Der deutsch-englische Krieg Vision eines Seefahrers von Beowulf. Verlag uon Hermann Walther G. m. b. H. in Berlin.Hermann Walther Verlagsbuchhandlung Q. m. b. H. Berlin SW. Kommandantenstr. 14. 1870 71. Kriegstagebuch des Füsilier Fischer vom Regiment 36 eleg. cart. M. 2,50 Bodelschiuingh, Franz v., Betrachtungen eines Patrioten über Bismarck und seine Zeit M. 2. Boguslawski, A. v., Nicht Rede 1 aber Fehde Luider die Sozialdemokratie M. 2. Deritz, Franz, Neuere Betrachtungen über Deutschlands Heer und Wehr. Bebel, u. Boguslamski, Bleibtreu M. 1,50 Otto u. Diest-Daber, Lebensbild eines mutigen Patrioten M. !, Dieudonne, Franz, Die Kölnische Zeitung und ihre Wandlungen im Wandel der Zeiten M. 1,50 Fink, C.,^Der Kampf um die Ostmark. Ein Beitrag zur BetA^ilung der Polenfrage geb. M. 31-- Graeser, Kurt, Landesrat, Für den Zweikampf. Eine Studie M. 2. Handbuch, Konseruatiues. Dritte Auflage geb. M. 3,50 Hoensbroech, Graf Paul v Der Ultramontanismus. Sein Wesen und seine Bekämpfung. Ein kirchen politisches Handbuch. M. 6, geb. M. 7. , , Der Coleranzantrag des Zentrums im Lichte der Coleranz der römisch-katholischen Kirche. M. 1,50 Religion oder Aberglaube? Ein Wort zur Charakteristik des Ultramontanismus. M. 2, Der deutsch-englische  Krieg Uision eines Seefahrers Beowulf. Hermann Walfber Verlagsbuchhandlung Q. m. b. h.so. M A 4 9U^\0 I 6 g^ 5 )( 5 ^ Alle Rechte, besonders das der Ueber- setzung in fremde Sprachen, uorbehalten. Q 0 0m f-3F Inhalts-Verzeichnis. Ursachen des Krieges Seite 1 Der Ueberfall 18 Streitkräfte, Kriegspläne und Chancen .  33 Die Blockade 47 Der Torpedobootsangriff 57 Die Aufhebung der Blockade 71 Der Kreuzerkrieg 8G Der Kaubzug 96 Die Wirkungen des Krieges auf Handel und Industrie 105 Das Ende 112 Ein Nachwort 1201 Ursachen des Krieges. Am 2ten September 1807 erschien vor Kopen hagen eine englische Flotte und eröffnete mitten im Frieden auf die wehrlose und nichtsahnende Stadt ein % schreckliches Bombardement, wodurch ein Teil dieser in Schutt und Asche verwandelt wurde. Erst nach drei Tagen verliess die Flotte, nachdem sie sich alles dessen, was zur Seekriegführung verwendbar war, be mächtigt oder es zerstört hatte, wieder den Hafen. Doch, es sollten ja die Kriegsbegebenheiten am Anfang des 20ten und nicht des 19ten Jahrhunderts beschrieben werden. Der gütige Leser verzeihe die Verwechselung, aber bei der Aehnlichkeit des eng lischen Vorgehens in beiden Fällen ist sie leicht zu er klären. Also zur Sache. Der seit Jahren prophezeite allgemeine Heger aufstand in Südafrika war endlich im Jahre 19xx aus gebrochen. Nach den Lehren, die aus dem einige Jahre früher in Deutsch-Südwestafrika mit vielem Blutvergiessen niedergeschlagenen Aufstand gezogen wurden, war er nicht überraschend gekommen. Trotzdem hatten die Engländer, im Vertrauen auf ihr seit dem Burenkriege vorzüglich ausgebautes2 Eisenbahnnetz, welches schnelle Truppentransporte nach allen Richtungen hin ermöglichte, sowie im Ver trauen auf ihre Erfahrungen in der Behandlung wil der Völkerschaften, die Gefahr zu leicht erachtet. Sie hatten in der ersten Zeit wieder wie im Burenkriege zu geringe Streitkräfte, und erst nach vielen Verlus ten an Menschenleben und dem Verluste vieler Millio nen an Geld und Eigentum begannen sie allmählich Herren des Aufstandes zu werden. In England war man über diese Vorgänge und die enorme Entwertung aller südafrikanischen Pa piere wütend, und schob infolge von Hetzereien der deutschfeindlichen Presse die Schuld den Deutschen in Südwestafrika zu, welches sich des tiefsten Frie dens und schnellsten Aufblühens erfreute, nachdem den dortigen Negerstämmen das Rückgrat durch ihre Niederwerfung im Jahre 1905 gebrochen war. Diese gegen Deutschland ausgesprochenen Verdächtigungen verfehlten ihre Wirkung nicht, umsomehr, als sie auf gut vorbereiteten Boden fielen, denn seit Jahren wurde die Deutschenhetze in England systematisch betrieben. Die Stimmung jenseits des Kanals war äusserst feindselig gegen uns, und es bedurfte nur eines Funkens, um das drohende Gewitter, das Miss gunst und Unkenntnis seit Jahren zusammengeweht hatten, zur Entladung zu bringen. In diese aufgeregte Zeit fuhr am lOten September folgendes Reuter-Telegramm aus Capstadt wie ein Donnerschlag hinein:3 1 * Die Häuptlinge des Betchuana- und Matabele- Stammes flüchteten sich, nachdem sie in 2 Gefechten geschlagen, mit einigen Anhängern über die deutsche Grenze. Da unsere Bitte um ihre Auslieferung von dem deutschen Distriktsoffizier nicht erfüllt wurde, überschritten zwei Kompagnien die Grenze und grif fen die deutsche Militärstation an. Unsere Verluste 5 Todte und 13 Verwundete. Die Deutschen zogen sich, als wir uns anschickten, die Station einzuschlie- ssen, mit Hinterlassung von 4 Todten zurück“. Die Wirkung dieses Telegramms in London und in Berlin war eigenartig verschieden und für die ver schiedenen Volkscharaktere sehr bezeichnend. In London boten Zeitungsjungen bereits um 2 Uhr Mittags Extrablätter mit dem Gebrüll war with Germany“ aus. In den Hauptstrassen drängte sich die Menge aufgeregt durcheinander, und der Mob gab seinen Gefühlen durch Ausrufe wie damned Ger mans, Dutchmen“ u. s. w. leidenschaftlichen Aus druck. Vor dem Auswärtigen Amt drängte sich eine nach vielen Tausenden zählende Menge, die sich auch nicht durch die fortwährend ihnen herausgegebene Benachrichtigung, offizielle Telegramme noch nicht eingetroffen seien, zerstreuen lassen wollte. Die Aufregung an der Börse war ungeheuer, die Kurse fielen rapide. Die englischen consols, dies feinfühlige Barometer für alle Strömungen in der po litischen Atmosphäre, fielen von 88 auf 77, einen Stand, den sie seit Anfang des vorigen Jahrhunderts4 nicht erreicht hatten. Die Panik an der Börse war um so schlimmer und verheerender, als die nahe Beendi gung des Aufstandes grosse hausse-Engagements ver ursacht hatte, die nun in sich zusammenbrachen. Gegen 4 Uhr am Nachmittag waren endlich offi zielle Telegramme eingetroffen, die die Keuter-De- pesche bestätigten, den offenbaren Friedensbruch je doch zu bemänteln suchten. Die Nachrichten verbreite ten sich wie ein Lauffeuer und verursachten eine un glaubliche Aufregung. Auf der Strasse wurden Deutsche auf das gröblichste beschimpft, ähnlich, wie es 1870 in Paris geschehen war. Ueberall zeigte es sich, wie üppig die so sorgfältig gesäte Drachensaat der Hetzerei und Verleumdung aufgegangen war. Es war aber nicht Hass allein, der am Abend in den Ver gnügungs-Lokalen, den musik-halls etc. in die Erschei nung trat, sondern auch eine Eohheit und Selbstbe weihräucherung, deren sich die gebildeten Engländer und alles, was auf den Namen gentlcma^ Anspruch machen konnte, im tiefsten Grunde schämten. Während sich solche Szenen in London abspiel ten, wusste das grössere Publikum Berlin noch nichts von den Vorgängen. Die Beuter-Depesche war auch dort gegen Mittag eingetroffen; die Zeitungsredaktio nen legten ihr aber kein Gewicht bei, denn an ähnliche Depeschen deutschfeindlicher Tendenz, die sich später als erfunden erwiesen, war man bereits gewöhnt. Die iVorgänge würden demnach nicht vor den Abendzeitun gen bekannt gemacht worden sein, wenn nicht die5 Aufregung in London und die Börsennachrichten von dort doch stutzig gemacht und einige Zeitungen zu Ex trablättern veranlasst hätten. So konnte man denn gegen 3 Uhr die würdigen Schnapsbrüder, die in Berlin das Amt der Zeitungsverkäufer versehen, ihre Extra blätter mit demselben stumpfsinnigen Behagen anprei sen hören, mit dem sie irgend eine sensationelle Num mer des Vorwärts auszubieten gewohnt waren. Irgend welche Wirkung auf das Publikum war nicht zu be merken. Erst am Abend gegen 6 Uhr, als die Abend blätter auch die offizielle Bestätigung der gemelde ten Vorfälle durch die englische Regierung brachten, änderte sich das Strassenleben in etwas. Man hörte von den Passanten wohl ihre Entrüstung über die englische Unverschämtheit aussprechen, aber von Ausbrüchen wirklichen Hasses, wie er in den Strassen Londons gegen Deutschland zutage getreten war, war nichts zu merken. Ein schärferer Beobachter mochte wohl ein gewis ses drückendes Etwas, das über der Stimmung des Publikums lag, herausfühlen. Möglich, es die bange Frage war, die sich jeder vorlegte, ob wir denn auch genügend gerüstet seien; möglich auch, es ein Gefühl der Scham darüber war, unsere po litischen, religiösen und wirtschaftlichen Gegensätze in den Augen des Auslandes, und speziell Englands, so gross hatten erscheinen können, es uns behan deln konnte, wie es früher das heilige römische Reich deutscher Nation behandelt hatte. Im Allgemeinen6 schien aber dem Publikum die drohende Gefahr eine? Krieges überhaupt noch nicht so recht zum Bewusst sein gekommen zu sein. Dasselbe Bild wie auf den Strassen zeigte sich auf den grossen Bahnhöfen der Reichshauptstadt; ein merkbarer Unterschied gegen das gewöhnliche Leben und Treiben bei den ankommenden und abgehenden Zügen war kaum bemerkbar, nur schien der Verkehr stärker als an den vorhergehenden Tagen zu sein. * Auf dem Anhalter Bahnhof war zu dem um 6 Uhr 45 Minuten nach Dresden abgehenden Zuge ein ziemlich starker Andrang. Unter dem sich auf dem Bahnsteig drängenden Publikum fiel eine Gruppe von drei Personen auf, ein älterer Herr, ein Generalkonsul a. D. Wendland, sein Neffe, Kapitänleutnant Wend land und ein hochgewachsenes, hübsches junges Mäd chen. Diese Drei waren in lebhafter Unterhaltung begriffen, die damit endete, der Generalkonsul zu den beiden andern tröstend sagte: Kinder, nehmt die Creschichte nicht zu tragisch. Es kann sich doch noch alles wieder zusammenziehen.“ Ihnen dann noch mals freundlich zunickend, verschwand er unter der Menschenmenge, um den beiden jungen Leuten die letzten Augenblicke vor ihrer Trennung nicht zu stö ren. Dass es sich hier um den Abschied zweier Lie benden handelte, und ihnen dieser Abschied sehr schwer wurde, war auf ihren bleichen Gesichtern zu lesen. Hatte doch Wendland vor einer Stunde das7 vielsagende Telegramm, seinen Urlaub zu unterbre chen, erhalten, und dies die wahrscheinliche Mo bilmachung bedeute, wusste er nur zu gut. Das Brautpaar hatte sich im Hause des General konsuls vor zwei Monaten kennen gelernt, wo Mary Wilson als die Tochter eines alten Freundes des Ge neralkonsuls von dessen Aufenthalt in Melbourne her längere Zeit zu Besuch gewesen war. Sie war jetzt auf der Beise nach Karlsbad zu ihrem Vater, der sich dort zur Kur aufhielt; je näher aber der Augenblick zur Trennung heranrückte, um so beklommener wurde ihr zu Mute, und zuletzt wollte es ihr nicht mehr ge lingen, ihre Tränen zurückzuhalten. Einer augen blicklichen Eingebung folgend, machte sie in ihrer Angst um ihren Bräutigam und ihr Glück noch einen letzten Versuch, dem drohenden Geschick sich ent gegenzusetzen, und sich an Wendlands Arm klam. mernd sagte sie ihm: Ich weiss es nur zu gut, Papa wird, wenn wir Krieg bekommen, unsere Verlobung auf heben. Du weisst, wie schwer er sich überhaupt entschlossen hat, seine Einwilligung zu geben, und er gegen Dich eingenommen ist, einzig und allein weil Du ein Deut scher bist und als solcher ein Feind Englands. Wirkst Du nun aber in dem Kriege gegen uns wirklich mit, so gibt er mich Dir nicht zur Frau. Ist denn keine Möglichkeit, Du noch vorher Deinen Abschied nimmst? Du liebst mich doch, und deshalb müsstest Du es doch tun ? Ich bitte Dich darum, ich, ich würde8 für Dich alles daliin gehen, meine Ehre, Franz, ebenso wie mein Leben. Verstehst Du das, Franz?“ Während dieser Worte suchten ihre Augen ängst lich die seinen, und in ihrem errötenden Gesicht prägte sich ein solches Gemisch von Liebe, Hingebung und Willensstärke aus, Wendland es am liebsten mit Küssen bedeckt hätte. In seinem eigenen Gesicht zuckte es eigenartig, aber seine Erregung unter drückend, erwiderte er mit ruhiger Stimme: Hätten wir Frieden, ich würde selbstverständ lich meinen Abschied nehmen und irgend einen Beruf ergreifen, um Dich heimzuführen. Jetzt, wo ein Krieg wahrscheinlich, nach der Depesche, die mein Onkel vorhin erhalten hat, sogar so gut wie gewiss ist, bin ich mit meiner Ehre gebunden; ich kann auch nicht im entferntesten an so etwas denken. Halte ich Dich nun gar zurück und nehme Dich mit mir nach Wilhelmshaven, Dein Vater würde Dich sofort ver- stossen. Und wie kann ich in dem Bewusstsein, Dich hilflos zurückzulassen, irgend einer Gefahr entgegen- gehen? Das hiesse einfach ehrlos handeln.“ Ohne Dich würde ich auch nicht weiterleben, Geliebter,“ unterbrach ihn hier Mary. Ich beuge mich vor Dir in Anbetung und Liebe, Mary. Es ist möglich, ich reiche nicht an Deine Grösse heran, aber kein Mensch kann aus sich heraus. Dem Manne muss Pflicht und Ehre höher stehen als Liebe und Leben. Ich werde mich nach Dir mit jeder Faser meines Herzens sehnen, aber ehrlos werde ich nicht9 gegen Dich handeln. Nach dem Kriege wollen wir auch ohne Zustimmung Deines Vaters heiraten, und wenn ich Dich vom Monde herunterholen sollte. Jetzt aber heisst es, mit Gottvertrauen in die Zukunft blicken.“ Der Moment der Trennung war gekommen, die Schaffner riefen zum Einsteigen und Wendland brachte seine der Ohnmacht nahe Braut in ein Kupee. Das Brautpaar gab sich den Abschiedskuss, und eines jener unzähligen kleinen Dramen, die das grosse Drama, der Krieg, lawinenartig über die Länder aus breitet, mochte hier seinen Anfang genommen haben. Als Wendland den Bahnhof verliess, traf er am Ausgang den Generalkonsul, der auf ihn gewartet hatte und ihn aufforderte, mit ihm an seinem Stamm tisch noch ein Glas Wein zu trinken. Onkel,“ ent- gegnete ihm Wendland, ich wollte Dich gerade bit ten, Dir hier Adieu sagen zu dürfen; für Deine Freunde am Stammtisch passe ich heute doch nicht, und Du würdest mit Deinem Neffen keine Ehre ein- legen.“ Schadet nicht, mein Junge, die zwei Stunden wirst Du schon aushalten, und Du kommst auf andere Gedanken, als wenn Du die Zeit bis zu Deinem Zuge nach Wilhelmshaven auf dem Bahnhofe zubringst. Ich kann es Dir wohl nachfühlen, wie Dir zu Mute ist; aber die Zeit vergeht, der Friede wird auch wieder kommen, und Deine Braut führst Du eben ein Jahr später heim. Uebrigens wird Dein Schwiegervater,10 so wie ich ihn kenne, nun wohl zunächst die Verlobung wieder aufheben wollen. Wie Du Dich dazu verhal ten wirst, ist Deine Sache, ich möchte Dir aber den Rat geben, tritt ihm auf jeden Fall bestimmt und ener gisch gegenüber. Einen starken Willen und Selbst vertrauen schätzt er als Stock-Engländer ausserordent lich hoch, und Du hast schon halb gewonnen.“ Die Beiden hatten unter diesem Gespräch das Stammlokal des Generalkonsuls erreicht. In dem re servierten Zimmer hatten sich an diesem Tage nur einige Mitglieder des Stammtisches angefunden, ein Major, ein Landgerichtsdirektor, ein Oberlehrer und ein Fabrikdirektor. Das ausschliessliche Unterhaltungstliema war selbstverständlich der drohende Krieg mit England. Die Ansichten, die hierbei zu Tage kamen, mussten jeden, der nur einigermaasen objektiv die Weltereig nisse anzusehen gewohnt ist, geradezu in Staunen setzen. Unkenntniss englischer Verhältnisse und des eng lischen Volks-Charakters, noch grössere Unkenntniss englischer Kolonial-Geschichte mochten noch hin gehen, aber die völlige Verkennung der englischen Macht und Grösse und die geradezu lächerliche Nichtachtung der englischen Marine und Armee waren mindestens ebenso gross wie die Unkenntniss der Engländer über unsere Verhältnisse. Und diese Ansichten herrschen, zwar nicht in den massgebenden, aber vielfach in den gebildetsten Kreisen in Deutsch-11 land. Die Unterhaltung, die man an diesem Stamm tisch zu hören bekam, hätte man mit einigen Varia tionen an tausend anderen überall im deutschen Va terland ebenfalls hören können. Sie sind doch wirklich zu beneiden, Herr Kame rad,“ begann der Major, während unsereiner hier im Friedensdienst alt und grau werden muss, wird Ihnen als jungem Dachs schon die Ehre zuteil, einen Feldzug mitzumachen.“ Ha, wer weiss, Herr Major, vielleicht sind Sie schon in vier Wochen an der Spitze Ihres Bataillons in England,“ unterbrach einer der Herren den Major. Ja, wenn das der Fall wäre, aber an die Mög lichkeit denkt man bei uns ja gar nicht einmal. Meine Ansicht ist auch, wir hierzu imstande sein müss ten, denn es kommt doch nicht auf die Anzahl der Panzerschiffe an, sondern auf die Besatzung, und da wäre es doch traurig, wenn unsere vorzügliche Friedensausbildung nicht zur Geltung kommen sollte.“ Was berechtigt uns denn aber dazu, Herr Ma jor,“ erwiderte der Kapitänleutnant Wendland, dem Engländer eine schlechtere Ausbildung zuzu schreiben? Wir tun es in Bezug auf die Armee doch weder Russland noch Frankreich gegenüber. Ueb- rigens lässt sich ein Infanterie-Regiment in kurzer Zeit wieder durch Nachschub vervollständigen, ein Panzerschiff aber nicht, denn Reparaturen können Monate dauern und zu Neubauten gebraucht man12 Jahre. Die Zahl der Schiffe ist also ein sehr wichtiger Faktor im Seekriege.“ Dafür sind aber auch der englische Soldat und Matrose elende Söldner,“ unterbrach ihn der Land gerichtsdirektor, und die englischen Offiziere stehen für ihre persönliche Ehre nicht mal mit der Pistole, geschweige denn mit ihrem Säbel ein, höchstens boxen sie sich.“ Trotzdem haben sich die englischen Soldaten und Matrosen überall und zu allen Zeiten vorzüglich geschlagen, bei Trafalgar, bei Waterloo, in Indien und auch im Burenkriege, und was ich in meiner kurzen Dienstzeit von der englischen Marine gesehen habe, hat mich nur mit Hochachtung erfüllt. Die Schiffe und ihre Besatzung machen einen vorzüglichen Ein druck, und die Offiziere sind gentlemen vom Scheitel) bis zur Sohle.“ So, nun sind wir wieder mal glücklich dort an gelangt, wo ich, seitdem ich wieder vom Auslande zurück bin, mit fast all meinen Bekannten gewesen bin,“ mischte sich der Generalkonsul in das Gespräch. Die eine Ansicht hat der Deutsche, der die Englän der in England oder in seinen Kolonien kennen ge lernt hat, die andere Ansicht hat, wer hierzu keine Gelegenheit hatte.“ Bravo,“ warf hier der Fabrik direktor ein. Ganz ähnlich geht es in England zu. Gegenseitige Unkenntniss ist das Haupthinderniss, weshalb wir einander nicht näher kommen; von eng-13 lischer Seite kommt dann noch eine gute Dosis Gt- schäftsnrüd als alter Nationalfehler hinzu.“ da, Herr Generalkonsul,“ hub nunmehr der Oberlehrer Wagner, ein begeisterter Alldeutscher, an, Gott sei Dank, kommen wir uns nicht näher, denn sonst würde unser armes Vaterland nur verenglisiert oder, was dasselbe ist, verjudet werden. Unsere tiefe Innerlichkeit wird sich niemals mit englischer Auf geblasenheit und Rücksichtslosigkeit vereinigen kön nen und die englische Krämerpolitik wird uns immer verächtlich sein: sie hat denen, die sich von ihr haben umgarnen lassen, immer nur Schaden gebracht. Was ist uns denn von England bis jetzt Gutes gekommen? Nach meiner Ansicht nichts, wohl aber das Gegen teil. Den Grundstein zu Englands Kolonialmacht hat der siebenjährige Krieg gelegt und zum Dank dafür wurde Preussen treulos im Stich gelassen. Beim Wiener Kongress hat England uns geschadet, wie es nur konnte, überhaupt immer und überall, 1864, 1870 und beim Erwerb unserer Kolonien; überall trafen wir auf England als unseren heimlichen Feind, bis es jetzt endlich die Maske abgeworfen hat. Eng lands Habsucht und Egoismus hat bereits Schiller in seinem Gedicht der Antritt des neuen Jahrhunderts mit den Worten gebrandmarkt: Seine Handelsflotte streckt der Brite Gierig wie Polypenarme aus, Und das Reich der freien Amphitrite Will er schliessen wie sein eignes Haus. 14 Was der Dichtergenius mit divinatorischem Scharfblick vor mehr denn 100 Jahren ausgesprochen, ist auch noch jetzt gültig. Hoffentlich aber ist jetzt die Zeit gekommen, Englands Uebermut in seine Schranken zurückgewiesen wird.