Blicke aus der Schule in das Leben, in die Schöpfung der Welt. Blicke in die Schöpfung der Welt und in die Kulturgeschichte der Menschheit. Ein Buch für Schule und Haus, und ein Handbuch für Lehrer zur Belebung des Unterrichts von Joseph Psregner. Dritte, vermehrte und verbesserte Auflage. Mit sieben colorirten, in Ton gedruckten Kupfertafeln. Nürnberg. Verlag von I. L. Loh deck. 1865 .Vorwort ;ur -ritten Auflage. Die allgemein anerkannte Brauchbarkeit unserer Blicke hat, nachdem auch die zweite Auflage vergriffen ist, eine neue uöthig gemacht und indem wir dabei die uns von wohlwollen der Seite, ertheilten Winke benützten, hat Inhalt und Tendenz des Büchel Äirch die neue Bearbeitung gewonnen. Wir glan b eu durch diese neugcstaltcte Auflage allen gerechten An forderungen nach bestem Vermögen entsprochen zu haben und befestigt sich die Hoffnung in uns, das Werk werde sich jetzt um so besser nicht nur zu einer veredelnden Lectnre für die Jugend und vorzugsweise zu einem brauchbaren Lesebuch für Schulen und Unterrichtsanstalten, sondern auch zu einem belehrenden und unterhaltenden Volksbuch eignen. Wir haben stets diesen Zweck im Auge behalten und es wird nicht verkannt werden, daß die Grundsätze, die uns bei der Bearbeitung leiteten, warm bestrahlt sind von dem, was allein allem Menschenwerk den rechten Segen, die wahre Weihe gibt, vom positiven Christenthum. Wir erkennen und halten fest: Unser Wis sen ist Stückwerk! So konnten denn die Erfahrungen der Gelehrten und die Resultate ihres Forschend nur unter die ewigen Grundsänlcn aller Erkenntniß, nämlich unter die gött lichen Offenbarungen in der Schrift und wo diese dem An scheine nach den Erfahrungen und Resultaten menschlicher Weis heit widerstreiten, da bleibt dem Christen die Hoffnung, daß einst am Tage der Erkenntniß alle WidersprücheIV sich lösen, daß die irdische Weisheit sich der ewigen unterwerfen und das Stückwerk durch die Klarheit göttlicher Erkenntniß ergänzt und ersetzt werden m ü s s e. Aber jene werden befriedigt sein, welche den Wunsch aussprachen, es möchte der Jugend dem Schatze der kosmischen Kenntnisse das Wissenswertheste daraus geboten werden, und es konnte geschehen, in der Weise wie wir es zu thnn versucht haben. Wir blieben dabei dem pädagogischen Grundsätze getreu: so viel als thnnlich tr nicht mehr als nützlich zu reichen und haben dem Lehrer und Erzieher ein weites Feld gelassen, an die in unserm Buche enthaltenen Punkte zu weitern passenden Mittheilungen anzuknüpfen. Wir sind überzeugt, daß dieses Buch seinen Zweck, alle einem Schüler und jedem der Bildung anstrebt, wünschens- werthen Belehrungen über die Werke Gottes und die der bildenden Menschheit zu geben, so vollkommen als irgend möglich erfüllt. Daß dem König der Erde, dem Menschen so viele Kapitel des Buches gewidmet werden, daß die liebliche Ge staltung der Erde unter der kultivirenden Hand des Menschen einen so großen Theil des Werkes einnimmt und daß nie außer Augen gelassen wurde, auf die Hand Gottes hinzu deuten, welche in der Erziehung des menschlichen Geschlechts sich so deutlich zeigt, durfte in einem Buche um so weniger unterbleiben, dessen Hauptzweck dahin geht, als bildende und veredelnde Lectüre nicht allein für die Jugend, sondern für Jeden zu dienen, der Bildung und Veredlung anstrebt.Y Jnhaltsverzeichniß. Nr. Kapitel und deren Inhaltsangabe. Seite 1. Einleitung 1 Erste Abteilung. Unterricht über die Entstehung und Einrichtung der Welt. 2. Was weiß man von der Entstehung der Welt? 3 3. Was wissen wir Näheres von der Bildung der Erde? 11 4. Was wissen wir von der Entstehung der Pflanzen und Thiere? .... 15 5. Was für.Spuren findet man in der Erde von der Reihenfolge der Pflanzen? Welche Reste hat uns die Natur in ihren Archiven davon aufbewahrt? 28 6. Was für Spuren von der Reihenfolge der Thiere finden fich und welche Entdeckungen hat man in dieser Hinsicht gemacht? 39 7. Von der Gestalt und der Oberfläche der Erde und ihrer mathematischen Eintheilung 69 8. Von der Sonne 86 9. Von dem Monde 94 10. Von den Planeten 99 11. Von den Kometen 109 12. Nebelmassen und Doppelsterne 115 13. Astrologie und Astronomie 116 14. Von den Gesetzen der Planetenbewegung 121 Zweite Abtheilung. 15. Einleitung. Von der Erschaffung und Bestimmung des Menschen. . . . 131 16. Vom Leibe des Menschen 137 17. Von der Seele des Menschen 145 18. Wahrscheinlicher Kultur- und Erfindungsgang, Stand der Kultur des mensch lichen Geschlechts vor der Sündfluth 149 19. Wahrscheinlicher Kultur- und Ersindungsgang des menschlichen Geschlechts in den ersten Jahrhunderten unmittelbar nach der Sündfluth. 2349 bis 200 v. Chr. Gb. Beginn der Zeitrechnung 157 20. Ursprung der indischen, chinesischen und mongolischen Völker, der Nachkom men des Sem und ihre Bildungsrichtung 160 21. Der Felsentempel des Kailassa zu Ellora 165 22. Der Tcmpelbezirk von Calombroom 167 23. Die Chinesen 172 24. Die hamitischen Menschenstämme in Afrika 182 25. Theben, die hundertthorige Stadt 202 26. Die Pyramiden und Obelisken der Egypter 208 27. Die japhetitischen Völkerstämme: Affyrer, Meder, Babylonier und Perser. 223 28. Uralte riesige Denkmale im Innern von Amerika 228 29. Die Mexikaner 231 30. Guatemala 234VI Nr. Kapitel und deren Inhaltsangabe. Seite 31. Die Pyramiden von Tehuantepec und Tucapan 235 32. Wahrscheinlicher Zustand der Erde unmittelbar nach der großen Fluth. Die THLtigkeit der Natur im Leben der Pflanzen und Thiere . . . 240 33. Aus den Briefen eines unterfränkischen Auswanderers 244 34. Allgemeine Ucbersicht des Pflanzenreiches 257 35. Das Reich der Thiere. Kampf des Menschen mit den Raubthicren. All- mählige Verminderung jener Thiere, welche durch ihre Ueberzahl und starke Vermehrung die Existenz des Menschen bedrohen. Jagd, Fischerei, Vogelfang 270 36. Les pecheurs de grasse de Cayenne. Guyana 274 37. Die Peischwa-Jäger von Nepal 291 38. Von den Haussieren 298 39. Sokrates 309 40. Jesus Christus, der Gottmensch 314 Dritte Abtheilung. 41. Einleitung. Anfang der Kultur 317 42. Die Portlandvase 326 48. Die Gruppe des Laokoon und seiner Söhne 328 44. Die Akropolis von Athen 332 45. Das Colosseum in Rom. Pompeji 335 46. Grundsäulen der christlichen Kultur. Das Evangelium und das christliche Recht 341 47. Die Kenntniß der Erde und ihrer Erzeugnisse in Land und Meer . . . 345 48. Der Ozean 353 49. Das Seeschiss 386 50. Der Great-Eastern oder Leviathan 388 51. Der Chronometer 393 52. Der Sextant 394 53. Der Compaß. Das Log 396 54. Das Land 399 55. Von der Luft und den atmosphärischen Erscheinungen 438 56. Die großen Erfindungen und Entdeckungen der neuen und neuesten Zeit. Die Resultate der Wissenschaften 461 57. Von dem Magnetismus und der Elektricität 463 58. Der electro-magnctische Telegraph 468 59. Benjamin Franklin 469 60. Die Buchdruckerkunst 470 61. Johannes von Gutenberg 471 62. Der Krieg 473 63. Die Seeschlacht bei Trafalgar 477 64. Die Dampfkraft 482 65. Die Chemie 485 66. Schlußwort 4871 2hr habt durch Gottes Gnade die Welt erblickt, liebe Kinder; ist, wie überhaupt für alle Menschen, so auch für Euch da. Ihr seid beglückt mit lieben, wohlwollenden Eltern, durch deren un ablässige Fürsorge Ihr erzogen und unterrichtet werdet und vom Himmel mit den herrlichsten Gaben des Leibes und der Seele auf daö reichste und vollkommenste ausgestattet. Dieses Euch anver traute Pfund müsset Ihr aber auch aus das ernsteste und ge wissenhafteste benützen. Oeffnet Eure Augen und blicket um Euch! Sehet das von Gott erschaffene Werk der Schöpfung, welches wie ein großes Buch vor Euren Blicken aufgeschlagen ist. Dieses Buch enthält so vieles Wunderbare und Nützliche, es fällt Euch gewiß vieles Herrliche sogleich auf; manches andere, was Euch nicht so bedeutend scheint, hat darum dennoch seine wichtige Be deutung und ist an seinem Platze unentbehrlich. Alles das be trachtet nicht gedankenlos; sonst glichet Ihr den unvernünftigen Geschöpfen, den Thierlein, welche da essen, schlafen und sterben, ohne mehr (oder überhaupt etwas) von der Welt zu wissen. Nein, Eure Sinne sind Euch als Mittel gegeben, Gottes Werke wahrzunehmen, und die Vernunft ist die göttliche Leuchte, die Flamme, welche Euch das Dunkel erhellt und Euren Geist durch Nachdenken mit einer unschätzbaren Menge von Kenntnissen, Erfahrun gen und Fertigkeiten bereichern soll. Sie, dieser göttliche Funke, gibt Eurem Leben erst die rechte Bedeutung und Weihe; durch werdet Ihr erst Menschen im wahren Sinne des Wortes, welche das Leben in der Welt aus das würdigste und schönste genießen.2 Die Natur spricht zu Euch durch Eure Sinne, mit denen Ihr die Reihenfolge der wechselnden Erscheinungen wahrnehmt. Es ist das aber eine geheimnißvolle Sprache, welche nur der denkende Mensch versteht. Und der Denker wünscht zu verstehen; es haben seit Jahrtausenden die guten und wißbegierigen Menschen die Natur belauscht, sie mit Ernst und Tiefe betrachtet. Dennoch blieb vieles in der Welt ein dunkles Geheimniß, und der Geist fand die Grenze seines Wissens mit Wehmnth so eng gezogen! Es ging damit, wie mit der Bilderschrift der alten Egypter, den Hieroglyphen. Letztere waren und blieben so lange ein ungelöstes Räthsel, bis man den berühmten Stein von Rosette fand. Dieser Stein enthielt vier Inschriften, eine griechische, eine Keilschrift, eine koptische und eine Hieroglyphcnschrift. Man fand, daß die griechische, die koptische und Keilschrift dasselbe sagten; so schloß man denn, daß auch die Hieroglyphen den Inhalt der drei andern Sätze dar- bieten möchten. Ein fleißiger Forscher benützte diesen Wink, und es gelang ihm wirklich, das Geheimniß zu lösen; die Hieroglyphen wurden also entziffert. So ging es auch mit der Geheimschrift der Natur. Erst machte man einige wichtige Wahrnehmungen, auf welche man die Hoffnung baute, nach und nach tiefer in das Geheimniß eindrin- gen können, und auf diesem Wege ist man vorsichtig und lang sam, Schritt vor Schritt, dazu gelangt, die dunkeln Zeichen zu lö sen, den Schleier zu lüften und nicht blos die vollendeten Werke des Schöpfers zu bewundern, sondern vieles von der Art und Weise, wie dieselben erschaffen wurden, zu begreifen und ver stehen. Nun gelaugte man zu andern Ergebnissen, als die Völker der alten Welt, welche die Natur kaum recht zu benützen verstanden, weil sie dieselbe nicht erforschten. Der finstere Wahn und Aber glaube, mit denen die furchtsamen und unwissenden Menschen die Erscheinungen der Natur umkleideten, wurde stückweise zerbrochen und vernichtet. Mit freiem Blicke dringt nun der Geist in die Ge heimnisse der Schöpfung, um mit jedem weiteren Schritte mehr und herrlicher empfinden, wie allmächtig, weise und gütig der Schö pfer ist, und besser zu begreifen, was der Psalmist sagte: Herr, wie groß und viel sind Deine. Werke! Du hast alles weise geordnet und die Erde ist voll Dei ner Güter!"3 Und Ihr, liebe Kinder, wolltet nicht gerne auch in diesem großen Buche der Schöpfung lesen und daraus lernen? O ja, das wollt Ihr alle! Und nun, folget mir! ich will es versuchen, Euch mit diesen Geheimnissen, so weit man sie jetzt ergründet chat, und noch während unserer Unterhaltungen ergründen kann und wird, bekannt zu machen. Crste Abtheilung: Unterricht über die Entstehung und Einrichtung der Welt. Was weist man von der Entstehung der Welt? Die heilige Schrift beantwortet diese Frage mit den gewich tigen Worten: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde." Dadurch werden wir also belehrt, daß die Welt ein Schöpfungswerk des allmächtigen Gottes ist. Aber sie belehrt uns gleich nachher nach den so eben angeführten Einleitungsworten, daß nicht alles sofort so war, wie es jetzt ist, sondern daß es nach und nach so wurde. Alles, was in der Welt noch jetzt vor unfern Blicken vorgeht, geschieht nach göttlichen, bestimmten und unwandelbaren Gesetzen. Diese Gesetze zu erforschen, war nun und bleibt eine schwere Aufgabe für den denkenden Menschen. Aber ist höchst erfreulich, daß bereits die wichtigsten dieser Ge setze erforscht sind, und daß der liebe Gott uns gleichsam einen Blick in Seine geheimnißvolle Thätigkeit gestattete. Was wir schen können, wird uns vermittelst dieser entdeckten Regeln klar und verständlich, und von dem Erkannten können wir auf das schließen, was außer dem Bereich unserer Sinne liegt. Eine dieser Kräfte, welche gewaltig alle, auch die fern sten Räume durchdringen, heißet Anziehung, mit einem frem den Worte aber Attraction." Die Theile eines jeden Körpers ziehen sich untereinander an, sie sind aneinander, fester und stärker aneinander, je kräf- 1 *4 tiger die Anziehung wirkt und die einzelnen Theile aneinander bringt; loser, je geringer die Attraktion ist. Die Anziehungskraft fesselt also die Theile, aus welchen die Körper bestehen, anein ander. Sobald aber eine Kraft auf die Körper wirkt, welche stärker ist, als die Attraktion, so fallen die Körper auseinan der; oder, wie man zu sagen Pflegt, sie lösen sich (in ihre einzelnen Theile) auf Die Theile der Körper ziehen sich also gegenseitig an; aber sie berühren sich dennoch nicht. Sie sind nur aneinander, aber nicht ineinander. Je näher sie aneinander liegen, desto stärker ist die Attraktion, umgekehrt desto schwächer. Berührung ist Aneinandersein in größter Nähe, also in einer solchen, daß keine größere gibt. Können zwei Theile eines Körpers noch näher aneinander gerückt werden, so waren sie nicht in größter Nähe. Man kann die meisten Körper durch Druck (Pressen) in einen kleineren Raum einzwängen, als sie in natürlicher, ungezwungener Weise einnehmen; das heißt nichts anderes, als, man kann die einzelnen Theile, aus welchen die Körper bestehen, einander mehr nähern, als sie von Natur einander nahe stehen oder liegen. Dies kann z. B. bei den Metallen geschehen und geschieht sehr häufig. Aber selbst Glas oder Krystall kann man durch Druck so verändern, daß sie dichter werden oder daß ihre Theilchen näher aneinander zu liegen kommen. Das hat aber bei solchen Körpern eine Grenze. Wird Glas so stark gepreßt, daß es beinahe zur Berührung seiner Theile kommt, so zerspringt cs. Es gibt also keine Berührung, sondern die Theile der Kör per liegen nur mehr oder weniger nahe aneinander. Wo nun die Kraft des Menschen vermittelst seiner Hand-, Maschinen-, Dampf- und hydraulischen Pressen endet (siehe weiter unten darüber das Nähere), da wirken Naturkräfte weiter fort. Ein Stück gehärteter Stahl kann durch keine Maschinenkraft weiter gepreßt werden; eher geht die hydraulische Presse in Stücke. Aber durch den Frost, die Kälte, wird selbst der härteste Stahl noch zusammengezogc , was man nicht allein messen, sondern sogar sehen kann. Eis bricht leicht, wenn es nur 0 Grad Kälte hat. Was heißt nun das? Ihr werdet mit mir zum Thermometer des Va-5 ters gehen. Es ist das eine an einem Brettchen befestigte Glas röhre, in welcher sich Quecksilber befindet. Die Wärme dehnt alle Körper aus, wie umgekehrt die Kälte alle Körper zusammenzieht. Da das Glasröhrchen sich nicht erweitert, so wird das Queck silber innerhalb desselben, sobald eS durch Wärme ausgedehnt wird, steigen müssen. Uebt dagegen die Kälte ihre zusammenpressende oder zusammenziehende Kraft auf das Quecksilber aus, so verliert dessen Masse an Größe; und da das Glasröhrchen sich nicht so stark zusammenzieht, so muß das Quecksilber im Röhrchen sinken. Nun hat man den Punkt bezeichnet, bei welchem das Queck silber steht, wenn die Lust gerade jenen Wärmegrad hat, daß Was ser sich in Eis verwandelt. Zu diesem Punkte, der auf dem Brettchen neben dem Glasröhrchen durch einen Strich augedeutet ist, machte man die Ziffer 0. Den übrigen Theil des Brettchens theilte man beliebig, der Eine (wie Reaumur) in größere, Andere (wie Fahrenheit und Celsius) in kleinere Theile, wovon wir wei ter unten mehr sprechen wollen, und sagte nun so: 0 ist der Punkt, wo die Lust eigentlich nicht warm und nicht kalt ist; 1 unter 0 ist ein Grad Kälte; 1 über 0 ist dagegen ein Grad Wärme u. s. w. Eis hat 0 Grad Kälte und ist dann so weich, daß es sehr leicht bricht. Eis von 10 Kälte dagegen ist so hart und fest, daß es die schwersten Lasten trägt. Warum? Eine Kälte von 10 Graden nähert die Eistheilchen einander so sehr, daß sie fest aneinandcrliegen und einen Frachtwagen tragen, der ohne Gefahr über einen mit so festem Eis belegten Fluß fährt. Eis von 0 Grad hat locker aneinanderlicgcude Theile, und ein Kind, das mit dem Schlittschuh darüber fährt, bricht des halb ein und verunglückt. Diese Anziehungskraft ist nun eine Ur- und Weltkraft; sie wirkt überall, im Kleinen wie im Großen und Unermeßlichen. Durch sie ist das Weltall, sind die Gestirne, die Sonnen, die Monde, Erden, ja selbst die Comcte , geworden, und letztere sind wahrscheinlich noch im Werden begriffen. Auch unsere Erde scheint nach und nach so entstanden zu sein. Vielleicht war der Stoff, aus dem Alles sich krystallisirend bildete, gasförmig, gleichmäßig überall vertheilt; vielleicht erfüllte dieser Urstoff den ganzen Weltraum, wenn auch unendlich fein in demselben zertheilt.6 Aber, wird mir Eines oder das Andere einwenden, wie ist es möglich, daß die Metalle, die Gesteine, die Gebirge, die uner meßlichen Massen fester Gegenstände, aus denen unsere Erde zu- sammengebaut ist, einst Gas waren, eine lustartige Materie? So was läßt sich allerhöchstens vom Wasser glauben, das man in Dampf verwandeln kann. (Denn auch Dampf wird Wasser, wenn er erkaltet.) Da hättet Ihr nichts Unkluges gedacht und gesagt, aber dennoch etwas Unrichtiges. Denn alle Dinge können durch Hitze in Gas verwandelt werden. Es gibt keinen auch noch so festen und harten Körper, der feuerfest wäre. Selbst der Diamant ver brennt und geht in Ranch auf, d. h. wird durch Flammen in Gas verwandelt; selbst Gold und Platina schmelzen und verdampfen. Daß dieses wirklich der Fall ist, beweiset folgender Versuch: Ein Goldarbeiter schmelzt Gold. Wenn dasselbe vollkommen flüssig ist und kocht und man hält eine neue Silbermünze einige Zeit darüber, so wird sie von den vom Gold aufsteigenden Däm pfen vergoldet. Auch färben sich die Flammen, welche einen Graphittiegcl, in welchem Gold geschmolzen wird, umgeben, durch die vom Golde aufsteigendcn Golddämpfe grün. Es ist deshalb kein Gedanke der Unmöglichkeit, daß einst alles, was ist, dem gasförmigen Urstoffe sich erzeugte und all- mählig bildete. Aber eines scheint dabei zweifelhaft! Bedenken wir die ko lossale Größe der Fixsterne, Monde und Planeten, so ist es kaum glaublich, daß sie aus einem so zarten und feinen Stoff sich ent wickelt und zu solchen Massen verdichtet haben können. Dagegen bedenket, Ihr lieben Leser, die Unermeßlichkeit des Weltalls. Unsere Sonne ist vom nächsten Fixsterne 4"000,000 000,000 Meilen, mit Worten Vier Bil lionen Meilen" entfernt. Eine solche Zahl läßt sich ausspre chen, aber nicht begreifen. Obschon wir das zugestehcn müssen, daß solche Zahlen, solche Entfernungen unbegreiflich sind, so sind sie doch wirklich da, berechnet, gemessen, und deshalb wollen wir doch ein für alle Mal in unserem Satze fortfahren und sagen: Der Wirkungskreis oder das Reich unserer Sonne beträgt sechstausend Billionen Meilen, d. h. nach allen Rich tungen von ihr weg leuchtet, herrscht sie auf eine solche7 Entfernung; oder in solcher Weite findet ihr Wirken, ihre Anziehung u. dergl., erst ihre Grenze. Dort beginnt also erst das Reich eines andern Fixsternes, einer andern Sonne. Ihr Reich würde also, da selbst eine Kugel ist, die im Mittelpunkte steht, auch kugelförmig sein. Diese Kugel würde 12000 Billionen Meilen im Durchmesser haben, und wenn ihr Inhalt in Cubikmeilen berechnet wird, so ergibt sich folgende Zahl 904""" 780000"" 000000"" 000000" 000000" 000000 000000 Cnbikmeilen." (Diejenige unter Euch, welche im Zahlcnanssprechen noch nicht recht fest wären, finden an dieser Zahl eine hübsche Gelegenheit zur Uebung.) Nun haben die Astronomen oder Sternkundigen aus der Anziehung der Planeten untereinander und der Anziehung der Sonne gegen die Planeten auf ihr Gewicht geschlossen und berechnet, daß das Gewicht der Sonne und aller Planeten zusammen- genommen 54,186 Quadrillionen Centner betrage." Dividirt man nun die Summe der Cübikmeilen, welche der Inhalt des Sonnenreiches umfaßt, durch obige Zahl, so findet man: daß auf 5 218,000 Cübikmeilen nur ein Loth Materie kommt." Ihr werdet daraus nicht viel klüger werden, als Ihr schon vorher wäret. Doch wenden wir das, was wir so eben gesagt haben, auf ein uns näher liegendes Beispiel an. Denken wir uns eine ziemlich große Kirche Eurer Vaterstadt und gehen wir an einem Wochentage in dieselbe mit einem Stückchen Bernstein, etwa so groß, wie eine Erbse. Dieses kleine Stückchen ist ein viel respektablerer Körper im Verhältniß zum räumlichen Umfange des Inneren unserer Kirche, als z. B. die Sonne und alle Pla neten und deren Monde im Verhältniß zum Reiche der Sonne. Wir zünden nun den Bernstein an und lassen ihn vollkom men verdampfen, d. h. sich durch Feuer in seine gasförmigen Ur- stoffe auflösen. Ist das geschehen, so wollen wir uns nach diesen Gasen im gut geschlossenen Kirchenraume nmsehen; aber wir werden nichts davon sehen; der Raum ist zu groß, die Möglich-8 feit zur Vertheilung desselben zu weit, zu günstig. Auch der angenehme Geruch wird bald verschwinden; wir werden sehen, daß der große Raum die kleine Materie vollkommen spurlos in sich ausgenommen hat. Die Sonne und alle bekannten Planeten in unserem Son nenreiche bilden im Verhältniß zur Größe desselben bei weitem kein so bedeutendes Volumen oder Quantum und würde sich alles in die gasförmigen llrstoffe allmählig wieder anflösen, so würde dadurch der Aether nicht im mindesten getrübt werden, man würde im Welträume keine Spur mehr von den ausgelösten Massen erblicken. Was haben wir also nun gelernt? Habt Ihr mit Nach denken gelesen, was ich sowohl Euretwegen, als der Sache wegen von Herzen wünsche, so werdet Ihr eine erfreuliche Antwort zu geben im Stande sein. Die Möglichkeit, daß alles, was ist, im Uranfange als dunst förmige Gasmasse im Weltall unsichtbar vertheilt war, ist also nicht zu läugnen. Wo aber Materie ist, da ist auch Attraktion oder An ziehungskraft und es gibt für sie keine Fernen. Sobald einmal zwei Theilchen sich gegenseitig einander näher ten, erlangten sie ein Uebergewicht über die andern einzeln schwe benden und zogen die nächsten an sich; es bildete sich ein Körper, ein aus aneinanderliegenden Theilchen bestehendes Ganzes. Dieses wuchs vielleicht mit ungeheurer Schnelligkeit, und mit im mer größerer, je größer der Körper ward; denn mit der Größe wächst die Attraktion. Dieses Aneinanderrücken und Zuneh men dauerte so lange, bis die Anziehungskraft endlich in einer großen Entfernung ihr Ende fand, vielleicht da, wo die Anzieh ungskraft eines andern ueugebildeten, oder in der Bildung begrif fenen, Weltkörpers begann. Die Anziehungskraft allein und in diesem Sinne genommen bezeichnet man nun abermals mit einem Fremdworte: allgemeine Gravitation." So kann, so mag sich unsere Sonne, mögen und können sich die Planeten und Monde gebildet haben. So kann es im ganzen Weltall gewesen und alles geworden sein. Die Gravitation oder Schwere mit ihrer mechanischen Wirkung brachte aber zugleich Bewegung; denn das Bilden der9 Körper mußte durch Bewegung der Theile nach einander hin ge schehen. Die allmähliche Verdichtung erzeugte Druck, der bald sund da es sehr schnell geschah,) Erwärmung erzeugte. Alles, was gepreßt wird, wird heiß, wenn es auch noch so kalt war. Schlaget ein Stückchen Eisen an der Spitze, daß es stärker zusam- mengcpreßt werde, und wird so heiß, daß es Holz anzündet. Ja: wird Lust in der Presse so zusammengedrückt, daß ein Kubik- suß nur noch Vjo Kubiksnß Umfang hat, so wird sie durch den Druck so heiß wie glühende Kohlen. Bei dem Aneinanderrücken der Theile ging nach einem na türlichen Gesetze das Streben aller dazukommenden nach dem Mit telpunkte hin. Dadurch begann der werdende Körper zu rollen, sich um seinen Mittelpunkt zu drehen. Aber der Schwere, der Verdichtung, der Bewegung, gesellte wieder eine neue Kraft, die Trägheit, welche sofort auftritt, sobald ein Körper zu bewegen beginnt und bewegt. Nun wollen wir sehen, wie das auf unser Sonnensystem angcwendet werden muß. Die Sonne selbst wird wohl der Anfang der Bildung ge wesen sein. Als diese zu bilden begann, rückten ihr aus den unermeßlichen Räumen die Bildnngsstoffe näher, und es entstand also ein Gasball, der sich in der innersten Mitte verdichtete. Alles das begann sich nun zu drehen. Aber die dichteste Masse drehte sich schneller, als die weniger dichte, und siehe da, die Stoffe hatten ihre Trägheit nicht verloren, sie wollten in Ruhe beharren. Was also am entferntesten vom Uranfang war und worauf dem nach die Attraktion desselben wegen der großen Entfernung am schwächsten wirkte, konnte dieser schneller und stärker wer denden Rotation nicht folgen; das Band zerriß, welches den Mit telpunkt mit dem Fernen verknüpfte und als einmal dieses Zer reißen eingetreten war, so konnte auch keine körperliche Verbindung mehr entstehen. Das Entfernte mußte sich also abgesondert zu einem Gan zen bilden. Es war anfangs ringförmig; es wurde aber, da die Theile dieses Ringes sich untereinander anzogcn, allmählig zu einem abgesonderten Dunstball, der sich nun verdichten konnte. Doch zog ihn der Mittelpunkt an und hielt ihn, daß er sich nicht im Welträume verlor; er rollte im Kreise um die Sonne; es wurde ein Planet daraus.10 Bei der Verdichtung des Planeten konnte dasselbe Vorgehen; es konnten ebenfalls Dunstmassen von der Hauptmasse durch deren starke Notation losgeschlcndert und getrennt, also gezwungen wer den, sich in sich selbst auszubilden. Da aber die Masse des Pla neten ihnen bereits ihre Bewegung gegeben hatte, so mußte das kleinere Gebilde sich um das größere, von dem es beständig an- gezogcn wurde, schwingen und wurde mit dem Planeten selbst um die Sonne geschleudert. So mögen die Monde entstanden sein. Das ist eine hübsche Hypothese, d. h. ein Satz, der wahr sein kann, aber sich nicht beweisen läßt; wendet Ihr mir vielleicht nun ein, Ihr lieben Leser. Wir wollen aber doch sehen, ob sich in unserem Sonnensysteme nichts findet, welches auf solche Vor gänge hindentet und demnach als Beweis für die obigen Angaben stehen könnte. Wir finden diesen Beweis im Planeten Saturn. Man kannte diesen Stern schon lange, aber man wußte nicht, daß er von einem Ringe umgeben wäre. Dieses erkannte man erst durch die Fernrohre. Wenn sich Saturn ähnliche Weise bildete, wie alle übri gen Planeten, so ist er es, wie Grnson sagt, wo wir den großen Baumeister der Welt bei der Bildung der Him melskörper überraschen,.wo unsere Augen in seine Werkstatt eindringen und dort die vollständigste Ueberzeugung gewinnen, wie Er dabei zu Werk ge gangen. Wir sehen im Kleinen durch den in geringer Entfernung vom Hanptkörper erstarrten Ring den Bildungsgang der planetarischen, und höchst wahr scheinlich auch den aller andern Weltkörpcr, genau vor gezeichnet. In ihm sehen wir zugleich, daß es nicht die Absicht des Schöpfers gewesen ist, uns ein Ge- heimniß daraus zu machen." Was sehen wir nun am Saturn? Der Saturn ist eine an seinen Polen stark gedrückte Kugel und hat sieben Monde. Außer diesen Monden, deren Bildung wir nun nach den oben angeführten Grundsätzen begreiflich finden, hat er aber noch einen Ring, der ihn umgibt. Dieser Ring ist aber nicht einfach, sondern besteht aus mehreren ineinander ge schobenen und durch Zwischenräume von einander getrennten Ringen. Wie sind nun diese Ringe entstanden?11 Der Saturn schwingt sich mit einer Ungeheuern Schnelligkeit um seine Axe. Zuerst schleuderte er jene Dunstmassen von stch, welche sich zu seinen sieben Monden zusammenballten. Als aber die letzten Massen von seinem Körper trennten, da waren sie bereits so erstarrt und fest, oder, wie man das nennt, so com- pakt geworden, daß sie die Fähigkeit verloren hatten, sich ei ner Kugel zu ballen. Vielmehr blieben diese erstarrten Massen Ringe, welche vollkommen verhärteten, sich nach einem na türlichen Gesetze selbst von einander trennten und nun um den fort und fort fester werdenden, sich mehr und mehr zusammenziehenden Planeten drehen, der frei in ihrem gemeinsamen Mittelpunkte schwebt. Wenn auch noch so vieles an dieser höchst wundervollen Plauctenbildung räthsclhaft bleiben muß, eines ist gewiß: wir ha ben am Saturn ein deutliches Beispiel, wie sich die Planeten bil deten; er gestattet uns einen tiefen Blick in die geheimnißvolle Kraft der Schöpfung; wir sehen in ihm einen Beweis der Größe und Allmacht Gottes und eine herrliche Veranlassung, die Weis heit des Schöpfers preisen. Was wissen wir Näheres von der Bildung der Erde? Gehen wir nun, nachdem wir Blicke in so unermeßliche Ent fernungen geworfen, heim auf unsere Erde. Auch sie bildete sich wahrscheinlich aus einem von der Sonne abgeschlcndertcn Dunst ringe; der Mond, der ns Nachts so freundlich anlächelt, entstand dagegen aus Dünsten, welche die Erde selbst wieder verlor. Als die Erde sich bildete, als die Dünste sich zu so unge heuer Massen der allerfestesten und schwersten Gesteine verdichte ten, da muß durch den furchtbarsten Druck und die Reibung der Lasten eine Hitze derselben entstanden sein, von der wir uns freilich keinen Begriff zu machen im Stande sind. Es ist ganz unzweifelhaft, daß sich damals alle Substanzen in glühendem ge schmolzenen Zustande befanden, und kein Leben irgend einer Art ist im ersten Anfänge der Erde denkbar; sie war ein geschmol zenen Massen bestehender Ball. Aber was außer ihr lag, hatte diese Temperatur nicht; im12 reinen Aether, das heißt in dem feinen dunstfreien Stoffe, der nach Verdichtung der Dünste Planeten den Weltraum noch füllte und noch immer füllt, herrschte keine Wärme, sondern eine Kälte von wenigstens 60 0 Die Erde mußte also zu erkalten an fangen; dieses Erkalten ging zwar sehr langsam vor stch, aber die beständige Bewegung des neugebildeten Planeten durch die Welt räume beschleunigte das Erkalten desselben an seiner Außenseite. Allein wie viele Jahrtausende waren nöthig, um das Erkalten der Erde so weit znzulaffen, daß ihre Oberfläche so stark abgekühlt war, um ein Leben zu gestatten. Alexander von Humboldt erzählt uns von dem im Jahre 1759 in Südamerika neu entstandenen Vulkane Jorullo. Dieser hatte in wenigen Tagen mitten aus einer reichbebauten Ebene bis zu einer Höhe von 1550 Fuß erhoben. Seine Entstehung war mit gewaltigen Feuerausbrüchen begleitet gewesen; ein starker Lava strom hatte sich ringö umher über den neuen Berg und die Ebene ergossen. Die Verheerungen, welche diese außerordentliche Naturer scheinung hervorbrachte, geschahen mitten in einem von gebildeten Menschen bewohnten Lande. Natürlich wurde der neue Berg be obachtet. Man fand nun, wie langsam sich die Lava abkühlte. Sie war mehrere Jahre hindurch zäh und halb erstarrt; dann be deckte sich erst ihre Oberfläche mit einer Kruste, welche zerriß und Spalten bekam, durch die man in das noch immer glühende Innere hinabsehen konnte. Zwanzig Jahre nach dem Erguß war die Lava einen Schuh unter der Kruste noch flüssig und glühend; 44 Jahre nach dem Ansbrirch, als Humboldt dahinkam, glühte sie noch im mer; 87 Jahre nach dem Ansbruche, als E. Schlüder den Vulkan besuchte, (im Jahre 1846) stießen noch zwei Oeffnungen Rauch und Dämpfe aus; die Lava war also fast nach einem Jahrhundert noch nicht erkaltet. Wie lange mag es gedauert haben, dieses Erkalten der Erde, bis zur Bewohnbarkeit der Erdoberfläche? Professor Bischof in Bonn hat aus der Dauer der Abküh lung künstlich geschmolzener Basaltkugeln von 2 Fuß Durchmesser berechnet, daß die Erde dazu ohngcfähr 353^000,000 Jahre" gebraucht haben könne. Das ist eine Zeit! Es kommt wenig dar auf an, ob er sich um ein paar tausend Jahre geirrt hat.13 Er hat nun aber noch weiter gerechnet und herausgebracht, daß jene Zeit, in welcher die ganze Erde durch ihre innere Wärme auch nach den Polen hin (und an denselben) noch ein solches Klima hatte, wie jetzt nur in den Tropen wo also am Pole Thiere und Pflanzen leben konnten, die jetzt nur in den heißesten Erdgegenden Vorkommen, wie Elcphanten, Rhinocerosse, Palmen, baumartige Farrenkräuter daß diese Periode 1 300,000 Jahre von der Gegenwart entfernt liege. Wir wollen nun nicht fragen, wo die Erstarrung anfing; eines ist gewiß: die Erdrinde erstarrte zuerst, nicht das Innere der Erde; die Rinde erstarrte gewiß eher an den Polen, wo die Rotation der Kugel nicht so stark ist, als zwischen den Wendekrei sen, wo also die Stoffe nicht so schnell zur Ruhe gelangen konnten. Aber das Innere der Erde blieb eine flüssige glühende Masse, ist es noch, noch heute, dafür haben wir tausend Beweise an den noch thätigen Vulkanen, wie der Hekla in Island, der Vesuv bei Neapel, der Aetna auf der Insel Sicilicn; es beweisen uns die heißen Quellen, daß die Erde im Innern noch heiß, glühend ist; die Erdbeben und andere merkwürdige Erscheinungen sind Zeug nisse von den ungeheuren glühenden Massen, welche das Innere unseres Planeten bilden und die nur uothdürftig von einer kaum erkalteten und erstarrten Rinde bedeckt sind. Dem denkenden Geiste stellt aber die unendliche Verschieden heit und Mannigfaltigkeit der Bestandtheile unserer Erdrinde neue Räthsel vor das Auge, welche er gerne ergründen möchte. Und hier findet schon die Untersuchung ein reiches Feld für ihre Thä- tigkeit. Es liegen vor den Augen des Menschen die riesigen Massen der Alpen und anderer Urgebirge anfgcschichtet; andere niedrigere, anders geformte Berge zeigen ihm Kalke; noch andere Thon- und Schieferlagen; dann folgen die mannigfaltigsten Sand- steingebilde und endlich die Sandstcppen, die Geschiebe und Ablage rungen ausgedehnter KicSmassen. Der erfinderische Geist der Forscher hat durch Anwendung der chemischen Wissenschaften diese Gesteine zerlegt, auseinanderge- schieden, in ihre Bestandtheile zertrennt und dabei das überra schende Resultat gewonnen: daß all diese Massen aus den einfachsten Bestandthcilen bestehen, aus gewissen Stoffen, Säuren und Basen genannt." Der Granit besteht hauptsächlich aus Kieselsäure in Ver-14 bindung mit einigen andern säureartigen Stoffen; die Kalkgebirge enthalten Kohlensäure; ebenso die Kreide. Die Basen: Natron, Kali und Kalk kommen in ungeheuren Mengen vor; die soge nannten Erden, Thon und Talk, sind ähnliche weit verbreitete Ver bindungen des Sauerstosses mit einer metallischen Grundlage. So weit man nun diese Urstoffe aus den Zusammensetzungen der Gesteine und Metalle kennen gelernt hat, flnd es vor allen drei einsache Stoffe, welche als die wichtigsten Elemente in der Bildung unserer Erdrinde mitgewirkt haben: der Wasserstoff, der Sauerstoff und der Stickstoff." Die Zusammensetzungen sind stets sehr einfach; sie bestehen immer nur aus ein paar Erden, Alkalien und Säuren, und diese kommen immer auf das manchfaltigste gestaltet vor, geschmolzen durch hohe Hitze und dann bei der Erstarrung krystallisirt. Langsam ging die Erstarrung vor sich; es konnte nicht ruhig geschehen; wo solche Flammen wirkten und die Erde in so starker Bewegung war, da mußte es große Störungen geben. Die Rinde zerbrach oft; erstarrte Tafeln von ungeheurer Mächtigkeit, welche auf der weichen glühenden Masse schwammen, schoben sich an- und übereinander, thürmten sich auf, gaben Erhöhungen von riesigem Umfang, gestalteten die Oberfläche des Planeten rauh und höcke rig es entstanden Gebirge, aufstrebende scharfe Spitzen von der wunderbarsten Form, zwischen denen tiefe Spalten und Risse blieben. So bildeten sich Schluchten, Schründe, Thäler; die obe ren Massen, der Erkaltung mehr ausgesetzt, erstarrten bald und blieben; aus den Schlünden drangen zischend die Dämpfe, viel leicht furchtbar beleuchtet von der glühenden Masse, die unten noch kochte und nachsprudclte, allmählig die Risse füllend und durch ihr langsames Erstarren die Fundamente der Gebirge bildend. Aber zu diesen Umänderungen der glühenden Erdoberfläche in eine rauhe, höckerige, erstarrende Rinde trat bald etwas Neues; es bildete sich aus Sauer- und Wasserstoff Wasser, Saucr- und Stickstoff aber die Lust, und nun umgab den Erdball, viel leicht auf ungeheure Entfernung von seiner heißen Oberfläche, eine dichte Dampfhülle, denn das Wasser wurde durch die Hitze in Dampfform gehalten und so mit der Luft verbunden; es schwebte dampfförmig in der Lust. Durch diese dichte und unermeßliche Dampfhülle drang noch kein Sonnenstrahl bis auf den Erdkörper selbst; als aber, vielleicht15 in höheren Regionen, als wir denken können, durch Erkältung der Dampf sich condensirte, d. h. in Wasser verwandelte und nun als fester Körper (Regen) auf. die glühende Erde, von der er augezogen ward, herabstürzte: da entstanden Svenen, von deren ent setzlicher Gräßlichkeit wir uns keinen Begriff machen können. Wir sehen an der Dampfmaschine wohl die Kraft der Dämpfe; aber wir können uns nicht denken, was immer mächtigere auf die glüh ende Oberfläche der Erde unaufhörlich stürzende Waffcrmasscn, die da augenblicklich wieder verdampfen mußten, daselbst für Wirkun gen hervorbrachten. Der Kampf, das Krachen, Sprühen, Kochen dauerte vielleicht Hunderttansende von Jahren, bis das Wasser ruhiger, obwohl immer noch sprudelnd heiß, die tieferen erkalteten und festgewordenen Stellen allmählig füllte. Durch seine zersetzende Kraft aber begann es auch zugleich die Zerstörung alles dessen, was das Feuer geschaffen hatte. Und nach und nach mochte die Erde jene Form erlangt haben, welche uns der zweite Vers der Schöpfungsgeschichte darstellt: Die Erde war wiiste und leer. Finstern iß bedeckte die Tiefe und der Geist Gottes schwebte auf dem Gewässer!" Was wissen wir von der Entstehung der Pflanzen und der Thiere? Wir müssen uns nun die Erde in einem Stadium (Zustande) denken, in welchem ihre Oberfläche mit Wasser bedeckt und der ganze Ball überdies noch mit einer vielleicht 200 Meilen hohen Dunst- und Dampfhülle umgeben war, die kein Licht dnrchlicß, selbst nicht das Sonnenlicht und wäre es auch gleichhell und scharf, wie das heutige Sonnenlicht gewesen. In dem die Oberfläche der Erde bedeckenden kochenden Ge wässer waren gewiß unermeßliche Massen von Säuren und Alkalien aufgelöst; es bildete vielleicht eiue sprudelnde Gallerte von mine ralischer Natur. Entweder nahm nun die Auflösungsfähigkeit des Wassers ab, wie allmählig die Hitze der Gewässer sank; oder das Wasser hatte so vieles aufgelöst, daß es vollkommen gesättigt war und deshalb die Stoffe, welche es nicht mehr zu halten ver-16 mochte, absetzte; genug: wir finden überall Ablagerungen von Wassergebilden, die Sedimentgesteine. Die Gesteine also, das Meer, die Luft wären da, mithin die Fundamente, auf und in denen Leben sich bilden konnte. Aber wie dieses sich zuerst bildete, das ist ein Geheimniß der Schöpfer kraft Gottes. In den Urgesteinen findet sich von Pflanzen und vom Thier leben keine Spur. Dann aber ist es plötzlich da; es entstand auf Gottes allmächtiges Werde. Aber nicht auf einmal, sondern zuerst ganz einfach, klein, unscheinbar, allmählig vom kleinen und einfa chen zum größeren und vollkommeneren aufsteigend. In den Kalkgebilden der ältesten Periode, welche nachweis bar am frühesten sich aus den Gewässern ablagerten, finden wir Abdrücke seltsamer Tang- und Fucusarten. Es sind das Wasser pflanzen, welche theils im Meere, theils im süßen Wasser leben. Viele ganz feine Fäden gehen bei diesen Pflanzen von einem Mit telpunkte auö; sobald sich mehrere solche Pflanzen nebeneinander befinden, so entsteht daraus ein förmlicher Pflanzenfilz, ein halb durchsichtiger gallertartiger Schlamm, welcher sich unter dem Mi kroskop in lauter ganz seine, dem bloßen Auge unsichtbare Fäden auflöst. Die Fucusarten, welche noch jetzt im Meere Vorkommen und die Jedermann unter dem Namen Seegras kennt, sind diesen ursprünglichsten Pflanzengebilden ganz ähnlich. Westlich von der Küste der Sahara in Afrika, etwa hundert Meilen davon, mitten im atlantischen Meere, finden sich solche Seegrasmasscn, welche die Spanier mit dem Namen: Mare de sargasso“ belegen. Colum- bus fand sie auf seinem Wege nach Amerika; seine Schiffe wurden durch diese grünen Meerwiesen in ihrem Laufe ausgehalten. Auch solche Pflanzen hat man auf dem Kalksandstein von Neu-Dork abgedrückt gefunden. Der Tang gehört also unter die ältesten Pflanzen auf der Erde. Wie steht es nun mit den Thieren? konnte auch Thierleben zugleich mit dem Pflauzenlcben aufdämmern? Und was für Thier- chen waren es, welche zuerst in der Fluth entstanden? Wir finden im Kalk, in der Kreide auch davon Spuren. Bald nach der Pflanze begann es sich geheimnißvoll und selbstän dig zu regen in den unermeßlichen Gewässern. Es sind ähnliche kleine, unscheinbare, blitzschnelle Geschöpfchen gewesen, wie sie jetzt17 noch vor unfern Augen entstehen im faulenden Wasser, im Essig. Das reine Wasser ist thierlos; aber laßt es mehrere Tage lang stehen und betrachtet von solchem abgestandenen Wasser mit dem Mikroskop ein Tröpfchen: welch ein wunderbares eigenthümliches frisches Leben stellt sich Euren Blicken dar! Gewiß ist Euch allen dieses schon bekannt; und wer die mikroskopische Thierwelt noch nicht betrachtet hätte, der versäume es ja nicht, sie bald zu sehen und zu bewundern. Aber wo kommen diese Thierchen her, da nichts im reinen Wasser einen Stoff zu ihrer Entstehung andeutet, da auch wirklich gar nichts dafür vorhanden ist? Wir schweigen und gestehen Angesichts dieser Frage, daß wir nicht wissen. Wir wissen auch nicht, wie das Thierleben im Urgewässer entstand; hier endet die Forschungskraft des Menschen, denn hier erblicken wir abermals die Hand des Schöpfers. In unzähligen Versteinerungen von Geschöpfen, den jetzt lebenden theils gar nicht, theils nur zum Theile ähnlich und nur fern verwandt, sehen wir aber die Abdrücke, die Mitunter vollstän dig und wohl erhaltenen Bildungen einer untergegangenen Pflan zen- und Thierwelt." Die Massen der Erde, der Felsen, welche vor dem Blicke des Menschen liegen, zeigen ihm, wie die Erde sich nach und nach gestaltete. In ihnen stndet er auch die Archive, welche zeigen, was in der fernsten Periode im Gewässer, dann auf dem Festlande grünte und als Thier sich regte. Hier kann er suchen und be stimmen : 1) diese Formationen sind Urgestein; es entstand aus ge schmolzenen Urmassen; erstarrte und kein Leben konnte sich in diesen Flammen bilden; 2) diese Lagerungen von Kalken, Kreiden, Schiefern und andern Erden schlugen sich aus den erwärmten und trüben Wass sern nieder; sie zeigen uns Abdrücke von Pflanzen und Thieren, deshalb mußten diese Pflanzen und Thiere jener Periode ange hören. 3) In diesen Sand- und Thonlagern finden sich diese Knvchen- reste; in ihnen finden wir solche Versteinerungen von Muscheln, Fischen; solche Abdrücke von Vogelfußspuren; also lebten um diese Periode im Wasser und auf dem Lande solche Conchilien, solche Fische, solche Reptilien, solche Vögel. 218 4) Endlich finden wir in den Torflagern, in Höhlen, in Steinkohlenflötzen, in Sand- und Thonanschwemmungen ganze Gerippe; ja im Eise eingeschlosscn und durch die erhaltende Kraft der Kälte vollständig mit Haut und Haaren aufbewahrt, diese Thiere. Das ist die letzte Periode vor der gewesen, in welcher unsere Geschichte beginnt und wo der denkende und bildende Mensch in die Welt eintrat. Vom Menschen aber findet man vor der vierten Periode keine Spur. Und diese Perioden, durch welche Hunderttausende, ja Millionen von Jahren ziehen sie sich hin! welch unermeßlicher Zeiten bedurfte es, um alles so zu gestalten, wie wir es jetzt sehen! Wir stehen und staunen! Mit dem Psalmisten rufen wir: O Herr! tausend Jahre sind vor Dir, wie ein Tag. Du aber bist von Ewigkeit zu Ewigkeit und Deine Jahre nehmen kein Ende! Wir gehen nun wieder einen Schritt weiter. Unsere Auf gabe besteht ja nicht in Untersuchungen; wir wollen nichts er gründen und könnten es nicht, auch wenn wir wollten. Unsere Aufmerksamkeit folgt nur der leitenden Hand des Forschers; aber wir folgen ihm nicht wie Blinde, sondern mit sehendem Auge, da mit wir wahrnehmen und verstehen, was er uns sagt und lehrt. Deshalb wollen wir auch vieles, was er uns lehrt, kurz fassen, anderes, was er uns lehren konnte, wollen wir ihm dankend er lassen; denn wir würden es noch nicht verstehen. Die Körper, welche wir um uns sehen, zerfallen in anor ganische und organische. Zu den ersteren rechnet man alle Erden, die meisten gasförmigen und aus Gasen gebil deten Körper; zu den letzteren alle P fl anz e n und Thiere. Die Bildung der anorganischen Körper können wir nicht wahrnehmen; sie sind da, wie sie sind. Betrachtet man z. B. eine Salzpfanne, so findet man in der ersten Salzlauge plötzlich das weißkrystallisirte Salz, welches darin zu Boden sinkt; aber wie es krystalliflrt, das kann man nicht sehen. Wenn ein Tropfen reiner Salzlauge unter das Mikroskop kommt, so sieht man das Salz sich krystallistren; aber wie es krystallistrt, das kann man nicht wahrnehmen; man bemerkt das Krystall erst, wenn es schon vollständig gebildet da ist. Es geht damit, wie mit der Bildung des Eises. Wer das sehen will, gibt sich auch eine vergebliche Mühe. Versucht es einmal; nehmt an einem sehr kalten und son-19 nigcn Tage eine reine Glasscheibe, geht mit derselben in das Freie und hanchet sie an. Sie wird fast augenblicklich gefrieren; ihr werdet sehen, wie Plötzlich Eisnadeln in Menge erscheinen, sich vereinen, Figuren verschiedener Art und von köstlicher Zeichnung bilden; das erstarrende Wasser krystallisirt. Aber wie diese Kry- stalle sich bilden, das hat noch Keiner gesehen, das kann man nicht sehen; sie sind, wenn Ihr sie erblickt, schon vollkommen da, die Figuren entstehen nur, indem sich die Hunderte und Tausende von seinen Eisnadeln, von Krystallen, aneinanderreihen. Es ist das ein köstliches, lehrreiches Spiel; ihr seht daran die Schöpferkraft Gottes thatig vor Eurem Auge wirken. Der organische Körper entsteht, zeigt sich nicht fertig dem menschlichen Blicke, sondern er bildet sich Atomen, aus un endlich feinen Anfänge , die aber vorhanden sein müssen. Der Boden, aus dem unsere Saaten kommen, ist Erde. Der Land mann mischt Dünger darunter, um sie fett zu machen; das heißt, er bringt solche Stoffe in die Erde, welche Nahrung für organische Körper bilden. Den Dünger zersetzt die Luft und die Feuchtig keit; es bildet sich Kohlen-, Stick-, Sauer- und Was serstoff, und daraus, sowie aus dem Kiesel des Sandes schöpft die Pflanze ihre Nahrung. Allein sie nimmt nicht die Kohle und den Kiesel auf, wie sie dort sind, ftei und einzeln, sondern die Pflanze verwandelt sie in kleine Bläschen, welche Zellen ge nannt werden und solchen aneinander gereihten Zellen besteht eben die Pflanze. Ist in der Bildung des organischen und anorganischen Kör pers Aehnlichkeit und welche? Von den organischen Körpern waren aber wahrscheinlich d e Pflanzen die ersten, welche erschienen und lebten; dann erst kamen Thiere nach. Und wieder muß sich Euer Geist, geliebte Leser, von der Vorstellung trennen, daß die Pflanzen sich vollkommen zu Gattun gen, Geschlechtern, Arten mit ansgebildeten Formen, sproßcnden Dlüthcn und Früchten ausbildeten, daß das Pflanzenreich fertig wurde, bis das erste thierische Leben leise zu zucken begann. Wie das Pflanzenreich entstand, entstand auch das Thierreich, klein, un merkbar, eins aus dem andern sich bildend, vom Einfachen zum Zusammengesetzten fortschreitend, nach jener allgemeinen, vollkom menen und herrlichen Weltordnung, wo alles im Zusammenhänge 2 *20 lückenlos fortschreitet, gesetzmäßig, regelrecht, langsam und mit einem Worte: natürlich. Das stille Leben der Pflanze ging voran, dann folgte das regsame Thierleben und beide gingen in ihrer Ausbildung langsam und stufenweise der Vollendung entgegen. Wir wollen keine naturgeschichtliche Abhandlung vornehmen; aber zum Verständniß unserer Sache ist es unerläßlich, an einem Beispiele die Bildung des Pflanzenreiches zu beobachten. Im großen stillen Ozean wirkt die Thätigkeit der Madre - p o ren, der Korallen, Wunder auf Wunder. Da wir von ihnen weiter unten das Nähere reden, so nehmen wir an, daß eine Madreporen-Felsinsel ihr kahles Haupt über die Fluthen in dem Maße erhebt, daß die Wellen es nicht mehr erreichen kön nen. Die Sonne brennt auf den nackten weißgelben Fels herab; er wird trocken, heiß, keine Spur von Leben ist auf ihm zu er blicken; es ist eine trostlose, öde, wasserlose Klippe, der Schrecken des Seefahrers, der sie schaudernd meidet. Aber der öde Fels bleibt nicht immer öde. Jahre auf Jahre rauschen hin über seu, kahles Haupt; die Sonne, der Regen, die Lüfte arbeiten still, aber unablässig, an dem harten Gestein und lösen es nach und nach an seiner Oberfläche ans; es verwittert, wie man zu sagen Pflegt. Da überzieht es sich mit einem schwärz lichen Staub, der aber nichts weniger als Staub ist, denn auf dem Ozean staubt es nicht, da ist die Luft ganz staubfrei. Be trachten wir nun diese schwärzliche Farbe des Gesteins mit bloßem Auge, rühren wir sie an; wir sehen nichts besonderes daran, der Finger wird davon nur leicht gefärbt. Jetzt schauen wir durch ein starkes Mikroskop besser hin und nun bemerken wir, daß die ser Staub aus Pflanzen besteht. Das sind die unvollkommensten; sie bestehen nur aus Bläschen, sind nur eine Zelle. Jahrhunderte lang kann hier nichts bestehen, als dieser Brand, wie man es nennt. Aber die Zerstörung des Felsens geht langsam ihren Gang, der Brand beschleunigt.sie; er greift mit seinen Würzelchen ein; Millionen solcher Pflänzchen entstehen, leben, sterben, verfaulen aufeinander; der Fels bedeckt sich mit ei ner Lage von Humus, d. h. mit verfaulter Pflanzcnerde, die mit verwitterten Felstheilen vermischt ist. Nun folgen größere, rauhere Ueberzüge; das Mikroskop zeigt uns unendlich kleine Bäumchen, die wie dichter Wald ihre wundervoll geformten Kronen und Aeste ineinander verflechten und mit bloßem Auge wie Sammt aus-21 sehen eine Art Schimmel. Wenn diese Decke stirbt fault, wird der Humus rascher dick; die Lage wird bald finger stark, wo Regen und Wind sie nicht wcgfcgcn. Nun folgen sicht bare Pflanzen, Moose, Pilze. Alle diese Pflanzen bestehen nur aus Bläschen; es sind Z cl l eup flanz e n. Der Taug im Wasser ähnelt diesen Zellenpflanzen; da ihm aber das kompaktere Element, in dem er wuchert, auch eine festere Nahrung gibt, so bilden sich zwischen den Zellen, aus denen auch er zusammengesetzt ist, feste Fäden, worin sich der Nahrnngssaft bewegt, wie in Adern der Thiere das Blut. Die auf dem Felsen hastende Pflanze mußte zwei Stufen durchlaufen, bis sie einen solchen Organismus erlangte. Flechten und Moose, die auch Adern haben, entstanden erst auf den Pilzresten. Tange, Flechten und Moose aber nennt man Aderpflanzen. Wir wollen in der Reihe nun fortfahren. Im Meere, im lichtarmen, hört die Vegetation beim Tang auf, wo sie angefan- gcn; sie kann es nicht weiter bringen als zu einer ganz außeror dentlichen Verschiedenheit dieser Tange in allen Meeren und Zo nen. Aber die Sonne und die Lust wirken auf dem Felsen ihre Wunder fort. Nach den Aderpflanzen entstehen dort Pflanzen, welche Lu ft adern haben, Nahrungsadern und Zellen; eö sind schachtelhalmartige Gewächse, Pflanzen, welche am Boden hinkriechen und da noch ihre Hauptnahrung suchen, aber schon der Luft bedürfen, ohne die sie nicht entstehen und bestehen können. Nun folgen naturgemäß Rindenpflanzen, Gräser; dann kommen lilienartige zum Vorscheine, die Bastpflanzen, dann Holzpflanzen oder S ch e id e n p flanz e n, wie die Palmen, welche allmälig die ganze Insel überwuchern. Das Schiff zieht in der Ferne heran über die blaue Welle; die Sonne spiegelt sich in der ruhigen perlmutterschimmernden Fluth; der Seemann schaut aus und erblickt ferne die buschigen Wipfel der Palmen, die sich im sanften Winde wiegen. Land! ruft er freudig aus; eine neue Insel ist entdeckt! Das war einst der kahle Korallenfels, der sich abschreckend aus der Tiefe hob. Das sind Vorgänge der Gegenwart; so sehen wir die Na tur jetzt arbeiten und thätig sein. Es ist nun die Frage, ob sie im Urbeginn der organischen Wesen andere Wege ging. Doch habt noch einen Augenblick Geduld, ihr lieben Leser, erst wollen22 wir die Stufenreihe der Thiere betrachten. Aber da sie beweglich sind und ihren Ort nach ihrer mehr oder minder hohen und aus- gebildeten Organisation beliebig andern und wechseln, so gibt keinen solchen Anhaltspunkt, wie jene Meerfelsen für die Ent wickelung einer Pflanzenwelt. Die unvollkommenste Pflanze war ein Bläschen, eine Zelle, so klein und winzig, daß man sie nur durch Hilfe des schärfsten Sonnenmikroskvps zu sehen vermochte. Das unvollkommenste, das erste Thier, das erste Geschöpf, welches das Wasser erregte, denn dieses ist die Urquelle des ersten regungslosen und regsamen Lebens, war auch nichts anderes, als eine Zelle. Es hatte keine Ohren und Augen, keine Flossen und Füßchen; von Sinnen und Gliedern zeigte es keine Spur als blos jene, welche die Urbe- dingung des Lebens ist, den Mund zum Einnehmen seiner Nah rung und den Magen zum Verarbeiten derselben. Ein solches Thierchen konnte sich aber dennoch bewegen, konnte sich rasch und beliebig bewegen in dem kleinen Raume, den es bewohnte. Sein Leben war kurz; aber es genoß, was es ver möge seines einfachen Organismus genießen konnte; lebte also und starb dann, um andern seiner Gattung, die es erzeugt hatte, Platz zu machen. Ein solches Thierchen möchtet Ihr sehen, nicht wahr? Nun denn, ihr könnt das thun; ich habe Euch schon weiter oben dazu aufgefordert, daß Ihr es ja thun möchtet. Denn nun hört: Die Natur ist eine weise und treffliche Haushälterin; sie bringt nichts hervor, um es wieder vergehen zu lassen; sondern sie erhält alles. In der langen Kette und Stnfenreihe der leben den Wesen, welche die Natur nach und nach ins Dasein führte, ließ sie alles, was entstanden war, neben dem Neuentstehcndcn bestehen. Keine Thierart ist vollständig ansgestorben; nur we nige Geschlechter hat der Zufall, oder die mordende Thätigkeit der Menschen, oder vielleicht die Rücksicht aus die Weltordnnng, welche der Schöpfer bestimmt, vollkommen ansgerottet. Aber keine Art ist erloschen; nur einzelne besondere Individuen finden wir nicht mehr; solche, neben welchen wegen ihrer schreckenerregenden Größe, Anzahl, Stärke und Verderblichkeit die andern Geschöpfe nicht mehr bestehen könnten. Da wir schon weiter oben von den Infusorien redeten, so kann ich mich hier nur kurz auf das beziehen, was ich von ihnen23 schon sagte. Sie entstehen im unreinen Wasser, aber wir wissen nicht, wie? Hier ist der Anfang der Schöpferkraft Gottes!" Hier endet unser Blick oder vielmehr hier erst kann der Mensch an fangen, zu sehen. Das Punkthierchen, das Räderthierchen, das Glockenthierchen, und wie sie alle heißen nach ihrer verschiedenen Gestalt und Größe, sie sind alle nichts als Bläschen, bestehen blos Zellen. Weil sie aber eigentlich nichts, als Mund und Magen haben, denn das ist ihr ganzer Organismus, so nennt man sie Magenthierchen. In der nächsten Stufe der Thiere finden wir den Magen zur bessern Verarbeitung der Nahrungsstoffe noch mit einem Schlauche, einer Art Darmkanal, verbunden; solche Thiere sind die wunderbaren Polypen vom kleinen Armpolypen an. Auch die Korallen gehören dazu, die großen Baumeister des Meeres; der Blutkorall auch, dessen rothes Gebäude, in Stückchen zerschnitten, durchbohrt und abgerundet, manche Frauen als Halsgehänge tra gen; dann die Meernesseln u. s. w. Wegen des mit dem Magen verbundenen Darmes nennt man diese Thiere D a r m t h e r e. Eine Stufe weitergchend finden wir Thiere, welche Saug adern haben; sie bestehen weichen gallertartigen Massen und leben auch im Meere allein. Lange Fäden, die Saugaderu, gehen von ihnen aus, mit denen sie ihre Nahrung fangen, umklammern, aussaugen. Solche Thiere heißen, wie die Teller- und Bandqualle, Seeblase, Saugaderthiere. Zn den Zellen, Därmen, Saugadern bekamen die Thiere der vierten Stufe noch ein Herz, wie die Muscheln des Mee res und der Flüsse, z. B. die Perlmuttermuschel, die Herzmu schel und in den Flüssen die Malermuschel. Das waren d e Herzthier e. Nun folgten in der Reihe die Schnecken, welche zu allen Organen der vorigen Thiere noch einen Kopf bekamen, die Kopfthiere. Nun haltet ein wenig: Schnecken finden wir nicht allein im Gewässer, sondern auch auf dem Lande, also beginnt jetzt die Reihe der L a n d t h e r e. Und betrachtet eine Schnecke; sie kriecht aus dem Hause, streckt ihre Fühlfäden ans, fühlt empfindet nicht blos, hat eine bewußte Empfindung. Also beginnen die Sinne! Dann haben die Schnecken Füße, die ganze Schnecke ist eigentlich der Fuß oder die Fußsohle; die Muscheln haben einen Fuß, fast fo lang, wie die Schale, den24 sie Herausstrecken und mit dem sie sich weiterschieben können. Das ist ein Merkmal, welches meine lieben Leser nicht übersehen dürfen. Es folgt nun eine wunderbare Stufe doch was wäre in den Werken der Schöpfung nicht wunderbar? die Stufe der Weichthiere. Diese haben wieder keinen Fuß und keine Sohle, wie die Schnecke. Ihr Leib ist weich und die gelehrten Naturfor scher wissen sie nicht recht unterzubringen; sie sehen blos, daß sie organisirter sind, als Muscheln und Schnecken. Einige davon sitzen im Meere am Felsen fest, wie die Meereichel, der Seestern; andere schwimmen herum. Zu den letzteren gehört der fürchterliche, zuweilen ochsengroße Tintcnsisch, den man fälschlich Polyp genannt hat, und der mit seinen langen Fangarmen Menschen und Thiere unter das Wasser zieht und dort aussaugt. Es gibt schon im mittelländischen Meere solche gräßliche Geschöpfe. Ihr Leib, der Magen, steht aus, wie ein Sack, aus welchem ein grausiger Kopf herausschaut mit zwei großen dicken Augen. Am Kopfe sind zehn dicke fleischige Arme und jeder von diesen schrecklichen Armen hat hundert Saugnäpfchen. Das ist das Gefährliche au dem Thiere und da wir gerade Lust haben, etwas weiteres von ihm zu hören, so wollen wir einmal ein Reisebuch anfschlagen; vielleicht finden wir etwas von ihm. Da, seht: suchet, so werdet ihr finden. Es fuhr da ein Schiffchen tief unten im indischen Meere bei ruhiger See; die Matrosen arbeiteten fleißig auf dem Verdeck, ein paar von ihnen außen an der Wand des Schiffes, um da etwas ansznbessern. Plötzlich kam ein dicker schwarzer Arm aus der See, auzusehen wie ein fußdicker langer Lederschlauch, legte sich blitz schnell an den Rücken eines Matrosen, saugte sich da mit entsetz licher Schraubengewalt fest und riß ihn unter Wasser. Ein zwei ter Arm tauchte höher auf, legte sich über Bord in das Verdeck hinein und klebte da an, ließ wieder los, suchte und ein schweres Gewicht zog das Schiff so merklich auf die Seite, daß die See- lcnte vor Furcht schrien. Haut ab, haut ab! rief der Kapitän. Man rannte nach Beilen und hieb den Arm am Bord entzwei. Das Ungeheuer fühlte kaum den ersten Hieb, so legte es sich an den nach seinem Arme hauenden Seemann und saugte sich ihm am Rücken fest. Dieser aber klammerte sich mit der Kraft der Ver zweiflung an dem Schiffe an, bis andere den unheimlichen Schlauch ganz abgehackt hatten und das Ungeheuer in die Tiefe versank. Jetzt eilte alles dem armen Manne zu Hilfe, an dem noch25 der sich windende Schlauch hing. Mit vieler Mühe versuchte man ihn loszumachcn; doch keine menschliche Kraft hätte dieses vollbrin gen können, wenn nicht der eintretende Tod das Glied seiner Stärke und Saugfähigkeit beraubt hätte. Dennoch war der arme Seemann so übel zugerichtet, daß er tödtlich krank wurde. Aus seinem Rücken war das Fleisch tellergroß und hoch aufgetrieben, wo ein Saugnapf gewirkt hatte, schwarz und blau unterlaufen, als wäre alles bran dig, und das Blut drang aus allen Poren der Haut, daß es erst mühsam und nach langer Zeit gestillt werden konnte. Der Mann wurde krank und genas nur langsam und schwer. Noch stundenlang behielten die Sangnäpfe des sich noch immer windenden Armes ihre Saugkraft. Hielt man ein Stück Holz daran, so legten sie sich an und keine Kraft konnte es los reißen. Der Schlauch war der Saugarm eines Tintenfisches von riesiger Größe; er wurde getrocknet und mitgenommen. Wer nach Amsterdam in das naturhistorische Museum kommt, kann ihn dort sehen. Der Tintenfisch hat seinen Namen von einem Beutel voll braunen Saftes, den die Maler als eine schöne Farbe gut ge brauchen können und Sepia nennen. Auch einen Knochen der Sepia braucht man zum Poliren und Glätten des Pergamentes und feinen Holzes. Allein der Fang des Tintenfisches mag keine angenehme und leichte Arbeit sein, besonders wenn ein so altes Exemplar einmal in die Falle ginge, wie das, von dem jener Saugarm abgehanen wurde. Die Fischer müssen also ein gefähr lich verdientes Brod essen. Solche Thiere, wie der Tintenfisch, werden also Weich- thiere genannt. Eine Stufe höher folgen nun Geschöpfe, welche statt eines steinernen Panzers, wie die Schnecken, eine Haut haben. Das sind meist Würmer, wie der Regen-, Band wurm und der Blutegel. Sie finden sich nicht allein auf dem Lande, sondern auch im Wasser, ja sogar in den Ein- geweiden anderer Geschöpfe nisteten sie sich ein, wie der Band wurm und die Eingeweidewürmer. Es ist da wieder etwas zu bemerken: Wie entstehen die Eingeweidewürmer? Die Kinder sind häufig damit behaftet; unter zehn Menschen hat gewiß Einer den Bandwurm und weiß es oft nicht. Die Aerzte haben sich darüber den Kopf zerbrochen, aber sie bringen wenig heraus; er soll aus den Finnen der Schweine entstehen, in denen seine Eier26 liegen. Wo kommen aber diese her? wie entstehen sie in den Finnen? Man ißt ihn also nicht mit den Speisen und trinkt ihn nicht mit dem Wasser, so viel ist gewiß, und doch ist er da, oft zehn und mehr Ellen lang. Er entsteht; er ist da, man weiß nicht, wie? So die Eingeweidewürmer alle; es ist ein Aber glaube, wenn man sagt, das Essen des Kornmehlbrodes oder des Schweinefleisches erzeuge sie. Solche Thiere werden Fell- oder Hautthiere genannt; sie athmen schon, sie athmen durch ihre Haut. Viele von ihnen legen auch Eier, wie der Regenwurm; ihre Vermehrung ist also erkennbar. Nun aber steigt die Natur zu einer Stufe auf, zu Thieren, welche förmliche Luftröhren haben, durch die sie athmen. Diese Geschöpfe sind sonderbar gebaut. Ihr Körper hat drei Einschnitte oder Kerben. Einige von ihnen haben so viele Füße, daß man sie unrechtmäßig Tausendfüße nennt, andere haben nur acht zig, zwanzig, die Spinnen nur acht, der Goldkäfer sechs Füße. Viele haben sogar Flügel und können fliegen; andere haben nur eine Zeitlang Flügel, wie manche Ameisen und Heuschrecken; viele leben nur im Wasser, viele auf dem Lande und im Wasser, viele blos auf dem Lande. Welch eine ungeheure Menge von Kerben- thieren oder, wie man es umgeändert hat, von Kerfen, Insekten! Wie prachtvoll sind manche! Ein Brillantkäfer, ein Goldkäfer! Wie abscheulich sehen andere aus, wie z. B. der Tausendfuß, die faustgroße Buschspinne! Wie riesig sind manche, wie der gewal tige Hummer der Nordsee. Welch ein Farbenspiel zeigen uns die herrlichen Schmetterlinge! Wie wunderbar ist die Verwandlung der Käfer! Aus Eiern entstehen die Larven oder Engerlinge, aus dem häßlichen Engerling der schmucke Maikäfer. Aus Eiern bil det sich die Raupe; diese verpuppt sich und aus der Puppe kommt der Falter oder Schmetterling. Man nennt diese Geschöpfe Luftröhrenthiere und theilt sie in Flügellose, in Halbflügler, in Flatterlinge und Käfer. Nun folgt die Stufe der Fische im Wasser, jener Thiere, welche durch Kiemen athmen. Sie haben rothes kaltes Blut, hö ren ohne äußere bemerkbare Ohren, haben feststehende Augen, rie chen aber nur unvollkommen, obwohl sie eine Nase haben. Sie haben nun auch Knochen und werden deshalb Knochen thiere genannt.27 In der nächsten Stnfc finden wir Thiere, welche nicht allein Knochen, sondern auch ein Rückgrat haben nd Rippen; eine Rase zum Riechen, welche sich in den Mund öffnet, findet man auch an ihnen; Füße zum Gehen, zum Schwimmen, zum Klettern haben viele; andere haben keine Füße. Aber alle haben ein solch rothcs Fleisch, wie das, womit der Mensch seine Glieder bewegt, also Muskeln, und deshalb nennt man sie Muskelthiere. Ihr Blut ist roth und kalt; es sind die Lurche, wie Schlangen, Ei dechsen, Frösche, Schildkröten- u. f, w. Die Haut der Würmer ist nackt; die Fische sind mit Schup pen bedeckt, manche Lurche mit Schildern. Aber nun haben wir eine Stufe erreicht, wo die Haut der Thiere mit Federn bedeckt ist. Würmer und Kerfe haben weißliches Blut, Lurche und Fische rothes aber kaltes; die Vögel aber haben rothes warmes Blut. Die bisherigen Thiere konnten nur im Wasser schwimme , auf der Erde gehen, kriechen, Hüpfen; manche davon mußten erst einen Stnfengang höchst wunderbarer Art durchlaufen, ehe sie ausgebil det waren; einige Arten von Insekten konnten auch fliegen. Aber die Vögel sind Geschöpfe mit einem förmlichen Knochengerippe, mit Gliedern, welche durch ausgebildete Muskeln bewegt werden, sind mit Federn, einer gegen das Ungemach der Witterung schütz enden und wärmenden Decke, versehen und haben ausgebildete Sinne, besonders Gesicht und Geruch in höchster Vollkommenheit. Ihr Wohnort ist aber nicht allein der feste Erdgrund mit seiner Pflanzendecke; die Luft ist ihre wichtigste Region, welche sie nach eigenem Willen in allen Richtungen durchstreifen; selbst die höch sten Schichten, wo die Luft so dünn ist, daß kein Geschöpf mehr dort sollte leben können, ersteigt der Adler im Fluge; dort wiegt er sich ruhig und im Wonnegefühl seiner Herrschaft und Freiheit, auf seinen Schwingen, und als Humboldt und Bonpland den Chimborasso erkletterten, schwebte der Condor, der große Greif- geicr der Anden, noch wie ein Punkt in unermeßlicher Höbe über ihnen und dem 20000 Fuß hohen Gipfel des riesigen Berges. Aber auch in Asten verfolgte man den Flug zweier grauen Adler, wie sie hoch über dem Eis- und Schneemeer des Dholagir (26000 Fuß hoch), ruhig ihre Kreise zogen. Die Vögel legen Eier, aus denen ihre Jungen erst gebrütet werden müssen. Als letztes Glied in der Kette der erschaffenen vernunftlosen Wesen treten nun die Sängethiere auf. Sie sind mit Haaren28 bedeckt, haben die vollkommensten und beweglichen Augen, während die Augen der Vögel noch unbeweglich sind, ein offenes mit einer Muschel versehenes Ohr, einen mit Schneide-, Reiß- und Mahl zähnen versehenen Mund, rothes warmes Blut und einen voll kommen ausgebildeten Knochenbau. Sie gebären leben dige Junge! Und der Mensch? Von säst allen Arten und Gattungen der Pflanzen und Thiere hat man in den Archiven der Natur Spuren gesunden; wenigstens sind es ihnen ähnliche Wesen und Dinge, die noch jetzt vor unseren Augen vorhanden sind. Aber menschliche Gebeine fand man bisher noch in keinem Knochenlager. Es ist daher auch hierin der Ausspruch der Schrift wahr und unumstößlich richtig erfunden worden: Also ward vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heere." (Mose 1. Cap. 2. v. 1.) Gott der Herr machte dann den Menschen aus einem Er denkloß und blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele." (Mose 1. Cap. 2. v. 7.) Was für Spuren findet man in der Erde von der Reihenfolge der pflanzen? Welche Reste hat uns die Matur in ihren Archiven davon aufbewahrt? Zu unseren Füßen liegt die Oberfläche der Erde. Gedan kenlos schreiten Tausende der Lebenden darüber hin und denken an nichts weiter, als daran, wie sie es sich recht bequem und an genehm auf dieser Erde machen wollen. Sie schreiten darüber hin und denken nicht daran, daß sie beständig mit einem ihrer Füße auf ihrem Grabe stehen, in dem einst ihre Gebeine wie der zur Erde werden müssen, der Gott erschuf. Diese Köpfe voll stolzer Entwürfe, voll verkehrter Gedanken an eitle Dinge, diese Herzen voll heißer Begierden nach den Freuden des kurzen Daseins, gehören der Erde an, die sie verachten und nicht29 eines Blickes, ja deS Trittes ihrer Füße nicht werth halten. Tren nen wir uns von ihnen und betrachten wir die Erde, wie es uns der Forscher lehrt. Sand und Stein unter seinen Füßen ist ihm bedeutungsvoll. Er hat sie durchsucht, diese Erde, beim Graben der Brunnen hat er ihre aufeinanderliegenden Schichten geprüft, beim Durchstich, zu dem der Ban von Eisenbahnen veranlaßte, bei der Maulwurfsarbeit des emsigen muthigen Bergmannes ist ihm der Forscher gefolgt, ließ diesem die Schätze, nach denen er suchte, und nahm für sich nur das, was der Arbeiter bei Seite warf. Vieles, was er darin gefunden, überlaffcn wir gerne seinem alleinigen Besitze; noch sind wir nicht so weit, daß wir seine Ur- theile, seine Erfahrnngen und seine tiefsinnigen Schlüsse begreifen würden. Wir merken uns nur das, worüber er sich die vollste, sicherste Gewißheit verschafft hat, was überall auf der ganzen Erde so ist, wie es der Geologe bei uns gefunden hat, in der heißen Zone, wie in der gemäßigten und an den Polen, am Lande, wie auf dem wasserbedcckten Meergrunde. Das Innere der Erde ist noch nicht erkaltet; es muß noch in flüssigem und geschmolzenem Zustande sein; es ist möglich, daß es nach und nach erkaltet und nach außen zu mehr und mehr er starrt; eine Berechnung, wann? in welcher fernen Zukunft die Erde durch und durch ein erstarrter, compakter Coloß sein werde, gehört zu den eitclu Dingen. Was hülfe es, wenn wir (um nur überhaupt eine Zahl anzugcben) sagten: es kann in so und so viel Hundert Millionen Jahren einmal diese Erstarrung sich vollenden, das erste Atom, welches die Mitte der Erde zu bilden begann, kann erkalten? Solche Dinge sind eitel! Wir, die wir von gestern sind, und der Blume gleichen, von der unser lieber Heiland spricht, daß sie heute grünet und morgen ver dorrt in den Ofen geworfen werde, begreifen es nicht; Zahlen von solcher Größe faßt unser Geist nicht. Auf dieser flüssigen, dann glühenden inneren Erdmasse ruhen dann gewaltige Massen sehr gewichtiger Gesteine, die wahrschein lich basaltischer Natur sind; sodann folgt der Porphyr, ein ähnli ches minder hartes Gestein mit Thon- und Glimmerschiefer, Gneiß und vor allem dem Granit. Das nennt man, wenn solche Lagen durch vulkanische Kräfte nach oben gehoben sind und also in den Gebirgen zu Tage treten, Urgebirge. Es ist die älteste Erd bildung, ein Feuerprodukt.30 Oberhalb dieser Lagen findet man überall das sogenannte Uebergangsgebirg, und in diesem wieder tief zu unterst die Granwackengr nppen, das R o t h l e g e n d e, die Steinkohlen und Bergkalkbildungen, dann den U r- oder Altsandstein, wohl zu unterscheiden von unserem bekann ten Bruchsandstein, der och jung und weich ist und sich deshalb zur Arbeit des Steinmetzen eignet. Daö Flötzgebirg zeigt uns zu unterst die Zechstein- b l d u n g e n, den Keuper- und Muschelkalk, dann den Buntsandstein; ferner den Jura und die Liasgesteine, endlich die Kreide und Q u a d e r s a n d st e n l a g e r. Das Terziärgebirg nun hat die Lager von Braun kohlen, G r o b k a l k u. s. w. Was über diesen Gebirgen so mächtige Lager von Sand, Thon und Humus bildet, gehört gar nicht zur Gesteinbildung; es ist ein Erzeugniß der arbeitenden, zersetzenden, zermalmenden Wasserkraft; es ist angeschwemmt vom Meere, von Flüssen, oder aufgeschwemmtes Land von großen Fluthen, welche einst die ganze Erde bedeckten und wie sie uns die Worte der heiligen Schrift, (Mose 1. Cap. 7 und 8) zur Zeit, als schon Menschen die Erde bewohnten, schildern. In diesen verschiedenen Erdschichten findet nun der Geologe gar mancherlei. Er findet vor allem, daß fle sich von einander durch ihr verschiedenes Alter gar wohl und gewaltig unterscheiden, und wenn nun irgendwo in den verschiedenen Gruppen ein Knochenrest, ein Pflanzenrest, der Abdruck eines Thieres, die Spur eines Fußes von einem Thiere, ein Zahn, kurz irgend ein erkenn barer Rest findet, so schließt der Forscher so: Diese Pflanze, dieses Thier, von dem wir hier dieses Merkmal haben, fand sich in einem Gesteinlager von diesem Alter vor; folglich muß es zur Zeit der Bildung dieser Gesteine und wahrscheinlich schon vor her solche Pflanzen und Thiere auf der Erde gegeben haben." Es ist nun ganz außerordentlich belehrend und interessant, daß die einfachsten Zellenpflanzen und Zellenthiere schon in den ältesten Gesteinmasscn Vorkommen und daß die Reihenfolge orga- niflrter Wesen erst nach und nach so ausbildete, wie wir es im vorigen Capitel andeuteten. Die Ausbildung aller organischen Wesen geht mit der Ausbildung der Erdoberfläche Hand in Hand;31 nichts entsteht, bevor die Erdoberfläche nicht schon so consolidirt war, daß das entstehende Geschöpf darauf leben konnte. Sobald aber Raum für das Wesen da war, die Möglichkeit des Lebens, so trat auch sogleich das Leben zum Lichte und wurde: es ward geschaffen. Indem ich dieses schreibe, steht ein Kind neben mir und sagt lächelnd: Vater, so war es ja auch mit dem Menschen! Und es hat recht, in diesem unschuldigen Scherze liegt Wahrheit, denn für den Menschen schuf Gott den Garten Eden. Wir wollen nun unserer Ordnung gemäß uns zuerst nach dem stillen Urleben der Pflanzen umsehen. Wo werfen wir unfern suchenden Blick hin? die Urge- birge nicht; in ihnen, in ihrem Innern finden wir nur die Spur des Todes, des Feuers. Auch im kochenden Urmeere konnte kein Leben entstehen; erst mußte das Gewässer abkühlen. Sobald aber dieses geschehen war, so wurde die Pflanze; und darum fin den wir in den allerältesten Gesteinen nur Abdrücke von den ein fachsten Zellcnpflanzen. Leider ist die Zerstörbarkeit und Kleinheit dieser mikroskopischen Bläschen ein Hinderniß ihrer Erkennung und Erhaltung, man findet äußerst selten welche im Gesteine abge drückt; aber man hat fie dennoch unzweifelhaft gefunden, erkannt und ihr Dasein also festgestellt. Die nächste Periode brachte das Terrain für Farren und mit ihnen zugleich treten als älteste Kohlengebilde die Steinkohlen aus. (Daß die Braunkohlen lange nicht so alt sind, als die Steinkoh len, wissen meine lieben Leser schon. Der Torf ist das jüngste Gebilde verwesender Pflanzenmassen.) Die Steinkohlen rühren von Pflanzen her, das ist ganz ge wiß; denn es kommen Abdrücke von Pflanzen darin vor, ja sie lassen sich stellenweise bis in das Unendliche zu lauter Blättchen spalten, zwischen denen sich dann die wohlerhaltenen Zweige, die Stämme und die festen Kerne oder die holzichten Früchte finden, an denen man die Arten zu erkennen vermag, denen diese Anhäufungen von Kohlenstoff sich nach und nach bildeten. Solche Früchte rühren von Trigonocarpen und Cardiocarpen, also von Farrengewächsen her und finden sich in den Steinkohlen in ungeheuerer Menge. Aber wie entstanden die Steinkohlen, wenn sie von Pflan zen herrühren? Floß ein Feuerstrom über ungeheure Wälder,32 setzte sie in Brand und rollte im Augenblick, wo sie lichterloh glühten, eine Sündfluth gewaltige Felsen-, Sand-, Thon- und Erdmasscn über den Glnthhecrd, erstickte ihn und bewahrte ihn uns also als Magazin aus, aus dem wir uns bequem den Stoff holen, unsere Suppe zu kochen und im Winter damit unsere Wohnzimmer zu Heizen? Das Wasser wollen wir uns gesallen lassen; aber den Feucr- strom können wir zur Erklärung unserer Sache nicht brauchen. Wasser?! ruft Ihr erstaunt, Wasser zur Kohlenbildung?!" Allerdings, mittelbar aber nicht unmittelbar, also Koh lenbildung ermöglichend, aber nicht kohlenbildend. Wer einen Urwald sah, weiß, was Pflanzenmasse heißt. Dort sinkt der Wanderer zwei, drei Schuh tief in die übereinan der gelagerten Blätter-, Rinden- und Zweigreste ein. Stamm lehnt an Stamm; der alternde absterbende kann nicht stürzen; er fault zwischen den lebenden und seine Reste sinken in sich zusam men wie die Ruinen eines alten einsturzenden Thurmes. Es ist nichts thörichtes, zu denken, daß diese Reste nach und nach um einen jung aufschießenden Baum von recht festem Holz so steigen, daß er bis an seine Krone darin steckt. Aeußere Ursachen können ja auch zur Anhäufung Mitwirken. Es stehe ein solcher Baum in einem kesselförmigen von Urwald bedeckten Thale. Ist denn so ganz unmöglich, daß in dieses Thal, wenn es klein ist, so viele Pflanzenreste von Wind und Regen hinabgcführt werden, daß die auf das dichteste darin stehenden Bäume, deren Zwischenräume leicht ausgefüllt werden können, völlig bedeckt, begraben werden? Allein wir haben viel mächtigere Anhäufungen von Pflan zenresten noch vor Augen, Der Missisippi in den vereinigten Staaten von Nordamerika treibt noch jetzt ungeheure Massen von Pflanzen, vom riesigen 150 Fuß langen und acht Schuh dicken Stamm bis zum Farrenkrautbündel herab, auf seinen Gewässern in das Meer, wo er einen Strom von vielen Meilen Breite und viele Hundert Meilen lang mit Treibholz bedeckt. Dieses reißen seine Wasser in den Urwäldern los und führen es mit sich. Ganz andere Ströme gab es in der Urzeit, vielleicht auch eine ganz andere Pflanzenfülle. Wie konnten da die Ströme wirken! Welche Massen von Pflanzenresten häuften sich dort, wo sie dieselben absetzten.33 Die Steinkohlenlager bieten nichts desto weniger sehr schwer zu lösende Räthsel. Man findet die Kohlen immer in vielen Schichten übereinander; oft zu mehreren Hunderten. Diese Schichten sind an sich wieder sehr ungleich; einige sind kaum zoll dick, andere mehrere Fuß, wieder andere haben die ungeheuere Mächtigkeit von vielen bis zu Hundert Fußen. Wie nun auf und zwischen die Kohlenschichten der Sand, der allmählig zu Sandstein zusammenwuchs und sich verhärtete, oder Thon, der zu Thonschiefer ward, kam, das ist leicht einzusehen. Wasser stand oder floß über den Schichten der Pflanzenreste und schwemmte darüber Jrdenmassen an. Dann konnte im Laufe von Jahrhun derttausenden auf diesen Anschwemmungen abermals eine Pflan zendecke vegetircn, oder die Fluth wieder Pflanzeurcste anschwemmen. Aus was für Pflanzen entstanden nun die Steinkohlenlager? Und wie lange ist es her, seitdem ihre Bildung begann? Die erste von diesen zwei Fragen beantwortet uns das Steinkohlenlager durch die in demselben zu findenden Pflanzen reste selbst. Es entstand die Kohleumasse aus dem Kohlenstoff, den unermeßliche Wälder baumartiger Farren, Rohre und Schach telhalme enthielten. Andere Gewächse gab es damals noch nicht. Die Kohleubildung begann also erst, als die Sonne bereits durch die die Erde umgebenden Dunstmassen wirken konnte, als es Land gab, welches nur selten und periodisch noch überfluthet ward; als Pflanzen mit Luftadern, Nahrnngsadern, welche von Zellen umge ben waren, lebendig wurden. Solche Pflanzen wurden von der von unten wirkenden Erdhitze, dann von dem bleichen Sonnenlicht und einer übermäßig mit Kohlenstoff und Wasserdunst gesättigten Luft zu riesenmäßiger Größe emporgetrieben, und wahrscheinlich auch zu einer unendlichen Fülle und Manichfaltigkeit, zu unermeß lichen Wäldern. Die ganze Erde konnte damals nur solche Pflanzen Hervorbringen; in dem Zustand der damaligen Erde und der sie umgebenden Atmosphäre gab es außer Schimmel, Brand, Flechten, riesigen, ganzen Hügeln gleichenden Pilzen auf der einen Ungeheuern Sumpf darstellenden Erdoberfläche nur solche Pflanzen. Darum bestehen die Kohlenlager in allen Zonen der Erde von Pol zu Pol nur aus solchen Pflanzenresten. Der Pol hatte damals durch die allgemein noch große und gleichmäßige Erd wärme ein Tropenklima; es gab der ganzen Erde nur eine warme heiße Zone; das Sonnenlicht, welches damals (dem Mond- 334 licht gleich) nur erhellend wirkte, konnte noch nicht die klimatischen Verschiedenheiten Hervorbringen ; die Wärmekraft war eine Wir kung der Erdhitze; auch die Nacht war eine laue, ungeheuer feuchte, dunstige Sommernacht. Diese Sätze merkt Euch, liebe Kinder. Ich muthe Euch dagegen nicht zu, der Berechnung zu folgen, welche die Gelehrten über die Zeit der Kohlenbildungen angestellt haben. Sie soll vor zehn Millionen Jahren stattgefunden und ein paar Millionen Jahre gedauert haben. Ob das richtig ist, darauf kommt es nicht an; wir wissen doch, daß es länger seitdem her ist, als der mensch liche Geist begreifen kann. Ganz wohl!" höre ich Manches unter Euch rufen und wer es nicht sagt, wird so denken; wir wollen das auf Treu und Glauben so hinnehmen; doch wäre eS uns sehr lieb, wenn wir dafür einen thatsächlichen Beweis hätten, daß die Steinkohle aus Pflanzenresten entstanden ist." Die Natur ist ein Buch, in welchem wir nur recht emsig suchen dürfen und wir finden Erklärungen für die meisten Räthsel. Es ist mit ihr, wie mit einem andern gcheimnißvollen und herr lichen Buche, mit der Bibel. Wer darin sucht, um Seelenfragen sich selber genügend und tröstlich zu beantworten; wer die leitende Hand Gottes in der Erziehung des menschlichen Geschlechtes für eine bessere vollkommenere Welt erkennen möchte, der lese nur mit rechter Herzenssehnsucht nach Befriedigung seiner Wißbegierde in ihr und er wird befriedigt werden. Denn wie die Natur das Buch der natürlichen, so ist die heilige Schrift das Buch der gei stigen Geschichte. Beide stehen in einer innigen und vollkomme nen Wechselbeziehung; ohne eines derselben könnte der Mensch nicht das werden, was er sein soll. Da verkauft man an Orten, wo Holz und Steinkohlen theuer und deshalb nicht vortheilhaft anzuwcnden sind, viereckige bräunlichschwarze Kuchen von häßlichem Geruch und Ansehen. Das ist der Torf; er dient zur Feuerung; wer kennt ihn nicht? Der Torf besteht aus dem verfilzten Wurzelgeflecht einer eigenthümlichen Pflanzengrnppe, welche Torfmoos" (Sphagum) genannt wird. Dieses Moos wächst am liebsten an feuchten sumpfichten Orten, wo der Boden so arm ist, daß er kaum einer- andern Pflanze die nöthige Nahrung liefert. Dort, wo das Meer das Land verließ, wo alles noch naß und sumpfig ist, dortsiedelt sich gleich dieses Moos an, bildet anfangs dünne, dann immer dicker werdende Nasen, welche im Laufe der Jahre, der Jahrhunderte und Jahrtausende so an Mächtigkeit zunehmen, daß ihre Lagen vierzig, fünfzig, hundert ja mehrere hundert Fuß dick werden. Zu einer so ungeheuer dicken Torfmaffe gehört freilich auch eine undenklich lange Zeit. Denn alle Jahre bleibt von der Ra sendecke eines Torfmoores, die im Winter abstirbt, nur die dünne Rinde von feinen Würzelchen übrig; das Torfmoor nimmt also in einem Jahre oben kaum um eine Linie, den zwölften Theil eines Zolles, zu. Und ein Zoll ist nur so lang, als ein Daumen breit ist. Das ist nicht viel. Nun muß man sich aber noch et was anderes dazu denken, nämlich: je tiefer die Lagen des Torfes werden, desto größere Lasten liegen durch die oberen auf den un teren, drücken und pressen diese zusammen und so kommt es dahin, daß eine solche Torfschicht, die in einem Jahre eine Linie stark wurde, unten so dünn gepreßt wird, daß erst 12, 15, ja 20 solche znsammengepreßte Schichten so dick, wie eine Linie, sind. Welches Alter haben nun solche Torfmoore? Ihr werdet ohnehin schon bemerkt haben, daß die unvollkommenen Pflanzen, aus denen sie bestehen und entstanden sind, einer sehr frühen Pe riode angehören, daß sie nur an dem Orte, wo sie ursprünglich sich bildeten, fortwuchern und nicht leicht ein anderes Gewächs aufkommen lassen. Dennoch findet man beim Torfstechen in den Torfmooren wohlerhaltene Pflanzenreste, welche gar nicht dem Torfmoor angehören; es sind Schilfblätter und Stämme, Wurzeln von Wasserpflanzen, sogar ganze Baumstämme. Ihr seht, liebe Leser, daß das Räthsel sich mehr und mehr verdunkelt, statt klarer zu werden. Man hat sogar Reste urwelt- licher Thiere in den Torfmooren gefunden, welche auf eine Periode der Einsenkung schließen lassen, die der Lebenszeit urweltlicher Thiere entspricht. Zugleich nehmen solche Torfmoore an manchen Orten ganz ungeheuere Strecken ein. Die Südküsten der Nord- und Ostsee zeigen die ausgedehntesten Torflager, die nicht selten 80 Fuß tief sind. In Holland und Ostfriesland bergen solche Torfmoore ver moderte Pflanzen aller Art, nicht allein kleine Moose und Flechten, sondern auch ganze Bäume jeder Gattung, die man noch leicht zu erkennen im Stande ist. Denn nichts ist da verfault; die36 in den Torfmooren sich bildende Säure, die Humus säure, dnrchdringt sie ganz, durchdringt alles vollständig und hindert die Fänlniß. Endlich findet man in Irland große Torfmoore, welche 270 bis 300 Fuß tief sind und in Amerika andere, die, eben so tief, zugleich 40 Meilen lang und 25 Meilen breit sind. Also ist die Möglichkeit, daß aus Torf die großen Stein kohlenlager entstanden sein könnten, sehr wahrscheinlich gegeben und es fragt sich nur: wie kann Kohle aus Torf werden? Alle Pflanzen, von den kleinsten bis zu den größten stolzesten Bäumen bestehen Kohlen-, Wasser- und Sauerstoff. Außerdem findet man in ihnen noch Beimischungen anderer Art, z. B. Kieselerde, Kalk, Stickstoff, Kali u. dergl.; aber stets nur in ganz geringer Menge. Liegen nun Pflanzen lange Zeit unter Wasser, so bildet sich in ihnen eine eigenthümlich flüchtige, widerlich riechende Substanz, welche Bitumen genannt wird. Das Bitumen wird in den Pflanzenmassen desto reichlicher gefunden, je tiefer sie liegen. Der am tiefsten liegende, dem größ ten Druck ausgesetzte Torf ist also am bituminösesten; er wird ganz erdig gefunden und durch den Druck so zusammengepreßt, daß seine Bestandtheile gar nicht mehr erkennbar sind, daß er den Braunkohlen ähnlich sieht, ja daß nur Kenner die sen uralten Torf von Braunkohlen zu unterscheiden im Stande sind. Wird nun Kohlenstoff in ungeheueren Massen von Pflanzen resten aufgehäuft, werden diese Massen mit Schichten jüngerer Ge- birgsarten bedeckt und durch diese ein ungeheuerer Druck auf die selben ausgeübt, so entsteht schon durch diese gewaltige Pressung aus dem bituminösen Pflanzeustoffe ein kohlenartiges, seltsam aus sehendes Gebilde. Dringt nun, was gewiß oft geschah, bei Erd beben oder sonstigen mächtigen Erschütterungen der Erdoberfläche, durch welche sie gespalten, zcrrrissen oder sonst verändert wird, das glühende Innere der Erdmasse wieder mehr zu Tage (es kommt ja heute noch durch die Vulkane Sonnenlicht) so wer den zuerst die gasförmigen Verbindungen von Kohle und Sauer- stoff, sowie von Kohle und Wasserstoff, vertrieben, dann aber auch die anderen flüssigen, flüchtigen Substanzen in Dämpfe aufgelöst und verflüchtigt. In den großen Steinkohlenlagern findet man eine Verthei-37 lung der Kohlcnarten, welche auf solche Umwandlungen hinzudcu- tcn scheint. Die unten liegenden Kohlen sind ganz dunkel und schwarz gebrannt, von Bitumen ganz frei, glänzen pcchartig; die höheren Lagen gehen in die gewöhnliche Steinkohle über, werden ferner um so bituminöser, je höher sie liegen, verlieren sogar nach und nach ihre Festigkeit und dunkle Farbe, werden braun und wir stehen am Uebergang der Stein- zur Braunkohle. Die tief untersten Lagen der Kohlenwcrke aber zeigen eine Kohle, welche alles Bitumen, alle Ncbcnbcstandtheile der Pflanzen, vollkommen verlor, dafür etwas Eisen aufnahm und ein metalli sches bleiartiges Ansehen bekam. Diese Kohle brennt nicht im stärksten Kohlcnfcuer; sie brennt nicht in Flammen; man macht deshalb daraus die Schmelztiegel, in denen Silber und Gold ge schmolzen werden können; nur das schwerflüssigste von allen Me tallen, Platina, kann man nicht darin schmelzen; da versengt und zerbröckelt sich der Schmelztiegel. Man nennt diese Kohle Gra phit; Ihr kennt sie recht gut, liebe Leser; Ihr habt alle Tage in der Hand, zieht Linien damit, zeichnet Figuren Papier . . eure Bleistifte bestehen Graphit; Graphit ist die Schrcib- ko hle. Ein Zwischending zwischen der Schreib- und Steinkohle ist der Anthracit, eine sehr glänzende Kohle, welche auch sehr hart zu entzünden ist. Zwischen Torf, der sich durch sehr schweren Druck in eine den Braunkohlen ähnliche Substanz umgestaltet und der Stein kohle, die dort, wo das unterirdische Feuer nimmer so mächtig hin wirkte, in ein braunkohlenartigcs Gebilde übergegangen ist, steht die bituminöse Braunkohle mitten inne. Jünger, als die Stein kohle, älter, als der Torf, ist auch sie Pflanzenrcsten zusam mengesetzt; sie lassen sich in der Braunkohle ohne alle Mühe er- keünen; jedes Kind findet die auffallendsten Beweise des Pflan- zennrsprungeö in ihr. Aber aufmerksam betrachtet, findet man, daß jene Pflanzen einer neueren Periode der Erdrindenbildung angehören, als jene der Steinkohlenlager. So kann denn unter gewissen Bedingungen jedes Torf ein Braunkohlenlager werden; es könnte durch vulkanische Ein wirkung der Torf sogar in Steinkohle, ja in Anthracit und Gra phit umgewaudelt werden. Und das alles ist vor undenklichen Zeiten auf der Erde wirklich geschehen.38 Aber Ihr muffet nun nicht glauben, daß sich diese Ordnung der Dinge überall findet. Bei solchen Revolutionen, wie sie die Erde tausend und abertausendmal erlitt, ist alles zerrissen, zerstört, die Ordnung der Dinge oft gerade umgekehrt und nur wenige Lager stelleu uns jenes belehrende und unzerbro chene Bild dar, aus dem wir die Bildung der Kohle uns enträthseln konnten. Alles ist auf der Erde unendlich manichfaltig, wundergestaltig und darum so wunderbar, daß sich dem staunenden Blicke überall neue und interessante Räth- sel darstellen. Fassen wir nun das oben Gesagte kurz zusammen, so ergibt sich Folgendes: Die Pflanzen der ältesten Lebensperiode waren nur Zellen; nach ihnen folgten höher organiflrte Pflanzen im Urgewässer. Auf der nackten Erdrinde bildeten sich sodann Moose, Flechten; hernach Pilze; dann Schachtelhalme, Farren. All diese Gewächse, obwohl einerlei ihrer Natur nach, waren in ihren Spielarten unendlich verschieden; der Reichthum und die Manichfaltigkeit der Natur be wies sich gewiß auch bei ihnen auf das wunderbarste. Es lebten kleine neben den größeren; einfachgestaltete neben den zierlichen in herrlicher Abwechselung und unendlicher Fülle. Jede Zeit brachte ihr Eigenthümliches; es starb Geschlecht auf Geschlecht, an dern höher organifirten Raum gebend, und in den Gräbern, un ter der Erddecke, welche Fluth auf Fluth über den Resten jenes wundervollen Lebens aufhäufte, bildete sich aus diesen die Kohle, die Mumie, in der wir jene Gestaltungen und Gebilde noch zu erkennen vermögen. Und Eines ist gewiß: der Reichthum, die unendliche Pracht, Manichfaltigkeit und Größe unserer jetzigen Pflanzenwelt wurde von der damaligen nicht im entferntesten erreicht. Was ist es denn, wenn die Vorwelt Schachtelhalme von 60 bis 72 Fuß Höhe und halb Schuh dick hatte? Wie traurig sah sich ein viele Mei len breiter Sumpf an, der nur solche rauhe, einförmige Gewächse enthielt! Die Farren sind schon schöner; in den Tropen sind sie ein Schmuck der Felswände. Aber ganze Wälder, blos sol chen Farren von 60 bis 80 Fuß Höhe bestehend, oft nur aus einer und derselben Art ach, das war gewiß sehr einförmig! Denkt man sich dann noch riesige Pilze und Moose hinzu, Ge wächse, deren Anblick nichts für das Auge darbietet, das einem39 unserer Blumenbeete nur entfernt gleichkommt, sondern die uns durch ihre häßliche Gestalt und Farbe vielmehr nur anwidern; denkt man sich gegen das Bild jener Darren- und Schachtelhalm wälder unsere herrlichen Forste mit ihrer reizenden Abwechselung von Laub- und Nadelholz, mit ihren riestgcn Stämmen, denen kein Gewächs der Urzeit nur entfernt gleichkam dann werden wir uns glücklich Preisen, in einer lichteren und schöneren Periode zu leben. \  Die Stämme von nrweltlichen Bäumen gehören aber nicht allein den Farren und dergl. Pflanzen an, sondern es findet sich darunter noch manches Seltsame. Man findet Stämme, deren Durchschnitt eckig aussieht; andere zeigen eine Rinde, gestaltet wie lange Wülste. Solche Pflanzen müssen über und über mit Blät tern bedeckt gewesen sein, mit palmenartigen Blättern, und da der ganze Stamm von unten bis oben hinaus zur Spitze so geschmückt war, sah er vielleicht aus, wie ein ungeheurer grüner Fedcrbnsch. Man nennt solche Gewächse, Sigillarien und Stygmarien. Urwcltliche Farren, Cicasarten, Sigillarien und Stygmarien, von allen diesen Pflanzen hat man Stämme in den Steinkohlenforma tionen gefunden. Auch ihre Blätter und Früchte sind dort entdeckt worden und so hat man, eines an das andere reihend, sich ein vollkommenes Bild von ihnen zu entwerfen vermocht. In späteren Perioden folgten schon Nadelholzbäume, welche auf weite, trockenliegende Landschaften schließen lassen. Mas für Spuren von der Reihenfolge der Thiere finden fich, und welche Entdeckungen hat man in diefer Hinficht gemacht? Als Pflanzen auf der Erde lebten, konnte auch ein Thier leben sich entwickeln. Die Pflanze lebt hauptsächlich vom Kohlen stoff; sie athmet Sauerstoff aus. Je mehr Sauerstoff sich durch die Pflanzen entwickelte, je mehr dadurch der Kohlenstoff in der Athmosphäre vermindert ward, desto günstiger wurde die Luft zur Erhaltung des Thiercs. Wie dieser Satz steht, so wird er Euch nicht viel nützen,v 40 liebe Leser, und es kommt für unfern Zweck auch sehr wenig dar auf an, zu untersuchen, ob er richtig ist, oder nicht. Wir über lassen es den Gelehrten, zu beweisen, was sie uns mit diesem ihnen nachgesprochenen Satze sagen wollen; doch Ihr mußtet hö- rW, -was sie sagen, und nun wollen wir wieder zur Natur zurück kehren, die durch Thatsacheu, welche keiner Disputation bedürfen, klar uA-d verständlich spricht. - ersten Thierchcn waren Zellenthicre, das wißt Ihr bereits. Es waren runde oder sternförmige, unendlich kleine Geschöpfe, die nur einer Oeffnung zum Einnehmen ihrer Nah rung bedurften. Wie sahen sie aus? Nichts geht in der Natur zu Grunde! Seht Euch einmal die Punktthierchen, die Räderthierchen durch ein Mikroscvp an; das find die ersten Ge schöpfe, die ältesten gewesen; sie bestehen noch; jeder Tropfen fau ligen Wassers enthält sie in Menge und in unendlicher Verschie denheit. Und Spuren von ihnen? Beweise, daß in der Urzeit lebten? werdet Ihr fragen. Große Lager einer feinen Kieselerde, oder harter Kieselstein bestehen blos aus den Kiesel panzern dieser kleinen Geschöpfe, von denen freilich Hunderte von Millionen auf einen Cubikzoll gehen. Ebenso sind weitgedehnte mächtige Lager eines lockeren kohlensauren Kalkes, der Kreide, nichts, als lauter Reste der kalkigen Schalen unendlich kleiner Mu scheln und Schnecken. Welches war nun das allererste thierische Gebild und wie entstand es? Wir wissen es nicht; es ist ein Gcheimniß, es entstand durch die Schöpferkraft des Allmächtigen! Da wir schon das Nöthigste über die Reihenfolge der Thierbildungen, soweit sie mit Wahrscheinlichkeit nachgewicsen und vermuthet werden kann, gesprochen haben, so wollen wir diese kurzen Bemerkungen beschließen und uns darauf be schränken, unfern Lesern einige der interessantesten Entdeckungen von Thierresten mitzutheilen. Wir wollen dabei solche wählen, welche am häufigsten in unserem Vatcrlaude Vorkommen und des halb von unfern freundlichen Lesern selbst ausgesucht werden können. Infusorien werden sie freilich nicht suchen können, aber Mu scheln finden sie, Schnecken; in den Kalkgebirgen sind diese gar nichts Seltenes. Es ist das natürlich; Infusorien, Würmer, Po lypen und andere Weichthiere gingen verloren, wurden zerstört; aber Muscheln und Schnecken haben harte steinerne Schalen, welche der Zerstörung Trotz boten. Daher finden sich theils ihre Ab-41 drücke, anderntheils auch ihre Schalen in ungeheuren Maffen, im Muschelkalk zu ganzen Gebirgen aufgehäuft. Suchet aus den Kalkbergen im Geröll derselben, da werdet Ihr Muscheln und Schnecken (Ammonshörner) genug sehen. Letztere findet man in besonders ungeheuren Exemplaren, ost einen Fuß im Durchmesser haltend und von der verschiedenartigsten, schönsten Gestaltung und Form. Die Schnecke kommt auch ungewunden und gerade gestreckt vor und wird dann^, Donnerkeil," bei uns in Franken aber Teufelssinger" (wegen ihrer Form und gewöhnlichen Größe) genannt. Auch von Meerpolypen finden sich in den ältesten Schichten unserer Erdoberfläche deutliche Spuren, erkennbare Reste; der Rückenknochcn der Sepia oder des Tintenfisches. Eine höhere Gattung von Thieren, die Glicderthiere oder Krebse, werden auch noch in den ältesten Gesteinen versteinert ge sunden. Aber von Fischen zeigt noch keine Spur. Erst in einer viel höheren Schichtung, welche sich schon der Zeit der Stein- kohlenbildnngen nähert, werden Reste von Knorpelfischen entdeckt. Häufig findet man einen solchen vorweltlichen Fisch, der von sei ner wunderbaren Gestalt Ganoides oder Flügelfisch genannt wurde. Diese versteinerten Fische findet man in dem rothen Sand stein Schottlands in ungeheuerer Menge; aber dieses Gestein ge hört zu den ältesten Bildungen unserer Erde. Ebendaselbst hat man einen wundergestaltigen Krebs, den Ar^68 annalus, entdeckt. Diese Geschöpfe durchzogen aber jene Meere nur vereinzelt; ein ganz anderes Leben und Wirken entfaltete sich im Reiche der Korallen und unsere Kalkgebirge find ihre Werke; ja, die Hälfte aller Gebirge auf der Erde, soweit sie nicht der Feuerbil- dnng, also dem Granit, Gneis, Glimmerschiefer, Sienit und der gleichen angehören, sondern Kalk, Kreide sind, wurden von Korallen, Madreporen erbaut. Nehmt Ihr ein solches Stücklein Kalk zur Hand, so seht Ihr zwar nichts Besonderes daran; aber wenn Ihr ihn mit der Loupe, einem convexen, etwa nur zwei- oder dreimal vergrößernden Glase betrachtet, so sehet Ihr die ganze Bruchfläche des Steines mit feinen regelmäßigen Zeichnungen be deckt. Sie haben tobte Thiere oder Bruchstücke derselben einge schlossen, die im Verlaufe der Zeiten, als die Gebirge wieder verwitterten, davon gelöset haben. Ein sehr schön erhaltener Krebs, Astacus ornatus genannt, wurde im Oolit von Aorkshire gefunden.42 Auch Amphibien, Lurche, treten nun auf; was aber die Natur damals an solchen Geschöpfen aufwies, ist unvergleichlich größer und furchtbarer gewesen, als was jetzt noch auf der Erde zu finden ist. Damals, wo Vögel und Säugethiere noch nicht zu leben vermochten, wo die Erde noch mit erwärmtem Gewässer be deckt und das Land größtentheils ein unheimlicher Sumpf war, aus dem die unzählbaren Rauch- und flammensprühenden Schlünde der Vulkane emporragten! damals w^. die Zeit der Amphi bien, damals waren sie die vollkommensten Thiere, und gediehen zu einer kolossalen Größe, ManuigfaltigkMt und Furchtbarkeit. Wir wollen zwei davon näher betrachten. Merkt Euch ein mal den Namen des in England häufig gefundenen Ichthyo saurus. Das Knochengerüst hat stets eine Größe von 15 bis 20 Fuß; der ungeheuere Schädel allein ist 4 bis 5 Fuß lang, flach und spitzig gebaut. Vor den Angenhöhlen findet sich das Nasenloch; die beiden ausgehöhlten Kiefer tragen an 150 kegel förmig gebogene, 2 3 Zoll lange äußerst spitzige Zähne. Wo die Zähne aufhören, war das Auge, ein tellergroßeö Auge! Welch ein entsetzliches Ansehen mag dieses schreckliche Thier gehabt haben! Am langen Leib saßen die vier Füße; aber diese waren nicht zum Gehen, sondern zum Schwimmen eingerichtet. Wie pflanzten sich solche Thiere fort? Legten sie auch Eier, wie unsere Krokodille und Kaimans? Auch darauf fand man die Antwort- sie gebaren lebendige Junge. Pearce hat in dem Liasthonschiefer von Somersetshire den versteinerten Körper eines Ichthyosaurus gefunden und zwar in einer ganz natürlichen Lage, mit den Füßen nach unten auf dem Bauche ruhend. So wurde das Thier durch eine gewaltsame Re volution überrascht, mit Sand bedeckt und versteinerte mit dem selben, soweit es nicht verweste. Bei der Auffindung war man nun bemüht, das Knochengerüste mit möglichster Sorgfalt zu er halten und es wurde deshalb der ganze Block erhoben und um gekehrt, so daß man zu demjenigen Theile gelangen konnte, wel cher ursprünglich in den weichen Thon versunken und daun nur von obenher mit Sedimentgestein bedeckt wurde. Bei Entfernung des verhärteten Thones entblößte man die ganze untere Seite des Ungeheuers; dieselbe war vollkommen wohl erhalten, wie das Ein drücken in den weichen Thon vermuthen ließ. Während man also vom Rücken und den Seiten den Sandstein mit dem Meißel weg-43 sprengen mußte, brauchte man von unten her nur den mäßig har ten Teig abzukratzen, welcher in das Gerippe eingedrungen war. Bei dieser Arbeit sah der Entdecker mit Staunen, daß sich in der Beckeuhöhle dieses Ichthyosaurus ein Miniaturbild desselben befand. Das etwas verschobene kleine Thier liegt gestreckt der Länge nach in der Beckcnhöhle mit dem Kopfe nach dem Schwänze des großen Thieres; es wird von dem Beckeuknochen des Mutter- thieres halb eingeschlossen und ruht, als ob es in dem Augenblicke der Geburt mit seiner Mutter zugleich getödtet worden wäre, halb inner- halb außerhalb des Leibes des alten Thieres. Aus diesen und vielen andern gewichtigen Wahrnehmungen hat man sich mit Bestimmtheit überzeugt, daß dieser kleine Ichthyo saurus nicht durch einen äußeren Zufall in diese Lage kommen konnte. Das kleine nur etwa sechs Zoll lange Thierchen wurde von dem alten Thiere geboren; im Augenblick der Geburt über raschte der Tod Mutter und Kind. Der Ichthyosaurus gebar also lebendige Junge, wie alle noch jetzt auf der Erde lebenden Thiere seiner Gattung, die Fischeidexen. Ein zweites ganz außerordentliches Thier war der Plesio- saurus, eine Eidexe mit einem übermäßig, langen Halse, der die Länge des Rumpfes um das Doppelte übertraf. Das Gerippe von diesem monströsen vierzig Fuß langen Geschöpf fand man in dem Lias von Lyme Regis. Der Kopf dieses Ungeheuers hatte die größte Aehnlichkeit mit dem des Ichthyosaurus; allein er saß nicht dicht am Rumpfe, sondern auf einem Halse, welcher den Leib um das Doppelte an Länge übertras. Dieser Hals hat 29 Hals- wirbclbeine von ungeheurer Größe und daraus läßt sich schließen, wie dick dieser mit Muskeln gewiß stattlich versehene Hals war und welch eine ungeheure Kraft das Thier in demselben besessen haben muß. Die Kinnladen des ungeschlachten Kopfes waren mit zwölf mächtigen Fangzähncn versehen; das Thier, eine Schwimm- eidexe, lauerte vielleicht in den Schachtelhalmsümpfcn am Ufer und konnte da vermittelst seines kolossalen, langen Halses seine Beute, die am Lande irrte, ergreifen, wenn sie ihm nahe genug kam, in das Wasser reißen und da verschlingen, ohne daß es nöthig ge habt hätte, sein Element zu verlassen. Oder im Kampfe konnte es den Gegner beißen, zerfleischen, und sein verwundbarer Rumpf blieb weit aus dem Bereich der Klauen und Zähne desselben. Welch ein schrecklicher Anblick mochte das gewesen sein, wenn aus44 der trüben Fluth sich der riesige Kopf und Hals eines solchen gräulichen Unthicres Plötzlich verderbenbringend hcrvorstrcckte! Das waren also krokodil- oder eidechsenartige Ungeheuer, eines immer furchtbarer und gewaltiger, als das andere und wenn sie an Kühnheit und Gefräßigkeit den heutigen Scheusalen dieser Thicrgattung glichen, dann mag damals für die übrigen und schwä cheren Geschöpfe ein böses Dasein gewesen sein. Es werden Ueberrestc von sehr verschiedenartigen Riesenthieren solcher Art ge funden; man nannte sie Teleosaurus, Megalosaurus, Hyläosaurus, Mosasaurus u. s. w., alle 25 bis 30 Fuß lang mit 6 bis 8 Fuß langen gräulichen Köpfe , und Rachen von nicht geringerer Länge, die sie noch dazu ungeheuer aufsperren konnten, so daß ein Thier von der Größe eines tüchtigen Ochsen kein besserer Bissen für sie war, als eine große Ratte für unsere Hauskatze. Ja der Jguanodon soll sogar 70 bis 75 Fuß lang geworden sein; we nigstens fand man sein Geripp von so monströser Länge. Daß aber unsere jetzigen Krokodile damals fehlten, wäre ein Jrrthum, in den der geneigte Leser nicht verfallen darf. Auch von ihnen findet man erkennbare Reste. Aber auch sie waren größer, grauen hafter, bis 40 Fuß lang, so stark gepanzert, daß sie unverwundbar waren, mit entsetzlichen, zähncstarrendcn Rachen und tellergroßen Augen, welche meist oben dem Kopse ganz nahe beieinander standen. Manche von ihnen hatten sogar zweischneidig geschärften Sägen gleichende Zähne, welche die erfaßte Beute förmlich entzwei zu schneiden geschaffen waren und deren Gewalt nichts widerstehen konnte. Von friedlicheren Thieren hat man ebenfalls mancherlei Reste gefunden, namentlich von Schildkröten; aber nach Vögeln und Säugethieren sucht man in den Gesteinen der Seknndärpe- riode vergebens. In der Tertiärformation dagegen finden sich Reste aus allen Klassen des Thicrrcichs und jene Geschöpfe standen den jetzt lebenden sehr nahe, es läßt sich fast überall die Verwandt schaft Nachweisen mit den jetzt noch die Erde bewohnenden Ge schöpfen ihrer Art und Gattung; nur sind die jetzt lebenden Ge schöpfe noch höher und vollkommener entwickelt, sie sind schöner und edler geformt, sie stehen auf einer höheren Stufe; sie sind in dem Maße ausgebildet, daß sie sich zu ihren Verwandten in der Urzeit etwa so verhalten, wie ein schöner Jagdhund zu dem wil den Hunde in Ostindien.45 Ehe wir nun zu der Aufzählung der merkwürdigsten Thiere schreiten, welche in der dritten Bildungsperiode der Erde erschaf fen worden sind, müssen wir noch einen Blick auf die Bedingung ihrer Existenz, aus die fortschreitende Ausbildung der Erdoberfläche werfen. Das dem nach und nach erkaltenden und sich reinigen den Meere hcrvortretende Land war noch so warm, die erkaltende Rinde des Landes war noch so erwärmt, aus dem Inneren der Erde strömte noch überall so viel Hitze aus, daß an den Polen an Eis nicht zu denken war, daß dort ein liebliches warmes Klima herrschte. Je weniger Dünste die erkaltenden Meere anshauchten, desto mächtiger wurde der Sonnenstrahl, desto schöner die Vege tation. Sie, die früher nur treibhausartig, gelb und roth, statt kräftig grün, einförmig in wirren Massen das Land deckte und überzog, gewann an Mannigfaltigkeit und Schönheit, hauchte Sau erstoff in Ungeheuern Massen aus, und sog eben so viel, ja noch unendlich mehr Kohlensäure ein; es entstand also durch das lieb liche Sonnenlicht eine Luft, in welcher andere Thiere, als solche, denen mehr das Wasser Lebenselement war, zu leben vermochten. Wer denkt nicht bei dieser Stufenfolge mit Freude an die schlich ten Worte der Schöpfungsgeschichte? Pflanzen auf dem neu aus dem Wasser gehobenen Land waren da, ehe das Sonnenlicht und das mildere Licht des Mondes und der Sterne sich Bahn durch die unermeßlichen Dunstmassen brach. Aber die Thierbildung be gann erst nach dem Durchbruche der Sonnenstrahlen! (t Moses 1, v. 14.) Und dennoch findet man in dieser Periode, daß die Polarländer von andern Geschöpfen bewohnt wurden, als die Aequatorialgegenden; daß die östlichen Vesten von andern Thieren belebt wurden, als die westlichen. Die riesigen Faulthiere, deren Reste man fand, kennt man nur in Amerika; dort lebt noch der schwächliche Repräsentant derselben, das kleine Faulthier der Ge genwart, der Ai. Die versteinerten Beutelthiere kommen gleich falls nur dort vor, wo man sie jetzt noch findet, in Austra lien. Ebenso findet man die fosilen Reste des Hypopotamus nur in Asten, man würde sie wahrscheinlich auch in Afrika dereinst fin den, wenn dort einmal gebildete, wißbegierige Men schen darnach forschen würden; nur Elephanten gab es in beiden Erdvesten; heut zu Tage leben in Amerika keine mehr. Aber zwischen den nördlich in der alten Welt und südlich46 in derselben lebenden Elephanten war ein merkwürdiger Unterschied. Elephanten und Nashörner, welche man todt im eisigen Norden von Sibirien findet, haben Pelze; die Speisereste, die man in den Mä gen dieser Geschöpfe entdeckte, Zweige von Föhren und Bnchwai- zen, deuten ein kaltes Klima an. Zwischen dem Klima am Pol und jenem am Aequator muß also ein sehr großer und merklicher Unterschied gewesen sein. Dort lebten die Thiere anders, als un ter den Tropen; dort waren ihre Bedürfnisse anders, konnten nicht in der Weise befriedigt werden, als es hier der Fall war; die Sonne brachte diese Unterschiede hervor; je mehr die Erdrinde er kaltete, je mehr die Erwärmung derselben von äußerem Einflüße abhängig wurde, eine desto größere Mannigfaltigkeit des Lebens entstand ihr. Meer und Land zeigen diese sich entwickelnde Mannigfaltig keit; allein es würde uns zu weit führen, wollten wir den For schungen der Gelehrten durch alle Klassen des Pflanzen- und Thierreiches Schritt vor Schritt folgen. Der Raum dieser Schrift gestattet es nicht, da wir mehr anregen, als Vollendetes geben können. Wenn unsere lieben Leser durch uns angespornt werden, sich einst selbst eine größere, bessere Belehrung zu verschaffen, dann ist der Zweck, den wir zu erreichen suchen, auch erreicht. Im Kleinen wirkte das Reich der Polypen in den Meeren ununterbrochen fort; die Madreporen erbauten ihre Gebirge, bis das Gebiet, auf dem sie webten und schafften, durch unterirdische Kräfte gehoben ward, bis die Thiere in der Luft abstarben und wir ihre Ungeheuern Gebäude jetzt als Kalk- und Kreidegebirge bewundern. Aber in den ältesten Kalkgebirgen finden sich wieder ganz andere Muscheln, Krebse, als in den jüngeren; die daselbst anfgefundenen Versteinerungen solcher krebs- und krabbenartigen Thiere der Tertiärperiode sehen manchen der noch jetzt lebenden so ähnlich, daß man sie kaum von diesen unterscheiden kann. Auch das Land wimmelte schon von Kerfen oder Insekten. Aber wie sollen wir wissen, was das für Thiere waren? Auch darauf antworten die Archive der Natur: man findet eine große Menge von Insekten im Bernstein, einem urweltlichen Baum harze, eiugeschlossen. Als ein flüssiger, etwas zäher Balsam entquoll es dem erzeugenden Baume; ein Insekt, das nur mit einer Fuß oder Flügelspitze einen solchen Tropfen berührte, war gefangen, denn jede Bemühung, sich zu befreien, konnte begreiflicher Weise47 nur dazu führen, sich noch mehr zu verwickeln; das nachfließende Harz umhüllte das gefangene Thier bald gänzlich, und vermöge feiner Eigenschaft, selbst nicht in Fäulniß überzngehen, wie alle Harze, schützte dasselbe auch die zartesten und weichsten Thierchen vor Fäulniß, wehrte, sie ganz umgebend, der Luft, die sie zersetzen konnte, den Zugang, und nun finden wir sie vollständig erhalten im Hellen Bernstein. Aber auch im Schiefer, dann im Kalksteine von Soln hofen finden sich Abdrücke von Insekten. Wie kamen sie dahin? Es sind Wasserinsekten, Thicre, welche im Wasser oder am Was ser leben; oft sind sie auch blos zufällig dahin gekommen und mit der Schicht, welche sich über ihre Leichen breitete, versteinert. Ver steinerungen von Fischen kommen in den Gebirgen der Tertiärpe riode in den größten Massen vor; ebenso von Eidechsen, Sala mandern. Jetzt treten auch Spuren von Vögeln ans; das Sänge- thicr findet sich; doch, davon im nächsten Kapitel. Ueberreste der ältesten Sängethiere findet man am häufigsten in einem der Tertiärform angehörenden Gebirge von Südcarolina, einem der nordamcrikauischen Freistaaten. Es waren wallsischar- tige Geschöpfe, doch lang und feingebaut, so daß sie eine größere Beweglichkeit gehabt haben müssen, als unsere heutigen wall- und robbenartigen Thicre. Ebendaselbst fand man vollständige Gerippe von Delphinen; auch in Irland, in den Apenninen, in Schwaben hat man Ueberreste solcher Thiere entdeckt. Landsängcthiere aber? werdet Ihr fragen. Auch diese finden sich. Man hat gefunden, daß die Beutelthiere, die Kän guruhs zu den ältesten Thiercn des Landes gehören. Man fin det Reste von ihnen im Gypse des Berges Montmartre bei Pa ris, dann in England und an vielen andern Orten. Aber die Beutelthiere sind in Europa ausgestorben; man trifft sie nur noch in Australien. Dort aber sind ihre Reste zahlreicher, als irgendwo; die Gattungen mannigfaltiger und an Größe sehr verschieden. Man trifft die Knochen der kleinen Beutelratte und findet solche von einem Beutelthiere, welches die Größe des Rhi- noceros hatte. Aber außer diesen bekannten, jetzt lebenden Ge schöpfen ähnlichen Wesen hat man Reste von andern entdeckt, von denen man in der That noch nicht weiß, was man aus ihnen48 machen soll. Man hat den Schädel eines Thieres gefunden, wel ches nach unten gerichtete Hauer und einen Rüssel hatte. Da der Kops 3V, Fuß lang und 2Vs Fuß breit war, so muß das Thier den Elephanten an Größe erreicht, wo nicht übcrtroffen haben; wenigstens läßt die Größe des Kopfes auf eine Länge von 20 bis 25 Fuß schließen. Die Gelehrten haben flch aus der Gestalt des Kopfes und den an denselben befindlichen Merkmalen ein Bild von der etwaigen Gestalt des Riesenthieres erdacht und da diese schrecklich genug gewesen wäre, wenn sie nämlich dem wirklichen Ansehen jenes gewaltigen Thieres gliche, so haben sie es Dino- therium (das Schreckliche) genannt. Es ist nicht mehr un serer Erde vorhanden, so wenig, als ein anderes ähnliches, tapir- artiges Geschöpf, das Paläontherium. Dagegen hat man an sehr vielen Orten Knochen des Nilpferdes entdeckt; sie kommen in Eu ropa sehr häufig vor. Auch vom Nashorn findet man eine Menge Knochen; doch das wäre nichts besonders merkwürdiges, viel in teressanter ist es, daß man in Sibirien ganze Nhinocerosse, welche in den Mooren eingefroren und durch das Eis erhalten wurden, fand. Doch davon unten mehr. Das Merkwürdige und die Mannigfaltigkeit wächst mit der Ausdehnung der Nachforschungen. In Indien fand man einen Schädel, der an Größe dem des Elephanten gleich ist und durch die weit vorgcstreckten Nasenbeine einen Rüssel verräth. Aber das außerordentliche an diesem Schädel ist, daß das Thier vier ge waltige Hörner hatte, zwei über dem Hinterkopfe, zwei mehr nach vorn an den Augenhöhlen. Also etwa ein gehörnter Elephant wäre das gewesen; wie entsetzlich muß er ansgesehen haben! Die Gerippe der vorweltlichen Elephanten verrathen fast durch weg eine außerordentliche Größe dieser Geschöpfe. Man findet Elephantenreste sowohl in den nördlichen Ländern der alten, als auch der neuen Welt. Die in der alten vorkommenden nennt man Mammuthe, die in Amerika vorkommenden dagegen O h o t h e r e. Wir wollen uns damit ein wenig länger beschäftigen. Ele- phantenknochen fand man schon seit langer Zeit in Europa. Im Lehm des sogenannten Seelbergcs bei Canstatt in Würtemberg sah ein Soldat im Jahre 1700 einige Knochen stecken. Er zeigte die sen Fund an und Herzog Eberhard ließ nun an diesem Platze Nachgrabungen anstellen. Man fand eine unglaubliche Menge49 von Elephantenknochen, einen wahren Leichenhof dieser Thiere. Allein 60 große Stoßzähne wurden erbeutet. Leider warf man die übrigen Knochen als werthlos bei Seite, und der Herr Hof apotheker, dem die Zähne übergeben wurden, wußte auch nichts Besseres daraus zu machen, als gebranntes Elfenbein. Im Jahre 1816 grub man an demselben Orte wieder nach und fand gleich am ersten Tage 24 Stoßzähne; am zweiten dagegen entdeckte man 13 kreuzweise übereinander geschichtete Zähne und daneben ausgebrannte Holzkohlen. Wer legte diese Zähne und schürte Feuer dabei an? Das gibt Stoff zum Nach denken. Leider achtete man auf die Knochen nicht viel; man wußte, es seien Elephantenknochen, aber man gab sich nicht ein mal die Mühe, ein vollständiges Gerippe davon znsammenzustellen, was doch so leicht gewesen wäre! Am zahlreichsten findet man die Elephanten und ihre Kno chen in Sibirien. Da werden so viele Stoßzähne ausgegraben, daß sie einen bekannten Handelsartikel ausmachen. All das El fenbein, welches in großen Stücken zu Platten oder Kunstwerken verarbeitet wird, wurde aus dem Schooße der Erde gehoben; die jetzt lebenden Elephanten haben keine so ungeheuren Zähne, daß man Becher und Kelche von sieben Zoll Durchmesser daraus drehen könnte, wie sie in München im Elfenbeinkabinet gefunden werden. Wir wollen zur Unterhaltung den Fund eines Mammuths aus alter Zeit, und zur Belehrung den Fund eines solchen neue ster Zeit (September 849) nnsern lieben Lesern erzählen. Ein holländischer Gesandter, Jsbrand Id es, reiste im Jahre 1692 als Gesandter durch Sibirien nach China. In der Beschreibung seiner Reise findet sich folgende Stelle: Ich hatte eine Person als Führer bei mir, welche alljährlich ausgewesen, die Zähne von Elephanten aufzusnchen. Diese Person hat mir erzäh let, daß sie einmalen mit ihren Gesellen einen Kopf eines solchen Thicrcs gefunden habe, welcher aus einer am Ufer des Flusses vom Wasser abgespülten und abgestürzten gefrornen Erdmasse her vorgekommen. Sobald sie solchen Kopf geöffnet, befunde sie, daß das Fleisch meistcntheils verfault sei, die Zähne aber, so gleich den Elephantcnzähnen vorn aus dem Maule hcrvorstehen, wurden nicht ohne Mühe ansgebrochcn, wie auch einige Beine von dem Kopf. Endlich seien sie an einen Vorderfuß gekommen, den sie abgehauen und ein Glied davon in die Stadt Trugan gebracht 450 hätten, welches so dick gewesen wäre, als eine ziemliche Manns person in der Mitte des Leibes. In dem Hals wäre an dem Gebeine noch etwas Rothes wie Blut sehen gewesen." Von diesem Thiere wird verschiedentlich gesprochen. Die verruchten Ungläubigen, die Heiden, als die Tungnst, Jakuti, Ostiaki, sagen, daß diese Thiere sich jederzeit in der Erde aufhal ten und darin hin und wieder gehen, ob schon im härtesten Winter noch so stark friere; erzählen auch dabei, daß sie öfters gesehen haben, wann ein solches Thier gegangen; daß alsdann die Erde über demselben aufgeschmissen worden und dann wie derum eingefallen und in ein tiefes Loch verwandelt worden sei. Sie meinen auch ferner, daß, wenn dieses Thier so hoch komme, daß es die Luft sehe oder rieche, so sterbe es alsbald und daher geschehe es, daß an den Ufern der Flüsse, allwo sie unversehens herauskommen, viele todte gefunden werden." Dies ist die Meinung der ungläubigen Heiden von diesen Thieren, welche sie doch niemals gesehen haben; hingegen glauben die alten sibirischen Russen und sagen, daß der Mammuth eben solch ein Thier sei, wie der Elephant, ausgenommen, daß die Zähne etwas krümmer und fester aneinander geschlossen seien. Ueber dieses meinen sie, daß die Elcphantcn sich vor der Sünd- flnth in diesen Ländern anfgchaltcn hätten; da denn dazumal eine wärmere Luft müsse gewesen sein und daß mit der Sündfluth ihre ertrunkenen Leiber, durch und über das Wasser schwimmend, unter die Erde gespület und mit derselben bedeckt worden seien. Nach der Sündfluth aber sei die Lust, welche vorher warm gewesen, in eine große Kälte verwandelt worden, daher sie von derselben Zeit an in der Erde hart eingefroren liegen und vor aller Fäulung be wahrt werden, bis daß sie, nachdem es anfgethauet ist, hcrfür kommen; welches denn keine unverständige Meinung ist, denn außer daß vor der Sündfluth daselbst keine wärmere Luft hat sein dürfen, so kann es wohl sein, daß die Leiber der ertrunkenen Ele- phanten wohl einige hundert Meilen weit von einem Orte dahin in denen Wassern der Sündfluth, die den ganzen Erdboden be deckten, konnten getrieben worden sein." So weit der treuherzige und verständige Holländer. Nun aber folge eine Erzählung aus neuerer Zeit. Die russische Re gierung ist seit einem Jahrzehend auf das ernstlichste damit be schäftigt, die schiffbarsten unter den aus Sibirien sich in das Eis-51 teer ergießenden Ströme untersuchen zu lassen, um die Schätze der sibirischen Wälder auf dem bequemeren Wasserweg aus die euro päischen Märkte bringen zu können. Zu diesem Zwecke wird das Nordmeer längs der Küste von leichten Schiffen befahren, welche die Tiefen, die Strömungen, den Stand der Gewässer, die Buchten, Baien, Strommundungen das genaueste aufnehmen nd in die Ströme werden tüchtige Piloten gesendet, welche deren Lauf, Breite, Fahrwasser auf das genaueste sondiren müssen. Lei der rücken diese nützlichen Arbeiten sehr langsam vorwärts; der Sommer dauert dort kaum zwei Monate, und was kann in einem so kurzen Zeiträume geschehen. Benkendorf, ein Ingenieur, ein gebildeter, thätiger, junger Mann, geboren am 23. Februar 1821 der Insel Oesel in der Ostsee, der Sohn eines dortigen Schullehrers, widmete sich der Bürgerschule zu Riga vor allem den mathematischen Studien, ohne deshalb seine übrige Ausbildung zu versäumen. Das sollte jeder junge Mensch sich zu Herzen nehmen und nicht, wie Viele, nur daran denken, das zu erlernen, was dereinst zu seinem Fort kommen in der Welt unerläßlich ist. Man muß alles lernen, was man lernen kann, wenn man auch für den Augenblick keinen Nutzen davon absehen könnte. So auch Benkendorf. Als er zwanzig Jahre alt war, wurde er für die Armee ausgehoben und Soldat. Aber bald zeig ten sich seine Kenntnisse; er kam zum technischen Korps und stieg zum Posten eines Werkmeisters empor. Jetzt gab er seinen Vor gesetzten den Wunsch erkennen, daß er zur Flotte versetzt wer den möchte. Er hatte an seinem Garnisonsorte das Studium der Astronomie sehr fleißig betrieben, so daß er die Prüfung als See- eadet mit ausgezeichnetem Erfolge bestand. Aus diesem Grunde erhielt er auch sogleich eine Anstellung bei der topographischen Expedition nach den Nordküsten von Sibirien. Die Wintermonate arbeitete er stets im kaiserlichen topographischen Institut zu St. Petersburg; im Mai aber ging er mit einem Schiffe, das ihm zur Verfügung gestellt war, nach dem Eismeere ab, um dort in Verbindung mit andern Männern seines Standes seine Unter suchungen fortznsetzen. Es liegen nun dem Verfasser dieser Schrift mehrere sehr merkwürdige Briefe vor, welche Benkendorf an einen Verwandten in Deutschland über seinen Aufenthalt im Eismeere 4 *52 und in den Strömen von Sibirien schrieb und einem derselben entnimmt er folgende Stelle: Ich habe leider in meinem letzten Briefe von dem interes santen Gegenstände, über welchen Sie Auskunft wünschten, nicht mehr sprechen können, da die bekannten Verhältnisse meine ganze Zeit in Anspruch nahmen. Es war auch in anderer Hinsicht gut, daß ich es damals nicht zu thnn vermochte, denn ich hätte Ihnen nur allgemein bekannte Dinge schreiben können, welche Sie in den Werken der Herren von Humboldt, Ehrenberg, Rose und Andern besser beschrieben finden. Aber während der letztgemachten Expe dition bin ich selbst an solche Orte gekommen, wo man nach Kno chen und Zähnen gräbt, wenn die Witterung es gestattet. Sie müssen vor allem voraussetzcn, daß eben die letztere Bedingung erfüllt sein muß, sonst ist jede Bemühung vergeblich. Sibirien ist nämlich ein sehr merkwürdiges Land und es herrschen hier in cli- matischer Beziehung geradezu die umgekehrten Verhältnisse zu de nen Ihres Vaterlandes. Wenn dort der Winter ein halbes Jahr dauert, so würde doch der Frost nie über acht bis neun Schuh in die Erde dringen. Sie haben ja schon so außerordent liche Winter erlebt. Es herrschte zum Exempel im Jahre 1829 30 in Deutschland der Winter vom November bis April und die mittlere Temperatur in Stuttgart soll 15 Grad unter 0 nach dem Thermometer von Reaumnr betragen haben. An einzelnen Tagen fiel das Quecksilber in der Umgebung von Stuttgart auf 30 Grad unter 0 und das ist ohngefähr ein Maßstab, wie kalt es in Si birien vom November bis Mai ist. Selten fällt das Quecksilber tiefer; aber uie haben die Sibirier eine geringere Kälte als 20 Grad. Nun merken Sie wohl; Der Erdboden friert bei Ihnen nie über acht Fuß tief, denn die bei weitem andauerndere Wärme während Ihrer Sommer dringt tief in die Erde ein und selbst nach dem strengsten und längsten Winter ist die Erde bis Ende Mai bei Ihnen vollkommen aufgethaut. In Sibirien ist das um gekehrt: der Winter übt seine Macht länger aus, als der kurze, wenn gleich sehr heiße Sommer. Der bis in unergründliche Tie fen gefrorne Boden thaut also in der Regel nur drei bis vier Fuß in die Tiefe auf; von da au bleibt alles ewig erstarrt und vereiset. Wenn aber bisweilen außerordentliche Wittcrungsver- hältuisse eintreten, dann kann es wohl (namentlich in Folge lang- anhaltender warmer Regen und schwüler Witterung) dahinkommen,53 daß man tiefer in das Innere des Bodens gelangt. So war m den Jahren 1811, 1818, 1825, 1834 1846. Dieses letzte Jahr brachte im nördlichen Sibirien ganz außerordentlich warme Witterung. Schon im Mai ergossen sich nngehenre Regen über diese weiten Moor- und Sumpfländer; Gewitter erschütterten die Erde und die Ströme führten nicht allein alles Eis sehr schnell in die See, sondern die nachfolgenden warmen Wassermassen, welche beständig von südlich fallenden Regen gespeist wurde , verwandelten ungeheure Strecken auf viele Wochen lang in Seen. Dieser Instand der Länder, in denen wir arbeiten sollten, war nn- serer Absicht nicht günstig. Das Schiff lag den Mai Juni hindurch in einer Bai an der Insel Lachowski, bei Swintoi Soff. Es ist da einsam gräßlich ; die See ist erfüllt mit ungeheuren Eismassen, die das Schiff beständig bedrohen, und welche durch die acht bis zwölf Schuh dicken Eiöschildcr, die der Jndigirka und an dere Ströme in das Meer rollen, vertausendfacht werden. Das nahe Land ist eine öde Wüste; dort streift nur der Eisbär; dort irren scheue Rennthiere; kein Mensch läßt sich in diesen furchtbaren Ein öden blicken, und wer nichts zu arbeiten hat, und sich das Leben angenehm machen will, der könnte es hier nicht lange anshalten. Wir benützten unsere Zeit, um, wenn es die Witterung gestattete, Beobachtungen aller Art anzustellen, da unsere Vorbereitungen schon während der Reise vollkommen beendet waren. Allein end lich wurden wir auch dessen müde; der Himmel, beständig mit Nebel und dichten Wolken bedeckt, welche wahre Sündfluthen von Regen herabscndeteu, schien sich gegen uns verschworen zu haben, um uns durch Langeweile nmzubringen. Endlich aber hellte sich das Wetter ans; ein starker Südost reinigte die See von Treib eis und unter lautem Jubel gingen wir unter Segel. Nach zwei Tagen warfen wir in der Jndigirka-Bai Anker und die Expcdi- tionskutter wurden zur Fahrt in das Innere in Bereitschaft ge setzt. Ich weiß, daß Sie von der Einrichtung dieser beweglichen Fahrzeuge gern etwas wissen möchten, und somit vernehmen Sie denn, daß es kleine, den Neckarbooten ähnliche, eiserne Dampf schiffe sind, deren die Fregatte zwei mit sich schleppt. Diese Kut ter gehen nur zwei Fuß tief, sind mit Kohlen auf sechs Wochen versehen und laden so viele Lebensmittel, als für die Mannschaft während dieser Zeit nöthig ist. Jedem wird ein Gehilfe des Schiffsarztes beigegeben; dann sind zwei Heitzcr und ein Maschi-54 nenwärter da, sodann ein Unteroffizier nebst zehn tschernomorischen Jägern. Als Befehlshaber dieses kleinen Kriegsschiffes jüngste ich; als Unterbefehlshaber meine beiden technischen Gehilfen. Wir dampften am ersten günstigen Tage flußaufwärts in der Jndigirka; aber da war kein Gedanke an Land, wir sahen uns auf einem Ungeheuern See von fchmutzigbraunem Wasser und erkannten den Fluß nur an der wildwirbelnden, dumpfrauschenden Strömung. Bäume, Moos, ganze Torfmassen rollte die Fluth uns entgegen, so daß wir nur mühsam und von mancherlei Gefahr bedroht, vor wärts kamen. Am zweiten Tage gelangten wir etwa vierzig Werst flußaufwärts; doch mußte beständig Einer die Stange zum fondiren in der Hand haben und das Schiff erhielt manchmal so derbe Püffe, daß cö bis in den Kiel erzitterte. Ein hölzernes Fahrzeug wäre zerschmettert worden. Um uns sahen wir nichts, als das überschwemmte Land. Acht Tage lang drangen wir im mer unter gleichen Hindernissen stromaufwärts, bis wir endlich den Ort erreichten, wo unsere Jakuten uns erwarten sollten. Es liegt weiter aufwärts ein Ort, Namens Ulandina, von wo aus uns die Leute hätten entgegengesendet werden sollen; allein sie waren nicht da; wahrscheinlich machte ihnen die Ueberschwem- mung unmöglich. Da wir schon im vorigen Jahre hier gewesen waren, so kannten wir die Gegend. Allein wie hatte sie sich ver ändert ! Der hier etwa eine Stunde (3 Werst) breite Jndigirka hatte das Land zerrissen, neue Fluthbetten gewühlt und wir sahen staunend, als das Wasser endlich sank, daß das alte große Flußbett zu einem armseligen Nebenfluß geworden war. Dieses ließ mich auf sehr tiefeingehende Erweichung des Bodens schließen und wir gingen sogleich daran, den neuen Hauptfluß zu verzeich nen und zu vermessen. Er hatte westwärts in das Land ein- gesressen. Später landeten wir an dem neuen Ufer und beobach teten das Uuterwühlen des wilden Gewässers, welches mit er staunlicher Geschwindigkeit ganze Joche von dem erweichten Mvor- und Lehmboden abriß und sortführte. Da war es denn, wo wir eine merkwürdige Entdeckung machten. Das Land, welches wir betraten, war Moorland, ein fetter mit einer dichten jungen Pflanzendecke überzogener Boden. Man cherlei liebliche Blümchen erfreuten da das Auge im warmen Strahl der 22 Stunden lang scheinenden, fast gar nicht nntergehenden Sonne. Der Fluß wogte daran vorüber und riß diesen weichen55 durchnäßten Boden auseinander wie Spreu, so daß es gefährlich war, dem Rande allzunahe zu kommen. Waren wir alle recht leise, so hörten wir unter unfern Füßen ein dumpfes Gurgeln und Wühlen; das verrieth die Arbeit der zerstörenden Wasser. Auf einmal schrieen unsere überall herumstreifenden Jäger laut auf und deuteten auf einen seltsamen und unförmlichen Gegenstand, den das wühlende Wasser bald hob, bald wieder einsenkte. Ich hatte das schon bemerkt, aber für Treibholz gehalten und weiter nicht darauf geachtet. Jetzt eilten wir alle an die Stelle des Ufers, ließen auch das Boot daherkommen und warteten, bis sich das geheimnißvolle Ding wieder zeigen würde. Es dauerte lange für unsere Ungeduld; doch endlich hob es sich schwarz, graußig und riesenmäßig aus der trüben Fluth und siehe: ein kolossaler mit gewaltigen Stoßzähncn bewaffneter Elcphantenkopf tauchte ganz aus dem Wasser empor; den langen Rüssel aber bewegte der Zug des Wassers gespenstisch hin und her, als suche das Thier nach etwas Verlornem in demselben. Athemlos vor Staunen sah ich hin nach dem kaum 12 Schuh von mir entfernten Ungeheuer; seine halbgeöffneten Augen zeigten noch das Weiße; sie wa ren noch vollkommen erhalten. Monmutt, Monmutt!" brach das Geschrei der Tschernomoren los und ich ries: Schnell, Ket ten herbei! Taue!" Ich gehe über unsere Anstalten hinweg, uns des ricsenmäßi- gen Thieres zu versichern, dessen Leichnam uns die wühlenden Wasser zu entreißen drohten. Da das Thier wieder versank, so warteten die im Boote vor allem eine Gelegenheit, ihm ein Tan um den Hals zu werfen. Dieses gelang erst nach mehrma ligen Versuchen. Uebrigens hatten wir keine Ursache, uns zu ängstige , denn durch Untersuchung des Bodens überzeugte ich mich, daß der Mammuth mit den Hinterbeinen noch im Boden stack, und daß vielmehr das Gewässer seine riesige Leiche für uns demselben losarbeitete. Wir befestigten also ein Tau um seinen Hals, legten dann eine Kette um seine großen acht Schuh lan gen Stoßzähne, schlugen einen starken Pfahl etwa zwanzig Schuh vom Ufer in den Boden und banden da die Kette und das Tau fest. Der Tag verging mir schneller, als ich dachte; aber es wurde mir lange, ehe ich mich des Thieres versichern konnte, denn erst nach Verlauf von 24 Stunden hatte es der Fluß vollkommen losgcwühlt. Aber interessant war mir die Stellung des Thieres,56 denn es stand in der Erde, es lag nicht, wie todte Thiere auf der Seite oder dem Rucken und daraus schloß ich auf die Art sei nes Unterganges. Der weiche Sumpf- oder Moorboden, den es einst vor Jahrtausenden betreten hatte, gab unter der Last des Riesen ach, als derselbe darauftrat; er versank mit den Füßen in denselben, unfähig, sich zu retten; er ging zu Grunde in diesem seltsamen Grabe und ein starker Frost machte, daß er sammt dem Moor, welches ihn verschlungen hatte, zu Eis erstarrte. Dieses aber wuchs und grünte fort, jeden Sommer sich verjüngend; viel leicht häufte der nahe Fluß Massen von Sand und Pflanzenresten hier bei einer Ueberschwemmung einst über dem todteu Thiere au, oder, Gott weiß es, was für Ursachen zur Erhaltung dieser Leiche mitgewirkt haben? Jetzt aber riß der Strom dieselbe noch ein mal an das Tageslicht, und ich die Eintagsfliege an Lebens dauer gegen diesen urweltlichen Riesen wurde vom Himmel gerade zur rechten Zeit hierhergeführt, um ihn in Empfang zu nehmen. Können Sie es mir verdenken, daß ich vor Freude sprang? Während wir zu Abend speisten, meldete unser Posten Fremde. Auf ihren schnellen zottigen Pferdchen kam ein Haufe von Jakuten daher; es waren die für uns bestimmten Leute und sie hatten eine große Freude, als sie uns sahen. Unser Haufe wurde durch sie auf die Zahl von 58 Personen vermehrt. Wir zeigten ihnen, welchen merkwürdigen Fang wir zu machen im Be griff waren und nun eilten sie zum Flusse und es war lächerlich zu hören, wie sie schnatternd und geschwätzig ihre Ansichten und Mährchen einander zum Besten gaben. Heute ließ ich sie gewäh ren, als aber am folgenden Tage plötzlich Tau und Kette einen heftigen Ruck thaten und so das Zeichen gaben, daß der Main- muth gänzlich aus dem Boden losgewühlt wäre, da befahl ich ihnen, das mächtige Thier an das Land zu schaffen, wozu wir ihnen nach bester Kraft behilflich sein wollten." Nach schwerer Arbeit, zu welcher am Ende die Pferde einen ersprießlichen Beistand schafften, brachten wir endlich das Thier auf das Land und es gelang uns, den Cadaver etwa zwölf Schuhe weit vom Ufer wegzurollen. Leider übte der Einfluß der warmen Luft bereits eine zersetzende Gewalt auf die uralte ungeheure Fleischmasse des riesenmäßigen Thiercs, das wir alle mit ehrfurcht vollem, stummem Staunen umstanden." Denken Sie sich einen dreizehn Schuh hohen, fast fünfzehn57 Fuß langen, am ganzen Leibe mit dickem Pelz überzogenen Ele- phanten, der acht Fnß lange, stark nach oben und mit den Spitzen uach auswärts gekrümmte Zähne, einen sechs Schuh langen, an der Wurzel baumstarken Rüssel hat, ein und einen halben Schuh dicke kolossale Beine und einen nackten, nur an der Spitze mit einem * starken Haarbüschel versehenen Schwanz. Das Thier war fett - und wohlgenährt; der Tod hatte es in der Fülle seiner Kraft überrascht. Seine kalbfellgroßen, nackten Ohren lagen grauenvoll aufgestülpt über dem Kopfe, und auf den Schultern und dem Rücken hatte er einen Fnß lange sehr starke Haare, die wie eine Mähne aussahen. Das längere Außenhaar war tiefbraun und grob ge kräuselt; oben auf dem Kopfe zeigte es sich so wild und mit Pech so durchdrungen, daß es der Rinde eines uralten Eichenbanmes glich; an den Seiten dagegen war reiner und unter dem Ober haare zeigte sich überall ein fahlbraunes, sehr weiches warmes und dichtes Wollhaar. Der Riese war also gegen die Kälte trefflich geschützt gewesen." Das ganze Aussehen des Thieres war furchterregend, äußerst fremdartig und wild. Es hatte nicht die Gestalt des heutigen Elephanten; sein Kopf war gegen den unseres indischen Elcphan- ten roh, der Hirnkasten schmal, niedrig, klein, Rüssel und Maul dagegen viel größer, die Zähne furchtbar gewaltig. Unser Ele- Phant ist ein plumpes Thier; aber er steht so edel gegen diesen Mammuth ans, wie ein schöner arabischer Hengst gegen ein plumpes häßliches Fuhrmannspferd. Ich konnte mich der Furcht nicht enthalten, als ich dem Kopfe nahe trat; die gebrochenen, auf gesperrten Augen gaben dem Thiere einen Anschein von Leben und es war mir, als würde es sich jeden Augenblick erheben und mit Gebrüll uns alle vernichten." Zugleich aber traten andere Bilder vor mein Auge. Wel cher Zeit gehörte dieses Thier an? Wie viele Jahrtausende verflossen, seitdem es begraben wurde in diesem Eismoore von Sibirien? Wo? wie lebte es? Wo sind die andern Thiere sei ner Gattung hingekommen? Durch welche Revolution unserer Erdoberfläche wurden diese Länder, in welchen ehedem solche Rie sen lebten, so traurig verändert und gestaltet, daß sie jetzt zu so grauenvollen Einöden geworden sind? Und was ist es mit dem Menschen? Warxn damals, als Mammuthe hier umher-58 streiften, schon Menschen? Waren hier welche? Auf welcher Stufe der Bildung standen sie?" Sie sehen, daß dieser Fund Anlaß zu sehr wichtigen Fragen gibt. Doch bin ich leider am allerwenigsten im Stande, dieselben * zu beantworten. Versuchen Sie es an meiner Stelle, diese Räth- sel sich zu lösen oder lösen zu lassen. In Ihrem forschenden und denkenden Volke schreitet ja die Wissenschaft bis zurück zum schöpfe rischen Werde! Und der Mammuth ist vielleicht erst lange dar nach geschaffen worden; bis zu seiner Zeit ist also für den Den ker kein so sehr weiter Weg." Ich wußte nicht, wo ich anfangen lassen sollte. Der üble Geruch des Leichnams deutete an, daß es Zeit sei, davon zu ret ten, was gerettet werden könnte und dann mahnte auch der wüh lende Fluß an Eile. Vor allem ließ ich die Stoßzähne anshanen und auf den Kutter schaffen; dann aber machten sich die Leute daran, dem Thicre die Haut abznziehen. Allein das war ein mühsames Geschäft und es ging trotz allem guten Willen nur langsam von statten. Als der Wanst des Thieres ausgeschnitten wurde, rollten die Därme auf die Erde und nun wurde der Ge ruch so unerträglich, daß ich den Eckel nicht mehr überwinden konnte und bei Seite treten mußte. Ich ließ jedoch den Magen Herausschneiden, bei Seite bringen und öffnen. Er war sehr wohlgefüllt und der Inhalt äußerst lehrreich und ganz wohl er halten. Er bestand der Hauptsache nach aus Föhren- und jun gen Tannenschößliugen; auch eine Menge junger Tannzapfen, ob wohl in zerkautem Zustande, waren unter diese Masse gemischt. Sie werden nun Gelegenheit haben, hieraus allerlei Schlüsse über das Klima am Wohnorte des Thieres und über dessen Lebensweise zu ziehen. Jedenfalls würden Sie aber vorsichtiger sein, als der Schreiber dieses Briefes. Als man nämlich im Begriffe war, das Thier auszuweidcn, vernachlässigte ich alle Vorsichtsmaßregeln; ich betrug mich so sorglos und so unklug, als meine Jakuten, die nicht bemerkten, daß der Boden unter ihren Füßen nach und nach ein sank, bis Plötzlich ein furchtbares Geschrei mir, der ich noch in dem Magen des Thieres herumwühlte, ein geschehenes Unglück verkündete. Erschreckt sprang ich auf ach, ich sah, wie der Fluß das Land, welchem unser mühsam gerettetes Thier lag, sammt diesem und etwa fünf Jakuten in seinen Wellen begrub." Glücklicher Weise war das Boot nahe; unsere armen Arbei-59 ter kamen alle empor und wurden gerettet; aber der Mammuth wurde von den Wellen fortgerissen und kam leider! nicht wieder zum Vorscheine!" Sv weit der Brief. Es ist Hoffnung vorhanden, daß der Schreiber desselben einst selbst dieses und noch vieles Merkwürdige, welches er während seines Aufenthaltes in Sibirien erlebte und sah, veröffentlichen werde. Doch wir freuen uns, daß wir seinem reichen Schatze dieses Körnlein heben und unfern Lesern mittheilen durften. Seit langer Zeit schon findet man in Sibirien solche vvr- weltliche Thiere; bald sind es nur ihre Scelettc, bald nur Theile derselben, bald fuhrt der Zufall noch ganze Leichen solcher Ge schöpfe mit Haut und Haaren an das Tageslicht. Ihre großen Stoßzähne bilden, wie bereits gesagt, durch die Menge, in wel cher sie Vorkommen, einen bekannten Handelsartikel und es ist das nichts Neues, denn schon Theophrast, ein Schüler des Aristo teles, erzählt, daß es fosileö Elfenbein, sowohl von weißer, als auch von schwarzer Farbe gebe. Doch wußte er noch nicht, daß es vom Mammuth komme, sondern er sagt: es erzeuge sich in der Erde. Wir haben der Erzählung Benkendorss bereits gehört, daß der von ihm entdeckte Elephant in aufrechter Stellung im Sumpfe versunken war. So kommen sie auch meistcntheils vor; sie erstickten und diese ihre Todesart beweist das geronnene Blut, welches man in den feinsten Gefäßen im Innern der Schädel findet. Etwas ganz Außerordentliches ist aber die ungeheure An häufung solcher fosilen Knochen auf den Inseln des Eismeeres. Lange Reihen von Jahrtausenden waren nöthig, um so gewaltige Massen von Thierresten zu erzeugen. Ganze Berge von Knochen sind dort zusammengeschwemmt und nehmen an Häufigkeit und Mächtigkeit immer mehr zu, je weiter man nach Norden kommt. Die Lachon-Jnsel und Neusibirien sind buchstäblich mit. Eis und Elephantenzähnen bedeckt; selbst das Meer wirft solche bei jedem Sturme in Menge an die Küsten, und obschon seit Jahrhunderten dieser kostbare Artikel von den Kaufleuten nach allen Weltgegen den in Menge verführt wird, so ist bis jetzt doch nicht die ge ringste Abnahme an Elfenbein bemerkbar. Die Zähne wiegen je nach ihrer verschiedenen Größe von 120 bis 480 Pfund. Es gab aber in der Vorwelt mehrere Gattungen elephan-tenartiger Thiere. Man hat in Amerika die Reste eines Elephan- ten gefunden, der an Riesemnäßigkeit alles, was wir jetzt unter den Landsäugethieren zu sehen gewohnt stnd, bei weitem übertraf. Dieses Thier nannten die Gelehrten Mastodon. Aus den Kno chen, welche man ausgegraben hat, schloß man, daß dieser Ele- phant eine außerordentliche Höhe und Länge gehabt haben müsse. Auch vom Höhlenhaasen, vom kleinen niedlichen Meerschwein chen, vom Biber, Eichhörnchen, Murmelthiere, fand man Reste in ungeheurer Menge; sodann aber auch vom Faulthicr. Der Bau des letzten Thieres ist ganz ungewöhnlich; hatte längere Vorder- als Hinterbeine, war ungemein plump und stark, hatte einen sehr breiten, knochigen Schweif, der auf der Erde schleppte und dazu diente, um den schweren Körper bei m Gehen zu stützen. In der Gegenwart ist das Fanlthier ein armes kleines Geschöpf; die Faulthicrc der Vorwelt aber erreichten die Größe von Elephanten. Man hat das Gerippe eines solchen Faulthie- res, vierzehn Schuh lang und neun Schuh hoch, im Schnttlande des Rio de la Plata in Südamerika gefunden und das Thier Megatherium genannt. Es war im Becken zwischen den Hin terfüßen so breit, daß es seine Füße unmöglich zusammenbringen konnte und seine Schenkel- und Armknochen hatten einen Schuh Dicke. Die Krallen an seinen Füßen waren 16 Zoll lang und an der Wurzel 3 Zoll dick. An diese Faulthiere schließen die Gürtclthiere an, deren Reste man ausgrnb. Die jetzt lebenden Gürtclthiere stnd alle klein; aber in Amerika hat man einen Kopf eines solchen Thieres gefunden, welcher die Größe eines Nilpfcrdschädcls hatte. Das müssen also ungeheure Thiere gewesen sein. Vom Pferde und Esel findet man auch Knochen in Menge und sehr häufig; auch vom Rind, und dieses scheint mit zu den allerältesten Sängethieren zu gehören; wenigstens ruhen seine Ge beine nicht allein in den oberen, sondern oft in den untersten Schichten der mittleren Tcrtiärgebirge. An manchen Orten hat inan Rinderhörner von 6 bis 10 Fuß Länge gefunden. Alle diese theils ausgestorbenen, theils verändert oder unverändert noch jetzt auf der Erde vorkommenden Thiere werden meistentheils im Sumpf, Schlamm oder Lehm, der sie begrub, gefunden; auch in Knochenhöhlen, in welchen man besonders häufig die Gebeine großer Löwen, Tiger, Hyänen und Bären entdeckt hat.61 Vom Menschen fand man bisher noch keine Spnr; Mcn- schengebeine sind diesen großen Begräbnißplätzcn der Vorwelt nicht entdeckt worden! Hirsche, Rehe, Elcnnthicre, Affen von all diesen Geschöpfen enthält das Erdinnere Reste; vom Menschen aber keine. Nur noch wenige Worte über die in Höhlen vorkommenden Reste von Raubthieren. Die Knochen der Löwen sind sehr häufig; Löwenschädel, welche man fand, lassen schließen, daß es in der Urwelt Löwen von vierzehn Fuß Länge gab. Hyänen- und Bä- renknochcn finden sich in den Höhlen der fränkischen Schweiz in ungeheurer Menge. Verfasser dieses war gleich nach der Ent deckung in der Höhle von Rabenstein. Dort sah er den Boden der einzelnen Abtheilungeu der herrlichen Höhle buchstäblich mit Knochen bedeckt, die in einem weichen Lehm stacken. Das Gerippe eines Bären, von 6 Schuh Höhe und 9 Schuh Länge, wurde zusammengesucht; ist in der Halle des Schlosses Rabenstein aufgestellt. Auch die übrigen Höhlen dieser Gegend waren außer ordentlich reich an solchen Thierresten. Das wäre also das Wesentlichste von dem, was wir von den Säugethieren der Vorwelt wissen. Aber: gab es denn da mals keine Vögel? werden unsere lieben Leser fragen. Der Vogel lebt im Reiche der Luft; ihm ist es leichter, als dem Säugethier, der Gefahr des Unterganges zu entrinnen, und, wenn er stirbt, so liegt sein Leichnam an der Oberfläche, verfault in der Luft und selbst feilte Gebeine werden von derselben zerstört. Und doch hat auch von ihnen die gütige Natur uns Spuren anf- bewahrt. Es kommen z. B. in den jüngeren Schichten vereinzelte Reste von manchen Raubvögeln, von Singvögeln, Tauben u. dgl. vor, häufig nur die Flügelcnden mit den daran sitzenden Kielen und den deutlich sichtbaren Abdrücken von Federn, welche selbst jedoch nicht erhalten worden sind. Man vermnthet mit mancherlei Grund, daß es Reste von Vögeln waren, welche von Raubthieren zerrissen wurden, da alles, was an dem Fleisch befindlich war, ver zehrt zu sein und nur die knochige Flügelspitze übrig gelassen scheint. Andere Spuren dagegen lassen sicherer auf das Dasein von Vögeln und zwar von mitunter riesenmäßig großen und äußerst merkwürdigen schließen, und solche Spuren findet man in den Ab drücken der Vogclfüße auf ehemals weichem, jetzt zu Stein ver härtetem Boden.62 Eine Steinplatte, welche bei Hildbnrghanscn gebrochen wurde, zeigte sehr deutliche Spuren; die zweite dagegen ist dem rothen Sandstein in den Staaten von Massachusets. Es wurde sogleich gesehen, daß darauf Spuren der Füße von Vögeln sind. Das Ge stein, in dem sie sich finden, ist ein etwa zwanzig Meilen langer, und bis fünf Meilen breiter Streifen eines sehr alten rothen Sand steines, welcher in Massachusets längs des Meeres parallel mit den blauen Bergen sich hinzieht. In der obern Region dieses jetzt sehr harten Gesteins kommen zahllose Fährten zweibeiniger Thiere vor, meist mit sogenanntem schnürenden Gang, deren Schrittweite der Größe des Fußes angemessene Distancen hält. Einzelne Stel len sind so sehr von Fußspuren der Vögel, welche darüber hinlie fen, durchfurcht, daß sie beinahe aussehen, wie eine thonige, weiche Strecke, über welche Schaf- und Rinderheerden hingegangen sind. Zu der Zeit, als das Gestein noch weich war, drückten sich jene Spu ren darin ein. Sie sind mit dem Gestein verhärtet und so er halten worden, und nun können die Gelehrten auf die Art, Größe und sogar auf die Gestalt jener einstigen Vögel schließen. Es gab darunter Strandläüfer mit Zehen von 1 h bis V Zoll Länge und einer Schrittweite von 5 Zoll; es gab aber auch andere mit Zehen von 2 bis 6 Zoll Länge und 8 Zoll bis 2 Fuß Schritt weite. Diese rühren schon von schweren Thieren her; ihre Fähr ten sind tief eingedrückt; man sieht an manchen die Spuren von Federn und sie mußten befiederte Beine haben, wie manche Hühncr- und Taubenarten. Da die Schritte immer in einer Linie fortlau fen, weil die Vögel den Fuß jedesmal unter die Mitte ihres Kör pers setzen, so nennt man einen solchen Gang einen schnürenden." Man hat Füße von 15 bis 16 Zoll, ja wieder andere mit Zehen von 19 bis 21 Zoll Länge entdeckt. Der auftretende Fuß hatte vorn mit den Zwischenräumen eine Ausdehnung von 3Va Fuß und die Schrittweite betrug 7 bis 10 Fuß. Das Thier war so schwer, daß die noch nicht vollkommen erhärteten Schicferplatten unter seinen Füßen zerbrochen sind, und der zähe Thon ist außer halb des Abdruckes bis 6 Zoll hoch cmporgcpreßt. Was muß das für ein ungeheurer Vogel gewesen sein? Mit Bestimmt heit kann man nicht auf diese Frage antworten; ein Strauß, der größte jetzt lebende Vogel, war es nicht, denn der Strauß hat nur zwei Zehen und die Fährte zeigt drei; aber ein hühnerartiger Vogel scheint es doch gewesen zu sein.63 Man hat lange nicht gewußt, was man den runden Höhlungen machen soll. Sind es Spuren ungeheurer Regen tropfen? oder was sonst? Man vermuthet, daß Spu ren von Luftblasen seien, welche beim Eintrocknen und Verhärten des Schlammes, in dem sie sich bildeten, platzten und solche Ein drücke zurückließen. Glücklicher Weise hat man der großen Insel Nenschottland etwas gefunden, welches sowohl die Bildung dieser Luftblasen, als auch die dem Boden eingedrückten Vogcl- spnren bestätigt. Das Meer wirft in einer dortigen Bai eine Masse von Schlamm auf den Strand, welcher dort von einer Springfluth zur andern liegen bleibt. Während der 12 bis 14 Tage Zwischenzeit zwischen den einzeln aufeinander folgenden Springfluthen hat der Schlamm Zeit, sich zu setzen und oberfläch lich zu erstarrcm Da nun die genannte Halbinsel ein ödes men schenleeres Land ist, so sind die Vögel und wilden Thiere dort desto ungestörter, und so steht man denn auf diesem Schlamme die Spuren von Vögeln (Strandläufern, Möven u. dgl.) in unge heurer Menge eingedrückt. Auch steigen dort eben solche Blasen aus dem Schlamme und sie hinterlassen genau die nämlichen Spuren, wie sie schon früher angcdeutet worden, und damit hätte die Sache ihr Räthsclhastes verloren. Au manchen Orten findet man auf dem Gestein die Spuren bvn riesenmäßigen Thicren, welche einst vor tausendmal tausend Jahren über den Boden des Fundortes hinweggegangen sind. So hat man bei Heßberg in der Nähe von Hildburghansen Platten mit ganz eigcnthümlich gestalteten Fußspuren gefunden. Sie gehören einem Thiere an, welches vier Hände hatte und des halb Chiroterium genannt wurde. Die Größe der Hinteren Hände entspricht einer recht breit und plump gegliederten Manncshand; aber die Finger waren kürzer und dicker, als man sie an einer solchen zu sehen gewohnt ist. Die Länge dieser Finger beträgt 8 dis 9 Zoll; jene an der kleineren Hand sind nur halb so lang. Aber der Daumen an dieser seltsamen Hand stand nicht nach der innern Seite des Körpers gerichtet, sondern nach außen. Mcnn aber ein Mensch auf vier Händen ginge, wie etwa der Affe, so würden die Damnen und großen Zehen nach innen ge richtet sein. Das Chiroterium schritt nun, ähnlich dem Pferde, mit den Füßen sehr nahe an der Mittellinie des Leibes; die Fährten lie-64 gcn fast in gerader Linie, allein hatte einen so schwankenden Gang, daß es, m das Fallen verhindern, den rechten Fuß links über die Mittellinie setzte und den linken nach rechts, wo durch eben die innere große Zehe oder der Daumen nach außen zu stehen kam. Die vergleichende Anatomie, von welcher wir nun über haupt am Schluffe noch reden werden, suchte nun nach einem Thiere der Jetztzeit, welches in seiner Spur ähnliche Erschei nungen darbietct und das ist der Frosch. Dieses Thier hat Hände; seine vorderen Füße sind viel kleiner als seine hin teren. Wenn nun der Frosch nicht springt, sondern langsam geht, so setzt er zuerst seinen kleinen Vorderfuß auf die Erde und zieht den Hinterfuß derselben Seite nach sich, daher das Eigcuthümliche, daß immer hinter einem kleinen Fuß auf derselben Seite sich ein großer befindet. Nun wäre nichts mehr, was Zweifel erregen könnte, daß diese Fußspuren von Fröschen herrühren, als die un geheure Größe. Allein man hat wirklich Knochen von so unge heuren Fröschen gefunden, besonders Köpfe und Zähne. Sie wa ren noch dazu, wie man aus den Zähnen und den Spuren der scharfen Krallen an den Fußspuren sehen kann, Raubthicre, und das Gebiß einer solchen Bestie war überdieß so hart, daß die beste englische Feile an einem solchen Zahne zu Grunde geht. So bewahrte denn die Erde selbst von solchen Thieren, wie Vögel, welche dem Untergänge zu entgehen vermochten, wenigstens Fußspuren ans. An andern Orten aber, wie z. B. in Schottland, in Neuseeland, hat man auch Reste kolossaler Schalen von Vö- geleiern gefunden, und wenn man die Größe dieser Eier mit jener der Fußspuren vergleicht, so verliert die Sache vollends alles Unglaubliche: es gab also wirklich einst Vögel, welche den Strauß an Größe drei- ja viermal übertrafen. Noch weniges wäre über das Heer der Insekten hinzuznfü- gcn, welche natürlich in der dritten BildungSperivde der Erde auch viel zahlreicher und ausgebildeter vorhanden waren, als in den früheren. Daß der antiseptische (säulnißwidrige) Bernstein viele einschloß und daß wir dadurch in den Stand gesetzt find, vorweltliche Insekten in Menge zu sehen und sie mit den jetzt auf der Erde lebenden zu vergleichen; daß man ferner in den Schie- serbrüchcn, z. B. von Oeningen im badischen Seckreise, sodann in denen bei dem kroatischen Flecken Rodoboy sie zu Millionen ab-65 gedrückt findet; dieses ist schon weiter oben gesagt worden. Man hat durch sorgsältige Beobachtungen 423 Arten bestimmt und sie enthalten alle Jnsektenordnungen der Gegenwart in nnzwcifcl- hasten Exemplaren. Und nun noch Eines! Du wirst meinen, wenn Du das alles gelesen hast: Das ist leicht und recht schön gesagt, aber schwer be wiesen. Da höre ich, daß man einem gefundenen Hals- wirbclknochen schloß, in was für einem Thier er einst steckte, wie groß es war und dergleichen mehr. Aber gehört ein starker Glauben dazu, den Gelehrten so was nachznsagen. Ein Bein ist wie das andere. Wer weiß, ob dieses Röhrenbein von einem Ochsen oder einem Pferde ist? Allein die Anssprüche der Gelehrten beruhen auf wissenschaftlichen Grundsätzen, auf der Anatomie, oder der Lehre von der Form und dem Ban der organischen Körper und ihrer Thcile. Die Lehre von der Form und dem Bau der Thicre nennt man Zootomie und sie ist die erste Wissenschaft, in welcher der Naturforscher tüchtig be wandert sein muß. Er muß es lernen und wissen, wie das Kno chengerüst der Thiere beschaffen ist; er muß bestimmen lernen, welchem Thierreiche ein ihm vorgelegtcr Knochen angehört, wel cher Thicrart diesem Reiche, sodann welcher Gattung; er darf am Ende nicht einen Knochen des zahmen Rindes mit dem eines Büffels verwechseln. Das erfordert freilich viel und ist schwer, und die es in ihrer Wissenschaft durch eisernen Fleiß und anstreng endes Studimn so weit gebracht haben, daß sie das thun zu kön nen im Stande sind, verdienen für die Belehrung den Dank jedes guten und wißbegierigen Mensche . Man nennt also die Wissen schaft, welche bei Untersuchungen über fossile Thicrreste angewendet wird, vergleichende Zootomie, kann aber auch kurzweg sagen: ver gleichende Anatomie; und dieser herrlichen Wissenschaft verdankt man die interessantesten Aufklärungen über die Vorwelt und deren Bewohner. Ziehen wir nun alles, was wir gesagt haben, noch einmal übersichtlich zusammen, so ergibt sich folgendes: Unsere Erde ent stand aus dem von dem Allmächtigen und Ewigen durch Seine große Schöpferkraft erschaffenen Urstoffe, und zu ihrer Bildung wirkten die beiden von Gott geschaffenen Weltkräfte: Attraktion und Gravitation zusammen. Das ist die durch menschliche 5Worte in natürlichem Sinn gegebene Erklärung des Bibelwortes! Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde!" Wo diese ursprünglichen ungeheueren Naturkräfte noch in ihrer ganzen Kraft wirkten, während der Bildungszeit der Sonnen und Planeten und Monde, konnte kein Leben bestehen. Die Flamme ist das Zerstörende, der Tod. Die Erde, mit der wir es zu thun haben, und von welcher nach dem ersten Verse der heiligen Schrift vorzugsweise in der Schöpfungsgeschichte geredet wird, war nach deren Worten nach dem Anfang wüste und leer und es war finster auf der Tiefe." Glühend rollte der Erdball um seine Axe, umgeben von einem wilddampfendcn heißen Dunstmeer, das dem Lichte der Sonne den Durchgang bis zur allmählig erstarren den und sich bildenden Erdrinde wehrte. Als aber durch Aus strahlung der Wärme in den Weltraum den Dünsten Gelegenheit zur Verdichtung und Reinigung gegeben wurde, als die Ozeane sich niederschlngen und der Kampf deö belebenden Wassers mit dem tödtenden Feuer begann; als das Feuer endlich von dem Wasser, das nur zersetzt, in Dampf verwandelt, aber von dem unmöglich ein Tropfen gänzlich vernichtet werden kann, besiegt, gedämpft, unterdrückt und mit granitnen Gewölben in das Innere der Erde eingeschlossen wurde da schwebte über dem Graus und Entsetzen des Riesenkampfes ordnend und belebend und re gelnd das Leben aller Leben der Geist Gottes schwebte über den Wassern Durch die Reinigung der Luft von dem Ungeheuern Schwall der Dünste drang ein Schimmer glück- und segenverheißendcr Dämmerung in das wilde kochende und käm pfende Chaos; Gott sprach: Es werde Licht und es ward Licht! Und Gott sähe, daß das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsterniß und nannte das Licht Tag und die Finsterniß Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag. Aus den Wassern wurden durch die Gewalt des aufkäm pfenden Feuers, wenn gleich als heiße und unbewohnbare Felsmas sen, Vesten, Continente, Inseln und Eilande, dieses war das erste Stadium in der heutigen Gestaltung der Erdrinde, und daher ge hört der 6te Vers der Genesis. Und Gott sprach: Es werde eine Veste zwischen den Wassern, und die sei ein Unterschied zwischen den Wassern. Da machte Gott die Veste und schied das Wasser unter der Veste von dem Wasser über der67 Veste. Und es geschah also. U-eber der Erdrinde bil dete sich das wolkenrollendc und bedeckte Firmament. Und Gott nannte die Veste Himmel. Da ward Abend und Morgen der andere Tag. Nach mnd nach kühlten und trockneten die Kontinente; durch das Wasser und die Lust verwitterte das Urgestein, gab Raum für ein myriadcnfaches, heimlich stilles aber doch gewaltiges Leben. Gott schuf die Pflan- zcnzcllen und es entstand das Reich der Pflanzen. Unscheinbar begann und mächtig und groß ward es am Schöpfungstage, am Tage des Ewigen, vor dem Tausende von Jahren ein Augen blick find. Hieher gehören deshalb die Worte der Genesis von Vers 9 bis 13. Aber das rechte Gedeihen der Pflanzen, ihre Ausbildung von öder, schauriger und monströser Einförmigkeit zur Schönheit, Anmuth und Manichfaltigkeit kann allein das erwär mende und lcbenstärkende Licht der Sonne bringen. Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Veste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre. Und seien Lichter an der Veste des Himmels, daß sie scheinen aus Erden. Und ks geschah also. Und Gott machte zwei große Lichter; Nu großes Licht, das den Tag regiere und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch Sterne. Und Gott setzte sie an die Veste des Himmels, daß sie schei nen auf die Erde, und den Tag und die Nacht regie- reten und schieden Licht und Fiusterniß. Und Gott sähe, daß es gut war. Da ward aus Abend und Mor gen der vierte Tag. In die regungslosen Massen siel nun das belebende Him melslicht der Sonne. Da schuf Gott die thierische Zelle, auö W in der regelvollen Ordnung am fünften Gottestage das Reich der Thiere sich bildete. Zuerst begann es unscheinbar im Wasser, dann in der Luft. Und Gott sprach: Es errrege sich das Nasser mit webenden und lebendigen Thieren und die Luft mit Gevögel, das auf Erden unter der Veste des Himmels fliege. Und Gott schuf große Wallfische und allerlei Thier, das da lebet und webet und vom Was ser erregt ward, ein jegliches nach seiner Art. Und Gott sähe, daß es gut war. Und Gott segnete sie und sprach; Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet 5 *68 das Wasser im Meer; und das Gevögel mehre sich aus Erden. Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag." Vom unvollkommensten Zellenthier in reiherechter Stufen- solge aussteigend war das Heer der regsamen Thiere nun da; fehlte noch die vollendetste Thiergattung, das Sängethier, das le bendige Junge gebärende, warmblütige Landthier. Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendige Thiere, ein jegliches nach seiner Art. Und Gott machte die Thiere auf Erden, ein jegliches nach seiner Art. Und Gott sähe, daß es gut war. Und so ward Abend und Morgen der sechste Tag." So ward alles durch Gottes Allmacht, che der Mensch ward. Von allen Wesen zeigen die Archive der Vorwelt Spuren; ihre Reihenfolge läßt sich Nachweisen, wie sie durch die Weisheit Gottes sich nach und nach bildete und trefflich harmonirt das, was der Geist des Menschen entdeckt, mit den Worten der Schöpfungs geschichte, in deren erhabener Einfalt und folgerichtigen Darstellung keine Lücke ist. Lückenvoll ist nur das, was der Mensch zu Stande bringt. Es wird vielleicht dereinst die Zeit kommen, wo and) er so vollkommen als möglich klar ist über das Werden und über die Reihenfolge der Schöpsnngsperioden, und dann wird sein Wissen mit der Erzählung der Schrift gänzlich übereinstimmen. Und die Jahre, deren Millionen wir mit heiligem Schauer als nöthig zur Ausbildung des Gewordenen erwähnt haben; wie stimmen sie zur Schriftlehre, nach welcher doch die Welt erst seit 6000 Jahren so bestehen soll, wie sie jetzt ist? Solche und tausend andere Fragen gehören nicht in den Bereich unserer Erörterungen. Es ist Keiner, der das Wort ermäße: Am Anfang schuf Gott! Kei ner, der es erfassen könnte: Du, Herr bist von Ewigkeit und Deine Jahre nehmen kein Ende. Wir wollen uns demüthig des sen freuen, was wir wissen, was uns der gütige Vater durch den Geist und die Sinne erkennen ließ und noch ferner erkennen las sen wird, und je mehr Er uns von der Größe und den Geheim nissen des Weltbaues sehen läßt, desto inniger wollen wir Ihn lieben, verehren und rufen: Herr, wie groß und viel sind Deine Werke! Du hast alles weislich geordnet und die Erde ist voll Deiner Güter!69 Von der Gestalt und der Oberfläche der Erde und ihrer mathematischen Eintheilung. Könntest Du, lieber Leser, aus Deinem geliebten deutschen Vaterlande eine große Rundreise um die Erde antreten, so wür dest Du nach glücklicher Vollendung derselben mit einem durch die eigene Anschauung bestätigten festen und richtigen Begriff von ihrer Gestalt und Größe heimkommen. Da Du aber das nicht kannst, so mußt Du mir im Geiste kurzweg auf dieser Reise folgen. Wir wollen dabei ganz kurz sein und das, was wir etwa als wirkliche Reisende sehen würden, uns vorstellen. Dabei wollen wir uns jedoch daran erinnern, daß wir uns keine falschen Vor stellungen machen, daß das, tvas wir uns vvrstellen, an Ort und Stelle wirklich so ist und daß es also richtig so sein würde, wie es uns von tausend und wieder tausend ehrlichen und wahrheits getreuen Berichterstattern geschildert wird. Also frisch! der lieben Hcimath und Vater und Mutter und Geschwistern auf ein paar Jahre Lebewohl gesagt und dann hinaus in die Ferne, Du von den Deinen, ich von den Meinen und wohlgemerkt! in Salz burg am 1. Mai Mittags 12 Uhr treffen wir einander! Vor erst aber wollen wir uns mit dem Plane und den Vorbereitun gen zu unserer Rö se beschäftigen. Unser Plan ist: wir wollen eine Reise um die Erde machen. Nach welcher Richtung? Gen Südost! Wollen wir Orte be stimmen, die wir berühren und kennen lernen sollen? Nein; es genügt uns, wohin uns der Zufall auf geradem Wege führt. Fahren oder gehen wir? Wir gehen zu Fuße und fahren nur über Ströme, Seen und Meere. Wer zeigt uns dann den Weg? Die Sonne, ein Compaß, ein Sextant und ein Chro nometer. Diese letztgenannten drei Instrumente wollen wir uns mitnchmen, denn die Sonne haben wir überall am freundlichen Himmel. Ein Compaß! Das ist eine zinnene oder messingene Büchse mit einem Deckel von Glas. Auf den Boden derselben ist die sogenannte Wtndrvse, nämlich ein Stern gezeichnet, welcher die vier Himmelsgegenden Nord, Süd, Ost, West mit den Zwi schenhimmelsstrichen, wie Nordost, Südwest, Südost, Nordwcst und den noch weiteren Theilen der Weltgegcnden oder Windstriche an-70 deutet. Mitten auf dem Boden der Dose steht ein messingener Stift, darauf schwebt frei und beweglich die Stahlnadel, welche durch Bestreichen mit einem Magnet magnetisch gemacht ist und deren eine Spitze nun stets nach Norden zeigt, man mag die Dose drehen, wie man will. Für s zweite brauchen wir einen Sextanten, ein mathema tisches Meßinstrument, um Winkel zu messen. Diesen können wir auch in Dvsenform kaufen. Da drinnen steckt das ganze nützliche Ding. Durch den Gebrauch auf der Reise werdet "Ihr es kennen lernen, darum hiemit einstweilen genug davon. Endlich müssen wir einen Chronometer haben. Chronos Zeit Meter Messer also einen Zeitmesser. Ein Chronome ter ist eine sehr tüchtig und sorgfältig gearbeitete, Jahre lang er probte Uhr, welche so genau gehen muß, daß sie während eines ganzen Jahres höchstens um einige Sekunden mit der wirklichen Sonnenzeit differirt. Wir empfehlen und unser Vorhaben dem Schutze Gottes, gehen am folgenden Morgen noch einmal in die Kirche, denn um 12 Uhr Mittags wollen wir reisen. Vor 12 Uhr sind wir schon auf der Sternwarte, wo uns ein Astronom den Augenblick des wahren Mittags zeigt und uns den Ort genau bestimmt, woselbst wir uns befinden. Im Momente, wo die Sonne im Mittag steht, lassen wir unfern Chronometer gehen, stecken unsere Reisesachen zu uns, etwa noch eine Karte von der Oberfläche der Erde; dann nehmen wir Abschied und treten unsere Reise an. Wir fol gen dabei immer, fo weit es geht, der südöstlichen Richtung ge nau nach dem Weisen unseres Compasses. Des Tages marschiren, des Nachts schlafen wir. Nach drei, vier Tagen haben wir schon Länder erreicht, wo die Leute uns und wir sie nicht mehr ver stehen. So marschiren wir frisch vierzehn Tage, drei, vier Wochen fort. Auf einmal sehen wir von der Höhe eines Berges eine glänzende, große Stadt mit Minarets vor uns und unfern Weg durch ein blaues, schiffbedecktes Meer verschlossen; drüben über der Meerenge winken wieder blaue Berge: stehe da, wir sind in Con- stantinopel. Da wollen wir sehen, wie weit wir von unserem Vaterlande entfernt sind und während wir das untersuchen, haben wir Zeit zum Ausruhen. Salzburg liegt ohngesähr unter dem 31. Grade östlicher Länge von Ferro, und unter dem 48. Grad nördlicher Breite. Aber wo71 sind wir nun? Das muß uns der Sextant und der Chrono meter sagen, antworte ich; werfe den Wanderbündel und den Reisestock auf die Erde und packe die beiden Instrumente aus. Und nun sage ich: Unter nördlicher Breite versteht man die Entfernung vom Aeguator gegen Norden; unter südlicher Breite die Entfer nung vom Aeguator gegen Süden. Unter östlicher Länge versteht man die Entfernung, in wel cher nlan in östlicher Richtung von der im atlantischen Ozean gelegenen Insel Ferro befindet, durch welche der erste Meridian auf der Karte gezogen ist. Würde man also von Ferro nach Amerika reisen, so müßte man sagen, wir sind auf dem oder je- ucm Grade westlich von Ferro. Da wir aber gegen Morgen reisen, so sagen wir umgekehrt: wir befinden uns auf dem oder jenem Grade östlich von Ferro. Ferro ist eine von den canari- schen Inseln. Wer Ferro lebt, der ist 0 Grad östlich und 0 Grad westlich von Ferro, er ist auf dem Punkt, von welchem aus die Grade nach Ost und nach West gezählt werden. Aber was ist ein Grad? Daß der Umfang der Erde am Aeguator 5400 Meilen beträgt, ist eine bekannte Sache. Ebenso beläuft sich die Länge einer vom Nordpol genau in südlicher Rich tung um die ganze Erde gezogenen Linie aus 5400 Meilen. Es wird in der That ein solcher Meridian nicht ganz so lang sein, als der Aeguator; doch ist der Unterschied nicht so bedeutend. Daß aber eine Mittagslinie wirklich nicht so lang ist, als der Aeguator, daö ist gewiß, denn die Erde ist keine vollkommene Kugel, sondern an den Polen etwas abgeplattet. Wollen wir es uns recht bequem machen mit dem Aufsuchen der Breite, welcher wir uns befinden, so müssen wir bis Nachts warten, wo wir den Polarstern sehen und die Länge kön nen wir nur andern Tages aufnehmen, wenn es in Constantino- pel Zwölf zu läuten anfängt. Darum wollen wir während die ser Zeit noch ein wenig über die mathematische Eintheilung der Erdoberfläche sprechen. Die Erde ist eine unvollkommene Kugel und hat 5400 Mei len im Umfang, das wissen wir. Nun haben die Gelehrten die sen Umfang der Erde getheilt und zwar in eine solche Zahl, welche sich in die meisten gleichen Theile mit beliebigen Divisoren zerle gen läßt. Die theilbarste Zahl ist 360 und darum ist jede Linie um die Erde in 360 Theile getheilt worden. So klug ist nun72 jeder von Euch, daß er weiß, daß man auf der Erde diese Linien nicht findet, sondern nur der Landkarte; aber so viel versteht auch jeder von Euch vom Theilen, daß er weiß: der Quotient aus 5400 dividirt durch 360 ist 15. Wenn also der ganze Aeqnator 5400 Meilen lang ist, und in 360 Theile gctheilt wird, so ist jeder solche Grad oder Thcil 15 Meilen lang. Also ist auch jeder Grad eines Meridians 15 Meilen lang. Wenn Ihr aber recht nachdenkt, so wird es Euch bald einleuchten, daß zwar jeder Meridian 5400 Meilen lang ist, aber nicht jeder Breitenkreis. Denn da diese parallel mit dem Aeqnator um die Erde laufen und die Erde eine Kugel ist, so versteht es fleh von selbst, daß schon der erste nördliche Grad der Breite um viele Meilen kürzer ist, als der Aeqnator. Davon könnt Ihr Euch an jeder Kugel überzeugen vermittelst eines Fadens. Ueber unserer Unterhaltung ist es Nacht geworden; die Ge stirne steigen herauf, scheinen uns schöner, glänzender zu leuch ten, als in der Heimath; wir freuen uns, daß wir einen lieben bekannten Stern nach dem andern erblicken. Wir sind so weit weg von zu Hanse. Aber so lieblich auch der Abendstcrn funkelt, sammt dem Monde, wir schauen uns doch nach einem andern um da droben am dunkeln Firmamente, nach dem Polarstern. Doch da ist er, im Schwänze des Bären der letzte Stern. Nun kommt unser Sextant daran. Wir stellen unser Winkelmeßinstrnment auf den Rumpf eines abgehauenen Baumes recht schön wagerecht und vermittelst des Compasses genau in die rechte Richtung. Nun schauen wir, wo die Sonne untergegangen ist: das ist Abend und dann nach dem Polarstern, das ist Nord. Es ver steht sich nun von selbst, daß der Theil des Horizonts, wo die Sonne unterging, wagerecht mit unserer Angenlinie dem Sex tanten ist; da aber der Polarstern hoch am Himmel ist, so ergibt sich zwischen der Linie von dem Mittelpunkte des Sextanten zu ihm und der wagerechten Linie vom Mittelpunkte des Sextanten zum Abendhorizont ein Winkel. Am Bogen des Sextanten sind nun die Grade angebracht, auf welchem wir die Grade dieses Winkels nachzählen. Wir fangen an zu zählen und erhalten bei der Linie nach dem Polarstern die Zahl 43. Also befinden wir uns auf dem 43ten Grade nördlicher Breite. Am folgenden Tage können wir nun die Mittagsstunde73 kaum erwarten, um zu sehen, welche Dienste uns unser Chrono meter leisten wird. Aber derselbe hat noch lange, lange aus 12 Uhr, deshalb schauen wir einmal nach Constantinopcl hinein, wo wir doch aus gut türkisch unser Kaffee trinken wollen, dann wie der wo anders hin. Da läutet es plötzlich in der Stadt, es ist da schon 12 Uhr und unser Chronometer zeigt erst 11 Uhr und vier Minuten! Nun geht es an s Rechnen. Wir haben ge stern Nachts gefunden, daß wir uns dem 43tcn Grade nörd licher Breite befinden, Salzburg aber liegt auf dem 48ten Grad nördlicher Breite. So haben wir uns also dem Aeguator um so viel Grade mehr genähert, als 43 weniger ist als 48, demnach um 5 Grade; wir sind also jetzt 5 x 15 Meilen südlich von Salzburg, das ist 75 Meilen. Unser Chronometer wurde in Salzburg auf 12 Uhr gerich tet, als es dort wirklich Mittags 12 Uhr war. Hier aber zeigte er, als es Mittags 12 Uhr läutete erst 1t Uhr 4 Minuten. Ziehen wir diese von 12 Uhr ab, so bleibt ein Rest von 56 Mi nuten. Um diese sind wir also den Salzburgern im Tage voraus. Wir wissen also, daß es in Constantinopel um 56 Minuten eher Zwölfe läutet, als in Salzburg. Aber was nützt uns das am Ende?" wirst Du sagen, geliebter Reisegenosse. Geduld! sage ich, es nützt uns doch was. Der Umfang der Erde beträgt 5400 Meilen oder 360 Grade. Theilen wir diese 360 Grade durch 24, so erhalten wir den Quotienten 15. Auf eine Stunde des Tages müßten also 15 Grade kommen; wenn wir also um die Erde in einem Tage rei sen könnten, so müßten wir in einer Stunde einen Weg von 15 Graden oder 15 x 15 Meilen 225 Meilen zurücklegen. Da aber eine Stunde 60 Minuten hat, so würden wir einen Grad in einer Vis Stunde oder in 4 Minuten zurücklcgen. Nun wenden wir das so an: Wir denken uns, wir hätten wirklich den Weg in östlicher Richtung von Salzburg nach Con stantinopel in der Zeit von 56 Minuten also in dem Unter schied der Mittagszeit der Uhr in Constantinopcl und in der von unserm Chronometer zur Constantinopolitanischen Mittagsstunde an gegebenen Zeit von 11 Uhr und 4 Minuten zurückgelegt, so dürfen wir ja nur mit 4 in 56 dividircn, weil wir zu jedem Grad nur 4 Minuten brauchen und wir erhalten als Quotient 14 Grade.74 Wir sind also in Constantinopel um 14 Grade weiter gegen Osten, als in Salzburg. Und doch ist der Himmel über uns so blau, wie daheim; doch ist der Horizont um uns so rund, wie zu Hause, alles ist, wie daheim; selbst die Erde zeigt denselben Sand, dieselben Steine; die Lust nur weht uns weicher, milder, wärmer an, die Sonne scheint heißere Strahlen zu versenden; vollends die Menschen um uns sind brauner gefärbt, haben fast alle schwarze feurige Augen, kohlschwarze Haare. Da blühen andere Blumen, als bei uns; da ist die Erde nicht so frisch begrünt, wie daheim, sondern der kahlen Höhe, von der wir hinabschauen in den paradiesischen Bosporus, ist alles viel, viel ärger verbrannt, als daheim im heißesten Sommer der dürrste Rain ausbrennt. Und die Bäume sehen auch anders aus, als zu Hause. Manche haben glänzendes lederartiges Laub und dort im Thale streben ja schon Palmen em por mit schilfartigen wehenden Blättern. Und die Thiere sind auch anders. Was ist das für ein Gespann an diesem Holzwa gen, der da vorüberknarrt? Das sind keine Ochsen; sie haben gar kein Haar ihrer, der dürren schwarzen Baumrinde gleichenden, Haut, sie tragen häßlich große geringelte Hörner auf dem Kopfe und in der Nase einen eisernen Ring, an den der Strick des halb nackten mit schmutzig braunen Lumpen dürftig bedeckten Bauern geknüpft ist. Auch hat er keine Peitsche, sondern einen langen, mit scharfer Eiscnspitze versehenen Stab, und so sitzt er querüber aus den großen häßlichen Thicren und schaut uns verwundert an. ES ist ein Bulgare mit seinem Büffelfuhrwerk. Auch andere Schmetterlinge, als daheim, andere Vögel sind hier, andere Käfer; alles ist anders, wild, fremdartig, schön; aber daheim ist doch noch schöner. Doch ein Trost ist uns geblieben; wenn auch die Natur in Pflanzen und Thicren uns fremd ist, die Erde ist uns heimisch, der Himmel; hier, wie daheim, sind sie dieselbe . Nachdem wir über den Bosporus gefahren sind, marschircn wir nach Asten hinein und drei, vier Monate lang durch Dick und Dünn, durch Araber und Syrer und Perser und Indier, über Berg und Thal, über Fluß und See fort, bis wir plötzlich nicht mehr weiter können, und auf einer Landspitze stehend wieder das blaue Meer und drüben in weiter, weiter Ferne wieder Land sehen. Das ist eine Insel. Aber wo sind wir nun? Der Sextant und der Chronometer müssen es uns dieses Mal sagen,75 kenn da versteht uns kein Mensch, es ist auch keiner da in der Nähe. Aber wir wollen zu Menschen, und da soeben ein Dampf schiff vorüberfährt, deren die Herren dieser großen südasiatischen Länder, die Britten, so viele haben, so schiffen wir uns ein und fahren der schönen vor uns liegenden Insel zu. Der Kapitän des Schiffes, ein freundlicher Mann, schaut uns sonnenverbrannte Leutchen verwundert an und fragt, wer wir seien und woher wir kämen? Wir erzählen es ihm, und da er ein Engländer ist, so fallt ihm unsere seltsame und ungeheuere Fußreise gar nicht auf. zeigen ihm unsere Wegweiser, die wir mitgenommen haben, dann, daß unsere Kleider zerrissen und von der Sonne verbrannt stnd, und daß unsere Schuhe keine Sohlen mehr haben. Als er nun alles weiß, so sagt er: Liebe Leutchen, von Euerer guten Stadt Salzburg weiß hier zu Laude kein Mensch etwas und ich habe noch nichts davon gehört, daß man den Chronometer nach der Salzburger Uhr richtet; sondern die gescheidten Leute, wie ich und andere mehr, richten ihre Chronometer nach der Mittagszeit ku Greenwich, das ist die Stadt in England, wo unsere Astro nomen das große Uhrwerk des Himmels beobachten. Und wenn 3% Euch über s Wasser helfen wollt, so müßt Ihr Euch dahier nichts mehr um die Stadt Salzburg kümmern. Also richte ich ^nch Enern Chronometer nach dem meinigen, der die Tageszeit in Greenwich angibt. Dann habt Ihr hier eine Karte, wo der 0 Meridian durch Greenwich läuft. Als er das gesagt hatte, war der schmale Meeresarm durch fuhren und wir landeten auf . der Insel Ceylon. Ein wunder bares Land. Grün sind die Wälder, heiß und würzig duftend f ie Lüfte, prachtvoll gefärbt und wundergestaltig die Vögel und Insekten, in brennenden Farben glühen seltsam und kostbar gcstal- tete Blumen und über die Erde schreitet ungeschlacht der riesige ^kephant, der hier zum Knecht des Menschen gezähmt und abge- ^lchtet worden ist. Die Cingalesen aber, d. h. die eingeborenen ^eylouer, sehen braun aus, dabei etwas schmutzig. Außerdem sind aber die Leute freundlich und sehen gntmüthig ans; wenn lachen hu! was haben sie für schwarze Zähne! Und wenn wir lachen, da zeigen sie gerade so, wie wir vorhin uach ihnen, nach unfern weißen Zähnen. Die schwarzen Zähne kommen bei ihnen vom Betelkauen, vom Kauen der Arekanuß, denn das färbt die Zähne schwarz.76 Nachdem wir uns in einer Stadt, wo die Leute französisch sprechen und uns verstehen,. mit Speise und Trank gelabt, auch Bananen und Cocusuüsse versucht haben, sehen wir uns weiter Ceylon um. Wir kommen an Gärten vorüber, voll von wohl riechenden Büschen, deren Laub fast wie Lorbeer aussieht und nach Kampfer riecht, wohlschmeckend ist die Rinde der Zweige, denn es sind Zimmtbüsche. Wir erblicken auch viele kleine Bäumchen, mit Früchten wie Kirschen, die aber fade schmecken, doch der Kern, der runde, geht leicht in der Mitte auseinander, es werden zwei dar aus und das sind Kaffeebohnen. Hoch darüber ragt die Tälipot- palme gen Himmel empor, die grünen, runden Blätter hängen an einem Stiele und gleichen fünf, ja sechs Fuß im Durchmesser hal tenden Regenschirmen, nur daß der Stiel etwas seitwärts steht. Gleich daneben stehen einige Tausend Cocospalmen mit ihren gefie derten Blättern und um diese Hütte stehen Gewächse, deren Blätter fast anssehen, wie dreißig Schuh lange und vier Schuh breite Tul penblätter mit langen pfirstchblauen schenkeldicken Stielen. Andere sind blutroth, wieder andere gelb. Die alten großen Blätter hat der Wind zerfetzt; die jungen, welche aus dem einem kolossalen Kohlstrunk gleichenden riesenmäßig aussehenden Gewächs aus schießen, sind auch bläulich, röthlich gefärbt. Die Blütchen sehen weiß ans; es stehen ihrer ein paar Hundert an einem dicken, saf tigen Stiele; sie sind groß, unförmlich und riechen krautartig; da neben hängen an einem ähnlichen Stiele die Früchte herab, ge wichtig, schwer, sehen ganz appetittlich wie lange schmale Gurken aus und alle sind zusammengcbündelt, ohngefähr wie eine Traube, aber wie eine, an der Josna und Kaleb zu tragen hätten. Das ist Pisang, die Paradiesfeige. Aber was schlängelt sich da mit starkgerippten eirunden Blättchen und den Johannisbeeren ähnli chen aber nur dunkelrothen, nicht glasartig durchsichtigen, Beer- träublein stark behängen an diesem Geländer hin? Es ist Pfef fer. Von diesen Eichbaum starken Orangenbäumen brechen wir uns einige Früchte; wir haben in Kleinasten noch größer, schöner gesehen. Hier schmecken sie dürr, holzig, bitter gewürz haft; es sind keine so lieblichen erfrischenden Früchte mehr, wie in Syrien. Da geht der Wald an, den wollen wir noch besuchen. Aber welch ein Wald ist das! Riesige Stämme, einer an den andern gelehnt, die Stämme der Palmen mitunter mit fußlangen Stacheln gespickt; alle Stämme mit prachtvollen, aber77 zuweilen auch düster und unheimlich aussehenden Schmarotzerpflan zen bedeckt, ein dichtes undurchdringliches Gewirr, mannigfaltig, gewaltig, finster, schaurig und dumpf in seinen schwarzschattigen Tiefen, wo oben beständig aus tausend Vögclkchlen seltsam krächzt, aus dem Munde zahlloser Affen pfeift und quickt; im dürren, strnppigmoorigen Boden raschelt; wo seidenfaden starke un geheuere Spinncngcwebe mit faustgroßen Spinnen eingcnistct sind ; wo der Scorpion lauert und fußlange Scolopendcr durch die Erd- schluste huschen. Fern tönt heißeres dumpfes Gebrüll; das ist der Tiger, der durch die Wälder hungrig streift. Ha! was ist das auf jenem Eisenholzbaume? Eine zwanzig Fuß lange, gelbe, mit braunen Schildern köstlich getiegerte Riesenschlange. Sie züngelt uns gierig entgegen. Heraus aus diesem gräßlichen Dickicht, in dem man vor lauter Staunen und Schauen den lauernden Tod uicht steht, der in tausend Gestalten uns bedroht! Das ist ein großartig gräßliches und doch wieder ein so herrliches Wunderland, wo Elephanten und Rhinoceroffe in den Wäldern gehen, wie bei uns daheim Hirsche und Rehe, wo Schlangen so dick, wie unsere Erlen aus himmelhohen kolossalen Bäumen züngeln, wo die Ei dechsen zwanzig Fuß lang werden zu gräulichen Krokodilen; wo statt der Eichhörnchen Affen auf den Bäumen hüpfen, und Pfauen, Papageien und tausend der schönfarbigsten Vögel sich im Laube wiegen. Und doch ist der Himmel über uns wie daheim; selbst die Erde zeigt dieselben Kalk-, Schiefer-, Granitfelsen, der Boden den Sand, den wir zu Hause haben. Fast will es uns wehleidig um s Herz werden, wenn wir sehen, daß alles um uns anders, ganz anders ist, nur der Himmel und die mütterliche Erde die alten bleiben, und es weht uns weich an, wie Heimweh und Je der von uns, auch ich, zerdrückt heimlich ein Thränlein und denkt an die Lieben, die auch den blauen Himmel daheim anschauen und vielleicht wehmüthig an uns denken. Traurig schauen wir von dem begrünten Felsen unter unfern Füßen hinaus auf das blaue wogende Meer, das im Abendsonncnschein glitzert und in einem breiten rothen Streifen wie flüssiges Gold glüht. Wir sehen, wie der Schaum auf jeder dunkeln Wellenknppe blitzt und funkelt, wir hören um uns die seltsamen schaurig fremden Stimmen der Wild- viß girren, brüllen, summen. Da läuten die Glöcklein den Heer- den nicht heimwärts, da erschallt kein Jauchzen des fröhlich von der Arbeit heimkehrenden Landvolks; da klingt nicht die Abend-78 glocke vom Kirchlein zum Gebet; alles ist da groß, schaurig und erhaben; aber die friedliche Milde und Lieblichkeit der Landschaft, das Girren der Lerche und den flötenden Gesang der Nachtigall all das Anmuthige der Heimath haben wir dort znrücklaffen müs sen und wir finden es doch nirgends in der großen weiten Welt so schön, wie daheim. Da taucht die Sonne in die See und wie ist das? dunkelt fast plötzlich! eh wir es uns versehen, ist s Nacht! fast ohne Dämmerung. Aber gut; da es so ist, so wollen wir die Nacht benützen und uns nach unserm lieben Polarstern nmschauen. Wir haben uns lange, lange nicht mehr nach ihm umgesehen und unfern Sextanten nicht weniger stiefmütterlich behandelt. Doch geht das mit rechten Dingen zu? Da ist der Nordstern; aber er ist tief, tief nach Norden hinabgesunken! Wie hat er seinen Platz so gar arg verändert! Nicht doch, er blieb stehen; nur wir sind so weit fortge schritten ; es geht uns, wie den Kindern auf der Eisenbahn. Wie laufen die Bäume, die Felder, der Wald!" rufen sie und laufen doch selbst an Wald und Feld vorbei. So ist s auch mit dem Stern; er steht, wir gingen nur von der Stelle und da scheint es uns, er sei hinab nach bent Horizont gesunken. Nehmen wir nun den Sextanten und messen wir den Winkel. Ei, der ist klein; es beträgt der Abstand des Sternes vom Horizont nur acht Grade; wir sind also nur acht Grade vom Acquator nördlich entfernt. Ziehen wir diese acht Breitengrade von den Breitengraden Salz burgs ab, so beträgt der Unterschied 40 Grade; wir sind demnach jetzt um 40 x 15 Meilen, oder um 600 Meilen südlicher, als Salzburg, gereiset. Mit unserem Chronometer wird es uns nun nicht mehr so schwer gehen, als vormals, denn wir wissen nun, daß wir eine richtige Karte in der Tasche haben oder vielmehr eine solche, auf welcher die Meridiane und ihre Untcrabtheilungen nach dem Me ridian von Greenwich, d. i. der Sternwarte bei London, genau eingezeichnet sind. Da gibt s nun kein Hin- und Herrechnen mehr und wir haben nur die Differenz zwischen Ferro und Greenwich in Abrechnung zu bringen, was aber für unseren Zweck gar nicht nothwendig ist. Denn wir wollen ja wissen, auf welchem Punkte der Erde wir sind, nicht wie weit wir uns von Salzburg entfernt haben Also so sehr sind unsere geographischen und mathemati-79 scheu Begriffe schon gewachsen, daß wir klüger sind, als die Leute, welche den babylonischen Thurm gebaut haben. Am andern Tage sind wir auf dem Schiffe, auf welchem wir reisen wollen. Als Mittag wurde, kamen der Capitän und der Steuermann zum Behuse einer Observation zusammen, d. h. es wurde der wahre Mittag, der höchste Stand der Sonne er mittelt. Das sehen die Seeleute an ihren sorgfältig gearbeiteten Instrumenten genauer, als wir zu Hause an unseren Sonnenuhren, oder wenn wir es am Zwölfuhrläutcn zu hören meinen (denn die besten Uhren gehen nicht nach der Sonne; eine solche kann kein Uhrmacher hervorbringen). Jetzt ist s Mittag und der Chronome ter zeigt in Greenwich früh 6 Uhr 44 Minuten. Wir sind demnach, wenn wir diese 6 Stunden und 44 Minuten von der Morgenhälfte des Tages abziehen, um 5 Stunden und 16 Minu ten im Tage voraus und wenn wir diese 5 Stunden und 16 Mi nuten in Minuten verwandeln, so ergibt sich die Minutenzahl von 316. Da nun auf jeden Grad dieser östlichen Entfernung von Greenwich 4 Minuten kommen, so dürfen wir nur diese 316 Mi nuten in vier Theile theilen und wir erhalten die Zahl 79. Wir sind also auf dem 79ten Grade östlicher Länge von Greenwich. Jetzt wollen wir es machen, wie unser Capitän. Der sagt: hier ist der 79te Grad östlicher Länge aus der Karte und daher macht er ein Zeichen. Und, fährt er fort, nach einer heute Nacht eingeholten Einsicht, befinden wir uns auf dem 8ten Grad nördlicher Breite. Wo unser 79tcr Längengrad durch den 8ten Breitengrad gctheilt wird, da sind wir jetzt: hier, diesem Punkte. Und als wir das auf unserer Karte nachgemacht haben, empfinden wir eine sehr große Freude und lernen zweierlei einsehcn: erstens: wenn auch der babylonische Thurm wirklich ausgebaut worden und nicht vorher eingefallen wäre, so würde er doch seinen Zweck nicht erfüllt haben und zweitens: durch seinen Verstand und die von ihm gemachten Nützlichen und zweckmäßigen Erfindungen wird dom Menschen die ganze Erde zur Heimath und er findet sich auf ihr bei Tag und Nacht so gut zurecht, wie daheim im lieben Iheucrn Vaterlaude. Aber noch etwas sehen wir am. einem Glo bus des Capitäns. Wir suchen da Salzburg auf und dann die Insel Ceylon und staunen, wie weit die beiden Orte von einan der entfernt liegen. Haben wir doch drei Viertel Jahre gebraucht, um daher zu kommen. . Daheim stand der Himmel über uns und80 wir standen senkrecht mit unfern Füßen auf der Erde und hier auch, obgleich Ceylon im Verhältniß zu Salzburg um ein gutes Stück seitwärts auf der Erde liegt. Und drittens: es fällt uns ein, d P wir am 2ten Mai daheim fortgereiset sind und hier ist der 28te Januar. Daheim liegt Schnee, deckt Eis das Wasser, ist eine Kalte vielleicht, daß die Wölfe heulen und hier? Der wärmste lieblichste Sommertag in Salzburg kann nicht angenehmer und schöner sein. Also in den Tropen d. h. zwischen den Wende kreisen, da wird s nicht Winter. Und daß wir so weit da herum gekommen sind, ohne an ein Eck stoßen, sondern daß überall der Himmel so hohlkugelig, der Horizont so kreisrund anssah, wie daheim, das lehrt uns überzeugend die Kugelgestalt der Erde. Wenn s so fortgcht, ja, dann, dann glauben wir nimmer daran, dann wissen wir es gewiß, Ueberzeugnng und Erfahrung. Aber freilich was für eine Kugel! Wenn wir ihre Ober fläche betrachten, so erscheint uns dieselbe höchst unregelmäßig. In Persien z. B. durchschritten und überkletterten wir mächtige Gebirge, schroff, zackig erhaben, dann in den Wüsten erschien uns die Erdrinde vom Rücken der uns langsam forttragcnden Kameele flach und gerade, wie mit dem Richtscheite geebnet und der Hori zont bildete einen Ungeheuern gelbsandigcn Kreis, auf dem das Gewölbe des Himmel wie eine stählerne Halbkugel anfstürzte. Als wir in den, Nordindien von Persien trennenden Gebirgszug des Hindukuh kamen, erblickten wir von der Höhe der Pässe ein weites saftig grünes Gebirgsland mit domartig erhobenen Kuppeln, welche meist bis über die Gipfel bewaldet waren, an andern Or ten von Schluchten zerrissen und mit mächtigen Spalten gefurcht. Wir sahen darüber vereinzelte Fels- und Berggipfel emporragen, wir nahmen in der größeren Ferne zusammenhängende Reihen und Ketten von Bergen wahr und, wenn wir uns an die Hci- math erinnern, als wir von Regensburg nach dem Chiemsee in Bayern aufwärts wanderten, da starrten die Alpen wie eine braune zackige Mauer in den Himmel empor und trugen ihren höchsten Rücken und schroffen Spitzen die blendenden Schnee- und Gletschergebilde. Aus unserer weiten und anstrengenden Reise sahen wir ferner mannigfache Abstufungen vom Flachland zur Hoch ebene, von der Hochebene zum Uebergangsgcbirg, von diesem zum Urgebirg. All diese Erhabenheiten der allerverschiedensten Art, Form, Größe sind aber nichts, gar nichts. im Verhältniß zur un-81 Scheuern Größe der Erde; schon vom Gipfel eines hohen PaffeS a S verschwinden zwei- bis dreitausend Fuß hohe Berglein in der Ferne zu nichts; sie sind nichts im Verhältniß zur Erdgröße; selbst von den mächtigsten Gebirgen, wie die Anden, Alpen, dem Hima laja in Eentralasien, wird in der Höhe von 1000 Meilen über der Erde wenig, auf dem Monde aber gar nichts mehr gesehen b e Erde wird dort eine große, glänzende, vollkommen glatte, leuch tende Scheibe sein. Wir haben also schon viel gelernt und was wir gelernt haben, macht uns Lust, noch mehr zu lernen. Wir wollen also weiter reisen und zwar immer gen Südost. Auf s Schiff, auf s Schiff! wir gehen nach Neuholland! Der Dampf zischt und braust, der Anker wird gehoben und eg geht fort nach der neuesten Welt. Aber das Meer ist groß und seine Wogen brausen gräulich; und weit, weit ist der Weg. Wo wir bisher ein Stück See sahen, da war s blau, lebhaft von Menschen und Schiffen, lieblich und anmuthig, ein glattes, fried liches Bild des Himmels und ei Ende war überall, denn über bie schmale Meerstrasse des Bosporus hatten uns friedlich die B ge Kleinasiens und über die breite Falksstrafsc herüber die noch schöneren Gestade des anmuthigen Ceylon gegrüßt. Aber wo wir seit zwei Tagen rollen, da winkt kein freundliches Land, da treibt uns nur der große indische Ozean donnernd entgegen, daß das ganze Schiff bis in seine Grundfesten erbebt und wir sehen um uns nichts, als die öde, weite, wild- und sturmbe- wegte Wasserwüste. Es ist dem alten Seemann und seinen ver- wetterten braven Seeleuten, die das Schiff führen, nicht recht wohl bei der Sache; denn wenn das Schiff berghoher Wellenkuppe s blaugrüne, schanmsprühcnde Wasserthal hinabstürzt, da taucht es mit dem Bng (der Vorderspitze) so gar tief ein in s Meer, da rollt die schwere Welle so gar schwer über die ächzenden Decke, als öffne der Ozean seinen Rachen und wolle unser Schifflein hinab schlingen in seine purpurnen Tiefen und könne es nur nicht so gonz noch machen, wie er wolle. Auch uns ift s bange, sehr bange und wir beten einen Stoßseufzer um den andern und ver gessen immer in der Hälfte des Gebets das Ende desselben, wenn ein neues Schreckniß uns bedroht. Doch braußtcn sie auch noch so gräulich, diese wildschäumenden ungeheueren Wogen: Der Herr ist doch noch größer in der Höhe! Er hilft und er errettet gern!82 Andern Tags, als wir früh aufstehen, bläst ein guter Wind, lacht die freundliche Sonne und auch das Meer zürnt nicht mehr. Schaaren fliegender Fische fahren plätschernd über die See dahin, um das mit Dampfeseile dahinbrauscnde Schiff spielt der perl mutterglänzende Delphin, jagt der hungrige Hai mit beharrli cher Gier dem Kiele nach und Tausende von Möven, Albatrosen, Fregatten und anderen bestederten Bewohnern der See eilen in die Wette mit uns. Blau schimmert der reine Himmel, in tiefstem Ultramarin von unaussprechlicher Schönheit rollt das Meer; Mit tags, um die Zeit der Observation, sind wir wirklich unter dem Aeqnator dem 82 ten Grad östlicher Länge von Greenwich. Einen Moment später sind wir schon im Süden; wir haben die nördliche Hälfte der Erde verlassen. Es ist daö nichts Kleines, und als wir uns am hohen Stande der Sonne, in deren Strahl wir keinen Schatten mehr haben, genug staunten, sehen wir den ganzen Tag umher, denn wir haben die Einsamkeit schon genug, wir wünschen dieser langen Seefahrt schon ein Ende; hier ist recht groß und schaurig, und auch recht langweilig. Der Abend bringt uns aber wieder Neuigkeiten; ein euer Himmel mit neuen Gestirnen glänzt uns entgegen. Zuerst sehen wir uns sehnend nach dem alten guten Polarstern um. Wir sehen ihn nicht mehr; er ist in s Meer gesunken. Dafür glänzen die prachtvollen Sternbilder des Südens, vor allem das erhabene Kreuz, und als wir uns daran genug gesehen, bereiten uns die Pholaden und andere mikroskopische Seethiere im Meere eine wun derbare Illumination. Schwarz ist der mondlose Himmel, leuchtend das Meer. Wir staunen entzückt und können das herrliche Schau spiel nicht genug bewundern. So geht es zehn, zwölf Tage fort, langweilig, öde, einför mig. Sehen wir hie und da eine ferne Klippe, oder winkt uns ein Segel aus weiter Ferne, dann staunen wir. Endlich sagt der Capitän auf unsere tausendmal mit heißer Ungeduld an ihn ge stellte und stets verneinend beantwortete Frage: ob wir denn noch nicht bald an s Land kämen? morgen! Und so war es auch; wir landeten in Port Adelaide. Aber da ist es jetzt, wie in England Theater, Bälle, Zeitungen, Mode, Luxus, Bier-, Wein- und Kaffeehäuser, Handel und Wan del, Schulen und Kirchen, fleißige Menschen und Tagdiebe es83 ist alles iit diesem Neuengland, wie daheim im alten. Wir sahen keine Känguruhs und keine Schnabclthiere, auch keine Menschen fresser mehr; die sind in der Kolonie nimmer in der Mode, und zu ihnen in die Wildniß zu gehen, dazu hatten wir keine Lust. Da wir nun daselbst nichts Neues sahen, so machten wir uns nach wenigen Tagen auf den Weg nach der Provinz, wo das Kiold aus der Erde gegraben wird. Da wollten wir schnell einige Ceutuer graben, nm doch wenigstens etwas mit heimzubringen, was der Mühe wcrth wäre. Aber so viel wir auch scharrten und wuschen und gruben, wir fanden nicht so viel, daß wir uns davon satt zu essen kaufen konnten, und das machte uns so ver- drüßlich, daß wir schnell wieder nach Adelaide liefen und uns da einschifften, und zwar auf einem Amerikaner, der von Adelaide direkt nach Neuseeland fuhr, um Flachs zu laden und von dort nach der Bai von Panama. Der wilde Yankee fuhr wirklich wie toll zuerst gen Südost, und ein schrecklicher Nordwind blies uns immer weiter dahin in s Eismeer. Und nach acht Tagen war s schon so kalt und die Sonne stand Mittags schon so tief im Nor den, daß ihre Strahlen nur sehr, sehr wenig warm machten. Und immer noch weiter ging s hinab und der wilde Kapitän sagte im mer, er müsse Strom und Wind aus Süden haben und solle er den Südpol ansegeln. Aber eines Morgens sahen wir plötzlich blaue Inseln im Meer liegen, als wären es Felsberge und Joche aus Milchglas, und obwohl die Sonne freundlich schien, war s doch so kalt und weißer Schaum bekränzte die Spitzen der Wel len. Da staunen wir, denn was wir sehen, sind Eisberge von verschiedener Gestalt und Größe, welche auf der See sich langsam nordwärts bewegen und mitten darunter eine ungeheure ungestalte Masse, die aus dem Wasser hervorragt. Ihre stolze, langsame Bewegung, das Schneegewirbel um ihren Gipfel, das Spiel des Sonnenstrahls an ihren glänzenden Seiten und Zacken, das fürch terliche Gekrach, mit dem flch kolossale Trümmer ablösen und in die aufsprühenden Gewässer stürzen, die saphirne Farbe der großen und kleinen Massen wer könnte das beschreiben? Wie wir das so recht eifrig betrachten, hören wir einen Walisisch schnauben und das Dampfwaffcr in die Höhe blasen. Sein ungeschlachter Rücken drängt wie ein nmgcstürztcs großes Boot durch die sich darüber brechenden Wellen. Dann schlägt er mit Donnerknall den mächtigen Schwanz auf die Wasserfläche und 6 *84 stürzt sich wie rasend in die Tiefe. Noch einen einsamen weißen Bären erblicken wir auf dem Rücken einer mächtigen Scholle, hin ter der er bald wieder verschwindet; aber daß unser Schiff, statt weiter gen Südost plötzlich gen Nordost steuert, das muß man uns erst sagen. Es geht schnell durch s stille Meer, schnell sind wir in Panama, fahren auf der neuen Eisenbahn durch däe Land enge, welche Süd- mit Nordamerika verbindet, setze uns wieder ein Bremer Schiff, segeln rasch übcr s Meer und landen in Bremen. Aber Jahr und Tage sind wir nimmer so glücklich gewesen, deutsch sprechen zu hören. Was macht Vater und Mut ter, Bruder und Schwester und der Freund? Schnell, heim! Gottlob, da sind wir und Alle sind gesund und alles ist glücklich zu Ende. Und nun, geneigter Leser, merke wohl: wir haben einen Weg von 5400 Meilen zusammen gemacht, sind nicht müde ge worden und das ist gut. Aber wäre traurig, wenn wir nichts dabei gelernt hätten. Rund um die Erde sind wir gcrciset; überall war die Erde unter uns, der Himmel über uns, der Him mel in Gestalt einer hohlen Halbkugel, der kleine Theil der Erd oberfläche, den wir überall, besonders schön auf der See, sehen konnten, kreisrund. Das ist Dir der festeste und unumstößlichste Beweis, daß die Erde eine Kugel ist, wenigstens ein kugelähnli cher Körper. Wir waren selbst Deine Antipoden oder Gegenfüßler in Australien oder dort herum, von denen man sich sonst lächerlicher Weise vorstcllte, daß sie auf den Köpfen gingen und die Füße in die Luft streckten, aber wir versichern Dir auf unser Wort, daß man überall die Erde unter den Füßen, den Himmel über dem Kopse hat. Die Gestalt des Horizontes ist stets kreisförmig, die Spitzen erhabener Gegenstände sind der Ferne stets früher sichtbar, als die übrigen Theile derselben. Daö alles haben wir auf unserer Reise gesehen. Aber etwas Anderes sah der Erzähler bei der schönen Mvndssinstcrniß in der Nacht vom t4. Dezember 1856. Da ging ein kreisrunder Schatten verdunkelnd über die klare Vollmondscheibe weg, und das war der Schatten der Erde. Nur eine Kugel wirft in allen Lagen und unter allen Verhältnissen einen kreisrunden Schatten. Aber wir haben noch mehr bemerkt. Nirgends ist die Erde gestützt, sie hängt nirgends an Ketten, nirgends ist sie sonstwie be festigt, sondern frei schwebt sie im unermeßlichen Welträume und be-85 wegt sich, von gehcimnißvollen gewaltigen Kräften in ihrer Bahn ge halten und getrieben, um die mütterlich leuchtende und wärmende Sonne. Und um das Gewisse und Großartige dieser Thatsachen dem denkenden Menschen anschaulich zu machen, hat der liebe Gott ihm den Mond als ein Beispiel an den Himmel gestellt. Der geht um die Erde herum und mit ihr um die Sonne und sagt: Zweif le, sieh mich an! Auch ich bin ein Gestirn, aus Felsmassen ge bildet; ich bewege mich durch Gottes allmächtige Kraft um Deinen Wohnstcrn, die Erde. Wo hänge ich? Wo sind die Bande, an denen ich schwebe? Zeige sie mir! Und wenn Dn s nicht kannst, so denke an Den, der mich mit allmächtiger Kraft frei durch den Aether führt, an den großen Regierer und Schöpfer der Welt. An mir läßt er Dir ein Rädlein seiner großen Weltuhr sehen, wie der Vater daheim manchmal dem Kindlein das Innere der Uhr zeigt, damit das Büblein sich dann am schnellen Tiktak der Spindel freut und drüber jubelt. So spricht der schöne Mond zu Dir, geliebter Leser; so spricht alles, die ganze grosse Welt mit ihren Herrlichkeiten, als Spiegel der Kraft und Wirksamkeit Gottes. Besteh sie nicht ge dankenlos, wie das Kind die laufende Spindel in des Vaters Uhrwerk, sondern mit Aufmerksamkeit und Wißbegierde. Rund ist der Mond, eine Kugel; rund ist auch die Erde, auf der wir woh nen, leben und weben. Und wenn alles, was jetzt von ihrer Gestalt gesagt wurde, Dir nicht genug Beweis von ihrer Kugel gestalt wäre, so hast Du ihn ja selbst an Dir erfahren und erlebt: Du bist ja mit mir im Geiste um sie hernmgereiset, 5400 Meilen weit. 1719 Meilen lang aber müßte ein Tunnel gebohrt werden, wenn er von Europa aus gerade durch den Mittelpunkt der Erde ach Australien oder sonst einem Punkte, entgegengesetzt von Eu ropa, durchgehen sollte. Und des Vaters Garten von 3 oder 4 Jnchart (Morgen) Größe wäre auch nur ein klein Stück- lcin von der Oberfläche der Erdkugel, denn sie soll 9 282,060 □ Meilen groß fein. Wie schwer ist ein tüchtiger Quader- oder Pflasterstein! Aus der Erde aber könnte man 2,659 310,190 Cu- öikmeilen oder Quader machen, von denen ein jeder 2 Stunden lang, 2 Stunden breit und 2 Stunden dick wäre. Und wenn Du nun sagst: ich lese es wohl, ich kann es aber nicht fassen; dann stimme ich Dir bei, ich kann das auch nicht. Und doch ist unsere Erde gegen die ungeheueren Gestirne am Himmel wie ein Sand-86 körnlein gegen einen Berg, gegen die ganze Welt wie der Tropfen am Eimer, und es ist darum so schön, wie der Dichter (Klopstock) sagt: Nicht in den Ozean der Welten alle Will ich mich stürzen; schweben nicht Wo die ersten Erschasfneji, die Jubelchöre der Söhne des Lichts Anbeten, tief anbeten! und in Entzückung vergehn! Nur um den Tropfen am Eimer, Um die Erde nur, will ich schweben und anbeten! Von der Sonne. Ans der Erde stehen wir; von ihrer Oberfläche blicken wir hinauf zur Sonne, dem leuchtenden und wärmenden Lichte, das den Tag regieret; von der Erde aus sehen wir auch hinaus in den unermeßlichen Weltraum. Wir brauchen gar nichts von der Astronomie zu verstehen, und wird uns doch klar sein, daß uns Vieles in einer ganz anderen Weise darstellcn würde, wenn wir uns auf der Sonne, dem Monde oder gar auf einem der entferntesten Gestirne befänden. Allein wir können dahin nicht reisen; und auf solche Weise, wie auf der fast überall uns zu gänglichen Oberfläche der Erde, können wir uns am Himmel nicht zurechtstnden. Wir müssen es also auf eine andere Weise ver suchen. Auf der Erde gibt es, wie wir auf unserer Reise deutlich gesehen haben, kein oben und kein unten, und es meint daher je der, er sei oben, er möge befinden, wo er wolle. Das kommt von der Kugelgestalt der Erde her. Wir müssen deshalb die Figur Nr. 1. Taf. 1 betrachten, indem wir weiter gehen. Der schat- tirte Kreis innerhalb des äußeren Ringes stellt unsere Erde dar. Befänden wir uns z. B. an dem mit 0 bezeichneten Punkte der selben, so würde freilich Einer, der am entgegengesetzten Punkt 0 stünde, unter unseren Füßen sein. Wenn er aber gerade in dem selben Augenblick sich mit dem Nachdenken über denselben Gegen stand beschäftigte, wie wir, so würde auch er sagen: ich bin oben, und die bei Punkt 0 sind unter meinen Füßen.87 Darüber sind wir nun im Reinen. Wenn aber eine Linie durch unfern Körper gelegt würde, sv ginge dieselbe beliebig ver längert von unserem Leibe aus durch den Mittelpunkt der Erde und durch den Punkt L, der gerade über unserem Scheitel ist. Diesen Punkt L nennen wir unseren Zenith. Die Linie führt nun gegenüber von I. nach dem Punkt L 1 zu unseren Füßen, und wir nennen diesen Punkt Nadir. Wenn nun die Sonne gerade so über unserem Haupt stünde, wo der Punkt L ist, so sagen wir, sie befindet sich in unserem Zenith. Was uns in L , also in dem Nadir befindlich ist, das können wir natürlich nicht sehen; befindet sich ja der Erd körper dazwischen. Wenn wir nun vom Punkte 0 aus den hellen Sternenhim mel betrachten, so scheint es uns, als wäre der Himmel ein unge heuerer Dom und alle Sterne an demselben wären in gleicher Entfernung von uns. Dieses scheinbare Himmelsgewölbe um un sere Erde herum ist auf unserer Figur durch den Kreis LH 1 L HL vorgestellt, wobei natürlich die Entfernung von 0 bis 2 unendlich größer anzunehmen ist. Auch scheint uns das Himmelsgewölbe nicht vollkommen halbkugelförmig, sondern so, wie es die punktirte Linie andeutet und also ein wenig eingedrückt. Richten wir aber unsere Blicke nicht nach oben, sondern ringsum auf die Erdober fläche selbst, so erscheint uns dieselbe als eine kreisrunde Fläche, in deren Mittelpunkt wir uns selbst befinden. Das haben wir überall auf unserer Reise so, und am schönsten auf der See ge sunden. Wir waren immer im Mittelpunkte eines Kreises; dieser wanderte mit uns um unseren Planeten; er veränderte sich un- mcrklich mit jedem Schritte. Aber wie groß ist nun das Stück Erde, welches wir zu übersehen im Stande waren? Das weiß jeder von Euch, daß die Aussicht sich erweitert, je höher Ihr Euch stellet. Zehn Fuß über der Oberfläche der Erde habt Ihr eine Aus- stcht von einer deutschen Meile, d. h. ihr könnt nach allen Dichtung cii zwei Stunden weit sehen, was sich der Ober fläche der Erde befindet, wenn nämlich die Aussicht nicht durch Berge, Gebäude, Wald u. dgl. verhindert, unmöglich gemacht wird. Ans einem 50 Fuß hohen Hause kann man schon 2 deutsche Meilen weit sehen; auf einem 500 Fuß hohen Hügel dagegen 6 Meilen; ist der Hügel 1000 Fuß hoch, so beträgt die Aus sicht 8^ 3 Meilen; aber auf einem 10000 Fuß hohen Berge sieht88 man 27 4 o Meilen weit. Auf diesem Berge, wenn Ihr ihn er klettertet, könntet Ihr ein großes und doch nur ein sehr kleines Stück der Erdoberfläche übersehen, nämlich oo derselben. Den Kreis aber, welchen wir stets von der Oberfläche unserer Erde zu sehen im Stande sind, nennen wir den scheinbaren Horizont (auch Kimm, Gesichtskreis). So steht mit der Erde. Wir, die wir diesen kleinen Himmelskörper bewohnen, können uns nur äußerst unbedeuten der Höhe erheben, und da diese gegen die Masse der -Erde säst gar nicht in Betracht kommt, so verbirgt uns die Rundung der Erde und die Kleinheit der Hohen, zu denen wir emporsteigen können, selbst die weitere Aussicht. Aber gegen den Himmel ist die Größe der Erde nichts, säst gar nichts; sie ist nur ein Son nenstäubchen im unermeßlichen Welträume, und deshalb sehen wir in der That aus der Erde stets die Hälfte des ganzen Himmels und alle Gestirne an demselben, die unser Auge erreichen kann. Daher sahen wir unserem Standpunkte 0 den ganzen Theil des Himmels, wie er durch die Linie H CH bezeichnet nd abge grenzt ist, und diese Aussicht am Himmel nennen wir den wah ren Horizont. Dieser wahre Horizont nun thcilt für unser Auge den Himmel in zwei Hälften, wovon wir nur diejenige, die über unserem Horizont ist, zu sehen vermögen. Nun wollen wir uns noch etwas näher am Himmel orien- tircn und genau die vier Himmelsstriche kennen lernen. Gehen wir am 2ltcn März früh etwas vor 6 Uhr in s Freie, so sehen wir die Sonne an einem Punkte des scheinbaren Horizontes anf- gchcn; das ist der Punkt Ost. Sehen wir sie nun Abends wieder am entgegengesetzten Ende des Himmels verschwinden, so ist das West. Ziehen wir nun auf einem Steine, oder feststehen den Tisch, eine Linie von Ost nach West, so können wir diese rccht- winklich spalten, d. h. wir können sie durch eine zweite Linie unter einem Winkel von 90 Graden schneiden, und wir erhalten da durch zwei andere Punkte. .Wenn wir links den Punkt West und rechts den Punkt O st haben, so ist der Endpunkt der zwei ten Linie zunächst bei uns der Punkt Süd und ihr anderer End punkt auf der gegenüber liegenden Seite der Ost-West-Linie der Punkt Nord. Diese Punkte nennen wir die vier Weltgcgendcn. Wir müssen das aber entweder am 21ten März oder am89 22tcn September thun, denn an diesen Tagen ist bei uns das Aequinoktium oder die Tag- und Nachtgleiche, wo die Sonne am wahren Ostpunkt auf und am wahren Westpunkt untergeht. Da, wo sie am folgenden Tage aufgchct, ist nicht mehr der wahre Ost; die Sonne ist mit ihrem AnfgangSpnnkte schon etwas mehr nach Nor- gerückt; sie rückt Tag für Tag damit mehr nach Norden; der Kreis, den sie scheinbar am Himmel während des Tages durchläuft, wird täglich größer, sie braucht also alle Tage mehr Zeit, der Tag wird also länger und länger, bis er am 21tcnJuni am längsten ist, an welchem Tage die Sonne den allergrößten Kreislauf über den Himmel macht. Jetzt geht es umgekehrt; sie scheint wieder rück wärts zu wandern, ihre Kreise kleiner zu ziehen, kürzere Zeit zu ihrem Wege zu brauchen, und das geht so fort bis zum 23ten Dezember. Der Kreis, den sie da beschreibt, ist der kleinste; sie durchwandert ihn in 7 Stunden. Nach dem, was wir da sehen, hätte also die Sonne für uns zweierlei Bewegungen: eine tägliche über den Himmel hin von Ost zu West und eine langsame mit ihren Auf- und llnter- siangspnnkten in der ersten Jahreshälfte von Süd nach Nord und umgekehrt in der zweiten Jahreshälfte von Nord nach Süd. Das ist die Ekliptik, die scheinbare Bewegung der Sonne mit dem Lause ihrer Wanderkreise von Nord nach Süd. Allein die Sonne lächelt ruhig zu diesem unserem Jrrthum. Sie sagt: Ich stehe fest, Ihr aber werdet bewegt von Eurer müt terlichen Erde. Denn die rollt in 24 Stunden einmal um ihre eigene Axe; d. h. sie bewegt sich in der angegebenen Zeit ein mal um sich selbst, und da rollt alle Tage einmal vor meinem leuchtenden Angesicht vorüber und es geht Euch, wie auf der Ei- senbahn. Wie scheinen da die Bäume so schnell vorüber zu ren ne ! Aber es ist nicht wahr; sie stehen, Ihr laufet nur so ge schwind an ihnen vorbei. Für s zweite sagt die Sonne, läuft die l^rde alle Jahre einmal um mich herum, und braucht dazu 365 Dage und 6 Stunden. Da aber ihre Bahn nicht so ganz eben stvgt, sondern schief, so scheint cs, als liefe die Sonne im Som mer, wo wir uns unten der Bahn bewegen, in einem gewal tig großen Kreise über unfern Horizont weg, aber im Winter, wo die Erde am obcrn Ende der Bahn anlangt und am obersten umlenkt, da ist der scheinbare Himmelsbogen, den die Sonne be schreibt, sehr, sehr klein. Alles das ist nicht es scheint nur so.90 Aber merke noch: Die Erde ist sehr pünktlich; sie macht und regulirt die Zeit, und wenn Eure Uhr mit dem wahren Mittag nicht stimmt, so ist sie daran nicht schuld, sondern der Uhrmacher. Ferner: das Jahr ist 6 Stunden länger, als 365 Tage. Diese 6 Stunden sind eine sehr wcrthlose Sache sür einen leichtsinnigen Menschen und Faullenzer. Aber für brave fleißige Leute sind sie sehr viel werth, also wer den sie nicht weggeworfen, sondern, anfgespart bis nach 4 Jah ren 4x6 Stunden ein Tag daraus geworden ist, und ein solcher ersparter Tag kommt allemal dem Februar, der die wenigsten Tage- hat, zu gut. Ein Jahr, wo der Februar den 29ten Tag bekommt, nennt man Schaltjahr. Du kannst es leicht wissen, ohne Kalender, wann ein solches Schaltjahr ist. Wenn sich die Jahreszahl durch 4 ohne Rest thcilcn läßt, dann ist das Jahr ein Schaltjahr. Aber noch mehr kannst D der Ekliptik ab- nchmcn. Wenn ein Feuer 16 Stunden lang gleichstark im Ofen brennt, so wird die Luft im Zimmer gerade noch einmal so lang warm bleiben, als wenn es nur 8 Stunden lang unterhalten wird, das ist klar. Wenn die Sonne 16 Stunden lang scheint, so verbreiten Ihre Strahlen auch länger Wärme, als im Winter, wo sie nur 8 Stunden lang ihrer Obliegenheit Nachkommen kann. Eine 7stündige Nacht kann nicht so abkühlen, als eine 17stündige; deshalb bleibt im Sommer über Nacht so warm, und wenn die Sonne früh um halb vier Uhr anfängt in alle Wälder und Felder, Berge und Thäler, Städte und Dörfer hineinzubrenncn und noch dazu schnell alles auszutrocknen, daß der Himmel nur wenig Wolken hat und die Sonne selten verschleiert werden kann, da wird es uns natürlich heiß. Aber im Winter, da kühlt die Nacht, da scheint die Sonne schief und alles hat lange, graußig kühle Schatten. Da trocknet wenig ans, da verschleiern die Wolken die Sonnenstrahlen, da nimmt die Kälte mit de langen Nächten zu, und wenn es einmal zuschneit, so ist es vollends aus mit der Wärme, und Niemand beschwert sich, wenn die Sonne einmal tagelang freundlich scheint, sondern es thut allen wohl. Daß aber die größte Kälte in der Regel erst nach dem 23ten Dezember, im Januar kommt, beruht auch auf ganz natürlichen Ursachen; es hält die Sommer- und Herbstwärme so lang nach; es kann der Winter seinen Grimm erst dann entfalten, wenn er alles recht ausgekühlt, ansgefroren, verwettert und verschneiet hat.91 Umgekehrt aber bläst er in den Sommer noch lange, lange hinein mit seinem kalten Hauch, und erst im Juli, in den soge nannten Hundstagen wird cö heiß. Das alles und noch viel mehr lernen wir nun einschen, verstehen und uns zu Nutz machen. Aber wir möchten nun doch auch wissen, was ist die Sonne und wie ist sie? wie wirkt sie? 20 682,000 geographische Meilen weit ist sie von uns weg; ihr Durchmesser beträgt 192,700 Meilen und die Erde könnte in ihrem Mittelpunkt stecken, der Mond könnte innerhalb der Sonne ganz gut in derselben Entfernung von der Erde um dieselbe herumlaufen, und doch bliebe noch außerhalb seiner Bahn ein Raum von 44,400 Meilen übrig, wenn die Sonne eine so große hvhle Kugel wäre. Aus der Sonne könnte man 359,551 Erden wachen, und 738mal könnte man alle Planeten aus ihrer Kör permaße formen. Sie ist OOOmal so groß als aste Planeten und Monde zusammengenommen. Sie, die leuchtende, gibt auch dem lichtdürstenden Geist des Menschen noch Licht über ganz andere Dinge. Man weiß jetzt, daß der eigentliche Sonnenkörper planetcn- artig dunkel ist, daß ihn nur eine leuchtende Atmosphäre umgibt, welche ihn, welche alle Planeten, Monde und Cometen so herrlich erleuchtet und erwärmt. Es zeigen sich in dieser Lichthülle Flecken von der mannigfaltigsten Form, Dauer und Größe; sie scheinen grau und in der Mitte schwarz zu sein, sind aber nie rund, son dern stets, als wenn sie Risse, Schlitze in der leuchtenden Son nenatmosphäre wären. Durch sorgfältige Beobachtungen ist man so glücklich gewesen, zu entdecken, daß man durch diese Lücken der leuchtenden Masse hindurch auf den dunkeln Sonnenkörpcr selbst sehen könne. Das ist nicht so abenteuerlich, als es scheint, und mit den Rissen in der Atmosphäre hat seine Richtigkeit; denn wan hat solche Sonnenflecken beobachtet und gesehen, daß sich verändern, sich gänzlich schließen oder nur halb, sich erweitern, ihre Gestalt ändern. Man hat sie verfolgt, wenn sie recht lange dauern, hat sie über die ganze Sonnenscheibe hinweggehen, ver schwinden, nach dreizehn Tagen wieder erscheinen und noch ein mal vorüberwandern sehen. Da ist man denn noch hinter et was ganz anderes gekommen, und hat durch solche kennbare und dauerhafte Flecken entdeckt, daß sich die Sonne, die man nvcr-92 rückt feststehend sich dachte, doch bewege, daß sie um sich selbst eine Drehbewegung, um ihre eigene Axe, mache und dazu 25 Tage brauche. Die Sonne hat aber nicht nur eine, sondern sogar zwei Umhüllungen, und das hat man am 8ten Juli 1842 hcrausge- bracht. An diesem Tage war eine totale Sonneusinsteruiß, und der Himmel war so ganz.rein und wolkenlos, daß mau in Deutsch land damals dieses herrliche Schauspiel mit Muse und ungehindert betrachten konnte. Der Mond in seiner Erdnähe erschien so groß, daß er die ganze Sonne bedeckte und rundum im Augenblick der totalen Bedeckung der Sonnenscheibe über dieselbe hervorragte. Damals sah man und ich, der ich Euch das erzähle, sah es auch rund um den dunklen Mond unregelmäßige Erhabenheiten wie Spitzen von Gebirgen oder wie rundum hervorsprühcnde Flammen, und Leute, welche recht scharfe Augen hatten, wollten das durch bloße gefärbte Gläser, deren mau sich aus Rücksicht auf die Augen bediente, nicht durch das Fernrohr, gesehen haben. Anfangs erstaunte ich; ich dachte: das sind die Berge aus dem Mond. Aber Nachdenken belehrte mich, daß man die Berge auf dem Mond in solcher Entfernung gar nicht bemerke, daß man sie ja immer sehen müßte, bei jedem Vollmond, wenn es möglich wäre, sie zu sehen. Aber viele Männer von Verstand und Erfahrung, mit denen ich damals auf einem Observatorium (Sternwarte) zu sammen war, jubelten laut vor Freude und riefen: es ist etwas ganz Neues, Niegesehcucs. Sie rechneten und brachten es heraus, daß diese Erhöhungen der Sonnenatmosphäre angehörtcn, daß sie bis zu 10000 geographische Meilen hoch wären. Doch ging die Er scheinung zu schnell vorüber; zudem nahm der Anblick der Son nensinsterniß die Anfmerksamkeit allzusehr in Anspruch, als daß augenblicklich darüber mehr hätte gesprochen werden können, und die Aufklärung dieser wunderbaren Erscheinung blieb, wie vieles Andere, einer späteren Zeit und Gelegenheit anheimgcgeben. Diese kam aber schon am 28. Juli 1851, au welchem Tage Nach mittags zwischen 2 und 7 Uhr wieder eine fast totale Sonneusiuster- niß vorkam. Bei dieser Gelegenheit wurde nach jener leuchtenden Atmosphäre um den Sonncnkörper von fast allen Beobachtern eifrig geforscht, und ihr Dasein gänzlich außer Zweifel gestellt. Man sah allgemein an der Sonne Gewölle von prächtiger dun- kelrother Farbe, welche völlig von dem Sonnenkörper getrennt93 Waren. Die Höhe dieser ncuentdcckten Dunstmassen wurde auf 6 bis 12000 Meilen geschätzt. Drei bis fünf rothe, bandartige, oft zerrissene oder gezähnt erscheinende Streifen wurden gesehen außer halb der Sonnenscheibe, Massen von dampf- oder gasartiger Na tur, die in beständiger Bewegung waren, denn sie veränderten ihre Gestalt und Stellung, während man sie bei der Sonnenftn- sterniß entdeckte und beobachtete. Diese die Sonne umgebenden Materien, deren Natur und Beschaffenheit man freilich nur vermuthe , aber nicht bestimmen kann, leuchten also, der Sonnenkörper leuchtet wahrscheinlich nicht, sondern wird von ihnen beleuchtet. Wir haben schon Eingangs dieses Buches, bei der Lehre von der Formation der Gestirne gehört, daß die Sonne sich wahrscheinlich eben so bildete, nur früher, als wie unsere Erde, daß ihre körperliche Masse vielleicht eben so beschaffen ist, wie die der Erde. Daß sie rund ist, zeigt der Augenschein; daß flc rotirt, lehren die sich bewegenden Sonnenflccken. Wie es sonst auf der Sonne ist, ob es dort Berge und Thäler, Besten und Meere, Luft und Gewässer gebe, die Leben erregen und erhalten; ob dort Menschen und Thiere und Pflanzen leben? wer könnte das sagen? dieses Geheimniß bleibt wohl unerforscht. Wir müssen warten auf den großen Tag, der unsere Geister vom Irdischen löset, dann vielleicht laßt uns der gütige Schöpfer hinter diese Geheimnisse blicken, ihren Schleier lüften und es wird sein, wie der Dichter sagt: Ich werde das im Licht erkennen, was ich auf Erden dunkel sah! Das Licht der Sonne ist unbeschreiblich stark und wohlthä- Ug; es soll 300000 Mal stärker, als das des Vollmondes sein; Andere sagen wieder, es sei 800000 Mal stärker. Wir nehmen das so hin, wie vieles, was die Gelehrten sagen, ohne ihre gute Absicht zu verkennen, aber leider auch, ohne daraus viel klüger zu werden. Einen einzigen Blick in die von keiner Dunstmasse ver hüllte Mittagssonne dürfen wir mit bloßem Auge wagen, und wir sehen, daß sie eine unbeschreiblich reine, unaussprechlich glän zende Scheibe ist, deren Anblick aber, wenn wir ihn nur 5, 6 Sekunden anshalten müßten, uns das Augenlicht völlig rauben würde. Ihr Licht ist so ganz außerordentlich mächtig, daß wir nach einem augenblicklichen Hinschauen unseren Augen lange Ruhe gönnen müssen, bis sie sich von dem Ungeheuern Eindruck allmäh-04 ltg wieder erholen, und Personen, deren Angen schwach sind, dür fen es gar nicht wagen, die Sonne ohne schützende farbige Gläser anzusehen. Durch diese aber, wenn sie namentlich tiefbraun, grün oder blau sind, wird die Kraft der Sonnenstrahlen so gebrochen, daß man die Sonnenscheibe länger ohne Nachtheil für das Auge betrachten kann. Sieht man die Sonne nun durch ein solches Glas an, so bemerkt man hinwieder mit bloßem Auge nichts von ihren Flecken; es gehören immer noch gute Fernrohre dazu, um solche zu sehen. Und doch sind diese Schlitze in der Lichthülle der Sonne oft ungeheuer groß. Herschel, der berühmte Astronom, von dem wir weiter unten sprechen werden, hat die Größe eines Sonnenflecks berechnet und ihn zu 4 000000 □ Meilen groß an gegeben. Wenn nun schon nicht alle so groß sein mögen, als dieser, so sind sie doch meist viele tausend □ Meilen groß. Aber schadet das nichts? fragt der liebe Leser," und wir antworten mit den Astronomen: Nein, es soll sogar nützen. Je mehr und je größere Flecken die Sonne hat, desto fruchtbarere Sommer haben die gleichzeitigen Jahre;" sagt der Eine; Andere leiten wieder andere irdische oder cosmische Erscheinungen von den Sonnenflecken ab; einig sind aber die Gelehrten mit ihren Meinungen weder über die Ursache des Lichtes der Sonne, noch über die Natur und die Wirkungen der Sonnenflecken geworden, und somit müssen wir uns damit begnügen, was wir von ihnen gehört haben. Sie leuchtet gleichstark, sie befruchtet und reift alles auf Erden mit gleicher Wärme, ob sie mehr oder weniger Flecken hat; sie streut Segen und Fülle alle Welten aus, das wohlthätige Tagesge stirn, das köstlichste Geschenk des liebenden Schöpfers, und darum freue sich ihrer alles, was da athmet im rosigen Lichte!" Von dem Monde. Der Mond, den wir, wenn er auch noch so hell leuchtet, ganz ohne Gefahr für unsere Augen betrachten können, der treue Begleiter unserer Erde, ist nun freilich ein unbedeutender Welt körper im Berhältniß zur kolossalen Sonne. Sein Durchmesser beträgt nur 454 Meilen und unsere Erde ist gerade 54mal größer,95 als et. Dabei ist er auch an den Polen wahrscheinlich weniger abgeplattet, als unsere Erde, denn er bewegt sich sehr langsam um sich selbst und braucht dazu 28 Tage. Man kann aber nicht dahinterkommen, wie? oder ob er überhaupt an seinen Polen ab geplattet ist, denn er streckt ns immer den einen Pol entgegen, der bei seinen Bewohnern, wenn er nämlich welche hat, wohl Erdpol genannt wird. Dafür muß er aber um so mehr laufen, wie wir gleich nachher sehen werden. Obwohl nun so klein, ist der Mond dennoch sehr einfluß reich auf unsere Erde, und wir sehen und fühlen diesen Einfluß an vielen wunderbare und nützlichen Erscheinungen auf der Erde sehr deutlich. Das Licht der Nächte, welches der Mond ausstreut, ist es nicht allein, was ihn uns so werth macht. Der Mond ist nur 51480 Meilen von der Erde entfernt, demnach kaum zehnmal so weit von uns weg, als der Weg, den wir um unsere Erde gemacht haben, und wenn man diesen Weg per Eisenbahn zurücklegen könnte, so wäre es ein Spaß, in ein paar Monaten nach dem Mond zu reisen. Nur darum, weil er fast immer so nahe bei uns ist, erscheint uns seine Scheibe so groß. Wir sehen nun schon mit bloßem Auge, daß der Mond keine ganz glatte Oberfläche hat, und die Kinder machen sich in ihrer Einfalt davon allerlei Vorstellungen. Bald sehen die einen an der Mondscheibe ein Gesicht; andere sagen- die schattigen Stellen seien die Länder auf dem Monde und die glatten glänzenderen die Meere. Aber man hat jetzt mächtige Telescope, durch welche die Mondscheibe 500mal vergrößert werden kann, und da entdeckt man denn ganz andere Dinge auf dem Monde; durch solche Fern rohre betrachtet, gewährt die Vollmondscheibe einen überaus pracht vollen und wunderbaren Anblick. Besteht man z. B. den Mond, wenn er uns als Halbmond erscheint, so ist der in vollem Sonnenlichte befindliche Rand gleich förmig erleuchtet, und er erscheint deshalb scharf abgerundet; aber der entgegengesetzte Rand sieht ausgezackt und zerrissen aus. Ein zelne helle Punkte im Monde sind unzweifelhaft nichts anderes als Berge. Man nimmt hinter denselben stets einen von der Sonne abgekehrten Schatten wahr, der immer kürzer wird, je mehr der Mond in seine volle Beleuchtung tritt. Durch die ge naue Beobachtung solcher Schatten hat man Anhaltspunkte zu9(i Messungen gewonnen und beweisen können, daß auf dem Monde Berge gibt, welche so hoch sind, ja noch höher, als die höchsten Berge der Erde. Sehr häufig sind im Monde soge nannte Ringgebirge; es schließt nämlich ein kreisförmiger Wall von aneinandergereiheten Bergspitzen entweder eine Hochebene oder eine Vertiefung ein, aus deren Mitte öfters wieder ein Berg em- porstarrt, eine Art Centralberg. Außerdem findet man aus dem Monde noch allerlei Gruppen von Bergen und sich nach verschiede nen Richtungen hin kreuzende Bergketten, so daß die ganze Mond fläche gebirgig erscheint, und wenn man diese Berge nach ihrer Gestalt mit denen der Erde vergleicht, so wird es zur begründeten Vermnthung, daß sie durch vulkanische Kräfte entstanden sind. Roch mehr: ist ganz gewiß, daß es auf dem Monde keine Meere gibt; wenigstens dem Thcil des Mondes, wel cher unserer Erde zugekehrt ist, sind keine solche Wassermassen vor handen, und es ist deshalb überhaupt sehr in Zweifel gestellt, ob auf dem Monde Wasser gebe. Wie verschieden muß demnach die natürliche Beschaffenheit der Mondoberfläche von jener unserer Erde sein! Wasser gibt es also dort nicht, folglich fehlt eine große Lebensbedingung für Pflanzen und Thiere. Hat der Mond eine Atmosphäre? Genaue Beobachtungen der Gelehrten bei Bedeckungen der Sterne durch die Mondscheibe haben gelehrt, daß, wenn ein solcher bedeckt werdender Stern sich der Mondscheibe näherte, das Licht des Sternes keine Schwächung erlitt, sondern bis zum Augenblicke des Verschwindens in ganzem ungebrochenen Glanze blieb. Hätte der Mond eine Atmosphäre, so wäre das Licht des Sternes durch dieselbe geschwächt, gebrochen worden, bis derselbe endlich hinter der Masse des Mondes ganz verschwunden wäre. Daraus und aus anderen Beobachtungen haben die Gelehrten gewiß erhoben, daß der Mond auch keine Luft hat. Es fehlt also die zweite Lebcnsbedingung für Thiere und Pflanzen: es kann dem Monde keine Geschöpfe, welche irdisch leben, geben. Dreizehnmal im Jahre bewegt sich der Mond um unsere Erde; seine Bahn ist eine Ellipse, in deren einem Brennpunkt sich die Erde befindet. Die Gestalt der Ellipse weicht sehr von der Form des Kreises ab. Die Bewegung des Mondes ist aber eine sehr zusammengesetzte, weil er sich zugleich mit der Erde um die Sonne97 bewegt. Es ist schwer, sich von seinem Laufe eine richtige Vor- stellnng zu machen. Am einleuchtendsten ist es noch, wenn man sich die Erdbahn als eine gerade Linie vorstellt, um welche der Mond, mit der Erde fortwandernd, der Länge nach eine Schrauben linie beschreibt. Da er aber, wie bereits gesagt, der Erde stets nur dieselbe Hälfte zuwendet, so fällt seine Axendrehung mit sei ner Umlaufszeit zusammen. Herr Dr. Schödlcr, dem wir in die sen Kapiteln am meisten gefolgt stnd, macht das durch folgendes Beispiel klar: Aus einem runden Tische befindet sich ein Licht, und dieses stellt die Erde dar. Gehe nun, indem Du Dein Gesicht stets dem Lichte zuwendest, um den Tisch herum, so hast Du, nachdem das geschehen ist, nicht nur Deinen Weg um den Tisch vollendet, sondern auch Dich gleichzeitig einmal um Dich selbst gedreht. Das ist eine ziemlich gute Veranschaulichung der Mond bewegung um die Erde und um seine eigene Axc. Wichtiger, als alles dieses, ist es aber nun, zu wissen, aus welchen Gründen uns der liebe Mond während seines Umlaufes um die Erde so verschiedene Erscheinungen darbietet. Sie sind bekannt, und zu ihrer Erklärung müssen wir die Sonne zu Hilfe nehmen, denn nur durch die Aenderungen in der Stellung des Mondes zur Sonne und zur Erde zeigt er uns bald seine völlig erleuchtete Fläche, bald wieder nur die Hälfte, dann nur ein Vier- tcl derselben, und wenn er so steht, daß er uns seine beschattete Hälfte znwendet, so verschwindet dieses Gestirn dem Anscheine nach gänzlich am Firmamente, und wir sagen: ist Neumond. Wir würden uns vergeblich bemühen, eine deutlichere Veranschau lichung der Mondphasen zu ersinnen, und entlehnen deshalb die Erklärung derselben wieder gänzlich aus dem Buche der Natur von Herrn Dr. Schödlcr. Zuerst," heißt es dort, sei bemerkt, daß bei der großen Entfernung der Erde und deö Mondes von der Sonne, und bei der bedeutenden Größe der letzteren alle von der Sonne ausgehen den Lichtstrahlen unter sich in paralleler Richtung auf die Erde und den Mond treffen, gleichgiltig, an welchem Punkte ihrer Bahnen dieselben sich auch befinden mögen." Es sei daher T auf unserer Figur Nr. 2 die Erde und cc . .. der Mond in verschiedenen Stellungen seiner Bahn, so sind 88 ... . untereinander parallele, von der in großer Entfernung befindlichen Sonne herkommende Lichtstrahlen. Offenbar müssen die diesen 798 Strahlen zugekehrten Seiten der Erde sowohl, als auch die des Mondes, vollkommen erleuchtet sein, und dem in der Sonne befind lichen Auge würden Erde und Mond daher immer als glänzende vollkommene Scheiben erscheinen. Die dem Sonnenlicht abgcwen- dete Seite ist natürlich dunkel." Stehen Sonne, Mond und Erde in einer Linie, und zwar in der genannten Reihenfolge, so daß also der Mond zwischen Sonne und Erde steht, wie SAT in der Figur, so nennt man dies Conjunktion, während man als Opposition diejenige Stellung bezeichnet, wenn sich die Erde zwischen Sonne und Mond befindet, wie STE. Die beiden Stellungen 0 und 6 des Mondes nennt man seine Quadraturen. Auf der Erde selbst sieht man vom Monde nur die ihr zngewendete Hälfte desselben, also denjenigen Theil, der auf unserer Abbildung durch den Kreis der Mondbahn abgeschnitten erscheint. Während daher A.8.0.V.E.E.6.H den Mond, von der Sonne aus gesehen, vorstellen, geben die auf unserer zweiten Abbildung stehenden Figuren a.b.c.d.e.f.g.h die Gestalten des Mondes, wie sie an diesen Orten dem der Erde befindlichen Auge erscheinen." In der Conjunktion (bei A) ist den Erdbewohnern die dunkle Mondscheibe zugewendet; wir haben alsdann, wie man sagt, Neumond oder Neulicht. Der Mond ist für uns während dieser Zeit kaum stchtbar als ein blasser aschgraufarbigcr Körper, der dieses schwache Licht von der Erde empfängt. Nach einigen Tagen erscheint er uns jedoch bei 6 als eine der Sonne abgewcn- dete glänzende Sichel (b), die in der Quadratur 0 zum ersten Mondviertel (c ) angewachsen ist, das sich halbmondförmig dar stellt. So gelangt der Mond mit stets zunehmendem Licht zur Opposition, wo er uns gänzlich erleuchtet als Vollmond erscheint, und von wo er in entgegengesetzter Ordnung dieselben Formen wieder annimmt, bis er wieder zur Conjunktion zurückkehrt." Wie man in der zweiten Figur sicht, bildet der Mond bei wachsendem Licht ein D, bei abnehmendem ein 0, woher es kommt, daß derselbe ein Lügner genannt worden ist. Das lateinische Wort voorösoit heißt nämlich: er nimmt ab," und doch ist der Mond im Znnehmcn, wenn er uns wie ein v erscheint. Da gegen heißt Eresoit er wächst," während gerade der Mond ab nimmt, wenn er ein 0 bildet." So weit aus dem trefflichen Buch über die Mondphasen,99 und Jeder von Euch weiß, was er von dem alten lateinischen Scherz: Luna mendax“ (der Mond lügt) halten hat. Die Gelehrten reden nun von noch gar vielerlei, wenn sie uns den Mond zu sprechen kommen. Einige sagen, er mache ein klein Bischen warm, andere dagegen sagen das Gegentheil, und sie deduciren und deliberiren sehr viel und tiefsinnig darüber. Da lle aber noch nicht einig geworden sind, ob der Mond warm oder kalt macht, so wollen wir uns um diesen ihren Streit auch nicht weiter kümmern. Das Wetter soll er auch regulireu, der Mond. Bei Monds- Veränderungen soll es sich ändern, bei Neumond soll meist Regest-^^-x oder trübes Wetter, bei Vollmond gut Wetter sein. Allein (^4uöth%J darum scheint sich der Mond wenig zu kümmern, denn regstch^^ vst am allermeisten bei m Vollmond, und das Wetter scheint sich mit feiner Laune nicht int Mindesten nach dem Mond zu richten; also auch dafür kann der Mond so viel wie nichts. Uns genügt, daß wir ihn haben, diese wohlthätige Nacht- leuchte, bei deren sanftem Schimmer wir so gerne lustwandeln, so friedlich schlafen. Daß er auf die Erde einwirkt, mächtig, wohlthätig, das sehen wir an anderen Orten unseres Buches, und da ist es Zeit, ihm dafür danken. Aber über dem Geschöpf des Schöpfers vergessen, diesen sündlichen Undank wollen wir nicht verschulden. Gott sei Dank für den Mond und für den weiteren Blick in die Geheimnisse der Schöpfung, der uns in dem Monde von dem liebenden Schöpfer gestattet worden ist. Von den Planeten. Das ist nun ein Feld für den menschlichen Geist, mit dem er noch lange nickt fertig zu werden scheint, und an der r Entdeckungen, welche die Menschen hier gemacht haben unv noa immerfort machen, bewundert man die Kraft und Knhnhu ^ Geistes, den Gott uns gegeben hat. Denn mit dem blosen e : ) ist hier das Wenigste gcthan worden; es ist so weit gebrac) - den, daß ein großer Denker aus einigen schwachen Anzeichen den Gedanken kam, dem lieben Gott einmal nachzurechnen tut anszurechnen, daß hinter dem letzten bekannten Planeten noch - 1 -100 iter in tiefer weiter Ferne um die Sonne gehen müsse, und zwar kein kleiner, sondern ein mächtiger, großer gewaltiger Stern. Dieser große Rechenmeister, der das nach- und ansgcrechnct hat, lebt in Paris und heißt Leverrier, und er hat bewiesen, daß er das Einmaleins aus dem Grunde versteht. Als er mit seiner Rechnung fertig war, da machte er bekannt: er habe ausgerechnet, daß in einer Entfernung von so und so viel Millionen Meilen von der Sonne und der Erde weg ein Planet um die Sonne kreisen müsse, und daß sich dieser Planet in so und so viel hun dert Jahren einmal um die Sonne bewege. Und ferner machte er bekannt: dieser Planet müsse jetzt wahrscheinlich an einem ge wissen Ort am Himmel zu finden sein, wenn sich Jemand die Mühe nähme, mit einem guten Fernrohre Nachts dort nach ihm zu suchen. Nicle dachten: das ist in s Blaue hineingerechnet; der Herr Leverrier soll nur selber nach seinem Planeten suchen; bei der Nacht schmeckt ein gesunder Schlaf gar gut;" lachten über den großen Mann. Aber vielen anderen würdigen Männern leuch tete Lcvcrriers Rechnung ein, und sie dachten: hat er das mühe vollste Stück Arbeit gcthan, so wollen wir uns nicht von ihm be schämen lassen, und es richteten sich viele Fernrohre allerorts nach der Stelle am nächtlichen Himmel, wo der Stern zum Vorschein kommen sollte. Namentlich in Berlin suchten die Astronomen sehr eifrig nach ihm, und siehe, der Herr Professor Galle hatte am 23. September 1846 wirklich die Freude, den Stern unzweifel haft zu finden, und der neue Stern wurde Neptun genannt. Das war eine Freude für jeden guten Menschen, eine dop pelte Freude, die nicht allein in der neuen Entdeckung, sondern auch hauptsächlich in der Art der Entdeckung begründet war, und ich hörte damals einen rechtschaffenen Mann neben mir die Worte aussprechen, als wir in der Zeitung die Nachricht von die ser großen Entdeckung zusammen lasen: Hast den Funken uns gegeben Der in uns die Nacht erhellt; Diesen Geist, der in das Leben Aufstrebt aus der Sinnenwelt: In das Leben, wo er freier, Näher schaut dich, Weltengeist Dich bei seiner Heilgen Feier Frei vom Staub der Erde preist. Welche Tiefen, welche Höhen!101 Heilge Schauer fassen mich! Wie viel tausend Welten drehen Hier um ihre Sonnen sich! Und wo sind des Raumes Grenzen, Wo sich keine Welt mehr dreht? So dringt also der menschliche Geist selbst in solche Fernen, wohin seine Sinne nicht reichen; er sucht auch dort Geheimnisse der Schöpfung, wohin ihm der Blick Jahrtausende lang verschlossen n)ftt - Und es gibt doch noch Menschen auf der Erde, welche da- i5on nichts wissen, ja welche nicht einmal das hören und lernen wögen, was ihnen zu ihrem leiblichen Fortkommen in der Welt unentbehrlich ist. Sie gleichen dem, der sich Tollheit zum freiwilligen Hungertode selbst verdammt; sie verdienen unser Mit leid und wir beklagen sie. Was für Planeten kreisen nun näher um unsere Sonne? Da haben wir zuerst den Merkur, der doch schon 8 Millionen Meilen weit von ihr entfernt ist, und seinen Lauf um dieselbe in ^8 Tagen vollendet. Er dreht sich in 24 Stunden und 5 Minn en einmal um seine Axe; sein Tag ist also ein klein Bischen län ger, als der unserige, der Planet aber viel kleiner, als unsere ^rde, denn sein Durchmesser beträgt nur 671 geographische Meilen. Das Licht des Merkur ist sehr stark, denn er wird von der hm nahestehenden Sonne ungemein hell bestrahlt. Aber eben deshalb, weil er der Sonne so nahe steht, ist es schwer, ihn zu ^hen. Nur zuweilen, kurz vor Sonnenaufgang oder Untergang, st^ht man ihn als ein sehr klar und funkelnd schimmerndes Stern chen am Horizonte stehen. Desto lieblicher leuchtet die herrliche Venus, von den Leu ten, die sie alle kennen, bald Morgen- bald Abendstern genannt, le nachdem eben die Tageszeit verschieden ist, an dem sie das Sternchen betrachten. Es gibt keinen schöneren Stern am Him- wel, als die Venus. Sie bietet uns dieselben verschiedenen Licht gestalten dar, wie der Mond, und hat zu Zeiten ein so starkes ^ cht, daß sie des Nachts bei Abwesenheit des Mondes deutlichen Schatten erzeugt. Sie ist 16 Millionen Meilen von der Sonne entfernt, hat ein Jahr von 224 Tagen Länge, und dreht sich et was schneller um ihre Axe als unsere Erde, nämlich in 23 Stun den nd 20 Minuten. Dabei ist sie aber fast eben so groß, als unsere Erde, und ihr Durchmesser beträgt 1694 Meilen.102 Es ist hier der Ort, Euch, Ihr lieben Leser, auf etwas höchst Wichtiges und Merkwürdiges aufmerksam zu machen. Die VenuS kommt zuweilen unserer Erde bis auf 5V Millionen Mei len bei ihrem Umlaufe um die Sonne nahe, und da haben die Gelehrten nicht blos bemerkt, sondern unzweifelhaft fcstgcstellt und bewiesen, daß die Venus und die Erde einander an zogen, beide sich einander näherten, ihre Bahnen etwas verließen, daß also einander in ihrem Laufe störten. Wäre nicht eine andere viel gewaltigere Anziehungskraft, die der Sonne, welche alle Planeten in ihren Bahnen schwingt, so würden unzweifelhaft die beiden einander anziehenden Planeten, Erde und Venus, auf einander losgestürzt sein, und da hätte es einen Stoß gegeben, durch den sie sich vielleicht beide gegenseitig zertrümmert hätten. Wie uns dabei gegangen wäre, das denke sich Jeder selber. Allein solche schreckliche Katastrophen existiren eben nur in der Einbildungskraft; wie der für den 13ten Juni 1857 befürchtete Zusammenstoß der Erde mit einem Kometen. Jetzt, da Ihr dieses leset, ist jener Schreckenstag vorüber und mit ihm die Veranlassung zu einer eben so lächerlichen als unbegründeten Angst. Der liebe Gott hat schon dafür gesorgt, daß kein Stern aus seiner Bahn weiche, keiner in seinem Laufe mit einem andern zusammenrenne. In der großen Uhr da droben, deren blitzende Räder bei Nacht aus ihren unermeßlichen Fernen zu uns herabfunkeln, und uns so viel zu denken und zu rechnen geben, geht alles ruhig und still seinen ewig regelmäßigen Gang. Statt uns also zu beängstigen, ist diese Störung der beiden obengenannten Planeten, welche man deutlich bemerkt und berechnet hat, vielmehr zu einem Fingerzeig geworden, der dem Menschen Winke zur Entdeckung ganz anderer ungeahnter Dinge gegeben hat. Leverrier hatte bemerkt, daß der letzte bekannte Planet Uranus, den er in seinem Laufe beobachtete, auch solche Störungen erlitt, und er benützte diesen Wink, um das Dasein des Neptun und den Ort, woselbst dieser Planet gefunden werden müßte, zu berechnen. Die Venus kann nun zur Zeit, wo sie sich der Erde nähert, durch gute Fernrohre auch recht schön besichtigt werden, und da hat man gesehen, daß ihre Oberfläche eine ähnliche Beschaffenheit hat, wie die unserer Erde. Sie hat Berge, also auch Thälcr und sehr große glänzende Ebenen. Vielleicht sind das Meere! Doch allzuweit in Vermuthungeu darf man sich in diesen Dingen nicht103 ersteigen, sonst kommt man am Ende dahin, in der Venus alles sich so vvrzustcllen, wie es auf der Erde ist, und das dürfte doch ganz anders sein. In der Reihe der Planeten von der Sonne nach außen hin folgt nun unsere Erde. Sie ist 21 000,000 Meilen weit von der Sonne entfernt, bewegt sich in 365 Tagen, 6 Stunden und eini gen Minuten um dieselbe, und dreht sich in 24 Stunden einmal um ihre Axe. Der nächste Planet aber ist nun der Mars, wieder ein klei nerer Planet, als unsere Erde, denn sein Durchmesser beträgt nur 850 Meilen. Von der Sonne ist er 30 692,000 Meilen entfernt, und er braucht zum Durchlaufen seiner Bahn 676 Tage 23 Stun den 30 Minuten; um seine Axe dreht er sich binnen 24 Stunden 3? Minuten 23 Sekunden. Auch der Mars kommt während seines Umlaufes um die Sonne der Erde öfters merkwürdig nahe, indem beide Planeten sich mächtig stark anziehen, und somit sich im Laufe aus ihren Bahnen abweichend einander nähern. Während einer solchen Periode kann man ihn denn durch gute Fernrohre ziemlich genau betrachten, und es ist das seit 50 Jahren fleißig geschehen. Da fyftt man die merkwürdige Entdeckung gemacht, daß dieser Stern in der Nähe seiner Pole große weiße Flecken hat, die sich zu der 3eit, in welcher in jenen Gegenden Sommer ist, verkleinern und umgekehrt im Winter vergrößern. Der Wechsel dieser Erscheinun gen ist außerordentlich regelmäßig, und man kann fast nicht an ders, als die Gründe dieses Phänomens in den Eis- und Schnee- massen zu suchen, welche zur Winterzcit an den beeisten Polen bilden, dagegen zur Zeit des Sommers vom Sonnenlichte weg- geschmolzen werden. Sollte das wirklich der Fall sein, dann Müßte der Mars Wasser und Luft haben, wie unsere Erde, und hätte er diese Elemente, daun dürfte es möglich sein, daß dort Leben, irdischem ähnliches Thier- und Pflanzenleben, vorhanden wäre. Astein wer vermöchte das zu bestimmen? Doch wir haben nun gesehen, daß die der Sonne am nächsten stehenden vier Pla neten Merkur, Venus, Erde und Mars, sich bezüglich ihrer Größe, ilmdrehungszeit um die Sonne und ihre Axen merkwürdig ähnlich sind; es ist demnach begreiflich, daß man auch Aehnlichkeit in der Ausstattung ihrer Oberfläche mit Leben vermuthet, und Gott wird104 auch dort eine Schöpfung voll Wunder, Größe und Manichfaltig- keit erzeugt haben, wie jene auf unserer Erde. Zwischen dem Mars und dem Jupiter kreisen nun eine Masse ganz kleiner Planeten um die Sonne, von denen man ge genwärtig schon nntenfolgende kennt und fast halbjährig immer noch welche entdeckt werden. Sie sind, obschon nicht sehr weit von uns entfernt, meist so klein, daß man nur durch gute Fernrohre sehen kann, und vor hundert Jahren hat man noch gar nichts von ihrem Dasein gewußt. Da nun zwischen dem Mars und dem großen Jupiter ein so außerordentlich großer Zwischen raum ist, so hat man darüber nachgedacht, warum dieser große Raum leer sein sollte und vermuthet, es sei da noch ein Planet zwischen Erde und Jupiter gewesen, der aber entweder zerstört wurde oder aus seiner Bahn gewichen ist, u. dgl. m. Der Ite Januar 1801 löste dieses Räthscl, denn an diesem Tage entdeckte der Astronom Piazzi zu Palermo einen zwischen dem Mars und Jupiter kreisenden kleinen Planeten, und nannte ihn Ceres. Die Entdeckung von drei andern Planeten, welche fast dieselben Bahnen einhalten, folgte im Laufe weniger Jahre nach (Pallas, entd. durch Olbers in Bremen, 28ten März 1802; Inno, entd. durch Harding in Lilienthal, Iten September 1804; Vesta, entd. durch Olbers, 29ten März 1807). Statt des ver mißten einen, hatte man nun vier neue Planeten, die sämmtlich eine ziemlich gleiche Entfernung von der Sonne haben und gleiche Umlaufszciten. Die Gleichheit ihrer Entfernung von der Sonne und ihrer Umlaufsgeschwindigkeit um die Sonne scheint nun aller dings darauf hinzndeuten, daß diese kleinen Himmelskörper einem größeren entstanden seien; ihre sehr verschiedene Neigung gegen die Ekliptik hin aber verriethe eine gewaltsame Zertrümme rung desselben. Das letztere findet aber seine Bestärkung noch in etwas ganz anderem; im Jahre 1845 entdeckte man abermals ei nen kleinen Planeten den Bahnen der bereits bekannten Vier, die Asträa; 1847 wurden wieder drei, Hebe, Iris, Flora entdeckt; 1848 Metis; 1849 Hygiea; 1850 Parthenope und Viktoria; 1852 wurden sogar acht entdeckt: Egeria, Orene, Eunomia, Psyche, Thetis, Melpomene, For tuna und Massilia; darauf folgten 1853 und 54 Lutetia, Calliope, Thalia, Phokäa, Themis, Proserpina; am 8ten November 853 wurde Euterpe entdeckt; 1854 Bellona,105 Amphitrite, Urania, Euphrosine, Pomona, Polyhymnia; 1855 Leu- kothea, Atalanta, Fides; 1856 Lätitia und Harmonia. Bis jetzt, wo wir das schreiben, sind ihrer 43; und was noch immer entdeckt wird auf diesem planetenreichen Felde, das, ihr lieben Leser, müßt Ihr Euch den Tageblättern nachholen. Das scheinen nun lauter Trümmer eines ehemaligen größeren Ster nes zu , und man nennt all diese Sternchen zusammen Asteroiden." Der größte der Asteroiden, die Vesta, hat kaum 150 Meilen im Durchmesser; man weiß deshalb, außer von ihrer Existenz, sehr wenig von ihnen, und das Mittheilen von Vermn- thungen würde für unseren Zweck nichts nützen. Der nun folgende Jupiter ist der Riese unter den Plane rn, denn er hat fast 20,000 Meilen im Durchmesser, seine Ober fläche ist 126 und sein Rauminhalt 1400mal so groß, als der der Erde. Von der Sonne ist der Jupiter 105 Millionen Meilen entfernt, und er durchläuft seine ungeheuere Bahn in 11 Jahren, 514 Tagen und 20 Stunden. Er selbst aber hat kleinere Tage, als die Erde, denn vbschon so ungeheuer groß, dreht er sich doch in 9 Stunden, 55 Minuten und 34 Sekunden um seine Axe. Ein Jupiterjahr hat nun 10,396 solche kurze Jupitertage. Es lebt sich deshalb dort geschwind, und die Sonne muß über den Himmel nur so wegfliegen; denn ein Punkt am Aequator des Ju piter durchläuft in einer Sekunde 17,000 Fuß, und das ist 30mal so geschwind, als eine Kanonenkugel fliegt und 17mal so schnell als der Schall. Durch gute Fernrohre gesehen, erscheint der Jupiter gestreift wie ein Globus mit seinen Breitengraden. Was sind das für Streifen? Sind es Wolken? wir wissen es nicht; wir vermuthen nur, daß all diese Streifen parallel mit dem Aequator des Pla neten laufen, daß sie grau, gelblich grau, bräunlich gefärbt sind, daß es also deswegen und wegen ihrer vielfach wechselnden Ge stalt Wolken, Dünste sein können, die wegen der ungeheuer schnellen Axendrehung des Planeten von mächtigen Passatstürmen ln langgestreckten Zügen über die Oberfläche des Jupiter dahin gerissen werden; aber wir wissen es eben nicht. Daß aber der Jupiter 4 Monde hat, das wissen wir ganz gewiß, und zwar schon seit dem 29ten Dezember 1609, wo sie von dem Astronomen Simon Marius zu Ansbach entdeckt worden sind. Nur einige106 Tage später machte auch Galilei zu Padua dieselbe Entdeckung (7tcu Januar 1610). Diese Nebenplaneten oder Trabanten sind nun wieder ein Wink des gütigen Schöpfers, den der denkende Mensch nicht un beachtet lassen durfte. Man hat an ihnen die Geschwindigkeit der Lichtfortpflanzung studirt. Indem nämlich diese Monde den Ju piter umkreisen, treten sie von Zeit zu Zeit in den vom Planeten geworfenen Kcrnschatten, werden dadurch versinstert. Nach dem man auf das Genaueste den Ein- Austrittsaugenblick berechnet hatte, ergab sich, daß zur Zeit der Conjunktion, wenn also Erde und Jupiter um 42^000,000 Meilen von einander ent fernt sind, die Finsternisse der Jupitermonde beträchtlich später eintreten, als wenn dieselben zur Zeit der Opposition stattsinden, wo beide Planeten einander um vieles näher sind. Die letzten Strahlen eines im Schatten verschwindenden Trabanten gelangen also erst zu uns, wenn dieser schon einige Zeit verfinstert ist. Das Licht braucht folglich eine gewisse Zeit, um seinen Weg zn- rückzulegen, und zwar eine Sekunde für einen Raum von 42,000 Meilen. Aber noch etwas anderes nützen die Verfinsterungen der Trabanten des Jupiter. Da nämlich dieselben zu jenen Ereignis sen gehören, welche überall auf der Erde, wo es Nacht ist, zu gleicher Zeit gesehen werden müssen (gerade wie der Ein- Austritt des Mondes in und dem Schatten der Erde), so war der Unterschied, der in den Uhren verschiedenen Punkten der Erde stattfand, durch dieses Ereigniß leicht zu bestimmen, wie gleichfalls auch der Unterschied der Länge. Durch die Jupitcrö- monde könnte man demnach des Chronometers entbehren, wenn dieses Instrument nicht zur Bestimmung der Länge viel bequemer wäre. Daß ein so gewaltiger Planet, wie Jupiter, wenn er in die Erdnähe tritt, Störungen im Laufe derselben hervorbringt, ist zu vermuthen. Ob sonst noch andere Erscheinungen, welche in der Atmosphäre, in den Ozeanen, zu solchen Zeiten zum Vorscheine gekommen sind, dem Einflüsse des Jupiter auf irdische Verhältnisse zngeschrieben werden dürfen, ist aber eine Frage, deren Lösung erst der Zukunft Vorbehalten bleiben muß. Von dem außerordentlichsten merkwürdigsten aller Pla neten, dem Saturn, war schon im ersten Kapitel dieses Buches107 die Rede. Er umkreiset die Sonne in 29 Jahren 166 Tagen und 23 Stunden und ist 200 000,000 Meilen von der Sonne entfernt. Seine Axendrehnng vollendet er in 19 Stunden, 29 Minuten, 17 Sekunden. Da sein Durchmesser 17090 geogr. Mei len beträgt, so ist seine Geschwindigkeit, mit der er sich um sich selbst schwingt, ungeheuer groß, und hierin suchen die Gelehrten, wie bereits im ersten Kapitel gesagt worden, die Entstchungsur- sache seines Ringes. Der äußere Ring hat einen Durchmesser von 38.300 Meilen eine Breite von 2600 Meilen, der innere ist 33.300 Meilen weit und 3700 Meilen breit. Es liegt zwischen dciden Ringen eine Kluft von 400 Meilen Weite, der in nere Ring steht von der Oberfläche des Planeten ohngefähr 5000 Meilen entfernt. Breit sind sie, diese wunderbaren Ringe, aber dünn, merkwürdig dünn; ihr körperlicher Durchmesser soll kaum 20 Meilen betragen. Sie werfen ein stärkeres Licht zurück, als der Saturn selbst, man sieht ihre Schatten auf der Kugel des Planeten; sie müssen also etwas Compaktes und keine Wolkenzüge sein, denn große Züge von Wolken von so entschieden wechselnder Beschaffenheit, daß man nicht zweifelhaft an ihrer Existenz sein kau , kreisen um den Saturn und werden von seinen Ringen mit- l eschattet. Die ganze Sache hat sehr viel Räthselhastes, und die Ge lehrten, deren Forschungseifer man die Nachrichten von dieser wundervollen Planetengestaltnng verdankt, sind noch lange von einem sicheren Resultate entfernt. Es würde also wenig nützen, ihre sich widersprechenden Vermuthnngen mitzntheilen, denn weiter, als mehr oder weniger scharfsinnigen Vermuthnngen Hy pothesen, (Sätzen, welche nicht bewiesen werden können) hat uvch fein Mensch in dieser Angelegenheit gebracht. Aber daß den Saturn außer jenen Ringen noch 8 Monde umkreisen, das weiß man schon lange ganz gewiß. Uranus, der in der Reihe nach Saturn folgende Planet, ist lange für den letzten unseres Svnnensystemes gehalten worden. steht 400 Millionen Meilen von der Sonne ab, braucht zu seinem Umläufe um dieselbe 84 Jahre, 5 Tage 19 Stunden, hat eine sehr starke Axendrehnng, da er so sehr abgeplattet ist, "ud man hat bisher sechs Monde entdeckt. Aber man ist mit diesem Planeten noch lange nicht fertig; wer weiß, was man noch von ihm entdecken und lernen kann. Was die Gelehrten sonst108 von ihm sagen und denken, ruht noch auf zu schwachen Füßen. So sollen ihn seine Monde nicht auf der Ebene seiner Axcndreh- ung umkreisen, sondern vielmehr fast in der Richtung eines seiner Meridiane; auch soll sein Aequator nicht mit der Ekliptik zusam menfallen, sondern vielmehr seine Axe. Allein das ist alles noch nicht bewiesen; der Stern ist zu weit von uns entfernt, und selbst mit den besten Fernrohren betrachtet, läßt sich da mehr vermuthen als sehen. Wir gelangen endlich wieder zum letzten, äußersten Planeten unseres Sonnensystemes, mit dem wir dieses Kapitel begonnen haben, zum Neptun. Daß man diesen Planeten nicht entdeckte, sondern aus dem Dunkel, in welchem ihn seine ungeheuere Ent fernung von der Sonne, also auch von der Erde, hielt, heraus rechnete, das wissen wir. Wir wissen auch, daß der Rechenmei ster, welcher dieses schwere Exempel herausgebracht hat, Leverrier heißt. Der einzige Anhaltspunkt, die Veranlassung, die Aufgabe für den Astronomen waren die Störungen, welche der Planet Uranus zuweilen in achtzigjährigen Zwischenräumen in seinem Laufe erlitt. Die Umlaufszeit des Neptun beträgt 164 Jahre und 226 Tage; das weiß man nicht, weil man ihn seinen Umlauf in der angegebenen Zeit noch nicht vollenden sah, denn er selbst ist uns ja erst seit 1846, also seit zwölf Jahren bekannt, sondern auch durch Berechnung nach der Strecke, welche man ihn während einer ge wissen Frist am Firmamente zurücklegen sah. Von der Sonne ist Neptun 621 Millionen Meilen entfernt, und wenn Menschen aus ihm lebten, so würden sie die Sonne als ein sehr kleines Lichtlein sehen und von ihrer Wärme wohl nicht viel spüren. Ob er Monde hat, weiß, man noch nicht bestimmt; wer kann auf 600 Millionen Meilen solche kleine Trabanten sehen? Weiß man doch nicht einmal viel mehr vom Neptun selber, als daß er da ist. Ebenso ist es mit seiner Rotation; auch davon läßt sich noch nichts sagen; der Planet ist zu weit von uns entfernt, die Son nenstrahlen erleuchten ihn allzuschwach. Aber der Geist des Menschen dringt selbst in dunkle Fernen, wo hin sein Auge nicht mehr reicht. Dadurch beweiset der Mensch aber eben seine Gottähnlichkcit, den göttlichen Geisterfunken, der ihn aus dem niedern Kreise des Irdischen hoch cmporhcbt, und ihn über alle Noth und Qual des Erdcnlebens mit göttlichem Flug hinausträgt.109 Dem Urquell alles Reinen und Göttlichen, dem lieben Gott, im mer ähnlicher zu werden, das ist ja die Bestimmung des Menschen auf der Erde. Möchtet Ihr, geliebte Leser, dieser Eurer erhabe nen Bestimmung immer eingedenk sein, alles Böse und Unreine von ganzem Herzen verabscheuen, euern Geist immer weiter aus bilden, immer mehr lernen und zunehmen, nicht allein an Alter, , sondern auch an Erkcnntniß; dann wird Euch Gottes Gnade und die Liebe aller guten Menschen nicht fehlen. Von den Kometen. Unser Sternenhimmel bietet außer dem gewöhnlichen An blicke der Gestirne öfters noch überraschendere Erscheinungen dar. treten nämlich zuweilen plötzlich Lichtmassen am nächtlichen Firmamente auf, welche aus einem hellerglänzenden sternartigen Theile, dem sogenannten Kerne, bestehen, von welchem aus dann meist ach der von der Sonne abgewendeten Seite ein leuchtender schweifartiger Schimmer über das Firmament hinzieht. Dieser Schimmer ist vollkommen durchsichtig; die Sterne glänzen durch ; er nimmt an Länge ab oder zu, ja wechselt seine Größe oft dein Auge sichtbar. Oft ist dieser Schweif ungeheuer groß und erstreckt sich fast über den ganzen uns sichtbaren Theil des Firma mentes, wie bei dem Kometen von 1842; öfter ist er auch klein, sehr matt und unscheinbar. Die ganze Erscheinung hat etwas Großartiges, und, wenn der Komet, wie jener von 1842 eine bedeu tende Größe hat, etwas Gespensterhaftes, und darin liegt es, daß sich mit den Kometen von alten Zeiten her der Aberglaube so viel zu schassen gemacht hat. Der Kapuziner in Wallensteins Lager predigt: Es ist eine Zeit der Thränen und Noth, Am Himmel geschehen Zeichen und Wunder, Und aus den Wolken blutig roth Hängt unser Herrgott den Kriegsmantel runter. Den Kometen steckt er, wie eine Ruthe Drohend am Himmclsfenster aus. Als irrt Winter von 1842 auf 43 jener große Comet am südlichen Firmamente erschien, war man längere Tage nicht recht im Rei nen, was man daraus machen sollte. Er zeigte sich anfangs zu weit im Südwest und ging folglich zu bald am Firmamente unter.110 Einige sagten: es ist ein Zodiakallicht (siehe weiter unten), meh rere wollten aber davon nichts hören, sondern sprachen mit Be stimmtheit ihre Ansicht aus, daß der leuchtende Schimmer am Fir mamente ein Komet wäre. Die Gegend, in welcher der Verfasser damals wohnte, lag tief, nd um das Phänomen recht schön zu . sehen, stieg er in Begleitung einiger Freunde auf ein Hügelland, woselbst mehrere volkreiche Dörfer liegen. Die Landleute, welche mit Interesse von dem Kometen, der erschienen war, hörten, folgten uns nach Sonnenuntergang zu Dutzenden ins Freie, und staunten da den milchfarbigen Schimmer an, der sich wie eine zweite Milch strasse über das ganze südliche Firmament zog. Ja, das ist Ei ner! sagten sie; nun, Gott sei uns gnädig! was bringt wohl der wieder für Jammer mit. Hunger, Theuerung, hat schon die Son- nenstnsterniß gebracht (die vom Juli 1842, welche die große Dürre des damaligen Sommers veranlaßt haben sollte), der bringt nun den Krieg oder die Pestilenz!" Habt Ihr den Kometen von Anno Eilf gesehen?" fragte mein Freund einen der ältesten Bauern. Mills meinen," sagte der. Nun, und wißt Ihr noch, was das für ein reiches Jahr war? Denkt Ihr nicht an den Eilfer, den Kometenwein?" Ja wohl," sagte der Bauer, aber ich denk auch an den seligen Bonapart, der damals 500,000 Soldaten nach Rußland hinein und Keinen wieder herausgeführt hat," sprach der Bauer. War daran der Komet, oder der Kaiser Napoleon Schuld?" Daraus erfolgte ein langes Stillschweigen. Der liebe Leser wird aus diesem Stillschweigen so ziemlich entnehmen können, was es mit der angeblichen Unglücksbedeutnng der Kometen zu sagen hat, die der Aberglaube erzeugt. Die Ko meten bedeuten weder Glück noch Unglück; sie haben für mensch liche Verhältnisse gar keine Bedeutung, und ob sie auf die Erde einwirken, und wie und was sie wirken? davon weiß man nichts. Es ist also Thorhcit, sich bei dem Erscheinen eines so majestäti schen und gcheimnißvollen Gestirns mit dunkeln Ahnungen und Befürchtungen zu ängstigen. Gott, der Herr und Regierer der Welt, stellt sie gewiß nicht zu diesem Zwecke dem menschlichen Blicke dar; er wird wohlthätige Absichten mit ihrem Herausführen am Firmamente verknüpfen; sie werden nothwendige Räder in der großen Weltuhr sein, nützliche und unentbehrliche Glieder in der111 Kette der Gestirne, und einst kommt vielleicht der Tag, an dem der Mensch über ihr Wesen, ihre Bedeutung und ihren Nutzen durch Nachdenken und eifrige Forschung aufgeklärt wird. Aber die Winke, die Fingerzeige, welche dazu nöthig sind, fehlen noch. Wir hofften auf das Jahr 1857, in welchem ein sehr großer Ko met ganz in unserer Erdnähe vorüberziehen sollte. Aber der hat sich leider nicht eingestellt; er ist ausgeblieben. Die Astronomen haben diese merkwürdigen Gestirne in das - Auge gefaßt und beobachtet. Ans diesem aufmerksamen Studium ist nun das Ergcbniß hervorgegangen: Die Kometen sind Wcltkörper, welche sich mit Ordnung und Gesetzmäßigkeit um die Sonne bewegen. Sie haben eine körperliche Masse, welche von der Sonne beleuchtet wird, die jedoch eine so außerordentlich geringe Dichtigkeit besitzet, daß das Licht nicht allein durch ihren Schweif, sondern sogar durch den eigentlichen Comctenkörper, den Kern, dnrchdringt, denn man hat Fixsterne durch die Kerne von Kometen, also durch die dichtesten Theile derselben schimmern sehen. Daß die Kometen von der Sonne angezogen werden, auch dieses st unzweifelhaft. Ihre Bewegung wird rascher, wenn sie sich derselben nähern, und sie zeigen in der Sonnennähe einen viel lebhafteren Glanz. Die Kometen sind uns zuweilen nur einige Tage oder Wochen, selten mehrere Monate lang sichtbar. Sie halten die Regel der Planetenbahnen, welche fast alle auf dem Aeqnator der Sonne liegen, nicht ein, sondern sie eilen aus allen Richtungen des Him mels herbei, kreisen in außerordentlicher Nähe um die Sonne und entfernen sich sodann wieder von ihr in nnermessene erstaunliche Diesen des Himmels. Ihre Bahnen sind also auch Ellipsen, aber ureist so außerordentlich langgestreckte oder excentrische, daß ihre Um- laufszeit erstaunlich lange dauert. Man weiß, daß die Kometen, je weiter sie sich von der Sonne entfernen, desto langsamer gehen, und da in der Welt nichts Unregelmäßiges ist, so durften es die Astronomen getrost wagen, der kleinen Strecke der Kometen bahn, welche sie zu beobachten im Stande waren, die Größe ihrer ganzen Bahn und die ganze Dauer ihrer Umlaufszeit um die Sonne zu berechnen. Aber unsere lieben Leser werden nun frei lich staunen, wenn wir ihnen sagen, was bei einzelnen solchen Rechencxempeln herauskam. Der Komet von 1680 wird z. B. erst nach 1500 Jahren wieder kommen und ebenso der besondersschöne Komet von 1811 gar erst nach 8000 Jahren wieder ein mal auf unserer Erde sichtbar sein, und schauen, wie es da ge worden ist, und es wird dem Einen oder dem Andern der schöne Ausspruch des Hiob einfallen, der sagt: Unser Leben währet 70 Jahre; und wenn es hoch kommt, so sind achtzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit ge wesen. Und die den Kometen von Anno Eilf sahen und den Kometenwein de dato tranken, werden auch einen zweiten Eilfer von 9811 nicht mehr trinken! Aber nicht alle Kometen sind solche Weit- und Langreisende. Die Astronomen Halley, Biala und Enke haben drei nach ihnen benannte Kometen sehr genau berechnet. Der Komet des Halley braucht 76 Jahre zu seiner Umlaufszeit. Im Jahre 1845 war er angesagt und er ist richtig gekommen, und zum bestimmten Termin. Bialas Komet braucht nur 3 Jahre 115 Tage, und hält seine Zeit auch ganz richtig ein, und der von Enke kommt regel mäßig nach 6 Jahren und 270 Tagen wieder. Das ist eine Freude für die Ehrenmänner, welche so etwas heransgcrechnet und ihre Rechnung bestätigt gefunden haben, und für jeden Menschen, der nicht glaubt, er sei blos deshalb in der Welt, um zu essen, zu trinken und zu schlafen. Aber es ist auch ein Trost: so, wie diese kleinen Kometen, so regelmäßig laufen auch die größten! So sicher, als die Rechnung mit den Kleinen, ist auch die Rech- uung mit den Großen; denn so gewiß 2x2 4, ist auch 2000 x 2000 = 4 000,000. So sind denn diese kleinen dem bloßen Auge nicht sichtbaren Kometen, Winke und Fingerzeige des gütigen Schöpfers, durch die er sagt: Da, lieber Mensch, hast Du ei Beispiel zu lernen; nun wende Deinen Verstand an und blicke in meine Wunder; komm hinter die Geheimnisse meiner Schöpfung! Was weiß man endlich vom Wesen, von den Bestandthcilen der Kometen? Wenig, müssen wir antworten; die Anhaltspunkte, die Fingerzeige fehlen noch. Kern und Schweis des Kometen von 1811 waren sehr deutlich erkennbar. Der Schweis war wie bei allen Kometen, von der -Sonne abgekchrt, der Kern sehr glänzend von unserer Sonne erleuchtet. Was sagen die Sternkundigen dar über ? Einige sagen: Alle Körper können ansgelöset werden, folg lich auch die Masse der Planeten, und in dem Lichte unserer Sonne liegt die Kraft, den Kern des Kometen auszulösen. So-8 113 bald also ein Komet sich der Sonne so sehr nähert, daß sie auf lösend aus seine Bestandtheile wirken kann, so beginnt der Ver- dampfnngsprozeß und die Dämpfe bilden den Schweif des Kome ten. Wenn er sich wieder von der Sonne entfernt, so verdich ten sich die Massen wieder und der Komet wird wieder, was er war, ein fester Himmelskörper von einer uns unbekannten Be schaffenheit. Andere sagen wieder anders: ein Komet ist ein Gestirn Zleich der Erde und den übrigen Planeten. Nur die ungeheuere Entfernung von der Sonne, in welcher er bildete, begünstigte ihn vor den lichtlosen Planeten, so daß er auch Sonnenbe- standtheilen zugleich mit irdischen Stoffen sich consolidirte. Er hat also ein ihm eigenes Licht; jedoch ist dieses von wesentlich anderer Beschaffenheit, als das Sonnenlicht. So weit die Son nenstrahlen ihn beleuchten können, verschwindet sein Licht, wie je des schwächere Licht, im Sonnenlichte. Aber da die Sonnenstrah len nicht ganz durch die körperliche Masse des Kometenkernes drin gen können, so sehen wir an der von der Sonne abgewendeten Seite des Kometen das eigenthümliche Kometenlicht, wie etwa ei- nen Streifen trüben Wassers in einer Masse von Hellem Gewässer, (oder die Sonnenstrahlen werden von der Kometenmasse gefärbt). Endlich sagen noch Einige: der Weltraum ist nicht blos mit Weltkörpern, sondern auch noch mit einer Materie erfüllt, welcher die Weltkörper gebildet sind." Durchforscht man das Firmament, so sieht man mitten in den Gruppen der Gestirne schwach und matt leuchtende Punkte, Nebel, die vor den mächtigsten und trefflichsten Fernrohren eben Nebel bleiben und nicht, wie die Milchstrasse und die Nebelsterne ln Hansen von Sternen aufgelöst werden. Die größeren Kometen haben nun so ungeheuere Bahnen, daß es wohl möglich wäre, denkbar, sie hätten sich in solchen Massen von Weltmaterie zu Dem gebildet, was sie sind, wären dann zur Sonne gewandert, und würden durch die Einwirkung ihrer Strahlen erst rechte Gestirne. Oder so weit laufende Ko meten könnten auch durch jene Massen von Weltmaterie streifen, diese Nebel an sich ziehen, dann zur Sonne zurückkehren, diese dann wieder einen Theil dessen, was der gesteigerten Wärme nicht Widerstand zu leisten vermag, auflösen, zum Kometenschweif zerstreuen.Wir könnten noch einige andere Ansichten hier anführen, die nicht minder scharfsinnig erdacht und doch  nichts als Hypothe sen sind. Wir sind durch diese drei nicht klüger geworden, wozu noch mehr davon hören. Es bleibt uns noch mehr, viel mehr zu lernen übrig, was gewiß und festbestimmt ist, z. B. von den Gesetzen, nach denen sich Planeten, Monde und Kometen bewegen. Wir danken den Forschern für das, was wir aus ihren Werken gelernt haben, und sprechen nur noch Weniges über die Veranlassung zu Befürchtungen, welche die zufällige nd seltsame Erscheinung der Kometen selbst gelehrten und aberglaubensfreien Männern darzubieten schien. Könnte nicht einmal ein Komet zufällig gerade zu einer Zeit durch die Bahn unserer Erde gehen, wo diese auf ihrem Umlaufe um die Sonne an derselben Stelle anlangt? Entsetz licher Zusammenstoß, gedankenschnelle Weltzertrümmerung, plötzli cher jüngster Tag, Wellende! Nun denn: man räumt ein, daß Kometen durch unsere Erd bahn gehen können; in den Jahren 1819 und 1823 sind große Kometcü ganz nahe, so nahe an der Erde vorbei und zwischen ihr und der Sonne durchgegangen, daß die Erde fast gewiß durch ihren von der Sonne abgekehrten Schweif, wie eine Kanonenkugel durch die Scheibe, durchschlug. Allein man hat auf der Erde nichts, gar nichts davon gefühlt; ist gar nichts Außerordentliches, we der in der Luft, noch sonst irgendwie oder wo, in irdischen Ver hältnissen zum Vorscheine gekommen. Ja, das mag sein. Aber ein Zusammenrennen mit dem Kern des Kometen, das hätte doch einen bedenklichen Stoß gege ben, meinest Du, lieber Leser. Schlafe ruhig in Gottes Schutz! vor solchem Verderben be hütet Dich und die ganze Welt das Vaterange, das in der Nacht und bei Tage wacht, und jedem Sterne feine Bahn vorzeichnet. Er, der Dich behütet, daß Du Deinen Fuß nicht an einen Stein stößest, ohne dessen Willen kein Haar von Deinem Haupte fällt, läßt solche Katastrophen nicht eintreten, denn sie sind ganz gegen die Ordnung der Welt, sie spucken nur in den Köpfen ängstlicher Menschen. Drum schlaf ruhig in Gottes Schutz!115 Urbelmassen und Doppelsterne. Und nun zum Schluffe dieses Kapitels noch Weniges über die oben berührten Nebelmassen und Doppelsterne. Die Sterne, welche wir mit blosem Auge am Himmel sehen, sind nur wenige; ganz anders wird es da oben, wenn man durch ein sehr starkes Telescop hinaufblickt. Die in unfern Sterncnranm herüberschei nenden Nebelflecken und die Milchstrasse lösen sich durch das Te- lescop in wimmelnde Sternhaufen auf; andere bleiben Nebel; unsere stärksten Telescope sind noch zu schwach, ihre Beschaffenheit Zu ergründen. Wenn wir bedenken, daß die nächsten Fixsterne wenigstens 200,000 Halbmesser der Erdbahn von uns entfernt sind, ein Weg, den das Licht erst nach drei Jahren zurücklegen kann, wenn es, wie wir oben bci m Jupiter sahen, in einer Sekunde 42000 Meilen weit geht, so hat man doch angenommen, daß das Licht 25000 Jahre brauchte, um von den entferntesten Nebelflecken bis auf unsere Erde zu gelangen, daß sie demnach 33 Billionen Meilen von uns entfernt wären. Ihr werdet das so wenig begreifen, als ich, denn es ist unbegreiflich; nur müsset Ihr so denken: Als jene Nebelmassen vom Schöpfer geschaffen wurden und leuchteten, da sah man auf der Erde rffchts don ihnen, sondern es dauerte 25000 Jahre lang, bis ihr Licht den Weg von 33 Billionen Meilen znrückgelegt hatte. Ist das alles? Endet die Welt dort in jenen Fernen? Oder wo ist die Grenze des Geschaffenen? Welche Tiefen! welche Höhen! Heilge Schauer fassen mich! Wie viel tausend Welten drehen Dort um ihre Sonnen sich? Und wo sind de Raumes Grenzen, Wo sich keine Welt mehr dreht, Keine Sonnenstrahlen glänzen Und kein Lebcnsodem weht? Hebet Eure Augen in die Höhe und sehet, wer hat solche Dinge geschaffen? Wer gab dem Menschen die Kraft, sie zu sehen, den Geist, um Gedanken über diese Wunder zu fassen? Mhlt Ihr Euch nicht glücklich, selig, daß Ihr Menschen, geistige 8 *116 Wesen seid, und solches könnt? Und weckte dieses nicht die in nigste, herzlichste Sehnsucht in Euch, nie um Lernen abzulassen, Euch während Eures ganzen Lebens als Schüler in der großen Schule Gottes zu betrachten, die erst mit dem letzten Athemzuge aufhören dürfen lernen? Seht, geliebte Leser, das wird, das muß Euch heben über das Böse, über die Sünde, welche zum Tode führt, welche der Tod ist; es muß Euch zum Leben führen, welches der geistige Fortschritt, das Gute ist, zum Leben, welches den Tod besiegt, ihm lächelnd cutgegcngeht und in ihm den willkommenen Engel sieht, der aus dem Traum zur ewigen Wahrheit, dem Dunkel zum ewigen Lichte, aus den Gräbern der Erde Gott führt! O nützet diese Eure VorbereitungSzcit auf den Himmel recht gut, recht gewissenhaft Eurer Ausbildung. Was immer für ein Beruf Euere Bestimmung auch sein möge wenn Ihr red lich Euere Pflicht erfüllt habt gegen Euere Mitmenschen, dann kehrt immer wieder zu Euerem Lernen zurück, zur Ausbildung Eueres Geistes und folget Schritt für Schritt den Fortschritten der Wissenschaften; zeiget, daß Ihr das von Gott Euch anver traute Pfund als getreue Haushalter verwaltet. Das bewahrt Euch vor vielem Unglück und Elend der Erde; nur wer so lebt, lebt menschlich! Astrologie und Astronomie. Der Anblick des gestirnten Himmels, die inilde wcchselvolle Erscheinung des Mondes und die Kraft des wärmenden alles be lebenden Sonnenlichtes, sind von jeher dem Menschen Veranlassun gen zu wichtigen und lehrreichen Betrachtungen gewesen. Da der Unterschied der Jahreszeiten und viele andere irdische Erscheinun gen mit denen am Firmamente Hand in Hand gehen, so suchte man den Zusammenhang dieser Dinge zu crrathen. Anfangs fand darin der Aberglaube ein weites und fruchtbares Feld, und sehr frühe schon standen Menschen auf, welche aus der Stellung der Gestirne künftige Dinge, besonders das Schicksal einzelner Men schen von hervorragender Stellung, Vorhersagen zu können be haupteten. Das waren meist betrogene Betrüger, d. h. sie glaub-117 ten selbst au ihr bodenloses und irrthumvolles Handwerk, und eS waren nicht etwa schwache, schlecht unterrichtete, sondern mitunter selbst die Gelehrtesten unter den Menschen. Diesen merkwürdigen Aberglauben nennt man Astrologie. Er ist sehr alt; schon in den Büchern des Moses wird seiner erwähnt, wird er vom Stand punkt der göttlichen Wahrheit mit Strenge verdammt. Ob dieser Aberglaube in Egypten, Chaldäa, oder Babylon entstand, das ist unentschieden; aber gewiß ist es, daß durch die Astrologie die Kenntniß der Weltkörper und ihrer Bewegungen ganz außer ordentlich befördert wurde, daß ihr demnach die Wissenschaft der Gestirne, die Astronomie, sehr viel verdankt. Auch die Astronomie ist eine sehr alte Wissenschaft, beson ders die sphärische Astronomie, d. h. die Lehre von der Stellung der Sterne am Firmamente, jener dunkeln nächtlichen Halbkugel (Sphäre), an welcher sie auf- und untergehen, die Lehre von den Bewegungen der Planeten, des Mondes, seinen Veränderungen und Finsternissen. Die Chinesen trieben schon zur Zeit des Schu- King, 2300 Jahre vor Christi Geburt, Astronomie. Als um 2200 vor Ehr. der Thurm zu Babel gebaut wurde, war der Thierkreis bereits bestimmt, d. h. man hatte sich die Gruppen von Fixsternen schon gemerkt, innerhalb welcher die Bewegungen der meisten Planeten, von der Erde aus gesehen, jährlich, oder im Laufe mehrerer Jahre, vor sich gehen. Es ist das ein schmaler Gürtel des Himmels, der wenig über 20 breit ist und von der Ekliptik in zwei Hälften getheilt wird. Natürlich können wir auf unserer nördlichen Erdhälfte immer nur die Hälfte dieser Stern bilder sehen; das muß selbstverständlich auf jedem Punkte der Erde der Fall sein. Die Sonne verweilt in jedem dieser Sternbilder scheinbar einen Monat lang; aber es ist das eben nur scheinbar; unsere Erde geht um die Sonne herum, sie also, nicht die Sonne, durchwandert den Thierkreis, und braucht etwa einen Monat, um von einem Sternbild in ö andere zu kommen. Da weiter unten mehr davon geredet werden wird, so wollen wir nur die Namen des Thierkreises mit den Zeichen, welche sich übrigens in jedem Kalender finden, hier anführen: I. II. Nördliche Hälfte. 1) Der Widder (gf 2) Der Stier fSÜ? Südliche Hälfte. 