Mission und Vaterland Deutsch-christliche Reden in schwerer Zeit Gehalten am 21. September 1914 in der Stadtmissionskirche in Berlin zur Feier des 25jährigen Bestehens des Brandenburgischen Provinzialverbandes für die Berliner Missionsgesellschaft von v. D. E. Dryander, Oberhofprediger und Lic K. Axenfeld, Missionsdirektor Berlin Buchhandlung der Berliner Evangel. Missions-Gesellschaft 1914 Mission und Vaterland Deutsch-christliche Reden in schwerer Zeit Gehalten am 21. September 1914 in der Stadtmissionskirche in Berlin zur Feier des 25jährigen Bestehens des Brandenburgischen Provinzialverbandes für die Berliner Missionsgesellschaft von v. D. E. Dryander, Oberhofprediger und Lic K. Axenfeld, Missionsdirektor Berlin Buchhandlung der Berliner Evangel. Missions-Gesellschaft 1914 Am 21. September 1914 waren 25 Jahre vergangen, seit die Hilfsvereine der Berliner Mission in der Provinz Brandenburg sich zu einem Provinzialverband" zusammengeschlossen hatten. Sein erster Leiter war Superintendent Böttcher- Kottbus (f 1911), dem 1901 Propst H a e h n e l t - Angermünde (jetzt Eme ritus in Potsdam), 1911 Pastor Kornrumpf-Fürstenwalde folgte. Auf der eifrigen Arbeit des Verbandes, besonders auf den von ihm jährlich veranstalteten großen, volkstümlichen Provinzialmissions- festen, hat Gottes Segen reichlich geruht. Der erfreuliche Auf schwung des Verständnisses und der Gebefreudigkeit für die Heiden mission in unserer Provinz hängt nicht zum geringsten mit seiner Wirksamkeit zusammen. Mit dem Verband Groß-Berlin" für die Berliner Mission, der sich 1907 verselbständigt hat, um die Arbeit in der Hauptstadt noch wirksamer auszugestalten, wollte er sein Jubiläum in Berlin in zahlreichen Gottesdiensten, Versammlungen und Schul vorträgen begehen. Das wohl vorbereitete Fest wurde durch den Krieg verhindert. Doch war es den Freunden der Berliner Mission ein Bedürfnis, dieses Tages gemeinsam zu gedenken und dabei vor Gottes Angesicht die ernste Lage zu erörtern, in die auch die Arbeit der Mission durch den Weltkrieg der Gegenwart gekommen ist. Die Feier fand am Abend des Iubiläumstages in der Stadt missionskirche statt. Nach einem Gebet von Pastor Kornrumpf hielt Oberhofprediger v. Dryander eine biblische Ansprache; an sie schloß sich ein Vortrag des Missionsdirektors Axenfeld und eine Besprechung. Die Feier klang aus im Gebet des Vor sitzenden des Verbandes Groß-Berlin, Pastor Sar owy - Berlin. Den Freunden der Berliner Mission in Stadt und Land, denen es versagt war, an der Feier teilzunehmen, bietet dieses Heft die erwähnten Vorträge.3 Ans ist bange, aber wir verzagen nicht." (v. E. Dryander.) 2. Kor. 8 11. n mancher schweren Stunde hat die Missionsgemeinde sich versammelt, wenn der Kaltsinn der Christen in der Heimat das kleine Häuflein der Missionsfreunde bedrängte, wenn die Mittel fehlten, wenn Mißerfolge sich einstellten, wenn Tod oder Seuchen die Reihen der treuen Pioniere lichteten, eigene Schuld und Bruder zwist die Arbeit hemmten oder politische Verschiebungen ihr Fessel anlegten. Die Mission kann wohl von sich sagen: Sie haben mich oft bedrängt von meiner Jugend auf." Eine so schwere Stunde, wie die gegenwärtige, hat sie gleichwohl noch nicht erlebt. Diese Schwere liegt in der geradezu unüberbrückbaren Kluft, die zwischen der gegenwärtigen Stunde und der von gestern sich öffnet. Manche von uns haben die Tage der Weltmissionskonferenz von Edinburg im Jahre 1910 durchlebt. Mit hochfchlagendem Her zen kehrten sie heim. Sie waren erfüllt von dem Gedanken, daß für die Mission eine Stunde größter Entscheidung geschlagen habe, wie sie die Christenheit noch nicht sah. Sie waren hingerissen von der Liebe und Glaubenskraft der englischen Brüder und begeistert von der Gewißheit, daß sie, mit ihnen geeint in der lebendigen Gemeinschaft des Heilandes Jesu Christi und von seinem Geiste erfüllt, sein Werk ausrichten und gemeinsam ihre Arbeit fortsetzen würden. Und nun tritt der große Völkermord dieses Krieges da zwischen, zerreißt unheilbar dieses Band, und das Dröhnen der Geschütze klingt wie ein Hohn auf die Iubelhymnen, mit der sie dort ihre Verbrüderung feierten. Auch darin liegt das Schwere dieser Stunde, daß nicht nur die zukünftige Arbeit gestört, sondern auch die vergangene in Frage gestellt wird. Im Jahre 1912 hat am Schluß der Liverpooler studen tischen Missionskonferenz der Präsident, der zugleich Generalsekre tär des Continuation Committee" der Edinburger Konferenz war, es ausgesprochen, daß die Gefahr eines europäischen Krieges die Zerstörung unserer gesamten Hoffnungen bedeuten würde": die mohammedanische Welt würde für eine weitere Generation un erreicht bleiben, die Missionen würden außerstande sein, die große4 Aufgabe der Gegenwart in China zu erfüllen, Japan würde sich dem Evangelium dauernd entziehen, Indien ohne christlichen Zuzug bleiben, und alle die elementaren Pflichten, die die Predigt des Evangeliums vor den nichtchristlichen Völkern einschließen, würden um ein Menschenalter aufgehalten werden. Seine Worte haben eine bedeutsame Bestätigung in den Antworten gefunden, mit denen von 25 deutschen Missionsgesellschaften auf eine Umfrage über die Folgen eines deutsch-englischen Krieges 15 sich geäußert haben 10, deren Antwort fehlt, werden schwerlich anderer Meinung sein , und von denen eine sogar urteilt, daß ein Krieg zwischen Deutsch land und England der betr. Mission schweren Schaden bringen, möglicherweise ihr Ende zur Folge haben werde, und alle in vielen Jahrzehnten ausgesäte Arbeit vergeblich sein werde.