“ Diese in sehr erregtem Tone gemachten Aus führungen beantwortete der General-Konsul in seiner etwas trockenen Art: Ich will es nur gestehen, ich hin bereits so verjudet, ich Ihre allgemeinen Gesichtspunkte nicht recht verstehe; ich will mich dafür an die Gegen wart und die Wirklichkeit halten, und die ist so ein fach wie möglich: Die Engländer fürchten als Kon kurrenten in Bezug auf Handel, Industrie und See macht nur Amerika und Deutschland. Amerika ist ihnen bereits zu mächtig und deshalb haben sie gegen Amerika jeden Gedanken an Widerstand aufgegeben; sie lassen sich von dort alles gefallen; die willkürliche Feststellung der Grenzen von Alaska und Venezuela, den alleinigen Besitz des Panamakanals, die ame rikanischen Ansprüche auf die Fischerei bei Neu fundland und anderes mehr. Anders ist das mit uns. Hns glauben sie noch niederschlagen zu können, und daher ihre Feindschaft. Diese ihre feindliche Ge sinnung haben sie mit grossem Geschick dem ganzen Volke, ja sogar den Amerikanern, einzuimpfen ge wusst und in keiner Weise verschleiert, so wir uns seit vielen Jahren über die Gefahr eines Krieges vollständig klar sein mussten und dafür vorbereiten15 konnten. Ob wir das zur Genüge getan haben, weiss ich nicht; wohl aber weiss ich, in anderen Län dern, insbesondere in England, jede Forderung für die Wehrkraft des Landes ohne die geringste Schwie rigkeit vom Parlament bewilligt wird, bei uns abc-r bisher nicht, und gerade das hat, meiner Ansicht nach, die Engländer zu der Ansicht unserer Unterlegenheit und Schwäche und zu ihrem Auftreten gegen uns gebracht. In Ihren Augen, Herr Oberlehrer, ist all das eine Gemeinheit und Interessenpolitik, die baar jeder Moral und Eechtlichkeit ist. Aber diese Politik hat England die Weltherrschaft ein eingebracht und kein Engländer, auch der beste und gewissenhafteste nicht, nimmt daran ernstlich An- stoss, sondern findet sich mit dem herrlichen Grund satz right or wrong, my country ab. Ich möchte, wir wären auch so, dann stände es besser um uns. Mein Ideal ist ein enges Zusammengehen mit Eng land; beide Nationen ergänzen sich vorzüglich, das können wir schon an den Mischehen zwischen ihnen sehen, die geben einen guten Schlag. Ja, ja, mein lieber Neffe, Du brauchst deshalb nicht so rot zu werden, das ist eine bekannte Tatsache.“ Das Thema wurde in dieser Weise noch weiter geführt und veranlasste den Landgerichtsdirektor, nochmals aus seiner Reserve herauszutreten mit der Behauptung, von England auch die Pestseuche des Parlamentarismus sich über die Erde verbreitet habe.Eine Erwiderung hierauf unterblieb, da die An sichten hierüber denn doch sehr weit auseinander gingen, und die Unterhaltung lenkte in andere Bahnen. Es wurde dann noch die vorliegende Flotten vorlage erörtert und Schiffe welcher Art wir nötig hätten. Als der Generalkonsul hierbei die Aeusserung tat, das ganz gleich wäre, es käme für die Ab geordneten nur darauf an, die Summen für Neu bauten zu bewilligen oder zu versagen, trat ihm der Oberlehrer energisch entgegen: Der Reichstag wird sich das Hecht niemals nehmen lassen, mitzubestim men, wie unsere Marine ausgebaut werden muss.“ Das soll er ja auch“, fuhr der Generalkonsul fort, aber im Interesse des Landes muss er es den Leuten überlassen, die was davon verstehen, und das sind der Chef der Admiralität und der Chef des Admiralstabes, dafür sind sie angestellt und das ist nun eben ihr business. In England fällt es dem Par lament gar nicht ein, sich um derartige Details zu bekümmern.“ Sehr richtig, Herr Generalkonsul,“ bestätigte ihm Kapitänleutnant Wendland, ob Panzerschiff, ob Kreuzer, ob Torpedoboot und in welchem Verhältnis zu einander, ist eine so unendlich schwierige Frage strategischer und taktischer Natur, dies nur von Seeoffizieren beurteilt werden kann und auch nur von solchen, die diese Frage Jahre hindurch studiert haben. Ich würde mir kein Urteil darüber anzu- massen erlauben.“2 17 Auf diese Argumente zogen die Seestrategen ihre Segel ein und das Thema war hiermit erledigt. Als die Herren bald darauf aufbrachen und auf die Strasse traten, war dort von besonderer Aufregung nichts mehr zu spüren, denn ruhige Ueberlegung hatte jeden zu der Ueberzeugung kommen lassen, ein der artiger Vorfall unmöglich die Einleitung zu einem Kriege bilden könne und England die weitestgehende Sühne gewähren werde. Aus dieser Selbsttäuschung sollte das deutsche Volk durch die Ereignisse der Nacht gründlich her ausgerissen werden. & &18 Der Ueberfall. Die zivilisierte Welt hatte im Jahre 1904 eine Be reicherung um einen ganz neuen Kultur- und Gross staat erfahren, der durch eine einzige grosse Tat den Befähigungsnachweis zur Aufnahme in die Zahl der Grossmächte auf das glänzendste erbracht hatte. Dieser Befähigungsnachweis war der denkwürdige, heimtückische Ueberfall auf die russische Flotte vor Port Arthur am 8. Februar 1904 durch Japan. Japan hatte hierdurch zugleich in Bezug auf Vorurteilslosig keit eine Art Rekord geschaffen, der die Bewun derung der anderen Nationen erregte und in ihnen die besten Vorsätze reifen liess, im Bedarfsfälle eben so zu handeln. Während nun die meisten Staaten diese Vorsätze vor ihren Nachbarn in den tiefsten Tiefen ihres Herzens verborgen hielten, war es wieder das gemütlose England, welches als enfant terrible unangenehm auffallen musste. Der Zivillord der Admiralität Lee, welcher ersc kurze Zeit im Amte und deshalb die treuherzige Bie derkeit älterer Diplomaten sich noch nicht an geeignet hatte, verkündete in einer Rede im Februar 1905 ganz naiv, dass, wenn es unglücklicherweise zu einer Kriegs-19 erklärung kommen sollte, die englische Flotte den ersten Schlag führen würde, noch ehe man auf der anderen Seite Zeit gehabt hätte, die Kriegserklärung in den Blättern zu lesen. Die Sache ging seiner Zeit durch alle Blätter aller Länder, und wenn auch Lee nachträglich feierlichst erklärte, er hätte es nicht so gemeint, so hatten die Nachharn doch allen Grund, auf der Hut zu sein, eingedenk des Sprichwortes: Wes das Herz voll ist, des gehet der Hund über. Wie wohl sie hieran getan, sollte sich bald zeigen. Bevor wir auf das blutige Vorspiel dieses schreck lichen Krieges eingehen, ist es zum Verständnis der schnell aufeinanderfolgenden Kriegsereignisse not wendig, die Bedeutung unserer kleinen und doch so wichtigen Felseninsel Helgoland etwas näher zu be leuchten. Der Wert der Insel tritt für uns überhaupt erst hervor, wenn wir es mit einem überlegenen Geg ner zu tun haben, wenn wir uns also auf die Defen sive beschränken müssen und dies ist leider gegenüber der so sehr viel grösseren englischen Flotte der Fall. Die Insel bildet gleichsam ein weit in die See hinausgeschobenes Aussenfort und einen Beobach tungsposten, der von den Eingängen zur Elbe, Weser und Jade fast gleich weit entfernt ist. Ihre Lage gewährt den auf ihrer Heede oder in ihrem Hafen liegenden Schiffen Schutz gegen die am häufigsten vorkommenden Westwinde. Ihre schweren Geschütze ermöglichen es, unsere Schiffe vor einem stär keren Feinde bei ihr Schutz suchen können und gleich-20 zeitig verhindern sie, der Feind in ihrer Nähe vor Anker geht, um gegen stürmisches Wetter Schutz zu suchen oder um Kohlen einzunehmen. Dabei ist die Insel als fast uneinnehmbar anzusehen, da das Ober land nach allen Seiten steil abfällt und mit dem Unter lande nur durch eine Treppe, einen Fahrstuhl und einen Tunnel verbunden ist, die alle von wenigen Leuten mit grösster Leichtigkeit verteidigt werden können. Das Unterland würde allerdings vom Feinde wohl mit grossen Opfern erobert werden können, jedoch wäre die Besetzung desselben völlig zwecklos, da es von oben mit Geschossen überschüttet werden kann. So wichtig die Insel für uns bei der Verteidigung unserer Küste auch sein mag, für den Feind ist ihr Besitz mindestens ebenso wichtig, denn mit ihrer Er oberung hat er für seine Schiffe und für die Blockade unserer Häfen einen Stützpunkt, einen Ankerplatz und ein Kohlendepot gewonnen, wie er sie sich nur wünschen kann. Seine Schiffe können unbeobachtet dicht an unsere Häfen herangehen, was allein schon einen unberechenbaren Vorteil für ihn bedeutet. Unter diesen Umständen ist es eigentlich uner klärlich, wie England 1890 uns Helgoland gegen das Sultanat Witu in Ost-Afrika hat überlassen können. Entweder muss es damals noch den Aufschwung unseres Handels und somit einen Krieg mit uns überhaupt nicht für möglich gehalten haben, oder aber, es hat sich für so übermächtig gehalten, es21 glaubte, der Insel Helgoland überhaupt nicht zu be dürfen, um unsere Kriegsschiffe in den Grund zu bohren und unsere Handelsflotte von den Meeren weg zufegen. Was auch damals Englands Ansichten ge wesen sein mögen, seine erste Sorge war jetzt, die Insel wieder in seinen Besitz zu bekommen. Ueber moralische Bedenken und Gewissens skrupel setzte sich die Regierung angesichts des grossen japanischen Vorbildes leicht hinweg, auch die offizielle Entrüstung der zivilisierten Welt und die monotonen Predigten von Idealisten und Friedens aposteln brauchte man nicht zu beachten; was die wert sind, wusste man schon seit dem Ueberfall Ko penhagens Anfang des vorigen Jahrhunderts und neuerdings von dem Burenkriege her. Bei gebühren der Nichtachtung verstummt das alles wieder, aber Macht und Vorteile bleiben und nirgends wird der Erfolg mehr angebetet als in der hohen Politik. Die Regierung gab sich auch nicht einmal die Mühe, den eklatanten Friedensbruch einigermassen ge schickt zu motivieren. Das Auslaufen der zum Ueber- fall Helgolands bestimmten Schiffe vor Veröffent lichung des offiziellen Telegramms in London liess sich nicht wegleugnen. Späterhin hat man all dies zwar durch eine Störung des Kabels nach Süd afrika zu verschleiern gesucht, jedoch ebenso ver geblich wie durch die weitere Behauptung, mittelst drahtloser Telegraphie an das Geschwader der Ueberfall noch im letzten Augenblick verhindert22 worden wäre, wenn Deutschland nur am lOten abends die geforderte Erklärung abgegeben hätte. Richtig von all diesen Ausreden war nur, das bei Dover vor Anker liegende 1. Kreuzer - Ge- Geschwader am 9. abends noch nicht wusste, welche Aufgabe seiner am nächsten Tage warten würde. Erst um Mitternacht zum 10. erhielt es den Befehl, am nächsten Morgen von Sonnenaufgang ab seeklar be reit zu liegen und auf direkte Ordre von der Admirali tät zu warten. War dieser Befehl schon an sich be fremdend, so war es das am nächsten Morgen ein treffende Telegramm, das den Krieg mit Deutschland verkündete und den Befehl enthielt, Helgoland zu überrumpeln, erst recht. Dem Admiral und seinen Offizieren schlug aber das Herz höher bei dem Ge danken, endlich nach so langen Friedensjahren den alten Ruhm der englischen Marine durch den Krieg mit einer Grossmacht wieder auffrischen zu können, und in kaum einer Stunde dampfte das Geschwader der Kordsee zu, deren grüne Fluten schon viele Ver brechen und Irrungen des kleinen Menschen geschlechts hatte mitansehen müssen, aber noch keines, das dem gleichkam, was dieses stolze Ge schwader begehen sollte. Das Geschwader legte die etwas über 300 Seemeilen betragende Strecke bis Helgoland mit 20 Seemeilen Fahrt zurück und hatte während des Tages bei schönem Wetter reichlich Zeit und Müsse, die nötigen Vorbereitungen zur Aus schiffung des Landungskorps zu treffen. Hm 1 Uhr23 in der Nacht hatte es sein Ziel erreicht und lag um diese Zeit zwei Seemeilen südwestlich von der Anlegebrücke. Die Nacht war dem Unterneh men ausserordentlich günstig der Himmel war bedeckt, es war stockdunkel und dabei fast Windstille, so weder das Herunterlassen der Boote vom Schiff in das Wasser Schwierigkeiten bieten konnte, noch das Landen der voll besetzten Boote an der Landungsbrücke und am Strande. Während auf den Schiffen alles in angespann ter Tätigkeit war, die Ausschiffung geräuschlos vor sich ging, und jedes verräterische Licht sorgfältig vermieden wurde, erstrahlten von Helgoland her das grosse elektrische Leuchtfeuer sowie die beiden Hafenfeuer, als ob sie den Feind geradezu einladen wollten zur Besitznahme seines früheren Eigentums. An Land hatte man noch keine Ahnung von der drohenden Gefahr. Im Kursaal war gerade die letzte Reunion des Jahres. Der Kommandant von Helgoland mit den Offizieren der Garnison genossen fröhlichen Sinnes das gesellschaftliche Leben der we nigen Tage, die sie noch von dem Ende der Bade saison und der Eintönigkeit der Wintermonate trennten. Die Festlichkeit hatte gegen 1 Uhr ihren Höhe punkt erreicht, als dem Kommandanten, Admiral X.. eine Depesche überreicht wurde, die er mit einem leichten Kopf schütteln und ungläubig lächelnd durch las. Dem in seiner Nähe stehenden Kapitänleutnant24 Krüger und Oberleutnant Schmidt teilte er den In halt kurz mit und gab letzterem den Befehl, sofort unauffällig den Ballsaal zu verlassen, sich nach dem Oberland zu begeben und Generalmarsch schlagen zu lassen. Die Depesche enthält zwar nur eine allgemeine Warnung ohne irgendwelche näheren Angaben,“ fuhr er, nachdenklich seinen Schnurrbart streichend fort, aber die Nacht ist wie geschaffen zu einem solchen Unternehmen; derartig günstige Witterungsverhält- nisse sind nur an wenigen Tagen im Jahre vorhanden. Es sind ja allerdings nur die paar Tore zu schliessen, und nur die Treppe ist zu verteidigen. Aber es heisst denn doch auch der Katze die Pfote beschneiden, da mit ihr für die Zukunft das Mausen vergeht. Wir wollen in einigen Minuten auch aufbrechen, Herr Ka pitänleutnant, sagen Sie es, bitte, auch den anderen Herren.“ Gleich darauf verabschiedete er sich von einigen alten Bekannten, die am nächsten Morgen abreisen wollten und hörte deren Vorwürfe, er den schö nen Abend ihnen allen durch den beabsichtigten Uebungsalarm, denn dies hatte er ihnen gesagt, stören wolle, etwas zerstreut zu. Er steckte es auch ruhig ein, eine alte Exzellenz, ein Generalleutnant z. D. ihm vorhielt: Wie er seinen Offizieren den schönen Abend stören könne, während er den ganzen Winter vor sich hätte und die Insel ja dann nach Belieben auf den Kopf stellen könne.“ Als er sich frei gemacht25 hatte, murmelte er vor sich hin: Ich weiss nicht, die Geschichte kommt mir von Minute zu Minute unheim licher vor, als ob es womöglich schon zu spät sein könnte. Ich will auf jeden Fall nach der Wachtstube telephonieren, sofort alarmiert wird. Die Treppe ist so mindestens 10 Minuten früher besetzt.“ Nachdem er seinen Adjutanten damit beauftragt hatte, ging er selbst auf die Veranda, in die tiefe Dun kelheit hinausspähend, ohne etwas Verdächtiges be merken zu können. Hätte die Musik im Saale nicht so laut gespielt, er hätte vom Strande her das Plätschern der Eiemen und das Anlegen der Boote gehört. Wie eine Er leichterung kam es über ihn, als sein Adjutant zu ihm trat mit der Meldung, der Befehl in der Wacht stube verstanden worden sei, und er brach dann zu gleich mit den noch im Saale befindlichen Offizieren sofort auf. Als sie auf die Strasse traten, rannte ein alter Helgoländer Fischer atemlos auf sie zu mit dem Eufe: die Engländer sind da, sie laufen nach der Treppe”. letzt entstand auch Lärm in den engen Strassen, hinter ihnen war der Laufschritt von Trup pen deutlich vernehmbar. Es war ein verzweiflungs voller Wettlauf nach der Treppe. Nur noch ^enige Schritte davon entfernt, sahen sie einen Trupp eng lischer Seesoldaten aus der letzten Quergasse vor sieh heranstürmen, ihnen den Weg nach der Treppe ver legend ; gleichzeitig pfiff eine Kugel an ihnen vorbei, der erste Schuss in diesem wahnwitzigen Kriege.26 Die Offiziere, denen sich noch einige Badegäste angeschlossen hatten, sprangen auf die Veranda eines der Logierhäuser. An ein Eingreifen ihrerseits war nicht zu denken, da sie völlig unbewaffnet waren, denn Säbel werden auf der kleinen Insel, ähnlich wie es in Potsdam der Fall ist, nur im Dienst getragen. Zu ihrem Glück wurden sie nicht weiter verfolgt. Die Engländer wussten nur zu gut, die Ent scheidung einzig und allein in dem Besitz der Treppe lag und stürmten deshalb, alles andere vorläufig ausser Acht lassend, auf diese zu. Während dessen standen unsere bedauernswerten Offiziere am Fenster des Gastzimmers, von wo aus sie die Treppe in dunklen Umrissen, soweit es die Dunkelheit zuliess, sehen konnten. In dem ernsten Gesicht des Kommandanten war nichts von seiner furchtbaren inneren Unruhe zu erkennen. In gleich gültigem Tone äusserte er vielmehr: die Tore dürften sicherlich geschlossen sein, es sind jetzt 8 Minuten her, Generalmarsch geschlagen ist. Wir können uns in Kühe noch eine Zigarre anstecken, denn zur Untätigkeit sind wir hier vorläufig doch verdammt.“ Diese bangen Minuten erzwungener Untätigkeit soll ten aber doch dazu beitragen, ein zweiter An schlag der Engländer in dieser Nacht ebenfalls zum Scheitern gebracht wurde. Der Kommandant hatte Müsse, trotz seiner eigenen furchtbaren Lage, die grosse Gefahr, in der die Nordseehäfen, insbesondere der für den Verlauf des Krieges so wichtige Nordost-27 see-Kanal, schwebten, sich vor Augen zu Kalten und durchzudenken. Diese Ueberlegungen gaben ihm den rettenden Gedanken ein, dass, wenn sich die Gelegen heit hierzu noch bieten sollte, das erste Telegramm nach Brunsbüttel an den dortigen Hafenkapitän ge richtet werden müsste. In seinem festen Vertrauen auf die Zuverlässig keit seiner Truppen hatte er sich nicht getäuscht. Die eisernen Tore waren geschlossen und hiermit war den stürmenden ein Halt geboten. Einzelne Schüsse fielen bereits auf beiden Seiten, als plötzlich ein heller Lichtstrahl sich auf die Treppe ergoss, von einem Scheinwerfer aus dem Oberland herrührend. Vor der Treppe standen die Engländer, Offiziere, Soldaten und Matrosen, dicht gedrängt. Auf mehreren an das Tor angelegten Leitern stiegen bereits unter Führung einiger junger Marineoffiziere Matrosen herauf, als sie von dem Lichtstrahl überrascht wurden, ln diese dichtgedrängte Masse fuhr jetzt ein Hagel von Geschossen hinein, so alles in wilder Flucht zurückflutete. Das Feuer wurde von einer etwas zu rückstehenden Reserve nur schwach und ohne Erfolg erwidert. Der Angriff war abgeschlagen und Helgoland war gerettet. Die Engländer erkannten auch sofort ihre Lage, alle weiteren Versuche auch bei gröss ter Todesverachtung vergeblich sein würden, und die langgezogenen Töne der Signalhörner riefen alsbald28 das Landungskorps zur Wiedereinschiffung in die Boote zurück. Aber auch der Kommandant, der wenige Minuten später auf dem Oherlande das Kommando über nommen hatte, zog die Konsequenzen aus dem räuberischen Ueberfall und liess auf die zurück kehrenden Boote ein verheerendes Feuer eröffnen. Bei Tageslicht wäre von den Booten keines zu rückgekehrt. Wenn unter diesen Umständen etwa zwei Drittel derselben ihre Schiffe erreichen konnten, so hatten sie es nur der unvermeidlichen Beeinträch tigung der Treffsicherheit der Geschütze zu danken, die in der Nacht nun einmal besteht, weil das Zielen über Visier und Korn zu unsicher und die Beobach tung der Schüsse bei dem unruhigen Scheinwerfer licht zu ungenau ist. Es ist eine alte Erfahrung, Unternehmungen häufig scheitern, wenn, anstatt das Ziel rücksichtlos zu verfolgen, auch noch auf Nebendinge Kücksicht genommen werden soll. Hätten die Engländer mitten im Frieden Helgoland und Brunsbüttel überfallen, sie hätten vielleicht Erfolg gehabt. Ihre Kücksichtnahme auf den äussern Schein, auf eine gewisse Rechtferti gung ihres Friedensbruches liess aber nicht allein den Anschlag auf Helgoland scheitern, sondern noch ein anderes Unternehmen, das sich gegen den Nordostsee- Kanal richtete. Der Plan zu letzterem war so ein fach wie möglich. Ein grosser Dampfer, der mit Steinen und Ce-29 ment beladen war, sollte quer vor die Molen der Ein fahrt zum Kanal gelegt werden, auf diese Weise den Zugang zum Kanal für Monate versperrend. So einfach aussehend der Plan, so schwierig die Ausführung. Das Manöver, einen Dampfer derartig vor den Molen zu versenken, er annähernd quer zu ihnen zu liegen kommt, erfordert grosse Geschicklichkeit und ist nur hei Hochwasser denkbar, also in der kur zen Zeit zwischen Flut und Ebbe. Zu dieser Zeit, wäh rend etwa 20 bis 30 Minuten, ist keine Strömung vor handen, die das Manövrieren mit dem Schiffe er schweren könnte; auch ist der Wasserstand um etwa 3 Meter höher als bei Hiedrigwasser, sodass die Be fürchtung, das Schiff den Grund berühren könnte, bevor es noch in die richtige Lage gebracht ist, fort fällt. Die Kettung der Besatzung nach dem Versenken erschien völlig gesichert. Bei den Tiefenverhältnissen vor der Hafeneinfahrt war an ein völliges Verschwin den des Schiffes unter Wasser nicht zu denken; die Besatzung konnte also das Schiff bequem in Booten verlassen. Die Boote sollten dann an verschiedenen Stellen des Elbufers landen, und die Leute sollten sich einzeln nach Hamburg begeben, um auf diese Weise der Gefangenschaft zu entgehen, in der sie, wenigstens der Kapitän und die Offiziere, erwarten mussten, nicht als Kriegsgefangene, sondern als Einbrecher oder Spione behandelt zu werden.30 Der zu dem Unternehmen bestimmte Dampfer Themis, ein älterer Frachtdampfer, gehörte einer Ge sellschaft, die ständig