Aufwärts die Herzen Von Ludwig Ihmels I. C. hinrichs, Leipzig Leinengebundene Exemplare vorrätig. Aufwärts die Herzen 21 Predigten aus dem Kirchenjahr 1915 16 nebst einer Ansprache bei einer liturgischen Feier des kaiserlichen Geburtstages in der Universitatskirche zu Leipzig gehalten von I). Ludwig Jhmels 2. C. Leipzig Hinrichs sche Buchhandlung 1917Druck von August Pries Leipzig.Vorwort. Noch immer währt das furchtbare Völkerringen, und die Anfor derungen, die es an ein wirkliches Durchleben stellt, werden immer größer; zugleich aber wachsen die Gefahren, die aus ihm sich mit Notwendigkeit für das innere Leben unseres Volkes ergeben. Das stellt die Predigt der Gegenwart vor eine außerordentlich große, verant wortungsvolle Aufgabe: sie muß immer wieder zu einem Durchleben alles dessen, was geschieht, anleiten und muß doch zugleich von dem, was uns belasten, verwirren und in die Tiefe ziehen möchte, den Blick nach oben richten, zu dem Gott, der in Christo Jesu offenbar ist und sich unsern Vater nennen laßt. Daß dieser Gott auch heute unser Volk segnen möchte und auch durch Gericht hindurch zu neuen, größeren Aufgaben führen will, das muß immer wieder bezeugt werden. Möchte man den folgenden Predigten, die samtlich wahrend dieses Kirchen jahres in unserer Universitätskirche gehalten wurden, anspüren, daß sie mit dieser Aufgabe ringen, mehr begehren sie für sich nicht. Jedenfalls darf der Prediger versichern, daß ihn bei der Ausarbeitung dieser Predigten nie die heilige Sorge verlassen hat, unser Volk könnte diese gewaltige Stunde versäumen, zugleich aber auch nie die starke Zuversicht, daß unserer Predigt heute Großes vertraut ist. Wenn die Predigten auch im Druck erscheinen, so bestimmte dazu nicht bloß der Wunsch von Hörern, sondern vor allem das ernste Bewußtsein, daß jeder in dieser Zeit schuldig ist, seinem Volk, so gut er eS vermag, zu dienen. Wir müssen gemeinsam hindurch und wollen es. Gott schenke es uns. Leipzig, im November 1916. v. Jhmels.Inhaltsverzeichnis. Seite Vorwort i. In Hoffnung fröhlich 1 2. Kommt, laßt uns nach Bethlehem gehen . . . 2. Weihnachtstag 11 3 In Jesu Namen Neujahr.... 20 4- Eine zwiefache Epiphanienpredigt in schwerer Zeit z. S. n. Epiph. . Zi 5- Wie man ein Zeuge Gottes wird 6. S. n. Epiph. . 40 6. Was sagt uns heute das Gleichnis vom viererlei Acker? Sexagesimä . . 7- Ich muß das leiden Okuli 61 8. Jesus auf dem Wege zum Kreuz Palmarum . . 7i 9 Wach auf, mein Herz, die Nacht ist hin ... Ostern .... 82 10. Unsere Osterbeute Quasimodogeniti ?4 11. Jubilate jauchzet! Jubilate.... 10? 12. Was wird aus unserm Leben im Licht der Himmel fahrt Jesu? Himmelfahrt. . "5 IZ Was erbitten wir uns zu Pfingsten? 125 14. Was will das Trinitatisfest? Trinitatisfest. . iz6 i?. Daß dein Glaube nicht aufhöre 4. S. n. Tr. . . l47 16. Herr, sei uns gnädig und hilf uns 7. S. n. Tr. . . 158 i7- Oer Herr denkt an uns und segnet uns . . . Erntedankfest. . 169 18. Aufwärts die Herzen 15. S. n. Tr. . . 180 19. Dein Wille geschehe 18. S. n. Tr. . . 191 20. Unser Volk und wir die einzelnen in ihm . . . 20. S. n. Tr. . . 200 21. Die dreifache Mahnung des Bußtags Bußtag .... 211 22. Ein Gesegneter Gottes u. ein Segen für sein Volk Kaisers Geburtstag 22z Verzeichnis der Tcxtstellen. Seite Seite Seite 1. Mos. 12, 2. . . 22z Psalm 115,12 . 1Ü9 Luk. 2Z, 26 Z2. . 7i 18, 20-ZZ 2oc Jes. 6, 1 8 . . 40 Joh. 11, 40 . . . Zi 4. Mos. 6, 22 27. iz6 Matth. 5, 17 19 191 12, 20 26 . 105 Psalm 4,?. . . . 211 Mark. 16, 1 8 . 82 20, 19 21 . 94 37,4 6. . 180 Luk. 2,15 20 . 11 Apg. 1,1 12 . . 115 51, 12 14. 125 2,21 . . . 20 1. Thess. 5, 1 10. 1 77,8 14 . 61 8,4 15. . 50 85,8-14 . 158 22, Z2 . . . r47In Hoffnung fröhlich. Am 2. Advent 191?. 1. Thessalonicher ?, 1 10: Von den Zeiten aber und Stunden, lieben Brüder, ist nicht not, euch zu schreiben; denn ihr selbst wisset gewiß, daß der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb in der Nacht. Denn wenn fie werden sagen: Es ist Friede, es hat keine Fahr, so wird sie das Verderben schnell überfallen, gleichwie der Schmerz ein schwanger Weib, und werden nicht entfliehen. Ihr aber, lieben Brüder, seid nicht in der Finsternis, daß euch der Tag wie ein Dieb ergreife. Ihr seid allzumal Kinder des Lichtes und Kinder des Tages; wir sind nicht von der Nacht, noch von der Finsternis. So lasset uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasset uns wachen und nüchtern sein. Denn die da schlafen, die schlafen des Nachts, und die da trunken sind, die sind des Nachts trunken. Wir aber, die wir des Tages sind, sollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung znr Seligkeit. Denn Gott hat uns nicht gesetzt zum Zorn, sondern die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesum Christ, der für uns gestorben ist, auf daß, wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben sollen. Zum zweiten Male läuten die Adventsglocken einen Sonntag ein. Weihnachten kommt naher. Es ist aber, als habe in dieser Kriegszeit gerade der zweite Adventssonntag eine besondere Be deutung. Er ist ja der Adventssonntag der Hoffnung. In Hoffnung fröhlich empfindet ihr nicht unwillkürlich mit mir: ja, so mag es gehen, daß wir auch in diesem Jahre Weihnachten feiern? In Hoffnung fröhlich: ihr alle, die ihr liebe Angehörige draußen im Felde oder auch in ferner Gefangenschaft wißt; in der Hoffnung, daß ihr dennoch eure Lieben wiedersehen werdet, in der Hoffnung, daß auch ihnen nnterdessen das Weihnachtslicht leuchtet, in der Hoffnung endlich, daß auch aus ihrem und eurem Entbehren dem Vaterlande äußerer und innerer Reichtum erwachst; in dieser Hoffnung rüstet auch in diesem Jahr Weihnachten. Ihr aber, liebe Leidtragende, für die das Licht der Hoffnung ganz erloschen zu sein scheint, wagt, es an der Weihnachtskerze wieder anzuzünden, in der Hoffnung, daß eure Lieben zur ewigen Weihnacht heimge- Il, mel - : Aufwärt- die Herzen, 1kommen sind, in der Hoffnung, daß aus ihren Grabern neues Leben erblühe auch für unser Volk, in der Hoffnung, daß gerade auch in einsamer Weihnachtsstube Gottes Friede und Gottes Segen be sonders stark sein werden; in dieser Hoffnung betet auch ihr die Adventsbitte: Leuchte mir, o Freudenlicht! Ihr aber, die Gott in dieser schweren Zeit besonders freundlich zu führen scheint und die ihr eben um deswillen im Blick auf eure Brüder und Schwestern nicht Weihnachten feiern mögt, auch ihr sollt es in Hoffnung wagen. In der Hoffnung, daß der Advents könig selbst ein rechter Trost aller Weinenden sein werde, ein Berater der Witwen, ein Vater der Waisen, ein Arzt der Verwundeten, eine starke Burg den Gefangenen, ein sicherer Führer den Versprengten und Vermißten, ein allmachtiger Helfer allen Notleidenden, in der Hoffnung auch, daß aus dieser Tranensaat dennoch eine Freuden ernte erwachsen werde; in dieser Hoffnung rüstet auch ihr Weih nachten. Kurz, wir alle wollen gemeinsam in der Hoffnung auf Weih nachten uns bereiten, daß dennoch auch heute der Himmel über der Erde offen ist, und gemeinsam mache uns die Gewißheit fröhlich, daß auch durch alle Wirren der Gegenwart sich der Weih nachtsgruß erfüllen muß: Friede auf Erden". In Hoffnung fröhlich. Wird denn unser heutiger Text uns wirk lich zu dieser Losung helfen können? Ist der Inhalt der Hoffnung, von der er spricht, nicht vielen unter uns allzu fremd geworden, und sind die Ermahnungen, die der Text hinzufügt, nicht allzu er,ist? Ich antworte: auch der Prediger soll heute in Hoffnung fröhlich seinen Dienst ausrichten, in der Hoffnung, daß der Krieg selbst seinem Wort Eingang schaffen werde. In dieser Zuversicht wage ich heute das Wort von der Hoff nung, wie unser Text es predigt, bezeuge aber zuerst, worauf diese Hoffnung sich richtet, und erinnere sodann, wozu sie uns ver pflichtet. i. Von den Zeiten aber und Stunden, liebe Brüder, ist nicht not, euch zu schreiben, beginnt Paulus. Er hat die Wiederkunft Jesu im Auge, und er will sagen, die Gemeinde zu Thessalonich lebe so sehr in dem Gedanken an sie, daß sie keiner Belehrung über Zeit und Stunde der Wiederkunft Jesu bedürfe; was man darüber wissen könne, wisse sie selbst.Wie fremdartig mutet uns heute dies Vertrauen des Apostels an. Heute ist eS eine ganz kleine Schar, die überhaupt ernstlich an die Wiederkunft Jesu denkt. In ihrer Mitte ist freilich wahrend des Krieges viel darüber verhandelt, ob dieser Tag näher komme. Für die große Gemeinde dagegen ist die Hoffnung auf die Wiederkunft des Herrn wenn ihr auch nicht widersprochen wird praktisch tot. Man weiß nur, daß über neunzehnhundert Jahre seit der Ver heißung Jesu vergangen sind, und daß sie bisher nicht Wirklichkeit wurde. Wozu dann heute mit Gedanken sich beschäftigen, die im besten Falle in eine ganz ferne Zukunft zu weisen scheinen? Ist es heute nicht viel nötiger, daß wir uns mit beiden Füßen auf die Erde stellen und um den Platz auf der Erde kämpfen? Gegenwartsmen schen müssen wir sein, nicht Zukunftsträumer, so empfindet man. Ich verstehe das wohl. Und doch: wenn wir das Wort von der Wiederkunft Jesu aufgeben wollten, so würden wir die ganze christ liche Hoffnung töten. Gerade die gegenwärtige Zeit müßte uns aber - dünkt mich in besonderem Maße empfinden lassen, was wir an dieser Jukunftshoffnung haben. Oder könnten wir unS heute wirklich mit einer Hoffnung für die Menschheit einrichten, die nicht den Krieg aus dem Leben der Menschheit ausschaltete? Als freilich dieser Krieg begann, da waren viele Lobredner des Krieges; ja, man hat ihn im Gegensatz zum Frieden als den großen Segenbringer der Menschheit gefeiert. Ganz fehlt eS auch heute noch nicht an ähnlichen Stimmen, und wir alle sind außerordentlich empfindlich, wenn man irgendwie die Not wendigkeit und das Recht, die sittliche Notwendigkeit und das sitt liche Recht des gegenwärtigen Krieges unsicher zu machen scheint. Ja, wir ertragen auch nicht, wenn man die Größe der gegenwärtigen schweren Zeit verdunkelt. Aber, soweit man auch in beidem gehen mag, so erleben wir zugleich doch mit elementarer Gewalt, welche Unnatur es ist, wenn zivilisierte Völker, ja christliche Nationen gegenseitig sich morden. Wenn wir den Trümmerhaufen ansehen in dem die Menschheit heute wertvollste äußere und innere Güte zu begraben scheint, den Trümmerhaufen, in dem besonders auch soviel sittliches Kapital an gegenseitigem Vertrauen und gegen seitigem Dienst verscharrt wird, so muß wohl die heiße Sehnsucht in uns aufsteigen, daß der Krieg aus der Menschheit verschwinde und die Menschen nur in gegenseitigem Dienst wetteifern. Aber glaubt auch irgend jemand unter uns heute noch, daß es jemals in dieser Zeit dahin kommen werde? 4 Wir wissen, wie unsere Friedensfreunde vor dem Krieg an ähnlichen Gedanken sich berauschten. UnS ist es heute kaum faßlich, daß man damals mit solcher Zuversicht von dem not wendigen sittlichen Fortschritt sprechen konnte, der den Krieg unmöglich machen müsse. Noch redeten die Menschen und rede ten und redeten, da brach dieser Krieg herein und gab ihnen eine furchtbare Antwort, eine Antwort, wie auch wir sie nicht ver mutet hatten. Oder würden wir, die mit jenen Friedensträumern nichts zu schaffen hatten, erwartet haben, daß der Krieg in dein Maße, wie es geschehen ist, Weltkrieg sein werde? Ich kann die Frage auch so wenden: Hätten wir wirklich darauf gerechnet, daß Jesu Wort sich so buchstäblich erfüllen werde, daß ein Volk auf Erden sich über das andere empören werde und ein Königreich über das andere? Sollen wir dann wenigstens hoffen, daß dieser Krieg der letzte sein werde? Fürchtet nicht, daß der Prediger jetzt versuchen könnte, politische Betrachtungen anzustellen; aber mich dünkt, wir erleben heute ganz unmittelbar, daß die Gedanken eines ewigen Friedens auf Erden nichts als Träume sind, Träume, Träume von Men schen, die die Wirklichkeit nicht kennen. Unwillkürlich empfinden wir, daß aus der menschheitlichen Entwicklung selbst heraus die Jdealgestalt der Menschheit, die den Krieg überflüssig machen würde, nicht erwachsen wird. Ich meine allen Ernstes, daß wir heute geradezu vor der Wahl stehen: entweder müssen wir die Hoffnung auf die Vollendung der Menschheit aufgeben, oder wir müssen verstehen, daß sie nur von oben kommen kann, von dem Gott, der Wunder tut, von dem Gott, der ursprünglich die Menschheit zu sich erschaffen hat, der sie in der Fülle der Zeit zu sich erlöste und in der Wieder kunft des Sohnes sein Werk auf ewig vollenden wird. Müßten wir diesen Glauben und diese Hoffnung aufgeben, dann würde zuletzt alle christliche Hoffnung sterben. Jedenfalls, wir Jünger Jesu können nicht aufhören, an die Vollenduug deö Reiches Gottes in der Wiederkunft Jesu zu glauben. Denn an Jesum glauben, das heißt, an das Kommen des Reiches Gottes glauben. Jesus begann seine Wirksamkeit mit dem Anspruch, Gottes Reich aufrichten zu wollen, und sterbend noch hat er an seinen Tod die Verwirklichung des Neuen Bundes geknüpft; die Vollen dung seines Reiches aber erwartete er von seiner Wiederkunft. Darum an dieser seiner Zusage irre werden, hieße an JesuS selbst irre werden. 5 Es ist mir auch wieder, als müßten wir gerade heute ein wenig davon verstehen, warum der Herr die Zusage seiner Wiederkunft bisher nicht einzulösen vermochte. Wir erleben heute ja in besonderem Maße die Macht des Bösen, der gegenüber GotteS Reich sich durch setzen muß. Selbst Menschen, für die das Wort von der Sünde einen allzu altmodischen Klang hatte, haben doch in dieser Zeit von der furchtbaren Wirklichkeit des Bösen in der Welt sich überzeugen müssen. Ja, selbst die biblischen Gedanken von einem Reich der Finsternis, die auch leise in unserm Text wiederklingen, haben heute bei manchem neues Verständnis gefunden. Man hat die Empfindung, als seien Abgründe der Lüge und Heuchelei offenbar geworden, die nicht mehr nur menschlich seien. Freilich, ich weiß wohl und will es auch offen aussprechen, insofern solche Urteile auf feindliche Na tionen sich beziehen, tritt die leise Gefahr des Pharisaismus an unser Volk heran. Aber je mehr wir auf diese Gefahr aufmerksam werden, und je schmerzlicher wir auch die Sünde im eigenen Volk empfinden, um so weniger werden wir gerade heute den Herrn zu tadeln wagen, daß er sein Wort noch nicht einzulösen vermochte. Nur, daß zugleich der Gedanke ganz unmöglich wird, daß es über haupt nicht dazukommen werde und der Herr nie sein Reich vollenden sollte. Ich wiederhole: wir müßten damit unsere ganze christliche Zukunftshoffnung streichen. Denn was bliebe ohne den Gedanken einer Vollendung aller Dinge in der Wiederkunft unseres Herrn an christlicher Hoffnung übrig? Nur der Gedanke an die Vollendung einzelner nach dem Tode? Für viele geht in der Tat heute die ganze christliche Hoffnung in diesem Gedanken auf, und doch reicht er in keiner Weise aus, ja er würde nicht einmal für sich allein bestehen können. Zwar wir haben uns erst am Totensonntag aufs neue mit der Ge wißheit getröstet, daß alle, die in Christo entschliefen, bei ihm daheim sind. Unser heutiger Text gibt uns ein Recht, das aufzunehmen. Auch er bezeugt: Christus ist dazu gestorben und auferstanden, daß, ob wir wachen oder schlafen, wir mit ihm leben sollen. Soviel Fragen wir auch für unsere entschlafenen Lieben haben mögen, die eine große Hauptsache ist gewiß: auch sie sind des Herrn, und keine Qual rührt sie mehr an; ja, in der Offenbarung St. Johannis heißt es: Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben. Und dennoch: kann das das letzte sein? Eine doppelte Seite im Menschenwesen macht das unmöglich. Einmal die Tatsache, daß wir geist-leibliche Wesen sind, und sodann die andere Tatsache, daß wir unlösbar verflochten sind 6 den Zusammenhang der Menschheit. So gewiß beides zum Menschenwesen gehört, so gewiß gibt es für uns keine persönliche Vollendung anders als durch Auferweckung der Toten hindurch und durch Vollendung der Gemeinde. So meinte ich es, daß der Ge danke einer Seligkeit nach dein Tode in sich selbst notwendig einer Ergänzung durch die Gewißheit um die Vollendung des Reiches Gottes in der Wiederkunst Jesu bedarf. Heute indes liegt eine andere Frage mir noch mehr am Herzen. Könnten wir uns denn überhaupt mit der Hoffnung einer bloß per sönlichen Vollendung einrichten? Gerade in der Gegenwart frage ich so mit besonderer Zuversicht. Dieser furchtbare Krieg hat uns doch gewaltsam von uns selbst losreißen wollen. Er hat es uns mit ele mentarer Gewalt empfinden lassen, daß es Größeres gibt als das eigne kleine Leben: die Sache deS Volkes, die Sache der Menschheit. Sollten wir dann heute nicht auch das verstehen, daß auch an diesem Punkt Gottes Gedanken höher sind, wenn er nicht bloß auf eine Vollendung der einzelnen, sondern der Menschheit hinauswill? Ich kann noch bestimmter fragen. Würden wir heute es wirklich ertragen, wenn jemand sagen wollte: Was frage ich nach dem Ge schick meines Volkes und der Menschheit, wenn nur mein persönliches Leben geborgen ist? Und dann sollte die christliche Hoffnung sprechen dürfen: Was frage ich nach einer Vollendung des Menschengeschlechts, wenn nur ich und die, welche ich liebhabe, persönlich vollendet werden? Wahrlich mich dünkt in dieser großen Zeit müßten wir es empfinden: nur eine Zukunftshoffnung hat ihr sittliches Recht, die nicht bloß meine und vieler einzelner Vollendung will, sondern auf die Vollendung des Menschengeschlechts in der Vollendung des Reiches Gottes wartet. Das ist die Hoffnung, von der der heutige Sonntag zu uns redet. Gepriesen sei er, der da kommt. 2. An diese Hoffnung klammern wir uns an; mit ihr wollen wir auch in dieser schweren Zeit durchhalten. Denn auch die furchtbarste Weltkatastrophe wird im Lichte jener Hoffnung zur Geburtsstunde eines Neuen, das auf die Endvollendung weissagt. Aus dieser Hoff nung erwachsen aber zugleich so seltsam das auch klingen mag die rechten Gegenwartsaufgaben für den einzelnen wie ein ganzes, großes Volk. Oder könnte unserm Volk auch Größeres geschehen, als daß eS ein Träger der Menschheitöentwicklung würde auf jenes Ziel der Hoffnung, das Gott der Menschbeit steckte?Zwar, es bleibt dabei: vir können die Vollendung des Reiches Gottes nicht herbeizwingen, auch unser Volk nicht. Kein Gedanke wäre schriftwidriger als die Vorstellung, daß die Vollendung der Menschheit in geradlinig aufsteigender Entwicklung aus der Geschichte der Menschheit selbst erwüchse. Damit ich mit allem Folgenden nicht mißverstanden werde, will ich zuerst scharf aussprechen: das Bild, das die Schrift von der Entwicklung der Menschheit und der Endzeit der Geschichte entwirft, ist ein völlig anderes. Wir glauben nicht an eine Selbstentwicklung der Menschheit, sondern wir glauben an den Herrn, der wiederkommen und durch Gericht und Vollen dung der Gemeinde das gottgewollte Ziel aller Geschichte herbei führen wird. Indes, das ist doch nur die eine Seite der Sache, und gerade aus dein Munde Jesu selbst stammen die Gleichnisse, die die andere Seite der Sache hervorheben. Das sind die Gleichnisse, in denen Jesus das äußere und innere Wachstum des Reiches Gottes beschreibt, wie es in allmählicher Entwicklung der Vollendung entgegenzureifen scheint. DaS ist die Seite der Sache, die uns vor allein angeht; denn sie schärft uns unsere Verantwortung ein und redet zu uns von den Aufgaben, die uns gestellt sind. Auch zu den Völkern redet sie von solchen Aufgaben, so gewiß eS eben die Menschheit ist, die vollendet werden soll; und je höher Gott ein Volk führt, desto höhere Aufgaben hat er auch für dies Volk. Täuscht aber nicht alles, so will Gott durch diesen Krieg unser Volk vor anderen Völkern auf die Höhe führen. Möchte dann doch auch unser Volk bedenken, daß Gott besonders hohe Aufgaben für uns hat. Segnet Gott unS vor andern Völkern, dann müssen wir auch vor andern zu seinen: Dienst bereit sein. Nicht bloß in der unmittel baren Arbeit an der Ausbreitung des Reiches Gottes in dieser Welt soll unser Volk vorangehen, auch nicht bloß in der sittlichen Durch sättigung und christlichen Durchdringung aller Kulturentwicklung, sondern auch in allem andern soll unser Volk der Aufgabe eingedenk sein, Gottes Werkzeug in dieser Welt zu werden. Aufgaben tun sich hier auf so groß. Fernsichten so gewaltig, daß wir nur immer wieder unser Volk bitten können, diese Stunde und Gottes Auf gaben nicht zu versäumen. Sei denn wacker, mein Volk, und richte aus großer, schwerer Zeit den Blick größerer Zukunft entgegen. Alles Wort an unser Volk wird aber zuletzt wieder notwendig zu einem Wort an die einzelnen, und unser Text redet zunächst nur von diese ,. Er redet aber in erschütterndem Ernst zu ihnen. Denn der 8 Tag selbst, von dem er redet, ist bei aller Seligkeit, die er umschließt, zugleich erschütternd ernst. Er wird kommen wie ein Dieb in der Nacht, sagt Paulus, so unerwartet und so verhängnisvoll. Unerwartet kein Geschlecht und keine Zeit darf sagen: es ist Friede, es hat keine Gefahr. Auch unsere Zeit nicht und auch unser Geschlecht nicht. Unerwartet kommt der Tag und wie ein Verhängnis. Gleichwie der Dieb alles, was nicht fest ist, mitnimmt, so rafft dieser Tag alles hinweg, was nicht Ewigkeitsbestand hat. Liegt aber auch jetzt noch etlichen unter uns der Gedanke an den jüngsten Tag zu fem, so mögen sie alles auf den Tag ihres Todes deuten. Auch er kommt, und wir wisseil nicht, wann. Wir sehen ihn immer wieder zu unsern Freunden und Nach barn kommen; jedoch, wann er zu mir kommt, weiß ich nicht. Wenn cr aber kommt, wird auch er alles, was der Zeit angehörte und in die Zeit verflochten war, mir wegreißen. Auch dann wird es die eine große Frage sein, ob wir etwas besitzen, das ewigen Bestand hat, oder nicht. Darum laßt uns sagt Paulus nicht schlafen wie die andern. Nicht wie die andern nur vier Worte. Wir tun aber gut, diese vier Worte uns wieder tief ins Herz zu prägen. Denn was ist der gewöhnlichste, freilich auch törichteste Einwand gegen das biblische Christentum? Antwortet man auf alle seine Forderungen nicht immer wieder: die andern leben ja auch nicht anders? Wie töricht. Sind wir wirklich Jünger Jesu, so dürfen wir eben nicht sein wie die andern. Darin, daß wir anders sind, soll offenbar werden, daß wir Kinder des Tages heißen dürfen. Ihr seid allzumal Kinder des Tages, schreibt Paulus seinen Thessalonichern, und er will damit sagen, daß sie bei ihrem Gläubig werden aus dem Dunkel der Sünde zum Licht der Gnade gekommen sind, daß sie fortan an dem Tage des Heils, der mit Christo anbrach, Anteil haben, und daß sie auf die Vollendung des Heils am Tage der Zukunft Jesu warten dürfen. Diesen Kindern des Tages stellt Paulus mit all der Schroffheit und Rücksichtslosigkeit, die wir an ihm kennen, andere Menschen als Kinder der Nacht gegenüber. Er kennt nur Menschen des Lichts und Menschen der Finsternis. Ich nannte das rücksichtslos. Lieber sollte ich sagen: Paulus redet so in der Ehrlichkeit und dem Ernst, den wir an ihm kennen. Er will keine falsche Vermittlung. Von der vielgerühmten Kunst, die auch da noch vermitteln möchte, wo nichts zu vermitteln ist, hält der Apostel nichts. Und Licht und Finsternis, Tag und Nacht sind freilich unversöhnliche Gegensätze.Oder sind sie es doch nicht? Es bleibt dabei: Vermittlung gibt es zwischen beiden nicht, wohl aber Übergange. Es gibt Morgen dämmerung, und es gibt Abenddämmerung; so gibt es auch in der Welt Übergange zwischen den Menschen des Lichtes und den Menschen der Finsternis. Wie bin ich herzlich froh, daß ich das sagen darf. Nun brauche ich nicht meine Mitmenschen in zwei Klassen einzu teilen. Ich könnte es nicht, und ich brauche es auch nicht, aber für Gott sind schon heute Tag und Nacht unüberbrückbare Gegen sätze, und ich muß für mich persönlich wissen, ob ich zu den Menschen des Lichts gehöre oder nicht. Denn auch Morgendämmerung und Abenddämmerung sind Gegensätze. Niemand kann auf den Ge danken kommen, daß Abenddämmerung und Morgendämmerung im Grunde dasselbe sei. So ist es auch heute etwas völlig Ver schiedenes, ob jemanden, der bisher fern stand, ein erster Strahl des Lichtes grüßt und er wenn auch in noch so unsicherem Licht die erste Morgendämmerung der Gnade schaut, oder ob ein Tag des Glaubens, vielleicht ein langer und gesegneter Glaubenstag, zuletzt doch durch eigene Schuld allmählich in Nacht übergeht, in dunkle Nacht, in trostlose Nacht, in rettungslose Nacht, in ewige Nacht. Darum: ich darf mich persönlich nicht bei falscher Vermittlung be ruhigen; ich muß wissen, ob ich ein Kind des Tages bin oder nicht. Sind wir Kinder des Tages, schreibt der Apostel weiter so laßt uns nüchtern sein und wachen; denn die da trunken sind, die sind des Nachts trunken. Sagt ihr nicht unwillkürlich mit mir: Schande über die Christenheit, daß das ihr immer auch noch in buch stäblichem Sinne gepredigt werden muß? Paulus denkt an geist liche Nüchternheit und Wachsamkeit. Die, welche eine gewisse Hoff nung haben, sollen in heiliger Nüchternheit all ihre Gedanken und Kräfte nach Leib, Seele und Geist zusammenfassen und sollen den? Tag ihrer Hoffnung entgegenwachen. Wenn jemand einen kostbaren Schatz im Hause weiß und ernste Gefahr des Einbruchs besteht, dann wacht er und läßt wachen.. Nun wohl, sagt der Apostel, ihr Christen habt einen solchen Schatz der Hoffnung: Wachet, wachet, wachet, daß niemand ihn euch nehme. Und damit ihr recht wachen könnt, legt an den Panzer des Glaubens und der Liebe und nehmt den Helm der Hoffnung. Das darf ich indes heute nicht mehr aus führen wollen. Unlängst habe ich ja auch erst von dem Dreiklang hier predigen dürfen, der ein Christenleben schützt: Glaube, Hoff nung, Liebe. 10 Nur von dem Schluß unsers Textes bitte ich, noch ein paar Worte sagen zu dürfen. Er bildet die Grundlage für alles, was unser Text von der christlichen Hoffnung und den Aufgaben deö Christen zu sagen hat. Er lenkt zugleich unsere Gedanken ganz zu Weihnachten zurück. Kinder des Lichts, die eine gewisse Hoffnung haben und eben darum für dieseHoffnung wachen und streiten, das sollen wirsein. Woher weiß ich denn, daß ich mich so ansehen darf? Der Schluß unsers Textes sagt es: Gott hat uns nicht gesetzt zum Zorn, sondern die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Iesum Christum. Die Krippe zu Bethlehem legt das Wort uns aus. Darum zu ihr richte ich zuletzt wieder unsere Blicke und Herzen. Ich weiß wohl, ich habe heute manches sagen müssen, was auch solche erschrecken kann, die unser Herr nicht erschrecken möchte. Um so mehr freue ich mich, daß ich zuletzt uns alle noch einmal zur Krippe zu Bethlehem führen darf. Siehe da, das Kind in der Krippe ist Bürge, daß dein Herr zuletzt auch über dich lauter Gedanken der Seligkeit hat und diese Gedanken auch hinausführen will. Was immer du etwa noch nicht verstehst, oder was dich etwa innerlich beunruhigt, bitte deinen Gott, daß er dir die Augen für das Kind in der Krippe öffne und für die Gnade Gottes, die dir hier entgegenleuchtet, und dann gehe hin und feiere Weihnacht. Amen.Kommt, laßt uns nach Bethlehem gehen. Am 2. Weihnachtstage 1915. Ev. Lukas 2,1? 2v:Und da dieEngelvon ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Laßt uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kund getan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegen. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, preiseten und lobten Gott um alles, das sie gehöret und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war. Kommt, laßt uns nach Bethlehem gehen. Mit dem übervollen Herzen, wie der Krieg es schafft, mit der heimlichen Sorge und mit dem wehmutsvollen Leidtragen, aber auch mit dem leisen Hoffen, ja, der stillen, jauchzenden Freude, an der es doch auch heute hie und da in den Herzen nicht fehlt, nach Bethlehem, nach Bethlehem! Kommt laßt uns nach Bethlehem gehen. Auch dies Wort kann man sehr verschieden sprechen. In ruhigen Zeiten sagt es vielleicht der Hausvater mit einer gewissen ruhigen Feierlichkeit. Die Ar beit des Tages ist beendet, die Festrüstung abgeschlossen; kommt, laßt uns jetzt nach Bethlehem gehen, daß wir die Geschichte sehen, die dort geschehen ist. Heute dagegen ist es wie ein gewaltsames Los reißen von schweren Gedanken, wie ein letztes Anklopfen an die Tür: Kommt, laßt uns nach Bethlehem gehen, ob dort unsere Herzen stille werden. Ja, kommt nur und laßt uns gehen. Auch m diesem Jahre gehen wir nicht umsonst nach Bethlehem. Nur, daß wir wirklich sehen wollen. Kommt, laßt uns nach Bethlehem gehen und die Geschichte sehen, die dort geschehen ist, sprechen die Hirten zu einander. Viele feiern jahraus, jahrein Weihnachten und sehen nichts und erleben nichts an der Krippe zu Bethlehem. Darum flüchten sie ganz zur äußeren Weihnachtsfeier, und wenn dann an der äußeren Weihnachtsfeier, wie es in diesen: Jahre notwendig der Fall ist. 12 dieses oder jenes fehlt, dann fehlt ihnen etwas an Weihnachten selbst. Vielleicht merken etliche nicht einmal, wie sie mit diesen äußeren Klagen in dieser ernsten Zeit fast zu einer kölnischen Figur werden. Weihnachten feiern, das heißt nach Bethlehem gehen und die göttliche Geschichte dort sehen. Kann man daS denn? Kann man heute sehen, was dort in Beth lehem geschah? Kann man heute persönlich etwas an der Krippe in Bethlehem erleben? Wenn wir es nicht könnten, dann laßt uns ich rede in hohem Ernst unsere Kirchen schließen und mit dem Predigen aufhören. Denn alle Predigt am Weihnachtsfest drangt zuletzt auf dies eine: sehen. Alles andere kann nur dazu dienen, dies Sehen vorzubereiten oder es wirksam werden zu lassen. So sage ich denn mit den Hirten: Kommt, laßt uns nach Bethlehem gehen. Was wollen wir dort? Ich antworte: erstens: suchen und uns sagen lassen; zweitens: sinnen und sehen; drittens: singen und sagen. Kommt, laßt uns nach Bethlehem gehen, im Ausammenhang unserer Texterzahlung erscheint das so selbstverständlich. Vielleicht mutet heute dagegen die Geschichte den einen oder anderen unter uns völlig fremd an. Was haben wir Menschen der Gegenwart mit diesen einfachen Hirten von Bethlehem zu tun? so möchte man fragen. Und dennoch, wenn diese Gestalten wirklich vor uns lebendig werden, dann merken wir, in ihnen wird auch etwas von dem offen bar, was in uns selbst lebt. Seht sie nur an diese Männer, wie sie, scheinbar leichtsinnig, ihre Herden in der Nacht zurücklassen, wie sie durch die dunkle Nacht eilends nach Bethlehem stürmen, wie sie dort in dem überfüllten Bethlehem ein Kindlein suchen, das sie doch nur sehr ungenau bezeichnen können, was treibt diese Männer vor wärts? Wir wissen, sie gehörten einem Volke an, das seit Jahr tausenden auf einen wunderbaren König wartete, der zugleich der ganzen Menschheit Heil bringen sollte. In diesem Volke gehörten die Hirten zu dem kleinen Kreis, der wirklich wartete. Wir wissen von ihnen freilich nichts Näheres, aber wir können gar nicht zweifeln, daß die messianische Heilserwartung den eigentlichen Lebensinhalt dieser schlichten Menschen ausmachte. In dieser Nacht nun sollte sich erfüllt haben, worauf Jahrhunderte warteten: das mußten die Hirten sogleich selbst sehen. Ihr Warten, das Warten der Mensch heit, trieb sie vorwärts. 13 Hier ist der Punkt, an dem die Hirten uns nahe kommen. In diesen schlichten Männern: verkörpert sich das Warten der Menschheit. Die menschliche Seele ist von Natur eine wartende. Man muß schon ganze Wagenladungen von Schutt in ein Menschenherz ausschütten, um dies geheimnisvolle Warten und Sehnen zu ersticken, und zur Weihnachtszeit bricht es dennoch immer wieder einmal hervor. Gesegnet auch dies Weihnachtsfest, wenn jenes Warten da, wo es erstorben wäre, aufs neue wach würde. In Wahrheit könnte es für jemand unter uns der erste Schritt zur wirklichen Weihnachtöfreude sein, wenn er von diesen Hirten sich sagen ließe, daß auch er ein Recht habe, ein lebendiger Mensch zu sein mit einem stillen, starken Warten im Herzen. Es gehört zum Adel des Menschenwesens, ja, es macht seinen ganzen Adel aus, daß wir Wesen sind mit einer ungestillten und unstillbaren Sehnsucht im Herzen. Kennt ihr wohl Menschen, die beständig darauf zu warten scheinen, daß die Tür sich auftue und endlich das Glück bei ihnen eintrete? Kennt ihr sie, die Menschen mit den großen Augen, aus denen uns der Hunger nach Leben anzustarren scheint? Nennt sie nicht zu schnell Phantasten und Träumer. Vielleicht sind sie beides; aber in ihrem Hunger nach Leben haben sie recht, und selbst in einer krankhaften Sehnsucht offenbart sich noch etwas von dem Warten der Menschheit. Die Menschheit ist eine wartende. Worauf wartet sie denn? Ich antworte sogleich: auf dies Kind in der Krippe, auf den Gott, der in diesem Kinde uns besucht hat. Ich kann es auch so ausdrücken: die Menschheit wartet darauf, daß die Tür des Himmels sich auftue und Gott zu uns komme. Kommt, laßt uns nach Bethlehem gehen, daß wir dort die Erfüllung dieses Wartens suchen. Wohin sonst sollten wir mit jener wunderbaren Sehnsucht, die wir alle kennen, gehen? Ich glaube, es sind nicht wenige unter uns, die immer neuen sittlichen Ernst aufwenden müsseu, um sich nicht von jenem wunderbaren Heimweh der Seele immer wieder in die Vergangenheit weisen zu lassen. Wer verstünde nicht die Sprache, in der ein moderner Dichter das Heimweh nach dem Vaterhaus im Walde ausgeströmt hat: Nur einmal, einmal noch im Traum, laß mich hinaus, o Gott, hinaus ? Ich glaube, es gibt ernsthafte Menschen unter uns, die das Gefühl haben, als wären sie nur an der Hand der Mutter unter dem brennenden Christbaum restlos glücklich gewesen. Waren sie eS wirklich, so war es auch ein Glück der Sehn sucht. Jedenfalls: niemand möchte im Ernst zurück. Auf der Kanzel sprechen wir nicht weiter davon. Dagegen sehrernst ist das andere, daß manche unter uns mit ihren Gedanken immer wieder zu dein Weihnachtsfest vor einem Jahr und vor zwei Jahren zurückkehren. Damals war ihr Sohn und ihr Gatte noch mit in der Festkirche; heute ruht er fern von hier in fremder Erde. Und andere nnter uns haben in diesen Festtagen auf den Friedhöfen unserer Stadt aufs neue die Stimmen im Innern gehört: Nur einmal nur einmal noch ein Wort der Liebe von dem andern und ein Wort des Dankes ail den andern. Ich glaube wieder, es sind ernsthafte Menschen unter uns, die viel darum geben würden, wenn sie auch nur noch einmal ein einziges Wort des Abschiedes dem andern sagen könnten. Was ist das? Sentimentalität? Gewiß, in all diesen Empfin dungen kann unendlich viel kranke Sentimentalität sich selbst be spiegeln. Davor soll ein gesunder Mensch mit hohem Ernst fliehen. Dennoch bitte ich: laßt uns nicht mit einem häßlichen Fremdwort eine Sache töten, die vielleicht gerade dem deutschen Gemüt besonders entspricht. Nein, nein, in der Kirche sollen alle die Heimatsbewußtsein haben, die mit der Vergangenheit nicht so leicht fertig werden können. Wenn niemand sie verstünde, so sollen sie gewiß sein, in der Kirche verstanden zu werden. Dennoch müssen wir auch hier sie bitten, den Blick aufwärts und den Fuß vorwärts zu richten. Auch hier müssen wir eS ihnen zur Pflicht machen, endlich mit der Vergangenheit ab zuschließen. Wie aber sollen sie eö lernen? Kommt, laßt uns zur Krippe von Bethlehem gehen. Nun er liegt in seiner Krippen, Ruft zu sich Mich und dich, Spricht mit süßen Lippen: Lasset fahren, lieben Brüder, Was euch quält. Was euch fehlt. Bring" ich alles wieder. WaS ist das? Phrase oder Wirklichkeit? Der Mann, der dies scheinbar so weichen Worte gedichtet hat, ist ein sehr ernsthafter Mensch gewesen, ein starker Mann, ja, in gewissem Sinne eine Kampfesnatur, ein Mann, der auch in den Schrecken eines Krieges, des fruchtbaren Dreißigjährigen Krieges, gereift ist: Paul Gerhardt. Von ihm darf auch der stärkste Mann noch lernen. Dieser Mann aber hat jene weichen Empfindungen der Seele, ihr geheimnisvolles Sehnen nicht töten wollen, aber er hat es an der Krippe von Bethlehem sich er füllen lassen und darin innerlich überwunden. Er hat erlebt, daß dies 15 Kind uns zum Vater führt, uns unseres Gottes gewiß macht, und wir in diesem Gott ganz buchstäblich noch das besitzen dürfen, was uns verloren schien. Darum: zur Krippe von Bethlehem, daß dort die heimwehkranke Seele von ihrer Vergangenheit genese und zugleich der Erfüllung ihres Wartens in der Zukunft gewiß werde. Oder sollten wir auch nur für die Zukunft von irgendetwas an derem, das auf Erden ist, Erfüllung jener Sehnsucht erwarten dürfen? Niemand unter uns glaubt das im Ernst. Auch wenn Gott alles Ver langen nach Gold dem Menschen gewahrte und aller Hunger nach Macht und Ehre und Einfluß Befriedigung fände und aller Durst nach Wissen gestillt würde, bliebe doch jene Sehnsucht tief im Innern rege. Was sollen wir denn tun? Resignieren? Sollen wir, wie man uns rät, verständig werden, daß wir nichts Unmögliches begehren? Sollen wir nüchtern sein, daß wir nicht nach den Sternen greifen: Die Sterne, die begehrt man nicht....? Mit einem Wort: sollen wir jenes tiefe, unbezwingliche Sehnen der Seele zu töten suchen? Töten, was das Leben eigentlich lebenswcrt macht? Töten, was den Menschen zum Menschen macht? Wollen wir nicht vorher zur Krippe nach Bethlehem gehen und uns von allen denen sagen lassen, die dort gesucht und gefunden haben, von all den Tau senden und den Millionen, die, in Bethlehem angekommen, be kannten, gefunden zu haben? Ich weiß wohl, was du vielleicht ant worten möchtest, und du hast ganz recht. Auch jene, die in Bethlehem gefunden haben, können es oft nur unter Tränen aussprechen, daß sie gefunden haben, und vielleicht müssen sie immer wieder diese Ge wißheit sich selbst erkämpfen. Dennoch ist es ehrliches Bekenntnis, das den wirklichen Inhalt ihres Lebens ausmacht, und wir brauchen uns nicht zu schämen, daß wir unS von ihnen sagen lassen. Was aber sagen sie uns? Alles, was sie unö zu sagen haben, kann ich in zwei kurze Sätze zusammenfassen. Zuerst: was dir fehlt, ist nur eins Gott Gott. Und sodann: dieser Gott begegnet dir allein in Christo Jesu. Verstehst du das noch nicht, dann nimm es zum Nachdenken mit. Die Predigt darf nichts aufzwingen wollen, was nicht selbst gesehen und erlebt werden könnte. Aber zum Sinnen und Sehen darf sie locken. 2. Maria, die gesegnete Mutter des Christkindes, steht in der Weih nachtsgeschichte als daS Vorbild gesegneten Sichversenkens^in das 16 Geheimnis der Weihnacht. Maria, heißt es, behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Wie gut werden die Mütter unter uns diese Mutter verstehen können. Oder wäre auch das eine rechte Mutter, die nicht mit leuchtenden Augen das Geheimnis des Lebens zu ergründen versuchte, das Gott auf ihren Schoß legte? Auch die junge Mutter der Gegenwart behält alles, was ihr von ihrem Kind lein gesagt wird, und bewegt es in ihrem Herzen. Unwillkürlich zieht auch in den stillen Stunden des Mutterglücks das eigene Leben an dem geistigen Auge vorüber, wie wird da die Seele voll tiefer Be wegung. Wie übervoll mag vollends das Herz der Maria gewesen sein: voll vom eigenen Erleben, voll von dem, was man ihr über ihr Kindlein gesagt hatte. Freilich, niemand kann mit Sicherheit ausmachen, inwieweit Maria damals selbst schon das Geheimnis dieses Kindes ganz verstanden hat. Ich darf uns auch uicht einmal mit Mutmaßungen darüber aufhalten. Ebenso widerstehe ich ganz der Versuchung, auseinanderlegen zu wollen, wie heilige Erinne rung an vergangene schwere Stunden, dankbare Freude an der Gegen wart, ahnungsvoller Ausblick in eine große, schwere Zukunft imJnnern der Maria zu einer wunderbaren Einheit verschmolzen. Die Predigt muß sich heute ganz darauf beschränken, Maria für uns zum Vorbild stiller Stunden in der Weihnacht zu machen. In Wahrheit: wir bedürfen in der Weihnachtszeit der stillen Stunden. In diesem Jahre zwiefach. In diesen: Jahre scheint aber ja Gott auch in besonderem Maß stille Stunden zu schenken. Für geräuschvolles Feiern ist in diesem Jahre kein Platz; alles weist in ernste Stille. Daß wir dann nur diese Stille nicht fliehen, sondern suchen möchten! Zwar, ich verstehe wohl, wenn etliche sich vor dieser Stille zu fürchten scheinen. Nur nicht allein sein, nur uicht meinen Gedanken nachhängen, so empfindet man. Du hast auch ganz recht, du darfst nicht allein sein. Aber du sollst ja auch gerade an der Krippe von Bethlehem nicht allein sein; du sollst dort deinem Gott begegnen. Und wiederum, es ist so: du darfst nicht deinen Gedanken nachhängen. Aber du sollst deinem Gott Raum geben, daß seine Gedanken in dein Leben eintreten können und seine Gedanken über deine Gedanken Herr werden. Kurz, alles, was du in diesem langen Jahre erlebtest oder vielleicht auch in einem langen Leben erlebtest, soll zuletzt dir nur helfen, daß du an der Krippe von Bethlehem persönlich etwas er lebst. Darum wage nur mit allem, was du auf dem Herzen und Gewissen hast, zur Krippe zu kommen, und wage nur, Gott um sehendeAugen zu bitten, daß du ein wenig von der Liebe erkennst, die gerade jetzt auch über deinem Leben gewaltet hat und waltet, von eben der Liebe, die in Bethlehem offenbar wurde. Siehe, einmal muß es doch auch bei dir dahin kommen, daß du dein Christkind begegnest. Einmal mußt auch du dein Leben im Licht der Weihnacht dir deuten und von Gott dir sagen lassen, wohin er mit deinem Leben will. Und wiederum, einmal mußt auch du das Licht der göttlichen Gedanken in dein Leben hineinleuchten lassen und von ihm dein Leben durchleuchten lassen. Die Liebe Gottes, die in Bethlehem offenbar wurde, wirklich sehen, das heißt zu tapferen, und fröhlichem Leben genesen. Vermagst du aber von der göttlichen Herrlichkeit auf dem Antlitz des Kindes noch nichts zu sehen, so versuche zuerst, ob nicht das Leben deS Mannes, zu dem das Kind heranreist, dir eine Offen barung Gottes zu werden vermag. Siehe diesen Mann an, wie seine Zeitgenossen von ihm geurteilt haben, daß er Sünder annehme, und wie er einem ganz zerbrochenen Menschenkind mit dem einen Wort neuen Mut in die Seele goß: Sei getrost, dir sind deine Sünden vergeben. Niemand aber wundere sich, daß ich gerade mit diesem Zug im Bilde Jesu einsetze. Vielmehr ist es eine sehr ernste Gefahr, daß unter dem Vielerlei, das wir heute zu fragen haben und erleben, die eine große Grundfrage zurücktritt: Wie erlange ich Gewißheit der Ver gebung der Sünden, und wie werde ich des gnädigen Gottes gewiß? Und doch ist das der eigentliche Inhalt der Weihnachtsbotschaft, daß Gott in Christo Jesu Sünde vergibt. Und auch heute ist das das eigentlich rettende Grunderlebnis, daß wir der Vergebung der Sünden froh und unseres Gottes gewiß werden. Darum halte es nicht für hart, es ist vielmehr Seelsorge, wenn ich bitten muß, unter all den andern Fragen der Gegenwart nicht die eine große Hauptfrage zu versäumen: Wie gewinne ich Vergebung der Sünden? Wie gewinne ich einen gnädigen Gott? Wo immer diese Frage erwacht, da darf ich dir den Herrn zeigen, der Sünden vergibt, Sünder des gnädigen Gottes gewiß macht und verlorene Kinder zum Vater führt. Darnach siehe, wie dieser Herr Weinende tröstet, Tote zum Leben ruft, den Armen das Evangelium predigt, den geistlich Armen wie den äußerlich Armen; ja, versuche an dem Bild Jesu gerade die Züge zu entdecken, die dir etwas sagen und die gerade in deiner Not dir eine Offenbarung der Liebe deines Gottes sein können. Hast du aber im Leben Jesu etwas von der Liebe Gottes geschaut, dann will ich Ihmels: Aufwärts die Helzen. 2 18 mit dir zur Krippe zurückkehren und will dich fragen: Ist das nun nicht die ganze Größe der Liebe Gottes, daß sie diesen Mann, dieses Kind in die Geschichte hineingestellt hat, ja, daß Gott in ihm selbst zu unS gekommen ist, um uns auö der Ferne der Sünde wieder in seine Gemeinschaft hinüber zu retten? Sehet, welch eine Liebe welch eine Liebe! Wo wir wirklich sie schauen, da bleibt nur ein Singen und Sagen von ihr übrig. Z- Die Hirten heißt eö , nachdem sie alles gesehen hatten, breiteten das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und wiederum: Die Hirten kehrten um, priesen und lobten Gott um alles, das sie gehört und gesehen hatten. Wieder dünkt uns im Rahmen der Erzählung alles selbstverständlich. Mit vollem Herzen waren die Hirten gekommen, mit vollem Herzen kehrten sie heim. Aber sie kamen als Menschen der Sehnsucht und gingen als Menschen der Erfüllung. Wie sollten sie dann nicht von allein, was sie gesehen hatten, zu allen reden, die mit ihnen auf die Erfüllung der HeilS- erwartung gehofft hatten? Wie sollten sie nicht vollends mit dem Lobe Gottes heimkehren? Alles dünkt uns selbstverständlich. Möchte es uns dann nur ebenso selbstverständlich sein, daß auch wir nur so von unserer Weih nachtsfeier heimkehren dürfen. Was würde eö bedeuten, wenn heute hernach eine Mutter der anderen und eine Witwe der anderen sagte: es ist wirklich so, an der Krippe von Bethlehem kann man stille werden. Jedenfalls, wir bedürfen dessen, daß von diesem Weihnachtsfest neuer Antrieb zum Zeugnis von Jesus Christus ausgeht. Ein Pastor, der zum Zweck einer Sammlung mehrere tausend Feldpostbriefe und Nachrichten aus dem Feld durch seine Hände gehen ließ, macht ausdrücklich darauf aufmerksam, wie sehr in den Grüßen aus dem Felde die Person Jesu zurücktrete. Gewiß wäre es voreilig, daraus ohne weiteres den Schluß zu ziehen, daß auch in der Frömmigkeit der Briefschreiber die Gestalt Jesu zurücktrete. Aber jene Tatsache legt doch die ernste Frage sehr nahe, ob nicht in der Gemeinde Jesu des Zeugnisses von ihm zu wenig ist. Alle Predigt auf der Kanzel von Jesus Christus muß ja daran ihre Probe haben, daß sie in der Gemeinde wirklich ein Echo weckt: Kommt, laßt uns nun gen Beth lehem gehen. Zeugen Jesu, daS müssen wir sein Zeugen Jesu. Zeugen Jesu mit seinem Lobe auf den Lippen und in dem Herzen. 19 Echter Lobpreis ist selbst das wirksamste Zeugnis von dem Herrn. Wie mancher, dem die Predigt wenig mehr zu sagen vermag, wird in unsern Gottesdiensten von dem Lobgesang der feiernden Gemeinde mit fortgerissen; und eine heimkehrende Gemeinde, in der das Lob Gottes wirklich weiterklingt, wäre eine Macht in unserer Stadt. Kirchganger, die mit leuchtenden Augen in ihre Häuser zurückkehren, sind ein wandelndes Zeugnis: es ist doch Wirklichkeit, was von dem Wunder der Weihnacht gepredigt wird. Ein Christentum, das nicht Gott loben kann, hat keine Werbekraft; es scheint ein Widerspruch in sich selbst zu sein. Dagegen ein Christentum, das auch noch unter Tränen Gott zu loben vermag, hat Verheißung. Das Lob Gottes ist Kraft. Es ist Kraft über andere; es ist aber auch Kraft für uns selbst. Und wir bedürfen vieler Kraft, zumal heute. Die Hirten kehrten wieder um, heißt es. Aus der stillen Feier stunde in Bethlehems Herberge kehrten sie zu ihrer Herde zurück; vom Feiern zum Alltag. Wie ernste, schwere Heimkehr wird heute für manche die Heimkehr aus der Festkirche sein; für etliche eine Heim kehr in ein leer gewordenes Haus, für andere eine Heimkehr zu Stätten der Angst und Sorge, für etliche auch eine Heimkehr aus der Fest kirche der Heimat zur blutigen Arbeit an die Front. Wir alle, wir bedürfen vieler neuen Kraft. Auch unser Volk bedarf neuer Kraft. Mit Schmerzen sind wir in den letzten Wochen inne geworden, wie doch bereits wieder ein Geist der Kritik und der Uneinigkeit sich regen will. Auch auf der Kanzel mag es ausgesprochen sein: damit richten wir gegenwärtig nichts aus. Heute kann es nur darauf ankommen, auszuhalten und durchzuhalten bis auf Gottes Stunde. Aber auch das wird offenbar, wie wenig natürliche Begeisterung auf die Dauer zum rechten Aushalten ausreicht. Dagegen ein Herz, das Gott loben kann, verfügt über unversiegbare Quellen der Kraft. Auch ein solcher Mensch kann tief gebeugt werden, aber er bricht nicht. Und ein Volk, das mitten im Kriege zu Weihnachten Gott loben kann, stirbt nicht. Darum: unter dem Lobe Gottes laßt uns heimkehren, unter dem Lobe, daß Gott in Christo Jesu für uns ist und dennoch der Himmel offen. Der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis. Ja, Gott sei Lob, Ehr und Preis. Amen.In Jesu Namen. Am i. Januar 1916. Ev. Lukas 2, 21: Und da acht Tage um waren, daß das Kind beschuitten würde, da ward sein Name genannt Jesus, welcher genannt war von dem Engel, ehe denn er in Mutterleibe empfangen ward. In Jesu Namen. Das ist das Große an unserm heutigen Text, daß er uns das Recht gibt, den Namen Jesu über das neue Jahr zu schreiben. Zunächst bildet er freilich lediglich das Evangelium für das kirchliche Fest dev Beschneidung Jesu, und dieS Fest hat mit dem bürgerlichen Neu jahrsfest an sich nichts zu tun. Gleichwohl danken wir Gott, daß durch die Verbindung beider Feste beim Eingang ins neue Jahr der Name uns grüßt, ohne den wir ins neue Jahr nicht eintreten möchten: der Name unseres Herrn Jesu Christi. Ihr wißt mit mir, wie stark wir in bewegten Zeiten, da die Ge danken sich verwirren wollen, das Bedürfnis empfinden, an einer ganz einfachen Losung uns zurechtzufinden. Beim Beginn jedes neuen Jahres durchleben wir davon in besonderem Maße etwas. Die Erinnerung an vergangene Lust und Last, das Gedenken auch an alte Schuld verbindet sich mit neuen Sorgen und neuem Hoffen, für die Jünger Jesu vor allem auch mit dem Ausblick auf neue Auf gaben, die sie nicht versäumen möchten, und die sie doch in eigenem Namen nicht lösen können. Was bleibt uns anderes übrig, als daß wir von allen eigenen Gedanken weg das Auge aufheben und im Blick auf den Herrn den Fuß vorwärts setzen und in heiliger Ent schlossenheit uns selbst zusprechen: In Jesu Namen. In diesem Jahre wächst all dies Erleben ins Riesengroße. Es ist ungeheure Dankesschuld, die unser Volk aus dem alten Jahr ins neue hinübernimmt, aber es ist zugleich schwere innere Last, wie wir sie sonst nie empfunden haben. Welch eine Last legten diese 17 Kriegs monate uns auf die Seele: die schmerzliche Geschichte so vieler Menschen, die schmerzliche Geschichte so mancher Häuser, die schmerz- 21 liche Geschichte unseres Volkes, ja, die schmerzliche Geschichte der Menschheit, die ihren eigenen Idealen ins Angesicht schlägt und durch eigene Schuld schwerstes Herzeleid auf sich herniederzieht. Unsere Gedanken wollen sich verwirren: es ist, als müßten wir all dem Furcht baren Halt gebieten können, oder als müßten wir wenigstens einen Augenblick den eigenen Fuß anhalten, stille werden, in die verwirrten Gedanken Ordnung bringen; aber der Fuß muß vorwärts, vorwärts in ein unbekanntes Land, von dem wir so wenig Sicheres zu sagen wissen. Wir haben zu rechnen verlernt; wir prophezeien nicht mehr. Ich wage keine Vermutung, wann dieser furchtbare Krieg zu Ende gehen wird, und wie eS geschehen soll. Gelobt nur sei Gott, daß wir mit aller Zuversicht auf einen guten Ausgang für unser Volk hoffen dürfen. Dennoch wieviel Sorgen und Fragen bleiben übrig! Zwar, die politischen Fragen schalte ich hier ganz aus. Im Blick auf sie können wir im Gotteshaus nur von Herzen danken, daß an der Spitze unseres Volkes Männer stehen, zu denen wir in vollem Vertrauen emporblicken dürfen. Aber, wenn nun Gott uns aus ihrer Hand ein neues Deutschland geben wird, init einem ganz neuen Horizont, mit neuer weltgeschichtlicher Stellung, dann wird unser Volk für die Lösung dieser Aufgaben freilich auch neuer sittlicher und religiöser Kräfte bedürfen. Und dafür, daß sie nicht fehlen, sind allerdings nicht am wenigsten wir Jünger Jesu verantwortlich, und von ihrer Ge winnung können wir in der Kirche nicht emsthaft genug reden. Und doch: sowie wir Bestimmtes zu sagen versuchen, empfinden wir die Schwierigkeit der Sache. Auch hier bleibt uns zuletzt nur das eine übrig, daß wir das Auge zu dem Herrn der Kirche aufheben und im Glauben zu sagen wagen: In Jesu Namen. In Jesu Namen. Unser Text aber gibt mir ein Recht, unsere Mahnung in einem doppelten Sinne auszulegen: Im Gehorsam gegen Gott; im Glauben an den Vater. i. Es ist ein äußerst unscheinbarer Vorgang, von dem unser Evan gelium erzählt, und vielen unter uns mag er zunächst sehr wenig sagen. Für den dagegen, der in der Schrift Alten und Neuen Testa ments lebt, ist es ein beziehungsreichcr Vorgang, und er hat ihm nach mehr als einer Seite mancherlei zu sagen. Ich hebe heute nur die beiden Hauptpunkte heraus, die auch Paulus in dem Brief an die Galater gelegentlich betont. Indem er dort von dem Sohne spricht. 22 den Gott ins Fleisch gesandt habe, hebt er in unverkennbarer An spielung auf unsere Textgeschichte das Doppelte heraus, daß dieser Sohn Gottes unter das Gesetz getan sei, und daß das zu dem Zweck geschehen sei, damit er uns, die unter dem Gesetze standen, erlöste und wir die Kindschaft empfingen. Ich beginne mit dem, was am leichtesten allen zugänglich sein dürste: Jesus wurde unter das Gesetz getan. Das Zeichen der Be schneidung, das der israelitische Knabe am achten Tage empfing, war das Bundeszeichen des Alten Testaments, und es verpflichtete den, der es empfing, zum unverbrüchlichen Gehorsam gegen den Gott seiner Vater. Auch Jesu Leben erhält dadurch sein Gepräge, das für das Empfinden vieler in der Gegenwart vielleicht allzu sehr zurücktritt. Auch das Leben des Sohnes Gottes im Fleisch wird durch diesen Vorgang zu einem Leben des Gehorsams gegen Gott geweiht. Es dünkt mich außerordentliche Befreiung, sich das klar zu machen. Ich sprach vorhin von der Schwierigkeit, der besonderen Aufgaben ge wiß zu werden, die Gott in der Gegenwart für die Jünger Jesu hat. Wie tröstlich ist es da, sich immer wieder sagen zu dürfen, daß es in der Nachfolge Jesu zuletzt nur darauf ankommen kann, alle Tage den Willen Gottes zu tun, wie er alle Tage sich uns bezeugt. Ich wage zu vermuten, daß das auch für unfern Herrn selbst innerliche Befreiung gewesen ist. Zwar, wir dürfen von seiner inneren Entwicklung nur mit der allergrößten Vorsicht reden. Es wird uns niemals gelingen, darüber Klarheit zu schaffen, wie er in den ungeheueren Beruf hineingewachsen ist, Gottes Königsherrschaft in der Welt aufzurichten; aber nach einigen Andeutungen scheint es doch, als habe auch er die Last der Verantwortung, die dieser Beruf auf ihn legte, in besonderen Stunden besonders schwer empfunden, und auch er hat wie es scheint Stunden gehabt, in denen er sich an dem schlichten Gehorsam gegen den Willen des Vaters zurecht finden mußte. Jedenfalls: sein Leben war von Anfang bis Ende ein Leben des Gehorsams. Wißt ihr nicht, daß ich sein muß in dem, das meines Vaters ist? so spricht der zwölfjährige Knabe zu seinen Eltern. Der Mann aber rüstet sich zu seinem Heilandsberuf mit dem Wort an Johannes: Es gebührt uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Und auf der Höhe seiner Wirksamkeit hat Jesus in einem tiefen, schönen Wort das seine Speise genannt, den Willen zu tun seines VaterS im Himmel. Und noch in der letzten Nacht hat er alle Versuchungen 23 mit dem Wort zurückgewiesen: Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater bereitet hat? Dein Wille geschehe. Gehorsam gegen Gott war der ganze Inhalt dieses Lebens, und das gerade hat dem Leben jene wunderbare Majestät und Sicherheit gegeben, die wir an ihm bewundern. Dieser Mann hat nicht zur Rechten noch Linken gesehen, er hat nicht nach dem Beifall der Menschen gefragt und mit dem eigenen Fleisch und Blut sich besprochen, sondern bis zum Tode am Kreuz nur eine Losung gekannt: Gott, deinen Willen tue ich gern. Nannte ich es vorhin nicht mit Recht innere Befreiung, unserm Herrn auf diesem Wege des Gehorsams folgen zu dürfen? Wie wer den wir oft so müde, so müde, wenn wir vergeblich nach Klarheit ringen, wie wir wohl am besten unserm Volk helfen und der Kirche Jesu dienen möchten. Wie atmet unsere Seele auf, sooft wir unseres Herrn Wort vernehmen: Willst du mein Jünger sein, so folge mir in dem schlichten Gehorsam gegen deinen Gott und überlasse alles andere diesem deinem Gott. Dieser unser Gott verlangt nichts Unmögliches von unS; er begehrt nicht, daß wir seine Gedanken vorausdenken. Er erwartet erst recht nicht, daß wir mit unseren klugen Gedanken ihm zu Hilfe kommen: Er, Er führt. Er allein. Für uns kann eS nur darauf ankommen, seines Winks gewartig zu sein und alle Tage seinen Willen zu tun und Schritt für Schritt in seiner Gefolgschaft einherzugehen. Möchte denn in der Gemeinde Jesu auch heute eine Schar nicht fehlen, die zu diesem rückhaltlosen, restlosen Gehorsam gegen Gott entschlossen ist. Ihr kennt jene wunderbare Erzählung aus dem Alten Testament, wie einst Gideon in einer seltsamen Musterung die Heerschar auswählen und ausrüsten mußte, mit der er kämpfen und siegen sollte. Des Volkes ist zuviel, ruft Gott ihm zu, und nun muß er durch eine eigenartige Probe feststellen, wer, ohne auf seine Bequemlichkeit zu achten oder eigenen Gedanken Raum zu geben, allein des Rufes zum Kampf und des Willens Gottes gewartig ist. Gott hält es mit der Musterung seiner Heerschar eben ganz anders, als wir es halten müssen. Gott kommt eS nicht darauf an, daß er möglichst viele zu sammenbringe, die allenfalls noch zum Kampf geeignet sind; ihm genügt eine kleine Schar, wenn sie nur wirklich zu rückhaltloser, rück sichtsloser Hingabe an seinen Dienst entschlossen ist. Darf ich so mensch lich reden, so möchte ich wohl am Neujahrsmorgen in die Gemeinde hineinrufen können: Gebt nur eurem Gott fürs neue Jahr eine Kampfesschar, die in heiliger Entschlossenheit allein restlos den WillenGottes zu tun begehrt; mit dieser Schar und wäre sie auch noch so klein wird der Herr seine Kämpfe führen und siegen. Nur das eine begehrt unser Gott von den Jüngern Jesu: unbe dingten, restlosen Gehorsam. Aber ihn fordert er auch wirklich. Ich weiß nicht, ob alle Jünger Jesu sich das so ernstlich klar machen, wie sie müßten. Paulus redet in jenem vorhin angeführten Wort davon, daß Jesus durch seinen Gehorsam gegen das Gesetz Gottes unS von der Knechtschaft des Gesetzes erlöst habe; ich werde hernach davon noch naher reden müssen. Fast scheint es, als verstünden etliche das so, als habe der Herr uns damit überhaupt von dem Gehorsam gegen den Willen Gottes befreit, oder als komme zum mindesten nicht viel darauf an, ob wir eS mit dem Willen GottcS so genau neh men; - die Gnade werde ja allen Mangel zudecken. Ich fürchte, das Christentum der Gegenwart ist vielfach allzu sehr ein Christentum frommer Gefühle oder auch eigener Gedanken und zu wenig ein Christentum schlichten Gehorsams gegen unsern Gott. Das ist dann das Christentum, um dessentwillen der Name Jesu in der Welt verlästert wird, und durch das die Sache Jesu in der Menschheit auf gehalten wird, und an dem zuletzt die Jünger Jesu selber sterben. Nur das Christentum hat Verheißung, das schlicht und recht alle Tage in derselben Losung sich übt: Gott, deinen Willen tue ich gern. Darum, wollen wir das neue Jahr im Namen Jesu beginnen, so" geschehe eS zu allererst im Gehorsam gegen Gott. Ein Dreifaches aber schließt näher jene Losung in sich; ich unterstreiche es. Zuerst das Selbstverständliche: jene Losung bindet uns an Gott, und sie bindet unö unbedingt an diesen Gott. Beides ist ganz selbst verständlich; und doch mag es nötig genug sein, beides zu unter streichen. Denn durch dies Doppelte unterscheidet sich alles, was man christliche Sittlichkeit nennt, von aller außerchristlichen Sittlichkeit. Auch außer dem Christentum wir erkennen es gern und dankbar an gibt es viel ernstes sittliches Handeln. Aber für alles sittliche Handeln des Christen ist dies grundleglich, daß eS aus der Bindung an den lebendigen Gott heraus geschieht, und dadurch wird es freilich erst ganz in der Tiefe verankert. Denn was gilt von allem außer christlichen sittlichen Handeln? Auch wenn der Mensch in ihm sich an Normen und Forderungen gebunden weiß, die über ihn selbst hinausliegen, so bleibt doch zuletzt er selbst es, der über das Recht und Unrecht dieser Forderungen entscheidet, und eben darum tritt immer wieder in bestimmten Situationen die Versuchung an den Menschen heran, mit diesen Forderungen zu paktieren und sie nach den eigenen 25 Gedanken sich zurechtzulegen. Alles Paktieren mit der sittlichen Forderung hat dagegen in dem Augenblick ein Ende, wo wir uns in dieser Forderung an den lebendigen Gott gebunden wissen und von ihm die sittliche Forderung uns auslegen und ins Herz schreiben lassen. Dann gibt es kein Fragen mehr, sondern nur ein restloses Dein Wille geschehe". Und wenn auch zuzeiten uns unter den For derungen Gottes an uns das Herz blutete, so versuchen wir doch auch dann noch, uns in der schlichten Weise zu üben: Gott, deinen Willen tue ich gern. Vielleicht gewinnt das doch gerade auch in dieser Zeit besondere Bedeutung. Zwar, wir wissen sehr wohl, daß nicht etwa das Christen tum die Vaterlandsliebe für sich allein gepachtet hat. Vielmehr, eS versteht sich von selbst, auch bei denen, die nicht Jünger Jesu sein wollen, findet sich viel echter Patriotismus; ja, er tritt vielleicht hier besonders laut auf und erhebt vielleicht gerade hier den Anspruch, allein echte Vaterlandsliebe zu sein. Und doch ist mir in dieser Zeit manchmal wieder ein Wort in den Sinn gekommen, das ich am Anfang des Krieges in einem Vortrag aussprechen mußte. Damals habe ich geurteilt, daß, wenn auch alle natürliche Begeisterung in unserm Volk erlöschen sollte, der Jünger Jesu auch dann noch alle Tage in der Bindung an Gott schlicht und recht seine Pflicht tun würde. Damals standen wir noch am Anfang des Krieges, und ein Erlöschen der starken Begeisterung, die damals herrschte, schien undenkbar. Nun will ich auch heute im Glauben, jawohl, im Glauben, hoffen, daß die natürliche Vaterlandsliebe unter uns immer noch eine starke Macht ist; aber je langer der Krieg währt und auf je härtere Proben er uns stellt, um so ernstlicher mag es doch aufs neue eingeschärft sein: auch wenn alle natürliche Begeisterung erlöschen sollte, würden die Jünger Jesu dadurch als Jünger Jesu sich bewähren müssen, daß sie auch in diesem furchtbaren Kriege in der Bindung an Gott rückhaltlos und restlos ihre Pflicht erfüllen. Dieser Gehorsam gegen Gott soll aber nirgends anders als in dem Beruf, in den Gott unS hineingestellt hat, erfüllt werden. Das ist das andere, waS Jesu Vorbild uns sagen soll. Zwar war der Auftrag, den er von seinem Vater empfangen hatte, ein ganz einzigartiger; vorbildlich für uns wird die Ausrichtung dieses Auftrags aber da durch, daß Jesus aus ihm einen Lebensberuf gemacht hat, von dem er durch keine Versuchung sich abdrängen ließ. UnS mag es dann freilich wohl scheinen, als dürften wir den Beruf, in dem wir stehen, mit dem Lebenswerk Jesu überhaupt nicht in einem Atem nennen; 26 der ungeheure Unterschied ist in der Tat ohne weiteres deutlich. Gleichwohl geschieht eö im Sinne deS Herrn, wenn ich seine Jünger für die Ausrichtung des Willens GotteS aufs neue in ihren taglichen Beruf hineinweise. Alles Christentum ist an der Wurzel krank, das sich zu vornehm dünkt, um in den Schranken des gottgegebenen Be rufes einherzugehen. Hier ist sagt dein Herr die Statte, da du den Gehorsam gegen den Willen deines Vaters bewahren sollst. Heute mag dann wieder einmal auch das besonders gesagt sein, daß auch der Beruf eines Kriegsmannes ein gottgewollter ist. Hier kann freilich der Unterschied von dem Lebensberuf Jesu geradezu zu einem Gegensatz zu werden scheinen. Aller Krieg setzt ja eine Herrschaft der Sünde in der Welt voraus; Jesus dagegen will gerade die Menschen aus der Sünde herausführen, ja, die Sünde aus der Welt herausschaffen. Aber auch er hat gewußt, daß dies Ziel in der gegenwärtigen Weltentwicklung niemals erreicht werden wird. Er erwartet seine Erreichung von der Vollendung am Tage seiner Wiederkunft. Darum weiß er auch, daß in dieser Weltzeit auch der harte Beruf des Kriegers, der für Gottes Ordnung mit dem Schwert eintritt, nicht entbehrt werden kann. Es bleibt doch bedeutsam, daß es gerade ein Hauptmann war, dessen Glauben Jesus lobend vor seinem ganzen Volke rühmte, und ein Hauptmann war es wieder, der unterm Kreuz zum Sohne Gottes sich bekannte. Darum soll niemand fürchten, daß er in dem harten, rauhen Berufe des Kriegers den Willen seines Gottes nicht ausrichten könne; er sehe nur zu, daß es wirklich im Sinne und Geiste Jesu geschehe. Auch Jesus selbst war ja sein Leben lang ein Kämpfer, wenn auch in einem ganz anderen Sinne, als wir es heute erleben. Auch er hat diesen Kampf mit rückhaltlosem Ernst führen müssen. Man lese nur daS 2z. Kapitel des Matthäus oder sehe den Herrn, wie er die Geißel gegen die Verwüster des Tempels richtet. Niemand dürfte zweifeln, daß Jesus dabei zugleich die Gesinnung bewährt habe, die er in der Bergpredigt von den Seinen fordert. So mag auch jeder im Blick auf diesen furchtbaren Krieg sich sagen, daß es nach Gottes Willen geschieht, wenn er den Beruf des Kriegers mit all der Rück sichtslosigkeit, die dieser harte Beruf fordert, durchführt, und daß er gleichwohl durch nichts gehindert werden kann, zugleich die Ge sinnung der Liebe, auch der Liebe gegen die Feinde, zu betätigen, die Jesus bei den Seinen sucht. Gerade in der Nachfolge des Herrn löst sich die ungeheure Spannung, in die beide Forderungen zu ein ander zu treten scheinen. 27 Denn worauf kommt es für die Nachfolge Jesu zuletzt allein an? Nicht auf den Beruf, in dem wir stehen, auch nicht auf die Si tuation, in der wir leben, allein vielmehr auf dies eine, daß wir in jeder Lage, in die Gott uns führt, seinen Willen tun. Das ist die letzte Erkmntnis, mit der wir uns am Morgen des neuen Jahres zu neuer Nachfolge Jesu rüsten sollen. Niemand von uns weiß, was dies neue Jahr uns bringt. Jeden falls werden in ihm unsere Wege sehr auseinandergehen. Was macht eS, wenn nur Gottes Wille durch uns geschieht! Darum, ob dein Gott dir Großes im neuen Jahre anvertraut oder Kleines, ob er zum Arbeiten dich ruft oder zum Leiden, ja, ob er zum Leben dich führt oder zum Sterben, willst du ein Jünger Jesu sein, so siehe nur zu, daß du in dieser Zeit den Willen deines Gottes tust. Etliche von uns werden auS den Festtagen in den Kampf draußen zurück kehren. Wir andern werden daheim den Kampf des Lebens weiter kämpfen. Aber ob im Schützengraben unser Platz ist oder im Haus, in der Werkstätte, in der Schreibstube, im Kontor, in der Studier stube des Gelehrten, das eine Gelübde verbinde uns alle: Gott, deinen Willen tun wir gern. Gott, deinen Willen tue ich gern, das erste Bekenntnis, das wir am Neujahrsmorgen im Namen Jesu niederlegen. Woher aber nehmen wir im Ernst diese Sprache? Natürlicherweise fliehen wir doch den Willen Gottes; wo lernen wir denn, ihn gern tun? Wann wird das für uns innere Befreiung, im Gehorsam gegen den Willen Gottes einherzugehen? Doch nur dann, wenn wir gelernt haben, daß der Wille Gottes gut ist, der Wille des VaterS. Das ist es gewesen, was es für den Herrn selbst zur Seligkeit machte, den Willen seines Gottes zu tun. Noch in Gethsemane hat er mit diesem Wort durchgehalten: Vater. Alles ist aber von ihm dazu geschehen, daß er auch uns Recht und Macht gebe zu sprechen: Ich glaube an den Vater. Das ist es, wovon auch unser Textvorgang weiter zu uns reden will. Nur der hat ihn ganz verstanden, der das von ihm sich predigen läßt. Für den Jesusknaben war jene Stunde nicht bloß eine Weihe zum Gehorsam gegen Gott, sondern durch den Namen, den er empfing, zugleich eine Weihe für den Heilandsberuf, den er ausrichten sollte. Jesus wurde der Knabe genannt, und der Name war vorher schon der Maria gedeutet: er soll sein Volk selig machen aus ihren Sünden. 