*) Nun ist der Krieg ausgebrochen, und wir stehen in der Erwartung, daß vielleicht langsam aber doch mit Sicherheit über lang oder kurz diese Befürch tungen sich verwirklichen werden, Erarbeitetes zerstört und zukünf tiger Aussaat der Boden entzogen werden wird. Dieses Schwere liegt endlich darin, daß diese furchtbare Krisis durch d e Nation sich verwirklicht, zu deren regem und energischem Missionstrieb, deren Opferwilligkeit in der Förderung der Arbeit, deren großen Missionshelden und Bahnbrechern, deren ökumeni schem Gesichtskreise aufzuschauen wir gewohnt waren, und unter deren Oberhoheit Hunderte unserer Missionare mit reichem Segen gear beitet haben. In Englands Hand lag der Friede Europas. Es steht fest, daß die Engländer mit ungeheurem Frevelmut aus den elendesten Beweggründen ihn preisgegeben haben. Ruchlos haben sie den Zwist des Krieges in ahnungslose Naturvölker Afrikas hin eingetragen, sie haben die hinterlistigen Japaner zum Raubzuge wider Deutschland aufgestachelt, und wir können es ihnen nicht ersparen, auszusprechen : Wir haben wider die fevelhafte Politik, die die sonst gewohnte englische Treulosigkeit weit übertrifft, und die uns wie der Räuber den wehrlosen Wanderer überfallen hat, von feiten der englischen Missionsfreunde noch kein Wort des Pro testes gehört, zu dem unseres Wissens nur etliche Oxforder Professoren und einige redliche unter den Staatsmännern sich aufgerafft haben. So können wir denn nur mit Paulus sagen: Uns ist bange! Bange, nicht um den Ausgang des Krieges; denn ohne Ueberhebung sprechen wir im Vertrauen auf unsere gerechte Sache aus: Wir *) Vergl. Zeitschrift .Die Eiche". 1913, S, 18 ff.5 werden siegen! Aber bange um die furchtbaren Opfer, die Tränen und das Weh, die unserem Volke zugefügt werden, bange um die furchtbaren Folgen, die dieser Krieg durch den unausbleiblichen Haß der Völker haben muß, bange um die Wunden, die fortbluten werden, wenn die Schlachtfelder längst geräumt sind, um die Hemmnisse, die dem Siegeslauf des Evangeliums bereitet werden, bange, daß unheilbar unsere Gemeinschaft zerstört ist. Ja, uns ist bange) denn, was unsere Augen sehen, ist lediglich Zerstörung unschätzbarer Arbeit und Werte und der Triumph der Gegner aller Mission, ja des Evangeliums selbst. Dies noch dazu in einem Augenblick, in dem Deutschland begonnen hat, ernster und wirksamer als jemals sich auf seine Missionspflicht als eine nationale Schuld gegenüber seinen heidnischen Völkern zu besinnen und ihnen keine andere Gesittung zu bringen, als die vom Geiste Jesu Christi erfüllt und geweiht war. Aber indem der Apostel dies Wort: Uns ist bange" an die Korinther schreibt, fährt er doch fort: Aber wir verzagen nicht!" Während er allein einer Welt der Feindschaft und des Gegensatzes gegenübersteht, weiß er: Einer mit Gott hat immer die Majorität", und so stimmt er eine jener Hymnen an, die mehr als einmal die strenge Gedankenentwicklung seiner Briefe durch brechen: Wir haben allenthalben Trübsal, aber wir ängsten uns nicht; wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen; wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. Wir tragen alle zeit das Sterben des Herrn Jesu an unserm Leibe, aus daß aych das Leben des Herrn Jesu an unserm Leibe offenbar werde." Was gibt ihm diese Zuversicht? Ich antworte: Die unerschütterliche Gewißheit, daß er mit seiner Arbeit den Befehl seines erhöhten Herrn ausrichtet. Wehe mir," sagt er, wenn ich nicht predigte." In demselben unbedingten Gehor sam können auch wir nur unsere Arbeit fortführen! Wie der Senior der Rheinischen Mission im Hererokriege auf die Frage des Gou verneurs Leutwein: Was werden Sie nun tun?" schlicht antwortete: Wir werden von vorn anfangen!" so wollen wir weiter arbeiten, wo es möglich ist, von vorn anfangen, wo es nötig ist, tragen das Leiden, wo es uns aufgelegt ist, wider Kleinglauben und Unglauben mit doppelter Treue uns wappnen, aber nie vor Kleinglauben und Un glauben in unserm Werke die Waffen strecken. Wir verzagen nicht! 