zwischen London und russischen Ostseehäfen verkehrt. Von den an Bord des Damp fers befindlichen Personen waren nur wenige in den Plan eingeweiht; ausser dem Kapitän und einem Ma rine-Offizier, der in Zivil, angeblich als Passagier, in Wirklichkeit aber als Kommandant mitfuhr, waren es noch drei Mann, die man zum Versenken des Damp fers, zum Oeffnen der Ventile und Sprengen des Schiffsbodens durch Dynamit, notwendig brauchte. Die Eeise ging glatt von statten. Die Elbmün dung ward genau zur vorgenommenen Zeit erreicht, die äusseren Feuerschiffe waren passiert, und als auch gegen zwei Uhr morgens Cuxhaven passiert war und die Themis in die grosse Biegung der Elbe zwischen Cuxhaven und Brunsbüttel einbog, schien der Erfolg gesichert zu sein. Bis hierher hatten alle Leuchtfeuer gebrannt, jetzt hätte das Leuchtfeuer von Brunsbüttel in Sicht kommen müssen, den weiteren Weg anzugeben, aber vergeblich wurde das Dunkel der \ acht mit Fern gläsern zu durchdringen versucht. Die Leuchtfeuer brannten nicht, ein für einen zivilisierten Staat eigentlich ganz undenkbarer Fall. Die Situation wurde bald gefährlich, da das Fahrwas ser in der völligen Dunkelheit ohne die Leuchtfeuer nicht erkannt werden konnte; zuerst wurde die Fahrt des Schiffes vermindert und schliesslich musste ge-31 ankert werden, um nicht am Ufer zu stranden. Das selbe Schicksal teilten mit der Themis mehrere Han delsdampfer, welche ebenfalls von See kamen, um nach Hamburg zu gehen. Der arme Leutnant, der sich schon im Geiste dekoriert und befördert gesehen hatte, war in Verzweiflung, und sah mit fieberhafter Span nung zusammen mit dem Kapitän dem ersten Tages grauen entgegen. Sie wollten es trotz der dann bereits stark laufenden Ebbe versuchen, ihre Aufgabe zu er füllen, ohne Rücksicht auf das Schicksal ihrer eigenen Person. Dazu kam es aber nicht mehr, denn ebenso wie der Hafenkapitän in Brunsbüttel, ein alter See offizier, sofort nachdem er das Telegramm aus Helgo land erhalten, mit schnellem Entschluss das Richtige getroffen hatte, indem er ohne Rücksicht auf die Ver kehrshinderung und mögliche Schiffsunfälle die Leuchtfeuer auslöschen liess, ebenso hatte der Kom mandant von Cuxhaven die nächstliegende Gefahr richtig erkannt und Massnahmen zu ihrer Abwendung getroffen. Er hatte sofort auf zwei der immer bereit Regenden Hamburger Schleppdampfer Matrosen-De- tachements unter Führung von Offizieren geschickt, um alle irgendwie verdächtigen Schiffe zu unter suchen und für die Dauer ihrer Fahrt stromaufwärts zu besetzen. Während einer der Dampfer seewärts ge schickt war, fuhr der andere nach den durch ihre Ankerlaternen weithin sichtbaren, verankert liegen den Schiffen stromaufwärts. So kam es, kurz vor Hellwerden die Themis von einem Matrosendetache32 ment besetzt wurde, bevor sie hätte Anker lichten können. Das Spiel war auch hier verloren. Das Schiff entkam jedoch glücklich, da es vorschrifts- mässige Schiffspapiere mit einer Segelordre nach Riga aufzuweisen vermochte und Verdächtiges auf ihm nicht zu bemerken war. Bekannt geworden ist dies gescheiterte Unterneh men erst nach Beendigung des Krieges durch einen Zufall. Die Folge war ein neuer Paragraph in unserem Strafgesetzbuch, nach welchem absichtliche Beschädi gungen des Nordostsee-Kanals mit langjährigen Zucht hausstrafen oder mit dem Tode bestraft werden sollen.3 33 Streitkräfte, Kriegspläne und Chancen. Als das deutsche Volk am nächsten Morgen nach jahrzehntelangem Friedenssegen erwachte, herrschte der Krieg, der Herz und Nieren prüft, der vernichtet und reinigt, der Trauer und Elend bringt, der ver roht, aber die Edlen veredelt und erhebt, und schliess lich doch das Gute schafft. Dem Reichstage wurde am nächsten Tage vom Reichskanzler die verblüffende Mitteilung, am Abend vorher unserem Botschafter in London vorge halten worden sei, durch die Nichtaaslieferung der Rebellen ein Friedensbruch von Seiten Deutsch lands vorläge. Zu der Forderung der Auslieferung habe England als Vormacht in Süd-Afrika das Recht und die Pflicht gehabt. Das mindeste, was jetzt von Deutschland ge fordert werden müsse, sei erstens die offizielle An erkennung Englands als Vormacht in Süd-Afrika und zweitens die sofortige Abberufung des deutschen Be fehlshabers der betreffenden Grenz-Station. Falls bis 12 Uhr Nachts diese Zusicherung nicht gegeben, behalte sich England weitere Schritte vor. Was die englische Regierung mit den weiteren Schritten ge-34 meint, habe sie durch den TJeberfall Helgolands ge zeigt. Dieser sei insofern überraschend gekom men, als wir erst um Mitternacht eine warnende De pesche des Botschafters erhielten, die möglicherweise absichtlich von den englischen Telegraphenbehörden verzögert worden sei. Diese Mitteilungen wurden mehrfach von Ent rüstungsrufen der Abgeordneten unterbrochen, aber ein brausendes Hurrah erhob sich von allen Seiten, selbst von der äussersten Linken, als der Reichskanzler in seiner Bede .fortfuhr, der Botschafter die wei tere Uebermittelung dieses ungeheuerlichen Ansin nens als seiner unwürdig abgelehnt habe. Mit grösster Begeisterung wurde auch der Be fehl des Kaisers zur Mobilmachung unserer Flotte und Abberufung unseres Botschafters begrüsst und ein stimmig ohne Debatte eine Kriegsanleihe von 500 Mil lionen Mark bewilligt. Dieselbe Wirkung, die die Nachricht im Reichs tag gehabt, hatte sie auch auf das Volk. Wie von einem reinigenden Gewitter war die dicke Staubschicht von Parteigezänke, Konfessions hader, Klassenhass, Philisterei und falschem Idealis mus, die uns in den langen Friedens] ahren zu er sticken gedroht hatte, weggefegt, und wie ein blankes Schild leuchtete wieder Vaterlandsliebe und Königs treue weithin auf. Die Menschenmassen in Berlin fanden wieder ihren Weg nach dem Schloss, wie es 1870 der Fall ge-3 - 35 wesen, und brachten dem Kaiser ihre Huldigungen dar, und vor dem Reichs-Marine-Amt und dem Kriegs ministerium zogen grosse Volkshaufen, patriotische Lieder singend vorbei. Niemand aber dachte daran, vor der nahe gelegenen englischen Botschaft zu de monstrieren, wie es in London vor der deutschen ge schehen war, oder Engländer auf der Strasse zu be lästigen. Dieses feinfühlige Unterscheiden zwischen dem feindlichen Staat und seinen Individuen stellt dem Gerechtigkeitsgefühl und Takt unseres Volkes sicher lich ein gutes Zeugniss aus. Aber gar so sehr stolz wollen wir darauf doch nicht sein, denn auf demselben Boden, auf dem diese guten Eigenschaften, die wir vor allen Völkern allein besitzen, erstehen, wächst auch unsere Nachgiebigkeit gegen fremde Einflüsse, die es fertig bringt, deutsche Auswanderer so leicht ihr Volkstum abstreifen-und vergessen, ebenso steht un sere, erst jetzt allmählich schwindende, Hochachtung vor allem Ausländischen in ursächlichem Zusammen hang damit. Die ältere Generation wird sich wohl noch mit Unwillen und einem Gefühl der Scham daran er innern, wie 1870 die französischen Kriegsgefangenen häufig in unwürdiger und aufdringlicher Weise ver hätschelt worden sind, und zwar nicht nur von unge bildeten Leuten, sondern von Männern und Frauen aus allen Ständen. Es ist bisweilen gut, wenn man diese alten, unliebsamen Geschichten wieder mal an36 das Tageslicht heranzieht und unserer jüngeren Ge neration vorhält, damit sie die Fehler abstreift, die uns noch aus der guten alten Zeit der Kleinstaaterei und des Philistertums anhaften. In dasselbe Gebiet gehört auch das Ueberlaufen der englischen Flotte im Som mer 1905 durch die Badegäste in Swinemünde. Wenn irgendwo, so war gerade bei dieser Gelegenheit kalte Zurückhaltung angebracht, ganz abgesehen davon, dem Engländer ein warmherziges Entgegenkom men überhaupt unverständlich ist, oder ihm höchstens Nichtachtung einflösst. Dem tiefer schauenden Patrioten musste in diesen ersten Tagen des Krieges sich das Herz zusammen- krampfen über den Unterschied zwischen dem alle Schranken durchbrechenden Patriotismus des deut schen Volkes, das zu den grössten Opfern bereit war, und der Unmöglichkeit, diesen Patriotismus wirklich zu betätigen. Wie ganz anders war es doch in den Junitagen 1870 gewesen. Damals drehte sich Alles um den Krieg. Auf den Bahnhöfen, auf den Landstrassen wimmelte es von ein- gezogenen Reservisten. Bis in das kleinste Dorf war die Mobilmachungsordre gedrungen, und hatte den Ehemann, den Bräutigam, den Sohn zu den Fahnen gerufen, und jetzt ? Einige wenige, die bei der Ma rine gedient hatten, wurden einberufen, sonst sah man nichts und hörte man nichts, und dabei wurden vom Volke in naiver Unkenntnis der Verhältnisse die gross-37 artigsten Vorbereitungen und überraschende Unter nehmungen vorausgesetzt. Warum wurden keine Teile des Heeres mobilisert, um für eine Landung an der englischen Küste bereit zu sein ? Diese und andere Fragen sollten gar bald durch den Gang der Ereignisse ihre Beantwortung finden. Jahre hindurch war dem deutschen Volke ge predigt iind bewiesen worden, eine starke, un serem überseeischen Handel entsprechende Flotte eine bittere Notwendigkeit sei, aber der genügende Ausbau der Flotte unterblieb, weil Niemand die zur Beschaf fung der Geldmittel notwendigen Steuern auf seine Schultern nehmen wollte, und die Flotte zu einem Streit- und Handelsobjekt im Spiele der Parteien be nutzt wurde. Dass sich dies rächen musste, war nicht zu ver wundern, denn Kriegsschiffe und ihre Besatzungen lassen sich nun einmal nicht aus der Erde stampfen wie allenfalls Armeen. Aller Opferfreudigkeit und allem guten Willen tönte jetzt das furchtbare zu spät“ entgegen. Man hat später nach dem Kriege zwar zu bewei sen versucht, wir nicht mehr für den Ausbau un serer Flotte hätten tun können, aber einen Widerhall fanden diese Behauptungen nicht mehr. Dem deut schen Volke war niemals, wie behauptet worden ist, zugemutet worden, eine der englischen ebenbürtige Flotte zu bauen, dazu sind wir viel zu sehr zwischen anderen Ländern eingekeilt, und dazu müssen wir ein38 zu grosses Heer unterhalten. Deutschland hat es aber versäumt, eine so grosse Marine zu unterhalten, England davor zurückschrecken musste, einen Krieg vom Zaune zu brechen, weil ihm der Einsatz zu gross war, und es seihst dabei zu grosse Verluste erleiden konnte. Hier lag die Hnterlassungssünde, und infolge dessen auch die eigentliche Ursache des Krieges, durch den die germanische Welt eine so grosse Einbusse er leiden sollte. War denn aber diese Hnterlassungssünde wirk lich so gross? Einige wenige Zahlen mögen dies beantworten. Im letzten Jahrzehnt stieg die Gesamteinnahme des Deutschen Deiches um über 1 Milliarde, der deutsche Aussenhandel von 7,3 auf 12,2 Milliarden, der Wert der Handelsflotte von 327 Millionen auf über eine Milliarde. In ähnlichem Verhältnis stieg der allgemeine Wohlstand des Volkes, so ist zum Beispiel in Preussen in 12 Jahren das veranlagte Einkommen von 5,7 auf 9,12 Milliarden gewachsen. Im Verhältnis zu anderen Staaten hat Deutsch lands Handel im letzten Jahrzehnt um 66 % zugenom men, Englands um 38 %, Frankreichs um 28 % und Amerikas um 59 %. Dass die anderen Staaten, und unter ihnen das am meisten betroffene England, diesem ungeheuren Auf schwung nicht freudvoll zujauchzten, sondern ihn mit allen Mitteln zu bekämpfen suchen würden, konnten39 wir uns an fünf Fingern abzählen. Wir mussten uns deshalb zum Schutz unserer anwachsenden Interessen eine ganz gehörige Sicherheitsprämie auferlegen. Wie es aber damit stand, zeigen folgende Zahlen: Deutschland zahlte 1903 für Armee, Marine und Staatsschuld 959 Millionen, England 2044, Frankreich 1754 und Amerika 980 Millionen. Deutschland zahlte 1905 für die Marine allein 233 Millionen, England 681, Frankreich 255 und Ame rika 424 Millionen. Und schliesslich: Deutschland zahlt pro Kopf für seine Marine 3,7 Mark, England 17,7, Frank reich 6,4 und Amerika 4,6 Mark. Für Bier zahlt der Deutsche pro Kopf ungefähr 30 Mark, und ein Teil der deutschen akademischen Jugend ist dadurch mit 22 Jahren aufgequollen und mit Herzfehlern behaftet. Den beiderseitigen Aufwendungen für die Flotte entsprach auch ihr Wert. Das Verhältnis unserer Schlachtflotte zu der Englands war 1 zu 3 3,5, und nach den beiderseitigen Flottenplänen konnte bis 1917 hierin eine Aenderung auch nicht eintreten. Es blieb auch dasselbe, als all mählich unsere ältesten Linienschiffe, die 4 Schiffe der Badenklasse und 8 Schiffe der Siegfriedklasse, durch grosse Linienschiffe ersetzt wurden. Noch weit ungünstiger als das gegenseitige Ver hältnis der Schlachtschiffe war das der Panzerkreuzer und Kreuzer zu einander, nämlich wie 1 zu 6, und die-40 ses Verhältnis verschlechterte sich noch dazu weiter von Jahr zu Jahr. Ueber die Art der Kriegführung konnte bei die sen ungleichen Machtmitteln kein Zweifel sein. Dia stärkere Partei ging offensiv vor, die schwächere ver hielt sich defensiv. Die Endziele der beiden Parteien lagen ebenfalls klar zu Tage. England wollte durch den Krieg sich seinen gefährlichsten Konkurrenten auf dem Welt markt abschütteln. Zu diesem Zwecke musste die deutsche Handelsflotte von den Meeren weggefegt und die deutschen Häfen mussten durch Blockade tot ge macht werden. Gleichzeitig musste aber auch die eigene Handelsflotte geschützt werden. Hierzu war die Vernichtung der deutschen Kriegsflotte nötig, oder zum mindesten ihre feste Einschliessung, also ebenfalls die Blockade der deutschen Häfen. Dem Kriegsplan lag demnach wie in den früheren Kriegen die ebenso einfache wie grandiose Idee zu Grunde, England nicht in den englischen Gewäs sern, sondern an der feindlichen Küste, vor den feind lichen Häfen verteidigt werden müsse. Diese Idee hatte die englische Kriegführung in den Kriegen des 18. Jahrhunderts und Anfang des 19. Jahrhunderts be herrscht und sich seitdem im englischen Volke fest eingewurzelt; ihre Voraussetzung ist natürlich die vollkommene Beherrschung der See. Aus dieser An schauung heraus war auch der an Grössenwahn gren zende, in England so populäre Vergleich erstanden,41 wonach England als eine Festung, die Meere als ihr Glacis anzusehen seien. Ebenso wie nun das Glacis einer Festung durch die Geschütze frei vom Feinde ge halten werden muss, ebenso die Meere durch die eng lischen Kriegsschiffe frei von feindlichen Schiffen. Für den Krieg mit Deutschland hatte England seit Jahren in aller Gemütsruhe und mit rührender Offenheit die nötigen Vorbereitungen getroffen. Im Jahre 1903 hatte man im Firth of Forth, bei Rossyth, die Anlage eines Kriegshafens begonnen, der nur hei einem Kriege gegen Deutschland von Bedeu tung sein kann. Die grosse Keorganisation der Marine im Herbst 1904 bedeutete eine Mobilmachung in grossartigem Massstabe ausschliesslich gegen Deutschland, dessen Regierung die Gefahr wohl erkannt hatte, aber gegen über der ablehnenden Haltung der Volksvertretung machtlos war. Seit der Keorganisation hatte England den gröss ten Teil seiner Schiffe, worunter die neuesten und besten, dauernd im Dienst, also mobil und zum so fortigen Losschlagen bereit. Fast die gesamten Streit kräfte waren in den Heimathäfen konzentriert, und zwar in den Häfen an der Ostküste. Ihre Zusammen setzung war jedermann bekannt, denn Verheimlichen gibt es in der Marine nicht. Im Frieden bestand diese Flotte, Kanal- und At- lantic-Geschwader zusammengerechnet, aus 22 Linien schiffen, 12 Panzerkreuzern und einer Anzahl von ge-42 schützten Kreuzern und Torpedobooten; bei der Mobil machung unter Hinzuziehung des Mittelmeer- und Re- servegeschwaders verdoppelte sich die Zahl sofort. Dem hatten wir entgegenzusetzen unsere aktive Schlachtflotte, bestehend aus 16 Linienschiffen, 2 Pan zerkreuzern und einer Anzahl Kreuzer und Torpedo boote. Von einer Verdoppelung dieser Streitkräfte bei der Mobilmachung wie in der englischen Marine konnte nicht die Kede sein, wie ein Blick in die Rang liste zeigt. Dahingegen fiel die ungeheure Ueberzahl der englischen Panzerkreuzer schwer ins Gewicht, da sie es mit unseren älteren Linienschiffen sehr wohl auf nehmen konnten. Es ist oben in grossen Zügen gesagt worden, wie sich aus den gegebenen Verhältnissen der Kriegsplan Englands logischerweise wahrscheinlich gestalten würde. Wir werden jetzt sehen, ob und wieweit sich auch der deutsche Kriegsplan mit einiger Wahrschein lichkeit voraussehen liess. Zunächst mögen hier die negativen Momente, d. h. das aufgeführt werden, was wir nicht ausführen konn ten. Da ist zunächst die Landung in England, die in den Köpfen so vieler Deutscher und Engländer herum spukt, die einfach nicht möglich war. Die Gründe, weshalb nicht, lassen sich aus den früheren derartigen Versuchen ableiten. Die Geschichte gibt uns zwei warnende Beispiele.43 Vor 320 Jahren hatte sich Spanien an dem Ver such einer Invasion fast verblutet, obwohl die Armada weit stärker als die englische Flotte gewesen war. Vor 100 Jahren hatte Napoleons Genie Jahre hin durch vergeblich daran gearbeitet, Mittel und Wege zu finden, um eine Armee in England zu landen. Hierzu bedurfte es eben neben einer zum sofortigen Einschif fen bereiten Armee und den nötigen Transportfahr- zeugen auch der Beherrschung des Kanals, und die konnte er nicht erreichen. Lassen Sie uns für sechs Stunden Herr des Kanals sein, und wir sind die Her ren der Welt“, so heisst es in einem Briefe von ihm an seinen Admiral. Mit der Hoffnung, dieses Ziel zu erreichen, hat er sich noch bis drei Monate vor der Schlacht von Trafalgar getragen; erst als er am 25. August 1805 erfuhr, sein Geschwader unter Ville- neuf anstatt nach Brest nach Cadix gefahren sei, gab er das Spiel verloren. Den Beweis für die Richtigkeit seiner Ansicht gab ihm die Schlacht bei Trafalgar. Als diese ge schlagen wurde, waren die für die Landung in Eng land bestimmt gewesenen Truppen längst von Bou- logne nach Oesterreich in Marsch gesetzt, und sechs Wochen später schlug er mit ihnen die Schlacht bei Austerlitz. Seine Massnahmen geben übrigens den besten Beweis dafür, es sich bei Trafalgar durch aus nicht für England um einen Daseinskampf, wie e 3 bei der Centenarfeier 1905 wieder so vielfach hinge- stellt worden ist, gehandelt hat, sondern um den letz-\ 44 ten entscheidenden Schlag gegen einen längst nicht mehr ebenbürtigen Gegner. Heute wie damals ist England vor einer feind lichen Landung absolut sicher, solange es die See be herrscht. Den Beweis hierfür haben nicht nur die früheren Kriege, sondern vor allem auch der russisch-japanische Krieg erbracht. Der TJeberfall der japanischen Torpedoboote am Anfang des Krieges hatte den Japanern nur eine sehr geringe Ueberlegenheit zur See gegeben. Diese hatte ihnen aber genügt, um mit unerhörter Kühnheit eine Landung in grossartigstem Stil an der koreanischen Küste zu unternehmen, und hiermit der Welt zu zei gen, sie die Russen richtiger eingeschätzt hatten, als irgendeine Nation in Europa. Die unglaubliche Tatenlosigkeit der russischen Flotte damals ist übrigens noch immer nicht ganz auf geklärt. Entweder muss es ihnen an Munition, Tor pedos, Kohlen und jeglichem Kriegsmaterial gefehlt haben, oder Dummheit oder Feigheit haben die Unter nehmungen verhindert. Ein einziges Mal im Juni hatten die Kreuzer aus Wladiwostok einen Angriff auf die Verbindungslinie zwischen Japan und Korea un ternommen, und der Erfolg war sofort glänzend ge wesen. Drei japanische Transportdampfer mit 1000 bis 2000 Mann nebst vielen Pferden und Kriegsvor räten wurden hierdurch vernichtet. Das Unternehmen zeigte jedenfalls, bei einiger Tatkraft und Unter-45 nehmungslust noch sehr vieles zu erreichen gewesen wäre. TJnd in der Tat, die Seekriegsgeschichte hat nur wenige Fälle aufzuweisen, in denen auf jedem Geschwader, jedem Schiffe, jedem Torpedoboote eine solche Verantwortung ruhte, und wo diesen eine solche Chance zu unvergänglichem Ruhm geboten wurde, als den Schiffen der russischen Marine im Kriege gegen Japan. Ein höherer Einsatz um Ruhm oder ehren vollen Tod für das Vaterland als damals war kaum denkbar. Es den Japanern nachzutun, war leider für uns ausgeschlossen. Unser Gegner war uns weit überlegen. Seine Schiffe und Kriegsmittel bestanden aus erstklassigem Material. Seine Seeleute mochten vielleicht der gründ lichen und systematischen Ausbildung der unsrigen entbehren, aber an Mut und Tatkraft mussten wir sie als uns ebenbürtig einschätzen. Der Gedanke an eine Landung konnte uns also nicht kommen. Aber auch nicht einmal der Gedanke an eine entscheidende Seeschlacht durfte an uns heran treten, da wir die Früchte derselben doch nicht ern ten konnten. Unsere nach der Schlacht übrig geblie benen