An Bord des Panzerkreuzers "Yorck" rund um die Erde von Korvetten Kapitän a. An Bord des Panzer Kreuzers yorck rund um die krde Don Graf Bernftorff KorDettenkapitän a. D. TITit einem farbigen Titelbiib und acht londruck- bildern nach Originalaguarellen von w. Stöcver vreirehate tlusiage Union Deutsche Derlagsgeseilschaft in Stuttgart, Berlin, feipzig Ua w y 13 ^ JAlle Rechte Vorbehalten. f c; t ^ r £ BIBImjThEK V gEU !^’ ruck der Union Deutsche Berlngsgesellschast in Ltnttgart.Vorwort. den nachfolgenden Blättern habe ich ein Bild des Lebens, wie es sich an Bord eines modernen großen Kreuzers unter den verschiedenartigsten Verhältnissen abspielt, gezeichnet. Besonders war mir daran gelegen, zu zeigen, wie das ganze, vielseitige und verschlungene Leben sich in den Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen Bewohnern des Schiffes darstellt, wie von dem höchsten Vorgesetzten, dem Kommandanten, in alle Verhältnisse Einsicht genonimen und bei allen Begebenheiten Einfluß ausgeübt wird; wie ferner sich das Leben in den verschiedenen Messen" abspielt und wie, trotz mancher kleinen Vorkommnisse und Meinungs verschiedenheiten, im Grunde die Besatzung eines Schiffes doch ein festes, untrennbares Ganzes bildet, in dem jeder einzelne sich bemüht, nach seinem Vermögen mitzuarbeiten, um das Endziel, die Schlagfertigkeit bis ins kleinste, zu er reichen. Die hervorragende Disziplin, der Diensteifer und die Dienstfreudigkeit, die in unserer Marine herrschen, sind weltbekannt, ebenso wie der unvergleichliche Mut, die stete, opferwillige Hilfsbereitschaft und die seemännische Tüchtig keit von Offizieren und Mannschaften. Wie diese Tugenden betätigt werden, auch in Friedenszeiten, habe ich den Lesern vorgeführt. Die Absicht, die mich dabei leitete, war, allen, die vielleicht in der Marine dienen wollen, zu zeigen, wie auch in friedlichem Wettkampf Anerkennung und Ruhm zuIV Vorwort. erwerben sind. Gleichzeitig wollte ich damit zeigen, wie reich an Abwechslung das scheinbar so eintönige Bordleben ist, und schließlich sollten die Leser über mancherlei Besonder heiten unterrichtet werden, die im Bordleben im Auslande sich ereignen, und wie dabei die Marinen aller Nationen sich zueinander verhalten. Ach hoffe, auch mit dem vorliegenden Buch das Interesse an unserer Marine in immer weiteren Kreisen des deutschen Volkes erwecken zu können, und es sollte mich freuen, wenn in recht vielen meiner jugendlichen Leser der Wunsch rege würde, auch einmal eine solche Reise mitzumachen und das. Schiff liebzugewinnen. Graf Bernstorff.Inhaltsverzeichnis. ©eite Indienststellung 1 An der Boje 82 Zn See 111 Im ersten fremden Hafen 149 Wieder in See 166 In brasilianischen Häfen 187 Eine mutige Schar 203 Politische Verwicklungen 210 Im La Plata 226 Eine Schießübung 254 Kriegspiel und andere Feste 274 Wozu die Boote da sind! 296 Trübe Zeiten 314 Wie tief ist das Meer? 326 Ein Paradies irrt Meer 336 Das letzte Hurra!" 343^allo, Neichard, das ist ja famos, daß ich dich treffe! Ach sag s ja, wenn man einen Kameraden finden will, dann muß man nach Berlin kommen und in der Leipziger Straße bummeln. Da trifft man sich sicher. Was hast du vor, alter Freund? Wo willst du hin?" Tag, Herbert! Wo kommst du her?" antwortete der An geredete, Korvettenkapitän Neichard. Za, es ist wirklich zum Lachen! Wie lange ist es her, daß wir uns nicht gesehen haben? Ich glaube mindestens fünf oder sechs Jahre, und dabei gehören wir zur selben Crew!" Ja, du hast es dir jedesmal so eingerichtet, daß du weg gingst, wenn ich nach Hause kam," entgegnete Herbert. Wo willst du jetzt hin? Ich bin vor drei Tagen aus Ostasien zurück- gekonunen und beabsichtige, einen längeren Urlaub zu ver- bummeln. Davon mindestens drei Wochen in Berlin. Ich denke, wir werden uns jeden Tag sehen, denn du bist ja im Reichsmarineamt. Nicht wahr, alter Freund?" Ich war dort," versetzte Neichard. Aber seit gestern bin ich erster Offizier von der Borck" und fahre heute mittag ein Uhr zwanzig nach Kiel, um den Kahn in den nächsten Tagen in Dienst zu stellen." Na, weißt du, das ist doch geradezu lächerlich," rief der Korvettenkapitän Herbert, dann habe ich ja wieder nichts von dir." Doch," erwiderte Neichard lachend, die Freude, mich nach sechs Jahren wieder mal gesehen zu haben! Aber jetzt" er sah nach der Uhr muß ich machen, daß ich zur Bahn komme, denn ich muß heute unbedingt abreisen." Kannst du nicht wenigstens einen Tag hier bleiben oder heute nacht fahren?" meinte Herbert. Das ist doch mehr als Bernstorff, A Bord des Panzerkreuzers JJm-tt". 12 1. Kapitel. dumm, daß du jetzt schon wieder weg willst, wo ich eben nach Haus komme." Vollständig ausgeschlossen," erwiderte Reichard. Ich habe meine Detaildeckossiziere schon angewiesen, morgen vormittag mit mir auf der Werft zusaminenzutresfen, damit wir den Kahn besehen können. Also addio, lieber Herbert, amüsiere dich gut aus Urlaub und sei vergnügt!" Er schüttelte dem Freund und Kameraden noch einmal gründlich die Hand und sprang auf die nächste elektrische Bahn, die zum Lehrter Bahnhof fuhr. Am nächsten Morgen um neun Uhr ließ sich Kapitän Reichard in Kiel nach der Gardener Seite zur Werft übersetzen und stand bald darauf aus dem Bollwerk neben der Porck", dem Panzer kreuzer, der für eine mehrjährige Reise und längeren Auf enthalt im Auslande in Dienst gestellt werden sollte. Gerade war er im Begriff, über die Laufplanke an Bord 311 steigen, da tauchten an Deck ein halb Dutzend Deckossiziere aus, die, sobald sie des Offizieres ansichtig wurden, eilig über die Planke an Land kainen und sich bei ihrem ersten Offizier meldeten. Es waren der zur neuen Besatzung gehörige Oberboots mann Brandow, Feuerwerker Ehrenreich, der Materialien verwalter Klein, Fimmermeister Zohannsen, der Pumpen meister Frerichs und der Maschinist Krause, sowie der Steuer mann Schmidt. Guten Morgen. Ich danke schön!" antwortete Kapitän Reichard aus die Meldung. Tag, Bootsmann! Na, wie geht es Ihnen? Wollen wir mal wieder eine Reise zusammen mache,:?" Dabei reichte er dem Oberbootsmann die Hand. Zu Befehl, Herr Kapitän," versetzte der Oberbootsmann. Aber diesmal ist es doch ein anderes Schiff als damals, wo ich mit Herrn Kapitän zusammen an Bord war, aus der alten ,Charlotte !" Ja, ganz gewiß," erwiderte der erste Offizier. Es wäre aber auch traurig, wenn wir noch auf solchem alten Pott fahren sollten." Die ,Porck ist ein schönes Schiff," bemerkte der Zimmer meister.EESEgEgEE Indienststellung. 3 Haben Sie sich alle das Schiff schon angesehen?" er kundigte sich Kapitän Reichard. Zu Befehl, Herr Kapitän," lautete die einstimmige Ant wort. Und der Bootsmann setzte hinzu: Wir sind schon um acht Uhr heute morgen hier gewesen und schon durchs ganze Schiff gegangen." Na, Pumpenmeister, Sie kennen das Schiff ja wohl schon ain besten und können mich nral durchführen," sagte der erste Offizier. Haben Sie den Schiffsplan da?" Zu Befehl, Herr Kapitän," antwortete der Pumpen meister und hielt eine Rolle mit Zeichnungen in die Höhe. Dann wollen wir losgehen," befahl darauf Kapitän Reichard, stieg rasch an Bord, legte Säbel und Paletot ab und begann in Begleitung des Pumpenmeisters eineir Rundgang durch den komplizierten Bau, der sich Pailzerkreuzer Porck" nannte. Die Deckoffiziere machten sich auf eigene Faust wieder daran, ihre Schiffskenntnis zu vermehren, und erst nach ein paar Stunden erschien die ganze Gesellschaft wieder auf dem Oberdeck. Die Pläne nehme ich mit, dainit ich sie im Hotel noch etwas studieren kann," bemerkte Kapitän Reichard. Ver walter, heute Nachmittag um drei Ahr wollen wir die Schiffs- kammer besehen. Die Mannschaft kommt übermorgen, ulld Donnerstag vormittag um acht Ahr ist Indienststellung. Boots mann und Feuerwerker, Sie kommen auch heute mittag um drei zur Schiffskainmer, und im übrigen wissen Sie ja alles, was Sie zu tun haben, nur sehen Sie zu, datz Sie möglichst schnell das Schiff kennen lernen, damit Sie nachher Bescheid wissen und Ihre Leute anstellen können." Zu Befehl, Herr Kapitän," antwortete die ganze Gesell schaft wieder, worauf Kapitän Reichard sie entließ. Nachdem er am Nachmittag die sogenannte Schiffskammer, das heißt den Raum, in dem das gesamte Schiffsinventar auf- gestapelt liegt, besichtigt hatte, was längere Zeit in Anspruch nahm, fuhr er wieder in sein Hotel zurück und vertiefte sich den ganzen Abend in das Studium der Schiffspläne. An der Hand der Zeichnungen machte er sich im Kops ein Bild davon, wie das komplizierte, weitverzweigte Pumpen- und Drainagesystem durch die verschiedenen Räume des4 1. Kapitel. Schisses verteilt war, wie die einzelnen Räume voneinander getrennt waren, wo die Verbindungswege und Türen sich befanden und welche Pumpen die einzelnen Abteilungen im Falle eines Lecks leerpumpen sollten. Am nächsten Morgen war er in aller Frühe wieder auf seinem Schiss und kletterte unermüdlich treppauf, treppab, um sich alle Einzelheiten genau einzuprägen. Und ebenso verwendete er den ganzen Rachinittag dazu, seine Schiffs- kenntnis zu vermehren. Am anderen Vormittag traf er vor dein Werfteingang mit seinem Kommandanten, dem Kapitän zur See Eisenhart, zusammen, und beide Offiziere nebst den Detaildeckossizieren begaben sich iir Begleitung einer Werftkommission an Bord, um das Schiff von der Werft abzunehmen. Da weder der erste Offizier noch die Detaildeckosfiziere irgendwelche besonderen Ausstellungen zu machen hatten, war die Abnahme rasch erledigt und die Werftkommission verließ das Schiff wieder, nachdem noch der Schiffbaudirektor dein Kommandanten zugcsagt hatte, daß etwaige kleinere Wünsche, die währeild der Werstliegezeit sich Herausstellen sollten, wohl wollende Berücksichtigung und Erledigung finden würden. Ra, Reichard, dann ist ja alles soweit in Ordnung," sagte Kapitän Eisenhart zu seinem ersten Offizier. Wann kommen die Leute?" Heute nachmittag vier Uhr," antwortete dieser. Ast der Bottelier schon an Bord und der Schiffskoch?" fragte der Kommandant. Der Koch nicht," antwortete Kapitän Reichard, aber der Bottelier hat alles vorbereitet, das; die Leute schon heute Abendbrot an Bord bekommen können." Und wie steht s mit der Beleuchtung?" fragte der Kom mandant. Das elektrische Licht wird erst morgen brennen," bemerkte der Stabsingenieur Rudolph, der sich ebenfalls zur Abnahme eingesunden hatte, das heißt, wenn es irgend geht, will ich versuchen, heute abend noch einen Kessel zu Heizen und die Dynamos in Gang zu setzen." Besser wäre es auf jeden Fall, Herr Ingenieur," er widerte der Kominandant. Schon damit sich die Leute zu- Indienststellung. S 5 rechtfinden können und nicht im Dunklen die Treppen Hinunter stürzen." Zu Befehl, Herr Kapitän, ich denke, es wird auch möglich fein," sagte der Ingenieur. Schön," versetzte der Kommandant, das wäre ja für den Augenblick alles. Das Abnahmeprotokoll ist unterzeichnet, und morgen früh um acht Uhr hissen wir Flagge und Wimpel." Er grüßte kurz mit der Hand und ging, um beim Obcrwerft- direktor und Stationschef die Meldung von der Übernahme des Schiffes abzustatten. Am Nachmittag bewegte sich vom Werfteingang her ein langer Zug von Mannschaften unter Führung mehrerer Offi ziere und einer großen Zahl von Unteroffizieren über das Werft gelände nach der Liegestelle der Porck" hin. Jeder Mann trug das Seitengewehr umgeschnallt, das Gewehr über den Riemen gehängt und auf der Schulter den Kleidersack mit an gehängtem Utensilienkasten. Vor der Porck" angekommen, machte der lange Zug halt, und der älteste Offizier meldete Kapitän Neichard die neue Besatzung zur Stelle. Gleichzeitig meldeten er und seine Kameraden sich bei ihrem ersten Offizier als an Bord kom mandiert. Stabswachtmeister, haben Sie die Besatzungsliste da?" fragte der erste Offizier, und als ersterer bejahte, befahl er: Schnell noch einmal die Namen verlesen! Zeder Mann, der ausgerufen wird, antwortet laut mit: ,Hierp Passen Sie auf!" rief er dann den Leuten zu. Der Wachtmeister begann nun die Verlesung der langen Liste. Zuerst kamen die Unteroffiziere an die Reihe, und hier ging natürlich alles glatt. Dann kamen die Mannschaften daran. Auf die ersten vierzig Namen wurde prompt mit hier" geantwortet. Matrose Krauter," rief der Wachtmeister dann. Aber nie mand antwortete mit hier". Matrose Krauter," wiederholte der Wachtmeister noch eininal mit lauter Stimme, und als wiederum nur Schweigen die Antwort war, rief er zum dritten Male, die Worte lang auseinanderziehend: Ma tro se Krau terrr!" Matrose Krauter antwortete indes nicht, worauf sich der6 I. Kapitel. erste Offizier ins Mittel legte und fragte: Von welchem Truppenteil ist der Mann?" Dritte Kompanie, erste Abteilung, erste Matrosendivision!" Ist hier ein Matrose Krauter von der dritten Kompanie, ersten Abteilung, ersten Matrosendivision dabei? Dann soll er s .ch melden!" sprach der erste Offizier. Sämtliche Offiziere und Unteroffiziere blickten gespannt auf die lange Reihe der Mannschaften, und die Leute, die ihre Kleidersacke vor die Füße gestellt hatten, guckten sich gegen seitig an, weil jeder dachte, der andere wäre Krauter. Krauter war indessen jedenfalls nicht da, denn er meldete sich nicht. Was hat er für eine Stammrollennummer?" fragte darauf der erste Offizier den Stabswachtmeister. 5273," antwortete dieser. Stammrolle 5273. Wer hat die? Vortreten!" rief nun Kapitän Reichard. Hier!" erscholl vom linken Flügel eine Stimme, und ein Matrose drängte sich aus dem zweiten Gliede durch das erste hindurch nach vorne. Herkommen!" befahl der Offizier, und als der Mann vor ihm stand, fuhr er ihn an: Warum melden Sic sich nicht, wenn Sie aufgerufen werden? Was ist das für eine Dummheit? Glauben Sie vielleicht, wir hätten Zeit, nach jedem einzelnen von euch eine halbe Stunde lang zu suchen?" Ich heiße gar nicht Krauter, Herr Kapitän," entgegnete dararif der Mann. Ich heiße Krauthof." Was?" sagte der erste Offizier. Wachtmeister, wie kommt das?" Ja, Herr Kapitän, ich weiß nicht. Hier steht Krauter in der Liste; dann ist die wieder aus dem Bureau verschrieben," antwortete der Wachtmeister. Also, wie heißen Sie?" wendete er sich dann an den Mann. Mein Name ist Krauthof, Krischan Krauthof," antwortete der Matrose, woraus der Wachtmeister schnell mit einem Bleistift seine Liste verbesserte, während der erste Offizier sagte: Na, Krischan Krauthof, nun treten Sie wieder ein. Wachtmeister, weiter, vorwärts, daß wir zu Ende kommen!" In schier endloser Reihe schnurrte der Wachtmeister nun dieIndienststellung. 7 Namen runter, bis auch der letzte Mann aufgerufen war und fich zur Stelle gemeldet hatte. Truppweise wurden dann die Leute an Bord geführt, wo ihnen zunächst Plätze für die Gewehre und Kleidersäcke angewiesen wurden. Dann ließ der erste Offizier sie auf dem Oberdeck antceten und gab die vorläufige Rollenverteilung bekannt. Währenddessen war der Ingenieur mit einem Teil seines Personals in die Maschinen- lind Heizräume hinunter gegangen, und es war unter einem Kessel Feuer angemacht worden, so daß nach Verlaus von zwei Stunden die elektrische Beleuchtung wenigstens zum Teil in Gang gesetzt werden konnte. Nach vieler Mühe war es endlich dem ersten Offizier mit Unterstützung durch die vorhandenen Offiziere und Unter offiziere gelungen, die Divisionen zu ordnen, die Schiffs- nummern zu verteilen und den Mannschaften einigermaßen klar zu machen, wohin sie gehörten. Anfangs hatte es ein wildes Durcheinander gegeben, denn die Leute fanden sich selbst auf dem Oberdeck nicht zurecht, da sie bei der Ähnlichkeit des Vor- und Achterschiffes nicht in der Lage waren, Steuerbord und Backbord zu unterscheiden. Nur die wenigen Seeleute, die sich unter der Pesatzung be fanden, wußten rasch Bescheid, weil sie vorne die Ankerketten und Klüsen auf der Back bemerkten und daran erkannten, daß das vorne war. In mühsamer Arbeit vergingen so für alle Beteiligten mehrere Stunden, bis endlich Kapitän Reichard sagte: Nun wollen wir für heute aufhören, aber ich bitte mir aus, daß jeder sich seine Nummer und seinen Platz merkt, damit ihr nicht wie eine große Hammelherde immerfort durcheinanderlauft. Weg treten ! Backen und Banken." In den Wohnräumen der Mannschaft erhob sich darauf ein großes Gepolter. Die Tische und Bänke wurden nieder geschlagen und nach einer halben Stunde saß die ganze Mann schaft vergnügt bei Tee und Brot. Junge, das ist ein merkwürdiges Schiff. Da kann sich kein Mensch drin zurechtfinden," äußerte Matrose Petersen. So viel Gänge und Ecken und Witikcl, das ist doch ein tolles Gewirr. Wenn man hier runtergeht und will auf der anderen8 1. Kapitel. Seite wieder rauf, denn ist da plötzlich ne Wand, und man muß umdrehen, lind wenn man dann eine halbe Stunde ge sucht hat, denn kommt man da gerade wieder an, wo man zuerst gewesen ist." Ja, ich find mich da auch mein Lebtag nicht zurecht," stimmte Krauthof ihm bei. Das kann man ja alles gar nicht behalten, wie das aussieht, ilbrigens unser erster Offizier, das scheint n netten Mann zu sein. Hast woll gehört, wie er Krischan Krauthof zu mir sagte?" Za," warf der Matrose Ehlers dazwischen, aber zuerst war er mächtig süchtig, daß du dich nicht meldetest." Da konnte ich doch nichts für," erwiderte Krauthof. Wenn da ein verkehrter Name ausgerufen wird, da höre ich nicht nach hin. Das geht mir nichts an." Nee, das tat ich auch nicht," meinte Ehlers. Hat der Wachtmeister noch was zu dir gesagt?" Nee, gesagt hat er nix," antwortete Krauthof, aber als ich bei ihm vorbeikam, hat er mich n paarmal angeblickt, als ob er mich fressen wollte." Du, sag mal, weißt du noch, wo unsere Hängematten nummern sind?" fragte Petersen. Nee," antwortete Ehlers, aber da werden wir ja wohl noch hinfinden du, was war das eben?" Von Deck her war ein Pfiff erschollen und ein Befehl gegeben, der jetzt in den unteren Räumen wiederholt wurde. Kleidersäcke auspacken!" Ach du leewc Tied, dat ook noch," stöhnte Krauthof. Ik dacht just, nu kunn ik mi n Pip ansmöken. Nu is dat wedder nix." Das summende Geräusch der an allen Backen geführten lebhaften Unterhaltung der Mannschaft war bei dem Befehl verstummt. Acht aber erhob sich wieder lauter Lärm, als die Leute ihre Kleidersäcke hochnahmen und nach den ihren Schiffsnummern entsprechenden Kleiderkastennummern suchten. Zm Gegensatz zu früheren Einrichtungen waren diese Kleiderschränke im Schiff fest eingebaut und enthielten reichlich Platz für die Habseligkeiten der Leute. Außerdem befand sich in jedem einzelnen noch ein besonderes Wasch becken.Indienststellung. 9 Sieh mal, das ist fein,“ sagte Drews, fon lütte tüed- lid;e Waschkumm Hab ich mir all immer gewünscht." As dem Eßkumm?“ fragte Matrose Szametat und besah sich die Waschkumme. Ja, du Kaschub, dat kunn di woll passen. So n grote Freetback! Ree, min Jung, dor schast du di dat Gesicht und de Hannen in waschen.“ Ei, dem ist auch sein!“ lobte Szametat die Einrichtung und lachte vor Vergnügen, wobei er sich im stillen furchtbar stolz fühlte, daß er jetzt auch eine eigene Waschkumme besaß. Bisher war ihm das in seinem Leben noch nicht vorgekommen. Zwischen das Lachen, Schwatzen und Lärmen der mit dem Auspacken der Kleidersäcke beschäftigten Leute ertönte von obenher wieder der Befehl: Sämtliche leeren Kleider säcke werden an Steuerbord im achtern Batteriedeck hingelegt. Sich beeilen mit Auspacken.“ Während die Leute die letzten Stücke in die Kleiderschränke legten, ging der Stabswachtmeister überall herum und ries: Wer fertig ist, zuschließen und den Schlüssel abziehen! Wer seinen Schlüssel stecken läßt, kommt zum Rapport! Run macht, daß ihr fertig werdet. Habt ihr nicht gehört, daß besohlen ist, sich zu beeilen?“ Einer nach dem anderen zog denn auch mit seinem Kleider sack davon, und dann wurden Hängematten ausgegeben. Die meisten Leute hatten natürlich keine Ahnung mehr davon, wo ihr Hängcmattenplatz war und irrten suchend im Schiss umher, bis sie es schließlich ebenso machten wie die übrigen, die, ohne sich lange um ihren richtigen Platz zu küm- mern, irgendwo ihren Schlafschlauch ausgebaumelt hatten. Einer nach dem anderen verzog sich dann bald in die Hänge matte und nur die als Sicherheitswache abgeteilten Leute und die wenigen Posten blieben munter. In langsamem Schritt wandelte, mit einem großen Wacht- mailtel angetan, der Fallreepsposten draußen aus dem Bollwerk am Schiss aus und nieder, um auszupassen, daß niemand das Schiff verließ und keiner es unbefugterweise betrat. Von den jüngeren Offizieren hatten zwei gleich an Bord bleiben müssen, um den Wachdienst zu übernehmen, und auch der erste Offizier schlief bereits an Bord.10 1 Kapitel. Zum Schlafen legte er sich allerdings erst lange nach Mitternacht, denn der morgende Tag und alle nachfolgenden stellten große Anforderungen an ihn. Nicht Hunderte, sondern tausenderlei Sachen waren zu bedenken, zu überlegen, und er wußte, daß die Offiziere sowohl wie auch die übrigen Mitglieder der Besatzung sich mit unzähligen Fragen an ihn wenden würden und von ihm Anordnungen, Bestimmungen und Befehle erwarteten, von denen keiner dem anderen widersprechen durfte, wenn nicht ein heilloses Durcheinander, aus dem schließlich kein Mensch mehr klug werden konnte, entstehen sollte. Endlich drehte auch er das elektrische Licht aus und streckte sich zu kurzem Schlummer aus die Koje. Eine Weile horchte er noch auf das summende Geräusch der elektrischen Maschinen, das von unten her durch die Stille des Schiffes zu ihm herauf drang und nur hin und wieder von dem knarrenden Geräusch unterbrochen wurde, das das Schiff verursachte, wenn es sich ganz wenig am Bollwerk, vom Winde getrieben, hin und her schob. Mit leisem Klatschen schlugen dazu die kleinen Wellchen des Werstbassins gegen die stählerne Panzerwand und zerrten den schwachen Schein der Sterne am Himmel im Spiegelbild zu krausen Streifen auseinander. Ein lautes Pochen an die Kammertür weckte den ersten Offizier nach einigen Stunden, und eine Stimme rief von draußen: Herr Kapitän, ist drei Glas (halb sechs Ahr)." , s ist gut," antwortete Kapitän Reichard, schwang sich rasch aus der Koje, und als um sechs Ahr für die Mannschaft Neveille gemacht wurde, erschien er bereits gestiefelt und gespornt an Deck. Kühl strich der Wind über das Schiff hin, und die Leute, die nach Abgabe der Hängematten mit ihren Waschkummen an Deck erschienen, um sie sich aus den großen Baljen voll zufüllen und sich zu waschen, fröstelten. Hier und da ver suchte auch ein Drückeberger, das Geschäft des Waschens möglichst abzukürzen und der Reinlichkeit mit einem kurzen Prusten des befeuchteten Gesichtes und Abspülen der Hände Genüge zu tun. Aber die Anterofsiziere paßten auf, und jeder mußte eine vollgültige Waschung ausführen. Szametat hatte auch zu den Drückebergern gehört, dennIndienststellung. 11 er war von Natur etwas wasserscheu, aber sein Korporal- schaftsführer, Bootsmaat Kuhnwald, hatte auf ihn ein beson deres Auge und holte ihn sich daher vor. Hier, Freundchen," ermunterte er ihn. Ziehen Sie mal gefälligst Hemd und Troyer aus und waschen Sie sich ordent lich. Bei uns gibt s das nicht. So bloß mal in die Luft ge spuckt, durchgesprungen, und das nennen Sie gewaschen? Wo haben Sie Ihre Seife?" Ei, Hab versessen," antwortete Szametat und machte Miene, zu verschwinden, als ob er sie holen wollte. Aber Kuhn wald befahl einfach Petersen, er sollte dem anderen mal seine Seife leihen, und blieb so lange stehen, bis er die Säuberung für genügend erachtete. Anzug reines Arbeitszeug, Exerzierkragen!" erscholl der Befehl, und nach dem Frühstück stand die Besatzung wartend an Deck herum, bis der Kommandant an Bord kommen und die Indienststellung vor sich gehen würde. Am halb acht Ahr bereits erschien Kapitän Eisenhart und begab sich in seine Kajüte, gefolgt von seinem Burschen, den er von Land mitgebracht hatte. Kaum hatte er den Raum betreten, da klopfte es auch schon und auf das Herein trat der Zahl meister ein mit einer Mappe und meldete: Herr Kapitän, ich habe hier einige Anterschriften. Wollen Herr Kapitän gleich unterschreiben oder erst nach der Indienststellung?" Was ist es?" fragte Kapitän Eisenhart, worauf der Zahl meister kurz Auskunft gab. Rechnungen, Lieserungsscheine über Proviant und alle möglichen anderen Sachen, die an Bord genommen werden mußten, Schriftstücke an verschiedene Kommandobehörden und so weiter befanden sich in der Mappe, und der Kommandant ließ sich alles auf seinen Schreibtisch legen. Ich schicke sie gleich nachher ins Bureau, Herr Zahlmeister," bemerkte er, worauf sich dieser mit einer Verbeugung zurückzog. Kaum hatte der Zahlmeister die Kajüte verlassen, da klopfte es wieder und der erste Offizier erschien, um dem Komman danten über verschiedene Sachen Meldung abzustatten und Befehle einzuholen. Wann sollen die Mannschaften angetrcten sein?" fragte er zuletzt.12 1. Kapitel Fünf Minuten vor acht Glas antwortete der Kapitän. Sind die Offiziere schon alle an Bord?" In Befehl, Herr Kapitän," versetzte der erste Offizier und verschwand ebenfalls. Fünf Minuten vor acht Glas stand die gesamte Besatzung der Porck" auf dem Aufbau- und Oberdeck versammelt. Das Offizierkorps, bestehend aus dem ersten Offizier, dem Navi- gationsosfizier, Artillerieoffizier, vier Oberleutnants und sechs Leutnants zur See, dem Stabsarzt mit seinem Assistenzarzt, vier Ingenieuren und dem Zahlmeister, hatte sich im Dienst anzug aus der Schanze ausgestellt, und als der Kommandant in gleichem Anzug an Deck erschien, meldeten sich sämtliche Herren bei ihm als an Bord S. M. S. Porck" kommandiert. Am Flaggstock standen zwei Signalgäste mit der Flagge und am Großtopp zwei Mann mit dem aufgerollten Komman dantenwimpel bereit, sie auf Befehl des Kommandanten zu setzen. Kameraden," redete Kapitän Eisenhart seine Untergebe nen an, auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers stellen wir heute den großen Kreuzer ,Porck in Dienst. Das Schiff hat den Auftrag und wird berufen sein, die deutsche Flagge in allen Meeren des Auslandes und an fremden Küsten zu zeigen. Wir wissen, daß das Auge unseres obersten Kriegsherrn un ausgesetzt aus uns gerichtet ist und daß Seine Majestät der Kaiser persönlichen Anteil nimmt an allen, die ihm in der Flotte unterstellt sind. Seine Majestät der Kaiser hat das Vertrauen zu uns, daß wir uns jederzeit bewußt sein werden, daß wir deutsche Soldaten sind; daß wir deutsches Ansehen im Auslande zu schützen und zu fördern haben, und wir wollen uns stets vor Augen halten, daß das nur geschehen kann, wenn wir alle miteinander und jeder einzelne für sich ganz unsere Pflicht tun. Strenge Dienstersüllung bis ins kleinste, unwandelbare Disziplin und unverbrüchliche Treue zu Kaiser und Reich, zu der Flagge, unter der wir fahren, die zu schirmen und hochzuhalten wir geschworen haben und die wir Hochhalten werden unter allen Umständen, sei es selbst mit Aufopferung von Leben und Blut, das ist es, was Seine Majestät der Kaiser, unser allcrgnädigster Kriegsherr, und das gesamte deutsche Volk von uns fordert und von uns zu fordern berechtigt ist.Indienststellung. 13 Daß wir diese Forderung unter allen Umständen und zu allen Zeiten treu uitd gewissenhaft erfüllen wollen, daß wir keinen Augenblick vom Pfade des Rechtes und der Ehre abweichen wollen, das sei unser Gelöbiüs, das wir betätigen in altgewohn ter Weise mit dem Ruf: ,Seine Majestät Kaiser Wilhelm II., unser allergnädigster Kaiser, König und Herr, hurra!" Freudig stimmte die gesamte Besatzung in das dreifache Hrirra eilt, rtnd als es verklrmgen war, befahl der Kommandant: Heiß Flagge und Wimpel!" Vom Vorschiff dröhnten die acht Glas" der Schiffsglocke über Deck und langsam stiegen am Flaggstock ttnd Mast die Kommandozeichen empor. Der frische Wind erfaßte sie und ließ sie mit leichtem Knattern weitaus wehen. An strammer Haltung, die Offiziere mit der Hand an der Mütze, hatten alle gestanden, bis Flagge und Wimpel oben waren. Dann grüßte der Kommandant seine neuen Schiffs gefährten noch einmal kurz, aber freundlich und stieg wieder in die Kajüte hinunter, um dort seine dienstliche Tätigkeit als nunmehriger Kommandant zu beginnen. Antreten in Musterungsdivisionen!" befahl der erste Offizier für die Mannschaft und wendete sich dann den übrigen Offizieren zu. Meine Herren, ich gebe Ahnen noch eine Viertelstunde Zeit, um sich Ihren Leuten vorzustellen und sich mit ihnen bekannt zu machen, dann ist Arbeitsverteilung und gleichzeitig beginnt für die Wachoffiziere der Wachdienst. Wie Sie sich das einrichten wollen, ob der älteste oder der jüngste anfüngt, das ist mir einerlei. Tagsüber kann du jour gegangen werden r:nd zwar von den Leutnants zur See, wenn die übrigen dienstlich abwesend sein müssen. Selbstverständlich stehe ich für alle Anfragen jeden Augenblick zur Verfügung." Was ich noch sagen wollte," rief er, als die Offiziere Miene machten, sich zu zerstreuen. Gegessen wird von heute mittag an an Bord. Ach habe einen Steward engagiert und es ist alles bereits in Ordnung, soweit es sich natürlich in Ordnung bringen ließ. Ein Grund zum Anlandgehen wegen mangelnder Nahrung liegt also nicht mehr vor." Eine Viertelstunde darauf trat die ganze Besatzung der Porck" vor dem Schiff auf der Werft an. Nun ging die14 1. Kapitel. Arbeitsverteilung los. Nach fünf Minuten zogen Trupps von Mannschaften unter Führung von Unteroffizieren und beaufsichtigt von Offizieren davon. Die meisten führte ihr Weg zur Schisfskammer, deren Tor weit geöffnet stand, und in ununterbrochenem Zuge wurde setzt stundenlang alles, was der gewaltige Raum enthielt, stückweise an Bord geschleppt. Das Ganze nahm sich aus wie ein in vollster Tätigkeit befindlicher Ameisenhaufen, der von weither alle möglichen Gegenstände zum Bau seiner Burg zusammenträgt. Voll beladen marschierten die Trupps dem Schiff zu und verschwan den in den unteren Räumen, um nach kürzerer oder längerer Zeit mit leeren Händen wieder auszutauchen und den Weg zur Kammer wieder zurück zu machen. Unermüdlich waren auch die Offiziere an der Arbeit, die Leute ermunternd und antreibend, und der erste Offizier schien sich verzehnfacht zu haben. Jeden Augenblick sah man ihn an einer anderen Stelle im Schiff oder auf dem Wege zur Schisfskammer hin, überall Anweisungen und Befehle gebend, gestellte Fragen beantwortend, Zettel und Schrift stücke unterzeichnend und sich keinen Augenblick Ruhe gönnend. Da für die ^orcE“ der Befehl zu beschleunigter Indienst stellung gegeben war, trieb Kapitän Reichard seine Unter gebenen zu möglichster Eile an und ließ erst um drei Viertel zwölf Ahr die erste Pause machen. Währenddessen hatte der Kommandant in der Kajüte gesessen und war ebenfalls eifrig beschäftigt gewesen in Abfassung von Berichten, Meldungen und Erledigung anderer Schriftsachen, die ihm fast unausgesetzt unterbreitet wurden. Am halb zwölf aber hatte er sich iin Meldeanzug auf den Weg gemacht, um auf der Werft, der Station und der Inspektion Meldung über die erfolgte Indienst stellung abzustatten. Als er um zwei Ahr wieder an Bord zurückkehrte, fand er seine ganze Besatzung schon wieder in regster Tätigkeit, und der erste Offizier meldete ihm, daß die Kammer bereits halb geleert sei. Schön, schön, lieber Reichard," entgegnete Kapitän Eisen hart, wir müssen auch riesig Dampf dahinter machen, denn wir sollen so schleunig wie möglich raus." Bis in die sinkende Nacht hinein wurde daher der Dienst betrieb aufrecht erhalten.Indienststellung. 15 Immer munter! Immer munter!" rief der erste Offizier ein um das andere Mal den Leuten zu. Immer trab, trab hin, wenn ihr nichts zu tragen habt, und mit den leichten Sachen auch Trab. Jetzt haben wir noch gutes Wetter, wer weiß, ob es nicht morgen regnet, und dann ist die Geschichte eklig. Je eher wir hier von der Werft runter kommen, desto besser auch für euch." Mit wahrem Feuereifer war auch die ganze Besatzung tätig, so daß der erste Offizier am Abend in der Messe zu frieden äußerte: 21a, wir haben heute wirklich ein ganz hübsches Stück geschafft." Mehrere der jüngeren Herren, die zum ersten Male eine Indienststellung mitmachten, hielten diese Worte für ein Zeichen, daß der Dienst für heute abend beendet sei, und sie wareir schmerzlich enttäuscht, als unmittelbar nach dem Abend brot: Alle Mann Musterung in Divisionen" gepfiffen wurde und der erste Offizier noch eine Stunde lang Rollenexerzieren machte. Wir werden jetzt in erster Linie die Feuer- und Verschluß rolle üben," rief er. Ich werde die einzelnen Leute und ihre Stationen aufrusen, und jeder begibt sich sofort an seinen Posten. Die Unteroffiziere sorgen mir dafür, daß die Leute richtig hin kommen." Da das Schiff jetzt von der Besatzung übernommen war, so war diese Übung von ganz besonderer Wichtigkeit, damit die Mannschaft wußte, was sie zu tun hatte in dem Fall, daß auf irgendeine Weise Feuer im Schiff ausbräche. Eine end gültige Einteilung und Ausstellung nach der Feuerrolle war zwar augenblicklich noch nicht möglich, aber es mußte doch, so gut es irgend ging, vorgesorgt werden. Mit dem Rollenbuch in der Hand, begleitet von dem Rollenoffizier und dem Stabswachtmeister, sowie einem Schreiber, ging der erste Offizier dann selbst durch alle Räume, an denen Mannschaften bei Ausbruch eines Feuers postiert sein mußten, und kontrollierte genau, ob sich die betreffenden Leute auch dort befanden. Da auch die Unteroffiziere im Schiff noch nicht ordentlich Bescheid wußten und selbst die Offiziere mit den Räumlich keiten und in einzelnen Verbindungen dazwischen nicht völlig16 1. Kapitel. vertraut waren, so lag die ganze Arbeit in den Händen des ersten Offiziers und des Pumpenmeisters. Letzterer, der ständig zu dem Schiff gehört, war denn auch des Ersten beste Stühe, und schließlich glaubte der erste Offizier, daß für den Notfall genügende Vorbereitung getroffen sei. An den verschiedenen Wohnräumen des Schiffes, der Kommandantenkajüte, den Kammern der Offiziere rnrd Deck offiziere und in den Messen hatte ebenso wie im übrigen Schiss während des ganzen Tages eine rege Tätigkeit geherrscht. Überall waren die Burschen beschäftigt, die Sachen ihrer Herren auszupacken und die Kammern wohnlich einzurichten. Die meisten Offiziere hatten ihre Burschen von Land mit gebracht und diese wußten sich mit den Sachen denn auch zu benehmen. Mehreren Herren aber hatte der erste Offizier erst Burschen kommandieren müssen, und dabei war auf eine besondere Auswahl in bezug auf Fähigkeit und Geeigiretheit zum Burschen nicht erst große Rücksicht genommen. In der Kammer des Artillerieoffiziers, Kapitänleutnants Röder, lief der Matrose Titgens hin und her. Titgens war ein baumlanger Mensch mit Bärenkräften, was man schon seinen Händen ansah. Aus den Befehl des Wachtmeisters, sich als Bursche zu melden, hatte Titgens mit einem Brummen ge antwortet, das ebensogut ja" wie nein" heißen konnte, und sich dann auf die Suche nach seinem neuen Spezialvorgesehten gemacht. Er war noch keine zwanzig Schritt weit gekommen, da rief ihn schon ein Unteroffizier an: He, Sie da, Matrose, kommen Sie mal her," und fuhr, als Titgens langsam dem Befehl Folge leistete, fort: Was schleichen Sie hier im Schiss spazieren. Sind Sie nicht mit verteilt? Wo gehören Sie hin?" Ne, ich soll Bursche sein," antwortete Titgens, bei ’u Kapitänleutnant Kröper oder irgend so etwas, ich weiß nicht, ich hab den Namen nicht verstanden. Ich soll ihn suchen und mich melden." Na, denn man los, Mann, dann machen Sie, daß Sie hinkommen. Der Kapitänleutnant wartet schon lange auf Sie," ries der Unteroffizier, lieh Herrn" Titgens stehen und eilte selbst nach oben. Za, man los," knurrte der vor sich hin. Ak weet nich, wo ik em söken schall."Indienststellung. 17 Langsam setzte er sich wieder in Bewegung und ging durch die verschiedenen Räume des Schiffes, bis er endlich in den Raum des Oberdecks gelangte, wo die Offizierskammern liegen. Dort fand er einen Haufen Gepäck vor den geöffneten Türen liegen und beschloß, hier mal nach seinem Kapitän leutnant zu fragen. Er ging also an die nächste Kammertür, guckte hinein und sagte: Du, weißt nich, wo der Kapitän leutnant Kröper oder so wat wahnt?" Ree," antwortete der in der Kammer Befindliche, den kenn ich nich!" und ohne sich weiter um Titgens zu kümmern, fuhr er im Auspacken und Ausräumen der Sachen seines Herrn fort. Rach verschiedenen ähnlichen Mißerfolgen glückte es Titgcns endlich, die Kammer des Artillerieoffiziers zu finden. Einer der anderen Burschen hatte ihn daraus aufmerksam gemacht, daß über den Kammertüren Nummern und außerdem die Visitenkarten der betrefseirden Offiziere mit ihrem Rainen darauf angebracht waren. Nun stand Titgens vor der Tür und besah sich das. Nummer drei hatte er bald entdeckt, aber den Namen auf der Karte ver mochte er in dem dämmerigen Licht nicht zu unterscheiden. So zog er sie kurz entschlossen heraus, um sie sich bei Licht zu besehen. Zn demselben Augenblick öffnete der Artillerieoffizier, der sich bisher allein mit seinein Gepäck abgequält hatte, die Tür und bemerkte, wie Titgens mit seiner Visitenkarte loszog. Was wollen Sie mit der Karte, Mann? Lassen Sie die gefälligst stecken, wo sie steckt. Wie kommen Sie dazu, die herunter zu nehmen?" fuhr er Titgens an. Aha," dachte Titgens, dat is hei sülben," und sagte laut: Meld mich als Bursch ." Stecken Sie die Karte wieder herein und dann kommen Sie her," befahl Kapitänleutnant Röder. Wo haben Sie so lange gesteckt? Die anderen Burschen sind doch schon lange da." Ohne eine Antwort abzuwarten, zeigte er jetzt auf ver schiedene Koffer, die vor seiner Kammer standen, und einige andere kleine, die in der Kammer aus der Koje lagen, und befahl: Hier packen Sie aus! Meine Uniformen in den Kleiderschrank und die Wäsche hier in die Kommode. Wissen Bernstorff, An Bord des Panzerkreuzers Aorck". 218 1. Kapitel. Sie damit Bescheid?" fragte er dann noch. Sind Sie schon einmal Bursche gewesen?" Nee," gestand Titgens. Na, dairn machen Sie es nur, wie ich es Ahnen gesagt habe, das übrige wird sich schon finden, ich Hab jetzt keine Zeit, mich darum zu kümmern!" Mit diesen Worten verließ der Offizier die Kammer und ging seinein Dienst nach, der ihn fast im ganzen Schiff beschäftigte. Während unter Leitung des Feuerwerkers und einiger Unteroffiziere ein Teil der Mannschaften das Feuerwerksinventar aus der Schiffskammcr herbeischleppte und im Feuerwerkshellegatt unterbrachte, waren andere tief unten im Schiff in den Munitionskammern mit Reinigung der Räume beschäftigt, und in den Türmen und Kasematten überholten die Rohrmeister mit ein paar Leuten die Geschütze, das heißt, sie sahen im großen und ganzen nach, ob alles in Ordnung war. Auf seinem Wege stieß der Artillerieoffizier auf seinen Feuerwerker und ließ sich von dem gleich mit in das vordere zweite Zwischendeck hinunterführen, wo die verschiedenen Hellegatts für Bootmanns-, Zimmermanns-, Feuerwerker-, Pumpenmeister-, Steuermannsinventar und so weiter liegen. Flüchtig besah er sich die einzelnen Räume, die alle von elektrischem Licht hell erleuchtet waren, und meinte: Na, Sie haben hier ja mehr als Platz genug." Jawohl, Herr Kapitänleutnant, das ist hier besser als auf den alten Schiffen," entgegnete der Feuerwerker, der in seiner Zugend selbst als sogenannter Hellegattsmann viele Stunden in solchem Raume hatte zubringen müssen. Damals waren die Hellegatts kleine dumpfe, dunkle Löcher, die ihren Namen aus denr Holländischen haben; das Wort Hellegatt (eigentlich Höllegatt) bedeutete Höllenloch oder hölli sches Loch, weil diese Löcher tatsächlich eine Art Hölle vorstellten, da sie tief unten im Schiff lagen, schwer zugänglich und finster waren und so gut wie gar nicht gelüftet werden konnten. In folgedessen herrschte, sobald das Schiff in die Tropen kam, dort unten eine grausige, heiße Stickluft, in der es außer dem Hellegattsmann, der tagaus, tagein dort unten sah und die ihm anvertrauten Schätze wie ein Drache hütete, kein Mensch länger als zehn Minuten aushielt. And doch waren diese Posten als Hellegattsmann begehrte Stellungen an Bord, denn die ES3Ea3E3£S3!ö3EI3EI3 Indienststellung. EgEgiESESiSiESESESES 19 betreffenden Inhaber gehörten nicht zu den gewöhnlichen Matrosen, die Wache gehen und Segel exerzieren muhten, sondern sie standen in der Rolle unter den Nummern der Freiwächter und konnten jede Nacht bis zur Morgenwache durchschlafen. Für gewöhnlich wareir sie in ihrem Reich dort unten gänz lich ungestört rtnd unbelästigt, denn selbst bei der Sonntags- musterung wagten sich nur selten die Kommandanten bis da hinunter, weil man nur vermittels halsbrecherischer Kletter künste auf Jakobsleitern oder hölzernen Grifftreppen, die so schmal waren, dah kaum der Fuh aus ihnen einen Halt fand, hinuntergelangen konnte, und war man wirklich unten an- gckommen, dann war der Raum so beschränkt, daß außer dem Hellegattsmann überhaupt kein zweiter mehr Platz hatte. Auf den neueren Schiffen ist das natürlich alles anders geworden. Während der Artillerieoffizier vom Hellegatt wieder in die Höhe stieg und sich an Land in die Schissskammer begeben wollte, um nachzusehen, wieviel vom Artillerie-Inventar bereits an Bord geschafft sei, kam er auch wieder an den Offiziers kammern vorüber und konnte sich nicht enthalten, im Vorüber eilen einen Blick hineinzuwerfen. Vor seiner eigenen Kammer blieb er aber einen Augenblick stehen, um zu sehen, was der neue Bursche dort leistete. Kaum aber hatte er einen Blick in den geöffneten Kleider schrank geworfen, da wußte er nicht, ob er lachen oder schimpfen sollte, denn anstatt die Uniformsachen dort aufzuhängen, wie ihm besohlen war, hatte Titgens das gesamte Unterzeug aus gehängt und zwar die sämtlichen Unterjacken und Unterhosen sein säuberlich über Bügel gezogen, während die blauen Uni formröcke und Beinkleider zu viereckigen Päckchen zusammen gelegt sich unten aus dem Boden befanden. Mensch, sind Sie verrückt?" brachte Röder endlich heraus. Was machen Sie da für Unsinn?" Titgens drehte sich um, machte ein etwas beleidigtes Ge sicht und versetzte: Das Unnertüg ist noch ^n bißchen klamm, Herr Kapitänleutnant, rnrd da habe ick s hier ausgehängt, daß es erst ganz austrocknen sollte. Das geht bei der Dampf heizung schnell. Nachher packe ich in den Kasten." Ja, und inzwischen verdrücken Sie mir meine Uni-20 I. Kapitel. formen,“ schalt Röder. Raus mit den Sachen, und machen Sie es so, wie ich es befohlen habe.“ Jm Vorbeigehen guckte er in die Offiziermesse hinein. Hier herrschte eine greuliche Wirtschaft. Auf dem langen Tisch standen riesige Stapel von Tellern und Schüsseln und allem übrigen Tischgerät, was zur Mahlzeit eines Offizierkorps von einundzwanzig Köpfeit erforderlich ist, und das ist nicht gerade wenig. Mehrere Matrosen, die als vorläufige Stewardsmaate kommandiert waren, standen dazwischen, mit Tüchern in den Händen, und bemühten sich, das Geschirr von Staub, Stroh und von Heu zu säubern, während der Steward wie ein Feldherr von der anderen Seite das Ganze überwachte und die Leute dirigierte, um das Geschirr unterzubringen. Augenblicklich bot die Messe so einen wüsten Anblick. Es ist aber erstaunlich, wieviel ein halb Dutzend fleißige Hände im Laufe eines Tages zu leisten vermögen, wenn alles ver nünftig angeordnet wird und Hand in Hand geht. Die Messe zeigte am Abend ein ganz anderes Aussehen und inachte sogar schon einen freundlichen Eindruck, als die Offiziere nach dem letzten Dienst wieder hinunterkamen. Zu langem Wachbleiben zeigte jedoch heute keiner große Neigung. Zum Teil waren die Offiziere sich untereinander auch noch zu fremd, als daß schon der freie und ungezwungene kameradschaftliche Ton, wie er in deutschen Offiziermessen allgemein Sitte ist, hätte angeschlagen werden können; außer dem waren alle müde. Meine Herren, ich denke, wir einigen uns heute abend gleich über die Zeitungen, die wir bestellen und von Messe wegen halten wollen,“ äußerte der erste Offizier, der einen Augenblick aus seiner Kammer in die Messe hineingekommen war. Haben Sie sich schon darüber geeinigt, wer Zeitungs- vorstand werden wird?" Da zunächst niemand antwortete, fragte Kapitän Reichard: Meldet sich vielleicht einer der Herren freiwillig zu diesem Ehrenamt niemand? Na, Röder, wie wäre es mit Zhnen?“ Zch? Am Himmels willen, Herr Kapitän, ich bitte Sie, lassen Sie mich mit der Geschichte aus, ich hal^ mehr zu tun, als mich um Zeitungen zu kümmern,“ antwortete der Navi gationsoffizier. Das einfachste ist doch, der Rollen- undES Indienststellung.  21 Funkoffizier übernimmt die Geschichte, der erhält ja sowieso alle neuesten Nachrichten zuerst, also ist das auch der gegebene Mann dafür." Schön, mir ist es recht!" versetzte der erste Offizier. Hat einer der Herren etwas dagegen?" Der einzige, der Widerspruch erhob, war der Rollenoffizier selbst, indem er behauptete, er hätte keine Zeit. Ach was, Griebnitz, machen Sie sich nicht lächerlich," rief da einer von den anderen Leutnants zur See, namens Maurer. Sie haben ja auch weiter nichts zu tun, als den ganzen Tag in Ihrer Bude zu sitzen, also werden Sie auch die paar Zei tungen noch einheften können." So, meinen Sie?" entgegnete Griebnitz. Wollen Sie für mich das Rollenbuchschreiben übernehmen, dann ist es gut, das trete ich Ihnen mit Vergnügen ab!" Übrigens, Rollenbuch! Wie weit sind Sie damit, Grieb nitz?" siel da der erste Offizier ein. O, ich bin heute mächtig an der Arbeit gewesen," ver sicherte der junge Offizier. Das ist recht," lobte der Erste, nur immer tätig! Aber die Zeitungsverwaltung können Sie trotzdem dabei ruhig übernehmen und über die Blätter, die wir halten wollen, können wir uns morgen beim Frühstück einigen." Nachdem der erste Offizier die Messe wieder verlassen hatte, fragte Leutnant Griebnitz, der sich nun in sein Schicksal ergeben hatte: Na, welche Zeitungen sollen also gehalten werden?" Aber außer einigen Antworten: wie Mir ist^s Wurst," Das ist mir maßlos schnuppe," wurde kein bestimmter Vorschlag laut. Nach dem anstrengenden Tagesdienst herrschte allgemeine Müdigkeit, und lange, bevor es vier Glas schlug, war die Messe leer. Als Kapitän Reichard am nächsten Morgen geweckt wurde und sich nach dem Wetter erkundigte, antwortete der Signal gast: Es regnet, Herr Kapitän." Verdammt noch mal," entfuhr es dem ersten Offizier. Viel?" Ja, ziemlich!" lautete die Antwort. Es hat so gegen vier Uhr erst angesangen."22 1. Kapitel. Als Kapitän Reichard an Deck kam, regnete es nicht nur ziemlich, sondern sogar gründlich, und der grau verhangene Himmel deutete darauf hin, daß es vorläufig auch nicht wieder aufhören würde. Aber das war schließlich einerlei, ob Regen oder nicht. Der Dienst wurde getan, und ob die Leute mit ihren Stiefeln noch einen halben oder ganzen Zentner Schmutz mehr an Bord schleppten, das blieb sich auch gleich. Das ist ja scheußlich, daß das Wetter so umgeschlagen ist," bemerkte der Kommandant, als er um neun Ahr an Bord kam. Sie lassen die Schisfskammer weiter aus räumen?" Dabei deutete er auf die hin und her laufenden Mannschaften. Zu Befehl!" antwortete der erste Offizier. Wenn wir all den Kleinkram erst drin haben im Schiss und die Kammer leer ist, komme ich mit dem anderen Dienst schneller voran, als wenn ich damit abwechseln will. Darum habe ich auch heute trotz des Regens befohlen, datz so weiter gearbeitet wird, und ich denke, wir sind heute abend damit fertig." Zn seiner Kajüte angekommen, befahl der Kommandant seinem Burschen: Der Navigationsoffizier soll zu mir kommen." Nach etwa zehn Minuten trat der Gerufene ein. Herr Kapitän befehlen?" fragte er. Wann wollen Sie Instrumente und Karten holen, oder haben Sie sie schon an Bord?" fragte der Kommandant. Nein, Herr Kapitän!" entgegnete Kapitänleutnant Röder. Gestern ist der Steuermann nicht fertig geworden mit dem Herüberbringen des Inventars und bat darum heute morgen, ob er die Leute wieder dazu nehmen könnte. Er meinte, er wollte auch erst noch mal alle Flaggen Nachsehen, ob keine Mäuse drin gewesen wären. Er hätte das mal bei Abnahme der Schisfskammer von der ,Charlotte^ gehabt. Ich kann mir aber nicht denken, daß das möglich ist." Machen Sie mir ein Verzeichnis derjenigen Karten, die wir brauchen," sprach Kapitän Eisenhart. Wir werden voraussichtlich nach Südamerika, der Westküste, und von da nach Ostasien gehen. Möglicherweise aber laufen wir auch Westindien an, wenn da vorher irgendwas los ist, was man ja nie wissen kann, und müssen jedenfalls auch aus diesem Titel Karten mitnehmen. Ebenso müssen wir aus australischeIndienststellung. 23 Häsen und später für die Rückfahrt durch den Suezkanal aus das Mittelineer vorbereitet sein." Zu Befehl, Herr Kapitän," sprach Kapitänleutnant Röder. Ach werde das Verzeichnis aufstellen und Herrn Kapitän vor legen. Wie oft befehlen Herr Kapitän Vorlage des Logbuches?" Vorläufig kann es mir jeden Mittag mit den übrigen Unterschriften vorgelegt werden. Später werde ich noch be sondere Bestimmungen darüber treffen," erwiderte der Kom- tnandant. Ich bitte nur, daß Sie die Wachofsiziere anweisen, das Logbuch recht genau zu führen, besonders solange wir hier auf der Werft liegen, denn wie Sie wissen, gilt das später als Dokument, falls irgendwelche Reklamationen oder Anfragen kommen, lind Sie selber kontrollieren es recht genau." Zu Befehl, Herr Kapitän," antwortete der Offizier wieder. Ach habe auch das Steuermannspersonal schon eingehend instruiert, die Logbuchkladde sehr genau zu führen." Sind die Instrumente schon an Bord?" fragte der Kom mandant weiter. Rur die aus der Schiffskammer, Herr Kapitän," versetzte der Navigationsoffizier. Wie ich gehört habe, sollen wir aber noch eine Anzahl besonderer Instrumente für Ticfseelotungen und -sorschungen und solche Sachen an Bord bekommen." Ja, das stimmt," versetzte der Kommandant, und zwar auf meine Veranlassung. Ach habe beim Reichsmarineamt darum nachgesucht, weil ich das für höchst wünschenswert und notwendig halte, daß alle Kriegschiffe mit solchen Appa raten ausgerüstet sind. Hoffentlich interessieren Sie sich dafür." Zu Befehl, Herr Kapitän, jedenfalls werde ich mich dafür interessieren, wenn ich bisher auch noch niemals solche Sachen mitgemacht habe. Die Chronometer wollte ich erst am letzten Tag, ehe wir von der Werft gehen, holen, wenn Herr Kapitän damit einverstanden sind, und nachher will ich zum Navigations direktor gehen, um mit ihm über die Kompaßkompensierung zu sprechen und über die Deviationsbestimmungen. Ich habe mir die Tabellen der Kompasse durchgesehen, danach scheinen sie recht gut 51t sein." Schön, danke!" entgegnete der Kommandant. Also schicken oder bringen Sie mir das Kartenverzeichnis, dann können wir das noch mal zusammen besprechen."24 1. Kapitel. Kaum hatte der Navigationsoffizier die Kajüte verlassen, da ließ fid der Kommandant den Artillerieoffizier, den Tor pedooffizier, den Stabsingenieur und den Stabsarzt nach einander kommen und von jedem der Herren einen kurzen Vortrag darüber halten, wie weit sie in ihren Details mit der Indienststellung gekommen wären. Herr Stabsarzt, interessieren Sie oder der Herr Assistenz arzt sich für Tiefseelotungen und Meeressorschungen?" fragte er den Herrn, als jener sich bei ihm eingestellt hatte. Zu Befehl, Herr Kapitän," antwortete der Stabsarzt Pauli. Ach habe für die Meeresfauna sogar ein ganz spe zielles Interesse. Werden wir in der Beziehung irgendwelche Forschungen unternehmen?" Soweit es unsere Speise irgendwie gestattet, ja," ant wortete der Kommandant, und ich hoffe, daß Sie und Ihr jüngerer Kollege mich darin tätig unterstützen werden." Zu Befehl, Herr Kapitän, gewiß mit dem größten Ver gnügen," antwortete der Stabsarzt. Ich habe mich früher schon, soweit es anging, damit beschäftigt und mir ein be sonders gutes Mikroskop angeschasst." Der Stabsarzt kam dann noch auf eine Anfrage des Kom- inandanten mit einigen kleinen Änderungsvorschlägen be treffs der Lazaretteinrichtung, über die der Kommandant sich einen schriftlichen Antrag ausbat. Nun, Herr Stabsingenieur, wie steht s mit den Ma- schinen?" lautete die nächste Frage des Kommandanten an den Ingenieur, als dieser eingetreten war; er gab eingehend Bericht über seine Beobachtung. Er hatte, wie nicht anders zu erwarten war, alles in bester Ordnung gesunden. Wie lange werden wir noch an der Werft bleiben, Herr Kapitän?" fragte er dann. Das kann ich nicht bestimmt angeben," entgegnete der Kommandant. Vielleicht acht Tage, vielleicht auch nur sechs, je nachdem wir fertig werden." Ich wollte nur fragen wegen des Ausfüllens der Kohlen," bemerkte daraus der Ingenieur. Wir hatten nur zwei Drittel Bunkerladung an Bord und werden doch wohl hier auf der Werft ausfüllen, oder erst, wenn wir auf dein Strom liegen?" Merkwürdigerweise wird nämlich in Kiel das VerholenIndienststellung. 25 von der Werft an eine Boje im Hafen auf den Strom gehen" genannt, obwohl dort gar kein Strom vorhanden ist. Natürlich nehmen wir die Kohlen hier auf der Werft!" erwiderte Kapitän Eisenhart. Denn wie id; meinen ersten Offizier kenne, macht dieser doch zunächst großes Reinschiff, ehe wir die Werft verlassen, und wird keine Lust haben, gleich nachher wieder mit Kohlen anzufangen." Sehr wohl, Herr Kapitän," antwortete der Ingenieur. Haben Sie sonst noch irgend etwas Besonderes?" fragte der Kommandant. Na, dann danke ich schön." Als der Ingenieur die Kajüte verlassen hatte, trat der Kajüt- posten herein und rief: Der Herr Zahlmeister läßt sich melden." Ich lasse bitten," sagte der Kapitän und vertiefte sich danach mit dem Zahlmeister in die zahlreichen Aktenstücke, die jener ihm zur Unterschrift verlegte. Haben Sie schon mit dem ersten Offizier gesprochen, wann die Sachen für die Kleiderkammer vom Bekleidungsamt geholt werden sollen?" fragte Kapitän Eisenhart während des Unterschreibens den Zahlmeister. Nein, Herr Kapitän," antwortete dieser. Ich dachte, in den ersten Tagen wird es dein Herrn Kapitän doch nicht passen, und da wir ja doch nod? einige Zeit auf der Werst liegen bleiben “ Länger als acht Tage beabsichtige ich hier nicht liegen zu bleiben, wenn es irgend zu machen geht," unterbrach ihn der Kommandant. Und wie steht es mit dem Proviantamt?" Das Proviantamt ist benachrichtigt, Herr Kapitän," ver setzte der Zahlmeister. Das Schreiben muß hier unter den Akten in der Mappe sein, ich werde es sogleich vorlegen." Schön," erwiderte der Kommandant. Sorgen Sie nur dafür, daß wir alle Sachen hier noch an Bord bekommen, so lange wir noch aus der Werft sind, denn erstens ist das mit den Booten später, wenn wir auf dem Strom liegen, eine un bequeme Geschichte und außerdem gehe ich so bald wie irgend möglich raus." Zu Befehl, Herr Kapitän," antwortete der Zahlmeister, ich werde sofort mit dem ersten Offizier sprechen. Ich muß ihn sowieso bitten, noch die Menagekommission zu bestimmen,26 1. ßapitcl. denn wir werden doch wohl Dauerproviant mitnehmen müssen, und da müssen doch vorher einige Stichproben ge macht werden." Ja, es ist gut," entgegnete der Kommandant. Was ist dieses hier?" Dabei hob er das letzte Schriftstück aus der Mappe empor. Das ist noch ein Arbeitsauftrag an die Werft, den der erste Offizier aufgegeben hat. Es handelt sich da um einen Bolzen, der nicht richtig sitzen soll." Der Kommandant las das Schriftstück rasch durch und Unterzeichnete es, worauf der Zahlmeister seine Mappe zu sammenklappte und sich empfahl. Der Kommandant aber setzte, nachdem der Zahlmeister fort war, seine Mütze auf, zog ein Bordjakett an und machte einen Rundgang durchs Schiff. Überall, wo er sich blicken ließ, schrie der erste Mann, der ihn sah, mit lauter Stimme: Ordnung!" und in den unteren Räumen kamen die betreffenden wachhabenden Unteroffiziere und Gefreiten und meldeten sich bei ihrem höchsten Vorgesetzten als Wachhabende. Um den Dienst nicht zu stören und aufzuhalten, befahl Kapitän Eisenhart aber jedesmal sofort: Rühren! Weiter arbeiten!" Und rings um ihn her nahm der Dienst in flottem Zuge seinen Fortgang. Ganz unauffällig beobachtete der Kommandant während seines Ganges die Gesichter seiner Untergebenen, die zum größten Teil vor Nässe trieften, denn oben goß es unaufhörlich in Strömen vom Himmel. Nirgends aber sah er ein mißmutiges oder verärgertes Gesicht. Er hörte auch nirgends ärgerliches Schelten oder Brummen über den unangenehmen Dienst, son dern nur hier und da mal eine mehr oder minder drastische Be merkung, indem einer der Leute dem anderen zuries: Junge, wat n Swinkram is dat," worauf der andere antwortete: Ja, dat regent aber ook bannig." Ja, dat is meist all duller als dull," setzte der erste hinzu, worauf die beiden Leute eilig weiter liefen, indem der zweite Mann ries: Kumm, Willem, klimm gau (schnell). Sünst ward dei erste Offizier sühnsch (ärgerlich)." Schließlich gelangte Kapitän Eisenhart auch an die Kam-Indienststellung. 27 büse, wo er den Offiziersteward traf, der ihn mit abgezogener Mütze einer Verbeugung begrüßte. Hören Sie, Steward, wie heißen Sie doch?" redete der Kommandant ihn an. Zu Befehl, Herr Kapitän, Möhle," erwiderte der Ste ward. Also, Herr Möhle, ich will heute bei dem schlechten Wetter nicht wieder in die Stadt fahren, sondern möchte an Bord frühstücken. Sie können mir wohl eine Kleinigkeit in die Kajüte schicken?" Zu Befehl, Herr Kapitän, selbstverständlich," antwortete Herr Möhle, und ich darf wohl Herrn Kapitän das Frühstück ebenso in Rechnung stellen, wie es für die Herren Offiziere geschieht. Ach habe mit dem ersten Offizier darüber schon akkordiert." Ra, darüber können wir ja noch sprechen," versetzte der Kominandant. Ach möchte Sie ersuchen, sich aber außerdem auch noch um mein Geschirr 511 kümmern. Mein Bursche versteht noch nicht viel davon. Haben Sie Ähre Proviant lieferungen schon alle bestellt und in Ordnung?" Am großen und ganzen, jawohl, Herr Kapitän," erwiderte der Steward, das heißt, es ist natürlich noch nicht alles an Bord. Wann wünschen Herr Kapitän das Frühstück?" Der Kommandant sah nach der Ahr und sagte: Um halb eins, und für morgen mittag richten Sie sich darauf ein, daß meine Frau ebenfalls an Bord frühstücken kann." Sehr wohl, Herr Kapitän," entgegnete der Steward mit einer tiefen Verbeugung, worauf der Kommandant seinen Rundgang fortsetzte. Unterwegs hielt er einen Obermatrosen an: Wissen Sie, wo der erste Offizier ist?" Nein, Herr Kapitän." Dann suchen Sie ihn und sagen Sie ihm, sobald er Zeit hätte, möchte er zu mir kommen." Zu Befehl, Herr Kapitän," und der Mann sauste davon. Eine Viertelstunde später kam Kapitän Reichard von der Werft, wohin er einen Dienstgang gehabt hatte, zurück. Er war durch und durch naß und hatte kaum einen trockenen Faden auf dem Leibe.28 1. Kapitel. Läufer," rief ec, als er an Bord kam, den Läufer vor der Offiziermesse an. Sehen Sie mal nach, wo mein Bursche ist, der Matrose Abraham. Er soll zu mir kommen, ich will mich umziehen." Ich bin schon hier, Herr Kapitän," antwortete Abraham, und hab schon alles zum Umziehen zurecht gelegt. Ich dachte mir schon, daß der Herr Kapitän durchnaß werden würden." In demselben Augenblick, als Kapitän Neichard im Begriff war, in seine Kammer zu treten, kam der Obermatrose Pilgrim heran: Herr Kapitän möchten zum Kommandanten kommen, wenn Sie Zeit hätten. Ich suche Herrn Kapitän schon seit einer Viertelstunde." Wo ist der Kommandant?" fragte Kapitän Neichard. Vorhin war er im Batteriedeck," antwortete Pilgrim, aber ich glaube, er ist wieder nach der Kajüte gegangen." Ohne zu zögern, machte sich Kapitän Neichard auf den Weg zum Kommandanten, und wenn das Deck nicht schon so naß und schmutzig gewesen wäre, so hätte das aus seinen Bein kleidern über die Stiefel tropfende Regenwasser eine feuchte Spur hinterlassen. Da, wo er eben vor der Kammer gestanden hatte, war eine vollkommene kleine Lache zurückgeblieben. Ist der Kommandant drin?" fragte er den Posten vor der Kajüte und trat auf dessen bejahende Antwort nach kurzem Klopsen ein. Herr Kapitän befehlen?" fragte er. Za, Neichard, was ich sagen wollte, wir werden uns doch eine Dampfpinasse von der Werft borgen müssen, bis wir unsere eigenen Boote haben," sprach Kapitän Eisenhart. Erstens mal möchte ich überhaupt ein Dampfboot zur Ver fügung haben, das mich abholen und zurückbringen kann, und dann kommt morgen früh um zehn Uhr meine Frau an Bord, die mir meine Kajüte mit einrichten will." Sehr wohl, Herr Kapitän," versetzte der erste Offizier. Ich werde sofort die Requisition ausschreiben. Soll ich sie unterzeichnen oder wollen das Herr Kapitän tun?" Sie können sie mir herschicken, aber requirieren Sie auch gleich noch ein Ruderboot für die Dauer der Werstliegezeit," versetzte der Kommandant. Verzeihung, Herr Kapitän," entgegnete der Erste, einIndienststellung. 29 Ruderboot? Ach glaube kaum, datz wir das nötig haben, und wenn es hier längsseit liegt, hat inan nur die Verantwortung dafür, und passiert irgend etwas daran, hat man von der Werft Schwierigkeiten. Wir brauchen es hier ja eigentlich auch gar nicht." Ra, es kann doch immerhin ein Fall eintreten, wo ein Boot notwendig ist," entgegnete Kapitän Eisenhart. Gerade jetzt bei dem nassen Wetter, wo das Deck feucht und schlüpfrig ist, da kann mal einer von den Leuten ausrutschen und fällt über Bord, oder es weht dem Posten die Mütze ins Wasser, und wenn man dann kein Ruderboot zur Hand hat, dann steht man da und mutz zusehen, wie die schöne Mütze fröhlich davon schwimmt und langsam verkluckt." Aa, gewitz, Herr Kapitän," versetzte der erste Offizier. Das kann ja Vorkommen, das heitzt, eigentlich darf es ja nicht Vorkommen, wenn der Mann sein Sturmband in Ord nung hat, aber “ Na ja, Sic verstehen mich jedenfalls, Reichard, nicht wahr?" Zu Befehl, Herr Kapitän," lautete die Antwort des ersten Offiziers. Haben Herr Kapitän sonst noch Befehle? Ach war vorhin beim Ausrüstungsdirektor, und der fragte, ob wir irgendwelche Wünsche hätten." Das geht ja in erster Linie Sie an, Reichard," erwiderte der Kommandant, stellt sich irgend etwas heraus, dann kommen Sie zu mir oder schicken Sie mir die betreffenden Ar- beitsaufträge her, ich werde dann alles unterschreiben. Übri gens hat mir der Herr Oberwerftdirektor den Schiffbau- ingenieur jur Verfügung gestellt, der soll Nachfragen und sich darum kümmern, falls noch irgend etwas Besonderes los ist. War er schon bei Ahnen?" Ich habe ihn noch nicht gesehen," entgegnete Kapitän Reichard. Ach bin allerdings ja auch den ganzen Morgen unterwegs gewesen und dabei pudelnatz geworden." Aa, das sehe ich," ries lachend der Kommandant. Ziehen Sie sich nur erst mal um!" Während Kapitän Reichard in seiner Kammer beim Um ziehen war, klopfte es an die Tür. Was ist los?" fragte er von drinnen.50 1. Kapitel. Herr Kapitän, da stimmt verschiedenes nicht im Material," erklang die Stimme des Materialienvcrwalters von draußen. Wieso, wie kommt das?" fragte der erste Offizier. Darf ich hereinkommen, dann werde ich Herrn Kapitän Bescheid sageti," antwortete der Verwalter. Einen Augenblick So, kommen Sie rein. Also, was ist los?" Herr Kapitän," begann der Materialienverwalter Klein. Ach habe hier den Materialienetat mitgebracht, da steht drin, wir sollen so und so viel Raummeter Holz von verschiedener Stärke in Brettern und so weiter haben, aber der Meister behauptet, er hätte höchstens die Hälfte bekommen. Ebenso ist es mit der Farbe. Wir sollen zweihundert Kilo Weiß haben, und der Maler behauptet, es wären nur hundertfünfzig. Das köimen wir uns doch nicht gefallen lassen." Nein!" sagte der erste Offizier, natürlich incht. Das können wir uns nicht gefallen lassen. Also, Verwalter, untersuchen Sie die Geschichte noch einmal ganz genau und sehen Sie selber nach, ob wir wirklich so viel zu wenig bekommen haben." Zu Befehl, Herr Kapitän," antwortete der Verwalter. Der Materialienetat ist doch ganz genau festgesetzt, und wenn der nicht voll an Bord kommt, reichen wir doch nach her nicht damit und aus Nachrequirieren läßt sich die Werft nicht ein." Nein, das tut sie nicht," versetzte der erste Offizier, also wollen wir die Sache schleunigst in Ordnung bringen." Dann habe ich hier auch noch drei Verlustprotokolle," fuhr der Verwalter fort. Ein Mann ist heute morgen auf der Laufplanke ausgeglitten und hat die Stücke ins Wasser fallen lassen. Es sind zwei Hämmer und eine Zange aus dem Zimmermannsinventar." Der Materialien- und Znventarienctat ist bei jeder Zn- und Außerdienststellung eines Schiffes das wichtigste Buch, ohne das eine Zn- oder Außerdienststellung überhaupt nicht zu denken wäre. Darin ist nämlich ganz genau angegeben, was alles zum Znventar gehört und wie groß die Stückzahl der einzelnen Sachen ist. Er schreibt zum Beispiel beim Zimmcrmanns- inventar zehn Meißel, zwölf große, achtzehn mittlere, vierund zwanzig kleine Bohrer vor. Einen großen Zughobel, so und soIndienststellung. 31 viele mittlere und kleine Hand- und Stichhobel, so und so viele Feilcit verschiedener Art und so weiter; kurz, alles, was sonst noch zum Zimmermannshandwerk gehört. Beim Bootsmannsinventar steht angegeben, wieviel Marlspieker, Kleidrollen, Koffeljenägel und andere Sachen vorhanden sein müssen; beim Steuermann die Laternen, Flaggen und der gleichen, kurz und gut, in diesen verschiedenen Details alles bis ins kleinste, was an Bord gegeben wird bei der Indienst stellung und was bei der Autzerdienststellung wieder abgeliefert werden mutz. Für jedes Stück, was daran bei der Autzer- dienststellung fehlt, muß ein Verlustprotokoll vorhanden sein, und wehe dem unglücklichen ersten Offizier oder wer sonst nachher das sogenannte aufgelöste Kommando bildet, wenn da sich irgendwo ein Manko zeigt. Schreibereien ohne Ende sind die unausbleibliche Folge, und darin stehen unzählige Fragen weshalb, warum und wieso?" oder warum nicht?" und jede muß beantwortet werden. Der Materialienetat dagegen enthält alles, was an Bord geliefert wird und während der Indiensthaltung verbraucht werden kann, als zum Beispiel Farbe, Scheuerstcine, Besen, Schrubber, Putzlappen, Twist, Öl usw., also lauter solche Dinge, die zur Instandhaltung eines Schiffes im Dienst notwendig sind. Dieser Etat ist immer für eine bestimmte Zeit, entweder ein Viertel-, ein halbes oder ein ganzes Jahr, festgesetzt und damit mutz der betreffende erste Offizier auskommen. Etats- Überschreitungen pflegen ebenso wie mangelnde Verlust protokolle sehr unangenehme Folgen nach sich zu ziehen, und darum vermeidet sie jeder ängstlich, wenn er nicht gerade Millionär ist und sein Schiff zum Beispiel auf eigene Kosten noch einmal extra anstreichen läßt, wenn die Etatsfarbe seiner Ansicht nach nicht ausreicht. Der erste Offizier hatte die Verlustprotokolle durchgelesen, aber ehe er sie unterschrieb, wendete er sich noch zum Ver walter um und sagte: Etwas haben Sie vergessen." Der Materialienverwalter bekam einen Schreck und fuhr mit einem hörbaren Ruck zusammen. Das war ihm lange nicht passiert, und etwas stotternd bemerkte er: Etwas ver gessen, Herr Kapitän? Ich habe doch die Protokolle selbst aus genommen."52 1. Kapitel. Za," sagte der Erste, und er sah den Verwalter lächelnd an, das Protokoll ist soweit auch ganz schön und richtig; steht darin, die Sachen wären von der Kaimauer aus ins Wasser gefallen und dadurch verloren gegangen, was Sie aber vergessen haben, ist: ,Wiedererlangungsversuche waren vergeblich ; und wenn das nicht darinsteht, dann kommen mindestens noch drei Anfragen, ob keine Versuche angestellt wären, und wenn wir antworten Mein , dann wird gefragt, warum nicht, und erklären wir, wir hielten sie für zwecklos, so werden wir ganz sicher aufgesordcrt, sie nachträglich noch an zustellen. Also, Verwalter, das mutz rein ins Protokoll. Ach werde hier unterschreiben, aber etwas Platz lassen, dann setzen Sie es dazwischen." Zu Befehl, Herr Kapitän. Dann wollte ich noch fragen, Herr Kapitän “ Ein lautes Pochen an der Tür unterbrach den Verwalter. Was ist los?" rief der erste Offizier wieder. Der Vorhang wurde zurückgezogen, und das Gesicht des Lazarettgehilfen tauchte in der Tür auf. Der Herr Assistenzarzt lätzt melden, datz der Heizer Ka minski beim Transport einer eisernen Platte, die er mit dem Heizer Wolgast zusammen getragen hat, ausgeglitten ist und sich die Platte aus den Futz geworfen hat. Dabei hat sich der Heizer Kaminski drei Zehen gequetscht. Der Herr Assistenz arzt " Rechtes oder linkes Bein?" fragte der erste Offizier da zwischen. Das rechte Bein, Herr Kapitän," antwortete der La zarettgehilfe. Große oder kleine Zehen?" forschte der Erste weiter. Die Mittelzehe, .die vierte und die kleine Zehe," berichtete der Heilgehilfe und fuhr dann, da er etwas aus dem Text seiner wohlvorbereiteten Meldung gekommen war, fort: Er ist aber gleich ins Lazarett geschafft worden, und wir haben ihn bereits verbunden." Ra, wenn ihr ihn schon verbunden habt, dann ist es ja gut," sagte der erste Offizier. Ast die Sache gefährlich und müssen die Zehen amputiert werden oder sonst was?" Der Lazarettgehilfe sah den Offizier an, als ob er sagenIndienststellung des Panzerkreuzers Porck" Heist Flagge und Wimpel!" sLeitc 13.).Indienststellung. 33 wollte: Von Medizin scheinst du nicht viel zu verstehen und von dem, was wir leisten können, hast du sicher keine Ahnung," und erwiderte: Nein, Herr Kapitän, es ist keinerlei Gefahr vorhanden. Herr Assistenzarzt schickt hier auch gleich den Krankenrapport." Es ist gut," antwortete der erste Offizier, nahm dem Mann das Blatt aus der Hand und warf einen flüchtigen Blick darauf. Was," sagte er dann, sieben Leichtkranke! Wo kommen die denn her? Na, Verwalter, haben Sie noch irgend was?" Nein, Herr Kapitän, ich wollte nur fragen wegen der Kantinenwirtschaft." Dazu habe ich jetzt keine Zeit," entgegnete der erste Offizier, damit können Sie heute abend kommen." Zu Befehl!" antwortete der Materialienverwalter und entfernte sich. Der erste Offizier nahm den Krankenrapport wieder zur Hand und sah nach, was den Leuten, die darin aufgeführt waren, fehlen sollte. Einer war der Heizer Kaminski, der hatte also einen gequetschten Fuß. Zwei hatten sich in der Schiffskammer oder beim Transport von Sachen die Finger geklemmt und die übrigen vier Matrose Grigoleit Halsschmerzen." Matrose Fakubowski Halsentzündung." Matrose Sievers leichte Mittelohrentzündung." Matrose Fensen desgleichen " Na, euch werde ich rauspüstern," sagte der Erste vor sich hin." Er stülpte seine Mütze auf und ging nach dem Lazarett. Hier traf er den Assistenzarzt, einen sehr jungen Herrn, der noch nicht lange im Marinedienst war, an und fragte: Hat der Herr Stabsarzt heute morgen die Krankenvisite abgehalten Oder Sie, Herr Doktor?" Nein, ich," antwortete der Assistenzarzt. Der Herr Stabsarzt mußte schon ganz früh zum Herrn Stationsarzt wegen einer besonderen Einrichtung in der Apotheke." Ach so, richtig," versetzte der erste Offizier. Aber was diese vier Gesellen hier anbelangt," er zeigte dabei auf die Bcrnstorff. An Bvrd des Panzerkreuzers Jorck". 334 I. Kapitel. Leichtkranken, die mit möglichst wehleidiger Miene zwischen den Betten herumstanden so werfen Sie die man wieder raus. Denen ist der Regen unbequem und das schlechte Wetter und da sitzen sie natürlich lieber hier unten im Lazarett. Ernst lich krank ist doch keiner von ihnen, so datz ihm das Rausgehen etwa schaden könnte?" Nein, durchaus nicht," versicherte der Assistenzarzt. Gut, also raus alle vier! Marsch raus zum Bootsmann, da melden Sie sich zum Dienst!" bestimmte der erste Offizier und fuhr, während die vier Drückeberger mit etwas verlegenen: Grinsen und Lächeln hinausschlichen, zum Assistenzarzt ge wendet fort: Ich brauche jetzt jede Hand, Herr Doktor. Also wer mit irgend solchen Kleinigkeiten kommt, wird gar nicht angenommen, sonst haben wir übermorgen das ganze Lazarett voll und ich kann mir meine Siebensachen alleine an Bord tragen." Jawohl, Herr Kapitän," versetzte der junge Arzt. Ich war anfangs auch etwas im Zweifel “ Na, also in Zukunft nur keine Zweifel mehr, Herr Doktor, sondern einfach an die Luft." Na, was wollen Sie?" drehte er sich zu einem Mann um, der hinter ihm stand und ihn mit Herr Kapitän" angeredet hatte. Der wachhabende Offizier läßt sagen, es wäre Zeit zu Klar Deck." Was?" sagte der erste Offizier. Es ist ja erst halb zwölf. Sagen Sie dem wachhabenden Offizier, vorläufig wäre um drei Viertel zwölf Klar Deck. Ab!" Der Mann sprang davon und der erste Offizier ging wieder achteraus. Als er beim Kommandobureau vorbeikam, öffnete er die Tür und fragte den Schreiber: Wie ist das mit der Routine? Ist die fertig?" Zu Befehl, Herr Kapitän, ich habe sie bereits in den Kasten gesteckt und oben angehängt," antwortete der Schrist- künstler. Weshalb haben Sie sie mir denn nicht erst zur Unterschrift vorgelegt?" erkundigte sich der erste Offizier. Das gehört sich doch wohl so. Bestimmen Sie die Routine oder ich?Indienststellung. 35 Vorwärts rauf, holen Sie das Ding runter und zeigen Sie es her!" Wie ein gescheuchter Hase sprang der Skribifax davon und an Deck. Den Hemdkragen hoch aufgeschlagen, mit eingezoge- nen Schultern rannte er so schnell wie möglich nach vorne, stürmte die Treppe zur Kommandobrücke hinaus llnd beinäch tigte sich des kleinen Glaskastens, in dem die Routine steckte. Dann rannte er ebenso schleunig wieder davon und zurück, aber wie sehr er sich auch beeilte, er hatte doch eine gehörige Portion Regen abbekommen, bis er wieder in seine Klatise kam. Geben Sie her!" herrschte der erste Offizier ihn an und las die Routine rasch durch. Sehen Sie, lauter Ansinn. ,Haib zwölf Klar Deck! da von ist nichts gesagt; drei Viertel zwölf wird Klar Deck ge macht. ,Halb zwei Beginn der Dienstzeit! dummes Zeug! um eins beginnt der Dienst. ,Halb sechs ausscheiden! gibt s nicht, Mann; sechs Ahr ist Klar Deck. Sechs Ahr zehn Backen und Banken, sechs Ahr zwanzig Abendbrot und von sieben bis acht Rollenexerzieren. So, danach ändern Sie die Routine und danil bringen Sie sie mir erst zum Anter- schreiben." Der Erste verlietz das Bureau und wollte an Deck gehen, da fiel ihm plötzlich die Requisition für Dampfpinasse und Ruderboot ein und rasch eilte er in seine Kammer, um diese Sache erst zu erledigeii. Eben setzte er die Feder an, da klopfte es. Herein!" Ach melde mich gehorsamst an Bord." Danke sehr, Herr Stabsarzt ach, was ich noch sagen wollte, bei der Annahme voir Kranken mutz jetzt etwas energisch abgewinkt werden, sonst melden sich zuviel Leute bei dem schlech ten Wetter krank und mir fehlen sie an der Arbeit. Ich habe dem Herrn Assistenzarzt das vorhin auch schon gesagt." Jawohl, Herr Kapitän," erwiderte der Stabsarzt Möhring. Ich kenne das ja, mutzte aber heute morgen meinem Assistenz arzt das Abhalten der Krankenvisite überlassen, weil ich im Garnisonlazarett zu tun hatte." Ist die Sache erledigt?" fragte der erste Offizier. Jawohl, Herr Kapitän, morgen kommen die Sachen. Es36 1. Kapitel. sind ein paar große Kisten voll, die ich weder im Lazarett noch in der Apotheke unterbringen kann. Dürste ich bitten, mir einen Raum dafür anzuweisen." GelPs wirklich nicht im Lazarett?" erkundigte sich der erste Offizier. Vorläufig wenigstens, bis ich sehen kann, wo irgendein Raum übrig bleibt. Mir bruinmt jetzt schon manchinal der Schädel, wenn ich denke, was noch alles in das Schiff hinein soll." Für eine Zeitlang wird es wohl gehen," meinte der Stabs arzt, nur auf die Dauer könnten die Kisten hinderlich werden, falls wir mehr Kranke bekämen." Ra, schön, das wird sich dann noch arrangieren, ich danke sehr, Herr Stabsarzt." Gleich daraus flog seine Feder über das Papier, um die Bootsrequisition auszufüllen. Von Deck her erscholl der schrillende Pfiff einer Bootsmanns pfeife und der lallte Ruf: Klar Deck überall!" Sowie er mit dem Schreiben fertig war, ging der erste Offizier nach oben, um zu sehen, ob sich das Wetter nicht zum Besseren neigte. Fast sämtliche Leute waren pudelnaß, aber wenn der Regen so anhielt, verlohnte es sich kaum, daß sie sich umzogen, denn am Nachmittag waren sie nach einer halben Stunde mit Sicherheit ebenso ilaß, und für eine doppelte Garnitur reichte der Trockenraum mit Platz zum Aufhängen nicht aus. Aber eintönig rauschte der Regen weiter, und die graue Decke des Himmels zeigte auch nicht die kleiilste Öffnung, aus der inan hätte schließen können, daß sie sich dort teilen und dem blauen Himmel Platz machen würde. He, kommt mal her!" rief der erste Offizier einige vor übergehende Matrosen an Sind Sie sehr ilaß?" Ach ja," antwortete einer, zienllich." Ganz durch?" Nee, ich noch nicht," entgegnete der Matrose, aber da sind viele, die immer draußen gewesen sind, die mögen wohl ganz durch sein." Na, wollt ihr euch umziehen oder nicht? Was ist euch lieber?" fragte der erste Offizier. Naß werdet ihr auf jeden Fall heute nachmittag auch wieder."Indienststellung. 37 Nee, dann wollen wir man lieber so bleiben," meinten die Leute, sonst hat mail nachher soviel schmutziges Zeug imKleider- schrank und da ruiniert man sich das andere auch noch mit." Schön, wie ihr wollt," entgegnete der erste Offizier. Aber um den Lellten selber, die zu natz geworden waren, es anheim zu stellen, ob sie sich umziehen wollten oder nicht, ließ er pfeifen: Wer sich umziehen will, Anzug dritte Gar nitur blau." Daiur ging er mit seiner Bootsrequisition zum Komman danten und schickte sie, sowie sie unterschrieben war, auf die Werft mit der Bitte, die Boote noch ain Nachmittag holen lassen zu können. Inzwischen hatte die Mannschaft ihr Mittagessen erhalten uild satz vergnügt an den Backen. Es gab Erbsensuppe mit Schweinefleisch, eines der beliebtesten und vortrefflichsten Gerichte, das an Bord gekocht wird. Junge, dat smekt oberst fein," erklärte Matrose Jensen an seiner Back. Dor kann man ne düchtige Patschon (Portion) von daal kriegen. Is da noch wat in n Pott?" Das große zinnerne Backsgefätz, in dem das Essen von der Kambüse geholt und durch die sogenannten Backschaften das sind Leute, die für die Dauer einer Woche je eine Back zu bedienen, also deil Tisch und die Bänke aufzustellen, das Eßgeschirr daraus zu ordnen und die Speisen von der Kambüse zu holen haben an die Back herailgebracht wird, erwies sich als leer, und Jensen, der selber für diese Woche Backschast hatte, ergriff das Gefäß und eilte damit nach der Kambüse, um zu sehen, ob er nicht noch eine zweite Portion für sich und seine Tischgenossen erhalten könnte. Da je nach der Größe der Besatzung die Zahl der Back schaften verschieden groß ist und zum Beispiel bei fünfhundert Mann etwa fünfzig Backschaften zu je zehn Mann vorhanden sind, wechselt die erste Essenausgabe tagtäglich mit der Nummer. So fängt zum Beispiel heute Back eins an, morgen Back zehn, übermorgen Back zwanzig und so weiter, damit nicht immer dieselben Tischgenossenschaften als erste beziehungsweise letzte an die Reihe kommen. Wenn sich die Backschaften aber zum zweiten Male nachholen, so gilt es auch hier, wer zuerst kommt, mahlt zuerst.33 1. Kapitel. Als Fensen mit seiner Suppenback in der Hand die Kam büse in Sicht bekam, bemerkte er mit Bedauern, daß ihm bereits zehn andere Backschaften zuvor gekommen waren und er somit wenig Aussicht aus eine zweite Portion hatte. Aber der Koch, der die Geschichte bei solchem Wetter uild feiner Erbsen suppe wohl ganz genau kannte, verteilte den Rest, der nach der ersten Ausgabe geblieben war, gleichinäßig unter die zweite Gesellschaft, und so bekam auch Fensen nod etwas ab. Auch die älteren Unteroffiziere, die in dem Steuerbord vorderen Raum des ersten Zwischendecks für sich allein aßen, hatten der Erbsensuppe tapfer zugesprochen, uild Bootsmaat Schwarz meinte ebenfalls zu seinen Freunden Frank und Lauter, er könnte ganz gut noch eine kleine Kumm voll ver tragen. Der Koch auf der ,Undine , das war der einzige, den ich bisher gekannt habe, der die Erbsensuppe ebensogut kochte wie dieser hier," äußerte er. Lauter, weißt du noch, wie wir uns da manchmal vollgestallt habeil?" Fa," entgegnete Obermaat Lauter, das war wirklich was gailz Extrabesonderes. Krätke gehen Sie mal rauf uild sehen Sie nach, ob es noch was gibt." Matrose Krätke, der bei den Unteroffizieren Backschaft war und den Tisch zu bedienen hatte, nahm ebenfalls das Backsgeschirr uild sauste damit nach der Kambüse. Dort staildcil noch fünf Mann von den Manilschaftsbacken, die cmf Austeilung warteten. Im Bewußtsein seiner Würde als Unteroffizierbackschaft stellte sich Krätke einfach vorne an die Reihe, hielt dem Koch sein Gefäß hin und sagte: Für die Herren Uiltcroffiziere." Ree, dat gelt ilicht," rief Fensen, wi sünd toerst hier west. Kumm dll mail achtern in die Reih." Auch die übrigen Mannschafteil fingen an zu räsonieren und zll schimpfeil über das Vordrängen. Herrn Krätke rührte das indessen gar nicht. Er blieb ruhig stehen und wiederholte seine Aufforderung: Für die Herren Unteroffiziere!" Gah aff, ik wär toerst hier," rief da der Nebenmann uild gab ihm eineil gehörigen Schubs, so daß die Tür zur Kaiilbüse frei wurde.Indienststellung. 39 Na, was soll das heißen?" rief da der Koch aus der Kam- düse heraus. Wenn ihr euch hier prügelt, bekommt ihr gar nichts." Ja, was hat er sich vorzudrängen," verteidigte sich der Matrose Kleinschmidt. Er gehört doch hintenan." Ohne aus diese Rede zu achten, wiederholte Krätke zum dritten Male: Für die Herren Unteroffiziere!" Aber der Koch, der selbst Unteroffizier war, entschied kurz: Nach der Reihe, stellen Sie sich hinter die anderen." So war Fensen sicher, daß er auch noch etwas abbekanl. Als Krätke wieder an der Unteroffizierback erschien, fragte Obermaat Schwarz: Na, warum hat denn das so lange ge dauert?", worauf Krätke seinem Groll Luft machte und zornig berichtete, daß der Koch ihn ebenso wie jede gewöhnliche Backschaft in die Reihe verwiesen hätte, obwohl er dreimal ganz laut und deutlich gesagt hatte: Für die Herren Unteroffiziere." Er hoffte, die älteren Unteroffiziere würden dem Koch dafür schon gründlich eines auf den Kasten geben, daß er ihren Ab gesandten so schnöde behandelt hatte, aber wie überall in der Welt spielt auch an Bord die Magenfrage eine bedeutende Rolle, und mit dem allgewaltigen Koch wagte es niemand so leicht zu verderben, denn von seinem Wohlwollen hängt doch so mancher kleine Vorteil ab, der sich in Gestalt irgendeines unter der Hand gebratenen Beefsteaks, einiger gekochter Eier oder dergleichen, auch in einer oder mehreren Tassen Kaffee darstellt, und den man ungern aus der Hand gibt. Anstatt einer Belobigung für sein tatkräftiges Vordrängen, die er unbedingt erwartet hatte, erhielt daher Krätke zu seinem Mißvergnügen jetzt obenein noch die Belehrung: Ja natür lich muß das alles der Reihe nach gehen." Zn der Deckoffizicrmesse, die unter der Kommandanten- kajüte liegt, hatten sich die Deckofsiziere ebenfalls zum Mittag essen eingestellt. Als Tischältester präsidierte der Oberboots mann, ein Mann von hünenhafter Gestalt und Bärenkräften. Außer dem Oberbootsmann Brandow gehörten noch der Materialienverwalter Klein, Steuermann Schmidt, der Zimmer meister Fohannsen, der Stabswachtmeister Schellin, drei Maschi nisten, ein Torpedomaschinist, Pumpenmeister Frerichs, Feuer werker Ehrenreich und ein Rohrmeister zur Deckofsiziermesse.40 1. Kapitel. Der erste Offizier hat mir befohlen, ihm baldmöglichst die Messestatuten einzureichen," sagte der Oberbootsmann Bran- dow, als sich alle Mitglieder der Messe zum Essen hingesetzt hatten, und dann will er auch wissen, wer Messevorstand und wer Getränkevorstand wird. Wollen sich die Herren, bitte, darüber entscheiden." Ach schlage als Messevorstand den Herrn Verwalter vor," bemerkte der Maschinist Garlich. Der ist die geeignetste Persönlichkeit und weiß am besten mit Rechnungen Be scheid." Rein, das kann ich unter keinen Umständen übernehmen," ries der Verwalter. Dazu habe ich absolut keine Zeit." Ach was, keine Zeit," versetzte der Maschinist. Was haben Sie wohl grotz zu tun. Sie sitzen den ganzen Tag in der Kammer und schreiben, da können Sie das bißchen Messe- wirtschast auch noch mit erledigen." Ja, das meinen Sie so," erwiderte der Materialicnver- walter, der etwas hitziger Natur war. Meinen Sie, das wäre eine Kleinigkeit, die ganzen Materialienrechnungen in Ordnung zu halten, das Inventar zu verwalten und außerdem noch die Kantine zu führen? Ich denke, das ist gerade genug. Also, meine Herren, ich mutz dankend ablehnen." Hat irgend jemand einen anderen Vorschlag zu machen?" fragte der Oberbootsmann. Jawohl," ries der Materialienverwalter. Ich schlage Herrn Maschinisten Garlich vor. Die Herren von der Maschine haben ja außer ihrem bißchen Wachegehen doch nichts zu tun, und der Herr Maschinist wird das bißchen Messeführen ja leicht daneben erledigen können." Bitte sehr, so einfach ist die Geschichte denn doch nicht," versetzte der Maschinist. Es ist doch eine ganze Menge Arbeit dabei, und dann muß man vor allen Dingen später im Aus lande doch auch die Quellen kennen, wo man gut und billig einkaufen kann, und ob ich da genügend Bescheid weiß ich war ja allerdings schon mal aus der ,Arcona Meßvorstand, und da haben wir ganz gut abgeschlossen " Na, also," krähte der Materialienverwalter, da sind Sie ja der gegebene Mann. Ich wiederhole meinen Vorschlag hiermit."Indienststellung. 41 Wer ist dafür? Hand hoch!" kommandierte nun der Oberbootsmann. Der Verwalter, die beiden anderen Maschinisten, der Stabswachtmeister, der Pumpenmeister und der Rohrmcister hoben die Hand hoch. Der Steuermann schlug den Feuer werker vor, der Feuerwerker seinerseits den Steuermann, dem sich der Zimmermeister anschlotz, während der Torpedo maschinist, der sich für einen Witzbold hielt, sich selber in Vor schlag brachte, was von dem Obcrbootsmann aber mit einem brummigen Ach, machen Sie doch keinen Ansinn!" abge fertigt wurde. Herr Maschinist Garlich ist also hiermit zum Metzvorstand gewählt," erklärte darauf der Oberbootsmann. Herr Garlich, nehmen Sie an?" Hierauf erhob sich Herr Garlich und bedankte sich in einer kleinen Rede für das ihm geschenkte Vertrauen, dessen er sich voll und ganz würdig zu erweisen hoffe. Zn kurzen Zügen entwarf er den Metzmitgliedern die Art und Weise, wie er die Messe führen würde, welche köstlichen Diners und wie oft er diese spendieren wollte uild wie trotzdem die Messeersparnisse eine uilgeahnte Höhe erreichen sollten. Die Deckossiziere beziehen ebenso wie die Offiziere an Bord sogenannte Verpslegungs- oder Tafelgelder, die im Auslande, den erhöhten Preisen dort entsprechend, höher gehalten sind als in den heimischen Gewässern; da die meisten Dcckoffiziere verheiratet und Familienväter sind, so liegt ihnen daran, dah diese Messegelder nicht voll verbraucht werden, sondern dah in bestimmten Abschnitten, vielleicht halbjährlich oder jährlich beziehungsweise am Schlutz der ganzen Reise, jedes Messe mitglied eine ordentliche Summe ersparter Taselgelder aus gezahlt erhält. Während der Maschinist seine Rede hielt und seine Pläne entwickelte, knurrte der Oberbootsmann vor sich hin: Ra, man nich so üppig," und der Steuermann sagte laut: Herr Garlich, bedenken Sie, bitte, daß wir keine Wachzulagen be kommen, wie die Herren aus dem Maschinenreich." Der Pumpenmeister aber, der in Kiel eine Frau mit sieben Kindern, von seinen Kameraden und Bekannten die Orgelpfeifen ge nannt, sitzen hatte, bat um das Wort und erklärte dann: Wenn42 I. Kapitel. Herr Maschinist Garlich uns zweimal in der Woche noch be sondere Sachen vorsetzen will, denn ist das meiner Ansicht nach ganz überflüssig. Wenn er uns Sonntags was Ordentliches zu essen gibt, bin ich ja ganz mit einverstanden, aber an den anderen Tagen genügt eine einfache, vernünftige Kost voll kommen, denn sonst ist es nachher mit den ganzen Erspar nissen Essig. Ich bin dafür, datz über diesen Punkt abgestimmt wird." Der Maschinist Garlich hatte während dieser Bemerkungen einen roten Kopf bekommen, sprang aus und rief: Herr Ober bootsmann, ich muß dringend bitten, mich gegen solche Ver dächtigungen in Schutz zu nehmen." Wieso?" fragte der Bootsmann trocken. Wenn der Herr Pumpenmeister erklärt, mit den Messe ersparnissen würde das Essig, nachdem ich eben auseinander gesetzt habe, wie ich die Messe zu führen gedenke, so muß ich das als ein ganz ungerechtfertigtes Mißtrauen bezeichnen, mit dem der Herr Pumpenmeister mich beehrt, und unter diesen Umständen lege ich mein Amt nieder!" ries Maschinist Garlich. Daraus erhob sich ein lebhafter Streit. Die beiden Ma schinisten und der Torpedomaschinist standen ganz auf Seite von Herrn Garlich, der mit dem Pumpenmeistcr in ein heftiges Wortgefecht geriet, während der Steuermann und die übrigen Deckoffiziere sich neutral verhielten. Schließlich wurde dem Oberbootsmann die Sache aber zu langweilig und er rief mit seiner tiefen Baßstimme in das Kampfgetümmel hinein: Ruhe!" Aber erst beim dritten Ruf ward s still. Herr Garlich, Sie sind als Mehvorstand gewühlt, haben angenommen und müssen mindestens drei Monate bleiben. Das ist mal allgemein so Sitte und steht außerdem in den Sta tuten." Zn welchen Statuten?" ries der Maschinist. Bitte, zeigen Sie mir die erst mal." Die werde ich Ihnen nachher schon zeigen, vorläufig sind sie noch ungeschrieben," erklärte der Oberbootsmann seelen ruhig. Steuermann, Sie haben ja wohl nachher einen Augen blick Zeit und können die Sache zu Papier bringen. Ich schlage vor, wir machen die Sache einfach so, daß der McßvorstandIndienststellung. 43 und der Getränkevorstand beide auf mindestens ein halbes Fahr gewählt werden, dainit nicht immerfort Streit darüber ist, und was sonst noch so in die Statuten hineinkommt, das ist, wie immer, das; keiner den anderen tätlich oder mit Worten beleidigen darf, daß das Spielen um Geld verboten ist, na und so, Sie wissen ja schon Bescheid. Hat irgendeiner von Ihnen etwas einzuwenden? Also nicht! Na, Steuermann, denn inan los nachher." Ja, aber wer übernimmt denn nun die Getränke?" fragte der Maschinist Garlich. Wenn ich mir einen Vorschlag er lauben dürste, möchte ich hier Herrn Maschinist Heimreich vorschlagen." Das fand aber allgemeine Ablehnung, denn zwei Ma- fchinisten als Messevorstände, das ging nicht an. Ganz wollten die übrigen doch nicht unter der Fuchtel der Ölprinzen stehen, dann hatte ja überhaupt niemand mehr etwas zu sagen. And so wurde nach kurzem, aber energischem Meinungsaustausch der Feuerwerker Ehrenreich als Getränkevorstand gewählt, der nun wohl oder Übel annehmen mutzte, woraus der Pumpen meister den Vorschlag machte, er sollte den Antritt seines Amtes dadurch feiern, daß er eine Runde Freibier ausgäbe, was natürlich der Feuerwerker schnöde ablehnte. Nachdem somit die Wahl der Vorstände in der Deckoffizier messe ihre Erledigung gefunden hatte, geriet die Unterhaltung wieder in ruhigeres Fahrwasser, aber bald verzog sich einer nach dem anderen in seine Kammer, denn die meisten hatten neben dem täglichen Dienst auch noch eine ganze Menge Schrei berarbeiten zu erledigen, und die Zeit dafür war knapp. Ebenso wie in der Deckoffiziermesse hatte auch in der Ossi ziermesse bei Tisch die Wahl eines Messe- und eines Getränke vorstandes stattgesunden. Für den elfteren Posten hatte der erste Offizier den Navigationsoffizier in Vorschlag gebracht, der in Gemeinschaft mit dem Zahlmeister die Verpflegung der Messemitglieder durch den Steward regeln sollte. Kapitänleutnant Röder protestierte zwar gegen seine Wahl, aber das nützte ihm nichts, er wurde einstimmig gewählt und erklärte sich dann schließlich auch zur Annahme bereit. Das Hauptgeschäft überlasse ich natürlich Ihnen, Herr Zahlmeister," rief er jenem über den Tisch zu, und werde44 1. Kapitel. mich höchstens an einer Beratung beteiligen, wenn wir irgend ein längeres Diner vom Stapel lassen müssen." Za, ja, das werden wir schon machen, Herr Kapitänleut nant," erwiderte der Zahlmeister. Aber, Herr Kapitän, wir können wohl hier gleich sestsetzen, welche Tage als Dinertage in der Messe gelten sollen." Nein, Herr Zahlmeister, das wollen wir für heute nur noch lassen. Vorläufig laden wir ja doch niemand ein," erwiderte Kapitän Reichard. Meine Herren, als Getränkevorstand bringe ich den Herrn Stabsarzt in Vorschlag, der ist, wie ich weitz, eine große Kraft und wird die Geschichte vorzüglich machen. Zst jemand dagegen?" Nein, sie waren alle dafür, und der Stabsarzt übernahm dann den Posten als Wein- und Getränkevorstand. Hat irgendeiner der Herren besondere Wünsche in bezug auf die Mitnahme von Wein, so zum Beispiel statt Matthäus Müller oder Burgeff grün Heidsiek oder Veuve Cliquot, viel leicht auch aus Rüdesheimer Berg, Hochheiiner Kabinett oder solche Sachen, dann bitte ich, mir das anzuvertrauen," sagte der Stabsarzt. Sonst wäre ich dafür, daß wir im allgemeinen nur leichten Mosel und leichten Rotwein anschaffen und nur für ganz besondere Gelegenheiten, Diners, Geburtstage und so weiter einige bessere Nummern. Über das Quantum kann ich wohl nach eigenem Ermessen frei bestimmen?" Za, nur nicht zu hoch," entgegnete der erste Offizier, denn so wie früher, wo ein Schiss von zwölf Messemitgliedern auf zwei Jahre für fünfundzwanzig- bis dreißigtausend Mark Wein mitnahm oder noch mehr, ist es doch heute bei uns nicht mehr! Na, meine Herren, drittens also noch die Zeitungen. Welche Zeitungen sollen angeschafft werden?" Hier ergab sich fast eine so große Meinungsverschiedenheit, als Herren in der Messe waren, aber schließlich einigte man sich aus die Tägliche Rundschau", die Norddeutsche Allge meine Zeitung", die Kieler Neuesten Nachrichten" und außer dem noch ein illustriertes humoristisches Wochenblatt. Also, Leutnant Griebnih, Sie besorgen die Zeitungen und Abonnements und sind auch nunmehr verpflichtet, die Blätter in Ordnung zu halten," ries der Erste. Dabei möchte ich gleich aus eins aufmerksam machen. Zch bin nämlich dafür,Indienststellung. 