6 Was gibt dem Paulus seine Zuversicht? Ich antworte noch mals: Die unerschütterliche Ueberzeugung, daß Menschen auch an der Mission wohl das, was menschlich ist, zerstören und aufhalten können, niemals aber das, was sie von göttlichem Gehalt in sich trägt. Gottes Reich hat seine Unterströmungen, die in der verbor genen Tiefe unsichtbar, aber unaufhaltsam ihren Weg gehen, und die von den tobenden Wellen auf der weiten Meeresoberfläche nicht berührt werden. Es schreitet fort hier so, daß seine Arbeiter das Leben Jesu an ihrem Leibe tragen, so daß man mit Augen sehen und mit Händen greifen kann, welche Kraft von dem Evangelium von Christo ausgehe und was sie wirke, dort so, daß sie das Sterben des Herrn Jesu an ihrem Leibe tragen, durch Harren, Leiden und Sterben die Kraft des Evangeliums erweisen und ihren Herim preisen. Wir aber sollen einen großen Glauben haben an dies un sichtbare Reich und seinen König, der allein weiß, auf welche Weise sein Reich kommt. Es gilt auch hier, was Bismarck einst an seine Frau schrieb: Hier ist alles nur eine Zeitfrage, Völker und Men schen, Torheit und Weisheit, Krieg und Frieden, sie kommen und gehen wie Wasserwogen, und das Meer bleibt!" Auch die Zer störungen dieser Tage sind für den Herrn der Ewigkeit nur eine Zeitfrage, die vorübergeht. Ueber den Trümmern aber steht er selbst mit seiner unverbrüchlichen Zusage: Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende!" Darum verzagen wir nicht! And noch ein drittes Mal frage ich: Was gibt dem Paulus seine Zuversicht? und antworte: Die Gewißheit, daß schließlich doch die Liebe stärker ist als der Haß, und daß die Welt die Liebe so wenig entbehren kann, wie die Pflanze das Licht, und darum sich ihres Hasses einst schämen muß. Auch unsere irrenden Brüder werden noch ihre Gewissen und ihre Urteilsklarheit wiederfinden und Buße tun, wie wir an unserm Teil uns dessen nicht weigern. Wir aber wollen nicht aufhören, auch ihre Namen vor Gott zu nennen, damit das Ziel unseres Heilandes Jesu Christi erreicht werde. Ob wir das erleben? Wer vermag das zu sagen? Aber ich schließe mit dem Ausblick, den das Wort gibt, das ich mit innerer Be wegung auf John Wesleys Grabe in der Westminster-Abtei in London gelesen habe: Das Beste von allem ist, zu wissen, daß Gott mit uns ist. Gott begräbt seine Arbeiter, aber sein Werk führt er herrlich hinaus!" Das walte Gott!7 Vaterland und Mission. (Lic. K. Axenfeld.) m heutigen Tage hatten die Freunde der Berliner Mission in un- serer Provinz auf 25 Jahre gesegneter Arbeit festlich zurückschauen wollen. Eine neue Missionsstation in Deutsch-Ostafrika mit dem Ä tamen Brandenburg" sollte das Eben-Ezer ihres Dankes werden. Wo aber irgend in dieser Zeit in unserm Volk Feste froh bereitet wurden, sind sie jetzt durch schrillen Ton zerrissen. Zum Kampf auf Leben und Tod, zum vollen Einsatz von Gut und Blut ist unser Volk gerufen. Dennoch treten wir als Freunde der Mission hier zusammen. Zu dem, was dieser Krieg antastet, gehört nicht nur das Land von der Maas bis an die Memel mit seinen Städten und Fluren, mit seiner Freiheit und Einheit, sondern auch die Weltstellung unseres Volkes und sein Kolonialbesitz. Jede Stätte über See, wo die deutsche Zunge klingt und Gott im Himmel Lieder singt, ist deutsches Gut, auch die deutsche Mission. Die Lebensgemeinschaft von Vaterland und Mission soll uns in dieser Stunde bewußt werden. Die Weltausbreitung des Christentums gehört freilich nicht zu den Aufgaben, die irgendein christliches Volk für sich als ihr Sonderrecht in Anspruch nehmen dürfte oder nach seiner Eigenart frei und neu ausgestalten könnte. Wie die Liebe Gottes allum fassend und sein Evangelium menschheitlich ist, so ist die Mission ihrem Wesen nach international. Sie steht unter der Losung: Pre digt das Evangelium aller Kreatur!" Sie wirbt für das Reich, das nicht von dieser Welt ist, sie hat es, wie dieses Reich, zunächst mit der einzelnen Menschenseele zu tun, und will sie in der Zeit für ein jenseitiges und unvergängliches Leben bereiten. Sie muß sich an den einzelnen wenden; denn die Entscheidung für oder Wider Gott kann dem einzelnen die Gemeinschaft, in der er lebt, nicht abnehmen; er muß sie im Notfall auch gegen ihren Willen voll ziehen.8 Auch schließt das Gottesreich seine Bürger unter einem un sichtbaren Haupt zu einer neuen Gemeinschaft zusammen die hinaus greift über die Grenzen der Staaten und unabhängig ist von Ab stammung, Volksverband und Kulturstufe. Aber es ignoriert die natürlichen und eben darum auch von Gott geordneten Lebens gemeinschaften nicht und will ihnen nicht untreu machen. Es gibt vielmehr seinem Bürger neue Aufträge und Kräfte auch für sein Leben in Familie und Staat, und es will diese Gemeinschaften heiligen und auch ihnen neue Aufträge und Kräfte zuführen. Denn wie es seine einzelnen Bürger lehrt, die Gabe, die sie in ihm emp fingen, umzusetzen in Dank durch Dienst nicht nur an den anderen Bürgern, sondern auch an allen, die es noch nicht sind, aber werden sollen, wie es also seine Bürger zu Boten macht, so will es an solchem Dienst auch die Gemeinschaften beteiligen und auch ihre natürlichen Gaben und Kräfte auch für andere Gemeinschaften wirk sam werden lassen, zumal für die, die seiner noch entbehren. Der Gedanke einer gegenseitigen Dienstverpflichtung der Völker ist der Menschheit erst mit dem christlichen Ideal des Gottesreiches auf gestiegen. Wenn einem Volk einst durch Boten eines fremden Volkes der Same des Evangeliums gebracht und daraus nun sein bester Reichtum erwachsen ist, so lebt es unter einer Dankesschuld, die es nur abtragen kann, indem es wieder Boten sendet zu gleichem selbst losen Dienst an fremden Völkern. Sie dürfen aus ihrem Gang keine anderen Waffen tragen, als die Predigt des