28 Diesein wunderbaren Beruf sollte zuletzt auch der ganze Gehorsam gegen Gott dienen, von dem wir bisher sprachen. Dazu, sagt uns Paulus, ist er unter das Gesetz getan, auf daß er durch seinen Gehor sam gegen den Willen des Vaters uns erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. Zwar nur ganz wenig kann ich heute zur Erklärung dieses Schrift- worteS sagen wollen. Soviel aber ist uns allen zuganglich, als diese Zeit uns lehrt. Oder ist eS nicht, als deute sie unö in besonderem Maße das Geheimnis der Stellvertretung in dieser Welt? Wir haben die Empfindung, als ob wir in dieser Zeit alle ganz dem Vaterland gehörten: mit Herz und Hand, mit Gut und Blut, mit Leib und Leben, und unsere Brüder draußen stehen nur an unserer Statt. Das allein macht uns ihr Tun verstandlich und ertraglich. Nun wohl, will der Apostel sagen, dies Geheimnis des stellvertretenden Eintretens des einen für den andern, von dem auch sonst die Welt voll ist, das ist im Leben Jesu vollendete Wirklichkeit geworden. Im Gehorsam gegen Gott ist der Herr der Gemeinde den Sühnweg für die Mensch heit gegangen bis zum Tode am Kreuze, damit er auS der Sünde ihr wieder den Weg bahne zu seinem Gott und Vater. Darum: fortan haben wir durch ihn den Zugang zu Gott, und wer an ihn glaubt, nag in eben diesem Glauben weiter sprechen: Ich glaube an den Vater. Ich glaube an den Vater. Laßt uns denn heute, wo wir im Namen Jesu zum Eingang ins neue Jahr uns schicken, miteinander dem Herrn so nachzusprechen wagen. Wir bekennen eS ein jeder für sich; wir starken uns mit diesem Bekenntnis für unser Volk; wir trösten uns mit ihm für die Sache der Kirche und der gesamten Menschheit. Ich glaube an den Vater. Es sei mein persönliches Bekenntnis. Was aber bedeutet es? Zuerst dies, daß auch im neuen Jahr mein Leben ganz in der Hand deö himmlischen Vaters geborgen sein wird und nichts mir geschehen kann, als waS mir gut ist an Seele und Leib. In einem unserer Neujahrsterte spricht unser Herr, daß nicht einmal ein Sperling vom Dach fallen soll ohne den Willen des Vaters. Von mir aber sagt er, daß auch meine Haare auf meinem Haupte alle gezählt seien. Sollten wir nicht glauben, daß auch die Kugel draußen nichts vermag, als was dieser Vater will? Zwar, was er will, das weiß ich nicht im einzelnen und darf es auch nicht wissen wollen. Es genüge mir, daß sein Wille der Wille des Vaters ist. Oder wäre auch ein Vater oder eine Mutter unter uns, die nicht mit 29 Recht aufs tiefste verletzt wären, wenn ihr Kind nicht glauben wollte, daß sie nur sein Bestes im Auge hätten? Vater, führe mich. Ich glaube an den Vater. Das heißt weiter, ich glaube, daß auch im neuen Jahr mich keine Aufgabe meines Gottes erreichen wird, zu der er nicht Kraft geben wollte. Und ich glaube auch, daß er in aller Ausrichtung seines Dienstes mit meiner Schwachheit Geduld haben wird. Mir hat einmal ein älterer Freund ein gutes Wort gesagt, das ich heute weitergeben möchte. Nach einem gemeinsamen Arbeitstage schrieb er mir: Und nun lassen Sie uns Gott bitten, daß er allerlei Stückwerk unserer Arbeit sich gnädig wohlgefalle lasse". Jawohl, über Stückwerk kommt all unser Arbeiten hier in der Zeit nicht hinaus, und das Bewußtsein kann sich immer wieder tief schmerzlich auf die Seele legen. Aber wir dürfen zuversichtlich gewiß sein, auch im neuen Jahr wird der Vater allerlei Stückwerk unserer Arbeit sich gnädig gefallen lassen. Ich glaube an den Vater. Das heißt endlich: ich glaube, daß dieser Vater auch in aller Versuchung mich festbehalten wird bis Ende. Vielleicht fürchte ich, daß in diesem Jahr in bestimmten Lagen das Bekenntnis zu ihm mir schwer werden könnte; vielleicht möchten in anderen Augenblicken die Sündenreize allzu stark scheinen; ich glaube an den Vater, der sein Kind nicht läßt und der ihm Gnade geben wird, auszuhalten und durchzuhalten, bis daß wir den letzten Sieg gewinnen. Ich glaube an den Vater. Wir sprechen es im Blick auf unser liebeSVolk. Wir sehen ja wohl, mit welch ungeheuerem Ernst der himm lische Erzieher an unserm Volk heute arbeitet. Aber ich darf auch glauben, daß mein Vater in dieser furchtbaren Kriegsarbeit an den Menschen keinen Augenblick länger anhalten wird, als es um dieser Menschen willen nötig ist. Und wenn ich unser Volk ansehe, dann soll ich daran gedenken, wie väterlich mein Gott eS bis auf diesen Krieg geführt hat, und wie väterlich er in diesem Kriege ihm geholfen. Sollte ich dann meinem Vater nicht zutrauen, daß er sein Werk an unserm Volke nicht werde auf halbem Wege liegen lassen? Ich glaube für mein Volk; denn ich glaube an den Vater. Ich glaube an den Vater. Mit diesem Bekenntnis wollen wir uns zuletzt auch im Blick auf die Sache der Kirche Jesu und die Sache der ganzen Menschheit trösten. Immer wieder mag man heute ja wohl fragen, ob die Menschheit sich jemals von den furchtbarenWunden erholen werde, die sie heute sich selbst schlägt, auch von den tiefen sittlichen Wunden. Und ebenso fragen wir immer aufs neue, ob die 30 Kirche Jesu auch ihre Aufgabe in dieser Zeit erkennen und neuen Mut und neue Kraft zur Lösung ihrer Aufgaben aus dieser Zeit mitnehmen werde. Unsere Antwort auf alle diese Fragen kann immer wieder nur lauten: Ich glaube an den Vater. Ich glaube an den Vater, der die Menschheit durch Jesum Christum für sich erlöst hat und durch seine Führungen in der Geschichte sich entgegenführt. Sollte ich nicht glauben, daß er auch die Erschütterungen dieser Zeit gebrauchen könne und wolle, um sein Reich heraufzuführen? Ich glaube an den Vater unseres Herrn Jesu Christi, der die Menschheit zum Sohne zieht und unter allem, was geschieht, den Tag der Zukunft seines Sohnes rüstet. Ich glaube an den Vater. . 5 5 5 Zwei Bekenntnisse waren es, die ich heute mitgeben wollte: Ich glaube anGott, denVater, und: Gott, deinen Willen tue ich gern. Manchen Christen ist es eine liebe Gewohnheit, im Laufe eines Jahres immer wieder einmal gerade an dem Gotteswort, das am Neujahrs tage ihnen mitgegeben wurde, sich zurechtzufinden. Nun wohl, wenn Gott dich etwa im neuen Jahre schwere Wege führen sollte und deine Augen sich verdunkeln wollten und deine Gedanken sich verwirren, dann fasse dich zusammen nach Seele, Leib und Geist, und wage die Neujahrslosung zu wiederholen: Ich glaube an den Vater. Und wenn die Aufgaben, die dein Gott dir stellt, dir je und dann zu schwer erschienen, wage dennoch im Glauben an diesen Vater das Gelübde aufzunehmen: Gott, deinen Willen tue ich gern. Und nun In Jesu Namen. Amen.Eine zwiefache Epiphanienpredigt in schwerer Zeit. Am z. Sonntag nach Epiphanias, 2z. Januar 1916. Ev. Johannes 11, 40: Jesus spricht M ihr: Habe ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest, du solltest die Herrlichkeit Gottes sehen? Epiphanienzeit! Aus Advent wurde wieder Weihnachten, auS Weihnachten Neujahr, aus Neujahr Epiphanienzeit, und heute hat schon die Epiphanienzeit ihren Höhepunkt erreicht, die Lage aber, in der die Kirche Christi ihre Verkündigung vollziehen muß, ist heute noch dieselbe wie am Beginn des Kriegsjahres, dieselbe, wie sie uns das letzte ganze Kirchenjahr begleitete, dieselbe, wie sie vor siebzehn Monaten einsetzte. Wohl freuten wir uns in den letzten Tagen, als wenigstens an einem Punkt* und war er noch so klein das furchtbare Blut vergießen aufzuhören schien; aber wenn wir es noch nicht gewußt hatten, so würden die Nachrichten, die alsbald folgten, uns eindringlich genug gesagt haben, wie wenig das schon der Anfang vom Ende sei. Wir müssen uns weiter damit einrichten, daß die Last dieses Krieges uns ins Gotteshaus begleitet. Und wenn wir auch einmal gar nicht ausdrücklich von ihr reden, so empfinden wir doch unausgesprochen diese Last, und auch die Predigt, wenn sie nicht in der Lust schweben soll, muß immer wieder auf dies Empfinden sich einstellen und immer aufs neue die Predigt des fortschreitenden Kirchenjahres in dies Empfinden hineinzustellen versuchen. Selig jedoch wir Jünger Jesu, daß für uns nicht bloß der Krieg fortschreitet, sondern von dem fortschreitenden Kirchenjahr für uns auch immer neues Licht auf die Ereignisse des Tages fallt. Wir sind nicht wie die andern, die immer nur über das furchtbare Einerlei der Kriegssorgen und Kriegsfragen klagen können: indem wir das Kirchenjahr wirklich durchleben, tritt alles äußere Erleben be standig in neue starkende und tröstende Beleuchtung. Anders hat die Adventszeit von diesem Kriege zu uns geredet, anders Weihnachten, anders wieder Neujahr, anders endlich redet diese Epiphanienzeit. *) Gedacht ist an die Nachrichten aus Montenegro. 32 Alles aber, was sie uns zu sagen hat, bringt unser Texteswort auf einen kurzen zusammenfassenden Ausdruck: Habe ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest, du würdest die Herrlichkeit Gottes sehen! Freilich, ein gewaltiges Wort über unsere Zeit. Und doch dürfen wir unter die Epiphanienzeit keine geringere Unterschrift setzen. In ihr soll ja Gottes Herrlichkeit der Welt kund werden. Oder wäre das heute doch zuviel? Schlachtfelder, Lazarette, einsam ge wordene Häuser, völlig zerbrochene Menschene.ristenzen was haben sie mit der Herrlichkeit Gottes zu tun? So möchten wir fragen. Aber wir vergessen, wo zum ersten Mal das Wort unseres Textes gesprochen ist. Wir wissen, es geschah an einem Grabe. An jenem Grabe, darin Maria und Martha, das edle Frauenpaar, bei dem Jesus so gern einkehrte, ihren Bruder begraben hatten. Auch an dieser Stätte hätte man wohl fragen mögen, was dies Wort Jesu solle. In der Tat hat Martha ähnlich empfunden. Leise tadelt sie den Herrn, daß er nicht zu rechter Zeit gekommen sei, und sie wehrt ihm, da er jetzt das Grab öffnen will. Was sie empfindet, ist deutlich: für eine Offenbarung der Herrlichkeit Gottes ist es jetzt zu spät. Wie gewaltig wird sie aber in diesem Gedanken beschämt: gerade die Stätte der Verwesung wird zu einer Offenbarungsstätte göttlicher Herrlichkeit. Sollte uns das nicht Mut machen zu glauben, daß die Erde, die zu einem großen Kriegsschauplatz geworden zu sein scheint, eine Offenbarungs stätte göttlicher Herrlichkeit werden kann? Ja, sagst du, wer daS glauben könnte. Auch wider diese Klage hat unser kurzes Textwort einen Trost. Es klingt ja ein leiser Vor wurf aus ihm, aber für unS wird gerade dieser Vorwurf zu einer Weg weisung. Offenbar will der Herr Martha empfinden lassen, daß, wenn sie diese Tage recht durchlebt hatte, sie ihr noch in ganz anderer Weise eine Schule des Glaubens hätten werden müssen. Das er innere uns, daß auch diese schwere Zeit und gerade sie uns zum Glau ben an die Herrlichkeit Gottes führen und für sie uns die Augen öff nen soll. Eine zwiefache Epiphanienpredigt in schwerer Zeit sei es denn, die ich heute versuche, i. Auch diese schwere Zeit soll zu einer Offenbarung göttlicher Herrlichkeit werden. 2. Auch diese schwere Zeit soll uns für diese göttliche Herrlichkeit die Augen öffnen. 1. Habe ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest, du würdest die Herrlichkeit Gottes sehen? Dies Wort müßte dünkt mich - 33 uns allen etwas sagen. Manches andere Wort, daS in der Kirche taut wird, mag Fernstehenden allzu fremdartig klingen, davon müßte dagegen, dünkt mich, jede zu Gott geschaffene Seele etwas empfinden, daß eS in dieser schweren Zeit Rettung sein müsse, Gottes Herrlichkeit zu schauen. WaS ist es denn um diese Herrlichkeit GotteS, nach der wir auch unbewußt uns ausstrecken? In ihrem tiefsten Grunde ist sie die un endliche, überweltliche Wesensfülle Gottes selbst in ihrer Erscheinung. Eben darum wird von ihr für uns nur soviel erkennbar und faßbar, als Gott von ihr offenbart. Wo begegnen wir einer solchen Offenbarung göttlicher Herrlich keit? Gerade im Sinne der Schrift dürfte ich die ganze Welt der Schöpfung eine Offenbarung der Herrlichkeit Gottes nennen. GotteS unsichtbares Wesen wagt Paulus zu sagen wird hier sichtbar. Darum: in Sonnenschein und Sturm, in der Brandung der Wogen und dem lichten Grün der Bergesmatten, in dein grellen Zucken der Blitze und der leuchtenden Blütenpracht des Frühlings dürfen wir etwaS von GotteS Herrlichkeit schauen. Aber ist eS, aufs Ganze ge sehen, nicht doch mehr eine Offenbarung göttlicher Majestät als gött licher Liebe? Ja, scheint nicht alle Offenbarung GotteS in der Natur selbst wieder ein widerspruchsvolles Rätsel zu sein? Das eine Mal schüttet Gott das Füllhorn seiner Segnungen über uns aus, das andere Mal erscheint die Gottheit fast wie eine Macht der Zer störung. In dem keimenden und quellenden Leben des Frühlings ahnt auch der stumpfe Geist etwas von Gottes Lebensherrlichkeit; aber wo bleibt sie, wenn die Herbstwinde das Lied vom Sterben sin gen? Ja, scheineil nicht selbst der Offenbarung göttlicher Macht in der Natur Schranken gezogen zu sein? Immer wieder hat es den Anschein, als empöre die Natur sich wider sich selbst und wider ihren Schöpfer. Müßten wir allein im Buche der Natur Gottes Herrlichkeit schauen, so möchte ihre Offenbarung sie unS ebensosehr verhüllen als enthüllen. Ganz offenbar wird unseres Gottes Herrlichkeit erst in der Gestalt dessen, der in unserm Text zu uns redet, und nur so können wir sie fassen, wie sie zu dem menschlichen Leben in Gegensatz tritt. Laßt uns darum noch einmal zu jenem Grabe vor Jerusalem gehen. Seht dies Grab an und die Menschen, die es umstehen. Vornehme Juden, klagend und weinend, und an ihrer Spitze Maria und Martha, vor dem Grabe aber Jesus. Seht dies Bild lange und ernstlich an und versucht dann, die Gestalt Jesu aus ihm wegzudenken. Was Zh m els: Aufwärts die yerzen. 3bleibt übrig? Martha wußte wohl, warum sie das Grab nicht öffnen lassen wollte. Wer möchte die Geschichte eines Grabes kennen? Warum denn durfte der Tod eine solche Macht der Zerstörung über den Menschen gewinnen, über den von Gott und zu Gott geschaffenen Menschen, die Krone der Schöpfung, den zum ewigen Leben berufenen Menschen? Wo bleibt die Macht GotteS? Wo bleibt die Liebe Gottes? Laßt uns nur so fragen und diese Fragen durchleben. Geradeso werden wir geschickt werden, auch die Offenbarung göttlicher Herrlichkeit zu durchleben, wie unser Text sie zeigt. Denn, gelobt sei Gott, wir brauchen die Gestalt Jesu nicht weg zudenken. Es ist geschichtliche Wirklichkeit, daß sie dort vor jenem Grabe steht. Und jetzt hebt der Herr die Hände auf lind laßt das Grab öffnen und gebietet dem Tode. WaS ist das? Lauter Offenbarung göttlicher Macht, göttlichen Lebens, göttlicher Liebe. Unbegrenzte Macht, ewig quellendes Leben, unendliche Liebe, das ist Gottes Herr lichkeit, wie sie in Christo Jesu in der Weltgeschichte offenbar wurde. Das ist die Herrlichkeit Gottes, an die wir glauben. Auch für diesen Krieg glauben wir an sie. Freilich, wir glauben an sie. Wir wissen wohl, äußerlich an gesehen, ist dieser Krieg das Widerspiel göttlicher Herrlichkeit. Was hat der Gott des Friedens mit dem Kriege zu tun? Wahrlich, nicht erst die Spötter brauchen uns zu fragen: wo bleibt denn euer Gott, zu dem ihr Tag und Nacht ruft? Kann er dem Kriege nicht wehren? Oder will er es nicht? Wo bleibt dann seine Liebe? In der Tat, wir würden mit diesen Fragen nicht fertig und könnten die Wirklichkeit des Krieges in der Welt Gottes nicht erklären, wenn nicht in dieser Welt die Sünde stünde. Sie, diese Sünde, nicht Gott, machen wir für diesen furchtbaren Krieg verantwortlich. Aber wir glauben nicht an die Sünde; wir glauben an die Herrlichkeit GotteS. Wir glauben, daß unserGott auch bei diesem Kriege Anfang, Fortgang und Ende in seiner Hand hat, und wir glauben nicht minder, daß zuletzt auch durch diesen Krieg Gottes Herrlichkeit in allen Landen kund werden soll. Zwar, wir kennen weder die Weise, in der das geschehen soll, noch die Stunde, in der dieses Geschehen sich vollendet. Gott hat mancherlei Weise, seine Herrlichkeit kund werden zu lassen. Als Maria und Martha ihm von der Krankheit des Bruders sagen lassen, ant wortet er nur: Die Krankheit ist nicht zum Tode, sondern, daß die Herrlichkeit Gottes offenbar werde. Wie das geschehen soll, sagt er nicht. Er wollte wohl selbst auf die Stunde des Vaters warten. 35 Indes, wir empfinden, auch das wäre Offenbarung göttlicher Herrlichkeit gewesen, wenn Jesus zu rechter Stunde der Krankheit gewehrt hätte, daß sie gar nicht erst zum Tode führte. So haben Maria und Martha es erwartet, und als es nicht geschah, waren sie schmerz lich enttäuscht. War aber die Offenbarung göttlicher Herrlichkeit, die sie erfuhren, nicht unendlich viel gewaltiger? So hätten wir auch vor Gottes Herrlichkeit angebetet, wenn am Anfang des Krieges auf die glänzenden ersten Siege alsbald Friede gefolgt wäre. Aber sollten wir nicht auch jetzt zu glauben wagen, daß die Offenbarung göttlicher Herrlichkeit nur desto gewaltiger sein wird, je länger wir durch das Tal deö Wartens StilleseinS hindurch müssen? Freilich, auch das wissen wir nicht, wann Gottes Stunde kommen wird. Es ist, als sollten wir heute das Wort aus dem Evangelium des letzten Sonntags aus dem Grunde lernen: Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Noch nicht auch die Mutter Jesu hat unter das Wort sich beugen müssen. Sollten nicht vollends wir es tun? Laßt uns nur auch von Maria die heilige Kunst lernen, aus der schein baren Abweisung nichts als Verheißung herauszuhören. Noch nicht das bezeugt doch, daß die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes nahe ist. Laßt es uns denn für unser Volk zu fassen wagen: noch nicht. Sprich es dir immer wieder für dein persönliches Leben ins Herz: noch nicht. Noch ist nicht Gottes Stunde; aber: Wenn die Stunden sich gefunden, Bricht die Hilf mit Macht herein. Des Herrn Rat ist wunderbarlich, aber er führet eS herrlich hinaus. Indes, sind wir mit dem Blick auf die Offenbarung göttlicher Herr lichkeit ganz in die Zukunft gewiesen? Ihr ruft mit mir: Nein, nein. Gerade auch in diesem Kriege wurde Gottes Herrlichkeit an unS offen bar. Oder was war denn die wunderbare DurchHilfe Gottes vom ersten Tage des Krieges an bis heute? Die gnädige Bewahrung unserer Fluren, die Befreiung der schon besetzten Gebiete, der Sieg wieder alle Feinde, die unerwartete Einmütigkeit in unserm Volk, der wirt schaftliche Segen was war das alles? War es nicht lauter Offen barung göttlicher Herrlichkeit? Wohl sagen das manche unter uns mit Tränen in den Augen, aber erfuhrt nicht gerade auch ihr, daß Gottes Herrlichkeit auch den Tod noch zu einem Durchgang ins Leben verklären kann? Und dennoch: wie vieles andere scheint so völlig mit G ottesHerrlichkeit in unversöhnlichem Widerstreit zu liegen. Und vor allem: bleibt es nicht dabei, daß der Krieg selbst das Wider spiel göttlicher Herrlichkeit zu sein scheint? Muß es dann auch dabei bleiben, daß wir mit unserer Sehnsucht 3 36 nach Gottes Herrlichkeit zuletzt doch allein in die Zukunft gewiesen sind? Es wäre traurig, wenn wir so urteilen wollten. Es wäre ein Beweis, daß wir die Predigt der Epiphanienzeit noch nicht verstanden hätten. Das ist es ja gerade, was sie uns sagen will, daß es in der Welt eine Statte gibt, an der die Menschen auch in schwerer und schwerster Zeit Gottes Herrlichkeit zu schauen vermögen: Jesus Christus. Darum, wenn deine Sinne sich verwirren wollen und deine Seele unter der Last des Krieges erlahmt, dann wage immer wieder zu der Erscheinung des Sohnes Gottes im Fleisch zu flüchten: auf dem Ant litz Jesu suche die Offenbarung göttlicher Herrlichkeit. Muß ich es auseinanderlegen? Möchtest du immer wieder fürchten, die Macht der Lüge, des Hasses und der Feindschaft könnten heute stärker sein als Gottes Herrlichkeit, so sieh, wie der Herr im Evangelium des heutigen TageS, das am Altar verlesen wurde, den Aussätzigen mit seiner allmächtigen Heilandshand heilt und den Knecht des Hauptmanns gesund macht. Und sieh abermal, wie er in unserm Text demTode gebietet, und dann falte die Hände und sprich: Ich glaube, daß dennoch dein das Reich ist und dein die Macht und dein die Herrlichkeit in Ewigkeit. Oder erschrickst du immer aufs neue darüber, daß die weite Welt zu einem großen Totenacker zu werden scheint? Dann sieh abermals in unsere Textgeschichte hinein, wie der Herr Tod in Leben wandelt, und dann falte abermals deine Hände und sprich: Ich glaube ein ewiges Leben. Oder wird es auch dir zu einer qualenden Frage, wie all daS furcht bare Geschehen der Gegenwart mit der Liebe Gottes sich vertrage, dann sieh wieder Jesum Christum an, wie er an diesem Grabe mit den Weinenden weint, wie er in heiligem, göttlichem Erbarmen die Tränen stillt, und wie er zuletzt selbst in diesem Erbarmen der ganzen verlorenen Menschheit zugut den Todesweg geht, sie zum Leben zu führen. Und dann falte wieder deine Hände und sprich dir aufs neue das Wort vor, das wir am Neujahrstag als Losung mitgenommen haben: Ich glaube an Gott, den Vater. Kurz, aus aller Unruhe und Verwirrung der Gedanken suche im Blick auf Jesum Christum Ruhe, daß deine Seele im Anschauen der Herrlichkeit Gottes genese Sagst du auch jetzt noch: wer das könnte! Wer das könnte? Auch darüber laßt mich noch ein paar Worte sagen: gerade diese schwere Zeit soll uns auch die Augen öffnen, daß wir die Herrlichkeit Gottes sehen lernen. 37 Ich zerlege alles in drei Sätze. Erstlich: gerade diese schwere Zeit zwingt uns, auf das Wort von der Herrlichkeit Gottes achtzuhaben. Warum doch mag Jesus nicht sogleich bei der ersten Nachricht von der Erkrankung des Lazarus aufgebrochen sein? Warum zögerte er auch nach dem Empfang der Todesnachricht noch zwei Tage? Niemand wird das mit völliger Sicherheit zu beantworten wagen. Mir scheint, es kommen Rücksicht auf seinen allgemeinen Heilandsberuf wie seelsorgerliche Rücksicht zusammen. Jedenfalls aber sollten Maria und Martha in dieser Zeit glauben lernen. Als sie dem Meister die Nachricht sandten: Siehe, den du lieb hast, der liegt krank, was war das? War das Glaube? Gewiß, in seiner Weise war das Glaube. Aber sollte sich nicht in diesen Glauben noch mancherlei falsche Vertraulichkeit eingemischt haben? Die Wendung: er, den du lieb hast", möchte es fast vermuten lassen. Jedenfalls sahen sie in Jesus vielleicht noch mehr den Freund als ihren Herrn und den Lebensfürsten. Alles das sollte in diesen Tagen des Wartens von ihnen abfallen. Sie sollten glauben lernen. Glauben wider allen Augenschein und alles Fühlen. Glauben an den Sohn des Höchsten und den Fürsten des Lebens. In anderer Weise soll auch uns heute diese schwere Zeit eine Schule des Glaubens sein. Wie mancher hatte lange das Wort von der Herrlichkeit Gottes gehört, aber es sagte ihm nichts. Da kam dieser furchtbare Krieg und zwang ihn zum Aufmerken. Als unser Volk beim Ausbruch des Krieges weder zur Rechten noch zur Linken einen AuSweg sah, da nahm eö seinen Weg zu den Bergen Gottes, von denen allein Hilfe kommt. Wie manche Mutter, die dem Kinde drau ßen so gern helfen wollte, und konnte es doch nicht, besann sich darauf, daß ihr Gebet noch bis zum Sohn in die Ferne reiche. Und eine Gattin, die vielleicht nie ihr Kind hatte beten gelehrt, faltete dem Klei nen jetzt die Hände, und das Kind mußte den Vater im Himmel bitten, daß der Vater aus dem Felde heimkomme. Und in manchem Haus, in dem das Lied vom ewigenLeben verstummt war, fragte man sich unter der Trauernachricht, ob nicht doch das Wort der Kirche vom ewigen Leben zu Recht bestehe. Niemand schäme sich, wo er ir gendetwas Derartiges durchlebt. Es ist eine Gottesbegegnung. Lasset uns nur zusehen, daß wir sie bis zu Ende durchleben. Anfech tung lehrt aufs Wort merken. Nicht aber nur das. Recht durchlebt, soll die Anfechtung uns auck 38 zum Glauben an das Wort treiben. Das ist das Zweite, was hier gesagt werden muß. Habe ich dir nicht gesagt? spricht Jesus zu Martha. Maria und Martha hatten ja für diese schweren Tage ein tragendes Herrenwort: Die Krankheit ist nicht zum Tode, sondern, daß die Herrlichkeit des Herrn offenbar wird. Hatten die Schwestern diese Zeit ganz so durchlebt, wie sie sollten, sie würden sich an dies Wort angeklammert haben und hätten mit diesem Wort ausgehalten. Wieviel Schweres wäre ihnen erspart geblieben! Habe ich dir nicht gesagt? Etwas Ähnliches mag Gott heute noch in manches Haus hineinsprechen müssen. Mich wandelt ein Grauen an, wenn ich daran denke, daß auch heute noch manche Häuser gar kein Gotteswort kennen, an das sie sich halten. Gottes Wort haben können und nicht haben wollen, das ist Jammer zum Herzbrechen. Tiefes Mitgefühl habe ich dagegen mit den andern, die mit Gottes Wort sich trösten möchten, und wagen es nicht. Wißt ihr, was für einen gottsuchenden Menschen die schwerste Anfechtung ist? Diese, wenn er zum Himmel emporrufen möchte: Sprich nur ein Wort!", und die göttliche Antwort scheint auszubleiben und der Himmel ehern zu sein. Wir sind heute nicht in dieser Lage. Wieviel Gottes worte über diesen Krieg haben wir gehört. Auch kein Haus, dem nicht ein besonderes Gotteswort gelte. Daß wir denn nur die heilige Kunst lernten, diesem Wort zu glauben! Wenn diese Zeit uns irgendeinen Dienst tun soll, dann muß es dieser sein, daß sie uns ins Wort hineintreibt. Finden diese Tage uns nicht über der Bibel, wann wird es dann geschehen? Vielleicht kennst du doch auch manches besondere Gotteswort, das gerade dir ein Trost wurde. Dies Wort bewahre in treuem Gedächtnis und sprich es wieder und wieder deiner Seele vor. Manche haben wohl auch die Worte aufgeschrieben und zusammengestellt, die für ihr Leben Be deutung gewonnen haben. Es kann ein rechter Dienst sein, den der Mensch damit sich selbst erweist: in schweren Stunden werden die alten Worte zu neuen Gottesgrüßen. Jedenfalls, unsere Zeit predige es uns: Hinein ins Wort! Und zwar: in ernstlichem Gebet. Das ist das Letzte, was diese Zeit uns lehren soll: beten. Darin sind wieder diese frommen Frauen vor bildlich, daß sie ihre Boten zu Jesus sandten. Wir kennen die Voten, die heute den Verkehr mit unserm Gott vermitteln: unsere Bitten. Laßt uns nur nicht bloß um Äußeres bitten, sondern vor allen, um dies eine, daß wir Gottes Herrlichkeit sehen möchten. Das ist die letzte und höchste Stufe in der Führung Gottes. Achthaben auf Gottes39 Wort ist wohl das Erste, glauben an dies Wort daS Zweite, aber das Letzte und Höchste bleibt doch, daß wir in diesem Glauben betend Gottes Wort unserm Herrn vorhalten und so Gottes Herrlichkeit wirksam in unser Leben hineinziehen. Das ist der Weg, Gottes Herrlichkeit zu schauen. 5 4 5 So gehe denn dies Wort mit uns: So du glauben würdest... Immer wieder muß ich bitten: Lasset uns doch nicht nur auf das sehen, was vor Augen ist. Sind wir Jünger Jesu, so lasset uns um Glau ben bitten: im Glauben wollen wir die Herrlichkeit Gottes schauen. Nur eins noch unterstreiche ich. Im Schauen der göttlichen Herrlich keit gibt es Stufen. Mancher lernt nur darum nichts von ihr in sein Leben hineinziehen, weil er keinen Anfang damit macht. Auch hier heißt es: anfangen, fortfahren und vollenden. Und wenn auch nur erst ein Strahl göttlicher Herrlichkeit in unser Leben fiele, es wäre etwas Großes. DaS volle Licht der Herrlichkeit GotteS wird uns doch erst in der Welt der Vollendung umleuchten. Das sei darum unser Erdenweg: ein Wandel im Licht, dem ewigen Licht entgegen. Und nun gebiete ich dir mit dein Schlußwort unseres alten Sonntagsevangeliums: Gehe hin, dir geschehe, wie du geglaubt hast. Amen.Wie man ein Zeuge Gottes wird. Am 6. Sonntag nach Epiphanias, iz. Februar 1916. Jesajas 6, 1 8: Des Jahres, da der König Usia starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Stuhl; und sein Saum füllete den Tempel. Seraphim standen über ihm, ein jeglicher hatte sechs Flügel; mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße, und mit zweien flogen sie. Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! Daß die Überschwellen bebten von der Stimme ihres Rufes, und das Haus ward voll Rauch. Da sprach ich: Wehe mir, ich vergehe, denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den Herrn Zebaoth, gesehen mit meinen Augen. Da flog der Seraphim einer zu mir, und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm; und rührete meinen Mund und sprach: Siehe, hiemit sind deine Lippen gerühret, daß deine Missetat von dir genommen werde und deine Sünde versöhnet sei. Und ich hörete die Stimme des Herrn, daß er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich. Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Hier bin ich; sende mich. In diese göttliche Frage und diese menschliche Antwort klingt unser ganzer Text aus. Wißt ihr, daß das auch ein rechter Schluß dieser Epiphanien- zeit wäre, wenn es heute zu der gleichen Zwiesprache käme? Durch sechs Wochen hindurch hat Gott uns wieder die Herrlichkeit auf dem Antlitz Jesu sehen lassen. Hat er nicht heute zu der Frage Grund: Wer will fortan ein Zeuge dieser Herrlichkeit in meinem Volke sein? Sollte ich nicht antworten: Hier bin ich, sende mich? Zumal heute, dünkt mich, müßte eö so sein, heute in der Kriegs zeit. Denn was ist die Kriegszeit? Man kann von ihr sehr ver schieden reden. Vor drei Wochen habe ich von ihr zu sagen gewagt: lauter Offenbarung der Herrlichkeit Gottes. In der Tat, das soll sie sein, und der ganze Segen dieser Zeit sür unser Volk hangt zuletzt geradezu daran, daß sie so durchlebt wird. Aber wer zeigt unserem Volk die Herrlichkeit Gottes? Wir dürfen uns ja gar nicht verbergen, daß auch heute noch viele, viele von dieser Herrlichkeit Gottes nichtssehen, auch heute uoch nichts nach achtzehn Kriegsmonaten, ja vielleicht gerade nach diesen Kriegsmonaten nicht. Wer weckt diese? Wer wagt wenigstens zu ihnen von Gottes Herrlichkeit zu reden? Wer will unser Bote sein? fragt Gott. Wer? Wagen wir es? Ein Wagnis ist es. Ich weiß nicht, ob jemals einen, Menschen auf Erden ein so schwerer Auftrag zuteil wurde, wie dem Propheten Jesaja. Was fordert Gott von ihm? Gehe hin, heißt es unmittelbar nach unserem Text, und sprich zu diesem Volk: Höret es, und verstehet es nicht; sehet es, und merket es nicht; verstocke das Herz dieses Volkes und laß ihre Ohren hart sein und blende ihre Augen, daß sie nicht sehen mit ihren Augen, noch hören mit ihren Ohren, noch ver stehen mit ihrem Herzen und sich bekehren und genesen. Sagte ich nicht recht: ein furchtbarer Auftrag? Der Prophet soll also nicht bloß im voraus darüber sich klar sein, daß all sein Zeugnis von der Herrlichkeit Gottes sein Volk nur noch mehr verstocken wird, er soll geradezu dadurch Gottes Gericht an seinen? Volk vollziehen, daß er es durch seine Predigt verstockt. Auch der Prophet erschrickt vor diesem Auftrag. Herr, wie lange? fragt er. Wir möchten fragen: Kann es überhaupt so etwas geben, daß alles Zeugnis von der Herrlichkeit Gottes einen Menschen nur noch mehr verhärtet, ja verharten soll? Könnte ein ähnlicher Auftrag auch heute den Boten Gottes unter unserem Volk gegeben sein? Wir werden den Gedanken weit wegweisen wollen. Wir dürfen noch für unser Volk auf neue Heilszeit hoffen. Aber das eine ist wahr, daß es auch heute für jeden einzelnen gilt, daßGottes Wort an ihm nie ganz umsonst sein kann. Entweder muß es ihm die Herrlichkeit Gottes näher bringen, oder es muß ihn gegen sie noch mehr verstocken. Um es einmal ganz zuzuspitzen: auch aus unseren Gottesdiensten, wenn anders GottesWort in ihnen recht gehandelt wird, geht niemand ganz so heraus, wie er hineintrat. So unmeßbar auch die Wirkungen sein mögen: entweder ist er seinem Gott naher gekommen oder ihm ferner getreten. Das kann bei dem Wort des heiligen und lebendigen Gottes nicht anders sein. Wir dürfen es auch nicht anders begehren. Freilich, viele sind heute an der Arbeit, daS Wort unseres Gottes so lange abzuschleifen, his es niemand irgendeinen Anstoß mehr gebe. Ich verstehe das wohl; eS geschieht gewiß auch manchmal im besten Wohlmeinen. Und doch können und dürfen wir nicht mit. Wer irgendwie, sei es in kirchlichem oder außerkirchlichem Zeugnis, Gottes Bote sein will, 42 muß seine Botschaft so ausrichten, wie er sie von Gott empfangen hat. Und wenn das Wort unseres Gottes wirklich dem einen oder an deren zu hart wäre und vielleicht ihn gar noch mehr von Gott ent fernte, wir könnten es nicht ändern, und wir dürften es nicht, so sehr wir auch selbst vielleicht darunter leiden möchten, ja darunter leiden sollen. Aber freilich, wie ernst wird dann der Auftrag, Gottes Zeuge zusein. Werden wir es wagen? Ich will ganz offen reden: Nur dann, wenn Gott uns zwingt. Hie bin ich; sende mich, der Prophet spricht freiwillig so, aber diese Freiwilligkeit war selbst göttlicher Zwang. Alles, was der Mann Gottes in dieser Stunde von Gottes Herrlichkeit erlebt hatte, zwang ihn, ihr sich ganz zum Organ zu geben. Gottes Bote wird man nicht durch menschlichen Vorsatz und fromme Entschlüsse; Gottes Bote wird man nur unter göttlichein Zwang. Wie geschieht das näher? Ich frage heute: Wie werden wir rechte Zeugen der Herrlichkeit Gottes in unserem Volke? Und ich antworte: Nur unter dem Zwange eineS dreifachen, innerlich zusammenhängenden Erlebens: i. Eines Erlebens der Gegenwart GotteS; 2. eines Erlebens unserer Sünde als Schuld; g. eines Er lebens der sündenvergebenden Herrlichkeit Gottes. i. Zuerst also: Boten Gottes werden wir nur unter dem Zwange der Gegenwart Gottes. Das ist es ja, was unser Text uns zuallererst eindringlich macht. Ein wunderbares Gesicht ist eS,von dem er erzählt. Den Schranke,, der Erde entrückt, wird der Prophet im Geist ins himmlische Heilig tum versetzt: er sieht die Herrlichkeit Gottes, und er hört die Klänge des ewigen Liedes. Nur ein Gesicht, sagt vielleicht der eine oder andere. Gewiß, nur ein Gesicht. Wie sollte wohl ein Mensch, solange er im Leibe wallt, auf andere Weise daS himmlische Heiligtum schauen können, und wäre er auch der Höchstbegnadete? Aber das ändert nichts daran, daß es ein wirkliches Sehen und Hören war, das dem Propheten zuteil wurde, und der ganze Vorgang ein wirkliches Er lebnis, so einzigartig wie der Beruf des Propheten selbst. Ehe er den furchtbaren Auftrag Gottes in der Welt ausrichtete, sollte er Gottes Herrlichkeit geschaut haben. Allem menschlichen Unglauben gegenüber sollte er von einer Herrlichkeit zeugen können, die er selbst 43 gesehen und gehört hatte; und wiederum, diese Herrlichkeit sollte ihn wider alle menschliche Erbärmlichkeit und Feindschaft innerlich stark und unbezwingbar inachen. Wir begreifen, daß der Mann, der das wirklich erlebt hatte, fortan nicht anders konnte, als von der Herrlichkeit, die er schaute, Zeugnis geben. Und auch das verstehen wir, daß von diesem Er lebnis an das Bewußtsein der Gegenwart Gottes ihn durchs ganze Leben begleitete. Wo immer er ging lind stand, lebte der Prophet fortan unter einem göttlichen Zwange. WaS lernen vir? Ganz allgemein ausgedrückt, dies: Wer immer der Zeit im Namen Gottes etwas sagen will, muß auS der Ewigkeit kommen. Absichtlich spitze ich eS so zu. Denn wieder raten viele heute in großem Wohlmeinen der Kirche, das Zeugnis von der jenseitigen Welt zurückzustellen. Wolle die Kirche populär werden, dann müsse sie sich mit beiden Füßen in die Gegenwart hinein stellen. In der Tat, so ist es. Die Kirche gehört in die Zeit hinein, vielleicht mehr, als es manchmal der Fall gewesen sein mag. Aber, wenn die Kirche der Zeit wirklich etwas bringen null, was sie selbst nicht hat, dann muß sie auS der Ewigkeit kommen. Seht den Mann Gottes an, wie er auS dem oberen Heiligtum in das Ringen und Kämpfen seiner Zeit hinaustritt, ein in sich selbst gewisser Mensch, ein Mensch, der etwas hat und bringen kann, ja bringen muß, etwaö, woran sein Volk genesen würde, wenn es aus seiner Hand es hinnehmen wollte. Dieser Mann sei das Vorbild der christlichen Kirche in dieser Zeit. Man spüre es ihr auch heute an, daß sie ihre eigentliche Heimat im oberen Heiligtum hat, und daß sie nur einen Beruf kennt, die Kraft Gottes aus der Höhe ins Tal zu leiten, nur einen Beruf, die Herrlichkeit Gottes einer Welt kundzumachen, die im tiefsten Grunde doch nach ihr hungert. Darum, wollen wir an diesem Berufe der Kirche teilhaben, lasset unS immer wieder Gottes Gegenwart zu erleben versuchen. Gerade wir Kinder des Neuen Bundes können daS ja. Wir sollen nicht klagen, als fehle uns dem Manne Gottes in unserem Text gegenüber viel. In gewissem Sinne haben wir mehr. Wir schauen nicht bloß wie jener Gottes Herrlichkeit in einem einmaligen Gesicht; in Christo Jesu ist sie in die Geschichte eingetreten, für alle sichtbar und greifbar, und hat sich für alle Zeit beständige Gegenwart gegeben. Das laßt uns zu verstehen und zu erleben versuchen. Zuerst sage es unS, daß auch wir Kinder des Neuen Bundes bestimmter Stunden bedürfen, da die Gewißheit der Nähe Gottes 44 uns besonders durchweht und in der Tiefe der Seele ergreift. Das geschehe bei unseren Nachtmahlsfeiern dort am Altar wenn das drei mal Heilig im oberen Heiligtum ein Echo weckt im unteren Heiligtum hier auf Erden. Es geschehe in unseren Gottesdiensten, wenn unser Gott in seinem Wort zu uns redet und Gemeindegesang und Chorlied ihm antworten. Es geschehe in unserem Kammerlein, sooft wir aus der Unrast des Lebens und aus dem Lärm der Gegenwart in die heilige Stille vor Gott einkehren und in der Stille Gott loben. Je unruh voller der Werktag, um so unentbehrlicher der Feiertag. Indes, alle diese besonderen Stunden der Gegenwart Gottes haben doch ihre Probe daran, daß aus ihnen uns ein neues starkes Bewußtsein bleibender Gegenwart Gottes in alle Tage unseres Lebens begleitet. Darum, das ist das andere: Gott ist gegenwärtig so muß über unserem ganzen Leben geschrieben stehen. Über unseren Werktagen wie Feiertagen, über der Sabbatstille wie Arbeits unruhe, über dem Einsamsein wie dem gesellschaftlichen Verkehr der Menschen untereinander. Der allein ist ein rechter Jünger Jesu, der, wo er geht und steht, vor dein Angesicht Gottes wandelt. Nur er auch kann ein rechter Zeuge der Herrlichkeit GotteS sein. Drei Sätze. Zuerst: Nur dies Bewußtsein der Gegenwart Gottes ist wirksamer Schutz wider alle Sünde. Wie sollte ein Kind sündigen wollen, solange eS unter den Augen des Vaters weilt? Zwar, ein verständiger Vater hat gern, wenn sein Kind unter seinen Augen fröhlich ist. Er weiß auch, daß das Kind der Erholung bedarf. Ich will das ausdrücklich einschieben, damit ich nicht zarte Gewissen unter uns beunruhige und verwirre. Auch der himmlische Vater will, daß seine Kinder unter seinen Augen fröhlich seien, und er weiß auch, daß sie von der Unruhe der Arbeit und der Hitze des Kampfes Erholung nötig haben. Nur, daß alle Erholung des Jüngers Jesu nicht Erholung von der Gegenwart GotteS sei. Man sagt, daß etliche ihre Abzeichen ablegen, ehe sie eine Stätte der Sünde besuchen; sie möchten inkognito sein. Gott gegenüber gibt es kein Inkognito. Ein Mann hat am Ende seines Lebens bekannt, welch ein Segen es für ihn geworden sei, daß seine Mutter das Kind frühe sprechen lehrte: Gott sieht mich. Jawobl, Gott sieht mich welcher Schutz wider die Sünde! Sodann: Das Bewußtsein der Gegenwart GotteS macht uns in unserem Zeugnis von Gott Menschen gegenüber unabhängig. Wenn Gott gegenwärtig ist, waS bedeuten Menschen? Wie sollte ich mich von dem Beifall deS einen abhängig machen oder das 45 törichte Lächeln des anderen fürchten? Über ein Kleines, über ein Kleines, dann werden beide mit mir vor dem Richter stehen. I Vor allem aber sei in unserem Zusammenhang das letzte ge sagt: Gottes Gegenwart gibt immer neuen Stoff und Anlaß zum Preis seiner Herrlichkeit. Wer nichts von Gottes Herrlichkeit sieht, kann freilich auch nicht von ihr Zeugnis geben. Wo dagegen ein Mensch auf Schritt und Tritt von den Wundern göttlicher Herr lichkeit umgeben ist, da muß wohl sein Mund von ihrem Lobe über gehen. Das aber soll von uns gelten, die wir in bestandiger Gegenwart Gottes leben dürfen. Denn wo Gott ist, da ist auch seine Herrlichkeit, und wer erst einmal auf dem Antlitz Jesu Gottes Herrlichkeit erkannt hat, der erkennt sie fortan auch in allem wieder, was ihm begegnet. Er schaut sie in allem, was groß und schön ist auf dieser Erde Gottes, aber er vermag sie auch noch in der Sturmnacht zu erkennen, und er wagt auch mitten in diesem furchtbaren Kriege immer wieder noch zu sagen: Siehe da, dein Gott; siehe da, die Herrlichkeit deines Gottes. Indes, soll es bei uns wirklich zu einem solchen Zeugnis der Herrlichkeit Gottes kommen, dann muß es auch bei uns durch schmerz liches Erleben hindurch: das Erleben der Gegenwart Gottes muß zu einem Erleben unserer Sünde als Schuld werden. 2. Es ist ja merkwürdig, was der erste Eindruck war, den die Herr lichkeit Gottes bei dem Propheten hervorrief. Der Mann schaut, wonach jedes frommeHerz sich sehnt, und was doch niemand sonst auf Erden sehen darf. Wir möchten meinen, seine Seele müßte voll stiller Anbetung sein, und sein Lob müßte sich mit dem Lobpreis der himmlischen Heerscharen vereinen: Heilig, heilig, heilig ist Gott. In Wirklichkeit liegt er zerbrochen am Boden. Mit abwehrend auf gehobenen Händen ruft er: Weh mir, ich vergehe; denn ich bin un reiner Lippen. Ich nannte das merkwürdig. Ist es wirklich merkwürdig? Auch durch die übrige Welt der Religionen geht mehr oder weniger deutlich eine Ahnung, daß der sündige Mensch Gott, den heiligen Gott, nicht sehen kann, ohne zu sterben. Wir brauchen dünkt mich nur unser Gewissen ernstlich zu fragen, um das zu verstehen. Warum doch sind die Worte: Sünde, Schuld, Zorn Gottes unserem Geschlecht so fremd geworden? Darum, weil es nicht ernstlich in der Gegenwart Gottes lebt. Gott ist ihm ein ferner geworden. Manche haben Gott 46 überhaupt verloren; für andere wurde er zu einein Gedankending, über das man disputiert, daS man vielleicht anerkennt, an das man zu glauben vorgibt, man glaubt nämlich seine Existenz. Gott ist aber aufs Ganze gesehen für unser Geschlecht nicht die eine große Wirklichkeit, in deren Gegenwart die Menschen erbeben, unter der sie erschauern. Wo dagegen jemand das große Auge, das heilige Auge, daS Auge Gottes unablässig auf sich gerichtet sieht, unablässig und unausweichlich, da möchte er zunächst wohl fliehen. Aber wenn er diesem Auge, das ihn zu verfolgen scheint, nicht zu entfliehen vermag, dann bricht auch er notwendig in die Knie: Wehe mir, ich vergehe. Niemand wundere sich, wenn er ähnliche Erfahrungen macht. Du erlebst die Wirklichkeit Gottes und bist dem Jeugenberuf in un serem Volke nie näher gewesen denn jetzt. Wollen wir rechte Zeugen Gottes in unserem Volke sein, dann müssen wir die Gegenwart Gottes in unser Volk hineinstellen können und das Bewußtsein um sie wecken, und zwar so, daß auch unser Volk unter der Gegenwart Gottes in die Knie sinkt wie am ersten Büß- und Bettag. Gerade damit unser liebes deutsches Volk allen seinen Feinden gegenüber aufrecht stehe, beuge es sich tief vor Gott im Bewußtsein seiner Sünde und Schuld. Wollen wir aber unserem Volke dazu helfen, dann müssen wir zu allererst selbst unter der Gegenwart Gottes zusammengebrochen sein, im Bewußtsein der eigenen Sünde und der Sünde deS Volkes. Seht, wie wieder bei dem Propheten beides so eng sich verbindet, daS Bewußtsein der eigenen Sünde und daS Bewußtsein um die Sünde des Volkes. Ich bin unreiner Lippen", klagt er und fügt alsbald hinzu: Und wohne unter einem Volke von unreinen Lippen". In dieser Stunde ist ihm seine Sünde und des Volkes Sünde offenbar geworden. Was bedeutet das? Der Prophet wird in diesem Augenblick zum Bußprediger unter seinem Volke geweiht. Fortan wird er die Sünde seines Volkes strafen, unerbittlich, unbestechlich, aus dem Bewußtsein der Gegenwart Gottes heraus und in dem Ernst kommenden Gerichts. Aber überseht ebensowenig das andere. In diesem Augenblick beginnt auch das fürbittende Eintreten dieses Mannes für sein Volk. Fortan hat Israel einen geistigen Führer in seiner Mitte, der immer wieder fürbittend die Sünde seines Volkes vor Gott bringen wird. Wieviel hat beides in seiner unslööbaren Verbundenheit uns heute zu sagen! Allem Zeugnis Gottes in unserem Volke droht 47 eine doppelte Gefahr, beides gleich verhängnisvoll. Die einen sind heute einseitige Lobredner unseres Volkes. Sie sehen nur Licht bei ihm und halten es vielleicht für mangelnden Patriotismus, wenn jemand auch Schatten bei unserem Volke sieht. Unter ihrem Zeugnis droht unser Volk sicher zu werden. Falsche Propheten würde die Schrift in ihrer ernsten, unbestechlichen Art diese Männer nennen, falsche Propheten, die auch da Friede rufen, wo kein Friede ist. Aber es gibt auch andere unter uns, die nur Schatten bei unserein Volke sehen, die nur tadeln können, und fast ist es, als wären sie bei unseren Feinden in die Schule gegangen. Ihre Schar ist klein, aber auch sie schaden. Sie predigen wohl Buße, aber man spürt ihrer Bußpredigt nicht an, daß sie von der Sünde ihres Volkes sprechen, von ihrer Sünde. Sie möchte Jesus vielleicht Pharisäer nennen, die anderen Lasten auflegen, sie selbst aber mit keinein Finger anrühren. Nur das sind die rechten Jeugen Gottes in un serem Volke, die freilich die Sünde ihres Volkes sehen, aber eben als die Sünde ihres Volkes, für die sie verantwortlich sind, als ihre Sünde. Nur die Zeugen vermag Gott zu gebrauchen, die aus dem eigenen Beichtkämmerlein in die Öffentlichkeit treten und die wiederum aus der Öffentlichkeit in das eigene Beichtkämmerlein zurückkehren. Wollte denn Gott, wir hätten viele solcher Wahrheits zeugen unter uns. Wollte Gott, wir wären solche Jeugen. Dann sollten wir mit unserem lieben Volke auch das letzte erfahren, wie Gott aus dem Erleben der Schuld zu dem Erleben seiner sünden vergebenden Herrlichkeit weiterführt. Auch unser Text erreicht ja erst ain Schluß seine Höhe, ja ohne diesen Schluß wäre er vollendet trostlos. Wir haben bisher unwill kürlich diesen Schluß schon immer in Gedanken gehabt; darum konnte unser Text uns schon bisher soviel sagen. Versucht aber einmal, den Schluß hinwegzudenken. Was bliebe dann? Was würde dem Propheten alles, waS er sehen und hören durfte, frommen, wenn der Schluß unserer Geschichte fehlte? Wohl, er hätte Gottes Herrlichkeit geschaut, aber er wäre unter ihr zusammen gebrochen. Wie arm wäre der Mann in die Wirklichkeit des Lebens zurückgekehrt, verzweifelnd, verzweifelt: Wehe mir, ich vergehe! Nun aber nimmt der Engel eine Kohle voin heiligen Altar und berührt damit die Lippen des Propheten lind spricht: Siehe, hiermit 48 sind deine Lippen berührt, daß deine Missetat von dir genommen werde und deine Sünde versöhnt sei. Fortan hatte der Mann Gottes etwas, wodurch er selber leben konnte und was er seinem Volke bringen durfte, ja mußte: Vergebung der Sünden. Aus dein Bußprediger wird der Evangelist des Alten Bundes und zugleich der Evangelist des Neuen Bundes, der von der kommenden Heilszeit sagt, in der wir heute nach jenem Prophetenwort mit Freuden Wasser schöpfen sollen aus den Heilsbrunnen. Denn was ist die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes, die wir in Christo Jesu erleben? Lauter Offenbarung der Vergebung der Sünde. Wir haben wieder viel mehr als der Mann Gottes im Alten Bund. Wir haben nicht bloß ein Symbol der Vergebung der Sünden; für uns ist sie in Christus Jesus Wirklichkeit geworden. Wenn der Apostel sagen will, was wir an Christo haben, dann sagt er mit großein Ernst: wir haben an ihm die Erlösung durch sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünde. Vergebung der Sünden. Auch diesen oder jenen unter uns mag es freilich enttäuschen, daß alle Offenbarung der Herrlichkeit Gottes zuletzt auf eine Offenbarung der Vergebung der Sünden hinauskommen soll. Ist es wirklich zu wenig? Wer unter uns den Kleinen Katechismus Luthers mit Verständnis gelernt hat und noch heute kennt, der weiß, wieviel in ihm von der Vergebung der Sünden die Rede ist. Warum das so sein muß, sagt das fünfte Hauptstück: Wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit. Wahrlich, Worte von lapidarer Größe. Ich habe zu Haus das Bild eines Mannes, das dies Wort als Unterschrift trägt. Wir verstehen den Mann wohl und möchten es uns selbst immer wieder vorsprechen können: Wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit. Zwar unserem Volke mag dies Wort vielfach fremd geworden sein, wie ihm das Wort von der Sünde selbst fremd wurde. Wo dagegen das Bewußtsein der Schuld wirklich in einem Menschen erwacht, da wird das die eine große Frage, wie er Vergebung der Sün de, der Schuld gewinne, und zugleich beginnt er zu ahnen, daß auch alles andere Müdesein und Trostlossein doch nicht bloß äußere Ursache habe, sondern zuletzt auch in dem Mangel an Gewißheit der Vergebung der Sünden wurzele. Wo dagegen Gewißheit der Vergebung der Sünden vorhanden ist, da ist Leben, wirkliches Leben; denn da ist Gemeinschaft mit Gott, und Gemeinschaft mit Gott ist Leben, ja lauter Seligkeit. 49 Darum lasset uns nur immer wieder bei Christo Jesu ia seinem Wort und Sakrament Vergebung suchen; dann haben wir etwas, dadurch wir persönlich leben können und das wir unserem Volke bringen können, ja müssen. Freilich, auch deine Umgebung mag wohl zunächst verwundert sein, wenn du ihr nur das Wort von der Vergebung zu bringen imstande bist. Auch jener Gichtbrüchige war verwundert, als der Herr in seine ganz anderen Gedanken das Wort hineinsprach: Sei getrost, dir sind deine Sünden vergeben. Dann aber empfand er sofort: ja, das war es, was ihm gefehlt hatte, das war es, dessen er bedurfte. So wagt es nur, denen, die ihr erreichen könnt, das Wort von der Herrlichkeit Gottes zu sagen, die in der Ver gebung der Sünde besteht; wagt es nur eS sei leise oder laut, je nachdem ihr dem anderen nah oder fern steht , ihm die Vergebung der Sünden zu rühmen. Vergebung der Sünden, die das Gewissen frei macht und dadurch die Seele stille und den Mut stark und das Herz weit, Vergebung der Sünden, die dein Menschen alles, was groß und schön in der Welt ist, ausschließt und die zuletzt ihm den Himmel ausschließt. Vergebung der Sünden wie wollte ich so gern, daß ich es euch und mir in die Seele hineinsprechen könnte: Ich glaube eine Vergebung der Sünden. Er selbst helfe dazu, den diese Wochen wieder gepredigt haben, Jesus Christus, die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes. Er, der das A und O aller göttlichen Offenbarung ist, führe uns zur Gewißheit der Vergebung der Sünden und breche zugleich den Mund auf zum Zeugnis von ihr. Christe, erbarme dich; Herre Gott, erbarme dich; Christe, erbarme dich! Amen. Ihmels: Aufwärts die Herzen. 4Was sagt uns heute das Gleichnis vom viererlei Acker? Am Sonntag Sexagesimä, 27. Februar 1916. Ev. Lukas 8, 4^15: Da nun viel Volks beieinander war und aus den Städten zu ihm eileten, sprach er durch ein Gleichnis: Es ging ein Säemann aus, zu säen seinen Samen. Und indem er säete, fiel etliches an den Weg und ward vertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen s auf. Und et liches fiel auf den Fels; und da es aufging, verdorrte es, darum, daß es nicht Saft hatte. Und etliches fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten s. Und etliches fiel auf ein gut Land, und es ging auf und trug hundertfältige Frucht. Da er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre! Es fragten ihn aber seine Jünger und sprachen, was dies Gleichnis wäre. Er aber sprach: Euch ist s gegeben, zu wissen das Geheimnis des Reiches Gottes; den andern aber in Gleich nissen, daß sie es nicht sehen, ob sie es schon sehen, und nicht verstehen, ob sie es schon hören. Das ist aber das Gleichnis: Der Same ist das Wort Gottes. Die aber an dem Wege sind, das sind, die es hören; darnach kommt der Teufel und nimmt das Wort von ihrem Herzen, auf daß sie nicht glauben und selig werden. Die aber auf dem Fels sind die: wenn sie es hören, nehmen sie das Wort mit Freuden an; und die haben nicht Wurzel; eine Zeitlang glauben sie, und zu der Zeit derAnfechtung fallen sie ab. Das aber unter die Dornen fiel, sind die, so es hören und gehen hin unter den Sorgen, Reichtum und Wollust dieses Lebens und ersticken und bringen keine Fruckt. Das aber auf dem guten Land sind, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld. Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut, Dem Vater aller Güte, Dem Gott, der große Wunder tut, so beginnen wir billig heute. Ihr steht mit mir unter dem starken Eindrucks daß es geradezu unfromm wäre, wenn wir nicht heute aus tiefer Dankbarkeit heraus aufs neue bekennen wollten, daß wir einen Gott haben, der Wunder tut. Noch vermag freilich niemand von uns mit völliger Sicherheit zu sagen, was draußen vorgeht; aber die neue Bewegung, die auf dein Kriegsschauplatz eingesetzt hat, teilt sich doch unwillkürlich unS mit: neues Hoffen, neues Warten durchhiebtunsere Seele, und heute vor allem zuerst einmal neues Danken: Du, Herr, tust Wunder. Wir feiern freilich heute die Siege etwas anders als am Anfang. Nach all dem schmerzlich Erlebten denken wir unwillkürlich bei jedem Siege von vornherein auch starker an die vielen Opfer, die er auch uns gekostet haben wird, und ebenso sind wir zurückhaltender in der Beurteilung der Folgen eines Sieges geworden. Das darf aber doch dem innigen Dank gegen Gott nichts abbrechen. Je stiller vielmehr wir werden, um so ehrfürchtiger der Dank gegen den Gott, der dennoch hilft und um so heißer der Wunsch, daß unser Volk die Stimme nicht überhören möge, mit der Gott in denWundern seinerMacht und Gnade mit uns redet. Darum trifft es sich gut, daß gerade unser heutiges Evangelium uns zuruft: Wer Ohren hat zu hören, der höre. In Wahrheit, je länger der Krieg wahrt, und je näher, wie wir hoffen möchten, der Friede kommt, um so ernster wird die Sorge, daß das Wort, das Gott durch diesen furchtbaren Krieg zu uns redet, aufgehe und Furcht bringe. Darum sei uns heute die Predigt von dem viererlei Ackerfeld mit ihrem gewaltigen Ernst besonders will kommen; sie hat uns gerade heute viel zu sagen. So frage ich: Was sagt uns heute daS Gleichnis vom viererlei Acker? i. Was sagt es unserm Volke; 2. was sagt es uns persönlich? 1. Es ging ein Säemann aus, zu säen seinen Samen, so hebt Jesus in unserm Gleichnis an, der Meister der knappen Schilderungen. Es ist ein schlichtes Bild, daS er zeichnet; aber wer im Kleinen das Große zu sehen vermag, den dünkt der Säemann ehrwürdig, der eben seine Hand zum ersten Samenwurf aufgehoben hat. Ich kannte einen Säemann alten Schlages, der den ersten Wurf nicht tat, ohne ihn mit einem frommen Gebetswunsch zu begleiten. In der Tat, für den sehenden Menschen ein großer Augenblick, wenn neues keimendes Leben, Saat der Zukunft, der Erde anvertraut wird. Menschliches Nachbild göttlichen Schaffens: göttlichen Schaffens am Anfang aller Dinge, göttlichen Schaffens aber auch in der Aussaat seines Wortes. Davon redet Jesus in unserm Text. Denn hinter allem Säen des göttlichen Wortes, das Menschen tun, steht zuletzt Gott selbst. In sofern dürfen wir den Eingang unseres Textes aufGott selbst deuten, und dann wird er zu einer Geschichte dieses Krieges. Man kann sie 52 freilich auf außerordentlich verschiedene Weise schreiben. Im Ächte Gottes betrachtet, dürste man aber von ihr sagen: Ein Säemann ging aus, zu säen seinen Samen. In der Weltgeschichte der Menschheit wird man von unserer Zeit ganz anders reden; aber wenn die Bücher Gottes am Tage des Völkergerichts aufgetan werden, dann wird von den Jahren 1914 1915, 1916 geschrieben stehen: Noch einmal jawohl, so wird es heißen noch einmal ging Gott in besonderer Stunde durch die Völkerwelt und streute seinen Samen. Hatten seine Feinde, das Reich der Lüge, ihren Samen in die Menschenherzen aus gestreut, und war dieser Same üppig emporgeschossen, in dieser Stunde begann Gott noch einmal wieder in besonderem Sinn seinen Samen in die Herzen zu säen. Waren die Herzen hart lind un empfänglich geworden, so sollte die Pflugschar dieses furchtbaren Krieges die Herzen aufreißen, und dann kam der Säemann und säete seinen Samen. Da er ihn aber unter der Völkerwelt ausstreute, fiel etliches auch auf den Boden des deutschen Volkes. Sind wir nicht gespannt, wie in den Büchern GotteS die Geschichte dieses Sa mens weiter lauten wird? Der Säemann ging aus, seinen Samen zu säen. An mehr als einem Zeichen merkten eS die Freunde des Säemanns am Anfang des Krieges, daß er an der Arbeit sei, und freuten sich, daß neue Saat zeit für unser Volk gekommen sei. Dann aber ging eS uns vielleicht, wie es den Kindern geht, daß sie die Stunde nicht erwarten können, da das Saatkorn, das sie in die Erde legten, aufgehe. Da mag das heutige Evangelium uns erinnern: auch jedes Saatkorn, das in die Erde gelegt wird, hat seine Geschichte, und alles hat seine Zeit: das Säen und das Keimen, das Aufgehen und Fruchtbringen. Und ebenso mag unser Evangelium uns erinnern, daß auch für die Kriegszeit das Wort vom viererlei Acker bestehen bleibt. Meinten wir im Ernste, daß der Krieg mit einem Schlage alle Herzen zu einen: fruchtbaren Ackerland umwandeln könne? Ach, der Krieg be kehrt überhaupt nicht. Schließlich hat der wunderbare Same des Wortes Gottes allein die Kraft, selbst den Acker, in den er ausge streut wird, zum guten, fruchtbaren Lande umzuwandeln. Das ge schieht aber auch heute unmöglich bei einem jeglichen Ackerfeld. Das Gesetz vom viererlei Acker bleibt auch heute bestehen. Darum braucht unö das noch nicht an der Zukunft unseres Vol kes verzagen zu lassen, daß in den Büchern GotteS von viel vergeblich ausgestreutem Samen zu lesen sein wird. Das kann nicht anders sein, so unendlich traurig es auch ist, und so unverstandlich es im tiefsten 53 Grunde bleibt. Es ist das Rätsel aller Rätsel, ja, in gewissen? Sinne stecken in ihm alle die Probleme, mit denen das christliche Erkennen sich quält, daß das Wort Gottes über Menschenherzen, die doch von Gott und zu Gott geschaffen sind, nicht Sieger zu werden vermag. Wir vermögen schließlich nur daS eine zu erkennen, daß doch die Völker selbst ebenso wie die einzelnen zuletzt dafür verantwortlich sind, was sie aus demWorteGottes machen. Insofern bleibt es doch eine überaus ernste Frage, ja, es ist die Zukunftsfrage unseres Volkes, was in den Büchern Gottes über den Erfolg dieser Saatzeit geschrieben steht. Wohl, so laßt uns aus nnserm Evangelium zu lernen versuchen, was Gott uns lehren will. Zuallererst immer wieder dies eine, daß diese Zeit Saatzeit sein soll. Wer sie recht durchleben will, muß vor allem auch den göttlichen Saemann sehen, der durch die Völkerwelt hindurchschreitet. Dann aber das Weitere, daß wir dafür verant wortlich sind, daß diese Saatzeit nicht umsonst komme. Die blutige Saat draußen bedarf ihrer Ergänzung durch FriedensauSsaat daheim. Weithin wird das auch anerkannt, und viele geistige Führer unseres Volkes sind an der Arbeit, neuen Samen in den Acker des Volks lebens zu streuen. Wenn es nur nicht so oft auch heute noch bei bloßen Gedanken der Humanität bliebe oder auch bei nachdrücklicher Einschärfung nationaler Forderungen. Schaffen wir immer wieder Klarheit über das eine: Gottes Wort muß in die Herzen hinein. Ich sage auch heute wieder: wenn das in dieser Zeit nicht geschieht, wann soll es geschehen? Darum ist meine Sorge so groß, daß wir diese Zeit versäumen könnten. Oft ist es mir, als glaubten manche, daß die Arbeitszeit, die Gott seiner Kirche schenkt, gar nicht aufgebraucht werden könne. Dann erschrecke ich in dem Gedanken, daß der Friede nahe sein möchte. Ja, wie wollen wir uns freuen, wenn die Friedensglocken läuten; aber wie ernst wird dann auch Gotteö Frage an uns, seine Knechte, sein: Was habt ihr aus dieser Saatzeit gemacht? Welche Frucht ist aus ihr erwachsen? Wehe uns, wenn wir dann nicht fertig wären; wenn wir dann diese Zeit zurückrufen möchten, und sie ist doch dahin, unwiederbringlich dahin! Ist der Friede da, so werden der Kirche neue Aufgaben erwachsen. Wollen wir in Zukunft wirklich mit der Saat des göttlichen Wortes an die einzelnen herankommen, so müssen die großstädtischen Masscngemeinden zerschlagen werden, es muß sich auch so manches Hindernis des Wortes Gottes im öffentlichen Leben beseitigen lassen und vor allen Dingen wird die Bezeugung des Wortes Gottes auf der 54 Kanzel und unter der Kanzel wirksamer werden müssen. Indes, von dem allem will ich nicht weiter reden, damit ich uns nicht bei bequemen JukunftSgedanken festhalte. Heute, heute ist Saat zeit, so soll ich heute predigen. Versuchen wir denn, jede Gelegenheit auszukaufen, mit dem Wort an die Seelen heranzukommen: nicht bloß im öffentlichen Leben, sondern auch im gesellschaftlichen Verkehr. Heute will ich einmal unter streichen: vor allem auch in der Presse. Selbst politisch? Zeitungen haben in dieser Zeit ja in dankenswerter Weise auch für religiöse Betrachtungen sich zur Verfügung gestellt. Könnte das nicht von uns noch viel starker ausgenutzt werden? Jedenfalls: der Landmann komme uns nicht aus dem Sinn, der, solange die Saatzeit wahrt, jede Stunde auskaufen möchte. Wer weiß, wie lange für uns noch Saatzeit ist. Je mehr unsere tapferen Krieger dem Ende des Krieges entgegenzustürmen scheinen, um so mehr laßt auch uns daheim eilen, mit ihnen fertig zu werden; wenn jene fertig sind, müssen auch wir fertig sein. Sagst du: welche Forderung! Weißt du nicht, wie du an andere herankommen sollst? Laß das Wort zuallererst an dich selbst heran kommen. WaS lehrt unS unser Evangelium darüber? Zuerst dürfen alle, die eS nötig haben, auS ihm aufs neue die tröst liche Erinnerung mitnehmen: das Wort kann euch selig machen. Ihr wißt, welch ein gewaltig Ding es ist, GotteS Reich anzugehören: selig zu sein und selig zu werden. Immer wieder möchten wir fragen: Wird es uns gelingen? Der eine fragt: Werde ich jemals wirklich glauben lemen? Der andere bangt: Werde ich meinen Glauben durch alle Versuchungen hindurchdringen? Hört aufs neue die schlichte Antwort: Gottes Wort macht selig. Gott ist nirgends anders für uns faßbar und greifbar als in seinem Wort. Im Wort kommt er aber auch wirklich an die Menschen heran. Lassen wir nur das Wort ins Herz hinein: Gott packt uns in ihm; er läßt uns keine Ruhe in unserer Verkehrtheit und Sünde; er straft unS in seinem Gesetz und tröstet unS mit seinem Evangelium; er ruft zur Buße und hilft zum Glauben. Versuche es nur, Gottes schlichtes Wort immer wieder ins Herz zufassen; du wirst es erleben, es richtet,rettet, bewahrt und hält fest bis Ende. Aber eben das Wort muß ins Herz hinein. Und da muß ich 55 zuerst etwas ganz Selbstverständliches, fast Triviales sagen: Gottes Wort muß gehört werden. In unserm Text ist immer nur von denen, die das Wort hören, die Rede. Von den andern spricht das Evangelium überhaupt nicht. Es ist selbstverständlich so, und doch ist dies Selbst verständliche vielen in unserer Zeit, ich fürchte, auch manchem wirk lichen Christen, nicht deutlich genug. Unwillkürlich hat er die Empfin dung, als wisse er aus Gottes Wort genug; wären wir nur Täter, so klagt er vielleicht. In Wirklichkeit ist unsere Zeit, fürchte ich, aufs Ganze gesehen, sehr arm an christlicher Erkenntnis, und damit hängt viel Trägheit und viel Krankheit und auch viel Schlaffheit des Glau- benslebens zusammen. Indes, ich will nicht ins einzelne gehen; es handelt sich zuletzt um eine grundsätzliche Frage, über die man sich vor allem unerbitt lich klar werden muß. Können wir in unserm Verhältnis zu Gott von unsern eigenen Gedanken über Gott leben oder nur von dem, was Gott getan hat lind tut? Treffen wir mit unsern eigenen Gedanken über Gott wenigstens so ungefähr das Richtige, und vor allem, können wir wirklich mit diesen Gedanken Gott und die Gemeinschaft mit ihm erreichen, dann bedarf es nicht dessen, daß wir immer wieder Gottes Wort hören. Leben wir dagegen nur aus dem, was Gott getan hat und tut, dann können wir die rechten Gedanken über diesen Gott und vollends die Gemeinschaft mit diesem Gott schlechterdings nicht aus uns selbst erzeugen; dann leben wir nur dadurch, daß Gott immer wieder in seinem Wort und mit seinem Wort an uns heran kommt. Und vir kommen dann wirklich nur so weiter, daß wir nicht von unsern eigenen Gedanken über Gott zu leben versuchen, auch nicht von etlichen Reminiszenzen aus Gottes Wort, die uns von irgend woher noch geblieben sind; sondern wir leben allein dadurch, daß wir Gott immer wieder zu unS reden lassen. Auch daS bitte ich nicht zu übersehen, daß die Schrift hier und ähnlich immer wieder gerade von einem Hören des Wortes spricht. Gewiß, es ist geradezu unser evangelisches Kronrecht, daß wir auch daheim in der Schrift Gott zu uns reden lassen dürfen; und man möchte immer wieder lagen können, daß diese Zeit uns in die Schrift hineintreiben muß. Gleichwohl ist es tief im Wesen des Menschen begründet, daß die Schrift selbst immer wieder von einein Hören des Wortes redet und zu einem Hören dieses Wortes aufruft. Das hängt aufs engste damit zusammen, daß wir Menschen überhaupt darauf angewiesen sind, von Person zu Person uns dienen zu lassen. Nur ein papierenes Zeitalter, das persönliche Berührung zu scheuen 56 - scheint und lieber hinter unpersönlichen Büchern und Zeitungen Deckung sucht, kann das verkennen. Wer wüßte nicht, wieviel etwa in schwerer Zeit schon das Wort eines andern uns sein kann! Vielleicht war es gar nichts Neues, was er uns sagte. Wir wußten es langst; aber da er es uns ins Herz hinein sprach, wurde es in unserin Herzen zu neuer Kraft. Es ist eben der große Irrtum, als lebten wir in erster Linie von dem, was wir wissen. Unsere Seele, die bei aller scheinbaren Selbstgewißheit doch so arm ist, so arm, hungert vor allem nach Kraft. Daraus beruht, daß wir immer wieder aus dem Wort Gottes unö Kraft um Kraft geben lassen müssen. Für diese Kraftwirkung sollen aber nach Gottes Willen menschliche Persönlichkeiten die Träger sein. Hier liegt die tiesste Ursache, warum unö die Schrift immer wieder zum Hören mahnt. Freilich, wo ein Prediger diese Gedanken aufnimmt, da bringt er sich selbst notwendig in den Verdacht, als rede er in eigner Sache. Aber vielleicht darf das doch jemand tun, der selbst Gott nicht am wenigsten auch dafür dankt, daß er auch immer wieder ein Hörer des Wortes sein darf. Selig sind, die das Wort Gottes hören. Das ist das Erste. Aber freilich, unser Text will uns das andere einschärfen, daß es mit dein bloßen Hören nicht getan ist. Das Wort muß ins Herz hinein. Der Same, der auf den Weg fällt, wird alsbald von den Vögeln weggenommen, sagt Jesus. Wir kennen diese Vögel, die hin und her flatternden Gedanken, die vielleicht es nicht einmal zu einer Aufnahme des Wortes kommen lassen, jedenfalls es aber alsbald wieder aus dein Herzen verdrängen möchten. Man hat sich vielfach gewundert, daß die kirchliche Predigt nicht mehr Frucht bringe. Ich bekenne, ich wundere mich, je langer, desto mehr, daß sie noch soviel Frucht bringt. Man mache sich nur klar, wieviel Eindrücke, die Gottes Wort in der Kirche hervorgerufen hatte, alsbald auf dem Heimweg durch andere Eindrücke wieder ausgelöscht werden. Ist es nicht wunderbar, daß das Wort dennoch hie und da Wurzel schlagt? Es ist ein außerordentlich schönes Wort, das wir im 119. Psalm lesen: Ich freue mich über deinem Wort wie einer, der eine große Beute kriegt. Auch in unserm Zusammenhang mag das Wort uns etwas sagen. Nur dann freuen wir unS an dein Wort Gottes recht, wenn wir irgendetwas als Beute aus ihm mitnehmen. Wir sollten es nie in der Kirche hören oder daheim lesen, ohne daß wir irgendetwas Bestimmtes für uns daraus mitnehmen. Dann werden wir auch das Mitgenommene zu bewahren versuchen: mühsam gemachte BeuteI läßt niemand sich leicht nehmen. Was werden wir denn heute mitnehmen? Und werden wir es bewahren? Das Wort muß ins Herz hinein. Tief hinein, setzt Jesus hinzu. Etliches, fahrt unser Gleichnis fort, fällt auf den Fels. Auf dem Felo lagert eine dünne Erdschicht. Da geht der Same bald auf, aber er verdorrt auch ebenso schnell. Das sind die, sagt Jesus, die, wenn sie das Wort hören, es mit Freuden aufnehmen, aber sie haben nicht Wurzel, und in der Stunde der Anfechtung fallen sie ab. Wieder ist derer, die JesuS im Auge hat, Legion, und unter ihnen finden sich sehr verschiedene Gruppen zusammen. Da sind etwa die liebenswürdigen Naturen, die für alles, was schön ist, sich leicht begeistern können,, und daS Wort Gottes hat ja Seiten an sich, die auch den natürlichen Menschen wohl mit sich fortreißen können. Welcher Mensch mit offenen Sinnen hörte nicht gern: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Wer betete in dieser Zeit nicht gern die Kriegspsalmen des Alten Testaments? Vollends, wer sänge nicht gern: Ein feste Burg ist unser Gott? Aber wieviel Kriegsbegeisterung ist in diesen Monaten verflogen und auch wieviel religiöse Begeisterung. Längst hat sich zeigen müssen, ob das Wort in der Tiefe Wurzel geschlagen hatte. Oder, da sind die anderen Herzen, die unter der Pflugschar der Trübsal weich wurden. Wie scheinen sie dm Tröstungen Gottes offen zu stehen; aber wenn dann die ernsten Forderungen des Wortes Gottes kommen, dann muß es sich zeigen, ob die Menschen wirklich in der Tiefe gepackt sind. Ich möchte glauben, diese scheinbar so empfänglichen Herzen sind es vor allem, die dem demütigen Seel sorger zu schaffen machen. Er freut sich, daß das Wort bei ihnen Aufnahme fand, und er hat die Empfindung, als müsse er sie festhalten können, und wenn sie gleichwohl in der Anfechtung abfallen, so glaubt er, die Schuld nur bei sich suchen zu müsse . Müßte er nicht ganz anders predigen können? Und müßte er nicht viel geschickter in der Seelsorge sein? Wohl, der Prediger frage sich nur so. Es ist ihm immer heilsam, die Schuld zuerst bei sich zu suchen. Aber dann dürfen und sollen wir unS doch sagen: Glauben, wirklichen Glauben, dauernden Glauben kann daS Wort nur in einem Herzen schaffen, das sich in der Tiefe erneuern läßt. Jesus hat einmal über seine Zeitgenossen geklagt, daß sie nur eine Weile in seinem Lichte fröhlich sein wollten. Wo eS heute unter dein Hören des Wortes nicht weiter kommt, da kann auch heute unmöglich wirklicber Glaube entstehen. Um es in seinem ganzen 58 Ernste auszusprechen: Kein Glaube ohne Buße. Wir müssen es er tragen, daß daS Wort Gottes bis in die verborgenen Tiefen unseres PersonenlebenS hinabgreifc, den Schaden unseres Lebens an der Wurzel bloßlege und damit alle hohen Gedanken über unS selbst zerschlage. Nur in einem Herzen, das in der Tiefe durchackert ist, kann das Evangelium Wurzel schlagen und die Frucht des Glaubens bringen. Um es wieder in der Sprache der Schule zu sagen: Kein Glaube an das Evangelium, das Gesetz habe denn an dem Menschen seine Wirkung getan. Wo das Wort bis in die Tiefe dringt, da schlagt es Wurzel, aber da beginnt auch der Kampf mit dem Unkraut. Das ist das Dritte, was Jesus uns in unserm Gleichnis zu sagen hat. Etliches, heißt es, fiel unter die Dornen, und die Dornen gingen mit auf, und die Dornen erstickten eS. Jesus sagt davon: DaS unter die Dornen fiel, sind die, so eS hören und gehen hin unter den Sorgen, Reichtum und Wollust und ersticken S und bringen keine Frucht. Wieder sind es ungezählte Christen, deren Geschichte hier geschrieben steht. Ja, ich fürchte, in den kirchlich erzogenen Kreisen mag eö die Geschichte der meisten Menschen sein, die hier erzahlt wird. Wo wirklich das Wort Gottes von früh an ernsthaft gehört wird, da bleibt ein Mensch schwer ganz ohne Eindrücke von ihm. Vielleicht war eS die Konfir mationszeit, in der das Wort aufzugehen schien. Aber hernach gingen die Domen auch auf und erstickten eS. Wieviel Jünglinge und Jungfrauen haben wir mit den stärksten Hoffnungen ins Leben entlassen; aber als wir ihnen wieder begegneten, da schienen alle diese Hoffnungen erstickt zu sein. Bei den einen hatte das Auge den Glanz verloren: sie waren Lastträger geworden, um nicht zu sagen Lasttiere, die unter der Sorge des Alltags für die Sorge der Seele keine Zeit mehr hatten. Über die andern hatte das rote Gold Macht gewonnen, und auf der Jagd nach dein Glück war ihre Seele gestorben. Wieder andere hatten durch die Freuden und Güter der Erde um den Himmel sich betrügen lassen. Unter ihnen war wieder ein ungeheurer Unterschied. Welche Stufenleiter, von denen an, die in den Banden der Sinnlichkeit gefangen lagen, bis zu den andern, die wirklich um die höchsten Güter und Freuden der Erde sich mühten. Aber auch diese hatten darüber den Geschmack für das Ewige verloren. Auch hier waren die Dornen Sieger geblieben. Wo wir die Geschichte eines solchen Menschenherzens auS der Nahe mit ansehen, da kann eS unS zu Sinne sein, als müßten wir hinzu- 59 springen und müßten die Dornen aus dein Herzen reißen können. Niemand jedoch kann das und darf das. Wir können nur immer wie der bitten, in heiliger Unbarmherzigkeit, die doch in Wirklichkeit Barmherzigkeit gegen sich selbst ist, alles aus dem Herzen zu reißen, was das Fruchtbringen des guten Samens unmöglich macht. Tut das weh, so wollen wir nur desto ernstlicher beten: Reiß das Herz aus m?inem Herzen, Wär s auch unter tausend Schmerzen. Nur so kommt es zum Fruchtbringen. Dieses Fruchtbringen aber, so sagt Jesus zuletzt, geschehe in Geduld. Wir stürmen nicht den Him mel und werden nicht über Nacht zu rechten Fruchttragern. Geduld tut uns not, einen Tag wie den andern. An jedem Morgen gilt es, die Arbeit aufzunehmen, die Gott für uns hat; an jedem Tage sollen wir die Schultern unter die Last beugen, die er sendet. Wir dürfen der Stürme uns nicht weigern, aber sollen auch in ehr fürchtigen: Dank von dem Sonnenschein, den Gott gibt, uns grüßen lassen: unter Sturm und Sonnenschein wird das Feld unseres Lebens reif zur Ernte. Was dünkt euch: ist das Last? Oder ist es nicht vielmehr lauter frohe Botschaft? Fruchtbringen dürfen am inwendigen Menschen, Frucht für andere, Frucht für unser Volk, Frucht für die Menschheit, Frucht für die Zeit, Frücht für die Ewigkeit welchen Inhalt gibt das dem Leben! In der Tat, lasset mich zuletzt alles einmal so wenden: Es handelt sich um euer Leben. Und daS möchte ich heute besonders euch mitgeben können, ihr meine lieben jungen Brüder, die heute von uns scheiden. Auch das gehört zum Vorrecht der Jugend, daß in ihrem Leben der Abschnitte noch viel mehr sind als spater. Jeder Semesterschluß, vollends der Abschluß des Studiums, ist für die akademische Jugend eine Haltestelle. Sie scheint zu fragen, wohin die Fahrt weiter gehen und welchen Inhalt daS Leben gewinnen soll. Welchen Entschluß nehmt ihr aus dieser Kirche mit? Auch ohne Gottes Wort kann euer Leben einen wirklichen Inhalt haben; es kann auch ein Gewinn werden für andere; für die Ewigkeit jedoch bringt es keine Frucht. Ihr aber stammt aus der Ewigkeit; euer Leben darf nicht mit der Zeit verwehen. Darum nehmt Gottes Wort mit ins Leben und lernt Frucht bringen für die Ewigkeit. Ich sage es zuletzt allen. Ein Wort aus unserin Evangelium habe ich absichtlich bis zuletzt zurückgehalten. Von denen, die Jesus Men schen am Wege nennt, sagt er: Das sind die, die daS Wort hören; darnach aber kommt der Teufel und nimmt das Wort von ihrem 60 Herzen, daß sie nicht glauben und selig werden. Wie oft habe ich diese Worte gelesen und gehört! Ich lese sie noch immer nicht ohne inneres Erschauern. Welch einen Blick gewahren sie in das Ringen um eine Menschenseele; welch einen Blick auch in den Umfang der Selbsttäuschung, der uns möglich ist. Ein Mensch also kann Gottes Wort hören und hören; er sollte dadurch selig werden, und er bildet sich vielleicht auch ein, dadurch selig zu werden. Aber darnach kommt der böse Feind und nimmt das Wort vom Herzen, daß es nicht zum Glauben kommt und nicht zum Seligwerden. Soll das die Ge schichte unseres Lebens sein? Soll das die Geschichte dieser Andachtsstunde sein? Hilf, Herr, daß wir werden gleich Dem guten, fruchtbaren Lande. Amen.Ich muh das leiden. Am Sonntag Okuli, 26. März 1916. Psalm 77, 8 14: Wird denn der Herr ewiglich verstoßen und keine Gnade mehr erzeigen? Ist s denn ganz und gar aus mit seiner Güte, und hat die Ver heißung ein Ende? Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, und seine Barm herzigkeit vor Zorn verschlossen? Aber doch sprach ich: Ich muß das leiden; die rechte Hand des Höchsten kann alles ändern. Darum gedenke ich an die Taten des Herrn; ja, ich gedenke an deine vorigen Wunder, und rede von allen deinen Werken, und sage von deinem Tun. Gott, dein Weg ist heilig. Wo ist so ein mächtiger Gott, als du, Gott, bist? Nur mit einem gewissen Widerstreben habe ich mich entschlossen, heute unter euch das verlesene Schriftwort zu predigen. Am liebsten hätte ich euch nur unter das Kreuz von Golgatha geführt, daß eure Seele und meine Seele unter dem Kreuz stille werde. Nun aber bietet unsere Landeskirche uns das verlesene Gottes wort, soll ich es dann der Gemeinde vorenthalten, wenn doch gewiß manche unter uns ganz unmittelbar den Eindruck haben wer den, als spreche dies Wort gerade das aus, was sie gegenwartig empfinden: Wird denn der Herr ewiglich verstoßen und keine Gnade mehr erzeigen? Durch zwanzig Kriegsmonate haben wir zum Herrn gerufen, hört er uns denn nicht? Oder ist es ganz und gar aus mit seiner Güte und hat seine Verheißung ein Ende? Vor einigen Wo chen, als ich zum letzten Male hier predigte, durften nur hoffen, am Vorabend entscheidender Ereignisse zu stehen. Auch heute noch hoffen und warten wir, und ich will ausdrücklich hinzusetzen, wir haben gewiß Grund zu warten; aber eben, wir müssen doch weiter warten. Dazu sind aus Deutsch-Ostafrika Nachrichten gekommen, die uns mit neuer schwerer Sorge erfüllen müssen: Hat denn Gott vergessen, gnädig zu sein, und seine Barmherzigkeit vor Zorn verschlossen? Laßt uns nur so mit den Worten unseres Textes unsere Klagen und Fragen unter dem Kreuz Jesu ausströmen. Auch unter dem Kreuz dürfen wir das tun. Ja, dies Kreuz soll, recht verstanden, an seinem Teil helfen, das Wort unseres Textes auszulegen und unS ins 62 - Herz zu legen. Wir Christen haben ja das Recht, das alttestamentliche Wort neutestainentlich auszulegen; und in der Passionszeit geschieht es gewiß nach Gottes Willen, wenn wir alles zuletzt in das Licht des Kreuzes rücken. So bitte ich nun doch, daß ihr zuerst einen Augenblick mit mir eure Augen nur nach Gethsemane und Golgatha richtet zu dein Manne der Schmerzen. Auch er hat ja aus tiefer Angst heraus nach seinem Gott fragen müssen: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Auch er mußte an der demütig gläubigen Ergebung sich genügen lassen: Es muß also gehen. Er hat sich aber auch an die Worte der Verheißung aus vergangenen Tagen angeklammert, und er hat in Kraft dieser Worte dennoch zuletzt alles zu einem an betenden, triumphierenden Schluß des ganzen Lebens hinausführen dürfen: Es ist vollbracht. Welche Auslegung unseres Textes, welches Vorbild für uns! Indes, hier ist noch viel mehr. Das Beste habe ich ja noch gar nicht gesagt: Jesus litt und starb für uns, daß auch wir durch ihn im Leiden vollendet würden. Darum laßt es mich jetzt wagen, unter dein Kreuz die Klage unsreS Psalmisten aufzunehmen: Herr, hast du vergessen, gnadig zu sein, und deine Barmherzigkeit vor Zorn verschlossen? Ich versuche aber, mit den Worten unseres Textes eine vierfache Antwort in unser Herz hineinzusprechen: erstlich: Gott kann mich nicht vergessen; zun? andern: Ich muß das leiden; zum dritten: Ich gedenke der ver gangenen Taten Gottes, der vorigen Wunder; und endlich: Gott, dein Weg ist heilig, und du allein bist machtig. i. Klage ist es, ergreifende Klage, die der Mann Gottes in unserm Text vor Gott bringt. War das unsromm? Hätte er nicht, wie man heute sagt, die Zähne zusammenbeißen sollen, damit ja nicht ein Ton der Klage ihnen entschlüpfe? Die Heiligen der Schrift, meine Zu hörer, sind nicht fühllose Menschen, die das menschliche Empfinden in sich getötet hätten, und unser Gott hat kein Gefallen an dein Hoch mut, der unter allen äußeren und inneren Züchtigungen Gottes noch nichts zu fühlen vorgibt. Jünger Jesu dürfen mit ihrem Meister beten: Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber. Und wenn der Kelch nicht vorübergehen kann, so dürfen sie wiederum mit ihm beten: Mein Gott, verlaß mich nicht. Warum muß ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich dränget? 63 Nur überhört nicht, wie sich mitten in der Klage des Psalmisten schon heimliche Gewißheit verbirgt. Er fragt wohl: Wird denn der Herr ewiglich verstoßen und keine Gnade mehr erzeigen? Aber können wir zweifeln, welche Antwort der Mann Gottes erwartet? Gottes Güte kann nicht aus sein. Menschengüte hat oft gar schnell ihre Grenzen; Gottes Güte ist grenzenlos. Menschenwort mag.auch oft genug zu Boden fallen; Gottes Verheißungen haben kein Ende. Menschen auch mögen uns vergessen; Gott kann mich nicht ver gessen. Kann auch ein Weib ihres KindleinS vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes?, so spricht der Herr beim Pro pheten und setzt dann hinzu: Und ob sie desselbigen vergäße, so will ich doch dein nicht vergessen. Welche Worte! Daß wir sie wirklich zu hören vermöchten und ins Herz schließen könnten. Daß ich sie als ein Wort meines Gottes gerade an mich hören möchte und ihnen Antwort geben: Gott kann mich nicht vergessen! Welche Trost quellen würden da mitten im dürren Lande für mich aufbrechen. Ich zweifle nicht, daß es manche sehr einsame Menschen unter uns gibt. Gerade mitten im Menschengewühl der Großstadt kann ja jemand sehr einsam sein. Vielleicht ist er gestorben, der dich nicht vergessen konnte und mit seiner Güte und Sorgfalt dein ganzes Leben umhegte; vielleicht haben andere, auf die du rechnetest, dich vergessen. Womit sollst du dich trösten? Ach, daß in der einsamen Nacht die Gewißheit in dir aufleuchtete: Mein Gott hat mich nicht vergessen. Er kann mich nicht vergessen, er wird mich nicht ver gessen; mein Gott und Vater, der mich lieber hat als irgendein Mensch mich haben kann, er vergißt mich nicht. Hattest du es nötig o setze hinzu: er vergißt auch meinen Gatten im Felde nicht; er ver-^ gißt auch mein Kind nicht, und ob auch ich, seine Mutter, es vergäße, Gott vergißt seiner nicht. Es sind andere unter uns ich vermute es , die nicht bloß aus tief schmerzlichem äußeren Erleben heraus, sondern aus schwerer innerer Anfechtung Gott fragen möchten: Hast du dennoch mich verstoßen? Vielleicht auf ewig? Sind meine Sünden schuld, daß es mit deiner Güte ganz und gar aus ist? Was soll ich antworten? Auch hier bleibt es dabei: Gott kann dich nicht vergessen. Auch für dich stehen noch alle Verheißungen Gottes, den Sündern gegeben, fest. Und was sagen diese Verheißungen? Sie sagen, daß Gott deiner Sünden vergessen will; dagegen dich kann er nicht vergessen. Vei dem Propheten des Alten Bundes heißt es, daß des Volkes 64 Sünde in die Tiefe des Meeres versenkt und ihrer ewig nicht mehr gedacht werden soll. Dagegen von Israel, seinem Sohn, auch dem ab trünnigen Sohn, spricht Gott: Mein Herz bricht mir gegen ihn; ich muß mich seiner erbarmen. Ich muß, spricht Gott; darum: Gott kann mich nicht ver gessen. Woher kommt dein Mann des Alten Bundes diese Gewiß heit? Der Schluß unseres Textes deutet es an. Dort redet der Psal mist von den Taten Gottes in der Vergangenheit, und er denkt vor allem an die Erlösung aus Ägypten und die Bundesschließung am Sinai. In jenen Taten hat Gott es seinem Volke zugesprochen, daß er sein Gott sein wolle: Mein Volk; dein Gott. Fortan kann Gott seines Volkes nicht vergessen. Siehe, in meine Hände habe ich dich gezeichnet, heißt es wieder beim Propheten des Alten Bundes. Welch großes Wort! Wir indes haben viel mehr. Unter uns steht das Kreuz Jesu als ein Wahrzeichen der Gnade unsres Gottes. Zum Kreuz daher, ihr alle, die ihr gewiß werden wollt, daß Gott euch nicht vergessen kann. Zwar, ich fürchte, auch unter uns möchten etliche dem Prediger zurufen wollen: Das Wort vom Kreuz laß lieber weg; damit können wir nichts anfangen. Hast du nicht andere Wahrzeichen der Gnade Gottes für uns? Wohl, ich kenne sie, aber in der PassionSzeit soll ich erinnern, daß zuletzt das Kreuz auf Golgatha das Wahrzeichen der Gnade GotteS ist. Darum will ich so dringend wie herzlich bitten: ehe du an dem Kreuz Jesu vorübergehst, frage einmal, ob nicht etwa Gott auch dazu diese schwere Zeit dich durchleben laßt, daß er zum Kreuz dich führe. Du kennst daS Wort Johannis des TauferS: Siehe, das ist Gottes Lamm. Auch dieser Krieg ist wie ein aufgehobener Finger: Siehe da, Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt. Denn dieser furchtbare Krieg redet von Gottes Gerichten zu uns. Er will die Frage nach dem gnädigen Gott in die Herzen werfen, und er will wiederum bezeugen, daß allein unter dem Kreuz Gewißheit des gnä digen Gottes gefunden wird, die fröhlich zu leben, tapfer zu kämpfen, selig zu überwinden lehrt. Sollte denn diese Zeit uns nicht so ernsthaft machen können, daß wir wenigstens einmal dies Wort vom Kreuz ernstlich hörten? Jedenfalls: zum Kreuz will ich alle weisen, die Ge wißheit des gnädigen GotteS suchen: der Gott, der des eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für unS alle dahingegeben, er - kann mich nicht vergessen. Laßt unS denn diese Gewißheit aufs neue ergreifen, für uns selbst und für unser Volk! Denn auch für unser Volk gilt: Vergessen 65 wir nur Gott nicht, so vergißt Gott uns nicht. Zwar, der Prediger hat darüber kein Gotteswort, wie im einzelnen die Wege Gottes mit unserm Volk weitergehen werden. Aber das darf er mit aller Bestimmt heit im Namen Gottes und als ein Wort Gottes sagen: solange unser Volk seinen Gott nicht vergißt und wirklich ein Werkzeug in der Hand Gottes zu sein begehrt, so lange kann und wird Gott unser Volk nicht vergessen. Weigerte sich dagegen unser Volk der Bekehrung zu Gott, so wäre sein Untergang zuletzt unaufhaltbar. Ein hartes Wort, das ich nicht gern als eine Kanzelphrase gehört wissen möchte. Daher will ich ausdrücklich hinzufügen: das Urteil würde selbst dann noch gelten, wenn Gott einem Volke, das ihn nicht wollte, zunächst Sieg, ja glanzenden Frieden gäbe. Auch Sieg und Frieden würden dann notwendig zu Stationen des Unterganges. Wir wollen jedoch im Glauben und in der Liebe über unser Volk urteilen: Gott kann es nicht vergessen. Dann drängt sich freilich nur desto mehr die Frage auf: Warum denn geht Gott überhaupt mit unserm Volk diesen schweren Weg? Laßt uns für unser Volk und uns mit dein Psalmisten weiter ant worten: Ich muß das leiden. 2. Ich muß das leiden. Ihr wißt aber, wie man auch dies Wort ganz verschieden sprechen kann. Bei vielen kommt es über Klage, ja Anklage Gottes nicht hinaus: Ich muß auch alles leiden; an mir geht nichts vorbei; über mich kommt auch alles; womit habe ich das wohl verdient? Sehet da, die Sprache vollendeter Trostlosigkeit. Wie kommt man da heraus? Ein ehrwürdiger Professor der Theologie, ein wissenschaftlich hochbedeutender Mann, der nun schon über fünfzig Jahre vom Fragen der Zeit zun: Schauen der Ewigkeit heimgekommen ist, mag es uns sagen. Ihm war seine letzte Tochter gestorben; da brach auch sein Glaube einen Augen blick zusammen, und auch er hatte nur die Frage: Womit habe ich das verdient? Als er aber nach einigen Tagen seine Vorlesungen wieder aufnahm, sagte er seinen Hörern: Meine Herren, Sie haben gehört, welch schweres Geschick mich getroffen hat; Sie werden auch gehört haben, wie schwer ich mich versündigt habe. Ich habe gefragt: Womit habe ich das verdient? Der ehrwürdige Mann fügte dann nur hinzu: Meine Herren, ich wünsche, daß, wenn Sic jemals Ähnliches erleben sollten, Sie sich nicht so versündigen mögen. Was war daS? In einem wissenschaftlichen Hörsaal eine sehr ungewohnte Aussprache. Aber )h,nels: Aufwärts die Herzen. ^seine Zuhörer haben den Mann wohl verstanden und unter seinen: Wort etwas erlebt. Sie spürten, dieser Mann hat in jenen Tagen das heilige, göttliche Ich muß" gelernt: Es muß also gehen; de? Vaterö Wille ist gut. Ich brauche euch nicht erst zu sagen, wo jener Mann in diesen Tagen gewesen ist: in Gethsemane und auf Golgatha. Auch unser Herr hat es sich ja in heißein Gebetsringen abgewinnen müssen, daß er zu sprechen vermochte: Es muß also gehen. Nun wohl, dieser Jesus Christus ist nach dein Wort eines unserer Passionstexte für uns zum Hohenpriester geworden, der Mitleid haben kann mit unserer Schwachheit; denn er ist versucht allenthalben gleich wie wir. Darum, wenn an dich die Versuchung heranträte und ihre Fangarme nach dir ausstreckte, daß auch du sagen solltest: Womit habe ich das verdient?, dann fürchte nicht, daß in der weiten Welt kein Herz wäre, in das du diese Frage und Klage ausströmen könntest, kein Ohr, das dich ver stünde. Dein Herr Jesus Christus versteht dich, und er kann und will auch dir hinüberhelfen. Bitte ihn nur, daß er auch dich sprechen lehre: Ich muß das leiden; ich muß das leiden, nicht, weil ein blindes Fatum eö über mich verhängt hätte, sondern weil mein lieber himm lischer Vater eS will, und des Vaters Wille ist gut. Verstehe ich das auch heute noch nicht, so darf und will ich es doch g lau ben; irgendwie muß das, was ich jetzt erlebe, mir nütze und gut sein. Ich muß das leiden. Ich muß das leiden, auch auf die Lippen unseres Volkes wün schen wir dies Wort. Weite Kreise unseres Volkes meinen ja auch davon etwas zu ahnen, warum Gott mit ihm diese Wege gehen mußte. Es mußte also gehen, damit unser Volk vom Alltag erlöst werde, damit es aus Sinnenlust und Sündenlust herausgerissen sei, damit es wieder den Weg zum Gott seiner Väter lerne, damit es auf seinen Beruf innerhalb der Völkerwelt sich besinne, damit es zur rechten Ausrichtung dieses Berufes aufs neue tüchtig werde. Ausdrücklich will ich hinzusetzen: auch hier meinen wir nicht und dürfen nicht irgendwie beanspruchen wollen, daß wir im einzelnen die Wege Gottes mit unserm Volk nachrechnen könnten; aber soviel als ich sagte, glauben wir sagen zu dürfen. Jedenfalls sind wir in der Gewißheit eins, daß es Gottes guter, gnädiger Wille ist, der unser Volk jetzt führt und so führen muß, wie er es tut. Daß dann nur wirklich unser ganzes Volk in dieser Gewißheit eins würde! Am Anfang des Krieges standen wir staunend vor der geschlossenen Einheit unseres Volkes. Heute hat sie Risse bekommen. Worauf wird 67 ev ankommen? Zuletzt darauf, daß unser Volk sich im Sinne un seres Textes als Einheit zusammenschließt und von dem, was es heute durchlebt, sagen lernt: Ich muß die Wege gehen, die mein Gott mich führt; ich muß das leiden. Welche Hoffnung auch für die Zukunft, wenn das geschähe! Welch gewaltiges, verheißungsvolles Bild unseres Volkes, wenn es so eine einheitliche Persönlichkeit würde. Welcher Anblick, wenn unser Volk, das gegenwartig so machtig und stark in der Völkerwelt dasteht, die Faust gepanzert und das Herz gestählt, wenn dies Volk, das vor keinem Menschen sich beugen will und auch nicht soll, wenn dies Volk sich zugleich demütig und bußfertig unter seines Gottes Hand beugte; wenn der Kampfeswille zugleich zum Leidens willen würde und unser Volk wirklich sprechen wollte: Ich muß das leiden. Ich muß es um meinetwillen und muß eS um meines Berufes willen in der Völkerwelt. Dürften wir wirklich im Geist unser Volk so sehen, sollte nicht unsere Seele mitten unter allem Schweren, das sie durchlebt, innerlich jubeln? Sollten wir nicht unser Volk segnen und über ihm weissagen, daß Gott aus dieser Leidenssaat reiche Zukunftsernte er wachsen lassen werde? Unser Volk stm-ke sich denn zu solchem Bekenntnis aus der Vergangenheit. Das ist ja wieder die Weise, die der Psalmist innehält. Ich gedenke an deine Taten; ich gedenke an deine vorigen Wunder; ich rede von all deinen Werken und sage von deinem Tun, so heißt eS. In der Gegenwart mag alles anders zu sein scheinen; vielleicht hat der Mann Gottes sogar heimlich mit der Anfechtung zu kämpfen, als könne Gott selbst ein anderer geworden sein. Dennoch: die Ver gangenheit gehört seinem Volk, und Gott muß zuletzt heute derselbe sein wie in vergangenen Tagen. Darum laßt der Psalmist die ver gangene Geschichte Israels von ihren Anfängen an an sich vorüber ziehen, und wer unsern 77. Psalm zu Hause zu Ende lesen würde, der möchte sich wohl wundern, mit welch breitem Pinsel der Mann Gottes mitten in der tiefen Unruhe, die ihn bewegt, die Anfangs ereignisse der israelitischen Geschichte malt. WaS ist daö? Ist das Welt- verlorenheit, die mitten unter dem Krachen weltgeschichtlicher Ereig nisse träumend mit der Vergangenheit spielt? Nein, nein, daö ist die heilige Entschlossenheit des KindeS Gotteö, das seine Gedanken und Sinne vor Gott sammelt und sich aus der Vergangenheit für die 5 68 Gegenwart stärken will. Wollte man uuserin Psalm eine Überschrift geben,so dürfte man wohl sagen: Aus derGegenwart in dieVergangen- heit; man müßte nur hinzusetzen: aus der Vergangenheit wieder in die Gegenwart. Vergangenheit. Wie verschieden klingt den Menschen das Wort, und wie verschiedene Empfindungen löst es in ihnen aus, gerade auch die Erinnerung an die freundlichen Führungen unseres Gottes,, an die Sonnentage. Viele empfinden im Leid immer nur den Gegensatz zwischen einst und jetzt: Wie reich war ich damals, wie arm bin ich jetzt! Menschlich sind solche Gedanken so außerordentlich begreif lich, und doch müssen sie den Menschen, wenn sie nicht überwunden werden, zuletzt in tiefe Nacht führen. Die allermeisten Menschen halten es darum für LebenSklugheit, der Vergangenheit möglichst wenig zu gedenken. Nur die Gegenwart hat recht, sagen sie. Als ob nicht alle mit Bewußtsein durchlebte Gegenwart aus der Vergangenheit er wachsen müßte, und als ob wir nicht den größten Reichtum unseres Lebens preisgeben würden, wenn wir die Erinnerung an die Ver gangenheit fahren ließen. H Weder jene noch diese haben recht. Es gilt zu begreifen, daß, recht verstanden, die Vergangenheit noch heute uns gehört. Und das nicht bloß in dem Sinne, daß alles in ihr Saat war, ohne die die Frucht nicht möglich wäre, die heute für uns reift; auch in dem viel tieferen Sinne vielmehr, daß die Vergangenheit ein Stück unser selbst wurde, ein Stück des eigenen Lebens, in dem Gott unS nahegekommen ist, der uns damals segnete, wie er uns heute segnen will, wenn auch vielleicht in ganz anderer Weise. Darin haben jene Lebenskünstler, von denen ich sprach, ganz recht: in der Vergangenheit leben, das wäre Unrecht,ja Sünde gegen die Gegenwart; dagegen aus der Ver gangenheit leben und in Kraft der Vergangenheit die Gegenwart leben, das ist heilige Lebenskunst. H Gott lehre sie unser Volk. Denn auch, wenn ich an unser liebes deutsches Volk gedenke, gedenke ich an vergangene Tage, an vorige Wunder meines Gottes. Wie gering erscheinen doch alle Nöte der Gegenwart, so schwer sie sein mögen, wenn wir sie etwa mit den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, in dem das deutsche Volk sich selbst zerfleischte, vergleichen. Schien nicht damals Deutschland sich selbst das Grab zu graben? Und doch ist selbst aus diesem Grab, wenn auch in langsamer, allmählicher Entwickluug, unserm Volk neues Leben erblüht. Wie gering auch waren die Tage an der Wende des vorigen Jahrhunderts. Wie schien es mit unserm Volk so gar aus 69 zu fem! Und doch erweckte Gott gerade in jenen Tagen unserm Volk neue Propheten, die von einer neuen Zukunft ihm weissagen muß ten, und diese Propheten haben recht behalten. Wie leicht müßte es uns dann heute werden, an die Wunder unseres Gottes zu glauben. Selbst in den Zeiten dieses Krieges dürfen wir ja schon vergangener Taten, früherer Wunder gedenken. Wie sollte denn der Gott, der bis hierher geholfen hat, nicht auch weiter helfen! Darum, die Geschichte sei unsere Lehrmeisterin; die Vergangenheit predige uns. Indes, zuletzt sollen auch hier unsere Gedanken von allen andern Wundern der Vergangenheit zu dem einen großen Wunder weiter gehen, von dem die Passionszeit uns predigt. Was immer auch wan ken mag, das Kreuz auf Golgatha steht noch, und das Kreuz predigt immer wieder, daß wir einen Gott haben, der da Wunder tut. Oder ist nicht das das Wunder der Wunder, daß Gott in seinem ewigen Sohn sich selbst die Welt versöhnte? Und ebenso predigt das Kreuz, wie hoch Gott mit der Menschheit hinaus will. Oder könnte es auch ein höheres Ziel der Menschheit geben, als daß sie, von der Sünde erlöst, in Gottes Reich ihm ewig dient und ewig lebt? Sollte denn der Gott, der das Kreuz in die Geschichte hineingestellt hat, nicht auch imstande sein, seine Ziele hinauszuführen? Und sollte er in ihrer Ausrichtung nicht auch unser Volk gebrauchen wollen, wenn es sich nur gebrauchen lassen will? Und sollte nicht meine eigene Seele in diesem Reich unter dem Kreuz Jesu aus allem Fragen und Klagen, auch aus allem Unruhigsein und Zerrissensein zum Frieden Gottes genesen können? Jawohl, unter dem Kreuz Jesu genese die Seele zur Anbetung. 4- Anbetung ist das letzte Wort in unserm Text. Anbetung sei auch unser letztes Wort. Gott, dein Weg ist heilig; wo ist so ein mäch tiger Gott, als du, Gott, bist? Jawohl, unser Gott ist machtig, so erleben wir in dieser Zeit in heiligem Erbeben. Wir bewundern sie nicht, die auch heute noch sich groß und klug dünken, weil sie auch heute noch von der Wirklich keit Gottes nichts erleben. Wir meinen, jede zu Gott erschaffene Seele, wenn sie noch nicht ganz erstorben ist, müßte in dieser Zeit etwas von der Macht und Majestät ihres Gottes spüren. Herr, unser Gott, der du die Gedanken der Menschen, die Kraft des Kriegers, die Schärfe des Schwertes deinen Gedanken dienstbar machst, der du die Kriege 70 n der Welt heraufführst und wiederum zu deiner Stunde Frieden gebietest, du, Herr, unser Gott, bist machtig du allein. Unter dem Kreuz aber setzen wir auch das andere hinzu: Gott, dein Weg ist heilig. Alles am Kreuz predigt ja von der Heiligkeit Gottes, die die Sünde der Menschen richtet. Aber freilich, es ist Heiligkeit der Liebe, die die Menschen durch Gericht aus der Sünde zu sich emporziehen will. Gerade in der Gegenwart dünkt uns diese Verbindung von Heiligkeit und Liebe, wie sie auf Golgatha offenbar wird, so ganz besonders bedeutsam. Ja, man darf sie geradezu den Schlüssel zu dem furchtbaren Geheimnis dieses Krieges nennen. Liebe und Krieg wie vielen scheint es fast blasphemisch, beide auch nur in einem Atem zu nennen. Wohl, es ist Gottes Liebe auch in diesen, Kriege, aber es ist Liebe der Heiligkeit, die die Völker, die auch unser Volk, die auch mich von der Sünde lösen und durch Gericht für sich heiligen will. Auch jetzt behaupten wir zwar nicht, daß wir im einzelnen die Wege Gottes mit der Völkerwelt verstünden. Es gehört zum Wesen der göttlichen Heiligkeit, ja, eS macht im Sinne der Schrift geradezu ihr Wesen aus, daß der heilige Gott allein sein selbst ist, und darin liegt, daß er für unsere Gedanken nicht erreichbar ist und für unser Erkennen unbegreiflich bleibt. Aber so wenig ich auch die Gedanken des heiligen Gottes erkennen kann und auch nur will, so darf ich doch das eine glauben, daß er mit allen Gerichten der Gegenwart auch unser liebes deutsches Volk nur aus den Niederungen der Sünde zu seiner Heiligkeit emporziehen will. Gott dein Weg ist heilig. Das ist das Licht, das von Golgatha auf das Geschehen der Gegen wart fällt. Laßt uns Gott dafür danken. Oder geht es nicht auch euch manchmal wie mir, daß ihr Lust hattet, die Dinge auf Erden mit den Augen Gottes, von seiner heiligen Höhe aus, zu sehen? Unter dem Kreuz von Golgatha sollen wir es können. Golgatha ein armseliger Hügel, von dem man natürlicherweise geringe Fernsicht haben mag. Wer aber im Glauben unter dem Kreuz steht, sieht die Menschheit zu seinen Füßen, die ringende und kampfende Menschheit, und er sieht, wie Gott sie auf seinen Wegen zu sich empor- reißt. Die Menschheit meint, ihre Wege zu gehen; Gott zieht sie auf seinen Wegen zu sich aufwärts. Gott, dein Weg ist heilig. Amen.Jesus auf dein Wege zum Kreuz. Palmarum 1916. Ev. Lukas 2z, 26 Z2: Und als sie ihn hinführeten, ergriffen sie einen, Simon von Kyrene, der kam vom Felde, und legten das Kreuz auf ihn, daß er s Jesu nachtrüge. Es folgte ihm aber nach ein großer Hanfe Volks und Wei ber, die klagten und beweinten ihn. Jesus aber wandte sich um zu ihnen und sprach: Ihr Töchter von Jerusalem, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäugt haben. Dann werden sie anfangen zu sagen zu den Bergen: Fallet über uns! und zu den Hügeln: Decket uns! Denn so man das tut am grünen Holz, was will am dürren werden? Es wurden aber auch hingeführt zween andre Übeltäter, daß sie mit ihm abgetan würden. Stille Woche. Auch in diesem Jahr und gerade in diesem Jahr begehreu wir eine stille Woche. Wie kauu die Predigt dazu belfeu? Ich will weiter nichts tun, als daß ich euch in die Nahe des stillen Mannes zu führeu versuche, der selbst eine Welt voll Uuruhe zur Stille niederzwingen mußte. Wir wissen, wie wir auch sollst in der Rahe eines wirklich stille gewordenen Menschen selbst stille werden. Wieviel mehr muß das in der Nahe des Herrn der Fall sein. So laßt uns heute ihn zum Kreuz begleite ; Karfreitag mag unö darauf zum Sterben des Herrn führen. Dann versteht sich freilich von selbst, daß wir in diesen: Jahr an unsern Text viel besondere Fragen heranbringen und aus ihm Licht auf diese Fragen erwarten. Ich will jedoch heute nicht einmal ein besonderes Thema aus unserm Text entnehmen: das Bild, das er zeichnet, mag durch seine Gewalt selbst auf uns wirken. Jesus auf dein Wege zun: Kreuz, das sei heute der Gegenstand unserer Betrachtung. Laßt mich zuerst aber den Herrn selbst euch zeigen, darnach seine Umgebung und zuletzt einen Augenblick das Kreuz. 72 i. Jesus auf seinem letzten Gang durch die Straßen Jerusalems zum Kreuz das ist das Bild, vor dem wir heute stille werden möchte . Ihr wißt aber, wie dieselben Statten uns ganz verschieden ansehen, je nach der Stimmung und der Zeit, in der wir sie durchwandern. Jesus sieht die Straßen Jerusalems hellte zum letzten Male. Wie manche Erinnerung wird in ihm wach geworden sein, von den Tagen an, da der zwölfjährige Knabe zum erstenmal Jerusalem sah. Da waren Statten, an denen er früher sinnend haltgemacht hatte, andere Stätten, an denen er innerlich jubelte, wieder andere Stätten, an denen seine Seele in heiligem Zorn erbebte. Jetzt liegt das alles hinter ihm, wie weit, wie weit. Er hat abgeschlossen; er ist auf dein Wege zum Tode. Noch steht er freilich auf der Höhe der Manneskraft, aber in wenig Augenblicken wird der Tag seines Lebens einein qualvollen Ende sich zuneigen. Jeder Schritt bringt ihn der Marterstätte näher. Was mag er empfunden haben? Wir möchten in Jesu Seele lesen können. Unsere Textgeschichte deutet aber nur weniges an, und auch von diesem wenigen kann ich nur einiges uns näher zu bringen versuchen. Dann fällt vielleicht am meisten auf, daß Jesus auf diesem letzten Gang gar nicht an das, was ihm bevorsteht, zu denken scheint; und doch deuteten wir bereits an, daß auch er hat ringen müssen, um mit dein Furchtbaren innerlich fertig zu werden. Gethsemane erzahlt davon. In den Worten am Kreuz klingt das noch nach. Auf dem Wege zum Kreuz lehnt er da gegen geradezu ab, an sich selbst sich erinnern zu lassen. Weinet nicht über mich, spricht er. Wohl stehen düstere Zukunftsbilder vor seiner Seele, aber sie gelten nicht ihm. Im Geist schaut er schon die Gerichte Gottes über Jerusalem; in eben den Straßen, die sein Fuß jetzt durchwandert, sieht er bereits den Greuel der Verwüstung. DaS steht vor seiner Seele, das durchlebt er, und davon redet er in schaurig großen Wor ten. ES werden Tage kommen, spricht er, in denen man die Mütter seligpreisen wird, die nicht geboren haben. DaS werden die Tage sein, an denen die Menschen fliehen wollen und werden eS nicht kön nen; an denen sie sich verbergen möchten und sind außerstande dazu: Berge fallet über unS; Hügel decket uns. So spricht Jesus. Man sagt ja auch sonst wohl, daß Sterbende zu Propheten werden. Es ist, als entweiche schon die Schranke der Zeit; sie schauen Zukünftiges. Jesus jedenfalls sieht in die Zukunft,- 73 und er weissagt von ihr. Aber, sein Wort verweht im Winde. Wie wenige mögen es überhaupt gehört haben. Noch viel weniger haben es zu Herzen genommen. Vielleicht ist seine Weissagung seinen Volks genossen erst ernstlich ins Gedächtnis gekommen, als ihre Erfüllung da war und Gottes Gericht hereinbrach; aber da war es zu spat. Zu spat. Zu spät. Sollte uns auch heute ein ähnlicher Klang irgendetwas zu sagen haben? Wir wollen ja mit unsern Gedanken nicht in Israels Geschichte hängen bleiben; wir vollen wissen, was diese Erzählung uns sagt. Nun hat man wohl heute das Wort Jesu an die weinenden Frauen unsern Brüdern draußen, die für das Vaterland bluten, auf die Lippen gelegt: Weinet nicht über uns. Dann wird es zu einem Vermächtnis der teuren Toten an ihre Lieben daheim und an ihr Volk: Weinet nicht, daß wir gestorben sind; sorgt nur dafür, daß ihr nicht einmal über euch und eure Kinder weinen müßt. Weint nicht, daß wir für das Vaterland starben; ringt nur, daß unser Sterben für unser Vaterland nicht umsonst sei. Weint nicht, daß unser Tag so früh zu Ende gehe; wachet nur und betet, daß unser Volk nicht diesen Tag der Heimsuchung Gottes versäume und etwa erst unter dem Wetter göttlicher Gerichte erwache und es von ihm heißen müsse: zu spät, zu spät. Ich konnte diese Gedanken heute nur streifen wollen. Unser Text selbst legt andere noch ernstere Gedanken näher. Wer die Abschieds reden Jesu kennt, weiß, wie zwischen die Weissagung von: Unter gang Jerusalems sich immer wieder eine andere Weissagung ein schiebt, zum Teil unlösbar mit ihr verbunden: die Weissagung vom Endgericht. Ich zweifle nicht, auch auf diesem letzten Wege, der ja nicht bloß dem Volk Israel, sondern der ganzen Menschheit galt, wird Jesus hinter dem Gericht über Jerusalem das Endgericht ge schaut haben, wenn er auch nicht ausdrücklich davon spricht. Das ist jener Tag, von dem schon der Prophet des Alten Bundes geweissagt hat: Siehe, es kommt ein Tag, der brennen soll wie ein Ofen. Da werden alle Verächter und Gottlosen Stroh sein, und der künftige Tag wird sie anzünden." Und das Wort der Offenbarung im Neuen Testament gibt dem alttestamentlichen Zeugnis Antwort: Es wird kommen ein Tag des Zorns, wer wird bestehen?" DaS ist der Tag des Endgerichts, auf den alles Gericht in der Zeit nur weissagt, von den Tagen Jerusalems an bis zum Gericht dieser Tage. Wird denn auch die Menschheit dies Wort vom Endgericht erst dann hören, wenn es zu spät ist? Zu spät. 74 Niemand wird ohne tiefe Bewegung das Bild in unserm Text sehen können, wenn er anders es wirklich sieht. Es hat doch etwas Erschütterndes, sich sagen zu müssen, daß Jerusalem noch in dieser Stunde vom Gericht errettet wäre, wenn es daS Wort seines MessiaS- königs zu Herzeil genommen hätte. Ist eS aber nicht noch viel er schütternder, daß die Gemeinde Jesu das Wort vom Endgericht hören kann, und es verweht vielfach im Wind? Wie klein mag vor dem Kriege die Zahl derer gewesen sein, die im Ernst noch das schlichte Wort unseres Glaubensbekenntnisses mit bekannten und lebten: Von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten". Dann kam der Krieg, der selbst ein Gottesgericht ist, und viele erschraken doch einen Augenblick. Heute dagegen scheint für etliche das Wort vom jüngsten Gericht schon wieder zu einem Spiel und Gespött geworden zu sein. Will denn die Gemeinde Jesu wirklich erst aufwachen, wenn der Posannenton des Gerichts selbst verkündet: zu spät? Zu spät. Seht den Herrn Jesum Christum an, wie er in unserm Text vor uns steht. Schon die Tränen in den Augen der Frauen machen der ewigen Liebe Mut, noch einmal um ihre Seelen und die Seelen des Volkes zu werben. Traut auch irgend jemand unter uns diesem Manne zu, daß irgend etwas anderes als heiße Liebe zu seinein Volk ihm die Gerichtsweissagung über Jerusalem eingegeben habe? Hätte denn nicht sein Volk diese Liebe spüren und von ihr sich warnen lassen müssen? Man sagt doch sonst wieder, daß letzte Worte von Sterbenden den Menschen heilig seien. Wie hätte dann dies letzte Wort des sterbenden Messiaskönigs seinem Volke heilig sein müssen. Wie müßten aber auch der Gemeinde Jesu die Worte heilig sein, die er in der letzten Nacht und überhaupt in seinen Abschiedsreden von seiner Wiederkunft und dein Gericht am Ende der Tage gesprochen hat. Meinen wir im Ernst, daß Jesus seiue Jünger und uns durch Ammen märchen habe schrecken wollen? Mich dünkt, wer sonst den: Wort vom Gericht nicht zu glauben vermag, der müßte doch der Liebe glau ben, die für uns stirbt. Ich setze getrost hinzu: fragt das eigene Gewissen. Wir Menschen der Gegenwart haben freilich leider wieder oft so wenig Zeit, auf die Stimme im eigenen Innern achtzugeben. Wer aber wirklich einmal die Zeit und den Ernst aufbringt, auf diese Stimme zu lauschen, dein sagt sie doch, daß es einen Unterschied gibt zwischen Gut und Böse, und dem bezeugt sie, daß dieser Unterschied nicht ewig unver mittelt nebeneinander hergeheil könne; sie sagt ihm vielmehr, daß 75 endlich einmal eine jegliche Tat ihre Vergeltung finden wird. Ich darf es noch bestimmter sagen: unser Gewissen gibt dem Zeugnis des Herrn recht, daß wir miteinander auf dein Wege zum Gericht sind, dem Tage des Jörns entgegen, der alle Gottlosigkeit und alle Ungerechtigkeit wie Feuer verzehren wird. Vollends diese unsere Zeit müßte, achte ich, dies Zeugnis unseres Gewissens uns auslegen. Ich frage im Ernst: könnten wir gegen wärtig auch nur wünschen, daß die Ungerechtigkeit in der Welt nie aufhören, sondern immer neu triumphieren werde? Was wäre eine Weltgeschichte ohne Weltgericht? Ein Drama ohne Abschluß, ein Schattenspiel ohne Sinn. Die Weltgeschichte ist nicht das Welt gericht, aber sie weissagt auf das Weltgericht. Es wird kommen ein Tag des Zorns. Wer wird bestehen? Laßt uns nur so fragen. Und laßt uns die Frage in unsere Zeit und unser Volk hineinwerfen. Manchem mag sie völlig fremdartig sein; um so nötiger ist es, daß wir sie wecken. An diesem Punkte sollten wir uns auch am wenigsten durch das Lächeln des Toren oder den Beifall der Menge irremachen lassen. Sagen wir uns nur immer wieder, daß einmal eine Stunde kommen wird, da alle wissen werden, daß Gottes Gericht Wirklichkeit ist. Aber es könnte sein, daß dann etliche wider dich und mich Anklage erhöben, daß sie durch unsere Schuld erst zu spat von diesem Gericht erfahren hätten, zu spat. Benutzen wir denn den Ernst der Zeit, um für den Ernst der Ewigkeit neues Verständnis zu wecken. Wird eS gelingen? Wird unser Geschlecht die Stimme dessen hören, der bis zum letzten Atemzug um die Seelen der Menschheit wirbt und selbst für sie stirbt? Welchen Erfolg bat das Werben Jesu in jener Stunde gehabt? Wir wollten ja auch die Gefolgschaft Jesu auf seinem letzten Wege ins Auge fassen. Jesus auf dem Wege aus Jerusalem. Am Palmsonntag tritt für uns unwillkürlich ein anderes Bild daneben: Jesus auf dem Wege nach Jerusalem, ein Messiaskönig, der über Palmblätter dahinreitet und von dein Jubel des Volkes empfangen wird: Hosianna dem Sohne Davids. Und neben dies doppelte Bild tritt heute noch ein ganz anderes Bild: Jesus, wie er über die Schlachtfelder dahin- schreitet, wie er die Trauernden daheim grüßt, und wie er durch die 76 Gemeinde hindurchgeht und auszuschauen scheint, wer ihm huldige. Muß der Prediger ganz kurz sein, so helft ihm mit euren Gedanken, daß wir diese drei Bilder in eins schauen. Viel Volks folgte ihm, heißt es. Darin gleicht der Auszug aus Jerusalem ganz dem Einzug: die Menge fehlt beide Male nicht. Aber heute ist sie stumm geworden. Das ist die Menge, stumpf und zugleich wieder leicht erregbar, die überall da sich findet, wo es etwas zu schauen gibt, sei es einen Königseinzug oder eine Hinrichtung. Die Menge, die Schlagwörtern nachläuft, die sich sehr selbständig dünkt und doch von jedem geschickten Führer dahin ziehen läßt, wohin er will; die Menge, die heute Hosianna" ruft und morgen Kreuzige" und dann wieder stille wird, vielleicht nur stumpf, vielleicht auch in einer gewissen Besinnung. Wehe der Kirche Jesu, wenn sie die Sache ihres Herrn auf die Menge gründen wollte! Zwar, wir haben uns gefreut, als vor allein am Anfang des Krieges auch die Mengen nicht bloß im Gotteshaus, sondern auch auf den Straßen und den öffentlichen Plätzen zu Gott riefen. Wir freuten uns und durften Gott danken. Aber wir dürfen nicht ver wundert sein, wenn seitdem aus dieser Menge auch manche wieder stumpf geworden sind und andere vielleicht aufö neue Neigung zeigen, Kreuzige" zu rufen. Auch selbst bei jenen braucht die große Bewe gung unserer Tage noch nicht ganz umsonst gekommen zu sein. Viel leicht kommen ihnen doch, aufs neue noch zu Gottes Stunde neue Zeiten der Selbstbesinnung. Freilich, den wirklichen Ertrag der reli giösen Bewegung unserer Tage werden wir erst nach dem Kriege überschauen können. Für die Zeit nach dem Kriege ist aber leider schon heute das eine schmerzlich gewiß, daß dann die Feindschaft gegen Jesum mit neuer Wucht einsetzen wird. In dem Bild unseres Textes treten die offen kundigen Feinde Jesu völlig zurück. Im Palast des Hohenpriesters und im Richthaus des Pilatus sind sie an der Arbeit gewesen, unter dem Kreuz sehen wir sie aufs neue; auf dem Wege zum Kreuz halten sie sich dagegen zurück. Ich weiß nicht, ob an irgendeinen? Punkt unsere Gegenwart dem Bild unseres Textes mehr gleicht als an diesen, Punkt. Auch heute stehen die Feinde Jesu im Hintergrund. Vor dem Kriege riefen sie laut: Hinweg mit diesem Jesus; der Krieg da gegen hat diese Stimmen zum Schweigen gebracht, und wenn sie doch noch reden wollten, so hat unser deutsches Volk sie zu schweigen ge zwungen. Heute dagegen deuten bereits viele Anzeichen wieder darauf hin, daß wir nach dem Kriege auf neue ernste Käinpfe, vielleichtentscheidende Kampfe, gefaßt sein müssen. Es muß so sein. Es mag auch so sein, wenn nur auch die Bekenner Jesu am Platz sind. Wo sind sie in unserem Text? Zwei freundliche Bilder fehlen nicht. Zuerst das Bild der weinen den Frauen von Jerusalem. Hat die große Menge seit Palmsonntag daö Gute vergessen, das Jesus ihnen erwiesen, so können diese Frauen es nicht vergessen. Zwar Tränen nur sind ihre Huldigung, und man sagt wohl: was sind Tranen? Aber Jesus scheint über die Tranen anders geurteilt zu haben, und was hätten diese Frauen in dieser Stunde ihrem Meister auch anderes bringen können als Tränen? Es bleibt ein Ehrenblatt in der Geschichte der Frau, daß die Frauen Jerusalems von dem Fanatismus und der Leidenschaft der Feinde Jesu sich nicht mit fortreißen ließen, und daß sie den Mut hatten, auch in dieser Stunde noch sich zu ihrem Herrn zu bekennen. Man darf sagen: der schlichte Vorgang ist gleichsam eine Weihe der Frau zur Nächfolge Jesu. Und heute? Heute klagt man vielfach, daß in dieser harten Zeit, da die Männer blutige Arbeit leisten müssen, die Frau versage. Gerade auch aus Frauenkreisen selbst hat man ähnliche Klagen gehört, und nicht mit allem, was man geltend macht, ist man im Unrecht. Wir haben sehr schmerzliche Dinge gehört, deren wir uns schämen müssen. Und dennoch, es wäre schweres Unrecht, wenn wir über dem, was einzelne gefehlt haben, den tiefen Dank vergessen wollten, den unser Volk in dieser schweren Zeit gerade auch der deutschen Frau schuldet. Unvergessen sei ihr, wie sie zu den Werken der Barmherzigkeit sich fast drängte; unvergessen auch, wie sie unermüdlich das Feuer heiliger Vaterlandsliebe auf dem Altar des Hauses pflegte und nährte. Im Gotteshaus sei vor allem das andere unvergessen, daß, während die Männer im Felde waren, unsere Frauen die Gotteshauser füllten und in den Kirchen und daheim betendeHände für ihren Gatten und ihre Kinder aufhoben. Und wenn es auch vielfach Tränensaat ge wesen ist, die unsere Frauen aussäen mußten, so möchten wir ihnen um so mehr eine Freudenernte wünschen. Die christliche Frau sehe nur zu, daß es nicht bei flüchtiger Rührung, weichem Mitleid oder gar selbstsüchtigen Tränen bleibe; die deutsche christliche Frau erkenne vielmehr die große Aufgabe, die diese Zeit ihr stellt: persönliche Hingabe an den Herrn, und in dieser persönlichen Hingabe zugleich heilige Mitsorge, zu rechter Zeit alles für eine rechte Heimkehr unserer Brüder aus dem Felde zu rüsten. Man kann es ja kaum ernstlich genug einschärfen: eS wird auch von dem Empfang 78 abhängen, den unsere heimkehrenden Krieger daheim und besonders in den eigenen Häusern finden werden, ob sie, die draußen doch andere geworden sind, sich wieder bei uns einleben, und ob die Erfahrungen, die sie draußen gemacht haben, für uns ein Segen werden. Welche Aufgaben liegen hier für die christliche Frau. Neben den weinenden Frauen steht Simon von Kyrene, der Jesus das Kreuz nachtragt. Er kam vom Felde, heißt es. Mitten in der leidenschaftlichen Bewegung, die Jerusalems Bevölkerung durcb- zittert, war er an seine gewöhnliche Arbeit gegangen. Wie kam das? Wollte er nicht gern Partei ergreifen, oder war ihm der ganze Lärm zuwider? Die Erzählung sagt es nicht. Die Schrift spricht überhaupt nicht viel darüber, woher die Menschen kommen. Ihr ist das andere viel wichtiger, wohin die Menschen gehen, und die Lebensgeschicbte eines Menschen fängt für sie erst da ganz an, wo er Jesuö begegnet. Simon von Kyrene bringt diese Stunde in die Nähe Jesu. Zunächst ganz wider seinen Willen. Aus einer Notiz bei Markus über die Söhne des Simon möchte man aber schließen, daß diese Stunde in seinem Leben einen Wendepunkt bedeutet hat. Aus der gezwungenen Nachfolge Jesu ist freiwillige geworden. Welch ein Vorbild ist dann Simon von Kyrene für alle Kreuzträger unter uns! Auch ihr müßt heute das Kreuz tragen. Möchtet ihr lernen, es Jesu nachzutragen! Man muß ja sagen: niemanden vermissen wir heute so ungern in der Gefolgschaft Jesu als die Leidträger unserer Zeit. Es ist ja, als zwinge Gott sie förmlich in die Gemeinschaft seines Sohnes. Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid,sprichtJesus, und wir haben heute ja der Mühseligen und Beladenen, ja der völlig Trostlosen so viele. Warum kommen sie dann nicht zu unserm Herrn Jesus Christus? Wollen sie lieber einsam und trostlos bleiben, als daß sie auch nur bei Christo einen Versuch machten? Zweierlei wünsche ich unserm Geschlecht, das Gott mit Gewalt zu zwingen scheint. Neues zu erleben und Neues zu lernen. Einmal dies, daß niemand sich schäme und zu alt dünke, Neues zu lernen und, wenn es sein müßte, auch umzulernen. Gerade je älter wir werden, desto mehr gehört eS zum besten Inhalt unseres Lebens, daß wir immer noch Neues lernen dürfen in der Schule unseres Gottes. Und sodann bitte ich, daß niemand sich schäme, sich zwingen zu lassen. Wohl gibt es einen Zwang, den jeder freie Mensch mit Bewußtsein von sich weisen soll; aber es gibt auch einen heiligen Zwang der Liebe, und von ihm sich zwingen zu lassen, ist Seligkeit. Die ewige Liebe aber möchte nicht am wenigsten durch das Leid des Lebens zu sich ziehen. Selig 79 denn die Menschen, die heute dein Simon von Kyrene gleich werden, de? Jesu das Kreuz nachtrug. Eine Gruppe fehlt ganz im Bilde unseres Textes: die Jünger. In den Vorhof des Hohenpriesters hat Petrus sich noch hineingewagt, und unter dem Kreuz begegnen wir dem Johannes. Wo dagegen sind die Jünger jetzt? Wir wissen es nicht, und es wäre vergeblich, aus dem Schweigen unserer Erzählung etwas Sicheres schließen zu wollen. Nur das eine ist gewiß: die späteren Jünger, die Pfingsten gefeiert hatten und vom Geist Gottes ergriffen waren, würden auch in dieser Stunde nicht bei ihrem Meister gefehlt haben. Der Jünger gehört dahin, wo der Meister ist, und wenn die Jünger Jesu etwa in unserer Zeit aufs neue um seines Namens willen und mit ihm leiden müßten, so sollte es sie Ehre dünken. Das soll der Dienst sein, den die schwere Zeit den Jüngern Jesu leistet, daß sie selbstvergessener und selbstverleugnender werden, rückhaltloser und rücksichtsloser, freudiger und tapferer in dem Bekenntnis zu dein Herrn: Du allein sollst es sein, und mit dir wollen wir es halten, du Sohn Jsai. Das sei unser Gelöbnis, mit dem wir von dem Blick auf die Ge folgschaft Jesu auf dem Wege zum Kreuz scheiden. Zuletzt aber ge stattet dem Prediger noch ein paar Augenblicke, daß er das Kreu; selbst euch zeige. Als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstatte, kreuzigten sie ihn daselbst. Das ist der Schluß unseres Textes. Wie schnell sprechen sich diese Worte, und wie schnell hört ihr sie. Wie lang aber mögen Jesus selbst die Minuten, ja Sekunden geworden sein, als man den lebendigen Leib auf den Kreuzesbalken nagelte wer wagt es auszudenken? Und dann folgten die qualvollen letzten Stunden. Wir möchten unser Angesicht verhüllen. Und doch soll ich euch heute unter das Kreuz Jesu rufen; denn er stirbt für uns: der Welt Versöhnung. Und sein Wille ist, daß wir nicht über ihn klagen, sondern nur unsere Versöhnung unter deni Kreuz suchen. Darum soll ich unter das Kreuz alle rufen, die noch fern von Gott sind, und erst recht alle, die ihm näher kommen möchten. Alle, die die Botschaft vom Kreuz erreichen kann, soll sie zu bitten ver suchen: laßt euch versöhnen mit Gott. Laßt euch versöhnen mit Gott, allen gilt die Botschaft in gleicher Weise, und niemand hat in dieser stillen Woche Nötigeres zu 80 tun, denn daß er diese Botschaft recht höre. Ein jeglicher aber höre sie in seiner Weise und höre aus ihr gerade das heraus, was sie ihm persönlich zu sagen hat. Zuallererst denn möchte ich in der Nähe und Ferne alle die unter das Kreuz rufen können, die zum Kampf fürs Vaterland sich rüsten. Unter dem Kreuz sucht Gewißheit des gnadigen Gottes durch Jesum und von Jesu lernt, euch selbst vergessen und die Sache des Volkes zu eurer Sache zu machen und fürs Vaterland euch zu opfern. Wer so im Sinne Jesu kämpft, durch ihn von allem unheiligen Haß geheilt, durch ihn aber auch zu heiliger Vaterlandsliebe entflammt, der kämpft recht, lind der stirbt auch recht. Denn nicht nur die Kämpfenden, sondern erst recht auch die Ster benden darf ich unter das Kreuz weisen, die Sterbenden daheim und auf der Walstatt draußen, und mit ihnen zugleich alle, die um sie Leid tragen. Denn er, der vom Kreuz den Mörder mit sich ins Paradies genommen hat, den Mörder, der doch erst in letzter Stunde zu ihm rufen lernte, er, unser Herr Jesus Christus, wird auch unter allein Trommelfeuer der Feinde es hören, wenn eine sterbende Seele zu ihm ruft: Christe, erbarme dich. Und geschähe es auch in der Todes stunde zum ersten Male, so will er auch heute den Sterbenden mit sich ins Paradies nehmen. Zugleich aber will er sie trösten, die einsam in der Welt zurückblieben, gleichwie er vom Kreuz die Mutter getröstet hat, als sie einsam zurückblieb. Mit den Trauernden aber will ich alle andern Lastträger unserer Zeit unter das Kreuz rufen. Unter dem Kreuz lernt sprechen: Wie gering ist meine Last im Vergleich zu deiner Last. Unter dem Kreuz aber hört auch das Wort dessen, der für euch überwunden hat und in euch überwinden will: Laß dir an meiner Gnade genügen; meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Endlich rufe ich unter das Kreuz auch alle, die heilige Sorge für ihr Volk auf dem Herzen tragen. Seid gewiß, er, der noch auf dem letzten Wege um sein Volk sich gesorgt hat, wird eure Sorge verstehen, und er, der einst zugesagt hat, daß er, von der Erde Kreuz erhöht, alle zu sich ziehen will, wird dies Wort auch an unserm Volk zu seiner Stunde einlösen, wenn wir nur nicht aufhören, ihn darum zu bitten. Zuallerletzt aber wage ich, auch die treuen, frommen Seelen unter das Kreuz zu rufen, die auch heute mitten unter der Kriegsfurie die Sache der Menschheit nicht vergessen können. Werden sich die Völker, die sich gegenwärtig in solcher Erbitterung gegenüberstehen, auch jemals wieder zusammenfinden? so fragen die einen in großerSorge. Andere aber in unserm Volk wollen von einer zukünftigen Gemeinschaft mit den Todfeinden nichts wissen. Jüngern Jesu kommt nicht aus dem Sinn, was Johannes vom Tode Jesu bezeugte: er sollte sterben für das Volk, aber nicht für das Volk allein, sondern, daß er die zerstreuten Kinder Gottes zusammenbrächte. Seien wir ge trost, zu seiner Stunde wird der Herr auch dies Wort an der Völker welt aufs neue einlösen. Das Kreuz, das Kreuz ist die Statte, da man zusammenkommt. Indes, schließen soll die Predigt doch nicht mit einem Wort über die Menschheit oder unser Volk. Das Schlußwort gehöre wieder dem einzelnen; es gehöre dir. Jesus starb für dich, daß er dich erlöse, vielleicht aus einem Schuldbann, den nur du kennst; vielleicht aus Sündenknechtschaft, die nur du empfindest; vielleicht aus einem ver fehlten Leben, das nur du ganz beurteilen kannst; vielleicht auch nur aus Hohlheit und Leerheit des Lebens, die wiederum nur du ganz empfindest. Jedenfalls: er starb für dich, daß er dich aus der Sünde heraus zur seligen Gemeinschaft mit Gott erlöse. Was antwortest du? Amen. Ih rnels: Zluftvärts die Herzen.Wach auf, mein Herz, die Nacht ist hin... Ostern 1916. Ev. Markus 16, 1 8: Und da der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, des Jakobus Mutter, und Salome Spezerei, auf daß sie kämen und salbeten ihn. Und sie kamen zum Grabe am ersten Tage der Woche sehr frühe, da die Sonne aufging. Und sie sprachen unterein ander: Wer wälzet uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen dahin und wurden gewahr, daß der Stein abgewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein lang weiß Kleid an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzet euch nicht! Ihr suchet Jesum von Na- zareth, den Gekreuzigten; er ist auferstanden und ist nicht hie; siehe da die Stätte, da sie ihn hinlegten! Gehet aber hin und sagt s seinen Jüngern und Petrus, daß er vor euch hingehen wird nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grabe; denn es war sie Zittern und Entsetzen ankommen; und sagten niemand nichts; denn sie fürchte ten sich. Wach auf, mein Herz, die Nacht ist hin, Die Sonn ist aufgegangen. Am ersten Tage der Woche sehr frühe, da die Sonne aufging, gingen die Frauen zum Grabe, erzahlt unser Evangelium. Unmittel bar vorher muß das Osterwunder geschehen sein. Früh morgens, da die Sonn aufgeht, Mein Heiland Christus aufersteht. In der Stunde, da der Tag sich von der Nacht losreißt und die Sonne aufgeht, ist Jesus Christus von den Toten auferstanden: seine Auf erstehung selbst ein Sonnenaufgang aus der Höhe. Als solchen laßt uns ihn heute feiern. Wir wissen ja alle, wie jeder neue Sonnenaufgang ein Gruß des Lebens an das Leben ist. Wenn ich des Nachts oft lieg in Not Verschlossen, gleich als wär ich tot. Läßt du mir früh die Gnadensonn Aufgehn, nach Trauern Freud und Wonn , 83 so hat ein Ostersänger unserer Kirche gesungen, der auch die Schrecken eines furchtbaren Krieges, des Dreißigjährigen Krieges, durchlebt hat, und der dazu in seinem persönlichen Leben vor andern ein Kreuz träger war. JohannHeermann mag daher auch vor andern den Wechsel durchlebt haben, den er in seinen Versen malt, den Wechsel zwischen der Angst der dunklen Nacht und der lichten Freude des neuen Tages. Etwas werden wir aber alle davon wissen, wie in der Nacht zumal in schweren Zeiten angstvoller Druck sich aus die Seele legen kann, der nicht wieder scheint weichen zu wollen, und wie dann doch am Morgen im Licht des Tages der Druck weicht und mit der neuen Sonne neues Hoffen und neues Leben in der Seele einzuziehen scheint. Ein schwaches Gleichnis, das uns das Osterwunder vorläufig ein wenig nahebringt. Von ihm laßt mich jetzt zu predigen versuchen. Wach auf, mein Herz, die Nacht ist hin. Die Sonn ist aufgegangen. Ich setze hinzu: i. über dem Grabe der Menschheit; 2. über den Grä bern deiner Lieben; z. über deinem Grabe. 1. In unserm Evangelium sind manche Züge vielleicht auch dem einen oder andern unter uns fremdartig, ja, das ganze Wunder der Auf erstehung Jesu scheint vielen unserer Zeitgenossen für ihr Erkennen geradezu unerreichbar, und es geht in der Tat über all unsere Gedanken weit hinaus. Das gedenke ich nicht zu verschleiern, im Gegenteil, das möchte die Predigt an ihrem Teile unterstreichen. Alle Freudig keit der Osterpredigt ruht geradezu darauf. Wozu predigten wir noch, wenn wir auch in der Kirche nichts weiter zu sagen hätten, als was unsere eigenen Gedanken erreichen? Ich meine im Ernst, wir sollten unsere Kirchen schließen. Alles, was die menschlichen Gedanken erreichen können, kann man auch außerhalb der Kirchmauern hören und kann es vielleicht dort viel besser hören. Was der Kirche Jesu auch in dieser schweren Zeit allein ein Recht der Existenz gibt, ist die Tat sache, daß sie von Gottes Gedanken weiß, die alle menschlichen Ge danken weit hinter sich zurücklassen. Aber freilich, wenn diese Gottesgedanken bei uns Eingang finden sollen, dann müssen sie irgendwie an unsere Gedanken anknüpfen. Da her müssen wir auch in unserm Evangelium von dem ausgehen, was allen zugänglich ist. Das aber ist das Bild am Eingang unseres Textes: k 84 die Frauen auf dem Wege zum Grabe. Diese Frauen, die es so eilig haben, ihrem Toten die letzte Liebe zu erweisen, sie kennen wir. Je länger wir sie ansehen, desto vertrauter werden uns ihre Züge. Sind nicht wir es selbst, die auch zu dieser österlichen Zeit auf dem Wege waren, unsern lieben Toten die letzte Ehre zu erweisen? Niemand ist unter uns, dem das ganz fremd wäre, keiner, der gar kein teures Grab kennte. Und wenn ich die großen Scharen, die die andern Kir chen unserer Stadt füllen, fragen dürfte, so wäre auch ihnen allen dies Empfinden nicht fremd. Und dürfte ich weitergehen und auch sie daheim aussuchen, die auch heute von unsern gottesdienstlichen Versammlungen sich fernhalten, so würden auch sie unter dem Klange der Osterglocken ihrer Graber gedenken, und es möchte unter ihnen manch einsam und alt gewordenes Menschenkind sein, das sich freuen würde, mit jemand von seinen Gräbern sprechen zu können. Ginge ich aber über die Grenzen unserer Stadt hinaus, ich begegnete keinem Menschen, dem dieses menschliche Empfinden fremd wäre. Was ist das? Die Menschheit ist eine Menschheit an: Grabe. Und nicht bloß das. Je länger ich diese Frauen ansehe, desto in ehr scheinen sie mir noch in einem ganz andern Sinne auf dem Wege zum Grabe zu sein. Noch sind alle ihre Gedanken auf ein Felsengrab vor Jerusalem gerichtet, aber, wie lange wird es währen, dann sind sie bei dem eigenen Grabe angekommen. Noch schmücken wir heute unsere Gräber, vielleicht auch noch morgen, vielleicht auch noch einige Jahre; dann aber wird man zu unserem Grabe gehen, das zukünftige Geschlecht, bis daß auch dies Geschlecht wieder ins Grab hinabsteigt. Wir alle sind auf dem Wege zum Grabe. Und wenn man etwa die geschaftigeMenge sieht, die hungrig nach Leben unsere Straßen durchflutet, dann kann man wohl in Versuchung kommen, in sie hineinrufen zu wollen: Ihr alle seid ja auf dem Wege zum Grabe; die Menschheit ist auf dem Wege zum Grabe. Die Menschheit am Grabe; die Menschheit auf dem Wege zum Grabe. Ich weiß wohl, auch unter uns möchten manche dein Prediger zurufen: Das ist doch völlig einseitig gezeichnet. Jedenfalls gilt es in strengem Sinne doch nur von den einzelnen, wenn auch von allen einzelnen. Der einzelne ist freilich notwendig auf dem Wege zum Grabe; die Menschheit dagegen ist in beständigem Aufstieg begriffen. Und das ist gerade die rechte Lebensweisheit und heilige Lebenskunft, für sich persönlich nichts zu begehren, sondern an die Sache der Mensch heit sich zu verlieren. Was antworten wir?Dreierlei. Zuerst müssen wir doch nüchtern und ernst fragen: könnten wir uns wirklich dabei beruhigen, daß wir freilich sterblich sind, die Menschheit sich aber beständig aufwärts entwickelt? Man kann es Selbstsucht nennen, wenn man anders empfindet, niedrige Gesinnung, und man kann mit solchen Schlagwörtern unS zu über rennen versuchen; aber ich behaupte, in jenen stillen Stunden, in denen wirklich das Geheimnis des Lebens uns packt, da durchleben wir: was hülfe mir, daß die Menschheit bestandig aufsteigt, wenn doch mein Leben im Grabe endet? Ja, welchen Sinn hat es über haupt, daß ich diesen Gedanken denke? Sodann aber: Ist diese ganze Unterscheidung zwischen der Mensch heit und dem einzelnen durchführbar? Wer ist denn diese Menschheit, die bestandig lebt, wenn doch alle einzelnen untergehen? Ist sie nicht schließlich selbst die Summe dieser einzelnen? Wie sagen wir dann, daß, wenn auch alle einzelnen untergingen, doch die Menschheit selbst lebe? Endlich aber und vor allem: Ist das wirklich gewiß, daß die Mensch heit in beständigem Aufstieg begriffen ist? Ich will sofort aussprechen: gerade wir Jünger Jesu, die an den Auferstandenen glauben, werden etwas Ähnliches sagen wollen. Und nun kann freilich niemand Jesum und die Wirkung, die von ihm ausgegangen ist, aus der Welt geschichte hinwegdenken. Daher kann man auch niemandem beweisen, was aus der Weltgeschichte ohne Jesuin und das Osterwunder ge worden wäre. Aber ich muß doch fragen: Wo sind denn die Kulturen Babels, Griechenlands, Roms? Sind sie nicht alle ins Grab hinab gestiegen? Und durch wessen Schuld? Das ist daS Erschütternde, daß die Menschheit immer wieder die eigene Kultur zu morden scheint. Und heute? Sollte uns nicht die Sorge kommen können gerade auch heute nach den Nachrichten, die wir in der Frühe erhielten als könnte Europa in diesem furchtbaren Kriege die eigene Kultur morden, und das gerade durch den Fortschritt der Kultur, ohne den die ganze Furchtbarkeit dieses Krieges doch nicht denkbar wäre? Nein, nein, sagt ihr, das wird nicht geschehen. Jene alten Kultur welten sind freilich untergegangen; aber was an ihnen wertvoll war, ist in die weitere Entwicklung aufgenommen, und sie wird nicht aufhören, und unser liebes deutsches Volk wird unter den Trä gern dieser Entwicklung eine allererste Stelle einnehmen. Auch der Osterprediger, ich hoffe, es nicht erst sagen zu brauchen, wird ähnlich urteilen wollen. Und das nicht bloß als deutscher Mann, sondern gerade auch als Christ, der an den Auferstandenen glaubt, der die 86 Menschheit mit sich emporzieht. Aber eben darüber möchte ich Klarheit schaffen, daß, wenn wir von einer Zukunft des Menschengeschlechts sprechen, wir im Glauben reden. Dieser Glaube aber, und wäre es auch nur der Glaube des Idealismus, ist zuletzt tatsächlich, wenn auch ihm vielleicht noch selbst unbewußt, in der Tatsache der Auserstehung Jesu verankert. Was wir wirklich wissen, ist doch nur dies, daß alle menschliche Kultur ihre Zeit hat und dann versinkt. Bleiben wir bei dem, was vor Augen ist, dann wird der Pessimismus immer mit dem Urteil recht behalten, daß zuletzt alles menschliche Ringen ins Grab hinabsteigen muß. Insbesondere gilt das gerade von jenem Ringen, das schließlich allein den Menschen zum Menschen macht: dem Suchen nach Gott. Keine Kultur baut eine Brücke zu Gott, auch kein sittlich-religiöser Fortschritt der Menschheit bringt sie wirklich in die Nähe Gottes. Wollt ihr wissen, welches Bild im Lichte der Schriftgedanken sich für den religiös-sittlichen Ertrag der vorchristlichen Kultur ergibt? Dann lest das erste Kapitel des Römerbriefes vom 18. Verse an. Wie Moder geruch weht es uns an. Wohl hat auch gerade Paulus gewußt, daß das Heidentum auch ganz andere Auge zeigt; aber er sieht darin nicht etwas, was die menschliche Entwicklung selbst zuwege gebracht hätte, sondern Offenbarung Gottes, aber auch all diese Offenbarung bringt nicht wirklich den Menschen mit Gott in Gemeinschaft. Um es sogleich kurz zu sagen: sie vermag nicht, die menschliche Sünde hinwegzuschaffen. Schließlich kommt alle außerchristliche Religiosität auch auf ihrem Höhepunkt darüber nicht hinaus, daß sie den Menschen vor religiös-sittliche Aufgaben stellt, durch deren Lösung er sich zu Gott hindurcharbeiten soll. Sie erlöst ihn nicht aus dem einen Hindernis aller Aufwärtsbewegung zu Gott: der Sünde. Nur einer hat für sich in Anspruch genommen, die Versöhnung zwischen Gott und den Menschen zu sein: unser Herr Jesus Christus, vor dem wir am Karfreitag als unserm Versöhner anbeteten. Aber nun kommt das furchtbare Aber: das geschah eben am Karfreitag, und unser Herr Jesus Christus ist dann auch ins Grab hinabgestiegen. Wie, wenn dies Grab ihn behalten hätte! Wäre nicht sein Grab zum Grab der Menschheit geworden? Der einzige, der den Anspruch erhoben hatte, die Menschheit aus Sünde und Tod zu Gott emporzuführen, wäre selbst im Tode geblieben. Und das Erschütterndste: die Menschheit selbst hätte ihm daS Grab gegraben, die Menschheit selbst hatte dort im Felsengrab vor Jerusalem ihre Hoffnungen und ihre Zukunft eingesargt. Wer wälzt uns fortan den 87 Stein von des Grabes Tür? Jetzt muß das, was ich im Eingang an deutete, vollends deutlich ^ein: wir stehen am Grabe Jesu wirklich vor der Entscheidung, ob wir in unsern Menschengedanken meinen bleiben zu müssen, oder ob wir uns über sie hinausführen lassen wollen. Haben die menschlichen Gedanken allein recht, dann bleibt das Grab vor Jerusalem ewig verschlossen, und mit der Menschheit ist es aus. Aber horch: an der Statte des Todes singt die Gemeinde Jesu das Lied vom Leben. In eben dem Augenblick, da die Geschichte der Menschheit in ewiger Nacht zu enden schien, ging die Sonne auf. Gleichwie im Reiche derNatur überall da, wohin sie dringt, die Sonne aus dem Tode des Winters neues Leben schafft, so hat die Sonne des Ostermorgens das Grab vor Jerusalem geöffnet. Daß ich es ohne Bild sage: in eben dem Augenblick, da die Menschheit auf ihren Wegen und mit ihrer Weisheit und mit ihrer Sünde ihre ganze Hoff nung begraben hatte, hat Gott das Wort genommen: ein heiliges göttlicheSNein zu dem wahnwitzigen Versuch derMenschheit, denSohn Gottes zu begraben; ein heiliges göttliches Ja zu der Sehnsucht des Menschen nach Gott. In der Auferweckung von den Toten hat Gott unsern Herrn Jesum Christum kraftiglich erwiesen als den Sohn Gottes: sein Weg endete nicht im Grabe, sondern beim Vater, und sein Weg soll der Weg der Seinen, der Gemeinde, der Menschheit sein. Denn zu Ostern ist er in Wahrheit jener Versöhner geworden, als den wir Karfreitag ihn priesen, und eben damit das Haupt und der Herr der Menschheit, der Recht und Vollmacht hat, sie mit sich zum Vater emporzuziehen. Fortan dürfen wir glauben, daß der Weg der Menschheit aufwärts geht. Auch alles, was wir gegenwärtig erleben, soll uns daran nicht irremachen. Mag immer wieder die. Menschheit sich selbst das Grab zu graben scheinen, unser Herr will dennoch sie zuletzt auf seinem Wege mit sich emporziehen, und das Ende soll eine neue Menschheit sein, die durch Christum ewiglich mit Gott lebt. Das ist das Licht, das von Ostern her über dem Grabe der Mensch heit leuchtet, und das leuchtet auch über den Gräbern der Deinen. 