Schiffe bedurften auch nach dem vielleicht mög lichen Siege der Ausbesserung, und eine genügende Reserve war nicht vorhanden. England hätte nach unserem Pyrrhus-Sieg in kurzer Zeit neue Geschwader zur Stelle gehabt, und die Seeherrschaft wäre ihm ver blieben, es sei denn, diese neuen Geschwader an derwärts gebunden würden, mit andern Worten, dass46 England noch von anderen Mächten Gefahr drohte. Nur dann konnte uns die Hoffnung auf Seeherrschaft. Landung und Sieg winken, denn die kriegerischen Spielereien der Volunteers und Milizen würden bei allem Mut und aller Aufopferung des einzelnen vor unsern Bataillonen und unserer Taktik nicht bestehen können. Doch fort mit solchen Utopien zur bitteren Wirklichkeit. Allein, ohne Bundesgenossen England gegenüber stehend, bestand unsere Aufgabe darin, unsere Häfen durch unsere Panzerflotte zu verteidigen, die blockier enden Schiffe zu ermüden und bei günstiger Ge legenheit zu vernichten, und schliesslich den engB sehen Handel, die Achillesferse unseres Gegners, nach Möglichkeit zu schädigen. Für letztere Aufgabe konnte die Panzerflotte den ein- und auslaufenden Kreuzern die Haustür zu unsern Häfen zwar offen halten, sie konnte auch überraschend hier und da an der englischen Küste auftreten, aber den englischen Handel nicht ernstlich treffen. Diese Aufgabe ver blieb den Kreuzern, und davon hatten wir leider eine sehr geringe Anzahl. Dies war ungefähr der Plan, den der einfache Menschenverstand eines Laien bei unserer Marine- Oberleitung voraussetzen konnte, und der Verlauf des Krieges hat später die Annahme in vielen Punkten be stätigt.47 Die Blockade. Wenige Tage nach Ausbruch des Krieges began nen die Engländer die Blockade unserer Nordseehäfen und zwar, wie zu erwarten, mit einem Geschwader, das stärker war als unsere ganze Flotte. Die Beweg gründe, die hierzu zwangen, sind bereits oben ange deutet worden. Hätte es sich nur darum gehandelt, unsern Han del brach zu legen, so würde eine Beobachtung unse rer Häfen durch einige Panzerkreuzer und Kreuzer genügt haben. Die Blockade wäre zwar keine voll kommene gewesen, es wäre sicherlich auch manchem Dampfer gelungen, die Blockade zu brechen; aber der Gefahr, gekapert zu werden, setzt sich kein Handels dampfer aus ohne Aussicht auf sehr hohen Gewinn. Hohe Gewinne sind bei dem Geschäft aber nicht zu er warten, denn die wirklich notwendigen und hoch be werteten Waren kann Deutschland ohne Risiko und nur wenig teurer als in Friedenszeiten über Belgien. Holland, Frankreich, Oesterreich beziehen, dazu sind keine Blockadebrecher nötig. Es handelte sich für die Engländer also zunächst weniger um die Schädigung unseres Handels, als um48 den Schutz des englischen, und der ist nur zu errei chen, indem unsern Kreuzern das Ein- und Auslaufen unmöglich gemacht und unsere Flotte an Unterneh mungen an der englischen Küste gehindert wird. Dazu bedarf es aber einer uns überlegenen Flotte vor unsern Häfen. Bevor die dramatischen Ereignisse, die sich im Laufe der folgenden Monate vor unsern Nordseehäfen abspielten, hier erzählt werden, ist es zum leichtern "Verständnis der Vorgänge notwendig, sich die Situa tion der blockierenden Flotte klar zu machen. Die Durchführung der Blockade war in ihren Grundzügen von vornherein gegeben, denn aus den letzten Kriegen war man in allen Marinen zu densel ben Grundprinzipien über die Einrichtung von Blocka den gekommen. Hiernach bildeten die 12 Linienschiffe des Ka nalgeschwaders und 8 Linienschiffe des atlantischen Geschwaders das Gros, welches einige Seemeilen von den äussersten Hntiefen des Wattenmeeres zwischen der Jade und Elbe entweder zu Anker lag oder auf und ab dampfte, sodass kein aus dem Hafen kommendes Geschwader ungefährdet passieren konnte. Die dicht zusammenliegenden Mündungen der Elbe, Weser und Jade ermöglichten es, das Gros alle drei Aus gänge gleichzeitig blockieren konnte. In die Flussmündungen wurden soweit wie mög lich Vorposten, bestehend aus Kreuzern und Torpedo bootszerstörern, geschickt, die einzelne Schiffe am4 49 Auslaufen verhindern sollten und durch drahtlose Te legraphie dem Gros Meldungen über unsere Bewegun gen machten. Im Bücken, nach der offenen See zu, patrouillierten Panzerkreuzer. Zwischen den eng lischen Schiffen und unsern leichten Vorposten war natürlich ein fortwährender Kampf während der gan zen Zeit der Blockade. So sehr die blockierende englische Flotte uns auch überlegen war, so wurde dies doch in mancher Hin sicht bis zu einem gewissen Grade wieder aus geglichen. Die Lage der Engländer war aus verschiedenen Gründen eine recht schwierige. Die Wintermonate brachten stürmisches Wetter, Kälte und, was das Schlimmste war, lange und dunkle Nächte. Die Navi- gierung an unserer Küste ist durch die Ebbe- und Flutströmungen, sowie durch die weit vorliegenden Untiefen an und für sich schon gefährlich, für die Engländer wurde sie aber besonders schwer, da wir die Leuchtfeuer gelöscht hatten. Nachts waren die Schiffe den Angriffen der Tor pedoboote ausgesetzt. In Folge dieser Verhältnisse war der Dienst an Bord ausserordentlich anstrengend und aufreibend, ein Zustand, der allerdings auch seine guten Seiten hat, indem das Personal dadurch vor züglich geschult und gegen die Gefahr abgestumpft wird. Als vorzügliche Beispiele der guten Wirkung der Blockade auf die Kriegstüchtigkeit der Besatzung der50 blockierenden Schiffe mag die fast zweijährige Blockade Nelsons vor Toulon, ferner in neuester Zeit die Blockade der Japaner vor Port Arthur angeführt werden. Aus dem letzten Beispiel hat man dann aber noch eine weitere Schlussfolgerung ziehen wollen, nämlich die, eine eingeschlossene Flotte durch eben diesen Zustand demoralisiert werden muss und schliesslich zu tatkräftigem Handeln überhaupt nicht mehr fähig ist, eine Schlussfolgerung, die für eine in sich tüchtige Marine sicherlich nicht zutrifft. t Die Engländer trugen sich mit der Hoffnung, sich unsere Flotte bald zu einer Entscheidungs schlacht verleiten liesse. Sie hielten es für unmöglich, die junge deutsche Marine die ruhmreichen preu- ssischen Traditionen der kühnen Offensive verleugnen würde und anstatt dessen das klägliche Beispiel der russischen Flotte in Port Arthur befolgen könnte. So ungefähr war die Tonart in den englischen Blättern über uns. Und in der Tat, das vestigia terrent lag nur zu nahe. Aber die deutsche Flotte kam nicht aus dem Hafen, sondern nur Torpedoboote, die ihre unheim liche Aufgabe auf das Glänzendste erfüllten. Der gütige Leser muss sich hier eine kurze Be trachtung über die Chancen, die Torpedoboote Schif fen gegenüber haben, gefallen lassen; anders ist es nämlich nicht möglich, sich die nächtlichen Vorgänge und die heldenmütigen Taten unserer braven See leute klar zu machen und richtig zu würdigen.4 * 51 Die Verwendung der Torpedoboote als Offensiv waffe beschränkt sich im Allgemeinen auf Angriffe in der Nacht; am Tage lassen sie sich nur im Schutze von Hauch und Pulverdampf verwenden, denn nur in diesem Falle können sie hoffen, auf sichere Schuss weite, ohne vorher in den Grund geschossen zu wer den, heranzukommen. Es ist dies auch tatsächlich niemals, auch in der Schlacht bei Tsuschima nicht, versucht worden. Die Schussweite der Torpedos reicht bis etwa 2000 Meter, jedoch ist bei dieser Entfernung die Treff Wahrscheinlichkeit viel zu gering. Um mit Sicherheit zu treffen, muss das Torpedoboot mindestens bis auf 300 400 Meter an den Feind heran, bevor es den Torpedo abschiessen darf, in der Nacht noch näher. Hierin liegt nun die Gefahr und die Schwierigkeit der Aufgabe. Wird das Torpedoboot rechtzeitig be merkt, so ist es sofort einem Hagel von Granaten aus gesetzt, welche Gefahr sich nur dadurch herabmin dern lässt, es mit grösster Geschwindigkeit die Gefahrzone bis zur Abgabe des Schusses durcheilt; je grösser die Geschwindigkeit und je kürzer die mög liche Zeitdauer der Beschiessung, um so geringer dio gefeuerte Zahl der feindlichen Geschosse, und um so geringer ihre Treff Wahrscheinlichkeit. Die Aufgabe nun, auf das feindliche Schiff zu zulaufen und den Torpedoschuss aus naher Entfer nung abzugeben, mag wohl einfach erscheinen, ist aber ausserordentlich schwierig. Denn ist das Torpedo-52 boot an sich schon als eins der vollkommensten Pro dukte von Wissenschaft, Technik und Erfindungsgabe anzusehen, so ist auch seine Handhabung nur von hoch gebildeten und ausserordentlich tüchtigen Menschen möglich. Der Kommandant muss neben Mut und Cha rakterstärke auch Geistesgegenwart und schnellste Entschlussfähigkeit besitzen, um in den fast blitzartig sich ändernden Gefechtssituationen instinktiv das richtige Manöver auszuführen. Er muss ferner sein Personal vollkommen in der Hand haben, und letzte res wieder muss die komplizierten Maschinerien genau kennen und zu gebrauchen verstehen. Dem Fehlen dieser Eigenschaften dürften wohl hauptsäch lich die geringen Erfolge der russischen Torpedoboote gegen die Japaner bei Port Arthur und der spanischen Torpedoboote gegen die Amerikaner bei St. Iago de Cuba zuzuschreiben sein. Reit diesen Kriegen wurde der Wert der Torpedo boote überhaupt vielfach unterschätzt. War es doch im ersten Teil des russisch-japanischen Krieges auch den Japanern, trotzdem sie die Waffe zu gebrauchen ver standen und verschiedene russische Schiffe getroffen haben, nicht gelungen, die Kriegsschiffe damit zum Sinken zu bringen. Die russischen Panzerschiffe Re- twisan, Zessarewitsch und Poltawa geben den Beweis hierfür. Erst in der Schlacht bei Tsuschima erzielten Torpedoboote gegen Schiffe wirklich vernichtende Wirkungen. Zwei russische Panzerschiffe, der Sissoi53 Veliky und Navarin, und zwei Panzerkreuzer, der Naehimoff und Vladimir Monomach, erhielten in der Nacht von Torpedobooten den Gnadenstoss. Diese Polle des Matadors konnten die Torpedoboote aber auch nur spielen, weil alle vier Schiffe von der Tages schlacht her schwer beschädigt waren, und auch hier bei noch kostete der Angriff den Japanern drei Tor pedoboote, die dabei mit in die Tiefe sanken. Die Gründe für die geringen Erfolge der Tor pedoboote liegen in den Gegenmassregeln und Schutz mitteln, die man im Laufe der Jahre gegen Torpedo boote und Torpedos erfunden hat. Zunächst baute man die Schiffe anders. Man gab ihnen einen doppelten Boden, teilte die untern Räume in viele kleine Zellen, sodass grössere Löcher im Schiff wenigstens noch nicht die Gefahr des Sinkens in sich schliessen. Dies hatte nun wiederum zur Folge, die Torpedos und ihre Ladung vergrössert wurden; aber hierin kam man bald an eine bestimmte Grenze, die von allen Marinen erreicht, aber noch von keiner überschritten ist. Die einzige Möglichkeit, die Torpedos gegen Zel len und doppelte Schiffswände wirksamer zu machen, besteht darin, neue Explosivstoffe zu erfinden und an zuwenden, die wirksamer sind als Dynamit und Schiessbaumwolle. Ob dies irgend einer Nation ge lungen, ist nicht bekannt. Es wird seit dem Kriege von den Engländern von unsern Torpedos behauptet54 wegen ihrer furchtbaren Wirkungen, die sie an den englischen Schiffen ausgeübt haben. Mit dem Schutz, den Zellen und doppelte Wände geben, hat man sich aber nicht begnügt, sondern man umgibt das Schiff noch gleichsam mit einem Zaun, der die Torpedos fernhalten soll, ähnlich wie man sich am Lande gegen wilde Tiere zu schützen sucht.. Dieser Zaun besteht aus starken Stahldrahtnetzen, welche an etwa 5 Meter langen Balken über die Schiffsseiten herunterhängen und bis etwa 4 Meter unter Wasser reichen; sie umgeben das ganze Schiff, nur vorn und hinten Lücken lassend. Einen sichern Schutz gewäh ren sie den Schiffen aber nicht mehr, seitdem man den Torpedos Vorrichtungen gegeben hat, die die Netze zu durchschneiden vermögen. Von weit grösserer Bedeutung als alle diese de fensiven Schutzmittel ist das offensive Geschütz, und !war sind dies die sogenannten Antitorpedoboots geschütze, die bis zu 20 Granaten in der Minute ver feuern können und auf allen Schiffen in grösserer Anzahl vorhanden sind. Rechnet man zu dem Feuer dieser Geschütze noch das der kleineren Maschinen kanonen, so sind es über 1000 Geschosse, die ein Li nienschiff auf Torpedoboote in einer Minute würde abfeuern können. Denkt man sich nun diese Summe von Geschos sen dem angreifenden Torpedoboote entgegensausen, so erscheint es fast unmöglich, die Boote nahe ge nug herankommen, um ihre Torpedos abfeuern zu55 können, und dennoch ist die Möglichkeit vorhanden r denn erstens muss das Feuer auf mehrere Angriffe und mehrere Torpedoboote verteilt werden, und zwei tens ist die Treffsicherheit der Geschütze in der Nacht trotz des Scheinwerferlichts eine ausserordent lich geringe. Die Scheinwerfer haben sich überhaupt als eine recht zweischneidige Waffe erwiesen, denn ein unvorsichtiger Lichtstrahl zur unrichtigen Zeit hat die sichere Wirkung, die ganze Meute suchender feindlicher Torpedoboote auf sich zu ziehen oder auch sich dem feindlichen Gros zu verraten. Dieser letz tere Fall hat sich in der Nacht vom 27. zum 28. Mai nach der Schlacht hei Tsuschima ereignet. Die Rus sen hatten die ganze Nacht über die Scheinwerfer in Gebrauch gehabt und hiermit den Feind fortdauernd über ihren Standort und ihren Kurs auf dem laufen den gehalten, so sie ihr Entrinnen selbst unmög lieh gemacht haben. Von grossem Nutzen sind die Scheinwerfer aber beim wirklichen Torpedobootsan griff, nicht nur, weil sie das Ziel für die Geschütze beleuchten, sondern auch weil sie die Besatzung des Torpedoboots derartig blenden, jegliche Entfern ungsschätzung aufhört. Für den Torpedobootskom mandanten heisst es in solcher Lage, die vielleicht den wichtigsten Moment seines Lehens darstellt, und in der es sich für ihn um Sein oder Nichtsein, um Ruhm und Ehre handelt, unbeirrt in einer Hölle von Granat feuer und elektrischem Licht mit rasender Geschwin digkeit darauf losfahren. Vor dem schlimmsten& & * 56 Fehler, den er begehen kann, nämlich den Torpedo auf zu grosse Entfernung abzufeuern, können ihn nur die Erfahrung aus vielen Friedensübungen, Todes verachtung und eiserne Nerven bewahren. Einer der artigen, ebenso notwendigen wie gefährlichen Frie densübung ist am 10. November 1905 das Torpedoboot S 126 vor der Kieler Bucht zum Opfer gefallen. Nach diesen Erläuterungen dürften die nächsten Krieg8begehenheiten ohne weiteres verständlich sein.57 Der Torpedobootsangriff. Es war am 18. September, acht Tage nach Ans bruck des Krieges, als im neuen Hafen von Cuxhaven 10 Torpedoboote friedlich neben einander lagen und mit, grossem Interesse vom Publikum angestaunt wurden. Vom Kriege konnte man an ihnen nichts bemerken, im Gegenteil, es herrschte auf allen eine idyllische Ruhe. Die Besatzungen waren noch um 2 Uhr nachmittags im tiefsten Schlaf und anscheinend ohne Ausnahme dienstfrei, denn selbst die gewöhnlich sten Schiffsposten waren von Matrosen eines im Hafen liegenden Kreuzers besetzt. Endlich gegen drei Uhr regte es sich auf den Booten, und die Leute erhoben sich neugestärkt von den Strapazen der letzen Nacht für den Dienst der bevorstehenden. Um ihre Kräfte hierfür aufzusparen, brauchten sie sogar ihre Mittagsmahlzeit nicht selbst zu kochen, sondern sie nahmen ihre Mahlzeit auf dem Kreuzer ein. Die Offiziere vereinigten sich zum gemeinsamen Mittagessen in dem durch Küche und Keller alt bewährten Dölle’schen Hotel. An der Tafel herrschte eine natürliche Fröhlichkeit, der furchtbare Ernst58 ihrer Stellung und die Verantwortung konnte die Lebenslust und die gesunde Lebensauffassung der Jugend, ihr beute rot, morgen tot nicht verscheuchen. Die Offiziere der verschie denen Boote neckten sich gegenseitig in harm loser witziger Weise; besonders aber waren es zwei junge Leutnants, welche als Zielscheibe kleiner Necke reien dienten. Sie führten bei ihren Kameraden die Spitz namen Castor und Pollux. Seit Sexta hatten sie die selbe Schulbank in der Kadettenanstalt gedrückt, und der Zufall hatte es gewollt, die beiden unzertrenn lichen Freunde auch wirklich noch nicht getrennt worden waren. letzt waren sie Wachoffiziere auf einem Divisionsboot ; eine beabsichtigte Abkomman dierung des einen war vor einigen Tagen von ihrem Divisionschef auf ihre Bitten hin verhindert worden. Ihre Angst vor dieser Trennung war nicht unbemerkt geblieben und daher die Neckereien. Der qualvolle Ausdruck in dem bleich werdenden Gesicht des einen der beiden Freunde liess jedoch die Scherze schnell verstummen. Mit der Stimmung war es auf ein Mal dahin. Es ging wie ein kalter Hauch durch das Zimmer, der allen unerklärlich war, und der dennoch von allen deutlich empiunden wurde. Kapitänleutnant Graf E., ein Mann, der sich noch nie vor Tod und Teufel fürchtete, gab dieser Stim mung Ausdruck, indem er leise zum Flottillen-Chef, Korvetten-Kapitän Dam, sagte: Es ist doch gerade.59 als ob ein Todesengel sein memento mori denen an gesagt hat, die es angeht; ich gehöre auch darunter. Blödsinn,“ antwortete Kapitän Dam, indem sein geistvolles Gesicht einen etwas verwunderten Ausdruck annahm und er prüfend die Tafel herunter sah. Sie werden mir hoffentlich nicht sentimental mein lieber Graf. Was sagt Ihr Lieblings-Schrift steller Goethe noch: Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm, Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen? Was er erkennt, lässt sich ergreifen, Wenn Geister spuken, geh’ er seinen Gang, u.s.w. Na, Herr Kapitän, das wissen Sie, Furcht habe ich nicht, aber zu Ende ist es doch mit mir; hoffent lich aber zusammen mit vielen Engländern. Und damit Prosit!“ Prosit! Sie alte Unke. Wir müssen übrigens die Tafel aufheben, es ist bereits vier Uhr. Vorher will ich aber ihrem Todesengel die richtige Antwort geben,“ und sich erhebend, begann er in seiner eigen tümlich hinreissenden Ausdrucksweise: Meine Herren! Uns ist es nicht vergönnt, bei Gottes herrlicher Sonne unser Leben für Kaiser und Beich einzusetzen. Wir dürfen nicht Auge in Auge frei und offen unserem Gegner entgegentreten. Wie die Meuchelmörder in der Nacht müssen w ir an unseren nichtsahnenden Feind heran schleichen und gleich einem tückischen Dolch- ßtoss ihm den Torpedo in den Leib schiessen60 Aber unser Tun ist geheiligt durch unsern Eid, durch die Pflicht und durch den Dienst, den wir unserem Yaterlande erweisen. Ich will hier nicht anfeuern und eine begeisternde Rede halten, dessen bedarf es nicht, hätte auch keinen Zweck. Vorübergehende Begeisterung und Aufheiterung kann schwachen Ge mütern wohl eine berauschende Militärmusik geben, man kann sie sich auch für kurze Zeit verzapfen aus Alkohol, Kaffee, Tee und andern Dingen. All das brau chen wir nicht. Es kann nur die klare, schnelle Ent- schliessung im entscheidenden Moment beeinträch tigen, und deshalb zerbreche ich hiermit mein Wein glas mit dem Vorsatz, mich all dieser Stimulantien zu enthalten, bis derartige übermenschliche An forderungen nicht mehr an mich gestellt werden.“ Als er hiermit das Sektglas auf den Tisch auf- stiess, es zerbrach, geschah dasselbe von den mei sten seiner Kameraden. Er fuhr dann fort: Be geisterung ist ja gut, und Gebete sind es auch, aber die Pflicht bis zum Tode bei kaltem Verstände ist das beste Gebet. Ob bei unserm Unternehmen dem einzelnen Leben oder Tod beschieden ist, das sind Nebenfragen, und die müssen uns im Hinblick auf unser Ziel gleich gültig sein. Das navigare necesse est, vivere non est“ der alten Hansaleute hat eben für uns eine ganz beson dere Bedeutung. Möge die heutige Nacht unserm Kaiser und dem Vaterlande zum Ruhm und Vorteile gereichen.