1) Die Wage 2) Der Scorpion ZK- 118 3) Die Zwillinge U 3) Der Schütze Mn 4) Der Krebs SW 4) Der Steinbock ( gj& 5) Der Löwe HA 5) Der Wassermann M. 6) Die Jungfrau M 6) Die Fische Durch die genaue Kenntniß dieser Gestirne, wie sie im Laufe des Jahres in regelmäßig wechselnder Reihe an unserm Auge vor- übcrschwebcn, wurde es nun möglich, vieles zu bestimmen, z. B. die Dauer eines Jahres, Monats, den Eintritt der Jahreszeiten u. dgl. mehr. Daher kam es, daß z. B. die Parsen schon um 1600 v. Ch. den Eintritt des Frühlings auf den 21. März be rechnen konnten. Das alles konnten nun die Menschen mit blosem Auge am Himmel wahrnehmen, und aus Hilfsmittel zur genau möglichsten Beobachtung der Gestirne leitete ja wieder die gütige Natur. Ein freistehender großer Baum, dessen im Saufe des Jahres regel mäßig wechselnde Schattenlängc, gab vielleicht Veranlassung zur Erfindung des ersten und einfachsten Winkelmeßinstrumentes. Daß die Obelisken Egyptenö zum Winkelmessen benützt und zu diesem Zwecke errichtet wurden, ist fast unzweifelhaft. Auch die Plat- formen der Pyramiden, deren vier Seiten stets genau nach den Himmelsgegenden gerichtet sind, dienten als Observatorien, ihre langen schief nach unten gehenden Gänge zur Neutralisation des Tageslichtes, demnach als Hilfsmittel, um die Gestirne bei Tag zu sehen. (Siehe unten im 2ten Theil.) Die theoretische Astronomie beschäftigt sich nun mit der Er klärung der himmlischen Erscheinungen, mit der Bewegung der Erde um ihre Axe und um die Sonne, mit der elliptischen Be wegung der Planeten, der Kometen, mit dem Mond und seinen Phasen und mit den Gesetzen, nach denen alle diese Himmelskör per sich bewegen und zu denen wir nun gleich kommen werden. Wenn die Astronomie Untersuchungen über die Geheimnisse der Wcltkräfte anstellt, so nennt man sie physische Astronomie und die ausgcübt werdende Wissenschaft selbst, die Lehre von den Hilfsmitteln, dem mathematischen Theile und den dazu nöthigen, Instrumenten u. s. w. nennt man praktische Astronomie. Der Sternenhimmel enthält nun, wie wir schon wissen, un zählbare Massen von Sternen. Wer kennt sie alle? wer kann sie zählen? Schon was man mit blosem Auge sieht, ist groß und unaussprechlich herrlich. Die bei weitem meisten von diesen Ge-119 stirnen stehen unverrückt, d. h. wir finden sie Jahr aus, Jahr ein zu einer bestimmten Nachtstunde an derselben Stelle am Himmel; sie bleiben so, wie sie sind, im Verhältniß zu den neben ihnen stehenden Sternen. Das Siebengestirn z. B., welches wir alle kennen und bald mit der durch Punkte angedenteten Figur eines Wagens, dann wieder eines Bären vergleichen, steht heute noch da, wo es schon Abraham sah, und Noah sah es gerade in dem Zustande, wie wir; diese sieben Sterne bleiben unverrückt in ihrer bekannten Stellung. Jeder Stern, der seinen Ort verän dert, fällt deswegen dem aufmerksamen Beobachter des Firmamen tes bald auf, und da man mit blosem Auge eben nur vier, höch stens fünf solche Wandelsterne sieht, so ist es nicht schwer gewesen, zwischen den Sternen einen Unterschied zu machen, und sie cinzu- theilen in fixe (feststehende) und in wandelnde. Die scheinbare Größe der Sterne ist sehr verschieden. Ei nige blitzen prachtvoll für das Auge aus den übrigen hervor, an dere bemerkt man blos als schwachlenchtende Pünktchen. Hiernach thcilt man sie in sechs Klassen ein: man hat 18 Sterne erster Größe, 60 zweiter, 200 dritter, 380 vierter, und so im Ganzen 5000 Sterne aller Größen. So viele kann man mit blosem Auge in sehr klaren Nächten sehen. Allein die Anzahl aller Sterne wird aus 500,000 Millionen geschätzt. Betrachtet man nun z. B. die Venus durch ein sehr starkes Fernrohr, so wird man überrascht, statt eines funkelnden Pünkt chens nun eine mondartig glänzende Scheibe zu erblicken. Rich tet man aber das Fernrohr nach einem Fixstern, so sieht man von all dem nichts; der Stern zeigt sich durch das Fernrohr um kein Haar anders, als mit blosem Auge; er bleibt das schwache glän zende Fünkchen. Schon dieser Umstand deutet eine ungeheure Entfernung des Sternes von unserer Erde hin. Betrachtet man nun zwei aneinander stehende Fixsterne, so wird auch deren Ent- sernung voneinander nicht vergrößert durch das Fernrohr. Die Erde wandert; ihre entferntesten Wanderpnnkte liegen 42 Millio- acn Meilen voneinander. Kommen wir an Neujahr einem in Westen liegenden Fixstern um so viele Millionen Meilen näher, als wir an Jobannis weiter von ihm entfernt waren, so wird er um kein Härchen größer; auch war es bisher nur bei einigen we nigen Fixsternen möglich, mit Sicherheit den Sehwinkel zu bestim men, in welchem einem in dem Fixstern befindlichen Menschcnauge120 der 21 Millionen Meilen große Halbmesser der Erdbahn erschei nen würde. So hat z. B. der berühmte Astronom Bessel zu Königsberg bei dem Stern Nr. 61 im Sternbilde des Schwans, zu dessen Anffindung Ihr einer Himmelskarte bedürftet, die Pa- rallelaxe, d. h. den Schwinkcl, bestimmt, und seine Größe gleich 0,3136 Sekunden gefunden. Das heißt nun: Der Himmel hat 180 Grade, jeden einzelnen Grad thcile in Minuten, jede Minute in Sekunden, so bekommst Du einen Bogen über den ganzen Himmel von 618000 Sekunden, und das gibt kleine Stückchen für das Auge. Aber Du mußt Dir von einem solchen Stückchen nicht ein Ganzes, sondern nur ein -fWA denken, also nicht einmal das Drittheil. Aus diesem Schwinkcl hat er die Entfernung dieses Fixsternes von unserer Erde berechnet und gesunden: er ist 13"592,OOO OOO,000 d. h. dreizehn Billionen, fünf hundert zwei und neunzig tausend Millionen Meilen weit von uns entfernt. Da nun eine solche Zahl für uns ganz unverständlich ist, so hat er ferner berechnet: das Licht brauchte 10 3 io Jahre, dis es von ihm zu uns kam; ein Dampfwagen aber, der täglich 200 Meilen weit läuft, würde beinahe 200 Millionen Jahre laug brauchen, bis er zu diesem uns wahr scheinlich nächsten Fixsterne käme. Auch dieses Beispiel nützt uns nichts; es ist nur ein un fruchtbares. Wir unterlassen deshalb, in dieses Gebiet uner meßlicher Entfernungen den gelehrten Männern, deren Forschungen uns dahin führen, weiter zu folgen. Sie sagen alle mit Be stimmtheit, der nächste Fixstern, der Sirius, sei 4 Billionen Meilen weit von uns entfernt, und nehmen diese ungeheuere Entfernung abermals als ein Maß au, um die Tiefen des Firma mentes auszumcsscn. Sie finden, daß die Fixsterne, welche der Mensch entweder mit blosem Auge oder mit Hilfe seiner Fernrohre sehen kann, alle sehr weit von uns entfernt sind, daß meist größer, als unsere Sonne, seien, daß auch sie Sonnen sind, wie die uusrigc. Ob um Planeten mit ihren Monden kreisen; ob Kometen ihre Elipsen um sie schlängeln? wer weiß das? wer wird es ergründen? Doch ein stärkender Gedanke macht diese Wissenschaft fruchtbar; ist der Gedanke: daß diese Welt groß, unermeßlich ist; daß aber der Schöpfer, der alles hervor- brachtc aus dem Nichts, auch ordnend, regelnd sie erhält. Der,121 Welcher solche Kräfte so herrlich regieret und leitet, lenkt auch Deine Schicksale, zagendes Menschenherz. Blicke in Noth und Grauen hinauf zum nächtlichen Firmamente! Dem, der da oben waltet, stelle getrost anheim, was Dich betrübt und drücket, und verlaß Dich auf Ihn von ganzem Herzen; Er wird alles wohl machen! Von den Gesetzen der planctcniicwcgung. Früh schon im graue Altcrthnm gab erleuchtete, wißbe gierige und denkende Menschen, welche erkannten, daß da oben am Firmament unter jenen glänzenden Gestirnen einzelne wie ir rende Wanderer einen regelmäßigen Lauf durch die übrigen in ge wissen Zeiten zurücklegten. Die Bewegungen der Erde selbst durch diese glänzende Sphäre blieben jedoch lange ungeahnet, und es war erst den jüngsten Jahrhunderten aufgehoben, die Mensch heit über dieselben aüfzuklären. Etwa zweihundert Jahre nach Christus lebte zu Alexandrien n Egypten der berühmte Philosoph Ptolomäus, welcher zuerst versuchte, eine Erklärung des Planetensystems zu geben. Diese lautet solgendcrmassen: Die Erde steht fest! um sie herum sind eilf hohle Ku- gclschaalcn, welche, immer größer werdend, in verschiedenen Ab ständen immer eine die andere wieder einschließen. Diese Hohl- kugeln bestehen aus festen krystalligen Massen, und jede ist äußerst durchsichtig; jede enthält auch eine gewisse Anzahl Himmelskörper; so z. B. die erste den Mond, die folgende den Merkur, die Sonne, den Mars, Jupiter und Saturn, die achte die sämmtlicheu Fix sterne. Was die letzten drei enthielten, mag Ptolcmäns selbst vicht gewußt haben; er benützte sie zur Erklärung einiger anderen Erscheinungen. Sein System genügte bald nicht mehr; enthielt allzuviel, was mit den gewöhnlichen Erscheinungen am Firmamente in Wi derspruch steht, und man schritt deshalb zum Entwürfe einer zwei ten Erklärung, der sogenannten egyptischen, weil viele egyp- tische Gelehrte denselben gemacht haben. Nach diesem Entwurf gestaltete sich die Sache etwas, aber nicht viel anders. Merkur122 und Venus sollten sich um die Sonne bewegen, die letztere aber dennoch um die Erde und zwar alle Tage einmal. Man war also der Wahrheit schon um einen Schritt näher, aber hinter die Hauptsache war man nicht gekommen, (daß nämlich die Sonne der stillstchendc Drehpunkt ist, um den sich alle Planeten mit ihren Monden, also auch die Erde, bewegen). Die dunkeln Jahrhunderte von der Völkerwanderung an, bis herauf ins fünfzehnte, wo die geniale Ersindung der Buch druckerei gemacht wurde, förderten diese Sache um nichts. Im Jahre 1473 aber wurde zu Thorn in Ostpreußen ein Mann, Namens Copcrnikns, geboren, der das Geheimniß der Be wegungen der Planeten dnrchschauete, und es sowohl durch Be weise, als auch durch Berechnungen, zu begründen suchte. Er lehrte: die tägliche Bewegung der Himmelskörper um unsere Erde ist eine scheinbare ; diesen Jrrthnm bringt die Bewegung der Erde, welche wir mit ihr machen, selbst hervor, denn die Erde bewegt sich bin nen 24 Stunden um sich selbst; die Sonne aber steht fest, und um sie bewegen sich je nach der größer und immer größer wer denden Entfernung die Planeten in der Reihenfolge und in ver schiedenen Zeiträumen: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn! Diese richtige und geistvolle Ansicht verbreitete sich rasch durch die Welt, und fand bald zahlreiche Anhänger unter den Gelehrten, aber auch noch zahlreichere Gegner, namentlich unter der damaligen Geistlichkeit. Am härtesten erfuhr den Widerspruch derselben der Astronom Gallilci, geb. am 18. Febr. 1564 zu Pisa in Italien, ein Mann, welcher sich um die Naturlehre durch seine Entdeckungen unsterbliche Verdienste erwarb. Früh entwickelte er einen seltenen Unternehmungsgeist. So leiteten ihn die Schwing ungen einer vom Gewölbe des Domes zu Pisa herabhängenden Lampe auf die Gesetze des Pendels; er erfand den Proportivnal- zirkcl, ein wichtiges Meß- und Zeichnungsinstrument, und als in Holland das Fernrohr erfunden war, benützte er dasselbe, um da mit den Himmel zu betrachten, und er entdeckte: daß die Nebel flecken Haufen von sehr entfernten Fixsternen wären, daß daraus geschlossen werden könnte, die Milchstrasse wäre auch nichts, als eine unzählbare Masse solcher Gestirne; er sah den Ring des Sa turn ; doch konnte er die Erscheinung nicht erklären; er bemerkte die Sonnenflecken, und kam durch ihr gemeinschaftliches Fortrücken133 von Ost nach West hinter die wichtige Thatsache der Bewegung der Sonne um ihre eigene Axe. Als diesem ausgezeichneten Manne des Copernikus große Entdeckung bekannt wurde, fühlte er darüber eine innige Freude, machte sich dieselbe nicht allein vollkommen zu eigen, sondern bewies in einer Schrift die Ricktig- keit derselben, und es ist hauptsächlich seinem Einfluß zuzuschrei ben, daß diese wichtige Sache im Süden Europas so schnellen und so vielen Beifall fand. Allein damit war die Sache auch bekannt geworden, und rief Widerspruch hervor. Die Mönche begannen gegen ihn zu predigen; sie erhoben sich mit einem beklagenswcrthcn Eifer gegen den großen Mann, der die Wahrhaftigkeit der heiligen Schrift durch seine Lehren untergraben haben sollte; denn es hieße ja im Duch Josua, an der Stelle, wo die Schlacht des Josua gegen die Amorirer, Capitel 10, beschrieben wird. Vers 12: Sonne, stehe fii11 zu Gibeon und Mond im Thale Ajalon! Demnach wandte ja die Sonne und der Mond, nicht letzterer allein. Den Geist dieses Ausrufes gar nicht, sondern nur das nackte Wort, be achteten die Verketzerer des großen Mannes. Es erschienen Schriften gegen ihn und seine Sache; er vertheidigte dieselbe mit siegender Beredsamkeit. Endlich nahmen selbst gelehrte Jesuiten gegen ihn Parthci, und der gelehrte Streit ging dann in einen persönlichen über; Galilei wurde zuerst mit den schimpflichsten Mißhandlungen überhäuft; dann verdammte eine Kongregation von Mathematikern, Gelehrten und Mönchen seine Lehren, und zuletzt wurde er vor das Juquisitionsgericht gefordert. Im vertrauen auf die einleuchtenden Beweise, welche er für die Wahr heit seiner Lehren bereit hatte, stellte sich Galilei vor dieses Ge richt, von welchem nur Abtrünnige vom katholischen Glauben ge richtet und bestraft wurden. Da sollte er -straks widerrufen, ohne daß er gehört wurde, und als er das nicht that, warf man ihn den Kerker! Er sollte diesen nicht eher verlassen, als bis rr, in der Kirche öffentlich, vor dem Altar knieend, die Hand auf das Evangelium gestützt, die großcnWahrheitcn, welche er gelehrt, als Jrrthümer erklärt und feierlich und förmlich abgeschworen hätte. Die Furcht vor noch schlimmeren Dingen bewog den gebeugten Mann, sich diesem Ansinnen zu fügen. Am 20 ten Juni 1633 schwor er ab, was man ihm vorsagte. Aber in dem Augenblicke, als er wieder aufstand, rief er voll verbissener Wuth und mit dem124 Fuße stampfend: b! pur si muove! (Und sie bewegt doch!) Dafür ward er auf s Neue in den Kerker geworfen. Wenige Jahre und keine glücklichen hatte er noch zu verle ben. Zwar wurde er bald aus dem Kerker entlassen, und lebte daun noch acht Jahre auf einem Landsitze im Kirchspiel Arcctri unweit Florenz; aber erst nach seinem Tode fand er die Anerken nung, welche er verdiente, und man errichtete ihm in Florenz ein prachtvolles Denkmal. Copernikus, der Entdecker der Erdbewegung und des Pla netensystems fand im kälteren Norden keinen so heftigen Wider spruch feiner großen Lehren. Auf seinem Grabmal in Krakau stehen die Worte: Sta sol, ne moviare! (Stch still, Sonne, be wege dich nicht!) Der Grundgedanke seines Systems. Man wußte nun, wie ist; aber der Mensch will das wie? nicht allein, er will auch die Frage warum? beantwortet wissen. Einem Deutschen, Keppler, geboren 1571 zu Weil in Wür- temberg, war das Glück bcschieden, auch diese zweite Frage zu lösen und somit ganz in die Tiefe der Ursachen der Planetenbe wegungen einzndringen, dieses größte Gottcsgeheimniß in der Na tur einfach und richtig zu erklären. Wir werden später auf diesen Mann zurückkommen, denn er ist es wohl werth, daß die deutsche Jugend ihn kennen lerne, und sich an ihm ein Muster und Bei spiel nehme. Sein ganzes Leben war aber eine Kette von Noth und Drangsalen. Durch die Schrecken des dreißigjährigen Krie ges von Ort zu Ort gejagt, trug er oft nichts mit sich, als seine erhabenen Ideen. Er hat nun sestgestellt: ) Die Bahnen der Planeten sind Ellipsen, welche einen gemeinschaftlichen Brennpunkt haben, in dem die Sonne steht: 2) Jeder Planet beschreibt in gleichen Zeiten gleiche Flä chenräume ; 3) Die Quadratzahlen der Umlaufszeiten von je zwei Pla neten verhalten sich zu einander, wie die Würselzahlcn der mittleren Entfernungen dieser beiden Planeten von der Sonne. Was machen wir mit diesen Sätzen?" höre ich meine lie-125 ben Leser fragen. Nun denn, wir wollen sehen, ob wir sie uns nicht klar und nutzbar machen können. Was ist eine Ellipse? Eine krumme geschlossene Linie, etwa ein gedrückter Kreis von der Form des länglichten Umfangs eines Eies. Die Punkte der Ellipse sind vom Mittelpunkte nicht gleich weit entfernt; zieht man aber durch letztere gerade Linien, so wcr- diese von Ellipsenpunkten begränzt, und die Gränzpunkte haben vom Mittelpunkt gleiche, aber aus jeder andern Geraden eine andere Entfernung. Eine gewisse Gerade hat die größten und die darauf senkrechte die kleinsten Entfernungen. Erstcre heißt die große, letztere die kleine Axe. Aus der großen Axe befinden sich zwei Punkte, die von den Endpunkten der kleinen Axe um die große Halbaxe entfernt sind und das sind die Brennpunkte; in ei nem derselben liegt der Mittelpunkt der Sonne. Ein Planet be- sindct sich in den beiden Endpunkten der großen Axe am nächsten und am weitesten von der Sonne: Sonnennähe, Sonnenferne, wie uns Tafel V zu ersehen ist. Eine solche Linie beschreibt nun unsere Erde, indem sie durch den Raum des Himmels um die Sonne läuft; gerade so sind die Bahnen aller Planeten; und die nämlichen Curveu durchlaufen auch die Kometen, indem sie sich um die Sonne bewegen; jedoch sind die Kometenbahnen gegen die Bahnen der Planeten ganz außeroedentlich in die Länge gezogen. Denken wir uns nun eine durch den Mittelpunkt der Sonne gelegte Ebene nach allen Seiten hin ausgedehnt, und in dieser Ebene die Planeten alle in Bewegung. Um uns das zu versinn lichen, schneiden wir in die Mitte einer Pappscheibe ein Loch, stecken eine kleine Kugel hinein und stellen uns vor, daß das die Sonne sei. Nun können wir uns dann eine kleinere solche Kugel als die Erde vorstellen, welche in einer Ellipse um die Sonne läuft, und ebenso in verschiedenen Entfernungen die andern Pla- ueten. So ungefähr liefen denn die Planeten um die Sonne; die Ebene, welcher alle Ellipsen liegen, nennt man die Ekliptik. Gnt, werdet Ihr sagen; die Kugeln laufen schon um die Sonne, wenn wir ihnen diese Bahnen anweisen und sie darin halten, sonst laufen sie ganz wo anders hin. Also was hält diese Planeten an, um in ihren Bahnen zu bewegen, daß sie diesel ben stets genau durchwandern und nie davon abweichend126 Das thut eben die Schwere oder Gravitation, antworten wir, die gegenseitige Anziehung, welche wir schon Eingangs un seres Unterrichtes kennen gelernt haben als eine der großen Grundkräfte in der Welt, welche Gott geschaffen hat. Denkt Euch einmal Folgendes: An beiden Enden eines Stabes be finden sich Kugeln. Es soll die eine Kngel a dreimal so viel Masse haben, als die Kugel 1). Der Schwerpunkt muß deshalb näher bei der größeren Masse liegen. Was ist der Schwerpunkt? Werft einen Stein in die Höhe, er fliegt nicht hinaus ins Weltall; sobald die Gewalt der Erde, welche alles anzieht, größer ist, als die Kraft, mit der ihr den Stein schleudertet, so hört er auf steigen, und in demsel ben Moment folgt er wieder der Anziehung der Erde, und fällt auf diese herab. Ein Stein steigt nicht hoch; da kann ihn die Erde leicht wieder anziehen; sagt Ihr. Gut! Die Bomben, welche die Engländer und Franzosen auf Sebastopol schleuderten, stiegen vielleicht 8 bis 10,000 Fuß hoch, wenn auch nicht alle; aber da, wo die Schlcudcrkraft des Pulvers endete, war noch immer An ziehungskraft der Erde; daher fielen alle jene Bomben wieder herab auf die Erde. Diese Anziehungskraft der Erde erstreckt sich weit von der Erde weg; auf dem Mond ist sie noch immer fühl- bar, doch nicht in dem Maße, wie auf der Oberfläche der Erde selbst; da ist sie am stärksten; stc nimmt mit der Entfernung von der Oberfläche weg verhältnißmäßig ab. Jeder Körper wird nun von der Erde angezogen. Welches auch seine Gestalt sei, ein Punkt in ihm ist da, in welchem man sich die Summe der abwärts ziehenden Kräfte vereinigt denken kann, und diesen Punkt nennt man den Schwerpunkt. Gehen wir nun zurück zu dem Satze, daß der Schwerpunkt immer bei der größten Masse liegen müsse, so wird der Schwerpunkt zwischen den beiden Kugeln nahe bei der größten davon liegen. Denken wir uns nun die Kugeln durch eine Schnur verbunden, und diese im Schwerpunkt befestigt, und schleudern wir dieselben um diesen Punkt, so befinden sich die Kugeln im Gleich gewichte. Wäre nun aber die eine Kugel 100 oder 1000fach schwerer und größer, als die andere, so würde gewiß der gemeinschaftliche Schwerpunkt in das Innere der größeren Kugel fallen; die größere127 Kugel würde sich nur um sich selbst drehen und auf ihrem Platze dabei liegen bleiben, die kleinere um sie herumfliegen. So ist das Verhältniß der Erde znr Sonne; denn die Erde ist im Verhältniß zur Sonne ganz unbedeutend klein. Ihr Durchmesser ist 1719 Meilen; der der Sonne 192,492 Meilen; das ist ein Verhältniß wie 1:112. Die Oberfläche der Erde ist 9 282,000 □ M. Die Oberfläche der Sonne 108,000 000,000 □ M. l : 12557. Kubikinhalt der Erde 2,659^310,190 Knbik-M. Die Sonne 4,078"500,000 000,000 Kubik-M. - 1 : 1 410,000. Was ist die Erde gegen die Sonne, wenn man aus der Sonne 1 Million und 410,000 Erden machen könnte? Was ist die Entfernung der Erde von der Sonne, da dieselbe nur 112mal so weit von der Sonne weg ist, als deren Durchmesser beträgt? Denkt Euch einen Weg, der 112mal so laug ist, als die Länge Eures Körpers? Was ist das für Euch? Nichts, gar nichts. Die Entfernung der Erde von der Sonne ist also sehr unbedeu tend, nur für unser winziges Ich scheint sie groß. Die Erde scheint nur dem Stäubchen Mensch etwas Großes; gegen die Sonne ist sie selbst ein Stäubchen. Jetzt wird eö Euch einleuchten, wenn wir sagen, daß der Schwerpunkt der Bewegung unserer Erde um die Sonne in der Sonne selbst liegt, ganz nahe nach deren Mittelpunkt hin. So, wie unsere Erde anzieht, ebenso zieht auch die Sonne an, aber mtllionenmal gewaltiger, als die Anziehung unserer Erde, ist die der millionenmal größeren Sonne. Als einst diese Kolosse gebildet hatten und zu rollen begannen, wie Ihr im ersten Kapitel gelesen habt, da hielt die Schwere, Gravitation oder An ziehungskraft der Sonne die Erde in ihrer Bahn, daß sie sich schön ordentlich um ihre Sonne bewegte; sie hält sie noch, die sich um sich bewegende Sonne schleudert alle Planeten um sich herum, denn der Schwerpunkt aller Planeten fällt in die Sonne, welche sie alle, alle anzieht. Denkt Euch den llmfaug der Ellipse, dke ein Planet durch seine jährliche Bewegung um die Sonne beschreibt, durch Punkte getheilt, in welchen derselbe sich beim Beginn eines jeden Tages befindet, ferner aus diesen Punkten zum Brennpunkt, wo die Sonne steht, gerade Linien gezogen, so bekommt man Dreiecke und diese sind sich dem Flächeninhalt nach gleich; hierausist klar, daß die Wege, die ein Planet während eines Tages zn- rücklegt, unter sich ungleich sind und zwar um so größer, je näher er sich an der Sonne befindet. Zum Schluffe wollen wir nun noch ein kleines Rechenexcm- pcl anflösen, um uns über die Regel der Entfernungen der Pla neten klar zu werden. Nehmen wir an, die Entfernung der Erde von der Sonne wäre gleich 1 oder eine Erdferne, so ist der Jupiter 5 mal so weit als die Erde, oder 5Vs Erdfernen von der Sonne weg. Leset nun den dritten von Kepplcrs Sätzen; er heißt - die Quadrat- zahlcn der Umlansszeiten von je 2 Planeten verhalten sich zu einander, wie die Würfclzahlcn der mittleren Entfernungen dieser beiden Planeten von der Sonne. Um das zu verstehen, müssen wir ein bischen rechnen. Eine Quadratzahl entsteht, wenn man eine Zahl mit sich selbst multi- plicirt. Ans einer Zahl wird eine Würselzahl, wenn man die Qnadratzahl nochmals mit der Zahl multiplicirt. Ein Tisch ist z. B. 4 Schuh lang und 4 Schuh breit; wie viele Qnadratschnhe Brett waren zu dieser Tischplatte nörhig? Antwort 4 x 4 16 □ Schuh. Ein Stein ist 4 Schuh lang, 4 Schnh breit, 4 Schuh dick; wie viele Kubikschuhe enthält er? Antwort 4 x 4 x 4 = 64 Knbikschuhe, oder würfelförmige Stücke, welche 1 Schuh lang, 1 Schuh breit, 1 Schuh dick sind. Wenden wir das auf unsere Sache an. Es ist z. B. schon gesagt worden, daß der Jupiter 5Vr mal so weit von der Sonne entfernt sei, als die Erde; er braucht zu seinem Umlaufe 11 ? mal so lang. 11 6 ? x \i 6 h ist nun gleich 14lUVi9. Diese Bruchzahl ist also das Quadrat von 11 ?. Seine Entfernung von der Sonne ist 5Vs Erdfernen. 5Vs x 5Vs x 5Vs 140 76 im. Das Quadrat 140^ 49, und der Kubus 140 7 i2-, sind sich demnach bis auf einen ganz unbedeutenden Unterschied gleich. Das kommt hübsch! werdet Ihr rufen, wenn Ihr nachge rechnet habt. Aber was nützt das eigentlich? Ist es nicht ein artiger Zufall? oder steckt etwas Wichtigeres dahinter?129 Nun denn: zur Unterhaltung hat Keppler das glicht erson nen, sondern er hat weiter gerechnet. Er dachte; das ist kein Zufall, sondern wieder ein Fingerzeig Gottes, durch welchen wir zu einem belehrenden Blick in die Weltordnnng angeleitet werden. Er theilte den Weg von der Erde in die Sonne in 10 gleiche Theile; da kam Merkur auf den Punkt 4, Venus auf 7, die Erde stand auf Punkt 10, Mars kam auf 16, Jupiter auf 52, Saturn auf 100, Uranus auf 196. Darin liegt ein Gesetz, sagte Keppler auf den ersten Blick. Damit aber dieses Gesetz auch unfern Lesern in die Augen springe, so wollen wir setzen: Merkur Venu Erde Mars k Jupiter Saturn Uranus Ziehen wir Merkurs Entfernung von der ^onne von den Son nenentfernungen aller übrigen Planeten ab, erhalten wir fol- gende Zahlen: 4 7 10 16 28 52 100 196 4- 4 4- 4 4- 4 -4- 4-4 4 4-4 3 6 12 48 96 192 Es gibt also jede Zahl das Doppelte der vorhergehenden, nur mit Ausnahme der Zahlen 12 und 48; da fehlt 24. Hier fehlt ein Planet, sagte Keppler; die Ordnung ist keine zufällige, Und er muß da sein; wir haben ihn nur noch nicht entdeckt. Und siehe, es bestätigte sich die Vermuthung, nur hat man statt eines Planeten in der Entfernung 28 bis jetzt 40 solche entdeckt, die Asteroiden. Das System der Planeten ist also ein geordnetes; es ist die feste Regel der Wcltordnung, die sich da vor unseren staunen den Blicken entschleiert. Sie bewegen sich nach den ewigen Ge setzen der Gravitation; ihre Abstände von der Sonne sind genau destinunt; nimmer vermögen sie aus denselben zu weichen, und wo Störungen in ihrem Laufe Vorkommen, da sind auch diese Winke Entdeckung neuer Gestirne, wie einen solchen Leverricr zur Entdeckung des Neptun benützte, dessen Dasein und Stellung auf dem Fernpunkte 384 er auf rein theoretischem Wege angab. Das Buch dieser Entdeckungen ist noch nicht geschlossen; die Gelehrten durchforschen die Sphäre beständig und nicht ohne erfreuliche Früchte. Auch Ihr, geliebte Leser, solltet ihnen darin nachahmen, wenn schon nicht ihr schwerer Beruf damit gemeint ist, der ganz 9ungewöhnliche Kenntnisse erfordert, sondern damit nur gesagt wer den will: Aegnügt Euch nicht mit dem Wenigen, was Ihr aus diesen Kapiteln gelernt habt, sondern das sei nur ein in Enern Geist gestreutes Samenkorn, welches Ihr durch eifriges Fortlernen und sorgfältige Pflege znm lieblichen fruchttragenden Baum erziehen sollt. Gott gebe, daß Ihr das thut! Mit diesem herzlich gemeinten Wunsche schließen wir die erste Abtheilnng unseres Un terrichtes.Zweite Abtheilung Intr Gott der Herr machte den Menschen aus einem Erden klos und er blies ihm den lebendigen Vdem in feine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele. Gen. 2. v. 7. Also ward vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. Gen. 2. v. 1. Sehet, ich habe euch gegeben allerlei Kraut, das sich besaamt der ganzen Erde und aller lei fruchtbare Bäume, die sich besaamen, zu eurer Speise. Und von allem Thier auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel, und allem Gewürm, das da lebet Erden, daß sie allerlei Kraut essen. Gen. 1. v. 29. 30. Darum: Seid fruchtbar und mehret euch, füllet die Erde und machet sie euch unterthan und herrschet über die Fische im Meer, und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Thier, das auf Erden geht und kriecht. Gen. 1. v. 27. Gelieb ter Leser! Ehe du das Auge durch die folgendeu Zeilen weiter wan- ^rn lassest, mache vorher, nachdem du die obigen göttlichen Worte Nit Andacht lasest noch eine Panse ehrfurchtsvollen Nachdenkens Und sprich zu dir selbst: Durch die gütige Fürsorge meines Schöpfers wurde die Erde zu einem lieblichen Wohnplatze für mich bereitet) durch Ihn habe ch alles empfangen, was zu meinem Glück und zu meinem einsti- gen Fortkommen in der Welt nöthig ist. Es bedarf daher von Nleiner Seite kaum der Anstrengung und Anwendung der Kräfte, ^ e ich erhalten habe, um das zu werden, was ich nach Gottes Willen werden soll. Es fiel aus der Hand des Allmächtigen mir ö" ein gesunder Geist in einem wohlgeformten kräftigen Leibe. Alle Sinne find mir gegeben zur Empfänglichkeit für äußere Ein- 9*132 drücke, alle Anlagen und Kräfte der Seele, wodurch ich merken, verstehen und begreifen, mir vorstellen, ersinnen und erfinden, den ken, Freude und Leid fühlen kann. Wie in der Glocke der Klang schlummert und es nur einer leisen Berührung bedarf, um ihn zu erwecken, so ist auch nur eine geringe Anregung nöthig, um die schlummernden Kräfte meines Leibes und meiner Seele in Thätig- keit zu setzen. Und wie der Stahl durch fortgesetztes Glühen, Häm mern und Strecken immer besser und ausgezeichneter wird, so steigt auch meine körperliche und geistige Kraft durch fortgesetzte Uebung und Anstrengung bis zur bewunderungswürdigsten Vollkommenheit. Ich wünsche es ich will glücklich werden, daß heißt: ich will durch die höchste Vervollkommnung meiner Leibes- und Seelen kräfte den andauerndsten, vollständigsten und ungetrübtesten Ge nuß des Erdcnlebens und die festeste Hoffnung auf die ewige See- ligkeit erlangen. Wenn ich das will, so wird es mir durch Got tes große Gnade zu Theil werden, denn Er will das ja auch und Er fördert mich in diesem Bestreben, so lange es ernstlich ist, so lange ich nicht davon abirre und mein Wille mit Seinem heiligen Willen in Einklang bleibt. Da ich also, um glücklich zu werden, es nur mein ganzes Leben hindurch recht standhaft und fest zu wollen brauche, so würde ich auch, wenn ich so thöricht wäre, von diesem Wollen abzustehen, um etwas anderes zu wollen, als was der liebe Gott will, höchst elend und unglücklich werden. Und daran wäre ich ganz allein, sonst Niemand, am allerwenig sten aber der liebe Gott, schuld. Ich würde in einem so trau rigen Zustande einem Millionär gleichen, der seine Schätze ver scharrt hat und auf deren Grube verhungert." Und nun folge meinen Worten weiter: Wir stehen am Anfänge der zweiten Abtheilung unseres Lehrbuches, bei dem Un terrichte vom Menschen und wie er durch die Kräfte seines Leibes und seiner Seele vom Urzustände, d. h. vom Zustande eines Kin des, zum Wesen der Bildung stufenweise weitcrgeschritten ist und beständig an Erkenntniß und an Macht über die Natur weiter schreitet. Wir haben bis zum Schluffe der vorigen Abtheilung gesehen, daß der Mensch tiefe Blicke in den Bau der Welt, in die Stufenrcihe des Erschaffenen und Entstandenen, in die Ge bilde untergcgangener Vorwclten warf, und wir haben erkannt, daß die Entdeckungen des Menschen auf wunderbare Weise mit dem harmoniren, was uns die heilige Schrift über die Entstehung133 der Welt erzählt, ja daß die Fortschritte der Wissenschaften auf dem Gebiete der Entdeckungen dem Bibelworte fast als erläuternde Beweise unterlegt und beigefügt werden könnten, wenn das Bi- bclwort solcher Bekräftigungen bedürfte. Aber vergeblich suchten wir nach dem Menschen. Die Archive der Natur haben uns fast von jeder Thiergattung oder Pflanze irgend ein erkennbares Restchen oder Abzeichen aufbe wahrt, aber vom Mensche finden wir so etwas nirgends. Wohl ist man weit davon entfernt, um sagen zu müssen: unsere Fund gruben find erschöpft, wir wissen alles! Aber wir wissen, daß wir nicht hoffen dürfen, auf Spuren von Menschen in Lias-, oder Jura- und Dolomitmaffen zu stoßen, selbst wenn zur Zeit ihrer Bildung die Erde ein bewohnbarer Ort für Menschen gewe sen wäre. Auch die heilige Schrift bestätigt das; sie sagt ja: Also ward vollendet Himmel und Erde und alle darin vorhan denen lebenden und lebendigen Wesen. Dann erst erzählt sie, wie Gott der Herr den Menschen erschuf und ihn zum Herrn der Schöpfung bestimmte. Die erhaben einfachen, aber doch als Fundamente der Er- kenntniß dastehenden Worte der Bibel aber enthalten zuerst das Eine: Gott schuf den Menschen aus einem Erdenklos; So ward der menschliche Leib; und dann das Andere: Und Gott blies ihm den lebendi gen Odem in seine Nase; So ward der menschliche Geist. Was von der Erde kommt, daß muß wieder zu Erde wer den: der Leib. Was aus dem Geist Gottes dem Menschen gegeben ist, das gehört der Ewigkeit an: die Seele. Lerne dich selbst kennen! Die Kenntniß des menschlichen Leibes und der Menschcnsecle ist für dich von. der allergrößten Dichtigkeit. Dadurch lernst du ja deine Kräfte und Fähigkeiten kennen kannst sie sodann deiner Bestimmung gemäß üben und anwenden. Man nennt die Wissenschaft von der körperlichen und geisti gen Beschaffenheit des Menschen Anthropologie; es ist gut, wenn wan sich dieses altgriechische Wort merkt. Ich habe oft gelesen und gehört: der Mensch ist ein Theil der organischen Natur, etwas Irdisches, ein Thier, seinem134 Leibe nach, ein Säugethier. Ich habe das immer mit Be dauern gehört und gelesen, so gelehrte Leute auch jene waren, die das schrieben und sprachen. Zwischen dem Menschen und den vernunftlosen Wesen der organischen Natur besteht eine große Kluft, die Gott der Herr gemacht hat. Zwischen dem mit einer -unsterblichen Seele begab ten Herrn der Schöpfung und einem der vollkommensten Thiere, dem Orang-Outaug, ist aber ein so großer Unterschied, als zwischen einem Menschen und einem Engel. Der Mensch ist ja nur seinem Leibe nach ein irdisches We sen; er besitzt nur alle Organe und Formen, alle Sinne und Fähigkeiten der Geschöpfe, sie sind aber in seinem Leibe in so wunderbarer Vollkommenheit und Schönheit ausgebildet, daß er gleichsam der Inbegriff der organischen Schöpfung ist, daß aus dieser Vermischung und Ausblüthe zum Allervollkommensten der Welt ein eigenthümlichcs vor allen anderen ausgezeichnetes Wesen entstand. Dieses Wesen wurde aus einem Erdenklos erschaffen; ihm blies Gott die lebendige Seele ein, den Gottesfunken, der es zum Ebenbilde des Herrn macht. Da erhob sich kein Säuge thier, sondern ein Mensch, ein Mann und öffnete ein Auge voll Geist und sanftem Feuer; er blickte die vernunftlosen Wesen an, die seinem Blicke furchtsam wichen, sich demüthig vor ihm beugten und ihn als ihren Herrn erkannten; er handelte nicht nach Jn- stinct, sondern nach dem Willen seiner Vernunft in ihm gelassener freier Wahl, er benannte das, was er sah, und unterschied es durch die göttliche Gabe der Sprache; er besiegte alle Wesen, ja er überwältigte selbst die großen Kräfte der Natur. Erkenne dich selbst! ward nach Solons Worten an den großen Tempel zu Ephesus mit goldenen Worten geschrieben; du bist kein Thier, lieber Leser. Du stehst so hoch über den Thie- ren, bist von ihnen so verschieden, wie die Sonne von den Pla neten, Monden, Comcten und Meteorgesteinen. Die Menschen, welche auf der Erde leben, stammen ferner alle von einem Paare ab; alle Länder auf Erden sind von den Abkömmlingen des Adam und der Eva bevölkert worden; ja diejenigen Menschen, welche nach der Sündfluth auf Erden leben, sind Nachkommen Noa s, des zweiten Stammvaters der Men schen, stammen von seinen drei Söhnen her, von Sem, Ham135 und Japhet. Deshalb spricht man auch von semitischen, hamitischen und japhetitischen Nationen. Allen Unterschied, den die Menschen bezüglich der Farbe ihrer Haut, der Länge, Farbe und Beschaffenheit ihrer Haare, der Hände und Füße zeigen, ist kein individueller, sondern blos ein zufälliger, der von der vieltausendjährigen Einwirkung des Klimas, der Landesbcschaffenheit und der Lebensweise herrührt. Die Nachkommen des Sem bewohnen die ungeheuren Län der von Central-, Süd- und Ostasien, die asiatischen Inseln im indischen Meer, und auch einen Theil der Inseln in dem stillen Meer. Sie haben meist eine gelbliche Hautfarbe, die je nach der Wärme des Himmelsstriches, in dem sie leben, mehr ins Hellgelbe, oder ins Tiesledergelbe bis zum dunkelsten Braun variirt. Ihre Augen sind geschlitzt, stehen von der Nase ein wenig schief auf wärts, ihre Backenknochen des Gesichts stehen stark vor, das Haar ist lang, schlicht, meist sehr stark, drahtähnlich, glänzend und prächtig blanschwarz. Man nennt diese Völker mongolische Völ ker; ihrem Stammvater nach Semiten. Solche stnd z. B. die Tqrtaren, Perser, Indier, Chinesen, Japaner, Malayen. Die Nachkommen des Ham bewohnen das mittlere und süd liche Afrika, die Inseln Madagaskar und den Eontincnt Nenhol- land. Ihre Hautfarbe ist schwarz, oder ganz dunkelbraun, doch geht dieses Braun nie in s Gelbliche, sondern stets in s Rußfar bige über. Ihre Züge stnd unschön, die Stirn niedrig, die Nase klein, platt, die Lippen groß, wulstig, die Haare wollig und ganz kurz. Man nennt diese Völker Negervölker, ihrem Stamm vater nach Hamiten. Solche stnd die Neger, Fnllahs, Kaffern, Hottcntoten und die Papuas in Nenholland. (Die Völker in Amerika stammen theils von Mongolen ab, die über die Aleuten uach Amerika kamen, theils von den Aethiopiern, welche direkt über das atlantische Meer durch Zufälle mancher Art nach Amerika gelangten.) Die Nachkommen des Japhet bewohnen den westlichen Theil von Asien um das kaukasische Gebirge, besonders Kleinasien, so dann ganz Europa. Nach Amerika sind sie millionenweise gegan gen und gehen sie noch heute. Die Völker von Amerika, welche, wie oben gesagt, theils von Mongolen, theils von den Aethiopiern abstammen, erliegen allmählich dem übermächtigen Andrang der japhetitischen Einwanderer und der Zeitpunkt scheint nicht ferne136 zu sein, in dem Amerika ganz allein von Japhetiten bewohnt wird. Willst du wissen, wie leiblich beschaffen sind, so besieh dich selbst, lieber Leser, denn du gehörst als Europäer dem japhe- titischen Stamme an und zu den kaukasischen Völkerschaften; dein Stammvater ist also der Japhet gewesen. Und nun laß uns deinen Leib, dieses Meisterstück deS Schö pfers, zuerst betrachten, hernach auch blicke in deine Seele. Vom Leibe des Menschen. Der menschliche Leib besteht aus festen, tropfbar flüssigen und luftförmigen Bestandtheilen, die aber so innig mit einander verbunden sind, daß nur durch mechanische, oder eigentlich che mische, also künstliche Hilfsmittel sich von einander trennen lassen. Alle festen Theile z. B. sind mit Flüssigkeiten durchdrungen und an diese sind die luftförmigen Stoffe gebunden. Ueberdies finden sich zwischen den festen Substanzen größere und kleinere Höhlen, von Flüssigkeiten theils erfüllt, theils blos benetzt und lustförmige Stoffe kommen zuweilen selbst frei vor, wie in den Lungen, im Darmkanal u. s. w. Alle sowohl festen als flüssigen Theile las sen sich auf 15 Elementar- oder Grundstoffe reduciren, die indeß nicht dem menschlichen Körper allein ausschließlich zu kommen, sondern auch in der Natur als Bcstandtheile selbst un organischer Körper Vorkommen. Es sind: Sauerstoff, Wasser stoff, Stickstoff, Kohlenstoff; sodann Schwefel, Phosphor, Natrium, Chlor, Fluor, Kalium, Calcium, Magnium, Manganum, Si licium und Eisen. Wir wollen es bei der bloßen Aufzählung dieser Stoffe be wenden lassen, da wir weit davon entfernt sind, den Leser Blicke in die chemische Beschaffenheit des menschlichen Leibes werfen zu lassen. Aber ein ernster Gedanke kommt uns dabei, den wir auch bei unserm Leser wecken wollen: der Gedanke an den Tod. Wenn der menschliche Leib so entkräftet ist, daß diese Stoffe nicht mehr recht zu seiner Erhaltung znsammenwirkcn wollen oder können, so hört er aus zu leben und die Stoffe trennen sich. Die luftförmi- gcn entweichen und verbreiten jenen äußerst widerlichen Geruch, den wir Verwesungsgeruch nennen; die erdartigen zerfallen nach137 und nach gänzlich, trocknen ans, lösen sich in aschcnartige Bestand- theile auf und damit ist der Mensch wieder Erde geworden. Nosce te ipsum et memento mori! Lerne dich selbst ken nen und denke des Todes! Die sichtbaren und fühlbaren Theile des menschlichen Leibes aber muß jeder Mensch der Hauptsache nach benennen können; es find: Knochen, Bänder, Muskeln, Gefäße, Nerven und Ein geweide. Die unserm Buche beigefügte Bildertafel nimm, lieber Leser, und suche dir folgende Knochen und sodann auch die übrigen Bestandtheile des menschlichen Leibes an dem dort abge- bildetcn Gerippe. Wenn du sie nach dem beigefügten Buchstaben nn demselben gesunden hast, dann mußt du aber deren Lage auch nn deinem eigenen Leibe suchen und sie nebst dem Namen dersel ben recht gut und fest merken. Du wirst dadurch, falls du, was Gott verhüte! krank werden solltest, deinem Arzte die Ausübung seines Berufes nicht allein sehr zu erleichtern im Stande fein, sondern auch dir selbst nützen, indem du in dem Staude bist, ibn sogleich auf den Sitz deines Leidens zu lenken und somit auf die Spur, wo er deine Krankheit suchen und ihr entgegenwirken muß. Welch ein Nutzen von dieser kleinen Mühe, selbst wenn sie sonst keinen andern haben sollte! A. Zu erst der Schädel, den man in Knochen der Hirnschale und des Gesichts theilt. Knochen der Hirnschale: ) das Stirnbein, d) die Augenbrauen, c) das Augenhöhlenloch, d) die Scheitelbeine, Seitenwandbeine, e) das hintere Hauptbein, 0 das Keilbein, g) der Türkensattel, h) das Ringbein. Knochen des Gesichts: i) die Oberkieferbeine, k) Nasen- svrtsätze, 1) die Gaumenbeine, m) der Unterkiefer, n) das Kinn, ) die Kiefergclenke. B. Knochen d es Rumpfes. 1) die Wirbelsäule oder das Rückgrat, 2) die Rippen, 3) das Brustbein, 4) das Becken. Zwischen den Rippen ist der Brustkasten, zwischen dem Brustka sten und dem Becken die Eingeweidehöhle oder der Bauch. 0. Die Arme. 5) Die Sckuilterknochcn, 6) das Schlüs selbein, 7) das Schulterblatt, 8) das Oberarmbein, 9) das Schulter- gelenk, 10) das Ellenbogengelenk, 11) die Bordcrarmbeine, 12) das Handgelenk, 13) Hand - und Fingcrknöchelchcn. D. Die Beine und Füße. 14) Das Oberschenkelbein,138 15) das Schenkelgelenk oder Fußgelenk; 16) das Kniegelenk, 17) die Kniescheibe, 18) das Schienbein, ;19) das Wadenbein, 20) die Fuß Wurzel und das Fußgelenk, 21) das Springbein, 22) das Kahnbein, 23) das Fersenbein, 24) Mittelfnßknochen und 25) Zehenglieder. Das, lieber Leser, sind diejenigen Knochen, deren Lage im Körper und Namen jeder Mensch kennen und wissen sollte. Außer diesen gibt es noch Hunderte und jeder einzelne Knochen hat wie der mehrere Theile, die verschieden benannt werden. Das aber zu merken, wird dir nicht zugemuthet; es ist Sache des Gelehr ten, des Arztes und gehört zur Wissenschaft der Anatomie. Die Knochen stehen nun mit einander -in Verbindung durch Knorpeln und Bänder. Die Knorpeln sind härter, als Fleisch, wei cher, als Knochen, sehr glatt und fettig, so daß die beiden Kno chen, zwischen denen ein solcher Knorpel liegt, sich recht leicht be wegen und nicht reiben. Aneinander befestigt sind die Knochen durch Bänder, sehr starke saftige Stränge. Nicht alle Knochen aber sind durch Knorpeln und Bänder mit einander verbunden, sondern nur diejenigen, welche bewegt werden können, z. B. die Knochen des Halses, der Arme und Beine. Die fleischigen Theile des menschlichen Leibes nennt man Muskeln. Sie bestehen aus einer Vereinigung einer größeren oder kleineren Menge von Flcischsasern zu Röhren oder zu einer zusam menhängenden soliden Masse, welche an benachbarte Körpertheile, besonders an Knochen, geheftet, die Bewegungen mit diesen aus führen. Aus ihnen besteht also jene weiche, röthliche, gemeinhin Fleisch genannte Substanz, die aus dem Muskelgewebe, einer eigenthümlichen aus Fett, Sehnenfasern, Zellgeweben, Nerven ge bildeten Masse zusammengesetzt ist. Alle Muskeln des Körpers werden in willkürliche und unwillkürliche eingethcilt. Die hohlen Muskeln, eine eigene Muskelart, sind oft ästig oder gabelförmig gespalten, bilden meist Kreisabschnitte oder Ringe, laufen netzartig verschlungen,, liegen oft in mehreren Schichten über einander und bilden eine Muskelhaut. Die kompakten Muskeln liegen an den Knochen ange heftet und durch sie werden die Knochen bewegt. Der Theil, der die Muskel mit dem Knochen verbindet, ist sehnenartig wie ein Band oder Strang, mit dem sie an den Knochen angewachsen sind. Manche Muskeln haben die kraftvolle Fähigkeit, sich zusam-139 menzuziehen. Dadurch wirken sie ziehend auf die Knochen und das Zusammenziehen der Muskeln erfolgt durch Nerven, gleichsam telegraphisch aus dem Sitze des menschlichen Willens, dem Haupt quartier der Entschlüsse und Empfindungen, dem Gehirn. Jeder Muskel hat einen Antagonisten, das heißt, einen andern Muskel, der gerade dem, was der erste thut, entgegenwirkt. Man unter scheidet deshalb nach ihrer Wirkung: sich einander entgegenwirkende Muskeln oder Antagonisten, Beuger und Strecker, Rollmuskeln und Schließmuskeln, An- und Abzieher, Aufheber, Nicderdrücker, Vorzieher, Rückwärtsziehcr. Du begreifst hiernach, daß der Mus keln außerordentlich viele sind, daß sie sehr verschiedene Bestim mungen haben, daß sie wieder einzeln sehr mannigfaltig und ver schiedenartig zusammenwirken, um alle die tausend und abermal tausend kraftvollen, raschen, verschiedenartigen und höchst anmn- thigen Bewegungen zu bewirken, deren der menschliche Körper überhaupt und jeder seiner Theile insbesondere fähig ist. Das unendlich verschiedene, oft reizende, oft auch furchtbare Mienen spiel in dem menschlichen Antlitz, durch welches dasselbe, wie ein Spiegel oft das überraschendste und täuschendste das Denken des Geistes und die Empfindungen der Seele wiedergibt, wird durch das Spiel der Gesichtsmuskeln bewirkt. Es wäre deshalb wohl vergeblich, wollte ich hier auch nur zum kleinsten Theile die Muskulatur des menschlichen Leibes dem Einzelnen nach benennen und es würde dieses auch dem Zwecke meines Un terrichts ferne liegen. Nur ein Beispiel der mechanischen Thätig- keit der Muskeln soll hier lehrreich stehen: Entblöße deinen rech ten Arm durch Zurückschlagen des Hemdärmels bis zur Schulter und strecke ihn aus. Nun sieh auf deinen Oberarm zwischen El lenbogen und Schulter und ziehe den Arm langsam ein, so wirst d deutlich sehen, wie dieses der immer pralliger werdende am Oberarm liegende Muskel Biceps bewirkt. Der Antagonist des Viceps, ein Strecker, liegt vom Ellbogen an im Vorderarm bis in die Nähe des Handgelenks. Zu den Bewegungen des Armes .helfen aber außer dem Biceps noch viele andere Muskeln. Wir kommen nun zum Gefäßsystem. Dieses besteht aus häutigen, meist baumartigen verzweigten Röhren, welche entweder Vlut führen, oder Stoffe, die dem Blute beigemischt werden sollen, um das durch die Lcbcnsthätigkeiten gestörte Gleichgewicht seiner Mischungsverhältnisse auszugleichen. Das Blut ist nämlich die140 Flüssigkeit, aus welcher alle zum Wachsthum und Leben nöthigcn Stoffe bezogen werden und es wird aus den Nahrungsmitteln bereitet. Durch eine Anzahl so unendlich feiner Röhren, daß man sie nur mit dem Vergrößerungsglase erkennen kann, wird es im ganzen Körper und in allen Organen verbreitet und zwar durch ein höchst wunderbares Triebwerk, durch das Herz, das, ohne ei nen Augenblick zu ruhen, beständig Blut empfängt und wieder austreibt. Die Gefäße, in denen das Blut circulirt, heißen Adern. Die Adern, durch welche das Blut zu den Nahrung be dürfenden Organen geführt wird, heißen Schlagadern oder Pulsadern, mit einem fremden Worte Arterien; an ihnen be merkt man die Blutwellen, wie sie vom pumpenden Herz in die Adern gesprizt werden, die Pulöschläge; sehr deutlich kannst du den Pnlsschlag fühlen, wenn du den Daumen der rechten Hand hinter das Handgelenk der linken Hand unmittelbar am Oberbein des innern Armes drückst. Da pflegen auch die Aerzte den Puls zu fühlen. Diejenigen Adern, welche das verbrauchte Blut in s Herz zurückführen, heißen Blutadern oder Venen. Das auf solche Weise zum Herzen zurückgebrachte Blut ist nun aber zur Ernäh rung des Menschen nicht mehr tauglich, es muß erst wieder ver bessert, d. h. mit Nahruugskraft und Stoff gesättigt werden und das geschieht in den Lungen, wo das Blut mit der durch Athemholen in dieselben eingesaugten Luft in Verbindung kommt, die dem Körper nicht mehr dienenden Gasarten, Kohlenstoff und Wasserstoff absetzt und dafür aus der Luft den zum Leben unent behrlichen Sauerstoff aufnimmt. Daher strömt alles mit so vielen unbrauchbaren Stoffen zum Herzen zurückkehrende Blut in die Lungen und kehrt als Arterienblut zum Herzen zurück. Wie wun derbar, wie weise hat das Gott eingerichtet! Vom rechten Vor hofe des Herzens geht das Blut aus, tritt aus diesem durch die Oeffnung zwischen rechter Vorkammer und rechter Herzkammer in die rechte Kammer und von da durch die Lungenschlagader in die Lungen, vcrtheilt sich in deren zahllose Lustgefäße, um durch die Lungcnvenen wieder in s Herz zurück, aber nicht in die rechte, sondern in die linke Vorkammer, zu gelangen. Aus dieser strömt es in die linke Herzkammer, wird in die große Herzschlagader oder Aorta getrieben, durchläuft ungeheuer rasch die mannigfalti- gen Verzweigungen der Körperschlagadern, alle Gefäße der einzel nen Organe und kehrt durch die Körperblutaderu in den rechten141 Vorhof des Herzens zurück, um denselben Weg auf s Neue zu durchlaufen. Das ist die circulatio sanguinis, der Kreislauf des Blutes. Das Nervensystem ist wie die Blutgefäße durch den ganzen Körper verbreitet und unter seiner Einwirkung stehen alle Lebcusthätigkeitcn, sie mögen geistige oder körperliche sein. Die Nerven sind thcils vegetativ oder ernährend, theils sympathisch oder fühlend und haben einen centralen und peripherischen Theil. Der Centralthcil der Nerven ist das Gehirn und das. Rückenmark, der peripherische Theil sind die weißen Stränge und Fäden, welche aus Gehirn und Rückenmark hervorgehen. Die Thätigkeit der Nerven ist ganz außerordentlich merkwürdig; blitzschnell verbreiten in allen Theilen des Körpers die Commandos, welche im Ge- diru und im Rückenmarke ausgehen, tragen die Empstndungcn allen Parthicn des Leibes dahin und setzen die von den Sinnes werkzeugen empfangenen Eindrücke verstärkt bis zu den genann- wn Ansgangs- und Centralpunkten fort. Es ist eine sehr sonder bare Erscheinung, daß Organe oder selbst Glieder noch schmerzen können, obschon gar nicht mehr vorhanden sind; z. B. Beine, bie wegen unheilbarer Wunden abgenommen werden mußten, schmerzten den Amputirten, als ob er sie noch hätte. Die Ner ven bestehen aus einer weichen, breiartigen Waffe und haben eine weiße oder grauröthliche Farbe. Das in der Schädelhöhle lie gende Gehirn und Rückenmark sieht ebenso aus, ist aber höchst Merkwürdig fast wolkenartig weißlichen Klumpen zusammenge setzt und besteht dem vordern ober großen und dem Hinteren oder kleinen Gehirn. Das Gehirn und das Rückenmark nebst den von diesen Organen sich unendlich zahlreich und (feilt in alle Körpertheile verzweigenden Nerven ist so recht eigentlich der Sitz der körperlichen Empfindungen und Thätigkeit. Auf geheimniß- volle und wunderbare Weise vermitteln sie alles zur menschlichen Seele; auf welche Weise aber die Seele mit dem Nervensysteme in Verbindung stehet, das weiß man nicht. Bei recht abstrakter, d. h. ausschließlicher Thätigkeit der Seele ruht das Nervensystem gänzlich, ein Beweis, daß daö geistige Seelenleben des Menschen vom Leibe vollkommen unabhängig, daß der Leib nur das Werk zeug der Seele ist, welches dieselbe nach Gefallen sogar vollkom men ruhen lassen kann. Wir erübrigen nun noch von den Werkzeugen der Ernährung142 des menschlichen Leibes zu sprechen, vom Bau und Leben der Eß- und Verdauungswerkzeuge. Wir haben bisher die Werkzeuge des menschlichen Leibes und jene Organe betrachtet, durch welche das Leben an und sür sich erhalten wird, oder die es eigentlich bedin gen; es ist aber auch gesagt worden, wie dem Körper eine Menge Stoffe entzogen werden, die verbraucht sind und also ihre Zwecke nicht mehr erfüllen. Durch den starken Verbrauch und die bestän dige Abnutzung des Körpers würde nun bald die Zeit eintreten, wo das Wachsthum oder die Ernährung aufhören müßten und so mit das Leben erlösche. Der gütige Schöpfer aber hat dem Men schen zwei Gefühle gegeben, den Hunger und den Durst und diese setzen ihn in Kenntniß, wann im Körper Mangel an festen und flüssigen Bestandtheilen ist und mahnen ihn, das Verlorene durch Speise und Trank zu ersetzen. Er hat die äußerst künstlichen Ap parate geschaffen, in welchen die Speisen, Dinge, welche unserem Körper meist ganz unähnlich sind, so zersetzt und zubereitet wer den, daß sie als Ersatzmittel dienen können. Diese Verrichtungen nennt man Verdauungswerkzeuge. Der Mensch hat zu seiner Ernährung eine große Menge von paffenden Nahrungsmitteln nöthig. Auf die Quantität, d. h. auf das: wie viel? kommt es aber weniger an, als auf die Qua lität oder das: was? Es ist von der größten Wichtigkeit, durch welche Speisen der Mensch .sich nähret und das Leben hängt da von ab. Wir wollen daher dem Leser einige Bemerkungen dar über mittheilen, die er sich zu Herzen nehmen wolle. Die Nah rungsmittel müssen Verbindungen enthalten, die denen des Körpers Verwandtschaft haben und je mehr solche Stoffe in den selben enthalten sind, um so besser nähren sie und eine desto ge ringere Menge von ihnen ist zur Ernährung des Menschen hin reichend. Die Speisen müssen ferner auch alle Stoffe enthalten, welche in unserem Körper Vorkommen; daher kann Kochsalz, Zucker, Stärkemehl auf längere Zeit nicht ernähren, weil darin der nö- thige Stickstoff, Schwefel, Phosphor und Kalk mangelt. Doch selbst Sachen, die diese Bedingungen erfüllen, sind doch noch keine wahren Nahrungsmittel, denn z. B. der Faserstoff unseres Blu tes enthält die meisten Verbindungen unseres Körpers und doch nährt er so wenig, daß ein Hund schon nach kurzer Zeit zu Grunde geht, wenn man ihm nichts als Blut zu fressen gibt. Dasselbe gilt von der Gallerte, von ausgekochten Knochen, Knor-143 peln, Sehnen und Bändern. Um also den Körper zu erhalten, ist geregelte Abwechslung der Speisen unerläßlich; schon das Gefühl des Widerwillens und Ueberdrusses, welches wir ent- Pstnden, wenn wir lange Zeit hindurch einerlei Speisen genießen müssen, lehrt uns das. Es gibt z. B. nichts Nährenderes, als gekochtes Eiweiß und Eier von Hühnern insbesondere. Thiere, welche nur allein damit gefüttert werden, müssen sterben, und ohne Zweifel würde auch der Mensch dabei zu Grunde gehen, wenn er genöthigt wäre, blos allein von Hühnereiern zu leben. Dasselbe gilt vom bloßen Genuß des Fleisches und anderer Stoffe. Ferner: Nur bei einer mäßigen Menge von verschiedenen Nahrungsmitteln gedeiht der Mensch. Es ist ein sehr wahres und z beherzigendes Sprichwort: Höre auf zu essen, wenn es dir am besten schmeckt! Jede Abweichung von diesem Gesetz nach der ei nen oder einer anderen Richtung bringt eine Reihe von Leiden hervor, welche früher oder später den Tod herbeiführen. Beim Trinken vermeide man sorgfältig das hastige Trinken; und wenn man erhitzt ist, so warte man ja 10 Minuten lang, bis Man sich abgekühlt hat, ehe man trinkt. Die Verdannngswerkzengc beginnen mit der Mundhöhle, welche durch die Lippen geöffnet und verschlossen wird. Der Oberkiefer sitzt am Schädel unbeweglich fest, der Unterkiefer ist aber durch die Kaumuskeln beweglich und dreht sich in einem Ge lenk am untern Thcile des Hinterhauptes. In den beiden Kie fern stecken 32 Zähne, vier davon sind Schneidezähne, vier Eck zähne, die übrigen sind Backen- oder Kauzähne (Stockzähne). Die Zunge, das Werkzeug des Geschmackes, liegt in der Höhle des Unterkiefers als ein weicher sehr beweglicher Flcischlap- swn und hat seinen Anhaltspunkt am Zungenbeine. Sie ist außer ordentlich beweglich und mit einer großen Menge feiner Nervchen durchzogen, welche oben auf der Zunge in sehr kleinen zarten Drüsen endigen und durch welche wir schmecken. Aber die Zunge erfüllt auch zugleich die Funktion eines Dieners, der die Speisen visitirt, unter die Zähne zum Zermaleu bringt, nachsieht und fühlt, ob nichts Hartes, Unzerkautes, Spitziges oder sonst Schädliches vorhanden ist und sodann aus der zerkauten Speisemasse aus- sondcrt und aus dem Munde befördert. Ihr dürft beim Essen nur auf die Beschäftigung eurer Zunge achten, namentlich wenn ihr einen Fisch verzehrt und ihr werdet sehen, welch ein treffli-144 cher, geschickter und sorgfältiger Visitator sie ist. Wenn alles gehörig zermalmt und durchweicht ist, so biegt sich die Zunge rückwärts, schiebt den Bissen dem Racheneingang zu und derselbe gleitet so durch die schlotartige Röhre, de Schlund in den Ma gen hinab. Während des Kauens ergießt sich aus den Speichel drüsen, die an den Wangen, unter dem Ohre und unter der Zunge liegen, der Speichel. Aber auch Schleim wird im Munde in Menge abgesondert, er ist zum Schlüpfrigmachen der Speisen nothwcndig. Am Munde ist der Schlundkopf, der den Mund vom Schlunde abschließt. Im Schlundkopfe sind zwei Oeffnungen. Die eine öffnet sich in die Luftröhre, durch welche wir Luft in die Lunge einsaugen, die andere aber in den eigentlichen Schlund, der im weiten sackartigen Magen endigt. In ihm sammeln sich die zerkauten hinabgeschluckten Speisen, verlieren durch den schar fen, ihnen zuströmenden, mit Galle vermischten Magensaft ihre Na tur und werden in einen dickflüssigen Brei, den Speisebrei, ver wandelt. Dieser nun zur Verdauung vollständig zubercitete Brei kommt vom Magen in den Zwölffingerdarm und Dünndarm, Leer darm und Krummdarm und von diesem fort und fort in eine Menge anderer Gedärmabthcilungen, welche innerhalb der Bauchhöhle lie gen und aus dem Speisebrei die dem Körper nöthigen Nahrungs mittel ansziehen. Das ganz Verbrauchte desselben, in dem nichts Nahrhaftes mehr vorhanden ist, gelangt endlich nach dem langen Wege in den Mastdarm, der an der Aftermündung endigt und wo sich der Körper dieser verbrauchten Stoffe wieder entledigt. Die Flüssigkeiten, welche zur Ernährung des Menschen nicht mehr nöthig sind, gelangen schneller, als die Speisen, durch die Gedärme, kommen in die Blase und aus dieser fließen sie durch die Harn röhre aus dem Körper ab. Dies ist im Allgemeinen der wundervolle Bau unseres Kör pers, dies das Wenige, was ich dir davon zu deiner Belehrung hier mittheilen kann, lieber Leser. Aber so viel dir da noch fehlt zur Erkenntniß dessen, was der Gelehrte über den Bau, die Ein richtung und die einzelnen Theile des Leibes wissen muß, eben so weit ist auch der gelehrteste Mann noch davon entfernt, im Le- bensprozcß des Menschen klar zu sehen; ja selbst das mechanischste aller Geschäfte, die Verdauung, bietet noch große nncrgründete Räthscl dar und wenn wir den Arzt darüber befragen, oder den gelehrten Anatomen, so gesteht er aufrichtig, daß er es nicht wisse.145 So ist es überhaupt mit dem menschlichen Wissen, wie mit seinem Können, es ist ein unvollkommenes Stückwerk; je weiter er in der Erkenntnis dringt, desto größere Geheimniße, desto tiefere Räthsel lernt er kennen, aber auch desto mehr Veranlassung hat er, mit dem Psalmisten zu rufen: Herr, wie groß und viel sind Deiner Werke! Wunderbar hast Du mich gemacht! Mit Haut und Fleisch hast Du mich bekleidet, mit Beinen und Adern hast Du mich znsammengefügt. Wunderbar sind Deine Werke, das er kennet meine Seele wohl! Von der Seele des Menschen. Du bist ein Geist, d. h. ein unsichtbares, unsterbliches, ver nünftiges Wesen! Als Deine Seele von Gott erschaffen wurde, war sie ein sündenreiner Geist; sie war Ihm, dem Erhabenen, ähnlich; durch die Befleckung der Sünde hat sie diese Aehnlichkeit mit Gott verloren. , So lehrt uns die heilige Schrift. So lange wir leben, ist die Seele in unserem Leibe auf der Erde. Der Tod löset die Bande, welche die Seele an den Leib knüpfen. Sie kehrt dann zurück zu Gott, der sie uns gegeben hat. Sie wird einst am Auferstehungstage, wo auch unser Leib aus dem Grabe ausersteheu wird, wieder mit demselben in Verbindung treten, aber es wird ein unverweslicher, heiliger Leib sein, in dem dann Unsere Seele wohnt. Auch dieses lehrt uns die Schrift! Wie wollen nun unsere Seele kennen lernen, so gut es uns möglich ist. Den Schritten der Gelehrten können wir dabei nicht folgen; sie führen uns in Jrrsale, in denen wir uns nicht zurecht- stndcn würden und wir würden dabei nur eine für uns unfrucht bare Mühe haben. Unsere Seele ist nichts Irdisches; wir können sie durch die Sinne nicht wahrnehmen; ist also eine vergebliche Mühe, fle als Wesen schildern oder beschreiben zu wollen. Wie wir ben Allerhöchsten nur durch die Erkenutniß seiner erhabenen Eigen- fchaften zu fassen vermögen, so können wir nur aus der Thätig- keit unserer Seele diese näher kennen lernen. Unsere Seele ist vernünftig. Dieses Wort kommt von Ver nunft her und Vernunft ist aus vernehmen gebildet. Vernunft wäre also die Kraft, etwas zu vernehmen und zwar das, was 10146 uns unsere Sinne zuführen. Allein die Vernunft kann noch viel mehr. Die Seele denkt mit der Vernunft, stellt sich mitsihr Dinge oder Zustände vor, die gar nicht vorhanden sind, merkt mit der Vernunft, versteht und begreift, regiert die ganze Thä- tigkeit des Leibes, handelt in der verschiedensten Weise geistig und leiblich und bewirkt durch ihre Kraft Wunder, die für ein so schwaches Wesen, wie der Mensch, kaum für möglich gehalten werden sollten. Die Seele denkt, d. h. sie überlegt und faßt Ent schlüsse; sie wählt und berechnet die zu deren Ausführung nöthi- gen und ihr zu Gebote stehenden geistigen und materiellen Mittel und handelt dann, indem sie selbst sich anstrengt und die äußerste Kraft des Leibes, über den sie gebietet, auftegt, mit bewunderns würdiger Energie, indem sie ihre Entschlüsse und Gedanken aus führt. Je stärker die Seele im Denken, je gewandter der Leib und je kräftiger er durch Uebung geworden ist, desto größere und wichtigere Dinge vermag dann der ganze Mensch zu vollbringen. Ist die Seele, und durch sie die Vernunft, während des ganzen Lebens fast allein zum Denken thätig, so leidet darunter der Leib; er wird schwächlich und unbeholfen; ist umgekehrt nur der Leib thätig und zwar in solcher Thätigkeit, zu der es des Nachdenkens nur wenig oder fast gar nicht bedarf, so leidet die Vernunft, sie bleibt schwach und ungeschickt. Die Seele hat ein Vorstellnngsvcrmögen, das man gewöhn lich auch Einbildungskraft nennt. Diese ist bei Kindern die Ur sache mancher lächerlichen Schwächen, z. B. der Gespensterfurcht; auch Erwachsene gibt es, die darin den Kindern gleichen. Wenn aber die Einbildungskraft recht gepflegt, geübt und von reichen Kenntnissen und Erfahrungen, von geläutertem Geschmack unter stützt wird, so vermag sie auch Wunderdinge hervorzubringen, die Staunen erregen: sie wird zur Idee, zur Ersindungskraft und bringt ganz Neues hervor, wovon gewöhnliche Menschen keine Ahnung hatten. Solche Menschen waren Columbus, der Ame rika 1492 entdeckte, Gutenberg, der die Buchdruckerknnst um 1442 erfand, der Phönizier Daut, der 1900 v. Ehr. die Schrift lehrte und tausend Andere, die durch ihre Entdeckungen und Erfindungen, durch ihre Ideen, die Lehrer und Woh.lthäter des menschlichen Ge schlechts geworden sind, und denen man daher stets eine dankbare Verehrung erweist. Die Seele merkt auch, was vorkommt oder was sie denkt,147 sie hat ein Gedächtniß. Das ist eine sehr nützliche Gabe, weil hauptsächlich die Seele mit einer sehr großen Anzahl nützlicher Kenntnisse und Erfahrungen bereichert. Das Gedächtniß kann b u r ch U e b u n g einer außerordentlich großen Kraft gelangen. Wer recht viel auswendig lernt, übt also sein Gedächtniß, merkt sehr leicht und das ist ein ganz vortreffliches Hilfsmittel zum Lernen. Die Seele denkt, merkt und stellt sich vor. Dadurch ist sie aber eben im Stande, zu lernen, d. h. etwas, was sie noch nicht gewußt hat, zu begreifen und es sich so zu eigen zu machen, als wenn sie es selbst erfunden hätte, sodann durch oftmalige Wiederholung sich in der Kunst zu üben, das Gelernte durch eige nes Nachdenken verbessern und durch Erfahrung auf den mög lichsten Grad der Vollkommenheit bringen. Von einem Menschen, der leicht lernt, der also richtig und schnell denkt, sich vorstellt und fest merkt, sagt man auch, er hat Verstand und somit wäre Verstand gewissermassen gleichbedeutend mit Vernunft. Im gemeinen Leben aber sagt man von Einem, der spricht und handelt, wenn er gehörig überlegt hat, was er sagen und thun will, er sei verständig; wer aber, ohne vorher gehörig uachzudenken, redet und handelt, den nennt man unver ständig. Sonach würde, weil sich dieser Unverstand mehr und häufiger bei Kindern findet, die Seelenthätigkeit der Kinder mehr Verstand als Vernunft genannt werden müssen, oder wir würden die Seele der Kinder eine verständige, die durch Lernen und Aus bildung gereifte Seele der Erwachsene eine vernünftige nennen müssen. Dieses schlösse nicht aus, daß auch Erwachsene unver ständig sein könnten; nur stacke dann in einem großgewachsencn Leib eine schuldig oder unschuldig vernachlässigte Kin derseele u. s. w. Die Seele hat Willen und dieser ist frei; sie kann also nach ihrem Willen handeln, wie es ihr gefällt, besonders wenn sie ihrem Willen nicht selbst Schranken auferlegt. In der Seele spricht aber eine sehr deutliche Stimme über jede Aeußerung oder Handlung Mn Urtheil. Dieses Urtheil ist ein befriedigendes, so lange die Handlungen der Seele im Einklänge mit dem Willen Gottes blei ben; es ist ein strafendes, wenn die Acußcrungen, Wünsche und Handlungen gegen das verstoßen und dem zuwiderlaufen, was Gott will. Diese innere Stimme ist die aller köstlich Gabe der Seele und wird Gewissen genannt. Durch sie steht deine 10 *148 Seele, geliebter Leser, mit Gott selbst in Verbindung; dein Gewissen ist Gottes Stimme. Höre stets auf sie; unterdrücke sie nicht, sie ist es, die dich durch dieses Erdcnleben hindurch deiner einstigen Bestimmung, der ewigen Seeligkeit, entgegenführen soll und auch entgegenführt. Gott hat dir zu diesem Zwecke auch die Offenbaruüg gegeben, das Gesetz und den Glauben. Willst du also glücklich werden (so muß ich dir noch einmal zurufcn, wie ich es schon in der Einleitung zu diesem Theile that) willst du den vollständigsten und ungetrübtesten Genuß des Erdenlebens und die festeste Hoffnung auf die ewige Seeligkeit erlangen, so wolle es ernstlich, d. h. wolle nur, was dein Gewissen befriedigt, lebe nach dem Gesetz, glaube, übe deine Geisteskräfte, deinen Leib, so sehr du kannst, lerne, so viel du vermagst, gebrauche deine Ver nunft zur größtmöglichen Ausbildung in geistiger und leiblicher Beziehung und das gewünschte Glück wird dir Gott, dein Schöpfer, nicht versagen! Also ward vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. (Mos. I. 2. v. 1.) Und also ward der Mensch eine lebendige Seele. Mos. l. 2. v. 7.) Die heilige Schrift berichtet nun ihrer Bestimmung gemäß über den Menschen, wie ihn Gott in das Paradies setzte und wie der Mensch sich dieses Glückes unwürdig zeigte und aus dem Paradies vertrieben wurde. Sie berührt auch viel Merkwürdiges über die Geschlechter der Menschen, welche vor der Sündfluth ge lebt haben und nennt uns als die erste aller Arbeiten, die der Mensch zu seiner Ernährung verrichtete, den Ackerbau. Jabals Nach kommen baueten Hütten und waren Hirten, zähmten also nützliche Thierc. Jubal war derjenige, von dem die Musik erfunden ward, Thubalkain war ein Meister in allerlei Erz und Eisenwerk. Aber der eigentliche Beruf der heil. Schrift ist, zu berichten über das Reich Gottes auf Erden und über die Erziehung des menschlichen Geschlechtes für dasselbe; ein Buch der irdischen Kulturgeschichte des Menschen ist sie nicht; dieses konnte der Mensch selbst hervor- bringcn, er selbst mochte das, was in dieser Hinsicht denkwürdig war, in seine Annalen eintragen. Das wichtigste aus dieser Kul turgeschichte des Menschen wollen wir nun dir, lieber Leser, in kurzen Zügen vor Augen führen.149 Wahrscheinlicher Cultur- und Erfindungsgang, Stand der Cul- tur des menschlichen Geschlechtes vor der Sündfluth. Der Mensch wurde von Gott mit vollkommen ausreichender geistiger und leiblicher Kraft erschaffen. Die Welt bot ihm in dem Heere der Pflanzen und Thiere, sowie in dem todten Reiche der Gesteine und Irden alles dar, was er zur Erhaltung seines Lebens, zur Wehr in der Gefahr und zum Schutze seines Leibes gegen das Ungemach der Witterung bedarf Zwei mächtige Hebel, die Roth und die Erfahrung, spornten die Kraft des Menschen zur Thätigkeit an und der Trieb, dieses irdische Dasein so angenehm als möglich zu machen, sich die Wehr und die Arbeit so sehr als möglich zu erleichtern, steigerten die Erfindungskraft auf s höchste und die Bedürfnisse stiegen gleichmäßig. Das erste aller Bedürfnisse war die Kleidung. Eine Re gennacht bringt selbst in den Tropen auf der nackten menschlichen Haut eine so außerordentlich unangenehme Empfindung hervor, daß der sinnreiche Mensch unwillkürlich gezwungen ward, dagegen Schutz zu suchen. Jeder dicht belaubte Baum that zu diesem Zwecke für den Anfang gut; aber da man nicht immer unter dem selben bleiben kann, so ergriff der Mensch große Blätter, um mit denselben seine Blöße zu bedecken und damit war der Anfang zur Kleidung gemacht. Der Hunger kam; Baumfrüchte, oder Früchte überhaupt, stillten ihn; aber der Ueberdruß ließ den Menschen bald auf andere Mittel zur Befriedigung seines Nahrungsbedürf- nisscs sinnen; vielleicht lehrten ihn reißende Thiere das Fleisch und seine Nährkraft kennen; der Mensch wurde ein Jäger. Der Schlag eines von einem Baume fallenden Astes brachte den Men schen auf den Gedanken, diesen Ast zu reinigen und ihn als Keule zu benützen. Er verwundete sich am Stachel eines Gewäch ses; es gibt ja Palmen, an deren Stämmen fußlange Stacheln drohen; dieser Stachel, an einem langen geraden Aste befestigt, gab die furchtbare unnahbarmachende Lanze. Ein recht erfinde risches Genie kam bei dem Anblick und dem Spiele mit einer biegsamen Baumwurzel auf die Idee, diese zum Fortschncllen ei nes kurzen mit einer Spitze versehenen Hölzchens zu benützen und so wurden Bogen und Pfeile erfunden. Der Blitz entzündete einen Baum und erschlug zufällig ein Thier. Neugierig eilte alles150 herbei; gebrannte Kinder lernen das Feuer fürchten, frierende finden seine Wärme, die es um sich verbreitet, angenehm und da man zu diesem Zwecke nur mehr Holz zulegen durfte, so war die Erfindung des Fenerzuschürens sehr leicht. Aber da sahen die Reste des erschlagenen, halb verbrannten, halb gebratenen Thieres der Gluth: der angenehme Duft des Bratens lud zum Schmaußen ein; da aber das, was da lag, nicht einladend genug war, um es zu kosten, so kam ein anwesendes Genie den Gedanken, ein Stück rohes Fleisch an einen Pfeil zu stecken und es zu rö sten; es wurde dadurch das Fleisch so wohlschmeckend und die Zähne hatten damit so leichte Arbeit, daß vielleicht unter allen Menschen damals das Schöpsenbratenessen allgemein wurde, und man Wächter aufstcllte, Um das Feuer beständig zu unterhalten zum Schöpsenbraten. Jagd, Kleidung und Küchenkunst hatten begonnen. Man sah Wild an einem Felsen begierig lecken; es war ein Salzfels. Der Mensch, der alles, was ihm dient, nach ahmt, versuchte das auch und das Genie kam auf den genialen Gedanken, den Braten zu salzen. So war die rechte Würze da. Gewisse Thiere schmiegen sich bei guter Behandlung leicht an den Menschen, namentlich solche, die von Natur sanft oder hilf los schwach sind. Das Rind und das Schaf, das Pferd, Ka- meel und der Hund wurden bald seine Hausthiere und boten dem Menschen ihre Milch zum Tranke, ihr Fleisch zur Speise, ihre Wolle und Haut zur Kleidung; der Hund wurde sein Diener, Beschützer und Bundesgenosse im Kampfe gegen andere Wesen. Hirte und Jäger waren da. Auch der Fischer trieb schon früh sein lohnendes Geschäft. Der Anblick der Natur mit ihren wechselnden Zeiten und Erscheinungen und tausend andere Dinge lenkten den Geist des Menschen bald vom Sichtbaren aus das Unfichtbare. Das An denken an die persönliche Offenbarung Gottes dem ersten Men schenpaare gegenüber war in dessen Nachkommen nicht erloschen; wußten, daß die Welt ein Werk des Allerhöchsten, daß sie von Ihm erschaffene Wesen seien, daß ihr Leben nur von Ihm erhalten werde. Aber die Erkenntniß Gottes umdüsterte sich mehr und mehr mit der finstersten Abgötterei und bald suchte der Mensch den Erschaffer in dem Geschaffenen. Ein Band aber konnte die menschliche Verkehrtheit nicht zerreißen, das Band der Seele mit Gott, das Gewissen; und wie dieses den Sündigen oftmals schuldig151 sprach, so belastete es auch seine Seele mit der Furcht vor der fer nen aber gewiß drohenden Strafe Gottes für alle Unthaten. Das Bedürfniß, sich zu reinigen, führte zum Gebet und Opfer und diese religiöse Ceremonie finden wir schon bei Kain und Abel in der grauesten Urzeit. Das menschliche Herz ist eine wunderbare Mischung von Begierden und Leidenschaften. Zwei Laster aber ragen aus dem grauen Alterthum blutgezeichnet herein aus unsere jungen Tage, der Neid und die Selbstsucht, die gräulichen Eltern des Krieges. Daß Kain den Abel erschlug, ist bekannt; aber daß Neid diesen ersten Kampf entzündete, in dem der arglose Abel hiugemordet ward, daß magst du wohl merken, lieber Leser. Krieg war also frühzeitig, Kampf auf Leben und Tod, Zwiespalt der Parteien, und bis heute war selbst der längste Friede nur Vorbereitung auf den Krieg. Er hat unermeßliches Unglück über die Welt gebracht; aber dennoch ist der Krieg der Sporn der Völker. Den Erfindungen der Jagd, der Fischerei und Kochkunst ge sellte sich sogleich die segensvollste aller Erfindungen, der Ackerbau zu. Diese Kunst hat der Mensch ohne Zweifel auch von der Na tur gelernt. Wie die Menschen auf die Erfindung der Instrumen talmusik kamen, das ist gänzlich räthsclhaft; die Bibel sagt: von Jubal sind hergekommen die Geiger und Pfeifer; vielleicht hat auch die aufmerksame Betrachtung der Natur zur Erfindung der Instrumente geleitet. Endlich weisen gewisse Spuren, die sich in der heil. Schrift finden, sowie uralte Mythen und Sagen der Völker, darauf hin, daß schon vor der Sündfluth unter den Menschen ein geordneter Zustand bestand, daß gewisse, allgemein anerkannte, zu Recht be stehende, Verordnungen galten, die Jeder befolgen mußte, daß es mit einem Worte Gesetze gab. Eines aber bestätigt uns trotz der kargen Nachrichten, welche wir über die letzte Vorwelt vor der Sündfluth haben, daß die Bildung und Gewerbsthätigkeit der Urmenschen schon bis zu einem sehr hohen Grade gestiegen gewesen sein müsse und das ist der B au der Arche des Noah. Wir wollen dieses gewaltige Werk hier mit den Worten der hei ligen Schrift schildern und es wird sich daraus ergeben, auf welchem Stande der Geschicklichkeit die Menschen angelangt wa ren, als sie alle (bis aus Noah und seine Söhne) in der Sünd fluth umkamen.152 Der Raumersparniß wegen lassen wir die Worte der heiligen Schrift im Zusammenhänge von Mos. I. 6. v. 14 16 weg und betrachten sie einzeln. Mache dir einen Kasten von Tannenholz", Kasten oder Schiffsrumpf. Gut! Die ungeheure Länge dieses gewaltigen Schiffes, seine Breite und Höhe harmoniren wunderbar, wie wir unten sehen werden; aber davon reden wir noch nicht; wir spre chen nur vom Tannenholze. Es mußte bereits erkannt sein, daß sich dieses noch heute zur Bekleidung der Schiffswäude gebrauchte so treffliche Holz, das an Güte und Haltbarkeit nur vom Eichenholz und vom Holz des Teakbaums, der in Indien wächst, übertroffen wird, sich ganz vorzüglich eignet. Das setzt eine lange, mit Nachdenken verbundene, Betrachtung der Bäume voraus, demnach Erfahrungen in der Wissenschaft der Naturgeschichte und natürlichen Erzeugnisse, wie sie viele der heute auf Erden wohnenden Völker noch nicht besitzen. Auch dieses aber sei und bleibe dahingestellt; nur von der Masse des Holzes, welches zu Noah s Schiff nöthig sein mochte, wollen wir hier sprechen. Zum Bau eines englischen Linienschiffes von 80 Kanonen und 800 Mann Besatzung, also eines mittleren Fahrzeugs, gehören 1000 große Eichenstämme, 200000 Pfd. Eisen zur Zusammen setzung des Schiffsgebälkes und der Annagelung der Planken, Wände, Zwischen- und Oberdecke. Dab ei ist von den Gegen ständen der Ausrüstung, als Masten, Stangen, Raen und dergl. gar noch nicht die Rede. 380 Arbeiter haben damit vollauf zu thun, um es in einem Jahre zu Stande zu bringen. Die Arche Noah war 300 Ellen lang, 50 Ellen hoch und 30 Ellen breit. Da eine Elle wahrscheinlich 2 engl. Fuß, gewiß aber nicht weniger hatte, so war die Arche ein Schiff von 600 Fuß Länge, 100 Fuß Höhe und 60 Fuß Breite, hatte also einen viermal größeren Bau, als eines der jetzigen gewöhnlichen Linien schiffe und erforderte, demnach 4000 der größten Eichen und 800000 Pfund Eisenwerk zur Verbindung und Verklammerung deö Zimmerwerks. 1520 Menschen hatten ein Jahr hindurch zu thun, um dieses Riesenschiff zu Stande zu bringen. Keine menschliche Kraft ist im Stande, riesenmäßige Eichen- und Tannenbäume in Planken zu zerschneiden; es mußte also vom Wasser, oder vom Winde, oder irgend einer andern Kraft153 getriebene Schneidesägen geben und das setzt mechanische Kennt nisse, diese aber Kenntnisse in der Mathematik, voraus. Eisen findet sich in solchen Massen, wie zu 8000 Centnern, nicht gediegen auf Erden; es mußten also Kenntniß der Erze, Kennt- niß der Gewinnung des Roheisens aus Erz, Kenntniß der Umwandlung des Guß - in Schmiedeiscns vorhanden sein; mußte Hammerwerke geben, sonst war die Bearbeitung schwererEisenmassen nicht möglich. Und welch eine Menge von Erfindungen setzt der komplizirte Hand werkszeug des Zimmermannes und Schmiedes voraus? Aber zum Bau eines Schiffes von so ungeheurer Größe ist noch etwas ganz anderes nöthig, als was der Schmiedend der Zimmermann verstehen. Kenntnisse in der Mathematik, in der Mechanik, tüchtige gewaltige Maschinen, Hebzeug von der com- plizictesten Brauchbarkeit, furchtbar gewaltige Pressen kurz all der außerordentliche Vorrath von sinnreich erdachten und treff lich construirten Hilfsmitteln, wie wir ihn im dritten Theile un sres Unterrichtes bei dem Bau des nun die Wogen des Ozeans verspottenden und niedertretenden Leviathan kennen lernen werden, ?u dem die gelehrtesten Mechaniker Englands und die tüchtigsten Praktiker sich vereinigten und mit dem sie, als der Rohbau vol lendet war, doch fast noch gescheitert wären. Die Verhältnisse des Schiffes waren sehr zweckmäßig und gut. Man hat in Holland ein Transportschiff nach seinem Muster eonstruirt und dieses erwies sich als außerordentlich zweckmäßig und von einer wunderbar großen Tragefähigkeit. Da nun die Arche auch nur den Zweck hatte, große Lasten zu tragen, so geht hieraus hervor, daß man damals, weil man eben überhaupt schon nach durchdachten Construktionen zu bauen verstand, schon einen Unterschied der Schiffe im Bau nach den ihnen gegebenen Bestim mungen machte, und daß die Arche nicht die Verhältnisse eines Schnellseglers, sondern die eines Lastschiffes bekam. Ein Fenster sollst du daran machen, oben an, eine Elle groß." Ein Fenster besteht aus Glas; also mußte die Erfindung des Glases schon vor der Sündfluth vorhanden gewesen sein. Daß das Fenster nur eine Elle groß, also im Verhältniß zum räumli chen Inhalt des Schiffes so klein und noch dazu oben angebracht war, das wirft ein scharfes Licht die genaue Kenntniß der da maligen Menschen von der Gewalt des Wellenschlages. Von die-154 ser Größe sind noch heute die auf den Verdecken der großen Schiffe angebrachten mit 1 bis 2 Zoll dicken, sehr reingeschliffenen, nur Vr □ Fuß haltenden Glasplatten, die in starkes Eisen gefaßt sind, versehenen Lichtlncken. Die schwerste Spritzwoge, welche über das Verdeck hinschlägt, ist nicht im Stande, so dicke Glas platten zu zerschmettern, da die Lucke überdies noch mit einem sehr starken Eisengittcr versehen ist, an dem die Waffermasse zerschellt, ehe sie auf das Glas selbst auffällt. Diese Gitter dienen zugleich zum Schutze der Fenster, damit nichts Hartes auf dieselben fallen und sie zertrümmern kann. Daß aber das Luckensenster oben war, beweiset, daß man damals schon mit dem Grundsätze der Be leuchtung durch Oberlichter, der schönsten von allen, genau be kannt war. Die Thüre sollst du mitten in die Seite setzen." Aus dieser Stelle vermögen wir zu erkennen, was für einen be sonder Zweck das Schiff bezüglich der darauf untergebrachten Last hatte. Ein gut construirtes Transportschiff taucht, vollkommen beladen, gerade bis zu dem Punkte in die Fluth, wo der Schiffs rumpf seine größte Breite hat und das ist in der halben Höhe- Das tobte Schiff, d. h. derjenige Theil des Schiffes, welcher aus dem Wasser immer hervorragt, läuft nach oben bis zum ober sten Verdeck sargartig sich verschmälernd zu und enthält vorzugs weise die Räume für seine Bewohner. Im lebendigen Schiff sind die nöthigen Vorrathskammern. Der Leviathan, der ohngesähr die Größe der Arche hat, aber ganz gewiß sie nicht übertrifft, kann 10000 Menschen mit allen für sie auf ein halbes Jahr ausreichenden Bedürfnissen, dazu viele tausend Tonnen Kohlen für seine fünf mächtigen Dampfma schinen, Futter für 800 Pferde, sodann noch eine riesenmäßige Menge von Eisen, Holz und allem nur erdenklichen Material an Bord nehmen und hat sie auch auf seinen Fahrten immer bei sich. Die Arche sollte nach Gottes Befehl Noah und sein ganzes Haus, d. h. alle seine Angehörigen, sodann aus allerlei reinem Vieh je sieben und sieben an Bord nehmen. Reines Vieh das ist, zahme Thiere, deren Fleisch eßbar, zu essen gestattet, war. In Mos. III., Cap. 11, v. 1 47, kannst du, lieber Leser, selbst Nachlesen, welche Thiere rein und welche unrein sind. Das ist nicht allein Moses Gesetz, sondern es galt wahrscheinlich als ein Urgesetz schon vor der Sündsluth. Diejenigen reinen Thiere, von155 denen Noah je 7 Paare an Bord nahm, waren also: Rinder, Schafe, Ziegen, Hühner, Gänse, Enten, Tauben; alle anderen Thiere waren unrein; von allen anderen nahm er nur ein Paar an Bord. In einem Raume, worin jetzt 10000 Menschen, die com- fortabel, d. h. angenehm, geräumig, auch auf der See, wohnen wollen, Platz haben, war auch für so wenige Hausthiere und alle übrigen unreinen Thierpaare, Raum genug. Wie werden aber Elephanten, Kameele, Rhinoceroße, Nil pferde und andere solche Kolosse das Schiff geschafft? Eben vermittelst der genau am Wasserspiegel beginnenden großen Sei- tenthüre, die herabgeschlagen eine Brücke bildete. Und wenn die Arche schon vor Eintritt der Sündflnth vom Stapel gelassen, schwamm, so gingen die Thiere ganz eben über die Brücke in s Innere des Schiffes und konnten also, wie z. B. die reißenden, von Massen von Menschen in s Schiff geschafft und darin verwahrt werden, ohne daß sie Schaden zu thun vermochten. Daß sie aber im Schiff Ruhe hielten, daran ist kein Zweifel. Die wildesten Thiere halten sich mäuschenstill, sobald sie in einem Schiffe sind, und den Wogenschlag fühlen. An Raum für die nöthigen Lebens mittel aber fehlte es in der Arche noch weniger, das lebendige Schiff hatte dazu Platz genug. Auch für Noah und die Seinen war außerdem och Raum in Menge vorhanden. Ihre sieben Kühe, Ziegen und Schafe ga ben Milch genug, die Vögel genug Eier und an Mundvorrath sür ein halbes oder ganzes Jahr haben sie es gewiß nicht fehlen lassen, selbst wenn sie auch von geräuchertem und gesalzenem Fleische noch nichts wußten. Verpiche sie mit Pech (die Schiffswände) inwendig und auswendig." Also man verstand es schon da mals, die Schiffe zu theeren, zu kalfatern, wasserdicht zu machen. Dazu muß man Holzthcer, Erdpech oder Asphalt zu gewinnen, ihn zu kochen verstehen und eine Menge sinnreicher Werkzeuge haben und das alles setzt Kenntnisse und Geschicklichkeiten in Menge voraus. Und (die Arche) soll drei Böden haben, einen unten, den andern in der Mitte, den dritten in der Höhe." Das ist das beleuchtendste von allem, was uns die heilige Schrift über die Construktion der Arche mittheilt. Sie war ein Schiff, das aus fünf Räumen bestand, das also einen Kiel-, Unter-, Untermittel-, Obermittel-, und Oberraum hatte156 und ein Oberdeck, Mitteldeck, Unterdeck und unterstes oder Nacht deck. Bei der Höhe des ungeheuren Baues hatte der Kielraum eine Höhe von 18, der Unterraum von 15, der Untermittelraum von 10, der Obermittclraum von 9 und der Oberraum von 8 Schuh. Das sind fast die Verhältnisse des Leviathan, bei des sen Erbauung gewiß kein Mensch daran dachte, sich die Dimen sionen der Arche zum Muster zu nehmen. Aber es liegt in die sem Deckban eine wunderbare Macht der inneren Verbindung des Schiffes und eine außerordentlich große Verständigkeit in Verthei- lung des Raumes des ganzen Schiffes. Der innere Raum betrug Drei Millionen, sechsmal hundert Tausend Kubikfuß. Demnach hatte der Oberraum 480,000 Kub. Fuß Inhalt, der Obermittelraum 540,000 Kub. F., der Untermittelraum 600,000 Kub. F., der Unterraum 900,000 Kub. Fuß und der Kielraum 1^080,000 Kub. Fuß, eine rießenmäßige Halle, in welcher auch riesenmäßige Lasten und Vorräthe an Ballast, Wasser und Lebens bedarf für Menschen und Thiere untergebracht werden konnten. Ein solcher Bau, solche Raumvertheilung, solche Verhältnisse setzen eine von den mannigfaltigsten gründlichsten Kenntnissen zeugende Berechnung voraus und eine Baukunst im Holzbau, welche dar aus schließen läßt, wie hoch gestiegen erst die in allem viel leich tere und von dem Fundament, dem festen Erdgrund und seinen Bestandtheilen, auf das trefflichste unterstützte Landbaukunst gewe sen sein müsse. Wohl sagt die heilige Schrift, daß der Ban der Arche auf göttlichen Befehl und nach von Gott angegebenem Maße stattge funden habe. Aber die Ausführung dieses Befehls blieb doch den Menschen und mußte durch menschliche Mittel vollbracht werden. Welcher Art nun dieselben auch vielleicht gewesen sind, ob sie den jetzt nenersundencn hinsichtlich der Kraft und deren mechanischer Anwendung ähnlich oder ganz unähnlich waren oder nicht, wel cher mathematischer Mittel man sich bediente, welcher Berechnungen, welcher Zahl von Arbeitern, welcher Formen? alles das kann nicht in Betracht kommen. Denn wir wissen, was ein solcher Bau erfordert und nichts kann dabei dem Zufall überlassen blei ben, sondern eines gründet sich genau auf das andere. Wir ha ben also gesehen, daß die vor der Sündfluth lebenden Menschen bereits eine Bildungsstufe erlangt hatten, die wohl eine ander artige (nach anderen Richtungen hinzielende) als die von den Heu-157 tigen Menschen erreichte, gewesen sein mag, aber deren bewun dernswürdige That beweist, daß sie hinter der heutigen Tages von dem industriellsten Volke der Welt, den Britten, erreichten, um kein Haar zurückstand. Daß aber die Worte der heiligen Schrift die Wahrheit sind, dieses beweiset erstens am besten die wunderbare Harmonie, mit der sie sich selbst gegenseitig bestätigen, zweitens beweisen das die Ueberliefcrnngen zahlreicher gebildeter und wilder Völker in allen Weltthcilen, welche die Nachricht von der großen Fluth, der Sündfluth, in ihren Ueberliefernngen erhalten haben und die Rettung einiger, weniger Menschen in einem großen Schiffe zur Erhaltung des menschlichen Geschlechts Erden, übereinstimmend in der Sache, nur abweichend in Art und Namen, erzählen. Wahrscheinlicher Cultur- und Erfindungsgang des mensch lichen Geschlechts in den ersten Jahrhunderten unmittelbar nach der Sündfluth. 2349 bis 2000 vor Christi Geburt. Beginn der Zeitrechnung. Als Noah mit den Seinen die Arche verließ, war die Erde wieder öde geworden, wie nach dem 3ten Schöpfungstage. Nur das stille gleich der Pflanzen war der Fluth nicht ganz erlegen und jene Geschöpfe, welche, wie z.B.die Scevögcl, zugleich Wasser und Lust durchstreifen können, jene Reptilien, die Wasserbewohner Ünd und das zahlreiche ungeheure Heer der Fische, der eigentli chen Wasserbewohner. Evntiuentc, die ehedem gewesen, waren verschwunden, neue Eontincute hatten sich aus dem Wasser geho ben, Eontinente, welche geblieben, waren durch die Gewalt einer furchtbare Umwälzungen bewirkenden Wassermaffe ihrem Aussehen vach gänzlich verändert; große Seen bedeckten sie, große Ströme "gossen das Uebermaß der Feuchtigkeit, welches aus den ganz durchweichten Gebirgen und Ländern drang, wieder in das lang sam aber stätig sich zurückziehende Meer; mit einem Worte: die Lanze Oberfläche der Erde war anders geworden, die Begriffe und Lebensgewohnheiten, welche Noah und die Seinen von der Vor welt mit in die jetzige herübernahmen, mußten aufgegeben werden;158 das vorweltliche Leben mußte ganz aufhören. Noah und die Sei nen mußten, wie die Erde ganz anders geworden war, auch an dere Menschen werden. Sie waren wie Einwanderer in den Wildnissen der amerikanischen Freistaaten, aber noch isolirter, ver lassener, denn hinter ihnen schaarte sich kein neuer Zuzug hilf reicher Hände; sie konnten ihre Bedürfnisse von Niemand bezie hen, wenn sie dieselben nicht selbst herzubringen im Stande wa ren. Die Quelle der Wahrheit, die heilige Schrift, sagt das auch; sie berichtet, nachdem sie ihrer eigentlichen Bestimmung gemäß von höheren Dingen in Mos. I. Cap. 8, sodann Cap. 9, v. 1 19 geredet, im 20sten Verse: Und Noah sing an, und ward ein Ackersmann und pflanzte Weinberge. Mit Ackerbau begann die menschliche Cultur wieder nach der Sündfluth. Von seinen Söhnen aber sagt die heilige Schrift in Cap. 9, v. 19, das sind die dreiSöhne des Noah und von denen ist alles Land besetzt. Die Völker der Erde sind also: Semiten, Hamiten, I a p h e t t e n, in Süd- und Ost- in Australien und im Nordwesten Asiens asicn. Central- und Süd- und in Europa; auch asrika. in Amerika seit 1492, in Nenholland seit 1764. Eine Geschichte der Vorwelt gibt es also nicht, es gibt auch eine Geschichte der Nachwelt erst seit 1900 v. Ehr. Geb., um welche Zeit Daut die Schrift erfand und die Schreibekunst sich unter den Gebildeten aller Völker verbreitete. Alles, was vor her geschah, wurde nur durch die Ueberlieserung oder die Tradi tion erhalten; dieser Weg, denkwürdige Begebenheiten auszube wahren, ist aber unsicher, erstens deshalb, weil das Gedächtniß nicht treu genug ist und zweitens^ weil die Menschen einem angebornen Hang zum Wunder- und Mährchenhaften die That- fachen entstellen. Die heilige Schrift ist nun zwar antimytho logisch, d. h. sie gibt die nackte Thatsache nnentstellt und wahr- heitstrcn; aber sie hat vorzugsweise einen heiligen Berns und von den profanen Wcltbegebenheiten berichtet sie nur dasjenige, was auf ihre Bestimmung und ihren Inhalt Bezug hat. Die Uebcr- lieferung aber ist zur Sage oder Mythe geworden und der Inhalt159 der Mythe läßt deshalb oft das Wahre gar nicht, oder nur theil- weise (oder höchst unvollkommen) erkennen. Der gelehrte und gewissenhafte Moses sammelte aus der Tradition alles, was wahr ist; er schrieb es mit gottcrleuchteter Treue und Wahrhaftigkeit nieder; deshalb ist auch die Bibel das Fundament der Welt-, und damit der Bildungs- und Kulturge schichte des Menschen. Nächst der heiligen Schrift bieten die Bau - und Kunstdenk male alter Völker merkwürdige Hilfsmittel dar, um daran zu er kennen, wie die Bildung sich entfaltete, entwickelte und stieg. In der Keilschrift der Assyrer und Babylonier, in den Hiero glyphen der Egypter, im Sanskrit der Indier, im Schuking der Chinesen, findet jetzt der Geschichtsforscher sehr viele und merk würdige Nachrichten, da man beginnt, sie zu entziffern, zu lesen, und man wird immer größere Kennisse über das Alterthum sam meln, je mehr man mit den alten Bau-, Kunstdenkmalen und Schriften der alten Völker bekannt wird. Leider enthalten die letztgenannten alten Schriften meist nur Kriegs- und Regenteunachrichten und mythologische Geschichten der Abgötterei jener Völker und das, was hier für nnsern Zweck wünschenswerth ist, findet sich in ihnen nur höchst sparsam und muß mühsam herausgefunden und zum lückenvollen Bilde zusam mengestellt werden. Aber es ist darum doch recht viel Erfreuliches, erfreulicher, als die Nachrichten von blut- und beutegierigen Des. Polen, welche, um zu erobern, Völker gegen Völker hetzten, und die mau deshalb nur mit verheerendeu Uugewittern vergleichen kann, welche durch die Welt rafften. In der lieblichen Stille des Friedens gedeiht das schaffende Werk des sinnenden, erfindenden Menschen; es entfalten sich unter seinem Lenz die schönsten Blu men der Wissenschaft und Kunst, der fleißige Ackersmann schafft die Erde zum Paradiese um. Auf diese Werke allein richten wir also unsere Blicke. Wenn wir auch dem blutigen Sporn der Völker, dem Kriege, später manche Spalte widmen, so thun wir es nur, um zu zeigen, wie die Deukkraft des Menschen auch das Verderblichste schafft, um Gottes Werke und die Werke der fried- kichen Thätigkeit des Menschen zugleich zu verheeren, oder um Dinge hervorzubringen, welche man ebenso wegen ihrer furchtba ren Bestimmung und Wirkung verabscheuen und fürchten, als we gen des außerordentlichen Scharfsinnes bei ihrer Erfindung und160 der Großartigkeit ihrer Herstellung bewundern muß. Die heilige Schrift wird also fortan nicht mehr unser alleiniger Leitfaden sein; wir haben es von nun an mehr mit Menschlichem zu thun. Um 2300 bis 2100, also fast dritthalbtausend Jahre vor Jesus Christus, beginnen die ersten Völkernachrichten a) der Chi nesen und Indier, b) der Egypter, o) der Babylonier und Assy- rer und endlich um 2100 v. Chr., ä) mit Abrahams Geschichte, die der Juden, des auscrwählten Volkes, in dem die Erkenntniß des wahren Gottes der Welt erhalten worden ist. Wir wollen nun zuerst die ältesten Geschichten der genann ten Völker, insoweit für unsere Zwecke Wichtiges enthalten, und namentlich bezüglich des Völkervaters, dem sie entstammen, berichten. Ursprung der indischen, chinesischen und mongolischen Völker, der Nachkommen des Sem und ihre Bildungsrichtung. Indier. Indien ist die Wiege des menschlichen Geschlechts; wir rech nen dazu im weitesten Sinne auch China, also ganz Süd- und Ostasten. Die Hauptquellen der mythologisch-indischen Geschichte sind die vier Vedas oder heiligen Bücher, von denen jedes zwei Theile enthält, der eine Gebete, der andere Lieder. An sie schließen sich die Puranas, 18 an der Zahl, welche von der Göt tergeschichte und Weltgeschichte handeln. Außerdem kennt man bis jetzt noch zwei große epische Gedichte, Ramayan und Mahab- harata, die köstlich geschrieben und aus denen Einzelnes in das Deutsche übersetzt worden ist, namentlich von Friedr. Rückert. Der Leser wolle einmal zur Belehrung und Unterhaltung eines derselben sich verschaffen und lesen, nämlich Nal und Dama- janti; es wird ihm dieses Gedicht viele und große Freude machen. Diese Schriften sind in einer uralten, herrlichen, aber nun ganz ausgestorbenen oder tobten Sprache geschrieben, im Sanskrit. Eine todte Sprache ist eine solche, welche jetzt von keinem Volke der Welt mehr als Umgangs - und Schriftsprache gebraucht wird.161 Solche Sprachen gibt viele außer dem Sanskrit; z. 33. die la teinische , altgriechische und hebräische Sprache sind auch todte Sprachen. Die Sanskritsprache wird heute noch von den Brami nen oder indischen Priestern geschrieben und gelernt, also studirt; sprechen kann sie aber wohl Keiner; die meisten gelangen nur so weit, die heiligen Schriften lesen und schreiben zu können. Es ist sehr merkwürdig, daß die Gelehrten gefunden und bewiesen ha ben, wie viele andere ältere und neuere Sprachen z. B. die griechische, lateinische und deutsche, zahlreiche Sansskritworte enthalten, die theilweise ganz, oder erkennbar ähnlich klingen und im Sanskrit dasselbe bedeuten, was in der neueren Sprache damit gesagt wird. Das ist wohl ein Zeichen, welches man sehr beachten muß und deutet darauf hin, daß die Sanskritsprache eine der ältesten oder eine der Ursprachen, ja vielleicht die Mutter aller anderen sein dürfte. Die Schristzüge der Sanskritsprache dürften deshalb den Le ser interessiren; wir geben ihnen hier einige Buchstaben, an denen sie ihre Neugierde befriedigen können: k, g, ^ gh, ^ c, iö), 3T i, O? n, S t, b, Q p, u. s. w. So viel über Sprache und Schrift. Nach den Mythen der Indier ist Brahm, der Selbstständige, auch Parabrama, der End lose genannt, der Schaffer alles Geschaffenen. Er schuf, als alles noch in Finsterniß versenkt war, das Wasser, und legte in dieses den Samen des Lichts, der zu einem wie Gold glänzenden und wie Feuer flammenden Licht sich zusammenzicht. In diesem Ei lebte er selbst ein Jahr, theilte es dann und bildete auö den zer- lheilten Stücken Himmel und Erde. Aus Brahm ging die indische Dreifaltigkeit: Brama, Wischnu Und Schiwa hervor und daran knüpft sich eine millionenfache Götzcnrcihe von der mannigfaltigsten, aber unsinnigsten Bedeutung. Die Priester der Indier sind die heilig gehaltenen Braminen. An diese reihen sich allmählich im Rang abnehmende, niedriger wer dende Kasten, z. B. die der Krieger, der Kauf- und Geschäfts leute, der Ackerbauer und Handwerker. Die niedrigste Kaste sind die wie unreine Thiere verachteten, gehaßten Parias. Alle diese Kasten sind sehr streng von einander geschieden; kein Indier darf die seinige verlassen, zu einer andern übertreten, einem andern Perus sich widmen, eine Person aus einer andern Kaste heira- 11162 then u. s. w., sonst wird er aus der Kaste gestoßen, unter die Parias, die kein Haus, kein Eigenthum besitzen dürfen, deshalb dem Hungertode preisgegeben sind und denen man, wenn sie in den Wäldern vor Noth und Elend heulen, wie Thieren verächtlich das Schlechteste zuwirft. Die Indier glauben an eine Seelenwande rung, d. h. sie glauben, die Seele des verstorbenen Menschen fahre in ein Thier; deshalb tobten sie die Thiere nicht, essen auch keine Fleischspeisen. Trotz diesem thörichten Aberglauben und dieses fanatischen Kastengeistes sind die Indier doch dasjenige Volk, bei dem man die ältesten Spuren einer geistigen Ausbildung findet. Ihre Bau werke sind kolossal und zeugen von einer bewunderungswürdigen Ausdauer. Ganze Gebirge sind von ihnen zu Tempeln ansge hauen worden, sie haben Pagoden erbaut, die an Umfang, Höhe und Masse den Bergen gleichen. (Wir werden unten mehrere beschreiben.) Ihre Bildhauerei ist charakteristisch, aber es fehlt ih nen die Richtigkeit der Zeichnung und die Anmuth der Form und es ist mehr das Kolossale und der Fleiß, den wir an diesen Ar beiten bewundern müssen, als die Kunst. Die Indier sind einem Punkte stehen geblieben, ihre Kunst ist nicht vorgeschritten, sondern erstarrt; sie steht noch heute auf demselben Punkte, wie vor 4000 Jahren. Die Arbeiten der Indier in Metall, Holz und Thon zeugen von dem größten Fleiße und einer eminenten Geschicklichkeit in der Bearbeitung, Kcnntniß und Zubereitung des Stoffes. Dem in dischen Goldschmied kommt der geschickteste europäische nicht gleich in der-Filigrauarbeit des Goldes und des Silbers; aber der Ge schmack des Indiers bringt nur außerordentlich Feines zu Stande, aber nichts wahrhaft Schönes. Der indische Weber bringt wahre Wunderwerke an Shawls, Musselinen, glatten und brochirten Seidenzeugen hervor, worin ihm der Europäer nie Nachkommen wird, selbst wenn er auch den indischen Rohstoff an Wolle, Baumwolle und Seide hätte. Die Farben des indischen Wollen-, Seiden- und Baumwollenfärbers sind von der größten Schönheit und Dauer. Die Werkzeuge, deren sich der indische Handwerker bedient, sind äußerst einfach und man begreift nicht, wie sich damit solche Wunderdinge zu Stande bringen lassen, bis man dem Arbeiter zusieht. Der Weber hat einige glatte, einige durchlöcherte Hölzer, die er unterhalb eines Baumes aufhängt und ausspannt163 damit beginnt er, seine Garne vermittelst des Schiffchens der Hände und Füße zu weben und es geht aus seiner in den mannigfachsten Vortheilen geübten Hand der prächtigste Mus selin hervor, zu dessen Anfertigung und Muster er keiner Zeich nung bedarf. Der indische Stahlarbeiter macht Messer, Kriße oder Dolche, Degen und Schwerter von der ausgezeichnetsten Güte, wie sie der Europäer nicht hervorzubringen im Stande ist. Dazu hat er eine hohle Bambusröhre als Blasebalg, einen tragbaren Ambos, einige Hämmer, einen Schleifstein und dann Eisen, wie er es eben findet. Dieses stählt er sich selbst, glüht, schweißt, hämmert und bearbeitet es so lange, bis er eine Säbelklinge zu Stande gebracht hat, mit der man Nägel abhauen kann, ohne daß sie schartig wird und die so biegsam ist, daß man sie um das Bein winden kann. Der Ackerzeug eines indischen Landmannes besteht einem Werkzeug, das man schwerlich Pflug nennen würde, und doch ist es einer. Der Büffel muß diese Pflug ziehen. Eben so einfach sind auch die übrigen Werkzeuge des Indiers zur Bearbeitung des Feldes. Aber er baut es damit doch und so baute er es vor Jahrtausenden, das beweisen die Abbildungen seinen uralten Bauwerken. Die indische Cultnr und Bildung ist also eine uralte, aber erstarrte; sie kommt nicht mehr vorwärts; selbst die Engländer, die Lehrer und Herren der Indier, die jetzt dort seit Jahrhunder ten Hansen und regieren, handeln und sich bereichern, die also dem merkwürdigen Volke einen mächtigen Anstoß gaben, haben es nicht zum Wciterschreiten gebracht, sondern nur zu einer wilden Verzweiflung, die in einer blutigen Rebellion zum Ausbruche kam, und einen wüthenden grausamen Krieg zur Folge hatte. Zum Schluffe wollen wir noch von den indischen Bauwerken einiges, vorher aber einige Worte über die Baukunst überhaupt bezüglich aller Völker sprechen. Sobald die Völker das wilde Nomadenleben verlassen und fich zu bestimmten Niederlassungen vereinigt haben, müssen sie darauf denken, sich Wohnungen zu errichten, welche sie gegen Anfälle der Witterung schützen und wozu ihnen der Boden Ma- tcralien liefert. Manche Völker bauten hölzerne Blockhäuser aus übereinandergelegten Balken, andere wohnten in Felsenhöhlen, 11 *164 UM sich gegen den Sonnenbrand zu schützen; im größten Theil des Orients bestanden schon vor Jahrtausenden die Wohnhäuser aus gebrannten und durch die Sonne getrockneten Ziegeln, oder aus gestampften Lehmwänden; die Dächer wurden mit Rasen, Schilfrohr, Baumblättern, Palmwedeln, Stroh- oder Steinplat ten gedeckt. Das Bedürfniß der menschlichen Seele nach göttli cher Hilfe, die Ahnung eines höchsten Wesens, wo das Anden ken an dasselbe erloschen oder verloren gegangen war, brachte die Menschen auf die Idee, heilige Orte, Tempel zum Gottesdienste zu bauen, und so entstanden schon in der Kindheit der Mensch heit jene Riesenbauten, reich an symbolischen Darstellungen der Ei genschaften, welche man dem höchsten Wesen beilegte und es wurde die vereinigte Kraft ganzer Nationen auf den Bau dieser Heilig- thümer verwendet. Es ist rührend, wie laut aus diesen kolossalen Ruinen das Bewußtsein menschlicher Schwäche, kindlicher Abhän gigkeit voll von tiefer Sehnsucht nach Gott spricht. Nur die große Idee kann diese ungeheuren Werke erklären. Die indische Baukunst ist die älteste, bei welcher regelmäßige Glieder Vorkommen; sie ist sowohl in Hinstcht auf den Grund- plan ihrer Tempel, als auch auf ihre Eigenthümlichkeit und die vorherrschenden seltsamen (Drei-) Pfeiler-Ordnungen äußerst merkwürdig. Sie hat einen ganz eigenthümlichen Charakter und ist, eben weil sie sich so sehr dem Klima und dem Boden an schließt, auch nur in Indien heimisch geblieben. Die ältesten indischen Tempel sind ungeheure in Felsgebirge eingesprengte Grotten. Diese äußerst mühsamen Riesenarbeiten scheinen aus zweierlei Gründen unternommen und ansgesührt wor den zu sein, erstlich wegen der Kühle, die in solchen unterirdi schen Gewölben herrscht, zweitens wegen der Dauer solcher Bau werke. Denn in jenen Ländern, wo die Sonne lothrecht am Fir mamente steht und oft eine entsetzliche Hitze von 36 40 Roaumur das Athmen erschwert und den Menschen unfähig zu fast jeder, auch der geringsten, geistigen und körperlichen An strengung macht, mußte man früh auf Schutzmittel gegen dieses größte aller Ungemache bedacht sein, nicht allein aber in Bezug die Wohnungen, sondern vielmehr auf die gottesdienstlichen Ge bäude. Diese Grottentempel finden sich aber nicht allein in den nordwestlichen und nördlichen Bezirken von Indien, sondern auch im Süden und namentlich hier sind unter allen die bedeutendsten.165 Man zählt aber zu den allerältesten die Grottentempel zu Tintali, Desavatara und den Felspalast des Schiva bei Ellora. Diese Fclscntempel find in der Art in den Felsen gearbeitet, daß eine oder mehrere Reihen von Pfeilern stehen geblieben sind, um die Decken zu tragen. Das gesammte Licht fällt nur durch die vor dere Oeffnung in die Grotte. Zuweilen stehen zwei Reihen Pfei ler über einander, wie bei dem Grottentempel des Indra-Sabah zu Ellora. Diese Pfeiler sind meist von kolossaler Mächtigkeit, der ungeheuren Last, welche ihnen ruht, sehr angemessen. Ihre Form ist ganz eigenthümlich, nirgends in der Welt findet sich etwas dem Aehnliches; die nnbischen Gebäude in Oberegypten, welche, wie überhaupt alle Bauwerke der Egypter, sehr alt, cha rakteristisch und großartig sind, haben mit den indischen gar keine Aehulichkeit; vielmehr scheinen alle anderen Völker der Erde von den Indiern gelernt zu haben. Die allerältesten und einfachsten von diesen Gebäuden haben viereckige Pfeiler, welche dreimal so hoch sind, als ihr Durchmes ser. Diese Pfeiler haben an ihrem Fuße ein Paar Platten, und oben als Knauf auch eine solche Platte. Andere Pagoden haben achteckige Pfeiler, welche schon viel schlanker konstrnirt sind und deren Knaus aus einer Platte und einem Wulst besteht. Das mag wohl der erste Anlaß zur griechisch-dorischen Säule gewesen, die Griechen mochten also Schüler der Indier in der Baukunst sein und diese Baukunst dann später zur höchsten Vollkommenheit der Schönheit ausgebildet haben. Es ist aber hauptsächlich eine dreifache Stufe in der indischen Bauart bemerklich: die der alten Höhlentempel, dann die der kolossalen Pagoden und endlich jene aus beiden ausgebildete, eigenthümlich indische Bauweise, welche noch heute dort gebräuchlich ist, die aber nur allein den Vorzug des Zweckmäßigen für das Klima hat, aber durchaus den Forde rungen einer geschmackvollen Architektur nicht entspricht. Der Raum gestattet uns nur kurze Beschreibungen zweier Bauwerke aus diesen verschiedenen Perioden; doch wird das genü gen, um dem Leser einen Begriff von diesen merkwürdigen Bau werken zu geben. Der Felsentempel des Kailaffa zu Ellora. Dieser äußerst merkwürdige Grottentempel ist dem Indra hei lig und sowohl seine Fayade als auch der höhlenartige gewaltige166 innere Raum ist aus einem sehr harten Ursandsteinfelsen von schö ner braunröthlicher Farbe gearbeitet. Die prächtige und höchst im posante Eingangshalle hat zwei Flügel. Sie liegt gegen Westen an der niedrigsten Stelle des Berges, der da 47 Fuß hoch ist, während er sich nach hinten zu bis zu 104 Fuß erhebt. Die Aus sprengung ist überhaupt 404 Fuß, und von der Vorhalle bis an das Ende 247 Fuß lang und 150 Fuß breit. Der Raum der Vorhalle ist schmäler und 88 Fuß lang und 138 Fuß breit. Die Eingangshalle bildet eine Felswand, welche den inneren Hof ab schließt. Sie ist wie ein Vorbau und in zwei Flügeln bearbeitet und mit Pilastern verziert. Das Innere besteht aus fünf Räumen, de ren drei hinter einander den Durchgang bilden, und 42 Fuß lang mit Skulpturen versehen sind; an den beiden Seiten liege zwei größere Zimmer. Von hier aus führen Treppen in das obere Geschoß, welches nach beiden Seiten Fenster hat. Aus diesem Geschoß geht eine ebenfalls in den Fels gesprengte Brücke nach dem dahinter liegenden Tempel des Nundi. Dieser Tempel bildet ein Quadrat, dessen Seite 46 Fuß 3 Zoll lang ist. Die Wände flnd mit Skulpturen bedeckt und das Innere ist durch Fenster erleuchtet. An der hinteren Seite ist eine Thüre, durch die man über eine zweite Brücke von 21 Fuß Höhe und 23 Fuß Länge zum großen Tempel gelangt, der 29 Fuß hoch ist. Den Eingang des großen Tempels bildet ein Portal mit zwei Pforten und dahinter mit Pfeilern, welche in eine Vorhalle führt, von der aus man auf Treppen in den untern Hof gelangen kann. Die Vorhalle ist 48 Fuß lang, 45 Fuß breit und 17 Fuß hoch und ihr steigt man vier Stufen hinauf in den eigentli chen Tempelsaal, der 64 Fuß lang, 55 Fuß breit, 18 Fuß hoch ist und dessen Decke von 16 Pfeilern getragen wird. Zu beiden Seiten gelangt man aus dem Saale auf zwei Vorbauten, von wo aus Brücken nach dem lebendigen Fels führen, in welchem die Priestergemächer ausgesprengt sind. Dem Haupteingange gegen über führt ein anderer Gang in das Allerheiligste, wo die Statue des Gottes Indra aufgestellt war. Zu beiden Seiten dieses Gan ges führen kleine Thüren auf eine Terasse, die rings um das Allerheiligste geht und die Verbindung mit fünf viereckigen un gleich großen Kapellen herstellt, von denen zwei aus den Sei ten und drei hinten aus dem .Tempel vorspringen. Ueber dieser Terasse ist der Tempel noch 15 Fuß hoch.167 Wenn man in den Hof hinabsteigt, welcher den Tempel umgibt, so findet man neben der Brücke, welche die Eingangs halle mit dem Tempel des Nundi verbindet, zwei kolossale Ele- Phantcn, welche die Anführer derjenigen zu sein scheinen, die den Unterbau des großen Tempels schmücken und diesen tragen scheinen. Hinter dieser und 10 Fuß von dem großen Tempel hen zwei gerade Obelisken, welche einst wahrscheinlich Löwen tru gen. Diese Obelisken haben unten 11 Fuß, oben 7 Fuß Breite und sind 38 Fuß hoch. Der ganze Hof ist mit Arkaden umgeben, welche aus Pfeilern ruhen, die stellenweise mit Arkaden umgeben sind. In der Mitte ist ein viereckiges, 6 Schuh tiefes Waffer- bchältniß, dem eine klare Quelle unterirdisch zuströmt, während das Abzngswasser den kleinen Tank oder Teich eben so unsichtbar verläßt. Dieser ganze Tempel ist mit all seinen Räumlichkeiten, Säu len, Pfeilern, Elephanten ein Monolith, d. h. er ist aus dem le bendigen gewachsenen Felsen mit einer unbegreiflichen und höchst bewundernswürdigen Kunst und Ausdauer gesprengt und gehauen. Der Wütherich Aureng Zeb, ein fanatischer mohamedanischer Mon gole, der das indische Volk unterjocht hatte, versuchte es, wie bei vielen andern, auch diesen Tempel zu zerstören. Er ließ über all in demselben große Feuer anzünden und sodann auf den er hitzten Fels Wasser gießen. Doch gelang es ihm nicht, das merk würdige Bauwerk zu vernichten, man findet sogar an manchen Stellen eine noch ziemlich gut erhaltene Malerei. Der Weg zu dieser uralten herrlichen Pagode ist eine mit großen Steinplatten belegte herrliche Strasse, die durch ein klei- ues Thal führt, den Krümmungen desselben folgt, an steilen Stel len Treppen hat und mit prachtvollen Jackbäumen beschattet ist. Wo der Tempelberg sich präsentirt, ist das Thal breit. Palmen wehen in der blauen Lust mit buschigem Wipfel und krönen die Höhe; das Portal des Tempels ist sestonartig mit den schönge- formten Gewächsen jener Zone überhangen und um die uralten Pfeiler schlingen Blumen vom lieblichsten Geruch und den bren nendsten Farben ihre prachtvollen Gewinde. Der Tempelbezirk von Calombroom. Obschon diese Tempel schon der zweiten, und somit weit jüngeren Bauperiode der Indier angehören, so sind sie dennoch168 uralt. Eine doppelte aus Ziegeln anfgesührte, außen mit Werk stücken bekleidete 7 Fnß dicke und 30 Schuh hohe Mauer schließt ein Viereck von 1230 Fnß Lange und 900 Fuß Breite ein und bil det so die Einfassung des ganzen Tempelbezirkes. Jede Seite hat einen Eingang, den eine über denselben erbaute Pagode schmückt. Die Hohe einer solchen Pagode beträgt 450 Fuß, wo von 30 Fnß aus Quadern anfgeführt sind. Der obere Theil be steht Backsteinen, die mit einem Cement überzogen und durch kupferne Steifen zusammengehalten sind. Die Ornamente des oberen Theiles bestehen aus gebrannten Steinen und haben sich besser gehalten, als die Quadern gehauenen. In der Mitte der Pagode liegt der Durchgang in den Tempelhof und außerdem enthält dieselbe eine Treppe, auf welcher man bis in die oberste Spitze gelangen kann. Zu beiden Seiten des Einganges steht eine Säule, und von dem Kapitäl der einen zu dem der andern hängt eine Kette von Stein, die mit den beiden Säu len einem Stück besteht. Sie enthält 29 bewegliche Glieder, deren jedes 32 Zoll im Umfang hat und es müssen die bei den Säulen und die Kette aus einem Stück gehauen sein, das mindestens 60 Fuß Länge gehabt hat. Die Fußgestelle der Säu len sind Löwen. Im Innern des Tcmpelhofes ist mittels einer zweiten Mauer ein viereckiger Hof, der etwa ein Drittel des Ganzen einnimmt, abgeschlossen. In diesem Hofe liegen drei an einander stoßende dunkle Zellen, deren Inneres mit reicher Bildhanerarbeit verziert ist und deren Decken durch Steinplatten gebildet werden, die auf den Wänden und Pfeilern liegen. Die größte Zelle ist dem Wischnn geheiligt und enthält sein Götzenbild. Vor diesem klei nen Hofe bestndet sich der Teich der Reinigung, in welchem sich die Indier baden. Der Haupttempcl liegt im vordem Theile des Tcmpelhofes zur Rechten und ist mit weiten Säulengängen um geben. Vorn liegt eine Portike (Thor), welche zu jeder Seite drei Reihen je sechs Säulen hat, welche mit Skulpturen be deckt sind und deren Kapitäler mit den alten jonischen die größte Aehnlichkcit haben, so daß es fast zur Gewißheit wird, woher die Griechen die ersten Ideen ihrer edlen Baukunst entlehnten. Der Tempel zerfällt in eine Vorhalle, den eigentlichen Tempel, und das Allerheiligste, in welcher der dem Schiwa heilige Stier Nundi abgebildet ist. Auch die Statue der Parwati, der Gemah-169 lin des Wischnu, steht hier zwar an einem Orte, der ver- muthen läßt, daß der Tempel dieser Gottheit geweiht war. Zur Linken dieses Tempels liegt eine Säulenhalle von 400 Säu len, deren Decke große Steinplatten bilden. Auf der entgegen gesetzten Seite steht ein Gebäude für die Priester, welches klein und ebenfalls dunkel ist. Aus der linken Seite des Reinigungs teiches, also der oben beschriebenen Anlage gegenüber, liegt der von 1000 Säulen umgebene Tempel der Ewigkeit. Die Säulen sind 30 Fuß hoch und alle Monolithe. Die Länge der Säulen halle beträgt 360 und ihre Breite 200 Fuß und sie ist wohl eine der merkwürdigsten Anlagen in der Welt. Die Decke besteht theils aus mit Cemcnt überzogenen Ziegeln, theils Stein platten. Der Tempel selbst ist klein und besteht einer Vor halle und dem Tempel selbst, in dem ein einfacher mit Goldblech überzogener Altar stand. Die Inschriften an den Wänden können die Braminen selbst nicht mehr entziffern. Unter der vorhin er wähnten Säulenhalle schützten sich die 3000 Priester vor den glü henden Strahlen der Sonne. Die Braminen sind eben so wenig einig über das Alter dieses ehrwürdigen Tempels, als die in Indien lebenden englischen Gelehrten. Genaue Untersuchungen über das Gestein, dem diese riesenmäßigen Banwerke errichtet wurden Berechnungen über die Verwitternngen des Baumaterials haben, im Zusammen halte mit vielen andern Umständen den historischen Angaben der Braminen über die Entstehnngsperiode, zu der Annahme ge suhlt, daß diese Pagode 4500 bis 4600 Jahre alt sein möchte. Wir haben zum Schluffe nur noch einen Rückgedanken an zuregen auf die Weise, in welcher die Indier, dieses kunstsinnigste, fleißigste und intelligenteste aller semitischen Völker, die Er findung ihrer Bauformen gebracht worden sind. Sie entnahmen ull ihre Formen in Säule, Halle, Treppe und Verzierung der Natur. Indien hat wie jedes Land seine unterirdischen Klüfte im Jura oder dolomitischen Gestein. Die gütige Natur stützt dort die Last der Decken durch Felspfeiler von gewaltiger Masse und ust sind die Eingänge zu solchen Höhlen von herrlichen Grotten ^öffnet. Wer je die schöne S o p h e n h ö h l e in der fränkischen Schweiz besucht hat, der bekam einen erhabenen Begriff von die sem wundervollen Spiele der Natur und da es, wie die Nach richten aufmerksamer und wißbegieriger Reisenden bestätigen, in170 Indien durchaus nicht an Höhlen mangelt, so ist leicht der Schluß zu ziehen: daß sie diese Höhlen, wo sie sich fanden, zu gottes dienstlichem Gebrauche bestimmten, aber dort, wo das Gebirge höh lenlos ist, sie mit bewundernswürdiger Geschicklichkeit und Aus dauer in den harten Fels sprengten. Es ist ferner bekannt aus uralten Dokumenten aller Völker, daß in den ältesten Zeiten die Menschen dort, wo keine Berge waren, solche künstlich errichteten. Selbst die heilige Schrift er zählt in Mos. I. 11, v. 1 9 vom Thurm zu Babel, der nichts anderes, als ein solcher aus Ziegeln errichteter künstlicher Berg gewesen war und dessen innere Räume zu gottesdienstlichem Ge brauch bestimmt waren (Baal- oder Belsdienst, Babeldienst). Die dunkeln Andeutungen der Schrift sprechen davon, daß das Be- dürsniß der Menschen ach einem Haltpunkte, der sie an einen Ort knüpfen sollte, zur Errichtung des Bauwerks geleitet. Eine Idee, die der Hilfslosigkeit und Abhängigkeit des Menschen, war es also, welche sowohl zum Aneinanderhalten als auch zur ge meinsamen Gottesverehrung mächtig trieb und zu den ungeheuer sten Anstrengungen begeisterte. Wir finden dasselbe in Indien, wie es die heilige Schrift von den Babyloniern erzählt; auch ihre Pagoden von ungeheurer Höhe sind Nachahmungen der Berge und die gewaltigsten finden sich stets in Gegenden, woselbst gar keine oder sehr unbedeutende Berge find. Das Herbeischaffen des schweren aus mitunter kolossalen Blöcken bestehenden Materials beweiset, wie raffiuirt damals die Menschen schon in Anwendung der gewaltigsten mechanischen Hilfsmittel, als Hebezeuge und Roll werkzeuge der verschiedensten Art, gewesen sein müssen. Und in der Thal, wir müssen gestehen, daß uns die Fortschaffung solcher Blöcke, Steintafeln und Säulenschäste, wie wir sie bei den Bau ten der Indier, Babylonier, Egypter finden, unüberwindliche Schwierigkeiten bereiten würde. Der Anblick eines Banianenbanmes aber hat ohne Zweifel die Veranlassung zur Errichtung der ebenso herrlichen als großar tigen Säulenhallen gegeben. Die Baniane ist ein nur in Indien heimischer höchst i nerk- würdiger Baum. Sein Stamm steigt schön gerundet und mit ei ner glatten lederartigen Rinde überzogen bis zu einer Höhe von 20 30 Fuß empor und erst in solcher Höhe sprengt er ein dicht belaubtes Dach schlanker schöngesormter Zweige regenschirmgestell-171 artig nach allen Seiten aus. Diese Zweige haben aber die höchst merkwürdige Eigenthümlichkeit, daß sie Nebenzweige nach unten zu treiben, welche, sobald sie die Erde erreichen, daselbst festwur zeln als Stützen des Mutterzweiges, aber zugleich selbst wieder neue Stämme bilden. So wird nach und nach einem Baume ein ganzer Wald von vielen tausend Stämmen, die oben alle mit einander auf das wundervollste durch ein labyrinthisches Netz mäch tiger in einander verwachsener Aeste verbunden, der Zeit und der Gewalt zerstörender Stürme trotzen. Es gibt in Indien Bana len, unter deren Schatten ganze Armeen Schutz finden, besonders wenn, wie es häufig der Fall ist, Brunnen unter ihnen gegraben und kleine Teiche in ihrem schattigen Bereich angebracht find. Der wunderbaren Cvnstruktion des Banianenbaues hat der Ändier seine großartige Säulenhalle nachgebildet; von ihm, dem Indier, hat der Egypter, von diesem später der Grieche und Rö- wer und von diesen letzteren aber haben wir wieder gelernt, denn unsere herrlichen Basiliken sind ihrer Grundform nach nichts ande rs, als gedeckte Säulenhallen. Auch zur Treppe gab die Natur dem denkenden Menschen Veranlassung. Das seltsame Wesen geschichteter Steinmassen ^alk findet man oft in sehr regelmäßigen Lagen geschichtet, ebenso Granit, Schiefer, Sandstein rc. führte auf die Idee, Platten sv regelmäßig ansteigend über einander z legen, daß die Treppe entstand. Die herrlichsten aller Verzierungen sind endlich sammt und sonders dem großen Vorbilde aller Kunst, der Natur entnommen. So erzählt die Sage: der Bildhauer Kallimachus in Athen habe . Zesehen, wie das Akanthuslaub an einem zufällig aus einem Grabe zurückgelasscnen Korbe emporgewundcn und an dem Deckel desselben wieder abwärts gebogen habe. Von der Schönheit die ses Bildes angezogen, habe er es als Schmuck am Capitäl einer Säule nachgebildet und so sei die prachtvolle korynthische Säule entstanden. Der reiche Schmuck an den Ban- und Bildwerken der Menschen besteht also blos aus Nachbildungen ganzer oder einzelner Theile des Thier-, Pflanzen- oder des krystallisirten Jvdenreiches. Die Natur um aber über dem Geschaffenen des Schöpfers nicht zu vergessen eigentlich der liebe Gott, ist also recht der Lehrmeister der Menschen. Und wie der Mensch in gei stiger Beziehung nur dann eine Stufe der möglichsten Vollkom-172 m eich eit erreichen kann, wenn er sich bestrebt, Gott immer ähnlicher zu werden, so wird er auch als Arbeiter und Künstler nur dann die Stufe wahrer und vollkommener Schönheit erreichen, wenn er die Natur sich znm Muster nimmt und der Natur als Schüler in Maß und Form getreu bleibt. Die Chinesen. Der zweite große semitische Natisnenstamm ist der höchst ei- genthümliche und merkwürdige der Chinesen. Zwei große und unumstößliche Beweise haben die Chinesen für ihre Behauptung, eines der ältesten (wenn nicht das älteste) Völker der Erde zu sein: ihre Sprache und ihre Cultur. Die älteste Geschichte von China ist mythisch; sie beginnt mit Pan - ku, dem ersten aller Wesen und redet dann von Herr schern, die von Göttern abstammen und denen nun die Erfindun gen des Feueranmachens, des Häuser- und Ackerbaues, der Ge werbe und Künste, der Schrift, der Heilkunde, des Kalenders u. s. w., mit einem Worte aller zur Gesittung nothwendigen Be dürfnisse und Einrichtungen zugeschrieben wird. Die berühmtesten von diesen mythologischen Herrschern sind Vasi und der hochge- priescne Vao, von dessen Regierung das Schuking ansgeht. Die Chinesen zeichneten sich in uralter Zeit durch Fleiß und große Ge schicklichkeit im Ackerbau aus; ihre Arbeiter und Handwerker lie ferten Erzeugnisse, welche durch Gute, treffliche Anfertigung und ansgebildete Form und Verzierung in mancher Hinsicht wahrhaft bewundcrnswerth sind. In den Wissenschaften, namentlich in der Astronomie, Erdkunde und bergt., besaßen sie schon vor Jahrtau senden außerordentliche Kenntnisse; viele nützliche und höchst merk würdige mechanische und physikalische Erfindungen hatten sie ebenso schon Jahrtausende vor uns gemacht. Es ist bewiesen, daß sie das Pulver schon lange vor uns kannten, daß sie die Eigenschaften des Magnets schon vor Christi Geburt kennen gelernt hatten, ar tesische Brunnen wurden in China schon vor Jahrtausenden ge bohrt; aber all diese und viele andere Dinge wendeten sie bei weitem nicht so praktisch an, als wir; sie blieben immer auf halbem Wege stehen, ohne den Nutzen der gemachten Erfindungen vollständig auszubeuten. So war es auch in Dingen der Kunst und Wissenschaft. Der Chinese verstand vor undenklichen Zeiten schon die Bearbeitung der Metalle, die Behauung der Gesteine173 und bereit Politur, die Zimmer-, Holzschnitz - und Schreinerkunst uns das trefflichste; aber er schlug gerade den verkehrten Weg ein; um geschmackvolle Erzeugnisse zu Stande zu bringen, verunstaltete er seine Lehrmeisterin, die Natur, wich von ihren Formen und Maßen ab und lieferte also nur höchst fleißig und sauber gearbei tete Fratzen. Dieser Ungeschmack ist aber im Laufe der Jahr tausende so mit Fleisch und Blut, ja mit dem innersten Denken und Wesen dieses seltsamen Volkes verwachsen, daß es kein Mensch dort wagt, von dem Herkömmlichen um ein Haar breit abzuwei- cheu und darum bleibt der Chinese mit der bornirtesten und lächer lichsten Hartnäckigkeit bei seinem Ungeschmack und Schnikschnak in all seinen Dingen. Zur Zeit des Königs David in Israel lebte in China Con- su-tse, ein Name, der auf deutsch edler Lehrer" bedeutet, und der aus königlichem Geblüt stammte. Er stiftete keine neue Reli- Sicm, sondern er beschränkte sich darauf, zu lehren, wie der re ligiöse Glaube im Lebenswandel sich recht wirksam zeigen müsse. 3n seinem ganzen Leben erscheint er als ein nüchterner und fried licher Weiser und Menschenfreund, welcher nur Lehren der Tu gend und der Klugheit ausbreiten wollte und namentlich das Maß halten in allen Dingen empfahl. Er wurde der Stifter einer euen Sekte, welche noch in China fortbauert. Einige seiner Grundsätze wollen wir dem Leser mittheilen: Alles Gute kommt von Gott. Gott ernährt seine Kinder, die Menschen. Wir sollen also, wie Brüder, uns lieben und alles mit ein ander theilen. Thue deinem Bruder das, was du möchtest, daß Er dir lhate. Schließe dein Auge beim Anblick des Glücklichen und öffne wenn du Unglückliche triffst. Ehre deinen Vater und deine Mutter; versorge sie im Al ler; trage ihre Schwächen mit Geduld, wie sie die deinigen getra gen haben. Solche Grundsätze beweisen eine Bildung des Geistes und Herzens, vor welcher wir Achtung haben müssen; sie stimmen der Hauptsache nach so sehr mit dem göttlichen Gesetze überein, daß luir nur beklagen müssen, wie weit Con-fu-tse dennoch von der wahren Erkenntniß Gottes entfernt war. Aber eines ist höchst174 bedeutungsvoll und merkwürdig. Diese Grundsätze hätte Con-fu- tse nicht denken und lehren können, wäre er nicht von Jugend aus, obwohl ein Heide, auf das ernstlichste bemüht gewesen, sein ganzes Thun, Leben und Denken im steten Einklang mit seinem Ge wissen, also mit der Stimme Gottes zu halten. Eben darum aber blickt dem irdischen mitunter verkehrten Wesen dieses Weisen die deutliche Spur des Geistes des Herrn, der sich an Keinem unbezengt lässet, der Ihn sehnlich sucht. Die chinesische Sprache ist eine einsylbige, d. h. durch jede Sylbe wird ein in sich vollendeter Begriff ausgedrückt. Die chi nesischen Wörter endigen alle mit einem Vokale oder Diphtongc. Die einzelnen Vokale werden alle deutlich hinter einander ausge sprochen. Solcher einzelnen einsylbige,, Grund- oder Stammwörter gibt es in allem nur ohngefähr 450, und demnach wäre die Sprache leicht zu lernen. Jedes dieser Wörter wird aber nun auf vierfache Weise anders betont, wodurch es auch eine vierfach ver schiedene Bedeutung hat und auf solche Weise steigt die Zahl der Wörter der chinesischen Grammatik schon auf 1203. Ein großer Sprachforscher, Will), v. Humboldt, der Bruder des Nestors der Weltkunde, Alexander v. Humboldt, welcher sich um die Sprachenkunde der Erde fast eben so große Verdienste erwarb als sein Bruder um die Kennt,,iß der Länder, Menschen und der Natur, hat nachgewiesen, daß die chinesische Sprache ein Muster logischer Genauigkeit ist, d. h. die Chinesen sprechen und schreiben st durchdacht und regelrichtig, daß das grammatikalische Verhält,,iß aller Wörter nur allein und vollständig aus der Stellung, welche sie im Satze einnehmen, erkannt wird. Die chinesische Sprache hat natürlich viele Dialekte und wird vom gemeinen Mann auch nicht schriftgemäß gesprochen- Wenn wir also oben sagten, daß sie durchdacht und regelrichtig sei, so meinen wir hier immer das hochchinestsche oder die soge nannte Mandarinensprache. Wie es aber in Deutschland Gegen den gibt, in welcher auch der Dialekt des Volkes der Schriftsprache sich sehr nähert und wo also das deutsche fast ganz rein ge sprochen wird, und das ist am meisten im hannöverischen und längs des Niederrheins der Fall, so spricht man die Mandarinensprache in China vorzugsweise zu Nanking in der alten Hauptstadt des chinesischen Reiches. Diese Sprache versteht jeder Gebildete M ganzen Reiche; sie ist auch die Schrift und Umgangssprache.175 Die chinesische Schrift ist ebenfalls eine einfache Bilderschrift; für das Wort haben die Chinesen ein Zeichen; nach Lauten ver stehen nicht zu schreiben. So haben fie also für die Dinge z. B. Sonne, Mond, Berg, Baum rc. je einen Buchstaben, der das ganze Wort bedeutet und solcher Grnndschriftzüge gibt es in der Sprache überhaupt nur 608. Um nun aber mehr, als diese wenigen einzelnen Begriffe bezeichnen zu können, setzen die Chi nesen diese Zeichen sehr verschieden zusammen. So bedeutet z. B. das Bild der Sonne mit dem des Mondes vereinigt, den Begriff Licht; Mund und Vogel den Begriff Gesang und man zählt wie der 740 solche Bilder. Das sind aber nur die ältesten 3Klassen; die Masse der von den Chinesen in ihren Wörterbüchern aufge führten Charaktere beträgt gegen 40000. Ein chinesischer Schul junge hat also eine schwere Aufgabe und muß bedeutend mehr lernen, als ein europäischer, bis er sagen kann: jetzt bin ich im Stande, an den Herrn Vetter in N. einen Brief zu schreiben, so oft es nöthig ist. Wenn er aber schreibt, so schreibt er nicht von der Linken zur Rechten, wie Ihr, Ihr lieben Leser, auch nicht wie die Juden von der Rechten zur Linken, sondern er schreibt senk recht in Linien von oben nach unten, wie ihr hierneben sehen könnt Das Ansehen der Chinesen verräth deutlich ihre semi tischmongolische Abstammung. Ihre Gesichter sind im All gemeinen breit, etwas platt mit vorstehenden Backenkno chen, die Nase klein und stumpf, die Augen hervorstechend und znsammengedrückt, Kopf- und Barthaare schwarz und hart, die Gesichtsfarbe gelb. Die Männer schceren den Kopf ganz kahl bis einen Büschel zu einem Zopfe. Je länger dieser ist, desto schöner! Deshalb muß man in China auch vom Zopf eine Steuer zahlen; je länger und dicker der Zopf, desto größer die Steuer. Die Kleidung ist bei den Männern meist blau, vio- let oder schwarz; die Stoffe sind, je nach dem Stande oder Vermögen, von Leinwand oder Seide, Tuch oder Nanking. Die Frauen kleiden sich gewöhnlich grün oder rosenroth. Man trägt weite Beinkleider, darüber einen weiten, langen, nn der rechten Brnstseite offenen Rock und darüber ein kurzes Oberkleid. Auf dem Kopfe tragen die Männer kegelförmige Hüte von feinem Bambusgeflecht, oder von Stroh. Zum vollständigen Anzuge gehört ein Leibgürtel, an dem der seidene Beutel mit der £ J U 4 f-176 Tabaksdose hängt, ein Fächer, ein Säbel, ein langes Messer und das die Gabel ersetzende Elfenbeinstäbchen. Die Bildung dieses Volkes ist eine uralte, aber stabile; d. h. sie stehen seit langer Zeit auf einer fast unveränderten Stufe. Vorwärts schreiten sie nicht mehr; jede neue Erfindung oder Ver besserung verwerfen sie mit dem Bemerken, das hätten und verstünden sie schon seit lange, aber ihr Gebrauch, ihre Kunst und Gewerbe sei das vollendetste. In der That gehören ihnen mehrere der wichtigsten Erfindungen. Sie * druckten seit undenklichen Zeiten Bücher, indem sie die Buchstaben in Holztafeln schnitten (Xylographie); sie kannten das Pulver schon vor Jahrtausenden, verfertigten Porzellan vor uralter Zeit und ihre ungeheuren Kanäle und Landstraffen, ihre Tempel und Bogenbrücken, ihre pyramidalischen Thürme alles dieses bewei set, daß sie große Kenntnisse und wunderbare mechanische Hilfs mittel seit undenklichen Zeiten besitzen Besonders bewundernswürdig ist ihre große Mauer. Wir wollen deren Beschreibung nach den Schilderungen geben, welche der im Ende des vorigen Jahrhunderts als Gesandter nach China gehende Lord Makartney davon entworfen hat. Das uralt gebildete Volk der Chinesen, dessen meist fried liche Beschäftigung frühzeitig ein stehendes Heer nothwendig machte, um den fleißigen Arbeiter und den Mann von Bildung von der Pflicht des Waffendienstes zu befreien und so das Gedei hen der Künste und Segnungen des Friedens auch bei Kriegszci- ten zu sichern, wurde einige Jahrhunderte vor Christi Geburt un angenehm aus seiner Ruhe aufgestört. Die ungeheuren Hochebe nen des inneren Asiens, welche von den nomadisirenden Völker stämmen semitischer Abkunft, den Mongolen, bewohnt werden, die sich dort ungestört vermehrten, litten endlich an Ucbcrvölkerung. Nomaden kennen den Ackerbau nicht, diese Quelle der Nahrung und des Wohlstandes. Als daher Hungersnoth die zahlreichen Horden jener tapfern und wilden Völker zur Verzweiflung brachte, stürzten sie sich raubgierig zuerst nach Europa, überflutheten die hochkultivirten Länder in Gallien und Nordgriechenland und dran gen selbst gegen Italien vor. Sie wurden aber unter dem römi schen Feldherrn Aetius bei Chalons von den Westgothen in einer furchtbaren dreitägigen Schlacht so blutig bekämpft, daß sie voll12 177 Entsetzen zurückwichen und viele Jahrhunderte lang nicht mehr wagten, nach Westen vorzudringen. Da stürzten sie nach der entgegengesetzten Seite, nach China, das ihnen östlich lag. Aber auch an dem zahlreichen Volke der Chinesen brach sich die mongolische Menschenwoge; sie vermochte nicht einzndringen; ihre Züge verheerten nur die äußeren Gren zen des chinesischen Reiches. Aber Furcht und Schrecken durch zuckte das ganze Volk, so oft von den Mongolen ein neuer Raub zug versucht ward. Da entschloß sich das fleißige chinesische Volk zur Erbauung eines riesemnäßigen Festungswerkes. Millionen fleißiger Arbeiter zogen mit Arbeitszeug nach der Grenze und er bauten in den Jahren 247 240 v Chr. eine dreihundert Mei len lange Mauer über Ebenen und über mitunter 6 bis 7000 Fuß hohe Berge, über Flüsse und Seen. 40 Fuß ist diese Mauer hoch; oben 22 Fuß, am Fuße 45 Fuß breit. .Sie ist ganz aus gehaue nen Quadern aufgeführt, mit Thürmen von 80 Fuß Höhe, von je hundert zu hundert Schritten, versehen. Bei jedem Thore sind besondere Befestigungswerke; an manchen Orten ist die Mauer- dreifach; sie folgt allen Krümmungen der Grenze und bietet einen eben so großartigen als erstaunen erregenden Anblick dar. An diesem Riesenwerke, dem kein anderes Aehnliches in der Welt gleichkommt, scheiterten ferner alle Vcrmischungsversnche der Mongolen, wenn schon die Mauer das chinesische Volk nicht vor der Unterjochung schützte; sie trennt aber den gebildeten gcwcrbs- thätigen Chinesen scharf von dem rohen Barbaren der Mongolei; sie ist eine wahre Völkerscheide, die noch immer besteht und beste hen wird, so lange ein Stein dieses Titanenwerkes mit dem an dern zusammenhält. Die äußere Gestalt der chinesischen Häuser ist eben so merk würdig, wie alles andere, was dieses uralte Culturvolk hervor bringt; sie gibt noch heute die Zeltform der nomadischen Lebens art als charakteristisches Merkmal wieder und diese zeltartige Form wiederholt sich gleichmäßig in ihren Grundzügen, man möge nun den Palast des Kaisers oder die Hütte des ärmsten Kuli (Tag löhners), den Tempel dcö Fohi in Peking oder die armselige Ba- rake des Einsiedlers betrachten. Die Ecken und Firste der Ge- bäude sind theils mit großen Laubornamenten, theils mit fabel haften Thiercn, unter denen der Drache eine Hauptrolle spielt, verziert und überall sind die glänzendsten Farben und Vergoldun-178 gen angebracht, namentlich Zusammenstellungen von Grün und Gold. Eine Farbe aber findet man nirgends, als am kaiserlichen Hofe, es ist die gelbe, in China nur vom Herrscher und seinen Angehörigen allein gebraucht. Der ungewöhnlich seltsame Geschmack der Chinesen, der sich vorzugsweise in grillenhafter Verdrehung der schönen Natursorm und in fabelhaften Thier- und Pflanzenformen ansspricht, hat bei einem geistvollen Beobachter dieser merkwürdigen Nation, dem Mis sionär N der, der leider seine Beobachtungen aus allzu- großcr Bescheidenheit nicht veröffentlichen will, merkwürdige Refle xionen hervorgerufen. Er hat vorzugsweise in den verschiedenar tigen Drachenbildern, welche er als Ornamente alten Gebäu den zu Nanking und den noch älteren zu Ning-po zeichnete, For men entdeckt, welche denen entsprechen, welche man aus Skeletten die aus dem Lias gegraben wurden, sich durch Hinzufügung der verfaulten Weichtheile bildete. Er knüpft hieran die vielleicht ge wagte , aber jedenfalls nicht unbeachtenswürdige Bemerkung: Daß die Chinesen nicht durch die Einbildungskraft auf solche For men geleitet wurden, indem sie überhaupt in vielem dem folgen, was die Natur ihnen als Muster darbictet. Wenn .demnach die Chinesen schon als bildendes Volk bestanden, als noch solche Thierc die Erde belebten, so müßte ihr Dasein als Nation auf dem Punkte der Erde, wo sie gegenwärtig noch leben und cxisti- rcn, weit über die Sünd.flnth hinaufreichen. In der That sagen auch die chinesischen heiligen Annalen, daß die Fluth von mehr als einer Familie überdauert worden sei und daß von ihnen aus sich die Menschen über die Erde verbreitet hätten. Ihre Er zählung stimmt mit der mosaischen auch darin überein, daß die Nebcrlebenden ihre Rettung einem mächtigen von ihnen erbauten Schiffe verdankten. Wenn also dieser Fabel etwas entnommen werden könnte, was sich dem Berichte der Bibel anreihen läßt, so wäre es die Vermuthung, daß Noah im Osten Asiens, statt im Westen gelebt habe und daß sich Japhet und Ham von ihrem Bruder Sem getrennt. Sem aber habe auf den Ruinen des Bo dens, den die Fluth im Allgemeinen unverändert gelassen, gewohnt und seine Nachkommen wären der alten Bildung, den alten Bräu chen, treu geblieben. Der Berg aber, auf dem die Arche stehen geblieben, wäre in China zu suchen und der syrische Berg, der12 * 179 jetzt den Namen Ararat trägt, von Japhcts Nachkommen nur der Form wegen so benannt nd mit jenem später identifizirt worden. Die hölzernen und steinernen Säulen der chinesischen Ge bäude sind mit seltsamen Verzierungen versehen, die mit sehr we nigen Stammformen der jetzt auf der Erde wachsenden Bäume Übereinkommen. Sie sind seltsam kannelirt, geringelt, gewunden, mit Wülsten versehen. Aber in den Formen der Stygmarien, Sigillarien re. der untcrgegangenen Gewächse der Vorwclt fin det man Aehnliches; ihnen scheint der ChiiAse nachgebildet zu ha ben, ihren Mustern trengeblieben zu sein." China ist das bevölkertste Land der Erde; es ist nach allen Richtungen durchreist worden, und überall haben die Reisenden, wissenschaftlich gebildete Männer, gefunden, daß nach einer mäßi gen Schätzung 5000 Menschen auf die Quadratmeile kommen. Die Ufer der Flüsse, die Wände der Berge, die weiten Ebenen, alles ist mit dem größten Fleiße und der bewunderuswerthesten Geschicklichkeit augebaut; die Wälder sind ausgerottct, an ihrer Stelle findet man Aeckcr, Obst- und Gemüsegärten; nur wo die Natur dem Fleiße des Menschen unüberwindliche Hindernisse in den Weg stellte, findet man öde Plätze, ist das Land menschen leer. Nach einer mäßigen Berechnung hat China 360 400 Mil lionen Einwohner. Um eine solche Riesenbcvölkeruug zu ernähren, ist allerdings eine raffinirte Agricultur nothwendig. Die Erfah rung hat aber gelehrt, daß Länder, in denen der Waldwuchs be seitigt wird, regenlos werden und selbst die ungeheuersten Ströme, wie der Hoangho, der Jangtse-kiang u. a., welche durch die chinesischen Tieflande ihre riesigen Wassermassen wälzen, selbst das nahe große Südmeer, konnten dem entwaldeten Lande nicht er setzen, was durch Ausrottung seiner Wälder verlor. Die Kü sten und Stromufer, die Gebirge, mochten noch Wasser die Fülle, Regen in Menge, empfangen; aber die ungeheuren Hochebenen litten an Wassermangel. Um dem abzuhelfen, ist China mit ei nem eben so bewunderungswürdigen als komplizirten nd ausge dehnten Netz künstlicher Kanäle durchzogen worden, welche einen doppelten Zweck erfüllen: sie erleichtern den Verkehr und dienen als Bcwässernngsmittel. Und diese Kanäle und Reservoire sind theilweise schon uralt. Für Trinkwasser aber wurde schon vor vielen Jahrhunderten durch den Erdbohrer gesorgt, der artesische Brunnen von ungeheurer Tiefe erschloß. Selbst zur Anlage von180 Gradirwerkeu durch Erbohrung unterirdischer Salzquellen sorgten die Chinesen schon lange vor uns; sie standen schon vor Jahrtau senden aus einer Bildungsstufe, sie waren schon vor so langer Zeit gezwungen, auf solche Mittel zu sinnen, wie wir es erst in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts und in dem unsrigen thun mußten. Ehe wir unsere Nachrichten über dieses höchst merkwürdige Volk schließen, wollen wir dem lieben Leser noch eine kurze Be schreibung des gerühmtesten seiner Bauwerke, des großen T e m- pels der Dankbarkeit geben, welches vom Kaiser Aung-lo 680 v. Chr. Geb. errichtet wurde. Er steht außerhalb der Stadt Pecking und ruht auf einem Unterbau von Ziegelsteinen, der ein großes Plateau bildet, welches von einem Geländer von rohem Marmor umgeben ist und rings umher 12 Stufen bildet. Der Saal, welcher als Tempel dient, hat 160 Fuß Länge und 100 Fuß Breite und ruht auf einem 1 Fuß hohen Unterbau von Mar mor, der ringsumher um 2 Fuß vorsteht. Die Fapade ist mit ei ner Gallerte und einigen Pfeilern geschmückt, das Dach mit grü nen glasierten Ziegeln bedeckt. Das Holzwerk im Innern ist meist roth lackirt, bemalt und schön vergoldet. Neben diesem Bctsaale erhebt sich der berühmte Porzellanthurm, der achteckig ist und 40 Fuß im Durchmesser hat. In mittlerer Höhe hat er ein Dach, welches mit glasirten Ziegeln gedeckt ist, eine elegante Gallerie trägt und auf Säulen ruht. Dieser Thurm hat nenn Stockwerke, welche durch kleine unter den Fenstern entspringende Dächer ge schieden werden. Diese Dächer springen nur um 3 Fuß vor, da sie keine Gallerie tragen und nicht auf Säulen ruhen, und ihr Vorsprung wird immer kleiner, je mehr sich die Etagen des Thur- mes nach und nach einziehen. Die Mauer ist unten 12 und oben 8 r Fuß dick und ist ganz mit Porzellanplatten bekleidet. Die Treppen im Innern sind sehr eng und unbequem zu bestei gen, weil die Stufen sehr hoch sind. In jeder Etage liegen dicke Balken quer durch, welche allemal einen Boden tragen, so daß der Thurm neun Gemächer hat, deren Wände innen bemalt sind. Die oberen Etagen sind auch vielfach mit Löchern versehen, welche kleine Nischen bilden und in denen Götzenbilder stehen, was einen eigenthümlicheu Anblick hervorbringt. Die ganze Ar beit ist vergoldet und scheint im Grunde aus geformten und ge brannten Reliefverziernngen zu bestehen. Das unterste Stockwerk181 hat 20 Fuß Höhe, die übrigen verjüngen sich aufwärts, so daß der ganze Thurm wohl 200 Fuß hoch ist. Das Dach trägt einen großen Mast, der schon in der achten Etage beginnt und noch 30 Fuß über das Dach hinausreicht. Derselbe ist von einer eiser nen Spirale umgeben, welche von demselben absteht und durch brochen ist; auf der Spitze liegt eine große vergoldete Kugel. Der Thurm ist eines der wohlverstandensten, festesten und prachtvoll sten jener Tempelgebände, welche die Chinesen Ta nennen und deren es. in allen Provinzen des himmlischen Reiches eine Menge gibt. In der neuen und neuesten Zeit ist das chinesische Volk vielfach mit den Europäern in Verbindung gekommen; es wurde sogar mehrmals schwer bedrängt und vermochte im Kriege den ent setzlichen Zerstörnngsmitteln der Europäer, welche zu seiner Be kämpfung in Anwendung gebracht worden sind, fast nur einen kindlichen Widerstand entgegenzusetzen. Aber so wenig Kraft es hat, sich der civilisirten Europäer, die es Habgier bedrängen, zu erwehren, eben so wenig nimmt es auch von dem an, worin ihm Europa überlegen ist. Es verharret mit eisernem Starrsinn bei seinen Gewohnheiten, seiner Industrie und Politik und es er weckt in der That Mitleid, wenn man betrachtet, weswegen nun China bekriegt wird. China will nichts von anderen Völkern, weil es nichts bedarf; es will keinen Verkehr mit anderen Nationen, namentlich nicht mit den Europäern, denn es hat leider einschen gelernt, daß ihm viele Europäer, namentlich die Handelsleute, nur Laster bringen, daß sie nur durch die Geldgier zu ihm getrieben werden. Die Engländer führten Opium nach China ein und lehrten den Chinesen den Gebrauch dieses giftigen Berauschungs- Mittels. Da verbot die chinesische Regierung in wahrhaft väterli cher Pflichtsorge für das geistige und leibliche Wohl ihrer Nnter- thanen die Einführung des Opiums, indem sie erklärte, den Eng ländern wäre unverwehrt, Thee für Silbcrgeld zu kaufen, so viel sie wollten. Aber die Engländer wollten statt Silber Opium ge ben und suchten die chinesische Regierung 1842 durch einen furcht baren Krieg zu zwingen, dem Opiumhandel kein Hinderniß mehr in den Weg zu legen. Und sie erzwangen es endlich durch Mord und Brand Aber die Chinesen gaben eben nur gezwungen nach; jetzt versuchen sie abermals, den Briten ihren schlimmen Handel zu legen und darum ist nun wieder Krieg in China und ein Theil182 der großen und reichen Stadt Canton bombardirt und in Asche gelegt worden. Ob es den Engländern gelingt, China durch die furchtbaren Beweisgründe seiner Mörser und Kanonen zu zwingen; oder ob am Ende ein Eroberungskrieg gegen China unternommen wird alles dieses muß die Zukunft lehren. Aber eines scheint gewiß, das chinesische Reich kann zu Grunde gehen, das Volk unterjocht werden aber es wird ein eigenthüm- liches bleiben und eher ansgcrottet werden können, als nach eu ropäischem Muster umgewandelt. In mancher Hinsicht ist das für uns ein Fingerzeig, den wir nicht unbeachtet lassen dürfen: wir sollen so treu an den gu ten Sitten und Gebräuchen unserer Väter hängen, wie es das chinesische Volk thnt. Aber das stabile Festhalten an den Ge wohnheiten und Arbeitsweisen der Chinesen, dieses wollen wir vermeiden, denn Stillstand ist Rückschritt und dieser führt nur zur Schwäche und diese zum Untergang. Die hamitischen Menschenstämme in Afrika. Näher bei uns, als jene astatischen Völker, mit denen vor der Entdeckung des Seeweges um das Cap der guten Hoffnung an der Südspitze von Afrika durch Vasco de Gama 1497 nur ein Europäer, der Venetianer Marko Polo, bekannt wurde, der zu Lande zu ihnen kam, ist das äußerst merkwürdige Land Egypten, welches von Nachkommen des zweiten Sohnes des Noah, des Ham, kultivirt und bevölkert wurde. Wir wollen von dem alten ganz ansgestorbenen egyptischen Volke erzählen, das noch fortlebt in seinen wunder- und geheimnißvollen edlen Bauwerken; wir wollen erzählen, was uns Herodot, ein gelehrter griechischer Reisender, der sich lange in Egypten aufhielt, der aber auch fast 500 Jahre vor der Erscheinung Jesu Christi lebte, von ihm berichtet. Zuerst von ihm selber, dem Vater der Geschichte, einige Worte. Der älteste Geschichtsschreiber, (wir rechnen hier den Moses nicht zu den Historikern, obwohl von ihm der Kern aller Ge schichte, die älteste Urkunde der Welt herkommt) wurde 484 v. Ehr. zu Halikarnaß in Karten, einer kleinastatischen Seestadt, ge boren. Schon seine Vaterstadt regte den Geist des edlen Jüng-183 lings mächtig an; in ihr lebte der berühmte Philosoph und Epi ker (Dichter) Panyasiö, der ihn unterrichtete und ihn mit den großen Dichtcrwerken dcö Homeros (stehe weiter unten Näheres von Homer) bekannt machte. Die Familie des Herodot gehörte zu den angesehensten und reichsten unter den Griechen; er begab sich demnach auf Reisen und die gewichtigen Empfehlungen, welche er nach fremden Ländern mit sich trug, verschafften dem durch geistige und körperliche Vorzüge schon an sich liebenswürdigen Manne überall die beste Aufnahme. Zum besondern Gegenstände seiner genauen Untersuchungen machte er vor allen anderen Ländern das ferne und damals wohl noch ziemlich unbekannte Egypten und ihm verdanken wir also die wichtigsten Nachrichten über jenes merkwürdige Land, über dessen eben so merkwürdige Bevölkerung und deren staatsreligiöse Ein richtungen. Wir wollen dem lieben Leser das Wichtigste aus Herodots Berichten über Egypten mittheilen und daran hie und da kurze Erinnerungen knüpfen, um aus den hohen Stand der Bildung des merkwürdigen Volkes aufmerksam zu machen. Unter allen Ländern Nvrdasrikas ist Egypten das einzige, welches au einem großen Strome liegt; diesem Strome, dem Nil, verdankt es seine Fruchtbarkeit und seine Cultur und es würde ohne denselben eine dürre Sandwüste sein. Der Nil schwillt näm lich jährlich einmal von dem häufigen Schnee und Regen, der im Winter in den Gebirgen Abyssiniens fällt, dergestalt an, daß er in der Mitte des August austritt und bis zum Ende des October das Land an seinen Ufern unter Wasser setzt. Das ganze diese Weise überschwemmte Egypten gleicht dann einem See, dem die Städte wie Inseln hervorragen. Allmählich tritt der Strom wieder in sein Bett zurück, nachdem er einen fetten Schlamm zurückgelassen, der den wieder hervortretenden eingeweichten Bo den bedeckt und eine ungemeine Fruchtbarkeit bewirkt, so daß man nur säen darf, ohne zu graben und zu pflügen. Diese Frucht barkeit erstreckt sich eben darum nur über denjenigen Theil des Landes, den die Ucberschwemmung von selbst erreicht, oder wohin durch Canäle, mit welcher die Ebene überall durchschnitten ist, geleitet wird. Es strömt aber der Nil durch Ober- und Mittel- vgypten in einem nur wenige Meilen breiten, von beiden Seiten durch Berge eingeengten Thale. Wo dieses Thal sich endet, theilt der Fluß und bildet durch seine Arme den fruchtbaren Theil184 von Niederegypten, welcher Delta genannt wird, (Delta ist ein griechischer Buchstabe von beistehender Form 4 ) und man hält diesen Theil des Landes ganz und gar für ein Geschenk des Nils, weil er von dem durch den Strom abgesetztcn Schlamm nach und nach erhöhet und zu einem festen fruchtbaren Boden gebildet wor den ist. Diese Ebene und das Nilthal, welche aus dem oben be merkten Grunde allein zum Ackerbau fähig sind, dem Flächeninhalte nach kaum der sechste Theil des ganzen Landes, waren auch der alleinige Sitz der Cultur. Sie haftete an dem Strome und war nach allen Zeugnissen, der überlieferten Geschichte, wie der Denk mäler , seinem Laufe folgend von Süden nach Norden eingcwan- dert. Da, wo oberhalb Egyptens die verschiedenen Arme des Nils zusammenfloßen und eine große Insel bilden, lag ein anderer uralter Staat, der Priesterstaat Meroö und in diesem ist die Wiege der egyptischen Cultur (wohl überhaupt aller nachsündsluthlichcn Bildung, gemeinsam und gleichzeitig mit jener altindischen) zu suchen. Als Herodot dieses Land betrat, fand er an Tempeln und Denkmalen, an den Sitten und Gebräuchen des Volkes die be wunderungswürdigsten Beweise eines ehrwürdigen Alterthums und einer höchst beachtenswerthen menschlichen Weisheit. Man nannte ihm lange Reihen egyptischcr Königsnamen$ doch gestan den die Priester selbst freimüthig, daß die Geschichte des Landes nur aus Sagen und Ueberlieferungcn geschöpft werden könnte, da sie weit über die Zeit der Erfindung der Schrift hinaufrciche. Der erste König war Menes; lauge vor ihm lebten die Egypter unter der Herrschaft einer geistlichen Regierung und im Uranfange scheint Egypten als eine von Meroö ausgcsandte Colonie vom Stamm lande aus, also von der dortigen Priestcrkaste, regiert worden zu sein, denn auch Meroö war ein Priesterstaat. Drei hundert und dreißig Könige sollen nach Menes gefolgt sein, so lasen die Prie ster dem Herodot vor, und der letzte König soll Möns geheißen haben. Er legte den nach ihm benannten ungeheuren See an, der bei der Ueberschwemmung des Nils gefüllt wurde und dessen Gewässer zur trocknen Zeit durch Schleußenwerke die höher liegen den Felder bewässerten und befruchteten, wenn der Nil lange schon in seine User zurückgekehrt war. Also Schleußen, Wasserbauten und höchst kunstreiche Bewäs-185 serung zur Beförderung des Ackerbaues hatte man schon Jahr hunderte vor Christi Geburt in Egypten. Zur Errichtung solcher Werke gehören aber ausgezeichnete mathematische Kenntnisse und große Geschicklichkeit im Wasser- und Kanalbaue. Und diese Kenntnisse müssen durch anhaltendes Stu dium erworben, durch großartige und höchst mühselige Versuche erprobt werden. In der Grundlage aller Staatseinrichtungen