2. Vom Grabe der Menschheit kehren wir zu unsern Gräbern zurück, von denen wir ausgingen. Mancher von uns mag vielleicht unge duldig darauf gewartet haben. Jedenfalls wäre es geradezu unrecht, 88 wenn wir nicht auch heute ganz besonders der teuren Gräber in der Ferne gedenken wollten, denen wir es, menschlich gesprochen, ver danken, daß wir mitten im Kriege doch daheim in tiefem Frieden Ostern feiern dürfen. Immer wieder will sich uns ja das Herz zu- sammenkrampfen, wenn wir ihrer gedenken, und es ist uns, als dürsten wir daS Opfer, das sie mit der Hingabe ihres Lebens auch uns ge bracht haben, nicht annehmen. Ich will hinzusetzen: wir haben immer wieder auch die andere Empfindung, als dürften wir von euch, ihr lieben Eltern und Witwen, das Opfer nicht annehmen, das ihr dem Vaterlande brachtet, als ihr ihm euer Bestes gabt. Wir können nur mit der Versicherung danken, daß wir von Herzen mit euch Leid tragen, daß wir die teuren Brüder, soweit wir sie persönlich gekannt haben, nicht vergessen werden. Ihr werdet ja auch glauben, daß gerade auch wir akademischen Lehrer um manchen jungen Freund schmerzlich klagen, auf den wir so große Hoffnung gesetzt hatten. Noch liegen die Gräber wie zuvor, aber nachdem die Ostersonne über ihnen aufgegangen ist, scheint alles anders zu jein. Wir betten unsere Entschlafenen gern mit dem Angesicht nach Osten zur letzten Ruhe. Wird das christlich verstanden, so liegt darin eine schöne, tiefe Symbolik. Die christliche Gemeinde erwartet gewissermaßen von Osten her den Sonnenaufgang der Ewigkeit, die Wiederkunft ihres Herrn, und sie, die in ihren Kammern schlafen, sollen mit ihrem Antlitz auf ihn warten, daß ihre Augen zuerst ihn sehen, wenn er sie weckt. Zwar sind sie dem Geist nach schon jetzt daheim bei dein Herrn, entnommen der Qual der Erde, entronnen aller Mühsal des Kampfes: ein Volk von Überwindern, das Sünde, Tod und Hölle unter seinen Füßen hat. An jenem großen Tage aber, wo der Herr sein Reich vollenden wird, da wird er auch ihre Leiber wecken, daß sie in ihrer ganzen Person mit der Vollen dung des Reiches zu ewigem Leben vollendet seien. Wenn ich genug geschlummert habe, weckst du mich. ; So laßt uns denn jetzt miteinander über unsern Gräbern gemein sam Ostern halten. Sonst lieben wir es nicht, an unsern Gräbern Fremden zu begegnen, und wir vermeiden auch, andere an ihrem Grabe zu stören. Heute indes, da wir gemeinsam miteinander Ostern feiern, fürchtet niemand, den andern in seinem Empfinden zu stören. Ich grüße euch über euren Gräbern mit dem alten Oster- gruß: Der Herr ist auferstanden, und ihr grüßt im Geist mich wieder: Ja, er ist wahrhaftig auferstanden. Dann laßt uns mit dein Engel wort fragen: Was suchen wir den Lebendigen bei den Toten? Er ist 89 nicht hier. Aufwärts die Herzen und aufwärts die Augen, der Oster- sonne entgegen. Der natürliche Mensch wüßte keine Stätte auf Erden, wo er weniger Ursache hätte, fröhlich zu sein, als das Grab. Laßt uns Jünger Jesu bekennen, daß wir nirgends soviel Anlaß haben, Gott zu danken und fröhlich zu sein, als über den Gräbern. Zwar, daß sie, die wir lieb hatten, sterben mußten, das mag uns mit jedem Tage schmerzlicher werden, aber daß wir über den Tod triumphieren dürfen, dafür danken wir Gott, und des sind wir fröhlich. Auch euch, die ihr im Geist an jenen Grabern der Gefallenen in der Nähe und Ferne trauert, bitte ich, daß ihr es also haltet. Zwar, ich hörte, wie ein Vater am Sarge des einzigen Sohnes in wildem Schmerz ausgerufen habe: Ja, man sagt mir, er sei fürs Vaterland gestorben, aber ich habe nun meinen Sohn nicht mehr". Was sollen wir sagen? Gewiß, wir müssen jenen Vater tadeln, daß ihn irgendein Opfer fürs Vaterland zu hoch dünkte, und doch spricht aus dem Wort zugleich eine große Wahrhaftigkeit, die wohl zum Nachdenken reizen mag. Ich bekenne offen, ich kann mich schwer in die Seele einer Witwe und eines Vaters und einer Mutter hineindenken, die nur wissen, daß sie den Gefallenen dem Vaterlande gegeben haben. Gewiß, wenn man nicht mehr hat, muß man damit sich einrichten, und es kann Heroismus scheinen, für sich nichts zu begehren, sondern gerade an jenen Opfern genug zu haben. Aber im Sinne unseres Gottes ist dieser Heroismus nicht. Zweierlei soll diese Zeit uns lehren. Einmal freilich, daß der ein zelne im Vergleich zur Sache seines Volkes wie nichts ist. Dann aber doch auch, daß ein jedes Leben seinen Selbstwert hat. Gerade darauf beruht ja im Grunde der Wert, den das Opfer des Lebens hat. Und nun hat freilich jener Vater ganz recht: dieses in sich selbst wertvolle Leben gibt niemand dem Vater wieder, und niemand gibt es ihnen wieder, die es persönlich hingegeben haben, niemand es sei denn unser Herr Jesus Christus. Ihm leben sie, die ihm gestorben sind. Darum war es ein so schönes Wort, das ich aus dem Munde eines andern Vaters hörte, der auch einen einzigen Sohn dahingegeben hatte und darüber wunderbar still geworden war. Er bekannte, der Gedanke allein tue es nicht, den Sohn dem Vaterlande gegeben zu haben, und das sagte er, obwohl er ein Mann von starkem vater ländischen Empfinden war. Aber die andere Gewißheit hebe zuletzt über alles hinaus, daß er den Sohn dem Herrn gegeben habe. In Wahrheit, wo jemand seinen teuren Toten bisher dem Herrn noch nicht gegeben hätte, da tue er es heute. Und wenn ihm auch das Schwerste 90 beschieden wäre, daß er nicht sicher wüßte, wie der Gestorbene zu seinem Herrn gestanden habe, auch dann sollte er heute wagen, dieses schwerste Opser seinen: Herrn zu bringen, daß er in der Gemein schaft dieses seines Herrn darüber stille werde. Darfst du dagegen hoffen, daß dein Gatte und dein Sohn im Glauben des Sohnes Gottes heimgegangen sind, dann gönne das ihnen. Du hast lange genug gelebt, um zu wissen, daß hier auf Erden nicht die Welt der Vollendung ist. Darum gönne dein andern, daß er frühe, in einer großen Stunde des Vaterlandes und in der Lösung einer großen Auf gabe, zum Lobe Gottes heimgekommen ist, gönne es ihm, und wage, wenn auch unter Tranen, am Grabe deines teuren Toten das Lied vom Leben: Ich glaube ein ewiges Leben. Das ist Osterlicht über unsern Grabern, und davon fallt auch Helles Licht auf das eigene Grab. Bei diesem eigenen Grab denke ich aber nicht bloß an das Grab vor uns, sondern zuallererst an das Grab in uns, an jenes Grab in unserm Innern, das wir alle kennen oder doch unwillkürlich fühlen, jenes Grab, vor dem unzählige selbstquälerisch anbeten, das dagegen andere zu vergessen suchen, tapfer die einen, leichtfertig die andern. Mannigfacher Gestalt ist dies Grab; aber das ist allen Gräbern ge meinsam, daß in ihnen ein Stück Leben begraben liegt, laßt mich davon einige Worte zu sagen versuchen. Jenes Grab meine ich, in dem viel getäuschte Erwartungen eingesargt sind, vielleicht auch viel wertvoller, früherer Besitz; heute aber wohnt in ihm Armut und Leere. Jenes Grab, in dem mannigfache sittliche Kraft, vielleicht auch vielerlei ungebrauchte Anlage begraben liegt, und statt dessen haust die Sünde in ihm. Jenes Grab, in dem viel Lebensfreudigkeit ver scharrt ist, und statt dessen wohnt der Tod in ihm, der Tod der Hoff nungslosigkeit, der Trostlosigkeit, der Verzagtheit, ja vielleicht der Verzweiflung. Wie viele todmüde Menschen gibt es heute, die selbst die Empfindung haben, daß das Grab im Innern ihr persönliches Leben zu verschlingen drohe. Noch ahnen sie das selbst und wehren sich dagegen, aber wie lange noch? Über all diesen Gräbern ist die Ostersonne aufgegangen und gebietet uns, daß wir in das helle Licht des Tages hineintreten und alles neu werden lassen. In der Tat, wenn irgendein Fest, so darf doch Ostern nicht bloß ein Fest der Vergangenheit sein. Ostern darf uns nicht so lassen. 91 wie es uns fand. Als die Frauen im Evangelium die Osterbotschaft zum ersten Male gehört hatten, da waren sie freilich völlig verwirrt und flohen erschreckt vom Grabe. Immerhin hatte doch eine tiefe Bewegung ihre ganze Seele ergriffen. Als dagegen die Jünger endlich die Osterbotschaft wirklich glauben gelernt hatten, da haben sie ihr wißt es alle in Kraft dieses Glaubens die ganze Welt aus den Angeln gehoben. Darum eine doppelte Bitte an die, die wirklich Ostern feiern wollen: Laß die Osterbotschaft Wirklichkeit werden für deinen Glauben und Wirklichkeit für dein Leben. Zuerst denn: die Ostertatsache werde für den Glauben Wirklichkeit. Wie vielen unserer Zeitgenossen ist die Osterbotschaft nicht viel mehr als ein Märchen, auf das sie nicht einmal ernstlich achtgeben. Und doch sind unter ihnen nicht wenige, die in tiefem Dunkel wohnen. Versteht ihr, daß der Osterprediger durch die Straßen der Stadt möchte gehen können und die Fensterladen aufstoßen, daß das Licht der Ostersonne hineinflute und alle die Herzen, die sich selbst quälen und an der Oster- freude vorüber wollen, mit heiligem Licht erfülle und fröhlich mache? Wie wird denn die Osterbotschaft Wirklichkeit? Bei den Jüngern wirkte mancherlei zusammen, daß sie die Oster tatsache glauben lernten: die Botschaft der Engel, frühere Worte Jesu, die persönliche Erscheinung des Auferstandenen, sein strafendes Zurechtweisen, sein barmherziges Zurechthelfen und zuletzt Pfingsten. Alles das ist auch gegenwartig für die Entstehung des Osterglaubens von Bedeutung. Ich unterstreiche indes heute nur drei Punkte. Zuerst: prüfe die Osterbotschaft. Wie viele lehnen sie ab, ohne sie jemals geprüft.zu haben. Geht das wirklich an? Sodann: auch für dich steht der königliche Weg persönlichen Erlebens offen. In dem Wort von der Auferstehung kommt der Auferstandene auch dir per sönlich nahe. Laß dich nur von ihm ergreifen und zu der Gewißheit seiner Auferstehung herumreißen. Endlich: auch heute hilft zuletzt allein Gottes Geist zum Osterglauben. Bitte denn, daß er dir gebe, zu der Osterbotschaft hinzuzusetzen: das ist gewißlich wahr. Wo aber so irgendwie die Ostertatsache für dich Wirklichkeit wird, da sei sie auch Wirklichkeit für dein ganzes Leben. Denn was bedeutet die Verkündigung, daß der Gekreuzigte auferstanden ist? Wir hörten es schon, nichts Geringeres, als daß er wirklich die Versöhnung wurde, die wir am Karfreitag priesen. Diese Versöhnung ergreife im Glauben, daß du darnach, der Vergebung der Sünden gewiß und froh, das Angesicht vorwärts wendest. Christen, die Ostern gefeiert haben, müssen Menschen sein, die vorwärts blicken. Die Ostersonne ist nur 92 aufgegangen, um fortan nicht wieder unterzugehn, und de, Tag, der Ostern anbrach, soll nicht wieder aufhören, sondern nur zu dem seligen Tage der Ewigkeit sich vollenden. Darum sollen wir alles, was vergangene Sünde, aber auch vergangener Schmerz und ver gangene Sorge heißt, am Ostermorgen in Christi Grab versenken, daß wir auch mit ihm aus dem Grabe auferstehen und in ein neues Leben gehen .... Auch darum will ich zuerst euch bitten, die ihr von Gräbern im Feindesland herkommt. Wenn irgend jemand, so hättet, menschlich gesprochen, ihr ein Recht, rückwärts zu blicken; aber Ostern will auch euren Blick ganz auf die neuen Aufgaben richten, die im Licht der Ostersonne euch erwachsen. Ist es nicht, als gebiete auch der teure Tote, um den ihr trauert, euch dasselbe? Klage nicht über mich, sagt er der weinenden Witwe, siehe da die Kinder, die ich dir hinterließ. Um ihretwillen lebe, und lebe fröhlich und tapfer, daß du auch sie zu fröhlichen und tapferen Menschen, weil fröhlichen und tapferen Gotteskindern, erziehst. Neben diese am schwersten Heimgesuchten rufe ich heute andere, die gerade entgegengesetzte Erfahrungen gemacht haben. Auch mitten in dieser schweren Kriegszeit fehlt es doch nicht an glücklichen Menschen, deren Leben vor anderen reich gesegnet zu sein scheint. Zuweilen habe ich wohl Sorge, als könnten sie in unsern Gottesdiensten zu kurz kom men. Tröstet, tröstet mein Volk, spricht unser Gott, und daß die Pre digt diesen Auftrag ausrichtet, ist ihre größte Freude. Aber manchmal fürchte ich wohl, daß jene glücklichen Menschen darüber die Empfin dung haben möchten, als hätten sie kein ganzes Heimatsrecht in der Kirche, oder als müßten sie doch sich in Stimmungen hineinarbeiten, die ihnen nun einmal fremd sind, oder als dürften sie doch ihres Glückes vor dem Angesicht Gottes sich nicht freuen. Es wäre schwere Ver säumnis der Predigt, wenn sie zu solchen Gedanken Anlaß gäbe. Nein, nein, dankt, dankt, dankt Gott für allen Sonnenschein, den er auch natürlicherweise in eurem Leben leuchten läßt. Gerade auch heute bedürfen wir für unser Volk dringend genug der Menschen, die mit unverbrauchter Kraft ihre Schultern unter die Last ihres Volkes stemmen können. Nur daß ihr auch alle göttliche Gabe innerlicher oder äußerlicher Art zu einer Saat gebraucht, die in Kraft der Oster sonne zu einer Freundenernte in der Ewigkeit heranreift. Ihr merkt aber, wie gern der Osterprediger auch heute die Oster- botschaft jedem einzelnen in besonderem Sinne sagen möchte. Kann ich es nicht, so will ich wenigstens bekennen, wie an der Engelsbot- 93 schaft mir ein Wort besonders wertvoll ist: Saget es den Jüngern und Petrus. Gehört Petrus denn nicht zu den Jüngern? Wir wissen, wie dringend er ein besonderes Wort nötig hatte. So mögen auch manche unter uns ein besonderes Wort zu Ostern nötig haben. Wie gern wäre der Prediger auch außerhalb des Gottesdienstes bereit, es jedem, der es nötig hatte, besonders zu sagen. Vielleicht aber wißt ihr doch auch jemanden, dem ihr diesen Auftrag des Herrn ausrichten könnt. Sagt es ihm, daß auch für ihn Christus auferstanden ist. Jedenfalls sollen wir persönlich unsere Herzen dem Auferstandenen öffnen, daß er es gerade in unser Herz hineinspreche: Dein Heiland lebt. Für alle aber soll das gemeinsame Osterfeier sein, daß wir irgendwie das große PauluSwort aufs neue erleben: Das Alte ist vergangen; es ist alles neu geworden. Drum auf, mein Herz, Fang an den Streit, Weil Christus auferstanden. Amen.Unsere Osterbeute. Am Sonntag Quasimodogeniti, zo. April 1916. Ev. Johannes 20, 19 21: Am Abend desselbigen Sabbats, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten ein und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das sagte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, daß sie den Herrn sahen. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch. Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Quasimodogeniti, eine Nachfeier von Osten,. Wie habe ich mich gerade auf diese Nachfeier gefreut. Ostern ist noch nahe genug, daß die Bewegung, die es hervorrief, in unserm Innern noch nachzittert, und eS ist zugleich doch entfernt genug, um zu einer stillen Selbst besinnung aufzufordern, welchen Ertrag es denn für uns hinter lassen hat. Dazu kommt, daß bei dem späten Ostern in diesem Jahr der erste Sonntag nach Ostern auch schon den ersten Sonntag im neuen Arbeits semester der Universität bringt. Was könnte unS aber Größeres ge schehen, als daß wir die neue Arbeit wirklich im Licht der Ostersonne beginnen dürften! Ostern ist das Fest des Lebens. Wer es wirklich gefeiert hat, weiß, daß fortan an keinem Punkt der Tod das letzte Wort in der Welt hat, sondern das Leben. Glauben wir aber wirklich an das Leben, dann dürfen wir auch glauben, daß all unsere Arbeit, die im Namen des Auferstandenen geschieht, nicht vergeblich sein kann. Welch eine Gewißheit, am Morgen jedes Tages sich vorsprechen zu dürfen: auch die Arbeit, die ich heute tun werde, ob klein oder groß, kann nicht verloren gehen, sondern wird einen Ertrag für das ewige Leben haben. Möchten wir denn so arbeiten lernen! So laßt uns denn, ehe wir aus der österlichen Zeit aufs neue ganz in die Arbeit hinaustreten, noch einmal miteinander fragen, was diese Zeit uns für unser persönliches Leben und für unsere Arbeit hinterläßt. Unser Text mag es uns sagen: er schildert unS die erste Be gegnung des Auferstandenen mit dem ganzen Jüngerkreis. Welch ein Wiedersehen! Drei Tage erst waren vergangen, seitdem der Herr zum letzten Male mit den Seinen zusammen war. Aber, waö kann 95 in drei Tagen geschehen, und was ist in diesen drei Tagen geschehen! Die Jünger selbst sind andere geworden, und erst recht ist ihr Meister ein anderer geworden. Aus dem Schmerzensmann, der zum Gang in den Tod sich schickte, ist der Sieger über den Tod geworden, was bringt er den Seinen aus dem Grabe mit? Unser Text deutet es nur an. Soll ich aber seine Andeutungen in eine kurze Formel zu sammenfassen, dann darf ich dreierlei nennen, das Ostern uns gebracht hat: Friede, Freude, Freudigkeit. Unsere Osterbcute: Friede, Freude, Freudigkeit. i. Am Osterabend. In einem doppelten, gerade entgegengesetzten Sinne könnte man diese Unterschrift unter unser Evangelium setzen. Haben wir die Begegnung Jesu mit seinen Jüngern bis zu Ende durchlebt, dann ließe sich die ganze Seligkeit des Ostergeheimnisses in die zwei Worte zusammenfassen: am Osterabend. Bleiben wir dagegen bei dem Bilde, daS die Jünger am Eingang unseres Textes gewahren, stehen, dann kommt die ganze Trostlosigkeit eines Lebens ohne Ostern in diesen Worten zum Ausdruck: am Osterabend. Es ist Ostern geworden, aber für die Jünger ist es noch nicht Ostern: vollendete Trostlosigkeit am Osterabend. Auch heute wüßte ich nicht, wie man die Trostlosigkeit des natürlichen Menschen ergreifender zeichnen könnte, als wenn es jemand gelange, zuerst einen Eindruck von dem Osterjubel zu geben, der die Gemeinde in ihrem Oster- gottesdienst durchzieht, und dann die Trostlosigkeit zu zeichnen, in der auch im Hausermeer unserer Stadt manche den Abend des Oster- tages zugebracht haben mögen. Am Osterabend, das kann von einer Geschichte erzählen, die durchs Herz schneidet. Am Osterabend. Am Abend desselbigen Tages, heißt es in unserm Evangelium desselbigen Tages, da Jesus auferstand, waren seine Jünger versammelt hinter verschlossenen Türen aus Furcht vor den Juden. Wie deutlich malen diese schlichten Worte die Stimmung der Jünger. Wir meinen, das verschüchterte Hauflein zu sehen, wie es hinter verschlossenen Türen aneinander Trost sucht. Schmerz über den Tod des Meisters, Furcht vor seinen Mördern, Mutlosigkeit, die nichts mehr zu hoffen hat, das mischt sich wunderbar in den Seelen der Jünger. Vielleicht aber darf man doch sagen, daß Furcht in diesem Augenblick die Grundstimmung gewesen ist. Freilich darf man dann dabei nicht bloß an die feige Furcht vor den Feinden Jesu denken. Gewiß war auch zu der Befürchtung Anlaß, 96 baß die Obersten des Volkes nach dem Meister auch an die Jünger ihre Hand legen würden; aber bei der Furcht, die die Jünger in diesem Augenblick erfüllte, handelt es sich doch wohl um viel mehr. Es gehört zu den Gesetzen des durch die Sünde bestimmten Seelenlebens, daß alle schweren seelischen Erschütterungen unwillkürlich ein unbestimmtes Gefühl der Furcht in einem Menschen auslösen. Für die Jünger Jesu aber war ihr ganzer bisheriger Besitzstand zusammengebrochen. was Wunder, wenn sie die Empfindung hatten, als sei fortan alles möglich. Auch die Osterbotschaft der Engel und der Frauen konnte das nicht mit einem Schlage ändern; vielmehr ist es gerade wieder ein feiner und wahrer Zug aus der Ostergeschichte, daß die Frauen selbst mit Zittern und Entsetzen vom Grabe flohen. Das war nicht etwa nur Furcht vor der geheimnisvollen Engelerscheinung; vielmehr vermag unser enges Herz große Freude ebensowenig wie tiefenSchmerz mit einem Schlage zu fassen. Es will sich unsern Gedanken nicht einordnen, sie verwirren sich und geraten in Unruhe; aber freilich, daß aus dieser Unruhe Furcht wird, ist allein aus der Friedelosigkcit und Gottesferne des natürlichen Herzens zu begreifen. Weil wir Gottes nicht gewiß sind, darum sind wir unseres Lebens nicht gewiß. Solange ich mein Leben nicht in der Hand Gottes geborgen weiß, muß ich freilich alle Stunde darauf gefaßt sein, daß irgend etwas Unerwartetes geschieht, das memLeben aus der Bahn wirft und das ganze Lebensglück zerstört. Alles, was Furcht heißt, ist zuletzt irgendwie Symptom der Friedelosigkeit des natürlichen Herzens. Bei den Jüngern war das nicht anders. Wie friedelos mag es in ihrem Innern in diesen Tagen ausgesehen haben. Nicht bloß ein Petrus wußte, daß er fortan ein ganzes Leben daran zu schleppen haben werde, daß seine Verleugnung das letzte war, was sein Meister an ihm erlebte; auch die andern Jünger hatten über viel Versäumnis und viel Lieblosigkeit bis zur letzten Flucht zu klagen. Hier lag der tiefste Grund all ihrer Furcht. Darum ist es der Friedensgruß, mit dem Jesus zuallererst unter seine Jünger tritt: Friede sei mit euch. Das war freilich der gewöhn liche Gruß. Wie oft mochten die Jünger ihn gehört und selbst weiter gegeben haben; aber im Munde des Auferstandenen erhält der Gruß doch eine ganz besondere Klangfarbe. Dazu war ja Jesus in den Tod gegangen, daß er unser Friede werde, daß wir aus aller Sünde heraus mit Gott Geineinschaft haben sollten, und in der Auferweckung des Sohnes hat Gott sich zu seinem Karfreitagsopfer bekannt. Frieden mit Gott hat der Auferstandene aus seinem Grabe mitgebracht; 97 Frieden mit Gott, der in der Vergebung der Sünden besieht. Wie er darum seine Junger am Schluß unseres Textes mit der Botschaft von der Vergebung der Sünden in die Welt sendet, so sollen sie zuallererst durch ihn Vergebung der Sünden empfangen: Friede sei mit euch. Friede sei mit euch, unter diesen Gruß laßt auch uns heute treten. Zwar, wir leugnen nicht, wir hatten ja gern auch in äußerem Sinne den FriedenSgruß gehört. Wir dürfen und wollen auch Gott bitten, daß er eine weitere Ausdehnung dieses furchtbaren Krieges gnädig verhüte und uns statt dessen bald rechten Frieden gebe. Es ist auch kein Zweifel, und das muß allen Kriegsschwärmern gegenüber nachdrücklich ausgesprochen sein: Wäre der Friede, den Christus aus dein Grabe mitgebracht hat, Gemeinbesitz aller Menschen, dann wäre für einen Krieg in der Welt kein Raum. Aber nicht minder gilt daö andere, und das muß allen verkehrten Friedensfreunden gegenüber gesagt sein: Der Friede, den Christus aus dein Grabe mitbrachte, ist etwas ganz anderes als der Völkerfriede, von dein die Menschen träumen. Diesen Frieden kann jemand auch mitten in? Schlacht getümmel im Herzen tragen; ja, er kann ihm Stärke zum Kampf sein. Denn wenn wirklich alle Furcht irgendwie mit der Friedlosigkeit in unserm Herzen zusammenhängt, dann muß umgekehrt die Gewiß heit des Friedens mit Gott sehr tapfere Herzen schaffen, die auch den Tod nicht fürchten. Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Inso fern mag sich einMensch mit dem Frieden Jesu auch zum Kampfe rüsten. Friede sei mit euch. Weiter stärken wir uns an diesem Gruß wider alles andere, was uns fürchten machen könnte. Welch ein großes Ding ist es doch, ein Friedensasyl zu kennen, dahin man immer wieder mit allem, was die Seele wund reibt, fliehen darf. Wer empfände das nicht? Unsere deutsche Sprache hat Worte, die schon durch ihren Klang sich in das Herz zu schmeicheln scheinen. Dazu gehört das Wort: Friede. Wer spräche nicht gern mit unserm großen Dichter: Friede, Friede, süßer Friede, komm , ach komm in meine Brust". Wenn dann doch nur alle Menschen wüßten, was der echte Friede ist. Für viele ist der Friede nicht viel mehr denn eine Art Stimmung: Feierabend stimmung, Sonntagsstimmung. Ach, wie bald versliegt eine solche Stimmung unter der furchtbaren Wirklichkeit, die uns umgibt. Andere verstehen das Selbstverständliche, daß alle Friedelosigkeit darin ihren tiefsten Grund, ja, ihr eigentliches Wesen hat, daß in unserm Innern Krieg herrscht, daß die Gedanken sich untereinander entschuldigen und verklagen, daß das Begehren deS Herzens mit sich selbst im Zwiespalt ist, und daß unser Leben deS einheitlichen Zieles )hmels: Aufwärts die Herzen. 7entbehrt. Wie kommt denn Einheit in unser Leben? Wo liegt seine geheimnisvolle Mitte? Nur in Gott. Und warum nur in Gott? Darum nur in ihm, weil wir Menschen zu Gott hin geschaffen sind. Das kann freilich nicht bewiese ,aber es kann erlebt werden. Wer ehrlich gegen sich selbst ist, erlebt immer wieder, wie alle andern Versuche, ein einheitliches Leben zu führen, gewaltsam und künstlich sind und schließlich doch nicht zum Ziele führen. Und ebenso kann, gelobt sei Gott, daS andere erlebt werden, daß, wo Gott wirklich der Mittelpunkt aller Gedanken wird, er alle ihm feindlichen Gedanken abstößt und alle rechten Gedanken in sich hineinzieht, so daß die Seele in ihm und durch ihn wirklich aus ihrer Zerrissenheit zu heiliger Einheit genest. Friede, das ist Friede mit Gott. DaS ist der Friede, den Christus auö dein Grabe mitgebracht hat. Darum rufe ich unter seinen FriedenSgruß alle, die aus der Zerrissen heit ihres Lebens zur Einheit sich helfen lassen möchten. Was immer auch deine Seele voller Unruhe macht, eins ist not: Friede mit Gott. Hier liegt der tiefste Schade unseres Lebens: in seiner Friedlosigkeit, in seiner Sünde. Sie lasset uns dem Auferstandenen zu Füßen legen; nicht bloß die grobe Sünde, sondern auch die scheinbar geringe und geringste Sünde, die doch vielleicht dem Jünger Jesu gerade am meisten zu schaffen macht. Auch ernsten Christen begegnet es wohl, daß sie die deutliche Empfindung haben, in ihrer Vergangenheit sei nicht alles in Ordnung; aber sie wagen nicht, Sünde Sünde zu nennen, und gehen vielleicht vorsichtig um sie herum. UnS lasset alles, waS im Blick auf die Vergangenheit auf Herz und Gewissen lastet, es sei klein oder groß, dein Auferstandenen bringen, daß er in daS alles hinein seinen FriedenSgruß der Vergebung spreche: Friede sei mit euch. Wo dieser Friede ist, da ist auch Freude. Friede sei mit euch, spricht Jesus zu seinen Jüngern. Die Antwort aber, die er erhält, ist die Freude der Seinen: da wurden die Jünger froh, daß sie den Herrn sahen. Alles ist hier selbstverständlich. Je größer der Schmerz war über den Tod des Meisters, je qualvoller die Ungewißheit seit dem frühe,! Morgen, desto seliger jetzt die Gewißheit, und je ernster das Gewisse,, die Jünger verklagt hatte, um so eindrucksvoller der FriedenSgruß Jesu, der alles vergab. Ich sagte vorhin, daß auch Jesus in diesen Tagen ein anderer geworden sei. Vielleicht haben die Jünger in jenem Augenblick noch viel stärker den andern Eindruck gehabt, daß er 99 auch heute noch derselbe geblieben sei. Wohl empfanden auch sie ja, daß er ein anderer sei, wenn sie es auch noch nicht verstanden. Aber was sie unmittelbar erlebten, war doch dies, daß ihr Meister derselbe sei, derselbe im Geben und Vergeben. Wie hatten die Jünger dann in dieser Stunde nicht sehr fröhlich werden sollen? Das aber war die Freude, von der Jesus zuvor gesagt hatte, daß sie nie aufhören werde. Alles, was der Zeit angehört, hat seine Zeit. Auch über die Freude der Jünger an der Gemeinschaft mit dem auf der Erde lebenden Herrn konnte der Tod Herr werden, dagegen die Ge meinschaft mit dem Auferstandenen vermochte auch er nicht anzu rühren. In der Osterfreude gibt es nur Stufen, die aufwärts führen. Freude war die Stunde, die die Jünger jetzt durchlebten, größere Freude die Pfingstfreude. Damals wurde die Freude der Jünger an dem Auferstandenen dem Strome gleich, der fortan in steigendem Maße das ganze Leben der Jünger durchflutete, immer breiter und zugleich immer tiefer. Gewiß, immer wieder auch schwer kämpfend, aber doch stets aufs neue sieghaft hervorbrechend, bis daß er endlich ganz ins Meer der Ewigkeit ausmündete. Freude die zweite Ostergabe, die Jesus aus dem offenenGrabe mitbrachte. Der großen Menge aber scheint diese Gabe noch viel begehrenswerter als der Friede, von dem wir zuerst sagten. Dürften sie ihres Herzens Meinung heraussprechen, so würden sie vielleicht sagen müssen: Was frage ich viel nach Frieden, wenn mein Leben nur seine Freude hat. Wenigstens sollten sie dann statt Freude Vergnügen jagen; denn Freude, tiefe Freude, die wirküch das Herz ausfüllt, Freude, die nicht aufhört, gibt es nur in der Gemeinschaft mit Gott. Ihr kennt jene schaurig große Erzählung des Alten Testaments von dem Gastmahl des Belsazar. Noch gingen die Wogen der Freude hoch, da erschien an der Wand jene geheimnisvolle Inschrift: Gewogen, gewogen, und zu leicht befunden. Gewiß eine eigenartige Erzählung und ein ganz einzigartiger Vorgang; aber ich übertreibe nicht mit dem Urteil, daß über aller Freude ohne Gott etwas von jenem Ge richtswort geschrieben steht, und das wache Gewissen liest es oder ahnt es wenigstens. Das ist der Wermutstropfen in aller Freude ohne Gott. Erst da, wo jene Inschrift ganz ausgelöscht ist, vermag der Mensch die Freude wirklich aus Gottes Hand hinzunehmen, und nun wird sie erst ganz Freude. Jetzt hat sie, auch selbst, wenn sie nur einen Augenblick währte, unendliche Dauer. Es bleibt von ihr ein Ertrag, der nicht wieder aufhört. Darum, aus Gottes Hand alle Freude hinnehmen, in der Gemeinschaft mit Gott sie durchleben, von 7* 1W Gottes Licht sie durchleuchten lassen, das erst macht Freude ganz zur Freude. Nun aber hörten wir aufs neue, wie Christus allein unser Friede ist mit Gott; er allein ist daher auch unsere Freude. Darum muß alle Predigt seit Ostern Christum zum Inhalt haben, lind aller christliche Glaube ist Christusglaube. Ich las, wie ein Prediger, der nicht Chri stum predigte, an einem Sonntag auf seiner Kanzel einen Zettel mit den Worten fand: Wir wollten Jesum gerne sehen. Das Wort packte ihn und ließ ihn nicht wieder los, bis daß er Christum zu predigen begann. Nach einiger Zeit fand er wieder einen Zettel, und nun standen die Worte aus unserm Evangelium darauf: Da wurden die Jünger froh, daß sie den Herrn sahen. Sehet da, der Weg zu unverwüstlicher Freude. Es gilt, Christum in alle Lagen des Lebens hineinzustellen und alle Lagen des Lebens in die Gemeinschaft des Herrn hineinzuziehen; denn es gibt keine Wirk lichkeit in unserm Leben, von der gar keine Beziehung zu Christus möglich wäre. Auch dazu ist er in die Wirklichkeit eines Menschen lebens eingetreten, daß wir unser Leben in allen Stücken nach seinen: Leben und in der Kraft seines Lebens gestalten könnten. Alles auch, was unserm Gott gehört, gehört um Jesu willen auch den Seinen. Natur, Kunst, Wissenschaft, persönliche Gemeinschaft der Menschen untereinander in allem können wir Gott begegnen und kann Gott unsere Freude sein. Insofern ist alle Christenfreude einheitlicher Natur: Christus, Gott selbst. Zugleich aber ist sie so mannigfaltig wie das Menschenleben selbst, gleichwie auch Christus in allem die Freude an seinem Vater erlebte, bis zum Tode am Kreuz. Wie bei ihm, so wird dann freilich auch bei uns die Freude an Gott immer wieder einmal Freude unter dem Kreuz sein müssen; aber Kreuz und Freude schließen sich so wenig aus, wie Freude und Tranen. Freude und Vergnügen sind unversöhnliche Gegensatze. Wo etwa jemand mit Tränen in den Augen an rauschenden Ver gnügungen teilnehmen muß, da tut uns das in der Seele weh. Wann dagegen scheint uns das Leuchten der Sonne am schönsten? Ich möchte glauben, wenn sie sich in den Tautropfen im Blütenkelch spiegelt, oder wenn sie über der Wiese leuchtet, über die in der Nacht das Gewitter zog, und nun glitzert und prangt alles im Lichte der Morgensonne. Lasset uns zu glauben wagen, daß auch alles Gewitter der Gegenwart zuletzt dazu helfen soll, die Ostersonne desto lieblicher leuchten zu lassen. Man möchte sagen, in schwerer Zeit ist alle Freude wie Sonnenschein, der durch Wolken bricht. 101 Die Freude in Gott hört nimmer auf und daher auch nicht die Freudig keit, die Freudigkeit nämlich zu allein Werk, das Gott uns befiehlt, solange der Tag wahrt. Friede sei mit euch, spricht Jesus. Darnach laßt er die Jünger seiner Gegenwart froh werden, und dann grüßt er sie abermals: Friede sei mit euch. Gleichwie die Jünger persönlich Inhaber des Friedens sein sollen, so sollen sie auch seine Boten sein in der Welt. Darum rüstet sie Jesus mit dem heiligen Geist und spricht dabei: Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen, und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. Welch ein Auftrag. Wo wäre in der Weltgeschichte ein Auftrag diesem Auftrag gleich. Die Jünger scheinen ja mit Jesus in eine Reihe zu treten; wie der Vater ihn sendet, so sendet er sie. Fortsetzer seines Werkes das sollen die Jünger sein dürfen. Vergessen wir es aber nicht: diesen ungeheuren Auftrag gibt der Herr den Jüngern nicht, ohne sie auf alle Weise für ihn zu r.üsten. Doppelter Friedensgruß, erlebte Freude, Ausrüstung mit dem Geist, das alles geht vorauf, ehe der Herr seine Jünger hinaussendet. Was sagt das uns? Das Christentum hat mannigfache Seiten an sich. Den einen scheint mehr die eine Seite, den andern mehr die andere Seite anzuziehen. Nach den natürlichen Gedanken unseres Herzens lockt vielleicht gerade den gesunden Menschen noch mehr die Arbeit, die Jesus für uns hat, als seine Gaben. Das macht, bei aller Arbeit für den Herrn kommen auch unsere natürlichen Gedanken noch mehr auf ihre Rech nung, vielleicht der natürliche Ehrgeiz, jedenfalls die natürliche Tat kraft; den Gaben des Herrn dagegen gegenüber bleiben wir lebenslang Bettler. Daher gibt es so in an che Christen, die für den Herrn ar beiten möchten, ohne zuallererst immer wieder von ihm sich schenken zu lassen. Merken wir es dann recht: alte Arbeit für den Herrn, ja, alle Arbeit im Sinne Jesu hat das zur Voraussetzung, daß wir per sönlich mit seinem Frieden und seiner Freude uns füllen lassen. Dann aber auch umgekehrt. Es gibt nicht wenig ernsthafte Christen, deren Leben im Grunde ein Frondienst ist. Sie meinen, eö sich schuldig zu seil,, nur für die Arbeit zu leben, und darüber ver kümmert ihre Seele. Du darfst und sollst dir sagen, daß es nach Jesu Willen das allererste sein muß, daß wir uns persönlich von ihm mit seinem Frieden und mit seiner Freude füllen lassen. Der Herr will 102 leuchtende Augen und ein fröhliches Herz in seiner Arbeit. Darum: zuerst persönlich Ostern und dann hinaus in die Arbeit. Indes, muß ich nun nicht etwa hier die Auslegung unseres Textes oder doch seine Anwendung auf uns abbrechen? Ist das Werk, daö Jesus den Jüngern befiehlt, nicht so einzigartig, daß sich jede Anwendung auf uns verbietet? In der Tat, es ist ganz einzigartige Aufgabe, die den Jüngern gestellt ist, unüberbietbar und unwieder- hotbar in der Geschichte der Kirche. Vielleicht müssen wir das gerade in unserer Kirche mehr als bisher lernen. Paulus spricht gelegentlich geradezu davon, daß die Kirche, deren Eckstein Jesus Christus ist, erbaut sei auf dem Grunde der Apostel. Indes, so sehr man das auch betonen mag, so hat der Auftrag Jesu an seine Jünger doch zugleich allen Gliedern der christlichen Gemeinde ein Dreifaches zu sagen. Zuerst erinnert ja auch jenes Pauluswort an seinem Teil daran, daß doch zuletzt die Jünger Jesu nicht als jene einzelnen Personen hier in Betracht kommen, sondern insofern die Gemeinde sich in ihnen darstellt. Jesu Wort gilt zuletzt der Gemeinde als solcher. Sic ist dafür verantwortlich, daß auch der Dienst deö besonderen Amtes in ihrer Mitte im Sinne Jesu ausgerichtet werde. Daher muß die Gemeinde wissen, worauf es für alle christliche Verkündigung in ihrer Mitte ankommt und wofür sie zu sorgen hat und verantwortlich ist. Darüber wäre in Auslegung unseres Wortes ja außerordentlich viel zu sagen. Ich muß mich hier darauf beschranken, zwei Punkte nachdrücklich herauszuheben. Einmal erfahren wir aus diesem Herrenwort, welchen Inhalt alle Verkündigung, wenn sie nach seinem Willen gescheheil soll, haben muß: sie muß Zeugnis von der Vergebung der Sünden sein. Manchen Besuchern unserer Gottesdienste wird es freilich fast zu viel, daß immer wieder von der Vergebung der Sünden die Rede sein soll. Wir können nur bitten, daß es ihnen nicht zu viel sei. Die Kirche Jesu hat zuletzt nun einmal keinen anderen Schatz als die Vergebung der Sünden, und du selbst bedarfst zuletzt keines anderen Gutes so sehr als der Vergebung der Sünden. Sodann aber erinnere uns unser Wort, daß die Gemeinde Jesu von dieser Vergebung der Sünden nicht etwa bloß reden darf oder gar nur allerlei über sie lehren; sie soll vielmehr die Vergebung der Sünden wirksam darbieten und zugleich den Ausschluß derer vollziehen, die sich selbst von dieser Ver gebung ausschließen. Diese Vollmacht, Sünden zu vergeben, übt die Kirche in jeder Beichte und in unserer Landeskirche sonntaglicb durch das AbsolutioirSwort nach der Predigt. Aber nicht bloß das. 10Z Alle evangelische Predigt soll selbst immer wieder wirksame Dar bietung der Vergebung der Sünden sein. Darum laßt es euch ge fallen, daß die Predigt immer wieder zum Seelsorger an den einzelnen werden möchte, und daß sie mit den Hörern ringt, die Vergebung in ihre Seele hineinzusprechen. Das ist die eigentümliche Herrlichkeit des neutestamentlichen PredigtamteS, daß es Dienst an der Ver gebung der Sünden ist. Freilich ganz und gar nicht so, als ob dadurch für dieses Amt selbst oder gar für seinen Trager ein besonderer Cha rakter begründet würde. Davon weiß unsere Kirche nichts. Vielmehr hat Luther sie gerade gelehrt und das ist das zweite, woran dieser Sonntag uns erinnern soll , daß jede rechte Berufs arbeit, im Namen des Auferstandenen geschehen, Gottesdienst ist. Es bedarf eben innerhalb der Gemeinde Jesu eines doppelten Berufes. Gottes Reich soll sich in dieser Welt durchsetzen darin liegt im Grunde alles, und es kommt nur darauf an, die beiden Seiten, die in diesen Worten stecken, gleichmäßig zu unterstreichen. Gottes Reich soll sich durchsetzen; dem dient alle Arbeit des Predigtamtes. Gottes Reich soll sich aber in der Welt durchsetzen; daher müssen Gottes Schöpfergedanken über diese Welt und in dieser Welt zur Herrschaft kommen. Dazu soll alle andere Berufsarbeit dienen. Auch sie ist Gottesdienst, wenn sie im Namen Jesu geschieht, ja, der Christ soll dann auch in ihr eine Sendung seines Gottes erleben. Und dieser Sonntag will uns bitten, daß wir aus der österlichen Zeit in die Arbeit nicht hinaustreten, ohne für den Beruf, in dem jeder von unv steht, die Gewißheit mitzunehmen: auch in diesem Beruf stehst du in deines Hen n Namen, und du darfst und sollst auch in ihm deines Herrn Ruhm verkündigen. Denn das ist daS dritte, was hier gesagt werden muß. Gilt Jesu Wort in unserin Text der ganzen Gemeinde, dann gilt eS notwendig auch an seinem Teil jedem rechten Glied dieser Gemeinde. Alle Jünger Jesu sollen sich als seine Sendboten wissen, die seinen Auftrag in dieser Welt auszurichten haben. Zu einem solchen Zeugnis von ihn, soll die ganze Ausrichtung des LebenSberufeS sich gestalten, aber auch darüber hinaus sucht und erwartet der Herr von den Seinen mannigfaches Zeugnis. Und nun möchte ich, wie ihr wißt, immer wie der predigen können, wieviel gerade für die Zukunft unserer Kirche darauf ankommt, daß alle Christen auf diese ihre Zeugenpflicht sich besinnen. Man rühmt heute, daß draußen in den Schützengräben vielfach das, waS wir das Priestertum aller Glaubigen nennen, lebendig geworden sei; fast möchte man heute schon fürchten, daß 104 manches, was man gesagt hat, übertrieben war. Indes, dabei wird es bleiben, daß Gott uns draußen an manchen Orten viel mehr von der Gewalt allgemeinen christlichen Zeugnisses gezeigt hat, als wir vielleicht zu hoffen wagten. Möchte denn nur daheim niemand von den Brüdern draußen sich beschämen lassen. Es gilt ohne Übertreibung: die Zukunft unserer Kirche hangt geradezu daran, daß das Bewußtsein um die allgemeine Zeugenpflicht aller Christen in ihrer Mitte lebendig wird. Für diesen Gedanken möchte ich aber nicht am wenigsten euch gewinnen, meine lieben jungen Brüder, die ihr heute ein neues Semester der Arbeit unter uns beginnt; Neues muß sich ja ganz be sonders durch die Arbeit der Jugend durchsetzen. Nun sind freilich die Gedanken von der allgemeinen Zeugenpflicht aller Christen ganz und gar nichts Neues, sondern etwas sehr Altes, Uraltes und Refor matorisches; aber diese Gedanken waren vielfach mitten in der Ge meinde Jesu unter den Leuchter gestellt. Ihr sollt ringen, daß sie wieder auf den Leuchter gestellt werden. DaS gilt dann selbstverständ lich den Nichttheologen ebenso wie den Theologen. Man muß ja auch, von dem Zusammenhang unseres Textes ganz abgesehen, fragen, ob es denn mit dem Anspruch allgemeiner Bildung sich vertrage, an den Fragen der Kirche vorüberzugehen. Jedenfalls, Jünger Jesu sollen wissen, daß sie auch die Zeit der Vorbereitung auf ihren be sonderen Beruf zugleich zu einer Vorbereitung auf den Dienst an der Kirche gestalten müssen. Haltet es auch nicht für etwas Geringes, so euch für den Dienst an der Kirche zu rüsten. Wir wissen, wie draußen im Feld auch der einzelne Mann unentbehrlich ist und wieviel auf ihn ankommt. Wohl, so wollen wir uns recht sagen, daß für die Arbeit, die die Zukunft der Kirche uns bringt, erst recht kein Mann entbehrt werden kann. Darum ruft uns der Auferstandene heute aufs neue in seine Nachfolge. Ostern habt ihr, meine lieben jungen Brüder, hin und her in den Kirchen der Heimat gefeiert. Heute tretet zusammen, daß wir mit einander uns unter die Siegesfahne des Auferstandenen stellen. Unter siegreicher Fahne zu kämpfen, hat ja nach aller Empfindung etwas unmittelbar mit sich Fortreißendes. Nun wohl: Jesus siegt; Jesus herrscht; Jesus triumphiert. Ihr mit ihm. Wir mit ihm. Das sei unser Dank für die Osterbeute, die der Auferstandene aus dein Grab mitgebracht hat. Amen.Jubilate jauchzet! Am Sonntag Jubilate, i.j. Mai 1916. E . Johannes 12, 20 26: Es waren aber etliche Griechen unter denen, die hinaufkommen waren, daß sie anbeteten auf das Fest. Die traten zu Philippus, der von Bethsaida aus Galiläa war, baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesum gerne sehen. Philippus kommt und saget s Andreas, und Philippus und Andreas sagten s weiter Jesu. Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist kommen, daß des Menschen Soh verkläret werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es sei denn, daß das Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt s allein; wo es aber er sticket, so bringet s viele Früchte. Wer sein Leben lieb hat, der wird s ver lieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasset, der wird s erhalten zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren. , Jubilate, jauchzet, welch ein ungewohnter Klang ist das dieser Zeit. Kann er auch in diesem Jahr uns etwas sagen? Ja, darf er es? Unser Texteswort mag uns zu einer Antwort helfen. Auch in ihm scheint zunächst so gar kein Jubilate-Ton laut zu werden; eher möchte man das Gegenteil heraushören. Im Anfang redet er von einem Sterben, im Fortgang von einem Verlieren und Hassen des Lebens, am Ende von einem Dienen, das im Sinne Jesu auch ein Dienet bis zum Tode ist, wo bleibt da Raum für ein Jubilate? Wenn gleichwohl unsere Kirche dies Schriftwort für den heu tigen Sonntag uns bietet, dann muß eS wohl mit den: Jubilate des Sonntags eine besondere Bewandtnis haben. In der Tat, um es sogleich am Anfang auszusprechen: für ein Jubilate, wie die Welt es gewöhnlich versteht, wäre in dieser schweren Zeit kein Raum; aber ein solches Jubilate meint der heutige Sonntag auch nicht. Die Freude, zu der er auffordern möchte, führt vielmehr in die Tiefe. Es gibt eben eine doppelte Freude. Die eine erwächst aus dem Gegenstände selbst, das ist die natürliche Freude, und sie hat an ihre , Ort auch ihr gutes Recht. Die andere Freude dagegen muß durch lauter Gegensätze hindurch: ja, sie erwachst in, Grunde aus Gegen, 106 satzen, und das ist die besondere christliche Freude. Für die Freude im ersten Sinn ist freilich im Krieg nur sehr beschränkter Raum. Wir freuen uns über die Siege unseres Volkes; wir freuen mi? über alles Große und menschlich Schöne, das auch im Kriege noch offenbar wird; aber an dein Kriege selbst kann kein Jünger Jesu Freude haben. Ich meine auch, alle ernsten Menschen, auch wenn sie am Anfang des Krieges noch so starke Kriegsschwarmer waren, müßten heute empfinden, eine wie schwere Heimsuchung selbst ein siegreicher Krieg für ein Volk ist. Aber, eben weil das so ist, und je lebhafter ein Jünger Jesu das empfindet, um so mehr hat er unter dem Grauen des Krieges zur Christenfreude Anlaß. Daß wir Jünger Jesu auch dem Kriege noch etwas gegenüberstellen können, daß wir ein Glauben und ein Lieben und ein Hoffen kennen, das auch noch den Krieg überwindet, das mag wohl ein heiliges Jubilate auf die Lip pen legen. Nun redet freilich unser Text nicht unmittelbar von der Freude, die auch im Kriege noch möglich ist. Aber dadurch macht er auch zu dieser Freude Mut, daß er überhaupt die Freude preist, die aus den, Gegensatz erwachst. Jubilate, ihr Jünger Jesu: mitten unter allem, was eure Freude zu hindern scheint, wagt dennoch zu jauchzen. Jubilate! Denn l.: Was ist alles Sterben? Ein Weg zum Frucht bringen; 2.: Was rst der Verlust des Lebens? Lauter Gewinn; z.: Was endlich ist alles Dienen? Nur ein Weg zum Herrschen. l. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, es sei denn, daß das Weizen korn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt es allein; wo es aber erstirbt, bringt es viele Früchte so beginnt unser Text. Jesus aber hat das Wort in einem großen Augenblick seines Lebens, unmittelbar im Angesicht des Todes gesprochen. Nun hat auch unser Herr vor dem Tode tiefes Grauen empfunden, ja, so gewiß er nach jenem andern tiefsinnigen Wort das Leben in sich selbst hatte, mußte er wohl das Grauen vor dem Tode in ganz einzigartigem Maß durchleben. Gleichwohl spricht er unmittelbar vor unserm Text: Die Zeit ist gekommen, daß des Menschen Sohn verklart werde. Woher kommt dem Herrn diese freudige Zuversicht? Einige Griechen, Heiden, die zum jüdischen Passahfest nach Jerusalem gekommen waren, hatten den Wunsch geäußert, Jesum zu sehen. Das wird dem Herrn eine Weissagung, daß für sein Leben jetzt der Wendepunkt gekommen sei: aus der Niedrigkeit und Verborgenheit 107 sieht er seine Sache zu einer weltbewegenden Sache werden; auch der Blick auf den Tod macht ihn an dieser Gewißheit nicht irre. In dieser Stunde weiß er vielmehr, daß gerade der Tod jene Wende schaf fen muß. Oder muß nicht das Weizenkorn erst in der Erde sterben, damit es viel Frucht bringen kann? Anschaulich malt Jesus diesen Gedanken. Würde das Weizenkorn nicht in die Erde fallen, so bliebe es allein; indem es dagegen in der Erde verwest, bringt es viele Frucht. Gleicl, also, sagt Jesus sich selbst, muß auch ich durch Sterben hindurch, damit meine Sache zum Ziele und zum Siege komme. Wir aber wissen heute, in welchen: Umfange sich diese Erwartung Jesu erfüllt hat. In den Tagen seines Erdenlebens war Jesus ein einsamer Mann, der nur einen kleinen Kreis von Jüngern um sich versammelt hatte, und auch diese Jünger haben ihn im Grunde nicht verstanden, und an keinem von ihnen ist Jesu Arbeit ganz zun: Ziele gekommen. Durch sein Sterben hindurch ist dagegen Jesus zu dem Herrn und Haupt einer Gemeinde geworden, die durch ihn und in ihn: Ge meinschaft mit dem Vater hat, und diese Gemeinde soll in steigendem Maße sich über den ganzen Erdkreis ausbreiten. Das sieht Jesus im Geist in dieser Stunde, und das weckt ein heimliches Jubilate. Nun aber nennt Jesus es ein allgemeines Gesetz des Lebens: durch Sterben zum Fruchtbringen. Meint ihr nicht auch, daß, wenn wir das wirklich verstehen, es auch in unserer Seele mitten in der Welt des Todes ein heiliges Jubilate wecken muß? Was ist denn natür licherweise das Sterben? Das Ende einer Arbeit; der Abbruch aller Hoffnungen und Erwartungen. Nicht also, sagt Jesus, sollt ihr, meine Jünger, es ansehen. Für euch sei das Sterben ein Weg zum Fruchtbringen. Etwas aber von diesen: Gesetz sehen wir auch in der Weltgeschichte sich erfüllen. Immer wieder hat man an den Grabern der Großen im Gebiete des Geisteslebens Klage geführt, daß mit ihnen Unwieder bringliches für die Menschheit verlorengegangen sei. Und was ge schah? Hatten jene Manner der Menschheit wirklich etwas zu sagen, dann hat sich das vielleicht gerade erst nach ihrem Tode ganz durch gesetzt. Es war, als müßte die Person erst sterben, damit die Sache siegen könne. In anderer Weise sehen wir in der Gegenwart eine Erfüllung unseres Textworteö in großem Stil. Wie oft haben wir Klage geführt, daß gegenwärtig so viel wertvolles Menschenleben draußen in fremder Erde begraben werde. Wir haben viel Grund zu dieser Klage; aber spüren wir nicht doch auch von dem andern schon 108 heute etwas, daß aus der Todessaat für unser Volk eine Ernte des Lebens erwachsen soll? Jedenfalls, wie möchte ich diesen Gedanken jenen allen, die ihr Teuerstes in fremde Erde legen mußten, groß machen können. Eure Kinder und Gatten sind nicht umsonst gestorben und sollen es nicht. Sorgen wir nur dafür, daß aus ihren Gräbern wirkliche Frucht erwachse. Beispiele in großem Stil. Im kleinen mag sich aber auch in jeden? einzelnen Menschenleben etwas von den Worten unseres Textes erfüllen. Wie manches Kind versteht erst ganz nach dem Tode der Eltern, was es an Vater und Mutter gehabt hat. Auch hier war es, als könne der Segen der Persönlichkeit sich erst da ganz entfalten, wo das Menschliche und vielleicht allzu Menschliche von den Eltern abgefallen war. Wir klagen wohl, daß die Liebe so leicht die Toten allzu stark idealisiere. Zu der Klage ist ernstlicher Anlaß. Aber ver gessen wir auch das andere nicht, daß oft genug wirklich der WesenS- kern einer Persönlichkeit sich erst dann ganz für uns enthüllt, wenn die äußere Hülle abgefallen ist. Jedenfalls, es braucht keine Redens art zu sein, wenn man an Särgen und Gräbern gelobt, daß das Ge dächtnis des Gestorbenen in Segen bleiben solle. Und wieder möchte ich es allen, die an Gräbern klagen, sagen können: es steht ja ganz bei uns, ob unsere Toten für uns tot sind. Sorgen wir nur dafür, daß die Gemeinschaft, die wir mit ihnen hatten und haben, wirk lich für unser Leben die Frucht bringe, die sie nach GotteS Willen bringen sollte. Indes, es wäre eine sehr unvollkommene Auslegung unseres Textes, wenn ich eS bei diesen Beobachtungen lassen wollte. Bon dem äußeren Sterben gilt das Gesetz unseres Textes keineswegs olme weiteres. Dagegen dann gilt es ohne Einschränkung, wenn ich sage: kein Menschenleben kann wirklich Frucht bringen, das nicht durch ein inneres Sterben hindurchginge. Spreche ich aber in diesen? Sinne das Wort Jesu nach, dann wage ich freilich ein ungeheuer großes Wort, und ich möchte wohl, daß wir eS nicht zu flüchtig hörten und ihm auch nicht zu schnell zustimmten. Sterben heißt absterben. Das soll also, um es einmal so auszudrücken, der Weg zum Erfolg sein? Unsere natürlichen Gedanken sind völlig andere. Wer sich in der Welt durchsetzen will, nun wohl, der muß sich eben durch setzen, oder, um es noch platter auszudrücken, er muß, wie man wohl sagt, die Ellenbogen gebrauchen lernen. Jesus dagegen wU une lehren, daß es nur durch innerliches Sterben hindurch zu einem wirk lichen Fruchtbringen komme. 109 In der Tat, so ist es, und das gilt in einein doppelten Sinne. Einmal muß unsere ganze natürliche Eigenart in steigendem Maße in den Tod gegeben werden, wenn wir wirklich andern etwas sein wollen. Wie oft wundern wir uns, daß dieser oder jener, der doch die Wahrheit will oder vielleicht hat, andern nicht in höherem Grade ein Segen wurde. In unzahligen Fallen liegt es nur daran, daß seine Eigenart sie abstößt. Um es einmal in biblischer Sprache aus zudrücken: der neue Mensch in ihm könnte Frucht bringen, aber der alte hindert das Land. Vielleicht sind auch wir selbst je und dann zu der Klage geneigt, daß unsere besten Absichten verkannt werden und unsere Arbeit an andern vergeblich bleibe. Fragen wir uns dann im nier wieder zuallererst einmal, ob nicht etwa die Schuld bei uns selbst liege. Soll Jesus Christus wirklich durch mich wirken, dann muß das eigene Ich ausgestrichen sein. Jesus Christus hat Gewalt über die Herzen und zwingt die Menschen zu seinen Füßen. Vor meinem Ich dagegen beugt sich kein anderes Ich und soll es auch nicht. Das führt auf das Zweite. Wollen wir unsern Hausgenossen, unfern Freunden, der Gemeinde Jesu etwas im Sinne Jesu sein, so müssen wir zuallererst selbst etwas im Sinne Jesu geworden sein. Das aber geht nur durch inneres Sterben hindurch. Zwar, wir können auch ohne das tugendhafte Menschen sein, ja, wir können Frömmig keit besitzen und weitergeben, aber das ist dann die Frömmigkeit des natürlichen Menschen und nicht die Frömmigkeit, die Jesus bei den Seinen sucht. Um es noch einmal zu sagen: soll er in uns wirken, so muß das alte Wesen in uns sterben. Nur durch Sterben kommt eS zu einem Fruchtbringen im Sinne Jesu. Aber auch umgekehrt. Überall da, wo ein Mensch in das Sterben Christi mit hineingezogen wird, soll eS auch zu einem Fruchtbringen mit Christo kommen. DaS ist das heimliche Jubilate, das in unserm Text sich verbirgt. Wie mancher ernste Christ zerqualt sich in dem Gedanken, wie es bei ihm zu einem rechten Fruchtbringen für den Herrn kommen könne. Hier ist der Weg. Weigere dich nicht, wenn dein Gott dich immer starker in inneren und äußeren Führungen des Lebens, insonderheit auch unter dem heiligen Kreuz in ein inneres Sterben hineinführt. Gerade so soll es zum Fruchtbringen bei dir kommen. Kennst du wohl den Verö: In meinem ganzen Werk und Wesen sei Jesus und sonst nichts zu lesen? Was ist das? Unser Leben soll wie ein aufgeschlagenes Buch sein, in dem von der Art Jeju etwas zu lesen ist. Wo jemandem ein aufgeschlagenes Buch unter die Augen 110 kommt, da sieht er unwillkürlich hinein. So können wir es gar nicht hindern, daß die Menschen, die mit uns in Berührung kommen^ unwillkürlich in dem Buch unseres Lebens lesen. Sorgen wir dann nur dafür, daß in ihm nicht viel von uns, dagegen viel von unserm Herrn Jesu Christo zu lesen ist; das Fruchtbringen wird dann von selbst sich finden. Darum, wenn dein Gott immer mehr die natür lichen Gedanken und Wünsche deines Herzens sterben heißt, dam: klage nicht bloß, sondern sage dir, daß mit dem allen nur die eigene Schrift in dem Buch deines Lebens ausgelöscht werden soll, damit desto mehr die Herrlichkeit deines Herrn an dir und durch dich offen bar werde. Das sei dein Trost, ja, dein heimliches Jubilate. Durch Sterben zum Fruchtbringen das ist das Erste. Ihr merkt aber bereits, in diesem Ersten steckt ein Zweites. Durch Sterben persönlich zu neuem Leben. Davon redet das zweite Wort unseres Textes. Wer sein Leben lieb hat, der wird es verlieren, und wer sein Leben auf dieser Welt hasset, der wird s erhalten zum ewigen Leben. Wer sein Leben lieb hat sagt Jesus. Wie selbstverständlich erscheint es aber, daß ein Mensch sein eigenes Leben lieb hat. Auch vor dem Angesicht Gottes, in der Kirche dürfen wir das sagen. Gott hat uns ja das Leben gegeben, wie sollte es nicht seinem Willen ent sprechen, daß wir es lieben? Mehr noch. Unter Umständen mag man es einem andern zur sittlichen Pflicht machen, sein Leben nicht zu verlieren. Du lebst dein Leben nur einmal; du darfst es nicht versäumen. Und doch warnt Jesus davor, das Leben lieb zu haben, und er gebietet geradezu, es zu hassen? So ist es. Wir verstehen alle, dünkt mich, ohne weiteres etwas von dein, was Jesus meint. Auch wer es noch nicht aussprechen könnte, ahnt doch, daß es etwas Großes und Wichtiges ist, was Jesus im Auge hat. Wir sind es ja auch von unsern tiefsten Denkern und Dichtern gewöhnt, daß wir bei ihnen ahnlichen Gedanken begegnen. In mannigfachen Wendungen klingt es auch durch ihre Worte: Stirb und werde! Und mehr noch. Wir können immer wieder an den andern und uns selbst etwas von der Wahrheit unseres Textes wortes erleben. Seht nur die Weise an, in der die meisten Menschen ihr Leben auszukaufen und zu gewinnen suchen. Auf der Jagd nach Gold die einen; auf der Jagd nach Genuß die andern; auf der Jagd nach Ehre die dritten; sie alle scheinen ihr Leben wirklich zu leben und meinen es vielleicht auch. In Wirklichkeit werden sie Knechte der Dinge, ohne die sie glauben nicht leben zu können. Sie meistern nicht das Leben, sondern verlieren sich an das Wechselspiel des Lebens und verlieren damit ihr wirkliches Leben. Umgekehrt, ich wage zu fragen: Was waren die gehobensten Augenblicke in unserm Leben? Waren es nicht jene Stunden, in denen wir wirklich einmal uns ganz vergaßen und nur an die Sache dachten und an die Sache unö ver loren? Als wir unS selbst zu vergessen und zu verlieren schienen, erlebten wir, wie gerade jetzt das Leben lebenSwert wurde. Auch hier ist wieder die Gegenwart ein Beispiel in großem Stil zu den Gedanken Jesu. Vor dem Kriege berauschten sich viele unserer jungen Manner an jener Philosophie, die daS schrankenlose SichauSleben als das Höchste preist, und auch da, wo man von dieser Philosophie nichts wußte, erschien es doch unserer Jugend weithin als die höchste Lebenskunst, sich selbst rückhaltlos sein Leben nach seinen Gedanken zu gestalten und sich selbst zu leben. Da kam der Krieg, und was geschah? Ebendieselben jungen Manner, die bisher nur an sich selbst zu denken schienen, vergaßen all ihre Zukunftsplane und all ihre eigenen Gedanken und lernten, sich ganz an die Sache des Vaterlandes verlieren. Was war das? Offenbar hatten sie mit all ihren Versuchen, das Leben zu gewinnen, das Leben doch nicht ge funden; jetzt, da die Forderung des Vaterlandes sie rief und die große Stunde sie mit sich fortriß, erlebten sie, daß es noch Höheres gibt als an sich selbst zu denken: sich selbst vergessen und an eine große Sache sich ganz verlieren, das wurde ihnen innerliche Befreiung und praktische Rettung. Alles das ist ein schwacher Schatten von dem, was Jesus zuletzt will. Alle seine Gedanken sind überall auf Gott bezogen; auch in unserm Textwort ist es nicht anders. Was Jesus im tiefsten Grunde sagen will, ist dies: wer in schlecht selbstischer Weise ohne Gott und außer Gott sein Leben lebt, der muß eS ohne Gott und außer Gott verlieren; wer es dagegen an Gott zu verlieren wagt, der wird es in ihm finden. In Jesu Sinn gibt es eben nur eine Form sittlich be rechtigter Selbstliebe: Gott zu lieben. Für unsere natürlichen Ge danken sind dagegen Gott und das eigene Leben Gegensatze oder treten mindestens doch nebeneinander. Wir möchten das eigene Leben behalten und wollen doch zugleich Gott lieben oder, wenn es hoch kommt, wir möchten Gott lieben und zugleich uns selbst. So kommt jenes unselige Christentum zustande, in welchem der Mensch im tiefsten Grunde sich selbst lebt und Gott nur als eine Art Hilfs- 112 diener für seine selbstischen Zwecke mißbrauchen mochte. In Wirklich keit ist dieser Versuch einer Vermittlung völlig unmöglich. Entweder wir wünschen unser Leben zu behalten, dann werden wir es verlieren, oder wir verlieren eö an Gott und erhalten eS zum ewigen Leben. Hier liegen die Schwierigkeiten, mit denen jede echte Bekehrung zu kämpfen hat. Was ist das Wesen der Bekehrung, und wie kommt sie zustande? Gott dringt in seinem Wort und in den Führungen des Lebens auf den Menschen ein, daß er ihn von sich selbst losmache und in seine Gemeinschaft hinüberziehe. Der Mensch spürt das, er ahnt vielleicht auch, daß es Seligkeit sein müsse, Gott zu haben, aber sollte er alles zu verlieren wagen, um nur Gott zu haben? Es erscheint dein Menschen wie ein Sprung ins Dunkle, wenn er sich ganz loslassen und Gott ergreifen soll. Da hebt das Ringen Gottes mit einer Menschenseele an, daß er sie ganz loslöse, das ergreifendste Schauspiel, welches es zwischen Himmel und Erde gibt. Wie lange muß oft Gott an einem Menschen arbeiten, ehe er zum Ziele kommt: immer gewaltiger, immer ernstlicher dringt er auf den Menschen ein, bis der Mensch endlich es wagt, sich selbst loszulassen und in die ewigen Arme Gottes zu flüchten. Und da er es wagt, weiß er sich fortan auf ewig in diesen Armen geborgen. Soll das nicht wieder ein heimliches Jubilate in unsern Herzen wecken? Also alles, was uns so schwer dünkt, geschieht nach Gottes Willen nur dazu, daß er uns von lins selbst losmache und desto inniger in seine Gemeinschaft hineinziehe? Ach, wir habe,? alle Gü ter, an denen unser Herz hangt, und die wir mit beiden Händen fest halten möchten. Wir sollen uns auch in der Kirche nicht schämen, das vor dem Angesichr Gottes zu bekennen. Es hat sein gutes mensch liches Recht, so gewiß Gott selbst diese Güter, vielleicht teure persön liche Güter, uns gegeben hat. Wenn dann aber Gott kommt und seine Hand nach diesen Gütern ausstreckt, dann gilt es die Probe. Legt er seine Hand an diese Güter, dann schreien wir auf: Herr, nur das nicht, nur das nicht, und wir versuchen, desto fester zu ergreifen, was Gott uns nehmen möchte. Da legt sich Gottes Hand auf unsere Hand, und eine barmherzige, milde Summe spricht: Laß nur, laß nur; wage nur, deine Hano zu lösen. Ich nehme nichts, ohne dir tausendfach zu geben. Wer sein Leben lieb hat, der wird es ver lieren; aber wer es in dieser Welt hasset, der wird eö erhalten zum ewigen Leben. Durch Sterben zu persönlichem Leben. Und durch Dienen zum Herrschen. 113 z Wer mir dienen will, der folge mir nach, und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein, und wer mir dienet, den wird mein Vater ehren. Das ist der Schluß unseres Textes. Wer durch Jesum das ewige Leben gewinnen will, muß Jesu Diener sein wollen, und wer sein Diener sein will, muß ihm überall dahin folgen, wohin Jesus voraufgeht. Wo ist denn Jesus? Überall da, wo es zu dienen gilt. Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele, so spricht Jesus, und so hat er es gehalten. Jesus war nicht unter den Herrschern der Welt, und man fand ihn nicht da, wo die bequemen Ruhesessel stehen. Wo Armut war und Not, Krankheit und Tod, Trauer und Klage, Verzagen und Ver zweifeln, da war Jesus. Wo sehr einsame Menschen waren, die sonst niemand hatten, da war Jesus; und seine Jünger, denen er Tag und Nacht zu dienen bereit war, kannten ihn. Und heute? Auch.heute ist Jesus gewiß nicht da, wo man immer noch in dieser schweren Zeit, so gut es geht, mit Recht oder Unrecht sein Leben genießen möchte. Er ist nicht da, wo man der Not des Vaterlandes vergißt und der Not der Brüder draußen. In den Schützengraben laßt unS ihn lieber suchen, bei denen, die christlich durchhalten möchten. In den Lazaretten ist er zu finden, wo man gern eine linde Hand hat und ein gutes Wort. Und bei den Sterben den ist Jesus; bei den Sterbenden, die den König der Schrecken kom men sehen und können nicht fliehen und wollen es nicht; bei den Sterbenden, die es auch jetzt durchleben, was Paulus sagt: Der Stachel des Todes ist die Sünde, und sie können doch nicht diesen Stachel herausziehen, bei ihnen ist Jesus, daß er diesen Stachel herausziehe und das verwundete Gewissen heile. Und wenn dann die brechenden Augen noch einmal die Mutter zu suchen und zu sehen scheinen und dann auch dies Bild vor den Augen zergeht, dann will unser Herr Jesus Christus gegenwärtig sein, daß er die Hand unter das sterbende Haupt schiebe und dem Sterbenden zuspreche: Wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Noch einmal: wo es zu dienen gilt, da ist Jesus. Seine Jünger aber sollen ihm auf diesen Wegen folgen. Dienen, dienen, dienen, das muß der Lebensinhalt eines Jüngers Jesu sein. Wieviel haben die ersten Jünger daran zu lernen gehabt. Sie träumten ja von Thronen, die im messianischen Königreich zur Rechten und Linken Ihmels: Aufwärts die Herzen. Z 114 des Königsthrones Jesu stehen sollten. Wie schwer lernen auch wir heute daran. Unsere natürlichen Gedanken sind wieder völlig andere. Mancher sagt wohl, und er meint, damit etwas recht Großes und Kluges zu sagen: Das Dienen liegt mir nun einmal nicht; ich bin eine Herrennatur. Welch törichte Rede! Als ob wir nicht von Haus aus alle Herrennaturen waren. Jesu Jünger dürfen nur die eine Losung kennen: Ich diene. Dünkt uns das auch heute noch schwer, dann laßt uns das letzte Jubilate aus unserm Text hören: Durch Dienen zum Herrschen. Wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Noch einmal denn: Wo ist JesuS? Wir antworten: Zur Rechten des Vaters, teilhaftig seines Lebens und seiner Herrschaft. Seine Diener sollen aber da sein, wo er ist. Auch ihr Weg geht durch Dienen zum Herrschen. Das ist Verheißung für die Zukunft. Sic soll aber d^m Anfang nach schon in der Gegenwart sich erfüllen. Ihr kennt das schöne Wort: Andern dienend, verzehre ich mich selbst. Es ist ober nur die eine Seite der Sache. Wo jemand im Sinne Jesu dient, da wird er nicht dem Lichte gleich, das sich selbst verzehrt, sondern der Flamme, die sich selbst zu nähren scheint. Wie alle Kraft im Üben wächst, so wächst das Leben, das aus Jesus Christus stammt, im Dienen seiner Voll endung entgegen. Und das Letzte? Mein Vater wird ihn ehren, spricht Jesus. Hier in der Zeit werden zumeist nicht die, welche dienen, sondern die, welche herrschen, geehrt. Aber auch einem König kann nichts Größeres widerfahren, als wenn er der erste Diener seines Volkes zu sein begehrt und das Volk ihn dankbar als solchen verehrt. Für uns alle ist nichts Höheres denkbar, als daß am großen Tage Jesu Christi jemand auch von uns sagt: Dieser hat auch mir gedient. Ihn wird der Vater ehren. Geht es auch höher hinauf? 