“61 Etwa eine Stunde später konnte man die Tor pedoboote langsam aus dem Hafen herausdampfen und nach See zu steuern sehen. Um dieselbe Zeit gab der englische Admiral auf Grund der Tagesereignisse seine Befehle für die Nacht heraus. Während des Tages hatten nur einige unbedeu tende Scharmützel zwischen den beiderseitigen Vor posten stattgefunden. Der Gürtel leichter Streit kräfte, mit denen sich das Gros der englischen Flotte umgehen hatte, war wohl an manchen Stellen von un- sern Torpedobooten und Kreuzern beunruhigt und eingedrückt worden, aber nicht in dem Masse, an zunehmen war, wir Fühlung mit dem Gros hätten. Tatsächlich waren wir aber genau orientiert, und zwar durch Unterseeboote, die bei Helgoland statio niert waren und von hier aus nach allen Seiten Rekog- noszierungsfahrten unternahmen. Sie wurden trotz ihrer geringen Geschwindigkeit fast noch mehr ge fürchtet wie die Torpedoboote, und hatten für die blockierenden Schiffe ungefähr dieselbe Bedeutung, wie sie die Schlange im Grase der Wildniss hat. Um ganz sicher vor Nachtangriffen zu sein, dampfte das englische Gros bis zur völligen Dunkelheit nach Nor den und ankerte um 7 Uhr Abends etwa 20 Seemeilen nordöstlich von Helgoland. Trotz der geringen Wahr scheinlichkeit irgend welcher Angriffe wurden jedoch alle Vorsichtsmassregeln gegen ihre Abwehr ge troffen.62 Kein Licht verriet den Ankerplatz der Flotte. Alle Schiffe hatten ihre Torpedoschutznetze ausge bracht und den für die Besatzungen so überaus an strengenden Torpedowachtdienst eingerichtet. Dieser Torpedowachtdienst besteht darin, die Geschütze die ganze Nacht hindurch besetzt und zum sofortigen Schiessen bereit sind, ebenso die Scheinwerfer, von denen nur die Blenden abgenommen zu werden brau chen, um benutzt zu werden. Die Bordwand ist mit 50 60 Mann als Ausguckposten rings um das ganze Schiff herum besetzt, die alle mit angestrengter Auf merksamkeit die Dunkelheit nach Torpedobooten zu durchdringen suchen. Ein derartiges Aufpassen und die damit verbun dene Nervenahspannung war jedoch bereits nach eini gen Tagen einer ziemlichen Gleichgültigkeit gewichen, zumal in den vorher gegangenen Nächten Torpedo boote gesehen und beschossen worden waren, ohne dieselben angegriffen hätten. Dass man sich hierbei, ähnlich wie die Russen bei Hüll, getäuscht haben könnte, daran dachte niemand, es wurde vielmehr der verhängnisvolle Schluss gezogen, die Gefahr vor deutschen Torpedobootsangriffen nur gering sei; be sonders in dieser Nacht erschienen Angriffe unwahr scheinlich, da sieh seit Sonnenuntergang eine zuneh mende Nordwestbrise mit leichtem Regen erhoben hatte, und da die Nacht sehr dunkel war. Da wurde plötzlich gegen 1 Uhr die Flotte durch eine dumpfe Explosion auf ihrem rechten Flügel auf-63 geschreckt. Wie durch einen magischen Zauber war dort der Horizont sofort von einer Anzahl Scheinwer fer erleuchtet, und der Donner von Hunderten von Kanonenschüssen erschütterte die Luft. Die Ereig nisse entwickelten sich jetzt so schnell, eine Be schreibung derselben unmöglich ist. Es war eine Reihe von Angriffen von verschiedenen Richtungen und zu verschiedenen Zeiten, von denen wir hier nur einen herausgreifen wollen, wie er in dem Briefe des Kapi tänleutnants Wendland an seinen Onkel beschrieben ist. Der Brief lautet: Mein lieber Onkel! Ich habe in der letzten Nacht die Feuertaufe be standen, und ich glaube, gut, denn von einem Torpedo weiss ich gewiss, er getroffen hat, von einem zwei ten halte ich es für wahrscheinlich. Es mag wie eine Blasphemie erscheinen, aber nach der letzten Nacht kommt mir die Torpedowaffe mehr denn je als der höchste Sport vor, den es gibt. Der Einsatz ist das Leben, der Gewinn die Schädigung des Feindes, ein Orden mit Schwertern und die Hoch achtung der Kameraden und bei mir, lieber Onkel, vielleicht der Verlust meiner Braut, denn Marys Vater wird seine Tochter einem Menschen, durch den eine grosse Anzahl seiner Landsleute ihren Tod gefunden, nicht in die Ehe geben. Ich griff unter den ungünstigsten Verhältnissen an. Die Engländer waren durch einen vorher unter nommenem Angriff auf ihren rechten Flügel bereits64 gewarnt; mein Torpedoboot musste gegen ziemlich hohen Seegang andampfen und schwankte derartig, ich kaum feststehen konnte, und dazu spritzten noch liegen und Gischt mir ins Gesicht und erschwer ten das Ausspähen in der Dunkelheit ausserordentlich. Da die Treffsicherheit der Torpedos hei schwanken dem Boot ausserordentlich gering ist, so war ich mir darüber klar, ich ganz dicht an das feindliche Schiff heran musste, um einen sichern Schuss abgehen zu können. Wir näherten uns den Schiffen mit ganz lang samer Fahrt, und waren eben bis auf 400 Meter an ein dunkles Etwas, von dem die Umrisse noch nicht er kennbar, herangekommen, als uns von dorther plötz lich ein greller Lichtstrahl tageshell beleuchtete und zugleich blendete. Es kam jetzt so recht der Segen einer systemati schen und harten Friedensausbildung zur Geltung. Niemand war überrascht oder erschreckt; wir alle hatten das im Manöver schon häufig durchgemacht, und jeder wusste, was jetzt zu tun war. Ich bin der festen Ueberzeugung, in diesem Augenblick hat nie mand an sein eigenes kleines Ich gedacht, sondern nur den einen Gedanken und das eine Ziel gehabt, mit dem Torpedo zu treffen. Sobald wir bemerkt worden waren, liess ich die Maschine Volldampf angehen, und die Torpedomann schaften zum Abfeuern bereit sein. Zum Scheinwer ferlicht waren nach wenigen Sekunden die Blitze einer5 65 Unzahl von Geschützen gekommen, die Auge und Geist nur noch mehr zu verwirren drohten. Dazu noch der Donner der Geschütze und die Explosion von Gra naten um uns herum, die in unserer nächsten Nähe in das Wasser einschlugen. Das Boot sauste jetzt mit voller Fahrt dahin. Mei ner Schätzung nach war ich noch über 150 Meter von dem Schiffe entfernt, als ich die Schiffswand plötzlich wie durch Zauber dicht vor mir sah. Diese Täuschun gen bei der Entfernungsschätzung im Scheinwerfer licht sind die grösste Gefahr für das Torpedoboot und der beste Schutz für das Schiff, ich kannte sie aus den Manövern zur Genüge. Mein Freund P. ist vor Jah ren auf S 126 hei einer Friedensübung ihr zum Opfer gefallen. Sein Tod und der seiner braven Besatzung sind aber nicht vergeblich gewesen. Wir haben gerade diese Gefechtssituation seitdem unendlich oft üben müssen. Fast instinktiv feuerte ich den vordem Torpedo durch einen Druck auf die elektrische Abfeuerungs vorrichtung ab und liess zugleich das Boot mit dem Dampfruder so hart wie möglich abdrehen. Während des Abdrehens musste der zweite Tor pedo abgefeuert werden. Ich versuchte mit der Stimme und durch Zuwinken mit der Hand das Zeichen dazu zu geben; bei dem Höllenlärm und dem Pulverrauch aus den Geschützmündungen in unserer nächsten Nähe war aber weder etwas zu hören noch zu sehen.66 Plötzlich zwei kurz aufeinanderfolgende, alles übertäubende Explosionen, die unter andern Umstän den einem batten das Blut in den Adern erstarren las sen, hier aber eine namenlose Freude verursachten, gaben sie doch die Gewissheit, unsere Torpedos getroffen, unser Ziel erreicht, unser Zweck er füllt war. Es galt jetzt, den dritten Torpedo auf ein zweites Schiff, das auf uns geschossen, abzufeuern. Ein Blick auf das Oberdeck meines Torpedobootes genügte aber, um mich von der Unmöglichkeit zu überzeugen. Von den acht Bedienungsmannschaften der Torpedorohre war keiner am Leben. Blutige Fleischmassen lagen herum, dicht neben mir lag ein Kopf mit weitaufgeris- senen, starr blickenden Augen. Dieser grausige An blick machte in dem Moment gar keinen Eindruck auf mich, trotzdem hat er sich mir unauslöschlich einge prägt. Ich suchte jetzt, so schnell wie möglich aus die ser Hölle von Granaten und Pulverrauch heraus zukommen. Die Maschinen gingen mit äusserster Kraft. Ich drehte das Boot hinter das Heck des von mir getroffenen Schiffes, von dem ich nur noch wenig Feuer erhielt, und entkam glücklich. Wie das mög lich gewesen, ist mir jetzt noch ein Eätsel. So recht froh meines Sieges, lieber Onkel, bin ich aber leider nicht. Marys Vater hat mir in seinem letzten Briefe recht kühl geschrieben, er seine Tochter einem Menschen, wenn dessen Hände mit eng lischem Blute besudelt wären, nicht geben würde.5 * 67 Demnach müsste ich mir also sagen, mir die Erfüllung meiner Pflicht gegen mein Vaterland zwar nicht das Leben, dafür aber das Lebensglück geraubt hat. Soweit sind wir aber noch lange nicht. Um letz teres kann ich kämpfen, und deshalb verzage ich auch nicht. Ich will trotz alledem Mary besitzen oder zu Grunde gehen. Vorläufig versuche Du doch mal, lieber Onkel, Deinem alten Freunde klar zu machen, ich nur als Rad einer Maschine mitwirke, mein Herz, meine Persönlichkeit nicht dabei sind. Und in der Tat, ich hasse wohl die englische Politik, weil sie uns feindlich ist, gegen die Engländer als solche hege ich keinen Hass, ich liebe ihre kalte Zurückhaltung, ihr Selbstbewusstsein, die so manche Deutsche nicht be sitzen. Wie wunderlich ist doch der Mensch. Pflicht und Liebe schliessen bei mir einander aus, und doch er fülle ich erstere mit ganzer Seele und erhoffe auch noch die letztere, weil ich es will und weil mir der Kampf um Liebe und Leben Freude macht. Gott gebe mir das Gelingen. Und Du, mein lieber Onkel, stehe bitte Deinem treuen und ewig dankbaren Neffen auch fernerhin so bei, wie Du es bisher in Deiner Güte immer getan hast. Mit herzlichem Gruss Dein Franz.“68 Als am nächsten Tage die Torpedoboote sich bei Cuxhaven sammelten, wurden zwei Boote vermisst, ausserdem waren fünf Offiziere und 40 Mann gefal len, Verluste, die gegenüber den grossen Erfolgen kaum in Betracht kamen. Diese Erfolge bestanden soweit in der Dunkelheit sich hatte feststellen lassen in dem Untergang eines englischen Linienschiffes und der Beschädigung mehrerer anderer. Unter den gefallenen Offizieren war auch der Graf E., dessen Vorahnung nur zu sicher eingetroffen, und einer der beiden Dioskuren-Leutnants Oastor und Pollux, deren Vorahnung sich auch erfüllt hatte. Kapitän Dam fand den überlebenden in seiner Kammer am blutigen Leichnam seines Freundes mit tränenleeren Augen sitzen. Auf seinen Versuch, ihn von der Leiche seines Freundes fortzubringen, sagte der arme Castor nur leise in ergreifendem Tone vor sich hin: Ich darf ihn doch nicht allein lassen.“ Kapitän Dam, der seine Rührung kaum verbergen konnte, fuhr ihn jetzt in ziemlich rauhem Tone an und gab ihm einen dienstlichen Auftrag. Als der Offizier, mechanisch gehorchend, sich entfernt hatte, äusserte Kapitän Dam zu dem herzu tretenden Stabsarzt: Der arme Bursche tut mir ausserordentlich leid. Er muss jetzt Dienst auf gebür det erhalten bis zum Umsinken, anders- kommt er nicht darüber hinweg.“ Auf die Bemerkung des Stabsarztes, die jugendliche Schwärmerei bald vergessen sein würde,69 lächelte der Kapitän und antwortete: Ja, mein lie ber Doktor, er wird es überwinden. Diese ideale Auf fassung von Freundschaft wäre sicherlich auch all mählich von selbst geschwunden, aber das Ende war zu plötzlich und der Sehicksalsschlag hat auf ihn un gefähr die Wirkung gehabt, als wenn einer Psyche die Flügel beschnitten werden, und sie zur Nähmamsell gemacht wird. Er wird wahrscheinlich ein tüchtiger Offizier werden, aber ein Alltagsmensch wie andere. Dieser Mann würde jetzt mit Freuden den qualvoll sten Tod erleiden, wenn auch nur um den Preis, mit seinem Freunde zusammen begraben zu werden. Es gibt doch so manche Rätsel in der Menschenseele, die wir nicht erraten können.“ Als am Abend desselben Tages die Torpedoboote wieder im Hafen lagen, unterrichtete der junge Leut nant bereits eine Anzahl Matrosen, die als Ersatz für Gefallene und Verwundete an Bord kommandiert wa ren, in ihren Dienstobliegenheiten. Keine Miene sei nes bleichen Gesichts verriet seinen Schmerz, nur ein anderer, harter Ausdruck, der vorher nicht dagewesen, war in diesem zu bemerken. Kapitän Dam ging mit dem Stabsarzt auf dem Deck auf und ab. Sie unterhielten sich über das hel denmütige Benehmen, das alle Besatzungen der Tor pedoboote ohne Ausnahme bewiesen hatten, und hier bei kam das Gespräch auch auf die wunderliche Tat sache, wie man unserer Jugend als die höchsten Bei spiele von Vaterlandsliebe und Tapferkeit immer& & * 70 sagenhafte Gestalten fremder Völker des Altertums vorhält, während unsere jüngste Vergangenheit und Gegenwart gleiche Heldentaten in Fülle aufzuweisen haben. Die Taten eines Epaminondas, eines Mutius Scae- vola, der 300 Spartaner bei den Thermopylen kommen heutzutage in jedem Kriege vor. Es sei hier nur an die Pioniere bei Erstürmung der Düppeler Schanzen, an die Leichenhaufen auf der Fahne bei Dijon, an die Einnahme von Omaruru durch Hauptmann Franke in Südwestafrika, den Iltis und andere Heldentaten in den letzten Kriegen erinnert. Jedenfalls sind Selbstauf opferung und Heldenmut heute weit allgemeiner, als es früher je der Fall gewesen ist. Aber die Heldentaten eines Leutnants oder nun gar die eines gewöhnlichen Matrosen entbehren nun mal des romantischen Hau ches und sind uns zu nahe, um unserer Jugend als solche vorgeführt zu werden.71 Die Aufhebung der Blockade. Die englische Flotte hatte in der Septembernacht eines ihrer neuesten Schiffe total verloren und drei andere waren derartig beschädigt, sie schleunigst nach England zurück mussten und wegen der vorzu nehmenden Reparaturen für mehrere Monate nicht mitzählten. Am darauffolgenden Morgen wollte unser Admi ral, obwohl die Blockadeflotte der unsrigen trotz ihrer Verluste noch weit überlegen war, die günstige Ge legenheit benutzen und den Engländern eine ent scheidende Schlacht liefern. Diese Absicht ist später vielfach getadelt worden; ob mit Recht oder Unrecht, mag dahingestellt bleiben. Vielleicht aber war es ein günstiges Geschick für beide einander so nah verwandte Völker, an dem betref fenden Tage dichter Nebel, wie er in dieser Jahreszeit in der Nordsee so häufig auftritt, herrschte und die Flotten von einander fern hielt, so eine Entschei dungsschlacht nicht stattfand. Der Torpedobootsangriff aber hatte allein schon genügt, dem Kriege eine andere Wendung zu gehen und die stolze Ansicht Englands, seine Grenze an72 der feindlichen Küste läge, gründlich erschüttert. Zu nächst musste man sich dazu bequemen, die Durchfüh rung der strengen Blockade, welche das Ein- und Aus laufen der Schiffe überhaupt unmöglich machen soll, als zu gefährlich aufzugeben. Bereits vom nächsten Tage ab wurde das Gros weiter von der Küste ab stationiert, um dann gegen Abend noch weiter nach See zu zu dampfen und vor allem von der Gegend bei Helgoland hinwegzukom men, die durch das ekle Gewürm der Unterseeboote, wie sie bereits genannt wurden, verpestet war, denn ihnen wurde fälschlicherweise der Verrat des Aufent halts der Flotte in der vorigen Nacht zugeschrieben. Ausserdem wurde der Gürtel von Kreuzern und Tor pedobootszerstörern um das Gros herum noch weiter verstärkt, damit jede Fühlung des Feindes am Tage unmöglich gemacht würde. Unsere Torpedoboote waren in Folge dessen gezwungen, in der Nacht ein grosses Gebiet nach den Schiffen abzusuchen, aber un möglich waren die nächtlichen Angriffe damit nicht geworden. Ueber die Chancen der Torpedoboote beim Su chen ist in den Marine-Zeitschriften bereits viel ge schrieben worden. Die geringsten Chancen hat da nach die Findermeute von Torpedobooten bei einer ge radlinigen Küste, weil hier di,e blockierenden Schiffe sich nach allen Seiten ausdehnen können, das abzu- suchende Gebiet also am grössten ist. Je enger dahin-73 gegen die Meeresteile sind, um so kleiner das abzu suchende Gebiet, und um so chancenreicher die Jagd. Ein Blick auf die Karte unserer Nordseeküste be lehrt uns, diese mit ihrer fast rechtwinkligen Ein buchtung nach den Flussmündungen der Elbe und Weser zu für uns verhältnismässig günstig ist, auch sind uns die Chancen, die unsere Torpedoboote hier beim Suchen haben, genau bekannt. Nach einer Berechnung, die die Marin e-Rund- schau vor einiger Zeit brachte, haben vier Torpedo bootsdivisionen, die sich in der Jade oder Elbe oder Weser aufhalten und Abends von dort aufbrechen, bei systematischem, strahlenförmigen Absuchen 56 Pro zent Wahrscheinlichkeit, eine feindliche Flotte zu fin den, wenn letztere etwa 20 Seemeilen von der Elb mündung entfernt ist; bei 40 Seemeilen Abstand sind es noch 28 Prozent, bei 60 Seemeilen 19 und bei 80 Seemeilen noch 14 Prozent Wahrscheinlichkeit. Eine blockierende Flotte würde also ihrer Sicherheit wegen immer so weit wie möglich in See zu gehen suchen, aber je mehr sie dies tut, um so unvollkommener wird die Blockade, denn während der Stunden des Hin- und Zurückdampfens sind die Hafeneingänge offen und die Blockade hat eben aufgehört. Dieser Uebelstand ist um so empfindlicher, je kürzer die Tage sind, sodass im Winter die Blockade durch eine Schlachtflotte überhaupt zwecklos werden kann. Die englische Admiralität hatte sich nach den ersten üblen Erfahrungen noch nicht entschliessen74 können, die folgenschwere Massnahme einer Eückbe- rufung der Schlachtflotte zu treffen; sie hoffte noch immer, die deutsche Schlachtflotte zu einer Seeschlacht herauslocken zu können, auch schreckte sie den auf geregten Volksmassen gegenüber davor zurück, die Unmöglichkeit einer weiteren Blockade durch die Schlachtflotte, sowie ihre allerdings unverschuldeten Misserfolge einzugestehen. Es bedurfte erst noch weiterer empfindlicher Verluste von Schiffen durch unsere Torpedoboote, bis dieser Schritt endlich getan wurde. Die Folge war ein Sturm der Entrüstung in England. Parlament, Presse und Volk waren gleich- mässig enttäuscht und empfanden die Kückberufung ihrer Schlachtflotte wie eine verlorene Schlacht. All mählich kamen ihnen allen bange Zweifel, ob das stolze Brittania rules the waves nicht vielleicht doch nur ein leerer Wahn sei. Bis sie sich aber zur wirk lichen Erkenntnis, von einer absoluten Seeherr schaft einem tüchtigen Gegner gegenüber heutzutage nicht mehr die Bede sein kann, durchgerungen, muss ten noch viele Menschenleben und Milliarden von Gü tern dem Untergange geweiht werden. Man verglich in England die Blockade Port Ar thurs mit der eigenen vor der deutschen Küste und fühlte sich tief beschämt, das, was den Japanern gelungen, der englischen Marine nicht gelingen wollte. Der englische Nationalstolz konnte es nicht fassen, die deutsche Flotte qualitativ der englischen eben-75 fcürtig sei, und sich der Seekrieg von vornherein so ganz anders entwickelte, als der zwischen Russ land und Japan. Wir Deutschen hinwiederum wurden uns unseres Erfolges erst allmählich bewusst. Zunächst herrschte auch hei uns Enttäuschung und Entrüstung darüber, wir Entscheidungs schlachten vermieden. Zum Glück ist aber die ober flächliche Tagesmeinung der vox populi bei uns noch immer ohne Einfluss auf die Kriegführung geblieben und wird es hoffentlich immer bleiben. Unterschätzung des Gegners war hüben und drü ben einander gleich. Dass diese allmählich schwand und in eine richtige Würdigung der kriegerischen und moralischen Eigenschaften des Gegners überging, hat später wesentlich mit dazu beigetragen, die beiden Na tionen wieder einander zu nähern. Nachdem die englische Panzerflotte unsere Ge wässer verlassen, entwickelten sich die Verhältnisse mit Naturnotwendigkeit so, wie es von den Engländern gefürchtet und von uns erhofft worden war. Ein grosse Anzahl Panzerkreuzer, Kreuzer und Torpedoboote suchten die Blockade unserer Nordsee häfen aufrecht zu erhalten. Sie flogen aber wie Spreu auseinander, sobald unsere Panzerflotte auf der Bild fläche erschien, deren beste Schiffe den Geschossen der Panzerkreuzer gegenüber unverwundbar blieben, während ihre eigenen Granaten alles zerschmetterten, was sie trafen.76 Dabei setzten sich unsere Torpedoboote und Unterseeboote wie die Bremsen an die Fersen der blockierenden Schiffe; sie konnten dies ohne grosse Gefahren tun, denn mitten auf dem Operationsfeld liegt eben Helgoland als sicherer Hort, welcher mit seinen Geschützen eine kreisförmige Fläche mit einem Durchmesser von mehr als zwei deutschen Meilen be herrscht. Konnten die Torpedoboote aber Helgoland nicht mehr erreichen, so boten die schwierigen Ge wässer zwischen den Nordseeinseln ihnen im Notfälle Zufluchtsstätten, wohin ihre Verfolger ihnen nicht folgen konnten. Bei diesen grossen Gefahren, die durch die Herbststürme noch vermehrt wurden, war den Englän dern die Durchführung einer sogenannten effektiven Blockade unmöglich, und es trat der das Ansehen Eng lands schwer schädigende Fall ein, die neutralen Mächte die Effektivität der Blockade anzweifeln konnten. Die völkerrechtlichen Bestimmungen, um die es sich hierbei handelte, sind in dem Paragraph 4 der be rühmten Pariser Konvention vom Jahre 1856 unter Zustimmung aller in Betracht kommenden Nationen und für alle bindend festgelegt worden. Dieser Paragraph 4 lautet: Die Blockade muss, um anerkannt zu werden, effektiv sein, d. h. sie muss durch eine genügende Macht unterhalten werden, um den Zugang zu den feindlichen Gewässern wirklich zu unterbinden.