der alten Welt stimmt das egyptische Volk mit dem indischen gleichfalls überein: das Volk war, wie dort, in Kasten geschieden. Die oberste Kaste war die der Priester. Die zu ihr gehörigen Familien waren die reichsten und vornehmsten des ganzen Landes; ihr Beruf umfaßte die ganze höhere Cultur der Nation. Sie waren allein im Be sitze aller wissenschaftlichen Kenntnisse; aus ihnen gingen Richter, Aerzte, Baumeister, kurz alles hervor, was besondere Bildung des Geistes und eine Art von Gelehrsamkeit voraussctzt. Auch den späteren Fürsten standen sie als Räthe zur Seite und da diese in Zeit und Einrichtung der Staatsgeschäfte, der gottesdienstlichen Gebräuche und des häuslichen Lebens an sehr genaue religiöse Vorschrifteu gebunden waren, so befanden sie sich in großer Ab hängigkeit von den Priestern. Die zweite Kaste war die der Krieger; aus ihr wurden die Könige zur Würde erhoben. Das Heer von Egypten soll sich zu gewissen Zeiten auf 400000 Wehr- Männer belaufen haben Die Gewerbe waren einer dritten Kaste überlassen, welche eine der zahlreichsten war und aus Handwerkern, Künstlern, Krämern und Kaufleuten bestand. Ob, wie bei den Indiern, die einzelnen Gewerbe wieder in einzelnen Unterabthei lungen erblich waren; oder ob unter allen diesen Beschäftigungen von der ganzen Kaste willkürlich gewählt werden konnte, ist un gewiß, die erstere Annahme jedoch die wahrscheinlichere. Ueber die anderen Kasten stimmen die Nachrichten der alten Geschicht schreiber nicht überein. Herodot berichtet von keiner Kaste der Ackerbauer, sondern nennt nur noch zwei Hirtenkasten, die der Rinder- und Schweinehirten, welche sehr gehaßt und verachtet wurden, besonders die Schweinehirten, denen alle Vermischung mit anderen Egypteru, ja sogar der Zutritt zu den Tempeln, ver sagt war. Außer diesen Kasten führt Herodot noch die der Dol metscher und Schiffer auf. Die letztere Kaste muß eine sehr be deutende gewesen sein, da Herodot den Nil mit Fahrzeugen und186 Lastschiffen ganz übersäet sah. An gewissen Festen schifften die Egypter von Stadt Stadt, so daß oft 700000 Menschen auf dem Flusse befanden und zur Zeit der jährlichen Nilüber schwemmungen war die Schifffahrt sogar das einzige Verbindnngs- mittel im Lande. Seeleute waren aber die Egypter nicht, sie schlossen sich vielmehr ganz vom Meere ab. Die Gesetze der Egypter sind ein sprechendes Zeugniß von milder Sinnesart und ziemlich fortgeschrittener Cultnr. Wenn Jemand auf der Landstrassc einen Menschen hatte umbringen oder sonst eine Gewaltthat leiden sehen, und ihm nicht geholfen hatte, wenn er es vermocht, war er des Todes schuldig. War er zur Hilfe unfähig, so mußte er die That wenigstens anzeigen, unter ließ er auch dicß, so wurde er gegeißelt und mußte drei Tage hungern. Falsche Kläger mußten das leiden, was den Verläum- deten bevorgestanden hätte, wenn sie verurtheilt worden wären. Jeder Egypter war gehalten, bei der Obrigkeit anzugeben, wovon er lebe; wer hierbei log, oder eines verbotenen Gewerbes über wiesen wurde, mußte es mit dem Leben büßen. Außerdem, sagt Herodot, unterschieden die Egypter ganz ausnehmend durch ihre Sitten von anderen Völkern. Die Weiber sind dem Markte und treiben Handel, die Männer sitzen daheim und weben; sie haben keine Priestcrinncn, sondern nur Priester; die Söhne brauchen ihre Eltern nicht zu ernähren, sondern die Töchter müssen es; sie haben keine Ställe für das Vieh, sondern leben mit ihm in einer Wohnung; den Teig kne ten sie mit den Füßen und den Lehm mit den Händen; der Mann hat zwei Kleider, das Weib nur eines. Obwohl die Egypter keine Seeleute waren, so kamen da für die Seefahrer anderer, selbst sehr entfernter Nationen zu ih nen, um Handel zu treiben. Egypten war der Haupthandelsplatz der alten Welt. Der Knnstfleiß der Epypter war höchst bedeu tend und hatte einen hohen Grad der Vollkommenheit erreicht. Man verfertigte Decken und Teppiche bis 100 Ellen lang; viele darunter waren mit Gold gestickt. Die egyptische Leinwand, der Byssus, glich der köstlichsten Seide und wurde von den Fürsten aller Länder gesucht und getragen. Auf den Denkmälern sieht man Geräthschaften, mustkalische Instrumente abgebildet, die Mannig faltigkeit und große Zierlichkeit zeigen. Die Religion der Egypter war dagegen ein krasser Götzen-187 und Thierdienst. Zwei Gottheiten, Osiris, das Symbol der znr Fruchtbarkeit wirksamen Naturkräste, des Nils, der Sonne, des Sonnenlaufs, des physischen und astronomischen Verlaufs des Jahres, und Isis, das Bild des Mondes und der befruchtenden Erde, wurden in Tempeln verehrt. Dabei beteten die Egyptcr aber auch Thicre an, besonders waren ihnen Katzen, Schlangen, Hunde, Jbise und Sperber re. heilig. Wer eines dieser Thiere aus Vorsatz tödtcte, mußte sterben; wer daher eines dieser Thiere tobt erblickte, blieb stehen und betheuerte unter lautem Schreien und Wehklagen, daß er es todt gefunden habe. Bei einer Feuersbrnnst", sagt Herodot, tragen die Egypter weit mehr Sorgfalt für ihre Katzen, als für die Löschung des Brandes und es entsteht ein allgemeines Jammergeschrei, wenn sich eine Katze in die Flammen stürzt. Krepirt in einem Hause eine Katze, so scheren sich die Menschen die Augenbrauen und den Kopf ab; die tobte Katze aber wird einbalsamirt und in der Stadt Bubastis begraben. Das Krokodil wurde nicht überall, sondern nur in ei nigen Distrikten verehrt. Zu Memphis und Heliopolis wurden Ochsen gehalten, in jeder Stadt einer. Den zu Memphis nannte wan Apis, den zu Heliopolis Mneviö und beide wurden göttlich verehrt, von angesehenen Männern bedient, mit kostbaren Speisen gefüttert, gesalbt und gebadet. Der Apis mußte schwarz sein, mit einem weißen Dreieck auf der Stiru, einem weißen, halb mondförmigen Fleck auf der rechten Seite und einem käserförmi gen Knoten unter der Zunge. Den Göttern wurden Stiere geopfert; man füllte den hohlen Leib des geopferten Thieres, nachdem die Gedärme in den Fluß geschüttet worden waren, mit Brot, Honig, Rosinen, Feigen und Räucherwcrk und verbrannte ihn. Auch von der Unsterblichkeit der Seele hatten die Egypter erfreuliche Begriffe. Sie halten", sagt Herodot, die Zeit ih res Lebens für sehr gering, aber die nach dem Tode, wo sich ihre Tugend im Andenken erhalten soll, für sehr hoch. Daher nennen sie die Wohnungen der Lebendigen Herbergen, weil sie nur eine kurze Zeit darinnen zubringen, die Gräber der Verstor benen dagegen nennen sie ewige Häuser, weil diese für die Ver storbenen in unendlicher Zeit dauern. Daher wenden die Egyp ter einen so großen Fleiß auf die Errichtung der Gräber und die Einbalsamirung der Tobten. Gleich nach dem Tode wurde der188 Leichnam gereinigt, dem hohlen Leibe kamen die Gedärme, aus dem Schädel das Gehirn heraus. Dann ward der Leichnam abermals gewässert und dann in Natrum gelegt. War derselbe vom Natrum, einer sehr antiseptischen (antiseptisch heißt so viel, als der Fäulniß Widerstand leistend) Flüssigkeit völlig durch drungen, so füllte man das Innere des Leichnams mit kostbaren Narben, Balsamen, Erdpech und dergl. Hierauf wurde die Leiche ganz mit Streifen von feiner Leinwand bewickelt und mit Gummi überstrichen; dann mit einer aus zusammengeleimtem Kattun und einem Gypsüberzuge bestehenden Maske umgeben, worauf das Gesicht des Verstorbenen gemalt und der übrige Leib mit bedeut samen Hieroglyphen versehen wurde. So umhüllt, kam die Leiche an einen mäßig erwärmten Ort mit starkem Luftzug und wurde völlig ausgetrocknet und endlich in einen gewöhnlich rothlackirten, mit Schuitzwerk und Vergoldung verzierten, zum Aufrechtstcllen eingerichteten Sarg von Sykomorenholz gebracht. Vor der Be stattung aber wurde ein förmliches Todtengcricht gehalten und darin entschieden, ob der Verstorbene so redlich und rechtschaffen gelebt habe, daß ihm Niemand die Ehre des herkömmlichen Be gräbnisses streitig machen könnte. Trat Niemand auf, um den Verstorbenen eines Unrechts zu beschuldigen, so hielten ihm die Verwandten eine Lobrede und brachten den Leichnam in den Be- gräbnißort. Es möchte um der Leser willen rathsam sein, die Entdeckung eines solchen Begräbnißortes und dessen Eröffnung hier zu be schreiben. Der östreichische und englische Consul zu Thebais in Oberegyptcn, zwei gebildete Männer, kauften einen in der Nähe des Wüstengebirgs gelegenen Platz, um daselbst einen Garten an zulegen und Wohnhäuser zu erbauen, in denen sie die Zeit der Nilübcrschwcmmung, sodann aber hauptsächlich die heiße Sommer zeit, mit ihren Familien zubringen wollten. Die Felswände des Gebirges sind hier mit unzähligen Mumiengrüften der alten Egypter versehen; aber da man schon seit Jahrtausenden dieselben ohne Schonung geöffnet, durchsucht und ihres Inhalts beraubt, auch die Malereien an Wänden und Decken muthwillig zerstört hatte, so war keine Hoffnung mehr vorhanden, auf diesem wüsten, mit Trümmern bedeckten Boden noch ein solches unerbrochenes Grabgewölbe zu finden. Die arabischen Arbeitsleute der beiden Cosuln waren eben189 damit beschäftigt, die Steintrümmer bei Seite zu schaffen, den Sand, der den etwa drei Schuh tiefer liegenden fruchtbaren Bo den bedeckte, abznheben und das dürre stachlichte Genist umzu- hanen und in Bündel zu schnüren, die in dein holzarmen Egypten als Brennmaterial benützt werden sollten. Einige Araber aber sollten an einer gewissen Stelle einen sechzehn Fuß tiefen Schacht in die Erde senken (graben), damit daselbst Bohrungen behufs eines artesischen Brunnens angestellt werden könnten. Sie hatten aber kaum eine Tiefe von 7 Fuß erreicht, als sie auf einen kleinen viereckigen Altar von röthlichem Granit stießen, dessen Ecken mit Sphynxen geschmückt waren und in dessen Mitte man noch Spu ren von den Feuern sah, welche einst darauf bei den Opfern an gezündet worden waren. Man erstattete den Consuln augen blicklich Bericht von der gemachten Entdeckung und Herr Forbes, der englische Consnl, begab sich noch an demselben Tage an Ort und Stelle, um den Altar zu besichtigen. Der östreichische Consnl konnte dabei nicht anwesend sein, da ihn Geschäfte nach Cairo gerufen hatten. Als Herr Forbes kam, hatten die Arbeiter in der Hoffnung einer guten Belohnung den Platz rings um den Altar bereits geebnet. Er war mit Granitplatten bedeckt und man ar beitete gerade daran, eine Scnlptur, welche zur Rechten des Altares, etwa drei Schuh von demselben entfernt war, aus der sie umhüllenden Erdrinde zu befreien. Da aber die Arbeiter da bei nicht mit der gehörigen Vorsicht vorfuhren, so stürzte die noch nicht cingeböschte Erde von oben nach, verschüttete die ganze Hälfte der Grube, deckte zwei Arbeiter zu und kaum war man im Stande, dieselben durch die eiligste Hilfe vor dem Er sticken durch rasches Herausgraben zu retten. Die abergläubischen Arbeiter wollten nun mit den Ausgrabungen nicht weiter fort- sahren; aber als ihnen Herr Forbes einen doppelten Lohn ver sprach und einen Schlauch voll Meth zum Besten gab, begann die Arbeit von neuem mit doppeltem Eifer. Bald war der Sand aus der Grube geschafft, es wurde über derselben ein aus Bäumen zusammen gebundener Krahnen mit einem Flaschenznge errichtet, so daß man die Erde in großen Kübeln in die Höhe schaffen und auf Karren schütten konnte, welche von Maulthieren gezogen wurden und nach 2 Tagen hatte man einen Raum von 16 Schuh im Durchmesser vom Sande befreit. Mitten in demselben stand der oben beschriebene Altar, ein Band um die Mitte desselben lau-190 send, war mit sehr schönen und tief eingehauenen Hieroglyphen bedeckt. Drei Fuß von dem Altar stand eine Sphynx, welche einem Postament von IVa Schuh Höhe lag, die Figur hatte die Größe eines Pferdes; es war aber ein Löwenleib mit dein Rumpf eines Menschen, der den Hals des Löwen vertrat. Die Sculptnr war wundervoll aus rosenrothem Granit gearbeitet und als man fle wusch und reinigte, zeigte sie sich nicht allein voll kommen unverletzt, sondern spiegelglatt polirt. Auf der Brust hatte sie eine Tafel von l a Schuh Länge und VU Schuh Breite, die in den Granit eingelassen und mit einem Rahmen von hell blauem Marmor sehr zierlich eingefaßt war. Die Tafel war von einem unbekannten prächtig schwarzen Gestein, glashart und wie der schönste Stahl polirt (wahrscheinlich Lava oder Porphir) und mit Reihen sehr schön gravirter Hieroglyphen im eigentlichen Sinne des Wortes bedeckt. Schon über diesen Fund hatte For des eine sehr große Freude. Aber wie groß mag erst seine Freude gewesen sein, als die zwischen dem Altar und der Sphynx liegende sechs Schuh lange Granitplatte einen hohlen Klang gab und man Hoffnung hatte, ein unverletztes unter derselben sich öffnendes Grabgewölbe zu finden. Die Ausgrabungen waren indeß schnell in den Umgebungen bekannt geworden, eS versammelten sich die Arbeiter, Hirten und Araber und Forbes bemerkte bald, daß man seiner nicht achten, sondern in der Hoffnung, hier einen großen Schatz zu heben, die Platte sprengen und in das Innere der Gruft eindringen würde. Von der Freude gebildeter Europäer über solche Altcrthümcr und dem Gewinn, welchen die Wissenschaften aus solchen Entdeckungen ziehen, haben diese rohen Menschen keinen Begriff; Belehrungen über ihren Jrrthum, daß man solche Grüfte eben nur der in ihnen liegenden Antiquitäten wegen, aber nicht auö Habgier öffnet, halten sie nur für Vorwände, um ihnen die vermeintlichen Schätze zu entziehen, die sie in denselben verborgen glauben. Der Consul ließ also den Stein nicht heben, sondern er sendete einen Brief in die Stadt an den Pascha und forderte von dem selben gegen Bezahlung eine Wache von drei Redifs und zwei Reitern. Er selbst ließ inzwischen die Arbeiter theilweise ruhen, theils aber auf dem Felde weiter arbeiten und beschloß, den Stein nicht eher zu verlassen, bis er die verlangte Sicherheitswache aus der Stadt bekäme.19t Allein all diese Vorsichtsmaßregeln schienen bei der Indolenz und Habgier der Türken vergeblich. Ehe es sich Herr Forbes versah, zeigten emporwirbelnde Staubwolken in der Ferne die Ankunft eines Reitertrnpps an; die eben wie lauernde Füchse die Grube umstehenden Araber zerstoben plötzlich nach allen Winden; statt ihrer aber erschien der Pascha selbst mit mehreren seiner Offiziere, sodann aber mit Soldaten, welche mit Brechstangen, Hebezeug und Säcken versehen waren, und der Pascha fragte hastig, wo die Gruft wäre und ob man sie schon geöffnet habe. Herr Forbes erwiedcrte ruhig: die Grube wäre unter seinen Füßen und noch unerbrochen. Sie liege aber auf dem von ihm und dem östrcichischen Consul erkauften Grund und Boden und wäre deshalb mit allem, was enthielte, sein Eigenthum. Hie- gegen protcstirtc der Pascha das Heftigste, indem er sich auf ein altes Gesetz berief, wonach der eigentliche Grundeigenthümer der Vizekönig wäre und er bestand darauf, daß alles, was man sindcn würde, nach Kairo abgcliefcrt werden müßte. Herr Forbes bedachte, daß ein fortgesetztes Streiten wohl Unnütz sein würde; er sagte deshalb: wenn Gegenstände von Werth sich finden würden, so wolle er dem Vizekönig das He bungsrecht nicht bestreiten, dafür als Käufer eintreten und sie nach dem Schätznngswerthe bezahlen. Enthielte aber die Gruft nichts dergleichen, so wolle er überhaupt 500 Piaster für das Recht, sie ausbcnten zu dürfen, zahlen. Nur bitte er, daß außer ihm und dem Pascha selbst Niemand in die Gruft gehen möchte, bis dieselbe gänzlich durchsucht wäre und namentlich darum suche er nach, man möge alle Gegenstände genau in der Lage lassen, wie man sie fände, damit man eine genaue Zeichnung des Gra bes und alles dessen, was es enthielte, aufzunehmen im Stande wäre. Hiemit war der Pascha einverstanden und nun wurde die Gruft unter Forbes Leitung und der Aufsicht des Paschas eröffnet. Man erbrach mühsam die verkittete schwere Platte, hob sie weg und sah eine sehr schöne Treppe, welche in ein dunkles unter irdisches Gemach führte, dessen glatt behauene und prächtig mit Stucko überzogene Wände im Strahle der eindringenden Sonne glänzten, denn sie enthielten die schönsten Malereien und in so frischen Farben, als wären diese erst gestern aufgetragen worden. Aber die Luft war gänzlich verdorben; allen, die etwas von der selben einathmeten, drohte eine Ohnmacht. Forbes ließ deshalb192 vorerst Feuer auf der Treppe anzünden, um das Eindringen der athmosphärischcn Lust zu beschleunigen, auch warf man Feuer- bräude über die Treppe hinab, auf welche man Wasser goß. Nach einem halbstündigen Warten zündete endlich der Pascha, der seine Ungeduld (wohl Habgier) nicht länger bemeistcrn konnte, Lichter an und stieg, von Herrn Forbes gefolgt, in das Gewölbe hinab. Der Anblick, der sich beiden darbot, erweckte in ihnen sehr verschiedene Empfindungen, bei Herrn Forbes das Entzücken der reinsten Freude, bei dem Pascha aber das Gefühl der bitter sten Enttäuschung. Die Decke der Gruft bestand aus gewaltigen sechzehn Fuß langen und vier Schuh breiten Steinplatten, die mit Stucko über zogen und blan angetüncht waren. Ans der Mitte des Stucko zeigte sich ein gelber Reifen aus Sternen; in der Mitte des Ringes war eine beflügelte Kugel sehr zart dargestellt, die Kugel war gelb, die Flügel weiß und die Schwungfedern liefen ins Röthliche ans. Die vier Wände enthielten auf ziegelrothem Grunde vier herrliche Gemälde, welche die Beschäftigungen der vier Kasten in einer reichen Menge von Figuren darstellten, wie wir sie unten weiter beschreiben werden. In jeder Ecke war eine Nische und in jeder solchen Nische lehnte eine trefflich conservirte (erhaltene) Mumie, ein alter Mann, eine Frau und zwei Mäd chen von etwa 16 bis 18 Jahren. An der nördlichen Wand stand ein kleiner sehr schön verzierter Altar, vor diesem ein rvth- lackirtcs Tischchen von Spkomorenholz, dem drei Krüge von einem sehr harten gebrannten und gutglasirtcn Thone standen. Einer davon war leer; die beiden andern enthielten der eine Weizen, der andere aber eine Menge gänzlich verschrnmpstcr Ge genstände, deren eigentliche Natur weder Herr Forbes, noch der Pascha errieth. Aber von Schätzen enthielt die Grube keine Spur, so sorgfältig auch der Türke das ganze Gewölbe durchstöberte. (Er setzte sogar seine Scheu vor den unreinen Mumien die Seite, schob sie aus den Nischen und untersuchte die Mumien und die Nischen auf das Genaueste.) Endlich gab der Pascha seine Hofs- nnngen verloren und entfernte sich, indem er Herrn Forbes dringend zurief: Denke an die 500 Piaster!" Froh, des Habgierigen los zu sein, dachte nun Herr Forbes daraus, auch seine Araber zu befriedigen. Er zündete deshalb Lichter an und ließ sie zu je sechs und sechs in die Grube herab193 steigen, um dieselbe zu besichtigen. Die ersten gingen sehr neu gierig hinab, verließen aber die Grube bald wieder und als sie oben den übrigen berichteten, was da unten zu sehen wäre, leisteten die Meisten Verzicht daraus und der Engländer bemerkte mit Vergnügen, daß sie sich über den hohen Preis, den er für solchen Plunder bezahlen mußte, von Herze lustig machten. Er konnte deshalb ungestört daran gehen, alles wieder in die vorige Ordnung zu bringen und sich seiner Freude, dieses alte egyptische Familiengrab zu besichtigen, gänzlich überlasse . Dabei wehrte er es Keinem, der herab wollte; aber eine abergläubische Furcht hielt die Araber bald davon ojj, ihn weiter zu beunruhigen. Das erste Gemälde, welches an der südlichen Wand ober halb der in die Gruft führenden Treppe angebracht war, das schönste, obwohl kleinste unter allen, stellte einen Zug weißge kleideter Priester nach dem großen im Hintergründe abgebildeten Tempel deö Osiris in Theben, der hnndcrtthorigen Stadt, dar. Voran ginge weißgekleidete Knaben, welche kleine Paniere von seltsamer Form trugen und deren Häupter mit Lotosblumen ge schmückt waren. Diesen folgte der Obcrpriestcr, den beiden Seiten andere barhäuptige Priester geleiteten, welche theils Räncher- sässer in den Händen schwangen, theils Blnmengnirlanden trugen. Hinter dem Oberpriester kam eine ganze Schaar Priester, die Opsergcräthschaftcn, Messer, Beile und große silberne Gefäße von sonderbarer Form trugen, darin wieder Weingefäße, kleine Weizen- Gcrstengarben und Palmzweige. In ihrer Mitte schritt ein Opferstier einher mit vergoldeten Hörnern, mit Kränzen und Blu mengewinden bedeckt. Zn beiden Seiten ragte über die Massen des Volkes, welches diesen schönen Zng betrachtete, eine ganze Allee von Sphinxen empor, dieselben, deren riesige Ruinen noch honte in Theben die Bewunderung erregen. Ein heiterer Himmel strahlte über der Menge und die Riesenmassen des Tempels und der daneben und hinter demselben stehenden gewaltigen Obelisken glänzten röthlich gelb vom Sonnenlichte bestrahlt. Die Züge der Gesichter, die Falten der Gewänder, alles war, bis ins Kleinste, das Genaueste mit einem wahrhaft bewundernswürdigen Fleiße ansgeführt und wenn auch die Kunst deö Malers den Ansprüchen der Schönheit, welche unsere heutigen Maler darstellen können, "icht Genüge leistete, so war doch die Naturtreue der Ausdruck, der Fleiß und die Ruhe, welche in dem ganzen Bilde herrschte, 13194 wahrhaft bewundernswert!) und ließ von den technischen Mängeln absehen. Das zweite Bild stellte einen Zug heimkehrender Krieger dar. Berittene Mustkbanden schienen die Luft mit ihren Wohl klängen zu erfüllen. Der Feldherr schritt barhäuptig und gesenkten Hauptes, von Soldaten umgeben, daher, welche mancherlei Tro phäen an Standarten, Waffen, Kronen, Gewändern, Schmuck und kostbare Schätze trugen. Ein neben ihm schreitender Priester im Festgewande hielt über sein Haupt einen glänzenden Lorbcer- kranz, während er in der Rechten einen Palmzweig trug. Hinter dem Feldherrn sah man zwei Löwen dahin schreiten, von denen der Eine geflügelt, der andere gefesselt war. Diesen folgte in langem gewundenen Zuge das Fußsoldaten, Reitern und krie- gerbesetztcn Streitwagen bestehende Heer, in dessen Milte zusam mengekettete zahlreiche Gefangene transportirt wurden. Dieselbe Ruhe und Anmnth der Grnppirnng, dasselbe heitere Sonnenlicht, umfloß auch dieses schöne Gemälde. Die dritte Darstellung war ein Marktplatz in einer großen Stadt, der auf einem prächtig gebauten Quai neben dem Strome abgehalten wurde. Da sah man den Tischler, wie er Hausrath feilhielt und neuen anfertigte und sein Arbeitszeug war fast wie das heute gebräuchliche; dort hielt ein Krämer Stoffe feil und maß dem Käufer an der dem Tische aufrechtstehenden Elle, einem eisernen Stabe, ab; dort wieder hielt der Töpfer alle nur erdenklichen Geschirre feil; dort stand einer Erhöhung die Werkstatt des Schneiders; man sah ihn und seinen Gehilfen einen halb nackten Mann bekleiden. Der Schmied arbeitete mit dem Hammer auf dem glühenden Hufeisen und der branßende Hengst, der muthig stieg, konnte kaum durch die Kraft zweier Knechte gebändigt werden. Hier standen ganze Reihen von Kochkünstlern und priesen den Vorübergehenden ihre Speisen an. Der Strom aber wimmelte von seltsam geformten Schiffen, die ruhig am User lagen, um beladen oder ansgeladen zu werden und drüben zogen andere unter Segel und farbig bewimpelt auf- oder abwärts. Aber vor allem war es ein seltsam geformtes Fahrzeug, welches so eben dem Ufer znstenerte, von zwei Männern mit langen Ru dern vorsichtig geleitet. Es bestand ganz Töpfen, welche mit der Mündung die Oberfläche des Wassers gestürzt, durch die13 * 195 in ihnen befindliche Lust über Wasser gehalten, wohl an einander befestigt waren. Lose waren über die Böden der Töpfe Bretter gelegt so schwammen die Töpfer, von ihren Erzeng nissen getragen, denselben dem Markte zn, um da verkaufen. Auch über diesem alle anderen Bilder an Figuren reichthum, Leben und Mannigfaltigkeit übertreffenden Bilde hing derselbe heitere Himmel, es war von denselben lieblich strahlenden Lichtern bis in seine fernste Tiefsten erhellt. Besonders der Hintergrund, der große Strom mit dem fernen palmenbewachsenen tempelgeschmücktcn Ufer, war überaus lieblich anzusehen. Das vierte Bild war besonders geschickt gewählt, um eine möglichst umfassende Darstellung des egyptischen Ackerbaues zu geben. Man erblickte da zunächst des Stromes Aecker, welche von Wasserschöpfrädern bewässert wurden; daneben standen Saaten in voller Blüthe, und hinter diesen war ein mächtiges Getreidefeld, wo die Schnitter mit Sicheln arbeiteten, andere Garben banden und wiederum andere auf zweiräderige Wagen, die mit Büffeln bespannt waren, die Garben luden. Auf einem Hügel bemerkte man eine Tenne, da traten im Kreise gehende Ochsen das am Boden liegende Getreide mit Füßen, um den Aehren die Körner zu Hülsen. Große Felder voll mannigfaltigen Gemüses, besonders kenntlich darunter die weißlichen Blüthcnkngeln der in Egypten so beliebten Zwiebeln auf den langen, grünen Strünken, und viele andere bekannte unbekannte Gewächse, grüßten lachend aus der Ferne herüber. Ueberall sah man die Landlcute in emsiger Arbeit begriffen mit allerlei seltsamem Ackergeräth; selbst der vom mächtigen Büffel gezogene, uralte, einhändige Pflug war vorhanden. Rechts erhob sich vor dem dunkeln Hintergründe eines Gebüsches auf einem Postamente eine Sculptur, welche den Nil darstellte, einen liegen den Mann, der den rechten Arm auf den Boden stützt und ein Füllhorn damit an die Schulter hält, aus dem oben Früchte guellen. In der auf das linke Bein gestützten Linken trägt er ein Ruder. Unter seinem rechten Arme ruht eine Sphinx, unter dem kleinen Gestell derselben sprudeln Gewässer hervor ergießen sich über die Erhöhung hinab. Die Sphinx über dem Wasser deutet auf daö unerforschte Geheimniß des Stromursprunges hin. Festlich gekleidete Landlcute nähern sich dem Gotte und legen gleichsam aus Dankbarkeit, die Erstlinge ihrer Feldfrüchte vor ihm nieder.196 Gar wunderbar war der Eindruck, den dieses Gemach auf das Auge hervorbrachte. Herr Forbes berichtete noch an dem selben Tage an seinen College nach Cairo über die gemachte Ent deckung, und traf sogleich Vorkehrungen, damit dieses schöne Grab mal ganz in demselben Zustande erhalten würde. So ist es denn noch heute mit seinem reichen Bilderschmuck eine wahre Zierde des schönen Landsitzes und wird häufig von Reisenden besucht, welche sich an den prächtigen Gemälden, deren Farben noch immer un- . vergleichlich frisch sind, und an den im Grabgewölbe aufgestellten Mumie ergötzen. *) Als der Inhalt der beiden Krüge von Sachverständigen untersucht wurde, erklärten sie den Weizen für vollkommen unver dorben und keimfähig. Er hatte nach einer mäßigen Berechnung 2500 Jahre in der Gruft gelegen und als man ihn aussäete, trug er auf ungemein kräftigen Halmen fast 200fältig. (Dieser Weizen wird jetzt in England und Ungarn sehr häufig gebaut und ist unter dem Namen Mumienweizen" bekannt geworden. Er scheint den unsrigen, der gegen ihn an Aussehen und Ertrag ganz schwach ist, mit der Zeit ganz zu verdrängen.) Der andere Krug enthielt gänzlich vertrocknete Zwiebeln, der dritte hatte nach den Untersuchungen, welche über die Natur des Bodensatzes im Kruge angestellt wurden, Wein enthalten. Welche wichtige Wahrnehmungen läßt uns das machen! Wie weit war dieses alte Volk in den Künsten und Gewerben des Friedens vorangeschritten! Welche milde humane Weisheit spricht sich in seinen Gesetzen und Verordnungen aus! Wie sehr geht das ganze Bestreben dieses Volkes dahin, sich dem Gött lichen zu nähern und diese Erde als das zu betrachten, was sie eigentlich ist als einen Ort der Prüfung und der Vorbereitung für eine bessere Welt! Doch wir werden an den Egyptern noch viel mehr Bewun dernswürdiges finden. Der unter dem Namen egyptische Bauart" bekannte Bau styl ist ein höchst eigenthümlicher und charakteristischer und unter scheidet in seinen Grundzügen und Formen wesentlich von dein, welchen wir in Indien kennen gelernt haben. Egypten baute für die Ewigkeit; es liefert uns deshalb in der fast Ungeheuern An zahl der Ueberbleibsel von Tempeln, Palästen, Pyramiden, Obe- *) Ungedruckte Briese.197 liefen, Hypogeen (unterirdische Bauwerke) Ruine , welche an Großartigkeit die Baudenkmale aller anderen Völker übertreffen. Wir werden nun die wichtigsten von diesen Baudenkmalen der Reihe nach beschreiben und beginnen mit denen auf der Insel Philae, wo der dort 15000 Fuß breite Nil im eigentlichen Egyp- ieu eintritt*). Die Insel ist 4456 Fuß lang und 408 Fnß breit. Sie ist gegen den Strom mit einer Quaimauer aus kolossalen, "Nt erstaunlicher Festigkeit in einander gefügten Quadern geschützt "nd enthält das Grab des Ofiris. Die ganze Tempelanlage schließt sich der Form der Insel an nd hat fast die Gestalt eines Gewehrkolbens mit dem Anfänge des Schaftes. Das spitzige Ende ist nach Süden gegen den Stromlauf gerichtet. Da begin- uen nun auch die Anlagen mit einem kleinen Tempel, an den sich ein großer Vorhof mit Säulengängen schließt. Dann kommen ersten Tragepfeiler der Thore. Man nennt solche obelisken artige thurmähnliche Pfeiler, zwischen denen in Egypten immer bie Thore sich befinde , Pylonen. Das hier erwähnte Thor hat Zwei Eingänge, also drei solche Gebäude. Hinter denselben liegt der Vorhof zum Tempel des Osiris. Derselbe wird westlich von einem zweiten Tempel, östlich von den Priesterwohnungen begrenzt und am nördlichen Ende steht der zweite Pylon, hinter diesem ist abermals ein kleiner an drei Seiten mit Säulengängen umgebener Vorhof, der zugleich die Vorhalle zum Tempel des Osiris bildet. Der südliche Tempel ist eines der kleinsten egyptischen Monnmente. Seine Säulen sind nur 2 Fnß 3 Zoll stark und 5 Fuß hoch. Die Capitäler tragen einen Würfel mit vier halb erhaben gear beiteten Jstsköpfen, der westliche Tempel, der Isis geweiht, hat ringsherum einen Säulengang und die Griechen haben diese An ordnung bei ihren Tempeln von den Egyptern angenommen. Dieser Säulengang hatte an den Enden solide Pfeffer, außerdem 9 Säulen und war bedeckt. In der Nähe des südlichen Tempels beginnt eine Mauer, vor welcher 32 mit Sculpturen bedeckte Säulen einen Säulen- gang bildeten und die 288 Fnß lang war; gegenüber zieht sich ein ähnlicher aber kürzerer Säulengang um den Vorhof, vor dessen Mauer auch nur 16 Säulen stehen. Die Säulen sind 16 Fuß hoch und die Dicke verhält sich zur Höhe wie 1 : 6. Die Capi- täler find meistens mit Palmblättern verziert; der Deckbalken und *) Aus Hecks Universallexikon. 198 die große Hohlkehle sind mit Hieroglyphen bedeckt. Am nörd lichen Ende des Vvrhofes liegen zwei aus rothem Granit gehauene Löwen, vor dem Eingänge zum zweiten Hose und hinter den Löwen stehen 2 Obelisken, ebenfalls aus rothem Granit gehauen und mit Hieroglyphen bedeckt. Dann folgen die ersten Pylonen. Dieselben sind 118 Fuß breit und 50 Fuß hock. Die Hiero glyphen darauf beziehen sich auf den egyptischen Cultus und sind in vertieften Feldern so eingehauen, daß die Figuren, welche 21 Fuß Höhe haben, in der Dicke nicht über die Oberfläche des Pylons vorstchen. Im zweiten Vorhofe ist, außer dem westlichen, oben schon erwähnten Tempel, östlich ein Gang von 10 Säulen vor dem Priestcrgcbände. Auch hier sind alle Pylonen und Wände ganz mit Hieroglyphen bedeckt, so wie auch die Säulen, welche 13 Fuß Umfang und 23 Fuß 8 Zoll Höhe haben. Die Capitäler sind mit einheimischen Gewächsen bedeckt und bunt be malt. Die Decke ist durchbrochen, wodurch die Halle erleuchtet wird. Der Tempel des Osiris selbst ist in mehrere Gemächer getheilt, die etwa 19 Fuß hoch sind. Ganz am Ende des Tem pels ist das Sanktnarium (Heiligthum), welches die Statue und das Grab des Osiris enthielt. Die Deckplatten dieses Tempels sind 15 bis 16 Fuß lang, 3 bis 4 Fuß breit jede wohl 340 400 Centner schwer. Außerdem finden sich Philae noch Ruinen von anderen Tempeln, alle diese Gebäude waren einem sehr harten weiß lichen Sandstein von ungeheuerer Dauerhaftigkeit errichtet, der jedenfalls hatte sehr weit herbeigeschafft werden müssen. Die Insel selbst besteht aber nur aus rothem Granit, einem Gesteine, welches fich sehr trefflich zum Ban und zur Sculptnr eignet. Wann sind nun diese Gebäude errichtet worden? Man hat sehr genaue Untersuchungen über ihr Alter angestellt und hat ihre Hieroglyphen entziffert. Sie sind nach und nach entstanden, aber das allerletzte von den Gebäuden muß doch schon 2500 Jahre v. Ehr. Geb. errichtet worden sein. Wir finden also hier menschliche Werke aus der allerfrühesten Periode der Kunst, un mittelbar bei Beginn unserer jetzigen nachsündflnthlichcn Welt, und es wird einleuchten, daß der Mensch, um alles das machen z" können, eine sehr große Menge von Kenntnissen, Wissenschaften und Fertigkeiten von jener vvrsündfluthlichen Weltperiode über kommen haben mußte. Diese Bauwerke sind gewiß nicht vor der199 Sündfluth errichtet worden; aber die Struktur derselben, die Knust der Baumeister und der Bildhauer, ist eine Urkunst, d. h. eine solche, wie fle in ähnlicher Weise von den vor der Sünd- flnth lebenden Menschen die nach derselben die Welt wieder bevölkernden vererbt worden ist. Denn es ist unmöglich, daß die Menschen neben ihrem Hauptberufe, die öde Erde zu kultivircn und ihr die zur Ernährung nöthigen Pflanzengaben abznringen, in so frühen Zeiten auch schon Erfindungen in der Kunst machen konn ten, besonders deswegen nicht, weil eben die noachitische Fluth erst 2500 bis 3000 v. Ehr. stattfand. Die Aehnlichkeit dieser uralten Gebäude mit denen in dem Stammlande Meroö, die auffallend charakteristische Gefichtsbildung der darauf abgebildeten Menschen, die in ihren Hauptzügen sich vollkommen gleichen, gibt aber dem denkenden Geiste noch ganz andere Richtungen zum Nachsinnen. Die Menschen bildeten stets der Natur nach; besonders in ihrer Darstellung menschlicher Züge folgten die alten Völker ziemlich genau dem, was ihren Stamm beson ders anszeichnete. Wir haben deshalb hier Züge von Menschen eines besvndcrn Stammes, der sich im Ban des Schädels, in der Form der Gesichtslinie, sehr wesentlich vom semitischen Stamme unterscheidet: ist der hamitische Stamm Aber etwas sehr merk würdiges geht noch aus den Gemälden der Egypter hervor. Wir finden auf denselben, daß daselbst die Menschen weiß sind, wie wir Europäer, weißer und schöner von Hautfarbe, je weni ger sie durch ihre Beschäftigungen gezwungen wurden, sich dem Sonnenbrände auszusetzen, gebräunter, je mehr sie in den Strahlen der Sonne arbeiten mußten. Dieses, im Zusammenhalte mit der Aehnlichkeit der Gestchtslinien und der übrigen Körperbildung, be weiset aber, daß die Afrikaner Bruderstämme der Asiaten und Europäer sind, beweiset, daß die Schwärze ihrer Haut nur allein eine Folge der durch Jahrtausende fortgesetzten Einwirkung einer brennenden Hitze auf die menschliche Constitution, daß sie aber keineswegs etwas ihr besonders Anerschaffenes ist. Wollten wir aber auch alles das bekritteln und daran herum demonstriren, so würden wir in den Tempeln von Philae noch etwas ganz anderes finden. Durch die Geschichte der ganzen Welt und all ihrer Völker zieht sich das Bewußtsein der Abhängigkeit alles Irdischen von einem höheren erschaffenden, erhaltenden und regierenden Wesen200 gleichmäßig hindurch. Dieses Gottesbedürfniß des armen Men schen spricht sich selbst im krassesten Heidenthume lebhaft aus und es erweckt eben darum ein um so herzlicheres Mitleid, je mehr der reine Gedanke des Menschen an Gott von Jrrthümcrn und dem wilden Wust barbarischer Abgötterei umdüstert ist. Die Of- fenbarung Gottes konnte also nicht verloren gehen; sie ist auch nie und nirgends völlig verloren gegangen. Wir finden nun an den Wänden des Osiristempcls in Philae Cherubim abgebildet, sehen etwas, daö der in der heil. Schrift beschriebenen Bundeslade gleichkommt, sehen den Tisch mit den heiligen Schaubroden und den sieben Lichtern, Opferaltäre und opfernde Priester. Das würde uns nun zunächst an die mosaische Religion erinnern und leicht könnten wir in den sehr verkehrten Jrrthum gerathen, anzunehmen, daß Moses, der, ein geborner Egyptcr, obwohl ein Jude war, also sehr genau mit dem Götzen dienste der Egypter bekannt sein mußte, der egyptischen Religion viele Formen entnommen habe, um seinen Cultus nach dem der Egypter zu gestalten. Allein wir wissen, daß Opfer und die Erkenntniß des allein wahren Gottes schon vor der Sündfluth vorhan den waren; wir wissen, daß Noah sie durch seine Söhne in unsere Welt herüber verbreitete, wir haben den reinen Cultus des Abraham in der heil. Schrift, und die Offenbarung, welche er im Haine zu Mamre empfing: Ich bin der allmächtige Gott, wandle vor mir und sei fromm! ist das Grundprinzip aller Gesetze und Offenbarungen. Moses, ein Levit und Nachkomme des Abra ham, bedurfte also der Egypter nicht; Moses wäre vielleicht ihr Lehrer und Reformator geworden, wenn es Gott nicht anders gewollt hatte. Statt also anzunehmen, daß er ihr Schüler ge wesen, müssen wir vielmehr in diesen Formen der Egypter, in ihren Tempelbildwerken den Beweis erkennen, daß sich das An denken an den wahren Gott auch unter ihnen lebhaft erhalten, daß aber der Trug ihrer Priester diese Erkenntniß Gottes später mit dem verkehrtesten Aberglauben umdüstert und dem armen gottesbedürstigen Volke statt des besseren die elendeste, abscheu lichste Abgötterei, ja sogar den Thierdienst, geboten habe. . Nur noch wenige Worte über die Hieroglyphen selber. Eine kleine Probe dieser höchst merkwürdigen Schriftzeichen folgt hier nach, lieber Leser. t f sä t Jf n201 Man wußte lange- nicht, was man aus der Ungeheuern Maffe dieser schriftartigen Bildwerke, mit denen alle egyptischen Denkmale überzogen sind, machen sollte; sie waren ein sprichwörtliches Ge- heiinuiß. Man fand nun zur Zeit der französischen Expediiion unter Napeleon nach Egypten zu Rosette einen Stein, der später von den Engländern in Besitz genommen und in das britische Museum nach London gebracht wurde. Auf diesem Steine ist eine hieroglyphische, eine enchorische ud eine griechische Inschrift. Die letztere Inschrift wurde ganz leicht entziffert und man fand, daß sie sagte: dem König Ptvlomäns Epiphanes seien im nennten Jahre seiner Regierung von der egyptischen Priesterschaft gewisse Ehrenbezeugungen bewilligt worden und diese Bewilligungen habe man mit heiliger, cnch vrisch er griechischer Schrift auf diesen Stein geschrieben. Hier hatte man also einen Anhaltspunkt. Man verglich das Griechische mit der enchorischen Schrift entdeckte bald, daß diese denselben Sinn hatte. Insbesondere wurde die Ent zifferung der Inschrift dadurch erleichtert, daß dieselbe eine Menge Eigennamen enthielt, welche nun durchaus nicht durch Bilder, sondern allein durch Charaktere, wie Buchstaben, ausgedrückt wer den können und so entdeckte man denn, daß auch die Hieroglyphen Schriftzeichen seien. Stelle dir das aber so vor, lieber Leser. Denke dir, der alte Egypter hätte den Namen Leopold schreiben wollen. Er hatte nun für den ersten Laut L keinen Buchstaben; da nahm er etwa ein Thier, dessen Namensbezeichnnng mit einem L ansing, einen Löwen, und setzte die Figur dieses Thieres statt des Buchstabens L; für O setzte er die Figur des Osiris, für E die eines Esels, für P die eines Panthers; so entstand eine Reihe von Figuren und aus diesen wurden die Wörter gebildet. Es versteht sich nun von selbst, daß eine solche Bilderschrift eben so mühsam zu schreiben, als zu lesen war und man erkannte auch bald, daß dw Zeichen der Hieroglyphen nicht alle Lautzeichen, sondern vielmehr Begriffszeichen wären, ja daß der Sinn ganzer Sätze durch ein einziges Zeichen ausgedrückt werden könne. Es ist weder unsere Aufgabe, noch der Ort, hier Näheres über den mühsamen Weg anzugeben, auf dem man nach und nach zur Entzifferung der Hieroglyphenschrift gelangt ist und immer weiter gelangt. Aber aus Gerechtigkeit wollen wir erwähnen, daß der Franzose Cham- pollion die ersten und mühsamsten Untersuchungen über dieselben202 anstellte, welche sodann von Engländern weiter verfolgt und aus gedehnt worden sind. Die Hieroglyphen sind also enträthselt; aber leider hat die Menschheit nur wenig durch sie gewonnen, in dem sie meist mystisch-religiöse Sätze, den egyptischen Götzen dienst betreffend, enthalten, sodann aber lange Reihen von prie- sterlichen oder Königs-Namen, an denen für die Culturgeschichte der Menschheit wenig gewonnen wird. Theben, die hundertthorige Stadt. Die Diospolis magna, die große Götterstadt,, das alt- egyptische Theben, lass an beiden Ufern des Nils. Sie liegt seit dem Jahre 200 v. Ehr. Geburt schon in Trümmern; durch ihre Riesenruinen zieht schon seit 2000 Jahren der Mensch mit Stau nen und den erhabenen Schauern, welche die Reste menschlicher Größe und einer geheimnißvollen Weisheit im Herzen jedes, auch des rohesten fühlenden Wesens, erwecken. Wir wollen uns so kurz als möglich über diese riesenmäßigen Menschenwerkreste verbreiten und beginnen zuerst mit jenem Thcile derselben, der auf der linken Seite des hier wenigstens eine Stunde breiten Stronws liegt. Wir gelangen zuerst an ein riesiges Gemäuer von Ziegel steinen, nämlich an die Trümmer einer großen Rennbahn oder, wie man das in der alten Zeit nannte, eines Hippodroms. Die selbe war 3000 Fuß breit und 75000 Fuß lang; sie war also ge rade siebenmal so groß, als das ungeheure Marsfeld in Paris, dem eine Armee von 50000 Mann gut exerzieren kann. Dieses ungeheure Feld errichtete man für Pferderennen und Volks oder kriegerische Spiele. Macht euch einen Begriff von seiner Größe, liebe Leser, indem Ihr erwägt, daß eine deutsche Meile 24000 Fuß lang ist. Dieser Hyppodrom war also drei deutsche Meilen und vielleicht darüber lang und V 4 Meile breit; er enthielt also dreimal den vierten Theil einer deutschen Qmadratmeile oder 6 250,000 □ Klafter Flächeninhalt. Am andern Ufer des Nils liegt ein zweiter Hvppodrom von 5230 Länge und 3234 Breite, immer noch ein größerer Raum als das Marsfeld in Paris. Die Stadtmauer von Theben war 60 Fuß dick und hatte 100 Thore. Am linken User, bei dem jetzigen arabischen Dorfe Medineth-Abu, liegen die Ruinen des Palastes des Königs203 Sesostris und einiger Tempel und anderer Gebäude Der Palast des Scsostris schließt drei Höfe ein, deren zwei mit Säulengängen umgeben sind. Das erste Thor hatte zwei Pylonen, von denen jeder 192 Fuß lang, 27 Fuß dick und 66 Fuß hoch ist und meh rere Zimmer einschlicßt. Seine breite und hohe Pforte führt in einen großen von zwei Seitengallerien und dem ersten und zweiten Pylon umschlossenen Hof. Die nördliche Gallerie hat vorn sieben 6 Fuß dicke viereckige Pfeiler, vor denen 23 Fuß hohe Statuen des Osiris stehen und ist oben bedeckt. Die südliche Gallerie ist von 8 runden Säulen gebildet und ebenfalls bedeckt. Die Thür im zweiten Pylon führt in den zweiten Hof, der an drei Seiten mit Gallerten umgeben ist. Die östliche Seite hat 8 Säulen und vor jeder einen viereckigen Pfeiler mit einer davor stehenden Osirisstatue. Hinter dieser Gallerie liegt die Mauer, welche den dritten Hof vom zweiten trennt und mit einer Thür versehen ist. Leider ist dieser dritte Hof völlig zerstört. Die Säulen, Wände und Decken des ganzen Gebäudes sind durchaus mit Hieroglyphen bedeckt. Sie zeigen die rnhmwürdigen Unternehmungen des Se- sostris zu Wasser und zu Lande. Der König ist stets in kolossaler Größe und sehr oft in den Reliefs dargestellt. Auf seinem Kriegs wagen sitzend, fährt er bald langsam fort, bald hält er still, bald richten seine Pfeile unter den Feinden große Verwüstungen an. Noch merkwürdiger sind die Abbildungen der Seegefechte; in ihnen erkennt man die Feinde der Egypter an Kleidung, Waffen, Schiffen, ja sogar in der Bildung der Gesichtszüge der Indier. Die Völker in den Landschlachten sind eben so kenntlich; es sind Perser; auch Inden erkennt man darunter; Sesostris hatte Palästina auch un terjocht. Ans den Reliefs des Peristyls ist die Rückkehr oder der Trinmphzug des Sesostris nach seinen Thaten dargestellt. Das Gebäude scheint 1700 Jahre v. Chr. erbaut worden zu sein. Der Palast des Memnon zu Theben ist eben so kolossal, ja noch viel ungeheuerer gewesen. Es war eine der wundervoll sten Schöpfungen der alten Welt. Leider sind von dem Gebäude keine Spuren mehr anzutreffen; was menschliche Zerstörungswuth nicht vermochte, hat der Nil gethan, er unterwusch die Funda mente und verschlang die Trümmer. Aber die kolossalen Bild säulen zwischen dem Palast des Sesostris und dem Grabmale des Osymandias sind noch vorhanden. Sie werden von den Arabern Thama und Chama genannt. Die nördliche Figur war die Bild-204 faule des Memnon, die mit dem Fundamente, worauf sie sitzend abgcbildet ist, 04 Fuß hohe Statue eines Mannes, welche fast 15000 Ccntner wiegen mochte. Bei aufgehender Sonne gab sie einen eigenthümlichen Klang von sich und begrüßte auf solche Weise den jungen Tag. Das Wunderbare dieses Tönens ver schaffte dieser riesenmgßigen Figur,schon im Alterthume hohe Berühmt heit. Die Figur ist deshalb mit griechischen und lateinischen In schriften ganz bedeckt, welche alle sagen, daß die Verfaffer die Stimme des Memnon gehört. -Audio Memnon!“ Ich höre den Memnon! heißt es unten; oder: Ich hörte den Memnon, sitzend in Theben, Diospolis gegenüber." Schon im Alterthume gab es aber Zweifler genug, ob nicht Pricstertrug dieses Tönen des steinernen Monumentes bewirke. Es wird aber so beschrieben: Anfangs war der Ton nur schwach; aber, rasch zunehmend, verstärkte er sich zum Schmettern der Po saune und wiederhallte stark in den ungeheueren Gebäuden in nah und ferne. Der Wüthrich Kambyses, der Sohn des Cyrus, wel cher Egypten unterjochte, ließ die Bildsäule des Memnon zerstö ren, um zu sehen, ob nicht irgendwo im Innern derselben ein Ort wäre, wo die Priester dieses Tönen ungesehen bewirkten. Aber dieser Vandalismus führte nicht zu der gewünschten Ent deckung. Die südlich stehende Figur scheint aus einem einzigen Steine gehauen zu sein. Das Gesicht, die Arme und die Vorderseite derselben haben durch absichtliche Zerstörung so gelitten, daß kein Zug des Antlitzes mehr zu erkenne ist. Der Hauptschmuck ist vortrefflich gearbeitet, sowie auch die Schultern und der Rücken, welche noch ganz unbeschädigt sind. Die dicken Haare ragen hin ter den Ohren hervor. Die Seiten des Thrones, auf dem die Figur sitzt, sind durch zwei bärtige Figuren, welche Lotospflanzen zusammen binden, verziert. Die Hände ruhen auf den Knien. Das waren aber durchaus nicht die einzigen colossalen Fi guren; es liegen in der Nähe der Memnoussäule so viele Trüm mer von Kolossen, daß mau damit die Plätze aller großen Städte in Europa verzieren könnte. Im Grabmal des Osymandias allein standen 16 kolossale Osirisstatuen jede 29 Fuß 2- r Zoll hoch und die Statue des Ojymandias aus rosenrothem Granit war 53 Fuß hoch, ganz spiegelglatt polirt und aus einem Ungeheuern Block gearbeitet. Ihr Inhalt betrug 11965 Kubikfuß und ihr Gewicht205 Wird auf 2MOOOO Pfund angeschlagen. Sie war 2000 Jahre gestanden, bis sie der rohe Wüthrich Cambyses Umstürzen ließ. Weithin ist die öde mit Akazienwäldern bedeckte Ebene mit Trümmern und kolossalen Ruinen besäet, eine Arbeit von Jahr hunderten, gefertigt von hnnderttansenden fleißiger und geschickter, von religiöser Begeisterung getriebener Arbeiter. Nur noch eine Ruine wollen wir beschreiben, den Tempel von Karnak. Er hatte 12 Eingänge, jeder mit verschiedenen Vorhallen und kolossalen Pylonen versehen. Eine der Vorhallen ist ganz von Granit und mit den schönsten Hieroglyphen verziert. An jeder Seite sind kollosale Statuen von Basalt oder Granit gewesen, 20 bis 30 Fuß hoch, einige in sitzender Stellung, andere stehend. Der Tempel selbst besteht einer sehr großen Halle; 134 Pfeiler tragen das Dach; einige von diesen riesenmäßigen Säulen haben 20, andere 34 Fuß im Umfange. Im geräumigen Hofe vor dem Tempel stehen Colonnaden von je 30 Säulen und quer durch die Mitte laufen Sänlengänge mit 50 Fuß hohen Säulen, 1200 Fuß beträgt die Länge dieses riesenhaften Gebäudes und 420 Fuß in der Breite. Die Decke besteht aus ungeheueren Stein platten, welche mit Stncko innen überzogen, blau bemalt und mit goldenen Sternen besäet sind. Von diesem Tempel zog sich bis zu dem eine Stunde davon entfernten ebenfalls kolossalen Tempel von Luxor eine 140 Fuß breite, schnurgerade, herrliche, mit lauter Granitplatten belegte Straße, aber die Straße war eigentlich eine Allee. Von Bäumen, meinst du, lieber Leser? O nein! 16 Fuß lange, 9 Schuh hohe, auf 8 Fuß hohen Postamenten ruhende Sphinxe waren zu beiden Seiten dieser herrlichen Strasse errichtet; diese Riesenstatnen kehrten einander die Gesichter zu und standen nur 40 Fuß von einander ab, so daß sie zu Hunderten längs des ganzen Weges sich aufreiheten. Noch stehen viele unvcrstümmelt und ihre Wundergestalten ragen aus dem frischen Grün der Sykomoren hervor. Betrachtet man diese Ruinen, so erlischt der Gedanke, sie beschreiben zu wollen", sagt Denon, ein kühler aber sorgfältiger Beobachter; der Leser muß sich denken, er sehe einen Traum, da ja auch der, welcher diese Gegenstände wirklich vor Augen hat, oftmals zweifelhaft wird, ob er wache." Auch den Tobten wollen wir zum Schlüsse noch einen Besuch machen in ihrer Nekropolis oder Todtenstadt. Die Berge an der206 Westseite Thebens sind ganz ausgehöhlt, um Gräber für die Ein wohner abzugeben. Wir haben aber schon die Einrichtung und Verzierung dieser Grüfte kennen gelernt; es kann also nur noch von Interesse sein, eine sehr merkwürdige Malerei aus einem der Grabmäler in Eleithias, einer etwas südlich von Theben liegen den Stadt, die aber noch znm alten Theben gehörte, zu beschrei ben, weil daselbst viele Geschäfte und Gewohnheiten aus dem Privatleben der Egyptcr höchst trefflich dargestellt sind. Die Gemälde wurden auf nassen Kalk anfgetragen; diese Art der Malerei, al fresco genannt, welche auch heut zu Tage wieder sehr häufig angewcndet wird, ist also eine Erfindung der Egyptcr. In der größten Grotte find drei Figuren in Lebensgröße dargcstellt, ein reicher Bauer oder Landmann mit zwei Frauen. An der Wand erblickt man die Darstellung eines Festes; Herr und Frau sitzen zusammen schön geputzt auf einem Stuhle; zu ihren Füßen schmaust ein Leibaffe Trauben einem Korbe. Ein Diener, dessen Kleidung znm Theil aus einer Leopardenhaut be steht, scheint Gäste einznführen, die Männer und Weiber abge sondert in Reihen sitzend, Lotosblumen in den Händen haltend. Einigen bieten die Bedienten Schalen und Schüsseln dar, nach einem auch jetzt in manchen Gegenden des Orients üblichen Ge brauche. Hinter den Gästen stehen Tische mit verschiedenen Arten von Speisen besetzt, während das Fest durch die Gegenwart von Musikern und Tänzern belebt wird. Eine Frau spielt Harfe, eine andere die Doppclflöte. Dann sicht man den Herrn dargestellt, wie er zu seinen Arbeitern, von seinen Dienern begleitet, hinaus geht, die unter andern Gegenständen einen Stuhl, einen Wasser- krug und eine Matte tragen. Dann hat der Künstler die ver schiedenen ländlichen Arbeiten dargestellt, wie man hackt, Pflügt, säet, walzt; wie man das Korn schneidet, einerntet, das Getreide worfelt, den Boden schafft und zuletzt wie man Brvd bäckt. Auf dem Wirthschaftshofe, der auch dargestellt ist, sieht man Ochsen, Kühe, Schafe, Ziegen, Esel, Maulesel und andere Thiere. Wiederum ist vorgestellt die Weinlese und Wcinbcrei- tung; nachher wie man Fische fängt und ein salzt, auch der Fang der Wasscrvögel. Zuletzt werden dem Herrn und seinen Freunden Früchte angeboten und das Ganze schließt mit einem Dankopfer für die Götter. In einer andern Darstellung macht eine Flachsernte dieScene aus, das ganze Verfahren, wie man den Flachs mit der Wurzel ausraust, in kleinen Bündeln fortträgt und riffelt, ist ausnehmend sinnreich ansgeführt. Die Hautfarbe der Männer ist immer roth, die der Weiber gelb, doch haben sie die Neger- Physiognomie nicht. Die Arbeiter tragen Mützen, kurze Bein kleider und haben sehr wenig Haare auf den Köpfen; dagegen fallen die Locken der anderen, welche die Aufsicht zu führen schei nen, an den Seiten herab, wie bei den Nubiern und Berbern oberhalb der Wasserfälle des Nils. Hierauf kommt eine Abbildung, wie man Schiffe baut und .wie man segelt, mit aller Maschinerie, welche zu ihrer einfachen Schifffahrt gehörte. Auch die Belustigungen des Vogelstellers sind nicht vergessen, welche in der Anwendung des Netzes und einer Menge von Schlingen bestanden zu haben scheint; auch der Bogen und Pfeil wurde angewendet. Nach einer großen Anzahl Zeitvertreiben, die wir nicht einzeln aufführen können, schließt die Scene mit einem Leichenbegängniß, wobei alles Gepränge und alle Pracht des egyptischen Ceremvniels Vorkommen, nebst den ver schiedenen Sinnbildern, welche damals die Pflichten dieses und die Hoffnungen jenes künftigen Lebens andenteten. Die Gemälde waren von ausnehmender Frische und Vollendung, indem sie ihren Glanz oder eine Art Firniß auf den Farben behalten hatten, was eine sehr schöne Wirkung machte, da der Grund gewöhnlich weiß, zuweilen auch matt ziegelrot!) war. Der Stnkko besteht Gyps". So weit Bclzvni. Wie viel Stoff zum Nachdenken gewäh ren diese Darstellungen! Gib dir nur auf folgende Fragen Ant wort, lieber Leser: Steht ein Volk, das solchen Ackerbau, solche Gewerbe, solche Künste betreibt, ein Volk, das solche Begriffe von den Pflichten des Menschen in diesem und von seinen Hoffnungen in jenem Leben hat, steht ein solches Volk wirklich auf einem Standpunkte, daß wir es ein knltivirtes, gesittetes und weises Volk nennen dürfen?" Und wenn du darauf, wie ich nicht zweifle, mit Ja ant wortest, so bedenke, daß du ihm, diesem Volke, in gewissem Sinne zum Danke verpflichtet bist. Ja, die Egypter verdienen den Dank der Völker der Erde, denn sie sind ihre Lehrmeister gewesen.208 Die Pyramiden und Obelisken der Egypter. Gern haben wir es aufgespart, von dem, waö Egypten so recht eigentlich zum Lande der Wunder gemacht hat, bis jetzt zu sprechen, vom Riesenmäßigsten, was Menschen errichteten, von künstlichen Bergen der Egypter, den Pyramiden. Jede Be schreibung würde jedoch den Zweck, den wir unseren lieben Lesern gegenüber verfolgen, nicht in dem Maße erfüllen, als folgen der Auszug aus den Briefen eines Freundes thun wird, welcher Egypten erst im Januar 1857 besuchte und der es uns gestattete, sie für unsere Leser zu benützen und zu veröffentlichen. Wir hatten Triest am 10ten Dezember verlassen, am 21 ten Joppe erreicht und waren von da mit der türkischen Post unter strömendem Regen zu Jerusalem eingetroffen, wo wir in dem be stellten Quartier alles zu unserer Aufnahme in Bereitschaft fanden. (Hier folgt eine Beschreibung Jerusalems und der heiligen Orte, die wir unten am gehörigen Orte Nachträgen werden). Nach einem lltägigen Aufenthalte im gelobten Lande, wo wir es viel kälter und regnerischer fanden, als wir erwartet hat ten, reisten wir wieder nach Joppe ab, um den östreichischen Dampfer zu erwarten, der uns nach Alexandrien bringen sollte. Als wir die mit Reis, Baumwolle und Sykomoren bewachsenen Anhöhen vor dem Meere erreichten, traf uns ein schwerer mit Regen vermischter Wind und wir sahen die See in starker Bewe gung. Mit besorgtem Herzen zogen wir in Joppe ein und ein Blick nach dem Strande zeigte uns die fürchterlichsten brandenden Wogen, die das Ufer weithin mit zischendem Schaume bedeckten- Das war kein gutes Omen für eine Seefahrt und es war unter so mißlichen Verhältnissen überhaupt nicht daran zu denken, daß wir uns einschiffen könnten. Der Dampfer kam auch gar nicht in Sicht; er mußte bei so schwerem Sturm irgendwo einlaufen, oder Alexandrien zu erreichen suchen. Wären wir lieber zu Jerusalem geblieben! In diesem elen den, von schmutzigen, habgierigen, betrügerischen Türken bewohn ten Küstenorte Joppe gibt schlechtes Quartier, schlechtes Essen und schlechtes Wasser nur um schweres gutes Geld und für jede Miene der Ungeduld und jedes Wort des Unmuthes rechnet der Taver- nier einen Piaster mehr. Nach Tisch wurde der Himmel hell, obschon der Wind nochschärfer heulte und die elende Baracke, durch die er an allen Orten pfiff und die er oft zum Wanken brachte sie hatte das famose Aushängschild Kaffee du moude" Kaffeehaus der Welt", weil sich in ihr ein Billard ohne Ueberzug mit Bällen von Buchs baumholz befand mitzunehmen drohte. Wir verließen daher das Haus und gingen den Strand abwärts, um uns einmal so recht die wüthende See vom sichern Lande aus zu betrachten. Wild ho ben sich Wasserwände hinter Wasserwänden, immer eine nach der andern, immer eine schwärzer, rasender, schauerlicher und übcrhäugcn- der, als die andere, immer eine mit grimmigerem Schaumbart auf dem graußigeu überstürzenden Kamm, als die andere. Sie rauschten daher mit Dönncrgetöse, sie stürzten meist in sich zusammen mit rauschendem Gebrüll, welches das hohle Heulen der Windsbraut über tönte ; ihre Wasser konnten aber nicht zurück; sie tobten gräßlich zwischen den aufgähnenden Felsmassen und spielten mit Klötzen von vielen Centnern Gewicht, als ob diese Strohhalme wären; schienen das Ufer zerreißen zu wollen. Aber das Spiel dauerte stets nur einige Momente, bis der Fuß einer neuen oft vierzehn bis zwanzig Schuh hohen Wasserwand, alles, Wasscrwirbel und Ge stein, verschlang und furchtbar andringend bis herauf zu uns zu rollen drohte, dann aber auf den Strand überstürzend mit so furchtbarer Gewalt niederbraußte, daß der Grund im eigentlichen Sinne des Wortes erzitterte. Von der Kraft solcher Brandungen und von dem entsetzlichen Donner hat Keiner einen Begriff, der sich nicht selbst in ihre Nähe wagte und das Durchnässen nicht scheute. Was wiegt ein einziger Eimer Wasser? Denken Sie sich in einer solchen wohl Stunden langen Brandung wohl Mil lionen Eimer schweren Secwasscrs mit wüthendem Andrang 20 bis 30 Fuß hoch, 100 Fuß breit, Ufer geschleudert und da zwischen schauerlich zerklüfteten Fclsmasfen in Atome zerschmettert, dann haben Sic eine schwache Idee von einem solchen Schauspiel. Sie müsse aber annehmen, daß Sie zwischen dem Andrang einer Brandung und ihrem Abprallen und der nächsten Woge nur 4 bis 5 zählen können, so ist die andere schon wieder da und so geht es fort Tage, ja Wochen lang. Das Donnern der Wasser massen hört man 4 5 Stunden landeinwärts. Es kamen Mir dabei die Worte des Pfalmisten in s Gedächtniß: Die Stimme des Herrn gehet auf den Wassern; der Gott der Ehren donnert, der Herr des großen Ozeans!"Der nächste Dampfer kam erst Freitags, weshalb wir noch drei Tage an diesem unpoetischen Orte zubrachten. Doch ent schädigte uns die gütige Natur auf das Lieblichste für unsere ge täuschten Hoffnungen; schon am folgenden Tage blies ein frischer angenehmer Nordwest vom griechischen Meer herüber und die lieb liche Sonne entlockte dem Boden eine große Zahl der schönfar bigsten Blumen. Da dufteten den smaragdenen Matten gelbe, rothe und weiße Hyacinthen, dann der zarte wohlriechende Jo- sephsstcft; an anderen Orten entfalteten Hunderte von weißen Lilien ihre balsamischen reinen Kelche; die Bäume standen in voller Blüthe, der Oelbaum sproßte blaugrün und die Orangen durchwehten die Luft mit dem süßen Aroma ihrer weißen Blüthen." Der Dampfer wollte auch Freitags nicht erscheinen; wir mußten geduldig bis nach Mittag warten. Endlich verkündete eine ferne Rauchwolke der See seine Ankunft und am Ufer flog am Flaggenstock das Zeichen empor, daß Reisende an Bord gehen würden. Nach einer guten Viertelstunde hörten und sahen wir das schöne große Schiff Lombardia heranwogen; es legte bei und von allen Seiten strömte eine buntgcmischte Gesellschaft heran, um in kleinen Küstenfahrzeugen zum Dampfer, der über eine halbe Stunde vom Ufer weg beigelegt hatte, zu rudern: Neger, Araber, Egyptcr, Juden und Judengenossen, alles stürzte sich eilends in die Boote, so daß wir kaum noch Platz darin fanden. Woher war diese zahlreiche Gesellschaft von Passagieren gekommen, von deren An wesenheit wir keine Ahnung hatten?" Als wir an Bord kamen, fanden wir auch das Schiff schon stark besetzt. Doch da wir als Kajütenpassagiere reisten, so entrannen wir glücklich der babylonischen Verwirrung und dem Gekeife, das auf dem menschenwimmelnden Verdecke stattfand." In der Kajüte fanden wir seine Gesellschaft, Engländer, die nach Ostindien gingen und auch einen vornehmen Raja, der mit Sclaven und seiner Tochter nach Cairo fuhr. Es herrschte hier eine wohlthätige Stille, nur allein unterbrochen von den dumpfen Stößen des Cylinders, in dem die Dämpfe arbeiteten und dem Rauschen der Wogen unter den Schlägen der Radspei chen. Niemand kümmerte sich um den andern, somit konnte sich Jeder nach Gefallen bequem machen." Das Reisen einem so großen Seedampfcr ist sehr an genehm. Die Kajüten sind nicht allein sehr comfortabcl und211 luftig eingerichtet, sondern sogar äußerst luxuriös. Alles schim mert von Spiegeln, Goldbronce, polirtcm Holze, Sammt und Seide. Der Steward ist stets zur Hand und jeder Wunsch wird sofort befriedigt, freilich aber nur um schweres Geld." In den prachtvollen Matrazzen hielt ich eine Nachtruhe, welche wahrhaft königlich war, denn in Palästina hatten mich gewisse verwünscht lästige Thierchen nie schlafen lassen. Sie ken nen sie schon; beide haben braune Nöcklein an; die Einen da von sind treffliche Springer, die andern riechen nicht nach cölni- schcm Wasser. Wir hofften, die Küste von Alexandrien schon am folgenden Tage in Sicht zu haben; die Neugierde trieb uns also schon früh auf das Verdeck; aber der Sonnenbrand, der Rauch der Ma schine, der sich wie Blei die Decke schlug und dessen Sinken abermaliges schlechtes Wetter audeutete, das Schimpfen und Mur ren der oben zahlreich zusammen gedrängten Menge und das Fluchen der dalmatischen Bootsleute, denen alles im Wege war, trieb uns bald wieder hinab. Ans langer Weile zog ich endlich meine Zither aus dem Kasten, stimmte sie und Freund K . . . ergriff alsbald seine Violine, steckte die Sortine auf und wir begannen leise, einige der schönen steyrischen Volkslieder zu spielen, die Ihnen immer so wohl gefallen haben. Da sah man so recht, daß die Musik der beste Empfehlungsbrief von der Welt und daß sie die Sprache ist, welche alle menschlichen Herzen verstehen: in einem Augenblicke waren alle Reisenden um uns versammelt und wir sahen lauter freundliche Gesichter; selbst der Raja und seine Tochter, ein munteres schwarzäugiges Wesen von zwölf Jah ren, näherten sich uns mit Wohlgefallen. Plötzlich unterbrach ein wüster Lärm oben die Stille, welche in den Kajüten bei unserer Musik geherrscht hatte und ein Diener trat mit der Nachricht ein, daß die Küste in Sicht wäre und wir uns auf die Ankunft des egyptischen Zollbeamten und der Qua- rantaiue gefaßt machen möchten. Der Quarantaine!" In dem Lande, wo die Pest ausgc- brütct wird, Quarantaine! Aber das heutige Egypten ist ein ganz anderes, als daö vor 30 40 Jahren. Der schaffende Geist des Mehemed-Ali wirkt auch nach seinem Tode noch fort und die Cultnr, welche hier einmal Wurzel faßte, scheint die cgyptische Fruchtbarkeit zu fühlen: sie wächst riesenmäßig. 1,4*212 Wohin reisen Sie?" fragte ein hübscher Mann, ein Eng länder, der das Französische, wie alle seine Landsleute, furchtbar radebrechte. Wir gehen nach Cairo, Mister", antwortete ich englisch. Dort erwarte ich Ihren Besuch, mein Herr!" entgegnete er verbindlich, zog ein prachtvolles Taschenbriefetui heraus und reichte mir seine Karte. Ich hatte die Ehre, den Generalkonsul von Egypten, Mylord S . . ., vor mir zu sehen und machte ihm mein Compliment. Versprechen Sie, mit Ihrem Freunde zu kommen?" fragte er nochmals dringend. Ich sagte ihm meinen Dank für die er haltene gütige Einladung und gab das geforderte Versprechen. Er schied mit herzlichem Händedruck. Droben gab es Lärm über Lärm. Gehen sie nicht hinauf, bis das Verdeck leer ist" sagte unser wackerer Steward. Da Niemand in den Kajüten Anstalt traf, dieselben zu verlassen, so blieben wir auch; es wurde gedeckt und statt uns in das Gewühl zu stürzen, speisten wir noch einmal trefflich und hatten die an genehmste Unterhaltung. Drei Männer in Uniform, den rothen egyptischcn Feß auf dem Haupte, traten ein und sahen nach höflichem Gruße die Verzeich nisse des Reisegepäcks der Kajütenpassagiere durch, der Arzt sprach mit jedem Passagier einige Worte und einer der Offiziere, der sowohl französisch als auch englisch sehr geläufig sprach, besich tigte die Pässe, visirte sie und nach einem kaum viertelstündigen Aufenthalt verließen sie uns. Der Zug geht um halb vier Uhr nach Cairo ab!" rief der Steward. Ich übergehe die Prozedur unserer Ausschiffung. Am Ufer warteten prächtige Wägen, in denen durch unsere Seeleute unser Gepäck untergebracht wurde, während wir blos unsere Karten in Empfang nehmen und dem Schiffssekretär seine Auslagen vergü ten durften. So trefflich ist für die Bequemlichkeit der Reisenden gesorgt, daß der Capitän für ihre Unterkunft auf der Bahn und ihr Gepäck haftet, bis sie im Waggon Platz genommen haben. Alexandrien liegt ganz flach auf einer niedrigen Küste. Minarets steigen in die Lüfte, Palmenhaine rauschen; aber unser Wagen fährt uns zu rasch durch die staubigen Strassen zum Bahn hofe, wo wir unsere Plätze von dem uns mitgegebenen Com-213 missär angewiesen erhielten. Nach wenigen Minuten setzte sich der Zug in Bewegung." Eine Eisenbahn im Lande der Pharaonen! Welch eine Reihe von Gedanken und Rückblicken knüpft sich an dieses Wort!" Wir flogen an reichen unabsehbaren Feldern von Weizen, Gerste, Reis, Baumwolle und dergleichen Feldfrüchten vorüber; wir übersprangen im Fluge Flußarme und Canäle, in denen das schmutzige Wasser deö Nils rollte; wir sahen Dörfer, Städte, Rui nen, Strassen mit Kameclen, die scheuten vor dem Lärm des Zuges; wir erblickten endlich links die majestätische Fläche des Stromes, dessen Quellen ein Schleier deckt und immer näher führte uns daö heulende und keuchende Dampfroß dem Ziele ent gegen, das wir zu erreichen wünschten, der großen Hauptstadt von Neuegypten, Cairo! Ehe wir dort anlangten, wurden wir aufmerksam gemacht, südwestwärts zu sehen: dort in jener im röthlichcn Abendschimmer glänzenden Ferne hob es sich zackig in den strahlenden Himmel ein Wonneschauer erfaßte unsere Herzen wir sahen die Pyramiden von Schizeh. (Djizeh.) Aber auch nur einen Mvmemt, dann ging es dem Bahnhöfe zu, woselbst ungeheuere daselbst versammelte Menschenmassen die Nähe einer großen morgenländischen Stadt anzeigten. Palmen in hochummauerten Höfen, die mit Häusern von verfallenem, gelb lichem Aussehen wechselten, Getümmel in engen staubigen Strassen, braune, weiße, schwarze Menschen von erhitztem Aenßern, Reiter, Fußgänger und Kameeltreiber, Soldaten und Civilisten, alles durcheinander, alles sehr merkwürdig und äußerst fremdartig und wir rauschten im Fluge daran vorüber, bis der Zug stillhielt. Da es uns vor allem darum zu thun war, eine gute Unter kunft in dieser afrikanischen Stadt zu finden, so gingen wir, die zudringlichen Bettler, welche sich nicht allein unseres Gepäcks, sondern auch unserer Personen zu bemächtigen suchten, ernst ab wehrend, auf einen Omnibus zu, der die Aufschrift Hotel Triest", trug, in der Hoffnung, da in ein Gasthaus zu gelangen und wirklich wir wurden zwar französisch angeredet vom Kellner, der uns empfing, aber ich bemerkte sogleich, daß derselbe ein Deutscher war; das Gasthaus war ein deutsches, der Besitzer und Mehrere seiner Leute liebe Landesgenossen, Illyrier. Welche Freude!" Wir übergehen hier die Beschreibung von Cairo und die Erzählungen von den Besuchen, welche die Reisenden in der214 eg Mischen Hauptstadt machten und kommen sofort zu dem Theile ihres Berichtes, welcher von den Pyramiden handelt. Als wir bald nach Mitternacht in der Nähe von Schizeh ankamen, wurde es dämmernd; die ersten Vorboten der Tages königin zeigten sich am östlichen Firmamente, indem sie dasselbe violet grau färbten und das funkelnde Licht der Sterne erbleichte mehr und mehr. Der Führer, den uns der Generalkonsul mit gegeben hatte, war ein unermüdlicher und hastiger Reiter und wenn wir öfters über seine Eile klagten, so zeigte er lächelnd die dunkeln Spitzen der Pyramiden, ohnstreitig die beste Er munterung für Leute, welche, wie wir, 1000 Meilen weit her kamen, um diese Wunder der Welt zu sehen. Als es Heller wurde und wir noch etwa eine Stunde von ihnen entfernt waren, schienen sie uns doch schon ganz nahe zu sein und unsere Er wartungen wähnten wir doch etwas gar zu hoch gespannt. Jch gestehe wenigstens, daß es mir so vorkam, alö wenn die Schil derung der Größe dieser allerdings einen respektablen Anblick dar bietenden Gebäude ein wenig stark übertrieben worden wäre, denn sie schienen mir so nahe zu sein, daß ein Urtheil über ihre Höhe und Breite ziemlich sicher sein konnte. Der Pfad verließ nun den festen lettigcn Boden, er stieg allmählich hinan; der Grund wurde sandig, hie und da ging es an Trümmern von behauenem Gestein vorüber, immer aufwärts, als wir plötzlich alle drei unwillkürlich anhielten und unsere staunenden Augen auf die Pyramiden rich teten. Zuerst erglänzte die Spitze der höchsten, als wäre ein glühender Goldhaufen auf sie gestreut, einen Moment später bo ten die beiden anderen neben ihr befindlichen dasselbe bezaubernde Schauspiel dar; es war, als ob der Himmel unsere Freude gern sähe und dem Großen auch das Liebliche beigesellte, um unser Entzücken vollkommen zu machen. Die Pyramiden glühten das köstliche Spiel des Lichtes vergoldete sie, zwar nur auf sehr kurze Zeit und bis uns der erste Sonnenstrahl traf, aber eben darum war die Täuschung so auffallend, so vollkommen. Die dunkelbraunen Wüstengebirge im Hintergründe gaben eine äußerst schöne Folie, auf der die hehren Gestalten dieser ehrwürdigen Gebäude sich darstellten." Als die Sonne völlig emporgestiegen war, umwogte sie ein Meer des unvergleichlichsten Lichtes. Kein Sonnenstäubchen schien die reine Atmosphäre zu trüben, in der die Pyramiden schwam-215 men, wir konnten sehen, wie weit die Granitverkleidnngen noch reichten, jede Zerstörung bis zur verwitterten Spitze hinauf alles lag außerordentlich klar vor uns, zeigte sich dem reinsten Farbentoue. Aber jetzt erst, da wir den eigentlichen Fuß der Felsbank erreichten, auf dem sich ihre kolossalen Formen emporthür- men, jetzt erst wurden wir ihre ungeheure Größe gewahr. Sie liegen auf einem abgeplatteten Felsen, welcher sich um 150 Fuß über die ihn umgebende Sandwüste erhebt. Wir hatten sie von verschiedenen Seiten, von Norden und Oste und sehr ver schiedenen Entfernungen betrachtet, jetzt erst, da wir auf unseren schnaubenden Pferden durch den Flugsand zu ihrem Plateau empor getragen wurden, wuchsen sie riesengroß, ungeheuer, wir konnten jetzt erst ihren kolossalen Umfang, die gigantischen Massen, aus denen sie bestanden, schätzen wir vermochten uns kaum zu überzeugen, daß wir hier von Menschen ansgeführte Werke vor uns hätten." Die größte Pyramide steht frei auf dem 150 Fuß hohen Felsen; der Sand der Wüste, welcher hier immer mehr und ge waltiger vordringt, wird also wohl noch lange brauchen, bis er ihr etwas anbaben kann. Dagegen haben die Menschen desto eifriger an ihrer Zerstörung gearbeitet. Große Haufen losge- sprengter Steine sind von allen Seiten um ihre Basis zerstreut und bilden gegen die Mitte des nördlichen Fußes einen förmlichen Wall. Die Ecken sind dagegen sehr scharf, so daß man ihre Form ganz deutlich sieht; man hat deßhalb immerhin einen guten Be griff von dem Ganzen des Bauwerks, wenn auch der Grund von mancherlei Spuren der durch die Jahrtausende und durch Menschengewalt verübten Zerstörungen ganz entstellt ist und man eigentlich nirgends mehr recht die erste Lage der Stcinschichten zu sehen vermag. Allein alles, was von dem künstlichen Berg abge worfen wurde hinweggethan, ist gegen dessen noch stehende Masse nichts, gar nichts, eö sind nur Reste der zerstörten Haut, der Verkleidung. Es ist nicht möglich, den Umfang der Pyramiden zu messen, weil ihre Basis so sehr verschüttet ist. Wir gingen nicht um den Fuß derselben herum, aber die Araber versicherten uns, daß man 968 Schritte weit zu gehen habe daß sie dieselben schon oft gezählt. Das Innere der Pyramide enthält verschiedene Gänge und Kammern; wir, denen es überhaupt nur um den Anblick dersel-216 ben, nicht aber um antiquarische Forschungen zu thun war, lehn ten deshalb das Anerbieten eines Arabers ab, der uns hinein führen wollte in diese unterirdischen Räume und erzählen blos, was wir von unserem Führer hörten, als wir an dem 30 Fuß über der Basis liegenden Eingänge ankamen. Er öffnet sich genau nach Norden und läuft schief und ziemlich steil ins Innere hinab. Die Finsterniß, welche in dem selben herrschte, die daraus hervor dringende heiße und übel riechende Luft, befestigte uns in unserem Vorsatze, nicht hinabzu steigen. Was hätten wir auch finden sollen? Spuren brutaler oder habsüchtiger Zerstörer! Davon sahen wir genug au der Oberfläche. Das Eingangsloch ist nur 3 1 * □ Fuß breit; es ist oben, unten und an den Seiten mit Platten von prächtig polirtem Granit bekleidet. Ist man ohngefähr 100 Fuß tief über die Treppe hiuabgestiegen, so findet man rechts eine Oeffnung, welche über einen schräg abwärts laufenden Platz zu einem Gemache führt, das 17 Fuß lang, 14 breit und 12 hoch ist. Durch einen ähn lichen etwas steileren Gang gelangt man zu einem größeren Ge mach, 37 lang, 17 breit, 20 hoch. Dieses Gemach ist mit großen polirten Platten von Granit ausgetäfelt, die Decke besteht ebenfalls aus ungeheueren polirten Granitplatten, die ohne Unter brechung, einem Stück bestehend, von einer Wand zur andern liegen. Am westlichen Ende des Gemaches steht ein Sarkophag aus polirtem Granit; er mag ehemals die Leiche des Königs ent halten haben; jetzt ist er leer und vielfach zerstört, da jeder Be sucher ein Stück abhieb, um es als Andenken mitzunehmen. Man hat noch mehr solche Gänge und Kammern im Innern der Pyramiden entdeckt, aber sie enthielten - nur Fledermäuse und sonst nichts. Aber auch in den entferntesten Winkeln hat mau sichere Spuren gefunden, daß schon vor zwei und mehr Jahr tausenden Griechen und Römer in das Innere der Pyramiden eindrangen und dasselbe erforschten. Daher kommt es denn auch, daß Strabo und selbst Herodot diese unterirdischen Gemächer kannten und Plinius hat eine Beschreibung davon gegeben." Was war nun eigentlich die Bestimmung dieser Riesenbau ten? Hören wir zweierlei Angaben, vr. Shaw erzählt, ein arabischer Schriftsteller sage, die Pyramide des Cheops sei vor 1000 Jahren von dem Chalifen Almamon aus Babylon besucht worden- Die Untersuchenden fanden darin in einem obern Gemache einen217 hohlen Stein (Sarkophag) in dem eine menschenähnliche Statue (Mumie) lag. Diese Mumie trug eine goldene juwclenbcsetzte Platte auf der Brust. Ueber derselben lag ein Schwert von un schätzbarem Werthe und zu Häupten derselben ein Karfunkel (Gra natedelstein) von der Größe eines Eies, der Prächtig funkelte. Auf der goldenen Platte aber war eine Inschrift, die Niemand verstand. Hiernach wäre also die Pyramide nichts als ein Königs grabmal gewesen. Andere, und zwar Gelehrte, behaupten, die Pyramiden hätten zu astronomischen Zwecken gedient: namentlich sei der nach Norden laufende, schief aufwärts gehende Gang zur Beobachtung des Polarsternes angelegt worden, die Spitze aber sei ein Obser vatorium gewesen. In der That besaßen die egyptischcn Priester auch sehr viele Kenntnisse in der Sternkunde, die Obelisken dien ten ja, wie wir gleich sehen werden, ebenfalls zur Bestimmung der Tageszeiten. Vielleicht vereinigte man beide Zwecke, den wissenschaftlichen mit dem eines Mausoleums. Die Angabe über die Größe der Pyramide weichen sehr von einander ab. Nach einer Durchschnitts zahl der abweichenden Berechnung ist sie 480 Fuß hoch und ihre Basis 750 Fuß lang. Die anderen Pyramiden sind etwas, mehrere aber viel kleiner, als die so eben beschriebene. Man nimmt an, daß sie Tempel gewesen. Welcher Gottheit aber errichtet wurden, wer könnte das bestimmen? Die genaue Stellung dieser Bau werke nach den vier Himmelsrichtungen würde aber allein schon hinreichen, zu beweisen, daß die Egyptcr der frühesten Zeiten Praktische Astronomen waren. Mau hat in Esneh und Denderah Abbildungen der 12 Himmelszeichen oder des Thierkreiscs gefun den; die Benennung der Hanptsterne und die Zeichnung der Sternbilder stammen von den Egyptern her; es kann also kein Zweifel sein, daß die Hauptnebenbeschästigung der Priester darin bestand, den Lauf der Planeten zu beobachten. Der alte Weise Thales hatte seine Kenntniße in der Astronomie von den Egyp tern erlernt und er berechnete die Sonneufinsternissc und bestimmte die Sonnenwendepunkte schon 600 Jahre v. Ehr. In einer noch etwas späteren Periode maß Eratosthenes einen Grad des Meridians und folgerte daraus mit großer Genauigkeit den Umfang der218 Erde. Auch das erlernte er von den egyptischen Priestern. Wil- ford erzählt, daß, als er mehreren gelehrten Braminen in Indien die große egyptische Pyramide beschrieb, sie einmüthig erklärten, es sei ein Tempel gewesen und einer von ihnen erkundigte sich, ob sie keine Verbindung mit dem Nilflusse gehabt habe? Da das nun aber wirklich der Fall ist, denn nicht allein die große, sondern alle anderen Pyramiden haben in ihrer untersten Mitte Brunnen, von denen ein unterirdischer Gang zum Nil läuft, und Wilford das den Braminen sagte, so riefen sie einstimmig: es ist gewiß, die Pyramiden sind Tempel und dem Dienste der Patina Devi geweiht gewesen; das angebliche Grab oder der Sarkophag aber war ein Behältniß, welches von den Priestern bei gewissen Festen mit heiligem Wasser und Lotosblumen gefüllt worden. Neber den Bau der größten Pyramide erzählt Herodot fol gendes. Er sagt: sie wurde von Cheops errichtet, einem tyran nischen und ruchlosen Herrscher, der alle Tempel verschloß und den Egyptern verbot, den Göttern zu opfern. Dann zwang er das Volk zu Sclavenarbeiten. Einige vernrtheilte er, Steine in den arabischen Gebirgen zu hauen und sie an die Ufer des Nils zu schleppen, andere wurden angestellt, sie in Fahrzeuge zu laden und an die Grenzen der lybischen Wüste zu schaffen. Hierzu wurden 100000 Menschen gebraucht, die man alle drei Monate ablösete. Zehn Jahre gingen unter harter Arbeit hin, um die Straffe zu bauen, worauf diese Steine fvrtgeschafft wur den, ein Bau, der meiner Meinung nach nicht minder schwierig - und anstrengend war, als die Errichtung der Pyramide selbst. Diese Straße ist fünf Stadien lang, 40 Ellen breit und da wo sie am höchsten, 32 Ellen hoch; das Ganze besteht aus polirtem mit Thiergestalten verziertem Marmor. Zehn Jahre wurden, wie ich bereits bemerkt habe, zugebracht, um diesen Steinweg zu machen, den Hochgrund, worauf die Pyramiden stehen sollten, aufzuschütten und Gemächer unter der Erde auszugraben. Den Begräbnißplatz für ihn selbst ließ er innerhalb des Baues in eine Insel verwandeln, indem das Wasser des Nils" hineinge leitet wurde. Die Pyramide selbst war das Werk von 20 Jah ren: sie ist viereckig, jede Seite 8 Plethra*) hoch und eben so breit. Die Steine sind sehr geschickt zusammengekittet und keiner hat weniger als 30 Fuß in der Länge." *) ein Maß der Griechen, etwa 50 Fuß.219 Der Aufbau der Pyramide geschah lagenweise; nach Been digung der ersten Lage wurde die zweite errichtet und so fortge- fahreu bis zum Gipfel re. Nach der Vollendung wurden mit egyp- tischen Buchstaben auf den Außenseiten die Summen angegeben, welche während des Baues die den Arbeitern verabreichten Rettige, Zwiebeln und der Knoblauch gekostet hatten. Diese beliefen sich, ich erinnere mich sehr wohl, nach der Versicherung meines Dol metschers nicht weniger als 1600 Talente.*) Ist das ge gründet, wie viel müßte dann nicht der Betrag für eiserne Werk zeuge, Beköstigung und Bekleidung der Arbeitslente ansmachen." Nach diesen Anführungen aus älteren und neueren Schrift stellern über den Bau, die Einrichtung, Größe und den Zweck der Pyramiden will ich noch hinzufügen, daß wir nach einem kurzen Aufenthalte uns auschickten, die Pyramide zu erklettern. Die untere mit Schutt verunstaltete Basis hatten wir schon er stiegen; jetzt begann ein mühseliges Aufsteigen über die wohl 5 Fuß hohen Lagen. Leider vergaß ich, zu zähle . Als wir höher hinauf gelangten, fanden wir die Grauitverkleidnngen voll ständig erhalten. Die Tafeln waren polirt, wunderschön an ein andergefügt und zeigten nur selten Risse. Nach einer einftündigen Mühe sahen wir uns endlich dem Gipfel einer mit Granit- Platten bekleideten viereckigen Ebene von 12 14 Schuh Durch messer, die eine wundervolle Aussicht nach allen Himmelsrichtun gen gewährt. Wir sahen den majestätischen Strom, in dessen breiten Wellen sich die Sonne lieblich spiegelte, wie ein ungeheures silbernes Band sich durch die smaragdenen Fluren in großen Linien winden; Palmen- und Sykomorenwälder warfen ihre Schatten seine Ufer; Städte und Dörfer in Menge erhoben sich aus den grünen Fluren. Weiter nach Süden erblickten wir zunächst neben ns die ungeheure Pyramide des Chephrenes und eine dritte, sodann aber noch mehrere andere und in weiter Ferne die Gruppen der Pyramiden von Sakhara und die gewaltigen Ruinen von Memphis, in tiefer Ferne auch die Pyramiden des Labyrinths. Im Osten lagen die beschatteten Gebirge der Araber, die Höhe Araka, auf deren Sandgipfeln der Weg von Cairo nach Suez hinläust; nach Norden aber erging sich der Blick weit in das endlose Delta mit seinen zahlreichen Flußarmen, Canälen, reichen Fluren, Städte , Dörfern, der großen Bahn und all dem unend- *) Talent, ein Geldgewicht, nach unserm Geldwerth 1375 Thlr. oder 2381 ^ fl.220 lichen Schmuck eines üppig kultivirten Landes, das in der ersten und überschwänglichsten Pracht der Fruchtbarkeit steht. Der Ge danke an die Heimath, wo vielleicht alles noch im Schnee er starrt lag, und Eis die Ströme deckte, erweckte dennoch ein fast wehmüthiges Heimweh in uns." Die Briese enthalten nun noch weitere Nachrichten über die anderen Pyramiden; wir übergehen aber dieselben und heben nur noch den Theil aus, in welchem von der Sphinx, die stets als ein Seitenstück der Pyramiden betrachtet wurde, die Rede ist. Leider ist dieses Riesenwerk der Bildhauerei (die Sphinx) jetzt fast gänzlich im Sande vergraben. Die Brust, die Schultern und der Nacken sind von menschlicher Form und frei; auch der Rücken, den der Bildhauer vom Löwen entlehnt hat. Der Nacken ist sehr beschädigt und der Kopf scheint für denselben fast zu schwer. Der Kopsputz gleicht einer altmodischen Perücke, von den Ohren abstehend, wie die Haare der Araber in der Berberei. Die Ohren ragen weit herüber, die Nase ist abgebrochen, das ganze Gesicht ist roth gemalt. Die Gesichtszüge sind nubisch, aber nichts weni ger, als negerartig. Aus dem Antlitz liegt der Ausdruck der Ma jestät, die mit Ruhe und Güte sich vereint; die Kunst, mit der dieser Statue ein solcher Ausdruck gegeben ward, ist bewunderns würdig und es erklärt sich daraus, warum die Anbeter der Sphinx diese Gottheit über alle anderen, welche jene Verblendeten verehr ten, gesetzt haben. Man kann nur noch so wenig vom Leib der Riesenfignr sehen, daß ich, um dieselbe ganz zu beschreiben, ein Buch aus der Bibliothek unseres Gönners S . . . (den Gene ralkonsul) zu Hilfe nehmen muß, nämlich Cavbglias Werk über die egyptischen Alterthümer. Nach den peinlichsten und sorgfältigsten Arbeiten gelang es diesem Forscher, die ganze Statue bis zu ihrer Basis frei zu machen und einen Platz von 100 Fuß von deren Vorderseite zu ebnen. 60 100 Menschen arbeiteten mehrere Monate lang an der Wegschaffung der ungeheueren Sandmaffen. Die Entdeckung belohnte alle Mühe und Kosten reichlich. Die mächtigen Glieder streckten sich 50 Fuß vor den Körper hin, der in liegender Stel lung war; Reste eines ungeheuren Bartes fand man noch unter dem Kinn; auch sah man noch allen Zubehör eines Tempels, einen Tisch und Altar von Granit auf einer regelmäßigen Terasse an der Vorderseite. Ein vor der Front liegender kleiner Löwehat die Augen auf die Hauptfigur gerichtet. Außerdem lagen noch verschiedene Trümmer von grob ausgehauenen Löwen und das Vordertheil einer gut gearbeiteten Sphinx umher; alles, die Platten, Wände, der Boden, worauf der kleine Tempel stand, war roth angemalt, eine Farbe, die in Egypten heilig war, wie heute noch in Indien. Vor dem Tempel stand noch ein Altar von Granit mit seinen vier Verlängerungen oder Hörnern. Man erblickte noch die Spuren des Feuers, so daß er offenbar zu Brand- vpfern bestimmt war. Am zweiten Finger der Sphinx las man eine griechische Inschrift, die in der Uebersetzung so lautet: Deinen staunenswerthen Leib setzten hierher die unsterb lichen Götter schonend der Weizen tragenden Erde." Andere Inschriften, die noch leserlich sind denn überall ist das Fußgestell und die Figur mit dergleichen bedeckt stam men aus späteren Zeiten, wo Egypten bereits unter römischer Herrschaft war. Einige davon geben römischen Kaisern Benen nungen, welche in krassem Widerspruch mit deren blutdürstigem und gottlosen Charakter stehen. So nennt eine derselben den bösen Kaiser Claudius den guten Geist", eine Benennung, die dieser furchtbare Mensch gewiß am allerwenigsten verdiente. Zum Schlüsse noch wenige Worte über die Obelisken, diese Riesennadeln von Fclsmassen, welche in Egypten so häufig zu finden sind. Diese hohen, vierseitigen, freistehenden Säulen, welche alle gegen die Spitze zu schmäler werden und pyramiden förmig endigen, sind meist aus dem härtesten Granit der lybischen Gebirge gehauen und zwar meist allemal einem Stücke. Sie erreiche eine Höhe von 50 bis 150 Fuß. Es gibt völlig glatte; die allermeisten Obelisken aber sind über und über mit den das mühseligste, fast 2 Zoll tief ansgehauenen Hieroglyphen be deckt. Man weiß nicht, wozu die Egyptcr diese mühsamen Arbei te errichteten, aber man vermuthet, daß die Obelisken ihre Gnomonen oder Sonnenuhren, Sonnenzeiger waren, daß Uach dem Schatten derselben die Tagszeiten bestimmten. Aber dieses sinnige Volk verband stets bei seinen Arbeiten einen Zweck Mit dem andern. Die Hieroglyphen waren deshalb auch bestimmt, durch die ihnen eingegrabenen Inschriften unter dem Volke auch wichtige historische Nachrichten, oder Sentenzen von moralischer oder dogmatischer Bedeutung, z verbreiten und der Nachwelt zu222 erhalten. Man schaffte schon zur Zeit der Römer neun egyptische Obelisken nach Rom, um mit diesen schönen Bildwerken dort öffentliche Plätze zu zieren. Bei der Zerstörung von Rom wur den sie umgestürzt, einige zerbrachen beim Falle. Unter Papst Sixtus ward 1588 ein solcher gestürzter Obelisk wieder aufge richtet und wir wollen erzählen, welche Mühe und Gefahr mit dem Aufheben dieser ,13000 Centner schweren Stcinmasse verknüpft war. Gerüste von den stärksten Balken, mächtige Zugwerke, wurden erbaut, der Obelisk auf Rollen an die Stelle gebracht und nun begannen die Arbeiten. Aber als er sich mehr und mehr hob und endlich das ganze ungeheure Gewicht von den Seilen getragen wurde, da dehnten sie sich, gaben nach und man be merkte, daß die Hebewcrkzcuge ihre Schuldigkeit nicht mehr tha- ten. Die Baumeister und Mechaniker geriethen in große Ver legenheit, die Umwohnenden in Angst, man fürchtete das Reißen der Seile und den Sturz des riesigen Steines und in Folge der Erschütterung das Zusammenstürzen der umliegenden Häuser. Alles rieth; tausend Vorschläge wurden gemacht, keiner ward ausführ bar gefunden. Endlich wurde der Wirrwarr so groß, daß der Papst das Rathen bei hoher Strafe ganz verbot; man sagt, jedem unberufenen Rather sei die Todesstrafe angedroht worden. Da er sann ein denkender Kopf das rechte Mittel; aber wie es den rathlosen Technikern bekannt machen? Der Kluge nahm also ein Sprachrohr, als er eben die Mechaniker bei dem Obelisken verlegen stehen sah und rief überlaut: Netzet die Seile mit Wasser! Das geschah, der Hanf zog sich dadurch zusammen, er wurde fest, als man mit Löschmaschinen die Seile besprengte, zugleich setzte man die Zngwerke mit vereinter Kraft in Bewegung und hatte die Freude, den Obelisk wirklich aufgerichtet zu sehen. Er steht noch und ist sammt Fußgestell 79 Fuß hoch." In Paris, London, Rom, überall findet man als Zierden öffentlicher Plätze Obelisken, welche man aus Egypten dahin ge- bracht. Was sind aber diese einzelnen Werke gegen die unge heueren Massen der Bauwerke in Egypten, von denen nun der liebe Leser einen Begriff haben wird? Und wie weit stehen wir an mechanischen und technischen Kenntnissen hinter diesem alten klugen Volke zurück, da unö im Vergleich zu den Pyrami den schon so kleine Gegenstände ihres Fleißes und ihrer Geschick lichkeit fast unüberwindliche Schwierigkeiten bereiten?223 Die japhetitischen Volkerstämme. Assyrer, Meder, Babylonier und Perser. Das Buch der Bücher gibt uns im lOten Capitel des Iten Buches Mosts Nachrichten vom Geschlecht der Kinder Noahs. Es spricht aber hauptsächlich von Javhets Kindern. Die lieben Leser mögen die heil. Schrift zur Hand nehmen und die in dem ge- annten Kapitel aufgeführten Namen daselbst Nachlesen. Da wird erzählt von Nimrod (v. 8), der fing an ein gewaltiger Herr auf Erden zu sein; er wurde also ein Fürst, der Beherrscher, Frie densrichter und Beschützer seiner Unterthanen. Der Anfang seines Reiches, also der Ort, wo er refidirte, wo seine Macht sich ver einigte, war Babel (v. 10.) Ein anderer Herrscher aber war Rssnr, der bauete Ninive. Dies sagt die heilige Schrift ist eine große Stadt und in Jonas 3 v. 3. 4. kann der Leser selbst Nachlesen, wie diese große Stadt Ninive beschaffen war. End lich in Mos. 1, Capitel 11 spricht die Schrift weitläufiger von Babel u d dem Thurm, den die Menschen daselbst bauten. Sie erzählt, wie sich später zerstreuten und durch ihre Trennung auch eine Absonderung der Menschen in Sitte und Sprache entstand. Jahrtausende gingen hin über die merkwürdigen Gegenden, wo die erste Cnltnr der gesittetsten Söhne Japhets blühte. Die Rationen gingen zu Grabe; ihre mächtigen Riesenstädte wurden bon rohen Barbaren zerstört; die Säulen und Decken ihrer Tem pel sanken in Ruinen, über denen die Wildniß auswucherte. Der llöwe scharrte sich in der zertrümmerten Thorhalle der alten Königs- ^nrg sein rauhes Lager und die Spinne hing ihr Gewebe den Hallen von Afrastab." Erst die neueste Zeit, der Frieden " d der milde Schein der Sonne der Gesittung alles dies warf Licht über die noch von den fanatischen Söhnen Osmans be wohnten Lande, über die Gräber entschlummerter Nationen. Forscher drangen ein und dnrchstöberten die Wildnisse, welche swch auf den riesigen Schutthaufen der Paläste und Städte oniporge sch offen waren. Man versuchte allenthalben Nachgra bungen, geleitet von den Nachrichten der heiligen Schrift und l cnen des alten Historikers Hervdot und siehe: wie auf ein2L4 Erwache!" steigen aus den Gräbern alte Wunderwerke mensch lichen Fleißes und menschlicher Kunst empor. Die Reiche Assyrien, Medien und Babylonien sind hauptsächlich, wo die srüheste und merkwürdigste Bildung und menschliche Ordnung sich Bahn brachen. Ktestas und Diodor gaben darüber Kunde; Herodot noch Zuverlässigeres und Näheres. Die Hauptstadt der assyrischen Könige, Ninive, war die Mutterstadt; erst nach ihr, die im Lande Babylon die erste gewesen ist, ent standen Ekbatana und die spätere Stadt Babylon. Ninive ward zerstört, dem Reiche Medien einverleibt. Babylon und Ekbatana standen sich allein gegenüber, bis mit Medien das medische Reich sank und Cyrus alle diese Länder unter seinem blutgetauchtcn Scepter vereinigte. Nach den Nachrichten der heil. Schrift und der Beschreibung des Herodot bildet Ninive ein Viereck, dessen lange Seiten 1073, die kurzen 373 geographische Meilen hielten. Die Höhe der Mauern betrug 100 Fuß und es konnten drei Wagen aus den selben neben einander fahren. Vertheidigt wurde diese fast 28 Stunden lange Riesenmauer durch 1500 Thürme, von denen jeder 200 Fuß hoch war. Dennoch ist diese Riesenstadt, welcher we der London noch das viel volkreichere Peking gleichkommen, voll kommen verschwunden. Ausgrabungen an dem Orte, wo sie stand, lieferten aber höchst interessante Resultate an Bildhauerarbeiten. Die in unserem Buche abgcbildctcn Sculpturen sind aus dem Königspalast von Ninive. Die zweite große Stadt, Ekbatana, wurde von Dcjoccs 700 Jahre vor Christus erbaut. Sie lag festuugsartig auf einem Berge und 7 Mauern zogen sich vom Fuß dieses Berges gürtel artig um sie bis hinauf zu der mit Prachtgebäuden prangenden Riesenstadt. Diese Mauern hatten alle an ihren Zinnen einen Farbenanstrich, die äußerste weiß, dann die nächste schwarz, so dann die anderen nach der Reihe purpurroth, blau, gclbroth. Die vorletzte Mauer war versilbert, die letzte um die Stadt vergoldet. Ekbatana war der Sommcraufenthalt der medischen und persischen Könige. Als Alexander das persische Reich eroberte, starb ihm Hephästion, sein theuerster Freund, in Ekbatana. Da ließ der trauernde König die Stadt, wo ihn der Tod seines liebsten Freundes beraubt, ihres Schmuckes entkleiden und die Prachtwerke, von denen sie umgeben war, uiederreißeu.225 Babylon ist unter den alten syrischen Städten die merkwür digste und über sie haben wir auch die meisten Nachrichten über kommen. An der Erbauung der riesigen Prachtwcrke, mit denen diese Metropolis geschmückt war, haben sich viele Geschlechter der in ihr herrschenden Könige betheiligt. Die merkwürdigsten wur den von der Semiramis und ihrer Nachfolgerin Nitocris errichtet. Die hängenden Gärten der Elfteren sind ja als eines der sieben Wunder des Alterthums gewiß allen unseren Lesern bekannt. Ba- dhlon lag mitten in der höchst fruchtbaren Euphratebene. Ihr Umfang betrug 9 Meile . Sie war ringsum mit einer Mauer umgeben, welche 200 Ellen hoch und 50 Ellen breit war. (Nach Plinius 200 Fuß hoch und 32 Fuß breit.) Außen und innen war die Mauer 30 Schichten Ziegel stark, die mit Erdpech verbun den und getränkt waren. , Der hohle Raum in der Mauer wurde unt Schilfrohr gefüllt und Erdpech bis zur vollkommenen Sätti gung der Ausfüllung hineingegossen. Hundert Thore führten durch diese Mauer in die Stadt, und die Thorflügel, Pfosten und Thorstürze waren aus massivem Erzguß. Im Innern der Stadt war noch eine zweite Ringmauer und die ganze Stadt wurde vom Euphrat in zwei Hälften getheilt. Mehrere Brücken mit massiven Qnaderpseilern und hölzerner Deckbalkeuvcrbindung führten über denselben. Alle Strassen durchschnitten sich winkel recht und hatten meist drei- bis vierstöckige Häuser. Die könig- liche Burg lag auf der einen Seite des Stromes, auf der andern der Tempel des Baal oder Belns. Die oben erwähnten hängenden Gärten machten einen Theil der-Burg aus. Nebukadnezars Gattin, Se miramis, eine Medierin, vermißte in der weiten Ebene den Schmuck ihres Heimathlandes, die Berge. Da errichtete sie einen künst- üchen Berg, Terasse wurde auf Tcrasse gethürmt. 1600 Fuß hatte merkwürdige Bauwerk in der Breite, 75 Fuß Höhe. Die ganze Anlage mit den über einander liegenden Absätzen wurde von 22 Fuß dicken, 10 Fuß von einander liegenden Mauern ge stützt, welche eine Decke von-16 Fuß langen, und 4 Fuß dicken steinernen Säulen erhielten, lieber dieser Decke lag eine Schicht Erdpech und dann Schilf mit Erdpech durchdrungen; daun kam eine doppelte Schicht Ziegel in Kalkmörtel und darauf eine durch gehende Bleidccke. Auf diese wurde dann die Erde in der gehö rigen Dicke für die darauf anzulegenden Pflanzungen aufgetragen. 3n den hohlen Räumen unter den Absätzen lagen Prachtgemächer, 15226 welche ihr Licht durch die übertretenden Absätze, empfingen. Ganz oben lag der Wasserbehälter, in welchen das Wasser aus dem Euphrat mittelst einer Wasserschnccke gehoben und von wo aus es durch Röhren in der ganzen Anlage vertheilt wurde und daselbst Springbrunnen bildete. Die Höhe der einzelnen Absätze betrug 12V* Fuß, ihre Breite 64 Fuß. Der Tempel des Baal bildete ein Quadrat, dessen Seite 300 Schritte in der Länge maß. In der Mitte dieses Raumes erhob ein massiv gemauerter Thurm, dessen Seiten 150 Schritte lang waren. Er hatte acht Absätze und die Treppe war außerhalb angebracht. Im obersten Absätze war ein Tempelsaal, worin sich der Götze, eine sitzende 12 Ellen hohe Figur von massivem Golde befand. Der Thron dieses Götzenbildes war auch von Gold, die Stufen, der davor stehende Tisch, alles war golden. Ein Opferaltar war von Gold, der andere von Marmor. Lerxes raubte diese unermeßlichen Schätze. Der Bau dieses Tempels steht bezüglich der Größe den Pyramiden Egyptens nicht im Mindesten nach; nur war er ein leichterer, weil Backsteine das dazu verwendete Material waren, und darum ein vergänglicherer. Dennoch wendeten die Babylonier auch Bruchsteine, besonders bei ihren riesenmäßigen Wasserbauten an. Ueberhanpt ist der Charakter ihrer Baukunst ein großer und massiver; ihre Bauten erscheinen wahrhaft ungeheuer. Den Kalk mörtel wendeten sie wenig zur Verbindung der Backsteine an; fi c ersetzten ihn durch das Erdpech, welches in ihrem Lande an ver schiedenen Orten in großer Menge aus der Erde quillt. Zwischen die Steine kam immer eine Schicht Erdpech. Die Mauern wur den außen alle mit Erdpech überzogen und den Ziegeln gab man auf der Außenseite sogar eine Glasur, wodurch sie noch dauer hafter wurden. Die Kanäle hatten große und sehr gut konstruirte Schleichen am Tigris. Gewölbe und Gesprenge kannten die Ba bylonier nicht; wo sie mit Holz zur Bedeckung nicht ausreichte , da wendeten sie ungeheure Steinmassen an. Auch das Metall spielt in ihren Bauten eine Hauptrolle, namentlich bei Thüren und deren Einfassungen. Besonders prachtvoll in der Anlage und der Ausführung war die Stadt Persepolis, von deren Ruinen wir einen Theil abgebildet finden. Die Königsburg war da von drei starken Mauern umgeben.. Die erste dieser drei Mauern war 16, die227 \ dritte 60 Fuß hoch und diese letztere schloß ein Viereck ein, an dessen östlicher Seite der Berg mit den Königsgräbern lag. Ein Eingang denselben bestand nicht; fie waren in den Felsen ge hauen und die beerdigenden Leichname mußten durch Maschinen hinaufgebracht und daselbst beigesetzt werden. Die ganze Ebene bei Pcrsepolis ist mit M.armortrümmern von Säulen, Friesen, Portiken weithin bedeckt. Noch steht man an einzelnen Orten den Umriß der Gebäude, der prachtvollen Sänlenhöfe; noch stehen viele prächtig geschnittene und kannelirte Säulen, die ihre Kapi taler tragen, aufrecht; der kameeltreibende bcdninische Räuber staunt diese gewaltigen Reste an und flieht des Nachts mit stumpf- abergläubischer Furcht vor den gespenstischen Schitim, den Geistern der Riesenmcnschcn, die nach der Sage einst diese kolossalen Werke er richtet und jetzt unter ihren Trümmern begraben liegen. Uebcrall winkt von den Mauern das fabelhafte Einhorn, der Stierleib, auf dessen Rumpf statt des Kopfes die Figur eines Priesters sitzt, fast ähnlich der egyptischen Sphynx. Die Säulen sind meist von weißem Marmor, die Mauern sehr hartem schwärzlichen Stein. Die Quader sind gewaltig groß und so trefflich behauen, daß man ihre Fugen kaum sieht. Alle Wände sind mit Relieffiguren und langen Inschriften in der räthselhaften Keilschrift versehen, von der wir unseren Lesern hier eine Probe geben. HK Kt ffc £= ft ad z cli k Also auch bei diesen Völkern eine frühe, hohe Kultur; auch bei ihnen geheime Wissenschaft, Sehnsucht nach dem Stern der ewigen Wahrheit, des Friedens und doch ein so beklagenswerthes Abirren, ein solcher Starrsinn, das auch die Nähe des Volkes, unter dem der Glaube an den einen wahren Gott erhalten ward, nicht brechen vermochte. Von dem babylonischen Volke aber rührt die Zerstörung des jüdischen Reiches her; Babylonier, Baals diener, ließen den Tempel Jehovas, den Salomon zu Jerusalem erbaut hatte, in Flammen anfgchen; nach Babylon wurde das Volk der Jude , als Jehovas Dienst verachtete und dem Baal anhing, in die Gefangenschaft geschleppt. Welche Znchtrnthe, die der Herr über das verblendete Volk Israel schwang ! Die Diener des Baal Mußten die zu Baal abgeirrten Diener des Jehova züchtigen ! Aber 15*228 als Belsazar in seiner weiten Königsburg Dessen spottete, in Deß mächtiger Hand der stolze Erdenwurm nur das Mittel zur Zucht- rnthe gewesen, als er die heiligen Gefäße aus dem Tempel Je- hova s holen ließ, die von Jerusalem geraubt und nach der Stadt des Baal geschleppt worden waren und sie durch Mißbrauch ent heiligte, da schrieb eine rosenfarbene Hand jenes geheimnißvolle Ueno, mono, testet, upharsin! an die Wand seiner gold- und marmorstrahlendcn Königshalle; er sank dahin, als er in der folgenden Nacht berauscht auf seinem Lager ruhte, unter der Mörderhand seiner eigenen Knechte und die stolze Babel fiel in die Hand einer zweiten Zuchtruthe des Herrn, in die des blutdürstigen Cprus. Sie sind vergangen, die Reiche und Städte alle, die wir jetzt kennen gelernt. In Staub und Trümmern liegen die für eine Ewigkeit errichteten Prachtwerke, ein warnendes Beispiel, daß auch wir Staub sind vor dem Herrn und Werke Seiner Hand, Geschöpfe Seiner Barmherzigkeit gleich den Blumen des Feldes, die heute noch blühe und morgen in Staub zerfallen. Staub ist der Mensch, Staub alle seine Werke. Möge Jeder das Ueno! beständig vor Augen haben und sich demüthigen vor Ihm, der da ist, war und sein wird von Ewigkeit zu Ewigkeit. Uralte riesige Denkmale im Innern von Amerika. Es erübrigt nun noch, in dem erst vor 440 Jahren ent deckten Erdtheile Amerika nachzuforschen, ob auch hier Spuren einer alten Cultur zu finden sind. Wie wurde aber Amerika bevölkert? Diese Frage geht, wie alle anderen, mit der fortschreitenden Wissenschaft ihrer Lösung entgegen, obwohl sie hier schwerer, als in irgend einem andern Erdtheile, zu lösen sein dürfte. Auf seinen zwei Längenseiten ist Amerika von ungeheuren Meeren umgeben. An der Südspitze, dem Cap Horn, ragt es weit hinein in die furchtbarste See der Welt, in das von den entsetzlichsten Stürmen fast unaufhörlich gepeitschte südliche Eis meer. Nur im nnwirthbaren Norden zieht sich eine Kette von unwirthbaren Inseln bis zur äußersten Nordostspitze Asiens hin und diese scheint in besonders günstigen Zeiten zur Brücke gewor den zu sein, auf der asiatische nomadische Wanderer in den fernen Erdtheil gelangten. Ein großer Sprachforscher*) hat in den Sprachen *) W. v. Humboldt.239 nordamerikanischer Völkerstämme viel Anklänge an die Asiens ge sunden, ein Zeichen, das viel dazn beiträgt, den Glauben an die Möglichkeit der Bevölkerung Amerikas durch semitische Einwan derer zu bestärken. Auch das Aussehen vieler amerikanischer Ein- gebornen ist ein semitisches. Ihre schiefgeschlitztcn Augen, die vor stehenden Backenknochen, das schlichte, drahtähnliche, schwarze Haar alles dieses nähert sie der semitischen Körperbildung. Eine unter säst allen amerikanischen Nationen verbreitete alte Sage er zählt von der Rettung weniger Menschen aus einer großen Flnth, durch welche einst das Menschengeschlecht von der Erde hinweg gerafft wurde. So verbrüdert denn auch dieses untrügliche Kenn zeichen der Ueberlieferung, jene armen, unwissenden, verfolgten Menschen noch näher mit der großen Völkerfamilie der alten Welt. Auf einer andern Seite, im Norden von Amerika, drangen die kühnen Seehelden von Norwegen in Amerika ein. Es sind sichere Nachrichten vorhanden, daß die Normannen und Dänen über Island schon vor 1000 Jahren, also lange, bevor Columbus den Weg nach Amerika fand, die nördlichen Küsten von Amerika kannten; daß viele Normannen dort blieben, sich vermehrten und viel leicht die Stammväter der dortigen edlen und kriegerischen Nationen geworden sind. Eine eben so allgemeine unter den Indianern ver breitete Sage, als die oben angeführte von der Sündstuth, spricht auch mit großer Bestimmtheit davon, daß einst aus Osten über den großen Ozean Männer gekommen seien, welche die Väter und Lehrer der Krieger geworden. Und Krieger waren jene Nor mannen, Krieger ohne Gleichen und Tadel. Und Krieger zu sein, ist auch der höchste Stolz der nordamerikanischen Indianer. Da, wo der Ozean zwischen Europa, Afrika und Amerika am breitesten, wo die Rundung der Erde am größten und daher ihre Bewegung um sich selbst am heftigsten ist, da rollen auch die Gewässer des Ozeans, welche in frcigelassener Trägheit die Be legung der Erde nicht so stark theilcn, als Gesteine und andere feste Körper, dem von Westen nach Osten gehenden Umschwung Unseres Planeten am gewaltigsten entgegen und es entsteht jene ungeheure Strömung, welche unter dem Namen Aeguatorialströ- urung (Golf) allgemein bekannt ist Alle Schiffe, welche in den Bereich dieser Strömung und des mit ihr gleiche Richtung hal tenden Passatwindes kommen, vermögen nur durch die äußerste230 Anstrengung und die trefflichsten mechanischen Hilfsmittel an Tau- Takelwerk und Rudern sich derselben zu entziehen und andere Richtungen zu verfolgen, als die nach Westen rollenden Gewässer. Nun war aber der zunächst bei Europa und Afrika liegende Theil des Ozeans schon zu uralten Zeiten von phönizischen Schiffern, von cgyptischen, griechischen Seefahrern befahren. Die Sidonier fuhren nach Ophir, welches wahrscheinlich tief unten an der West küste Afrikas beim Formoso oder Zambezestrom zu suchen ist und holten dort Gold und Elfenbein; fuhren um Europa herum bis in die ferne Ostsee, um dort den hochgeschätzten Elektron (Bernstein) zu holen. Im atlantischen Ozean, schon ziemlich ent fernt von der Küste Afrikas, liegen die canarischen Inseln, den Alten unter dem Namen Inseln der Glücklichen" bekannt. Dort holte Herkules die goldenen Aepfel aus den Gärten der Hespe- riden, (Citronen und Pomeranzen) und pflanzte die köstlichen Orangenbäume in seinem Vaterlande an. Also finden wir schon in der allerfrühesten Zeit eine rege Schifffahrt auf dem atlantischen Meere, eine Schifffahrt, welche weit davon entfernt war, eine bloße Küstensahrt zu sein. Auch Egypter kamen ferne von ihrer Heimath mit phönizischen Schiffen bis in die Regionen der tropischen Gewässer. Durch Stürme oder den übergewaltigen Passat und die Aequatorialströmung, durch Irrfahrt von den Küsten der alten Welt, zu weit in die Züge der Ungeheuern nach Westen sich wäl zenden Wassermassen, gerathen, durch tausend andere Zufälle und Ursachen, folgten Schiffe mit unfreiwilligen Auswanderern der westlichen Richtung und gelangten nach Amerika, wo sie meist in den Antillen, in Brasilien, oder in der Guyana landeten, mithin in solchen Ländern, wo die Natur, der milde Himmel, der Reiche thum einer großartigen Pflanzenwelt, mithin alles sich vereinigte, um sie über den Verlust der alten Heimath zu trösten. Dies sind wenige der Wahrscheinlichkeiten, welche man sich über die Bevölkerung Amerikas von der alten Welt aus denken kann. Es gibt jedoch dieses schon hinlänglich Veranlassung, sie nicht allein für möglich, sondern fast für vollkommen gewiß zu halten und das Gewirr der zahllosen verschiedenen Völkerschaften in Amerika, die sich in Sprache, Sitte und Körpergestalt vollkom men von einander unterscheiden, sich einigermassen zu enträthscln. Als Columbus auf den Antillen landete, fand er dort231 kindlich harmlose Menschen, die ihm und seinen Spaniern eine säst göttliche Verehrung erwiesen. Unfern von diesen, in den so genannten Caraiben, fand er dagegen tapfere wilde Indier, welche sich der Landung der Spanier mit Gewalt widersetzten. Im Norden Amerikas fand man die Indier fast allgemein noch auf der niedrigsten Culturstnfe, auf jener der Jägervölker, im Süden des Nordcoutinents dagegen eine erstaunliche Cultur unter den Mexikanern und in Guatemala und in der Südhälfte der neuen Welt eine noch viel erstaunlichere unter den Völkern von Peru, Chili u. s. w. Dennoch wohnen dort an den Küsten noch die rohe Nation der Gnaraunen, wie Vögel auf Bäumen horstend, Und die Erde essenden Ottomaken, himmelweit unterschieden vom gebildeten und gesitteten Peruaner und Guatemaleser. Worin be stand nun diese Bildung? Wir wollen die lieben Leser auch in sie tiefere Blicke thun lassen. Die Mexikaner. Als Cortez Mexiko eroberte, fand er das Volk auf einer Culturstufe, welche sein Staunen erregte. Das Volk hatte diese Cultur in sich selbst und ohne äußeren Anstoß gepflegt. Durch die Zerstörung des mächtigen Reiches von Mexiko ist die alte Cultur der Eingebornen mit dem Volke selbst zu Grunde gegan gen; nur hie und da haben sich die riesenmäßigen Baudenkmale der alten Mexikaner bis auf unsere Zeiten erhalten und geben Zeugniß von dem, was dieses merkwürdige Volk einst zu leisten vermochte. Die Häuser der Armen waren freilich nür von ungebrann ten Backsteinen erbaut, klein, unansehnlich, die Dächer nur von getrockneten Aloeblättern; dagegen waren die der Vornehmen von rothem, sehr porösem Stein, der mit Mörtel zusammengefügt war nd hatten platte Dächer mit Tcrassen. Auch die Paläste der Könige und die Tempel waren ganz ähnlich, nur größer. Alle Gebäude, welche zu Wohnungen bestimmt waren, waren nur ein Stockwerk hoch; sie unterschieden sich nur durch die Raumausdeh nung von einander. Wenn auch die Bauwerke der Mexikaner mit denen der Griechen und Römer keinen Vergleich auShalten, so sind sie des halb nicht minder staunenswerth. Als die Spanier, von dem Ge birge herabsteigend, die Stadt Mexiko erblickten, die wie ein832 Juwel mitten in dem großen und blauen See von Tenochtitlan lag, da glänzte dieselbe, als wären alle Gebäude mit Silber überzogen, so daß das Häuflein der Spanier vor Entzücken er starrt, stehen blieb. Wohl rührte dieser für die Augen Habgie riger so blendende Schimmer nur von einem glänzenden Stnkko her, mit dem die meisten Gebäude, insbesondere die Tempel (Tcocatl), überzogen waren, aber der seltsam großartige, schöne und fremdartige Anblick einer so ungeheuren Hauptstadt, die Rie sendämme, welche ihr von allen Seiten durch den See znliefen, die gewaltigen Wasserleitungen, welche von den nahen Gebirgen Trinkwasser in die mächtige Heidcnstadt brachten,, die paradiesische Landschaft voll wohlgcpflegter Felder und Gärten, untermischt mit zahlreichen wohlvertheilten Landsitzen, Dörfern und volkreichen Städten, der mit Canots bedeckte große und schöne See, die na türlichste zugleich am schwersten zu übersteigende Ringmauer, endlich der ehrwürdige Kranz majestätischer Hochgebirge, der überall dieses große und lachende Gemälde einsäumte alles dieses ver einigte sich, um die, für welche dieser Anblick vollkommen neu war, auch aus das vollkommenste zu bezaubern. Die ältesten Gebäude, von denen noch Ueberreste vorhan den, sind die beiden Pyramiden von San Juan de Teati- huacan. Sie liegen im Thale von Mexico und sind unter dein Namen Sonne Mond bekannt. Sie waren wohl die Muster, nach denen der große Tempel von Mexico selbst erbaut worden ist, den die Spanier nach der Zerstörung der Hauptstadt der Azteken .ebenfalls .abtragen ließen. Die beiden genannten Pyra miden sind bis heute noch vorhanden und wahrscheinlich noch in demselben Zustande, in dem sie von den Spaniern zuerst gefun den wurden. Man stieg auf einer großen Treppe von behauenen Steinen auf den Gipfel der Pyramide, wo noch Werkstücke nm- herliegen, die man für Reste der Opferaltäre hält. Rings um die beiden großen Pyramiden standen mehrere hundert andere, höchstens 90 120 Fuß hoch, in regelmäßigen Reihen, welche Straßen bildeten, die von den vier Himmelsgegenden nach den beiden großen Pyramiden hinführten. Diese kleineren Pyramiden sind schon gewaltige Werke, manche 120 ,, keine unter 90 Fuß hoch, während die größeren dieser Pyramiden fast 360 Fuß in der Höhe messen von entsprechendem Umfange sind. Sie sind durch und durch trefflich behauenen harten Steinen er-233 baut, enthalten Steingänge und Kammern und mögen demnach zu Gräbern der Aztekenkönige bestimmt gewesen sein. Nach der Erklärung der Eingebornen waren sie aber den Sternen geweiht. Doch ist diese Angabe sehr in Zweifel zu ziehen, da die Einge- börnen ihre religiösen Gebäude den Blicken der Europäer eben so verborgen zu halten streben, als sie bemüht sind, ihnen die Ge heimnisse ihres Götzendienstes zu verschließen. Denn vor nicht sehr langer Zeit (60 Jahre) entdeckte man zufällig im dichtesten Urwalde die Pyramide von Papantla, einen ungeheuer Teocatl oder Tempel, vielleicht den höchsten im ganzen Reiche Mexiko. Auch er ist Quadern erbaut, welche vortrefflich behauen und sehr genau an einander gefügt sind. Das Gebäude besteht aus sieben Stockwerken und kann mittelst einer doppelten Treppe be stiegen werden. Es ist über und über mit hieroglyphischen Ge stalten und Figuren bedeckt. In allen Stockwerken sind durchaus symmetrisch vertiefte viereckige Nischen abgebracht, 318 an der Zahl. Nach Herrn v. Humboldts Angaben gerade die Zahl des mexikanischen Kalenders. Die Pyramide von Cholula, der heiligen Stadt der Mexi- ckaner, übertrifft aber auch die oben beschriebenen. Sie liegt einem 6700 Fuß hohen Berge und ihre vier Seiten sind genau nach den vier Himmelsgegenden gerichtet. Die Pyramide selbst wurde auf dem Gipses des Berges von Menschenhänden be hauenen Steinen errichtet und soll d Schuh höher sein, als die höchste egyptische Pyramide von Ghizch, und fast doppelt so hoch als die des Cheops. Auch im Innern dieser Pyramide sind große Gänge und kellerartige Räume und auf ihrer Spitze, welche eine Fläche von 1050 □ Fuß bildet, stand dereinst ein der Luft ge weihter Altar." Die Spanier rissen ihn weg und errichteten dar auf eine Kirche, diuostra vamn de los Remedios, die wohl die am höchsten gelegene Kirche in der Welt sein mag. Das Monument von Xochicalco oder das Haus der Blumen, liegt nahe bei der Stadt Qu.ernavaca und beffeht gleichfalls aus einer Felsenmasse von 360 Fuß Höhe, welche durch Menschenhand ziemlich genau pyramidalisch bearbeitet und mit einem Graben um geben worden ist, so daß das Ganze eine Art von Rcdoute oder einen befestigten Tempel bildet. Die Oberfläche des Monumentes hält 2500 Quadratfuß und ist wie ein Festungswerk mit einer Mauer von Quadersteinen versehen; das Ganze aber ist an sei-234 nein Fuße mit einem Graben umgeben, so daß es eine Art un geheurer Redoute, eines besouderu Festungswerkes, bildet. Diese Pyramide ist nicht gemauert, sondern mit ungeheurem Fleiß aus dem Felsen pyramidaliscb gehauen und zwar ziemlich, genau und regelmäßig. Die Mauer, welche die Krone dieser Felsenpyramide umfaßt, besteht dagegen aus Porphyrquadern, einem Gestein von fast unüberwindlicher Härte, die ungemein regelmäßig und sauber bearbeitet sind. Ueberdies sind die Steine mit sehr zierlich gear beiteten Reliefs geschmückt, welche geheimuißvolle Inschriften und mancherlei Gegenstände von uuenträthselter Bedeutung, besonders viele Krokodile, auch menschliche Figuren darstellen, welche mit un- tergeschlageneu Beinen sitzen nach Art der orientalischen Völker. Die Figuren sind so groß, daß von einer derselben mehrere Quader bedeckt werden. Die Steine sind aber so genau zusam mengefügt, daß man ihre Fugen erst mit Mühe suchen muß. Um aber dem Leser einen Begriff von der Schriftweise zu geben, wie mau dieselbe auf den aztekischen Gebäuden eingegra ben findet, bringen wir hier die theilweise Abbildung einer In schrift aus dem Teoeatl von Lochiealeo: In welchem inneren Zusammenhänge stehen diese Gebäude von Mexiko mit denen von Egypten, denen sie in vielem so ähnlich find? Brachten egyptische Seefahrer, welche einst von den vereinten Mächten der Fluthen und Lüfte hieher getrieben, die Nachrichten von den Riesenbauten ihrer Heimath hierher? Lehrten sie den rohen barbarischen Völkern, zu denen sie kamen, wenn auch nicht die Geheimnisse, doch die Formen ihres heimischen Götzendienstes? Wer vermöchte Licht in dieses Geheimniß zu bringen, als allein Der, welcher einst sprach zu den Menschen: Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet die Erde! Guatemala. Ebenso räthselhaft, als die Werke der Mexikaner, sind jene der Guatemaleser, eines Volkes, dessen Vaterland im Innern der mächtigen Alpen Amerikas, der Cordilleras liegt und zwar an235 dem Punkte des Kontinents, wo sich derselbe verengt und die beiden Ungeheuern um ihu brandenden Meere dem Innern schon näher treten. Auch hier findet man unendlich merkwürdige Bau werke und sie sind nicht so gewaltig zerstört, als jene meisten in Mexiko vorhanden gewesenen, bei deren Zertrümmerung ein be- klagcnswerther Fanatismus die Hand leitete. Die Pyramiden von Tehuantepec und Tucapan. Im Bezirke dieser Gebäude lagen zwanzig Götzentempel. Der von Tehuantepec wurde aus einem vierseitigen künstlichen Felsen errichtet, auf dessen Seiten vier große Treppen bis zu einem cyklopischen (aus rauhen nur vierseitig behauenen Steinen), zwölf Schuh hohen Unterbau führen, der den eigentlichen Tempel trägt. In diesem Tempel fand man ein ehernes Götzenbild, ein anderes aus einem großen Smaragd, den Kriegsgott der Einge- bornen darstellend und dann ein goldenes Sonnenbild mit Strahlen von Perlmutter, dessen Mund geöffnet und mit wirklichen Zähnen besetzt war. Oben auf der Platform fand man noch .mehrere Götzenbilder, theils von Jaspis oder Porphir, theils von Holz, Gyps oder bunten Steinen. Der zweite Tempel, jener von Tu capan, war größer und höher, als der von Tehuantepec und aus Quadern sehr regelmäßig erbaut. Es führte nur eine Treppe zu diesem Tempel, welche aber besonders angelegte Treppenwangen hatte. Im Heiligthume dieses Tempels, der sich auch durch eine mehr ausgeführte Fapade auszeichnet, fand Don Martin d Ursua im Jahre 1697 einen Sack aufgehängt^ welcher Knochen ent hielt. Dies waren die Gebeine des Pferdes des Cortez, das dieser krank in Tehuantepec zurückgelassen hatte, als er hier war, um die Huldigung der Eingeborncn zu empfangen. Später starb das Pferd und die Indianer, welche von Cortez bei dessen Rück kehr zur Verantwortung gezogen zu werden fürchteten, widmeten den Gebeinen des Pferdes fortan eine göttliche Verehrung. An die Beschreibung dieser Tempel reihen wir nach dem Texte der ikonographischen Encyklopädie hier noch eines der könig lichen Schlösser, wie sie die Spanier in Guatemala gesunden ha ben. Ein solches Schloß stand in der Stadt Utatlan, welche auf einem Berge lag und zwar so, daß die Abgründe zur Seite des selben einen natürlichen Graben bildeten und man nur auf zwei236 sehr schmalen Wegen zu der Stadt gelangen konnte. In der Mitte dieser natürlich so stark befestigten Stadt lag der Palast des Königs, von den Wohnungen seiner Großen umgeben. Die Stadt war so stark bevölkert, daß der König den ihn bedrohenden Spaniern 72000 Mann entgegenstellen konnte. Es war da eine Schule, in welcher 6000 junge Leute auf öffentliche Kosten er nährt, gekleidet und Unterrichtet wurden, welch letzterem Zwecke 60 Lehrer augestcllt waren. Nicht allein das befestigte Residenzschloß des Königs, sondern außer diesem noch zwei be sonders angelegte Festungswerke dienten znr besseren Verthcidigung der Stadt. Die Residenz des Königs soll noch prachtvoller, als jene des mexikanischen Kaisers Mvntezuma, gewesen sein. Die Vorderseite war nach Süden gekehrt und 376 Fuß lang; die bei den Seitenflügel dieses mächtigen Gebäudes aber maßen 728 Schritt in der Länge. Dieses ungeheure Gebäude war aus ver schiedenfarbigen Quadern erbaut worden und bestand sieben unter sich in Verbindung stehenden Abtheilungen. In der ersten derselben wohnten die Bogenschützen der königl. Leibwache, in der zweiten die fürstlichen Hofleute und Verwandten des Königs, welche noch unverheirathet waren; in der dritten Abtheiluug rest- dirte der König selbst; daselbst befand sich auch der Staatsschatz, die große Waffensammlung und die. Staatsbehörden. Die vierte und fünfte Abtheilung diente zur Wohnung der Frauen und Ge liebten des Königs, die jede ihre eigene Wohnung mit Gärten, Bädern und allen Annehmlichkeiten versehen besaßen. Die sechste Abtheilung war für die Prinzen und die siebente für die Prin zessinen des königl. Hauses bestimmt. Kann man ein solches Volk ein ungebildetes nennen? Fin den wir bei ihm nicht das, was den besten Beweis der Bildung liefert, sogar eine auf Staatskosten wohl dotirte und eingerichtete Unterrichtsaustalt? Aber noch mehr! In der Provinz Uukatan bei Uxmal bildet das Land eine vom Antillenmeere umfluthete Halbinsel. Auf dieser liegen mächtige Ruinen, die einen Flächenraum von vier Meilen bedecken und viele wohlerhaltene äußerst merkwürdige Denkmale dar bieten. An einer solchen Ruine, dem sogenannten Zwcrgenhause, welches auf dem Plateau einer Pyramide von 224 Fuß Länge und 120 Fuß Breite liegt, und drei sehr große Gemächer enthält, findet man alle Mauern ganz mit der bewundernswürdigsten Bild-237 hanerarbeit bedeckt. Die Reliefe und Figuren sind sehr hübsch gearbeitet und geschmackvosi geordnet. In den Ornamenten steht man Leopardenköpfe, Laubwerk und eine eigcnthümlich und höchst anmuthig gebrochene Linienverzierung, welche auch fast bei allen Völ kern der alten Welt auf Vasen, Urnen und als Verzierung von Gebäuden vorkommt und die man ä la grecque nennt. Die Be arbeitung der Quader ist vollkommen genau und so scharfkantig, daß man ihre Fugen kaum erkennt. Manche Figuren sind so groß, daß ihre Gestalten über 5 6 Quader hinlaufen und doch stören die Fugen den Eindruck der Einheit und des Ganzen nicht im mindesten. Ein anderes Gebäude soll zum Wohnort der Son nenjungfrauen gedient haben und heißt daher noch jetzt das Haus der Nonnen. Es liegt ebenfalls auf einer künstlichen Erhöhung von etwa 15 Fuß Höhe nd hält 80 Schritt ins Gevierte. Der Hanptcingang ist breit und führt in einen geräumigen Hof, und obschon es außen nicht an Sculpturen in der Mauer fehlt, so ist doch das Innere noch reicher. Der untere Theil der Fayade ist glatt, der obere dagegen ganz mit Ornamenten und Sculpturen bedeckt, die mit großer Sauberkeit ansgeführt sind und wo man wieder die oben genannten regelmäßig gebrochenen oder gewundenen Linien stndet. Man findet hier auch volle Figuren, die gut pro- portionirt sind und eine anmuthige Haltung zeigen. Die Mitte der Vorderseite zeigt zwei colossale Schlangen, welche sich in ein ander winden und deren Köpfe auf dem Mittelgesimse ruhen. Die Residenz des Herrschers ist unter allen Ruinen die großartigste und noch am besten erhalten. Sie steht auf mehreren über einander gesetzten Pyramiden. Die erste Pyramide, welche als Fuß des Ganzen dient, hat sechshundert Schritt in die Länge und Breite und bildet eine ganz ebene Erhöhung, welche mit Gebäuden und Bäumen besetzt ist. Am südöstlichen Winkel dieser Pyramide stehen in einer etwa 100 Fuß langen Reihe 18 kleine cylindrische Pfeiler, 18 Zoll dick und etwa 4 Fuß hoch, deren Zweck räthselhaft ist, welche aber wie Säulen aussehcn. Auf dieser Erhöhung erhebt sich nun eine zweite Pyramide, auf deren flachen Gipfel das Gebäude steht, welches man die Wohnung des Gouverneurs nennt. Es ist fast noch in demselben Zustande, wie es von seinen Bewohnern verlassen wurde, ganz von Stein und bis zum Gesims ohne alle Verzierung; letzteres ist aber mit den seltsamsten Verzierungen fast überladen. In den Verhältnissen239 dieses Gebäudes ist eine merkwürdige Großartigkeit und eine Symmetrie, welche so sehr mit den Verhältnissen und Regeln der Kunst übereinstimmt, daß man sich beständig daran erinnern muß, man stehe hier vor den Arbeiten eines Volkes, welches man für eines der hilflosesten, rohesten und ungebildetsten hielt. Gebildete und wahrheitsliebende Reisende setzen deshalb die Ruinen von Uxmall den besten egyptischen an die Seite. Es ist aber noch eine besondere Merkwürdigkeit an diesem Gebäude, wo sonst alles von Stein ist: die sämmtlichen Thürstürze sind nämlich von Eisenholz 8 9 Fuß lang, 18 20 Zoll breit und 12 14 Zoll dick, und man legte unbedenklich aus diese hölzernen Tragbalken die Last einer massiven Mauer von 12 16 Fuß Höhe und 4 Fuß Dicke. Da an anderen Gebäuden die Thürstürze Stein ge macht sind, so läßt sich blos denken, daß man hier das äußerst seltene und in so große Stücken besonders kostbare Eisenholz nur als Merkwürdigkeit angewendet habe. Die Fußböden bestehen viereckigen Steinplatten; auch die Decken bestehen aus solchen. Ein sehr oft an diesen Gebäuden vvrkommendes Ornament ist ein Todtenschädcl mit großen ansgespanntcn Flügeln und hervorstchen- den Zähnen. Diese Verzierung ist 2 Fuß breit und mit Hilfe eines hinten angebrachten Hackens an der Mauer befestigt. Ge wölbe finden sich nicht; die Indianer verstanden sie nicht zu bauen; auch zeigt das Innere der Gemächer sonst keine Verzierung. Die Gelehrten find nicht einig über die Zeit, in denen diese mächtigen Bauten errichtet wurdest. Manche, wie Lord Kings- borongh, behaupten, eine vor der babylonischen Gefangenschaft ausgewandcrte jüdische Colonie habe diese Gebäude errichtet, oder zu ihrer Errichtung Veranlassung gegeben; Dnpaix, ein Franzose, setzt gar die Zeit der Errichtung dieser Bauten vor die Sündflnth, Stephens, ein anderer englischer Gelehrter, meint, sie wären erst kurz vor unserer Zeitrechnung entstanden. Die ältesten Ucber- licfernngen der Eingebornen sprechen blos davon, daß diese Ge bäude von jeher so waren, wie man sie jetzt sieht. Von ihren Erbauern wissen sie nichts. Untersuchungen über die Natur des Gesteins, dem sie errichtet sind und über die Verwitterung desselben, die in Jahrhunderten fast nmnerklich ist, bestätigen ihr überaus hohes Altcrthum und beweisen, daß sie, wenn nicht vor den egyptischen, doch gleichzeitig mit denselben entstanden und es ist zu vermuthen, daß das geschickte und gebildete Volk, welches239 sie im grauesten Alterthume herstellte, von später in diesen Regionen eindringenden rohen Barbaren hingemordet und vertilgt worden ist. So haben Barbaren einst auch die alte und bewnnderns- werthe Cultur der Egyptcr, der Griechen und Römer vernichtet und von allem, was die bildende Menschheit in ihren Wohnsitzen aushäuste, baute und sammelte, nichts als verstümmelte Ruinen gelassen. Mühselig sucht der Forscher in. diesen Trümmern zusam men, was von der Gesittung, Arbeit und dem Kunstfleiße jener zu Grabe gegangenen Nationen Zeugniß gibt. Mit betrübtem Herzen erblickt er überall die Spuren einer wilden, vandalischen Zerstörungswnth, die in wenigen Tagen vernichtete, was an dauernder Fleiß in Jahrtausenden mühsam schuf. Mit Wehmuth und Rührung spricht sich aber überall, in diesen großartigen Resten des Fleißes gebildeter Menschen das Bcdürfniß aus nach einem religiösen Haltpnnkte, nach Gott, ohne den der Mensch nichts ist, durch den allein alles menschliche Wesen und Thun erst menschlich werden kann. Es erweckt Trauer im Herzen des Zeugen dieser jahrtausendelangen Jrrgänge, die doch nicht zum ersehnten Ziele führten. Doch trösten wir nns. Sie suchten den Frieden der Seele und die Hilfe eines höheren Wesens, dessen Macht und ihre Ab hängigkeit von demselben sie tief empfanden, darin, daß sie Ihm zu Eh ren ungeheure Tempel errichteten, Bildwerke von riesenmäßiger Struk tur und finster-mystischer Bedeutung. Wir wissen, wer der Lenker unserer Schicksale ist, wir wissen, daß Er nicht wohnt in Tem peln von Menschenhänden erbaut; wir brauchen uns nicht zu schämen, wie jene, die den Bilder dienen und der Götzen rühmen; für uns gibt es nichts so Abscheuliches, wie die Ernie drigung des EgypterS, der vor vernunftloscn Wesen in dumpfer Verkehrtheit der Seele beugte. Und wem haben wir die Er leuchtung unseres Geistes, die Lostrennung von der Knechtschaft der Abgötterei, der Sünde, des Baal- und Bclialdienstes zu danken? Ihm, dem Lichte der Welt, unserm Heilande Jesu Christo. Gelobt sei Sein herrlicher Name immer und ewiglich! Alle Lande müssen Seiner Ehre voll wer den!Wahrscheinlicher Zustand der Erde unmittelbar nach der letzten großen Fluth. Die Thätigkeit der Natur im Leben der Pflanzen und der Thiere. Und das Gewässer verlief sich von der Erde immerhin und nachmals." Gen. 8. v. 3. Also ward die Erde ganz trocken." v. 14. Und Gott sprach: Ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebet, wie ich gethan habe, denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend ans. So lange die Erde stehet, soll nicht aufhören Samen und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht." 1 Mos. 8. v. 21 u. 22; Eine ungeheuere Katastrophe hatte plötzlich alles, was am sechsten Schöpfungstage aus der Hand des Allmächtigen hervor gegangen war, alles Lebendige, was sich dem Lande regte, hinweggerafft. Kurz war diese furchtbare Heimsuchung gewesen. Sie hatte jene Fluth, binnen 150 Tagen den höchsten Stand erreicht und sodann in vielleicht noch kürzerer Zeit war aus dem Meere, mit welchem die Erde bedeckt war, das Land wieder emporgekommcn. Aber welches Land! Wo waren die ungeheuren Forste alle hingekommen, die vor der Sündfluth die Erde bedeckt? Wo der Schmuck der Berge und Hügel? Wo die Spuren zahlloser Felder, über die der Pflug hinweggegangen, um der nährenden Frucht den Boden zu bereiten? Was war aus Reichen, Städten, Dörfern anö den Wohnungen der Nationen geworden? Und wo waren sie selbst hingekommen, die zahllosen Völker der Erde, von denen die Schrift sagt: der Menschen Bosheit war groß Erden und alles Dichten und.Trachten ihrer Herzen nur böse immerdar. Und es reuete Ihn, daß er die Menschen gemacht hatte auf Erden? Alles war dahin, hinweggcschwemmt von Ozeanen, die sich drüber ergossen. Die Leichen der Ertrunkenen schwammen den Wogen und wurden nach und nach verschlungen von den Ungeheuern der Tiefe. Unermeßliche Lager von Kies und Sand bezeugten den Gang, den die gräßlichen Heere der Wasser des Ozeans über die Länder hin nahmen. Viele hundert Fuß hoch bedeckte das aufgeschwemmte Land, das Geröll der Gebirge, das Spiclwerk der Meerfluth,den Boden, wo einst menschlicher Fleiß gewaltet, aber menschlicher Frevel auch die Rache des Herrn herabgerufen. Der Anblick der Erde muß nach jener Fluth ein grauenhaft öder gewesen sein und wir dürfen deshalb annehmen, daß Noah mit den Seinen durch Gottes Barmherzigkeit an einen Ort ge suhlt wurde, woselbst wenigstens etwas Grün die Erde umklei dete. Die heil. Schrift bestätigt das auch. Aber andern Orts war die Erde noch bedeckt mit großen salzigen Binnenseen; unge heure Ströme wälzten den Ueberfluß der Wasser, die aus den durchweichten Gebirgen sickerten und den Ueberschuß der zahllosen Landseen, die überall die Vertiefungen erfüllten, hinab zum Ozean, der noch einmal und nach einer göttlichen Verheißung zum letzten Male seine Gewalt über das Trockene bewiesen hatte. Es gab kein Thier mehr auf dem Lande; nur jene Wesen, welche im Gewässer leben können, das zahllose Heer der Fische und Saurier, hatte die Catastrophe nicht allein überlebt, sondern sich durch den Untergang alles dessen, das des süßen Hauches der atmosphärischen Luft zu seinem Dasein bedarf, auch äußerst wohl befunden. Darum finden wir so wenige Ueberreste von den organischen Wesen vor dieser letzten Fluth. Der Mensch blickte nach Rettung in die Höhe; er suchte zu Schiffe, oder auf hochliegende Orte, sich flüch tend, dem Tode, den das Gewässer brachte, zu entrinnen. Um sonst, es erreichte ihn; er sank, starb; sein Leichnam trieb in der Tiefe der Fluth, bis mit dem Eintritte der Verwesung die schwel lenden Leichen an die Oberfläche stiegen und hier den Ungeheuern des Ozeans zum Raube wurden. Das wilde Thier dagegen verkroch sich in bestialischer Todesangst vor dem Verderben, das es mit dumpfem Instinkt nahen fühlte, in das Geklüft, wo es bisher immer Schutz und Versteck gefunden. Und da ward es auch von der Fluth ereilt, erstickt. Da finden wir sein Gebein noch liegen, wir finden so gar die Gebeine verschiedener Nanbthiere in einem Raume bei sammen, welche die gemeinsame Todesgefahr gebändigt und ver einigt hatte. So finden wir denn vom Menschen, von allen Wesen, die nicht troglodytisch *) gelebt, keine Spur und von den Letzterwähnten nur sehr wenige in Höhlen, wie in denen der frän kischen Schweiz. Da stecken die Gebeine der Thiere theils in locke rer Erde, theils in Kalkstnter und wurden daraus in solcher Menge hervorgezogen, daß ihre Zahl den Skeletten von 1000 Thieren *) Troglodyten, Höhlenbewohner. 16242 entspricht. Mehr als 800 davon gehören dem Bären, andere der Hyäne, dem Wolfe, dem Löwen und Vielfraß an. Außer dem findet man dort Hirsche, Rinder, Mammuthsknocheu, aber das sind wahrscheinlich nur Reste vom Raube gewesen, den jene ge waltigen Räuber einst in die Höhlen geschleppt. Aber die Wälder? jene kolossalen Massen riestger Gewächse! Wohin kamen die? Sie wurden nicht hoch genug belegt mit angeschwemmten Lande, um in Steinkohlen verwandelt zu werden und wo es etwa geschehen und durch unterirdische Hitze und un geheuren Druck eine rasche Verkohlung ermöglicht worden wäre, da würden wir diese jüngsten Kohlen von der alten Kohle nicht zu unterscheiden im Stande sein. Aber nein! die Wälder, welche die Fluth nicht ausgerisseu, die nicht, treibholzartig von den Wo gen umher gejagt, langsam im Lichte der Sonne und unter dem beständigen Nagen der atmosphärischen Luft verfaulten, die sind mit Geschiebe und Sand bedeckt und das über sie hinströmende Gewässer legt sie manchmal wieder bloß. Dies geschieht oft, ohne daß es von denkenden und aufmerksamen Menschen beobachtet wird. Es gehört aber so etwas zu den großen Merkwürdigkeiten und bleibt nicht unbemerkt und unbedacht, wo nicht stumpfe, geistige Trägheit den Fingerzeigen gegenüber, welche die Natur über die Vergangenheit hie und da gibt, gleichgiltig das Auge verschließt. So geschieht es fast jährlich, daß das Wasser des Mainflusses, und zwar seit undenklichen Zeiten, der Tiefe seines Flußbettes nach und nach große Eichen stämme, mit Wurzeln und Aesten, an denen jedoch der Splint abgefault ist, heransspült, besonders zwischen Trunstadt und Hallstadt in Obersranken, der nördlichsten Provinz des Königreichs Bayern. Verfasser dieses hat solche Stämme selbst gesehen. Die dortigen Fischer zersägten einen sol chen Stamm im Flusse, weil er zu schwer war, als daß sie ihn hätten im Ganzen herausschaffen können und sie wollten das Holz als Nutzholz, ja sogar als Brennholz, verkaufen. Es war sehr fest, aber ganz schwarz. Der Main strömt also hier über verschüttete Waldungen und löset nach und nach selbst das Geheimniß, welches das ausgeschwemmte Land, durch welches er rinnt, vor unseren Blicken verbirgt. Nach der Fluth sproßte unter dem mächtigen Locken der flammenden Sonne eine neue höchst kraftvolle Vegetation der243 Erde und zwar in verdoppelter Macht; begünstigt durch die Feuch tigkeit der Erde und die Wärme des Tagesgestirns und durch nichts gehindert, denn weder Mensch noch Thier stellte diesem kolossalen Pflanzenwuchse auch nur das mindeste Hemmniß ent gegen. Bis die Nachkommen des Noah zahlreicher wurden, wucherten überall auf der Erde fast undurchdringliche Urwaldungen aus und stellten der kultivirenden Hand des Menschen ein eigen- thümliches Hinderniß entgegen, zu dessen Bewältigung er der vollen Anstrengung all seiner geistigen und körperlichen Kräfte bedurfte. Die Natur schafft anderes auch, als der Mensch un mittelbar als sein Bedürfniß zu betrachten sich gewöhnte. Unter einem warmen Himmel und in einem von genügender Feuchtigkeit gesättigten Lande sprießt eine erstaunliche Vegetation in der kür zesten Zeit empor. Das Feld, welches der Mensch an einem Ende von wilden Pflanzen reinigte, ist an demselben Ende be reits wieder mit einer dichten Decke von Pflanzen überzogen, bis der ausreutende Arbeiter am andern Ende anlaugt. Die von ihm gestreute Saat geht auf, aber mit ihr eine zahllose Menge un endlich verschiedener Pflänzchen, die aus Samen oder Würzelchen, welche unbeachtet im Erdreiche lagen, mit der Saat gleichzeitig aufsprießen, ihr die nöthige Nahrung entziehen, sie überwuchern und ersticken. Schon nach wenigen Wochen erblickt der Arbeiter, der Saat zu sehen hoffte, eine junge Wildniß, welche seine Hoff nung zernichtet und ihm die Früchte seines Fleißes grausam raubt. Noch schwieriger ist die Urbarmachung des Bodens in einem mit Waldung bedeckten Lande. Tief hinein in die Erde erstrecken sich zahllose Wurzeln der Bäume. Der Mensch kommt, er haut die Waldung mühselig nieder und häuft um die Stöcke der Bäume das abgehauene Holz. Wenn nothdürftig trocken geworden, so legt er Feuer an. Eine furchtbare mehrtägige Gluth verzehrt die Reste des niedergcworfene Waldes; die Asche düngt den Boden und nur wenig mehr ragen die verkohlten Stöcke über die Erde hervor. Da ist Hoffnung vorhanden zum Getreidebau. Voll Freude wird der kahle Boden umgehackt, denn dem Pfluge setzen die noch überall vorhandenen harten Stöcke unüberwindliche Hinder nisse entgegen und das neue Grundstück wird besäet. Smaragden sprießt die junge Saat aus der Erde auf. Aber o Jammer! mit ihr abermals eine unendliche Fülle von Unkraut, dessen Sa men der Wind, der eilende Vogel, aus dem nahen Walde her- 16 *244 beiträgt und das sich hier breit macht, als sei das Feld ihm be reitet. Da hilft kein Jäten, kein Reinigen; nur kümmerliche Reste können gerettet werden, es wird nicht besser, bis endlich nach mühe vollen Jahren meilenlange Striche von Wald gereinigt und blos- gelegt stnd, bis durch beständige angestrengte Thätigkeit allmählich das wuchernde Unkraut bezwungen und ausgerottet werden kann. Noch viel schwerer wird aber der Kampf des Menschen, wenn mit dem zähen Festhalten der Vegetation an dem Boden,, welchen sie einmal in Besitz genommen hat, zugleich auch die feindliche Zerstörungssucht der Thiere sich verbindet, um den Menschen und seine Werke zu vernichten. So mag denn zwischen dem Kampfe, den Noahs Nachkommen mit der Natur bestehen mußten und jenem der Auswanderer, die in unbewohnte Wild nisse eindringen, um sich chaselbst niederzulasscn, sehr viele Aehn- lichkeit stattstnden, und wir wollen deshalb für unsere Leser die wichtigsten Momente aus der Geschichte einer Niederlassung hier mittheilen, so weit sie zur Beleuchtung des Gegenstandes, dem wir nach unserer Ueberschrift hier begegneten, nothwendig sind. Aus den Briefen eines unterfränkischen Auswanderers. Als Columbus Amerika entdeckte, fand man bei der in vielen folgenden Jahren gemachten näheren Untersuchung dieses Erdtheils nur die freundlichen mittägigen Länder von einer starken Bevölkerung erfüllt. Wo aber die übergroße Macht der Vege tation den Ackerbau erschwerte und die geringen Werkzeuge der Eingeboruen zur Ausrottung der Nrwaldungen nicht mehr hin reichten, da wich der Mensch dem Pflanzenwuchse und schüchtern durchzogen vereinzelte noch dazu sich oftmals bekriegende Wilde, die im Jägerzustande, der untersten aller Culturstufen, standen, die feuchten Tiefen der ungeheueren Forste. In den kälteren, rauheren Län dern von Nordamerika ist von den Wilden wohl nie ein Versuch zur Ausrottung der Wälder unternommen worden, bevor die Millionen kräftiger Auswanderer aus Europa in das Innere drangen und hier mit zäher Ausdauer und Kraft der Natur Schritt vor Schritt das ihr von Urbeginn an unbestrittene Terrain abgewannen. Es liegen sehr zahlreiche Berichte vor, welche den fast unglaublichen Aufwand an Kraft, Ausdauer und Muth, sodann die zahllosen Gefahren schildern, durch welche und begleitet von welchen eine345 Ansiedlung in Mitte der Urwälder errungen werden muß. Fol gende Nachrichten dürsten vielleicht wenig bringen, was nicht An dere auch, und zwar in noch höherem Maße, erfuhren; da sie aber ziemlich neu und unbekannt sind, so wollen wir sie unseren lieben Lesern im Auszuge mittheilen, indem wir wenig mehr daran ändern, als die Rücksicht auf die richtige Schreibweise, welche in den Briefen nicht immer genau genug beobachtet ist, es nöthig macht. 