45 daß die alten Zeitungen nicht ohne weiteres fortgeworfen, sondern ausgehoben werden, denn oft genug kommt es vor, datz irgend jeinand noch mal etwas Nachsehen möchte, und dann ist großer Ärger, wenn die Zeitungen weg sind. Über die Messe statuten, die wir dem Kommandanten einreichen müssen, werde ich Ahnen heute abend nach Tisch Bescheid sagen, und da wir doch gerade mal dabei sind, so will ich hier gleich vorausschicken, datz Dienstgespräche während der Mahlzeiten nicht geführt werden dürfen. Dies ist zwar auch eine dienstliche Bemer kung," setzte er lachend hinzu, aber in Zukunft werde ich es auch vermeiden, bei Tisch solche Sachen zu berühren. Ge segnete Mahlzeit!" Damit hob der erste Offizier die Tafel auf. Steward, Licht!" Die Stewardsmaate brachten Licht, und wer rauchen wollte, konnte sich jetzt eine Zigarre oder Zigarette anstecken. Einen Moment noch satz der erste Offizier an der Tafel, dann klingelte er, und als der als Läufer vor der Messe stehende Matrose herein kam und mit lauter Stimme rief: Läufer zur Stelle," befahl der Erste: Sagen Sie dem Stabswachtmeister, er soll mir die sämtlichen Führungsbücher der Mannschaften in meine Kammer bringen!" Zu Befehl!" antwortete der Läufer und wollte die Messe verlassen, da rief der Artillerieoffizier: Gestatten Herr Ka pitän! Läufer, und nachher sagen Sie dem Feuerwerker, er soll mir die Schießbücher in meine Kammer bringen." Zu Befehl!" antwortete der Mann von neuem und ver ließ die Messe. Ahm folgten der erste Offizier und der Ar tillerieoffizier, und beide saßen gleich darauf in ihren Kammern, eifrig mit der Durchsicht der Bücher beschäftigt. Der erste Offizier hatte sich außer dem Stabswachtmeister noch den Rollenossizier kommen lassen, und alle drei machten sich daran, nach den aus den Führungsbüchern ersichtlichen Eigenschaften der einzelnen Leute diesen in den verschiedenen Rollen eine dementsprechende Stellung anzuweisen. Die Anfertigung einer guten Rolle, bei der jeder Mann auf dem richtigen Posten steht, ist eine schwere Arbeit und kann nicht ohne weiteres und mit einem Male erledigt werden, sondern es bedarf vielfacher ümkommandierungen,46 1. Kapitel. von denen jede einzelne dann eine Umschrift im Rollenbuch erfordert. Mit Ausnahme einiger der jüngeren Offiziere hatten sämt liche Mitglieder der Offiziermesse den Raum verlassen und sich ebenfalls ihren dienstlichen Beschäftigungen wieder zugewendet, obwohl jetzt eigentlich Freizeit war. Die beschleunigte In dienststellung erforderte jedoch Anspannung aller Kräfte und Ausnutzung auch der kleinsten Spanne Zeit. Zn der Kajüte saß inzwischen der Kommandant, Kapitän Eisenhart, nach hastig eingenommenem Frühstück an seinem Arbeitstisch und studierte eifrig die dort ausgebreiteten Schiffs- zeichimngen und Pläne, wobei er zugleich die Schiffsbeschrei bung durchlas und mit deren Text die einzelnen Zeichnungen verglich. Für den Kommandanten ist es natürlich ebenso wichtig, daß er das ihin unterstellte Schiff bis in seine untersten Räume hinein genau kennt, wie für den ersten Offizier, da er bei allen Vorkommnissen die oberste Verantwortung trägt. Rach einer Weile klingelte er, und der Posten vor der Ka jüte trat ein. Sehen Sie nach, ob der erste Offizier noch beim Frühstück ist. Wenn nicht, dann lasse ich ihn zu inir bitten." Anstatt die Kajüte zu verlassen rmd den Befehl auszu führen, blieb der Mann indessen ruhig stehen und sah den Kommandanten an. Ra, haben Sie nicht verstanden? Weshalb gehen Sie nicht?" fragte Kapitän Eisenhart. Ei nei, Hab nicht verstanden," antwortete der Matrose, an dessen Dialekt der Kommandant sofort merkte, daß der Mann aus den östlichen Provinzen war, und die Leute kannte er. Also passen Sie auf," sagte er. Sie sollen hinunter gehen in die Ofsiziersmesse und Nachsehen, ob der erste Offizier noch beim Essen ist. Haben Sie das verstanden?" Ei ja doch, soll Nachsehen, ob erster Offizier noch eßt." Richtig! And wenn er fertig ist mit Essen, verstehen Sie, dann sagen Sie ihm, er möchte zu mir kommen. Haben Sie es nun begriffen?" Su Befehl!" antwortete der Matrose, machte kehrt und trabte ab.Indienststellung. 47 Nach einigen Minuten erschien er indes wieder und meldete mit vergnügtem Grinsen: Erster Offizier war nicht mehr in Messe, war schon in Kammer gegangen." Na, und haben Sie ihm gesagt, daß er Herkommen sollte?" Nei, Hab nich gesagt, war doch nich mehr der Messe," erwiderte der Mann. Sagen Sie mal, wie heißen Sie, Sie heißen doch sicher Abrameit, oder Kalweit oder Grigoleitis?" fragte der Kom- maitdant. Ei, jawohl, heiße Abrameit," erhielt er zur Antwort. Na, Abrameit, dann gehen Sie also jetzt noch mal zum ersten Offizier in seine Kammer und sagen Sie, er möchte gleich mal zu mir kommen," befahl Kapitän Eisenhart, wor auf Abrameit verständnisinnig mit dem Kopf nickte und ab schwamm. Gleich daraus trat der erste Offizier ein. Ah, Reichard, ich bin hier eben beim Studieren der Schisfspläne und Zeichnungen und der Schiffsbeschreibung," fing der Kommandant an. Da scheint mir hier entweder in der Beschreibung oder in den Zeichnungen ein Fehler zu sein. Hier lausen die Nummern in der Beschreibung scheinbar von vorn nach achtern und aus den Zeichnungen umgekehrt." Der erste Offizier nahm das Heft zur Hand, las den be treffenden Passus durch und sagte dann: Neiil, Herr Kapitän, das ist richtig so. Mich hat allerdings zuerst auch irre gemacht. Merkwürdigerweise zählen nämlich die Schotten von vorn nach achtern und die Räume von achtern nach vorn, so daß man sich im Kops die Geschichte umarbeiten muß, wenn man zum Beispiel bei der Leckstopfrolle bestimmen will, in welchem Raum und zwischen welchen Schotten gearbeitet werden soll. Dann muß man die Zahlen immer gerade von der entgegen gesetzten Seite nehmen; wozu diese merkwürdige Einrichtung getroffen ist, weiß ich nicht, und für sehr praktisch halte ich sie auch nicht." Nein, ganz gewiß nicht," stimmte der Koinmandant ihm bei. Das ist ja eine höchst sonderbare Einrichtung. Wenn der Schiffbauingenieur an Bord kommt, schicken Sie ihn mal zu mir. Ja, und dann noch eins haben Sie schon eine be stimmte Sichcrheitswache für fest abgeteilt?"43 1. Kapitel. Jawohl, Herr Kapitän," entgegnete der erste Offizier das heißt, nur insofern, als die Posten nummernweise be zeichnet sind, aber ich lasse sie nicht als eigentliche Sicherheits wache antreten, sondern die einzelnen Nummern, die frei sind, Mitarbeiten, weil mir sonst zu viel Leute an der Arbeit fehlen." Schön, dagegen habe ich auch nichts und verzichte selbst verständlich auf die Honneurs der Sicherheitswachen," er widerte Kapitän Eisenhart. Nur möchte ich Sie bitten, bei Auswahl der Posten vor der Kajüte von vornherein etwas acht darauf zu geben, daß ich keine Leute aus den östlichen Provinzen hier vor der Tür stehen habe. Es sind zwar meistens gute Menschen rlnd ich habe gar nichts gegen sie, nur dauert es oft furchtbar lange, ehe sie einen Befehl oder Auftrag ver standen haben, und sie machen zu oft Dummheiten." Sehr wohl, Herr Kapitän, ich werde daran denken," ver setzte der erste Offizier, das war nur jetzt bei dem Trubel und weil ich selbst die Leute noch nicht ordentlich kannte, dah ein solcher Mann hierher kommandiert wurde. Fd) werde ihn aber sofort ablösen lassen." Schon war der erste Offizier im Begriff, die Kajüte zu ver lassen, da drehte er sich noch einmal um und fragte: Haben Herr Kapitän sich schon für einen Offizier entschieden, der die Mannschaftskantine führen soll? Ich möchte sonst den Ober leutnant zur See Bertram vorschlagen. Es ist ein sehr ruhiger und tüchtiger Offizier, der diesen Dienst, glaube ich, sehr gut versehen würde. Ich habe ihn bereits gefragt und er will die Sache and) ganz gerne machen. Jeder andere würde das na- türlich auch tun, wenn Herr Kapitän einen anderen bestimmen, aber ich glaube Bertram würde sogar Spatz machen, denn er interessiert sid) außerordentlich für das Wohlergehen seiner Leute und besonders für ihre Geldwirtschaft. Ich kenne ihn von früher her in dieser Beziehung." Schön, also soll Bertram die Sad)e übernehmen," ver setzte der Kommandant. Mit dein Verwalter und den Botellier zusammen kann er dann die ganze Kantinenwirtschaft nebst Getränken verwalten übrigens, was wollen Sie für Ge tränke verabfolgen." Aus der Kantine für Mannschaften nur Selterwasser undAnstatt die Kajüte zu verlassen und den Befehl auszuführen, blieb der Mann ruhig stehen. (Seite 4(i.)0V rsc^ , ( STAATS- \ ^BIBLIOTHEK Indienststellung. 49 Limonade," entgegnete der erste Offizier. Wir haben ja einen eigenen Fabrikationsraum an Bord und können die Sachen sehr billig Herstellen. Für die Unteroffiziere, dachte ich, sollte auch Bier in Flaschen oder vom Faß, ganz wie Herr Kapitän das wünscheil, verzapft werden, aber nur abends nach Beendigung des Dienstes. Spirituosen dagegen über haupt nicht." Schön, damit bin ich einverstairden," bemerkte der Kapitän, und der erste Offizier ging wieder in seine Kammer hinunter, um die unterbrochene Arbeit an seinen Rollen fortzusehen. Eine Viertelstunde lang hatte er sich noch damit beschäftigen fönnen, da kam ein Signalgast und meldete: Zeit zum Dienst!" Ast gut, ich komme," erwiderte der Erste, und fünf Minuten später stand die Besatzung der Borck" wieder auf dem Boll werk angetreten. Oberbootsmann!" rief der erste Offizier. Herr Kapitän!" antwortete Oberbootsmann Brandow und kam heran. Wir wollen also Arbeitsverteilung wie am Vormittag ,nachen, oder hat irgendeiner der Herren etwas Besonderes?" Jawohl, Herr Kapitän," meldete sich der erste Artillerie offizier. Ich bitte um einige Leute zum Nachsehen und Reinigen der Geschütze." Wieviel brauchen Sie dazu?" fragte der Erste. Wenn ich zwei Unteroffiziere und zwanzig Mann be kommen kann, dann kann der Rohrmeister mit ihnen der Reihe nach alles Nachsehen," antwortete der Artillerieoffizier. Außer dem bittet der Feuerwerker um fünf Mann nach dem Artillerie depot, wo noch verschiedene Sachen abzuholen sind." Also zwei Unteroffiziere, fünfundzwanzig Mann für den Artillerieoffizier, Bootsmann," sagte der Erste, wer noch?" Ich bitte um vier Mann nach dem Kartendepot," sagte der Navigationsoffizier. Dann muß auch der Steuermann noch Leute haben, um die Signalkammer in Ordnung zu bringen und die Laternen zu putzen." Schön," entgegnete der erste Offizier und rief: Das Steuermanns- und Signalpersonal aus dem Aufbaudeck an- treten! Marsch! Marsch!" Während die Leute an ihm vorbei über die Laufplanken Bcrnstorfs, An Bord des Panzerkreuzers Vorck". 450 1. Kapitel. an Bord rannten, kam der Torpedooffizier heran und bat ebenfalls um fein Personal für die Arbeit in den Torpedo räumen. Torpedopersonal in die unteren Räume!" befahl der erste Offizier, und die an der roten Mützenbiese als zur Torpedo abteilung gehörig erkennbaren Mannschaften verschwanden mit Windeseile im Schiff, wobei einzelne die reinen Bock- sprünge aussührten, denn die Leute freuten sich, datz sie aus dem noch iminer strömenden Regen, den der kalte Wind strichweise über das Schiff und die Werft hinjagte, in die trockenen, warmen Räume kainen. Herr Kapitän, ich bitte um zwanzig Mann zum Proviant tragen. Um drei Uhr kommen die Proviantwagen," meldete sich der Bottelier. Was, heute? Das ist auch so geeignet wie möglich bei dem Wetter," ries der Erste. Was bekommen Sie denn?" Butter, Mehl, Bohnen, Erbsen, Jucker, ein Essigfaß uild noch verschiedenes andere. Ach habe die Liste hier," antwortete der Bottelier und holte mit einiger Umständlichkeit das be treffende Papier vorn aus dem Halsausschnitt seines blauen Hemdes heraus, wohin er es Ermanglung einer Tasche gesteckt hatte. Ra, lassen Sie nur," wehrte aber der erste Offizier ab. Wenn die Sachen für heute bestellt sind, müssen sie natürlich übergenommen werden. Also, Bootsmann, zwanzig Mann für den Bottelier. Aber suchen Sie recht große, starke Leute aus, denn Proviant ist schwer." Mit seinem ernsten, fast finsteren Gesicht, das so aussah,, als ob es überhaupt niemals lachen könne, ging der Ober bootsmann an der langen Reihe der Mannschaften entlang und holte, ohne ein Wort dabei zu sprechen, sich bald diesen, bald jenen am Kragen aus dem ersten oder zweiten Glieds heraus. Ein leichter Druck der gewaltigen Faust auf die linke Schulter belehrte den Betreffenden, daß er sich nach dem rechten Flügel hin verfügen sollte, und ausnahmslos wurde dieser stumme Befehl verstanden. Als die zwanzig Mann vollzählig waren, zog der Bottelier mit ihnen ab.Indienststellung. 51 Rechts anschließen," grollte die Stimme des Oberboots- manns, und das nun schon ziemlich stark zusammengeschmolzene Häuflein verdichtete sich wieder. Dann kam der Pumpenmeister und bat um einige Leute; der Stabswachtmeister wollte zehn Mann haben zum Reinigen des Zwischendecks und für andere Arbeiten, und zuletzt blieben noch fünfundzwanzig Mann übrig, die der Bootsmann für sich in Anspruch nahm. Ach muß noch die Trossen an Bord holen," bemerkte er dabei. Dazu hätte ich eigentlich auch starke Leute gebrauchen können, aber die hat alle der Bottelier genommen." Ra, Bootsmann, lassen Sie es nur gut sein, Sie werden ja auch mit diesen schon fertig werden," beruhigte ihn der erste Offizier. Jawohl, Herr Kapitän, wenir es nicht anders ist," ent- gegnete der Bootsmann und zog mit seiner Schar ab. Sie waren etwa dreißig Schritt weit gekommen, da rief der erste Offizier ihnen nach: Halt, halt, das hätte ich ja bald vergessen. Bootsmann! Bootsmann!" Herr Kapitän!" klang es zurück, aber der Oberbootsmann fühlte sich durchaus nicht verpflichtet, die dreißig Schritt auch noch wieder zurückzumachen. Was der Erste wollte, konnte er ihm ja zurufen. Das tat er allerdings nicht aus Disziplinlosigkeit oder einem sonst unmilitärischen Grunde, sondern lediglich deswegen, weil er jede überflüssige Bewegung im Gehen verachtete. Bootsmann, ich brauche ja noch einen Unteroffizier und sechs Mann, um die requirierten Boote von der Werft zu holen," rief Kapitän Reichard. Schicken Sie mir die mal zurück." Jawohl, Herr Kapitän," antwortete der Bootsmann und schickte die sechs kleinsten Leute, die er in seiner Truppe hatte. Seht ihr man hin, ür Riemen werdet ihr wohl noch hantieren können," brummte er dazu, ohne erst lange nach- zusragen, ob jemand von den sechsen überhaupt schon mal einen Riemen in der Hand gehabt hätte. Der Unteroffizier meldete sich bei seinem Vorgesetzten und erhielt dann den Auftrag, mit seinen sechs Leuten sich aus die Werst zu begeben.52 I. Kapitel. Sie gehen also nach dem Reservebootsmagazin oder da irgendwo rum, genau weiß ich auch nicht, wo es ist," erklärte ihnen der erste Offizier. Jedenfalls fragen Sie, wo Sie die beiden vonr Kommando requirierten Boote empfangen können. Eine Dampfpinasse und ein Ruderboot. Die bringen Sie dann hier längsseit, aber möglichst beschleunigt, damit die Dampfpinasse in Betrieb gesetzt werden kann." Zu Befehl!" antwortete der Unteroffizier. Wie heißen Sie doch noch?" fragte der erste Offizier. Bootsinaat Gründling, Herr Kapitän," antwortete jener und befahl, als der erste Offizier darauf nur mit dem Kopf nickte, seinen sechs Soldaten: Rechts um!" Dann verschwand er hinter dem nächsten Schuppen. Der erste Offizier aber trat wieder seinen Rundgang durch das ganze Schiff an, um zu sehen, ob alles in Betrieb war. Als er nach einer Stunde wieder austauchte, kam gerade der Proviantwagen längsseit. Läufer," ries der erste Offizier zuin Schiff hinüber, fix runter zum Bottelier, er soll mit seinen Leuten heraufkommen, der Proviant wäre da." Es dauerte dann auch nicht lange, da kan: der Unteroffizier herauf und nun wurde Sack um Sack mit möglichster Schnellig keit vom Wagen ins Schiff hineingetragen und der Proviant zunächst in dem großen geschützten Raum vor der Offiziers messe ausgestapelt. Ach, da liegen ja auch noch die verdammten Kleidersäcke," beinerkte der erste Offizier. Hier, Sie, gehen Sie mal hin, ich lasse den Herrn Zahlmeister bitten, zu mir zu kommen!" Sagen Sie, Herr Zahlmeister, ist schon ein Wagen requi riert, um die Kleidersäcke zur Division zurückzuschicken, oder wohin gehen die?" fragte er, als jener erschienen war. Rein, Herr Kapitän," antwortete der Zahlmeister, ich dachte, wenn es morgen gutes Wetter wäre, oder übermorgen, dann könnten die Sachen vom Bekleidungsamt abgeholt werden und einer von den Wagen sollte dann die Kleidersäcke wegbringen." Ree, hören Sie mal, daraus lasse ich mich nicht ein," versetzte der Erste. Und wenn es morgen kein gutes Wetter ist und übermorgen auch nicht, dann werden die Sachen ausIndienststellung. 53 dem Bekleidungsamt nicht abgeholt und es kommt kein Wagen, aber dafür liegen mir die Kleidersäcke hier im Schiff rum und verstänkern das Lokal. Die muffen raus. Also requirieren Sie nur für morgen früh ein Gefährt mit ein paar Pferden, daß die Dinger von Bord kommen." Mit einem Wagen reichen wir aber vielleicht gar nicht," meinte der Zahlmeister. Dann nehmen wir zwei," versetzte der erste Offizier. Zu Befehl, Herr Kapitän," antwortete der Zahlmeister und ging eilig wieder in sein Bureau, wo ein Zahlmeistcr- applikant und zwei Schreiber über die Tische gebückt saßen und fleißig kritzelten. Herr Kapitän, wann soll die Kesselbesichtiguirg statt finden?" fragte da der Stabsingenieur den ersten Offizier. Za, He^r Stabsingenieur, das kann ich Ahnen augen blicklich noch nicht sagen. Vielleicht morgen früh. Es muß ja wohl ein Offizier dabei sein, nicht wahr?" Zawohl, Herr Kapitän, der Navigationsoffizier," ant wortete der Stabsingenieur. Mir wäre es am liebsten, wenn die Untersuchung morgen vormittag gemacht werden könnte, denn wenn sich bei der Druckprobe noch irgendwas heraus stellt, kann uns die Werft das mit ihren Arbeitern leichter und schneller machen, als wenn ich es mit meinem Maschinenpersonal machen muß." Ja, gewiß," erwiderte Kapitän Neichard, aber soviel ich weiß, will Kapitänleutnant Röder morgen früh zum Observatorium, um die Chronometer zu holen. Wenigstens äußerte er vorhin so etwas, weil der Kommandant wünscht, daß die Uhren möglichst bald an Bord geschafft werden, damit sie hier beobachtet werden können." Ach, sehr lange wird ihn die Sache ja nicht in Anspruch nehmen," meinte der Ingenieur, in eineinhalb oder zwei Stunden längstens kann die Sache fertig sein und dann wäre wohl doch noch Zeit genug " Ja, ja," versetzte der Erste. Erinnern Sie mich, bitte, nachher noch einmal daran. Ach werde mit dem Navigations offizier nochmals sprechen." Zu Befehl, Herr Kapitän," antwortete der Stabsingenieur. Ich werde dann alles vorbereiten lassen," und er ging hinunter54 1. Kapitel. in sein zu tief unterst gelegenes Reich, wo in den verschiedenen Maschinen- und Heizräumen das Personal beschäftigt war mit Putzen und anderen Arbeiten. Aus dem Steuerbordmaschinenraum klang ihm ein schwir rendes Sausen entgegen. Hier war die Turbodynamomaschine für Erzeugung des elektrischen Lichts in vollem Betrieb. Mit leisem Knistern sprangen von den Kupferbürsten bläuliche Funken über, gegen den mit viertausend Umdrehungen in der Minute umfliegenden Eisenkern. Hier unten im Schiff herrschte verhältnismäßig Ruhe und Frieden und nur hin und wieder erscholl mal ein halblauter Befehl oder ein Zuruf, wo sich die Leute auf den eisernen Plattformen und Gängen zwischen den spiegelblanken, im Schein der elektrischen Lampen glänzenden und blitzenden Stahl- und Messingteilen der Maschine hin und her bewegten. Eine warme, von leichtein Ölgeruch geschwängerte Luft erfüllte den ganzen Raum und alles, selbst die Geländer und Stufen der eisernen Treppen, sowie die Flurplatten der Plattformen sahen leicht angeölt aus. Gegen den Aufenthalt oben an Deck und auf der Kom mandobrücke war es hier unten jedenfalls geradezu gemütlich, während es oben einfach abscheulich war. Das fand auch der Leutnant zur See Baumbach, der mit hochgeschlagenem Paletotkragen auf der Kommandobrücke hin und her ging und den Regen verwünschte, den ihm der Wind ins Gesicht trieb. Am stillen beneidete er den Signalgast, der sich unter dem Vorgeben, putzen zu müssen, in den vorderen Kommando stand verzogen hatte. Dahinter lag zwar das geräumige und schön trockene Kartenhaus, aber der junge Herr wußte ganz genau, daß ihm der Aufenthalt da drinnen nur ganz vorübergehend gestattet war, weil sein Dienst und die Aufsicht, die er führen sollte, seine Anwesenheit an Deck notwendig machte. Eine Zeitlang hatte er dem Abtragen des Proviants ins Schiff hinein seine Aufmerksamkeit gewidmet und dabei die riesige Kraft des einen Matrosen bewundert, der sich ohne Beihilfe einen mit Erbsen oder sonst was gefüllten Sack auf die Schulter legte und ihn mit strammem Schritt über die Laufplanke an Bord trug. Da ertönte von der anderen Seite,Indienststellung. 55 von der Wasserseite des Bassins her, ein lauter, ausfallender Lärm und veranlaßt : den jungen Offizier, mit beschleunigtem Schritt die andere Stock der Kommandobrücke aufzusuchen. Er entdeckte denn auch gleich die Urheber des ungewohnten Lärms, der sich als kräftiges, schon mehr als deutliches Ge schimpfe erwies und aus einem Ruderboot herkam. Mit einigem Erstaunen blickte der junge Offizier hin und sah ein mit fünf Mann besetztes Ruderboot, in den: vier Mann an den Riemen saßen, während der fünfte steuerte. Im Schlepp folgte ein mit zwei Mann besetztes Dampfboot, iit dem einer der beiden Leute sich vorn befand, der andere hinten am Steuer, und dieser letztere erregte unzweifelhaft den Jörn des im Ruderboot Steuernden, denn mit rückwärts gewendetem Kopf rief er jenem seine nichts weniger als schmeichelhaften Ausdrücke hinüber. Dazwischen wendete er sich dann allerdings auch zu den vier Leuten an den Riemen und ermunterte diese ebenfalls m äußerst drastischer Weise durch allerlei nicht gerade sanfte Ausdrücke. Was ist denn das für eine Gesellschaft," sagte Leutnant Baumbach vor sich hin, nahm ein Doppelglas und sah nach den Booten hinüber. Nanu, das sind ja welche von unseren Leuten, wo kommen denn die her?" Er setzte das Glas ab und sah sich das Schauspiel auf dem Wasser da noch weiter an. Hinten in der Jolle stand der Bootsmaat Gründling und versuchte diese nach der Ljorck" hinzudirigieren, während die vier Leute die Riemen handhabten. Ein seemännisches Geinüt konnte allerdings über die Art und Weise, wie sie das taten, in Entsetzen geraten. Gründling hatte nämlich in seinen sechs sogenannten Matrosen sechs Binnenländer erwischt, die in ihrem ganzen Leben noch keinen Riemen in der Hand gehabt hatten, geschweige in einem Boot gesessen. So pätschel- ten denn die vier Gesellen mit den langen hölzernen Dingern kreuz und quer durcheinander im Wasser herum, schlugen sich gegenseitig auf die Riemenblätter und drei von letzteren waren bereits bei diesem Ruderversuch von der Ducht herunter ins Boot gefallen. Abwechselnd rechts und links, aber niemals zu gleicher56 I. Kapitel, Zeit brachten die vier Unglücksmenschen ihre Riemenblätter ins Wasser und infolgedessen fuhr das Boot natürlich bald nach Steuerbord, bald nach Backbord, und kein Ruderlegen half dagegen. Am das Anglück vollständig zu machen, konnten natürlich die beiden Leute in der Dampfpinasse auch nicht steuern, so daß diese ebenfalls hin und her fuhrwerkte und mit ihrem größeren Gewicht das Heck der Jolle fort während nach der einen oder der anderen Seite herum zog, je wie es kam. Gründling schimpfte und tobte wie ein Wilder an seinem Steuer und hatte sich ganz heiser geschrieen in dem Bemühen, den Leuten klar zu machen, wie sie das Ruder legen müßten, aber es war alles umsonst. Es war, was man so zu sagen pflegt, eine christliche Seefahrt, die sie da vollführten, und nur ein Glück, daß der Wind voin Hafen her in das Bassin hineinwehte und nicht hinaus, sonst wären sie rettungslos vertrieben. So strandeten sie endlich längsseit der Porck", wobei der eine Mann noch den Riemen zwischen Boot und Schiff brachte, so daß er zersplitterte. Der Anteroffizier da in der Jolle, können Sie nicht besser aufpassen? Lassen Sie doch das Boot absehen," rief Leutnant Baumbach von der Kommandobrücke hinunter. Hören Sie nicht? Absehen das Boot! Absehen, Mann! Lassen Sie doch den Mann einen Bootshaken nehmen! Himmel noch mal!" Es ist kein Bootshaken im Boot," rief der Bootsmaat Gründling nach oben Mensch, halten Sie doch bloß das Boot längsseit fest. Fassen Sie doch da an den Bolzen an, und zwei Mann das Boot mit den Händen absetzen! Hört Ihr nicht? Absehen sollt Ihr das Boot! Herr Leutnant, kann mir nicht eine Fangleine zugeworfen werden?" Die letzteren Worte waren wieder an den wachhabenden Offizier gerichtet. Ja, einen Augenblick," entgegnete dieser und schrie: Signalgast! Signalgast! laufen Sie mal runter auf die Back und sehen Sie zu, ob da eine Fangleine ist." Der Signalgast stürzte nach unten, fand aber keine Leine, denn über den hunderterlei Sachen, die ihm durch den Kopf gingen und für die er aufpassen mußte, hatte der erste Offizier vergessen, dem Bootsmann das Ausgeben und Klarmachen einer Fangleine aus der Taulast zu befehlen.Indienststellung. 57 Fetzt dauerte es natürlich eine Weile, bis die Leinen zum Festmahlen der Boote heraufgeholt und alles in Ordnung gebracht werden konnte. Ein Mann bleibt in der Zolle und ein Mann in der Pinasse, die anderen vier raus und an Deck," befahl Leutnant Baumbach und schickte dann den Bootsmannsmaaten Gründling zum ersten Offizier, mri ihm melden zu lassen, daß die Boote da wären. Gut," erwiderte der erste Offizier auf die Meldung, dann können Sie für heilte gleich mit den vier Leuten als Bootsbesatzung von der Folle bleiben. Für die Pinasse habe ich schoit eine besondere Besatzung kommandiert." Herr Kapitän, das geht nicht," stöhnte der Unteroffizier. Weshalb nicht?" Weil die vier Leute in ihrem ganzen Leben noch nicht im Boot gewesen sind. Mit den Riemen gehen sie um, als weniüs Mistgabeln wären, so fuhrwerken sie damit in der Luft herum. Wenn die irgendwas ausführen sollen im Boot, dann fallen sie alle vier über Bord." Aber Sie sind doch ganz gut mit ihnen hergekommen," meinte der Erste. Ganz gut," dachte Gründling bei sich, das hätten Sie man mit anfehen sollen." Laut aber sagte er: Herr Kapitän, es geht wirklich nicht, die Leute sind zu ungeschickt. Wenn ich statt dessen zwei Fischer bekomme, die pullen (rudern) können, dann wäre das viel besser." Ra, meinetwegen," entschied darauf der erste Offizier. Über die zerbrochenen Riemen lassen Sie sofort ein Protokoll aufnehmen und vom Zimmermeister lassen Sie sich zwei Bootshaken geben. Sind in der Pinasse welche?" Das weiß ich nicht, Herr Kapitän." Ra, es ist gut. Das werde ich schon machen." Kann ich einen Zettel bekommen?" fragte der Unter offizier. Ohne einen vom ersten Offizier unterschriebenen Ausgabe- zcttel darf nämlich nichts verabfolgt werden, was bereits in die Schiffsbestände übergegangen ist. Lassen Sie sich vom Meister eine Requisition ausschreiben und dann bringen Sie sie mir zur Unterschrift!" befahl der53 1. Kapitel. erste Offizier. Läufer, sagen Sie dem wachhabenden Ingenieur, die Dampfpinasse wäre da, das abgeteilte Personal sollte hineingeschickt werden, um die Maschine nachzusehen." Als am Nachmittag kurz vor Dunkelwerden die letzten Stücke aus der Schiffskammer an Bord gebracht waren, hörte es auf mit Regnen, und der Himmel klärte sich auf, so daß der erste Offizier vor dem Abendessen der Leute den Befehl geben konnte: Alle Mann sich umziehen, zweite Garnitur blau, das nasse Zeug in den Trockenräumen aufhängen!" Ra, nu kriegt man doch mal wedder drög Tüg upp t Liew," meinte der Matrose Petersen, als er sein Kleider spind öffnete und andere Sachen herausholte. Hut Morgen wär ik allmeist dörch, aberst hüt Rachmitdag bün ik so natt worren, dat mi dat Water ümmer piperlings n Puckel dahl lang löp! Kiek mal, dat kannst du richtig utwringen," dabei hob er seine Arbeitsbluse und die Anterjacke, genannt Troyer, in die Höhe und drehte sie mit den Händen, daß ein kleiner Strom von Wasser herauslief. Er war aber nicht der einzige, dem es so ergangen war, sondern fast die gesainte Besatzung, wenigstens alle, die außen- bords beschäftigt waren, hatten von dem strömenden Regen ebenso viel abbekommen. Auch der erste Offizier war zum zweiten Male völlig durchnäßt worden und mußte sich von Kops bis zu Fuß umziehen, bevor er dem Kommandanten Meldung machen konnte, daß die Schiffskammer geräumt sei. Ich danke sehr," antwortete Kapitän Eisenhart. Was wollen Sie morgen nehmen?" Morgen vormittag will ich die Kleidersäcke von Bord geben und die Bekleidungsausrüstung, die vom Bekleidungsamt bestellt ist, an Bord nehmen. Außerdem muß noch etwas Dauerproviant an Bord genommen werden. Der Navigations offizier will die Chronometer und die Beobachtungsuhren holen, dann will der Stabsingenieur Kesseldruckprobe machen, der Torpedooffizier will aus dein Munitionsmagazin die Torpedomunition an Bord schaffen und aus der Schiffs materialienkammer muß noch Ol und Petroleum genommen werden. Ich weiß auch noch nicht ganz genau, ob das ganze Reinigungsmaterial schon an Bord ist. Ich habe vom Boots mann noch keine Meldung darüber."Indienststellung. 59 Ast die Schiffsbücherkiste schon an Bord?" fragte der Kommandant. Soviel ich weiß, nicht," entgegnete der erste Offizier. Ach werde mich aber danach erkundigen." Tun Sie das," versetzte der Kommandant. Der Adju tant soll morgen früh aus die Station und die Geheimbücher holen. Außerdem mutz ein Offizier mit dem Zahlmeister an Land, um Geld zu holen. Haben Sie schon ein Schiffs- befehlsbuch eingerichtet?" Jawohl, Herr Kapitän," entgegnete der erste Offizier, eins für den Herrn Kapitän und eins für mich. Lclltnant Fritfche sollte es Herrn Kapitän vorlegen." Na, ich werde mir den kommen lassen und hineinsetzen, datz die Kassenkommission gleichzeitig auch Proviantabnahme kommission ist. Das ist einfacher, als wenn ich da verschiedene Offiziere kommandiere. Wann denken Sie denn, datz wir so weit sind, um Kohlen auffüllen zu können?" Ich hoffe übermorgen," antwortete der erste Offizier. Ich dachte, wir könnten für übermorgen früh einen Schlepper bestellen, der uns nach dem Kohlendepot hintaut, und wir nehmen dann Kohlen. Aber besser ist es vielleicht auch, wir warten noch mit der Bestellung, denn ganz bestimmt kann ich es nicht sagen. Ich mutz den Leuten morgen oder spätestens übermorgen auch Zeit geben, ihre Handwaffen wieder mal gründlich zu reinigen, die haben sie jetzt nur so nebenbei immer ür bitzchen geputzt. Kapitänleutnant Hoffmann hat heute nachmittag mit zwanzig Mann die Geschütze nach gesehen, aber die müssen doch auch mal gründlich geputzt werden und dann möchte ich auch ein paar Stunden haben zum Einüben von Feuer- und Verschlußrolle. Ich denke morgen mit diesen beiden Rollen nach den Führungsbüchern so weit fertig zu werden, daß ich sie als ziemlich fest annehmen kann. Aber die Leute müssen erst dann darauf eingeübt werden und bei einem so komplizierten Schiff wie dem unsrigen ist dies doch nicht so leicht, und wenn da irgendwas passiert " Dann ist der Kuckuck los und uns beide macht man verantwortlich," bemerkte der Kommandant. Machen Sie das ganz, wie Sie wollen, Reichard, ich lasse Ihnen da voll kommen freie Hand! Ist die Dampspinasse da?"60 1. Kapitel. Zu Befehl, Herr Kapitän, sie ist schon in Betrieb. Wohin befehlen Herr Kapitän sie morgen früh um zehn Uhr?" An die Hansabrücke," erwiderte der Kommandant. Ach werde selbst mit meiner Frau mitsahren und wenn irgend eine der Damen sonst noch an Bord kommen will, kann sie selbstverständlich das Boot auch benutzen. Sie sind ja aller dings noch ledig, aber Röder und Hoffmann haben ja wohl Familie." Aawohl, Herr Kapitän," entgegnete der Erste. Ach werde es den Herren sagen, und ich glaube, sie werden es gern an nehmen; denn Hoffmann fragte gestern schon, wann seine Frau wohl mal an Bord kommen könnte, um seine Kammer einzurichten." Schölt, also morgen früh um zehn Uhr," erwiderte der Kommandant. Ach gehe jetzt gleich von Bord, lassen Sie sick- weiter nicht störeit, wenn Sie sonst noch irgendwas Vorhaben." Danke gehorsamst," sagte der erste Offizier. Aber ich will dcit Leuten heute abend Ruhe gönnen. Die meisten sind zwciinal fast durchnaß gewordeit und ich weiß schon gar nicht mehr, wo wir mit dem nassen Zeug hin sollen zum Trocknen. Haben Herr Kapitän soitst noch irgendwelche Befehle?" Rein, danke," antwortete der Kommandant und der erste Offizier ging in seine Kammer hinunter, um sich wieder auf die Rollen zu stürzen. Kurz vor acht Uhr ging er Roitde und gab nachher für den folgenden Tag den Dienst an. Es wird also vorläufig weiter nach Arbeitsdienstplan ge wirkt," sprach er. Bootsmann, wenn es morgen früh nicht regnen sollte, was ich hoffe, denn wollen wir aber doch zuerst mal das Schiff abspülen, denn so kann ich das nicht länger mit ansehen, wir haben heute zu viel Schmutz an Bord be kommen." Zu Befehl, Herr Kapitän," versetzte der Oberbootsmann, und da der Himmel anr nächsten Morgen ein Einsehen hatte, zwar ein grämliches Gesicht machte, aber doch seine Schleusen nicht öffnete, wurde die Dorck" einer raschen, aber gründlichen Säuberung unterzogen, wobei sich rings um das Schiff ein breiter Gürtel schwarzen, schlammigen Wassers bildete. Fm Laufe dieses und der nächsten Tage wurde alles, wasIndienststellung. 61 noch zur Ausrüstung bei der Indienststellung gehörte, an Bord genommen. Der Navigationsoffizier hatte seine Instrumente, Karten, Chronometer, Beobachtungsuhren, die Segelan weisungen uitd was sonst an Bord an nautischen Büchern gebraucht wird, an Bord gebracht. Öl- und Wassertanks waren aufgefüllt; von der Artillerie und dem Torpedowesen fehlte nur noch die scharfe Munition und die Torpedos selbst, die an der Boje übergenommen werden sollten; Proviant lag in reichlicher Menge in den Lasten. Die verschiedenen Messen hatten sich mit ihrer Ausrüstung so beeilt, daß sie vollkommen fertig waren. Von der Matrosendivision waren sogar die Instrumente und Musikalien an Bord gekommen, aus denen der einzige vorhandene Stabshoboist später eine Schiffs kapelle ausbilden sollte, und so ging die Porck" am sechsten Tage der Indienststellung an den Kohlenkai, füllte dort ihre Bunker auf und dampfte dann stolz in den Hafen an die Boje. Jeder Mann an Bord atmete auf, daß die Werftliegezeit vorüber war und das Schiff sich in einigermaßen geordneten Verhältnissen befand. Am Tage, bevor die Porck" die Werft verließ, war noch eine besondere Kommission an Bord gekommen, um die Kompensierung der Schiffskompasse vorzunehmen, woran sich natürlich der Navigationsoffizier mit seinem gesamten Personal und aus Wunsch des Kommandanten auch die jüngeren Offi ziere, soweit es angängig war, beteiligten. Durch die sogenannte Kompensierung, welche im An bringen von nichtmagnetischen Kugeln aus weichem Eisen, sowie verschiedenen Magneten in vertikaler und horizontaler Stellung und in verschiedenen Abständen von der Kompaß rose besteht, wird den magnetischen Einflüssen, die aus den: metallenen Schiffsrumpf mit seinen Eisen- und Stahlmassen störend auf den Kompaß einwirken, entgegengearbeitet und sie werden dadurch nach Möglichkeit aufgehoben, was man kompensieren nennt. Neben der Kompensation muß dann noch die sogenannte Deviation, das ist die Ablenkung des Kompasses durch den Erdmagnetismus, während einer Indiensthaltung so oft wie nur irgend angängig bestimmt werden, und dieser Dienst liegt dann dem Navigationsoffizier ob.62 ES ää ES SS 83 33 33 ES 1. Kapitel. ES ES ES ES ES ES ES ES ES ES ES ES Sobald die Porck" an der Boje festgemacht hatte, kamen die bestellten Munitionsprahme vom Artilleriedepot in Died- richsdorf längsseit, und das verschiedene Kanonenfutter ver schwand in den dafür bestimmten Schiffsräumen. Von Friedrichsort her kam vom Torpedodepot ein Dampfer und brachte die zur Kriegsausrüstung des Schiffes gehörigen Torpedos. So war das Schiff nunmehr so weit vorbereitet, daß man es als fertig in Dienst gestellt betrachten konnte. Statt der schmierigen Werftdampfpinasse rnrd der alten ausrangierten Jolle, in der Bootsmannsmaat Gründling so trübe Erfahrungen gemacht hatte, verfügte die Porck" jetzt über ihre eigenen schmuckenBoote, und die Frau des Komman danten hatte dem ersten Offizier gegenüber sich sehr anerkennend darüber ausgesprochen, wie tadellos die Dampfpinasse schon instand sei, als sie sich zum ersten Male dainit an Bord setzen ließ, um ihrem Manne auch noch bei der letzten Einrichtung der Kajüte zur Hand zu gehen. Für übermorgen früh neun Uhr soll die Kommission für die Probefahrt bestellt werden," sprach der Kommandant zu seinem Adjutanten. Es muß also an die beiden Betriebs dirigenten für Schiffbau und Maschinenbau, an den Marine- ingenieur der Werst und deir Stationsingenieur noch heute geschrieben werden, daß wir beabsichtigen, übermorgen die Probefahrt zu machen, mrd daß die Boote zum Abholen an der Reventlowbrücke um halb neun Uhr bereit liegen. Melden Sie das auch dem ersten Offizier und lassen Sie dem Stabs- ingenieur sagen, er möchte 311 mir kommen." Zu Befehl, Herr Kapitän," versetzte der junge Offizier, und als der Stabsingenieur sich beim Kommandanten meldete, erhielt er von diesem den Befehl: Übermorgen früh neun Uhr ist Dampf aus in allen Kesseln für die sechsstündige Probe fahrt. Sie sind doch klar dazu?" Zu Befehl, Herr Kapitän," antwortete der Stabs ingenieur. Ist schon an die Herren von der Kommission ge schrieben worden?" Das habe ich bereits veranlaßt," entgegnete Kapitän Eisenhart. Na, hoffentlich ist alles in Ordnung, und wir brauchen nicht noch mal wieder auf die Werft."Indienststellung. 63 Ich glaube tautn, daß das nötig sein wird," meinte der Stabsingenieur. Wollenes hoffen," erwiderte der Kommandant, und air dem befohlenen Tage zeigten die rauchenden Schornsteine der Porck" schon in der Morgenfrühe an, daß unter allen Kesseln Feuer angesteckt war. Der erste Offizier hatte die Zeit bisher, die er nur irgend aufbringeir koirnte, dazu verwendet, um seine Mannschaft in der Feuer- und Verschlußrolle, sowie der Leckstopfrolle nach Möglichkeit auszubilden utid nebenbei die für fest abgeteilten Besatzungen des ersten und zweiten Kutters täglich ein paar Stunden rudern lassen, weil diese beiden Seitenboote die einzigen sind, die noch in sogenannten Davids hängen und als Rettungsboote bereit sein müssen, falls jemand über Bord fallen sollte. Es war auch Vorkehrung getroffen, daß diese Leute möglichst vom anderen Dienst befreit waren und sich dauernd in einem besonderen Raum aus dem Aufbaudeck unter der Kommandobrücke, in dem sie auch schliefen und ihre Back hatten, aufhielten. Wenigstens war das Neichards Ideal, daß das später in See so sein sollte. Vorläufig ließ sich das natürlich noch nicht durchführen, sondern die Leute mußten immer noch zu anderen Dienstleistungen mit herangezogen werden. Sobald die Probefahrtskommission an Bord gekommen war, wurde die Dampfpinasse, die die Herren längsseit gebracht hatte, eingesetzt. Aber das besorgte jetzt statt der Menschen, die sich früher damit abguälen mußten, die Bootsheißmaschine mit dem großen, eisernen, drehbaren Kran und dem starken Stahltau. Das ganze Manöver, das eigentlich gar lücht mehr Manöver genannt werden konnte, dauerte kaum drei Minuten. Kurz vor neun Ahr zeigten die am Heck aufquellenden Wirbel und Strudel an, daß die Schrauben in Gang waren. Die Maschinen wurden angewärmt, das heißt von den Kesseln der Dampf durch die Zylinder gelassen, damit nachher, wenn die Schrauben angehen sollten, kein Wasserniederschlag an den kalten Metallteilen entstand. Aus der Kommandobrücke ging der Kommandant aus und ab. Vor dem vorderen Kommandostand, in dessen gepanzertem Schuh sich die Maschinentelegraphen, die Sprachrohre nach64 I. Kapitel. den verschiedenen Kommandostellen, kurz die sämtlichen Kommandoelemente befinden, stand der wachhabende Offizier. Am Kartenhaus hinter dem Kommandostand hatte der Navi gationsoffizier die Spezialkarte der Kieler Föhrde ausgebreitet. Das Dampfruder und die Kompasse waren beseht, die See posten aufgezogen, und als der wachhabende Offizier dem Kommandanten meldete: Zwo Glas, Zeit zum Loswerfen!" befahl der Kommandant: Stahlleine los!" Zwei Helle Schläge der Schiffsglocke schallten über den Hafen hin und gleich darauf ertönte von vorn die Stimme des ersten Offiziers: Die Leine ist los!" Backbordmaschine halbe Fahrt zurück! Mittelmaschine kleine Fahrt voraus! Ruder mittschiffs!" befahl der Komman dant, der dem wachhabenden Offizier gesagt hatte: Ach werde das Manöver selbst kommandieren." Aufmerksam verfolgte er von der Nock der Kommandobrücke aus, wie sich der Bug des Schiffes von der Boje abdrehte, mußte aber gleichzeitig auch auf das hinter ihm an der Boje liegende Schiff achten, damit er sich nicht mit dem Heck auf dessen Sporn setzte. Sobald der Bug gut frei war, befahl er: Backbordmäschine stopp! Backbordmaschine halbe Fahrt voraus! Mittelmaschine und Steuerbordmaschine kleine Fahrt voraus!" und dann, als das Schiff ansing, die Drehung auf zunehmen: Alle Maschinen kleine Fahrt voraus! Ruder Steuerbord zehn!" Ruder Steuerbord zehn!" wiederholte der wachhabende Offizier so laut, daß der Mann inr Koinmandostand es hören konnte und von dorther wurde dieser Befehl zurückgegeben, ebenso wie vorher die Kommandos für die Maschinen. So! Nu geiht los, keen Mensch kannst holen (halten)," sagte Matrose Peterfen, als er an der Erschütterung des Schiffsrumpfes merkte, daß die Maschinen in Gang waren. Föhrt wi nu woll all rut?" Glöw ick nich, da sind ja noch ür paar fremde Offiziers an Bord," meinte Iensen. De möt wi doch woll noch wedder afssetten. Ack möt doch öwerhaupt noch mal an Land." Du, wotau?" fragte Petersen. Aa, Mensch, eh wi rut gaht, und wer weet wohen, will ick doch de Bekannten noch erst adjüs seggen," meinte Fensen.f STAATS - \ \C!BUOTHtJIndienststellung. 35 Ja, verdummi, dor hest recht, dor gah ick mit." Da klang ein Hornsignal über Deck und rief die Seschütz- mannschafteir an die Geschütze. Die Offiziere erschienen und begaben sich auf die ihnen nach der Gefechtsrollc angewiesene Station, um den Dienst zu leiten. Mit den übrigen Leuten, soweit sie nicht noch durch besonderen Dienst, wie Postenstehen, als Rettungsbootmann- schaft, in den Torpedoräumen und so weiter, beschäftigt waren, fing der erste Offizier an zu exerzieren und, wohin man sah, überall herrschte eine rege Tätigkeit. Aus einem Raum des vorderen Zwischendecks tönte eine laut sprechende Stimme. Hier ging ein Obermaschinistenmaat vor einer Anzahl Heizer auf und ab und hielt ihnen einen Vortrag über das Schiff und seine Einrichtungen. Die zweite Heizerwache, die vorher Dienst gehabt hatte, saß und lag in verschiedenen Räumen herum, zum Teil auch in Netzhänge matten, um sich auszuruhen, während die dritte Wache die Feuer bediente. Vor den Kesseln lagen, von den Trimmern herangeschleppt, Berge schwarzer Steinkohlen. Auf den Rosten unter den Kesseln leuchtete die rote Glut des Feuers und ein sausendes, brausendes Geräusch der Flammen tönte aus dem Feuerloch heraus, sobald einer der Heizer die Tür öffnete, um das Feuer- neu zu beschicken, das heißt, neue Kohlen in den feurigen Schlrurd zu werfen. Ein Feuermeister bearlfsichtigte diesen Dienst und kon trollierte zugleich jeden Kessel, ob das Manometer den be fohlenen Atmosphärendruck, den der Dampf haben sollte, anzeigte. Vor den drei Maschinen standen die wachhabenden Ingenieure beziehungsweise Maschinisten rind beaufsichtigten hier den Dienst. Vorläufig ging alles noch glatt und einfach, denn die eigentliche Probefahrt sollte erst beginnen, wenn das Schiff außerhalb des Hafens im freien Wasser auf dem sogenannten großen Exerzierplatz angekommen war. Als die Porck" die Kitzeberg-Boje im Kieler Hafen, die schräg gegenüber von Bellevue liegt, passiert hatte und damit aus dem eigentlichen Kieler Hafen in die sogenannte Wieker Bucht, in welche bei Holtenau der Kaiser-Wilhelm-Kanal Bcrnstorff, An Bord des Panzerkreuzers Zorck". 5SS I. Kapitel. mündet, eingelaufen war, befahl der Kommandant: Alle drei Maschinen halbe Fahrt voraus!" Der wachhabende Offizier gab den Befehl in den Kom mandostand weiter, von wo aus er wiederholt wurde und gleich darauf zeigte das stärkere Ansteigen der Bugwelle sowie das schnelle Ausquellen der Wirbel und Strudel am Heck, daß das Schiff vermehrte Fahrt ausgenommen hatte. Soll Kurs gesteuert werden, Herr Kapitän?" fragte der Navigationsoffizier. Nein," entgegnete Kapitän Eisenhart, schreiben Sie: Nach Anweisung aus dem Kieler Hafen!" Daraus drehte er sich um und sah nach achtern. Leutnant Reiche," rief er den wachhabenden Offizier an. Herr Kapitän befehlen?" antwortete der junge Herr. Welche Fahrt läuft das Schiff?" Zu Befehl, halbe Fahrt," antwortete Leutnant Reiche. Aber die Fahrtbälle zeigen immer noch kleine Fahrt," bemerkte der Kommandant. Alle Wetter, an die verdammten Dinger habe ich aber auch nicht gedacht," sagte Reiche zu sich selbst und rief den beiden Matrosen, welche die schwarzen Bälle bedienen und sie mit Leinen hinaus oder herunter zu ziehen haben, je nach der Größe der Fahrt, zu: Bälle halb!", woraus die beiden Bälle genau in die Mitte zwischen der Nock der Signalrahe und der Oberkante des Decks geholt wurden. Leutnant Reiche, übernehmen Sie jetzt das Kommando," befahl der Kapitän, und bringen Sie das Schiff aus dem Hafen." Zu Befehl," antwortete der junge Offizier. Soll ich den Kurs recht auf Friedrichsort Leuchtturm setzen?" Das machen Sie, wie Sie wollen, bringen Sie das Schiff aus dem Hafen und rennen Sie nicht auf dabei," ent gegnete Kapitän Eisenhart. Und ohne sich scheinbar um den Betrieb auf der Kommandobrücke weiter zu kümmern, ging er aus und ab, besah sich die User zu beiden Seiten und die Fahrzeuge, welche aus der Föhrde lagen oder segelten, und dann auch höchlichst interessiert die Geschützmannschaften der 8,8-oin-Alarmgeschütze, die eifrig beim Exerzieren waren und das Laden übten. Dabei achtete er aber doch haarscharfIndienststellung. 67 auf alles, was der Wachoffizier anordnete und wie er sich benahm, denn als Kommandant hatte er die Pflicht, sich über die Fähigkeiten und Leistungen seiner ihm unterstellten Offiziere möglichst rasch ein selbständiges Urteil zu bilden. Können die Signalgäste mit Winkflaggen signalisieren, Herr Kapitän? Sie haben noch gar keine rechte Übung gehabt," wandte sich der Navigationsoffizier, zu dessen Obliegenheiten auch die Ausbildung des Signalpersonals gehört, falls nicht ein besonderer Signaloffizier an Bord vorhanden ist, au den Kommandanten. Gewiß," antwortete Kapitän Eisenhart. Maat Kunz," ries Kapitänleutnant Röder von der Kom mandobrücke hinunter. Herr Kapitänleutnant?" Lassen Sie die Signalgäste mit Winkflaggen üben. Je vier Mann hier an der Achterkant der Kommandobrücke, die anderen Steuerbord und Backbord achtern auf der Schanze. Da kann Maat Frciwald die Aussicht führen!" Gleich daraus trappelten Schritte die Treppe herauf und die Signalgäste bauten sich aus der Kommandobrücke auf. Je zwei von ihnen hatten kleine Flaggen von roter Farbe der Hand, mittels deren die Buchstaben des Alphabets be zeichnet werden, je nach der Lage, wie eine oder zwei Flaggen in der Luft gehalten werden. Die meisten Leute erwerben sich darin bald eine große Übung und können selbst aus weite Entfernung auf diese Weise schneller signalisieren, als jemand die signalisierten Worte niederzuschreiben imstande wäre. Erster Offizier läßt melden, er würde mit der Rettungs bootmannschaft exerzieren," meldete jetzt ein Matrose dem Kommandanten. Ja, es ist gut," antwortete der Kapitän. Der Mann wollte wieder die Treppe hinunter, da hielt ihn der Kommandant zurück. Wollen Sie das nicht auch dem wachhabenden Offizier melden?" Da habe ich keinen Befehl zu," antwortete der Matrose. Dann gehen Sie hin und melden Sie es ihm!" befahl Kapitän Eisenhart. Der wachhabende Offizier hatte aber seine Aufmerksamkeit68 I. Kapitel. gerade auf zwei Segelboote gerichtet, von denen das eine über Steuerbordbug, das andere über Backbordbug liegend mit halbem Wind quer vorm Bug vorüber zu lausen versuchte, und der junge Herr war etwas im Zweifel darüber, welches Manöver er ausführen sollte, um keins der Boote über den Haufen zu rennen. Wich er nach rechts aus, dann lief er dem von links kommenden in den Weg und auf der aitderen Seite dem von rechts kommenden. Was wollen Sie?" herrschte er daher den Matrosen an, als dieser mit der Meldung an ihn herantrat. Was ist los? Die Rettungsbootmannschaft soll antreten? Ja, schön!" Und, immer die beiden Segelboote im Auge behaltend, ries er dem wachhabenden Bootsmannsmaaten 511: Rettungsbootmann schaft Musterung!" Am gleichen Augenblick ließ aber der erste Offizier durch den Hornisten das Signal: Ersten Kutter klar!" blasen. Da die Steuerbordwache jetzt Wache hatte, so bedeutete das Signal für die Kutterbesahung dasselbe, was sonst bei dem Ruf: Mann über Bord!" zu geschehen hatte. Durch den doppelten Befehl, der ja allerdings unbeabsichtigt war, gerieten die Leute in Verwirrung. Die eine Hälfte stürzte achteraus und kletterte in Windeseile über die Jakobs leiter ins Boot, wo sie sich auf die angewiesenen Plätze aus den Duchten setzte, während die anderen Leute auf dem Oberdeck antraten, da wo sie für gewöhnlich gemustert wurden. Was ist das für ein Unsinn? Wer hat da gepfiffen: Rettungsbootmannschaft Musterung!" fragte der erste Offi zier. Ich, Herr Kapitän," antwortete der wachhabende Unter offizier. Es wurde von der Brücke aus befohlen!" Kuttergäste wegtreten," rief daraus der Erste. Die Leute kamen aus den Booten wieder heraus, und die ganze Gesell schaft verzog sich von neuem in ihren Unterkunstsraum. Hornist, ersten Kutter klar!" befahl darauf der erste Offizier und noch einmal klang das Signal über das Schiff hin. Jetzt war kein Zweifel mehr, was gemeint war. Es waren auch kaum zwei Minuten vergangen, da satz die Besatzung im Boot, und die Leute an den Bootsläusern standen klar, bereit, das Boot auf weiteren Befehl zu Wasser zu lassen. MitIndienststellung. 69 der Ahr in der Hand kontrollierte der erste Offizier, wie lange das gedauert hatte. Viel zu langsam! Viel zu langsam!" rief er. Mehr als eine halbe Minute darf das unter keinen Amständen dauern, bis die Besatzung vollzählig im Boot sitzt, und in einer Minute muß das Boot zu Wasser sein. Raus alis dem Boot! Weg treten !" Schnell kletterten die Matrosen aus dem Boot wieder an Bord und verschwanden. Fm Anterkunftsraum blieben sie aber alle stehen. Einer dielt den Türgriff in der Hand, um die Tür auszureißen, sobald das Signal ertönte. Paß auf, es geht gleich wieder los," sagte der eine und alle horchten gespannt, ob das Signal nicht käme. Als aber einige Minuten vergangen waren, ohne daß etwas erfolgte, ließ die Spannung nach und sie machten sich wieder bequem. Mehrere steckten sich die Pfeifen an, zwei lasen und die anderen erzählten sich was. Nach fünf Minuten herrschte die größte Gemütlichkeit im Raum, weil alle dachten, die Übung wäre schon vorbei. Da plötzlich gellte das Horn wieder und jagte sie jäh aus einander. Die Pfeifen flogen auf den Tisch, die Bücher in die Ecke, alles stürzte nach der Tür, drei, vier Hände faßten zugleich nach dem Griff, stießen und schubsten sich dabei, jeder drängte den anderen und so dauerte es eine verhältnismäßig lange Zeit, bis die Tür geöffnet war. Nun quoll die Schar aber in wilder Hast hervor und alle rannten wie die Windhunde, weil jeder der erste an der Jakobsleiter und im Boot sein wollte. Mach doch, mach doch zu! Mensch vorwärts doch! Laß mich doch zuerst!" so trieb einer den anderen an und mit Trampeln und Poltern gelangten sie schließlich ins Boot. Dem Mann, der den Steuerbordbugriemen zu führen hatte, fiel dabei die Mütze über Bord, weil er den Sturmriemen nicht herunter gemacht und mit der Mütze gegen das Strecktau gestoßen hatte. Erwartungsvoll blickten alle auf den ersten Offizier, der mit der Ahr in der Hand an Deck stand. Anderthalb Minuten! Das ist viel zu lange noch. Ihr müßt schneller rauskommen aus der Box," rief er. Das70 1. Kapitel. dauerte ja eine Ewigkeit, bis einer überhaupt die Tür auf machte. Reinkommen, wegtreten!" Wieder kletterten die Leute an Bord und im ünterkunfts- raum gab es jetzt einen heftigen Streit, wer die Schuld an dem Zuspätkommen trüge. Nachdem der erste Offizier die Übung aber etwa ein dutzendmal wiederholt hatte, fiel sie einigermaßen zu seiner Zufriedenheit aus, wenigstens verging zuletzt nicht mehr als eine Minute, bis das Boot klar, zum Fieren war. Auf die fehlende Mütze hatte der Erste bisher noch gar nicht geachtet, jetzt aber bemerkte er den Mann mit dem bloßen Kopf und fragte: Wo haben Sie Ihre Mühe gelassen?" Die ist mir über Bord gefallen,“ antwortete der Matrose. Schon gleich bei s zweitemal." Warum haben Sie denn das nicht gemeldet, Mann?" Ich dacht , sie wäre doch weg, und darum habe ich nichts gesagt," antwortete der Gefragte. Ja, nun sind Sie Ihre Mütze los, sonst hätten wir sie Ihnen wieder holen können," erwiderte der erste Offizier. Gehen. Sie hinunter, holen Sie sich eine andere Mütze und sagen Sie dem Stabswachtmeister, er soll zu mir kommen. Die übrigen Leute wegtreten!" - Wachtmeister, sehen Sie in den Schisfsbefehl: ,Die Signalgäste auf der Kommandobrücke und die Rettungsboot mannschaften haben stets die Sturmbänder unterm Kinn zu tragen, solange sich das Schiff in See befindet Oder nein, warten Sie inal: ,Haben ihre Sturmbänder unter dem Kinn zu tragen vom Loswerfen von der Boje an bis zum Fest- machen, eventuell Ankern Haben Sie geschrieben?" Sehr wohl, Herr Kapitän," antwortete der Wachtmeister. Das soll heute mittag bei der Musterung den Divisionen bekannt gemacht werden," befahl der erste Offizier und ging auf die Kommandobrücke hinauf. Weshalb ließen Sie vorhin ,Rettungsbootmannschaft Musterung pfeifen?" fragte er den wachhabenden Offizier. Entschuldigen, Herr Kapitän, ich hatte die Meldung des Mannes mißverstanden, weil ich gerade auf ein paar Segel boote aufpassen mußte, die mir von beiden Seiten quer vor den Bug liefen," antwortete der junge Offizier, der seelen-Indienststellung. 71 froh gewesen war, als jene beiden Fahrzeuge so frühzeitig seinen Kurs gekreuzt hatten, daß er kein Ausweichmanöver hatte machen brauchen, sondern einfach weiter dampfen konnte. Es soll jetzt gleich mit der Probefahrt angesangen werden," meldete er dann seinem Vorgesetzten. Die Maschinen haben schon Befehl, sich klar zum Manövrieren zu halten." Wollen wir die forcierte Probefahrt zuerst oder zuletzt machen, Herr Kapitän," erkundigte sich darauf der erste Offizier beim Kommandanten. Ich will erst eine Stunde oder zwei manövrieren, dazu sollen sämtliche Seeoffiziere heraufkommen, dann lausen wir anderthalb Stunden mit ungefähr Nord- oder Nordnordostkurs mit forcierter Fahrt, drehen um, fahren dieselbe Strecke zurück und dann mit verschiedener Fahrt und Manövern wieder in den Hasen, so daß wir gegen halb vier Ahr an der Boje sind. Das Signal Wachschiff wegen unseres Auslaufens ist doch heute morgen gemacht worden?" Zu Befehl, Herr Kapitän," sagte der Navigationsoffizier, der diese Frage gehört hatte. Ich babe es selber machen lassen." Das darf auch ja nicht vergessen werden," meinte Kapitän Eisenhart, denn sonst wird die Station sehr unangenehm. Ich habe das früher ein paarmal erlebt, dann kam der Segen von oben! Kapitänleutnant Röder, geben Sie, bitte, acht, daß wir beim Manövrieren nachher frei von Gabelsberg-Flach bleiben und dort nicht zwischen die Tonnen kommen, wenn wir auch Wasser genug haben. Wenn Sie außerdem Lotmannschaften üben lassen wollen, so ist jetzt noch Zeit, nachher bei der forcierten Fahrt hat s keinen Sinn mehr." Zu Befehl, Herr Kapitän," antwortete der erste Offizier und sagte zum Navigationsoffizier: Ich werde die Leute an stellen. Sie haben ja doch wohl hier oben auf der Brücke zu tun." Die Porck" hatte inzwischen den Leuchtturm von Fried richsort passiert und hinter sich gelassen und war zwischen den schwarz und roten Fahrwassertonnen nordwärts gegangen. Jetzt lag die Einseglungstonne, auf der mit großen weißen Buchstaben Kiel" geschrieben steht, und zwar, wie boshafte72 1. Kapitel. Jungen behaupten, deshalb, damit jeder auch weiß, daß es da nach Kiel hineingeht, querab, und das Schiff dampfte nun, noch immer mit halber Fahrt gehend, in die freie See hinein. Ach werde jetzt selbst erst mit dem Schiff manövrieren," sagte der Kommandant zum wachhabenden Offizier. Bleiben Sie am Kommandostand stehen und geben Sie acht, daß die Befehle richtig in die Maschine hinuntergegeben werden. Lassen Sie nod; mal hinunter sagen, wir fingen jetzt an. Alle drei Maschinen sollten klar zum Manövrieren sein." Gleich darauf kam die Meldung von unten durd) die Sprach- rohre herauf: Maschinen sind klar zum Manövrieren." Alle Maschinen stopp!" befahl der Kommandant und führte dann alle Maschinen- und Rudermanöver durd), die überhaupt zu machen sind. In den Maschinenräumen hatten die Schifssingenieure, an ihrer Spitze der Stabsingcnieur, mit den zur Probefahrt kommandierten Herren der Kommission den Gang der einzelnen Maschinen beobachtet und die ganze komplizierte Einrichtung einer gründlichen Prüfung unterzogen, zu der auch sämtliche Hilfsmaschinen mit herangezogen wurden. Als jetzt der Befehl kam: Maschinen klar zum Manö vrieren!" verteilte sich die Kommission in die drei Maschinen- räume, um hier zusammen mit den Schiffsingenieuren die Leistungen der Maschinen zu beobachten und sich ihre Notizen darüber zu machen. In allen drei Maschinen hatten die Maschinentelegraphen zuletzt auf Stopp" gestanden, aber nun ging s los, als ob ein Wirbelwind zwischen Blätter fährt und sie einen Hepentanz aufsühren läßt. Alle drei Maschinen kleine Fahrt voraus!" klingelte der Telegraph von oben. Kleine Fahrt voraus!" hieß es. Der Griff des Zeigers wurde gedreht, der diesen Befehl nach oben zurückmeldet. Die Drosselklappen wurden geöffnet und dem Dampf der Weg wieder frei gegeben. Zischend und brausend fuhr er in die Zylinder, trieb die Kolben auf und nieder, und die müch- tigen Schraubenwellen fingen an, sich zu bewegen. Wie riesige Stempel fuhren die Kolbenstangen auf und nieder in gleichmäßigem Sck)wung. Da plötzlich: SteucrbordmaschineEI3EI3EI3E3E3E3Et3 Indienststellung. ES ES ES £13613 ES ES E3 73 äußerste Kraft voraus! Backbordmafchine äußerste Kraft zurück!" Am Steuerbordmaschinenraum öffnete der Ingenieur mit einem Ruck das Absperrventil weiter, so daß der Dampf voll zur Wirkung kam. In der Backbordmaschine wurde die Am steuerung rumgeworsen, und kaum war sie nach wenigen Sekunden aus Rückwärts gestellt, erhielt auch hier der Dampf freie Bahn durch Öffnen der Drosselklappe. Während die Steuerbordschraube mit Riesenwucht das Wasser nach rückwärts schleuderte, peitschte die Backbordschraube zu gleicher Zeit mit gewaltigen Schlägen das weiß schäumende, quirlende und in tiefen Strudeln wie in einen Trichter hinunterschießende Wasser in breitem Schwall nach vorn. Anter dem entgegengesetzten Druck fing die Porck" sofort an, eine scharfe Drehung mit dem Bug nach Backbord aus zuführen. Eine halbe Minute vielleicht arbeiteten so die Schrauben gegeneinander, da rasselte der Maschinentelegraph: Backbordmaschine äußerste Kraft voraus! Steuerbordmaschine äußerste Kraft zurück! Mittelmaschine stopp!" Laut wurde in den Maschinenräumen der Befehl wieder holt. Mit hörbarem Schnurren drehten sich die Räder der Amsteuerungsmaschinen, und nach etwa zwölf Sekunden waren die beiden Seitenmaschinen aus den entgegengesetzten Gang gestellt. Sekunden nur vergingen, da hieß es: Alle Maschinen stopp!", dann: Alle Maschinen große Fahrt voraus!" und, zitternd im ganzen Rumpf, nahm das Schiff die Fahrt auf. Junge, nu sünd sei aber düchtig bi," bemerkte der Matrose Petersen, der zum Steuerbord achteren 13-ow-Geschütz gehörte und durch die Pforte in der Kasematte über Bord sah, als er in das vorüberschießende Wasser blickte. Dat wackelt aber düchtig." Plötzlich hörte die Bewegung auf. Alle drei Maschinen standen. Mit der Ahr in der Hand wartete oben aus der Kommandobrücke der Kommandant, bis das Schiff die Fahrt vollständig verloren hatte und zum Stillstand kam. Es war noch etwa vier Minuten lang im Vorwärtsgang geblieben. Geben Sie mir die Schiffsbiographie her," rief Kapitän Eisenhart. Wir wollen doch mal vergleichen mit den früheren74 1. Kapitel. Probefahrtergebnissen. Alle Maschinen kleine Fahrt voraus! Alle Maschinen große Fahrt voraus!" Hochauf rauschte vorne die Bugwelle, in weißen Kas kaden zur Seite überbrechend, während ein breiter, schau mig weißer Streifen hinterm Heck den Weg, den das Schiff nahm, anzeigte. Nach einer halben Minute hatte die Porck" große Fahrt aufgenommen, da befahl der Kommandant: Alle Maschinen äußerste Kraft zurück!" Wieder rasselten die Telegraphen nach unten, und sprangen die Zeiger mit hellem Klang auf der Tafel, die die Befehle enthält, rundum, von Vor- auf Rückwärts. Äußerste Kraft zurück!" hieß es in allen drei Räumen. Wieder flog die Amsteuerung herum, und noch war keine Viertelminute vergangen, da schlugen die Schrauben mit Niesengewalt rückwärts an. Ein starkes Beben, Schüttern und Zittern ging durch den ganzen Schiffsrumpf, als sich so plötzlich Gewalt gegen Ge walt setzte, und die rückwärts arbeitenden Schrauben sich be mühten, das vorwürtsstürmende Schiff aufzuhalten. Wieder stand der Kommandant neben dem Navigations offizier mit der Ahr in der Hand und paßte auf, bis das Schiff zum Stillstand gekommen war. Lot in den Grund," rief er dem Matrosen zu, der an Steuerbord aus einer kleinen, über die Bordwand frei hinaus ragenden, durch ein Geländer geschützten Plattforin stand und sich im Werfen des Handlotes übte. Der Mann ließ das längliche Bleigewicht in die Tiefe hinabsausen, bis es auf dem Grund aufstand. An den durch die Leine gezogenen farbigen Stoffstreifen beziehungsweise Lederlappen konnte er ablesen, wie groß die Wassertiefe war. Ein Halb über Zwanzig," sang er mit lauter Stimme aus. Aufpassen, wenn das Schiff rückwärts geht," rief der Kommandant. Das ist nämlich nicht ohne weiteres festzustellen, weil das von den Schrauben nach vorn gepeitschte, vorüberfließende Wasser für das Auge leicht die Täuschung hervorruft, daß der Schiffsrumpf bereits achteraus geht, während er sich tat sächlich noch im Vorwärtsgang befindet.Indienststellung. 75 Schiff geht achteraus," meldete jetzt der Mann am Lot, was er daran feststellen konnte, daß die Lotleine anfing, nach vorne zu zeigen. Maschinen stopp!" befahl der Kommandant und verglich die gebrauchte Zeit und deit Weg, den das Schiff noch zurück gelegt hatte, mit deir Angaben der Schiffsbiographie. Es war gegeit früher kein merkbarer Unterschied festzustellen. Nachdem Kapitän Eisenhart für seine eigene Person diese Übungen noch eine Zeitiang fortgesetzt hatte, ließ er dein ersten Offizier sagen, er möchte nunmehr mit sämtlichen See offizieren auf die Kommandobrücke kommen. Der erste Offizier befahl darauf für die Besatzung: Kor- poralschaftsweise Instruktion über Schifsskunde", und begab sich mit allen jüngeren Kameraden nach oben. Die Seeoffiziere zur Stelle," ineldete er dem Kominan- danten. Danke," erwiderte Kapitän Eisenhart. Kapitän Reichard, ait Steuerbord querab ist die Nordboje von Gabelsberg-Flach. Bringen Sie mir das Schiff zwohundert Meter von der Boje so zum Stehen, daß die Boje recht voraus in Südwest peilt." Zu Befehl, Herr Kapitän," versetzte der erste Offizier. Mit welcher Fahrt?" Gehen Sie bis zu großer Fahrt und stoppen Sie aus großer Fahrt. Als Hilfsmittel will ich Ihnen sagen, daß das Schiff etwa zweihundert Meter bis zum Stillstand braucht." Sehr wohl," entgegnete der erste Offizier und fing an, zu manövrieren, während die jüngeren Offiziere mit ge spanntester Aufmerksamkeit zusahen, und jeder natürlich heim lich bei sich dachte, wie das wohl enden würde, ob der erste Offizier das wohl fertig brächte. Mit ruhiger Stimme hatte Kapitän Reichard seine Befehle für die Maschinen gegeben, ließ dann das Ruder legen, so wie er es für nötig hielt, und fuhr los. Kapitänleutnant Röder, Sic passen natürlich aus die Navigierung auf, wenn ich jetzt die jungen Herren manövrieren lasse," sagte der Kominandant zum Navigationsoffizier. And dann lassen Sie einen Entfernungsmesser Herkommen." Steuermannsmaat Krause," rief der Navigationsoffizier,76 1. Kapitel. holen Sie mal einen Entfernungsmesser aus der Navigations kammer, und dann meffeir Sie nachher den Abstand, wenn wir an die Boje kommen!" Kapitän Reichard, auf dem kürzesten Wege natürlich," ries der Kommandant dem ersten Offizier zu. Sehr wohl, Herr Kapitän," antwortete jener. Was liegt an?" fragte er dann nach dem Kompaß hinauf, an dem ein Steuermannsmaat stand. Nordost," antwortete der Mann. Steuerbord zwanzig," befahl der erste Offizier. Meldung, wenrüs Ost anliegt." Liegt Ost an," kain nach einer kurzen Weile die Meldung. Ruder mittschiffs!" befahl der Erste. Ruder mittschiffs!" klang es aus dem Kommandostand zurück. Wie peilt die Boje?" fragte er nach einigen Augenblicken. Süd zum Ost," lautete die Antwort. Melden, wenn sie Süd zum West peilt." Aller Blicke flogen abwechselnd zur Boje hinüber und dann nach dem Bug des Schiffes. Rasch wanderte die erstere an Steuerbord achteraus. Boje peilt Süd zum West," rief der Steuermannsmaat vom Peilkompaß herunter. Ruder hart Steuerbord, Steuerbordmaschine halbe Fahrt zurück!" befahl der erste Offizier. Ruder liegt hart Steuerbord! Steuerbordmaschine geht halbe Fahrt zurück!" klang es gleich daraus aus dem Kommando stand herüber, und wie von einer gewaltigen unsichtbaren Kraft erfaßt flog der Bug der Porck" im Bogen nach Steuerbord herum, während zu gleicher Zeit das Heck des Schiffes in schwindelnder Schnelle einen Kreis nach Backbord zu schlagen schien. Backbord- und Mittelinaschine halbe Fahrt voraus! Backbord- und Mittelmaschine stopp! Steuerbordmaschine halt! - Steuerbordmaschine halbe Fahrt voraus! - Ruder mittschiffs! Backbord zehn! - Mittschiffs das Ruder! Alle Maschinen halt! - Manöver ausgeführt!" Mit den letzten Worten meldete der erste Offizier dein Kommandanten, daß er den erhaltenen Befehl vollführt hatte.Indienststellung. 77 Danke sehr," erwiderte der Kommandant. Wie peilt die Boje?" Südwest!" Wie weit?" Zwohundertzehn," meldete der Entfernungsmesser, worauf mehrere der jüngeren Offiziere sich gegenseitig anstießen und leise erklärten: Alle Wetter, tadellos gemacht!" Der Kom mandant aber sagte weiter nichts als: Gut!" und stellte nun sämtlichen übrigen Seeoffizieren der Reihe nach ähnliche Aufgaben. Daß die Ausführung nicht immer ganz nach Wunsch, mehrfach sogar auch völlig vorbei gelang, lag natürlich daran, daß den betreffenden jungen Herren die Übung in der Handhabung eines so großen Schiffes fehlte, und der Kommandant tröstete sie dann über das Mißlingen durch die Aussicht recht häufiger Wiederholung solcher Manöver. Die jungen Offiziere freuten sich natürlich über die Aus sicht, das selbständige Manövrieren mit dem Schiff zu lernen. Viele der an Bord gekommenen neuen Leute wurden aber nicht recht klug daraus, was dies merkwürdige Hin- und Her gefahre und der fortwährende Wechsel im Sang der Maschinen eigentlich für einen Zweck haben sollte, und der erste Offizier, der nach Beendigung seiner Übung die Kommandobrücke wieder verlassen hatte, um den Dienst der Leute zu beauf sichtigen, hörte im Vorübergehen, wie der Matrose Markwardt, der allerdings im zweiten Gliede stand, zu seinen Neben leuten halblaut äußerte: Wi föhrt hier just so to See, als wenn en Swien upp de Strat löppt. Dat maakt ook son Kringels." Unwillkürlich mußte der erste Offizier lachen, aber Mark wardt bekam doch einen großen Schreck, als er seinen zweit höchsten Vorgesetzten an Bord plötzlich entdeckte, und duckte sich schleunigst hinter seinen Vordermann. Um Viertel nach Elf begann dann der Hauptteil der Probe fahrt, die dreistündige forcierte Fahrt, bei der die Maschinen alle Kraft hergeben mußten, die sie überhaupt leisten konnten. Der Kommandant hatte vorher die Maschinen Wahrschauen lassen, und vom Maschinenraum aus waren dann noch die Heizräume benachrichtigt worden.78 I. Kapitel. So, Leute, daß ihr jetzt ordentlich aufseuert und die Feuer in Gang haltet," sagte Feuermeistersmaat Zungmann zu seinen Heizern, wir fahren jetzt drei Stunden lang forciert. Daß ihr mir nicht unter fünfzehn Atmosphären kommt." In sämtlichen Heizräumen waren vor Beginn der for cierten Fahrt die Feuer nochmal gründlich gereinigt worden. Mit den schweren Schüreisen, die vorne an der Spitze ein herzförmiges Blatt tragen, hatten die Heizer die brennenden Schichten durchgestoßen und aufgelockert, um die Flammen noch zu stärkerer Glut anzufachen, und dicker, schwarzer Qualm, der durch die Schornsteine nach oben entwich, zeigte an, daß die Heizer auf dem Posten waren. Jetzt schrillten die Maschincntelegraphen, und die Zeiger flogen auf Äußerste Kraft voraus". Da donnerten und stampften die Schrauben los. Der ganze Rumpf geriet ins Zittern, und zischend flog der scharfe Bug durch die gegen laufende See, sie mit Riesengewalt trotzig zur Seite schleu dernd, daß sie sprühend zerstiebte. Die selbsttätigen Fahrt anzeiger zeigten nach zehn Minuten eine Geschwindigkeit von einundzwanzig Seemeilen. Zeit zu klar Deck!" meldete der Signalgast dem ersten Offizier um halb zwölf Uhr, worauf dieser den Befehl gab: Ausscheiden mit Instruktion! Klar Deck überall!" Kaum hatten die Unteroffiziere ihre Mannschaften ent lassen, da liefen die Leute auf die Back oder, wo sie sonst über Bord sehen konnten, und guckten ins Wasser. Ihnen allen machte es ein riesiges Vergnügen, zu beobachten, wie das Schiff mit einundzwanzig Meilen Fahrt dahinjagte, eine schwarze Rauchfahne lang hinter sich herziehend. Mehrere der Leute waren ganz bis nach vorne gegangen, wo sie in dem durchsichtigen Wasser die Schneide und die scharfe Spitze des Rammstevens deutlich im Wasser sehen konnten. Sieh mal," sagte der eine, das sieht gerade so aus, als wenn da ein großer Fisch durchs Wasser läuft, den wir greifen wollten." Und damit hatte er nicht ganz unrecht. Die zitternde Bewegung des Schiffes war aber für ein zelne Neulinge in der Seefahrt entschieden von nachteiligem Einfluß. Kurz gesagt, sie wurden seekrank, und noch ehe Backen und Banken gepfiffen wurde, waren verschiedeneIndienststellung. 79 bleiche Gestalten mit mehr oder minder grünlichen Gesichtern vorhanden, für welche die an der Bordwand befindlichen Aus gußrohre eine ganz besondere Anziehungskraft zu haben schienen. Die übrigen aber ließen sich das Essen, das heute als am Freitag aus Pflaumen und Klößen bestand, gut schmecken. Anderthalb Stunden lang fegte die Porck" mit unver minderter Geschwiildigkeit auf nordöstlichem Kurse dahin, drehte dann im weiten Bogen mit kleinem Rudcrwinkel und fuhr dieselbe Strecke wieder zurück. Die Backbordwache Ruder und Posten verfangen! Die ersten Nummern antreten!" erscholl um halb ein Uhr der Befehl, denit, da das Schiff heute in See war, hatte ilicht e n e Wache den ganzen Tag über den Wachdienst zu ver sehen und die Posten zu stellen, sondern es kam jetzt die andere Wache heran. Auch der wachhabende Offizier wurde von einem Kameraden abgelöst und für das bisher in der Maschine be schäftigt gewesene Heizer- und Maschinenpersonal kletterte die Ablösung aus den steilen, eisernen Leitern nach unten. Bor den Feuern wechselte die dritte Heizerwache mit der ersten. Schwarz wie die Neger von der anstrengenden Arbeit in dem kohlenstauberfüllten Raum tauchten die Heizer im Zwischen deck wieder aus, und nach wenigen Minuten hatte sich die ganze Gesellschaft aus allen drei Heizräumen in dem großen Wasch- und Baderaum versammelt. Ströme von Wasser ließen sich die Leute über die erhitzten, schweißtriefenden Leiber fließen, und allmählich kam bei allen unter der schwarzen Kruste die weiße Hautfarbe wieder zum Vorschein. Einer half dem anderen beim Abscheuern und Abschrubbcn, und vergnügt setzte sich dann die ganze Schar zum wohlver dienten Mittagessen. Für die Hauptbeteiligten an der Probefahrt, die sämtlichen Herren Ingenieure, aber gab es heute keine Pause. Sie harrten in den Maschinenräumen aus und spähten und horch ten und lauschten umher, ob nicht irgendwo ein verdächtiges Geräusch zu vernehmen wäre, das auf fehlerhaften Gang, unerlaubte Reibung oder sonst irgendetwas hindeutete, was nicht in Ordnung war. Es bedarf ja für den Riesen Dampf mit seiner ungeheuren80 1. Kapitel. Kraft nur eines kleinen Fehlers, eines haarfeinen Risses oder Spaltes in den Fesseln, die der Mensch ihm auserlcgt hat, um diese zu sprengen und sich unter fauchendem Zischen in wilder, vernichtender Wut aus seine Bändiger zu stürzen, sie in glühend heißer Umarmung tötend, daß im Bruchteil einer Sekunde die entseelten Leiber zusammenstürzen. Uber sie hin entweicht mit heulendem Zischen der Vernichter ins Freie. Doch nirgends war etwas Verdächtiges zu entdecken. An rastloser Eile flogen die Kolbenstangen aus und nieder, und drehten sich die Schraubenwellen, bis endlich nach drei Stunden der Anzeiger Auf große Fahrt" zurücksprang. Eine Stunde lang wurde nun noch auf der Rückfahrt manövriert und dabei auch mehrmals das Manöver Mann über Bord" geübt. Wir wollen das Manöver genau so ausführen, als ob tatsächlich ein Mann über Bord gefallen wäre," sagte Kapitän Eisenhart 31t dem ersten Offizier. Ohne jede Vorbereitung, dainit die Leute sich daran gewöhnen, so zu arbeiten und sich so zu benehmen, wie es im Ernstfall sein muß." Querab von der Einfahrttoime erklang von der Kommando brücke plötzlich der laute Ruf: Boje über Bord! Zweiten Kutter klar!" Am selben Augenblick flog einer der roten Rettungsringe, von der kräftigen Hand des Steuermanns ge schleudert, ein Stück weg vom Schiff in die See hinein. Alle Maschinen äußerste Kraft zurück! Rettungsboot- mannschaft zweiten Kutter klar! Alle Mann auf!" schmetterte die Stimme des wachhabenden Offiziers über Deck. Der Bootsmannsmaat der Wache ließ den gellenden Allemann- pfiff" erschallen, der nach wenigen Sekunden in den ver schiedensten Räumen des Schiffes einen schrillenden Wider hall fand und die ganze Besatzung in rasender Hast nach oben jagte. Zwischen das Lausen, Nennen, Poltern und Trampeln der Hunderte von Füßen auf Treppen und Deck planken tönte der schmetternde Hornrus, der die zweiten Kuttergäste ins Boot rief. Aber der brave Hornist kam mit seiner Mahnung viel zu spät. Er hatte nämlich in der Eile und Aufregung sein Instrument nicht gleich gefunden. Die Kuttergäste sahen längst im Boot und auf das vom erstenIndienststellung. Offizier, der in raschem Lauf dorthin geeilt war, gegebene Kommando: Fier weg!" senkte sich das Boot in die Tiefe. An den haltenden Klampen rauchte das Tauwerk von der starken Reibung. Bis wenige Fuß über den Wasserspiegel schoß so das Boot hinunter. Einen Blick warf der erste Offizier über Bord, um zu sehen, wieviel Fahrt noch im Schiff wäre. Ein wenig ging es noch voraus. Los!" und mit lautem Klatsch fiel das Boot auf das Wasser nieder. Im Nu waren die Blöcke der Taljen ausgehakt. Setz ab! Riemen bei! Pull aus!" erklang der Befehl des Bootsführers, uitd von hastigen Ruderschlägen getrieben jagte das Boot der Stelle zu, wo die rote Boje einsam auf dem Wasser schwamm. Bug," hörte man die Stimme des jungen Offiziers. Die Leute auf der vordersten und achtersten Ducht warfen die Riemen ins Boot. Die Leute im Bug fischten mit einem Bootshaken die Boje auf. Alle vier nahmen auf den Befehl Niemeil bei!" die Riemen wieder zur Hand, und der Kutter flog zum Schiff zurück. Hier waren inzwischen die Vorbereitungen getroffen, unr das Boot so schnell wie möglich wieder aus dem Wasser zu heißen, und sobald die Blöcke der Taljen eingehakt waren, kommandierte der erste Offizier: Hol steif! Heiß auf!" und vierhundert kräftige Arme spannten sich, vierhundert Füße liefen im Trapp über Deck, den Kutter in glattem Zuge bis an die Spitze der Davids vorheißend. Der wachhabende Offizier hatte inzwischen die Maschinen gestoppt und das Schiff auf der Stelle gehalten, und nun setzte die Porck" ihren Weg in den Kieler Hasen fort. Zlm halb vier Uhr machte sie an der Boje fest. Die Probe fahrt war erledigt. Uber das Ergebnis wllrde eine Verhandlung ausgenommen, die voll dcil beteiligteil Ingenieliren lind dem Kommandailteil unterschrieben und sowohl der Werft wie der Station ein gereicht wurde. Um fünf Uhr kehrte die Dampfpinasse, die die Kommission an der Hansabrücke abgesetzt hatte, wieder zu ihrem Schiff zurück. Bernstorsf, An Bord des Panzerkreuzers Jorck". S82 2. Kapitel. Von jetzt an konnte der Schiffsdienst in seine regelrechten Bahnen zur kriegsmäßigen Ausbildung der gesamten Besatzung geleitet werden, die eigentliche Indienststellung war beendet. treuer aus!" wurde durch das Sprachrohr vom Kommando- O stand in die Maschine hinunter besohlen, sobald die Borck" an der Boje sestgemacht hatte, und in allen Heizräumen machten sich die Heizer daran, die glühenden Kohlenmassen von den Rosten mit Schrappern herunterzuholen und die Glut zu löschen. Das ließ sich nicht anders machen, als daß Wasser darauf gegossen wurde, wodurch ein heißer, beizender Qualm und Dainpf entstand, der die Leute zum Husten reizte und ihnen das Wasser in die Augen trieb. Die ganze Masse von Schlacke und Asche mußte dann von den Leuten in große Eimer ge füllt werden und konnte nicht eher von Bord gegeben werden, als bis der Aschenprahm längsseit kam, da das Ausschütten von Kohle und Asche im Kieler Hasen selbst verboten ist. Inzwischen war das Maschinenpersonal in den Maschinen beschäftigt, die sämtlichen Metallteile wieder abzureiben und blank zu putzen. Hier, wo bis vor kurzem noch ein so gewaltiges Leben sich gezeigt hatte, herrschte jetzt vollkommene Ruhe, nur unterbrochen durch das leise, gleichmäßige, schnurrende Sausen der Turbodynamomaschine, für deren Inganghaltung ein einziger Kessel noch in Betrieb geblieben war. Die Arbeit in den heißen Maschinenräumen nahm die Leute stundenlang in Anspruch, so daß sie erst am Abend aus ihrer dunklen Tiefe austauchen und sich in den Baderäumen säubern konnten. So kamen sie für heute auch um den Landgang. Wachtmeister, die Freiwache kann heute beurlaubt werden, bis zehn Uhr," hatte der erste Offizier dem Stabswachtmeister gesagt, als die Porck" an der Boje lag, und in den unteren Räumen hatte der Ruf: Wer von der Freiwache auf Urlaubgehen will, soll sich melden!" große Freude hervorgerufen, denn seit Beginn der Indienststellung war nur einmal, am Sonntag nachmittag, Urlaub erteilt worden. Du, Minsch, kümmst mit? Geihst mit an Land?" rief Petersen seinem Freund Markwardt zu. Fa, natürli," antwortete der. Ick glöw, bi Wried ward hüt abend danzt!" Du, da gaat wi hen!" ries Petersen, und als vorm Abend brot gepfiffen wurde: Die Beurlaubten sich umziehen, zweite Garnitur blau, Exerzierkragen!" war fast keiner von der Freiwache, der sich vom Landgang ausgeschlossen hätte. Es war auch keiner dabei, der wegen Strafen nicht an Land durfte, denn bisher hatte sich die ganze Besatzung tadellos geführt. Als die Beurlaubten zur Musterung angetreten waren, und der wachhabende Offizier den Anzug nachgesehen hatte, er schien der erste Offizier selbst an Deck und sagte: Sie werden jetzt beurlaubt, heute aber nur bis zehn Uhr. Um zehn Uhr liegen die Boote wieder zum Abholen an der Hansabrücke und ich erwarte, daß Sie alle pünktlich zurückkommen. Bei Urlaubs überschreitungen bestrafe ich grundsätzlich nicht nur den einen Mann, der über Urlaub geblieben ist, sondern auch das ganze Quartier, denn es ist die Pflicht der Kameraden, dafür zu sorgen, daß auch der wieder rechtzeitig an Bord kommt, der eigentlich noch keine Lust hat. Also das merken Sie sich! Von morgen früh an beginnt außerdem die Sommerroutine, und Sie werden um so viel früher aufgepurrt!" Herr Kapitän, die dienstfreien Deckoffiziere bitten um Urlaub," trat da der Oberbootsmann an den ersten Offizier heran. Gewiß, Bootsmann," entgegnete der erste Offizier. Wol len sie mit den Beurlaubten fahren? Sonst stelle ich ihnen ein anderes Boot!" Wir können ja auch hiermit fahren," entgegnete der Ober bootsmann und setzte dann hinzu: Ich melde die dienstfreien Deckoffiziere von Bord!", worauf er mit seinen Kaineraden in die Dampfpinasse stieg. Hinter ihnen her ergoß sich der Strom der Beurlaubten in die längsseit gehölte Ruderbarkasse, das größte Ruderboot,84 2. Kapitel. über das ein Schiff verfügt, und nach fünf Minuten setzten die Boote ab. Rasch glitten sie dein Lande 511. Die sind fein raus," sagte der Signalgast Aungmann zu seinem Genossen Kleinschmidt. Ach wäre heut abend auch gern an Land gegangen. Bei Wried ist großer Ball und im Elysium auch." Du, da gehen wir morgen hin," meinte Kleinschmidt. Vielleicht ist dann auch wieder Ball." Ree, das glaube ich nicht," versetzte Aungmann. Aber du, sag mal, hast du nicht ne Zigarette?" Ach Hab man bloß noch zwei," meinte Kleinschmidt. Aber in der Kantine sind ja welche. Komm mit, wir kaufen uns n Päckchen und dann können wir uns oben hinsetzen, ich muß dir auch noch was erzählen." Zunächst erzählte allerdings Aungmann seinem Freund Kleinschmidt, daß er sein ganzes Geld schon ausgegeben hätte, worauf der andere gutmütigerweise sagte: Denn leih ich dir was, aber bei der nächsten Löhnungszahlung muß ich es wieder haben." Ganz gewiß, du kannst dich ganz sicher darauf verlassen," versicherte Jungmann, und kur; danach saßen die beiden Freunde hinter dem vorderen Panzerturm und erzählten sich was. Auch überall anderwärts, wo den Mannschaften das Rau chen gestattet war, hatten sich Gruppen von Leuten zusammen gesunden, die sich mehr oder minder vergnügt unterhielten. Aus dem zweiten Zwischendeck erschollen leise Gitarren- und Mandolinenklänge. Hier saßen einige Heizer, die diese An strumente 511 spielen verstanden, und entlockten ihnen leise schwirrende Töne. Vom Oberdeck her waren die zaghaften Versuche einer Harmonika zu vernehmen, aus welcher der Obermatrose Mein hard seine Kunst probierte. Der eine oder andere der Leute summte auch wohl leise ein Lied vor sich hin, schwieg aber schon nach den ersten drei, vier Strophen oder Takten. Kurz und gut, es war nirgends etwas Rechtes, es war noch kein rechter Zug in der Kolonne. Das lag daran, daß der Dienst betrieb bisher noch kein ganz geregelter gewesen war. Aus der Offiziersmesse hatte sich nach dem Essen auch ein größerer Teil der Mitglieder an Land begeben, nur der Ka-pitänleutnant Hosfmann, die Oberleutnants Wohlfahrt und Heinrich, die beiden Leutnants Maurer und Fritsch, der Assi stenzarzt Doktor Kluge und der Ingenieur Ritter sahen in der Messe. Herr Kapitänleutnant, wie denken Sie über ein Klavier? Wollen wir uns das nicht von Messe wegen anschaffen?" meinte der Oberleutnant Heinrich. Um Himmels willen, doch bloß keine Drahtkommode," ent- gegnete Hofsmann. Wie kommen Sie aus den Gedanken?" Oberleutnant Heinrich spielt famos oder eigentlich schon mehr wie famos!" rief Leutnant Maurer. Haben Sie ihn noch nie gehört, Herr Kapitänleutnant?" Ree, bis jetzt wußte ich noch nicht, daß er Pfotenhauer ist," versetzte Hofsmann. Ich halte das auch für ne ziemlich überflüssige Beschäftigung." Musik wird oft nicht nett empfunden, Weil sie meist mit Geräusch verbunden!" ries Oberleutnant Heinrich lacheitd. Herr Kapitänleutnant, Sie brauchen sich wirklich ilicht zu ängstigen, wenn wir uns ein Klavier ailschaffen. Erstensmal bin ich kein sogenannter Klaviertiger, der das Instrument nicht stehen sehen kann, ohne nicht sofort darüber herzufallen, und zweitens habe id; wirklich ganz gut gelernt." So?" entgegnete Kapitänleutnant Hoffmann unb sah ihn etwas mißtrauisch an. Was können Sie denn?" Alles, was Sie wollen. Klassisd)e Musik, Beethoven, Schumann, Liszt, Brahms, Rubinstein, Mendelssohn, Haydn, Schubert “ Hören Sie auf, Mann, dabei kommt man ja um!" ries der Artillerieoffizier und streckte beide Hände abwehrend von sich. Ra, dann also anderes. Menuett, Galopp unb Walzer, Strauß, Vater, Sohn und sämtliche übrigen Sträuße. Offen bach, Millöcker, Lincke, Freund, überhaupt alles, was es an lustiger Musik gibt, können Sie auch bekommen," entgegnete Oberleutnant Heinrich. Das läßt fick) schon eher hören," meinte Hofsmann. So n ordentlicher Walzer oder so, das läßt man fick) schon mal gefallen, aber im großen ganzen bin ick) doch gegen das Klavier.86 2. Kapitel. Ach glaube auch nicht, daß der erste Offizier viel Neigung dafür hat." Musik wird aber doch aus alle Fälle gemacht," sagte Hein rich, denn Reiche und Baumbach spielen beide gut Violine und nehmen ihre Geigen auf jeden Fall mit." Du lieber Himmel, auch das noch!" stöhnte Hoffmann. Sollen wir das etwa mit anhören, wenn die ansangen zu siedeln?" Das bleibt jedem überlassen," meinte Heinrich, und der Oberleutnant Wohlfahrt setzte hinzu: Herr Kapitänleutnant, wenn Ahnen Ähre Kammer zu nahe an der Messe liegt von wegen der Musik, so bin ich gern bereit zu tauschen. Meine Behausung ist zwar etwas kleiner als Ähre, aber Sie sind dann auch so viel weiter vom Schutz." Sollte mir einfallen!" rief Hofsmann. Ach mache mir einfach Schalldämpfer um meine Burg. Dann könnt ihr hier nachher so viel mit dem Pserdeschwanz auf dem Schafdarm kratzen, wie ihr Lust habt." Na, man kann s Violinspielen ja auch so nennen," meinte Baumbach. Übrigens hat mir der Kommandant schon gesagt, er wollte sich auch ein Klavier mitnehmen, und wir wollten sehr viel zusammen musizieren." Meinetwegen! Meinetwegen!" rief Hoffmann. Wenn ich es nur nicht mit anhören muß." Soll ich Ahnen mal was Vorspielen?" fragte Leutnant Baumbach dagegen und lachte. So zum Beispiel aus der Dollarprinzessin, oder so was Lustiges?" Unterstehen Sie sich und bringen Sie den Marterkasten rein. Ach lad ne Kanone und schieße nach Ahnen," rief der Artillerieoffizier. Und jetzt lassen Sie mich überhaupt in Ruhe, ich will Zeitungen lesen." Er setzte sich in einen Sessel und vertiefte sich in die Meggendorfer Blätter, während vier der anderen Offiziere sich zusammensetzten, um etwas Skat zu spielen. Um acht Uhr mußten die Leutnants Wohlfahrt und Maurer aber an Deck zur Wache, und in der Messe wurde es vollkommen still, nur hin und wieder hörte man das leise Rascheln der Blätter, bis nach und nach einer nach dem anderen den Raum verließ und sich in seine Kammer zurückzog.An Deck hatte Leutnant Wohlfahrt sich von Bertram die Wache übergeben lassen und war auf die Kommandobrücke hinausgegangen. Langsam ging er hier aus und ab rmd blickte über den Hafen hin, der in schweigendem Dunkel dalag. Nur die Stag laternen der an den Bojen liegenden Schiffe und das aus den Seitenfenstern fallende Licht erhellte rings um die Schiffs körper auf eine kurze Strecke das Wasser, über das zahlreiche rote und grüne Laternen glitten, die Buglichter der kleinen Hafendampfer, die den Verkehr zwischen Kiel und den ver schiedenen Orten in der Kieler Bucht vermitteln. Da blitzte weiter außerhalb plötzlich ein Scheinwerfer aus, in raschem Wechsel kurze Lichtblitze und Dunkelpausen zeigend. Signalgast, Scheinwerferanruf! Den Steuerbordschein werfer klar!" rief der wachhabende Offizier. Aufpassen, ob es uns gilt!" Während der Steuermannsmaat der Wache die Stelle beobachtete, von wo das Scheinwerfersignal ausgegangen war, rief der Signalgast durch das Sprachrohr in den Maschinenraum hinunter: Steuerbordscheinwerfer klar zum Signalisieren!" und schwang sich selbst über das Geländer, um den Bezug vom Scheinwerfer abzunehmen. Gleich darauf kamen noch einige dunkle Gestalten heran, die einen Augenblick an dem In strument herumhantierten, und der Signalgast ries: Schein werfer ist klar zum Signalisieren!" Na, wem gilt^s?" fragte der wachhabende Offizier den Steuermannsmaaten. Welche Schiffsnummer ist gemacht?" Zweiunddreihig," antwortete dieser. Das ist unsere taktische Nummer!" Also wir!" entgegnete Leutnant Wohlfahrt. Signal verstanden!" Rasch klappte das Gitterwerk vor den Spiegeln des Schein werfers, das durch einfache Handgriffe geöffnet und ge schloffen werden kann, so daß Lichtblitze von kaum halbsekunden langer Dauer gemacht werden können, ein paarmal hin und her, und wie Blitzsunken flog der Schein zu dem anrufenden Schiss hinüber, als Zeichen, daß der Anruf verstanden war und ausgepaßt wurde. Anmittelbar danach blitzte es drüben wieder auf, und in88 2. Kapitel. rascher Folge wechselten kurze und etwas längere Lichtblitze miteinander. Eine Minute etwa verging, da meldete der Signalgast: N. air N.! (das bedeutete: Navigationsoffizier an Navigations offizier). Sind Sie an Bord? Kann ich Sie besuchen? Oder wollen Sie zll mir an Bord kommen? ,RooiV." Antwort: An N.! Nicht an Bord! An Land gegangen! Soll ich was bestellen? Wohlfahrt." Kaum war das Klappern des Gitterverschlusses nach dein Signalisieren verstummt, da kam von der Roon" die Antwort: Nein, danke, werde morgen an Bord kominen." Nun lag der Hafen wieder still, und langsam verstrich die Zeit. Um halb zehn Uhr wurde die Dampspinasse mit der Barkasse im Schlepp uild einem Deckoffizier an Land geschickt, um die Beurlaubten wieder abzuholen. Um halb elf Uhr kehrten die Boote zurück. Eine Zeitlang war das Trappeln der Leute auf der Fallreepstreppe und an Deck etwas geräuschvoll zu vernehmen. Einige der Leute, die in vergnügter Stimmung zu sein schienen, schwatzten und lachten auch noch, aber der Befehl des wachhabenden Offiziers: Ruhe an Deck!" lieg sie schnell verstummen. Melde die Beurlaubten an Bord!" meldete der Deck- offizicr. Es war der Pumpenmeister Frerichs, der heute seine Frau und seine sieben Kinder nicht hatte besuchen können, dem wachhabenden Offizier. Bootsmaat der Wache, schnell verlesen, und dann weg treten!" befahl jener. Der Mahnung des ersten Offiziers eingedenk waren sämt liche Leute pünktlich vom Urlaub zurückgekehrt und lagen zehn Minuten später in den Hängematten. Ihnen folgten die Leute aus der Barkasse und der Pinasse, die über die Backspier an Bord geklettert waren, nachdem sie ihre Boote dort be festigt hatten, und nun herrschte vollkommene Stille iin Schiff. Außer dem wachhabenden Personal und den Posten war alles zur Ruhe gegangen. Einzig aus der Kammer des ersten Offi ziers leuchtete noch lange das elektrische Licht. Der Erste saß noch bei Ausarbeitung seiner Rollen und der verschiedenen Dienstpläne, nach denen wöchentlich und täglich der Dienst geregelt und in Gang sein sollte.Während der nächsten drei Stunden noch hörte er dreimal in jeder Stunde den Schritt des Unteroffiziers der Wache, der auf seinem Rondegang vor seiner Kammer vorbei kam, und überzeugte ihn davon, daß auch der Nachtdienst nach Vorschrift gehandhabt wurde. Um zwölf Uhr war Leutnant Wohlfahrt mit seinem jüngeren Kameraden abgelöst worden und hatte Leutnant Heinrich die Wache übergeben, der nun bis vier Uhr morgens die so genannte Mittel- oder Hundewache gehen inußtc, worauf er um vier Uhr von seinem Kameraden Reiche abgelöst wurde. Na, ist was Besonderes los?" fragte Reiche. Nein," antwortete Heinrich. Die Beurlaubten sind alle an Bord, die Unteroffiziere, die länger Urlaub hatten, sind