Heils, die Hilfstat der Liebe, das Bekenntnis des Leidens, das Gebet des Glaubens. Sie gehen in den Fußtapfen dessen, der nicht wiederschalt, nicht Feuer vom Himmel herabrief, nicht sich dienen ließ, sondern sein Leben gab zu einer Bezahlung für viele. Aber gerade wenn solcher Dienst des einzelnen und der dem Gottesreich verpflichteten Volksgemeinschaft selbstlos ist, steht er für den einzelnen wie für diese Gemeinschaft auch unter dem Lohngesetz des Gottesreiches, und auf das Vaterland, von dem die Boten aus gesandt wurden, muß rückwirkender Segen vielfältig zurückströmen. So stehen christliche Mission und ein von dem Segen des Christentums befruchtetes Vaterland in vielfacher Wechselwirkung. In seinem Missionsopfer trägt das Vaterland Schuld ab, und die Mission ist auch dem Vaterlande, aus dessen Volksboden sie ihre Kräfte zieht, Dank und Dienst schuldig. Aber ihr überweltliches9 Ziel, ihren geistlichen Charakter, ihre Unabhängigkeit gegenüber staat licher Gewalt, die Allgemeinheit ihrer Adresse und die Selbst losigkeit ihrer Hingabe für fremdes Volkstum darf die Mission sich auch durch ihre naturhafte Lebensgemeinschaft mit ihrem Heimat boden nicht beeinträchtigen lassen. Sie würde sonst nicht einmal dieser Heimat gerecht. So hat die deutsche Mission auch im wohlverstandenen vater ländischen Interesse gehandelt, als sie zu Beginn unserer kolo nialen Erwerbungen nicht darein willigte, daß der Anteil Deutsch lands an der Weltwirkung des Christentums sich nun beschränken sollte auf das bescheidene Stück Erde, das in später Stunde, da die Welt schon verteilt war, unserm Volke noch zufiel, und sie hat mit Recht immer wieder es abgelehnt, die Predigt des rettenden Evan geliums in einen Betrieb zur Verbreitung deutsch-christlicher Kultur umzuwandeln. Sie wird allezeit bleiben bei ihrer religiösen Ein seitigkeit. Denn es ist in keinem anderen Heil, ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin wir sollen selig werden, denn der Name Jesus Christus. Zu Anrecht wurde sie gescholten, als ob sie des Bodens vergäße, aus dem ihre Wurzeln Nahrung zogen. Jene einsamen Männer und Frauen in femem Land und unter fremdem Volk mit ihrem selbstverleugnenden Dienst waren nicht die schlechtesten Vertreter des deutscheu Namens, und eben weil sie sich auf ihre religiöse Aufgabe bewußt beschränkten, nicht die unwirksamsten Diener der deutschen Interessen. Es war unsere Freude, als mehr und mehr für Kirche und nationales Leben, Kolonialwirtschaft, Handel und Weltgeltung unseres Vaterlandes zutage trat, wie aus den Heils brunnen, die wir den fremden Völkern gruben, mannigfacher Segen für die Heimat sprudelte. Aber wenn wir es stets gewußt, daß wir mit unserm Vaterland, ob wir auch der Fremde dienen, in innigster Gemeinschaft stehen, jetzt fühlen wir es tiefer denn je, jetzt, da es ringt und blutet, und Trauer und Gefahr sein Leben beschatten. Gerade dem Werk der Mission wird diese Gemeinschaft von Glück und Leid fühlbar durch den schärfsten Kontrast: Sie war es, die am Tag der Freude unseres Kaisers das Dankopfer der Nationalspende empfing. Jetzt, nach kaum mehr als Jahresfrist, da dem friedliebendsten Monarchen Europas das Schlachtschwert in die Hand gezwungen ist, wird auch sie, und gerade sie, von den Kriegswettern hart betroffen. Ich berühre zu-10 nächst nur das Aeußere und veranschauliche vornehmlich an unserer Berliner Mission. Die Seminare, in denen die jungen Männer für den Dienst des Evangeliums gerüstet werden, sind geschlossen. Ihre Schüler und mit ihnen nicht wenige in der Heimat weilenden jüngeren Missionare stehen im Heer oder dienen den Verwundeten. Von der Berliner Mission tragen vier Fünftel der Seminaristen die Waffen. Der Ver kehr mit den Missionsfeldern ist zerschnitten oder nur auf Umwegen und nur zu dürftigem Briefwechsel aufrechtzuerhalten, die gewohnte Fürsorge für sie ist unmöglich gemacht. Die vorbereiteten Aussen dungen auf die dringend nach Verstärkung der Arbeitskräfte ver langenden Felder mußten sämtlich unterbleiben. Da unser Volk für die Kosten eines Krieges gegen drei Fronten, für die Pflege einer unabsehbaren Zahl von Verwundeten, für die Versorgung einer täglich wachsenden Schar von Witwen und Waisen aufs äußerste in Anspruch genommen wird, sein blühender Außenhandel gelähmt ist, weite Industriezweige stocken und ein großer Teil der Bevölkerung einem Winter der Arbeitslosigkeit entgegenschaut, kann es nicht anders sein, als daß der Strom der je länger, desto lieber und reichlicher von unserm Volk gesteuerten Missionsopfer nur noch spärlich rinnt. So können wir für unsere Missionarsfamilien und für die Gemeinden draußen nicht viel mehr tun, als sie dem be fehlen, dessen Auge und Hand nicht zu kurz geworden ist. Gerade die Berliner Mission ist, wie im Burenkrieg, bei den Boxerunruhen und bei dem deutsch-ostafrikanischen Aufstand, auf ihren Feldern besonders hart getroffen. In Kiautschou stehen unsere jüngeren Missionare und die Missionarssöhne in der Helden schar, die durch Pflichterfüllung bis zum letzten Atemzug der Welt des Ostens eine Predigt deutschen Christentums hält. Das