5 5 5 Verstehen wir jetzt, was dieser Sonntag uns zu sagen hat und in welchem Sinn sein Jubilate gemeint ist? Man hat uns heute eine Umwertung aller Werte lehren wollen. Wir Jünger Jesu brauchen sie nicht erst zu lernen; unser Meister hat sie uns gelehrt: Sterben wird Durchgang zum Fruchtbringen, Verlust des Lebens zum Ge winn, Dienen zum Herrschen. Kurz, alles Miserere soll sich zu GotteS Stunde in lauter Jubilate wandeln. Gebe uns Gott, daß du und ich das erleben. Amen.Was wird aus unserm Leben im Licht der Himmelfahrt Jesu? Am Himmelfahrtsfest, i. Juni 1916. Apostelgeschichte i, 12: Die erste Rede habe ich zwar getan, lieber Teophile, von alle dem, das Jesus anfing, beides, zu tun und zu lehren, bis an den Tag, da er aufgenommen ward, nachdem er den Aposteln (welche er er wählet hatte) durch den heiligen Geist Befehl getan hatte, welchen er sich nach seinem Leiden lebendig erzeigt hatte durch mancherlei Erweisungen, und ließ sich sehen unter ihnen vierzig Tage lang und redete mit ihnen vom Reich Gottes. Und als er sie versammelt hatte, befahl er ihnen, daß sie nicht von Jerusalem wichen, sondern warteten auf die Verheißung des Vaters, welche ihr habt gehöret, sprach er, von mir. Denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber sollt mit dem heiligen Geist getaust werden nicht lange nach diesen Tagen. Die aber, so zusammengekommen waren, fragten ihn und sprachen: Herr, wirst du auf diese Zeit wieder aufrichten das Reich Israel? Er sprach aber zu ihnen: Es gebühret euch nicht, zu wissen Zeit oder Stunde, welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat; sondern ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, welcher auf euch kom men wird, und werdet meine Zeugen sein zu Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde. Und da er solches gesagt, ward er aufgehoben zusehends, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg. Und als sie ihm nachsahen gen Himmel fahrend, siehe, da standen bei ihnen zween Männer in weißen Kleidern, welche auch sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr und sehet gen Himmel? Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen gen Himmel, wird kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren. Da wandten sie um gen Jerusalem von dem Berge, der da heißt der Slberg, welcher ist nahe bei Jerusalem, einen Sabbatweg davon. Himmelfahrtsfest, wie wirkt das Wort heute auf uns? Wie ein Wort aus einer ganz andern Welt nutet es uns an, und es weist ja wirklich in eine völlig andere Welt, als wie nur sie zumal heute erleben. Denn, was ist der Himmel? Ja, was ist der Himmel? Wer wagt, davon in der Sprache der Erde, die doch in den Anschauungs formeln des Raumes und der Zeit festgebannt ist, recht zu reden? Der Himmel ist die Stätte und nun spreche ich bereits notwendig g 116 in der A lschauungsform des Raumes der Himmel ist die Stätte, da Gott in ewiger Gegenwart und wieder rede ich in der Anschau- ungsform der Zeit , die Statte, da Gott in ewiger Gegenwart seine Herrlichkeit den Seinen zu schauen gibt und ein dreimal Heilig ihm antwortet, da Gottes Königsherrschaft sich durchsetzt und da sein guter, gnadiger Wille geschieht in majestätischer Sicherheit. Das ist der Himmel. Und die Erde? Die Erde heute erleben wir es ist die Statte, da jeder kleine Mensch seinen Willen durchsetzen möchte, da jedes Volk die Herschaft für sich zu begehren scheint, und da man immer wieder Gottes Namen zu dem allen mißbraucht. Der Himmel ist die Stätte ewiger göttlicher Harmonie, vollendeter Seligkeit, lichter Klarheit. Die Erde ist die Stätte, die heute das Blut der eigenen Kinder trinkt, die tiefe Nacht über unzählige Häuser und Herzen bringt, ja, die heute selbst das, was auf ihr leuchtet, in ewige Nacht zu versenken scheint. Und nun die Himmelfahrtspredigt: Von dieser Erde ist der Sohn Gottes zum Vater heimgekehrt, daß er seine Gemeinde nach sich ziehe und den großen Tag herausführe, der doch kein Tag mehr sein wird, da Himmel und Erde eins sein werden. Das ist die Himmelfahrts predigt. Noch einmal: was empfinden wir unter dieser Predigt? Gewiß möchten nicht wenige bitten: Laß diese Predigt heute weg! Mag die Kirche mit ihr recht haben und nicht alles Phantasie sein, so laß doch heute diese Predigt weg. Denn heute geht es nun einmal nicht um das Himmelreich, sondern um der Welt Reiche. Nicht um einen Platz im Himmel, sondern um einen Platz auf der Erde kämpfen wir, und wenn unser Volk wieder zu träumen beginnen sollte, und wäre es auch den Traum des Himmel reichs, so möchte unterdessen unter dem Himmel für uns kein Platz mehr sein. Wir verstehen diese Stimmen wohl, und doch sagen sie uns nur, daß die Himmelfahrtspredigt heute erst recht nötig ist. Es bleibt doch dabei, daß wir in den Himmel hinein gehören, und daß auch unser Volk einen Beruf fürs Himmelreich hat, und daß auch der ganzen Menschheit Ziele überwarts liegen. Es gilt gerade auch heute: wir müssen Menschen der Sehnsucht bleiben. Andere unter uns verstehen das heute fast möchte ich sagen nur allzu gut. Was sie in dieser Zeit aufrecht hält, ist im Grunde nur die Predigt vom Himmel, und wenn es nach ihnen ginge, dürfte in der Predigt überhaupt kein anderes Wort fallen. Sie, mit denen wir so tief empfinden, müssen sich doch gerade von: Himmelfahrtsfest das andere predigen lassen, daß wir Menschen, solange wir auf Erden sind, auch auf die Erde gehören und an all ihren Kämpfen und an 117 all ihrer Arbeit teilhaben müssen. Es bleibt auch dabei: wir müssen Menschen der Arbeit und des Kampfes sein. Aber beides zugleich: Menschen der Sehnsucht und Menschen der Arbeit - verträgt sich beides wirklich zusammen? Jawohl, es geht zur Einheit zusammen; denn wir sollen Menschen des Gei stes sein. So laßt mich denn auch heute zu fragen wagen: Was wird aus unserm Leben im Licht der Himmelfahrt Jesu? Ich ant worte: i. ein Leben voll heiligen Sehnens; 2. ein Leben voll heiligen Ringens; -z. ein Leben voll heiligen Geistes. Unser Text versetzt uns in die Abschiedsstunde des auferstandenen Herrn. Auch nach seiner Auferstehung ist er noch mehrere Wochen hindurch immer wieder den Seinen erschienen und hat sie über das Reich Gotteö unterwiesen. Jetzt soll daS aufhören und die Zusage sich erfüllen, daß der andere Tröster, der heilige Geist, ihn für immer bei den Seinen vertreten solle. Davon redet Jesus zu seinen Jüngern und gebietet ihnen, in Jerusalem auf die Verheißung des Vaters zu warten, die ihr fügt er hinzu von mir gehört habt. Jawohl, die Jünger hatten diese Verheißung gehört, und sie hören aufs neue, daß sie nicht lange nach diesen Tagen mit dem Geist getauft werden sollen; aber sie haben früher die Verheißung nicht verstanden und verstehen sie auch jetzt noch nicht ganz. Herr, wirst du auf diese Zeit wieder aufrichten das Reich Israel?, so fragen sie. Was ist das? Offenbar sind die äußeren Messiashoffnungen auch in dieser Stunde von den Jüngern noch nicht ganz überwunden, und aus den Worten Jesu schöpfen sie neue Hoffnung, daß ihre Sehn sucht nach einer Aufrichtung des Reiches Israel sich jetzt erfüllen werde. Und Jesus? Jesus nimmt an ihren Gedanken eine leise Korrektur vor und sucht sie in andere Bahnen zu lenken. Er lehnt es ab, über Zeit und Stunde der Aufrichtung seines Reiches etwas zu sagen. Er deutet an, daß dieses Reich nicht bloß Israel, sondern allen bis an die Enden der Erde gehören werde, und vor allem weist er die Jünger in die Arbeit; aber an der Sehnsucht der Jünger selbst nach einer Aufrichtung des Reiches nimmt er keine Korrektur vor. WaS an ihr verkehrt ist, wird Jesus weiß es Pfingsten schon hinfallen; die Sehnsucht selbst dagegen will Jesus seinen Jüngern nicht nehmen. Sie ziemt denen, die an ihn glauben. 118 In Wahrheit: Menschen, die an den glauben, der zur Rechten Gottes sitzt, müssen Menschen der Sehnsucht sein. Denn was be deutet das, daß Jesu Leben im Himmel endete? Daö bedeutet not wendig, daß auch daö Leben der Seinen und der Gemeinde in der Herrlichkeit des Vaters enden muß. Oder: lasset auch ein Haupt sein Glied, welches es nicht nach sich zieht? Wohl mag es uns schwer, ja unmöglich sein, von der Vollendungsgestalt des Reiches Gottes uns ein deutliches Bild zu machen; aber über die Tatsache, daß es -.u einer solchen Vollendung kommen wird, kann bei den Jüngern c es aufgefahrenen Herrn kein Zweifel sein. Wer die Wirklichkeit des Reiches Gottes in sich und seiner Umgebung erlebt, wartet not wendig auch auf eine Vollendung dieses Reiches. Seht nur die Jün ger an. Gewiß sind sie nach Pfingsten im Glauben an den erhöhten Herrn ganz andere Menschen geworden; aber Menschen der Sehnsucht blieben sie auch jetzt, und jetzt erst recht. Im Grunde hatte ihr ganzes Leben fortan nur einen Inhalt: Dein Reich komme. Darum, hier sollen alle die aufhorchen, die von jener wunder baren Sehnsucht wissen, die in den Tiefen des MenschenherzenS angelegt ist. Wir sind die Sehnsucht", so heißt der Titel einer mo dernen Gedichtsammlung. Warum spricht ein solcher Titel unmittel bar zu Herzen? Stammt das nicht daher, daß jedem lebendigen Menschen jenes geheimnisvolle Sehnen bekannt ist, das vom Men schenwesen unabtrennbar zu sein scheint? Aus der Enge strebt es in die Weite; aus dem Verlassenscin nach Trost; es begleitet uns aber auch in den Tagen des Glückes, ja bricht oft genug auf den Höhe punkten des Glückes vollends mit elementarer Gewalt hervor. Wohl kann dieses Sehnen krankhaft werden; es gibt ein Tändeln mit ihm, ein sentimentales Spiel mit der Sehnsucht, das jedem gesunden Men schen ein Ekel sein muß. Daraus folgt nur ganz und gar nicht, daß wir jene Sehnsucht selbst in uns töten dürften oder auch nur könnten. Es gibt freilich wieder Menschen, die das für ihre Aufgabe halten und vielleicht sich auch rühmen, alle sentimentalen Anwandlungen, wie sie dann gern sagen, überwunden zu haben: Menschen mit toten Augen und toten Herzen. Sollten sie uns wirklich die Lebenskunst lehren können? Ach, es gehört viel dazu, jenes geheimnisvolle, dein Menschen selbst unerklärbare Verlangen des Herzens auszulöschen. Vornehmes Lächeln kann eS für einen Augenblick zurückdrängen, aber es bricht sich selbst durch viel Schutt deS Alltags und der Sünde immer wieder Bahn, gleichwie der Gebirgsbach immer wieder durch alles Geröll, daö sich ihm in den Weg wirft, hindurchbricht. Darum, 119 niemand soll sich schämen, wenn auch ihn immer wieder noch jenes geheimnisvolle Sehnen packt. Er lasse sich nur vom Himmelfahrtsfest für seine Erfüllung in die rechte Richtung weisen. Wie geht das denn zu, daß jene Sehnsucht sich nicht selten gerade auch auf den Höhepunkten des Lebens besonders lebhaft meldet? Ist das nicht allein Beweis, daß auf der Erde die Fülle nicht wohnt? Im Himmel ist gut wohnen; hinauf steht mein Begier. Freilich, ich weiß wohl, auch dies Begehren nach dem, was im Himmel ist, kann krankhaft werden. Wann ist es gesund, und wann wird es gesund? Wir müssen die Himmelfahrtsbotschaft bis zu Ende hören, und damit wir sie heute wirklich hören, laßt mich zuerst eine andere Er innerung einschieben. Wir müssen die große Lektion lernen, die unsere Zeit uns lehren will. Was lehrt uns denn unsere Zeit? Gewiß vieles; ich denke aber nicht am wenigsten doch auch dies, daß es verkehrt, ja, im tiefsten Grunde unmöglich ist, ein Glück für sich allein zu be gehren. Unsere Zeit predigt gewaltig davon, daß der einzelne nichts ist, sondern nur etwas in dein Zusammenhang, in den er hineingehört, daß nur in diesem Zusammenhang sein persönliches Leben sich ganz entfalten kann und er auch nur in diesem Zusammenhang im tiefsten Grunde Glück begehren und finden kann. Sollte ich daS heute lehr haft beweisen müssen? Ich will nur fragen: sollten wirklich jene glücklich sein, die auch heute noch ihre Sache von der Sache ihres Vaterlandes zu trennen versuchen; jene armen, elenden Menschen, die auch heute nur an sich selbst denken, vielleicht an ihren Geldschrank, oder gar nur an ihren Küchenschrank? Nicht erst der Geist der Zeit hat sie gerichtet; sie selbst haben sich gerichtet, als sie von dem Erleben ihres Volkes sich ausschlössen. Sollte uns das nicht auch etwas für unser Verhältnis zu Gott sagen? Auch hier gilt, daß es zuletzt verkehrte Selbstsucht und in sich selbst unmöglich ist, Seligkeit für sich allein und vielleicht nur noch für die, die wir in besonderem Sinne lieb haben, zu begehren. Himmel- fahrtSfest predigt wenigstens nicht von einem besonderen Himmel für die einzelnen, sondern von einer Vollendung des Reiches Gottes, die dann freilich auch unsere Vollendung sein wird. Als die Jünger nach der Erzählung unseres Textes dem von ihnen Scheidenden nach sahen, sagten die Engel ihnen nicht etwa, daß sie über ein Kleines ihrem Herrn folgen würden, sondern sie verhießen ihnen, daß dieser Jesus, der jetzt gen Himmel fahre, wiederkommen werde, wie sie ihn auffahren sahen. Das Wort haben die Jünger festgehalten. In dieser Stun.de ahnen sie, und später haben sie es vollends verstanden, daß 120 Jesus dann die Vollendung seines Reiches bringen werde. Auf sie haben sie fortan gewartet. Ihr gilt das ganze Sehnen ihres Lebens. In diesem tiefen Sinne waren sie Menschen der Sehnsucht. Wohl sind diese Gedanken in der gegenwartigen Christenheit stark zurückgetreten; die Gegenwart aber wecke sie wieder und zwar noch in einem ganz andern Sinn, als ich vorhin andeutete. Jetzt frage ich: Was hat diese Zeit uns Jüngern Jesu insonderheit zu sa gen? Gewiß wieder viel, aber doch nicht am wenigsten auch dies, daß die gegenwartige Gestalt des Reiches Gottes unmöglich die Voll endungsgestalt sein kann. Oder sollte das wirklich bis in alle Ewigkeit so weitergehen müssen, daß christliche Völker, Menschen, die auf den Namen Jesu getauft sind, unter dem Kreuz Jesu mit dem Schwert in der Hand einander gegenüberstehen? Mich dünkt, wer als Jünger Jesu diese Zeit durchlebt, in dem müßte die Sehnsucht nach der Voll endung des Reiches Gottes verzehrend groß werden. Oder sollte diese Sehnsucht von vornherein vergebliche Schwärmerei sein? Ja, wir haben uns an den Gedanken einer unaufhörlich fortschreiten den Entwicklung heute so gewöhnt, daß wir kaum noch zu empfinden imstande sind, wie dieser Gedanke einer bestandig fortschreitenden, nie aber zum Ziel kommenden Entwicklung im Grunde ein Selbst widerspruch, ein Widersinn ist. Oder ist wirklich von dem Begriff einer Entwicklung ein deutliches Ziel abtrennbar, auf das hin alles sich entwickelt? Jedenfalls, wer an Gott glaubt, muß auch an eine Vollendung des Reiches Gottes glauben. Oder wäre das wirklicher Gottesglaube, wenn wir im Ernst annehmen wollten, daß auch die Entwicklung des Reiches Gottes unter der Führung unseres Gottes zwar bestandig dem Ziel immer naher komme, dies Ziel aber dann doch immer wieder vor uns zurückweiche und nie völlig erreicht werde? Wer an den glaubt, der Gottes Reich in dieser Welt aufge richtet hat, der muß auch an den glauben, der dieses Reich vollendet. Wo aber erst einmal dieser Gedanke wirklich den Menschen ge packt hat und ihm Gewißheit wurde, da würde einem solchen Men schen der Gedanke geradezu unerträglich, daß er etwa nur für sich und seine Lieben eine persönliche Vollendung nach dem Tode be gehren sollte, die Vollendung des Reiches Gottes dagegen dahin gestellt sein lassen müsse. Wir wollen keine Vollendung, die nur eine Vollendung unseres eigenen kleinen Selbst wäre. Umgekehrt aber weiß der Jünger Jesu freilich, daß Gottes Reich sich nicht vollenden kann, ohne daß es auch ihn angeht und seine Vollendung bringt. Er weiß darum auch, daß, wenn an jenem großen Tage alle Rätsel 121 der Weltgeschichte sich lösen, auch alle tränenvollen Rätsel des eigenen Lebens ihre Lösung finden werden. Wie wird daher das Herz in? Ausblick auf jene Welt der Vollendung so weit, und wie kehrt wunder barer, weltweiter Friede in das Herz ein. Darum, Gott segne uns dies Himmelfahrtsfest, daß unsere Gedanken bis auf den Tag der Vollendung des Reiches Gottes hinauseilen: unser Sehnen und unser Ringen. 2. Unser Sehnen und unser Ringen, sage ich. Denn wenn es dem Prediger irgendwie gelungen ist, die letzten Sätze recht zu sprechen, dann empfinden wir unmittelbar, daß dieser Sehnsucht gegenüber kein müßiges Tändeln möglich ist. An die Vollendung des Reiches Gottes kann niemand glauben, ohne daß dieser Glaube alle Kräfte in ihm anspannte, jenen Tag der Vollendung herbeizuführen. Mag auch seine Heraufführung zuletzt ganz Sache Gottes und seines Christus sein, so sind wir doch dafür verantwortlich, daß wir nicht etwa durch unser Säumen diesen Tag hinausschieben. Das ist auch der tiefste Sinn der Antwort, die Jesus den Seinen gibt. Sie sollen nicht fragen, wann das Reich der Vollendung komme; sie sollen arbeiten, daß es komme. Es gebührt euch nicht zu wissen, sagt Jesus, Zeit oder Stunde, welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat, sondern ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen und werdet meine Jeugen sein. Sooft ich aber diese Worte lese und das, was diese Worte malen, mir zu vergegenwärtigen suche, packt mich unwillkürlich immer wieder der Gedanke: Was würden wohl die Zeitgenossen Jesu gesagt haben, wenn sie Jeugen dieses Augenblicks gewesen waren, die Oberste Israels zu Jerusalem, die Weltweisen Athens auf dein Areopag; die Machthaber Roms auf dein Kapitol? Auch sonst haben Macht haber der Erde den Ihrigen große Aufgaben hinterlassen; große Feld herren wußten ihre Soldaten für die Aufgaben, die sie ihnen stellten, zu entflammen. Weltweise haben ihren Jüngern ihre Gedanken mit auf den Weg gegeben; aber wo wäre ein Auftrag, der dem Auftrag Jesu in jener Stunde gliche? Diese kleine Jüngerschar, dieser Kreis ungebildeter Männer soll das Wort von Jesus bis an die Enden der Erde tragen und den Erdkreis ihm und seinem Reiche unterwerfen welch ein Befehl! Mich dünkt, eS ist eine jener Szenen auS der Schrift, die unS, wenn wir sie wirklich sehen, unmittelbar vor eine 122 Entscheidung stellen. Entweder muß man alles, was hier erzahlt wird, für Schwärmerei halten, oder man muß, dünkt mich, selbst von der Größe dieses Augenblicks innerlich erfaßt werden und sich sagen: Dieser Auftrag geht auch mich an. Auch ich bin schuldig, ihm mit allen Kräften meines Lebens zu dienen. Unsere Zeit macht unö den Auftrag Jesu aufs neue eindringlich. Nicht, als wollte ich jemanden auch nur einen einzigen Augenblick den Sorgen und Aufgaben der Gegenwart entfremden. Unsere Sorge und unser Kampf gehört gerade auch nach Gottes Willen in der Gegenwart unserm Volk. Nur, daß wir denen nicht recht geben können, die heute den Kampf für das Vaterland und die Sorge für seine innere Ausgestaltung mechanisch auseinanderreißen möchten. Jenen müssen wir wehren, die heute uns verleiten wollen: nur erst Sieg und Friede, dann findet sich alles andere. Gerade in dieser Zeit vielmehr, da unser ganzes Innere in Hoffen und Warten auf Sieg und Frieden aufgewühlt ist, möchte Gott unser Volk an die Aufgaben erinnern, die es innerhalb der Menschheit und damit auch für die Geschichte deö Reiches Gottes in der Zukunft hat. Seit 22 KriegS- monaten redet Gott von dieser Aufgabe zu unserm Volk. Anfanglich hörten viele auf seine Stimme, allmählich sind es weniger geworden^ Sollten eS heute wenige sein? Ich weiß eS nicht, und ich will es nicht wissen. Auch das gehört zu den Fragen, von denen Gott unS zu? Arbeit rufen möchte. Nur das weiß ich, je länger der Krieg währt, desto dringender und drängender soll das Zeugnis von Jesus Christus in unserm Volk werden, und desto dringender und drängender die Bitte, daß unser Volk diese Stunde erkenne, die Schicksalsstunde für es selbst und zugleich entscheidende Stunde auch für das Reich Gottes ist. In aller Nüchternheit sollen wir so reden und bezeugen. Auch in der Gegenwart bewegt ja viele ernste Christen aufs neue die Frage der Jünger: Wirst du auf diese Zeit wieder aufrichten das Reich Gottes? Zu allen Zeiten großer Spannung des Völkerlebens ist diese Frage aufgetaucht. Immer wieder aber haben die Antworten, die man wagte, sich nicht erfüllt. Alle Versuche einer Antwort scheitern eben an dem schlichten Ernst unseres Texteswortes: Euch gebührt nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater seiner Macht vorbehalten hat. Nun wird auch in dieser Kirche kaum nötig sein, vor jenen schwär merischen Gedanken zu warnen. Sobald ich dagegen dem Wort Jesu eine etwas weitere Wendung gebe, hat es auch uns viel zu 123 sagen. Dann bedeutet es, daß der Herr überhaupt vom Fragen zum Ringen um die Zukunft des Reiches Gottes rufen will. Auch heute fragen wir unwillkürlich immer wieder, wohin unser Gott mit allem wolle und was wir für die Zukunft der Kirche hoffen dürfen. All dies Fragen hat auch sein gutes Recht. Gott will ja, daß wir uns die Zeichen der Zeit von ihm deuten lassen. Nur, daß es nicht bei dem Fragen bleibe. Zuletzt dürfen wir auch alle Sorgen für die Zukunft der Kirche ganz unserm Herrn befehlen. Sehen wir nur zu, daß ein jeder an dem Platz, dahin Gott uns gestellt hat, seine Jeugenpflicht bewähre. Wie werden wir aber rechte Zeugen Jesu? Wir müssen Menschen des Geistes werden. Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein. Das ist das Letzte, was Jesus seinen Jüngern zu sagen hat. Das ist seine Antwort auf die Frage der Sehnsucht; das ist seine Anweisung für ein kraftvolles Leben des Zeugnisses. Eben darum empfangen wir hier die Antwort auf die Frage, von der wir ausgingen: können wir beides zugleich sein, Menschen der Sehnsucht und Menschen heiligen Ringens? In einem Leben des Geistes liegt die Einheit. Im Geist erfüllt sich die Sehnsucht nach dem Reiche Gottes bereits heute in uns und um uns und gibt doch zugleich immer wieder neuer Sehnsucht Nahrung. In eben diesem Geist werden wir aber auch zu heiliger Arbeit und heiligem Kampf ausgerüstet. Menschen des Geistes sind beides zugleich: Menschen unzerstörbarer Sehnsucht und Menschen täglichen Ringens. Darum weist auch heute der Herr uns, wie einstens seine Jünger, auf daS Pfingstfest hinaus. Soll unser Leben ein Leben voll heiligen Sehnens und heiligen Ringens werden, dann müssen wir Pfingsten feiern lernen. Wie wird es denn Pfingsten? Ich gebe eine dreifache kurze Antwort. Zuerst: betend sollen die Jünger in Jerusalem auf die Ausgießung des Geistes warten. Betend lasset uns Pfingsten rüsten. Ich kann nur diesen einen Satz darüber sagen; um so mehr bitte ich, daß alle, die wirklich beten können, die Bitte nicht überhören. Laßt uns um ein rechtes Pfingstfest für uns, für unser Volk, für die Menschheit bitten. Sodann: seitdem Gottes Geist zu Pfingsten hier auf Erden eine Stätte sich geschaffen hat, wirkt er durch Wort und Sakrament. 124 Begehren wir daher in der Gemeinde sein Wirken zu erleben, so laßt uns dabei bleiben, um sein Wort uns zu versammeln und sein Wort daheim zu treiben. Ich weiß, eS ist eine altmodische Bitte, die ich damit ausspreche; aber ich weiß auch, wie dringend nötig sie ist, und will darum nicht müde werden, sie auszusprechen. Werdet nicht müde, sie zu hören und zu erfüllen. Endlich: soll Gottes Geist wirklich in uns, in der Gemeinde und in unserm Volk sich durchsetzen, dann muß er die Geister aus der Tiefe, die unser Leben mit sich in die Tiefe hinabziehen wollen, vor sich Hertreiben dürfen. Drei Feinde des Volkslebens vertreibe er insonder heit aus unserm Volk: den Geist der Sinnlichkeit, der immer noch in der Heimat, und zumal in unsern Großstädten, umgehen darf und der leider auch, Gott sei es geklagt, unter unsern tapfern Kampfern draußen immer wieder noch Verheerung anrichtet und äußere und innere Krankheit zur Folge hat. Den Wuchergeist sodann, der von der Not, ja, man möchte sagen, von dem Blut der Brüder nur für sich Gewinn hofft und sucht. Und endlich den Geist der Unzufrieden heit und deS MurrenS, der unsere so hart kämpfenden Brüder um den Erfolg ihres blutigen Ringens zu bringen droht. Hinweg mit diesen bösen Geistern aus unserm Volksleben. GotteS Geist werde Sieger. Es müsse Pfingsten werden. Es müsse Pfingsten werden und wir voll des heiligen Geistes. Sage doch niemand: das jedenfalls ist zuviel: voll des Geistes. Immer wieder möchte ich bitten können, laßt uns nicht bescheiden sein am verkehrten Platz. Wer den Geist Gottes begehrt, muß die Fülle deS Geistes begehren. Darum: Und endlich, was das meiste, Füll uns mit deinem Geiste. Amen.Was erbitten wir uns zu Pfingsten? Am Pfingstsonntag, 11. Juni 1916. Psalm 51, 12^14: Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, gewissen Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir. Tröste mich wieder mit deiner Hilfe, und der freudige Geist enthalte mich. Pfingsten. Pfingsten was soll es uns sein? Pfingsten gehört nach unserm gegenwärtigen Sprachempfinden zu den Worten, die schon durch ihren Klang uns etwas sagen. Niemand hört es recht, ohne daß es unwillkürlich ein neues Hoffen in ihm auslöste: Pfingsten. Was ist denn Pfingsten, daß wir so empfinden? Für viele wir wissen eS nur ein Fest der sich verjüngenden Natur. Sie feiern die Tatsache, daß der Frühling Sieger geworden ist über den Winter, das Leben über den Tod. Wer wollte nicht mit feiern? Insonderheit, welches Kind Gottes wollte nicht vor den Wundern seines Gottes in der Natur draußen anbeten? Aber eben, es sind Wunder drau ßen; es ist neues Leben draußen. In unserm Text dagegen schreit eine Stimme, und wir kennen diese Stimme: Schaffe in mir, Gott, ein Neues. Ich sage, wir kennen diese Stimme. Gerade in der Gegen wart meinen wir sie vieltausendfach zu hören. Ich denke, unter denen, die gegenwartig draußen in der Natur für ihre wunde Seele Frieden suchen, sind nicht wenige, die, wenn sie ehrlich waren, es am liebsten in die Natur hinausschreien möchten: Was hilft mir all dies Leben draußen, wenn doch in mir alles tot ist, wenn doch all mein Hoffen und Lieben draußen in fremder Erde verscharrt ist! Wir kennen diese Stimmen; es sind nicht nur einzelne Stimmen aus dem Ehor der Menschheit. Der Psalmist in unserm Text ist ein Wortführer der Menschheit, die aus der Welt der Sünde und des Todes nach neuem Leben schreit. Pfingsten aber ist die Antwort Gottes auf diesen Schrei nach Leben. Ich lasse die schwere Frage ganz ununtersucht, inwieweit das Gebet, wie unser Psalmist es ausspricht, schon im Alten Testament 126 Erhörung finden konnte. Seine Erhörung in vollem Sinne ist jeden falls erst zu Pfingsten möglich und wirklich geworden. Indem Gott seinen Geist aufs neue in die Menschheit hineinsenkte, dieser Geist aber Christum verklarte und im Glauben an Christum eine neue Ge meinde schuf, wurde mitten in der Welt der Sünde und des Todes etwas völlig Neues: eine Gemeinde, die im Glauben an Christum neues Leben aus Gott und in Gott in sich trägt, ewiges Leben. Das ist das Pfingstwunder. Und von diesem Pfingstwunder soll ich nun sagen dürfen: Dies Wunder kann dein Erlebnis und mein Erlebnis werden und soll auch nach Gottes Willen das Erlebnis unseres Volkes werden. Das Pfingstwunder des Lebens ist nicht bloß ein Wunder draußen; eS ist auch nicht bloß ein Wunder der Vergangenheit. So gewiß vielmehr Gottes Geist zu Pfingsten in der Gemeinde Jesu sich dauernd eine Statte geschaffen hat, so gewiß kann und soll das Pfingsten gestern ein Pfingsten heute werden, und das Pfingsten in Israel ein Pfingsten in unserm Volk, und das Pfingsten zu Jerusalem ein Pfingsten in unserer Stadt, und das Pfingsten im Tempelhaus dort zu einem Pfingsten in meinem Haus, ja, das Pfingsten der Menschheit zu mei nem Pfingsten. Besinnen wir uns denn nur, was wir uns vom Pfingst- geist an neuem Leben erbitten wollen. Unser Text mag uns wohl zu einer Antwort helfen. Fast widerstrebt es uns freilich, seinen Inhalt zu zergliedern und auf kurze Formeln zu bringen; aber es wird dazu helfen, unsern Gedanken die rechte Richtung zu geben, wenn ich doch ein Dreifaches als Inhalt für unsere Pfingstbitte aus unserm Text entnehme. Was erbitten wir uns zu Pfingsten von Gottes Geist für uns und unser Volk? Ich antworte: i. einen neuen, gewissen Geist in einem neuen Herzen; 2. neue Weihe zu rechten Dienst Gottes; z. neue Freudigkeit in diesem neuen Dienst Gottes. 1. Unser Texteswort ist aus tiefer Buße heraus geredet. Ich frage wieder nicht naher, welche besondere Sünde es war, die auf dem Gewissen des Psalmisten lastete. DaS Bedeutsame an unserm Psalm ist gerade dies, daß der Blick von der einzelnen Sünde sich auf das ganze Leben richtet, und daß der Psalmsänger die Sünde bis in die verborgenen Tiefen des Herzens, ja, bis in die verborgenen Anfänge des Lebens verfolgt. In unserm Psalm steht daS Wort, daS wir einstin der Schule lernten: Ich bin aus sündlichem Samen gezeuget, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen. Wcs ist das? In heiligem Erschrecken wird der Psalmist inne, wie sein ganzes Wesen bis in die geheimnisvollen Anfänge seines Lebens durch die Sünde verderbt ist, und wie nur noch eins ihm helfen kann: völlige Neuschöpfung. Harte Klänge. Vielleicht auch diesem oder jenem unter uns zu hart. Und doch muß die Pfingstpredigt mit ihnen einsetzen. Denn auch hier handelt eS sich nicht um etwas ganz Singuläres, wie man wohl gemeint hat. Auch in diesem Bekenntnis ist der Psalmist ein Wortführer der Menschheit. Gerade auch daS Neue Testament spricht in erschütterndem Ernst von der sittlichen Gebundenheit und Verderbt heit des natürlichen Menschen. Tot in Sünden, das galt von uns, sagt Paulus. Man muß davon etwas verstehen, um das Pfingst- wunder verstehen und erleben zu könne . Denn das ist nun der eigent liche Sinn des Pfingstwunders, daß Gottes Geist aus jener sittlichen Erstorbenheit heraus ein neues Leben aus Gott und für Gott schafft. Also nicht in jedem beliebigen Sinne ist Pfingsten ein Fest deS Le bens; nur in diesem ganz bestimmten Sinne, der freilich der höchste ist, gilt es, daß Pfingsten eine Schöpfung zu neuem, göttlichem Le ben bedeutet. Darum, auch wenn ich heute allen, die auf einen neuen Anfang warten, die Pfingstbotschaft sagen soll, so darf ich ihnen doch nur diese eine Frohbotschaft sagen: Gott null ein reines Herz in euch schaffen und in diesem reinen Herzen einen neuen, gewissen Geist. Sollte das doch auch unter uns etliche enttäuschen? Es würde mich nicht wundern. Ja, ich vermute, manche schwer Heimge suchten unter uns brauchen Zeit, ehe sie aus ihren ganz andern Ge danken heraus diese Pfingstbotschaft überhaupt zu verstehen im stande sind. Also, das soll mir etwas sagen können, daß Gottes Geist einen neuen, gewissen Geist in einem reinen Herzen in dem Menschen schaffen will? In der Tat, so ist es gemeint, und nun dünkt mich doch, daß wenigstens das Wort von dem neuen Geist auch bei den am schwersten Leidenden ein Echo finden müßte. Es gibt ja Risse im Menschenleben, die äußerlich nie ganz wieder heilen. Aber von innen heraus kann alles neu werden. Zwar ich weiß, gerade dem werden ernsthafte Menschen widersprechen wollen. Nein, nein, sagen sie, gerade in mir kann und soll es nicht wieder neu werden. Wie könnte ich meiner Toten vergessen! Du sollst das auch nicht. Aber das ist die Pfingstbotschaft, daß Gott einen ganz neuen Geist 128 in dir schaffen will, einen neuen, gewissen Geist, oder, daß ich es so gleich neutestamentlich sage, einen Gottes gewissen Geist, einen Geist, der im Glauben an Jesum Christum seines Gottes gewiß ist, einen Geist darum, der auch alle die, welche er lieb hat, ganz diesem seinen: Gott befehlen kann; einen Geist, in Kraft dessen der Meusch zugleich imstande ist, mit neuer Kraft den eigenenWeg fortzusetzen, an der Hand seines Gottes, unter dem Leuchten seiner Gnade, dem ewigen, seligen Ziele entgegen. Wie aber soll solcher gewisse Geist in einem Menschen geschaffen werden, Gott schaffe denn zuvor in ihm ein reines Herz? Nur ein Herz, das der Vergebung der Sünden gewiß ist und von der Sünde sich reinigen ließ, kann Gottes als seines Gottes gewiß sein. Darum wage es, deine Gedanken, die menschlich gesprochen, so begreiflich und verzeihlich immer um einen ganz andern Mittel punkt kreisen, von ihm auf dieses Gebet zu richten: Schaffe du, Herr, mein Gott, in mir einen neuen, gewissen Geist in einem reinen Her zen, gib du, daß in mir alles neu werde. Auch die Pfingstbotschaft wurde heute billig allen denen zuerst gesagt, die uns heute durch das Leid um das Vaterland ehrwürdig sind. Darnach aber werde es allen gesagt, das Wort vom Pfingst- geist, der auch in unS einen neuen Geist schaffen will: allen Sorgenden neuen Mut, allen Lastträgern und Kreuztragern neue Kraft, allen Leidenden neue Geduld, allen Kampfenden neue Tapferkeit, allen Glücklichen neue Dankbarkeit. Und das alles auch bei uns aus der Gewißheit Gottes heraus, und das wieder auch bei uns aus dein Er lebnis eines neuen, reinen Herzens heraus. Im Sumpfe spiegelt sich nicht die Sonne und Gottes Herrlichkeit nicht in einem unreinen Herzen; nur reine Augen gewinnen Leuchtkraft. Begehren wir darum Pfingsten zu feiern, dann laßt uns dem Geiste Gottes stillehalten, daß er bis in die verborgenen Winkel unseres Herzens hineinleuchte. Und wenn darüber viel Unerfreuliches und Schmerzliches zutage träte, dann laßt uns den Geist Gottes bitten, daß er es wegnehme, und wenn er es wegreißen und wegbrennen müßte, es geschehe also. Schaffe nur, Gott, in mir ein reines Herz, und gib mir einen neuen, gewissen Geist. Wir beten für uns so und fahren dann mit dem Gebet für unser Volk fort: Schaffe auch in ihm ein reines Herz, und gib ihm einen neuen, gewissen Geist. So weit wenigstens werden alle Vaterlands freunde eins sein, daß sie unserm Volk einen gewissen Geist erbitten möchten, einen Geist, der seiner Sache vor Gott und Menschen gewiß ist und in dieser Gewißheit den Weg zu Ende zu gehen wünscht. 129 - bis daß Gvtr selbst ihm das Schwert aus der Hand nimmt. Vor dem Kriege hat mancher und vielleicht doch nicht ganz ohne Grund bei unserm Volk dieses gewisse Herz vermißt. Man hat geklagt, daß unser Volk zuviel nach Sympathien und Antipathien bei andern Völkern frage, statt allein auf seinen Weg zu sehen. Dieser Krieg hat unser Volk zu Menschen festen Herzens und gewissen Schrittes umgeschmiedet. Wir dürfen auch im Gotteshaus darum bitteil, daß es so bleibe. Nur daß wir hier nie vergessen sollen, daß auch ein großes Volk nur dann seiner selbst in rechter Weise gewiß ist, wenn eS seines Gottes gewiß ist! Wir oft haben wir auch in diesen Kriegsmonaten gelobt: Gott mit uns, und nur mit Gott. Möchte Pfingsten dafür sorgen können, daß das nicht bloß flüchtige Redensart bleibe, sondern unser Volk in der Kraft des Geistes Gottes ein Gottesvolk werde! Erschreckt nicht; ich sage nicht: das Gottesvolk, wohl aber: ein Gottesvolk. Soll aber unser Volk das wirklich sein, dann müssen wir freilich auch für unser Volk um ein reines Herz beten. Und nun wissen wir, wieviel schmerzliche Ursache wir haben, dabei gerade auch an die Sünde zu denken, die, wie es scheint, den Hintergrund unseres Psalms bildet, die Sünde wider das sechste Gebot. Eben jetzt ist man in einem andern großen deutschen Staate damit beschäftigt, in der Gesetz gebung gegen die verhängnisvollen Folgen jener Sünde Vorkehrung zu treffen. Wer wollte sich nicht darüber freuen und nicht alles Ähn liche unterstützen. Im Hause Gottes müssen wir nur hinzufügen, daß es nicht bei einer Bekämpfung der Folgen der Sünde bleiben darf, daß die Sünde selbst als Sünde erkannt werden muß und aus unserm Volk heraus muß. Hört wohl, ich sage nicht, daß sie heraus müßte: sie muß heraus. Lasset unS den Geist der Pfingsten bitten, daß er auch außerhalb der Kirche Männer zu unerschrockenem Zeugnis wider diese Sünde wecke und wider alle Sünde in unserm Volk, und daß er ihrem Zeugnis Kraft gebe. Ach, Herr, daß du unser Volk innerlich erneuern und zu einem GotteSvolk neuschaffen könntest! 2. Unsre Pfingstfeier beginnt in der Tiefe mit der Bitte um völlige Erneuerung. Sie fahre fort mit dem Gebet um neue Weihe zum Dienst Gottes. Denn jedenfalls ist das mit gemeint, wenn der Psalmist die erste Bitte zu der zweiten umgestaltet: Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir. Ibinels: Aufwärts die Herzen. H 130 Wenn ich aber die Worte lese, ist eS mir, als sähe ich den Mann Gottes, wie er vor seinem Gott auf den Knien liegt und mit aufge- hobenenHänden zu wehren scheint, daß Gott ihn nicht von sich hinaus weise: Verwirf mich nicht von deinem Angesicht. Spiegelt sich in unserm Psalm wirklich wann immer er auch entstanden sein mag die Stimmung Davids nach seinem schweren Fall, so ist alles verständlich. Wie stark mußte ein David in jenen Tagen die Empfindung haben, daß er sein Angesicht vor Gott nicht aufheben dürfe und vollends des geschichtlichen und heilsgeschichtlichen Berufes, zu dem Gott ihn bestimmt habe, nicht mehr wert sei. Was er sich ge waltsam verborgen hatte, das wußte er jetzt, daß er in einem unbe wachten Augenblick sein ganzes Leben und seinen ganzen von Gott gegebenen Beruf verderbt habe. Mußte das so bleiben? Herr, ver wirf mich nicht noch nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist noch nicht von mir. Wie oft ist seitdem diese Bitte von Menschen wiederholt. Nicht selten auch von solchen, die ebenfalls in einer unbewachten Stunde ihr ganzes Leben verderbt hatten und vor Gott und erst recht vor Menschen in ihrem bisherigen Beruf unmöglich geworden waren. Wir richten sie heute nicht. Pharisäismus der Welt Pharisäis- mus der Frömmigkeit mag sie richten. Wir kennen die Stimmung unseres Psalmisten aus eigener Erfahrung nur allzu gut. Es ist nicht zufällig, daß dieses Gebet immer wieder bei unsern Abendmahls feiern voil uns angestimmt wird. Wo echte Buße ist, da ist auch etwas von dem schmerzlichen Bewußtsein, daß wir das Angesicht vor Gott nicht aufheben dürfen und vollends nicht mehr wert sind, sein Werkzeug in dieser Welt zu sein. Pfingsten ist die göttliche Ant wort auf dieses schmerzliche Bewußtsein. Pfingsten verbürgt uns, daß Gott noch niemandem sich entziehen will, der irgend nach ihm begehrt. Ja, Pfingsten darf immer wieder als neue Weihe zu neuem Dienst Gottes von uns erlebt werden. Darum, in welchem Beruf du immer auch stehen magst, ob er groß oder klein zu sein scheint, so du ihn als einen Gottesdienst ansehen und ausrichten willst, darfst du aufs neue von Gottes Geist zu ihm dich weihen lassen. Wieder möchte ich das allen, die nach dem Anfang eines neuen Lebens begehren, als rechte frohe Botschaft gesagt haben. Was heißt lebeil anders als wirken? Und ein rechtes Leben im vollen Sinne ist allein ein Wirken für Gott. Dazu aber will Gottes Geist alle weihen, die es begehren, und das zu erleben kann nichts hindern. In welchem Beruf du zuletzt Gott dienst, und ob es auch der bescheidenste Beruf 131 wäre, das macht es schließlich nicht aus. Ja, wo jemand unter uns es nötig hätte, da will ich ausdrücklich aussprechen,auch ein zerbrochenes Leben kann Gott zu seinem Dienste weihen und gebrauchen. Es gibt sogar auch einen Beruf, krank zu sein. Darum, wenn es auch hart klingt, so ist es doch lauter Evangelium: Laßt uns nicht fragen, in welchem Werk und Dienst und auf welche Weise Gott uns gebrauchen will, nur daß er uns gebrauche und wir uns wirklich zu seinem Werkzeug weihen lassen. Darum und darum allein wollen wir zu Pfingsten ihn bitten. Füv uns bitten wir so, fahren dann aber auch mit diesem Gebet für unser Volk fort. Was war der Büß- und Bettag, mit dem wir den Krieg begannen? Ein Schrei zu Gott: Verwirf uns nicht von deinem Angesicht, wenn wir es gleich verdient haben mögen. Gott hat uns nicht verworfen. Welch gewaltiger Beweis ist der bisherige Verlauf des Krieges! Wenn unser Volk denn nur nicht sicher würde und wir nicht für unser Volk zu beten aufhörten: Verwirf uns nicht. Wir können es ja nicht leugnen, die heißen Gelübde, die am Anfang des Krieges auch in dieser unserer Kirche zu Gott emporgestiegen sind, haben sich doch nur in sehr bescheidenem Maße erfüllt. Manches macht uns in unserm Volksleben neue schwere Sorge, und doch wird mit allem Sorgen nichts ausgerichtet, und auch unserer Arbeit an der Volksseele sind oft enge Grenzen gesteckt. Was können wir anders tun, als daß wir alle unsere Sorgen in Gebete wandeln? Darüber ist auch heute kein Zweifel möglich, daß Gott unserm Volk besondere Gaben gegeben hat und auch einen besonderen Beruf unter den Völkern. Das dürfen wir ohne alle Selbstüberhebung aus sprechen. Wir wollen gewiß nichts mit der verkehrten Art zu tun ha ben, die unser Volk als einen Heiland der Völker feiert. Bekämpfen wir ähnliche Stimmen, wenn sie bei unsern Feinden und vor allem bei jenem Volk jenseits des Kanals laut werden, so wollen wir uns selbst erst recht sorgfältig davor hüten. Durch eine solche Selbstüber hebung würden wir auch die Sympathien der Völker, die heute uns freundlich gesonnen sind, verscherzen. Indes mag es sich nicht ge ziemen, davon viel in der Kirche zu reden. Dagegen das andere will hier im Hause Gottes betont sein, daß gerade alle Selbstüberhebung Gott es unmöglich machen müßte, unser Volk weiter als sein Werk zeug zu gebrauchen. Werkzeuge, die selbst etwas sein wollen, wirft Gott weg. Je sorgsamer wir dagegen uns davor zu hüten versuchen, um so ernstlicher dürfen und sollen wir dann uns sagen, 9^ 132 daß Gott auch, soweit Menscheuaugen sehen, in der nächsten Zukunft gewaltige Aufgaben für unser Volk hat. Daß es dann nur an Bet kammerlein in unserem Volk nicht fehle, die der Welt unbekannt sind und auch voneinander nichts wissen, und in denen doch unauf hörlich Fürbitte für unser Volk geschieht: Verwirf es nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von ihm! In aller Freudigkeit lasset uns so bitten; denn Freudigkeit ziemt uns zu Pfingsten. Das sei das Letzte, woran wir uns erinnern lassen. Unsere Pfingstfeier versucht aufzusteigen. Sie begann in der Tiefe; sie fuhr fort mit der Bitte um neue Wege zu neuem Dienst GotteS; sie vollende sich in der Bitte um einen freudigen Geist in diesem Dienst. Tröste uns wieder mit deiner Hilfe, so betet ja der Psalinist zuletzt. Schon das Wort halt uns wieder, recht verstanden, eine tröst liche Predigt. Alles hat seine Zeit. Auf Regen folgt Sonnenschein, auf Nacht Tag, auf alles Trauriggehen zu rechter Stunde ein Ge tröstetwerden. Suchen wir nur den Trost da, wo er allein zu finden ist. In der Welt fließen nicht Trostquellen, noch viel weniger brechen sie im eigenen Innern auf. Tröste uns wieder mit deiner Hilfe, betet der Psalmist. Mit deiner Hilfe. Woran denkt der Psalmsänger, an äußere oder innere Hilfe? Richtet unser Blick sich auf unser Volk, oder auch auf die Not unserer Häuser, dann möchten wir einen Augenblick so gern auch um äußere Hilfe bitten: Unter all dem Sterben ringsum, unter all den furchtbaren Opfern, die dieser Krieg von uns fordert, tröste uns wieder" mit deiner Hilfe. Wieder" sagt der Psalinist, und auch dies Wort nehmen wir einen Augenblick ausdrücklich auf uns zu einer Stärkung des Glaubens. Wieder: wie du mit unser Vätern gewesen bist und ihnen geholfen hast in schwerer Stunde, so hilf auch uns, ihren Kindern. Wieder: wie du uns in diesem Krieg immer aufs neue deine Hilfe hast erfahren lassen, so tröste uns auch jetzt wieder mit deiner Hilfe. Im 90. Psalm begegnet noch einmal dies Wieder": Erfreue uns nun wieder, nachdem du uns so lange plagest, nachdem wir so lange Unglück leiden. Darum: wer immer es nötig hat, der bete auch im Blick auf sein persönliches Leben getrost: Herr, unser Gott, laß es jetzt genug sein an deinen Heim suchungen über unser HauS; tröste uns nun wieder mit deiner Hilfe. 133 Indes, der Psalinist denkt doch wohl mehr an innere Hilfe unter dem Segnen des Geistes Gottes, und erst, wenn wir die Bitte so ver stehen, wird sie ja zu einer rechten Pfingstbitte, die allen gilt. Wer wagte schließlich auch zu sagen, inwieweit Gottes Weisheit und Liebe dem einzelnen unter uns die äußere Hilfe, die er begehrt, schenken kann. Dagegen dabei bleibt es, daß der Geist der Pfingsten Tröster" heißt und Trösten sein Amt ist. Das Trösten des Geistes aber ist buchstäblich ein Zusprechen. Nun wissen wir, welchen Trost es unter Umständen einem Menschen in schweren Zeiten gewährt, wenn ein anderer ihm in rechter Weise zuspricht. Aber es gibt Leid, in dem wir eine Zuspräche von Menschen nicht mehr ertragen. Da wird das Wort unseres Gesangbuches besonders groß: Sein Geist spricht meinem Geiste manch süßes Trostwort zu. Das ist das Trösten des Geistes. Gott will aber zugleich auf aller lei Weise durch äußere und innere Führungen dafür sorgen, daß dies Trösten wirklich bei einem Menschen Eingang finde und Wurzel schlage. Wo in einem HauS wirklich innere Harmonie alle Glieder verbindet, da hat man auch mancherlei Weise, einen andern mit seiner Hilfe zu trösten. Vielleicht so, daß man ihm Gelegenheit gibt, sich auszusprechen; vielleicht aber auch gerade so, daß man sorg fältig vermeidet, an die Wunde, unter der der andere leidet, zu rühren. Vielleicht so, daß man ihm neue Arbeit gibt, vielleicht aber auch so, daß man ihm Ruhe gönnt. Vielleicht so, daß man für Zerstreuung und Erholung unter Menschen sorgt, vielleicht aber auch gerade wieder so, daß man sorgfältig ihn davor bewahrt, daß nicht Menschen mit rohen Füßen auf seinem kranken Herzen herumzutreten scheinen. Kurz, die Liebe hat mancherlei Weise, um dem andern, den sie lieb hat, hinüber zu helfen", wie man mit schönein Wort sagt. AlleS ist aber nur ein schwaches Abbild für die Weise, wie Gott einein Menschen innerlich zu helfen weiß und ihn tröstet. Vielleicht zeigt er der Mutter die Kinder, die ihr geblieben sind, und die sie doch über dem gefallenen Sohn nicht versäumen darf. Vielleicht weist er hingegen einer andern neuen Beruf zu. Den Schwermütigen, der nichts mehr zu besitzen meint, läßt er empfinden, wie reich er im ein samen Hause im Frieden Gottes sein kann, den andern, der sich krank haft von der Welt zurückziehen möchte, stößt er in scheinbarer Unbarm- herzigkeit in die Welt hinaus. Den einen stellt er in die Arbeit, den andern heißt er in die Stille gehen. Und unser Gott versieht sich bei keinem, und er weiß auch das rechte Wort, mit dem sein Geist in jedem Augenblick uns wirksam zu trösten vermag. Wenn wir dann 134 doch nur auf Gottes Führungen eingehen würden und dein Geiste Gottes stillehielten, daß er uns mit neuer Freudigkeit fülle! Mit neuer Freudigkeit; denn so will es der Pfingstgeist. Du bist ein Geist der Freude, und Trauern liebst du nicht, heißt es im Pfingst- liede. Christen, die Pfingsten gefeiert haben, ziemt ein freudiger Geist. Ein freudiger Geist Gott gegenüber. Kinder Gottes sollen vor dem Angesicht Gottes nicht wie Sklaven sein, die in jedem Augen blick die Peitsche fürchten; sie sollen Kinder sein, die froh und frei unter den Augen ihres Vaters ein- und ausgehen. Ein freudiger Geist aber auch den Menschen gegenüber, auch allen: gegenüber, wodurch sie deine Freudigkeit hindern wollen: Laß die Neider neiden; laß die Haffer hassen; was dir Gott gegeben, müssen sie dir lassen. Ein freudiger Geist endlich auch der Welt gegenüber. Den was könnte uns in der Welt schaden, solange wir dem Guten nachkommen? Darum: ein freudiger Geist unter allen Führungen und auf allen Wegen unseres Gottes, auch noch unter den Heimsuchungen Gottes; denn unserGott vermag selbst einen Giftbecher in Arzenei zu wandeln. Darum laßt uns Gott die Ehre antun, daß wir mit aller Zuversicht ihn zu Pfingsten aufs neue um einen freudigen Geist bitten. Auch hier fügen wir die gleiche Bitte für unser Volk hinzu. Mitten unter diesem furchtbaren Krieg schenke und erhalte ihm Gott einen freudigen Geist. Zwar, wir Jünger Jesu habe von Anfang an über diesen Krieg in voller Wahrhaftigkeit zu reden versucht; ihr seid des Zeugen. Wir haben niemals verschwiegen, daß diese Zeit zugleich unendlich schwere Zeit sei, und das drangt sich freilich in steigendem Maße immer starker auf. Dennoch dürfen und sollen wir Gott mitten unter all dem Schweren der Gegenwart für unser Volk um einen freu digen Geist bitten: freudig in der Gewißheit, daß alle Opfer nicht um sonst gebracht sind, sondern eine bleibende Frucht schaffen werden; freudig in der Zuversicht, daß Gott in Zukunft für unser Volk Großes bereit hat; freudig auch in der Gewißheit, daß Gott zu allem, wozu er unser Volk ruft, ihm Gnade und Kraft geben kann. Einen freudigen Geist erbitten wir für unser Volk und uns: Schaffe ihn in uns, o Herr. Schaffe einen neuen, freudigen Geist für neuen Dienst in uns. So lernten wir beten. Dürfen wir denn der Erhörung gewiß sein? Wir dürfen es. Das wollte ich zuletzt noch gern ausdrücklich aus sprechen, damit wir nicht im Unglauben beten. Der Unglaube135 empfängt nichts. Heute aber beteten wir um so Großes, daß wir wohl fragen möchten: Kann Gott uns erhören? Ein einziges Wort zerstreue alle Zweifel: Schaffe. Gott ist Schöpfer. Darum, wenn du mir die erstorbenen Punkte in deinem Innern zeigst und zweifelnd fragst: Sollte hier wirklich jemals neues Leben entstehen können?, dann antworte ich nur: Gott ist Schöpfer, und sein Geist schafft Leben. Und wenn du dann alle deine Sorgen um unser Volk mir bringst und wissen willst, ob wirklich aus soviel Spuren beginnenden Todes neues Leben werden könne, dann antworte ich abermals: Gott ist Schöpfer, und sein Geist schafft neues Leben. Laßt uns nur nicht so töricht sein zu wähnen, als müßten wir das Schaffen Gottes sehen können. Wer von uns hätte davon etwas gesehen, wie Gott in den Kammern der Erde aus den: Tode des Winters neues Leben schuf? Noch schien alles erstorben zu sein, da war das neue Leben da. Gott ist Schöpfer, und sein Geist schafft neues Leben. Glaube nur. Wenn es bei unserm Volk in dieser Zeit nicht zu einer Erneuerung käme, unser Unglaube könnte schuld sein. Jedenfalls, wenn es bei mir nicht Pfingsten wird, so liegt es nur an meinem Unglauben. Darum wollen wir zum Schluß, damit wir Gottes Geist nicht hindern, uns in heiligem Ernst innerlich zusammenraffen und gemeinsam unsern christlichen Glauben bekennen: Ich glaube an Gott, den Heiligen Geist. Amen.Was will das Trinitatisfest? Am Trinitatisfest, 18. Juni 1916. 4. Mose 6, 22- 27: Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: Also sollt ihr sagen zu den Kindern Israel, wenn ihr sie segnet: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Denn ihr sollt meinen Namen auf die Kinder Israel legen, daß Ich sie segne. Trinitatisfest, das Fest der heiligen Dreieinigkeit, das letzte der besonderen christlichen Feste ist angebrochen, und wir heißen es will kommen. Der großen Menge in unfern Gemeinden mag das Trinitatis festfremdartig sein; wir, die das Kirchenjahr mit durchlebten, möchten es nicht entbehren. Ja, wenn es nicht vorhanden wäre, wir wurden es zu schaffen wünsche . Wer Weihnachten, Ostern und Pfingsten wirklich mitgefeiert hat, und nun liegt das alles hinter ihm, mag heute wohl die Empfindung haben, als könne er sich noch nicht von den: allen losreißen. Und wenn er doch den Fuß vorwärts setzen muß, dann möchte er wenigstens noch einmal alles an sich vorüberziehen lassen und den Ertrag dieser großen Tage sich sicherstellen. Dazu soll der heutige Festtag dienen. Wenn freilich das verlesene Texteswort dazu helfen soll, müssen vir es ganz neutestamentlich auslegen dürfen. In der Tat haben vir dazu das Recht. Die alttestamentliche und die neutestamentliche Gottesoffenbarung bilden einen großen Zusammenhang. Die neutestamentliche Offenbarung ist nur eine Vollendung der alt- testamentlichen Offenbarung, und in der alttestamentliche Offen barung weissagt alles auf die neutestamentliche Offenbarung. Ein großer Schriftausleger hat mit einein schönen lateinischen Wort, bei dem sich freilich das Wortspiel in deutscher Sprache nicht wieder geben laßt, einmal gesagt: Das Neue Testament ist in dem Alten Testament verborgen; das Alte Testament ist im Neuen Testament offenbar. Davon mögen wir wohl auch eine Anwendung auf das 137 Geheimnis machen, das wir heute feiern. Im Alten Testament dürfen wir noch keine ausdrücklichen Aussagen über den dreieinigen Gott erwarten, ist doch Gott selbst noch nicht als der dreieinige offenbar geworden. Erst, als der Vater den Sohn sandte und der Geist den Sohn verklarte, hat die Gemeinde Jesu von Vater, Sohn und Geist zu reden begonnen. Immerhin hört das Ohr der neutestamentlichen Gemeinde aus einem Wort wie dem heutigen den Gruß des drei einigen Gottes heraus; und es geschieht gewiß nach Gottes Willen, wenn wir aus dem Vorgang unseres Textes uns die Bedeutung des heutigen Tages naher zu bringen versuchen. WaS will denn das Trinitatisfest? Ich antworte mit drei Sätzen, i. Es will uns im Namen Gottes segnen; ich füge dann 2. hinzu: es will uns im Namen des dreieinigen Gottes segnen, und erinnere zuletzt z.: es will unS im Namen des dreieinigen Gottes segnen lehren. 1. Wenn viele innerhalb der christlichen Gemeinde mit dem Trini tatisfest nichts Rechtes anzufangen wissen, dann hat das wenigstens einen Grund, der durchaus verstandlich ist. Zu Weihnachten, Ostern, Pfingsten feiern wir ganz bestimmte Tatsachen, die in ihrer Bedeu tung sofort der Gemeinde sich aufdrangen. Heute dagegen kann man einen Augenblick den Eindruck haben, als gelte die Feier dieses Tages nur einer geheimnisvollen Lehre, wer kann sie im Ernst feiern wollen? Auch wenn nicht alles so schwer verstandlich schiene, wir leben doch nicht von Lehren, sondern allein von einer Wirklichkeit, die uns packt und trägt. So empfindet man, und darin hat man auch völlig recht. Indes, ich hoffe, ün Grunde ist eS auch bereits deutlich, wie wenig die heutige Feier nur einem geheimnisvollen Lehrstück gilt. Das heutige Fest soll ja nur noch einmal alle die Großtaten Gottes vor uns zu sammenfassen, die wir Weihnachten, Ostern und Pfingsten erlebten. Wie sie an diesen Festen einzeln an uns vorüberziehen, so soll der heutige Sonntag sie uns noch einmal im Zusammenhang zeigen. Und wozu das? Geschieht daS nun etwa doch, um allerlei tiefsinnige Speku lationen daran zu knüpfen? Ganz und gar nicht. Trinitatisfest will etwas viel Größeres. Es will, damit ich es sogleich sage, die ganze Fülle des göttlichen Segens, der uns in der festlichen Zeit des Kir- cheniahreö bezeugt wurde, segnend auf die Gemeinde legen. 138 Eben dies mag der Vorgang in unserm Text uns näher bringen. Auch er gibt freilich mancherlei Fragen auf, aber sie dürfen wir ganz der Schriftgelehrsamkeit überlassen. Soviel ist deutlich, daß unser Vorgang die Offenbarung Gottes am Sinai und alle Gottesoffen barung an Mose zur Voraussetzung hat. Was bedeutet das? Der Gott, der schon einem Abraham sich selbst bezeugte, hat Mose den Namen genannt, mit dem sein Volk ihn fortan nennen sollte: Jehova. Ich werde sein, der ich sein werde." Wie immer man auch diesen Namen naher auslege, so soll er jedenfalls dem Volk verbürgen, daß Gott ihm ein treuer Bundesgott sein werde. Dieser sich selbst und seinem Volk treue Gott hat dann am Sinai mit diesem Volk einen Bund geschlossen. Er hat dem Volk seiu Gesetz auferlegt, zugleich aber auch und vor allem dem Volk sich selbst zur Gemeinschaft dargeboten: Du sollst mein Volk sein, und ich will dein Gott sein. Dies alles setzt unser Text voraus. Und nun gebietet Gott in ihm Aaron und seinen Söhnen, den Vertretern des alttestamentlichen Priestertums, daß sie immer wieder seinen Namen segnend auf das Volk legen sollen. Was ist das? Die Gottesoffenbarung am Sinai soll nicht bloß Vergangenheit für das Volk Israel sein; was hülfe sie dann auch dem Volk? Wie sie vielmehr im Namen Gottes sich zusammenfaßt, so soll immer wieder dieser Name segnend auf das Volk gelegt werden, daß die ganze Fülle der göttlichen Heilsoffenbarung sich ihm immer wieder zur Aneignung darbiete. Verstehen wir, wieviel das bis auf unsere Zeit zu bedeuten hat? Laßt mich versuchen, es mit ein paar Worten uns naher zu bringen. Für uns, die wir zu Gott erschaffen sind und ihn suchen, hangt alles an der einen großen Frage, ob Gott wirklich aus seiner Verborgen heit herausgetreten ist oder nicht. Ist das nicht geschehen, dann bleibt all unser Suchen Gottes vergeblich. Wohl mögen wir auch dann mit unseren Gedanken Gott zu erreichen versuchen, aber wir kommen nicht wirklich an ihn heran. Und selbst wenn wir etwas an ihm er kennten, was hülfe es uns? Gott selbst hätten wir nicht. Gelobt sei Gott, wir wissen, es ist anders. Wie Gott schon im Alten Bund seinem Volksich selbst geoffenbart hat, so haben wir eben jetzt im Kirchenjahr die neutestamentliche Gottesoffenbarung aufs neue durchleben dürfen in all den Festtagen. In Christus Jesus ist die Gottesoffenbarung des Alten Bundes zu einer Offenbarung für die ganze Menschheit geworden, und in ihr hat Gott sich zugleich uns ganz gegeben. Das ist der tieffie Sinn all der Predigt von Jesus Christus in der festlichen .Hälfte des Kirchenjahres. 139 Dann aber weiter. Was hülfe auch unS diese Offenbarung Christo, wenn sie nur Vergangenheit wäre? Wir leben heute, und heute müssen wir mit Gott Gemeinschaft haben. Was soll uns heute das helfen, was vor zweitausend Jahren geschehen ist? So fragt man, und man hätte mit dieser Frage ganz recht, wenn wir nicht Pfingsten gefeiert hätten. Pfingsten aber bedeutet, daß Gottes Geist immer wieder Jesum Christum der Gemeinde verklären will und die Gottesoffenbarung in ihm immer wieder Gegenwart verde läßt. Davon wäre viel zu sagen; ich darf aber nicht näher darauf eingehen. Nur das eine hebe ich heute heraus, daß von hier aus der tiefste Sinn des neutestamentlichen Segnens sich erschließt: unter ihm soll für uns die gnädige Offenbarung Gottes in Christo immer wieder wirksame Gegenwart werden. Der Name Gottes, mit dem wir heute uns segnen, ist der Name des dreieinigen Gottes; das Segnen selbst aber ist in seinem tiefsten Wesen heute dasselbe wie im Alten Bunde. Auch heute soll unter ihm der Name Gottes auf die Gemeinde gelegt werden. Dreimal erklingt das gewaltige: Der Herr, der Herr, der Herr. Unwillkürlich senkten sich früher wohl nach allgemeiner Sitte unter diesem dreimaligen der Herr" die Häupter, und innerlich sollen wir es auch heute so halten. Denn sooft dieser Name auf die Gemeinde gelegt wird, ist der Herr selbst gegen wartig: Ich will mein Volk segnen, spricht er. Und nun sage ich, von da aus mögen wir den heutigen Sonn tag verstehen. Was das Segnen immer wieder der Gemeinde sein soll, das soll der heutige Sonntag im Rahmen des Kirchenjahres bedeuten. Ehe wir ganz von der festlichen Hälfte des Kirchenjahres scheiden, soll dieser Sonntag all die Fülle des Heils, die Gott uns zu Weihnachten, Ostern, Pfingsten erleben ließ, noch einmal segnend auf die Gemeinde legen. Wenn denn nur alle die Segenshände des Gottes sehen wollten, der uns aufs neue Weihnachten, Osiern, Pfingsten schenkte, und wenn doch nur alle schwer belasteten Men schen, aber auch alle ringenden Seelen und alle suchenden Herzen unter diese Segenshände Gottes treten wollten. Noch einmal leuchte unter dem Segnen dieses Sonntags die Weihnachtsgewißheit in dir auf: Hat Gott des eigenen Sohnes nicht verschonet, wie sollte er unS mit ihm nicht alles schenken. Noch einmal grüße dich die Osterbotschaft: Jesus lebt, mit ihm auch ich. Und abermals fülle sich unter dem Segnen des Sonntags dein Herz mit der Fülle des Geistes, der ein Geist ist der Gnade und des Gebetes. Kurz, es segne unS dieser Sonntag im Namen Gottes deS dreieinigen Gottes. 140 Des dreieinigen Gottes. Unwillkürlich wurde bisher schon der Gott, in dessen Namen wir uns segnen, zu dem dreieinigen Gott. Daß er ist, dessen Name uns im Neuen Bunde segnet, davon rede dieser Sonntag weiter zu u s. Zwar, auch unser Text redet mit keinem Wort von Vater, Sohn und Geist. Es ist der Name des alttestamentlichen Bundesgottes, den die Priester des Alten Bundes auf daS Volk legen sollen. Wer aber das dreimalige der Herr" hört und den Inhalt des jedesmalige!? Grußes ansieht, der wird auf dem Boden des Neuen Testaments sich schwer überreden, daß nur zufallig dieser Segen eine Form annehme, die an die neutestamentliche Gottesoffenbarung erinnert. Ist Gott wirklich der Dreieinige, dann ist es begreiflich, daß auf einem Höhe punkt der alttestamentlichen Gottesoffenbarung, wie unser Text ihn zeichnet, unwillkürlich der Segen Gottes eine Form annimmt, in der das verborgene Wesen Gottes sich widerspiegelt und die zu gleich auf die neutestamentliche Gottesoffenbarung weissagt. Jedenfalls dürfen wir Kinder des Neuen Bundes auS diesem Gruß einen Segen des dreieinigen Gottes heraushören. Der Gott, unter dessen Segenshande dieser Sonntag uns stellt, das ist der Gott, der nach dem tiefen Glaubenslied Luthers sich uns zum Vater ge geben hat, daß wir seine Kinder werden, und der als dieser Vater uns segnen und behüten will. DaS ist zugleich aber der Gott, der in Christo uns sein Antlitz leuchten läßt und uns gnadig sein will, und das ist endlich der Gott, der im heiligen Geist Frieden ins Herz gibt. Kurz, es ist der dreieinige Gott, in dessen Namen uns der heutige Sonn tag grüßt. Er spricht aber zuerst: Der Herr segne dich. Hören wir es denn doch recht! Zu unö, zu uns, die als lebendige Menschen viel Fragen und Begehren in dies Gotteshaus mitgebracht haben, spricht dieser Sonn tag zuerst: Der Herr segne dich. Manchen unter uns mag dieser Gruß aus ganz andern Gedanken herausrufen müssen. Vielleicht hat er ein ganz bestimmtes Wünschen mit ins Gotteshaus gebracht, vielleicht ein stilles Hoffen, vielleicht aber auch ein leidenschaftliches Begehren, und er meint, ohne die Erfüllung dieses Wunsches nickt leben zu können. Und andere haben tiefe Trauer, schmerzliches Ent behren, bittere innere und vielleicht auch äußere Armut mit in dies Gotteshaus gebracht und möchten innerliche Befreiung erleben. 141 I alle diese Gedanken spricht der heutige Sonntag seinen Segensgruß hinein: Der Herr segne dich. Also er streitet nicht mit den Gedanken, die euch nach hier beglei teten, und die noch in diesem Augenblick in dir auf und ab wogen; er möchte nur diesen Gedanken eine ganz andere Richtung geben: Der Herr segne dich. Er segne dich mit all der Fülle des Heils, die Weihnachten, Ostern und Pfingsten uns gebracht hat; er segne dich mit dieser Fülle, daß deine Seele darunter wirklich ausgefüllt werde. Denn der Segen, den Gott für uns hat, ist freilich für alle ein und derselbe, aber er nimmt für jeden einzelnen den Inhalt und die Form an, die das tiefe Bedürfen gerade seines HerzenS ausfülleil kann. Voll des heiligen Geistes", so habe ich einmal in der Vorbe- reitungSzeit auf Pfingsten predigen dürfen. Von einer Fülle redet die Schrift gern, und kein Geringerer als Paulus wünscht seiner Gemeinde, daß Gott sie mit seil,er Gnade fülle. Welch anschauliches, prächtiges Bild. Gleichwie wir ein leeres Gefäß füllen, so will Gott unsere Herzen von der Tiefe aus mit seinem Segen ausfüllen, daß möchte ich sagen dieser Segen noch überströme. Daß wir das doch verstehen und glauben möchten! Daß doch unser aller Herzeil einem leeren Gefäße gleich wären, damit Gott sie fülleil könne! Der Herr segne dich, und er behüte dich. Wie der erste Gruß sich an daS tiefste Bedürfen des Herzens wendet, so faßt diese Fort setzung all die Gefahren Leibes und der Seele inS Auge, von denen wir umgeben sind, und befiehlt uns in die Hut Gottes. Welch großes Ding. Ich darf wohl einmal bekennen, wie köstlich es mich dünkt, daß ich nach der Predigt die Gemeinde zuletzt mit dem Segen Gottes keimgeleiten darf. Und wenn ich dann etwa weiß, daß jemand unter uns ist, der aus dieser Kirche besonderen Gefahren entgegengeht, vielleicht jetzt draußen iin Feld, dann bewegt es mich besonders tief, daß ich ihm noch einmal von dieser Stätte auö zurufen darf: Der Herr behüte dich. Wie fröhlich spielt ein Kind, wenn eS voll Vater und Mut ter sich behütet weiß. In ganz anders eigenartiger Weise durchlebeil gegenwärtig unsere Krieger etwas von dem Bewußtsein des Geborgen- seinö, wenn sie im sichern Unterstand wieder einmal das Kriegs wetter an sich vorüberziehen lassen. Ein junger Freund schrieb mir aber aus dem Felde: Der rechte bombensichere Unterstand ist doch Gott allein. WaS sind auch Vater und Mutter, daß sie ihr Kind behüten könnten. Gott allein heißt der Menschen Hüter. In seine Hände befiehlt unS dieser Sonntag, in die Hände des Vaters, der 142 . alles in seiner Hand hat, und der seit Weihnachten uns ganz gehören will, und wir ihm: Er behüte uns. Und weiter spricht dieser Sonntag: Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir. Unwillkürlich haben wir Kinder des Neuen Bundes die Empfindung^ daß wir mit diesem Gruß aus dem ersten Artikel in den zweiten hinübertreten. Auf alttestamentlichem Boden hat dagegen das Wort vom Angesicht Gottes mannigfache Beziehungen. Indes, auch ohne daß wir ihnen im einzelnen nachgehen, verstehen wir ohne weiteres die tiefe Symbolik des Ausdruckes. Wo jemand ab sichtlich sein Angesicht von uns wegwendet, da wissen wir, daß er keine Gemeinschaft mit unS haben will; wo er uns dagegen mit freundlichem Antlitz grüßt, da will er uns wohl. Und nun wissen wir alle, wieviel Licht von einem einzigen leuchtenden Augenpaar in ein Menschenherz überströmen kann. Ein schwaches Gleichnis für das Verhalten Gottes den Menschen gegenüber. Wenn Gott sein Antlitz von uns abwendet, dann müssen wir sterben. Wo da gegen Gottes Antlitz unS leuchtet, da strömt lauter Licht und Leben ins Herz. Und nun darf ich aufs neue predigen, daß in Christo Jesu Gottes Angesicht allen, die es begehren, leuchtet. Niemand kann Jesum wirk lich sehen, ohne daß er die Empfindung hat, daß hier lauter Liebe, Licht und Leben ist. Darum vergegenwärtigt euch noch einmal das Bild Jesu, wie die verflossene Zeit des Kirchenjahres es euch aufs neue vor Augen gemalt hat, vom Kind in der Krippe an in seiner Niedrigkeit bis zu dein auferstandene Lebensfürsten mit der Sieges fahne in der Hand. Seht diesen Herrn Jesus Christus an, und dann will ich in seinem Namen den Gruß des Sonntags in euer Herz hineinzusprechen versuchein Der Herr lasse sein Angesicht euch leuch ten. Wie mancher mag unter uns sein, der nur nach ein wenig Licht für das Dunkel seines Lebens begehrt. Hier ist ein Lichtmeer: Der Herr lasse dir sein Angesicht leuchte ?. Und er sei dir gnadig. Gnade -ist es nicht, als ob in diesem einen Wort das ganze Begehren unserer Seele sich zusammenfaßte? Je alter wir werden und je mehr wir die Wirklichkeit des Lebens und die Wirklichkeit deS eigenen Inneren durchlebe desto mehr empfinden wir so. Was ist das? Werden vir immer ärmer oder doch wenigstens bescheidener? An beidem mag Wahres sein; aber die Hauptsache ist es nicht. Das andere ist viel wichtiger, daß wir in steigendem Maße lernen, worauf es ankommt und wieviel dies eine Wort umschließt: Gnade und genug. Nun denn, die Predigt der Weihnachtszeit- 143 hat mit dein Wort begonnen: Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen, und zu Pfingsten haben wir mit dem anbeten den Wort den Schluß gemacht: Die Gottesgnad allein steht fest und bleibt in Ewigkeit. Diese Predigt von der Gnade will der heutige Sonntag noch einmal zusammenfassen und allen zusprechen, die nach ihr begehren. Wo sind unter uns die Menschen, die jetzt in der Stille zu beten beginnen: Gott, sei inir Sünder gnädig? Hier hast du die Antwort des heutigen Sonntags; fasse sie tief ins Herz: Der Herr sei dir gnadig. Und er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Das ist das Letzte. Gnade und Frieden gehören eng zusammen. Wenn das doch alle verstehen wollten, die nach Frieden suchen. Denn nach Frieden begehren noch manche, die daS Wort von der Gnade hassen. Wer spürte nichts von dem unruhvollen Stürmen im Herzen und begehrte nicht nach Frieden. Ja, wer erlebte nicht auch etwas von dein schmerzlichen Zwiespalt, der durch der Menschen Seele geht, und verlangte nicht nach Stillung dieses Zwiespaltes. Woher denn dieser Riß im Innern der Menschen? In aller Zerrissenheit des Innern setzt sich im tiefsten Grunde nur der andere Riß fort, den die Sünde zwischen Gott und dem Menschen geschaffen hat. Denn des Menschen Persönlichkeit ist auf Gott hin angelegt; wo sie darum von Gott losgerissen wird, da wird sie auch in sich selbst zerrissen. Fortan geht, gerade solange der Mensch noch nicht ganz erstorben ist, ein schmerzlicher Zwiespalt durch die Seele zwischen dem, was auch jetzt noch nach oben ringt, und dem, was zur Erde will. Nur da, wo der Mensch Frieden mit Gott gewonnen hat und mit seinem Person leben in Gott zur Ruhe gekommen ist, ist eben damit auch jener Riß im Innern verschwunden. Friede mit Gott setzt aber Gewißheit des gnadigen Gottes voraus. Darum beginnt der Segen mit einem Gruß der Gnade im Namen Jesu Christi und bringt dann erst den Friedensgruß in der Kraft des heiligen Geistes. Wir deuteten ja vorhin schon an, Gottes Geist will dafür sorgen, daß alle gnadige Offenbarung in Christo nicht Vergangenheit sei und vergeblich bleibe; Gottes Geist will den Frieden ins Herz bringen. Darum spricht dieser Sonntag im Namen des Geistes Gottes: Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Wo jemand am Boden liegt und ich möchte ihm helfen,.da richte ich mich selbst einen Augenblick auf, um mich dann wieder über den andern herniederzubeugen, daß ich ihm helfe. So soll der Herr sein Angesicht aufheben, daß er so gerade zu uns sich herniederbeuge 144 und seinen Frieden in die Seele träufele. Der Herr gebe euch Friede das ist das Finale, in das alles Grüßen des heutigen Sonntags ausklingt. Dann aber lehre dieser Sonntag auch uns segnen. Denn nun versteht es sich von selbst wenn wir von diesem Sonn tag zu sagen wagen, daß er nach der festlichen Hälfte des Kirchenjahres im Namen des Gottes, der hier offenbar wurde, uns segnen will, dann kann das nur den Sinn haben, daß aufs neue das Segnen an hebt, das durch alle Zeit des Kirchenjahres sich hindurchziehen soll. Wir können ja nicht hinter der Gemeinde des Alten Testaments zurück stehen, die stetig neu von Gott sich segnen ließ. Wer soll denn die neutestamentliche Gemeinde segnen? In un- serm Text erhält die Priesterschaft Auftrag, das Volk Israel zu seg nen. Wir evangelischen Christen kennen keine Priester mehr. Gott sei Dank, wir kennen sie nicht mehr. Wenn die römische Kirche noch Priester kennt und hat, so ist das ein Zurücksinken auf den Standort des Alten Testaments. Im Alten Testament freilich vermittelte sich aller Verkehr zwischen Gott und seinem Volk durch den Dienst der Priester. Die Priester mußten immer wieder mit ihren Opfern das Volk mit Gott versöhnen, und sie mußten zugleich von Gott den Segen austeilen, den Gott für sein Volk hat. Wir kennen, haben und wollen nur einen Priester: den großen Hohenpriester, der mit einem Opfer alle, die es begehren, vollendet hat, und der mit diesem einen Opfer der Gemeinde für alle Zeit Vergebung der Sünden, Gnade und Frie den bei Gott gewonnen hat. Aber dann versteht sich freilich von selbst, waS ich schon immer wieder andeutete: sollen diese Güter nicht Güter der Vergangenheit bleiben, dann müsse sie auch in der Gemeinde ausgeteilt werden. Darum hat der Herr selbst seiner Gemeinde Wort und Sakrament eingestiftet, daß durch Wort und Sakrament die Fülle des neutestamentlichen Heils der Gemeinde sich vermittele, und darum hat er auch der Gemeinde ein Amt eingestiftet, das dies Wort und Sakrament verwaltet: das Amt der Gnadenmittel. Darum geschieht es auch nach seinem Willen, wenn dies Amt in unsern Gottes diensten immer wieder den vollen Segen des neutestamentlichen Heils auf die Gemeinde legt. Ja, man darf wohl sagen: wenn es recbt verstanden wird, dann ist Segnen der ganze Inhalt des neutestament lichen Predigtdienstes. 