mit m Zivilboot gekommen, und im übrigen herrscht Ruhe und Frieden. Vergessen Sie nur nicht, daß von heute an die Ge schichte nach dem Sommerdienstplan losgeht, also eine ge schlagene Stunde früher." Nein, ich weiß wohl," entgegnete Reiche. Hoffentlich wird es mit dem Wetter nun auch so, daß der Sommerdienst plan wirklich gültig ist. Na, guten Morgen!" Zwanzig Minuten nach vier Uhr wurde die bisherige Wache geweckt, um die Hängemattekasten klar zu machen und die großen Baljen für das Waschen der übrigen Mannschaft voll zu füllen. Das war bisher erst eine Stunde später erfolgt, so lange das Winterhalbjahr, das vom 1. Oktober bis zum 31. März reicht, noch gegolten hatte. Von heute ab, als am 1. April, fing der Dienst um vier Uhr zwanzig Minuten morgens an, und statt um neun Uhr wurde bereits um acht Uhr Flaggen parade gemacht. Zehn Minuten vor fünf Uhr trat die Sicherheitswache nebst den Spielleuten auf Deck an, und um fünf Uhr ließ mit dem Schlage zwei Glas der Hornist das Signal Habt ihr denn noch nicht genug geschlafen" erschallen. Zu gleicher Zeit fielen die sämtlichen Bootsmanns- und Feuerwerksmaate mit ihren Signalpfeifen ein, und ihrem schrillenden Allemannpsisf folgte der Befehl: Überall zurrt Hängematten!" Nanu, das war doch man erst zwei Glas und nu all auf- purren?" meinte der Matrose Rathenau, und blieb ruhig liegen. Um vier Glas ist doch erst Überall."90 2. Kapitel. Fa, das ist ja Ansinn. Ach bleib auch noch liegen stimmte ihm der Matrose Reimann zu. Ganz behaglich war ihm allerdings nicht dabei, denn rings um waren die anderen Leute aus den Hängematten raus geklettert, zogen sich an und zurrten ihre Schlasschläuche. Mehrfach wurde auch schon der laute Ruf der Wachhabenden in den verschiedenen Zwischendecks hörbar: Ra, raus da! Raus da! Habt ihr nicht gehört? Hängematten zurren!" Jetzt kam der Wachhabende des zweiten Zwischendecks und entdeckte die Herren Reimann und Rathenau noch in der Hängematte. Wollt ihr Kerls wohl raus oder soll ich euch helfen, ihr faulen Schlingel! Habt ihr nicht gehört, daß , Überall ge pfiffen ist?" schrie er die beiden an. Es ist doch man erst zwei Glas," entgegnete Reimann. Sonst wird doch immer erst um vier Glas aufgepurrt." Geht Sie das was an? Haben Sie die Routine zu bestimmen?" schnaubte der Wachhabende. Raus! Sonst kommen Sie zum Rapport!" Ra, denn man raus!" rief Rathenau und sang dann halb laut vor sich hin: So leben wir, so leben wir!" Halten Sie den Mund!" rief ihm der wachhabende Ober matrose Klaus zu. Ra, ja, ich bin ja all still," entgegnete Rathenau. Sie haben gar nichts zu antworten, wenn ich Ihnen was befehle, sondern sich ruhig zu verhalten," schalt der Wachhabende und ging in das nächste Zwischendeck. Hängemattestauer!" klang es von Deck runter, und die Leute, welche die Hängematten in die Kasten wegzupacken und zu verstauen haben, eilten an die Kasten, kletterten hinein und nahmen die Schlafsäcke in Empfang, die ihnen von den Mann schaften nach dem Befehl: Hängematten auf!" herausge bracht wurden. Dann kam der Befehl: Sich waschen!" und zugleich der andere: Anzug reines Arbeitszeug! Exerzier kragen! Schuhe an!" An den großen Baljen drängten sich die halbgekleideten Gestalten der Leute, die mit ihren kleinen Waschkummen herankamen und diese voll füllten, und unter großem Prusten und Schnauben wurde die Reinigung vollzogen. Wer sichbeeilte und schnell fertig wurde, hatte bis halb sechs Uhr auch noch Zeit, eine Morgenpfeife zu rauchen. Dann hieß es: Pfeifen und Lunten aus!" rnrd nach den Mannschaften kam jetzt die Schiffsreinigung an die Reihe. Das Oberdeck müssen wir gründlich waschen, Oberboots mann!" befahl der erste Offizier Die übrigen Decks sollen nur naß ausgenommen werden." Zu Befehl, Herr Kapitän," antwortete der Bootsmann, der mit den übrigen Deckoffizieren zusammen um Viertel nach fünf Uhr an Bord gekommen war, und gleich daraus rauschte aus den Steigerohren der Pumpen das Wasser in die großen Deckwaschbaljen. Leute mit Pützen kamen heran, füllten sie voll und trugen sie den Unteroffizieren zu, die mit raschem Schwung die zischende, salzige Flut über Deck gossen. Da hinein tauchten die Besen, die mit schurrendem Rauschen über Deck hin und her fuhren. Unter ihren Strichen entstand eine schwarze Suppe, wo sich der Kohlenstaub und Schmutz von gestern mit dem Wasser vermischte, und floß leise plät schernd durch die Spcigatten in den Hafen hinein. Erste Dampfpinasse und Folle klar!" befahl dazwischen der wachhabende Offizier, und von der Backspier lösten sich die beiden Boote und kamen lüngsseit. An der Dampf pinasse hatten die Heizer schon um vier Uhr früh Feuer angezündet, um rechtzeitig Dampf zu haben, wenn nach der Bootsroutine das Fahrzeug zum ersten Male gebraucht werden sollte. Läufer!" rief der wachhabende Offizier. Der Bottelier und die Stewards sollen raufkommen!" Ach melde mich von Bord! Melde mich von Bord! Melde mich von Bord!" riefen die Genannten und kletterten dann schleunigst in die Dampfpinasse. Sie fuhren an Land, um den für den täglichen Gebrauch erforderlichen frischen Proviant an Fleisch, Brot, Gemüse und so weiter zu holen. Der erste Offizier machte währenddessen einen Rundgang durch das Schiff. Als er vorne auf dem Oberdeck ankam, öffnete er die Tür zu dem nach den Mannschaftsklosetts führen den Raum und trat ein. Dann drehte er sich um und rief einem Matrosen zu: Der Oberbootsmann möchte zu mir kommen!"92 ESEaEgESES 2. Kapitel. ESESESES Eilig kam der Gerufene heran und fragte: Herr Kapitän befehlen?" Weshalb find die Klofcttreiniger nicht an der Arbeit?" fragte der Erste. Z!" sagte der Bootsmann, die Burschen haben sich wieder gedrückt!" Welche sind es doch?" fragte der erste Offizier. Brede und Hellwald und Obermatrose Röth," antwortete der Bootsmann, fetzte feine silberne Pfeife an den Mund, pfiff einen kurzen Ton und ries: Obermatrose Röth, Matrose Brede, Hellwald!", welcher Ruf in den unteren Decks von den Wachhabenden wiederholt wurde. Rach einigen Minuten kamen die Gerufenen angeschlichen und meldeten sich zur Stelle. Weshalb wird hier nicht gereinigt?" fragte der erste Offizier. Verlegen schwiegen die drei und sahen vor sich nieder. Antwort!" herrschte der Vorgesetzte. Wo sind Sie ge wesen?" Ach war im Bootsmannshellcgatt und wollte mir einen neuen Schwabber holen," antwortete der Obermatrose Röth. Hellwald und Brede hatten gefragt, ob sie wohl so lange noch mal an ihr Kleiderspind gehen könnten, und da hatte ich ja gesagt. Wir wollten gerade wieder rauskommen und anfangen." Wo ist denn der neue Schwabber?" erkundigte sich der erste Offizier. Der Hellegattsmann wollt mir keinen geben. Er sagte, ich mutzte erst einen Zettel vom Herrn Bootsmann und ersten Offizier haben," erwiderte Röth. Ra, wo habt ihr denn die alten Schwabber gelassen?" fragte der Oberbootsmann dazwischen. Ja, zwei sind weg," gestand Röth. Ach hatte den Schlüssel vom Geschirrspind nicht abgezogen, und da haben sie mir zwei rausgenommen." Melden Sie sich zum Rapport!" befahl der erste Offizier. And jetzt marsch an die Arbeit. Sie wissen, datz Sie während der Zeit zum Deckwaschen die Klosetts in Ordnung zu bringen haben. Jetzt sehen Sie zu, wie Sie mit Ihrem Geschirr fertig werden, aber ich werde dann Nachsehen, datz es ordentlich ge macht ist, das merken Sie sich."Röth sowohl wie seine beiden Untergebenen erhielten hierauf vom Oberbootsmann noch eine besondere Belehrung über die Aufbewahrung von Schwabbern und Reinigungs geschirr, nachdem der erste Offizier seinen Rundgang durchs Schiff fortgesetzt hatte. Überall, wohin er kam, meldeten sich die Wachhabenden der verschiedenen Decks bei ihm zur Stelle. Zm dritten Zwischendeck hing noch eine ganze Anzahl Hängematten, aus denen hier und da ein Fuß oder eine Hand hervorguckte. Das waren die Heizer, die während der Nacht von zwölf bis vier Uhr auf Wache gewesen waren und die Kessel bedient hatten. Sie durften bis halb sieben Uhr schlafen und hatten dann noch Zeit genug, sich bis zum Frühstück um sieben Uhr umzuziehen. Zehn Minuten vor sieben Uhr erhielt der erste Offizier die Meldung: Zeit zu Backen und Banken!" Soll gemacht werden!" antwortete er. Es soll gleich gepfiffen werden: Die neue Sicherheitswache, zweiten Kutter- güste und Fallreepsgäste Anzug zweite Garnitur blau, Eper- zicrkragen!" Zu Befehl, Herr Kapitän," erwiderte der Matrose, und nach dem Signal verschwanden die Mannschaften unter Deck, um erst die Tische und Bänke zurecht zu machen und dann mit ihren Kesseln nach der Kambüse zu wandern, um den Kaffee zu holen. Zn der Kambüse hatte der Koch mit seinen Kochsmaaten, für die Tag für Tag der Anzug reines Arbeitszeug" Vorschrift ist, schon früh morgens Feuer unter den beiden großen Kesseln angezündet und in dem einen den Kaffee gekocht. Auch die ganze Kambüse war mit allem Geschirr gewaschen und gründ lich geputzt worden. Run wurden die Kaffeekessel von den Backschaften herein gereicht, der Hahn aufgedreht, und in starkem Strahl floß der braune Trank in die Gefäße. Die ganze Kaffeeausgabe nahm nur wenige Minuten in Anspruch, so daß sich die Mannschaft, als um sieben ühr das Signal: Alle Mann Frühstück" gepfiffen wurde, sofort an Kaffee, Brot und Butter sättigen konnte. So rt Pott Kaffee ist doch wat Schoines bi dei Küll (Kälte)," meinte Petersen, indem er den mit dampfendem94 2. Kapitel. Kaffee gefüllten Trinkkumm an den Mund setzte und vorsichtig von dem heißen Getränk einige Schlucke nahm. Zunge, Zunge, wat is dat hitt." Er pustete über den Kaffee hin, trank wieder und rief: Ae, ick häw ja min Zucker vergüten, lang mi mal de Schottel her." Nachdem er sich seinen Kaffee versüßt hatte, leerte er den Kumm in kurzer Zeit und ließ der ersten eine zweite Portion folgen, was alle anderen ebenso machten. Wer fertig war, stand auf, zündete sich schnell seine Pfeife oder Zigarette an und ging an Deck, den Backschaften des Tisches das Reinigen des Geschirres überlassend, wozu diese sich an Deck an die Ausgüsse begeben mußten. Bis fünf Minuten nach halb acht Uhr war für die meisten Zeit zum Rauchen gegeben, nur diejenigen, die die Posten abzulösen hatten, mußten schon zwanzig Minuten nach sieben Uhr an Deck. Sieben Glas! Kranke ins Lazarett! Backschaften Fleisch empfangen!" meldete um halb acht Uhr der Signalgast dem wachhabenden Offizier, der durch den wachhabenden Bootsmannsmaaten den Befehl pfeifen ließ. Am Lazarett hatten sich der Stabsarzt und der Assistenzarzt eingefunden, um diejenigen Leute, die sich krank melden wollten, zu untersuchen. Die Betreffenden hatten sich bereits vor dem Lazarett eingestellt und kamen nun der Reihe nach heran. Wie heißen Sie?" fragte der Stabsarzt den ersten. Und wo fehlt s?" Matrose Gaulke," antwortete der Mann. Herr Stabsarzt, mir is heute morgen so slecht. Ach weiß gar nicht, wovon das kommt." Sind Sie gestern an Land gewesen?" fragte der Stabsarzt. Jawohl, Herr Stabsarzt." . Haben Sie zu viel getrunken? Oder was Schweres ge gessen, was Sie nicht vertragen können?" Nicht, daß ich wüßte." Zeigen Sie mal die Zunge. Hm, daran ist gar nichts zu sehen. Also, wo tut^s weh?" Hier, iin Leib," antwortete Gaulke und zeigte mit der Hand um den ganzen Bauch herum. Haben Sie heute morgen schon Stuhlgang gehabt?" fragte der Stabsarzt und kniff das eine Auge ein wenig zu. Nein, Herr Stabsarzt." Na, da haben wir ja den Fall. Das werden wir gleich kurieren! Krieger" das war der Lazarettgehilfe geben Sie mal einen ordentlichen Eßlöffel voll Rizinusöl." Soll ich das einnehmen?" fragte Gaulke erschrocken. Gewiß, mein Lieber," antwortete der Stabsarzt freund lich. Das hilft am besten!" und trotz allen Widerstrebens mußte Gaulke das dickflüssige Öl hinunterschlucken, wobei er eine entsetzliche Grimasse schnitt. Dann wurde er mit dem tröstlichen Bescheid entlassen, er könnte sich ruhig zum Dienst melden. Nach Gaulke, der sehr niedergeschlagen abzog, kamen noch verschiedene andere mit kleinen Leiden, denen der Stabsarzt die Hoffnung auf einen halben oder einen ganzen Tag faulenzen als Leichtkranke, wozu fast alle Leute hin und wieder mal große Neigung verspüren, ebenfalls verpurrte. Nur die jenigen wurden angenommen, die irgendeine Verletzung auf wiesen und in Behandlung bleiben mußten. Während so im Lazarett die Doktoren ihren Morgendienst versahen, hatten die Backschaften von den Regalen die so genannten Fleischnetze heruntergenommen und sich damit nach der Fleischlast begeben. Dort stand der Bottelier, der nebst den Stewards um sieben Ahr von Land zurückgekehrt war, mit seinen Gehilfen an dem großen Hauklotz, das Hackbeil in der Hand, und zerhieb mit kräftiger Hand geschickt das Fleisch, das zur Verteilung kommen sollte, in Portionen. Neben dem Hauklotz stand aus einem Tisch eine große Wage. Einzeln kamen die Backschaften heran, jedermann hielt das Netz geöffnet hin, nannte seine Backsnummer und die Zahl der Tischgenossen. Back sieben, elf Mann." Hier," sagte der Bottelier, warf einen Haufen Fleisch und Knochen ins Netz und das Ganze auf die Wage. Noch ein Viertel," bemerkte der Obermatrose, der an der Wage stand, und der Bottelier warf noch ein Stückchen Fleisch mit darauf. Stimmt!" Das Fleisch flog ins Netz, das Netz wurdeBack sieben zugeworfen, und der nächste kam heran, während Back sieben Netz und Fleisch zum Koch in die Kambüse brachte. Back acht, neun Mann." Das Fleisch wanderte ins Netz, mit dem Netz auf die Wage. Stimmt!" Back acht fing sein Netz auf, das ihm zugeworfen wurde und machte Platz für Nummer neun. Das Zurechtschlagen, Abwiegen und alles dauerte für jede Backschaft nicht viel länger als eine halbe Minute, denn der Bottelier Lehmann war ein alter Unteroffizier, der diesen Dienst schon lange versah und das Gewicht schon in den Fingern hatte, wobei er Fleisch und Knochen gerecht verteilte. An der Offiziersmesse hatten sich unterdessen die Offiziere, Ingenieure, der Zahlmeister und so weiter nach und nach zum Frühstück eingefunden. Die Stewardsmaate sausten mit Kaffee- und Teekanne um den Tisch, rückten Milch, Zucker, Brot und Butter zurecht, und jeder der Eintretenden be schäftigte sich, nachdem er allgemein Guten Morgen" ge wünscht hatte, zunächst eine Zeitlang eifrig mit dem Frühstück, während die Herren Burschen derweil die Kammern auf klarten. Also von heute an ziehen wir die Fahne um acht Uhr hoch," sagte Leutnant Fritsche, der Adjutant des Komman danten. Za, und gewinnen damit eine Stunde für den Dienst," setzte Baumbach hinzu. Horch, der Wilde tobt schon vor den Mauern." Durch die geöffneten Seitenfenster der Messe hörte man nämlich den Ruf: Die neue Sicherheitswache, Boots- und Fallreepsgäste Musterung!" Was gibt es denn heute Schönes?" Rollen! Rollen! Rollen!" entgegnete Fritsche. Bis das nicht alles ordentlich eingepaukt ist, kann man doch gar nichts anderes machen. He, Griebnitz, wann werden Sie denn endlich mal mit Ihrem Rollenbuch fertig?" Warten Sie es nur ab," antwortete jener. Das dauert höchstens nur noch ein paar Tage. Die Hauptrollen sind so gut wie fertig. Übrigens hat mir der erste Offizier schon gesagt, der Vormittagsdienst sollte schon von heute an nach dem Wochendienstplan gehen, nur nachmittags müßte ecnoch mehr Zeit für das Rollenexerzieren haben und da etwas ändern. Die Dienstpläne sind schon seit gestern abend aus- gehängt, und Sie können sie sich anschen." Guten Morgen, meine Herren," mit diesen Worten trat der erste Offizier in die Messe. Steward, Frühstück!" Herr Kapitän, ist die neue Bootsroutine schon fertig?" fragte Kapitänleutnant Hoffmann. Der erste Offizier deutete schweigend mit der Hand auf die weiße Tafel, die an der Wand ausgehängt war, auf der die Ahrzeiten verzeichnet waren, zu denen Boote von Bord und von Land absehten. Ah, ja, die hatte ich noch nicht gesehen," bemerkte der Artillerieoffizier und las halblaut: Sechs Ahr Pinasse und Jolle für Stewards an Land, sofort zurück! Sieben Ahr Pinasse und Jolle Stewards und Proviant abholen, sofort zurück! Acht Ahr fünfundvierzig Dampfpinasse für Brief ordonnanz Alle Wetter, dann fährt ja die Ordonnanz gleich!" rief er laut. Ich muß unbedingt noch einen Brief mitgeben." Er wollte die Messe verlassen, da wurde die Tür von außen aufgerissen, und ein Matrose mit umgeschnalltem Seitengewehr, eine große lederne Tasche am Riemen über der rechten Schulter tragend, trat ein, so daß er mit dem Offizier fast zusammenprallte. Durch die geöffnete Tür klang von draußen der Befehl: Dampfpinasse klar!" und das nachfolgende Hornsignal für das Boot in die Messe hinein. Sie, Ordonnanz, warten Sie noch einen Augenblick, ich muß Ihnen noch einen Brief mitgeben," rief der Kapitän leutnant und lief hinaus, während die Ordonnanz in die Messe trat und mit lauter Stimme meldete: Briefordonnanz meldet sich von Bord!" Haben Sie alle Sachen aus dem Bureau?" fragte der Zahlmeister. Jawohl, Herr Zahlmeister," antwortete die Briefordonnanz. Jordan, um halb zwölf Ahr werden Sie an der Reventlow- brücke wieder abgeholt, vergessen Sie das nicht. Am halb zwölf Ahr und nicht mehr wie sonst um zwölf Ahr," bemerkte der erste Offizier. Bernstorff, An Bord des Panzerkreuzers Aorck". 793 ESESESESES 2. Kapitel. ESSJESES ES Zu Befehl, Herr Kapitän," antwortete der Mann, sah sich einen Augenblick in der Messe suchend um, als ob er noch irgend eine Anfrage oder einen Auftrag erwartete, und als niemand etwas sagte, machte er kehrt und verließ den Raum. Kurz danach hörte man das bullernde Poltern der Dampf pinasseschraube, als das Boot auf das Kommando des Boots steurers: Ab, große Fahrt voraus!" abfuhr. Auch in der Deckoffiziersmesse hörten die beim Frühstück sitzenden Messemitglieder das Abfahren des Bootes, und der Materialienverwalter rief: Sapperlot noch mal, da fährt wohl die Briefordonnanz schon." Er stürzte an das Seitenfenster und blickte hinaus. Richtig, da fuhr die Dampfpinasse davon, und der Verwalter konnte gerade noch sehen, wie der Obermatrose Jordan es sich im Boot bequem machte. Sie haben wohl was vergessen?" fragte der Maschinist Sarlich, der mit dem Materialienverwalter noch immer auf dem kleinen Kriegsfuß lebte, etwas spöttisch, und setzte hinzu: Ja, mein Bester, dazu ist es nun zu spät." Wie ein Kampshahn drehte sich der Materialienverwalter um und erwiderte, indem er an den Frühstückstisch zurück ging und sich hinsetzte: Sie haben auch was vergessen, aber dazu ist es nicht zu spät." So, und das wäre?" fragte der Maschinist. Uns was Anständiges zum Frühstück hinzusetzen," ant wortete der Verwalter. Die zwei Scheiben Schinken, die da auf der Schüssel waren, haben wohl die Herren Maschinisten allein gegessen, ich habe jedenfalls nichts abbekommen." Bitte sehr, es war reichlich da," erwiderte Herr Garlich, aber wenn Sie immer zu spät kommen " Wenn ich meinen Dienst tue, dann habe ich eben zu nichts anderem Zeit," versetzte der Verwalter heftig. Mir geht es aber jeden Morgen so, daß nichts mehr da ist, wenn ich komme, und ich beantrage, daß für jeden eine bestimmte Portion hin gestellt wird, oder es muß eben mehr gegeben werden, und dann auch mal was anderes. Seit wir in Dienst sind, haben wir noch nichts zu sehen bekommen als Schinken." Bitte, sprechen Sie Ihre Wünsche ruhig aus," ries der Maschinist und Messevorstand Garlich. Soll ich Ihnen viel-leicht einen Teller voll Setzeier bringen lassen oder eine Dose Sardinen? Wünschen Sie Aal in Gelee oder gebratenen Speck? Sie brauchen nur zu bestellen, mein Bester." Gebratener Speck ist was sehr Gutes, den man auch schon zum Kaffee essen kann," warf der Bootsmann ein. Ach will mich als Messeältester nicht in die Messeführung hineinmischen, aber der Verwalter hat recht, Herr Garlich, n bißchen knapp ist es schon." Ach wollte ja die Messeführung ganz anders einrichten," erwiderte Herr Garlich darauf, aber es war doch allgemeine Stimmung dagegen. Danach sollte ja so viel wie möglich gespart werden. Ja, meine Herren, gut essen und zu gleicher Zeit sparen, das verträgt sich eben nicht miteinander. Wenn es nach Meinung des Herrn Verwalters nicht genug gibt, bin ich immer noch gern bereit, ihm mein Amt als Messe vorstand abzutreten. Aber jetzt habe ich keine Zeit mehr!" Herr Garlich erhob sich und verließ die Messe, denn in Wirklichkeit dachte er gar nicht daran, seinen Ehrenposten, mit dem zugleich doch eine gewisse Machtbefugnis verbunden war, niederzulegen. Der Verwalter aber beendete hastig sein Frühstück und stürzte dann in seine Kammer, wo auf dem Schreibtisch noch eine Anzahl Papiere lagen, die die Brief ordonnanz hätte mitnehmen sollen. Eilig raffte er sie zusammen und ging damit zum ersten Offizier zur Unterschrift. Der aber saß noch beim Frühstück und lieh dem Verwalter sagen, er möchte warten. Auf dem Oberdeck hatte der wachhabende Offizier die zur Musterung angetretene neue Sicherheitswache, die Boots und Fallreepsgäste einer gründlichen Musterung unterzogen und die erste Nummer der neuen Wache die Posten ablösen lassen. Signal zur Flaggenparade!" rief der Signalgast von der Kommandobrücke herunter. Der wachhabende Offizier warf einen flüchtigen Blick zu dem weiter drin an der Boje im Hafen liegenden Wachschiff hinüber und sah am Vortopp halb vorgeheißt den Wimpel flattern, der für alle Kriegschisse im Hafen bedeutet: Macht euch klar, in fünf Minuten zu gleicher Zeit die Flagge zu sehen!" Die Wache raus! Signalgäste klar bei der Flagge!" befahl100 2. Kapitel. der wachhabende Offizier, und im Laufschritt eilte die Sicher heitswache mit Gewehren in der Hand auf die Schanze, wo sie an Backbord, mit Front nach mittschiffs, Aufstellung nahm, auf dem rechten Flügel Tambour und Hornist. Still gestanden! Nicht euch!" kommandierte der Unter offizier der Wache. Augen gerade aus! Sicherheits wache zur Stelle!" meldete er dann dem Offizier der Wache und begab sich darauf aus den rechten Flügel seiner Schar. Zu gleicher Zeit hatten zwei Signalgäste die Kriegsslagge an der Flaggleine des Flaggstockes am Heck angesteckt und standen bereit, sie zu heißen. Signal geht vor!" rief der Signalgast, was bedeutete, daß noch zwei Minuten Zeit waren, und der wachhabende Offizier befahl: Schlag an!" Der Tambour nahm seine Schlegel und schlug die sogenannte Vergatterung. Rasselnd klang der Trommelschlag über Deck hin, und and? von den übrigen Schiffen im Hafen hörte man Trommel schlag erschallen. Das Gewehr über!" kommandierte der Unteroffizier der Sicherheitswache. Achtung!" rief der wachhabende Offizier und sämtliche auf Deck beschäftigten Mannschaften richteten sich auf und stellten sich mit dem Gesicht nach achtern. Noch vergingen einige Sekunden: Signal geht nieder!" rief der Signalgast. Still gestanden! Heißt Flagge!" befahl der Wachoffizier, und während die Sicherheitswache präsentierte, Tambour und Hornist den Präsentiermarsch spielten, stieg langsam die ent faltete Kriegsflagge empor. Unter dem gleichen Zeremoniell wird sie nun auch in Zu kunft, solange das Schiff in Dienst ist, Tag für Tag gesetzt und auch wieder niedergeholt werden, sobald die Porck" sich in einem Hafen befindet. Rührt euch! Wache wegtreten! An die Arbeit!" befahl der Wachoffiziec und übergab dann seinem Nachfolger, der nun von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends die Tagwache zu übernehmen hatte und nur zu den Mahlzeiten für kurze Zeit abgelöst wurde, den Dienst. Es geht also nach der neuen Routine jetzt! Das Dinghängt da achtern vorne im Kartenhaus. Außerdem hat der Erste noch ein paar auf Oberdeck und in den Zwischen decks aufhängen lassen, damit die Leute sich selber die Zeiten ansehen und sich daran gewöhnen können. Bootsroutine hängt oben auf der Kommandobrücke, im übrigen ist Deckaufklarcn, und die Flagge weht." Danke," entgegnete Leutnant Wohlfahrt. Ich werde die Geschichte schon besorgen." Der Navigationsoffizier, Kapitänleutnant Röder, den fein Bursche wie alle Morgen um halb sieben Uhr geweckt hatte, hatte sich kurz vor halb acht Uhr in Begleitung des Steuer manns an den Chronometerkasten begeben, um die Uhren miteinander zu vergleichen und aufzuziehen, das heißt, er machte es umgekehrt, er besorgte erst das Aufziehen und dann den Vergleich. Als er jetzt den Chronometerkasten öffnete und einen flüch tigen Blick über die Uhren Hingleiten ließ, sagte der Steuer mann: Wollen Herr Kapitänlcutnant anfangen init dem Ver gleich?" Nein, Steuermann, wir wollen erst aufziehen und dann vergleichen," entgegnete der Offizier. Gestern habe ich mich unvorsichtigerwcise dazu verleiten lassen, es anders zu machen, und nun sehen Sie sich mal die Chronometer an." Der Steuermann warf einen Blick aus die Uhren, fuhr zusammen und rief: Alle Wetter noch mal, die sind ja nicht aufgezogen." An jedem Chronometer befindet sich aus dem Zifferblatt nämlich noch ein kleiner Zeiger, der anzeigt, wieviel Stunden die Uhr bereits in Gang ist seit dem letzten Ausziehen. Da die Chronometer etwa sechsundfünfzig Stunden lang gehen, so bleiben sie nach einmaligem Vergessen des Aufziehens noch nicht stehen, sondern lausen noch vierundzwanzig Stunden weiter, wird aber das Aufziehen auch am zweiten Tage ver säumt, so ist das Unglück da. Die Chronometer laufen ab, und da sie außerordentlich heikel gearbeitete Werke haben, meistens auch noch durch einen Patentverschluß geschützt sind, mit dessen Öffnung nicht jeder Bescheid weiß, so ist das Wieder ingangsehen von Chronometern keine leichte Sache. Vor allen Dingen aber muß für alle Chronometer eine lange Reihe von102 2. Kapitel. Beobachtungen neu ausgestellt werden, ehe man sich ihrer bei Berechnung des Schiffsortes aus See bedienen kann. In See selbst ist ein derartiges Ingangsetzen überhaupt voll kommen ausgeschlossen. Es gehört immer ein Hafen dazu, in dem sich ein sogenannter Observationspunkt befindet, dessen Lage nach Länge und Breite auf das allergenaueste fest gelegt ist, so daß man hier den Unterschied zwischen der Ortszeit und der Zeit von Greenwich genau kennt und danach auch den Unterschied, den die Chronometer mit der Greenwicher Zeit haben, genau berechnen kann. Da die Chronometer der Porck" am vorigen Tage nicht ausgezogen worden waren, so wiesen die kleinen Zeiger jetzt auf die Zahl achtundvierzig, das bedeutete also, die Uhren waren achtundvierzig Stunden in Gang und hatten nur noch acht Stunden Lebenszeit vor sich. Na, sie gehen wenigstens noch," bemerkte Kapitänleutnant Röder. Aber es fehlte nicht viel, dann wären sie tot. Das wollen wir nie wieder machen! Immer erst aufziehen und dann vergleichen, das merken Sie sich. Sie sehen, wie leicht man s sonst vergißt, und dann geht es einem an Kopf und Kragen. Fünf Tage sind uns sicher." Nachdem er mit sicherer Hand die Chronometer aufgezogen hatte, und der Vergleich beendet war, schloß Kapitänleutnant Röder den Kasten wieder zu. Nun wollen wir uns noch eins zur Pflicht machen, Steuer mann. Um halb zwölf Uhr werden die Chronometer noch mal nachgesehen, ob sie aufgezogen sind, und Sie werden mich im Hafen sowohl wie in See daran erinnern. Hängen Sie sich meinethalb in Ihrer Kammer üre kleine Tafel hin, wo daraus steht: ,Halb zwölf Uhr Chronometer revidieren , dann kann es nicht vergessen werden." Na, ich bin nur froh, daß es noch so abgegangen ist," versetzte der Steuermann. Das wäre doch eine eklige Ge schichte gewesen." Ja gewiß!" erwiderte der Navigationsoffizier. Ich werde es aber doch dein Kommandanten melden, für den Fall, daß eine von den Uhren die Sache krumm genommen haben und ansangen sollte, Sprünge zu machen. Na, nun kommen Sie." Die beiden verließen den Chronometerraum, und der Navi-gationsoffizier sagte: Nehmen Sie sich Ihr Steuermanns personal heute, wenn die Leute nicht aus den Gefechtsstationen gebraucht werden, und sehen Sie alle Logg- und Handlot leinen genau nach. Wer weiß, wie lange wir noch an der Boje bleiben, und wenn wir später durch den Belt gehen, müssen vor allen Dingen die Lotleinen aus den Millimeter genarl gemarkt sein. Wie ist es mit den Korrekturtabellen für die Barometer? Wir wollen davon eine Abschrift vorn im Logbuch einkleben. Außerdem bereiten Sie alles vor, daß wir noch mal gründlich Deviation bestimmen vorm Raus gehen." . Zu Befehl, Herr Kapitänleutnant," antwortete der Steuer mann, und der Navigationsoffizier begab sich in seine Kammer, um seine Eintragungen in das Chronometerjournal, das alles Bemerkenswerte über die Ähren, vor allem die Gang- und Standtabellen, enthält, zu machen. Aus diesen Tabellen kann man ersehen, wenn ein Chronometer ansängt, unruhig zu werden, das heißt, einen größeren Anterschied als eine halbe Sekunde im Tag zu zeigen, einerlei ob er vorgeht oder zurück bleibt. Jm ersteren Falle hat er Plusgang, im letzteren Minusgang. An Deck hatte der neue wachhabende Offizier zehn Minuten nach acht Ahr durch den Tambour das Signal zum Geschütz putzen, einen langen Wirbel, geben lassen, rmd die Geschütz bedienungsmannschaften begaben sich an ihre Kanonen, wäh rend die übrigen Leute beim Aufklaren und Putzen des Decks beschäftigt blieben. Jm Turm des Steuerbord vorderen 15-ew-Geschützes stand der Geschützführer, Obermaat Schwarz, und unterwies seine Leute, wie sie sich beim Geschützpuhen zu benehmen hätten. Hinter dem Geschütz lag eine Presenning an Deck ausgebreitet, daraus stand die Ölkanne, neben der ein Haufen Twist lag. Die Matrosen Grigoleitis und Schneidereit saßen hier mit untergeschlagenen Beinen und putzten verschiedene Zubehör teile, wobei sie sich leise unterhielten und heimlich kicherten. Laßt eure Albernheiten," hatte der Anteroffizier schon mehrere Male gerufen, aber die beiden Leute waren heute morgen in sehr vergnügter Stimmung, und als der Anter offizier ihnen jetzt für einen Augenblick den Rücken zudrehte,104 2. Kapitel. bog sich Schneidereit zu Grigoleitis hinüber und versetzte ihm einen freundschaftlichen Rippenstoß, den Grigoleitis natürlich sofort etwas derber erwiderte. I Krüt, wart," rief Schneidereit leise, nahm eine Hand voll öligen Twists und wischte Grigoleitis damit über die Nase. Der bog den Kopf zur Seite und rutschte gleichzeitig auf der Presenning ein Stück zurück. In demselben Augenblick aber sprang er auch auf und starrte auf das Deck hin. Er hatte mit der Presenning die frisch gefüllte Ölkanne umgerissen, und diese ihren ganzen Inhalt über das Segeltuch und das Deck ergossen. Hastig versuchte er die gelbe Flut mit dein Rest von Twist aufzufangen, ehe Schwarz etwas merkte, aber das mißlang vollkommen. Wer hat diesen Unfug hier wieder angerichtet?" schrie der Obermaat in hellem Zorn. Grigoleitis, Schneidereit, ihr Lümmel, das seid ihr doch wieder gewesen! Wischen Sie das Öl auf, Sie Ferkel !" Bei den letzten Worten packte er die beiden Missetäter am Ohr und zog sie an Deck herunter. So ne kaschubsche Gesellschaft! Wenn man bloß die Namen hört, dann weiß man schon, was ihr für Geisteskinder seid und hat genug von euch. Aber dafür kommt ihr zum Rapport." Antreten zum Rapport!" pfiff in diesem Augenblick der wachhabende Unteroffizier auf Vordeck, und Schwarz ries: Sieh, das kommt gerade zur rechten Zeit! Mitkommen!" herrschte er die beiden Sünder an, wanderte mit ihnen zum wachhabenden Offizier, und zwei Minuten darauf standen Schneidereit und Grigoleitis neben Röth, Hellwald und Brede zum Rapport angetreten. Der Stabswachtmeistec erschien mit den Führungsbüchern, und dann kam der erste Offizier heran, um Gericht über die Sünder abzuhalten. Na, Röth, mit Ihnen ist die Sache ja sehr einfach. Ich habe Ihnen den Posten gegeben, weil Sie nach Ihrem Füh rungsbuch ein durchaus zuverlässiger und vor allen Dingen sauberer Mann sein sollen," begann der erste Offizier. Ich verlange von Ihnen, daß Sie mir Ihren Dienst tadellos aus- führen. Der Mannschaftsklosettraum muß im ganzen Schiff der allersauberste sein, und ich dulde dort nicht die kleinste Unsauberkcit, das merken Sie sich. Wenn Sie als Vorgesetzterdort nicht für Ordnung und Sauberkeit sorgen, dann tun es die Leute erst recht nicht. Aber dafür habe ich Sie eben dahin gestellt. Na, heute will ich Sie noch mal laufen lassen, passiert aber das geringste wieder, dann gibt s Strafe, Freundchen, das merken Sie sich. Wollen Sie sich gern Ihr Führungsbuch ruinieren?" Nein, Herr Kapitän," antwortete der Obermatrose, dem ein Mühlstein vom Herzen siel, als er sein Führungsbuch noch mal rein bleiben sah. Er wußte, daß die erste eingetragene Strafe immer die schlimmste ist, und sei sie noch so leicht ge wesen, weil die Vorgesetzten bei einem bereits vorbestraften Mann weit leichter fernere Strafen verhängen als bei einem unbestraften. Na, und ihr beiden," redete der erste Offizier Brede und Hellwald an, ihr werdet euern Kram da ebenfalls ordentlich machen und für Sauberkeit sorgen, sonst geht es Ihnen auch an den Kragen, das merken Sie sich. Ab!" Fm Handumdrehen waren Nöth rind Genossen verschwun den, und Obermaat Schwarz trug nun dem ersten Offizier die Missetat von Grigoleitis und Schneidereit vor. Führungsbücher!" befahl der erste Offizier, die der Wacht- meister ihm hinreichte. Ziemlich beschränkt, aber willig," hieß es bei beiden Leuten, und der erste Offizier sagte: Ich nehme an, daß ihr die Ölkanne nur aus Unachtsamkeit umgeworfen habt und will euch nicht gleich bestrafen, aber ihr werdet die Presenning so lange waschen, bis der Olflcck raus ist, und natürlich wird das Deck so lange gescheuert, bis kein Fleck mehr vorhanden ist, Schwarz." Zu Befehl, Herr Kapitän," antwortete Obermaat Schwarz und zog mit seinen beiden Untergebenen ab, unterwegs nach der Kanone ihre grinsende Freude etwas dämpfend durch die Versicherung: Aber das sage ich euch, das nächste Mal sorge ich dafür, daß ihr drei Tage ins Loch fliegt." Zum Presenningwaschen und Scheuern des Ölflecks auf Deck fanden die beiden Sünder aber erst am Mittag Zeit, weil der ganze Vormittag durch Dienst ausgesüllt war. Nach Beendigung des Geschütz- und Handwafsenputzens und einer kurzen Musterung mußte die ganze Besatzung auf den Ge fechtsstationen antreten zur Instruktion und zum Exerzierdienst.106 2. Kapitel. gm Gesechtsmars des vorderen Mastes standen die Beob achter und Entfernungsmesser und bestimmten mit ihren gn- strumenten den Abstand aller im Hafen liegenden Schiffe und, als sie damit fertig waren, aller möglichen Punkte ringsum an Land, ghre Messungen meldeten sie durch das Sprachrohr nach der Kommandobrücke hin, wo ebenfalls eine Anzahl von Leuten mit Entfernungsmetzapparaten ausgestellt war und sich übte. gn den Geschütztürmen und Kasematten exerzierten die Rohrmeister und Geschützführer unter Aufsicht der Offiziere und übten Laden, Richten und Abseuern. Die Turmdreh maschinen waren angestellt, und die Panzertürme mit den 21-oiu-Geschützen auf Vor- und Achterdeck drehten sich immer fort nach allen Richtungen. Anten in den Munitionsräumen standen die Munitions männer, schleppten Granaten und Kartuschbüchsen an die Munitionsaufzüge, deren Heitzvorrichtungen sich rasselnd und klappernd bewegten und die schweren Geschosse spielend nach oben hoben. Sobald sie wieder herunter kamen, wurden sie aus der Transportschale herausgerissen und wieder in die Kammer zurückgetragen. gn den Torpedoräumen waren die Torpedomannschaften aufgestellt und übten ebenfalls Laden und Schietzen. Mitten zwischen dem ganzen Exerzier- und Ausbildungs dienst ertönte plötzlich die Schiffsglocke zum Feuerlärm, und ohne Besinnen stürzten sich die für fest zum Feuerlöschen bestimmten Mannschaften, das Feuerpikett, auf die Schläuche und Mundstücke, schleppten sie an die Steigrohre der Pumpen und schraubten sie an. Auf einen Befehl von der Kommando brücke nach der Maschine wurden dann die Dampfpumpen in Gang gesetzt. Das aufsteigende Wasser schwellte die Schläuche auf und schotz darin entlang, bis es zischend und knatternd in weitem Strahl aus dem Mundstück hervorsprudelte. Feuer ist gelöscht!" rief der erste Offizier nach einigen Augenblicken. Die Pumpen wurden abgestellt und die Ge rätschaften wieder weggeborgen. Antreten nach der Leckstopfrolle! Leck in Abteilung drei!" befahl darauf der erste Offizier, And nun wurde gearbeitet, als ob die Porck" in Abteilung drei ein großes Loch erhalten hätte und von dort aus vollzulausen drohte. Natürlich begabsich der erste Offizier selbst hinunter an Ort und Stelle, um alle Maßnahmen zu kontrollieren, da kam ein Matrose heran und meldete ihm: Der Kommandant kommt an Bord!" Ja, ist gut. Der wachhabende Offizier möchte ihn emp fangen!" befahl der erste Offizier, und als er einige Minuten darauf an Deck kam, sah er gerade noch, wie die Sicherheits wache, die beim Anbordkommen und Vonbordgehen des Kom mandanten antreten und präsentieren mutz, wieder abrückte. Der Kommandant ist in die Kajüte gegangen und lätzt sagen, Herr Kapitän möchten sich nicht stören lassen," meldete der wachhabende Offizier, und Kapitän Reichard lietz sich denn auch nicht stören, bis um halb zwölf Uhr die Dienstzeit be endet war und Klar Deck gemacht wurde. Junge, dat rükt aberst fein," bemerkte Matrose Fensen, als er mit mehreren Kameraden an der Kambüse vorbei- schlenderte. Hier waren die Kochsmaate eben dabei beschäftigt, aus dem großen Suppenkessel die Fleischnehe der einzelnen Backschasten mit einer großen verzinkten Gabel herauszufischen und auf einem breiten hölzernen Brett der Nummer nach auszustapeln, so daß jede Backschaft bei der Essenausgabe nach her ihr Netz mit dem gekochten Fleisch darin wieder in Emp fang nehmen konnte. Zu Mittag gab es heute Kohlrüben und Kartoffeln mit frischem Schweinefleisch. ,.S ist gut! Schmeckt ausgezeichnet!" lautete das Urteil des wachhabenden Offiziers, dem ein Kochsmaat einen Teller voll zum Probieren gebracht hatte, und ebenso urteilten der erste Offizier und die Mitglieder der Menagekommission, welche täglich die Mahlzeiten der Mannschaft auf ihre Güte und Schmackhaftigkeit zu untersuchen hatten. Auch unter den Mannschaften fand das Essen einstimmige Anerkennung.  Was wollen Sie heute nachmittag machen?" fragte der Kommandant, als Kapitän Neichard sich nach Beendigung des Dienstes in der Kajüte einstellte. Die erste und dritte Division soll Zeug waschen, Herr Kapitän, und die übrigen Leute eine Stunde Dienstinstruktion, eine Stunde Schissskunde haben; nachher wollte ich noch etwas Rollenexerzieren machen, denn die Leute wissen mir noch nicht sicher genug, wo sie bei der Gefechts- oder Feuerrolle hin108 2. Kapitel. sollen. Auch die Leckstopfrolle geht noch nicht ganz so, wie ich es haben will, und bei der Bergerolle war ein solches Durch einander, daß überhaupt kein Mensch wußte, zu welchem Boot er gehörte." Die Bergerolle bestimmt für jeden einzelnen Mann der Besatzung, Offiziere und Unteroffiziere mit eingeschlossen, zu welchem Boot der einzelne gehört und mit welchem er den Versuch einer Rettung zu unternehmen hat, falls dem Schiff durch irgendeinen Unglücksfall der Untergang droht. Morgen sollen dann die anderen Divisionen waschen, im übrigen aber geht der Dienst jetzt genau nach dem Dienstplan, Herr Kapitän," bemerkte der erste Offizier. Und wann glauben Sie, daß wir seeklar melden können?" Wenn Herr Kapitän sich mal davon überzeugen wollen, ich glaube in drei bis vier Tagen können wir es riskieren." Das wäre mir sehr lieb," versetzte der Kommandant. Die Station hat schon angefragt, wie lange es noch dauert, bis die Seeklarbesichtigung stattsinden kann, und drängt zur Eile. Ich glaube, es ist von Berlin her geschrieben worden. Wenn Sie also meinen, schreibe ich Dienstag vormittag nächster Woche. Dann kann Röder am Montag seine Deviations bestimmung machen." Und Kohlen?" warf der erste Offizier ein. Ach so," sagte der Kommandant, die können wir für Montag früh bestellen. Viel brauchen wir ja nicht mehr, das dauert höchstens eine Stunde. Warten Sie mal, hier ist ja der tägliche Kohlenrapport. Also wir müssen hundert- sünszig Tons nehmen, das ist ja eine Augenblicksache. Wir legen dabei das Schiff querwinds, damit es nicht ganz und gar voll staubt. Sie spülen es gleich hinterher wieder ab, und im Anschluß daran kann die Deviationsbestimmung ge macht werden. Dann sind wir für Dienstag vormittag klar und gehen Dienstag nachmittag in See. Das wollen wir dann so festhalten." 8" Befehl, Herr Kapitän," antwortete der erste Offizier und ließ bei der nächsten Musterung durch Schiffsbefehl be kannt machen: Die Seeklarbesichtigung S. M. S. Zjorck" findet voraussichtlich am Dienstag vormittag den 7. April statt. Unmittelbar danach geht das Schiff in See. Bis Dienstagmorgen acht Uhr müssen sämtliche Lieferungen und Rech nungen abgeschlossen sein. Boote fahren für die Schisfsbesatzung nach Beendigung der Seeklarbesichtigung nicht mehr." So, jetzt wird es höchste Zeit," sagte Oberleutnant Heinrich zu Leutnant zur See Baumbach und den übrigen Kameraden, als sie sich zum zweiten Frühstück um dreivicrtcl zwölf in der Messe versammelten. Schreien Sie man alle ,jatz wenn ich fertig bin," und als der erste Offizier erschien und die Herren sich zu Tisch setzten, fing Heinrich sofort an: Herr- Kapitän, ich stelle den Antrag, datz von Messe wegen noch ein Klavier beschafft wird. Ich bin Künstler auf diesem Instrument und erkläre mich bereit, iir Feiten der Rot r:nd der Trübsal meine Kunst zur allgemeinen Erheiterung zur Verfügung zu stellen. Ich bitte Herrn Kapitän gehorsanrst, darüber abstimmen zu lassen, ob ja oder nein." Ja, jawohl! Ja! Klavier haben! Musik machen! Hein rich aus der Drahtkommode!" und ähnliches riefen die übrigen Messemitgliedcr durcheinander, und nur der Artillerieoffizier, Kapitänleutnant Hosfmann, schrie dagegen: Herr Kapitän, ich protestiere dagegen, das ist eine Vergewaltigung. Die ganze Geschichte hier ist ein abgekartetes Spiel, und wir beide sollen überrumpelt werden." Natürlich wurde ihm von allen Seiten laut und lebhaft widersprochen, und schließlich blieben die Klavierfreunde Sieger. Leutnant Heinrich erhielt den Auftrag, aus Kosten der Messe ein gutes Instrument auszusuchen, und die Erlaubnis, bis zu tausend Mark auszugeben. So wurde das Klavier angeschafft, und der Zimmermeister mutzte durch Anbringung von Klainpen und Stützklötzen dafür sorgen, datz das Instrument seefest stand. Als Leutnant Heinrich dann den Deckel aufschlug und zum ersten Male seine wirklich nicht geringe Kunstfertigkeit in einigen glänzenden Läusen und einer Folge von Akkorden bewies, jubelte alles und klatschte Beifall, nur Kapitänleutnant Hossmann schalt über den gräß lichen Radau. Trommel und Pfeife sind zwar auch nur Getöse, aber man weiß doch wenigstens, wozu sie da sind," erklärte er. Dieser Spektakel hier ist dagegen vollkommen überflüssig." Quiek! Quiek!" machte es da hinter ihm, und als er110 2. Kapitel. entsetzt herumfuhr, sah er gerade in Reiches lachendes Gesicht, der heimlich seine Geige hereingeholt hatte und ihr zum Spatz ein paar scheutzliche Mißtöne entlockte. Sind Sie toll?" rief Hoffmann. Das ist ja um Krämpfe zu kriegen! Der reine Rattenmord! Geben Sie mir das Ding mal her, ich werde Ahnen zeigen, wozu das gut ist," rind er wollte Reiche den Bogen aus der Hand nehmen. Aber der sprang ein paar Schritte zurück, setzte die Geige an und fing an zu spielen: Mein Hut, der hat drei Ecken!" worauf Heinrich sofort mit der Klavierbegleitung einsiel, und die übrige Gesellschaft anfing zu singen. Das war für Hoffmann zu viel, und er rückte aus. Beim Beginn des Mittagessens um sechs Ahr aber stellte er den Antrag, daß täglich höchstens eine Stunde zum Radau machen in der Messe freigegeben werden sollte, während der übrigen Zeit müßte der Schlüssel am Schlüsselbrett des ersten Offiziers noch unter dem von der Pulverkammer hängen, von wo er nur mit Genehmigung des ersten Offiziers und des Artillerieoffiziers weggenommen werden dürfte. Seine Feindschaft gegen Musik, die im übrigen gar nicht so schlimm gemeint war, trug noch oft dazu bei, in der Messe ein lustiges Streiten hervorzurufen. Rasch verflogen die letzten Tage der Woche. Am Sonntag nachmittag erhielt die gesamte Besatzung der Porck" mit Aus nahme einer Hälfte der Wache noch einmal Arlaub bis zwölf Ahr. Am Montag ging nach der Kohlenübernahme die De viationsbestimmung von statten, an der sich auf Befehl des Kommandanten auch die jüngeren Offiziere wieder be teiligen mußten, und am Abend fand in dem großen Saale der Marineakademie eiir Abschiedsfest für die Offiziere statt, bei dem der den Stationschef vertretende Inspekteur der ersten Marineinspektion den Kameraden warme Worte des Abschieds widmete, worauf der Kommandant mit einigen kurzen kräf tigen Worten erwiderte. Am Dienstag morgen kam der Inspekteur in Begleitung des Stationsingenieurs, des Stationsarztes und seines Ad jutanten an Bord und ging mit dem Schiff sofort in See. Zwei Stunden lang prüfte er Offiziere und Mannschaften auf Herz und Nieren, das heißt alle dienstlichen Verrichtungen,die für die Sicherheit des Schiffes und der Besatzung zunächst in Betracht kamen, und hierbei war es natürlich in erster Linie die Tätigkeit des ersten Offiziers, von der das erreichte Maß von Ausbildung abhängig gewesen war, und die hier einer scharfen Kritik unterzogen wurde. Aber Kapitän Reichard bestand die Prüfung glänzend. Die kleinen Versehen, die hier und da vorkamen, bemerkte der Inspekteur wohl, ent schuldigte sie aber wohlwollend mit der Kürze der Dienstzeit, und als ihm der Stationsarzt sowie der Stationsingenieur meldeten, daß sie keinerlei Ausstellungen zu machen hätten, dampfte er mit der Porck" in den Hasen zurück. Noch einmal machte das Schiff für kurze Zeit an seiner Boje fest, bis die Dampfpinasse, die den Inspekteur und die beiden anderen Herren an Land gesetzt hatte, zurückkam und eingesetzt war. Zn demselben Augenblick aber, als das Boot auf Deck stand, befahl Kapitän Eisenhart: Leine los!" und sobald er sich von der Boje frei manövriert hatte, dampfte die Porck" aus dem Hafen. Von den Schiffen, die sie passierte, klang das dreifache Hurra der Besatzung zum Abschied herüber und wurde von den Porck-"Mannschaften kräftig erwidert. Einige Segel boote und kleine Dampfer hielten für kurze Zeit noch mit dem Schiffe Schritt, von dessen Signalmast die bunten Flaggen die Antwort: Danke sehr!" auf den farbigen Flaggengruß aller anderen Schiffe: Wünsche Ihnen glückliche Reise!" gaben. Adjüs, Kiel!" rief der Matrose Iensen für sich der Stadt noch einen besonderen Abschiedsgruß zu und schwenkte die Mühe. In twee Johr bin ick wedder dor!" Das hoffte er und mit ihm die Hunderte, die jetzt mit ihm zusammen hinauszogen in das weite, wogende Meer. Klapitünleutnant Röder, wir wollen die Durchfahrt durch den Belt kriegsmäßig machen," sagte der Kommandant zum Navigationsoffizier, und die sämtlichen Offiziere, mit Aus-112 3. Kapitel. nähme des ersten Offiziers und des Artillerieoffiziers, sollen sich an der Navigierung beteiligen." Sehr wohl, Herr Kapitän," antwortete Kapitänleutnant Röder, und als sich die jüngeren Herren auf der Kommando brücke versammelt hatten, erklärte er ihnen an der Hand der Seekarte die verschiedenen Kurse, welche im Belt eing. schlagen werden mutzten, und die Zeichen, nach welchen diese Kurse gesteuert werden konnten. Meine Herren, Sie müssen die Sache also so auffassen, datz keinerlei Seezeichen, Bojen, Baken oder dergleichen vor handen sind, und datz auch die Leuchtfeuer nicht brennen würden. Wir müssen also auf eigene Hand durchsinden," unterbrach Kapitän Eisenhart die Erklärungen des Navi gationsoffiziers. And Sie werden sich bemühen, die Durch fahrt zu sinden und die einzelnen Merkmale zu entdecken. Geben Sie sich recht Mühe dabei, damit Sie was lernen, denn die Sache ist äutzerst instruktiv und für uns durchaus notwendig!" Während die jüngeren Offiziere auf der Kommandobrücke dienstlich in Anspruch genommen waren, ging der erste Offizier wieder durch das Schiff, um nachzusehen, ob alle Gegenstände seefest gezurrt waren, und ebenso revidierte auch der Artillerie offizier die Zurrings der Geschütze und Türme, die diese schweren Massen sichern sollten, wenn die Porck" schlechtes Wetter und grobe See antraf. Der Oberbootsmann war indessen beschäftigt, mit einigen seiner Leute die Decksboote seefest zu zurren und ging, als er damit fertig war, in die Messe hinunter. Hier traf er schon den Verwalter und zwei Maschinisten nebst dein Zimmermeister, die den Abschied von Kiel mit einem Glas Bier feierten, und nach einiger Zeit gesellten sich auch noch der Pumpenmeister und der Rohrmeister zu ihnen. Nun wären wir also wieder mal in See," äutzerte der Maschinist Vogt. Hören Sie nur mal. wie wundervoll gleich mäßig die Schrauben arbeiten. Es geht doch nichts über eine gute Maschine." Doch," entgegnete der Pumpenmeister. Ich weiß noch etwas." And das wäre?" versetzte der Maschinist.Ausreise des Panzerkreuzers Porä". (Seite 111.1\S Das ist das Panzerdeck," lachte der Pumpenmeister los, der das für einen ausgezeichneten Witz hielt. Herr Vogt würdigte ihn jedoch keiner Antwort und auch die übrigen Messemitglieder fühlten sich nicht verpflichtet, den Witz als solchen anzuerkennen und zu lachen. Stewardsmaat," rief der Oberbootsmann Brandow, geben Sie mir mal auch ein Glas Bier zum Abgewöhnen," tat einen ordentlichen Zug und sah dann nachdenklich in sein Glas hinein. Sie denken wohl noch an Kiel, Herr Oberbootsmann?" unterbrach der Pumpenmeister die Stille in der Messe. Nee," entgegnete der Bootsmann kurz und bestimmt. An Kiel Hab ich gar nichts zu denken, und da denkt auch keiner an mich, vor allen Dingen nicht mit unbezahlten Rechnungen." Daraus bekam der Pumpenmcister einen roten Kops und schwieg still. Bei seiner zahlreichen Familie und einem nicht geringen permanenten Durst konnte er Einnahmen und Aus gaben seines Gehaltes nie recht in Einklang halten. Der Oberbootsmann wußte das, denn in den letzten Tagen vor der Ausreise waren mehrere Leute mit Rechnungen für den Pumpenmeister in die Deckoffiziersmesse gekommen und hatten sich an den Bootsmann als den Messeältesten ge wendet, weil der Herr Pumpenmeister jedesmal, wenn ein Zivilboot mit verdächtigen Leuten in die Nähe des Schiffes kam, in den unteren Räumen untergetaucht war und nicht wieder erschien. Der Oberbootsmann hatte seinem etwas leichtfertig ver anlagten Kameraden zweimal ernstliche Vorhaltungen gemacht, war aber vom Pumpenmeister schnöde abgefertigt worden mit den Worten: Das ist meine Sache." Doch hatte sich der Schlauchbändiger nicht geniert, den Oberbootsmann, den er, als unverheiratet, in guten Verhältnissen glaubte, um eine ziemlich erhebliche Summe anzuborgen. Natürlich war er abgewiesen worden, und der Bootsmann hielt nun seinerseits dem Leichtfuß fein Benehmen noch durch einige weitere Stiche leien so gründlich vor, daß jener es bald darauf vorzog, die Messe zu verlassen. Anter den Zurückbleibenden bildeten seine Verhältnisse dann aber noch eine Weile das Gesprächsthema, und der Bernstorff, An Bord des Panzerkreuzers Aorck". 83. Kapitel.  Maschinist Vogt meinte schließlich: Ach glaube, es wäre das beste, wenn man dem Herrn Pumpenmeister den Zapfen zudrehte, dann muß er doch sparen. Herr Verwalter, wissen Sie vielleicht, wieviel Heimatzahlungen er macht?" Nein, ganz gewiß nicht, das geht mich auch absolut nichts an, Herr Vogt," entgegnete der Materialienverwalter. Ich kümmere mich um solche Sachen grundsätzlich nicht." Sie brauchen gar nicht so bissig sein," versetzte der Ma schinist. Aber freilich, mit Ahnen war ja schon in der letzten Zeit überhaupt kein Auskommen mehr." Wenn Sie so viel zu tun gehabt hätten und so viel um die Ohren hätten wie ich, dann möchte ich wohl mal sehen, wie es mit Ihrer Laune aussähe. Dann schlügen bei Ihnen längst die Flammen aus dem Schornstein raus," entgegnete der Verwalter. Nichts zu tun und dann sich groß aufspielen, das können die Herren von der Maschine, weiter aber auch nichts." Damit stand er auf und verließ die Messe. Wo Sie wohl hinkümen, wenn wir nicht wären," rief der Maschinist ihm höhnisch nach und ertränkte seinen Groll in einem weiteren Glas Bier. Da wurde die Tür zur Messe ausgerissen und ein Matrose ries hinein: Herr Oberboots mann möchten bei^n ersten Offizier kommen." Der Bootsmann erhob sich, um dem Befehl Folge zu leisten, und fand seinen Vorgesetzten schließlich im Boots mannshellegatt. Hier hauste der Matrose Pilgrim, der erst Bursche beim Navigationsoffizier gewesen war, wegen gänzlicher Ungeeignet heit dazu den Dienst aber bald hatte ausgeben müssen; da er einer der wenigen richtigen Seeleute an Bord war, hatte der Bootsmann Beschlag aus ihn gelegt und ihm das Hellegatt anvertraut, wo Pilgrim seitdem ein ebenso verborgenes wie beschauliches Dasein führte; denn wenn er gerade keine Lust hatte, etwas zu tun, oder zu hören, wenn ihm von oben zu- gerufen wurde, dann machte er einfach feine Tür zu, drehte das elektrische Licht aus und tat, als ob er nicht zu Haufe wäre. In Wirklichkeit aber verstand er es meisterhaft, feine langen Beine in dem Raum so aufzuschießen, daß er sich hinlegen konnte und vor sich hinduseln. Das war seine liebste Beschäftigung.Zn See. 115 Oberbootsmann," sagte der erste Offizier, Sie haben sich doch heute morgen den Schlüssel zum Hellegatt geholt!“ Iu Befehl, Herr Kapitän," antwortete der Oberboots mann. Haben Sie denn jetzt abgeschlossen und den Schlüssel in die Tasche gesteckt?" erkundigte sich der Erste weiter. Nein, Herr Kapitän!" Na, wo ist er denn? Das Hellegatt soll doch jetzt offen sein, aber wie ich herkomme, ist die Tür verschlossen und der Schlüssel ist nicht da. Ich habe schon mindestens fünf Minuten gerufen und geklopft, aber der Hellegattsmann ist nicht vorhanden." Das begreife ich nicht," versetzte der Bootsmann. Ich habe ihn nicht weggeschickt und ihm auch keine Erlaubnis ge geben, fortzugehen. Vielleicht steckt er doch noch drin." I, das wäre ja eine unglaubliche Frechheit," meinte Kapitän Reichard. Wie heißt der Mann doch?" Pilgrim," antwortete der Bootsmann, schlug mit seiner- riesigen Faust dröhnend gegen die Tür, daß das Holzwerk krachte und rief: Pilgrim! Machen Sie mal auf!" Einen Augenblick lauschten die beiden Männer vor der Tür, da wurde innen ein leises Stöhnen hörbar, dann tastete es an der Tür, das Schloß sprang auf, die Tür öffnete sich und der Matrose Pilgrim erschien. Beide Hände vor den Leib haltend und nach vorn sich überbiegend, stand er da, als ob er die furchtbarsten Leibschmerzen hätte. Ein Bild des Jammers! Was ist los? Was fehlt Ihnen?" rief der erste Offizier ihn an. Ach, mir ist so schlecht, Herr Kapitän," antwortete Pilgrim. Ich glaube, ich war ohnmächtig geworden und hingefallen, ich weiß von gar nichts." Ja, vorher hatten Sie aber vorsichtigerweise die Tür- abgeschlossen," rief der erste Offizier, der bei dem verdutzten Gesicht des Mannes kaum das Lachen unterdrücken konnte. Oberbootsmann, ist Ihnen schon mal so eine merkwürdige Krankheit vorgekommen, bei der man ohnmächtig wird und die Tür abschlieht?" Geschlafen hat er," brummte der Oberbootsmann, der aber auch ein leichtes Lächeln nicht verbergen konnte, was Pilgrim wieder ermutigte.116 2. Kapitel. K^S Stein, Herr Kapitän, das Schloß mutz von selbst zu gesprungen sein, ich hatte nicht abgeschlossen," behauptete er. So, alter Freund, halten Sie mich für so dumm, datz Sie mir solchen Ansinn vorschwindeln können?" entgegnete Kapitän Reichard. Hätten Sie mir ruhig gesagt:,Jawohl, Herr Kapitän, ich hatte mich eingeschlossen, und ich habe geschlafen dann wäre die Geschichte erledigt, aber dafür, datz Sie mich auch noch belügen wollen, werde ich Sie bestrafen. Oberbootsmann, wie ist der Mann sonst?" Im Hellegatt kann ich nicht über ihn klagen, da macht er seine Sache gut," erwiderte der Oberbootsmann. Dann kann er vorläufig noch Hellegattsmann bleiben," erklärte darauf der erste Offizier, aber heute abend stehen Sie eine Stunde mit der Hängematte an Deck, mein Freund, und das nächste Mal, wenn ich Sie hier wieder schlafend finde, fliegen Sie raus, das merken Sie sich." Während der erste Offizier sich an Deck begab, nahm sich der Oberbootsmann seinen Hellegattsmann privatim vor rurd erteilte ihm eine gründliche Instruktion über seine Pflichten im Hellegatt, worauf Pilgrim Besserung schwur. Als Kapitän Reichard wieder an Deck erschien, lagen Kiel und die Kieler Bucht schon weiter hinter der Porck". Selbst vom Bülker Leuchtturm war nichts mehr zu sehen. Dafür tauchte aber bald an Backbord voraus Fakkeberg, die Süd spitze von Langeland, auf, und hier an dem Eingang in den Belt, zwischen Langeland links und Laaland rechts, machte nun der Navigationsoffizier seine jüngeren Kameraden auf die einzelnen Merkzeichen am Land aufmerksam. Hier an der Ostseite Langelands entlang war die Fahrt zunächst nicht schwierig, unangenehm wurde sie aber später zwischen Fünen und Seeland. Als die gefährliche Nord westspitze von Seeland erreicht war, um die herum der Kurs von Nord auf Nordnordost, von Samsö nach Anholt, führt, war es bereits finster, und nun wurde lediglich nach dem Lot weitergefahren. Hier aber entließ der Kommandant die jungen Offiziere von der Brücke, und nur die beiden Wach habenden mußten außer dem Navigationsoffizier auf der Brücke bleiben. Als Samsö passiert war und die Porck" freies Wasserhatte, sagte der Kommandant zum Navigationsoffizier: Ach gehe jetzt hinunter, von jetzt also Kurs Nordnordost per Kompaß, Fahrt sechzehn Meilen. Wenn irgend etwas Be sonderes ist, bitte ich um Meldung." Sehr wohl, Herr Kapitän," antwortete Kapitänleutnant Röder, und Kapitän Eisenhart verließ, nachdem er sich im Kartenhaus erst noch einmal persönlich von der Richtigkeit des in die Karte eingezeichneten Kurses überzeugt hatte, die Kommandobrücke. Als er achteraus ging, saßen und standen an Deck überall Gruppen von Leuten, die vergnügt ihre Pfeife oder Zigarre rauchten; sie hatten ihr aus Tee, Brot und Butter bestehendes Abendbrot, zu dem sich dieser oder jener ein Stück Wurst oder ein paar Eier aus der Kantine leistete, längst gegessen. Der Steward soll mir Essen bringen," befahl der Kom mandant, nachdem er Mütze und Paletot abgelegt hatte, und setzte sich an den bereits gedeckten Tisch. Gleich darauf brachte ihm der Stewardsmaat das einfache Mittagessen, bestehend aus einem Teller Suppe, einem Fleischgang mit Gemüse und Kartoffeln und Butter und Käse als Nachtisch, wozu der Offizier ein Glas Mosel mit Selterswasser trank. Zn kaum zwanzig Minuten war das Essen beendet, der Tisch abgeräumt und der Kommandant inachte sich an die Durchsicht der verschiedenen Schriftstücke, die ihm aus den Bureaus noch in die Kajüte gebracht worden waren. Ein Druck auf den Klingelknopf rief den draußen stehenden Posten herein. Der Adjutant und der Funkspruchosfizier möchten zu mir kommen!" befahl der Kommandant, und gleich darauf meldete,: sich die beiden jungen Offiziere bei ihm. Leutnant Griebnitz, sind mir die Funkspruchtelegramme heute morgen vorgelegt worden? Was hatte Norddeich für Wetter angesagt und was war fonft noch? Ach entsinne mich nicht, sie gelesen zu haben." Zu Befehl, Herr Kapitän. Ach hatte das Buch heute morgen in die Kajüte gelegt," antwortete Leutnant Griebnitz, der Funkspruchoffizier, der einen besonderen Kursus für draht lose Telegraphie durchgemacht hatte und dem die Einrich tungen hierfür an Bord der Porck" unterstellt waren.US 3- Kapitel. Norddeich hat steigendes Barometer bei leichten nord westlichen Winden angesagt, und dann waren noch ein paar Eisenbahn- und Bergwerksunglücke, weiter nichts Beson deres." Es wurde nach dem Tagebuch gesucht, es befand sich aber nicht in der Kajüte. Vielleicht ist es mit den Maschinenjournalen heraus gekommen. Die habe ich vorhin dem Stabsingenieur zu geschickt," meinte schließlich Kapitän Eisenhart, woraus Leutant Griebnitz sich zum leitenden Ingenieur begab, bei dem sich das Buch dann auch vorfand. Fritsche," sagte der Kommandant zum Adjutanten, haben Sie mir ein Nachtorderbuch eingerichtet?" Nein, Herr Kapitän, noch nicht," antwortete der junge Offizier. Dann machen Sie eines," befahl der Kommandant. Nehmen Sie ein Quartheft, oder ein größeres Notizbuch, oder was Sie haben, oder lassen Sie es im Bureau nähen und daraufschreiben: ,Nachtorderbuch des Kommandanten^. Ich werde das jeden Abend zwischen acht und neun Uhr auf die Kommandobrücke schicken und Sie sorgen dafür, daß morgens wieder in die Kajüte kommt. Außerdem bringen Sie mir jetzt mal das Schiffsbefehlsbuch." Als Leutnant Fritsche mit dem Buch ankam, diktierte ihm der Kommandant: ,Schisfsbefehl: Der Navigationsoffizier hat mir jeden Morgen um acht Uhr bei Einreichung des ge koppelten Bestecks zu melden, daß die Chronometer aufgezogen sind und abends um acht Uhr mit Einreichung des Bestecks das Logbuch zur Unterschrift vorzulegen, so lange sich das Schifs in See befindet. Krankenrapport, Kohlenbestands- meldung rlnd Maschinenraumjournal sind mir zur Musterung vorzulegen. Am Freitag vormittag werde ich Schiff rurd Mannschaft in der Gefechts-, Feuer- und Leckstopfrolle, sowie der Bergerolle besichtigen. Nähere Bestimmungen darüber werden dem ersten Offizier mündlich zugehen. Das von mir ausgegebene Nachtorderbuch ist beiin Wachwechsel mit Nainens- chiffre dem ablösenden Offizier zu übergeben! Sämtliche Herren des Stabes haben von diesem Befehl Kenntnis zu nehmen und neben ihrer Unterschrift ihre Namenschifsre inKlammern zu setzen! Haben Sie alles? Schön, dann geben Sie her!" Der Kommandant unterschrieb, reichte das Buch dem Adjutanten und sagte: So, rundlausen!" Das hietz, es sollte bei allen Offizieren herumgehen. Als der junge Offizier die Kajüte verlassen hatte, trat der Navigationsoffizier ein, der auf der Karte nach den verschiedenen Kursen, die das Schiff gelaufen, und den zurückgelegten Entfernungen den Punkt ausgerechnet hatte, auf dem sich das Schiff um acht Uhr abends befinden mutzte. Dies ist das sogenannte gekoppelte Besteck und kann für jede beliebige Stunde des Tages berechnet werden. Es ist aber nicht genau, weil die Einwirkung der Strömungen nicht berücksichtigt werden kann. Eine genaue Ortsbestimmung ist nur inöglich durch astronomische Beobachtungen an der Sonne, dem Mond und den Fixsternen, wobei die letzteren beiden wegen Unsicherheit der nächtlichen Beobachtung meistens auch nur ein annähernd richtiges Resultat ergeben. Solange sich das Schiff in der Nähe von Land mit bekannten Landmarken und nachts brennenden Leuchtfeuern befindet, kann der Ort des Schiffes durch sogenannte Peilung am Kompatz genau fcstgelegt werden. Na, Röder, wo sind wir?" fragte der Kommandant. Ich habe die Karte mitgebracht," erwiderte der Navi gationsoffizier, breitete die Seekarte, eine Spezialkarte des Kattegatts von Samsö bis zur Insel Laesö, aus dem Tisch aus und zeigte dem Kommandanten den mittels Bleistift ein getragenen Punkt, wo die Porck" um acht Uhr stand, wie der technische Ausdruck lautet. Nach der letzten Peilung von Samsö-Feuer stimmt die Sache ziemlich genau, ebenso nach den Lotungen, Herr Kapi tän," erklärte Kapitänleutnant Röder. Schön," erwiderte der Kommandant. Ich habe ins Nachtorderbuch schon eingeschrieben, datz ich Meldung haben will, wenn das Feuer von Anholt in Sicht kommt. Von da gehen wir dann wieder Nord bis Laesö, und dann können wir ja weiter sehen." Sehr wohl, Herr Kapitän," entgegnete der Navigations offizier. Ich kann wohl das Nachtorderbuch gleich mit-120 z. Kapitel. nehmen." Er nahm Karte Buch und begab sich damit aus die Kommandobrücke. Um dreiviertel acht Uhr hatte die Backbordwache die Seewache übernommen, während die Steuerbordwache und Freiwächter ihre Hängematten erhalten hatten. Aus beiden Nocken der Kommandobrücke stand ein Ausguckposten, eine dunkle Gestalt war an dem oberen Kompaß sichtbar, zwei See posten standen Backbord und Steuerbord achtern in den Ecken des Aufbaudecks und ein Mann als Posten an der Nachtrettungs boje am Heck. Die beiden Posten aus der Kommandobrücke hatten gleichzeitig die Seitenlaternen zu beobachten. Ein schmaler grüner Lichtstreis an Steuerbord, ein gleicher roter an Backbord, der nur von der Kommandobrücke aus gesehen werden konnte, zeigten den Leuten an, dah die Laternen brannten. Eine weihe Laterne, deren Licht von Steuerbord querab, rund herum nach vorne, bis Backbord querab zu sehen war, die sogenannte Staglaterne, unterschied die Porck" für Mit- und Gegensegler als Dampfschiff. Segelschiffe führen nur die roten und grünen Seitenlaternen. Mit langsamem Schritt ging der wachhabende Offizier auf der Kommandobrücke auf und ab, warf hin und wieder einen Blick auf den Kompaß oder fragte in den Kommando stand hinein: Was liegt an?" und setzte dann das Nachtglas an die Augen, um das Fahrwasser rundum zu mustern. Die Nacht war dunkel und das Wetter etwas unsichtig. Da die Porck" mit sechzehn Meilen Fahrt lies, so war scharfes Auf passen durchaus am Platze. Von der Mannschaft hatten die wenigsten Leute schon eine Neigung zum Schlafen verspürt. Die Überzeugung, dah sie nun tatsächlich die zweijährige Reise angetreten hatten und fernen, den meisten völlig unbekannten Zielen zustrebten, hatte für die Neulinge in der Seefahrt, und deren gab es viele an Bord, doch etwas Aufregendes. So sahen und standen sie in Gruppen umher und unterhielten sich über die Zukunft. Die meisten voll froher Hoffnung auf die weite Welt da draußen, und kaum einer dachte an die eben erst verlassene Heimat zurück; nur unter den älteren, verheirateten Unteroffizieren und bei den Deckossizieren verweilte die Unterhaltung noch eine Zeitlang bei den zurückgebliebenen Angehörigen.Es dauerte aber nicht lange, da trieb die einen der Gedanke an die um zwölf Ahr beginnende und bis vier Ahr morgens dauernde Mittelwache, die anderen die Sicherheit, daß der morgige Tag wieder sein gerüttelt Maß an Dienst haben würde, zur Koje, und um halb zehn Ahr brannte nur noch in der Osfiziersmesse das elektrische Licht. Hier hatte nach dem Essen Leutnant Heinrich das erste Konzert veranstaltet, wie er sagte, und bewiesen, daß er nicht nur ein ausgezeichneter Klavierspieler war, sondern es auch verstanden hatte, ein her vorragend gutes Instrument auszuwählen. Alle Wetter, das hab^ ist) gar nicht geahnt, daß Sie ein solcher Meister sind," meinte der erste Offizier. Sie hätten sich ja doch ausbilden lassen können, so viel ich davon verstehe." Za, meine Mutter wollte das auch gern," entgegnete Heinrich. Aber dazu hatte ich keine Lust, denn ich habe selber das Empfinden, daß ich es über ein gewisses Maß von Fertig keit doch nicht hinaus bringe, und daß das, was ich erreichen kann, doch für einen Künstler nicht annähernd ausreicht! So, was so n bißchen fürs Haus ist, das hat man ja gelernt." Er drehte sich um und gab noch einiges zum besten. Wenige Minuten nach acht Ahr trat der Leutnant zur See Maurer, der eben vonWache abgelöst war, in die Messe und ries: So, dem Himmel sei Dank, die erste eigentliche Seewache hätten wir hinter uns, und jetzt fangen wir einen Riesenreisedauerskat an. Hier, Assistenzdoktor, kommen Sie her! Ingenieur Ritter macht auch mit, und Fritsche ist der Vierte im Bunde! Stewardsmaat, sehen Sie mal nach, wo Leutnant Fritsche steckt. Er möchte Herkommen, der Riesenreisedauerskat finge an." Herr Leutnant Fritsche ist beim Kommandanten," ant wortete der Stewardsmaat. Ra, schad nischt," rief Maurer, dann vertritt ihn einer von uns so lange, bis er kommt. Doktorleben los, Sie geben!" Als Leutnant Fritsche wieder in der Messe erschien, ries Maurer ihm zu: Kommen Sie her, Mensch! Sie haben ein Riesenglück, ich habe schon zwei Grands für Sie gewonnen." Was soll denn werden?" fragte Leutnant Fritsche. Wir spielen in eine Kasse, und wenn nicht irgend was Besonderes los ist, wird jeden Abend von acht bis zehn Ahr122 S. Kapitel. Skat gespielt, so lange wir in See sind," antwortete Maurer. Die Kasse wird nachher für Besuch an Land verbraucht. Punkt zehn Uhr ist Schluß, ganz gleich, wie es steht, und Sie werden das Dauerprotokoll führen." Punkt zehn Uhr wurde denn auch das Spiel abgebrochen, und die viere verließen als letzte die Messe und begaben sich in ihre Kammern. Unaufhörlich, ohne Ermüdung, ohne Rast und Ruhe drehten sich die Schraubenwellen der Porck" und peitschten die gewaltigen Schraubenflügel das Wasser in breiten Strudeln nach rückwärts. In gleichmäßiger Fahrt zog das Schiff seines Weges dahin. In seinem Inneren war alles verstummt bis auf das leise Fauchen und Zischen des Dampfes in den Maschinenräumen, in denen die inannigfachen Räder, Scheiben und Stangen wieder im Schein der elektrischen Lainpen ihren stummen Wirbeltanz vollführten, sowie das Sausen und Brausen der Flammen unter den Kesseln und das polternde Dröhnen der Kohlen auf den Flurplatten, wenn die Kohlen trimmer die eisernen Eimer voll Kohlen aus den Bunkern herausschafften und vor den Kesseln ausschütteten. Schweigend vollführten die Heizer hier ihren Dienst, bestrahlt von der rötlichen Glut, als einzige Erquickung einen Schluck kalten Tees genießend, als einzigen Stützpunkt zu kurzer Ruhe den Halt an einem Schüreisen oder der Schaufel findend, auf die sie sich lehnten. Oben an Deck aber strich der Wind mit leichtem Sausen über das Schiff hin, brachte die Drahtanlage der Funkentelegraphie zum Schwingen, daß es klang, als ob Äolsharfen dort oben schwebten, und wälzte die funkendurchsprühten, schwarzen Rauchmassen, die in immer neuen, finsteren Wolken den Schornsteinen entquollen, nach rückwärts, weit über die See dahin, über die sie sich, das Dunkel der Nacht noch mehr verfinsternd, wie ein dichter, schwarzer Schleier ausbreiteten. Stunde um Stunde verging. Am dreiviertel zwölf Uhr wurde die neue Wache aufgepurrt, kam schlaftrunken mit den Hängematten heraus und wurde gemustert. Rasch verschwanden dann die Hängematten in den Kasten. Die ersten Nummern Ruder und Posten verfangen!" wurde gepfiffen. Rettungs bootmannschaft Musterung!", und als die neue Wache denDienst übernommen hatte, bekamen die Leute der alten Wache Hängematten und konnten zur Koje gehen. Ein neuer Steuer- mannsmaat und neue Signalgäste erschienen aus der Kom mandobrücke, der wachhabende Offizier wurde abgelöst und übergab seinem Nachfolger: Kurs Nordnordost, Fahrt sech zehn Meilen, alle drei Maschinen große Fahrt voraus, die Fahrtlaternen brennen, Rettungsbootmannschaft ist gemustert, Posten an der Nachtrettungsboje ist aufgezogen! Hier ist das Nachtorderbuch vom Kommandanten! Gute Wache! Gute Nacht !" So waren alle Stellen, die für die Sicherheit des Schiffes zu sorgen hatten, neu beseht, nur der Navigationsoffizier war als einziger von vorher übrig geblieben und wich und wankte nicht von der Kommandobrücke. So lange das Schiff sich in den wegen ihrer verschiedenen, unberechenbaren Strömungen gefährlichen Gewässern des Kattegatts befand, erlaubte ihm sein Verantwortlichkeitsgefühl nicht, die Brücke zu verlassen, und mit dem jüngeren Kameraden der Mittel wache wachte er weiter dem Morgen entgegen. Das Ansicht- und Aussichtkommen des Feuers von Anholt hatte er persönlich dem Kommandanten gemeldet, ihm über Fahrt, Wind und Wetter Auskunft gegeben, und nun wartete er auf das Erscheinen des Feuers von Laesö und Trindelen. So wie er es berechnet hatte nach Kurs und Fahrt des Schiffes, zeigten sich die Leuchtfeuer, und der Nordspihe von Jütland, Skagen zu, ging die Fahrt weiter. Längst war der Tag angebrochen, und der neue Dienst des Tages hatte begonnen, als der hohe weiße Leuchtturm von Skagen zur linken Seite auftauchte und die Porck" den Bug westwärts wandte. Zahlreiche Schiffe, Mit- und Gegensegler passierte sie hier, denn trotz des Kaiser-Wilhelm-Kanals ziehen es noch viele Schiffer vor, den weiteren und gefährlicheren Weg um Skagen herum zu nehmen, weil sie die Kanalabgaben scheuen. Von rechts herüber grüßte noch eine Zeitlang die hohe dunkle Küste Schwedens, dann wurde Kap Skagen gerundet, und der Bug der Porck" tauchte in die grünen Wogen der Nordsee. Du, häst cm sehn?" fragte Matrose Fensen seinen Freund Petersen.124 3. Kapitel. Wcmm?" fragte der. Den Lüchtturm! Dat wer Schagen," antwortete Fensen und deutete auf den Leuchtturm von Skagen. Denir kenn ick ganz genau. Dor bün ick all öfters bi vörbikamcn." Za," entgegnete Peterfen, ick häffem ook oft noog sehn. Fck bün hier mal n Tied lang mit n Barkschooner vörbifeielt, und eenmal hebbt wi hier wohl so n vecrtein Dag lägen. Dor schimp uns Ohl aberft mächtig, dat he so veel Tied verlor. Hut geiht dat fixer." Fa, ganz gewiß," sagte Fensen und sah noch einmal 311 den: achteraus verschwindenden Leuchtturm von Skagen hinüber. Der Navigationsoffizier hatte sich, nachdem Skagen passiert war, und er dem wachhabenden Offizier den neuen Kurs an gegeben hatte, noch für etwa eine Stunde zum Schlafen niedergelegt, aber bereits um sieben Ahr war er wieder auf, um seine Chronometer auszuziehen und für acht Ahr morgens den Ort des Schiffes zu bestimmen. Da das dunstige Wetter ein Beobachten der Soime mittels Sextanten nicht gestattete und auch für den Mittag Beine Aussicht aus das Herauskommen des Gestirnes war, konnte der Punkt nur ungefähr ermittelt werden. Als Kapitänleutnant Röder mit dem Kommandanten dar über sprach, sagte dieser: Das schadet nichts. Wenn wir heute nacht die Dogger Bank passieren, dann werfen wir ein paarmal das Lot und wissen ganz genau, wo wir sind; denn danach kann man sich absolut zurechtfühlen!" Die Dogger Bank, der berühmteste Fischgrund in der Nordsee, mußte etwa um Mitternacht angetrosfen werden, und der Navigationsoffizier ließ vorher den Tieflotapparat klar machen; er besteht aus einem langen Eisengewicht, an das eine Messingröhre angebunden ist, die ihrerseits eine unten offene, oben zugeschmolzene und in der inneren Höhlung mit einem roten Farbenanstrich ausgesüllte Glasröhre enthält. Das untere Ende des Eisengewichts ist hohl und wird mit Talg ausgeschmiert, an dem anderen Ende ist die Lotleine befestigt, die aber nicht, wie bei den gewöhnlichen Hand- und Ticfloten, aus Tauwerk, sondern Klaviersaitendraht besteht und von einer Rolle abläuft. Man kann mit diesem ApparatSn See. 125 auch bei großer Fahrt loten, da das schwere Eisengewicht rasch in die Tiefe schießt, der Klaviersaitendraht dem Wasser aber so gut wie gar keinen Widerstand leistet, so daß das Lot nicht mitgerissen wird, sondern senkrecht unter der Stelle, wo man es fallen ließ, auf den Grund stößt. An den Talg drückt sich dann eine Probe des Grundes ein; und beim Niedersinken steigt das Wasser in der Glasröhre auf und entfärbt sie je nach der Tiefe, die das Lot erreichte. An einem Maßstab, neben den man die Glasröhre legt, kann man dann die gelotete Tiefe ablesen. Dieser sogenannte Thomsonsche Lotapparat funk tioniert im großen und ganzen recht gut, nur mutz aufgepaßt werden, daß der Klavierdraht nicht mit einem Ruck angespannt wird, wenn das Lot den Grund erreicht hat. Es schießt näm lich dann von der Rolle noch eine Anzahl Windungen ab, und diese muß vorsichtig gebremst werden, sonst springt der Draht, und das Lot nebst vielleicht mehreren hundert Metern Draht ist verloren. Mit diesem Apparat arbeitete nun auch Kapitänleutnant Röder und konnte nach der gefundenen Wassertiefe und den Grundproben auf der Seekarte genau den Augenblick feststellen, in dem die Porck" den Rand der Dogger Bank erreichte. Zwei weitere Lotwürfe ergaben denselben Grundbefund und dieselbe Wassertiefe, beim dritten zeigte sich statt des mit Muscheln vermischten Sandes und der Tiefe von zwanzig Metern blauer Ton und vierzig Meter Wasser. Die Dogger Bank war passiert und der Kurs konnte mit ziemlicher Sicher heit auf den Eingang des Kanals zu gesetzt werden, der auch gegen Mittag erreicht wurde. Leutnant Bertram hatte die Vormittagswache von acht bis zwölf Ahr und bemerkte gegen elf Ahr weit voraus, von Süd westen der Porck" entgegenkommend, ein riesiges Schiff, das außerordentlich schnell herankam. Einen Augenblick beobachtete er es durch den Kieker, dann rief er dem Signalgast zu: Melden Sie dem Kommandanten, ein Schnelldampfer des Norddeutschen Lloyd oder der Hamburg- Amerika-Linie käme uns entgegen! Ob die Flagge geheißt werden sollte." Der Matrose eilte davon und kam kurz darauf zurück: Herr Kapitän läßt sagen, die Flagge sollte gesetzt werden, und126 3. Kapitel. wenn der Dampfer grüßte, sollte wieder gegrüßt werden. Es braucht dem Herrn Kapitän nicht erst weiter gemeldet werden. Aber der erste Offizier sollte die Mannschaft an Deck kommen lassen, daß sie sich das Schiff ansieht." Melden Sie es dem ersten Offizier!" befahl Leutnant Bertram darauf und gab den Befehl: Signalgäste der Wache an Deck! Klar bei der Flagge!" Die Signalgäste kamen angestürzt, holten aus dem Flagg- spind eine sogenannte Sturmsahne heraus, das ist eine kleine Flagge, die bei schlechtem Wetter, Regen oder auf See, wo für gewöhnlich keine Flagge weht, gesetzt wird, um die großen Gaffel- oder Heckflaggen zu schonen. Flagge ist klar!" rief der Signalgast gleich daraus. Heiß Flagge!" befahl Leutnant Bertram. Der Boots mannsmaat der Wache pfiff einen langen Triller, und die kleine Flagge stieg langsam zur Gaffel empor, da der Flagg- stock am Heck bei Beginn der Reise eingenommen worden war. Währenddessen waren die Mannschaften an Deck gekommen und staunten dem großen Schiff entgegen, das da, aus vier Schornsteinen eine Riesenrauchwolke in die Luft blasend, mit außerordentlicher Geschwindigkeit herankam. Die Offiziere hatten sich mit Kiekern und Doppelgläsern be waffnet und beobachteten ebenfalls eifrig den Schnelldampfer. Das ist die Kronprinzessin Ceciließ" meinte einer. Rein, ich glaube ,K-W-Zwoß" meinte ein anderer. Das bedeutete Kaiser Wilhelm II", und ist die Abkürzung für das Linienschiff gleichen Namens. Hier war indes der Lloyd- Dampfer damit gemeint. Nein, die Deutschland^ ist es," meinte ein Dritter. Das ist ganz egal," entschied ein Vierter, jedenfalls ist es ,made in Germany !", welche Bemerkung allgemeine Freude hervorries. Endlich ließ sich der Name des Schiffes am Bug erkennen, es war die Kronprinzessin Cecilie". Junge, Junge, dat is aber ür groten Stiemer (Steamer Dampfer)," rief Markward. De läppt noch doller als wi." Ja," meinte ein anderer Matrose, da kommen wir nicht mit. Die laufen mindestens vier bis fünf Seemeilen mehr, als wir es überhaupt können." Nein, das ist nicht wahr," entgegnete ein Dritter, wenn wir so viel laufen, wie wir nur irgend können, dann holen wir den, glaub ich, doch noch ein. Aber das ist doch wirklich ein mächtig großes Schiff." Auf dem entgegenkommenden Schnelldampfer war natür lich das Kriegschiff ebenfalls bemerkt worden, und als das Riesenschiff mit einer Fahrt von etwa dreiundzwanzig See meilen jetzt an der Porck" vorüberschoß, wurde von drüben mit Mützen und Taschentüchern lebhaft gewinkt, was die Matrosen und Offiziere der Porck" durch Schwenken der Mützen erwiderten. Der Kapitän des Schnelldampfers und seine Offiziere standen auf der Kommandobrücke der Cccilie" und grüßten militärisch durch Anlegen der Hand an die Mütze hinüber. Am Heck sah man zwei Leute klar bei der Flagge stehen, und diese senkte sich langsam nieder. Dampfer grüßt mit der Flagge," meldete Leutnant Bertram dem Kommandanten, der auch auf die Kommando brücke gekommen war, und rief aus dessen Antwort: Danke, wiedergrüßen!" den Signalgästen zu: Dipp die Flagge!" Langsam senkte sich auch die deutsche Kriegsflagge von der Gaffel bis etwa zu halber Höhe über Deck und stieg dann langsam wieder empor, während der deutsche Dampfer seine Flagge dreimal zum Gruß nieder und wieder vorholte. So ist es Sitte zwischen Kaufsahrtei- und Kriegschisfen. Wenige Augenblicke daraus war die Kronprinzessin Geeilte" schon weit nach rückwärts in einer riesigen Rauchwolke den Blicken entzogen. Soll die Flagge niedergeholt werden, Herr Kapitän?" fragte Leutnant Bertram. Nein, sie kann wehen bleiben," entschied der Kommandant. Wir treffen jetzt im Kanal doch eine Menge Schiffe und werden sie daher noch öfters brauchen." So übergab Leutnant Bertram seinem Nachfolger auf der Wache noch besonders: Flagge weht!" Leutnant Griebnitz soll zu mir kommen!" befahl der Kommandant dem Kajütsposten und fragte, als der Funk spruchposten eingetreten war: Können wir auch nach dem Marconisystem signalisieren? Oder sind unsere Apparate nur auf Telefunken eingerichtet? Dann machen Sie, wenn wir128 3. Kapitel. Dover passieren, oder wo sonst eine Station im Kanal ist, Signal hinüber: , Borcktz Ausreise. Alles wohl!" Sehr wohl, Herr Kapitän," entgegnete der Funkspruch- ofsizier und ging in die Zelle, um seine Apparate anzustellen. Unzählige Male mutzte im Lause des Nachmittags bis zum Abend hin die Porck" noch die Flagge zum Grutz dippen, und erst, als sie weit über Kap Landsend und aus der eigentlichen Fahrstraße hinaus ein gutes Stück nach Süden hinunter ge dampft war, wurden die Schiffe weniger zahlreich. Nun, meine Herren, haben Sie schon die Besuchtörns ausgeknobelt?" fragte der erste Offizier eines Mittags bei Tisch. Dann wird es Zeit! Allerdings, in Porto Grande werden wir ja wohl noch keine Gelegenheit haben, Staats visiten zu machen, weil außer dem englischen Konsul, der gleichzeitig deutscher Konsulatsvertreter ist, dort bloß Neger wohnen. Aber immerhin kann ja die Geschichte vorher ge regelt sein." Nein, bis jetzt haben wir noch nicht daran gedacht," ant wortete der Navigationsoffizier, und ich für meine Person kann doch wohl davon verschont bleiben, denn ich habe meistens im Hafen Chronometerbeobachtungen zu machen und andere Sachen, so daß ich gar keine Zeit.finde." Ich Hab auch keine Zeit," siel der Artillerieoffizier ein, denn ich muh im Hafen immer erst meine Geschütze wieder überholen." Nein, Herr Kapitänleutnant, das gibt s nicht," rief Ober leutnant Heinrich. Sie mit Ihrem Sprachtalent müssen ent schieden mit dabei sein, denn Sie sprechen doch Englisch, Fran zösisch und Spanisch wie Wasser." Natürlich, comono Juchhe!" rief Kapitänleutnant Hoff- mann, und dann soll ich immer die Unterhaltung führen, nicht wahr?" Es wurde nun auch von den anderen Herren hin und her geredet, doch sie kamen zu keinem rechten Entschluß, bis der erste Offizier sagte: Aber, Herrschaften, die Geschichte ist doch furchtbar einfach. Sie machen vier Besuchtörns. Zu einem gehört Röder mit einem Oberleutnant und einem Ingenieur, zu einem Hofsmann mit einem Oberleutnant und dem Herrn Assistenzarzt, zu einem der Herr Stabsingenieur mit einemOberleutnant und einem Leutnant, und den vierten bildet der Herr Stabsarzt mit ebenfalls einem Oberleutnant und einem Leutnant. So, wer nun noch mitmachen will von den anderen Herren, der kann sich ja melden. Der Herr Zahlmeister zum Beispiel." Ach nein, Herr Kapitän, mich lassen Sie bitte aus." rief Zahlmeister Kirchner. Sie wissen ja, ich habe, wenn wir in den Hafen kommen, so viel mit Kohlen- und Proviant bestellungen und der Post und den Berichten zu tun, daß ich wirklich keine Zeit habe." Fa, ich möchte eigentlich auch bitten, mich davon zu ent binden," schloß sich ihm der Stabsingenieur an. Die Wieder- instandsehungsarbeiten der Maschine, das Kohlenbestellen und so weiter nimmt mich auch zu sehr in Anspruch." Aber dagegen wurde von allen Seiten lebhafter Wider sprust) erhoben, und schließlich wurde die Einteilung so ge macht, wie sie der erste Offizier vorgeschlagen hatte. Za, wie soll nun aber das Besuchcmachen eingerichtet werden?" fragte Oberleutnant Heinrich. Wenn zum Beispiel mein Törn dran ist, und ich habe Wache, dann kann ich doch nicht gehen." Nein, natürlich nicht," entgegnete Kapitänleutnant Hofs mann. Die Geschichte läßt sich nur so machen: Ammer der Wachoffizier vom Konterpikett und der Freiwächter sind mit ihrem Törn dran. Also wollen wir mal sagen, wenn Reiche Wache hat und Bertram hat Pikett, dann hat Wohlfahrt Konterpikett und Sie Freiwache, also macht der Törn Wohl fahrt zuerst Besuch, und müssen noch mehrere Besuche gemacht werden, so daß er nicht fertig wird, dann müssen Sie eben in den saurenApfel beißen, und so geht das weiter. Die Hafenwache ist doch ohne weiteres in dem Augenblick bestimmt, wo der Anker fällt. Das ist doch ein für allemal Brauch, daß derjenige Offizier, auf dessen Seewache geankert wird, die Hafenwache über nimmt, und daß sein Nachfolger der Offizier vom Pikett ist." Ja," fiel Kapitänleutnant Röder ein. Ich glaube auch, Hofsmanns Vorschlag ist der beste. Der Wachoffizier ist selbst verständlich ausgeschlossen, der Pikettofsizier muß unter Um ständen zum Komplimentieren fahren, also bleiben nur die anderen beiden übrig." Bern stör ff. An Bord des Panzerkreuzers Jorck^ S130 2. Kapitel. Aa, dann kann ein Törn wer weiß wie oft rankommen, wenn zufälligerweise öfters auf derselben Wache geankert wird." Aa, natürlich, dagegen ist nichts zu machen," sagte der erste Offizier. Wenn einer von ihnen solch Pechvogel ist oder solch einen Tatendurst zum Wachegehen hat, daß er immer aus seiner Wache ankern läßt, dann müssen die anderen für ihn Besuche machen. Aber ich meine schließlich, das Be suchemachen ist doch noch angenehmer als Wache strampeln." Übrigens Wachegehen, Heinrich!" sagte der Navigations offizier. Sie haben da im Logbuch “ Bitte, keinen Dienst bei Tisch!" bemerkte der erste Offi zier ruhig. Verzeihung, Herr Kapitän, es fiel mir nur gerade ein, und ich wollte Leutnant Heinrich “ Bitte, keinen Dienst bei Tisch!" wiederholte der erste Offizier noch einmal, worauf Kapitänleutnant Röder er widerte: Ast schon ausgeschaltet, Herr Kapitän. Heinrich, nachher kommen Sie aber mal zu mir auss Kontor." Sehen Sie mal hier und hier und hier!" sprach er später zu dem jüngeren Kameraden und deutete dabei auf das Log buch. Da fehlt die Fahrt, hier fehlt der Barometerstand und hier fehlt die Wolkenbildung." Das hat der Steuermannsmaat wieder vergessen zu diktieren," entgegnete Leutnant Heinrich. Dann ziehen Sie sich Ähren Steuermannsmaaten so, daß er das nicht vergißt," versetzte der Navigationsoffizier. Die Wachoffiziere müssen das Logbuch schreiben und nicht der Steuermannsmaat. Erstens mal verlangt der Kommandant, daß es ordentlich gemacht wird, und es gehört sich auch so, und zweitens brauche ich für den Reisebericht die Notizen. Die kann ich mir aber nicht mehr alle aus dem Kopf zusammen suchen, wenn sie im Logbuch vergessen sind. Die anderen Herren schreiben auch nicht sorgfältig genug, und ich werde denen das auch noch mal sagen." Jawohl, Herr Kapitänleutnant," entgegnete Leutnant Heinrich, und als er das nächste Mal auf Wache kam, war das erste, was er tat, daß er sich seinen Steuermannsmaaten einfing. Kommen Sie mal her, Bendix. Sie schreiben doch die Logbuchkladde, nicht wahr?" Zu Befehl, Herr Leutnant," antwortete Bendix. So, dann will ich Ahnen nur sagen, daß ich Sie zum Rapport stelle und den ersten Offizier bitte, Sie einzusperren, wenn Sie mir noch mal wieder so liederlich diktieren und die Hälfte vergessen, verstanden?" Du kannst ja auch selber aufpassen," dachte sich Steuer mannsmaat Bendix, aber laut sagte er wieder: Zu Befehl, Herr Leutnant." Als er dann zornergrimmt über den Rüffel von der Steuerbordseite nach Backbord hinüber wollte und den Weg vor dem vorderen Kommandostand herum wählte, lies er hier mit dem Signalgast zusammen, der ihn aus Unachtsamkeit ordentlich auf den Fuß trat. Sind Sie toll geworden?" schrie Bendix ihn an und schnitt eine Grimasse, denn solch ein Matrosenstiefel pflegt nicht gerade sanft zuzutreten, und Bendix, der etwas eitel auf seine kleinen Füße war und gern enges Schuhzeug trug, litt erheblich an Hühneraugen. Können Sie sich nicht vor sehen? Sie Tolpatsch, Sie!" Entschuldigen, Herr Steuermannsmaat," entgegnete der Signalgast. Ach hatte Sie nicht gesehen." Ja, das ist es ja gerade, Sie Dummkopf," schrie Maat Bendix, ihr Kerls seht überhaupt nie was. Ach möchte nur wissen, wozu ihr eure Augen im Kops habt. Machen Sie Platz!" Steuermannsmaat Bendix!" erklang da die Stimme des wachhabenden Offiziers. Herr Leutnant!" antwortete Bendix und beeilte sich, so schnell es seine Hühneraugenschmerzen gestatteten, zu seinem Vorgesetzten zu kommen. Machen Sie nicht solchen Lärm aus der Kommando brücke!" sagte Leutnant Heinrich. Was war da los?" Steuermannsmaat Bendix murmelte aber nur irgend etwas von nicht ordentlich hingesehen" und entwich auf die andere Seite, wo er sich hinstellte, den linken Fuß in die Höhe zog und seine mißhandelten Zehen streichelte. Als Leutnant Heinrich seinem Kameraden Reiche die Wache übergab, sagte er: Das Barometer fällt stark. Es steht bereits 749 und hat entschieden noch Neigung weiter zu fallen. Es132 2. Kapitel. sieht außerdem ziemlich windig aus, als ob wir schlechtes Wetter bekämen." Haben Sie es dem Kommandanten melden lassen?" fragte Reiche. Nein, noch nicht, aber ich kann s ja noch tun," versetzte Heinrich. Der Kommandant hatte aber selber schon an dem vor seiner Kajüte aufgehängten Instrument das starke Fallen des Quecksilbers gesehen und kam aus die Kommandobrücke heraus. Er sah sich ringsum und lieh sich dann den ersten Offizier holen. Hören Sie, Reichard," begann er, wir kriegen ent schieden schweres Wetter. Lassen Sie die Geschütze und Türme durch alle Zurrings sichern und auch die Boote noch mal gut Nachsehen. Unten im Schiff ist doch alles fest?" Zu Befehl, Herr Kapitän," antwortete der erste Offizier. Es sieht allerdings nicht sehr erfreulich aus," setzte er hinzu, den Horizont betrachtend, wo im Westen eine schwere, dunkle Wolkenwand ausstieg. Lassen Sie pfeifen: Kuttergäste von beiden Wachen an die Boote! Vorderste und achterste Ducht aus Barkasse und Pinasse aufs Bootsdeck! Geschützmannschaften an die Ge schütze!" befahl der erste Offizier dem Wachhabenden, und Leutnant Reiche gab den Auftrag an den Bootsmannsmaaten der Wache weiter. Nanu, was gibt das?" sagte Obermaat Schwarz zu Maat Kunz, mit dem er unten zusammensaß. Sie, Gründling, Kuttergäste ins Boot! Haben Sie nicht gehört? Kommen Sie, da scheint irgend was los zu sein." Er stand auf, und auch die übrigen Unteroffiziere begaben sich schleunigst aus die befohlenen Stationen. Die Geschützmannschaften alle Geschützzurrings Nachsehen! Die Turmzurrings Nachsehen! Die Bootsbesatzungen die Boots- zurrings Nachsehen!" befahl der erste Offizier. Maat Gründ ling, Maat Kuhnwald, sehen Sie das Geschirr in Ihren Booten nach, daß es ordentlich liegt. Haben Sie Wasserfässer in den Booten?" Zu Befehl, Herr Kapitän," antworteten die beiden Boots steuerer. ga, ist aber auch Wasser drin?" forschte Kapitän Neichard, worauf es die beiden Anteroffiziere für geraten hielten, selber in die Boote zu klettern und nachzusehen. Solche Frechheit!" sagte Maat Gründling, als er das Bootswassersah anfahte und schüttelte. Das haben die Kerls mir doch wieder ausgeleert! Wer von euch Halunken ist das gewesen?" wendete er sich an seine Bootsgäste. Aber natürlich hatte von denen keiner auch nur die leiseste Ahnung, wer das Frischwasser genommen hätte. Maat Gründling schwur zwar, er würde das doch noch rauskriegen und wetterte und schimpfte heimlich in seinem Boot wie ein Türke, aber vorläufig muhte er erst mal dem ersten Offizier melden, dah sein Fah leer war. Am zweiten Kutter erwies sich das Fah als halbleer. Gehen Sie hin zur Wasserlast und sagen Sie, ich hätte besohlen, die Fässer sollen vollgefüllt werden!" befahl der Erste, dann kommen Sie wieder rauf!" Das geschah, und als die Fässer wieder in den Booten lagen, und diese selbst gut befestigt waren, ries Kapitän Neichard sich die Mannschaft von den beiden Kuttern zusammen. Im ersten Kutter war das Wasserfah ganz leer und im zweiten nur noch halb voll," redete er die Leute an. Wer von Ahnen das Wasser genommen hat, läht sich jetzt nicht mehr feststellen, aber ich will Sie mal auf eins aufmerksam machen. Es ist nämlich eine große Dummheit von Ahnen, wenn Sie das Wasser aus den Bootsfässern herausnehmen, denn es kann mal Vorkommen, daß das Boot auf See zu Wasser gebracht wird und stundenlang vom Schiff weg ist. Wenn dann einer von Ahnen was zu trinken haben will, ist nichts da, weil die anderen es unberechtigterweise fortgenom men haben. Ach warne Sie daher, die Bootsfässer wieder anzurühren, und werde jeden unnachsichtlich mit Arrest be strafen, der dabei ertappt wird. Wegtreten!" Geschütze und Türme sind gezurrt," meldete der Artillerie offizier, und der Oberbootsmann kam mit der gleichen Mel dung bezüglich der Decksboote. Als der erste Offizier wieder aus die Kommandobrücke hinaufkam, hatte sich die schwarze Wolkenwand schon ein ganz erhebliches Stück höher hinaus geschoben.134 Z. Kapitel. Puh!" sagte Matrose Rothenburg. Sieh