1849. I. Als wir in der Stadt Newyork landeten, woselbst uns Konrad bereits seit mehreren Tagen erwartete, staunten wir über die Pracht der Gebäude, die alles, was wir in Europa gesehen hatten, weit übertraf. Konrad führte uns in eines der besten Speisehänser, wo deutsch gesprochen und gewirthschaftct wurde. Wir trafen daselbst einige Leute unserer Gegend, die sich in Newyork als Mäkler, Agenten, Haustier hernmtrieben und uns ihre Dienste anboten. Da uns aber Konrad gewarnt hatte, nicht mit ihnen zu verkehren, so ließen sie uns bald in Ruhe. Nach Tische wurde unser Gepäck gebracht und Konrad, der in allem sehr wohl Bescheid wußte, ließ es sofort versichern und auf den Westbahnhof schaffen. Da er selbst überall dabei sein und auf alles genau acht geben mußte, so kehrte er erst nach dreistün diger Abwesenheit zu uns zurück. Er hatte sehr viele Mühe mit uns und ohne seine Hilfe wären wir wohl um einen großen Theil unserer Habseligkeiten und um viel Geld geprellt worden. Denn der Strand wimmelt von Betrügern aller Art, welche sich au die Einwanderer wie Kletten hängen, die Alle unter einander in Verbindung stehen und auf die abgefeimteste Weise, wie wahre Räuber, die Unerfahrenen, welche sich mit ihnen einlassen, um Hab und Gut bringen. Bei uns war freilich kein solches Ge schäft zu machen, das hatten wir dem guten Konrad zu ver danken. Am folgenden Morgen, um 4 Uhr früh, sollten wir mit dem Hauptzuge nach Buffalo abgehen. Das ist schon eine sehr lange Reise, weiter als von Würzburg nach Hamburg. Nach einer dreizehnstündigen Fahrt, die, wie ich an den Bäumen und Feldern, an denen wir vorüber flogen, merkte, furchtbar schnell ging, kamen wir in Buffalo an, wo wir sogleichunter Konrads Leitung auf das große Dampfboot gingen. Buffalo ist eine schöne große Stadt, ganz neu gebaut, mit großen schönen Häusern, ungeheueren Magazinen, fast wie Newyork, obwohl es nicht am Meere, wohl aber an einem sehr großen See liegt, der Erie genannt wird und wieder mit fünf noch viel größeren Seen in Verbindung steht. Einer davon, der obere See, geht fast 500 Stunden tief nach Nordwesten in das weite Land hinein, wo die Wildniß noch fast unerforscht sein soll und noch wilde Indianer in den Wäldern Hansen. Dort grenzen die Staaten an englisches Gebiet, an das Land Kanada. Wir wollten nach Milwaukie fahren, das ist eine andere, neue, große Handels stadt am See Michican. Das Dampfschiff setzte sich in Bewe gung und es ging nun zwei Tage und Nächte lang auf dem Wasser hin. Ich kann Dir gar nicht beschreiben, wie angenehm die Fahrt war. Der See ist überall mit schönbebautem Land um geben, dazwischen wieder mit großen Waldungen. Auch die In seln sind meist cultivirt und bewohnt, die kleineren schön be wachsen. Ueberhaupt kamen wir, so viel wir auf der Eisenbahn sehen mochten, durch lauter trefflich cultivirtes Land. Einmal sichren wir säst zwei Stunden lang durch lauter Weizenland, in dem nur schmale Streifen Wiesen und Wälder waren. Das gab uns einen Begriff von der Größe der Landwirthschaft. Am drit ten Tage früh kamen wir in Bison an, einem Orte, wo wir in ein anderes Dampsboot gingen. Bis unsere Sachen verladen und wieder versichert wurden (man muß hier alles verassecuriren), stiegen wir an s Land und gingen in der Gegend umher. Bison ist ein kleiner Ort, der nur aus Gasthäusern besteht und gerade zwischen dem Huronen- und Michicansee liegt, wo die Dampf boote wechseln. Da war noch Urwald und wir bekamen nun einen Begriff von amerikanischer Waldung, einer furchtbaren Wildniß, der zu gewissen Zeiten selbst das Feuer nichts anhaben kann. Baum steht an Baum; sechs Fuß dicke Eichen, Bu chen, Ahornbäume, dann allerlei Nadelholz, das man bei uns nicht kennt. Hoch oben verflechten sich die Aeste in einander und zwischen den Stämmen liegt das Genist und das Unkraut mehrere Schuh hoch, so daß man nicht durchzukommen vermag. Die vorderen Bäume, welche wir da sahen, waren alle verkohlt; den noch waren nur 2 oder 3 davon ganz abgestorben und verfaulten langsam. Die anderen standen noch frisch und grün, als könnte247 ihnen selbst das Feuer nichts anhaben. Wir stiegen bald auf unser Dampfschiff, das uns nun nach Milwaukie bringen sollte. In Milwaukie ist das Volk mehr deutsch als englisch. Wir wurden da von Konrads Fuhrwerk erwartet und verluden unsere Koffer und Kisten dasselbe. Ach, wie weit waren wir nun von Euch entfernt! 800 Meilen*) tief im Innern von Amerika. Unser Görg-Andres und die Bäbi (der Knecht und die Magd) wunderten sich immer, wenn wir ihnen sagten, daß wir doch erst ein klein Stücklein im Innern dieser ungeheueren Länder wären und wir ihnen auf der Landkarte zeigten, wie weit nun das Land noch gen Westen hinginge, bis man wieder einmal an ein Meer komme. Sie hatten schon den Erie für das andere amerikanische Meer (das stille Meer) gehalten. Hier düngen wir auch zwei Neger, die uns ihre Dienste anboten, um sie als Holzhauer zu verwenden, schwarze, große und starke Bursche, die nichts Deutsch verstanden und die ihr Zeug (Arbeitsgeräthschaften) mitbrachten. Sie ließen unö ihre Aexte sehen, die ganz anders gemacht stnd, als jene, welche wir mitgebracht hatten. Der Stiel ist fünf Fuß lang, von sehr ge schmeidigem und hartem Holz, die Axt schwer und gewaltig, wie ein großer Stahlkeil und kostet auch das Stück im Lande 3 Con- ventionsthaler, denn sie ist aus dem besten Countystahl geschla gen. Diese Leute arbeiten nach dem Stück, d. h. man akkordirt mit ihnen, was sie für den Acker verlangen. Bezahlt werden sie, wenn die Arbeit fertig ist und so lange müssen sie aber auch verköstigt werden. Es ist nicht gut mit ihnen umgehen, aber zu der Arbeit sind sie nicht zu entbehren, da kein Farmerknecht sich zum Holz schlagen bequemt. Görg-Andres welschte lange mit ihnen, um ihre Kunstgriffe los zu kriegen, weil er ihre Art und Weise ler nen wollte; es half ihm aber nichts, als er später mit ihnen arbeitete und wir mußten ihn aufhören lassen, weil er sich sonst überarbeitet hätte und wir ihn auf den Wiesen gar nothwendig brauchten. Nach viertägiger Fahrt kamen wir in Plinsbury, einer klei nen Stadt, an, in deren Nähe Konrads Farm lag. Hier ging die Strasse schon meilenweit durch große Wälder, in denen nur der Bedarf an Nutz- und Brennholz geschlagen wird, sonst waren sie noch ganz im Urzustände. Der Fluß ist hier etwa so breit, *) immer engl. Meilen, von denen 3 auf eine Deutsche gehen.248 als der Main bei Würzburg, fließt schön hell dahin in einem tiefen Rinnsal und am Ufer sind herrliche natürliche Wiesen. Unsere Farm lag noch eine starke Viertelstunde weiter, als die von Kon- rads Eltern; doch waren wir daheim, als wir bei ihnen ankamen. Die alten Leute zerflossen in Thränen und ließen uns gar nicht los, besonders Lisette, welche sie seit deren Kindheit nicht mehr gesehen. Ich soll Euch tausend schöne Grüße schreiben rc. II. Ich ging noch an demselben Abend mit dem Onkel hin über nach dem Lande, das er für uns gekauft hatte. Da sah es freilich wild aus. In den Feldern stand alles voll verkohlter Stämme, doch wucherte das junge Korn und der Weizen gar schön dazwischen empor. Aber mit dem Pflug mochte da eine harte Arbeit sein. Die Wiesen dagegen waren so schön, wie ich nie welche gesehen, das Gras dicht, sein, voll Klee und Blumen, obwohl wenige so wie daheim bei uns. Das mußte ein herrliches Futter geben! Es gehörten mir etwa 11 Tagwerk. Seitwärts und mitten in den Feldern stand das Blockhaus, vor ihm eine Dungstätte, Blockhausstallungen und eine Scheune, alles nur roh, am besten gearbeitet das Eisenzeug der Riegel und Schlösser, das man nirgends so stark und gut bekommt, als in Amerika. Allein die Felder reichten für die Landwirthschaft nicht hin. Längs der Wiesen zogen sich mehr als dreißig Juchart Waldland hin, der beste braune Lehmboden, fast einen Schuh hoch mit feiner schwarzer Erde bedeckt, aber lauter Wildniß. Mir schauderte, als ich das sah. Die Farm hatte schon sechstausend Gulden gekostet; es fehlte noch an allem Vieh, was man zur Wirthschaft braucht und an tausend anderen Dingen, nach denen ich vergeblich fragte. Die Hälfte des Landes lag am rechten, die andere am linken Ufer des Flusses und keine Brücke war da; alles, wornach ich fragte, sollte erst von mir selbst gemacht werden. Dazu hatte ich eine junge Frau, einen einzigen Knecht, eine Magd und die zwei Schwarzen, welche mit finsteren Blicken am Walde herumschlichen und das Holz besichtigten. Doch der Onkel sprach mir Muth zu. Arbeit gibt es wohl genug, sagte er, aber es wird einmal ein Fertigwerden sein. Und mit Rath und That sind wir Euch ja immer zur Hand! In den nächsten Tagen wurde drüben aufgeräumt, ausge packt, eingerichtet, Konrad brachte eine Fuhre Möbeln, auch Lisette249 fand sich leichter zurecht, als ich. Auch die Magd Bäbi war schnell eingewöhnt, als die Kühe kamen, drei gewaltige Thiere. Weniger zufrieden war der Knecht, der mit dem Knecht des Onkels die für uns gekauften Pferde brachte. Das waren große schöne Thiere, aber an den Zug noch gar nicht gewöhnt, scheu und wild, so daß sie nur mit Vorsicht gefüttert und geputzt werden konnten. Die Neger hatten inzwischen ihre Arbeit begonnen und ich muß gestehen, daß sie zu arbeiten verstanden und ihren Lohn ver dienten. Sie hieben immer zu zweien, wie die Zimmcrlente, 4 bis 5 Fuß hoch über der Erde, die Bäume bis auf eine geringe Kante durch und zwar nach der Windrichtung zwanzig bis dreißig Stämme hinter und neben einander. Dann warfen sie die hin tersten auf die vorderen durchhauenen Stämme, so daß einer den andern mit furchtbarem gewaltigen Krachen nicderbrach. Die schön sten schlankesten Stämme, besonders Fichten und Cedern, reinigten sie von Acsten und wälzten sie auf den Anger; die übrigen blieben liegen und es wurde alles Reisig und Genist auf sie gehäuft, um schnell auszudorrcn, was bei der nngeheuern Hitze nicht lange dauern konnte. In einem Tage schlugen sie 50 bis 80 Stämme nieder und gelang ihnen auch zumeist mit dem Werfen ganz gut. Sie arbeiteten von 2 Uhr nach Mitternacht bis 1 Uhr nach Mittag; dann aßen sie und schliefen bis 10 Uhr Abends, um welche Zeit sie wieder aßen, rauchten und Whysky tranken, dann aber, vollkommen angekleidet, noch ein paar Stunden schliefen. Zu ihrer ganzen Arbeit brauchten sie vom 11. Juni bis Ende September und hatten in dieser langen Zeit nur etwa eine Woche ausgesetzt und wöchentlich an den Feiertagen. Jeder trug ohn- gefähr 110 Dollars Lohn davon, so daß sich die Kosten, welche mir das Niederschlagen dieser Waldung verursachte, mit Kost, Wäsche, Trunk und dergl. fast auf 1200 fl. beliefen. Inzwischen hatten, wir zweimal Heu gemacht, den Schoppen gefüllt, alles für den Winter in guten Stand gesetzt, Brennholz gemacht, Rüben nach der Ernte gepflanzt, das Korn und den Weizen bei gutem Wetter in die Scheune gebracht und die Felder wieder mit Wintersaat besäet. Bäbi hatte unsägliche Mühe mit dem Krauten; es schoß überall mehr Unkraut auf, als gute Frucht, so daß sie oft verzweifelte und von der Arbeit heimgelaufen kam. Bei Beginn der Nachtfröste starb aber das Unkraut ab und das250 Getreide erhob sich mehr, wie mir der Onkel gesagt hatte. Doch war auch Bäbis Arbeit keineswegs umsonst gewesen. Wir hatten zum Versuche ein Schober Korn gedroschen und gefunden, daß davon 12 bayerische Metzen schweres Getreide ge fallen war, obwohl stark mit wilden Körnern untermischt. Man hat in Amerika eine eigene Art, das Getreide zu sieben, und wir mußten das alles erst lernen. Unsere Neger hatten uns längst verlassen, hatten uns aber gewarnt, das niedergebrochene Holz nicht eher anzuzünden, bevor wir nicht einen recht anhaltenden Ostwind hätten, sonst würde unser ganzes Anwesen von der Gluth in Feuer ausgehen. Das Holz war merkwürdig abgedorrt, aber dazwischen stachen eine Un zahl junger Schößlinge auf Und der ersehnte Ostwind ließ noch immer auf sich warten.! Endlich, eines Samstags es war im Oktober erhob sich ein kalter rauher Ostwind und sogleich kamen der Onkel und Konrad mit den Knechten, dazu viele andere Nachbarn, welche die Neugierde hcrbeitrieb, um dem Anstecken des Holzes beizu wohnen. Da lagen mehr als sechstausend mitunter ungeheure Stämme, die mich schweres Geld gekostet hatten und welche jetzt das Feuer verzehren sollte. Es war lauter gesundes schönes Holz und wäre bei uns daheim wohl 50000 fl. werth gewesen. Jetzt sollte es in Flammen aufgehen. Mit Wehmuth und schwerer Be- sorgniß sahen wir dem furchtbaren Schauspiel entgegen. Wir hatten alles Vieh auf die andere Seite des Flusses gebracht, aus die Dächer überall volle Wasserzuber getragen und beteten, der Himmel möchte nun unser Wagestück gelingen lassen und den Ost wind so lange erhalten, bis die Gluth erstickt wäre. An fünfzig Ecken wurde das Holz zugleich in Brand gesteckt; ich konnte nicht mit Hand anlegen; ich und meine junge Frau, wir standen am Hause und beteten still und andächtig, während der Wind oben im Dache heulte. Wie soll ich Euch beschreiben, was da entstand! Binnen wenigen Stunden stand das ganze große Lager in Flammen; eine ungeheuere schwarze Rauchwolke stieg empor, wirbelte von dem immer heftiger werdenden Winde getrieben, dahin und vereinigte sich mit den dunkeln Wolken, welche der Sturm herbeijagte. Die Gluth war so entsetzlich, daß Niemand ohne Gefahr sich auf hun dert Schritte hinwagen konnte. Als das Genist verzehrt war,251 sah man in die weiße Dämpfe versendenden, prasselnden Massen ungeheurer glühender Strünke hinein, die eine solche entsetzliche Hitze verbreiteten, daß der Boden braun flimmerte und die Lust sichtbar kochte. Jetzt war der gefährlichste Augenblick. Große Massen von glühenden Kohlen sprangen laut krachend ab, wurden nach allen Richtungen und in die Luft geschleudert und bedeck ten das verdorrende Gras umher mit dampfenden Trümmern. So brach die erste Nacht an; der Himmel warf die Gluth roth- strahlend zurück, welche aus dem Flammenheerde zu ihm empor stieg und der Wind heulte in die weißglühenden immer stärkere Hitze verbreitenden Kohlenmassen immer gieriger und wilder. Kein Mensch von ns allen dachte bei diesem furchtbaren Anblick an Schlaf: selbst unser Vieh sahen wir mit mit gespitzten Ohren drüben stehen, und ängstlich herüber schauen. Ihr habt Glück, Nachbar," sagte Einer von den vielen Neugierigen, dieser Wind ist mehr als ein tausend Dollar werth; er reinigt Euch das Feld so gründlich, daß ihr in 4 Jahren dar über Pflügen werdet, wie drüben in Eurer Heimath." Ist das nicht immer der Fall?" sagte ich. Da, seht nur Eure Felder au;" entgegnete der Mann; diese habe ich urbar gemacht; aber als ich das Holz ansteckte, fiel Regen ein und ließ nur lauter halb verkohlte Strünke, die noch dazu sehr langsam faulen, weil die Wurzel nicht ausgeglüht ist. Aber da ist jetzt schon alles Leben erloschen. Ich wünsche Euch Glück dazu!" Acht Tage dauerte der Brand, obwohl sich der Wind legte und mit einem kalten Regenschauer schloß, der aber nur ein paar Stunden anhielt und die Gluth vermehrte, statt sie zu ersticken. Nach dem Regen setzte ein starker Südostwind ein, der uns noch einmal heiße Tage brachte und abermals eine furchtbare Gluth im Holz anfachte. Selbst da, wo wir meinten, das Feuer finde keinen Stoff mehr, begann abermals das Knistern der Gluth und Schauer von heißer Asche regneten auf die Felder und Gebäude nieder. Endlich stieg nur feiner weißer Dampf von einzelnen glühenden Strünken empor. Das übrige war rein zu Asche ver brannt, die grauweiß in seinen Haufen vom Winde auf dem kahlen Boden umhergewirbelt wurde. Aber die Hitze des Bodens hielt noch weitere 8 Tage an und noch viel später fanden wir an den252 Stöcken, die hie und da aus der Erde ragten, noch unter der Asche die Gluth, welche sie immer weiter verzehrte re. 1830 . III. Ich habe in meinem letzten Briefe erzählt, daß wir mit dem Abbrennen glücklich zu Stande kamen. Heute fahre ich weiter fort. Wir arbeiteten mit vier Pflügen im neuen Lande, wozu uns Konrad und der Onkel, dann zwei Nachbarn Beistand leiste ten. Der Onkel, ich, unser Görg-Andres und ein naher Far mer, von dem wir Saatweizen gekauft, säeten. Das Wetter war uns halb günstig, halb ungünstig; wir hatten nämlich trockne Witterung, so daß uns der Staub der Asche und des dürren Bodens viel zu schaffen machte. Du kannst dir keinen Begriff machen, welche Arbeit hier das Ackern macht; der Pflug reißt die Erde auf, alle Augenblicke steckt er an verkohltem Wurzelwerk, so daß wieder mit der Hane nachgeholfen werden muß und den Stöcken muß man überall ausweichen. Und doch war das Wetter ein glückliches, denn wir konnten noch 20 Morgen mit Korn, das übrige mit Weizen besäen, ehe Regenwetter einstel. Der Winter blieb heuer über Erwarten lange aus; sonst legt er schon Ende Oktober den Schnee auf ö Land, heuer hielt die warme Witterung bis in den November an. Wir ernteten dann das Futter und brachten 11 Wägen voll Kartoffeln und trefflicher Rüben glücklich in die Grube, ehe es schneicte. Aber wir hätten noch viel, viel mehr zu thun gehabt, als uns der Schnee überraschte. Doch wir dankten Gott, der uns so weit geholfen. Acht Tage hielt das Schneegestöber an; am neunten drehte sich der Wind plötzlich nach Süden und binnen 24 Stunden war wieder aller Schnee weg. Der Fluß schwoll, riß unfern Floß in Trümmer und führte den Kahn fünf Stunden weit fort, wo er aufgefangen wurde. Ich machte nun einen Gang durch die neuen Saatfelder. Ach, ich mußte weinen vor Freude. Nie sah ich eine so herrliche Wintersaat! Obwohl wir alle unsere äußersten Kräfte hatten anstrengen müssen, ist jetzt doch durch Gottes Hilfe das härteste für dieses Jahr überstanden und wenn der Frühling nicht zu naß ist, dann wird alles gut gehen. Der Onkel brachte uns einen Schlitten von Milwaukie mit und gute Hirschdecken. Wir fahren jetzt alle Sonntag nach Thomsgarden in die Kirche. Dahin haben wir vier Stunden.Die Frauen und Knechte haben mit dem Vieh vollauf zu thun; ich und Görg-Andres, wir gehen täglich auf die Jagd. Bären gibt es bei uns nicht mehr, wohl aber Wölfe, die wir schon jetzt des Nachts heulen hören. Sonst findet man Wild in Menge, besonders Hirsche, die aber kleiner sind, als die bei uns daheim und fleckig, wie Dammhirsche. Es gibt in den Wäldern auch eine kleine Art wilde Schweine, die sehr delikates Fleisch haben. Auch die Biber sind sehr wohlschmeckend, doch schwer zu bekom men. Ihr Fell ist kostbar. Wilde Vögel, namentlich Trappen, Auerhähne und dergl. gibt in Menge und sie schmecken sehr gut. In den Wäldern nisten zahllose wilde Tauben, die sehr leicht zu schießen sind. Vor zehn Jahren noch gab es in der Nähe Indianer, die den Farmen oft einkehrten und dazwischen auch Nachts einzeln wohnende Farmen überfielen, ausraubten und ermordeten. Jetzt sind sie weit in das Innere nach Westen zurückgewichen. Man hat mir erzählt, wie diese Wilden die ersten Zeichen der herannahenden Civilisation genau beachten, um rechtzeitig vor derselben entfliehen zu können und andere Jagdgebiete aufzusuchen, wohin noch nie der Fuß eines Weißen kam. Zuerst wittert der wilde amerikanische Stier, der Bison, die nahende Gefahr; er flieht und verläßt die Gegend. Dann erscheinen plötzlich wilde Bienenschwärme in den Wäldern; nach diesen kommen die Pio- neers, das sind halb wilde Jäger, welche sich von der Jagd und dem Pelzhandel nähren und mit den Indianern in stetem grau samem Krieg leben. Sobald der Indier den ihm wohlbekannten Knall ihrer trefflichen nie fehlenden Büchsen hört, zerstört er sein Wigwam, seine Wohnung und flieht mit Weib und Kind viele hundert Meilen weiter in die Wildniß. Nach den Pioneers er scheint das Heer der Trapper. Das ist eine eigene Art von An siedlern, halb Jäger, halb Ackerbauer, welche, ohne Lizenz von den Staaten zu haben, mitten in die Wildniß Oeffnungen hauen, Hütten errichten und hier den ersten Grund zu den Ansiedlungen legen. Erst auf diese folgen die Landkommissäre des Congresses, welche den Boden vermessen und in Theilen an die mit ihnen unterhandelnden Bvdenmäkler verkaufen. Diese bringen Neger mit, richten einige Felder auf jeder Farm in Stand; das übrige lassen sie alles, wie es ist. Sie erbauen Blockhäuser, Scheunen, Schoppen, Ställe, finden sich mit den Trappern ab und nun erst254 kommen die Ansiedelungen in feste Hände, und werden, wenn anders der Boden von nachhaltiger Fruchtbarkeit ist, vollkommen kultivirt. Es sind aber oft zwanzig Jahre voll harter Arbeit, Mühe und Beschwerde nöthig, um den wilden Waldboden ganz in kultivirtes Land zu verwandeln rc. 1851. IV. Nach einem strengen Winter ohne Gleichen, wie ich noch nie einen erlebte, schreibe ich Dir wieder, lieber Vetter. Aber womit soll ich beginnen, um Dir alle Drangsale zu schildern, die wir in diesem merkwürdigen Lande zu überwinden haben? Soll ich Dir von der entsetzlichen Kälte erzählen, gegen welche selbst das wohlgeheizte Zimmer im Blockhause, worin Tag und Nacht ein starkes Feuer prasselt, nicht schützt? Soll ich Dir sagen, daß die Schneemaffen so groß waren, daß wir selbst bis zu dem nur eine kleine halbe Stunde von uns entfernten Vetter nicht mehr kommen konnten? Daß wir Einsiedler waren und Schneewasser zerschleichen lassen mußten, um es zu trinken? daß wir alle krank wurden? Soll ich Dir von der entsetzlichen Ueber- schwemmung erzählen, welche einen der besten Theile meiner Wie sen hinwegriß und mich am andern Ufer nüt einem ganzen Walle Treibsand beschenkte. Trotz dieses entsetzlichen Winters, der mit hartem Frost vom 28. November bis 3. März anhielt, brach das Wetter plötzlich, der Schnee schmolz sehr rasch, der Fluß trug die furchtbare Eis decke, die aus ihm lastete, mit entsetzlichem Donnern, Krachen und Toben fort und mit unbegreiflicher Schnelligkeit, wie eine Thea terveränderung, folgte der Lenz auf den Winter. Vor allem sah ich nach meinen Saaten! Aber welch ein Schrecken! So schön sie im Herbste gewesen, eben so furchtbar mit allem nur erdenk lichen Unkraut waren sie jetzt durchwuchert. Vergeblich versuche ich es, Dir einen Begriff von dem Wnst zu verschaffen, der da aufwuchs und dessen AuSreuten über all unsere Kräfte ging. Jetzt nach der Blüthezeit und bei ziemlich trockener sehr heißer Witterung, sieht man zwar stellenweise etwas Korn oder Weizen; aber das übrige ist ein grünes dichtes Genist und ich zweifle, ob ich meine Aussaat wieder ernten werde. -Dabei gibt es Arbeit die Hülle und Fülle. 1852. Wir haben in der That fast nichts an Getreide von denneuen Feldern geerntet. Dagegen gaben die alten mehr gereinig ten Grundstücke einen Ertrag, der unsere schönsten Hoffnungen weit hinter sich ließ und den Ausfall etwas ersetzt. Noch über schwänglicher werden unsere Kartoffeln ansgeben. Wir lassen sie bis zu dem ersten leichten Reifwetter in der Erde; wir haben aber schon einige ansgemacht und die sind so kostbar gut, daß wir Gott nicht genug dafür danken können. Unsere Wiesen haben uns , schwer Geld und unendlich viel Arbeit gekostet, die Wasserriffe zu verbauen. Der ansgerissene Boden mußte sorgfältig von allen Wur zeln gereinigt werden; er soll heuer gar keine Wintersaat bekommen und im Frühjahre noch einmal umgeackert werden. Ach, was ist alle Arbeit des Landmannes in Europa gegen die unsrige! Wir kämpfen mit der Wildniß, die gewaltiger ist, als wir, die unsere Saaten erstickt und alles verdirbt, wenn wir nicht mit allen Kräften des Leibes und der Seele Tag und Nacht fle auszurotten bestrebt sind. Alles das sagte man uns; alles das schrieb uns der Onkel; aber wir glaubten es nicht. Jetzt werden wir durch Schaden klug! Bruchstücke. 1833. VI. Diese schwarzen Wolken kamen näher, und fielen herab auf unsere üppigen Felder. Es war ein Wunder der All macht Gottes, wie es noch nie ein Mensch gesehen. Millionen Tauben erfüllten viele Stunden weit unsere Fluren aber sie vernichteten unsern halben Erntesegen; die hungrigen Vögel fraßen mit äußerster Gier alles auf. Das Feuer unserer Gewehre konnte sie nur aus Augenblicke verscheuchen; sie trotzten dem Tode und kamen nach jedem Schüsse, der sie immer zu Dutzenden auf die Erde streckte, wieder. In der Breite von vier Stunden ist in unserer ganzen Gegend fast kein Halm mehr aufrecht; die Vögel haben alles vernichtet. Wir liegen mehr im Walde, deshalb ist der Schaden bei uns nicht so groß, als bei Onkel Scheppmann und überhaupt in Scheppmannsdorf. Da ist nur eine Ernte von Stroh. Hast Du je von so etwas gehört? Die Tauben, welche wir erlegten und sammeln konnten, wurden nach der Anweisung unseres Zimmermanns gerupft, ge salzen und dann geräuchert. Sie werden im Winter manches 256 gute Gerücht geben. Wir haben jetzt dreihundert Hühner, fünfzig Gänse, eine Menge Enten, drei alte, fünf junge Kühe, sechs Ochsen und vier Pferde. Görg hat noch zwei Knechte zum Bei stände und seine Braut Bäbi ist zur Köchin und Kindermagd avanyirt. Wir haben ihnen ein Häuschen gebaut und vier Mor gen Feld abgetreten. Ich habe noch 104 Juchart Land von einem Nachbar gekauft, der es bei uns nicht aushielt und nach Europa zurückkehrt. Er bringt Euch diesen Brief." 1834 . VII. Wir haben ein sehr nasses Jahr; ich werde eine halbe Mißernte haben; kaum unsern Bedarf an Getreide, Kar toffeln und Grün- und Rübenfutter bringe ich davon. Es ist eine sehr große Noth im Lande. Ich danke Gott, daß ich vom vorigen Jahre noch viel Getreide liegen habe; es galt damals nichts im Preise. Auf den Höhen habe ich etwa zehn Morgen Hopfen ge pflanzt. Er ist noch ganz jung und doch haben wir fast 3 Cent- ner gepflückt. Der Centner gilt aber hier zu Lande 200 Dollar. Mit Hopfen wäre also bei uns heuer ein gutes Geschäft zu machen. Noch immer sind wir nicht im Stande, unsere Felder rein zu bringen. Man darf durchaus nicht das Unkraut vorstcllen, wie es in Europa ist. Dort ist es in nassen Jahren hauptsächlich die Vogelwicke, welche das Getreide überwuchert und erstickt; hier ist es eine Unmasse von Unkraut, jungem Holze und tau senderlei Schößlingen, die mir unbekannt sind, denn es kommen immer andere. Und da hilft kein Jäten, kein Aufsammeln hinter dem Pfluge, nichts scheint zu fruchten. Sehr viel Schaden richtet auch immer das Wild an, welches die Felder verheert; auch Ameisenzüge stellen sich jetzt ein, da die Gegend waldfreier wird; Maulwürfe, Erdmäuse alles nur erdenkliche Ungeziefer will uns den Segen Gottes rauben. Die Obstbäume schießen gut auf, aber sie tragen noch nichts. Nur das Vieh gedeiht trefflich, am besten die Schweine. Ich schlachte keines, bevor es nicht zwei Centner wiegt. Bis zum Herbst kosten sie kein Futter, sie nähren im Walde selbst; ein junger Neger mit ein paar großen Hun den hütet sie dort. Ich und Onkel Scheppmann, wir halten zu sammen fünf hundert Stück, von denen wir die meisten bis Mar tini, wo sie fett sind, verkaufen."257 Die weiteren Briefe enthalten mehr Nachrichten über das fortwährende Gedeihen der Farm und Familiennachrichten; aber das Wenige, was wir unseren lieben Lesern hier mitgetheilt haben, wird hinreichen, um ihnen einen Begriff von dem gewaltigen Kampfe zu geben, den der Mensch mit der Natur, mit dem Pflan zenzenreiche zu bestehen hat, wenn er in der Wildniß sich ansie delt und dem Urwald Raum für seine Felder abzwingen muß. Noch härter wird aber dieser Kampf, wenn sich mit der Mühe und Arbeit die Selbstvertheidigung verbinden muß, wenn reißende Thiere das Leben des Ansiedlers bedrohen, wenn er bei jedem Schritte fürchten muß, auf giftige Schlangen, Scor- pione, Tausendfüße und Spinnen zu treten; wenn zahllose Heere von Termiten seine Gebäude viel schneller zu Staub zerfressen, als er sie zu errichten im Stande ist und die Luft von giftigen Moskiten wimmelt, die dem Menschen Tag und Nacht unerhörte und unerträgliche Qualen bereiten. Damit verbinden sich in heißen und feuchten Ländern noch überdies die ungesunden Ausdünstungen großer Sünipfe, die Dünste des feuchten, hoch mit Moder überzogenen Bodens, der eine Un zahl giftigen, dem Menschen feindlichen Gewürms ernährt, und in Folge dessen rauben Krankheit und Siechthum dem Kolonisten die Kraft und damit den Muth zur Arbeit und zum Kampfe. Er geht verloren; er erliegt dem Ungemach, das fein Vermögen übersteigt. Nachdem wir aber nun unfern Leser Blicke in den Kampf des Menschen mit der Natur thun ließen, ist es nöthig, diese Natur im Allgemeinen als Welt der Pflanzen und der Thiere, so dann im Einzelnen nach ihren wichtigsten, großartigsten Bestand- theilen und endlich drittens bezüglich dessen kennen zu lernen, was der Mensch vor allem sich als das nützlichste angeeignet und an sich gewöhnt hat. Allgemeine Uebersicht deö Pflanzenreiches. Die Wasser der Sündfluth sanken; sie ließen, wie jede Ucberschwemmung, überall, wo sie fast 200 bis 300 Tage gestan den, einen dunkeln, dichten, äußerst fruchtbaren Schlamm zurück, höher, wo verhältnißmäßige Ruhe zur Ablagerung war, weniger an unruhigen Stellen. Dagegen dort, wo die Hauptzüge der 17I. 258 ungeheuren Strömungen waren, hinterließ die Flnth gräßliche Einöden ungeheurer Kies- und Sandlager, zu deren Besamung entweder, wie in sehr heißen Ländern, z. B. in der Sahara, fast gar keine Möglichkeit war, oder, wo Klima und Witterung günsti ger sind, wenigstens Jahrtausende lang zuerst kleine Flechten, dann Moose, bann dürftige Gräser, endlich Kräuter, Sträncher in langen unmerklichen Reihensolgen leben, sterben, verfaulen mußten, bis die Oberfläche der Erde endlich so viel Humus (Erde von verfaulten Pflanzen) erlangte, um auch dem Walde einen gün stigen Boden bereiten. In gebirgigen Gegenden beförderte das beständige Verwittern großer Massen von Gesteinen und das Abschwemmen des Verwitterten und des Schlammes durch den Regen und zahllose Quellen und Bäche die immer höher steigende Fruchtbarkeit der Thäler, der Klüfte im Gestein, wo sich nähren der Boden sammeln konnte. Ebenen, wie in Europa die Lüne burger Haide, in Afrika die Sahara, in Asien die Wüste Gobi, sind dagegen bis znm heutigen Tage Wüsten geblieben und zwar die Sahara eine kahle, furchtbare Sandwüste, die Mutter glühen der, giftiger Winde, welche kein Gräschen anfkommen lassen, ja sogar weit über die Grenzen der Wüste hinaus, selbst über Meere hin, wie über das mittelländische Meer mit ihrem verderbliche Hauche das Leben der Pflanzen und selbst der Thiere und des Menschen bedrohen. In dem Meere flntheten zahllose Samen aller möglichen Pflanzen; Millionen ansgerissener Bäume nd Gewächse wogten in der Flnth; Wurzeln aller Arten trieben umher und ein sehr großer Theil dieser organischen Wesen behielt in der Flnth den noch Keimkraft, die groß genug war, um in dem Boden, -wo sie von der Flnth abgesetzt wurden, abermals zu treiben und eine neue Pflanzendecke über die Erde verbreiten. Ja selbst viele Gewächse mußten unter der Flnth sortgelebt haben, denn die heilige Schrift sagt, daß Noah, als er der Arche stieg, schon eine junge Vegetation auf der Erde fand. Das Wachsthum der Pflanzen ist je nach dem Klima ein rascheres oder langsameres; gewisse Gewächse wachsen schnell auf, andere langsam, viele fast unmerklich. Je üppiger das Wachs- thnm der Pflanzen, desto geringer ist ihre Dauer; viele sind nur einjährig und sterben dann ganz ab; andere erreichen ein viel tausendjähriges Alter und sehen Generation auf Generation neben259 sich entstehen, wachsen und wieder in Staub zerfallen, während sie, ewig jung und frisch, den Zeiten Spott zu bieten scheinen. Dabei ist die Verschiedenheit der Pflanzen in Form, Größe, Farbe, Ge stalt, Ansehen eine unendlich große, und eben dadurch ist der Anblick der Pflanzenwelt ein so überaus herrlicher und zur Be wunderung hinreißender. Vergebens würden wir suchen, ein all gemeines Bild der Pflanzendecke unserer Erde zu entwerfen, wäre es uns nicht gestattet, aus dem reichen Schatze der Wissenschaft für unsere lieben Leser zu schöpfen und besonders die Werke Dessen zu benützen, der unter allen bis jetzt lebenden Menschen die Natur am tiefsten anfgefaßt und am geistvollsten, lebendigsten und treue sten schilderte, die Werke des größten Naturhistorikers aller Zeiten, des Herrn von Humboldt, von dessen Leben und Wirken wir wei ter unten Näheres sprechen werden. In seinem berühmten Buche, welches jeder Mensch von Bildung und Gefühl mit großer Auf merksamkeit lesen muß, in den Ansichten der Natur" spricht er sich über die Pflanzenwelt aus, wie folgt: Ungleich ist der Teppich gewebt, den die blüthenreiche Flora über den nackten Erdkörper ausbreitete; dichter, wo die Sonne höher an dem nie bewölkten Himmel aufsteigt; lockerer gegen die trägen Pole hin, wo der wiederkehrende Frost bald die entwickelte Knospe tobtet, bald die reifende Frucht erhascht. Doch überall darf der Mensch sich der nährenden Pflanzen freuen. Trennt im Meeresboden ein Vulkan die kochende Fluth und schiebt plötzlich, (wie einst zwischen den griechischen Inseln) einen schlackigen Fels empor; oder erheben (um an eine friedlichere Naturerscheinung zu erinnern) die einträchtigen Lythophyten*) ihre zelligen Wohnungen, bis nach Jahrtausenden über den Wasserspiegel hervorschauend abstcrben, und ein flaches Coralleneiland bilden: so stnd die orga nischen Kräfte sogleich bereit, den todten Fels zu beleben. Was den Samen so plötzlich herbeiführt: ob wandernde Vögel, oder Winde, oder die Wogen des Meeres, ist bei der großen Entfer nung der Küsten schwer zu entscheiden. Aber auf dem nackten Steine, sobald ihn zuerst die Luft berührt, bildet sich in den nor dischen Ländern ein Gewebe sammtartiger Fasern, die dem unbe waffneten Auge als farbige Flecken erscheinen. Einige sind durch hervorragende Linien bald einfach, bald doppelt bekränzt; andere *) Corallenthiere; siehe Seite 20, Thl. I. des Lesebuchs. 17 *260 sind in Furchen durchschnitten und in Fächer getheilt. Mit zu nehmendem Alter verdunkelt sich ihre lichte Farbe. Das sernleuch- tende Gelb wird braun und das bläuliche Grau der Leprarien verwandelt sich nach und nach in ein staubartiges Schwarz. Die Grenzen der alternden Decke fließen in einander und auf dem dunkeln Grunde bilden sich neue zirkelrunde Flecken von blenden der Weiße. So lagert sich schichtenweise ein organisches Gewebe auf das andere, und wie das sich anstedelnde Menschengeschlecht bestimmte Stufen der sittlichen Cultur durchlaufen muß, so ist die allmählige Verbreitung der Pflanzen an bestimmte, physische Ge setze gebunden. Wo jetzt hohe Waldbäume ihre Gipfel luftig er heben, da überzogen einst zarte Flechten das erdenlose Gestein. Laubmoose, Gräser, krautartige Gewächse und Sträucher füllen die Kluft der langen aber nngemessencn Zwischenzeit aus. Was im Norden Flechten und Moose, das bewirken in den Tropen Portulaca, Gomphrenen und andere niedrige Uferpflanzen. Die Geschichte der Pflanzendecke und ihre allmähliche Ausbreitung über die öde Erdrinde, hat ihre Epochen, wie die Geschichte des spä teren Menschengeschlechts. (Siehe S. 2t 1 . Theil unseres Lese buchs.) Ist aber auch Fülle des Lebens überall verbreitet; ist der Organismus auch unablässig bemüht, die durch den Tod entfessel ten Elemente zu neuen Gestalten zu verbinden; so ist diese Lebens fülle und ihre Erneuerung doch nach Verschiedenheit der Himmels striche verschieden. Periodisch erstarrt die Natur in der kalten Zone, denn Flüssigkeit ist Bedingniß zum Leben. Thiere und Pflanzen, (Laubmoose und andere Cryptogamen abgerechnet), lie gen hier viele Monate hindurch im Winterschlafe vergraben. In einem großen Theile der Erde haben daher nur solche organische Wesen sich entwickeln können, welche einer beträchtlichen Ent ziehung von Wärmestoff widerstehen oder einer langen Unter brechung der Lcbensfunktionen fähig sind. Je näher dagegen den Tropen, desto mehr nimmt Mannigfaltigkeit der Bildungen, An- muth der Form und des Farbengemisches, ewige Jugend und Kraft des organischen Lebens zu. Diese Zunahme kann leicht von denen bezweifelt werden, welche nie unfern Welttheil verlassen oder das Studium der all gemeinen Erdkunde vernachlässigt haben. Wenn man aus unseren dicklaubigen Eichenwäldern über die Alpen oder Pyrenäen-Kette261 nach Wälschland oder Spanien hinabsteigt; wenn man gar seinen Blick auf die afrikanischen Küstenländer des Mittclmecres richtet, so wird man leicht zu dem Fehlschlüsse verleitet, als sei Baum- lvsigkeit der Charakter heißer Klimate. Aber man vergißt, daß das südliche Europa eine andere Gestalt hatte, als pelasgische und carthagische Pflanzvölker sich zuerst darin festsctzten; man vergißt, daß frühere Bildung des Menschengeschlechts die Waldungen ver drängt und daß der umfassende Geist der Nationen der Erde all mählich den Schmuck raubt, der uns in dem Norden erfreut, und der (mehr als alle Geschichte) die Jugend unserer sittlichen Cultur anzeigt. Die große Katastrophe, durch welche das Mittelmeer sich gebildet, indem es, ein anschwellendes Binnenwasser, die Schleußen der Dardanellen und die Säulen des Herkules durch brochen, diese Katastrophe scheint die angrenzenden Länder eines großen Theils ihrer Dammerde beraubt zu haben. Was bei den griechischen Schriftstellern von den samothracischen Sagen*) er wähnt wird, deutet die Neuheit dieser zerstörenden Natnrverän- dernng an. Auch ist in allen Ländern, welche das Mittelmeer begrenzt und welche die Kalkformation des Jura charakterisirt, ein großer Theil der Erdoberfläche nackter Fels. Das Malerische ita lienischer Landschaften beruht vorzüglich auf diesem lieblichen Con- traste zwischen dem unbelebten öden Gestein und der üppigen Vegetation, welche inselförmig darin aufsproßt. ÄVo dieses Ge stein, minder zerklüftet, die Wasser auf der Oberfläche zusammen hält, wo diese mit Erde bedeckt ist, (wie an den reizenden Ufern des Albaner Sees), da hat selbst Italien seine Eichenwälder, so schattig und grün, als der Bewohner des Nordens sie wünscht. Auch die Wüsten jenseits des Atlas und die unermeßlichen Ebenen oder Steppen von Südamerika, sind als bloße Lokaler scheinungen zu betrachten. Diese findet man, in der Regenzeit wenigstens, mit Gras und niedrigen fast krautartigen Mimosen bedeckt; jene sind Saudmeere im Innern des alten Continents, große pflanzenleere Räume, mit ewig grünen waldigen Ufern um geben. Nur einzeln stehende Fächerpalmen erinnern den Wanderer, daß diese Einöden Theile einer belebten Schöpfung sind. Im *) Geheime Nachrichten der Priester auf der Insel Samothrace, in welche nur Bevorzugte unter den Griechen eingeweiht wurden. Sie erzählen namentlich auch von alten Ueberschwemmungen re.263 trügerischen Lichtspiele, das die strahlende Wärme erregt, sieht man bald den Fuß dieser Palmen srei in der Luft schweben, bald ihr umgekehrtes Bild in den wogenartig zitternden Luftschichten wie derholt. Auch westlich von der peruanischen Andeskette, an den Küsten des stillen Meeres, haben wir Wochen gebraucht, um solche wasserleere Wüsten zu durchstreichen. Der Ursprung derselben, diese Pflanzenlosigkeit großer Erd strecken, in Gegenden, wo umher die kraftvollste Vegetation herrscht, ist ein wenig beachtetes, geognostisches Phänomen, welches sich unstreitig auf alte Naturrevolutionen (auf Ueberschwemmungen (siehe oben Thl. II, Seite 261) oder vulkanische Umwandelungen der Erdrinde (Thl. I, Seite 14) gründet. Hat eine Gegend ein mal ihre Pflanzendecke verloren, ist der Sand beweglich und quel lenleer, hindert die heiße, senkrecht aufsteigende Luft den Nieder schlag der Wolken, (Regen, Thau), so vergehen Jahrtausende, ehe von den grünen Usern aus organisches Leben in das Innere der Einöde dringt. Wer demnach die Natur mit Einem Blicke zu umfassen und das Allgemeine von örtlichen Erscheinungen zu trennen weiß,, der sieht, wie mit Zunahme der belebenden Wärme von den Polen zum Aequator hin sich auch allmählich organische Kraft und Lebens fülle vermehren. Aber bei dieser Vermehrung sind doch jedem Erdstriche besondere Schönheiten Vorbehalten; den Tropen Mannig faltigkeit und Größe der Pflanzenformcn, dem Norden der An blick der Wiesen und das periodische Wiedererwachen der Natur beim ersten Wehen der Frühlingslüfte. Die Pflanzenschöpfung wirkt durch stetige Größe unsere Einbildungskraft. Ihre Masse bezeichnet ihr Alter und in den Gewächsen allein ist Alter und Ausdruck stets sich erneuernder Kraft mit einander gepaart. Der riescnmäßige Drachenbaum in Orotava auf den kanarischen Inseln hat 16 Fuß Durchmesser, ist weit über ein tausend Jahre alt und trägt doch noch immer Blü- then und Früchte. Umfaßt man mit Einem Blick die verschiedenen Pflanzen arten, welche bereits auf dem Erdboden entdeckt sind und deren Zahl über 56000 Arten beträgt, so erkennt man in dieser wun derbaren Menge wenige Hauptformen, auf welche sich alle andern zurückführen lassen. Zur Bestimmung dieser Formen, von deren in dividueller Schönheit, Vertheilung und Gruppirung die Physiog-263 nomie der Vegetation eines Landes abhängt, muß man nicht auf die kleinsten Theile der Blüthen und Früchte, sondern nur auf das Rücksicht nehmen, was durch Masse den Totaleindruck einer Gegend eigenthümlich macht. Den Palmen haben stets die Völker den Preis der Schön heit vor allen anderen Pflanzenformen zuerkannt. Hohe, schlanke, geringelte, bisweilen stachlichte Schäfte mit anstrebendem, glän zendem, bald gefächertem, bald gefledertem Laube. Die Blätter sind oft grasartig gekräuselt. Der glatte Stamm erreicht bis 180 Fuß Höhe. Die Palmeuform nimmt an Pracht und Größe ab, vom Aequator gegen die gemäßigte Zone hin. Europa hat unter seinen einheimischen Gewächsen nur Einen Repräsentanten dieser Form, die zwergartige Küstenpalme, den Chamaerops, der in Spanien und Italien sich nördlich bis zum 44sten Breitengrade erstreckt. Das eigentliche Palmenklima der Erde hat zwischen 19 und 22 Röaum. mittlerer jährlichen Wärme. Aber die aus Afrika zu uns gebrachte Dattelpalme, welche minder schön als an dere Arten dieser Gruppen ist, vegetirt noch im südlichen Europa in Gegenden, deren mittlere Temperatur 13 bis 14 ist. Pal menstämme und Elephantengerippe liegen im nörlichen Europa im Innern der Erde vergraben, und ihre Lage macht es wahrscheinlich, daß sie nicht von den Tropen her gegen Norden geschwemmt wur den; sondern daß in den großen Revolutionen unseres Planeten die Klimate, wie die durch sie bestimmte Phystognomie der Natur, vielfach verändert worden sind. Zu den Palmen gesellt sich in allen Welttheilen die Pisang- oder Bananen form, die Scitamineen und Musaceen der Bota niker, Heliconia, Amomum, Strelitzia. Ein niedriger, aber saftreicher, fast krautartiger Stamm, an dessen Spitze dünn- und lockergewebte, zartgestreifte, seidenartig glänzende Blätter er heben. Pisauggebüsche find der Schmuck seuchter Gegenden. Auf ihrer Frucht beruht die Nahrung aller Bewohner des heißen Erd gürtels. Wie die mehlreichen Cerealien oder Getreidearten des Nordens, so begleiten Pisangstämme den Menschen seit der frühe sten Kindheit seiner Cultur. Asiatische Mythen setzen die ursprüng liche Heimath dieser nährenden Tropenpflanze an den Euphrat, oder an den Fuß des HimalayagebirgeS in Indien. Griechische Sagen nennen die Gefilde von Enna als das glückliche Vaterland der Cerealien. Wenn diese, durch die Cultur über die nördliche264 Erde verbreitet, einförmige weitgedehnte Grasfluren bildend, wenig den Anblick der Natur verschönern, so vervielfacht dagegen der sich ansiedelnde Tropenbewohner durch Pisangpflanzungen eine der herrlichsten edelsten Gestalten. Die Malvenform ist dargestellt durch Sterculia, Hi- biscus, Lavatera, Ochroma. Kurze, aber koloffalisch dicke Stämme mit zartwolligen, großen, herzförmigen, oder eingeschnit tenen Blättern, und prachtvollen, oft Purpurrothen Blüthen. Zu dieser Pflanzengrnppe gehört der Affenbrodbaum, Adansonia digitata, der bei 12 Fuß Höhe 30 Fuß Durchmesser hat, und der wahrscheinlich das größte und älteste organische Denkmal auf unserm Planeten ist. In Italien fängt die Malvenform bereits an, der Vegetation einen eigenthümlichen südlichen Charakter zu geben. Dagegen entbehrt unsere gemäßigte Zone im alten Conti- nent leider ganz die zartgefiederten Blätter, die Form der Mi mosen, Gleditschia, Porleria, Tamarindus. Den ver einigten Staaten von Nordamerika, in denen unter gleicher Breite die Vegetation mannigfaltiger und üppiger als in Europa ist, fehlt diese schöne Form nicht. Bei den Mimosen ist eine schirmartige Verbreitung der Zweige, fast wie bei den italienischen Pinien, gewöhnlich. Die tiefe Himmelsbläue des Tropenklima s, durch die zartgefiederten Blätter schimmernd, ist von überaus malerischem Effekte. Eine meist afrikanische Pflanzengruppe sind die Heidekräu ter; dahin gehören auch die Passerinen und Gnidien, Diosma, Staavia und die Epacrideen, eine Gruppe, die mit der der Nadelhölzer einige Aehnlichkeit hat, und eben des halb mit dieser, durch die Fülle glockenförmiger Blüthen, desto reizender contrastirt. Die baumartigen Heidekräuter, wie einige andere afrikanische Gewächse, erreichen das nördliche Ufer des Mittelmeers. Sie schmücken Wälschland die Cistus-Gebüsche des südlichen Spaniens. Am üppigsten wachsend habe ich sie auf Teneriffa, am Abhange des Piks von Teyde gesehen. In den baltischen Ländern, und weiter nach Norden hin ist diese Pflanzenform gefürchtet, Dürre und Unfruchtbarkeit verkündigend. Unsere Heidekräuter, Erioa vulgaris und Erica tetralix sind gesellschaftlich lebende Gewächse, gegen deren fortschreitenden Zug die ackerbauenden Völker seit Jahrhunderten mit wenigemGlücke ankämpfen. Sonderbar, daß der Hauptrepräsentant dieser Form bloß einer Seite unseres Planeten eigen ist. Von den 300 jetzt bekannten Arten von Erica findet sich auch nicht eine einzige im neuen Continent von Pensylvanien und Labrador bis gegen Nootka und Alaschka hin. Dagegen ist bloß dem neuen Continent eigenthümlich die Cactusform, bald kugelförmig, bald gegliedert, bald in hohen, vieleckigen Säulen, wie Orgelpfeifen, aufrcchtstehend. Diese Gruppe bildet den auffallendsten Kontrast mit der Gestalt der Lilienge wächse und der Bananen. Sie gehört zu den Pflanzen, welche Bernardin de St. Pierre sehr glücklich vegetabilische Quellen der Wüste nennt. In den wafferleeren Ebenen von Südamerika suchen die von Durst geängstigten Thiere den Melonen-Cac- tus, eine kugelförmige, halb im dürren Sande verborgene Pflanze, deren saftreiches Innere unter furchtbaren Stacheln versteckt ist. Die säulenförmigen Cactus - Stämme erreichen bis 30 Fuß Höhe, und candelaberartig getheilt, erinnern sie, durch Aehnlichkeit der Physiognomie, an einige afrikanische Euphorbien. Wie diese grüne Oasen in den pflauzenleereu Wüsten bilden, so beleben die Orchideen den vom Licht verkohlten Stamm der Tropenbäume und die ödesten Felsenritzen. Die Vanilleform zeichnet sich aus durch hellgrüne saftvolle Blätter wie durch viel farbige Blüthcn von wunderbarem Baue. Diese Blütheu gleichen bald geflügelten Insekten, bald den Vögeln, welche der Dust der Honiggefäße anlockt. Das Leben eines Malers wäre nicht hin länglich, um alle die prachtvollen Orchideen abzubilden, welche die tiefausgefurchten Gebirgsthäler der peruanischen Andcskette zieren. Blattlos, wie fast alle Cactusarten, ist die Form der Ca- suarinen, einer Pflanzengestalt, bloß der Südsee und Ostindien eigen. Bäume mit schachtclhalmähnlichen Zweigen. Doch finden sich auch in andern Weltgegeuden Spuren dieses mehr sonderbaren als schönen Typus. Plumier s Equisetum altissimum, die Ephedra aus Nord-Afrika, die peruanischen Colletien und das sibirische 6aIIionum Pallasia, sind der Casuarinenform nahe verwandt. So wie in den Pisanggewächsen die höchste Ausdehnung, so ist in den Casuarinen und in den Nadelhölzern die höchste Zusammenziehung der Blattgefäße. Tannen, Thuja und Cypres- sen bilden eine nordische Form, die in den Tropen selten ist.266 Ihr ewig - frisches Grün erheitert die öde Winter-Landschaft. Es verkündet gleichsam den Polarvölkern, daß,, wenn Schnee und Eis den Boden bedecken, das innere Leben der Pflanzen, wie das Prometheische Feuer, nie auf unserm Planeten erlischt. Parasitisch, wie bei uns Moose und Flechten, überziehen in der Tropenwelt außer den Orchideen auch die Pothosgewächse den alternden Stamm der Waldbäume. Saftige, krautartige Stängel mit großen, bald pfeilförmigen, bald gefingerten, bald länglichen, aber stets dickadrigen Blättern. Blumen in Scheiden. Pothos, Dracontium, Arum, letzteres bis zu den Küsten des Mittelmeeres fortschreitend, in Spanien und Italien mit saft- vollem Huflattig, hohen Distelstauden und Acanthus, die Uep- pigkeit des südlichen Pflanzenwuchses bezeichnend. Zn dieser Arumform gesellt sich die Form der Lianen, beide in heißen Erdstrichen von Süd-Amerika in vorzüglicher Kraft der Vegetation. Paullinia, Banisteria, Bignonien. Unser rankender Hopfen und unsere Weinreben erinnern an diese Pflanzengestalt der Tropenwelt. Am Orinoco haben die blattlosen Zweige der Bau hinten oft 40 Fuß Länge. Sie fallen theils senkrecht aus dem Gipfel hoher Swietenien herab; theils find sie schräg wie Masttaue ausgespannt, und die Tigerkatze hat eine bewundernswürdige Geschicklichkeit, daran aus- und abzuklettern. Mit den biegsamen sich rankenden Lianen, mit ihrem frischen und leichten Grün, contrastirt die selbstständige Form der bläu lichen Aloegewächse; Stämme, wenn sie vorhanden sind, fast ungetheilt, enggeringelt und schlangenartig gewunden. An dem Gipfel sind saftreiche, fleischige, langzugespitzte Blätter strahlen artig zusammengehäuft. Die hochstämmigen Aloegewächse bilden nicht Gebüsche, wie andere gesellschaftlich lebende Pflanzen. Sie stehen einzeln in dürren Ebenen, und geben der Tropengegend dadurch oft einen eigenen melancholischen (man möchte sagen afri kanischen) Charakter. Wie die Aloeform sich durch ernste Ruhe und Festigkeit, so charakteriflrt sich die GraSform, besonders die Physiognomie der baumartigen Gräser, durch den Ausdruck fröhlicher Leichtigkeit und beweglicher Schlankheit. Bambusgebüsche bilden schattige Bogen gänge in beiden Indien. Der glatte, oft geneigt hinschwebende Stamm der Tropengräser übertrifft die Höhe unserer Erlen und Eichen. Schon in Italien fängt im Arundo Donax diese Forman, sich vom Boden zu erheben, und durch Höhe und Masse den Naturcharakter des Landes zu bestimmen. Mit der Gestalt der Gräser ist auch die der Farrenkräu- ter in den heißen Erdstrichen veredelt. Baumartige, oft 35 Fuß hohe Farrenkränter haben ein palmartiges Ansehen; aber ihr Stamm ist minder schlank, kürzer, schuppig-rauher als der der Palmen. Das Laub ist zarter, locker gewebt, durchscheinend und an den Rändern sauber ausgezackt. Diese kolossalen Farrenkränter sind fast ausschließlich den Tropen eigen, aber in diesen ziehen sie ein gemäßigtes Klima dem ganz heißen vor. Da nun die Milderung der Hitze bloß eine Folge der Höhe ist, so darf man Gebirge, die zwei bis drei tausend Fuß über dem Meere erhaben sind, als den Hauptsitz dieser Form nennen. Hochstämmige Farren- kräuter begleiten in Süd-Amerika den wohlthätigen Baum, der die heilende Fieberrinde darbietet. Beide bezeichnen die glückliche Region der Erde, in der ewige Milde des Frühlings herrscht. Noch nenne ich die Form der Liliengewächse, (Amaryl lis, Jxia, Gladiolus, Pancratium) mit schilfartigen Blät tern und prachtvollen Blüthen, eine Form, deren Hauptvater land das südliche Afrika ist; ferner die Weidenform, in allen Welttheilen einheimisch; und wo Salix fehlt, in den neu-hollän dischen Mimosen mit einfachen Blättern und einigen capischen Proteen wiederholt; Myrthengewächse, (Metrosideros, Eucalyptus, Escallonia) Melastomen- und Lorbeerform. Es wäre ein Unternehmen, eines großen Künstlers wcrth, den Charakter aller dieser Pflanzengruppen nicht in Treibhäusern oder in den Beschreibungen der Botaniker, sondern in der großen Tropen-Natur selbst, zu studiren. Wie interessant und lehrreich für den Landschaftsmaler wäre ein Werk, welches dem Auge die aufgezählten sechzehn Hauptformen, erst einzeln, und dann in ihrem Contraste gegen einander, darstellte. Was ist malerischer, als baumartige Farrenkränter, die ihre zartgewebten Blätter über die mexikanischen Lorbeereichen ausbreiten! Was reizender, als Pisanggebüsche von hohen Bambusgräsern umschattet! Dem Künstler ist es gegeben die Gruppen zu zergliedern, und unter seiner Hand löst sich (wenn ich den Ausdruck wagen darf) das große Zauberbild der Natur, gleich den geschriebenen Werken der Menschen, in wenige einfache Züge auf! Am glühenden Sonnenstrahl des tropischen Himmels gedeihen268 die herrlichsten Gestalten der Pflanzen. Wie im kalten Norden die Baumrinde mit dürren Flechten und Laubmoosen bedeckt ist, so beleben dort Cymbidinm und duftende Vanille den Stamm der Anacardien und der riesenmäßigen Feigenbäume. Das frische Grün der Pothosblätter und der Dracoutien contrastirt mit den vielfarbigen Blüthen der Orchideen. Rankende Bauhinien, Passi floren und gelbblühende Banisterien umschlingen den Stamm der Waldbäume. Zarte Blumen entfalten aus den Wurzeln der Theobroma, wie aus der dichten und rauhen Rinde der Cres- centien und der Gustavia. Bei dieser Fülle von Blüthen und Blättern, bei diesem üppigen Wüchse und der Verwirrung ranken der Gewächse, wird es oft dem Naturforscher schwer, zu erken nen, welchem Stamme Blüthen und Blätter zugehören. Ein einziger Baum mit Paullinien, Bignonien und Deudrobium ge schmückt, bildet eine Gruppe von Pflanzen, welche, von einander getrennt, einen beträchtlichen Erdraum bedecken würden. In den Tropen sind die Gewächse saftstrotzender, von frische rem Grün, mit größeren und glänzenderen Blättern geziert, als in den nördlicheren Erdstrichen. Gesellschaftlich lebende Pflanzen, welche die europäische Vegetation so einförmig machen, fehlen am Aequator beinahe gänzlich. Bäume, fast zweimal so hoch als un sere Eichen, prangen dort mit Blüthen, welche groß und pracht voll wie unsere Lilien sind. An den schattigen Ufern des Magda- lenenflnsses in Südamerika wächst eine rankende Aristolochia, deren Blume, von vier Fuß Umfang, sich die indischen Knaben in ihren Spielen über den Scheitel ziehen. Im südindischen Archipel hat die Blüthe der Rafflesia fast drei Fuß Durchmesser und wiegt vierzehn Pfund. Die außerordentliche Höhe, zu welcher sich unter den Wen dekreisen nicht bloS einzelne Berge, sondern ganze Länder erhe ben, und die Kälte, welche Folge dieser Höhe ist, gewähren dem Tropenbewohner einen seltsamen Anblick. Außer den Palmen und Pisanggebüschen umgeben ihn auch die Pflanzenformen, welche nur den nordischen Ländern anzugehören scheinen. Cypresscn, Tan nen und Eichen, Bcrberissträucher und Erlen (nahe mit den unsri- gen verwandt) bedecken die Gebirgsebcnen im südlichen Mexico, wie die Andeskette unter dem Aequator. So hat die Natur dem Menschen in der heißen Zone verliehen, ohne seine Heimath zu verlassen, alle Pflanzcngestalten der Erde zu sehen; wie das Him-melsgewölbe von Pol zu Pol ihm keine seiner leuchtenden Welten verbirgt. Diesen und so manchen andern Naturgenuß entbehren die nordischen Völker. Viele Gestirne und viele Pflanzenformen, von diesen gerade die schönsten (Palmen und Pisanggewächse, baum artige Gräser und feingefiederte Mimosen), bleiben ihnen ewig unbekannt. Die krankenden Gewächse, welche unsere Treibhäuser einschließen, gewähren nur ein schwaches Bild von der Majestät der Tropenvegetation. Aber in der Ausbildung unserer Sprache, in der glühenden Phantasie des Dichters, in der darstellenden Kunst der Maler, ist eine reiche Quelle des Ersatzes geöffnet. Aus ihr schöpft unsere Einbildungskraft die lebendigen Bilder einer exodischen Natur. Im kalten Norden, in der öden Heide, kann der einsame Mensch sich aueignen, was in den fernsten Erd strichen erforscht wird, und so in seinem Innern eine Welt sich schaffen, welche das Werk seines Geistes, frei und unvergänglich, wie dieser, ist. Indem wir hier die Mittheilungen über die Physiognomie der Pflanzen aus den Werken des Herrn von Humboldt beschlie ßen, verlassen wir überhaupt das Reich dieser Geschöpfe, von de nen nur wenige durch eine geringe, fast unmerkliche Regsamkeit bezeugen, daß ihnen der Schöpfer Leben, vielleicht auch in gewissem Maße Empfindsamkeit, Sinn für Wohlbefinden oder Schmerz ge geben. Wo also die Sorge für das Dasein es gebietet, die Masse solcher Pflanzen, welche schädlich sind oder weniger Nutzen schaffen, als die zur Ernährung und Befriedigung der Bedürfnisse des Menschen und seiner Hausthiere bestimmten, auszurotten, da geschehe es. Doch der Mensch vergesse nie, daß er nicht um eine Schritt weiter in seinem Zerstörungswerke gehen darf, als es die Noth gebietet, daß er auch die Pflanze, ein Geschöpf des Allerhöchsten, die Zierde und der Schmuck dieser Welt, schonen müsse. Nicht ein Blümchen pflücke er mehr, als es zur Befrie digung des süßen Genusses, den ihre Schönheit und ihr lieblicher Duft gewährt, nöthig ist. Er schone des zarten Lebens, das, je weniger es sich zeigt, vielleicht um so lieblicher pulsirt, auch im geringsten Gewächse. Es ist das Kennzeichen eines guten Menschen, wenn er auch die Pflanze ehrt, wenn er auch nicht das Gläs chen niedertritt, wo ihm der nackte Erdboden Raum genug für seinen Fußtritt darbietet. Es ist aber auch das Kennzeichen fühlloser270 Rohheit, wenn der Mensch ohne Noth, aus bloßer Zerstörungs sucht, aus rauhem Uebermuth die Pflanzen vernichtet, wie man denn überhaupt rohe Völker daran erkennt, daß sie in den von ihnen bewohnten Ländern allen Pflanzenwuchs der Bäume und Wälder vernichtet und aus Paradießen Wüsteneien gemacht haben. Das Reich der Thiere. Kampf des Menschen mit den Raub- thieren. Allmählige Verminderung jener Thiere, welche durch ihre Ueberzahl und starke Vermehrung die Existenz des Menschen bedrohen. Jagd, Fischerei, Vogelfang. Nach der Ueberlieferung der heiligen Schrift in Mos. l. 7. v. 2 u. ff. sollte Moses von allerlei reinem Vieh je sieben und sieben, das Männlein und sein Fräulein, von dem unreinen Vieh aber je ein Paar, das Männlein und sein Fräulein, zu sich in die Arche nehmen. Desselbigcn gleichen von den Vögeln unter dem Himmel je sieben und sieben, das Männlein und sein Fräu lein, auf daß Same lebendig bleibe auf dem Erdboden. Es war also vor der Sündfluth ein Unterschied zwischen reinen und unreinen Thicren. Hieraus ergibt sich folgendes nach der heil. Schrift in Mos. III. Kap. 11. Alle wiedcrkäuenden Thiere mit gespaltenen Klauen an den Füßen sind reine Thiere und ihr Fleisch ward für rein erklärt, d. h. sie durften vom Menschen geschlachtet und das Fleisch als Speise gebraucht werden. Es ist nicht ohne Interesse, selbst nachzulesen, wie genau die heil. Schrift jene Thiere bezeichnet; aber wir müssen dieses unseren lieben Lesern überlassen, da der Raum unserer Schrift kaum ausreicht, um unsere Aufgabe zu lösen. Unter diesen reinen Thieren finden sich nun namentlich jene HauSthiere, welche wir als Arbeitsthicre zu unseren Dienern ge macht haben, besonders das gute sanfte Rind. Auch das Schaf und die Ziege sind Thiere, deren Fleisch für eßbar erklärt ward; unter den Vögeln aber besonders Hühner, Tauben, Gänse, En ten; dazu das zahllose Heer der beflosseten und beschuppeten Fische. Von allen übrigen Thieren nahm Noah auf Gottes Befehl271 nur ein Paar mit in die Arche. Das Reich der Thiere begann also nach der Sündfluth abermals mit nur wenigen Individuen. Aber die Vermehrung der Thiere ist eine höchst erstaunliche und aus wenigen einzelnen thierischen Wesen können im Verlauf nicht allzugroßer Zeiten unzählbare Heere werden, Heere, welche den Raum und Ertrag ganz großer Ländereien umfassen und ver schlingen, welche durch ihre Menge alle anderen Wesen verdrängen und der Civilisation, der Cultur einen fast unüberwindlichen Damm entgegensetzen. Wohl werfen die meisten Säugethiere der größeren Gattun gen, wie z. B. der Elephant, das Rhinoceros, das Nilpferd, das Rind, das Roß u. s w. jährlich nur ein Junges; aber die Größe, Stärke und Gewandtheit dieser Thiere reicht hin zum Schutze ge gen Raubthiere; es gehen deshalb verhältnißmäßig wenige Junge zu Grunde und im Verlaufe von Jahrhunderten können einem Paare viele Hunderttausende werden. Vorgänge aus der neuesten Zeit liefern hiefür den Beweis. Man brachte z. B. im Jahre 1776 nach Californien in Amerika, einem Lande, welches zu jener Zeit noch ziemlich menschcnlos war, fünf Rinder. Diese vermehrten sich so erstaunlich, daß im Jahre 1805 allein in Cali fornien wenigstens 20,000 Stück Rinder getödtet wurden, daß aus La Plata 950,000 Rindshäute in einem Jahre allein nach England eingeführt wurden. Reisende, welche über die Prairien, ungeheure Ebenen in Nordamerika, auf denen nur Gras wächst, gehen, sehen daselbst unzählbare Heere von Rindern. Ost ist das Land quadratmeilen groß von diesen weidenden Thieren bedeckt. Schaaren prächtiger wilder Pferde, welche oft einer mäßigen Schätzung nach aus 5 bis 20,000 Stück bestehen, ziehen dort umher. Und doch sind diese Heere nur die Nachkommen einzelner verlaufener spanischer Pferde; denn in Amerika gab es vor der Entdeckung keine Pferde. Wenn nun solche Thiere, die doch jährlich nur ein einziges Junges zur Welt bringen, sich in nicht sehr großen Zeiträumen so merkwürdig vermehren, zu welchen Heeren müssen sich nicht solche Geschöpfe vervielfältigen, welche mehrere Junge und noch dazu in einem Jahre mehrmals werfen. Das Kaninchen bringt z. B. fünf bis sechs Junge zur Welt. Diese Jungen sind in einem Vierteljahre groß gewachsen; nach sechs bis acht Wochen bringen sie selbst wieder eine Brut und es kommt daher vor, daßm man von einem Kaninchenpaare in einem Jahre bis 100 Stück Kaninchen erhält. Das Schwein wirft 10 bis 12 Junge, welche in einem Jahre vollkommen ansgewachsen sind. Die Ziege wirft 4 bis 5 Zicklein. Eben so stark vermehren sich die Hasen und andere Thiere ihrer Art. Es konnte deshalb keines sehr langen Zeitraumes bedürfen, so war die Erde durch die wenigen Thiere, welche Gottes Befehl durch Noah gerettet wurden, wieder mit großen Massen von Thieren belebt und am meisten aus jenen Punkten, wo die Menschen sich ansiedelten. Frühzeitig lehrte deshalb auch die Er fahrung, daß zu große Massen selbst der nützlichsten oder wenig stens der unschädlichen Thiere aus Rücksichtnahme auf das Be stehen des Menschen und seine Ansiedelungen nicht geduldet wer den können. Wohl hat der weise Schöpfer durch Erschaffung der Raubthiere der allzugroßen Vermehrung der Thiere selbst einen Damm entgegengestellt; allein auch diese sind dem Menschen eben so gefährlich;- auch sie vermehren sich sehr stark und können, wenn sie zu zahlreich und zu übermächtig werden, ganze Länder unbe wohnbar machen, der Mensch mußte deßhalb auf Mittel zur Ver nichtung dieser Thiere denken; er mußte solche, die nur schädlich sind, ausrotten, und das Uebermaß der unschädlichen Thiere auf ein dem Gemeinsamen zuträgliches Maß herabsetzen. Das ist nun die Aufgabe der Jagd. Wir werden unten davon sprechen. Es kostete bald einen Kampf des Menschen mit der Welt der Thiere und der Mensch bedurfte aller Mittel, welche ihm sein Geist und seine körperlichen Fähigkeiten und Kräfte dar boten, um in diesem Kampfe den Sieg davon zu tragen. Denn das Thier duldet nicht regungslos die ihm gebrachte Vernichtung; es wehrt sich gegen den, der es tobten will und viele Thiere be sitzen so große Kräfte, solche Waffen, so viele Gewandtheit, daß ihre Ueberwindung den größten Muth und die äußerste Anstren gung erfordert. Viele wissen sich auch durch Schlauheit, unnah bare Verstecke und Schlupfwinkel, durch die äußerste Schnelligkeit, durch ihre scharfen Sinne, dem Menschen zu entziehen. Der Mensch bedurfte also zu ihrer Bekämpfung und Vernichtung eines Gehilfen, dessen Sinne schärfer, als die seinigen, dessen Ausdauer größer ist und der an Muth dem Menschen nicht nachstehe. Diesen Gehilfen suchte sich der Mensch unter den Thieren aus; er erwählte dazu den Hund und machte dieses kluge, muthige,273 scharfsinnige und kraftvolle Geschöpf nicht allein zu seinem Diener, sondern auch zu seinem treuesten Freunde. Mit dem Beistände des Hundes wurde der Mensch Herr über die furchtbarsten Raub- thiere, mit seiner Hilfe besiegt er selbst den Löwen und den fürchterlichen Tiger. Vergeblich würde es sein, schildern zu wollen, wie und wo der Mensch die größten und härtesten Kämpfe gegen das Reich der Thiere bestand. Es fehlen darüber alle Nachrichten und die Sage , welche wir darüber überkommen haben, sind so dunkel, verschleiern die Sache so sehr, daß man nur Vermuthungen, aber keine Thatsache, daraus entnehmen kann. Wir wissen nur aus der Geschichte, daß solche Menschen, welche sich durch Bekämpfung gefährlicher oder schädlicher Thiere ausgezeichnet haben, von den anderen Menschen als ihre Wohlthäter geehrt wurden, daß man ihnen eine fast göttliche Verehrung erwies und daß sie als Halb götter, Heroen, angebetet wurden. Unter allen Völkern der Erde hat kein Volk die Sagen aus seiner ältesten Vorzeit mit größerer Sorgfalt beachtet, als das griechische. Es bewahrte sogar die Namen seiner Heroen und ihre Thaten auf und, obwohl mühsam, läßt sich doch in der Sage hie und da noch erkennen, in welcher Weise diese Helden sich um ihre Mitmenschen verdient machten. Daß Theseus Thiere erlegte, welche von furchtbarer Gefährlichkeit und entsetzlichem Aussehen waren, geht deutlich der Mythe hervor. Noch klarer zeigt sich das in den Thaten, die vom Herkules erzählt werden. Schon in der Wiege zerdrückte er Schlangen. Als er herangewachsen war, wurde Jagd und Krieg sein liebstes Geschäft. Er erlegte wilde Thiere in großer Menge, welche das Land unsicher machten, z. B. den nemeischen Löwen erschlug er mit einer Keule; er hieb einer Schlange in dem lernäischen Sumpfe ihre vielen Köpfe ab (was wohl nichts bedeutet, als daß er unzähliche Schlangen in jenem Sumpfe ausrottete); er sing einen starken Eber lebendig auf den erymantischen Gefilden in Arkadien, reinigte den stympha- lischen See in Arkadien von den vielen daselbst umherschwärmen den Vögeln u. dgl. mehr. Alles das deutet auf eine durch ihr Ucbermaß schädliche Menge von Thieren und vorzugsweise auf solche, welche an sich dem Leben der Menschen gefährlich sind und die Herkules aus rottete oder vertilgte. 18274 Herkules und die übrigen Heroen der griechischen Vorzeit können nun allerdings mythische Personen sein, welche nie wirklich existirten. Aber die Gefahren, Drangsale und die Last einer übergroßen Anzahl reißender, schädlicher oder dem Menschen nutzloser Geschöpfe ruhte wirklich so schwer dem nur mit arbeitschwerer Mühe und Gefahr langsam in der Wildniß Platz greifenden Menschen geschlechte, daß die Niederkämpfnng und Ueberwindinig dieser Hin dernisse mit Recht eine Herknlesarbeit genannt werden kann. Noch bieten große und weite Theile der Erde diesen Anblick einer Natur dar, deren der Mensch entweder wegen seiner nume rischen Schwäche nicht mächtig werden kann, oder woselbst gewisse die Vermehrung der Thiere und Pflanzen besonders begünstigende Verhältnisse des Klimas und Bodens der Gewalt des Menschen bisher einen unübersteiglichen Damm entgegcngestellt haben. Solche Länder finden sich noch in ungeheurer Ausdehnung in der südlichen Hälfte von Amerika, namentlich in den unermeßlichen Regionen des größten Stromes der Welt, des Marannon- oder Amazonen stromes; ferner in dem Innern der südamerikanischen Guyana, im Innern Afrikas, namentlich in den tropischen Küstcngegenden der Mündungen des Formoso, Zambeze, Niger; endlich auch in jenem Theil Bengalens, wo der tiefe Boden des Dekans von den Rie- senmanern der Himalajakette durch ein völlig unbekanntes, sehr großes und gefürchtetes See- und Sumpfland getrennt ist. Wir werden nun unseren lieben Lesern einige kleine Erzäh lungen aus Reiseberichten über diese obengenannten Länder bringen. tes pcclicurs de grassc de Cayenne. In den mittäglichsten Regionen von Südamerika sind mehrere ziemlich große, äußerst fruchtbare, aber durch ihre ungeheure Hitze für die Europäer fast unbewohnbare Länder, welche verschiedenen Herren gehören und die man unter dem gemeinsamen Namen der Guyana begreift. Diese großen Landschaften zeichnen sich durch ein nicht sehr gebirgiges Areal aus, das von breiten sumpfigen Thälern durchschnitten ist, in denen tiefe, bis ziemlich weit in das Innere des Landes schiffbare Flüsse strömen. Zweimal des Tages schwellen diese Flüsse beträchtlich an, weil die hohe Fluth an den Küsten ihr Wasser zurückdrängt, und überschwemmen das Land, welches zunächst ihrer Ufer liegt, weshalb dasselbe durchaus nicht275 für den Ackerbau gewonnen werden kann, sondern ein von den abscheulichsten Wäldern überwuchertes Sumpfland bleibt, unbe- zwingljch für die Arbeit des Menschen, pesthauchend, das Land mit Miasmen der gefährlichsten Art schwängernd, die Geburts- stätte, der Brutort der entsetzlichen amerikanischen Pest, des gel ben Fiebers (vomito prio), welches jährlich einmal den ganzen Erdtheil heimsucht, ja das von Schiffen schon nach Europa her- übergeschleppt wurde und deshalb erst im Herbst 1857 zu Lissabon so viele tausend Menschen hinraffte. Drei Nationen, die Eng länder, Franzosen und Portugiesen haben sich in dieses furchtbare Land getheilt. Die ersteren und letzteren behalten diese Besitzung der Schifffahrt nach Ostindien wegen, weil die Guyana ein gut- gclegcucr Haltplatz für die Ostindienfahrcr ist; die Franzosen ha ben aus ihrem Theil der Guyana eine Strafkolonie gemacht, wo hin alle Jene senden, welche wegen politischer Verbrechen ver bannt werden müssen. Von dort entrinnt ihnen Keiner; das Ent weichen in die Wildnisse ist sicherer Tod; das Klima aber reibt die Deportirten schnell und befreit so das Mutterland von Menschen, deren Existenz auch in der Verbannung als eine bestän dige Drohung für Ordnung und Gesetzlichkeit betrachtet wird. Die Wenigen, welche von so stählerner Constitution sind, daß ihnen das tödtliche Klima nichts anhaben kann, führen in der Guyana ein herrenloses Leben. Man läßt ihnen daselbst völ lige Freiheit, es sich so gut zu machen, als es ihnen ihre Ver mögensverhältnisse gestatten oder ein mit Ungeheuern Gefahren verbundener Erwerb, der schon Manchen schnell zum reichen Manne gemacht hat. Man findet deshalb in Cayenne neben dem äußersten Elend die thörichteste und übermäßigste Verschwendung und den feinsten Luxus und nirgends in der Welt stehen die Gegensätze zwischen dem größten Reichthum und der äußersten Noth so kraß bei einander, als hier. Unter den Männern, welche hierher verbannt sind, zeichnen sich aber auch Viele durch einen bewundcrnöwerthen Unterneh mungsgeist aus, um die Bedürfnisse, welche der Reichthum fordert, aus den schreckenvollen Wildnissen herbeizuschaffen. Eines der Vielverlangtesten und kostbarsten Bedürfnisse in diesem Lande ist eine Art des allerseinsten, wohlschmeckendsten Oels, das den Eiern der Flußschildkröte gewonnen wird, und von dem man das Pfund an Ort und Stelle oft mit einem 18 *276 Ducaten bezahlt. Da in jenem Lande alle Speisen mit den schärfsten Gewürzen gekocht werden, die Kühe aber, aus Mangel an nahrhaftem Grase, keine gute Milch geben, und das Europa hingeschaffte Baumöl unter Wegs verdirbt, endlich aber das vegetabilische Oel der Oclpalme, welches afrikanische Schiffe bringen, zur Bereitung von Suppen und Fleischspeisen nicht eignet, so bildet Schildkrötenöl allein die Schmelze, welche an die Speisen gethan werden kann. Dieses Oel ist aber nur einmal im Jahre zu bekommen und seine Gewinnung geschieht an Orten und unter Umständen, welche furchtbar genug stnd, um selbst dem Muthigsten Schrecken einzu jagen. Die Flußschildkröte ist ein sowohl von Menschen als auch von unzähligen Raubthieren zu Wasser und zu Lande so hart ver folgtes Geschöpf, daß sich zur Absetzung ihrer Brut in die in nersten Schlupfwinkel der versumpften Flüsse flüchtet, wo sie die Lager, in denen ihre Eier legt, noch dazu auf das geschickteste verbirgt. Der Mensch ist deshalb genöthigt, ihr in diese Wild nisse zu folgen und hier die Orte mühselig aufzusnchen, wo sie ihre Eier hingelegt hat. Er muß das genau zur rechten Zeit thun, ehe die Jungen sich in den Eiern entwickeln und das Oel an Ort und Stelle sogleich bereiten und in Krüge ver packen. Alle diese beschwerlichen, mühseligen Arbeiten muß er unter dem Druck der furchtbarsten Hitze, unter beständigem Kampfe mit zahllosen, gewaltigen Raubthieren und bei der anhaltendsten Thätigkeit, die Tag und Nacht nicht ausgesetzt werden darf, ver richten. Die Leute, welche dieses furchtbare Geschäft betreiben, nennt man pecheurs de grasse (Fettfischer) und einen solchen Zug in das Innere von Cayenne wollen wir jetzt unseren Lesern nach einem französischen Buche beschreiben. Pierre und Baptiste, zwei Brüder, Franzosen und aus Paris gebürtig, Menschen von jener verzweifelten Sinnesart, welchen die bestehende Ordnung zuwider ist und die keine Gefahr scheuen, wenn jene zu stürzen im Stande sind, wurden endlich zu Paris entdeckt, ihrer Verbrechen gegen Gesetz und Ord nung überwiesen und zur Verbannung nach Cayenne verurtheilt. Beide Brüder hatten schon in der Heimath kein Gewerbe getrie ben; sie hatten auf eine verbrecherische Weise ernährt und277 Zwar mit solcher Kühnheit und Klugheit, daß es ihnen stets ge lungen war, die Diener der Gerechtigkeit zu täuschen und ihnen zu entrinnen. Was sollten nun ohne Handwerk, ohne Ver mögen und ohne Lust zur Arbeit in einem Lande aufangen, wo selbst man eines von den drei genannten Dingen besitzen muß, wenn man nicht sofort zu Grunde gehen will? Zu ihrem Glucke gelangen aber nach jenem furchtbaren Lande mehr solche Menschen auf dieselbe Weise, wie Pierre und Baptiste, und Gleichgesinnte finden sich schnell, um sich an einander zu schließen. Die gemeinsame Noth fordert aber so gebieterisch zur gegenseitigen Unterstützung auf, daß diese Leute bis in den Tod einander den getreuesten Beistand leisten und sich eine so energi sche Unterstützung angedeihen lassen, wie eö nur von den be geistertsten und glühendsten Freunden erwartet werden sollte. Diese gegenseitige Aufopferung erzeugt aber auch edlere bessere Gefühle in den Herzen dieser Leute; die Noth, die ihnen auferlegte Zucht ruthe des Himmels, fordert die Anstrengung der körperlichen und geistigen Kraft, unterdrückt die bösen Gedanken, läutert die Gesinnung und der Muth, welcher früher nnr dem Bösen diente, wird zum Heldenmuth, indem er für sich, und noch mehr für Andere, das Leben beständig in die Schanze schlägt. Daher kommt es denn, daß diejenigen, welche den Schrecken des Klimas nicht in kurzer Zeit erliegen, gar bald an körperlicher und geisti ger Kraft erstarken und sich in beider Hinsicht veredeln. Auch Pierre und Baptiste wurden bald andere Menschen. Doch da es uns nicht darum zu thun ist, eine Geschichte ihrer Besserung zu schreiben, so wollen wir vielmehr ihrem Erwerbe unsere Aufmerksamkeit widmen und einen der gefahrvollen Züge in das Innere der Guyana beschreiben, denen sie beiwohnten und an denen einen so tapfer Autheil nahmen. Durch den riesenmäßigen und ungangbaren Urwald, welcher wohl dreißig Stunden tief im wildesten Innern der Guyana die Ufer des Orangeflusses eindämmt, und von dem nur selten die Ungeheuern Ueberschwemmungen in der Regenzeit mächtige Massen abreißen, strömt der Fluß langsam und träge über den schwarzen Schlamm. Große kahle Sandinseln, welche das Hochwasser in der letzten Ueberschwemmung geschaffen und die ein anderes viel leicht wieder zerstört, gähnen langgestreckt zum dunkeln Himmel2?8 auf, von dein eine entsetzliche Hitze herabdrückt, eine Gluth, welche das Quecksilber im fahrenheitschen Thermometer täglich bis 120 ja 130 hinauftreibt. In einer Höhe von 100 bis 120 Fuß ist die ganze Lichtung des breiten in viele Rinnsale gctheilten Stro mes mit fahlgelben Wolken bedeckt, die man für den ersten An blick für Staub ober Rauch halten möchte, bis der Näherkom mende an der wirbelnden Bewegung dieser entsetzlichen Wolken und an ihrem leisen, furchtbar eintönigen Sausen bemerkt, daß lebende Massen von Insekten sind, die da rasend vor Hunger und Gier schwärmen, sich selbst bekriegen, aus Mangel an Nah rung, au einem Gegenstände, den sie mit ihren Stacheln ver wunden können, in wirbelnden Kreisen sich selbst ansallen, ver folgen, tobten. Auf den Dünen liegen langgestreckt seltsame ent setzliche Gestalten, regungslos, schläfrig. Man würde sie für ver kohlte Baumstämme halten, sähe man nicht zuweilen, wie vorne an seinem dicksten Ende einer oder der andere dieser vermeintlichen Bäume sich spaltete, wie eine der Hälften des Stammes anf- gähnt, inwendig einen blutrothen, zähnestarrenden Rachen zeigt und dann mit donnerähnlichem Klappen auf die Unterkiefer die Stille gräßlich unterbricht. Das sind die Wasserherrscher in der Guyana, die gräulichen Kaimane, die Krokodile Amerikas. Zu Hunderten liegen sie hier, ruhig, hungrig, raubwüthend, um alles zu zerfleischen, was ihr scharfes Auge erblicken kann. Nur zwi schen den Moskitos, die oben über ihnen in der Luft eben so wüthend wirbeln, wie die Krokodile unten auf den Dünen harren, und diesen Krokodilen ist Friede; allen andern Wesen macht die Moskite und das Krokodil den unerbittlichsten Krieg, Krieg ohne Erbarmen bis den Tod, denn beide allen Wesen so entsetzliche Geschöpfe können einander nichts anhaben; der dicke Panzer des Krokodils ist für die Moskite undurchdringlich. Unermeßliche, abscheuliche, von den verworrensten Massen von Rohren, Sumpf- und riesenmäßigen Schlammpflanzen gebil dete und überwucherte Sümpfe bedecken stundenbreit die beiden Ufer des Flusses. Schmale Gänge gehen vom Walde zum träge schleichenden, bräunlichen Gewässer. Aus diesen Pfaden nahen vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang schüchtern die friedlicheren Thiere des Waldes, der Tapir, das fette, flüchtige Chignire, Hirsche, Schweine, feine Antelopen. Mit lechzendem Gaumen kommen diese Wesen, um sich vor dem Verschmachten zu879 retten. Bei jedem Schritt horchen sie ängstlich; ihr Auge sucht durch die Rohrmassen zu dringen; es wittert die feine Nase überall zahllose Feinde; aber der entsetzliche Brand des Durstes ist zu unerträglich, das Bedürfnis zu dringend um das Leben zu erhalten, setzen sie es auf s Spiel. Das erste Thier, welches kommt, erreicht eine Stelle, wo noch ein riesiger mit unzähligen Schlingpflanzen bedeckter Baum Fuß gefaßt hat und den Sumpf beschattet. Plötzlich stürzt aus den dichten Blättermassen mit einem gräßlichen kurzen Wuthgehenl ein großes, gelbbraun gefleck tes Thier herab, ergreift die zusammen zuckende Antelope und stürzt sich mit dem armen Thiercheg in das Genist der unter seiner Last brechenden Rohre, in denen es verschwindet. Nach einer lan gen Pause nahet ein zweites Geschöpf; da schiebt sich an einer andern Stelle ein seltsamer Kopf an einem langen wie Metall glänzenden Halse vor, fährt mit blitzschneller Bewegung herab nach der Antelope, reißt sie 10 Fuß hoch in die Lust und ver schwindet dann hinter dem Genist. Man vernimmt ein klägliches Blocken, dann ein markerschütterndes Krachen; die Boa umschlingt ihren Raub mit ihren mächtigen Spiralen und zerschmettert ihm im Augenblicke alle Knochen. Die Krokodile dagegen tauchen träge und leise in die Fluth, gehen dem Ufer nahe unter Wasser und lauern da, harren ihrer furchtsam zögernden aber gewissen Bente. Die Antelope, welche, die dritte im Zuge, dadurch ge rettet blieb, daß der Tiger und die Boa schon ihrer beiden Vor gänger sich bemächtigt hatten, erreicht das Ufer, sie steht; ihre Nüstern öffnen sich weit, die Moskitos stürzen sich auf sic; das arme Thier schließt die Augen, es tritt mit den feinen Füßen in den Fluß, senkt den Kopf und schlürft das Wasser ein. Aber plötzlich schießt der Kaiman aus der Tiefe, faßt und reißt das arme Geschöpf in die Fluth. Ein Dutzend andere Kaimane kom men wüthend heran und packen das Thier. Wo eine solche Bestie faßte, springt das Blut, folgt ein Theil des zuckenden Körpers dem mächtigen Riß; die Bestien verschlingen in einem Moment den Raub und fallen daun wüthend über einander selbst her; doch sie können einander nicht verwunden, sie vermögen es ja nicht, sie sind zu furchtbar gepanzert; deshalb taucht wie der eins um s andere nieder und legt sich auf s Neue auf die Lauer. Kaum zehn Schritte weit hatte der Tiger seinen Raub ge-280 schleppt, schnell erwürgt, aus den zerbissenen Pulsadern des Hal ses das warme Blut mit Knurren der Wollust geschlürft, dann aus dem anfgcrissenen Bauche das Herz, die Lunge, Milz, Leber, Eingeweide und die besten Stücken der Brust gefressen. Nun, gesättigt von dem mächtigen Fräße, streckte er hin, vom Rachen, den Tatzen und der Brust das Blut mit stachlichter Zunge leckend. Aber er ist nur gesättigt; das heiße Blut hat seinen Durst erst recht erregt. Da geht die grimmige Bestie furchtlos zum Flusse, um zu trinken. Aber kaum hat sie den Kopf zur Wasserfläche gesenkt, so faßt ein Kaiman ihre Tatze. Mit entsetzlichem Ge heul schlägt der Tiger mit der andern Tatze nach dem Kopfe des Ungeheuers; der Schmerz macht ihn rasend, da sein zermalmender Schlag nichts nützt; er beißt wüthend nach dem Kopfe, aber auch die Kraft seiner mächtigen Kinnladen ist umsonst. Sein Wider stand gegen den Kaiman, der ihn unter Wasser ziehen will, ist vergebens, denn plötzlich wird er an vier, fünf Stellen von an dern Krokodilen gefaßt und trotz seines verzweifelten Sträubens, trotz seines gräßlich gellenden Geheuls mitten im Strome in Stücken zerrissen. Tiefer sinkt die Nacht auf diese furchtbaren Wildnisse; da erschallt im Walde das Gebrüll des Puma, des großen amerika nischen Löwen, das Geheul des Kuguars; des Jaguars kurze bellende Wuthausbrüche erdröhnen in den Wipfeln der Bäume, die er mit der Gewandtheit unserer Hauskatze und der Kraft des Tigers durchstreift. In diese entsetzlichen Laute mischt sich da und dort daS widerliche Geschrei zahlloser Horden von Brüllaffen, die ihr angeborner Trieb zum Geheul nöthigt, das sie um so mehr verstärken, je näher ihnen der gefürchtete Feind, der ihnen nach stellende Jaguar, kommt. Die zahllosen Vögel, welche die Wipfel beleben, erwachen im Augenblick und mischen ihr Gekreisch in das Concert; der erschauernde Tucan (der amerikanische Pfefferfresser), flüchtet hinaus auf die äußerste Spitze eines biegsamen Astes und lässet daselbst seine paukenartig klingenden Schläge hören. Unten im Genist, das mannshoch die Zwischenräume der Stämme ans- süllt, winden sich zahllose, erbosete, giftige Schlangen mit schar fem Gezisch dahin, selbst den Tod allem bringend, das sie be rühren und selbst wieder bedroht von Scorpionen, Scolopendern und faustgroßen Spinnen, denen sie in das Gehege kommen. Ungeheure Schaaren von Flamingos, Reihern und Störchen strei-281 fen über die federbnschähnlichen Blüthenwipfel der Rohre hin und suchen mit scharfen Augen nach den zahllosen Ochsenfröschen, die mit blöckenden Lauten auch ihren Theil zum allgemeinen Con- cert beitragen. Dazwischen geht der Geist des Mordes furchtbar seinen entsetzlichen Gang; es ist ein ewiger Krieg zwischen diesen Bewohnern der Wildniß, der nur in der Zeit des Tages rastet, wo der Sonnenbrand alles, selbst die wildesten Begierden dieser Bestien, mit lähmender Kraft niederhält. Aber wie der Trieb nach Vernichtung ohnmächtigerer Wesen bis auf wenige friedlich schüchterne Arten all diesen Myriaden von Thicren inne wohnt, so beugte der Schöpfer der sonst un ausbleiblichen Ausrottung aller schwächeren Geschöpfe durch die stärkeren vor, indem er den verfolgtestcn und wehrlosesten aller unvernünftigen Wesen den allermächtigsten Trieb nach Fort pflanzung einprägte. Aus den Gewässern des Flusses kriechen schwerfällig leise Himderttausende von Schildkröten nach gewissen Sanddünen, die ihnen ein bewundernswürdiger Instinkt als die dazu geeignetsten bezeichnet, um daselbst in lange mit den Füßen gescharrte Grübchen ihre Eier zu legen. Eine Schildkröte legt deren täglich wohl 8 10 und sie fährt damit eifrig fort, so lange die Brütezeit dauert. Man denke flch nun wohl Millionen solcher Thierchen in derselben Weise zu gleicher Zeit beschäftigt, Brut abzusetzen und man wird ermessen, welch ein Vorrath solcher Eier hier in nicht sehr ausgedehnten Räumen angehäuft wird. Durch nichts lassen sie sich in diesem Geschäfte stören; wenn der gefräßige Jaguar sich mitten unter sie stürzt, eine nach der andern umwendet und mit bestialischer Geschicklichkeit mit der Tatze das wohlgeborgene Thier aus der selbst für seinen Kiefer unzerbrech lichen Schaalc herausholt, so gehen ihm darum die anderen nicht dem Wege; sie befolgen ruhig und todesmuthig den schöpferi schen Befehl: Mehret euch! Und wenn auch Jaguare, Krokodile, Raubvögel diese Thiere zu Hundcrttausenden tödten, wenn auch jährlich ganze Lager ihrer Eier erhoben und ausgeschöpft werden, dennoch spürt man keine Minderung ihrer Zahl, dennoch kehren ihre zahllosen Schaaren immer zur bestimmten Zeit pünktlich wieder. Es sind aber diese Eier der Schildkröten so ausgezeichnet fett und kräftig, daß sie, über dem gelinden Feuer in Kesseln zerlassen, fast Vs ihrer Masse treffliches, äußerst gesundes und wohlschmeckendes Oel geben, das in den heißesten Ländern der283 Erde weit und breit als Schmelze der Speisen angewendet und selbst zu medizinischen Zwecken mit dem besten Erfolge verwendet wird. Weniger gut ist das Fleisch der Flußschildkröte; diesem steht das Fleisch der großen Sceschildkröte weit voran, aus dem in England die beliebteste und delikateste aller Speisen, die be kannte Tonrtlesuppe" bereitet wird. Aus dem bisher Geschilderten geht nun aber hervor, mit welchen entsetzlichen Beschwerden und Gefahren jene Leute zu kämpfen haben, welche dieses kostbare Nahrungsmittel in den Wildnissen aufsuchen und bereiten müssen. Aber der Mensch ist ein höchst wundervolles Geschöpf; Hindernisse und Gefahren, Mühen und Beschwerden, sind nur Mittel, ihn zur Anspornung des Nachdenkens anfzustacheln, wie er sie besiegen und überwin den müsse je größer die Mühe und Gefahr ist, welche er besiegen soll, desto mehr scheint seine geistige und körperliche Kraft zu wachsen. Deshalb erblicken wir in einer schauervollen von fernem Wetterleuchten durchzuckten Nacht ein kleines Licht mitten auf dem breitesten Arme des Stromes, das immer näher und näher heran zukommen die unruhige Wellenbewegung des Stromes zu thetlen scheint. Endlich langt es an und mitten durch das Ge brüll, das aus den Wäldern dringt, erschallt Plötzlich der Laut menschlicher Worte, das Rauschen von Rudern und der dumpfe Stoß langer Grundstangen, mit denen ein schwcrbeladenes Fluß fahrzeug stromaufärts gewarpt wird. Wir sind zur Stelle!" ertönt eine rauhe Stimme; Anker aus! Ich kenne diesen Höllenwinkel wohl, obschon die Wasser ihm eine andere Gestalt gaben, als er voriges Jahr hatte." Solltest Du dich in der Finsterniß nicht täuschen, Bap- tiste?" fragte eine andere Stimme; die Nacht trügt und ich meine, wir müßten noch ein gutes Stück stromaufwärts!" Nein, nein," bei meiner Seele, es ist der Ort, ich werde ihn, so lange ich lebe, nicht vergessen. Siehst Du dort jenen mächtigen, einsamen Baum im Rohrsumpfe? Da geht ein Wild gang (ein schmaler vom Wild getretener Pfad) vom Flusse, bis in den Wald. Aus jenem Baum lag ich, wohl sechs Stunden von dem Jaguar belagert, den ich angeschossen hatte, und vor dem ich mich in den Gipfel flüchtete. Ich konnte nicht herab, bis Du mit Junot kamst und ihr der Bestie den Garaus machtet. Das war283 eine langweilige Geschichte eine harte Strafe für einen dum men Streich". Ganz wohl, ich erinnere mich jetzt auch. Ich sehe beim Scheine des Wetterleuchtens den Wald genau, wie er dort gegen den Fluß herab eine scharfe Ecke macht. Ja, wir sind nahe an den Cascaden. Glück auf, die schwerste Hälfte unserer Arbeit ist gethan." Es wird wohl wieder eine schöne Anzahl von Kaimans da sein. Diese Bestien verstehen sich trefflich daraus, den Ort zu sinden, wo sie Schildkröten schmausen können." Pah, wir werden ihnen den Appetit vertreiben; ich habe Köder für sie mitgebracht!" Nicht so verächtlich von ihnen geredet!" warnte der erste Redner, der sich zum Aberglauben Hinzuneigen schien; die Kaimane verstehen keinen Spaß; sind die Kuirassiere der Wildniß, weit aus die furchtbarsten Rivalen, welche wir hier bekommen. Lieber mit einer Boa will ich anbinden, so scheußlich auch eine solche Bestie kämpft, als mit einem von ihnen. Denn der Schlange kann ich den Bauch aufschlitzen, ihre Spirale dadurch lösen und ihr entgehen; aber der Kaiman hat nur ein kleines Fleckchen un ter der Gurgel, wo ihm mein Messer beikommen kann und wenn ich ihn dahin nicht mit dem ersten Stoße treffe, pur visu! zu einem zweiten läßt er mir keine Zeit." Wir folgen dem Gespräche nicht weiter, das diese Männer führten, während sie damit beschäftigt waren, ihr Boot zu ver ankerst. Es geschah dieses nahe an einer felsigen Insel, die, stark mit Bäumen bewachsen, aus dem Strom ragte, ein merkwürdiges Eiland mitten unter den langen, hitzesprühenden Sanddünen, die den Strom in so viele, mitunter sehr unbedeutende seichte Arme theilten. Ms der Morgen heranfstieg, sahen die sieben Reisegenossen genau, daß sie sich in dem Orte nicht getäuscht hatten. Sie warp- ten ihr Boot vermittelst des Ankers noch näher an die Felsen insel und befestigten es an mehreren Bäumen mit starken Ketten. Sodann brachten sie unter dem Genist, womit das Unterholz auf der Felseninsel bedeckt war, mehrere starke Balken, verrostete eiserne Hacken, Klammern und dergleichen hervor, von denen sie jedes Stück mit Jubel betrachteten. Aus ihren freudigen Aeußerungen ging hervor, daß sie diese Gegenstände vor einem Jahre hier ver-284 borgen und wenig Hoffnung gehabt hatten, sie so unverrückt und unversehrt wieder zu finden. Schnell sägten sie nun eine Art Brücke daraus zusammen, welche von der viel höheren Insel nach dem Boote hinabführt und auf die sie, um den Schritt zu sichern, Latten nagelten. Aus vielem andern Holz aber errichteten sie oben auf der Insel, nachdem sie das junge dort unter den Bäu men aufgeschossene Genist ausgerauft und in den Strom geworfen hatten, eine Hütte. Auch eine aus Backsteinen aufgeführte Feuer stelle ward schnell mit Lehm wieder ausgebcssert und all diese Arbeiten waren verrichtet, ehe noch die steigende Hitze die Arbeit gänzlich zur Unmöglichkeit machte. Dann aber zündeten die Män ner auf mehreren Punkten in der herrschenden Windrichtung Feuer an und warfen Genist darauf, das einen starken stinkenden Rauch erzeugte. Einer von ihnen hielt Wache; die andern aber legten sich ruhig in der Hütte nieder, um ihre Siesta zu halten, wäh rend der Wächter die rauchenden Feuer beständig unterhielt, um die Schaarcn der Mosquitos zu verscheuchen und dabei von dem Gipfel der kleinen Fclseninsel den Strom aufmerksam be trachtete. Es mochte etwa 4 Uhr Abends sein, als sich die Schlafen den allmählich erhoben und der Hütte kamen, um gleich ihrem Wächter die Gegend zu betrachten. Die meisten von ihnen wa ren Männer, welche kaum das vierzigste Jahr erreicht hatten. Sie trugen Blousen, hohe Ledcrstiefel, lederne Gürtel, in denen große scharfe Bowiemesser (halb Säbel halb Dolch) und Pistolen steckten und breite Sombreros. (Hüte, welche aus Palmbast ge flochten werden). Sie waren meist mittlerer, fast kleiner Statur, echte Franzosen von Gestalt, Gebehrde und Temperament; nur einer von ihnen war ein herkulischer, fast sieben Schuh hoher Mann von schläfriger Haltung und nachlässigem Aussehen, das ihn nicht vortheilhaft von seinen Gefährten unterschied. Denn diese zeigten, so ärmlich auch ihre Kleidung war, dennoch den seinen lebhaften Ton des Franzosen in Habit, Haltung und Ge behrde. Da sind sie ja, unsere alten Kameraden von ehedem!" rief Baptiste, derjenige, der gestern bei der Ankunft das Steuer geführt. Wer?" fragte der große Mann gedehnt.085 Die Kaimane!" entgegnete der Redner und deutete auf die nächste Düne, wo wohl 40 Krokodile schliefen. Ah, diese!" sagte der große Mann, und rieb sich die Stirne, indem er den Sombrero lüftete. Sie schlafen!" sprach ein Anderer. Ich will sie wecken"! rief ein Dritter, indem er einen Holzklotz mitten in den Haufen schleuderte. Der Ast fuhr einem großen Kaiman auf den gepanzerten Rücken, sprang ab, schlug auf den eines daneben liegenden auf und fiel dann hin. Allein die Bestien regten sich nicht. Das sind hartköpfige Bursche," sprach der große Mann. Nun, ich will ihnen zum Spaß einen von meinen Kanarienvögeln senden. Will sehen, was sie für Augen machen, wenn der pfeift." Damit ging er in das Boot, in dessen Kajüte er verschwand, ^r erschien aber bald darauf wieder mit einer brennenden Lunte und einem kleinen schwarzen Eisenball, an dem sich ein Röhrchen zeigte, welchem etwas geblich gefärbte Wolle zu hängen schien. Die Eisenkngel war etwa so groß, wie ein Kürbiß von 6 Zoll Durchmesser und indem der Mann die Lunte an den dem Röhrchen hängenden Zündfadcn hielt, entbrannte der mit einem lauten zischenden Knistern. Der Mann warf nun rasch die Lunte zu Boden, trat sie aus, schwang die Kugel ein paarmal rasch Um seinen Kopf und schleuderte sie dann nach der Sandinsel mit so sicherem Wurf, daß sie gerade in die Mitte von den dort bei sammen liegenden Krokodilen rollte. Dann sprang er schnell über den Steg nach der Insel und nahm da hinter einem Baume Posto. Das ist ein gefährlicher Spaß, John!" sagte Baptist. Seht euch vor und deckt euch!" rief er den andern zu, die stau- Uend zusahen, wie die Kugel mit einem immer schärfer werdenden Zischen auf der Insel sich gleich einem Kreisel, das Feuer und Rauch speiende Röhrchen nach oben gerichtet, drehte und den Sand aufwirbelte. Aber der Anblick, den die Krokodile gewähr ten, war so wunderbar, daß kein Mensch auf Baptistens War nung achtete. Diese hungrigen wüthenden Ungeheuer fuhren rasch auseinander, als der kleine, schwarze, dampfspeiende, sich immer rascher drehende Gegenstand zwischen sie hineinrollte. Aber die Bewegung desselben schien ihnen Leben zu sein und ihr bestiali scher Heißhunger war so rasend, daß sie sich vorsichtig näherten,286 um das kleine, rauchende, zischende Ding zu betrachten. Zu sie ben streckten sie, immer näher kriechend, ihre scheußlichen Rachen hin, begierig, zuzuschnappen, sobald der kleine branßende Gegen stand ihnen Gelegenheit dazu geben möchte. John jubelte laut, als jetzt das Draußen schwächer ward, die kleine Kugel einen Moment ruhig lag und drei oder vier der zähnefletschenden Un geheuer begierig sich herandrängten Da blitzte jäh mit furcht barem Knall ans; weißer Dampf und Staub hüllte den Thcil der Insel ein, wo die Explosion stattgesunden hatte und als der Wind den Ranch hob, sah man drei Krokodile mit entsetzlich zer schmetterten Köpfen sich sterbend dort krümmen, einem andern war der Vorderfnß abgerissen, einem fünften der Leib anfgeschlitzt, daß es mit heraushängendcm Gedärm sich elendiglich in den Fluß schlcpvte; die andern entflohen so rasch und mit so wüthendem Zähneklappen, daß sich vermuthcn ließ, es sei fast nicht eines, das nicht einen Splitter von der Granate in den Leib bekommen hatte. Hnrrah!" schrie John und klatschte freudig in die Hände, Aber ein anderes Mal seid so gut und geht etwas vor sichtiger damit um- wenn ihr einen von Euren Kanarienvögeln loslasset!" sagte Baptiste. Kommt und helft! seht Ihr nicht, daß da Boot brennt?" Das Feuer war zum Glücke bald gelöscht und Niemand verwundet. Im Kahne, den das Boot mitgebracht, fuhren John und Baptist zur Insel, um die todten Krokodile zu besichtigen. Allein diese Unvorsichtigkeit hätten sie fast bitter bereut und ge büßt. Noch che das kleine Fahrzeug dort landete, schoß ein Krokodil aus der Tiefe, hackte mit beiden Füßen an Bord des Kahnes und dieser drohte nmznkippen. Ha, gelüstet dich nach Rache und Mcnschenfleisch?" rief Bap tiste, und schlug mit dem Ruder der Bestie so entsetzlich die Nüstern, daß das schwere Werkzeug krachend in Trümmer zersprang. Der Schlag mußte furchtbar gewesen sein, denn der Kaiman fuhr so gewaltsam zurück in die Tiefe, daß das Boot mit hartem Stoß auf den Sand der Insel rollte und beide Männer wie vom Blitze niedergeschmettert, darin z Boden fielen. Klüger und vorsichtiger gemacht, kehrten sie unverrichteter Dinge wieder an Bord zurück. Bald darauf überzeugten stch, daß die Krokodile selbst sie der Mühe überhoben, die todten Thiere wegzuschaffen. Es kamen287 nach und nach ihrer mehrere, fielen über die Leichname her und rissen sie ins Wasser hinab, wv sie dieselben ohne Zweifel anf- frafjen. Nach diesem Vorfälle begannen die Arbeiten damit, daß die Pechenrs Brennholz nach der Insel schafften. Zn diesem Zwecke mußten sie sich im kleinen Boote, mit Harpunen, Büchsen und Aexten versehen, an eine Stelle des Flusses begeben, wo- sslbst der Wald unmittelbar an den Fluß grenzte. Bei m ersten Schritt an das Land bemerkten sie, daß sie von einem daselbst im Gebüsch lauernden Jaguar beobachtet wurde , der sich zum Sprunge uach ihnen bereit machte. Zwei wohlgezielte Büchsenschüsse mach ten der Bestie den Garaus. Unter unaussprechlichen Beschwerden durch die Mvsguitos brachten die Pechenrs endlich bis gegen die Zeit der stärksten Hitze einen Floß mit einer ziemlichen Last Holz M Insel, das sie dort landeten. Ermattet von zahllosen Stichen, mit denen ihre Haut wie besäet war, bedeckt mit zahllosen schinerz hasten Geschwüren, sanken sie dort auf ihr Lager in der Hütte. Aber mitten in der Ruhe störte sie ein furchtbarer Schrei auf, den John ausstieß. Alle fuhren in die Höhe und griffen nach den neben ihnen liegenden Waffen. Sie sahen John sitzen und sich das Gesicht halten. Vor ihm lag ein fast eiuen halben Schuh langer Scorpion der giftigsten Art, der ihm ins Gesicht gekrochen war und ihn unter dem Kinne verwundet hatte. John hatte das abscheuliche Thier getödtet. Es wurde zerquetscht und über die Wunde gelegt. Man beseitigte so wohl die Gefahr, aber nicht die Schmerzen, welche den armen John peinigten. Am folgenden Tage begann die Arbeit. Etwa eine Vier telstunde stromaufwärts lagen die Inseln, wo die Brüteplätze der Schildkröten waren. Während vier Mann die Nester suchten und die Eier sammelten, hielten drei andere Wache gegen Krokodile, Duzen und andere Bestien, die beständig durch Flintenschüsse in Respekt gehalten werden mußten. Zwei hatten sodann die Auf gabe, den Vorrath von Eiern nach der Insel zurück zu schaffen, wo John beständig unter den Kesseln Feuer unterhielt und das ausgelassene Fett in den zu diesem Zwecke mitgebrachten steiner nen Krügen auffüllte. Heute brachte auch die Mittagshitze keine Ruhezeit, sondern eS mußte bis tief in die Nacht fortgearbeitet werden, da das Lager ungemein reich an Eiern war und man fürchten mußte, die nun bereits angebrochenen Gruben möchten288 dann von Ranbthieren während der Nacht erschöpft werden. Erst gegen Morgen kehrten die ermüdeten Arbeiter mit den schwer be ladenen Booten nach der Insel zurück. Es war eine furchtbar finstere Nacht, so daß sie nur dem Zuge des Wassers als ihrem alleinigen Führer folgen konnten, nur allein in der Hoffnung, an dem Scheine der von John unterhaltenen Feuer die Richtung zu erkennen. Allein zwischen der Stelle des Stromes, wo die Insel lag und dem Orte, woselbst die Eierlager sich befanden, machte der Strom bedeutende Krümmungen und das wäldbedccktc Ufer verhinderte die Aussicht. So geschah es denn, daß die Schiffer dem User näher kamen, als es rathsam war und daß das schwerbeladene Boot sich im Schlamme auf einer Untiefe festrannte. Es war dieß eine der gefährlichsten Stellen, das nahe Ufer mochte von raubgierigen Bestien wimmeln, denn ihr dröhnendes Gebrüll drang aus furchtbarer Nähe heran. Baptiste, der mit den Ge fahren dieser Regionen am vertrautesten war, flüsterte seinen Ge nossen zu, sie möchten sich möglichst stille verhalten und lieber den Anbruch des Tages erwarten, als durch Lärm bei dem vielleicht vergeblichen Versuche, von der Untiefe abzukommen, die nahen hungrigen Tiger zum Angriffe herbcizulocken. Allein sein Rath wurde nicht befolgt; mehrere behaupteten, an der Backbordseite des Bootes sei tiefes Wasser und es bedürfe nur einer nachhaltigen gemeinsainen Anstrengung, um es wieder flott zu machen. Wider Willen gab Baptiste nach, jedoch nicht, ohne darauf zu dringen, daß Jeder sein Gewehr bereit hielte und das Messer zur Hand habe. Seine Vorhersaguug ging auch wirklich in Erfüllung; statt losznkommen, schob man das Boot nur fester, so daß es bald gar nicht mehr zu bewegen war. Nun mußten sich die Widerstrebenden gezwungen in seinen Rath fügen und den Tag erwarten. Peinliche Stunden strichen hin, Stunden ermüdenden Wartens für matte ermüdete Arbeiter, die sich nach Ruhe sehnten. Endlich lichteten sich aber die Um gebungen, das Gebrüll im Walde schwieg und die Zeit zum Flott machen des Fahrzeugs war gekommen. Ehe Baptist seine Ge nossen in s Wasser steigen ließ, um das Boot zu erleichtern und eS von der Untiefe abznschicben, sondirte er vorsichtig den Rand des Rohrdickichts, welches dicht am Boote begann und den Schlammgrund, ob nirgends ein Kaiman versteckt liege. Dann erst sprangen auf seine Anordnung vier Pecheurs in s Wasser und289 hoben mächtig, während er und sein Bruder mit den Stangen arbeiteten. In diesem unglücklichen Moment, wo Alle nur der Arbeit ihre Aufmerksamkeit schenkten, theilten sich plötzlich und unbemerkt die Rohre, es erschien ein gewaltiges grimmiges Haupt, besten funkelnde Angen einen Augenblick die Pecheurs überschauten. Dann schoß in jähem Sprunge der mächtige, gelenkige, braungelbe Leib eines fünf Fuß hohen Löwen hervor, stürzte mitten unter die Pecheurs, faßte einen derselben am Rücken und wendete rasch mit gewaltigem Schwünge, um den erfaßten Raub ins Dickicht Zu bringen. Der Löwe setzte sich auf die Kruppe, sprang sieben Fuß hoch über die sich unter seine Wucht beugenden Rohre weg und war mit seinem Raub hinter denselben verschwunden. Diese entsetzliche Scene war Sache eines einzigen Augen blicks; die drei Neulinge, die Gefährten Baptistens und seines Bruders, kletterten entsetzt in s Boot und griffen da nach den Waffen, die ihnen in die Hände sielen; ihre Rathlosigkeit war eben so groß, als ihre Bestürzung. Aber der muthige Baptiste rief: Gewehre und Harpune ! Schnell! mir nach! Der Puma kann hier unmöglich rasch entkommen!" Mit diesen Worten stürzte er sich, gefolgt von seinem unerschrockenen Bruder, in das Dickicht. Die Spur des gewaltigen Thieres war hier zu deutlich; es hatte seinen Verfolgern den Weg gebahnt; an der gewalt samen Bewegung der buschigen Blüthenwipfel sah man, wo der Räuber durch das Gewirr vorwärts drang; man hörte sein Rau schen im Schlamme, sein dumpfes drohendes Knurren,- als er die Verfolger hinter sich hörte. Baptiste stieß ein wildes Jnbel- geschrei aus, das seinen Bruder rasch an seine Seite brachte und die weit hinter beiden herkeuchenden Genossen ermuthigte. Mit verdoppelter Eile, die seinem Gemüthc wie seinem Mnthe große Ehre machte, eilte Baptist voran, erreichte das Ende des Sumpfes und sprang da fast auf den Löwen, der eben seine Beute niederlegte, um sie zu zerfleischen. Das Raubthier erblickte den die Mündung der Büchse nach ihm richtenden Pecheur, der einen Wuthschrei bei dem Anblick seines leblos am Boden liegen den Genossen aussticß und empstng ihn mit einem gräßlichen Ge brüll. Ohne anzulegc und zu zielen, brannte Baptist der Bestie beide Schüsse der Doppelbüchse auf den Pelz. Aber er hatte in der Eile schlecht getroffen und der durch das Feuer nur noch schwerer gereizte Löwe sprang mit einem mächtigen Satze nach 19290 ihm. Baptist war aber besonnen genug, rasch auszubiegcn. Wäh rend die Bestie in der Lust schwebte, fiel er, rollte nach dem Orte zu, von wo der Löwe zum Sprunge angesetzt und hielt diesem, als er, zur Erde gelangt, sich blitzschnell wendete, um das von seiner Wuth ansersehene zweite Opser zu zerfleischen, den mit dem surchtbaren Bowiemesser bewaffneten Arm entgegen. Allein dieses schwache Werkzeug würde dem Jäger wohl wenig genützt haben, wenn nicht Hilfe nahe gewesen wäre. Ein Schuß krachte, der Löwe erhob sich mit einem grellen Geheul auf die Hinterfüße und stürzte dann zusammen. In diesem Moment sprang Baptistens Bruder aufG en Platz, warf die Flinte weg und holte die an einem Riemen nachgeschleppte Harpune ein, um sie dem an der Erde hinrollenden Löwen in die Weichen zu bohren. Auch Baptist sprang jetzt wieder auf und schrie überlaut; Heran, Kameraden! zu Hilfe, zu Hilfe!" , Der Löwe, von brennendem Schmerz, den ihm die zerschmetterten Rippen verursachten, durchzuckt, aber nicht entkräftet, sprang aber mals auf und stürzte sich auf Pierre, der mit gewaltiger An strengung dem Raubthiere Stand hielt und ihm die Harpune in den Rachen bohrte. Jetzt verließ der Muth das Raubthier; es riß sich los, wendete, sprang über den ohnmächtig an der Erde liegenden Pecheur weg und suchte zwischen den Bäumen im Walde zu entkommen. Aber Pierre stürzte ihm nach und stieß ihm die Harpune zwischen de Schultern tief in den Leib. Der Löwe wendete sich nun abermals, zerbrach mit einem Schlage sei ner Tatze den Schaft der Lanze und suchte mit dem Eisen im Leibe zu entrinnen, als Baptist, vor Hitze und Muth der Vorsicht vergessend, sich auf das Raubthier stürzte, und ihm das Bowie messer in das Genick bohrte. Da endlich stürzte der Löwe, mit ihm aber auch sein Verfolger, der nicht mehr aufrecht zu hal ten vermochte. Wohl nur im letzten Todeskrampf reckte der ster bende Löwe die Pranke aus, und riß Baptist, der sich nicht schnell genug zu erheben vermochte, die im Falle von der Blouse ent blößte Schulter auf. Doch war die Wunde nur ein tiefer Riß durch die Haut und in anderem Klima würde sie von keiner Be deutung gewesen sein. Man erhob nun den noch immer an der Erde liegenden Pecheur. Er hatte im Rückgrat tiefe Eindrücke von den Zähnen der Bestie. Doch hatte sie zum Glücke den breiten ledernen Gurt29t mitgefaßt und diesen nicht durchbeißen können. Der Mann war schwer seiner Ohnmacht in s Leben zurückzurufen; er erwachte wimmernd vor Schmerz und klagte über furchtbare Qualen. Da er sich durchaus nicht aufrecht zu erhalten vermochte, so mußte sein Rückgrat entweder gebrochen oder er mußte sonst innerlich gefährlich beschädigt sein. Leider war Niemand unter Allen, der auch nur das Geringste zur Linderung seiner Schmerzen thun konnte. Er gab noch au demselben Tage den Geist auf. So traurig endete der erste Arbeitstag der Pecheurs. Auch Baptist war fast 8 Tage lang arbeitsunfähig, da sich seine Wunde aus das bösartigste entzündete; ja er litt so am Fieber, daß man auch für sein Leben fürchtete und daß stets Einer zu seiner Pflege lu der Hütte au seinem Lager wachen mußte. Wir beendigen hier unsere Mittheilungen aus der Guyana. Sie bringen nur ähnliche Nachrichten über viele furchtbare und blutige Kämpfe mit den Ungeheuern der Wildnisse, Schilderungen der entsetzlichen Beschwerden und Bedrängnisse, welchen die Jäger ausgesetzt waren, und endigen endlich mit der Rückkehr von fünf PechcurS, denn Einer war dem Puma, ein Anderer aber, der ueflge John, dem Sumpfieber erlegen. Die Peifchwa-Zäger von Nepal. Es ist nicht bekannt, woher diese wilden Männer ihren Namen haben; aber durch ihre tapfern Thaten sind sie vor der letzten großen Rebellion, an deren furchtbaren Folgen das arme schöne Indien noch jetzt leidet und blutet, hochberühmt gewesen Und die Wohlthäter der Menschen, die Beschützer der Reisenden, bie Stützen der Britten geworden. Wodurch? das werden wir gleich berichten. Die nun zu Grabe gegangene indische Compagnie hielt in Indien ein Heer von 3 bis 4 hunderttausend Soldaten, welche weist von Engländern commandirt wurden. Die beständigen Kriege und das mörderische Klima setzten aber den Europäern so gewal tig zu, daß stets ein Fünftel von ihnen auf der Krankenliste stand. Für diejenigen, deren gute Natur über Wunden und Krankheiten siegte, mußten nun aber Orte aufgefunden werden, woselbst es ihnen möglich war, wieder vollständig zu genesen und zu erstar ken. J früheren Jahren führte mau die Rcconvalescenten nach 19 292 Europa; später fand man, daß das herrliche im Innern der Himalajaketten liegende Kaschmir die trefflichste Gelegenheit zur Anlegung von Sanatarien oder Gesundheitsstationen darbiete. Allein der Weg dahin war erstlich gefährlich und dann zweitens weit und beschwerlich. Am Fuße der Gebirge ist ein furchtbares viele Tagereisen breites, von zahllosen reißenden Bestien erfülltes Sumpf- und Waldland, das durchschritten werden muß und dann erst müssen 12 bis 14 tausend Fuß hohe Gebirgspässe überklettert werden. Es bedurfte deshalb kühner und kräftiger Führer, landes kundiger Begleiter und muthiger Beschützer, um die kleinen Trupps hilfloser Genesender rasch und sicher nach den weit entfernten Sa natarien zu bringen. Einen solchen Zug werden wir nun be schreiben. Am 25. November machte sich eine Anzahl von 150 kran ken und verwundeten Offizieren von Laknau in Bengalen aus auf den Weg, um sich in die Gebirge nach dem Russelsana- tarium zu begeben. Die schwächsten davon wurden von Kulis in Palankinen getragen, welche trefflichen Schutz gegen den tro pischen Regen wie gegen die Sonnenhitze gewähren; stärkere rit ten auf Elephanten und einige Bedienten waren jedem Offizier zu seiner Bequemlichkeit beigegeben. Da die Sänftenträger von Station zu Station ebenso, wie die Pferde und Elephanten, ge wechselt werden konnten, so wäre die Reise ziemlich rasch von Statten gegangen. Aber man hatte dem Sauitätszuge 150. Peisch- wajäger beige geben, welche den Kranken zum Schutze in den Wildnissen am Fuß der Gebirge dienen mußten und obwohl viele dieser tapfcrn Männer beritten waren, so konnte man doch aus Rücksicht auf die größere Anzahl ihrer uuberitteuen Kameraden täglich nur 14 18 englische Meilen zurücklegen. Sobald aber das Ende der bewohnten Gegenden erreicht war, mußten sowohl die Pferde, als auch die Elephanten, gänzlich zurückgelassen werden und alle, die nicht Anspruch auf Bequemlichkeit hinsichtlich ihres Standes oder der Beschaffenheit ihrer Gesundheit machen konnten, mußten sich bequemen, zu Fuße zu gehen. Schon am nächsten Tage gelangte die aus etwa 600 Men schen bestehende Caravane unter strömendem stiegen an den Fuß der Gebirge, ein sanft ansteigendes Hochland, daö noch unbewal det, aber durch die ausgedehnten Jungeln oder Grasgebüsche, welche auf ihm wucherten, fast ungangbar gemacht wurde. Die Peisch-293 was begannen mit Gongongs, Trommeln Triangeln einen höllischen Lärm machen, sobald der Zug eines dieser aus zehn bis fünfzehn Fuß hohem Gras, Rohr und stachlichtcm Genist be stehenden Dickichte durchbrach; zugleich streiften ihrer mehrere in 10 bis 12 Mann starken Abtheilungen seitwärts durch die Wild- iß, eroffnetcn ein Flintenfeuer und man sah an den Trophäen, welche die zum Zuge Rückkchrenden mitbrachten, daß ihr Pul ver nicht umsonst verpufften. Sie brachten Antelopen mancherlei Vögel zum Mahle mit,, aber auch die abgeschnittenen Köpfe eines Königstiegers, zweier Leoparden und eines mir unbekannten Thie- ees, dessen Haut ganz schwarz war und das auch zum Katzen, gcschlechte gehörte. Gegen Abend mußten wir mehrere stark an geschwollene Bäche überschreiten und wir erreichten unfern Halt platz, ein kleines schon am Rande der Sümpfe liegendes Dorf, erst gegen Mitternacht. Von diesem Punkte an begannen wir ben Marsch durch das Sumpfland des Himalaja, durch eine der furchtbarsten Wildnisse, die ich je gesehen habe*). Vergebens würde ich es versuchen, diese unermeßlichen, dicht verwachsenen, pfadlosen Wälder beschreiben, durch die nur mit ungeheurer Anstrengung eine schmale Strasse gehauen und mühsam unterhalten wird. Die Grundlage für den Fuß der erschauernden Wanderer bilden da die roh behauenen in die Quere gelegten Stämme der gefällten Bäume, welche dem Tritte nur eine nnstchcre und schwankende Stätte bereiten. Oben verflechten sich die Kronen des Waldes in einander; mögen im Sonnenbrände die schmale Lichtung be schatten; uns aber entzogen sie das Tageslicht, das ohnehin nur düster durch die stnstern, unermeßliche Regengüsse hcrabflntheudcn Wolken drang und hielten uns in ein Halbdunkel getaucht, das uns in eine ängstliche, melancholische Stimmung versetzte. Da der Weg von Zeit Zeit ziemlich steil aufwärts ging, so litten Unsere Verwundeten unbeschreiblich durch die heftigen Bewegungen der Kulis, die oft bis an den Leib durch reißend strömendes Ge wässer wateten. Zudem ereignete sich in Folge des Naßwerdens der Flinten ein großes Unglück. Wir vernahmen nämlich vom Ende des Zuges her ein gellendes Geheul, dann wildes Rufen, endlich einen einzigen Flintenschuß und erfuhren, daß ein Tiger plötzlich mitten *) Der Verfasser, ein englischer Offizier, diente nicht allein in Indien, sondern auch in Kanada, Afrika in Neuholland.294 unter die Kulis gesprungen war, einen davon niedergerissen und mit unglaublicher Kühnheit und Schnelligkeit in s Dickicht ge schleppt hatte. Von fünfzig Büchsen, die mau nach der Bestie abzufcuern versucht hatte, war nur eine einzige losgegangen und diese wahrscheinlich, ohne zu treffen. So wurde denn gleich unser Eintritt in dieses unheilbergende Dickicht durch den Verlust eines Menschen bezeichnet; ein böses Omen! Ich bemerkte an den ver störten Mienen unserer Bedienten, daß sie es bitter bereueten, uns mit so unerträglichen Beschwerden hieher gefolgt zu sein. Doch sie mußten nun anshalten, denn ein Entrinnen von hier war unmöglich. Unsere Jäger waren nicht entmuthigt und wir merkten au ihren Vorkehrungen, daß sie sich vielmehr schämten, ihrem Dienste nicht besser nachgekommen zu sein. Der Zug wurde näher an einander gerückt und auf diese Weise konnten sich die denselben beschützenden Ketten von Jägern verdoppeln. Auch versahen sie ihre Büchsen mit frischer Ladung, welche durch eingefettete Pfro pfen wasserdicht gemacht wurde und alle Viertelstunden sah ich sie die Zündhütchen wechseln. Als gegen Abend der Zug plötzlich auf einer Anhöhe aus dem Walde trat, hörte der Regen gänzlich auf und die sinkende Sonne brach mit ihrem Segenslichte durch die dichten schwarzen Gewölke. Vier Tage hatte der Regen un unterbrochen angehalten: wer wird nicht unsere Freude bei diesem Wiedersehen des freundlichen Tagesgestirnes begreifen. Aber sie verdoppelte sich, als die Strahlen der Sonne den nicht mehr fer nen Ungeheuern Rücken der Riesengebirge unseres Erdballes, des Himalaja, beleuchteten. Schwarz stieg seine endlose Mauer aus dem unabsehbaren Gürtel der Waldungen empor und oben, hoch über den daran vorüber streifenden Gewölken, hob sich Riesen haupt an Riesenhaupt weißgläuzcnd in die reine Bläue. Wir erstaunten und erschauerten vor Freude. Alle Drangsale, alle Beschwerden und Leiden waren bei diesem Anblick vergessen; uns winkten Asiens Riesenalpen und in ihrem Schoose, in ihrer reinen stärkenden Aetherluft, die ersehnte Genesung! Aber dahin war es noch weit. Als die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen über die dampfenden Wälder hinstreute, die uns noch von den lichten ersehnten Höhen trennten; als nach ihrem Untergange das entsetzliche Concert der Wildniß begann und das markerschülterude Gebrüll zahlloser hungernder Tiger uns295 den Schlaf raubte, da legte abermals die Furcht ihre lähmenden Schwingen auf unsere in ihren durchweichten Kleidern erschauern den indischen Dienstlente. Es gelang auch nur hart, einige Feuer zu entzünden, so daß sie kaum zum Kochen hinreichten. Wir schliefen zwar in unfern Palankinen ziemlich warm und sicher; aber Unsere Leute fan den in den kleinen von ihnen anfgerichteten Zelten keinen Schutz vor der Kälte. Nur unsere muthigen und ausdauernden Jäger hoben durch ihr zuversichtliches Wesen und durch die Leichtigkeit, mit der sie sich m alles fügten, den Muth ihrer weichlicheren Landsleute. Sie streiften weit um das Lager her und ihre Büchsen hielten die hungrigen Bestien, welche der Geruch der am Feuer bereiteten Speisen, das Getümmel im Lager und die Helligkeit heranlockte, in respektvoller Entfernung, so daß die Nacht ziemlich glücklich vorüber ging. Am nächsten Tage hatten wir sonniges Wetter und zwar zu unserem Glücke. Wir gelangten nämlich an Sümpfe, durch welche unser Weg führte und hier war es, wo wir von Kaimanen über fallen wurden. Mehr als zwanzig dieser Ungeheuer schossen nach und nach aus dem Gcröhre auf unfern Zug los und konnten nur durch die äußerste Anstrengung und Todesverachtung unserer Peischawer zurückgeschlagen werden. Hier sah ich eine That, welche von der heldenmüthigsten Todesverachtung Zeugniß gibt. Ein armer Kuli war von einem Kaiman bereits an der Hüfte gefaßt und niedergerissen worden; doch hatte die furchtbare Am phibie zum Glücke nur das weite Kleid des Unglücklichen gepackt und zerrte ihn daran fort. Da stürzte sich ein Jäger muthig aus das Ungeheuer, obwohl dieses entsetzlich mit dem mächtigen Schweife um sich peitschte, schlang den linken Arm um dem Hals des Krokodils und bohrte ihm mit furchtbarer Gewalt und Schnel ligkeit den Kris in die Augen, diese damit ausstechend. Von un- gcheuerm Schmerz überwältigt, ließ der Kaiman seinen Raub los, und der Kuli entfloh eilig zu uns. Dann aber legte sich das vor Schmerz rasende Thier auf den Rücken, suchte den es um klammernden Feind zu erdrücken, ihn mit den Tatzen zu fassen und ihn so in den Bereich seines furchtbaren Gebisses zu bringen. Allein dieses hatte der Jäger erwartet. Sobald das Krokodil seine verwundbarste Stelle, die mit weicher Haut umgebene Kehle, bloslegte, wühlte auch schon sein scharfer Kris in derselben, schlitzte sie dem Ungeheuer auf und tödtete es so fast augenblicklich.296 Mit Koth und Blut überzogen, aber völlig unverletzt, sprang er dann auf, jauchzte laut sein: Jaghar!" und kehrte zu uns, die wir ihm überlaut unfern Beifall cntgegenriefen, zurück. An demselben Tage wurden wir nach und nach von sieb zehn Tigern augefalleu, von denen unsere Jäger cilf erlegten, darunter einen, der au Große einem mäßigen Rind nicht nach stand. Auch eine ungeheuere Boa sahen wir im buschigen Gipfel eines großen Jakbaumes nach uns züngeln; doch hatten wir nichts von ihr zu fürchten, da diese Amphibien meist nur einzelne in ihre Nähe kommende Menschen oder Thicre aufallen, dann aber, wenn sie recht hungrig sind, sich selbst an den stärksten Tiger wagen. Je weiter wir in diesen entsetzlichen Wildnissen vordrangen, desto verworrener, furchtbarer und scheußlicher wurden sie, ein von allen grimmigen Bestien wimmelnder Höllenwinkel, in dessen höher und trockener liegenden Theilcn sich die gräßliche Bevöl kerung dieser menschenleeren unermeßlichen Wüste jetzt raub- und mordgierig zusammendrängte, von wo aus sie allen anderen Wesen den Tod drohte und wohin man sie nicht verfolgen konnte. ES ist buchstäblich wahr, was man von diesen Morästen erzählt, waS aber meinen Glauben nicht zu verdienen schien, daß hier durch ziehende Rcgicrungsboten von starken militärischen Eskorten be gleitet werden müssen, daß die Begleiter unaufhörlich Feuerbrände in den Händen schwingen und mit Trommeln, Gongs und andern Instrumenten einen Höllenlärm machen müssen und dennoch stürzt sich der Tiger mitten in die Colonnen und holt sich seinen Mann zum Raube. Selbst Truppen, welche auf ihren Märschen diese Wildniß passtren müssen, werden von den Tigern auf das kühnste augefallen und decimirt. In den tiefer liegenden Regionen dieser Sümpfe schreiten auch zahlreiche Elephanteurudcl durch daS Dickicht und es besteht dort unter den Thiercn ein furchtbarer ewiger Ver nichtungskrieg. Rhinocerossc Hausen in den Rohrmorästen; Riesen schlangen, Brillennattern und giftiges Gewürm aller Art erfüllen die Dickichte. Wohl nie wird es dem Menschen gelingen, hier über die Welt der Thicre die Oberhand zu bekommen, denn sei nem dauernden Aufenthalt in diesen ungesunden, pcsthauchenden Regionen stehen unbestegliche Hindernisse, zu deren Ueberwindung ihm die Mittel gebrechen, im Wege". Nachdem der Erzähler noch eine Reihe ähnlicher Unglücks-297 fälle erlebt hatte, langte er endlich mit seinen Rciscgcnossen unter dem Schutze der tapfer Jäger an dem durch das Schneegebirg nach Kaschmir führenden Paffe an, der glücklich überstiegen wurde. In Kaschmir aber fanden fast Alle die gehoffte Genesung. * * * Indem wir hier eine kleine Pause eintreten lassen, bringen wir für unsere lieben Leser noch eine dritte Schilderung, ein Bruchstück dem wohl dreitausend Jahre alten, im Sanskrit geschriebenen indischen Gedicht Nal und Damajanti", übersetzt von Rückert, welches die Vernichtung einer durch die indischen Wälder ziehenden Karavanc schildert. Damajanti, die ihren Gat ten, den König Nal, den sie dieser Karavane an. Sie "die lange Zeit Allein in ihres Grames Geleit Durch die Wälder gezogen war, 3og nun mit einer ganzen Schaar, Und war wie sonst im Haine Mit ihrem Gram alleine. Aeber Thäler und Berge fort Wälzte brausend von Ort zu Ort Sich das wandernde Mcnschenmeer. Da erblickte das Handelsheer Abends in einem Waldbereich Einen geschirmten friedlichen Teich Einen lieblichen, lustigen Kühlschattigen, blumendufiigcn, Bewohnten von Wasserlilien Und Seerosen-Familien, Bon Waldgeflügel besuchten, Umgebnen von weichen Buchten, An Feuerholz und Futter reich. Den hell- kalt- süßwassrigen Teich Erblickten die Neisematten Und sehnten sich in die Schatte . Mit des Führers Genehmigung Ging da zur Waldrast Alt und Jung. Die müden Thier entschirrt, entfrachtet Gesiedelt ward und übernachtet. Aber in stummer Mitternacht, Als Keiner der Müden mehr gewacht, Rannt vom Gebirg mit Schnaufen verloren hatte, sucht, schloß sich Ein Wald - Elephantenhaufen Um den Durst in dem See zu letzen, Den mit träufelndem Schaunie netzen. Als nun die wilden wuthentbrannten Witterten ihre zahme Verwandten, Die Karavancuclephanten, Stürzten, diesen das Leben zu rauben Jene heran mit Schäumen und Schnauben. Kein Einhalt war dem Ungestüme Der wildandringenden Ungethüme: Wie losgerisinc vom Bergeswipfel Aufs Thal einstürzende Felsengipfel, Wälder zerbrechend, rannten Also die Elephanten; Und dort das schlafende Mcnschcnhecr Zertraten sie ohne Gegenwehr. Da, ausgeschüttert, mit Schrecken wach, Floh, wer noch konnte, mit Weh! und Ach! Durch einander, Herr und Gesiud Greis, Manu, Weib und Kind Bon Nacht und vor Entsetzen blind. Mit furchtbarem Angstgeschreie Ins Dickicht oder ins Freie Liefen sie, stürzten und rannten Vor den tobenden Elephanten. Von den Rüsseln diese zerbrochen, Von den Zähnen jene durchstochen, Von den Füßen viele zerstampft, Von deren Blute der Boden dampft,298 Ward, von kcn wüthendcn Elephantcn Auf vielerlei Art in einer Stunde Vernichtet und gerichtet zu Grunde Die ganze reiche Handelsrundc. Doch als es Tag geworden war Da brachen der zertretnen Schaar Ueberbleibsel vom Schreckensort Auf, und setzten die Reise fort, Leid um Verlorne tragend, Um Väter, Brüder, Söhne, Freunde kla gend". * * Mit diesem Bruchstück eines kostbaren Theiles der ehrwür digen altindischen Poeste beschließen wir die kurzen Schilderungen über den Kampf des Menschen mit dem Reiche der Thiere und der Roth und Gefahr, welche dem Menschen von dieser Seite drohte. Die allmählige Verminderung jener Thiere, welche durch ihre Ueberzahl, nicht durch ihre individuelle Gefährlichkeit und durch ihre starke Vermehrung, die Existenz des Menschen bedrohten, war leichter; fie konnte durch die Jagd und durch den Vogel fang ohne große Gefahr bewerkstelligt werden und in dem Thier reiche fand der Mensch selbst seine trefflichsten Gehilfen zu diesem Geschäfte. Indem wir es aber unseren Lesern überlassen, sich über die zur Jagd und Vogelstellerei nöthigen Werkzeuge und Fertig keiten anderwärts Belehrung zu suchen, gehen wir zuletzt noch aus die Hausthiere über und widmen diesen Freunden und Stützen des Menschen einige beherzigeuswerthe Worte. Von den Hausthieren. Hausthiere nennt man diejenigen zahmen Thiere, welche von dem Menschen erzogen und von ihm zu Dienstleistungen ver schiedener Art, zur Nahrung, zu seinem Schutze, zur Vertilgung schädlicher Thiere benützt werden. Je nach dem Himmelsstriche, den der Mensch zu seinem Wohnorte erwählt hat, dienen ihm auch andere zähmbare Thiere als Hausthiere und er entnimmt sie zum größten Theile den in seinem Vaterlande heimischen Thieren. Nur sehr wenige Thiere sind dem Menschen in alle Welttheile und Himmelsstriche nach gefolgt und werden überall beim Menschen als Hausthiere gefuu- Ein sich in eigener Menge Erstickendes Fluchtgedränge, Ein gräulich verwirrter Troß; Fußgänger zwischen Kamcel und Roß, Einander selbst ins Verderben zerrend, Sich die Wege der Rettung sperrend. Welche auf Bäume kletternd, Welche in Klüfte schmetternd Welche an Stämine prallend, Welche ins Wasser fallend. Also von den geschickgesandten *299 den und unter diesen sind es vorzugsweise der Hund und die Katze. Rinder und Pferde vertragen das Klima der Polargegenden nicht; dort ist für sie keine Nahrung mehr zu finden. In der heißen Zone artet das Rind anS, die Kuh gibt Mangel an Gras keine Milch mehr. Das älteste Hausthier scheint das Schaf zu sein; wenigstens war ja Abel schon ein Schäfer. Dieses sanfte schüchterne Thier suchte wohl von selbst Schutz bei dem Menschen; er kleidete sich in sein dichtbewolltes Fell, er trank seine fette Milch und aß das wohlschmeckende Fleisch dieses vortrefflichen Geschöpfes. Die Hei- math des Schafes scheint Persien zu sein, insbesondere die zwi schen dem Euphrat und Indus liegenden weide- und waldreichen Gebirge sind es, wo man heute noch wilde Schafe, nicht verwil derte in Menge findet. In denselben Ländern findet sich auch der Hund, dieser ge lehrige, zuthuliche, treue, freundliche, scharfsinnige Wächter, Be schützer und Jagdgehilse des Menschen, noch wild. Zwei Arten wilder Hunde sind es aber, die im Bereiche jener Gegenden Vor kommen: eine sehr starke und grimmige, ziemlich langbehaarte Racc: der tibetanische Hund, und eine kleinere Art, die gesellig lebt und dem Spitz gleicht. Aus diesen beiden Arten sind wahr scheinlich durch tausendfältige Kreuzung und Zucht alle die unzähl baren Spielarten von Hunden entstanden, und entstehen noch beständig andere. Das Rind scheint mehr im Norden heimisch gewesen zu sein. Unser Rind wenigstens entspricht seinem Körperbau nach keiner einzigen Race, welche in den heißen Ländern der Erde heimisch sind, am wenigsten dem bösen, finstern, asiatischen Büffel, sondern am meisten dem Auerochsen, der sonst in Deutschland und ganz Mitteleuropa heimisch war und auch jetzt noch, obwohl selten, in Ruß lands und Lithauens Wäldern vorkommt. Änch vom Rinde gibt es unzählige Spielarten, die alle ihre besonderen Vorzüge haben, je nachdem der Mensch sie eben benützen will. Das große schweizer Rind zeichnet stch.z. B. dadurch ans, daß es sehr viele und gute Milch gibt. Die rieseumäßigen englischen Rinder (aus Chester und Lankashire) geben dagegen mehr Fleisch, taugen auch nicht zum schweren Zuge; das deutsche Rind dagegen arbeitet willig, zieht die schwersten Lasten mit der größten Geduld und Ausdauer, gibt gute und viele Milch und wenn es auch den oben genannten300 Racen an Schönheit und Größe weit nachsteht, so wird eö da gegen sehr leicht fett und sein Fleisch ist dann äußerst gesund, kräftig und wohlschmeckend. Das Schwein wird eben so, wie das Schaf, nur wegen seines wohlschmeckenden Fleisches gehalten, welches aber in heißen Ländern zu den ungesundesten Speisen gehört, die der Mensch wählen kann. Selbst bei uns sollte im Sommer so wenig als möglich Schweinefleisch gegessen werden. Die Heimath des Schwei nes sind die europäischen Wälder, in denen seine Stammeltern noch heute wild leben. Nicht allein bei den Inden, sondern bei den allermeisten orientalischen Völkern, gilt daö Schwein noch immer als ein uin- reines Thier und es ist ihnen verboten, dessen Fleisch zu essen. Die Ziege stammt Tibet im Himalajagebirge. Von dort kam sie nach Europa und Afrika; von der alten Welt ward sie in die neue verpflanzt. Sie gewährt dem Menschen denselben Nutzen, wie das Schaf, ist aber muthiger und gelehriger. Wilde Pferde findet man auf den großen Steppen im In nern von Asien. Dort wurden auch die. Pferde seit undenklichen Zeiten als Hausthiere gehalten. Man benützte sie zum Reiten und Ziehen; mau trank ihre Milch, aß ihr Fleisch und gerbte aus Pferdehäuten das trefflichste und kostbarste von allen Ledern, die Juchte. Daö Pferd wurde durch liebreiche und sorgfältige Zucht von den Arabern, Engländern, Spaniern so veredelt, daß wohl das stolzeste, schönste und nützlichste aller Thiere genannt zu werden verdient. In neuester Zeit überwindet man an sehr vielen Orten das lächerliche Vorurtheil gegen das Essen des Flei sches gesunder und junger Pferde und verspeist es mit demselben Appetit, wie Rindfleisch. Es ist auch in der That eben so wohl schmeckend und gesund. Die Katze ist ein Raubthier, welches sich wild im Innern von Europa und vom nördlichen Asien findet. In gewisser Be ziehung kann man zu den Hausthieren zählen. Sie nützt dem Menschen blos durch Vertilgung der Ratten imd Mäuse, denen sie beharrlich nachstellt. Ihr Fleisch- soll widerwärtig schmecken; es wird vom Menschen auch nur in der äußersten Noth gegessen. Auch unter den Vögeln hat sich der Mensch Hausthiere ausgesucht. Er gewöhnte das treffliche Huhn an sich, welches wild in Indien lebt, die Taube, die in Europa wild vorkommt301 und in zahllosen Spielarten sich wild zahm in allen Welt- theilen findet; die Gaus, deren Vaterland keineswegs der Norden, sondern ebenfalls Ostindien ist, wo sie seit malten Zeiten für einen heiligen Vogel gilt; die Ente, welche stets mir halbzahm wird; endlich den schönen Pfan, ebenfalls ein indisches Thier, lieber den großen und mannigfaltigen Nutzen der bisher genann ten Hansthiere brauchen wir unsere lieben Leser nicht zu belehren. Mögen sie sich nur in den Fall denken, daß eine einzige Gattung dieser nützlichen Geschöpfe plötzlich durch völlige Ausartung, oder durch eine allgemeine verheerende Seuche dem Menschen geraubt oder völlig entrissen würde: wie unersetzlich und empfindlich wäre dieser Verlust. Wodurch könnten wir z. B. das uns fast unent behrliche Rind ersetzen! Wie viel Dank find wir aber dem gütigen Schöpfer dafür schuldig, daß er diese Thiere zum Nutzen des Menschen erschuf, daß er ihnen die Neigung für den Men schen, den Instinkt, der sie lehrt, bei ihm Schutz zu suchen, die geduldige Fügsamkeit in seinen oft ihren Neigungen und mächtig sten Trieben schnurstracks entgegenstrebenden Willen gab? Wil lenlos und ergeben fügen sie sich dem starken Menschen, vor dessen geiststrahlendem Auge sie das ihre scheu und demüthig Niederschla gen ; selbst wenn er sie mißhandelt oder zum Zorn reizt, selbst dann gebrauchen sie ihre die menschliche Körperkrast weit überwiegende Stärke nie znm Widerstande, sondern fast, immer nur zur Selbst- bertheidiguug oder zur Flucht. Was muß man aber von einem Menschen denken, der so roh, so fühlloS und abscheulich ist, die frommen, gutmüthigen und schätzbaren Hansthiere schlecht zu halten, sie nicht zu pflegen, zu futtern, wie es ihren Bedürfnissen angemessen ist; ja, der wohl gar sich so weit herabwürdigt,, diese armen vernuuftloseu Wesen über ihre Kräfte auzustrengen, ihnen Arbeiten zuzumuthen, zu de nen ihr Vermögen gar nicht hinreicht? Und müssen wir es nicht zur Schande Mancher gestehen: gibt es nicht sogar Unmen schen, welche die trefflichen Hansthiere mißhandeln und martern? Sie versündigen sich dadurch schwer; sie werden ihrer Strafe ge wiß nicht entgehen! Ja selbst die irdische Obrigkeit hat sich jetzt überall verpflichtet, solche Grausame zu strafen, zu züchtigen und sie thut darin nur, was ihres Amtes ist! Allein traurig steht es mit dem Menschen, der nicht selbst so menschlich denkt, daß er die armen unter seiner Macht stehen-302 den Thicre liebreich behandelt, sie dadurch erst recht zu seinen Freunden macht, ihre Fähigkeiten und Kräfte erst recht entwickelt und dann aus ihren Dienstleistungen den besten Nutzen schöpft. Der Araber z. B schlägt sein Pferd gar nie ; er zähmt es allein durch Liebkosungen und Schmeicheleien; er füttert es mit dem besten, was er für sein Pferd bekommen kann. Die erste Hand voll Mehl bekommt das Pferd, die zweite ißt dann erst der Reiter; erst läßt er sein Pferd trinken, dann erst löscht er selbst seinen Durst. Für diese sanfte und liebreiche Behandlung ist aber das Pferd erkenntlich; es liebt seinen Herrn über alles und bewacht und beschützt ihn. Wehe dem, der es wagt, sich dem schlafenden Araber in feindlicher Absicht zu nahen! Selbst über den Löwen fällt das muthige Roß wüthcnd her, schlägt ihn mit den Hufen zu Boden, beißt rasend nach ihm und wirft das Ranbthier hoch in die Luft, wenn es dasselbe irgendwo fassen kann. Es scheut bei diesem Kampfe nicht Wunden und Tod. Die Pferde der Araber gehen frei bei den Zelten herum; sie lassen es sich willig gefallen, wenn die Kinder mit ihnen spielen und üben dabei im Umgänge mit den Kleinen eine so außerordentliche Sorgfalt ans, daß sie nie eines treten, stoßen oder ihm sonst auf irgend eine Weise Schaden zufügen. So trefflich kann der Mensch das Thier durch Liebe und Freundlichkeit erziehen und es zu seinem Diener und treuesten Beschützer machen. Ist nicht eine solche Erziehung, die solche Früchte trägt, menschenwürdiger, als eine rohe Behandlung der Hausthiere? Und wer verdient z. B. mehr den Namen eines Barbaren, und die Verachtung, welche wir vor einem solchen empsin- den: der sein Pferd überanstrengende und mißhandelnde Fuhrmann, oder der Araber, den man gewohnt ist, für einen Barbaren an- zusehen, der aber durch die Behandlung seiner Pferde und Haus thiere zeigt, daß er weit über einem rohen Europäer steht? Nachdem wir nun von unser europäischen Hansthicren ge sprochen haben, wollen wir noch von jenen Wenigen reden, die in heißen Ländern dem Menschen so werthvolle und wichtige Dienste leisten. In Indien hat man hauptsächlich zwei Thiere, ohne welche der Mensch weder reisen, noch Ackerbau treiben könnte, nämlich daö sanfte, gelehrige, geduldige, ausdauernde Kameel und den trägen, boshaften, aber riesenmäßig starken Büffel. Das Kameel303 ist wohl in Arabien heimisch gewesen; wilde Kameele findet man aber nirgends mehr der Erde. Das Kameel ist das Schiff der Wüste; nur aus ihm kann man die heißen, dürren, astatischen und afrikanischen Saudwüsten durchreisen. Sei Fleisch wird ge gessen; seine Milch getrunken; es ersetzt dem Afrikaner und Asia ten der Wüste unser Rind und Pferd vollständig; durch sorgfältige Zucht und Pflege ist dieses herrliche Thier zu einem Grade der Vollkommenheit veredelt worden, der wahrhaft bewundernswürdig lst Hauptsächlich zwei Arte von Kameclen werden gezogen: das Lastkameel mit zwei Höckern und das kleinere Dromedar. Das Lastkaineel trägt 8 bis 10 Centner, die Last seines Reiters mit inbegriffen, täglich 15 18 Stunden weit; es hun gert und dürstet 8 10 Tage, cS ist demnach im Stande, eine Wüste von 150 Stunden Breite ohne Speise und Trank zu durch- ^isen und das ist in den meisten Fällen, selbst in der asrika- uischen Sahara, gar nicht nöthig, da sich dort überall auf 50 100 Stunden Entfernung Quellen und Oasen in den be suchteren Gegenden der Wüste und längst der großen Karavanen- strassen finden. Daö Dromedar oder Eilkameel trägt seinen Reiter und dessen Gepäck und legt täglich einen Weg von 40 Stunden zurück zwar im fünften Theile der Zeit. Der Reiter braucht nichts ?u thun, als nach seinem Gefallen am Zügel zu leiten und hie und da auf einer kleinen Flöte (Flagiolct) ein munteres Stückchen zu pfeifen. In der pfadlosen Sandwüste sucht das Dromedar selbst seinen Weg und führt seinen Herrn sicher zur bewohnten Oase. In der Gefahr übcrtrifft an Schnelligkeit und Dauer den verfolgenden Löwen und daö rascheste arabische Roß. Das gerade Gegenstück, dieses ausgezeichneten Thieres ist der indische Büffel. Jung in der Wildniß eingefange , muß die sem störrigen Thiere ein eiserner Ring durch die Nase gezogen werden, damit dadurch gebändigt werden kann, wenn, was sehr oft geschieht, seine Wildheit wieder auSbricht es das Leben seines Herrn bedroht. Aber endlich gewöhnt er sich an seinen ihn fütternden Herrn und dessen Angehörige so vollkom- Men, daß diese furchtlos sich auf ihn setzen, ja unter seinen Füßen liegen, sitzen, schlafen dürfen. Der Büffel verrichtet nun alle Arbeiten, die bei uns der Zugochse thun muß; er leistet aber304 allein so viel als bei uns vier der stärksten Zugochsen und fordert von seinem Herrn täglich nicht mehr, als eine kleine Hand voll Salz. Wenn er vom Pfluge abgespannt und ansgcschirrt ist, so sucht er selbst sein Futter im angrenzenden Walde, fürchtet die Tigerkatze und den Löwen nicht, ja er geht muthig auf diese Raubthiere los, schleudert in die Luft, durchbohrt sie und zer stampft mit den Füßen. Er beschützt des Nachts die Hütte seines Herrn; doch bedroht er auch jeden andern Menschen, beson ders die Europäer. Deshalb sind in Indien für die Büffelfuhr werke besondere Wege neben den Strassen angelegt und wer einem Büffel auf einem Dorfwege, einem Spaziergang, oder sonst durch einen Zufall, begegnet, geht ihm so rasch und so weit als möglich aus dem Wege. Die wilden boshaften Augen des Karbauw (indischer Name des Büffels) lassen diese Vorsicht bald als eine nothwendige erkennen. Ein drittes höchst nützliches, und unter allen Hansthieren das an Verständigkeit und Körperstärke mächtigste, ist in Indien der Elephant. Allein auch in Indien ist dieser Riese eben nur das Hausthier der Mächtigen und Reichen; ein wohl abgerichtctcr Elephant kostet selbst dort schon 6 bis 8000 Gulden oder 4000 Thaler; selbst in Indien ist der Elephant nicht häufiger, als bei uns das echte arabische Pferd, weshalb von ihm als von einem wahren allgemein gebrauchten Hausthiere, nicht die Rede sein kann. Denn nach einer amtlichen Erhebung wurden im Distrikt Kalkutta mit Inbegriff der Hauptstadt im Jahre 18^ - 7 nur 147 Elephanten gehalten und zu Lacknau, (woselbst sich die meisten fin den, wegen der dort residirenden indischen Großen und der Nähe der Wälder, in denen die wilden Elephanten gefangen werden), bis 500 Stück. In ganz Englisch-Indien aber sind kaum 2000 zahme Elephanten gefunden und versteuert worden. Sie werden auch immer seltener durch das starke Wegfangen und weil in der Gefangenschaft niemals vermehren. Der zahme Elephant hat seinen eigenen Wärter, Carnak (oder Doshoe) in Indien genannt, der ihn selbst zähmen und ab- richten muß und dem er dann allein vollkommen gehorcht. Er verrichtet willig alle Arbeiten, die ihm vom Carnak geheißen wer den und thut das, was er begriffen hat, mit einer überraschenden Verständigkeit. Man benützt jetzt sehr häufig die zahmen Elcphan- ten auf den Werften in Indien zum Transport schwerer Maschi-305 nenstücke, Balken und dergleichen. Ein solcher Elephant trägt bei Madras schon viele Jahre lang vom Zimmerplatze Planken, Bal ken u. s. w. nach dem Werst. Er hat dabei keindn Führer, son dern man sagt ihm, wenn er beladen ist, blos die Nummer und den Ort und dahin geht er richtig allein, ohne je zu irren. Die ser Elephant ist deshalb weit und breit berühmt und kein Fremder, dem es nicht an Zeit gebricht, kommt nach Madras, ohne dieses merkwürdige Thier zu sehen. Der Elephant erscheint mit dem Glockenschlage auf seinem Platze, läßt sich beladen und arbeitet dis zur Feierstunde der Zimmerlcute; er bekommt seinen Antheil Rum wie ein Mensch; er scheint alles zu verstehen, was man mit ihm spricht und gestattet durchaus nicht, daß Jemand seiner spotte oder ungebührlich mit ihm scherze, weshalb auch jeder Fremde davor ernstlich gewarnt wird. Er leistet allein so viel, als nur mit zwanzig Ochsenpaaren zu Stande gebracht werden würde. Große Teakstämme von 1 bis 200 Centner Gewicht zieht oder rollt er sorgfältig nach der Schneidesäge oder Werste; er legt die Rollen selbst unter, sieht nach, wenn Hinder nisse sich ergeben, beseitigt sie, hält die Richtung mit bewunderns- werthem Augenmaße ein und ruft durch posaunenartigcs Tönen Hilfe herbei, wenn er seine Last nicht weiter zu bringen im Stande ist. Abends begibt er sich in s Bad, und an den Feiertagen be gleitet er die Arbeiter nach den Schenken, wo sie sich belustigen und in deren Nähe er herumstreist und sich die Leute besieht, ohne Jemand zu kränken. Die Zimmerleute nennen ihn Mistres R e si und behandeln ihn schlechtweg wie ihren Kameraden; es ist sogar schon vorgekommen, daß er betrunkene Arbeiter in seinen Stall getragen und dort das ihm hingebreitete dürre Gras gelegt hat. Wie mochten sie sich am andern Tage schämen, als sie auf diesem Lager erwachten I" Daß der Elephant früher im Kriege gebraucht wurde, ist be kannt. Auch jetzt noch werden jeder indischen Colonue Elephanten bcigegcbcn, welche zum Transport schwerer Lasten, besonders bci m Ueberschreiten tiefer und reißender Flüße, die ersprießlichsten Dienste leisten. Sie transportiren die Geschütze über die Ströme, leiten die Pferde, welche ihnen nachschwimmen müssen, über dieselben u. s. w. Man erzählte jüngst von einem solchen Elephanten, der im gegenwärtigen Kriege einer englischen Colonne zugctheilt ist, daß er in den Gefechten sich furchtlos in s Feuer begebe und die 20306 Blessirten zurücktrage, ja, daß er sie sogar mitten aus den Sepoys heraushole u. s. w. Unzählige Anekdoten berichte von den verschiedenen Be weisen eminenter Fähigkeiten und dem bedeutenden Grade von Verstand, den dieses colossale Thier an den Tag legt. Da es aber nicht unsere Aufgabe ist, das Naturgcschichtliche der Haus- thiere und eine Geschichte ihrer Ausbildung zu dem Grade von Nützlichkeit, Schönheit und Brauchbarkeit, den man ihre Ver edlung nennt, zu schreiben, so schließen wir hiemit das Wenige, was der Raum über sie zu sagen gestattete und legen dem lieben Leser nur noch folgendes an das Herz. Wie der Mensch überhaupt durch seine Benützung der Ga ben des Schöpfers den Grad äußerer Bildung beweist, den er erreicht hat, so zeigt er auch durch die Erziehung und Behand lung seiner Hausthiere, in wie weit er diese köstlichen und in vieler Hinsicht unentbehrlichen Gaben des gütigen Schöpfers wür digt. Auf die Thiere geht aber sehr viel vom Menschen über; sie werden so, wie er sie erzieht und behandelt; wenn er sorgfältig, lieb reich, vernünftig mit ihnen umgeht, wenn er die in ihnen liegen den Fähigkeiten zu wecken, auszubilden, zu vermehren strebt und ihnen nicht mehr zumuthet und aufbürdet, als was ihren Kräften entspricht, dann erreichen sie den höchst möglichen Grad von Voll kommenheit, gewähren