise 4 vor den Spiegel. Pfui Teufel! sagte sie, und wendete 5 das Gesicht ab, die leibhaftige Frau Melina! das 6 garstige Bild! Man sieht doch ganz niederträchtig aus!

7 Ich muß gestehen, versetzte Wilhelm lächelnd, daß 8 es ziemlich komisch sein mag, euch als Vater und 9 Mutter beisammen zu sehen.

10 Es ist ein recht närrischer Streich, sagte Friedrich, 11 daß ich noch zuletzt als Vater gelten soll. Sie behauptet's, 12 und die Zeit trifft auch. Anfangs machte 13 mich der verwünschte Besuch, den sie euch nach dem 14 Hamlet abgestattet hatte, ein wenig irre.

15 Was für ein Besuch?

16 Ihr werdet das Andenken daran doch nicht ganz 17 und gar verschlafen haben? Das allerliebste fühlbare 18 Gespenst jener Nacht, wenn ihr's noch nicht wißt, 19 war Philine. Die Geschichte war mir freilich eine 20 harte Mitgift, doch wenn man sich so etwas nicht 21 mag gefallen lassen, so muß man gar nicht lieben. 22 Die Vaterschaft beruht überhaupt nur auf der Überzeugung; 23 ich bin überzeugt, und also bin ich Vater. 24 Da seht ihr, daß ich die Logik auch am rechten Orte 25 zu brauchen weiß. Und wenn das Kind sich nicht 26 gleich nach der Geburt auf der Stelle zu Tode lacht, 27 so kann es wo nicht ein nützlicher doch angenehmer 28 Weltbürger werden.



[Seite 229]

1 Indessen die Freunde sich auf diese lustige Weise 2 von leichtfertigen Gegenständen unterhielten, hatte die 3 übrige Gesellschaft ein ernsthaftes Gespräch angefangen. 4 Kaum hatten Friedrich und Wilhelm sich entfernt, 5 als der Abbé die Freunde unvermerkt in einen Gartensaal 6 führte, und, als sie Platz genommen hatten, 7 seinen Vortrag begann.

8 Wir haben, sagte er, im Allgemeinen behauptet, 9 daß Fräulein Therese nicht die Tochter ihrer Mutter 10 sei; es ist nöthig, daß wir uns hierüber auch nun 11 im Einzelnen erklären. Hier ist die Geschichte, die ich 12 sodann auf alle Weise zu belegen und zu beweisen 13 mich erbiete.

14 Frau von --- lebte die ersten Jahre ihres Ehestandes 15 mit ihrem Gemahl in dem besten Vernehmen, 16 nur hatten sie das Unglück, daß die Kinder, zu denen 17 einigemal Hoffnung war, todt zur Welt kamen, und 18 bei dem dritten die Ärzte der Mutter beinahe den 19 Tod verkündigten, und ihn bei einem folgenden als 20 ganz unvermeidlich weissagten. Man war genöthigt 21 sich zu entschließen, man wollte das Eheband nicht 22 aufheben, man befand sich, bürgerlich genommen, zu 23 wohl. Frau von --- suchte in der Ausbildung ihres 24 Geistes, in einer gewissen Repräsentation, in den 25 Freuden der Eitelkeit, eine Art von Entschädigung 26 für das Mutterglück, das ihr versagt war. Sie 27 sah ihrem Gemahl mit sehr viel Heiterkeit nach, als 28 er Neigung zu einem Frauenzimmer faßte, welche die 

[Seite 230]

1 ganze Haushaltung versah, eine schöne Gestalt und 2 einen sehr soliden Charakter hatte. Frau von --- 3 bot nach kurzer Zeit einer Einrichtung selbst die 4 Hände, nach welcher das gute Mädchen sich Theresens 5 Vater überließ, in der Besorgung des Hauswesens 6 fortfuhr und gegen die Frau vom Hause fast noch 7, 8 mehr Dienstfertigkeit und Ergebung als vorher bezeigte.

9 Nach einiger Zeit erklärte sie sich guter Hoffnung, 10 und die beiden Eheleute kamen bei dieser Gelegenheit, 11 obwohl aus ganz verschiedenen Anlässen, auf einerlei 12 Gedanken. Herr von --- wünschte das Kind seiner 13 Geliebten als sein rechtmäßiges im Hause einzuführen, 14 und Frau von ---, verdrießlich, daß durch die Indiscretion 15 ihres Arztes ihr Zustand in der Nachbarschaft 16 hatte verlauten wollen, dachte durch ein untergeschobenes 17 Kind sich wieder in Ansehn zu setzen, 18 und durch eine solche Nachgiebigkeit ein Übergewicht 19 im Hause zu erhalten, das sie unter den übrigen 20 Umständen zu verlieren fürchtete. Sie war zurückhaltender 21 als ihr Gemahl, sie merkte ihm seinen 22 Wunsch ab, und wußte, ohne ihm entgegen zu gehn, 23 eine Erklärung zu erleichtern. Sie machte ihre Bedingungen, 24 und erhielt fast alles, was sie verlangte, 25 und so entstand das Testament, worin so wenig für 26 das Kind gesorgt zu sein schien. Der alte Arzt war 27 gestorben, man wendete sich an einen jungen, thätigen, 28 gescheidten Mann, er ward gut belohnt, und er konnte 

[Seite 231]

1 selbst eine Ehre darin suchen, die Unschicklichkeit und 2 Übereilung seines abgeschiedenen Collegen in's Licht 3 zu setzen und zu verbessern. Die wahre Mutter 4 willigte nicht ungern ein, man spielte die Verstellung 5 sehr gut, Therese kam zur Welt, und wurde einer 6 Stiefmutter zugeeignet, indeß ihre wahre Mutter ein 7 Opfer dieser Verstellung ward, indem sie sich zu 8 früh wieder heraus wagte, starb, und den guten Mann 9 trostlos hinterließ.

10 Frau von --- hatte indessen ganz ihre Absicht erreicht, 11 sie hatte vor den Augen der Welt ein liebenswürdiges 12 Kind, mit dem sie übertrieben paradirte, sie 13 war zugleich eine Nebenbuhlerin los geworden, deren 14 Verhältniß sie denn doch mit neidischen Augen ansah, 15 und deren Einfluß sie, für die Zukunft wenigstens, 16 heimlich fürchtete; sie überhäufte das Kind mit Zärtlichkeit, 17 und wußte ihren Gemahl in vertraulichen 18 Stunden durch eine so lebhafte Theilnahme an seinem 19 Verlust dergestalt an sich zu ziehen, daß er sich ihr, 20 man kann wohl sagen, ganz ergab, sein Glück und 21 das Glück ihres Kindes in ihre Hände legte, und 22 kaum kurze Zeit vor seinem Tode, und noch gewissermaßen 23 nur durch seine erwachsene Tochter, wieder 24 Herr im Hause ward. Das war, schöne Therese, das 25 Geheimniß, das Ihnen Ihr kranker Vater wahrscheinlich 26 so gern entdeckt hätte, das ist's, was ich 27 Ihnen jetzt, eben da der junge Freund, der durch die 28 sonderbarste Verknüpfung von der Welt Ihr Bräutigam 

[Seite 232]

1 geworden ist, in der Gesellschaft fehlt, umständlich 2 vorlegen wollte. Hier sind die Papiere, die auf's 3 strengste beweisen, was ich behauptet habe. Sie werden 4 daraus zugleich erfahren, wie lange ich schon 5 dieser Entdeckung auf der Spur war, und wie ich 6 doch erst jetzt zur Gewißheit kommen konnte; wie ich 7 nicht wagte, meinem Freund etwas von der Möglichkeit 8 des Glücks zu sagen, da es ihn zu tief gekränkt 9 haben würde, wenn diese Hoffnung zum zweitenmale 10 verschwunden wäre. Sie werden Lydiens Argwohn. 11 begreifen: denn ich gestehe gern, daß ich die Neigung 12 unseres Freundes zu diesem guten Mädchen keineswegs 13 begünstigte, seitdem ich seiner Verbindung mit Theresen 14 wieder entgegen sah.

15 Niemand erwiderte etwas auf diese Geschichte. Die 16 Frauenzimmer gaben die Papiere nach einigen Tagen 17 zurück, ohne derselben weiter zu erwähnen.

18 Man hatte Mittel genug in der Nähe, die Gesellschaft, 19 wenn sie beisammen war, zu beschäftigen, auch 20 bot die Gegend so manche Reize dar, daß man sich gern 21 darin theils einzeln, theils zusammen, zu Pferde, zu 22 Wagen oder zu Fuße umsah. Jarno richtete, bei einer 23 solchen Gelegenheit, seinen Auftrag an Wilhelmen 24 aus, legte ihm die Papiere vor, schien aber weiter 25 keine Entschließung von ihm zu verlangen.

26 In diesem höchst sonderbaren Zustand, in dem ich 27 mich befinde, sagte Wilhelm darauf, brauche ich Ihnen 28 nur das zu wiederholen, was ich sogleich Anfangs, in 

[Seite 233]

1 Gegenwart Nataliens, und gewiß mit einem reinen 2 Herzen gesagt habe: Lothario und seine Freunde können 3 jede Art von Entsagung von mir fordern, ich 4 lege Ihnen hiermit alle meine Ansprüche an Theresen 5 in die Hand, verschaffen Sie mir dagegen meine 6 förmliche Entlassung. O! es bedarf, mein Freund, 7 keines großen Bedenkens mich zu entschließen. Schon 8 diese Tage hab' ich gefühlt, daß Therese Mühe hat 9 nur einen Schein der Lebhaftigkeit, mit der sie mich 10 zuerst hier begrüßte, zu erhalten. Ihre Neigung ist 11, 12 mir entwendet, oder vielmehr ich habe sie nie besessen.

13 Solche Fälle möchten sich wohl besser, nach und 14 nach, unter Schweigen und Erwarten aufklären, versetzte 15 Jarno, als durch vieles Reden, wodurch immer 16 eine Art von Verlegenheit und Gährung entsteht.

17 Ich dächte vielmehr, sagte Wilhelm, daß gerade 18 dieser Fall der ruhigsten und der reinsten Entscheidung 19 fähig sei. Man hat mir so oft den Vorwurf des 20 Zauderns und der Ungewißheit gemacht; warum will 21 man jetzt, da ich entschlossen bin, geradezu einen 22 Fehler, den man an mir tadelte, gegen mich selbst 23 begehn? Gibt sich die Welt nur darum so viel Mühe 24 uns zu bilden, um uns fühlen zu lassen, daß sie sich 25 nicht bilden mag? Ja, gönnen Sie mir recht bald das 26 heitere Gefühl, ein Mißverhältniß los zu werden, in 27 das ich mit den reinsten Gesinnungen von der Welt 28 gerathen bin.



[Seite 234]

1 Ungeachtet dieser Bitte vergingen einige Tage, in 2 denen er nichts von dieser Sache hörte, noch auch eine 3 weitere Veränderung an seinen Freunden bemerkte; 4 die Unterhaltung war vielmehr bloß allgemein und 5 gleichgültig.



[Seite 235]



1 
Siebentes Capitel.

[Lesarten]  2 Einst saßen Natalie, Jarno und Wilhelm zusammen, 3 und Natalie begann: Sie sind nachdenklich, 4 Jarno, ich kann es Ihnen schon einige Zeit abmerken.

5 Ich bin es, versetzte der Freund, und ich sehe ein 6 wichtiges Geschäft vor mir, das bei uns schon lange 7 vorbereitet ist, und jetzt nothwendig angegriffen 8 werden muß. Sie wissen schon etwas im Allgemeinen 9 davon, und ich darf wohl vor unserm jungen Freunde 10 davon reden, weil es auf ihn ankommen soll, ob er 11 Theil daran zu nehmen Lust hat. Sie werden mich 12 nicht lange mehr sehen, denn ich bin im Begriff 13 nach Amerika überzuschiffen.

14 Nach Amerika? versetzte Wilhelm lächelnd; ein 15 solches Abenteuer hätte ich nicht von Ihnen erwartet, 16 noch weniger, daß Sie mich zum Gefährten ausersehen 17 würden.

18 Wenn Sie unsern Plan ganz kennen, versetzte 19 Jarno, so werden Sie ihm einen bessern Namen geben, 20 und vielleicht für ihn eingenommen werden. Hören 21 Sie mich an! Man darf nur ein wenig mit den 22 Welthändeln bekannt sein, um zu bemerken, daß uns 

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1 große Veränderungen bevorstehn, und daß die Besitzthümer 2 beinahe nirgends mehr recht sicher sind.

3 Ich habe keinen deutlichen Begriff von den Welthändeln, 4 fiel Wilhelm ein, und habe mich erst vor 5 kurzem um meine Besitzthümer bekümmert. Vielleicht 6 hätte ich wohl gethan, sie mir noch länger aus dem 7 Sinne zu schlagen, da ich bemerken muß, daß die 8 Sorge für ihre Erhaltung so hypochondrisch macht.

9 Hören Sie mich aus, sagte Jarno, die Sorge 10 geziemt dem Alter, damit die Jugend eine Zeitlang 11 sorglos sein könne. Das Gleichgewicht in den menschlichen 12 Handlungen kann leider nur durch Gegensätze 13 hergestellt werden. Es ist gegenwärtig nichts weniger 14 als räthlich nur an Einem Ort zu besitzen, nur 15 Einem Platze sein Geld anzuvertrauen, und es ist 16 wieder schwer an vielen Orten Aufsicht darüber zu 17 führen; wir haben uns deßwegen etwas anders ausgedacht: 18 aus unserm alten Thurm soll eine Societät 19 ausgehen, die sich in alle Theile der Welt ausbreiten, 20 in die man aus jedem Theile der Welt eintreten 21 kann. Wir assecuriren uns unter einander unsere 22 Existenz, auf den einzigen Fall, daß eine Staatsrevolution 23 den einen oder den andern von seinen 24 Besitzthümern völlig vertriebe. Ich gehe nun hinüber 25 nach Amerika, um die guten Verhältnisse zu benutzen, 26 die sich unser Freund bei seinem dortigen Aufenthalt 27 gemacht hat. Der Abbé will nach Rußland gehn, 28 und Sie sollen die Wahl haben, wenn Sie sich an 

[Seite 237]

1 uns anschließen wollen, ob Sie Lothario in Deutschland 2 beistehn, oder mit mir gehen wollen. Ich dächte 3 Sie wählten das letzte: denn eine große Reise zu 4 thun ist für einen jungen Mann äußerst nützlich.

5 Wilhelm nahm sich zusammen und antwortete: 6 Der Antrag ist aller Überlegung werth, denn mein 7 Wahlspruch wird doch nächstens sein: je weiter weg, 8 je besser. Sie werden mich, hoffe ich, mit Ihrem 9 Plane näher bekannt machen. Es kann von meiner 10 Unbekanntschaft mit der Welt herrühren, mir scheinen 11 aber einer solchen Verbindung sich unüberwindliche 12 Schwierigkeiten entgegen zu setzen.

13 Davon sich die meisten nur dadurch heben werden, 14 versetzte Jarno, daß unser bis jetzt nur wenig sind, 15 redliche, gescheidte und entschlossene Leute, die einen 16 gewissen allgemeinen Sinn haben, aus dem allein 17 der gesellige Sinn entstehen kann.

18 Friedrich, der bisher nur zugehört hatte, versetzte 19 darauf: Und wenn ihr mir ein gutes Wort gebt, 20 gehe ich auch mit.

21 Jarno schüttelte den Kopf.

22 Nun, was habt ihr an mir auszusetzen? fuhr 23 Friedrich fort. Bei einer neuen Colonie werden 24 auch junge Colonisten erfordert, und die bring' ich 25 gleich mit; auch lustige Colonisten, das versichre ich 26 euch. Und dann wüßte ich noch ein gutes junges 27 Mädchen, das hierhüben nicht mehr am Platz ist, 28 die süße reizende Lydie. Wo soll das arme Kind 

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1 mit seinem Schmerz und Jammer hin, wenn sie 2 ihn nicht gelegentlich in die Tiefe des Meeres werfen 3 kann, und wenn sich nicht ein braver Mann ihrer 4 annimmt? Ich dächte, mein Jugendfreund, da ihr 5 doch im Gange seid, Verlassene zu trösten, ihr entschlößt 6 euch, jeder nähme sein Mädchen unter den 7 Arm, und wir folgten dem alten Herrn.

8 Dieser Antrag verdroß Wilhelmen. Er antwortete 9 mit verstellter Ruhe: Weiß ich doch nicht 10 einmal, ob sie frei ist, und da ich überhaupt im 11 Werben nicht glücklich zu sein scheine, so möchte ich 12 einen solchen Versuch nicht machen.

13 Natalie sagte darauf: Bruder Friedrich, du glaubst, 14 weil du für dich so leichtsinnig handelst, auch für 15 andere gelte deine Gesinnung. Unser Freund verdient 16 ein weibliches Herz, das ihm ganz angehöre, das 17 nicht an seiner Seite von fremden Erinnerungen bewegt 18 werde; nur mit einem höchst vernünftigen und 19 reinen Charakter, wie Theresens, war ein Wagestück 20 dieser Art zu rathen.

21 Was Wagestück! rief Friedrich: in der Liebe ist 22 alles Wagestück. Unter der Laube oder vor dem Altar, 23 mit Umarmungen oder goldenen Ringen, bei'm Gesange 24 der Heimchen oder bei Trompeten und Pauken, 25 es ist alles nur ein Wagestück und der Zufall thut 26 alles.