145 Wenn denn nur die Träger des neutestamentlichen Predigtamtes recht segnen lernten und die Gemeinde die Kunst lernte, sich segnen zu lassen. Denn nun bedarf es unter evangelischen Christen wieder keines Wortes darüber, daß alles neutestamentliche Segnen kein mechanischer Vorgang ist. Alles Segnen und Gesegnetwerden muß ein Beten sein. Du sollst meinen Namen auf das Volk legen, daß Ich es segne, spricht der Herr. Der Herr selbst will sein Volk segnen. Darum kann all unser Segnen und Gesegnetwerden nur ein Beten sein. Sooft ich konfirmiert habe, habe ich jeder einzelnen Gruppe, die an den Altar trat, immer wieder vor der Einsegnung zugerufen: Und nun faßt euch zusammen nach Seele, Leib und Geist, daß ihr unter gläu bigem Gebet euch aneignet den Segen des Herrn und hinnehmet Mehrung der guten Gabe seines Geistes. Ich wußte, wie leicht gerade in einer solchen Stunde bei den Kindern, aber auch bei dem Segnenden selbst, die Gedanken sich verwirren. Darum wollte ich die Kinder und mich selbst zuerst immer wieder zum Gebet wecken. Aus demselben Grunde schicken wir auch am Schluß des Gottesdienstes immer wieder dem Segen die Bitte voraus, dieHerzen zumHerrn erheben zu wollen, daß die Gemeinde betend gesegnet werde. Wo immer aber wir es so halten, da sollen wir auch gewiß sein, daß nicht etwa das Segnen nur eine fromme Zeremonie ist; wir empfangen wirklich, was segnend auf uns gelegt wird, und die Gemeinde soll, wenn anders sie es wirk lich begehrt, an keinem Sonntag ohne die Fülle des neutestamentlichen Heils aus dem Gotteshaus gehen. Die Gemeinde, auch die neutestamentliche Gemeinde, soll und darf sich immer wieder im Namen des dreieinigen Gottes segnen lassen. Aber die neutestamentliche Gemeinde soll nicht bloß Gegen stand des Segens sein, sondern selber segnen. An dem Punkt tritt der Unterschied des Alten und Neuen Bundes Licht. Die alt- testamentliche Gemeinde war an den Dienst der Priester, die über ihr standen, gebunden; die neutestamentliche Gemeinde ist selbst ein Volk von Priestern. Das bedeutet freilich zunächst nur, daß jeder einzelne das Recht persönlicher Gemeinschaft mit Gott hat; aber darin ist zugleich doch auch die Vollmacht priesterlichen SegnenS für den ein zelnen eingeschlossen, und diese Vollmacht gilt um so mehr, je mehr der einzelne schon innerhalb natürlicher Lebensordnung als Stell vertreter Gottes zu gelten hat. Hier wurzelt daS heilige Recht der Eltern, ihre Kinder zu segnen. Wollte nur Gott, daß dies höchste Elternrecht in der Gemeinde mehr bekannt und geübt würde. Kein Kind sollte sich verloben, ohne daß Ihinels: Aufwärts die Herzen. 10 146 es zuerst mit dem Verlobten vor den Vater hinkniete und von ihm sich segnen ließe. Wie schön auch, wenn in dieser schweren Zeit nicht bloß die Kirche die Ausziehenden gesegnet hat, sondern auch die Eltern ihren Kindern den Segen Gottes mitgegeben haben: Der Herr behüte dich. Welch köstliches Vermächtnis auch, wenn sterbende Eltern noch soviel Kraft haben, ihre Kinder noch einmal zu segnen. Vielleicht konnten sie ihren Kindern nicht viel Reichtum hinterlassen; welche Erinnerung aber und welches Gut, wenn Kinder noch einmal die segnende Hand des Vaters auf ihrem Haupt spürten! Ein groß Ding um den Segen Sterbender. Muß ich kurz sein, laßt mich unvermittelt hinzusetzen: ein groß Ding aber auch, wenn wir Sterbende zum letzten Gang segnen dürfen. Wie manches hart kamp fende Antlitz wurde ruhig, als es gelang, in die Seele den Namen Gottes knneinzusprechen. Indes, es versteht sich von selbst, nicht das ist daS Höchste, Sterbende zu segnen. Das ganze Leben der Christen untereinander sollte ein gegenseitiges Segnen sein. Segnen, das ist der Christen Amt. Wenn wir denn nur lernten, daß alles Segnen ein Beten sein muß. Dann darf ich es zuallerletzt auch einen Augenblick umkehren: auch alles echte Fürbitten hat etwas vom Segnen an sich. Das möchte ich so manchem unter uns sagen, der den ins Feld Hinausziehenden nicht segnen konnte und auch heute nicht meint segnen zu können. Fasse dich in diesem Augenblick zusammen, daß du betend den andern segnest, und der Herr, der Gebete erhört, wird den Segen auch in weite Entfernung hinübertragen: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnadig; der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. 5 5 Ich darf nicht weiter ins einzelne gehen wollen. Ich erinnere zuletzt nur noch an ein Wort aus dem ersten Petrusbrief: Segnet; denn dazu seid ihr berufen, daß ihr den Segen ererbet. Sehet da das Wesen des Christenstandes: ein Gesegnetwerden und ein Segnen. So wollen wir heute unter den Händen des dreieinigen Gottes von ihm uns segnen lassen und dann uns untereinander segnen: Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Ge meinschaft deö heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.Daß dein Glaube nicht aufhöre. Am 4. Sonntag nach Trinitatis, 16. Juli 1916. Ev. Lukas 22,92: Ich aber habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre! Daß dein Glaube nicht aufhöre, dazu möchte die heutige Predigt dir, liebe Gemeinde, dienen. Daß dein Glaube nicht aufhöre, dazu möchte ich dem einzelnen zu helfen verslichen. Oder sollte es nicht erwünscht sein, daß auch einmal diese Klange während der Kriegszeit in unsern Gottesdiensten laut würden? Wir sind sonst gewohnt, den Krieg als den Erzieher zum Glauben zu preisen, und wir haben dazu gewiß Grund. Wie mancher Glaube mag unter den Wehen des Krieges in den Herzen neu geboren sein, und wie mancher andere Glaube mag unter den Stürmen des Krieges tiefer und fester eingewurzelt sein. Seien wir nur nüchtern genug, auch die Kehrseite nicht zu übersehen. Mancher mag doch auch in dieser Zeit vollends glaubenslos geworden sein, und bei andern hat der Glaube schwere Erschütterung erfahren. In den Kriegsbüchern ist davon im ganzen wenig zu lesen; sie halten sich mehr an die freundlichen Erfahrungen der Gegenwart, und eS mag so gut sein. Wenn aber in dieser Versammlung die Bücher der Herzen aufgetan würden, dann möchte in manchen Herzen von schweren Glaubenskampfen geschrieben stehen und auch von dunkeln Zweifelsnächten; ja, ich vermute, es ist mehr als einer unter uns, der in dieser schweren Zeit bis hart an die Grenze des Bekenntnisses ge kommen ist: Nun kann ich nicht mehr; ich kann wirklich nicht mehr. Sollten nicht diese alle ein Recht darauf haben, daß ihnen in unserm Gottesdienst einmal ein Wort besonders gesagt werde? Und sollten die andern, die nichts davon wissen, es nicht vielleicht erst recht nötig haben, daß sie auf die Gefahren hingewiesen werden, die heute ihrem Glauben drohen? Und unser Volk im ganzen? Ich möchte sagen, wer hätte unser Volk lieb und möchte nicht in diesen schweren Wochen und Tagen in sein Herz hineinrufen können: daß nur dein Glaube nicht 10* 148 aufhöre! Als der Krieg begann, da glaubte unser Volk. Ich wage das zu sagen, obschon ich sehr wohl weiß, daß vielfach dieser Glaube sehr, sehr allgemeiner Natur war: mehr ein Glaube des Idealismus als wirklicher, echter Christenglaube. Immerhin unser Volk glaubte. Dann sind aber die langen Wochen und Monate und jetzt Jahre des Wartens gekommen, und gerade in der Gegenwart ist auf eine Zeit hoffnungsfreudiger Erwartung neue Zeit bangen, langen Wartens gefolgt, daß nur dein Glaube nicht aufhöre, deutsches Volk! So laßt uns denn mit unserm Textwort unter die Seelsorger- Hände Jesu treten. Daß dein Glaube nicht aufhöre, spricht er zu Petrus und uns, und er sagt es fürbittend. Das mache uns Mut, daß wir gemeinsam dem Herrn antworten: Ja, Herr, unser Glaube darf nicht aufhören, das spüren wir; unser Glaube kann nicht aufhören, das glauben wir; und endlich: unser Glaube soll nicht aufhören, das geloben wir. i. Unser kurzes Texteswort versetzt uns in die letzte Erdennacht Jesu. Was für eine Nacht! Keine Nacht ist dieser Nacht gleich. Eure Stunde und die Macht der Finsternis sagt Jesus selbst von ihr zu seinen Mördern. Er allein auch hat diese Nacht mit vollem, klarem Bewußtsein zu durchleben vermocht. Seine Jünger versagten. Laßt uns sie nicht zu schnell tadeln. Vielleicht liegen auch in unserer eigenen Erinnerung Nächte, von denen wir heute sagen: Wie konnte ich in jener Nacht so blind sein, daß ich nicht spürte, was sich vorbereitete. Laß es gut sein, mein Christ. Quäle dich nicht mit vergangenen Dingen. Eö ist auch wohl ein Stück göttlicher, väterlicher Barmherzigkeit, daß er uns an den tiefsten Abgründen des Schmer zes mit halb verbundenen Augen vorbeiführt. Würden wir die Tiefe des Abgrundes ganz sehen, wir möchten rettungslos hinunterstürzen. Hätten die Jünger jene Nacht mit vollem Bewußtsein durchlebt, vielleicht wäre die Leuchte ihres Glaubens für immer erloschen, und wir könnten heute nicht unsern Glauben an ihrem Glauben entzünden. Jetzt schon muß Jesus in unendlichem Ernst zu Petrus sagen: Simon, Simon, der Satanas hat euer begehrt, daß er euch möchte sichten wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre. Zunächst laßt mich aus diesem Wort nur die eine Erinnerung entnehmen, wieJesus bei seinen Jüngern allein um das eine sich sorgt: 149 daß ihr Glaube nicht aufhöre. Aus anderen Worten des Herrn wissen wir, wie tief er auch unter all dem Schweren, das diese Nacht und die folgende Zeit ihnen bringen mußte, persönlich gelitten hat; in diesem Augenblick tritt alles vor dem einen Gedanken zurück, daß nur der Glaube seiner Jünger nicht aufhöre. Mag auch alles natürliche Hoffen in dieser Nacht zusammenbrechen, mag ein Petrus auch Her nachmals sein Haupt auf den Richtbock legen müssen, wenn nur sein Glaube nicht aufhört. Jesus dachte eben ganz anders über den Glauben als die meisten Menschen darüber denken. Den meisten Menschen scheint der Glaube das Geringste zu sein; Jesus ist er das Höchste. Nur über eins hat er in seinem Leben sich einmal gewundert: über den Glauben eines Mannes; nur um eins sorgt er sich: um den Glauben seiner Jünger. Das macht, für ihn ist der Glaube etwas völlig anderes als für die meisten Menschen. Im Sinne Jesu ist der Glaube kein angelerntes Fürwahrhalten wunderbarer Dinge, auch nicht eine unsichere Über zeugung von einer unsichtbaren Welt; der echte Glaube im Sinne Jesu ist Gewißheit, ehrfürchtige, demütige Gewißheit des lebendigen und gnadigen Gottes, ehrfürchtige, demütige Zuversicht zu diesem Gott, daß er alle Dinge in seiner Hand hat, und daß mein Leben in Zeit und Ewigkeit in seiner Hand geborgen ist und nichts und niemand mich aus seiner Hand reißen kann. Und das alles um dieses Jesu willen, der zu mir redet, heute auch aus der Gewißheit heraus, daß niemand und nichts diesen Herrn Jesum Christum aus der Welt der Wirklichkeit, auch nicht aus der Wirklichkeit dieses furchtbaren Krieges hinwegzubringen vermag. Das ist der Glaube, den Jesus in den Her zen seiner Jünger zu pflanzen versucht hatte. DaS ist der Glaube, um den er in dieser Stunde bei ihnen sich sorgt. Welch ein Sprung dann, wenn ich das Wort Jesu aus jener stillen Nacht in die laute Gegenwart hineinstelle. In jener Nacht ging es um die Wirklichkeit des Gottesreiches in der Welt gegenüber der Macht der Finsternis Heute handelt es sich um den Kampf der Weltreiche. Diesen Unterschied gcdeuke ich nicht zu verschleiern; vor jedem weiteren Wort wollte ich ihn vielmehr erst einmal ausdrück lich sicherstellen. Dann aber will mir allerdings scheinen, als ob unser Texteswort doch auch heute nicht bloß den einzelnen ringenden und kampfenden Seelen etwas zu sagen habe ihr Kampf ist ja zu aller Zeit zuletzt derselbe , sondern, daß es auch unserm Volk als solchem etwas sagen könne und müsse. Auch im Blick auf unser Volk gibt es keine dringen- 150 dere Sorge als diese, daß sein Glaube nicht aufhöre. Mit allem, was uns auch begegnen möchte ich weiß, was ich sage wollten wir in Kraft dieses Glaubens fertig werden. Wie aber, wenn dieser Glaube selbst erlöschen sollte? Dein Glaube darf nicht aufhören, du deutsches Volk. Hier liegt für unser Volk die eigentliche und einzige Gefahr. Ich weiß freilich, daß viele in seiner Mitte bereits wieder ganz anders urteilen. Um so mehr tut not, daß die Jünger Jesu immer wieder für sich selbst und andere an diesem Punkt Klarheit schaffen. Gewiß, man hat ganz recht, tapfere, erfolgreiche Kriegführung und geschicktes wirtschaftliches Durchhalten was hat beides an sich mit dem Glau ben zu tun? Aber zu beidem, ich denke, wir erfahren das jetzt gründlich genug, gehören starke sittliche Kräfte. Und wenn unser Volk diese sitt lichen Kräfte bisher in bewundernswerter, das Staunen der Welt erregender Weise bewahrt hat, sollte das nicht doch bereits damit zusammenhangen, daß unser Volk in der Tiefe der Volksseele noch stärker an seinen Gott gebunden war, als es vielleicht nach außen schien? Wie aber, wenn die ungeheure Spannung, die unser Volk gegenwärtig fast möchte man sagen, mechanisch vorwärts treibt, einen Augenblick nachließe? Oder wenn uns noch härtere Pro ben für das Durchhalten draußen und daheim beschieden wären? Vollends dürfte sich niemand darüber täuschen, welch starker sittlicher Kräfte wir gerade nach dem Friedensschluß bedürfen wer den. Wer auch nur oberflächlich in das Leben unseres Volkes hinein blickt, muß sich sagen, welch ernste Aufgabe es sein wird, daß nach dem Kriege die verschiedenen Volkskreise zu neuer gemeinsamer Arbeit auf neuer Grundlage sich zusammenfinden und die wunderbare Einheit, die wir im Kriege erlebten, für den Frieden praktisch werde. Wir haben viel Ursache, für diese Zeit unserm Volk den Glauben an Gott zu erbitten, in dem alle sittlichen Ideale zuletzt allein sicher verankert sind. Zwar, es wäre schweres Unrecht, wenn wir im Hause Gottes Ge fahren an die Wand malen wollten, die im schlimmsten Fall doch eben nur Gefahren sind. Aber es komme uns nicht aus dem Sinn, daß Jesus seinen Jünger vor der Stunde der Gefahr zu warnen ver suchte, damit er nicht in dieser Stunde erliege. So möchten auch wir zur rechten Stunde unser Volk auf die Gefahren hinweisen können, die heute und in der nächsten Zukunft ihm drohen. Dreifach aber ist diese Gefahr. Die erste erwächst gerade aus jener unverwüstlichen Kraft, über die wir bei unserm Volk uns freuen: 151 etlichen wird sie zur Versuchung, Fleisch für ihren Arm zu halten. Für viele andere dagegen entsteht die andere Gefahr, daß die lange Dauer des Krieges sie abstumpft; auch die Frage nach Gott vermag sie nicht mehr aufzurütteln. Soweit man aber nach Gott fragt, droht die letzte Gefahr, daß man über der Frage strauchelt: Wo ist der Gott der Liebe? Wider diese dreifache Gefahr sollen wir uns immer wieder aus der Seele unseres Volkes heraus die Gewißheit ins Herz sprechen: Unser Glaube darf nicht aufhören. Die gewaltige Begeisterung am Anfang des Krieges hat freilich auf allen Gebieten notwendig einer nüchterneren Betrachtungsweise Platz gemacht. Mag dann auch die religiöse Begeisterung der ersten Tage abebben, der Glaube selbst darf nicht aufhören, sondern muß durch alles hindurch nur tiefer einwurzeln. Über vier Stücke darf und soll auch heute unser Volk gewiß sein. Zwei Satze gelten wie am Anfang; zwei andere Satze hat uns der Krieg lehren wollen. Zuerst: auch heute bleibt es dabei, daß Anfang und Ende des Krieges in unseres Gottes Hand steht. Will er es, so kann der Friede viel näher sein, als wir es glauben. Sodann dürfen wir auch heute noch gewiß sein, daß Gott viel zuviel Arbeit auf unser Volk verwandt hat, als daß er es verstoßen sollte, solange es nicht sich selbst von Gott losreißt. Zum dritten aber hat der Krieg durch alles, was wir erlebten, meine ich, uns Freudigkeit gegeben, auch für seinen Ausgang der Hilfe unseres Gottes zuversichtlich gewiß zu sein. Es wäre geradezu Undank gegen Gott, wollten wir nicht nach allem, was wir erlebten, zuletzt auf einen guten Ausgang für die Sache unseres Volkes hoffen, wenn anders nur unser Volk sich selbst und seinem Gott treu bleibt. Dann muß zum letzten auch das lange War ten, das wir durchmachen müssen, nach Gottes Willen nur dazu dienen, daß desto mehr seine Herrlichkeit kund werde. Daß nur dein Glaube nicht aufhöre, deutsches Volk. Indes, ich deutete bereits an, daß unser Wort vor allem doch den einzelnen gilt. Nur mit einem einzigen Satz will ich es dann denen sagen, die, ohne es zu merken, in dieser Zeit in Gefahr sind, auch den letzten Rest des Glaubens sich nehmen zu lassei?. Was hülfe euch die ganze große Zeit und alles, was ihr in ihr durchlebtet, wenn sie nicht eine Schule des Glaubens für euch würde? Vergeblich", so stünde für euch über dieser Zeit geschrieben. Mehr sage ich nicht; denn ich hoffe, in dieser Versammlung ist es nicht nötig, mehr davon zu sagen. Dagegen mit den ringenden und kämpfenden Seelen unter uns 152 möchte ich recht reden können. Ich verstehe ja nur allzu gut, wie schwer euer Glaube unter allem, was ihr heute erlebt, zu kämpfen haben mag. Es hat mich nicht gewundert, wenn junge Brüder drau ßen in aller Tapferkeit das Schwert führten und dann doch in ihren Briefen fragten, wie das nun alles mit ihrem Glauben sich vertrage. Vollends empfinden wir tief mit den Vätern und Müttern und Gattinnen unter uns, die im Besitz der schweren Nachricht bange klagen: Wo ist der Gott der Liebe? Und auch das befremdet uns nicht, wenn die wirtschaftliche Sorge den Glauben vieler auf eine harte Probe stellt, ja, wenn auch solche, die scheinbar vom Kriege ganz verschont sind, dennoch immer wieder die Empfindung haben, als vermöchten sie nicht mehr mit dem fertig zu werden, was diese Jeit unS erleben läßt. Auch hier zeigt es sich, daß die Naturen verschieden sind und die Gefahren, die ihnen drohen, verschieden. Es gibt Naturen, die vor andern allen Eindrücken von außen her offen stehen und unter ihnen leiden. Wie mögen sie unter all dem Furchtbaren, das heute auf sie eindringt, innerlich leiden; ja, sie mögen hie und da die Empfindung haben, als senke sich tiefe Nacht mit schwerem Flügelschlag auf ihre Seele. Aber selbst gesunden und kraftvollen Naturen mögen sich heute wohl immer wieder einmal die Gedanken verwirren. Dennoch bitte ich im Blick auf den Herrn und seine heilige Sorge um die Seinen, daß auch der Schwächste in unserer Mitte das, was er an Glauben noch in sich trägt, zusammenraffe und heute sich selbst vorspreche: Mein Glaube darf nicht aufhören. Das spürst du ja selbst ohne weiteres, daß, wenn auch dein Glaube noch aufhören sollte, nicht weniger als alles für dich verloren wäre. Aber auch das andere ahnst du wenigstens, daßdu gerade von diesem Glauben allein die Lösung all der qualenden Rätsel erwarten darfst, die dich an deinem Glauben irre machen wollen. Ich darf das heute nicht nach den verschiedenen Seiten, auf die ich vorhin hindeutete, ausführen wollen. Nur das eine sage ich: alle die Trübsal, die dich im Glauben irre machen will, darf das nicht tun und braucht das nicht zu tun; denn, wo immer diese Trübsal im Glauben ergriffen und durchlebt wird, da soll gerade sie geheimnis vollen, wunderbaren Reichtum in dein Leben bringen. Ich las in diesen Tagen, wie ein schlichter, einfacher Christ die vielen Prediger und Predigteil, die er gehört hatte, darnach einteilte, ob der Prediger schon durch einen tiefen, großen Schmerz im Leben hindurchgegangen sei oder nicht; dieser erst bringe die rechte Tiefe in die Predigt. Ich 153 glaube, der Mann hatte recht; aber das Gleiche gilt dann von allen Christen. Erst ein tiefer Schmerz, der in äußeren oder inneren Lebens führungen darauf kommt es nicht an durch ein Menschen leben gegangen ist, bringt in dies Leben verborgene Tiefe. Verstehe es wohl, ich sage nicht, daß der Schmerz aufhöre, Schmerz zu sein und Verlust Verlust. Aber im Glauben durchlebt, schafft alle Trübsal an jenem seligen, großen Geheimnis, von dem die Epistel unseres heutigen Sonntags redet, wie ihr sie vom Altar vernahmt: Nicht wert, nicht wert der zukünftigen Herrlichkeit. Das sprich dir immer wie der vor, und dann sage dir: der Glaube, der dieser Herrlichkeit entgegen führen will, darf nicht aufhören. Freilich, ich weiß wohl, was du antworten möchtest. Gewiß, mein Glaube darf nicht aufhören, wie gern auch wollte ich ihn hin durchbringen; aber werde ich es auch können? Laß mich denn jetzt antworten: du kannst es. Dein Glaube kann nicht aufhören. 2. Denn wie spricht unser Herr Jesus Christus? Ich aber habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre. Ich aber, mit welch schlichter Majestät stellen sich diese beiden Worte dem Ringen und Zweifeln des Petrus entgegen. Aller Glaube lebt nur durch ein Aber. Das ist nicht das Aber der eigenenm enschlichen Gedanken, an ihm stirbt der Glaube; das ist das heilige, göttliche Aber des Herrn, der alle Dinge in seiner Hand hat und der am andern Ort von sich selbst spricht: Niemand wird meine Schafe aus meiner Hand reißen. An dies Aber halte dich, und dann sprich: Mein Glaube kann nicht aufhören. Ich aber, spricht der Herr. Noch weiß Petrus selbst nichts von der Gefahr, die ihm droht, da hat der Herr sie schon für ihn über wunden. Was klagst du denn, daß kein Mensch auf dich achthabe? Siehe, der Hüter Israels, der nicht schläft noch schlummert, hat Tag und Nacht auf dich acht. Oder wie sagst du, daß niemand dich verstehe? Siehe, Jesus liest in der Seele des Petrus, und er versteht ihn besser, als Petrus sich selbst versteht. Oder warum fürchtest du, daß du dem Herrn deinen Kleinglauben und Unglauben nicht beichten dürftest? Vielleicht magst du dich schämen, Menschen in dein Herz hineinschauen zu lassen; den Herrn dagegen jammert nur die Schwach heit seines Jüngers, und er kennt nur die eine Sorge, daß er ihm helfe. Wie aber hilft er ihm? Ich habe für dich gebeten, daß 154 dein Glaube nicht aushöre. Seht da den barmherzigen Hohenpriester, der fürbittend für die Seinen eintritt. Diese Fürbitte hat den Petrus vor dem Untergang bewahrt. Gewiß ist er tief gesunken; aber wie einst die Hände des Herrn den sinkenden Petrus auf dem Meer ge halten haben, so halten ihn jetzt die fürbittenden Hände seines Herrn. Diese fürbittenden Hände halten auch dich fest: dein Glaube kann nicht untergehen. Sollte ich daraus nicht auch im Blick auf unser Volk einen Trost für uns entnehmen dürfen? Wir müssen uns freilich davor hüten, das, was der einzelnen Persönlichkeit gilt, ohne weiteres auf die zu sammengesetzte Volkspersönlichkeit anzuwenden. Erst recht dürfen wir nicht etwa die nationalen Gegensätze in das himmlische Heiligtum übertragen wollen. Aber davon sind wir ja gerade auch in diesem Zusammenhang unendlich weit entfernt. Nur um jene Tatsache handelt es sich für uns, über die ich ein anderes Mal predigen durfte, daß der himmlische Weingärtner an unserm Volk seit Jahrhunderten gearbeitet hat und noch heute arbeitet. Zu dieser Arbeit gehört auch die Fürbitte. Wie sollte nicht der Herr, der so lange und so ernstlich an der Seele unseres Volkes arbeitete, fürbittend für dies Volk ein treten, daß sein Glaube nicht aufhöre. Darum, das darf und soll uns Mut machen, daß auch wir fürbittend für unser Volk eintreten und dennoch im Glauben auch für unser Volk zu sagen wagen: dein Glaube kam? nicht aufhören. Freilich, hier empfinden wir zugleich besonders lebhaft, daß alles kann nicht" nur dann sein sittliches Recht hat, wenn es zugleich zu einem soll nicht" wird. Denn warum sagt Jesus seinem Jünger ausdrücklich, daß er für ihn gebeten habe? Offenbar doch will er den Jünger mahnen, daß er sich nicht falscher Sicherheit hingebe, sondern selbst in den Glaubens kampf eintrete. Zunächst bleibt allerdings das Wort noch vergeblich; als dann aber der Blick des Herrn den verleugnenden Petrus trifft, da beginnt aufs neue der Kampf um den Glauben in Petrus. In dieser Stunde hebt die Erfüllung des Wortes an, das unmittelbar nach unserm Texteswort folgt: Wenn du aber dermaleinst dich be kehrst. Welcher Trost liegt hier wieder für uns. Niemals ist es zu spät für eine Bekehrung zum Herrn, und auch aus der tiefsten Tiefe führen noch Stufen aufwärts zum Glauben. Aber auch umgekehrt: welch dringende Erinnerung, daß es keinenGlauben gibt ohne Kampf. 155 Darum wird unser Herr Jesus Christus uns jetzt zum Vorbild. Zum Vorbild in dem Kampf, den er persönlich für sich gekämpft hat, zum Vorbild nicht minder in dem Kampf für uns. Ich beginne mit dem letzteren. Unter uns sind viele Eltern und Gattinnen, die um ihre Lieben draußen sich sorgen. Lerne betend mit ihnen kämpfen und für sie kämpfen. Vielleicht sorgst du dich ja nicht bloß um das äußere Leben deines Kindes, sondern auch um seinen Glauben. Was kannst du tun? Du darfst deinen Sohn warnen, gleichwie Jesus seinen Jünger gewarnt hat. Vielleicht mußt du damit aber doch eine Weile außerordentlich zurückhalten. Zumal in der Entwicklung eines jungen Mannes gibt es Zeiten, in denen gerade die, die ihn am meisten lieb haben und die er im tiefsten Grunde lieb hat, am wenigsten ihn drangen dürfen. Er hat die Empfindung, daß er selber seinen Weg suchen müsse, und er hat darin in seiner Weise ganz recht. In solchen Zeiten soll dir das Vorbild Jesu ein Trost sein, der auch seinen Jünger seine Wege gehen lassen mußte. Nur daß er nicht aufhörte, für ihn zu beten. Daran darf und kann auch niemand dich hindern, und du sollst wissen, daß betende Hände den andern festhalten. Zu rechter Stunde höre wohl, ich sage, zu rechter Stunde magst du es dem andern auch einmal sagen: Siehe, dein Vater und deine Mutter beten für dich, daß dein Glaube nicht aufhöre. Unter Umstanden ist das allein schon dem Sohn ein starker Stachel zur Bekehrung geworden, daß er darum wußte, wie Vater und Mutter daheim für ihn beteten. Jedenfalls noch ein mal: betende Hände halten fest. Auch im Blick auf unser Volk sollen wir uns das sagen. Zwar, wir wollen gewiß auch nicht aufhören, unser Volk, soviel an uns ist, immer wieder zu warnen und zu bitten und zu mahnen und durch das alles auf das Eine, das not ist, hinzuweisen. Gerade jetzt, wo bereits sich wieder mancherlei Stimmen an die Öffentlichkeit wagen, die unser Volk von Gott wegrufen möchten, wollen und sollen wir dafür sorgen, daß diese Stimmen in unserm Volk nicht allein bleiben. Aber die eine große Hauptsache bleibt doch, daß wir immer wieder fürbittend für unser Volk eintreten. In fürbittendem Glauben wollen wir denn zu sagen wagen: in unserm Volk soll der Glaube nicht aufhören. Wir wollen es nicht: er soll nicht aufhören. Indes, damit wir im Blick auf unser Volk so sprechen lernen, laßt uns vor allem für uns selbst so geloben. Du hast ja gehört, wie der Herr selber Bürge ist für den Glauben. Was sollte dann dich an dem Gelübde hindern, daß dein Glaube nicht aufhören soll? Die Tatsache 156 etwa, daß du um deinen Glauben kämpfen mußt? Es gibt keinen Glauben ohne Kampf. Oder die andere Tatsache, daß du besonders hart und heiß kämpfen mußt? Siehe, dein Gott will nur deinen Glau ben desto tiefer einwurzeln. Beneide darum doch nicht die andern, die von solchen Glaubenskämpfen nichts wissen. Sie sind geistlich tot. Beneide auch nicht die, welche weniger von einem Kampf des Glaubens zu erfahren scheinen als du. Vielleicht ist ihre ganze Art eine andere, vielleicht auch haben sie an andern Punkten ihres Le bens stärker zu kämpfen als du, vielleicht auch will Gott deinen Glau ben desto herrlicher hinausführen. Jedenfalls sollst du nicht vergessen, wie der Herr eben diesem Petrus, als er im Blick auf einen andern Jünger Jesum fragte: Was soll dieser?, nur geantwortet hat: Was gehet es dich an? Folge du mir nach. Ja, was gehet es dich an, wie dein Herr die andern führt? Kampfe du den Kampf des Glaubens, der dir verordnet ist. Du kennst ja die Waffen in diesem Kampf: Wort, Nachtmahl, Taufe. Laß es dich nicht befremden, daß ich unter den Mitteln des Kampfes auch die Taufe nenne. Sage nicht, wie kann eine Tatsache der Vergangenheit mir heute im Kampf der Gegenwart Hilfe sein? Kein Geringerer als Luther hat in den harten Glaubenskämpfen, die er immer wieder zu bestehen hatte, mit der Gewißheit sich trösten gelernt: Ich bin ein getaufter Christ. In der Tat, das rechte Verständ nis dessen, was wir an unserer Taufe haben, erschließt sich erst ganz in der Anfechtung: Mag alles andere zusammenbrechen, der Bund der Taufe bleibt bestehen. Bei jeder Nachtmahlfeier will aber der Herr aufs neue diesen Bund dir versiegeln. Sage auch nie: Heute bin ich zu schwach, als daß ich zum Nachtmahl kommen dürfte. Nicht die Starken, sondern die Kranken bedürfen des Arztes. Wollte Gott, wir alle, die wir nachher des Herrn Nachtmahl feiern wollen, möchten wirklich mit dem alten Abendmahlslied beten: Ich komm mühselig, nackt und bloß; ach, lieber Herr, mich nicht verstoß. Vor allem aber kämpfe mit der Waffe des Wortes. Wir haben Gottes Wort so reichlich unter uns. Höre es im Hause Gottes, lies es daheim. Es gilt ganz buchstäblich: solange ein Mensch noch mit dem Worte Gottes umgeht, kann sein Glaube nie ganz sterben. Damit wir aber beständig mit dem Wort Gottes umgehen können, müssen wir es im Gedächtnis haben. Nichts ist törichter als die Angst unserer Zeit vor einer gedächtnismäßigen Einprägung des Wortes. Wir können nicht immer GotteS Wort hören oder lesen, wir müssen es im Gedächtnis haben, um in der Stunde der Versuchung und 157 im Augenblick des Kampfes es gebrauchen zu können. Mehr noch. Der Christ muß wissen, welche Worte ihm gerade in seinen Glau- benskampfen besondere Dienste geleistet haben und leisten können. Mit diesem Wort kämpfe betend. Betend. Solange wir noch beten, steht der Weg nach oben offen. Von dort her fließen immer wieder neue Kräfte in das Leben des Christen. Würdest du aber so schwach, daß du auch nicht mehr zu beten vermöchtest, oder doch nicht so beten könntest, wie du möchtest, dann tröste dich damit, daß dein Herr fürbittend für dich eintritt, und gedenke an das Wort Pauli, daß, wenn wir nicht wissen, was wir beten sollen, Gottes Geist für uns eintritt mit unaussprechlichem Seufzen. Um der Fürbitte Jesu willen will Gottes Geist auch dein Seufzen vor Gott bringen, daß es vor ihm wie ein Gebet gelte. Darum nun noch einmal: was hinderte dich, daß du trotz aller Schwachheit dennoch dir gelobst: mein Glaube soll nicht aufhören? So laßt uns denn gemeinsam zu sprechen wagen: Unser Glaube soll nicht aufhören. Unser Glaube sage ich. Auch das ist ein Dienst, auf den der Schwache einen Anspruch hat, daß er an dem Glauben der Gemeinde sich emporranke. Gemeinsam wollen wir uns hindurchglauben, gemeinsam wollen wir unser Volk hindurch glauben; daß dein Glaube nicht aufhöre. Amen.Herr, sei uns gnädig und hilf uns. Am 7. Sonntag nach Trinitatis, 6. August 1916. Psalm 85, 8 14: Herr, erzeige uns deine Gnade und hilf uns! Ach, daß ich hören sollte, was Gott der Herr redet; daß er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, auf daß sie nicht aus eine Torheit geraten! Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, daß in unserm Lande Ehre wohne; daß Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen; daß Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue; daß uns auch der Herr Gutes tue und unser Land sein Gewächs gebe; daß Gerechtigkeit fürder vor ihm bleibe und im Schwange gehe. Das erste Gotteswort im dritten Kriegsjahr. Am vorigen Sonn tag haben wir auch in dieser Kirche das Gedächtnis des Kriegsbeginns erneuert; heute soll ich dem das erste Wort im neuen Kriegsjahr hinzufügen dürfen. Ihr spürt die Verantwortung, mit der das den Prediger belastet. Aus dem Bewußtsein dieser Verantwortung heraus habe ich einen Augenblick nach einem besonderen Schriftwort für diese Stunde gesucht. Als ich aber die kirchlich verordneten Texte gelesen hatte, suchte ich nicht mehr. Nur das schien mir schwere Wahl, ob ich über das alte Evangelium des Sonntags predigen solle oder über das eben ver lesene alttestamentliche Schriftwort. Aus dem alten Sonntagsevan gelium, wie ihr es vorhin vom Altar vernommen habt, klingt ja eine Frage zu uns herüber, die wir gerade heute wieder besonders ver stehen: Woher nehmen wir Brot? Wieviel hatte daher die wunder bare Speisung gerade heute unserer Zeit zu sagen, und wie dürfte man hoffen, daß das Evangelium auch in dieser Gemeinde in diesem Jahr besser verstanden würde als früher wohl. Als ich dann aber das alttestamentliche Wort las, das für uns in diesem Jahr zunächst in Betracht kommt, ließ eS mich nicht wieder los. Ist es nicht, als wäre es mit dem Ausdruck derSehnsucht nach Frieden geradezu für den ersten Sonntag im neuen KriegSjahr ausgesucht? Auch die Erinnerung an die vierte Bitte fehlt am Schluß nicht: daß das Land sein Gewächs gebe. Eingerahmt ist aber alles von einer Bitte, die ich am wenigsten 159 dir vorenthalten möchte, liebe Gemeinde: Herr, erzeige uns deine Gnade und hilf uns! In der Tat, dies Gebetswort müßte, dünkt mich, uns heute be sonders willkommen sein. Oder sollte es nicht auch euch so gehen, daß wir miteinander etwas von dem Pauluswort erfahren, auf das ich in meiner letzten Predigt in ganz anderem Zusammenhang hinweisen durste: Wir wissen nicht, was wir beten sollen. Wenn uns große Ereignisse mit elementarer Gewalt packen, dann zergehen uns die Gedanken, und wenn jahrelanger Druck auf dem Herzen liegt, dann werden wir der vielen Worte müde. In solcher Zeit werden uns die schlichten Worte derHeiligen Schrift besonders groß: an sie lernen wir uns anklammern. So mag uns heute, wo unter dem Druck des neu beginnenden Kriegsjahres die Gedanken zergehen wollen, das eine Wort willkommen sein: Gnade. Und alle Gedanken mögen sich in das eine Gebet zusammenfassen: Herr, daß nur du uns gnadig seiest und uns helfest. Gestattet mir denn, daß ich uns heute dies schlichte Wort zu lehren versuche. Ist uns das Herz zu voll, als daß wir alles, was unö bewegt, aussprechen können, so laßt uns zuallererst einmal von Herzen miteinander beten: Herr, sei unS gnadig und hilf unS. Sei uns gnadig nicht auf unser Recht pochen wir vor dir; denn, Herr, unser Gott, wir wissen wohl, dir könnten wir auch auf tausend nicht eins antworten; nicht auf unser Verdienst berufen wir uns; ach, Herr, wir fühlen wohl, unsere Sünden verklagen uns vor dir; aber um deiner Barmherzigkeit willen sei unS gnädig lind hilf uns. So beginnen wir, und dann will ich versuchen, in Kraft dieses Wortes die hin- und herwogenden Gedanken zu ordnen und um diesen Mittelpunkt zu sammeln. Unser Textwort mag uns mit dem Dreiklang der Bitte, der in ihm begegnet, eine Hilfe sein. So sage ich: Herr, sei uns gnadig und hilf uns, und zer lege daS in die drei Bitten: Ach, Herr, daß du deinem Volke Frieden zusagtest; ach, Herr, daß deine Herrlichkeit in unserm Lande wohnte; ach, Herr, daß unser Land sein Gewächs gebe. i. Herr, sei uns gnädig und hilf uns, betet der Psalmist, und dann fährt er fort: daß ich hören sollte, was Gott der Herr redet; daß er Frieden zusagte seinem Volk. So lauten die Worte in Luthers Über setzung, und gerade so können sie uns einen besonderen Dienst tun. 160 Ach, daß ich hören sollte, daß der Herr redete. Was dünkt euch für einen frommen Mann daö Furchtbarste? Das ist das Schwerste für ihn, wenn Gott ihm gegenüber zu schweigen scheint. Wenn mensch liche Lippen, die lange Jahre hindurch zu uns sprachen, für diese Weltzeit sich schließen und uns klar wird, daß sie nicht mehr zu uns sprechen können und nie wieder zu uns sprechen werden, das ist schwer. Aber selbst damit kann ein Christ fertig werden, solange sein Gott zu ihm redet. Wo dagegen Gott zu schweigen scheint, das ist vollendete Trostlosigkeit. Und ist es nun nicht doch so, daß uns in diesen Monaten manchmal zu Sinne war, als müßten wir zum Himmel emporrufen: Ach, Herr, daß du doch reden wolltest. Der Menschen Stimmen haben wir seit Kriegsbeginn genug gehört: Stimmen fanatischen Hasses, Stimmen bewußter Verleumdung, Stimmen törichter Selbstüber hebung, die sich vermaßen, Deutschland den Garaus zu machen; ach, daß der Herr doch diese Stimmen nicht allein reden ließe, daß es ihm doch gefallen wollte, endlich selbst das Wort zu nehmen und Frie den seinem Volke zuzusagen. Frieden. Jetzt wissen wir, was das Wort bedeutet. Im Grunde müssen wir alle Worte unserer Sprache zweimal lernen. Zuerst, wenn Vater und Mutter sie uns lehren; dann aber, wenn Gott sie uns in seiner Schule lehrt. Und dann können wir sie erst wirklich. So lernen wir erst jetzt ganz, was Frieden heißt, da Gott den Frieden weggenommen hat von der Erde. Jetzt wird das Wort so groß, daß wir es kaum fassen können und den Gedanken kaum auszudenken vermögen, daß noch einmal wieder Friede auf Erden werden soll. Je größer aber unö daS Wort wird, um so heißer laßt uns beten: Ach, Herr, daß du Frieden zusagtest deinem Volk. Frieden. Auch in dieser Kirche haben wir tapfer darnach gerungen, daß nicht durch voreilige Friedenssehnsucht unser Volk von dem Kampf, der ihm verordnet ist, abgezogen werde. Heute jedoch, wo der Sonn tagstext beim Beginn des neuen Kriegsjahres das Wort uns selbst bietet, wäre es Unnatur, an ihm vorüberzugehen. Freilich, wenn ich den Inhalt des Wortes naher entfalten sollte und von bestimmten Friedensgedanken und Wünschen sprechen, dann möchten auch unter uns die Wege sehr auseinandergehen. Seitdem auch unser Kaiser in der Ansprache an sein Volk daS Recht der Sehnsucht nach Frieden anerkannt hat, werden gewiß der Verhandlungen über die rechte Art des Friedens in unserer Mitte noch mehr werden. Schon jetzt gehen ja die Gedanken weit auseinander, und manchmal möchte man fast fürchten, daß unser Volk, das im Kriege eins wurde, über 161 - den: Friedeil uneins werden könnte. Die einen kämpfen unter der Losung eines ehrenvollen Friedens, die andern warnen auch jetzt noch eindringlich vor verfrühten Friedensgedanken, und wieder andere können beiden keine Gefolgschaft leisten; sie bekennen, daß sie die Lage nicht genug übersehen, um entscheiden zu können. Wein sollen wir im Gotteshaus recht geben? Was sollen wir zu dem allem sagen? Nichts, meine Zuhörer, nichts und wiederum nichts. Die Kirche soll die Statte bleiben, da alle, die unser Volk lieb haben, sich begegnen können. Die Predigt muß aller Versuchung widerstehen, in den Tages kampf hinabzusteigen. Sie hat keine Vollmacht von dem Herrn, bestimmte Kriegsziele aufzustellen und bestimmte Friedenswünsche als allein gottgemäße zu verkünden. Nur ein Doppeltes darf und muß sie aussprechen. Ein Doppeltes, das scheinbar zueinander in Gegensatz steht, und alles wird darauf ankommen, die rechte Einheit zu finden. Zuerst denn noch einmal: es wäre völlige Unnatur, wenn nicht nach zwei schweren Kriegsjahren das Verlangen nach Frieden in Ulis lebendig wäre. Das ist ein Satz, den auch unsere Feinde getrost hören dürften; denn ich spreche ihn ganz und gar nicht im Sinne der Müdigkeit aus. Ob wir müde wären oder nicht, das dürfte nicht Friedenswünsche diktieren. Auch nicht bloß darum handelt es sich für uiis, daß die schweren Wunden des Krieges den Wunsch nach Frie den aufdrängen müßten. Gewiß, es ist so, die Folgen des Krieges müssei: nicht bloß für unser Volk, sondern erst recht auch für die andern Völker und, was besonders ernst ist, für die europäische Völkerwelt überhaupt furchtbare sein, und niemand vermag sie noch zu übersehen. Jeder Volksfreund, aber auch jederMenschenfreund, der etwas von diesen notwendigen Folgen ahnt, muß freilich lieber heute als morgen den Frieden wünschen. Das sind auch bereits sittliche Gründe für den Frieden. Und doch ist auch damit noch nicht das Höchste und Letzte gesagt. Nein, wenn Jünger Jesu sich zum Verlangen nach Frieden bekennen, dann handelt eS sich für sie in allererster Linie um die einfache Tatsache, daß sie täglich mehr emp finden, wie wenig dieser furchtbare Krieg zu dem paßt, was Jesus zuletzt will. Sollte er nicht sein Angesicht verhülle,: müssen, wenn seine Jünger, hört es wohl, seine Jünger, die innerlich eins sein sollten und sind, dann doch mit dem Schwert einander gegenüber stehen? Und sollte er nicht darunter leiden, wenn sie, die unterein ander keine Barmherzigkeit zu kennen scheinen, in der Todesstunde dann doch zu ihm rufen: Christe, erbarme dich unser? Das ist die Ihmels: Aufwärts die Herzen. 11schwere innere Not, die diese harte Zeit auf die Jünger Jesu legt. Wer durchlebte etwas von ihr und sehnte sich nicht nach dem Frieden! Und doch ist das alles nur die eine Seite der Sache. Auch im Hause Gottes dürfen wir keinen Zweifel darüber lassen, daß wir nicht jeden Frieden gebrauchen können. Haben wir wirklich das Schwert gezogen, um die gottgegebenen Güter und Aufgaben unseres Volkes zu schützen, dann versteht sich auch von selbst, daß wir dieses Schwert so lange nicht aus der Hand legen dürfen, als nicht dieser Schutz erreicht ist. Wann das der Fall sein wird, darüber sagen wir in der Kirche, im Gotteshaus, nichts. Nur das darf und muß auch vor dem Angesicht GotteS bezeugt werden: unsere Brüder dürfen nicht umsonst gefallen sein; die schweren Opfer des Krieges dürfen nicht umsonst gebracht sein; die ganze furchtbare Kriegszeit darf nicht so durchlebt sein, daß bald ein neuer Krieg einen unechten Frieden ab löste. Auch die Jünger Jesu dürfen keinen andern Frieden be gehren als den, der unserm Volk dauernde, bleibende Frucht verheißt. Das ist die andere Seite, die ebenfalls zu Recht besteht. Wird es denn wirklich möglich sein, diese beiden Seiten in Einklang miteinander zu bringen? Sollten wir denn nicht doch versuchen müssen, uns über den rechten Augenblick zu verstandigen, wo der Wille zum Krieg durch die Sehnsucht nach Frieden abgelöst werden darf? Wir kennen einen höheren Weg zur Lösung jener Fragen, einen königlichen Weg, auf dem vir wirklich alle eins werden können. Ihn will unser Text uns zeigen, indem er uns anleitet, alle Friedensge- danken und Wünsche in lauter Gebete zu wandeln. In dem einen Gebet können wir alle eins werden, daß Gott zu rechter Stunde den rechteil Frieden geben wolle. Wohl mag dann jeder außerhalb der Kirchmauern fortfahren, für die Friedensgedanken, die ihm die rechten zu sein scheinen, mit allein Ernst einzutreten. Auch das ist sein gutes sittliches Recht, ja, seine sittliche Pflicht. Aber selbst wenn dabei unsere Gedanken auch noch so weit auseinandergingen, laßt uns am Abend im Heiligtum Gottes in der gemeinsamen Bitte uns be gegnen, daß Gott unö zu seiner Stunde seinen Frieden geben wolle. Ich weiß wohl, es scheint manchem undenkbar, daß Menschen, die sich am Tage im Kampfe gegenüberstanden, am Abend sich doch im Heiligtum Gottes begegnen können. Vollends vermögen auch in unserem Volk viele nicht daran zu glauben, daß daS Gebet für daS Ende des Krieges wirklich von Bedeutung sein könne. Um so mehr sollen Jünger Jesu wisseil, daß unser Gott gebeten sein will, wenn er etwas geben soll, und daß das Gebet des Gerechten viel vermag, wenn 163 11 es ernstlich ist. Darum bitte ich nun doch allen Ernstes, daß die Ge meinde die Mahnung zum Gebet um Frieden nicht in der Luft ver hallen lasse. Laßt uns fortan ernster noch als bisher in der Bitte anhalten: Ach, Herr, daß du deinem Volke rechten Frieden geben wollest! Sind wir in diesen? Gebete eins, dann darf ich auch aus unserm Text schon etwas wie eine Weissagung auf Erhörung entnehmen. Mit allem, was ich bisher sagte, habe ich doch die Tiefe unseres Textes, wie sie ursprünglich gemeint ist, noch nicht erschöpft. Unser Psalm stammt aus der Zeit nach der Wiederkehr Israels aus der Verbannung. Äußerlich hatte das Volk schon Frieden; indem aber der Prophet auch im Innern um Frieden, Glück und Heil für sein Volk gebeten hatte, hört er bereits die Stimme, die Erhörung zuzusagen scheint. Ich will lauschen auf das, was der Herr redet; wahrlich, er redet von Frieden zu seinem Volk, so würde ganz wörtlich unser Texteswort zu übersetzen sein. Auch so liegt in ihm Erwartung ausgesprochen; aber es ist Erwartung, die bereits den Beginn der Erfüllung vor Augen zu haben glaubt. Und ist es nicht auch uns in dieser schweren Zeit manchmal zu Sinne gewesen, als dürften wir schon von fern her auf die Stimme lauschen, die Frieden verkünden wird? Jedenfalls, dünkt mich, haben wir soviel davon vernommen, daß wir mit neuer Freudigkeit aufs neue bitten und warten. Es gibt ja ein zwiefaches Warten. Das eine schleppt sich mühsam am Boden hin, das andere wartet mit aufgehobenem Haupt, der Zukunft gewiß. Das darf dein Warten sein, deutsches Volk. Immerhin wir warten, und alles rechte Warten ist eine heilige Kunst. Zwei Stücke gehören zum rechten Warten. Einmal Gewiß heit der Zukunft, davon redeten wir; sodann aber auch Gewißheit der Gegenwart, und davon soll ich weiter reden. Sagt an, woran inag es doch liegen, daß auch zwei Menschen, die beide der gleichen Zukunft entgegenzusehen scheinen, doch so völlig verschieden warten? Die einen verzehren sich vollUngeduld; die andern warten in gesammelter Ruhe. Woher kommt das? Gewiß wirken sich da Unterschiede des Temperaments aus; aber es handelt sich dabei doch auch um jenes Gesetz, auf das ich vorhin hindeutete. Wer der Zukunft ruhig entgegensehen will, muß schon von einem gegenwartigen Besitz rissen, der ihn tragt. Wer erst von der Zukunft alles erwartet, wird in seinem Warten notwendig ungeduldig.164 Wohlan denn, deutsches Volk, du darfst unter all deinem Warten an das dich erinnern lassen, was du schon hast und dir mit voller Zu versicht auch bereits für die Gegenwart erbitten darfst. Unser Text öffne dir wieder dafür die Augen. Denn so fahrt er fort: Doch der Herr ist ja nahe allen, die ihn fürchten, daß seine Ehre, das ist seine Herrlich keit, im Lande wohne. Klingt das nicht, als korrigiere der Psalmist selbst den Ausblick in die Zukunft und als sage er sich: Du brauchst nicht erst in der Zukunft das Heil deines Volkes zu erwarten; der Herr ist ja schon jetzt dir nahe, und heute bereits wohnt seine Herrlichkeit im Lande? Ich frage, liebe Gemeinde, erinnert das nicht auch uns an das Doppelte, das auch unser Volk schon in der Gegenwart besitzt? Ja, der Herr ist uns nahe gewesen und ist unS nahe, so rühmen wir, und seine Herrlichkeit wohnt unter uns, so bekennen wir in ehr fürchtigem Dank. 4 Menschen habe uns verlassen. Es gab Zeiten, in denen auch von den neutralen Staaten kaum jemand sich ernstlich zu uns zu bekennen wagte. Aber unser Gott war uns nahe. Die Feinde wollten aus Deutschland einen Feuerbrand machen, aber siehe da, die Herrlichkeit Gottes leuchtet über unserm Lande. Und wenn ich dann die Bücher der Vergangenheit aufschlage und von der Vergangenheit zur Gegen wart fortschreite, ist nicht in gewissem Sinn die ganze Geschichte unseres Volkes in ihrer Summa lauter Offenbarung göttlicher Herrlichkeit? Laßt uns nur wagen, zu dem, was wir heute schon haben, ja zu sagen. Auch unser Volk braucht wahrlich nicht erst von der Zukunft Heil zu erwarten; es darf schon für die Gegen wart mit voller Zuversicht bitten, daß göttliche Herrlichkeit in ihm wohne. Worin aber soll diese Herrlichkeit Gottes sich offenbaren? Daß Güte und Treue einander begegnen, fahrt der Psalmist fort. Gewaltige Worte. Gewaltiger noch, als das deutsche Ohr unmittelbar heraus zuhören vermag. Güte und Treue, Gnade und Treue, das ist das Wortpaar, in dem Gott selbst im Alten Testament die Summa göttlicher Offenbarung zusammengefaßt hat. Darum, wenn die Kinder des Alten Bundes zu sagen versuchten, was sie an Gott hatten, dann hieß es: Du bist der Gott voller Gnade und Treue. Heute aber wagt der Psalmist, dies Wortpaar, das sonst von Gott gebraucht wird, auf daS Gemeinschaftsleben Israels anzuwenden. Was bedeutet das? Offenbar nichts Geringeres, als daß Gottes Herrlichkeit sich in diesem Gemeinschaftsleben widerspiegeln soll, ja, daß dieses Leben selbst zu einer Offenbarung göttlicher Güte und Treue werden soll. Könnte 165 Israel auch höher hinaus? Könute auch für unser Volk Größeres gedacht werden? Wahrlich, welch liebliches Bild, wenn wirklich an unserm Volk diese Gebetsworte sich erfüllten. Güte und Treue, und dann Gerechtigkeit und Friede sind wie zwei Engelpaare gedacht, die das Land segnend durchziehen und im Lande sich begegnen und gegenseitig grüßen. Mit einem neuen Bilde aber heißt es darauf, daß die Treue auf der Erde wachsen soll, wie ein Gewächs, das aus dem Boden des Volks lebens sich nährt, während vom Himmel herab Gerechtigkeit schaut und das Volk segnet. Welche Fülle von Gedanken. Wieviel Trost, aber auch wieviel Mahnung liegt hier. Nur einzelnes kann ich herausheben. Wenn unsere Gedanken von der Heimat zum Kriegsschauplatz abirren, dann scheint nur Schwert und Seuche sich zu begegnen, Mord und Blutvergießen in mannigfacher Gestalt, und wenn die Gerechtigkeit vom Himmel schaut, so scheint sie ihr Angesicht verhüllen zu müssen, und die Geister der Hölle scheinen zu triumphieren. Um so mehr laßt uns beten und ringen, daß daheim Güte und Treue sich begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen. Gerechtigkeit, die jedem das Seine gibt und vor allem das Recht der Persönlichkeit des andern rückhaltlos anerkennt. Friede, der die Parteiart begräbt und auch in dem politischen Gegner den Deutschen sieht. Treue, deutsche Treue, die viel besungene und viel gepriesene, in der wir ein einig Volk von Brüdern sein sollen, in keiner Not und Gefahr geschieden. Oder, wie ich auch mit den Worten des Eingangsliedes sagen könnte, ein christliches Volk von Brüdern, das an die Losung sich halt: Legt es unker euch, ihr Glieder, Auf so treues Lieben an. Daß ein jeder für die Brüder Auch das Leben lassen kann. Und mit der Treue verbinde sich die Güte, die nicht das Eigene sucht, sondern nur gut zu sein und Gutes zu tun begehrt; die nicht sich selbst sucht, sondern dem andern zu dienen begehrt und dem Schwächsten am meisten. Laßt uns beten, daß in diesen christlichen Tugenden unser Volk eins werde und wetteifere, damit, wenn die Gerechtigkeit vom Himmel schaut, sie ihr Antlitz nicht verhülle, sondern unser Volk segne und ihm Frieden geben könne zu seiner Zeit. Jawohl, Frieden. Mit gutem Bedacht stelle ich jetzt auch den äußeren Frieden in das Licht dieses Zusammenhangs. Könnte es nicht so sein, daß Gott um deswillen den Frieden hinauszögern muß, 166 weil unser Volk noch nicht auf ih gerüstet ist? Niemand wird mich mißverstehen, wenn ich bekenne, daß, sooft ich mir den Frieden als wirklich eingetreten vorstelle, neben all der unendlichen, nicht aus redbaren Freude doch auch etwas wie heiße Angst aufsteigen will, ob unser Volk dann für den Frieden gerüstet ist. Was hülfe uns aller äußere Frieden, wenn der innere Frieden fehlte und die deutsche Treue aufhörte! Darum: laßt uns bedenkeil, wie ernstlich Gott in den zwei Kriegs jahren gearbeitet hat, daß er innerlich in heiliger Einheit unser Volk auf den Frieden rüste. Durch zwei Jahre ist unser Volk von äußerer Gemeinschaft so gut wie abgeschlossen gewesen. Wie pflegt sonst solches Abgeschloffensein die Menschen vor anderem miteinander zu verbin den. Ist es auch bei uns geschehen? Und dann: wie sind in all diesen zwei Jahren unsere Herzen von dem einen geineinsamen Erleben voll gewesen. Wenn sonst zwei sich begegneten, so wußte niemand, was an Begehren in dem Herzeil des anderen lebte; in dieser Jeit wußten wir voneinander, daß zuletzt die gemeinsame Sorge für unser Volk und Vaterland in allen lebendig sei. Hat uns denn wirklich diese ge meinsame Sorge zusammengeführt? Endlich, wie pflegt sonst ge nieinsam erlebte Gefahr unwillkürlich die Menschen zusammenzu schließen. Es ist, als wolle der eine bei dem andern Zuflucht suchen. Hat denn die Gefahr, die wir mm zwei Jahre vor Augen hatten, uns wirklich auch zu gemeinsamer Abwehr innerlich verbunden? Ich werfe nur diese Fragen auf und setze dann allein die Bitte hinzu: Lasset uns Gott anrufen, daß er mit seinerHerrlichkeit in unsermVolk wohne. z- Dann wird auch die letzte Sorge sich von selbst lösen, die im Blick auf unser Volk kommen könnte. Äußere Sorge und doch sehr ernste Sorge, die Sorge der Ernährung unseres Volkes. Im Grunde wissen unsere Feinde längst, daß sie mit Waffengewalt das deutsche Volk nicht niederringen werden. Noch hoffen sie darauf, uns aushungern zu können. Wir aber danken Gott, daß er auch bereits die letzte Bitte unseres Psalms an uns erfüllt bat, daß daS Land sein Gewächs gebe. Wie ist hier alles so wunderbar. Alleiii das ist ja schon ein Wunder, daß unser Volk wieder um das tägliche Brot beten nach jenen schönen Wort Luthers in der vierten Bitte es erkennen" lernte. Wir wissen, wie sehr daö tagliche Brot vielfach gering geschätzt wurde und wie wenig man darum betete. Heute hat Gott, der wunderbare Lehrmeister, uns wieder die gute 16- Gabe des täglichen Brotes in ihren; Wert erkennen gelehrt. Heute, hoffe ich, dünkt es alle wieder Sünde, auch nur einige Brocken dieser Gottesgabe zu verschwenden. Aber größer freilich ist noch das andere Wunder, daß Gott die Bitte um das tagliche Brot bisher so gnädig erhört hat und keinen ernsthaften Mangel in unfern; Volk aufkommen ließ. Alle Berechnungen unserer Feinde, alle eigenen Sorgen sind zuschanden geworden. Unser Gott hat Frühregen und Spatregen gegeben zu seiner Zeit, Sonnenschein und Wind, und hat uns täglich Brot genug gegeben, daß wir aushalten konnten. Dafür lasset uns ihm ehrfürchtig danken und um so getroster weiter bitten, daß das Land auch in Zukunft sein Gewächs gebe. Sein Gewächs, das der Acker dem schuldig zu sein scheint, der ihn bebaute; sein Gewächs, das das Land Gott schuldet, der zu aller Arbeit das Gedeihen gab; sein Gewächs, das der Acker dem deutschen Volk schuldig zu sein scheint. Rur um dies Brot bitten wir. Mag dann auch in der nächsten Zukunft noch alles knapp sein, vielleicht ist es gerade so gut. Und nun nicht bloß mehr um deswillen, weil wir so am besten die Gabe des täglichen Brotes achten lernen, auch nicht bloß um deswillen, weil wir so Genügsamkeit lernen, sondern vor allem auch um des andern willen, weil in den gegenwärtigen Verhältnissen ein außerordentlich versöhnendes soziales Moment liegt. Niemand kann jetzt mehr sagen, daß der Reiche für sein Geld alles haben könne; auch er erhält nur seinen Anteil an dem gemeinsamen Brote. War er sonst ein anderes Leben gewöhnt, so empfindet er jetzt die Entbehrung nur desto mehr. Wenn denn nur alle die Summen, die für künstliche Genußmittel nicht ausgegeben werden können, denNotleidenden zugute kommen möchten, damit sie auch wirklich die Lebensmittel, die ihnen zugewiesen sind, sich zu verschaffen vermögen. Laßt uns nicht müde werden, Gutes zu tun! Es gilt in jeder Beziehung; es gilt insonderheit aber auch unsern Armen gegenüber, und heute will ich auch besonders einmal für die ver schämten Armen gebeten haben. Es ist mir doch tief durchs Herz ge gangen, als ich von einer jahrelangen Besucherin unserer Gottesdienste, die ich niemals gesehen habe, nachträglich hörte, daß sie im vorigen Winter, wie man fürchtet, im wesentlichen Hungers gestorben sei. Die alte Frau hat niemanden in ihre Verhältnisse hineinsehen lassen mögen. Niemand daher, der Helfen konnte, hat davon gewußt. So trifft niemanden eigentliche Schuld. Und doch spürt ihr mit nur, welche Anklage darin liegt, daß in einer christlichen Gemeinde, die nnter einer Kanzel sich versammelt, etwas Ähnliches möglich ist. 168 Daß wir es nie vergessen, die vierte Bitte tautet: Unser täglich Brot gib uns heute. Sie lautet nicht etwa: Mein taglich Brot gib mir heute; nein, sie heißt: Unser taglich Brot gib uns heute. Vollends muß immer wieder gesagt werden, welcher Schmutzfleck das aus dein Bild der Gegenwart ist, daß immer noch manche aus der Not des eigenen Volkes für sich Gewinn suchen. Nein, nein, daß Güte und Treue einander begegnen, - dafür laßt uns in großem Ernst sorgen. Das mag auch bei Gott Bedingung sein, daß er uns unser taglich Brot weiter gebe. - 5 - So ist denn doch aus der einen Bitte eine Fülle von Bitten und Wünschen geworden. Werden wir denn wirklich auf Erhörung für sie rechnen dürfen? Lasset mich euch zuletzt einen Augenblick den Herrn Jesum Christum zeigen, wie das alte Evangelium des Sonntags ihn uns wieder vor Augen gemalt hat. Seht ihn, wie er inmitten des hungernden Volkes steht und seine Hände über die Menge ausstreckt und von ihr spricht: Mich jammert des Volks. Ihr lieben Leidtragen den, alle ihr Schwergeprüften und Sorgenden unter uns, seht diesen Herrn Jesum Christum an, und seht ihn so lange an, bis ihr auch über euch in seinem Herzen die Schrift lest: Mich jammert dieses Menschen. Und dann wollen wir gemeinsam unsere Augen und Herzen zu ihm emporheben. Graut uns vor den Blutströmen, die die Erde gegen wartig trinkt, laßt uns den Herrn ansehen, wie er seine Hände aueb über die Schlachtfelder und die blutgetränkte Erde ausstreckt, und wie er in Schmerz über die Sünde, aber auch in Erbarmen über die Not der Menschheit sein Wort wiederholt: Mich jammert des Volks. Diesen Herrn laßt uns ansehn und dann noch einmal wie am Anfang alle andere Bitte in die eine Bitte zusammenfassen: Herr, sei uns gnädig und hilf uns. Darnach aber wollen wir in Kraft dieser Gnade ins dritte Kricgsjahr eintreten. Amen.Der Herr denkt an uns und segnet uns. Am Erntedankfest, 10. September 1916. Psalm 115, 12: Der .Herr denkt an uns und segnet uns. Erntedankfest im Weltkriege was dünkt euch davon? Nachdrücklicher als sonst haben wir in diesem Jahre zum Ernte festgottesdienst eingeladen, und ihr versteht, warum das geschehen ist. Lag in andern Jahren das Erntefest den Gedanken der Großstadt verhältnismäßig fern, so empfinden wir in diesem Jahre alle die ungeheure Bedeutung der Ernte für unser Volk. Längst ist ja offenbar geworden schon vor fünf Wochen wies ich darauf hin , daß der Ausgang des Krieges ganz wesentlich mit vom Ausfall der Ernte abhangen werde. Wie sollte dann nicht in diesem Jahr die Freude des Landmanns unsere Freude sein und sein Dank unser Dank! Nur das eine möchten wir fragen, ob wir wirklich zu einer Fest feier in diesem Jahre Recht haben. Hat es guten Grund, wenn sinnige Hände gerade in diesem Jahr Kanzel und Kirche zu schmücken wünschten und unser Kirchenchor dem Gottesdienst seine Weihe gab? Dürfen wir daheim Feste feiern, während draußen die Kanonen donnern? Wahrlich, handelte es sich um eine Feier nach der Welt Weise, so hätte die Frage Grund. Im Namen der Brüder, die in den Schützengräben und auf den Schlachtfeldern ihr Leben für uns ver bluten, im Namen des Gottes, der uns durch den Ernst der Zeit zur Freude der Ewigkeit erziehen will, rufen wir das Wehe über die, die auch heute noch durchaus ihr Vergnügen haben müssen. Dagegen, wenn Gott Feiern gibt, so ist das ein Aufatmen der Seele. So hart wir jene tadeln müssen, die auch heute noch um jeden Preis sich belustigen wollen, so gut verstehen wir sie doch. Unsere Seele ist nun einmal so angelegt, daß sie unter andauerndem Druck nicht atmen kann. Unwillkürlich sucht sie auf irgendeine Weise ein Aufatmen. Darum verstehe ich so schwer, wie jene durch unsere Zeit hindurchkommen, die für verkehrte Freude zu ernst sind und doch die Freude in Gott nicht kennen. Gesegnet wir Jünger Jesu, daß unser 170 Gott uns immer wieder Feierstunden schenkt und immer wieder mit seinem Wort zu uns redet. Gesegnet auch das Erntefest dieses Jahres, wenn es so gefeiert wird: weit über seine nächste Bedeutung hinaus würde es zu einer Kraftquelle für unser Volk. Denn was predigt uns das diesjährige Erntefest? Ich habe es mit einem ganz schlichten einfachen Schriftwort sagen wollen: der Herr denket an uns und segnet uns. Und ich hoffe, das haben sofort alle empfunden, daß gerade dies schlichte Wort unvergleichlich schön den einen Gedanken heraushebt, der in diesem Jahr das Erntefest unS besonders wertvoll macht, daß nämlich Gott an uns denkt. Gott denkt an dich, du deutsches Volk mit Posaunenstößen möchte das Erntefest das in unser Volk hineinrufen, daß die zagenden Ge müter neue Zuversicht gewinnen und die sorgenumflorten Augen neues Leuchten. Gott denkt an dich ich möchte es auch jedem ein zelnen in Ohr und Herz raunen können, daß seine Seele genese. Gott denkt an uns; daß denn nur auch wir recht an ihn denken möchten und untereinander einer des andern recht gedächte. So predige ich denn: Der Herr denkt an uns und seg net uns. Das lehre uns erstens: recht danken und recht glauben; zweitens: recht glauben und recht beten; drittens: recht beten und recht segnen. i. Der Herr denkt an uns. Ein rechtes GotteSwort zu rechter Zeit. Wie gut können wir es gerade heute nach den Erfahrungen der jüngsten Zeit gebrauchen. Als ich vor fünf Wochen hier predigen durfte, haben wir miteinander Gott um Frieden gebeten. Und die Antwort war eine zwiefache neue Kriegserklärung. Hat denn doch Gott unser ver gessen? Erntefest predigt: Gott denkt an uns. Möchten denn nur alle in unserin Volk auf diese Predigt des Ernte festes recht achthaben. In gewissem Sinne haben wir ja in diesem Jahre ganz anders als sonst auf Saat und Ernte achtgegeben. Wieviel ist heute gefragt: Wird auch die Ernte dieses Jahres reichlicher sein als die Ernte des Vorjahres? Und werden wir rechtes Erntewetter haben? All dies Fragen war erfreulich. Es ist schon etwas Großes, wenn das göttliche Segnen erst einmal aufhört als etwas ganz Selbstverständliches emp funden zu Verden. Saat und Ernte wurde in diesem Jahr für uns zu einem Erlebnis. Und was haben wir erlebt? EinS haben wir alle in gleicher Weise 171 erleben müssen: Mit unserer Macht ist nichts getan. Alle müßten in diesem Jahre, dünkt mich, empfunden haben, daß alles menschliche Können seine Schranken hat und auch alle moderne Technik diese Schranken nicht fortschafft. Wer hatte vor dem Kriege im Ernst für möglich gehalten, daß ein ganzes Volk mit seiner Ernährung Schwierig keiten haben könnte. Wir wußten von Hungerepidemien in früheren Zeiten, aber für die Gegenwart schien etwas Ähnliches ausgeschlossen zu sein. Auch wenn in andern Jahren die Ernte einmal weniger gut ausfiel, dünkte es uns selbstverständlich, daß irgendwie ein Ausgleich gefunden werde. In diesem Jahr haben wir die Gewißheit durchlebt, daß, wenn etwa die Ernte ganz versagen sollte, die wirtschaftliche Existenz unseres Volkes, menschlich angesehen, dahin sei. Und doch standen wir vor dem Acker unseres Volkes mit verbundenen Händen: auch nicht einen einzigen Halm vermochten wir aus der Erde hervor- zulocken und auch nicht einen Sonnenstrahl hervorzuzaubern. Mit unserer Macht war nichts getan. Das haben vir erlebt. Daß denn doch auch alle bereit wären, von dieser Erfahrung zu der Erkenntnis sich weiterführen zu lassen, daß wir ganz von Gott abhängig sind. Auch heute noch kann man ja diese Erkenntnis weigern, und wir wissen, viele in unserm Volk weigern sie, und ihre Zahl wird vielleicht bereits wieder größer. Man kann sich auf das Urteil zurück ziehen, daß es freilich ein sehr, sehr verhängnisvoller Zufall gewesen wäre, wenn gerade in diesem Jahr die Ernte versagt hätte. Ich wieder hole, man kann dabei bleiben; aber ich verstehe so schwer, wie Men schen, die den Dingen auf den Grund gehen, bei einer solchen Erkennt nis es aushalten. Vergegenwärtigt sie euch einmal am Acker unseres Volkes, die den lebendigen Gott aus dem Bewußtsein ausgeschaltet haben. Worauf warteten sie am Erntefeld des letzten Jahres? Ich frage: Worauf warteten sie? Wirklich nur darauf, ob der blinde Zufall in diesem Jahre eine Ernte aus der Erde erwachsen lasse oder ob es nicht geschehe? Kann man wirklich ein solches Erwarten ertra gen? Also von einem blöden Ungefähr soll es abhängen, ob ein großes Kulturvolk Hungers stirbt oder nicht? Ich weiß, man kann niemand zum Glauben an den lebendigen Gott zwingen, aber das meine ich: es müßte uns in einer Welt unheimlich werden, in der ein blinder Zufall über die Zukunft eines großen Volkes entschiede. Wollte denn Gott, daß unser Volk und seine geistigen Führer über einen solchen Gedanken erschräken und wieder Gott" sagen lernten. Oder sollte Gott wirklich uns noch härter empfinden lassen müssen, daß wir ganz von ihm abbängig sind, ehe die stolzen Knie vor ihm sich beugen?Wenn wirklich die Predigt des letzten Jahres für unser Volk ver geblich bliebe, worauf sollen wir noch warten? Jedenfalls bitte ich, daß wir allen Fleiß tun, unser Volk die Erntepredigt dieses Jahreö verstehe,, zu lehren. Oft will es nur wehe tun, daß Christen so ängstlich scheinen, im täglichen Verkehr den Namen Gottes auf die Lippen zu nehmen. Zwar ich weiß wohl, es gibt ein verkehrtes, ungesundes Christentum, das in falsch frömmelnder Weise zur Zeit lind Unzeit den Namen Gottes auf den Appen führt. Ich fürchte aber, heute ist die entgegengesetzte Gefahr viel größer. Warum sind wir so bedenklich, auch im schlichten Gespräch einmal zu sagen: Wenn nur Gott uns rechte Ernte gibt? Warum so zurückhaltend: Wenn wir nur eine rechte Ernte haben werden!? Ich fürchte, auf diese Weise werden wir mit schuld, wenn im besten Fall vielen Zeitgenossen das Bekenntnis zu Gott als Privatsache gilt, die nur ins Kämmerlein gehört. Und doch hat Gott in diesen zwei Jahren mit solcher Gewalt davon gepredigt, daß er verzeiht den Ausdruck kein Etwas ist, von dem man nur verschämt in einein verborgenen Winkel redet, sondern daß er der Herr ist, der Herr Himmels und der Erde, der Herr, von dem alles und alle abhängen, auch jene, die heute noch wider ihnSturm laufen oder über ihn lächeln. Schenke denn uns wenigstens unser Gott, daß wir diese Abhängigkeit von ihm in der Tiefe durchlebe . Um so heißer dürfen wir dann auch den Dank durchleben, daß dieser Gott, von dem wir ganz abhängig sind, an uns gedacht hat. Er hatte den Schoß der Erde verschließen können, daß kein Leben aus ihm erwachse, und Sonnenschein und Regen, Wind und Wetter, Winterschilee und Frühlingsregen waren in seiner Hand. Wir konnten ihm nichts abtrutzen. Wir hatten auch keinen Anspruch an ihn geltend zu inachen. Wer seinen Kleinen Katechismus Luthers kennt, weiß, was ich meine. Mit gutem Bedacht läßt unser Luther auf die vierte Bitte um das tägliche Brot in der Auslegung der fünften Bitte das schmerzliche Bekenntnis folgen: wir find der keines wert, das wir bitten, haben es auch nicht verdienet; denn wir täglich viel sündigen. Wer mit ehrlichem Blick in das eigene Innere schaut, weiß, daß Luther recht hat, und wer mit demselben unbestechlichen Blick im Leben un seres Volkes Umschau hält, weiß auch, daß unser Volk keinen Anspruch auf Gottes Hilfe erheben darf. Dennoch hat Gott unsere Fluren und Felder gesegnet und uns, wie eS im 2z. Psalm heißt, eineil Tisch bereitet wider all unsere Feinde. Sollten wir ihm nicht lobsingen und seinein Namen danken? 