ihrem Herrn den größten Nutzen und ver gelten ihm die aus ihre Pflege, Auferziehung und Abrichtung ver wendete Mühe durch Anhänglichkeit, Treue und eine sanfte Schmeichelei, welche dem Herzen des guten Menschen eine um so größere Freude bereiten muß, je argloser und aufrichtiger sie ist und je weniger sie von unvernünftigen Wesen erwartet werden sollte. Man erkennt also den Charakter und die Bildung eines - Menschen an der Natur Brauchbarkeit seiner Thiere. Hierin liegt eine Lehre, welche sich unsere lieben Leser zu Herzen nehmen mögen. Mit dem wichtigsten Werke des Schöpfers, mit der Erschaf fung des Menschen, haben wir die II. Abtheilung unseres Unter richts begonnen. Wir haben ihn selbst nach Leib und Seele näher307 kennen gelernt; wir haben eine übersichtliche Geschichte seiner Enltur gebracht, jener Cultur, die der Mensch sich durch eigene An wendung der ihm vom Allmächtigen geschenkten geistigen und kör perlichen Kräfte erworben hat. Wir haben die hochwichtigen Ueberreste dieser alten Cultur in den Bau- und Kunstwerken der ältesten Völker betrachtet, und es ist gewiß an keinem fühlenden ^eser das Rührende der in allem und jedem deutlich zu Tage tretenden Hilflosigkeit des menschlichen Geschlechts ohne die wahre und trostreiche Erkenntniß des einigen und allmächtigen Gottes und Seines Sohnes Jesu Christi spurlos vorübergegangen. Zu allen Zeiten und von Anbeginn an hat aber Gott der Herr sich am menschlichen Geschlechte nicht nnbezeügt gelassen. Den Urel- tern offenbarte Er sich persönlich; Noah kannte Ihn, wenn er den Unsichtbaren auch nicht erblickte; Sendboten des Herrn redeten schon vor der Sündflnth von Ihm, warnten vor Sünde und Abgötterei, lohten mit göttlichen Strafgerichten. Es bestand schon vor der Sündflnth ein Gottesdienst, die sündhafte Menschheit opferte, um llch zu reinigen. Das war die Urreligion. Nach der Flnth finden wir bei Abraham und seinen Abkömmlingen die geläutertere Erkenntniß des Herrn. In Hainen, im stillen Dunkel ehrwür diger Waldungen, errichtete der Erzvater seine Altäre, oder Bergen unter dem unermeßlichen Tempelgewölbe des Firmamentes! Ju einem solchen Haine, bei Mamre, empfing der Patriarch die Grnndsäule der patriarchalischen Offenbarung: Ich bin der allmächtige Gott, wandle vor mir und sei fromm! Aber sechs hundert Jahre nach Abraham ertheilte Gott dem israelitischen Volke auf dem höchsten Felsgipfel der pcträischen Halbinsel, dem Sinai, jenes von göttlicher Weisheit zeugende und darum für alle Zeiten und Völker ewig in Geltung bleibende Gesetz, die zehn Gebote, deren Inhalt zuerst die Pflichten gegen Gott, dann ge gen Eltern und Mitmenschen und zuletzt noch die Pflichten um faßt, welche jeder Mensch gegen sich selbst zu erfüllen hat. Nach dem aber Gott manchmal und auf mancherlei Weise im Laufe der Zeiten zu unseren Vätern durch die Propheten geredet hatte, hat Er a n letzten zu uns geredet durch Seinen Sohn, welchen Er ge- fetzet hat zum Erben über Alles. Stufenweise schritt also die Bildung des menschlichen Ge schlechts vom Stande der Kindheit vorwärts; in langsamer regel mäßiger Reihenfolge entwickelte sich die menschliche Cultur, wuchs die 20 *geistige Erkenntniß mit den einander drängenden Erstndungen und Entdeckungen auf allen Gebieten des Wissens und der Erkenntniß, der Erfahrung und Bildung. Stets schritt mit dieser lückenlosen menschlichen Ausbildung die göttliche Erziehung des Men schen zum Höheren und für eine bessere Welt gleichmäßig voran. Von dem ersten und einfachsten aller Gesetze: Gehorche! bis zu dem complizirten Sittengesetze der mosaischen Religion ist ein weiter Weg und Jahrtausende vergingen, ehe die Menschheit jene Stufe der Bildung und Erkenntniß erreichte, in welcher fie für die Gesetze des Moses empfänglich und gereift war. Doch liegt in diesem Gesetz schon die Quintessenz der christlichen Moral und das höchste aller Gebote: Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst! dieser erhabenste aller Lehrsätze der Moral stammt schon aus der Zeit des Moses. Jahrtausende mußten aber noch dahin rollen, bis das menschliche Geschlecht für die Empfängniß einer so erhaben geisti gen Weltreligion, wie das Christenthum, vollkommen gereift war. Auch der Geist des Menschen mußte rein geistig sich bilden; er mußte sich mit den für ihn höchsten Dingen in einer Weise beschäftigen, die ihn über den nieder Stand des Götzendienstes hoch empor hob; er mußte aus der Erkenntniß seines eigenen geistigen Wesens und den Erscheinungen der Natur auf Gott, auf die göttlichen Eigenschaften, schließen und dadurch einen reinen und würdigen Vorbegriff von Gott bekommen. Untersuchungen über das Wesen Gottes und der menschlichen Seele sind aber die Ausgabe einer bcsondern Wissenschaft, der Philosophie. Philo sophen waren die Pharisäer, Essäer und Saducäer der Juden. Diese und die griechischen Philosophen Solon, Plato, Pythagoras und An dere, vor allen aber der treffliche Sokrates, sind also in gewisser Hinsicht gleichfalls Vorarbeiter des Heilandes gewesen, welche Ihm Boden auch unter den Heiden bereiteten, denn ihre Lehren konnten nicht ohne Erfolg bleibe . Sie glichen den Pion- niers in den Urwäldern Amerikas, welche die ersten Lichtungen schlagen und dem später folgenden Säemanne Bahn brechen, Lichtern, welche die Nacht des Heidcnthums erhellten, aber nicht vertreiben konnten. Da endlich ging, als die Zeit erfüllt war, die Sonne des Evangeliums in dem Heilande Jesu Christo alten Völkern der Wett auf. So ist denn Jesus Christus der Mittelpunkt der Geschichte der Menschheit und von Seiner Erscheinung an nimmt ihre Bil-309 düng eine ganz andere, segensvollere allgemeine Richtung. Doch ehe wir von Ihm sprechen, wollen wir unseren Lesern noch daö Leben des Sokrates vorführe , wie es uns von seinem Schüler Plato erzählt wird, und zwar des Sokrates gerade deswegen, weil er seine Weisheit zum Besten Aller anznwenden suchte, weil er reine Erkenntniß für das Gemeingut auch der Niedersten er klärte unter dem Volke verbreiten suchte, weil sein ganzes Thun Wesen den Standpunkt der geistigen Cultur, welche die Menschheit wenige Jahrhunderte vor Jesus Christus er dicht hatte, am klarsten erkennen läffet. Sokrates. (Erzählt t oit Schlözer.) Wenn in einer Stadt, ja in einem ganzen Lande, böse Sitten herrschen, so erfordert es einen hohen Grad von Festigkeit, gut und tugendhaft bleiben. Es ist aber keineswegs unmög lich, und niemals fehlt es der Tugend gänzlich an Achtung Liebe bei anderen Mensche . Dieß beweist das Leben eines der edelsten und verständigsten Männer unter den Griechen, das Leben des Sokrates, der 400 Jahre vor Christi Geburt in Athen lebte. Er war der Sohn eines Bildhauers, lernte die Kunst bei seinem Vater, versäumte aber auch die kriegerischen Uebungen nicht, und focht mehrere Male mit Mnth und Tapferkeit für seine Vaterstadt. Doch weder Bildhancn, noch der Kriegsdienst, waren seiner Neigung angemessen: es war seine liebste Beschäftigung, Jünglinge, die ihm wegen Anlagen des Geistes gefielen, zu un terrichten und zu bilden; und ihnen widmete er gern seine Zeit, ohne daß er sich dafür bezahlen ließ. Auch war sein Unterricht nicht ein so förmlicher Unterricht, wie bei uns; sondern er besaß eine ganz ausgezeichnete Geschicklichkeit im Fragen, indem er mit Jünglingen in freundschaftlichem Umgänge zusammen war, ver stand er es, durch passende Fragen dahin zu bringen, daß sie in ihren Antworten endlich selbst gestehen mußten, wie viel sie noch nicht wüßten, wie vieles sie irrig für wahr hielten, wie sehr sie die Veredlung ihres Herzens, die Uebnng des Guten vernach- läßigten. Dieß Alles sagte er mit solcher Kraft und Herzlichkeit, daß man ihn gerne hörte; und sein Leben war so rein und un tadelhaft, daß ihn Alle hochachteten und lieb gewannen, die er seines Umgangs werth achtete. Sein Leben fiel aber gerade in310 die Zeit des allgemeinen Sittenverdcrbnisses in Athen, und wie wohl die griechischen Priester ihn im Namen der Götter für den Weisesten der Menschen erklärten, war doch die Anzahl seiner Freunde nur klein, und Manchen, den er sich schon gewonnen hatte, wie den Alcibiades, entriß ihm die Ehrsucht wieder. Die Anzahl seiner Neider und Feinde dagegen war sehr groß. Nur einige Züge aus seinem Leben und seine edle Ruhe im Tode will ich euch hier erzählen; denn seine Lehren der Weisheit sind noch nicht für Kinder verständlich. Sokrates lebte äußerst mäßig: er aß und trank immer nur das Allergewöhnlichste und Wohlfeilste; er trug Sommer und Winter einen Mantel von gewöhnlichem Zeuge. Freilich sind die Winter in Griechenland nicht so kalt und rauh, wie in unseren Gegenden; dennoch ist die Regenzeit, welche dort die Stelle des Winters vertritt, empsindlich genug, um wärmere Bekleidung nöthig zu machen. Es war aber ein Hauptgrundsatz des So krates: man solle so wenig bedürfen, als möglich. Daher härtete er seinen Körper auf alle Weise ab und konnte außer ordentlich viel aushalten. So ging er immer barfuß und band sich nie die Sohlen (Sandalen) unter die Füße, die man damals statt unserer Schuhe und Strümpfe trug. Ohne Beschwerde konnte er eine Nacht durchwachen, den folgenden Tag eben fo kraftvoll ringen, und eben so lebhaft lehren und unterhalten. Einer seiner Neider, der sich durch den Unterricht der Jüng linge große Reichthümer erworben hatte und sehr prächtig lebte, sagte daher einst zu Sokrates: Man sollte meinen, die Weisheit müßte glücklich machen; du aber siehst wahrlich nicht darnach aus. Du führst ja ein wahrhaft hündisches Leben! Laß doch sehen, antwortete Sokrates, ob ich wirklich so unglücklich bin! Glaubst du, daß meine einfache Kost mich weniger gesund und stark erhalte? Weißt du nicht, daß es denen am besten schmeckt, die am wenigsten haben? Und wenn ich im Sommer und Winter gleich gekleidet gehe und keine Sohlen trage, wodurch mein Kör per gegen jede Witterung abgehärtet wird, kann dir das tadelns würdig scheinen? Ist es nicht klug, daß ich dem Bauche, dem Schlafe, der Weichlichkeit nicht stöhne, da man das Wohlleben doch nicht immer haben kann? Wie würde bei solcher Verwöh nung der Ackersmann, der Schiffer bestehen? Wer würde ge schickter sein, dem Staate oder einem Freunde zu dienen, ein MannM 311 Wie ich, oder einer von denen, die dn glücklich nennst? Du scheinst mir die Glückseligkeit in Ueberfluß und Wohlleben zu setzen; ich aber glaube, daß nichts bedürfen göttlich ist, und am wenigsten bedürfen der Gottheit am meisten nähert. Einst schalt seine Frau mit ihm; er aber antwortete ihr mit Gelassenheit. Da immer heftiger wurde, so stand er endlich auf und ging weg. Dieß erbitterte sie noch mehr; sie ergriff ein volles Waschbecken, und goß dem Sokrates nach. Ich dachte es wohl, sagte Sokrates zu einem staunenden Nachbarn: ein Donnerwetter ist nicht ohne Regen. Hatte er sich durch Laufen, Ringen und andere Leibesübungen erhitzt, und kam er dann durstig zu einem Brunnen, so füllte er meh rere Mal den Eimer und goß ihn langsam wieder aus, ohne zu trinke , theils um seiner Gesundheit nicht zu schaden, theils um ssch überhaupt in der Beherrschung seiner Begierden zu üben. Sokrates grüßte einst einen vornehmen Bürger auf der Straße, der ihm nicht dankte, sondern stolz vorüberging. Die jungen Freunde des Weisen waren darüber unwillig. Nicht doch, sagte Sokrates, ihr würdet ja nicht zürnen, wenn mir Einer begegnete, der häßlicher wäre, als ich; was ereifert ihr euch also, daß dieser Mensch minder höflich ist, als ich? Ebenso hörte er einst mit der größten Ruhe, daß Jemand schlecht von ihm gesprochen habe. Mag er mich doch Prügeln, sagte er, wenn ich nur nicht dabei bin! Ein andermal klagte ein vornehmer Athener, daß es erstaun lich kostbar sei, in Athen zu leben, und rechnete ihm vor, wie theuer der Purpur, die feinen Weine und andere Kostbarkeiten seien. Sokrates ging mit ihm in verschiedene Läden, wo Lebens- Mittel, z. B. Mehl und Oliven (die in der Gegend von Athen sehr häufig wuchsen) und gemeines Zeug zu Kleidungen um sehr geringe Preise zu haben waren. Sieh , sagte er dann, ich finde es ganz wohlfeil in Athen. Ein Anderer beschwerte sich über die Mühseligkeiten einer Fußreise, die er so eben znrückgelegt hatte. Hat Dir Dein Sclave folgen können? fragte Sokrates. O ja! Trug er etwas? Ein großes Bündel. Der ist wohl recht müde? Nein; ich habe ihn gleich wieder mit einem Aufträge weithin in die Stadt geschickt. Sieh , sagte Sokrates, Du hast vor deinem Sklaven Vorzüge des Glücks, er hat vor Dir Vorzüge der Natur. Du 1  W j,: ! r 312 bist reich und frei, aber schwach und weichlich; er ist arm und leibeigen, aber gesund und stark. Sage selbst, wer ist der Glück lichere ? Einer der Schüler des Sokrates (Antisthenes) wollte seinen Lehrer in der Gleichgültigkeit gegen äußere Güter noch übertrefsen, und ging, um Aufsehen zu erregen, in einem zerrissenen Mantel einher. Freund, Freund, rief ihm Sokrates einst zu, durch die Löcher Deines Mantels schimmert aller Orten Deine Eitelkeit hervor! Sokrates wollte gern einen Jüngling in Athen (Tenophon) sich zum Schüler gewinnen. Eines Tages begegnete er ihm in einem engen Durchgänge. Sokrates hielt den Stock vor, und blieb stehen. Sage mir doch, fragte ihn Sokrates, wo man Mehl kauft? Auf dem Markte. Und Oel? Eben da. Aber wo geht man hin, um weise und gut zu werden? Der Jüng ling stutzte. Folge mir, ich will es dir sagen, fuhr Sokrates fort. Und beide wurden unzertrennliche Freunde. In einer Schlacht, wo -kenophon ermattet und verwundet vom Pferde geworfen wurde, trug ihn Sokrates auf seinen Schultern aus dem Getüm mel. Ein anderer Jüngling (Acschines) wünschte sehr, ein Schüler des Sokrates zu werden, scheuete sich aber, ihm zu nahen, weil er sehr arm war. Sokrates, der seine Wünsche merkte, fragte ihn: Warum scheuest du dich vor mir? Weil ich nichts habe, das ich dir geben könnte. Ei, erwiederte Sokrates, schätzest du dich selbst so gering? Gibst du mir nichts, wenn du dich selbst mir gibst-? Und der Jüngling wurde ein eifriger Schüler deS Sokrates. Der schon genannte Antisthenes ging täglich eine halbe Meile nach der Stadt, um den Sokrates zu hören. Ein anderer wißbegieriger Jüngling, Euklidcs, ging sehr oft von Megara, einer Stadt, die vier Meilen von Athen entfernt war, zu Sokrates, um nur einen Tag den Umgang des Weisen zu genießen. Und als die Athener aus Erbitterung gegen Megara die Verordnung machten, daß bei Lebensstrafe kein Bewohner Me- gara s nach Athen kommen sollte, wagte es dennoch Euklides sehr oft, sich des Abends in Weibskleideru, mit Gefahr seines Lebens, in die Stadt zu schleichen, um einen Tag bei Sokrates zu sein. Jndeß suchten ihn seine Neider und Gegner lächerlich und ver haßt zu machen, und gaben vor, daß er die Jugend verderbe, indem er ihr gottlose Grundsätze einflöße. Sie klagten ihn an vor einem313 Gericht, das aus den gemeinsten Bürgern Athen s bestand, die den Sokrates nicht seinen Verdiensten gemäß kannten und achten wußten. Sokrates aber, damals schon ein Greis von 70 Jah ren, fand seiner unwürdig, sich gegen solche Anklagen weitläufig zu verthcidigen. Er berief sich kurz sein öffentliches Leben, versicherte, daß es seit dreißig Jahren sein einziges Bestreben gewe sen sei, seine Mitbürger tugendhafter und glücklicher machen, und daß er zu dieser Beschäftigung einen göttlichen Berns in sich fühle. Diese edle, ruhige Sprache erbitterte die Richter, die, wie in Griechenland Sitte war, eine künstliche Verteidigungs rede mit Bitten und Thränen erwartet hatten. Sic schickte ihn also vorläufig in s Gefangniß. Hier brachte ihm einer seiner Freunde eine künstlich ausgearbeitcte Rede, bat ihn, sie aus wendig zu lernen. Sokrates las sie fand sie schön. Aber, sagte er, brächtest du mir schöne, weiche Socken, ich würde sie nicht tragen, weil ich es für unmännlich hielte. In der nächsten Versammlung wurden die Stimmen über ihn gesammelt, durch die Mehrzahl von drei Stimmen ward er zum Tode ver- urtheilt. Er hörte das Urtheil mit der größten Ruhe an, nahm Abschied von den Richtern, die für ihn gestimmt hatten, versicherte, daß er denjenigen, die ihn verurtheilt hätten, verzeihe, daß er sich freue, den Geistern der edlen Männer der Vorwelt hinüberzngchen. So kehrte er mit ruhiger Würde in das Ge- fängniß zurück. Seine Freunde indcß, die von nun an täglich bei ihm waren, hatten Anstalten gemacht, ihn retten. Der Wärter war bestochen, die Thüre des Gefängnisses stand offen, Sokrates sollte entfliehen. Aber er wies den Vorschlag zurück; denn man müsse stets überall den Gesetzen gehorchen; und beschämt wehmüthig verließen ihn die Getreuen. Am fol genden Tage, wo er den Giftbecher trinken sollte, waren sie schon frühe bei ihm. Auch seine Frau war da, mit dem jüngsten Kinde auf den Armen. Sie weinte und wehklagte und machte alle  Anwesenden so weichherzig, daß Sokrates, um in seiner Ruhe zu bleiben, bat, sie wegznsühren. Ach! schluchzte einer der Freunde, wenn du nur nicht so ganz unschuldig stürbest! Und wolltest du denn lieber, sprach Sokrates mit Lächeln, daß ich schuldig stürbe? Darauf leitete er ein ernstes Gespräch ein, redete über Leben Tod und über seine Hoffnung, daß es mit dem Menschen nicht auö wäre, wenn er stürbe, sondern daß seine Seele un-314 sterblich fortbauere. So unterrebete er sich bis zum Abeub. Dar auf babete er sich, um, wie er sagte, beu Weiberu bas lästige Geschäft zu ersparen, seinen Leichnam z vaschen. Der Becher mit bem Gifte warb gebracht. Sage mir, fragte er ben Diener, wie muß ich s machen? Du mußt nach bem Trinken im Zim mer auf uub niebergeheu, bis bich bie Mübigkeit überfällt; bann legst bu bich. Sokrates nahm ben Becher, betete zu ben Göt tern: Götter, verleihet mir, baß mein AuSgang von hinnen glücklich fei! uub trank mit ruhigem, nnveräubertem Angesicht. Die Freuube weinten laut um ihn her nnb rangen bie Hänbe. Still boch! sagte Sokrates, ich habe ja bann:: biefen Morgen bie Weiber weggeschickt. Als das Gift zu wirken ausiug, legte er sich gelassen nieber. Freunde! sagte er matt, wir sind de Göttern einen Hahn schuldig, ich genese! (Wenn man von einer Krankheit genas, war es im Alterthum Sitte, als Dankopfer einen Hahn zu opfern. Sokrates betrachtete also bas Leben als eine Reihe von Mühseligkeiten und Gefahren, von denen der Tod heile.) Darauf hüllte er sich in seinen Mantel. Man fragte ihn, ob er noch etwas verlange; aber er antwortete nicht mehr. Mit solcher ruhigen Gelassenheit starb Sokrates, im Früh- linge des Jahrs 399 vor Christi Geburt. Die Schüler des Sokrates hingen noch nach seinem Tode mit gleicher Liebe ihm an sein Unterricht, das Andenken an ihn, war ihre liebste, herzerhebendste Unterhaltung. Seine Grundsätze Lehren Pflanz ten sich fort von Mund zu Munde; Mehrere schrieben sie nieder, und einige dieser Schriften haben sich bis unsere Zeiten er halten. In ihnen ist uns ein Schatz von Weisheit aufbewahrt, und sie zu lesen, ist für denkende Menschen eine äußerst anziehende und angenehme Beschäftigung. So weit war also die menschliche Erkenntniß auch außerhalb des Volkes Gottes voraugeschritten, wie wir es im Leben, Thun und in den Lehren dieses griechischen Weisen erkannt haben. Mächtige politische Umwälzungen gestalteten die Macht stellung der Völker rasch anders, rissen sie ihrer Abgeschlossen heit heraus, näherten sie einander, verwischten nach und nach ihre Eigenthümlichkeiten und brachen nach Alexander dem Großen der allen andern weit voraugeschrittenen griechischen Bildung, Sprache und Sitte Bahn, so daß damals griechische315 Sprache und Lebensweise fast eben so einflußreich und all gemein geltend war, als heute zu Tage französische Sprache und Sitte. Die Reiche und Böller der alten Welt fielen aber nach und ach alle unter die römische Macht. Unter dem Cäsar Augustus Imperator umfaßte das römische Reich fast alle bekannten Völker und Länder von Europa, Afrika und Wcstasien. So recht eigentlich im Mittelpunkte dieses colossalen Reiches, am Ostgestade des mittelländischen Meeres, der großen Wasser strasse für alle Theile desselben, liegt nun Canaan, damals nock- bewohnt von dem Volke Israel, in dem die Erkenntniß Gottes uie ganz erlosch, wo die Reihe der großen Propheten des Herrn wirkte, lehrte, wo also die menschliche Erkenntniß, geläutert und befördert durch göttlichen Unterricht, verklärt durch beständige göttliche Offenbarungen ihren höchsten Standpunkt erreicht hatte. Und in diesem Lande, zu Bethlehem, nahe bei Jerusalem, wurde zu der oben genannten Zeit des römischen Kaisers Augnstns unser Herr Jesus Christus von der Jungfrau Maria geboren. Seine Lebensgeschichte ist bekannt; es ist bekannt, wie Er lebte, lehrte, litt und für uns, ein großes, allgemeines, erstes und letztes Opfer für die Sünden der Welt, am Kreuze starb. Er ist der Versöhner der Sünder mit Gott. Seine Religion ist die Weltreligion; Er ist der Hirte, der alle Schafe unter Seiner Heerde sammeln wird und vielleicht bald kommt die Zeit, wo sich alle Menschen zu Ihm bekennen werden. Das Reich, welches Er gründete, wird nicht zerfallen auf Erden, bis einst am jüngsten Tage das Ende alles dessen herannaht, was Gott der Herr nach Seiner Schöpferkraft einst im Anfang gründete. Denn mit der Erscheinung Jesu Christi begann der Verfall jener Bildung und Gesittung, in der eben nichts Bleibendes, Be ständiges und Festes sein konnte, weil sie eine rein menschliche war und des göttlichen Grundes entbehrte. In dem Sturme der Völkerwanderung gingen die Reiche der Heiden und mit ihnen großenthcils die Werke, welche sie errichteten, zu Grunde. Das von innen faul gewordene Wesen der Götzendiener zerstcl in Staub und Ruinen; neue, barbarische, aber geistig gesunde Völker nahmen, obwohl unter furchtbaren Kämpfen, die Stelle der alten nach und nach anösterbenden Nationen ein; bei ihnen, den Eingedrun genen, fand das Christenthum einen fruchtbaren gesunden Boden-otSIc- 316 und in ihnen erwuchs es zum starken Kreuzcsbaume, der jetzt ganz Europa, fast ganz Amerika, einen großen Theil von Afrika und schon gar viele Punkte in den übrigen Welttheilen erleuchtet. Auf dem Bode des Christenthumes aber sproßte eine ganz neue, von der alten völlig verschiedene, Bildung auf, die einen göttlichen Grund hat, und die wir des halb die christliche Bildung nennen wollen. Sie umfaßt die ganze Menschheit, welche sich zu Christo bekennt, die Gott den Herrn ihren Vater nennt, sich als Gottes Familie auf Erden betrachtet und alle Menschen als Kinder Gottes, als Brüder und Schwestern einander lieben, ehren und schätzen lehrt. Diese Bil dung steht in der innigsten Verbindung mit dem Heiland und Seiner Kirche; sie ist ein Ausfluß, ein Segen des Christen- thumes und kann ohne dasselbe nimmer wachsen und bestehen. Ein Abweichen von Christus führt wieder zur Barbarei und zum bodenlosen Menschenweseu des Heidenthumes. Darum möge der Herr bald Seine Verheißung erfüllen: Siehe es wird Ein Hirt und Eine Heerde werden. Darum wollen auch wir nach bester Kraft und ganzem Vermögen unserm Mis sionsberufe Genüge leisten und zur Ausbreitung des Christenthums, christlicher Gesinnung und Bildung und christlichen Lebens so viel an uns ist beitragen. Und unser Wahlspruch dabei sei: Jesus Christus, gestern, heute und in Ewigkeit!Dritte Abtheilung. Geliebte Leser! den Blicken, welche wir im ersten und zweiten Theile unseres Lesebuches in die Geheimnisse der Schöpfung und in die Bildungsgcschichte der jetzigen Erdoberfläche und des menschlichen Geschlechtes geworfen haben, stehen wir nun bei m Anfänge deS dritten und wichtigsten TheileS unseres Unterrichts. Wir wollen den Standpunkt der jetzigen menschlichen Kultur bezüglich der bom Menschen bis zum heutigen Tage gemachten Entdeckungen, Gründungen und seiner großartigsten Werke kennen lernen. Es erklärt sich aber die Gegenwart allein der Vergangenheit. Die Geschichte enthält die einzig richtigen Grundlagen des Baues, den die bildende Menschheit jetzt auf den Fundamenten der Vorzeit er richtet und beständig noch weiter aufführt. Wer seinen Blick gleichgiltig oder träge vor den Wundern verschließen wollte, die wir der Anstrengung der geistigen und körperlichen Kräfte thätiger, erfinderischer und nach dem Höchsten strebender Menschen verdanken, der verdiente nicht, ein Mensch zu sein. Lasset uns aber dabei nicht vergessen, Wem vor Allem wir dieses sonnenhelle Zeitalter verdanken, in dem wir zu leben so glücklich sind. Son nenhell ist es nur allein in den Ländern Staaten, welche von den Strahlen des Christenthums erleuchtet werden. Es ist also unser Heiland Jesus Christus, der durch seine Lehre die Grundsäule der Bildung Gesittung des Menschengeschlechtes legte setzte, und wohin das Licht des schönen christlichen Glaubens dringt, da wachsen in seinen war men Strahlen Bildung Gesittung auf; es kommt das Recht, welches Despotismus und Sclavenketten sprengt und die Mensch heit lernt menschlich leben, handeln und wirken.318 Die einsichtsvollsten, mächtigsten und sittlichsten Völker der Welt sind also Christen und ihre hohe Entwickelung ist eine Folge des Christenthums. Mit Rieseuschritten eilen sie der Bahn der geistigen und sittlichen Ausbildung vorwärts, und wenn sie auch durch ihre Waffengewalt die Erde nicht beherrscheten, so würden sie doch einen gewaltigen und übermächtigen Einfluß auf alle wenn auch noch so zahlreichen und waffengewaltigen Völker des Heidcuthumes, blos allein durch die imponirende Ncbermacht ihrer Intelligenz und durch die Gewalt ihrer Industrie ausüben. Bevor wir aber nun dem Einzelnen unsere Blicke zuwen den, wollen wir als Einleitung noch eine Neberstcht des mensch lichen Bildungsganges vom Urzustände des Menschen bis zu dem der heutigen Menschheit geben. Es ist Stoff zum Nachdenken! Möge deshalb der geliebte Leser unseren Worten, die nur sehr bündig sein können, auch mit Bcdachtsamheit und ausmcrksamcr Anwendung auf sich selbst folgen. Als Gott den Menschen erschuf, gab er ihm vollkommen ausreichende Kräfte des Leibes und Geistes, um seinen Beruf der Herrscher über die Erde, über alle irdischen Ga ben und Geschöpfe, ja selbst über die gewaltigen Kräfte der Natur zu werden und Alles für seinen Dienst, Vorthcil und die Erhaltung seines Lebens zu be nützen" vollkommen erfüllen zu können. (Siehe Seite 131 u. ff.) Vor allem mußten die im Menschen schlummernden Kräfte geweckt werden. Zu diesem Zwecke ward der Mensch als ein Wesen erschaffen, welches mächtige Bedürfnisse empfand, das Ver stand und die Fähigkeit zum Denken empfangen hatte, sodann den starken freien Willen zum willkürlichen Gebrauch seiner Geistcs- und Leibeskräfte. Aber die Natur bot dem Menschen nur wenige ihrer Ga ben, welche ohne Gefahr und mit Bequemlichkeit zu erlangen waren. Sie bereitete ihm vielmehr durch oftmalige Versagung derselben die Noth, die Mutter des Nachdenkens und der Thätigkeit, und die Erde enthielt so sehr viele das Leben und die Existenz des Menschen bedrohende Dinge, daß er zum Kampfe, zum Vater der geistigen und leiblichen Stärke und des Muthes, beständig gezwungen ward. Die Folgen die ses Nachdenkens und dieser energischen Thätigkeit waren mancher-319 W, beständig fortschreitende Erfindungen und Entdeckungen, und so ging denn der Mensch zwar allmählich, aber unausgesetzt vom Zustande kindlicher Unerfahrenheit, Unwissenheit, Hilflosigkeit u d Schwäche in einen andern besseren Zustand über. Gepreßt von dem Hunger und der Noth, verfiel er zahllose Einfälle, ergriff er unendlich verschiedene Mittel, sich gegen Hunger, gegen Erfrieren, gegen Ranbthiere und das Ungemach der Witterung zu schützen. Und bald, nicht mehr damit zufrieden, suchte er es llch in allem, bei allem bequem zu machen; ja er suchte sich sogar Vergnügen zu bereiten. Diesen Uebergang von der Roh eit zum Besseren nennt man aber C u l t u r. Leider wissen wir nur sehr wenig davon, welchen Gang die Enltnr der ersten Menschen nahm; Mangel an Mitteln zur Erhaltung von Denkwürdigkeiten, oder aus Gleichgiltigkeit gegen s use für uns so wünschenswerthe Sache, ist keine Nachricht davon auf uns vererbt worden, und wir stellten also nur eben so mühsame als nutzlose Vermuthnngcn darüber an, wenn wir Unsere Phantasie spielen ließen und auch nur einen einzigen Gc- öenstand zum Stoffe unseres Nachdenkens machten, wie er nach und nach bis zu dem praktisch brauchbaren Ding unseres heutigen Be dürfnisses geworden ist. Welche Reihe von Erfindungen und Entdeckungen mußte durchlaufen werden, bis es so weit kam, daß der Schuster einen unserer Schuhe anzufertigen im Stande war? Wohl läßt sich sagen: Barfuß kann der Mensch nicht immer gehen; er mußte also frühzeitig Mittel zur Fußbekleidung denken Allein sobald man einmal sich eine gewisse Reihenfolge der auf einander folgenden Fortschritte in diesem Theile der uicnschlichcn Kleidung denkt, so gelangt man kaum vom Holzstücke, das an den Fuß gebunden wurde, bis zur Sandale und findet, daß, um eine lederne oder hölzerne Sandale herzustellen, wieder unendlich viele Künste und Werkzeuge erfunden werden mußten, Und daß sich also die Reihe der Erfindungen nnwirr- dar in einander schlingt, kreuzt und verwickelt. Alle Künste fingen aber gewiß mit dem Einfachsten, Nahe liegendsten an: es gehörte aber eben deswegen ein Genie dazu, um dieses Naheliegende und Einfachste zu erkennen. Es geht aber viit jeder Erfindung wie mit dem Ei des Columbus. Alle, die vor her von dem, was Columbus that, um das Ei die Spitze zu stellen, keine Ahnung hatten, riefen dann, als das Ei stand,* 320 lachend aus: Ja, das ist ein schlechtes Kunststück, das hätten wir auch gekonnt! Wenn ich das euch vorher gesagt hätte!" sprach Columbus. Und so geht es mit den allermeisten und besonders mit den wichtigsten und solgenschwerstcn Erfindungen. Selbst der Zufall" hat oft auf die Erfindung und Entdeckung der wich tigsten und folgcrcichstcn Dinge geleitet. Durch einen sehr un lieben Zufall entdeckte Berthold Schwarz die Kraft des entzün deten mit Kohlcnpulvcr und Schwefel vermischten Salpeters; sehr viele und wichtige Dinge hat der Mensch der Natur abge sehen, nach der Natur, nach Verrichtungen gewisser Thicre, nach den Gestalten der Pflanzen und Gesteine gebildet. Aber immer that Einer den ersten Schritt und Andere bildeten dann seine Entdeckung und Erfindung aus. Daß bei den Entdeckungen mehr der Zufall, als das Nach denken, bei den Erstuduugc dagegen umgekehrt mehr das Nach denken als der Zufall im Spiele ist, leuchtet ein. Oft aber be günstigt der Zufall den sinnenden Geist und dieser bringt dann erstaunenswerthe Resultate zu Stande Wenn nun ein in vieler Hinsicht vergebliches Bemühen wäre, auch nur wenige der allerwichtigsten Erfindungen bis hin auf zu ihrem ersten Anfänge zu verfolgen, so muß es doch das höchste Interesse erregen, wenigstens die wichtigsten Erfindungen und Entdeckungen nach der muthmaßlichen Zeitperiode, der sie ihre Entstehung verdanken,. kennen zu lernen. Auch in diesem Bemühen stört aber den Geschichtsforscher jene große Katastrophe, die Sündflnth, vor welcher schon eine hoch gestiegene und eigenthümliche Bildung des menschlichen Geschlechts bestanden haben muß, und von welcher ohne Zweifel sehr viele und wichtige Dinge durch Noah und seine Nachkommen auf unsere heutige Welt übertragen worden sind. Nur Vermuthungen über diese Bildung der ersten Men schen in der Vorzeit, nichts Gewisses, haben wir. Aber das ist gewiß, daß die Menschen der Vorwclt schon einen mit Opfern verbundenen Gottesdienst ausübten; daß sie Feuer zu machen verstanden und sich kleideten. Schon Adams Nachkommen wurden Jäger, Hirten, Fischer und Ackerbauer. Es bestand in der Vorzeit Instrumentalmusik; eö gab Gesetze, es fand also we nigstens ein fester, wenn auch noch nicht geordneter Rcchtszustand statt. Den Schiffbau haben wir kennen gelernt; wir wissen bis321 zu welchem Grade von Vollkommenheit nd Mächtigkeit es die Menschen in diesem Zweige ihrer Erfindungen, Kenntnisse und Geschicklichkeiten gebracht haben mußten. Auch der Weinbau muß schon vor der Sündfluth getrieben worden sein. Das, was uns von den Menschen, die unmittelbar oder bald nach der Sündfluth gelebt haben, berichtet wird, beweiset, daß ihre Bildung keine originelle, d. h. aus ihnen selbst neu hervorgcgangene war, sondern daß sie nur der Hinterlassenschaftsbildung der zu Grunde gegangenen Menschheit der Vorzeit neu errichtet ward und daß sie an verschiedenen Orten eine je nach Klima, Bedürfniß, Landesbeschaffenheit und Individualität der Völker eigenthümliche Richtung einschlug. So finden wir schon 600 Jahre nach der Sündfluth in China geschriebene Bücher (Schu-King), in Egypten den Priester staat Meroe mit seinen merkwürdigen Bauten. Schon 700 Jahre ach der Sündfluth waren die astronomischen Kenntnisse der Egyp- ter so hoch gestiegen, daß sie. das Sonnenjahr berechneten. Auch in Persien durchforschte man das gestirnte Firmament und der Thierkreis ward bestimmt. Tausend Jahre nach der Sündfluth erfanden die Phönizier das Glas und den Purpur (2000 v. Ehr. Ob.); es gab Geld, das egyptische Volk grub die Hiero glyphen in seine Bauwerke; die Perser berechneten den Eintritt des Frühlings- und Nachtgleichenpunktes aus den 21ten März (1600 v. Ehr.); Daut erfand die Schrift und um 1500 v. Ehr. beginnt die geschriebene Geschichte. Um diese Zeit schon wurden Landkarten angelegt; auf den Schiffen führte Dädalus die Segel ein; in Egypten entstanden mit kunstvollen Schleußen versehene Kanäle und der Wasserbau, der kunstreichste, mühsamste und schwerste von allen Zweigen der Baukunst, wurde also dort bereits ausgeübt. Auch die Schiffsanker wurden um diese Zeit erfunden (1350 v. Ehr.). Um 1100 v. Ehr. Geb. war der Compaß den Chinesen be reits bekannt; in Judäa gab Prophetenschulen, David hielt eine Leibwache, ein stehendes Heer; er hatte Minister, Geschichts schreiber und der Tempelbau Salomonis eröffnet uns plötzlich einen wundervoll erhellten Uebcrblick über den Standpunkt, den Wissen schaft, Kunst und Arbeitsgeschicklichkeit damals in allen Zweigen der menschlichen Thätigkeit erreicht hatten. Man lese nur 1 Könige Kap. 5 u. ff. vom Tempelbau in der h. Schrift und man be- 21322 kommt einen hohen Begriff von der Bildung und dem Stande der Kunst der damaligen Menschheit. Der Handel aber breitete seine Netze schon weithin aus über die bekannten Theile der Welt; Phönizier umschifften das Cap der guten Hoffnung, gingen nach Ophir und holten dort indische Schätze; sie segelten nach England, um da Zinn zu erhandeln; sie holten von der Südküste der Ost see den Bernstein. Auch Homers Gedichte (Ilias und Odyssee) sind schon mehr als 1000 Jahre v. Chr. entstanden und gesammelt gewesen. (Siehe weiter unten Laokoon"). Um 800 v. Chr. machte man in Egypten bereits Schreib papier (aus Schilf); man hatte Sonnenuhren, also eine geregelte Eintheilnng der Tageszeit; die Chinesen zeichneten regelmäßig die Sonnen- und Mondsflnsternisse ans; Pherecydes forschte in der Natur und nach ihren Geheimnissen Von nun an hänfen sich Entdeckungen und Erfindungen; die Geschichte wird aus der bloßen Erzählung wichtiger Bege benheiten zur sichtenden Wissenschaft und darum kann in den we nigen Zeilen dieser unserer Einleitung auch nur noch von den allergrößten und wichtigsten Erfindungen die Rede sein. Um die Zeit, in welcher Sokrates lebte, (469 bis 400 v. Chr. Gb.) hatte das menschliche Geschleckt bereits eine Vollendung der Ausbildung erreicht, welche (obwohl eine anderartige, als die heutige) der unsrigen kaum nachstand, ja sie in mancher Beziehung sogar über ragt. Auch die Offenbarung Gottes unter dem Volke Israel war vollbracht; Maleachi, der letzte Prophet (um 73) war dort auf getreten; wie unter dem Volke Israel die göttliche Offenbarung des alten Bundes mit der Sendung deS letzten Propheten voll endet war und alle HeilSbegierigcn nun sehnsüchtig die Er scheinung des Messias warteten, den der Herr zum Tröste der gefallenen Menschheit von Anbeginn an verheißen hatte, so rangen auch, obwohl unbewußt des rechten, einzigen Zieles, im dunkeln Heidenthume geistig bevorzugte Menschen nach Erkenntniß., nach dem Frieden der Seele, den die Welt nicht gibt. Unter den Griechen waren vorzüglich Solon, Thales, Periander, später Sokrates, Plato, Pythagoras, die Weisesten und Besten, welche die Führer ihrer Völker wurden; in Aegypten und Indien ver barg die finstere Priesterkaste das dämmernde Licht, dessen Mor genschein -in ihren dunkeln Gemüthern aufging und gestattete den323 Einblick in den grauenden Auferstehungsmorgen der Geister nur ihren Begünstigten und Eingeweihten; selbst in dem fernen China lehrte Lao-Tseu die Unsterblichkeit des menschlichen Geistes, wies hin auf die unverkennbare Unreinheit desselben und erklärte: nur nach einem eine unermeßliche Reihe von Jahren dauernden Reinignngsstande könne der dem Himmel angehörende Geist zu seinem Urquell zurückkehrein Nach ihm predigte Con-fn-tsee seine bewundernswürdige Moral, verbesserte den alten Buddha-Aberglau ben und sammelte uralte Dokumente einer erstaunlichen zwar menschlichen, aber gewiß gotterlcuchtcten Weisheit, wodurch er der Wvhlthäter und Reformator seines Volkes wurde. So wie im Geistigen, schritt die Bildung der Menschheit in allen anderen Richtungen beständig und auf eine bewunderns würdige Weise voran. Die Reste der riesenmäßigen Prachtbauten der Griechen und ihrer Schüler, der Römer, die Kunstwerke in Marmor und Erz, welche wir von ihnen überkommen haben, ihre Gemälde und Mosaiken (aus farbigen Steinen zusammengesetzte Malereien) ihre Münzen, Geschirre, Vasen, Urnen, Gemmen; die Schriften ihrer Philosophen, die Geschichtswerke ihrer Histo riker, ihre Gesetze und Verordnungen, ihre öffentlichen Schulen, ihre Staats - und Kriegseinrichtuugen, ihre Gewerbe, kurz der ganze komplizirte und vollendete Charakter ihres Volks- und öffentlichen Lebens gibt uns einen Begriff von dem, was der menschliche Geist allein, ohne Erleuchtung durch das göttliche Licht, zu schaffen und zu werden vermag. Durch das heitere Leben und Wirken der Alten zieht sich aber, wie ein goldener Faden durch ein herrliches Gewebe, das stete, überall und in Allem bemerkbare ernste und wehmüthige Ringen der hilfsbedürftigen Seele nach Frieden hin- dnrch, den ihnen alles, was sie errungen hatten, nicht zu geben vermochte und in dieser so klar ausgeprägten Sehnsucht erkennen wir eben recht deutlich, daß auch bei ihnen die Zeit gekommen war, wo ihnen in der Finsterniß das Licht erscheinen sollte. Auch die Natur, die Welt, der gestirnte Himmel alles dieses wurde von den Alten mit durchdringendem Blick beobachtet, erforscht, studirt. Große Reisen, von gelehrten Männern unter nommen, lehrten die Hälfte der Erde, welche wir die alte Welt nennen, genau kennen. Aristoteles stellte die cosmischen Entdeckun gen und Erfahrungen, welche bis zu seiner Zeit gemacht worden waren, systematisch zusammen und wie sein Vorgänger Hcrodot 21 *durch treffliche Aufzeichnung aller alten Nachrichten der verschie denen Völker, zu denen er seinen weiten Reisen gekommen, d er V a te r der Geschichte geworden ist: so darf man mit Recht Aristoteles den Vater der Naturgeschichte und Welt kunde nennen. Einen wunderbaren Aufschwung nahm die Bildung, als Alexander durch seine weltumfassenden Eroberungen alle in vielfach verschiedenen Richtungen nach Wahrheit, Erkenntniß und Wissen schaft ringenden Völker in Verbindung brachte und griechische Sitte und Sprache erst in Folge seines mächtigen Umwälzens von allem Bestehenden, Weltsitte und Weltsprache wurden, als aus der Einzelbildnng der Völker im Laufe der Jahrhunderte eine allgemeine Weltbildung ward, in deren Ccntralpnnkt (oder demselben wenigstens sehr nahe und günstig gelegen) nun das von Gott mit der Offenbarung begnadigte Volk Israel stand. Da glich die Welt einer lieblichen Mondnacht, in der die Gestirne funkeln und der Mond über alle sein mildes Licht ausgießt. So strahlte der blaue Schein der Offenbarung tröstend über die dnn- kelwogenden Völkermeere hin und beleuchtete ihre Kuppen, drang in ihre Tiefen und weckte die Ahnung, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in jeder zagenden Brust. Um diese Zeit begann die Menschheit bereits jene Zeichen zu setze , welche stets als die Merkmale eines erreichten Zieles zu betrachten sind. Museen wurden errichtet (in Alexandrien), Bibliotheken, Sammlungen des Ausflusses der menschlichen Weis heit, z. B. in Brnchinm und Serapenm (300 v. Ehr.) und zwei und fünfzig Dolmetscher mußten den Inhalt dieser gelehrten Werke den Menschen zugänglich machen. Die Astronomen verfuhren wis senschaftlich bei ihren Untersuchungen; richtige Erkenntniß der Erde, ihrer Größe und Gestalt, leuchtete ans; wurde vermessen, der Coömograph Eratosthencs, Bibliothekar von Alexan drien, zog den ersten Breitengrad von Gibraltar über Rho- dus in die Gebirge von Indien; man maß die Zeit, legte Sonnenuhren an (in Rom 272 v. Ehr.) und öffentliche hohe Schulen, Academien oder Universitäten machten die Wissenschaft in all ihren Zweigen zum öffentlichen Gemeingute, das Keinem, der nach ihr strebte, mehr vorenthaltcn werden konnte oder durfte. In diese Zeit fällt der Beginn der Blüthe der Gewerbe; d. h. die Kcnntniß der mechanischen Werkzeuge und Vortheile, verbun- 325 den mit dem durch die Kunst erzeugten geläuterten guten Ge schmack wurde Gemeingut des Volkes, sie diente dem Handar beiter, wurde durch ihn seinen Mannfakteu ausgeprägt und so selbst dem gemeinen Manne, dem Volke, nahe gebracht. Die Ver feinerung des Geschmackes.erweckte neue Bedürfnisse, Handel und Gewerbe gewannen dadurch Aufschwung und in Folge dieses Auf schwunges wuchs der allgemeine Wohlstand und daS Wohlbefinden. Aber um den Standpunkt, den die"mathematischen und technischen Wissenschasten um diese Zeit erreicht hatten, kennen zu lernen, darf man ja nur den Ausspruch des Archimedes (st. 212 v. Chr.) kennen: Gebt mir einen festen Standpunkt außerhalb der Erde, so hebe ich sie ihren Angeln!" Von diesem Archimedes be sitzen wir ja heute noch die sinnreichsten und tiefstudirtesten Sätze der Arithmetik; von ihm noch die Schraube, welche unsere kolos salen Schiffe durch die Meere schiebt, die Wasserschnecke, welche das Wasser bergauf zu laufen zwingt und viele andere Dinge. Von ihm haben wir auch den Brennspiegel, der zu wissenschaft lichen Untersuchungen so treffliche und unersetzliche Dienste leistet und wer weiß, wie vieles Andere noch? Die Grundlage des allgemeinen Wohlstandes ruht aber nicht in der Technik und den Gewerben, sondern nur allein im Ackerbau und dieser hatte zu jener Zeit eine so hohe Stufe erreicht, wie vielleicht und wahrscheinlich bei uns noch nicht. Als höhere Zweige desselben sind Obstzucht und Weinbau zu betrach ten und diese lieferten nicht allein den Bedarf, sondern das feinste und köstlichste für den Gaumen des verwöhntesten Schlemmers. Der Getreidebau war aber trefflich; eine Getreidestur in Klein asten, von lieblichen Hainen durchzogen, denen marmorne Tempel hervorragten, mag einen erquickenden Anblick dargeboten haben und die Gemälde und Schilderungen, welche von den Alten darüber auf uns vererbt sind, beweisen , daß man damals den Werth und die Nützlichkeit des Ackerbaues genügend wür digte. Ans weiter Ferne brachte man köstliche Obstarten nach Griechenland und Rom, um sie da einheimisch und nutzbar zu machen. So brachte Lucull, um 74 v. Chr., Kirschbäume nach Rom, später ein Anderer um 7V Feigen, Citronen, Orangen; aus Egypten war schon viele Jahrhunderte zuvor die Gerste, der Weizen und Dinkel in Griechenland eingeführt worden; ;ctzt kam aus Indien der Reis, die Baumwolle nach Egypten und Italien326 und mit der letzten ei Stoff für ganz neue Gewerbe, eine neue Industrie. Uralt ist der Anbau des Flachses, weltberühmt war der Byssns, die egyptische Leinwand, feiner, köstlicher, dauer hafter, als die nun auch vielfach verwendete Seide. Am höchsten gestiegen war die Fabrikation wollener Stoffe, die Mäntel der Alten waren einem Stück gewirkt, so groß, daß sie den gan zen Leib bedeckten, so leicht, daß sie die köstlichste und malerischeste Tracht, den reichsten Faltenwurf gestatteten und doch genügend waren selbst für die rauhen Wintertage. Im Schmuck aus den kostbarsten Metallen, in der Zierde mit Edelsteinen hat unsere Zeit die der Alten noch bei weitem nicht erreicht; die Ringe, Gemmen, Gürtel, Armspangen u. s. w., die kostbaren Gold, Silber, Achat, Lapislazuli, Jaspis, Glas, oder uns ganz unbekannten kostbaren und dauerhaften Stoffen erzeugten Geschirre, die Vasen, welche mit den herrlichsten Verzierungen versehen find, ihr pracht volles Email, welches wir bisher nickt zu erreichen im Stande waren, erregen unsere Bewunderung in jeder Beziehung die licblickc bis in S Kleinste kunst- und geschmackvoll vollendete Form aller ihrer Erzeugnisse, selbst bis zu den Theilen des gewöhnlichen Hansrathes, Küchen-, Eß- und Trinkgeschirres herab, und bildet noch heute für unsere Künstler und Gewerbslente die nachahmnngswürdigstcn Vorla gen. Wir wollen von diesen herrlichen Resten des Alterthnms hier nur der Portlandvase, dann des Bildwerkes des Lao- koon und seiner Söhne aus Marmor, und einiger alten Bau werke beispielsweise gedenken, damit unsere lieben Leser doch einen Begriff von diesen herrlichen Erzeugnissen menschlichen Nachdenkens, menschlicher Kunstgeschicklichkeit und guten Geschmackes haben. Die Portlandvase. Im Jahre 1640 entdeckte man in Rom bei dem Abbruch völlig verfallener Ruinen ein altrömisches Grabgewölbe, und als man öffnete, fand man in demselben einen äußerst kostbar ge arbeiteten marmornen Sarkophag und neben demselben stand einem marmornen Fußgcstelle jene weltberühmte, große, gläserne Urne oder Vase, welche jetzt als eines der wohlcrhaltensten und köstlichsten Kunstgebilde der griechischen oder römischen Künstler im britischen Mu seum aufbewahrt und da von jedem Gebildeten bewundert wird. Als man diese Vase entdeckte, war sie mit Asche gefüllt. Keine Inschrift, kein Zeichen gab an, von welchem Mächtigen327 oder Reichen der alten Welt die letzten Reste der Sterblichkeit in so kostbarem Geschirr ausbewahrt worden waren. Getreu dem wahren Grundsätze: daß die Kunst ewig ist, Macht und Reichthnm aber vergänglich sind", wurde die Asche jener Mächtigen wahrscheinlich achtlos zerstreut, die Vase aber wieder an s Licht der Sonne gezogen und da erregte ihre Schön heit das lauteste Entzücken aller Derer, welche sahen, wie sie dieses nocb heute thnt. Diese Vase besteht aus einem sehr starken Glasgnß von wundervoller mattblauer Farbe und überraschender Reinheit. Ueber diesen inneren Kern ist eine milchweiße gläserne Schale gegossen nd diese dann wieder nach einer überaus herrlichen und köstlichen Zeichnung abgeschliffen, dergestalt, daß die zierlichsten Reliefs, Blumengewinde, die mannigfaltigsten und auf das feinste ausge arbeiteten Figuren in halberhabener Arbeit weiß auf dem blauen Grunde stehen. Da der blaue Kern der Vase durchsichtig, der weiße Glasstoff aber, aus dem die Figuren geschliffen sind, undurch sichtig ist, so ist die Wirkung dieses eben so lieblichen als kunst vollen Bildwerks eine wunderbar überraschende, und vergebens hat man es bis znm heutigen Tage versucht, diese Art Glasbil dung nachzuahmen; es ist nicht gelungen. Dieses kostbare Ge schirr hat eine Höhe von drei Fuß, eine Breite von zwei Fuß; es ist ziemlich schwer und in der Form äußerst edel, zierlich und geschmackvoll. Ueber die Bedeutung der wunderschönen Reliefs sind die größten Kunstkenner des Alterthums nicht einig. Winkel mann sagt, sei darauf die Fabel von der Thetis dargestellt, welche, um den Nachstellungen des Pelens zu entgehen, viele Gestalten und unter andern auch die Schlangengestalt annahm. Rach Veltheim wäre darauf dargestellt, wie Herkules dem Admet der Unterwelt dessen verstorbene Geliebte, die Alcestis, wie der zuführt; Wedgwood endlich hält das Ganze für die allegori sche Darstellung eines Mannes, der die Stütze seines Hauses war, vom Eintritte desselben ins Leben bis zur Unsterblichkeit. Die Vase kam bald nach ihrer Entdeckung in die barberi- nische Bibliothek zu Rom; im Jahre 1744 aber erwarb sie der Engländer Will. Hamilton durch Kauf und überließ sie dann der Herzogin von Portland in London zur Zierde ihres Museums, von wo sie endlich bei der Versteigerung dieses Museums nach dem Tode der Besitzerin in s britische Museum kam.328 War es Wahnsinn, Neid oder Bosheit? oder soll es, wie Manche vermuthen, blos das Bestreben eines nichtswürdigen Tho ren gewesen sein, die Blicke der Welt, wenn auch die verachten den und vorwurfsvollen, aus seine Unbedeutendheit durch eine schändliche That ohne Gleichen hinzurcißen genug: ein Abscheu licher beging in neuerer Zeit den Frevel, dieses alte Wunderwerk menschlicher Kunst und Geschicklichkeit gewaltsam von seinem Posta ment herabzustürzen um so zu zerschmettern! Allein die gänz liche Zerstörung dieses kostbaren Alterthumsrestcs gelang dem Frev ler dadurch nicht; die Bruchstücke der Vase konnten wieder zusam mengesetzt werden und man that es mit so viel Glück und Ge schick, daß die Spuren der boshaften Zerstörung kaum daran zu bemerken sind. Die Gruppe des Laokoon und seiner Söhne. Homeros, der herrlichste aller griechischen Dichter, hat den Kampf der Griechen mit den Trojanern und die Heimkehr des tapfern Königs Odysseus von Jthaka Troja in seine heimath- liche Insel in zwei großen, überaus herrlichen Heldengedichten, Jliade und Odyssee, geschildert. Diese Gedichte sind in alt griechischer Sprache geschrieben; aber sie wurden von Voß auf das trefflichste in s Deutsche übersetzt und der liebe Leser sollte wenigstens, wenn er überhaupt die klassische Sprache nicht studirt, einst seine Mnsestunden damit ausfüllen, und beide Gedichte in der Voß schen Uebersetzung lesen. Als die Griechen nach Homers Nachricht bereits zehn Jahre lang vergeblich vor Troja lagerten, um diese feste und wohlver- theidigte Stadt zu erobern, versuchten sie endlich die List, um zu ihrem Zwecke zu gelangen. Sie erbauten die kolossale Figur eines Pferdes und richteten im hohlen Leib des riesigen Rosses einen Raum ein, in den mehrere Männer durch eine wohlverborgene Oeffnung.steigen und sich daselbst verbergen konnten. Das thaten Odysseus und mehrere der Tapfersten; die anderen aber steckten ihr Lager in Brand, gingen zu Schiffe und fuhren ab, als woll ten sie nach fehlgeschlagenen Hoffnungen die Gestade von Jlium auf immer verlassen. Ein lleberläufer, der zu den staunenden Trojanern kam, benachrichtigte diese von dem angeblichen Zwecke des großen Rosses. Dieses Pferd", sprach er, erbauten und Widmeten die Griechen ihrer Schutzgöttin Minerva. Es wurde329 deswegen so riesig gemacht, damit Ihr es nicht in Eure Stadt bringen könnt. Denn vermöchtet Ihr das, so würde die griechische Flotte auf der See zu Grunde gehen. Dazu sind aber Eure Thore viel zu klein!" Da läßt sich leicht helfen!" riefen die Thörichten. Laßt uns einen Theil der Stadtmauer niedcrrcißen, dann ist es ein . Leichtes, dieses Pferd in die Stadt zu schaffen und so Jenen, die ns so viele Jahre lange mit dem Untergänge bedrohten, selbst den Untergang noch auf dem Heimwege zu bereiten! Ihr Leichtgläubigen!" schalt der anwesende Priester Lao- kvon; traut doch diesem Betrüger nicht. Wehe Euch, wenn Ihr Euch von ihm bethören lasset und die Mauern, unser einzige Schutz, zerstört. Und seht Ihr denn nicht, daß diese Figur hohl st? Krieger sind in ihrem Bauche verborgen!" Damit ergriff er einen Speer und schleuderte ihn dem Pferde in den Bauch, daß die Schwerter und Harnische der im Innern der Figur verbor genen Helden klangen. Aber siehe: die über die Verletzung des ihr geheiligten Pferdes erzürnte Göttin sendete aus dem nahen Meere plötzlich zwei große Schlangen, welche über Laokoon und seine beiden Söhne herfielen, sie umschlangen und Angesichts des entsetzten Volkes auffraßcn. Daß dann die Trojaner das Pferd durch die Lücke ihrer zerstörten Stadtmauer in ihre Stadt schafften, daß sie dann bei Gesang, Tanz und Gelage sich ihrer Freude über den Abzug des griechischen Heeres überließen, bis sie spät in der Nacht trunken sich der Ruhe überließen; daß ferner die nur hinter nahe Inseln verborgene Flotte wieder kam, daß dem Griechenhcer durch den dem Bauche des Pferdes entstiegenen Odysseus die Thore von Troja geöffnet wurden und daß Troja in dieser Nacht erobert und zerstört wurde; ist vielleicht den meisten unserer lieben Leser längst bekannt. Daß aber eine überaus treffliche Abbildung des Laokoon nd seiner Söhne, wie sie von den Schlangen getödtet werden, aus dem Alterthume vorhanden, und daß dieses Marmorbildwerk trefflich erhalten ist, dieses dürfte als Einleitung der nun folgen den Beschreibung desselben hier zu sagen nothwendig sein. Im Jahre 1506 ließ Felice de Fredis in einem Weingarten, welcher an der Stelle liegt, wo sich die prachtvollen Villen und330 die mit den trefflichsten griechischen Kunstwerken geschmückten Gär ten Antonins befanden, Nachgrabungen anstellcn und zwar durch mehrere glückliche Funde veranlaßt, welche man bereits früher in der Nähe dieses Ortes gemacht hatte. Man war wirklich so glücklich, ein Marmorkunstwerk zu entdecken, welches och dazu in allen seinen Theilcn fast vollkommen gut erhalten war: die Bild säule des sterbenden Laokoon und seiner Söhne. Die Gruppe ist vollkommen erhalten bis auf den rechte Arm dcS Laokoon, welchen Giov. Agnolo, ein Schüler des Michael Angelo, ersetzte. Es ist nach dem Urthcil aller Künstler und Kunstver ständigen ein ganz vollkommenes Kunstwerk. Drei menschliche Figuren, Laokoon der Vater und seine beiden Söhne, werden von zwei Schlangen umwunden, welche ihnen den Tod bringen und aus deren Umstricknngen sie sick nicht mehr zu lösen im Stande sind. Während der ältere Sohn dem Anscheine nach noch zu fliehen im Stande wäre, ist der jüngere schon gänzlich umwunden nd verloren und der Vater, eine mächtige Gestalt, ringt furchtbar um sein eigenes Leben und um das seiner Kinder. Das Bildwerk macht auch aus den Laien in der Kunst einen ge waltigen Eindruck; auch der Ungebildete steht erstaunt einem Werke gegenüber, das der vollkommen gelungene Ansdruck eines großen Künstlergedankcns ist. In der That ist auch die Auffas sung der Scene höchst tiefsinnig, die Zeichnung nicht allein voll kommen richtig, sondern der edelsten und schönsten Form der Na tur ganz entsprechend. Den Kenner aber, wie den Laien setzen die schönen, genauen, sanften und fließenden Umrisse der Körper, die höchste anatomische Kenntniß, das Spiel der Muskeln und die Wirkung des körperlichen Schmerzes, die sich in allen Gliedern so wundervoll ausprägt, sowie die meisterhafte Ausführung des Ganzen, die Behandlung des Marmors und daS ganze Mechani sche der Behandlung und Bearbeitung in Erstaunen. Alle Figu ren sind nackt dargestellt und, ungeachtet des heftigen Schmerzes, Ideale der schönen Natur, ohne daß dadurch der Ausdruck des Schmerzes und die Folgen vom Drucke der Schlangen ver wischt sind. Das Ganze besteht aus sechs Blöcken von weißem Marmor. Die Meister, welche es (147 v. Ehr.) verfertigt haben sollen, hießen Agesander und seine Söhne Polydorns und AthenodoruS, welche zu Rhodus gelebt haben. Von Griechenland aus ward331 das herrliche Kunstwerk nach Rom als Zierde der kaiserlichen Gärten gebracht; in den Stürmen, welche dem Untergang des rö mischen Reiches vorhergingen, stürzten eS rohe Barbaren um und so lag begraben, bis es 1506 wieder aus der Erde hervor gehoben wurde, um die Künstler der neuen Zeit mit Entzücken und Bewunderung zu erfüllen und sie zur Nacheiserung anzu- spvrnen. Es ward zu Rom im Belvedere aufgestellt, von wo es abermals durch die Franzosen geraubt wurde, um nach Paris zu Wanderin Aber im Jahre 1814 mußte es zurückgegebcn wer den. Es steht nun abermals auf seinem alten Platze. Eben so hoch stand die Kunst der Alten in Bezug auf die Malerei, als wir sie hier hinsichtlich der plastischen Kunstwerke bewundern lernten. Sie malten auf Leinwand, aus nassen Kalk Cal fresco), auf Glas und Email (Porzellan), auf Elfenbein und Perlmutter, wie nufere Maler. Wenige Reste dieser vergäng licheren Kunst haben sich theilS auf kostbaren Gefäßen erhalten, theils findet man sie noch in Gräbern, in Ruinen; namentlich hat man sehr viele Fresken in Pompeji ansgegraben. Die Farben derselben sind wunderbar frisch; die Gemälde stellen meist heitere Scenen aus der römischen Mythologie, dem öffentlichen und häus lichen Leben dar und sind in Zeichnung, Kolorit und Gruppirung wahrhaft vollendet zu nennen. In ihren Mosaiken laus farbigen Steinen zusammengesetzten Gemälden) sind aber die Alten bis zum heutigen Tage unerreicht geblieben. Viel hielten die Alten auf kostbaren Schmuck aus geschnit tenen Steinen (Gemmen). Sie verstanden es meisterhaft, die här testen Edelsteine, Rubine, Smaragde, Chrysolite, Türkise, Onyxe u. s. w. zu schleifen und zu bearbeiten und schnitten viele Por- traitS mit großer Treue in dieselben. Eben so trefflich sind ihre Münzen geprägt. Durch Gemmen und Münzen gelangte man denn auch zu den Bildnissen der berühmtesten Fürsten des Alter- thumr, denn schon damals war es Sitte, das Brustbild oder den Kopf des Fürsten auf jene Münzen zu prägen, welche unter sei ner Regierung geschlagen wurden. Aber am großartigsten zeigte sich der Erfindungsgeist und die Kunstfertigkeit der Alten in ihren Bauten, welche gleichmäßig durch schöne Verhältnisse, durch geschmackvolle Verzierungen, wie durch kolossale Größe, alles Aehnliche, was in der neuen Zeit er richtet wurde, weit überragten.332 Die Akropolis von Athen. In vielen Dingen sind die Griechen die Lehrmeister der Völker geworden; was aber die Reinheit der Form und die dem Auge am wohlthnendstc Harmonie der Verhältnisse, sodann das Richtige und Naturgemäße derselben in aller und jeder Hinsicht betrifft, das hatte sie in ihrer Kunst auf das herrlichste zur Voll endung gebracht. Und darum bilden ihre Bauwerke noch heute das Vorbild zu dem, waS wahrhaft schön, edel und vollkom men ist. Bei Athen liegt eine felsige Anhöhe, welche schon zur Zeit der Pelasgcr befestigt und zu einer starken Burg gemacht worden war. Dieser mit starken unersteiglichen Mauern eingefaßte, oben ziemlich geräumige Fclseugipfel schloß einen später geweiheten Raum ein, der mit Tempel augefüllt wurde und mit den edel sten und erhabensten Erzeugnissen der Kunst prunkte. Da man nun hier außer den panathcnäischen auch religiöse Feste feierte und endlich sowohl den Staatsschatz, als auch die öffentlichen Archive aufbewahrte, so war die Akropolis nicht allein das religiöse, son dern auch das bürgerliche Heiligthnm von Athen. Die meisten von diesen prachtvollen mit den erhabensten Werken der Skulptur und Malerei geschmückten Tempeln sind in den Staub dahin gesunken; aber Pausanias hat uns eine Be schreibung derselben hinterlassen und da seine Schilderung mit den Resten, welche bis auf unsere Tage sich erhalten haben, so genau übereinstimmt, so fällt jeder Zweifel hinweg, daß er bei der Schil derung desjenigen, was jetzt nicht mehr besteht oder zu erkennen ist, auch nur im Mindesten übertrieben habe. Seine Beschreibung grenzt aber so sehr an das Wunderbare, daß man gezwungen ist, zu fragen, ob es möglich sei, daß so viel Schönheit und Pracht auf einen so kleinen Raum znsammengedrängt werden konnte. Die Akropolis enthielt nach ihm Tempel der Diana, Venus, Mi nerva Polias, des Erechthens und der Nike Apteros, das Par thenon und dann noch einen Tempel des Genius Spudäon. Von all diesen kostbaren Gebäuden ist leider nichts auf uns gekommen, als die Ruinen der Propyläen, des Parthenons, des Tempels der Minerva Polias und des Erechtheus und die Halle der Nymphe PandrosuS. So verstümmelt und zerfressen vom Zahne der Jahr tausende, welche über diesen Marmorresteu hingestreift sind, sich333 t icfc Monumente unseren Blicken darstellen dennoch haben sie noch des Erhabenen genug behalten, um uns.zu zeigen, was sie einst in der Zeit ihrer Vollkommenheit und ihres Glanzes gewe sen sind. Von der einige hundert Fuß tiefer liegenden Stadt führte eine höchst prachtvolle Strasse hinaus zur Akropolis und zunächst also zu ihrem Thor, welches man die Propyläen" nannte. Die Anlage dieses Thores besteht aus einem Mittelgebände, an wel ches sich zwei vorspringende Flügel lehnten, so daß sie mit dem Hauptgebäude drei Seiten eines Vierecks einschlossen. Von die sen Seiten stellte eigentlich nur die mittlere den Hanpteingang vor, durch dessen sechs Säulen fünf Eingänge gebildet wurden, durch welche man in das Innere der Akropolis gelangte. Die Evlonnadc zur Rechten schmückte der dorische Tempel der Nike Apteros, der Siegesgöttin und die gegcnüberstehende enthielt in einem der inneren Gemächer die berühmten Gemälde des Po- lygnotus. Jn s Innere der Akropolis durch das Thor eingetreten, er blickte man nun die majestätische mit 8 ungeheueren Marmorsäulen geschmückte Fronte des größten und schönsten Tempels von Grie chenland, des Parthenons oder der Minerva (Pallas Athene). Dieses erhabene Gebäude wurde 470 v. Ehr. von den Baumeistern Jktines und Kallikrates errichtet. Seine Länge beträgt 227 , die Breite 101 Fuß. Er ist ganz aus weißem kararischen Marmor errichtet, hat an der Fronte 8 sehr herrliche Säulen und je 17 ähnliche längs seiner beiden Seitenwände. Eine pracht volle Marmortreppe führte zu der Erhöhung, welcher das Ge bäude errichtet worden war. Jede Säule ist 35 Fuß hoch und 6 Fuß dick. Im Innern des Tempels trug die prachtvollen Decken eine doppelte Säulenreihe und die innerste freie Räumlichkeit war noch 62 Fuß breit und 98 Fuß lang. In diesem innersten Heilig thum stand die Bildsäule der Pallas Athene, welche von Griechen lands größtem Bildhauer, dem Phidias, ganz Gold und Elfenbein zusammengesetzt war. Außer seiner Figur deö Zeus, die er aus denselben kostbaren Stoffen verfertigte, gab es kein Werk der Plastik, welches an Schönheit und Erhabenheit diesen beiden gleich kam. Die Wände des Tempels waren außen und innen mit po-334 lirten Marmorplatten bekleidet, welche hräunlichroth waren und mit Marmorstreifen von graublauer Farbe wechselten und die Decke bestand aus ungeheueren mit herrlichen Gemälden verzierten sehr großen Steinen. Wohin man blickte, sah man blinkende Politur, Goldschmuck und edle Gemälde; das Ganze war so voll kommen schön und alles daran mit solchem Aufwand an kostbarem Materiale, an Schmuck von Skulptur und edlem Metall errichtet, daß es die laute Bewunderung jedes Beschauers erweckte. Und die Griechen waren feine Kunstkenner; sie erwuchsen im beständigen Anblick edler vom feinsten Geschmack zeugender und mit der richtigsten Kenntniß des wahrhaft Schönen und Na turgemäßen errichteter Werke. Wie sollten sie etwas bewundert haben, das nicht alles weit übertraf, was sie sonst irgendwo Schö nes gesehen hatte ? Bis zum Jahre 1683 hatte sich dieser nicht allein durch seine vollendete Schönheit, sondern auch durch Unverwüstlichkeit des Baumaterials und Festigkeit ausgezeichnete Tempel wohl er halten, da wurde Athen, in dessen Mauern eine türkische Be satzung lag, von den Venetianern belagert und die rohen Türken hatten im Tempel der Athene ihr Pulvermagazin errichtet. Eine Bombe fiel hinein, zündete und die Explosion des Pulvers sprengte die prachtvollen Decken, zerschmetterte die Wandverkleidungen und und viele innere Sänken und richtete unermeßlichen Schaden an dem herrlichen Gebäude an. Was aber die Türken und das Pul ver verschont hatten, das nahmen später die Engländer hinweg. Sie hoben die kostbaren Reliefs aus Marmor, welche die beiden Giebelfelder des Tempels schmückten und den um den ganzen Tem pel laufenden Marmorsries ab, lauter Bildwerke des Phidias, und brachten sie in das britische Museum nach London. Dort trauern jetzt diese Kunstwerke, welche theilS die Geburt der Pal las Athene, thcils ihren Streit mit Neptun wegen des Landes darstellen, und der Fries, dessen Länge mehr als 500 Fuß beträgt und auf dem die panathenäischen Spiele dargestellt sind. Der karge Raum zwingt uns, hier abzubrechen. Mögest Du, lieber Leser, aus dem Gesagten au^ die hehre Pracht der übrigen Gebäude schließen, welche wir oben nannten. Ihre Rui nen sind geplündert; die Habsucht namentlich vieler Englän der hat davon das Schönste, was noch übrig war, geraubt. So Lord Elgin, der aus dem Tempel der Nymphe Pandrosus335 fine der sechs Caryatiden oder Tragsäulen, welche die Gestalt von in schöngefaltete Gewänder gekleideter Frauen hatten, raubte und damit den Bestand des ganzen Gebäudes in Frage stellte. Man hat eine Stütze von Backsteinen an deren Stelle aufgemauert und an dieselbe geschrieben: Dies ist das Werk des Lord Elgin!" DaS Colosseum in Rom. Im Jahre 72 n. Chr. Geb. begann der Cäsar Bespasian das kolossale Amphitheater der Flavier, bekannter unter dem Namen Colosseum, zu bauen. Die Theater der Alten glichen den nnsrigen nur hinsicht lich des Zweckes; sie hatten aber keine Decken, sondern sowohl die Bühne, als auch die Sitzreihen der Zuschauer waren unbe deckt unter freiem Himmel. Je nach der Größe und Einwohner zahl der Städte, in denen man sie errichtete, waren also auch die Bühne und der Znschanerranm verschieden groß. Das eolos- salste von allen aber ist das gewesen, welches wir jetzt beschrei ben wollen. Der Ban wurde, wie bereits gesagt, von Bespasian be gonnen und von dessen Sohn Titus, (demselben, der Jerusalem eroberte und zerstörte) in wenigen Jahren vollendet. Der Grund riß dieses Gebäudes ist ellyptisch; die große Axe dieser Ellppse hat über 600 Fuß, die kleinste über 000 Fuß Länge. Acht zig kleine Bogenstellnngen führten zu zwei parallelen Galle rten im Erdgeschoß am äußeren , Umfange des Theaters und das Publikum gelangte durch 24 Gänge, welche zu den ersten Plätzen führten, in zwei andere eoneentrische Gallerieu, vorne zu denen des Podiums für die Senatoren, Vestalinen, Gesandten n. s. w. und zu der dahinterliegenden für die Ritter. Jene Plätze nahmen die ersten 12 Bankreihen, von unten her, ein, und die der Ritter die nächsten 17 Bankreihen. DaS Volk stieg zur drit ten Etage auf den zahlreichen Treppen, welche sich in den ver schiedenen Gallerten befanden und in die vierte oder oberste Etage gehörten die Freigelassenen und die Selaven und Diener. Diese Leute gelangten dahin auf besondern Nebentreppen über den Ge wölben der Gallerten des zweiten Ranges. In den Achsen waren breite Zugänge zu den ersten Plätzen und der Loge des Kaisers, Welche durch einen besondern Vorbau ausgezeichnet war. Diese ganzen Anlagen der Znschanersitze bildeten einen Ring von336 60 Fuß Dicke und gewährten Platz für sieben und achtzig tausend Menschen! Die im Innern sreigelasscne tief unterste von 19 Fuß hohen glatten Marmormauern eingefaßte Fläche war nun der eigentliche Schauplatz, auf dem Thierkämpse, Fechterspiele, Schaustücke verschiedener Art stattfanden. Unter der Regierung des Titus, 79 n. Ehr., fand nun auch jener verheerende Ausbruch des Vesuvs statt, welcher ganz Kampanien verwüstete und bei dem viele der dortigen Städte theilS durch Erdbeben zerstört, theilS durch Asche oder Lava ver schüttet wurden. Man versucht es schon seit mehr als achtzig Jahren, einige dieser alten Städte wieder auszugraben und hat das meiste in dieser Hiustcht in Pompeji und Herkulanum gethan. In der letzteren Stadt ist das eine schwere Sache, denn ein Lava strom hat sich über ergossen, das meiste ist also verbrannt und in die harte Lava muß förmlich bergmännisch Stollen um Stol len gebrochen werden, um von einem Gebäude zum andern zu ge langen. Doch hat eben die Lava die Gebäude mehr aufrecht er halten, als in Pompeji, das nur mit vulkanischer Asche bedeckt und deshalb leicht aufzugraben, dafür aber vom Erdbeben auch viel mehr zerstört ist. Hier in Pompeji hat mau also Gebäude Strassen und Plätze wieder ganz an das Tageslicht gebracht, und der Beschauer sieht sich mit Rührung und Staunen in das Innere einer antiken Stadt versetzt! Wenn man die Strassen durchwandert, so findet man sie meist sehr eng; in vielen konnte kein Wagen fahren. Dagegen sind sie sehr schön gepflastert und haben an den Seiten Trottoirs oder erhöhte Fußwege. An den Ecken stehen Rohrbrunnen. Eben so sorgfältig gepflastert und mit Fußwegen versehen sind die Stras sen außerhalb der Stadt, an denen die Familiengräber liegen. Die Stadt hatte eine Ringmauer, welche fest aus Quadern mit Thürmen, Schießscharten und Vorsprüngen erbaut war und eine dreifache Art der Vertheidigung zuließ. Ein Stadtthor, wel ches ganz ausgegraben ist, hat drei Eingänge, einen mittleren großen für das Fuhrwerk und zu dessen Seiten kleinere Pforten für die Fußgänger. Die Wohnhäuser sind theilweise znsammengebaut und haben gemeinsame Hauptmauern. Nachdem man in den Flur eintrat, kommt man in einen bald größeren bald kleineren Hosraum, welcher gewöhnlich mit Säulenhallen umgeben ist, um welche her337 die Gemächer, Zimmer und die Küche liegen, alles nicht groß, aber bequem, zierlich, mit Marmor- oder Mosaikfußböden belegt, die Wände und Säulen mit einem Anwnrfe von Kalk und Mar- morstanb, spiegelglatt mit einem al fresco gefärbten Anwurf, auf welchen dann die Gemälde in Leimfarben aufgetragen sind. Diese Gemälde zeigen eine unerschöpfliche Erflndungsgabe und Produk tivität; Alles ist mit lebhaften Farben und einfacher Beleuchtung, beiter und wohlgefällig, mit vielem Sinne für Harmonie der Far ben und architektonischen Totaleindruck angeordnet und ansgeführt. Die einzelnen Gebäude enthalten noch alles, was zum Ge- werböbetriebe, zur Bequemlichkeit, zum Haushalt und Haus- rathe der einstigen Besitzer gehörte. In zwei Bäckerhäusern, welche man räumte, fand man noch die Backöfen; in einer Schlos serwerkstätte säunntliches Arbeitszeug u. dergl. Der Hausrath der Alten, ihr Eß- und Trinkgeschirr, alles bewies Geschmack, Sinn für Schönheit, Zweckmäßigkeit und Bequemlichkeit und die Wiederaufftndung solcher Gegenstände hat in dem durch Nach äffung französischer Formen (Rococo) verdorbenen Geschmack des vorigen Jahrhunderts eine höchst nothwendige und wohlthnende Umwälzung hervorgebracht. Von den öffentlichen Gebäuden ist das Amphitheater das erhaltenste. Es mochte wohl 12000 Menschen fassen und glich in Anlage und Zweck dem oben beschriebenen großen Colosseum. Tempel gab es zu Pompeji in Menge; die meisten und schönsten finden sich auf dem Markte oder Forum. Der Tempel des Jupiter war unvollendet; 16 Jahre vor der gänzlichen Verschüttung von Pompeji war nämlich die Stadt durch ein furchtbares Erdbeben heimgesucht und zerstört worden. Wenn auch die meisten Privat gebäude bis zum Jahre 9 wieder hergestellt waren, so ging eS mit dem Wiederaufbau der öffentlichen desto langsamer. Außer dem finden sich nebst dem Tempel des Jupiter auf dem Forum oder in dessen Nähe noch sechs andere meist kleinere. Wir würden eines viel größeren Raumes bedürfen, als uns gestattet ist, wollten wir näher auf die Beschreibung dieser merk würdigen Reste des Alterthums eingehen. Es ist genug, wenn wir wiederholen, daß seit der Wiederauffindung dieser alten Städte der geschmacklose Styl, den die Franzosen aufbrachten und den man wegen seines häßlichen, geist- und sinnlosen Gcschnörkels den Zopf- sthl" nennt, verbannt wurde und daß man sich seit jener Zeit die 22338 reinen nnb edlen Formen des Alterthnmes wieder znm Muster ge nommen hat. Wohl findet sich in Pompeji von kunstmäßigem Ban wenig vor; die Mauern, selbst der größten Gebäude, sind meistens Bruchsteinen, seltener aus Backsteinen, nur wenige Qua dern errichtet; selbst die Säulen sind sehr oft aufgemauert; doch benutzte man dazu auch größere Blöcke von dem Kalksteine, den man in jener Gegend bricht. Marmor wurde blos zu Schwellen, Thür- verkleiduugen und Fußböden verwendet. Der Anwurf ist stets sehr sorgfältig gemacht und geglättet; die meisten Wände sind gemalt. Die Decken sind größtentheils Balkenwerk; Deckengemälde kommen selten vor. Von den verzierten Bauarten findet man nur wenige; Alles hielt sich mehr au das Einfache. Die Tempel ausgenommen, findet sich fast nur die dorische oder toseanische Säule. Die ein zigen Verzierungen, welche vorkomme , sind Bruchstücke von Mar- morpilasteru mit Pflanzengewinden und Insekten von wahrhaft wundervoller Arbeit. Der Standpunkt der Cultur, den die Menschheit zur Zeit der Geburt Jesu Christi erreicht hatte, war also ein solcher, wel cher dem glich, den wir heute erklommen haben und wir haben gehört und uns überzeugt, daß wir den Alten sogar noch in vie ler Hinsicht nachsteheu, und von ihnen lernen müssen. Nicht allein in Italien und Griechenland, nicht allein in Egypten, sondern auch in Indien und China war aber zu jener Zeit die Menschheit schon so weit fortgeschritten; das beweisen ihre Werke, die noch bestehen, oder von denen sich wenigstens bedeutende Reste erhalten haben; das beweiset die Geschichte der dortigen Einwohner, ihre Literatur, die Schriften ihrer denkenden Geister. Alle Mittel aber, durch welche der Mensch diese Fortschritte machte, setzen erfundene Künste voraus und so ergeben sich drei Haupt klassen der menschlichen Erfindungen: Künste des Bedürfuißes und der Noth und Wehr, der Bequemlichkeit und des Luxus. Die jetzige Vollkommenheit ist das Werk von Jahrtausenden; das Sprichwort: Nichts Neues unter der Sonne; alles schon einst dagewesen!" kann man auf die allermeisten Werke der Menschen anwenden und wir haben nur sehr wenig, auf welches dieses Sprichwort nicht paßt. Es ist aber eine interessante Bemerkung, welche das Alter thum im Vergleiche mit unserer Zeit darbietet. Damals wirkte der Mensch durch seine eigene Kraft, ohne die großen Hilfs-339 quellen zu kennen, welche die Natur ihm dargebotcn hätte. Seine körperliche Stärke und Gewandtheit, sein Fleiß und wenige gut benützte Wissenschaften dem Gebiete der Mathematik, und der Mechanik insbesondere, mußten seinem erfinderischen Geiste als Mittel dienen und durch Energie, Ausdauer und Benützung massenhafter Kräfte mußte er leisten, was wir jetzt durch physische und mechanische Mittel rasch und leicht zu Stande bringen. Um uns dem lieben Leser verständlich zu machen, wollen wir mir Eines anführen. Galt es, große schwere Lasten zur See svrt- zuschassen, so mußten ungeheuere Schiffe, wie heute auch, erbaut werden. Allerdings hatte man schon Segel; aber die Kcnntniß der Bemastung und Betakelung der Schiffe und die mathematische Berechnung des Winddruckes und seine Benützung zum Forttreiben von Schiffslasten war noch nicht so gereift, daß man dadurch der Ruder entbehren konnte. Es wurden also Massen von Menschen als Ruderer auf den großen Seeschiffen verwendet, oft 300 und Mehr. Welche Schmälerung des Raumes, welcher ungeheuere Be darf an süßem Wasser n d Proviant war die Folge dieser Unge heuern Mannschaft? Alles, was damals die Segel und jene Hunderte von Ruderern leisteten, das leistet jetzt eine Dampfmaschine von 14 20 Pferdekräften doppelt und zu ihrer Bedienung bedarf es blvs zweier Heitzcr und eines Maschinenwärters. Also wird jetzt Raum und Mannschaft erspart und das Ersparte kann zu anderen Zwecken verwendet werden. Zum Fortschaffen der Lasten von Lack- und Granitsteinen, welche zur Erbauung der Pyramide des Cheops nöthig waren, mußten 100,000 Menschen 10 Jahre lange arbeiten. Und es mußte deshalb eine Strasse errichtet werden, deren Bau allein 10 Jahre wegnahm. Hätte man in dem ebenen Sandboden Egyptens da mals eine Eisenbahn zu errichten verstanden, so würde deren Bau ( l 1 * Stunden Länge vom Nil bis an s Fundament der Pyramide) höchstens sechs Wochen erfordert und eine einzige Lokomotive würde alles Material zum Bau der Pyramide in 13 Wochen vom Ufer des Stromes bis an de Bauplatz gefördert haben. Wir wollen damit schließen und Deinem Nachdenken, ge liebter Leser, anheimstellen, noch mehr Vergleiche der alten Cultur Mit der unserer Zeit anznstellen. Sic werden stets zu Gunsten der unsrigen ansfallen, selbst wenn Du nichts Anderes dabei in Be tracht zögest, als das Materielle und rein Menschliche. Betrachtest 22 *340 Du aber die Lage des Menschen als Mensch; fassest Du seine Hilf losigkeit in geistiger Hinsicht, das Aeußerliche seiner Bildung, die Oberflächlichkeit ihrer ganzen Richtung, das Hohle seines Wesens und den Mangel an jedem höheren Halt und Ziele in das Auge; bedenkst Du, aus wie schwachen Füßen seine Hoffnung bezüglich deS einstigen Ausganges seines Seelenlebens stand, den er nur unbe stimmt ahnte und für den er das richtige Ziel nicht wußte dann wirst Du Dich ihm gegenüber selig preisen. Diesem Zustand hohler, dürftiger und haltloser Mensch lichkeit im Heidenthume setzte die Erscheinung des Heilandes ein Ziel und zwar, wie wir jetzt hinreichend gesehen haben, gerade zu jener Zeit, als der Mensch den Standpunkt erreicht hatte, wo er der möglichen Vollkommenheit nahe zu sein schien. Es zeigte sich diese Ueberreife der menschlichen Cnltnr im ganzen Wesen der damaligen Menschheit. Eine Klasse von Gelehrten, die Sophisten, bewies insbesondere durch ihre Alles zerfressende Philosophie, daß die Frucht reif war und zu faulen beginne. Nichts war so erhaben, so edel, so groß, daß sie eö nicht im Innersten zerfleischt hätten; kein frommer Glaube stand auf noch so festen Gründen der Ver nunft, sie hätten ihn nicht zur Thorheit gemacht und dadurch der geistig armen Menschheit ihren letzten, einzigen, kümmerlichen Trost geraubt. Da kam der Herr selbst zur Erde hernieder, um Sein Reich zu gründen. Das Alte, das Menschcnwerk, sank in den Staub und eine neue auf göttlichen Fundamenten stehende Weltbildung begann zu erwachsen. Diese neue Cultur unterscheidet sich auf das Wesentlichste von der alten; sie besteht, ohne daß durch sie dem Menschen das Höchste, die Freiheit seines Glaubens und Willens, entzogen oder vvrenthalten würde. In ihr steht das Individuum, die einzelne Person, unabhängig und mit dem Vorrechte, an allen geistigen Errungenschaften der Menschheit je nach Willen, Anlagen und Ausdauer freien Anthcil nehmen zu können. Kein Stand, keine Versagung irdischer Glücksgabeu, schließt auch nur einen Ein zigen in christlichen Landen davon aus; auch dem Aermsten dürfen die höchsten Gaben Gottes nicht vorenthalten werden und wo daö noch versucht wird, etwa gegen arme Sklaven, wie in den sich christlich nennenden, aber unchristlich handelnden südlichen Staaten der Union von Amerika, da ist der Geist des Herrn noch nicht Sieger über die Barbarei geworden, da sind die Christen nur Na menchristen, sie leben und handeln aber eigentlich als Barbaren.341 Was ist es dann aber, was die Cultur unserer Zeit so hoch hebt über jene des Alterthumes? Wir antworten, solgende fünf Grundsäulen des Christenthums und der Bildung: 1. Das Evangelium selbst; 2. das christliche Recht; 3. die umfassende Kenntniß der Erde und ihrer Erzeugnisse in Land und Meer; 4. die physischen und mathematischen Wissenschaften, 5. die großen Erfindungen der neuen Zeit, des Pulvers, des Typendrucks, des Dampfes und die Entdeckung und Benützung der magnetisch elektrischen Kräfte. Wir werden nun an diesen Satz anknüpfen und diese Grund säulen kurz an sich und hinsichtlich ihres Einflusses auf die Cul- tnr des heutigen menschlichen Geschlechts näher betrachten und so mit dem Schlüsse unseres Unterrichtes näher rücken. Wir rücken ihm mit Wehmnth und doch mit recht freudiger Hoffnung näher: mit Wehmnth in soferne, weil wir es betrauern müssen, aus dem überreichen Schatze der Wissenschaften für unsere Leser nur noch so wenig schöpfen zu können, mit recht freudiger Hoffnung aber in soferne, weil wir glauben, durch unseren Unterricht den Leser zum Selbstlernen, zum eifrigen Suchen und Streben nach immer größerer Veredelung seines Herzens und Geistes, nach immer höherer Erweiterung seiner Kenntniße, angcspvrnt zu haben. Gott der All gütige wolle uns und dem lieben Leser dazu Seinen Segen geben! Das Evangelium und daö christliche Recht. Das Evangelium ist eine frohe Botschaft und Kraft Gottes, selig zu machen Alle, die daran glauben. Zum Glauben aber gehöret dreierlei: die Wissenschaft, welche der Berufung entspringt und Christum erkennt als ihren Herrn; der Beifall, welcher die Frucht der Einsicht und des Verständnisses ist und Jesum mit Freuden seinen Herrn und Heiland nennt und endlich die Zuversicht, welche aus dem dcmüthigen Bekenntniß: Gott sei mir Sünder gnädig! erwächst und nicht zweifelt, sondern fest daran hält, daß Gott der Barmherzige nicht allein durch Christi Verdienst helfen wollte, son dern auch wirklich und gewißlich helfen kann und wird. Und so entspringt denn aus der Wissenschaft durch die Kraft des heiligen Geistes das Licht, aus dem Beifalle die Lust zum Guten und aus der Zuversicht die Kraft des Menschen, Gottes Willen zu thun und als ein Christ zu leben und zu sterben und es wird aus dem alten Menschen ein neuer Meusch, der in rechtschaffener Ge-342 rechtigkeit und Heiligkeit vor Gott wandelt und ewiglich lebet. Das ist das Evangelium und die Frncht desselben. Im Evangelium aber erwuchs das christliche Recht. Was hat man nun unter Recht über haupt und unter christlichem Rechte insbesondere zu verstehen und in wieferne ist das Recht ein wesentlicher Thcil der christlichen Cultur? Das Recht ist der Inbegriff aller derjenigen vernünftigen Ansprüche, welche wir an unsere Mitmenschen zu machen haben, und zugleich auch der Inbegriff aller Pflichten und Verbindlichkeiten, welche wir Menschen auf der Erde gegen einander zu beobachten schuldig sind. Die Wohlfahrt des ganzen Menschengeschlechtes be ruht auf diesem Rechte, der genauen Erfüllung aller Pflich ten von Seite des Einzelnen gegen Alle, von Seiten Aller gegen den Einzelnen. Die Pflichten des Einzelnen gegen Alle sind enthalten in den zehn Geboten und in der weiteren Ausführung dieses gött lichen Grundgesetzes nach den besonderen Bedürfnissen des Staates und Volkes, dem der Einzelne angehört. Es ist also die Pflicht des Einzelnen, alle Gesetze seines Volkes und Vaterlandes zu achten und so viel ihm obliegt, zu erfüllen. Dafür hat er auch Rechte und diese bestehen darin: er hat das Recht, sich, wenn er dazu befähigt ist, um jeden Staatsdienst in religiöser, bürgerlicher und militärischer Hinsicht zu bewerben, der in seinem Vatcrlande zur Erledigung kommt. Er hat das Recht, zu verlangen, daß seine Person und sein Eigenthnm vom Staate geschützt werde. Er kann also nicht verhaftet werden, als allein in den vom Gesetze bestimm ten Fällen und nach gesetzlicher Vorschrift; er darf seinem ordent lichen Richter nicht entzogen werden; er kann nicht verurtheilt wer den, ohne daß er zuerst gesetzlich verhört, überwiesen worden ist. Er ist frei, das heißt: er kann nach vorgängiger Anzeige bei der Regierung in ein anderes Land übersiedeln, wenn er dort hofft, besser und leichter sei Brvd erwerben zu können, als in seinem Vaterlande; er kann sein Eigenthum genießen, wie und wo er will und darüber nach seinem Gefallen verfügen. Er kann sich frei zu seinem Glauben bekennen und Niemand darf ihn in der Ausübung seiner Religion hindern oder stören. Alle diese Rechte können frei ausgeübt werden, so lange und so weit, als dadurch nicht die be stehende Ordnung im Staate gestört oder die Rechte Anderer be einträchtigt und gekränkt werden und es kommt dabei nicht im Mindesten in Betracht, ob Jemand arm oder reich, vornehm oder343 geringen Standes fei. Vor dem Gesetze ist Einer wie der Andere ganz gleich. Dafür nun, daß diese Rechte des Einzelnen, wie überhaupt die Rechte Aller, nngekränkt, nngcmindert und unverkürzt aufrecht und in Kraft erhalten werden, sorgt der Staat. Was ist der Staat? Der Staat ist eine Vereinigung vieler Menschen (in der Regel eines Stammes und von einerlei Sprache, Sitte und Religion) um unter der Regierung eines Oberhauptes nach bestimmten für Alle gleichmäßig geltenden Ge setzen zu leben und ihre gemeinsame und persönliche Wohlfahrt zu erreichen. Wie entstand der Staat? . Er entstand dem von Allen, zu aller Zeit und unter allen Verhältnißen tief empfundenen Bedürfniß menschlicher Ord nung, um leben zu können, wie es die Existenz jedes Menschen nöthig macht. Der Staat hat zwei Grundsäule : die Familie und die Gemeinde. Die Familie hat ein Oberhaupt, den Versorger und Ernährer Aller, den Vater. Sei Wille ist die Richtschnur für die Mut ter, Kinder und das Hausgesinde. Er wird, wenn er ein guter wohlwollender Vater ist, nur redlich das Beste aller Seinigen erstreben und darum müssen ihm auch Alle gerne und willig ge horchen. Die Gemeinde ist eine größere oder geringere Anzahl von nahe bei einander wohnenden Familien, die sich zur Bestreitung ihrer gemeinsamen Bedürfniße mit nachbarlicher HilfZbereitwillig- keit, zur Hilfe in Gefahr und Roth nach bester menschlicher Kraft, vereinigt haben und zur schnellen Beseitigung von Mißständen, Zwistigkeiten und Gefahren einander Beistand leisten. Auch die Gemeinden müssen deshalb eine Obrigkeit haben, die man je nach ihrer Größe Rath oder Gemeinderath nennt. In Städten ist der Vorstand des Rathes der Bürgermeister; in Landge meinden der Schulze oder Gemeindevorsteher. Der Staat ist die Vereinigung aller Gemeinden (in großen Staaten nach Provinzen) unter der gemeinsamen Regierung eines Fürsten und seiner Beamten (Minister, Statthalter, Präsidenten, Regierungsdirektoren, Räthe, Assessoren u. s. w.344 Was ist nun christliches Recht? Stehen alle Gesetze im Staate mit dem Geiste der Religion Jesu Christi im Einklänge, üben König und Obrigkeit ihre Macht im christlichen Sinne und in christlicher Weise ans, lebt und hält sich jeder Nuterthan an seinen Fürsten und die Landesgesetze so treu, wie es Gott will und gleicht somit das ganze Wesen des Staates in Fürst und Unterthanen dem einer christlichen Familie, wo der Herr des Hauses als Vater geliebt und geehrt wird und den Seinen mit Weisheit und christlichem Vorbild als milder, aber fester und strenge Ordnung haltender Regierer versteht und doch Alle mit herzlicher Liebe umschließt und nur ihr Bestes will und fördert; so ist der Staat ein Staat, in dem christliches Recht besteht. Nur unter der wohlwollenden, weisen und starken Herrschaft eines Vaters kann die Familie gedeihen; ebenso nur allein unter der wohlwollenden weisen und starken Regierung eines Herrschers die Gemeinden und somit der Staat. Je stärker die Regierung, je mächtiger der Fürst ist, desto mehr Mittel hat er, sein Volk glücklicher machen, desto bessere Einrichtungen zu dessen Schutz und Wohlfahrt ist er zu treffen im Stande, desto mehr kann er für jene Anstalten thun, in welchen Alle die Mittel finden, fich nützliche Kcnntniße und damit einen Schatz erwerben, der ihnen zur Erringung eines gesicherten und hinreichenden Auskommens behilflich und unumgänglich nothwen- dig ist. Darum gebietet also schon der Vorthcil jedem Einzel nen, fich als die Stütze seiner Regierung betrachten und zu ihrer Stärkung willig und gerne alles beizutragen, was von ihm nach einer billigen Verthciluug der öffentlichen Lasten gefordert werden muß, um das Ganze davon erhalten zu können. Das Gedeihen des Staates beruht auf dem vernünf tigen Fortschritt und unter diesem Ausdrucke versteht man zweierlei: erstens die Erhaltung aller derjenigen Einrichtungen und Anstalten, welche fich sowohl dem Gedeihen des ganzen Staates, als auch dem der einzelnen Glieder und Theile desselben, wahrhaft ersprießlich und nützlich bewiesen und demnach als vollkommen zweckmäßig bewährt haben; zweitens die beständige Aufbesserung und Fortbildung aller Einrichtungen und öffentlichen Anstalten nach den eigenen oder anderwärts gemachten Erfahrungen, die rasche Einführung alles desjenigen, was sich in anderen christlichen345 Staaten als nützlich zweckmäßig bereits bewährt hat, wenn es für das eigene Vaterland paßt, und die beständige Aufmunterung und Unterstützung aller Beamten und Bürger zur Erfindung neuer oder zur Einführung anderwärts erfundener Einrichtungen, Anstal ten, Fabriken, Gewerbe oder sonstiger Theile der Wissenschaft, In dustrie und Handelsgegenstände. Hiezu ist es nothwendig und unerläßlich, daß der Staat die Wissenschaften hege, Pflege und ihre Träger, die Gelehrten, unter stütze, und daß er die Ergebniße der Wissenschaften durch einen guten Volksuuterricht zum Gemeingut aller seiner Bürger mache, damit nicht allein diese für sich, sondern auch der Gesammtstaat durch sie wieder Nutzen davon ziehen. Das kann aber nur geschehen, wenn der Staat dem Handel und Verkehr durch Schiffbarmachung der Flüsse und Ströme, durch Anlegung guter und sicherer Hafen an den Meeren, durch Er bauung von Kanälen, Eisenbahnen und Strassen in allen Theilen des Landes und durch Handelsverträge mit fremden Nationen, endlich durch Befreiung des Handels und der Gewerbe von allem deren Aufblühen hinderlichen Zwang oder unnöthigen Beschrän kungen recht förderlich unter die Arme greift. Denn wie im menschlichen Körper das Blut die ernährende Quelle aller Theile, so sind es im Staate die Gewerbe und der Ackerbau; und wie im Leib des Menschen die Nerven das Anregende und Belebende, so ist der Handel der Nerv der Völker. Indem wir mit diesen wenigen Worten den allgemeinsten Inbegriff der beiden ersten und wichtigsten, göttlichen und mensch lichen Einrichtungen zum Gedeihen der menschlichen Wohlfahrt auf der Erde dargestellt haben, überlassen wir es Dir, liebster Leser, darüber weitere und bessere Belehrung durch Lesen in guten Büchern und eigenes Nachdenken zu suchen und gehen zur dritten Grund säule der heutigen Cultur der Menschheit über, zur Kenntniß der Erde und ihrer Erzeugnisse in Land und Meer. Die Begriffe der Alten von der Erde als Himmelskörper und von ihrer Gestalt und Größe sind kindlich gewesen. Sie ahn ten nichts von den richtigen Bewegungen der Planeten um die Sonne; die großen Gesetze der Attraction und Schwere, welche346 wir im ersten Theile unseres Lesebuches, Seite 3 u. ff., kennen gelernt haben, lagen ihrer Ahnung ferne und selbst ihre größten Denker, Aristoteles und Andere, wußten davon vielleicht weniger, als jetzt ein mancher Schulknabe weiß. Wir übergehen hier das, was wir bereits im ersten Theile unseres Unterrichts über die wahr scheinliche Bildung der Sonnen und Planeten gesagt haben und was in den Worten der heil. Schrift so übereinstimmend mit den neuesten Forschungen und Erfahrungen der Gelehrten gefunden wird und betrachten zuerst unsere Erde als Himmelskörper und ihre Stellung zu de anderen Gestirnen. Die. Erde schwingt sich in einer schieflicgenden Bahn, einer Ellipse, binnen 365 Tagen um die Sonne; bewegt sich aber binnen 24 Stunden einmal um sich selbst. Aus der Bewegung der Erde um die Sonne und den verschiedenen Lagen und Stellungen, die sich in Folge dieser schiefen Bahn (Ekliptik) um die Sonne nothwendig für die Erde ergeben, welche in Folge eines noch unerforschten Gesetzes ihren Pol beständig gegen Nor den richtet, entspringt auf der Erde der Unterschied der Jahres zeiten. Eö ist ganz natürlich, daß bei uns im Winter die Kälte größer, als die von der Sonne erzeugte Wärme sei muß. Denn wenn die Sonne täglich nur 8 Stunden; lange scheint, so kann sich unmöglich so viele Wärme entwickeln, als wenn sie, wie im Sommer, täglich 16 Stunden lange ihre Strahlen spendet. Und wenn Mittags so hoch am Himmel steht, wie im Sommer, so dringen ihre Strahlen in die engsten Strassen und Höfe, in die schmälsten Thäler der Gebirge, in die Tiefen der Wälder; es gibt wenigen, oder fast gar keinen Schatte , sondern überall Sonnenschein und Wärme. Dagegen im Winter fallen die Strahlen der Sonne so schief auf die Gegenden der Erde, welche wir bewohnen und be leuchten und erwärmen so wenige Theile der Erde, daß ihre noch dazu sehr kurze Wirksamkeit im Zusammenhalte mit ihrer großen Wirksamkeit im Sommer in großem Mißverhältniß steht. Anders ist das am und in der Nähe des Aequators und wieder anders an den Polen. Da die Erde mit dem Nordpol be ständig nach Norden sich richtet, die Sonne aber als Fixstern ihre Stellung nie verläßt, so ist es natürlich, daß eine Gegend der Erde jahraus jahrein von den Sonnenstrahlen täglich gleich lang (12 Stunden mit einem nur geringen Unterschied) beschienen wer den muß und daß ihre Strahlen täglich einmal senkrecht (also ganz347 schattenlos) diese Gegenden beleuchten. Daher dort die große Wärme der Erde. An den Polen ist es umgekehrt. Steht die Erde z. B. süd lich von der Sonne (und an diesem Theile ihrer Bahn ist die Sommerzeit bei uns auf der nördlichen Erdhälfte), so werden der Nordpol der Erde und die ihm nahe liegenden Länder und Meere Jahr lang beleuchtet und es wird dort V Jahr lang (am Pole selbst nämlich) gar nicht Nacht. Wohl fallen die Sonnen strahlen noch immer sehr schief auf den Pol; aber dennoch erzeugen sie dort eine kurze tropische Wärme. Seltsam genug ist unter dieser warmen Erdoberfläche ewiges Eis; in Sibirien thant, wie wir wissen, der Boden doch nicht dadurch ganz und die Mosquitos der heißen Zone schwärmen über ewigen Gletschern, von denen ganze Bäche Eiswasser, das die Wärme anfthant, in Wasserfällen stürzen, über Gletschern, deren ungeheure Massen aber trotzdem nicht vernichtet werden können. Am Südpol, wo es, wie wir gleich weiter unten sehen wer den, viel kälter ist, als am Nordpol, und zwar Gründen, die wir erwähnen werden, ist es, gerade umgekehrt, zu derselben Zeit ein halbes Jahr lang Nacht und alles im furchtbarsten Frost zu Eis erstarrt. Ein halbes Jahr später hat durch den Lauf der Erde der Südpol mit dem Nordpol gewechselt und es ist dann am Nord pol Nacht und Winter, wie der ganzen nördlichen Erdhälfte. Am glücklichsten leben wir in unserer gemäßigten Zone. Der Wechsel der Jahreszeiten ist von unendlichem Reiz. Wie schön ist das Erwachen der Natur nach dem Winter; wie mild, wie würzig weht die Frühlingslust! Welch einen unaussprechlichen Reiz hat eine mondhelle Sommernacht, welche sanfte Zcphire kühlen, auf deren Schwingen Rosen- und Lilicndnft herbeigetragen werden! Und vollends unser Herbst: ist das nicht die lieblichste aller Jahreszei ten mit ihren milden sonnenhellen Tagen, dem Reichthum ihrer reifen Früchte und der Pracht ihrer malerisch gefärbten Wälder? Und wenn auch der lange Winter uns nicht Kälte brächte, kurze Tage, lange schaurige Nächte würden wir uns dann so innig des süßen holden Lenzes freuen können? Hören wir, was ein Reisender, Herr Rüssel, über den Sommer Ostindiens 1858 schreibt: Ich gelangte nach Kalkutta im September und meinte oft zu sterben vor Omal. Des Nachts hatten wir 40 45 R. Hitze und der Tag brachte uns stets die verzehrende Gluth eines Back-348 ofens. Die Gegend bietet einen traurigen Anblick dar, den einer dürren Wüste, in der sich Kameele und Menschen mühselig und der Qual erliegend Hinschleppen. Die Gesellschaft in den Städten bie tet den Anblick eines Lazarethes dar lauter sieche, verbrannte, vom Fieber entnervte Gestalten, welche klagen und den Eintritt der Regenzeit vom Himmel erflehen. Man tröstete mich mit der Hoffnung auf den Winter; das sollte Indiens paradiesische Jahres zeit sein. Aber seine Annehmlichkeiten sind von unseren im Som mer von Hitze und Lebcrverhärtnngen gar zu arg mitgenommenen Landsleuten (den Engländer ) gewaltig übertrieben worden. Des Morgens haben wir allerdings eine frische, angenehme, zuweilen sogar frostige Luft, von Sonnenaufgang bis gegen 9 Uhr. Dann aber ist s doch gewöhnlich für Fußparthien, ja selbst zum Ausreiten, zu heiß. Mein Thermometer stand noch vor wenigen Tagen in Allahabad um 2 Uhr Mittags auf 42 R., doch läßt sich s wenig stens im Zelte angenehm leben. Nach lO Uhr springt gewöhnlich ein frischer Wind auf und mit diesem der alles durchdringende feine Staub, der in wenig Minuten uns und Alles, was wir besitzen, in sehr unangenehmer Weise bepudert. Das hält bis am Abend an, dann erfreuen wir uns wieder einiger angenehmen Stunden. Wie eine polirte rothe Kupferscheibe versinkt die Sonne in der am Horizonte aufgethürmten, aus Ranch und Dunst geformten Wolkenmauer, und kaum ist sie verschwunden, hat auch die Nacht schon das kurze Zwielicht verdrängt. Um diese Abendstunden zu genießen, müßte man meilenweit vor das Lager hiuausreiten, denn über die sem schwebt ewig eine düstere schwere Rauch- und Staubwolke, die den Himmel nicht durchschauen läßt. Und auch rings herum, wo der Himmel wieder blaut, sieht s noch öde und wüst aus, denn die Felder sind unter den Hufen der vielen Lastthiere in eine einför mige Staubmasse verwandelt, aus der jedoch einzelne Bäume und Gebüsche in ihrer vollen Ueppigkeit auftauchen und Zeugniß able- gcn für die Fruchtbarkeit des Bodens, den wir zertreten. Wo dies nicht geschehen ist, wächst grobkörniges Getreide, die Halme stehen 5 8 Fuß hoch und so dicht aneinander, daß Infanterie sehr schwer, Kavallerie gar nicht hindurch kann. Die einzelnen Felder sind durch eine rohe Backsteinmauer, die nur wenige Zoll hoch ist, ein gefriedet und auf jedem reifenden Felde befindet ftch eine gemauerte Erhöhung, darauf sitzt den ganzen Tag ein Mann oder ein Knabe, um die Vögel durch Schreien oder Steinwürfe zu verscheuche .Die Halme sind Prächtig grün und wunderbar ist es, wie sie aus dem Sande herausschießen, denn von schwarzer Erde ist keine Spur zu sehen." Nachdem wir nun einige Worte über das Klima unter dem Aequator gehört baben, dürfte es unseren Lesern von Interesse sein, auch einen flüchtigen Blick in einen Sommcrtag zunächst des Süd- poles zu werfen. Aus leicht erklärlichen Ursachen ist es dort wo Möglich noch viel kälter als am Nordpol, den rings ungeheuere Erdtheile umgeben. Land macht warm, Wasser begün stigt dagegen die Kälte. Im Jahre 1842 fuhr Capitäu Roß s südliche Eismeer, um daselbst Entdeckungen und Beobachtungen zu machen. Er fand, obwohl es zu der Zeit, wo er sich mit sei- uen beiden Schiffen Terror und Erebus dahin begab, Sommer war, das Meer mit kolossalen Eisbergen und Eisschollen besäet und als er unter hundertfacher Gefahr, in diesen Eismassen zu Grund zu gehen, an ihnen zu scheitern oder von ihnen zerquescht, zerschmet tert zu werden, endlich bis an den 76 südl. Breite gekommen war, entdeckte er eine ungeheuere feststehende Eisbank, die das Wei- terschiffcn unmöglich machte. Der merkwürdige Eiswall, von dem hier die Rede ist, hatte mehrere tausend Fuß Dicke, warf die bran denden Wogen zurück und spottete ihrer Wuth. Er bot eine ge waltige wunderbare Erscheinung dar und übertraf alles, was man sich denken oder träumen kann. 250 Meilen weit schiffte Roß mit den Seinen an seiner stets gleich hohen und festen Brüstung hin, bis mau endlich eine Bucht in demselben fand. Da unmittelbar am Fuße der Mauer auch in dieser einzigen Bucht noch offenes Wasser zu sehen war, so sollte die günstige Gelegenheit, dieses Wunderwerk in möglichster Nähe zu betrachten, benutzt werden. Die Seefahrer steuerten die Mauer zu und befanden sich bald in ziemlich ruhigem Wasser, kaum 000 Fuß weit von ihrem Fuße. Der Eiswall wurde nun gemessen; er. war 170 180 Fuß hoch Und hier hatte man zum ersten Male Gelegenheit, von der äußer sten Spitze des Mastes die obere Fläche der Eismauer zu über blicken. Sie war fast ganz ununterbrochen gerade und glich einer Ebene von getriebenem Silber. Die beinahe senkrecht scheinenden Wände waren, in solcher Nähe betrachtet, keineswegs ganz gerade, sonder hatten Neigungen nach allen Richtungen hin; wo sie über hingen, hielten sie kolossale Eiszapfen, groß genug, um, wenn sie auf das Verdeck gefallen wären, dasselbe zu durchbrechen, wie eine350 Bombe. Es thaute also hier doch zuweilen, was sonst schwer zu glauben gewesen wäre, da die Temperatur der Luft (es war im Februar, also im höchsten Sommer des Südens) nur 11 0 unter dem Gefrierpunkte hatte und selbst Mittags noch 10 Grad Kälte herrschte. Da man an demselben Tage das Schiff am Bug von dem Eise reinigte, welches sich dort ansetzte, fand man einen Fisch dort im Eise eingeschlossen, derselbe war offenbar von einer Welle ge gen das Eis an dem Schiffe geschlendert worden und dort, noch ehe er davon herabfallcn konnte, angefrvren. Nichts charakteristrt die furchtbare Kälte besser, als dieser seltene Fund. Und das ist der südpolarische Sommer! Wie mag es da erst im Winter sein! Und dennoch ist die Natur an den Polen nicht ohne Leben. Am Lande blühen im kurzen polarischen Sommer in geschützten dem Sonnenstrahl ausgesctzten Stellen tausend liebliche Blümchen auf, zwar alle nur den Alpcnblümlein ähnlich, die auch aus der Erde mitten in den Gletschern sprossen, aber feurig gefärbt, schön geformt, frisch duftend. Da hält dann das genügsame Rennthicr, welches im Winter tief dem Schnee sein Futter, das islän dische und Rennthiermoos, scharren muß, seinen Lenzschmauß. In sekten schwirren herum, selbst einige nicht unschön gefärbte Schmet terlinge irren von Blüthe zu Blüthe, das kurze Leben genießend. Oben in der frischen duftigen Luft ziehen Schwäne, wilde Gänse, Enten, es kreiset der weißköpfige Adler, der scharfäugige Falke in jäher Höhe; es ziehen in großen Schaaren Eidergänse, Sturmvögel, Seeraben und fette Pinguine durch die klaren Gewässer und um die Gletscher schreitet mit stechendem Blick der entsetzliche weiße Riesenbär und der gräuliche Vielfraß. Gesellig folgen sich in langen Schlittenreihcn die Lappen, von Rcnnthieren hier, dort von Hun den gezogen, längs den grünen Streifen, welche die Eis- und Schneegefilde dnrchweben, wie Blumengewinde die silbernen Spie gel kostbarer Geschirre. Und in der Sec zieht in langen Zügen die stumme Schaar der Fische und der riesige Wall reibt vergnügt die glatte feste Haut an der Brüstung des schaumumgürteten Eis berges. Anders freilich gestaltet sich die Natur in den Tropen. Das Schiff nahet den ostindischen Inseln, jenen reichen Gefilden, in denen die Schöpfung ihre köstlichsten Gaben entfaltet, und welche die feuchte Atmosphäre der großen sie umfluthenden Meere be-351 ständig so reichlich tränkt, daß selbst die furchtbarste Glnth der Sonne sie nicht auszudörren vermag, wie das ansgedehnte tropische Kontinent. Da spielen in der schillernden Flnth die seltsam ge formten Fische jener Zone, in allen Farben des Regenbogens irisi- rend; da bläht die wnndergestaltige Meduse ihr rosenfarbiges klei nes Segel, es begleiten das Schiff mnnterc Delphine, es erheben sich mit klatschendem Geflatter zahlreiche Schaaren fliegender, vom grimmigen Hai, von gefräßigen Doraden verfolgter Fische; es er scheinen gespenstisch die gräulichen Gestalten der Hammer-, Säge- Schwertfische; ziehen in der Luft die Riesenvögel jener Meere, die Albatrose, stundenlang mit regungslos ansgebreiteten Flügeln, wie Luftgespenster sich wiegend auf den Wogen weicher Winde. Und wenn dann die Nacht sich hcrniedersenkt, glüht der dunkeln Welle ein zauberisches Leuchten auf; der Ozean scheint blau zu glühen) er phosphorescirt und schimmernde Blitze kreuzen nach alle Richtungen durch die magisch erhellten Tiefen. Dann springt der Wind um und weht vom Lande her ein Meer der reizendsten und kraftvollsten Wohlgerüchc, in dem der zarteste Sinn des nach Ruhe am Lande schmachtenden Seefahrers schwelgt. Das sind die Blüthendüfte der gewürzhaften balsamischen Wälder der Molukken, die der Reisende lange vorher athmet, ehe noch das niedere Land dem wogenden Gürtel des Ozeans vor seinen Blicken anftancht. Endlich erscheinen sie selbst, diese Perlen des Ozeans, die pa radiesischen Inseln. Ihr frisches Grün steigt bis zur Brandung der See herab; ihre Berge sind von dunkeln majestätischen Wal dungen umgürtet. Palmen wiegen ihre buschigen Wipfel in der weichen Luft; um riesige Stämme ranken sich zauberisch die Lianen und die seltsam geformten Parasiten jener reichen Länder; brennend rvthe, gelbe, blaue, violette Blumen von seltsamer Form und mon ströser Größe winken dem entzückten Fremdling entgegen; auf den Fluren blüht die wnndergestaltigste Flora; erfüllt die Lust mit tausendfachem mitunter so überstarkem Wohlgeruch, daß ein zu langer Genuß desselben den Tod bringen kann. Auf den Feldern reifen, blühen, sprossen nebeneinander ein ewiger Herbst, Som- wer und Frühling die Saaten des Reises, der Bataten; es steigt der kolossale Strunk der Banane, eines riesigen Krautes, aus dem feuchten Boden auf und bietet die ccntnerschweren Frucht- düschel und in den grünen mit glänzendem lederartigen Laub ge-352 schmückten Gipfeln der Rambustan", Mangostan, Jak- und anderer lieblicher Fruchtbänme glühen die prachtvollen Leckerbissen, welche jene Zonen an Obst erzeugen. Auf weiten Felder reifen die Pfeffertrauben, es glänzen röthlich die Beeren zahlloser Kaffee- bäume; in den feuchten Niederungen rauschen die schilfartigcn Zuckerrohre, duftet der kraftvolle Ingwer, der Zimmtbaum. Aber eingesriedet, um sie vor den zerstörenden Zähnen zahlreicher Nage- thiere, sowie des lüsternen Hansviehcs zu schützen, gedeihen die hochstämmigen edelsten Gewürzbäume der Erde, der prächtige mit blutrothen Nelken übcrsäete Nelkenbaum und der noch schönere kampferdirftcnde Baum, welcher die Muskatnüsse trägt. Das ist die lebende Natur. Nun erst die lebendige, von der sie erregt wird! das Heer prachtvollgefärbter Schmetterlinge, köst lich gefiederter Vögel, welches durch die Wipfel schwirrt und flat tert, die schillernden Schlangen und andere Reptilien, welche in den dichtbewachsencn Niederungen kriechen, die merkwürdigen Ru del zierlicher Antelopen und anderer unschädlicher Quadrupeden auf den einsamen Flnrabhängen und Waldstellen. Aber auch die grimmigen Räuber, die Löwen, Tiger, Leoparden, Panther, die furchtbaren Kaimane in den Sümpfen und Strömen, die gräßlichen Riesenschlangen in den verworrenen Dickichten! Und endlich die furchtbarste Qual der heißen Zone, welche dem Menschen jeden Genuß vergällt, das unermeßliche gierige Heer giftiger Mosquitos, die Plage einer zahllosen Menge unansrott- und unvertilgbaren Ungeziefers, das oft so überhand nimmt, daß eS den Menschen zwingt, seine Wohnungen ganz zu verlassen! Das sind klimatische Bilder, welche Dich, geliebter Leser, zum Vergleiche anspornen sollen, welche Zone die glücklichste ist, dieje nige, in der Deine liebe Heimath liegt, oder jene der arktischen oder der Tropengcgenden? Wir zweifeln nicht, wie Du Dich entscheidest. Es wird Dir gehen, wie dem Beter im Evangelium; Du wirst sagen: Arinuth und Reichthum gib mir nicht! und Du wirst Dein schönes Vaterland durch den Vergleich mit der Armuth der Pole und dem Reichthum des heißen Erdgürtels nur um so lieber gewinnen. Aber nun, nachdem wir einen Gesammtüberblick über den Erd ball geworfen haben, laß uns in s Einzelne gehen und zuerst das Meer und sodann das Land an sich einer näheren Betrachtung unterwerfen.353 Der Ozean. Einst war, wie wir wissen, die ganze Erde mit Meer bedeckt. Aber auf Gottes Befehl trat der Grund der See stellenweise her vor aus dem Meere und dieses Trockene bildet nun die Conti- nente und zahllosen Inseln, welche aus dem Ozean hervorragen. Der Ozean gewährt eine majestätische Ansicht. Selbst wenn im Sturm die schaumbekränzten Wogen über den schwarzen Ab grund daher rauschen und die größten Schiffe gleich leichten Spiel bällen bald steigend, bald sinkend, umher schleudern und mit dem Untergange bedrohen; oder wenn sie über die Küsten braußcnd sich herwälzen, daran sich brechen und zerstieben, stellt er uns zwar ein graußenerregendes, doch erhabenes Schauspiel von Kraft und Größe dar. Lieblich erscheint die grünlich schillernde Silberfluth, wenn ein leiser Wind sie sanftwallend bewegt und tausend zitternde Wellen das Farbenspiel des Himmels zurückstrahlen. Am reizendsten ist ihr Anblick bei m Auf- und Untergange der Sonne. Ein blendender Feuerstrom glänzt auf dem Wasserspiegel bis an den äußersten Rand des vom Tagesgestirne berührten Horizonts. Läßt man längs dieser Flammenbahn eine Kanonenkugel hinrikochettiren, so steigt bei jedem Aufschläge eine glanzvolle Wassergarbe hoch in die Luft empor." Das Meer nimmt drei Viertel von der Oberfläche der Erde ein; es umspielt das Land von allen Seiten und arbeitet unab lässig an der Zerstörung der Ufer, Gestade und selbst der Felsen küsten, wie eben das Wasser überhaupt von Anfang an auf der ur sprünglich glühenden Erdoberfläche jene furchtbaren Revolutionen hervorgebracht hat, welche noch überall so deutlich sichtbar sind. Das Meer ist nirgends unergründlich tief; man hat Stellen gefunden und gemessen, wo die See eine Tiefe von 20 24,000 Schuh hat. Trotz dieser Ungeheuern Tiefe hat man in neuester Zeit doch einen Telegraphendraht von Europa bis nach Nord amerika quer durch den atlantischen Ozean gelegt; der Telegraph ist eine kurze Zeit hindurch zu gegenseitigen Begrüßungen und Glückwünschen zwischen den Regierungen von England und jener der vereinigten Staaten benützt worden; dann aber gab er keine Ströme mehr und bis heute hat man nicht zu erforschen vermocht, ob der Drath zerriß, oder welche Ursache sonst das Ende des Te- legraphirens zwischen den beiden Erdthcilen so schnell herbeiführte. 23354 Der Draht aber liegt an den tiefsten Stellen wohl 20,000 Schuh unter der Oberfläche der See. Der Boden des Meeres ist nichts anderes als Land, welches aber so tief liegt, daß es noch vom Wasser bedeckt wird. Er zeigt auch ganz dieselbe Gestalt, wie das Land überall; es gibt unter dem Wasser so gut Berge, Thäler, Ebenen, weite Lehm- und Sand lager u. bergt., wie auf dem Lande. Das Meer hat seine Ur-, Tertiär, Seknndärgebirge und sein angeschwemmtes Land eben so gut, als wir diese Formationen der Gesteine und des Bodens am Lande finden. Es gibt sogar heiße Quellen am Meeresgründe, Quellen vom besten süßen Wasser mitten im Meere und wenn man die unterste Höhlung des Senkbleies, das gerade so aussicht, wie ein umge kehrt (nämlich an der Spitze) hängendes Uhrgewicht, mit Unschlitt bestreicht und dieses Senkblei bis auf den Grund hinablässet, daß es daselbst aufsteht, so bleiben kleine Theile des Meeresgrundes an dem Talge hängen und man sieht, wenn das Senkblei wieder auf das Schiff gewunden wird, von welcher Beschaffenheit der Grund ist, ob felsig, sandig, lehmig oder mit Muscheln, Korallen, Scepflanzen u. bergt, bedeckt. An manchen Orten übertrifft aber die Tiefe der See die oben angegebenen Maße ungeheuer. Der englische Capitän Den- ham maß am 12. Oktober 1852 im atlantischen Ozean die Tiefe der damals sehr ruhigen See, nicht sehr entfernt von der Küste von Südamerika und der Mündung des La Platastromes und fand da eine Tiefe von 43,380 Fuß. Die ganze Oberfläche unserer Erde hat 9,292,000 □ Meilen; davon kommen auf alle Ozeane und Meere der Erde 7,038,000 □ Meilen. Man sieht also, daß gut 3 U des ganzen Erdballes mit Wasser bedeckt sind. Diese Ungeheuern Wassermassen sind aber zur Erhaltung des Ganzen unbedingt uothwcndig und wenn sie nach und nach sich verminderten, so würde diese Verminderung die Existenz aller lebenden (Pflanzen) und lebendigen Geschöpfe (Thiere und Men schen) nicht allein gefährden, sondern auch unmöglich machen. Das Meer vermindert sich aber nicht; nach einem höchst weisen und wohlthätigcn Gesetze des allmächtigen Schöpfers bleibt in seinem Bestände und alle ungeheueren Massen, welche auS dem Meere ausdünsten, werden ihm beständig wieder durch die355 sich in die Ozeane ergießenden Ströme, Quellen, Regen, Schnee u. s. w. vollständig zugeführt. Ein einziges Beispiel möge hier zur Beleuchtung der unge- heueren Wassermassen, welche täglich aus den Meeren ausdünsten, stehen. Das in Vergleich zu den großen Ozeanen sehr kleine mittelländische Meer dunstet an einem Sommertage 6,852,000 pariser Cubikfuß Wasser aus. Da nun 1 par. Cubikfuß Wasser 74^ Pfund wiegt: wie viel vierspännige Wagen brauchte man, um diese Wassermasse fortzuschassen, wenn man auf einen vierspännigen Wagen 60 Cent- ner Wasser laden würde? Rechnet das nach der Kettenregel aus, damit Ihr einen Be griff bekommt von diesen Massen. Dann denket nach: das mittel ländische Meer umfaßt nur 47000 □ Meilen, der große Ozean dagegen in seiner zusammenhängenden Masse durch alle Climate der Erdoberfläche über 7,000,000 Meilen; er muß also verhält- nißmäßig noch 200mal mehr Wasser ausdünsten und ein sehr großer Theil dieser Dünste wird von den Winden nach den Ländern ge führt, wo sie als Thau, Regen, Schnee, Hagel u. s. w. herab stürzen, alles befeuchten, Quellen speisen in Gebirgen, Thälern und Flachländern und so dem ausdorrenden Sonnenstrahl nicht allein das Gleichgewicht halten, sondern alles nähren, tränken, die Bedingung des Lebens für alle lebenden und lebendigen Ge schöpfe sind. O wohlthätiges Geschenk des Allmächtigen, erhabener Ozean, wie stürmst und donnerst du gewaltig! Und doch sind deine Wo gen so wohlthätig, segeusprießcnd für uns Menschen, doch wirst und bist du für Alles die Quelle der Erquickung und des Lebens! Das Meer trennt die Länder von einander, aber statt des halb den Verkehr der Menschen zu hindern, erleichtert es viel mehr denselben und wird zur allgemeinen Wasserstraße für alle Nationen der Erde. Länder, deren Küsten vom Ozean sehr zer spaltet und zerrissen sind, an deren Ufern sich demnach sehr viele Buchten, Baien, Häfen, Meerbusen, Strassen, Canäle u. dergl. befinden, Länder, die so schmal sind, daß auch die im Innern der selben wohnenden Völker dem Meere sich sehr nahe befinden, oder durch schiffbare Ströme, durch tiefeindringende Binnenmeere und Meerbusen mit dem großen Ozean leicht in Verbindung kommen, zeigen die eigenthümliche Erscheinung, daß ihre Bewohner von 23*356 ganz besonderer Thatkraft, von hervorragendem Muth sind, und mit kühner Verachtung der Gefahren des Ozeans erfüllt werden und solche Lander beherrschen gairze Erdthcile nicht durch die Zahl ihrer Ein wohner, sondern vielmehr ganz allein durch deren kühne Thatkraft und deren Unternehmungsgeist. Je ausgedehnter das Küstenland eines Erdtheils ist, desto tüchtiger, kraftvoller und kühner sind also seine Einwohner. Ein solcher Erdtheil ist Europa. Europa hat verhältniß- mäßig unter allen Erdtheilen das ausgedehnteste Küstenland. Des halb beherrschen die Europäer fast alle anderen Erdtheile, nur allein Amerika nicht ganz, weil Amerika in der Ausdehnung seiner Kü sten unserem Erdtheile nicht nachsteht und die Amerikaner aber selbst Abkömmlinge der Europäer sind und von ihren Stammvä tern Kühnheit, Kraft und Tüchtigkeit ererbt haben. Das ist in allgemeinen Zügen der Einfluß des Ozeans auf das Land und seine Bewohner. Weitere Folgerungen überlassen wir Dir, geliebter Leser. Wenn man aber das ganze Wesen des Meeres und die Er scheinungen, welche die Ozeane zeigen, verstehen will, so muß man die Natur und Beschaffenheit des Wassers überhaupt näher betrachten. Wasser ist einer der flüssigsten, leichtbewegbarsten natürlichen Körper, welche es gibt. Es ist sehr schwer und, wenn es sehr rein ist, fast so durchsichtig, wie die Luft. Die Strahlen des Lich tes bricht es sehr stark, woher es kommt, daß ein Stäbchen, wel ches wir ins Wasser stecken, abgebrochen erscheint. Das Wasser ist ganz außerordentlich leicht beweglich, bei dem geringsten Anstoße beginnt es, Wellen zu werfen und da es sehr elastisch ist, so pflanzen sich diese Wellen sehr rasch fort und zwar ringförmig von dem Punkte aus, wo es den Anstoß erhielt. Wenn man z. B. einen Stein in die Mitte eines Teiches wirft, so wälzen sich die Wellen ringförmig von dem Punkte aus nach allen Seiten fort, bis sie endlich an den Ufern sich stoßen, von denselben abprallen und die Bewegung wieder rückwärts gehend, anderen Wellen be gegnet, die noch beständig von der Mitte aus nach den Ufern rollen. Das Wasser ist kein Element, d. h. es ist kein einfacher Ur- stoff, sondern eS besteht aus zwei Gasarten, aus Sauer- und Wasserstoff. Wasser bat die Eigenschaft, sehr viele Dinge leicht aufzulösen und ganz in sich aufzunehmen, so z. B. gewisse357 Salze, den Zucker, das Kochsalz u. s. w. Es bleibt dabei klar und nur durch den Geschmack überzeugt mau sich, welchen Körper das Wasser aufgelöset hat. Diese Auslösung ersolgt bis zu einem gewissen Grade. Man kann z. B. in einer Maß Wasser 10 Loth Salz auflösen; mehr aber nicht, und das, was über 10 Loth an Salz in die Maß Wasser gegossen wird, schlägt sich darin kry- stallisirt zu Boden. Die mit 10 Loth Salz gespeisete Maß Wasser aber nennt man gesättigtes Wasser. Du wirst nun das, was wir über die Eigenschaften der See und über die Erscheinungen, welche uns dieselbe darbietet, sagen werden, viel leichter verstehen. Das erste, was dem Fremden, der das Meer noch nie sah, imponirt und ihn mit ehrfurchtsvollem Schauer erfüllt, ist seine scheinbare Unermeßlichkeit, der braußende Wogenschwall, den es donnernd an die Küste wälzt, seine prachtvolle Farbe und der häufige Wechsel derselben. Hören wir einen Freund, der eine Festtagsreise zu einer Tour und einem kurzen Aufenthalte am Ozean benützte. Ich befand mich bereits seit Anfang Mai in Rennes (einer etwa 10 Meilen von Brest liegenden französischen Handelsstadt) und las täglich von den Anstalten, welche in Brest zur Feier der Ankunft des Kaisers getroffen wurden. Aber mein Vorgänger hatte mir so viele Rückstände hinterlassen, daß ich sogar Sonntags bis 2 Uhr Abends arbeiten mußte, um endlich einmal Ordnung in die Bücher zu bringen. So gingen dann die Feste vorüber und ich sah nichts davon, obwohl die halbe Einwohnerzahl von Rennes nach Brest gefahren, geritten oder gelaufen war, um dem Specktakel beizu wohnen. Ich verschmerzte das leicht, daß ich nicht hinkonnte. Ein nothwendigcr Ban des Comptoirs und der Parterreräumlichkeiten in unserm Hause, auf den wir uns durch doppelte Arbeit vorzn- bereiten hatten, gab mir endlich einige Tage Muse und ich be nützte sie, um an die Küste zu gehen. Ich wollte da weder Stadt noch Festung, nichts wollte ich sehen, als allein das Meer, von dessen Anblick ich mir einen eigenthümlichen Begriff machte und das der Gegenstand meiner ganzen Sehnsucht war, seitdem ich als Knabe in den Schriften so vieler Jugendfreunde es geschildert und auf tausend guten und schlechten Bildern es dargestellt fand. Ich fuhr also Mittags mit der Post nach Brest und kam da Nachts 10 Uhr an. 358 Daß Brest eine starke Seefestung ist, wissen Sie und in der Zeitung haben Sie von Brest genug gelesen. Ich ging frühzeitig zu Bette und bestieg am frühen Morgen eine Barke, um hinüber nach der Insel Quessant zu fahren. Von dem Hafen aus läuft eine Reihe niedriger Inseln nach dieser bis 3 Meilen in die See sich hinaus erstreckenden Insel. Die zunächst des Molo und der Stadt liegenden Eilande sind in furchtbare Festungswerke verwandelt; die niedrigen Fcls- klippen in der See tragen Leuchtthürme und unsere unter dem Druck des Segels und dem Andrange sehr hoher Wogen ächzende und krachende Barke flog daran wie ein Vogel vorüber. Ich wurde sehr krank durch die starke Bewegung des kleinen Schiffes und durch das beständige Benetzen mit dem Schaume der Wellen, die oftmals den ganzen Bug überströmten, daß das Schiffchen wie eine Ente unter die Fluth zu schlüpfen schien. Weit von Westen her rollten grüne schillernde Wasserwände, eine nach der andern, mit brüllendem Rauschen und der Wind pfiff über ihre Kuppen mit hohlem Ton. Große Schaaren von Seevögeln zogen mit keckem Spiel durch die Wellenthäler; mit wunderbarer Fertigkeit wichen sie den Kämmen der Wellen, die nach ihnen aufleckten; oft stürzten sie jäh wie ein Bleiklumpcn in die Wogen, erschienen aber schnell wieder und flatterten, das Wasser in blinkenden Tropfen von sich spritzend, mit dem schnell erhaschten Fisch auf, um ihre Beute am nahen Lande zu verzehren. Vermöge der fatalen schiefen Lage, die unser Fahrzeug in Folge des schweren Windes angenommen hatte, und die mich zwang, mich beständig am Steuerbord festklammernd anzuhalten, konnte ich nur wenig von den Inseln und der fernen Küste sehen. Doch zuweilen bemerkte ich dort die furchtbaren Brandungen und die Reihe von runden Thürmen, welche sich längs des Ufers hinzog und welche zur Vertheidigung des Users errich tet worden sind. Sehnsüchtig hoffte ich auf Beendigung dieser Fahrt, die mir nichts weniger als belustigend vorkam, obgleich der Schiffer und seine beiden Matrosen meiner offenbar spotteten. Endlich nach einer vierstündigen Qual erhoben sich vor uns die hohen, mit Fich tenwäldern bedeckten Felsenufer von Quessant. Freundliche Dör fer und Kirchthürme winkten aus dem Innern und in der ruhigen See hinter der Insel zogen still die Fischerkähne. Man empfing uns militärisch; d. h. ein Unteroffizier nahm mir die Paßkarte ab359 und visirte sie, womit alle Förmlichkeiten zu Ende waren. So hatte ich dann die Erlaubniß, hinzugehen, wohin es mir beliebte. Quessant ist eine kleine felsige Insel, das letzte Vorland von Frankreich, nordwestlich gegen den großen Ozean hin. Es ist be lästigt; Infanterie und Artillerie liegen kasernirt der Insel, die kaum drei Stunden im Umfange haben mag. Das Gewerbe der Einwohner zeigt das Ufer. Da hängen überall Netze zum Trock nen; da liegen überall Fischerboote. Der Boden der Insel ist steinig und erzeugt nur wenig Getreide. Auch Vieh gibt es nicht viel. Die Nordwestspitze von Quessant ist ganz bewaldet und wegen der scharfen Seeluft unbewohnt. Es stehen dort nur ein Militärposten, der täglich abgelöset wird, einige Lootsenhütten und ein großer Leuchtthurm, den die Einwohner prahlerisch Io llamlwau (Io france (die Leuchte von Frankreich) nennen. Diese Fackel war das Ziel meiner Wallfahrt und ich hatte mir vorgenommen, da einen ganzen Tag zuznbringen, um recht ungestört meine Neugierde zu befriedigen. Zn diesem Zwecke hatte ich mich mit Wein und kalten Speisen versehen. Mein Führer, ein 13jähriger munterer Knabe, stieg mir fröh lich durch den Wald voran und trug das geringe Gepäck. Bald gelangten wir auf die Höhe, wo der Wald plötzlich ein Ende nahm und das Holz krüppelhaft wurde, fast wie ich es auf den Alpen gesehen. Aber es hatte hier der ärmliche Holzwuchs eine andere Ursache; ich^ bemerkte nämlich, daß das Meer an dieser Landspitze gewaltige Sandmaffen anhäuft. Der Wind führt den seinen Meersand bis herauf auf die Höhe und er bietet dem Holze nur eine kümmerliche Nahrung dar. Durch dieses verkrüppelte Gehölz lief nun der Weg hinab zu dem Wachthause und dem Leuchtthurm, einem alten burgartigen Gebäude, das auf einem vielleicht achtzig Fuß hohen, breiten, weit in die Brandungen vorspringenden Felsen errichtet war. Aber ich achtete wenig auf das alles; meine trunkenen Blicke schweiften hinaus in das unermeßliche Meer, das jetzt vom Strahle der Nachmittagssonne glänzend beleuchtet, in ruhiger Größe Ma jestät sich vor mir ausbreitete. Blau strahlte der Himmel, in dunk ler prachtvoller Bläue, dem köstlichsten Ultramarin, das ich je ge sehen, spiegelte sich das Gewölbe des reinen Firmamentes in der Fluth. Ein frischer Wind strich über die Häupter der unabsehba ren Wogen, die sich deutlich sichtbar rastlos vom Horizonte heran-360 wälzten und hie und da schien der ganze Ozean in einer unge heuer Wallung meilenbreit aufzuathmen wie eine Riesenbrust, an der die langen Athemzüge sich zeigen. Aber das Spiel der Lüste schien mir kaum von Einfluß auf das Riesenelement, dessen Anblick mich mit Staunen und Ehrfurcht erfüllte; wenige leichte Wolken zogen am Himmel, hie und da die Sonne bedeckend. Dann plötz lich überlief die Sec ein dunkler Schatten; sie nahm dadurch au genblicklich eine düster drohende Gestalt an. Die Wogen wurden schwarz, silbern schimmerten ihre Schaumkämme und sie glich so dem Antlitz eines Raubthieres, das in stummer Ruhe Grimm fühlt, aber aus Trägheit den verhaltenen Zorn nur durch Entstellung seiner Züge kundgibt. Leer und öde war der weite Spiegel der Fluth; kein fernes Segel unterbrach die majestätische Einöde des Ozeans; nur hie und da zog ein Vogel still über das bewegliche Wellenspiel, dessen wirres Furchcngekräuscl, dessen unaufhörlich wechselndes Farbenspiel sich nicht einen Moment gleichblieb und dem Auge im Ganzen nur den starren Anblick grauenhafter Oede, aber im Einzelnen den ewig wilder und grimmiger Unruhe darbot. Ich würde noch lange, in diesen Anblick verloren, gestanden haben, hätte mich nicht mein Begleiter mit bescheidener Bitte zum Hinab- gchen an die Küste ermahnt. Hier ward ich abermals vom Posten angerufen und nach meiner Absicht und Paßkarte gefragt. Doch ließ man mich wie am Ufer bald wieder gehen und so gelaugte ich in Begleitung meines Führers zum Leuchtthurme, dessen Thor ich aber verschlossen fand. Ein düster blickender Mann öffnete mir. Offenbar hatte er uns schon kommen sehen und meine Bitte, einige Zeit bei ihm bleiben zu dürfen, machte ihn dem Anscheine nach nicht freundlicher. Er schwieg nachdenklich. Als ich ihm wiederholt versicherte, es wäre keineswegs meine Absicht, seine Gastfreundschaft ohne Ver geltung in Anspruch zu nehmen und ich würde längstens nach 36 Stunden wieder abrcisen, wurde er noch barscher und sagte: Mein Herr, ich bin hier Leuchtthurmwärter und habe weder Lust noch Mittel, Fremde zu bewirthen. Doch kommt, nur schweigt nur von Bezahlung!" So trat ich denn in den Hof ein, in dessen Mitte sich der Leuchtthurm noch etwa 80 Fuß hoch erhob. Ich befand mich wieim Innern einer alten Burg. Den Hof umgab eine Brüstung aus gewaltigen Quadern, deren einzelne Werkstücke alle mit Eisenklam mern, mit Blei eingegossen, unter sich verbunden waren. Auch der Fußboden des Hofes bestand aus großen schweren Platten, wo nicht der nackte Stein zeigte; alles war mit Eisen verklam mert, von gewaltiger Festigkeit und dabei höchst rein, so daß sich nirgends ein Stäubchen zeigte. Der Thurm war sehr dick und lief nach oben bis zur Laterne ziemlich abgerundet hinaus. Die Laterne war von dickem sehr reinen Glas, mit einem Ringe von Lampen, deren Kugeln von rothem Glase waren. Im untern Raume des Thurmes war die Wohnstube des Wärters und seiner Frau. Erst als ich am Tische aus seine Einladung hin Platz genommen hatte, bemerkte ich, daß der Mann einarmig war. Den rechten Arm verlor ich in der Seeschlacht bei Na- varin", sagte er, als er meinen staunenden Blick bemerkte. Die beiden Leute erwiese sich freundlicher, als ich es nach dem Empfange erwartet hatte. Man bewirthete mich und meinen kleinen Führer mit Thee und ich entließ den Knaben mit der Weisung, mich am zweiten Morgen wieder abzuholen, um das Dampfschiff nicht zu versäumen. Ich würde Euch rathen, den Knaben daheim zu lassen und Euch selbst an s Dampsboot bringen, wenn wir nicht eine hohe See bekämen"; sagte der Leuchtthurmwärter. Wie? Sturm?" rief ich erstaunt. Wie wißt Ihr das, da doch der Himmel so rein ist? Ihr werdet sehen, daß wir noch vor Mitternacht eine wilde See haben, ich kenne das! Doch steigt jetzt hinauf zur Laterne, da werdet Ihr Gelegenheit haben, allerlei Dinge zu sehen, die Euch an Gottes Allmacht erinnern müssen, wenn Eurem Her zen ." Was wollt Ihr sagen, guter Mann," rief ich gerührt, in dem ich den Greis an der Hand faßte. Ich meine, Ihr sollt an Den da oben denken, Herr!" ries der Mann demüthig und gerührt. Alter Mann, ich denke an Ihn und oft und gerne!" rief ich. So kommt!" antwortete der Leuchtthurmwärter kurz und ging mir voran.362 Wir klommen durch die enge Stiege hinauf, welche mit star ken eichenen Balken durch das ungeheuer feste Maulwerk des Thurmes emporgcführt war und erreichten in der Mitte des Thur- mes eine feuerfest gemauerte Kammer, in der eine eiserne Maschine stand, die eine starke eiserne Wirbelsäule in Bewegung setzte, so bald zur Dämmerungszeit oben in der Laterne die Lampen ange zündet wurden. Ringsum in der Kammer wurzelte das ungeheuer feste Gebälk der Laterne und alles war auf das sorgfältigste mit Kupferblech beschlagen. In einem eisernen Kasten standen die kupfer nen Krüge für das Photogen, mit welchem die Lampen gefüllt wurden und einen derselben nahm jetzt der Wärter mit hinauf, nachdem er das Uhrwerk mit einem großen Hebel aufgezogen hatte. Wir näherten uns nun der Laterne *), und mein Führer machte mich aufmerksam, ja nicht laut zu sprechen, da die beiden Haupt lichtwärter, von denen einer vor und der andere nach Mitternacht heute den Dienst zu versehen hatten, schliefen. Ich setzte also, leise auftretend, meinen beschwerlichen Weg aufwärts fort zwischen engen, schneckenförmig gewundenen, weißen, gewölbeähnliche Steinmauern, die zu dem Lichtzimmer dem Gipfel des Thur mes führten. Pst!" flüsterte mein Begleiter dann und wann, um mich vom Sprechen abzuhalten. Alles war lautlos bis auf den Schall der ansteigenden Fußtritte. Wir erreichten nun einen freien Raum gerade unterhalb des Lichtzimmers; einige fernere Schritte führten zu einer dunkeln verschlossenen Thüre, welche ein bedeutungsvolles Aussehen hatte und mein Begleiter sprach: Die Zeit ist da; ihr mögt Euch hier verschnaufen, bis ich oben ange zündet habe. Ich bemerkte in der That, daß die Dunkelheit rasch anbrach. Der Leuchtthurmwärter verließ mich, öffnete die eben er wähnte Thüre, durch welche noch ein matter Strahl des Dämmer lichtes fahl zu mir hereinstel und verschloß sie wieder hinter sich. Ich hörte ihn oben handthieren und herumgehen und bald däuchte es mich, als könne ich einen Hellen Glanz unterscheiden, der durch die Thüre hcrvorschien. Jetzt schloß der Wärter auf und flüsterte leise, ich möchte zu ihm hinaufkommen. Ich legte meine Hand mit ehrfurchtsvoller Scheu an die Thüre, öffnete sie langsam und be- *) Aus dem deutschen Jugendfreund von Franz Hofmann.363 fand mich nun in einem kleinen hellerleuchteten Zimmer, an Ge stalt einem Handkorbe für Gurken ähnlich, nur größer. Auf einer Platform von glänzendem Kupfer, ungefähr 4 Fuß hoch, ruhte der hintere Theil des Gerüstes, an welchem die Lampen angebracht waren, jede mit einem gläsernen Cylinder und einem Reflektor hinter sich. Jeder Reflektor war kreisförmig, concav, größer als der obere Theil der größten Wärmflasche, hinten Kupfer und vorn reines, so glänzendes Silber, so strahlend polirt und geputzt, daß Man nicht gerade vorne hineinsehen konnte. Die Lampen und Re flektoren waren in doppelter Reihe geodnet und hinter jeder wa ren Röhren und andere Vorrichtungen, um sie beständig und gleich mäßig mit Oel zu versorgen. Sie standen kreisrund um den großen eisernen Wellbaum, der sich langsam um sich selbst drehte. Aber Merkwürdig war mir, daß eine Hälfte der Lampen mit weiße gläsernen Cylindern, die andere Hälfte aber mit Cylindern von rubin- rothem Glase bedeckt war. Dadurch wechselten rothe mit weißen Flammen ab. Vom Wellbaume aus gingen nämlich sechs eiserne Arme, an deren Spitzen je fünf Lampen steckten. Am einen Well baum waren die Lampen roth, am andern weiß. Da nun nur die der See zugekehrte Seite des Thurmes mit Glas wänden versehen war, die andere aber eine massiv hölzerne, innen mit versilbertem Kupfer beschlagene Wand darstellte, also gleichsam einen riesigen Refraktor bildete, und der Wellbaum vom Uhrwerk langsam bewegt wurde, so versteht es sich von selbst, daß immer nur drei Lichter auf der See gesehen werden konnten und zwar in folgender Ordnung: entweder Roth, Weiß, Roth, oder Weiß, Roth, Weiß. In dieser Ordnung erschienen nun re gelmäßig abwechselnd die Leuchtfeuer die ganze Nacht hindurch. Der vordere Theil der kupfernen Platform war halbkreis förmig und so breit, daß eine Person vor den Lampen vorüber, d. h. zwischen ihnen und dem Glasfenster hin- und hergehen konnte. Mein Begleiter sagte mir, daß ich das thun dürfe. Dem gemäß stieg ich mit scheuem Fuße ein paar Stufen an der einen Seite hinan und ging langsam und vorsichtig an den Lampen vorbei. Aber die großen strahlenden silbernen Sonnenaugen der Reflektoren bewogen mich, meinen Körper so klein als möglich zu- fammenzuziehen und ich kam mir vor wie eine Fliege, welche in das MikroScop des Weltweisen gekommen war. Ich warf einent 364 Blick durch die prachtvoll geputzten Gläser hinaus ins Freie; aber so groß war die Macht der Lichtmassen, daß ich nur in einen dun keln Spiegel mit tief rothschwarzer Folie sah, vor dem ich geblen det die Augen schloß. Schüchtern stieg ich am andern Ende der Platsorm die Stufen hinab. Kaum war ich unten als, puff! Et was gegen eins der Fenster suhr und draußen niedcrfiel. Ich er- schrack darüber, aber säst mehr noch über die Stimme meines Be gleiters, der neben mir stand und von dem ich weder etwas ge sehen, noch bemerkt hatte, daß hinter der Spiegelwand noch ein anderer Gang zu dem Orte herüberführte, wo ich mich nun befand. Was war das?" rief ich furchtsam. Wir werden sehen!" sprach der alte Seemann, jedenfalls ist , der Ankömmling schlecht weggekommen, denn die Glasscheiben sind von zolldickem Krystallglas." Bei diesen Worten griff er in ein Wandschränkchen und nahm eine neue Scheibe heraus, um sie mir zu zeigen. Die Tafel war nur 2 Fuß lang und breit, aber schwe- rer als eine Kalksteinplatte von ähnlicher Größe und ich begriff nun wohl, daß sie so leicht nicht zu zerbrechen wäre. Die Wogen haben uns doch hie und da schon eine zer schmettert und da müssen wir Vorrath haben", sagte der Wärter. Wie, die Wogen? bis herauf in diese Höhe?" rief ich un gläubig. Ja, bis hinaus über die Laterne wölbt bei den Aequinok- tialstürmen die furchtbare Wasserwand der Brandung zuweilen ihre grünlich schimmernden Zelte. Dann erbebt dieser ungeheuer starke Bau in seinen Grundfesten und wir der Greis bekreuzte sich demüthig, indem er die Mütze lüftete. Ich sah nachdenklich in die Gluth der prächtig gefärbten Flamme, welche so eben still an mir ihren Reigen vorüber zog. Da erst achtete ich ein dumpfes Brüllen, welches lauter und immer lauter von außen hereindraug. Kommt!" sagte der Leuchtthurmwärter; doch haltet Mütze und Kleider fest an Euch, denn der Sturm erhebt sich!" Mit diesen Worten schob er die schweren Riegel an einer kleinen eisernen Thüre zurück und ich trat mit ihm in einen sehr engen Raum, in dem wir kaum Platz hatten, als er die Thüre hinter uns wieder zuzog. Jetzt sschob er eine zweite Pforte müh sam zur Seite, welche nach Art der Schiffspforten sich in einem365 Geleise bewegte, statt in Angeln und ich sah mich plötzlich auf einer mit einem vier Fuß hohen eisernen Gitter eingefaßten Gallerie, deren Fußboden aus einem gitterartigen Eisengußwerk bestand. Sie war von den Reflektoren strahlend beleuchtet und ich sah so gleich einen großen Vogel flach auf dem Rücken liegen mit offe nem Schnabel und todt eine gewaltige Eule. Seht," sagte der Lampenwärter, als er sie aufhob, unser stilles Geschütz reicht weit auf Land und See hinaus, weiter als irgend eines, welches Ihr handhaben könnt. Ost ist dieser Balkon mit Seemöven und anderem Geflügel bedeckt, das sich zu Tode gestoßen hat. In der Jagdzeit fliegen Schaarcn von Feldhühnern sogar Fasanen gegen das Licht"; sie können seiner An ziehungskraft nicht widerstehen und die meisten werden getödtet und gefangen. Zuweilen stammeln wir fast einen Scheffel voll Lerchen, die draußen umherliegen." Dumpfbrüllend kochten während dieser Worte unter unseren Füßen die Wasser und der Wind fuhr in wilden rasenden Stößen heran. Ich fühlte, daß seine Schauer Regen heran trugen und sah bedenklich nach oben. Da bemerkte ich, daß der Himmel mit Gestirnen bedeckt war, die ein seltsam flimmerndes Licht versen deten. Aus dem fernen Nordwcst aber klang es schaurig wild heran wie Geisterlaut, wie eine Acolsharfe und doch wieder gräu lich wie aus der hohlen Brust deö hungrigen Löwen, der blut dürstig brüllend mit dem Rachen im schnellen Laufe über den heißen Wüstenbvden hinstreift. Er kommt! Hört Ihr Ihn?" sagte der alte Mann, indem er mit dem Stumpf des verstümmelten rechten Armes hinaus in die schaurige Ferne deutete: die Stimme des Herrn gehet aus den Wassern, der Gott der Ehren donnert, der Herr des großen OzeanS!" Ich legte ihm erschüttert meine Hand auf die Schulter und horchte. In kurzer Zeit verstärkte sich das Tönen zu einem furcht baren Geheul, besinnnngraubend, Mark und Bein erschütternd und eine Windsbraut fuhr heran, die mich und meinen Begleiter mit Niesenmacht an die massive Rückwand des Thurmeö preßte und mir fast das Athemholcn unmöglich machte. Bald folgte dem Ge heul ein erschütterndes entsetzlich wühlendes Donnern aus der Tiefe nach und kalte Dunstschauer, die mich übergossen, machten mir es unmöglich, länger in dem Graus und Schrecken da außen366 auszuhalten. Da jeder Laut der menschlichen Rede fortan in dem graußen Getöse unmöglich war, so deutete ich meinem Führer mit flehender Miene meine Furcht und meinen Wunsch an, diesen gräß lichen Ort so schnell als möglich zu verlassen. Er aber weigerte sich, ergriff mich mit dem Stumpf des rech ten Armes und zeigte mit der Linken hinab an den Fuß unseres Thurmes. Durch die strahlenden Lichtmassen erhellt, zeigte sich dort der Ozean in einer steigenden Wuth. Seine immer wilderen, im mer grauenvoller ansteigenden, brüllenden und zischenden Wogen rollten heran, als wollten sie unser Bollwerk verschlingen. Grim mige Reihen von Wellenbergen mit weißsprühenden Kämmen, eine über die andere steigend, nahmen uns in die Mitte und dieSpritz- wasser sprühten herauf bis zu unseren Füßen, die sie benetzten. Weithin sah ich mit schrecklicher Neugierde in die kochende See, ich sah sie Heranrollen, immer höher, rasender, wilder, dräuender. In langen Zügen kamen die Brandungen, wie Reihen blutdürstender Reiter, von denen eine über die andere hinwegsetzt und weit hin ter uns, bis wohin ich nie geglaubt hätte, daß der Weg der Wasser je reichen könnte, wälzten sich die ungeheueren Bänke der Wogen immer die untere zurückfluthend, die obere sich abermals höher er gießend. Bei diesem Gransanblick der Wuth eines Elementes, von dessen Macht und Größe ich bisher keine Ahnung gehabt, fühlte ich meine Kraft rasch hinschwinden; meine Knie wankten; es zog eisig über meine Stirne, ein grauer Schleier wob sich über meine Augen und indem ich mich wie ein Ertrinkender an meinen Führer klammerte, brachte mich dieser schnell, als er das Schwinden mei ner Kräfte bemerkte, in das Innere der Laterne und dann durch die Pforte, welche hinabführte, in die Kammer der Lichtwärter. Da saß ich eine geraume Zeit besinnungslos. Endlich kam ich wieder zu mir selbst und fand mich in Gesellschaft von zwei anderen Männern, die mich ruhig betrachteten. Einer von ihnen war noch jung, der andere ein noch älterer Greis, als mein Füh rer. Keiner redete ein Wort mit mir und ich seihst war zum Sprechen noch viel zu sehr erschöpft. Jetzt kehrte mein alter Führer mit einer Tasse Thee zurück und sagte: Trinket, Herr, dann kommt und begebt Euch für heute zur Ruhe. Ich sehe, daß ich Euch zu viel auf Einmal zugemuthet habe." 367 Ich befolgte seinen Rath ; dann führte er mich die Treppe ab wärts in das untere Geschoß des Thnrmes, wo ich ein warmes Zimmer fand und, wie ein Kind willenlos seinen Eltern gehorcht, so befolgte ich seine Weisung, legte mich auf eine Matraze und entschlief. Mein Schlaf währte bis gegen Morgen. Da erweckte mich ein Dröhnen, als befände ich mich in einer Mühle und als ar beiteten um mich schwere wuchtige Maschinen. Ich öffnete meine Augen und sah meine alte Wirthin am Betpulte mit gefalteten Händen knien. Sie hörte mich gleich und sagte: O Herr, wir haben eine entsetzliche Nacht verlebt. Einer solchen Windsbraut in dieser Jahreszeit weiß ich mich nicht zu erinnern, seitdem wir hier sind." Wo ist Euer Mann und droht uns Gefahr?" rief ich, in dem ich schnell aufsprang. Sie sind alle oben, Herr, auf der Gallerte! O Herr, es sind wahrscheinlich mehrere Schiffe in der Nähe verunglückt, denn der Orkan wüthete mit unbeschreiblicher Gewalt! Was sind Men schenkunst und Kraft dagegen zu thun im Stande!" Von Schreck ergriffen stürzte ich die Treppe empor zur La terne. Im Lampcnwärterzimmer fand ich einen der Männer, der mich hinauf begleitete. Das Tageslicht stritt schon mit dem Glanze der noch immer flammenden Reflektoren und ein scharfer schwerer Regen schlug hart gegen die Glaswand der Laterne. Der Sturm hatte sich bereits gelegt, als ich hinaustrat; nur einzelne eistge Windstöße fuhren och daher und peitschten mir den Regen in s Gesicht. Aber die Wuth des aufgeregten Meeres war noch un aussprechlich groß und furchtbare Wasserwände rollten mit entsetz licher Gewalt und Schnelligkeit über die Felsriffe zum Thurme daher, an ihm vorüber und spülten über das Gestade fast bis zum Wacht- hause hinauf. Im fahlgrauen Lichte des Tagcö glänzte die wüthende See grünlich schillernd und die weißen sprühenden Schaummassen stachen schauerlich davon ab. Schwarze Schiffstrümmer, Dielen, Balken, Fässer, Kisten rollten in der Brandung auf und nieder und ich sah das Ufer weithin damit bedeckt, übersäet mit Wrak- stücken, welche die Wellen noch immer an das Land schleuderten. Kein Mensch durfte es wagen, in diese entsetzlichen Brandungen hinauszufahren; es standen etwa ein Dutzend von den Insulanern, kühne mit dem Meer vertraute Männer, am Strande in einzelnen369 Gruppen beisammen und sahen ernst dem entsetzlichen Andrange der Wasserwände und dem graußen Spiele der wildempörten Wo gen aus der hohen See zu, welche eher einem kochend rollenden Gebirge glich, als der Flnth, die alles Land umspült; aber ihr mitgebrachtes Rettungsboot lag sammt den Riemen hoch oben auf dem Strande, weit oberhalb der zischenden Schanmgrenzen, die sich der Ozean gezogen und in die er die Siegestrophäen seiner Ge walt hineinschmetterte und allerlei zerborstene Bruchstücke gar selt sam flocht. Vom Leuchtthurm konnte man nicht an das Ufer ge langen; zwischen der Felsterrasse, auf dem er gegründet war und dem Lande wirbelten zischende Wellen und strömten mit rasendem Zuge die Wasser hin und her, welche von der Brandung weit an die Höhe und über die gewöhnlichen Grenzen der Fluth hinauf geschleudert worden waren. Aber das feste Gemäuer der Umfrie digung und der colossale Bau des Thurmes zeigten keine Verletzung, auch nicht die mindeste; alles stand noch fest in der alten eisernen Stärke, im alten gewaltigen Trotz. Mit dem Eintritt der Ebbe legte sich allmählich die Wuth der Wogen; der Regen ließ nach und gegen Mittag brachen warme Sonnenstrahlen durch die Wolken. Die See hatte ein freund liches Aussehen; leichteWellen kräußelten wieder ihre schillernde Ober- fläche; sie bot nun ein Bild der Unendlichkeit dar und wundervoll spiegelten sich in der blauen Fluth die Sonnenstrahlen und die prachtvollen Tinten der Wolken. Am Ufer sammelte zahlreiches Volk die dorthin geschleuderten Reste; in der Nähe der Bran dungen zogen die Fischerboote umher, um aufzuhebcn, was noch Bergenswerthes im Wasser wogte, und drüben in der ^ blauen Ferne sah ich gleich Möven die Segel zahlreicher Schiffe glänzen und noch ferner den dunkeln Strich einer dicken Rauchwolke, der dem Kamin eines eilenden Dampfers entströmte. Aber dieses freund liche Bild konnte den Schauer nicht verwischen, den der Anblick des rasenden Wogenschwalles in mir erzeugt hatte und den ich nie vergessen werde. Ich hatte nun den Ozean in seiner Wuth ge sehen und er bildet heute noch oft den Stoff meiner beängstigend sten Träume." * * * Wir schließen hiemit diese Schilderung und gehen zur nähe ren Betrachtung des Ozeans an sich über.369 Wir wisse bereits, daß wir unter Ozean oder See die un geheueren Wasscrmassen verstehen, welche drei Viertheile der Ober fläche unserer Erde bedecken und denen die Festlande und In seln nur deshalb hervorrageu, weil sie höher sind, als die vom Wasser bedeckten Erdstriche. Wir wissen, daß das Meer sehr nvthwcndig und nützlich zur Erhaltung alles Lebens ist; daß es eben so unentbehrlich ist, als die Lust; daß es seit Anbeginn in seiner jetzigen Größe besteht, und daß nach einer unendlich weisen Einrichtung des allgütigen Schöpfers seine Wassermasse sich im Laufe der Zeiten weder ver mehrt, noch vermindert. Wenn aber hie und da Länder allmäh lich aus dem Meere mehr hervorzutreten, also sich zu vergrößern scheinen, wie man das z. B. in Schweden, in gewissen Gegenden von Italien, in Egypten, Ostindien, an der Küste von China wahr genommen haben will, oder wenn das Meer an andern Gegenden das Land allmählich zerstört, zerfrißt, überfluthet, wie z. B. an der Nord- küste von ganz Deutschland und an anderen Orten, so ist das eine Folge erklärbarer örtlicher Ursachen und keineswegs ein Beweis von der Veränderlichkeit der Wassermasse des Ozeans. Das Meer ist horizontal (wem man nämlich so sagen könnte, da ja die Erde eine Kugel ist) und seine Oberfläche ist überall gleichweit vom Mittelpunkte derselben entfernt. Es ist nirgends grundlos, sondern man hat jetzt Mittel erfunden, um selbst die größten Mcercstiefen zu messen, ja ihre Beschaffenheit zu unter suchen. Da hat man denn gefunden, daß es selten tiefer ist, als 30,000 Fuß, also etwa V deutsche Meile; an den allermei sten Orten aber ist das Meer viel seichter und im Durchschnitt beträgt die Höhe der Wasscrmasse, welche die Oberfläche der Erde bedeckt, nur viertausend Fuß Die größte Meerestiefe harmonirt nun mit der größten Gcbirgshöhe, wie wir unten bei der Betrach tung des Himalaja, des höchsten Gebirgsstockö unserer Erde, sehen werden, der auch in seinen allerhöchsten Gipfeln bis zu 30,000 Fuß empvrstrcbt; die mittlere Tiefe des Meeres aber mit der mitt leren Höhe aller Gebirge, die auch nur 4 5 tausend Fuß be trägt. Hierin liegt auch Harmonie! Leser, erkenne die Weisheit Gottes, die alles im Gleichgewicht hält! Das Wasser und alle wasserförmige Körper haben gewisse, das Wesen der Flüssigkeit (tropfbaren) charactcrisirende Eigenschaf ten, worunter zunächst die leichte Verschiebbarkeit seiner Thcile, 24370 sowie die Fähigkeit gehört, einen ,an einer Stelle empfangenen Druck nach allen Seiten hin mit unveränderter Kraft fortzupflan zen und hierauf sind verschiedene merkwürdige Einrichtungen für den Haushalt und die Technik gegründet, wie $. B. die hydrau lischen Pressen, mit welchen man den stärksten Druck ansznüben im Stande ist. Das Wasser ist wenig znsammendrückbar und dabei vollkommen elastisch. Wer nicht glaubt, daß das Wasser elastisch ist, der darf nur einen flachen Stein so über eine ruhige Wasser fläche, etwa die eines Teiches, hinschleudern, daß der Stein flach das Wasser fällt und er wird sehen, daß der Stein in an- mnthigem Spiel oftmals darüber hinhüpft. Wäre das Wasser nicht sehr elastisch, so würde das der Stein auch nicht thun. Von der Elasticität des Wassers kommt es her, daß die Wellenbewegung des Meeres so furchtbar und anhaltend ist. Die Temperatur des Meeres ist eine zweifache. Sie hängt an der Oberfläche von der Temperatur der Lust und der Wirkung der Sonnenstrahlen ab. Allein in sehr großen Meerestiefen hätte das Meer eine ganz gleichmäßige Wärme, wenn nicht auch diese durch Bewegungen eigenthümlicher und gesetzmäßiger Art sich be ständig änderte. Warmes Wasser ist leichter als kaltes. Eine schwerere Flüs sigkeit kann aber in haltbarem Gleichgewichtszustand nicht über einer leichtern stehen bleiben, vielmehr muß sie unter der letztem liegen. Wo demnach in einer Flüsstgkcitsmasse ein Unterschied der Temperatur aus irgend einer Ursache statt findet und der wärmere Theil unterhalb des kaltem steht, entstehen Strömungen, welche den wärmern und leichtern, obenhin, den kälter und schwerem nach unten bringen und bedingen dadurch einen Wechsel in den Anlagerungen der Flüsflgkcitötheile, der unter Umständen, wie bei dem Meere, ununterbrochen fortdauern kann. Die Farbe des Meerwassers ist wundervoll schön, dunkel nl- tramarinblan mit etwas Hinneigung nach Grün. Wenn die See am Lande oder bei Flußmündungen trüb, oder gelb, braun, röth- lich, oder anders gefärbt erscheint, so ist das eine Folge örtlicher, stets erklärbarer Ursachen. Auf hoher See ist das Meerwasser fast immer unaussprechlich rein. Oft zeigen sich aber auch auf offener See breite rothe, oder grüne, oder auch milchweiße Streifen; oft beträgt die Breite sol cher farbigen Streifen mehrere Meilen, ihre Länge ist zuweilen371 unabsehbar. Man hat solches Wasser mit dem Mikroscop unter sucht und stets gefunden, daß es durch zahllose Massen von unendlich kleinen Medusen und anderen mikroscopischen Geschöpfen so gefärbt wird. Rothe Meere zeigen sich oft selbst in Polargegenden; das milchweiße Meer kommt alljährlich zwischen dem 24. Juni und Ende Juli in der Bandasee bei den Molukken vor. Darüber unten Näheres. Zuweilen aber bietet das Meer die ganz außerordentlich wunderbare und prachtvolle Erscheinung dar, daß es zu glühen scheint. Natürlich kann daS nur auf hoher See und in sehr fin steren inond- und stcrnenlosen Nächten gesehen werden. Hören wir, was ein schlichter und wahrheitsgetreuer Reisender darüber schreibt: Als wir in der indischen See fuhren, wurde ich gegen Mit ternacht von dem die Wache habenden Steuermann geweckt, der mir zuricf: ich mochte schnell aufs Verdeck kommen, da könne ich etwas Seltenes sehen. Ich kleidete mich rasch an und folgte ihm. Die See rollte heftig, wie ich merkte, und ein schwerer Regen fiel. Sobald ich in s Freie kam, sah ich die Raacn und Segel bläulich weiß beleuchtet und stand erstaunt still." Scheint der Mond von unten her? rief ich und eilte dann schnell auf s Offizierdeck, das mehrere Schuh über dem Hauptdcck ist. Da stand ich starr vor Staunen und Entzücken. Der Himmel war pechschwarz und der Regen goß in Strömen herunter. Das Schiff rauschte kräftig durch die schwerrollenden Wogen, welche blau wie Phosphor leuchteten und zwar überall, so weit das Auge reichte, und so stark, daß der Widerschein die Segel erhellte. Man konnte die Fliegen an den Segeln fitzen sehen. Weithin drang mein Auge über den Ozean bis an den fernen Horizont; alles war unten Licht, oben Schwärze. Wir sahen einander an: unsere Gesichter glichen Todten, so färbte die ses Leuchten die Züge fahl. Es war vhngefähr jener Schein, den eine brennende Spiritusflamme in der Nacht erzeugt, wenn jedes andere Licht verloschen ist. So wie die eine Welle sank, erhob eine andere und ihre Schaumkrone sprühte phoSphorescirenden Glanz. Endlich ließ der Platzregen nach und in demselben Grade verminderte sich auch dieses Leuchten. Als es aufhörte zu regnen, verschwand es gänzlich; es blieb nur das gewöhnliche Funkeln der Nuth am Steuerruder und wo der Bug die Wasser spaltet, das ich schon in den europäischen Meeren bemerkt hatte." 