27 Ich habe immer gesehen, versetzte Natalie, daß 28 unsere Grundsätze nur ein Supplement zu unsern 

[Seite 239]

1 Existenzen sind. Wir hängen unsern Fehlern gar zu 2 gern das Gewand eines gültigen Gesetzes um. Gib 3 nur Acht, welchen Weg dich die Schöne noch führen 4 wird, die dich auf eine so gewaltsame Weise angezogen 5 hat und festhält.

6 Sie ist selbst auf einem sehr guten Wege, versetzte 7 Friedrich, auf dem Wege zur Heiligkeit. Es ist freilich 8 ein Umweg, aber desto lustiger und sichrer; 9 Maria von Magdala ist ihn auch gegangen, und 10 wer weiß wie viel andere. Überhaupt, Schwester, 11 wenn von Liebe die Rede ist, solltest du dich gar nicht 12 drein mischen. Ich glaube du heirathest nicht eher, 13 als bis irgendwo eine Braut fehlt, und du gibst 14 dich alsdann, nach deiner gewohnten Gutherzigkeit, 15 auch als Supplement irgend einer Existenz hin. Also 16 laß uns nur jetzt mit diesem Seelenverkäufer da 17 unsern Handel schließen und über unsere Reisegesellschaft 18 einig werden.

19 Sie kommen mit Ihren Vorschlägen zu spät, sagte 20 Jarno, für Lydien ist gesorgt.

21 Und wie? fragte Friedrich.

22 Ich habe ihr selbst meine Hand angeboten, versetzte 23 Jarno.

24 Alter Herr, sagte Friedrich, da macht ihr einen 25 Streich, zu dem man, wenn man ihn als ein Substantivum 26 betrachtet, verschiedene Adjectiva, und folglich, 27 wenn man ihn als Subject betrachtet, verschiedene 28 Prädicate finden könnte.



[Seite 240]

1 Ich muß aufrichtig gestehen, versetzte Natalie, es 2 ist ein gefährlicher Versuch, sich ein Mädchen zuzueignen, 3 in dem Augenblicke, da sie aus Liebe zu 4 einem andern verzweifelt.

5 Ich habe es gewagt, versetzte Jarno, sie wird 6 unter einer gewissen Bedingung mein. Und, glauben 7 Sie mir, es ist in der Welt nichts schätzbarer als 8 ein Herz, das der Liebe und der Leidenschaft fähig 9 ist. Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf 10 kommt es nicht an. Die Liebe, mit der ein anderer 11 geliebt wird, ist mir beinahe reizender als die, mit 12 der ich geliebt werden könnte; ich sehe die Kraft, die 13 Gewalt eines schönen Herzens, ohne daß die Eigenliebe 14 mir den reinen Anblick trübt.

15 Haben Sie Lydien in diesen Tagen schon gesprochen? 16 versetzte Natalie.

17 Jarno nickte lächend; Natalie schüttelte den Kopf 18 und sagte, indem sie aufstand: Ich weiß bald nicht 19 mehr, was ich aus euch machen soll, aber mich sollt 20 ihr gewiß nicht irre machen.

21 Sie wollte sich eben entfernen, als der Abbé mit 22 einem Brief in der Hand hereintrat, und zu ihr 23 sagte: Bleiben Sie! ich habe hier einen Vorschlag, 24 bei dem Ihr Rath willkommen sein wird. Der Marchese, 25 der Freund Ihres verstorbenen Oheims, den 26 wir seit einiger Zeit erwarten, muß in diesen Tagen 27 hier sein. Er schreibt mir, daß ihm doch die deutsche 28 Sprache nicht so geläufig sei, als er geglaubt, daß er 

[Seite 241]

1 eines Gesellschafters bedürfe, der sie vollkommen nebst 2 einigem andern besitze; da er mehr wünsche in wissenschaftliche 3 als politische Verbindungen zu treten, so 4 sei ihm ein solcher Dolmetscher unentbehrlich. Ich 5 wüßte niemand geschickter dazu als unsern jungen 6 Freund. Er kennt die Sprache, ist sonst in vielem 7 unterrichtet, und es wird für ihn selbst ein großer 8 Vortheil sein, in so guter Gesellschaft und unter so 9 vortheilhaften Umständen Deutschland zu sehen. Wer 10 sein Vaterland nicht kennt, hat keinen Maßstab für 11 fremde Länder. Was sagen Sie, meine Freunde? 12 was sagen Sie, Natalie?

13 Niemand wußte gegen den Antrag etwas einzuwenden; 14 Jarno schien seinen Vorschlag, nach Amerika 15 zu reisen, selbst als kein Hinderniß anzusehn, indem 16 er ohnehin nicht sogleich aufbrechen würde; Natalie 17 schwieg, und Friedrich führte verschiedene Sprichwörter 18 über den Nutzen des Reisens an.

19 Wilhelm war über diesen neuen Vorschlag im 20 Herzen so entrüstet, daß er es kaum verbergen konnte. 21 Er sah eine Verabredung, ihn baldmöglichst los zu 22 werden, nur gar zu deutlich, und was das Schlimmste 23 war, man ließ sie so offenbar, so ganz ohne Schonung 24 sehen. Auch der Verdacht, den Lydie bei ihm erregt, 25 alles was er selbst erfahren hatte, wurde wieder auf's 26 neue vor seiner Seele lebendig, und die natürliche 27 Art, wie Jarno ihm alles ausgelegt hatte, schien ihm 28 auch nur eine künstliche Darstellung zu sein.



[Seite 242]

1 Er nahm sich zusammen und antwortete: Dieser 2 Antrag verdient allerdings eine reifliche Überlegung.

3 Ein geschwinde Entschließung möchte nöthig sein, 4 versetzte der Abbé.

5 Dazu bin ich jetzt nicht gefaßt, antwortete Wilhelm. 6 Wir können die Ankunft des Mannes abwarten, 7 und dann sehen, ob wir zusammen passen. 8 Eine Hauptbedingung aber muß man zum voraus 9 eingehen, daß ich meinen Felix mitnehmen und ihn 10 überall mit hinführen darf.

11 Diese Bedingung wird schwerlich zugestanden 12 werden, versetzte der Abbé.

13 Und ich sehe nicht, rief Wilhelm aus, warum ich 14 mir von irgend einem Menschen sollte Bedingungen 15 vorschreiben lassen? und warum ich, wenn ich einmal 16 mein Vaterland sehen will, einen Italiäner zur 17 Gesellschaft brauche?

18 Weil ein junger Mensch, versetzte der Abbé mit 19 einem gewissen imponirenden Ernste, immer Ursache 20 hat sich anzuschließen.

21 Wilhelm, der wohl merkte, daß er länger an sich 22 zu halten nicht im Stande sei, da sein Zustand nur 23 durch die Gegenwart Nataliens noch einigermaßen 24 gelindert ward, ließ sich hierauf mit einiger Hast 25 vernehmen: Man vergönne mir nur noch kurze Bedenkzeit, 26 und ich vermuthe, es wird sich geschwind 27 entscheiden, ob ich Ursache habe mich weiter anzuschließen, 28 oder ob nicht vielmehr Herz und Klugheit 

[Seite 243]

1 mir unwiderstehlich gebieten, mich von so mancherlei 2 Banden loszureißen, die mir eine ewige elende Gefangenschaft 3 drohen.

4 So sprach er mit einem lebhaft bewegten Gemüth. 5 Ein Blick auf Natalien beruhigte ihn einigermaßen, 6 indem sich in diesem leidenschaftlichen Augenblick 7 ihre Gestalt und ihr Werth nur desto tiefer 8 bei ihm eindrückten.

9 Ja, sagte er zu sich selbst, indem er sich allein 10 fand, gestehe dir nur, du liebst sie, und du fühlst 11 wieder, was es heiße, wenn der Mensch mit allen 12 Kräften lieben kann. So liebte ich Marianen und 13 ward so schrecklich an ihr irre; ich liebte Philinen 14 und mußte sie verachten. Aurelien achtete ich, und 15 konnte sie nicht lieben; ich verehrte Theresen, und 16 die väterliche Liebe nahm die Gestalt einer Neigung 17 zu ihr an; und jetzt da in deinem Herzen alle Empfindungen 18 zusammentreffen, die den Menschen glücklich 19 machen sollten, jetzt bist du genöthigt zu fliehen! 20 Ach! warum muß sich zu diesen Empfindungen, zu 21 diesen Erkenntnissen das unüberwindliche Verlangen 22 des Besitzes gesellen? und warum richten, ohne Besitz, 23 eben diese Empfindungen, diese Überzeugungen jede 24 andere Art von Glückseligkeit völlig zu Grunde? 25 Werde ich künftig der Sonne und der Welt, der Gesellschaft 26 oder irgend eines Glücksgutes genießen? 27 wirst du nicht immer zu dir sagen: Natalie ist nicht 28 da! und doch wird leider Natalie dir immer gegenwärtig 

[Seite 244]

1 sein. Schließest du die Augen, so wird sie 2 sich dir darstellen; öffnest du sie, so wird sie vor 3 allen Gegenständen hinschweben, wie die Erscheinung, 4 die ein blendendes Bild im Auge zurück läßt. War 5 nicht schon früher die schnell vorübergegangene Gestalt 6 der Amazone deiner Einbildungskraft immer 7 gegenwärtig? und du hattest sie nur gesehen, du 8 kanntest sie nicht. Nun da du sie kennst, da du ihr 9 so nahe warst, da sie so vielen Antheil an dir gezeigt 10 hat, nun sind ihre Eigenschaften so tief in dein Gemüth 11 geprägt, als ihr Bild jemals in deine Sinne. 12 Ängstlich ist es, immer zu suchen, aber viel ängstlicher, 13 gefunden zu haben und verlassen zu müssen. 14 Wornach soll ich in der Welt nun weiter fragen? 15 wornach soll ich mich weiter umsehen? welche Gegend, 16 welche Stadt verwahrt einen Schatz, der diesem gleich 17 ist? und ich soll reisen, um nur immer das Geringere 18 zu finden? Ist denn das Leben bloß wie eine 19 Rennbahn, wo man sogleich schnell wieder umkehren 20 muß, wenn man das äußerste Ende erreicht hat? 21 Und steht das Gute, das Vortreffliche nur wie ein 22 festes unverrücktes Ziel da, von dem man sich eben 23 so schnell mit raschen Pferden wieder entfernen muß, 24 als man es erreicht zu haben glaubt? anstatt daß 25 jeder andere, der nach irdischen Waaren strebt, sie 26 in den verschiedenen Himmelsgegenden, oder wohl 27 gar auf der Messe und dem Jahrmarkt anschaffen 28 kann.



[Seite 245]

1 Komm, lieber Knabe! rief er seinem Sohn entgegen, 2 der eben daher gesprungen kam, sei und bleibe 3 du mir alles! Du warst mir zum Ersatz deiner geliebten 4 Mutter gegeben, du solltest mir die zweite 5 Mutter ersetzen, die ich dir bestimmt hatte, und nun 6 hast du noch die größere Lücke auszufüllen. Beschäftige 7 mein Herz, beschäftige meinen Geist mit 8 deiner Schönheit, deiner Liebenswürdigkeit, deiner 9 Wißbegierde und deinen Fähigkeiten!

10 Der Knabe war mit einem neuen Spielwerke beschäftigt, 11 der Vater suchte es ihm besser, ordentlicher, 12 zweckmäßiger einzurichten; aber in dem Augenblicke 13 verlor auch das Kind die Lust daran. Du bist ein 14 wahrer Mensch! rief Wilhelm aus; komm, mein 15 Sohn! komm, mein Bruder, laß uns in der Welt 16 zwecklos hinspielen, so gut wir können!

17 Sein Entschluß sich zu entfernen, das Kind mit 18 sich zu nehmen, und sich an den Gegenständen der 19 Welt zu zerstreuen, war nun sein fester Vorsatz. Er 20 schrieb an Wernern, ersuchte ihn um Geld und Creditbriefe, 21 und schickte Friedrichs Courier mit dem geschärften 22 Auftrage weg, bald wieder zu kommen. 23 So sehr er gegen die übrigen Freunde auch verstimmt 24 war, so rein blieb sein Verhältniß zu Natalien. Er 25 vertraute ihr seine Absicht; auch sie nahm für bekannt 26 an, daß er gehen könne und müsse, und wenn 27 ihn auch gleich diese scheinbare Gleichgültigkeit an 28 ihr schmerzte, so beruhigte ihn doch ihre gute Art 

[Seite 246]

1 und ihre Gegenwart vollkommen. Sie rieth ihm 2 verschiedene Städte zu besuchen, um dort einige ihrer 3 Freunde und Freundinnen kennen zu lernen. Der 4 Courier kam zurück, brachte was Wilhelm verlangt 5 hatte, obgleich Werner mit diesem neuen Ausflug 6 nicht zufrieden zu sein schien. Meine Hoffnung, daß 7 du vernünftig werden würdest, schrieb dieser, ist nun 8 wieder eine gute Weile hinaus geschoben. Wo schweift 9 ihr nun alle zusammen herum? und wo bleibt denn 10 das Frauenzimmer, zu dessen wirthschaftlichem Beistande 11 du mir Hoffnung machtest? Auch die übrigen 12 Freunde sind nicht gegenwärtig; dem Gerichtshalter und 13 mir ist das ganze Geschäft aufgewälzt. Ein Glück, 14 daß er eben ein so guter Rechtsmann ist, als ich ein 15 Finanzmann bin, und daß wir beide etwas zu schleppen 16 gewohnt sind. Lebe wohl! Deine Ausschweifungen 17 sollen dir verziehen sein, da doch ohne sie unser Verhältniß 18 in dieser Gegend nicht hätte so gut werden können.

19 Was das Äußere betraf, hätte er nun immer abreisen 20 können, allein sein Gemüth war noch durch 21 zwei Hindernisse gebunden. Man wollte ihm ein für 22 allemal Mignons Körper nicht zeigen, als bei den 23 Exequien, welche der Abbé zu halten gedachte, zu 24 welcher Feierlichkeit noch nicht alles bereit war. 25 Auch war der Arzt, durch einen sonderbaren Brief 26 des Landgeistlichen, abgerufen worden. Es betraf 27 den Harfenspieler, von dessen Schicksalen Wilhelm 28 näher unterrichtet sein wollte.



[Seite 247]

1 In diesem Zustande fand er weder bei Tag noch 2 bei Nacht Ruhe der Seele oder des Körpers. Wenn 3 alles schlief, ging er in dem Hause hin und her. 4 Die Gegenwart der alten bekannten Kunstwerke zog 5 ihn an, und stieß ihn ab. Er konnte nichts, was 6 ihn umgab, weder ergreifen noch lassen, alles erinnerte 7 ihn an alles, er übersah den ganzen Ring seines 8 Lebens, nur lag er leider zerbrochen vor ihm, und 9 schien sich auf ewig nicht schließen zu wollen. Diese 10 Kunstwerke, die sein Vater verkauft hatte, schienen 11 ihm ein Symbol, daß auch er von einem ruhigen 12 und gründlichen Besitz des Wünschenswerthen in der 13 Welt theils ausgeschlossen, theils desselben durch eigne 14 oder fremde Schuld beraubt werden sollte. Er verlor 15 sich so weit in diesen sonderbaren und traurigen 16 Betrachtungen, daß er sich selbst manchmal wie ein 17 Geist vorkam, und, selbst wenn er die Dinge außer sich 18 befühlte und betastete, sich kaum des Zweifels erwehren 19 konnte, ob er denn auch wirklich lebe und da sei.

20 Nur der lebhafte Schmerz, der ihn manchmal 21 ergriff, daß er alles das Gefundene und Wiedergefundene 22 so freventlich und doch so nothwendig verlassen 23 müsse, nur seine Thränen gaben ihm das 24 Gefühl seines Daseins wieder. Vergebens rief er sich 25 den glücklichen Zustand, in dem er sich doch eigentlich 26 befand, vor's Gedächtniß. So ist denn alles nichts, 27 rief er aus, wenn das Eine fehlt, das dem Menschen 28 alles Übrige werth ist!



[Seite 248]

1 Der Abbé verkündigte der Gesellschaft die Ankunft 2 des Marchese. Sie sind zwar, wie es scheint, sagte 3 er zu Wilhelmen, mit Ihrem Knaben allein abzureisen 4 entschlossen; lernen Sie jedoch wenigstens diesen 5 Mann kennen, der Ihnen, wo Sie ihn auch unterwegs 6 antreffen, auf alle Fälle nützlich sein kann. Der 7 Marchese erschien; es war ein Mann noch nicht hoch 8 in Jahren, eine von den wohlgestalteten, gefälligen 9 lombardischen Figuren. Er hatte als Jüngling mit 10 dem Oheim, der schon um vieles älter war, bei der 11 Armee, dann in Geschäften Bekanntschaft gemacht; 12 sie hatten nachher einen großen Theil von Italien 13 zusammen durchreis't, und die Kunstwerke, die der 14 Marchese hier wieder fand, waren zum großen Theil 15 in seiner Gegenwart und unter manchen glücklichen 16 Umständen, deren er sich noch wohl erinnerte, gekauft 17 und angeschafft worden.

18 Der Italiäner hat überhaupt ein tieferes Gefühl 19 für die hohe Würde der Kunst als andere Nationen; 20 jeder, der nur irgend etwas treibt, will Künstler, 21 Meister und Professor heißen, und bekennt wenigstens 22 durch diese Titelsucht, daß es nicht genug sei nur 23 etwas durch Überlieferung zu erhaschen, oder durch 24 Übung irgend eine Gewandtheit zu erlangen; er gesteht, 25 daß jeder vielmehr über das, was er thut, auch 26 fähig sein solle zu denken, Grundsätze aufzustellen, 27 und die Ursachen, warum dieses oder jenes zu thun 28 sei, sich selbst und andern deutlich zu machen.