ist jetzt dort unser Missionsdienst! In Deutsch-Ostafrika ist Daressalam, der Hafen des Friedens", die schönste Stadt an der Ostküste Afrikas, englischen Nachrichten zufolge zerstört", also auch wohl unsere schöne Station unter den Palmen, die vom Jmmanuelskap den ankommeirden Rei senden zuerst grüßte, in guten und bösen Tagen auch so oft eine gastliche Herberge englischer Missionare, ein Trümmerhaufen. Ist die Stadt zerstört, so sind die vielen europäischen Familien in der ungesündesten Zeit des Jahres aus ihren wohnlichen Häusern ins unwirtliche Innere gedrängt. Am Norvenve ves N; r,ia aber, wo der gemeinsame Anfang der gesegneten Kolonialmission der Brüdergemeine und unserer Gesell schaft war, im friedlichen, schönen Kondeland, kämpfen, geführt von Weißen, also von Mannern der Art, die als Bringer des Evan geliums zu ihnen gekommen war, die schwarzen Schutztruppen wider einander. Wo eben ein wundervolles Erwachen für das Evangelium nach tränenreicher, mühevoller Aussaat der Missionare durch ganze Stämme ging, droht jetzt aus dem Brudermord der weißen Christen Verwirrung der Gemeinden und für die Heiden der Anreiz zum Aufstand. Wenn die englische Nachricht wirklich Wahrheit melden sollte, wäre in Südwestafrika es ja bereits gelungen, Schwarze zur Erhebung gegen ihre deutschen Herren zu verleiten. Sehr hart betroffen ist auch die Norddeutsche Mission in dem eroberten Togo. Aber es gibt keinen Zweig deutscher Missions arbeit, der nicht die Schwere dieser Tage fühlte. In dieser Zeit aber, da in jedes Haus die Trauer, in jede Gemeinschaft die Not einzieht, wollen wir nicht klagen, als geschähe uns und unseren Werken etwas Sonderliches. Haben wir die guten Tage mit unserm Volk empfangen, wie sollten wir nicht auch willig die bösen mit ihm tragen wollen! So drängen wir uns auch nicht etwa in dieser Zeit mit Bitten um Gaben für unser Werk in, den Vordergrund. Wir empfangen dankbar, was uns treue Liebe reicht, um es durch die Kriegszeit durchzubringen. Aber wir wollen nir gendwo der vaterländischen Not entziehen, worauf sie jetzt Anspruch hat. Ohne Bedenken haben wir auch ordinierten Missionaren aus deutschem Schutzgebiet, die hier weilten und, obschon sie nach dem Gesetz vom Waffendienst befreit waren, den Wunsch hatten, mit der Waffe ins Heer zu treten, unsere Einwilligung dazu gegeben. Auch die deutsche Mission ist, wie unser ganzes Volk, vom Fürsten schloß bis zur Hütte, bereit, ihr ehrlich Teil von Dienst, Entbehrung und Leid auf sich zu nehmen. Es kann ja nicht anders sein! Auch wenn die Verbindungen mit den Missionsländern nicht abgeschnitten wären und unser Werk noch unbehelligt weiter ge trieben werden könnte, wäre doch auch unser erster Gedanke am Morgen und unser letzter am Abend des Vaterlandes Gefahr und Kampf, seine Trauer und seine Siegessreude. Wohl hat in diesen Tagen ein jeder, dem der Vorzug versagt ist, in der Front zu steheu, durch Berufstreue an seiner Stelle seine Vaterlandsliebe zu erproben. Aber von der wundervollen Gabe, die diese Zeit unserm Volke gebracht hat, daß das Eigene und Besondere, das viel zu. sehr sich bei uns allen in den Vordergrund gedrängt hatte, zurück tritt hinter dem vaterländischen Ganzen, empfängt auch die deutsche Mission ihren Anteil, und sie empfindet es tief, daß auch sie ein Stück deutschen Lebens ist. Sie bringt den Völkern, an denen sie arbeitet, freilich kein an deres Evangelium, als die Missionen anderer christlicher Nationen. Wir legen es nicht darauf an, die Formen unseres deutschen Lebens auf fremde Völker zu übertragen. Der germanisierte Neger oder Chinese wäre ebensolch ein trauriger Zwitterbalg, wie ein ver-- kafferter Deutscher. Gott hat uns nicht den unmöglichen Versuch aufgetragen, den altgewachsenen Baum deutschen Kirchenwesens auf fremden Boden zu verpflanzen. Als Same der Menschheit soll sein Wort in allen Zonen ausgesät werden. Würden wir in unsere Verkündigung zu viel von unserer eigenen Art mischen, so zwängen wir nur die fremden Völker, sich schließlich von dem, was ihnen wider strebt, wieder zu befreien, wie einst unser Volk in der Reformation von der zu reichlichen römischen Zutat. So schauen wir auf das Vorbild des Apostels, der den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche zu werden sich bemühte, auf daß er beide gewinne. Und dennoch, was wir treiben, ist deutsche Mission! Unser Evangelium ist freilich nicht von Menschen, und die Zurüstung zum Botendienst muß dem Einzelnen Gott selbst geben. Doch liegt auch für die deutsche Mission ein Stück Wahrheit in dem Bekenntnis des Liedes: Was ich bin und was ich habe, dank ich dir, mein Vater land!" Gerade jetzt, wo es Opfer von uns fordert, laßt uns doch. Freunde, dessen treu eingedenk sein, was es uns gab, auf daß uns bewußt werde, daß auch das teuerste Opfer nur für unabtragbare Dankesschuld gebracht wird. Auch die deutsche Mission hat ihren Anteil an dieser Schuld, auch in ihr spiegelt sich deutsche Art nach Reichtum und Schranke. Auch sie hat mitempfangen von allem, was Gott in einer wunderbaren Geschichte unserm Volk von Jahr hundert zu Jahrhundert geschenkt