“77 Werden diese Bedingungen nun nicht erfüllt, wie es hier von den neutralen Mächten behauptet wurde, und wie es auch wirklich der Fall war, so hat die blockierende Flotte nicht das Eecht, neutrale Schiffe, selbst wenn sie feindliches Gut führen, am Ein- und Auslaufen zu verhindern oder gar fortzunehmen, aus genommen natürlich den Fall, sie Kriegskontre- bande, deren Begriff allerdings sehr dehnbar ist und bei Ausbruch jedes Krieges von den einzelnen Parteien genau festgelegt wird, mit sich führen. Bas Karnickel, das den Anstoss zu diesem höchst unhöflichen Dazwischentreten gab, war natürlich Englands bester und intimster Freund, die Vereinig ten Staaten von Nordamerika, um deren Freundschaft England seit Jahren bis zur Selbstentwürdigung ge buhlt hatte, ähnlich wie Frankreich um die Russlands. Gerade das Dazwischentreten der Vereinigten Staaten aber musste in England unheimliche Empfindungen und Erinnerungen an frühere Zeiten wachrufen. Vor 100 Jahren nämlich hatte England es auch gewagt, eine nicht effektive Blockade, damals über die ganze französische Küste, zu verhängen und Jahre hindurch aufrecht zu erhalten. Damals hatte lange Zeit hindurch kein Staat es gewagt, Einspruch zu er heben oder sich der Wegnahme seiner Schiffe von England zu widersetzen, bis schliesslich dem jüngsten aller Staaten, Nordamerika, die Geschichte zu bunt wurde und er 1812 England wegen Konfiszierung amerikanischer Schiffe einfach den Krieg erklärte.78 der zwei Jahre gedauert und England damals aufs empfindlichste geschädigt hat. In Erinnerung dieser Tatsachen wurde England n seinem Auftreten den neutralen Mächten gegenüber bald bescheidener, und als dann noch einige Verluste an Schiffen der Blockade-Geschwader hinzukamen, entschloss es sich endlich, die Blockade auch offiziell aufzuheben. Wie unsere Hansastädte dadurch zunächst sich wie von einem Alpdruck befreit wähnten, während es für das deutsche Reich selbst von sehr geringer Wir kung war, soll später bei den Wirkungen des Krieges auf den Handel besprochen werden. Der Krieg war jetzt in ein ganz neues Stadium getreten, von dem die Kriegsgeschichte Aehnliches nicht zu berichten weiss. Die beiderseitigen Schlachtflotten lagen an ihren Küsten gleichsam als wenn überhaupt kein Krieg wäre. Trotzdem aber war jedes einzelne Schlacht schiff von unbezahlbarem Wert Jede Aenderung der Stärkeverhältnisse, oder das Drohen einer dritten Macht konnte den hypnotischen Bann, in dem die bei derseitigen Streitkräfte gehalten waren, plötzlich aus- lösen. Die deutsche Schlachtflotte war jetzt den Eng ländern im wahrsten Sinne das geworden, was Rudyard Kippling so treffend mit a fleet in beeing benannt hat. Allein durch ihr Vorhandensein war sie für den Gegner eine fortwährende Gefahr, da sie nicht allein79 grosse Machtmittel an bestimmten Orten notwendig machte, sondern auch in vielen andern Beziehungen lähmend wirkte. Die sicheren Ausblicke für die Zukunft, wie sie von englischen Admiralen in verschiedenen Zeitschrif ten vorausgesagt worden waren, nämlich eine schnelle und gründliche Vernichtung der deutschen Marine, erwiesen sich als irrig. Unsere Panzerflotte tat ihnen nicht den Gefallen, sie blieb die fleet in beeing, und, was das schlimmste war, sie konnte es bleiben, Jahre hindurch, bis Deutschland ein Bundesgenosse entstan den war. Die Unmöglichkeit, den Gang kriegerischer Er eignisse vorausberechnen zu wollen, sollte sich hier wieder einmal voll und ganz zeigen. Das deutsche Reich wurde zwar sehr schwer ge schädigt, aber das wurde England auch, und sowohl als Konkurrent wie als Gegner blieb Deutschland von gleicher Bedeutung wie vor dem Kriege. Das Verhältnis zwischen den beiden kriegführen den Mächten hatte sich nunmehr völlig geändert. England war trotz seiner Uebermacht in gewisser Hinsicht in der Defensive, Deutschland in die Offen sive gerückt. Ersteres musste seine weit ausgedehn ten Küsten und offenen Häfen vor überraschenden Angriffen durch unsere Flotte jederzeit zu verteidigen bereit sein, es hatte in allen Oceanen seine Handels schiffe zu schützen, während es selbst ein wertvolles Angriffsobjekt gar nicht mehr finden konnte.80 Die Blockade der Nordseeküste war aufgehoben Worden, unsere Handelsflagge von den Meeren ver schwunden. Unsere Nordseehäfen aber anzugreifen, davor schreckte man denn doch zurück, da hierbei so wohl mit unserer Flotte, wie auch mit den Küstenforts und Minensperren und gefährlichen Fahrwasserver hältnissen vor den Flussmündungen gerechnet werden musste. Noch aussichtsloser als in der Nordsee waren offensive Unternehmungen in der Ostsee. England hatte am Anfang des Krieges etwas re- nommistisch auch über die ganze deutsche Ostseeküste die Blockade verhängt. Dieselbe war hier aber noch viel weniger durchzuführen als in der Nordsee. Sie erforderte einen Aufwand von Schiffen, der auch nicht im entferntesten im Verhältnis stand zu den Gefahren und zu dem unbedeutenden Seehandel, den wir in der Ostsee haben. Dem geehrten Leser, der durch die letzte Behaup tung befremdet sein sollte, sei hier bemerkt, der gesamte Seehandel unserer Ostseehäfen, also Königs berg, Danzig, Stettin, Lübeck und alle andern Häfen zusammengerechnet, noch nicht die Hälfte des See handels von Hamburg ausmacht. Dabei ist der Haupt verkehr Küstenschifffahrt, die im Notfall durch Eisen bahnen aufgenommen werden kann; nur drei Prozent unseres Gesamtverkehrs mit aussereuropäischen Län dern entfällt auf die Ostseehäfen.6 81 Für einen englischen Angriff hat die Ostsee dem nach überhaupt keine grosse Bedeutung, und es zeugt nur von einer völligen Unkenntnis der Verhältnisse, wenn im Sommer 1905 in englischen Zeitungen dem deutschen Reiche die Absicht untergelegt werden konnte, es die Ostsee als mare clausum erklären wolle. Es hatte hierzu absolut keine Veranlassung, denn in gewisser Beziehung war es dies längst.. Bietet die Ostsee einerseits wegen unseres gerin gen Handels einem Feinde wenig Angriffspunkte, es sei denn, er offene Städte bombardieren wollte, so ist sie andererseits für ihn ausserordentlich gefährlich, und zwar durch den Nordostseekanal, dessen strate gische Bedeutung jetzt bei dem englischen Ostsee- Unternehmen so recht zu Tage trat, denn der Kanal gab unserer Flotte die Möglichkeit, in 24 Stunden von der Nordsee nach der Ostsee zu fahren, um gegen die blockierenden Kreuzergeschwader vorzugehen. Letztere konnten vermöge ihrer grösseren Ge schwindigkeit zwar einen Zusammenstoss vermeiden, sie hatten aber keine Stützpunkte. Hätten wir hier eine grössere Anzahl Schiffe gehabt, so hätten die eng lischen Schiffe wahrscheinlich vernichtet werden kön nen. Unter den gegebenen Verhältnissen aber konn ten sie unserer Panzerflotte entfliehen und ohne grosse Verluste die Ostsee verlassen, froh, als Vorwand hier zu die abnehmende Winterschiffahrt angeben zu können.82 Eines einzigen, weithin sichtbaren, aber dennoch billigen Triumphes konnten sich allerdings die Eng länder nach einigen Wochen des Krieges rühmen, das war die Besitznahme unserer Kolonien, ausgenommen Kiautschou, an das sie sich aus Furcht vor Verwicke lungen mit andern Staaten nicht heranwagten. Aber auch diese Freude wurde ihnen vergällt, denn Amerika liess deutlich durchblicken, man dort mit einer dauernden Besitznahme durchaus nicht einverstanden sei. Ueberhaupt wurde die Sprache von dort bald recht unfreundlich. Die Gründe hierfür waren den Engländern, die durch ihre geographische Lage und ihre geschichtliche Entwickelung nur mate rielle und Handels-Interessen anzuerkennen gewohnr sind, einfach unverständlich. Aber die Yankees haben nun mal bereits zu viel deutsches Blut in sich aufgenommen, um nicht auch schon etwas vom deutschen Idealismus in sich zu spüren. In den amerikanischen Köpfen hatte das gigan tische Traumgebilde, dereinst die germanischen Völker die Welt beherrschen sollen, festere Gestalt an genommen. Dass dies aber niemals gegen Deutsch land, sondern höchstens mit Deutschland möglich ist, darüber war man sich dort ebenfalls klar. Neben dei deutschen Macht sind es der deutsche Idealismus, Aus dauer und Gründlichkeit, die es zum wichtigsten Bau stein in diesem Zukunftsgebäude machen. Es waren nun aber nicht diese latenten Volks-6 * 83 Instinkte und Ansichten allein, die in dem deutscK- englischen Krieg die Sympathien der Amerikaner den Deutschen zuwendeten, sondern es kam noch ein ganz besonderer Grund hinzu, das englisch-japanische Bündnis. Dies Bündnis, zuerst von den Engländern als der Inbegriff einer weisen und weitausschauenden Politik angesehen, war in Wirklichkeit nur als ein Produkt der Angst vor Russland zustande gekommen. Seit Jahren hatten die Engländer wie hypnotisiert nach ihrer Nordwestgrenze von Indien hingestarrt, genau so wie die Franzosen nach dem Loch in den Vogesen, und um deswillen hatten sich die Franzosen an die Engländer und die Engländer an Japan verkauft. Dass das Bündnis gegen Russland durch dessen Zusammen bruch in kurzer Zeit bedeutungslos werden würde, hatte man in England nicht vorausgesehen, wohl aber, man mit Japan auch im Notfälle einen Druck gegen den allzu groben Freund Amerika ausüben könne. In Amerika war man sich erst allmählich über die grosse Gefahr des Bündnisses klar geworden. Man hatte wohl Japan mit richtigem Urteil als den zukünf tigen Feind erkannt, gegen den es die Philippinen zu verteidigen haben würde, und mit dem es dermaleinst den Kampf um das Weltmittelmeer, den Stillen Ozean, ausfechten muss; aber Japan an England eine Stütze finden könnte, oder gar England helfen könnte, Amerika zu bekriegen, daran hatte Niemand gedacht.84 Seit dem Bündnis war die Weltstellung Amerikas eine andere geworden, es war gegen England nicht mehr unverwundbar, und mit dieser Erkenntnis die früheren Sympathien für England erlöschen muss ten, war eigentlich selbstverständlich; es gehörte der ganze naive Egoismus der Engländer dazu, sich hier über noch zu wundern. Die Japaner haben übrigens die versteckte feind liche Gesinnung der Amerikaner bereits während der Friedensverhandlungen in Portsmouth empfinden müssen; die Engländer erhielten einen Vorgeschmack davon bei ihrem Flottenbesuch in Newyork im Novem ber 1905. Weder hatte sich der Präsident Roosevelt zu einem Gegenbesuch bei dem Admiral Prinz Batten berg herbeigelassen, noch hatte die Stadt Newyork irgend eine Festlichkeit zu ihrem Empfang veranstal ten wollen. Einer der ersten und bedeutendsten Amerikaner der Gegenwart, der Historiker Kapitän Mahan, sagt in einem seiner Werke: Die Neigungen der Staaten werden ihrem natürlichen Interesse folgen, ein Zu stand, der, weil gesund, auch längeres Leben ver spricht. Hieraus folgt eine Solidarität der Interessen zwischen Deutschland, Grossbritannien und den Ver einigten Staaten, welche mehr als von augenblicklicher Dauer ist, da die Vorbedingungen dazu in festen, ge gebenen Verhältnissen liegen.“ An einer andern Stelle heisst es: Um die letzte Lücke der Völkergruppe, die nach* 85 Abstammung und Anlage zusammengehört, zu schlie- ssen, müsste der Zweig der teutonischen Familie hinzu treten, der im Deutschen Reich seinen mächtigsten (Vertreter gefunden hat.“ Der Gegensatz hierzu ist Deutschland an der Spitze des europäischen Festlandes gegen die übrige germanische Welt. Sollte das eintreffen, so ist es England, das die Schuld daran trägt, und dadurch den Fortschritt der menschlichen Kultur vielleicht um Jahrhunderte zurückhält.86 Der Kreuzerkrieg. Drei Monate waren seit Ausbruch des Krieges vergangen und von grossen Schlachten war immer noch nichts zu berichten, dafür wütete aber der Kreu zerkrieg und zerfrass wie ein schleichendes Uebel den gesunden Organismus der beiden kriegführenden Staaten. Von einem ritterlichen Hingen zweier starker Kämpfer war nicht die Hede mehr. Vernichtung des Handels, Zerstörung oder Wegnahme feindlichen Guts ohne Erbarmen und nur in der Absicht, den Geg ner nach Möglichkeit zu schädigen, war der einzige Zweck dieser Art von Kriegführung. Es ist über den Kreuzerkrieg sehr viel geschrie ben worden, und die entgegengesetztesten Ansichten sind dabei zu Tage getreten, bis man endlich in allen Marinen, mit Ausnahme der französischen, zu der Ueberzeugung gekommen ist, der Kreuzerkrieg zwar als eine wertvolle, aber niemals entscheidende Seekriegsführung anzusehen ist. Nach den heutigen Grundsätzen fällt der Sieg dem zu, der die See be herrscht, und das Hingen um diese Seeherrschaft kann nur durch die Schlachtflotte entschieden werden.Diese Ansichten sind wieder am klarsten und folgerichtigsten von dem Kapitän Mahan dargelegt worden. Sie werden von der Geschichte, allerdings der Zeit der Segelschiffe, ebenfalls bestätigt. Vor hundert Jahren wurde von Napoleon, nach dem seine Flotte geschlagen war, ein Kreuzerkrieg in grossartigem Massstahe gegen England unternom men. Der englische Handel wurde in schwerster Weise geschädigt, aber allmählich verschwanden die Kreuzer von den Meeren; teils wurden sie von dem übermächtigen Gegner im Kampfe vernichtet, teils mussten sie sich aus Mangel an Stützpunkten irgend wo verkriechen, da es ihnen an Munition und Aus rüstungsgegenständen fehlte. Noch hundert Jahre früher, am Anfang des 18 . Jahrhunderts, hatte Frankreich ebenfalls einen zuerst ausserordentlich wirksamen Kreuzerkrieg gegen Eng land geführt, es sei hier nur an die Taten eines Jean Bart erinnert, aber auch damals hatte sich diese Art der Kriegführung an der TJebermacht des Gegners allmählich verblutet. Trotz dieser Lehren, die uns die Geschichte gibt, ist es aber gerade wieder Frankreich, das seine Ma rine mehrere Jahre hindurch ausschliesslich nach die ser Richtung hin ausgebaut hat. Im Gefühl seiner Schwäche gegen England will es mit Kreuzern, Tor pedobooten und Unterseebooten den Krieg führen. Die Vertreter dieser Politik, die sogenannte jeune88 ecole, verteidigen ihren Standpunkt mit folgenden Gründen: Englands Schifffahrt ist doppelt so gross wie die der ganzen übrigen Welt, mithin am meisten verwund bar. England ist heutzutage auf fortwährende Zu fuhren von ausserhalb angewiesen, wenn nicht Hun gersnot im Lande entstehen soll. Hierdurch sind die Verhältnisse gegen früher ganz verschiedene gewor den, und England mag schon bei nur teilweiser Unter bindung seines Handels durch den Kreuzerkrieg zum Frieden gezwungen werden. Diese Niederzwingung Englands ist nun in zwei facher Weise gedacht. Entweder muss es gleich in der ersten Zeit des Krieges von einer mächtigen Kreu zerflotte so vollständig nach aussen hin abgesperrt werden, es wegen Mangel an Nahrungsmitteln früher um Frieden zu bitten gezwungen ist, bevor es die feindlichen Kreuzer überwältigt hat; oder aber Englands Feind muss eine so grosse Kreuzerflotte haben, er alle Verluste des Kreuzerkrieges wieder ersetzen und den Krieg auf diese Weise so lange hin ziehen kann, bis England durch die Schädigung seines Handels zum Frieden gezwungen ist. Beide Voraussetzungen dürften sich der Wirk lichkeit gegenüber wohl als optimistische und leere Phantasiegebilde erweisen. Für Frankreich haben sie aber in der Tat eine gewisse Berechtigung, erstens durch seine geographische Lage zu England, zweitens aber auch dadurch, England bei einem Kriege mit89 irgend einer andern Macht sich den kurzen Seeweg nach Frankreich immer offen halten und sich auf die sem Wege ernähren kann, während diös mit Frank reich als Feind natürlich fortfällt. Auf solche theoretischen Erwägungen hin seine Marine ganz einseitig auszubauen, und zwar mit Rück sicht auf den ganz bestimmten Gegner England, hat nur Frankreich unternommen. Keine andere Nation ist ihm hierin gefolgt, insbesondere auch wir haben uns vernünftigerweise auf eine derartige unsolide Marinepolitik nicht eingelassen. Als solide Leute, die ihr Haus gegen Stürme von allen Seiten errichten, haben wir unsere Marine har monisch auszubauen versucht, wie es alle andern Staa ten ausser Frankreich ebenfalls tun, und wie es selbst verständlich ist, wenn man mit den verschiedensten Staaten in Krieg verwickelt werden kann. Tatsächlich war dieser Ausbau aber wegen der geringen Anzahl Kreuzer nicht vollendet worden, so- das Verhältnis derselben zu den englischen Streit kräften dasselbe geblieben war wie in den früheren Jahren, nämlich wie 1 zu 6, in Bezug auf kleine Kreu zer sogar noch ungünstiger. Diese ganz ungenügende Anzahl Schiffe, welche wir zur Störung des englischen Handels hatten, wurde in etwas vergrössert durch Hinzunahme einer Anzahl unserer schnellsten Passagierdampfer, die mit einigen leichten Geschützen armiert und dann als Hilfskreu zer in die Zahl der Kriegsschiffe eingereiht wurden.90 Unsere grossen Schnelldampfer besitzen nämlich die Ifaupteigenschaften, die Hülfskreuzer haben müssen, grosse Schnelligkeit und grosses Kohlenfas sungsvermögen, in ganz hervorragendem Masse. Sie sind allerdings auch ausserordentlich leicht verwund bar, und sollte es einem feindlichen Kreuzer gelingen, bis auf % 34 deutsche Meile an sie heranzukommen, so ist ihr Schicksal besiegelt, aber davor soll sie eben ihre Schnelligkeit bewahren. Ebenso hülflos wie diese sogenannten Hülfs kreuzer den Kreuzern gegenüber sind, ebenso hülflos erscheinen letztere gegenüber dem König der Meere, dem Panzerkreuzer. In weiser Erkenntnis dieser Tatsache hatte Eng land denn auch den Bau grosser Panzerkreuzer seit Jahren betrieben, und hierfür über eine Milliarde ver ausgabt. Das hierin angelegte Kapital stellte ein 9 Sicherheitsprämie für den Handel dar, die zu diesem Zweck umso teurer erscheinen muss, als auch 50 Pan zerkreuzer und mehr schliesslich nicht überall sein können, denn das Meer ist weit, und englische Handels schiffe sind in allen Ecken und Enden der Welt. So weit die Kampfmittel. Nun zur Art der Kriegführung. Der Zweck des Kreuzerkrieges, die Wegnahme oder Zerstörung feindlichen Privateigentums, ist so recht eigentlich ein Ueberbleibsel früherer barbari scher Zeiten und mit dem heutigen Rechtsbewusst sein nicht mehr so recht vereinbar. Man hat ihn des-91 halb’ auch nach Möglichkeit einzuengen versucht und ihm durch verschiedene internationale Verträge einen gesetzlichen Rahmen gegeben. Der wichtigste dieser Verträge ist wieder die Pariser Konvention vom Jahre 1856. Nach Artikel 1 dieser Konvention ist die Kaperei abgeschafft, d. h. die Ausstellung von Kaperbriefen, und damit ist die offizielle Erlaubniserteilung zum Kapern an Zivilpersonen untersagt. Man weiss sich jedoch zu helfen, und zwar einfach dadurch, die brauchbaren Handelsschiffe zu Hülfskreuzern, also zu Kriegsschiffen, gemacht wer den und die Zivilbesatzung entlassen wird, soweit sie nicht noch dienstpflichtig ist. Im Grunde genommen ist es also so ziemlich beim Alten geblieben, aber es sieht wenigstens anders und zivilisierter aus. Derartige Hülfskreuzer sind zum ersten Male zur Schädigung des Handels im russisch-japanischen Kriege verwendet worden; dies geschah aber in so eigentümlicher Weise, aus ihren Misserfolgen keine allgemeinen Schlussfolgerungen gezogen wer den können, wie es vielfach geschehen ist. Es dürfte wohl noch in aller Gedächtnis sein, wie im Sommer 1904 die russischen Hülfskreuzer Smo lensk, Petersburg und Orel im Roten Meere auf die erstaunte Welt losgelassen worden sind, wie sie sich dort ohne Wahl auf die ganze Schifffahrt, die nach Ostasien gerichtet war, gestürzt und die Entrüstung92 aller neutraler Staaten hervorgerufen haben. Ihr ge meingefährliches Handwerk wurde ihnen denn auch bald auf diplomatischem Wege gelegt und sie ver schwanden nach kurzer Zeit wieder von der Bild fläche. Abgesehen von direkten Rechtsbrüchen und an dern Ungeschicklichkeiten beruhen die russischen Misserfolge auf der falschen Auslegung der beiden bedeutungsschweren Artikel der Pariser Konvention: Die neutrale Flagge deckt die feindliche Ware, aus genommen Kriegskontrebande,“ und neutrale Ware, ausgenommen Kriegskontrebande, ist auch unter feind licher Flagge unantastbar.