[Seite 249]

1 Der Fremde ward gerührt, so schöne Besitzthümer 2 ohne den Besitzer wieder zu finden, und erfreut, den 3 Geist seines Freundes aus den vortrefflichen Hinterlassenen 4 sprechen zu hören. Sie gingen die verschiedenen 5 Werke durch und fanden eine große Behaglichkeit 6 sich einander verständlich machen zu können. 7 Der Marchese und der Abbé führten das Wort; 8 Natalie, die sich wieder in die Gegenwart ihres Oheims 9 versetzt fühlte, wußte sich sehr gut in ihre Meinungen 10 und Gesinnungen zu finden; Wilhelm mußte sich's 11 in theatralische Terminologie übersetzen, wenn er 12 etwas davon verstehen wollte. Man hatte Noth 13 Friedrichs Scherze in Schranken zu halten. Jarno 14 war selten zugegen.

15 Bei der Betrachtung, daß vortreffliche Kunstwerke 16 in der neuern Zeit so selten seien, sagte der Marchese: 17 Es läßt sich nicht leicht denken und übersehen, was 18 die Umstände für die Künstler thun müssen, und 19 dann sind bei dem größten Genie, bei dem entschiedensten 20 Talente noch immer die Forderungen 21 unendlich, die er an sich selbst zu machen hat, unsäglich 22 der Fleiß, der zu seiner Ausbildung nöthig 23 ist. Wenn nun die Umstände wenig für ihn thun, 24 wenn er bemerkt, daß die Welt sehr leicht zu befriedigen 25 ist und selbst nur einen leichten, gefälligen, behaglichen 26 Schein begehrt, so wäre es zu verwundern, wenn 27 nicht Bequemlichkeit und Eigenliebe ihn bei dem 28 Mittelmäßigen fest hielten; es wäre seltsam, wenn er 

[Seite 250]

1 nicht lieber für Modewaaren Geld und Lob eintauschen, 2 als den rechten Weg wählen sollte, der ihn mehr 3 oder weniger zu einem kümmerlichen Märtyrerthum 4 führt. Deßwegen bieten die Künstler unserer Zeit 5 nur immer an, um niemals zu geben. Sie wollen 6 immer reizen, um niemals zu befriedigen; alles ist 7 nur angedeutet, und man findet nirgends Grund noch 8 Ausführung. Man darf aber auch nur eine Zeitlang 9 ruhig in einer Galerie verweilen, und beobachten, 10 nach welchen Kunstwerken sich die Menge zieht, welche 11 gepriesen und welche vernachlässigt werden, so hat 12 man wenig Lust an der Gegenwart, und für die 13 Zukunft wenig Hoffnung.

14 Ja, versetzte der Abbé, und so bilden sich Liebhaber 15 und Künstler wechselsweise; der Liebhaber sucht 16 nur einen allgemeinen unbestimmten Genuß; das 17 Kunstwerk soll ihm ungefähr wie ein Naturwerk 18 behagen, und die Menschen glauben, die Organe, ein 19 Kunstwerk zu genießen, bildeten sich eben so von selbst 20 aus, wie die Zunge und der Gaum, man urtheile 21 über ein Kunstwerk, wie über eine Speise. Sie begreifen 22 nicht, was für einer andern Cultur es bedarf, 23 um sich zum wahren Kunstgenusse zu erheben. Das 24 Schwerste finde ich die Art von Absonderung, die der 25 Mensch in sich selbst bewirken muß, wenn er sich 26 überhaupt bilden will; deßwegen finden wir so viel 27 einseitige Culturen, wovon doch jede sich anmaßt über 28 das Ganze abzusprechen.



[Seite 251]

1 Was Sie da sagen, ist mir nicht ganz deutlich, 2 sagte Jarno, der eben hinzutrat.

3 Auch ist es schwer, versetzte der Abbé, sich in der 4 Kürze bestimmt hierüber zu erklären. Ich sage nur 5 soviel: sobald der Mensch an mannichfaltige Thätigkeit 6 oder mannichfaltigen Genuß Anspruch macht, so 7 muß er auch fähig sein, mannichfaltige Organe an 8 sich gleichsam unabhängig von einander auszubilden. 9 Wer alles und jedes in seiner ganzen Menschheit thun 10 oder genießen will, wer alles außer sich zu einer 11 solchen Art von Genuß verknüpfen will, der wird 12 seine Zeit nur mit einem ewig unbefriedigten Streben 13 hinbringen. Wie schwer ist es, was so natürlich 14 scheint, eine gute Natur, ein treffliches Gemählde an 15 und für sich zu beschauen, den Gesang um des Gesangs 16 willen zu vernehmen, den Schauspieler im 17 Schauspieler zu bewundern, sich eines Gebäudes um 18 seiner eigenen Harmonie und seiner Dauer willen zu 19 erfreuen. Nun sieht man aber meist die Menschen 20 entschiedene Werke der Kunst geradezu behandeln, als 21 wenn es ein weicher Thon wäre. Nach ihren Neigungen, 22 Meinungen und Grillen soll sich der gebildete 23 Marmor sogleich wieder ummodeln, das festgemauerte 24 Gebäude sich ausdehnen oder zusammenziehen, ein 25 Gemählde soll lehren, ein Schauspiel bessern, und 26 alles soll alles werden. Eigentlich aber weil die 27 meisten Menschen selbst formlos sind, weil sie sich 28 und ihrem Wesen selbst keine Gestalt geben können, 

[Seite 252]

1 so arbeiten sie, den Gegenständen ihre Gestalt zu 2 nehmen, damit ja alles loser und lockrer Stoff werde, 3 wozu sie auch gehören. Alles reduciren sie zuletzt 4 auf den sogenannten Effect, alles ist relativ, und so 5 wird auch alles relativ, außer dem Unsinn und der 6 Abgeschmacktheit, die denn auch ganz absolut regiert.

7 Ich verstehe Sie, versetzte Jarno, oder vielmehr ich 8 sehe wohl ein, wie das, was Sie sagen, mit den 9 Grundsätzen zusammenhängt, an denen Sie so fest 10 halten; ich kann es aber mit den armen Teufeln 11 von Menschen unmöglich so genau nehmen. Ich 12 kenne freilich ihrer genug, die sich bei den größten 13 Werken der Kunst und der Natur sogleich ihres armseligsten 14 Bedürfnisses erinnern, ihr Gewissen und 15 ihre Moral mit in die Oper nehmen, ihre Liebe und 16 Haß vor einem Säulengange nicht ablegen, und das 17 Beste und Größte, was ihnen von außen gebracht 18 werden kann, in ihrer Vorstellungsart erst möglichst 19 verkleinern müssen, um es mit ihrem kümmerlichen 20 Wesen nur einigermaßen verbinden zu können.



[Seite 253]



1 
Achtes Capitel.

[Lesarten]  2 Am Abend lud der Abbé zu den Exequien Mignons 3 ein. Die Gesellschaft begab sich in den Saal der 4 Vergangenheit, und fand denselben auf das sonderbarste 5 erhellt und ausgeschmückt. Mit himmelblauen 6 Teppichen waren die Wände fast von oben bis unten 7 bekleidet, so daß nur Sockel und Frieß hervorschienen. 8 Auf den vier Candelabern in den Ecken brannten 9 große Wachsfackeln, und so nach Verhältniß auf den 10 vier kleinern, die den mittlern Sarkophag umgaben. 11 Neben diesem standen vier Knaben, himmelblau mit 12 Silber gekleidet, und schienen einer Figur, die auf 13 dem Sarkophag ruhte, mit breiten Fächern von 14 Straußenfedern Luft zuzuwehn. Die Gesellschaft 15 setzte sich, und zwei unsichtbare Chöre fingen mit 16 holdem Gesang an zu fragen: Wen bringt ihr uns 17 zur stillen Gesellschaft? Die vier Kinder antworteten 18 mit lieblicher Stimme: Einen müden Gespielen 19 bringen wir euch; laßt ihn unter euch ruhen, bis 20 das Jauchzen himmlischer Geschwister ihn dereinst 21 wieder aufweckt.



[Seite 254]


1 
Chor.

2 Erstling der Jugend in unserm Kreise, sei willkommen! 3 mit Trauer willkommen! Dir folge kein 4 Knabe, kein Mädchen nach! Nur das Alter nahe 5 sich willig und gelassen der stillen Halle, und in 6 ernster Gesellschaft ruhe das liebe, liebe Kind!

7 
Knaben.

8 Ach! wie ungern brachten wir ihn her! Ach! 9 und er soll hier bleiben! laßt uns auch bleiben, 10 laßt uns weinen, weinen an seinem Sarge!

11 
Chor.

12 Seht die mächtigen Flügel doch an! seht das 13 leichte reine Gewand! wie blinkt die goldene Binde 14 vom Haupt! seht die schöne, die würdige Ruh!

15 
Knaben.

16 Ach! die Flügel heben sie nicht; im leichten Spiele 17 flattert das Gewand nicht mehr; als wir mit Rosen 18 kränzten ihr Haupt, blickte sie hold und freundlich 19 nach uns.

20 
Chor.

21 Schaut mit den Augen des Geistes hinan! in 22 euch lebe die bildende Kraft, die das Schönste, das 23 Höchste hinauf, über die Sterne das Leben trägt.

24 
Knaben.

25 Aber ach! wir vermissen sie hier, in den Gärten 26 wandelt sie nicht, sammelt der Wiese Blumen nicht 

[Seite 255]

1 mehr. Laßt uns weinen, wir lassen sie hier! laßt 2 uns weinen und bei ihr bleiben!

3 
Chor.

4 Kinder! kehret in's Leben zurück! Eure Thränen 5 trockne die frische Luft, die um das schlängelnde 6 Wasser spielt. Entflieht der Nacht! Tag und Lust 7 und Dauer ist das Loos der Lebendigen.

8 
Knaben.

9 Auf, wir kehren in's Leben zurück. Gebe der 10 Tag uns Arbeit und Lust, bis der Abend uns Ruhe 11 bringt, und der nächtliche Schlaf uns erquickt.

12 
Chor.

13 Kinder! eilet in's Leben hinan! In der Schönheit 14 reinem Gewande begegn' euch die Liebe mit 15 himmlischem Blick und dem Kranz der Unsterblichkeit!


16 Die Knaben waren schon fern, der Abbé stand 17 von seinem Sessel auf, und trat hinter den Sarg. 18 Es ist die Verordnung, sagte er, des Mannes, der 19 diese stille Wohnung bereitet hat, daß jeder neue Ankömmling 20 mit Feierlichkeit empfangen werden soll. 21 Nach ihm, dem Erbauer dieses Hauses, dem Errichter 22 dieser Stätte, haben wir zuerst einen jungen Fremdling 23 hierher gebracht, und so faßt schon dieser kleine 24 Raum zwei ganz verschiedene Opfer der strengen, 25 willkürlichen und unerbittlichen Todesgöttin. Nach 26 bestimmten Gesetzen treten wir in's Leben ein, die 27 Tage sind gezählt, die uns zum Anblicke des Lichts 

[Seite 256]

1 reif machen, aber für die Lebensdauer ist kein Gesetz. 2 Der schwächste Lebensfaden zieht sich in unerwartete 3 Länge, und den stärksten zerschneidet gewaltsam die 4 Schere einer Parze, die sich in Widersprüchen zu gefallen 5 scheint. Von dem Kinde, das wir hier bestatten, 6 wissen wir wenig zu sagen. Noch ist uns 7 unbekannt, woher es kam; seine Eltern kennen wir 8 nicht, und die Zahl seiner Lebensjahre vermuthen 9 wir nur. Sein tiefes verschlossenes Herz ließ uns 10 seine innersten Angelegenheiten kaum errathen; nichts 11 war deutlich an ihm, nichts offenbar, als die Liebe 12 zu dem Manne, der es aus den Händen eines Barbaren 13 rettete. Diese zärtliche Neigung, diese lebhafte 14 Dankbarkeit schien die Flamme zu sein, die das Öl 15 ihres Lebens aufzehrte; die Geschicklichkeit des Arztes 16 konnte das schöne Leben nicht erhalten, die sorgfältigste 17 Freundschaft vermochte nicht es zu fristen. 18 Aber wenn die Kunst den scheidenden Geist nicht zu 19 fesseln vermochte, so hat sie alle ihre Mittel angewandt, 20 den Körper zu erhalten und ihn der Vergänglichkeit 21 zu entziehen. Eine balsamische Masse 22 ist durch alle Adern gedrungen, und färbt nun an 23 der Stelle des Bluts die so früh verblichenen Wangen. 24 Treten Sie näher, meine Freunde, und sehen Sie 25 das Wunder der Kunst und Sorgfalt!

26 Er hub den Schleier auf, und das Kind lag in 27 seinen Engelkleidern, wie schlafend, in der angenehmsten 28 Stellung. Alle traten herbei, und bewunderten diesen 

[Seite 257]

1 Schein des Lebens. Nur Wilhelm blieb in seinem 2 Sessel sitzen, er konnte sich nicht fassen; was er empfand 3 durfte er nicht denken, und jeder Gedanke 4 schien seine Empfindung zerstören zu wollen.

5 Die Rede war um des Marchese willen französisch 6 gesprochen worden. Dieser trat mit den andern herbei, 7 und betrachtete die Gestalt mit Aufmerksamkeit. 8 Der Abbé fuhr fort: Mit einem heiligen Vertrauen 9 war auch dieses gute, gegen die Menschen so verschlossene 10 Herz beständig zu seinem Gott gewendet. 11 Die Demuth, ja eine Neigung, sich äußerlich zu erniedrigen, 12 schien ihm angeboren. Mit Eifer hing es 13 an der katholischen Religion, in der es geboren und 14 erzogen war. Oft äußerte sie den stillen Wunsch, 15 auf geweihtem Boden zu ruhen, und wir haben, nach 16 den Gebräuchen der Kirche, dieses marmorne Behältniß 17 und die wenige Erde geweihet, die in ihrem 18 Kopfkissen verborgen ist. Mit welcher Inbrunst küßte 19 sie in ihren letzten Augenblicken das Bild des Gekreuzigten, 20 das auf ihren zarten Armen mit vielen 21 hundert Puncten sehr zierlich abgebildet steht. Er 22 streifte zugleich, indem er das sagte, ihren rechten 23 Arm auf, und ein Crucifix, von verschiedenen Buchstaben 24 und Zeichen begleitet, sah man blaulich auf 25 der weißen Haut.

26 Der Marchese betrachtete diese neue Erscheinung 27 ganz in der Nähe. O Gott! rief er aus, indem er 28 sich aufrichtete, und seine Hände gen Himmel hob, 

[Seite 258]

1 armes Kind! Unglückliche Nichte! Finde ich dich hier 2 wieder! Welche schmerzliche Freude, dich, auf die wir 3 schon lange Verzicht gethan hatten, diesen guten lieben 4 Körper, den wir lange im See einen Raub der Fische 5 glaubten, hier wieder zu finden, zwar todt, aber erhalten! 6 Ich wohne deiner Bestattung bei, die so 7 herrlich durch ihr Äußeres, und noch herrlicher durch 8 die guten Menschen wird, die dich zu deiner Ruhestätte 9 begleiten. Und wenn ich werde reden können, sagte 10 er mit gebrochner Stimme, werde ich ihnen danken.

11 Die Thränen verhinderten ihn, etwas weiter hervorzubringen. 12 Durch den Druck einer Feder versenkte 13 der Abbé den Körper in die Tiefe des Marmors. 14 Vier Jünglinge, bekleidet wie jene Knaben, traten 15 hinter den Teppichen hervor, hoben den schweren, 16 schön verzierten Deckel auf den Sarg, und fingen zugleich 17 ihren Gesang an.


18 
Die Jünglinge.

19 Wohl verwahrt ist nun der Schatz, das schöne 20 Gebild der Vergangenheit! hier im Marmor ruht es 21 unverzehrt; auch in euren Herzen lebt es, wirkt es 22 fort. Schreitet, schreitet in's Leben zurück! Nehmet 23 den heiligen Ernst mit hinaus, denn der Ernst, der 24 heilige, macht allein das Leben zur Ewigkeit.

25 Das unsichtbare Chor fiel in die letzten Worte 26 mit ein, aber niemand von der Gesellschaft vernahm 27 die stärkenden Worte, jedes war zu sehr mit den 

[Seite 259]

1 wunderbaren Entdeckungen und seinen eignen Empfindungen 2 beschäftigt. Der Abbé und Natalie führten 3 den Marchese, Wilhelmen Therese und Lothario hinaus, 4 und erst als der Gesang ihnen völlig verhallte, fielen 5 die Schmerzen, die Betrachtungen, die Gedanken, die 6 Neugierde sie mit aller Gewalt wieder an, und sehnlich 7 wünschten sie sich in jenes Element wieder zurück.