24*372 Was ist dies Leuchten? Wir wissen es nicht gewiß. Förster, der gründliche Forscher, sagt: auch dieses herrliche Phäno men werde von Myriaden leuchtender Medusen hervorgebracht. Der Geschmack des Meerwassers ist salzig bitter. Seeleute brauchen es als Purgirmittel, wenn sie sich unwohl befinden. Selbst die Lust an und über der See ist mit feinen Theilen dieser Bittcrsalzigkeit geschwängert man riecht die See, wenn man sie auch nicht sieht, sobald man in ihre Nähe kommt und diese Eigen schaft des Seewasscrs und der Seeluft erzeugt, in Verbindung mit der beständigen Bewegung des Schiffes, bei denen, welche zum ersten Male auf s Schiff kommen, die Seekrankheit, einen bestän digen sehr heftigen Reiz zum Erbrechen, der sich verliert, sobald man sich an die Luft und die Bewegung des Schiffes gewöhnt hat. Man kann deswegen das Seewasser nicht zum Waschen, viel- weniger zum Kochen und Trinken gebrauchen. Fische aus Flüssen und Teichen sterben im Seewasser; manche Seefische aber scheinen auch das süße Wasser der Flüsse vertragen zu können, denn jähr lich kommen zahllose Lachse, Störe, Hausen u. dergl. Seefische hoch vom Meer herauf in die Ströme, um da zu laichen. Aus dem Mccrwasser wird überall an der See Salz bereitet; es ist Kochsalz, eben so gutes, als das aus unseren Salinen gewonnene. In einem Pfund Secwasser ist etwa ein Loth Salz enthalten. Die abscheuliche cckclhaft schmeckende Bitterkeit des Seewassers rührt von den darin aufgelösten anderen Stoffen, salzsaurer, eben so schwefelsaurer Magnesia, und schwefelsaurem Kalk her. Das Salz und die anderen üit Meere aufgelösten Stoffe machen aber das Seewasser um ebenso viel schwerer, als süßes Wasser, näm lich um Vig. Daö heißt: Wenn ein Kahn auf einem Flusse 16 Menschen trüge, so würden in der See 17 Menschen ohne Gefahr darauf fahren können. Daher tragen auch die Schiffe auf der See schwerere Lasten, als in den Strömen. Das Meer ist das Bild ewiger Unruhe. Seine Oberfläche wogt beständig; rinnen seine Wasser unaufhörlich umher nach den verschiedensten Richtungen; sie rollen von oben nach unten, wechseln beständig, steigen, fallen nach höchst merkwürdigen Ge setzen und das ist wieder eine weise herrliche Einrichtung deö all- gütigen Schöpfers. Wehe uns, wenn das Meer nur ein paar Wochen lang sich gar nicht bewegen würde! Hast Du, lieber Le ser, schon faulendes Wasser gerochen? Denke Dir, welche ent-373 schlichen Ausdünstungen die faulenden Gewässer der Ozeane ver breiten müßten! Statt, daß sie jetzt die Quelle des Lebens sind, würden sie zur Todesquclle alles Lebens werden? Zwei Hauptursachcn bewirken aber die Bewegung des Mee res: Sonne und Mond und dann die Umdrehung der Erde um ihre Axe. Aus dem ersten Theile unseres Unterrichts wissen wir, daß nach dem großen Wcltgcsetze der Attraction die Erde von der Sonne, der Mond ebenso auch von der Erde angezogen wird. Durch diese Kraft bleiben sie mit einander verbunden, durchrollen die Planeten und Nebenplaneten ihre Bahnen, und werden diesen Lauf fortsetzen, so lange der Schöpfer diese Kraft in ihrer Wirk samkeit bestehen läßt. Wasser, ein sehr beweglicher Körper, wird dem Gesetz der Attraction leichter, rascher, flüchtiger gehorchen, als das todte, schwere, regungslose Gestein. Es empfindet demnach die anziehende Kraft des Mondes stärker, als die feste Erdmasse. Wohl kann es nicht von der Erde weg, weil diese es stärker an sich zieht, als der 50,000 Meilen von der Erde entfernte Mond. Aber der Mond zieht darum dort das Wasser doch ein wenig mehr von der Erde weg, wo er im Zeuith steht, d. h. seine Anziehungskraft be wirkt, daß das Meer seine (sogenannte) horizontale Lage ein we nig verläßt und 40 60 Fuß an dem Orte sich nach dem Monde hin erhebt, wo er gerade senkrecht über der Oberfläche des Mee res steht. Diese Erhebung des Mcerwassers ist aber auf die ganze Erdhälfte vertheilt, die eben vom Monde beschienen wird und wenn also die Anziehung des Mondes eine Wassererhebung bewirkt, so ist diese Erhebung nach beiden Seiten von ihrem höchsten Punkte 90 Grade breit, die Fluthwelle hat also einen Durchmesser von 180 Graden oder 2,700 Meilen. Es leuchtet dem lieben Leser ein, daß diese Erhebung auf offener grundloser See gar nicht zu bemerken ist. Sie geht aber mit dem Monde vorwärts, und wie er scheinbar (in Folge der Umdrehung unserer Erde) über den Himmel hinwandelt, so wandelt die von ihm erzeugte Anschwellung des Mcerwassers ihm nach. Kommt ihr nun ein Felsen, eine In sel, oder ein Ufer in den Weg, so muß dort das Wasser steigen. Es steigt aber sechs Stunden lang, 90 Grade davon fällt aber am Ufer das Wasser ebenso sichtbar, wie es unter dem Monde steigt.374 An der entgegengesetzten Stelle der Erdoberfläche findet aber nach einem sehr natürlichen Gesetz dieselbe Anschwellung des Meer wassers statt, oder umgekehrt dasselbe Sinken, so daß an den ent gegengesetzten Enden der Erde die höchste Fluthwelle und ebenso entgegengesetzt die tiefste Senkung deö Meeres ist. Da nun die Erde fich in 24 Stunden einmal um sich selbst dreht, so folgt daraus, daß es auf jedem Punkte der Erde täglich zweimal eine Fluthwelle und eine Fluthscnkung geben muß. Das Steigen des Meeres dauert also sechs Stunden und wird Fluth genannt. Dann dauert das Fallen des Meerwassers wieder 6 Stunden und dieses heißt man Ebbe. Die Sonne wirkt dazu auch mit und zwar sehr kräftig. Auch sie zieht das Mcerwasscr, wie überhaupt die ganze Erde an. Wenn nun bei Vollmond, und noch dazu zur Zeit der Tag und Nachtgleiche, Sonne, Erde und Mond in einer Linie stehen, so wirkt die Anziehung der Sonne aus das Wasser mit der des Mon des zusammen und es entstehen doppelt so starke Fluthen, welche Spring fl uthen genannt werden. Die Höhe der Fluth ist nicht an allen Orten gleich. Bei Brest, Cherbourg bis herein in den engen Kanal nach Ostende steigt die gewöhnliche Fluth 40 42 Fuß. Bei Ebbe kann man also, wo das Meer sehr allmählich an Tiefe zunimmt, auch ziem lich weit auf dem vom Wasser verlassenen Grunde des Meeres gehen. Da findet dann in den Tümpfcln und tieferen Stellen, wo noch Meerwasscr, das nicht daraus abströmen kann, zurück- blicb, gar manche ergötzliche Fischerei nach Krebsen, Muscheln, Fischen u. dergl. Thieren statt. Die Schiffe sitzen dann auf dem Schlamm und Saude fest; man kann sehen, wie ihre Anker sich im Grunde festhackten und vieles andere, was man gern sehen möchte. Und man sieht da hauptsächlich, daß die Erde unter dem Meere eben von derselben Beschaffenheit ist, wie dort, wo das Meer nicht hinkommt. Eine zweite Hauptursache der Mecreöbewegung ist die Um drehung der Erde. Dreht sich denn das Meer nicht mit der Erde? fragst Du, lieber Leser. Ja; aber es ist eigensinnig und so frei, der Bewegung der Erde eben doch nicht so ganz willig zu folgen und ihr ein bischen entgegen zu laufen. Willst Du das begreifen, so nimm einen Teller und schütte ein bischen Wasser hinein. Dann fange an, ihn langsam immer375 ach einer Seite hin zu drehen und Du wirst sehen, daß das eigensinnige Wasser diese Bewegung nur widerstrebend initmacht und Deinein Willen zuwider sich nach der andern Seite hinbewegt. So, wie da Dein Wasser Dir im Kleinen, macht es das Meer der Erde im Großen. Die Erde wälzt sich von West nach Ost nt sich selbst; das Meer, eine freie, sehr unruhige und eigen sinnige Flüssigkeit, welche nur nach dem Mittelpunkt der Erde hin ungezogen wird, rollt nun der Bewegung der Erde gerade ent gegen von Ost nach West. Am Acquator ist diese Bewegung der Erde am stärksten, (wie bei einem Rade außen am Reise.) Am Aeqnator ist also die Gegenströmung des Meeres auch ungeheuer groß, so groß, daß Du, lieber Leser, ganz gemüthlich, ohne Segel und ohne zu rudern, von Afrika nach Amerika fahren könntest, gerade so, wie Dich die Strömung des Maines, wenn Du Dich ihr überließest, richtig von Frankfurt nach Mainz in den Rhein hinabtrüge. Diese ungeheure Bewegung des Meeres aber nennt man Strom. An Amerika prallt der Strom an. Zur Halste fließt er nach Süd ab, zur andern Halste nach Nord. Im Norden stoßen die Gewässer wieder an die EiSmaffcn, an die kalten Wasser, die vom Pole herabkommcn, darum lausen sie quer ostwärts her über nach Europa, und weil sie da wieder nicht durchkönnen, so Müssen sie nun abermals nach Afrika herunter und von da rollen sie eben wieder ihren alten Weg nach Amerika hinüber. Das geht fort, so lange sich die Erde bewegt und aus ähnliche Art in allen anderen Meeren. Aber überall ist die Bewegung der See nach der Lage, Größe, Tiefe der Meere, nach der Gestalt, Größe, Zahl der Länder und Inseln, nach tausend und aber tausend natürlichen, örtlichen, zufälligen Umständen, Ursachen, Hindernissen, eine millio nenfach verschiedene, aber immer eine furchtbar gewaltige, eine höchst segensreiche und wohlthätige und mehr, als Du ahnest, ge liebter Leser, trägt sie zu Deiner Existenz bei! Sie führt ach Europa die warmen Wasser des Südens; ihr folgen die Heere der Wolken, die uns Regen und fruchtbare Zeiten bringen und tausend Glück und Segen und Wohlthaten sind cs, die uns der gütige Schöpfer durch die Meeresströmung schenkte! Eine der berühmtesten Strömungen, mit der jeder Gebildete wenigstens dem Namen nach bekannt sein muß, ist der Golf strom längs der Ostküste von Nordamerika und quer über den376 atlantischen Occan herüber nach Europa. Diese ungeheure Strö mung führt nun die lieblich warmen Wasser der westindischen Meere zu uns herüber nach Europa, weshalb kleinere Länder, wie Irland, Schottland und England, dann die Küstenländer unseres Continents ein so mildes Klima haben. Nie gibt es in England, Irland, Holland n. s. w. eine so anhaltende Kälte, wie bei uns mitten in Europa, die wir doch um so viele hundert Stun den südlicher liegen. Das Vieh kann dort den ganzen Winter über sein Futter im Freien suchen; das liebliche Grün der Wiesen stirbt nicht ab; eö scheint, als gelange man gegen Süd, statt gegen Nord, wenn man im Winter nach diesen Ländern reiset. Diese milde Wärme, diese Gleichmäßigkeit der Temperatur, diese segcnsvolle Feuchtigkeit, das sind also Folgen des Ungeheuern Golf stromes, der mit seinen warmen Wassern beständig auf die Ge stade der genannten Länder trifft. Eine andere Ursache hat die wilde Wellenbewegung des Meeres. Wild ist sie. Die Wasscrwellen im Meere sind groß und draußen gräulich; aber der Herr ist noch größer in der Höhe!" sagt die heilige Schrift. Der Eindruck, den das wo genrollende Meer auf den Landbewohner macht, ist schon an meh reren Stellen unseres Unterrichts geschildert worden. Der Wind ist die Ursache der Wellen. Aber man kann den furchtbarsten Wo gen selbst bei mäßigem Winde preesgegeben sein, ja sogar bei Windstille. Da sind aber die Wogen am furchtbarsten und gefährlichsten. Sie scheinen durch unterirdische Kräfte ohne alle Regelmäßigkeit gehoben zu werden und schleudern die Schiffe auf das gefährlichste hin und her. Es kann z. B. ein Schiff mitten im atlantischen Occan bei ganz mäßigem Winde fahren, während einen oder zwei Grade davon entfernt ein Orkan raset. Der Wind erreicht das Schiff nicht, wenn er eine andere Richtung hat, als jene, der das Schiff folgt; aber die Wellenbewegung Pflanzt sich mit ungeheurer Schnelligkeit über den halben Ocean fort und das Schiff hat also Sturm ohne Wind. Eine solche See fürchten die Seeleute auch mehr, als den Orkan selbst und nennen sie hohle See. Ein Sturm dagegen hat, wenn das Schiff gutge baut, fern vom Lande und alles sturmfest daran ist, für den See mann keine Schrecken mehr. Weht er der Richtung, wohin der Schiffer will, nicht geradezu entgegen, so hindert er die Fahrt nicht und man gelangt ebenso gut vorwärts, als bei einer regel-377 rechten steifen- Brise (starkem günstigen Wind.) Nur das Land mit seinen Brandungen fürchtet der Seemann und zwar mit Recht. Was nennt man nun Brandungen und wie entstehen sie? Ist der Wind gegen ein schräg ansteigendes Ufer gerichtet, so wälzt er die Wellen über dasselbe hinan. Der Grund mit sei nen Felsen- und Sandmassen stemmt sich dem Wasser entgegen; es sprüht daran empor, es kann nicht so schnell zurück, als eö sollte, um andern nachfolgenden Wogen Platz zu machen, weshalb sich diese erhöhen, überstürzen, kochen, rasen und so entsteht dann ein Wühlen, Aufzischen, Draußen und Donnern der Wassermassen, dem kein Menschenwerk widerstehen kann, das sich entsetzlich an sieht und alles zerschmettert, was in seinen Bereich kommt.. Ist eine gewöhnliche Welle im tiefen Meer etwa 5 6 Fuß hoch, so steigt die Höhe der Brandungen, also der znsammengeflossenen übereinander gethürmten Wellen, oft auf 60 80 Fuß und das Getöse wird dann so gräßlich, daß man es drei bis vier Mei len weit im Lande vernehmen kann. An den Westküsten von Afrika soll es Brandungen geben, deren einzelne Wellen endlich zu gan zen 100 200 Fuß hohen Wasscrwänden werden. Eine recht furcht bare Erscheinung ähnlicher Art ist der Surf, eine entsetzliche * Brandung an der Felsenküste von holländisch Sumatra bei den Dörfern Panjang und Gandiwih und der holländischen Faktorei van Steenbille. Hören wir darüber einen neuen Reisenden: Weniger der Gegend wegen, als vielmehr, um das furcht bare Schauspiel des Surf zu sehen, reiste ich mit Herrn Gade- mann nach Steenbille. Es ist eine der einförmigsten Gegenden von Suniatra, da der Weg dahin beständig durch Bambnswild- niße führt. Erst bergabwärts wird das Land fruchtbar und wir sahen ausgedehnte Tabakpflanzungen sich über die Hügel ansbreitcn. Zwischen kümmerlichen Bananen standen die elenden Hütten der Dörfer zerstreut. Das Ufer siel mir auf; ich sah noch nirgends solche ungeheure Massen von Triebsand und zerschmetterten Ko rallenfelsen, als hier; fast eine halbe Stunde breit war das ganze Gestade damit bedeckt. Aber die See bot, wie es schien, einen ganz normalen Anblick dar (d. h. nichts Auffallendes.) Wir kamen nach Steenbille und fanden die Commis im Comptoir. Sie machten uns zu Liebe Feierabend, denn ein Besuch ist in die sem entlegenen Erdwinkel eine große Seltenheit. Die armen Bursche waren fast alle sammt ihrem Prinzipal fieberkrank. Doch schienen378 sie dabei guter Dinge Und Einer sagte mir: noch ein Jahr muß ich es anshalten, dann aber mache ich meine Ncbcrfahrt: so lange wird eö wohl noch gut thun! Ich sagte: ja; aber ich sprach da geradezu gegen meine Ueberzeugung." Sie wollen den Surf sehen?" sprach er dann zu mir. Als ich bejahcte und dazu fügte, es scheine, der Wind habe mich geafft, denn nach dem heutigen Stande der Witterung sei keine Aussicht auf starken Wellenschlag, sagte er mir: O, der Surf ist nicht abhängig vom Winde. Er ist ein Sohn der Fluth und des Stromes und oft bei Windstille, besonders aber bei Vollmond, am furchtbarsten." So war es auch: Ich vernahm bald ein dumpfes Murren vom* Meere her. Ach, er kommt. Schnell, lassen Sie uns eilen!" sprach der Commis und wir gingen unter die nach dem Meere hin- liegende Veranda. Ein auffallendes Schauspiel bot sich mir dar. Das Meer kochte an mehreren Stellen sichtbar ans, wälzte cigcn- thümlich gestaltete, außerordentlich steile Wogen, die sich einander ungemein schnell folgten, in den verschiedensten Richtungen gegen einander und die hohen regelmäßigen Wellen der See schienen bei diesem Anblick zürnend auszukochen und wie zum Kampfe nach dem Ufer, wo die steilen Wellen sich grimmig aufeinander und ineinan- . der stürzten, zu eilen. In einem Augenblicke es läßt sich nicht so schnell schreiben, als es geschah war das ganze breite Ufer mit Schaum bedeckt und in der See entstand ein Rollen und To ben, welches bei so mattem noch dazu vom Land seitwärts ge richteten Wind und einer so leuchtenden Sonne fast gespenstcrhaft aussah. Der Spektakel dauerte wohl eine Stunde; ich kann es un möglich richtig beschreiben; am nächsten gleicht diese geheimuiß- volle Erscheinung dem Sprühen des Wassers, welches auf glühende Platten gegossen wird. So ohngefähr sieht der Surf aus, nur müssen Sie sich das Spiel der Wellen in unendlich vergrößertem Maßstabe denken. Niemand weiß diese furchtbare und seltsame Er scheinung genügend zu erklären. Bei Sturm und Springfluthen werden die kochenden Wogen mehrere hundert Fuß hoch. Kein Schiff darf es wagen, sich dieser Brandung zu nähern; es wird, wenn von ihr ergriffen, senkrecht gehoben und umgestülpt, daß die Spitzen seiner Maste sich tief in den Saud bohren, und dann in Trümmer zerrissen."379 Daß die Winde viel zur Wellenbewegung der Meere bei tragen, ist bekannt. Auch sie, die freien Lüste, widerstreben der Um drehung unserer Erde, weshalb zwischen den Wendekreisen, wo die rollende Bewegung unseres Planeten sich am stärksten zeigt, ein säst beständiger Ostwind, der Passat, weht. Aber noch fcssel- toscr, leichtbcweglicher und flüchtiger, als das schwerere Wasser, ist der Wind auch desto unregelmäßiger und wenn auch gelungen ist, einige beständige Winde auf.den Karten zu bemerken und sie zur Schifffahrt zu benützen mit Sicherheit kann man nicht einen einzigen davon rechnen. Das,Reich der Lüste ist also bisher für den Menschen das gehcimnißvollstc geblieben und wird es wohl bleiben ! Es wird am Ende ein Wort der heiligen Schrift auch dieser Hinsicht wieder als die ewige Wahrheit erkannt werden: Der.Wind blaset, wo er will und Du hörest sein Sausen wohl, aber Du weißt nicht, wohin er fahret." (Joh. 3.) Die Gelehrten stellen allerdings gründliche Untersuchungen über die Ursachen der verschiedenen Luftströmungen an und viel Wichtiges haben schon darüber gesagt und entdeckt. Aber Kei ner hat das Geheimniß erforscht und so lange sie nicht die richtigen Ursachen kennen lernen, wird auch die Sache ein Räthsel bleiben. Wir wollen nur noch einer solchen räthselhaftcn Erscheinung gedenken, die sich öfters im Meere darbietet und von der deshalb oft die Rede ist, nämlich der Tromben oder Wasserhosen. Die Wasserhosen sind stets mit einem heftigen Wirbelwinde begleitet, wenn gleich in der Luft umher eine noch so große Stille herrscht. Sie scheinen allemal Wolken, und zwar aus- den fin stersten Theilen derselben , herabzuhängen, von denen sie meistens losgeschnittcn und durch einen Abstand von einigen Fuß getrennt zu sein scheinen. Schief hängt, die Trombc wie ein dampfender, gewundener, an beiden Enden gefüllter, in der Mitte leerer Sack, das eine Ende im Meer, das andere an der Wolke, herab und der Wirbelwind scheint ihn zu drehen, zu schütteln, ihn abreißcn zu wollen. Nebelartige dichte Regenschauer verbergen oft das graue gespenstische Phänomen, das in der Mitte hohl zu sein scheint, oft von elektrischem Licht erhellt wird, Blitze sprüht, und kocht, zischt und branßt. Die Wolke neigt sich herab, die See kocht hoch und bäumt sich den Wolken entgegen. Das geheimnißvolle Ding tanzt krciselartig nach -verschiedenen Richtungen über das Meer- Hin, bis es endlich zerreißt und ein heftiger Regenschauer, znwei-380 len auch ein dumpfer Donner das Ganze beendigt. Stets verkün det die Trombe einen rasch darauffolgenden schweren Wind oder Sturm. Oft entstehen zwei, drei und mehr Tromben gleicher Zeit. Diese Erscheinungen sehen furchtbarer aus, als sie sind. Allerdings kann der Wirbelwind das Segelzeug mit) Tauwerk eines Schiffes arg zerzausen. Kommt aber die Trombe dem Schiffe all- zunahc, so wird eine Kanone abgefeuert und der dadurch bewirkte Druck der Luft beendet in der Regel die ganze Sache. Dieses wäre in kurzen Zügen das Wichtigste vom Wesen des Meeres als Wassermasse und den Erscheinungen, welche uns dieses merkwürdige Werk des Schöpfers darbietet. Ist es ein belebter Raum der Erde, oder ein einsamer? Unentschieden ist es," sagt von Humboldt, wo größere Lebenssülle verbreitet ist, ob auf dem Lande oder im Meere." Es ist also wenigstens eben so belebt, als das Land; wir kennen und benützen zahllose Seeer- zeugniße; aber wie viel von dem, das ewig nur den tiefsten Grund der See belebt, mag den Blicken und der Wissenschaft des Menschen noch verborgen sein und vielleicht es auch für immer bleiben! Das Meer hat seine eigenthümlichen Säugethiere, Vögel, Fische, Amphibien, Insekten und Gewürme. Der große weiße Eis bär des Nord- und Südpols lebt fast nur in der See auf schwim menden Eisschollen; ebenso der grimmige Vielfraß. Die merkwür digen Familien der Robben, also der Seehunde, Wallroffe, See bären, Seelöwen, Seekühe und Seeelophanten gehören ganz allein dem Meere an, leben nur in diesem, können sich nur im Secwasser bewegen. Ebenso gehört die Sippschaft der riesenmäßigsten Thiere unserer Erde, der Walle, ganz allein dem Meere an. Wir nen nen davon unserm Leser nur den gemeinen Wallstsch, von dem wir Thran und Fischbein haben, den Narwal, dessen großen weißen gewundenen Stoßzahn die Drechsler brauchen, den Pottstsch und Nordkaper, von dem das wohlriechende Ambrafett kommt, endlich die zahlreichen flinken Delphine, Braunfische oder Meerschweine, Doraden u. s. w. Das sind lauter Meersäugethiere, denn alle ge bären lebendige Junge. Aber auch zahllose Vögel leben im Meere. Der gemeine Matrose macht unter ihnen einen schlechten Unterschied; er sagt, es seien eben Sturmvögel, ob groß, ob klein, ob weiß, braun, grau oder schwarz. Aber dem Gebildeten bietet das Reich dieser381 Seevögel Stoff genug zum Nachdenken und zu ernsten Betrach tungen dar. Im Norden sind es vor allem zahlreiche Schaaren der Eidergänse, deren Eier und Fleisch der Mensch dort genießt, deren kostbar weiche Daunen er sammelt und verkauft. Mit einem Pfund dieses feinsten Flaumes kann ein ganzes Deckbett vollkom men gefüllt werden. In den Meeren der gemäßigten Zone irren ganz ungeheure Schaaren der verschiedenartigsten Vögel herum. Oft fliegen sie tagelang, ehe sie sich niederlassen, mit wunderbarer Kraft und Ausdauer; dann stürzen sie sich in die Fluth, legen die Flügel zu sammen, stecken das müde Köpfchen darunter und schlafen ruhig tn der wildwogenden Welle, die sie wiegt, wenn auch nickt so lieblich, wie die Amme ihr Kindlein. Alle Jahre zwei- oder drei mal erwacht aber in der Brust dieser Thiere der mächtige Trieb der Fortpflanzung. Dann eilen sie über die öden Räume der Oceane viele tausend Meilen weit zu einsamen Felsenriffen, Klippen und unbewohnten Inseln hin, wo sie sich Nester bauen, Eier legen, brüten. Solche Inseln sind zur Brütezeit mit Millionen brüten der Vögel völlig bedeckt. In dunkeln Wolken schwärmen andere Millionen mit häßlichem Geschrei über den umbrandeten Klippen. Der nackte Fels dieser öden Inseln ist viele Klafter hoch mit dem graubraunen Kothe dieser Myriaden von Vögeln bedeckt. Schiffe fahren dahin und holen diese einen unerträglichen Gestank verbrei tenden Exkremente, die bei uns centnerweise, und zwar theuer, verkauft werden. ES ist der Guano, das beste Düngungsmittel der Felder. Unermeßliche Vorräthe dieses Düngers sind vorhanden, daher noch genug Stoff zu ähnlichen Spekulationen. Im Süden gibt es riesenmäßige Arten von diesen Secvögcln, 5- B. den Albatros, der immer am Cap der guten Hoffnung, im südlichen atlantischen und indischen Ocean herumschwärmt und mit ausgespannten Flügeln 12 16 Fuß Breite mißt. In den Mo lukken hält sich eine Schwalbe, die Salangane, auf, die baut Ne ster aus den Leibern einer Art Secgewürms und diese Nester wer den eifrig ausgesucht, gereinigt, dann zu Schleim gekocht und von den reichen Schlemmern jener Zone, namentlich von den Chinesen, als köstliche Suppe verspeist. Auch eigentliche Raubvögel gibt es am Meere, z. B. in Is land und Norwegen die klugen, tapfer und edlen Falken, an allen Meeren der östlichen Erdhälfte aber den großen, schönen,382 weißköpfigen Adler, eines der stärksten und schönsten Thicre seiner Art. Seebewohner sehen oft eine ganz eigcnthümliche Brutalität von diesem Adler. Hoch schwebt er in der Lust und zieht ruhig seine Kreise. Da kommt der flüchtige Falke, der sich vor dem Adler -fürchtet, und zieht über die See. Lange behält er den Adler im Auge, bis er endlich von ihm unbemerkt zu sein glaubt. Nun treibt ihn der Hunger; er durchsucht die Oberfläche der Sec, fleht einen Fisch und ein Pfeil ist nicht so rasch-! stürzt herab, packt den Raub und steigt, den heftig schlagenden Fisch in den Klauen, empor, um ihn heim in s Nest zu tragen. Da senkt flch der faule Adler schneller und schneller, um dem kleinen fleißi gen Jäger die mühsam erworbene Beute wieder abzujagcn. Endlich gibt er seine Absicht, wenn er nahe genug ist, offen zu erkennen und stürzt sich jäh den Falken. Der schreit vor Wnth und Angst; seine Fänge lassen den Raub los und der Fisch fällt seinem heimathlichen Elemente zu. Aber der Adler schießt dem Fisch durch die Lust nach und ehe noch der stürzende Wasserbewohner die hcimathlichc Welle wieder berührt, ist er vom zweiten größeren Räuber gepackt, der ihn nun nicht mehr lässet, sondern trotz des klagenden Wnthgcschrcies des zürnenden Falken am Ufer gierig verzehrt. Zahllos ist das Heer der eigentlichen Fische in der See. Vom grimmigen Hai, vom seltsamgeformten Hammer-, Säge- Schwertfisch, vom Seeteufel und anderen gräulichen Räubern herab bis zum Stockfisch und zur Muräne, dann bis zum Heere der zahl losen Plattfische, Seeaale, Heringe und Sardellen welch eine Verschiedenheit an Größe, Gestalt, Farbe! Eine einzige Herings bank zählt oft Billionen von Heringen! Alljährlich werden sechzig bis achtzig Millionen Stockfische gefangen und verspeist; aber ihre Zahl nimmt nicht ab; sie scheint sich beständig zu vermehren; sie ist eine unerschöpfliche Quelle der Nahrung, des Erwerbs für Hunderttausende von Menschen. Nur allein auf der Neufundland bank holen jährlich 6 bis 700 Schiffe ihre Stockfischladuugen, um sie nach allen Erdtheilen verführen! Nicht geringer ist die Zahl der Amphibien in der See, ob wohl auch diese sich mehr in der Nähe des Landes anfhalten. Doch findet man Schildkröten, namentlich die Rieseuschildkröte und die Caretta, eine kleinere Art, mitten in den größten Oceanen, wo man sie schnurgerade dem erwählten Ziele entgegen rudern383 sieht. Wer zeigt diesen stumpfsinnigen Geschöpfen den Weg durch die öde pfadlvse Wasserwüste? Die See hat aber auch ihre Welt von Kerfen oder Insek ten und in dieser Richtung erzeugt auch die Wasserwelt das Groß artigste und Interessanteste. Zahllose Arten von Krebsen, Krab ben, Wasserkäscrn, Libellen leben theils ganz in der branßenden Mecrfluth, theils wählen sie abwechselnd das Meer und dann wieder das Land zu ihrem Aufenthalte, oder wie manche Käser, Libellen legen sie nur ihre Eier in den von der Flnth verlassenen Grund, die Larve führt ein seltsam geheimnißvolles Dasein unter dem Schaum der Brandung und erst wenn das Insekt sich ent wickelt, steigt es zur sonncndurchglühten Luft und schwebt anmu- thig über der grünlichschillernden Flnth. Besonders seltsam ist die Welt der Scekrebse und Krabben. Von den niedlichsten Thieren dieser Gattung an bis hinauf zum monströsen 2 Fuß langen Hum mer des atlantischen OceanS und der furchtbargestalteten Medusen krabbe des rothen Meeres, deren gewaltige einer Wurzel ent springende Füße das Thier täuschend einer Riescnspinne ähnlich Machen, durchläuft das Spiel der Mannigfaltigkeit alle Formen, Farben und Größen und besonders in diesem Zweige der Natur geschichte ist erst sehr wenig entdeckt, da man Thiere, welche ge wisse Tiefen der See bewohnen, oft nur durch Zufall kennen ge lernt hat. Höchst erfreulich ist aber die oft gemachte Erfahrung, daß im großen Haushalte des Schöpfers nichts verloren geht, was dem Zwecke der Welt, ein Wohnplatz geistiger Wesen zu sein, entgegen wäre. Es sind nur jene furchtbaren Geschöpfe ansgcstor- ben, welche der Existenz des Menschen gefährlich werden mußten, weil er sie mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln nicht zu be wältigen vermocht hätte. Aber alle jene merkwürdigen Seegeschöpfe, welche sich im Jura finden, die Ammoniten, Tcusclösinger und zahl losen Muscheln, Krabben, Krebse, alle hat man jetzt (theils dieselben, theils ihnen ganz nahe verwandte Arten) wieder anf- gcfnndcn. Endlich wimmelt das Meer von Molnöken, Würmern und mikroskopischen Thieren aller Art. Wir haben bereits viel von ihnen gesprochen, namentlich von den Korallcnthicreu; nur von den Muscheln noch wenige Worte: Auch sie bilden ganze Riffe und Bänke und wachsen im Grunde des Meeres zu ganzen Gebirgen heran. Mehrere Arten von ihnen zeichnen sich aber durch die384 höchste Pracht ihrer irisirenden, oder porzellanartigen, köstlich ge färbten Schalen und Schneckenhäuser aus, die Perlenmuschel durch die prachtvollen Perlen. Das Meer wirft aber überall Muschel- Gehäuse in so großen Hausen an das Ufer, daß in den meisten Gegenden Kalk davon gebrannt und mit demselben gebaut wer den kann. Von vielen dem Meere ganz eigenthümlichen Thieren, welche in keine der bisher angenommenen Ordnungen eingefügt werden können, ist schon im ersten Theile unseres Unterrichts die Rede gewesen. (Siehe Seite 24 u. ff.) Die Tintenfische, sodann die Medusen und tausend andere galcrtartige Geschöpfe, endlich die seltsamen Wesen, welche die Waschschwämme bauen und den Grund mancher Meerbusen pflanzenartig völlig überwuchern; die Korallen, deren Stcingchäuse im Laufe der Jahrtausende zu ganzen Felsge birgen anwachsen und wenn sie endlich über die Oberfläche ragen (Seite 40, Thcil I.) zu lieblichen palmenwehenden Eilanden wer den endlich aber das zahllose Heer der Infusorien und ande rer mikroskopischer Geschöpfe, die in mcilcnbreiten und gradlangcn Heeren langsam durch die Fluth ziehen und von decken sich wie der die Riesen der See, die Wallfische nähren; wer kennt diese Wesen alle? Wer mißt ihre Zahl! Man hört auch zuweilen von noch viel riesenmäßigeren Thie- ren sprechen, als Walisischen, riesiger als die kühnste Einbil dungskraft sich denken mag. Der Kraken soll sich im nördlichen atlantischen Ozean zuweilen zeigen, ein polypenartiges Thier, aber fo monströs groß, daß die Seefahrer seinen gcbirgartig sechzig bis achtzig Fuß aus der See aufragenden Rücken für eine Insel hal ten, darauf landen, Pfähle einschlagcn, Feuer anschüren und sich häuslich nieder lassen wollen, bis das Unthicr die Hitze fühlt und langsam wieder im Meer versinkt und die Schiffer erschrocken fliehen vor den alles verschlingenden Wirbeln, die sich über dem versinken den Ungeheuer bilden. Fast alljährlich bringen die Zeitungen auch mehr oder weni ger eingehende Beschreibungen von einer riesigen Secschlange, welche auf Schiffen bald da bald dort gesehen worden sein soll. Ehedem fabelte man auch viel von Geschöpfen, halb Mensch, halb Fisch, schönen Männern und Weibern gleichend zur ober Hälfte des Leibes, deren Gesang zauberisch über die Wogen hiuzittere. 25 385 Es ist das nichts, was vor der Wahrheit bestehen kann. Man braucht nicht Wunder zu erdichten, wo uns der allmächtige Schöpfer schon eine Welt voll Wunder dargestellt hat, die lange noch nicht erforscht ist und wohl nie ganz erforscht werden dürfte. Schön ist die endlose See und voll Leben in ihren Tiefen, auf ihrer Oberfläche; es webt und flattert im Reiche ihrer Lüfte ein zahlreiches Geschlecht munterer Vögel. Dem fühlenden Menschen ist auch das Meer ein Tempel des Allerhöchsten; ruhig betrachtet er in seinen Wundern wie in seinen Schrecken die Allmacht Got tes und nirgends so wie hier erinnert jeder Augenblick den From men so sehr an den wahren Spruch, daß sein Leben in Gottes Hand ist. Möge nun der fteundliche Tag mit gold nem Licht die schillernde ewig wogende Meerfluth beleuchten, oder die Nacht mit dunkelm Fittig sich über donnernde Wogen legen, oder das milde Licht der hehren Gestirne sich in der Welle spiegeln; möge Ruhe aus den Wassern schweben oder der Orkan das wilde schreck liche Spiel der Wellen aufregen, dem der Mensch sich fast hilflos hin geben muß alles kommt von Gott! Das Meer ist groß mit seinen Schrecken, aber der Herr ist noch größer in der Höhe! Und um diesen Gefahren zu trotzen, sie zu erkennen, ihre Größe zu messen und auf Mittel, ihnen zu begegnen, zu sinnen dazu eben hat der Mensch vom Schöpfer die Vernunft empfangen, diesen Gottcsfunkcn, mit dem er selbst der unbändigen Kraft der Ele mente trotzen, sie zu bezwingen versuchen kann. Das Meerschiff ist ein Triumph des menschlichen Geistes über diese anscheinend fcssellosen Kräfte der Elemente, und die Mittel, durch die pfad losen Oceane die richtigen, bequemsten und kürzesten Wege nach alleir Gegenden der Erde eiuzuschlagen, dürfen ihrem Wesen und ihrem Gebrauche nach keinem Gebildeten unbekannt sein. Indem wir nun im Folgenden das Schiff, insbesondere aber das größte Seeschiff, welches bis jetzt von den Menschen, welche nach der Sündfluth lebten, erbaut worden ist, beschreiben, wird uns später noch ein kurzer Raum bleiben, um von den Instrumenten des See mannes, durch welche er seinen Weg über die See sucht, den Ort flndet, wo er eben mit seinem Schiffe ist und die Schnellig keit seiner Fahrt durch das Meer messen kann, einige erläuternde Worte beizufügen.386 Das Seeschiff. Wer hätte nicht von einem solchen schon irgend eine gute oder geringere Abbildung gesehen? Wer wüßte nicht, daß es jetzt noch zweierlei solche Fahrzeuge gibt, nämlich Segel- und Dampf schiffe? Wer wüßte nicht, durch welche Kräfte beide durch die Wassermaffen des Meeres hinpflügcn? Schon das Segelschiff ist als solches ein höchst kunstvolles Werk des menschlichen Geistes und es leistet unglaublich viel. Bei günstigem Winde fährt es mit der Schnelligkeit des in Gallopp rennenden Pferdes. Es hat drei fast ganz aufrecht stehende Masten und vorn hinaus einen schieflicgendcn, den man Bugspriet nennt. Diese Masten tragen qnerliegende leicht bewegliche, starke Balken, von denen die Segeltücher herabhängen. Diese Balken sind gleichsam die Nahmen der Segel und werden Nstaen genannt. Die Masten und Raacn werden nun durch eine Unzahl von mehr oder weniger starken Seilen, oder wie sie der Seemann nennt, von Tauen, in ihrer Stellung festgehalten. Dieses Tauwerk ist sehr mannigfaltig benannt und hat sehr verschiedenar tige Zwecke. Eine jahrelange Uebung ist nöthig, um alle Na men und allen Gebrauch dieses Werkzeugs kennen zu lernen. Zur Regelung dcö Laufes hat das Schiff ein Steuerruder. Die Beschaffenheit desselben und sein Gebrauch bedarf wohl hier keiner Erläuterung. Um aber das Schiff im freien Meere oder in der Nähe des Ufers, iln Hafen u. s. w., wo es eben wün- schenswerth oder möglich ist, festhalten zu können, führt jedes Schiff einige Anker von verschiedenem Gewicht an Bord. Ein sol cher Anker auf einem großen Seeschiffe wiegt zwischen 100 300 Centner und sind ganz eigenthümliche Vorrichtungen nöthig, um ihn s Wasser bis auf den Grund zu versenken wo er sich dann mit einer seiner Schaufeln festreißt und einhackt, und.so das Schiff durch ein Tan oder eine Kette, mit der er am Schiffe be festigt ist, festhält, oder um ihn wieder aus dem Grunde lvszn- rcißen und aufzuwinden. Das große Seeschiff kann sich dem Lande nicht so sehr nähern, daß man unmittelbar vom Lande auf dasselbe gehen könnte, denn wenn es auf den Grund gcräth, so ist es verloren nd keine menschliche Gewalt könnte es von da wieder in tiefes Wasser bringen. Es bleibt also immer in so tiefem Wasser, daß es nicht auf den Grund gerathen kann. Deshalb hat auch jedes Seeschiff mehrere25 * 387 kleinere Fahrzeuge, Boote genannt, in denen die Mannschaft vom Schiff an s Land und umgekehrt fährt; durch welche Ladung vom Lande in s Schiff, oder von diesem Land gebracht wird. Es würde uns zu weit führen, wollten wir von der unendlichen Menge des verschiedenartigsten Geräths an Tan- und Takelwerk, an Ru- der , Stangen, Hacken, Blöcken, Leinen, Bootsgcräthschasten, Winden, Flaschenzügcn, Waffen, an Karten, Meßinstrumenten, Fern rohren, Baro- und Thermometern, endlich an Flaggen, Wimpeln, Standern u. s. w. auch nur ganz kurz sprechen. Daß endlich am Schiff stets genügender Vorrath von süßem Wasser und aller in vielen Monaten nöthwcndrge Proviant für die Besatzung und die Reisenden sein muß, ist von selbst verständlich. Das Segelschiff wird vom Wind getrieben; das Glück und die Schnelligkeit der Fahrt hängt also davon ab, ob der Wind lange genug aus solchen Himmelsstrichen wehet, wodurch er die Fahrt begünstigt. Wenn er aus der Himmelsrichtung herweht, wo hin der Seemann steuern will, so weht er dem Schiff entgegen und dieses kann entweder gar nicht segeln, oder es muß einen ganz andern Weg einschlagen. Nie kann man also auf einem Se gelschiffe zuverlässig sagen: wir werden nach so und so viel Ta gen, Wochen, Monaten am Orte unserer Bestimmung anlangen, denn das Gelingen der Fahrt ist allzuabhängig vom Zustande der Witterung, vom Lauf des Windes und der Meeresströmung. In so- serne ist das Dampfschiff ein zuverlässigeres Fahrzeug, denn es hat den Wind gar nicht nöthig, sondern der Dampf treibt selbst gegen den Wind vorwärts. Allein die Dampfschiffe haben wie der ihre ganz eigenthümlichen Schattenseiten. Erstens: sie sind als Dampfschiffe der Gefahr des Verunglückens durch Zerspringen des Kessels ansgesetzt; zweitens: die Feuersgefahr ist auf Dampf schiffen ausnehmend groß und endlich: der Lärm der Maschine und die heftigen Bewegungen, welche die Dampfkraft im Kampfe mit der wilden Meereswoge erzeugt, sind vielen Menschen ganz un erträglich. Dennoch zieht man die Dampfschiffe den Segelschiffen vor, weil viermal so schnell fahren. Ein Segelschiff fährt mit sehr günstigem Wind in fünf bis sechs Wochen von Bremen nach Nordamerika; ein Dampfschiff dagegen auch bei ungünstiger Wit terung in 12 14 Tagen. Das ist der Unterschied!388 Der Great-Eastern oder Leviathan. Das riesigste Dampfschiff, welches je von den Wogen des Meeres getragen wurde, haben die Engländer jetzt erbaut. Leider ging aber den Erbauern das Geld aus, um es, nachdem der Rumpf und die Maschinen fertig waren und das Schiff im Wasser schwamm, auch auszurüsten, wozu allein noch ein Kapital von 2 3 Millio nen Gulden nöthig sein soll. Bis zu dem Augenblicke, wo wir dieses schreiben, hat nämlich das Schiff noch nicht seefertig gemacht werden können. Das Schiff wurde auf den Werften von Ruffel und Co. in Millwall bei London erbaut und Great-Eastern genannt. Bekannter ist sein Volksname Leviathan." James Watt, eine alte berühmte Fabrik, lieferte die Dampfmaschinen. Das Schiff ist bestimmt, die Reise von England nach Ostin dien, China und Australien zu machen; das ist ein Weg hin und zurück von nicht weniger als 22,500 Seemeilen (3 eine deutsche). Diese ungeheuere Entfernung bedingt natürlich auch eine unge heuere Tragfähigkeit des Dampfschiffs, nicht allein, um genug Kohlen einnehmen zu können, sondern auch Menschen und Gut, ohne die Fracht gar zu hoch stellen zu müssen; demgemäß ist das Schiff auf 22,500 Tonnen Last berechnet. Es wird gar keine Kohlen unterwegs einnehmen, sondern in England so viel Kohlen fasse , etwa 4 6000 Tonnen, daß damit hin und zurücksegeln kann. Dabei soll des Schiffes Schnelligkeit wenigstens auf 15 Knoten (siehe gleich nachher, Seite 396 n. 97) durchschnittlich während der ganzen Reise gebracht und dadurch diese zwischen England und Australien beispielsweise bis auf etwa ein Monat abgekürzt werden. Beiläufig wird das Schiff 12,000 Menschen beherbergen können. Die Länge des Schiffes beträgt 680 Fuß, seine Breite 83, seine Tiefe vom Deck zum Kiel hinab 60 Fuß. Die Länge der Hauptkajüte ist 400 Fuß, ihre Höhe 15 Fuß. Verdecke gibt es vier. 18,000 Tonnen Kohlen und Frachtgut können in Ladung ge nommen werden. Die Maschinen haben eine Kraft von 2600 Pferden. Das Schiff geht 28 Fuß tief im Wasser. Es kann 600 Passagiere I. Klasse aufnehmcn, von denen Jeder 350 Rth. Passa giergeld zahlen muß, dann 1800 II. Klasse, Jeder mit 230 Thlr.,389 endlich 10,000 Mann Hk. Klasse (oder auch Truppen, also eine kleine Armee mit ganzer Feldausrüstung). Das Schiff ist ganz aus Eisen gebaut, selbst die Balken Verspreizungen, Lager, alles ist von Eisen und ungeheuer fest in einander verschraubt, verspleißt und vernietet. Die Wand- und Deckvcrkleidnngcn bestehen fingerdicken Eisenplatten, und diese liegen doppelt, so daß keine Macht der See ihnen etwas anhabcn kann, ja selbst nahe gefeuerte Kanonenkugeln nicht durch- dringeu können; durch diese doppelte Wandverkleidung hat das Schiff eiserne Zellen ringsum an seinen Seiten erhalten, welche einen doppelten Vorthcil darbictcn: erstens vermehren die un geheuere Festigkeit des Ganzen, dann müßte sich bei einer etwaigen Verletzung der äußeren Platten durch Ausfahren, Schüsse oder sonst ein Unglück der Raum zwischen den doppelten Platten allein mit Wasser füllen und dieses könnte nicht in s Innere des Schiffes eindringen, nach der Entdeckung und Ausbesserung des Schadens kann aber das Wasser aus diesen Zellen leicht wieder durch Säug pumpen herausgeschafft werden. Das Verdeck ist ganz glatt und zeigt nur die Lucken oder Oeffnüngen für die kolossalen Fenster und die Treppen. Masten und Dampfschlöte tragen Segel. Das Verdeck ist also ein ungeheuerer über 60,000 fassender Spatzier platz für die Passagiere. Es steht noch dann, wenn das Schiff ganz schwer beladen ist, 32 hoch über die See empor und keine, auch die höchste Woge, kann nicht über dasselbe hinspülen oder ein Stampfen oder Schlingern *) des Schiffes verursachen; das Schiff soll im stärksten Orkan mit geringer Bewegung durch die wogende See hingehen. Nicht einmal Secwasser soll auf s Ver deck spritzen. Ob das durch die ungeheuere Größe des Schiffes erreicht wird, besonders in den schweren Wogen der Südsee beim Cap der guten Hoffnung, und ob dadurch die Seekrankheit un möglich gemacht werde das wird die Zukunft lehren. Die Triebkraft des Schiffes ist aber nicht allein der Dampf, sondern das Schiff führt auch gewaltige Segel an seinen fünf Masten. Der Dampf wirkt aber unter Dazwischenkunft von ge waltigen Maschinen. Es liegen zehn Kessel mit fünf Schornsteinen *) Macht das Schiff die Bewegung eines Wiegenpferdes, so sagt der See mann: e stampft; macht es die Bewegung einer Wiege, so wird das Schlingern" genannt.300 im Kielraum gebettet. Da arbeiten die Flammen in ewiger Nacht erzeugen die Dämpfe. Diese treiben eine archimedische Schraube, welche hinten im Schisse sich im Wasser bewegt und 23 Fuß im Durchmesser hat. Der Leser wolle sich die Arbeit dieser Schraube vorstellen, wie folgt: Er denke sich eine Wasserschnecke, aber statt von Holz, dem stärksten Schmiedeeisen zusammengesetzt von der angegebenen Breite. Diese Schraube wird nun von der Maschine mit ungeheuerer Kraft Schnelligkeit nmgedreht, so daß sie sich, da sie ganz im Wasser liegt, gleichsam im Wasser ein- schranbt und große Wassermassen rückwärts preßt nach einer, ihnen im Schiffe entgegenstehenden Wasserkammer, die ebenfalls vom aller- stärksten Eisen ist. Hier stößt, preßt nun das Wasser zunächst diese Wand, da aber diese die Wand des Schiffes selbst ist, somit das Schiff mit einer nnglanblich Ungeheuern Kraft Schnelligkeit voran und durch die See hin. Man spürt keine Stoße, hört kein auffallendes Geräusch, blos ein dumpfes tiefes Brüllen, welches von der Bewegung der tief unter der Oberfläche arbeitenden Schraube kommt. Aber am Wasser hinter dem Schiffe sieht man deren entsetzliche Gewalt; es ist in milchweißen zischenden Schaum verwandelt und funkelt bei Nacht wie Feuer. Außer dieser Schraube hat das Schiff noch zwei Schaufel räder, jedes von 58 Fuß Durchmesser, welche nach Art der Mühl räder in der See arbeiten und die Schnelligkeit verdoppeln. Bei Stürmen kann man diese Räder stillstehen lassen, da man bei jedem derartig getriebenen Dampfschiff die furchterregende Bemerkung ge macht hat, daß diese Räder das in Wellenberge mit dem Bug stürzende Schiff gleichsam in das Wasser hineinarbeiten, wodurch es schweren Schäden leidet. Im Innern des Schiffes laufen wasserdichte Kammern, durch kreuzt von ähnlichen querlaufenden Kammern bis zum Verdeck hinan. Auf diese Weise ist das Schiff eine Folge von wasserdichten Ab theilungen. Gesetzt das Wasser dränge in eine dieser Abtheilnngen ein oder das Schiff bräche durch einen Zufall in der Mitte von einander, so würde jede Hälfte sich ganz unabhängig von der an dern über dem Wasser erhalten. Man wird in diesem Schiffe leben wie in einem gnteinge- richteten kleinen Stadtviertel von 12,000 Einwohnern. Wer Ge nuß Bequemlichkeit liebt, wird den feinsten Comfort in der ausgedehntesten Weise genießen können. Für Conzerte, Bälle,391 Mittag- und Abendessen, musikalische Gesellschaften ist bestens ge sorgt. Alle nur erwünscht werdenden Getränke und Speisen werden vorhanden sein. Man wird aber und das ist die Haupt sache für die Engländer einmal und binnen den kürzesten Zeit beim Ausbruch eines Krieges ganze Armeecorps mit ihrer vollen Ausrüstung an jene Punkte der Welt schaffen können, wo man ihrer bedarf. Da kein Dock (d. i. ein ausgemauertes Bassin am Meere zum Neubau und zur Reparatur von Schiffen, aus welchen das Wasser gepumpt werden kann) von solcher Größe vorhanden war, wie es der Leviathan erforderte, so mußte das Schiff bei Deptfort auf einer eigens dazu erbauten Werft (Schiffs banplatz) gebaut werden. Der Bau ging trefflich von statten, die Haupttheile der Maschinen, deren Einfügung noch auf dem Werft geschehen muß, weil auf dem stets unruhigen Wasser die dazu nö- thige Genauigkeit unmöglich erzielt werden kann, kamen in das selbe und wurden befestigt und nun sollte das Schiff vom Stapel gelassen werden, d. h. auf der schiefen Bahn auf den ungeheueren eisernen Rollen in das tiefe Themsewasser brutschen. Schon vor dem Bau und während desselben sprachen be sonnene und umsichtige Mechaniker ihre Bedenklichkeiten über dieses Vomstapellaufcn ans. Die 200 bis 300 tausend Centner schwere Masse des Schiffes, sagten sie, ist zu wuchtig, als daß man nicht Vorrichtungen ganz eigener Art treffen müßte, soll cö glücklich in S Wasser kommen. Man beschloß deshalb, das Schiff der Quere nach mit dem Flnßufer aufzubauen, statt, wie alle andern Schiffe, die Spitze oder das Hintertheil nach dem Wasser gerichtet sein zu lassen und so wurde der Bau zu Ende geführt. Eine ungeheuere Menschcnmasse hatte sich au dem Tage cin- gefunden, wo der Leviathan schwimmen sollte. Unter Feierlichkei ten und dem Klange des God save the fing beseitigte man die letzten Schwierigkeiten, zerhieb das Tau, an dem das Schiff noch hing und der Riesenbau setzte sich in Bewegung. Aber die sich bewegende Last verdoppelte sich; das Schiff hatte kaum 20 Fuß langsam rutschend zurückgelegt, so drückte sein ungeheures Gewicht die Unterlagen der Schlitten tief in die Erde, die Rollen gruben sich ein und o Jammer: Die Masse stand wie fcstgcmauert weit vom Wasser da! Die Befürchtungen waren in Erfüllung gegangen.392 Fast ein Vierteljahr lang bedurfte es nun der angestrengtesten Arbeit, tun das Schiff vorwärts zu bringen. Die allerstärksten von riesigen hydraulischen Pressen in Bewegung gesetzten Zugwerke fruchteten nichts; die Pressen zersprangen wie Glas, die Masse war nicht zu bewegen, die stärksten Ketten und Taue zerrissen wie dünne Fäden. Ein Zoll, drei Zoll, ein oder zwei Fuß, wenn es glücklich ging, das war, was mau bei Anstrengung aller Kraft, bei Aufwand aller Kosten oft im Laufe einer ganzen Woche erreichte, um das Schiff seinem Elemente näher zu bringen. Man erfand und baute ganz neue Maschinen von der gewaltigsten Con- strnktion zu diesem Zweck und als man endlich das Glück hatte, das Schiff so weit in die Themse zu schieben, daß die nächste Springfluth es heben und man es im tiefen Strome sicher ver ankern konnte, war nicht allein das bedeutende Capital, welches zur Ausrüstung des Schiffes verwendet werden sollte, daraufge gangen, sondern die Gesellschaft hatte noch bedeutende Schulden machen müssen, um nur ihr Riesenkind in s Wasser werfen. Da liegt es nun in einem tiefen sichern Hafen; die es er- baueten, hatten kein Geld mehr, um es segelfertig zu machen; es mußte erst eine neue Gesellschaft gegründet, neue Aktien mußten ausgegeben werden, um die Capitalien (etwa 2 Millionen Thaler), welche zur Ausrüstung nöthig sind, zu beschaffen. Das Geld ist jetzt beisammen, aber das Schiff ist noch lange nicht fertig, und in dem Augenblicke, wo wir das niederschreiben, tritt der Leviathan die Wogen des Meeres noch immer nicht nieder, wie wir nach Seite 153 unseres Lesebuches sehr unprophetisch vorauszusagen wagten. Wir wünschen vielmehr jetzt demüthig, daß das Schiff glücklicher durch das Wasser gehen möchte, als es hineinkam! Aber wir erkennen an diesem Wunderbau denn doch Eines: unsere Zeit, unsere Kenntniße, unsere Fertigkeiten und Erfahrungen sind in diesem Zweige menschlicher Kunst und Wissenschaft kaum weiter, als es die Menschen zu Noah s Zeiten darin gebracht ha ben mußten. Nehmen wir nun den Faden unseres Unterrichts wieder auf. . Die Mittel, solche Schiffe durch die See zu leiten, sind die selben auf den größten, wie auf den kleinsten. Man hat Seekar ten, auf denen alle Länder, Inseln, Klippen, Bänke, Riffe, die Meerestiesen, Strömungen u. dergl. besondere Eigenthümlichkeiten, dann alle Häfen, Rheden, Strassen, endlich alle Leuchtfeuer, Baaks393 "uf Untiefen, kurz alles, was der Schiffer nur irgend wissen wünschen kann und zum Zurechtfinde auf dem Ozean braucht, auf das sorgfältigste und genaueste angegeben ist. Selbst die Hohe der Fluth, ihr Eintreffen an allen Punkten des Ozeans und zu allen Zeiten des Jahres findet man in den Scebüchern. Auch Himmelskarten mit den Sternbildern bedarf der Steuermann. Um dir Zeit zu messen, hat er seine Chronometer, die unseren Lesern schon ein wenig bekannt sind und seine Sonnenuhren, um den Nord punkt zu erkennen, seine Compasse; zur Auffindung der Sonnen höhe seine Winkelmeßinstrumente, seine Fernrohre sowohl für die Tages- als auch besonders sinnreich eingerichtete für die Nachtzeit. Da von der Güte und Brauchbarkeit dieser verschiedenen Justrn- wente das Leben der Menschen am Schiff und das Gelingen der Fahrt abhängt, so versteht sich jeder Seemann mit dem Besten, was er davon zu erhalten im Stande ist und sie bilden also einen wesentlichen und wichtigen Theil der Ausrüstung eines Schiffes. n) Der Chronometer. Der Chronometer ist eine sehr genau gcbaucte Uhr, welche wie eine Cylindernhr aussieht, aber einen Fuß im Durchmesser hat. Diese Uhr liegt flach in einem runden Gehäuse, das aus zwei be weglichen Ringen besteht. Die Uhr liegt mittelst zweier Zapfen auf dem zunächst um sie liegenden Ringe, dieser aber liegt wieder auf dem Ring, der den Rand des hohlen Gehäuses bildet, mit zwei Zapfen, die sich gerade in der Mitte zwischen jenen Zapfen befinde , mit denen die Uhr, auf ihm ruht. Durch diese einfache Einrichtung wird bewirkt, daß die Uhr selbst vom Schwanken und der Lage des Schiffes ganz unabhängig ist und stets ganz wage recht liegt*). Das Zifferblatt der Uhr ist in Stunden, Minuten und Se kunden getheilt. Die Uhr aber ist mit solcher Genauigkeit und Sorgfalt gearbeitet, daß sie innerhalb eines ganzen Jahres kaum einige Sekunden differirt. Da sie nicht zu schlagen braucht, so ist ihr Bau außerordentlich einfach; sie hat nur ein paar Räder; aber öie sorgfältige Bearbeitung und Regulirung, die sie erfordert, ver- *) Auch die Gehäuse der großen Compasse sind in so bewegliche Ringe ein gelassen, um immer wagerecht zu liegen.394 ursacht ihre Kostspieligkeit ein Chronometer kostet immer noch 800 bis 1200 Thaler. Wozu nun eine so theucre Uhr? Man findet durch sie die Mittagslinie und bedarf zu diesem Zwecke neben der Uhr noch ganz genau berechneter Tafeln nach Stunden, Minuten und Sekunden, welche den eigentlichen Mit- tagSstandpunkt der Sonne für jeden Tag des Jahres angebcn. Die Uhr wird bei der Abfahrt genau nach dem Meridian von Greenwich, der Sternwarte bei London, gerichtet. Man weiß deshalb auf der See immer, wie viel Uhr es in London ist und wenn es auf dem Schiffe Mittag ist, das sieht der Seemann auf seinen Instrumenten (Sonnenuhren) viel genauer, als wir es am Lande hören, denn unsere Uhren geben die wahre Mittagszeit selten richtig an. Man weiß nun, daß die Entfernung von Grad zu Grad um 4 Minuten auf der Uhr differirt; das gibt für den halben Umkreis der Erde (180") mal 4 Minuten 720 Minu ten oder 12 Stunden. Ich habe mich also 180 Länge vom Lon doner Meridian östlich entfernt, wenn ich auf dem Schiff 12 Uhr Mitternacht habe und es in London 12 Uhr Mittag ist. (Ver gleiche Seite 73 u. ff. unseres Buches). Gesetzt also: Unsere Uhr dem Schiffe zeige genau Mit tag 12 Uhr, der Chronometer aber früh 8 Uhr. Ich bin also 4 Stunden im Tage voraus. Vier Stunden geben 240 Minuten; 4 Minuten aber einen Grad; 240 Minuten sind also 60 Grade; d. h. ich bin 60 Grade von London östlich entfernt, weil ich 4 Stunden im Tage voraus bin. Daß sich das auf Minuten und Sekunden berechnen läßt, daß man also selbst auf offener See den Punkt, wo sich das Schiff befindet, mit der wünschenSwerthestcn Genauigkeit angcbcn und auf der Karte abstecken kann, wird dem lieben Leser einleuchten. b) Der Sextant. Wie findet mau nun aber, auf welchem Breitengrade man sich nördlich oder südlich vom Aeqnator befinde? Dazu half der liebe Gott selbst, der immer den Menschen Mittel für ihren Verstand an die Hand gibt. Am (oder wenigstens ganz nahe daran) Nord-und Südpol steht je ein Stern, den man deshalb den Polarstern nennt. Befänden wir uns gerade auf dem Nordpol unserer Erde, so würde der Nordpolarstern, (es ist der letzte Stern im Schwänze des kleinen Bä-ren,) senkrecht über unserm Haupte stehen. Je weiter wir nun südlich ach dem Acquator herabgehen, desto mehr würde sich dieser Stern nach dem Horizonte senken. Am Acquator angelangt, würden wir den Polarstern unmittelbar am Horizonte glänzen sehen und in dem Moment, wo wir über den Acquator hinüber aus die südliche Hälfte der Erde fahren, muß uns der Nordpolarstern untergehen und durch die Krümmung der Erde unseren Blicken entzogen werden. Man hat nun auf dem Schiffe ein Winkclmcßinstrumcnt, einen Sextanten. Mit diesem mißt man den Stand des Polar sterns. Steht z. B. der Polarstern so, daß seine Höhe mit der Oberfläche der Erde (See) einen Winkel von 32 Graden bildet, so befindet sich das Schiff auf dem 32. Grad nördlicher Breite. Das Meßinstrument gibt nun aber nicht allein Grade, sondern auch Minuten und Sekunden an und so kann auch diese Ortsbe stimmung auf das genaueste berechnet werden. Die Engländer, denen der Handel alles gilt, weil er die Onelle des Rcichthumcs ist, halten unendlich viel auf geschickte Seeleute und spornen deshalb ihre Seefahrer durch allerlei Be lohnungen und Auszeichnungen beständig an, sich in ihrer Wissen schaft immer mehr zu vervollkommen. Zur Vervollkommnung der Instrumente und zur Belohnung ausgezeichneter Geschicklichkeit in der Nautik (Schifffahrtswisseuschaft) ist ihnen kein Preis zu hoch. Im Jahre 1846 stellten zwölf der reichsten Citykaufleute folgende Aufgabe: Es wird an einem gewissen Punkt des atlantischen Ozeans, woselbst die Tiefe nicht über 150 Faden (ä 6 Fuß) beträgt, eine nt Inschrift, Namen und Datum gravirte Schüssel versenkt. Das diese Schüssel versenkende Schiff muß sodann die Reise um die Erde machen und kann dabei Handelszwecke verfolgen. Wenn es dein Capitän gelingt, den Ort des Meeres wieder zu finden, wo die Schüssel versenkt wurde, sie herauszuhebcn und in die City ach London zu bringen, so erhält er 1,000 Lstr. (12,000 fl.) als Preis für seine Geschicklichkeit." Dieser Preis war kaum öffentlich mit der Aufgabe ausge schrieben, so meldeten sich mehrere Schiffsmeister, darunter auch einige Offiziere von der Marine, so daß man loosen mußte. Das Loos fiel auf einen alten praktischen Seemann, John Caaring, einen Schotten, der von Jugend auf als MatroS und Steuer-396 mann gedient hatte jetzt einen Dreimaster, ein gewöhn liches Frachtschiff, führte, das zwischen China London segelte. Dieser geschickte Seemann löste die Aufgabe. Er hatte bloö die Bedingung gestellt, daß er an der Schüssel ein Senkblei mit einer Boylcinc (einem dünnen hänfenen Strick) der an einem Cork bestehenden Klumpen, welcher auf der Oberfläche der See schwim mend angebunden ist, befestigen dürfe, um die Schüssel wieder da mit aus dem Grunde heben zu können. Nach einer glücklichen Fahrt von 891 Tagen legte er die Schüssel wieder seinen Absen dern vor und erhielt dasür die ausgesetztc Belohnung. Er hatte den Ort, wo die Schüssel versenkt worden war, so genau ausge nommen, daß ihm deren Aufsuchen kaum eine halbe Stunde Zeit gekostet hatte. o) Der Compaß. Daß das Schiff auch Compasse hat, welche den Nordpunkt anzcigen, ist bekannt. Doch ist der Compaß kein sehr zuverlässiger Anzeiger. Aus bisher noch nicht ganz erschöpften Ursachen weicht nämlich die Magnetnadel zu verschiedenen Zeiten und an verschie denen Punkten der Erde sehr beträchtlich vom wahren Nordpunkte ab. Diese merkwürdige Erscheinung wechselt im Laufe der Jahre und wird beständig von den Gelehrten sorgfältig beobachtet. Auf den Karten ist auch überall angegeben, wie weit die Magnetnadel zur Zeit östlich oder westlich vom Pol abwcicht. Es sind auch schon mehr oder minder scharfsinnige Erklärungen dieser seltsamen Er scheinung vorhanden; aber völlig erklärt und in ihren Ursachen ergründet hat sie bisher noch kein Mensch. l) Das Log. Zuletzt möchte man doch auch wissen, wie schnell die Fahrt des Schiffes gehe? Auf dem Lande ist das keine Kunst. Auf der Eisenbahn kommt man von Station zu Station; mit der Uhr in der Hand kann man die Schnelligkeit auf die Sekunde pr. Meile berechnen. Aber auf der Sec ist alles glatt Wasser, blauer Him mel; wie weiß man da, wie weit das Schiff im Tage kommt, wie viele Zeit es braucht, um eine Meile zu machen? Das sieht man nun am Log und die Berechnung der Schnelligkeit der Fahrt nennt man Logen. Das Log besteht aus einem dreieckigen Brettchen, dessen zwei gerade Seiten jede sechs397 Zoll haben, während die dritte abgerundete Seite 9Vr Zoll mißt. Die drei Ecken sind mit Schnüren versehen, welche einige Fuß vor dem Brettchen in einen Knoten zusammenlaufen. Eine die ser Schnüre ist in dem Brettchen blos durch einen Stift befestigt, welcher durch einen plötzlichen Ruck mit der Leine herausfährt und so bewirkt, daß das Brett nur noch an zwei Schnüren hängt. Don dem oben genannten Knoten aus läuft eine Seilte, welche durch rothgefärbte Fäden in Abtheilungen gcthcilt ist, welche Kno ten heißen und den 120. Theil einer (See-) Meile betragen. Die Leine ist auf einer lcichtbewcglichen Rolle aufgewickelt. Das Brettchen wird nun am Hintcrtheil des Schiffes in s Wasser ge worfen, worauf es sich, da die Spitze mit Blei ausgcgossen ist, sogleich aufrecht stellt und dem Waffer Widerstand leistet. Ist es nun mehrere hundert Fuß vom Schiffe entfernt, so daß man an nehmen kann, es folge den Wirbeln des Schiffes nicht mehr, so kehrt der Matrose auf ein bestimmtes Zeichen eine kleine, gut ge arbeitete Sanduhr um, die gerade 30 Sekunden oder eine halbe Minute laug läuft, hilft der Rolle auch ein Bischen nach, damit diese dem leichten Ablauf der Schnur kein Hiuderuiß in den Weg stelle und zählt dabei, wie viele Knoten oder Abtheilungen von 50 Fuß während der 30 Sekunden ablaufeu. In dem Augen blicke, wo die Sanduhr abgelaufen ist, hält er auch die Rolle an. Der dadurch entstehende Ruck löst den Stift aus, an welchem die Schnur am Brettchen befestigt ist. Dadurch legt sich das nun nur noch an zwei Schnüren hängende Logbrettchen flach hin und keiftet dem Waffer keinen Widerstand mehr. Nun haspelt der Matrose die Leine wieder auf, zählt dabei noch genauer, wie viele Knoten in der halben Minute abgclaufen sind und weiß nun, wie schnell das Schiff geht. Die halbe Minute ist der 120. Theil einer Stunde. Läuft das Schiff in der halben Minute 8 Kno ten, so läuft es in einer Stunde 8 Meilen weit. Dieses Verfahren wird alle 2 4 Stunden und bei jeder Wind- und Stromändcrung wiederholt und das Ergebniß allemal in das Logbuch" eingeschrieben. Mittags 12 Uhw werden die Beobachtungen mit dem Chronometer und Sextanten vvrgenom- wen. Das, was man durch diese Instrumente erfährt, wird mit bom Endergebniß des Logbuches verglichen und der jedesmalige Punkt auf der Seekarte bezeichnet, auf welchem sich das Schiff befindet.398 Wir schließen hiemit unsere kurzen Betrachtungen über den Ozean und wünschen, daß auch sie unseren lieben Lesern ein Sporn sein möchten, tiefer durch beständiges Weiterlernen in seine Wunder zu dringen, sich immer klarer werden über seine Natur und die Erscheinungen diesem großartigen Elemente. Aber sollte denn nur ihr Verstand durch die näberen Betrachtungen desselben gewinnen? Spricht nicht auch die gewaltige Woge in einer geheimnißvollcn und doch recht verständlichen Sprache an das Herz? Siehe, geliebter Leser, in ihr das Bild des Le bens! Der Ozean gleicht der Welt, die Dich umgibt, durch die Dn, ein leicht irrender Steurer, auf schwankendem Schifft lein mühevoll hinziehst. Es ist eine leichte Fahrt, wenn Dich die ruhige Welle des Lebens sanft umspült und Dn nichts weiter zu thnn hast, als den rechten Weg durch sie hin mit Ansmerksam- keit zu verfolgen. Vergiß dabei aber nicht, daß Stürme drohen, verborgene Klippen und Untiefen; daß Ströme Deinen Kiel unbe merkt verrücken und Dich weit ab vom rechten Ziele führen kön nen. Die Mittel Deines Geistes, die leitende Uhr der Zeit, die Meßinstrumente, das Log, die Karten Alles ist mangelhaftes Menschenwerk; selbst der Führer durch die pfadlose Wasscrwüste, den Dein sinnender Geist der Natur ablauschte, der Compaß, irrt weit ab von dem Punkte, den ihm ein großes Gesetz zur ewigen Richtschnur anwies. Traue nicht der Stärke Deiner Vernunft, den Dir verliehenen Kräften Deiner Seele und Deines Lei bes; verlaß Dich nicht auf Deinen Math; setze Deine Zuver sicht nicht Anker und Ketten, mit denen sie Dich fcsthalten sollen. Alles ist Menschenwerk, welches täuschen und brechen kann! Blicke vielmehr mit festem Vertrauen aufwärts nach dem einzigen hehren Stern, der nie wankt und weicht, der Dir allein zur ganz sichern Fahrt als rechter Führer dienen kann. Laß Dich durch nichts von Ihm abwenden, nicht durch das liebliche Spiel der blauschillerndcn Fluth, nicht durch das Kosen weicher Winde. Berausche Dich nicht in den wechselnden Prachterschein- nngcn, im süßen zauberischen Funkeln der unergründlichen Fluth. Unter und hinter diesen Lockungen lauert der Verderber, der Dich zu verschlingen begehrt. So wie in der schimmernden Mcerflnth trügerische Gebilde eines nach dem andern an Dich herantreten und um so süßer und zum schwelgenden Träumen einladender, je gräulicher die Woge kurz vorher noch Dich umschäumte und um-399 donnerte, so bringt die trügerische Welt an Dein argloses Herz eine Versnchnng nm die andere heran je salscher sie Steifet mit ihrem blendenden Scheine, je süßer die Genüsse sind, die sie Dir bietet, desto wachsamer sei, bedrohter Steuermann! Nimm Dir den armen Seemann zum Beispiel, der nie ängstlicher ü acht, als bei langer Ruhe des Ozeans, weil er das treulose Ele ment kennt, durch das sein Schifflein hiupflügt. Ihm gleiche, der nicht allein aus seine Instrumente verläßt, sondern seine Be rechnungen Tag für Tag mit dem vergleicht, was die ewigen Sterne dazu sagen. Was ihm das Firmament ist, jene leuchten den Welten, die, wie Humboldt sagt, in ungestörtem Einklang die alte ewige Bahn vollenden", das muß Dir Gott sein, kann Er, der Herr, allein Dir sein, Er wird ewig bleiben. Wenn Du Ihn, den Vater über den Wolke im Herzen hast, auf Ihn vertraust mit alleiniger, ganzer und festester Zuversicht dann stenre getrost durch das wilde Meer des Lebens. Ob auch die furchtbarsten Stürme dich umbraußenr Zittere und zage nicht, Gott lebt! Er ist bei Dir! Was hienieden könnte Dir da scha den, Dich verderben? Das Land. Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Oerter, daß man das Trockene sehe. Und eS geschah also. Und Gott nannte das Trockene Erde und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sähe, daß es gut war. Gen. I. V. 9. 10. Langsam hoben sich aus den alles umgürtenden Fluthen zu erst einzelne Bergspitzen, langsam und stätig die langgestreckten Wände riesiger Gebirge, abgcflachter Hochlande; Strömungen von einer Gewalt und einer Bedeutung, welche das, was wir zu den ken vermögen, weit übertreffen, arbeiteten mit unablässigem Grimm Nn der Zertrümmerung alles dessen, was aus dem Schoße der Fluth ?nm matten Licht des Urtagcs aufstrebte. Hundcrttausende von Jahren vergingen, bis endlich sogar die Rieseugcbildc der Madre- pvren sich über den Wellen zeigten aber endlich standen Conti- ente, zahllose Inseln, in den sie umbrandenden Wogen und die ewige Kraft des allmächtigen Schöpfers weckte auf dem durchfeuch teten Grunde dieser Bildungen das Leben. Es war zuerst ein stilles, eigenthümliches, ödes Leben; es entsprosseten seltsame Pflan-400 zenbildungell dem Schoo ße der Erde, Pflanzen, die weniger des himmlischen Lichtes, als vielmehr der lauen, gewaltigen Feuchtig keit bedurften, jener ungeheueren Dunstmassen, welche den Erdball hoch hinauf über die letzten Grenzen unserer jetzigen atmosphäri schen Lust umkrcisetcu, des Uebermaßes riesiger Ströme, zahlloser Quellen, unermeßlicher, stagnircnder, die Luft mit Moderdust er füllender Sümpfe, Pflanzen, denen die noch mit scharfen Gasen reich geschwängerte Lust nichts schadete, deren ungeheure, mit un denkbarem Wucher aufstrebende Massen nicht davon vergiftet, die noch von keinem am Laude lebenden vernunstlosen Wesen niedergetreten werden konnten. Noch schwankte die dünne Rinde, welche den glühenden Kern unseres Planeten umgab, unablässig durch die furchtbarsten Erderschüttcrungcn; noch ergossen sich oft über große, plötzlich sinkende Theile der Erdoberfläche wüthende Meeresströme, begruben ungeheure Pflanzenmassen unter vielen hundert Fuß dicken Schichten von Erde, Sand und Gestein und legten dadurch den Grund zu unfern segensreichen Kohlenschichten. Langsam erlangte die Oberfläche unserer Erde ihre heutige, freundliche, von Leben erfüllte Gestalt. Wir nennen also alle vom Meere nicht bedeckten Theile der Erde Land. Das Land ist vielgestaltet. Eine Ebene ist eine Land strecke, auf welcher keine Erhöhungen, eine Fläche eine Landstrecke, woselbst keine Vertiefungen sind. Flächen und Ebenen können wag recht oder schief sein, sie können anstcigen oder sich neigen. Das Ansteigen einer Ebene nennt mau Böschung, ihr Abneigen dage gen Abdachung. Ebene und Flächen können mit dem Meeres spiegel ziemlich gleich (ja sogar etwas tiefer, als derselbe, wie der größte Theil von Holland) liegen und dann nennt man sie Tief ebenen. (Es gibt sogar Gegenden, wie das Jordanthal in Palä stina, welche mehr als 1000 Fuß unter der Oberfläche des Meeres sind.) Liegen sie dagegen so hoch, wie die Ebenen von Quito im Innern der Anden von Südamerika, oder einige Ebenen von Tibet im Innern des Himalaya von Asien, oder die kleine Ebene bei Bern in der Schweiz, so nennt mau sie Hochebenen. Voll kommene Ebenen sind auf der Erde äußerst selten. Steht auf einer Ebene Gehölz, Graswuchs oder Haidekraut (Lüneburger Haide), so nennt man sie bewachsen". Sieht man nichts als den öden, leeren Sand, wie in der Sahara, so nennt man die Ebene kahl. Gehen Gräben, Kanäle (wie in Holland),401 Schluchten (wie in den Pampas von Südamerika) hindurch, so ist die Ebene durchschnitten. Alle Hervorragungen über die gerade Linie der Ebene sind Erhöhungen, alle Einsenkungen Vertiefungen. Jede Erhöhung, sie mag nun noch so bedeutend oder gering sein, hat drei Theile: den Fuß, den mittleren Theil oder Abhang und den oberen Theil oder Gipfel. Ist dieser rund, so heißt er Kuppe oder Krone; ist er flach Platte; ist er spitzig Spitze, Horn, Nadel; ist er lang, schmal und dabei scharf, so wird er First, Kamm oder Rücken genannt. Der Abhang kann nun auch sehr verschieden sein. Geht sehr allmählig bergan, so ist der Abhang sanft; muß man schon tüchtig steigen, so ist der Abhang stark, steil; muß man mühsam emporstcigen, klettern, so ist der Abhang jäh; muß man mit Hän den und Füßen ihn erklimmen, so ist er schroff. Geht es gerade, fast oder ganz senkrecht daran in die Höhe, wie man das bei Fel sen findet, so nennt man den Abhang eine Wand oder thnrmar- tig; ja es kommt vor, z. B. in Schluchten, daß die Felsen von oben Überhängen. Das gibt dann den Gebirgen einen furchtbar schaurigen Charakter, wie ihn die Via Mala in der Schweiz hat. Steigt eine Erhöhung nicht über fünfzig Fuß an, so nennt man sie Anhöhe; eine Erhöhung über 50 bis 500 Fuß wird Hü gel genannt. Steigt die Erhöhung von 500 bis 2, 3, 4tausend Fuß an, so nennt man sie Berg. Liegen Hügel oder Berge in Reihen nach einander hin, so nennt man sie Berg- oder Hügel reihen. Liegen Hügel in Gruppen bei und neben einander, so ist s ein Gehügel; sind viele Berge nahe bei einander gruppirt, so ist s ein Gebirge. Steigen Gebirge so hoch, daß oben keine Pflanzen wegen der Kälte mehr fortkommen, daß es Jahr aus Jahr ein droben schneit und der Schnee nicht mehr schmilzt, so werden so hohe Ge birge Alpen genannt, der nie schmelzende Schnee aber Firn. Das vom Schnee bei sehr starker Sonnenhitze abschmelzende Wasser rinnt in Schluchten, wohin selten oder nie die Sonne kommt, und erstarrt da augenblicklich durch die Kälte wieder zu Eis. Deshalb sind die Schluchten, ja selbst große Thäler in den Alpen, mit un glaublich großen Massen des reinsten. Eises meist ganz ausgefüllt und diese Eismassen sind, bei uns in der Schweiz und in Tyrol we- 26 M v mM MM 8 Je402 nigstens, auch sichtbar immer in beständigem Zunehmen begriffen, dringen immer weiter nach unten in die Thäler vor, verschlingen und bedecken Matten, Wiesen, Aecker, zwingen die dort wohnen den Menschen, ihre Hütten niederzureißen, zu flüchten und richten nicht allein dadurch, sondern durch ihren oft erfolgenden Einsturz und dergl. Zufälle, viel Unheil an. Diese ungeheueren Eismasscn in den Hochgebirgen werden Gletscher genannt. Die Gletscher beginnen in der Schweiz an manchen Orten schon bei 3000 Fuß Berghöhe, der Firn auf der Nordseite (Win terseite) der Alpen mit 5500 6000 Fuß, auf der Süd- (Som mer-) feite mit 7000 bis 7500 Fuß Höhe. Jeder Ort der Ge birge, der über diese angegebene Höhe hiuausragt, ist mit ewigem Schnee bedeckt. Daher der majestätische Anblick der Hochgebirge. Kommt der Reisende an ihren Fuß, so zieht sich sein Pfad durch die köstlichsten mit den reinsten Quellen und Bächen reich durchzo genen Felder und Wiesen. Er findet reiche Dörfer, kraftvolle, frohe, treuherzige Menschen. Vom Fuß der Gebirge, von denen ihn noch lieblich bebaute und reiche Hügel scheiden, steigen, cllmäh- lig die Wände jäher und immer jäher an, bedeckt mit ungeheuren majestätischen Waldungen. lieber deren schwarzgrünen Gürtel glänzen sonnige Matten mit frischem zarten Grün und dieses geht unmerklich in ein reines Weiß über, das die zackigen schroffen Spitzen umkleidet und aus dem das starre Innere des Gebirgs schwarz, rissig oder flcckenweise schaut. In furchtbaren Höhen tau chen sich diese hehren Spitzen s liebliche Blau des Firmamentes. Noch köstlicher wird der Anblick, wo sich Wege in s Innere des Gebirgs durch Thäler öffnen. Aus tiefer Ferne leuchten silbern die Gipfel und majestätisch geformten Kuppen, während unten klare Wasser in tiefen, felsigen Rinnsalen über das Gestein hinschäu- meu. Mit jedem Schritte tauchen neue Wunder, neue malerische Gebilde der großartigen Natur auf. Auf ferner Matte weidet die scheue Gemse, der Adler zieht, auf breiten Schwingen sich wiegend, seine Kreise in der Lust und in stillen Seen spiegelt sich die Größe der Allmacht Gottes in der Bergwelt lieblich ab. Wenn dann der Abend sich niedersenkt, aus Nah und Fern der Silbcr- ton der Kirchenglocken den Pilger zum Gebete ruft, dann schallt von Alpe zu Alpe das Horn der Hirten. Tiefe Schatten senken sich auf die Thäler; es wird Nacht; aber um die hehren, weißen Gipfel droben in reiner Bläue gießt sich ein rnbinrothes, Pracht-403 volles Feuer sie glühen scheinbar; es ist das letzte Glimmen der Abendröthe, das dort oben noch alles prachtvoll erleuchtet, während unten schon die Schatte der Nacht alles in Schwarz und Dunkel kleiden. Zn jeder Jahreszeit und in allen Höhen bieten Hochgebirge eigenthümliche Erscheinungen dar, die man nur in ihnen findet. Weil diese Beschaffenheit der Gebirge eine so eigenthümliche ist, die sich von der des Hügel- und Flachlandes und besonders der Scegcgcndcn, auf daö Wesentlichste unterscheidet, so nennt man diese Gesammteigenthümlichkeit Gebirgsnatur" und versteht da runter einmal den besondcrn Ausdruck, welchen die Oberfläche der Erde innerhalb des Hochgebirges zeigt, ferner aber die ganz eigenthümliche, kraftvolle und charakteristische Beschaffenheit der Menschen, Thicre und Pflanzen des Gcbirgs. Wir wollen diese in kurzen Zügen, anknüpfend an Obiges, zu schildern versuchen. Die Hochgebirge sind Urgebirge, d. h. sind Felsmasscn aus Granit, Gneis, Porphir u. dgl. Gesteine, welche der aller ältesten Bildung der Erde angchörcn und durch die Gewalt der Centralfener der Erde dem Innern nach oben gestoßen, man, nigfach zersplittert rmd auf zerstörender Gewalten furchtbarer Art hindeuten. Bis diese anfangs halbflüssigen und glühenden Mas- sen endlich völlig erstarrten und erkalteten, bis das an ihrer Zer störung arbeitende Wasser (zuerst als Dampf, dann condenstrt heiß, endlich in erkaltetem Zustande) sein Werk vollbracht hatte, bis es die Gipfel verlassen und an den mächtigen Lenden der Rie- senfelsen immer mehr hinabsank in die Tiefen, wer vermöchte nun zu sagen: Das ist die Urgestalt gewesen und so weit reichen die Spuren des Feuers; daö und das haben die zerstörenden Was ser bewirkt. Das aber ist gewiß, daß die Abrundung der For men eine Folge des dritten Elementes ist, welches langsam, aber unablässig dem Wasser beisteht in der Zerstörung der Gebirgsmas- sen und verbunden mit ihm den jetzigen Charakter derselben be stimmte. Es ist das die Lust, welche die Verwitterung befördert und selbst den Granit, das Gestein, welches der Zerstörung und Ver witterung vermöge feiner erstaunlichen Festigkeit am meisten zu widerstehen geeignet schien, dennoch nach und nach mürbe macht und in Staub zerfallen läßt. Der geliebte Leser wolle nun ja nicht in den Jrrthnm ge- vathen, daß diese Verwitterung schon so viele Umgestaltungen von 26 *404 ausnehmender Bedeutung an den Gebirgen hervorgebracht hätte. Noch ragen die allerhöchsten Gipfel der Alpen nadel-, sägeförmig, kammartig oder in scharfe, unregelmäßige Pyramiden verschnitten, schroff und zackig in die blaue Luft empor. Als kühne Wanderer im Jahre 1857 einen der furchtbarsten Schweizerfirstc, die Spitze der Jungfrau, unter unerhörten Anstrengungen und Gefahren er klommen, wohin vor ihnen wohl nur Adler, aber nie ein anderes lebendes Wesen gekommen war, da fanden sie die letzte, äußerste Spitze als einen schmalen, sehr scharfen Felskamm, der sich eckig, krumm, etwa dreizehn Fuß lang hin erstreckte und selbst bis zum südwestlichsten Grad noch etwa 11 Fuß anstieg, so scharf, daß man nur auf ihm reitend und daß von Allen nur Einer auf die letzte Erhöhung gelangen konnte. Rechts schloß sich unmittelbar an die sen Granitkamm der ewige Firn, hier eisenhart und körnig, links fiel der Kamm furchtbar jäh in eine schauerliche Tiefe ab, wohin man nicht ohne Entsetzen zu blicken vermochte und deren schwarzen Grund rollende und wogende Nebel verbargen. Eine furchtbare Zugluft von erstarrender Kälte machte einen längeren Aufenthalt in dieser entsetzlichen Lage und Höhe, in dieser so sehr verdünn ten, von allen Wasserdünstcn vollkommen gelösten Luft zur Todes qual und den Ermatteten schien kaum noch Kraft zu bleiben, ihre gefahrvolle Rückfahrt über gräuliche Schneeabhäuge und die Jrr- sale riesiger, unabsehbarer, von den gefährlichsten Eisspalten und Rissen starrender Gletscher zu wagen und zu vollbringen. Ein ewiger Tod herrscht in diesen Regionen; der starre Winter hat hier seinen Thron aufgeschlagen; er übt hier seine Macht und dehnt sie immer weiter ans; es ist die Natur des Pols der Erde, wo selbst der liebliche Strahl der Sonne, so klar und ewig rein er diese Höhen auch bescheint, nie Leben locken und erwärmen kann. Wohl 5000 Fuß tief mußten die Kletterer hinabsteigen, bis ihnen aus den ihren Blicken noch völlig verborgenen Thälcrn der würzige Hauch einer mit Pflanzenduft erfüllten milderen Luft ent gegendrang. An den Wänden der Felsen zeigte sich in dieser Höhe keine Spur von Leben, sie waren staubfrei, an manchen Or ten wie polirt; an alldern noch wie von der Macht entsetzlicher Feuer geröthet und geschmolzen. Nicht die geringste Fläche zeigte hier eine Spur von Wachsthum; es war alles nur Eis, Schnee oder kahles Gestein und wohin sich der Blick in unermeßliche Wei-405 ten auch erging, er traf nur allein auf die ungeheueren Gipfel, welche gleich erstarrten zackigen Wogen sich ringsum aufthürmten. Selbst die Entfernungen schienen in Folge der unaussprechlichen Reinheit der Luft sich zu rcducireu. Gipfel, von denen man wußte, daß ihre gerade Entfernung 1 bis Va Grad der Erde betrug, schienen dem Standpunkte, von dem die Beschauer sie betrachteten, bis auf die Entfernung weniger Stunden nahe gerückt. Am Ende eines Gletschers gelangten die Reisenden endlich an einen langhingestrecktcn Felsgrat, der schroff abwärts lief und sich allmählig nach Süden hinbiegt. Hier lagen in den Vertiefungen der Felsmasse dünne verwitterte Massen und hier zeigte sich end lich kümmerlicher Pflanzenwuchs. Es waren einige Rhodendron- pflanzen, die hier einsam in der Höhe von 8000 Fuß blühten und dem Lichte der Sonne ihre leuchtenden Blumenkelche entgegen wen deten. Sie wurden mit kindischer Freude begrüßt; eine fast reli giöse Scheu hielt, die Wanderer ab, einige von diesen Alpenkin dern zu pflücken und znm Andenken mitznnehmen. Von hier ab nahmen das Moos und der Flechtenwuchs zu und bald erreichte man beim weiteren Hinabsteigen die Alpenwiesen, wie man sie im Gebirge überall hoch über der Grenze des Holz wuchses findet. Der liebe Leser wolle sich diese Matten aber ja nicht vorstellen, wie etwa die schönen üppigen Wiesen seines Wohn ortes, wo das dichte blumige Gras den Boden deckt und durchhin der erlen- und weidenbeschattete Bach sich anmuthig windet. Das Gras wächst da oben zwar dicht, aber nur rascnartig kurz; die Blümlein sind alle ganz anders, als jene, welche man bei uns in den Niederungen findet. Sie haben ungemein kurze Blumenstiele, so daß sie fast unmittelbar an der Erde gewachsen zu sein scheinen, und zeichnen sich durch liebliche Form und Farbe aus. Kräftig sind diese Kräuter, aber an Ueppigkeit des Wuchses stehen sie weit hinter denen der Thäler und des Flachlandes zurück. An den Abhang gelangt, eröffnete sich endlich der Blick wie der hinab in s grüne, liebliche Thal, von dem aber noch der breite Gürtel der Wälder trennte, durch den wie erstarrte Ströme die Eiszungen mehrerer Gletscher hiuablcckten. Das erste Holz, wel ches man erreichte, war Krummholz, eine Arven- oder Lärchenart, die etwa einen Schuh hoch über der Erde treibt. Dann krümmen sich der dennoch oft schnhdicke und uralte Stamm und die Acstc über den Felsgrund hin, Flechten und Baumhaar scheinen für ihn406 dem Fels die kümmerliche Nahrung zu saugen. Dazwischen kommt eine kränkliche Rothtanne vor, die sechs bis acht Schuh hoch aufschießt, weiter hinab Weiden, Birken, Buchen. Erst in einer Höhe von 3 bis 4000 Fuß nimmt der Wald jene majestätische Ge stalt an, die den Besucher des GebirgS so entzückt und die Rip pen und Lenden der Felsmassen mit einem so erhabenen Schmucke umkleidet. Die Jahreszeiten sind im Gebirge anders, als in den Nie derungen. Der Winter herrscht mit fast ungebrochener andauern der Strenge vom Oktober bis weit hinein in den April. Erst im Mai beginnen Matten und Bäume zu sprossen, aber dann wech selt die Kälte schnell mit dem Sommer und wo die Sonne ihre Macht genug entfalten kann, da bewirkt sie dann auch eine tro pische Hitze bei Tage. Aber um so auffallender ist der Wechsel, wenn sich nach Untergang der Sonne die Nebel in die Thäler senken, diese machen die Nächte erstarrend kalt und es ist keine Seltenheit, wenn es mitten im Sommer Nachts reist oder zolldi ckes Eis gefriert. Trotz dieses auffallenden und empfindlichen Wech sels der Temperatur gedeihen doch alle lebenden und lebendigen Wesen in dem Gebirge herrlich; das bewirkt die Reinheit der Luft, der kraftvolle Dust der Berge und überhaupt das vom Flach lande so unendlich verschiedene großartige Leben, von welchem hier oben alles übersprudelt. Die Menschen sind deshalb im Gebirge ausnehmend kräftig, schön gewachsen, kühn, freiheitsliebend, dabei ehrlich, treu herzig und hängen mit unglaublicher Liebe an ihrem schönen Vatcr- lande. Nur an wenigen Orten zeigt sich die auffallende Erschei nung, daß sie, sich zur geistigen und leiblichen Verkrüppelung hin- neigend, Crctins (Schwach- und Blödsinnige) werden. Andere Gebirgsgegenden zeigen die Erscheinung, daß die Einwohner, so wohl Männer als Weiber, Kröpfe bekommen. Die Thierwelt ist in den Alpen sehr zahlreich, aber nicht sehr mannigfaltig. Es kommen noch immer Bären, Luchse, wilde Katzen und Wölfe (letztere besonders in den französischen Alpen zahlreich) vor. Hirsche in den Forsten, Gemsen auf den einsamsten Matten im Hochgebirge sind zahlreich; der Steinbock findet sich nur noch in den allerwildesten, unzugänglichen Gegenden des Hochgebirgs. Die Murmelthiere hört man öfter bei den Glet schern pfeifen, als man sie sieht. An zahmem Vieh hält der Aclpler viele Rinder und Ziegen; die ersteren sind von ganz eigenthümli-407 cher Race, gewaltige Thiere, meist alle grau, mit braunen Bei. en; außerordentlich fett und kräftig ist ihre Milch. Das macht das gesunde gute Futter in den saftigen Matten. Daher findet man in der Schweiz die trefflichste Butter und den köstlichsten weltberühmten Käs. Das Rindvieh treibt man im Mai zu Berge; da bleibt eö den ganzen Sommer (Alpenwirthschaft); sobald der Frost kommt, wird es wieder zu Thal getrieben. Im südlichen Theil der Alpen hat man zum Transport der Maaren und Reisen den auch Maulthiere und Esel. An Vögeln sind die Alpen sehr arm. Adler und Lämmer geier find nicht selten, besonders erstere. In den Felsklüften hau set das schöne Steinhnhn, in den Wäldern Auer- und Birkhüh ner, wilde Tauben, einige Singvögel und Spechte. An Fischen kommen in den klaren Bächen nur Forellen häu fig vor. Die Zahl der Insekten ist auf den sonnigen Höhen un- gemein groß, aber ihrer Arten sind wenige; die meisten Schmet terlinge sind braun. Vom Winde empor getrieben, trifft man diese Thierchen selbst auf den höchsten Gipfeln. Ueberraschend ist für den Reisenden innerhalb der Alpen die Menge der reichsten und klarsten Quellen und Bäche. Nirgends findet man so köstlich reine, klare und durchsichtige Gewässer, als hier. Da sie oft viele tausend Fuß hoch aus Gletschern und Quel len gebildet werden, so bilden sie auch sehr zahlreiche Cascaden und Wasserfälle. Manche (wie der bekannte Staubbach) stürzen über viele hundert Fuß hohe Wände herab und gewähren dann im Zusammenhalte mit ihren lieblich großartigen Umgebungen ei nen eben so interessanten und romantischen als majestätischen An blick. Das köstlichste Bild mit süßer Anmnth sich lieblich paaren der Majestät stellen aber die herrlichen Seen der Alpen dar, welche namentlich in der Schweiz, dann im Salzkammergut, den Gegenden den höchsten malerischen Reiz verleihen. Nichts über trifft in dieser Hinsicht den erhaben schönen Königssee im bay rischen Hochgebirge. Es ist das eine etwa drei viertel Stunden breite und drei Stunden lange, seltsam zwischen ungeheueren Fels wänden, die 4 bis 5000 Fuß senkrecht, oft überhängend, in die Gewässer abfallen, sich hinwindende Wassermasse von unbeschreib licher Klarheit. Auf achtzig Fuß Tiefe kann man Steine, Wasser- psianzen und dergleichen Gegenstände noch ganz gut darin erken-408 reit. Der See erreicht aber an manchen Stellen wohl eine Tiefe von 800 Fuß. Wenn man im Kahne über seinen glän zenden Spiegel hinrudert, malt sich auf der zauberisch glatten Fläche das schimmernde Bild der erhabenen grauen Riesenwände des Gebirgs mit den daran hängenden Lärchen und Tannen ab, die wie angeklebt erscheinen, uralte Riesenbäume, von denen man nicht begreift, wie und wo sie sich in so jäher Hohe einwur zeln konnten. Oben in einer Höhe von 3 4000 Fnß, fast über dem Haupte deö Schiffenden, weiden Kuhheerden; man vernimmt das Blöcken der Thiere, hört den Ruf der Senner, und den Klang des Alpeuhornes; aber man erkennt Menschen und Thiere in so entsetzlich schwindelnder Höhe nur durch Hilfe des Fernrohrs. Um die Mittagsstunde, wenn durch die steigende Hitze von Firn und Gletschern oben daö Wasser rinnt, beginnt das wunderbare Spiel zahlloser Caskaden, deren Silberfäden zu Staub werden und an den schroffen Wänden im Sonnenstrahl über Höhen von 3000 Fuß abstürzend, farbige Regenbogen bilden. Ein Schuß weckt tausend fachen Widerhall, besonders am hintersten Ende des Sees, das ganz kammartig von den furchtbarsten schroffen Wänden eingeschlos sen ist. Nachts aber spiegeln sich im schwarzen Gewässer die ewi gen Gestirne mit geisterhaftem Glanze ab. Wer dann nach dieser großartig erhabenen Schönheit der Natur eine lachende Gegend besuchen möchte, der gehe an den herrlichen Bodeusee, der 11 Stun den lang und 4 Stunden breit ist, oder an den noch viel reizen deren Genfersee in der französischen Schweiz. Die Alpen, so wie überhaupt die höchsten Gebirge sind so recht eigentlich die Ursprünge der mächtigsten Ströme un serer Erde. So entspringt der Rhein in unseren Alpen, die Donau in einem Zweiggebirg derselben, im Schwarzwalde; der Amazo nenstrom, der Riese unter den fließenden süßen Gewässern, hat sei nen ersten Ursprung in den Anden, ebenso der Riesenstrom La Plata. Der gewaltige Missisippi von Nordamerika ist ein Ge wässer, dessen Kraft sich im fernen Felsgebirge des westlichsten Nordens sammelt. Die Quelle des Nils hat man noch immer tief im Innern Afrikas, im Schneegebirge von Habesch zu suchen, denn sie ist noch immer verschleiert (s. S. 195 unseres Lesebuches); der Niger, Zaire, Zambeze, Formoso und andere Riesenströme Aftikas, deren Mündungen man wohl, deren Quellen man aber nicht kennt, mögen alle, sammt hundert kleineren, im Hochgebirge409 Von Centralafrika ihren Ursprung nehmen. Nun erst die astati schen Ströme, der Indus, der vom Kaukasus kommende Phrat (Euphrat), der Ganges, die großen chinesischen Ströme Ho-ang-ho und Uang-tsc-kiang, der Amur, an dessen Mündung die Russen jetzt Städte und Häfen anlegen, dann die großen, in s Eismeer abfließcnden Ströme Ob, Jenisei, Jndigirska, Lena u. s. w. alle kommen aus dem riesenmäßigen Gebirgsstock, der das ganze Mittelland von Asien erfüllt. Der Lauf der Ströme hat drei Perioden oder Zonen, erstens ihren Oberlauf oder das Qucllgebiet, dann den Mittel oder Sammellauf und endlich den Nieder- oder Mündungslauf. Das Qucllgebiet umfaßt jene Zone des Stromes, wo er entspringt, wo sich kleinere Quellen in Menge mit ihm vereinigen, sein Ge wässer zum Bache, Flüßchen, Flusse verstärken, bis er endlich jene entschiedene Ucberfülle erreicht und jene feste Richtung an nimmt, welche ihn als Hauptflnß kennzeichnet und keinen weitern Zweifel übrig läßt, daß er unter allen ihm von allen Seiten zu eilenden Nebenflüssen den Oberrang behauptet, selbst über solche Zuströme, die ihn an Wassermenge übertrcffen. (Das ist gleich bei Passau mit dem Inn der Fall, der die Donau an Wasserge halt fast um Vs übertrifft. Aber hier läßt die Stromrichtung der Donau gar keinen Zweifel aufkommen, daß und warum Hanpt- strom ist und bleibt). Das Abrinnen über die steilen Gebirgsab- hänge ist für die jungen Ströme mit den größten Schwierigkeiten verbunden. Wildschänmcnd durchlaufen sie eine schauerliche Schlucht nach der andern, rauschend stürzen sie über Felsblöcke, Felswände herab; aus den Seitenthälcrn fließen ihnen die Quell- Wasser in Menge zu; sie erreichen oft breite, tiefe Thälcr, die sie ganz ausfüllen und wo sie demnach jene lieblichen Wasserflächen, die Seen bilden. Ist das Gebirg verlassen, so zieht der Strom in mannigfach gewundenem Laufe durch das allmählich sich abdachende Land hin, durchbricht oft die Flötzgcbirge auf staunenerregende Weise; Wäl der, Weinberge, reiche Städte und Ortschaften schmücken seine Ufer; es beginnt die Kahn - und Floßfahrt; der Strom duldet keine Wehre mehr; bald trägt sein immer vermehrt werdendes Gewässer schwere Lastschiffe, er wird eine breite, herrliche Strasse für den Handel, eine Quelle des Reichthums für alle, denen das Geschick seine Ufer zum Wohnplatz bestimmte.410 Nach vollendetem Sammellauf verläßt der Strom die letzten Höhen und tritt (meist an deutlich erkennbarer Marke) in das Nie derland. Hier fließt er in fast ebenem Boden durch reiche Lande seinem Ziele, dem Meere zu. Die durch zahllose Krümmungen und Inseln gebrochene Gewalt seiner Wasser läßt nach, seine Breite verdoppelt sich, die Strömung selbst ist nicht mehr eine Folge des Falles, sondern des Druckes der nachfolgenden Wassermassen, welcher täglich zweimal durch einen Gegendruck gebrochen wird. Noch steht man die See nicht, noch ahnt man nichts von ihrer Nähe es sind noch mehrere Tagereisen dahin, wo ihr ferner Spiegel am Horizonte glänzt; aber die Flnth staut die Stromwasser ans, drängt sie rückwärts, ihren Einfluß merkt man 20 30 Meilen landein wärts. In diesen Niederungen sind die Ströme so recht die Le bensquellen, die Borne der Fruchtbarkeit des Landes, des Reich thums der Anwohner. Bei hohem Wasser ruhen ihre trüben stag- nirende Massen wochenlange auf dem Boden, bedecken ihn mit dicken Schlammmassen und erzeugen so jene Bewunderung erre gende Ucppigkeit des Pflanzenwuchses, welche jene Marschlande auszeichnet. Nahe ihrem Ziele spalten sich die meisten Ströme in viele Arme, die über große Sandanhäufungen (Barren) fast un merklich in der See verrinnen. Ja es tritt nicht selten der Fall ein, daß sie für die Schifffahrt zu seicht werden und man entwe der die mühsame Arbeit des beständigen Reinigens (Baggern) ei- n er für die Schifffahrt noch brauchbar zu erhaltenden Mündung zu verrichten hat, wie bei der Snlinamündung der Donau, oder wohl gar durch künstliche Kanäle nachhelfen muß, wie an den bei den großen Rheinmündungen durch Schleusen von riesiger Art für die schweren Lastschiffe bis in s tiefere Stromgewässer aus der See. Nur wenige Ströme weichen ab von dieser allgemeinen Cha rakterregel, wie z. B. der Niagara oder Lorenzo in Nordamerika, der nichts weiter als der Abfluß der großen Binnenseen von Ame rika, des Ontario, Huron- und der anderen Nebenseen ist, dann die Wolga, die sich in den Sumpflanden von Jnncrrnßland aus zahl los en Mooren sammelt und dann in s kaspische Meer fällt. Die Quöllen mancher Ströme sind ganz ausgezeichnet durch besonders erhabene Umgebungen. So die Rheinqnelle, welche hoch in einem von den schauerlichsten Felsen umgebenen Thale, dessen schroffe Wände mit Eismassen bedeckt sind, fast röhrenartig in drei411 Strahlen und vielen kleineren Rieseln aus der schroffen Felswand mit starkem Druck herausspritzet und als reines Brunnwaffer durch die wild zerrissenen Schluchten hinabstürzt. Einen noch viel erhabeneren Ursprung nimmt der mächtige Ganges in Indien. Das Ricscngebirg unserer Erde, der Himalaya und von diesem der erhabenste Gcbirgsstock, wo die Engländer jetzt Höhen von 29,000 Fuß gemessen haben und man die aller höchsten Zinken noch gar nicht entdecken konnte, weil die Eingebvr- uen in jenen, von der furchtbarsten Kälte ewig starrenden Regio nen nicht zu leben vermögen und Einzelne diesen Beschwerden mit kühnem Muth trotzende europäische Männer dahin nicht zu gelan gen vermögen, diese mit dem reinsten, ewigen Firn bedeckte Berg welt ist das Quellgcbiet der heiligen Gang . Dahin wallfahrten die frömmsten unter den Braminen mit Lebensgefahr, sie suchen bei der Gangaquelle die Quelle ihres Seelenheiles. Knüpfen wir aber hier an Seite 297 unseres Lesebuches wieder an, um eine kurze Schilderung des Himalayagebirges nach zuholen. Sobald man durch das furchtbare Tiefland Hinterbengalens gedrungen ist, sieht man im fernen Norden wie eine ungeheuere Mauer von blendender Weiße die schneebedeckten Ketten der Hoch gebirge von Asien dahinziehen. Hier fallen sie nach Süden mit merkwürdiger Steilheit ab, während von ihren höchsten Käm men, die sich vom Kaschmir-Himalaya bis zum fernen östlichen Kiun- lung der Chinesen viele hundert Stunden weit hinziehen, nach Norden sich ein niedriger Gebirgszug an den andern anlehnt, ja sogar die Tausende von Quadratmcilc große Hochebene der Mon golei sich hindehnt, eine weite, öde, mit kümmerlichem Pflanzen wuchs bedeckte, äußerst trockene Steppe, in der nach der Sage die Luft so rein und dunstlos sein soll, daß polirter Stahl nicht ro stet. Jene innersten Regionen von Asien sind in ungeheueren Stre- cken noch so unerforscht und unbekannt, als zu jenen Zeiten, wo der älteste Reisende Asiens, der Benetianer Marko Polo, durch zog, als er den Großchan (chines. Kaiser) verließ, um zu Lande wieder nach seiner Heimath zurückzukehren. Keine Grenzmarke be stimmt, wo hier Chinas, Englands, Persiens Herrschaft mit jener des russischen Kaisers zusammentrifft. Nomadcnhorden, die Nie mand als ihren Herrn erkennen, durchziehen sie mit ihren zahlrei-413 chcn Pferdeheerden. Hier soll die Heimath des wilden Pferdes und Esels fein, hier die des Hundes und von hier bezieht man durch die russischen und englischen Handelsleute das kraftvoll rie chende Moschusfctt, die köstlichste Rhabarber und andere wunder bar wirksame Heilmittel. Diese ungeheueren Gebirge haben nun seit uralter Zeit die bildende Menschheit des indischen Tieflandes von den rohen Bar barenhorden der Mongolei und Tartarei geschieden. (China suchte sich ihrer an jener Strecke, wo die Natur jene Riesenwand der Gebirge geendet hatte, durch die große Mauer zu erwehren). Das Ansteigen nach dem Himalaya hin ist durch zwei von der Natur durch die Vorgebirge gesprengte Schrunde erleichtert, aus welchen die beiden heiligen Ströme Ganga und Brahmaputra herauskommen. Noch findet man hier, obwohl schon 4000 Fuß über der Oberfläche der See, tropischen Pflanzenwuchs. Längs des Flusses, der hier Stromschnellen bildet, oft schäumend über längst zerstörte Felsmassen hcrabschießt, sind überall Bethallen errichtet, Zellen für einsame Fromme, die theils ein einsiedlerisches Leben führen, theils den Reisenden und Pilgern als Führer dienen. Die hohen Wände der Gebirge bilden malerische, immer großartiger werdende Landschaften; der Weg steigt immer jäher bergan; selten gestattet die Schlucht Fernblicke; aber wenn man sie hat, so ist der Anblick der schneebedeckten Gebirgsmassen überwältigend erhaben und großartig. Interessant ist der allmähliche Wechsel der Vegetation. Zuerst bleiben die Palmen und Bananen zurück; höher hinauf glänzen die buschigen Wipfel tropischer Farren und Pothosge- wächse an den Wänden, bis endlich in einem etwas breiteren Thale plötzlich eine großartige Nadelholzwalduug der Gegend ei nen fast europäischen Charakter ausprägt. Diese Nadelzholwälder werden nun immer nordischer, nehmen immer mehr zu, je mehr mit dem Ansteigen des Gebirgsrückens die Temperatur der sich abkühlendcn Luft sich der gemäßigten Zone nähert. Jetzt steht man bereits auf einer Höhe von 10000 Fuß, auf dem eigentli chen Grundstock oder dem Erdbuckel, von dem aus die Schnee gipfel selbst in mächtigen Strahlen und Massen aufstrebcn in uner meßliche Höhen. Bis hieher ist das Ansteigen ohne Gefahren und Beschwer den. Aber nun eröffnen sich die Schründe des Hvchgebirgs, wo413 der Strom mit einem Fall von 1 auf 10 Fuß über Felsen braußt und beständige Cascaden bildet. Der laute rauhe Donner seiner starken schäumenden Wassermasscn erfüllt die schauerliche Schlucht, an deren Wand kaum Raum für den Fuß der Pilger bleibt. Die Luft, welche schon auf der letzten Stufe sehr dünn ist, erfüllt die Brust des mühselig ansteigenden Menschen nur nach langen schwe ren Athemzügeu; die Welt der Pflanzen hat längst aufgehört, aus den ungeheueren Massen des Firns kommt der eisige Hauch der be schwerlichsten Föhnwinde herab und seine erstarrende Kälte wird selbst dem ausdauernden Europäer beschwerlich. Die weichlichen Indier leiden unaussprechlich in diesen furchtbaren Regionen; mit erfrorenen Händen und Füßen sinken sie hin und überlassen sich, indem sie sich erstarrt in dicke Gewänder hüllen, einer stumpfen Apathie (Gleichgiltigkeit), der Viele erliegen. Als der engl. Oberst Hodgson in diese Eisgefilde eindrang, hatte er eine Zahl von vier zig der kräftigsten Nepalesen gedungen, sie reichlich mit der wärm sten Kleidung versehen und ihnen durch Versprechen hoher Be lohnungen, durch Darreichen warmen, mit Rum versetzten Thees und kräftiger Nahrung Muth zur Ueberwindung dieser Beschwer den gemacht. Auch hatte er ihren Eifer durch geschicktes Vorhal ten ihrer religiösen Meinungen und Vorurthcile auf das fieber hafteste angespannt, ihm durch die Eisthore bis zur Gangaquelle zu folgen. Aber alle erlagen hier der Wucht ungewohnter Be schwerden, ja mehrere stürzten sich plötzlich verzweifelnd in die fin stere Tiefe der Schlucht, um in den Wirbeln des unten braußen- den Stromes die Qual mit dem Leben zu enden. Der erste Versuch, in das Innere des Gebirges zu dringen, mißlang also vollständig und scheiterte an der Kraftlosigkeit der Begleiter. Hodgson zog also nordwestlich nach den Sanatarien, um hier unter den kraftvolleren Bergbewohnern von Tibet andere Führer und Lastträger zu werben. Wie er dann auf einem kür zeren Wege durch die ungeheueren Schneeregionen eines 10000 Fuß hohen Passes die Gangaschlucht wieder erreichte, hier dem kleine- Ueren, zum Bache gewordenen Flüßchen, unter Eisbrückcn hin, durch Schneefelder folgte und endlich das letzte Ende des Thales erreichte, wo die Quelle des Stromes aus einer Schneemasse her vorkommt; wie er dann noch höher steigend den allerhöchsten Haupt stock des Gebirgs vom Dholagir an sich in unabsehbare Fernen dahinziehen sah und unter diesen mächtigen Gipfeln, welche von414 28000 Fuß Höhe maß; wie später Andere noch viel höhere fan den und in der neuesten Zeit die Gebrüder Schlagintweit, deutsche, kühne Männer, einen Ungeheuern Felsgipfel von 29000 Fuß Höhe gesehen und gemessen haben dieses näher zu berichten, mangelt uns leider Raum und Zeit. 450 (engl.) Meilen lang streckt sich diese Riescngebirgskette hin, an vielen Stellen unnahbar; vielleicht ewig durch die sie umgebenden Schrecken den Blicken des Menschen ver borgen, birgt selbst wahrscheinlich noch höhere Gipfel in ihrem Innern, denn nach den neuesten Nachrichten glänzen blauer Ferne noch riesigere Massen von schneebedeckten Hochgebirgen nach den Punkten herüber, die bisher erreicht und erklettert worden sind. Wenden wir uns nun von den Höhen zum Innern der Ge birge, so können wir hier kürzer sein. Es besteht das Bauwerk der Hochgebirge meist Granit, Gneis, Porphir und Urschieser. Die Kalkgebirge dagegen, die Kreiden, der Thonschiefer sindWas- serbildungen, Gebilde der Madrcpvre und Korallenthierc. In den dolomitische Gebilden findet man jene äußerst interessanten Höh len mit den Knochenlagern; im Liasgcbirge vergrabene Neste nr- weltlicher Thiere; von solchen ist in der neuesten Zeit auf Befehl des Herzogs Maximilian in Bayern zu Banz in Oberfrankcn eine eben so vollständige als interessante Sammlung von fossilen Resten aus dem Banzer Lias ausgestellt worden. Aus einer großen Stein platte liegt das vollständige Gerippe eines Jchthivsaurns; an an deren Knochcntheilen finden sich sogar Hautreste. Nicht minder merkwürdige Reste von fossilen Knochen, z. B. Höhlenbären, Höh- lenlöwen, Mammuth, Hirschen u. s. w enthält die majestätisch- großartige Sophienhöhle bei Rabenstein in Obcrfranken, welche durch die dankenswerthe Fürsorge deö Grundherrn jener Gegend, des Grafen von Schönborn, vor Beraubung und Entleerung ihrer naturhistvrischcn und Stalaktitenschätze wohl bewahrt blieb. Auch die Gletscher zeigen höchst interessante Höhlen; die großartigsten Gebilde dieser Art findet man in Norwegen und dort ist es unter allen die Höhle der Nixe-Huldra-Slätt, welche sich durch Schönheit, Größe und eigenthümliche Naturspiele zeichnet. Ihr Eingang wird durch einen Bogen von Erstaunen erregender Höhe gebildet. Die Halle ist über hundert Fuß hoch und von kaum zu schätzender Ausdehnung. Der Boden ist hartes Eis und Schnee, der Dom oben prachtvolles, durchsichtiges, pcrlwei- ßes Eis, alles unaussprechlich rein wie aus dem schönsten Alaba-415 ster geformt. Je weiter man vordringt, desto dunkler wird der blaue Schimmer; die Säulen nehmen nach und nach ein blasses dunkleres Himmelblau au, endlich das prächtigste Ultramarin, wel ches dem Auge unaussprechlich wohl thut. Man vernimmt ein sanftes liebliches Klingen, welches sein Entstehen den fallenden Tropfen verdankt, die in verschiedene Becken mit klarem Was ser Plätschernd, diese eigenthümlichen Klänge verursachen und durch den leisen Widerhall an den Gewölben massenhaft vereinigt den Eindruck eines süßen, aus tiefer Ferne tönenden Gesanges machen. Gelangt nun der Besucher bis au das Ende der Grotte, so wird endlich sein Auge so an den blauen Schein gewöhnt und das zunehmende Dunkel wirkt so mächtig, daß ihm alles grün zu sein scheint. Da steht er dann plötzlich an dem aus dünneren Eiswänden bestehenden Ende, welche das Tageslicht mehr durchlasseu und nun zeigt sich das größte Wunder dieser schönen Grotte. Durch das Tageslicht wird plötzlich die Cvmplementar- farbe des Grüns erzeugt; das Grün verschwindet allmählig und Man sieht es in das durchsichtigste Rosen- und Purpurrvth über gehen*). Der lieblich seltsame Klang, die außerordentlich schönen Erscheinungen, welche diese merkwürdige Grotte darbietet, alles dieses hat die Sage hervorgerufen: sie sei von der Fee Hnldra bewohnt. Das Innere der Gebirge lernt man aber nicht allein durch natürliche Höhlen kennen, sondern noch vielmehr durch Bergwerke, Dohrungen und durch Tunnels, welche durch den Eisenbahnban zum Be- *) Ohne hier auf die Theorie der Farbenlehre, welche von Newton begrün- det, von Göthe und Andern wieder ganz entgegengesetzt dargestellt wurde, einzugehen, merke sich der Leser nur folgende Sätze: Die Far ben sind Wirkungen des Lichtes. Jeder Lichtstrahl ist stebenfarbig, dies beweist der Regenbogen. Blaue Seide schluckt z. B. alle farbigen Lich ter des Sonnenstrahls und wirft nur die blaue Farbe, Carmin oder Cochenille nur die rothe, GraS nur die grüne Farbe zurück. Sieht man z. B. recht lange auf ein im Sonnenstrahl liegendes, grünes, vierecki ges Fleckchen, schließt dann die Augen und wendet sich in s Dunkle um, so glaubt man ein eben so gestaltetes, rothes, viereckiges Fleckchen zu sehen. Roth ist die geforderte oder Complementarfarbe von Grün; um gekehrt Grün jene von Roth. Der Leser wolle in einer Musestunde einmal im Sonnenlichte mit farbigen (rothen, blauen, grünen, violet ten) Fleckchen oder Papieren dieses Spiel treiben und so selbst deren Complementarfarben suchen.416 dürfniß geworden sind. Bergwerke sind nichts anderes als tiefe, senkrechte, brunncnartige Ausgrabungen in dem Innern der Erde, an gelegt, um solche Erdschichten zu erreichen, in denen Kohlen, Erze u. s. w. enthalten sind. Wir springen der Kürze wegen von den ersteren ab und gehen zu den Tunnels über, zu jenen merkwürdi gen unterirdischen Gängen, welche durch Anhöhen, die sich der Fortführung der Eisenbahnen entgegenstellen, nothwendig gemacht werden. Da die Eisenbahn eben liegen muß (wenigstens nur eine geringe Steigung ohne Gefahr und Nachtheil überwinden kann), so müssen solche Hindernisse durchbohrt und unterirdische Eisenbah nen durch sie hin angelegt werden. Das ist ein kostspieliger und gefährlicher Bau, kostspielig durch die zeitraubende Arbeit und das Ausmauern, gefährlich durch den beständig drohenden Einsturz der oben vor dem Ausmauern frei herabhängenden Fels- und Erd- masscn. Das große Unglück, welches sich vor wenigen Jahren bei dem Durchbrechen des Tunnels durch den Berg Hauenstein in der Schweiz ereignete, ist unseren Lesern in noch zu frischem Andenken, als daß wir es hier anzuführen nöthig hätten. Erinnern müssen wir aber an den merkwürdigen Tunnel, den die Engländer unter halb des Themscbettes in London von einem Ufer zum andern ge graben haben und der nicht allein Fußgängern zugänglich ist, son dern durch den auch sogar Wagen und anderes Fuhrwerk fahren können. Durch solche Tunnels lernt man nun die Gesteinschichtcn im Innern der Erde genau kennen und kann so auf den Bau und die Cvnstruktion unserer festen Erdrinde sehr lehrreiche Blicke wen den und Untersuchungen darüber anstellen. Eine noch interessantere Anschauung über diesen Gegenstand gewährt aber der Erdbohrer, den man zum Erbohren sogenannter artesischer Brunnen oder künstlicher Quellen erfunden und konstruirt hat und nun überhaupt zu unterirdischen Untersuchungen aller Art anwendet. Der Erdbohrer ist ein Werkzeug, um in jeden Boden Löcher von geringem Durchmesser (1 2 Zoll), sogenannte Bohrlöcher, zu bohren. Er besteht aus Stahlstücken von verschiedener Form, je nach der Härte des Gesteins, an welchen zollstarke, eiserne Stangen befestigt werden. Ehe man bohrt, wird eine 12 18 tiefe Grube gegraben, um auf reines Gestein oder Erde zu kommen und oben den Hebel in Bewegung setzen zu können. Dann wird das Bohr stück durch senkrechtes und dabei immerwährend drehendes Einsto-ßen in den Grund allmählig eingesenkt oder gebohrt. Ist tief hinein Sand oder Erde, so muß das Bohrloch mit blechencn oder hölzernen Röhren ausgefüttert werden. An eine Stange, die ganz in die Erde eingcstoßen ist, wird wieder eine andere geschraubt und so fortgefahren, bis mau endlich tausende von Fußen in s In nere der Erde eingedrungen ist. Au den Bohrern bleibt stets et was von den Gesteinschichtcn hängen und da sie sehr oft hcrans- gehoben werden wenn nöthig ist, allemal nach Ticferboh- rung eines Schuhes , so kann man ganz gut sehen, durch welche Schichten man kommt, aus was für Massen die Schichten bestehen, und wie tief sie unter der Erdoberfläche liege . Sobald man un terirdische Wasseradern erreicht, springen den Bohrlöchern Quel len (zuweilen mit größter Gewalt in Folge des auf dem Was ser lastenden Ungeheuern Druckes). Durch den Erdbohrer kann Man also wasserarme Gegenden bewässern, wie es jetzt die Fran zosen in manchen Gegenden von Algier mit Erfolg thun und da durch Wüsten in liebliches Frnchtland verwandeln. Oder man fin det Erze oder Köhlenschichten, wie man bei Zwickau jene unermeß lichen Lager der trefflichsten Steinkohlen blos durch den Erdbohrer anfgesncht hat. Das ist ein sinnreiches Verfahren, werdet Ihr denken, ge liebte Leser und abermals etwas, wodurch unsere Zeit die alte weit übertrifft, wodurch wir gebildeten Europäer weit vor den un gebildeten Nationen anderer Erdtheile hervorragen. Nur still und nicht zu laut gejnbclt! würden uns da die Chinesen zurufen, den Erdbohrer kannten und wendeten wir schon seit Jahrtausenden an! Kommt und sehet bei uns artesische Brunnen ganz eigener Art! Ihr schafft Kohlen zum Brennen aus der Erde; wir brennen die Gase, denen wir durch unfern Erdbohrer Gelegenheit zum Aus strömen geben! Hören wir über die artesischen Brunnen der Chinesen ei niges: Tausende voü Jahren, bevor man in Artois in Frankreich die artesischen Brunnen erfand (kuits urtesiens), bohrte man sie schon in China. Da findet man Bohrlöcher, wie sie in Europa noch nir gends gebohrt worden sind, auch nicht zu Grenelle bei Paris und in Westphalen, welche besonders tief sind; gibt in China 3000 Fnß tiefe. Die meisten Brunnen dieser Art sind in der Provinz418 Ou-tong-kiao (es sollen über 1000 sein), um Salzsoole und das zum Kochen derselben nöthige Brennmaterial zu empsangen. Die chinesischen Salzbrunnen fuhren das Salzwasser nicht mit solcher Ungeheuern Gewalt aus der Erde, wie der große Spru del auf der Saline Kisstngen im Rhöngcbirg, (nahe bei dem be rühmten Bade) dessen Wasser 180 Fuß hoch mit Riesengewalt eine prachtvolle Wassergarbe in dem darüber gebauten Thurme spritzet, wenn sie losgelassen wird, sondern es muß durch Pum pen mehrere hundert Fuß hoch gehoben werden. Merkwürdig ist, daß alle diese Quellen zugleich mit dem Salzwasser eine große Menge durch Schwefel und Kohle verun reinigtes Wasserstoffgas liefern und dieses brennbare Gas ist von den gescheiten Chinesen sogleich zum Kochen der Svvle benützt worden. Da es aber mit dem Wasser gleichzeitig nicht benützt werden kann, so läßt man einen Theil der Röhren, welche ebenfalls Soole geben würden, uubenützt und braucht davon nur das Gas, welches sie ausströmen. Die allerticfften Bohrlöcher geben nur Gas; es wird in Bambnsröhren zu den Siedepfannen geleitet, woselbst es in zolldickcn Strömen aus kleineren, thönernen Mundstücken quillt und mit einer hohen bläulichen Flamme stark heizend brennt. Das wäre nun alles gut gewesen; aber diese Salz- und Gasbrunnen brachten einst den armen Zopfmännern große Roth. In einem Thale des Salzbrunnengebietes befanden sich nämlich vier Brunnen, welche nach und nach immer weniger Soole gaben und endlich ganz verstechten. Man wollte nun durch Nachbohren helfen, um neue Soole zu erhalten. Bei 3000 Fuß Tiefe sank aber plötzlich der Bohrer ein, so weit das Seil gestattete, ein Luftstrom von ungeheurer Stärke drang mit Sturmesbraußen her vor und erfüllte, während er klar und durchsichtig aus der Mün dung des Brunnens schoß, die Luft umher mit schwärzlichen Flo cken niedergeschlagener Kohle, wie sie sich über qualmendem Stein kohlenfeuer bildet. Als die Arbeiter sich von ihrem Schrecken erholt hatten, such ten sie den Bohrer heraufzuwindeu. Sobald derselbe aus der Höhle, in die er gefallen, herauf und in das Rohr gebracht wor den war, flog er von selbst in die Höhe, bis das sich vor seinem Wege stopfende Seil dies verhinderte. Die ungeheuer gepreßte419 Luft trug und schleuderte Bohrer und Seil dann aus der Oeff- nung, wie eine Windbüchse Kugel und Pfropfen. Aber noch ein neues Unglück kam hinzu und dieses schien alles völlig zu verderben. Man kam aus Unvorsichtigkeit mit Licht in den Bereich des Waffcrstvffgascs, dieses entzündete sich plötzlich unter einem erderschütternden Donncrschlage, die hölzer nen Gebäude der Saline gingen Feuer auf, der ganze Boden war mit zwei Fuß hohen Flammen bedeckt und das aus der Röhre strömende Gas brannte fortwährend in einer thurmhohen Feuer säule. Als die Saline niedergebrannt war, verminderte sich auch die Feuermasse dem Boden, nur die Quelle versendete Tag und Nacht ihre majestätische Flammenfontaine. Dieser hoffte man nun Herr zu werden lind sie zu ersticken. Bier Männer ergriffen einen rasch zugerichteten Stein von 6 Centnern Gewicht und tru gen ihn an die Mündung hin, um sie damit zu bedecken. Allein beim Daraufwcrfcn fuhren die Fenerstrahlen seitwärts und ver brannten drei von den Leuten tödtlich; den Stein aber hob der mächtige Strahl und warf ihn weit seitwärts von der Oeffnung Weg. Sand, Thon, nasse Säcke nichts hatte einen besseren Er folg. Endlich nach vierzchntägiger vergeblicher Arbeit tiefte man auf einem benachbarten Hügel eine Cisterne ans, füllte sie mit Wasser und ließ dieses plötzlich in einem eigens dazu hergerichte- tcn Gerinne in das Bohrloch fließen. So ward der Brand wirk lich gelöscht, indem die Flamme für kurze Zeit von ihrer Nahrung getrennt wurde. Man baute nun eine hohe Mauer um das Bohrloch, so daß Niemand wieder mit Feuer sich demselben nähern konnte. Die ungeheure Gasmenge aber fing man auf und leitete sie in Bam- busröhrcn hinweg und sie dient jetzt, um 300 Siedepfannen im Kochen zu erhalten. Das übrige Gas aber, welches man nicht verwenden kann, wird in 4 Röhren von 100 Fuß Höhe in die Lust geleitet, wo es ununterbrochen, Tag und Nacht, in pracht vollen Feucrgarben leuchtet und das ganze Thal erhellt. Der Kohlcngcrnch aber, den diese Flammen verbreiten, macht sich auf drei Meilen in der Runde höchst unangenehm bemerkbar. Hier crbohrte man also, was man nicht suchte, Wasserstoff gas; bei uns sucht man nun allenthalben nach Kohlen in der 27*Erde, weil das Holz überall so theuer, so selten wird, weil für den Ungeheuern Bedarf zu Maschinen, Eisenbahnwagen, Bauten aller Art, Werkzeugen u. s. w. der langsame Wuchs des Holzes nicht hinreicht. In der großen Cramer - Klett schen Fabrik zu Nürnberg werden allein jährlich circa über 2000 Stämme Eichen- und anderes Holz verarbeitet. Zum Bau zweier Lastwag- gons ist ein Eichenstamm von 24 Zoll Stärke und 30 Fuß Länge, das weiche Holz ungerechnet, nothwcndig. In zwei Jahren ist bei uuun- terbrochcnemGebrauch zuschwerem TransportdiescrWaggon zu Grunde gerichtet, daö Holz zerrissen, zerstört, unbrauchbar geworden. Aber eine Eiche von dieser Stärke braucht, selbst in gutem Bvdeu und günstiger Lage, 150 200 Jahre, bis sie die nothwendige Stärke erreicht. Nach einer vorsichtigen Berechnung aus Zeit würden binnen 100 Jahren alle Wälder in Bayern nicht ausreichen, um allein den Bedarf dieses Etablissements an Holz zu decken. Daher sinnt man schon jetzt auf zweierlei: entweder man baut die Waggons ganz aus Eisen, oder man verlegt solche Fabriken in Gegenden, wie z. B. ins Innere vvn Rußland, woselbst ein ausreichender Vorrath von Holz vorhanden ist. Wie wird man sich helfen? Daö wird die Zukunft lehren! Kohlen gibt es überall in ungeheueren Massen; bei vorsich tigem Gebrauch sind sie zweckentsprechender, als Holzfeuerung und theuer werden sie nur, wen der Traiksport große Kosten verur sacht. Die besten Kohlen werden am Rhein in Ruhr gegraben, dann sehr gute Kohlen im bayerischen Unterfranken, die tresslich- sten Pechkohlen kommen aus Böhmen und Sachsen zu uns. Es gibt aber auch Kohlenlager im Fichtelgebirge; werden jetzt ab gebaut. Man wird Schachte graben, von diesen aus Stollen nach den Richtungen der Flötze hintreiben; man wird auf Wasser stoßen und Dampfmaschinen bauen, um die Wasser aus der Erde zu pumpen. In den Kohlcnwerken entwickeln sich Wasser- und Stickstoffgase. Zn ihrer Beseitigung sind großartige Apparate nöthig, die die bösen Luftarten (Wetter) herauf schassen und dafür gesunde atmosphärische Luft in die Tiefen treiben. Sv ein Werk wird Bergwerk genannt (speziell Kohlenwerk oder Erzwerk, je nach dem man die beiden genannten Stoffe daraus zu Tage fördert); die Arbeiter nennt man aber Bergleute. Die liefstcn Schachte in Zwickau sind jetzt bis auf 1018 Fuß Tiefe in den Grund getrie ben; es werden dort über 1100 Arbeiter beschäftigt; 15 große421 Dampfdruckwerke heben Wasser, Kästen, Menschen Geräthe aus in den Schachten zu Tage oder in die Tiefe, treiben die riesigen Pump- Gangwerke; die ganze Gegend hat seit 18 Jahren eine veränderte Gestalt, Reichthnm und Wohlstand sind an die Stelle der früheren Dürftigkeit der Bewohner getreten. Das bewirkte allein der Fund der Kohlen. In Sachsen findet man auch die großartigsten Bergwerke. , Besonders sehenswertst sind die reichen Silber-, Arsenik- Galmei- und Kupfergruben in Freiberg. Die tiefsten Schachte laufen dort 2890 Fuß unter die Oberfläche der Erde. Ehe wir unsere Bemerkungen über die Bergwerke schließen, wollen wir nuferen Lesern noch Weniges von den Salzwerkcn be richten. Es gibt dreierlei Salzwerke: 1) sogenannte Dunstwerke am Ufer der See, große ausgemau erte Bassins, welche sich bei der Fluth mit Seewasser füllen uitT dann abgeschlossen werden, damit das Wasser verdunste und bas Salz sich, am Boden znrückbleibend, krystallistre; 2) Salinen, wo das Salz aus dem Wasser salziger Quellen gesotten wird; endlich 3) eigentliche Salzbergwerke, wie im Salzkammergut bei Bcrg- desgaden, Traunstein oder Hallein, daun besonders in Wie- liczka an der polnisch-östreichischen Grenze. Seewasser und Salzquellen sind an sich salzhaltig; man braucht also nur das Wasser zu verdampfen, so bleibt ohnehin das Salz zurück; Salzwerke aber werden in Bergen angelegt, welche aus Steinsalz bestehen, nämlich aus Felsmassen, welche durch und durch Salz sind. Dieses Felssalz ist aber nicht rein; es ist, wie im Salzkammcrgut, mit metallischen Oxyden (Metallaüflösungen) oder mit Thon versetzt würde demnach der Gesundheit des Menschew schädlich sein. Deshalb hat man in die Salzfelsen Kam mern gesprengt, die werden ganz mit süßem Quellwasser gefüllt und dieses sättigt sich, indem es den Salzfels nach und nach auf löset, so sehr mit Salz, daß und bis es.-writer kein Salz mehr in sich aufnehmcn kann, also zur Soole (siehe S. 422) geworden ist. Bei der See und den Salinen ist das umgekehrt; beide enthal ten höchstens 1 2 Loth auf s Pfund Wasser. Wollte man es nun durch Feuer abdampfen, so würde das einen Ungeheuern Verbrauch von Brennmaterial erfordern. Man läßt also das Wasser ver-422 dunsten, bis es zu Soole (oder wenigstens nahe daran) geworden ist. Dazu ersann man die Verdunstungs- oder Gradirhäuser. Man errichtet lange, schmale Gebäude aus starkem Balkenwerk und bringt etwa 4 5 Fuß über der Erde im untersten Geschoß dieser Gebäude hölzerne, wasserdichte Kästen an, in welchen das von oben herabsikernde Wasser aufgefangen wird. Den Raum zwischen diesen Kästen und dem etwa 50 Fuß höheren Dache füllt man nun ganz mit Reisig und Genist aus. Oberhalb dieser Rei- ( sigmassen laufen nun abermals hölzerne Kästen bin, in welche das Salzwasser durch Druckwerke hinaufgcpumpt wird. Diese obersten Wasserkästen sind vielfach durchbohrt, so daß das salzige Wasser auf die Reisigmasscn beständig tropft; der Wind fährt da hindurch, das Wasser verdunstet rasch, Kalk- und Lehmtheile hängen sich am Reisig an, welches davon ganz braungclb gefärbt wird und nach unten in das untere Reservoir gelangt das Salzwasser gereinigt und stark salzig. Es wird nun abermals vom Druckwerk in die Höhe gepumpt und durchläuft eben auf diese Weise seinen Weg so oft, bis alles Wasser auf den Salzgehalt der Soole durch Ver dunstung gebracht ist. Erst diese Soole kommt in die Salzpfanne, wo das Wasser dann völlig verdunstet und das Kochsalz sich in schönen, schneeweißen Würfeln krystallisirt, mit Schaufeln aus der rothen Soole geschöpft wird und in die Trockenkammer kommt. Alls dieser er halten wir unser weißes, trockenes Tischsalz. Das große Salzwerk in Wieliczka ist so weltberühmt, daß wir es zum Schlüsse kurz beschreiben müssen. Wieliczka, eine freie Bergstadt im bochnier Kreise des Kö nigsreichs Galizien, I r Meile von Krakau, ist ihres Salzberg werks wegen berühmt, eines der reichsten, welches, 1250 von dem Hirten Wiclicz entdeckt, sich gerade unter der Stadt befindet, die ganz untergraben ist. Wieliczka hat ungefähr 6300 Einwohner, und ist der Sitz der Salinenadministration, unter der auch die vier Stunden davon entfernten Gruben von Bochnia stehen. Die größte Ausdehnung des Salzstockes von Westen nach Osten, wo er mit jenem von Bochnia znsammenhängt, beträgt 9500 , von Norden nach Süden 3600, und die größte Tiefe 1220 Fuß. Elf Tagschachte führen in die Grube, davon zwei in der Stadt selbst, nämlich l er Franzißek mit einer Wendeltreppe von 470 Stufen, unter August III. 1744 erbaut, und der Danielowicz, der nur423 198 Fuß tief, gewöhnlich von Reisenden an sicheren Tauwerken befahren wird. Die Grube wird in drei Stockwerken bebaut. San diger Thonmergel, Anhydrit und Sandstein wechseln mit Salz schichten. Ein wahres Labyrinth von Gängen, oft in bedeutender Höhe durch Brücken verbunden, breitet sich in den Stockwerken aus. In den neuen Kammern läßt man Salzpfeiler stehen, in den alten wird die Decke durch Zimmerwcrk gestützt, welches sich trefflich erhält, da die Grube außerordentlich trocken ist, obwohl sie 16 Teiche enthält, deren mehrere mit Nachen befahren werden können. Die ausgebrochcneu Kammern werden theils mit Koth- salz und taubem Gestein zugeschüttet, theils zu Magazinen benutzt, unter denen gegen 70 von bedeutender Größe sind. Mehrere da von sind architektonisch verziert, mit Kronleuchtern, Statuen u. s. w. versehen, Alles ist aus Salz gehauen, und das Ganze gibt, zu mal bei festlicher Beleuchtung, einen feenhaften Anblick. Auch sind darin zwei Kapellen mit Altar, Hciligenstatuen u. s. w. aus Salz gehauen. Das Salzwerk beschäftigt gegen 800 Menschen, die aber nicht in der Grube wohnen, und gegen 100 Pferde, die zum Theil zehn Jahre lang fortwährend unter der Erde wohlerhalten bleiben und deren Ställe gleichfalls in das Salz gebrochen sind. Man bricht, haut und sprengt, letzteres jedoch selten, das C alz, dessen Cubikklaster gegen 280 Ctr. liefert. In den Handel kommt dasselbe als viereckige Formularstücke von i‘h Ctr. (Krystallsalz); als faßähnliche Walzen oder Balwanenst von 5 10 Ctr., haupt sächlich für Rußland bestimmt; als Minutiensalz, welches in Fässer von 2 1 * 5 Ctr. gepackt wird, und als Koth- oder Blottniksalz, welches stark mit Lehm vermischt ist und nur für das Vieh taugt. Man erbeutete 1817 22 jährlich im Durchschnitt 611,682 Ctr., jetzt gegen 800,000 Ctr. ; der reine Ertrag beläuft sich aus sechs Mill. Gulden. Dem Feuer die Erhebung, dem Wasser und der Luft ihre Abrundung verdankend, stehen also die Gebirge als Zeugen jener mächtigen, ungemessene Zeiten erfordernden Bildung der Ober stäche unserer Erde da. Wo das Land niedriger ist, da haben ungeheuere Ströme die Vertiefungen ausgesüllt und alles mit ei ner Riesendecke von Sand bedeckt und ausgeglichen. Andere Bil- bungen sind Werke von Geeichteren,- so kleiner Wesen, daß das Auge sie nicht steht, und doch durch die Vereinigung unscheinbarer Thätigkeit Riesenmassen aufbauend. So ist der ganze mächtige424 Zug der Juragebirge von dem rechten Mainnfer in Oberfranken (frank. Schweiz) an, der sich 100 Stunden weit in ununterbro chener, mannigfach gewundener und verzweigter Reihe bis in die franz. Schweiz hinein erstreckt, durch ganz Nordbayern, Würtem- berg und Baden hindurch ein zusammenhängendes Riesengebilde der Madreporen. Aber nicht sehr tief unter dieser mannigfach geform ten Oberfläche der Erde, wo der Mensch in emsiger Tchätigkeit die Zwecke des Lebens verfolgt und unter seiner schaffenden Hand sich alles so freundlich, so von Gott gesegnet gestaltet, lauert das Verderben, glüht noch das Innere unseres Erdballes und ist durch und durch, wohl 1700 Meilen dick, ein einziger Riesentro pfen geschmolzener, noch in feuerflüssigem Zustande be findlicher Nrmassen. Dieser riefen mäßige Tropfen geschmolzener Massen, der zu weilen (durch welche Ursachen? das ist unbekannt) thcilweise an seiner Oberfläche (da, wo daö Geschmolzene erst zu erstarren beginnt) erzittert, sich regt, auswogt oder wellt (Wellen wirft) ist also im Innern noch beweglich. Seine Bewegungen, nämlich die der in neren geschmolzenen Erdmasse, sind theils örtlich beschränkt, theils dehnen sie sich gleichzeitig über ungeheuere Strecken der Erdober fläche aus, erregen große Theile derselben und die entweder senkrecht stoßweise erfolgende, oder wellenartige, oder schüttelnde oder rüttelnde Bewegung Pflanzt sich durch die viele Meilen dicke erstarrte Rinde fort bis herauf zur Erdoberfläche, zum Land oder zum Meere. Da entstehen dann entsetzliche Verwüstungen; die Erde bebt, zittert; es zerreißen Berge, Felsen; Gebäude stürzen ein, begraben die Menschen und Thiere unter ihren Trüm mern und diese entsetzlichen Naturereignisse werden Erdbeben genannt. Auch der See thcilcn sich diese unterirdischen Beweg ungen mit; sie sind stets den Schiffen gefährlich, welche öfters durch dieselben zerschmettert werden. Man nennt aber solche Er eignisse auf dem Meere Seebeben. Eines der furchtbarsten Erdbeben fand am 1. Nov. 1755 in Lissabon und gleichzeitig über den ganzen atlantischen Ozean bis tief hinein nach Südamerika auf einem Raum von 700,000 □ Mei len statt. 50,000 Menschen verloren dadurch ihr Leben. Lissabon425 aber, die reiche Residenz- und Handelsstadt von Portugal, ward dadurch in einen Trümmerhaufen verwandelt. Von der Stärke solcher Erschütterungen sucht man sich ver geblich einen Begriff zu machen. Hamilton und Dolomieu, zwei Naturforscher, hatte der Zufall gerade nach Calabrieu, der südlich sten Spitze Italiens geführt, als dort am 28. März 1783 ein furchtbares Erdbeben ausbrach. Man sah dabei die Gipfel der Granitgebirge sich springend heben, emporschnellen; wer vermöchte sich nun nicht das Schicksal schwacher menschlicher Gebäude vorzu halten? Die 24 Meilen lange, 6 8 Meilen breite Erdzunge war der Hauptsitz des Verderbens. Es wurde in diesem kleinen lieb lichen Gebirgslaude alles völlig zerstört. Dörfer, Städte, Schlösser, ja selbst die Berge und die schönen Wälder, welche die Gebirge schmückten, wurden so vollständig umgeworfen, durcheinanderge rüttelt und zerstört, daß die Bewohner, welche nicht mitvcrschüttet worden waren, sondern sich gerettet hatten, sich in der Gegend nicht mehr zu orientiren vermochten. Kein einziges Gebäude blieb stehen oder unverletzt; an tausend verschiedenen Orten klaffte die Erde plötzlich auseinander, die zufällig dort stehenden Menschen versanken bis an die Brust, bis an den Hals. Glücklich, wen die Erde ganz begrub; aber Viele fand man später zwischen unver rückbare Felsmassen eingeklemmt, unten zerquetscht, oben noch le bendig! 