mal, wie das aussieht. Als wenn Tinte ausgegossen wäre." Dor sitt ne ordentliche Müh vull Wind in," meinte Peter- sen. Patz mal upp, dat giwwt wat," und er behielt recht. Mit sinkender Sonne fing es an zu wehen; anfangs in kurzen, heulenden Stotzen, die allmählich an Länge und Stärke Zu nahmen, bis es sich nach einer halben Stunde eingeweht hatte. Der Sturm trieb rasch eine gewaltige See auf, die von Steuer bord vorn einkommend, in Riesenkaskaden am Bug aufsteigend sich über die Back hinwälzte, gegen den vorderen Turm an stürmte und gewaltige, mit Gischt und Schaum vermischte Wassermassen bis auf die Kommandobrücke hinausschleuderte. Ein Aufenthalt aus der Back und ebenso aus der Schanze war vollkommen unmöglich; die Seeposten dort mutzten eingczogen werden. Wir wollen die Maschinen langsamer gehen lassen!" be fahl der Kommandant, und die Fahrt wurde von fünfzehn bis auf acht Seemeilen gemindert. Aber auch diese Geschwin digkeit erwies sich bald als noch zu grotz. Lassen Sie Umdrehungen für drei Seemeilen machen!" befahl Kapitän Eisenhart, und dann wollen wir das Schiff mit dem Kopf gegen den Wind legen und sehen, wie es sich hält." Wie eine Klippe von donnernder Brandung umtobt lag nun der eisenstarre, gepanzerte Rumpf des Kreuzers in der See, die sich brüllend dagegen wälzte und unaufhörlich ihre Schaumkronen darüber hinpeitschte. Immer größer wurde die Wut des Sturmes, immer höher auf bäumte sich die See, so datz Kapitän Eisenhart einsah, es mutzte irgend etwas ge schehen, um die wilde Gewalt zu brechen. Denn schon war es kaum mehr möglich, auf der Kommandobrücke zu stehen, und obwohl sämtliche Pforten und Niedergänge nach Möglichkeit wasserdicht geschlossen waren, drang doch eine Menge Wasser ins Schiff. Bon der Steuerbordnock der Kommandobrücke, auf der er mit dein ersten Offizier und dem Navigationsoffizier zusammen stand, zog Kapitän Eisenhart beide mit in den Kommandostand hinein, wo verhältnismäßig ruhig und wenigstens möglich war, sich zu verständigen. Wir müssen einen Versuch mit Öl machen!" rief der Kom mandant. Haben wir Werg in der Taulast? Sonst müssen wir Twist nehmen. Lassen Sie an beiden Seiten die vorder sten Mannschastsklosetts vollstopfen und dann voll Öl gießen." Zu Befehl, Herr Kapitän," antworteten die beiden Offi ziere und stiegen, da ein Weg über das Ausbau- und Ober deck mit Lebensgefahr verbunden war, durch den vorderen Gefechtsmast nach unten. An zehn Minuten waren die Löcher mit Werg und Twist vollgestopft und in jede Öffnung wurde fast ein ganzer Kübel Öl hineingegossen. Der Kommandant war inzwischen wieder auf die Nock der Kommandobrücke hinausgetreten, um die Wirkung zu beobachten. Das Schiff machte jetzt trotz der vor wärts gehenden Maschinen keine Fahrt voraus mehr, sondern trieb langsam seitwärts ab, machte dabei aber nicht so viel Kielwasser, daß die Gewalt der brechenden See dadurch ge hemmt worden wäre. Kaum aber fing das Öl an auszu tropfen, da zeigte sich seine Wirkung in auffälliger Weise. Seitlich und etwas voraus bildete sich eine große Fläche, auf der die See wohl gewaltig aus und nieder wogte, aber sie kam nicht mehr dazu, sich zu Brechern überzulegen. Die Ürsache davon ist darin zu suchen, daß der Wind an der öl geglätteten Oberfläche nicht so viel Reibung findet, um die See zum Überkämmen zu bringen. Die beiden Offiziere hatten sich wieder auf die Kommando brücke begeben, um gleichfalls den Einfluß des Öls zu beob achten, und waren überrascht von dem Erfolg. Die hohe See, welche der Sturm aufwühlte, brachte aller dings das Schiff ganz außerordentlich stark zum Schlingern. Es warf sich oft mit einem solchen Ruck auf die Seite, daß es kaum möglich war, stehen zu bleiben, und in den unteren Decks, wohin die ganze Mannschaft der Sicherheit wegen geschickt war, purzelten die Leute bei jedem Überholen bunt durcheinander. Alle, die noch nicht seefest waren, wurden erbärmlich seekrank. In der Offiziersmesse war trotz der Schlingerleisten auf dem Tisch ein großer Teil des Geschirrs in die Brüche gegangen, und die ganze Besatzung hatte ihr Abendbrot nur unter großen Mühseligkeiten einnehmen können.136 3. Kapitel. Wie lange die Geschichte wohl anhält?" meinte Leutnanb Griebnitz. Wenn wir uns so weiter schlingern, wird man jct ganz blödsinnig." Na, Sie sind doch sein raus, Sie können sich doch ein fach in die Koje legen und schlafen. Sie brauchen ja keine Wache zu gehen," versetzte Maurer. Wenn man bei dem Geschlingere nur schlafen könnte," entgegnete Griebnitz. Das wird eine vergnügte Nacht fürchte ich! Sie, Mann, was wollen Sie, wen suchen Sie?" rief er einem Heizer zu, der den Kopf in die Messe hinein gesteckt hatte und an seinem bleichen, von Kohlenstaub über flogenen Gesicht leicht als solcher erkannt werden konnte. Ich such den Herrrrn Doktrr!" antwortete der Heizer. Sie sind beide in ihrer Kammer," rief Leutnant Fritsche Ist was passiert?" Der Heizer Olczewski hat sich den Arrm gebrrochen und sich den Kopf eingeschlagen. Err ist gegen den Kessel ge flogen," antwortete der Mann. O weh, dann schnell!" riefen Leutnant Fritsche und Griebnitz zugleich und eilten aus der Messe, so schnell es bei dem rasenden Schlingern des Schiffes möglich war, der eine zum Stabsarzt, der andere zu dem jüngeren Kollegen, um sie von dem Ilnglücksfall zu verständigen. Zm Nu waren beide Herren aus der Kammer, erkundigten sich, wo der Heizer wäre, und hörten, daß er sich noch im Heizraum befände, weil sie ihn nicht nach oben hätten bringen können. Lieber Kluge, lassen Sie schnell eine Verwundeten- Transporthängematte klar machen und Ach, Herr Leut nant Fritsche, würden Sie vielleicht so freundlich sein, dem ersten Offizier Bescheid zu sagen, daß ich Leute bekommen kann, um den Mann ins Lazarett zu schaffen?" rief Stabsarzt Möhring. Sehr wohl, Herr Stabsarzt!" antwortete der junge Dok tor, und Leutnant Fritsche eilte mit einem : Selbstverständlich,, Herr Stabsarzt!" zu dem ersten Offizier auf die Brücke. Das ist ja eine dumme Geschichte. Wie ist denn das passiert?" fragte Kapitän Eisenhart, der die Meldung des jungen Offiziers mit angehört hatte. Ach weih nicht, Herr Kapitän," versetzte der Adjutant. Er soll gegen die Kesselwand geflogen sein." Na, Reichard, dann machen Sie nur schnell. Die Kran kenträger sind ja wohl schon abgeteilt," wendete sich der Korn mandant nach dem ersten Offizier um, aber der war schon längst unten im Zwischendeck und rief mit lauter Stimme: Die Krankenträger nach der Gefechtsrolle! Hierher kommen!" Taumelnd und wankend kamen die Gerufenen heran, selber kaum fähig, auf den Fützen zu stehen. Maat Gründling, schnell! Krankentransport aus dem Backbord vordern Heizraum!" befahl der erste Offizier, und mit einem kurzen: Zu Befehl!" verschwand Maat Gründ ling mit zweien der Krankenträger nach der Taulast. Die war aber schon verschlossen, und der Schlüssel muhte erst aus der Kammer des ersten Offiziers geholt werden. Schnell, schnell! Zwei lange Zolltaue mit Steertblock!" ries der Unteroffizier. Hier!" er warf einem Mann ein Taubund mit daran hängendem Block zu. Hier!" da hatte der zweite eins. Mitkommen!" Und so schnell es nur irgend ging, begaben sich die Leute an den Niedergang zu dem Heiz raum, in den nur eine lotrechte eiserne Grifftreppe hinab führt. Da kam auch schon der Assistenzarzt mit der Transport hängematte und dem Lazarettgehilfen. Rasch wurde sie mittels des Folltaues hinuntergelassen. Die Ärzte kletterten hinterher, und unten wurde der Verletzte, der halb besinnungslos und vor Schmerzen stöhnend auf einen: Kohlenhaufen lag, wo ihn zwei Kameraden festhielten, damit er nicht hin und her rutschte, in die Hängematte gelegt, die um ihn herum festgeschnürt wurde, so daß das Ganze eine Art längliches Paket bildete, wie bei einer Mumie. Nur das Gesicht war frei. So vorsichtig wie möglich wurde nun der Verwundete in der Hängematte vermittels des Jolltaues nach oben gezogen, wobei der Lazarettgehilfe und Doktor Kluge nur mit äußerster Mühe verhindern konnten, daß er noch wiederholt gegen die Wände des schachtartigen Niederganges anschlug, ja sie selbst gerieten mehrfach in Gefahr, von den glatten eisernen Griffen wieder hinunterzustürzen. Endlich aber war das Zwischendeck erreicht, und fünf Minuten später lag der verunglückte Heizer im Lazarett in der Krankenhängematte.133 3. Kapitel. Er hatte einen Armbruch und eine Schädelverletzung, die 311m Glück gefährlicher aussah, als sie war, da nur die Kopf haut eingerissen, aber kein Schädelbruch erfolgt war. Sie brauchen sich nicht zu ängstigen, die Sache ist bald wieder geheilt," redete Stabsarzt Möhring dem Kranken zu. - So, Kluge, hier noch eine Nadel! Da, nun den Ver band ! - So, noch mal rum! Sehen Sie wohl, jetzt ist der Kopf schon so gut wie heil." Ach, mein Arm, mein Arm!" stöhnte der Heizer Olezewski. Wenn der nun steif bleibt?" Der bleibt nicht steif," beruhigte ihn der Assistenzarzt. Das ist ein einfacher glatter Knochenbruch, der heilt auch ebenso glatt wieder zusammen. Lehmann, geben Sie mal die Schienen her!" Mit sicherer Hand vollführten die beiden Ärzte ihr Werk, und es war noch keine halbe Stunde vergangen, da lag Ol ezewski mit geschientem Arm und verbundenem Kops ver hältnismäßig ganz behaglich in der Schlingerkoje, die mit ihrem geräuschlosen Hin- und Herwiegen ihn selber bald zum Einschlafen brachte. Wollen der Herr Stabsarzt dem Kommandanten Meldung machen oder soll ich hinausgehen? Der Kommandant ist noch aus der Brücke, soviel ich weitz," fragte der Assistenzarzt seinen Vorgesetzten. Stein, ich werde selbst hinaufgehen," antwortete Stabs arzt Möhring und kroch mühsam den für ihn ungewohnten Weg, die Wendeltreppe im Gefechtsmast hinauf nach oben. Er wußte aber nicht genau, an welchem Absatz er bei der Kommandobrücke angekommen war und konnte auch nichts sehen, da die Türen natürlich geschlossen waren. So landete er schließlich, als er durch Tasten einen Türgriff gefunden und geöffnet hatte, nicht auf der Kommandobrücke, sondern eine Etage höher im Gesechtsmars selber, wo ihm der Sturm, der jetzt fast orkanartig wehte, mit furchtbarem Brausen um die Ohren pfiff. Mühselig kroch er wieder zurück und ge langte nun glücklich auf die Kommandobrücke, wo er dem Kommandanten über den Fall Meldung abstattete. Hoffentlich passiert nicht noch mehr dergleichen," ant wortete Kapitän Eisenhart. Es weht wirklich ganz gewaltig!"Für einen kurzen Augenblick blieb der Stabsarzt noch auf der Kommandobrücke und sah in die dunkle Nacht hinaus, die von Heulen und Brausen erfüllt war, und beobachtete die riesigen Seen, die in einiger Entfernung vom Schiff mit donnerndem Toben überbrachen, es aber mit ihrem Schwall nicht mehr erreichten. Die ganze Nacht hindurch hielt das orkanartige Wehen an und legte sich erst gegen Morgen. Aber noch immer stand eine schwere See, und nur allmählich konnte die Porck" ihre Fahrt wieder aufnehmen. Kapitänleutnant Nöder, notieren Sie möglichst genau, wann wir ungefähr die Grenze des Sturmgebietes erreichen," bemerkte der Kommandant zum Navigationsoffizier. Ich nehme an, datz es sich entweder um den Ausläufer eines Zyklons oder nur um einen strichweisen, orkanartigen Sturm gehandelt hat. Jedenfalls wollen wir das im Reisebericht erwähnen." Erst am nächsten Tage konnte die Yorck" eine Fahrt von etwa zwölf Seemeilen wieder ausnehmen und dampfte weiter südwärts den Kap Verde-Inseln zu. Heinrich und Baumbach, heute wird aber ordentlich obser viert, und Reiche und Maurer müssen auch mit ran," bemerkte der Navigationsoffizier auf der Morgenwache. Wieso die beiden anderen auch?" fragte Leutnant Heinrich. O, Ihnen werden sich auch Griebnitz und Fritsche zuge sellen," erwiderte Röder vergnügt. Ich habe das dem Kom mandanten vorgeschlagen und ihn darum gebeten." Ach, Sie können wohl nicht besonders gut? Und nun sollen wir helfen!" rief Leutnant Heinrich. Junger Mann, werden Sie nicht übermütig!" erwiderte der Navigationsoffizier. Das geschieht nur zu Ihrem Besten, denn wenn Sie zweimal drankommen, anstatt immer nur einmal von vier Tagen, so übt das doch entschieden mehr, und Sie lernen was Ordentliches. Besonders aber werden sich die Herren auch an den mit Recht so beliebten Nacht observationen beteiligen," setzte er lachend hinzu. Ach wo," erwiderte Heinrich. Die Sterne, die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht! Und ich werde die Dinger da oben schon in Frieden lassen!"140 Z. Kapitel. Za, aber der Kommandant Sic nicht," entgegnete Kapitän leutnant Röder. Also in der Tat, der Kommandant verlangt, daß die sämtlichen Herren mit Ausnahme des ersten Offiziers und Artillerieoffiziers sich möglichst zahlreich an der praktischen Navigierung beteiligen. Feder soll sich ein Beobachtungs- und Rechnungsbuch anlegen, und ich soll sie am Schlüsse jedes Monats dem Kommandanten verlegen. Wer dann nicht genug observiert hat, wird noch besonders herangezogen werden." Das ist ja eine schöne Bescherung," meinte Leutnant Hein rich. Wo steht das geschrieben?" Das kommt heute in den Schiffsbefehl," versetzte der Navigationsoffizier. Auch die Ahrvergleiche sollen sich die Herren selber machen, und der Steuermann wird strengen Befehl erhalten, keinen mehr zu verraten." Aff!" stöhnte Heinrich. Bor Navigation habe ich all mein Lebtag eine ziemliche Scheu gehabt." Na, dann seien Sie doch froh, daß Sie jetzt was lernen," meinte der Kapitänleutnant, besser können Sie es doch gar nicht haben. Übrigens wird der Kommandant persönlich auch an den Übungen teilnehmen, denn er sagt sehr richtig, man verlernt derartige Sachen zu leicht und ist dann gar nicht mehr in der Lage, irgendwelche Kontrolle auszuüben, wobei er mir übrigens gleich versicherte, daß darin durchaus kein Mißtrauen gegen meine Kenntnisse und Fähigkeiten liegen sollte. Ich für meine Person finde es auch sehr nett, wenn gerade an diesem Dienst allgemeine Beteiligung ist und jeder Bescheid weiß. Für die Mannschaften wird auch mittags immer das Besteck ausgegeben werden." Das bekommen sie ja sowieso," erwiderte Heinrich. Inwiefern?" fragte der Navigationsoffizier. Na, es kriegt doch jeder morgens, mittags und abends sein Besteck. Allerdings sagen die meisten Frcetkumm und Trinkkumm dazu," lachte Heinrich. Bleiben Sic mir mit Ihren faulen Witzen vom Leibe!" brummte der Navigationsoffizier. Steuermann, kommen Sie mit der Ahr und den Instrumenten, wir wollen beob achten." Während er mit seinem Steuermann zusammen von der Nock der Kommandobrücke aus vermittels des Sextanten feineBeobachtungen anstellte, hörte er, wie der Ausguckposten aus den: Gesechtsmars herunterries: Schiss in Sicht! Drei Strich an Steuerbord! Es scheint ein Wrack zu sein!" Sofort richteten sich alle Augen dorthin. Die Kieker wurden hervorgeholt, und Leutnant Heinrich entdeckte als erster ein dunkles Etwas aus der noch immer stark bewegten See, von dem allerdings noch nicht recht auszumachen war, was es vorstellte. Er ließ dem Kommandanten Meldung machen und anfragen, ob er den Kurs dorthin ändern könnte. Ohne Genehmigung des Kommandanten darf weder der wachhabende Offizier, noch der Navigationsoffizier Kurs und Fahrt des Schiffes eigenmächtig ändern, ausgenommen im plötzlichen Falle äußerster Gefahr, zum Beispiel Kollisions gefahr, oder wenn in der Südsee hell gefärbtes Wasser mit einem Male anzeigt, daß an der Stelle Korallen emporgewachsen find und eine Untiefe entstanden ist, die auf der Karte noch nicht verzeichnet steht. Kapitän Eisenhart ließ sofort aus das vermeintliche Schiff zusteuern, und als er erkannte, daß dort tatsächlich ein Wrack trieb, die Fahrt auf sechzehn Meilen steigern. Durch den großen Schisfskieker hatte er zu bemerken ge glaubt, daß sich einige Leute an Bord befanden, die mit Tüchern oder Ähnlichem winkten. Tief tauchte der Bug der Porck" jetzt wieder in die gegen lausende See ein, die in breitem, milchweißem Schwall das ganze Vorschiff überflutete und in weißen Kaskaden rauschend an der Seite wieder abfloß. Es sind noch Leute drüben an Bord! Reichard, lassen Sie einen Kutter klar machen!" befahl der Kommandant, als sie näher herangekommen waren. Wir wollen auf alle Fälle versuchen, die Leute zu retten. Alle Wetter noch mal, der Kahn ist bös mitgenommen!" setzte er hinzu, den großen Kieker wieder auf das Wrack richtend. Zweiten Kutter klar!" befahl der erste Offizier, und die Kuttermannschaften stürmten in wilder Hast ins Boot. Der Ruf des Ausgucks war von verschiedenen Leuten ge hört worden, und blitzschnell hatte sich im ganzen Schiff die Nachricht verbreitet, daß man ein Wrack gesunden hätte, auf dem noch Leute wären. Obwohl eigentlich Geschützputzen war,142 3. Kapitel. standen doch die Leute in Gruppen zusammen und blickten nach dem Wrack hinüber, über dessen Rumps die See brandend hinwcgging. Die Kuttermannschaften wurden von den übrigen darum beneidet, daß sie hinübersahren und das Rettungswerk aussühren durften, an dem jeder einzelne sich gern beteiligt hätte. Es ist immer noch ein gewagtes Stück mit dem offenen Boot," meinte der Navigationsoffizier, denn es steht doch noch eine kmlsfige See. Wie wollen Herr Kapitän rangehen?" Wir wollen uns zu Luvwart hinlegen, möglichst nahe, bis auf vielleicht hundert Meter," erwiderte Kapitäir Eisenhart, und zwei Eimer Öl ausgießen. Dann lassen wir den Kutter runter und müssen hoffen, daß er glücklich hinkommt. Währenddessen laufen wir herum nach Lee, so daß das Boot nicht gegen die See anzulausen braucht." So, wie der Kommandant sich das Manöver gedacht hatte, wurde es auch ausgeführt. Als das Schiff beinahe still lag und der erste Offizier den zweiten Kutter zu Wasser bringen wollte, ries Kapitän Eisenhart: Einen Augenblick noch, Neichard! Ach will einen Moment die Seitenschrauben rück wärts anschlagen lassen, damit wir glattes Wasser längsseit haben!" Das geschah, und glücklich kam das Boot zu Wasser, woraus es unter Führung von Leutnant Reiche zu dem ver unglückten Schiff hinruderte. Der erste Offizier hatte dem Bootsführer genaue Instruk tionen erteilt, wie er an das Wrack Herangehen sollte, aber er dachte bei sich, er würde doch froh sein, wenn er erst den Kutter glücklich wieder an den Davits hängen hätte. Lassen Sie die Ärzte und den Zahlmeister Wahrschauen," sagte er dann zu dem wachhabenden Offizier. Wir hätten ein Wrack mit Schiffbrüchigen aufgefunden, es sollen Vorbe reitungen getroffen werden, daß die Leute gleich zu essen be kommen können. Der Steuermann soll Hängematten und der Segelmacher wollene Decken herausgeben!" Zur großen Freude des ganzen Schiffes gelang es, die Schiffbrüchigen glücklich an Bord zu nehmen. Sie hatten in der Nacht vorher in dem schweren Sturm die Takelage kappen müssen, wobei zwei Mann über Bord gegangen waren. Die übrigen sechs hatten sich nur mit größter Mühe auf dem leck-geschlagenen, sinkenden Schiss, das wie ein Ball hin und her geschleudert worden war, gehalten. Das Schiss selbst, eine englische Brigg namens Mary Stead" aus London, war verloren und versackte noch vor den Augen der Porck". Die vollständig erschöpften Leute wurden ins Lazarett gebracht, bis sie sich einigermaßen erholt hatten, und blieben natürlich an Bord, bis die Porck" in Porto Grande einlief. Dei armen Düvels," meinte Matrose Petersen, der von seinen Reisen her etwas Englisch sprechen und sich mit den Schiffbrüchigen verständigen konnte. De hebbt nir mehr, as dat, wat se uppt Licv dragen doht. Rich mal ehr Geld häbbt s insteeken kunnt, wiel dat de Kajüt glieks vull Water wär und dat Roof (Deckshaus und Wohnraum der Mannschaft) mit de irste See över Bord güng. Dorbi is de Jung ook vcrsaapen." Ja, de sünd leeg noog dran," entgegnete Jensen. Dor schullen wi man ür poor Gruschens för tousamensmieten." Dor bün ick glieks dorbi," rief Petersen, und beide gingen zu ihrem Korporalschaftsführer, um den zu bitten, ob sie nicht für die verunglückten Kameraden etwas sammeln dürften. Das kann ich nicht ohne weiteres erlauben, da muß der erste Offizier danach gefragt werden," antwortete Obermaat Schwarz. Kapitän Reichard gab aber selbstverständlich mit Freuden seine Erlaubnis, nur setzte er fest, daß keiner der Mannschafteir mehr als zwanzig Pfennige geben durste. Auch die Deckofsizicre sammelten für die Schiffbrüchigen, und in der Ossiziersmesse hatte der Stabsarzt schon gleich, nachdem er aus dem Lazarett zurückgekommen war und über die Notlage der Aufgenommcnen berichtet hatte, fast hundert Mark in Empfang nehmen können, zu denen der Kommandant für seine Person den gleichen Betrag hinzufügte. Herr Kapitänleutnant, wann kommen wir rein ins Loch?" fragte Leutnant Wohlfahrt einige Tage daraus den Navi gationsoffizier. Morgen früh um zehn Ahr!" antwortete Kapitänleutnant Röder. Das ist unangenehm!" entgegnete Leutnant Wohlfahrt. Können Sie es nicht so einrichten, daß wir nach zwölf Ahr kommen? Ich habe nämlich Vormittagswache und muß nachher144 3. Kapitel. Hafenwache strampeln, dabei werde ich wohl das Vergnügen des Köhlens noch genießen müssen." Das wird wohl nicht anders werden," entgegnete der Navigationsoffizier. Ach kann doch die Strecke nicht länger machen, als sie ist." Auf der Morgenwache des nächsten Tages kam der erste Offi zier um sieben Uhr an Deck und ging auf die Kommandobrücke. Lassen Sie in die Maschine hinunter sagen, die zweite Dampspinasse soll Feuer anstecken!" befahl er dem wach habenden Offizier, und nach dem Frühstück soll der Pinasse steurer zu mir kommen." Schneider, bringen Sie Ihre Pinasse in Ordnung! Lassen Sie von den Bootsgästen das Boot auswaschen, aber nicht zu naß, und Kissen und Decke klar halten. Um zehn Uhr ankern wir, und die Pinasse wird sofort ausgesetzt!" Zu Befehl, Herr Kapitän," versetzte Bootsmannsmaat Schneider, pfiff sich seine Pinassegäste zusammen und machte das Boot rein, während der schwarze Rauch, der aus dem ausgestellten Schornstein herauswirbelte, anzeigte, daß auch der Heizer und das Maschinenpersonal im Boot tätig waren. Sobald das Frühstück beendet war, ließ der erste Offizier den Bootsmann rufen. Bootsmann, lassen Sie die Seezurrings von den Anker ketten abnehmen und beide Buganker klar inachen zum Fallen!" Welchen Anker werden wir brauchen?" fragte Oberboots maat Brandow. Den Steuerbordanker," entgegnete der erste Offizier. Sobald wir drin sind, wollen wir das Schiff außenbords ordentlich abwaschcn. Wir haben eine ganze Salzkruste drauf." Zu Befehl, Herr Kapitän," erwiderte der Bootsmann. Werden die Schornsteine auch gewaschen?" setzte er hinzu. Die sind mächtig grau geworden!" Das wird wohl nichts werden," meinte der erste Offizier. So viel ich weiß, bleiben wir nur ein paar Stunden drin, und da kühlen die Schornsteine nicht genug ab." Aber n bißchen überkalken könnte inan sie doch," meinte der Bootsmann. Die sehen man schlecht aus." Za, das hilft nichts!" antwortete Kapitän Reichard, das muß schon so bleiben."Inzwischen hatte Leutnant Wohlfahrt die Wache über- nommen und der erste Offizier fragte: Hat die Sicherheits- rvache sich schon umgezogen?" Nein, Herr Kapitän versetzte der Wachossizier. I, sollte ich das gestern abend vergessen haben?" bemerkte der Erste und schickte einen Matrosen zum Stabswachtmeister. Wachtmeister, ist die neue Sicherheitswache abgeteilt?" Nein, Herr Kapitän," antwortete der Stabswachtmeister. Ich weiß nicht, wann wir ankern werden." Ungefähr um zehn Uhr, meint der Navigationsoffizier," antwortete der Erste. Also teilen Sie die Leute gleich ab. Welche Hälfte ist dran?" Zweite Hälfte! Backbordwache!" Ist gut," antwortete der Erste und sagte dann zu dem wachhabenden Offizier: Wohlfahrt, lassen Sie gleich pfeifen: ,Die abgeteilten Leute der Sicherheitswache, des zweiten Kutter und Dampfpinassegäste sich umziehen! Reines Arbeitszeug! Exerzierkragen! Braune Schuhe! Die ersten Gigsgäste sich umziehen! Weiß! " Der Wachtmeister war inzwischen ins Zwischendeck hinunter gegangen, hatte seine Wachliste vorgenommen und rief die Leute einzeln beim Namen auf. Obermatrose Schröder, Sie sorgen nun dafür, daß sich die Leute umziehen und in einer Viertelstunde oder zwanzig Minuten fertig sind. Aber daß die Leute auch wirklich sauber sind, vor allen Dingen die Fallreepsgäste! Wenn wir nachher fremde Leute an Bord bekommen und da stehen solche Schmier pusseln am Fallreep herum, dann denken die Leute ja, wer weiß auf was für einen Koljer (Kohlenschiff) sie hier kommen." Jawohl, Herr Wachtmeister," antwortete der Ober matrose Schröder, der Wachhabende der Sicherheitswache, und unterzog seine Leute schon während des Amziehens einer- scharfen Musterung. Du, was war das? Was ist da eben gepfiffen?" fragte er den Wachhabenden des Zwischendecks, Obermatrosen Wil helm!. Der antwortete ihin aber nicht direkt, sondern rief laut: Wer noch Briefe abzugeben hat, bis neun Ahr ins Bureau bringen! Die Post geht um halb elf Ahr von Bord." Was, so fix schon?" rief Schröder. Ich Hab meinen B e r sr o rf f, An B,rd de? Panzerkreuzers Aorck". 10Brief noch gar nicht fertig. Na, Kinder, nun macht man fix!" und als feine Leute fertig waren, machte er sich schnell daran, seinen Brief zu vollenden. Die Schiffbrüchigen wurden vom Stabswachtmeister in Kenntnis gesetzt, datz sie in etwa zwei Stunden an Land gebracht würden. Den Leuten war der Aufenthalt auf der Borck" nach den schweren Stunden, die sie auf dem Wrack zugebracht hatten, eine wahre Erholung gewesen. Auf Befehl des ersten Offiziers waren sie an einer Back untergcbracht worden beiin Bootsmaat Walter, der recht gut Englisch sprach, und dieser hatte auch den Befehl erhalten, während der Dienst zeit die Engländer zu beaufsichtigen, damit sie rächt im ganzen Schiff herumkamen und sich Sachen ansahen, die für Fremde nicht bestimmt waren. Herr Zahlmeister, verpflegt werden die Leute aus der Mannschaftskambüse, aber es kann natürlich der Betrag für sie in Rechnung gestellt und aus den außerordentlichen Indienst haltungsfonds verrechnet werden," sagte Kapitän Eisenhart zum Zahlmeister. Ich denke, der Rechnungshof wird das genehmigen." O, ganz entschieden, Herr Kapitän," versetzte der Zahl meister. Gut, dann lassen Sie die Rechnung ausstellen und legen Sie sie mir mit einem kurzen Bericht dazu vor. Haben Sie mit dem Herrn Stabsingenieur schon darüber gesprochen, wieviel Kohlen wir nehmen müssen?" Jawohl, Herr Kapitän! Ungefähr vierhundert Tons. Der Herr Ingenieur wollte Herrn Kapitän noch selber darüber sprechen," entgegnete der Zahlmeister, und der Stabsingenieur ließ sich auch bald darauf beim Kommandanten melden, um seinem höchsten Vorgesetzten den täglichen Kohlenrapport und die Kohlenbcdarfsnachweisung vorzulegen. Ich hatte mir auch schon aus der Verbrauchsnachweisung ungefähr so viel herausgerechnet," bemerkte Kapitän Eisen hart. Fahren Sie also gleich nach dem Ankern mit dem Zahlmeister an Land und bestellen Sie die Kohlen, daß wir sie so schnell wie möglich längsseit bekommen. Melden Sie auch dem ersten Offizier, wieviel wir brauchen, denn ich bleibe nicht eine Stunde länger im Hafen, als unbedingt erforderlich ist." Za, es ist gut, Herr Ingenieur," antwortete der erste Offizier. Machen Sie nur Ihre Trichter klar, daß die Über nahme sofort erfolgen kann." Beide Wachen klar machen zum Kohlenübernehmen an beiden Seiten!" ries er dann dem wachhabenden ünterosfizier zu, und zu Leutnant Wohlfahrt nach der Brücke hinaus: Ich brauche die Leute jetzt zum Klarmachen der Kohlenwippen." Sehr wohl, Herr Kapitän," antwortete der Wachoffizier. Im Schiff begann jetzt ein großes Gepolter. Die beiden freien Heizerwachen erschienen, schraubten in den Decks große eiserne Deckel auf, daß überall große Löcher entstanden. Zwischen diese, von einem Deck zum anderen reichend, wurden eiserne Röhren gestellt, bestimmt, die übergenommenen Kohlen nach unten in die Kohlenbunker hinein zu leiten. Mit Presen- nings wurden die Stellen, wo die Trichter an Deck aufstanden, bedeckt und auch noch quer durch das Schiff Presennings gezogen, um nach Möglichkeit den entstehenden Staub auszusangen und abzuhalten. Ach, du lieber Himmel, nun geht der ünfug wieder los," meinte Matrose Christians, während er mit mehreren anderen bemüht war, die Kohlenwippen aus der Taulast nach oben zu schleppen. Ja, und wenn es fertig ist, dann macht man Reinschiff, geht raus, und nach einer Stunde ist das Deck gerade wieder so voll Staub und Schmutz wie vorher. Wirklich rein wird so n Dampfschiff doch eigentlich nie." Mit großer Fahrt näherte sich inzwischen die Porck" dem Hafen. Schon waren die ümrisse der Inseln deutlich zu er kennen, da fragte der Navigationsoffizier den wachhabenden Offizier, der neben ihm auf der Brücke stand, leise: Wollen Sie nicht fragen, ob die Flagge gesetzt werden soll? Ich habe sie schon anstecken lassen." Ja, natürlich," antwortete Leutnant Wohlfahrt. Alle Wetter, die hätte ich vergessen. Ich danke Ihnen sehr, daß Sie mich daran erinnern," und er ging zum Kommandanten, um dessen Erlaubnis einzuholen. Jawohl, lassen Sie heißen," antwortete Kapitän Eisen hart. Röder, was haben Sie für eine Flagge rausgeben lassen?"143 3. Kapitel. Eine Mittelflagge, Herr Kapitän," antwortete jener. Sichtung! Stillgestanden!" kommandierte der wachhabende Offizier. Front nach achtern! Klar bei der Flagge! Heitz Flagge! Bootsmaat der Wache pfeifen!" Der Bootsmannsmaat der Wache fetzte feine silberne Signalpfeife an den Mund und ließ, während die Kriegsflagge langsam zur Gaffel emporstieg, einen fast endlosen Triller hören. Rührt euch! An die Arbeit!" hieß es, als die Flagge gesetzt war, und die Leute fuhren in ihrer Beschäftigung fort. Wollen Herr Kapitän sich den Ankerplatz ansehen auf der Karte, den ich eingetragen habe, oder haben Herr Kapitän einen besonderen Befehl dafür?" wendete sich der Navigations offizier an den Kommandanten. Zm Segelhandbuch find ver schiedene Ankerpeilungen angegeben, und bei mehreren steht auch vermerkt, an den Stellen hauptsächlich die Krieg schiffe ankern." Na, wir wollen mal sehen, Röder," entgegnete Kapitän Eisenhart. Der Hafen ist ja überall gut und hoffentlich nicht zu voll, datz wir nahe heran können an die Stadt." Eine halbe Stunde später bog die Porck" in den Hafen ein. Hoch ragt in der Mitte die kleine Felseninsel Bird s Eye (Vogelauge) empor, gekrönt auf der obersten Spitze von dem weitzen Leuchtturm, zu dem eine schmale, in den Fels gehauene Treppe hinaufführt. Stuf St. Vincent blickt starr und steinern der Washington Head, ein merkwürdiges Naturspiel, das in der Gebirgsbildung naturgetreu die Züge des genialen amerikanischen Präsidenten Washington wiedergibt, in die ewig heitere, blaue Luft hinaus, die nur vielleicht alle drei oder vier Fahre einmal von Regenwolken getrübt wird. Alle Maschinen kleine Fahrt! Alle Maschinen stopp!" befahl der Kommandant. Alle Maschinen halbe Fahrt zurück!" Die Lotgänger, die mit Handloten aus den Grätings standen, warfen das Lot in den Grund. Schiff steht!" Der Kommandant hob die Hand als Zeichen für den ersten Offizier. Aus der Kette! Fallen Anker!" befahl der erste Offizier, und aufklatschend stürzte der schwere Anker in die Tiefe. Donnernd rasselten die gewaltigen GliederIm ersten fremden Hasen. 149 der mächtigen Ankerkette hinterher, daß das ganze Vorschiff erbebte. Schiff geht achteraus!" riefen die Lotgänger. Die Ma schinen wurden gestoppt. Sechzig Meter aus!" meldete der erste Offizier von vorn. Stopper zu!" antwortete der Kommandant und die Kette wurde durch den Stopper abgebremst und festgehalten, so daß auch nicht ein Fuß mehr als die gemeldeten sechzig Meter von ihrer Länge auslausen konnte. Langsam schwoite dann das Schiff vor dem Anker an der Kette auf den Wind. ^eben Sie der Maschine den Befehl: ,Feuer aufbänken ^ (kleine Feuer halten)!" befahl Kapitän Eisenhart dem wachhabenden Offizier und trat in das Kartenhaus. Na, Röder, wo liegen wir?" Hier, Herr Kapitän," antwortete der Navigationsoffizier, der in dem Augenblick, als der Anker auf den Grund fiel, am Peilkompaß zwei Peilungen, deren Linien sich kreuzten, ge nommen hatte, und schob die Lineale, mit denen er die Peilungs linien auf der Hafenkarte eingezeichnet hatte, beiseite, indem er an dem Schnittpunkt schnell noch einen Kreis malte. Solch eine Ankerpeilung muh stets genommen werden, damit für den Fall, daß bei schlechtem Wetter die Ankerkette bricht und das Schiff ins Treiben kommt, später die Stelle sicher wiedergefunden und Anker und Kette gefischt werden können. Na, schön!" versetzte der Kommandant und ging in die Kajüte, um sich umzuziehen. Leutnant Wohlfahrt, der jetzt die Taghafenwache über nehmen mußte, war schon vorher einmal auf zehn Minuten in seine Kammer verschwunden, um das Bordjackett mit dein Waffenrock zu vertauschen, der im Hafen als Wachanzug ge tragen werden muß. Der Navigationsoffizier hatte ihn wäh renddessen so lange vertreten.150 4. Kapitel. Seeposten eingchen! Die dritten Nummern der Backbord hafenwache aufziehen!" kommandierte er. Zweite Damps- pinasse und erste Gig klar zum Aussetzen!" Die Bootsheißmaschine wurde angestellt und die Boote ausgesetzt. Zivilboot kommt an Bord!" rief der Signalgast von der Brücke herunter. Es war das Boot der Hafenpolizei, das herankam, um sich nach dem Woher und Wohin zu erkundigen und den Gesundheitspaß zu revidieren. Da die Porck" keinen pest- oder fieberverdächtigen Hafen angelaufen hatte, wurde der Verkehr mit dem Lande ohne weiteres gestattet, nachdem der Stabsarzt seinem fremden Kollegen auch noch die mündliche Versicherung gegeben hatte, daß keinerlei an steckende Krankheit an Bord unter der Mannschaft herrsche. Am Kommando- und Zahlmeisterburcau hatte inzwischen eine fieberhafte Tätigkeit geherrscht, um die Postsachen fertig zu machen, welche die Briefordonnanz gleich mit an Land nehmen sollte. Herr Kapitän, ich kann wohl auch gleich mit an Land fahren?" fragte der Steward beim ersten Offizier an. Aawohl, Steward," antwortete der erste Offizier, aber viel Zeit haben Sie nicht, Herr Möhle. Wir gehen wahrschein lich noch heute abend wieder raus, oder sogar ziemlich bestimmt." O, ich brauche höchstens zwei Stunden," erwiderte der Steward. Wenn ich vielleicht den Matrosen Krauthoff noch mitnehmen könnte, daß er mir die Sachen zum Boot runter trägt?" Aa, den können Sie mitnehmen," erwiderte der Erste. Der Herr Stabsingenieur läßt fragen, wann die Dampf pinasse an Land führe?" fragte jetzt ein Heizer, der Bursche des Stabsingenieurs. Sowie die Herren herauskommen," antwortete der Erste. Die Pinasse liegt klar." Der Stabsingenieur und der Zahlmeister erschienen dann gleich darauf auch an Deck, meldeten sich von Bord und fuhren an Land, um vor allen Dingen Kohlen zu bestellen. Herr Stabsingenieur, gehen Sie erst schnell noch mit zum Schiffshändler, ich muß auch frischen Proviant bestellen," bemerkte der Zahlmeister unterwegs, und die beiden HerrenAm ersten fremden Hafen. 151 machten sich alsdann an Land schleunigst an die Erledigung ihrer Aufträge, während die Dampspinasse sofort an Bord zurückkehrte. Herrschaften, gehen wir an die Küste?" hatte Leutnant Reiche in der Messe gefragt, und ein fast einstimmiges: Selbst verständlich I" war die Antwort. Wir werden doch die Kohlcn- übernahme nicht mitmachen," rief Fritsche. Aha, jetzt scheint der Herr Konsul zu kommen." Ein gigartiges, weih gestrichenes Boot mit der deutschen Flagge am Heck, in welchem ein Zivilist, den Zylinder auf dem Kopf, sah, hatte am Steucrbordsallreep angelegt und war von zwei Signalgästen und mit den: Fallreepspsiff des Unter offiziers der Wache empfangen worden. Leutnant Wohlfahrt als wachhabender Offizier hatte sich ebenfalls am Fallreep aufgestellt und rief einem Matrosen zu: Melden Sie dem Herrn Kommandanten, der Herr Konsul käme an Bord." Der fremde Herr stieg langsam die Stufen der Fallreeps treppe hinauf, lüftete oben mit einiger Feierlichkeit seinen Hut und stellte sich als Mr. Harris, deutscher Konsulatsvertreter, vor. Sein gebrochenes Deutsch und seine Sprechweise ver rieten so ort den Engländer. Während der paar Augenblicke, die er an Deck warten muhte, erkundigte er sich bei dem Offizier eifrig danach, woher das Schiff käme, aber ehe dieser noch mit seinem Bericht fertig war, kam der Kajütsposten herauf mit der Meldung: Der Herr Kommandant läht bitten." So verschwand Mr. Harris in der Kajüte. Guten Tag, Herr Harris, wir kennen uns ja wohl von früher her schon, mein Name ist Eisenhart," begrüßte ihn der Kommandant. O ja, gewiß, Herr Kapitän," antwortete Herr Harris, und Kapitän Eisenhart setzte ihm nun den Fall mit den sechs Schiffbrüchigen auseinander, die hier natürlich von Bord gehen muhten. Herr Harris, der gleichzeitig englischer Konsul war, bedankte sich beim Kommandanten sehr warm für die freundliche Aufnahme, die seinen Landsleuten zuteil geworden war, und ganz besonders noch für die hochherzige Sammlung der Besatzung. Zch bitte Sie, Herr Kapitän, Ihrer Mannschaft im Namen152 4. Kapitel. der englischen Regierung den Dank dafür auszusprechen, daß Ihre Matrosen ein so großartiges Geschenk veranstaltet haben. Ach werde nicht verfehlen, darüber nach Hause zu berichten. Kann ich Ahnen mit irgend etwas dienlich sein, Herr Kapitän, nicht nur als deutscher, sondern auch als englischer Konsul, der ich ja doch hier auch bin, dann bitte ich über mich zu ver fügen." Wie steht es mit dein Wasser?" erkundigte sich Kapitän Eisenhart. Können Sie frisches Wasser abgeben?" Rein, das ist leider ganz unmöglich," antwortete der Konsul bedauernd. Sie kennen ja unsere Wasserverhältnisse hier, und jetzt hat es seit mehr als drei Fahren keinen Tropfen ge regnet. Wie lange bleiben Sie im Hafen, Herr Kapitän?" Der Kommandant gab Auskunft, und Herr Harris inachte dann in der Offiziersmesse seinen Besuch, um sich auch hier persönlich bei den Offizieren für die Beteiligung an der Samm lung zu bedanken. Kann ich die Leute mal sprechen?" wendete er sich an den ersten Offizier. Selbstverständlich, Herr Konsul," erwiderte Kapitän Reichard. Er ließ die sechs Engländer holen, die in der nun folgenden kurzen Unterredung ihrem Regierungsvertreter eine begeisterte Schilderung von der Aufnahme, die sie aus dem deutschen Kriegschiff gefunden hätten, gaben. Konsul Harris empfahl sich dann und fuhr wieder von Bord. Klar beim Salut!" befahl der Artillerieoffizier, der währenddessen Salutmunition an ein 8,8-om-Schnellladegeschütz hatte bringen lassen. Die Geschützbedienung stand an den Ka nonen, und als das Boot etwa fünfhundert Meter vom Schiff weg war, kommandierte der Offizier: Feuer!" Der Konsul erhob sich in seinem Boot und stand so lange mit dem Hut in der Hand, bis die sieben Schuß Salut, die ihin als Ehrenbezeigung zustanden, gefeuert waren. Dann fuhr das Boot weiter dem Lande zu, während die Geschützbedienung sofort daran ging, die Waffe wieder zu säubern. Was ist das für eine merkwürdige Sache, daß geschossen wird, wenn so n Herr von Bord geht," meinte der Matrose Pauli. Was hat das eigentlich für einen Zweck?" Aber die umstehenden Matrosen waren darin ebensoDer Konsul erhob sich in seinem Boot und stand mit dem Hut in der Hand während des Saluts. (Teile 152.)Im ersten fremden Hafen. SSLSSSW 15Z unbewandert wie er selbst. Sie konnten ihm keine Auskunft geben, und so beruhigte er sich schließlich mit dem Gedanken, daß das wohl so gewesen wäre, weil es irgend jeinand besohlen hätte. Sein Korporalschaftsführer hatte ihm nämlich in der Znstruktionsstunde gesagt, er brauchte sich gar keine Gedanken darüber zu machen, weshalb etwas besohlen würde, sondern er sollte nur einfach den Befehl aussühren, so wie er gegeben wäre, alles übrige ginge ihn nichts an. Das heißt natürlich," hatte er gesagt, wenn Sie schießen sollen und es wird befohlen: ,Feuern! oder das Signal: .Schieß ihn tot! geblasen, dann bedeutet das nicht, daß Sie nun Ahr Gewehr nehmen sollen und einfach blindlings drauf los dämmern, ganz gleich, ob Sie ,Zentrum oder,Scheibe blau schießen, dabei sollen Sie sich natürlich überlegen, wie das gemacht wird und was Sie zu tun haben. Aber sonst im allgemeinen geht Sie das eben gar nichts an." Der Signalgast aus der Kommandobrücke hatte dem Boot des abfahrenden Konsuls nachgeblickt, bis es die Anlege stelle erreichte. Da sah er auf dein Ende der langen Brücke jemand mit einem Taschentuch winken und erkannte den Stabsingenieur und den Zahlmeister. Er meldete das dem wachhabende,: Offizier, und dieser schickte die Dampfpinasse hinüber, um die beiden Herren abholen zu lassen. Als sie an Bord kamen, fragte Leutnant Fritsche: Herr Zahlmeister, haben Sie Post mitgebracht?" Jawohl," antwortete der Zahlmeister, aber es ist nur eine kleine Post." Na, geben Sie sie nur her," erwiderte der Adjutant und ließ sich von der Briefordonnanz den grauen Bricfbeutcl ins Bureau tragen. Die Dienstbriese behielt er und schickte die Privatbriefe in das Zahlmeisterbureau, damit sie von dort aus verteilt werden konnten. Währenddessen gingen der Stabs ingenieur und der Zahlmeister zum Koinmandanten, um sich zurück zu melden. Die Kohlenprähme sind heute um zwei Uhr längsseit!" sagte der Stabsingenieur. Haben Sie denn gute Kohle bekommen?" erkundigte sich der Kommandant. Jawohl, Herr Kapitän, aber sie ist teuer. Sie war unter154 4. Kapitel. fünfunddreißig Schicking die Tonne nicht zu haben. Es ist nämlich augenblicklich verhältnismäßig wenig Vorrat da, und heute und morgen sind mehrere große Dainpfer fällig, die telegraphisch Kohlen bestellt haben. Nur mit Mühe konnten wir welche bekommen." Wie ist es mit dem Proviant? Haben Sie frisches Fleisch erhalten?" erkundigte sich Kapitän Eisenhart. Jawohl, Herr Kapitän, auch das, aber es ist ebenfalls teuer und nicht sehr gut. Wasser ist überhaupt nicht zu haben." Nein, ich weiß, das sagte mir der Konsul schon," entgegnete Kapitän Eisenhart. Ja, Herr Stabsingenieur, dann müssen wir eben weiter destillieren. Übrigens, was ich noch fragen wollte. Das destillierte Wasser wird doch immer vom Herrn Stabsarzt oder Assistenzarzt wer von den beiden Herren besorgt das, untersucht?" Meistens geschieht es durch den Herrn Stabsarzt selbst," entgegnete der Stabsingenieur. Er erhält jeden Morgen eine Probe." Schön, danke sehr! Das darf auch ja nicht vergessen werden," erwiderte der Kommandant, damit wir gedeckt sind, falls mal an Bord irgendeine Krankheit ausbricht, was Gott verhüte, die man vielleicht auf den Genuß schlechten Wassers oder verdorbenen Wassers zurückführen könnte." Als der Zahlmeister in sein Bureau ging, begegnete ihm der Navigationsoffizier. Ach, Herr Kapitänleutnant," redete er ihn an, wollen Sie nachher ins Bureau kommen, um die Wechsel für die Bezahlung der Kohlen und des Proviants an Land zu unter schreiben, oder soll ich sie Ihnen in die Kammer bringen?" Ich komme ins Bureau," entgegnete Kapitänleutnant Nöder. Lassen Sie mir nur sagen, wenn die Formulare so weit ausgefüllt sind. An Land zu gehen, habe ich doch keine Zeit, ich muß noch den Schluß des Reiseberichts machen und dem Kommandanten vorlegen." Er ging in seine Kammer und war dort längere Zeit eifrig mit Schreiben beschäftigt, um den Bericht anzufertigen. Ein solcher Reisebericht muß nach jeder Ankunft in einem neuen Hasen von seiten des Kommandos nach Hause gehen, und darin sind alle Beobachtungen und Ereignisse aufzu-Am ersten fremden Hafen. 155 nehmen, die während der Fahrt vorgekommen sind, so zum Beispiel besondere Wind- und Wetterverhältnisse, Strombeob achtungen, falls solche gemacht werden konnten, die sich als auffällig abweichend von den in den Stromkarten angegebenen Verhältnissen erwiesen, und Ähnliches, dann das Verhalten von Schiff und Maschine während der Fahrt, und besonders bei schlechtem Wetter, auch über das Verhalten und den Zustand der Besatzung, kurz alles, was an dem Schiff von Interesse ist, muß imReisebericht möglichst kurz und knapp niedergelegt werden. Während Kapitänleutnant Röder so eifrig bei der Arbeit war, hörte er in den Nebenkammern das Rumoren der Kame raden, die sich zum Landgang rüsteten. Herrschaften, wir fahren doch natürlich im zivilen Ge wände," hatte Reiche gesagt, und nun tauchten aus den Kam mern die Herren Offiziere in den verschiedensten Zivilkostümen auf, aber alle natürlich, da die Reise erst eben anfing, sehr nobel und neu. Herrschaften, los ist übrigens an Land nicht das aller- mindeste," erklärte Kapitänleutnant Hossmann, als sie ins Boot stiegen. Das ganze Nest besteht aus einem Haufen Negerhütten und einem sogenannten Hotel, aus dessen Ge nüsse ich sie gleich vorbereiten kann. Jin Hotel Universal bei Mistreß Pinkerton gibt es warmen Porter und Ale zu trinken. Wer das nicht mag, kann sich schlechten Sherry geben lassen oder miserablen Kaffee. An substantiellen Genüssen gibt es an der Table d hote nach einer undefinierbaren Suppe ein noch viel undefinierbareres Ragout, dann einen Braten, der, je nach Lust und Laune, als vom Rind, Schwein oder Hammel herrührend auf der Speisekarte bezeichnet ist, aber unweiger lich von irgendeiner alten Mula herstammt, die vor Alters schwäche das Zeitliche gesegnet hat." Hören Sie auf, Herr Kapitänleutnant!" rief Leutnant Reiche. Sie können einen: ja die ganze Gegend verekeln!" Halt! Stopp!" entgegnete Hofsmann. Etwas Gutes gibt es vielleicht doch! Das sind Bananen oder Ananas, aber die sind hier auch selten und teuer." Um es gleich vorweg zu sagen, die Voraussagungen Hoff- manns trafen im vollsten Maße ein. Neben dem tatsächlich minderwertigen Essen erfüllte aber besonders das Tischzeug die an156 4. Kapitel. peinlichste Sauberkeit gewöhnten Offiziere mit Widerwillen. Das Tischzeug war vor lauter Flecken als solches überhaupt eigentlich nicht mehr zu erkennen, und die Servietten entwickelten einen Duft, der alles andere als lieblich genannt zu werden verdiente. Als Bertram schließlich entdeckte, daß der ser- vierende Negerjüngling, der neben einer fettigen, schwarzen Zacke, einem fast ebenso schwarzen, aber weiß sein sollenden Heinde und ausgefransten, an den Knieen durchgestoßenen Hosen nichts auf dem Leibe trug, sich mit seiner Serviette erst den Schweiß von dem schwärzlichen Gesicht abwischte und dann mit derselben Serviette den Teller polierte, den ihnr Bertram als nicht ganz sauber hingereicht hatte, da erklärte er: Nein, Herrschaften, das ist hier mehr als unsauber. Ich esse keinen Bissen mehr, außer ein paar Bananen! Da können diese Ferkel wenigstens noch nicht mit den Fingern an der eigentlichen Frucht dran gewesen sein." Auch die Kameraden beeilten sich, das sogenannte Diner zu beenden, und Fritsche tröstete sich damit, daß er sagte: Man muß eben alles inal kennen gelernt haben. Aber ich weiß ganz genau, daß, wenn ich wieder mal nach Porto Grande komme, ich nicht ins Hotel Universal gehe, sondern an Bord bleibe, und wenn jeden Tag gekohlt wird." Das haben Sie gar nicht nötig," erwiderte Hoffmann. Dann rate ich Ihnen, fahren Sie links ab von der Stadt an Land, und baden Sie da. Das ist eine der schönsten Bade gelegenheiten, die man sich denken kann." Werde ich mir vorkommendenfalls merken," erwiderte Fritsche. Heda! Mosso! Boy! Ferkel! Ich will bezahlen!" Pes, Sir!" entgegnete der Kellner, aber ich sein kein Ferkel. Ich heißen Mister Toby. Ferkel nicht tun bedienen in Hotel Universal, die only lausen aus Straße, yes, Sir!" Bei diesen Worten blickte Mister Toby Fritsche sehr un gnädig und mißbilligend an, und dieser zog etwas betreten sein Portemonnaie, während die anderen nur mit Mühe das Lachen unterdrückten. Die Heiterkeit verging ihnen aber allen, als Mister Toby mit der von der grauhaarigen, gelblichen Mulattenwirtin ge schriebenen Rechnung zurückkam. Zehn Schilling für die Person war der Reinertrag. Dafür kriegt der Bursche aber auch kein Trinkgeld," flüsterte Fritsche seinen Kameraden zu, und als sie draußen waren, machten sie alle ihrem Ärger über den Reinfall gründlich Lust; nur der Artillerieoffizier sagte ruhig: Ach hatte es Ihnen ja vorher gesagt." An Bord der Porck" hatte inzwischen das Kohlenfest seinen Anfang genommen, und da die Kohlen, die. man in Porto Grande bekommt, wegen des häufigen Umladens und der trockenen Lagerung dort stark rußhaltig sind, so war das ganze große Schiff bald in eine schwarze Staubwolke gehüllt, und die Mannschaft sah aus wie eine Negerhorde. Du, Willem, wenn du nu an Land geihst, so as du ut- fühst und kümmst an Land, denken die Swarten, du hörst tau -chn!" ries der Matrose Fensen seinem Freund Markward zu und lachte. Iaa, Minsch," entgegnete Markward, wi seht aallto- sammen just so ut as dat swarte Pack buten up n Prahm. Zck har mi dor doch bannig wat anners vunn vermohd (ich hatte doch etwas ganz anderes vermutet), wenn wi tauerst in ; rt Hafen kummen dähn. Dat süht ja grasig ut hier." Fa, hier is ook nix los," erwiderte Fensen. Fck glöw ook gornich, dat dat hier Urlaub giwwt! Fck hass hört, as de Ohl t on Zahlmeister sähd:,Gleich nach dem Kohlen gehe ich wieder raus und bleibe keine Stunde länger int Hafen!" Na, denn man to," rief Markward und schrie dann mit lauter Stimme: Heiß Eins!" Er befand sich nämlich mit Fensen zusammen an der als Nummer eins bezeichneten Wippe, von denen im ganzen zehn vorhanden waren. Jede Wippe wurde von acht Mann bedient, die mit dem Tau längs Deck liefen und vermittels des über eine Scheibe laufenden Endes den am anderen Tamp angesteckten Kohlenkorb vom Prahm aufheißten, der dann binnenbords geholt und neben den Bunkerlöchern aus- gefchüttet wurde. Ununterbrochen tönte von den Vorleuten der einzelnen Wippen abwechselnd das Kommando: Heiß auf! Fest! Fier weg!" und die Kohlenkörbe stiegen mit zauberhafter Schnelligkeit aus den längsseit liegenden Prähmen in die Luft und stürzten dann dumpf polternd an Deck nieder.158 4. Kapitel. Von den Ingenieuren und anderen Angestellten des Maschinenpersonals wurde die übergenommene Kohlenmenge genau notiert und etwa jeder zehnte Korb gewogen. Als die Kohlen übergenommen waren, wurden die Prähme sofort an Land zurückgeschleppt. In den fast bis zum Rand wieder ausgefüllten Bunkern hockten inzwischen die mit dem Stauen der Kohlen dort beschäftigten Heizer und mühten sich ab, die immer neu herunterstürzenden Kohlenmengen so zu verteilen, daß jeder Bunker sozusagen gestrichen voll wurde. Der Heizer Thomaczewski hatte dabei aber nicht ordentlich aufgepaßt, und aus dem backbord oberen Bunker erscholl plötz lich ein dumpfes, kaum vernehmbares: Hilfe! Hilfe! Nicht nachschütten !“ Zum Glück vernahm der am Bunkerloch stehende Maschinist den Ruf und befahl sofort: Aufhalten mit Kohlenschütten!" Dann warf er sich der Länge nach aus den Leib, steckte den Kopf in das Bunkerloch hinein und rief durch den Kohlentrichter wie durch ein Sprachrohr nach unten: Was ist da unten los?" Ich Hab mich festgestaut und kann nicht raus," klang es dumpf zurück und man hörte der Stiinme die innere Angst des Mannes an. Warten Sie einen Augenblick, wir werden Ihnen helfen!" rief Maschinist Vogt hinunter und eilte in das Batteriedeck, wo er von mehreren Leuten schnell den Trichter beseitigen und von zwei anderen Heizern zunächst mit den Händen die obersten größeren Kohlenstücke herausholen und ins Batterie deck werfen ließ, bis so weit Platz war, daß ein Mann sich in den Bunker hineinzwängen und von dort mehr Kohlen heraus- schaffen konnte. So wurde für Thomaczewski Luft und ein Weg geschaffen, daß er aus seinem unfreiwilligen Gefängnis heraus konnte. Er war von der Angst und Hitze in dem Raum aber so er schöpft, daß Maschinist Vogt ihm befahl, hinunter zu gehen, Wasser zu trinken und sich auszuruhen. Die Kohlen wurden dann von einem anderen Heizer ordentlich gestaut und alle Bunkerlöcher verschlossen. Kohlen sind über, Herr Kapitän!" meldete der Stabs ingenieur dem ersten Offizier. Bunkerdeckel geschlossen!" Danke sehr!" antwortete Kapitän Reichard, und nunZm ersten fremden Hafen. 159 begann das übliche rein Schiff" mit Strömen von Wasser für Schiff Mannschaft. Noch vor Beginn des Köhlens waren die sechs englischen Matrosen von der Mary Stead" an Land gesetzt worden, und auch der Kommandant hatte sich in seiner Gig von den in Weiß (Paradeanzug) gekleideten Gigsgästen an Land setzen lassen. Er trug Dienstanzug mit Orden und machte Konsul Harris seinen Gegenbesuch. Die Gig bleibt liegen. Ich komme in etwa einer Stunde wieder!" ries er dem Gigssteurer zu, als er aus dem Boot an die Landungstreppe stieg, wo ihn eine Schar grinsender, nackter, kleiner Ziegerjungen im Alter von etwa zwei bis zwölf Fahren empfing und mit großen, scheuen Augen anstarrte. Einzelne der kleinsten steckten dabei wie verlegen einen oder mehrere Finger in den Mund, gerade so wie die Kinder bei uns. Als Kapitän Eisenhart die Treppe nach der eigentlichen Brücke hinaufstieg, um sich an Land zu begeben, ries einer von den größeren Zungen, um zu zeigen, daß er auch Deutsch verstände, von oben herunter: Na, Sie fehlen gerade noch!" worauf die ganze Gesellschaft über das erstaunte Gesicht des Kapitäns und der Gigsgäste in ein schallendes Gelächter aus brach und dann in Windeseile davonrannte. Was sone Negerjungs frech sind," bemerkte der Matrose Gronau, der den Bugriemen in der Gig führte. Den sollt man doch bei die Ohren kriegen." Na und überhaupt, daß sie Deutsch sprechen," meinte Matrose Hinrichs. Ich dacht , die könnten man bloß ihre Negersprache, und das wär gerad so oder beinah ebenso, als wenn die Apen sich was verzählen." Keineswegs," bemerkte der Gigsteuerer, Obermatrose Klaus. Die können hier alles mögliche. Die sprechen hier ebensogut Englisch wie Deutsch und Spanisch. Französisch können sie wahrscheinlich auch, denn bei den vielen Dampfern, die hier immerzu anlaufen, hören sie ja doch immerfort alle möglichen Sprachen und dabei lernen sie denn auch was ab. Ilbrigens bleibt mal hier einen Augenblick ruhig liegen, ich will bloß fix mal raufspringen nach m Schippschändler (Shipchandler Schisfshändler) und zusehen, ob ich nicht n paar Bananen oder so was kriegen kann."160 4. Kapitel. Ja, bring uns auch etliche mit," erklärten darauf feine Leute, von denen mit Ausnahme des Matrosen Gronau keiner überhaupt eine Vorstellung davon hatte, was eine Banane wäre. Aber das schadete nichts. Nach etwa zwanzig Minuten kam Klaus zurück und hatte für teures Geld zwei Dutzend kleine Bananen erstanden. So," sagte er, die nehmen wir mit an Bord," und packte sie hinten in der Gig unter den Kapitänssitz. Dann hatte er noch eine kleine Besorgung an Land zu machen und verschwand wieder, aber diesmal ohne anzugeben, wie lange er wegbleiben würde. Als ec sich nach einer Viertelstunde nicht wieder sehen lieg, meinte Gronau zu dein am Schlagriemen sitzenden Kameraden: Du, lang doch mal eine Banane raus." Steffens, der mit lüsternen Augen die appetitlich aus sehenden, goldgelben Früchte betrachtet hatte, als Klaus sie in den Piek genannten kleinen Raum achtern im Boot verstaute, schlug schnell die Decke zurück, nahm das Brett weg und holte ein halb Dutzend Bananen heraus, die er im Boot verteilte. Ohne erst lange hinzusehen, aus welche Weise Gronau anfing zu essen, steckte er einfach die Banane in den Mund und bitz zu. Pfui Kuckuck!" rief er dann aber und spuckte das mit der Schale abgebissene Stück Banane über Bord, dem er gleich den ganzen Rest aus der Hand nachsandte. Das Zeug schmeckt ja gräßlich. Wie kann man so was essen." Gronau, der seine Banane fein säuberlich abgeschält hatte, biß von seiner Frucht ab und rief lachend dazu: Fa, du Döskopp, du muht doch auch die Schale nicht mitessen. Die muß man erst abziehen." Nun kam Stessen auch hinter den Geschmack. Eine Banane nach der anderen wurde hervorgeholt, und ehe sie sich s ver sahen, waren sämtliche Früchte aufgegessen. Du, dat s de letzt !" rief Steffen Gronau zu und warf ihm die letzte Banane hin. Schab nischt," entgegnete der. Warum geht er weg." Damit meinte er Klaus. Während die leer gegessenen Bananenschalenum die Gig herum im Wasser schwabberten, saßen die Leute im Boot und erzählten sich allerlei. Eine gute Stunde war so vergangenIm ersten fremden Hafen. 161 und weder der Kommandant noch der Gigsteurer ließen sich sehen, worauf die Leute einer nach dem anderen aus die Brücke hinaufgingen, um sich dort die Beine ein bißchen zu vertreten und mit den Negerjungens, die sich wieder angesammelt hatten, ihren Spaß zu treiben. Du, dreh dich mal um!“ rief Steffen dem einen zu, faßte einen Jungen an den Schultern und drehte ihn rum. Na, lauf man!" und er gab ihm einen leichten Schupps. Ich wollt bloß mal sehen, ob du wohl auch noch n Wickelschwanz hättest." Wieder mochte wohl eine gute halbe Stunde vergangen sein, da kam der Obermatrose Klaus mit großer Fahrt an und rief schon von weitem: Schnell ins Boot, der Kommandant kommt!" und kaum hatten sich die Leute im Boot zurecht gesetzt, da erschien auch der Kapitän Eisenhart, stieg ein und befahl kurz: Ab!" Mit weitausholenden Ruderschlägen flog die Gig der Porck" wieder zu. Kommandant kommt an Bord!" ries der Signalgast von der Kommandobrücke über Deck, als er das Boot hinter der Landungsbrücke hervorkommen sah, und der wachhabende Offizier beorderte einige Grätings Fallreep, um für den Kommandanten einen trockenen Weg zu schaffen, denn noch war das Rein Schiff" nicht ganz beendet. Kaum war der Kommandant in der Kajüte verschwunden, da ließ sich der Zahlmeister wieder bei ihm melden, um noch einige Unterschriften zu erhalten. Ich fahre nachher sofort wieder an Land, um die Kohlen und den Proviant zu bezahlen, Herr Kapitän, und denke, ich werde in einer bis längstens anderthalb Stunden fertig sein." Schön, Herr Zahlmeister," antwortete Kapitän Eisenhart, und Zahlmeister Kirchner ging zum ersten Offizier und bat um die Dampspinasse. Sagen Sie mal, Herr Garlich, wollen Sie eigentlich gar nicht an Land fahren und für unsere Messe auch etwas frischen Proviant kaufen?" äußerte der Pumpenmeister Frcrichs zu dem Messevorstand. So n bißchen frisches Fleisch und n paar Früchte, Apfelsinen und Ananas oder was es so gibt, die könnten wir doch auch ganz gut essen. Eben ist die Dampf- Aerustorff, All Bord £ e8 Panzerkreuzers Norck". 11162 S353E83EE!3 4. Kapitel. ESEEil]EgEgiEi3ESEg3 ; pinasse klar gepfiffen und fährt an Land. Zwei Stunden hätten Sie noch Zeit." Aa, wenn die Herren auf ihr Privatkonto etwas kaufen wollen, meinetwegen," antwortete der Maschinist Garlich.. Die Messe hat kein Geld dafür." Aber schließlich ließ er sich doch überreden, bat schnell um Urlaub zum Einkauf für die Messe und erreichte auch glücklich noch im letzten Augenblick das abfahrende Boot. Als die Pinasse zum Schluß die beurlaubten Offiziere und den Zahlmeister von Land abholte, fanden sich auch Herr Garlich und der Steward Möhle mit seinem Matrosen Krauthof ein, und die Pinasse fuhr hochbeladen nicht nur mit Menschen,, sondern auch mit allerlei Proviant an Bord zurück. Na, Herr Möhle, haben Sie ordentlich was eingekauft oder haben Sie nichts gesunden in dem schmutzigen Negernest?" fragte Kapitänleutnant H offmann. Na, viel gibt es ja gerade nicht," entgegnete der Steward, aber ^n paar Kleinigkeiten habe ich doch bekommen. Ach glaube, die Herren werden ganz zufrieden sein." Dabei schmunzelte er geheimnisvoll. Dann legten sie an. Erste Gig und zweite Dampfpinasse einsetzen! Wache klar zum Ankerlichten!" erscholl an Bord der Porck" das Kommando, und während die Bootsheißmaschine die Boote aus dem Wasser hob, drehte die Ankerlichtmaschine das Spill vorn auf der Back und hievte die Kette ein. Zischend fuhr der Strahl der Dampfpumpe aus dem Mund stück gegen die riesigen eisernen Glieder der Kette, um den vom Grund mit heraufgebrachten Schlamm und Schmutz ab zuspülen, wie sie sich langsam emporwanden. Das Ganze sah aus wie eine ungeheure Schlange, die aus dem Meere lang sam durch die Klüse an Bord und über Deck kroch, um dann in den unteren Räumen des Schiffes zu verschwinden, bis zu letzt der mächtige Kopf mit den beiden scharfen Zähnen, hier der Anker mit den Pflügen, heraufkam und wie drohend vor dem Bug des Schiffes sitzen blieb. In schlanker Drehung verließ die Porck" den Hafen, rasch mehr und mehr Fahrt ausnehmend, und nach kurzer Zeit hatte sie Porto Grande durch den westlichen Eingang verlassen. An Bord war wieder die Seeroutine in Kraft getreten.Fi erste fremden Hafen. SSSSSSS 163 und als bei sinkender Nacht die letzten Amrisse von St. Vincent und der ganzen Inselgruppe rückwärts im Dunkel verschwan den, flammten vorne am Bug rechts und links wieder das grüne und rote Seitenlicht auf, und aus der Höhe warf die weiße Dampferlaterne ihren hellen Schein über die Wogen des Atlantik, denen entgegen die Dorck" ihren Kurs südwestwärts nahm. Die brasilianische Küste, die Hauptstadt Rio de Janeiro war ihr nächstes Ziel. Na, wenn wir in alle den Häfen, wo wir hinkommen, nicht mehr von Land zu sehen kriegen als hier, dann hol der Kuckuck die Seefahrt," äußerte der Signalgast Kleinschmidt auf der Kommandobrücke zu dem Steuermannsmaaten Krause. Da ist doch nix bei los. Wo gehen wir denn überhaupt nun hin?" Jedenfalls nach Rio. Da ist es fein," entgegnete der Steuermannsmaat. Wir gehen aber bloß noch mit zwölf Meilen Fahrt, denn der Kommandant hat eine Depesche er halten, so furchtbar eilig wär s nicht mehr." Kennen Sie Rio schon?" fragte Kleinschmidt neugierig. Gewiß!" entgegnete der Steuermannsmaat und tat so, als ob auf der ganzen Erde überhaupt keinen Hafen gäbe, den er nicht kannte. Na, Herr Steuermannsmaat, dann müssen Sie mir später mal so n bißchen erzählen, was da los ist," meinte Kleinschmidt. Denn wenn man so gar nichts davon kennt “ Signalgast! Kleinschmidt! Wo stecken Sie denn wieder?" ries der wachhabende Offizier. Gehen Sie runter, Mensch, und melden Sie dem ersten Offizier: ,Zeit zu Backen und Banken! und stehen Sie ge fälligst nicht immer rum und quasseln, sondern passen Sie auf ihren Dienst auf. And Sie erzählen sich gefälligst nicht was mit dem Signalgast, sondern passen aufs Steuern auf," bekam Maat Krause auch noch seinen Rüffel. Das Schiff liegt einen viertel Strich vom Kurs, und der Mann am Ruder steuert wie n Lümmerschwanz." Zu Befehl, Herr Leutnant. Das ist einer von den neuen Leuten, der kann noch nicht ordentlich steuern," versuchte sich Krause zu verteidigen. Na, dann passen Sie gefälligst erst recht auf, wenn Sie das wissen, und dann lassen Sie loggen!"164 4. Kapitel. Zu Befehl!" versetzte Krause und machte sich daran, ver mittels der Logleine die Fahrt des Schiffes zu messen. Zwölf Will!" meldete er seinem Vorgesetzten, als er nach zehn Minuten zurückkam. Was zeigt der Fahrtanzeiger?" rief Leutnant Reiche in den Kommandostand hinein, worauf von drinnen die Antwort: Zwölf!" ertönte. Die Fahrt war also richtig. Als das Signal zum Abendbrot für die Mannschaft ge pfiffen wurde, setzten sich auch in den verschiedenen Messen die Herren zu Tisch. In der Deckosfiziersmesse gab es außer Wurst und Schinken zu Butterbrot noch eine Schüssel Rührei. Meine Herren, ich bitte aber sich etwas bescheiden an zustellen," bemerkte der Maschinist Garlich. Die Eier waren nämlich an Land erstens mal sehr teuer, und zweitens sind sie sehr klein, darum kann ich nicht mehr als diese eine Schüssel voll spendieren." Es langte denn auch gerade, und nur der Steuermann Schmidt kam diesmal um seinen Teil und konnte, als er ver spätet in der Messe erschien, die leere Schüssel gerade noch im Verschwinden peilen. Er war aber ein ruhiger Mann, der sich um das Essen nicht viel kümmerte, und so konnte Herr Garlich eine Rede, mit der er dem Steuermann beweisen wollte, daß er unmöglich für ihn allein noch ein Dutzend Eier als Rührei frisiert herbeischleppen lassen könnte, für sich be halten. Der friedfertige Schmidt ließ sich an dem Rest von Wurst und Schinken, der übrig geblieben war, genügen. In der Offiziersmesse und beim Kommandanten feierte dagegen Steward Möhle einen großen Triumph. Als der erste Offizier beim Hinsetzen zu Tisch die Karte mit der Speisenfolge vermißte und danach fragte, bat Herr Möhle, geheimnisvoll lächelnd: Herr Kapitän, ich wollte sie heute mit Absicht fortlassen, denn ich habe ^ne kleine Überraschung für die Herren." And es war dann nicht nur eine kleine, sondern eine wirklich große, allgemein und freudig anerkannte Überraschung für sämtliche Messemitglieder, wie als Bratengang eine Schüssel mit delikaten Feigenschnepfen erschien. Alle Wetter, wo haben Sie die her? Das ist ja was Aus gezeichnetes!" bemerkte der erste Offizier.Zn, ersten fremden Hafen. 165 Ach habe so meine Quellen an Land, Herr Kapitän," erwiderte Steward Mühle vergnügt. Ach bin schon oft in Porto Grande gewesen und weiß, daß um diese Zeit die Schnepfen vielfach von St. Antonio herübergebracht werden." Na, wie isüs, ein Vogel für den Mann?" fragte der erste Offizier, eine Schnepfe aus die Gabel spießend und sie auf den Teller legend. Zunächst ja l" erwiderte der Steward, aber ich habe auch noch üi paar in Reserve, Herr Kapitän." Hören Sie mal, Herr Kapitänleutnant, warum haben Sic uns das nicht an Land verraten, daß es Schnepfen dort gibt?" rief Leutnant Fritsche dem Artillerieoffizier zu. Für zwei solcher Vögel hätte ich das ganze Diner in dem elenden Schmuhloch von Hotel drangegeben." Ach, Herr Leutnant, in dem Hotel," bemerkte der Steward, da gibt es überhaupt niemals etwas Vernünftiges zu essen. Ich kenne das schon so viele Jahre lang, aber die Herren fallen immer wieder darauf rein, weil man es ihm von draußen gar nicht ansieht, wie schmutzig es innen ist. Ich esse auch niemals da, wenn ich mal an Land essen muß, sondern immer in einer kleinen Fonda (Wirtshaus), wo es so allerlei spanische National gerichte gibt, allerdings ziemlich gepfeffert." Na, gepfeffert war die Geschichte im Hotel auch," rief Leutnant Griebnitz, wenigstens die Rechnung, das war schon mehr spanischer und französischer Pfeffer zusammen. Im übrigen söhnen mich diese Schnepfenvögel einigermaßen init dem traurigen Nest, genannt Porto Grande, aus. Hoffentlich haben Sie anderwärts auch noch solche guten Quellen, Steward, daß Sie uns immer so seine Atzung vorsetzen können." Steward Mühle versicherte, in dieser Beziehung sein Bestes tun zu wollen. Nach Beendigung des Essens aber setzte sich Leutnant Heinrich Klavier, Leutnant Baumbach und der abgelöste Reiche holten ihre Geigen, und die drei Kameraden musizierten den ganzen Abend. Die Klänge aus der Offiziersmesse heraus wirkten ent schieden anregend, auch auf die Besatzung, denn hier und da bildeten sich kleine Gruppen unter den Leuten. Von mehreren erklangen die sanften Töne einer Mandoline und das leise166 5 . Kapitel. zirpende Schwirren der Gitarren. Vorne am vorderen Panzer turm aber hatte sich ungefähr ein Dutzend Matrosen und Ober matrosen zusammengesunden, die schon in der Kaserne zu sammen gesungen hatten, und während das Schiff in gleich mäßigem Zuge die rauschenden Wogen durchschnitt, klang es halblaut durch das Dunkel über die schweigende See hin, das alte, schwermütige Lied ungestillter Sehnsucht mit den immer wiederkehrenden Schlußworten: Weit in die Ferne sehnt sich mein Herz!" Aus das Geländer der Kommandobrücke gelehnt, stand der wachhabende Offizier oben und lauschte dem Gesang. Auch in sein Herz stahl sich die Sehnsucht, und auch ihn umfing wieder wie einst in seinen ersten Dienstjahren die Poesie des Meeres, gewoben aus Wogenrauschen und dem Dämmerlicht des schwebenden Mondes, der wie auf silbernen Wolken getragen still und ruhig durch den lichten Äther glitt. ^err Kapitän, wir können wohl jetzt mit der Gewehrschieß- ^ Übung anfangen?" fragte der Artillerieoffizier am nächsten Morgen den ersten Offizier. Es sind noch viele Leute darunter, die ihre Landbedingungen noch nicht voll durchgeschossen haben." Gewiß!" antwortete Kapitän Reichard. Wie wollen Sie das machen?" Fch dachte, von der Schanze aus eine Spier querab anzubringen, die hoch steht, und daran die Scheiben aufzuhängen, und dann von der Kommandobrücke aus danach zu schießen, entweder von der einen Seite oder von beiden." 21a, kommen Sie nicht mit einer Seite aus?" fragte der erste Offizier. Fa, gewiß!" antwortete Kapitänleutnant Hoffmann, nur kommen wir schneller durch, wenn wir an beiden Seiten schießen können."Wieder in See. 167 Aa, das ist richtig," versetzte der Erste. Aber eine Seite wollen wir doch freihalten für den Verkehr. Sie können sich nun auswählen, welche Sie haben wollen, das ist mir einerlei. Lassen Sie sich den Bootsmann kommen, der kann Ahnen die Spier zutakeln." Jawohl, Herr Kapitän," entgegnete der Artillerieoffizier amd schickte einen Matrosen zum Bootsmann. Hören Sie, Oberbootsmann, ich brauche hier eine Spier oder einen Baum für die Scheibe zum Gewehrschießen. Das Gerät soll hier achtern auf der Schanze stehen, etwas schräg nach oben, aber frei über Bord mit der Nock, und dann oben einen Block daran für das Aolltau. Haben wir irgend so etwas an Bord?" Der Oberbootsmann schob die Mütze ins Genick, kratzte sich hinter den Ohren und erwiderte bedächtig: Hm! Hm! Da muß ich erst mal Nachsehen." Dann maß er mit den Augen die Entfernungen und die Höhe, wie er sich das Ding ungefähr dachte, und ging nach vorn, während der Artillerieoffizier sich den Feuerwerker kommen ließ. Feuerwerker," sagte er, geben Sie eine Bordscheibe heraus für die erste Bordbedingung Gewehrschießen, und lassen Sie Munition auf die Backbordnock der Kommandobrücke mannen." Wieviel Schuß?" fragte der Feuerwerker dagegen. Ach, das ist einerlei, n Kasten mit fünfhundert Patronen oder so, dann einen Tops mit Kleister und Scheibcnpflaster dazu." Während der Feuerwerker in die Gewehrmunitionskammer hinunterstieg, nachdem er sich den Schlüssel dazu aus der Kammer des ersten Offiziers geholt hatte, und die Munition an Deck schaffen ließ, stand der Bootsmann Brandow auf dem Aufbaudeck und sah sich um. Ne Spier!" brummte er vor sich hin, das ist ganz schön gesagt, aber erst mal eine haben." Schließlich aber wußte er sich zu helfen. Hier, sag" mal dem Bootsmaat Kuhnwald, er soll mit vier Leuten von seiner Barkassegesellschast Herkommen," rief er einem Matrosen zu, und als der Unteroffizier mit seinen Leuten herankam, sagte er: Kuhnwald, nehmen Sie mal die168 5. Kapitel. beiden Masten aus der Barkasse, und dann lassen Sie sich aus der Taulast so an die fünf Meter Leine geben, daß wir die beiden Dinger zusammenlaschen können, und dann n paar Stroppen, eins von den leichten Folltauen und "n Knäul Schiemannsgarn. Haben Sie das verstanden?" Zu Befehl, Herr Oberbootsmann," antwortete Maat Kuhnwald. Na, dann gehen Sie runter in die Last und sagen Sie,, es wäre für mich, n Zettel brauchten Sie nicht, und ich käme gleich nach." Als der Unteroffizier mit den Sachen zurückkam, wurden unter der kundigen Leitung des Oberbootsmanns die beiden Bootsmasten so zusammengebunden, daß sie eine beinahe doppelt lange Spier ergaben, die dann aus der Schanze aus gestellt und mit viel Geschick so zugetakelt wurde, daß die Scheibe an ihr geheißt werden konnte. Dat ihr mir aber nich in die Bootsmasten schießt, sonst frikassiere ich euch stückweis!" drohte der Oberbootsmann seinen Leuten und meldete dem Artillerieoffizier: Die Spier für die Scheibe ist fertig, Herr Kapitänleutnant!" Der sah sich das an und sagte: Ganz famos, Oberbootsmann! So, nun man hier gleich ran und die Scheibe bis auf einen halben Meter vorgeheißt, dann wollen wir mal sehen, wie sich die Geschichte von der Kommandobrücke aus macht. Höchst feudal!" meinte er, als er oben war, und rief dem Wachoffizier zu: Bitte, lassen Sie die erste Korporalschaft der ersten Division mit Handwaffen an Backbord aus der Kommandobrücke an- treten!" worauf der Befehl gepfiffen wurde. Nanu, was sollen wir denn jetzt mit Gewehren?" fragten sich die Leute erstaunt, als sie das hörten. Fi schöllt Fisch scheeten ton Middag," ries Matrose Fensen, der die Frage gehört hatte. Paßt man up, dat ji ook welk drapen doht, sünst giwwt dat hüt Middag nix." Als die Leute mit ihren Gewehren auf der Kommando brücke ankamen, stand hier schon der Pfahl zum Anlegen, und das Schießen nahm seinen Anfang. Leutnant zur See Maurer hatte die Aufsicht. Hören Sie, Maurer," sagte der Artillerieoffizier zu ihm, lassen Sie genau so ruhig und langsam schießen wie bei derWieder in See. 169 Landschießübung. Bei den ersten Bedingungen kommt es gar nicht auf Schnelligkeit an, sondern die Leute sollen sich erst mal Schießen von Bord aus gewöhnen. Bei der kurzen Entfernung brauchen Sie auch nicht nach jedem Schuß einholen und verkleben zu lassen, sondern höchstens, wenn ein Mann fertig ist. Ich glaube aber, Sie können auch ruhig zwei schießen lassen, nur lassen Sie für jeden Mann vom Schieß- unterofsizier genau aufschreiben, was er geschossen hat." Zu Befehl, Herr Kapitänleutnant," antwortete der junge Offizier, worauf die Gcwehrschießübung ihren Anfang nahm. Eine Korporalschaft nach der anderen kam an die Reihe. Stunde um Stunde knallten die Schüsse und fuhren die Kugeln zischend ins Wasser. Ab und zu kam der Artillerieoffizier selbst, um das Schießen zu kontrollieren. Auch der erste Offizier sah sich die Geschichte mal an und ebenso der Kommandant. Hören Sie mal, Reichard, wer hat denn das Luk achtern an meinem Aufgang zur Schanze zudecken lassen?" fragte er den ersten Offizier. Ich weiß nicht, Herr Kapitän," antwortete dieser. Ist der Lukendeckel da aufgelegt?" Ja, gewiß!" gab der Kapitän zur Antwort. Und der dumme Mann auf Posten sagt mir auch nichts davon, als ich die Treppe hinaufgehen will, und so bin ich gehörig mit dem Kopf dagegen gelaufen." O, das tut mir sehr leid, Herr Kapitän," versetzte der Erste. Hossmann, haben Sie den achtern Niedergang zur Kajüte zumachen lassen?" ries er dem Artillerieoffizier zu. Jawohl, Herr Kapitän," antwortete der, ich habe den Deckel zumachen lassen, damit niemand in Versuchung kommt, da rauf- oder runterzugehen. Einen Posten wollte ich aus der Schanze nicht ausstellen, weil der Mann dort völlig ungedeckt stehen müßte, und das war mir zu riskant." Na, ja, das ist ja ganz schön, aber Sie hätten mir es nur sagen lassen sollen," meinte Kapitän Eisenhart. In Zukunft wird es ja auch genügen, wenn Sie entweder das Geländer kreuzweis mit Kabelgarn zubindcn oder die Regcnkappe über ziehen und zubinden lassen, dann weiß doch jeder, daß da kein Durchgang ist."170 5. Kapitel. Ach, das hilft auch nichts," erwiderte Kapitänleutnant Hossmann, dann kriechen die Leute einfach seitwärts drunter durch. Das habe ich mal aus dem ,K-W-Zwo (.Kaiser Wilhelm II ) gehabt, da schossen wir auch mit Gewehren und hätten um ein Haar einen erlegt, der unter der Regenkappe durchgekrochen war und plötzlich ganz vergnügt in der Schuß linie austauchte. Wenn ich dem Mann, der gerade schießen wollte, nicht das Gewehr in die Höhe schlug, dann hatten wir eine Leiche an Bord." Na, Neichard, dann lassen Sie doch in den Schisfsbefehl setzen, daß das Betreten der Schanze während der Dauer der Gewehrschießübung verboten ist." Sehr wohl, Herr Kapitän," erwiderte der erste Offizier, während Kapitänleutnant Hosfmann ein etwas zweifelhaftes Gesicht machte, als ob er sagen wollte: Ach, das nützt auch nichts, wenigstens nicht eher, als bis die halbe Gesellschaft im Arrest gesessen hat." Damit sich der Kommandant aber nicht wieder den Kops anstoßen sollte, ließ er den Deckel abnehmen, das Geländer zubinden und auf der Treppe ein großes Plakat anbringen: Durchgang streng verboten! Zuwiderhandlungen werden mit Arrest bestraft!" Während die Mannschaften der seemännischen Divisionen der Porck" korporalschastsweise nacheinander aus der Kom mandobrücke ihre Eewehrschießübungen erledigten, ging der übrige Dienst der Mannschaft ruhig seinen Gang weiter. Aus der Steuerbordseite der Kommandobrücke stand der Signalmaat Kunz mit der einen Hälfte der Signalgüste und heißte die bunten Signalflaggen, während Freiwald mit der anderen Gesellschaft vorn auf der Back saß und seine Leute das Ablesen der Flaggen lernen ließ. Heiß Anna, Berta, Ludwig, Richard!" befahl Maat Kunz und die Flaggen A, B, L, R flatterten zur Signalrahe in die Höhe. Na, Kutscher, was ist das? Ablesen!" befahl Maat Frei wald vorn auf der Wacht. Anna, Bernhard “ sing der Matrose und Signalgast Kutscher an, die Flaggen von obenher herunter zu lesen. Nein, mein Lieber. Bernhard heißt das nicht!" rief MaatWieder in See. KWWLSWSSS 171 Freiwald. Was ist die zweite Flagge von oben für eine? Wie heißt die mit Buchstaben?" Das ist Flagge B!" antwortete der Matrose Kutscher. So, ist das ne Flagge? Sehen Sie mal gefälligst hin. Was ist das für ein Signalzeichen?" Das ist n Stander," antwortete Kutscher. Sie Dummkops, wieviel hundert Mal habe ich Ahnen nun das wohl schon gesagt, daß wir unter sämtlichen Signalflaggen nur einen einzigen Stander haben, und das ist der Stander ,8‘!" ries nun Maat Freiwald. Merken Sie sich das endlich mal! Wie steht der Stander 8 aus?" Matrose Kutscher wußte es entweder nicht, oder er war bockbeinig, jedenfalls gab er keine Antwort. Hertel, sagen Sie es ihm!" befahl daraus der Unter offizier, und Matrose Hertel erklärte: Stander 8 ist eine rote ausgezackte Flagge mit zwei 8 ungen." Kutscher, wiederholen!" rief der Signalunteroffizier, und nach einiger Mühe brachte Kutscher das auch richtig heraus. Und wie heißt der Stander 8?" fragte der Unteroffizier weiter. Daraufhin sah ihn der Matrose Kutscher aber erst eine Weile verständnislos an und antwortete dann: 3!" Nein, Mensch, das heißt ja gewiß heißt der Stander ,8 , aber was hat er für einen Namen beim Signalisieren, es wird doch nicht 3 ausgerufen, sondern welches Wort. Na, ein Wort doch, das mit 3 anfängt." Endlich dämmerte es bei Kutscher, und er sagte: 3ahl!" Na also, können Sie denn die Signalzeichen immer noch nicht nach Namen auswendig? Fangen Sie mal an. A?" Anna!" antwortete Kutscher. Richtig! Ä?" Hier stockte Kutscher aber schon, weil seine Weisheit bereits zu Ende war. Na, Ä, Ä, welches Wort fängt denn mit Ä an? Können Sie sich denn das nicht merken? Der olle Meergott ist das doch. Denken Sie man bloß immer an den Sang an Ägir oder meinetwegen auch an das Schiff ,Ägir", dann müssen Sie das doch behalten, Mensch. Also, wie heißt Ä?" Mit einigem Fögern brachte Kutscher das Wort Ägir endlich heraus, und nun ging der Unterricht weiter.172 5. Kapitel. 53 ?“ ,Berta!“ Das Wort Cäsar war Kutscher aber ebensalls entfallen und mußte ihm erst wieder eingebläut werden. Ra, ist das immer noch nicht verstanden? Können wir noch nicht bald Flaggen wechseln?“ rief Maat Kunz von der Kommandobrücke runter. Ach so, ja natürlich! Hertel machen Sie mal: ^er standen! “ befahl Freiwald, woraus die bunten Flaggen nieder gingen, um anderen Platz zu machen. Dora, Gustav, Ida, Hans!“ rief der Signalgast Hertel, sowie sie hochgingen, und das bedeutete, daß die Flaggen D, G, Z, H in der Reihenfolge von oben nach unten auf geheißt waren. Jede Signalflagge mit Ausnahme der beiden, welche die Buchstaben U und P vorstellen, ist mit einem Namen oder Wort bezeichnet, dessen Anfangsbuchstaben eben der Bedeutung der Flagge entspricht. Beim Signalisieren werden also nicht die Buchstaben der Flagge ausgerufen, sondern die entsprechen den Worte. So bedeutet zum Beispiel weiter Emil E, Fritz F, Karl K, Max M, Ranni 2t, Otto O, Öl Ö, Paul P, während Q durch das einzige Wort Quatsch ausgedrückt wird. Den ganzen Vormittag wurde der Signalunterricht so fortgesetzt, und endlich hatte auch der Matrose Kutscher die Sache so weit begriffen, daß er mit Ausnahme von Ägir und Cäsar, unter welchen beiden Worten er sich durchaus nichts denken konnte, die übrigen Flaggen im Kopf hatte. 2lls sich die Offiziere zum Frühstück in der Messe ver sammelt hatten, sagte der Zahlmeister: Gestatten, Herr- Kapitän, daß ich eine Sache zur Sprache bringe?“ Bitte sehr, Herr Zahlmeister,“ antwortete der erste Offizier, wenn es sich nicht um Dienst handelt?“ Durchaus nicht, Herr Kapitän. Ich wollte nur fragen, ol nicht eine Geburtstagsliste ausgestellt werden soll, damit Herr Kapitänleutnant Hoffmann und ich Bescheid wissen, wenn einer der Herren Geburtstag hat. Das muß doch entsprechend gefeiert und wenn möglich auch äußerlich durch ein Diner zum Ausdruck gebracht werden.“Wieder in Sec. 173 Selbstverständlich!" entgegnete Kapitän Reichard. Daran Hütten wir schon lange denken sollen. Hat vielleicht einer der Herren inzwischen schon Geburtstag gehabt?" Aus diese Frage meldete sich der Maschineningenieur Ritter und gestand ein, datz er sich dieses Vergehens am Lage des Aufenthalts in Porto Grande schuldig gemacht hätte. Aber, warum haben Sie das nicht gesagt, Herr Ingenieur?" ries der erste Offizier. Ach, Herr Kapitän, am Morgen hatte ich wohl daran ge dacht," erwiderte der Ingenieur, aber nachher ist es mir über dem Einlaufen, dem Kohlennehmen und dem ganzen Trubel vollständig abhanden gekommen, so datz ich es total vergessen habe, und das ist ja schließlich auch nicht so schlimm." Oho!" widersprachen da mehrere der jüngeren Herren. Geburtstage unterschlagen gibt s nicht!" Rein, ganz gewiß nicht!" rief Leutnant Griebnih. Man mutz die Feste feiern, wie sie fallen!" Jawohl!" fügte Oberleutnant Reiche hinzu, und wenn sie nicht von selber fallen, muß man ihnen einen Anstoß geben." Ja, Herr Zahlmeister, dann seien Sie nur so freundlich und setzen Sie die Liste aus," meinte der erste Offizier, denn Sie sind ja doch der zunächst Beteiligte und können sich mit dem Messevorstand dann schon immer vorher beraten, was Sie uns vorsetzen wollen." Jawohl, Herr Kapitän," antwortete der Zahlmeister. Dann möchte ich noch mal fragen, ob Herr Kapitän Messe karten in Kiel bestellt haben oder ob wir die an Bord haben? Für Gegenbesuche und so weiter." Alle Wetter, nein, das habe ich vergessen!" ries der Kapitän Reichard. Das ist aber ärgerlich! Ich habe ein paarmal daran gedacht, und dann ist es mir schließlich doch entfallen. Hätten Sie mich nur noch mal daran erinnert!" Ja, Herr Kapitän sagten mir aber damals so bestimmt, Sie würden es selber erledigen, datz ich dann auch nicht mehr daran gedacht habe," entschuldigte sich der Zahlmeister. Das ist ja dumm, was machen wir denn nun?" meinte der Erste. Ach, dann mutz Griebnitz einige zeichnen und malen!" ries Leutnant Baumbach. Der kann das fein!"174 5. Kapitel. So, Griebnitz! Wie ist das? Können Sic so was machen?" fragte der erste Offizier. Ach, zur Not kann ich ja so ^n paar Dinger entwerfen," antwortete der junge Offizier, und wenn wir dann in Rio sind, da gibt s doch wohl eine Druckerei, wo wir uns weitere machen lassen können; denn für die Dauer der ganzen Reise möchte ich mich nicht dazu verpflichten. Es ist nämlich keine angenehme Arbeit und eine undankbare dazu!" Na, jedenfalls können Sie zunächst doch mal ein halbes Dutzend unfertigen," meinte Kapitän Reichard, und in Rio kann dann der Herr Zahlmeister eine genügende Anzahl an Land bestellen," worauf Leutnant Griebnitz versprach, ein halbes Dutzend Messekarten in feinster Ausführung zu liefern. Herr Kapitän, wie wird denn das mit unserer Musik?" fragte Kapitänleutnant Heinrich darauf. Der Stabshoboist war schon ein paarmal bei mir und fragte mich, ob ich mich nicht für die Sache interessieren wollte. Ich habe auch schon mal so ^n bißchen unter den Leuten herumgesragt, und da sind eine ganze Menge, die gerne mitmachen wollen." Za, meinetwegen," antwortete Kapitän Reichard. Dann suchen Sie sich nur einige aus. Heute nachmittag ist ja doch Zeugslicken." Schön, Herr Kapitän, und wieviel Mann kann ich nehmen?" fragte Heinrich. So viel, wie Sie wollen," erhielt er zur Antwort, und blasen können Sie morgens von halb sechs bis halb sieben Ahr, und meinetwegen abends von halb sieben bis acht Ahr. Wenn Sie Lust haben, auch noch über Mittag. Aber dann bitte ganz vorn unten im Zwischendeck." Ja, dahin werde ich sie überhaupt zunächst verbannen," erklärte Leutnant Heinrich und ließ am Nachmittag pfeifen: Die Leute, die sich zur Musikkapelle ausbilden wollen, auf dem achtern Ausbaudeck antreten." Du, Willem, dat wär wat sör di! Wullt du nich ook mit- maaken?" rief Jensen seinem Freunde Markward zu. Nee, vunn Musik dor verstah ik nix vunn aff," erwiderte Markward. Dat is schad," meinte Jensen. Wieso?" erkundigte sich Markward.Wieder in See. WVSSESSSS 175 Ja, Minsch, du muß eigentlich sein Trumpet blasen," rief Fensen lachend, dat Mulwark dortau hast du." Iaa, unn du? Hast de ührn so groot as ^n Esel toto hören," erwiderte Markward ebenfalls lachend. Solche kleinen Freundlichkeiten sagten sich die beiden oft, ohne daß ihre Freundschaft darunter gelitten hätte. Es gab aber an Bord der Porck" eine ganze Anzahl unter den Leuten, die sich gerne an der Musik beteiligen wollten, und so hatten Heinrich und der Stabshoboist in kurzer Zeit ihre Truppe ausgewählt. Hören Sie, Keller!" sagte Oberleutnant Heinrich. Schrei ben Sie sich die Namen der anderen Leute, die sich noch ge meldet haben, auch auf! Dann brauchen wir nicht erst wieder Nachfragen, wenn die nichts taugen, die Sie jetzt haben. Dann rufen Sie sich diese einfach zusammen." Herr Leutnant, wollen wir nicht gleich auch einen Gesang verein gründen?" meinte der Stabshoboist, der heute eigentlich zum ersten Male zur Geltung kam, da seine ganze bisherige Tätigkeit darin bestanden hatte, den Tambour besser Wirbel schlagen zu lehren und dem Hornisten seine greulichen Miß töne auf Horn und Querpfeife abzugewöhnen. Ja, da bin ich sehr dafür," antwortete der Offizier. Ich habe mich schon darüber gefreut, zu hören, was für famose Stimmen unter den Leuten sind. Sie können sie mal alle zusammenholen, und dann wollen wir sie prüfen. Hoffentlich bekommen wir einen vierstimmigen Verein heraus. Nein, nein, nicht jetzt gleich, jetzt sind die Leute beim Zeugslicken. Vielleicht heute abend oder so." Höchst vergnügt ging der Obermusikant ab, während die Leute, die sich zum Musikmachen gemeldet hatten, sich wieder zum Zeugflicken begaben. Überall an Deck saß die Gesellschaft herum und hantierte fleißig mit Nadel und Zwirn, um die beschädigten Kleidungs stücke auszubessern. Auch der Matrose Schneidereit hatte sich sein Päckchen aus dem Kleiderspind hervorgeholt und musterte ein Stück nach dem anderen durch. Schon seit geraumer Zeit war das blaue Zeug für fest im Kleiderspind verschwunden, da bei der warmen Witterung am Tage nur Arbeitszeug getragen wurde, und nur während176 5. Kapitel. der Nachtwachen die dritte beziehungsweise vierte Garnitur blau besohlen war. Mit Seufzen dachte Schneidereit daran, daß sowohl seine blaue Hose, wie auch das blaue Hemd ganz bedenklich faden scheinig geworden waren und vor allen Dingen die erstere mehrere große Löcher aufwies. Nei, nei!" flüsterte er vor sich hin und betrachtete die Stellen, wo so ungefähr sechs bis zehn Zentimeter lang die Naht gerissen war. Wenrüch dem auch näh, dem hält doch nich mehr. Du, Grigoleitis, sieh mal, hast allmal solchem Hos gesehen?" Dabei hielt er das Beinkleid in die Höhe und steckte an vier Stellen die Finger durch die geplatzte Naht. Nei, mein ist auch nicht besser," antwortete Grigoleitis, hat aber dafür hinten auch noch zwei Löcher. Obermaat Schwarz sagt immerfort: ,Flicken! Flickens na, und wenn ich ihm flick, reißt doch gleich wieder. Da!" er drehte den Hosenboden nach oben und zeigte mehrere Löcher und daneben gesetzte Flicken. As all eins," fuhr er fort, flickst hier, denn reißt da, flickst da, denn is hier wieder kaput. Ei wei, und kost soviel Feld." Aa, dem kost teuer," antwortete Schneidercit, und beide dachten trübselig daran, daß sie bei der nächsten Kleiderausgabe doch nicht drum rum kommen würden, sich wenigstens eine neue blaue Hose zuzulegen und die nunmehr bisherige zweite Garnitur zur dritten zu degradieren, denn diese vierte Nummer war wirklich nicht mehr zu tragen. Dann machten sie sich etwas mißmutig daran, die vergebliche Flickarbeit doch noch mal von neuem zu beginnen, die für ihre ungelenken Finger sowieso schon recht schwierig war. Während sich Schneidereit und Grigoleitis um ihre blauen Hosen sorgten, ging es anderen ihrer Kameraden ähnlich oder ebenso mit dem Arbeitszeug oder Unterzeug, und auch das Schuhwerk befand sich bei manchen schon in ziemlich trüb seligem Zustand. Ties ging allerdings bei den wenigsten der Kummer dar über, besonders jetzt. Vom blauen Himmel lachte die Sonne hell und warm herunter, die Luft war frisch und rein. Zeug slicken ist kein Dienst, sondern im Gegenteil ein Vergnügen,Wieder in See. 177 weil man dabei rauchen und schwatzen kann, und die ganze Geschichte würde noch viel mehr ein Vergnügen sein, wenn es keine Korporalschaftsführer und Divisionsoffiziere gäbe. Aber die müssen natürlich sich immer dazwischen mischen und Nach sehen. Ach, du lewe Tied, nu kümmt he all wedder," sagte Matrose Petersen vor sich hin, als über Deck her der Befehl erklang: Die erste Division aus dein Steuerbordaufbaudeck mit Arbeitszeug, Unterzeug, Exerzierkragen, Schuhen an- treten zur Kleidermusterung!" Nu heit (heißt) dat wedder: .Weshalb ist Ihre Arbeitsbluse zerrissen? Warum ist Ihre Unterhose lücht geflickt? Wie lange laufen Sie schon aus den schiefen Hacken und mit den durchgelaufenen Sohlen? und seggt man denn: ,Herr Leutnant, ich Hab noch keine Zeit nich gehabt dann seggt he: ,Dann werde ich Ihnen welche geben! und denn kann man över Middag sitten, und he kiekt tau." Während er so vor sich hinbrummte, raffte er die Kleidungs stücke, mit denen er zur Musterung kommen sollte, zusainmen und ballte sich mit den übrigen Kameraden auf dem Aufbau deck auf. Gleich darauf erschien der gestrenge Divisionsosfizier, Oberleutnant Reiche, in Begleitung feines Leutnants Schneider, und die Musterung begann. Es kam richtig so, wie Petersen geahnt hatte. Was, der Schuhmacher hätte keine Zeit gehabt, Ihre Schuhe zu machen?" fragte der Offizier. Alter Freund, machen Sie mir nichts weiß. Gestern ist die erste Division dran gewesen beim Schuhmacher, und ich habe selbst gesehen, daß beide Schuster gearbeitet haben, was das Zeug hält. Außer dem hatte der erste Offizier ihin noch zwei Mann zur Hilfe gegeben. Sie haben Ihre Schuhe einfach nicht hingebracht." Zu Befehl, Herr Leutnant!" log Petersen. Aber der Schuster hat mir gesagt, er könnte da nicht mehr mit fertig werden." Stellen Sie Ihre Schuhe hin, und holen Sie mir den Schuhmacher herauf!" befahl Leutnant Reiche, worauf Peter- fen unter Deck verschwand, allerdings, ohne sich sonderlich zu beeilen. Was nun folgen mußte, wußte er ganz genau. Du, Pickdraht, schaßt na baaben kommeil bi Reiche!" Bern stör ff. An Bord des Panzerkreuzers ?)orct". 