hat. Jede deutsche Missionsstation ist ein deutsches Heim im fremden Land und trägt mit ihren Gottes diensten und ihren Liedern, mit ihren Ordnungen und in ihrer Arbeit das Gepräge Deutschen Gemütslebens, deutscher Frömmigkeit, deut schen Fleißes und deutscher Gründlichkeit, deutscher Nüchternheit und deutscher Zucht. Was immer unserm Volke gegeben war und es unterschied von anderen Nationen, von den Gaben, an denen die13 Hütte des Aermsten teilhat, bis zu den Schätzen, die deutsche Wissenschaftlichkeit und deutscher Gewerbefleiß erwarben, von allem kommt auch ein Erbteil der deutschen Mission zugute. Wer je Mis sionsländer durchreiste, ob er auch noch soviel in fremder Arbeit als groß und lehrreich erkannte, ihm mag auf deutscher Missionsstation das Wort des Dichters widergeklungen haben: Ich habe der Lande viel gesehen Und nahm der besten gerne wahr. Uebel möchte mir geschehen, Wollt ich je mein Herze bringen dar, Daß mir wohlgefalle fremder Lande Brauch. Deutsche Zucht geht vor in allem!" Zur Gabe unseres Volkes gehörte auch, daß es sich nicht eng und kleinlich auf seine Art beschränkte, sondern einen freien Blick und einen empfänglichen Sinn für das Gute des Fremden behielt; freilich oft allzu gerecht und nnr zu oft geneigt, über dem Fremden das Eigene gering zu achten und dranzugeben. Wenn uns die bitteren Enttäuschungen dieser Tage endlich von unwürdiger Aus länderei befreien, so sollen sie uns doch nicht eng und ungerecht machen, und nimmer soll der Wahlspruch unseres Volkes werden: Recht oder Unrecht, ich frage nur nach dem Vorteil meines Landes. Es soll zu dem Dienst, den die deutsche Mission dankbar ihrem Vaterlande leistet, auch ferner dies gehören, daß sie ihm über dem Kampf der Nationen und dem Gegensatz ihrer Interessen und Arten das Reich Christi vorhält, das die Völker umschließen und über ihre Schranken und Zäune die Brücke des Glaubens schlagen soll. Aber gerade in diesen Tagen der Drangsal erkennen wir den Reichtum der Güte unseres Gottes, der uns einzelne und auch unsere Missionen aus dem Mutterschoß des deutschen Volkes hervorgehen ließ. Wenn jener Athener nach seinem stolzen und doch so ehr fürchtigen Wort täglich den Göttern dankte, daß sie ihn als Mensch, als Griechen und als Athener geboren werden ließen, so laßt uns, und ob die Opfer immer tiefer in unser Leben einschneiden und Herze leid uns ganz überschatten will, täglich unserm Gott unsern Dank darbringen, daß er uns nicht nur als Weiße und als Christen, sondern auch als Deutsche geboren werden ließ. Dies Bekenntnis des dankbaren Stolzes wird uns um so mehr zur Pflicht, je mehr Lüge geschäftig ist, den deutschen Na.nen in14 .aller Welt mit Schmach zu bedecken. Auch von dieser Unbill trifft die Mission ein reichlicher Anteil. In Südafrika haben die lebendigen, je länger desto mehr sich selbst erhaltenden und selbst ausbreitenden Missionskirchen der Ber liner Mission den deutschen Namen unter Weiß und Schwarz zu Ehren gebracht. Das Herzstück dieser Arbeit ist unsere Bafuts- Kirche. In mancher Eingeborenenhütte dort hängt als Zeichen der Ehrfurcht und Dankbarkeit das Bild des Deutschen Kaisers. Wie furchtbar müssen in Südafrika Schwarze und Weiße durch Lügen irregeführt worden sein, wenn wirklich, wie englische Zeitungen mel den, Basuto freilich sicherlich nicht aus den Stämmen, unter denen, von den Eingeborenen geachtet und geliebt, unsere Missionare in der Arbeit stehen, sondern wohl aus dem relativ selbständigen Zweig der Basuto in dem sog. Basutoprotektorat, an dem fran zösische Mission arbeitet, der aber auch aus unserer Mission deutsche Art kennen gelernt hatte, sich zum Kriegsdienst wider uns er boten haben sollten, um Steine auf die Deutschen zu werfen". Damit habe ich den Punkt berührt, in dem, vielleicht schmerz licher und tiefer als irgendeine andere Gruppe in unferm Volk, die deutsche Mission zurzeit sich getroffen fühlt. Wie unsere Arbeit in ihrer Adresse international ist, so ist sie auch auf Gemeinschaft mit gleichartigen Arbeiten anderer Völker angewiesen. Je länger, desto inniger und fruchtbarer war solche Berührung geworden, besonders auch mit den Missionen des Landes, das, wie es an Kolonialbesitz, Weltgeltung und Welt handel alle anderen Nationen übertraf, auch auf dem Gebiet der Mission die Führerrolle überkommen hatte, England. Inniger noch und fruchtbarer wurde uns diese Gemeinschaft feit der Weltmissions konferenz in Edinbnrg. Wir hatten hier mit den Vertretern aller protestantischen Völker und Kirchen auf Erden einmütig unter dem gewaltigen Eindruck gestanden, daß durch die Erschließung der ganzen Erde und die Verkehrsgemeinschaft unter allen Völkern das ab schließende Zeitalter der universalen Weltmission heraufgeführt sei. Die gesamte nichtchristliche Menschheit sahen wir, in zwei große Gruppen geteilt, vor uns: die einen den christlichen Nationen als Kolonien unterworfen, also in ihre erzieherische Gewalt gegeben, die anderen zwar bestrebt, ihre politische und volkliche Selbständig keit sich dadurch zu erhalten, aber hierzu nur dadurch fähig, daß sie freiwillig von den christlichen