[Seite 260]



1 
Neuntes Capitel.

[Lesarten]  2 Der Marchese vermied von der Sache zu reden, 3 hatte aber heimliche und lange Gespräche mit dem 4 Abbé. Er erbat sich, wenn die Gesellschaft beisammen 5 war, öfters Musik; man sorgte gern dafür, weil 6 jedermann zufrieden war, des Gesprächs überhoben 7 zu sein. So lebte man einige Zeit fort, als man 8 bemerkte, daß er Anstalt zur Abreise mache. Eines 9 Tages sagte er zu Wilhelmen: Ich verlange nicht die 10 Reste des guten Kindes zu beunruhigen; es bleibe an 11 dem Orte zurück, wo es geliebt und gelitten hat, 12 aber seine Freunde müssen mir versprechen, mich in 13 seinem Vaterlande, an dem Platze zu besuchen, wo 14 das arme Geschöpf geboren und erzogen wurde; sie 15 müssen die Säulen und Statuen sehen, von denen 16 ihm noch eine dunkle Idee übrig geblieben ist.

17 Ich will Sie in die Buchten führen, wo sie so 18 gern die Steinchen zusammenlas. Sie werden sich, 19 lieber junger Mann, der Dankbarkeit einer Familie 20 nicht entziehen, die Ihnen so viel schuldig ist. Morgen 21 reise ich weg. Ich habe dem Abbé die ganze Geschichte 

[Seite 261]

1 vertraut, er wird sie Ihnen wieder erzählen; 2 er konnte mir verzeihen, wenn mein Schmerz mich 3 unterbrach, und er wird als ein dritter die Begebenheiten 4 mit mehr Zusammenhang vortragen. Wollen 5 Sie mir noch, wie der Abbé vorschlug, auf meiner 6 Reise durch Deutschland folgen, so sind Sie willkommen. 7 Lassen Sie Ihren Knaben nicht zurück; 8 bei jeder kleinen Unbequemlichkeit, die er uns macht, 9 wollen wir uns Ihrer Vorsorge für meine arme 10 Nichte wieder erinnern.

11 Noch selbigen Abend ward man durch die Ankunft 12 der Gräfin überrascht. Wilhelm bebte an allen 13 Gliedern, als sie hereintrat, und sie, obgleich vorbereitet, 14 hielt sich an ihrer Schwester, die ihr bald 15 einen Stuhl reichte. Wie sonderbar einfach war ihr 16 Anzug, und wie verändert ihre Gestalt! Wilhelm 17 durfte kaum auf sie hinblicken; sie begrüßte ihn mit 18 Freundlichkeit und einige allgemeine Worte konnten 19 ihre Gesinnung und Empfindungen nicht verbergen. 20 Der Marchese war bei Zeiten zu Bette gegangen 21 und die Gesellschaft hatte noch keine Lust sich zu 22 trennen; der Abbé brachte ein Manuscript hervor. 23 Ich habe, sagte er, sogleich die sonderbare Geschichte, 24 wie sie mir anvertraut wurde, zu Papiere gebracht. 25 Wo man am wenigsten Tinte und Feder sparen soll, 26 das ist bei'm Aufzeichnen einzelner Umstände merkwürdiger 27 Begebenheiten. Man unterrichtete die Gräfin, 28 wovon die Rede sei, und der Abbé las:



[Seite 262]

1 Meinen Vater, sagte der Marchese, muß ich, so 2 viel Welt ich auch gesehen habe, immer für einen 3 der wunderbarsten Menschen halten. Sein Charakter 4 war edel und gerade, seine Ideen weit, und man 5 darf sagen groß; er war streng gegen sich selbst; 6 in allen seinen Planen fand man eine unbestechliche 7 Folge, an allen seinen Handlungen eine ununterbrochene 8 Schrittmäßigkeit. So gut sich daher von 9 einer Seite mit ihm umgehen und ein Geschäft verhandeln 10 ließ, so wenig konnte er, um eben dieser 11 Eigenschaften willen, sich in die Welt finden, da er 12 vom Staate, von seinen Nachbaren, von Kindern und 13 Gesinde die Beobachtung aller der Gesetze forderte, 14 die er sich selbst auferlegt hatte. Seine mäßigsten 15 Forderungen wurden übertrieben durch seine Strenge, 16 und er konnte nie zum Genuß gelangen, weil nichts 17 auf die Weise entstand, wie er sich's gedacht hatte. 18 Ich habe ihn in dem Augenblicke, da er einen Palast 19 bauete, einen Garten anlegte, ein großes neues Gut 20 in der schönsten Lage erwarb, innerlich mit dem 21 ernstesten Ingrimm überzeugt gesehen, das Schicksal 22 habe ihn verdammt, enthaltsam zu sein und zu dulden. 23 In seinem Äußerlichen beobachtete er die größte Würde; 24 wenn er scherzte, zeigte er nur die Überlegenheit seines 25 Verstandes; es war ihm unerträglich, getadelt zu 26 werden, und ich habe ihn nur einmal in meinem 27 Leben ganz außer aller Fassung gesehen, da er hörte, 28 daß man von einer seiner Anstalten wie von etwas 

[Seite 263]

1 Lächerlichem sprach. In eben diesem Geiste hatte er 2 über seine Kinder und sein Vermögen disponirt. 3 Mein ältester Bruder ward als ein Mann erzogen, 4 der künftig große Güter zu hoffen hatte; ich sollte 5 den geistlichen Stand ergreifen, und der jüngste Soldat 6 werden. Ich war lebhaft, feurig, thätig, schnell, 7 zu allen körperlichen Übungen geschickt. Der jüngste 8 schien zu einer Art von schwärmerischer Ruhe geneigter, 9 den Wissenschaften, der Musik und der Dichtkunst 10 ergeben. Nur nach dem härt'sten Kampf, nach 11 der völligsten Überzeugung der Unmöglichkeit gab der 12 Vater, wiewohl mit Widerwillen, nach, daß wir 13 unsern Beruf umtauschen dürften, und ob er gleich 14 jeden von uns beiden zufrieden sah, so konnte er sich 15 doch nicht drein finden, und versicherte, daß nichts 16 Gutes daraus entstehen werde. Je älter er ward, 17 desto abgeschnittener fühlte er sich von aller Gesellschaft. 18 Er lebte zuletzt fast ganz allein. Nur ein 19 alter Freund, der unter den Deutschen gedient, im 20 Feldzuge seine Frau verloren, und eine Tochter mitgebracht 21 hatte, die ungefähr zehn Jahr alt war, 22 blieb sein einziger Umgang. Dieser kaufte sich ein 23 artiges Gut in der Nachbarschaft, sah meinen Vater 24 zu bestimmten Tagen und Stunden der Woche, in 25 denen er auch manchmal seine Tochter mitbrachte. 26 Er widersprach meinem Vater niemals, der sich zuletzt 27 völlig an ihn gewöhnte, und ihn als den einzigen 28 erträglichen Gesellschafter duldete. Nach dem Tode 

[Seite 264]

1 unseres Vaters merkten wir wohl, daß dieser Mann 2 von unserm Alten trefflich ausgestattet worden war, 3 und seine Zeit nicht umsonst zugebracht hatte; er 4 erweiterte seine Güter, seine Tochter konnte eine 5 schöne Mitgift erwarten. Das Mädchen wuchs heran, 6 und war von sonderbarer Schönheit; mein älterer 7 Bruder scherzte oft mit mir, daß ich mich um sie 8 bewerben sollte.

9 Indessen hatte Bruder Augustin im Kloster seine 10 Jahre in dem sonderbarsten Zustande zugebracht; er 11 überließ sich ganz dem Genuß einer heiligen Schwärmerei, 12 jenen halb geistigen halb physischen Empfindungen, 13 die, wie sie ihn eine Zeitlang in den dritten Himmel 14 erhuben, bald darauf in einen Abgrund von Ohnmacht 15 und leeres Elend versinken ließen. Bei meines 16 Vaters Lebzeiten war an keine Veränderung zu denken, 17 und was hätte man wünschen oder vorschlagen sollen? 18 Nach dem Tode unsers Vaters besuchte er uns fleißig; 19 sein Zustand, der uns im Anfang jammerte, ward 20 nach und nach um vieles erträglicher, denn die Vernunft 21 hatte gesiegt. Allein je sichrer sie ihm völlige 22 Zufriedenheit und Heilung auf dem reinen Wege der 23 Natur versprach, desto lebhafter verlangte er von uns, 24 daß wir ihn von seinen Gelübden befreien sollten; 25 er gab zu verstehen, daß seine Absicht auf Sperata, 26 unsere Nachbarin, gerichtet sei.

27 Mein älterer Bruder hatte zu viel durch die Härte 28 unseres Vaters gelitten, als daß er ungerührt bei 

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1 dem Zustande des jüngsten hätte bleiben können. 2 Wir sprachen mit dem Beichtvater unserer Familie, 3 einem alten würdigen Manne, entdeckten ihm die 4 doppelte Absicht unseres Bruders, und baten ihn die 5 Sache einzuleiten und zu befördern. Wider seine Gewohnheit 6 zögerte er, und als endlich unser Bruder 7 in uns drang, und wir die Angelegenheit dem Geistlichen 8 lebhafter empfahlen, mußte er sich entschließen 9 uns die sonderbare Geschichte zu entdecken.

10 Sperata war unsre Schwester, und zwar sowohl 11 von Vater als Mutter; Neigung und Sinnlichkeit 12 hatten den Mann in späteren Jahren nochmals überwältigt, 13 in welchen das Recht der Ehegatten schon 14 verloschen zu sein scheint; über einen ähnlichen Fall 15 hatte man sich kurz vorher in der Gegend lustig gemacht, 16 und mein Vater, um sich nicht gleichfalls dem 17 Lächerlichen auszusetzen, beschloß diese späte gesetzmäßige 18 Frucht der Liebe mit eben der Sorgfalt zu 19 verheimlichen, als man sonst die frühern zufälligen 20 Früchte der Neigung zu verbergen pflegt. Unsere 21 Mutter kam heimlich nieder, das Kind wurde auf's 22 Land gebracht, und der alte Hausfreund, der 23 nebst dem Beichtvater allein um das Geheimniß 24 wußte, ließ sich leicht bereden, sie für seine Tochter 25 auszugeben. Der Beichtvater hatte sich nur ausbedungen, 26 im äußersten Fall das Geheimniß entdecken 27 zu dürfen. Der Vater war gestorben, das 28 zarte Mädchen lebte unter der Aufsicht einer alten 

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1 Frau; wir wußten, daß Gesang und Musik unsern 2 Bruder schon bei ihr eingeführt hatten, und da er 3 uns wiederholt aufforderte, seine alten Bande zu 4 trennen, um das neue zu knüpfen, so war es nöthig, 5 ihn, sobald als möglich, von der Gefahr zu unterrichten, 6 in der er schwebte.

7 Er sah uns mit wilden verachtenden Blicken an. 8 Spart eure unwahrscheinlichen Mährchen, rief er aus, 9 für Kinder und leichtglaubige Thoren; mir werdet ihr 10 Speraten nicht vom Herzen reißen, sie ist mein. Verläugnet 11 sogleich euer schreckliches Gespenst, das mich 12 nur vergebens ängstigen würde. Sperata ist nicht 13 meine Schwester, sie ist mein Weib! --- Er beschrieb 14 uns mit Entzücken, wie ihn das himmlische Mädchen 15 aus dem Zustande der unnatürlichen Absonderung 16 von den Menschen in das wahre Leben geführt, wie 17 beide Gemüther gleich beiden Kehlen zusammen stimmten, 18 und wie er alle seine Leiden und Verirrungen 19 segnete, weil sie ihn von allen Frauen bis dahin 20 entfernt gehalten, und weil er nun ganz und gar 21 sich dem liebenswürdigsten Mädchen ergeben könne. 22 Wir entsetzten uns über die Entdeckung, uns jammerte 23 sein Zustand, wir wußten uns nicht zu helfen, er 24 versicherte uns mit Heftigkeit, daß Sperata ein Kind 25 von ihm im Busen trage. Unser Beichtvater that 26 alles, was ihm seine Pflicht eingab, aber dadurch 27 ward das Übel nur schlimmer. Die Verhältnisse der 28 Natur und der Religion, der sittlichen Rechte und 

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1 der bürgerlichen Gesetze wurden von meinem Bruder 2 auf's heftigste durchgefochten. Nichts schien ihm heilig 3 als das Verhältniß zu Sperata, nichts schien ihm 4 würdig als der Name Vater und Gattin. Diese 5 allein, rief er aus, sind der Natur gemäß, alles 6 andere sind Grillen und Meinungen. Gab es nicht 7 edle Völker, die eine Heirath mit der Schwester 8 billigten? Nennt eure Götter nicht, rief er aus, 9 ihr braucht die Namen nie, als wenn ihr uns bethören, 10 uns von dem Wege der Natur abführen, und 11 die edelsten Triebe durch schändlichen Zwang zu Verbrechen 12 entstellen wollt. Zur größten Verwirrung 13 des Geistes, zum schändlichsten Mißbrauche des Körpers 14 nöthigt ihr die Schlachtopfer, die ihr lebendig 15 begrabt.

16 Ich darf reden, denn ich habe gelitten wie keiner, 17 von der höchsten süßesten Fülle der Schwärmerei bis 18 zu den fürchterlichen Wüsten der Ohnmacht, der 19 Leerheit, der Vernichtung und Verzweiflung, von den 20 höchsten Ahnungen überirdischer Wesen bis zu dem 21 völligsten Unglauben, dem Unglauben an mir selbst. 22 Allen diesen entsetzlichen Bodensatz des am Rande 23 schmeichelnden Kelchs habe ich ausgetrunken, und mein 24 ganzes Wesen war bis in sein Innerstes vergiftet. 25 Nun, da mich die gütige Natur durch ihre größten 26 Gaben, durch die Liebe, wieder geheilt hat, da ich 27 an dem Busen eines himmlischen Mädchens wieder 28 fühle, daß ich bin, daß sie ist, daß wir eins sind, 

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1 daß aus dieser lebendigen Verbindung ein drittes 2 entstehen und uns entgegenlächeln soll, nun eröffnet 3 ihr die Flammen eurer Höllen, eurer Fegefeuer, die 4 nur eine kranke Einbildungskraft versengen können, 5 und stellt sie dem lebhaften, wahren, unzerstörlichen 6 Genuß der reinen Liebe entgegen! Begegnet uns 7 unter jenen Cypressen, die ihre ernsthaften Gipfel gen 8 Himmel wenden, besucht uns an jenen Spalieren, 9 wo die Citronen und Pomeranzen neben uns blühn, 10 wo die zierliche Myrte uns ihre zarten Blumen darreicht, 11 und dann wagt es, uns mit euren trüben, 12 grauen, von Menschen gesponnenen Netzen zu ängstigen!

13 So bestand er lange Zeit auf einem hartnäckigen 14 Unglauben unserer Erzählung, und zuletzt, da wir 15 ihm die Wahrheit derselben betheuerten, da sie ihm 16 der Beichtvater selbst versicherte, ließ er sich doch dadurch 17 nicht irre machen, vielmehr rief er aus: Fragt 18 nicht den Widerhall eurer Kreuzgänge, nicht euer 19 vermodertes Pergament, nicht eure verschränkten Grillen 20 und Verordnungen, fragt die Natur und euer Herz, 21 sie wird euch lehren, vor was ihr zu schaudern habt, 22 sie wird euch mit dem strengsten Finger zeigen, worüber 23 sie ewig und unwiderruflich ihren Fluch ausspricht. 24 Seht die Lilien an: entspringt nicht Gatte 25 und Gattin auf Einem Stengel? Verbindet beide 26 nicht die Blume, die beide gebar, und ist die Lilie 27 nicht das Bild der Unschuld, und ihre geschwisterliche 28 Vereinigung nicht fruchtbar? Wenn die Natur verabscheut, 

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1 so spricht sie es laut aus; das Geschöpf, 2 das nicht sein soll, kann nicht werden; das Geschöpf, 3 das falsch lebt, wird früh zerstört. Unfruchtbarkeit, 4 kümmerliches Dasein, frühzeitiges Zerfallen, das sind 5 ihre Flüche, die Kennzeichen ihrer Strenge. Nur 6 durch unmittelbare Folgen straft sie. Da seht um 7 euch her, und was verboten, was verflucht ist, wird 8 euch in die Augen fallen. In der Stille des Klosters 9 und im Geräusche der Welt sind tausend Handlungen 10 geheiligt und geehrt, auf denen ihr Fluch ruht. Auf 11 bequemen Müßiggang so gut als überstrengte Arbeit, 12 auf Willkür und Überfluß, wie auf Noth und Mangel 13 sieht sie mit traurigen Augen nieder, zur Mäßigkeit 14 ruft sie, wahr sind alle ihre Verhältnisse, und ruhig 15 alle ihre Wirkungen. Wer gelitten hat, wie ich, hat 16 das Recht frei zu sein. Sperata ist mein; nur der 17 Tod soll mir sie nehmen. Wie ich sie behalten kann? 18 wie ich glücklich werden kann? das ist eure Sorge! 19 Jetzt gleich geh' ich zu ihr, um mich nicht wieder 20 von ihr zu trennen.