12178 5 . Kapitel. rief er dem Schuhmacher zu, als er dessen fliegende Werkstatt im vorderen Zwischendeck erreicht hatte. Was soll ich da? Ach Hab keine Zeit!" schrie der Schuster wütend. Er will dich was fragen," entgegnete Petersen und begab sich wieder nach oben, während der Schuhmacher wütend sein Handwerkszeug an Deck warf, sich die Mütze aufstülpte und ihm folgte. Wo ist der Offizier?" fragte er unwirsch, und um nichts freundlicher klang sein: Herr Leutnant befehlen?" als er vor dem Divisionsoffizier stand. Schuster Meinhardt ließ sich ungern von seiner Arbeit weg und Tageslicht holen. Hat der Matrose Petersen Ihnen seine Segeltuchschuhe zur Reparatur gebracht?" fragte Oberleutnant Reiche. Er behauptet, Sie hätten ihn abgewiesen, weil Sie keine Zeit hätten. Gestern war doch die erste Division dran!" Zu Befehl, Herr Leutnant," antwortete der Schuhmacher. Was mir gebracht worden ist, ist auch ausgearbeitet, da ist mp von übriggeblieben." Ra, Petersen, wie ist das?" wendete sich Oberleutnant Reiche an diesen. Das ist so, as ich gesagt Hab ," beharrte dieser. Da nahm ihm der Schuster die Schuhe aus der Hand, drehte die Sohlen nach oben und sagte: Herr Leutnant, das ist nicht wahr. Der Mann ist nicht bei mir gewesen. Ach mache auf alle Stiefel und Schuhe, die mir gebracht werden, immer gleich mit Kreide die Nummer von der Division auf die Sohle, die muß auch bei allen anderen darauf sein." Durch Augenschein überzeugte sich der Offizier leicht von der Wahrheit, und nun war Herr Petersen geliefert, während Meinhardt sich schleunigst wieder an seinen Arbeitstisch stürzte. Bootsmaat Reuter, stellen Sie den Mann zum Rapport!" befahl der Divisionsoffizier, und Mosjö Petersen bekam am nächsten Morgen drei Tage gelinden Arrest wegen Nicht ausführung eines gegebenen Befehls und Belügens eines Vorgesetzten auf Befragen in dienstlichen Angelegenheiten in Anbetracht seiner bisherigen guten Führung. Verfügt vom ersten Offizier".Wieder in See. 179 Als er in die Arrestzelle abgeführt wurde, schwur er dem Schuster Rache und benutzte, sobald er wieder frei war, eine geringfügige Gelegenheit, um mit jenem Krakeel anzu- sangen. So," sagte er und ging auf seinen Gegner los, nu giwwt dat wat upp t Zack für de dree Dag , de schast du mi betahlen." Denn Meinhardt war ein kleines Kerlchen nur, mit dem Petersen leicht fertig zu werden dachte. Aber das Handwerk erwies sich hier als solidarisch, denn sowie der zweite Schuster und ein Hilfsschuster ihren Meister in Be drängnis sahen, kamen sie ihm zu Hilfe, und der Schluß war, daß Petersen von allen dreien zusammen gehörig verprügelt wurde und schließlich bitten mußte: Lat mi los!" Da ließen die Schuster von ihm ab. An die Öffentlichkeit kam natürlich von diesem kleinen Privatvorgang nichts. Das schöne Passatwetter hatte nicht lange angehalten, sondern war schon nach kurzer Zeit durch die Stillen und den Regengürtel der sogenannten Kalmen, die sich nordwärts und südwärts des Äquators erstrecken, abgelöst worden. Diesen Stillengürtel zu überqueren, brauchten Segel schiffe früher oft Wochen. Das war für die Porck" natürlich ein überwundener Standpunkt. Schon kurz nach Passieren der Linie trat der Südostpassat wieder auf und begleitete das Schiff bis weit nach Süden hinunter. Sieh mal, da sind Tümmler!" rief Obermaat Schwarz auf der Morgenwache seinem Kameraden Kuhnwald zu und zeigte auf eine Herde der behenden Delphine, die wie spielend das Schiff umkreisten. Die zwölf Meilen Fahrt, die die Porck" lief, machten ihnen scheinbar gar nichts aus. Eine Ieitlang schwammen sie neben dem Schiff her so gleichmäßig schnell, als ob sie mit Draht am Schiff befestigt wären. Dann plötzlich schossen sie voraus, ohne daß man irgendeine sichtbare An strengung hätte bemerken können, flitzten quer vorm Bug hin und her, drehten um, sausten hinter dem Heck herum und waren doch in wenigen Sekunden wieder voraus. Die müßt man mal harpunieren," meinte Kuhnwald. Ach, das geht ja hier von Bord nicht, hier, wo gar kein Vorgeschirr mehr ist. Aus den Schulschiffen, da ging s noch, auf der ,Charlotte und der ,Stein und solchen Schiffen!180 5. Kapitel. Wenn man sich da auf den Stampfstockstagen hinstellte und n bißchen aufpaßte, denn konnte man leicht einen kriegen, da habe ich oft Schweinfische harpuniert." Wollen doch mal fragen, ob wir die Harpune nicht rauf- holcn können," meinte Kuhnwald. Ach glaube, Heinrich hat nichts dagegen, der erlaubt es." Aa, glauben Sie denn, daß Sie bei der Fahrt einen treffen?" antwortete der Oberleutnant Heinrich, der die Wache hatte. Versuchen können Sie es meinetwegen. Viel leicht geht es von der Lotgräting aus." Den Wink ließen sich die beiden Unteroffiziere nicht zweimal geben. Sie eilten hinunter zum Bootsmannshellegatt und baten um die Harpune mit Stiel und Leine. 21a, meinetwegen," antwortete der Bootsmann. Pilgrim, geben Sie mal die Harpune heraus. Nein, nicht die mit den vier Zacken! Die breite Neptunsgabel. Ja, das ist die richtige. Hier!" Er übergab Obermaat Schwarz Harpune nebst Leine mit den Worten: Wiedersehen macht Freude!" Sobald die beiden Unteroffiziere mit der Harpune an Deck kamen und sich auf der Lotgräting ausstellten, um einen Tümmler zu harpunieren, versammelte sich auch die Wache auf der Back und beobachtete neugierig das Tun der beiden und gleichzeitig die um das Schiff herumspielenden großen, schwarzen Fische mit dem weißen Bauch, die häufig ganz aus dem Wasser in die Höhe schossen, ein lautes Schnauben aus stießen und dann aufklatschend wieder zurückfielen. Sieh, sieh mal, wie sie springen!" rief einer dem anderen zu. Du, paß auf, jetzt will er werfen." Obermaat Schwarz hatte als der ältere sich natürlich der Harpune bemächtigt ilnd stand draußen auf der kleinen, vier eckigen Plattform, das Wurfeisen in der Hand, mit scharfen Blicken die Bewegungen der Tümmler verfolgend. Komm man bloß mal nahe ran, dann krieg ich schon einen von euch," sagte er vor sich hin und hob verschiedentlich den Arm mit der Harpune. Aber es schien, als ob die Fische wüßten, was ihnen von da oben drohte, denn sie liefen immer mehrere Meter weit ab, bis endlich einer, der von achtern aus lief, so nahe erschien, daß Schwarz glaubte, einen Wurf wagen zu können.Wieder in See. KWSSWSWWW 181 Einen Augenblick richtete er sich hoch auf und schleuderte dann das scharfe Eisen mit aller Wucht nach dem Fisch, wobei er die Lust mit einein kurzen Hu" laut hervorstieß. Zischend flog die Harpune ins Wasser, dicht neben dem Tümmler, der blitzschnell eine Drehung zur Seite machte und in derselben Sekunde mindestens zwanzig Meter weit ab war. Beinahe hätte ich ihn getroffen!" rief Schwarz trium phierend und sah sich stolz um, aber in demselben Augenblick bückte er sich mit dem entsetzten Ruf: Mensch, halt doch fest!" nach dem Tamp der Harpunenleine, mit der die Waffe und der daran hängende Fisch an Deck geholt werden sollten. Jetzt schlängelte sie sich gerade blitzschnell vor seinen Füßen über Bord hinter der versinkenden Harpune her, da Maat Kuhnwald vergessen hatte, sie an Deck zu befestigen, im Eifer des Gefechts aber auch nicht daran gedacht hatte, die Leine in Händen zu behalten. Alle Wetter, ist sie weg?" rief Kuhnwald jetzt ganz ent setzt, und bog sich so weit wie möglich über das Geländer. Aber natürlich war von Harpune und Leine längst nichts mehr zu sehen. Während die umstehenden Matrosen das Lachen und Kichern und einige halblaute Bemerkungen nicht unterdrücken konnten, entspann sich zwischen den beiden Unteroffizieren ein nur halblaut geführter, aber darum nicht weniger heftiger Streit. Warum hast du den Tamp nicht angesteckt?" hauchte Schwarz den jüngeren Kameraden an. Za, warum hast du ihn nicht angesteckt?" gab der ebenso zurück. Mensch, ich hatte doch die Harpune in der Hand," zischte Schwarz, da konntest du doch auf die Leine aufpassen." Wenn du werfen wolltest, konntest du dir die Leine ja auch allein anstecken," höhnte Kuhnwald. Na, du hast sie doch mit raufgetragen, wie kann ich denken, daß du so dumm bist!" schalt Schwarz weiter. Dumm bist du wohl selber," erwiderte der andere. Über haupt geht mich die ganze Geschichte nichts an. Du hast dir die Harpune und Leine vom Bootsmann geben lassen, sieh zu, wo du sie wieder herkriegst. Was kümmerte mich!"182 5. Kapitel. Na, warte man! Das geht dich nichts an? Du bist ebenso gut mit unten gewesen. Das geht dich wohl was an!" rief Schwarz erbost und stieg dann aus die Kommandobrücke hinauf, um dein wachhabenden Offizier sein Mißgeschick zu inelden. Natürlich war er selber gänzlich unschuldig wie ein neu geborenes Lamm, und Bootsmaat Kuhnwald einzig und allein der schwarze Missetäter, der zur Verantwortllng gezogen werden und die Harpune bezahlen mußte. Es soll ein Verlustprotokoll ausgenommen werden. Natürlich werden Sie die Harpune bezahlen," befahl Leutnant Heinrich, woraus Schwarz sich zum Oberbootsmann begab. Die Auseinandersetzung mit dein war nicht gerade sehr zarter Natur. Bei mir lassen Sie sich nur nicht so bald wieder sehen," grollte Oberbootsmann Brandow zum Schluß. Und so was nennt sich Obermaat!" Obermaat Schwarz ging ihm denn auch für die nächste Zeit respektvoll aus dem Wege, soweit sich nur irgendwie ermöglichen ließ, und von Harpunieren von Tümmlern oder sonstigen Fischen war keine Rede mehr. Acht Tage waren seit der Abfahrt von Porto Grande verstrichen. Kapitänleutnant Hofsmann war mit seiner Knallerei, wie die jüngeren Offiziere etwas respektlos die Gewehrschieß übung bezeichneten, so ziemlich durch; denn mit Genehmigung des Kommandanten, der selbst ein Frühaufsteher war, zum großen Leidwesen seines Adjutanten, hatte das Geknalle schon immer auf der Morgenwache begonnen und war selbst über Mittag mit Ausnahme einer Stunde Freizeit fortgesetzt worden. Am nächsten Tage tauchte die brasilianische Küste auf, und am Mittag sichtete die Porck" Kap Frio. Lassen Sie das Schiff hafenklar machen!" befahl der Kommandant dem ersten Offizier, und als von der Porck" aus das mächtige Gebirge, an dessen Fuß sich die Stadt Rio de Janeiro hinzieht, der sogenannte schlafende Riese, gesichtet wurde, waren die Vorbereitungen zum Ankern getroffen. Sieh mal, das sieht hier aber ganz niedlich aus. Hier ist es doch wenigstens ordentlich grün," äußerte Matrose Jensen, auf das Afer zeigend, wo zur Linken am Fuße des steil auf ragenden Corcovado sich der Botanische Garten von Rio mit seiner berühmten Allee von Königspalmen ausdehnt.Wieder in See. 183 Du, da möchte ich wohl mal oben rauf," meinte ein anderer Matrose, nach dem Gipfel des Corcovado hinauf blickend, auf dessen nadelscharfer Spitze ein kleines Häuschen steht, eigentlich nur ein von Säulen getragenes Dach. Von diesem Punkt aus genießt man eine Aussicht, wie sich auf der ganzen Erde ihresgleichen nicht wieder findet. Vom Absturz über die lotrecht hinunterfallenden Wände des Corcovado nur durch eine niedrige Mauer geschützt, steht der Beschauer dort oben fast frei in der Luft. In unendliche Weite schweift nach Süden, Osten und Norden der Blick über das blaue Meer, dessen Oberfläche in dem blendenden Sonnenschein in Mil lionen Punkten weißfunkelnd aufleuchtet, einem weit aus gebreiteten, mit Perlen und Edelsteinen besetzten Pracht mantel vergleichbar. Weißes Schwanengefiedcr umrandet den schimmernden Saum. Das ist die milchweiße Brandung, die in unabsehbarer Linie sich von Norden bis Süden an der Küste hinzieht, soweit das Auge überhaupt nur zu sehen vermag. Zur Linken, nach Westen hin, zieht sich unterhalb des Bergzuges, dessen östlichster Gipfel der Corcovado ist, und der auf seinein Rücken den berühmten, immergrünen Wald von Tijuca trägt, die Stadt Rio de Janeiro mit ihren Vororten Catete, Da Gloria bis nach S. Christovä wie ein breites, weißes Band hin. Zu ihren Füßen liegt die glänzende Bucht, übersät von unzähligen Inseln und Inselchen, ein Hafen von einer Größe, daß er alle Kriegsflotten der Welt aufnehmen könnte. Vom jenseitigen Ufer herüber grüßen unter wehenden Palmenwipfeln und grünen Laubkronen hervor die lieblichen Häuser und Villen des schönsten aller Badeorte und Erholungs plätze, Nictheroy. Hier ist der Wohnsitz der reichen Brasilianer während der Zeit, zu der der furchtbare Feind, der selbst diese paradiesische Gegend zu einer wüsten Stätte des Grauens und Elends umzuwandeln vermag, das gelbe Fieber, in den Straßen Rios wütet. Nicht nur die Mannschaft der Porck" bewunderte staunend die prachtvolle Einfahrt in den Hafen, sondern auch die jüngeren Offiziere standen an Deck, mit Doppelgläsern und Kiekern bewaffnet, und wurden nicht müde, das farbenprächtige Bild anzuschauen. Kapitänleutnant Röder, Sie kennen die Einfahrt, nicht184 5. Kapitel. wahr?" fragte Kapitän Eisenhart seinen Navigationsoffizier, als die Dorck" an der Insel Cotunduba vorüber in die schmale Durchfahrt zwischen dem auf einer kleinen Insel liegenden Fort Lage und der starken Feste Santa Cruz einbog. Zu Befehl, Herr Kapitän! Ich bin schon einmal hier ge wesen," entgegnete Kapitänleutnant Röder. Gelotet braucht wohl nicht zu werden, das Fahrwasser ist ja überall ganz klar." Nein, nein, lassen Sie nur," airtwortete der Kommandant und gab den Befehl: Maschinen äußerste Kraft!" Mit sechzehn Meilen Fahrt sauste die Porck" an dem Fort Santa Cruz, aus dem die brasilianische Flagge wehte, vorüber, vorbei an der Insel Villegagnon und stoppte erst kurz vor der Insel Das Cobras, dem gewöhnlichen Ankerplatz der Kriegschiffe. Alle Maschinen halt! Äußerste Kraft zurück!" befahl der Kommandant, und als das Schiff stand, stürzte der Anker polternd auf den Grund. In demselben Augenblick, als der Anker fiel, entfaltete sich am Großtopp wie durch Zauberhand die brasilianische Landesflagge, und aus den Mündungen der beiden vorderen 8,8-oin-Geschütze donnerten einundzwanzig Schuß Salut, die Ehrenbezeigung, die jedes Kriegschiff der betreffenden Landes- flagge erweist, wenn es zum ersten Male im Hasen ankert. Bei häufigerem Auslaufen und Wiederkommen in den selben Hafen oder in andere Häfen des gleichen Landes wird innerhalb eines Jahres der Salut nicht wiederholt. Kaum war der letzte Schuß von der Aorck" gefallen und hatte sich aus den Befehl: Hol nieder Flagge!" die brasilianische Flagge gesenkt, da wurde von dem brasilianischen Flaggschiff Riachuelo" der Salut in gleicher Weise erwidert, indem das brasilianische Schiff dazu die deutsche Kriegsflagge am Großtopp setzte. Damit war den Ehrenbezeigungen zwischen den beiden Ländern, von denen das eine, das Deutsche Reich, durch die Borck" vertreten war, genügt. Nachdem von der Hasenpolizei der Verkehr mit anderen Schiffen und dem Lande genehmigt war, kamen in rascher Reihenfolge Boote von dem brasilianischen Flaggschiff, von dem Schiff des ältesten der im Hafen liegenden drei Engländer, von einem spanischen Kriegschiss und von einem französischen mit Offizieren längsseit.Wieder in See. 185 Na, Reiche, nun wetzen Sie man Ähre Zunge!" rief Kapitänleutnant Hosfmann im Vorübergehen dein wach habenden Offizier zu. Ach wo, ich rede Deutsch mit allen," entgegnete Reiche lachend und begrüßte einen der an Bord steigenden fremden Offizier nach dem anderen mit einem höflichen Gilten Tag", woraus er jedeil durch den Posten von der Kajüte zum Kom mandanten führen ließ. Diese Offiziere, die da an Bord kamen, waren Abgesandte ihrer Kommandanten, mit dem Aufträge, sich nach dem Namen des Schiffes uird den sonstigen Umständen, woher und wohin und so weiter, zu erkundigen, und nebenbei die Hilfe des betreffenden anderen Schiffes anzubieten, falls diese in irgendeiner Weise erforderlich sein lind gewünscht werden sollte. Sie führen die Bezeichnung Komplimentieroffiziere". Die ganze Einrichtung ist ein Rest seemännisch-kamerad schaftlicher Zuvorkommenheit und Hilfsbereitschaft aus der Zeit, als es noch keine Dampfmaschinen und Wasserdestillier apparate an Bord gab lind es um die Konserven allch nur höchst mangelhaft bestellt war. Da ereignete es sich nicht selten, selbst aus Kriegschiffen, besonders wenn die kleineren wochenlange Reisen hinter sich hatten, daß ihnen Wasser und Proviant ausgegangen war, und dankbar wurde dann das Anerbieten sofortiger Uilterstützung angenonnnen. Die seemännische Ritterlichkeit erforderte sogar, daß solche Hilfe selbst einem Feiilde angeboten wurde, wenn man mit ihm in neutralem Hasen zusammentraf. Angebot und Annahme waren für später durchaus keiir Hinderungsgrund, daß die beiden Schiffe sich drarißen auf freier See beiin ersten Begegnen wie ein paar wütende Raubtiere anfielen und bis auf den letzten Mann bekämpften. Unter Kriegschiffen wird es sich heutzutage kaum noch ereignen, daß eines vom anderen solche angebotene Hilfe annehmen muß. In abgelegenen Häfen kann es dagegen wohl schon Vorkommen, daß ein Kauffahrteischiff sich mit der Bitte um Unterstützung an ein zufällig eintreffendes oder dort liegendes Kriegschiff wendet. Zn der Kommandantenkajüte hatte Kapitän Eisenhart seine Besucher inzwischen in liebenswürdigster Weise emp-186 5. Kapitel, fangen und jedem der jungen Herren auf seine Fragen Aus kunft gegeben. In kurzen Abständen schrillte dann wieder die Pfeife des Bootsmannsmaaten der Wache am Fallreep, als jene ablegten, um zu ihren Schiffen zurückzukehren. Na, Baumbach, jetzt kommen Sie an die Reihe," sagte Leutnant Maurer zu seinem Kameraden. Wissen Sie denn auch, was Sie zu reden haben, wenn Sie an Bord kommen?" Ach, reden tu ich gar nichts, ich gucke mir den Kahn an, soviel ich davon sehen kann, und sehe vor allen Dingen nach, wie es darauf aussieht und was für Kanönchen er hat," er widerte Leutnant Baumbach. Der Kommandant hat mir schon eine längere Instruktion erteilt, wie ich mich als Kompli mentieroffizier zu benehmen hätte und was er nachher alles wissen will. Ich werde mein bitzchen Verstand ordentlich zu- zusammennehmen müssen." Während er sich die Schärpe umschnallte und Handschuhe anzog, ertönte von Deck her der Befehl: Ersten Kutter klar!" und es dauerte nicht lange, da meldete ihm der Bootssteurer: Der erste Kutter ist klar!" Es ist gut, ich komme," antwortete der junge Offizier und meldete sich beim ersten Offizier von Bord. Sie müssen mit dem Kutter fahren, Baumbach," sagte Kapitän Reichard, denn der Zahlmeister und Stabsingenieur sind schon wieder mit der Pinasse los. Sie kommen natürlich sofort zurück, sowie Sie Ihre Tour beendet haben!" Zu Befehl, Herr Kapitän!" sagte Leutnant Baumbach und fuhr davon; zunächst aus das brasilianische Flaggschiff. Ganz behaglich war ihm nicht zumute, denn zum ersten Male in seinem Leben kam er an Bord eines fremden Kriegschiffes, gewissermaßen als Abgesandter und in selbständiger Mission. Die Sache verlief aber leichter, als er sich vorgestellt hatte, denn kaum hatte er überall an Bord die Empfehlung von seinem Kommandanten ausgerichtet und den Dank für die Entsendung des Komplimentieroffiziers ausgesprochen, da war die Geschichte schon zu Ende und er mit einer höflichen Ver beugung entlassen. Kaum hatte er Zeit, auch nur einen flüchtigen Blick über das betreffende Schiff gleiten zu lassen, und als er der Porck" wieder zufuhr, hatte er keine blasse Ahnung davon, was fürESESESE3EglEi3SlE3 In brasilianischen Häfen. KWWMVWW 18? Geschütze zu sehen gewesen wären, nur das eine wußte er noch ganz bestimmt, daß es auf dem englischen Kriegschiff tadellos sauber ausgesehen hatte, nicht nur was das Schiff, sondern auch was die Besatzung anbelangte, daß es auf dem Franzosen nicht ganz so sauber geschienen hatte, daß der Brasilianer etwas schmutzig gewesen war und daß man den Spanier beinahe schmutzig nennen konnte. An umgekehrtem Verhältnis dagegen hatte der Grad von Zuvorkommenheit und Höflichkeit gestanden, mit dem er empfangen worden war. Darin mußte er entschieden dem Spanier die Palme zuerkennen. Als er an Bord kam und sich bei dem Kommandanten meldete, teilte er ihm diese Beobachtungen mit. Weiter haben Sie nichts bemerkt?" fragte Kapitän Eisen- hart, worauf der junge Offizier verneinte und entlassen war. K)urz nachdem der deutsche Komplimentieroffizier an Bord zurückgekehrt war, kam der Konsul, namens Hoffmann, in Begleitung seines Konsulatsekretärs Braune an Bord, und während ersterer sich zum Kommandanten begab, machte letzterer in der Offiziersmesse Besuch. Sagen Sie mal, Herr Sekretär, was ist hier eigentlich los?" fragte Leutnant Reiche ihn. Ast hier wieder Mord und Totschlag und will einer dem Präsidenten an den Kragen oder warum hat man uns hierher gejagt?" Darüber kann ich Ahnen nur vertrauliche Mitteilungen machen, meine Herren," erwiderte Herr Braune. Der Prä sident ist, wie es heißt, vor einiger Zeit einer größeren Ver schwörung, die sich über mehrere Provinzen erstrecken soll, auf die Spur gekommen, und man befürchtet kriegerische Un ruhen, die auch zu politischen Verwicklungen mit den Negie rungen der einzelnen handeltreibenden Nationen in Brasilien führen können. Die verschiedenen Herren Ministerresidenten188 6.Kapitel. sind daher schon vor längerer Zeit dahin übereingekommen, um Entsendung einer stärkeren Flottenmacht zu bitten, und wir erwarten außer Ahnen auch noch den kleinen Kreuzer ,Niobes der eigentlich schon hier sein sollte, aber in Venezuela nicht abkömmlich war wegen des dortigen Präsidentenwechsels. Auch von den anderen Nationen werden noch einige Schiffe erwartet, deren Ankunft unbestimmt ist." Dann können wir uns also wohl auf längere Zeit Still liegen gefaßt machen?" meinte Leutnant Bertram. Höchstwahrscheinlich!" antwortete der Konsulatssekretär, und als der Konsul in der Messe erschien, um sich auch per sönlich mit den Herren bekannt zu machen, bestätigte er die Angaben seines Sekretärs. Ach denke, meine Herren, die Zeit wird aber troßdenr für Sie nicht unangenehm fein," meinte er zum Schluß, denn hier in Rio ist vorläufig alles noch ganz friedlich, und da nach dem großartigen Ambau der Stadt die Gefahr des gelben Fiebers fast ganz verschwunden ist, so können Sie auch ruhig an Land gehen." Hat das wirklich so viel genützt?" erkundigte sich Kapitän leutnant Hoffmann. O, ganz bestimmt!" erwiderte der Konsul, denn eine ganze Anzahl von Familien, die früher um die Welt nicht hier unten geblieben wären, sondern spätestens im Januar nach Petropolis oder Nictheroy gingen, wohnen jetzt ruhig in der Stadt, weil wir in diesem Fahr überhaupt noch keinen Fieber sall gehabt haben." Das kann ja dann ganz vergnüglich werden," meinte Reiche, als die beiden Herren sich verabschiedet hatten. Nun kommüs nur daraus an, wie unser Senor el Capitano über die Geschichte denkt. Da geht er ja wohl gerade von Bord!" An Deck erscholl das Kommando: Achtung, präsentiert das Gewehr!" und zugleich der lange Triller aus der Boots- mannspfeife, der Fallreepspfiff. Kapitän Eisenhart, der Kommandant S. M. Panzerkreuzer Porck", fuhr in großer Aniform von Bord um dem brasi lianischen Admiral und den Kommandanten der übrigen Schiffe seinen Besuch zu machen.In brasilianischen Häfen. ESKSWSS 189 Auf dem Vorsteven der weiß gestrichenen Gig saß ein ge schnitzter vergoldeter Adler, über dem das Kommandozeichen, der Wimpel, flatterte. Am Heck wehte von dem mit goldener Krone gezierten Flaggstock die Kriegsflagge des Deutschen Reiches. Trotz der zieinlich starken See, die im Hasen durch die Seebrise aufgewühlt war, schoß die Gig unter den langen Ruderschlägen der Bootsbesatzung wie ein Pfeil über das Wasser. Dat mut man seggen, pulen (pullen Rudern) könnt se in de Gig," bemerkte Matrose Petersen, der mit seinem Freund Aensen zusammen als Fallreepsgast am Fallreep Posten gestanden hatte, als der Kommandant von Bord ging, dein Boot nachschauend. Dat hätt Klaus se good bibröcht." Aa, da is nix gegen to seggen," stimmte Aensen ihm bei. Hast du sehn, wie langsam de Fremden vorhin ansliekt (an geschlichen) kämen. Dor wär keen Staat mit to maaken, dat künnt wi beter. Wo lang wi hier wohl blieven doht?" Weet ick nich," entgegnete Petersen, und die beiden ver zogen sich vom Fallreep irach vorn, um sich die Küste zu besehen, wozu sie als Fallreepsgäste genügend Zeit und Muße hatten. Die übrige Besatzung dagegen mit Ausnahme der Sicherheits wache und Bootsgäste war im ganzen Schiss eifrig beschäftigt, die Spuren der Seereise nach Möglichkeit zu vertilgen. Reichard, wir wollen erst Kohlen und Proviant ausfüllen auf jeden Fall," hatte Kapitän Eisenhart zu seinem ersten Offizier gesagt. Man kann nie wissen, was kommt, und wir wollen für alle Fälle parat sein. Ach habe dem Zahlmeister und Ingenieur schon den entsprechenden Auftrag gegeben. Vor allen Dingen liegt mir an den Kohlen." Als der Zahlmeister und der Stabsingenieur am Nach mittag zurückkehrten, hatten sie die Kohlenprähme schon für den nächsten Morgen bestellt. Und als der erste Offizier am Abend nach der Ronde den Deckoffizieren Bescheid über den Dienst des nächsten Tages gab, sagte er: Aus der Morgen wache klar machen zum Kohlen!" Nicht Reinschiff?" fragte der Oberbootsmann dagegen. Nein, Oberbootsmann," sagte Kapitän Reichard, erst kommt der Dienst und dann das Vergnügen! Wenn wir die schwarzen Dinger wieder binnen haben, dann können wir190 S. Kapitel. vielleicht mal daran gehen, das Schiff sauber zu machen. So wie früher ist das nicht mehr." Za, das stimmt freilich," dachte ärgerlich der Bootsmann, und in der Deckofsiziersmesse gab es am Abend einen großen Krach zwischen ihm und den Maschinisten, weil Brandow be hauptete, das ganze Maschinenpersonal wäre eine schmutzige Bande, die bloß das Schiff unsauber mache. Herr Oberbootsmann, ich muß doch sehr bitten, nicht solche Ausdrücke gegen uns anzuwenden!" ries der Maschinist Garlich. Wir sind keine schmutzige Bande, sondern das wichtigste Personal im ganzen Schiss, gerade so wie die Maschine der Hauptbestandteil ist, ohne den ein modernes Kriegschiff überhaupt gar nicht zu denken wäre." Ach wat!" schrie der Bootsmann dagegen, wichtig oder nicht, das ist mir ganz einerlei! Schmutzig sind Ihre Kohlen, schmutzig sind Ihre Leut, und schmutzig machen Sie dat Schiff. Dat wollen Sie mir doch wohl nicht abstreiten!" Mit Ihnen ist überhaupt nicht zu streiten, Herr Oberboots mann," bemerkte der Maschinist. Dat lassen Sie man auch lieber bleiben," knurrte Ober bootsmann Brandow, sonst " Er nahm einen ordentlichen Schluck aus dem vor ihm stehen den Glas und fing dann selber an wie ein Maschinenschorn stein zu rauchen. Oberbootsmann Brandow war nämlich noch einer aus der alten Schule, in welcher das Gesetz galt, daß das Schiff in erster Linie dazu da wäre, um gewaschen, geputzt und immer wieder neu angemalt zu werden. Für ihre Anhänger war der Sonnabend mit Reinschiff ein feierlicherer und wichtigerer Tag als der Sonntag, von dem höchstens der Zeitpunkt der Inspizierung durch den Kommandanten galt. Alles übrige war höchst überflüssig. Da Kapitän Eisenhart bei seinen Besuchen auf den fremden Kriegschiffen die Absicht, gleich Kohlen zu nehmen, bekannt gegeben hatte, so unterblieben die Gegenbesuche, bis die fremden Kameraden annahmen, daß die Porck" sich hasenfein ge macht habe. Kapitän Reichard, ich habe mit dem brasilianischen Admiral und den übrigen Kommandanten einen Arlaubstörn für dieZn brasilianischen Häfen. WKSWSSS 191 Mannschaft verabredet. Ich denke, es ist am besten, wir lassen unsere Leute zusammen mit den Engländern an Land gehen. Die Franzosen und Spanier gehen jetzt zusammen an zwei Tagen, die Engländer an zwei Tagen und die Brasilianer ebenso. Wenn wir mit den Engländern beurlauben, dann gehen unsere Leute Dienstag und Freitag nachmittag," sagte Kapitän Eisenhart. Das paßt aber doch schlecht in unseren Dienst, Herr Kapitän," entgegnete der erste Offizier. Selbst wenn wir jetzt nach der Tropenrolltine gehen, den Freitagnachmittag mit Vorbereitungen für Reinschiff möchte ich doch ungern missen." Ja, Sie haben recht," versetzte Kapitän Eisenhart, aber das ist schwer zu machen. Die anderen werden sich kaum darauf einlassen, unseretwegen den ganzen Urlaubstörn um zuändern, und die Engländer haben sich natürlich Dienstag und Freitag ausgesucht, weil sie sowieso am Freitag nach mittag frei haben." Herr Kapitän, ich wäre überhaupt mehr für die Beur laubung mit den Brasilianern zusammen," erwiderte darauf Kapitän Reichard, und zwar aus dem Grunde, weil es doch leicht möglich ist, daß die öfter mal rausgehen und längere Zeit weg sind, und dann haben wir eben diese Tage ganz allein für uns." Da haben Sie recht," versetzte der Kommandant. Dann wollen wir also Montag und Donnerstag nachmittag nehmen, und dabei bleibt s dann." Bei der Morgenmusterung ließ sich der erste Offizier die Divisionsofsiziere rufen und sagte: Meine Herren, die Mann schaft kann Montag und Donnerstag nachmittag von zwei bis sieben Uhr abends beurlaubt werden. Lassen Sie vorher die Leute aber gründlich darüber belehren, wie sie sich an Land zu benehmen haben, überhaupt über die ganzen Ver hältnisse an Land." Am Nachmittag hieß es dann um halb fünf Uhr Divisions weise Dienstinstruktion!" und dazu wurden aus den verborgen sten Löchern des Schiffes alle Leute heraufgeholt. Die Schuster mußten Hammer und Pfriemen, die Schneider ihre Näh maschinen in Ruhe lassen. Aus den Hellegatts tauchten Pilgrim192 S. Kapitel. und Genossen auf, und selbst der Segelmachersgast Bratke, der sonst immer erst bei Dunkelwerden aus seiner Höhle heraus kroch, wenn statt der Sonne schon der Mond schien, meldete sich bei seiner Division zur Stelle. Du, wer ist das? Wo kommt der her? Hast du den schon mal an Bord gesehen?" fragten verschiedene der Besatzung und guckten sich den neuen Schiffsgenossen, der da plötzlich in Erscheinung trat, neugierig an. Sie hatten tatsächlich bisher von seiner Existenz weder was bemerkt, noch geahnt. Instruktion über Benehmen auf Urlaub und an Land!" lautete das Thema, das heute behandelt wurde. Vor seiner Korporalschaft stand der Oberbootsmannsmaat Schwarz, dachte erst eine Weile nach, legte dann die Hände auf den Rücken und fing an: Sie werden also nun zwei mal in der Woche, Montag und Donnerstag nachmittag, von zwei bis sieben Uhr beurlaubt werden, das heißt um zwei Uhr werdet ihr an Land gesetzt und um sieben Ahr liegen die Boote an Land, um euch wieder abzuholen. Es ist selbstver ständlich, daß keiner über Urlaub bleibt, sondern alle pünktlich zur Stelle sind, so wie sich das für deutsche Matrosen gehört. Vor allen Dingen aber fangt an Land nicht an zu trinken. Sie sind das jetzt nicht gewohnt, Sie bekommen hier immer bloß Selterswasser und Limonade, und das ist auch sehr gut, aber wenn Sie nun an Land kommen, dann findet sich da na türlich vielfach Gelegenheit, wo es allerlei was 31t trinken gibt. Da nehmen Sie sich davor in acht, das kann ich Ihnen nur sagen, und wenn da jemand an Land ist, der euch freihalten will und sagt, er will einen ausgeben, denn könnt ihr euch das ein- oder zweimal gefallen lassen, aber mehr auch nicht. Denn erstens mal könnt ihr nicht mehr vertragen, und zweitens schickt sich das auch nicht, daß ihr da auf fremde Kosten los trinkt. So, das wäre also das! Ja, und denn noch, wenn ihr nun an Land seid, denn paßt ihr auf, ob euch fremde Offiziere begegnen, und die grüßt ihr natürlich und zwar genau so wie die Herren Offiziere von Bord. - Woran ihr die erkennt? Krutke, fragen Sie doch nicht so dumm. An der Uniform dock- natürlich. Wenn sie keine anhaben, braucht ihr sie natürlich auch nicht zu grüßen. Ja, da müßt ihr eben dafür aufpassen.Zn brasilianischen Häfen. Igz Daß ich da keine Klagen darüber hören muß. Und nun kommt noch eine Hauptsache, da müssen Sie ganz besonders dabei aufpassen. Die Leute hier an Land sind nämlich alle katholisch, rrnd die katholischen Kirchen sind immer offen, da kann jeder hineingehen, wer da will. Ahr habt sie ja wohl schon gesehen an Land, die Häuser mit den großen weißen, viereckigen Türmen. Jedesmal, wo so n Turm daran ist, das Haus ist eine Kirche. Da können Sie ja auch hineingehen und sich das ansehen, aber natürlich nehmen Sie dabei die Mütze ab und gehen ganz leise auf den Fußspitzen und sprechen auch nicht laut, daß der Prediger nicht gestört wird und aus dem Text kommt, und ebenso leise geht ihr wieder heraus und setzt die Mütze erst wieder draußen auf. Vor allen Dingen aber, wenn Ihnen eine Pro zession begegnet da bleibt ihr nicht mitten auf der Straße stehen, sondern ihr geht beiseite und nehmt die Mütze ab. Habt ihr das verstanden?" Herr Obermaat, wie lange muß man denn die Mütze in der Hand behalten?" fragte Matrose Krutke. Na, wenn die anderen ihre Mützen und Hüte wieder aufsetzen, die neben Ihnen stehen, dann sehen Sie natürlich Ihre Mütze auch wieder auf," erwiderte Schwarz und gab dann im Lauf der weiteren Instruktion noch eine Reihe anderer Beleh rungen, die er seiner eigenen älteren Privaterfahrung entnahm. In ähnlicher Weise wie Obermaat Schwarz hatten auch die übrigen Korporalschaftsführer ihre Untergebenen über Sitten und Gebräuche an Land unterrichtet, und am Schluß der Instruktionsstunde hatten die Divisionsoffiziere nochmals besonders darauf hingewiesen, daß jeder Verstoß, vor allen Dingen gegen die religiösen Sitten und Gewohnheiten, sehr unangenehme und ernste Folgen nach sich ziehen könne. So lange die Porck" im Hafen von Rio lag, befleißigte sich die ganze Besatzung eines musterhaften Benehmens und be wies vor allen Dingen eine ausgezeichnete Straßendisziplin. Das wurde denn auch von den brasilianischen Blättern der Hauptstadt, an erster Stelle von dem führenden Blatt der Negierung, El Diario", mit größter Anerkennung besprochen und den übrigen Nationen als mustergültig und nachahmungs wert vorgehalten. Besonders die Engländer kamen bei diesen mehrfachen Bernstorff, An Bord des Panzerkreuzers Jorck". 13194 S- Kapitel. Besprechungen ziemlich schlecht weg, da ihre Leute wiederholt durch Schlägereien und andere Sachen an Land sehr unliebsam ausgefallen waren. Es war wirklich ein guter Gedanke von Ahnen, Reichard,, daß wir nicht mit den Engländern zusammen beurlaubten," sagte Kapitän Eisenhart zu seinem ersten Offizier, sonst käme mindestens die Hälfte von den Sachen auf unser Konto. Über morgen muß ich übrigens ein Diner geben. Ach kann Sie wohl gleich so persönlich einladen, schicke Ahnen aber auch noch meinen Burschen zu. Sie kommen doch?" Zu Befehl, Herr Kapitän! Gewiß, sehr gerne!" ent- gegnete Kapitän Reichard. Am Nachmittag klopfte der Bursche des Kommandanten an verschiedenen Offizierskammern an und ließ überall gleich mäßig die Meldung vom Stapel: Der Herr Kapitän läßt den Herrn Leutnant zu Donnerstag nachmittag halb sechs Ahr zum Essen bitten!" Alle sagten natürlich zu, mehrere allerdings mit einem geheimen Bedauern, da sie sich init einigen Herren des deutschen Klubs, der durch seinen Vor sitzenden und eine Anzahl Mitglieder an Bord Besuch gemacht hatte, zu einem Ausflug nach Tijuca verabredet hatten. Ein Diner beim Kommandanten ging aber selbstverständlich vor. Sagen Sie, Fritsche, was gibts denn Gutes beim Kommandanten?" fragte Leutnant Griebnitz, der auch mit eingeladen war, den Adjutanten. Ei, fein!" erwiderte Fritsche. Ach habe mit dem Ste ward zusammen das Menü aufstellen müssen und hatte dabei freie Hand. Es gibt so lang!" dabei breitete er beide Arme,, so weit es ging, aus. Das ist gut," lobte Griebnitz, der ein tüchtiger Esser war. Lieber recht bequem sitzen und dann zwei Gänge mehr als umgekehrt." Na, diesmal können Sie sich ordentlich satt essen," sagte Fritsche lachend. Ich habe dafür gesorgt, daß alles reichlich ist. In der Beziehung scheint der Kommandant sehr freigebig zu sein. Er sagte mir von vornherein, die Kosten kämen selbst verständlich nicht in Betracht." Das Diner beim Kommandanten, zu dem auch noch eine Anzahl fremder Kommandanten und erster Offiziere ein-Zn brasilianischen Häfen. SSSSSSS 195 geladen war, verlief denn auch glänzend, so daß die Offiziere, die ursprünglich an der Tifucapartie hatten teilnehmen wollen, das Fernbleiben nicht zu bereuen brauchten. Der anfangs etwas förmliche Verkehr zwischen den deutschen und den fremden Seeoffizieren wurde nach diesem ersten gesellschaftlichen Anstoß erheblich lebhafter und netter, und hier waren es besonders die englischen Kameraden, die zu allerlei Sport aufforderten und einluden. Besonders wurde der Segelsport mit allen Kriegschiff- bootcn eifrig betrieben, da hierzu die jeden Nachmittag um zwei Uhr einsetzende frische Seebrise geradezu aufsorderte. Zu den bisherigen Kriegschiffen waren noch zwei italie nische Kreuzer, ein großer englischer Panzerkreuzer, ein großer geschützter französischer Kreuzer und zwei amerikanische ge- schützte Kreuzer hinzugekommen, so daß jetzt dreizehn fremd ländische Kriegschiffe im Hasen lagen, zwischen denen ein vollkommen ungezwungener, internationaler Verkehr statt fand. Auch Kapitän Eisenhart beteiligte sich hie und da an den Wettfahrten, da seine Gig ein ebenso gutes Segel- wie Ruder boot war. Zwischen den einzelnen Ossiziersmessen waren gegenseitig Besuche ausgetauscht worden, und die Einrichtung der Be suchtörns, wie sie vom ersten Offizier vorgeschlagen worden war, erwies sich jetzt als besonders praktisch, da es niemals auch nur einen Augenblick zweifelhaft war, welche Herren den Besuch zu erwidern hatten. Leutnant Reiche und Heinrich, sowie Baumbach hatten sich bei allen fremden Kameraden in ganz kurzer Zeit eine be sondere Beliebtheit erworben, nachdem ihr musikalisches Talent bekannt geworden war, und besonders hatten sie sich neben den englischen Kameraden mit den Italienern angefreundet, die gern und häufig aus der Porck" am Abend erschienen. Sie brachten dann ihre Gitarren und Mandolinen mit, und es gab ein fröhliches Musizieren, mit dem sich schließlich sogar der Musikfeind Hoffmann befreundete. Während an Bord der Porck" nach außen hin der Dienst scheinbar nur oberflächlich und etwas nachlässig gehandhabt wurde, war in Wirklichkeit davon gar keine Rede, sondern die196 S. Kapitel. Morgenstunden wurden nach wie vor unausgesetzt in an gestrengtester Tätigkeit mit der kriegsmäßigen Weiterbildung der ganzen Besatzung ausgefüllt. Wie weit sind Sie in der Übung an der Schnelladekanone?" fragte Kapitän Eisenhart seinen Artillerieoffizier. Herr Kapitän meinen an der Exerzierkanone? Bis auf etwa zehn Schutz," erwiderte Kapitänleutnant Hoffmann. Ach werde mir das heute morgen einmal ansehen," sagte der Kapitän, und als nach der Musterung die Besatzung mit Exerzierdienst beschäftigt war, ging er in das vordere Batterie deck, wo der Artillerieoffizier mit den Leuten, die besonders für die 1A-ow-Schnelladekanonen im Laden und Abfeuern ausgebildet werden sollten, an der Exerzierkanone stand. Als Kapitän Eisenhart herangekommen war, fragte Hoff mann: Kann ich anfangen, Herr Kapitän?" Ja, fangen Sie an," erwiderte der Kommandant, und Hoffmann gab nun den Befehl zum Schnelladen. In demselben Augenblick kam Leben in die bisher still stehende Gruppe der Mannschaft. Ein Mann öffnete mit raschem Griff den Verschluß der sogenannten Exerzierkanone, ein zweiter bückte sich, hob das einundvierzig Kilogramm schwere Geschoß auf, legte es sich auf die Arme und warf es mit einem Ruck in das Rohr hinein. Wie der Blitz sprang er zur Seite,- von vier kräftigen Fäusten geführt, setzte sich der Ansetzer mit festem Druck hinter das Geschoß, so daß es weit in das Rohr hineinflog. Hinterher kam die messingne Kartusch hülse, der Verschluß wurde zugeschraubt, das Abfeuern markiert und die Kurbel des Verschlusses von neuem zum Öffnen herumgeworfen. In dem Augenblick, wo er geöffnet war, sprang die leere Kartuschhülse, die nun als abgefeuert galt, nach hinten heraus und wurde von einem Mann in den Armen aufgefangen. Sie hatte noch kaum das Rohr verlassen, da lag schon wieder ein neues Geschoß darin, und die Handgriffe von vorher wiederholten sich. Mit der Uhr in der Hand stand Kapitän Eisenhart daneben und verfolgte die Bewegungen der einzelnen Leute, dann gab er durch ein Zeichen den Befehl zum Innehalten. Zehn Schuß genau," meinte er. Wie weit glauben Sie, daß Sie es bringen werden?"Z brasilianischen Häfen. SSSSSSS Id? Sluf zwölf mindestens, Herr Kapitän," versetzte Kapitän- leutnant Hoffmann. Jedenfalls glaube ich, daß wir schneller laden und schießen lernen, als die Munitionsmänner Munition heranbringen können. Für jetzt bin ich jedenfalls schon recht zufrieden," sprach der Kommandant. Aber natürlich wollen wir die Sache ordentlich weiter betreiben." Zch danke!" sagte er dann, legte die Hand an die Mütze und ging weg. Hören Sie mal, Reichard," redete er den ersten Offizier an, wollen Sie hier nicht mit dem Schwimmrlnterricht an- fangen? Wieviel Leute haben wir, die noch nicht schwimmen können?" O, es sind sehr viele darunter, Herr Kapitän," ant wortete der erste Offizier, aber ich weiß nicht, ob man das hier wagen kann wegen der Haifische. Früher war jeden falls für die Mannschaft das Baden längsseit der Schiffe ver boten, und die ailderen Nationen tun es auch nicht. Aber wir könnte,: es ja vielleicht so machen wie die Engländer und die Leute, die schwimmen können, nach Gobernador (eine große Fnsel im Hafen von Rio) übersetzen, vielleicht einmal in der Woche, daß sie da am Strand baden und sich tummeln können. Für den Schwimmunterricht müßten wir ein Netz oder ein Segel ausholen. Das wäre allerdings etwas um ständlich, aber machen läßt es sich natürlich." Fa, versuchen wollen wir es jedenfalls. Ach glaube nicht, daß die Haifischgefahr hier im Hafen so groß ist," erwiderte der Kommandant. Lassen Sie mal eine Liste aufstellen und mir in die Kajüte legen." Die habe ich schon lange fertig und kann sie Herrn Kapi tän gleich geben," entgegnete Kapitän Reichard. Ach werde sie sofort holen." Er kam gleich daraus mit der Liste aus seiner Kammer zurück und übergab sie dem Kommandanten. ZweihundertdreiundvierzigMann Nichtschwimmer,"meinte Kapitän Eisenhart. Da haben wir noch ordentlich was zu tun, da wollen wir nur so bald wie möglich ansangen." Zu Befehl, Herr Kapitän," sagte der erste Offizier. Zch werde dann zwei Nachmittage in der Woche für Schwimm-198 6-Kapitel. unterricht ansetzen, während die übrigen Leute turnen oder Stab schwingen." Damit war der Kommandant einverstanden und erteilte auch die Erlaubnis, daß die Schwimmer einmal in jeder Woche am Nachmittag nach der Insel hinüberfuhren, wo keine Ge fahr vorhanden war, daß sie durch Haifische angegriffen würden. Schon am Nachmittag ließ der erste Offizier die sämtlichen Nichtschwimmer antreten und wählte unter den Unteroffi zieren je zwei von jeder Division aus als Schwimmlehrer. Die Divisionsoffiziere oder die Leutnants zur See der Division haben den Schwimmunterricht persönlich zu beauf sichtigen! Die Zeiten für den Unterricht werden festgesetzt, wie folgt: Erste und dritte Division Montag und Donnerstag morgens, zweite und vierte Division Dienstag und Freitag nachmittags! An jeder Seite des Schiffes hat eine vollbesetzte Jolle so lange klar zu liegen, als der Schwimmunterricht dauert! Zn jedem Boot müssen zwei Rettungsbojen vor handen sein!" wurde durch Schiffsbcfehl bekannt gemacht. Die Leute, die bereits schwimmen konnten, wußten nach dem ersten auf der Insel Gobernador verbrachten Nachmittag nicht genug davon zu erzählen, wie prachtvoll es dort ge wesen sei. Das reizte natürlich die anderen, und es war ganz auffallend, wie schnell die Leute schwimmen lernten. Turnen und swemmen, dat maakt mi veel mehr Ber- gnäugen as dat Rümspringen an de olle Kanon," ineinte Pctersen. Ja," erwiderte Jensen, blots dat Tauklattern, dor hew ick nix mit in Sinn, dor kann ick mi noch so veel Mäuh gewen, ick krieg dat nich rut, aberst dat annere mit de Knüppels, dat sieht bannig vermost (famos) ut, wenn se dat all tosamen so ganz liekerwies (gleichmäßig) maaken doht. Just so as up n Theater." Man blots da is keen Musik bi," erwiderte Petersen. Na," meinte Jensen, de Blickpusters sünd noch nich so wiet, aber up den grooten Ingelsmann (Engländer) dor maakt se seine Musik. Uns ward dat ja woll ook noch liercn. De Sängers, de maakt dat all ganz good." Das Lob, das Jensen dem Gesangverein spendete, war in der Tat wohlverdient, denn unter der Leitung vonSä An brasilianischen Häfen. 199 Leutnant Heinrich und dem Stabshoboisten Keller hatten sich die sechzehn Mann, die ausgewählt waren, mit großem Eifer den Übungen gewidmet und konnten sich sowohl zwei- wie vierstimmig ganz gut hören lassen. Dagegen konnte die Bordkapelle sich mit ihren Leistungen noch nicht recht an die Öffentlichkeit wagen, obwohl Keller sich die erdenklichste Mühe gab, seinen Musikanten zunächst einmal den Präsentiermarsch und die brasilianische Hymne beizubringen. Sein Ehrgeiz erstreckte sich in erster Linie darauf, bei der Flaggenparade mitzuwirken. Herr Kapitän, kann ich nicht heute nachmittag ein paar Lerite bekommen, um außenbords nachzumalen?" fragte am Freitagmittag der Oberbootsmann den ersten Offizier. Da sind ein paar Stellen, das kairn nicht länger so bleiben." Fa, Oberbootsmann," antwortete Kapitän Reichard. Es muß überhaupt sehr viel ausgebessert werden, auch im Schiff. Dann wollen wir gleich heute nachmittag damit ansangen. Fetzt bei dem schönen Wetter trocknet ja alles schnell. Fch denke mir, der Kommandant wird sich über morgen bei der Musterung wieder mal das ganze Schiff ansehen wollen, und dann ist es ganz gut, wenn es wieder ein bißchen aufgepuht ist. Der Wachtmeister und der Feuer werker sollen auch, wo es nötig ist, ausbessern." Zu Befehl, Herr Kapitän," entgegnete Oberbootsmann Brandow, und sein Gesicht glänzte. Die paar gelben Flecke außen am Schiff waren ihm schon seit einigen Tagen sehr un angenehm aufgefallen. Als am Nachmittag der gewöhnliche Befehl: Vorberei tungen zu Reinschiff!" erscholl, ergänzte der Bootsmann ihn durch den Ruf: Die Leute, die malen können, vorn auf ver Back antreten!" Etwa ein Dutzend fand sich dort zusammen, unter denen sich der Bootsmann natürlich diejenigen aussuchte, die wirk lich malen konnten. Das waren vier. Die stellte er an, um das Schiff außenbords zu übermalen und auch auf Oberdeck allerlei kleine Schäden, die sich gezeigt hatten, auszubessern. Die anderen acht Mann wurden dem Feuerwerker und dem Stabswachtmeister zugeteilt, und diese konnten zusehen, wie sie mit ihnen fertig wurden.200 S. Kapitel. Was Kapitän Reichard geahnt hatte, traf tatsächlich am Sonntagmorgen ein. Der Kommandant gab nach Beendi gung der eigentlichen Musterung den Befehl: Jur Inspek tion!" und machte dann in Begleitung des ersten Offiziers, des Zahlmeisters, des Stabsingenieurs, des Stabsarztes und des Adjutanten einen Gang durch das ganze Schiff. Bei Besichtigung der Geschütztürme und Kasematten waren auch die Artillerieoffiziere zugegen, an den Geschützen selbst standen die Geschützführer. In den Torpedoräumen waren je die Nummer eins der Torpedomannschaften vorhanden, und der Torpedooffizier begleitete hier den Kommandanten. Sämt liche Lasten, Hellegatts und alle unteren Räume waren ge öffnet, und alle wurden von Kapitän Eisenhart einer raschen, aber scharfen Musterung unterzogen. Dabei kam es ihm haupt sächlich darauf an, sich persönlich davon zu überzeugen, ob die Lüftungsvorrichtungen im Schiff genügend frische Luft nach unten schafften, was für das Wohlbefinden der Besatzung sowohl wie für die Konservierung aller Vorräte und Mate rialien von größter Wichtigkeit ist. Wie steht es mit den Temperaturen in den Pulver kammern?" erkundigte er sich bei dem Artillerieoffizier. Wir können auch hier in den Tropen die normale Tempe ratur vollkommen halten, Herr Kapitän," entgegnete Kapitän leutnant Hoffmann. Da brauchen keine besonderen Maß regeln getroffen zu werden. Ich kontrolliere sie selbst fast täglich. Außerdem werden darüber noch besondere Tempe raturlisten geführt." Dem muß auch große Aufmerksamkeit gewidmet werden," versetzte Kapitän Eisenhart. Und ich erwarte von Ihnen sofort Meldung und entsprechende Vorschläge, falls Sie glauben, daß die Temperaturen zu hoch werden." Als der Kommandant mit seinem Gefolge, dem sich noch die verschiedenen Detaildeckoffiziere angeschlossen hatten, wieder an Deck erschien, sagte er: Lassen Sie klar machen zur Kirche!" Auf der Porck" wurde der Gottesdienst auf dem Auf- baudcck abgehalten, wo die Signalgäste vermittels eines kleinen Tisches, über den eine Kriegsflagge gedeckt wurde, eine Art Altar errichteten. Kapitänleutnant Röder, der Navigationsoffizier, hatte die Obliegenheiten des PredigersIn brasilianischen Häfen. S gä 201 übernommen, da kein Pfarrer an Bord vorhanden war. Als die Vorbereitungen getroffen waren, ließ der wachhabende Offizier anschlagen zur Kirche. Vom Vordeck her erschollen die Klänge der Glocke, ab wechselnd ein lauter und ein leiser Schlag, und die ganze Be satzung versammelte sich an Deck. Zu gleicher Zeit senkte sich die Kriegsflagge von der Gaffel ein Stück, und über sie hinauf stieg der sogenannte Kirchen wimpel, ein langer, rot-weiß-rot-weiß-rot zusammengesetzter Wimpel, das Zeichen, daß Gottesdienst an Bord abgehalten wird, so lange er über der Kriegsflagge weht. Dies ist der einzige Fall, in dem ein Flaggenzeichen, sei es welcher Art es immer wolle, über der Kriegsflagge wehen darf. Nie verläßt sie sonst ihren Platz, um sich unter ein anderes Zeichen zu beugen. Einzig und allein der Kirchenwimpel zeigt an, daß des Menschen Trutz- und Wehrzeichen sich noch senkt vor dem Zeichen des allmächtigen Gottes, und daß die Menschen an Bord sich zu ihm bekennen. Zuerst wurden zwei Verse eines Chorals gesungen, dessen Melodie der Stabshoboist mit der Klarinette begleitete. Dann las Kapitänleutnant Röder eine Predigt vor, und mit dem Verlesen des kirchlichen Segens sowie des Vaterunsers war der Gottesdienst beendet. Ein Schlußvers erklang noch über das Wasser! Einen Augenblick stand darauf die gesamte Besatzung mit abgezogener Kopfbedeckung in stillem Selbstgcbet, dann setzte jeder feine Mütze wieder auf; der Kommandant grüßte seine Untergebenen, und während er in seine Kajüte hinunter ging, begaben sich die Mannschaften langsam und ruhig nach vorn. Der Kirchenwimpel war währenddessen niedergeholt, und die Flagge nahm ihren alten, stolzen Platz wieder ein. Es darf geraucht werden!" rief Kapitän Neichard dem Wachoffizicr zu. Der Sonntagsdienst war beendet. Erst am Abend wurden die des Morgens ausgeholtcn Sonncnsegel über Back, Kommandobrücke und Schanze wieder geborgen; bis dahin war allgemeine Freizeit, und jeder an Bord konnte sich beschäftigen, wie er wollte. Eine große Freude für die Leute war jeden Sonntagnach mittag um zwei Uhr der Ilmtausch und die Neuausgabe von Lesebüchern aus der Schiffsbibliothek, deren Verwaltung202 s. Kapitel. Leutnant Bertram zusammen mit dein Zahlmeister über nommen batte. Sagen Sie mal, Bertram, was lesen die Leute eigentlich am meisten?" fragte ihn der erste Offizier. Ach Hab es noch immer versäumt, eine Liste darüber zu führen, Herr Kapitän," entgegnete Leutnant Bertram, obgleich das ganz interessant wäre. Bücher über vater ländische Geschichte und dergleichen werden vielfach verlangt, falls darin etwas von Gefechten und Schlachten zu lesen ist und Bilder darin sind. Mit einem einfachen Geschichtswerk wissen die Leute nichts anzufangen. Dann lesen sie gerne Jugend bücher, so kleine Erzählungen von Knaben oder jungen Männern, und ein Buch ist immer vergriffen, das ist die Geschichte von Genoveva. Gedichtbücher dagegen werden eigentlich gänz lich abgelehnt, und wenn ich sie ihnen noch so sehr anpreise. Aber hinterher sein mutz man, sonst sind die Bücher im Hand umdrehen verschwunden," fuhr er fort. Wo die Leute da mit bleiben, ist mir ein Rätsel. Ich glaube, ich werde mal nächstens Haussuchung in allen Kleiderspinden abhalten, um die verborgenen Schätze wieder auszugraben. Von den aus gegebenen Liederbüchern fehlt mindestens schon ein Drittel, obgleich die Leute doch meist ihre eigenen Lieder singen, die in keinem Buch zu finden sind." Ja, darin sind sie sonderbar," versetzte der Erste. Holla! da kommen unsere Gäste!" rief er dann aus, als der Fallreepspfiff erscholl, der die Ankunft eines Offiziers verkündete. Er ging mit dem Kameraden hinaus und begrüßte die englischen Seeoffiziere, die sie sich zum Essen an Bord ein geladen hatten. Haben Sie schon gehört, datz die Sache ernst zu werden droht?" fragte Kapitänleutnant Algernon Hotham, der erste Offizier des englischen Kreuzers Diadem". Im Süden soll der Aufstand wirklich ausgebrochen sein. Unser Senior- Captain (der älteste anwesende englische Seeoffizier) hat vom Minister heute mittag eine Nachricht darüber erhalten, viel leicht gehen wir in den nächsten Tagen nach Rio Grande Sul oder Santa Catharina." Gehört haben wir auch davon, aber noch nichts Bestimm tes," antwortete Kapitän Reichard. Vielleicht gehen wirEine mutige Schar. 203 dann zusammen, aber das glaube ich wieder nicht, weil wir weder nach Santos oder Rio Grande einlausen können. Des halb warten wir ja tagtäglich darauf, daß unser kleiner Kreuzer ,Riobe kommt." € , hoffentlich bleiben sie überhaupt ganz ruhig," rief Leutnant Mowbray, daß wir nicht fort von hier müssen. Ich finde es hier in Rio viel netter als in den kleinen Hafenstädten. Wir wollen noch lange zusammen hier liegen bleiben und gute Freundschaft halten." Darin stimmten ihm alle deutschen und englischen Kaine- raden gerne zu, denn bis jetzt war der Aufenthalt in Rio de Janeiro für das ganze Schiff äußerst angenehm gewesen, obgleich an Land eigentlich, was man so sagt, gar nichts los war, da wegen der unruhevollen Spannung, mit der man der Zukunft entgegensah, niemand an Land Lust hatte, Feste 311 feiern. Ofn einem Montagabend um sieben Uhr setzten die Boote der Porck" mit den beurlaubt gewesenen Mannschaften von der Landungsstelle ain Hafen ab und kehrten an Bord zurück. Die Beurlaubten unterhielten sich lebhaft über ihre Erlebnisse und erzählten sich allerlei Abenteuer. Wenn es bloß nicht so entsetzlich heiß wäre," meinte der Matrose Schreiber. Ich hatte eigentlich gar keine Lust, mich zu rühren und hätte mich am liebsten irgendwo hingesetzt, wo es recht schön kühl war, aber in den Lokalen, da bekommt man immer gleich was zu trinken, und das mocht ich nicht." Du, dann mußt du mal mit nach dem großen Garten," sagte der Matrose Just, da ist es wunderschön." Da bin ich schon 11 paarmal gewesen," antwortete Schreiber. Du meinst den, wo die großen Palmen sind, nicht wahr?" Rein, den meine ich nicht, der liegt ja da aus der anderen Seite," entgegnete Just und zeigte mit der Hand nach dein204 7. Kapitel. Ausgang des Hafens hin, wo hinter den: sogenannten Zuckcr- hut verborgen der Botanische Garten lag. Der, den ich meine, der liegt hier auf dieser Seite von der Stadt, und da sind pracht volle Bäume und kleine Teiche und ^ne große Grotte und all so was. Da war s schön kühl." Za, in der Stadt ist es eigentlich nicht zum Aushalten," sagte Schreiber. Ich inußte heute immer denken, wenn da mal Feuer auskommt in den Häusern, wo doch alles von der Hitze so ausgetrocknet ist, dann brennt das wie Zunder." Ja, das tut es wohl," erwiderte Just. So, nu man raus." Die Boote waren an der Porck" angelangt; die Be- urlaubten stiegen aus. Eine Zeitlang saßen nach Ausgabe der Hängematten noch manche von ihnen an Deck, aber die Müdigkeit trieb sie bald zur Koje, und im Schiff wie im ganzen Hafeir herrschte Ruhe. Am zwölf Ahr nachts hatte Leutnant Schneider eben die Wache übernommen und besah sich von der Kommandobrücke aus die umliegenden Schiffe und die Stadt, da bemerkte er an Land einen hellroten Schein, den er bisher noch nie an der Stelle gesehen hatte. Ein rascher Blick durch das Doppelglas belehrte ihn sofort, daß in der Stadt Feuer ausgebrochen war. Steuermannsmaat! Signalgast! Schnell! Schnell! Hin unter zum Kommandanten und ersten Offizier! An Land wäre Feuer ausgebrochen. Ich ließe das Feuerpikctt an- treten." Die beiden Leute stürzten davon und Leutnant Schneider rief den: wachhabenden Anterosfizier zu: Bootsmaat Grell, pfeifen Sie: das Feuerpikctt mitRauchhelmm ui d Handwerks zeug am Backbordfallreep antreten! Dampfpinasse und zweiten Kutter klar!" Gellend schrillte der Pfiff des Unteroffiziers durch die stille Nacht und jagte die Schläfer aus der Ruhe auf. Schlaftrunken fuhren überall die Köpfe in den Hänge matten in die Höhe, und verständnislos horchten einen Augen blick die Leute auf den wiederholten Ruf: Das Feuerpikctt antreten! Dampfpinasse und zweiten Kutter klar!" Was ist los? Was ist da los?" fragte einer den anderen, und jeder glaubte natürlich im ersten Augenblick, daß im eigenen Schiff Feuer ausgebrochen sei. Da wurde der Befehl ge-Eine mutige Schar. 205 ändert: Die Feuerbrigade sich klar machen zum Anlandgehen! Stiefel anziehen! Leute sich beeilen!" Nun fuhr alles aus den Hängematten heraus, und die Leute, die an Land sollten, hasteten in die Kleider. Der Oberbootsmann, der Pumpenmeister, der Zimmer- meister rtnd der Maschinist von der Freiwache stürzten aus ihren Kammern hervor und eilten an Deck. Heizer mit Brech stangen, Matrosen mit Beilen, die Zimmerleute mit den Rauch- helmen eilten nach oben; die ganze elektrische Beleuchtung im Schiff war angestellt, so daß jeder seinen Weg ohne weiteres finden konnte, und noch keine drei Minuten waren vergangen, da standen die Leute der Feuerbrigade fertig angetreten. Über die Backspiere waren die Bootsgäste in die Boote geeilt. Ein Kuttergast war dabei ausgeglitten und ins Wasser gefallen, hatte sich aber gleich ins Boot schwingen können, das zu verlassen er sich weigerte. Während der erste Offizier zusammen init den Deckoffizieren und vier Offizieren, die sämt lich mit Säbel und Revolver bewaffnet waren, die Feuerbrigade musterte, kamen schon die Boote längsseit. Einsteigen!" befahl der erste Offizier, und die Leute rannten trappelnd die Treppe hinunter. Melde Feuerbrigade von Bord!" ries Kapitän Reichard dem Kommandanten zu, sprang in die Dampfpinasse und gab den Befehl: Ab! Vorwärts! Äußerste Kraft voraus!" Ein Schwarm von Funken stob aus dem Schornstein des Dampfbootes, als sich die Maschine fauchend in Bewegung setzte, und rasch glitten die Boote in das Dunkel der Nacht hinein. Ahnen nach starrten die Zurückblcibenden, die zum großen Teil nur halb bekleidet an Deck gestürmt waren. Leutnant Baumbach, lassen Sie die Scheinwerfer klar machen!" befahl Kapitän Eisenhart, und geben Sie ein paar kurze Töne mit der Sirene!" Gleich darauf gellten die kurzen Sirenentöne wie Notschreie über das Wasser, und auf allen Schissen ringsum wurde es auch lebendig. Lange vor allen übrigen Hilfsmannfchaftsn waren aber die Deutschen an der Brandstätte zur Stelle. Mit raschem Blick hatte Kapitän Reichard erkannt, wo die Hilfe zuerst einsetzen mußte. Durch eine allerdings nur schwache Postenkette sperrte206 7. Kapitel. er den Raum vor dem brennenden Gebäude ab und ließ dann die mit Rauchhelmen und Äxten ausgerüsteten Leute Vorgehen, um das Haus, das bei dein Mangel an Wasser doch nicht mehr zu retten war, womöglich zum Einstürzen in sich selber zu bringen. Schon donnerten wuchtige Schläge gegen die leichten Mauern des glücklicherweise nicht sehr großen Gebäudes, da erschollen aus einem Fenster oben gellende Hilferufe, und zwei weibliche Gestalten zeigten sich, die in den höchsten Tönen der Angst um Hilfe flehten. Einen Augenblick zögerten die Leute, in das bereits stark verqualmte Haus einzudringen. Vergebens sahen sich die Offiziere nach Leitern oder sonst irgendeinem Gerät um, da riß tzimmermeister Zohannsen einem Zimmermannsgasten den Rauchhelm ab und stülpte ihn sich selbst auf den Kopf. Zn Sekundenschnelle hatte er sich den Lederschutz am Hals zugeschnallt, faßte einen anderen mit Rauchhelm versehenen Mann am Arm und drang in das Haus ein. In ungeheuerer Spannung verharrte die Menge draußen und wartete, was aus den beiden kühnen Rettern werden würde. Das furchtbare Geschrei, das vorher die Straßen er füllt hatte, war wie durch Zauberschlag fast völlig ver stummt. Ilm so lauter hörte man dagegen das Brausen und Sausen der Flammen und das prasselnde Krachen der bren nenden Balken. Das ganze Dachgeschoß stand bereits in lichten Flammen. Inzwischen waren auch von den übrigen Schiffen die Hilssmannschaften herangekommen, und auch die brasilianische Feuerwehr rasselte herbei und fuhr mit ihren Spritzen vor dem Hause aus. Für eine kurze Zeit waren die Hilferufe aus dem Fenster in der fast beängstigenden Stille um so hörbarer laut gewesen, dann mit einem Male verstummten sie, und die Gestalten ver schwanden vom Fenster. Waren sie erstickt oder bewußtlos zusammengesunken? Hatten die tapferen Deutschen sie erreicht und von: Fenster fortgezogen? Niemand vermochte darauf eine Antwort zu geben. In tödlicher Spannung flogen die Sekunden dahin, da gellte plötzlich wieder ein wilder, markerschütternder Schrei durch die Luft, und die Menge, die sich bisher möglichst naheEine mutige Schar. 207 an die Brandstelle herangedrängt hatte, stob in wildem Ent setzen auseinander und wich, so weit sie nur konnte, zurück. Warschau!" klang es laut und warnend aus der Mitte der deutschen Matrosenkette, und auch hier drängte alles in schleuniger Flucht rückwärts. Einige brennende Balken des Firstes hatten sich gelöst und schossen wie feurige Pfeile vom Dach herunter auf die Straße nieder, unmittelbar vor die Haustür. Krachend zersprang das Pflaster, als sich das Unter ende eines der Balken tief in den Erdboden eingrub. Millionen von Funken stoben empor. Dann neigte sich einer der bren nenden Pfähle und fiel gegen die Hausmauer, mit seinen Flammen den Eingang versperrend. In dem ungewissen, zuckenden Licht des züngelnden Feuers und dem schwelenden Rauch erblickten die draußen Stehenden jetzt zwei Männer im Hause, von denen jeder ein weibliches Wesen auf den Armen trug. Jedoch der Ausgang war ver sperrt, und hinter ihnen brannte bereits die Stiege, auf der sie soeben noch mit Mühe hinuntergclangt waren. Bootsmann, kappen!" rief Kapitän Reichard, entriß einem Mann die schwere Axt und stürzte auf den brennenden Pfahl zu. Oberbootsmann Brandow hatte sofort erfaßt, was sein erster Offizier wollte, und fast zu gleicher Zeit sausten die Schneiden der von den beiden Männern geschwungenen Äxte auf den brennenden Balken nieder. Von Rauch, Flammen und sprühenden Funkengarbcn umgeben, hieben Kapitän Reichard und Oberbootsmann Brandow mit Aufbietung aller Kräfte darauf los. Es bedurfte nicht des jauchzenden, anfeuernden Beifalls aus der Kopf an Kopf stehenden Menschenmasse, um sie zur höchsten Kraft- cntfaltung anzuspornen. Jetzt noch ein Schlag, und schräg zur Seite nieder schmetterte das abgehaucne obere Ende des Sparrens. Der Weg war frei! In demselben Augenblick, als der Zimmcrmeister und sein Zimmermannsgast die Schwelle überschritten, die beiden ge retteten Frauen noch arlf den Armen tragend, stürzte hinter ihnen die Treppe zusammen, gefolgt von Schutt und brennen den Gegenständen aus den oberen Räumen. Ein gleichzeitiger Schreckens- und Jubclschrci durchzitterte208 7. Kapitel. die Luft, und wieder drängte die Volksmasse ungestüm vorwärts, um die beiden Netter mit ihren Schützlingen in Empfang zu nehmen. Wo die beiden Frauen nachher geblieben waren, vermochte niemand zu sagen. Die Männer von der Porck" hatten auch zunächst noch mehr zu tun, als sich um sie zu kümmern. Das Nachbarhaus war ebenfalls in Brand geraten, und bei der mangelhaften Leitung, vor allen Dingen der zaghaften Führttng der Spritzenschläuche war eine große Gefahr vorhanden, daß das Feuer noch bedeutend weiter uin sich greisen würde. Da ergriff Leutnant Reiche zusammen mit seinem englischen Kameraden Mowbray je ein Schlauchmundstück, und beide gingen, ohne sich auch nur im geringsten um eigene Lebens gefahr zu kümmern, aus nächster Nähe gegerl das wütende Element vor, bis es endlich nach stundenlanger Anstrengung gelang, seine Kraft zu brechen und es auf seinen Herd zu be schränken. Schon dämmerte der Morgen heraus, als Kapitän Rcichard mit seiner Feuerbrigade an Bord zurückkehrte. Hier empfing sie der Kommandant und sagte: Ich spreche allen beim Feucrlöschen behilflich Gewesenen meinen Dank dafür aus, daß Sie sich so tapfer, ruhig und besonnen benommen haben. Dem Zimmermeister Zohannsen und dem Mann, der mit ihm im brennenden Hause war, wer war das? dem Zimmec- mannsgasten Schwenske spreche ich noch meine besondere Anerkennung für die Rettung der beiden weiblichen Personen aus. Weiteres behalte ich mir vor. Kapitän Reichard, lassen Sie die Leute wegtreten! Die Mannschaften können bis acht oder neun Uhr schlafen, das bestimmen Sie, bitte!" Todmüde von der Anstrengung legten sich die Leute der Feuerbrigade wieder in die Hängematten mit dem wohligen Gefühl, daß sie vor neun Uhr nicht auszustehen brauchten. Aber die wenigsten kamen eigentlich zum Schlafen, da alle gewohnt waren, um diese Zeit im Dienst zu sein. In glänzenden Artikeln wurde der Heldenmut und vor allen Dingen das ungemein schnelle Erscheinen der deutschen Offiziere und Matrosen an der Brandstelle von sämtlichen Zeitungen der Hauptstadt gefeiert und die Rettung der beiden Frauen als eine Heldentat ersten Ranges geschildert. DerZu gleicher Zeit sausten die Schneiden der Äxte auf die brennenden Balken nieder. (Seite 207.1~o STAATS -- \ \B*ßLIGTht Kj vgf RütjyEine mutige Schar. SSSSS 209 Präsident schickte einen hohen Offizier an Bord der Porck", um dem Kommandanten seinen besonderen Dank aussprechen zu lassen und anzufragen, wie er sich für die Hilfeleistung in irgendeiner Weise erkenntlich zeigen könne. Er stellte einige Kisten Champagner und alles mögliche andere in Aussicht, aber Kapitän Eisenhart lehnte alles ab, init Ausnahme einer größeren Menge von Früchten, die er seinen Leckten wohl gönnen konnte. Leutnant Fritsche, gehen Sie zum ersten Offizier, ich möchte Vorschläge zur Beförderung von ihm gemacht haben!" befahl Kapitän Eisenhart seinem Adjutanten. Außerdem möchte ich wissen, wie weit unser Etat an Obermatrosen und so weiter schon aufgefüllt ist. Vielleicht befördere ich über den Etat. Das wird Ahnen der Herr Zahlmeister am besten sagen." Es stellte sich aber heraus, daß noch eine ganze Anzahl von Obermatrosenstellen frei war, und so beförderte der Kommandant durch Schiffsbefehl den Zinunermeister Fohann- sen von der ersten Matrosendivision unter Vorbehalt des Ein verständnisses der Division zum Oberzimmermeister, den Zimmermannsgasten Schwenske zum Oberzimmermanns gasten, die Matrosen Kraft, Schulz II., Piepenbrink, Schönherr und Lobedanz zu Obermatrosen. Süh," sagte Matrose Petersen, als diese Beförderungen bekannt gemacht waren, zu seinem Freund Fensen. De hebbt dat fein drapen, kunn n wi dor nich ook bi sien? Aberst nee, nu wo mal wirklich was los is, möt wi an Bord bliewen." Töv dat man aff," entgegnete Fensen, dor kümmt vil- licht noch mal wedder n annere Gelegenheit, wo du di bi utteeken (auszeichnen) kannst. De Meister is jedenfalls ’n fixen Kerl, fowat harr ick em gar nich totrut (zugetraut)." In der Deckoffiziersmesse wurde die Beförderung des Herrn Oberzimmermeisters natürlich gebührend gefeiert. Der Messe vorstand, Maschinist Garlich, schwang sich zu einem größeren Diner auf und spendierte zum Schluß aus Messekosten auch noch ein Faß Bier, das er von einem deutschen Dampfer erstanden hatte. Herr Pumpenmeister, das Bier geht auf Messekosten," bemerkte er, als die ersten Gläser herumgeseht wurden. Sie brauchen darum nicht gleich ein Rekordtrinken zu veranstalten." Bernstorsf, Nil Bord des Panzerkreuzers Aorck". 14210 Ach Hab Sie wohl noch nicht geschädigt, Herr Garlich," antwortete der Pumpenmeister erzürnt. Jedenfalls lasse ich es mir heute nicht nehmen, auf das Wohl des Herrn Oberboots manns und des Herrn Oberzimmermeisters, die sich beide benommen haben wie ein paar tapfere Männer, was nicht jedem gegeben ist" bei diesen Worten warf er Herrn Garlich einen Blick zu, den dieser jedoch nicht zu bemerken schien mein Glas zu leeren! Herr Oberbootsmann, Herr Ober meister, aus Ihr ganz Spezielles!" Er leerte sein Glas in einem Zuge und wiederholte das auch noch häufiger, so daß seine beiden guten Freunde, der Bootsmann und der Zimmermeister, wie er sie den ganzen Abend über genannt hatte, den Herrn Pumpenmeister am Schluß des Gelages in die Kammer geleiten mußten. Am nächsten Morgen wußte der brave Pumpenmeister von den Vorgängen des Abends nicht mehr viel. Er erinnerte sich nur noch ganz dunkel, daß er dem Zimmermeister Brüder schaft angeboten hatte, wußte aber nicht, was daraus geworden war. Als daher der nunmehrige Oberzimmermeister ihn beim Frühstück mit Sie" anredete, da traute er sich auch nicht, seiner seits Du" zu sagen, und so blieb es bei dem Sie" wie bisher. ^L err Kapitän, der Herr Ministerresident wird heute mittag von ^^Petropolis herunterkommen und Sie an Bord aufsuchen. Ich habe soeben eine Depesche von ihm erhalten," sprach der Konsul Hoffmann, der in aller Morgenfrühe an Bord ge kommen war. Zugleich läßt der Herr Ministerresident fragen, ob Sie etwas über den Aufenthalt oder die Ankunft der ,Niobe wüßten, Herr Kapitän." So viel ich weiß, ist sie unterwegs nach hier," entgegnete Kapitän Eisenhart, wann sie aber einläuft, das kann ich un möglich angeben. Wie sieht denn die Sache jetzt aus?" Der Konsul gab Auskunft, so weit er davon wußte, undPolitische Verwicklungen. 211 verwies den Kommandanten im übrigen an den Minister residenten. Kapitän Eisenhart klingelte und ließ den ersten Offizier zu sich bitten. Hören Sie mal, Reichard," redete er diesen an. Der Herr Konsul sagt mir soeben, daß sich die Lage des Präsidenten in den letzten achtundvierzig Stunden ganz erheblich ver schlechtert hat. Die Bewegung von Süden her greift weiter und schneller um sich, als er erwartete, und auch die Provinz Rio de Janeiro soll bereits stark in den Aufruhr mit hinein gezogen sein." Ja, sogar die Hauptstadt selbst," warf der Konsul ein. Das wäre ja an und für fiel) nicht so bedenklich und könnte für uns ziemlich einerlei fein, wenn nicht der Hauptgrund des Aufstandes und des Hasses gegen den Präsidenten darin zu suchen wäre, daß er den Leuten zu sremdenfreundlich gesinnt ist. Die verschiedenen großen ausländischen Kapitalgesell schaften, die hier ihre Tätigkeit entwickelt haben, vor allen Dingen aber das Vorgehen und Benehmen der Nordamerikaner hat böses Blut gemacht, und man verdenkt es dem Präsidenten ganz außerordentlich, daß er sich hiergegen nicht energisch genug wehrt und seine Stellung genügend hervorhebt." Aber das ist ja töricht," meinte Kapitän Reichard, ohne fremde Hilfe kommen die Brasilianer allein doch nicht in die Höhe, und was wir Deutschen im Lande schaffen, ist doch nur für die Brasilianer selber mit von Vorteil." Ganz gewiß! Ganz gewiß!" pflichtete der Konsul bei, aber es herrscht allgemeine Angst vor allen Fremden. Man fürchtet, daß sie sich zu stark in die hiesigen Verhältnisse ein- mischen und daß besonders die Nordamerikaner Brasilien eines schönen Tages einstecken wollen." Die Leute sind ja nicht recht bei Trost," bemerkte Kapitän Eisenhart. Sie sollten sich freuen, daß der Präsident so ver nünftig ist und fremdes Kapital ins Land zieht." Ja, das sehen sie aber nicht ein," entgegnete der Konsul, und wenn sie hier erst einmal gereizt sind, machen sie gar keinen Unterschied. Ob deutsch, englisch, französisch oder ameri kanisch, ist ihnen alles einerlei." Na, Reichard, vorläufig können wir ja nichts tun als ab-warten," sprach Kapitän Eisenhart. Am zwei Ahr soll meine Gig mit Kissen und Decke im Schlepp der Dampfpinasse an Land liegen, um den Herrn Ministerresidenten abzuholen. Leutnant Fritsche soll mitfahren." Als dann später der Ministerresident an Bord gekommen war, hatte er mit dem Kommandanten und dem Konsul zu nächst eine lange Anterredung. Erst am Abend fuhr er, nachdem er der Offiziersmesse einen flüchtigen Besuch ab gestattet hatte, wieder an Land. Während der nächsten Tage zeigte sich im ganzen Hafen eine lebhafte Anruhe. Der Verkehr zwischen den einzelnen Schiffen und dem Lande war sehr viel reger, obwohl keine Beurlaubungen von Mannschaften mehr stattfanden, und auch zwischen den Schiffen selbst fuhren fast unausgesetzt Boote mit Offizieren hin und her. Leutnant Fritsche als Adjutant mußte alle Augenblick zu dem ältesten englischen, italienischen oder französischen Offizier hinfahren und wurde von seinen Kameraden weidlich aus gefragt, was denn eigentlich vor sich ginge. Aber außer einigen allgemeinen Redensarten, wie: An Land scheint die Sache nicht ganz in Ordnung zu sein" oder ähnlichen, ließ er nichts verlauten. Bei dem ältesten englischen Kommandanten, der überhaupt rangältester Seeoffizier aller fremden Schiffe war, fanden wiederholt Zusammenkünfte der Kommandanten statt, an denen sich natürlich auch Kapitän Eisenhart beteiligte. Die Geschichte ist gar nicht unbedenklich," äußerte er zuin ersten Offizier. Ich wünschte nur, die ,Riobe käme bald. Im Süden ist regelrechter Krieg ausgebrochen. Glücklicherweise sind bis jetzt deutsche Firmen noch nicht in Mitleidenschaft gezogen, sonst wüßte ich wahrhaftig nicht, was ich tun sollte. Von hier kann ich augenblicklich nicht fort, und Schuh wird dort unten verlangt. Das ist eine ganz fatale Lage. Der Herr Ministerresident ist jetzt ebenso wie die anderen fremden Regierungsvertreter von Petropolis ganz nach Rio über gesiedelt, um schneller mit dem Präsidenten in Verbindung treten zu können. Er sagte mir gestern, es könnte sich möglicher weise nur um Stunden handeln und dann der Zustand nicht ungefährlich werden. Halten Sie für alle Fälle eine Schuh-Politische Verwicklungen. 215 wache von dreißig Mann unter einem Offizier und drei Unteroffizieren bereit, daß sie jeden Augenblick an Land gesetzt werden kann. Die Leute müssen scharfe Munition mit nehmen." Jawohl, Herr Kapitän," entgegnete Kapitän Reichard. Sollen die Leute auch Verpflegung mitnehmen? Vielleicht die eiserne Ration? Oder wie wird das werden?" Die eiserne Ration könnte jedenfalls nicht schaden," er widerte der Kommandant. Im übrigen aber werden die Leute in der Residentur beziehungsweise auf dem Konsulat verpflegt werden. Kosten sollen für uns daraus nicht ent stehen, hat mir der Herr Resident versichert." Unter der Besatzung der Porck" entstand eine begreifliche Erregung, als der erste Offizier von den einzelnen Wachen dreißig Mann und drei Unteroffiziere abteilte und die In struktion ausgab, daß die Leute ihre Handwaffen gründlich Nachsehen sollten und im Kartenhaus scharfe Gewehrmunition bereitzustellen sei. Von dem, was an Land vor sich ging, und weshalb sie viel leicht sogar bewaffnet an Land ziehen müßten, wußte natürlich niemand etwas Genaueres. Um so stärker wuchsen daher die Gerüchte an, und die Kombüsenbestecks, die täglich ausgegcben wurden, waren zahllos. Du, heut abend gehen wir an Land. Unser Minister hat an den Kommandanten geschrieben, er sollte Mannschaften landen, um den Präsidenten gefangen zu nehmen," erzählte der Matrose Schräder aufgeregt an seiner Back. Was? Was ist los? Was hat er geschrieben? Woher weißt du das?" schallten ihm neugierige Fragen entgegen, und selbst der Backälteste wollte wissen, wer das gesagt habe. Ich hab s ganz deutlich gehört," antwortete Schräder, wie der Kommandantensteward es dem Koch erzählt hat. Er sagte, er Hütte es beim Tischdecken in der Kajüte vom Kapitän selbst gehört." Natürlich erkundigte sich die ganze Backsgesellschaft weiter nach allen möglichen Einzelheiten, die Schräder willig zum besten gab. An einer anderen Back erzählte der Matrose Grotjohann: Morgen früh machen wir Klar-Schiff und gehen zusammen214 8.Kapitel. mit den Engländern und Franzosen und Amerikanern gegen die Brasilianer los." Alle Wetter! Was ist das? Mensch, was sagst du da? Woher weißt du das?" wurde auch Grotjohann gefragt. Er zähl doch mal! Erzähl doch mal! Was weißt du noch, Mensch? Fangen wir gleich an zu schießen?" Das weiß ich nicht," entgegnete Grotjohann, der von Natur etwas phlegmatisch war, aber daß es losgeht, weiß ich ganz genau. Unser Koch sagte vorhin zu Appelmann" das war der zweite Kochsmaat du, paß man gut auf morgen, wenn das mit den Franzosen losgeht, daß du da auf dem Posten bist. Das habe ich so gewiß gehört, wie ich hier sitze, also daran ist gar nicht mehr zu zweifeln." Natürlich war Grotjohanns ganze Backsgesellschaft nun auch fest davon überzeugt, daß morgen scharf geschossen werden würde, ebenso wie mehrere von Schräders Genossen, die zur abgeteilten Schuhwache gehörten, sich schon darauf freuten, bewaffnet air Land zu ziehen und den Präsidenten von Bra silien gefangen zu nehmen. Diese und ähnliche unkontrollierbaren Erzählungen und Gerüchte, deren Ursprung fast immer auf die um die Person des Kommandanten beschäftigten Personen, den Komman dantensteward, Burschen und Koch, zurückzuführen ist, haben an Bord allgemein den Namen Kombüsenbesteck", weil sie dadurch entstehen, daß diese Leute irgend etwas aufgeschnappt haben und es beim Holen des Essens an der Kombüse weiter erzählen. Eigentlich bedeutet ja das Wort Besteck den Punkt, an dem sich das Schiff um zwölf Uhr mittags befindet. Kom büsenbesteck nennt man auch alle Gerüchte über Anlaufen eines Hafens, Abfahrt aus diesem, oder was sich sonst aus die Tätigkeit des gesamten Schiffes bezieht und ebenfalls von der Kommandantenkombüse herrührt. Mit den Franzosen hatte der Koch aber die Schwaben ge meint, die es massenhaft in der Kombüse gab. Denen wollte er am nächsten Morgen mit kochendem Wasser zu Leibe rücken. Davon hatte Grotjohann natürlich keine Ahnung, sondern sich seine eigene Geschichte zusammcngedacht. Zn der Ofsiziersmesse wurden die beiden Leutnants Grieb-Politische Verwicklungen. 215 nih und Maurer, die ältesten der Leutnants zur See, besonders von ihren jüngeren Kameraden lebhaft um die Aussicht beneidet, vielleicht mit bewaffneter Macht an Land ziehen zu dürfen und dort selbständig handelnd aufzutreten. Leutnant Schneider, der jüngste Seeoffizier, gab sich alle erdenkliche Mühe, tlm Griebnitz zu einem Tausä) zu bewegen. Sie können doch überhaupt eigentlich das Schiff gar nicht verlassen, denn wenn Sie nicht da sind, weiß kein Mensch mit der Funkspruchkammer Bescheid, und wenn wichtige Kriegs nachrichten eintreffen, ist niemand da, der sie versteht. Sie sehen also selber ein, lieber Griebnitz, Sie müssen unbedingt hier bleiben und mich gehen lassen." Nicht für zehn Milreis," erwiderte Griebnitz, obwohl meine Kaffe augenblicklich sehr schwach ist. Der Einkauf von Goldkäfern und Federsachen neulich hat mich beinahe ganz lenz (leer) gemacht." Na, wie wär^s aber für zehn Milreis Silber," meinte da Schneider. Sie sprachen natürlich von Papier!" Nicht zu machen!" entgegnete Griebnitz. Behalten Sie nur Ihre schmierigen brasilianischen Papierfetzen und Ihr Silber, ich fahre an Land. Außerdem habe ich mich schon mit John Tupper vom ,BeaglE verabredet, der soll die englische Residentur beschützen, und da die beiden Gebäude nebeneinander liegen, werden wir zusammen die Geschichte besorgen. Schade, daß man nachher keinen brasilianischen Orden dafür erhält." Ach, ich glaube überhaupt noch nicht, daß aus der ganzen Sache was wird," erwiderte Schneider. Die Leute an Land sehen sich auch vor, ehe sie sich gegenseitig an die Kehle fahren. Passen Sie mal auf, der Präsident dankt friedlich ab; irgend ein neuer Gomez, da Fonseca oder sonst ein Edler seht sich auf den verlassenen Stuhl, die Soldateska schreit Bravo und ruft Hurra, und in den Armen liegen sich beide und jauchzen und lachen vor Freude! Fertig! Den Fremden werden die Kosten für die ganze Revolution durch etliche neue Steuern auferlegt, in die sie sich willig ergeben, und damit ist Schluß." Sie, Schneider, haben Sie mal die Geschichte oder viel mehr die Fabel von dem Fuchs und den Trauben gelesen?" rief Oberleutnant Reiche. Na, stellen Sie sich nur nicht216 8. Kapitel. dumm, Freundchen, ich meine nur so von wegen dem gern an Land gehen mögen und nicht können! Ähre Rede hatte eben große Ähnlichkeit mit der alten, netten Fabel." Fa, die Trauben sind ordentlich sauer," ries Griebnitz. Durchaus nicht," antwortete Schneider. Aber sehr," gab Griebnitz zurück. Deckenhoch würden Sie springen, wenn ich jetzt plötzlich krank würde und Sie statb dessen kommandiert würden." Ach, machen Sie sich doch nicht lächerlich mit dem bißchen. Kommando," ries Schneider ärgerlich. Dafür gibt s ja nicht mal einen Orden." Ach, darum diese Tränen," lachte Griebnitz. Er hat Sehnsucht nach ’m Vogel. Menschenskind, wozu denn? Wozu, brauchen Sie noch einen." Lassen Sie mich in Ruh mit Ihren Bemerkungen!" rief Schneider zornig. Wer von uns beiden einen Vogel hat  " Meine Herren, ich bitte, nicht persönlich zu werden," be merkte der erste Offizier, der eben in die Messe trat und den letzten Ausruf gehört hatte. Warum sind Sie denn so er bost, Schneider?" Aber Schneider antwortete: Ach, Herr Kapitän, ich denke ja gar nicht daran, bloß Griebnitz versuchte mich zu ärgern." Damit verschanzte er sich hinter eine Zeitung, während Leutnant Griebnitz und Baumbach den ersten Offizier mit Fragen be stürmten, ob sie denn nun wirklich an Land gingen oder nicht. Das konnte Kapitän Reichard aber natürlich auch nicht genau sagen. Einige Tage vergingen in gespannter Erwartung, und selbst der sonst so streng gehandhabte Dienst ließ etwas nach. Da machte sich an einem Morgen eine ausfällige Unruhe in der Stadt bemerkbar. In den nach dem Hafen hinunter führenden Straßen, in die man vom Schiff aus hineinsehen konnte, an den Kaien und Liegeplätzen der Schisse wimmelte es von Men schen, die hastig durcheinander liefen, und deutlich klang ein immer stärker werdendes Getöse und verworrener Lärm von der Stadt herüber. Da hinein mischten sich plötzlich, deutlich wahrnehmbar, Revolver- oder Gewehrschüsse. Der wachhabende Offizier der Borck" ließ sofort dem Kom- Mandanten von den Vorgängen an Land Meldung machen^ Politische Verwicklungen. 217 und dieser befahl, daß die Schutzwache sich klar machen sollte. Der Befehl: Die als Schutzwache abgeteilten Leute im vorderen Batteriedeck antreten!" wirkte wie eine Bombe im Schiff unter der Mannschaft. Diejenigen, denen der Befehl galt, stürzten ohne weiteres von ihren Plätzen weg. Einzelne rannten, so schnell es ging, zum Batteriedeck, andere holten erst ihre Handwaffen, und mehrere liefen ins Zwischendeck an die Kleiderspinde, weil sie dachten, sie müßten sich erst umziehen. Was wollen Sie hier? Habt ihr nicht gehört: ,Antreten im vorderen Batteriedecks Raus aus dem Zwischendeck!" fuhr sie aber der Wachhabende an, und endlich standen die dreißig Mann im Batteriedeck versammelt. Die zuletzt Ge kommenen erhielten auch vom ersten Offizier einen Rüssel, dann sagte Kapitän Reichard: Sie werden sich jetzt mit möglichster Behendigkeit klar machen. Jeder empfängt vom Segelmacher eine wollene Decke, die schon gerollt und gebunden ist. Da hin ein packen Sie ein Päckchen Arbeitszeug, Unterzeug und ein Paar Strümpfe! Die Decken werden wieder so zusammen geschnürt, daß nichts herausfallen kann. Der Anzug ist reines Arbeitszeug! Exerzierkragen! Schuhe! Sowie ihr euch um gezogen habt, tretet ihr mit Handwaffen, Brotbeutel und Patronentasche hier wieder an, und nun ein bißchen hurtig! Zn zehn Minuten seid ihr wieder hier!" Wie ein Spatzenschwarm stob die Gesellschaft auseinander und nach unten. Du, nun geht s los. Run gelPs wirklich los!" rief einer dem anderen zu. Mensch, das wird ein Spaß. Was da wohl los ist an Land! Hast du gehört, sie schießen! Gib mir die Decke, ich hatte sie doch zuerst in der Hand!" Ach, laß doch, ich hab^ sie ja schon, du bekommst ^ne andere!" Hier, Büdelneiher (Beutelnäher, Scherzname für den Segelmacher), giww mi ook ür Deck her!" So, Platz da!" so ries und schrie alles durcheinander. Leutnant Griebnitz, der als Führer der Schuhwache mit an Land gehen sollte, machte sich ebenfalls klar, aber ehe noch die kleine Truppe bereit war zur Einschiffung, kam mit hastigen Ruderschlägen ein Boot von Land und brachte den Konsulatsekretär an Bord. Der Herr Ministerresident läßt bitten, die Schuhwache218  S. Kapitel.  schleunigst an Land zu schicken, in der Stadt wäre Revolution ausgebrochen," meldete er dem Kommandanten. Nun wurde mit größter Energie Werk gegangen, imd in kürzester Frist fuhr Leutnant Griebnitz in Begleitung des Sekretärs ab. Dabei konnte Leutnant Schneider sich nicht enthalten, ihm noch nachzurusen: Na, kommen Sie auch ge sund wieder!" Mit gemischten Gefühlen sahen die Zurückgebliebenen den Davonfahrenden nach. Kapitän Eisenhart und sein erster Offizier waren nicht ohne Besorgnis, denn wenn der Pöbel der Hauptstadt wirklich revoltierte, so waren dreißig Mann doch eigentlich so gut wie nichts. Die jüngeren Offiziere und die sämtlichen Unteroffiziere und Mannschaften dagegen wären natürlich jeder einzelne für sich zu gern mitgegangen. Nur Kapitänleutnant Röder sagte: Hoffentlich schießen die Herr schaften nicht auch nach Cobras hinüber, ich bin mit meiner Beobachtungsreihe noch nicht ganz fertig." Seit acht Tagen nämlich fuhr er jeden Morgen um halb acht Uhr nach der Insel Cobras hinüber, um mit dem Steuer mann zusammen aus dem dort befindlichen Observationspunkt Beobachtungen über den künstlichen Horizont anzustellen. Diese Beobachtungen, bei denen die Höhe der Sonne immer zur gleichen Zeit gemessen wird, dienen als Unterlage für Be rechnungen der Chronometergang- und Standtabelle, und das Ergebnis ist natürlich um so zuverlässiger, je länger die Reihe der Beobachtung ist. Da fahren übrigens auch die Engländer an Land," sagte er. Und da die Amerikaner!" rief Hosfmann. Von den Brasilianern sind schon heute früh auf der Morgenwache etwa zweihundert Mann bewaffnet an Land gesetzt worden," sagte der wachhabende Offizier. Weshalb ist mir das nicht gemeldet worden?" fragte der Kommandant. Wer hat die Wache gehabt?" Leutnant Maurer," versetzte Wohlfahrt, worauf sich der Kominandant den jungen Herrn rufen ließ und ihn ebenfalls fragte, weshalb die Meldung unterblieben sei. Ich dachte, das wäre nichts Besonderes, Herr Kapitän," erwiderte Leutnant Maurer, und wollte Herrn Kapitän Harum nicht stören lassen."Politische Verwicklungen. 219 Leutnant Maurer, merken Sie sich ein für allemal, eine dienstliche Meldung ist keine Störung," versetzte Kapitän Eisenhart scharf. Sie wissen doch wohl, daß die Zustände an Land augenblicklich nicht ganz geordnet sind, oder nicht?" Zu Befehl, Herr Kapitän!" Nun, Herr, danir hätten Sie mir unter allen Umständen eine so auffällige Sache, daß plötzlich zweihundert Mann be waffnet von deir Kriegschiffei: an Land geschickt werden, mel den lassen müssen!" schalt Kapitän Eisenhart. Ach wünsche, daß Sie in Zukunft eine etwas schärfere Auffassungsgabe zeigen!" Wie kann ich wissen, daß das so was Wichtiges ist, wenn da zweihundert Halbneger an Land fahren," dachte Leutnant Maurer bei sich, aber laut sagte er natürlich: Zu Befehl, Herr Kapitän!" Lassen Sie mir die Gig klar machen, ich will selber an Land fahren!" befahl der Kommandant. Er nahm aber dann doch davoir Abstand, als es an Land sich zunächst wieder zu beruhigen schien, und schickte seinen Adjutanten zu dem ältesten englischen Kommandanten, um fragen zu lassen, ob jener noch irgendwelche besonderen Maß regeln zu treffen gedächte. Leutnant Fritsche war kaum zurückgekchrt, da kam der Engländer selbst aus die Ajorck" herüber. Hallo, Captain!" begann er schon auf der halben Fall reepstreppe, ich komme selbst, um 311 fragen, ob Sie noch irgend etwas tun wollen. Ach habe fünfundzwanzig Mann an Land geschickt und denke, das ist genügend. Wollen Sie schießen oder sich einmischen, wenn der Spektakel an Land losgeht? Unser Minister weiß selbst nicht recht, was er will, und hat mir immer nur sagen lassen, ich sollte abwarten und dann nach eigenem Ermessen handeln. Was haben Sie für Instruktionen?" Ich habe mit meinem Regierungsvertreter verabredet, daß wir uns unter keinen Umständen einmischen, außer wenn die Residentur oder das Konsulat angegriffen wird," erwiderte Kapitän Eisenhart, der seinen englischen Gast mit in die Kajüte genominen hatte. Meine Offiziere und meine Leute Haben strengsten Befehl, nur im äußersten Notfall von der220 8.fSapitel. Waffe Gebrauch zu machen. Ach denke aber, es wird gar nicht dazu kommen." Das hoffe ich auch," erwiderte Captain Montgomery. Jedenfalls, wenn Sie noch mehr Leute an Land schicken oder glauben, daß irgend etwas anderes gemacht werden muß, dann lassen Sie es mir vorher sagen, nicht wahr? Dann gehen wir zusammen. Ach werde es in diesem Falle genau so nrachen wie Sie. Guten Morgen, Captain!" Damit fuhr er zu seinem Schiff zurück. So lange es hell war, blieb an Land auch alles ruhig. Gegen Abend aber hörte man plötzlich von der Stadt her einen wüsten Lärm, der sich rasch zu dröhnendem, tosen dem, heulendem Gebrüll steigerte. Dann sah man das Auf blitzen von Schüssen, hörte den scharfen Knall einzelner Schüsse, darauf das raffelnde Schnellfeuer von Nepeticr- gewehren, dazwischen krachende Salven; einzelne Kanonen schüsse brüllten dumpf dazwischen, und das Licht in der ganzen Stadt erlosch. Dafür flammte es aber bald an verschiedenen Stellen auf, und eine feurige Lohe wälzte sich funkenstiebend in die Luft. Durch all das wüste Getöse und das Schießen hindurch aber klang immer und immer wieder kreischendes, gellendes Angstgeschrei und erfüllte die Luft, daß den Hörern das Blut in den Adern erstarrte. Junge, Junge, nu geiht dat aber dull her!" rief Ma trose Jensen, der zwischen seinen Kameraden vorn aus der Back stand und nach der Stadt hinüber starrte. Hör mal, wat se scheeten doht! Da! Da! Nu sind fe ook mit Ka- nons to Gang." Sieh mal, wie es da brennt!" rief ein anderer. Das sind doch mindestens zwei oder drei Häuser! Hui, sieh mal, wie die Funken stieben!" Dat hebbt de Kerls mit Willen anstecken," meinte Petersen. Dit Mal helpt wi aberst nich." Nee, ganz gewiß nicht," rief Markward. Dor könnt s lang up luern." Da! Da drüben brennt es auch! And da an noch einer Stelle!" klang es von verschiedenen Seiten, und immer Heller ward die Glut über dem Häusermeer der Stadt, immerPolitische Verwicklungen. 