173 Ja, kommt, daß wir einen Augenblick alle Sorge und auch alle Trauer vergessen und unsere Seele nur in der Anbetung Gottes ruhe. Du, Herr, unser Gott, bist der Gott, der Wunder tut. Unsere Feinde gedachten unser in tödlichem Haß; du aber hast unser gedacht nach deiner Barmherzigkeit. Menschen gedachten uns auszuhungern; alle ihre Kunst mußte aber nur dazu dienen, daß deine Herrlichkeit desto größer erscheine. Wahrlich, deine Güte ist es, daß wir nicht gar aus sind, und deine Barmherzigkeit hat noch kein Ende. Das sei unser Dank in der Gegenwart, und daraus erwachse unser Glaube für die Zukunft. Damit er aber wirklich aus unserm Dank rechte Nahrung ziehe, laßt uns mit ihm nicht an der Ober slache bleiben, sondern in die Tiefe gehen. Laßt uns Gott nicht bloß für die einzelne Gabe danken, sondern vor allein für das andere, daß er in diesen Gaben unser gedacht hat. Das ist doch das Beste. Oder waS ist für Kinder an den Gaben, die sie in der Ferne aus der Hand der Eltern empfangen, das Beste? Ist es nicht auch diese Er kenntnis: Vater und Mutter denken an mich? Dabei ist die Größe der Gabe verhältnismäßig gleichgültig. Vielleicht gibt es auch heute draußen verwöhnte Kinder, denen reiche Gaben aus dem Elternhaus wenig sagen. Dagegen mag vielleicht ein rechter Sohn einer armen Witwe die geringe Sendung der Mutter mit einer heimlichen Träne im Auge öffnen: meine Mutter denkt an mich. So wird freilich in diesem Jahr der Anteil an den Gütern der Ernte, der auf den einzel nen fällt, viel geringer sein als in anderen Jahren. Um so mehr erzahlt alles von der Treue Gottes, der an uns denkt. Vermögen wir das aber wirklich zu glauben, daß Gott an uns denkt, wer kann dann wider uns sein? Und wenn unserer Feinde noch mehr würden, ist nicht Gott mächtiger, denn sie alle? Darum nicht in falschem Übermut, auch nicht in verkehrtem Trutz, sondern mit heim lich verhaltenem Jauchzen wollen wir einer dem andern zurufen: Gott denkt an uns, was fürchten wir noch? Und wenn wir auch die Hilfe unseres Gottes nicht herausrechnen können, unser Glaube ist ja kein Rechnen, sondern er darf beten. Glauben und beten, das ist das zweite, was unser Text uns lehren will. Der Herr denkt an uns, sollten dann nicht auch wir an ihn denken? Darum habe ich bisher vom Danken gepredigt; denn Danken und Denken gehören eng zusammen. Sooft wir an Gott denken, dürfen 174 wir ihm danken. Wie macht das unser Leben so reich, so reich. Aber auch Danken und Bitten gehören zusammen, und das macht unser Leben sorgenfrei. Sorget nicht, mahnt die Schrift und mahnt das Fest, das wir heute feiern, sorget nicht, sondern betet. Wieviel Ursache zur Sorge wäre sonst menschlicherweise heute vorhanden. Zwar auch den neuen Krieg hat Gott mit neuen Siegen für uns beginnen lassen, aber wir dürfen uns doch nicht darüber tauschen, daß diese Siege nur ein neuer Anfang neuer Blutarbeit sind. Und zugleich dauert die alte Arbeit fort. Wenn wir aber vorhin für das, was Gott in der Ernte an uns getan hat, ihn lobten, dann kann doch auf der anderen Seite niemand schon heute das Jahr, das vor uns liegt, mit voller Sicherheit überblicken. Wer weiß, was es uns noch bringen mag. Darum, wenn wir heute aufs Rechnen angewiesen waren, dann möchte viel Grund zur Sorge sein. Nun aber sollen wir nicht rechnen, sondern glauben, und der Glaube vertreibt alles Sorgen. Denn Glaube und Sorge kommen nicht zusammen. Warum nicht? Die Sorge denkt immer nur an vorhandene und zukünftige Schwierigkeiten und muß darum wohl sorgen. Der Glaube dagegen denkt nur an Gott und kann daher nicht sorgen. Darum muß ent weder der Glaube die Sorge aufzehren oder die Sorge den Glauben. So sollen wir auch heute nicht an das denken, was Menschenaugen sehen, sondern an das, was unser Gott tut und kann. Dann werden alle Sorgen zu lauter Nullen, die vor der großen Eins, die Gott heißt, fliehen müssen. Ich bitte, daß wir diese Satze ernsthaft höreil. Es handelt sich um ein Gesetz, das zuletzt für unser ganzes Lebeil gilt. Unser ganzes Le ben gestaltet sich in derTat völlig anders je nach dem, woran derMensch denkt. Wer in seinen müßigen Stunden immer an die Gestalten seiner Phantasie denkt, vielleicht einer üppigen Phantasie, vielleicht einer sinnlichen Phantasie, der vergiftet seine Seele. Wer immer an das denken muß, was in der Vergangenheit ihm schwer war oder in der Zukunft ihm Unruhe machen könnte, der zergramt sich und zer sorgt sich. Wer immer an Gott zu denken vermöchte mitAbsicht drücke ich es so vorsichtig aus der müßte wohl alle zeit ein tapferer und fröhlicher Mensch sein. Denn es heißt das eine Mal: Weicht, ihr Trauergeister, Denn mein Freudenmeister, Christus, tritt herein. - 175 Und das andere Mal: Mit Sorgen und mit Grämen Und mit selbsteigner Pein Läßt Gott sich gar nichts nehmen; Es muß erbeten sein. Es muß erbeten sein. Glauben und Veten gehören zusammen. Darum: wir müssen ein betendes Volk werden. Wir müssen es wer den, sage ich, wir sind es noch nicht. Wenigstens sind wir eS nicht so, wie wir es sein müßten. Gerade in dieser Zeit ist nur manchmal ent gegengetreten, wie wenig unter uns an die Erhörung der Gebete im Ernst geglaubt zu werden scheint. Jedenfalls da, wo es um die Bitte um zeitliche Güter sich handelt. Rechte Christen sagen sich freilich, daß die Güter der Seele von Gott erbeten werden müssen; aber man cher scheint es fast für unfromm zu halten, auch die zeitlichen Sorgen der Erhörung gewiß dem Vater im Himmel zu befehlen. Kinder Gottes müssen lernen, über alles mit ihrem Vater zu reden- Das heißt glauben und beten. Nur, daß alles Bitten rechter Art sei. Vielleicht möchte doch jemand urteilen, der Prediger irre sich; in Wirklichkeit gelte gerade das Um gekehrte von dem, was er eben sagte. Um zeitliche Güter werde noch wohl in der Christenheit gebetet, dagegen versauine man das Gebet um die Seligkeit. Auch das ist wahr, aber es widerspricht nicht dem, was ich eben sagte. Das Gebet, an das ihr jetzt denkt, möchte ich überhaupt nicht in, Ernst ein christliches Gebet nennen. Vielleicht ist es eine Art Experiment. Mancher Christen Gebet ist nicht mehr als ein Experiment. Nachdem alles andere versucht ist, versucht man es auch noch mit dem Gebet. Nützt es nichts, so schadet es doch auch nicht; das ist die Stimmung, in der man hier betet. Oder wo man es mit dem Gebet ernster nimmt, möchte man aus ihm eine Art Zauber mittel machen, mit dem man Gott etwas um jeden Preis abzuzwingen sucht. Ein christliches Gebet ist weder das eine noch das andere. Von dem rechten Gebet, das im Namen Jesu geschieht, gilt ein Doppel tes. Auf der einen Seite darf es in der zweifellosen Gewißheit der Erhörung geschehen. Kein Gebet im Namen Jesu, das nicht irgendwie bei Gott Berücksichtigung fände. Auf der andern Seite aber gilt freilich ebenso: kein Gebet im Namen Jesu, das nicht die Weise der Erhörung Gott selbst anheimstellt. Nicht mein, sondern dein Wille geschehe, so hat Jesus selbst gebetet. Dieses echt christliche Gebet meine ich, wenn ich vorhin sagte, wir müssen ein betendes Volk werden.- 176 Wir müssen es werden. Wir sind es noch nicht. Wir sind ein kämpfendes Volk und ein arbeitendes Volk, und durch beides haben wir die Bewunderung der Mitwelt auf uns gezogen, im Grunde ge nommen, auch die unserer Feinde, und wir dürfen darauf, menschlich geredet, stolz sein. Aber zwingen werden wir es damit noch nicht. Wir müssen ein betendes Volk werden. Und nun bitte ich, daß wir uns dem Ernst dieses Gedankens nicht mit der Einrede entziehen, daß damit viel zu viel gefordert sei. Un möglich könne ein ganzes, großes Volk ein betendes Volk sein; im besten Falle würden es immer einzelne Kreise sein, die ernsthafte Beter sind. Wohl, es ist so; aber ich rede hier ja auch nicht mit denen und von denen, die draußen sind. Euch, euch, mir möchte ich es ins Gewissen schreiben: wir müssen ein betendes Volk sein. Und wenn Gott wirklich erst einmal in unserm Volk Gemeinden von wirklichen Betern schaffen könnte, dann möchte in seinen Augen um ihretwillen unser Volk ein betendes Volk sein. Ich denke an jene schlichte Erzählung des Alten Testaments, die gerade in ihrer Schlichtheit so ergreifend ist: Würden auch nur zehn Beter in Sodom und Gomorra gefunden, so sollte um deswillen in Gottes Augen diese Stadt eine betende heißen, Gott wollte sie verschonen. Gott hat diese zehn nicht gefunden. Wird er bei uns eine betende Gemeinde finden? Wir müssen betende Menschen werden. Betende Menschen für uns und für unser Volk. Einen Augenblick unterstreiche ich jetzt: für uns. Unter uns sind gewiß so viele, die ein Recht darauf haben, daß ihnen das Wort vom Beten und Glauben besonders gesagt wird: sorgende und trauernde Menschenkinder. Würde einen Augenblick der Vorhang von den Her zen hinweggezogen, wir möchten wohl in der Erkenntnis erstarren, wieviel Trauer und Sorge auch auf den Herzen dieser Versammlung lastet. Darum möchte ich es den einzelnen sagen können: Gott denkt an dich. Du klagst, daß von Menschen niemand an dich denke. Ich weiß nicht, ob es wahr ist. Aber das darfst du glauben: Go t denkt an dich. Bete nur. Oder solltest du sagen, das sei es ja gerade, daß auch Gott deiner vergessen habe? Ich sage dir: Gott denkt an dich. Glaube und bete. Indes, an dem gemeinsamen Fest der Gemeinde muß es vor allem der Gemeinde als eine gemeinsame Pflicht eingeschärft werden: glauben und beten. Gott denkt an uns, davon predigte dieses Fest. Bedenken wir denn auch, mit welcher Verantwortung uns das be lastet? Versucht es einmal auszudenken, daß Gott in Wahrbeit 177 an uns denke, daß er bereit wäre, uns zu segnen, es fehlten aber die Hände, die den Segen Gottes in unser Volk herabzuziehen bereit wären! Wir müssen betende Menschen werden. Dann versteht sich auch das letzte von selbst: beten und segnen. Noch einmal lese ich: Gott denkt an uns. Habt ihr nicht auch die Empfindung, daß das Wort uns noch ein Drittes zu sagen habe? Gott denkt an uns: wir möchten uns an die Hand nehmen können und einer dem andern das zurufen. Spüren wir denn nicht, wie dies Wort uns auch zu einer Gemeinschaft verbindet und uuS verpflichtet, einer an den andern zu denken? Es gibt ein Sprichwort, so platt, daß man sich fast schämt, es auf der Kanzel auf die Lippen zu nehmen: Zeder für sich, und Gott für uns alle. Das bildet den geraden Gegensatz zu der Stimmung, die unser Textwort auslösen möchte. Und doch fürchte ich, daß jene so platte Losung von Natur uns allen nur allzu bequem ist. Zumal in dieser schweren Zeit dünkt es manche fast selbstverständlich, daß jeder zuerst an sich denken muß. Haben wir nicht soviel mit uns selbst zu tun, daß wir heute unmöglich an andere denken können? In Wirk lichkeit wäre es gerade für manche in dieser Zeit Rettung, wenn sie weniger an sich und mehr an andere denken wollten. Wage es nur, einmal an die zu denken, die noch mehr leiden müssen als du. Denke vor allem an die andern, die auf deine Hilfe angewiesen sind. Wer immer nur an sich denken muß, verfängt sich zuletzt in seinen Gedanken. An andere zu denken, ist innerliche Befreiung. Jedenfalls dieses Fest und diese Zeit, die unS zu gemeinsamem Erleben verbindet und uns gemeinsam in der Gewißheit froh macht, daß Gott unser gedenkt, sie lehre auch unS, einer des andern zu gedenken, gleichwie Gott unser gedenkt. Wie aber gedenkt Gott unser? Wir hörten es, helfen und heilen, das ist seine Weise. Nun aber sagt unser Herr Jesus Christus: Ihr sollt vollkommen sein, gleichwie mein Vater im Himmel vollkommen ist. Kein Wort in der Heiligen Schrift, das uns so hoch adelte, wie dieses Wort. Kinder Gottes, des Höchsten sein, vollkommen sein, wie er vollkommen ist, könnten wir auch ein höheres Ziel für unsern Ehrgeiz denken? Freilich, es gilt zugleich: kein Wort in der Schrift, das uns so tief demütigte. Wie weit sind wir davon entfernt, jene vollkommenen Kinder Gottes zu sein. Aber so tief uns dieses Wort auch demütigt, solange wir wirklich Kinder Gottes sein wollen, Ihm eis: Aufwärts die Herzen. 12 178 dürfen wir nicht aufhören, von diesem Wort und an diesem Wort zu lernen. Was wir aber gerade am Erntefest besonders lernen sollen, sagt uns Jesus in jenem andern Wort: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Barmherzig sein, wie der Vater im Himmel barmherzig ist, es ist ein Wort zuallererst für den Verkehr der einzelnen untereinander. Barmherzig wie Gott im Zurechthelfen des Trauernden mit heiliger Zurückhaltung, barmherzig wie Gott im Helfen der Notleidenden mit linder Hand, das beides sollen wir in dieser Zeit lernen. Und ich will ausdrücklich hinzufügen, daß alle Organisation der Barm herzigkeit diesen Dienst von Person zu Person nicht überflüssig macht. Zur Begründung sage ich heute nur das eine: so unentbehrlich jene Organisation ist, so erreicht sie doch vielfach gerade diejenigen nicht, die am meisten auf ihre Hilfe angewiesen wären: die Kreise der ver schämten Armen und der stillen Kreuzträger, die sich suchen lassen. Sie suchen und segnen, das ist recht eigentlich ein Beruf für die, die sich Gesegnete ihres Vaters im Himmel nennen. Dann aber wissen wir alle, daß alle Barmherzigkeitsübung der einzelnen unmöglich allein mit den großen Aufgaben der Gegen wart fertig würde. Ist die Bolksernahrung heute wirklich zu einer Sache des Volkes geworden, so kann sie auch nur durch eine große Organisation des Volkes gewährleistet werden. Und wenn unsere leitenden Kreise in steigendem Maße zu ihr sich haben entschließen müssen, so wirkt sich darin zunächst freilich lediglich die Not der Gegen wart aus; aber auch diese Organisation kann eine Offenbarung des Geistes Jesu sein, wenn nur wir Jünger Jesu wirklich sie mit diesem Geist zu erfüllen suchen. Um dreierlei bitte ich. Zuerst, daß wir Geduld haben, wenn inner halb jener Organisation nicht alles so geordnet ist, wie es uns recht zu sein scheint, und wie es vielleicht wirklich recht wäre. Vergessen wir nie, daß auf diesem ganzen Gebiet von Grund auf neu gelernt werden mußte, und daß ebenso die besten Absichten immer wieder auf die Schranken menschlicher Schwachheit und Sünde stoßen. Dabei soll gewiß berechtigter Kritik, die bessern möchte, nicht gewehrt sein. Jeder muß heute das Recht haben zu raten, wenn er wirklich etwas für unser Volk zu sagen weiß. Nur daß alle Kritik dem Dank für das, was tatsachlich geleistet ist, nichts abbreche, und daß sie vor allem in der Freudigkeit der Mitarbeit sich bewähre. Sodann: laßt uns zu allen Opfern willig sein, die jene Organisation von uns fordert, ob es Opfer an Geld oder Zeit sind oder an Bequemlichkeit und wirt- 179 12 schaftlicher Selbständigkeit. Wie wenig bedeuten alle diese Opfer gegenüber den Opfern, die unsere Brüder draußen taglich bringen. Endlich und vor allem: laßt uns Geduld miteinander haben. Jene Organisation, wenn sie recht durchlebt würde, müßte ja gerade in dem gemeinschaftlichen Durchleben der wirtschaftlichen Sorgen uns inner lich zusammenbringen und zusammenschweißen. In Wirklichkeit droht die Gefahr, daß wir gerade durch diese Organisation auseinander gerissen werden. Die Großstadt tadelt das Dorf, daß es nicht opfer willig genug sei, und das Dorf schilt die Großstadt. Der eine Stand richtet den andern, ja, der eine Haushalt kritisiert den andern. Wie große Aufgabe erwachst da den Jüngern Jesu, an einer Versöhnung der Volksklassen zu arbeiten. Als der Krieg ausbrach, schien es einen Augenblick, als dürften wir auch für eine Versöhnung der Volks klassen Großes hoffen. Heute müssen wir fürchten, daß nach dem Kriege die Spannung erst recht groß sein wird. Jünger Jesu sollen da wissen, daß sie nur eine Aufgabe haben können: segnen und wieder um segnen und noch einmal segnen. Ich weiß, daß ich Großes von diesen Jüngern des Herrn fordere. Aber wozu schmücken wir uns mit diesem Namen, wenn nicht der Herr uns auch Großes zumuten darf? Wie lernen wir denn jenes Segnen? Ich stellte zusammen: beten und segnen. Wenn wir in unserm Kammerlein für unser Volk und füreinander gebetet haben, dann können wir unmöglich aus diesem Kammerlein heraustreten und draußen Entzweiung anrichten. Wir können dann nur versöhnen und segnen wollen. Mehr darf ich heute nicht sagen. 5 5 Erntefest. Es führte uns auf die Höhe des Dankens und auf die Höhe neuer, gewaltiger Aufgaben. Nur einen Augenblick dürfen wir feiernd auf dieser Höhe wandeln. Die Kranze, mit denen man unsere Kirche schmückte, verwelken. Unverwelklich sei der Dank für den Gott, der in der Ernte dieses Jahres unser gedacht; unverwelklich die Gelübde, mit denen wir vom Erntefest scheiden. Wir wollen ein dankendes, ein glaubendes, ein betendes, ein segnendes Volk sein. Das sei unser Schluß der Erntefeier. Amen.Aufwärts die Herzen! Am i?. Sonntag nach Trinitatis, i. Oktober 1916. Psalm 37,4 6: Habe deine Lust an dem Herrn; der wird dir geben, was dein Herz wünscht. Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn; Er wird es wohl machen und wird deine Gerechtigkeit hervorbringen wie das Licht und dein Recht wie den Mittag. Von einem Pastor der Großstadt im vorigen Jahrhundert pflegte seine dankbare Gemeinde zu urteilen: er habe nur eine Predigt, aber die sei gut. Ich möchte wohl, daß über unsere Kriegspredigt ähnlich geurteilt werde. Zwei Jahre und zwei Monate wahrt nun dieses furchtbare Ringen, und im Grunde haben wir seitdem eine Predigt immer wieder variieren müssen. Möchten denn unsere Ge meinden auch nur urteilen oder, was viel mehr ist, möchten sie er leben, daß diese eine Predigt gut sei. Als ich vor zwei Jahren und zwei Monaten zu Beginn des Krieges am Büß- und Bettag hier predigen durfte, habe ich die Losung aus gegeben: Wir heben unsere Augen auf. Was könnte ich heute nach zwei Jahren und zwei Monaten Besseres predigen als die alte Losung: Aufwärts die Augen, aufwärts die Herzen. Zwar ist in diesen zwei Jahren und zwei Monaten die Situation immer wieder eine neue geworden; ja, wir haben Überraschungen erlebt, die wir nie für möglich gehalten hätten, und auch die Predigt hat sich immer wieder neu darauf einstellen müssen. Und doch blieb sie im Grunde notwendig dieselbe; denn auch die Situation blieb zuletzt dieselbe. Nur daß sie immer mehr sich verschärfte. Deutschland in steigendem Maße von allen Seiten umdrängt und auch wirtschaftlich immer mehr auf sich selbst gestellt, wohin, wohin? Die Augen und die Herzen in die Höhe! Heute gibt unser Sonntagstext Anlaß, diese alte Mahnung aufs neue auszugeben. Habe deine Lust an demHerrn, befiehl demHerrn deine Wege, so mahnt zweimal der Text. Zum Herrn, zun: Herrn, so ruft er. Heute, wo die gute Nachricht aus dem Felde 181 uns ohnehin aufatmen ließ, wird die Mahnung besonders bereiten Boden finden. Auf der andern Seite empfindet ihr aber auch mit mir wie gut wir gerade heute diese Mahnung brauchen können. Als vor einigen Wochen die neue Kriegserklärung erfolgte, mußten wir uns von vornherein sagen, wie leicht sie weitere Kriegserklärungen nach sich ziehen könne. Heute müssen wir immer noch mit einer solchen rechnen. Würde sie Wirklichkeit, so hätte sie freilich nach der ganzen Lage der Dinge etwas besonders Tragisches an sich. Und wenn wir auch von der Verschärfung der Situation für unser Volk gar nicht sprechen wollten, so müßte uns doch ein natürliches Grauen in dem Gedanken anwandeln, daß der Kriegsschauplatz sich immer noch erweitern solle. Wo wird denn bald noch auf der Erde ein Necken sein, an dem die Kanonen nicht donnern und wo nicht eine Kriegs fahne weht? Wohin denn von dieser blutgetränkten Erde, wohin denn? Aufwärts die Augen und aufwärts die Herzen. So predige ich denn: Aufwärts die Herzen! und zerlege den Weckruf in die beiden Mahnungen unseres Textes: Habe deine Lust an dem Herrn, und: Befiehl dem Herrn deine Wege. i. Habe deine Lust an dem Herrn, so beginnt unser Text. Über alles Irdische und Vergängliche weist er zum Herrn. Vielleicht widerspricht das den Gedanken des natürlichen Herzens. Dagegen etwas anderes müßte an diesem Texte dünkt mich auch diesem natürlichen Her zen wohl tun. Habe deine Lust an dem Herrn, so mahnt ja das Wort. Also auch die Schrift tadelt nicht ohne weiteres, wenn das Menschen herz nach Lust fragt und nach Lust begehrt. Es gibt ernste, strenge Men schen, die nur das herbe Wort von der Pflicht gelten lassen; in dieser Kirche darf ich hinzusetzen, Schüler eines großen Philosophen. Alles, was mit dem Wort Lust zusammenhängt, und würde das Wort auch in noch so vertieftem Sinn verstanden, hassen sie. Jene Männer leben in einer Selbsttäuschung. Wenn die Pflicht ihnen wirklich über alles gilt, so ist das nach den einfachen Gesetzen des Seelenlebens nur dadurch möglich, daß diese Pflichterfüllung selbst in ihnen ein Gefühl der Lust auslöst. Nicht, daß der Mensch nach Lust begehrt, wenn das Wort nur richtig verstanden wird, ist schon untermenschlich oder widergöttlich; auf zweierlei nur kommt es an. Einmal, daß die Lust nie Selbstzweck sei, und dann, daß sie nicht auf das Niedrige, sondern auf das Höchste sich richte: Habe deine Lust am Herrn. 182 Habe deine Lust an dem Herrn, heißt es. Keineswegs will aber damit die Schrift uns verbieten, daß wir an dem Guten und Schönen, das in dieser Welt ist, unsere Freude haben. Es hat immer wieder Frömmigkeit gegeben, die die Forderung der Schrift so miß verstand, daß man alles, was auf Erden ist, für nichts achten müsse. Das hat man immer wieder für die allererste Voraussetzung alles wirklichen Christentums erklärt; und man hat damit völlig recht, wenn die Freude am Irdischen zu der Freude am Herrn in Gegensatz treten möchte. Dann hat auch Jesus mit erschütterndem Ernst ge fordert, wenn es sein müsse, sogar das eigene Auge auszureißen und Vater und Mutter zu hassen, dazu das eigene Leben. Das kann in der Tat nicht ernst genug gepredigt werden. Wie hat aber im übrigen gerade unser Herr als das Kind seines Vaters an allem im Hause des Vaters seine Freude gehabt. Sieh ihn nur nach jenem Wort der Bergpredigt den Vögeln unter dem Himmel zuschauen, oder wie er seine Lust hat an der Lilie des Feldes, die nach seinem Urteil viel schöner geschmückt ist, als alle menschliche Kunst es vermag. Und vor allem sieh ihn an, wie er an menschlicher Liebe sich erquickt und an menschlicher Gemeinschaft seine Freude gehabt hat. Dieser Herr hat auch heute es gern, wenn unsere Brüder selbst in ihren Briefen vom Kampfplatz noch die Herrlichkeit des Sonnenaufgangs malen oder an der Blütenpracht auf dem Felde ihre Freude haben, die doch binnen wenigen Stunden von der Furie des Krieges zertreten sein wird. Und erst recht hat der Herr seine Freude daran, wenn der heim kehrende Vater sich an dem stillen Glück im trauten Heim nicht satt sehen kann. Wollten wir das alles aus dem Herzen reißen, so irrten wir zwiefach. Erstlich versuchen wir etwas, was wir in Wirklichkeit nicht können, und würden dadurch unwahrhaftig. Wie manchmal hat mir jemand versichert, daß alles Irdische im Leben fortan keinen Reiz für ihn habe, und im nächsten Augenblick konnte ich vielleicht doch fest stellen, wie sein Herz noch am Irdischen hange. Und selbst, wenn wir die Eremiten in der Wüste aufsuchen würden, so würden sie uns zum Beweis, daß derMensch, wie man es platt ausdrückt, etwas haben muß, daran er sich freut. Wir können diese natürliche Freude an dem Ge schaffenen nicht aus dem Herzen reißen, und wir sollen es nicht. Hat nicht Gott dazu das Auge gebildet, daß es an allem Schönen sich satt sehe? Und ist nicht das Ohr so gestaltet, daß es an dem, was wohl lautet, seine Lust hat? Und vollends, wenn Gott den Trieb zur Gemeinschaft in die Seele legte, sollte es nicht ihm Wohlgefallen, 183 wenn ein Menschenkind an dem andern seine Freude hat? Darum wage ich getrost im Namen Gottes zu predigen: Habe deine Lust an allem, was dein Gott dir gibt und worin du deinen Gott genießen kannst. Nur eben: was dein Gott dir gibt und worin du ihn genießen kannst. Wo jemand die Kreatur vom Schöpfer loszureißen versucht und die zeitlichen Dinge ohne Gott und außer Gott, ja vielleicht wider Gott, genießen will, da gilt von diesem Zeitlichen das tiefernste Wort der Schrift: Alles ist eitel. Eitel, nichtig, des Wesens entbehrend. Die Menschen, die ohne Gott leben, sind Beweis dafür. Notwendig suchen sie ja in dem Zeitlichen außer Gott ihre Befriedigung und finden sie nicht. Sie eilen von Blume zu Blume, von einem Gut zum andern, aber ihre Seele bleibt leer. Sie greifen nach dem Wesenhasten in der Flucht der Erscheinung, aber sie greifen ins Leere. Es geht ihnen wie jenem Hungernden, von dem die Schrift sagt, daß ihm träumte, er esse, aber als er erwachte, war seine Seele leer. Darum habe deine Lust an dem Herrn; er wird dir geben, was deinHerz wünscht. Der Herr wird dir geben, was dein Herz wünscht. Ein gewaltiges Wort. Dürfen wir es wirklich ernst nehmen? Darf ich wirklich glau ben, daß, wenn mein Herz an dem Herrn seine Lust hat, Gott ihm dann auch alles geben wird, wonach es begehrt? Bestehen solche Gedanken auch vor dem Neuen Testament? Insofern zunächst ganz gewiß, als gerade nach dem Zeugnis des Neuen Testaments unser Gott sich uns in seinem ewigen Sohn ganz gegeben hat und gibt und: Wenn ich dich erwünsch und habe, geb ich alles Wünschen dran". Oft genug mag dann aber auch das Wort unseres Textes sich äußerlich erfüllen. Viele wüßten davon zu erzählen, wie ihr Herz heiß, ja leiden schaftlich nach einem Gut begehrte, und Gott gab es ihnen nicht; als sie dagegen innerlich verzichten gelernt hatten und an dem Herrn allein genug zu haben begehrten, da gab ihnen der Herr, wonach ihre Seele verlangt hatte. Jedenfalls soll es nicht umsonst gepredigt sein, daß wir den Geber und die Gaben nicht auseinanderzureißen brauchen. Wo Gott für uns das höchste Gut geworden ist, da wird auch alles, was er uns gibt, zu einem wesenhasten Gut, das wirklich die Seele sättigt. Und wenn der Herr unsere Freude wurde, dann sollen wir auch an allem unsere Freude haben, aus dem und über dem seine Herrlichkeit leuchtet. Ist es nicht auch im Reiche der Natur so, daß dasselbe Naturbild uns völlig anders ansieht, je nachdem es von der Sonne beleuchtet wird oder nicht? Auch mit der Pracht der Bergriesen ist 184 es nichts, wenn Nebel sie verhüllt. Dagegen, wie lieblich erscheint auch die Blume im Tal, wenn ein Sonnenstrahl zu ihr sich hinab stiehlt. Ein schwaches Gleichnis für das, was auch aus dem Geringsten in unserm Leben wird, wenn ein Leuchten von oben darauf liegt. Und nun gilt nach jenem tiefen Wort des Apostels von der ganzen Welt und darum zuletzt auch von allem in meinem Leben, daß es eine Offenbarung göttlicher Herrlichkeit sein soll. Wenn wir nur Augen haben, es zu sehen! Das ist die heilige Kunst, die wir lernen müssen, die rechte Lebenskunst: in dem erschaffenen Licht das uner- schaffene schauen, in dem Vergänglichen das Ewige, in der Erscheinung das Wesen. Je mehr wir diese heilige Kunst lernen und üben, desto mehr werden wir auch im Äußern erleben: der Herr wird dir geben, was dein Herz wünscht. Indes, ich weiß wohl, es mag manchem heute schwer geworden sein, dem Prediger bis hierher zuzuhören. Nicht als ob er ihm wider sprechen wollte, vielleicht gibt er in allem ihm recht; aber er hat den müden Eindruck, als ob ihm das alles heute so wenig zu sagen habe. Er steht so ganz unter der starken Empfindung, daß er gegenwartig viel eher das gerade Gegenteil von dem Wort unseres Textes erlebte. Obwohl er seine Lust hatte an dem Herrn, gab der Herr ihm doch nicht, was sein Herz wünschte, sondern nahm ihm vielmehr, woran sein ganzes Herz hing. Und nun fragt er: was blieb mir noch, woran meine Seele ihre Lust haben könnte? Was antworte ich? Habe deine Lust an dem Herrn. Zwar, wenn du fragst, was dir noch geblieben sei, dann möchten auch menschliche Augen dir vieles zeigen können, was dir noch blieb. Wenn ihr Eltern noch miteinander tragen könnt, wie groß ist das. Sollte dann nicht eins am andern seine Lust haben? Und wenn der einsam gewordenen Witwe aus den Augen der Kinder noch so viel Liebe und Lebenslust entgegenlacht, sollte ihre Seele nicht daran ihre Freude haben? Indes, ich weiß wohl, in Zeiten schwerer Trauer kann es wie Unrecht gegen den Heimgegangenen scheinen, daß wir uns an dem, was uns noch blieb, trösten sollen. Und ebenso weiß ich, daß eö unter uns wirklich einsame Menscheil gibt und wirklich ganz arme Menschen, die ein menschlicher Mund nicht mehr an das erinnern mag, was auch ihnen noch geblieben ist. Um so dringender bitte ich: Habe deine Lust an dem Herrn. Alles Zeitliche hat seine Zeit, MenschenloS ist Kommen und Gehen; aber der Herr bleibt. Je einsamer wir werden, und je mehr einem Menschen das, woran natürlicherweise sein Herz hing, genommen wird, um so mehr will 185 der Herr ihm ein und alles sein: Herr Jesu Christ, mein höchstes Gut, mein Seelenschatz, mein Herzensmut und aller Sinnen Freude. Habe deine Lust an dem Herrn, das müssen wir lernen. Gelernt will es sein. Vielfach führt man das Wort nur wie eine Redensart im Munde, und dann kann es uns freilich nichts sein. Wie lernen wir denn, am Herrn unsere Lust haben? Alles wird darauf ankommen, daß wir persönlich etwas an ihm erleben. Können wir das denn? Nun laßt uns Gott danken, daß wir Kinder des Neuen Bundes es soviel besser haben denn die Kinder des Alten Bundes. Nicht bloß in inneren und äußeren Führungen des Lebens und eines Volkes sollen wir den Herrn erkennen dürfen: in Christo Jesu ist Gott unter uns sichtbar geworden. Darum, willst du lernen, an dem Herrn deine Lust haben, dann lerne Jesum Christum sehen. Nur, daß du ihn wirk lich sehen lernst, persönlich sehen. Bitte Gottes Geist, daß er dir Christum zeige, und daß er dir die Augen für ihn auftue. Wenn du dann ihn siehst, wie er das große Volk der Elenden um sich versammelt, das Heer der Hochbetrübten, lauter Menschen, wie du bist, Menschen, deren Augen vom Weinen müde wurden, Menschen, die nicht mehr weiter konnten, dann will ich dich fragen: Ist das nicht der Herr, an dem deine Seele ihre Lust haben kann? Und wenn du dann erlebst, daß dieser Herr Trauernde tröstet, zerbrochene Herzen ver bindet, Kranke gesund macht, Armen Hilst, Tote auferweckt und das alles zu einer Weissagung auf die große Zeit macht, da kein Leid mehr sein wird und auch kein Krieg und auch kein Tod, ist das nicht der Herr, an dem deine Seele ihre Freude haben mag? Habe deine Lust an dem Herrn, mein Christ, habe deine Lust an dem Herrn. Indes, ich weiß wohl, was gerade jetzt mehr als eine gequälte Seele ausrufen möchte. Ja, sagt sie, das ist es ja gerade, daß ich diesen Herrn, wie du ihn eben maltest, heute nicht sehen kann. Ich sehe nur einen ganz andern Gott, einen Gott, der Menschenleben schafft und zerschlägt, der jungen Menschen Ziele steckt und, wenn sie eben das Ziel erreicht zu haben scheinen, sie dahinmäht, einen Gott, der einen Tag schafft, aber er macht ihm ein Ende vor dem Abend, - nur diesen Gott sehe ich. Wahrlich, es ist ein Gott furchtbarer Maje stät, den wir heute erleben. Was soll der Prediger sagen? Ich will auch an diesem Punkt an unsern Vater Luther erinnern. Gerade er, der uns erst ganz wieder gelehrt hat, den in Christo offen baren Gott recht zu sehen, hat zugleich mit erschütterndem Ernst von einem verborgenen Gott geredet. Auch das war ein Stück eigenen Erlebens. Unter dem, was Luther von diesem verborgenen Gott 186 zu spüren meinte, ist seine Seele erschauert. Aber wie hat er über wunden? Immer wieder ist er von dem verborgenen Gott zu dem offenbaren Gott geflüchtet und hat dann auch vor dem verborgenen Gott anbeten gelernt. So laßt auch uns immer wieder von dem verborgenen Gott zu dem Gott flüchten, der in Christo Jesu sich uns zum Vater erbietet. Das ist dein Gott. Und wenn dieser Gott wirklich dein Gott geworden ist, dann will ich dich fragen, ob wir wirklich nun diesen Gott nach unsern Gedanken bilden möchten, oder ob er nicht gerade, wenn er unser Gott sein soll, unendlich viel höher sein muß als unsere Gedanken, soviel höher, als der Himmel höher ist denn die Erde. Darum wage es, wage es dennoch, auch vor diesem Gott verborgener Majestät tief im Staube ehrfürchtig anzubeten. Und wenn du dann doch auch auf dem Angesicht dieses Gottes das Leuch ten der Liebe Jesu Christi siehst, dann will ich von dem einen Gott, dem Gott aller Gnade und aller Macht, das Wort unseres Textes predigen: Habe deine Lust an dem Herrn. Aufwärts zum Herrn die Herzen, das ist Trost und Hilfe für die Gegenwart. Das ist zugleich auch Hilfe wider alle Sorge der Zukunft. 2. Sorge, welch häßliches Wort. Wir empfinden es alle. Wir kennen auch alles, was man wider die Torheit und Vergänglichkeit aller Sorge zu sagen vermag. Und doch wissen wir, daß wir mit allen diesen verständigen Erwägungen die Sorge nicht aus der Welt schaffen. Wie überwinden wir denn die Sorge? Wie überwinden wir die Sorge? eine pslichtmaßige Frage. Einen Augenblick unterstreiche ich das. Es ist nicht in unser Belieben oder unsere Willkür gestellt, ob wir die Sorge zu überwinden versuchen oder nicht. Wo Gott einem Menschen eine Aufgabe gestellt hat, da ist er schuldig, an der Überwindung aller Sorge zu arbeiten. Die Sorge hindert. Kinder scheinen ein natürliches Recht darauf zu haben, daß die Mutter fröhlich ist und ein tapferer Vater sie ins Leben geleitet. Ein Vater und eine Mutter, die von Sorgen niedergedrückt sind, können ihren Kindern nicht das sein, was sie ihnen sein müßten. Es gilt allgemein: Sorge lähmt. Es gilt für die einzelnen, es gilt für ein ganzes Volk. Wehe uns, wenn der Sorgengeist in unserm Volk überhandnehmen sollte. Wie überwinden wir denn die Sorge? Man gibt dreifachen Rat. Zuerst: nicht sorgen, sondern arbeiten. 187 Ist recht geredet. Wie aber, wenn die Sorge die Arbeit verzehrt? Oder wenn es wirklich an Gelegenheit zur Arbeit fehlt? Tiefer geht der andere Rat: Man muß nicht immer die Augen auf das richten, was Sorgen machen könnte; man muß das andere fest ins Auge fassen, das Anlaß zur Hoffnung gibt. In der Tat, so ist es. Aber wie nun, wenn auch das geschärfte Auge so wenig ent deckt, was wirklich Anlaß zur Hoffnung gibt? Wie, wenn nun einmal um einzelnes zu nennen die Wocheneinnahme für das Haus nicht ausreichen will und nirgends eine Möglichkeit zu sein scheint, die Einnahmen zu vermehren? Miteinander tragen und überwinden, so lautet der letzte Rat. Wie aber, wenn jemand niemanden hat, der mit ihm tragt? Nun in unserm Volk sind wir viele, die miteinander sorgen und miteinander die Sorge überwinden können. Möchten wir nur immer besser lernen, daß eins an dem andern sich stärke und neuen Mut hole. Nicht die Schwarzseher und die Pessimisten und die Opferscheuen sollen in unsermVolk das Wort haben, sondern nur die Tapferen undVorwärts- drängenden und Opferwilligen. Und wenn gerade in diesen Tagen in unserm Volk und in unserer Stadt um neue Gaben für das Vaterland gebeten wird*, so wollen wir uns auch im Gotteshaus gegenseitig zu willigem Opfern ermuntern. Das wäre ein rechter Gewinn eines Tages, wie unsere Stadt ihn heute veranstaltet, wenn die Freudigkeit des einen an der Freudigkeit des anderen sich neu belebte, wenn Kohle zu Kohle käme und eine heilige Flamme entzündete, in der alles, was von Sorgen und Murren auch unter uns sich regen will, verzehrt würde, und die zugleich wie ein Feuerbrand auf die Umgebung überschlüge. Und doch wäre es töricht, wenn wir unsere Zuversicht für die Zukunft unseres Volkes auf Volksstimmungen gründen wollten. Man kann sich gewiß gemeinsam über die Sorge erheben und aus der Sorge herausreden; man kann sich aber auch gemeinsam in die Sorge hineinreden. Und wie schnell Volks- stimmungen in ihr Gegenteil umschlagen können, das haben wir gerade während dieses Krieges an unsern Feinden, denke ich, genug gelernt, und leider fehlt es ja auch in unserm Volk nicht ganz an Ge legenheit, das zu lernen. Ein wirkliches Hilfsmittel gegen die Sorge weiß nur das Wort unseres Textes: Befiehl dem Herrn deine Wege. *) Gedacht war an die Kriegsanleihe und einen Flotten-Tag in Leipzig.Befiehl dem Herrn deine Wege, so müssen wir für unser Volk und für uns selbst lernen. Auch das gehört zu dem Erfreulichen in unserer Zeit, daß die alten Kirchenlieder neues Leben gewonnen haben, allen voran das gewaltige Lutherlied: Ein feste Burg ist unser Gott. Daneben aber vielleicht besonders das Lied Paul Ger hardts: Befiehl du deine Wege. Vor dem Kriege haben ernste Christen wohl geringschätzig von einem Befiehl-du-deine-Wege-Christentum gesprochen und haben geurteilt, dies Christentum müßte sich unter allen Umstanden erst zum Christusglauben vertiefen. In dieser schwe ren Zeit haben wir lernen können, daß man schon an Christus glau ben muß, um wirklich im vollen Sinne neutestamentlicher Gewißheit singen zu können: Befiehl du deine Wege. Denn, was ist das doch für ein gewaltiges Ding, daß wir unsernGott bitten sollen, für unsere Wege zu sorgen, und wie schwer wird es uns wirklich zu glauben, daß wir ihm unsere Wege anvertrauen dürfen. Wir machen uns das wieder vielfach nicht klar, weil wir die großen Worte allzu gedankenlos sprechen. Aber sobald wir nachdenken, fragen wir doch: Ist das wirk lich wahr, daß ich alle meine Wege getrost meinem Vater im Himmel anvertrauen darf? Und wenn ich im Gebet sie ihm anbefohlen habe, darf ich dann wirklich aufstehn und sagen: So, jetzt habe ich meinem Vater im Himmel alles gesagt, nun Sorgen, Gute Nacht? Ihr empfindet mit mir, wer auch nur ein wenig ernsthaft so sprechen und handeln will, der muß im Glauben an Jesum Christum dessen gewiß sein, daß Gott sein Vater ist. Darum auch wider alle Sorge gilt zuletzt diese eine Hilfe: lerne Christum sehen und im Glauben an ihn Vater sagen. Dies eine Wort sprich dir wieder und wieder vor: mein Vater, und diesem einen Wort versuche zu glauben. Dein Vater will dir alle Sorge abneh men, und dein Vater im Himmel kann dir alle Sorge abnehmen. Wir haben einen Gott, der da Wunder tut. Was einst jene Witwe in Sarepta nach der lieblichen Erzählung des Alten Testaments erlebte, das soll in anderer Weise auch heute noch eine arme Witwe erleben dürfen: das Mehl im Kad wurde nicht verzehret, und dem Ol- kruge mangelte nichts. Werden unserer Feinde aber immer mehr, laßt uns an jenes andere Bild aus dem Alten Testament gedenken, das uns in der ersten Kriegszeit hier einmal gepredigt ist, da Gott dem sorgenschweren Knappen, der nur die Übermacht der Feinde sieht, die Augen öffnet,und nun wird er inne: des unsichtbarenHeeres um ihn ist viel mehr, denn der Feinde vor ihm. Ist Gott mit uns, dann mag sich ein Heer wider uns lagern: auf unserer Seite sind mehr, denn auf 189 der Seite der Feinde. Auch Gottes Kriegspläne sind andere als der Menschen Pläne. Sollten wir nicht gerade in den letzten Wochen davon etwas erfahren haben? Wie sehr schien jene letzte Kriegser klärung unsere Lage zu verschärfen. Scheint es nicht heute fast, als habe in Wirklichkeit unserm Volk nur Gelegenheit zu schnelleren, glänzenden Siegen gegeben werden sollen, damit sich die Kriegs stimmung bei Freund und Feind zu unsern Gunsten verschiebe? Jedenfalls: wir haben einen Gott, der Wunder tut, und wir können es uns nicht schlicht und ernst genug sagen, daß wirklich unsere ganze Zukunft und die Zukunft unseres Volkes in der Hand dieses Herrn ruht. Von diesem Herrn sagt unser Text: Er wird es wohl machen. Merke es freilich recht, unser Text sagt nicht, daß dieser Herr alles so machen werde, wie wir es wollen. Er sagt: der Herr wird es wohl machen. Ist das mehr oder weniger? Wir empfinden alle: es ist unendlich viel mehr. Oder möchte auch nur jemand unter uns, daß Gott es in Zukunft mit ihm gerade so mache, wie er es wolle? Ja, wenn Gottes Gedanken unsere Gedanken durchkreuzen, dann klagen wir, und wir haben Grund zu klagen. Aber werden wir nicht selbst unter diesem Klagen sprechen wollen: Wenn denn nur der gnädige und gute Wille Gottes geschieht und Gott es mit uns wohl macht. Sollten wir nicht im Blick auf unser Volk ähnlich urteilen wollen? Auch hier sind ja freilich Gottes Gedanken in diesem Krieg ganz andere gewesen, als wir es gern gehabt hätten. Aber sollten wir heute noch im Ernst fordern wollen, daß Gott uns nach den glänzenden Sie gen am Anfang auch alsbald glänzenden Frieden gegeben hätte? Urteilt nicht mancher ernste Vaterlandsfreund heute, daß es vielleicht für unser Volk nicht gut gewesen wäre, wenn es so bald zu Sieg und Frieden gekommen wäre? Soll ich um deswillen heute etwa in den entgegengesetzten Fehler verfallen und wieder mit manchen ernsten Menschen unter uns urteilen, daß unser Volk auch heute noch nicht zum Frieden reif sei, sondern noch viel tiefer durch die Schule der Not hindurch müsse, damit das, was verkehrt an ihm ist, sterbe? Der Prediger wird sich sehr hüten, etwas Ahnliches zu sagen. Erleben wir nicht, daß gerade auch die Fortdauer des Krieges uns so manches Unerfreuliche im inneren Leben unsers Volkes bringt? Was heißt das? Wir wissen nicht, was die rechte Stunde für Sieg und Frieden ist; wir können uns nur an die Gewißheit anklammern, daß der Herr alles wohl machen wird. Und die Kriegsziele? Jeder ernste Vaterlandsfreund fragt wohl nach ihnen, und es ist einfache vaterländische Pflicht, daß alle, die hier 190 wirklich etwas zu sagen haben, zu rechter Zeit Klarheit zu schaffen versuchen. Aber wenn ich dann daran denke, wie weit doch auch hier die Gedanken auseinandergehen, dann dünkt mich, daß wir doch auch im Blick auf die Zukunft unseres Volkes uns zuletzt gemeinsam an diese Gewißheit halten müssen: der Herr wird alles wohl machen. Nur das eine Wort aus unserm Text, das bisher noch ganz fehlte, muß ich zuletzt einen Augenblick herausheben: Der Herr wird deine Gerechtigkeit hervorbringen wie das Licht und dein Recht wie den Mittag. Ist das nicht insonderheit ein gutes Wort für unser Volk? Unser deutsches Volk ist gegenwartig das bestgehaßte und wird unter allen Völkern am schmählichsten verleumdet. Oft ist uns zu Sinn, als müßten wir das hindern und andern können. Ich fürchte, wir können das nicht. Sooft wir versuchen, die andern Nationen von unserm Recht zu überzeugen, so oft werden wir erleben, daß jedenfalls unsere Feinde, vielleicht aber auch die neutralen Völker, aus allem nur eine halbe Entschuldigung heraushören. Uns bleibt heute zuletzt nichts übrig, als daß wir immer wieder von Gott uns ein gutes Ge wissen geben lassen und dann unsere Pflicht tun und unbekümmert um daS Urteil der Menschen unsern Weg gehen, den die Pflicht gebietet. Befiehlt dabei unser Volk ehrlich Gott seine Wege, wenn es sein muß, auch in ehrlicher Buße, da soll unser Volk es zu Gottes Stunde auch erleben: er wird deine Gerechtigkeit hervorbringen wie das Licht und dein Recht wie den Mittag. Darum hoffe auf den Herrn, darauf kommt alles an. Unsere Sprache kennt Worte, die durch ihren vielen Gebrauch abgegriffen sind und für das Empfinden vieler ihren vollen Inhalt verloren haben. Vielleicht gehört dazu das Wort vom Hoffen. Für viele bedeutet es nicht viel mehr als ein unsicheres Wähnen. Was der Psal mist meint, ist etwas völlig anderes. Er fordert eine entschlossene Richtung aller Gedanken auf den Herrn, ein zuversichtliches Warten auf seine Stunde. So laßt uns für unser Volk auf die Stunde un seres Gottes hoffen, so laßt uns für unser Leben auf Gott hoffen. -I- 5 Ihr kennt die Worte der Abendsmahlsliturgie: Empor die Herzen". Erheben wir zum Herrn." Nun wohl, dieser Sonntag hat uns predigen wollen: Aufwärts die Herzen! Laßt uns denn jetzt Antwort geben: Wir erheben sie zum Herrn. Amen.Dein Wille geschehe. Am 18. Sonntag nach Trinitatis, 22. Oktober 1916. Matth. 5,17 19: Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch wahrlich: Bis daß Himmel und Erde zer gehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe, noch ein Titel vom Gesetz, bis daß es alles geschehe. Wer nun eins von diesen kleinsten Geboten auflöset und lehret die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehret, der wird groß heißen im Himmelreich. Dein Wille geschehe, so lehrt Jesus uns beten. Und diese Zeit zwingt mit besonderer Gewalt zu diesem Gebet. Dein Wille geschehe, nicht der Wille unserer Feinde. Ich hoffe, wir setzen hinzu, wenn vielleicht auch etliche unter Tranen: Dein Wille geschehe, nicht unser Wille. Jedenfalls, was bleibt uns heute übrig, als daß wir zu der Gewißheit flüchten, daß auch heute nicht die Lüge regiert und auch nicht die Gewalttat und auch nicht das Chaos oder ein blinder Aufall: Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl. Ach, Herr, daß wir das glauben könnten, ach, Herr, daß dein guter, gnadiger Wille geschehe! Was antwortet uns Gott? Durch das heutige Schriftwort scheint er uns zu sagen: Ihr betet immer, daß mein Wille an euch und über euch geschehe; versäumt darüber nur nicht die andere Bitte, daß mein Wille von euch und durch euch geschehe. In der Tat tragt das Bild Jesu, wie unser heutiger Text es uns zeigt, andere Züge, als wie wir sie sonst gern an ihm sehen. Das ist nicht der Heiland, der die Mühseligen und Beladenen zu sich ruft und mit den Wei nenden weint, das ist der König des Himmelreichs, der nach jenem Wort der Offenbarung St. Johannis die Schlüssel des Himmel reichs in seiner Hand hat und allein aufschließt, und niemand mag zuschließen, der aber auch zuschließt, und niemand kann aufschließen. Dieser König des Himmelreichs redet heute zu uns und bezeugt mit gewaltigem Ernst, daß es einen ewigen, unwandelbaren Gottes willen gibt, und daß dieser Wille Gottes von uns und durch uns geschehen muß. 192 So redet der Herr. Sollte aber nicht gerade der Ernst, in dem er redet, heute von uns als innere Erlösung erlebt werden können? Wir verzehren uns in der Sorge um unser Volk und vielleicht auch um unsere Hauser, und beides hat sein Recht. Es gibt aber Höheres als beides: die heilige Sorge, daß Gottes Witte in der Menschheit, in unserm Volke, in unserm Leben sich durchsetze. Die Sorge für unser Volk und unsere Hauser dürfen wir zuletzt ganz unserm Gott befehlen; dafür hingegen sind wir verantwortlich, daß Gottes Witte von uns und durch uns geschieht. Und umgekehrt: in dem Maße, als das geschieht, sind wir imstande, jene andern Sorgen wirklich unserm Gott zu befehlen. So laßt uns denn auch heute beten: Dein Wille geschehe. Aber heute setzen wir zunächst nicht hinzu: an uns und über uns, sondern: von uns und durch uns. Dein Wille geschehe, i. von uns; 2. durch uns. i. Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, das Gesetz und die Propheten aufzulösen. So hebt Jesus an. Manches in seinem Ver halten und in seiner Predigt mochte seinen Zeitgenossen den Eindruck gemacht haben, als wolle er das Gesetz des Alten Bundes aufheben. Vielleicht konnte vor allem seine freie Stellung zum Sabbat wie der scharfe Gegensatz zu der äußeren Werkgerechtigkeit der Pharisäer ein derartiges Mißverständnis nahelegen. Jedenfalls will Jesus nachdrück lich einer solchen Mißdeutung wehren: nicht aufzulösen, sondern zu erfüllen, ist er gekommen. In hohem, feierlichem Ernst redet Jesus, und ich möchte bitten, daß wir einen Augenblick auch den feierlichen Ernst des Eingangs auf uns wirken lassen. Ihr sollt nicht wähnen, spricht Jesus. Hätten wir ein ähnliches Wort von ihm erwartet? Heute urteilen weite Kreise, daß es in der Religion Jesu nicht irgendwie auf Erkenntnis ankomme. Laßt doch jedem seine religiöse Anschauung, sagt man, und wenn sie auch noch so verkehrt wäre, was macht es? wenn der Mann nur fromm ist. Die Schrift urteilt völlig anders. Wer das Neue Testa ment mit Nachdenken liest, mag sich wohl wundern, mit welchem Ernst alle Apostel wieder und wieder vor einem Irrtum in der Er kenntnis warnen. Und Jesus? Am Eingang der Bergpredigt begegnet unser Texteswort, am Schluß aber steht die Warnung vor den falschen Propheten. So ernst denkt Jesus, und so ernst denken die Apostel über das, was man falsche Lehre nennt. 193 Im Grunde ist hier auch alles selbstverständlich. Zwar, man hat völlig recht: es gibt eine tote Erkenntnis, die zur Frömmigkeit nichts nütze ist, ja, die vielleicht den Menschen erst recht dem geistlichen Tode ausliefert, und ebenso kann es geschehen, daß wirklich echte Frömmigkeit der Erkenntnis voraneilt. An sich ist es aber doch eine triviale Wahrheit, daß man für eine rechte Lebensführung zuallererst wissen muß, worauf es denn für diese ankommt. Und umgekehrt: gerade je ernster und wahrhaftiger ein Mensch ist, um so mehr wird aller Irrtum in der Erkenntnis sich notwendig auch im Leben auswirken. Ihr sollt nicht wähnen, spricht Jesus, und nennt dann freilich einen Punkt, auf den nicht weniger als alles ankommt. Oder empfindet ihr nicht ohne weiteres mit mir, daß das ganze Leben eines Menschen sich völlig verschieden gestalten muß, je nachdem er von einem ewigen, unwandelbaren Gotteswillen weiß oder nicht? Warum ist die Ver kündigung Jesu immer wieder gern dahin mißverstanden, als wolle er von einem ewigen Gesetz Gottes nichts wissen? Warum ist die Predigt eines Paulus und dann wieder das Zeugnis eines Luther ähnlich mißverstanden? Der Mensch, der sein eigener Herr sein möchte, verträgt es nicht, daß es einen ewigen, unwandelbaren Gotteswillen geben soll, an den wir unbedingt gebunden bleiben. Unterliegt denn nicht sonst alles in der Zeit einem beständigen Wechsel? Ändern sich nicht auch der Menschen Gesetze? Heute gibt das Volk sich selbst seine Gesetze. Sollten denn nur die Gesetzestafeln Gottes eine Aus nahme machen? Was kann uns heute noch das Gesetz vom Sinai sagen? Sollte nicht das Geschlecht der Gegenwart selbst das sittliche Gesetz, an das es sich gebunden weiß, bestimmen müssen? Hinweg init den alten Tafeln; zerbrecht sie, zerschlagt sie, so hat ein Wortführer der jüngsten Vergangenheit gepredigt, und viele, die es viel vorsich tiger ausdrücken würden, geben ihm in der Sache doch recht. Jesus spricht: Irret euch nicht. Mit Gottes Gesetzen ist eS anders wie mit der Menschen Gesetzen. Es gibt einen ewigen, unwandelbaren Willen Gottes, und aller Menschen Geschlechter bleiben an ihn gebunden. So sagt Jesus, und nun nehme ich die Frage auf, die ich vorhin schon streifte. Sollte nicht gerade dies Wort von einem ewigen, un wandelbaren Gotteswillen in der Gegenwart für uns einen er lösenden Klang gewinnen können? Was wir heute erleben, ist ja Sterben und Vergehen. Unwillkürlich strecken wir uns nach Blei bendem und Unvergänglichem aus. Mancher empfindet es schon als einen Friedensgruß, wenn am stillen Abend über dieser unruhvollen Ih Niels: Aufwärts die Herzen. 1Z 194 Erde das Heer der Sterne hinaufzieht; die Sterne Gottes, die un bekümmert um das Kommen und Gehen der Menschen und unbe kümmert auch um der Erde Geschichte nach ewigen, ehernen Gesetzen ihre Bahn vollenden, die Sterne Gottes, zu denen schon die ersten Menschen mit fragendem, klopfendem, suchendem Herzen empor blickten; die Sterne Gottes, die auch noch über die Schlachtfelder der Gegenwart heraufziehen, die den Söhnen unseres Volkes in der Ver bannung einen Gruß bringen, und die auch noch über den Gräbern der Erschlagenen leuchten. Und dennoch: was ist all der Friede, den der Anblick des gestirnten Himmels in uns auslöst? Stimmung, nichts als Stimmung, ihr wißt es. Dagegen der ewige Wille Gottes ist wirkliche Rettung in unserer Not; denn dieser Wille Gottes geht auf ein ewiges, unveränderliches Reich, jenes Himmelreich, wie unser Text eS nennt. Ein ewiges Reich Gottes, in das aller Völker Geschichte ausmünden soll, und in dem das flüchtige Leben der Menschen sich ewig vollendet. Hier ist Rettung vor der Vergänglichkeit, die uns umdrängt. Lassen wir uns aber aufs neue von der Gewißheit dieses ewigen Gotteswillens und des ewigen Gottesreiches innerlich packen, dann laßt uns auch verstehen, daß dieser Wille Gottes sich nicht an unS voll ziehen kann, er geschehe denn zugleich von uns. Denn was ist das Him melreich? Die Stätte, da Gottes Wille geschieht. Darum ist freilich für niemand in ihm Platz, er erfülle denn den Willen Gottes. Um deswillen verknüpft Jesus selbst am Schluß unseres Textes die Er füllung des Willens Gottes und das Himmelreich so eng miteinander: Wer eins von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehret die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehret, der wird groß heißen im Himmelreich. Dreierlei hebe ich aus diesem Wort Jesu heraus. Zuerst: merkt ihr, wie sehr unser Herr zu unsern menschlichen Gedanken sich herablaßt? Wir machen so gern einen Unterschied zwischen kleinen und großen Geboten Gottes. Selbst frommen Christen begegnet es wohl, daß sie gelegentlich einmal urteilen: das sind ja nur Kleinigkeiten; was kann darauf ankommen? Jesus antwortet: Und wenn es auch um die kleinsten Kleinigkeiten sich handelte, ihr sollt wissen, eS geht ums Himmelreich. Sodann: lasset uns beachten, wie Jesus sich insonderheit an alle wendet, die andere den Willen Gottes lehren sollen. Wer eins von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehret die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich. Das geht unö Prediger an. DaS 195 sollt darum auch ihr euch besonders sagen lassen, meine lieben jungen Freunde, die ihr in dem nun wieder beginnenden neuen Semester euch auf den Predigtdienst rüsten wollt. Beruft Gott euch wirklich einmal in das heilige Predigtamt, so dürft ihr auch nicht das kleinste der Gebote Gottes auflösen wollen. Das legt schwere Last auf unsere Schultern, und zumal junge Menschen mögen diese Last besonders schwer empfinden; ja, sie sollen es, wenn sie anders demütig sind. Gleichwohl darf euch nichts verleiten, daß ihr es euren Hörern und euch bequem macht; ihr seid der Gemeinde den ganzen Willen Gottes schuldig und dürft nichts hinzutun noch abtun. Indes, unser Herrenwort geht nicht bloß uns Prediger an. Es gilt nicht minder den Lehrern, die den Kleinen gerade auch das Kleine groß und wichtig machen sollen. Es geht vor allem aber auch und das laßt mich heute einmal besonders betonen die Eltern unter uns an. Denn wer soll die Kinder den Willen Gottes lehren, wenn nicht zuallererst die Eltern? Gewiß kann die Schule für die Erziehung der Kinder viel tun, und ebenso soll die Kirche viel tun; aber zumeist bleiben doch für die Entwicklung eines Menschen die Eindrücke entscheidend, die er aus dem Elternhaus mitnahm. Christliche Eltern aber sollen wissen, daß sie durch die Taufe ihrer Kinder die Ver pflichtung übernehmen, die Kinder den Willen Gottes zu lehren. Da darf es dann auch keinen falschen Unterschied zwischen dem Kleinen und Großen geben: Kinder müssen angeleitet werden, gerade im Kleinen den Willen Gottes zu erkennen und zu tun. Was unsere Kin der hernach mit diesem Willen Gottes anfangen, ist ihre Sache. Dafür dagegen sind die Eltern verantwortlich, daß ihre Kinder einen starken Eindruck davon mitnehmen, daß wir einen lebendigen Gott haben, der sehr zu fürchten ist, und der mit großem Ernst auf seine Gebote halt, und vor dem auch das Kleine groß ist. Ob aber dieser Eindruck wirklich bei unsern Kindern lebendig wird, das wird besonders von dein Dritten abhangen, das wir aus dem Wort Jesu merken sollen. Ein scharfes Ohr ist vielleicht schon darauf aufmerksam geworden, daß unter den beiden Gliedern des Herren wortes doch ein leiser, aber bedeutsamer Unterschied stattfindet. Nachdem Jesus in der ersten Hälfte des Satzes von denen gesprochen hat, die eins der kleinsten Gebote auflösen, und die Leute also lehren, fahrt er dann fort: wer es aber tut und lehret, der wird groß heißen im Himmelreich. Bei denen, die Verheißung für daS Himmelreich haben, stellt JesuS dem Lehren daS Tun voran; denn ohne dieses Tun bliebe alles Lehren vergeblich. Kinder haben ein sehr feines Empfinden 13 136 dafür, wenn sich zwischen der Lehre und dem Leben der Eltern ein Widerspruch findet. Vielleicht versucht die Liebe, diesen Widerspruch sich zu verbergen, aber die Kraft des Wortes Gottes ist dahin. Vergeht auch ihr es nicht, meine jungen Brüder. Ehe ihr auf die Kanzel tretet, um der Gemeinde Jesu den Willen Gottes zu bezeugen, geht hin und seid selbst Tater dieses Willens. Es geht aber auch wieder uns alle an. Nach dem Kriege wird viel darauf ankommen, daß es in unserm Volke nicht an Mannern und Frauen fehlt, die mit rückhalt losem, heiligem Ernst für den Willen Gottes eintreten. Die Durch schlagskraft ihres Zeugnisses wird aber davon abhangen, inwieweit es durch das Zeugnis des Lebens bestätigt wird. Wort ohne Tat baut nicht, sondern reißt eher nieder. Tat ohne Wort kann ein ge waltiges Zeugnis sein. Tat und Wort, Wort und Tat hatVerheißung des Erfolges. Jedenfalls: für unser persönliches Leben sind wir dafür verant wortlich, daß wir den Willen Gottes tun. Nie komme es uns aus dem Sinn, daß es ums Himmelreich geht. Darum sollen wir auch nicht den Spott der Umgebung fürchten und müssen es tragen, wenn man uns enge Menschen schilt. Jawohl, wir Jünger Jesu wollen gern sehr enge Menschen heißen, nämlich Menschen sehr engen Gewissens. Im übrigen, dünkt unS, sind gerade wir Jünger Jesu weltweite und ewigkeitsweite Leute. Die ganze Welt gehört uns ja und die Ewigkeit auch. Ich füge hinzu: auch das mache unS an der Erfüllung des Willens Gottes nicht irre, daß sie uns in mannigfache innere Not verwickelt. Es kann nicht anders sein. Wo wir den Willen Gottes in die Wirklichkeit des Lebens hineinstellen, da gerät er notwendig mit vielem um uns und an uns und in uns in Kampf. Da geht es nicht ohne innere Not ab. Aber selbst wenn es durch viel inneres Sterben hindurch müßte, es stirbt doch nur, was nicht ins Himmelreich hinein paßt. Daruin vergessen wir es nicht: es geht ums Himmelreich. Das gilt für die Gegenwart wie für die Zukunft. Für die Gegenwart. Nur so weit werden wir heute an der Seligkeit des Himmelreichs wirk lich Anteil haben, als wir nnS in die Übung des Willens Gottes hineinziehen lassen. Man sagt wohl: Des Menschen Wille ist sei Himmelreich. Jesus dagegen sagt: Gottes Wille, o Mensch, ist dein Himmelreich. Nur so weit wirft du selig sein, als du den Willen Gottes tust. Nur so auch wächst du in den Himmel hinein. Das ist Anweisung für die Zukunft. Niemand kommt in den Himmel, er sei denn schon in der Zeit im Himmelreich. In dein Maße dagegen, als 197 er wirklich in die Erfüllung des Willens Gottes hineinwächst, wächst er auch in den Himmel hinein. Darum: den Willen Gottes erfüllen, darauf kommt es an. Je ernstlicher wir das aber predigen, um so dringender wird die Frage: Wie kommen wir denn dazu, den Willen Gottes zu tun? Ich antworte, indem ich wieder einen leisen Wechsel des Ausdrucks vollziehe. Aus dem Gebet: Herr, dein Wille geschehe von uns, werde jetzt das andere Gebet: dein Wille geschehe durch uns. Ein leiser Unterschied; ich hoffe aber, es wird deutlich werden, wieviel auf ihn ankommt. Noch immer habe ich ja das Wort unseres Textes nicht in seiner Tiefe ausgelegt. Bisher redete ich nur davon, daß wir den Willen Gottes tun müssen. Unzweifelhaft will auch Jesus darauf dringen. Aber er tut das so, daß er von eine? Erfüllung des Willens Gottes durch ihn spricht. Ich bin gekommen, sagt er, nicht aufzulösen, sondern zu erfüllen. Er, er will den Willen Gottes vollenden. Woran denkt Jesus dabei? Nur daran, daß er den tiefen Sinn der alt- testamentlichen Forderung aufschließen will? Jeder rechte Bibel leser weiß, wie Jesus damit unmittelbar nach unserm Text einsetzt. In der Majestät dessen, der von Gott Vollmacht hat, stellt er immer wieder einander gegenüber: Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist, und: Ich aber sage euch. So nimmt Jesus Gebot für Gebot durch, und überall erschließt er erst das volle Verständnis des gött lichen Gebotes. Das mag man wohl auch ein Erfüllen heißen, aber für das, was Jesus meint, bildet es doch nur die allererste Voraus setzung. Jesus bezeugt ja viel mehr: er will tatsächlich den ganzen Willen Gottes zur Erfüllung bringen. Himmel und Erde, sagt er, können nicht vergehen, bis daß der ganze Wille Gottes ausgerichtet ist. Jesus will dafür sorgen, daß es geschieht. Dem gilt zuerst sein ganzes Lebenswerk. Und zwar nach zwei Seiten. Einmal, insofern alles, was an gesetzlichen Einrichtungen und an Prophetenwort Weissagung auf Jesus war, in ihm zu voller Erfüllung kommt. Dann aber auch und vor allem in dem Sinne, daß gerade durch Jesu Leben, Leiden, Sterben und Auferstehn eine Gemeinde gegründet wird, in der es zu einer wirklichen Erfüllung des Willens Gottes kommt. 198 Davon soll ich weiter reden; denn diese Seite an dem Lebenswerk Jesu findet noch heute ihre Fortsetzung. In seiner Gemeinde will der Herr den Willen Gottes zur vollen Ausrichtung bringen. Darum darf ich jetzt kühn sagen: wir sind es nicht, die den Willen Gottes ausrichten sollen, der Herr selbst will ihn durch uns vollenden. Ihm uns zum Organ geben, daß er durch uns den Willen Gottes wirke, darauf kommt alles an. Das ist es, was wir verstehen müssen. Solange wir nur wissen, daß Gottes Wille von uns geschehen muß, bleibt all unsere Er füllung des Willens Gottes nicht bloß Stückwerk, das an einzelnem haftet; es bleibt auch Gesetzeswerk, ja Frondienst, der über vergeb liche Klagen nicht hinauskommt. Und doch verlangt uns alle darnach, nicht bloß Stückwerk zu treiben, sondern aus dem Vollen zu leben. Wie kommen wir dahin? Nur so, daß wir uns von Jesu Christo er greifen lassen, daß er uns zu ganzen Persönlichkeiten umschafft. Wollt ihr an einem Menschen davon einen anschaulichen Eindruck gewinnen, dann seht den Mann an, der früher ein Verfolger Jesu war, den Apostel Paulus. Und darf ich einmal einen kurzen Brief nennen, der vielleicht einen besonders starken Eindruck davon geben kann? Dann lest den Brief Pauli an die Philipper. Wer diesen Brief aufmerksam liest, mag wohl überrascht sein, bis zu welchem Grade es dem Apostel schlichte Wirklichkeit ist, daß er in Christo Jesu lebt und Jesus Christus in ihm. Paulus wagt geradezu den Satz, den man sehr buchstäblich verstehen muß, daß Christus sein Leben sei, und er gründet darauf die andere Gewißheit: Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus. Heute hat man in christlichen Kreisen vielfach die Forderung einer völligen Übergabe an den Herrn ausgegeben. Hie und da mag das selbst wieder in gesetzlicher Weise geschehen sein. Dann sollen wir wissen, daß nicht wir Christum ergreifen, sondern Christus unS ergreifen muß. Im übrigen aber hat man völlig recht: alles kommt darauf an, daß wir von Christo Jesu ergriffen werden und in Kraft dessen ihn ergreifen und ihm unS geben. Christo sich ganz zum Werkzeug geben, das heißt aus dem Vollen leben. Und da soll es erlebt werden: Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Wie groß aber diese Zusage ist, davon bitte ich, zuletzt noch ein paar Worte sagen zu dürfen. Noch einmal lese ich den Eingang un seres Textes, und ich bitte, die Worte scharf zu hören. Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz und die Propheten aufzulösen, spricht Jesus. Und dann fährt er fort: Ich bin nicht ge- 199 kommen und nun erwarten wir, daß Jesus wieder die Worte ein fügen werde: das Gesetz und die Propheten , er sagt aber ganz allgemein: Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Gewiß hat er dabei in erster Linie den Willen Gottes im Auge; aber es dürste doch nicht zufallig sein, daß er so allgemein sich ausdrückt. Es ist für die ganze Sendung Jesu bezeichnend, daß es durch sie nicht zu einem Auflösen, sondern zu einem Erfüllen kommen soll. Vielleicht kann diese Erkenntnis dem einen oder andern unter uns eine Hilfe sein. Warum bleiben so manche, auch religiös Suchende, dem biblischen Christentum fern? Unwillkürlich sehen sie in dem Chri stentum, wenn ich hier einmal das Fremdwort gebrauchen darf, wesentlich nur etwas Negatives. Sie fürchten, das Christentum könne nur verbieten und nehmen. In Jesu Sinn ist das Christentum etwas durchaus Positives: ein Erfüllen. Vielleicht muß das durch mancherlei Abbruch des bisherigen Lebens hindurch; aber nicht der Abbruch ist das Ziel, sondern der Neubau. Wenn ein genialer Künstler einen Bau begonnen hat, nachher aber andere den Bau verderben, dann kann freilich der Gedanke des ursprünglichen Baumeisters nur durch einen Abbruch hindurch sich verwirklichen. Aber das ist doch kein Auflösen, sondern ein Erfüllen. Vielleicht muß auch an dem Lebensgebaude, das wir aufrichteten, viel abgebrochen werden; aber das Ziel ist nicht der Abbruch, sondern die Erfüllung unserer Lebensbestimmung. Wie möchte ich das insonderheit den jungen Brüdern, die, wie ich hoffe, ein volles Herz ins neue Semester mitgebracht haben, groß machen können. Warum rufen wir euch zu Jesu Christo? Nur darum, daß ihr volle Menschen werdet. Unser Herr Jesus Christus will nicht irgend etwas, das in euch angelegt ist, töten; vielmehr möchte er alles zur Erfüllung bringen. Aber auch den lieben Alten unter uns sage ich es zum Trost. Zum Abbruch und Neubau eines Hauses kann es zu spat werden, zu einer Erneuerung und Erfüllung unseres Lebens niemals. Ich fasse alles zusammen. Gott will, daß wir durch unsern Herrn Jesum Christum volle Menschen werden, weil Menschen des Reiches Gottes. Alles liegt nur daran, daß wir ja dazu sagen. Herr, dein Wille geschehe von uns; Herr, dein Wille geschehe durch uns. Amen.Unser Volk und wir die einzelnen in ihm. Am 20. Sonntag nach Trinitatis, 5. November 1916. 