21 Er wollte nach dem Schiffe, um zu ihr überzusetzen; 22 wir hielten ihn ab und baten ihn, daß er 23 keinen Schritt thun möchte, der die schrecklichsten 24 Folgen haben könnte. Er solle überlegen, daß er 25 nicht in der freien Welt seiner Gedanken und Vorstellungen, 26 sondern in einer Verfassung lebe, deren 27 Gesetze und Verhältnisse die Unbezwinglichkeit eines 28 Naturgesetzes angenommen haben. Wir mußten dem 

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1 Beichtvater versprechen, daß wir den Bruder nicht 2 aus den Augen, noch weniger aus dem Schlosse lassen 3 wollten; darauf ging er weg, und versprach in einigen 4 Tagen wieder zu kommen. Was wir vorausgesehen 5 hatten, traf ein; der Verstand hatte unsern Bruder 6 stark gemacht, aber sein Herz war weich; die frühern 7 Eindrücke der Religion wurden lebhaft, und die entsetzlichsten 8 Zweifel bemächtigten sich seiner. Er 9 brachte zwei fürchterliche Tage und Nächte zu; der 10 Beichtvater kam ihm wieder zu Hülfe, umsonst! 11 Der ungebundene freie Verstand sprach ihn los; sein 12 Gefühl, seine Religion, alle gewohnten Begriffe erklärten 13 ihn für einen Verbrecher.

14 Eines Morgens fanden wir sein Zimmer leer, 15 ein Blatt lag auf dem Tische, worin er uns erklärte, 16 daß er, da wir ihn mit Gewalt gefangen hielten, 17 berechtigt sei, seine Freiheit zu suchen; er entfliehe, 18 er gehe zu Sperata, er hoffe mit ihr zu entkommen, 19 er sei auf alles gefaßt, wenn man sie trennen wolle.

20 Wir erschraken nicht wenig, allein der Beichtvater 21 bat uns ruhig zu sein. Unser armer Bruder war nahe 22 genug beobachtet worden; die Schiffer, anstatt ihn überzusetzen, 23 führten ihn in sein Kloster. Ermüdet von 24 einem vierzigstündigen Wachen schlief er ein, sobald ihn 25 der Kahn im Mondenscheine schaukelte, und erwachte 26 nicht früher, als bis er sich in den Händen seiner 27 geistlichen Brüder sah; er erholte sich nicht eher, als 28 bis er die Klosterpforte hinter sich zuschlagen hörte.



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1 Schmerzlich gerührt von dem Schicksal unseres 2 Bruders machten wir unserm Beichtvater die lebhaftesten 3 Vorwürfe; allein dieser ehrwürdige Mann 4 wußte uns bald mit den Gründen des Wundarztes 5 zu überreden, daß unser Mitleid für den armen 6 Kranken tödtlich sei. Er handle nicht aus eigner Willkür, 7 sondern auf Befehl des Bischofs und des hohen 8 Rathes. Die Absicht war: alles öffentliche Ärgerniß 9 zu vermeiden, und den traurigen Fall mit dem 10 Schleier einer geheimen Kirchenzucht zu verdecken. 11 Sperata sollte geschont werden, sie sollte nicht erfahren, 12 daß ihr Geliebter zugleich ihr Bruder sei. Sie ward 13 einem Geistlichen anempfohlen, dem sie vorher schon 14 ihren Zustand vertraut hatte. Man wußte ihre 15 Schwangerschaft und Niederkunft zu verbergen. Sie 16 war als Mutter in dem kleinen Geschöpfe ganz glücklich. 17 So wie die meisten unserer Mädchen konnte sie 18 weder schreiben, noch Geschriebenes lesen; sie gab daher 19 dem Pater Aufträge, was er ihrem Geliebten 20 sagen sollte. Dieser glaubte den frommen Betrug 21 einer säugenden Mutter schuldig zu sein, er brachte 22 ihr Nachrichten von unserm Bruder, den er niemals 23 sah, ermahnte sie in seinem Namen zur Ruhe, bat 24 sie für sich und das Kind zu sorgen und wegen der 25 Zukunft Gott zu vertrauen.

26 Sperata war von Natur zur Religiosität geneigt. 27 Ihr Zustand, ihre Einsamkeit vermehrten diesen Zug, 28 der Geistliche Unterhielt ihn, um sie nach und nach 

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1 auf eine ewige Trennung vorzubereiten. Kaum war 2 das Kind entwöhnt, kaum glaubte er ihren Körper 3 stark genug, die ängstlichsten Seelenleiden zu ertragen, 4 so fing er an, das Vergehen ihr mit schrecklichen 5 Farben vorzumahlen, das Vergehen sich einem Geistlichen 6 ergeben zu haben, das er als eine Art von 7 Sünde gegen die Natur, als einen Incest behandelte. 8 Denn er hatte den sonderbaren Gedanken, ihre Reue 9 jener Reue gleich zu machen, die sie empfunden haben 10 würde, wenn sie das wahre Verhältniß ihres Fehltritts 11 erfahren hätte. Er brachte dadurch so viel 12 Jammer und Kummer in ihr Gemüth, er erhöhte 13 die Idee der Kirche und ihres Oberhauptes so sehr 14 vor ihr, er zeigte ihr die schrecklichen Folgen für das 15 Heil aller Seelen, wenn man in solchen Fällen nachgeben, 16 und die Straffälligen durch eine rechtmäßige 17 Verbindung noch gar belohnen wolle; er zeigte ihr, 18 wie heilsam es sei, einen solchen Fehler in der Zeit 19 abzubüßen, und dafür dereinst die Krone der Herrlichkeit 20 zu erwerben, daß sie endlich wie eine arme 21 Sünderin ihren Nacken dem Beil willig darreichte, 22 und inständig bat, daß man sie auf ewig von unserm 23 Bruder entfernen möchte. Als man so viel von ihr 24 erlangt hatte, ließ man ihr, doch unter einer gewissen 25 Aufsicht, die Freiheit, bald in ihrer Wohnung, bald in 26 dem Kloster zu sein, je nachdem sie es für gut hielte.

27 Ihr Kind wuchs heran, und zeigte bald eine 28 sonderbare Natur. Es konnte sehr früh laufen, und 

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1 sich mit aller Geschicklichkeit bewegen, es sang bald 2 sehr artig, und lernte die Cither gleichsam von sich 3 selbst. Nur mit Worten konnte es sich nicht ausdrücken, 4 und es schien das Hinderniß mehr in seiner 5 Denkungsart als in den Sprachwerkzeugen zu liegen. 6 Die arme Mutter fühlte indessen ein trauriges Verhältniß 7 zu dem Kinde; die Behandlung des Geistlichen 8 hatte ihre Vorstellungsart so verwirrt, daß sie, ohne 9 wahnsinnig zu sein, sich in den seltsamsten Zuständen 10 befand. Ihr Vergehen schien ihr immer schrecklicher 11 und straffälliger zu werden; das oft wiederholte 12 Gleichniß des Geistlichen vom Incest hatte sich so tief 13 bei ihr eingeprägt, daß sie einen solchen Abscheu empfand, 14 als wenn ihr das Verhältniß selbst bekannt 15 gewesen wäre. Der Beichtvater dünkte sich nicht 16 wenig über das Kunststück, wodurch er das Herz 17 eines unglücklichen Geschöpfes zerriß. Jämmerlich 18 war es anzusehen, wie die Mutterliebe, die über das 19 Dasein des Kindes sich so herzlich zu erfreuen geneigt 20 war, mit dem schrecklichen Gedanken stritt, daß dieses 21 Kind nicht da sein sollte. Bald stritten diese beiden 22 Gefühle zusammen, bald war der Abscheu über die 23 Liebe gewaltig.

24 Man hatte das Kind schon lange von ihr weggenommen, 25 und zu guten Leuten unten am See gegeben, 26 und in der mehrern Freiheit, die es hatte, 27 zeigte sich bald seine besondre Lust zum Klettern. 28 Die höchsten Gipfel zu ersteigen, auf den Rändern der 

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1 Schiffe wegzulaufen, und den Seiltänzern, die sich 2 manchmal in dem Orte sehen ließen, die wunderlichsten 3 Kunststücke nachzumachen, war ein natürlicher 4 Trieb.

5 Um das alles leichter zu üben, liebte sie mit den 6 Knaben die Kleider zu wechseln, und ob es gleich von 7 ihren Pflegeltern höchst unanständig und unzulässig 8 gehalten wurde, so ließen wir ihr doch so viel als 9 möglich nachsehen. Ihre wunderlichen Wege und 10 Sprünge führten sie manchmal weit, sie verirrte sich, 11 sie blieb aus, und kam immer wieder. Meistentheils 12 wenn sie zurückkehrte, setzte sie sich unter die Säulen 13 des Portals vor einem Landhause in der Nachbarschaft; 14 man suchte sie nicht mehr, man erwartete sie. 15 Dort schien sie auf den Stufen auszuruhen, dann 16 lief sie in den großen Saal, besah die Statuen, und 17 wenn man sie nicht besonders aufhielt, eilte sie nach 18 Hause.

19 Zuletzt ward denn doch unser Hoffen getäuscht, 20 und unsere Nachsicht bestraft. Das Kind blieb aus, 21 man fand seinen Hut auf dem Wasser schwimmen, 22 nicht weit von dem Orte, wo ein Gießbach sich in 23 den See stürzt. Man vermuthete, daß es bei seinem 24 Klettern zwischen den Felsen verunglückt sei; bei 25 allem Nachforschen konnte man den Körper nicht 26 finden.

27 Durch das unvorsichtige Geschwätz ihrer Gesellschafterinnen 28 erfuhr Sperata bald den Tod ihres 

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1 Kindes; sie schien ruhig und heiter, und gab nicht 2 undeutlich zu verstehen, sie freue sich, daß Gott das 3 arme Geschöpf zu sich genommen und so bewahrt 4 habe, ein größeres Unglück zu erdulden oder zu stiften.

5 Bei dieser Gelegenheit kamen alle Mährchen zur 6 Sprache, die man von unsern Wassern zu erzählen 7 pflegt. Es hieß: der See müsse alle Jahre ein unschuldiges 8 Kind haben; er leide keinen todten Körper, 9 und werfe ihn früh oder spät an's Ufer, ja sogar 10 das letzte Knöchelchen, wenn es zu Grunde gesunken 11 sei, müsse wieder heraus. Man erzählte die Geschichte 12 einer untröstlichen Mutter, deren Kind im See ertrunken 13 sei, und die Gott und seine Heiligen angerufen 14 habe, ihr nur wenigstens die Gebeine zum 15 Begräbniß zu gönnen; der nächste Sturm habe den 16 Schädel, der folgende den Rumpf an's Ufer gebracht, 17 und nachdem alles beisammen gewesen, habe sie 18 sämmtliche Gebeine in einem Tuch zur Kirche getragen, 19 aber, o Wunder! als sie in den Tempel getreten, 20 sei das Packet immer schwerer geworden, und 21 endlich als sie es auf die Stufen des Altars gelegt, 22 habe das Kind zu schreien angefangen, und sich zu 23 jedermanns Erstaunen aus dem Tuche losgemacht; 24 nur ein Knöchelchen des kleinen Fingers an der rechten 25 Hand habe gefehlt, welches denn die Mutter nachher 26 noch sorgfältig aufgesucht und gefunden, das denn 27 auch noch zum Gedächtniß unter andern Reliquien in 28 der Kirche aufgehoben werde.



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1 Auf die arme Mutter machten diese Geschichten 2 großen Eindruck; ihre Einbildungskraft fühlte einen 3 neuen Schwung, und begünstigte die Empfindung ihres 4 Herzens. Sie nahm an, daß das Kind nunmehr für 5 sich und seine Eltern abgebüßt habe, daß Fluch und 6 Strafe, die bisher auf ihnen geruht, nunmehr gänzlich 7 gehoben sei; daß es nur darauf ankomme, die Gebeine 8 des Kindes wiederzufinden, um sie nach Rom zu 9 bringen, so würde das Kind auf den Stufen des 10 großen Altars der Peterskirche wieder, mit seiner 11 schönen frischen Haut umgeben, vor dem Volke dastehn. 12 Es werde mit seinen eignen Augen wieder Vater und 13 Mutter schauen, und der Papst, von der Einstimmung 14 Gottes und seiner Heiligen überzeugt, werde unter 15 dem lauten Zuruf des Volks, den Eltern die Sünde 16 vergeben, sie lossprechen und sie verbinden.

17 Nun waren ihre Augen und ihre Sorgfalt immer 18 nach dem See und dem Ufer gerichtet. Wenn Nachts 19 im Mondglanz sich die Wellen umschlugen, glaubte 20 sie, jeder blinkende Saum treibe ihr Kind hervor; 21 es mußte zum Scheine jemand hinablaufen, um es 22 am Ufer aufzufangen.

23 So war sie auch des Tages unermüdet an den 24 Stellen, wo das kiesige Ufer flach in die See ging; 25 sie sammelte in ein Körbchen alle Knochen, die sie 26 fand. Niemand durfte ihr sagen, daß es Thierknochen 27 seien; die großen begrub sie, die kleinen hub sie auf. 28 In dieser Beschäftigung lebte sie unablässig fort. 

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1 Der Geistliche, der durch die unerläßliche Ausübung 2 seiner Pflicht ihren Zustand verursacht hatte, nahm 3 sich auch ihrer nun aus allen Kräften an. Durch 4 seinen Einfluß ward sie in der Gegend für eine Entzückte, 5 nicht für eine Verrückte gehalten; man stand 6 mit gefalteten Händen, wenn sie vorbeiging, und die 7 Kinder küßten ihr die Hand.

8 Ihrer alten Freundin und Begleiterin war von 9 dem Beichtvater die Schuld, die sie bei der unglücklichen 10 Verbindung beider Personen gehabt haben mochte, 11 nur unter der Bedingung erlassen, daß sie unablässig 12 treu ihr ganzes künftiges Leben die Unglückliche 13 begleiten solle, und sie hat mit einer bewundernswürdigen 14 Geduld und Gewissenhaftigkeit ihre Pflichten 15 bis zuletzt ausgeübt.

16 Wir hatten unterdessen unsern Bruder nicht aus 17 den Augen verloren; weder die Ärzte noch die Geistlichkeit 18 seines Klosters wollten uns erlauben, vor 19 ihm zu erscheinen; allein um uns zu überzeugen, 20 daß es ihm nach seiner Art wohl gehe, konnten wir 21 ihn, so oft wir wollten, in dem Garten, in den 22 Kreuzgängen, ja durch ein Fenster an der Decke 23 seines Zimmers belauschen.

24 Nach vielen schrecklichen und sonderbaren Epochen, 25 die ich übergehe, war er in einen seltsamen Zustand 26 der Ruhe des Geistes und der Unruhe des Körpers 27 gerathen. Er saß fast niemals, als wenn er seine 28 Harfe nahm und darauf spielte, da er sie denn meistens 

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1 mit Gesang begleitete. Übrigens war er immer in 2 Bewegung, und in allem äußerst lenksam und folgsam, 3 denn alle seine Leidenschaften schienen sich in 4 der einzigen Furcht des Todes aufgelös't zu haben. 5 Man konnte ihn zu allem in der Welt bewegen, 6 wenn man ihm mit einer gefährlichen Krankheit oder 7 mit dem Tode drohte.

8 Außer dieser Sonderbarkeit, daß er unermüdet 9 im Kloster hin und her ging, und nicht undeutlich 10 zu verstehen gab, daß es noch besser sein würde, über 11 Berg und Thäler so zu wandeln, sprach er auch von 12 einer Erscheinung, die ihn gewöhnlich ängstigte. Er 13 behauptete nämlich, daß bei seinem Erwachen, zu 14 jeder Stunde der Nacht, ein schöner Knabe unten 15 an seinem Bette stehe, und ihm mit einem blanken 16 Messer drohe. Man versetzte ihn in ein anderes 17 Zimmer, allein er behauptete, auch da, und zuletzt 18 sogar an andern Stellen des Klosters, stehe der 19 Knabe im Hinterhalt. Sein Auf- und Abwandeln 20 ward unruhiger, ja man erinnerte sich nachher, daß 21 er in der Zeit öfter als sonst an dem Fenster gestanden 22 und über den See hinüber gesehen habe.

23 Unsere arme Schwester indessen schien von dem 24 einzigen Gedanken, von der beschränkten Beschäftigung 25 nach und nach aufgerieben zu werden, und unser 26 Arzt schlug vor, man sollte ihr nach und nach unter 27 ihre übrigen Gebeine die Knochen eines Kinderskelets 28 mischen, um dadurch ihre Hoffnung zu vermehren. 

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1 Der Versuch war zweifelhaft, doch schien wenigstens 2 so viel dabei gewonnen, daß man sie, wenn alle 3 Theile beisammen wären, von dem ewigen Suchen 4 abbringen, und ihr zu einer Reise nach Rom Hoffnung 5 machen könnte.

6 Es geschah, und ihre Begleiterin vertauschte unmerklich 7 die ihr anvertrauten kleinen Reste mit den 8 gefundenen, und eine unglaubliche Wonne verbreitete 9 sich über die arme Kranke, als die Theile sich nach 10 und nach zusammen fanden, und man diejenigen bezeichnen 11 konnte, die noch fehlten. Sie hatte mit großer 12 Sorgfalt jeden Theil, wo er hingehörte, mit Fäden 13 und Bändern befestigt; sie hatte, wie man die Körper 14 der Heiligen zu ehren pflegt, mit Seide und Stickerei 15 die Zwischenräume ausgefüllt.