“ Diese Gefahr der Verletzung der Rechte neu traler Mächte war aber für uns schon aus dem Grunde weit geringer, als seiner Zeit für Russland, weil die Hälfte aller Schiffe und alles Gutes, die auf dem Meere schwimmen, englisch sind, also dem Feinde ge hörten. Von dem übrigen fünf Zehntel hatte bis da hin ein Zehntel uns gehört, der Rest von vier Zehntel war aber zum grossen Teil Küstenschiffahrt, so unsere Kreuzer bei dem Aufbringen von Schiffen gar nicht so sehr vorsichtig zu Werke zu gehen brauchten. Als ein Haupthindernisgrund für die Wirksam keit unseres Kreuzerkrieges ist vielfach der Mangel an eigenen Stützpunkten in fremden Meeren an gesehen worden, die uns in Abhängigkeit von den Neu- tralitätsgesetzen anderer Staaten und ihrem guten93 Willen bringen könnten, aber hiermit fanden sieb un sere Kreuzer unerwartet gut ab. Sie nährten sich, wie die Raubtiere vom geschla genen Wilde, von den gewonnenen Prisen. Ihre Kohlen und ihren Proviant nahmen sie ver möge der neu erfundenen Vorrichtungen für Koh lenübernahme auf See direkt aus den Dampfern, wäh rend sie diese im Schlepptau hatten. Die im At lantischen Ozean verteilten Kreuzer und Hilfskreuzer konnten sich überdies in den dunklen Winter tagen nach unseren Nordseehäfen, welche ihnen durch unsere Schlachtflotte offen gehalten wur den, zur Ergänzung von Mannschaften, Munition oder Vornahme von Reparaturen zurückziehen. Es sei hier übrigens vorweg genommen, schliesslich trotz aller günstigen Momente doch die meisten Kreuzer ihr Geschick ereilte, und zwar trug hierzu nicht un wesentlich die drahtlose Telegraphie bei, mittelst welcher sich die grossen englischen Kreuzer auf der Jagd nach unseren kleineren auf grosse Entfernungen verständigten. Den Preis, wenn man sich so ausdrücken darf, hatten aber alle unsere Kreuzer heraus geschlagen und ihren Zweck durch die ungeheure Schädigung des englischen Handels erfüllt. Irgend welche direkten pekuniären Vorteile hatten wir aus der Wegnahme englischer Kreuzer nicht, da es uns nur in wenigen Fällen möglich war, die Prisen zu bergen. Sie nach deutschen Häfen zu schicken, war bei94 gewöhnlichen Handelsdampfern unmöglich, denn be reits im Kanal oder, falls die Prise die nördliche Route um England herum unternahm, in der Nordsee wur den sie mit Sicherheit von englischen Kreuzern ab gefasst und wieder in Besitz genommen; einen Durch schnittsdampfer holt eben jeder Kreuzer mit Leichtig keit ein. Die Prisen in neutralen Häfen unterzubringen, war ebenfalls unmöglich, denn sind die Gesetze der meisten Staaten schon gegen Kriegsschiffe der krieg- führenden Parteien streng, so sind sie es gegen Prisen noch viel mehr. Kein Staat will mit diesem geraubten Gut etwas zu tun haben, sondern weist ihm einfach die Tür, auch wird eine Prise von niemandem dem neuen Besitzer als wirklich zu eigen anerkannt, bevor dies nicht durch das Prisengericht im Lande desselben Besitzers ent schieden und öffentlich bekannt gegeben ist. Aus diesen Gründen ist ein grosser Teil der Prisen von uns, nachdem die Besatzung derselben an Bord des eigenen Schiffes genommen war, einfach versenkt worden, ein anderer Teil, insbesondere Segel schiffe und Kohlendampfer, wurde in völlig un befahrene Meeresgegenden geschickt, mit dem Auf träge, hier, je nach ihren Proviant- und sonstigen Vor räten für mehrere Monate zu kreuzen. Nach Ablauf dieser Zeit sollten sie sich wieder den mehr befahrenen Gewässern nähern, um Erkundungen, ob der Krieg noch fortdauere, einzuziehen, im Notfälle aber sollte95 das Schiff auf den Strand gesetzt werden und die Be satzung sich retten. Die Erfolge, die wir mit unserer Kreuzerkrieg führung erzielten, kamen den Engländern ganz über raschend, trotzdem sie es wohl hätten voraussehen können, denn was ein gutes Schiff mit einem tüch tigen Kommandanten an Zerstörung feindlichen Eigen tums zu leisten vermag, hatte sich bereits vor 40 Jahren im Sezessionskriege offenbart. Einige wenige Kreuzer der Südstaaten, von denen die Alabama am meisten bekannt geworden sein dürfte, hatten es damals ver mocht, den ganzen Seehandel der Nordstaaten brach zu legen, bis ihnen schliesslich, aber nach ungeheuren Verlusten des Handels der Nordstaaten, durch grössere Kreuzer das Handwerk gelegt worden war. Und ähn lich gestalteten sich die Verhältnisse jetzt. Das Nähere hierüber, die Verheerungen unseres Kreuzerkrieges gegen den englischen Handel und wie schliesslich die ser aus Mangel an Keserveschiffen erlahmte, soll später beschrieben werden. Vorerst wollen wir einmal einen der Kreuzer auf seinem Kaubzuge begleiten und dabei noch weitere Waffen kennen lernen, die wir gegen England anwendeten. & ^96 Der Raubzug. S. M. S. Bremen“ lag am 14. Dezember nach be endeter Reparatur zwischen den Molen von Wilhelms haven zur Ausfahrt bereit. Das Schiff hatte bereits eine Kreuztour hinter sich und war auf der Rückreise mit knapper Kot einem verfolgenden englischen Panzer kreuzer entronnen, durch dessen Granaten es seinen Kommandanten und mehrere Matrosen verloren hatte. Der neue Kommandant war unser alter Bekannter, Korvettenkapitän Wendland, der inzwischen befördert worden war und zugleich mit der neuen Charge ein höheres Kommando erhalten hatte. Diese neue Stellung war ihm ebenso wie den übrigen Offizieren durchaus nicht sympathisch, denn, wenngleich das ganze Offizierkorps von vornherein auf jeden Anspruch auf Prisengelder Verzicht ge leistet hatte, so galt diese Art Kriegführung doch nicht als ganz standesgemäss, mochten die damit verbun denen Gefahren auch noch so gross und die Stellun gen noch so verantwortungsvoll sein. Dem Kapitän Wendland konnte man weder Un zufriedenheit und Sorge noch die besonderen Stra pazen seiner Torpedobootsdienstzeit anzusehen. Das7 97 energische Gesicht zeigte blühende Gesundheit, die Augen blickten klar und lebensfroh in die Welt. Aber das frohe Aussehen hatte auch einen besonderen Grund; er hatte gerade einen langen hoffnungsvollen Brief von seiner Braut aus Paris erhalten. Es liegt uns natürlich fern, zarte Briefgeheim nisse eines Brautpaares hier preiszugeben; nur einige Stellen, die seine Hoffnungsfreudigkeit auf eine bal dige Hochzeit erklärlich machen und auch politische Verhältnisse streifen, sollen hier wiedergegeben wer den. Diese lauten: Mit Deinem letzten Brief hast Du mich sehr be trübt. Du schreibst mir, ich Dich, wenn Du fielest, bald vergessen möge. Das Lehen gehöre dem Lehen, vor allem der Jugend. Mir wurde dabei so weh ums Herz. Was soll ich mit dem Lehen ohne Dich? Es ist mir nur leer und traurig. Aber liehst Du mich denn überhaupt wirklich, wie ich Dich, wenn Du so schreiben kannst? Du sollst und wirst mich aber liehen, wie ich Dich liebe, Du mein lieber Franz. Könnte ich doch hei Dir sein, die Gefahren mit Dir teilen und, solltest Du fallen, mit Dir sterben! Doch das weisst Du ja von Deiner Mary, sie für Dich alles dahingeben würde. Papa ist Dir jetzt gar nicht mehr feindlich ge sinnt. Er nennt Dich einen smart fellow, einen gent-leman, der seine Ehre und seine Pflicht höher stellt als seine Liebe zu einem foolish girl. Was ihn zu seiner Sinnesänderung gegen Dich gebracht hat, ist mir immer noch nicht recht klar. Dein Onkel war hier und Papas Bruder aus New-York, die werden wohl mit dazu beigetragen haben Er schimpft jetzt auf den unnötigen Krieg, der England ebenso schädigt wie Deutschland, auf unsere Regierung und auf Frankreich. Heute hei Tisch sagte er mit seinem grimmigen Lächeln, es sei unglaublich, wie dumm die Franzosen sind. Trotz des unüberbrückbaren Gegensatzes zwi schen Germanentum und Romanentum bildeten sie sich wirklich ein, wir empfänden Freundschaft für sie während in England jeder gebildete Mensch sich da rüber klar ist, wir Frankreich nur als unseren Kolonie-Aufbewahrungsraum ansehen, aus dem wir uns später die zum Schutz gegen andere Nationen hineingestellten Kolonien wieder herausholen, sobald wir nur erst unsere eigenen verdaut haben. Im Januar fahren wir nach New-York zu Besuch bei Onkel Fred. Auf welchem Dampfer ist noch un bestimmt. Suche mich auf dem weiten Meere und wenn Liebe und Sehnsucht eine Anziehungskraft besitzen, dann musst Du mich finden. In inniger Liebe Deine treue Mary.7 * 99 Mit dem Brief seiner Braut in der Brusttasche war Kapitän Wendland auch nicht einmal ärgerlich, ihm das Achterdeck mit 50 Blockademinen voll gestellt wurde, so die hinteren Geschütze nicht schiessen konnten und das Schiff kaum als gefechts fähig anzusehen war. Aber kämpfen sollte er auch gar nicht, sein Auftrag ging dahin, zunächst 50 Minen vor den Hafen von Liverpool zu legen und dann im Atlantischen Ozean auf englische Schiffe Jagd zu machen. Der erste Teil seiner Aufgabe war der bei weitem gefährlichere, denn Liverpool liegt an der irischen See und die Meeresstrasse zwischen England und Ir land wurde von englischen Kreuzern bewacht, aber in den kurzen Dezembertagen von nur sieben Stunden und bei dem in dieser Jahreszeit herrschenden un sichtigen Wetter war der Auftrag immerhin aus führbar. Aehnliche Unternehmungen waren auch bereits vor den Mündungen der Themse, des Humber und Firth of Forth geglückt und waren den Engländern im höchsten Grade unangenehm. Es ist nicht der wirkliche Schaden, den derartige Minen durch Vernichtung von Schiffen anrichten, denn die Gefahr, ein Dampfer gegen sie fährt, ist immerhin nur gering, aber schon das Bewusstsein, Minen vor dem Hafen liegen, wirkt lähmend auf die Schiffahrt und verteuert Frachten und Sicherheits prämien in hohem Maasse.100 S. M. S. Bremen“ verliess gegen 1 Uhr mittags zur Zeit des Hochwassers den Hafen. Als das Schiff die Molen passierte, gaben ihm die Angehörigen der Besatzung, Verwandte und Bekannte ihre Glück wünsche durch Rufen und Winken mit auf den Weg. Ein Teil dieser Gruppen, meist Frauen mit ihren Kin dern und junge Mädchen, blieb auch noch, als das Schiff bereits längst den Blicken entschwunden war, trotz eisiger Kälte und Schneetreibens wie fest gebannt auf den Molen stehen und starrte mit tränen den Augen in die trostlose graue Dunstmasse hinein, als ob das Schiff, das ihr Liebstes ihnen entführte, nochmal wieder daraus auftauchen könnte. Dies finstere Wetter aber, das den Zurückbleiben den die Herzen nur noch schwerer gemacht hatte, ge reichte dem Schiffe selber zum Heile, denn es machte, die Bremen“ in geringer Entfernung einen der schnellsten englischen Kreuzer passieren konnte, ohne gesehen zu werden. An ein Entkommen wäre in dem Falle nicht zu denken gewesen, denn eine einzige Granate kleinsten Kalibers in die auf dem Achterdeck liegenden Minen hätte für die Bremen“ den Unter gang bedeutet. Aber gewagt muss nun mal im Kriege werden. Um aber nicht unnötig zu wagen, nahm das Schiff nicht die nächste Route durch den englischen Kanal, der von feindlichen Kriegsschiffen wimmelte, sondern um England herum und westlich von den Hebriden.101 Am nächsten Tage begegneten dem Schiffe drei Fischdampfer, die nach wochenlanger Fangzeit voll beladen auf der Kückreise nach ihrem Heimatshafen Yarmouth begriffen waren und nun eine leichte Beute des Kreuzers wurden. In kurzer Zeit waren zwei der Dampfer versenkt, während der dritte, nachdem er die Besatzungen der beiden andern hatte an Bord nehmen müssen, freigelassen wurde. Völkerrechtlich hätten hier alle Besatzungen der weggenommenen Schiffe als Kriegsgefangene nach Deutschland gebracht werden können, aber der Kreuzer konnte eine grössere Zahl von Kriegsgefangenen nicht beherbergen und half sich deshalb hier wie auch später damit, dass, nachdem sich eine bestimmte Anzahl angesammelt, die ganze Ge sellschaft an Bord eines genommenen Schiffes ein geschifft und letzteres freigelassen wurde. Diese gewissermassen nur im Vorbeigehen aus geführte Zerstörung feindlichen Guts kostete dem eng lischen Nationalvermögen über eine halbe Million Mark und verursachte den Zusammenbruch einer Fischerei-Aktien-Gesellschaft, an der eine Menge kleinerer Leute ihre Spargroschen verloren. Und ähnlich wie dieser Fall wirkten die Verluste der meisten Schiffe. Jeder Verlust glich einem sich in Tausende von kleinen Aesten teilenden Blitzstrahl, im ganzen Lande an den verschiedensten Orten und in den verschiedensten Volksschichten Trübsal und Trauer verbreitend.102 Am zweiten Tage wurde ein Segelschiff, das mit Kohlen nach West-Afrika bestimmt war, gekapert. Das Schiff wurde jedoch nicht versenkt, sondern mit deutscher Mannschaft besetzt und ihm befohlen, sich an einer bestimmten Stelle des Ozeans auf die Dauer von drei Monaten zu halten. Auf diese Weise ver schaffte sich die Bremen“ ein Kohlendepot, aus dem sie im Notfälle ihre Kohlenvorräte wieder ergänzen konnte, und wie die Bremen“ machten es die anderen Kreuzer auch. Bei dem enormen Kohlenexport Eng lands, der ein Fünftel der ganzen englischen Ausfuhr ausmacht, konnten sie sich mit ziemlicher Sicherheit darauf verlassen, ihnen englische Kohlenschiffe die nötigen Kohlen liefern würden. Es boten sich an diesem Tage noch mehrfach Gelegenheiten, Prisen zu machen, es unterblieb aber, weil Kapitän Wendland bei eintretender Dunkelheit in den Nordkanal der Irischen See einlaufen wollte. Von hier waren es noch 180 Seemeilen bis zur Mersey- Mündung, eine Strecke, die in 10 Stunden bequem durchlaufen werden konnte. Das Schiff führte in der Nacht keine Lichter, ein Bemerktwerden in dem engen Meeresteil war also nicht zu befürchten. Gegen vier Uhr morgens kam es vor der Flussmündung an und begann nach kurzer Orientierung mit dem Legen der Minen. Das Ma növer ging programmässig und glatt von statten, dank der vorzüglichen Befeuerung des Fahrwassers, die die genaueste Ortsbestimmung ermöglichte.103 Nachdem noch einem einkommenden kleinen Dampfer die Besatzung des genommenen Kohlen schiffes an Bord gegeben worden war, nahm der Kreuzer noch vor Tagesanbruch seinen Kurs nach See, jetzt aber durch den Georgs-Kanal. Hierbei machte sich Kapitän Wendland das Vergnügen, an den Leuchtturm Holyhead auf der Halbinsel Anglesea heranzudampfen und ihm folgendes Signal zu machen: Habe 100 Minen vor der Mersey-Mündung und 100 Minen im Firth of Clyde gelegt.“ Ersteres war zwar übertrieben und letzteres überhaupt nicht wahr, aber das Signal tat seine Wirkung doch. Nicht allein Liverpool, sondern auch Glasgow waren ebenso wie früher London, Hüll und Edinburg für längere Zeit wie abgeschnitten vom Meere. Bevor das Fahrwasser untersucht, die Minen entfernt und eine Fahrrinne mit Bojen abgesteckt worden war, vergingen bei der rauhen Witterung viele Tage und nachts war die Schiffahrt für Monate überhaupt unterbrochen, denn in der Dunkelheit genügt eine schmale Fahrrinne nicht und ein breiteres Fahrwasser lässt sich nicht in kurzer Zeit von Minen mit Sicher heit säubern. Abgesehen aber von dem materiellen Schaden wurde die Kühnheit und der Erfolg des deutschen Kreuzers auch als eine Demütigung im eng lischen Volke empfunden. Die Bremen“ gelangte, ohne feindlichen Kriegs schiffen zu begegnen, glücklich aus der Irischen See& * 104 in das offene Meer und begann nun eine verheerende Kreuztour im nördlichen Atlantischen Ozean. Kommandant, Offiziere und Mannschaften haben auf derselben häufig ihr Geschick beklagt, wenn sie immer wieder von neuem Schiffe mit den wertvollsten Ladungen in die Tiefe versenken mussten und dabei die Verzweiflung und die Trauer der Kapitäne vor Augen hatten; aber Dienst ist Dienst und mit dem guten Herzen kommt man nirgends weniger weit als im Kriege. Wir verlassen jetzt die Bremen“, um uns die Wirkungen, die der Krieg nach Verlauf von vier Mo naten auf Handel und Industrie gezeigt hat, etwas näher anzusehen.105 Die Wirkungen des Krieges auf Handel und Industrie. Alles, was früher in Friedenszeiten über den Schutz unseres Handel im Kriege geschrieben und geredet worden war, erwies sich mit dem ersten Tage unseres Krieges mit England als eitel Faselei. Von einem Schutz war gar nicht die Rede, unsere Handels flagge war einfach von den Heeren verschwunden. Die gewöhnlichen Frachtdampfer und die Segelschiffe blieben im Hafen, da sie doch nur die sichere Beute englischer Kreuzer geworden wären, die Schnell dampfer aber, die ihnen hätten entfliehen können, wa ren als Hilfskreuzer in die Marine eingestellt. Hamburg und Bremen, unsere beiden wichtigsten und kraftvollsten Handelsstädte, lagen verödet da. Ihr Handel hatte sich, ebenso wie der Hamburgs in den Choleratagen des Jahres 1892, nach Antwerpen und Rotterdam hingezogen. Auch als die Blockade von den Engländern nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte und aufgehoben worden war, kehrte der Handel nur in geringem Umfange und zögernd wieder zurück. Den fremden Handelsschiffen wurde der Verkehr mit unseren Hansastädten von englischen Kreuzern106 durch ihr Suchen nach Kriegskonterbande nach Mög lichkeit zu verleiden gesucht, bis sich schliesslich Amerika dies energisch verbat und die anderen Mächte dann diesem Proteste sich anschlossen. Elend und Armut zogen trotzdem in unsere Hansa städte ein, aber nicht dahin allein, denn ebenso schwer wie unser Handel wurde unsere Industrie getroffen. Durch den Ausfall eines Teils unseres Exports mehrte sich die Zahl der Arbeitslosen in den Fabrik städten in erschreckendem Maasse. Viele Fabriken standen still und entliesen ihre Arbeiter oder machten überhaupt Konkurs, und an eine Beschäftigung all dieser hunderttausende von Arbeitern und Arbeite rinnen war nicht zu denken. Die Landwirtschaft konnte davon nur einen ganz geringen Teil auf nehmen. Für viele tausende entlassener Fabrikarbeiter schafften zwar der Staat und die Kommunen Kot standsarbeiten, aber das genügte bei weitem nicht.Viele andere tausende, worunter all die vielen schwächlichen Grosstadtpflanzen, die in der Textilwaren - Industrie und Konfektion beschäftigt wurden und hier ihre Stellen gut ausfüllen,  waren für andere Arbeiten völlig unfähig und deshalb brotlos. Und all dies Elend, dieser kolossale Verlust an Nationalvermögen hätte wahrscheinlich vermieden werden können durch das Vorhandensein einer grösse ren Flotte; auf jeden Fall aber hätte die Dauer des Krieges dadurch abgekürzt werden können, denn107 schliesslich lief jetzt der Krieg darauf hinaus, wer ihn und seine Folgen am längsten aushalten konnte, Deutschland oder England. Diese Frage aber hätte bei einem grösseren Schiffsbestand wahrscheinlich mehr zu unseren Gunsten beantwortet werden können als jetzt, und da man in England annahm, uns durch eine längere Dauer des Krieges noch mehr zu schä digen als sich selbst, so war die Wirkung auf beiden Seiten ein allmähliches Dahinsiechen und freiwilliges Abgeben alter Handelsbeziehungen an den beider seitigen, nur zu eigennützigen Freund: Nord-Amerika. So schwer aber unser Vaterland auch durch den Krieg zu leiden hatte, das eine wurde der ganzen Welt doch bald klar, wir nicht durch England zum Frieden gezwungen werden konnten und weder unsere finanzielle Kraft gebrochen noch unsere In dustrie ganz vernichtet werden konnte. Die Zahlen unserer Handelsstatistik geben hier für den besten Beweis. Im Jahre 1904 betrug unser Import aus Europa inkl. England 62,6 Prozent, unser Export 76,2 Proz. Zieht man hiervon den Handel nach England, der etwa 21,5 Prozent des ganzen ausmacht, ab, so bleibt für den Import etwas weniger, für den Export etwas mehr als die Hälfte unseres Handels, der nicht über See geht, uns also nicht genommen werden kann. Die andere Hälfte war aber nicht völlig verloren, denn der Handel nahm sofort seinen Weg über Häfen der benachbarten Länder, über Antwerpen, Kotter-108 dam, Brest, Genua, und wenn auch die deutsche Han delsflotte verschwunden war, die deutschen Waren konnten ungehindert unter anderer Flagge über See geschickt werden. Die Bestimmung der Pariser Kon vention die neutrale Flagge deckt die feindliche Ware, ausgenommen Kriegskontrebande,“ schützte unseren Handel, insbesondere unseren Export bis zu einem gewissen Grade. Selbst unser Handel nach England war nicht ganz unterbrochen, eine Erscheinung, die nur allzu er klärlich ist, da beide Länder durch ihre Lage auf ein ander angewiesen sind und seit langer Zeit bestehende Handelsbeziehungen sich nicht auf einmal lösen lassen. Aehnliche Zustände haben übrigens auch vor 100 Jahren, zur Zeit der Kontinentalsperre geherrscht, auch damals war der Handel, selbst zwischen England und Frankreich, nicht ganz unterbrochen, sondern wurde vielfach stillschweigend geduldet. Als ganz verloren anzusehen war unser direkter Handel mit den englischen Kolonien. Davon hatten aber nicht wir, sondern die Kolonien den grössten Schaden, denn unser Export nach dorthin betrug nur 3,2, unser Import von dort 7 Prozent unseres Handels, wir erhielten also mehr als das Doppelte als was wir gaben. Zur bittersten Enttäuschung der Engländer ging nun aber dieser Export nicht etwa auf England über, sondern, eine Ironie des Schicksals, auf die fin digen Amerikaner.109 Mochten uns die Engländer auch noch so sehr durch den Krieg schädigen, so reichte dies immer noch nicht an den Schaden heran, den sie sich selbst damit getan. Zunächst wurde die Störung der Handelsbezie hungen mit Deutschland in England ebenso bitter empfunden wie bei uns; eine Tatsache, die sich schon daraus leicht erklären lässt, Deutschland bereits im Jahre 1904 mit 594 Millionen Mark Englands bester Kunde war, den Export nach den Vereinigten Staaten von Amerika um 190 Millionen übertreffend. Abgesehen hiervon musste aber England schon wegen der Grösse seiner Handelsmarine mehr leiden als wir England war nicht in der Lage, im Notfälle seine Handelsschiffe im Hafen behalten zu können, und zwar einfach deshalb nicht, weil die ganze übrige Welt nicht den notwendigen Ersatz von Schiffen hätte stellen können, um den internationalen Welthandel aufrecht zu erhalten. Ist doch die englische Handels flotte fünf Mal grösser als die unsrige und doppelt so gross als alle Handelsflotten der Welt, wenn auch nicht an Schiffszahl, so doch an Tonnenzahl. Unter diesen Umständen ist es leicht erklärlich, die deutschen Kreuzer wie die Hechte im Karpfenteich wirken mussten. Die Folgen hiervon waren aber nicht allein Störungen des Handels, son dern auch empfindliche Teuerung an Lebensmitteln in England, welches drei Viertel seines Brotgetreides110 und mehr als die Hälfte seines Fleischkonsums von aussen her beziehen muss, um leben zu können. Es traf jetzt zum Teil das ein, was ein früherer Lord der Admiralität, Lord George Hamilton, bereits in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aus gesprochen hatte, nämlich: Dass alle Dampfer von weniger als 12 Seemeilen Geschwindigkeit sowie alle Segelschiffe im Kriege aufgelegt werden müssten und England bereits im Frieden Regierungs- und Ver pflegungs-Magazine errichten müsste, um sich vor Teuerung im Kriege zu bewahren.