221 wilder das Kampsgetöse, bis nach Verlaus von zwei Stunden etwas Ruhe eintrat. Eigentlich möchte ich doch mal an Land fahren," sagte Kapitän Eisenhart zu dem ersten Offizier. Wenn Herr Kapitän gestatten, so möchte ich Ihnen aber davon doch entschieden abraten," erwiderte Kapitän Reichard. Ach glaube, es wäre jetzt ohne direkte Lebensgefahr unmög lich, auch nur zehn Schritte in den Straßen vorwärts zu kommen. Die Aufständischen schießen doch einfach blind daraus los, wenn sie irgendwo eine unbekannte Uniform entdecken, und da ist man erledigt, man weiß nicht wie." Sie haben ja vollkommen recht, Reichard," erwiderte der Kommandant, aber ich sorge mich um Griebnitz und unsere Leute. Es ist ein unangenehmes Gefühl, hier an Bord zu sitzen und die Leute an Land zu wissen." Ja, dabei läßt sich doch aber augenblicklich nichts tun," meinte der erste Offizier. Übrigens ist ja Griebnitz ein ganz verständiger Mensch, und Herr von Kracht wird unsere Leute schon nicht unnütz in Gefahr bringen." Ja, das glaube ich auch," meinte Kapitän Eisenhart, und ich werde auch an Bord bleiben. Wenn wir aber morgen früh bis zehn Uhr keine Nachricht haben, fahre ich auf jeden Fall." Fast die ganze Besatzung der Porck" blieb während der Nacht auf den Beinen, und keiner bezeigte Neigung zuin Schlafen, denn immer von neuem erhob sich an Land das wilde Kampfgetöse, und die Brände flammten an allen Ecken und Enden auf. Als es hell wurde, lagerte eine dicke, schwere Rauchwolke über der Stadt und trübte das sonst so glänzende, heitere Bild. üm acht ühr setzten alle Kriegschiffe im Hafen wie ge wöhnlich die Flagge, nur daß heute weder bei den Engländern noch den Amerikanern oder Brasilianern die Musik dazu spielte. Unmittelbar nach der Flaggenparade aber setzten von dem brasilianischen Flaggschiff zwei Dainpfpinassen ab, die in rascher Reihenfolge bei den übrigen fremden Kriegschiffen herumfuhren. Der brasilianische Admiral ließ dem Koin- mandanten sagen, der bisherige Präsident, Lopez Oliveira, habe am Morgen abgedankt, und an seiner Stelle habe der222 3. Kapitel. General Rodriguez Vega die Präsidentschaft übernommen, der für Ruhe und Frieden in der Stadt, sowie die Sicherheit der fremden Untertanen volle Garantie übernehme. Gleich zeitig stelle aber der neue Präsident die Bedingung, daß die am Tage vorher zum Schutz der Gesandtschaften und Kon sulate entsandten Truppen sofort zurückgezogen würden. Die brasilianische Armee, an deren Spitze zu stehen der General und jetzige Präsident die Ehre habe, würde den Schutz selbst übernehmen. Kaum hatte der Kommandant diese Meldung erhalten, so fuhr er in Begleitung seines Adjutanten an Land, nahm aber auf Bitten des ersten Offiziers zwei nur mit Seiten gewehr bewaffnete Matrosen als persönliche Begleitung mit. An der Landungsstelle traf er schon mit dem Konsul Hoss mann zusammen, der vergeblich nach einem Boot suchte, das ihn zur Porck" hätte hinüberbringen können. Ah, Herr Kapitän, das ist schön, daß Sie kommen!" rief der Konsul aus. Der Herr Ministerresident wollte Sie gerade bitten lassen, zu einer Konferenz an Land zu kommen!" Am Eilschritt begab sich der kleine Zug zur Nesidentur, wo Herr von Kracht Kapitän Eisenhart mit den Worten emp fing: Mein lieber Herr Kapitän, die Sache ist hier vorläufig aus und erledigt, und wir schweben alle sozusagen in der Luft, das heißt die alte Negierung existiert nicht mehr, und bei der neuen sind wir noch nicht beglaubigt. Aber ich bleibe selbstver ständlich auf meinem Posten und betrachte mich durchaus weiter in meiner Stellung als Gesandter, was ich dem General oder vielmehr dem Herrn Präsidenten Bega auch bereits schrift lich zur Kenntnis gebracht habe. Im übrigen werden wir wohl dem Wunsche der neuen Negierung nach Zurückziehung der Truppen Nachkommen müssen." Darüber wollte ich eben Ihre Ansicht erbitten, Herr Minister," antwortete Kapitän Eisenhart. Es wurde dann beschlossen, daß Leutnant Griebnitz mit seiner bewaffneten Schar sofort nach dem Landungsplatz abmarschieren sollte, sobald die von dem neuen Präsidenten zugesicherte neue Schutzwache eingetrosfen sei. Der Gesandte erzählte dem Kommandanten dann noch über die Vorgänge der letzten Nacht, bei denen es vielfach mitPolitische Verwicklungen. ESESESESESEiaEiü 223 geradezu unglaublicher Wildheit und Grausamkeit her gegangen war. Am Mittag kehrte Leutnant Griebnitz mit seiner Truppe an Bord zurück. Die Vorgänge in der Nacht, das, was jeder einzelne dort gehört und gesehen hatte, bildeten dann noch für lange Zeit an Bord der Porck" sowohl bei den Unteroffizieren wie Mannschaften wie auch in der Osfiziersmesse und bei den deutschen Bekannten an Land ein ergiebiges Gesprächsthema. Der kleine Kreuzer Niobe", der drei Tage später eintraf, konnte schon nach kurzer Zeit wieder aus seine westindische Station zurückkehren, da der neue Präsident mit großer Energie die Zügel der Regierung ergriffen hatte und tatsächlich in der Lage war, die Ruhe aufrecht zu erhalten. Kapitän Eisenhart aber saß mehrere Tage lang eifrig mit Schreiben beschäftigt in seiner Arbeitskajüte und verfaßte einen eingehenden Bericht über die sämtlichen Vorgänge nach Hause. Etwa drei Wochen lang noch dauerte der Aufenthalt der Porck" im Hafen von Rio, da erhielt das Schiff telegraphisch den Befehl, sich nach dem La Plata auf den Weg zu machen. Vorher aber fand noch eine große Ruderregatta statt, zu der die Engländer den Airstoß gegeben hatten, und zwar war Kapitän leutnant Hotham der Anstifter. Gerudert werden sollte in Kuttern und Gigs, und ausgefordert werden sollten alle fremden Nationen im Hasen, ausgenommen natürlich die Brasilianer. Die Amerikaner lehnten jedoch ab mit dem Bemerken, ihre Boote wären so schnell, daß die übrigen gar keine Aussicht hätten zu gewinnen, aber sie wollten sich mit einem Preise für den schnellsten Kutter mit daran beteiligen. Ich denke ja gar nicht daran, um einen solchen Preis zu rudern," erklärte dagegen Kapitän Neichard. Wenn die Amerikaner nicht mitmachen, können sie auch ihr Geld be halten !" Hotham und der französische Kapitänleutnant Cuvry, die mit Kapitän Reichard zusammen die Bedingungen für die Ruderregatta festsetzen sollten, stimmten ihm darin voll kommen zu, und schließlich bequemten sich die Amerikaner, zwei Kutter und eine Gig anzumelden. Leute, ich habe eine Strecke von dreitausend Metern224 8.Kapitel. ausgemacht," sprach Kapitän Reichard zu seinen Boots gästen. Das ist ein tüchtiges Ende, aber es ist für uns die einzige Möglichkeit, zu gewinnen, imd ich weiß, ihr könnt es schaffen. Auf kurze Strecken sind uns die anderen über legen, da verlieren wir über jeden Bug, aber bei der Dauer fahrt, da müßt ihr sie schlagen und zwar kreuzweis." Jawohl, Herr Kapitän," antworteten die Kutter- und Gigsgäste und reckten die Arme. Für die Gigsgäste habe ich zweitausend Meter durch- gesetzt," fuhr Kapitän Reichard fort. Das ist auch lang genug, um zu gewinnen." €), Herr Kapitän, wir halten auch dreitausend Meter durch!" entgegnete der Gigssteuerer, und der erste Offizier gab den drei Booten während der drei Tage bis zum Beginn der Regatta noch ordentlich Gelegenheit, sich im Rudern zu üben. Vor allen Dingen auch um festzustellen, ob nicht einer im letzten Augenblick schlapp würde. Nu holt ju aber süchtig und lat de annern nich vörrut kaamen!" riefen die Leute von der Porck" ihren Kaincraden in den Kuttern und der Gig zu, als diese von der Pinasse zum Start geschleppt wurden. Zwanzig Kutter sollten in zwei Abteilungen zu je zehn Booten fahren, und ihnen folgten acht Gigs. Auf einen Kanonenschuß von der Diadein" aus begann das Wettrudern der ersten Abteilung, der nach zwei Minuten die zweite und wieder nach zwei Minuten die dritte Gruppe folgte. Die Porck" lag so ziemlich am Ende der Bahn. Was überhaupt an Kiekern und Doppelgläsern an Bord vorhanden war, war auf die herankommenden Boote gerichtet, die nur durch kleine Bugflaggen voneinander unterschieden waren. Die Porck"- Boote führten schwarzweiß über Kreuz geteilte Flaggen von vier Feldern. Eine Zeitlang war nichts Genaues zu unterscheiden, man sah nur die breite Linie der heranstürmenden Boote, an deren Bug das Wasser hoch ausrauschte, und in denen die rudernden Leute bei jedem Schlag fast vollständig hinter dem Dollbord verschwanden, so weit legten sie sich hinten über. Die Engländer sind vorn!" ries Leutnant Reiche. Nein, die Amerikaner!" widersprach Hossmann.ES Politische Verwicklungen,  225 Keineswegs, die Franzosen sind es, blauweiß," behauptete Heinrich. Nein," meinte der erste Offizier, das ist doch schwarz weiß! Das ist unser Kutter! Steuermann, geben Sie mal den großen Schiffkieker her!" Gleich, Herr Kapitän," antwortete Kapitänleutnant Röder, der sich dieses schärfsten Glases, das an Bord vorhanden ist, bemächtigt hatte. Unser Kutter ist voran!" sagte er dann. Er hat mindestens schon zwei Bootslängen Vorsprung." Ja, famos!" bestätigte der erste Offizier, durch das Glas sehend. Den kriegen sie auch nicht mehr." Ae näher die Boote an die Porck" herankamen, um so deutlicher wurde es, daß der erste Klitter der Porck" allen übrigen weit voraus war. An immerfort gleichmäßigem Auge, wie von einer Maschine getrieben, bewegten sich die zwölf Riemen und trieben das Boot bei jedem Schlag ein gewaltiges Stück vorwärts. Jetzt war es querab von der Porck"; da schwang der erste Offizier seine Mütze in die Luft und rief: Drei Hurras für unseren ersten Kutter!" und Hurra, hurra, hurra!" scholl es brausend vom Schiff zum Boot hinüber. Die Matrosen rissen die Mützen ab und schwenkten sie den Kameraden zu, und immer wieder wurden noch vereinzelte Hurras laut. Leutnant Schneider, der als Bootsführer im Kutter faß, winkte nur dankend mit der Hand zurück. Als nächstes Boot folgte ein englischer Kutter und mit ihm fast auf gleicher Höhe ein Franzose. Als die beiden Boote die Porck" passierten, wurden ihnen ebenfalls drei Hurras gebracht als den Gewinnern des zweiten und dritten Preises. Mehr als drei Bootslängen zurück kam dann erst ein Ameri kaner heran, dessen unsicherem Ruderschlag deutlich die Er schöpfung der Bootsbesatzung anzusehen war. Wie bei der ersten Abteilung, so gewann auch in der zweiten Abteilung der Porck"-Kutter einen glänzenden Sieg, nach dem anfangs die Amerikaner in ihren schnellen, leichten Booten allen übrigen weit voraus gewesen waren. Die deutsche Zähigkeit und Ausdauer aber hatte sich wieder einmal glänzend bewährt. Nun flogen die Gigs heran! Bernstorff, An Bord des Panzerkreuzers Aorck". 15226 S.Kapite!. Da braucht man gar kein Glas, um zu sehen, daß wir gewinnen!" bemerkte Kapitänleutnant Hoffmann. Solch einen Schlag wie unsere Zungen rudert keine einzige Gig." Wie ein Pfeil kam die von Leutnant Fritsche gesteuerte Gig herangeflogen, etwa zwanzig Bootslängen vor der nach folgenden amerikanischen Gig, und wurde ebenso wie die Kutter mit brausendem Hurra begrüßt. Der Sieg der Porck"- Leute war ein glänzender und wurde von allen ohne weiteres anerkannt, wenngleich die Amerikaner etwas saure Gesichter dazu machten. Die Engländer luden für den Abend noch zu einem großen Abschiedsfest aus der Diadem" ein und sangen, als die Offi ziere der Porck" sich verabschiedeten, nach alter, guter Sitte das schöne englische Lied: For he is a jolly good. fellow!“ Zn der Frühe des nächsten Morgens lichtete die Porck" die Anker und verließ den Hafen der brasilianischen Hauptstadt. Qfls die Porck" bereits in Bewegung war, kam noch ein Boot von Land, das eine soeben eingetrosfene Depesche brachte mit dem Anhalt: ,Porck" so viel brasilianische Häfen wie möglich anlausen!" Röder, das ändert unfern Reiseplan natürlich ganz er heblich," sprach Kapitän Eisenhart, dann brauchen wir auch nur mit zehn Meilen anstatt vierzehn zu gehen. Wir wollen zunächst nach Santos, dann nach Santa Catharina oder Des- terro und Rio Grande Sul fahren, vielleicht können wir auch noch Ztapacorohy anlaufen." Ztapacorohy, Herr Kapitän?" fragte Kapitänleutnant Röder. Wo liegt denn das, davon habe ich noch nie gehört." Das liegt nicht weit von Atajahy," erwiderte Kapitän Eisenhart lachend, und von da geht es nach Blumenau und Aoinville, den beiden größten deutschen Kolonien in Brasilien. Die werden Sie doch wohl wenigstens dem Namen nach kennen!"Fm La Plata. 227 So schlängelte sich nun die SJccct“ mit zehn Meilen Fahrt an der brasilianischen Küste entlang und suchte einen Hasen nach dem anderen auf. Überall, wo sich die deutsche Flagge zeigte, wurde sie mit Freuden begrüßt. Von Blumenau her aber machte sich säst die gesamte Kolonie auf, um das Schiff zu besuchen. Ein paar Herren erschienen air Bord und baten rim die Erlaubnis, das Schiff besichtigen zu dürfen. Gewiß, sehr gern!" entgegnete Kapitän Reichard. Herr Kapitän, wir sind aber nicht bloß sechs, sondern etwa vier- bis fünfhundert," antwortete einer der Deutschen. Das macht nichts!" versetzte Kapitän Reichard, kommen Sie nur alle her. Wie wollen Sie denn an Bord kommen, haben Sie Dampfer?" Die meisten werden mit dem Dampfer von Itajahy kommen, und wenn die anderen hier von Land abgeholt und wieder zurückgebracht werden könnten, so wäre das sehr liebens würdig, Herr Kapitän." Gewiß," erwiderte der erste Offizier, und am Nachmittag wimmelte das ganze Schiff von Besuchern. Nach Stunden erst verließen sie die 2)orck" wieder unter schallenden Hurras, und das Schiff setzte seine Reise südwärts fort. Reichard, ich will mir im Lauf der nächsten Woche divi sionsweise den Kleiderzustand der Mannschaft ansehen," sagte Kapitän Eisenhart. Die erste Division kann morgen vormittag ansangen." Am anderen Morgen stand die erste Division angetreten, und der Kommandant nebst den: Zahlmeister und ersteil Offizier erschienen. Nun wurde jeder einzelne Mann eingehend gemustert. Die erste Frage des Kapitäns aber war stets: Wieviel Kleider schulden oder Guthaben haben Sie?" Es stellte sich heraus, daß mehrere Leute darüber nicht ordentlich Bescheid wußten. Bekommen denn die Leute ihre Kleiderkonten nicht in die Hand, daß sie selber prüfen und nachsehen können?" fragte Kapitän Eisenhart. Zu Befehl, Herr Kapitän," antwortete der Zahlmeister, sie werden bei jeder Kleidermusterung ausgegeben, und die228 g. Kapitel. gBBgBBBBggaa Leute können sie drei Tage behalten. Seit der letzten Zeug ausgabe hat sich in den Büchern ja nichts geändert, und die Leute mutzten Bescheid wissen." Ich habe mich auch persönlich schon häufiger davon über zeugt, ob die Leute in ihren Kleiderbüchern Bescheid wissen, Herr Kapitän," bemerkte der Divisionsofsizier, Oberleutnant Reiche. Lassen Sie die mal vortreten, bei denen es nicht stimmte!" befahl daraus der Kommandant und fragte den ersten Mann nun genau: Weshalb sagen Sie, Sie hätten dreiundzwanzig Mark fünfundvierzig Pfennig Schulden, während Sie nur ein undzwanzig Mark sünfundsiebzig Pfennig Schulden haben?" Der Matrose wußte jedoch daraus keine Antwort zu geben, er hatte die Zahl überhaupt aus gut Glück genannt. Beim nächsten Mann lag die Sache umgekehrt, er be hauptete nur zwölf Mark und einige Pfennig Kleiderschulden zu haben, während das Konto fast zwanzig Mark minus auswies. Wissen Sie denn nicht, daß Sie inzwischen Sachen aus genommen haben, die Ihnen ausgeschrieben worden sind?" forschte Kapitän Eisenhart. Ja, einen Troyer habe ich erhalten," entgegnete der Matrose. Herr Kapitän, der Mann hat außer dem Troyer noch ein Päckchen Arbeitszeug und “ fiel der Zahlmeister ein. Bitte, lassen Sie, Herr Zahlmeister," wehrte aber Kapitän Eisenhart ab. Ich möchte eben mal seststellen, ob die Leute nicht selber Bescheid wissen." Ra, wie ist das mit dem Arbeitszeug? Haben Sie das bekommen?" Da bin ich mir nix von bewußt," antwortete der Matrose Rein, ich meirü man, ich hätt bloß nur nTroyer ausgeschrieben gekriegt." Eine eingehende Untersuchung des Kleiderbestandes, sowie die Aussagen der Vorgesetzten bestätigten indessen, daß des Mannes Kleiderkonto durchaus mit Recht so hoch belastet war, weil er die Sachen gefordert und erhalten hatte. Bei den übrigen Leuten verlief die Sache ähnlich, und zum Schluß befahl Kapitän Eisenhart: Ich verlange, daß jeder der Leute in jedem Augenblick ganz genau über seineSchuld oder sein Guthaben unterrichtet ist. Kapitän Neichard, lassen Sie das nötigenfalls als Fnstruktionsthema bei Kleider- wirtschaft mit aufnehmen." Zu Befehl, Herr Kapitän, das geschieht bereits," sagte Oberleutnant Reiche daraus. Herr Oberleutnant," entgegncte der Kommandant, erstens sprach ich mit dem ersten Offizier und nicht mit Ahnen, und zweitens haben Sie ja wohl sich selbst davon überzeugt, daß die Leute nicht genügend Bescheid wissen. Das ist es aber, was ich verlange." Der Tadel, den Reiche hiermit abbekam, wurde aber natürlich nicht so laut erteilt, daß jemand anders als eben Reiche selbst und der erste Offizier ihn hören konnten. Bei den anderen Divisionen wußten natürlich sämtliche Leute in ihren Kleiderkonten glänzend Bescheid, da die Divi sionsoffiziere schleunigst die Zeit benutzt hatten, um jeden einzelnen darauf 511 drillen. Im großen und ganzen bin ich mit dem Kleiderzustand, sowie mit der Führung der Kleiderwirtschaft bei den Divisionen zufrieden!" lautete das Urteil des Kommandanten am Schluß der Woche. Die Einzelheiten, die ich tadelte, werden mit Leichtigkeit beseitigt werden können, so daß darin in Zu kunft volle Übereinstimmung herrscht. Rach wie vor ist aber unter allen Umständen der Grundsatz festzuhaltcn, daß jeder einzelne Mann durch Erziehung und nötigenfalls durch Strenge zur größten Sparsamkeit angehaltcn wird!" Dieser Befehl wurde auch den Korporalschaftsführern be kannt gegeben, was Obermaat Schwarz veranlaßte, seinen beiden Luschen, wie er sie nannte, Schneidereit und Grigo- leitis, eine eindringliche Standrede zu halten. Das kann ich Ahnen sagen," lautete der Schluß, wenn wir hier von Bord gehen, denn habt ihr beide einen ganzen Kleidersack voll neuer Sachen und noch sechzig Mark Gut haben dazu, dafür werde ich schon sorgen, und wenn ich jeden Tag mit euch Kleidermusterung machen soll, aber dann gibüs natürlich keine Freizeit mehr!" Bon dieser Aussicht waren die beiden Leute aus den östlichen Provinzen wenig erbaut, aber da sie wußten, daß ihr gestrenger Korporalschaftsführer seine eigene Freizeit250 darangeben würde, um seinen Vorsatz auszuführen, so fingen sie von selber an, etwas sorgfältiger zu werden. Besonders batte auch die Drohung auf sie Eindruck gemacht: Ahr be kommt keinen Urlaub mehr, ganz gleich, wo wir hinkommen!" Damit war ihnen aber durchaus nicht gedient. Hören Sie, Röder, wir wollen uns so einrichten, daß wir vormittags in den La Plata einlausen," befahl Kapitän Eisenhart. Der Navigationsoffizier lieg darauf die Fahrt noch etwas verringern, so daß die Porck" morgens um vier Ubr die Nordecke der La Plata-Mündung, das allen Seefahrern wohlbekannte Kap Maldonado, rundete (umfuhr). Düwel, Düwel, wat süht dat Matter hier smerig ut!" rief Markward, als es hell wurde. Ja, wahrhaftig, just so as geele Arwtcnsupp (gelbe Erbsensuppe)," stimmte ihn: Pctersen bei. Es war die lehmig-gelbliche Flut, die der gewaltige La Plata weit hinaus in den Atlantik entsendet. Sie verleiht dem Wasser die Färbung, an der die Mündung des Stromes schon auf Meilen voraus zu erkennen ist. Kleine, gelbe, schau mige Wellen tanzten der Porck" entgegen, als sie den Bug westwärts wendete, der Reede von Montevideo zu. Süh mal, das ist mal n klein nüdliche Insel da," bemerkte der Bootsmaat Kuhnwald nach einer Weile und deutete auf ein kleines Eiland, das zur Rechten im Strom lag. Du, da wünsch dich man nicht hin," erwiderte Obermaat Lehwald, denn wer da einmal hinkommt, der kommt sobald nicht wieder weg." Was ist denn da los?" fragte Kuhnwald. Na, siehst du denn nicht die gelbe Flagge, die all die Schiffe gesetzt haben?" entgegnete Lehwald. Das ist nämlich die Quarantänestation. Ich Hab da mal drei Wochen lang liegen müssen, da kamen wir von Santos, und die Hafcnpolizei hier behauptete, in Santos wäre gelbes Fieber. Es war gar nicht wahr, denn wir hatten keinen einzigen Kranken an Bord, aber sie sind hier furchtbar streng. Es half uns nichts, wir mußten in Quarantäne und unser ganzes Zeug und Kojenzeug an Land geben, das wurde da ausgeräuchert. Selbst unsere Post wurde geräuchert, ehe sie sie mitnahmen. Ich kann dir sagen, das war eine unangenehme Zeit."Mit ziemlicher Scheu blickte der jüngere Unteroffizier nach den Schiffen zurück, die durch die gelbe Flagge als verseucht bezeichnet waren, und auch Kapitän Eisenbart, der an Deck gekommen war, äußerte zum Navigationsoffizier: Hoffentlich geht es uns nicht ebenso!" Dabei deutete er nach der Ansel Lobos hinüber. Übrigens ist es schmählich kalt," fuhr er fort. Es weht ein Pampero. Hoffentlich kommen wir nicht in den Anfang hinein, sondern mir in das Ende. Wir wollen jetzt große Fahrt gehen." Nach einigen Stunden erreichte die Porck" die weite, offene Neede von Montevideo und ankerte dort ziemlich weit ab der Stadt, da das flache Wasser das Herangehen nicht gestattete. Der Pampero, ein auf dieser Reede sehr gefürchteter Wind, der, auf den Pampas, den weiten Grasebenen an den üfern des La Plata, entstehend, von da nach dem Meere zu weht, nahm aber nicht, wie Kapitän Eisenhart gehofft hatte, ab, sondern im Gegenteil von Stunde zu Stunde zu, bis er zuletzt als schwerer Sturm mit furchtbaren Regengüssen über die Reede hinfegte, das gelbe Wasser des Flusses zu schmutzigem Schaum aufpeitschend. Wie fast immer hielt auch dieser Pampero volle drei Tage an, und während dieser Zeit war ein Verkehr mit dem Lande vollkommen unmöglich. Nicht einmal die Hascnpolizei und die Sanitätspolizei ließen sich blicken. Als sie dann endlich ankamen, hatte der Hasenarzt große Neigung, die Porck" nach der Quarantäneinsel zurückzuschicken, weil sie aus den brasilianischen Häfen käme, in denen zu dieser Jahreszeit das gelbe Fieber herrsche. Endlich gelang es aber Stabsarzt Möhring, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, indem er ihn mit in das Lazarett nahm und ihm die dort liegen den Kranken, sowie das Krankenjournal zeigte. Von letzterem nahm der Herr Chefarzt, wie er sich selber betitelte, eingehende Kenntnis und erlaubte dann schließlich, daß die Porck" liegen bleiben dürfe. Kaum hatte das Hafenpolizeiboot das Schiff verlassen, da nahte als zweites Boot ein kleiner Dampfer der Schiffshändler- firma Wendt & Wille, um mit dem Zahlmeister, dem Ver walter und dem Bottelier die Lieserungskontrakte für Proviant, Kohlen, Öl und was sonst das Schiff gebrauchte, abzuschließen. Zugleich brachte er vom Konsulat die Post mit und einen232 9. Kapitel. Brief des deutschen Konsuls an den Kommandanten, worin er für den Nachmittag seinen Besuch ankündigte. Hören Sie, Reichard," sagte der Kapitän, ich weiß nicht genau, wie lange wir hier liegen bleiben werden. In Buenos Aires wird eine Beurlaubung der Mannschaft äußerst schwierig werden, denn da liegen wir mindestens zehn Meilen von der Stadt ab. Sie können daher die Leute hier beurlauben, und zwar wollen wir von Nachmittag um vier Uhr bis zum nächsten Morgen um acht Uhr Urlaub geben." Sehr wohl, Herr Kapitän," versetzte der erste Offizier. Ich werde aber doch um elf oder zwölf Uhr noch ein letztes Boot fahren lassen, damit die Leute doch Gelegenheit haben, auch früher an Bord zu kommen, wenn sie die Nacht über nicht an Land bleiben wollen." Das überlasse id; selbstverständlich Ihnen ganz und gar, Ncichard," entgegnete Kapitän Eisenhart. Id) wollte Ihnen nur damit andeuten, daß ich im Prinzip hier für längere Be urlaubung bin, weil ich aus Erfahrung weiß, daß die Leute dankbar anerkennen, wenn sie mal die ganze Zeit für sich haben, anstatt immer schon um sieben oder acht Uhr, wie es bisher der Fall war, zurückzumüssen. Kohlen nehmen wollen wir erst, wenn wir von Buenos Aires zurückkommen." Bei der Morgenmusterung am anderen Tage wurde bei den Divisionen bekannt gemacht: Die Freiwache erhält heute nachmittag Urlaub von vier Uhr an bis morgen früh um acht Uhr!" Hurra, Mensch! Dat is aber sein!" rief Matrose Pctersen und siel seinem Freunde Jensen beinah um den Hals. Wi gaht doch natürli tosamen." Na, natürlid)!" entgegnete Jensen, aber düchtig. Blots, du, wo ward dat mit dat Geld? Ick heww all de smerigen brasilsd)en Lappen, de Milchreis oder wo se dat nennen, wedder abgewen, dor wär ja doch nix mit antosangen, und hier gelt se glöw ick ook nick)." Hüt middag giwwt dat Löhnung," entgegnete Petersen. De Zahlmeister und Griebnitz sünd hüt morgen all an Land söhrt, um Geld to holen." Das stimmte auch, denn um zwei Uhr wurde für die erste und dritte Division, sowie die Freiwache der Heizer, die an LandES Im La Plata. WSSSSSSSS 233 gehen sollten, der Befehl erteilt: Antreten zur Löhnungs zahlung !" Fm vorderen Batteriedeck wurde eine Back niedergeschlagen, der Zahlmeister mit dem Zahlmeisterapplikanten und Leutnant Griebnitz erschienen. Nach einer namentlichen Liste wurden die Leute aufgerufen und jedem der Betrag, der ihm seit der letzten Löhnungszahlung zustand, angegeben, mit dem Zusatz: Stimmt das?" Das war für die meisten eine schwierige Frage, denn die Umrechnung der fremden Geldsorten in deutsche war ihnen natürlich gänzlich fremd. Wieviel Mark und Pfennig auf eine brasilianische Milreis Papierwährung gingen, hatten sie natürlich längst vergessen, und wieviel ein Peso von Uruguay wert war, wußten sie ebensowenig. So begnügten sie sich fast durchweg damit zu antworten: Es wird wohl stimmen." Na, kommen Sie mal her!" sagte der Zahlmeister hin und wieder zu dem einen oder dem anderen, der ein etwas zweifel haftes Gesicht machte. Ich werde Ihnen das mal vorrechnen. Sie bekommen also soundsoviel Löhnung, nicht wahr? Stimmt das?" Jawohl!" lautete dann die Antwort. Davon gehen ab für letzte Löhnungszahlung nach soundso- viel Dekaden so viel, bleibt also ein Rest von soundsoviel, dazu kommt noch eine Dekade Löhnung. Kleiderschulden haben Sie nicht, wird Ihnen also auch nichts abgezogen, und nun können Sie soundsoviel Mark kriegen, das hiesige Geld heißt Peso, und ein Peso ist so viel wie vier Mark, also erhalten Sie fünfeinhalb Peso. Wollen Sie das alles haben? Oder soll was gut geschrieben werden?" Natürlich wollten sie alle ihr Geld haben, denn von nach mittags um vier Uhr bis zum nächsten Morgen um acht Uhr braucht man doch was an Land. Mehreren armen Teufeln unter denen, die sich meldeten, wurde aber die niederschmetternde Mitteilung gemacht: Fa, Freundchen, Sie bekommen nichts, Sie haben noch über sechzig Mark Kleiderschulden, außerdem haben Sie in der Kantine eine Rechnung von beinah sechs Mark im Monat gemacht, wo soll da was übrig bleiben? Was? einen Vorschuß? Nein, Freundchen, den kann ich Ihnen nicht geben. Herr Leut-234  S. Kapitel. ES nant Griebnitz, der Mann möchte einen Vorschuß haben!" wendete sich der Zahlmeister an den beaufsichtigenden Offizier. Prerow, das wissen Sie doch selber ganz genau, daß das nicht geht," versetzte Leutnant Griebnitz. Warum wirtschaften Sie so schlecht?" Ach, Herr Leutnant, wenn ich man ^n paar Mark kriegen könnte," bettelte Prerow. Nächsten Monat lasse ich denn auch in der Kantine nichts anschreiben." Za, das sagen Sie immer," entgegnete der Offizier. Das war in Rio schon dieselbe Geschichte mit Ahnen, da hatten Sie auch nie Geld, weil Sie alles beim Bottelier aus geben. Ahr bekommt doch wahrhaftig reichlich und gut genug zu essen an Bord, daß ihr nicht eure ganze Löhnung noch nebeirbei für Eier und Wurst llnd alles mögliche andere aus zugeben braucht. Ach kann Ahnen auch nicht helfen, aber lassen Sie sich das zur Warnung dienen und werden Sie sparsamer!" Der nächste!" befahl daraus der Zahlmeister seinein Adjutanten, dem Zahlmeisterapplikanten, und der Aufruf ging weiter, während Prerow mit gesenktem Haupt und Groll im Herzen davonschlich. Natürlich war er nicht über sich und seine liederliche Wirtschaft ärgerlich, sondern über den Kantinen verwalter, bei dem er immer so viel angeschrieben stehen hatte, und über den Zahlmeister, der ihm keinen Vorschuß geben wollte. Schließlich durchzuckte ein Hoffnungsstrahl seinen Kopf. Als die Löhnungszahlung vorbei war, klopfte es zaghaft bei Leutnant Griebnitz an die Kammertür. Herein!" rief der junge Offizier und zog gleichzeitig den Vorhang zurück. Da stand Prerow vor ihm. Na, was wollen Sie?" fragte Griebnitz. Ach, Herr Leutnant, ich wollte bitten, ob ich nicht doch n kleinen Vorschuß kriegen könnte, ich kann sonst gar nicht mit an Land gehen," bat Prerow und machte ein ganz zerknirschtes Gesicht dazu. Nein, woher soll ich Ahnen Vorschuß geben können? Wie kommen Sie auf den Gedanken?" entgegnete der Offizier. Meinen Sie, ich sollte Ahnen etwas borgen?" Statt zu antworten, grinste Prerow ein wenig und nickte zaghaft mit dem Kopf. Na, Sie sind ein spaßiger Kauz!“ rief Leutnant Griebnitz. Warum kommen Sie dem: gerade zu mir? Ach bin doch gar nicht Ahr Divisionsoffizier, sondern habe nur heute zufällig die Löhnungszahlung übernommen. Also, wenn Sie was wollen, wenden Sie sich nur an Herrn Leutnant Reiche oder Herrn Leutnant Schneider." Die geben mir nix," platzte Prerow raus. Ach so!" versetzte darauf Leutnant Griebnitz. Das haben Sie also auch schon probiert. Nein, dann gebe ich Ihnen ganz gewiß erst recht nichts, denn erstens mal habe ich gar nichts mit Ahnen 511 tun, und zweitens müssen Sie Ordnung lernen. So, und nun habe ich keine Zeit mehr." Völlig geknickt schlich Matrose Prerow von dannen und sah mit Neid und Grimm im Herzen am Nachmittag die Kameraden in fröhlichster Lärme an Land fahren, während er selber an Bord bleiben mußte. Alle Versuche, sich sonst irgendwo Geld zu verschaffen, waren völlig sehlgegangen. Wenn ich nicht an Land komme, will ich wenigstens gut zu Abend essen," dachte er bei sich und forderte in der Kantine zwei hart gekochte Eier und ein viertel Pfund Leberwurst. Matrose Prerow," sagte er seinen Namen dazu. Prerow? Nee, du kriegst nichts, du hast schon zu viel verbraucht, hat Leutnant Reiche befohlen," entgegnete der Botteliergast, der in der Kantine ausgab. Damit legte er die zwei Eier und das leckere Ende Wurst, das er schon in der Hand hielt, wieder beiseite. So mußte sich Prerow heute mit Tee und Brot begnügen, da auch die Butter beinah 311 Ende war. Ganz flaumenweich wurde ihm aber erst am anderen Tage, als die Beurlaubten von Land zurückkamen und erzählten, wie vorzüglich sie sich unterhalten hätten. Das Boot um elf Uhr hatte mit Ausnahme einiger Deckoffizierc, die a uch mal an die Küste gestiegen waren, und zweier Obermaate kein einziger benutzt. An diesem Nachmittag ging die andere Hälfte der Besatzung auf Urlaub, und wieder mußte Prerow harte Pein leiden, als er vernahm, welche köstliche Stunden die Kameraden an Land verlebt hatten, und wie fein es in Montevideo wäre. Am nächsten Tage ging die Porck" nach Buenos Aires hinaus.256 s. Kapitel. So, Herr Garlich, jetzt kommen wir aber in das gelobte Land des Rindviehs," äußerte der Maschinist Vogt zu seinem Kameraden, dem Messevorstand. Zch denke, da werden Sie uns glänzend traktieren mit Beefsteaks, Rouladen, Schmor braten und so weiter." Natürlich! Beefsteak von Filet mit ’n paar Setzeiern oben dratlf, kleinen Gurken und Bratkartoffeln dazu, morgens run halb acht Ahr, tellergroß, für jeden Herrn!" hohnlachte der Messevorstand. Zu Mittag Bouillon mit Rindermark, hinter her ein großer Lendenbraten und abends ein kaltes Rost- beas! So ungefähr dachten Sie sich das ja wohl?" Beinahe!" versetzte der Maschinist Vogt, nur haben Sie noch etwas dabei vergessen, nämlich daß für jeden eine Dose Liebigs Fleischextrakt zur unentgeltlichen Benutzung auf dem Tisch steht. Der ist hier nämlich so billig, den bekommt man beinahe geschenkt." Herr Vogt, für die erste Dose Fleischextrakt, die Sie für die Messe geschenkt bekommen, zahle ich fünf Mark!" sagte Maschinist Garlich, worüber Vogt sofort ein kleines Protokoll aufnahm, das Garlich gleich mit dem größten Vergnügen Unterzeichnete, später aber wütend zerriß, als es ihm sein Kollege nebst einer vom Schiffshändler für die Deckoffiziers- messe gestifteten Einpfunddose Liebigs Fleischextrakt verhielt. Die Fahrt den La Plata auswärts hatte die Porck" unter Führung des deutschen La Plata-Lotsen, der eigens dazu von Buenos Aires nach Montevideo heruntergekommen war, an getreten. Während der vierundzwanzig Stunden, die sie in Anspruch nimmt, waren weder der Lotse noch der Navigations offizier kaum von der Kommandobrücke heruntergekommen. Anunterbrochen hatten auch die Lotgänger an beiden Seiten des Schiffes gelotet und war ihr monotoner Ruf er schollen, abwechselnd immer Ein halb über dreizehn!" oder Gerade dreizehn!" Während der Nacht aber hatte der Lotse selbst ein kleines Privatlot benutzt, das er in der Tasche bei sich trug. Es war ein Stückchen Blei von kaum Halbpfund Schwere an einer seinen seidenen Schnur. Sie haben ja gar keine Tiesenmarken dran!" äußerte Kapitänleutnant Röder, die seine, gedrehte Schnur durch die Finger ziehend. Brauche ich auch nicht," erwiderte der Lotse. Ich fühle es am Grund, wo ich bin. Den La Plata befahre ich jetzt feit mehr als dreißig Jahren, Herr Kapitänleutnant, da lernt man solch Fahrwasser genauer kennen wie seine eigene Tasche. Ich will mit geschlossenen Augen auf einem Dampfer ein paar Stunden fahren, dann das Lot werfen und ohne weiteres genau sagen, wo ich bin." Als der Navigationsoffizier über diese Kenntnis staunte, meinte jener: Ja, das bekommt man so nach und nach voll kommen ins Gefühl." Ohne Anfall erreichte die Porck" den Ankerplatz mitten im La Plata, der selbst aus der Höhe von Buenos Aires noch eine Breite von etwa vierundzwanzig Seemeilen hat. Zwei quer zur Stromrichtung ausgebaggerte Rinnen für Schiffe bis zu etwa sechzehn bis siebzehn Fuß Tiefgang führen zur Stadt hin und 511 den großartigen Bassinanlagen am Ufer des Stromes. Dahin war leider der Weg für die Porck" wegen ihres zu großen Tiefganges unpassierbar. Reichard, übernehmen Sie das Schiff, ich fahre zum Gesandten und bleibe zwei Tage an Land," erklärte Kapitän Eisenhart nach dem Ankern. Herr Kapitän, soll ich mitfahren?" fragte Leutnant Fritsche. Nein, das ist nicht nötig," erwiderte Kapitän Eisenhart, und so sah Fritsche sich um die Hoffnung betrogen, mit seinem Kommandanten dienstlich an Land zu fahren und dafür Tagegelder liquidieren zu können. Daraus hatte ihn nämlich Zahlmeister Kirchner aufmerksam gemacht. Allerdings müssen Sie dann in Uniform fahren," sagte der Zahlmeister, falls nicht der Kommandant ausdrücklich genehmigt, daß Sie eine dienstliche Reise in Zivil antreten. So einige vierzig Pesos kommen schon dabei heraus." Nun wurde daraus nichts, denn Kapitän Eisenhart fuhr selbst in Zivil, machte also scheinbar keinen dienstlichen, sondern einen privaten Besuch beim Gesandten. Herr Kapitän, wie ist das mit dem Urlaub, und wird eine Bootsroutine eingerichtet?" fragte Oberleutnant Reiche den ersten Offizier und nunmehr stellvertretenden Koinmandanteri. Urlaub können Sie natürlich bekommen!" erwiderte238 ESESESESE8EgäESESESES ö. Kapitel. EI3ESäE13E3EE3EESt3Ei3EäEi3 der Gefragte. Aber eine Bootsroutine werde ich bei der Ent- fernung nicht aufstellen. Ach weiß ja gar nicht einmal, wie lange die Pinasse bis hin und zurück braucht, und sowie hier etwas Wind auf dem Strom ist und Seegang steht, kann sie sowieso nicht fahren. Den Ilrlaubszahn lassen Sie sich man am besten ganz ziehen!" I wo!" entgegnete Reiche. Rein, Herr Kapitän, das gibt s nicht! An Land wird gegangen, auf alle Fälle! Das wäre ja noch schöner! Wenn Sie uns nur sagen wollen, wann wir an Land fahren können, und wann wir wieder zurück sein sollen, dann fahren wir mit der Pinasse hin und heuern uns an Land einen Dampfer. Der Schiffshändler kommt ja sowieso jeden Tag heraus. Ich bitte gehorsamst um Urlaub!" Bitte sehr!" entgegnete Kapitän Reichard. Der Kom mandant gestattet, daß die Herren so lange an Land bleiben, als sie dienstfrei sind. Danach können Sie sich ja nun mit der Wache einrichten." Gestatten Herr Kapitän, daß wir auch mit den Wachen tauschen?" fragte Leutnant Reiche als ältester Wachossizier. Das machen Sie ganz, wie Sie wollen, ich verlange nur, daß imincr ein Wachoffizier oben ist," erwiderte Kapitän Reichard, woraus die Wachoffiziere untereinander abmachten, wie sie der Reihe nach Buenos Aires genießen wollten. Was meinen Sie, Herr Kapitän? Hier müßte doch eigent lich feine Gelegenheit zur Jagd sein! Es muß hier doch massen haft Enten und anderes Wassergetier geben!" sagte Kapitän- leutnant Hoffmann. Wie wär s, wenn wir mal einen kleinen Iagdausflug machten?" Fahren Sie nur los, ich habe keine Zeit dazu," entgegnete der erste Offizier. Was für ein Boot kann ich dazu haben?" Kutter oder Jolle, ganz wie Sie wünschen. Aber ich glaube, der Kutter wäre sicherer, denn wenn hier Wind auf kommt, steht gleich eine kimfsige (schwere) See. Außerdem kommen Sie mit der Jolle gar nicht gegen den Strom an." Kapitänleutnant Hoffmann beschloß denn auch einen größeren Jagdzug zu veranstalten und warb unter seinen jüngeren Kameraden Teilnehmer dazu. Herrschaften, es gibt hier massenhaft Enten, das siehtman doch auf den ersten Blich" meinte er. Außerdem aber gibt es hier Schwäne. Die mit dem schwarzen Hals, die sollen massenhaft Vorkommen. Wir lassen sie uns dann nachher ausstopfen und stellen sie in die Messe, das wird sehr vornehm aussehen." Können Sie denn ausstopsen?" fragte Leutnant Schneider. Ach nicht, aber der Büchsenmacher," antwortete der ältere Offizier. Er fand aber mit seinen Jagdplünen wenig Gegenliebe und gab sie auch selber vollständig aus, als am Nachmittag ein ziemlich großer Dampfer von der Stadt heraus kam, auf dem sich die Vertreter mehrerer deutscher Klubs befanden. Sie wollten ihren Besuch an Bord machen und überbrachten Einladungen an Land. Herr Kapitän," sprach ein Herr von Eycken, als wir hörten, daß die ,Porck in Montevideo läge, hofften wir natürlich sogleich auch, daß Sie uns besuchen würden, und in unserem Klub, dem ersten deutschen Klub von Buenos Aires, haben wir gleich beschlossen, den Kommandanten und die Herren Offiziere einzuladen. Geplant ist zunächst ein Herren abend, um sich gegenseitig kennen zu lernen, dann ein großes Fest mit Ball und Souper, ein Ausflug nach dem Tigre und, wenn es die Zeit irgend erlaubt, der Besuch einer großen Estanzia, wie die großen Rinder-, Schaf- und Pferdcsarmcn hier genannt werden. Es finden außerdem an jedem Sonntag Flachrennen in Belgrano statt und vom englischen Reitklub Hindernisrennen zweimal in der Woche in Hurlingham. Sie sehen also, für Abwechslung ist gesorgt, und wir hoffen, daß die Herren sich nicht langweilen, sondern sich sehr wohl bei uns fühlen werden." Herr Kapitän, wir bitten ebenfalls um die Ehre und das Vergnügen, die Herren bei uns in unserem Klub zu sehen," fing da auch ein Herr Ludwig Müller, der Vorsitzende eines anderen deutschen Klubs, an. Wir laden Sie hiermit freund- lichst zu einem musikalischen Abend mit nachfolgendem Tanz, einem Kegelabend und einer Rundfahrt durch Buenos Aires und nach den Vorstädten ein. Außerdem beabsichtigen wir zu sammen mit den Herren des Klubs ,Eintracht" für Ähre Unter offiziere und Mannschaften zwei Festlichkeiten zu veranstalten, zu denen Sie hoffentlich Ihre Einwilligung geben werden."240 S.Kapitel. Zn längerer Rede schloß sich der Vorsitzende des Klubs Eintracht" diesen Worten an. Meine Herren, ich danke Ihnen für Ihre liebenswürdigen Einladungen im Namen des ganzen Schiffes," erwiderte Kapitän Reichard. Was Sie uns da in Aussicht stellen, ist aber so viel, daß wir unmöglich alles annehmen können. Wir wisseit zwar, daß es Landsleute sind, die uns aus eigenem Antrieb diese Feste anbieten, aber, wie gesagt, es ist zu viel.- Wir wären vor allen Dingen bei der weiten Entfernung, die uns von der Stadt trennt, gar nicht in der Lage, uns auch nur im kleinsten Maße irgendwie erkenntlich zu zeigen." Hier wurde er lebhaft von den deutschen Herren unter brochen, die sämtlich erklärten, daß damit nicht gerechnet würde und selbstverständlich auch gar keine Rede davon sein könnte. Kominen Sie nur zuerst zu uirs an Land, Herr Kapitän, alles übrige wird sich dann schon finden!" rief Herr von Eycken. Am nettesten wäre es doch, wir nehmen gleich eiiüge Herren mit an Land," meinte Herr Mahn, damit sie sich davon über zeugen können, wie es bei uns aussieht." Diesem Vorschlag stimmten die übrigen Einladenden lebhaft zu, und so fuhren nach einigen Stunden vergnügten Bei sammenseins, während deren sich die Besucher gleich das ganze Schiff angesehen hatten, die Kapitänleutnants Röder und Hoff- mann, die beiden Oberleutnants Reiche und Bertram und die Leutirants zur See Griebnitz, Fritsche, Baumbach und Schneider mit an Land. Herr Kapitän, der Dampfer ist von uns für die ganze Liegezeit der ,Borck auf dem Strom gemietet und wird jeden Vormittag und Nachmittag herauskommen, um Herren abzuholen, oder an Bord zu setzen. Wenn Sie Ihre Leute beurlauben wollen, so steht Ihnen der Dampfer selbstverständlich ebenfalls dafür zur freien Verfügung, und Sie wollen, bitte, nur bestimmen, zu welchen Zeiten er fahren soll," sprach Herr von Eycken beim Abschied. De Offiziers sind doch fein rut," sagte Matrose Petersen, indem er dem Dampfer nachsah. Man eben, daß wir im Hasen sind, denn können sie alle an Land gehen, da kann unsereins gewiß wieder achteran fläuten." Davon, daß derDampfer auch für beurlaubte Mannschaften zur Verfügung gestellt sei, Wichte er natürlich nichts! Herr Kapitän, dürfen die dienstfreien Deckoffiziere um Urlaub bitten?" meldete sich Oberbootsmann Brandow beim ersten Offizier, und wann fahren die Boote?" Der erste Offizier gab ihm Auskunft, woraus sich das Ge sicht des Bootsmanns erhellte. Buenos Aires war nämlich so ziemlich die einzige Stadt, in der er gerne an Land ge gangen war. Allerdings hatte er mit den kleineren Schiffen drinnen im Bassin gelegen, wo man über eine Laufplanke unmittelbar an Land steigen konnte, ohne erst ein Boot be nutzen zu müssen, aber seit jener Zeit hatte er eine Vorliebe für die Stadt. Nun, Herr Oberbootsmann, wie steht es? Können wir die Dampfpinasse bekommen, oder wie ist es?" wurde er in der Messe gefragt. Ah, das ist allsgezeichnet!" rief der Maschinist Garlich. Allerdings bei unserem Dienst werde ich selbst ja nicht allzu oft an Land gehen können, ich will aber doch gleich mal mit dem Offiziersteward sprechen und ihn bitten, für mich die Sachen an Land zu besorgen." Doch als Herr Garlich den Steward suchte, fand er ihn nicht mehr an Bord vor, denn wie sich das für einen tüchtigen und gewandten Steward gehört, hatte Herr Möhle schon seit dem Fallen des Ankers klar gestanden, um mit der ersten sich bietenden Gelegenheit an Laild zu fahren, lmd war rasch vor dem Kommandallten in die Dampf pinasse geschlüpft. Herr Kapitän gestatten, datz ich mitfahre?" hatte er den Einstcigenden gefragt, und Kapitän Eisenhart machte natürlich keine Einwendung. Trotz der weiten Entfernung von Land nahmen die Fest lichkeiten daselbst ihren programmäßigen Verlauf, nachdem zunächst der Besuchstörn des Stabsarztes an Land die nötigen Gegenbesuche in den Klubs, sowie beim Konsul und Ge sandten gemacht hatte. Letzterer schickte durch den Konsul feine Karte an Bord mit der Bitte, ihm bei der großen Entfernung ein persönliches Erscheinen zu erlassen. Da siel mitten hinein in die Vergnügungen ein Telegramm aus Montevideo an das Kommando mit der Bitte um schleunige Bernstorff, An Bord des Panzerkreuzers Uorck". tö242 ES s. Kapitel.  Rückkehr. Bei Maldonado sei ein großer deutscher Dampfer aufgelaufen und erwarte Hilfe. Ra, das ist doch eine zu unangenehme Geschichte!" rief Kapitän Eisenhart. Ammer und immer brummen sie an der Ecke auf. Ach glaube, es ist gar nicht zu zählen, wie viel Dampfer dort schon gesessen haben." Wie kommt denn das?" fragte der Navigationsoffizier. Entweder sausen sie beim Einlaus auf die Küste, wenn es dickes Wetter ist, weil sie Maldonadoseuer mit dem Cerro ver wechseln und das Ruder zu früh steuerbord legen," erwiderte der Kommandant, oder beim Auslaufen denken sie, sie sind weit genug draußen, legen das Ruder backbord, und schon sitzen sie arlf." Mit sechzehn Meilen Fahrt eilte die Porck" den La Plata hinunter, an Montevideo vorüber und bis an die Mündung des Stromes hinaus. Richtig, da saß ein Dampfer fest aus dem Grund. Wir wollen rangehen, so weit wie irgend möglich, und dann ankern!" befahl Kapitän Eisenhart, und unter vorsichtigem Loteir dampfte die Porck" mit kleiner Fahrt auf die Küste zu, bis das Lot nur noch 8,5 Meter Wasser zeigte. Stopp! Fallen Anker!" Da sauste der Anker aus den Grund, und der Bug der Porck" lag vielleicht hundert Meter vom Heck des gestrandeten Dampfers entfernt. Kapitän Eisenhart und Kapitän Reichard fuhren hinüber, um mit dem Dampsersührer über die Maßnahmen zum Ab schleppen zu beraten und nachzusehen, was er für Hilfsmittel an Bord hätte. Inzwischen lotete Kapitänleutnant Röder mit einem Kutter ganz genau die Wassertiefe zwischen den beiden Fahrzeugen aus, um zu sehen, ob die Porck" sich noch weiter heranwagen könnte, aber das war ausgeschlossen. Na, wo is dat blots mögli, dat de hier bi n Lüchtturm up Land lopen is," meinte Matrose Aensen, sich den Dampfer besehend. Nu ward s denn Kaptün woll dat Patent affnehmen, werm he wedder na Hus kümmt." Dat kümmt dor noch op an, wer da Schuld an is, he oder de Lots," entgegnete Petersen. Lots, dumm Tüg, hätt he gornich. Wat brukt de hier buten noch n Lots?" Wi hebbt unsen doch ook an Bord beholen," meinte Peter- sen, woraus Jensen ihm erklärte, daß das auch nur ausnahms weise geschehen wäre, um nicht in Montevideo erst stoppen zu müssen. Nach einer Weile kamen der Kommandant und der erste Offizier wieder zurück. Oberdootsmann, lassen Sie unsere schweren Stahlleinen zusammenschäkeln," sagte Kapitän Reichard zum Bootsmann. Wir wollen versuchen, den Dampfer abzuschleppen." Wie soll dat gemacht werden?" fragte der Oberbootsmann. Wir werden unser Schiff vor Anker drehen, so daß wir mit dem Heck gegen die,Lydia so hieß der ausgelaufene Dampfer liegen. Dann wollen wir die Stahlleinen rund um beide Schiffe nehmen, bei uns vorn um den vorderen Panzerturm, dann außenbords nach achtern bis zu ihm hin, und da müssen die Leinen bis vorn um den Steven geführt werden. Ob die Dinger so weit langen, wissen wir nicht. Die ,Lydia selbst hat auch ein paar schwere Stahlleinen an Bord, und ich habe dem Kapitän gesagt, wenn die Leinen nicht hinreichen, dann muß er Kette ums Schiff nehmen. Das ist zwar ein schweres Stück Arbeit, aber das geht mich nichts an." Jawohl, Herr Kapitän," entgegnete Oberbootsmann Brandow und machte sich an die Ausführung des gegebenen Befehls. Der übrige Dienst fiel für heute aus. Mit großer Mühe gelang es, die schweren Stahlleinen in der ausgesetzten Barkasse durch die Dampspinasse bis zum Dampfer hinüber zu bugsieren. Hier aber stellte sich heraus, daß die Längen nicht ausreichten und die Kette zu Hilfe ge nommen werden mußte. ^Unermüdlich waren Kapitän Reichard, der Oberbootsmann und die Leute von der Porck" an der Arbeit, um möglichst bald ein Abschleppen zu versuchen. Die Lydia" selbst löschte inzwischen in längsseit liegende Leichter so viel Ladung wie möglich, um das Gewicht des Schiffes zu verringern. Wann meinen Sie, daß wir den ersten Versuch machen können, Herr Kapitän Werner?" fragte der Kommandant der Dorck" den Dampferführer. Ich hoffe in zwei Tagen," antwortete dieser. Das ist völlig ausgeschlossen," versetzte Kapitän Eisen-244  m 9. Kapitel.  hart. Das Barometer fällt sehr schnell und es kommt zweifellos wieder ein Pampero. Dann kann ich hier auf dem flachen Wasser aber nicht liegen bleiben. Lassen Sie die Nacht durch noch arbeiten, so viel es irgend geht. Morgen früh um sechs Uhr fange ich an." Aber es ist noch zu viel Ladung im Schiff, Herr Kapitän," erwiderte Kapitän Werner. Das läßt sich nicht ändern, der Versuch wird auf alle Fülle morgen früh gemacht," bestimmte Kapitän Eisenhart und war selbst am anderen Morgen um halb sechs Uhr auf der Brücke. Achtung! Ich werde gleich langsam mit der Maschine angehen!" ries er durch das, Megaphon genannte, große Sprachrohr zur,Lydia hinüber. Lassen Sie dann zugleich Ihre Maschine äußerste Kraft Zurückschlagen." Jawohl!" klang es von der Lydia" zurück, ilnd die Anker maschine der Zorck" begann zu arbeiten, um erst den Heck anker, mit dem das Schiff jetzt verankert lag, zu lichten. Der mußte erst ganz und gar oben sein, weil sonst die Schrauben nicht anschlagen konnten. Auf das Zeichen mit der Wink flagge, daß der Anker über Wasser und die Schrauben frei waren, ließ Kapitän Eisenhart zuerst die Mittelmaschine lang sam angehen, und ganz allmählich strafften sich die schweren Stahlleinen. Alle Mann unter Deck!" befahl der erste Offizier und schickte sämtliche Leute vom Oberdeck fort, damit nicht einer getroffen und über Bord gerissen werden könnte, falls die Stahlleinen den gewaltigen Zug nicht aushalten konnten und rissen. Er selber blieb achtern aus dem Ausbaudeck stehen, von wo er am besten das Verhalten der Leinen beobachten konnte. Alle übrigen Offiziere standen auf der Kommando brücke. Dumpfbrausendes Donnern klang von der Lydia" her über, wo die Schraube mit aller Macht rückwärts arbeitete und das zu Schaum gepeitschte Wasser in wildem Strudel nach dem Land zu trieb. Nun standen die Stahlleinen zum Brechen steif, und auf merksam horchten sowohl Kapitän Eisenhart wie der erste Offizier, ob nicht irgendwo ein verdächtiges Knirschen laut würde, das Anzeichen, daß an irgend einer Stelle die Drähte,aus denen die Stahltrossen gearbeitet sind, den gewaltigen Zug nicht mehr auszuhalten vermögen, sondern springen. Die Maschinen der Porck" gingen jetzt halbe Fahrt voraus. Die Ilmdrehungen in allen drei Maschinen ganz gleich - mäßig steigern, wie ich es befehlen werde," ließ der Kom mandant durch das Sprachrohr in die drei Maschinenräume hinunter sagen, wo die Ingenieure auf ihrem Posten standen und selber auspahten, weil durchaus gleichmäßiges Zusammen arbeiten aller drei Maschinen von größter Wichtigkeit war. Fünfundfünfzig!" klang es jetzt von oben. Fünfundfünfzig!" wurde unten gerufen und nach oben zurückgemeldet. Siebenundfünfzig!" kam nach kurzer Zeit der Befehl, und so wurde die Zahl der Amdrehungen nach und nach bis zu siebzig gesteigert. Auf der Kommandobrücke wurde kein Wort gesprochen. Aller Augen hingen wie gebannt an den Stahlleinen und glitten daran entlang hinüber zu dem ausgelaufenen Schiff. Wird es gelingen?" das war die brennende Frage, die auf jedem Gesicht geschrieben stand, aber vorläufig rührte sich die Lydia" noch nicht einen Zoll aus ihrer Lage. Röder, lassen Sie mal ein schweres Handlot über Bord gehen!" befahl Kapitän Eisenhart. Der Steuermannsmaat der Wache, der den Befehl gehört hatte, lief ins Kartenhaus und holte Handlot und Leine heraus. Hier an Steuerbord von der Kommandobrücke Lot in den Grund!" rief der Kommandant und der Steuermannsmaat Krause ließ das Lot hinunterglciten, bis es auf dem Grunde aufstand. Infolge des mächtigen Sogs der Schrauben bei still- stehendem Schiff floß das Wasser an der Bordwand entlang, als ob die Vorck" in einem Strom verankert läge, die straffe Lotleine geriet dadurch in zitterndes Schwanken. Eine Minute nach der anderen verging, ohne daß ein Erfolg er zielt wurde, und nochmals ließ Kapitän Eisenhart die Am drehungen der Schrauben von siebzig allmählich auf achtzig erhöhen. Geht Ihre Maschine äußerste Kraft rückwärts?" fragte er dann zur Lydia" hinüber.246    m      s. Kapitel.        Geht, so viel sie irgend gehen kann!" rief Kapitän Werner zurück. Gut aufpassen bei Ruder und Maschine!" rief Kapitän Eisenhart nochmals. Ich werde mit großer Fahrt angehen!" und ließ dann durch das Sprachrohr in die Maschiitenräume hinunter sagen: Die Maschinen sich klar halten, auf Befehl durch Telegraphen zugleich für kurze Zeit mit großer Fahrt anzuspringen!" * Haben Sie genügend Dampf?" Maschinen können jeden Augenblick mit großer Fahrt anspringen," wurde von rlnten heraus geantwortet. Gut aufpassen am Telegraphen, vor allen Dingen, wenn ich nachher: Maschinen haltB befehle," ermahnte Kapitän Eisenhart noch die Posten an den Maschinentelegraphen im Kommandostand und sagte dann zum wachhabenden Offizier: Leutnant Wohlfahrt, bleiben Sie hier am Kommandostand stehen, und wiederholen Sie meine Befehle mit lauter Stimme, daß jeder Irrtum ausgeschlossen ist! Achtung!" Achtung!" wiederholte der Offizier und in den Maschinen- räumen sprangen die Zeiger aus dasselbe Wort an der Kom mandoscheibe. Die Hand am Rade des Absperrventils standen die drei Ingenieure, und in der ganzen Maschine wartete jeder aus den nächsten Glockenschlag. Da fuhr ein heller Klang durch den Raum: Große Fahrt voraus!" und plötzlich befiel ein Zittern die Porck", als alle drei Maschinen mit großer Fahrt ansprangen. Hochauf sprühte am Heck das quirlende, wirbelnde Wasser; ein kurzer heftiger Stoß ging durch den ganzen Schiffs- rumpf. In demselben Augenblick schrie der Mann am Lot: Schiff geht voraus!" Kapitän Reichard rief: Dampfer kommt los!" und Kapitän Werner brüllte drüben auf der Lydia": Ich bin los! Stopp die Maschinen!" Mit Fahrt schoß die Lydia" rückwärts ins tiefe Wasser hinein. Fast in derselben Sekunde schlug der Oberbootsmann Brandow den zwischen zwei Trossenaugen eingesetzten schweren Schlippschäkel auf, und die Verbindung zwischen dem Krieg schiff und dem befreiten Handelsdampfer war gelöst. Zischend fuhr die graue Stahlleine wie eine Schlange um den vorderen Kommandoturm herum und schoß an der Seite ins Wasser.Während die Lydia" mit stillstehender Maschine noch ein Stück rückwärts ins tiefere Wasser hineinschoß und dann den Anker fallen ließ, dampfte die Dorck" mit kleiner Fahrt etwas ab und ankerte ebenfalls. Gestatten, Herr Kapitän, daß ich gratuliere!" mit diesen Worten trat der erste Offizier auf die Kommandobrücke. Ach Hütte es nicht geglaubt, daß wir ihn so leicht losbringen. Ich hätte es auch, offen gestanden, kaum gewagt, die Maschinen mit solcher Fahrt anspringen zu lassen." Es war die einzige Möglichkeit, die noch blieb," ent- gegnete Kapitän Eisenhart, sonst hätten wir noch bis morgen so weiter machen können. Ach habe dasselbe oder ein ähnliches Manöver wiederholt bei den Schleppversuchen in der Flotte gesehen und selber mitgemacht." Es war aber riesig gutmütig von den Stahlleinen, das auszuhalten," meinte Kapitän Reichard. Ach, wenn die Dinger wirklich erst mal steif stehen, dann ist es unglaublich, was man ihnen zumuten kann," er widerte der Kommandant. Na, nun schicken Sie nur Boote hinüber, und lassen Sie unsere Stahlleinen wieder an Bord holen." Die Besatzung der Porck" hatte natürlich gleich nach dem Loskommen des Dampfers das Oberdeck wieder betreten dürfen, und alle entdeckten mit Vergnügen, daß die Lydia" wieder in tiefem Wasser schwamm. Feder einzelne freute sich und war stolz daraus, daß die Borck" nicht umsonst zu Hilfe gerufen worden war. , n fixen Kerl ist das, unsen Kaptän," sagte Jensen ganz laut. Das macht ihm so leicht keiner nach." Fa, und denn überhaupt so ruhig dabei, gar nicht viel geredet, sondern einfach gesagt, so soll es gemacht werden, und nachher geht es auch," setzte Petersen hinzu. Ach möcht^ wohl wissen, wie er ihm losgekriegt hat." Hast das nicht gemerkt, wie es den Ruck gab? Das konnt man ja ordentlich fühlen," erklärte Jensen, und Mark ward stimmte ihm bei. Ja, das war gerad so, als wenn wir mit m Mal n Stoß kriegten." Dat is nu all een Dohn," erklärte Jensen, wieder in sein248 S. Kapitel, geliebtes Plattdeutsch verfallend. Ick seg wat ick seggt hew^ Eisenhart is ’n fixen Kerl, und dorbi bliew ick." Es gab auch unter der ganzen Besatzung keinen einzigen, der das bestritten hätte. Sobald die Trossen wieder an Bord gekommen waren und Kapitän Werner von der Lydia" erklärt hatte, daß er weiter keinerlei Hilfe gebrauche, weil sein Schiss dicht sei und kein Wasser ziehe, ging die Porck" wieder ankerauf und dampfte mit großer Fahrt aus die Reede von Montevideo zurück. Herr Kapitän, die Offiziersmesse bittet Herrn Kapitän,, morgen mittag um halb sechs Uhr unser Gast zu sein," sagte der Messevorstand Kapitänleutnant Hoffmann, der sich nach dem Ankern beim Kommandanten hatte anmclden lassen. Sehr gern, Hoffmann, ist irgend etwas Besonderes los?" Jawohl, Herr Kapitän, Leutnant Wohlfahrt und der Herr Assistenzarzt Kluge haben morgen zusammen Geburts tag. Ich möchte Herrn Kapitän überhaupt ein für allemal im Namen der Messe bitten, bei den Geburtstagsfeiern in der Messe teilzunehmen." Nein, Hofsmann, das wird zu viel. Sie sind einundzwanzig oder zweiundzwanzig in der Messe, da wäre ich ja in jedem Monat ungefähr zweimal Ihr Gast." Nun, ganz so oft wird es doch nicht," erwiderte der Messe- vorstand, es trifft sich nämlich bei uns ganz drollig, daß mehrere Male Geburtstage auf denselben Tag fallen. Wohl fahrt und der Assistenzarzt haben morgen zusammen, dann haben Kapitänleutnant Röder, Leutnant Griebnitz und der Zahlmeister zusammen Geburtstag, und später wieder der Herr Stabsarzt und Reiche, also dadurch vermindert sich die Zahl schon ganz bedeutend. Wir würden uns jedenfalls sehr freuen, wenn Herr Kapitän kommen wollten." Für morgen sage ich aus jeden Fall gerne zu und für die anderen Massenseiertage auch," antwortete Kapitän Eisenhart lächelnd, aber an den übrigen Tagen überlassen Sie es mir, jedesmal zu bestimmen. Es kann doch leicht Vor kommen, daß ich irgendwelche Abhaltungen oder andere Ver pflichtungen habe, wenn wir im Hafen sind, und dann will ich Sie, wie gesagt, auch nicht so oft stören."Mit Fahrt schoß die Lydia" rückwärts ins tiefe Wasser. sSeite 24:6.)rs 5£\ [ STAATS- \ IBIBUDTHEK te?.’S*y Herr Kapitän stören uns ganz gewiß niemals, im Gegen teil, wir freuen uns, wenn Herr Kapitän in die Messe kommen," sagte Kapitän Hoffmann höflich und verabschiedete sich. Am anderen Tage fand in der Messe die Geburtstags feier statt, zu der Leutnant Heinrich sich als besondere Über raschung das erste offizielle Auftreten der Schiffskapclle aus gedacht hatte. Das sollte abends um sechs ühr sein. Morgens um sechs ühr aber bereitete der Hoboist Keller den sämtlichen Offizieren schon eine besondere Überraschung, indem der Gesangverein in dem Raum vor der Messe und den Kammern antrat und das allgemein bekannte und beliebte Lied: Das ist der Tag des Herrn!" vierstimmig zum Vortrag brachte. Hier wie überall, wo dieses Lied gesungen wird, paßte natürlich die Solostelle: Ach bin allein auf weiter Flur!" so wie die Faust aufs Auge, denn vor sämtlichen einund zwanzig Offizierskammern saß, hockte oder stand je ein mit Kleiderreinigen oder Stiefelputzen beschäftigter Bursche, dazu noch einige Stewardsmaate und eine Anzahl anderer Matrosen, die mit Putzen von Deckstützen beschäftigt waren. Trotzdem fand das Lied aber großen Anklang, noch mehr aber das herr liche Beethovensche Lied: Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre!" Als die Sänger geendet hatten, erscholl hinter den Vor hängen der Kammern verschiedentlich lautes Bravo und Händeklatschen, worauf sich der Hoboist dankend nach allen Seiten verneigte, da er nicht sehen konnte, woher das kam. Dann zogen die Sänger ab, begleitet von dem beifälligen Gemurmel sämtlicher Burschen, die an dieser Überraschung großen Gefallen gefunden hatten. Besonders stolz waren natürlich auf diese Ehrung die Burschen von Wohlfahrt und vom Assistenzarzt, die sich beide mit ihren Herren so ungefähr eins fühlten. Gleich daraus sollten sie aber noch mehr Grund zum Stolz erhalten, denn leise und heimlich schlich sich ein Dutzend etwas bleichwangiger Gestalten, deren Augenlider von schwarzen Rändern umzogen waren, in den Schloßhof" genannten Raum und stellte sich vor der Tür des Assistenz arztes auf. Jede der Gestalten trug eine Zither oder eine Gitarre, und auf ein gegebenes Zeichen singen sie an zu musi zieren.250  m  S. Kapitel.  Jauchzend klirrten, schwirrten, hüpften, sprangen und sangen die Loire von den kunstvoll gerührten Saiten und formten sich zu einer fröhlichen Melodie. Schon bei den ersten Klängen wurden an allen Kammer türen die Vorhänge zurückgezogen, und die betreffenden Kammerbewohner fuhren init dem Kops in den Schloßhof herein. Der übrige Körper blieb, weil noch im tiefsten Neglige, in der Kammer drin. Ein höchst erstauntes: Nanu?" Was ist denn das?" Wer macht denn da solche schöne Musik?" und ähnliche Ausrufe wurden laut, denen als Antwort von seiten der Burschen allgemein dasselbe zuteil wurde, näm lich: Das sind Heizers." Und so war es auch. Thomaczewsky, der bei dem schweren Sturm verunglückte, durch die Kunst und sorgfältige Pflege der Ärzte geheilte und vollkommen wieder hergestellte Heizer, der ein Meister auf der Gitarre und Zither war, hatte sich diese sinnige Überraschung für den Geburtstag des Herrn Assistenzarztes ausgedacht und seine Kameraden dazu be wogen, mit ihm zusammen einige Stücke einzuüben, die sie nun mit großer Präzision vortrugen. Der so geehrte Doktor Kluge hatte nach einem flüchtigen Blick auf die Gruppe und aus einer freundlich grüßenden Verbeugung Thomaczewskys, die dieser seinem noch etwas unfrisierten Haupte zuteil werden ließ, sofort erkannt, daß die Musik gerade ihm gelten sollte. Er beeilte sich daher nach Möglichkeit mit seiner Toilette und bedankte sich dann bei den Musikern im allgemeinen, und bei Thomaczewsky im be sonderen durch einen kräftigen Händedruck, der von den Worten begleitet war: Ich danke Ihnen vielmals, Thomaczewsky! Die Sache geht ja wohl von Ihnen aus? Hier, feien Sie heute abend recht vergnügt!" Wenn s dem Herrn Ducktr gefallen hat. Ich bedank mich auch scheenstens," erwiderte Thomaczewsky schmunzelnd, machte einen Kratzfuß und zog mit seiner Musikerschar ab. Als die beiden Geburtstagskinder um acht Uhr zum Früh stück in der Messe erschienen, fanden sie ihre Plätze mit Blumen geschmückt, die der aufmerksame Steward durch den Schiffs händler hatte besorgen lassen, und die übrigen Messemitglieder kamen einer nach dem anderen heran, um den beiden GlückZm La Plata. 251 zu wünschen. Die Stewardsmaate aber brachten sowohl für Wohlfahrt wie für den Doktor ein mächtiges Beefsteak mit einem Setzei darauf, was ebenfalls als eine besondere Ehrung galt. Eine aufrichtige Freude wurde dem Assistenzarzt auch noch dadurch zuteil, daß sein sonst recht unanstelliger Bursche heute zum ersten Male die Kammer so gut aufgeklart hatte, daß der Besitzer nicht zu schelten brauchte. Wissen Sie, August," sagte er nachher zu ihm, ich wünschte, ich hätte jeden Tag Geburtstag, wenn Sie sich verpflichtet fühlten, immer so fein sauber bei mir auszuräumen. 21a, eine Anerkennung soll Ihnen nicht fehlen," und August erhielt eine Mark, worauf er grinsend sprach: Herr Doktor, ich möcht auch, Sie hätten jeden Tag Geburtstag!" was ihm schließlich ja niemand verdenken konnte. In bezug auf den Dienst änderte sich natürlich durch den doppelten Geburtstag an Bord nichts, aber am Abend um halb sechs Ahr erschienen sämtliche Offiziere im sogenannten Borddineranzug, der nur bei besonderen Festlichkeiten an gelegt wird, während Kapitän Reichard sonst die Bestimmung getroffen hatte, daß die Messemitglieder zum Frühstück um dreiviertel zwölf Ahr im Jackett erscheinen konnten, daß aber zum Essen um halb sechs Ahr der Waffenrock angezogen werden mußte. Als Kapitän Eisenhart in Begleitung des Messevorstandes die Messe betrat und den beiden Hauptpersonen des Abends seine Glückwünsche ausgesprochen hatte, konnte er es nicht unterlassen, auch seiner Anerkennung über die außerordentlich geschmackvoll und hübsch geschmückte Tafel einige Worte zu verleihen. Dann setzten sie sich zu Tisch, und in ungezwungenster, heiterster Weise verlief die Mahlzeit, bei der Kapitän Eisenhart mit einigen launigen Worten die beiden Neugeborenen" feierte und hoch leben ließ. In demselben Augenblick, als das erste Hoch durch die Messe klang, fuhren mit Ausnahme von Leutnant Heinrich alle Anwesenden zusammen, und es fehlte nicht viel, daß den meisten das zweite Hoch in der Kehle stecken blieb, denn aus Heinrichs 2lnordnung hatte sich die Musikkapelle im Schloß-252  S. Kapitel.  Hof eingefunden und begleitete das Hoch mit einem Tusch Das sollte ihre erste Glanz- und Musterleistung sein. Die einzelnen Anstrumente oder vielmehr deren Bändiger waren sich aber über die Stärke des Tones, den sie heraus bringen sollten, noch nicht ganz einig, aber zweifelsohne alle der Überzeugung, je lauter, desto besser, und so hatte jeder einzelne mit vollster Lungenkrast ins Horn gestoßen. Der Erfolg war überwältigend! Der Kommandant bekam fast einen Lachkrampf, und allen übrigen Messemitgliedern ging es nicht viel besser. Nur Heinrich blieb ganz ernst und sagte, sich ruhig in der Runde umsehend: Herr Kapitän, das war doch schon ganz nett!" welcher Ausspruch die bisher noch gedämpfte Lachlust zum vollen Ausbruch brachte und später zum geflügelten Wort wurde. Endlich beruhigten sich die Gemüter wieder etwas, und das Essen nahm seinen Fortgang, während draußen die Musi kanten drauflosbliesen, was das Zeug halten wollte. Schließ lich aber erklärte Heinrich, der sich für die Leistungen der Kapelle verpflichtet fühlte: Herr Kapitän, ich möchte die Musik jetzt ausscheiden lassen, aber Herr Kapitän gestatten wohl, daß ich hinausgehe und den Leuten einige Worte der Anerkennung sage, damit sie nicht den Mut verlieren." Aber selbstverständlich, Heinrich," antwortete Kapitän Eisenhart. Sagen Sie nur dem Kapellmeister auch in meinem Namen, es wäre so weit schon ganz nett gewesen, und jeden falls hätten wir viel Freude an seiner Musik gehabt." Zn der Offiziersmesse verlief die Geburtstagsfeier zu all seitiger Zufriedenheit. Einen kleinen Mißklang in die Feier- tagsstimmung seines Herrn brachte am Abend nur noch August, der Bursche des Herrn Assistenzarztes. Er hatte die erhaltene Mark nicht in der Kantine in Wurst, Eiern und Limonade an gelegt, sondern sich vom Deckossiziersteward einige Gläser Bier gekauft. Als der Doktor schlafen gehen wollte, lag Mosjö August vollkommen angezogen in der Koje und war auch durch kein Zureden seines Herrn zu bewegen, diese zu verlassen, weil er vollkommen betrunken war. Der Doktor schimpfte mächtig, da August sich noch obendrein mit den bloßen Füßen auf das frisch bezogene Kopfkissen gelegthatte, was dem ästhetischen Empfinden des Doktors natürlich höchst unangenehm war, zumal der weiße Bezug genaue Ab drücke von Augusts schwärzlichen Füßen aufwies. Am nächsten Morgen wanderte der Matrose August Piepen brink für zweimal vierundzwanzig Stunden ins Kaschott wegen Trunkenheit außer Dienst" und wurde als Bursche abgelöst. Dem Deckosfizicrsteward wurde gleichfalls mit sofortiger Amtsentsetzung gedroht, falls er sich unterstände, noch ein einziges Mal an einen Mann ein Glas Bier zu verkaufen. Na, drum auch, drum war das Faß auch so schnell leer," äußerte der Pumpenmeister entrüstet, als er die Geschichte vernahm. Nach meiner Berechnung mußten mindestens noch fünf Glas drin sein, als Wilhelm erklärte, es wäre nichts mehr da. Herr Steuermann, passen Sie dem Mann mal n bißchen schärfer aus die Finger, sonst macht er das noch öfter so, und dann kommen wir zu kurz." Wilhelm war aber in Zukunft schon von selber so vor sichtig, nichts mehr an Zaungäste zu verabfolgen. Der Aufenthalt der Porck" auf der Reede von Monte video, ins Matrosendeutsch übersetzt: Berg, ich seh dir!" dauerte nur noch wenige Tage. Ein paarmal noch konnten die Beurlaubten sich an Spaziergängen auf den herrlichen Plätzen in der Stadt und an der schönen Musik, die dort zu hören ist, erfreuen, da trieb ein neuer Befehl sie von dannen. Über Valparaiso nach Callao!" lautete die Order. Ilm für die lange Seefahrt frisches Fleisch an Bord haben zu können, wurden vom Schiff vier Ochsen angekauft, und aus dem Oberdeck für sie an Steuerbord und Backbord ein fester Stand gebaut. 3u ihrer Wartung, Fütterung und Pflege wurden die Matrosen Brinkmann und Richter kom mandiert, die sich freiwillig dazu erboten hatten. Sie hofften, dadurch von dem übrigen Dienst etwas befreit zu werden, sahen sich darin aber zu ihrem Leidweisen bitter enttäuscht. Durch einige Nachlässigkeiten bei der Reinigung der Ochsen- ftälle zogen sie sich außerdem noch den besonderen Zorn des Oberbootsmanns zu, und was sie jetzt an Dcckscheuern und anderen Reinigungsarbeiten leisten mußten, das übertraf allen anderen Dienst bei weitem. Sie waren seelenfroh, als254 10. Kapitel. der letzte ihrer Pfleglinge dem Messer und dem Fleischbeil des Botteliers zum Opfer gefallen war, und nahmen sich vor, sich niemals wieder freiwillig zu irgend einem Dienst zu melden. Da aber, als Steward Möhle dem Kommandanten das letzte Beefsteak von Rinderfilet zum Mittag vorsetzte, hatte die Porck" längst die Magellanstratze passiert, und ihr Bug durch furchte, nordwärts gerichtet, die Wogen des Stillen Ozeans. ^)apitänleutnant Hoffmann, wir werden Zeit haben, unsere Geschützschießübung während unseres Aufenthalts in Callao zu erledigen," sagte Kapitän Eisenhart zu dem Artillerie offizier. Lassen Sie vom Meister die Scheiben und Flöße bauen, und entwerfen Sie ein Programm und zwar für ge fechtmäßiges Schließen." Zu wann befehlen Herr Kapitän das Programin?" fragte Kapitänleutnant Hoffmann. Können Sie es in vier oder fünf Tagen fertig machen?" meinte der Kommandant. Ach hoffe, ja!" antwortete der Artillerieoffizier. Wie viel Gefechtsmomente wünschen Herr Kapitän zllm Ausdruck gebracht zu haben?" Das überlasse ich Ahnen," antwortete Kapitän Eisenhart. Ich will Ihnen nur allgemein die Direktive geben. Sämt liche Geschütze sollen ihrer Größe entsprechend auf große und mittlere Entfernung zum Schuß kommen. Ob ich eine Ge wehrschießübung noch mit hineinlege, das weiß ich noch nicht. Jedenfalls kann das aber ins Auge gefaßt werden. Leutnant Reiche soll zu mir kommen." Hören Sie mal, Leutnant Reiche, ich wollte auch mit Ihnen sprechen. Wir können doch die Torpedoschicßübung mit dem Gefechtschießen der Geschütze vereinigen?" Jawohl, Herr Kapitän, das geht, wenn Herr Kapitän das wünschen," antwortete der Torpedooffizier, nur müßten wirEine Schießübung. 255 uns dann einen ganz stillen Tag aussuchen, damit wir die Dampfpinassen zum Einsangen benutzen können, und dann weiß ich nicht, ob das Übernehmen der Torpedos nicht dem Artillerieoffizier eine Störung in seine Gefechtsbilder bringen würde." Das ist allerdings möglich," gab der Kommandant zu, aber darüber können Sie selber mit ihm sprechen. Ich habe Kapitänleutnant Hoffmann eben befohlen, mir einen Plan für die Übung einzureichen. Wenn es sich irgend machen läßt, soll beides zusammengelegt werden." Zu Befehl, Herr Kapitän," antwortete der Torpedo offizier und begab sich zu dem älteren Kameraden. Ach wo, das geht nicht," antwortete Hoffmann zuerst. Dann kommen wir ja immerfort aus der Fahrt und aus dem Kurs und müssen so lange aufhören, bis Sie ihre Tor pedos wieder eingefangen und an Bord gebracht haben. Dann passiert womöglich noch irgend was mit einem, und wir können stundenlang danach suchen." Der Kommandant wünscht es aber, Herr Kapitänleutnant, und da wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, als die Übung so einzurichten," erwiderte Reiche. Während der nächsten Tage saßen die beiden Offiziere stundenlang zu sammen, um mit Maßstab, Zirkel und Lineal die Gesechts- bilder zu entwerfen. Auch der Feuerwerker und die Rohr meister wurden mit zu den Beratungen herangezogen. Letztere besonders deshalb, weil sie die Feuergeschwindigkeit und Dreh schnelligkeit der Türme beziehungsweise der Geschütze in den Kasematten aus dem Kopf wußten und Kapitünleutnant Hoffmann sich so ein mühsames Nachschlagen in der Schiffs- biographie und den Artilleriejournalen ersparte. Alle Wetter, die Geschichte ist gar nicht so leicht," äußerte er, und durch die Torpedoschießerei wird sie erst recht ver zwickt. Sehen Sie mal hier!" er deutete auf das vor ihm liegende Blatt. Wir laufen von hier mit großer Fahrt an oder meinetwegen mit langsamer Fahrt, das ist ja zunächst gleich, da liegt die Scheibe, und nun soll zunächst mal Backbord- seite dran kommen. Aus sechstausend Meter fange ich an, und unter dreitausend gehe ich nicht herunter. Wann und wo wollen Sie da schießen, und wo soll ich aufhören? Vor allen256 10. Kapitel. Dingen, wie lange mutz ich warten, bis die Pinasse mit dem Torpedo aus dem Wege ist, und ich weiter schießen kann? Das gibt doch im Leben kein Gefechtsbild." Za, schwierig ist die Geschichte," gab Leutnant Reiche zu, und die beiden Rohrmeister nickten verständnisinnig mit dem Kopf. Aber rauskriegen müssen wir es doch," und dann fingen sie von neuem an zu konstruieren und zu zeichnen, Kreise mit dem Schiff aus dem Papier zu schlagen, bald von rechts, bald von links einen Anlauf zu machen. Doch immer wollte es nicht stimmen, bis schließlich Leutnant Reiche ries: Ich glaube, jetzt habe ick s! So wiriLs gehen! Ich lege zwei Torpedoscheiben! Eine aus tausendfünfhundert Meter ab vom Kurs zu Anfang des Anlaufs, dahin schieße ich beim Beginn, und die zweite ebenso weit ab Ende des Gefechts- feldes, auf die schieße ich, wenn Sie drehen, mit dem Heck rohr. Eine Pinasse liegt hier, die andere da, und Sie haben zwischen beiden mehr als reichlich Platz, zu schießen, so viel wie Sie wollen. Werden die Winkel nach der Geschützscheibe hin so spitz, daß die Torpedoscheiben mit in die Reichweite kommen, dann sind die Dampsboote mit den eingefangenen Torpedos längst weg." Nach einigem Hin- und Herreden billigte auch Kapitän leutnant Hoffmann diesen Plan. Alle bisher gezeichneten Gefechtsbildcr wanderten in den Papierkorb, und die Arbeit fing von neuem an. Als die beiden Offiziere dem Kommandanten und dem ersten Offizier die beabsichtigte Durchführung der Schieß übung entwickelten, waren diese durchaus damit einverstanden. Herr Kapitän," sagte der erste Offizier, ein Offizier muß doch wohl aus alle Fälle in jeder Pinasse sein. Das geht dann sehr gut, da diese gleich mit als Beobachter für das Geschühschießen fungieren können. Die Gefechtsbildcr können ja im Bureau vervielfältigt werden, damit jeder, der eines braucht, eines bekommen kann. Die seitliche Kontrolle wäre sonst sowieso etwas schwierig." Kapitän Eisenhart gab seine Zustimmung, und die beiden Leutnants Griebnitz und Fritsche wurden als Bootsoffiziere für die Dauer der Schießübung bestimmt. Unter der Be satzung war es natürlich rasch bekannt geworden, daß in einigen  Eine Schießübung. 257 Tagen die Hauptgefechtschießübung stattsinden sollte, und wenn es die Leute nicht gewußt hätten, so hätten sie es schon daran merken können, daß die Geschützführer tagtäglich im Schießen mit den Abkommläufen aus den nach See hinzeigcnden Geschützen der Porck" geübt wurden. Die Drehmaschinen der Türme, die Munitionsauszüge und die Geschütze selbst wurden von dem zugehörigen Personal und den Offizieren noch einer gründlichen Revision unterzogen und alles für die Schießübung so vorbereitet, als ob die Porck" zu einem ernsthaften Kampf hinausgehen würde. Während so die Geschütze mit ihrem ganzen Zubehör instand gesetzt wurden, erscholl aus dem Ausbaudeck aus den Booten ununterbrochenes Klopsen und Hämmern. Hier arbeitete der Zimmermeister mit seinen Gehilfen an der Herstellung der Scheiben. Meister, das Hauptfloß muß mindestens dreißig Meter lang sein," sagte Kapitänleutnant Hofsmann. Dreißig Meter? Za, wenn es sein muß. Ra denn " brummte der Obermeister Zohannsen vor sich hin. Wollen mal sehen, was sich machen läßt. And wie hoch soll das Gerüst werden?" Mindestens acht Meter!" antwortete der Artillerieoffizier. Wenn wir nur so viel Latten haben," versetzte der Zimmer meister. Schwenske und Handtke, schiebt mal die Balken hier quer rüber." Dann maß er. Hm, das sind bloß zwanzig. Ja, da müssen wir die Balken mit Ruten und Zapfen einrichten, Schwenske! Rur gleich angefangen!" Darauf begannen die Zimmcrleute, mit ihren Äxten und Beilen, Stemmeisen und Hobeln zu arbeiten, die Säge knirschte und der Hammerschlag krachte, und unter den fleißigen und geschickten Händen des Meisters und seiner Zimmerleute ent stand ein mächtiges, festgefügtes Floß von beinahe dreißig Meter Länge, auf dem sich, als es im Wasser schwamm, nach und nach ein aus dünnen Latten genageltes Gerüst von acht Meter Höhe erhob. Obermeister, ich muß aber auch noch ein paar kleine Flöße haben, doch können das einfache Balkenflöße mit einer roten Flagge daraus sein," wendete sich der Torpedooffizier, Ober leutnant Reiche, seinerseits an den Obermeister. Bernstorfs, An Bord des Panzerkreuzers Zorck". 17w. Kapitel. Jawohl, Herr Leutnant," antwortete der Zimmermeistcr. Fürs Torpedoschietzen, nicht wahr? Die Dinger kenn ich, die Hab ich früher schon oft gemacht." Nach acht Tagen waren alle Scheiben fertig, und dieSchieß- übung konnte beginnen. Der Kommandant hatte eine Benachrichtigung an den Gesandten in Lima geschickt mit dem Inhalt: S. M. S. ,Porck verläßt am 20. November für etwa acht Tage die Reede zur Abhaltung von Schietzübungen. Ich bitte um Benachrichtigung, ob ein Grund vorliegt, die Schietzübungen zu verlegen." Darauf war vom Gesandten umgehend die Antwort ein getroffen, daß augenblicklich kein Hinderungsgrund vorläge und die Porck" ruhig schießen möchte. Am Montagmorgen dampfte das Schiff von der Reede, das große Scheibenflotz an einer Leine hinter sich her schleppend. Röder, seht bringen Sie uns also auf die Stelle, die wir ausgesucht haben, wo der Ozean nicht so tief ist, daß wir die Scheiben verankern können," sprach Kapitän Eisenhart zum Navigationsoffizier. Jawohl, Herr Kapitän," erwiderte dieser. Aber eigent lich wäre es doch viel interessanter und entspräche mehr der Wirklichkeit, wenn wir die Scheibe nicht verankerten, sondern einfach treiben ließen. Dann können wir wirklich erst sehen, ob wir uns auf die Entfernungsmesser und die Schießaus bildung verlassen können. Denn jetzt soll doch die Probe darauf gemacht werden, ob die Schießübungen, die wir bisher ab gehalten haben, wirklich etwas genutzt haben." Das können wir auch ruhig an einem Tage tun," ver setzte der Kommandant, aber den Anfang wollen wir mit verankerter Scheibe machen, damit Hossmanns Gefechtsbilder zur Geltung kommen. Nachher können wir sie mal treiben lassen, und zum Schluß wollen wir sie schleppen lassen." An den Geschützen standen die Bedienungsmannschaften mit Putzen beschäftigt. So, min lüttje Kanon," sagte Jensen, der zum backbord vorderen 15-ew-Geschütz gehörte, und gab dem Rohr einen Klaps mit der Hand. Nu schast (sollst) du ook mal scheeten, draap (triff) man nich vörbi!"Eine Schießübung. 259 Der Befehl: Sämtliche Geschützmannschaften aus Oberdeck antreten !“ ries die Leute zusammen. Aufpassen!" sagte Kapitänleutnant Hossmann. Ich will Ihnen nochmals kurz wiederholen, woraus es bei der Schieß übung ankommt. Die ganze Übung soll ein Gefecht vorstcllen und wird dementsprechend von Anfang bis zu Ende durch- gesührt, nur mit dem Unterschied, daß wir die einzelnen Phasen des Gefechts auf mehrere Tage verteilen, um dazwischen uns miteinander darüber klar zu werden, was bei den einzelnen Gefechtsmoinenten vielleicht versehen worden ist und welche Fehler in Zukunft vermieden werden müssen. Das gilt natür lich hauptsächlich für die Geschützführer und die Rohrmeister. Daß bei der Bedienung der Geschütze selbst irgendein Fehler vorkommt, ist natürlich ausgeschlossen, ebenso bei der Munitionssörderung. Ich bitte mir aber aus, daß die Ünteroffiziere in den Munitionsräumen und an den Pater nosterwerken genau aufpassen, ob der Munitionstransport vorschriftsmäßig ausgeführt wird, denn ich kann nicht überall zugleich sein." Kapitänleutnant Hofsmann, wenn Sie fertig sind, wünsche ich sämtliche Offiziere noch zu sprechen!" ries Kapitän Eisenhart von der Kommandobrücke herunter. Zu Befehl, Herr Kapitän," erwiderte der Artillerie offizier und fuhr fort: Wir werden auch Gefechtsstörungen, Ausfallen von Mannschaften, Feuer im Schiss, Verwundeten transport und alles, was sonst noch Vorkommen kann, durch machen, und ich verlange, daß trotzdem die Bedienung der Geschütze ordnungsgemäß vor sich geht! An die Geschütze!" Inzwischen hatten sich die Offiziere auf der Kommando brücke versammelt, auch der Stabsingenieur und der Stabs arzt waren heraufbefohlen. Meine Herren, wir werden die Gefechtschießübung also ganz wie im Ernstfall durchmachen. Bereiten Sie sich aus alle möglichen Fälle vor, zum Beispiel Wechsel im Kommando, Übernahme der Gesechtsleitung durch einen der jüngeren Herren und dergleichen. Kapitän Reichard, wir wollen zugleich mit der Übung die Flutübung verbinden. Welche Abteilung voll Wasser lausen soll, und welche zum Gegenfluten benutzt werden soll, das werde ich während der Gefechtsübung be-260 10. Kapitel. stimmen. Auch in den Maschinen mutz alles auf Fahrtstörung vorbereitet werden, Herr Stabsingenieur, ebenso wie der Ver wundetentransport und das Verbinden durchaus sachgemütz und vorschristsmätzig exerziert werden muh, Herr Stabsarzt. Es soll sich auch niemand in den Räumen befinden, die im Ernst fälle von Mannschaften frei sein mühten. Ausgenommen natürlich Ihre Kranken im Lazarett, Herr Stabsarzt, die bleiben drin, soweit sie in der Koje liegen müssen." Damit waren die Herren entlassen, und ein paar Stunden später war der beabsichtigte Schießplatz erreicht. Das große Scheibenflotz wurde verankert, und dann brachten die beiden ausgesetzten Dampfpinassen die Torpedoscheiben an ihren Ort, wobei ihnen Richtung und Entfernung zum Scheibenflotz von Bord aus durch Zeichen signalisiert wurde. Wir wollen den Nachmittag benutzen, um Fahrt- und Ruderübungen zu machen," bestimmte der Kommandant, der schon während der Reise jede sich irgend bietende Gelegenheit benutzt hatte, um seine Offiziere in diesem wichtigen Dienst zweig auszubilden. Fetzt wurden die drei Scheiben und die beiden Dampf pinassen als feindliche Schiffe angesehen, und die jungen Offiziere mutzten mit allen möglichen Fahrten und Ruder winkeln Manöver, die der Kommandant angab, ausführen. Also morgen früh Gefechtschietzen," sagte Kapitän Rei chend nach der Ronde. Die Zeit wird noch bestimmt." Die Borck" hatte sich unweit ihrer Scheiben vor Anker gelegt. Sagen Sie, Herr Kapitän, soll eigentlich Hafen- oder Seewache gegangen werden?" fragte Oberleutnant Reiche. Wir sind in See und doch zu Anker." Also gehen Sie Seewache zu Anker!" bestimmte der erste Offizier. Als Kapitän Reichard in die Messe trat, wurde er von verschiedenen Seiten gefragt: Wann geht s morgen früh los, Herr Kapitän?" aber er zuckte die Achseln und sagte: Weiß ich nicht." Auch unter der Mannschaft wurde hin und her gefragt und geraten, wann denn die Übung eigentlich anfangen sollte. Langsam verging die Nacht, und allmählich fing es anEine Schießübung. 261 dämmerig zu werden. Aus den Schornsteinen der Porck" quollen dichte, schwarze Rauchwolken hervor, die Maschinen hatten nämlich heimlich Befehl erhalten, schon in der Frühe aufzufeuern und Dampf für große Fahrt zu machen. Jetzt wurde es Licht über der See, und schon mit bloßem Auge waren die etwa zweitausend Meter ab liegenden kleinen, roten Flaggen aus den Flößen der Torpedoscheiben zu erkennen. Plötzlich rasselte schmetternder Trommelschlag los und lang- gezogene Horntöne riefen dazu. Es wurde Generalmarsch geschlagen. Nu geiht los! Nu geiht los! Rut! Rut! Fix, Mensch, raus! Hörst du nicht? Es ist Generalmarsch!“ riesen und schrien die Leute sich gegenseitig zu, sprangen schnell aus den Hängematten, zurrten die Schlafschläuche und warfen sie hin. Zum Verstauen war augenblicklich keine Zeit, dafür waren bestimmte, abgeteilte Leute da, die das nachher be sorgen konnten. In wilder Hast stürzte alles in die Kleider und Schuhe, aus den Offizierskammern kamen die Offiziere heraus, noch im Laufen sich den Rock zuknöpfend und den Säbel um schnallend. Auf Oberdeck wurden von den abgeteilten Leuten die Geländer auf der Back und der Schanze und alles, was sonst das Schußfeld der Geschütze behindern konnte, ab genommen und in die unteren Räume des Schiffes geschleppt. Aber die Decksfenster der Wohnrüume und Maschinen wurden die eisernen Gefechtsgreetings gelegt, in den Türmen und Kasematten aber ohne weiteres die Geschütze klar gemacht. Die beiden Ärzte mit den Lazarettgehilfen und dem ab geteilten Personal richteten im dritten Zwischendeck den Verbandplatz her und legten die Hängematten für den Verwun detentransport zurecht. Das Feuerpikett machte Pumpen und Schläuche klar, die Lcckstopfmannschaften holten ihre Geräte und ihr Material zusammen, die Munitionsräume wurden geöffnet und erleuchtet und die Förderwerke für Granaten und Kartuschen eingeschaltet. Das Steuermannspersonal besetzte die Gefechtsruder, und die Entfernungsmesser traten mit ihren Instrumenten an. Vom Oberdeck, aus dem Vor- und Achterschiff verschwanden alle Leute, sobald sie fertig waren. Die Ankerkette kam heute10. Kapitel. heraus, ohne abgespritzt zu werden, und nach wenigen Minuten liefen von überall her aus den verschiedenen Räumen des Schiffes nach dem Kommandostand, wo fiel) der Kommandant befand, die Meldungen zusammen, datz alles gefechtsbereit fei. Nun klingelten die Maschinentelegraphen, die Schrauben schlugen an, und die Porck" setzte sich in Bewegung. Schneller und schneller wurde die Fahrt, im weiten Bogen schwenkte das Schiff, und der erste Moment des Gefechts trat ein. Die Entfernungsmesser riesen die Entfernung aus, die durch Sprachrohr und elektrische Zeichen an die Geschützstände weiter gegeben wurden. Die Kommandos zum Laden der Geschütze erschollen, die Granaten und Kartuschen rasselten nach oben, und endlich kam der von allen mit äußerster Spannung erwartete Augenblick, in welchem der erste Schutz fiel. Richtung aus die Scheibe! Sechstausendfünfhundert! Mit Granaten!" war befohlen, und dann feuerte das backbord vordere 15-ew-Turmge schütz, als der Geschützführer glaubte, das Ziel zu haben. Brüllend entlud sich das Rohr. Eine weißlichgraue, von roten Flammenzungen durchzuckte Wolke quoll daraus hervor, und sausend nahm die Granate ihren Weg durch die Lust. Einige Sekunden vergingen, dann erscholl der Ruf der Beobachter: Zu weit! Zweihundert!" Das bedeutete, der Aufschlag des Geschosses war zweihundert Meter hinter der Scheibe erfolgt. Unmittelbar darauf krachte der zweite Schutz, der mit etwas geänderter Richtung die Granate mitten durch die Scheibe jagte. Treffer!" klang es von der Beobachtungsstelle her, und nun fingen auch die anderen Geschütze an, das Feuer gu er öffnen. Dumpf donnerten die 21-ew-Geschütze aus ihren Türmen heraus, deutlich im Knall zu unterscheiden von den Heller klingenden 15-oiu-Geschützen. Die 8,8-era-Geschütze schwiegen noch, weil für sie die Entfernung noch zu weit war. Doch immer näher kam inan dem Feinde, und bald würden diese ebenfalls in den Kampf eingreisen können. Fm Backbord-Breitseittorpedoraum war der zum Schutz bestimmte Torpedo geladen und lag im Rohr. Die sogenannte Patrone war mit Druckluft gefüllt, und der Rohrmeister stand da, den Abzugshebel in der Hand, das Auge auf die Kom-Eine Schießübung.  263 mandoscheibe gerichtet. Plötzlich flammte es hier hell auf, und das Wort: Fertig!" erschien. Auf demselben Wege wurde die Antwort: Ast fertig!" an die Kommandostelle zurück gegeben. Das nächste Kommando, das kam, konnte nur sein: Los!" und die Augen der ganzen Torpedomannschaft waren auf die Kommandoscheibe gerichtet. Da leuchtete es auf: Los!" halblaut von mehreren nachgerufen. Ein Ruck am Abzugs hebel, ein kurzes Sausen und Brausen, Poltern und Rumoren, und rauschend hatte der Torpedo, durch die am Hinterende des Ausstoßrohres eintretende Luft hinausgetrieben, seinen Lauf begonnen. Ob er treffen würde, ahnte hier unten niemand. Oben an Deck der Porck" war in demselben Augenblick, als der Torpedoschuß gefeuert wurde, der Stander Z, der bisher an der Signalrahe vorgeheißt geweht hatte, niedergeholt worden als Zeichen für die Dampfpinasse, sich schleunigst auf den Weg zu machen und den Torpedo wieder einzufangen. Leutnant Griebnitz stand achtern im Boot mit einem Doppelglas bewaffnet und sah nach den Laufblasen des Torpedos aus, die durch die am Hinterende entweichende Luft entstehen. Diese Luft kommt aus der Luftkammer, treibt die Maschine und strömt dann durch das sogenannte Schwanz ende des Torpedos ins Wasser, wo sie in breiten Blasen an die Oberfläche steigt. Das kleine Boot jagte inzwischen mit äußerster Anstrengung der Scheibe zu. Vorn auf dem Bug standen zwei Leute in Ölzeug und spähten ebenfalls nach dem Torpedo aus. Torpedo ist hoch!" rief plötzlich einer und zeigte mit der Hand voraus. Richtig! Dort züngelte in einiger Entfernung eine kleine, blasse Flamme mit schwacher Rauchentwicklung, und ein leises, ab und zu unterbrochenes, zischendes Geräusch war hörbar. Es war die Kalziumflamme im Kopf des Torpedos, die sich im Wasser entzündet hatte, und die das Auffinden des Torpedos erleichtert. Rach einigen Augenblicken lag die Pinasse längsfeit des kostbaren Geschosses, das man natürlich nicht wie Granaten verfeuern und dann ausgeben kann; das würde eine Gefechts schießübung zu sehr verteuern und nebenbei die Gefechts-264 10. Kapitel.  kraft des Schiffes herabsetzen, da an einen Ersatz der Torpedos so leicht nicht denken ist. Die Porck" sauste inzwischen aus ihrem Gesechtswege weiter. Voraus hatten anfangs die Geschütze ihre Richtung ge nommen. Mehr und mehr wendeten sie sich nun querab, dann konnte der vordere Turm die Scheibe überhaupt nicht mehr erreichen und mußte das Feuer einstellen. Für ihn griff nach einiger Zeit der achtere Turm in das Gefecht ein, bis endlich die Entfernungen zu groß wurden und die Porck" drehte. Run kam der Hecktorpedo zum Schuß, dessen Trefschancen durch die erhöhte Fahrt und das Drehen mit dem Ruder hart zu Bord erheblich erschwert waren. Oberleutnant Reiche verstand aber seine Sache nicht nur gut, sondern er paßte auch auf wie ein Luchs, und als der Tor pedo aus dem Rohr gesaust war und die gerade Laufrichtung ausgenommen hatte, war gleich ersichtlich, daß er das feindliche Schiff nicht verfehlen würde. Fast genau unter der mittleren roten, kleinen Flagge flitzte er hindurch. An Wirklichkeit wäre es ein Meisterschuß gewesen. Hinter ihm her jagte mit Volldampf die zweite Pinasse unter Leutnant Fritsche und sing ihn ebenfalls nach einiger Zeit wieder ein. Abwechselnd wurden die Torpedos dann wieder übergenommen, und während der nächsten Tage nahm die Schießübung ihren ununterbrochenen Fortgang. Aus der Porck" selbst ließ währenddessen der Kommandant alle die Gefechtstörungen durchexerzieren, wie sie in Wirklich keit Vorkommen können. Zum ersten Offizier und Artillerieoffizier gelangte plötzlich die Meldung: Der Kommandant ist tot!" und der erste Offizier mußte die Leitung des Schiffes übernehmen. Eine feindliche Granate traf das mittlere 15-oin-Kasemattc- geschütz, tötete und verwundete einen Teil der Bedienungs mannschaft und zerstörte die Lafette zum Teil. Während die Verwundeten von den Krankenträgern mit möglichster Schnelligkeit beiseite und an den Verbandplatz geschafft wurden, bemühte sich der Rest der Bedienungsmannschaft, zu dem der zweite Artillerieoffizier eine 8,8-oiu-GeschützmannschaftEine Schießübung.   2v5 als Aushilfe schickte, das Geschütz selbst wieder gebrauchsfähig zu machen, so gut es eben ging, ltnfc nach zehn Minuten konnte das Geschütz auch wieder in den Kampf mit eingreifen. Das Dampfruder im Kommandostand ist zerschossen!" hieß es, und das zweite Ruder wurde eingeschaltet. Ein Munitionsaufzug wurde £ urcf Granatsplitter zerstört und ungangbar gemacht. Am 9?u waren Taljen eingehakt, und die Geschosse nebst Kartuschen wurden init deren Hilfe aus der Tiefe der Munitionsräume ausgeheißt. Auch dieses Mittel versagte! Da mußte die Menschenkraft allein herhalten, um die schweren Geschosse nach oben zu schaffen. Eine Gefechtstörung durfte wohl eintreten, aber der Kainpf selbst durfte nicht aufgegeben werden. Dann ereilte auch den ersten Offizier das Schicksal, von einem Granatsplitter schwer verwundet zu werden, so daß er das Kommando aufgeben mußte. Der Navigationsoffizier trat an seine Stelle. Alle Kommandoelemcnte im Kommandostand wurden vernichtet. Da wurden aus der Kommandozentrale die Befehle weiter gegeben; es ist dies der lange, unter Wasser liegende Raum, in dem sich die Stränge der elektrischen Leitungen für die Befehlsübermittlung nach allen Teilen des Schiffes hin befinden, so daß die Wände aussehen, als ob dort Schlangen von riesiger Länge schlafend ruhten. Der Hintere Signalmast wurde getroffen und fiel um! Er wurde über Bord geworfen, nachdem alles, was ihn stützen konnte, durchhauen war. Die Schornsteine bekamen Lecke und mußten gedichtet werden! Die Backbordmaschine wurde durch Granatsplitter unbrauchbar gemacht, und zum Schluß traf noch ein Torpedoschuß das Schiff an Backbord vorn in Abteilung fünf, die in wenigen Augenblicken vollgelaufen war. Am zwölf Grad legte sich das Schiff nach der Seite über, und die Turmgeschütze waren in dieser Lage nicht mehr zu brauchen. Schnell mußte auf der Steuerbordscite ein gleicher Raum voll Wasser gelassen werden, um das Schiff wieder gerade zu legen. Durch das eingelassene Wasser aber sank der Bug des Schiffes ein ganzes Teil tiefer, wodurch die Schnelligkeit und Manövrier fähigkeit ganz bedeutende Einbuße erlitt.266 10 . Kapitel. Mit großer Mühe gelang es endlich, das Leck an der Back bordseite zu stopfen, so daß die beiden Räume wieder leer ge pumpt werden konnten! Da verkeilte eine schwere Granate den vorderen Geschühturm, machte die Geschützbedienungen kampfunfähig oder wenigstens betäubt, und es stellte sich heraus, daß die Drehfähigkeit des Turmes gänzlich aufgehört hatte. Um ihn weiter benutzen zu können, mußte mit dem Schiff gedreht werden. Wenn alle diese und andere Sachen in Wirklichkeit ein getreten wären, so wäre von. der Porck"-Besahung am Ende der fünftägigen Sefechtschießübung höchstens noch ein Drittel von Offizieren und Mannschaften vorhanden gewesen. Von den Geschützen waren vielleicht noch zwei brauchbar. Wie ein flügellahmer Vogel würde das Schiff noch mit einer Seiten schraube mühsam dahinkriechen, kurz und gut, das ganze war eigentlich kein Kriegschiff mehr, sondern nur ein Wrack. Endlich fiel der letzte Schuß, und Kapitän Eisenhart, der ebenso wie alle übrigen im Lause der Übung Verwundeten und Totgeschossenen zum Schluß wieder ganz lebendig und gesund geworden war, gab den Befehl: Klar Schiff aufhören!" zum letzten Male. Es war eine interessante, aber auch anstrengende Zeit für die ganze Besatzung gewesen. Während der Nächte, die zwischen den einzelnen Sefechtstagen lagen, hatten Offiziere und Mann schaften sogenannte Kriegswache gehen müssen, bei der immer eine Hälfte vollständig bereit ist, eine Anzahl von Geschützen zu besetzen, während auch die zweite Hälfte nur angezogen ruhen darf, um jeden Augenblick auf dem Posten sein zu können. Fein wer dat, und von de ohle Schief is ook nix mehr nablewen (nachgeblieben)," meinte Petersen, als er mit seinen Kameraden sich daran machte, seine Kanone zu putzen und wieder sauber zu machen. Ja, aberst ick bün doch heilfroh, dat dat to Ennen is," antwortete Fensen. Mi sust dat all örrntlich in ür Kopp von dat ohl Gcscheet. Besunners wenn de Lütten anfangen doht, de knallt gräsig." Laßt das Schwatzen und putzt!" befahl ihnen der Unter offizier. Jetzt kommt es vor allen Dingen darauf an, daß das Geschütz wieder sauber wird."Eine Schießübung. 