16 So hatte man die Glieder zusammen kommen 17 lassen, es fehlten nur wenige der äußeren Enden. 18 Eines Morgens, als sie noch schlief, und der Medicus 19 gekommen war, nach ihrem Befinden zu fragen, nahm 20 die Alte die verehrten Reste aus dem Kästchen weg, 21 das in der Schlafkammer stand, um dem Arzte zu 22 zeigen, wie sich die gute Kranke beschäftige. Kurz 23 darauf hörte man sie aus dem Bette springen, sie hob 24 das Tuch auf, und fand das Kästchen leer. Sie warf 25 sich auf ihre Knie; man kam und hörte ihr freudiges 26 inbrünstiges Gebet. Ja! es ist wahr, rief sie aus, 27 es war kein Traum, es ist wirklich! Freuet euch, 28 meine Freunde, mit mir! Ich habe das gute schöne 

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1 Geschöpf wieder lebendig gesehen. Es stand auf, und 2 warf den Schleier von sich, sein Glanz erleuchtete das 3 Zimmer, seine Schönheit war verklärt, es konnte den 4 Boden nicht betreten, ob es gleich wollte. Leicht 5 ward es empor gehoben, und konnte mir nicht einmal 6 seine Hand reichen. Da rief es mich zu sich, und 7 zeigte mir den Weg, den ich gehen soll. Ich werde 8 ihm folgen, und bald folgen, ich fühl' es, und es 9 wird mir so leicht um's Herz. Mein Kummer ist 10 verschwunden, und schon das Anschauen meines wieder 11 Auferstandenen hat mir einen Vorschmack der himmlischen 12 Freude gegeben.

13 Von der Zeit an war ihr ganzes Gemüth mit 14 den heitersten Aussichten beschäftigt, auf keinen irdischen 15 Gegenstand richtete sie ihre Aufmerksamkeit 16 mehr, sie genoß nur wenige Speisen, und ihr Geist 17 machte sich nach und nach von den Banden des Körpers 18 los. Auch fand man sie zuletzt unvermuthet erblaßt 19 und ohne Empfindung, sie öffnete die Augen nicht 20 wieder, sie war, was wir todt nennen.

21 Der Ruf ihrer Vision hatte sich bald unter das 22 Volk verbreitet, und das ehrwürdige Ansehn, das sie 23 in ihrem Leben genoß, verwandelte sich nach ihrem 24 Tode schnell in den Gedanken, daß man sie sogleich 25 für selig, ja für heilig halten müsse.

26 Als man sie zu Grabe bestatten wollte, drängten 27 sich viele Menschen mit unglaublicher Heftigkeit hinzu, 28 man wollte ihre Hand, man wollte wenigstens ihr 

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1 Kleid berühren. In dieser leidenschaftlichen Erhöhung 2 fühlten verschiedene Kranke die Übel nicht, 3 von denen sie sonst gequält wurden; sie hielten sich 4 für geheilt, sie bekannten's, sie priesen Gott und seine 5 neue Heilige. Die Geistlichkeit war genöthigt, den 6 Körper in eine Capelle zu stellen, das Volk verlangte 7 Gelegenheit seine Andacht zu verrichten, der Zudrang 8 war unglaublich; die Bergbewohner, die ohnedieß zu 9 lebhaften religiösen Gefühlen gestimmt sind, drangen 10 aus ihren Thälern herbei; die Andacht, die Wunder, 11 die Anbetung vermehrten sich mit jedem Tage. Die 12 bischöflichen Verordnungen, die einen solchen neuen 13 Dienst einschränken und nach und nach niederschlagen 14 sollten, konnten nicht zur Ausführung gebracht 15 werden; bei jedem Widerstand war das Volk heftig, 16 und gegen jeden Ungläubigen bereit in Thätlichkeiten 17 auszubrechen. Wandelte nicht auch, riefen sie, der 18 heilige Borromäus unter unsern Vorfahren? Erlebte 19 seine Mutter nicht die Wonne seiner Seligsprechung? 20 Hat man nicht durch jenes große Bildniß 21 auf dem Felsen bei Arona uns seine geistige 22 Größe sinnlich vergegenwärtigen wollen? Leben die 23 Seinigen nicht noch unter uns? Und hat Gott nicht 24 zugesagt unter einem gläubigen Volke seine Wunder 25 stets zu erneuern?

26 Als der Körper nach einigen Tagen keine Zeichen 27 der Fäulniß von sich gab, und eher weißer und 28 gleichsam durchsichtig ward, erhöhte sich das Zutrauen 

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1 der Menschen immer mehr, und es zeigten sich unter 2 der Menge verschiedene Curen, die der aufmerksame 3 Beobachter selbst nicht erklären, und auch nicht geradezu 4 als Betrug ansprechen konnte. Die ganze 5 Gegend war in Bewegung, und wer nicht selbst kam, 6 hörte wenigstens eine Zeitlang von nichts anderem 7 reden.

8 Das Kloster, worin mein Bruder sich befand, erscholl 9 so gut als die übrige Gegend von diesen Wundern, 10 und man nahm sich um so weniger in Acht, 11 in seiner Gegenwart davon zu sprechen, als er sonst 12 auf nichts aufzumerken pflegte, und sein Verhältniß 13 niemanden bekannt war. Dießmal schien er aber 14 mit großer Genauigkeit gehört zu haben; er führte 15 seine Flucht mit solcher Schlauheit aus, daß niemals 16 jemand hat begreifen können, wie er aus dem Kloster 17 herausgekommen sei. Man erfuhr nachher, daß er 18 sich mit einer Anzahl Wallfahrer übersetzen lassen, 19 und daß er die Schiffer, die weiter nichts Verkehrtes 20 an ihm wahrnahmen, nur um die größte Sorgfalt 21 gebeten, daß das Schiff nicht umschlagen möchte. 22 Tief in der Nacht kam er in jene Capelle, wo seine 23 unglückliche Geliebte von ihrem Leiden ausruhte; 24 nur wenig Andächtige knieten in den Winkeln, ihre 25 alte Freundin saß zu ihren Häupten, er trat hinzu 26 und grüßte sie, und fragte: wie sich ihre Gebieterin 27 befände? Ihr seht es, versetzte diese nicht ohne Verlegenheit. 28 Er blickte den Leichnam nur von der Seite 

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1 an. Nach einigem Zaudern nahm er ihre Hand. 2 Erschreckt vor der Kälte, ließ er sie sogleich wieder 3 fahren, er sah sich unruhig um und sagte zu der 4 Alten: Ich kann jetzt nicht bei ihr bleiben, ich habe 5 noch einen sehr weiten Weg zu machen, ich will aber 6 zur rechten Zeit schon wieder da sein; sag' ihr das, 7 wenn sie aufwacht.

8 So ging er hinweg, wir wurden nur spät von 9 diesem Vorgange benachrichtigt, man forschte nach, 10 wo er hingekommen sei, aber vergebens! Wie er 11 sich durch Berge und Thäler durchgearbeitet haben 12 mag, ist unbegreiflich. Endlich nach langer Zeit 13 fanden wir in Graubündten eine Spur von ihm 14 wieder, allein zu spät, und sie verlor sich bald. Wir 15 vermutheten, daß er nach Deutschland sei, allein der 16, 17 Krieg hatte solche schwache Fußtapfen gänzlich verwischt.



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1 
Zehntes Capitel.

[Lesarten]  2 Der Abbé hörte zu lesen auf, und niemand hatte 3 ohne Thränen zugehört. Die Gräfin brachte ihr 4 Tuch nicht von den Augen; zuletzt stand sie auf und 5 verließ mit Natalien das Zimmer. Die Übrigen 6 schwiegen, und der Abbé sprach: Es entsteht nun die 7 Frage, ob man den guten Marchese soll abreisen 8 lassen, ohne ihm unser Geheimniß zu entdecken. Denn 9 wer zweifelt wohl einen Augenblick daran, daß 10 Augustin und unser Harfenspieler Eine Person sei. 11 Es ist zu überlegen, was wir thun, sowohl um des unglücklichen 12 Mannes als der Familie willen. Mein 13 Rath wäre, nichts zu übereilen, abzuwarten, was 14 uns der Arzt, den wir eben von dort zurückerwarten, 15 für Nachrichten bringt.

16 Jedermann war derselben Meinung, und der Abbé 17 fuhr fort: Eine andere Frage, die vielleicht schneller 18 abzuthun ist, entsteht zu gleicher Zeit. Der Marchese 19 ist unglaublich gerührt über die Gastfreundschaft, die 20 seine arme Nichte bei uns, besonders bei unserm 21 jungen Freunde gefunden hat. Ich habe ihm die 

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1 ganze Geschichte umständlich, ja wiederholt erzählen 2 müssen, und er zeigte seine lebhafteste Dankbarkeit. 3 Der junge Mann, sagte er, hat ausgeschlagen mit 4 mir zu reisen, ehe er das Verhältniß kannte, das 5 unter uns besteht. Ich bin ihm nun kein Fremder 6 mehr, von dessen Art zu sein und von dessen Laune 7 er etwa nicht gewiß wäre; ich bin sein Verbundener, 8 wenn Sie wollen sein Verwandter, und da sein 9 Knabe, den er nicht zurücklassen wollte, erst das 10 Hinderniß war, das ihn abhielt sich zu mir zu gesellen, 11 so lassen Sie jetzt dieses Kind zum schönern 12 Bande werden, das uns nur desto fester an einander 13 knüpft. Über die Verbindlichkeit, die ich nun schon 14 habe, sei er mir noch auf der Reise nützlich, er kehre 15 mit mir zurück, mein älterer Bruder wird ihn mit 16 Freuden empfangen, er verschmähe die Erbschaft seines 17 Pflegekindes nicht: denn nach einer geheimen Abrede 18 unseres Vaters mit seinem Freunde ist das Vermögen, 19 das er seiner Tochter zugewendet hatte, wieder an 20 uns zurückgefallen, und wir wollen dem Wohlthäter 21 unserer Nichte gewiß das nicht vorenthalten, was er 22 verdient hat.

23 Therese nahm Wilhelmen bei der Hand, und 24 sagte: Wir erleben abermals hier so einen schönen 25 Fall, daß uneigennütziges Wohlthun die höchsten und 26 schönsten Zinsen bringt. Folgen Sie diesem sonderbaren 27 Ruf, und indem Sie sich um den Marchese 28 doppelt verdient machen, eilen Sie einem schönen 

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1 Land entgegen, das Ihre Einbildungskraft und Ihr 2 Herz mehr als Einmal an sich gezogen hat.

3 Ich überlasse mich ganz meinen Freunden und 4 ihrer Führung, sagte Wilhelm; es ist vergebens in 5 dieser Welt nach eigenem Willen zu streben. Was ich 6 fest zu halten wünschte, muß ich fahren lassen, und 7 eine unverdiente Wohlthat drängt sich mir auf.

8 Mit einem Druck auf Theresens Hand machte 9 Wilhelm die seinige los. Ich überlasse Ihnen 10 ganz, sagte er zu dem Abbé, was Sie über mich 11 beschließen; wenn ich meinen Felix nicht von mir 12 zu lassen brauche, so bin ich zufrieden überall hinzugehn, 13, 14 und alles, was man für recht hält, zu unternehmen.

15 Auf diese Erklärung entwarf der Abbé sogleich 16 seinen Plan: man solle, sagte er, den Marchese abreisen 17 lassen, Wilhelm solle die Nachricht des Arztes 18 abwarten, und alsdann, wenn man überlegt habe, 19 was zu thun sei, könne Wilhelm mit Felix nachreisen. 20 So bedeutete er auch den Marchese, unter einem Vorwand, 21 daß die Einrichtungen des jungen Freundes 22 zur Reise ihn nicht abhalten müßten, die Merkwürdigkeiten 23 der Stadt indessen zu besehn. Der 24 Marchese ging ab, nicht ohne wiederholte lebhafte 25 Versicherung seiner Dankbarkeit, wovon die Geschenke, 26 die er zurückließ, und die aus Juwelen, geschnittenen 27 Steinen und gestickten Stoffen bestanden, einen genugsamen 28 Beweis gaben.



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1 Wilhelm war nun auch völlig reisefertig, und 2 man war um so mehr verlegen, daß keine Nachrichten 3 von dem Arzt kommen wollten; man befürchtete dem 4 armen Harfenspieler möchte ein Unglück begegnet sein, 5 zu eben der Zeit als man hoffen konnte, ihn durchaus 6 in einen bessern Zustand zu versetzen. Man 7 schickte den Courier fort, der kaum weggeritten war, 8 als am Abend der Arzt mit einem Fremden hereintrat, 9 dessen Gestalt und Wesen bedeutend, ernsthaft 10 und auffallend war, und den niemand kannte. Beide 11 Ankömmlinge schwiegen eine Zeitlang still; endlich 12 ging der Fremde auf Wilhelmen zu, reichte ihm die 13 Hand und sagte: Kennen Sie Ihren alten Freund 14 nicht mehr? Es war die Stimme des Harfenspielers, 15 aber von seiner Gestalt schien keine Spur übrig geblieben 16 zu sein. Er war in der gewöhnlichen Tracht 17 eines Reisenden, reinlich und anständig gekleidet, sein 18 Bart war verschwunden, seinen Locken sah man 19 einige Kunst an, und was ihn eigentlich ganz unkenntlich 20 machte, war, daß an seinem bedeutenden 21 Gesichte die Züge des Alters nicht mehr erschienen. 22 Wilhelm umarmte ihn mit der lebhaftesten Freude; 23 er ward den andern vorgestellt, und betrug sich sehr 24 vernünftig, und wußte nicht, wie bekannt er der 25 Gesellschaft noch vor kurzem geworden war. Sie 26 werden Geduld mit einem Menschen haben, fuhr er 27 mit großer Gelassenheit fort, der, so erwachsen er 28 auch aussieht, nach einem langen Leiden erst wie ein 

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1 unerfahrnes Kind in die Welt tritt. Diesem wackren 2 Mann bin ich schuldig, daß ich wieder in einer 3 menschlichen Gesellschaft erscheinen kann.

4 Man hieß ihn willkommen, und der Arzt veranlaßte 5 sogleich einen Spaziergang, um das Gespräch 6 abzubrechen, und in's Gleichgültige zu lenken.

7 Als man allein war, gab der Arzt folgende Erklärung: 8 Die Genesung dieses Mannes ist uns durch 9 den sonderbarsten Zufall geglückt. Wir hatten ihn 10 lange nach unserer Überzeugung moralisch und physisch 11 behandelt, es ging auch bis auf einen gewissen Grad 12 ganz gut, allein die Todesfurcht war noch immer 13 groß bei ihm, und seinen Bart und sein langes Kleid 14 wollte er uns nicht aufopfern; übrigens nahm er 15 mehr Theil an den weltlichen Dingen, und seine 16 Gesänge schienen wie seine Vorstellungsart wieder dem 17 Leben sich zu nähern. Sie wissen, welch ein sonderbarer 18 Brief des Geistlichen mich von hier abrief. Ich 19 kam, ich fand unsern Mann ganz verändert, er hatte 20 freiwillig seinen Bart hergegeben, er hatte erlaubt 21 seine Locken in eine hergebrachte Form zuzuschneiden, 22 er verlangte gewöhnliche Kleider, und schien auf einmal 23 ein anderer Mensch geworden zu sein. Wir 24 waren neugierig die Ursache dieser Verwandlung zu 25 ergründen, und wagten doch nicht uns mit ihm selbst 26 darüber einzulassen; endlich entdeckten wir zufällig 27 die sonderbare Bewandtniß. Ein Glas flüssiges 28 Opium fehlte in der Hausapotheke des Geistlichen, 

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1 man hielt für nöthig die strengste Untersuchung anzustellen, 2 jedermann suchte sich des Verdachtes zu erwehren, 3 es gab unter den Hausgenossen heftige Scenen. 4 Endlich trat dieser Mann auf, und gestand, daß er 5 es besitze; man fragte ihn, ob er davon genommen 6 habe? er sagte Nein! fuhr aber fort: Ich danke diesem 7 Besitz die Wiederkehr meiner Vernunft. Es hängt 8 von euch ab mir dieses Fläschchen zu nehmen, und 9 ihr werdet mich ohne Hoffnung in meinen alten Zustand 10 wieder zurückfallen sehen. Das Gefühl, daß es 11 wünschenswerth sei die Leiden dieser Erde durch den 12 Tod geendigt zu sehen, brachte mich zuerst auf den 13 Weg der Genesung; bald darauf entstand der Gedanke, 14 sie durch einen freiwilligen Tod zu endigen, und ich 15 nahm in dieser Absicht das Glas hinweg; die Möglichkeit, 16 sogleich die großen Schmerzen auf ewig aufzuheben, 17 gab mir Kraft die Schmerzen zu ertragen, 18 und so habe ich, seitdem ich den Talisman besitze, 19 mich durch die Nähe des Todes wieder in das Leben 20 zurückgedrängt. Sorgt nicht, sagte er, daß ich Gebrauch 21 davon mache, sondern entschließt euch, als 22 Kenner des menschlichen Herzens, mich, indem ihr 23 mir die Unabhängigkeit vom Leben zugesteht, erst vom 24 Leben recht abhängig zu machen. Nach reiflicher 25 Überlegung drangen wir nicht weiter in ihn, und 26 er führt nun in einem festen geschliffnen Glasfläschchen 27 dieses Gift als das sonderbarste Gegengift 28 bei sich.



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1 Man unterrichtete den Arzt von allem, was indessen 2 entdeckt worden war, und man beschloß gegen 3 Augustin das tiefste Stillschweigen zu beobachten. 4 Der Abbé nahm sich vor, ihn nicht von seiner Seite 5 zu lassen, und ihn auf dem guten Wege, den er betreten 6 hatte, fortzuführen.

7 Indessen sollte Wilhelm die Reise durch Deutschland 8 mit dem Marchese vollenden. Schien es möglich 9 Augustinen eine Neigung zu seinem Vaterlande wieder 10 einzuflößen, so wollte man seinen Verwandten den 11 Zustand entdecken, und Wilhelm sollte ihn den Seinigen 12 wieder zuführen.