1. Mose 18, 20 zz: Und der Herr sprach: Es ist ein Geschrei zu Sodom und Gomorra, das ist groß, und ihre Sünden find fast schwer. Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekommen ist; oder ob s nicht also sei, daß ich es wisse. Und die Männer wandten ihr Angesicht und gingen gen Sodom; Abraham aber blieb stehen vor dem Herrn, und trat zu ihm und sprach: Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen? Es möchten vielleicht fünfzig Gerechte in der Stadt sein; wolltest du die umbringen und dem Ort nicht vergeben um der fünfzig Gerechten willen, die darinnen wären? Das sei ferne von dir, daß du das tust, und tötest den Gerechten mit dem Gott losen, daß der Gerechte sei gleichwie der Gottlose. Das sei ferne von dir, der du aller Welt Richter bist. Du wirst so nicht richten. Der Herr sprach: Finde ich fünfzig Gerechte zu Sodom in der Stadt, so will ich um ihrer willen allen den Orten vergeben. Abraham antwortete und sprach: Ach, siehe, ich habe mich unterwunden, zu reden mit dem Herrn, wiewohl ich Erde und Asche bin. Es möchten vielleicht fünf weniger denn fünfzig Gerechte darinnen sein; wolltest du denn die ganze Stadt verderben um der fünf willen ? Er sprach: Finde ich darinnen fünfundvierzig, so will ich sie nicht verderben. Und er fuhr fort, mit ihm zu reden,und sprach: Man möchte vielleicht vierzig darinnen finden. Er aber sprach: Ich will ihnen nichts tun um der vierzig willen. Abraham sprach: Zürne nicht, Herr, daß ich noch mehr rede. Man möchte vielleicht dreißig darinnen finden. Er aber sprach: Finde ich dreißig darinnen, so will ich ihnen nichts tun. Und er sprach: Ach, siehe, ich habe mich unterwunden, mit dem Herrn zu reden. Man möchte vielleicht zwanzig darinnen finden. Er antwortete: Ich will sie nicht verderben um der zwanzig willen. Und er sprach: Ach, zürne nicht, Herr, daß ich nur noch einmal rede. Man möchte vielleicht zehn darinnen finden. Er aber sprach: Ich will sie nicht verderben um der zehn willen. Und der Herr ging hin, da er mit Abraham ausgeredet hatte; und Abraham kehrte wieder an seinen Ort. Unser Text gibt dem Erkennen manche Fragen auf, und der eine oder andere unter uns mag sie besonders schwer empfinden. Gleichwohl hoffe ich, daß auch ihm das, was unser Text uns sagen will, unmittelbar zuganglich ist, und ich bitte daher auch ihn, alle jen^ Fragen zurückzustellen. Einzelne Schwierigkeiten, die man in unserer Erzählung findet, kann die Predigt streifen; wollte ich im 201 Zusammenhang von allen reden, so würde die Sache, die unser Text uns lehren möchte, viel zu kurz kommen. Und doch können wir aus ihm gerade auch sür die Gegenwart viel lernen. Vor allem fällt ein ganz eigenartiges Licht aus eine Frage, die heute mit besonderer Kraft durchlebt wird: die Frage nach dem Verhältnis des Volkes zu den einzelnen in ihm und des einzelnen zu dem Volk. Unsere Zeit ist ja eine Zeit gewaltigen Erlebens. Er kenntnisse, die uns langst festzustehen schienen, werden heute aufs neue erlebt, und unter diesem Erleben tritt alles in neue Beleuch tung. Vielleicht gilt das nicht am wenigsten von jenen Fragen nach dem Wesen des Volkes und der Bedeutung des einzelnen in seiner Mitte. Unser Erleben selbst trägt ja heute doppelte Gestalt: gemein sames Erleben des Volkes und das Erleben des einzelnen mischt sich wunderbar untereinander. So wird denn in all diesem Erleben notwendig auch immer wieder durchlebt, was es um ein Volk ist und was der einzelne für dieses Volk bedeutet. Schon früher habe ich einmal in einer Predigt kurz darauf hingedeutet, wie sehr diesem Erleben unsere Textgeschichte zu einer Klärung dienen kann: zehn Gerechte sollen eine ganze Stadt im Urteil Gottes vertreten können. Heute lasset mich im Zusammenhang davon reden. Damit verbinde ich dann eine Erinnerung an das andere Ge heimnis, von dem unser Text spricht: das Geheimnis der Fürbitte. Auch hier handelt es sich ja um etwas, was die Gegenwart unS wieder in besonderem Maß zu erleben zwingt. Auch vor dem Kriege wurde von dem Geheimnis der Fürbitte viel geredet; leider aber blieb es vielfach bei einer Betonung der Schwierigkeiten, mit denen das Verständnis der Fürbitte zu kämpfen habe. Gott hat uns dann durch diesen gewaltigen Krieg auch aus diesen Fragen herausgerissen und uns die Wirklichkeit der Fürbitte erleben lassen. Auch diesem Erleben diene unser Text mit dem, was er von Abraham erzählt, zur Klärung. Heute kann ich davon freilich nur so weit reden, als es jenem ersten Gesichtspunkt sich einordnet. So überschreibeich denn meine Predigt: Unser Volk und wir die einzelnen in ihm, und bringe an alles zwei Fragen heran: Wovon hängt die Zukunft unseres Volkes ab? und: Was folgt aus der rechten Antwort auf diese Frage sür den einzelnen? i. Wovon hängt die Zukunft unseres Volkes ab? Offenbar kann diese Frage in sehr verschiedenem Sinn gestellt werden. Wird sie außer- 202 halb der Kirche aufgeworfen, dann will man etwa wissen, wovon unter militärischem, wirtschaftlichem, politischem oder auch allge mein nationalem Gesichtspunkt unsere Zukunft abHange, und es versteht sich von selbst, daß alle diese Fragen von der höchsten Bedeu tung sind. Es versteht sich aber ebenso von selbst, daß wir von dem allem in der Kirche nicht reden. Es versteht sich von selbst, sage ich. Vielleicht müßte ich vorsichtiger urteilen: es sollte sich von selbst verstehen. Noch liegt die Zeit nicht weit zurück, da man im Ernst glaubte, wirtschaftliche Fragen im Namen des Evangeliums entscheiden zu können. Und während des Krieges ist nicht bloß an die römische Kirche, sondern auch an die evangelische Christenheit aufs neue die alte Versuchung herangetreten, Politik und Evangelium zu verquicken. Am meisten aber bin ich erschrocken, als ich in einem sehr wohlmeinenden und an sich bedeut samen Artikel der nachdrücklichen Zukunftsforderung begegnete, die Kirche müsse endlich aufhören, sich einseitig auf das religiöse Gebiet zu beschränken. Immer wieder möchte man fragen können: Hat denn die Kirche auch irgendeinen andern Auftrag als einen reli giösen? Für die Kirche der Reformation müßten, dünkt mich, zwei Punkte feststehen. Einmal, daß wir allen Männern warmen Dank schulden, die durch Beruf und Kenntnis Anlaß haben, zu rechter Zeit für die Zukunft unseres Volkes auf allen angedeuteten Gebieten zu sorgen, und wir wollen als deutsche Männer und Frauen an dem allem teilhaben. Sodann aber, daß die Kirche als solche sich gar nicht sorg fältig genug davor hüten kann, in Dinge hineinzureden, für die sie keinen Auftrag hat und von denen sie nichts versteht. Beschrankt sich die Kirche auf das rein religiöse Gebiet, so bleibt ihre Aufgabe wahrlich groß genug. Und das gerade um deswillen, weil sie es dann nicht mit irgendeiner einzelnen Seite im menschlichen Leben zu tun hat, sondern mit dem gesamten öffentlichen und privaten Leben in seinen religiös-sittlichen Grundlagen. Und die Aufgabe bleibt zugleich hart genug. Denn wenn wir wirklich die Zukunft unseres Volkes im Lichte des Wortes Gottes deuten wollen, dann mögen wir manches sagen müssen, was nicht alle in unserm Volk gern hören. Woran hängt denn, im Lichte des Wortes Gottes betrachtet, die Zukunft unseres Volkes? Es wird uns weiter führen, wenn ich einen Augenblick die Frage ein wenig anders wende: Wo fällt die Ent scheidung über diese Zukunft? Dort, wo die Kanonen donnern oder 203 in den Werkstatten daheim, da man den Frieden rüstet? Unser Text weiß noch eine ganz andere Antwort: die letzte Entscheidung auch über die Zukunft eines Volkes fällt im verborgenen Rat Gottes. Unsere Textgeschichte bildet ja das Vorspiel zu dem Untergang von Sodom und Gomorra. Sodom und Gomorra wie lebt dies Wortpaar auch in dem Bewußtsein solcher, die sonst von der Bibel nicht viel wissen. Als eine Verkörperung der Gottlosigkeit und Sinnen lust, schamloser Frivolität und frecher Sicherheit, so erscheinen uns Sodom und Gomorra. Der Fortgang unserer Textgeschichte zeigt, daß auch in der letzten Nacht noch die beiden Städte dieselben waren. Wie erschütternd wird dann das Bild unseres Textes. Sodom lacht und amüsiert sich in seine? Weise: kein Wölkchen am Himmel, von einer Gefahr keine Spur und doch ist im verborgenen Rat Gottes schon das Urteil über Sodom gesprochen. In der Gotteserscheinung, die Abraham erlebt, fällt es. Das Geschrei über Sodom und Gomorra, nämlich das Geschrei ihrer Gottlosigkeit, ist groß und ihre Sünde schwer an dem Wort ist Sodom gestorben. Was lernen wir? Gott, meine Zuhörer, Gott allein hat die Wage in der Hand, auf der die Völker gewogen werden, und an der Stellung zu ihm entscheidet sich zuletzt die Zukunft eines Volkes. Vielleicht nicht von heute auf morgen. Wie lange hat Gott mit Sodom Geduld gehabt. Aber endlich kommt die Stunde, da sich an einem jeden Volk erfüllen muß: Gerechtigkeit erhöhet ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben. Damit sage ich nichts Neues. Wie oft mag Ähnliches auch auf dieser Kanzel gesagt sein. Aber das oft Gesagte muß immer wieder noch einmal gesagt werden, damit es für uns schlichte Wirklich keit werde. Denn auch wir entziehen uns immer wieder gern diesen Gedanken und bleiben lieber bei den äußeren Ursachen für die Zukunft unseres Volkes stehen. Und doch müssen Jünger Jesu darüber klar sein, daß zuletzt allein die Stellung unseres Volkes zu Gott entscheidet, und daß wir die Verantwortung dafür tragen, daß unser Volk die rechte Stellung zu Gott findet. Dann aber wird auch die andere Frage dringend: Woran ent scheidet sich nun denn das Urteil Gottes über ein Volk? Und das ist recht eigentlich die Frage, auf die unser Text eine Antwort geben will. Da kann es dann freilich scheinen, als müßte ich eben Gesagtes korri gieren: es bedarf in der Tat einer Ergänzung. Sodom sei an seiner Gottlosigkeit und Sünde gestorben, so sagte ich. Alle Sünde und Gottentfremdung in Sodom und Gomorra hat aber Abraham nicht abgehalten, für beide Städte Fürbitte einzulegen, und Gott hat sie 204 sich gefallen lassen. Zwar, der Mann Gottes kann das Gerücht nicht bestreiten, das über Sodom und Gomorra umgeht, aber er er innert Gott an die Gerechten, die auch in der Stadt sein möchten. Und dann wagt er die Frage: Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen? Das sei ferne von dir, der du aller Welt Richter bist. Das ist kühn geredet. Man möchte fragen, ob menschlich kühn oder göttlich kühn. Beides. Menschlicher Glaube faßt Gott bei der inneren Wahrheit seines Wesens. Ist Gott gerecht und kann der gerechte Gott den Gerechten nicht umbringen, dann muß er um seinetwillen auch den Gottlosen verschonen. Ein Schluß des Glaubens, aber Gott bekennt sich zu ihm. Fünfzig Gerechte in Sodom und Gomorra, ja, zehn Gerechte sollen die großen Städte bei ihm vertreten können. Welche Wendung. Ihr seht, wir stehen an dem Geheimnis der Stellvertretung. Was ist es um dieses Geheimnis, und wodurch wird es in einem Volke möglich? Ich möchte sagen, wir durchleben das heute. Oder erleben wir nicht, was es um ein Volk ist? Ein Volk ist nicht ein zusammen gewürfelter Haufe von einzelnen, da einer den andern nichts anginge und alle nur durch äußeren Zwang zusammengehalten würden; ein Volk ist ein einheitliches Ganze, durch gemeinsames nationales Erleben zur Einheit zusammengeschmiedet, ein wirkungskraftiger Organismus, in den alle einzelnen als lebendige Glieder eingefügt sind. Auf dieser Gliedschaft aller einzelnen beruht es, daß der eine für den andern und die einzelnen für ihr Volk eintreten können. Auf dem äußeren Gebiet des Volkslebens ist uns das heute längst geläufig. EinHerrscher handelt für sein Volk, indem er Krieg erklärt und Frieden schließt, und unsere Brüder draußen treten für uns ein, indem sie für uns kämpfen und sterben. Unser Text lehrt uns, daß der gnädige und barmherzige Gott diese Stellvertretung auch auf dem höchsten und zartesten Gebiet zulassen will: der Stellung des Volkes zu ihm. Auch in der Stellung des Volkes zu ihm soll nicht die Sünde des Volkes entscheiden, sondern die Gerechtigkeit derer, die das Volk vor ihm vertreten. Welch ein Geheimnis. Wie tröstlich und doch zugleich wie be lastend ! Tröstlich. Auch an der Zukunft unseres Volkes braucht uns also noch nicht ohne weiteres die Sünde irre zu machen, die verborgene und die offenbare Sünde, die in unserm Volk im Schwange geht. Am wenigsten die Tatsache, daß nicht alle Glieder unseres Volkes persönlich zu Gott bekehrte Menschen sind. Ich kann den Gedankenauch etwas anders wenden, dann fällt zugleich auf eine andere Frage Licht, die mit jener ersten Frage eng zusammenhangt, die Frage nach dem Recht und der Möglichkeit einer Volkskirche. Auch diese Frage bewegt heute wieder bereits die Gemüter, und sie wird voraussichtlich nach dem Kriege brennend werden. Die alten Feinde werden aufs neue wider die Kirche Sturm laufen, und die echten Jünger Jesu werden sich mit neuem Ernst fragen müssen: Ist wirklich noch Volks kirche möglich? Heute kann ich nur eins zu dieser Frage sagen, aber dies eine ist trostreich. Auch an der Möglichkeit einer Volkskirche braucht uns noch nicht die Tatsache irre zu machen, daß nicht alle ihre Glieder oder auch nur die Mehrzahl derselben persönlich glaubige Christen sind. Eine Volkskirche in diesem Sinne wird es freilich in Zukunft nicht geben, sie hat es aber bisher auch nicht gegeben und kann es nicht geben. Auch das braucht uns noch nicht zu befremden, wenn wirklich, wie es fast scheint, der Gegensatz gegen das Christentum bei manchen in unserm Volk noch zunehmen sollte. Auch das kann nicht wohl anders sein. Gott hat unter dem Kriege mit besonderem Nach druck und Ernst an der Volksseele gearbeitet, und Gottes Arbeit kann nie vergeblich sein. Wo sie einen Menschen nicht Gott naher bringt, da muß sie ihn in dem Gegensatz zu ihm verharten. Nur darauf wird es ankommen, ob auch der Bekenner Gottes in diesem Krieg mehr geworden sind, und ob die alten Bekenner in ihrem Be kenntnis rückhaltloser und rücksichtsloser, wahrhaftiger und entschlosse ner wurden. Darauf wird es aber allerdings ankommen. Das reicht in Gottes Urteil nicht aus, daß unser Volk immer noch eine gewisse Berührung mit dem, was man Religion nennt, unterhalt. Auch das tut es noch nicht, daß in unserer Mitte noch getauft und konfirmiert wird, und daß man das Abendmahl des Herrn begehrt und etwa noch kirchliche Trauung und kirchliche Beerdigung. Zwar das alles ist von höchster Bedeutung für unser Volksleben; denn in dem allem kommt der lebendige Gott immer wieder den einzelnen nahe. Soviel an uns ist, wollen wir darum auch mit rechtem Ernst darauf halten, daß alle diese Gottesordnungen und Einrichtungen als Sitte in unserm Volk lebendig bleiben. Aber man kann nicht leugnen, vielfach sind sie bereits so sehr zu toter Sitte geworden, daß man wohl fragen kann, ob wir diese Sitte noch allgemein in unserm Volksleben pflegen dürfen. Erst gestern begehrte ein junger Freund aus schwerer GewissensnotAntwort auf die Frage, ob er denn noch seine ganze Gemeinde zum Abend- 206 mahlstisch des Herrn drangen dürfe. Jedenfalls: Gott sucht mehr als äußere kirchliche Sitte in unserm Volk. Er ist nicht mit Namen im Taufbuch zufrieden, und er zahlt auch nicht unsere Kirchgänger; er sucht persönlich zu ihm bekehrte Christen, die mit Leib und Leben ihm gehören wollen. An ihnen hangt für sein Urteil die Zukunft unseres Volkes. Dann dürfen wir auch nicht an der ernsten Frage vorüber: Wieviel solcher persönlich gläubigen Christen sucht Gott in einem Volk? Wieviel reichen für sein Urteil aus, um für eine Volksgemeinde das tragende Fundament abzugeben? Unser Text gibt eine Antwort, die freilich zugleich doch keine Antwort ist. Das Erschütternde an unserm Texte ist sein unvermittelter Schluß, der unvermittelte Abbruch der Fürbitte und der unvermittelte Abbruch der ganzen Erzählung. Zwar, viele haben an dem ganzen Verlauf der Fürbitte Abrahams Anstoß genommen. Der Handel Abrahams mit Gott dünkt sie nicht bloß kindlich, sondern kindisch. In Wirklichkeit ziemt uns vielmehr, vor der Herablassung Gottes anzubeten und von der Glaubens kühnheit Abrahams zu lernen. Und wer in unserm Bericht auch nur ein Stück epischer Erzählungskunst sähe, müßte, dünkt mich, mit ver haltenem Atem lauschen, ob nicht auf das letzte Mal in der Fürbitte Abrahams noch ein allerletztes Mal folge. Es bleibt aus. Unvermittelt hört die Fürbitte auf, und die Erzählung ist zu Ende. Was sagt das uns? Gottes Herablassung scheint unendlich zu sein, und doch hat sie ihre Grenzen an seiner Heiligkeit. Das sollen wir lerne . Wo jene Grenzen liegen, wissen wir freilich nicht. Denn, daß wir aus unserer Erzählung kein äußerliches Iahlengesetz entnehmen können, versteht sich von selbst. Unmöglich können wir auch nach einem solchen Gesetz die Zukunft unseres Volkes berechnen wollen. Niemand vermag schließlich mit Sicherheit zu sagen, wer in unserm Volk zu den Gerechten im Urteil Gottes gehört; niemand vermag vollends auszurechnen, wieviel solcher Gerechten es bedürfe, damit Gott unser Volk noch als sein Volk anerkenne. Oder daß ich es allen ver ständlicher ausdrücke: niemand vermag zu sagen, wann das Christen tum in unserm Volk noch eine solche Macht bedeutet, daß es die Fäul nis vom Volksleben fernzuhalten und unser Volk in seinem tiefsten Kern gesund zu erhalten vermag. Niemand weiß das; aber eben, daß das niemand weiß, belastet uns mit schwerer Verantwortung. Um so ernstlicher sind wir dafür verantwortlich, daß es an wirklichen christlichen Persönlichkeiten in unserm Volk nicht fehle und daß wir selbst solche seien. Unser Text kommt auf einen gewaltigen Appell 207 an den einzelnen hinaus: auf jeden einzelnen kommt es an, auf dich und auf mich. Davon laßt mich weiter reden. 2. Denn auch an die Bedeutung des einzelnen für sein Volk kann nicht oft genug erinnert werden. Wir übersehen sie so leicht oder machen doch nicht wirklich Ernst mit ihr. Der Gedanke liegt so nahe: Was bedeutet der einzelne in einem Volk? Ich frage: woran mag es liegen, daß die Predigt von der inneren Not unseres Volkes und unserer religiös-sittlichen Verpflichtung gegenüber unserm Volk im ganzen so wenig Boden findet? Ver schiedene Gründe kommen zusammen. Vor allem aber dürfte es auf zwei Punkte ankommen. Auch ernste Christen urteilen wohl, daß sie nicht auch in der Kirche noch soviel von den Fragen und Sorgen der Zeit hören wollen: davon können wir außerhalb der Kirchmauern genug hören sagen sie , aus unsern Gottesdiensten wollen wir etwas für uns persönlich mitnehmen. In dieser Rede kann sich echtes Empfinden aussprechen, aber es kann sich auch unendlich viel fromme Selbstsucht darunter verbergen. Gewiß sollen wir aus der Kirche etwas für uns mitnehmen, aber dazu gehört auch die Sorge für unser Volk. Das soll unser Text uns aufs neue lehren. Dem dürfen wir uns auch nicht durch die andere Frage entziehen, auf die ich vorhin hindeutete: was vermag ein einzelner zu tun? Sie gehört recht eigentlich in unsern Zusammenhang und leuchtet gewiß zunächst sehr ein. Ein Volk von vielen Millionen waS kann denn da viel auf den einzelnen ankommen? Die einen urteilen in ehrlicher Bescheidenheit so, die andern aus Bequemlichkeit, die allermeisten aber vielleicht nur um deswillen, weil sie nie die Bedeutung des ein zelnen sich klargemacht haben. Unser Text erinnere uns denn aufs neue an sie. Zehn Gerechte sollen eine große Stadt vertreten können; wieviel mag dann auch heute der einzelne für eine Stadt oder auch für sein Volk bedeuten können. Dabei kommt eö gar nicht bloß oder auch nur in erster Linie auf das an, was er für sein Volk zu tuu vermag. Müßten wir die Be deutung des einzelnen darauf beschranken, dann möchte auch unter unS heute ein großer Unterschied sein; ja, vielleicht würde der eine oder andere ehrlich durch die Frage in Verlegenheit kommen, was denn gerade er für sein Volk tun könne. Unser Text redet aber davon über- 208 Haupt nicht. Die Tatsache der Frömmigkeit selbst bedeutet für ihn eine Vertretung des Volkes bei Gott. Darum geht unsere Textgeschichte nicht bloß die an, die schon durch ihren Beruf und ihre Stellung im öffentlichen Leben in besonderem Maße dazu imstande sind, für ihr Volk etwas zu tun; sie geht auch das einsame Mütterlein in der be scheidenen Dachkammer an, das wirklich ehrlich über den Gedanken erschrecken möchte, daß es für sein Volk viel zu bedeuten habe. Und es geht auch noch unsere lieben Kranken an, die in dieser Zeit besonders lebhaft klagen, daß sie für ihr Volk so gar nichts tun könnten. Es geht alle an. Wenn du alle Tage wieder dich ehrlich und rückhaltlos zu deinem Gott bekehrst, so tust du damit ganz unmittelbar auch unserm Volk einen Dienst. Dein Glaube wird zu einer Vertretung deines Volkes vor seinem Gott. Das ist der Adel alles echten Christentums, aber das ist auch die Verantwortung, mit der es belastet ist. Die Vertretung eines anderen oder einer Gemeinschaft ist dann leicht, wenn diese mit mir eines Sinnes ist und ich nur ihr Mund und Organ zu sein brauche. Darum ist heute die Vertretung unseres Volkes in seinem nationalen Empfinden ver hältnismäßig leicht: darin sind wir, Gott sei Dank, doch immer im ganzen noch eins. Heute dagegen handelt es sich um einen Punkt, an dem viele unserer Zeitgenossen gar nicht mit uns eins sind, son dern uns scharf widersprechen, wo sie darum auch bestimmt sich ver bitten würden, daß wir sie vor Gott vertreten wollten. Und doch dür fen wir uns das nicht verbieten lassen. Sind wir wirklich Jünger Jesu, so müssen wir den Gedanken zu bilden wagen, daß wir unser Volk und auch die Volksgenossen, die Gott und uns widersprechen, vor Gott zu vertreten berufen sind, und wir müssen auch den Glauben wagen, daß Gott in der Beurteilung der Stellung unseres Volkes nicht das Widersprechen der anderen, sondern unser Bekenntnis zu ihm gelten lassen wird. Das sind dann freilich Gedanken, die man in der Kirche erträgt, die aber außerhalb der Kirchmauern einen Sturm der Entrüstung hervorrufen müßten. Und doch sollen sie auch außerhalb der Kirch mauern gehört werden. Wir dürfen uns dann nur nicht wundern, wenn sie wirklich auf Befremden stoßen, und müssen auch noch ver stehen, wenn man immer wieder unsern Anspruch unerträglich findet, ja, dahinter nur feinen oder auch groben PharisäiSmus wittert. Wir müssen das verstehen, sage ich, und müssen auch demütig genug sein, unS dadurch immer wieder in ernste Selbstprüfung hineinweisen zu lassen. Könnte es nicht doch sein, daß in jene Gedanken sich heim- 209 lich selbstgefälliger Phansaismus einmischte? Man kann auch mit der Betonung der Demut ein sehr gefährliches Spiel treiben. Ist es uns wirklich mit dem Wort des Dichters unserer Kirche ernst: Nichts kann ich vor Gott ja bringen? Allein dann bilden wir jene Gedanken recht, wenn wir sie nur mit heimlichem Zittern zu bilden wagen. Dann aber sollen wir allerdings wissen, daß wir die Last der Verantwortung für unser Volk nicht abschieben dürfen. Wir sollen unsern Beruf erkennen, Vertreter unseres Volkes vor Gott zu sein. Daher dürfen wir auch jenen Anklagen nicht dadurch zu entgehen versuchen, daß wir unser Christentum nach aller Möglichkeit unserer Umgebung anpassen, damit wir ja nicht etwas Besonderes zu sein scheinen. Die Möglichkeit einer Vertretung unseres Volkes beruht ja gerade darauf, daß wir nicht ohne weiteres mit dem großen Strome schwimmen, sondern, wenn eS sein muß, auch den Mut haben, einsame Wege zu gehen. Ich kann davon heute nicht mehr sagen. Nur das sollte ausgesprochen sein: ein Jünger Jesu, der seinem Volk wirklich dienen möchte,darf nicht auf andere sehen,sondern muß seinen Weg gehen, seinen Weg oder besser: Gottes Weg. Nur so vertreten wir unser Volk bei Gott. Diese Vertretung erreicht aber ihren Höhepunkt in der Fürbitte. Als ihr Vorbild erscheint Abraham in unserm Text. Davon kann ich freilich nur noch ein paar Worte sagen. Ich hebe zwei Punkte heraus. Zuerst: Abraham betet für eine Stadt, für die er keine unmittelbare Verantwortung hat. Und wenn seine Fürbitte dabei vor allem Lot im Auge haben mag, so hat auch dieser einst wenig edel oder, wie man heute gern sagt, wenig vornehm an Abraham gehandelt. Abraham hält das nicht ab, für Lot und seine Stadt zu bitten. Wir lernen: die echte Fürbitte kennt keine Grenzen. Wie leicht muß es dann uns sein, für die zu beten, die wir lieb haben und die uns lieb haben; wie natürlich auch die Fürbitte für unser Volk, mit dem wir doch ganz zusammengehören und das wiederum uns ganz trägt und hält! Sodann: Abraham bittet für Sodom und Gomorra und Lot, und niemand weiß etwas davon. Gerade das dünkt mich so schön und ergreifend. Sodom lacht und spottet Abraham betet. Lot hat sich einst ohne Not in große innere Gefahr begeben, als er Sodom auf suchte; Abraham hat ihn ziehen lassen, aber er betet für ihn. So braucht es auch heute niemand zu wissen, wenn du für andere und für dein Volk Fürbitte tust. Vielleicht kennst du auch einen andern, der ohne Not sich in große innere Gefahr begab, und du konntest ihn Zh Niels: Aufwärts die Herzen: 14 210 nicht aufhalten. Laß ihn ziehen, aber bete für ihn. Niemand kann dich hindern, daß du mit deiner Fürbitte eine Wagenburg um ihn schlägst, daß der Arge keine Macht über ihn gewinne. Niemand auch kann dich hindern, daß du in deinem Kammerlein alle Tage für dein Volk Fürbitte einlegst: Herr, handele nicht mit meinem Volk nach seiner Sünde und auch nicht nach meiner Sünde und auch nicht nach dem Stückwerk meiner Gerechtigkeit; um deiner Barm herzigkeit willen sei unS gnadig und hilf uns. Wollte denn Gott, daß wir uns heute abend unbekannt und unerkannt in der Fürbitte für unser Volk begegneten. Betkämmerlein sind Heiligtümer in einem Volk, von denen auch bis ins Feld Kraft ausgeht und auch Kraft innerer Genesung. Nur zwei Worte noch. Alles, was ich sagte, möchte ich euch, meine lieben jungen Brüder, ganz besonders sagen können. Da gilt auch kein Unterschied, ob ihr Theologen oder Nichttheologen seid. In diesem Kriege müßte, dünkt mich, vollends dieser böse Unterschied sterben. Euch alle bedrückt der Gedanke, daß ihr hier in Frieden arbeiten dürft, während eure Brüder draußen ihr Leben verbluten. Was könnt ihr für euer Volk tun? Werdet Beter! Und werdet Vertreter eures Volkes vor Gott! Wir, die wir älter werden, wollen die Gewißheit haben, daß ein Geschlecht heranwächst, das auch in Zukunft für unser Volk eintritt, auch dann, wenn harte innere Kampfe kommen sollten und Zeiten der Entscheidung. Rüstet euch! Wir rüsten uns mit euch. Amen.Die dreifache Mahnung des Bußtags. Am Bußtag, 22. November 1916. Psalm 4, 5: Zürnet ihr, so sündiget nicht. Redet mit eurem Herzen auf eurem Lager, und harret. Büß- und Bettag. Zum sechsten Male wahrend des Weltkrieges Büß- lind Bettag. Als ich im Frühjahr 1915 hier zum letzten Male an einem Bußtage predigte, sprach ich am Schluß die Hoffnung aus, daß dieser dritte Büß- und Bettag der letzte im Kriege sein möge. Heute müssen wir den sechsten Kriegsbußtag feiern, und wo ist das Ende? Was sagt uns das? Eins ist gewiß. Dieses eine, daß die Predigt des Büß- und Bet- tageS immer eindringlicher werden muß. Erschreckt nicht, und sagt nicht: Nur das nicht; nur das nicht. Ernst genug ist die Zeit ohnehin; soll auch die Kirche immer noch harter mit uns reden? In der Kirche suchen wir Trost und Hilfe; ach, wieviel Trost und wieviel Hilfe haben wir nötig. Es ist so, wir alle bedürfen des Trostes, und unter uns sind nicht wenige, mit denen wir am liebsten nur nach dem Wort des Apostels handeln möchten: Weinet mit den Weinenden. Es soll auch in der Bußtagsrirche der Trost nicht fehlen, der höchste Trost, der seligste Trost, ja zuletzt für müde Herzen der einzige Trost: Vergebung der Sünden. Im übrigen aber dürfen wir nicht barm herziger sein wollen, als Gott selbst es ist. Redet er in diesem furcht baren Kriege immer ernster mit unserm Volk, sollte dann nicht auch die Kirche diese Predigt immer eindringlicher auslegen? Wehe ihr, wenn sie eS nicht täte! Oder sollte etwa diese Predigt Gottes einer Auslegung nicht mehr bedürfen? Hat unser Volk sie langst verstehe,: gelernt? Ii; einem bestimmten Sinne ist in der Tat unser Volk seit Kriegsbeginn ernster geworden. Der gedankenlose Preis des Krieges ist verstummt; man treibt nicht mehr mit hohen Worten ein leichtes Spiel. In unserm Leipziger Kirchenblatt wurde sogleich am Anfang des Krieges einmal an das Wort eines früheren Leipziger Theologen erinnert, daß auch ein siegreicher Krieg ein schweres Übel für ein Volk sei. Als ich daS 14 212 damals las, kam mir unwillkürlich der Gedanke, ob wohl alle Leser dem Urteil recht geben würden. Heute empfinden alle: jener Mann hatte recht. Aber wissen auch alle, daß dieses Übel ein Gericht Gottes bedeutet, und daß wir uns unter dieses Gericht Gottes buß fertig zu beugen haben? Das ist die Frage, die der Bußtag an unS richten will. Gewiß, wir empfinden den Ernst der Zeit und leiden unter ihm. Aber nun droht die Gefahr, daß wir ungeduldig werden und auf die Stunde Gottes nicht länger zu warten vermögen. In dieser Ungeduld zürnen wir dann mit den Menschen, die uns in diese Lage brachten, ja, wir hadern vielleicht mit Gott selbst und versäumen dar über, uns selbst zu zürnen und mit uns selbst zu reden. Und doch machen wir dadurch vielleicht Gott es unmöglich, uns schon deu Frieden zu schenken; ja, vielleicht hindern wir Gott, unser Volk zu segnen. Wie dringend nötig ist uns da die dreifache Mahnung unseres Textes, die dem einen oder andern zunächst fremdartig geklungen haben mag: Wenn ihr zürnet, so sündiget nicht; hadert nicht nur mit andern, redet mit euch selbst in eurem Herzen; werdet nicht ungeduldig, sondern harret. Ich halte mich heute aber gar nicht bei der Frage auf, welche Ge danken sich im Zusammenhang unseres Grundtextes mit unsern Worten verbinden, laßt sie uns heute nur als eine Mahnung der Kirche an unser Volk hören, als eine dringende Bitte, daß unser Volk sich nicht durch eigeue Schuld diese Stunde verlängere und nicht sich selbst um den Segen Gottes aus dieser Stunde betrüge. So höret denn die dreifache Mahnung des Bußtages: Versündiget euch nicht in eurem Zürnen; redet mit euch selbst auf eurem Lager; und harret. i. Wenn ihr zürnet, so sündiget nicht die erste Mahnung des Bußtages an unser Volk. Eine Jornesflut wälzt sich ja gegenwärtig durch unser Volk, und sie ist beständig im Steigen; und daneben geht ein Geist kleinlicher Nörgelsucht und Kritik einher, der ebenfalls unauf hörlich wächst. Der Gefahr, die in beidem liegt, möchte unser Text sich entgegenwerfen: Wenn ihr zürnet, so sündiget nicht. Wenn ihr zürnet heißt es. Unser Text verurteilt also nicht ohne weiteres einen jeglichen Zorn. Der Zorn ist etwas menschlich Begreif liches, und der rechte Zorn hat auch sein sittliches Recht. Wir durch- 213 leben beides heute in unserm Volk. Wo eine schwere Last auf einer Seele ruht, da ringt sie nach Lust, und wenn wir schwer leiden, dann fragen wir nach einer Ursache. Was Wunder, daß heute die Volksseele unter der Last, die auf ihr drückt, sich Luft machen möchte, und daß unser Volk unter all dem Schweren, das es durchlebt, nach den Schuldigen sucht und ihnen zürnen will. Unverzeihlich freilich von vornherein, wenn daraus ein Hadern mit Gott selbst wird. Wie tut da vollends die Mahnung not: Versündiget euch nicht in eurem Zorn! Indes, es gilt das sogar von dem Zorn den Feinden gegenüber. Zwar, wir müßten sittlich erstorbene Menschen sein, wenn wir nicht denen zürnen wollten, die mit ihrer ganzen Politik an diesem furcht baren Kriege schuld sind, und das nur aus dem Grunde, weil Deutsch land ihnen im Wege war. Es wäre vollendete Unnatur, wenn wir nicht mit den Weinenden in unserm Volk uns eins wüßten, wenn nicht der wirtschaftliche Ruin so mancher ehrlich vorwärts ringenden Menschen uns Herz ginge, ja, wenn nicht angesichts des Grauens der Schlachtfelder das Blut in unsern Adern erstarrte, kurz, wenn nicht der schwere Ringkampf unseres Volkes uns mit sittlichem Zorn gegen die erfüllte, die diesen Kampf uns aufzwangen. Nur, daß wir am Bußtag uns gleichwohl der Selbstprüfung nicht weigern, ob denn deutsche Art selbst gar keine Schuld trägt, wenn sie in der Welt in diesem erschreckenden Maße verhaßt ist. Und vor allem: daß nur nicht aus dem berechtigten sittlichen Zorn unheiliger Haß werde, der an dem Feinde gar nichts Gutes mehr zu sehen vermag, und der für Gegenwart und Zukunft alle Gemeinschaft unmöglich machen müßte. Noch mag es für Gedanken neuer Gemeinschaft zu früh sein, und es mag auch auf einer christlichen Kanzel anerkannt werden müssen, daß wir vielleicht auch nach dem Kriege andern Völkern nicht um jeden Preis eine politische Freundschaft dürfen aufdringen wollen, die sie nicht wünschen. Aber der Bußtag erinnere uns nicht um sonst, daß wir umgekehrt selbst mitten im Kriege innerlich zu jeder Gemeinschaft bereit bleiben müssen, die ernsthaft möglich ist, und daß es auch dem Gegner gegenüber Gerechtigkeit gilt. Ich hoffe auch, daß hier gerade für unser Volk, aufs Ganze ge sehen, nicht besonders große Gefahren liegen. Im ganzen ist deutsche Art so sehr geneigt, andern gerecht zu werden, daß vielleicht die Be fürchtung nicht so ganz unrecht hat, eS könnte mancher heute schon wieder aus lauter Gerechtigkeit gegen die Feinde ungerecht gegen das eigene Volk werden. Immerhin, die Mahnung des Bußtages ist 214 ernst genug eine Stimme aus der Ewigkeit; und wenn wir wirk lich gesegnete Bußtagsfeier wünschen, dann laßt sie uns nicht überhören. Wie könnten wir mit unversöhnlichem Herzen heute Gottes Ver söhnung suchen? Wie dürften wir zu unserm Gott rufen: Vergib uns unsere Schuld, wenn wir doch nicht fortfahren wollten: wie wir vergeben unsern Schuldigern? Sehr ernste Wahrheiten. Und doch ist vielleicht für unser Volk die andere Gefahr heute bereits wieder größer, daß in der eigenen Mitte eine bittere Wurzel aufwachse und die Glieder des eigenen Volkes einander entfremde. Zwar auch hier ist es völlig begreiflich, wenn die wirtschaftliche Sorge, mit der wir kämpfen, unwillkürlich nach einem Schuldigen ausschauen laßt, und es gibt hier eine Sünde, der gegen über nichts als sittlicher Zorn möglich ist, wirklich nichts als Zorn: der schmähliche Kriegswucher, der aus der Not des Volkes eine wirt schaftliche Konjunktur machen möchte. Ein lautes Wehe rufe der Buß tag über alle, die an der Not des Volkes, des eigenen Volkes, sich selbst bereichern wollen. Nur, daß auch hier niemand sich selbst richte, indem er einen andern richtet. Nicht bloß das ist Kriegswucher, wenn große Unternehmer zu Unrecht Tausende und Hunderttausende verdienen, sondern auch das ist Kriegswucher, wenn der Arbeitende seine Arbeitskraft zu teuer verkauft. Und ist nicht auch das Lieblosigkeit gegen unser Volk, wenn wir die Hilfe da, wo wir sie leisten können, weigern? Vor allem wehre der Bußtag der allzu großen Bequemlichkeit, die für alle wirtschaftlichen Notstande einzelne verantwortlich machen möchte. Gewiß soll es bei dem bleiben, was schon früher hier gepredigt wurde: alle sachliche Kritik hat heute ihr Recht, und wer etwas Besseres weiß, ist schuldig, es zu sagen. Die Zeit ist auch zu ernst, als daß die Kritik vor persönlicher Empfindlichkeit haltmachen dürfte. Indes, viel, viel wichtiger ist doch das andere, daß wir das Bewußtsein der Solidarität und der sittlichen Verpflichtung aller gegen alle wecken. Andere zu richten, ist bequem, aber es bessert nicht, sondern verbittert eher. Der eigenen Verantwortlichkeit sich bewußt werden, darauf kommt es an. Nicht minder laßt uns auch im übrigen Volksleben allem wehren, was neue Zertrennung unter uns anrichten könnte. Vaterlands losigkeit muß freilich Vaterlandslosigkeit heißen, und man geißele bei allen Parteien die Heuchelei, die Parteizwecke mit dem schönen Namen des vaterländischen Interesses decken möchte. Im übrigen aber laßt uns unter allein notwendigen Kampf auch für den 215 Gegner und an den Gegner glauben. Sittlicher Zorn ist gut; aber wer in Anspruch nimmt, im öffentlichen Leben nur im Namen sittlichen Zorns zu reden, der prüfe sich immer noch einmal, ob nicht heimlich doch mancherlei anderes mit unterläuft. Zürnet, aber sündiget nicht. Wie wollten wir heute in unserm Volk gemeinsam Gottes Angesicht suchen, wenn wir doch in verkehrtem Zürnen einer dem andern Un rechttaten? Unter allen notwendigen Gegensätzen ein einig Volk, so laßt uns Gottes Angesicht suchen; so wird Gott unS gemeinsam segnen. Vor allem aber sei das unsere heilige Sorge, daß alles Zürnen mit Menschen nicht zu einem Hadern wider Gott werde. Ihr wißt, wie groß auch diese Gefahr bei manchem heute ist. Von denen an, die immer wieder mit der Frage sich quälen: Warum?, bis zu denen, die im geheimen die Faust wider Gott ballen, oder auch öffentlich ihn lästern, ja ihm fluchen, daß er diesen furchtbaren Krieg zuläßt. Und wahrlich, wir empfinden tief mit allen, die heute um Glauben ringen. Der Prediger ist auch gewiß der letzte, der sie richten wollte. Viel lieber möchte ich mich neben euch setzen und mit euch klagen, ja, ich möchte neben euch hinknien können, daß Gott unS in dem Dun kel, darin wir wandeln, Licht gebe. Dennoch will der Bußtag auch euch, ihr schwer Heimgesuchten, bitten, daß ihr immer wieder zum Glauben an Gott euch hindurchringt: gerade euer Glaube und eure Stärke sollen unserm Volk eine Hilfe in der Versuchung sein, die über unS gekommen ist. Denn waS sollte werden, wenn unser Volk wirklich dieser Versuchung erläge, wenn eö Gott vor seinen Richterstuhl zöge, statt sich selbst bußfertig unter Gottes Gericht zu beugen? Ist denn wirklich Gott an diesem entsetzlichen Blutvergießen schuld? Ist eö nicht der Menschen Sünde, die diesen furchtbaren Krieg herauf führte? Sollte nicht, menschlich geredet, unser Gott selbst am tiefsten darunter leiden, daß ebendieselben Menschen, die im himmlischen Heiligtum mit ihm Gemeinschaft suchen, auf Erden mit dem Schwert einander gegenüberstehen? Und wenn eö freilich Gottes Gericht ist, das der Menschen Sünde in diesem furchtbaren Kriege sich auswirken läßt, geschieht es nicht, damit Gott durch dies sein Gericht zur Buße rufe? Wäre darum nicht daS das Allerbitterste, wenn die Menschen unter diesem Gericht Gottes nicht Beter, sondern Flucher würden? Darum, daß die Predigt des Bußtags nicht verhalle: Versündiget euch nicht in eurem Zürnen. Nein, nein, nicht mit anderen nur laßt unS zürnen und vollends nicht mit Gott hadern, redet mit euch selbst auf eurem Lager. 216 2. Redet mit euch selbst in eurem Herzen, mahnt dieser Bußtag weiter. Das ist ja die schwerste Gefahr, die allem Rechten mit andern droht, daß wir darüber den Blick auf uns selbst vergessen. Und das ist der schwerste Schade persönlichen Lebens, wenn ein Mensch nicht mehr mit sich selbst redet. Wir reden mit andern, wir reden von andern, wir reden über andere; aber wir reden oft so wenig mit uns selbst. Und doch kommt für den, der ein persönliches Leben will, alles darauf an, daß er zuallererst einmal bei sich selbst einkehre und sich unerbittlich über sich selbst klar werde. Darum: redet mit euch selbst auf eurem Lager. Auf euren: Lager, fügt unser Text hinzu. In der stillen Nacht auf dem Lager, meint er, müßte einem Menschen doch eine stille Stunde kommen. Wenn das Schattenspiel des Lebens, das am Tage in unauf hörlicher Flucht der Erscheinungen an uns vorübereilt, in der stillen Nacht zurücktritt, dann mag die Wirklichkeit unS packen, die hinter allen diesen fliehenden Erscheinungen steht. Und wenn die tausend Stimmen des Tages verstummt sind, dann laßt uns auf die Stimmen aus unserm Innern lauschen, die sich untereinander verklagen und entschuldigen. Wie sieht in der Nacht uns vieles so ganz anders an als am Tage, und wie mancher ist erst da zur Selbsterkenntnis ge kommen, als er in der Nacht mit sich selbst redete. Davon wird hernach noch ein Wort mehr zu sagen sein. Hier, wo der Blick auf das ganze Volk sich richtet, einnehme ich unserm Text zunächst nur diesen allgemeinen Gedanken, daß wir der stillen Stunden bedürfen. Gerade auch heute gilt das, wo die lärmende Tagesmeinung uns vielfach so schwer macht, stille zu werden und ein eigenes Urteil zu wagen. Nun hoffe ich, daß dieser Büß- und Bettag uns stille Stunden bringt. Die Kirchtür hat sich hinter uns geschlosseil; wir sind mit Gott allein. Wenn wir dann jetzt wirklich mit ihm allein zu sein versuchen und auch nicht einer auf den andern sieht, sondern nur auf die Stimmen im eigenen Innern lauscht: wagen wir dann zu sagen, daß das Gericht, das heute über unser Volk gekommen ist, uns unverdient treffe, ganz unverdient? Ich bitte, die Frage nicht mißzuverstehen. Auch jetzt meine ich nicht, daß wir auf das Warum dieses furchtbaren Krieges eine letzte Antwort geben könnten. Wer hat des Herrn Sinn erkannt, und wer ist sein Ratgeber gewesen? Wer auch wollte eö Gott nachrechnen, wann für ihn die Stunde des Richtens und wann die Stunde des Segnens 217 kommt! Insbesondere vermag niemand zu sagen, in welchem Maße die Sünde der einzelnen Völker dies Gottesgericht auf die Menschen welt herabgezogen hat. Sprechen wir daher heute nur von unserm Volk, so geschieht das selbstverständlich allein um deswillen, weil es der Bußtag unseres Volkes ist, den wir begehen, und weil wir für dieses unser Volk verantwortlich sind. Sollten wir denn zu sagen wagen, daß Gottes Gerichte über unser Volk ungerecht seien und unser Volk nur Unverdientes leide? Gedenket aufs neue, wie Gott von Anfang unserer Geschichte an um die Seele unseres Volkes warb, wie er darnach in den Tagen der Reformation es vor andern Völkern ehrte und segnete, wie er vor hundert Jahren uns herrlich half und seit einem Menschenalter unser Volk wunderbar auf die Höhe führte, wo ist die Frucht? Wo sind die Bekenner Gottes, die Jünger Jesu, die Menschen, die nur noch unsere Neujahrslosung kennen: Gott, deinen Willen tue ich gern? Gewiß, sie fehlen nicht unter uns. Gott sei Dank, sie fehlen auch nicht unter den Führern unseres Volkes, und sie sind auch noch eine Macht in unserm Volk. Aber beherrschen sie wirklich die öffentliche Meinung? Jedenfalls fehlt es nicht, wir wissen es alle, an völlig anderen Stim men. Von denen an, die gegen Gott, wie sie sagen, neutral, nur noch ein Evangelium des Diesseits kennen, bis zu deuen, die offen Gott den Krieg erklaren. Im Anfang dieser gewaltigen Zeit hatte es den Anschein, als wollte unser Volk diese von sich abstoßen. Gilt daS auch heute noch? Will unser Volk als Ganzes ein Volk Gottes sein? Das ist die Frage des Bußtags, und er dringt auf eine Probe am öffentlichen Leben. Noch lehren wir in unsern Schulen unsere Kinder die heiligen zehn Gebote, jene schlichten Satze, die unser Gott in der Urzeit Tagen mit Lapidarschrift in die Menschheit hineinschrieb. Aber ist selbst unter diesen schlichten Geboten auch nur eins, das nicht zum Anklager wider uns würde? Wie weit scheint unser Volk von dem Götzendienst entfernt zu sein, den das erste Gebot straft. Denn, wenn etliche unser Volk wieder zu den Göttern der alten Deutschen zurückgerufen haben, so möchten wir das in der Bußtagskirche trotz aller entgegengesetzten Versicherung nicht ernst nehmen. Aber sind es nicht ganz andere Altäre, die auch in unserm Volk aufgerichtet standen? Man hat auch im Ausland gern unser Volk daö Volk der Dichter und Denker genannt. Zum Teil ist das nicht ohne einen spöttischen Nebensinn geschehen. ES bleibt gleichwohl ein Ruhmestitel unseres Volkes, daß ideale Güter bei ihm in, höchsten Kurs standen. Wuchs aber nicht in den letzten Jahrzehnten 218 vor dem Kriege auch unter uns die Gefahr, daß weite Kreise vor dem Götzen Mammon anbeteten und dem roten Golde dienstbar wurden? Daß ich mit dem ersten Gebot sogleich das siebente ver binde: Mußten wir nicht eben erst selbst mitten im Kriege noch über skrupellose Gewinnsucht klagen, die nur verdienen möchte und wieder verdienen und reich werden? Und die Sitte, die Sitte, dieser Gradmesser für das Leben eines Volkes, wie stand es um die christliche Sitte unter uns? Da ist das zweite Gebot. Wo waren denn die Beter in unserm Volk, die auch in ihrem Hause feste GebetSsitte innehielten, Morgenandacht und Abend andacht und Tischgebet? Da ist das dritte Gebot: Was hatte denn unser Volk aus seinem Feiertag gemacht? In unserer Stadt sind viele Vertreter anderer Religionen. Fragt sie einmal: haben sie am Sonn tag den Eindruck gehabt, daß das christliche Volk zu seinen Altären sich dränge? Darnach fragt uns das vierte Gebot: Wo war vor dem Kriege die Pietät der Jugend vor dein Alter? Wo die Ehrfurcht vor gött licher und menschlicher Autorität? Vor allem aber, was sagt uns das sechste Gebot? Nur eine einzige Frage. Ist es nicht heute für alle Volksfreunde ohne Unterschied der Konfessionen und Parteien zu einer einfachen, ernsten Zukunftssorge geworden, daß welsche Sitte auch in Deutschland die Ehe vergifte? Die deutsche Ehe, dies echt deutsche Heiligtum, diese Brunnenstube der Volkskraft! Wenn doch derBußtag auch nur an diesem einen Punkt die Gewissen weckenkönnt!, wahrlich, wir würden nicht mehr mit Gott hadern, sondern unser Angesicht verhüllen und nur noch mit dem Propheten des Alten Bun des beten: Herr, Herr, unsere Missetaten haben es verdient, aber hilf uns um deines NamenS willen. Redet mit euch selbst. Wir hören es zuerst als ein Wort an unser Volk; denn es ist Landes-Buß- und Bettag, der das ganze Volk zur Buße rufen möchte. Die Buße des Volkes erwächst aber not wendig aus der Buße der einzelnen. Jeden einzelnen fragt dieser Buß- und Bettag: Redet mit euch selbst, was war der Inhalt eures bisherigen Lebens, und was wird sein Ziel sein? Der Bußtag am Ende des Kirchenjahres fragt so mit besonderem Nachdruck, der Bußtag im Angesicht des Totensonntags. Alles predigt ja heute: Es ist nur ein Schritt zwischen mir und dem Tode. Es geht dem Tode entgegen; es geht dem Gericht entgegen. Doch, was sage ich? In diesem Jahre predigt nicht bloß Toten sonntag und Bußtag so: die vielen Gräber rufen es uns zu, die 219 Gräber draußen, die Gräber daheim. Dazu heute früh die erschüt ternde Todesnachricht aus Österreich. Es ist wie ein großes Sterben über unser Volk gekommen: sie fallen zur Rechten und Linken, die wir lieb hatten. Wollte Gott, daß wir dann nicht bloß darüber klagten und weinten, sondern durch alles hindurch die Stimme unseres Gottes hörten: Gedenk, o Mensch, an deinen Tod. Drum säume nicht; denn eins ist not. Ich will euch, meine jungen Brüder, fragen. Unter denen, die draußen fielen, ist mancher, der euch sehr nahe stand. Ja, ihr sagt vielleicht von diesem oder jenem: er war ein Stück von mir, mein treuer Kamerad. Am Grabe eures Kameraden will ich denn euch fragen: Wenn du nun statt seiner gefallen wärest, was wäre aus deinem Sterben geworden? Redet mit euch selbst auf eurem Lager. Noch einmal kehre ich zu diesem Zusatz zurück. Ist es auch dir wohl einmal so gegangen, daß, wenn du schlaflos auf deinem Lager lagst und beim unsichern Licht der Nacht die Augen im Zimmer umherirrten, dich der Gedanke packte, es möchte eine ganz ähnliche Stunde sein, die letzte Stunde, die Todesstunde? Da wird es auch sehr einsam sein um uns, ja, da hebt das große Einsamwerden an. Dann werden die Augen auch suchend im Zimmer umherirren, aber sie finden nirgends eine Stätte, da sie rasten könnten. Zuletzt mögen sie das Auge der Lieben suchen, von denen wir gern jemand in der letzten Not bei uns sähen; aber dann werden auch sie vor dem brechenden Auge verschwinden, und wir werden allein sein; ganz allein mit Gott und den Stimmen in unserm Innern. Und wenn wir sie nie gehört hätten, dann werden wir sie jetzt hören müssen, diese Stimmen, die sich unter einander verklagen und entschuldigen, aber dann könnte es zu spät sein. Daß wir denn zur rechten Stunde die Bitte des Bußtags zu Herzen nehmen möchten: Redet mit euch selbst auf eurem Lager! Redet mit eurem Herzen auf eurem Lager, und harret. Z. Und harret. DaS soll der Schluß uuserer Bußtagsfeier sein. Wir alle stehen unter dem Eindruck: der Schluß hat etwas Überraschendes. Und wieder frage ich nicht, wie er im Zusammenhang unseres Grund- texteö gemeint ist. Nur das laßt unS hören, was der Bußtag uns mit ihm sagen will. 220 Ein anderes Wort des Alten Testaments zeige es uns. Unsere Augen sehen auf den Herrn, unsern Gott, bis daß er uns gnadig werde, so heißt es im 12z. Psalm. Das ist das Warten, das dieser Bußtag uns lehren will: ein Warten auf Gottes Gnade. Gnade wie ist das Wort vielen unserer Zeitgenossen so unverstandlich, und andere hassen es. Wo dagegen jemand ernstlich mit sich selbst redete, da wird das Wort unfaßbar groß: Gnade, Gnade; Gnade, die Geschehenes ungeschehen macht, die versäumte Jahre wiederbringt, die verlorene Menschenkinder zu seligen Gotteskindern umschafft. Zu dieser Gnade weise uns zuletzt der Bußtag. Redeten wir mit uns selbst, so laßt uns darnach über alles mit unserm Gott reden. Alles, was an Klage und Anklage in unsern Her zen laut wurde, das laßt unS ihm bringen. Und dann sollen wir auf seine Gnade warten dürfen. Das ist dann kein vergebliches Warten oder auch nur ein zielloses Warten. Die Schrift ist voll von Verheißun gen der Gnade für alle, die sie begehren, und die Kirche ist voll der Vergebung der Sünden für alle, die sie suchen. Auch heute will die Kirche uns nicht aus dem Gottesdienst ent lassen, ohne die Vergebung Gottes in die Seelen hineinzusprechen. Nur daraufkommt es an, daß wir dieses Wort der Gnade im Glauben ergreifen und zu der Darbietung der Vergebung der Sünden im stillen ein Amen hinzusetzen: Amen, Amen, ja, ja, es soll also geschehen. Wo du aber heute das noch nicht wagtest, da harre. Harre betend und ringend, bis daß die Gewißheit des gnadigen Gottes auch in dir aufleuchte, und dann gehe wieder hin und harre in Kraft dieser Gnade auf die Hilfe und auf die Herrlichkeit deines Gottes in deinem Leben. Warte von einem Tage bis zum andern, bis an dem großenTagc Jesu Christi das Schriftwort sich vollends erfüllt: das Warten der Gerechten wird eitel Freude werden. Seht da, worauf der Bußtag mit seinem scheinbar so herben Klang zuletzt hinaus will. Nicht darauf, daß er uns zerschlage und zerbreche, sondern daß er aufs neue uns den Weg zu einem tapferen, fröhlichen Leben zeige, zu einem Warten auf große Dinge. Gleich also ist der Dienst gemeint, den der Bußtag unserm Volk erweisen will. Nur dazu redet er von dem Gericht Gottes, daß er unter diesem Gericht unserm Volk zu einem rechten, in sich gewissen Warten auf Gottes Stunde helfe und auf die Offenbarung seiner Herrlichkeit. Daß wir denn das verstünden und zu Herzen nehmen wollten! Sehet, aufs Warten sind wir heute gewiesen, das wissen wir alle. 221 Die Frage ist nur, ob es ein müdes, dumpfes, resigniertes Warten sein soll oder ein Warten gesammelter Kraft, ein Warten, das seiner Sache und eines rechten Ausgangs dennoch gewiß ist. Nun weiß ich, man kann auch ohne Gott in einem solchen Warten sich üben. Alle, die Gott nicht kennen, sind ja darauf angewiesen. Aber alles Warten in eigener Kraft hat seine Grenzen. Wer weiß auch, ob nicht vielfach selbst dies Warten zum guten Teil, wenn auch unbewußt, aus der Glaubenskraft lebt, die in der Tiefe der Volksseele dennoch vorhanden ist. Jedenfalls, das rechte Warten, unter dem Gott segnen kann, erwachst nur aus der Gewißheit des gnadigen Gottes. Denn: ist mir Gottes Gnade gewiß, so ist mir auch seine Hilfe gewiß; eS sei heut oder morgen, dafür laß ich Ihn sorgen. Harre nur, meine Seele, harre des Herrn. Darum, zu dieser Gnade GotteS lasset uns auch unser Volk führen. Unsere Augen warten, Herr, auf dich, bis daß du uns gnadig werdest. Bis daß" hört ihr nicht ein heimliches Frohlocken heraus? Wann dies bis daß" erfüllt ist, wissen wir nicht; aber wenn die Stunden sich gefunden, bricht die Hilf mitMacht herein. Bis daß" klingt es nicht wie heiliges Trotzen? Herr, wir kennen deine Stunde nicht, aber, Herr, wir lassen dich nicht, bis daß du dein Wort einlöst. Und ob eS wahrt bis in die Nacht und wieder an den Morgen, unsere Seele wartet auf dich von einer Morgenwache bis zur andern. Wohl, ich weiß, wir alle hatten es gern so ganz anders. Wir alle lieben dies Warten nicht von einem Tage zum andern. Wir hatten wenigstens gern eine Anweisung auf eine ganz bestimmte Zukunft. Und doch ist es tief in unserm ganzen Verhältnis zu Gott begründet, daß wir alle Tage Wartende sind. Ware es auch nur einen Tag anders, so hörte an diesem Tage unsere Abhängigkeit von Gott auf. Ich will lieber sagen: unsere Gemeinschaft mit Gott wäre zerstört. Denn das ist unsere Gemeinschaft, daß er von einem Tage zum andern der Gebende ist und wir alle Morgen wieder die Nehmenden und War tenden. Laßt es uns denn doch in diesen gewaltigen Tagen nicht anders haben wollen. Ihr empfindet mit mir: Wenn Gott uns heute wirklich einen bequemeil Wechsel auf die Zukunft ausstellte, wäre nicht die Gefahr da, daß wir aufhörten, zu beten und zu glauben? Es schiene ja des beiden nicht mehr zu bedürfen. Darum, es sei unS genug, daß die Güte unseres Gottes alle Morgen neu ist und seine Gnade von einem Tag zum andern weiterhilft. Laßt unö doch nicht fürchten, daß irgendein Tag kommen könnte, irgendein Tag, den Gott kommen 222 läßt und den unser himmlischer Vater segnet, irgendein Tag, an dem die Last zu schwer wäre. Gelobet sei Gott täglich: täglich legt er eine Last auf, aber täglich hilft er auch. Und wer weiß, wie bald er ein Ende machen wird! Auch im Eilen und Weilen sind Gottes Gedanken andere als unsere Gedanken. Und er kann auch sür uns die Stunden lang machen und kann sie kurz machen: ein Jahr wie einen Monat und einen Monat wie ein Jahr. Harre nur, meine Seele, harre des Herrn. 5 5 Nun denn, liebe Gemeinde, lasset uns des ungeduldigen Haderns in unserm Volke ein Ende machen. Redet mit euch selbst und dann harret. Fürchten wir nicht, daß Gott die rechte Stunde versäume; aber daß wir sie nicht versäumen, dafür laßt uns sorgen. Noch ist die Gnadenzeit dieses Kirchenjahres nicht zu Ende. Ich wage heute hin zuzusetzen: Noch ist die Gerichtszeit und Gnadenzeit dieses furcht baren Krieges nicht zu Ende. Und noch ist die Gnadenzeit - deines Lebens nicht zu Ende. Noch heißt es heute. Darum: Hilf, o Herr Jesu, hilf du mir, daß ich noch heute komm zu dir und Buße tu den Augenblick, eh mich der schnelle Tod hinrück , auf daß ich heut und allezeit zu meiner Heimfahrt sei bereit. Amen.Ein Gesegneter Gottes und ein Segen für sein Volk. Ansprache bei einer liturgischen Feier am Geburtstage des Kaisers, 27. Januar 1916. 1. Mose 12, 2: Ich will dich segnen und .... sollst ein Segen sein. In schwerer Zeit sammelt sich das deutsche Volk am 27. Januar um seinen Kaiser zu neuer Huldigung und neuem Treugelübde. Auch das Sachsenland will unter der Führung seines geliebten Königs nicht fehlen, auch die Universität nicht in der Gefolgschaft des Königs, ihres erhabenen Rektor Magnifizentissimus. Scheint sich aber auch in diesem Jahre alle laute Festlichkeit durch den Ernst der Zeit zu verbieten, so entspricht es dem frommen Sinne des Kaisers, wie einem tiefen Bedürfnis des deutschen Volkes, wie auch dem freudig empfun denen Pflichtbewußtsein der Kirche, daß wir auch in diesem Jahre wieder den Kaiser im Gotteshaus grüßen und in gottesdienstlicher Feier ihm unsere Huldigung bringen. In der Kirche aber freilich wird alles Huldigen zu einem Dank gegen Gott und alles Grüßen zu einem fürbittenden Segnen. In all der Ehrerbietung, die gerade die Schrift von uns fordert, huldigen wir heute unserm Kaiser und sagen Gott heißen Dank, daß er ihn uns gegeben hat, unsern Kaiser, um den die Welt uns beneidet. Ich weiß nicht, unter welchem Namen er in der Weltge schichte fortleben wird, nachdem der Name für ihn unmöglich wurde, mit dein er sich selbst am liebsten hatte nennen sehen: der Name des Friedenskaisers. Das aber weiß ich, daß im Hause Gottes der Kaiser selbst keinen anderen Namen lieber hören wird, als den Doppel namen, zu dem unser Text Anlaß gibt: ein Gesegneter Gottes und ein Segen für sein Volk. Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein. Dies Wort aus uralter Vergangenheit ist an unserm Kaiser neue Wahrheit geworden, dafür danken wir Gott heute. Ein Gesegneter Gottes. Wir wissen auch, wodurch der Kaiser das geworden ist. Es ist ihm nach jenem andern alttestamentlichen Wort geschehen: Gesegnet ist derMann, der sich auf denHerrn verläßt und der 224 Herr seine Zuversicht ist. Demütig starke, männliche Zuversicht auf den Herrn, das macht geradezu das tiefste Wesen des Kaisers aus. An ihm wird Wahrheit, was die Art aller echten Religiosität ausmacht. Sie ist kein äußeres Beiwerk, das man bei einem Menschen beliebig wegnehmen könnte, und er bliebe derselbe; mit ihr steht und fällt die ganze Persönlichkeit; sie hat an ihr den tiefsten Grund ihres Wesens und den tragenden und alles zusammenschließenden Inhalt des Lebens. Niemand vermag den deutschen Kaiser ohne sein Bekenntnis zu Gott zu denken. In ihm liegen die quellenden Tiefen seiner ganzen Art. Von seinem ersten öffentlichen Austreten bis zu seinen letzten Worten hat der Kaiser immer wieder zu Gott sich bekannt. Darum konnte Gott sich zu ihm bekennen: ein Gesegneter Gottes. Ein Gesegneter Gottes. Wie hat Gott in seinem persönlichen Leben ihn mit einer wunderbar reichen Innerlichkeit gesegnet, der nichts fremd zu sein scheint. Wer da wollte, könnte an unserm Kaiser lernen, daß echte Frömmigkeit nicht verarmt. Sie öffnet gerade den Sinn für alles Große und Schöne im Leben und bindet es nur zu harmonischer Einheit zusammen. Wie hat Gott weiter unsern Kaiser auch in seinem Hause gesegnet: er, das Vorbild eines rechten Hausvaters, der zugleich Hauspriester ist, die Seinen um ihn zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen, die man das lockende Urbild echten Gemeinschaftslebens der Familie nennen dürfte. Wie hat vor allem aber Gott unsern Kaiser in seinem Volk gesegnet. Welche Blütezeit ist unter seinem Regiment für unser Volk heraufgezogen. Und wie hat Gott den Friedenskaiser auch im Kriege gesegnet, beides, mit glänzenden Erfolgen und mit starkem, stillem Warten. Ein Gesegneter Gottes, obschon das Leid in seinem Leben nicht fehlt. Man hat wohl von einer tiefen Tragik im Leben des Kaisers gesprochen und hat Grund dazu. Nichts Befremdliches für den, der Menschenlos und Erdenglück kennt. Ist es nicht, als empfange es erst durch heimliches Leiden und Erleiden seine rechte Tiefe? Wie mag dann schon in Friedenszeiten der Kaiser darunter gelitten haben, daß sein starker Drang zu beglücken und sein hochgesinntes Ver trauen zu allen bei etlichen im eigenen Volk auf kühle Zurückhaltung stieß, bei andern schroffe Abweisung erfuhr und wieder bei andern schmerzlichste Enttäuschung erlebte. Vollends, welche Seelenqual, als unserm Kaiser in diesem furchtbaren Krieg über die wahre Ge sinnung seiner hohen Verbündeten und bisherigen Freunde die Augen aufgingen und er für alles Liebeswerben und alle Friedensbemühungen unter den Völkern nur Spott, schändliche Verleumdung und tödlichen 225 Haß erntete. Gleichwohl: auch imLeid einGesegneter Gottes. Nicht bloß durch innerliches mannliches Reifen, sondern auch durch den schönsten Lohn, den ein Mann auf dem Throne empfangen kann: Liebling des Volks zu sein. Die Schmach und der Schmerz, den man dem Kaiser antat, haben ihm auch die widerstrebenden Herzen erschlossen. In der Mitte des eigenen Volkes hat sich an ihm das Schriftwort erfüllt: Wo eines Menschen Wege Gott Wohlgefallen, da macht er auch seine Feinde mit ihm zufrieden. Ich weiß in der Tat nicht, ob es auf Für stenthronen viel Manner gegeben hat, die so leidenschaftlich geliebt wurden, wie das heute bei unserm Kaiser der Fall ist. Ein Gesegneter Gottes! Und ein Segen für sein Volk. Niemand fürchte, daß der Pre diger jetzt eine politische Würdigung der Lebensarbeit des Kaisers wagen werde. Wir wissen auch, nicht alle sind mit allem, was der Kaiser getan, einverstanden gewesen. Wie könnte das wohl anders sein bei einem so wirkungsfrohen und temperamentvollen Manne und bei einem Volk, das gerade an den eigenen Persönlichkeiten die schärfste Kritik zu üben pflegt. Was immer man aber auch an unserm Kaiser getadelt haben mag, heute ist das alles längst und weit unter dem heißen Dank für das untergegangen, was der Kaiser unserm Volk gewesen ist. Ist es nicht auch, als habe bei einer Reihe von ent scheidenden Punkten der Erfolg unserm Kaiser bereits recht gegeben? Mancher ehrliche Gegner bekennt heute gern: der Kaiser ist weit schauender gewesen als wir alle. Jedenfalls empfinden wir gemeinsam, daß wir Gott gar nicht dankbar genug sein können für den Segen, der von unserm Kaiser ausgegangen ist. Wir Jünger Jesu empfinden nicht am wenigsten so. Wahrlich, ein Segen ist der Kaiser allein dadurch schon, daß seine schlichte, un- geheuchelte Frömmigkeit manchem vornehmen Spötter den Mund gestopft haben mag, dem schlichten Mann aus dem Volke aber zur Erbauung wurde. Wir freuen uns dieser Frömmigkeit gerade auch um der Sache unseres Volkes willen und seiner Zukunft. Oder sollte der Gedanke zu kühn sein, daß Gott schon jetzt unser Volk auch um seines frommen Kaisers willen gesegnet habe? Wenn wirklich Gott einen Menschen um des andern willen segnet, sollte das nicht auf die führenden Manner eines Volkes in besonderem Maße zutreffen? Ich weiß wohl, auch einem Prediger droht an einem solchen Tage die Gefahr des Byzantinismus oder mindestens doch die andere Gefahr, daß er von seiner Liebe und Verehrung zu weit sich fortreißen läßt. Gleichwohl glaube ich aussprechen zu dürfen und zu müssen, daß unter Ihmels: Aufwärts die Herzen. 15 226 den Garantien für eine gesegnete Zukunft unseres Volkes unser teurer Kaiser mir in die erste Reihe zu gehören scheint. Sollte Gott nicht doch mit einem Volk noch etwas vorhaben, dem er in dieser ent scheidungsvollen Zeit einen Kaiser schenkt, der am liebsten das ganze Volk mit sich auf die Knie zöge, der allen Erfolg demütig aus Gottes Hand hinnimmt und der nur die eine Losung kennt, im mannlichen Vertrauen auf Gott Gottes Weg zu gehen und seine Pflicht zu tun? In Wahrheit, ich wüßte nicht, wie Gott uns in unserm Kaiser hatte reicher segnen sollen, als wie er es getan hat. Ihm danken wir aus der Tiefe der Herzen. Und es bleibt nur die Bitte übrig, daß unser Gott nicht aufhören wolle zu segnen. Am Geburtstag unseres Kaisers aber, da ein neuer Jahresring seinem Leben sich anfügt, bitten wir zuallererst für ihn um Gesundheit und langes Leben. Der Jubel, den vermeintlich ernste Erkrankung des Kaisers neulich wieder in feindlichen Blattern auslöste, erinnere uns, wieviel Ursache wir haben, um langes Wirken für unfern Kaiser zu bitten. Möchte Gott ihn nur weiter auch mit rechter Kraft segnen, unter der Last der Verantwortung, die auf ihm liegt, auszuhalten. Wir wissen ja, in welch unendlichem Ernst der Kaiser sich seinem Gott verantwortlich weiß, und wie er zugleich tief mit seinem Volke empfindet und leidet. Welche Stunde dann für ihn, als er für Millionen im Augenblick der Kriegserklärung die Entschei dung übernehmen mußte, und was mag durch seine Seele gehen, sooft er über ein Schlachtfeld reitet. Wir möchten keinen Kaiser, der nicht das alles in der Tiefe mit durchlebte, aber wir bitten Gott, daß er in diesem starken Erleben ihn aufrecht erhalte und ihm Kraft gebe, für sein Volk und mit seinem Volk auszuhalten und durchzuhalten. Wir bitten Gott auch weiter, daß er auch fernerhin unserm Kaiser diesen Gerechtigkeitssinn und diesen hohen Idealismus erhalte, der ihn noch jetzt auch im Verkehr mit den Feinden auszeichnet. Aber wir bitten nicht minder, daß er zu rechter Stunde ihm den trotzigen Mut starke, zugunsten seines Volkes unerbittlich zu sein. Vor allem aber rufen wir zu Gott, daß er weiter die Waffen des Kaisers segne und nunmehr bald ihm den Frieden schenke, nach dem er sich sehnt. Nach dem Frieden aber wolle er ihm viel Weisheit und viel Gnade und viel Kraft geben, selber noch in langer Friedensarbeit die blutige Saat des Krieges für sein Volk fruchtbar zu machen. Kurz, wir bitten: segne du, Gott, unser Gott, unsern teuren Kaiser und setze ihn zum Segen. So bitten und danken wir. Zuletzt aber wandeln wir alles Bitten und Danken in heiliges Geloben; ohne das wäre ja Danken und Bitten 227 lauter Heuchelei. Rufen wir zu Gott, daß er unfern Kaiser segne und stärke, nun wohl, so laßt uns selbst ihn segnen und starken mit neuem Gelübde deutscher Mannentreue. Und danken wir Gott, daß er uns den Kaiser zum rechten Vorbild gesetzt hat, nun wohl, so laßt uns sei nem Vorbild nachfolgen. Dreierlei Gelübde legen wir am Thron unseres Kaisers im Auf blick zu Gott nieder. Zuerst das Gelübde heiliger Einmütigkeit in der Liebe zum Vaterland und zum Kaiser. Unser Kaiser hat längst bewiesen, daß er keine Parteien mehr kennen will. Laßt auch uns in der Liebe zum Volk und seinem Kaiser keine Parteien kennen. Im übrigen muß es ja in einem großen Volk Mannigfaltigkeit der An schauungen und Überzeugungen geben. Das aberlaßt uns auch dem politischen Gegner zu glauben versuchen, daß er nur mit uns in der Liebe zum Volk und zum Kaiser wetteifern möchte. Zum andern laßt uns aufs neue von unserm Kaiser stählernes, eisernes Pflicht bewußtsein lernen. Pflicht, du heiliges Wort, du großes Wort! Wie tief schienst du am Anfang des Krieges unserm Volk dich einzu prägen ! Bin ich es allein, der heute fürchten möchte, etlichen Kreisen in der Heimat drohe schon wieder das Bewußtsein der Pflicht zu ent schwinden? Jedenfalls am Geburtstage des pflichtbewußten Kaisers laßt uns ihm aufs neue geloben, daß wir ihm in unermüdeter Pflicht erfüllung folgen wollen, ein jeglicher an seinem Platz in Gottes Namen. DaS sei das Letzte und das Höchste: in Gottes Namen. In Gottes Namen laßt uns unserm Kaiser in dem starken Gottvertrauen folgen, in dem er seinem Volk vorangeht. Die Zeiten sind vorüber, Gott sei Dank, sie sind vorüber, da der Herrscher äußerlich über die Religion seines Volkes bestimmte. Das Höhere erfülle sich an uns, daß Kaiser und Volk, Volk und Kaiser in freiem Entschluß in dem Bekenntnis zu dem einen Gott eins werden, nicht dem deutschen Gott, aber dem einen Gott, der auch unseres deutschen Volkes Gott sein soll: unser Gott, dein Gott, du deutsches Volk. Ein heiliges Geloben, das sei der Schluß unserer Feier. Das heilige Geloben aber sei lauter Tat. Am Geburtstage des Kaisers, der lauter Wille und lauter Tat sein möchte, ziemt uns keine andere Feier als eine Feier der Tat. Nun denn: Mit Gott! Mit Gott! Und dann bleibe eS dabei: Ein feste Burg ist unser Gott. Und abermals: Der Herr ist noch und nimmer nicht von seinem Volk geschieden. Amen.v. Ludwig Jhmels Predigten aus der Universitätskirche zu Leipzig: Das Evangelium von Jesus Christus in schwerer Zeit. 19 Predigten aus 1914 15. 2. Auflage. M. 2 ; geb. M. z.20 Darum auch wir. Kriegspredigten aus 1914. z. Auflage. kart. M. 1.50; geb. M. 2 Siehe, ich mache alles neu. Ein Jahrgang von 69 Predigten. 2. Auflage. M. 6 ; geb. M. 8 Eins ist not. 20 Predigten, z. Auflage. M. 2.2 ; geb. M. z.20 (Verlag von I. C. Hinrichs, Leipzig)Druck von tluguft pries in LeipzigAufwärts die Herzen 21 Predigten I. C. Hinrichs sche Buchhandlung 1917