267 Wie bei den Geschützen, so war auch überall sonst auf der Porck" die Mannschaft eifrig beschäftigt, alles wieder in den gewohnten Friedenszustand zurückzubringen. Die Scheiben flöße wurden übergenommen und wieder auseinander ge schlagen, die Dampfboote eingesetzt, und die Porck" kehrte, da auch alle drei Maschinen wieder als vollkommen gebrauchs fähig erklärt waren, in rascher Fahrt aus die Reede von Callao zurück. Herr Kapitän, ich werde die gefluteten und ausgepumpten Abteilungen doch wohl acht Tage lang offen stehen lassen müssen, bis sie ordentlich ausgetrocknet sind," sprach der erste Offizier zum Kommandanten, und dann möchte ich das Schiff malen." Ja, Reichard, ich glaube, das können wir ruhig machen," erwiderte Kapitän Eisenhart. Ich werde beim Gesandten Unfragen, ob er in den nächsten acht Tagen für uns irgend einen Auftrag hat, wenn nicht, dann können Sie meinetwegen am Montag anfangen." Der erste Offizier ließ sich daraufhin den Oberbootsmann kommen, dem er nur kurz den Befehl gab: Brandow, Montag morgen wird angefangen, das Schiff zu malen!" Auch außenbords?" fragte der Bootsmann. Auch außenbords!" bestätigte der erste Offizier, der wußte, daß er seinem Bootsmann weiter nichts zu sagen brauchte. Oberbootsmann Brandow ging jetzt von selbst mit größtem Eifer daran, Farbe und Pinsel für das Malen herzurichten und sich die Raffaels, die er dazu brauchte, unter der Mannschaft auszusuchen. Herrschaften, am Montag wird gemalt; die Geschichte dauert ungefähr acht Tage; inzwischen ist Mulschen (Schlafen) Hauptbeschäftigung, und wer das nicht will, sondern Lust hat, an Land zu gehen, der kann das auch tun. El Commandante hat nämlich bestimmt, daß du jour gegangen werden kann während der Zeit, und zwar sollen Griebnitz und Fritsche mit einspringen, damit sie auch mal rankommen!" verkündete Oberleutnant Reiche den übrigen Wachoffizieren. Fritsche fängt also Montag morgen an, Griebnitz kriegt Pikett, Schneider Kontrepikett, und so geht das rauf bis zum Herrn Oberleutnant268 10. Kapitel. Reiche. Der Urlaub kann schon übermorgen bei der Musterung beantragt werden." Na, und was ist morgen los?" fragte Bertram. Selbstverständlich ein Niesen-Rein-Schiff mit Sand und Steinen und allen Schikanen, die es überhaupt nur gibt. Der alte Brandow macht schon ein Gesicht, als ob ihm das größte Vergnügen bevorstünde, und ich kenne jemanden, der sich wenn möglich schon morgen früh mit dem ersten Kochboot an die Küste begibt, um gen Lima zu gondeln. Ach habe mir vom Stabs doktor schon eine genaue Segelanweisung geben lassen. Herr Kapitänleutnant, wollen Sie nicht morgen auch gleich mit nach Lima hinausfahren?" fragte Reiche dann den Navigations offizier. Nein, ich kann nicht, ich habe keine Zeit," antwortete Kapitänleutnant Röder. Was heißt keine Zeit? Wann hätte ein Navigationsoffizier keine Zeit an Land zu gehen? Seine Tätigkeit hört doch auf, wenn das Schiff im Hafen liegt," meinte Leutnant Bertram. Na, man merkt eben, daß Sie noch nie Navigationsoffizier im Auslande gewesen sind," entgegnete Röder. Kommen Sie nur einmal mit in meine Kammer und sehen Sie sich den Stapel von Büchern und Sachen an, die da liegen. Die sämtlichen Segelhandbücher und Leuchtfeuerverzeichnisse müssen nachgesehen und alle Verbesserungen und Nachträge hand schriftlich eingetragen werden. Außerdem ist eine große Anzahl von Deckblättern eingegangen für die Segelhandbücher, die ein geklebt werden sollen, ferner muß ich alle Karten überholen und die Änderungen in den Leuchtfeuern anbringen. Glauben Sie, daß das keine Arbeit ist?" Ach, das macht doch meistens der Steuermann!" rief Leutnant Bertram. Za, er macht es, aber ich kontrolliere es, denn ich bin schließ lich der verantwortliche Redakteur dafür," versetzte der Naviga tionsoffizier. Außerdem muß für sämtliche Kompasse nach dem Schießen die Deviation (Ablenkung der Magnetnadel) neu be stimmt werden, und nebenbei muß ich meine Chronometerkinder ganz besonders sorgfältig beobachten, ob sie das viele Bumbum im Schiff auch nicht übelgenommen haben und jetzt Sprünge machen. Sie sehen, es ist so allerlei, was auf mich wartet, undEine Schießübung. 269 ehe das nicht erledigt ist, kann ich nicht daran denken, an Land zu gehen, wenigstens nicht für längere Zeit." Na ja," gab Leutnant Bertram jetzt zu, daran hatte ich freilich nicht gedacht. Aber wenn Sie dainit fertig sind, können Sie doch auch ruhig mal für ein paar Tage nach Lima hinaus^ fahren. Der Generalkonsul und die Herren vom deutschen Klub haben schon lange gebeten, wir sollten doch mal in größerer Zahl hinkommen. Der Konsul will, glaube ich, auch eine Partie mit uns ins Gebirge machen." Na, ich will mal sehen," antwortete Kapitänleutnant Röder, aber nachdem er während der nächsten Tage seine Bücher und Karten in Ordnung gebracht hatte, nahmen die Deviationsbestimmung und eine neue Reihe von Chronometer beobachtungen so viel Zeit in Anspruch, daß er immer nur auf einige Stunden von Bord gehen konnte. Es konnte jeden Augenblick unerwartet der Befehl zum Verlassen des Hafens und zur Fortsetzung der Reise eintreffen, und da durste er diese Arbeiten nicht hinausschieben. Die jüngeren Kameraden dagegen zogen am Sonntag nachmittag fröhlich an Land mit dem angenehmen Bewußt sein, vor Ende der Woche nicht zurück sein zu brauchen. Auch der Stabsarzt und der Stabsingenieur fuhren mit nach Lima hinauf. Letzteren litt es allerdings nicht lange von Bord, da er die Znstandsetzungsarbciten an den Maschinen mit größter Gewissenhaftigkeit immer selbst kontrollierte. Der Stabsarzt dagegen konnte sich bei dem außerordentlich guten Gesundheits zustand der Mannschaft schon ein paar Tage Ausspannung gönnen und erteilte, als er am fünften Tage zurückkam, auch dem Assistenzarzt bereitwillig die Erlaubnis, sich die Haupt stadt Perus etwas genauer anzusehen. Während Kapitänleutnant Röder eifrig über seinen Büchern und Karten saß, kam ein Signalgast und meldete sich bei ihm zur Stelle. Was wollen Sie?" fragte der Navigationsoffizier. Ach sollte melden, ich wäre ein Esel," antwortete der Mann. Was soll das heißen? Wer schickt sie?" fragte Röder. Und warum sind Sie ein Esel?" Weil ich die Tabelle über Bord geworfen habe." Welche Tabelle?" Die, wo die Sonne draufsteht." Was ist das? Wo die Sonne draussteht?" Zu Befehl! Wo das von die Sonne draussteht, wenn sie aufgeht, und wenn sie wieder untergeht." Ach so! Die Sonnenaufgangs- und Untergangstabelle haben Sie über Bord geworfen? Weshalb denn?" fragte Kapitänleutnant Röder lachend. Ich kann da nix zu," antwortete der Signalgast. Sie fiel mir aus der Hand, und der wachhabende Offizier läßt sagen, nu wüßte er nicht, wann die Sonne unterginge, und darum wäre ich ein Esel." Kapitänleutnant Röder hatte Mühe, sich das Lachen zu verbeißen, und sagte: Ra, Pahlke, ein Esel sind Sie gerade nicht, sondern ein ganz guter Kerl, aber ein ungeschickter Peter. Sagen Sie nur dem wachhabenden Offizier, ich würde eine neue Tabelle ausrechnen und zweimal abschreiben lassen, damit eine vorhanden wäre, wenn Sie wieder eine über Bord werfen." Zu Befehl!" antwortete Pahlke und zog vergnügt ab. Diese Tabellen werden vom Navigationsoffizier in jedem Hafen neu berechnet und im Kartenhaus ausgehängt, damit der Wachoffizier abends danach die Zeit der Flaggenparade zum Niederholen der Flagge bestimmen kann, wenn die Sonne selbst und ihr Verschwinden unter dem Horizont nicht beobachtet werden kann. Schon am Sonntagnachmittag hatte Oberbootsmann Brandow aus dem Malerhellegatt einen Haufen Pinsel und aus der Last für feuergefährliche Gegenstände, in der auch Lack und die Farben zum Streichen des Schiffs aufbewahrt werden, eine Anzahl Blechdosen mit weißer Farbe heraus holen lassen und die Farbe angesetzt. Hören Sie, Brandow, lassen Sie die Farbe ordentlich ver rühren, daß sie nicht zu dick ist, und tüchtig Sikkativ hinein, damit sie schnell trocknet," sagte der erste Offizier zum Ober bootsmann. Jawohl, Herr Kapitän," versetzte er, aber es sind sehr wenige Leute unter der Mannschaft, die n Quast handhaben können. Mit den anderen ist das nicht zum Ansehen! Ich Hab Eine Schießübung. 271 mir die besten schon ausgesucht, aber mehr als zwanzig krieg ich nicht zusammen, und dann, wie sieht das denn aus, wenn dat so unegal gestrichen ist." Za, Brandow, das hilft nichts, wir müssen malen so schnell wie möglich. So kann das Schiff jetzt nicht mehr bleiben. Die ,Porck sieht ja aus, als ob sie das Fleckfieber hätte." Das war auch ganz erklärlich, denn von dem Pulverdampf war das Schiff zum Teil außenbords schwarz und grau ge worden, und an anderen Stellen hatte die Farbe durch den Schwefelwasserstoff in den Pulvergasen einen häßlichen Stich ins Gelbe erhalten. Soll ich die Ruderbarkasse und Pinasse oder die Kutter nehmen zum außenbords Malen?" fragte der Oberboots mann noch. Wir wollen die großen Boote aussetzen, die Kutter werden zu arg verschmiert," entgegnete Kapitän Reichard. Das ist ja keine Arbeit mit der Maschine." So fing am Montagmorgen der große Verjüngungs prozeß, genannt Malen, außen- und binnenbords an, und auch das Maschinenpersonal beteiligte sich an der Verschönerung des Schiffs, indem die Schornsteine abgeklopft, gekratzt und ebenfalls neu mit Kalkfarbe angestrichcn wurden. Meine Herren, jetzt fangen wir an, Theater zu spielen oder in Gesellschaft zu gehen," sagte lachend Matrose Fensen, als er am Montagmorgen ein sogenanntes Takelpackchen, einen aus groben Segeltuchstoff gefertigten, aus Hose und Bluse bestehenden Anzug, anzog. Diese Takelpackchen werden zur Schonung der eigentlichen Kleidung von Schiffs wegen aus- gegeben und gehören in das Ressort des Bootsmanns, der sie im Hellegatt verwahrt. Zensen und seine beiden Freunde Petcrsen und Markward verstanden als richtige Seeleute natürlich auch einen Maler pinsel zu handhaben oder, wie der Oberbootsmann sich aus drückte, den Quast zu schwingen, und waren daher mit ab geteilt, außenbords mitzumalen. Statt der Mützen setzte jeder von ihnen einen alten Mützen bezug auf oder drehte eine alte blaue Mütze mit dem Futter nach außen. Zu je sieben wurden sie dann in Barkasse und Pinasse verteilt, und je drei kamen in die beiden Zollen. Die272 10. Kapitel. großen Boote fingen an von vorn zu malen und die kleinen am Heck. Nun bitte ich mir aber aus, daß fleißig gearbeitet wird und immer ordentlich schlank gemalt! Bootsmaat Reuter und Obermaat Schwarz, paffen Sie mir gut auf, ich komm nachher nachsehen!" drohte der Oberbootsmann. Während so die TZorck" außen einen neuen Anstrich erhielt, waren im Innern ebenfalls fleißige Hände beschäftigt, wenigstens die Stellen, wo der Farbenanstrich bereits stark gelitten hatte, auszubessern. Aber schließlich wurde aus dem sogenannten Ausbessern auch beinahe ein Neumalen des ganzen Innern, und der Farbeetat, der für das ganze Jahr ausreichen sollte, schmolz bedenklich zusammen. Da sich aber der erste Offizier und der Bootsmann darüber einig waren, daß das Schiff wirklich nell gemalt werden mußte, verschoben sie die Sparsamkeit im Ausgeben der Farbe für später. Sobald das Malen beendet ist und es ist gut gemalt worden, gibt s auch wieder längeren Urlaub!" verkündete der erste Offizier, und als er dann einen Rundgang durch das Schiff selbst machte, sowie in Begleitung des Oberbootsmanns eine Rundfahrt um die TZorck" herum, da mußte er sagen, daß die Leute ihre Sache wirklich recht gut gemacht hatten. Es sieht wirklich beinahe aus, als ob das Schiff von Werft malern gestrichen wäre, so hübsch gleichmäßig ist alles ge macht," lobte er. Ich Hab ihnen aber auch ordentlich auf die Finger ge paßt," erklärte der Oberbootsmann. Zuerst wollten sie gar nicht so recht heran. Da waren doch so n paar Mann dabei, die hatten sich Twist in die Tasche gesteckt, und wenn sie da so n Ölsleck auf die Hand oder auf t Gesicht kriegten, denn gingen sie doch erst mit Twist bei und wischten sich das erst wieder ab. Einer hatte sogar, glaub ich, einen Taschenspiegel in der Büx. Na, den Hab ich aber!" und der Oberboots mann schmunzelte noch vor Vergnügen darüber, wie er dem Jüngling den Spiegel abgewöhnt hatte. Na, Reichard, sind Sie fertig?" fragte Kapitän Eisenhart, als er den ersten Offizier von seiner Rundfahrt zurückkommen sah. Dann will ich mir das Schiff auch einmal ansehen." Der Kommandant konnte aber auch nicht anders, als feine S Eine Schießübung.  273 volle Zufriedenheit über die geleistete Arbeit aussprechen, und als die jüngeren Offiziere aus Lima zurückkehrten, riefen sie schon von weitem, als sie ihr Schiff erblickten: Alle Wetter, sieht der Kahn jetzt aber wieder nobel aus!" Kapi tänleutnant Hoffmann aber, den der Kommandant fast mit Gewalt an Land gejagt hatte, damit er sich von den An strengungen der Schießübung etwas erholen sollte, machte dem ersten Offizier eine tiefe Verbeugung und sagte: Herr Kapitän, ich gestatte mir Ihnen im Namen aller Seeoffiziere ein Kompliment darüber zu machen, wie tadellos das ganze Schiff aussieht. Aber in Lima war s auch nicht übel!" Sein der Mannschaft gegebenes Versprechen wegen des ürlaubs hielt Kapitän Reichard auch, denn er wußte ganz -genau, daß die Leute in Zukunft jeden Dienst auch weiter willig und mit Vergnügen leisten würden, wenn sie sahen, daß ihre Tätigkeit anerkannt wurde. Unser erster Offizier ist wirklich ein famoser Mann. Wenn er uns auch tüchtig rankriegt, er arbeitet auch selber mit und gönnt uns dafür nachher was," sprachen die Leute unter sich und ver galten ihrem Vorgesetzten das Wohlwollen, das er ihnen zeigte, durch Dienstfreudigkeit an Bord und gutes Betragen an Land. Kapitünleutnant Hoffmann und Oberleutnant Reiche hatten im Verein mit dem Feuerwerker und den Rohrmeistern dann noch einige Tage angestrengter Arbeit, um aus all den ver schiedeneil Beobachtungsangaben genaue Berichte über das Ergebnis der ganzen Gefechtsübung zusammenzustellen, die sie dem Kommandanten einreichen mußten. Hoffmann, ich möchte auch die sämtlichen Schießbücher und Revisionsbücher, sowie das Munitionsbuch nochmals vorgelegt haben. Außerdem muh doch wohl im Laufe des Jahres noch eine genaue Gewehrrevision durch den Waffen- vffizier und Büchsenmacher stattfinden," sagte dieser. Jawohl, Herr Kapitän, ich dachte, das wollten wir nach Weihnachten machen, Anfang Januar oder um die Zeit. Ich habe bereits daran gedacht," antwortete der Artillerieoffizier. Aber woran ich Herrn Kapitän auch noch erinnern wollte, ist, daß wir noch verschiedene Signal- und Leuchtfeuer zu Übungszwecken abbrennen müssen, also Raketen, Fackelfeuer und Licht von der Nachtrettungsboje." Bernstorff, An Bord des Panzerkreuzers Jorck". 18274 II. Kapitel. S Za, ich weiß," entgegnete Kapitän Eisenhart. Sie können mir ja einen Tag vorschlagen, und Sie, Reiche, schicken mir noch einmal die Torpedobücher. Sind sie nach dem Schießen schon ausgefüllt? Ich muß sie doch unterschreiben." Zu Befehl, Herr Kapitän, ich habe sie schon mitgebracht," antwortete der Torpedooffizier. In Gemeinschaft mit dem ersten Offizier, dem Navigations offizier, dem Artillerie- und dem Torpedooffizier, sowie dem Stabsingenieur und dem Stabsarzt bearbeitete der Kom mandant dann das umfangreiche Material für den endgültigen Bericht über die Schießübung und die dabei gemachten Er fahrungen. Diesem fügte der Kommandant noch einen Sonderbericht bei, in dem er sich über die Anlage der ganzen Übung, sowie die Tätigkeit der einzelnen Offiziere vor und während des Schießens im besonderen äußerte. M.t der Schießübung war für dieses Dienstjahr die Ge fechtsausbildung der Besatzung als abgeschlossen zu betrachten. Herr Kapitän läßt alle Seeoffiziere in die Kajüte ^ bitten," meldete der Posten vor der Kajüte in der Ofsi- ziersmesse. Nanu, was ist denn da los? Fritsche, was will der Kommandant? Schneider, haben Sie wieder was an gestellt?" fragten verschiedene, während sich die Beorderten aus den Weg zur Kajüte machten. Hier stand Kapitän Eisenhart an dem großen Mitteltisch, aus dem eine Seekarte ausgebreitet war. Meine Herren, wir werden jetzt ein Kriegspiel spielen," begann der Kommandant, bei welchen Worten Leutnant Schneider seinem Kameraden Maurer einen Puff in den Rücken versetzte. Sie werden sich dazu in zwei Parteien teilen," fuhr Kapitän Eisenhart fort. Die Führung der einen übernehmen33 IS Sa iS Kl Kriegspiel und andere Feste.  275 Sie, Kapitän Reichard, die der anderen Kapitänleutnant Röder." Dann verteilte er die übrigen Offiziere zu den beiden Parteileitern und setzte ihnen die Idee auseinander. Generalidee ist, Chile und Peru befinden sich mitein ander im Kriege! Die Spezialidee für Chile ist: .Während eine chilenische Landarmee in einer Stärke von dreitzigtausend Mann mittels Transportflotte nach Mollendo übergeführt wird, um von dort zu Lande den Marsch gegen die Haupt stadt von Peru zu unternehmen, hat die Flotte eine Störung dieses Transportes unter allen Amständen zu verhindern. Sie gilt erst als disponibel für eine Seeschlacht, nachdem der Transport gelandet ist Die Spezialidee für Peru ist folgende: ,Der Admiral der peruanischen Flotte hat von dem Auslaufen der Transportflotte ungenaue Kenntnis erhalten. Er weiß weder, seit wann die Flotte unterwegs ist, noch, in welchem Hasen sie die Landung beabsichtigt. Diese letztere soll er unter allen Amstünden verhindern und womöglich die chilenische Flotte vernichten " Kapitän Eisenhart gab dann für die beiden Mächte noch die Zahl der zur Verfügung stehenden Schiffe der verschiedenen Gattungen an und schloß: Die Leiter der beiden Parteien, Reichard, also Sie und Röder, können sich nun über die Maß nahmen, die Sie ergreifen wollen, beraten. Sie können die Offiziere, die Ihnen zur Verfügung stehen, zu Kommandanten der einzelnen Schisse ernennen, ihnen Befehle geben und sie selbständig operieren lassen, wie Sie wollen, nur muß im großen und ganzen die Leitung in Ihren Händen bleiben. Ich gebe der ersten Partei jetzt zwei Stunden Zeit, sich hier zu beraten, die anderen Herren wollen so lange hinaus gehen." Daraus verließ Kapitänleutnant Röder mit seiner Schar die Kajüte, und Kapitän Eisenhart ging selber auch hinaus. Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, so erhob sich drinnen ein lebhaftes Stimmengewirr, und als der Kom mandant nach Verlauf einer Stunde seine Kajüte einmal wieder betrat, sah er die peruanische Partei eifrig an der Karte be schäftigt, mit Zirkel und Lineal zu arbeiten, Entfernungen zu messen und aus großen Bogen, die aus dem Tische umher lagen, Notizen zu machen.276 N. Kapitel. Der erste Offizier wollte ihm eine Meldung machen, aber der Kommandant winkte ab und sagte: Lassen Sie sich nicht stören. Wenn Ihre Zeit um ist, komme id herein und werde mir anhören, was Sie beschlossen haben." Als die peruanische Partei fertig war, kamen die Chilenen daran, und während der nächsten Zeit operierten die beiden Parteien gegeneinander. Nur durch den Mund des Kom- nrandanten erfuhr jede von der Tätigkeit der anderen gerade so viel, wie sich in Wirklichkeit aus dem Vorschieben der Be obachtungschiffe und den Erkundigungen durch schnelle Kreuzer und Torpedoboote ergeben konnte. Hier und da kam es natürlich, zu Anfang hätlfiger, vor, datz die jüngeren Offiziere besonders mit den Spähern und Kreuzern riesige Entfernungen zurücklegten und alles inögliche in Erfahrung gebracht hatten, was in Wirklichkeit ganz un möglich gewesen wäre, so datz Kapitän Eisenhart sie auf das richtige Matz zurückführen mußte. Er erschwerte außerdem die einzelnen Maßnahmen ver schiedentlich durch schlechtes Wetter und anhaltenden Sturm oder Maschinsnhavarie, die die eine oder andere Partei ver hinderten, die volle Geschwindigkeit der Schiffe auszunuhen. Auch verstand er es, noch durch andere Zwischenfälle, wie sie sich sehr wohl ereignen konnten, das Ganze recht interessant zu gestalten. In der Messe hatten sich die beiden Parteien natürlich auch vollkommen ausgebildet, und selbst der Riesenreisedauerskat wäre durch die Feindseligkeiten zwischen Chile und Peru bei nahe in die Brüche gegangen, da die beiden Seeoffiziere ver schiedenen Parteien angehörten. Allmählich rückten aber die Seestrcitkräfte sich doch so nahe, datz die Sache zum Schluß kommen mutzte, und so berief denn Kapitän Eisenhart eines Nachmittags wieder sämtliche See offiziere in die Kajüte und hielt ihnen an der Hand der Karte und der Berichte, die ihm von den Parteileitern täglich em- gereicht waren, eine Kritik über das Ganze ab. Der chilenische Truppentransport war im letzten Augen- blick in höchster Gefahr gewesen. Nur durch ein energisches Vorgehen der begleitenden Kriegschiffe, die sich mit größter Tapferkeit aus die feindliche Flotte gestürzt hatten, wobei esKriegspiel und andere Feste. 277 wahrscheinlich zu einer regelrechten Schlacht gekommen wäre, war die Landung ermöglicht worden. Am allgemeinen kann ich mich mit den Maßnahmen der beiden Führer einverstanden erklären," schloß Kapitän Eisen hart. Die Fehler, die gemacht worden sind, werden Sie selbst aus dem Verlauf des Ganzen erkeirnen und bei einer ge legentlichen späteren Wiederholung zu vermeiden wissen. Ach denke aber, wir haben alle miteinander dabei gelernt." An den Mienen seiner Offiziere konnte er erkennen, daß sie alle mit großem Eifer dabei gewesen waren. Während die Seeoffiziere sich so, durch das Spiel sich fort- bildend, im Dienst übten, war die Mannschaft der Porck" auch mit Spiel beschäftigt gewesen, so weit es die dienstfreie Zeit gestattete. Am ganzen Schiss wurden Vorbereitungen für das Weihnachtsfest getroffen, und der Bottelier konnte kaum genug buntes Papier an Bord bringen für all die Transparente, Ketten, Sterne und sonstigen farbigen Zierate, mit denen die Besatzung ein Schiff zu Weihnachten an den Backen und in den unteren Räumen auszuschmücken liebt. Als der Weih nachtsabend anbrach, erkannte man das ernste Kriegschiff kaum wieder. Überall war Licht, Farbe, grünes Gezweig und lustiges Leben. Zn den Transparenten, die jede einzelne Backschaft für sich angefertigt hatte, waren alle die kleinen Vorkommnisse des bisherigen Zusammenlebens an Bord in mehr oder minder witziger oder drastischer Weise zum Aus druck gebracht. An einer Stelle beklagte sich eine Back, daß der Bottelier sie immer mit Knochen bedächte, in den Worten: Wie soll der Koch uns Suppe kochen, wir kriegen statt Fleisch nur immer die Knochen!" An einer anderen Back meinten die Betreffenden, der Tabak sei zu teuer, und brachten das im folgenden Vers zum Ausdruck: Der Kantinentabak ist viel zu teuer Für unsere kleine Matrosenheuer! Unsere Pfeifen nur dann ordentlich brennten, Wenn wir Heizerzulage kriegen könnten! Dürften wir mitheizen und Kohlen trimmen, Dann könnten wir auch im Golde schwimmen!"11. Kapitel. SK Dieser Vers bekundete allerdings eine etwas eigenartige Auffassung vom Dienst der Heizer und den irdischen Gütern, die sie sich damit erwerben, und war sicherlich nicht ganz ernst gemeint. Denn wenn die Matrosen mit in die Heizräume kommandiert werden, räsonieren sie gewöhnlich sehr dar über und erklären meistens selber, daß das bißchen Heizer zulage für den schweren Dienst längst kein genügendes Ent gelt sei. Ebenso wie die Wohnräume der Mannschaft mit Grün, Lichtern und buntem Behang festlich geschmückt waren, so waren auch die untersten Räume durch eine geschickte Verwand lung unkenntlich gemacht und ihrer bisherigen Bestimmung vollkommen entzogen. Zn einem Heizraum war aus großen Kohlenblöcken, die sich die Heizer mühsam aus den Bunkern herausgesucht hatten, eine große Grotte gebaut, an deren Seite ein Wasserfall herniederplütscherte, während das Innere durch elektrische Lampen, deren Birnen in rotes Seiden papier eingehüllt waren, eine magische Erleuchtung erhielt. Die Stirnwände der Kessel waren ganz und gar von grünen Zweigen verdeckt, ebenso spann sich zu Häupten von Kessel zu Kessel eine grüne Decke hin, so daß das Ganze einem feenhaft erleuchteten, grünen Laubgang glich. In der Grotte aber saßen die Künstler, die diesen Raum so sinnig geschmückt hatten, vergnügt beieinander und ließen ihre Gitarren er klingen. Wer dort hinunterkam, glaubte, eher in einen Ab schnitt einer italienischen Festnacht, als in den Heizraum eines deutschen Kriegschiffes hineingeraten zu sein. Ein zweiter Heizraum bot wieder ein ganz anderes Bild. Hier hatten die Heizer und das Maschinenpersonal sich zu sammengetan, um in allerlei kleinen und kleinsten Maschinen, deren Räder und Rädchen schnurrten und sausten, deren Kolben hin und her oder aus und nieder spielten und die allerlei Verrichtungen, wie Wasser pumpen, Aschen- und Kohlen eimer Hochziehen und ähnliches, ausführten, ihre Kunst zu zeigen. Wieder ein anderer Heizraum zeigte, ebenfalls aus großen Kohlenstücken und allerlei Brettern und Balkenwerk her gestellt, ein nachgemachtes Kohlenbergwerk und erinnerte so noch am meisten an die Tätigkeit der Verfertiger. Kapitän Eisephart, Kapitän Reichard und auch die meistenKriegspiel und andere Feste. 279 anderen Offiziere ließen es sich nicht nehmen, durch die Ma- fchinenräume auch bis in die Heizräume hinunterzusteigen, um alle diese Wunderwerke in Augenschein zu nehmen. Bei deren Herstellung hatten sich die Heizer und das Maschinen personal gemeinsam zusammengesunden, um in der Be tätigung ihres mehr oder minder künstlerischen Dranges für kurze Zeit einmal die Schwere und Einförmigkeit ihres Berufes und Dienstes an Bord zu vergessen. Kapitän Eisenhart ries sich auch die Leute einzeln heran, bedankte sich bei ihnen für die Mühe, die sie sich gegeben hätten, und belobte besonders diejenigen, deren Köpfen die Pläne zu diesen Ausschmückungen entsprungen waren. Haste gesehen, es hat ^m ordentlich Freude gemacht. Er hat güacht, wie er sicl s ang schaut hat," sagte Thomaczewsky, der als Zitherkünstler mit in der Grotte gesessen hatte, freude strahlend zu seinen Kameraden, und die ganze schwarze Ge sellschaft freute sich ebenfalls darüber, daß ihr höchster Vor gesetzter ihre Bemühungen anerkannt hatte. Um das Vergnügen der Mannschaft nicht zu unterbrechen, hatte Kapitän Eisenhart feinen Rundgang durch das Schiff schon frühzeitig begonnen und erschien dann, einer Einladung der Offiziersmesse folgend, in der Messe, um mit seinen Offi zieren zusammen das Weihnachtsfest zu feiern. Die letzte Post, die eingetrossen war, hatte für jedes Messe mitglied mehr oder minder zahlreiche Grüße aus der Heimat gebracht. Kapitänleutnant Hoffmann und der Zahlmeister, die sich in der Messeführung als glänzende Rechenkünstler er wiesen hatten, waren schon lange vor dem Fest in den ver schiedensten Häfen an Land gegangen, um bald hier, bald dort Sachen einzukaufen, die jetzt bei der Weihnachtslotterie zur Verlosung kommen und als Erinnerung an die gemeinsame Reise dienen sollten. Es befanden sich unter diesen Sachen einzelne zum Teil sogar recht kostbare Gegenstände, wie zwei mit Goldkäfern besetzte Nadeln aus Rio, ein herrlicher Federfächer eben daher, eine Reitpeitsche mit getriebenem Silbergriff aus Valparaiso, ein prachtvolles Album mit Ansichten von Lima und der berühmten Chicla- oder Oroyabahn, die fast viertausend Meter Hoch hinaus in die Kordilleren führt, und anderes. Daneben280  II. Kapitel. S: natürlich auch nützliche Gegenstände, Zigarrentaschen, Zigarren spitzen und so weiter, wie solche auch bei der für die Mann schaft veranstalteten Weihnachtslotterie neben guten Bücheru hauptsächlich Verwendung gesunden hatten. Alle diese Zukunftsgeschenke lagen rund auf dem großen Messetisch verteilt, und an jeder Stelle lag ein Zettel mit einer Nummer. Sobald Kapitän Eisenhart eingetreten war und seine jüngeren Kameraden begrüßt hatte, nahm Kapitän leutnant Hoffmann einen silbernen Pokal, den er bei einer Segelregatta in Rio von den englischen Kameraden gewonnen hatte, ging damit auf den Kommandanten zu und sagte: Bitte zu ziehen, Herr Kapitän!" Was? Ach auch?" sagte Kapitän Eisenhart. Nein,. Hoffmann, das gibt s nicht." Ach bitte gehorsamst zu ziehen!" wiederholte der aber,, und Leutnant Heinrich setzte hinzu: Aus allgemeinen Messe beschluß, Herr Kapitän!" Na, wenn mein ganzes Offizierkorps gegen mich ist, dann muß ich ja wohl nachgeben," erwiderte Kapitän Eisenhart freundlich und nahm einen Zettel. Rasch hatten auch die übrigen Offiziere zugegriffen, und nun konnte sich jeder sein Teil der Nummer entsprechend suchen. Der Zahlmeister hatte die Reitpeitsche mit dem silbernen Griff gewonnen. O weh!" sagte er. Soll ich mich aus meine alten Tage etwa noch auf solch wildes Tier klemmen? Ach Hab doch bisher in meinem Leben noch nie einen Selbstmordversuch unter nommen. Meine Herren, eine silberne Reitpeitsche! Wer tauscht?" Ach!" ries Leutnant Heinrich, der eine schöne, lederne Zigarrentasche und eine Spitze gewonnen hatte, aber Nicht raucher war. Kommen Sie her, Herr Zahlmeister, tauscheu wir, dann ist uns beiden geholfen!" Na, ich tausche jedenfalls nicht," bemerkte Kapitän Eisenhart, denn wenn ich hier an Bord auch keinen Gebrauch davon machen kann, so wird der kostbare Federfächer jeden falls meiner Frau eine große Freude bereiten, wenn ich ihr den nach Hause schicke und dazu schreibe, daß ich ihn der Liebens würdigkeit meines Offizierkorps zu verdanken habe."Kriegspiel und andere Feste. 281 Aber dem nicht allein!" entgegnete Oberleutnant Reiche. Denn wenn Herr Kapitän zum Beispiel die Reitpeitsche ge wonnen hätten, denn konnten Sie die doch nicht gut an Ihre Frau Gemahlin schicken." Rein, da haben Sie recht, Reiche," sagte der Kom mandant. Ich werde also schreiben, der Liebenswürdigkeit meiner Kameraden und einem glücklichen Griff verdanke ich das reizende Geschenk." So wie bei der Mannschaft und in der Offiziersmesse hatte auch in der Deckoffiziersmesse eine Verlosung von allerlei Ge schenken stattgefunden, die gleichfalls auf Messekosten beschafft worden waren. Maschinist Garlich hatte sich ebenfalls als ein glänzendes Verwaltungsgenie entpuppt, das ausgezeichnet verstand, die Messewirtschaft sparsam zu führen. Dabei wußte er hällsig durch irgendwelche unerwarteten Kleinigkeiten, die er seinen Kameraden vorsetzte, den Anschein zu erweckeil, als ob sie jeden Tag was anderes bekämeir und herrlich und in Freuden lebten. Er war daher auch nach Ablauf seiner ersten drei monatlichen Messeführung einstimmig wieder gewählt worden und hatte große Aussichten, den Posten dauernd zu behalten. Viel hatte allerdings dazu beigetragen, daß er sich mit dem Materialienverwalter und dem Zahlmeisterapplikanten auf sehr guten Fuß gestellt hatte und diese beiden bei der Aufstellung der Messeabschlüsse mit heranzog. So herrschte auch heute in der Deckoffiziersmesse allgemein eine höchst vergnügliche und friedfertige Stimmung, und jeder ließ deil guten Speiseil, die Herr Garlich nicht nur am Weihnachtsabend, sondern auch an den beiden Festtagen auftischte, alle Ge rechtigkeit widerfahren. Zwischen der Offiziersmesse und der Deckoffiziersmesse fanden auch noch am Weihnachtsabend gegenseitige Besuche statt, denn Kapitän Eisenhart und der erste Offizier unter ließen es nicht, nach dem Essen hinunter zu gehen in die Deck- ofsiziersmesse und den Deckosfizieren ein fröhliches Fest zu wünschen. Diese Anerkennung konnte der Kommandant seinen Deck offizieren wohl zuteil werden lassen, da sie vom ersten bis zum letzten mit nie versagender Pflichttreue und Hingebung282 11 . Kapitel. ihren Dienst aus führten. Kapitän Eisenhart wußte auch ganz genau, daß er sich auf jeden einzelnen der Männer unbedingt verlassen konnte. Er wußte, was im allgemeinen viel zu wenig bekannt ist, daß die Mitglieder der Deckoffiziersrangstufe unserer Marine, die aus dem Schiffsjungenstand, in harter Schule erzogen und sich entwickelnd, hervorgegangen sind, ein für den Dienst an Bord ganz unersetzliches Bindeglied und Hilfsmittel für den Kommandanten und das ganze Offizierkorps mit der übrigen Besatzung und für den gesamten Dienstbetrieb sind. Ohne einen tüchtigen Bootsmann und Stabswachtmeister könnte der erste Offizier nicht auskommen; der Artillerie offizier nicht ohne seinen Feuerwerker und die Rohrmeister, der Navigationsoffizier würde nicht so genaue Beobachtungen anstellen können, wenn ihn nicht sein Steuermann mit der Uhr dabei unterstützte. Zn den Maschinenräumen wäre eine derartig glänzende Haltung des gesamten Maschinenbetriebs materials ohne die Maschinisten, die dafür verantwortlich sind, kaum denkbar; die vielfachen Zimmermannsarbeiten, die selbst auf den eisen- und stahlgebauten Schissen der Neuzeit immer noch ausgesührt werden müssen, bedürfen der sicheren Hand und des scharfen Auges des Zimmermeisters, und was nun gar die Verwaltung des gesamten Materials und Inventars anbelangt, wer sollte die wohl führen, wenn es keine Mate rialienverwalter gäbe. So ist das Deckoffizierkorps eine Truppe älterer, ehren fester, diensteifriger und immer dienstwilliger Männer, auf die man durchweg Häuser bauen kann. Freilich nach außen hin tritt ihre vielseitige stille Arbeit nicht in Erscheinung, und darum ist sie auch im großen und ganzen nur den Eingeweihten be kannt. Kapitän Eisenhart aber, der den Wert eines guten Deck- vffizierkorps aus eigener Erfahrung kannte und daher zu schätzen wußte, hatte darum auch schon gleich zu Beginn der Indienststellung den Offizieren, besonders den jüngeren und jüngsten, es dringend Herz gelegt, die Deckoffiziere, die allesamt den jüngeren Herren an Alter und Diensterfahrung weit überlegen waren, mit Achtung und Freundlichkeit zu behandeln.Kriegspiel und andere Feste. 285 Als alle Offiziere wieder in der Messe versammelt waren, sagte Kapitän Eisenhart: Na, Heinrich, nu machen Sie 11115 -aber mal Musik. Ich habe Sie lange nicht spielen hören." Ach, Herr Kapitän, der viele Dienst!" antwortete Leut nant Heinrich, und dann der Kapitünleutnant Hossmann!" Hoffmann? Wieso?" fragte Kapitän Eisenhart. Der mag keine Musik leiden!" ries Oberleutnant Reiche. Violine spielen nennt er mit dein Pfcrdeschwanz aus dem Schafdarm kratzen. Das Klavier beehrt er mit dem Namen Drahtkommode oder Radaukasten, und Heinrich tituliert er Pfotenhauer oder Tastentrampler." Ach, bewahre, Herr Kapitän, das ist ja alles Phantasie von Reiche!" rief Hoffmann. Der scheint heute schon ein paar Atmosphären Überdruck ausgepumpt zu haben. Ich liebe zwar die Musik im allgemeinen und vor allen Dingen tagtäglich nicht, weil ich nichts davon verstehe, aber so hin und wieder mal ist sie mir gar nicht so zuwider, wie Reiche behauptet." Na, Heinrich, also los, geben Sie uns was zum besten, und Reiche, Baumbach, holen Sie Ihre Instrumente." Gleich darauf sing Leutnant Heinrich an, mit seinen beiden Kameraden zu spielen, und da sie sich alle drei im Laufe der Zeit sehr hübsch eingespielt hatten, ernteten sie nach jedem Stück großen Beifall. Herr Kapitän spielen doch aber selber auch Klavier," wendete sich dann Heinrich an den Kommandanten. Ich habe Herrn Kapitän aber, glaube ich, noch niemals spielen hören." Ich habe auch zu viel Dienst und keine Zeit," antwortete der Kommandant lachend, denn den ganzen Dienst, den jeder einzelne von Ihnen tut, muß ich doch im ganzen noch mitmachen und habe dann außerdem noch meinen Teil. Aber jetzt, bitte, weiter Musik und keinen Dienst." Wollen Herr Kapitän nicht mal mit mir etwas vier händig versuchen?" meinte Heinrich daraus, und dann spielten die beiden Herren vierhändig, so daß selbst Hossmann schließ lich zugab, solche Musik wäre doch wirklich etwas Schönes. Aus dem Vordeck spielte währenddessen der Hoboist Keller mit der Bordkapelle, die sich in der letzten Zeit ganz gewaltig284 11. Kapitel. WS^L^L herausgemacht hatte und schon allerlei Märsche und Tänze zum besten geben konnte. Schließlich aber streikten verschie dene Mitglieder seiner Kapelle und erklärten, nun hätten sie genug geleistet. So, Hein, nu kümmst du an de Reihe!" rief darauf Fensen seinem Freund Petersen zu. Wo is dat Klaveer?" Daraus holte Petersen die Ziehharmonika, die von den Matrosen allgemein Klavier oder Bordklavier genannt wird, und nun gab es erst recht lustige Musik; denn Petersen kannte alle Seemannslieder und Tänze und war unermüdlich. Erst lange nach zehn Ahr verstummten die letzten Töne und hörten, die letzten Paare auf, sich zu drehen. Einer nach dem anderen kroch in die Hängematte; die elektrischen Lampen erloschen bis auf die jede Nacht bren nenden Dienstlampen, und der Weihnachtsabend war beendet. Am ersten Weihnachtsfeiertag hielt der Kommandant eine kurze Musterung ab, und dann war Kirche. Dabei sang der Ge sangverein die Liturgie, und die ganze Musikkapelle begleitete die Choräle, was erheblich zur Erhöhung der Feierlichkeit bei trug. Am Nachmittag aber gab s Urlaub, und in Anbetracht: der allgemeinen guten Führung, die die Mannschaft gezeigt hatte, wurden auch einige Sünder, die mit Arlaubsentziehung bestraft waren, begnadigt und konnten den Fuß an die Küste setzen. Nach dem Fest setzte aber der Dienstbetrieb energisch wieder ein. Doch so viel Eifer und Ernst auch alle Beteiligten dabei zeigten, es schien, als ob über allem und allen ein unbestimm bares Etwas läge, das die Gedanken abzog und auf etwas- anderes hinlenkte. Das war auch tatsächlich der Fall, denn nun rückte mit raschen Schritten für die Besatzung der Porck" das höchste Fest heran, das der deutsche Soldat überhaupt kennt, der Geburtstag seines obersten Kriegsherrn, des Kaisers. Reichard, wenn die Leute irgendwelche Aufführungen, machen wollen, so geben Sie ihnen Zeit dazu, sich ^n bißchen was einzuüben," sagte der Kommandant, und dann wollen wir uns noch mal besprechen, wie wir den 27. Fanuar feiern." Jawohl, Herr Kapitän," antwortete der erste Offizier. Ich dachte, wir würden den Herrn Gesandten und seincirKriegspiel und andere Feste. 285 Sekretär, den Herrn Generalkonsul, den Konsul und die übrigen Herren vom Konsulat und außerdem noch die Vorstände der deutschen Klubs, in denen wir verkehren, zum Diner einladen, und habe als selbstverständlich vorausgesetzt, daß Herr Kapitän mit uns zusammen feiern." Za, natürlich, Reichard, das ist selbstredend," cntgegnete Kapitän Eisenhart. Es ist nur die Frage, wollen wir bei Ahnen in der Messe, bei mir in der Kajüte oder aus Deck sein? Ach fürchte, die Kajüte ist etwas zu eng." Aa, Herr Kapitän, ich meine, wir sitzen besser in der Messe. Dann wollte ich über der Schanze Sonncnsegcl ausholen und dekorieren, uiid wenn Herr Kapitän außerdem noch die Kajüte mit zur Verfügung stellen, so haben wir reichlich Platz. Im Schloßhof können ja auch noch ein paar Backen ausgeschlagen werden. Ich dachte, da sollte die Musik sitzen uiid spielen, während wir essen." Gut," entgegnete der Kommandant, ich bin damit voll kommen einverstanden. Hosfmann soll mit dem Steward die Speisesolge sestsetzen, er kann sie mir aber vorher noch ein mal zur Einsicht geben, und von den Kosten trage ich die Hälfte. Ich denke, das wird Ihnen recht sein." Gewiß, Herr Kapitän," versetzte der erste Offizier, und danach entwickelte sich in der nächsten Zeit unter den Mann schaften eine rege, etwas geheimnisvolle Tätigkeit. Am 25. Januar morgens brachte Leutnant Fritsche dem Kommandanten die eingelaufenen Postsachen, und als diese erledigt waren, sagte der Kapitän: Fritsche, machen Sie sich klar, lassen Sie sich ein Boot geben und fahren Sie aus allen fremden Kriegschisfen im Hasen herum. Melden Sie den Kommandanten, am 27. Januar feierten wir den Geburtstag Seiner Majestät des Kaisers! Wir würden über die Toppen flaggen und um zwölf Ahr mittags einundzwanzig Schuß Salut feuern. Der Kommandant und die Offiziere der ,Porcst gäben sich die Ehre, den Kommandanten um halb sechs Ahr zum Diner einzuladen!" Soll ich auch zu den Franzosen fahren, Herr Kapitän?" fragte Leutnant Fritsche. Jawohl, da fahren Sie auch hin!" befahl Kapitän Eisenhart. Die wissen es zwar ohnehin schon und werden den Hafen ver-N. Kapitel. lassen, aber es ist Pflicht der Höflichkeit, ihnen das noch offiziell mitzuteilen, damit sie nicht sagen können, sie wären nicht be nachrichtigt, andernfalls würden sie sich an der Feier beteiligt haben." Der Adjutant machte sich aus den Weg und fuhr im ganzen Hafen herum. Sämtliche Kommandanten sagten zu, eben falls über die Toppen zu flaggen, und die größeren Schiffe, die zum Salutfeuern berechtigt waren, wollten sich auch daran beteiligen. Es ist nämlich nicht jedes kleine und kleinste Kriegschiff, zum Beispiel ein Kanonenboot oder ein Torpedoboot, ver pflichtet, im Auslande den Flaggensalut oder irgendeinen anderen Salut zu feuern, sondern dies geschieht nur von einer bestimmten Größe auswärts. Am Nachmittag des 26. Januar erscholl auf der Porck" der Befehl: Sämtliche Signalgäste von beiden Wachen und die erste Hälfte der Wache auf dem Aufbaudeck antreten!" Der Navigationsoffizier erschien, dazu der Steuermann und das ganze Steuermannspersonal. Aus der Steuermanns- inventarienkammer wurden die langen Tieflotleinen herauf geholt und zwischen den Masten, sowie von den Toppen nach vorn, nach dem Bug, und nach achtern, nach dem Heck herunter, die Entfernungen abgemessen. An die Leinen wurden die bunten Signalflaggen befestigt, immer abwechselnd ein Wimpel und eine Flagge, alphabetisch von vorn nach achtern zählend, so daß sie, wenn sie ausgeheißt waren, vom Vorsteven über den Gesechtsmast nach dem Signalmast und von dort wieder bis zum Heck hinunterreichten. Eine ähnliche Garnitur hatten die Heizer und das Maschinen personal an den Masten und Schornsteinen angebracht, sowie außenbords um das ganze Schiff herum, nur war hier keine Tieflotleine und keine bunte Flagge verwendet, sondern elektrische Leitungsdrähte mit eingeschalteten kleinen Lampen, die am Abend die sämtlichen Linien des Schiffes wiedergeben sollten. Steuermann, lassen Sie auch gleich die großen Topp flaggen und die Galaflagge für die Gaffel klar legen!" befahl der Navigationsoffizier. And um halb acht Ahr überzeugen Sie sich noch einmal persönlich davon, daß alle Leinen gut lausenKriegspiel und andere Feste, gas 287 und nichts hängen bleibt, vor allen Dingen, daß die Geschichte gut klar ist von den Drähten der Telegraphenanlage!" Während der Navigationsoffizier mit seinen Leuten so beschäftigt war, für die farbige Ausschmückung des Schiffes zu sorgen, übte vorn im Zwischendeck die Kapelle noch aufs eifrigste den Präsentiermarsch mit Variationen zur Flaggenparade; denn Stabshoboist Keller hatte es sich in den Kopf gesetzt, zu Kaisers Geburtstag die Flaggenparade un bedingt mit diesem Paradestück zu begleiten. Den Musikanten tropfte der Schweiß von der Stirn, aber ihr Meister ließ nicht nach. Ammer wieder wurde ein neuer Anlauf gegen die schwierigen Stellen gemacht, bis sie schließlich überwunden waren. Am dritten Zwischendeck hantierte währenddessen der Barbier im Verein init dem Lazarettgehilfen und zwei Ge hilfen, die sich freiwillig gemeldet und auch schon häufiger betätigt hatten, an den verschiedenen braunen, blonden, schwarz haarigen, glatten, krausen oder gelockten Köpfen, um sie für morgen glatt und schön zu machen. Die Scheren klippten und klappten, die Seifenpinsel klatschten ihren Schaum in die Gesichter und die Rasiermesser schabten und kratzten, daß es eine Freude war, bis endlich auch die letzte Stoppel entfernt, die letzte überflüssige Locke gefallen und jeder Bart schön vor schriftsmäßig zugestutzt war. Run konnte Kaisers Geburtstag beginnen. Hell und klar, wie es auf der Reede von Callao, wo der Barometerstand oft in langen Monaten kaum um einen. halben Millimeter sich ändert und Regen zu den Ausnahmen gehört, nicht anders erwartet werden konnte, brach der Morgen des 27. Januar an. Zunächst unterschied er sich in gar nichts von den anderen Tagen. Aufstehen, Hängematten verstauen, sich waschen, Decke reinigen, frühstücken, Pfeife rauchen und so weiter, alles wurde wie sonst erledigt, dann aber kam doch schon etwas Angewohntes. Die neue Sicherheitswache, Signalgäste und Fallreeps gäste, ersten und zweiten Gigsgäste sich umziehen! Weiß,, braune Schuhe an! Reue Mühenbänder!" wurde befohlen und um halb acht Ahr trat die Schar an, tadellos weiß von Kopf bis zu Fuß. Hier und da erschien auch schon einer der Offiziere288 11. Kapitel. oder Deckoffiziere im Galawaffenrock mit Orden und Ehren zeichen^ und kurz vor acht Uhr, als der Befehl: Klar zur Flaggen parade! Die abgeteilten Leute auf ihre Stationen!" gegeben war, fand sich das gesamte Offizier- und Deckofsizierkorps auf dem Achterdeck ein. Es ist Zeit zur Flaggenparade, Herr Kapitän!" meldete der wachhabende Offizier dem Kommandanten. Der Tambour schlug an, die Musiker hoben ihre Instrumente und setzten sie an den Mund. Achtung! Oberdeck still gestanden!" kommandierte der -erste Offizier. Dann schlug auf ein Zeichen des wachhabenden Offiziers der Signalgast vorn an der Schifssglocke acht Glas. Zn demselben Augenblick hietz es: Heiß Flagge! Heiß auf überall! Reiß aus!" Während die Sicherheitswache präsentierte, siel die Musik schmetternd mit dem Prüsentiermarsch ein. Die Leute liefen mit den Leinen längs Deck, daß die bunten Flaggen nach oben zu fliegen schienen. An den Toppen der Masten entfalteten sich die Toppslaggen, und an der Gaffel schwebte langsam die große Galaflagge empor. Zugleich mit der Porck" bedeckten sich auch alle übrigen Kriegschisfe im Hafen, die höflicherweise aus das Vorgehen des deutschen Kriegschiffes gewartet hatten, mit der wehenden bunten Flaggengala. Auch die deutschen Kauffahrteischiffe, die im Hasen lagen, setzten zu Ehren des Kaisergeburtstages Flaggen an Gaffel und Masten, und im Nu bot die weite Reede ein farbenprächtiges, lebendiges Bild. Nachdem der Präsentiermarsch, der zur großen Freude des Hoboisten ohne Fehl und Stocken heruntergeblasen wurde, verklungen war, blieb die Musik noch aus der Schanze stehen und spielte noch einige weitere Stücke. Am halb zehn Ahr war das Ausklaren und Putzen von Schiss und Geschützen beendet, und die ganze Mannschaft legte das weiße Paradezeug an, so daß Kapitän Eisenhart, als er um zehn Ahr in voller Galauniform rasch an den Divisionen entlang ging, lauter blendend weiße Gestalten vor sich sah. Der Musterung folgte ein kurzer Gottesdienst, danach war Freizeit. Zehn Minuten vor zwölf Ahr aber wurden die Divisionen wieder an Deck gerufen: zugleich besetzten GeschützmannschastenKriegspiel und andere Feste. SSSSSSS 289 vier 15-oiu-Geschütze, aus denen heute der Salut gefeuert werden sollte. Kameraden!" fing Kapitän Eisenhart, der ebenso wie seine sämtlichen Offiziere wieder in Galauniform auf Deck stand, an. Wir feiern heute den Geburtstag unseres obersten Kriegsherrn, Seiner Majestät des Kaisers Wilhelm II. Fast ein Fahr ist verflossen, seit wir uns an Bord dieses Schiffes zusammengefunden haben, und es gereicht mir zur großen Freude, sagen zu können, daß alle miteinander, ein jeder nach seinem Teil und Kräften, das Versprechen, das wir uns bei der Indienststellung gegeben haben, getreu unserem ge leisteten Eid unsere Pflicht zu erfüllen, gehalten haben. Am heutigen Tage gedenken wir aber ganz besonders dessen, der uns, was treue Pflichterfüllung und unermüdliche Arbeit im Dienst anbetrifft, jederzeit ein leuchtendes Vorbild ist, dem nachzueisern auch fernerhin unser eifrigstes Bestreben fein soll. Wir alle, die wir hier an Bord sind, haben die Ehre, den Rock Seiner Majestät des Kaisers, das Ehrenkleid des deutschen Mannes, die Uniform, tragen zu dürfen. Wir tragen sie als berechtigte Schirmer und Schützer des Symbols deutscher Kraft und Einigkeit, der Flagge, die über uns weht. Wie es für den deutschen Mann kein schöneres Ehrenkleid gibt als die Uniform, die ihn verpflichtet, so lange er sie trägt und auch noch lange Jahre nachher, aus den Ruf des obersten Kriegsherrn alle Kräfte, ja selbst das Leben einzusetzen, wenn es gilt, das Vaterland und die Ehre des Vaterlandes zu schützen, so gibt es für das deutsche Volk in Waffen keinen höheren Festtag als den Geburtstag Seiner Majestät des Kaisers! Auf Befehl des Kaisers sind wir hinausgezogen über weite Meere, um an fernen, fremden Küsten die deutsche Flagge zu zeigen. Wir haben, ich kann es mit Stolz von uns sagen, schon mehrfach Gelegenheit gehabt, uns hilfreich zu betätigen und unseren Schutz nicht nur Angehörigen der eigenen deutschen Ration, sondern auch denen anderer Nationen zuteil werden zu lassen. Wir werden diese Pflicht auch fernerhin erfüllen, so oft sich uns dazu Gelegenheit bietet und wo immer Hilfe von uns gefordert wird. Unsere Mission ist bisher eine friedliche gewesen. Das deutsche Volk, an seiner Spitze der Kaiser, hat Bernstorfs, An Bord des Panzerkreuzers Jorck". 1911. Kapitel. auch nicht die Absicht, den Frieden zu brechen, sondern will mit allen anderen Völkern auch fernerhin den Frieden genießen, zu seinem eigenen Wohl und zum Wohle der ganzen Menschheit. Wir sind ein mächtiger Faktor im Rate der Völker, und die Stimme unseres Kaisers wird gehört. Es ist aber nicht aus geschlossen, daß mißgünstige, neidische Nachbarn, die uns unsere fortschreitende Entwicklung auf allen Gebieten der Kultur, die uns unseren weit ausgedehirten Handel auf allen Meeren und in allen Ländern und die Rüstung, die wir r:ns zum Schutze unseres Besitztums schaffen wollen, mißgönnen, daß Haß und Neid bei ihnen über die politische Klugheit und das allgemeine Friedensbedürfnis den Sieg erringen und wir zum Kampf herausgefordert werden. Diesen Kampf auszufechten, muß das Schwert des deutschen Volkes stark und scharf geschliffen sein und bleiben für alle Zeit. Wir alle hier an Bord des Panzerkreuzers ,Porck sind dazu berufen, mitzuarbeiten, daß das deutsche Schwert scharf ist, so daß, wenn wir es dereinst ziehen müssen, uns der Gegner nicht nur gerüstet findet bis ins kleinste, sondern daß wir auch imstande sind, ihm einen tödlichen Streich zu ver sehen, der ihn abhält, über die Grenzen unseres geliebten Vaterlandes einzubrechen und unsere gesegneten Fluren und Felder, unsere Dörfer und Städte, und unseren ganzen Besitz stand zu verwüsten und zu zerstören. Viele fremde Kriegsslaggen an Bord fremder Kriegschiffe wehen rings um uns her im Hafen. Heute noch liegen die Schiffe in friedlicher Ruhe, und wenn unsere Geschütze den Kaisersalut zu Ehren unseres obersten Kriegsherrn feuern, dann werden jene mit einstimmen. Aber der Donner der Geschütze wird nicht Krieg, Tod und Vernichtung bedeuten, sondern nur eine Ehrung sein für unseren geliebten Kaiser. Wenn aber die Mündungen jener Geschütze dereinst vielleicht drohend aus uns gerichtet sind, bereit, scharf geladene Granaten auf uns zu ent senden, gewillt, unsere stolze Flagge niederzuringen und eine fremde darüber wehen zu lassen, dann wollen wir das mit aller Kraft hindern und kämpfend, nötigenfalls sterbend bis auf den letzten Mann aushalten. Mächtige, gewaltige Feinde sind es, die uns und unser friedliches Streben bedrohen, das aber wollen wir im Innern uns geloben und aufs neueKriegspiel und andere Feste. 291 schwören, daß keines Feindes Hand unsere Flagge an tasten soll. Mit Gott für Kaiser und Reich, treu bis zum letzten Atem zug, so wollen wir unsere Pflicht tun, ohne Zögern und ohne Wanken, und daß wir das ausführen werden, das wollen wir aufs neue bekräftigen mit dem Ruf: ,Unser allergnädigster Kaiser, dem wir noch eine lange, gesegnete und friedevolle Regierung wünschen, unser oberster Kriegsherr, Wilhelm II., Hurra!" Brausend erklang das Hurra über das Deck und das Wasser hin, und während im gleichen Augenblick acht Schläge der Schiffsglocke über Deck schollen, fiel aus dem steuerbord vordersten Geschütz der erste Salutschuß. Zweites Geschütz Feuer!" kommandierte Kapitän- lcutnant Hosfmann, und in seinen Befehl hinein dröhnte der erste Salutschuß der fremden Kriegschiffe. Ein gewaltiges Donnern erfüllte den ganzen Hafen, daß die Tausende von Pelikanen und anderen Seevögeln, die die weite Bucht um die Mittagzeit in friedlicher Ruhe zu bedecken pflegen, entsetzt in die Höhe flatterten und mit eiligen Flügel schlägen in weite Ferne entflohen. Eine dichte graue Rauchwolke lagerte auf dem Wasser, die von der leichten Brise schwebend hin und her getrieben wurde, bis sie sich allmählich hob und verflog. Englischer Offizier komnit an Bord!" rief da der Signal gast von der Kommandobrücke, und gleich darauf legte die Gig des rangältesten englischen Kapitäns am Fallreep an. Kapitän Montgomery kam, um dem Kommandanten und den Offizieren der Porck" zum Geburtstag des Kaisers zu gratulieren. Ihn: folgten in rascher Reihenfolge die Kommandanten aller übrigen Kriegschiffe, sämtlich in Galauniform, so daß in der Kajüte des Kapitäns in kurzer Zeit eine glänzende Schar versammelt war. Lebhaftes Gespräch erfüllte den Raum, und die Stewards maate, dirigiert von Steward Möhle, der in Frack und weißer Binde erschienen war, hatten alle Hände voll zu tun, um die Sektgläser zu füllen. Süh, das is doch mal nett, daß die auch alle mitschießen für unseren Kaiser," meinte auf Vordeck Matrose Petersen.11. Kapitel. Za, und daß sie auch noch Herkommen, zu gratulieren," setzte Jensen hinzu. Hast wohl gesehen, was der spanische Kaptein für n Menge Orden hatte? Die ganze Brust voll und dann noch so ’n große gelbe, seidene Schärpe über der Schulter." Nee, das war keine Schärpe," bemerkte ein anderer Ma trose, das gehört zum Orden, und das ist der höchste Orden, den es überhaupt gibt." Ach wo! schnack man kein dumm Zeug," entgegnete Zeusen. Den höchsten Orden, den es überhaupt gibt, den haben wir, da müssen wir Front vor machen, das weißt du doch." Aber ri Schärpe ist es ganz gewiß nicht," erwiderte der andere, da kannst dich draus verlassen, sonst hätten die anderen auch so n Ding umgehabt." Anser Kapitän sieht aber doch am feinsten aus der hat auch mächtig viele Orden," meinte Zeusen, da sind die anderen man alle Nußknackers gegen!" Zunge, Zunge, wenn die aber jetzt doch mit m Mal anfangen auf uns zu schießen, denn hätten wir doch höllisch was zu tun, daß wir mit ihnen fertig würden," meinte Petersen und zählte die fremden Kriegschiffe im Hasen. Nein, gar nicht," widersprach Markward. Ein paar davon sind doch nur ganz kleine Dinger, die können uns gar nichts anhaben. Da werden wir leicht mit fertig, bloß die anderen, der große Engländer und die beiden französischen Mannowar, da hätten wir wohl n bißchen mehr mit zu tun." Na, nu laat s man tofreden, nu giwt dat Mittag," rief Fensen, und die ganze Gesellschaft verfügte sich zu dem heute etwas verspäteten Mittagessen an die Back. Es gab heute zu Ehren von Kaisers Geburtstag zuerst eine prachtvolle Suppe mit Reis, hinterher einen Rinderbraten mit Kartoffeln und Pflaumenkompott und danach für jeden noch zwei große Stück Kuchen, außerdem als Getränk Punsch, den aber der Zahlmeister wohlweislich schwach gehalten hatte, weil die Besatzung der Porck" gar nicht an Alkohol gewöhnt war. Als die Mahlzeit beendet war, wurden zur großen Freude der ganzen Besatzung in der Kantine für jeden Mann sechsKriegspicl und andere Feste. SSSSWSS 293 Zigarren ausgegeben, die aus den Ersparnissen der Schifss- verpflegungskasse bezahlt wurden. Die Leute, die keine Zigarren haben, sondern lieber Tabak rauchen wollten, er hielten statt der Zigarren ein Viertelpfund Tabak. Dat lat ick mi gefalltt. Man schad, dat de Kaiser nich öfters Geburtsdag hätt," erklärte Fensen, indem er sich eine Zigarre anzündete. Dat glöw ick wohl, dat kunn di so passen," sagte Petersen. Kumm, Korl, wi wollt uns n beeten tosamen fetten!" und sie setzten sich auf die Back an die Vorkarüe des Geschützturms, wo sie sich an die Kaisergeburtstagsfeier vor einem Fahr in Kiel erinnerten. Die fremden Kommandanten, zu denen sich auch noch eine große Anzahl anderer Seeoffiziere hinzugesellte, hatten die Porck" wieder verlassen. Na, Herrschaften, was machen wir jetzt?" fragte Ober leutnant Reiche in der Messe. Fetzt schlafen wir und bereiten uns auf heute abend vor," entgegnete Griebnitz. Ich kenne jedenfalls jemanden, der sich schleunigst in die Kammer verzieht und sich einige Stunden lang inwendig besieht." Fa, ich werde auch etwas Nachdenken," erklärte der eine oder der andere, und nach kurzer Zeit war die Messe leer. So, nun schnell hier das Geschirr abräumen! Ganz schnell! Und dann machen Sie sich gleich daran, alle Teller und Schüsseln, Messer und Gabeln, was gebraucht ist, ordentlich abzuwaschen! Verstehen Sie, Christians und Paulun? Für heut abend muß alles ertra blitzblank sein!" sprach Steward Möhle, der jetzt von der verlassenen Messe Besitz ergriff und mit den Stcwardsmaaten daran ging, die Tafel für das große Diner herzurichten und zu schmücken. Als Kapitänleutnant Hoffmanir nach ein paar Stunden in die Messe kam, um sich den Tisch anzusehen, wozu er sich als Messevorstand doch verpflichtet fühlte, bot die Messe einen wunderhübschen Anblick, da nicht nur der Tisch, sondern der ganze Raum mit Blumen geschmückt war und die Tafel im Scheine der elektrischen Lichter ordentlich leuchtete und glänzte. Nach und nach kamen dann die geladenen Gäste, und um294 II. Kapitel. halb sechs Uhr fand sich eine glänzende Festversammlung in der Offiziersmesse zusammen. In einer ausgezeichneten Rede brachte der Gesandte das Hoch auf den Kaiser aus. Rauschend klang dazu der Tusch der Musik, die heute keinem mehr Schrecken einjagte, wenn sie anfing zu spielen. Rasch flogen die Stunden dahin, und als das Essen beendet war, bat der erste Offizier den Kommandanten und die fremden Herren mit an Deck zu kommen, wo die wehende Flaggen gala um sechs Uhr bei der Flaggenparade mit niedergeholt worden war. Ra, Reichard, was haben Sie denn Schönes noch?" fragte Kapitän Eisenhart. Der Turnklub hat gebeten, einige Sachen vorsühren zu dürfen," erwiderte Kapitän Reichard und führte seine Gäste nach dem Oberdeck. Dort war das Turnreck aufgestellt, vor dem zwölf Mann der Besatzung der Porck" standen, die sich am Reck und im Tauklettern produzierten. Einzelne darunter leisteten geradezu Bewundernswertes und in mustergültiger Form, so daß besonders die fremden Offiziere nicht Worte genug des Lobes finden konnten. Das Heben von Gewichten und eisernen Stangen, Laufen auf den Händen und andere Akrobatenkünste vervollständigten die Vorstellung, auf die dann noch der Vortrag einer Anzahl Lieder seitens des Gesangvereins folgte. Währenddessen war die elektrische Außenbeleuchtung am Schiff eingeschaltet worden, und der Rumps, die Schornsteine und Masten der Porck" zeichneten sich in glühenden Linien vom dunklen Nachthimmel ab. Eine große Anzahl von Booten war von Land herangekommen und umschwärmte das Schiff. Die Insassen vergnügten sich damit, den Mannschaften der Borck" allerlei zuzurufen und ihnen mit Mühen und Tüchern zuzuwinken. In der Deckoffiziersmesse hatte ebenso wie in der Offiziers - messe ein seines Diner stattgesunden, und Obcrbootsmann Brandow als Messeältester sollte nochmals ein Hoch auf den Kaiser ausbringen. Nein, das tu ich nicht, ich bin mein Lebtag kein Redner gewesen," erklärte er aber ruhig, als Maschinist Garlich ihmKriegspiel und andere Feste. g g a 295 den Vorschlag machte. Sie sind ja Messevorstand, reden Sie doch!“ Aber, Herr Oberbootsmann, das geht doch nicht," er widerte der Maschinist, das ist nun doch mal militärische Sitte, daß der Älteste die Rede hält." Ach wat, da scher ich mich nicht drum," erwiderte der Bootsmann. Reden Sie man los, Sie haben ja n ordent liches Mundwerk und werden es viel besser machen als ich." Ra, wenn Sie denn durchaus nicht wollen, Herr Obcr- bootsmann, dann will ich Sie gern vertreten," erwiderte darauf Herr Garlich, der sich innerlich eigentlich sehr geschmeichelt fühlte, daß ihm die Ehre zuteil werden sollte, die Kaisergeburts tagsrede zu halten. Er entledigte sich seiner Ausgabe auch recht gut, da er bei der Rede des Kommandanten am Mittag sehr genau zu gehört und sie sich zum größten Teil auswendig gemerkt hatte. Rur dehnte er die Sache etwas gar zu lange aus, so daß er die Geduld seiner Zuhörer aus eine ziemlich harte Probe stellte, von denen sich mehrere schließlich ziemlich ungeniert und laut zu unterhalten ansingen. Die empörten Blicke ihres Messe kollegen und Festredners beachteten sie kaum, so daß dieser schließlich genötigt war, abzubrechen und etwas unvermittelt zum Schluß 51t kommen. Das Hoch auf den Kaiser lautete darum aber nicht minder freudig und war nicht minder ehrlich gemeint, und nachher gratulierten alle dem Redner zu seiner glänzenden Leistung. Einzig und allein der Pumpenmeister, der durchaus nicht mit dem Maschinisten aus einen guten Fuß hatte kommen können, bemerkte etwas boshaft: Sie hatten aber fein vom Kommandanten abgelernt, Herr Garlich!" Bitte sehr, davon kann gar keine Rede sein," entgegnete Obermaschinist Garlich, der heute ebenfalls 511 den glücklichen. Beförderten gehörte. Ach könnte Ahnen mein Manuskript zeigen, das hatte ich schon lange fertig, ehe der Kommandant seine Rede gehalten hat." Die übrigen Deckoffiziere verwiesen aber den Pumpen meister zur Ruhe, als dieser noch weiteren Krakeel mit seinem Gegner anfangen wollte, und so verlies auch hier das Kaiser geburtstagsfest würdig und in ungestörtem Frieden.296 12. Kapitel. Erst kurz vor Mitternacht setzten die letzten Boote mit Be suchern und Gästen wieder ab, die prächtige Konturenbeleuch tung der Porck" erlosch, Kaisers Geburtstag war vorüber! ^err Kapitän, ich möchte noch einmal eine Nachtübung mit ys der Leckstopf- und Bergerolle machen. Wir haben das bisher iminer nur am Tage exerziert und eigentlich auch nie mals bis zum letzten Punkt durchgeführt. Ich glaube, es wäre ganz gut, wenn wir das mal machten," sprach der erste Offizier zum Kommandanten. Selbstverständlich, Reichard, ich habe nichts dagegen," antwortete Kapitän Eisenhart. Wollen Sie das Schiff dabei auch fluten?" Nein, das beabsichtige id) eigentlich nicht, Herr Kapitän," erwiderte Reid)ard. Aber alle Boote aussetzen will id) dabei." Ja, und dann lassen Sie die Geschid)te aber ohne jeglid)e Vorbereitungen machen, so als ob uns ein Dampfer irgendwo angerannt hätte und das Sd)iff nid)t mehr zu halten wäre," sagte Kapitän Eisenhart. Wann wollen Sie die Übung an- stcllen?" In einer der nächsten Näd)tc, Herr Kapitän," meinte der Erste und empfahl sich. In traumlosem Sd)lummer lag die Besatzung der Porck". Mitternacht war vorüber, und etwa eine halbe Stunde war ver strichen, seit die Posten um zwölf ühr gewechselt hatten. Der wach habende Offizier, der eben nod) einen Gang über Deck gemacht und von der Kommandobrücke aus den Hafen mit den Sck)iffen und die Küste gemustert hatte, sah im Kartenhaus. Der Signalgast lehnte am Geländer der Kommandobrücke, träumte vor sid) hin und wünsd)te, dah seine zwei Stunden, die er da oben zubringen muhte, erst vorüber wären. Es war so gräßlid) langweilig. Selbst die Seehunde, die man bei dem fast beständigen Mcerlcud)ten auf der Reede nad)tsWozu die Boote da sind. gS   297 prachtvoll unter Wasser beobachten konnte, wenn sie aus der Zagd waren, sah man kaum mehr an, da man sie ja jede Nacht zu sehen bekam. Auch der Posten auf der Back langweilte sich und schleuderte mit etwas müden Schritten langsam auf und ab. Durch das Zwischendeck schlich gebückt unter den Hängematten der Wach habende, Obermatrose Michels, dahin, um nachzuseheit, ob auch keine außer den vorschriftsmäßigen Laternen brannte. Plötzlich schnellte der wachhabende Offizier im Kartenhaus von seinen: Stuhl in die Höhe, stürzte auf die Kommandobrücke und schrie wütend: Mensch, sind Sie denn ganz von Sinnen? Was ist das für ein Ansinn?" Der Signalgast hatte einen Schreck bekommen, daß er tau melte, und der Posten aus der Back hätte vor Schreck fast feilt Gewehr fallen lassen. Am Zwischendeck aber fuhr der Ober matrose Michels mit einem solchen Ruck in die Höhe, daß er heftig gegen eine Hängematte stieß und den Darinliegenden beinah hinausgeworfen hätte. Leutnant Maurer bekam auf seine Frage keine Antwort, wohl aber tönten die dröhnenden Elockcnschläge weiter, die die Schläfer aus den Hängematten und den Kojen jagten, daß sie mit beiden Beinen zugleich aus der Hängematte heraus- und in die Hosen hineinsuhren. Einer schrie den anderen an: Was ist los? Mensch, was ist denn los?" Die Offiziere in ihren Kammern waren aus der Koje ge sprungen und hatten einen Augenblick auf die hallenden Glocken schläge gehorcht: Was ist denn das für ein Ansinn?" brummte dieser oder jener, während er in Hosen und Rock hineinfuhr wie der Teckel in die Fuchsröhre. Die Deckoffiziere hatten es ihnen nachgemacht, und durch all das Hasten, Lärmen, Laufen und Nennen, das urplötzlich im Schiff entstanden war, klang der schneidende Befehl des ersten Offiziers: Leckstopsen in Ab teilung drei und vier an Backbord! Dampflenzpumpen an stellen! Lenzen aus Abteilung drei und vier!" Dann der schrillende Pfiff des Anteroffiziers der Wache, der als erster die Sachlage erfaßte, weil er gesehen hatte, wie der erste Offizier sich leise an Deck entlang geschlichen und den Klöppel von der Schisssglocke in die Hand genommen hatte. Da wußte der Bootsmaat Richter in derselben Sekunde, daß irgendeine298 12. Kapitel. besondere Übung vorgenommen werden sollte und stand gleich mit seiner silbernen Signalpfeife in der Hand klar. Leckstopfmannschasten auf ihre Station! Beide Kutter klar! Alle Boote klar zum Aussehen!" ertönte wieder die Stimme des ersten Offiziers, und die Bootsbesatzungen stürmten an Deck, um den Befehl auszuführen. Da erscholl ein neuer Befehl: Alle Mann antreten nach der Bergerolle! Hänge matten werden nicht über Bord geworfen!" Der letzte Befehl bezog sich darauf, daß die festgezurrten Hängematten, die eine ziemlich große Tragkraft besitzen und längere Zeit im Wasser schwimmen können, bei schweren ün- glücksfällen mit als Rettungsmittel benutzt werden sollen, an denen sich Leute festhalten können, bis sie von den Booten oder sonstwie ausgenommen werden. Das wilde Durcheinander, das in den ersten Sekunden im ganzen Schiss geherrscht hatte, war nach wenigen Augenblicken einer vollkommenen Ruhe gewichen, sobald die Leute erst zur Besinnung gekommen waren und die Befehle vernahmen, so daß sie wußten, um was es sich handelte. Natürlich war auch der Kommandant an Deck gekommen und rief im Vorüberlaufen dem ersten Offizier zu: Kapitän Reichard, suchen Sie das Leck zu stopfen, ich übernehme das Kommando über das Schiff!" Die Leckstopfmannschasten bleiben auf der Station! Alle übrigen Leute antreten nach der Bergerolle!" erklang jetzt das Kommando des Kommandanten. Die ungewohnte Stimme machte die Leute aufhorchen. Du, wer wär dat? Wer hett da wat ropen (gerufen)?" fragten verschiedene, und selbst der Oberbootsmannsmaat Schramm, der bei solchen Manövern als ältester Unteroffizier die Wache übernehmen mußte, vergaß für einen Augenblick den Signalpsisf und die Wiederholung des Befehls. Bootsmannsmaat der Wache! Warum wird denn nicht gepfiffen, was ich besohlen habe?" rief Kapitän Eisenhart von der Kommandobrücke herunter. Da besann sich der Unter offizier auf seine Pflicht. Erster Kutter ist klar zum Fieren! Zweiter Kutter klar zum Fieren!" meldeten mit lauter Stimme die Bootssteuerer von ihren Booten her, und auch die Bootsführer der Dampf-Wozu die Boote da sind.  SSS 299 pinassen, die zuerst ausgesetzt werden mußten, meldeten ihre Boote dafür klar. Die Boote zu Wasser!" befahl der Kommandant, und während die Kutter in sausender Fahrt hinuntergefiert wurden, drehten sich klappernd die Zahnräder der Bootsheißmaschinen, die Stahlleinen spannten sich; es gab einen kleinen Ruck, wie die Boote sich aus den Klampen hoben; dann schwebten sie frei in der Lust, wurden ausgeschwungen, und während die Maschine rückwärts lief, rollte das Stahltau ab und die Boote senkten sich auf die Oberfläche. Leck in Abteilung drei kann nicht mehr gestopft werden!" ließ da der erste Offizier dem Kommandanten melden, und gleich daraus kam eine zweite Meldung: Abteilung vier ist vollgelaufen! Schott nach Abteilung fünf gebrochen! Lenz pumpen können Wasser nicht mehr schaffen!" Barkasse und Pinasse aussetzen! Mannschaften in die Boote! Gig und Jollen zu Wasser!" befahl der Kommandant, und die Hauptrettungsmittel, die großen Boote, wurden eben falls mit möglichster Geschwindigkeit zu Wasser gebracht. Mitten dazwischen erlosch plötzlich das elektrische Licht, und von unten heraus hörte man die Stimme des ersten Offiziers: Notlaternen anzünden!" Überall wurden die mit einfachen Lichtern ausgestatteten Laternen in Betrieb gesetzt. Aus der Steuermannsinventarien- kammer tauchte noch eine Anzahl Handlaternen init Lichtern auf, aber gegen die vorherige Helligkeit gaben alle die Lichter nur einen ungewissen Dämmerschein, bei dem die Leute sich nur mühsam zurechtfinden konnten. Jetzt erscholl der letzte Befehl: Alle Mann aus dem Schiff!" und von unten her kamen in größter Eile alle, die unten noch beschäftigt gewesen waren, aus Heiz- und Maschinenräumen, Zwischendecks und so weiter nach oben. Alle Mann in die Boote!" und beim Scheine der Hand laternen glitten die Gestalten der Mannschaften an Tauen und allem, woinit sie hinuntergelangen konnten, über die Bordwand in die unten liegenden Boote hinein. Alle Mann sind aus dem Schiff!" meldete der erste Offizier dem Kommandanten. Ich möchte jetzt in den Booten mustern lassen," setzte er hinzu.300 12 Kapitel. Jawohl, tun Sie das," antwortete Kapitän Eisenhart, und der erste Offizier rief: Musterung in den Booten, ob die Leute richtig verteilt sind!" In den Booten herrschte natürlich eine drangvoll fürchter liche Enge. Außerdem war es stockfinster, und erst mit Mühe konnten die Bootslaternen angezündet werden. Dann hörte man an Steuerbord und Backbord, vorn und achtern die rufenden Stimmen der Offiziere in den Booten und das antwortende: Hier!" der Leute. Es vergingen aber doch fast zehn Minuten, ehe die Muste rung beendet war und die Meldungen kamen, daß die Mann schaften, die nach der Bergerolle in das betreffende Boot hiireingehörten, auch tatsächlich darin waren. Nur etwa zwanzig Mann waren in falsche Boote eingestiegen. Na, im großen und ganzen kann die Übung als gut gelungen betrachtet werden. Ich denke, wir können damit ganz zufrieden sein," sagte der Kommandant zum ersten Offizier aus die Meldung, daß die Leute gemustert seien. Solche Kleinig keiten werden sich wahrscheinlich immer wieder abspielen. Lassen Sie die Leute heraufkommen!" Boote Fallreep! Mannschaften an Bord kommen! Bootsbesatzungen bleiben drin!" befahl darauf Kapitän Reichard. Heizer in die Maschine! Elektrisches Licht wieder anstcllen! Die abgeteilten Leute Hilfslaternen auslöschen! Die Mannschaften antreten auf der Manöverstation!" In langem Zuge wie ein wandernder Ameisenhaufen kamen die Leute aus den Booten das Fallreep herauf wieder an Bord und bauten sich aus ihren Stationen auf, wo sie sich leise flüsternd unterhielten. Wat schall dat nu blots bedüden," meinte Peterssn. Eenen da so mitten in de Nacht rut to holen und so n Tög to mähen." Häst hört, wo de Ohl kummanderen däht?" entgegnete Jensen. Dat klüng mal snurrig." Aber sein!" meinte Markward. De hätt n mächtige Stimm . Ick glöw, de kann noch beeter as uns erste Offizier." Halten Sie den Mund und schwatzen Sie nicht!" ries Obermaat Schwarz dazwischen. Immer haben die Leute was zu reden."Wozu die Boote da sind. Z0I mm!“ Nu!" brummten Petersen und Markward leise vor sich hin, aber natürlich nur so, daß der Unteroffizier es nicht hörte, und alle warteten aus die weiteren Befehle. Aa, natürlich, Barkasse und Pinasse wollen wir wieder einsetzen, falls Sie die Boote morgen nicht anderweit brauchen. Die beiden Dampfpinassen und die übrigen Boote können zu Wasser bleiben; die Kutter können ja auf der Morgenwache geheißt werden," hatte Kapitän Eisenhart auf die Frage des ersten Offiziers, ob die schweren Boote noch eingesetzt werden sollten, geantwortet. Das geschah denn auch, und nach zehn Minuten war alles wieder in Ordnung gebracht. Freiwache und Freiwächter zur Koje!" befahl der erste Offizier, und die Leute verschwanden rmter Deck, die Offiziere und Deckosfiziere wieder in ihren Kammern. Eine Zeitlang hörte man hier und da noch halblautes Sprechen, Kichern und Lachen, dann wurde es allmählich still und stiller, und das ganze Schiff versank wieder in Schlaf. Langsam schritt der Posten auf der Back wieder auf und ab, der Signalgast lehnte wieder am Geländer der Kommando brücke, aber der wachhabende Offizier setzte sich nicht wieder ins Kartenhaus, sondern ging auf der Brücke gemächlich aus und nieder. Haben Sie uns heute nacht aber einen Schreck eingejagt, Herr Kapitän!" rief Kapitänleutnant Hofsmann am anderen Morgen beim Frühstück in der Messe. Ach denke doch, ich höre nicht recht, als da plötzlich das Bumbumbum losgeht." Aa, ich dachte im ersten Augenblick, Maurer wäre rappelig geworden!" rief Leutnant Heinrich. Und ich dachte, der Unteroffizier der Wache hätte n leichten Anfall gekriegt!" ries Leutnant Maurer lachend. Entschuldigen Sie, Herr Kapitän, mit dem rappelig ge worden meinte ich Sie natürlich nicht," wendete er sich an den ersten Offizier. Ach hatte ja keine Ahnung davon, daß Sie selber mit der Glocke arbeiteten, sondern dachte tatsäch lich, Bootsmaat Richter wäre nicht recht bei Sinnen." Aa, die Überraschung war ganz gut gelungen," erwiderte der erste Offizier lachend. ga, ganz gewiß, Herr Kapitän," bestätigte der Stabs- ingenieur. Meine Leute waren zuerst ganz verstört, aber sobald sie das Signal erkannt batten, stürmten sie los, als ob tatsächlich das Schiff bereits im Untergehen wäre. Mich rannte der Heizer Kowalski dabei beinahe über den Haufen und rief nur immer: ,Schnell! Schnell! Die Abteilung drei ist leck! Abteilung drei ist led ! Der dachte tatsächlich, wäre was passiert!" So ging es den anderen Leuten übrigens auch," setzte Leutnant Wohlfahrt hinzu. Bei mir fragten verschiedene Leute: ,gst da wirklich n Loch im Schiff? Woher ist das ge kommen? und einer sagte ganz naiv: ,gch Hab doch gar nicht gemerkt, daß uns ein anderes Schiff angerannt hat ." Übrigens mit unseren Booten, Herr Kapitän, ist das doch noch nicht ganz richtig, wenn wir tatsächlich mal ver- klucken sollten," meinte Kapitänleutnant Röder. Die Bar kasse lag bis an das Dollbord im Wasser, als der letzte Mann hereinkam. Es wäre auch keine Maus mehr ins Boot gegangen. Und dabei hatten wir noch keinen Proviant und sonst nichts im Boot. Wie das im Ernstfall werden soll, das ist mir einiger maßen unklar." ga, mehr Boote können wir aber doch nicht an Bord nehmen, sondern müssen uns damit abfinden," cntgegnete der erste Offizier, gedenfalls gehen aber alle Leute hinein, und das ist erst mal die Hauptsache; alles andere findet sich dann schon nachher." Bei der Musterung befahl er aber den Divisionsofsizieren: Lassen Sie noch einmal ghre Leute ganz eingehend über die Stationen instruieren, die sie bei der Bergerolle einzunehmen haben, und vor allen Dingen, in welches Boot jeder Mann gehört, damit nicht wieder Verwechslungen wie heute nacht Vorkommen. Heute und morgen nachmittag werden wir außerdem die Boots- und Landungsrolle noch besonders üben." Wollen wir Landungsmanöver machen? gch denke, das ist hier verboten," cntgegnete Oberleutnant Reiche. Herr Kapitän sagten doch, die Peruaner erlaubten uns nicht, daß wir mit bewaffneten Mannschaften an Land kämen." Rein, wir werden dazu am Montag nach Ancon gehen,"Wozu die Boote da sind. SBBSBSS 303 antwortete Kapitän Reichard, da können wir Landungs manöver machen, so viel wie wir Lust haben." Ei, das wird sein," sagte Leutnant Heinrich. Da kann man sich doch wieder mal ordentlich die Beine vertreten." Als am Mittwoch- und Donnerstagvormittag zweimal hintereinander die Boots- und Landungsrolle exerziert wurde, sogar mit armierten Booten, was seit vier Wochen nicht mehr geübt worden war, äußerte Petersen: Na, nu geiht dat hier woll ook bald los," denn natürlich war es unter der ganzen Besatzung bekannt geworden, daß die Peruaner in Streitig keiten mit den Chilenen geraten waren, und er war sehr ent täuscht, als die Porck" in aller Frühe Anker lichtete und nach Ancon, einem kleinen Hafen nordwärts von Callao, dampfte, rvo sie nach ein paar Stunden auf offener Reede ankerte. Am nächsten Morgen ertönte gleich nach dem Frühstück der Befehl: Alle Boote klar zum Landen!" Hurra, nu geiht los!" rief Fensen, und während die Boots besatzungen ihre Boote klar machten, die Kutter zu Wasser rauschten und die schweren Boote ausgesetzt wurden, machte sich das eigentliche Landungskorps bereit. Nach kaum fünf Minuten stand die Mannschaft mit Gewehr und Seitengewehr angetan und mit umgehängtem Brotbeutel an Deck. Hier, Richter, larifen Sie mal runter zum Steuermann, ob die Feldflaschen nicht ausgegeben würden!" rief Ober leutnant Reiche einem Anteroffizier zii, während er seinen Zug auf Vollständigkeit des Anzuges musterte. Ja, ja, ich komme schon! Hier, Maat Kunz, sind fünfzig Flaschen! Hier, Freiwald, auch fünfzig Flaschen! Krause, hier! Nun man n bißchen vorwärts! Trab rauf mit den Dingern!" rief Steuermann Schmidt auf die Anfrage, warf die mit den Riemen wie ein Rattenkönig zusammengebun denen Feldflaschen seinen Leuten hin, und diese eilten damit an Deck. Fm Nu hatte jeder Mann eine Feldflasche umgehängt. Da is ja gor nix in, in de Buddel," meinte Petersen ver ächtlich. Wat schall ick mit den lerdigen Buddel?" und er setzte die Feldflasche an den Mund und tat, als ob er tränke. Na, prosit meine Herren, wohl bekommt!" sagte Fensen und machte es ihm nach. Da hieß es: Patronentaschen aus!" Der Feuerwerker304 12. Kapitel. und seine Leute erschienen und brachten aus der Munitions- kammer Platzpatronen. König, Sie haben ja wieder schmutzigen Twist in der Patronentasche," sagte Bootsmaat Richter, als seine Leute die Deckel der Patronentaschen aufmachten. Wie oft habe ich Ahnen das schon verboten, Sie Schmutzfink! Run sehen Sie bloß mal an, wie das aussieht. Na, aber warten Sie nur, Freundchen. Ich gewöhne es Ihnen doch noch ab. Raus mit dem Twist!" Der Matrose König, der nun mal die Leidenschaft hatte, den beim Gewehrputzen gebrauchten Twist in seiner Patronen tasche aufzubewahren, nahm eine Handvoll des schmierigen, öligen Zeugs heraus und steckte den ganzen Kram in die Hosentasche. Sind Sie nicht recht gescheit?" fragte ihn der Unteroffizier. Wollen Sie sich damit Ihr Zeug auch noch verschmieren? Sie sind doch ein ganz unglaublicher Mensch! Wenn ich bloß wüßte, was ich mit Ihnen anfangen soll." Bootsmaat Richters Stimme bebte ordentlich vor Zorn, und als König jetzt den Twist aus der Hosentasche wieder herausholte und sich hilflos umsah, zischte er ihm zu: Schmeißen Sie das Zeug über Bord!" woraus König den Befehl aussührte und natürlich seinen schmierigen Twist in den Kutter hineinwarf, was ihm einige Schmeichelworte seitens des Kuttersteurers einbrachte. Bootsmaat Richter war übrigens nicht der einzige Unter offizier, der sich über solche Untugend ärgern muhte, denn auch bei den anderen Sektionen des Landungskorps fanden sich noch verschiedene Twistsammler. Zehn Platzpatronen pro Kopf ausgeben!" befahl der erste Offizier, und nachdem die Platzpatronen in den Taschen untergebracht waren, hieß es: Gewehre zusammensehen!" Und dann mußte das ganze Landungskorps an der Kambüse vorbeimarschieren, um sich die Feldflaschen mit Kaffee füllen zu lassen. Nein, das geht nicht, das müssen wir in Zukunft anders machen," erklärte aber der erste Offizier, das nimmt ja viel zu viel Zeit in Anspruch. Steuermann, wenn wir wieder Landungsmanöver machen, lassen Sie die Feldflaschen vorher an die Kambüse schaffen, daß sie voll sind, wenn sie an dieWozu die Boote da sind. a 505 Leute ausgegeben werden. Ach bitte um Meldung, ob die .Füge klar sind!" Sobald er die Meldung erhalten hatte, ging er seinerseits zum Kommandanten und meldete: Landungskorps ist klar .zum Vonbordgehen!" Aus den Befehl: Bootsbemannungen sich einschiffen!" kletterte dann das Landungskorps in die Boote, die sich danach hinterm Heck in langer Reihe hinlegten. Ach melde das Landungskorps von Bord!" meldete Kapitän Reichard dem Kommandanten rrnd stieg selbst in die Dampspinasse. Ach komme gleich nach," hatte Kapitän Eisenhart erwidert, und Kapitän Reichard setzte sich mit der Dampfpinasse an die Spitze der Boote. Hinter ihm im Tau lag die Barkasse, aus deren Bug das Bootsgeschütz drohte, dahinter die Pinasse, dann die beiden Kutter, alle voll besetzt mit bewaffneten Leuten, und ganz hinten am Tamp schwabberte die Zolle, die durch eine weiße Flagge mit rotem Kreuz vorn im Bug als Lazarett boot gekennzeichnet war. Hier saß der Assistenzarzt Doktor- Kluge mit dem Lazarettgehilfen und den Krankenträgern. Vor ihm stand die Medizinkiste mit Verbandzeug, und es fehlte auch die große sogenannte Labeslasche nicht. An der Dampfpinasse war der Signalmast aufgerichtet, und während die Boote mit langsamer Fahrt dem Ufer zu strebten, flatterten an der Rahe abwechselnd die bunten, kleinen Bootsignalflaggen in die Höhe. An den geschleppten Booten hoben dann die Offiziere, welche die betreffenden Boote kom mandierten, eine blaue Flagge am Stock als Antwort in die Höhe, sobald sie das Signal aus dem Bootsignalbuch abgelesen und verstanden hatten. Zuerst wurden allerlei Manöver gemacht. Ein Signal hieß: Klar machen zum Rudern!" und die Bootsbesatzungen nahmen die Riemen zur Hand. Klar zum Loswerfen der Leinen!" hieß es überall. Da ging drüben das Signal in der Pinasse nieder als Zeichen zur Ausführung des Befehls: Leinen los!" klang es durch die lange Reihe: Riemen bei!" rmd nach wenigen Augenblicken ruderten sämtliche Boote los. Wendungen, Schwenkungen, Anreihesetzen, Aufmarschieren zur Linie, dann wieder klar machen zum Schleppen, alles Bernstorff, An Bord des Panzerkreuzers Aorck". 20306 12. Kapitel. wurde geübt. Dazwischen mußten die Bootsbemanmmgen sich klar machen zum Feuern, und dann klang aus der Dampf pinasse das Hornsignal: Schieß ihn tot!", dazu der Ruf des ersten Offiziers: Ohne Platzpatronen!" Bums! fiel aus dem ersten Kutter ein Schuß. Wer war das? Wer hat da geschossen?" ries Leutnant Wohlfahrt. Wer ist es gewesen?" Matrose König!" wurde geantwortet. Was fällt Ahnen ein? Wie kommen Sie dazu, mit Platz patronen zu schießen?" fuhr ihn Wohlfahrt an. Da kam auch schon die Pinasse herangesaust, und Kapitän Reichard ries: Leutnant Wohlfahrt, stellen Sie den Mann, der da geschossen hat, zum Rapport. Ach habe eigens befohlen ohne Platzpatronen." Zu Befehl, Herr Kapitän, ich habe den Befehl auch wiederholt," antwortete Wohlfahrt, aber der Matrose König hat doch mit Platzpatronen chargiert. Bootsmaat Ziehlke, jetzt passen Sie aber genau auf, daß das nicht wieder vor kommt, und den König stellen Sie morgen früh zum Rap port." Die Dampfpinasse war wieder davongeeilt und begann ihr buntes Flaggenspiel aus einiger Entfernung von neuem. Langsam rudernd schoben sich die Boote in breiter Linie gegen das Ufer heran. Wieder erklang das Signal: Schießt ihn tot!" und das Feuer aus den Booten wurde lebhafter. Auch das Landungsgeschütz in der Barkasse markierte ein schnelleres Feuern. Etwa zweihundert Meter trennten noch die Boote vom Strand, da blies der Hornist: Schnell avancieren!" und in den Booten ertönte es: Pull aus!" Mit Macht legten sich die Bootsgäste in die Riemen, und die schwer geladenen Boote setzten sich in Fahrt. Die leichteren Kutter natürlich voran. Hoch aufgerichtet standen hinten am Heck die beiden Boots- offiziere, Leutnant Wohlfahrt und Heinrich. Jetzt wurde das Wasser flacher. Aus Riemen!" Die Ruderer hielten inne. Raus, wer raus kann!" Schr r umm!" da sausten die Kutter auf den Strand, knirschend fuhr der Kiel aus, und rauschend schoß die Bugwelle über den Sand.Wozu die Boote da sind. SWKWWSW 307 Raus!" hieß es, und in weitem Sprung sausten vom Vor steven die ersten Gestalten an Land. Riemen hoch !" kommandierten die Ossiziere. Die Riemen slogen in die Höhe, und neben den Booten rauschte und plantschte es, als diejenigen Leute glatt über Bord sprangen und eilig an Land wateten, denen der Weg über den Vorsteven zu weit und zu langweilig war. Rut! Man ümmer rin, dat schadt nix," mit diesen Worten war Fensen einer der ersten, der übers Dollbord ins Wasser sprang. Dat is ook blots Water." Hü! Hop! Hö!" schrieen die anderen und sprangen ihm nach, im Nu war der Kutter leer. Riemen ein!" Die Riemen rasselten ins Boot und bis aus vier Mann, die als Bootswache darin bleiben mußten, sprang die Bootsbesatzung den anderen nach. Gewehr in die rechte Hand! Schwärmen!" befahl Leut nant Wohlfahrt, der ebenso wie Heinrich seinen Leuten an Land nachgesprungen war, zog den Säbel und stürmte landeinwärts. Halt! Nieder!" hieß es nach ungefähr hundert Meter. Die Mannschaften warfen sich hin, und nun wurde ein Lan dungsgefecht ausgeführt. Bis zu drei Patronen pro Kopf langsames Einzelfeuer! Mit Platzpatronen geladen! Feuern!" Bautz! fiel in der Mitte der erste Schuß! Dann knallte es rechts, links. Nun hier, dann wieder dort, und kleine blaue Nauchwölkchen stiegen in die klare Lust. Süh, dat maakt doch noch Spaß, so n beeten richtiges Scheeten," rief Fensen. Nu kann ick mi ook glieks dat Water ut de Stäbeln loopen laaten." Dabei hob er, auf dem Bauch liegend, die Füße in die Höhe, daß ihm das Wasser aus den Stie eln wieder herauslief. Kurz nachdem die Kutter an Land gekommen waren, stießen auch Barkasse und Pinasse auf Grund auf, mußtm aber wegen ihres größeren Tiefgangs natürlich weiter vom Ufer ab bleiben. Bootsbemannung an Land antreten!" befahl Leutnant Reiche in der Barkasse, und auch hier sprangen die zum Lan dungskorps gehörigen Leute einfach ins Wasser hinein, wobei sie zum Teil bis an die Brust hineingerieten.308 12. Kapitel. Mit einem Male gab es einen großen Plumps und cm schallendes Gelächter ertönte, vermischt mit Schnauben und Prusten. Dazwischen wetterte die Stimme des Offiziers: Wer ist denn da ganz untergetaucht?" Der Matrose Schneidereit war bei dem Versuch, sich recht vorsichtig über das Dollbord ins Wasser gleiten zu lassen, von einem anderen angestoßen worden und geradewegs ins Wasser geplumpst, in dem er sofort vollständig verschwand. Nun stand er da und wischte sich das Wasser, das ihm aus den Haaren über das Gesicht lies, aus den Augen. Neben ihm schwainin seine Mütze und sein Gewehr lag aus dem Grund. Aber schon hatte ihn Obermaat Schwarz, der noch im Boot stand und gerade im Begriff gewesen war, heraus- zuspringen, beim Genick gefaßt, schüttelte ihn und schrie: Wollen Sie Ihre Flinte nicht wieder fischen, Schneidereit? Vorwärts, tauchen Sie, und holen Sie Ihre Flinte wieder herauf!" Aber keine Macht der Erde hätte Schneidereit dazu ver mocht, den Kopf nochmals unter Wasser zu stecken, und wenn ihm gesagt worden wäre, ein Sack voll Gold läge da unten neben seinem Gewehr, den sollte er bekommen, wenn er beides herausholte, Schneidereit hätte nicht den kleinsten Versuch dazu gemacht. Fischen Sie mit m Bootshaken, Schwarz, und kommen Sie nach," rief Oberleutnant Reiche dem Unteroffizier zu, während er mit einem gewaltigen Sah vom Bug der Barkasse an Land sprang. Riemen in den Grund! Barkasse weiter rangieren! Landungsgeschütz an Land!" befahl er dann, und während Obermaat Schwarz, der Schneidereit mit einem kräftigen Stoß beinahe bis aufs Trockne befördert hatte, mit dem Boots haken nach dem versunkenen Gewehr angelte, setzten die Ge- schühmannschaften ihre Kanone an Land. Durch die Barkasse hindurch kam dann auch der erste Offi zier an Land, übernahm den Oberbefehl über das ganze Landungskorps und die Feuerleitung. Hell schmetterten die Signale des Hornisten in das Land hinein und lockten die Bewohner von Ancon aus den Häusern. Neugierig kamen die braunen Gesellen näher und näher, inWozu die Boote da sind. ZOS einiger Entfernung gefolgt von scheuen Weibern und noch scheueren Kindern. Da siel der erste Schuß aus dem Ge schütz. Laut schreiend ergriffen Weiber und Kinder eiligst die Flucht, und auch die tapferen Väter oder Ehemänner hielten es für geraten, sich etwas weiter entfernt in Sicherheit zu bringen. Der Schühenzug des Landungskorps unter Leutnant Wohlfahrts Befehl hatte, während das übrige Landungs korps sich ausschiffte, schon mehrere Sprünge gegen den Feind gemacht. Fetzt erhielt es Unterstützung auf dem linken Flügel, dann ging der Angriff weiter vor und so wurde nach und nach ein regelrechtes Gefecht mit allen Möglichkeiten gegen den un sichtbaren Feind durchgeführt. Höher und höher stieg währenddessen die Sonne, und ab und zu nahm dieser oder jener der tapferen Krieger verstohlen einen Schluck aus der Kaffeeflasche. Leutnant Wohlfahrt, beim nächsten Sprung lassen Sie einige Leute als verwundet liegen bleiben!" befahl Kapitän Reichard, und der Offizier ging an seiner Schützenkette ent lang, tippte diesen und jenen mit der Säbelspitze an und sagte ihm: Sie sind verwundet!" Der eine hatte einen Schuß ins Bein, der andere einen Schuß in die Schulter, einer einen Streifschuß am Hals, wieder einem anderen war die Kopfhaut geritzt, und so gab es ver schiedene Fälle von Verwundungen. Auch Fensen gehörte zu denen, die das Schicksal hier ereilt hatte. Er mußte eben falls liegen bleiben, während die übrige Schützenlinie weiter vorstürmte. Das war ihm aber ganz recht. Er legte seine Flinte in den Sand, drehte sich selbst aus den Rücken, streckte sich lang aus und nahm einen ordentlichen Schluck aus der Kaffee- flasche. Rach einer kurzen Weile kamen die Krankenträger heran, um die Verwundeten 511 dem weiter rückwärts gelegenen Ver bandplatz, den Doktor Kluge aufgeschlagen hatte, zurück- zutragen. Als sie endlich auch zu Fensen kamen und ihn auf die Trage legen wollten, fragte der begleitende Obermatrose, wie es ihm vorgeschrieben war: Was fehlt dir?", erhielt aber310 12. Kapitel. keine Antwort. Darauf fragte er noch einmal: Du, was soll dir fehlen?", doch Fensen antwortete wieder nicht. Da bückte sich der Obermatrose, schüttelte den Daliegenden und rief ärgerlich: Mach doch keine Faxen! Sag, was dir fehlt, damit ich weiß, wie wir dich anfassen müssen." Minsch, ick bün doch dot!" rief da Fensen, während er zugleich losprustete und auch die umstehenden Krankenträger in ein schallendes Gelächter ausbrachen. Da gab ihm aber der Obermatrose einen Stotz mit der Fußspitze und sagte: Na, den Toten lassen wir natürlich liegen, erst kommen die anderen dran," und er wandte sich zum Weitergehen. Aber das patzte natürlich Fensen gar nicht, der gerne aus der bequemen Bahre zurückgetragen werden wollte, darum ries er schnell: Nee, ick bün ja noch nich ganz dot, aber beinahe, ich Hab n schweren Schutz in die Schulter gekriegt." Darauf wurde er dann mit allen Vorsichtsmaßregeln aus genommen und zurückgebracht, und Doktor Kluge verband ihn nach allen Regeln der Kunst. So is dat ganz gemütlich," dachte Fensen bei sich und hoffte, er würde hier bis zur Beendigung des Landungs manövers weiter den Verwundeten spielen können; darin täuschte er sich aber. Herr Doktor möchten alle Verwundeten, wenn sie ver bunden gewesen wären, gleich wieder nachschicken, läßt der erste Offizier sagen," meldete ein Matrose, und zu seinem Leid wesen mußte Fensen mit den übrigen das Gewehr wieder auf den Rücken nehmen und dem Landungskorps nachmarschieren, und zwar in beschleunigter Gangart, da dieses bereits weit ins Land hinein vorgedrungen war. Erst nach stunden kehrte die Truppe zum Strande zurück, der leider kein geeignetes Gelände für einen noch abzuhaltenden Parademarsch bot. Für eine halbe Stunde wurden noch die Gewehre zusammengesetzt und konnten die Leute sich aus ruhen. Dann hieß es wieder: Einschiffen!" und das Landungs korps kehrte an Bord zurück. So, Schneidereit, daß Sie mir Ihr Gewehr aber jetzt ordentlich putzen," bemerkte Obermaat Schwarz, als die Mannschaft am Nachmittag die Handwaffen wieder instand setzen mutzte. Wenn Sie meinen, daß es sauber ist, werdenWozu die Boote da sind. Sie mir Ähre Flinte erst mal bringen, und Sie kommen mir nicht eher davon, als bis sie trocken und blank ist. Aber daß Sie mir nicht etwa Mopstein nehmen, um die Seele zu putzen, sonst können Sie was erleben!" Mit Betrübnis betrachtete Schneidereit sein Gewehr. Das Bad in der See, das nachherige Schießen draußen und das Antrocknen des Salzwassers hatte der Waffe ein trostloses An sehen verschafft. Weiß nich, wie ich dem wieder rein kriegen soll. Dem ist ganz verrostet und geht gar nich wieder ab," seufzte Schnei dereit nach einer Weile, währenddessen er sich bemüht hatte, seiner Flinte den früheren Glanz zurückzugeben. Heimlich -langte er in die Hosentasche, wo er ein kleines Stückchen Putz stein aufbewahrte, von dem er mit Vorliebe unter großer Vor sicht Gebrauch machte, wenn seine Flinte mal ein bißchen ver rostet war, was trotz aller Aufsicht nicht gerade selten vorkam. Bisher war es ihm auch noch immer gelungen, damit durch zukommen. Heute aber waren die Roststellen wirklich so, daß sie mit einfachem Öl und Twist nicht wegzubringen waren. Schneidereit warf einen scheuen Blick auf seinen Vor gesetzten, der selbst eifrig mit der Reinigung seines Gewehrs beschäftigt war. Schnell langte er dann in die Tasche, schabte -etwas Putzstein auf den Twist, den er in der Hand hatte, und fing an, die Schloßkammer damit zu bearbeiten. Plötzlich be fiel ihn aber ein gewaltiger Schreck, und er murmelte abgerissene, halblaute Worte vor sich hin, während er gleichzeitig dem Ober maat Schwarz den Rücken zuwendete. Eine halbe Stunde war vergangen, da gab der Tambour aus der Trommel das Signal: Ausscheiden mit Gewehr putzen !" Ra, Schneidereit! Kommen Sie mal her! Sind Sie fertig?" rief Obermaat Schwarz. Schneidereit zuckte zusammen, nahm sein Gewehr und -antwortete: Fs allens ganz fein sauber, Herr Obermaat! Fs gar kein Rost mehr zu sehn!" Ra, zeigen Sie mal her!" rief Obermaat Schwarz noch mals und griff nach Schneidereits Gewehr. Mensch, Sie haben ja mit Mopstein geputzt!" sagte er, nachdem er einen Blick aus die Waffe geworfen hatte. Hier12. Kapitel. ist ja das ganze Schloß verschrammt. 