13 Dieser hatte nun alle Anstalten zu seiner Reise 14 gemacht, und wenn es im Anfang wunderbar schien, 15 daß Augustin sich freute, als er vernahm, wie sein 16 alter Freund und Wohlthäter sich sogleich wieder 17 entfernen sollte, so entdeckte doch der Abbé bald den 18 Grund dieser seltsamen Gemüthsbewegung. Augustin 19 konnte seine alte Furcht, die er vor Felix hatte, nicht 20 überwinden, und wünschte den Knaben je eher je 21 lieber entfernt zu sehen.

22 Nun waren nach und nach so viele Menschen angekommen, 23 daß man sie im Schloß und in den Seitengebäuden 24 kaum alle unterbringen konnte, um so mehr 25 als man nicht gleich anfangs auf den Empfang so 26 vieler Gäste die Einrichtung gemacht hatte. Man 27 frühstückte, man speis'te zusammen, und hätte sich 28 gern beredet, man lebe in einer vergnüglichen Übereinstimmung, 

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1 wenn schon in der Stille die Gemüther 2 sich gewissermaßen aus einander sehnten. Therese 3 war manchmal mit Lothario, noch öfter allein ausgeritten, 4 sie hatte in der Nachbarschaft schon alle 5 Landwirthe und Landwirthinnen kennen lernen; es 6 war ihr Haushaltungsprincip, und sie mochte nicht Unrecht 7 haben, daß man mit Nachbarn und Nachbarinnen 8 im besten Vernehmen und immer in einem ewigen 9 Gefälligkeitswechsel stehen müsse. Von einer Verbindung 10 zwischen ihr und Lothario schien gar die 11 Rede nicht zu sein, die beiden Schwestern hatten sich 12 viel zu sagen, der Abbé schien den Umgang des 13 Harfenspielers zu suchen, Jarno hatte mit dem Arzt 14 öftere Conferenzen, Friedrich hielt sich an Wilhelmen, 15 und Felix war überall, wo es ihm gut ging. So 16 vereinigten sich auch meistentheils die Paare auf dem 17 Spaziergang, indem die Gesellschaft sich trennte, und 18 wenn sie zusammen sein mußten, so nahm man geschwind 19 seine Zuflucht zur Musik, um alle zu verbinden, 20 indem man jeden sich selbst wiedergab.

21 Unversehens vermehrte der Graf die Gesellschaft, 22 seine Gemahlin abzuholen, und, wie es schien, einen 23 feierlichen Abschied von seinen weltlichen Verwandten 24 zu nehmen. Jarno eilte ihm bis an den Wagen 25 entgegen, und als der Ankommende fragte, was er 26 für Gesellschaft finde? so sagte jener in einem Anfall 27 von toller Laune, die ihn immer ergriff, sobald 28 er den Grafen gewahr ward: Sie finden den ganzen 

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1 Adel der Welt beisammen, Marchesen, Marquis, 2 Mylords und Baronen, es hat nur noch an einem 3 Grafen gefehlt. So ging man die Treppe hinauf, 4 und Wilhelm war die erste Person, die ihm im Vorsaal 5 entgegen kam. Mylord! sagte der Graf zu ihm 6 auf französisch, nachdem er ihn einen Augenblick 7 betrachtet hatte, ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft 8 unvermuthet zu erneuern; denn ich müßte mich 9 sehr irren, wenn ich Sie nicht im Gefolge des Prinzen 10 sollte in meinem Schlosse gesehen haben. --- Ich hatte 11 das Glück Ew. Excellenz damals aufzuwarten, versetzte 12 Wilhelm, nur erzeigen Sie mir zuviel Ehre, 13 wenn Sie mich für einen Engländer und zwar vom 14 ersten Range halten, ich bin ein Deutscher, und --- 15 zwar ein sehr braver junger Mann, fiel Jarno sogleich 16 ein. Der Graf sah Wilhelmen lächelnd an, 17 und wollte eben etwas erwidern, als die übrige Gesellschaft 18 herbei kam, und ihn auf's freundlichste begrüßte. 19 Man entschuldigte sich, daß man ihm nicht 20 sogleich ein anständiges Zimmer anweisen könne, und 21, 22 versprach den nöthigen Raum ungesäumt zu verschaffen.

23 Ei ei! sagte er lächelnd, ich sehe wohl, daß man 24 dem Zufalle überlassen hat, den Fourierzettel zu 25 machen; mit Vorsicht und Einrichtung, wie viel ist 26 da nicht möglich! Jetzt bitte ich euch, rührt mir 27 keinen Pantoffel vom Platze, denn sonst, seh' ich wohl, 28 gibt es eine große Unordnung. Jedermann wird unbequem 

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1 wohnen, und das soll niemand um meinetwillen 2 wo möglich auch nur eine Stunde. Sie waren 3 Zeuge, sagte er zu Jarno, und auch Sie, Mister, indem 4 er sich zu Wilhelmen wandte, wie viele Menschen 5 ich damals auf meinem Schlosse bequem untergebracht 6 habe. Man gebe mir die Liste der Personen und 7 Bedienten, man zeige mir an, wie jedermann gegenwärtig 8 einquartirt ist, ich will einen Dislocationsplan 9 machen, daß mit der wenigsten Bemühung jedermann 10 eine geräumige Wohnung finde, und daß noch Platz 11 für einen Gast bleiben soll, der sich zufälligerweise 12 bei uns einstellen könnte.

13 Jarno machte sogleich den Adjutanten des Grafen, 14 verschaffte ihm alle nöthigen Notizen, und hatte nach 15 seiner Art den größten Spaß, wenn er den alten 16 Herrn mitunter irre machen konnte. Dieser gewann 17 aber bald einen großen Triumph. Die Einrichtung 18 war fertig, er ließ in seiner Gegenwart die Namen 19 über alle Thüren schreiben, und man konnte nicht 20 läugnen, daß mit wenig Umständen und Veränderungen 21 der Zweck völlig erreicht war. Auch hatte 22 es Jarno unter anderm so geleitet, daß die Personen, 23 die in dem gegenwärtigen Augenblick ein Interesse an 24 einander nahmen, zusammen wohnten.

25 Nachdem alles eingerichtet war, sagte der Graf zu 26 Jarno: Helfen Sie mir auf die Spur wegen des 27 jungen Mannes, den Sie da Meister nennen, und 28 der ein Deutscher sein soll. Jarno schwieg still, denn 

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1 er wußte recht gut, daß der Graf einer von denen 2 Leuten war, die, wenn sie fragen, eigentlich belehren 3 wollen; auch fuhr dieser, ohne Antwort abzuwarten, 4 in seiner Rede fort: Sie hatten mir ihn damals vorgestellt, 5 und im Namen des Prinzen bestens empfohlen. 6 Wenn seine Mutter auch eine Deutsche war, so hafte 7 ich dafür, daß sein Vater ein Engländer ist, und 8 zwar von Stande; wer wollte das englische Blut 9 alles berechnen, das seit dreißig Jahren in deutschen 10 Adern herum fließt! Ich will weiter nicht darauf 11 dringen, ihr habt immer solche Familiengeheimnisse; 12 doch mir wird man in solchen Fällen nichts aufbinden. 13 Darauf erzählte er noch verschiedenes, was 14 damals mit Wilhelmen auf seinem Schloß vorgegangen 15 sein sollte, wozu Jarno gleichfalls schwieg, obgleich 16 der Graf ganz irrig war, und Wilhelmen mit einem 17 jungen Engländer in des Prinzen Gefolge mehr als 18 einmal verwechselte. Der gute Herr hatte in frühern 19 Zeiten ein vortreffliches Gedächtniß gehabt, und war 20 noch immer stolz darauf, sich der geringsten Umstände 21 seiner Jugend erinnern zu können; nun bestimmte er 22 aber mit eben der Gewißheit wunderbare Combinationen 23 und Fabeln als wahr, die ihm bei zunehmender 24 Schwäche seines Gedächtnisses seine Einbildungskraft 25 einmal vorgespiegelt hatte. Übrigens 26 war er sehr mild und gefällig geworden, und seine 27 Gegenwart wirkte recht günstig auf die Gesellschaft. 28 Er verlangte, daß man etwas Nützliches zusammen 

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1 lesen sollte, ja sogar gab er manchmal kleine Spiele an, 2 die er wo nicht mitspielte doch mit großer Sorgfalt 3 dirigirte, und da man sich über seine Herablassung verwunderte, 4 sagte er: es sei die Pflicht eines jeden, der 5 sich in Hauptsachen von der Welt entferne, daß er in 6 gleichgültigen Dingen sich ihr destomehr gleich stelle.

7 Wilhelm hatte unter diesen Spielen mehr als 8 Einen bänglichen und verdrießlichen Augenblick; der 9 leichtsinnige Friedrich ergriff manche Gelegenheit, um 10 auf eine Neigung Wilhelms gegen Natalien zu deuten. 11 Wie konnte er darauf fallen? wodurch war er dazu 12 berechtigt? und mußte nicht die Gesellschaft glauben, 13 daß, weil beide viel mit einander umgingen, Wilhelm 14 ihm eine so unvorsichtige und unglückliche Confidenz 15 gemacht habe?

16 Eines Tages waren sie bei einem solchen Scherze 17 heiterer als gewöhnlich, als Augustin auf einmal zur 18 Thüre, die er aufriß, mit gräßlicher Gebärde herein 19 stürzte; sein Angesicht war blaß, sein Auge wild, er 20 schien reden zu wollen, die Sprache versagte ihm. Die 21 Gesellschaft entsetzte sich, Lothario und Jarno, die 22 eine Rückkehr des Wahnsinns vermutheten, sprangen 23 auf ihn los, und hielten ihn fest. Stotternd und 24 dumpf, dann heftig und gewaltsam sprach und rief 25 er: Nicht mich haltet, eilt! helft! rettet das Kind! 26 Felix ist vergiftet!

27 Sie ließen ihn los, er eilte zur Thüre hinaus, 28 und voll Entsetzen drängte sich die Gesellschaft ihm 

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1 nach. Man rief nach dem Arzte, Augustin richtete seine 2 Schritte nach dem Zimmer des Abbés, man fand das 3 Kind, das erschrocken und verlegen schien, als man ihm 4 schon von weitem zurief: Was hast du angefangen?

5 Lieber Vater! rief Felix, ich habe nicht aus der 6 Flasche, ich habe aus dem Glase getrunken, ich war 7 so durstig.

8 Augustin schlug die Hände zusammen, rief: Er ist 9 verloren! drängte sich durch die Umstehenden, und 10 eilte davon.

11 Sie fanden ein Glas Mandelmilch auf dem Tische 12 stehen, und eine Caravine darneben, die über die Hälfte 13 leer war; der Arzt kam, er erfuhr, was man wußte, 14 und sah mit Entsetzen das wohlbekannte Fläschchen, 15 worin sich das flüssige Opium befunden hatte, leer 16 auf dem Tische liegen; er ließ Essig herbei schaffen, 17 und rief alle Mittel seiner Kunst zu Hülfe.

18 Natalie ließ den Knaben in ein Zimmer bringen, 19 sie bemühte sich ängstlich um ihn. Der Abbé war 20 fortgerannt, Augustinen aufzusuchen, und einige Aufklärungen 21 von ihm zu erdringen. Eben so hatte sich 22 der unglückliche Vater vergebens bemüht und fand, 23 als er zurückkam, auf allen Gesichtern Bangigkeit und 24 Sorge. Der Arzt hatte indessen die Mandelmilch im 25 Glase untersucht, es entdeckte sich die stärkste Beimischung 26 von Opium, das Kind lag auf dem Ruhebette 27 und schien sehr krank, es bat den Vater, daß 28 man ihm nur nichts mehr einschütten, daß man es 

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1 nur nicht mehr quälen möchte. Lothar hatte seine 2 Leute ausgeschickt und war selbst weggeritten, um der 3 Flucht Augustins auf die Spur zu kommen. Natalie 4 saß bei dem Kinde, es flüchtete auf ihren Schoß, und 5 bat sie flehentlich um Schutz, flehentlich um ein Stückchen 6 Zucker, der Essig sei gar zu sauer! Der Arzt 7 gab es zu; man müsse das Kind, das in der entsetzlichsten 8 Bewegung war, einen Augenblick ruhen 9 lassen, sagte er: es sei alles Räthliche geschehen, er 10 wolle das Mögliche thun. Der Graf trat mit einigem 11 Unwillen, wie es schien, herbei, er sah ernst, ja feierlich 12 aus, legte die Hände auf das Kind, blickte gen 13 Himmel, und blieb einige Augenblicke in dieser Stellung. 14 Wilhelm, der trostlos in einem Sessel lag, sprang 15 auf, warf einen Blick voll Verzweiflung auf Natalien 16 und ging zur Thüre hinaus.

17 Kurz darauf verließ auch der Graf das Zimmer.

18 Ich begreife nicht, sagte der Arzt nach einiger 19 Pause, daß sich auch nicht die geringste Spur eines 20 gefährlichen Zustandes am Kinde zeigt. Auch nur 21 mit einem Schluck muß es eine ungeheure Dosis 22 Opium zu sich genommen haben, und nun finde ich 23 an seinem Pulse keine weitere Bewegung, als die ich 24 meinen Mitteln und der Furcht zuschreiben kann, 25 in die wir das Kind versetzt haben.

26 Bald darauf trat Jarno mit der Nachricht herein, 27 daß man Augustin auf dem Oberboden in seinem 28 Blute gefunden habe, ein Schermesser habe neben ihm 

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1 gelegen, wahrscheinlich habe er sich die Kehle abgeschnitten. 2 Der Arzt eilte fort und begegnete den 3 Leuten, welche den Körper die Treppe herunterbrachten. 4 Er ward auf ein Bett gelegt und genau untersucht, 5 der Schnitt war in die Luftröhre gegangen, auf einen 6 starken Blutverlust war eine Ohnmacht gefolgt, doch 7 ließ sich bald bemerken, daß noch Leben, daß noch 8 Hoffnung übrig sei. Der Arzt brachte den Körper 9 in die rechte Lage, fügte die getrennten Theile zusammen, 10 und legte den Verband auf. Die Nacht 11 ging allen schlaflos und sorgenvoll vorüber. Das 12 Kind wollte sich nicht von Natalien trennen lassen. 13 Wilhelm saß vor ihr auf einem Schemel; er hatte 14 die Füße des Knaben auf seinem Schoße, Kopf und 15 Brust lagen auf dem ihrigen, so theilten sie die angenehme 16 Last und die schmerzlichen Sorgen, und verharrten, 17 bis der Tag anbrach, in der unbequemen 18 und traurigen Lage; Natalie hatte Wilhelmen ihre 19 Hand gegeben, sie sprachen kein Wort, sahen auf das 20 Kind, und sahen einander an. Lothario und Jarno 21 saßen am andern Ende des Zimmers, und führten 22 ein sehr bedeutendes Gespräch, das wir gern, wenn 23 uns die Begebenheiten nicht zu sehr drängten, unsern 24 Lesern hier mittheilen würden. Der Knabe schlief 25 sanft, erwachte am frühen Morgen ganz heiter, sprang 26 auf und verlangte ein Butterbrot.

27 Sobald Augustin sich einigermaßen erholt hatte, 28 suchte man einige Aufklärung von ihm zu erhalten. 

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1 Man erfuhr nicht ohne Mühe, und nur nach und 2 nach: daß, als er bei der unglücklichen Dislocation 3 des Grafen in Ein Zimmer mit dem Abbé versetzt 4 worden, er das Manuscript und darin seine Geschichte 5 gefunden habe; sein Entsetzen sei ohne gleichen gewesen, 6 und er habe sich nun überzeugt, daß er nicht 7 länger leben dürfe; sogleich habe er seine gewöhnliche 8 Zuflucht zum Opium genommen, habe es in ein Glas 9 Mandelmilch geschüttet, und habe doch, als er es an 10 den Mund gesetzt, geschaudert; darauf habe er es 11 stehen lassen, um nochmals durch den Garten zu 12 laufen und die Welt zu sehen, bei seiner Zurückkunft 13 habe er das Kind gefunden, eben beschäftigt, 14 das Glas, woraus es getrunken, wieder voll zu gießen.

15 Man bat den Unglücklichen ruhig zu sein, er 16 faßte Wilhelmen krampfhaft bei der Hand: Ach! sagte 17 er, warum habe ich dich nicht längst verlassen, ich 18 wußte wohl, daß ich den Knaben tödten würde, und 19 er mich. Der Knabe lebt! sagte Wilhelm. Der Arzt, 20 der aufmerksam zugehört hatte, fragte Augustinen, 21 ob alles Getränke vergiftet gewesen? Nein! versetzte 22 er, nur das Glas. So hat durch den glücklichsten 23 Zufall, rief der Arzt, das Kind aus der Flasche getrunken! 24 Ein guter Genius hat seine Hand geführt, 25 daß es nicht nach dem Tode griff, der so nahe zubereitet 26 stand! Nein! nein! rief Wilhelm mit einem 27 Schrei, indem er die Hände vor die Augen hielt, wie 28 fürchterlich ist diese Aussage! Ausdrücklich sagte das 

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1 Kind, daß es nicht aus der Flasche, sondern aus dem 2 Glase getrunken habe. Seine Gesundheit ist nur ein 3 Schein, es wird uns unter den Händen wegsterben. 4 Er eilte fort, der Arzt ging hinunter und fragte, 5 indem er das Kind liebkos'te: Nicht wahr, Felix, du 6 hast aus der Flasche getrunken und nicht aus dem 7 Glase? Das Kind fing an zu weinen. Der Arzt 8 erzählte Natalien im Stillen, wie sich die Sache verhalte; 9 auch sie bemühte sich vergebens, die Wahrheit 10 von dem Kinde zu erfahren, es weinte nur heftiger, 11 und so lange bis es einschlief.