100,000 Menschen gingen zu Grunde! Fast eben so furchtbar war das Erdbeben, welche 1857 die selbe schöne Gegend so hart mitnahm. Diese schreckliche Kata strophe ist noch in zu frischem Gedächtniß, als daß wir sie be schreiben müßten. Fragen wir nach einer Ursache dieser zerstörenden Ereignisse, so antwortet uns die Wissenschaft mit Hypothesen: Wasser dringt in die Erde, es sinkt tiefer und tiefer; vielleicht erreichen die im mer tiefer sinkenden Wasser die glühenden Stellen (Schichten) des Innern unserer Erde, werden da in Dämpfe verwandelt und daß diese eine entsetzliche Kraft entwickeln, dieses ist bekannt. Auf andere, "och tiefsinnigere und gründlichere Erklärungen können wir hier des gemessenen Raumes wegen nicht eingehen. Daß das Innere der Erde eine in fcuerflüssigem Zustande befindliche Masse ist, das beweisen die Verbindungswege des flüs- stgen Erdinnern mit ihrer erstarrten Außenseite, ungeheuere Schorn steine, aus denen Gase (Rauch) Jahr aus Jahr ein in gewalti-426 gen Massen ausgestoßcn werden, denen aber zeitweise auch furchtbare Flammen ansbrechen und die geschmolzenen Massen (Lava) selbst hervorquellen. Der kleinste Vulkan von Europa, der Vesuv bei Neapel, hat bei Ausbrüchen eine 9 10,600 Fuß hohe Feuersäule; klaftcrdicke Felsmassen schleudert er bombenartig noch höher in die Luft, als wären es Federbälle. Nun erst der Aetna auf der Insel ©teilten, dann die zahlreichen großen Vulkane aus Island (s. unten), oder in Amerika und Asien. Welch einen An blick solch ein feuerspeiender Berg darbietet, wenn er arbeitet, die ses sich vorzustellcn (besonders zur Nachtzeit), überlassen wir der Phantasie. Der Aetna ist 10,200 Fuß hoch; sein höchster, mit Eis und Schneemassen bedeckter Gipfel kann erstiegen werden. Er bietet eine köstliche Aussicht über die Insel und die kleinen Eilande dar, welche sie umgeben und wie Blumeuknospen in dem war men, sonnigen Meere schwimmen. Man sieht, wie auf einer Karte, jeden Hügel, jede Ortschaft deutlich vor sich liegen und kann in den vom Berge ausgehenden Hügelreihen die Strahlen erken nen, welche durch die älteste unterirdische Erhebung des Bodens darin anfgerissen wurden, als der erste 4 ital. Meilen im Um kreise haltende Erdschlot (Krater) sich öffnete, der durch seine schrof fen, breiten Wände und durch seinen gewaltigen, mehrere tausend Fuß tiefen Absturz unzweifelhaft zu erkennen gibt, daß er einst offen war und in die Tiefe bis auf den Grund der geschmolzenen Erdmasse hinabreichte. Jetzt ist er wie zugemauert, und durch die Spalten und Risse des heißen Gesteins dringen noch zischend und brüllend die Gase heraus. Wunderbar ist der Anblick der schwar zen und längst erstarrten Lavaströme von der Höhe des Berges; auch diese gehen strahlenförmig von der Mitte aus; sie erstrecken sich aber, da sie von Farbe sehr dunkel sind, nicht wie Gesteiu- und Felsmassen, sondern wie tiefe, schwarze, grauenvolle Abgründe, durch die waldige, wie durch die mit den üppigsten Gärten, Ge treide und Weinbergen geschmückte untere Bergregion bis zu dem Meere, in welches sie an mehreren Stellen gleich Riesendämmen weit hineiuragen. Allein so schön dieser Vulkan, so erhaben der Anblick seiner Ausbrüche ist, für die armen Siciliauer sind sie keine Interesse und Bewunderung erregende, sondern vielmehr höchst entsetzliche Erscheinungen. Der Ausbruch des Aetna am 9. März 1669 zer-427 störte 49 Städte, 700 Kirchen und tödtete 94,000 Menschen. Die naheliegenden Gegenden wurden in eine Wüste verwandelt und haben sich seit beinahe 200 Jahren nicht wieder erholen können. Vulkane sind also gleichsam Abzugskanäle für das noch im mer glühende, geschmolzene Innere unseres Erdkörpers. Es leuch tet ein, daß ihre Anzahl sich im Laufe der Zeiten vermindert haben werde; in der That ist auch die Anzahl der erloschenen sehr groß und man findet wohl kaum eine Urgebirgserhebung in irgend ei nem Erdtheile, in welcher nicht einer oder mehrere vormalige Vul kane wären. Diese Berge zeigen meist noch die charakteristische, kegelförmige, zuckerhutartige Gestalt der Vulkane; ihre Felsmassen bestehen Porphyr, Basalt und Lava; ja ganze weite Land strecken sind mit solchen Erzeugnissen der Erdfeuer bedeckt. Eine der allermcrkwürdigsten Gegenden ist in dieser Beziehung die West küste von Irland. Diese schroff aus den Wogen des atlantischen Ozeans aufsteigende Küste besteht weithin aus basaltischen Forma tionen. Der Basalt, ein sehr harter, lavaartigcr Stein, ist dabei in langen, dicken, ganz regelmäßigen, fünfseitigen Säulen krystal- lisirt, welche oft senkrecht wie Orgelpfeifen neben einander stehen, öfter auch durch die Gewalt mächtiger Erderschütterungen schief ge stellt, ganz zerschmettert und grauseuvvll unter einander geworfen sind. Das Meer rauscht über diese zahllosen, seinen Grund de ckenden Trümmer mit eigcnthümlich klingendem Sausen heran und bricht sich mit dumpfem Donner an den Basaltstellungen, welche die Küste dämm- oder zaunartig einfassen. Noch herrlicher ist das Naturspiel dieser Basaltbildungen auf Staffa, einer nördlich von England im freien Ozean liegenden Insel. Dort hat das stets wüthend an den Felsküsten sich brechende Meer einen Theil des Grundes der Insel zerstört, die Basaltstützen von ihrer Oberfläche hinweggerissen, zerschmettert und förmlich hinweggeschwemmt. So entstand eine weite Höhle, in deren Grund das Meer woget und wohin man bei ruhiger See in kleinen Booten fahren kann. Der Eingang dieser 360 Fuß langen Höhle ist 90 Fuß hoch und 80 Fuß breit. Ihre Decke besteht gewölbartig in einander verkeilten Basaltsäulentrümmern von glänzend grünschwarzer Farbe; längs der mannigfach linirten und abgeeckten Wände stehe die mächtigen Basaltkrystalle, jede Säule 1 2 Fuß dick, in schönge ordneten, pfeilerartigen Reihen neben einander hin, schwarzglän zend und sehr rein durch die ewig an ihnen spülende Welle.428 Am Grunde wogt die grünliche Meerflnth um Basalttrümmer; einzelne abgebrochene Schäfte ragen klippenartig höher oder niedriger daraus empor. Die Brandung dringt in regelmäßigem Pnlsschlag in diese Kammern, wäscht an ihren Wänden hin und rauscht zornig über das Geschüttc und Gcklippe des Grundes. Die weite Halle erfüllt deshalb ein eigcnthümlich dumpfes, aber mächtiges Klingen, wie ferner Gesang rauher und starker Männerstimmen. Deshalb haben die Inselbewohner diese großartige Höhle Fingalshöhle" genannt (nach Fingal, einem ihrer alten Barden oder Sänger). Der Anblick des majestätischen Fclsthores mit seinen Basaltbil- dungen von wunderbarer Regelmäßigkeit und lieblich dunkler Farbe, das Gewinde frischer, ewig grüner Festons, welches oben in rei zender Unregelmäßigkeit die Stirne der Felsmassen bekränzt und die seltsam gebrochene, schäumende Meerfluth, die sich wirbelnd durch die zahllosen Massen basaltischen Getrümmers in das Innere der Höhle drängt, um es aus unbekannten Wegen wieder zu ver lassen und sich so in einen Schlund der Erde zu ergießen scheint alles dieses bietet einen Anblick von zauberhafter Majestät und Erhabenheit dar. Vulkane waren also ehedem sehr zahlreich an der Oberfläche der Erde; aber es bilden sich zuweilen noch neue Krater an Or ten, wo früher gar keine vorhanden waren und zwar nicht allein auf dem Lande, sondern selbst mitten im Ozean. So entstand im Juni (759 in Mexiko der ganz neue Vul kan von Jorullo. Dort, wo jetzt dieser Feuerberg beständig ar beitet, zischt und donnert, war früher eine sehr fruchtbare, lieb liche, reich bebaute und bewohnte Gegend. Im Juni 1759 hör- ten die Einwohner Plötzlich ein gewaltiges, unterirdisches Getöse, das sich beständig zu markerschütternder Kraft verstärkte und end lich in Erdbeben der furchtbarsten Art überging. Anfangs Sep tember beruhigte sich die Erde wieder etwas und die verstörten Einwohner dachten, sie möchten jetzt wohl ihre zerstörten Gebäude wieder errichten können. Da begann das Erdbeben in der Nacht vom 28. auf den 29. September abermals, ein großer, viele Quadratmeilen umfassender Landstrich begann sich zu erheben, schwoll aus wie eine Blase, riß sich endlich unter donnerndem Krachen von dem umgebenden Boden dergestalt los, daß er sich um 40 bis 50 Fuß darüber erhob und die Schichten deutlich sehen ließ, welche den Boden bildeten und ward zu einer domar-429 tigen Erhebung von ungefähr 500 Fuß Höhe und einem Umfang von 4 5 Quadratmeilen. Die Einwohner waren längst geflüchtet und übersahen von den naheliegenden Gebirgen diese merkwürdige und furchtbare Zerstörung ihrer Heimath. Die Oberfläche des Grundes schlug förmlich Wellen wie das empörte Meer; 10 20 Fuß hohe Hügel hoben und senkten sich darauf abwechselnd; endlich aber brach die Mitte der Blase völlig auf, ein Krater öffnete sich und man sah Rauch, Dampf, Flammen, glühende Steine viele tausend Fuß hoch geschlendert; die Erde klaffte weit auseinander und einem guer durch die ganze blasenartige Erhebung gehenden Spalt tra ten sechs Berge in einer Reihe hervor, der höchste darunter stieg bis zu 1600 Fuß an und wurde Jornllo genannt. Biö 1760 blieb dieser Vulkan in ununterbrochener Thätigkeit; noch immer stößt er Rauch und Dampf aus. Zwischen Sicilien und der Insel Pantellaria entstand aber Mitten im Meere ein neuer Vulkan. Erdstöße gingen seinem Wer den voran Am 8. Juli 1831 segelte das Schiff il Gustavo, Capt. Trcfiletti, gerade an der Stelle vorüber, wo der Vulkan sich zu bilden begann. Das Meer ist daselbst 6 700 Fuß tief gewe sen; da erhob sich Plötzlich die Wassermassc zum Erstaunen und Schrecken des Schifferö; 90 100 Fuß sprudelte sie aufwärts, sank dann, erhob sich auf derselben Stelle wieder in Pansen von Viertel- und halben Stunden und eine Rauchwolke entwickelte sich aus ihr, welche den ganzen Himmel einhüllte. Das Meer tobte dabei, viele todte Fische schwammen in demselben. Bis zum 24. Juli dauerte das Kochen der See fort; viele Mit Neugierigen gefüllte Schiffe und Boote umgaben dieses Natur- schauspiel. Endlich bemerkte man, daß sich eine kleine, nur wenig über das Meer hervorragende schwarze Insel bildete, welche der Rauch säule zur Unterlage diente und einen Krater von 600 Fuß im Durchmesser bildete, welcher Flammen und Rauch ausstieß und sich fortwährend erhöhte. Ans der Mündung des Kraters stiegen zu erst schneeweiße Ballen von Dämpfen auf. Sich an einander ket tend und durch einander rollend bildeten dieselben eine besonders im Sonnenschein überaus prächtige, glänzende Säule, deren Erhe bung über dem Meere 2000 Fuß betrug. Durch diese geräuschlos stets emporwirbelnde Säule schossen dann und wann schnell vorüber-gehend schwarze Schlackenwürfe, welche die Dampfwolken mannig fach dnrch einander rollten. Unmittelbar unter und neben der wei ßen Rauchsäule erhob sich dann furchtbar drohend eine dichte, schwarze Rauchsäule, welche an ihrem oberen Ende sich garbenför- mtg ausbreitete. In derselben ward ein ununterbrochenes hefti ges Arbeiten der stets von neuem wieder hervorgeschleudertcn Saud-, Aschen- und Steinmassen bemerkbar, welche zu Tausenden an ihrem Umfange umherflogen und herabstürzten. Jeder Stein, welcher durch den erhaltenen Schwung etwas weiter flog, führte einen Schweif schwarzen Sandes hinter sich und es entstanden da durch merkwürdige strahlenförmige Gruppirungen, wie Raketenbün del von dunkler Farbe, oder wie Cypressenzwcige, welche einen un beschreiblich schönen Anblick gewährten. Während der ganzen Zeit der Dauer dieser Ausbrüche zischte das Meer von beit zahlreichen in dasselbe fallenden heißen Stcin- und Erdmassen. Die Insel erhob sich dnrch die unaufhörlichen Aufschüttungen bis zur Höhe von 200 Fuß und dem Umfang ei ner Viertelstunde. Etwa ein Monat nach ihrem Beginn endigten die Ausbrüche und die Insel konnte nun besucht werden. Die Engländer schienen Lust zu haben, das kleine Eiland in Besitz zu nehmen. Aber es wurde theils von der See, theils dnrch unter irdische Senkungen bald wieder so zerstört, daß man jetzt keine Spur mehr davon sindet. Auch die hier und da der Erde sprudelnden heißen Quellen sind beständige Zeugnisse von den furchtbaren Glnthcn, welche das Innere unserer Erde erfüllen. Die Thermen von Karlsbad.sind zugleich auch ein sehr wohlthätigeö Segensgeschcnk des gütigen Schöpfers. Tausende sinden dort jährlich in Bädern und durch Trinken der warmen Wasser die durch Alter, Be- rufsanstrcngung, Krankheiten erschütterte oder untergrabene Ge sundheit wieder. Solche Quellen (Gesundbrunnen) fließen auch in Wiesbaden, Baden-Baden, Schwalbach, Kissiugen, Aachen; bann zu Plombiores, in Frankreich, ebenso in Ungarn, der Schweiz und überhaupt in zahlreichen anderen Ländern und Erdthetlen zum Glücke der Menschheit in reicher Anzahl und Menge. (Nicht alle sind aber warm, viele nur lau oder ganz kalt.) Die großartigsten und merkwürdigsten heißen Quellen findet man auf dem vulkanischesten Boden der Welt, auf der in vieler Hinsicht äußerst merkwürdigen Insel Island. Von dieser und ih-431 ren sehr merkwürdigen Eigenthümlichkeiten wollen wir znm Schluffe unseres Kapitels noch einiges sprechen. Island hat eine erstaunliche Menge von feuerspeienden Ber gen; im südwestlichsten Theil der Insel, im Distrikt Rangava- lesyssel, befinden sich allein 8, darunter die zwei merkwürdigsten, nämlich der Hekla und Krabbla. Sie sind zwar bei weitem nicht so ungeheuer hoch, wie die großen Vulkane in der Andes- kette von Amerika, z. B. der Colima, Tolnea, Popocate- Petl in Mexiko, die alle über 15,000 Fuß hoch sind, oder jene in Quito (Südamerika) der Pichincha, der Capac-Urn, der Cotopaxi, Antisana, welche über 18,000 Fuß ansteigen; aber sie erheben sich doch 3 5,000 Fuß hoch und, ihre Ausbrüche sind von ganz ausnehmender Heftigkeit. Der Hekla schlendert große Massen von Bimssteinen (ausgeschmolzenes Gestein, so leicht, daß es im Wasser schwimmt) viele Meilen weit, so daß bei seinen Eruptionen das Meer damit bedeckt wird, von dessen Küste er doch 4 Stunden entfernt liegt. Nordwestlich vom Hekla, südwest lich von Balder-Jökül liegt das Hogndal (Thal des Hogn, ei nes isländischen Helden). In diesem Thale findet man nun jene Prachtvollen heißen Springqucllen oder Geiser, von denen wir jetzt sprechen wollen. Sie wurden in neuester Zeit von Gelehr ten, wie Krug von Nidda, Sartorius und Prof. Bunsen besucht und wie folgt beschrieben. Das Quellensystcm der Geiser liegt in einer etwa zwei Meilen breiten Ebene, die sich am Fuße des Blafelbergcs gegen das Meer hin erstreckt. Die umgebenden Hügel bestehen auö schieferigem Gestein. Das weite Thal ist mit einem dichten, grü nen Teppich üppiger Wiesengründe bekleidet; mehrere größere und kleinere Flüsse winden sich, der Ferne gesehen, wie silberne Bänder hindurch, werden dann von höheren Ufern bedeckt und kommen wieder zum Vorschein. Schon aus der Ferne bemerkt der Reisende am Fuße des Hügels Langafjiall an verschiedenen Stellen weiße, leichte Dämpfe, die über den Boden hingehen, oder kräftige Rauchsäulen wolkcnförmig emporwirbeln. Bald führt ihn nun der Weg in das System größerer und kleinerer heißer Quellen und Kochbrun nen selbst ein, in das Geiserthal, das zum größeren Theil mit einem sehr neuen Gestcinniedcrschlag bedeckt ist, welches hie und da eine kleine Erhöhung erlitten hat und dessen Umgebung be-432 wohnt ist. Es liegt der Hof Haukadalr" in der Nähe. Durch diesen Untergrund bricht der Geiser hervor, welcher durch eine dicke Schicht von Kieselstnter überlagert worden ist. Von den Schichten dieses Orucllabsatzes hat sich rings um den Geiser in größeren Erhebungen ein Ausbruchkegel gebildet, in dessen Mitte eine senkrechte cylindrische Röhre in weitem Durchmesser in der Art eines Brunnens in die Tiefe führt. Der Eruptionskegel des Geifers ist von aschgrauer Farbe; er ist gegen Osten unter einem Winkel von 8 bis 10 Gra den geböscht, gegen Westen aber beträgt seine Neigung nur 7 Grad. In diesen Kegel versenkt sich ein flaches Becken von etwa 70 Fuß Durchmesser, in dessen Mitte das Rohr des Kochbrunncns mit einem dreimal kleineren Durchmesser von senkrechten Wänden umgeben, sich 70-80 Fuß in die Tiesc senkt. Daß sich von hier aus die verborgenen Kanäle weiter verzweigen, ist wahrscheinlich. Das Becken ist mit krystallhellem, seegrünem Wasser von 60 Reaumur gefüllt, welches in drei Abflußrinnen gegenwärtig über die östliche Abdachung des Kegels läuft- wodurch der Kieselansatz immerfort vermehrt wird, indem die Rinnen selbst sich ihren Bo den erhöhe , das Wasser nun neue, andere Wege sucht, dort steh nach und nach denselben Widerstand durch Erhöhung des Bodens be reitet und so den Hügel von Kieselstnter rund um vergrößert. Hat nun der Zustand von Ruhe einige Zeit gedauert, so vernimmt man ein unterirdisches Donnern, welches demjenigen, das man während der Ausbrüche eines Vulkans hört, ähnlich, nur etwas schwächer ist. Während diese Erscheinung einige Stun den fortdaucrt, dann zuweilen momentan nachläßt, um bald desto stärker zu beginnen, schwillt das Wasser in dem Becken, in der Mitte erhebt es sich nach oben convex gewölbt, zugleich steigen große Dampfblascn, hervor, welche an der Oberfläche zerplatzen und das siedende Wasser mehrere Fuß hoch emporschleudern; da raus wird es stille. Dichter weißer Dampf, der von jedem leisen Winde über die Ebene fortgeweht wird, umhüllt für kurze Zeit das Bassin. In ziemlich regelmäßigen Zeiträumen von etwa an derthalb Stunden wiederholt sich die Erscheinung einen Tag über, auch wohl länger ohne Unterbrechung, bis sie plötzlich einen an dern Charakter annimmt. Der Boden, auf welchem der Zuschauer steht, ist immerfort in einem leisen Zittern begriffen; unter den Füßen hört man ein28 433 stetes, dumpfes Grollen. Dasselbe wird stärker; eS erhebt sich aus dem cylindrifchen Rohr mit dem Dampfe zugleich sprudelndes Wasser in unregelmäßigen Stößen und Rucken. Es steigt und sinkt in Hügeln, Fontainen und Wassergarben auf 2, auf 10, auf 20 Fuß Höhe und sinkt wieder, bis nach und nach das Becken mit sprudelndem Wasser gefüllt ist. Dann hört man ge waltige Detonationen, dem stärksten Kanonenschießen vergleichbar; die Erde bebt heftig; es ist, als ob sie bersten wollte und es ist Zeit, schleunigst zu fliehen, falls man sich etwa bis an den Rand des Kraters gewagt hätte, denn alsbald beginnt der eigent liche Auswurf und rettungslos verloren wäre derjenige, der ihn in der Nähe erwarten würde. Eine Säule kochenden Wassers von 20 Fuß Durchmesser erhebt sich mit einem Stoße .2, 3, ja 400 Fuß hoch mit furchtbarem Getöse. Ohne Unterbrechung und nur mit geringen Schwankungen steht diese Riesenfontaine, deren abstürzende ungeheure Wassermasseu jedem nahenden Ge schöpfe den schmerzhaften, entsetzlichen Tod des Verbrühens berei ten würden, mitunter eine Viertelstunde lang, mitunter allerdings nur einige Minuten. Plötzlich hört das Wasser zu steigen auf, aber in dem Becken kocht und wirbelt es noch, das Wasser daraus läuft nach allen Seiten ab über den Rand, bespült rundum die Seiten des Hügels und gibt ihm eine neue, äußerst feine Lage von Kieselsinter (wodurch er eben entstanden ist). Eine mächtige Dampfsäule heult noch eine kurze Zeit aus dem Trichter hervor, dann tritt völlige Ruhe ein. Aber mit stürmischer Eile drängt sich nunmehr das Wasser des Beckens in den Trichter zurück, so daß es sich gänzlich entleert. Ehe noch der dichte Dampf im Winde verzogen und das Wasser an den weniger geneigten Stellen des Kegels abgelaufen ist, liegt das vorher ganz mit Wasser erfüllte Becken trocken, mit aschgrauen Sinterperleu überdeckt, vor den Augen des herannahenden Beobachters, der in dem tiefer führen den Rohre, fast 6 Fuß unter dem Rande, das Wasser ruhig und still wie in jedem andern Brunnen erblickt. Nach Verlauf einer Stunde (auch wohl nach kürzerer, oft nach viel längerer Zeit, überhaupt ganz unregelmäßig) beginnt das Wasser im Becken wieder zu steigen und neue Ausbrüche bereiten sich vor. Ost fin den 12 20 Ausbrüche an einem Tage statt; oft bleiben sie ei nen, ja mehrere Tage ganz aus.431 Was ist nun die Ursache dieser großartigen Naturerschei nung? wirst Du fragen, geliebter Leser. Dämpfe bewirken sie. Dämpfe erzeugen sich und wenn der Druck stark genug ist, wenn sie stark genug gespannt sind, so schleudern sie die auf ihnen la stenden Wassermaffen durch die enge Mündung fontaincnartig empor. Neben dem großen Geiser, den wir eben beschrieben haben, findet man in demselben Thale noch etwa ein Dutzend kleinere, welche in allem dieselben Erscheinungen darbieten, nur in verrin gertem Maßstabe. Auch springen nicht gleichzeitig mit dem großen Geiser, sondern ganz unabhängig von ihm in verschiedenen Zeiträumen. Auch die Eruptionen der nahen Vulkane stehen mit diesen Springquellen durchaus nicht im Zusammenhang (wenigstens nicht merklich und unmittelbar), sondern sie stehen als absolut selbstständige Naturwunder vor den Augen des staunenden Be schauers. Viel Wichtiges, was die Gebirge dem denkenden Menschen darbietcn, können wir nun nur och kurz berühren, llngeheuere Massen hat das Wasser, die verwitternde Lust schon von ihren Kuppen und Brüstungen abgewaschen und abgestreift; die Flüsse führen diese Trümmer beständig abwärts dem Flachlaude zu, wäl zen sie übereinander, rollen, verkleinern sie, lösen sie auf, bilden staubartige, körnerartige Massen (Sand) daraus und bedecken un geheuere Strecken mit diesem Getrümmer und Geschiebe. Das aufgeschwemmte Land besteht fast durchweg aus solche zerstörten und zermalmten Gebirgsmasscn. Hunderttauscnde, ja Millionen von Jahren waren vielleicht nöthig, um so ungeheuere Massen von Schwemmsand und Geschieben zu bilden. Durch Meeresströ mungen, von deren Gewalt und Umfang wir uns nur durch Ver gleichung mit den Aequatorialströnien einen Begriff zu machen im Stande sind, wurden tiefliegende Erdgegendcn von ganz erstaun licher Größe vollkommen mit solchen Saudmassen bedeckt. Ist die ser Sand fein, wirkt die heiße Sonne im Verein mit der ausdor- rendcn Gewalt der Winde ungestört auf sie und sind die Lager des Sandes fchr ausgedehnt, dann ist dieser Sand tobt und die Saudstrecke wird zur Wüste. Solche Wüsten finden sich in allen Erdthcilen und überall tragen sie einen sehr eigenthümlichen, durch besondere Umstände modificirten Charakter.435 Die nördliche Hälfte von Afrika hat das größte Wüstcnge- biet unserer Erde. Dieses beginnt unmittelbar am atlantischen Ocean, durchzieht die ganze Länge des nngeheuern Erdtheils vom 30. bis zum 18. Grad nördlicher Breite und in einer Länge von 50 Graden. Dieses Sandmeer ist ohne alle Vegetation, die Quelle giftiger, glühend heißer Winde (Samum); es wird nur von mnthigen Arabern auf Kamcelen an einzelnen Stellen durch zogen; nur hie und da findet man im Sandmeere Einsenkungen, welche Quellen und etwas Grün enthalten. Diese Inseln im Sandmeere werden Oasen genannt. Die Sahara scheidet den semitischen Menschenstamm vollkommen vom hamitischen. Südlich wohnen Neger; nördlich Araber, Beduinen, Egypter, Tunescn, Tripolitaner und Marokkaner. Algier ist jetzt französisches Gebiet. Auch Europa hat seine Sandwüsten. Die größte davon liegt im nördlichen Deutschland, die lünebnrger Haide. Aber ist doch mit Erika (Heidekraut) bewachsen; Schafhecrdeu (die Hai- deschnuckeu) und Bienen finden da reichliche Nahrung. Der Bo den wird durch die verfaulenden Neste des immer üppiger wuchern den Haidekrantes allmählig besser und nahrhafter, so daß jetzt schon an einigen durch diese Wüste ziehenden Flüssen Wiesen und große Grasstrecken sind, ja sogar Ackerland. Der Mensch hilft immer nach und cö ist die Zeit abzuseheu, wo durch Erbohrung artesischer Brunnen und Cnltnr die größeren Theile der Haide in fruchtbares Acker- und Wiesenland verwandelt sind. Einige Stre cken tragen schon ausgedehnte Fichtenwälder. Asien (das sogenannte Hochastcn) hat Wüsten von wenig stens eben so kolossaler Ausdehnung, als Afrika; aber es sind mei stens Felswüsten; die Wasser haben dort alles Geschiebe fortge führt; nacktes kahles Gestein starrt öde znm ewig blauen Firma ment auf; in den Ritzen und Spalten wachsen kümmerliche Salz pflanzen, dann die Rhabarber. Moschnsthiere, wilde Pferde, Esel, Hunde ziehen umher. Die Trockenheit der Luft ist so groß, daß polirter Stahl im Freien nicht rostet. Nomadenherden mongolischer Abkunft streifen umher in weiten menschenleeren Räumen. Nach Norden dacht sich die Wüste in s sibirische Tiefland ab, in weite, öde Waldwüsten, die im höchsten Norden in jene baumlosen Step pen übergehen, welche wir S. 52 u. 53 unseres Lesebuches kennen gelernt haben. 28 436 Das Durchziehen jeder Wüste ist stets ein großes Wagniß, theils wegen der Pfadloflgkeit derselben, theils wegen des Man gels an Wasser und Lebensmitteln. Die Sahara hat an ihren schmälsten Stellen wenigstens eine Breite von 200 Meilen. Wohl gibt es hie und da in ihr Oasen; auch sind an den bereis testen Stellen, wo die Handelszüge zwischen Nordafrika und dem innern Negerlande sie dnrchschneide , einige Brunnen angelegt, die aber auch 6 bis 12 Tagereisen weit von einander ent fernt sind. Schauerlich ist der Marsch durch diese gräulichen, hei ßen Sandmeere, nur bezeichnet durch weißgebleichte Gerippe von Kameelen und Menschen; selbst die Brunnen werden, um sie vor Verschüttung mit Sand zu bewahren, mit Kameelknochen einge faßt und mit Kameclhäuteu bedeckt. Das Kameel kann 8 10 Tage lang Durst leiden; der Mensch nimmt sich Wasser und Wein zur Erquickung in Schläuchen mit. Aber alles das schützt oft nicht vor dem Tode, der hier beständig droht. Oft stndet man die Brunnen verstecht; oft verirren sich die Reisenden und gehen äiü Sandmeere zu Grunde; noch öfter werden sie vom entsetzlichen Wüstensturm ereilt, mit Sand bedeckt, erstickt und begraben. Diese Wüstenwinde werden verschieden benannt. In der Wüste nennt sie der Beduine Smum (Samum), in Egypten Chämstu; Harmattan werden sie in Arabien, Sirocco in Italien genannt. Ihr Ausbruch erfolgt meist plötzlich, ihre Ursachen sind bis jetzt ein ungelöstes Räthscl. Die Wüste hat keinen Dunstkreis; es gibt in ihr keine Wolken, keine Morgen- und Abendröthe. Das Auge sieht nichts als den röthlichgelben Sand und darüber das blaue, unerträg liche Hitze verbreitende Himmelsgewölbe mit der blendenden Son nenscheibe, die es durchläuft. Die krystallcncn Massen der Lust kochen über dem glühenden Sande; oft täuschen seltsame Luftgebilde den dürstenden Wanderer; er glaubt in der Ferne die erfrischenden klaren Wasser großer Seen flimmern zu sehen. Kommt er näher, so zerrinnt das Trugbild der falschen Lüfte in Nichts; er erblickt nur die öde Wüste. Da röthct sich zuweilen, wenn er des Morgens auf seinem schnaubenden Thiere durch die weiten Räume hinflieht, der Himmel am Horizonte. Diese Röthe steigt allmählich auf bis zum Zenith, der Himmel verliert seine Bläue, wird gelb, röthlich, blntroth; roth ist alles; selbst die Sonncn- scheibe und der weite Hof, der sie umgibt, flammt feurig. Ein437 heißer Wind erhebt sich; zuerst haucht er in leisen Stößen, die aber schnell an Kraft zunehmen und das Athmen schwer, ja bald unmöglich machen. Das Kameel stöhnt laut, biegt die Kniee ein und legt sich; cö ist nicht mehr vorwärts zu bringe , verbirgt den Kopf unter dem Leibe und ergibt sich regungslos in sein Schicksal. Da bleibt dem Todesqualen fühlenden Menschen nichts übrig, als das instinktmäßige Ergeben seines treuen Thicres nachznahmen. Er hüllt sich in Decken, um wenigstens nur heiße Lust, aber nicht die von ihr getragenen Massen glühend heißen Sandes einzuhau chen und legt sich neben seinem Kameele hin. Dennoch dringt der feine Staub durch die Decken und Kleider, verursacht zuerst Ju cken, dann verbunden mit der unerträglichen Hitze die heftigsten Schmerzen. Die trockene Hitze entführt dem thierischen Körper und dem Leibe des Menschen schnell seine Feuchtigkeit, so daß die Haut zerreißt, sich ablöst, abschält. In die kleinen blutenden Risse setzt sich der Staub, trocknet sie völlig aus und verursacht entsetz liche Qualen. Die entsetzlichste Erscheinung folgt aber erst nach. Der zum Orkan gewordene Wind hebt nun auch ungeheuere Sandmassen auf; es wird Nacht; der ganze Luftkreis ist mit Sandsäulen er füllt, die wie wandernde Gespenster über den Boden hinfegen; wenn der Wind hier Vertiefungen bildet, indem er den Sand anf- wühlt, läßt er an anderen Orten ungeheuere Massen desselben fallen. Wir sehen nach dem vorhin erwähnte Araber mit seinem Ka meele ; wir erblicken keine Spur mehr von ihm; er ist mit klafter- hohem Sand bedeckt, begraben; er und sein Thier sind längst zu Leichen geworden. So geht es nicht bloß oft dem Einzelnen; zuweilen werden durch Wüstenstürmc ganze Karawanen bedeckt. Als Kambhses, der raubgierige Sohn des Cyruö, Egypten erobert hatte, hörte er von der nicht fern in der Wüste liegenden Oase des Jupiter Am mon, eines Götzen, dem in dieser reizenden Wüsteninsel ein großer Tempel errichtet war, wohin die Egypter wallfahrtetcn und die reich sten Familien sich vor dem Räuber mit ihren Schätzen geflüchtet hatten. Er sendete ein Heer von 50 60,000 Mann zur Ero berung und Plünderung dieser Oase in die Wüste. Aber das ganze Heer erlag dem Smum; nicht ein Mann wurde vom Wüstenwinde verschont.438 Der Wüstenwind erstreckt aber nicht allein aufä Gebiet der Wüste; er sucht alle an die Wüste glänzenden Länder mit sei nem glühenden Hauche heim; er kommt selbst über das mittellän dische Meer herüber in die Südländer von Europa. In Italien heißt er Sirocco, in Spanien Solano. Doch seine ansdorrcnde Eigenschaft verliert er auf der See; er löset das Wasser in gro ßen Dunstmassen und macht nur heiß, wie Dampf, versengt nicht mehr, sondern quält nur entsetzlich. Sein Hauch dringt selbst in die Gebirge, wo er Föhn genannt wird und, den Firn und die Gletscher schmelzend, Uebcrschwemmnngcn erzeugt. Indem wir hier den Schluß unserer Betrachtungen des Lan des erreicht haben, gibt uns der letzte Gegenstand, von dem wir redeten, von selbst Veranlassung, noch von dem feinen und durch sichtigen Fluidum, welches unfern Erdball umgibt, von der At mosphäre, wenige Worte zu sprechen. Von der Lust und den atmosphärischen Erscheinungen. Die Luft umhüllt überall den Erdball wie mit einem durch sichtigen Mantel und ist die Werkstätte für alle diejenigen Verän derungen, durch welche die Oberfläche der Erde erwärmt, erfrischt, befeuchtet und somit befruchtet wird. Die Wasserdünste schwim men in ihr als Wolken, Nebel rc.; sie senden Regen, Schnee, Schlossen herab; in der Luft sehen wir die entzückenden Erschei nungen der Morgen- und Abendröthe, des Regenbogeus, des Nordlichtes, der Fata Morgä na, des Jodiakallichteö. Die Beweg ungen der Lust nennen wir Wind, Sturm oder Orkan je nach ihrer geringeren oder größeren Stärke. Wie dick ist die Luftschicht über der Oberfläche unserer Erde? Wir wissen es nicht; nach Berechnungen soll sie am Aeqnator 430 Meilen, nach andern nur 7 8 Meilen betragen, hernach ganz aufhören und der eigentliche Himmelsranm mit einer feinen gasartigen Materie, dem Aether, der etwas von unserer irdischen Lust verschiedenes wäre, erfüllt sein. Soll! Wir wissen also nichts! Wir kennen die Ursachen der Luftbewegungen nickt, so wenig als die Massen der Lust ; wir wissen nichts, sondern ken nen nur einige Hypothesen, die darüber aufgestellt worden sind und de ren Mittheilung Dir, geliebter Leser, nicht viel nützen würde. Die Luft ist chemisch zerlegt worden und man hat gefunden, daß sie aus 23 Theilen SanerstoffgaS und 77 Thcilen Stickstoff-439 gas bestehe. Etwas Kohlensäure ist auch dabei und Wasserdämpfe spielen in der Luft eine Hauptrolle. Ist die Lust reiu oder gesund, d. h. enthält sie obige Stoffe im richtigen Verhältnisse und hat sie nicht Sümpfen oder an deren unreinen, mit faulenden Stoffen erfüllten Erdräumen schäd liche Bestandtheile in sich ausgenommen, so athmen wir sie nicht allein mit Vergnügen ein, sondern sie ist auch die Quelle der Ge sundheit und des Wohlbefindens für uns und alle lebendigen und lebenden Wesen. Sind aber in der Luft bösartige Stoffe anfge- nommeu (und das ist nicht immer nur dann der Fall, wenn man sie riecht, sondern sie können völlig unmerklich darin enthal ten sein und werden dann Miasmen" genannt), so ist die Luft die giftige Quelle von allerlei Leiden und Krankheiten. So ist z. B. der Stoff, welcher die Cholera erzeugt, ein Miasma, welches ganz unmerklich in der Luft sich erzeugt, vorhan den ist und wieder verschwindet. Die Menschen waren wenigstens bisher ganz und gar außer Stand, es zu erkennen. Manche Thiere scheinen besser in den Stand gesetzt, dieses Miasma, zu fühlen. So hat der Verfasser zur Zeit der Chvleraepidemie in Nürnberg bemerkt, daß die vielen Hunderte von Dohlen, welche in dem Mauerwerk der großen St. Sebaldus- und der grö ßeren St. Lorenzkirche nisten, schon vor dem Ausbruch der Epide mie (Juli 1854) ihre Nester verließen und ganz aus der Stadt verschwanden. Um sich zu überzeugen, besuchte er die Kirchenbö den und er fand die dort unter den Dächern versteckten Nester nicht allein leer, sondern viele mit Spinngeweben überzogen. Da gegen kehrten die Dohlen Ende September zurück, als eben die Epidemie ihren Gipfelpunkt überstiegen hatte und zu verschwinden begann. Dasselbe Faktum ist auch in München, Augsburg und a andern Orten bemerkt worden. Die Dohlen brüten jährlich zweimal, vom März bis Ende Mai- wo die erste Brut flügge ist, und vom Juni bis September, wo die zweite Brut noch aus wächst. Im Jahre 1854 hatten sie vielleicht wo anders (wahr scheinlich in cholerafreien Orten) zum zweiten Male gebrütet; in Nürnberg aber nicht, das ist gewiß. Daß die Luft Krankheit erzeugende Stoffe in sich anfznneh- mcn im Stande ist, Miasmen u. dgl., daß sie sich davon auch wie der reinigt, oder davon gereinigt wirb, dieses ist also eine von Aerzten und Gelehrten konstatirte Thatsache.440 Gesünder ist die Luft im Sommer als im Winter, weil im Sommer eine große Masse von Pflanzen Sauerstoffgas aushau chen und dasselbe der Luft mittheilen. Sauerstoffgas ist aber je ner Stoff, der eigentlich die Bedingung unseres Lebens ist. Aller dings ist Sauerstoff ohnehin in der Lust, er wird beständig, auch im Winter und aus tausend anderen Dingen, als den Pflanzen, entwickelt; aber wenn diese ihn auch mit den anderen Quellen ausströmen, so ist seine Masse größer als im Winter. Reiner ist die Luft in den Gebirgen, als im Flachlande, erfrischender in Wald gegenden als in waldlosen, eben wegen des wohlthätigen Duftes der Bäume. Die Seeluft wäre ausnehmend kräftig und gesund, wenn nicht allzufeucht wäre und dort ihre Bewegungen nicht gar zu beftig. In Städten, wo Menschen und Thiere in engen Räumen massenhaft beisammen leben, wo sich stets viele bösartige Ausdünstungen in Kloaken und Duugstätten erzeugen, wo der Wind durch allzuhohe Gebäude, enge Strassen u. dergl. die Lust nicht recht reinigt, ausfegt, kann die Luft unmöglich so gesund und erquickend sein, als auf dem Lande. Die Luft ist ein Körper, welcher wie jeder andere von der Attraktion der Erde angezogen und festgehalten wird. Am dichte sten, schwersten ist deshalb die Lust an der Erdoberfläche; je höher hinauf, desto dünner wird ste. Sie übt auch einen starken Druck auf alle Körper der Erde aus und diesen Druck kann man messen. Toricelli, ein italienischer Gelehrter, maß zuerst den Druck der Luft. Er füllte eine 3 Fuß lange, an einem Ende verschlossene Glasröhre mit Quecksilber, kehrte sie um und stellte das offene Ende in ein Gefäß mit Quecksilber, in der Voraussetzung, die Röhre würde sich entleeren und dann luftleer sein. Das geschah aber nicht, sondern das Quecksilber blieb in der Höhe von unge fähr 28 Zoll stehen. Ein Mann, wie Toricelli, konnte diese auf fallende Erscheinung nicht gedankenlos hinschwindcn lassen; er beobach tete das Quecksilber täglich, fand, daß das Metall innerhalb der Röhre bald sank, bald stieg und endlich bemerkte er, daß der Druck der Lust dieses Steigen und Fallen verursache. Wurde die selbe schwer, so stieg das Quecksilber in der Röhre; wurde die Luft matter, leichter, so sank es. Toricelli glaubte auch zu bemer ken, daß auf das Steigen des Metalls schönes Wetter folgte und daß das Fallen des Quecksilbers schlechte Witterung, Regen, Sturm anzeigte. Er hatte das Wetterglas oder den Barometer erfunden.441 Nachher wurden am Barometer noch andere und merkwür digere Erscheinungen beobachtet. Man bestieg mit dem Barometer Berge und sah, daß während des Ansteigens das Quecksilber sehr- rasch fiel. Bei 63 Fuß Höhe sank es schon um eine Linie tiefer und bei einer Höhe von 700 Fuß war es um fast 10 Linien ge fallen. So wird denn nun das Barometer als Höhenmcßinstru- ment mit dem besten Erfolge benützt. Wenn nun die Luft alle Körper einen Druck ausübt, so müßte ich doch auch etwas davon spüren", meinst Du, lieber Leser. Nun so höre: Man hat berechnet, daß die Außenseite eines er wachsenen Menschen etwa dem Flächenraum von 15 □ Fuß ent spricht. Aus diese Außenseite des Menschen drückt nun die Luft mit einem Gewicht von 32,000 Pfunden. Wir spüren aber davon nichts; wohl aber fühlen wir auf hohen Bergen, daß der Druck der Luft sich stark vermindert habe, daß leichter, dünner gewor den sei, daß sie unfern Leib nicht mehr so belaste, wie wir es ge wöhnt sind und das verursacht uns ein höchst eigenthümliches, un behagliches Gefühl, welches sich unmöglich recht beschreiben läßt. Es ist uns, als wolle alles Blut unfern Leib durch die Poren verlassen; wir müssen sehr lang einathmen und doch entweicht die verbrauchte Luft auf ein auffallend kurzes Ansathmen. Ja, wenn wir sehr hoch steigen, strömt wirklich Blut Mund, Nase, Augen und Ohren und das Gefühl der geringen Belastung unse res Leibes wirktauf uns znmOhnmächtigwerdeu, erzeugt Schwindel und die auffallendste Hinfälligkeit. Beim Hcrabstcigen vom Berge dagegen wird der zunehmende Druck fühlbar; es färben sich die Augen roth, wir sehen alles roth gefärbt, fühlen eine beängsti gende, stets zunehmende Last und diese Erscheinungen verlieren sick erst nach und nach wieder. Unter Wasser werden vermittelst der Taucherglocke zuweilen Untersuchungen des Meeresgrundes angestellt. Das Meer übt nun auf die in dem Innern der Glocke befindliche Lust einen ge waltigen Druck aus. Bei 60 Fuß Tiefe wird die Luft durch das Seewasser schon bis zu zwei Drittheilen ihrer vorigen Ausdeh nung zusammeugepreßt; je tiefer, je mehr nimmt der Druck zu. Die Einwirkung dieser starkgeprcßten Luft beschreiben die Taucher als äußerst schmerzhaft; der Druck wirkt auf die Lunge und die Sinnesorgane äußerst empfindlich und der Eindruck kann nicht pein lich genug gedacht werden.442 Stark znsammengeprcßte Lust, z. 33. im Kolben der Wind büchse, kann selbst zu mechanischen Verrichtungen benützt werde . Eine Windbüchse (die im Kolben derselben zusammengepreßte Lust) schlendert die Kugel fast mit Pulverkraft fort. Erhitzte Luft wirkt kräftig wie Dampf; ein Amerikaner, Namens Ericsvn, baute eine Maschine, nm durch erhitzte Luft die Wirkungen des Dampfes zu erreichen (das calorische Schiff). Die Kraft bewegte das Schiff; aber zum vollkommenen Gelingen fehlten dem Mann die Mittel, seine Versuche fort-, die fehlerhaften Maschinen durch bessere zu ersetzen. Es geht ihm, wie dem ersten Erfinder des Dampfschif fes, der auch die Früchte seiner großen Erfindung nicht zu genie ßen bekam. Die Luft ist an der Oberfläche der Erde am dichtesten, des halb am befähigtesten, die Wärme der Sonnenstrahlen zu empfan gen und zu behalten. Je höher hinauf, desto dünner, aber auch desto kälter wird sie. Daher kommt es, daß auf den Alpen, d. h. auf Bergen, die über 7000 Fuß hoch sind, der Schnee oder das Eis nur im höchsten Sommer oder bei Föhnwinden (siehe S. 438) schmelzen, -noch höher hinauf aber gar nie zerrinnen und diese höchsten Spitzen mit ewigem Schnee (Firn) bedeckt sind. Die Grenzen des ewigen Schnees sind nach den Zonen verschieden. In Island ist die Schneegrenze schon 2000 Fuß über dem Meere; in den Schweizcralpe 0000 Fuß; unter dem Aequator erst bei der Gcbirgshöhe von 10,000 Fuß. Man hat lange Mittel gesonnen, sich in die Lust zu er heben. Der Geist des Mensche schlug zu diesem Zwecke verschie dene Wege ein, bis endlich die Brüder Montgolfier einen Bal lon von Scidenzcng mit erhitzter Lust, die a leichter ist, als kalte, füllten. Da nun leichtere Gegenstände in schwereren schwim- -men, so mußte sich dieser mit leichter Lust gefüllte Ballon erhe ben, bis er eine Lust erreichte, welche eben so leicht war, als die in seinem Inneren befindliche (oder bis die innere Luft durch Ein strömen der äußeren wieder eben so dicht geworden war). Ein Anderer, Namens Charlivre, füllte einen Ballon mit Wasserstoff- gaö, einer Lustart, welche 12 ,mal so leicht als atmosphärische Lust ist. Ein solcher Ballon von 20 F ß Durchmesser enthielt dann 4100 Cnb.-Fuß Wasserstoffgas und konnte eine Last von 360 Pfund in die Höhe tragen, somit einen Mann in einem sehe leichten Gerüst (Schiffchen). Solche Luftfahrten mittelst Mongol-443 stören und Charliörcn stnd seit der Erfindung im Jahre 1782 viele gemacht worden. Man knüpfte große Hoffnungen daran, meinte,. Mittel erdenken zu können, diese Luftschiffe zu regieren u. f w. Aber bis jetzt ist das unmöglich gewesen, weil die Luft ein unruhiges, leichtbcwegliches und unbeständiges Element ist. Viele muthigc Lustschiffer büßten darüber das Leben ein, z B. der bekannte Blanchard, Pilatre de Rozicr und Romain, der Graf Zambeccari. Die größte und glücklichste Luftfahrt unternahm bis jetzt der Engländer Green, der in London aufftieg, vom Ballon mit günstigem Winde über den Kanal nach Holland und Deutsch land getragen wurde, beinahe 48 Stunden in der Luft blieb und sich endlich im Naffauischen niederließ. Am höchsten stieg Gay Lussac mit seinem Ballon (22,000 Fuß). Unten auf der Erde war bei seiner Abfahrt eine Hitze von 23 Graden; oben herrschte eine Kälte von 17 Grad. Womit mißt man nun die Wärme der Luft? Cornelius Drcbbel, ein Gutsbesitzer Alkinar im nördlichen Holland, be merkte zuerst die Ausdehnung der Luft durch Wärme. Er füllte ein Glasröhrchen mit Weingeist und befestigte es an einem Brett chen. Dieses Instrument setzte er nun den Einwirkungen des Ei ses aus. Da sank der Weingeist im Röhrchen schnell bis auf ei nen Punkt, den er durch einen Strich bezeichnete. Dasselbe In strument stellte er nun in kochendes Waffcr. In diesem stieg der Weingeist enorm und auch der Punkt, den der Weingeist im hei ßen Wasser erreichte, wurde von Drebbel bezeichnet. Nun theilte er den Zwischenraum in Grade ein und an diesen bemerkte er, als er das Instrument im Freien aufhing, wie hoch oder niedrig die Temperatur der Lust war. Während eines sehr kalten Win ters sank der Weingeist mehrmals tief unter den Eispunkt und so zeigte cö sich denn, daß die Temperatur der Lust viel tiefer sinken kann, als jene des Wassers, in welchem sich Eis bildet. Drcbbels noch sehr nnregelmäßiges und unvollkommenes Instrument wurde nun nach der Bekanntmachung der Erfindung von Gelehrten und Mechanikern verbessert und Thermometer genannt. Auch die Eintheilung (Scala) ist verschieden. Reanmur thcilt jenen Zwi schenraum bei seinem Thermometer in 80 Grade, Fahrenheit in 180, Celsius in 100 Thcile. Die Thermometer sind also nach dieser Eintheilung der Scala verschieden und es ist ein großer Unterschied, wenn man sagt: wir haben eine Temperatur von444 15 Reaumur oder 15 Fahrenheit. 15 Reaumur ist eine ziem liche Sommerwärme; 15 Fahrenheit aber ist, da an diesem Ther mometer erst bei dem 32. Grad der Eis- oder Gefrierpunkt ist, so viel als 17 unter diesem Punkt, also etwa 7 Reaumur unter Null Reaumur und daher eine nicht unbedeutende Kälte für einen Wintertag. Thau, Reif (gefrorner Thau), Regen, Schnee und Hagel (gefrorne Regentropfen), sodann Luftbewegungen, wie alle Winde vom sanften Zephir an bis zum Orkan, der Bäume entwurzelt, Häuser und Thürme einwirft und die Sec aufwühlt, daß sie tobt und wütbet alles das sind Lustcrschciuungen, welche keiner Er läuterung bedürfen. Die Morgen- und Abendröche, der Bogen des Friedens, der sich farbig glänzend über das Firmament spannt, al les das sind nur Erscheinungen, deren Wesen Du, geliebter Leser, Dir selbst enträthseln kannst. Lies Seite 415 unseres Lesebuches von der Brechung der Lichtstrahlen und ihrer Farben und denke nach, so wird es Dir einleuchte , warum in den fallenden Regen tropfen die schief einfallenden Strahlen der Sonne sieben Farben Hervorrufen. Und wenn Du Dir die Abrundung der Erde in s Gedächtniß rufst, so wird Dir auch die Gestalt dieser lieblichen Erscheinung des Regenbogens nicht räthselhaft sein. Aber wir ha ben zum Beschlüsse noch einiger anderer Erscheinungen zu geden ken, welche die Luft darbietet und von denen Du wissen mußt, nämlich des Höhenrauches, der bereits mehrerwähnten Fata Mor gan oder Luftspiegelung, der Höfe um Sonne und Mond, des sogenannten Schwefelregens, des Hagclschlages, der Irrlichter, feu rigen Kugeln, des St. Elmusfeuers, endlich der Meteorsteine oder des Steinregens und könne daun erst zum Gewitter, zur erha bensten Erscheinung der Luft, übergehen, da diese letztere etwas ganz Anderes in den Bereich unseres Unterrichts bringt. Es erscheinen zuweilen ganz trockene Nebel, welche man mit dem Namen Höhenrauch belegt. Die Ursache dieser Erscheinung suchte man seit langer Zeit; man hat allerlei darüber gedacht, aber ergründet ist sie noch nicht. Eine solche Erscheinung fand im Jahre 1783 statt und der damalige Höhenrauch wird beschrieben wie folgt: Eine fast gleichförmige Schicht einer halb durchsichtigen gelblich bräunlichen Nebelhülle bedeckte den Himmel, dessen Bläue dadurch Monate lang unsichtbar wurde. Die Sonne sah röthlich braun aus, schien matt und man konnte sie ohne Beschwerde mit445 bloßem Auge betrachten. Beim Auf- und Untcrgehen war sie braunroth. Der Himmel war dabei fast immer heiter und so lauge der Höhenrauch währte, regnete es nicht *). Die Hitze war drückend; sobald Regen eiutrat, war der Nebel verschwun den. Zuerst wurde dieser Nebel in Kopenhagen sichtbar; bann breitete er sich innerhalb weniger Tage über ganz Europa aus, erstreckte sich bis nach Kleinasien, ja 50 Meilen weit vom Fest land Europas noch über den atlantischen Ocean. Der Gesundheit der Menschen und Thiere schadete dieser Nebel nicht merklich; aber die Pflanzen sollen durch ihn (wohl mehr durch die lange, trockene Hitze) gelitten haben. Vergebens suchten die Gelehrten diese ebenso großartige als die abergläubische Menge erschreckende Erscheinung zu enträthseln. Endlich erfuhr man folgendes: Gleichzeitig wütheten in Calabricn die dortigen Vulkane (Vesuv, Aetna) und jene in Island auf bis her unerhörte Weise. Namentlich die zahlreichen Krater auf- der letztgenannten Insel stießen ganz außerordentliche Massen von Rauch aus und die Nord - und Nordwestwinde führten diese dunkeln Rauchmassen, welche sich aus leicht begreiflichen Gründen nicht in die leichteren, feineren Schichten der obern Luft erheben und dort zerthcilen konnten, nach Europa. Dort aber begegneten sie denen der calabrischcn Vulkane und da die Unbeständigkeit und Schwäche der Sommerwinde diese Massen von Rauch nur verdün nen, aber nicht verwehen konnten, so blieben sic, die Lust verun reinigend, bis zum Eintritt einer Jahreszeit über Europa hängen, wo die Bewegungen der Lust sich dermassen verstärkten, daß sie nasse Seewinde, Regenwolken herbeiführen und stürmend sie zer streuen konnten. Vulkanische Ansbrüche in großartigem Maßstabe können also in großen Thcilen der Erdoberfläche wohl Höhenrauch erzeugen. In Holland und Norddeutschland ist das sogenannte Schwe len im Gebrauche. Große, trockene Grasflächen werden nämlich jährlich nach der Heuernte in Brand gesteckt, um die groben Stümpfe zu vertilgen und durch die Asche nicht allein den Boden zu erwärme , zu düngen, sondern auch Mooö und schlechtes Gras zu beseitigen und gutem Gras Raum zu machen. Auch dieses Schwelen erzeugt ganz unglaubliche Rauchmas- *) Der Satz sollte wohl umgekehrt lauten: Der Höhenrauch währte nur so lange, als es nicht regnete.446 sen und bei Nord- und Nordwestwind kann sich der verdünnte Rauch nicht allein bis nach Süddentschland ziehen, sondern sich auch daselbst Tage und Wochen lange halten. Eine andere schönere Erscheinung gehört zu den größeren Seltenheiten, besonders im Binnenlandc, während sie an den Kü sten des Meeres häufiger wahrgenominen wird, nämlich: die Fata Morgana (Luftspiegelung). An der Küste von Sicilien findet diese schöne Erscheinung am öftesten statt. Die Sache wird so beschrieben: Wenn an heiteren Tagen die Strahlen der Sonne mit der Fläche der See einen Winkel vom 45 bilden und die Wasserfläche weder vom Winde noch vom Strome bewegt wird, sondern vollkommen glatt ist, so bemerkt der Zuschauer, der auf einer Anhöhe steht und mit der Sonne im Rücken sein Gesicht gegen die See kehrt, auf der Oberfläche des Wassers schöne Paläste mit ihren Balkonen nd Fenstern, hohen Thürmcn, Kirchen, Prozessionen, Züge von Sol daten zu Roß und zu Fuß, Wagen mit Spazierenfahrenden, Ebe nen mit weidendem Vieh, Ruinen u. s. w. Langsam ziehen diese Wunderdinge vorüber, langsam tauchen sie eins nach dem anderen auf und verschwinden wieder. Das Volk ruft: Fata Morgana! und glaubt: die Fee Morgana tauche zu solchen Zeiten aus dem Grunde und hebe ihre Städte mit ihren Unterthanen über die Fläche des Meeres zum lieblichen Sonnenlichte empor." An anderen Orten bemerkte man ähnliche Erscheinungen. Man sah Schiffe hoch oben in der Lust segeln, bisweilen ver kehrt, den Rumpf oben, die Maste nach nuten. Man erblickte am Canal zuweilen die französische Küste, die doch wegen der Krüm mung der Erde dort von England aus unmöglich gesehen werden kann. Das sogenannte Brockengespenst", eine Erscheinung riesi ger Menschengestalten, die man oft vom Gipfel deö Brockens schattcnartig auf den Nebeln abgezeichuet sieht alles das ist nichts anderes als Luftspiegelung. Cvlumbus soll, als er sich Ferro, der westlichsten azorischcn Insel befand, eines Abends eine ähnliche Erscheinung gehabt und dadurch den Vorsatz gefaßt haben, hinter den großen Wasserregioncn des atlantischen Occanö Land zu su chen (Körber: Eolnmbus), kurz unter günstigen Witternngsvcr- hältnissen ist die Erscheinung der Fata Morgana nicht allein an der See, sondern auch im Binnenlandc möglich, wie sie denn auch die Wüstenrciscndcn gar oft durch Vorspiegelung großer Wasser-447 Massen dort oft bitter täuscht (siche Seite 436). Der verständige und gläubige Mensch weist aber dabei den finstern Wahn des Aberglaubens mit Verachtung von sich. Er sucht die Ursache die ser ihm nicht furchtbaren Gebilde zu ergründen und erblickt also auch in ihnen die Wunder schaffende Hand des allmächtigen Schöpfers. Bei allen Lufterscheinungen dieser Art sind nämlich die ge sehenen Gegenstände wirklich vorhanden, nur in größerer Entfer nung, als daß für das bloße Auge fichtbar wären, auch in einer so großen Entfernung, in welcher der Bogen, den die Erd oberfläche macht, die Gegenstände selbst völlig verdecken würde. Man muß sich das so verstellen. Die Erde hat einen Umfang von 5400 Meilen. Theilcn wir diese Meilenzahl in 360 Grade, so kommt einen Grad 15 Meilen. Denken wir uns nun die Erde in der Mitte abgcschnittcn, so erhielten wir eine Halbkugel von Meilen oder 850 Meilen Höhe, demnach einen ricsen- mäßigen halbkngclförmigen Berg von der angegebenen Höhe und einem Umfang von r,1 2 ’- = 2700 Meilen. In ähnlicher Weise fin det man mittelst geometrischen Betrachtungen, daß zwischen zwei Orten, welche um einen Grad von einander entfernt sind, sich ein Erdbuckel von nahe 3000 Fuß Höhe erhebt. Nun ist 15 Meilen eine nicht große Entfernung; vermittelst des Eilzngcs der Eisenbahn wird diese Entfernung in wenigen Stunden durchfahren. Aber zwischen zwei Orten von dieser Entfernung liegt eben der hohe Erdbuckel; wir müßten also 3000 Fuß hoch in die Luft aufsteigen, um einen Gegenstand sehen zu können, der einen Grad von uns entfernt ist. Es leuchtet also ein, daß selbst die allerhöchsten Ge birge durch die Krümmung der Erde auf die Entfernung einiger Grade unseren Augen entzogen werden, um wie viel mehr niedrige kleine Gegenstände. Woher kommt es nun aber, daß uns die Fata Morgana Gegenstände zeigt, welche 2 3, ja noch mehr Grade von uns entfernt und schon nach dem optischen Gesetze, welchem zu Folge entfernte Gegenstände sich verkleinert darstellen, unmöglich mehr sichtbar sind? Die Gelehrten antworten hierauf: Wenn die Sonne die Erde bescheint, so wird zunächst die Oberfläche der Erde am stärksten erwärmt. Je weiter davon weg, desto geringer ist die Erwärmung und das nimmt so schnell ab, daß schon bei448 10 12 Fuß ein sehr auffallender Unterschied zwischen den unte ren und höheren Wärmegraden stattfindet. Ist nun die Luft un ruhig und Ruhe ist die einzige Bedingung der Luftspiegelung so bilden sich auch keine Luftschichten. Aber bei sehr großer Ruhe bilden sich eben durch die verschiedene Wärme Schichten in der Luft, deren Flächen als Spiegel wirken. Deshalb erblickt man zuweilen in der Luft Bilder ähnlicher Art, wie sie oben be schrieben wurden und je nach der Höhe der Spiegelfläche in der Luft können, auch entfernte Bilder darauf sich darstcllen. Eine sehr häufige Erscheinung sind Hofe um Sonne und Mond. Es sind meist helle Kreise, welche weiter oder näher die Sonne oder den Mond einfaffen. Ost glänzen sie regenbogen farbig. Selten sind die Höfe doppelt, noch viel seltener dreifach. Diese schönen Erscheinungen zeigen sich, wenn die Luft sehr feucht ist und die Lichtstrahlen. der Gestirne sich in den seinen Dunst- bläschcn brechen. Meist zeigen Höfe um Sonne und Mond feuchte und regnerische Witterung an. So lange die in der Lust schwebenden Dunstbläschen sich nicht vereinigen, ist die Witterung trocken. Aus vielen zusammcn- fließenben Bläschen bilden sich endlich Tröpfchen, welche zu schwer sind, um in der Luft schwebend erhalten werden zu können und dann der Anziehungskraft der Erde folgen und auf deren Ober fläche herabfallen. Wir sagen dann: es regnet. Gefrieren solche feine Dunstbläschen einzeln, so bilden sie wunderbar feine ancinandcrhängendc Eiskrystalle von der verschiedensten Gestalt und großer Schönheit. Hunderte davon hängen sich an einander, so daß sie oft zollgroßc, leichte, flockige Massen bilden. Wir sagen dann, wenn solche bei kalter Luft fallen: schneit. Aber der liebe Leser sollte sich, wie er sich gewiß oft über die Eisbildun gen an seinen Wintcrfestcrn geftcut hat, auch. einmal das Ver gnügen verschaffen und im Freien unter dem Mikroscop solche Schncesterncheu betrachten. Ihre schöne regelmäßige Gestalt würde ihm eine eben so angenehme als lehrreiche Unterhaltung verschaf fen und er würde, wie allenthalben, auch hier Gottes Allmacht bewundern können, die auch im Kleinen und Unscheinbaren gar Herrliches und Wunderbares erzeugt. Im Frühsommcr sehen wir oft nach Gewitterregen um die stehengebliebencn Lachen des Regenwasscrs gelbe Streifen. Der Unwissende sagt: Ei, wie hat das Gewitter so viel Schwefel29 449 gehabt! Jst s da ein Wunder, wenn so flammende Blitze durch den Himmel zucken?" Aber das Gelbe ist nicht Schwefel, es brennt nicht, wenn man es sammelt und verbrennen will. Es ist Samen staub von den jungen Trieben der Föhren und Fichten in den Waldungen, den der Wind abreißt und der Regen mit herunter nimmt, wo er dann um die Lachen jene gelben Strei fen bildet. Zuweilen bilden sich vor Gewittern durch Herabstürzen sehr kalter Lustmassen aus den höheren Schichten in die niedrigeren stark mit Wasserdünsten  gefüllten Wolkenmaffen plötzlich sehr große Tropfen in sehr großer Anzahl, welche rasch zu Eis erstar ren und Eisklümpchen bilden. Diese aus großer Höhe herabfal- lenden Klümpchen nennen wir Hagel. Es kann wohl geschehen, daß nicht allein 3 4 Hagelkörnchen, von denen einzelne selten größer als eine Erbse sind sondern 20 30, in einen Klumpen zusammenfrieren und dann eine auffallende Größe erreichen. Der Verfasser hat einen solchen Fall erlebt, den er hier erzählen will. Im Sommer 1856 herrschte bekanntlich eine in unserm Klima seltene Hitze. Eines Nachmittags machte ich einen Ausflug nach einem tief im Walde liegenden Orte, woselbst unter schatti gen Linden und an kühlen Felsen eine erfrischende Luft ist. Schon unter Weges bemerkte ich, daß das Firmament sich bewölkte, ohne jedoch düstere Wolkenmassen zu zeigen. Den Himmel bedeckte vielmehr ein nebelartiger Flor, der die Sonne nur halb verhüllte und, statt ihre Strahlen zu brechen, die Hitze noch zu vermehren schien. Ich kam sehr erschöpft an dem Erholungsorte an und kaum eine halbe Stunde war ich daselbst, als ich fernes dumpfes Rollen vernahm. Es war das Dröhnen des Donners. Noch schwieg der Wind. Ich erstieg einen Felsen, um zu sehen, wo das Gewitter herkäme, denn der Wald hindert an diesem Orte die Aussicht völlig. Da erblickte ich im Südwesten zwei Wolken- massen, welche eine sehr auffallende bräunliche Färbung hatten und deren vorandringende Ränder grell weiß gestreift waren. Die Wolken hoben sich sehr rasch und bcrgförmig gegen den Zenith empor, zwischen ihnen war ein Raum, in dem die Dünste sicht bar umhergewirbelt wurden. Da erhob sich der Sturm mit er staunlicher Heftigkeit, die Bäume beugten sich vor seiner Kraft, wie die Halme in einem Saatfelde, aber kein Tropfen Regen siel. Ich hörte ein mit heftigem Krachen vermischtes hohles Rauschen;450 es waren starke Aeste, welche der Sturm abbrach, oder die von aus der Wurzel gerissenen Bäumen abgeschlagen wurden. Der Anblick dieser Verwüstung war mir zu neu, zu groß, als daß ich nicht gerne länger geblieben wäre und mich selbst der Gefahr der Durchnäffung ausgesetzt hätte. Da sah ich, immer noch die Ursache nicht ahnend, hie und da weiße starke Linien in allerlei verschiedenen Richtungen aus den Wolken rasch nach der Erde senken, nicht parallel, sondern sehr unregelmäßig. Plötzlich traf mich ein sehr schwerer harter Körper auf das unbedeckte Haupt, so daß ich rasch nach dem Kopfe griff. Ich hatte sogleich Blut an der Hand und fühlte eine tüchtige Beule an der verletzten Stelle auflausen: Ein Hagelstein von der Größe eines Thalers und der Dicke einer starken Kastanie hatte mich so schmerzhaft getroffen. Er lag zu meinen Füßen dem Moose, das den Felsen bedeckte und ich hob ihn, von Erstaunen ergriffen, auf, um mich zu über zeugen, ob es denn möglich, wirklich möglich sei, daß solche Eismassen in der Lust bilden könnten? Ich hatte oft davon gelesen, aber stets geglaubt, sei hie und da ein bischen Ueber- treibung im Spiele gewesen. Allein plötzlich rasselten dergleichen Eismassen zu Hunderten krachend um mich nieder und zerschmetterten kleine Aeste; die Nadeln und Blätter der Fichten und Eichen flo gen, in Trümmer geschlagen, umher und eine Unzahl der heftigsten Püffe belehrten mich, daß es gerathen wäre, schnell Schutz zu suchen. Ich riß den Rock ab, bedeckte Kopf und Schultern da mit und sprang eiligst nach dem Wirthshause. Der Hagel hatte dort schon die meisten Fenster, ja sogar einiges Hvlzwerk daran, zerschmettert; die Hagelsteine flogen in s Zimmer, schlugen auf den Boden, von da rückprallcnd au die Decke und ließen am Fußboden, an Fensterbrettern, Tischen, Stühlen und Wandverklei dungen tiefe Narben zurück. Das Geräusch war so heftig, als wenn ganze Lasten pfundschwerer Steine mit Pulvergcwalt in das Zimmer geschmettert würden. Außen war es ein unausgesetztes lautes Krachen; ein dichter Nebel, zugleich mit Staub geschwängert, machte die Luft undurchsichtig. Das Geknatter war so arg, daß wir von den heftigen Donnerschlägen nicht das Mindeste vernahmen. In einer kleinen Viertelstunde war das Phänomen vorüber; aber diese kurze Zeit hatte hingercicht, um in den gctreidcreichen Ge genden südlich von Nürnberg in der Breite einer halben Stunde und in der Länge von mehreren Stunden die ganze Ernte an451 Getreide und Obst völlig zu vernichten. Nie war in dem großen Flachlande um Nürnberg seit Menschengedenken ein derartiger Ha- gclschlag erlebt worden; noch gar nie aber waren Hagelsteine in solcher Größe gefallen. Ich suchte so schnell als möglich einige der größten zu sammeln, um ihr Gewicht zu erfahren und ihre Gestalt zu zeichnen. Das erstere war leicht; einige wogen 4 6 Loth, die meisten 3 5 Loth. In den Gräben schmolzen sie erst während der Nacht völlig, so daß ich Abends beim Hcim- gehen noch viele, welche durch Abschmclzcn scheiben- oder linsen förmig geworden waren, sammelte. Viele waren schon linsenförmig herabgekommen, andere und zwar die allermeisten, bestanden aus Linsen von der Größe eines Viergroschenstückes, das Aeussere krystallhell, in der Mitte ein weißes Auge. An diese Linse nun waren viele andere linsen- oder kegelförmige oder ganz unregel mäßig gebildete Körner angefroren, wie sie eben durch Zufall an einander gerathen z sein schienen. Auf solche Art waren jene Eisklöße von der auffallendsten Größe entstanden. Während dieses furchtbaren Hagelwetters, und auch nachher, fiel im Walde kein Regentropfen. Erst dann, als das Gewitter dem Walde in die Ebene bei Nürnberg trat, nahm der Hagel eine gewöhnliche Größe an und Ströme von Regen erquickten die dürstende Erde. Zuweilen, wenn wir im Sommer an sumpfigen Wiesen oder Waldsümpfen vorübergchen, sehen wir bläuliche Lichtlcin aufflackern und zwar mit plötzlichem grellen Schein. Sie scheinen etwa vier bis fünf Fuß hoch über der Erde zu stehen, sich langsam zu heben und zu senken. In der Höhe wird das Licht sternförmig hell, so bald es sich senkt, bekommt es einen kleinen Hof und so wechselt sein Glanz ab- und zunehmend etwa zehn Minuten lang (zuweilen auch viel länger), bis endlich plötzlich verlischt. Selten ist eine solche Erscheinung allein vorhanden; in der Regel zeigen sich mehrere Lichter zugleich, am lieblichsten an warmen Som- merabenden, wo die Luft recht lau und feucht ist. Solche Er scheinungen feuriger Art nennt der gemeine Mann dem Lande Irrlichter und hat vor ihnen eine Art Gespensterfürcht. Er weiß nicht, daß es brennbare Dünste sind, welche sich, besonders bei großer Wärme, in Menge erzeugen, entzünden und so dieses liebliche Leuchten hervorbringen. Eine andere feurige atmosphärische Erscheinung, die fast 29 *452 an jedem Abend beobachtet werden kann, sind die fallenden Sterne, die Sternschnuppen. Zu gewissen Jahreszeiten sind sie besonders häufig, besonders um die Zeit der ersten Hälfte des Novembers. Am 13. November 1833 schien der Himmel ganz entvölkert wer- den zu müssen, denn die fallenden Sterne waren an einem Punkte so dicht zusammengedrängt wie Schneeflocken und die beiden Be obachter (Palmer und Olm sied in Nordamerika) versichern, es müßten binnen neun Stunden wenigstens 240000 Sternschnuppen gefallen sein. Man nennt diese Erscheinung, welche bei günstigem Wetter zur gleichen Zeit und an demselben Tage alljährlich beobachtet wurde, Novemberphänomen. Humboldt beobachtete es schon 1799 in Amerika, Klödcr 822 in Berlin und viele Andere in anderen Jahren an anderen Orten. Was ist das nun? fragen wir. So viel ist gewiß: daß die Sternschnuppen ausserhalb des Bereiches der Anziehungskraft un serer Erde vorhanden sind, oder sich bilden. Der gelehrte Astro nom Arago sagt in seinem Jahrbuch 1836: Es wurde schon längst vermuthet, daß ausser den bekannten größeren Planeten noch ein aus Millionen kleiner Wcltkörper bestehender Gürtel von Welt körpern um die Sonne sich schwingt. Diese sind gewiß ausser ordentlich zahlreich, es müssen unter ihnen so kleine Vorkommen, die kaum mehr als einen Fuß im Durchmesser haben. Ihre Bah nen schneiden die Erdbahn (etwa in der Zeit vom 12. auf 13. November und wieder in der vom 9. bis 11. August, wo auch die Sternschnuppen sehr zahlreich sind). Sobald nun diese Me teore in den Bereich der Anziehungskraft unserer Erde kommen, so fallen sie mit ungeheuerer Schnelligkeit auf die Oberfläche der selben herab. Diese Meteore fallen aber feurig glühend vom Himmel; wenn sie durch die Luft herabschneidcn, so zieht sich ein komet-. artig glänzender Streifen hinter ihnen her; oft ist mit ihrem Er scheinen ein heftiges Geräusch verbunden; oft erscheinen sie in ausserordentlicher Größe als feurige Kugeln von einem Fuß bis zu mehreren Fußen im Durchmesser, welche bombenartig zersprin gen mit dem Knall schwerer Kanonenschüsse und deren glühende Trümmer nicht allein tief in die Erde einschlageu, sondern auch sogar Gebäude ruiniren, ja in Brand stecken, wenn sie auf Ge bäude fallen.453 Das Erscheinen solcher feuriger Kugeln, dann das Herab fallen von Meteorsteinen, der Steinregen, ist seit uralten Zeiten beobachtet worden. Schon die alten Griechen hatten solche vom . Himmel gefallene Steine und nannten Bäthylien. Ein solcher Donnerkeil" wurde in Kreta aufbewahrt. Er war 1500 v. Ehr. G. vom Himmel gefallen. Ein anderer Donnerkeil, eine Eisenmasse, war auf den Berg Jda gefallen und wurde daselbst heilig gehalten. Auch in Italien hat man lange vor unserer Zeitrechnung Steine ausgesucht und aufbewahrt, welche vom Him mel gefallen waren. Es war Erz (Eisen). Rnma Pompilius er klärte eine solche Eiseumasse für einen Schild, den Jupiter als Palladium vom Himmel herabgeworfcn hätte. Nach Plutarch fielen 206 und 205 v. Ehr. sehr viele solche Steine vom Himmel. Noch viel häufiger wurde daö Fallen der Meteore in der neuen Zeit beobachtet. Man hat aber auch solche fallende oder an der Erde vorüberflicgcnde Meteore von ansehnlicher Größe beobachtet. Einige sollen nach Berechnungen sogar einen Durch messer von 500 2000 Fuß gehabt haben, also ein ungeheueres Gewicht und ein solcher wenn einmal auf die Erde herabfiele, der würde eine starke Zerstörung anrichten können. Wie oft kommen nun Meteorsteinfälle vor? v. Humboldt gibt an: es könne 700 mal in einem Jahre geschehen und die meisten Erscheinungen dieser Art könnten vielleicht gar nicht beob achtet werden, da sie in Meeresgegenden, Wüsten, oder in den Wohnplätzcn barbarischer Nationen stattfänden. Sehr große Meteorsteine liegen hie nd da auf der Oberfläche der Erde. Im Knpfcrwerke der Herren Spix und Martins (Reise nach Brasilien) findet sich die Abbildung einer solchen Eisenmasse von 7 8 Fuß Länge, welche in Brasilien liegt. Das Gewicht dieser Masse wird auf mehrere hundert Centner geschätzt; kann nicht angegeben werden, da der größere Theil derselben tief in der Erde steckt, also der Untersuchung und Schätzung entzogen ist. Wir theilen nun unseren Lesern noch die Erzählung eines Mcteorsteinfalles aus der neuesten Zeit mit, weil sie von wahr heitsliebenden und aufgeklärten Menschen herrührt. Am 14. Juli 1847, des Morgens kurz vor 4 Uhr, als die schönste Morgenröthe den Himmel erhellte, indessen eine dunkle Wolkenwand sich im Westen zeigte, wurden die Bewohner von Braunau in Böhmen durch zwei schnell hinter einander folgende454 Explosionen, welche die Stärke von schweren Kanonenschüssen hat ten, erschreckt. Man vernahm das Getöse der Explosionen bis nach Schlesien. Es waren zwei große feurige Kugeln zerplatzt." Der Oberförster Pollak gewahrte an dem sonst klaren Himmel, an welchem noch einige Sterne schimmerten, über dem Dorfe Hauptmannödorf eine kleine schwarze Wolke, welche die Form eines horizontalen Streifens hatte. Diese Wolke sah er plötzlich erglühen, nach allen Richtungen Blitze und nach der Erde gleichzeitig zwei lebhafte Feuerstreifen entsenden, worauf die gedachten heftigen Kanonenschläge folgten. Die Wolke hatte wie der ihre dunkle Aschfarbe angenommen und vcrtheilte sich schnell nach allen Richtungen, woraus man auf eine heftige Bewegung der Luft in jener Gegend schließen konnte. Oberförster Pallak glaubte nach dieser ganzen Erscheinung, daß Meteorsteine gefallen sein müßten; die übrigen Beobachter aber hielten das Ganze für ein Gewitter und meinten, es müsse an mehreren Stellen eingeschlagen haben. Aus dem Grundstücke eines Ackermannes zu Hauptmaunsdorf sollte dieses geschehen sein; man begab sich dorthin und fand daselbst ein 3 Fuß tiefes Loch und auf dem Grunde desselben eine Masse; welche noch nach 6 Stunden so heiß war, daß man sie nicht anrühren konnte. Sie wog 42V* Pfund, hatte eine unregelmäßige Gestalt, war deutlich ein Bruchstück, hatte eine Menge sechsseitiger Höhlungen und be stand der Hauptsache nach aus gediegenem (Meteor-) Eisen von solcher Härte, daß ein Stahlmeißel nur wenig Eindruck darauf machte." Der Blitz sollte auch das eine Viertelstunde von Braunau gelegene Domicialhaus, in dem sogenannten Ziegelschlage getroffen haben. Der Oberförster begab sich dahin, fand daselbst den Vor fall im Allgemcincn bestätigt, das Haus war jedoch nicht vom Blitze, sondern von eben solchem Meteor getroffen worden, das selbe hatte das Dach und den Stubenboden wie eine Bombe durchschlagen und auch die Bindewand einer Kammer zertrümmert, unter welcher man nach emsigen Suchen auch ein Stück desselben Steines, 30V Pfund schwer, fand, welches sich durchaus von je nem auf dem Acker gefundenen in der Substanz nicht unterschied." (Poggendors s Annalen.) Was Meteorsteine sind und wie sie sind, dieses wüßten wir nun, geliebter Leser. Aber das: woher?" sie kommen, dieser455 Theil der Frage ist nicht gelöst. Man hat allerlei Hypothesen dar über anfgestellt. Der Eine sagte: die Meteorsteine kommen vom Mond; die Mondvulkane schleudern sie mit solcher Kraft, daß sie bis die Erde fliegen; Andere sagen: sie bilden sich in der Luft; wie? das sagen sie nicht. In der neuesten Zeit hat die schon oben angeführte Meinung, daß die Meteorsteine planeten artige Himmelskörper seien, welche in den Bereich unserer Erde kommend, von ihr angczogen werden, dann unserm Auge als feu rige Kugeln, Sternschnuppen n. si w. erscheinen und irgendwo entweder auf die Oberfläche der Erde herabfallen, oder an der Erde vorüberfliegcn, über alle anderen Ansichten die Oberhand gewonnen. Dem Seefahrer, der auf schwankem Schiff nach fernen Re gionen segelt, winken noch einige prachtvolle Erscheinungen, welche oft genannt werden und die wir deßhalb zum Schluffe unfern lieben Lesern beschreiben wollen. In stürmischen Tropennächten, wenn der Orkan das Schiff so stark aus die Seite legt, daß oft die Spitzen der Raacn in die Wogen tauchen, geschieht es zuweilen, daß auf den Spitzen der Maste sich Helle Flammen zeigen. Der Seemann nennt diese Erscheinung St. Elmusfeuer und sieht sie mit abergläubischer Be- sorgniß; er hält sie für unglückbedeutend. Die Flamme zittert im Sturme; wird ein Matrose hinausgeschickt zum Top (die Spitze des Mastes), so färbt das Licht seine Züge todtenfahl. Es ist auch dieses Licht etwas Aehnliches, wie jenes der Irrlichter, eine Entzündung brennbarer Luststoffe. Aber eine noch erhabenere Erscheinung, erhabener selbst als das Nordlicht (siehe gleichfalls unten) ist das Zodiakallicht. Auch dieses bemerken wir in unserer Zone nur unter sehr günsti gen Witterungsverhältnissen im Frühling nach der Abenddäm merung am westlichen, im Herbst vor der Morgendämmerung am östlichen Himmel. In den Tropengegenden ist es Jahr aus Jahr ein sichtbar und v. Humboldt schildert dasselbe wie folgt: Wer Jahre laug in der Palmenzone gelebt hat, dem bleibt eine liebliche Erinnerung von dem milden Glanze, mit dem das Thierkreislicht, pyramidal aussteigend, einen Theil der immer gleichen Trvpennächte erleuchtet; ich habe es, und zwar nicht blos in der dünnen und trockenen Atmosphäre der Andesgipfcl auf zwölf oder vierzehntauscnd Fuß Höhe, sondern auch in den gren-456 zenlosen Grasfluren von Venezuela, wie am Meeresufer unter dem ewig heitern Himmel von Cumana, bisweilen intensiv leuchtender als die Milchstrasse selbst gesehen. Von einer ganz besondern Schönheit war die Erscheinung, wenn ein kleines duftiges Gewölk sich auf dem Zodiakallichte präsentirte und sich malerisch abhob von dem erleuchteten Hintergründe. Drei oder vier Nächte lang sah ich das Zodiakallicht der Schifffahrt von Lima nach der westlichen Küste von Mexiko in einer Pracht, wie es mir vorher noch nie erschien. In diesem Theile der Südsee ist auch, nach dem Glanze der Gestirne und Nebelflecke zu urtheilen, die Durch sichtigkeit der Atmosphäre wundervoll groß. Vom 14. bis 19. März war sehr regelmäßig dreiviertel Stunden, nachdem sich die Sonnenscheibe in das Meer gesenkt hatte, noch keine Spur vom Thierkreislichte zu sehen, obgleich es völlig finster war. Eine Stunde nach Sonnenuntergang wurde es auf Einmal sichtbar in großer Pracht zwischen den Sternbildern Aldebaran und den Plejaden, am 18. März 39 5 Höhe erreichend. Schmale lang gestreckte Wolken scheinen zerstreut im lieblichen Blau tief am Horizont, wie vor einem gelben Teppich. Die oberen spielen von Zeit zu Zeit in bunten Farben. Man glaubt, es sei ein zweiter Untergang der Sonne. Gegen diese Seite des Himmelsgewölbes scheint uns dann die Helligkeit der Nacht zuzunehmen, fast wie im ersten Viertel des Mondes. Gegen Mitternacht verschwand diese Erscheinung bis auf eine geringe Spur." Es ist jetzt fast gewiß, daß nicht, wie man bisher glaubte, die Atmosphäre der Ort sei, ^ wo das Zodiakallicht entsteht und sich zeigt, sondern ein eigener die Sonne umkreisender Ring einer leuchtenden Materie, der frei zwischen den Bahnen des Mars und der Venus schwebt. Welche himmlischen Träger dieses hehre Licht erzeugen, das ist also, wie vieles Andere, ein großes göttliches Geheimniß, das der Mensch bewundernd und anbetend anstaunt, aber wo er wieder jene Marke findet, die seiner Vernunft gesteckt ist: Bis hieher sollst du kommen und nicht weiter!" Aber in solchen Betrachtungen und im Nachdenken über die Werke des Schöpfers liegt eben ein unaussprechlicher Reiz für den guten denkenden Menschen und eben diesen Reiz dies wünsche ich von Herzen und dieses ist meine Hauptabsicht sollst auch Du lebhaft und immer lebhafter empfinden, geliebter Leser. Denn457 groß ist das Feld des Wissens und es erweitert sich beständig so sehr, daß Einer, von dem wir glauben könnten, er habe unter allen Lebenden das meiste davon erforscht und sich zu eigen gemacht, mit dem alten SokrateS dennoch demüthig spricht: Wohl, etwas habe ich gelernt; nämlich: ich weiß jetzt, wie wenig ich weiß. Oder noch schöner könnte man das mit den Worten des Apostels ausdrücken: Unser Wissen ist nur Stückwerk!" O kurze Vorbereitungszeit des Erdenlebens für den Himmel, o kleiner Raum der Erde für die Thatkraft des Menschen, wenn ihr uns schon so große Ausgaben stellt, so viele Wunder zeigt, so viele Geheimnisse, die wir nicht begreifen, so viel Herr liches, das wir nur entzückt bewundern können, aber nicht zu fassen vermögen: welche Seligkeit wird es erst sein, wenn wir dem Reiche des Glaubens in jenes Reich des Schaucns ge langen, aufsteigen zum Quell der Strahlen, Ihn zu schau n, der nie versiegt, wo vor uns in tiefen Thalen dann die ganze Schöpfung liegt!" Darum lernet, geliebte Leser, suchet, forschet, laßt keine Ge legenheit vorübergehcn, an Erkeuntniß und Einsicht zuzunehmen. Seid Menschen! seid Kinder Gottes! Fraget Euren Vater über den Wolken oft und gerne! Jede solche Frage ist ein salamoni- sches Gebet um Weisheit und wie einst der Herr jenen israelitischen König auf seine einfache Bitte um Verstand dreifach segnete, so wird auch an Euch der Segen des Herrn sich reich bewähren. Ihr werdet Antwort haben durch leise Zusprache an euren eigenen Geist, den der Vater stärken, nähren wird, dann durch die Un terweisung gereifterer, älterer und weiserer Brüder, die zu Eurem Unterricht zahlreich und ernstlich thätig sind. Lernet also, damit Ihr wohl unterrichtet und vorbereitet der Ewigkeit nahet. Eine kurze Spanne Zeit ist uns zugemessen. Darum laßt keine Stunde ungenützt verinnen. Je ernster das. Streben, desto schöner der Lohn; je näher dem Urquell des Lichtes, desto größer das Glück schon auf dieser Erde; je mehr Beschäftigung mit Gott und Sei nen Werken, desto ferner ist die Sünde und der Tod! Lernet! forschet! sammelt Schätze für die Ewigkeit und sprechet: Da wird, ach! was kein Aug erspähte, kein Ohr vernahm, mir offenbar, Und jede Welt, die ich betrete, weih ich Dir, Gott, zum Dankaltar!458 Alexander von Humboldt. Wie einst Aristoteles der Vater der Wissenschaften genannt wurde und seine vielen Schriften beinahe das ganze Gebiet des damals zugänglichen Wissens namentlich im Reiche der Natur umfaßten, wie die Griechen Dankbarkeit ihm ein beson deres Fest feierten, damit das ganze Volk, von den Gelehr testen und Vornehmsten bis hinab zum gemeinen Manne, in ihm den Lehrer und Wvhlthäter Aller gleichmäßig erkennen, schätzen und lieben lerne so war es bis vor Kurzem jetzt vorzugsweise Ein Mann, ein ehrwürdiger Greis im Silberhaare, dessen Name im Munde aller Menschen lebt, so weit aus der ganzen großen Erde christliche Gesittung und Bildung unter den Menschen besteht oder sich Bahn gebrochen hat, dessen Bildniß den Salon, wie das arme Stübchen in niederer Hütte, ziert. Dieser allgeliebte und verehrte Mann war ein Eroberer, der hoch über den blutigen Eroberern aller Zeiten steht, unendlich hoch über einem Alexander, Cäsar und Napoleon, deren Thaten nur mit Blntschrist in die Annalen der Menschheit eingezeichnet sind. Seine Eroberungen sind Thaten des Geistes, Erwerbungen für die Wissenschaften, vollbracht von Einem Ringer, der mit durchdringendem Geist und der ganzen, vollmanneskräftigen, unausgesetzten Arbeit eines langen von Gott mit fester Gesundheit gesegneten edlen Lebens sie der Natur abgerungen hatte, nicht für sich und zu seinem Ruhme denn von Eigenliebe wußte dieser große Mann nichts sondern zum Vesten seiner Mitmenschen in der ganzen Welt. Dieser edle Mann, unser Freund und Wvhlthäter, war Alexander von Humboldt. Er wurde zu Berlin am 14. September 1769 geboren, studirte in .Göttingen und Frankfurt a. d. Oder und ward als Assessor im Bergwerksdepartemcnt einge stellt. Diese Stellung gab er jedoch bald wieder ans, um sich znm Glücke der Welt ganz dem Berufe des Naturforschers, zu dem ihn ein geheimer mächtiger Drang antrieb, zu widmen. Im Jahre 1799 ging Humboldt mit dem französischen Gelehrten Bvnpland, einem gleichgesinnten Manne, nach den spanischen Ko lonien in Amerika. Sie landeten bei Cumana, nachdem sie der Seefahrt Teneriffa und die Havanah Cuba besucht hatten. Achtzehn Monate lang durchforschten beide Gelehrte die Provinz Venezuela, gelangten dann nach Caracas, besuchten die Grasstep-459 pcn von Calobozo, den Fluß Apure und erreichten dann den Orinoco. Sie beschifften diesen großen Strom auf indiani schen Kähnen, drangen tief in die Wildnisse ein, um das Land, die Menschen und die Naturerzeugnisse jener fernen Regionen kennen zu lernen. 1801 und 1802 waren sie im Gebirge von Quindiu und erreichten nach einer äusserst beschwerlichen Reise Quito, wo sie acht Monate mit Untersuchung des schönen Thales und der gewaltigen Vulkane der Andcskette zubrachtcu. Sie bestiegen den Chimborassv bis zu einer Höhe von 19,300 Fuß und wurden nur durch eine tiefe Schlucht gehindert, bis zu seinem noch 2140 Fuß höheren Gipfel emporzuklimmen Sie gingen hierauf an die Küste des großen Ozeans und an derselben theils zu Lande, theils zur See nach Mexico. Hier hielten sie sich Jahre lang auf, theils mit der Durchstreifung und Untersuchung der Provinzen, theils mit wissenschaftlichen Arbeiten aller Art und Sammlung von Na turgegenständen beschäftigt. Im August 1804 landete endlich beide Gelehrte in Havre und Humboldt wählte Paris zu seinem Aufenthalte, um die Resultate seiner Reisen und Forschungen zum Besten der Wissenschaften und zum Nutzen der Mitmenschen öffent lich bekannt zu machen. Er besuchte sodann in den folgenden Jahren Italien und England und kehrte 1826 in die Heimath zurück, um hier in der nächsten Umgebung des Königs zu leben, der ihn sehr hochschätzte und ihn zum wirklichen geheimen Rath ernannte. Humboldt, der Freund seines königlichen Herrn, erlangte dadurch einen bedeutenden Einfluß; aber diesen benützte er nicht für sich, sondern blos für die edelsten Zwecke. Im Jahre 1829 bereiste Humboldt in Begleitung Ehrcnbergs und Rose s die Länder um das kaspische Meer und Sibirien bis an die chinesische Grenze. Humboldt s Arbeiten sind stauneuswerth, nicht allein durch ihren Umfang und die Manichfaltigkeit ihrer Richtung, sondern hauptsächlich dadurch, daß er mit den reichsten eigenen Studien und Erfahrungen alles, was die Forscher und Gelehrten aller Zei ten an Material, Beobachtungen und speziellen Untersuchungen geliefert hatte , auf das Durchdringendste prüfte, sichtete und mit seinen Erforschungen zu einem ausserordentlich reichen Ganzen ver binden konnte. Dabei hat seine Darstellung die seltenen Eigen schaften, daß sie höchst lichtvoll, klar und faßlich ist, selbst für den Laien in der Wissenschaft; und er besaß zugleich auch noch die460 liebliche Gabe, die Natur poetisch aufzufassen und Gesammtbilder von Naturanschauungcu zu entwerfen, welche so lebensvoll sind, daß wir uns völlig in sie hineindenken können, daß die geschil derten Gegenstände vor unserem geistigen Auge stehen, als hätten wir alles selbst erlebt, gesehen, erfahren. Diese Schilderungen sind auch in sprachlicher Hinsicht von hinreißender Schönheit und begeistern jeden fühlenden und denkenden Menschen. Die letzten Jahre seines thatvollcn Lebens benützte der edle Greis zur Ausarbeitung seines Cosmos, eines Werkes, in welchem er das Resultat alles dessen, was er durch seine viel fachen und vielseitigen Reisen, Studien und Untersuchungen über die Welt und die Schöpfung sich zu eigen machte, verbunden mit den Resultaten der Arbeiten aller anderen Forscher aller Zeiten und Völker zu einem großen Ganzen, niederlegte. Dieses den jetzigen Standpunkt der Ergebnisse der Wissenschasten darstellende Werk ist bis den letzten Band vollendet und der edle Greis hoffte auch diesen, an dem er mit nngeschwächter Kraft und Freudigkeit arbeitete, trotz seines hohen Alters noch vollenden zu können. Gott hatte es anders beschlossen. Am 6ten Mai durchzog eine Trauerbotschaft Berlin nach allen Enden. Alexander von Hum boldt hatte nach kurzer Krankheit sanft und ruhig das Zeitliche gesegnet. Eine tiefe Wehmuth erfüllte nicht allein diejenigen, welche dem Nestor der Wissenschasten nahe lebten und standen. Ihn ehrten Alle, in ihm hatte die ganze gebildete Menschheit einen unersetzlichen Verlust erlitten. Denn nicht allein als Gelehrter verdient er unsere innigste Verehrung und Hoch achtung, sondern auch als Mensch. Sein ganzes Leben ist flecken los, nie hat Einer, dem zu helfen war, vergebens seine Hilfe angerufen; er, der nie etwas für sich beanspruchte, hat als Mensch allen, denen er nützlich sein konnte, genützt. Seinen Leistungen also nicht allein, sondern auch seiner Person, seinem edlen Cha rakter wird die späteste Nachwelt noch jene dankbare Verehrung weihen, welche der edle Greis von allen Gebildeten der Welt, von allen guten Menschen schon während seines Lebens genoß. An ihm, geliebter Leser, nimm Dir ein Beispiel, wie Du als Mensch leben, thätig sein, Dich durch Lernen vervollkommnen, durch Arbeit, durch brüderliche Liebe Deinen Mitmenschen nützen sollst. Lerne, bilde Deinen Geist durch Nachdenken und nnab-lässiges Streben, nütze das Dir gegebene Pfund, denn je nachdem Du bekommen hast, wird man einst von Dir fordern. Betrachte besonders diese Blätter als ein kleines Elementarbuch, welches Dir als Vorbereitung dienen soll, um, nachdem Du seinen Inhalt in Dich aufgenommen und Dir zu eigen gemacht, nachdem Du dadurch befähigt bist, durch aufmerksames Lesen anderer mehr in s Einzelne gehender guter Bücher Deinen Schatz au Kenntnissen zu vermehren, dereinst Humboldt s Cosmos selbst lesen und verstehen zu können. Das wird Dir einen Genuß verschaffen, der alles andere, was Dir Freude machen kann, weit überwiegt. Die großen Erfindungen und Entdeckungen der neuen und neuesten Zeit, die Resultate der Wissenschaften. Elektrizität und Magnetismus. Das Nordlicht. Der elektro-magnetifche Telegraph von Stcinhcil. Benjamin Franklin. Dir Buch druckerkunst. Gutcnbcrg. Columbus und Luther. Einiges über den Arieg. Die Seemacht und die Seeschlacht. Der Dampf. Nulton und Stephenson. Dampfschiffe, Lokomotiven und Eisenbahnen. Die Erde nach allen Richtungen bekannt und bereist. Schlußwort. Die Bestimmung des Menschen ist uns bekannt: es ist die höchstmögliche Entwickelung aller geistigen und leiblichen Kräfte und Anlagen zur harmonischen Vollkommenheit. Der Leib, als etwas Irdisches und Vergängliches, ist hiebei nur der Die ner des Geistes, jenes göttlichen Funkens, der den Menschen zum Herr der Natur macht und ihn befähigt, seine Bestimmung zu erreichen und ein Abbild des Allmächtige und Heiligen, ein Bild Gottes zu werden. Der Uebungsplatz, welcher dem Menschen zur Erringung dieser seiner Bestimmung angewiesen wurde, ist die schöne Erde. Er hat freilich nur eine kurze Spanne Zeit dazu. Das Leben des Menschen währet siebenzig bis achtzig Jahre! Wie klein ist diese Lebensdauer im Verhältniß zur Wcltdauer und zur Erschöpfung des WisscnSnöthigsten und Unentbehrlichsten aller jener Kenntnisse und Erfahrungen, welche den Menschen erst zum Menschen machen. Und dennoch reicht eine Lebensdauer für den gewissenhaften Men schen nicht allein hin, sondern es bleibt ihm auch noch Raum genug übrig, um der Sorge für die Nothdurst und den Unterhalt462 genügend obzuliegen. Das ist die erstaunliche Bildsamkeit seiner Geistes - und Leibeskräfte, welche, statt durch Anstrengung zu er schlaffen oder aufgerieben zu werden, vielmehr dadurch erstarken und durch Uebung an Kraft beständig zunehmen. Ein Menschenleben und Wirken schließt sich an ein Vorher- gehendes an, d. h. der Einzelne ist blos ein Glied der Kette, welche die menschliche Erkenntniß von ihren ersten Anfängen bis zu dem jetzigen Grade der Ausbildung und ihrer künftigen Voll endung verbindet. Wir haben im zurückgclcgten Inhalt dieser Blätter Blicke in den Bildungsgang der Menschheit geworfen und ihn in seinen verschiedenen Perioden bewundert. Es ist uns nicht entgangen, daß auch im Reiche der Geister und ihrer Erkenntniß zu allen Zeiten ein Anfluthcn zu einem gewissen bewnudcrnSwerthen Höhe punkte stattfand, ein Heben zu einer lieblichen Blüthe der Wissen schaften und der Künste, deren süßer Dust selbst in die niedersten Regionen der Menschen hinabströmte und sie durchdrang. Dieser Flnth folgte aber,,wie im Wechsel der Mcereshöhc, stets wieder eine Ebbe, ein Sinken und Vergehen, welches den Menschenfreund, der es in den Blättern der Geschichte sinnend betrachtet, mit tiefer Wehmuth erfüllt und ihn um das, was ihm nahe liegt, nt seine eigene Zeit, um sein eigenes Volk, besorgt macht. Wer könnte sich der Furcht erwehren, es möchte diese herrliche Blüthe der Geister, diese reiche Kultur, die alles umfaßt, was die Be stimmung des Menschen nur wünschen läßt, von einem neuen furchtbaren Sturm erschüttert, ja wohl gar vernichtet werden? . Zweierlei aber haben wir bei der Betrachtung des Bildungs ganges der Menschheit vor allem erkannt: Wo die Kultur und ihre wenn auch noch so lieblichen Blüthen und Früchte nur allein Werke des arbeitenden und denkenden MeuschcngcisteS bliebe , da trug sie in sich den Keim des Verderbens, der alles Menschen werk, alles Irdische, im Laufe der Zeiten zerstört. Sic blieb eine oberflächliche, und wie der natürliche Mensch nichts vom Geiste Gottes vernimmt, so war auch sein ganzes Wissen und Können natürlich und vergänglich. Die tiefsinnigste Betrachtung der Natur drang doch nicht der Schale in den Kern, sie er kannte nur die Wirkung, aber nicht die Ursache, sie umfaßte nur den Stoff, das Aeußere der Dinge, ahnete aber nichts von den großen Kräften, welche die Natur bewegen und erregen und von463 ihrem Zusammenhang. Die Erkenntniß des Tiefinnersten der cos- mischen Erscheinungen konnte erst dann beginnen, als das Men schengeschlecht über allem Irdischen den rechten Schöpfer erkannt hatte, als es durch die göttliche Offenbarung geistig erleuchtet wurde und in Jesu Christo den Friedensfürsten begrüßt hatte, Der, ein einziges großes Opfer, für ns am Kreuze starb, um die Furcht vor Grab und Hölle zu vernichten und uns mit dem beseligenden Gefühl des Friedens mit unserm himmlischen Vater zu stärken und zu erfüllen. Von nun an gewann der Mensch erst die rechte Festigkeit, um das Wort ganz zu begreifen: du sollst herrschen über die Erde!" Das Suchen nach dem Wesen Gottes im Reiche der Wesen endete für immer; nicht mehr war ihm Gott etwas, das im Natürlichen natürlich wirkte; nicht länger konnte dieses ver derbliche Suchen die Seele von Gott abwenden, zur groben Ab götterei verführen. Frei blickt der von Sünde und Wahn erlöste Mensch den furchtbaren Gewalten der Natur s Auge ; er erforscht und sucht ihre Ursachen, ergründet und studirt ihr Wesen und findet durch sich und die Benützung jener Mittel, welche die Natur selbst ihm darbietet, die Gewalt, ihnen nicht allein zu trotzen, sondern sie sogar seinem Willen dienstbar zu machen. Selbst die furchtbarste, jäheste und vernichtendste aller natürlichen Erscheinun gen, den Blitzstrahl, fürchtet der Mensch nicht mehr, seitdem Franklin gelehrt, wie mau ihn fangen und unschädlich an belie bige Orte leiten kann. Aber es genügte nicht, ein Mittel zu er sinnen, diese drohende Gewalt abzulcitc , man wollte sie auch in ihrem Wesen erkennen und durchschauen, ja dem Willen des Menschen dienstbar machen. Und dieses gelang. Von dem Magnetismus und der Electrizität. Der Magnet war schon den Alten, er war den Chinesen, sogar seit Jahrtausenden, bekannt. Ein Magnet ist ein Körper, welcher zweierlei sonderbare Eigenschaften zeigt: 1) er zieht das Eisen an und 2) er zeigt beständig mit einem Punkt seiner Ober fläche nach Norden, wenn man ihn freischwcbend an einem Fa den aufhängt, mag man ihn auch noch so oft drehen und anders wohin wenden. Diesen Punkt nun nennt man seinen Pol. Diesem Pol gerade gegenüber hat der Magnet noch einen Pol, welcher natürlich gen Süden gerichtet ist. An beiden Polen zieht464 der Magnet das Eisen am stärksten an. Am schwächsten ist seine Kraft gerade im Mittelpunkte der beiden Pole. Während an den Polen ganze Bärte von Eisenfeilspänen hängen bleiben, wenn der Magnet in solche gelegt wird, hängen in der Mitte beinahe gar keine an. Diese anziehende Kraft des Magnets nennt man nun Mag netismus und man glaubt, als Ursache derselben einen eigenthüm- lichen unwägbaren Stoff, eine magnetische Flüssigkeit annehmen zu müssen. Nähert man einen an einem Faden anfgehängten Magnet einem andern Magnet, so wird man finden, daß jeder Pol des ersteren einen Pol des andern anzieht, den zweiten Pol aber abstößt. Die ungleichnamigen Pole zweier Magnete ziehen sich gegenseitig an, aber die gleichnamigen stoßen sich ab. Das von einem Magnet angezogene Eisen wird selbst magnetisch; der Magnet theilt also dem Eisen seine Kraft mit und dieses behält deir Magnetismus in sich. Man hat frühzeitig bemerkt, daß eine magnetische Nadel, welche frei in der Mitte einer Kapsel auf einem Mcssingstifte schwebt*), sich nicht allein nach Norden richtet, sondern auch von ihrer horizontalen Lage bedeutend abweicht, sich mit einer Spitze etwas senkt! Hieraus und aus den verschiedenartigen Verhalten des Magnetes an verschiedenen Orten der Erde hat man unzwei felhaft erkannt, daß die Erde selbst magnetisch wirkt, also magne tisch ist. Bestreicht man stählerne hufeisenförmige Werkzeuge oder Stahlstäbe und Nadeln mit einem Magnet, wobei man aber immer nach einer Richtung streichen muß, so erhält man in dem hin länglich oftmals bestrichenen Werkzeug einen künstlichen Magnet. Der natürliche Magnet ist ein eisenhaltiger Stein. Es gibt ganze Berge von solchen Magneteisensteinen. Wenn der Blitz irgendwo einschlug und eiserne Werkzeuge berührte oder traf, so machte man stets und überall die Bemerkung, daß diesel ben magnetisch geworden waren. Da nun der Blitz nichts an deres, als eine elektrische Entzündung ist, so war ein Zusammen hang des Magnetismus mit der Elektrizität nicht allein sehr wahr scheinlich, sondern gewiß. ) ein Compaß-465 Man hatte seit alter Zeit gewußt, daß viele Körper, zum Beispiel Glas, Harz, Bernstein u. s. w., durch Reiben die Eigen schaft erlangten, leichte Körper anzuziehen. Die Phönizier nann ten deßhalb den Bernstein, welchen sie von der Küste der Ostsee holten: Elektron. Als Ursache dieser, sowie aller derartigen Erscheinungen nimmt man nun wieder einen eigenthümlichen Stoff au, den man sich als eine sehr feine Flüssigkeit denkt und Elek tricität nennt. Einige Körper sind elektrisch, andere wieder nicht. Ein elektrischer und ein nicht elektrischer Körper ziehen einander an. Zwei elektrische dagegen ziehen sich nach Umständen an oder stoßen sich ab*). Die Elektricität scheint sich nur auf der Oberfläche der Kör per zu zeigen, dagegen in ihr Inneres nicht einzndringen, wohl aber der Magnetismus. Man kann nun Elektricität erzeugen durch eine eigens zu diesem Zwecke construirte Maschine. Diese besteht aus einem ge riebenen Körper, einer Glaswalze oder Glasscheibe, einem reiben den Körper, etwa einem ledernen mit Amalgama (Zinuqueckstlber) bestrichenen Kissen, welches sich an dem Glaskörper reibt, wenn er gedreht wird, und einem auf Glassüßen ruhenden hohlen Cy- linder von Messingblech. Unsere Figur stellt eine Cylindermaschiue dar. Hier ist a der Glascylinder, welcher sich mittelst einer Kur bel um eine horizontale Are b drehen läßt und durch ein einziges Kissen gerieben wird. Das letztere steht mit dem Conduktor r in Verbindung, während ein zweiter Conduktor v dem Reibzeuge gegenübersteht und mit Spitzen versehen ist, die den sogenannten Einsauger bilde . Damit das geriebene Glas seine Elektricität nicht verliefe, bevor es den Conduktor v erreicht, ist am Reib- zeuge da, wo die geriebenen Theile des Cylinders es verlassen, ein Stück dünner Wachstaffet befestigt, welcher über die obere Hälfte des Cylinders hmwcggcht. Beim Umdrehen des Cyliu- ders entwickelt sich nun aus, dem geriebenen Glase Elektricität und es wird sammt dem Conduktor v positiv elektrisch, der Con duktor r aber negativ. In der neuesten Zeit bemerkte man, daß sogar der aus den engen Oeffnungen eines Dampfkessels strömende Dampf positiv elektrisch ist. ’) positive und negative Elektricität. 30466 Körper, welche die Elektricität in sich aufnehmen und fort leiten, nennt man Leiter. Die Metalle sind solche Leiter; in ihnen läuft die Elektricität ungeheuer schnell durch unermeßliche Räume. Darauf wurde die herrliche Erfindung des Te legraphen gebaut, der aus nichts als einem Draht besteht, welchen die elektrischen Funken mit Blitzgeschwindigkeit durchlaufen, (s. Seite 468). Hat sich in zwei Sammlern oder Conduktoren im einen sehr viele positive, im andern sehr viele negative Elektricität gesam melt und kommen diese Conduktoren einander sehr nahe, so ver binden sich beide Elektricitäten, dabei entsteht plötzlich elektrisches Feuer, das die Luft auseinander sprengt und einen lauten Knall erzeugt. Der Funken kann nun nach irgend einem Gegenstände springen, welcher Elektricität gut leitet, z. B. nach metallischen Gegenständen, Wasser, Bäumen u. s. w. und da durch sein Ein schlagen Zerstörungen hervorbringeu. Auch der menschliche Leib ist ein ziemlich guter elektrischer Leiter und wenn ein elektrischer Funken sich in ihm entladet, so empfindet der Mensch einen schmerzhaften Schlag, der alle Glieder mit einem Male auf das heftigste durchschneidet. Sehr starke elektrische Schläge tödten Menschen Thiere. In der Lust, namentlich in den Wolken, sammeln sich große Massen von Elektricität. Hat eine Wolke positive, eine andere negative Elektricität, so entzünden sich beide gegenseitig. Die feurig flammenden Explosionen schlängeln sich durch die Räume der Atmosphäre nach allen Richtungen und werden Blitze ge nannt. Sie reißen die Luftschichten auseinander, welche dann wieder mit gewaltigem Krachen zusammenfallen. Diese furchtbaren Schläge wecken viele Meilen weit das Echo, daher das langhin rollende Dröhnen, welches wir Donner nennen. Sturmwinde gehen dieser Erscheinung voran; das Reich der Lüste wird mit Riesenmacht unter einander gerüttelt; warme feuchtigkeiterfüllte Lust- massen werden plötzlich in ungeheure Höhen getrieben, während eisig kalte sich unter sie in tiefere Regionen herab stürzen. Die Regen tropfen erstarren in diesen kalten Regionen zu Eis; es hagelt; Ströme von Regen stürzen herab. Die ganze Erscheinung nennen wir Gewitter. Aber nicht blos durch Reibung, sondern sogar durch bloße Berührung verschiedener Körper kann Elektricität erzeugt werden.467 Galvani entdeckte, daß wenn zwei verschiedene Metalle mit den einen Enden sich berühren mit den anderen an Nerven von 7urz zuvor getödeten Thieren geeignet gehalten werden, Zuckungen der Muskeln entstehen. Todte Frösche beginnen wieder ihre Glieder zu bewegen, als lebten sie noch; selbst menschliche Leich name kann man dadurch scheinbar wieder beleben. Sie zucken mit Armen und Beinen, öffnen die Augen, bewegen Mund und Zunge ein Schaueranblick ohne Gleichen! Aber Volta hat erkannt, daß Elektricität (oder Galvanismus nach dem Entdecker Galvani) die eigentliche Ursache jenes Nervenreizes ist, und man wendet seitdem in der Heilkunde den Galvanismus zur Wieder belebung und Stärkung gelähmter Glieder, nicht selten mit außer ordentlichem Erfolge, an. Volta ersann auch aus den von ihm entdeckten, das Wesen des Galvanismus ausmachendeu Eigenschaften Apparate zu Erzeu gung mächtiger Wirkungen, indem er mehrere Metallplatten-Paare zwcckgcmäß verband. (Voltaischc Säule, Galvanische Batterie.) Wenn man zwei sich berührende Metalle durch eine die Elektricität gut leitende Flüssigkeit, etwa gesäuertes Wasser, verbin det, so entsteht eine Bewegung in diesem System, eine Strömung, ein elektrischer Strom. Säulen aus Metallplatten, wie wir oben angegeben habe , entwickeln sehr starke galvanische Ströme, stärker, je größer und höher die Säulen durch Vergrößerung und Ver- inchrung der über einander gelegten Platten werden. Verbindet man die beiden Enden oder Pole einer solchen Säule durch Dräthe,. so ist Draht die Strasse, in welcher die Ströme circuliren. Die Wirkungen dieser Ströme sind eben so man- nichfach als merkwürdig. Wasser und andere Körper werden dadurch in ihre Bestandtheile zerlegt; auf den chemischen Wir kungen des Galvanismus beruht die Galvanoplastik, indem der Strom aus einer Kupservitriolauslösung wieder wirkliches Kupfer bildet, dem man durch Einlegung beliebiger Modelle in die Säure deren Gestalt geben kann, denn die über ziehenden Kupserplatten werden nicht nur auf s genaueste die Formen der Modelle wiedergeben, sondern auch stark und fest genug, um von langer Dauer zu sein. Auf diese Art werden jetzt zahlreiche Erzeugnisse der Kunst vervielfältigt und diese Art von Darstellung Galvanoplastik genannt. Die elektrischen Ströme machen das Eisen magnetisch und erzeugen Magnete von 30 * 468 ungeheuerer Kraft, die 2000 und mehr Pfunde tragen. Man glaubte, den galvanischen Strom wegen seiner kraftvollen Wirkung auch als bewegende Kraft benützen zu können und construirte dazu verschiedene Maschinen. Aber es ist nur Hoffnung vorhanden, daß diese Art der Benützung dieser geheimnißvollen Naturkraft dereinst gelingen werde; die bisher erzielten Erfolge waren un genügend. Dagegen ist die Elektricität vollkommen in der Gewalt des Menschen, um in einem Augenblicke wichtige Nachrichten in die entferntesten Länder zu tragen und Antworten von dort zu erholen. Der elektro-magnetische Telegraph. Aus der magnetischen Wirkung des elektrischen Stromes be ruht diese herrliche Erfindung, eine der wichtigsten und folgen reichsten unserer Zeit, deren erschöpfter Nutzen noch gar nicht ab- zuschen ist. Es sind sehr verschiedene Methoden vorhanden, z. B. jene von Wheatstone. Der am meisten benützte Telegraph beruht der von Morse vorgeschlageucn Methode. Als Erregungsapparat dient eine galvanische Batterie. Sobald ein Metalldraht, welcher mit Seide übersponnen ist, um ihn von jedem andern Körper, an den er etwa empfangene Elektricität abgcbcn könnte, zu isoliren, über ein Eisen gewickelt ist und mit den Enden einer galvani schen Batterie durch eine guten und isolirten Leiter in Berüh rung kommt, so wird das Eisen augenblicklich auf so lange ein Magnet als diese andauert. Es ist hier ganz gleich, wie groß der Weg von den Enden des Drahtes zu den Enden der Batterie ist; derselbe wird durch zwei Verbindungsdrähte auf Stangen und gläsernen Unterlagen längs Strassen oder Eisenbahnen hergestellt; einer der Drähte kann jedoch nach Stcinheils Entdeckung durch die Erde ersetzt werden. Ist nun an irgend einem Ort eine Batterie und an einem zweiten weit davon entfernten und in au- gedcutcter Weise mit ihm in Beziehung gesetzten das umwickelte Eisen, so kann vom ersten Orte aus, am zweiten Orte so oft man nur will ein Magnet erzeugt werden. Letzterer zieht dann jedesmal ein in seiner Nähe befindliches Eiseustück an, welches mit einem Stifte versehen sein kann, der sich auf einen an ihm vorbei- gehcnden Papierstreifen ausdrückt und dadurch demselben so viele Punkte in näherer oder weiterer Entfernung zurückläßt, als am ersten Orte die Verbindung mit der Batterie hergestellt und unterbrochen469 wurde. Durch Vereinigung mehrerer Punkte, die ihrer Zahl nach zwischen 1 4 und der Stellung nach auch verschiedenartig sein können, vermag man 30 Buchstaben und 10 Zahlzeichen dar zustellcn. Der Telegraph durchzieht gegenwärtig nicht allein Europa, sondern auch schon Meere und außereuropäische Länder. Man hat sogar 1858 einen Leitungsdrath durch den atlantischen Ocean nach Nordamerika gelegt, um beide Erdtheile mit einander zu verbinden. Daß dieses großartige Unternehmen mißglückte, indem durch unbekannte Ursachen die elektrischen Ströme unter brochen oder geschwächt wurden, daß sie keine verständlichen Zeichen mehr gaben, dieses haben wir schon berührt. Aber die Möglich keit besteht, selbst durch die Oceane telegraphische Leitungen zu legen und man kann Voraussagen, daß die Telegraphie dereinst die ganze Erde netzartig überziehen und dann die Entfernungen und Hindernisse, welche den geistigen Verkehr der Menschheit bis her erschwert oder fast unmöglich gemacht haben, für immer be seitigt sein werden. Benjamin Franklin. Einer der ausgezeichnetsten Männer des vorigen Jahrhun derts, Franklin, wurde am 17. Januar 1706 zu Boston in Nordamerika geboren. In der frühesten Jugend mußte er seinem Vater, einem Seifensieder, beim Geschäfte helfen. Zwölf Jahre alt geworden, erlernte er bei seinem Bruder die Buchdruckerei. Aber neben diesem Broderwerb ging sein Streben beständig dahin, seine Fähigkeiten und Kräfte durch Lernen auszubilden; seine Frei- und Erholungsstunden widmete er dem Lesen nützlicher Bücher. Als er erwachsen war, errichtete er selbst eine Druckerei. Sein Geschäft hatte glücklichen Fortgang; er gab eine Zeitung und einen Almanach heraus und versuchte es nun selbst, seine Mitbürger durch Auf sätze verschiedenen und nützlichen Inhalts zu belehren. Anfangs that er das annonym; später aber errieth man in ihm den Ver fasser dieser nützlichen Mittheilungen und er erlangte dadurch das größte Ansehen bei seinen Mitbürgern. Seine erweiterten Kennt nisse wendete er nun an, indem er den geheimnißvollen Kräften der Natur seine Aufmerksamkeit zuwendete und durch die schwie rigsten Untersuchungen in ihre Tiefen einzudringen suchte. Besonders die Elektricität wurde Gegenstand seiner For-470 schm, gen. Ihm verdanken wir den Schutz unserer Wohnungen und öffentlichen Gebäude vor den Verheerungen des Blitzstrahles, den Blitzableiter und viele andere der herrlichsten und glück- lichsten Lösungen räthselhafter Naturerscheinungen. Aber auch als Mensch verdient er unsere größte Hochachtung. Er war der feu rigste, aufopferndste Patriot und mit der Ruhe und Klarheit eines Weisen durchschaute sein Geist die Verhältnisse des Lebens im Großen, wie im Kleinen, ohne je von der Bah der Treue und schlichten Einfachheit abzuweichen. Unübertrefflich entwickelte er moralische Lehren; mit Feuereifer und der klarsten überzeugend sten Beredsamkeit wies er auf die Pflichten des Wohlwollens, der Freundschaft, der christlichen Bruderliebe, auf die Benützung der Zeit und das Glück der Wohlthätigkeit, auf die nothwendige Verbindung des eigenen Wohles mit dem allgemeinen hin und er selbst bekräftigte diese Lehren durch sein Beispiel werkthätiger christlicher Liebe. Für seinen Grabstein verfaßte er folgende Inschrift: Hier liegt der Leib Benjamin zranllins, eines Buchdruckers (gleich dem Destel eines alten Buches, aus dem der Inhalt herausgenomme und der seiner Inschrift und Ber- goldung beraubt ist), eine Speise für die Würmer; doch wird das Werk selbst nicht verloren sein, sondern (wie er glaubt) dereinst erscheinen in einer neuen schöneren Aus- gäbe, durchgesehen und verbessert von dem Verfasser!" Die Buchdruckerkunst. Von selbst fuhrt uns das vorige Kapitel auf die Kunst, Schriften von belehrendem oder allgemeinansprechendem Inhalt rasch und in beliebiger Anzahl zu vervielfältigen. Die Verbreitung nützlicher Gedanken, Erfindungen und Ent deckungen ging zu jenen Zeiten, als die Menschen noch nicht zu schreiben verstanden, äusserst schwer, ja fie war fast unmöglich. Es mußte auch vieles wieder spurlos vergehen, weil man kein sicheres Mittel hatte, um es im Gedächtniß der Nachwelt zu er halten. Wir haben deshalb nur Spuren der ältesten Cultur un serer Erde in her heiligen Schrift und mündlichen Ueberlieferung und diese sind so karg, daß der Menschenfreund diese kümmerlichen Reste mit Wehmuth überblickt. Da erfand ein Genie, Daut oder Taut, der Angabe nach ein Phönizier, einer jenem kühnen klugen Handelsvolke, den Britten der ältesten Menschheit, die herrliche Kunst, mit sichtbaren Zeichen Denk- und Merkwürdiges aufzuzeichnen, die Schrift! Ehre diesem Wohlthäter der Menschheit! Er erfand das471 Mittel, unter dem höhergestellten, beglückteren Theil der Mensch heit Bildung zu verbreiten. Dreitausend Jahre aber flössen hin, bis Gutenberg in Mainz die Kunst erfand, die Laute einzeln in Metall zu schnei den, sie nach diesen Matrizen zu Tausenden zu gießen und dann, wie wir beim Schreiben die Wörter aus einzelnen Buchstaben zu- sammenfügen, diese Typen zusammen zu setzen, mit Schwärze in der Presse aus Papier abzudrucken: die Buchdruckerkunst. Unter den Erfindungen der Menschheit ist djese Erfindung wohl eine der größten, scgens- und folgenreichsten. Ohne sie wäre die allgemeine Bildung, welche jetzt selbst bis zum Aermsten dringt, der in sich den Drang fühlt, besser, klüger, glücklicher zu werden, unmöglich. Die Buchdruckerkunst begründete eine völlig neue Epoche der Weltgeschichte. Johannes von Gutenberg, genannt Gensfleisch. Leider kennt man die Jugcndgeschichte dieses Wohlthätcrs der Menschheit nicht. Nur das ist wahrscheinlich, .daß er sich schon frühzeitig mit mechanischen Wissenschaften beschäftigte. Er wurde um 1400 in Mainz geboren; die ersten Spuren seiner anfangs geheim gehaltenen Erfindung fallen in das Jahr 1436, wo er aber noch mit hölzernen Lettern druckte. Später ging er nach Straßburg, dann wieder nach Mainz, wo er mit einem reichen Goldschmiede, Fust (Faust) einen Vertrag abschloß. Fust lieferte die Geldmittel zur Errichtung einer Druckerei und sollte mit Gu- tenbcrg den Gewinn theilen. Aber der arglistige Fust hatte nicht sobald das Geheimuiß ergründet, als er Gutenberg, der ihm viel schuldete, in s Elend stieß und die Früchte der großen Erfindung mit Hilfe des geschickten Peter Schöffxr ansbeutete. Das erste vollständige Druckwerk ist Fust s ksalterium" gewesen, vollendet am 14. August 1457. Es sind noch einige Exemplare desselben erhalten. Der Druck ist schon sehr schön. Gutenberg errichtete nun selbst eine Druckerei zu Mainz, die daselbst bis 1465 bestand. Aber es fehlten ihm die Mittel, gegen seinen reichen Rivalen aufzukommen und, so kam es denn, daß der Erfinder die besten Früchte seines großen Werkes von anderen pflücken sah und selbst in dem bittersten Elend starb, ein Loos, dem schon manch anderer Genius der Menschheit auch heimstel. Mit Riesenschritten begann nun durch die schnelle Verbrei-472 tmig der Buchdruckerkunst und ihrer Erzeugnisse die Bildung der Menschheit zu wachsen, sich zu verbreiten und als hoffnungsreiche Saat überall anfzugehen. Der Schatz der Wissenschaften, welcher früher in Klöstern, in den Bibliotheken der Universitäten und der gelehrten Anstalten halb vergraben und nur Wenigen zu gänglich war, wurde öffentlich bekannt und Jedem, der ihn suchte und Opfer dafür bringen konnte und wollte, zugänglich gemacht. Drei Ereignisse trugen aber besonders dazu bei, Mitteleuropa, wo noch die Bildung am tiefsten hinter der Italiens und Griechen lands zurückstand, zum eigentlichen Heerde einer neuen herrlichen Geistescultur zu machen. Das erste dieser Ereignisse war leider ein sehr blutiges; es war: die Eroberung von Constanti- nopel durch die Türken im Jahre 1453 . In dieser herrlichen Stadt am goldenen Horn herrschte eine Bildung, die fast ununterbrochen aus der schönsten Römerzeit sich herauf in das fünfzehnte Jahrhundert vererbt hatte. Hunderte von ausgezeichneten Gelehrten, Künstlern und dergleichen Männer wurden aber durch die Zerstörung ihres heimathlichen Reiches ge zwungen, vor den fanatischen rohen Türken zu fliehen. Sie wen deten sich meist nach dem Abendlande; sehr viele kamen nach deut schen, französischen, englischen, italienischen und spanischen Univer sitäten ; auch die Künstler ließen sich überall nieder, wo sie Boden für ihre Erzeugniffe fanden. Durch diese Männer gewannen Wissenschaften und Künste überall einen erfreulichen Aufschwung; Sitte und Bildung verbreitete, verfeinerte sich, drang von oben herab in die unteren Schichten, weckte die schlummernden Geister und regte neue fruchtbringende Gedanken an. Die Kenntniß der Erde wurde erweitert und verbreitet, die Betrachtung der Natur begann mit neuem Eifer und durch den Handel wurden kluge, kühne Männer angeregt, neue oder längst vergessene Wege nach den reichsten Gegenden unseres Erdballes anfzusuchen. Baske de Gama umschiffte das Vorgebirge der guten Hoffnung; Por tugiesen setzten sich in Indien fest und die kostbaren Erzeugnisse jener fernen Regionen wurden nun den Arabern und Mohamme danern nicht mehr abgckauft, sonder direkt von Indien aus zur See nach Europa gebracht. Nicht lange darnach aber suchte der Genueser Christoph C o l u m b u s Indien durch eine westliche Q-nerfahrt über den atlantischen Ocean zu erreichen. Aber das Glück ließ ihn dort473 ein neues, noch viel herrlicheres Indien entdecken, von dessen Da sein man bis zum 1t. Oktober 1492 nichts geahnt hatte, West- indien, jetzt mit Unrecht nach dem Namen eines unternehmenden Kaufmannes, Amerigus Vespuccius, Amerika genannt. Das dritte für das Anfregen der Geister folgenschwerste Ereigniß aber ist die durch vr. .Martin Luther, einen Angusti- nermönch, am 31. Oktober 1517 begonnene und während seines thatenreichen Lebens vollkommen vollendete Reformation. Druckende Fesseln hatte die Kirche vor der Reformation dem Aufschwung der Geister angelegt. Die Reformation hat sie zer rissen. Durch sie wurden die Geistlichen wieder ihrem wahren Berufe, Lehrer der Menschen zu sein, zugeführt, Schulen wurden errichtet und zwar nicht allein bei den Protestanten, sondern auch in der katholischen Kirche und in katholischen Ländern. Der Aberglaube wich, als die Menschen klüger wurden, und der Glaube erstarkte, die Glanbensgerichte und Verfolgungen der Ketzer hör ten auf, die Wissenschaften bewegten sich frei und der menschliche Geist konnte in allen Gebieten des Wissens forschen, ohne Kerker und Scheiterhaufen fürchten zu müssen. Von nun an bieten die Blätter der Geschichte einen wahr haft erquickenden Anblick dar durch die sich drängenden Erfindun gen und Entdeckungen, durch die segensvolle Thätigkeit, welche die bildende nach Licht ringende Menschheit häufte. Aber noch einmal sollte ein entsetzlicher Sturm Europas weite Gefilde durchhcnlen, Barbarei und Elend an die Stätte des schönsten Glückes dieser Erde, des Fri e d e n s se g e n s, setzen und alle geistigen Er rungenschaften der Menschheit in Frage stellen: der Krieg, und unter allen Kriegen, welche je Elend über die Menschheit ge bracht, der entsetzlichste, der dreißigjährige. Der Krieg. Wollen wir doch von ihm sprechen, dessen Arbeit nicht des Bauens, sondern der Zerstörung wegen, dessen Ziel nicht Leben, sondern Tod, dessen Wirkung nicht Segen, sondern Fluch ist? Ja, wir müssen es thnn, um zu zeigen, wie furcht bar die Erfindungskraft des Menschen auch im Ersinnen von Zcr- störungs- und Vernichtungswerkzeugen ist; wir müssen es, weil die Menschheit noch immer nicht an jenem Ziele angelangt zu sein scheint, wo der Wille der friedliebenden Massen dem ehrgeizigen,474 Hab- und selbstsüchtigen Willen einzelner Mächtigen Fesseln auf- legen, wo der Zwist der Völker durch Schiedsgerichte geschlichtet werden kann. Krieg ist ein verderblicher Kampf der Partheien, seine Quelle Selbstsucht, sein Ziel der Mord. Kain, der erste Krieger, erschlug seine Bruder Abel. Ist es etwas anderes, was er that, als was jetzt der Soldat thun muß? Erschlägt nicht jeder Brüder, wen er Menschen hinmordet, die er nicht kennt, nie gesehen, mit denen er nie verkehrt hat, die ihn nie gekränkt und beleidigt haben? Dieser entsetzliche Kampf Leben und Tod, dem sich der Einzelne freilich weder entziehen kann noch darf, wenn ihn der Ruf des bedrohten Vaterlandes dem Feinde entgegenstellt, war von Anbeginn die Losung der Völker. Die Blätter der Geschichte zeigen das mit blutiger Schrift; selbst der längste Friede war, wie wir dem Anscheine nach in unseren Tagen erleben müssen, nur eine Vorbereitung aus den Krieg. Er hat unermeßliches Unglück in die Welt gebracht, er wird unermeßliches noch bringen, und doch scheint cs, daß Krieg sein muß: er ist der Sporn der Völker. Seit den ältesten Zeiten ziehen sich blutige Nachrichten vom Kampfe der Völker durch die Geschichte der Menschheit. Verheerender, langwieriger, schwerer waren die Kriege, als noch die Kraft des Pulvers unbe kannt war und Schlachten nur allein Mann gegen Mann ent schieden werden mußten. Ost endeten solche Kriege mit der völ ligen Ausrottung und dem Untergange ganzer Nationen. Da er fand der Mönch Berthold Schwarz 1330 das Pulver, das die Ehinesc schon viele Jahrhunderte vor dieser Zeit kannten, aber nicht zu Kriegszwecken, sondern zu Feuerwerk und dergleichen Tand anwendeten und mit der Erfindung trat im Kriegs- und Heerwesen eine gänzliche Umwandlung ein. Zum Glücke der Menschheit, nicht zur Vermehrung des Verderbens, wie man an fangs glaubte, gereichte diese furchtbare Zufallerfindnng, denn nun war-der Sieg der Hand der rohen Gewalt genommen und der höher Intelligenz und Fähigkeit übergeben. Schneller werden nun die Schlachten entschieden, schneller Bela gerungen beendet; aber die Moth zwingt seitdem die Völker, stets große stehende Armeen zu erhalten, im Frieden stets sich auf Krieg zu rüsten und diese Einrichtung entzieht der Arbeit nicht allein eine große Zahl fleißiger Hände, der besten Köpfe, sondern die stehenden Heere kosten fast unerschwingliche Summen und ent-475 ziehen so den Händen der Regierungen einen sehr großen Theil der Staatseinnahmen, welche anfferdem zu Dingen des Friedens, zur Aufbesserung anderer staatlicher Einrichtungen verwendet werden könnten. Daß der Krieg Veranlassung gibt zu den sinnreichsten Er findungen, dieses liegt schon in seinem Wesen. Es handelt sich im Kriege um Vertheidiguug des köstlicbsten Gutes dieser Erde, des Lebens; der Soldat verficht die höchsten Interessen der Welt, er streitet für König, Mitbürger, für Weib und Kind, für das Vaterland. Das ist genug, um den menschlichen Geist, die Kör perkraft zum Aufwand des letzten und äußersten, das er zu leisten vermag, zu treiben, und so hat denn der Krieg auch in gewissem Sinne Fortschritte der Menschheit, Wohlthaten und mancherlei nützliche Erfindungen zu Folge, die auch in Friedcnszeiten ihre Kraft zum Nutzen der Menschheit bewähren. Er rüttelt die Völker aus träger Ruhe auf, führt Menschen in Gegenden, wohin sie sonst wohl nie gekommen, bringt barbarischen Völkern mit dem Elend, das stets sein Begleiter ist, die Kenntniß mancher wichtigen Wissenschaften und Künste. Aber diese wohlthätigen Einwirkungen üben ja der Friede und der Handel in tausendfach höherem Maße aus. Die Waffen der alten Völker waren Schwerter, Lanzen, Wurfspieße, Bogen und Pfeile; im Belagern fester Plätze hatten sie geringe Kenntnisse; wohlversorgte und vertheidigte Städte und Festungen konnten entweder gar nicht, oder erst nach jahrelangen Belagerungen mit ungeheueren Opfern an Menschen und Geld erobert werden. Die Kanone, die Bombe, die Pulvermine räumt Mauern schnell hinweg und bahnt den stürmenden Cvlonuen Strassen in s Innere der Festungen. Das jetzige System der Heerbewaffnung ist eben so fein erdacht, als furchtbar. Der Infanterist schießt aus einem gezoge nen Gewehr eine kegelförmige Kugel, welche 2000 Schritte weit fliegt; auf 1000 Schritt Entfernung streckt der altbayerische oder tyroler Scharfschütz seinen Feind mit entsetzlicher Gewißheit nie der. Noch furchtbarer wirkt das schwere Geschütz. Nach den neuesten Nachrichten haben die Franzosen und Engländer auch ge zogene Kanonen, welche konische Kugeln schießen, die, wo sie einschlagen, zerplatzen, durch ihre Trümmer statt eines Einzigen Viele verwunden, tödten und alle Nahestehenden mit einem un-478 löschbaren Feuer übergießen. Diese Kugeln sollen die Ent- serniing einer halben Stunde sicher ihr Ziel treffen, die Geschütze, denen sie geschlendert werden, sollen so leicht sein, daß zwei Pferde sie ziehen können, daß sie von den Artilleristen über unwegsame Gebirge getragen, auf die steilsten Höhen ge schleppt werden können, weil man das ganze Geschütz rasch zer legen und eben so schnell wieder zusammensetzen kann. Die Trup pen werden auf das trefflichste im Gebrauch ihrer Waffen geübt werden Jahre lang exerziert, an den strengsten Gehorsam ge wöhnt, marschiren rasch, leicht, weit, haben ihren ganzen Bedarf an Waffen, und Lebensmittel auf einige Tage bei sich, alles zweckt dahin ab, ihre Tüchtigkeit, ihren Muth, ihren Ehrgeiz auf s höchste anzuspornen. Die Reiterei ist zahlreich, mit den treff lichsten Pferden versehen; es gibt geharnischte Reiter (Kürassiere, Dragoner) schwere Reiterei, Cheveauxlegers, Uhlanen, letztere mit Lanzen versehen, endlich ganz leichte flüchtige Reiter, die nur Pistolen und Säbel führen, die Husaren (am ausgezeichnetsten die österreichischen). Da nun alle Staaten stets die Vermehrung ihrer Armeen im Auge haben, so können immer sehr große Massen von Truppen zum Schlagen verwendet werden. Eine Schlacht, mit solchen Heeren geschlagen, die sich solch entsetzlich zerstörender Waffen mit der größten Geschicklichkeit bedienen, muß fürchterliche Folgen haben und nicht ohne Grauen kann die Phantasie sich ein- Bild derselben vormalen. Zur Gefahr des Krieges, zur Ermöglichung schneller Ein fälle in Feindesland, rascher Truppenbewegungen in entfernte und nock kriegsfreie Gegenden trage aber die großartigen Communi- cationsmittel der neuen Zeit, Eisenbahnen und Dampfschiffe we sentlich bei. Ehe wir aber vom Dampf und seinen Maschinen reden, wollen wir noch einige Worte von den mächtigen Flot ten, mit denen die Seeschlachten geschlagen werden, sprechen. Da aber wahre Begebenheiten selbst vor den gelungensten Schilderungen den Vorzug haben, daß sie sowohl an sich, als auch durch die Darstellung, Interesse erregen, so folge hier die authentische Beschreibung der Seeschlacht bei Trafalgar aus der Feder des berühmten Verfassers der Darstellung der Marine" V. E. Thellung von Courtlary. 477 Die Seeschlacht bei Trafalgar. Am 19. Oktober 1805 erhielt Lord Nelson von den Fre gatten Euryaliüs, Phöbe und Nayade, welche die Bewegun gen der feindlichen Flotte bei Cadiz beobachteten, die Nachricht: daß sie in See gegangen sei und östlich segle, woraus er schloß, daß sie s Mittelmeer bestimmt sei. Demzufolge segelte die ganze Flotte nach dem Eingänge der Straße von Gibraltar, wo ihm der wachsame Kapitän Blakwood meldete, daß der Feind noch nicht durchgesegelt sei. Am 21. bei Tagesanbruch entdeckte man die feindliche Flotte 6 7 Meilen östlich von Kap Trafalgar. Sie bestand aus 18 französischen Linienschiffen und 8 Fregatten, und aus 15 spa nischen Linienschiffen und 2 Fregatten, in allem 33 Linien schiffen und 10 Fregatten unter dem Oberbefehl des französischen Admirals B l l e n e u v e. Die Schiffe beider Nationen waren ohne Unterschied durcheinander gestellt. Admiral V l l e n c n v e befand sich an Bord des Buzcntaurs, welcher das zehnte Schiff der Avantgarde war; Admiral Gravina war an Bord des Schiffs Prinz von Asturien, welches sich in der Arriere-Garde befand. Die englische Flotte segelt mit raumem Winde er war West bei Süd, weit schneller als die Feindliche bei dem Winde*), und gewinnt daher einen beträchtlichen Vorsprung auf dieselbe. Dies bringt den französischen Befehlshaber auf die Ber- muthung, der Feind suche seine Avantgarde zu umgehen und zwi schen zwei Feuer zu bringen. Er läßt daher seine Flotte im Coutrcmarsch nach Nord abfallen, um mehr Raum zu gewinnen und die vermuthete Absicht der Britten zu vereiteln. Da er durch diese Bewegung wirklich mehr nordwärts gelangt, als diese, so glaubt er auch seinen Zweck erreicht zu haben, und läßt die vordersten Schiffe wieder bei dem Wind anlaufen, um nun selbst die englische Avantgarde zu bedrohen; dadurch erhält die combinirte Flotte eine bogenförmige Stellung. Allein Lord Nelson hatte längst die Art seines Angriffs bestimmt, und schon am 4. October die Admirale Collingwood und Northcsk und die Schiffkapitäns in seiner Kajüte versam melt, und ihnen seine Angriffspläne umständlich mitgetheilt. Da- ") raumer Wind der Wind hinter den Schiffen; bei dem Wind dem Wind entgegen segeln.478 durch vermied man eine Menge von Signalen und zeitkostenden Anordnungen nebst dem Aufschub, den die Formirung der gewöhn lichen parallelen Schlachtlinie verursacht. Folglich waren nur wenige Signale erforderlich, und es wurden auch nur wenige gemacht. Lord Nelson ließ sich durch die Bewegungen des Feindes nicht irre machen, sondern gab das Signal: in 2 Colonnen ge rade auf denselben loszusegeln. Um dasselbe zu befolgen, hatten die beiden Zldmiralschiffe, welche an der Spitze der Colonne zu segeln bestimmt waren, nichts weiters zu thun, als nach Ost ab- zufallen, die übrigen Schiffe ihnen im Contrcmarsch zu folgen, und in dieser Richtung vor dem Winde fortzusteuern. Leicht und schnell ward diese einfache Bewegung ausgeführt. Lord Nelson führte auf dem Linienschiff Victori die erste, mnd der Vicead- miral Collingwovd aus dem Linienschiff Royal Sovereign die andere Colonne. Jede bestand aus t2 Linienschiffen. Der Admiral North esk befehligte eine Art Rcservekorps von 3 Linienschiffen. Als die englische Flotte so nahe heransegelte, ohne die ge wöhnliche Schlachtordnung zu formiren, so war dem französi schen Admiral, der den Angriff in dieser Ordnung erwartete, nicht leicht, dis seine zweckmäßig und frühe genug zu verändern, denn seine Schlachtlinie war gar zu ausgedehnt. Es blieb ihm daher nichts anders übrig, als entweder in Retraitordnung sich znrück- zuziehen, um dem Gefecht auszuweichen, was bei seiner Ueberlegcn- hcit schimpflich, und aus anderen Gründen nicht thunlich war, oder durch ein heftiges Kanouenfeuer die Britten außer Fassung zu bringen, und ihren Angriff zurückzuschlagen und zu vereiteln. Als ein braver Mann wählte er das letztere, und gab dazu die erfor derlichen Signale. Um I Uhr 56 Minuten fing die. Schlacht an. Schrecklich krachte der Donner von mehr als zweitausend Feuerschlünden und drohte den hcransegelndeu Britten mit Tod und Untergang. Aber die Ausdehnung der Schlachtlinie, und die daherrührende Entfernung von ungefähr einer Seemeile der äußer sten Schiffe der Avantgarde und Arriöre-Garde von der nächsten briltischen Colonne, macken die Wirkung verhältuißmäßig sehr gering. Zwar schlägt wohl zuweilen hier und da eine Kugel ein, zertrümmert eine Raa*) oder Stange, beschädigt einen Mast, durch löchert die Segel, zerreißt einiges Tau- und Takclwerk, und ver- ) Raa: Querstange an den Masten, woran die Segel befestigt sind.479 wundet oder tobtet einige Leute; allein mit unbeschreiblicher Thä- tigkeit wird das Beschädigte hergestellt, das Weggerissene ersetzt, werden die Tobten über Bord geworfen und die Verwundeten zum Verband herabgebracht, folglich beide den Angen der Schiffs mannschaft entrückt. Die combinirte Flotte setzt ihr Feuer lebhaft fort, und da der Wind nur schwach ist und auf znweht, so ist sie durch mcilenlange dicke Rauchwolken verdeckt, die ihr den Feind unsicht bar und ihr Feuer ungewiß machen. Bald hier, bald da sieht man Wimpel, Masten oder Segel aus dem Dampfgewölke her vorragen, seltener eine Flagge im Winde flattern, bald aber sich wieder verhüllen. Die englischen Schiffe haben gemessenen Befehl, nicht eher eine Kanone abzufeuern, als bis den feindlichen einen Pistolenschuß nahe sind. Beinahe eine Viertelstunde lang befan den sich innerhalb der Wirkung des feindlichen Feuers, ehe sie solches erwiderten. Der Royal Sovereign fing um 12 Uhr 5 Minuten zu feuern an, indem er unter dem Spiegel der St. Anna dem zwölften Schiffe der Arriöre-Garde, zuerst in die Schlachtlinie der combinirten Flotte drang. Die Victory durch brach dieselbe 5 Minuten später und donnerte in der Nähe von 30 bis 40 Schritten mit ihren 68- 48- und 36pfündigen Karo- naden und Kanonen nebst den anderen ihr folgenden Schiffen, welche von allen Serie eindrangen, die Feindlichen zusammen, indem sie solche an der Mündung ihrer Feuerschlünde angriffcn. Von diesem Augenblicke an wurden keine Signale mehr gegeben. Auf der brittischen Flotte waren keine, mehr nöthig; die Ein fachheit der Angriffsart und der vorläufige Unterricht hatten ganz entbehrlich gemacht; auf der combinirten waren keine mehr möglich. Die Schiffe und Geschwader trennten sich, die Un ordnung nahm überhand, die Verwirrung ward allgemein, so daß jeder genug für sich selbst zu thun hatte, und keine Signale we der geben, noch darauf achten konnte. Demungeachtet ward der Kamps sehr heftig fortgesetzt; man focht auf der combinirten Flotte nach den englischen Berichten, und vorzüglich auf den spa nischen Schiffen mit einer Tapferkeit, die ihren Offizieren zu großer Ehre gereichte. In den Donner des Geschützes mischt sich das Knattern des Kleingewehrs, das Getöse der einschlagenden und das Zischen der480 überwegfliegenden Kugeln, das Krachen herabstürzender Stangen und Raaen, das Flattern der aufgegeyeten Segel, und das dumpfe Geräusche der am Bug schäumenden Meereswogen. Dazwischen tönt das Aechzen der Verwundeten, das Röcheln der Sterbenden, die befehlende Stimme des Kapitäns und der anfmnnternde und durch Hurrah beantwortete Ruf der Offiziere, welche, so weit ihre unterhabendcn Batterien, reichen, beständig auf- und abgehem und die Mannschaft zur Thätigkeit antreiben. Hier ist das englische Linienschiff Temeraire von 98 Ka nonen, das sich hartnäckig gegen zwei feindliche von 80 und 64 Kanonen vertheidigt. Beide liegen ihm dicht an Bord und suchen es zu entern; der Kanonendonner hört auf, denn die Stückpsorten sind geschlossen, und die Einen schießen sich mit Kleingewehr und Pistolen herum, während Andere die Enterhaken auf den Teme raire zu schlendern sich bestreben, um ihn fcstzuhaltcn; sogleich springen eine Menge französischer und spanischer Matrosen, mit Enterbeilen bewaffnet, hinüber, und hacken das Tanwerk, vorzüglich die Wände und Stagen*) in Stücken. Seesoldaten folgen ihnen auf dem Fuß nach, um jene durch ein lebhaftes Feuer zu decken, und ungeachtet des tapfcrn Widerstandes, wehen bald die französisch-spanischen Flaggen auf dem Temeraire. Doch bald dringt neue Mannschaft qus allen Lucken und von allen Seiten heran; die Feinde werden durch Granaten, Gewehr- und Pistolenschüsse, und mit dem Bajonet angegriffen, nach einer, hef tigen Gegenwehr auseinandergesprengt und auf ihr eigenes Schiff getrieben, Biele stürzen zwischen den Schiffen hinab und werden erdrückt, oder finden den Tod in den Fluthcn; die feindlichen Flaggen werden heruntergerissen und dafür die englische nicht nur auf dem Temeraire, sondern auch bald darauf über der Feind lichen an Bord der beiden eroberten Schiffe aufgehißt. Auf jenem Linienschiffe bemerkt man an der emsigen Ge schäftigkeit der Schisssbesatzung und an dem Ueberhang der sich neigenden Maste, daß es wegen erhaltenen Grundschüssen im Begriff steht, zu sinken; Schaluppen und Boote suchen ihm bcizu- stchen, auch andere größere Fahrzeuge eilen mit vollen Segeln herbei, als in der Nähe plötzlich eine Flamme emporblitzt, der bald ein schrecklicher Knall folgt und heftig die Lust erschüttert. Eine schwarze Dampfwolke hüllt einen Theil von beiden Flotten *) Stage: starkes Tau.481 in dunkle Nacht; Maste, Balken, Segel, Tauwerk, Blöcke stür zen aus der Lust, wohin sie geschleudert wurden, auf die Schiffe und in die Flnthen herab. Verbrannte und verstümmelte Men schen und zerrissene Glieder treiben auf den Wellen und versinken in den Abgrund. Dies war das grausen volle Schicksal des fran zösischen Schiffes Achilles von 74 Kanonen, das sich ergeben hatte. Nur 200 Menschen wurden durch die Bemühungen ihrer edeln Feinde gerettet. Diese Schrcckensscene hemmt auf einige Augenblicke den Kampf der nächsten Schiffe; bald aber wird er mit steigender Erbitterung erneuert. Die entfernteren hatten ihn nie unterbrochen. Nelson s Admiralschiff Victory stritt mit der Santissima Trinidad, dem größten der feindlichen Schiffe von 138 Kanonen. Von dessen Marsen machten die spanischen Schützen ein heftiges Kleingewehrfener, vorzüglich auf das Halbdeck der Victory herab, wo der Admiral, von mehreren Offizieren umgeben, im stärk sten Feuer seine Befehle ertheilte. Eine Kugel drang durch einen seiner Ordenssterne; nach einer Stunde starb er als Sieger im Augenblicke des Siegs. Allmählich ward der Kanonendonner immer schwächer, und hörte endlich ganz auf. In weniger als vier Stunden war die Schlacht entschieden. Um 3 Uhr ging die combinirte Flotte einander; was noch zu entkommen im Stande war, setzte alle Segel bei, um sich zu entfernen. Admiral Gravina lief mit 10 Linienschiffen in Kadiz ein. Was von den brittischen Schiffen noch See halten konnte, verfolgte den Feind, suchte seine Fahrt zu verhindern und Schiffe zu erobern. Fünf von der Avant garde wurden angegriffen, und eins davon weggenommen; die 4 anderen unter dem Admiral Dnmanoir entkamen und fielen einige Zeit nachher dem Admiral Strachan in die Hände. Schrecklich war die zerstörende Wirkung der Feuerschlünde. Die siegende Flotte war nach der Schlacht in einer sehr gefahr vollen Lage; denn es erhob sich ein starker Südwind, der sich den folgenden Tag in Südwest setzte, und zum heftigen Sturm ward. Alle Schiffe waren sehr beschädigt, mehrere entmastet; die wenig sten konnten das Signal: sich vor Anker zu legen, vollziehen, da die Ankertaue zerschossen waren. Die Victory hatte sehr ge litten, konnte jedoch, ungeachtet ihres morschen Zustandes, Nel son s Leiche nach England bringen. Der Royal Sovereign 31482 war so übel zugerichtet, daß er am Schlepptau gezogen werden mußte, und Admiral Collingwood genöthigt war, ihn zu verlassen, und seine Flagge auf der Fregatte Euryalus aufznhissen. Noch schrecklicher war die Lage der überwundenen Flotte. Von den eroberten Schiffen wurden 14 gleichfalls am Schlepptau gezogen und erhielten ihren Sammelplatz um den Royal So vereign, der sich mit ihnen in gleicher Lage befand, wurden aber am folgenden Tage durch den zunehmenden Sturm zerstreut und gegen die Küsten getrieben, wo sie größtentheils scheiterten. Den jetzigen Schiffen gibt aber ihre Kraft Beweglichkeit, Schnelle und Sicherheit, welche ebenfalls erst in der neuesten Zeit richtig erkannt und augewendet wurde, der Dampf. Die Kraft der Dämpfe ist längst bekannt gewesen. Jede Kochfrau weiß, daß sie fcstverschlossene Tiegel und Töpfe sprengen. Pap in in Marburg erweichte durch Dampf Knochen und Elfen bein, daß diese Stoffe sich in beliebige Formen pressen ließen. Seit alter Zeit wurde in Dampf verwandeltes Wasser zu verschiedenen mechanischen Verrichtungen benützt. Aber als bewegende Kraft ver wendet man den Dampf allgemein erst seit dem Anfänge unseres Jahrhunderts, und der Dampf ist es, durch dessen ungeheuere Kraft die Industrie jetzt in einer förmlichen Umgestaltung begriffen ist. Die Grundzüge einer Erklärung von der Wirkung einer Dampfmaschine sind etwa folgende: Wenn sich in einem geschlosse nen Gefäß Dampf entwickelt, so will er einen größern Raum einnehmen und drückt deßhalb nach allen Richtungen auf die Wände des Gefäßes, und zwar mit einer um so größer Kraft, jp heißer er entwickelt wird. Ist eine dieser Wände beweglich, wie z. B. ein in einen Cyliudcr gut passender Kolben, so wird letzterer vom Dampfe nach der Länge des Cylinders fortbewegt. Bei der Dampfmaschine ist ferner durch eine sinnreiche Vorrichtung (Steuerung) dafür gesorgt, daß der Dampf bald auf der einen Seite, bald auf der andern Seite des Kolbens in den Cylindcr einströmen und gleichzeitig der andcrseitig zuvor eingcströmte Dampf austrcten kann; hiedurch erhält der Kolben eine Hin- und Herbewegung, welche mit Hülfe einer Kurbel in eine drehende Bewegung verwandelt wird, um sie auf verschiedene Weise als ar beitende Kraft zu benützen, und zwar von einer Stärke, wie sie in so kleinem Raume und mit so wenig Kosten in keiner andern Weise herzustellen möglich ist.483 Um die Ehre, denjenigen zu den Ihrigen zu zählen, der diese wnnderwirkeude Erfindung machte, streiten sich drei Nationen, Deutsche, Franzosen und Engländer. Jede nennt einen andern Mann; keine kann aber historisch Nachweisen daß der Ihrige der rechte ist. Eines von diesen drei gebildetsten Völkern der Welt dürfte vor den anderen das Recht dazu haben; nämlich das deutsche Volk, welches vom gütigen Himmel überhaupt mit der reichsten Erfindungsgabe ausgestattet ist. Da es nun dem Zwecke unseres Unterrichts nicht entspricht, näher solche Streitfragen einzugehcn, ob ein Deutscher, ein Franzose oder Engländer die Dampfkraft als bewegende Kraft zuerst benützte? so wollen wir hier vielmehr offen zugeben, daß die praktischen Engländer und Nordamerikaner die vortrefflichsten Dampfmaschinen erfunden und gebaut haben. Als Erfinder der feststehenden, Mühl- und andere Werke treibenden Dampfmaschine ist Watt, und Fulton als der der Dampfschiffe zu betrachten. Der geniale Erfinder der auf Eisenbahnen sich bewegenden Dampf maschine, der Lokomotive, ist der Engländer Stephenfon. Eisenbahnen durchziehen jetzt die Heimathsländer aller gebil deten Völker; fangen jetzt an, mit ihren eisernen Armen selbst in barbarische Nationen einzugreifen; in Egypten, in Indien, am Cap der guten Hoffnung, in der Türkei, überall draußen Locomo- tiven üher die Schienen hin und auf ihrer glatten Bahn schleicht sich unmerklich ein Element der Kultur nach dem andern in Re gionen, die man noch vor Kurzem der Kultur für nicht, oder wenigstens kaum, zugänglich hielt. Der Umschwung der Ver hältnisse, den die Eisenbahnen und die Anwendung der Dampf kraft überhaupt in unserem heimathlichen Erdtheile in allen Ver hältnissen des Lebens, der menschlichen Bedürfnisse und des Luxus hervorgcbracht haben, ist so unermeßlich, daß es ein ganz eigenes Studium erfordert, um seine Größe und seinen Umfang vollkom men zu begreifen. Nur Eines sei hier vor allem erwähnt: Als die Kraft des Dampfes allgemein angewendet zu werden be gann, da fürchteten selbst erleuchtete Menschenfreunde, daß durch den Dampf mit der Zeit Arbeits- und Brodlostgkeit erzeugt wer den könnte, indem vielen tausend fleißigen Händen der Erwerb entzogen würde, da eine einzige Maschine so viel leistet, als früher Hunderte von Menschen durch Handarbeit hervorbrachten. Aber gerade das Gegentheil traf ein. Durch die Dampf-484 kraft wurde das Fabrikat nur besser und wohlfeiler, so daß jetzt selbst der Arme sich Dinge kaufen kann, welche er früher aus Mangel an den nöthigen Geldmitteln sich versagen mußte. Da durch wurde der Verbrauch von Gegenständen des Bedürfnisses und des Luxus verhundcrt- und vertausendfacht; statt daß fleißige Hände feiern müssen, fehlt es jetzt überall an Arbeitern, und statt daß die Lohne geringer wurden, mußten sie allenthalben erhöht, ja verdoppelt werden. Durch den Dampf sind die Entfernungen vermindert, die Reisekosten geschmälert, die Ersparniß an Zeit aber außerordentlich groß geworden. Zeit ist Geld! sagt ein wahres Sprichwort. Der Kaufmann, der Geschäftsmann, durcheilt jetzt in 24 Stunden Strecken, zu denen er ftüher eben so viele Tagereisen und zwar sehr beschwerliche und abmattcnde, nöthig hatte. Selbst die Hin dernisse, welche sich der Seefahrt entgcgenstellen, sind durch die Dampfkraft fast alle beseitigt, oder wenigstens sehr vermindert. Eine Person aus Bremen reist jetzt lieber im Dampfboote nach den vereinigten Staaten von Nordamerika, als daß sie eine Fahrt von 120 Stunden in einem Postwagen macht. Die Erde ist nach allen Richtungen bereiset und bekannt; kein Volk der Welt bleibt unberührt von der Macht der Kultur und den Segnungen der Bildung und der Industrie; überall hin verbreiten Europäer und ihre Söhne, die rührigen Uankees, die Bewohner von Nord amerika, die Einflüsse ihrer geistigen, ihrer Handels- und Gewerbs- thätigkeit, sie machen, weniger durch die furchtbaren Mittel des Krieges, als vielmehr dadurch, daß sie den barbarischen und wil den Völkern der Erde die Wohlthaten der Civilisation zeigen und damit die Lust und das Bedürfniß nach Antheilnahme an diesen Wohlthaten bei ihnen erwecken, diese fremden Nationen in allen Theilen der Erde mehr und mehr von sich abhängig. Wenn es uns nun auch nicht gestattet war, näher auf die Lehren der Naturwissenschaft einzugehen, indem wir uns begnügen müssen, auf einen oder den andern ihr entnommenen Hebel zur Förderung der Kultur hinznweisen, so müssen wir doch noch schließlich auf jenen Zweig dieser Wissenschaft aufmerksam machen, der erst in unserer Zeit fast vor unfern Augen entsproßen ist und trotz seines jugendlichen Alters mit am tiefsten in die unser Jahrhun dert charakterisirende Umwälzung des industriellen und gewerb lichen Lebens eingreift! es ist dies die Chemie.485 Die Chemie ist die Lehre von den Materien oder Bestand- theilen der Körper. Sie lehrt ihre Eigenschaften, ihr Ver halten z einander und die Gesetze kennen, nach welchen sie sich mit einander verbinden, indem sie dieselben entweder in geeigneter Weise einander wirken läßt, oder umgekehrt die natürlichen und künstlichen Verbindungen der Körper zersetzt und zerlegt, ihre Bcstandthcile und ihre Beschaffenheit untersucht und durch Messun gen und Wägungen die Mengenverhältnisse feststellt. Die Chemie bedient sich dabei zu ihren Untersuchungen der verschiedenartigsten und sinnreichsten Apparate. Sie benützt ver schiedenes durch Luftzug concentrirtes Feuer, um feste Körper zu schmelzen. Das Löthrohr und seine Anwendung kann jeder Leser bei dem Gürtler sehen. Es gelang bald, nachzuwcisen, daß gewisse Körper, wenn sie in gehöriger Form zur möglichst innigen Berührung ge bracht werden, in solcher Weise auf einander wirken, daß sie einen neuen Körper bilden, der Eigenschaften besitzt, welche von denen der Körper, die ihn zusammensetzcn, gänzlich verschieden sind; oft auch scheidet sich aus ihm ein anderer aus, der schon als solcher in ihnen enthalten war, dessen Eigenschaften jedoch früher nicht zur Wirkung kommen, er selbst also auch nicht zur Wahrnehmung gelangen konnte. Mächtig in solchem Einwirken zeigten sich besonders die unter dem Namen Säuren, wie z. B. Schwefelsäure und Sal petersäure, bekannten Körper. Die Resultate der Chemie sind unermeßlich groß und haben nicht allein in der Naturwissenschaft einen totalen und allumfassen den Umschwung hcrvorgebracht, sondern eine ganz neue Grund lage derselben angebahnt. Aber noch größer und segensvoller sind sie für das Leben selbst. Fast alle Gewerbe lernen von ihr neue Arten des Verfahrens, erhalten neue Stoffe, bringen da durch neue, schönere, bessere, wohlfeilere und dauerhaftere Erzeug nisse hervor. Die Chemie lehrt auch uns neue Heitzungs- und Beleuchtungsapparate, (Gasbeleuchtung). Indem ferner die Chemie die Beschaffenbeit der Bodenarten und der auf ihnen erzeugten Pflanzen kennen lehrt, gibt sie dem Landmann Mittel an die Hand durch zweckmäßige Auswählung und Verwandlung (Düngung) der Ackererde den erzielten Pflan zenwachsthum zu befördern und zu reichlicheren Erndten zu kom-486 men, (Agriknlturchemie.) In Verbindung mit dem Galvanismus und der Optik (man denke an das Mikroskop) dringt die Chemie selbst in die wunderbare Werkstätte des thicrischen Lebens ein (Physiologie), und indem uns hiedurch die Organe desselben näher bekannt werden, erhalten wir die Mittel, sie ebensowohl in normaler Thätigkeit zu erhalten, als auch bei Krankheiten die eingetretenen Störungen wieder zu beseitigen. Unter denen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, auf solche Weise durch ihre ausserordentlichen Kenntnisse zum Wohle der Welt zu wirken, glänzt vor allem der Name Liebig", eines gelehrten Chemikers in München, der es für die besondere Aufgabe der Wissenschaften hält, durch ihre Lehren und Erfahrun gen zum allgemeinen Besten beizutragen. Welches Glück und welche Wohlthatcn so humane Bestrebungen in der Zukunft noch verbreiten werden, darüber mögen die geliebten Leser selbst Nach denken, aber nicht vergessen, welchen Dank sie und alle Menschen solchen Wohlthätern schuldig sind. Im Gefolge dieser wohlthätigen Ausstrahlungen der Kultur dringt aber ein liebliches Licht in die Finsternisse der Hcidenwelt und des Islams: der milde herzenerwärmende und erleuchtende Himmelsschein der Religion unseres lieben Herrn und Heilandes Jesu Christi und das Wort: Siche, es wird Ein Hirt und Eine Heerde sein", scheint immer eher in Erfüllung zu kommen. Und das muß ja so sein! Ohne Christenthnm ist ja jede menschliche Bildung nur hohler, äußerer und darum vergänglicher Schein und keine wahre, ächte und dauerhafte Kultur, denn diese die ganze Menschheit beglückende Bildung ruht und entsprang ja eben und aus dem Evangelium. Und damit, geliebter Leser, sind wir an dem Schlüsse unse res Unterrichtes angelangt und Du bist so weit geführt, daß ich zu Dir sagen kann: * Lerne nun selbst weiter! Ich wollte Dir einen ersten Anfangsunterricht" ertheilen, den Cosmos kennen und betrachten zu lernen. Du solltest das Allerwichtigste hören über die Entstehung der Welt. Du solltest das nosce te ipsum! dabei nicht vergessen, Dich selbst, die Dir vom Schöpfer gegebenen Kräfte fühlen und dadurch Deiner hohen Bestimmung Dir klar bewußt werden. Ich führte Dich deßhalb durch den Kulturgang der Menschheit,487 damit Du wüßtest, was die Menschen zur Erreichung ihrer Be stimmung von ihrem Anbeginn aus eigener Kraft gcthan, wie viel Dank Du ihnen schuldest und besonders aber, wie Großes die göttliche Leitung des Menschengeschlechtes gewirkt, um die Menschheit den heutigen Stand der Kultur zu heben. Ich hoffe, daß Du dadurch Deine Mitmenschen lieben und schätzen lerntest, vor ihnen und vor allem aber den Vater aller Menschen und Seinen Sohn Jesum Christum. Ueberall, und in und bei Allem lehrte ich Dich ja, über dem Natürlichen und Menschlichen nie des erhabenen Schöpfers und Vaters zu vergessen und in aller Kultur und Menschenthatkraft das alleinige rechte Licht und die rechte Kraft nicht zu übersehen, welche alles erleuch ten, durchdringen. Mein ganzes, ernstes, unablässiges Bestreben ging dahin, meine Hoffnung ist die, daß alles, was Du gelernt hast, Dir erst den rechten Eifer, die rechte Begierde einflößen möchte, nun Dein ganzes Leben hindurch eifrig ud unablässig weiter zu lernen und Dich beständig anzutreiben, Dich als Schüler in der großen Schule Gottes, der Welt, zu wissen, die nicht aus- gelernt werden kann und wird. In dem Worte Cosmos" d. h. das All! liegt ja etwas Unendliches und Unermeßliches. Es bedeutet die Welt, die große Stätte der Schöpferkraft des All mächtigen. Sie, so herrlich, so schön, so unermeßlich, bietet uns ein Bild der Allmacht dar, welches, je näher wir es betrachten, un tersuchen und dadurch kennen lernen, nur um so größere und wieder unbegreiflichere Wunder vor uns enthüllet. Und wie leicht wird es uns, wenn wir Lust und Trieb fühlen, uns in diese Wunder der Welt zu vertiefen! Die Resultate der Wisscuschaften werden ja jetzt durch Druck und Kunst so rasch und wohlfeil all gemein verbreitet; Entdeckungen und Erfindungen, Bilder und Zeichnungen, welche den entferntesten Theilen der Erde gemacht und entworfen werden, gelangen so schnell zu uns, werden so schnell, so anschaulich und billig Jedem nahe gebracht; die großen Communikationsmittel der Menschen, Eisenbahnen und Dampf schiffe, der gedankenschnelle Träger der Gedanken und Nachrichten, der Telegraph alles das macht die Völker der Erde allmählich immermehr zu dem, was sie nach Gottes Willen sei sollen, zu einer großen Familie der Kinder Gottes! Willst Du ein würdi ges Kind Gottes, ein Ihm wohlgefälliges Glied Seiner Familie sein, so sei.ein Mensch in dem Sinne des Wortes, wie488 ich Dich Seite 131 u. 132 unseres Lesebuches sehnlich ermahnt habe und wie ich es hiemit noch einmal voll herzlicher Liebe ge- than haben will. O thue es, geliebter Leser. Hoch hebt Dich dieses Bestre ben über alles Niedere und Gemeine empor! Sei in bürgerlicher Stellung, wer und was du bist, werden kannst oder willst; nähre Dich, wie auch immer Gottes Walten Deine Verhältnisse gestalte; das alles sei Dir Nebensache, das alles bestimme nicht den Grad der Achtung, welche Du vor Dir selbst hast und welchen Du wünschest, daß Andere ihn Dir schenken möchten. Dann achtest und schätzest Du jeden Deiner Mitmenschen, wie Du selbst nur irgend wünschen kannst, geachtet zu werden; dann weißt Du, daß der, mit dem Du in Berührung kommst, Dein Bruder ist und brüderliche Liebe von Dir erwarten darf. Dann erblickst Du in allen Schranken, in allen verschiedenen Standes- und Glücks verhältnissen Deiner Mitmenschen, in dem Zufall der Geburts und Nationalverhältnisse, ja selbst im Unterschiede der Farben nur Aenßerlichkeiten, die den Menschen nicht ausmachen. Dann wird die große Erfahrung, welche man beim Kulturgauge der Menschheit gemacht hat: durch Nacht zum Licht" eine vollkom mene Wahrheit. Heil Dir, geliebter Leser, wenn es bei Dir Tag geworden ist! In Deinem Willen liegt es, daß es so werde und dann kommt die Bewahrheitung des herrlichen Wortes des Hei landes immer näher: Siehe, es wird Ein Hirt und eine Heerde werden". Heil der Welt, wenn der Tag der Erfül lung desselben angebrochen ist! U. e. Sebaid sche Buchdruckeny.Abbildung eines l heils der chincsischun IVlnurr. Seile j*f7. ’l tvmpelbi z ivk von ( n lomliemun Seile . I(5V. Oie l 1 ingalshohle auf S taff a . S ei le h- l%. w UM EK ^ Mi V sMnWD w : ^M Xao&oxL Seite327. SpKinx. S eite 221uff. Colofseum. Seite 385.W Vin die Schöpfung der Welt und in die Kulturgeschichte der Menschheit. :e