“ Die Verwüstungen der deutschen Kreuzer mach ten es schliesslich notwendig, die Handelsschiffe wieder wie in früheren Zeiten in convois unter Be gleitung von Kriegsschiffen fuhren, eine Einrichtung, die für die Jetztzeit gar nicht passt und den Handel nur noch mehr erschwert. Es war daher kein Wunder, in England eine gefährliche Handelskrisis aus brach, ähnlich derjenigen von 1811, die damals, trotz aller Erfolge und fast vollständiger Monopolisierung des Handels als Folge des Krieges eingetreten war. Die Weltgeschichte wiederholte sich aber nicht nur hierin, sondern leider auch in der Tatsache, ein Kreuzerkrieg sich verbluten muss, wenn die See herrschaft nicht damit verbunden ist. Unsere paar Kreuzer schmolzen allmählich dahin und das englische Volk zeigte mit dem Hoffnungs strahl, sie ganz zu vernichten, wieder wie im Buren - kriege eine seiner herrlichsten Eigenschaften, Grösse& 111 und Ausdauer im Unglück, denn als ein grosses Un glück wurde der Krieg von Tag zu Tag mehr em pfunden. Im Burenkriege war der ganzen Welt der Aus gang des Krieges zweifelhaft erschienen, nur den Eng ländern nicht, so auch jetzt. Mit verbissener Wut wurden die Nachrichten über die nie enden wollenden Schiffsverluste, über Zahlungseinstellungen und Teuerung aufgenommen, aber an eine Beendigung des Krieges dachte trotzdem niemand. Es bedurfte erst besonderer Ereignisse und dazu einiger wenn auch noch so geringer Erfolge, die dem Kriege ein Ende machten und die beiden Schwester- Nationen sich wieder versöhnen liess. Von gewisser Bedeutung für den Ausgang des Krieges war auch das Schicksal des Kreuzers Bremen“ und deshalb müssen wir nochmal wieder zu diesem zu rückkehren.112 Das Ende. Die Bremen“ hatte sich in England den Ruf des schneidigsten und gefährlichsten Zerstörers englischen Handels erworben, dessen Vernichtung allgemein als eine Ehrensache angesehen wurde. Mehrere Pan zerkreuzer waren ausschliesslich auf der Jagd nach der Bremen“; letztere aber hatte sich bisher immer allen Verfolgungen durch schnellen Wechsel ihres Operationsgebietes zu entziehen gewusst. Es war in den letzten Tagen des Januar, als die Bremen“ südlich der Neufundland-Bänke einem grossen Schnelldampfer der Cunard-Line begegnete. Die Schiffe näherten sich einander mit fast entgegen gesetztem Kurse, der Dampfer hierbei nicht ohne seine Schuld in sein Verderben rennend, da er die Bremen“ zu spät als feindliches Schiff erkannte. Als dies schliesslich auf etwa 3000 Meter Entfernung ge schehen war, wollte er umkehren und entfliehen, aber während des Drehens sauste bereits eine Granate über das Schiff hinweg, und jetzt nützte ihm auch seine grössere Geschwindigkeit nichts mehr. Die zweite Granate fiel zu kurz, die dritte wieder zu weit, aber bereits in geringerem Abstande, die8 113 vierte schlug unmittelbar am Heck ein und die fünfte war ein Treffer. Damit hatte sich die Artillerie ein geschossen, und weitere Fluchtversuche wären offen barer Wahnsinn gewesen. Dem Dampfer blieb nichts weiter übrig, als zu stoppen und sich zu ergeben. Kapitän Wendland hatte gehofft, das Schiff als eine wertvolle Bereicherung der deutschen Hilfs kreuzer nach Hause schicken zu können, dies war jedoch nicht möglich. Der Kohlenvorrat des Schiffes reichte weder hin, um einen deutschen Nordseehafen zu erreichen, noch um im Falle der Not den englischen Kreuzern zu entfliehen. Sein Schicksal war damit be siegelt, es war der Untergang. Die Passagiere, deren Anzahl wie gewöhnlich in den Wintermonaten gering, und die Schiffsbesatzung, im ganzen etwa 300 Personen, Hessen sich bei der glatten See ohne Schwierigkeit auf die Bremen“ ein schiffen. Als sie das Deck des Kreuzers betreten hatten, fiel unter den 40 Damen, die sich unter den Passagieren befanden, ein hohes, schlankes Mädchen auf, deren blasses Antlitz und spannender Ausdruck eine tiefe innere Erregung verriet. Kapitän Wendland war inzwischen von der Kom mandobrücke heruntergekommen, um den Damen seine Kajüte als ihr ausschliessliches Bereich zu übergeben. Plötzlich begegneten seine Augen denen Marys. Ihr ahnungsvoller Wunsch, den sie in ihrem letzten Briefe an ihren Bräutigam geäussert, w r ar also in Erfüllung gegangen.114 Die tiefe, reine Liebe dieser beiden Menschen kinder liess sie im ersten Augenblick ihre Umgebung völlig vergessen. Gegen alle Konvention und in selt samem Kontrast zu ihrer gegenseitigen Lage eilten sie auf einander zu und lagen sieb in den Armen. Der Anblick machte auf die Umstehenden einen tiefen Eindruck, und selbst über das ernste Gesicht von Marys Vater flog angesichts des Glücks seines Kin des ein Strahl der Freude. Die Seligkeit des Wiedersehens musste aber bald wieder der rauhen Wirklichkeit weichen. Nachdem Kapitän Wendland noch Marys Vater begrüsst hatte, nahm ihn der Dienst wieder in Anspruch. Es galt jetzt, die 300 Personen unterbringen, den Dampfer vernichten und Massregeln treffen, um sich der unfreiwilligen Passagiere so schnell wie möglioh zu entledigen, damit das Schiff wieder aktionsbereit würde. Nach etwa zwei Stunden versank der majestätische Dampfer mit seiner wertvollen Ladung, und die Bre men“ steuerte südwärts nach der nahen Hauptfahr strasse zwischen Newyork und England. Hier konnte er sicher sein, in kurzer Zeit ein Schiff anzutreffen, das die Passagiere aufnehmen konnte, aber hier war auch die Gefahr, einem feindlichen Panzerkreuzer zu begegnen, am grössten. Dem Brautpaare bot sich immer nur für kurze Zeit Gelegenheit, mit einander zu sprechen, dabei immer beobachtet von den Argusaugen einer Anzahl älterer8 ’ 115 misses, die sich als Marys Leibwache konstituiert hatten, und gegen die vorzugehen sicherlich keiner aus der kriegsgewohnten Besatzung der Bremen gewagt hätte. Hoffnungen und Wünsche, Pläne und Luft Schlösser füllten wohl die Gespräche der Liebenden aus, aber der graue Himmel, die trostlose Wasser fläche, das unheimliche Gekreisch der Möven über ihren Häuptern stimmte so gar nicht zu dem Frühling in ihren Herzen, der nur zu sehr einer Blüte im Ja nuar gleichen sollte, zum Untergang verdammt vor dem Erblühen. Bereits am Vormittag des nächsten Tages wurde ein englischer Dampfer angetroffen und gezwungen, die Passagiere an Bord zu nehmen. Die Umschiffung derselben mittelst aller Boote der Bremen war fast beendet; es befanden sich nur noch etwa 20 Passagiere an Bord, darunter Mary mit ihrem Vater, erstere Hand in Hand mit Kapitän Wendland beiseite stehend und leise vor sich hin wei nend, als plötzlich von der nahen Kommandobrücke der Huf ertönte: Grosser Kreuzer in Nordost in Sicht, Kreuzer hält auf uns zu.“ Kapitän Wendland war in einigen Sekunden auf der Kommandobrücke. Er erkannte das Schiff sofort als einen englischen Panzerkreuzer, ebenso die grosse Gefahr, in der sich die Bremen“ befand, denn ihre Kettung hing einzig und allein von ihrer Schnelligkei ab. An ein weiteres Ausschiffen der Passagiere war116 nicht mehr zu denken, nicht einmal mehr an ein Wie- deranbordnehmen der eigenen Schiffsboote und ihrer Bemannungen, die mit Beförderung der Passagiere be schäftigt waren. Während das Schiff zur Flucht gewendet wurde, wurde Generalmarsch geschlagen, und die harten Töne von Trommel und Horn tönten durch alle Bäume des Schiffes, die Mannschaften auf ihre Gefechtsstationen rufend. Die Maschinen der Bremen“ gingen mit ausser- ster Kraft, und fast schien es im Laufe der ersten Stunden, als ob der Zwischenraum zwischen den ein zelnen Schiffen sich erweitern wollte. Dann aber än derte sich das Bild. Der Panzerkreuzer hatte seine Keservekessel in Betrieb gesetzt und konnte seine Ge schwindigkeit noch um eine Seemeile vermehren, wäh rend Kessel und Maschinen der Bremen“ bereits ihr Aeusserstes hergaben. Es dauerte daher nicht lange, bis der Abstand sich soweit verringert hatte, der Artilleriekampf sei nen Anfang nahm, für die Bremen“ ein völlig aus sichtsloser Kampf, Ihre Armierung bestand aus 10 10,5 cm Ge schützen, dahingegen die Armierung des Panzerkreu zers aus 2 23,4 cm, 16 15 cm und 14 7,6 cm Geschützen. Ausserdem war letzterer stark gepanzert und gegen die kleinen Geschütze der Bremen“ unverwundbar. Bei solchen Unterschieden war mit absoluter Sicher-117 heit vorauszusehen, die Bremen“ in kurzer Zeit zum hülflosen Wrack geschossen sein musste. Im letzten Augenblick schien es fast, als ob eine Nebelbank, wie sie in der Nähe von Neu-Fundland so häufig sind und die Schifffahrt gefährden, diesmal an statt Gefahr einmal Bettung bringen wollte. Als die Bremen“ in den scharf abschneidenden Nebel hinein fuhr, verschwand auch der Panzerkreuzer, und ein Freudenschrei ertönte im Schiff. Aber der tückische Nebel erwies sich bald nur als schmaler Nebelstreif, und bald tauchten auch wieder die Umrisse des furcht baren Verfolgers aus der weisslichen Masse heraus und seine Granaten trafen ihr Ziel nur zu gut. Ein Hoffnungsstrahl war aber noch geblieben. Was die eigenen Geschütze nicht erreichen konn ten, mochte vielleicht dem Torpedo gelingen. Kapitän Wendland drehte und passierte nach einigen Minuten seinen Gegner in einer Entfernung von etwa 200 Metern. Sein Schiff wurde dabei zusam mengeschossen, und die Mannschaften lagen in ihrem Blute, aber der Torpedo hatte getroffen. Der König der Meere war von seinem kleinen Vetter schwer ver wundet worden. Der Torpedo explodierte unter den Kesseln und machte das Schiff manövrierunfähig, aber seine Ge schütze konnte es trotzdem gebrauchen, und die taten ihr Werk in kurzer Zeit. Die Bremen“, deren Maschinen ebenfalls ge brauchsunfähig geworden waren, erwiderte das Feuer118 nicht mehr. Die Geschützmannschaften waren tot, die Flagge senkte sich aber nicht. Kapitän Wendland war aus dem Kommandoturm herausgetreten; ihm hlieb jetzt nichts mehr zu tun übrig, als mit seinem Schiffe unterzugehen und vor her soweit als möglich dafür zu sorgen, die Ueber- lebenden, die Verwundeten, die Passagiere, seine Braut gerettet würde. Bei diesem Gedanken krampfte sich sein Herz vor tiefem Weh zusammen, und dann hielten ihn plötz lich zwei Arme fest umschlungen, und Marys Stimme flehte ihn an, sein Leben zu retten. Die Bremen“ begann langsam zu sinken. Auf dem Panzerkreuzer war das Schiessen einge stellt, die Boote wurden heruntergelassen, um die kleine tapfere Schar der noch lebenden Feinde aufzu nehmen. Ein Teil derselben und die Passagiere wur den auch gerettet, Kapitän Wendland und seine Braut waren nicht darunter. Mary war, sich fest an ihren Bräutigam anklammernd, mit ihm in den Tod ge gangen. Ihr Vater, dessen einzige Freude seine Tochter gewesen, hatte ebenfalls nicht gerettet sein wollen. Ein Fluch auf den verrückten Krieg“ waren die letz ten Worte, die einer der geretteten Passagiere von ihm gehört haben will. * Dem Untergange des gefürchteten Kreuzers Bre men“ wurde in England eine weit grössere Bedeutung119 beigemessen, als ihm zukam. Dieses kleinen sicht baren Erfolges hatte es aber bedurft, um den Frieden herbeizuführen, denn das englische Volk war trotz sei ner Zähigkeit im Unglück kriegsmüde geworden, nach dem es eingesehen, der Krieg keinen Zweck hatte, England ebenso darunter litt wie sein Gegner. Dazu kam, am politischen Horizont sich be drohliche Wolken zeigten. Die Sprache der andern Mächte war eine andere geworden, und ihr Klang um so unheimlicher, als unsere Schlachtflotte noch unver sehrt geblieben war, und wir jedem Feinde Englands ein mächtiger Bundesgenosse blieben. Aber auch wir waren kriegsmüde und hatten den Krieg längst als eine Strafe für unsere mangelhafte Rüstung und als ein grosses Unglück anzusehen ge lernt. Schliesslich ist denn der Friede zustandegekom men. Der Status quo ante wurde wiederhergestellt. Keine der beiden Nationen hatte an ihrer Ehre ein- gebüsst, beide dafür aber um so mehr an materiellen Gütern, an Wohlfahrt und Menschenglück. Aber all das Elend, das der Krieg gezeitigt, ist nicht vergeblich gewesen, wenn dadurch ein dauernder Friede geschaf fen worden ist. Von einem solchen hängt es ab, ob die germanische Rasse dermaleinst die Welt regieren wird oder nicht.120 Ein Nachwort. Der Zukunftskrieg zwischen Deutschland und England ist in höchst phantastischer Weise in zwei deutschen Werken behandelt worden. Das eine endet mit dem ruhmreichen Einzuge der Deutschen in Lon don, das andere mit einer englischen Kriegsentschädi gung von fünf Milliarden. Wenn sich trotzdem noch dieses Buch dazu gesellt, so geschieht es wenigstens mit dem Bewusstsein, es, nachdem das Verhältnis zwischen beiden Ländern in friedlichere Bahnen ge rückt ist, zum mindesten nicht mehr schaden kann. Das Buch hat sich möglichst an gegebene Ver hältnisse gehalten, den wahrscheinlichen Verlauf des Krieges und seine traurigen Folgen frei von Chauvi nismus dargestellt, so wie er sich durch die gegenseiti gen Machtverhältnisse gestalten würde, und wenn da bei auch den Engländern derbe Wahrheiten gesagt werden, so sind auch ihre Vorzüge hervorgehoben und unsere eigenen Fehler nicht geschont. Verfasser sieht in einem Kriege mit England ein unendliches Unglück nicht allein für Deutschland und England, sondern für die Zukunft der ganzen ger manischen Kace. Nach seiner Ansicht kann der Kriegaber allein schon unmöglich gemacht werden durch gegenseitige Aufklärung über seine Zwecklosigkeit, durch Aufklärung darüber, die beiden Völker sich wunderbar ergänzen könnten, beide diesel ben Interessen gegenüber der übrigen Welt haben, ihnen, wenn sie gleichberechtigt Schulter an Schulter stehen, die Erde gehört. Die Schuld an der Kriegsgefahr trägt England, und England einzig und allein, denn der bescheidene Ausbau unserer Flotte hat nichts Bedrohliches an sich gehabt, und hat bei weitem nicht Schritt gehalten mil der Vergrösserung unseres Handels und der Ausdeh nung unserer Seeinteressen. Dagegen hatte England durch seine Flotten-Keorganisation 1904 ganz offen eine Mobilmachung in grossem Masstabe gegen uns begonnen. Eine Täuschung hierüber ist unmöglich nach alledem, was seit der Zeit vorgefallen; den letz ten Zweiflern aber musste die englische Flottendemon stration in der Ostsee im letzten Sommer, die Ent hüllungen des Matin“ und eine abermalige Verstär kung der heimischen Flotte im Herbst 1905 die Augen geöffnet haben. Diese Politik Englands darf nun keineswegs als .ein Ausfluss der augenblicklichen Machthaber oder der gegenwärtigen Generation angesehen werden, sondern sie ist in der Geschichte Englands, in seiner insularen Lage, sowie in dem Volkscharakter der Eng länder begründet. England hat seit Jahrhunderten die Völker aufeinander gehetzt und inzwischen die122 Welt erobert, ohne Rücksicht auf das Urteil der Welt, und frei von jeder Sentimentalität. Diese vollendet egoistische Krämerpolitik, wie sie schon Napoleon I. genannt hat, hat aber das Land zu dem gemacht, was es ist, zu der grössten Weltmacht der Erde. Ob die Weiterführung dieser Politik für England auch in Zukunft von Nutzen sein wird, ist eine Frage, die man jenseits des Kanals mit kühlem Verstände ab wägen wird. Und wenn man es auch angesichts der gegenwärtigen Weltkonstellation und der möglichen zukünftigen Racenkämpfe füglich verneinen möchte, so heisst es doch noch lange Zeit für uns auf der Hut sein, denn englische Standhaftigkeit bewährt sich auch im Hass und Misstrauen. Ueber den englischen Volkscharakter sei hier das Urteil eines Gelehrten, des berühmten, jüngst verstor benen Ethnologen Friedrich Ratzel, angeführt, der vor Jahren schrieb: Vor der Schätzung der eigenen In teressen tritt im britischen Nationalcharakter alles Fremde weit zurück. Das Fremde wird anerkannt, so lange es für England nützlich oder mindestens un schädlich ist, und wird auf das äusserste bekämpft, so bald es sich in Gegensatz dazu oder auch nur in Wett bewerb damit stellt. Im Wesen ist der Nationalcharak ter der Engländer noch chauvinistischer als der der Franzosen.“ Ungefähr dasselbe hat auch der langjährige Füh rer der Liberalen, Sir William Harcourt, seinen Lands leuten in der letzten Rede kurz vor seinem Tode, im123 Unterhause vorgeworfen, indem er von dem Geist der Invasion, der Annexion und der Einfälle in jeden Weltteil, von der Grossprecherei, sowie dem Appell an die internationale Eifersucht der jetzt zurückgetrete nen Regierung sprach. Die in dem Buch aufgestellten Behauptungen über Verlauf und Folgen des Krieges sind sicherlicn anfechtbar. Aber je mehr derartige Fragen hüben und drüben durchdacht und öffentlich behandelt wer den, umso mehr muss die Erkenntnis wachsen, ein Krieg zwischen Deutschland und England keinem von beiden Nutzen bringen kann. Zu allen Zeiten ist diese Erkenntnis aber die sicherste Friedensbürgschaft gewesen, und deshalb schadet es auch nicht, wenn während der gegenwärti gen Sympathie- und Friedenskundgebungen in scho nungsloser und offener Weise auch einmal die trocke nen Zweckmässigkeitsgründe, gewissermassen die ge schäftliche Seite der Angelegenheit, beleuchtet wer den; denn die geben schliesslich auch im Leben der Völker den Ausschlag. Sollte das Buch hierzu mit beitragen, so trägt es auch mit zur Erhaltung des Friedens bei, und damit ist sein Zweck erfüllt. Berlin, am 1. Januar 1906. Der Verfasser.Hermann Walther Verlagsbuchhandlung Q. m. b. H. Berlin SW. Kommandantenstrasse 14. Cemmermayer, Fritz, Die Leiden eines deutschen Fürsten (Herzog Elimar v. Oldenburg). Biographische Skizze mit einem Porträt und einer Ansicht der Gruttkapelle M. 2, Lehmann-Rohenberg, Prof. Dr., Wiederum Jena! Weck ruf an das deutsche Volk zum neuen Freiheits kampfe M. 1, Nossig, Dr. Alfred, Die Politik des Weltfriedens. Die deutsch-französische Annäherung und die Kontinen talunion. 2. Aufl. M. 1, Nyström, Dr. Anton, Elsass-Lothringen und die Möglich keit einer deutsch-französischen Allianz. Mit einem Vorwort des Abgeordneten Millerand-Paris M. 2. Schaffer, B. O. T., Rohe Politik. Kritische Randbe merkungen zum internationalen Leben der Gegen wart. 2. Aufl. M. 1,50 Schweinitz, H. H. Graf v., Zum Fideikommisswesen der Gegenwart und Zukunft M, 2,50 Sincerus, P., Von der glücklichen Mecklenburgischen Ver fassung M. 1; Spohn, Major, Luxus und Wohlleben im deutschen Offizier.,- korps. Ein Wort zur Abwehr. M. 0,80 Sternberg, Grat Adalb., Politische Federzeichnungen M. 2, , , Militärische Federzeichnungen M. 1,50 , , Konseruatiue Kauallerie-Attacken M. 2, Strackerjan, Karl, Adler oder Danebrog ? I Eine Anklage gegen die dänische Lostrennungspartei Nord schleswigs M. 1,50Hermann Walther Verlagsbuchhandlung O. m b. H Berlin SW. Kommandantenstrasse 14. Schriften von Alex. Petrovic, gewesener Chef des Pressdepartements im serbischen Ministerium des Aeusseren. Die mabjciriscben öonöerbestrebungen im Reiche ber Habsburger. Mk. 3 , . MAZEDONIEN und die Lösung seines Problems. Mk. 2, Die serbische Jahrhundertfeier und die Blutnacht vom ii. Juni 1903. Mk. 1,-. Der russische Umsturz und die Sozialdemokratie. Mk 2,-. Alexander Freiherr von Pawel Rammingen, Gedanken eines deutschen Edelmannes über die Judenfrage. Mk. 1, Paul petrowltech Slbtrlaseff, EXCELLENZ WITTE. 6ln Blich in dte 6ehcltnm99e der ru99t9cben flnanzpolitih. .rra Mk. 1, .Der deutsch-englische ^ Krieg Uision eines Seefahrers