12 Wilhelm wachte bei ihm, die Nacht verging ruhig. 13 Den andern Morgen fand man Augustinen todt in 14 seinem Bette; er hatte die Aufmerksamkeit seiner 15 Wärter durch eine scheinbare Ruhe betrogen, den Verband 16 still aufgelös't, und sich verblutet. Natalie 17 ging mit dem Kinde spazieren, es war munter wie 18 in seinen glücklichsten Tagen. Du bist doch gut, sagte 19 Felix zu ihr, du zankst nicht, du schlägst mich nicht, 20 ich will dir's nur sagen, ich habe aus der Flasche 21 getrunken; Mutter Aurelie schlug mich immer auf 22 die Finger, wenn ich nach der Caravine griff, der 23 Vater sah so bös aus, ich dachte, er würde mich 24 schlagen.

25 Mit beflügelten Schritten eilte Natalie zu dem 26 Schlosse, Wilhelm kam ihr, noch voller Sorgen, entgegen. 27 Glücklicher Vater! rief sie laut, indem sie das 28 Kind aufhob und es ihm in die Arme warf, da hast 

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1 du deinen Sohn! Er hat aus der Flasche getrunken, 2 seine Unart hat ihn gerettet.

3 Man erzählte den glücklichen Ausgang dem Grafen, 4 der aber nur mit lächelnder, stiller, bescheidner Gewißheit 5 zuhörte, mit der man den Irrthum guter 6 Menschen ertragen mag. Jarno, aufmerksam auf 7 alles, konnte dießmal eine solche hohe Selbstgenügsamkeit 8 nicht erklären, bis er endlich nach manchen 9 Umschweifen erfuhr: der Graf sei überzeugt, das 10 Kind habe wirklich Gift genommen, er habe es aber 11 durch sein Gebet und durch das Auflegen seiner Hände 12 wunderbar am Leben erhalten. Nun beschloß er auch 13 sogleich wegzugehn; gepackt war bei ihm alles wie 14 gewöhnlich in Einem Augenblicke, und bei'm Abschiede 15 faßte die schöne Gräfin Wilhelms Hand, ehe sie noch 16 die Hand der Schwester los ließ, drückte alle vier 17 Hände zusammen, kehrte sich schnell um, und stieg in 18 den Wagen.

19 So viel schreckliche und wunderbare Begebenheiten, 20 die sich eine über die andere drängten, zu einer ungewohnten 21 Lebensart nöthigten, und alles in Unordnung 22 und Verwirrung setzten, hatten eine Art von 23 fieberhafter Schwingung in das Haus gebracht. Die 24 Stunden des Schlafens und Wachens, des Essens, 25 Trinkens und geselligen Zusammenseins waren verrückt 26 und umgekehrt. Außer Theresen war niemand 27 in seinem Gleise geblieben; die Männer suchten durch 28 geistige Getränke ihre gute Laune wieder herzustellen, 

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1 und, indem sie sich eine künstliche Stimmung gaben, 2 entfernten sie die natürliche, die allein uns wahre 3 Heiterkeit und Thätigkeit gewährt.

4 Wilhelm war durch die heftigsten Leidenschaften 5 bewegt und zerrüttet, die unvermutheten und schreckhaften 6 Anfälle hatten sein Innerstes ganz aus aller 7 Fassung gebracht, einer Leidenschaft zu widerstehn, 8 die sich des Herzens so gewaltsam bemächtigt hatte. 9 Felix war ihm wiedergegeben, und doch schien ihm alles 10 zu fehlen; die Briefe von Wernern mit den Anweisungen 11 waren da, ihm mangelte nichts zu seiner Reise, 12 als der Muth sich zu entfernen. Alles drängte ihn 13 zu dieser Reise. Er konnte vermuthen, daß Lothario 14 und Therese nur auf seine Entfernung warteten, um 15 sich trauen zu lassen. Jarno war wider seine Gewohnheit 16 still, und man hätte beinahe sagen können, 17 er habe etwas von seiner gewöhnlichen Heiterkeit verloren. 18 Glücklicherweise half der Arzt unserm Freunde 19 einigermaßen aus der Verlegenheit, indem er ihn für 20 krank erklärte, und ihm Arznei gab.

21 Die Gesellschaft kam immer Abends zusammen, 22 und Friedrich, der ausgelassene Mensch, der gewöhnlich 23 mehr Wein als billig trank, bemächtigte sich des 24 Gesprächs, und brachte nach seiner Art, mit hundert 25 Citaten und eulenspiegelhaften Anspielungen, die Gesellschaft 26 zum Lachen, und setzte sie auch nicht selten 27, 28 in Verlegenheit, indem er laut zu denken sich erlaubte.



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1 An die Krankheit seines Freundes schien er gar 2 nicht zu glauben. Einst, als sie alle beisammen 3 waren, rief er aus: Wie nennt ihr das Übel, Doctor, 4 das unsern Freund angefallen hat? Paßt hier keiner 5 von den dreitausend Namen, mit denen ihr eure Unwissenheit 6 ausputzt? An ähnlichen Beispielen wenigstens 7 hat es nicht gefehlt. Es kommt, fuhr er mit 8 einem emphatischen Tone fort, ein solcher Casus in 9 der ägyptischen oder babylonischen Geschichte vor.

10 Die Gesellschaft sah einander an und lächelte.

11 Wie hieß der König? rief er aus und hielt einen 12 Augenblick inne. Wenn ihr mir nicht einhelfen wollt, 13 fuhr er fort, so werde ich mir selbst zu helfen wissen. 14 Er riß die Thürflügel auf, und wies nach dem großen 15 Bilde im Vorsaal. Wie heißt der Ziegenbart mit 16 der Krone dort, der sich am Fuße des Bettes um 17 seinen kranken Sohn abhärmt? Wie heißt die Schöne, 18 die hereintritt, und in ihren sittsamen Schelmenaugen 19 Gift und Gegengift zugleich führt? Wie heißt der 20 Pfuscher von Arzt, dem erst in diesem Augenblicke 21 ein Licht aufgeht, der das erstemal in seinem Leben 22 Gelegenheit findet, ein vernünftiges Recept zu verordnen, 23 eine Arznei zu reichen, die aus dem Grunde 24 curirt, und die eben so wohlschmeckend als heilsam 25 ist?

26 In diesem Tone fuhr er fort zu schwadroniren. 27 Die Gesellschaft nahm sich so gut als möglich zusammen, 28 und verbarg ihre Verlegenheit hinter einem 

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1 gezwungenen Lächeln. Eine leichte Röthe überzog 2 Nataliens Wangen, und verrieth die Bewegungen 3 ihres Herzens. Glücklicherweise ging sie mit Jarno 4 auf und nieder; als sie an die Thüre kam, schritt sie 5 mit einer klugen Bewegung hinaus, einigemal in dem 6 Vorsaale hin und wieder, und ging sodann auf ihr 7 Zimmer.

8 Die Gesellschaft war still. Friedrich fing an zu 9 tanzen und zu singen.


10     O, ihr werdet Wunder sehn!
11     Was geschehn ist, ist geschehn,
12     Was gesagt ist, ist gesagt.
13     Eh' es tagt,
14     Sollt ihr Wunder sehn.

15 Therese war Natalien nachgegangen, Friedrich zog 16 den Arzt vor das große Gemählde, hielt eine lächerliche 17 Lobrede auf die Medicin, und schlich davon.

18 Lothario hatte bisher in einer Fenstervertiefung 19 gestanden, und sah, ohne sich zu rühren, in den Garten 20 hinunter. Wilhelm war in der schrecklichsten 21 Lage. Selbst da er sich nun mit seinem Freunde 22 allein sah, blieb er eine Zeitlang still; er überlief 23 mit flüchtigem Blick seine Geschichte, und sah zuletzt 24 mit Schaudern auf seinen gegenwärtigen Zustand; 25 endlich sprang er auf und rief: Bin ich Schuld an 26 dem, was vorgeht, an dem, was mir und Ihnen begegnet, 27 so strafen Sie mich! Zu meinen übrigen 28 Leiden entziehen Sie mir Ihre Freundschaft, und 

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1 lassen Sie mich ohne Trost in die weite Welt hinaus 2 gehen, in der ich mich lange hätte verlieren sollen. 3 Sehen Sie aber in mir das Opfer einer grausamen 4 zufälligen Verwicklung, aus der ich mich heraus zu 5 winden unfähig war, so geben Sie mir die Versicherung 6 Ihrer Liebe, Ihrer Freundschaft auf eine 7 Reise mit, die ich nicht länger verschieben darf. Es 8 wird eine Zeit kommen, wo ich Ihnen werde sagen 9 können, was diese Tage in mir vorgegangen ist. 10 Vielleicht leide ich eben jetzt diese Strafe, weil ich 11 mich Ihnen nicht früh genug entdeckte, weil ich gezaudert 12 habe, mich Ihnen ganz zu zeigen, wie ich 13 bin; Sie hätten mir beigestanden, Sie hätten mir 14 zur rechten Zeit los geholfen. Aber und abermal 15 gehen mir die Augen über mich selbst auf, immer zu 16 spät und immer umsonst. Wie sehr verdiente ich die 17 Strafrede Jarno's! Wie glaubte ich sie gefaßt zu 18 haben, wie hoffte ich sie zu nutzen, ein neues Leben 19 zu gewinnen! Konnte ich's? Sollte ich's? Vergebens 20 klagen wir Menschen uns selbst, vergebens das Schicksal 21 an! Wir sind elend und zum Elend bestimmt, 22 und ist es nicht völlig einerlei, ob eigene Schuld, 23 höherer Einfluß oder Zufall, Tugend oder Laster, 24 Weisheit oder Wahnsinn uns in's Verderben stürzen? 25 Leben Sie wohl! ich werde keinen Augenblick länger 26 in dem Hause verweilen, in welchem ich das Gastrecht, 27 wider meinen Willen, so schrecklich verletzt habe. Die 28 Indiscretion Ihres Bruders ist unverzeihlich, sie treibt 

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1 mein Unglück auf den höchsten Grad, sie macht mich 2 verzweifeln.

3 Und wenn nun, versetzte Lothario, indem er ihn 4 bei der Hand nahm, Ihre Verbindung mit meiner 5 Schwester die geheime Bedingung wäre, unter welcher 6 sich Therese entschlossen hat, mir ihre Hand zu geben? 7 Eine solche Entschädigung hat Ihnen das edle Mädchen 8 zugedacht; sie schwur, daß dieses doppelte Paar 9 an Einem Tage zum Altare gehen sollte. Sein Verstand 10 hat mich gewählt, sagte sie, sein Herz fordert 11 Natalien, und mein Verstand wird seinem Herzen zu 12 Hülfe kommen. Wir wurden einig, Natalien und Sie 13 zu beobachten, wir machten den Abbé zu unserm 14 Vertrauten, dem wir versprechen mußten, keinen 15 Schritt zu dieser Verbindung zu thun, sondern alles 16 seinen Gang gehen zu lassen. Wir haben es gethan. 17 Die Natur hat gewirkt, und der tolle Bruder hat 18 nur die reife Frucht abgeschüttelt. Lassen Sie uns, 19 da wir einmal so wunderbar zusammen kommen, 20 nicht ein gemeines Leben führen; lassen Sie uns zusammen 21 auf eine würdige Weise thätig sein! Unglaublich 22 ist es, was ein gebildeter Mensch für sich 23 und andere thun kann, wenn er, ohne herrschen zu 24 wollen, das Gemüth hat, Vormund von vielen zu 25 sein, sie leitet dasjenige zur rechten Zeit zu thun, 26 was sie doch alle gerne thun möchten, und sie zu 27 ihren Zwecken führt, die sie meist recht gut im Auge 28 haben, und nur die Wege dazu verfehlen. Lassen 

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1 Sie uns hierauf einen Bund schließen; es ist keine 2 Schwärmerei, es ist eine Idee, die recht gut ausführbar 3 ist, und die öfters, nur nicht immer mit 4 klarem Bewußtsein, von guten Menschen ausgeführt 5 wird. Meine Schwester Natalie ist hiervon ein 6 lebhaftes Beispiel. Unerreichbar wird immer die 7 Handlungsweise bleiben, welche die Natur dieser schönen 8 Seele vorgeschrieben hat. Ja sie verdient diesen 9 Ehrennamen vor vielen andern, mehr, wenn ich 10 sagen darf, als unsre edle Tante selbst, die zu der 11 Zeit, als unser guter Arzt jenes Manuscript so 12 rubricirte, die schönste Natur war, die wir in 13 unserm Kreise kannten. Indeß hat Natalie sich entwickelt, 14 und die Menschheit freut sich einer solchen 15 Erscheinung.

16 Er wollte weiter reden, aber Friedrich sprang mit 17 großem Geschrei herein. Welch einen Kranz verdien' 18 ich? rief er aus, und wie werdet ihr mich belohnen? 19 Myrten, Lorbeer, Epheu, Eichenlaub, das frischeste, 20 das ihr finden könnt, windet zusammen; soviel 21 Verdienste habt ihr in mir zu krönen. Natalie ist 22 dein! Ich bin der Zauberer, der diesen Schatz gehoben 23 hat.

24 Er schwärmt, sagte Wilhelm, und ich gehe.

25 Hast du Auftrag? sagte der Baron, indem er 26 Wilhelmen fest hielt.

27 Aus eigner Macht und Gewalt, versetzte Friedrich, 28 auch von Gottes Gnaden, wenn ihr wollt; so war 

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1 ich Freiersmann, so bin ich jetzt Gesandter, ich 2 habe an der Thüre gehorcht, sie hat sich ganz dem 3 Abbé entdeckt.

4 Unverschämter! sagte Lothario, wer heißt dich 5 horchen.

6 Wer heißt sie sich einschließen! versetzte Friedrich; 7 ich hörte alles ganz genau, Natalie war sehr bewegt. 8 In der Nacht, da das Kind so krank schien, und halb 9 auf ihrem Schoße ruhte, als du trostlos vor ihr 10 saßest, und die geliebte Bürde mit ihr theiltest, that 11 sie das Gelübde, wenn das Kind stürbe, dir ihre 12 Liebe zu bekennen, und dir selbst die Hand anzubieten; 13 jetzt, da das Kind lebt, warum soll sie ihre Gesinnung 14 verändern? Was man einmal so verspricht, 15 hält man unter jeder Bedingung. Nun wird der 16 Pfaffe kommen, und Wunder denken, was er für 17 Neuigkeiten bringt.

18 Der Abbé trat in's Zimmer. Wir wissen alles, 19 rief Friedrich ihm entgegen, macht es kurz, denn ihr 20 kommt bloß um der Formalität willen; zu weiter 21 nichts werden die Herren verlangt.

22 Er hat gehorcht, sagte der Baron. --- Wie ungezogen! 23 rief der Abbé.

24 Nun geschwind, versetzte Friedrich, wie sieht's mit 25 den Ceremonien aus? Die lassen sich an den Fingern 26 herzählen, ihr müßt reisen, die Einladung des Marchese 27 kommt euch herrlich zu statten. Seid ihr nur 28 einmal über die Alpen, so findet sich zu Hause alles, 

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1 die Menschen wissen's euch Dank, wenn ihr etwas 2 Wunderliches unternehmt, ihr verschafft ihnen eine 3 Unterhaltung, die sie nicht zu bezahlen brauchen. Es 4 ist eben, als wenn ihr eine Freiredoute gäbt; es 5 können alle Stände daran Theil nehmen.

6 Ihr habt euch freilich mit solchen Volksfesten 7 schon sehr um's Publicum verdient gemacht, versetzte 8 der Abbé, und ich komme, so scheint es, heute nicht 9 mehr zum Wort.

10 Ist nicht alles wie ich's sage, versetzte Friedrich, 11 so belehrt uns eines Bessern. Kommt herüber, kommt 12 herüber! wir müssen sie sehen und uns freuen.

13 Lothario umarmte seinen Freund und führte ihn 14 zu der Schwester, sie kam mit Theresen ihm entgegen, 15 alles schwieg.

16 Nicht gezaudert! rief Friedrich, in zwei Tagen 17 könnt ihr reisefertig sein. Wie meint ihr, Freund, 18 fuhr er fort, indem er sich zu Wilhelmen wendete, 19 als wir Bekanntschaft machten, als ich euch den schönen 20 Strauß abforderte, wer konnte denken, daß ihr jemals 21 eine solche Blume aus meiner Hand empfangen 22 würdet?

23 Erinnern Sie mich nicht in diesem Augenblicke des 24 höchsten Glücks an jene Zeiten!

25 Deren ihr euch nicht schämen sollet, so wenig man 26 sich seiner Abkunft zu schämen hat. Die Zeiten 27 waren gut, und ich muß lachen, wenn ich dich ansehe: 28 du kommst mir vor wie Saul, der Sohn Kis, der 

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1 ausging, seines Vaters Eselinnen zu suchen, und ein 2 Königreich fand.

3 Ich kenne den Werth eines Königreichs nicht, 4 versetzte Wilhelm, aber ich weiß, daß ich ein Glück 5 erlangt habe, das ich nicht verdiene, und das ich mit 6 nichts in der Welt vertauschen möchte.