Völkern zu lernen sich mühten.So erkannten wir, daß der Christenheit durch ihre gegen wärtige, aber schnell und unaufhaltsam sich min dernde Kulturüberlegenheit in unserer Welt stunde die Rolle des Herrn oder wenigstens des Lehrers allernichtchristlichenVölkervon Gott übertragen sei. Darin erkannten wir eine Welt- und heilsgeschichtliche Gelegen heit von einer Größe, Dringlichkeit und Unwiderbringlichkeit, wie sie nie zuvor bestanden hatte, und wir wurden uns einer Verantwor tung bewußt, für die Gott allein uns rüsten konnte. Nur mit einem neuen Maß von Glauben, Gebetskraft, Heiligung und Opfer- bereitschaft und nur von einer einmütigen Christenheit durfte diese Arbeit getrieben werden. So stieg vor unseren Seelen die heilige Hoffnung empor, daß mit dem Gottesauftrag der Entscheid dungsstunde der Weltmisswn den christlichen Völkern etwas von der Einigkeit der Jünger Jesu geschenkt werden möchte, die Jesu letztes Gebet vor seinem Leiden gewesen ist. Mit dem Vorsatz und dem Gelöbnis, hierum zu bitten und hierfür zu wirken, schieden wir. Und heute? Ebeu das Land, auf dessen Boden dieser Rüttli-Schwur getan ist, trägt der Bericht des belgischen Ge sandten in Petersburg an seine Regierung läßt daran keinen Zweifel die Hauptschuld daran, daß Rußland und Frank reich den Mut gewonnen haben, sich zu unserer Vernichtung auf zumachen. Ohne Rücksicht auf die Stimme des Blutes, das Band des Glaubens, die Gemeinsamkeit von Geschichte und Kultur, hat England offenbar längst unermüdlich im stillen daran gearbeitet, diesen Bruderkrieg zu ermöglichen. Es opfert eine ruhmvolle Ge schichte und einen heiligen Weltberuf, um geschäftlichen Vorteil zu gewinnen. Es will die Heimat der Reformation und den frucht barsten Boden europäischer Kultur durch russische Horden verwüsten lassen. Den europäischen Krieg, den es verhindern konnte, aber nicht verhindern wollte, weil es ihn längst herbeisehnte, hat es durch seinen Beitritt zum Weltkrieg gemacht. Zwecklos und unter Bruch der Kongoakte hat es ihn nach Mittelafrika übertragen und das heidnische Japan herangerufen, also die entscheidungsvollsten Mis sionsfelder der Gegenwart Mittelafrika mit seinem Wettbewerb von Christentum und Islam und Ostasien in Kriegsschauplätze verwandelt, und, um dies Ungeheuerliche zu bemänteln, schützt es sich mit dem Vorwand der Wahrung der belgischen Neutralität, die es, mindestens dem Vorsatz und der Vorbereitung nach, selbst IS16 längst verletzt hatte. Endlich überschüttet es unser Volk mit einem Meer von Lüge, so planvoll und schamlos, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Die Kirchengeschichte kennt kein Aergernis, das dieser Erniedrigung des christlichen Namens an die Seite treten könnte. Darüber trauern wir, und wer nicht mit uns trauern könnte, dem hat die Verantwortung für die Gottesstunde unserer Zeit nie auf der Seele gebrannt, und die Freude am einmütigen Dienst der Knechte Christi hat sein Leben nie geweiht. Darüber trauern wir und teilen mit unserm Volk auch die flammende, heilige Entrüstung. Wohl unterscheiden wir zwi schen dem Staat, der den Krieg führt, und den einzelnen Unter tanen, die ihn vielleicht verabscheuen. Wir ehren jene Männer drüben jenseits des Kanals, die den Mut der Wahrheit in der rechten Stunde fanden. Aber wir warten in schmerzlicher Ungeduld auf ein klares Zeugnis der englischen Christen, besonders der Männer von Edinburg. Sie mögen noch befangen sein durch das Lügennetz, das über ihr Land geworfen ist. Wenn sie den Krieg ein furchtbares Unglück nennen, so genügt das nicht. Wenn sie, gewiß in guter Meinung, Geld unterstützung für kontinentale Missionen, sei es mehr aus Mitleid mit unserer vermeintlichen tzilssbedürftigkeit, sei es als zartes Zeichen der eigenen Scham über diesen Krieg, planen, wir müßten sie ablehnen, auch wenn wir ihrer noch so sehr bedürften. Fordert man uns auf, gerade jetzt mit ihnen uns in dem Gebet um die Er haltung der uns vordem geschenkten Arbeitsgemeinschaft zu ver einigen, wir ertragen es nicht, jetzt von englischen Christen reli giöse Anleitung zu empfangen. Sie haben jetzt etwas anderes zu tun. Wir können und dürfen m. E. keinen Zweifel daran lassen, daß, solange sie sich nicht losgesagt haben von dem Verbrechen dieses Krieges, es keine Ge meinschaft zwischen ihnen und uns gibt. Es kann sie nicht geben; sie wäre nicht ehrlich, Gott könnte sie nicht segnen. Wir stehen jetzt in einer anderen Gebetsgemeinschaft, die hat uns Gott geschenkt. Wir glauben und beten, wir dienen und opfern mit unseren kämpfenden, blutenden und sterbenden Brüdern, mit unserm geliebten deutschen Volk. Wir danken Gott aus der Tiefe unserer Seele, daß er unserm Volk solche Gemeinschaft wieder geschenkt hat, wie es sie seit einem Jahrhundert und vielleicht länger noch nicht17 besaß. So fluchwürdig das Verbrechen dieses Krieges, so grausig seine Greuel, so tränenreich seine Opfer sind und gewiß, wir stehen erst im Anfang , doch beten wir mit überquellendem Dank den heiligen Gott im Staube an. Wir erkennen seinen Weg, wir spüren seine Hand. Er hatte unser Volk gesegnet mit der Fülle seiner guten Gaben, und auf dieser Höhe seines Lebens kehrte es sich mehr und mehr von ihm ab und schickte sich an, sein Bestes zu verlieren, die Wurzeln seiner Kraft. Er aber hat es nicht verworfen, er züchtigt es wohl, aber er läßt es dem Tode nicht. Gerade an dieser Trübsalsglut erkennen wir, daß er es läutern will, um es brauchbar für seinen Dienst und herrlich zu machen. Es soll nicht sterben, sondern leben und seine Werke verkündigen. Wenn es jetzt nicht nur eine flüchtige Umstimmung, sondern eine gründliche Umkehr, eine innerliche Neugeburt erfährt, wer will dann noch zweifeln, daß das die unerläßliche, die einzige Zubereitung war, damit es seinen Anteil an der Weltmissionsaufgabe ergrei fen und recht ausführen könne? Wir Missionsarbeiter hatten unser Volk zu seinem Missionsdienst rufen und rüsten wollen. Aber unsere Stimme war zu schwach, unsere Hand berührte nur die Oberfläche. Jetzt redet der lebendige, heilige, allmächtige Gott und offenbart sich einem Geschlecht, das ohne ihn auszukommen gedachte, als der alleinige Hort des Heils. Wenn unserm Volk nun wirklich die Augen aufgetan werden, und es, nach Rettung und gnädig ge schenktem Sieg, mit einer neuen, unvergeßlichen Heilserfahrung, in großer Stunde zu großen Opfern erzogen, unter die Völker der Welt tritt, ein Bote des Friedens und ein Bekenner des Namens Christi, dann mag das Wort, das Luther an den christlichen Adel deutscher Nation schrieb: Die in Rom sollten inne werden, daß die Deutschen auch ein mal Christen worden wären," im Zeitalter der Weltmission um geprägt und so zur Wahrheit werden: Die in Afrika und Asien und in der ganzen Welt sollen inne werden, daß die Deutschen auch einmal Christen worden wären." Dann sind sie nicht umsonst gestorben, unsere Söhne, Brüder und Freunde, deren frühen Tod auf fernem Schlachtfeld wir jetzt be weinen. Dann dürfen wir nicht über Verwüstung und Verlust klagen. Dann werden auch die deutschen Missionen erkennen, daß, was für Menschenaugen und nach der Menschen Willen der Weg18 ins Verderben schien, nach Gottes wunderbarem Rat der Weg zur Verherrlichung, sein Weg werden mußte. Wir erbitten daher nicht nur für uns und unser Volk etwas, wenn wir Gott um Hilfe und Sieg anrufen. Es ist unser Anliegen, daß unser Vaterland, in seiner Einheit und in seiner Kraft bewahrt und in seinem Sinn durch Gottes Gnade gereinigt und erneuert, tüchtig bleibe und tüchtiger werde zum Dienst Gottes. Das soll unser Gebet sein, daß der Gottessegen für unser Vaterland sich umsetze in dankbare Missionstat. Es war keine Tauschung, wenn wir die Stunde der Gegenwart als die Entscheidungsstunde der Weltmission erkannten. Die Ver antwortung ist nur größer geworden. Zu der einzigartigen Missions gelegenheit der Gegenwart trug nicht zum geringsten bei die bewun dernde Achtung, mit der die nichtchristlichen Völker zu den christ lichen und ihrer Ueberlegenheit aufschauten. Von dieser Achtung geht ein unberechenbarer Teil durch diesen Krieg, seine Greuel und seiue Lügen verloren. Weil England die größte Missionsarbeit unter allen christlichen Völkern bisher leistete, würde es einen unausdenkbaren Verlust für die Sache der Weltmission bedeuten, wenn eben dieses Volk, ver blendet und verhärtet, au innerer Berechtigung und Befähigung zum Dienst Christi unter den Völkern einbüßte. Wir wollen und dürfen diese Gefahr nicht als eine abgeschlossene und unabänderliche Tatsache hinnehmen, wollen uns auch nicht durch unsere gerechte Empörung irreleiten lassen. Es redet sich jetzt mancher in unserm Volk in einen Zorn gegen England hinein, der ihm selbst am aller- schädlichsten ist. Wir lassen nicht von der Hoffnung, daß der Tag kommt, da die Binde von den Augen fällt. Unser Volk war in seiner Abkehr von Gott auch in ungeheurer innerer Gefahr. O, daß es sie gründlich überwände? Die Gefahr des englischen Volkes war von anderer Art, aber nicht minder groß. Welcher Art sie schon längst gewesen ist, macht dieser Krieg offenbar. Wenn wir jetzt nicht mit England beten können, wir lassen nicht ab, für England zu beten, daß auch ihm Einkehr und Umkehr geschenkt werde und an ihm wie an unserm Vaterland die Verheißung sich erfülle, die einem jeden Volk gilt, das sich aufrichtig in den Dienst Gottes stellt: Es ist mir ein Geringes, daß du mein Knecht seiest, aufzurichten die Hütte Jakobs und wiederzubringen das Verwahrtosete in Israel, son-19 dern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gesetzt, daß du mein Heil seiest bis an die Enden der Erde." Ueber alles hinweg, was dieser Krieg zertritt und gefährdet, aus all unserer Ohnmacht heraus und im Bewußtsein auch unserer Schuld, mit der wir Gottes Züchtigung verdient haben, schauen wir zu ihm, dem Allmächtigen und Heiligen, dem Vater Jesu Christi, auf und schließen unser sehnliches Verlangen für unser Vaterland und für die ganze Menschheit auch für das uns so nahe verwandte Volk, von dem einst die ersten christlichen Glaubensboten in unser Land gekommen sind, und dem wir dafür allezeit Schuldner blei ben, in die Bitte mit ein: Dein Reich komme!" Druck: vaterländische verlago- unö Kunstanstalt 