21a, Sie sind doch ein Geselle! Verbiete ich Ahnen das extra, außerdem weiß er,, daß er das nicht tun soll, und da tut er es gerade. Sie sind doch ein ganz unglaublich frecher Patron! Mensch, wo haben Sie den Mopstein her?" schrie er dann plötzlich den Sünder an. Schneidereit versuchte zwar zu leugnen, aber der Büchsen macher, der gerade vorbeikam, und den Schwarz heranries, bestätigte, daß das Gewehr ganz sicher mit Mopstein geputzt wäre, und zuletzt kam Schneidereit noch mit dem Ziest davon aus der Hosentasche zutage. Der Erfolg seiner Tätigkeit war, daß er drei Tage Mittel- arrest erhielt wegen unvorschriftsmäßiger Behandlung seinem Gewehrs durch Putzen mit scharfen Mitteln. Verfügt vom Kommandanten". Fast vierzehn Tage blieb die Porck" vor Ancon liegen, und viermal in jeder Woche wurden Landungsmanöver geübt, bis schließlich das Klarmachen der Boote und das Einschiffen der Leute kaum noch die halbe Zeit in 2lnspruch nahm wie zu Beginn. Herr Kapitän, ich möchte morgen zum Schluß noch mal ein Landungsmanöver mit markiertem Feind machen und dazu außer dem eigentlichen Landungskorps noch eine 2lnzahl Leute und vielleicht auch die Freiwache der Heizer mit an Land nehmen. Die schicke ich dann vorher ins Gelände, teile sie in Gruppen ein mit Führern und gebe ihnen Flaggen mit,, die je einen Zug oder eine Kompanie bedeuten sollen. Die Matrosen sollen auch ihre Gewehre und Munition mitnehmen, damit das feindliche Feuer markiert werden kann, und die ganze Leitung wollte ich Leutnant Heinrich übergeben," sagte der erste Offizier zum Kommandanten. seinetwegen!" erwiderte Kapitän Eisenhart, oder lassen Sie doch Hoffmann das Manöver leiten, dem macht es viel leicht auch Spaß, anstatt immer hier an Bord zu sitzen." So zog Kapitänleutnant Hoffmann am nächsten Morgen schon um sechs Uhr an Land und verschwand iin Gelände. Als das Landungskorps später folgte und den Strand besetzen wollte, wurde es schon mit Feuer empfangen und konnte erst allmählich den Feind so weit zurücktreiben, daß eine Landung.Wozu die Boote da sind.  SS313 möglich wurde. Nach und nach aber wurde der Feind ver jagt und immer weiter zurückgeworfen, bis schließlich nach strurdenlangem Kamps der Sieg wieder errungen war. Da sammelte sich Freund und Feind und marschierte vereinigt zum Strand und den wartenden Booten zurück. Wieder nahm die Dampfpinasse, nachdem die Leute sich eingeschifst hatten, die ganze Gesellschaft ins Schlepptau, und zurück ging es an Bord. Signal aus der Dampfpinasse!" riefen unterwegs plötzlich verschiedene Leute in denBooten, und überall wurde befohlen: Riemen bei!" Zu gleicher Zeit kam das Signal: Fangleinen los!" und der Befehl: Dwarslinie formieren!" Kaum lagen die Boote ausgerichtet nebeneinander, da wurde auf der Porck" der sogenannte Stander Ppsilon" geheißt, welcher bedeutet: Alle Boote an Bord!" Das war das Signal zu einem scharfen Wettrudern, besonders für die beiden Kutter, die stets um den Rang stritten, welcher von ihnen der schnellste wäre. Fetzt bogen sich die Riemen unter den kräftigen Ruder- schlägen, und die Boote flogen nur so durch das Wasser, trotz der doppelten Belastung. Bootsbcmannung mit anfassen!" befahlen die Offiziere. Aber wie so häufig blieb auch heute der Streit unentschieden. Die Kutter gaben sich gegenseitig weder etwas vor noch nach. Boote desarmieren!" ertönte von der Kommandobrücke der Befehl des ersten Offiziers, der gleich zu Beginn des Wett- ruderns mit der Dampfpinasse vorausgejagt war, und zum letzten Male wurden Munitions- und Proviantkisten, Flaggen, Winkflaggen, Kompaß und was sonst noch alles zu einem armierten Boot gehört, wieder an Bord gegeben und nachher die schweren Boote an Deck genommen. Schalk, dat dat to Enn is," meinte Petersen. Dat wär doch mal wat anneres, as ümmer blots hier an Bord das Gewehr über, Gewehr ab! Dor har ick gar nix mehr mit in Sinn." Fa," meinte Fensen, hier wär dat wirklich ganz nett," und er warf, als die Borck" den Hafen verließ, um nach Callao zurückzukehren, noch einen Blick nach dem kleinen Hafen-13. Kapitel. städtchen zurück, mit dessen Bewohnern sich die Besatzung während ihres Aufenthalts sehr befreundet hatte. Vorläufig brauchen wir jedenfalls keine Landungsmanöver wieder zu machen, Herr Kapitän. Ich glaube, was die Leute hier gelernt haben, das sitzt ziemlich fest," äußerte Kapitän Reichard dem Kommandanten gegenüber. Die Pinasse muß auch sowieso mal gründlich überholt werden. Sie ist ein paarmal beim Landen auf Steine aufgelaufen und hat sich ein Loch in den Boden gestoßen. Ich hatte erst eine Bleikappe übernageln lassen, aber jetzt soll der Meister ein paar neue Planken einziehen." So fing denn Oberzimmermeister Iohannsen an, mit feinen beiden Zimmerlingen Schwenske und Bratke die Pinasse zu bearbeiten. Sie klopften und hämmerten den ganzen Tag oben auf dem Aufbaudeck herum, wobei Schwenske meistens ein vergnügtes Liedlein vor sich hinsummte, da er immer bei guter Laune war, wenn er etwas Ordentliches zu arbeiten hatte. Bald aber verging ihm und anderen an Bord das Lachen. OfT ie allmorgendlich war um halb acht Uhr der Befehl: Kranke ins Lazarett!" erschollen, und Assistenzarzt Doktor Kluge begab sich nach vorn, um die Leute zu untersuchen, die sich krank melden wollten. Was ist denn hier los? Was wollen Sie alle? Sind Sie alle krank?" fragte er erstaunt, als er vor dem Lazarettraum beinah ein Dutzend Matrosen und Heizer stehen sah. Ein undeutliches Gemurmel der Leute antwortete ihm, dann rief er den ersten Mann zur Untersuchung heran. Herr Doktor, mir ist so schlecht, und ich fühle inich so schwach," antwortete der Matrose Pamplun. Seit wann haben Sie das?" fragte der Assistenzarzt. Schon seit ein paar Tagen. Schon seit wir von AnconTrübe Zelten. 315 weg sind," entgegnete Pamplun. Ach Hab da bisher immer nicht viel acht darauf gegeben, weil ich dachte, datz ich mich n bißchen erkältet hätte, und es wird wohl wieder so vorüber gehen. Aber heute morgen konnte ich kaum meine Hänge matte nach oben bringen, und gegessen habe ich auch nicht, es schmeckt mir alles nicht." Der Arzt ließ sich die Zunge zeigen, untersuchte den Mann genau und stellte bei ihm ein leichtes Fieber fest. Bleiben Sie mal hier drin!" sagte er und rief die übrigen Leute heran. Haben Sie alle dieselben Beschwerden? Fühlen Sie sich unwohl und flau? Haben Sie auch Kopf- und Glieder schmerzen und keinen Appetit?" fragte er die Leute. Jawohl, Herr Doktor," lautete die einstimmige Antwort, und verschiedene gaben dann noch näher an, was ihnen sonst noch fehlte. Mir tut das im Leib so weh. Ach Hab hellt morgen all n paarmal rennen müssen," erklärte der Matrose Aensen, der auch mit unter der Schar war, mir ist ganz erbärmlich zumute." Siild noch mehrere unter Ahnen, bei delren sich Durch fall gezeigt hat?" forschte Doktor Kluge. Es stellte sich heraus, daß fast die ganze Schar daran krank war, und alle erklärteil einstimmig, sie hätten das wahrscheinlich von Ancon her. Wie kommen Sie darauf?" fragte der Assisteilzarzt. Haben Sie da irgend etwas Besonderes gegessen oder ge trunken?" Jensen sah sich um und antwortete: Aa, wir sind alle zu sammen gewesen, die wir hier sind, oder beinah alle bei dem letzten Landungsmanöver. Da mußten wir so viel laufen und springen, und dabei sind wir durstig geworden, weil es so furchtbar heiß war, und da haben wir Wasser aus so m kleinen Teich getrunken." Alls einem Teich?" fragte der Arzt. Nee, n Teich war es eigentlich gar nicht, das war man bloß so n kleiner Tümpel. Das Wasser sah allch gar nicht schön aus, wir waren aber so durstig, und da haben wir uns einfach hingelegt auf die Erde und so daraus getrunken." Wie schmeckte denil das Wasser? Haben Sic etwas Be-316 13. Kapitel. sonderes daran bemerkt?" erkundigte sich der Arzt. Schmeckte es bitterlich, oder schlecht, oder faulig, oder sonst so irgend etwas?" Za, so n bißchen, als wenn es faul wäre," meinte einer^ Ich Hab darum auch nur ganz wenig davon getrunken." Messeir Sie mal bei sämtlichen Leuten die Temperatur!" befahl Assistenzarzt Kluge dem Lazarettgehilfen, und Sie,. Wichmann, gehen Sie mal zum Herrn Stabsarzt und melden Sie ihm, es wäre eine größere Anzahl von Leuten mit leichten Fiebererscheinungen erkrankt hier im Lazarett. Ich ließe den Herrn Stabsarzt bitten, doch herzukommen." Während der Lazarettgehilfe die Fiebermessungen vornahm,, erschien der Stabsarzt mit der Frage: Nun, Herr Kollege,, was ist?" Darf ich einen Augenblick bitten, Herr Stabsarzt," sagte der Assistenzarzt und öffnete die Tür zur Apotheke. Herr Stabsarzt, ich fürchte, wir bekominen eine Typhus epidemie," begann er hier. Na, Kluge, malen Sie doch nicht den Teufel an die Wand!" rief Stabsarzt Möhring. Der jüngere Arzt gab ihm Auskunft über seine Beobach tungen an den Mannschaften, die sich krank gemeldet hatten,, und die Aussagen über das Wassertrinken. Es ist wirklich unglaublich," schalt der Stabsarzt, wie leichtsinnig das Volk immer ist. Da redet und redet man. nun vor jedem Anlandgehen, die Leute sollen sich in acht nehmen mit dem Trinken an Land, man gibt ihnen alle mög lichen gutenRatschläge, und dann machen sie doch solche Dumm heiten. Na, wir wollen die Sache gleich mal gründlich unter suchen, hoffentlich haben Sie zu schwarz gesehen." Eine Viertelstunde daraus ließ er sich beim Kommandanten, melden. Herr Kapitän, ich muß Ihnen leider die sehr unangenehme Meldung machen, daß wir wahrscheinlich eine Typhusepidemie an Bord haben," redete er Kapitän Eisenhart an. Was sagen Sie? Hoffentlich irren Sie sich, Herr Stabs arzt!" rief Kapitän Eisenhart erschrocken. Wie soll denn das möglich sein?" Stabsarzt Möhring gab ihm Aufklärung und setzte hinzu:Trübe Zeiten. 517 Die Leute geben an, sie hätten bei dem letzten Landungs manöver Wasser aus einer Pfütze getrunken, weil ihre Feld flaschen leer gewesen wären." Na, da hört doch aber alles auf!" rief der Kommandant. Weiß der erste Offizier schon Bescheid?" Nein, ich habe es erst nur Herrn Kapitän gemeldet," ant wortete der Stabsarzt. Auch Kapitän Reichard erschrak heftig, als er von der Befürchtung des Stabsarztes erfuhr, denn nichts ist für die Besatzung eines Schiffes schlimmer als eine solche schleichende Krankheit wie Typhus, gelbes Fieber oder ähnliches. Neichard, lassen Sie sofort den Mannschaftsklosettraum Don den Zimmerleuten durch eine Bretterwand in zwei Teile teilen und an jeder Seite einen Posten aufstellen!" befahl Kapitän Eisenhart. Die Kranken dürfen nur die eine Seite und die Gesunden nur die andere Seite benutzen! Nicht wahr, Herr Stabsarzt, so meinten Sie das doch?" Jawohl, Herr Kapitän," erwiderte der Stabsarzt. Außer dem muß der ganze Vorraum vor dem Lazarett für die Kranken frei gehalten werden, denn wenn die Leute wirklich typhus krank werden, reichen wir ja mit den Lazarettkojen nicht aus." Selbstverständlich!" entgegnete Kapitän Eisenhart. Rei chard, lassen Sie alles machen, was der Herr Stabsarzt für notwendig hält, um die Leute zu isolieren. Es wäre ja schrecklich, wenn die Sache weiter um sich greifen würde. Beurlaubungen finden vorläufig selbstverständlich nicht statt!" ries er dann dem ersten Offizier noch nach. Als Kapitän Reichard an Deck kam, ließ er sofort die ganze Mannschaft antreten und befahl, daß alle Leute, die sich auch nur im geringsten unwohl fühlten, sich jederzeit beim Herrn Stabsarzt zu melden hätten: Ganz einerlei, zu welcher Tages zeit das ist," fuhr er fort. Es haben sich da mehrere von Ahnen durch ganz leichtsinniges Trinken von Wasser aus einer alten Pfütze an Land wahrscheinlich eine schwere Erkrankung zu gezogen, die sehr ansteckend ist. Wie weit die Ansteckung schon gegangen ist, läßt sich nicht ohne weiteres beurteilen. Also, wer sich flau fühlt, Durchfall bekommt und Kopfschmerzen oder sonst Schmerzen, der meldet sich ohne weiteres beim Herrn Stabsarzt zur Untersuchung. Die Benutzung der für die13. Kapitel. SSS^ Kranken abgeteilten Klosetts wird hiermit verboten. Die Handwaffen der erkrankten Leute find bis auf weiteres von anderen Leuten der Korporalschaft zu putzen und instand zu halten. Wegtreten! An die Arbeit!" schloß der Erste, und langsam gingen die Leute auf ihre Stationen zurück, wo sie sich leise über das Gehörte unterhielten. Noch wußte zwar keiner, was eigentlich los war, aber die Stimme des ersten Offiziers hatte so ernst geklungen, und die Maßregeln, die da getroffen wurden, daß jeder sich krank melden sollte, sobald ihm etwas fehlte, vor allen Dingen auch die Abtrennung der Aborte, das war doch höchst seltsam. Das ist eine ganz böse Geschichte," sagte Obermaat Schwarz beim Mittagessen im Rnteroffiziersraum. Ach hab das mal mit durchgemacht auf einem Schiffsjungenschulschiff in Westindien. Da wurden gar viele von unseren Aungens krank, und drei haben wir auch über Bord gegeben." Na, hoffentlich kommt es hier nicht so weit," meinte Ober maat Wandelt, denn zu spaßen ist mit der Sache nicht. Ach Hab es bloß mal gehört von einem Engländer, der hatte die Krankheit an Bord. Das war in China, und ich war damals auf dem ,Lupü Da haben wir beinahe jeden Tag die Flagge Halbstocks geholt, als es am schlimmsten war." Wer hat die Gruppe eigentlich geführt bei dem Landungs manöver?" fragte Bootsmannsmaat Richter. Das ist Nichnow gewesen," antwortete Schwarz. Er ist aber schon vernommen darüber, wie das möglich gewesen ist, daß die Leute das Wasser getrunken haben, und warum er nicht aufgepaßb hat." Aa, was heißt da aufpassen," meinte Richter, da kann man aufpassen, so viel wie man will, bei solchem Manöver lausen die Leute doch immer auseinander. Dann schickt man mal hier ein paar weg, und da ein paar, und dann können sie doch machen, was sie wollen." Fa, das stimmt," gab Obermaat Schwarz ihm recht, und reden hilft bei der Gesellschaft gar nichts. Da kann man reden, so viel wie man will und immer von neuem ermahnen, ihr sollt das nicht, und ihr dürft das nicht, und das ist ver boten. Wenn s nachher so weit ist und man dreht bloß ein mal einen Augenblick den Rücken, dann tun die Leute dasTrübe Zeiten. 519 gewiß gerade erst recht. Na, Richnow, was wollten sie von Ahnen?" Ach, der erste Offizier hat mich schon zweimal rufen lassen, und seht war ich beim untersuchungsführenden Offizier. Der hat mit mir ein Protokoll ausgenommen, sie wollen mich dafür verantwortlich machen, wenn einer von den Leuten stirbt," erwiderte Bootsmaat Nichnow und setzte sich kleinlaut auf die Bank. Ach, das ist ja gar nicht möglich," erwiderten Schwarz und mehrere andere Unteroffiziere. Sie können doch nichts dabei tun, wenn die dummen Menschen das Wasser trinken und krank davon werden." Ja, aber der Kommandant hat besohlen, der Unteroffizier, mit dem die Leute an Land gewesen wären, sollte vernommen werden, warum er nicht ausgepaßt hat. Ach habe einfach erklärt, die Leute wären so weit weg gewesen von mir, daß ich sie überhaupt gar nicht mehr gesehen hätte, und der Ober matrose Palow, der die Kompaniefahne trug, hat auch schon gesagt, Hosfmann hätte sie so weit von mir weggeschickt, um den Feind zu markieren, daß ich sie gar nicht mehr hätte sehen können." Wie sind die dummen Menschen bloß auf den dämlichen Gedanken gekommen, Wasser zu trinken, sie hatten doch Kaffee in der Feldflasche," meinte Schwarz. Aa, das ist es ja gerade," entgegnete Richnow. Den hatten sie ausgetrunken schon gleich zu Anfang, ohne daß ich es geinerkt habe, und wie sie nachher an den Tümpel gekommen sind, haben sie von dem Wasser getrunken, und ein paar haben sich sogar noch etwas in die Flasche laufen lassen. Da kann ich doch nichts dafür." Nein, ganz gewiß nicht," stimmten ihm seine Kameraden zu. Ach, da kommt ja auch nichts nach. Wenn Palow das selber ausgesagt hat," meinte Obermaat Wandelt, dann sind Sie doch entschuldigt. Höchstens könnte der Kommandant doch Kapitänleutnant Hofsmann verantwortlich machen." Aa, der sagt natürlich auch, er weiß von nichts," versetzte Bootsmannsinaat Richnow, aber ’ne dumme Geschichte bleibt es doch immer." Aa, diese Leute," seufzte Oberbootsmannsmaat Schwarz,320 IZ. Kapitel. man hat schon seine liebe Not mit ihnen. Ach hab^ auch heute nachmittag beim Exerzieren schon ein paarmal gefragt, ob keiner Leibweh hätte, aber von meinen hat sich keiner gemeldet." Die Unteroffiziere unterhielten sich dann noch weiter über die Krankheit und ihre Art, und Bootsmannsmaat Richnow fragte: Typhus? Was heißt denn das eigentlich? Was ist das?" Das kann ich Ihnen erklären," antwortete darauf Ober bootsmannsmaat Schwarz. Also das kommt, wenn Sie irgend etwas gegessen oder getrunken haben, was Ahnen nicht bekommt, weil da so ne kleinen Dinger drin waren, die der Mensch nicht vertragen kann. Die fangen dann an im Magen und im Gedärm rumzuwirtschaften, und dann kriegt man Durchfall und Fieber davon. Na, und bei Fieber hat man doch auch eben immer Kopfschmerzen und so ne allgemeine Flauigkeit, und die ist das Schlimme dabei. Wenn die so groß wird, daß der Mensch das nicht mehr aushalten kann, das Fieber und den Durchsall, dann geht er eben daran zugrunde. Dann wird er immer dünner mrd immer dünner, weil der Magen und das ganze Gedärm immer leerer wird, und zuletzt ist es zu Ende. Unsere Jungens damals, da waren doch n paar so dünn wie n Kabelgarn geworden und so schwach, daß sie umsielen, wenn man sie bloß ansah, aber bei denen war die Flauigkeit doch nicht so groß geworden, daß sie dran gestorben wären." Das ist ja eine scheußliche Krankheit," meinte Richnow, der etwas zur Wohlbeleibtheit neigte, und strich sich mit der Hand über den Magen, als ob er fürchtete, daß diese Rundung, mit der seine Kameraden ihn manchmal etwas hänselten, bereits im Abnehmen wäre. Bootsmannsmaat Richter hatte das beobachtet und rief lachend: Na, Richnow, bis du so dünn wirst, das hat noch lange Zeit." Ach, mir ist davor nicht bange," antwortete jener, aber ich will mal Nachfragen, wie es den Kranken geht." Obwohl er tatsächlich nicht die mindeste Schuld an der Erkrankung der Leute hatte, fühlte sich der Unteroffizier doch aus sich selber heraus verpflichtet, sich um die erkrankten Leute zu bekümmern, da sie doch seinem Befehl unterstellt gewesen waren, und er tat das auch weiterhin und häufiger.Alle Kriegsflaggen gingen Halbstocks, als die Boote an Land fuhren. (Seite 325.)Trübe Zeiten. 321 Kapitän Eisenhart ließ sich jeden Morgen vom Stabsarzt eingehenden Bericht über das Befinden der Leute erstatten, und auch in der Ossiziersmesse war jeden Morgen die erste Frage: Wie steht s?" Anfangs hatten manche der jüngeren Herren wohl gedacht: Ach, die Sache ist nicht so schlimm, ein bißchen Magenverstim mung, die wieder vorübergeht," aber bald merkten sie, daß gar nicht zu spaßen war. Die Mienen der Ärzte wurden von Tag zu Tag ernster und bedenklicher. Zu dem ersten Dtthend Erkrankter hatten sich nach und nach noch etwa zwanzig Leute gemeldet, die zweifellos schon durch jene angesteckt worden waren, und nicht nur das ganze Lazarett, sondern auch der Vorraum war mit Krankenhängematten angefüllt. Zehn Obermatrosen, die sich freiwillig gemeldet hatten, waren als Krankenwärter angestellt worden, und von den beiden Ärzten war dauernd einer zur Stelle. Es geschah alles, was den Leidenden Erleichterung schaffen und ein weiteres Umsich greifen der Seuche verhindern konnte. Was die Schiffs maschine nur irgend an Eis herzustellen vermochte, wurde für das Lazarett hergegeben, außerdem mußte das Kochboot jeden Morgen noch mehrere Zentner von Land besorgen. Herr Kapitän, ich glaube, wir tun doch am besten, die am schwersten erkrankten Leute auszuschifsen und an Land ins Lazarett zu geben," sagte am vierten oder fünften Tage der Stabsarzt, nachdem er dem Kommandanten des Morgens den täglichen Bericht abgestattet hatte. Fa, wenn Sie das für notwendig halten, Herr Stabsarzt, sofort!" antwortete der Kapitän. Sagen Sie dem ersten Offizier, der Adjutant solle sogleich zum Konsul an Land fahren, damit dieser alles für die Aufnahme vorbereitet. Ach werde ihm selbst ein paar Worte an den Konsul mitgeben. Übrigens hat mir gestern abend der Kommandant der.Amethyste* an- geboten, er wollte Ihren englischen Kollegen herüberschicken, damit Sie beide etwas Erleichterung hätten. Wäre Ihnen da mit gedient? Dann brauchen wir nur hinüber zu signalisieren." Vorläufig möchte ich jedenfalls danken, Herr Kapitän," antwortete Stabsarzt Möhring. Ich hoffe, wir werden der Krankheit noch allein Herr werden. Nur drei Mann möchte ich gern an Land geben." Bernstorff, An Bvrd des Panzerkreuzers Jorck". 21322 13. Kapitel. Schon gleich nach Mittag war im Landlazarett von Callao alles zur Aufnahme der drei kranken Matrosen vorbereitet. Sie wurden vorsichtig aus Tragen ins Boot geschafft und an Land gebracht. Unter ihnen war der Obermatrose Palow. Zum Glück befand sich in dem Hospital ein früherer deutscher Arzt, der seht in peruanischen Diensten stand und mit Freuden die Verpflichtung übernahm, für die drei Leute zu sorgen und auszupassen. Herr Kollege, ich glaube kaum, daß wir den Obermatrosen durchbringen werden," sagte Stabsarzt Möhring. Der Mann war zweifellos von vornherein am schwersten erkrankt, weil er am meisten von dem verseuchten Wasser getrunken hatte. Zch werde jeden Tag zweimal Herkommen und mich persönlich erkundigen." Als der Stabsarzt mit den Krankenpflegern an Bord zurück kehrte, wurden diese von der übrigen Mannschaft natürlich haarklein ausgefragt, denn fast jeder Mann an Bord betrachtete die drei als sichere Todeskandidaten. Das is wirklich ne ganz grasige Geschichte," meinte Petersen. Ach mag da gar nich an denken, und das bloß von das bißchen Wasser trinken." Aa, Palow hat aber n paar Buddeln von getrunken," ries ein anderer Matrose. Das hat der Heizer Kötschen selber gesagt, als er zuerst gefragt wurde. Palow, der wußte ja gleich von da ab nicht mehr viel, weil er so viel Fieber hatte." Junge, ich wollte nur, die wären da erst mit durch," meinte ein Dritter. Unserm Kaptän geht das bannig nahe. Er ist alle Augenblick vorn im Lazarett und fragt, wie es steht." Ich sind , er sieht auch n büßchen schlecht aus," äußerte Petersen. Er sollte man nich so viel hingehen. Helfen kann er doch nicht." Ja, aber der Herr Stabsarzt und Doktor Kluge, das sind wirklich n paar famose Leute. Was die sich für Mühe geben," meinte Pahlke. Ich hörte vorhin mal zufällig, wie der Lazarett- gehilse zu den Unteroffizieren sagte, der Herr Assistenzarzt hätte seit fünf Nächten kaum geschlafen, immer bloß auf so n Augenblick n Auge voll genommen." Das Befinden einiger Kranken wurde trotz aller Anstren gungen der Ärzte von Tag zu Tag schlechter. Die MehrzahlTrübe Zeiten. 323 allerdings kam verhältnismäßig gut davon, aber über dem ganzen Schiff lag es wie ein schwerer Druck, als es bekannt wurde, daß bei dem Heizer Kötschen und den Matrosen Brand und Hertel plötzlich das Fieber ganz außerordentlich hoch gegangen war. Zwar wurde der Dienst, soweit es irgend ging, in alter Straffheit aufrecht erhalten und nebenbei der Mann schaft gestattet, abends auf dem Achterdeck sich zu unterhalten und zu vergnügen. Auch mußte die Musik jeden Abend spielen, um die Leute zu erheitern, doch das unsichtbare Gespenst, das wie mit grauen Flügeln das Schiff umschwebte und die Sonne zu verfinstern schien, ließ sich nicht bannen. In jedem Augen blick erwartete man, daß aus dem Lazarett die Nachricht von dem Tode der drei schwerkranken Kameraden das Schiff durcheilen würde, und auch die Offiziere vermochten sich dem allgemeinen lähmenden Druck, den die gefährliche Krankheit ausübte, kaum zu entziehen. Wenn sie abends in der Messe saßen und die Tür aufging, so flogen aller Augen dorthin, weil jeder dachte, jetzt kommt die Hiobspost. Leutnant Heinrich setzte sich dann wohl einmal Klavier und schlug ein paar Takte an, sprang aber gleich wieder aus und schloß den Deckel wieder. Nein, ich Hab keine Lust," gab er auf die Frage seines Kameraden Reiche, ob sie zusammen etwas musizieren wollten, zur Antwott. Außerdem spielt ja die Kapelle oben." Eine fast beängstigende Stille und Wortkargheit herrschte auch in der Deckossiziersmesse, und wenn gesprochen wurde, so erzählten die älteren auch nur von ähnlichen Krankheits fällen, die sie während ihrer langen Marinedienstzeit erlebt hatten. Jedesmal, wenn der Stewardsmaat Wilhelm eintrat, wurde er gefragt: Na, haben Sie was Neues gehört?" worauf Wilhelm regelmäßig antwortete: Nein, aber es soll sehr schlecht stehen." Ja, es stand wirklich sehr schlecht um die armen Gesellen, die da blaß und abgezehrt in den Kojen lagen, kaum noch ein Schatten ihrer selbst. Unablässig ging der Assistenzarzt von einer Koje zur anderen, legte den Kranken die Eisblasen zurecht und sprach, wo er glaubte, daß er verstanden würde, ein paar tröstende oder ermutigende Worte. Die meisten Leute lagen allerdings völlig teilnahmslos da und stöhntenIZ. Kapitel. nur hin und wieder leise, wenn der schneidende Schmerz ihre Eingeweide durchwühlte. Nun, Kluge, wie steht s?" fragte der eintretende Stabsarzt leise und trat an die Koje, in welcher der Heizer Kätschen lag. Nach einem flüchtigen Blick auf den Kranken wendete er das Gesicht seinem jüngeren Kollegen wieder zu, und die beiden Ärzte sahen sich kaum eine Sekunde lang in die Augen. Jeder las im Blick des arideren, datz sie einer Meinung waren. Es ging zu Ende. Soll ich dem Kommandanten noch Meldung machen lassen?" fragte der jüngere Arzt leise. Der Stabsarzt schüttelte verrreinend den Kops und faßte nach der Hand des Heizers. Mit der Ahr in der Linken zählte er die Pulsschläge, während Doktor Kluge seine Hand aus das Herz des Krarrken legte. So standen sie einige Minuten. Da ging es wie eiir leichtes Zittern durch den Körper des Kranken, er streckte sich lang aus Kätschen war dem schweren Typhusanfall erlegen! Leicht strich der Assistenzarzt mit der Hand über die Augen, die nun für immer geschlossen waren. Ich werde dem ersten Offizier und dem Kommandanten persönlich Meldung machen," sagte der Stabsarzt leise und schritt hinaus. Die Kunde von dem Ableben durchflog wie ein Blitz das ganze Schiff, und jeder einzelne an Bord trauerte um den verstorbenen Kameraden. War er doch der erste aus der Mitte des frohen Kreises, der abgerufen worden war, und niemand wußte, wer der nächste sein würde. Nur wenige Stunden später erlag auch der Matrose Brand dem rasenden Fieber, das seinen Körper durchtobte, während es den beiden Ärzten gelang, den Matrosen Hertel am Leben zu erhalten. Natürlich wollen wir die Leute an Land beerdigen lassen," hatte Kapitän Eisenhart auf eine Anfrage seines ersten Offiziers geantwortet. Lassen Sie vom Meister ein paar Särge zimmern, daß wir sie gleich morgen an Land schaffen können. Fritsche soll sofort zum Konsul fahren und Bescheid sagen und eine Depesche an den Herrn Gesandten in Lima ausgeben. Außer dem müssen die fremden Kriegschifse benachrichtigt werden." Am nächsten Morgen um zehn Ahr schleppte die Dampf-Trübe Zeiten. 325 Pinasse die Barkasse, in welcher die beiden Verstorbenen auf gebahrt waren, an Land. Kameraden, wir müssen zwei aus unserer Mitte scheiden lassen, die den letzten Gang, den wir alle auch einmal an- treten müssen, schon jetzt in der Blüte ihrer Jahre angetreten haben," sprach Kapitän Eisenhart. Sie waren nicht stark genug, die schwere Krankheit, die sie erfaßt hatte, zu über winden. Wir trauern um die Dahingeschiedenen, die uns zu früh entrissen worden sind, und die wir hier fern von der Heimat und ihren Lieben in fremde Erde versenken müssen. Aber diese Trauer darf uns nicht Niederdrücken und untätig machen. Sie darf uns nicht behindern darin, auch fernerhin unseren Dienst mit Anspannung aller unserer Kräfte zu tun. Die Lücke, die der Tod in unsere Mitte gerissen hat, wird sich schließen. Unseren lieben dahingeschiedenen Kameraden werden wir aber in unserem Herzen ein dauerndes Andenken bewahren. Die Heimat sollten unsere beiden Kameraden nicht Wieder sehen, wir aber beten für sie: ,Herr Sott, lieber Vater im Himmel, schenke ihnen die ewige Ruhe und deinen Frieden! “ Dann betete Kapitän Eisenhart mit lauter, vernehmlicher Stimme das Vaterunser, und während die beiden Gestorbenen über das Steuerbordfallreep, das sonst nur die Offiziere be nutzen dürfen, ins Boot hinuntergetragen wurden, spielte die Musik den Choral: Wenn ich einmal soll scheiden!" Zugleich senkte sich die Kriegsflagge an der Gaffel auf halbe Höhe. Zusammen mit der deutschen Kriegsflagge gingen auch die Flaggen aller anderen Kriegschiffe im Hafen Halbstocks, und als die Boote dann an Land fuhren, in den beiden geruderten Kuttern die Offiziere und Mannschaften, welche die Leichcn- parade bilden sollten, schloß sich ihnen von jedem fremden Krieg schiff ein von einem Offizier geführtes Ruderboot an. Auch diese Ruderboote hatten am Heck die Flagge Halbstocks gesetzt. So bewegte sich der lange Trauerzug langsam über den Hafen der sogenannten Darsena, der Landungsstelle, zu. Dort machten die fremden Boote kehrt und fuhren zu ihren Schiffen zurück. Als die Begleitmannschaften sich nach zwei Stunden an der Landungsstelle wieder einschifften, heißte die Porck" die Flagge wieder vor. Ihrem Beispiel folgten alle übrigen Schiffe. O, de liggt da fein! De hebbt n ganzen schönen Platz326 14. Kapitel. tragen," erklärte der Matrose Markward, als er wieder an Bord war. Vor kann man ganz gaud mit tofreden sin. Wer weet, wo unserem mal henkümt!" Ach, da wollt wi noch gar nich von snacken, dat hett noch Tid nog (genug)!" erwiderte Petersen. De annern kaamt wull ook wedder tau Höcht." Diese Hoffnung war natürlich allgemein und erfüllte sich auch zur allgemeinen Freude. Selbst der Obermatrose Palow und seine beiden Kameraden im Landlazarett überstanden glücklich die schwere Krankheit und wurden nicht nur von ihren näheren Freunden und Bekannten an Bord freudig empfangen, sondern das ganze Schiff freute sich über ihre Rückkehr. Leutnant Fritsche hatte am Tage nach der Beerdigung der beiden Leute im Aufträge des Kommandanten sich noch auf allen fremden Kriegschiffen dafür bedanken müssen, daß die Besatzun gen ihren verstorbenen Kameraden die letzte Ehre erwiesen hatten. Sobald es der Gesundheitszustand der Leute nur einiger maßen gestattete, ließ Kapitän Reichard auch den Dienst in vollem Ilmfang wieder ausnehmen. Es gibt an Bord kein besseres Mittel, um die Gedanken an trübe Stunden, die über die Besatzung hereingebrochen sind, abzulenken, als das tägliche Einerlei des Dienstes, der doch wieder Tag für Tag ein anderer ist. Auch auf der Borck" bewährte sich dieses Mittel, und bald herrschte im ganzen Schiff die alte Freudigkeit und Fröhlichkeit wieder. Rach ein paar Wochen hatten auch die schmalwangigstcn der ehemaligen Typhuskranken ihre frische Farbe und Gesundheit wieder erhalten, und nichts erinnerte mehr an jene schweren Stunden. Ihren beiden wackeren Ärzten aber bewahrten sie alle eine dauernde Dankbarkeit. ^tber Hawaii nach Tsingtau gehen!" so hatte das Telegramm gelautet, das die Vorck" aus dem Hafen von Callao wieder hinaustrieb. Die Streitigkeiten zwischen Chile undWie tief ist das Meer? 327 Peru, die lange Zeit hindurch einen drohenden Charakter ge tragen und beinahe zum Kriege geführt hatten, waren auf gütlichem Wege beigelegt worden. Ein längerer Aufent halt des Kreuzers auf der Station war daher nicht mehr er forderlich. Na, das ist ja eine nette Aussicht! Von hier nach dem öden Tsingtau! Das ist wirklich fad!" schalt Leutnant Heinrich, und die Mehrzahl der jüngeren Offiziere gab ihm recht. Alles Räsonieren hals aber natürlich nichts. Befehl ist Befehl und wird ausgcführt. Auch die Deckoffiziere verließen den schönen Hafen ungern, weil der geradezu ideale Verpflegungszustand, der bisher infolge der niedrigen Preise an Land geherrscht hatte, nun auf lange Zeit hinaus einer schmaleren Kost wieder weichen mußte. Herr Garlich, nehmen Sie bloß irgend mit an frischem Proviant, was Sie bekommen können." Diese Bitte wurde dem Messevorstand von den verschiedensten Seiten vorgetragen, und Herr Garlich versprach denn auch, sein Bestes tun zu wollen. Aber ich bitte Sie zu bedenken, meine Herren, daß wir eine lange Reise vor uns haben Herr Steuermann, wie weit ist es doch von hier bis Tsingtau?" Na, alles in allem rund zehntausend Meilen," antwortete der Steuermann Schmidt. Bis Honolulu ist es ungefähr die Hälfte." Na, da hören Sie^s!" rief Obermaschinist Garlich. Fünf tausend Meilen, ehe wir überhaupt wieder in einen Hafen kommen! Wie soll ich aus so lange frischen Proviant mit nehmen !" Anter der Mannschaft herrschte ebenfalls zunächst keine sehr freudige Stimmung, als der erste Offizier bekannt machen ließ: S. M. S. ,Porck geht am Sonntag den 1. März morgens sechs Ahr in See! Am Freitag werden Kohlen genommen! Die letzte Post geht Sonnabendabend sechs Ahr von Bord!" Wo gehen wir denn hin?" wurde unter der ganzen Mann schaft gefragt, und das Steuermannspersonal, sowie die Signal gäste wurden mit Fragen bestürmt. Mensch, wozu stehst du den ganzen Tag auf der Kom mandobrücke, wenn du nun nicht mal weißt, wo wir hingehen,"32S 14. Kapitel. schalt Petersen, als der Signalgast Hertel sich über das Wohin gänzlich ausschwieg, weil er nichts davon wüßte. Dann wurde es bekannt, daß die Porck" zwölshundert Tonnen Kohlen nehmen würde, also säst das Doppelte des gewöhnlichen Bedarfs, und die Kambüsenbestecks, die daraufhin ausgegeben wurden, übertrafen alles bisher Dagewesene. Am Sonnabendmorgen nach Beendigung des Reinschiffs wurde bei der Musterung bekannt gemacht: Wir gehen zu nächst nach Honolulu und von da nach Tsingtau! Schreiben Sie das Ihren Angehörigen nach Hause, damit die wissen, wo sie Sie zu suchen haben, und daß wir ungefähr am 20. April in Tsingtau ankommen werden! Die Zeit des Zeugflickens kann heute nachmittag zum Briefschreiben benutzt werden!" Die große Mehrzahl der Leute begann schon gleich nach dem Mittagessen Briefe in die Heimat zu schreiben, und in den verschiedenen Kammern konnte man ebenfalls die Be wohner durchweg am Schreibtisch beschäftigt sehen. Auch Kapitän Eisenhart saß in seiner Kajüte und schrieb, aber es war kein Briefpapier, das er mit seinen Schriftzügcn bedeckte. Vor ihm lagen große Bogen, die als Kopf die Überschrift trugen: Qualifikationsattest". Darunter stand der Name des Betreffenden, über den das Attest ausgestellt werden sollte. Kapitän Eisenhart war beschäftigt, das ürteil, das er sich über das ihm unterstellte Osfizierkorps bis jetzt gebildet hatte, sowohl in dienstlicher, wie außerdienstlicher Beziehung, niedcr- zuschreiben. Bestimmungsgemäß hat der Kommandant in einem Jahr einen Bericht über die Seeoffiziere, im anderen Jahr einen solchen über die Ärzte, die Maschineningenieure und den Zahlmeister einzureichen. Nach einer Weile klingelte er und ließ den ersten Offizier zu sich bitten. Reichend, ich habe Ihnen bei Beginn der Indienststellung die Führungszeugnisse der Offiziere gezeigt. Ich bin eben dabei, sie für dieses Jahr auszufüllen, wünsche aber vorher Ihre Ansicht zu hören." ünd dann hatten die beiden höchsten Vorgesetzten eine längere Besprechung zusammen über die Fähigkeiten und dienstlichen Auffassungen der jüngeren Kameraden. Als um sechs ühr der Zahlmeister Kirchner zum letzten Malean Land fuhr, hatte die Briefordonnanz einen großen Beutel voll Briefe, der auf dem Konsulat abgegeben wurde, denn es war kaum ein Mann an Bord der Porck", der nicht nach Haus geschrieben hatte. Für den Abend hatten sich der deutsche Gesandte, der Ge neralkonsul und noch eine Anzahl deutscher Herren an Bord zu einem Abschiedssest angesagt. Herr Kommandant," sprach der Gesandte, der Herr Präsident von Peru hat mich gebeten, Ahnen seinen Dank und seine besondere Anerkennung für die ausgezeichnete Disziplin auszusprechen, die Ihre Leute während der ganzen Zeit Ihres Aufenthaltes in den verschiedenen Häfen von Peru beobachtet haben. Ach kann mich für meine Person dieser Anerkennung nur anschließen." Herr Minister, ich bitte diese Anerkennung an meinen ersten Offizier zu richten, denn der ist verantwortlich da für," erwiderte Kapitän Eisenhart. Am übrigen freut es mich sehr, daß wir hier einen guten Eindruck zu hinterlassen scheinen." Nein, nicht nur einen guten, sondern einen ganz aus gezeichneten, Herr Kapitän!" rief der Generalkonsul Schmie dicke, und zwar nicht nur bei den deutschen Landsleuten, sondern erst recht bei der einheimischen Bevölkerung." Na, Herr Generalkonsul, grüßen Sie auch schön an Land, alles, was wir kennen," entgegnete Leutnant Heinrich. Nach zehn Jahren haben wir vielleicht Gelegenheit, mal wieder zukommen. Das ist so ungefähr der Törn bei uns, dann aber sind wir hier längst vergessen." Letzteres wurde jedoch lebhaft bestritten unter dem Hin weis darauf, daß das große Album im deutschen Klub ge treulich die Photographien aller Schiffe und Offiziere, die seit mehr als dreißig Fahren Callao besucht hätten, ausbewahrte. Nun, meine Herren Offiziere, Herr Kommandant, lassen Sie uns Ihnen allen noch eine recht glückliche Reise wünschen," sprach zum Abschied der Gesandte. Möge Ahr schönes Schiff von Sturm und Anwetter und seine ganze Besatzung von Krankheit und Kummer verschont bleiben. Ihr vorläufiges Reiseziel ist ja Tsingtau, unsere deutsche Kolonie. Dort werden Sie mit Ihren Herren Kameraden wieder Zusammentreffen.330 14. Kapitel. Dann liegt auch schon die Hälfte der Zeit, die Sie an Bord Ihres Schiffes zubringen werden, wie mir der Herr Kapitän gesagt hat, hinter Ahnen, und es wird Ihnen bereits wie ein Stück der Heimat Vorkommen, wenn Sie rings um sich her nur deutsche Laute vernehmen und unsere stolze Flagge aus den anderen Schiffen im Hafen wehen sehen. Daß Sie dann nach Ablauf des zweite,: Jahres unser aller Heimat, unser geliebtes deutsches Vaterland froh und gesund wieder er reichen mögen, das ist der Wunsch, den wir deutschen Lands leute aus Lima und Callao Ihnen mit auf die Reise geben. Wir leeren unsere Gläser auf das Wohl des Panzerkreuzers ,Porck und seiner Besatzung mit dem Riif: Die ,Porck hurra !“ Hell klangen die Gläser aneinander. Mit einigen kurzen Worten bedankte sich Kapitän Eisenhart bei dem Gesandten rlnd allen übrigen deutschen Herren. Wenige Minuten später trugen die Boote die Besucher von Bord über den im schwei genden Dimkel daliegenden Hafen an Land zurück. Also, guck mal, hier is Callao, und da is Honolulu, wo wir hin sollen und das dazwischen, das is alles Wasser," erklärte der Signalgast Hertel einer Anzahl Matrosen, die sich um eine große, im Zwischendeck ausgehängte Seekarte drängten. Es war eine sogenannte Trackkarte, das heißt eine See karte, welche die gesamte Erdoberfläche als eine gerade Fläche gedacht darstellte. Auf dieser Karte war die bisherige Reise der Porck" von Kiel bis Callao mit einer roten Linie einge zeichnet, iind für jeden Tag in See war der um zwölf Ahr mittags erreichte Ort durch einen kleinen Punkt und das be treffende Datum darüber angegeben. Siehst du wohl, so sind wir gefahren," erklärte der Signal gast weiter, und wie wir nun fahren, das kommt dann hierhin auf diese Strecke." An jedem Mittag um halb ein Ahr wurde die Karte im Zwischendeck ausgehängt, nachdem der Steuermann das Mittagsbesteck eingetragen hatte. So konnten sich die Leute der Porck" allmählich ein Bild daraus machen, wie die Reise vor sich ging, wie die Strecke zwischen dem verlassenen Hafen und dem täglichen Standort immer größer, die Entfernung bis zum nächsten Hasen immer kleiner wurde.Tag für Tag entstieg jetzt die Sonne des Morgens strahlend dem Meere und senkte sich am Abend wie ein feuriger Ball wieder in die blauen Wogen hinab. Keine Wolke, die auch nur einen Tropfen Regen oder ein Ilywetter hätte in sich bergen können, zeigte sich, sondern ein glänzend blauer Himmel wölbte sich ungetrübt tagtäglich über der großen Wasserwüste, -die die Porck" mit ihrem Bug durchpslügte. Tausende und aber Tausende fliegender Fische hoben sich in dichten Schwärmen aus der blauen Flut, gejagt von dem schnellen, räuberischen Bonito und der goldglänzenden Dorade, die, ewig heißhungrig, ewig aus der Zagd nach den wohl schmeckenden, zarten Flügelsischen sind. Zn fortwährender Todesangst schnellten sich die Silber fischchen mit weit ausgebreiteten Flossen, die in Form und Gestalt langen Fächern vergleichbar sind, vor ihren Ver folgern aus dem Wasser heraus, ließen sich ein paar hundert Meter weit von dein frischen Passat forttragen und sielen -dann wieder in den Ozean zurück. Gar mancher von ihiren, der sich so vor den Genossen der Tiefe zu retten hoffte, wurde dabei in blauer Luft eine Beute der blitzschnellen, ge flügelten Feinde, die ebenso heißhungrig wie Bonito und Dorade unablässig über die Wogen dahin strichen und, schneller als ein Pfeil, mit weit geöffnetem Schnabel auf die unglück- tichen Schuppenträger losstürzten, sobald diese aus der Tiefe emportauchten. Herr Kapitän, wann wollen wir mit den Tiefseelotungcn ansangen?" fragte Kapitänleutnant Röder den Komman danten. Der Herr Stabsarzt und Doktor Kluge haben mich schon ein paarmal danach gefragt. Sie möchten auch sehr gerne ein wenig von der Meeresfauna auffischen, um daran einige mikroskopische Beobachtungen und biologische Antersuchungen zu machen." Wir wollen uns einmal nach der Karte, auf unserem Kurs natürlich, Strecken aussuchen, wo wenig Lotungen bisher ge macht sind, und dort arbeiten," antwortete Kapitän Eisenhart. Bei solcher Gelegenheit können die Herren ja auch von der Meeresfauna und -floca einsangen, so viel es nur irgend geht." Ich werde dann also die Apparate aus der Last herauf holen lassen," entgegnete der Navigationsoffizier. Tiefen-332 14. Kapitel. thcrmometer sind ja auch dabei. Ach werde mal gleich im Verzeichnis Nachsehen." Am nächsten Tage waren alle Vorbereitungen getroffen,, und die erste Tiefseelotung konnte unternommen werden. Na, Röder, wenn Sie dann so weit sind, wollen wir be ginnen!" rief Kapitän Eisenhart, der von der Kommandobrücke aus der Sache zusehen wollte. Ich werde das Schiff zum Stehen bringen." Jawohl, Herr Kapitän, es kann losgehen!" rief Röder zurück, und als die Borck", nur sich leise von einer Seite zur anderen wiegend, still lag, ließ er die Leine ablausen. Mit neugierigen Augen blickte die ganze Besatzung über Bord und sah den in der dunklen Tiefe verschwindenden, an der Lotleine befestigten Apparaten, den Tiefenthermometern und Druckmessern, nach. Woran merken wir nun eigentlich, wann wir Grund haben?" fragte Leutnant Bertram den Navigationsoffizier. Dann hört die Spannung in den Gummizügen des Regulators auf," antwortete Kapitänleutnant Röder. Was hat das Ding überhaupt für einen Zweck, Röder? Erklären Sie mir das einmal," sagte der erste Offizier. Der Zug, den das Gewicht der Leine ausübt, wenn sie so aus fünf- bis sechstausend Meter ausläuft, ist außerordent lich groß, Herr Kapitän," begann der Navigationsoffizier^ Früher, als man die Lotungen von Segelschiffen ausführte, die immer seitlich ziemlich stark abtrieben, hatte man anfangs so gut wie gar keinen Anhalt dafür, wann das Lot auf den Grund gekommen war. Denn so dünn, wie die Leine ist, so bietet sie doch bei großer Tiefe Widerstand genug, daß sie nicht senkrecht vom Schiff aus hinunterzeigt, sondern mehr oder weniger querab, sobald das Schiff anfängt zu treiben. Stieß, das Lot dann endlich auf den Grund, dann spürte man das oben kaum oder gar nicht und konnte es auch an der Richtung der Leine nicht beobachten. Vor allen Dingen aber genügte oft schon das einfache Arbeiten des Schiffes beim Schlingern, um solche Stöße aus die Leine zu bringen, daß die es vorzog, bei großer Tiefe zu brechen und sich zu empfehlen, ganz ähn lich wie beim Thomsonschen Lotapparat, wenn da nicht an der Bremse aufgepaßt wird. Da genügt ja auch schon einkleiner Ruck, wie ich das früher schon den jüngeren Offizieren auseinandergesetzt habe, und die Leine ist gebrochen. Da schaltete man diesen Regulator ein. Der reckt sich in den Gummizügen und federt. An dem Augenblick, da das Lot aufstößt und der Zug der Leine nachläßt, ziehen sich die Gummi streisen fast wieder ganz zusammen, und man weiß, daß der Grund erreicht ist. Natürlich darf man diesen Augenblick nicht verpassen." And wie lange müssen die Apparate nachher unten bleiben?" Etwa vier bis fünf Stunden, Herr Kapitän. Das heißt, das gilt nur für die Thermometer. Schneller nehmen sie die Temperaturen nicht an." Verändern sie sich denn nicht wieder während des Ein- holens? Das dauert doch auch eine ganze Weile," meinte Leut nant Heinrich. So wenig, daß man die Temperatur als richtig an nehmen kann," versetzte Kapitänleutnant Röder. Er behielt dabei fortwährend den Regulator im Auge und rief dann plötzlich: Jetzt!" Anwillkürlich wendeten auch alle übrigen die Blicke dorthin und sahen, daß die beiden Scheiben, zwischen denen die Gummistränge gespannt sind, ganz nahe aneinander standen. Gleich danach aber reckten sich die Gummischnüre wieder, und ein leises Zittern an der Lot leine machte sich bemerkbar. Zu gleicher Zeit fing sie an, von der Bordwand des Schiffes abzuzeigen. Röder, haben wir Grund?" rief Kapitän Eisenhart von der Kommandobrücke herunter. Zu Befehl, Herr Kapitän, ich glaube, ja!" antwortete dieser. Bremse dicht!" rief er dem Steuermann zu, der das Auslaufen der Stahlleine beaufsichtigte. Wir wollen erst einmal sehen, was sie macht." Kaum war die Bremse geschlossen, so reckten sich die Gummischläuche des Regulators fast bis zum Zerspringen, ein Zeichen, daß plötzlich eine gewaltige Kraft darauf kam. Na, wird das Ding auch nicht abreißen?" meinte Kapitän Reichard, und Kapitänleutnant Röder mochte wohl Ähnliches befürchten, denn er ließ wieder etwas Leine auslaufen. Nach einigen Augenblicken hörte indes die starke Spannung334 14. Kapitel. aus, und der Regulator bewegte sich nur infolge der Schwan kungen des Schiffes. Herr Kapitän, jetzt müssen wir mindestens vier Stunden so liegen bleiben," sagte Kapitänleutnant Röder zum Kom mandanten. Vorläufig ist weiter nichts zu machen. Es ist jetzt zehn Uhr, also vielleicht um zwei oder drei Uhr möchte ich anfangen, wieder einzuhieven, wenn Herr Kapitän nicht irgend etwas anderes bestimmen." Nein," entgegnete Kapitän Eisenhart, aber wir wollen einen Posten hierher stellen, daß niemand an die Leine heran kommt." Das ist nicht notwendig, Herr Kapitän," antwortete der Offizier, der Steuermann und ich werden schon selber auf passen." Am Nachmittag wurde die Tieflotleine wieder eingehievt, und Kapitänleutnant Röder war äußerst erfreut, als er die Beobachtung machte, daß die sämtlichen Apparate, die er an verschiedenen Stellen der Leine befestigt hatte, sämtlich heil und unversehrt wieder mit herauskamen. Hier, Herr Stabsarzt, bitte, nehmen Sie und notieren Sie sich genau, aus welcher Tiefe das Wasser stammt, danüt Sie den Inhalt nachher nicht verwechseln," äußerte er und überreichte dem Schiffsarzt die Gefäße, in denen das Wasser den verschiedenen Tiefen des Meeres entnommen war. Die Tiefe, die das Lot erreicht hatte, betrug rund fünftausend Meter. Die Grundprobe ergab einen feinen Globigerinenschlamm, wie der Stabsarzt erklärte. Was ist denn das?" fragte Leutnant Reiche. Davon habe ich noch nie etwas gehört." Das sind kleinste Lebewesen, die man mit als Urtiere betrachtet," erklärte der Stabsarzt. Sie bedecken den Meeres grund zum größten Teil. Diese Lebewesen existieren im Meer, sterben ab und sinken dann auf den Grund." Die Porck" setzte ihre Reise fort und war, diesmal nach Norden hin den Äquator überschreitend, bald wieder in den Stillengürtel hineingeraten. Diese Zone fast beständiger Windstille oder nur leichter, umspringender, ganz unregelmäßiger Winde und fast un unterbrochenen Regens, der meistens in schweren SchauernWie tief ist das Meer? SNSSWWS ZZ5 mit stürzender Gewalt herniederprasselt, verdankt ebenso wie die im Atlairtischen Ozean ihre Entstehung dem Aufeinander- tresfen der beiden Passatwinde, des Nordostpassats auf der nördlichen, des Südostpassats auf der südlichen Halbkugel. Die beiden über weite Meeresstrecken hinstreichenden, ziemlich warmen Winde nehmen gewaltige Feuchtigkcits- mengen in sich auf, die sich zu dichten Wolken zusammen ballen, sobald die tragende Kraft des Windes aufhört, und das geschieht eben an der Stelle, wo die an Kraft fast gleichen Passate sich treffen. Auch auf die Porck" prasselte fast achtundvierzig Stunden lang ein ununterbrochener Regenguß hernieder. Das war für die Mannschaft eine prachtvolle Gelegenheit zu ergiebigen Bädern. Schon aus der Morgenwache liefen Wache und Freiwächter, wenn zum Waschen gepfiffen wurde, nur mit der Badehose bekleidet auf dem Vordeck herum und ließen sich die strömende Flut über die Körper rinnen, und am Nachmittag nach Beendigung des Dienstes erscholl der Befehl: Alle Mann sich baden!" Dann plantschte die ganze Mannschaft in dem warmen, weichen Regenwasser mit Wonne herum. Der Anzug am Tage bestand nur aus dem leinenen Arbeitszeug mit Weglassung sogar des Unterzeugs; so wurde man am schnell sten wieder trocken. Schuhe und Strümpfe waren überhaupt längst in die hinterste Ecke des Kleiderspindes verbannt, und der Schuster Meinhard mit seinen Gesellen hatte bequeme Tage. Wenigstens dachte Petersen das, und er äußerte ganz er staunt zu seinem Freund Iensen: Fck weet gor nich, wat de Pickdraht ümmer noch to neihen und to schostern hett." Aber wenn er gesehen hätte, was Schuster Meinhard in seiner stillen Ecke fertig brachte, dann hätte er sich nicht über ihn aufgehalten. Meinhard war nämlich ein fleißiger Mann und arbeitete für die Herren Unteroffiziere in seiner freien Zeit Stiefel auf Maß; besonders seine neuen Stiesel aus dem seinen Leder, das er sich in Callao an Land gekauft hatte, waren außerordentlich begehrt. So verdiente sich Schuster Meinhard nebenbei ein hübsches Stück Geld. Davon wußte aber außer seinem Korporal- schaftsführer, dem Divisionsoffizier und dem Zahlmeister kein Mensch etwas an Bord.336 IS. Kapitel. Seit zwei Tagen lag nun schon der Stillengürtel hinter dem Schiss, da wurde die Tiefseelotung noch einmal wiederholt, und wieder erregte das Ergebnis des gleichzeitig unternom menen Fischzuges allgemeines Interesse. Röder, wir wollen über die Lotungen natürlich auch im Reisebericht etwas mit ausnehmen," sagte Kapitän Eisenhart. Wollen Herr Kapitän denn schon von Honolulu einen Bericht abschicken?" fragte der Navigationsoffizier. Ach nein, das wollen wir uns schenken," entgcgncte der Kommandant. Wir nehmen nachher die ganze Strecke bis Tsingtau zusammen. Wir haben dann die Ergebnisse der ganzen Reise in einem Berichte, und Sie können dazu eine kleine Tabelle machen, aus der man ersieht, wie tief hier das Meer ist." ^err Kapitän, ich möchte mal fragen, wann wir in Honolulu ankommen?" redete Steward Möhle den ersten Offizier an. Weshalb, Steward, haben wir nichts mehr zu essen?" fragte Kapitän Reichard. O nein, zu essen haben wir schon noch," erwiderte der Steward, aber ich möchte doch gerne an einem der nächsten Tage etwas Besonderes machen können, und dazu brauche ich natürlich frisches Fleisch." So, ist denn irgend etwas Besonderes los?" fragte der erste Offizier. Ja, wissen Herr Kapitän nicht, daß der Kommandant nächstens Geburtstag hat?" fragte der Steward dagegen. Nein, Steward, das wußte ich allerdings nicht, oder viel mehr, ich habe gar nicht daran gedacht," erwiderte der erste Offizier. Es ist nur gut, daß Sie mich daran erinnern, denn es wäre mir sehr unangenehm gewesen, wenn es ver gessen worden wäre." Ach glaube, der Herr Kapitän möchte es am liebsten gar nicht bekannt haben," versetzte darauf der Steward.Ein Paradies im Meer. 337 Wenigstens als ich eine kleine Anspielung daraus machte, tat der Herr Kapitän so, als ob er mich nicht verstünde. Ach weiß es aber ganz genau, ich bin doch früher schon mal mit dem Herrn Kapitän zusammen gefahren. Der Geburtstag ist am 24. März." Dann sind wir auch in Honolulu. Am 22. morgens lausen wir ein," entgegnete Kapitän Reichard. Kaum dämmerte der Morgen des 22. März, da meldete der Ausguck mit lauter Stimme: Land in Sicht! Recht voraus!" Der wachhabende Offizier ließ das dem Navigations offizier melden, und dieser kam an Deck. Eine Weile musterte er schweigend durch das Glas den nur eben am Horizont sichtbaren bläulichen Streifen. Dann nahm er eine Peilung am Kompaß, ging ins Kartenhaus und trug die Linie auf der Karte ein. Es stimmte ganz genau. Aus dem Vordeck standen die Leute der Wache, die den Ruf des Postens gehört hatten, und suchten ebenfalls nach dem gemeldeten Land, aber so viel sie sich auch anstrengten, sie konnten es nicht entdecken, weil ihr Standpunkt zu niedrig war. Ach wo, der hat sich geirrt, das wird wohl bloß ne Wolke gewesen sein," meinte schließlich Dahms. Wer ist denn das da oben?" fragte Heidenreich. Das ist doch Klaus, nicht wahr?" Fa, das ist Klaus!" wurde geantwortet. Dann ist es auch sicher Land," behauptete Heidenreich, denn Klaus hat ein paar Augen im Kopf, sage ich dir, der kann durch ein eichenes Brett durchsehen." O, das kann ich auch," erwiderte Dahms. Za, wenn da n Loch in ist. Du, dann kann ich das eben sogut. Aber sieh mal, da scheint doch was los zu sein. Röder hat sich den großen Kieker geben lassen. Da, jetzt habe ich es eben, glaub ich, auch gesehen!" Wo denn?" fragte Heidenreich. Hier, so n ganz klein bißchen an Steuerbord, so ungefähr n halben Strich," erklärte Dahms. Mußt auspassen, wenn das Schiff vorne hoch geht." Es dauerte auch nicht lange, da konnte man auch von der Back aus bequem das Land oder wenigstens den blauen Fleck, Bernftorff, An Bord beS Panzerkreuzers Uorck". 22338 ESESE 15. Kapitel. ESESESESESSSES der das Land vorstellte, mit bloßem Auge erkennen, und rasch wuchs es höher und höher aus dem Meere empor. Es soll große Fahrt gegangen werden!" ries Kapitäm leutnant Röder, der dem Kommandanten persönlich die Meldung von dem Auftauchen des Landes und der Entfernung bis dahin gemacht hatte, dem wachhabenden Offizier zu. Die Maschinentelegraphen klingelten, und nach wenigen Mi nuten schoß die Borck" mit vierzehn Meilen Fahrt ihrem Ziele entgegen. Bald konnten durch Kieker und Gläser auch Einzelheiten an Land erkannt werden, und nach zwei Stunden lies das Schiff durch die schmale Einfahrt zwischen den Korallenriffen in den Hafen von Honolulu ein. Hei, sieh mal! Was steht da für ne Brandung!" riefen die Leute, als sie den Korallengürtel, der die Insel rings um zieht, passierten, und staunten das prachtvolle Schauspiel, welches das Meer dort bietet, mit großen Augen an. Mit ungeheurer Wucht kommen die riesigen Wogen des Stillen Ozeans majestätisch herangerollt und wälzen sich gegen den Korallengürtel, der sich ihrem Fortschreiten trotzig entgegenstemmt. Schon von weitem hört man das tiefe, dumpfe, grollende Brausen, mit dem sich jede Brandungs welle gegen das Gestein wirst. Aus tiefer Senkung sich plötzlich hoch aufbäumend, stürzt die ungeheure Wassermasse, wie eine gewaltige, gläserne Wand vorwärts schreitend, dann plötzlich überbrechend, gegen das Gestein, daß weißer Gischt und Schaum in brausender Kaskade hoch aufsprüht und zischend an den gewaltigen LavablöÄen des Afers zerschellt. Anfangs scheint in dem kochenden, schäumenden, wirbelnden Brandungsgürtel überhaupt keine Stelle zu sein, die dem Schiff einen Durchgang gewährt, dann aber entdeckt das scharfe Auge die schmale Einfahrt, in der die Woge, hoch aufgerichtet, in glattem Laus weiterstürmt, während rechts und links am Riff die Brandung tobt und donnert. Gefährlich sieht es aus, wenn sich das Schiff plötzlich zwischen den weißen Wirbeln befindet. Auch manchem auf der Borck" pochte wohl für einen Augenblick das Herz schneller, als eine dev furchtbarsten Gefahren, die es für den Seemann und sein Schiff gibt, die wütende Brandung, sich fast greifbar naheEin Paradies im Meer. 539 zeigte. Doch ohne Unfall passierte die Porck" die schmale Stelle und lag wenige Minuten später im inneren Hafen vor Anker. Ringsum dehnte sich ein weites Becken, in dem eine schier- paradiesische Ruhe herrschte. Nur gedämpft klang das dumpfe, brausende Donnern der Brandung am Riff bis hier herein. Vom Ufer her aber grüßten Palmen und grüne Laubbäume und blinkten die weißen Häuser Honolulus. Das ist ja zauberhaft schön hier!" ries Leutnant Heinrich, einen begeisterten Blick ringsum werfend. Ich glaube, hier könnte man es eine ganze Weile aushalten." Hier wird an Land gegangen!" erklärte Reiche. Selbstverständlich!" stimmte Wohlfahrt ihm bei. Und das recht ausgiebig!" meinte Heinrich, und Bertram erklärte: Mich kriegt die ,Vorck nicht zu sehen, so lange wir hier sind. Glücklicherweise habe ich gerade Freiwache und Konterpikett." Ach wo!" versetzte Reiche. Hier werden die Leutnants zur See Wache oder du jour gehen, und wir älteren Herren sind selbstverständlich frei. Der Kommandant ist sicher damit einverstanden." Na, mir solbs recht sein," entgegnete Bertram. Wo die Küste so lieblich winkt, verzichte ich gern mehrere Tage aus den Dienst." Dann wollen wir nur gleich um Urlaub bitten," sagteReiche, und ,o weit es irgend möglich war, wurde Urlaub erteilt. Auch die Mannschaft der Porck" fand nach der drei wöchentlichen Seefahrt reichlich Erholung an Land, so daß später der Aufenthalt in Honolulu bei vielen in der Erinnerung einen Glanzpunkt bildete. Ganz besonders eifrig im Anlandgehen zeigte sich aber hier der Steward Möhle. Wie gewöhnlich war er gleich nach dem Ankern mit dem Zahlmeister, dem Verwalter und dein Botellier zusammen an Land gefahren, um frischen Proviant zu beschaffen, aber auch nachher bat er alle Augenblicke um ein Boot, weil er Besorgungen zu machen hätte. Wollen Herr Kapitän alle Offiziere einladen oder wie viele?" hatte er mit möglichst harmlosem Gesicht kurz vor dem Einlaufen in den Hafen den Kommandanten gefragt.340 15. Kapitel. Wieso, Steward? Wie kommen Sie auf den Gedanken?" hatte Kapitän Eisenhart erwidert und sich völlig unwissend gestellt. Nun, ich meinte zum Geburtstag," war die Antwort des Stewards gewesen. Am vierundzwanzigsten werden Herr Kapitän doch wohl n größeres Diner geben?" Za, Steward, wenn Sie meinen, dann lade ich natür lich alle Herren ein," hatte der Kommandant darauf ge antwortet, worauf Steward Möhle sich mit einem listigen Augenzwinkern verbeugte und antwortete: Ich darf also alles besorgen, Herr Kapitän?" Am 24. März morgens zog dann wieder der Bursche des Kommandanten in die Offiziersmesse, stellte sich vor den ersten Offizier hin und sagte mit lauter Stimme: Der Herr Kom mandant läßt alle Herren Offiziere zu heute abend um sechs Ahr zum Essen in die Kajüte bitten!" Sagen Sie dem Herrn Kommandanten, die Herren Offiziere liehen danken und würden pünktlich vollzählig er scheinen," antwortete der erste Offizier. An demselben Augenblick sing vor der Kajüte die Bord kapelle mit ihrem Ständchen an, und damit war es nun für das ganze Schiff offenkundig geworden, daß Kapitän Eisen hart heute Geburtstag hatte. Kapitänleutnant Röder hatte seinem höchsten Vorgesetzten schon persönlich gratuliert, als er ihm meldete, daß die Chronometer aufgezogen seien. Er mußte sich jedoch um halb zwölf Ahr mit dem ersten Offizier, dem Stabsarzt, dem Stabsingenicur und je einem Ober leutnant und Leutnant zur See nochmals als Deputation hinunter bemühen, um dem Kommandanten die Glückwünsche der ganzen Messe zu überbringen. Ebenso wie die Offiziere gratulierten auch die Deckosfiziere ihrem Kommandanten durch eine Abordnung, bestehend aus dem Oberbootsmann, dem Oberzimmermeister und dem Obermaschinisten Garlich. Diesen folgten die Abgesandten der Mannschaft, vertreten durch die beiden Obermaate Schwarz und Wandelt, sowie den Obersteuermannsmaaten Krause, drei Obermatrosen und drei Matrosen, während das Maschinen- pcrsonal einen Fcuermeister, einen Maschinistcnmaaten und einen Oberheizer entsandte.Ein Paradies im Meer. 341 Obermaat Schwarz hatte als ältester dabei der: Glückwunsch vorzubringen und erhielt vom Kommandanten den Auftrag, allen Leuten den Dank des Kapitäns dafür auszusprechen. Sagen Sie Ihren Kameraden, ich hätte mich aufrichtig darüber gefreut, daß sie mir 311 meinem Geburtstag Glück wünschen," sprach Kapitän Eisenhart, und daß sie alle mit einander mir in meinem neuen Lebensjahr keine größere Freude machen können, als wenn sie mit gleichem Eifer wie bisher ihren Dienst weiter tun und sich gleich gut führen." Zu Befehl, Herr Kapitän, das werden wir gewiß alle gern tun," antwortete Obermaat Schwarz, denn wir wissen alle, daß wir keinen besseren Kommandanten als Herrn Kapitän bekommen konnten." Na, das freut mich zu hören," versetzte Kapitän Eisenhart und entließ die Leute mit einem freundlichen Händedruck für jeden. Am sechs Ahr fand sich das Offizierkorps geschlossen in der Kajüte ein. Gestatte mir, Herrn Kapitän gehorsamst meinen besten Glückwunsch auszusprechen!" so trat einer nach dem anderen nochmals an Kapitän Eisenhart heran, und dann feierten sie, während draußen die Musik spielte, den Geburtstag des Kapitäns in höchst vergnügter Weise. Einzig und allein ausgeschlossen war Leutnant Baumbach, der das Pech hatte, Wache gehen zu müssen, und Maurer, der ihn eigentlich um acht Ahr ablösen sollte, hatte ihm kalt lächelnd erklärt: Vor neun Ahr komme ich nicht, das heißt, es kommt ganz darauf an, wie lange das Diner dauert. Da von lasse ich mir nichts nehmen!" Er erlöste seinen Kameraden dann aber doch schon um halb neun Ahr mit den Worten: Sie sollen schleunigst in die Kajüte kommen und nachexerzieren. Machen Sie schnell, Kamerad, gehen Sie! Es gibt heute feine Sachen! Möhle hat wieder ein großartiges Diner aufgetischt." Fünf Minuten später meldete sich denn auch Baumbach in der Kajüte ;m Stelle und aß mit Windeseile das ganze lange Diner herunter, um die anderen, die noch bei Früchten und Kuchen saßen, recht bald einzuholcn. Wissen Sie, Rcichard, eigentlich haben Sie mich voll-342 15. Kapitel. kommen überrumpelt bemerkte Kapitän Eisenhart ju seinem ersten Offizier. Ich) hatte gar nicht die Absicht, meinen Geburtstag zu feiern, sondern wollte ihn verheimlichen. Möhle hat mich aber verraten." Weshalb denn aber auch, Herr Kapitän?" fragte Kapitän Neichard. Ach, wenn man so alt ist wie ich," meinte Kapitän Eisen hart, dann macht das Geburtstaghaben keinen Spatz mehr." Na, ich weitz nicht, Herr Kapitän," rief Leutnant Heinrich, wenn ich so wäre wie Sie, dann würde ich mich immer über meinen Geburtstag freuen." Wieso, Heinrich?" fragte der Kommandant. Na, immer darüber, daß ich schon so alt und dabei doch noch so jung und rüstig wäre," entgegnete Heinrich lachend. So wie Sie sind, Herr Kapitän, ist das doch gar kein Alter." Za, Heinrich hat vollkommen recht," rief Kapitänleutnant Hofsmann. Entschuldigen Sie, Herr Kapitän, ich will ja nicht geradezu fragen, wie weit Sie es schon gebracht haben an Lebensjahren, aber ich denke mir, wenn ich erst so alt bin, ich glaube nicht, daß ich noch so aussehe. Wir werden jetzt doch zu schnell verbraucht." Kapitän Eisenhart widersprach dem, aber bei den jüngeren Offizieren fanden Hoffmanns Worte lauten Beifall, und Heinrich erklärte mit tragischer Miene schließlich: Ja, Herr Kapitän, da mögen Sie nun sagen, was Sie wollen, aber wahr ist es doch. Der Dienst fürs Vaterland zehrt an unserem Mark und nimmt uns unsere Kraft. Die Herren, die früher ein getreten waren, die hatten es noch gut, die konnten ihre Jugend genießen und sich dabei doch auf den Admiral vorbereiten." Jawohl, Herr Kapitän," krähte der kleine Leutnant Schneider. Wenn ich mir mal vorstelle, was ich noch alles lernen und leisten soll, bis ich einmal Admiral werde, dann grault es mich ordentlich. Aber daran will ich heute auch ganz gewiß nicht denken. Ich finde, so etwas paßt gar nicht zum Geburtstag." Da haben Sie recht, Schneider," versetzte Kapitän Eisen hart lachend. Aber freuen würde es mich doch später, falls ich es noch erlebe, Sie einmal als Admiral begrüßen zu können. Jetzt aber, denke ich, macht Heinrich, uns erst etwas schöne Musik!" Das letzte Hurra!" SSWSSWSS Z4Z Es war sehr gemütlich beim Kommandanten," lautete das allgemeine Urteil, als die Offiziere sich schließlich verab schiedeten und die Kajüte verließen. Der Aufenthalt der Porck" in Honolultt dauerte nur noch bis zum 26. März. Sicher fuhr sie wieder zwischen den brandungumtobten Riffeit hinaus und setzte mit Westnordwestkurs die Reise nach dem fernen Tsingtau fort. Nochmals fünftausend See- meilen trennten sie von diesem Ziele, und wieder pflügte der Bug des stolzen Schiffes durch die schier endlose Wasserwüste. ^VV ehrere Tage fuhr die Porck" nach dem Verlassen des Hafens von Honolulu noch im Nordostpassat. Kurz nach dem sie den Wendekreis des Krebses überschritten hatte, änderte sich das Wetter, und die Besatzung hatte viel unter Wind und Regen bei hohem Seegang zu leiden. Auch die Temperatur siel rasch, und statt des Arbeitsanzugs und Paradeanzugs wurde wieder Anzug blau" und am Sonntag Zweite Garnitur blau, Eperzierkragen" angezogen. Auf den Nachtwachen trugen die Posten Überzieher, und der Bootsmann hatte Regenröcke und Südwester ausgegeben. Verschiedene Male zogen auch schwere Gewitter über das Schiff hin. Ein besonders heftiges Gewitter tobte mehrere Stunden lang ununterbrochen. In ganzen Strahlenbündeln zuckten die Blitze von einer Wolke zur anderen hinüber und herüber oder fuhren zischend in die See, während das Krachen, Schmettern und Rollen des Donners kein Ende nahm. Oberleutnant Reiche hatte während des Gewitters die Wache, aber auch Kapitänleutnant Röder befand sich auf der Kommandobrücke. Reiche, die Blitzableiter sind doch zu Wasser?" fragte er. Za, gewiß," antwortete dieser, wenigstens habe ich es dem Steuermannsmaaten befohlen."544 16. Kapitel. S Steuermannsmaat Krause, haben Sie die Blitzableiter über Bord gegeben?" fragte er aber selbst nochmals nach. Ich hab^ es dem Signalgast gesagt," antwortete dieser und ries: Hertel, sind die Blitzableiter im Wasser?" Nein," erwiderte der Mann. Na, nun aber hurtig," ermahnte Röder, während Ober leutnant Reiche loswetterte: Was ist das für ein Unfug l Gebe ich Ihnen den Befehl, damit Sie ihn weiter geben oder damit Sie ihn ausführen? Oder sind Sie vielleicht zu vornehm, um die Blitzableiter ins Wasser zu bringen?" Nein, Herr Oberleutnant, aber ich habe es dem Matrosen Hertel " Nichts haben Sie, wenn ich Ihnen was befehle!" unter brach der Vorgesetzte den Unteroffizier. Dann gehen Sie gefälligst selber hin und tun das!" . Herr Oberleutnant, mir war es auch nicht befohlen worden," sagte der Signalgast Hertel, das war der Matrose Kautski." Nein, Sie sind s gewesen," behauptete Krause. Der Signalgast widersprach aber noch einmal und sagte: Nein, ich hab s ganz genau gehört, wie Sie es zu Kautski gesagt haben." Na, das ist auch alles ganz gleich, ich hatte es Ihnen aufgetragen, Maat Krause, und Sie haben meinen Befehl nicht ausgesührt," schalt der Offizier. Jetzt gehen Sie sofort daran!" Während der Steuermannsmaat die kupfernen, als Blitz ableiter dienenden Drahttaue, die von der Spitze jedes Mastes nach unten führen, für gewöhnlich aber nicht im Wasser hängen, sondern aufgerollt sind, zu Wasser brachte, befahl Oberleutnant Reiche dem Signalgast: Holen Sie mir den Matrosen Kautski her!" Er hatte aber noch nicht ganz ausgesprochen, da fuhr ein so betäubender Donnerschlag dazwischen, daß ihm tatsächlich das Wort im Munde stecken blieb, und zu gleicher Zeit machte sich auf der Kommandobrücke ein schwefliger Geruch be merkbar. Alle Wetter noch mal, das hat ins Schiff geschlagen," bemerkte der Navigationsoffizier. Es war nur ein Glück, datz die Blitzableiter im Wasser hingen." Da schickte auch schon der Kommandant herauf und ließfragen, ob ein Blitz das Schiff getroffen habe, und Kapitän Eisenhart erschien dann selbst an Deck, um nachzusehen, ob irgend etwas passiert wäre. Am Hin- und Hergehen auf der Kommandobrücke trat er einen Augenblick in den Kommandostand hinein und warf einen Blick auf den Koinpatz. Oberleutnant Reiche!" ries er dann. Das Schiff liegt einen halben Strich vom Kurs. Es mutz beim Steuern besser aufgepaßt werden, sonst haben wir ja nachher die unglaub lichsten Stromversetzungen im Besteck." Es gibt kein Meer, in dem nicht Strömungen sich vor finden, die das Schiff entweder von seinem Kurse seitwärts abdrängen oder aber es, wenn sie günstig sind, fördern, wenn sie ungünstig sind, zurückbringen. Auf hoher See, wo kein Land zu sehen ist, ist der Einfluß solcher Strömungen nicht ohne weiteres bemerkbar, das heißt, es ist an der einfachen Fahrt nicht herauszufinden, ob das Schiff mit oder gegen die Strömung fährt. Der Unterschied zwischen dem aus Kurs und Ge schwindigkeit errechneten, aber falschen, sogenannten gegißten Besteck und dem absolut richtigen, observierten Besteck mittags um zwölf Ahr wird als Stromversetzung gerechnet, und scherz hafterweise wird behauptet, ohne Stromversetzung könnte überhaupt kein Navigateur eine vernünftige Seefahrt be treiben. Alle Fehler in den Beobachtungen werden eben auf die Stromversetzung geschoben. Bisher hat es aber vollkommen richtig angelegen, Herr Kapitän, ich habe fortwährend aufgepaßt," antwortete Leutnant Reiche. Der Mann am Ruder ist vielleicht eben durch den furchtbaren Donnerschlag etwas verstört geworden." Als Kapitänleutnant Röder am nächsten Mittag den Schiffsort berechnet hatte, kam der Steuermann zu ihm und sagte: Herr Kapitänleutnant, ich habe da ein ganz merk würdiges Besteck herausgercchnet, aber die Observationen stimmten doch." Ja, mir geht^s ebenso," entgegnete Kapitänleutnant Röder. Am nächsten Tage ergab sich wieder eine Stromversetzung, die für die örtlichen Verhältnisse ganz ungewöhnlich war. Das ist ja sonderbar," meinte der Navigationsoffizier,546 16. Kapitel. da muh doch irgend etwas passiert sein. Hören Sie mal, Schmidt, am Ende ist unser Steuerkompah von dem Blitz schlag durchgedreht." Ja, das kann wohl Möglich sein," erwiderte der Steuer mann. Dann wollen wir morgen früh gleich eine Deviations bestimmung machen. Machen Sie alles dafür klar. Ich werde dem Kommandanten sagen, dah ich auf der Morgenwache das Schiff drehen will." Eine solche Deviationsbestimmung wird aus hoher See ausgeführt, indem das Schiff mit langsamer Fahrt einen vollen Kreis mit Backbordruder und einen vollen Kreis mit Steuer bordruder schlägt, währenddessen die aufgehende Sonne vom Kompah aus bei jedem voll anliegenden Strich, also Nord, Nord zum Ost, Nordnordost und so weiter, gepeilt wird. Mit Hilfe von berechneten Tabellen kann dann die Ablenkung des Kompasses für jeden Strich herausgesunden und bestimmt werden. Das führte Kapitänleutnant Röder mit dem Steuermann und seinem Personal am nächsten Morgen auch aus, und es stellte sich heraus, daß die Kompasse tatsächlich durch den Blitz schlag eine andere Deviation (Ablenkung) angenommen hatten. Der Navigationsoffizier meldete nachher dem Komman danten, daß die Kompasse wieder in Ordnung seien. Ja, Röder," sagte Kapitän Eisenhart, darauf müssen wir jetzt erst recht ordentlich aufpassen, denn bei den Strö mungen an der chinesischen Küste läuft man sonst plötzlich nachts einmal irgendwo auf, man weiß nicht wie." Die Deviationsbestimmung auf hoher See hatte auch die Aufmerksamkeit der Leute erregt, und verschiedentlich wurden Fragen laut, weshalb das plötzlich wieder gemacht worden sei. Du, das kann ich dir erzählen," behauptete Jensen, als ihn der Matrose Klumpfoot danach fragte, warum das Schiff so im Kreis herumgefahren wäre. Die wußten nicht mehr recht Bescheid, und da drehten sie einmal nach Backbord rum und einmal nach Steuerbord, bis sie den richtigen Weg wieder gefunden hatten. Nu können wir ganz ruhig nach China weiter fahren." Klumpfoot sah ihn nach dieser Erklärung etwas mißtrauischDas letzte Hurra!" 547 an und meinte bedächtig: Is dat ook wahr?" Da antwortete Iensen seelenruhig: Dor kannst di to verlaaten." Innerlich aber lachte er natürlich über den Dummkops, der sich solche Sachen ausbinden ließ. Näher und näher rückte nun das Endziel der langen Reise, Tsingtau, heran, und endlich hieß es dann auch wieder: Morgen laufen wir ein!" Drei Wochen waren vergangen, während deren die Be satzung der TZorck" säst nur Himmel und Wasser um sich gesehen hatte. Drei Wochen lang auch hatte mit Ausnahme der kurzen Kirchenzeit am Sonntag keine Flagge geweht. Nun ging s morgen wieder in den Hafen, und dort traf man auch andere deutsche Schiffe und Kameraden. Hören Sie, Reichard, wir wollen gar nichts Besonderes machen vor dem Einlaufen. Sie haben doch nicht etwa gemalt im Schiff?" sagte Kapitän Eisenhart zum ersten Offizier. Neiir, Herr Kapitän," antwortete jener. Ich bin ein geschworener Feind des sogenannten heimlichen Quastes und weiß außerdem, daß der Admiral mir tüchtig den Kopf waschen würde, wenn er bei der Inspizierung irgendwo eine frisch gemalte Stelle fände. Ich wollte nur morgen früh ordentlich Deck waschen lassen." Za, da hab^ ich nichts dagegen," erwiderte der Komman- dant. Sauber müssen wir natürlich aussehen, so weit es irgend geht. Im übrigen aber legt der Adiniral wenig Wert auf Äußerlichkeiten. Ihm kommt s auf den Dienst und die Disziplin an." Am nächsten Morgen lief die Porck" in den Hafen von Tsingtau ein. Schon von weitem erkannten die Ankommenden durch die Kieker, daß das Kreuzergeschwader mit dem Chef drinnen lag. Es gab also morgen sicher Inspizierung. Soll ich Sigiral machen, ob wir ankern dürfen?" fragte Kapitänleutnant Röder den Kommandanten. Jawohl, machen Sie Signal!" befahl Kapitän Eisenhart. Das Signal ging hoch und wurde vom Flaggschiff mit Ja!" beantwortet. Das Flaggschiff macht außerdem noch Signal," bemerkte Leutnant Wohlfahrt, der die Wache hatte. Steuermann, schnell das Signalbuch her!" rief Kapitän-348 16. Kapitel. leutncmt Röder und lietz gleichzeitig das Gegensignal halb heißen. Zm nächsten Augenblick hatte er das Signal des Flaggschiffs auch schon erkannt und rief: Kontersignal vor!" Noch ein paarmal gingen auf dem Flaggschiff die bunten Flaggen hinauf und wurden wieder heruntergeholt, dann meldete Kapitänleutnant Röder: Wir sollen ankern in der Peilung ,Prinz Heinrich-Berg^ Nordnordost! Molcnleucht- turm in Westsüdwest halb West!" Schön," antwortete der Kapitän. Bringen Sie das Schiff dahin!" Da jetzt ein höherer Vorgesetzter im Hafen vorhanden war, konnte die Porck" nicht mehr tun und lassen, was sie wollte und auch nicht mehr ankern, wo sie mochte, sondern hatte sich nach den Befehlen Seiner Exzellenz zu richten. Außer dem Flaggschiff Fürst Bismarck" lagen noch drei deutsche Kreuzer im Hafen. Überall an Bord waren neu gierige Gesichter zu sehen, die zur Porck" herüberblickten, die mit großer Fahrt bis fast aus den befohlenen Ankerplatz ging. Wieviel fehlt noch?" rief Kapitän Eisenhart zum Kompaß hinauf, wo Kapitänleutnant Röder eifrig beschäftigt war, die befohlenen Richtungslinien von Berg und Leuchtturm cin- zustellen. Noch ein halber Strich an jeder Peilung!" antwortete dieser. Melden, wenn ein Viertelstrich fehlt!" ries der Kom- mandant. Noch ein Viertel!" kam es vom Kompaß herunter. Zn der nächsten Sekunde sprangen die Schrauben mit großer Fahrt rückwärts an, dann stand das Schiff, und der Anker sauste auf den Grund. Die Porck" lag ganz genau auf dem befohlenen Platz. Einige Minuten später fuhr Kapitän Eisenhart im Dienst anzug mit Orden zum Chef des Kreuzergeschwaders auf das Flaggschiff hinüber, um sich und sein Schiff bei ihm zu melden. Kaum war er fort, so legte auch schon ein Boot längsseit, das eine Anzahl von Geschwaderbefehlen überbrachte. Leutnant Fritsche als Adjutant nahm sie in Empfang, las sie durch und brachte sie dem ersten Offizier. Morgen früh neun Uhr ist Inspizierung! Dampf auf in allen Kesseln! Anzug zweite Garnitur blau!" meldete er ihm dabei.Währenddessen stand Kapitän Eisenhart vor dein Ge- schwaderches und brachte seine Meldung vor. Ich danke sehr! Guten Tag, Eisenhart, wie geht s Ahnen? Ast bei Ahnen alles wohl an Bord?" fragte der Geschwaderchef. Ach danke gehorsamst, Exzellenz. Es ist alles in Ordnung," antwortete der Kommandant der Porck". Na, ich komme morgen früh um neun Ahr und werde mir Zhr Schiff airsehen," bemerkte daraus der Admiral, und Kapitän Eisenhart begab sich an Bord seines Schiffes zurück. Pünktlich um neun Ahr betrat der hohe Vorgesetzte die Porck", die sofort Anker lichtete und aus dem Hafen dampfte, während Seine Exzellenz, Vizeadmiral Gertring, die Mannschaft musterte. Dairir folgte die übliche Besichtigung in allen Dienst- zweigen. Was irur überhaupt vorgeführt werden konirte, ließ sich der Chef vormachen. Der erste Offizier mutzte seine genaue Kenntnis des ganzen Schiffsrumpfes durch die verschiedensten Leckstopsmanöver und Feuerübungen erweisen. Dem Artillerieoffiziere wurde bezüglich der Ausbildung der Mannschaften am Geschütz und ihrer Schietzfertigkeit gründlich auf den Zahn gefühlt. Ebenso dem Torpedooffizier. Artillerie- und Dienstinstruktion, Gewehr exerzieren, Turnen, Freiübungen, nichts wurde den Vor gesetzten und ihren Antergebenen erspart. Währenddessen besuchte der Geschwaderingenieur alle Ma schinen- und Kesselräume, und der Geschwaderarzt inspizierte Lazarett, Apotheke und Kranke. Der Ingenieur sowohl wie der Arzt lietzen sich alle Journale und Bücher, die an Bord geführt werden müssen, vorlegen und durchforschten sie aus Vollständigkeit und ordnungsmäßige Eintragungen. Der Geschwadernavigationsoffizier hatte inzwischen Ein sicht in die Chronometerjournale und das Logbuch genommen, hatte sich die Deviationstabellen und alle übrigen Sachen, die für die Navigierung von Wichtigkeit sind, vorlegen lassen, und als dann nach Vorstellung der Mannschaft Seine Exzellenz aus die Kommandobrücke kam, prüfte er die Seeoffiziere in der Dampfsahrkunde und solchen Manövern. Natürlich wurde auch das Manöver: Mann über Bord!" ausgeführt, und erst nach vielen Stunden gab sich der Chef zufrieden.Auf der Rückfahrt in den Hasen ließ er sich die Strafbücher der Mannschaften vorlegen, nahm Einsicht in die Qualifikations berichte der Offiziere, begutachtete die Messeabschlüsse der Offiziere und Deckosfiziere und ebenso die Abrechnungen über die Selbstverpflegung der Mannschaft, sowie die Kan- tinenwirtschaft. Kurz, er ließ überhaupt nichts unbesichtigt, was während der Andiensthaltung eines Schiffes in Betrieb ist. Rach seiner Gewohnheit äußerte er aber während aller dieser Stunden weder Lob noch Tadel, sondern gab nur seinem Adjutanten ab und zu einen kurzen Wink oder machte eine halblaute Bemerkung, worauf jener sich etwas notierte. Run aber war Exzellenz Gertring mit allem fertig. Ach bin mit Ahrem Schiff zufrieden, Kapitän Eisenhart," sagte er noch in der Kajüte. Das Schiff sah gut aus, der Dienst wurde willig und flott gehandhabt, und der Geist der Mann schaft scheint recht gut zu sein. Auch der Grad der Dienst ausbildung und Dienstbereitschaft ist zufriedenstellend. Ach freue mich, Sie hier zu sehen. Lassen Sie die Offiziere und Mannschaften antreten!" Kapitän Eisenhart bedankte sich bei seinem hohen Vor gesetzten für das gespendete Lob und beide begaben sich dann an Deck, wo die Besatzung wieder in Musterungsdivisionen angetreten war. Bi^ aus das in der Maschine und den Heiz räumen unentbehrliche Personal war alles oben. Mit kurzen, knappen Worten sprach der Chef des Kreuzer geschwaders zuerst den Leuten seine Anerkennung für das, was sie ihm vorgeführt Hütten, aus und schloß mit den Worten: Ach bin mit den Leistungen im großen und ganzen in An betracht der kurzen Dienstzeit zufrieden. Die Fehler, die gemacht worden sind, habe ich Ahnen aufgezählt, und Sie mit Ihren Vorgesetzten haben dafür zu sorgen, daß ich dieselben Fehler nicht mehr zu tadeln brauche, wenn ich wieder an Bord komme. Sie haben noch ein volles Jahr dazu vor sich, und ich erwarte, daß Sie dieses Fahr mit demselben Eifer und derselben Dienstfreudigkeit ausnutzen werden wie das ver gangene! Lassen Sie wegtreten!" befahl er dann dem ersten Offizier. Ich wünsche die Offiziere zu sprechen!" Den Offizieren wurde dann ebenfalls Lob und Tadel zuteil, je nach den Leistungen, aber Kapitän Eisenhart hatte dieDas letzte Hurra!" KSSSLSAS 351 Genugtuung, daß das Lob bei weitem den Tadel überwog und letzterer sich nur aus geringfügige Sache,: bezog. Besonders habe ich mich darüber gefreut, zu erkennen, daß Sie alle mit Lust und Liebe bei der Sache sind und, was mehr ist, daß die Mannschaft gern und willig Ihren Befehlen gehorcht. Das ist eine große Hauptsache, meine Herren," sprach Seine Exzellenz. Die Dienstfreudigkeit muß den Vorgesetzten innewohnen, um sie auf Untergebene übertragen zu können. Wo die fehlt, wird das Leben an Bord für alle und für jeden einzelnen zur Hölle. Beherzigen Sie diese Worte und im übrigen arbeiten Sic so weiter wie bisher, damit Sie Ihr Schiff unter der Leitung Ihres vortrefflichen Kommandanten in möglichst kurzer Zeit aus die höchste Stufe der Dienst bereitschaft bringen! Herbert, war noch irgend etwas Be sonderes?" Nein, Exzellenz," antwortete der Adjutant, Kapitän leutnant Herbert. Herr Gcneraloberarzt, Herr Stabsingenieur, wie steht es mit Ihnen?" Beide Herren hatten nichts mehr vorzubringen, und so verließ der Chef mit seinem Gefolge die Porck" unmittelbar, nachdem sie auf ihren, Platz wieder zu Anker gegangen war. Als er fünfhundert Meter weit ab war, feuerten die Geschütze den Salut von fünfzehn Schuß, der einem Vizeadmiral als Ehrenbezeigung zusteht. Herr Kapitän, die Mannschaft hat doch heute frei?" fragte der erste Offizier. Natürlich, Neichard," antwortete Kapitän Eisenhart. Na, ich gratuliere Ihnen, daß alles so gut verlief und danke Ihnen für Ihre Unterstützung." Bitte gehorsamst, Herr Kapitän," versetzte Kapitän Reichard. Ich hoffe bei der nächsten Inspizierung wird gar nichts versehen. Es kann geraucht werden!" rief er dann dem wachhabenden Offizier zu. Junge, he hätt aber bannig scharp uppaßt," äußerte Matrose Zeusen, als die Leute hatten wegtreten können. Und he mutt doch wat verstahn! Ummer blots mal so mit dat genaue Oog henkeken (hingesehen) und denn wüßt hei Be- scheed."352 16. Kapitel. ^SS Za, natürlich entgegnete Markward. Dasör is hei doch ook Ammiral. Aber Ich bin zufrieden hett he doch seggt und dat schull hei ook woll, denn wenn een Minsch deiht wat he deiht, denn kann he nich mehr dohn as he deiht," und darin hatte Markward entschieden recht. Wer seine Pflicht ernstlich tut, der tut sie auch sich und anderen zur Genüge. Herr Oberbootsmann, Sie kennen Seine Exzellenz wohl schon von früher her?" fragte in der Deckofsiziersmesse der Obermaschinist Garlich den Oberbootsmann. Seine Exzellenz gab Ihnen so freundlich die Hand und sprach so lange mit Ihnen." Ja, wir kennen uns schon länger," gab Oberbootsmann Brandow langsam zu. Als ich Schiffsjunge war, da war er ^Unterleutnant, und seitdem sind wir schon oft zusammen gefahren." Ja, das sah man. Seine Exzellenz war ja ganz besonders liebenswürdig gegen Sie," meinte der Obermaschinist. Ich habe sonst schon gehört, es soll nicht gut Kirschen essen mit ihm sein." Wenn man seine Sache versteht und seine Pflicht tut, dann ist der Admiral auch zufrieden und findet nix aus zusetzen," brummte der Oberbootsmann, dem das Thema sichtlich nicht sehr angenehm war, und verließ die Messe. Sobald der Geschwaderchef die Porck" verlassen hatte, kamen von den anderen Schissen verschiedene Boote mit Kameraden an Bord, und es fand zwischen den Neuangekom menen und den aus Station Liegenden eine äußerst lebhafte und herzliche Begrüßung statt. Mensch, Reiche, du altes Torpedorohr! Wie geht es dir denn, du Luftfrosch? Bist du immer noch so ausgeblasen?" schrie Leutnant Friedemann von der Hansa" seinen Duzfreund und Crewkameraden Reiche an. Wie geht es dir, Kerlchen? Das ist ja sehr nett, daß ihr endlich hier seid, wir haben schon lange auf euch gewartet!" Ja, das sieht man dir an, Bohnenstange," antwortete Reiche lachend, du bist vor lauter Warten ja noch dünner geworden als früher, Mensch, und siehst schon beinah so gelb aus wie so n oller ausgemergelter Kuli. Wirst du an Land nicht manchmal arretiert?"Leutnant Friedemann blieb natürlich die Antwort nicht schuldig und hatte auch noch allerlei kleine Liebenswürdigkeiten für Reiche bereit. Auch zwischen den übrigen Offizieren war die Begrüßung fast durchweg kameradschaftlich intim, wobei das Wort nicht groß auf die Wagschale gelegt wurde. Dann ging s an ein Erzählen, hin und her, über dies und das und jenes, ob die Borck" jetzt in den Geschwaderverband eintreten müßte und ein anderes Schiff nach Hause ginge, was für neueste Depeschen von zu Hause gekommen wären, wie es in der Welt aussähe und so weiter. Wenn ein Schiff sechs Wochen lang unterwegs gewesen ist, will jeder natürlich alles und zwar das Neueste erfahren. Während einige der Besucher zum Essen auf der Dorck" blieben, nahmen sich andere ein paar Kameraden mit aus ihr Schiff, und nach wenigen Tagen war die ganze Rorck"-Be- satzung mit den Kameraden so vertraut und bekannt, als ob sie schon, wer weiß wie lange, zum Geschwader gehörten. Acht Tage lasse ich Ahnen Ruhe, Eisenhart, damit Sie sich von Ahrem langen Trip erholen können," sagte Vizeadmiral Gertring am Begrühungsabend, der auf dem Flaggschiff zu Ehren der Yorck"-Offiziere stattfand, dann muß ich Sie aber wieder hinausjagen." Gewiß, Exzellenz," antwortete Kapitän Eisenhart. Mit acht Tagen haben wir auch reichlich genug. Die lange Liegezeit in Callao war uns allen schließlich schon reichlich zu viel ge worden." Diese acht Tage wurden von den Offizieren und Mann schaften ausgenutzt, um sich an Land wieder einmal tüchtig aus zulaufen und Tsingtau nebst Umgebung kennen zu lernen. Für diejenigen von der Besatzung der Borck", die zum ersten Male nach Ostasien kamen, bot selbst das zivilisierte Tsingtau doch noch viel des Reuen und Fremdartigen. Als Matrose Fensen mit seinen Kameraden aber von einem Besuch in Ta-pau-tau zurückkehrte, erklärte er entrüstet: Dor gah ick mien Daag nich wedder hen! Dat stinkt mi dor to bannig bi de ohlen Tschincsen! Swinegel sünd dat! Gräsig seht sei ut!" und er schüttelte sich aus Widerwillen vor dein chinesischen Schmutz. Rach acht Tagen machte sich die Vorck" wieder aus den Bcrnstorff, A Bord des Panzerkreuzers Norck". 2516. Kapitel. Weg, aber als sie diesmal den Hafen verließ, wehte statt des Kommandantenwimpels die Flagge des Geschwaderchefs am Vortopp. Eisenhart, ich muß nach Yokohama und Lchddo, aber da der ,Fürst Bismarck^ flügellahm ist, werde ich mich bei Ahnen einschiffen, und Sie bringen mich hinunter," hatte der Chef er klärt, war mit seinem Adjutanten auf die Borck" übergesiedclt und blieb auch während der nächsten drei Monate an Bord. So," sagte Petersen, als es bekannt wurde, daß der Geschwaderchef mitfahren wollte, nu sünd wi de Böbersten (Höchsten), und de annern möht dohn, wat wi wollt. Nu is dat n ganz annern Slag." Ja," entgegnete Jenfen, nu hett bat erst richtige Ort, nu möht de annern scheeten, wenn wi rinkaamt." Er meinte damit, daß fremde oder andere Kriegschisfe jetzt die an Bord der Borck" wehende Vizeadmiralsflagge salutieren müßten, wenn sie ihnen begegneten oder sie im Hafen anträfen. Die jüngeren Herren der Offiziersmesse waren anfangs weniger erbaut davon, daß der höchste Vorgesetzte der ostasiati schen Station sie mit seiner Anwesenheit beglücken wollte. Sagen Sie, was Sie wollen, aber reden Sie nicht," sagte Heinrich zu Reiche. Die Liebe zu den Vorgesetzten nimmt zu mit dem Quadrat der Entfernung." Na ja, im allgemeinen," erwiderte Reiche, aber ich glaube, es ist mit ihm auszukommen." Ja, mag sein, aber beengt fühlt man sich durch seine An wesenheit doch," versetzte Heinrich. Übrigens ich weiß schon, wenn er anfängt zu brummen, bändige ich ihn durch Liebens würdigkeit." Na, passen Sie nur aus, daß er Sie nicht trotz Ihrer Liebenswürdigkeit mit Haut und Haaren frühstückt!" rief Wohlfahrt. Ich bin durchaus Ihrer ersten Meinung, daß Vorgesetzte, besonders so hohe, immer dann am angenehm sten empfunden werden, wenn sie aus der anderen Seite sind. Na, das ist nun hier mal nicht mehr möglich. Nachdem man uns einmal hierher geschickt hat, werden wir die Geister, die wir nicht gerufen, wohl nicht wieder los. Also fügen wir uns mit Würde in das ünvermeidliche."Das letzte Hurra!" 3 55 Der Seschwaderchef erwies sich auch als ein ganz um gänglicher Herr. Vor allen Dingen kümmerte er sich um den inneren Dienst der Borck" gar nicht, sondern betrachtete sich tatsächlich, wie er es auch dem Kommandanten gegenüber geäußert hatte, als Gast an Bord, und schließlich bot seine An wesenheit für das Schiff in mancher Beziehung sogar viel An genehmes, da der Chef nicht nur Yokohama, sondern auch noch eine ganze Anzahl anderer japanischer Häfen und vor allen Din geil die Kriegshäfen Japans aufsuchte, wo es für die deutschen Offiziere viel Interessantes zu sehen und zu beobachten gab. Das sollt man gar nicht glauben, daß die Japaner so ne schönen, großen Schiffe selber bauen und damit fahren können," äußerte Obermaat Schwarz, als sie einem japanischen Linien schiffsgeschwader voll sechs großen Schiffen und einer Anzahl kleinerer Aufklärungsschiffe begegneten. Ja, sie haben sich mächtig rausgemacht," entgegnete Obermaat Wandelt, wenn ich denk , früher, als ich das erste Mal herkam, da war das eigentlich alles noch nichts, und jetzt haben sie ne Flotte größer als wir." Mit einem gewissen Gefühl des Steides betrachteten die Unteroffiziere die riesigen japanischen Schisfskolosse. Schwarz meinte dann aber: Einerlei, was sie früher waren, tüchtige Leute sind es doch. Das haben sie gezeigt, und da muß man alle Achtung vor ihnen haben." Dem stimmten seine Kameraden zu, und bei verschiedenen Besuchen, die sie anBord japanischer Kriegschiffe machen konnten, fanden sie Gelegenheit, sich ein gehender über den Dienstbetrieb dort zu unterrichten. Mit größter Bereitwilligkeit zeigten ihnen die Japaner ihre Schiffe und Geschütze, deren Bedienung und Handhabung, so daß Obermaat Schwarz schließlich seinen Divisionsofsizier fragte: Herr Oberleutnant, wie kommt es eigentlich, daß die Japaner größere Schiffe haben als wir? Und daß sie so gut damit um gehen können?" Das haben sie uns und anderen Nationen abgelernt," antwortete Oberleutnant Reiche. Sie haben so lange darauf studiert, bis sie es konnten, und daß sie es ordentlich gelernt hatten, haben sie ja im Krieg gegen die Russen gezeigt." Die Japaner sind überhaupt famose Leute, und ich finde, es ist auch an Land sehr nett," meinte daraus Schwarz.356 16. Kapitel. Dieser Ansicht war nicht nur Obermaat Schwarz, sondern mit wenigen Ausnahmen das ganze Schiff, und mit Recht, denn Japan, weiügstens in seinem südlicheren Teil, kann wohl als eines der angenehmsten Länder bezeichnet werden. Nach dreimonatiger Abwesenheit kehrte die Porck" wieder nach Tsingtau zurück, und hier gab der Chef dem Schiff nun für einige Wochen Zeit, vor allen Dingen die stark angestrengten Maschinen und Kessel gründlich zu überholen. An buntem Wechsel mannigfacher Fahrten nach ver schiedenen Häsen und Weltteilen, hierhin und dorthin, in stetem Wechsel von gutem Wetter und Sonnenschein mit Regen, Sturm und Unwetter, in unausgesetzter, angestrengter Tätig keit von Anbeginn jeder Woche bis zu deren Ende und ver hältnismäßig wenigen Erholungstagen verging für die Besatzung der Porck" in raschem Fluge ein weiterer Monat nach dein anderen. Die dienstliche Tätigkeit aber sowohl wie die gemein- sam gefeierten Feste knüpften das kameradschaftliche Band zwischen Vorgesetzten und Untergebenen im Laufe der Zeit immer fester. Die Offiziere verehrten ihren Kommandanten, der mit stets gleichbleibendem Wohlwollen und in ruhiger Stetigkeit und Festigkeit sein ganzes Schiff lenkte, auf das höchste. Die Unteroffiziere und Mannschaften waren sich ebenfalls bis zum letzten Mann darüber klar geworden, daß Kapitän Eisenhart zwar in seinen dienstlichen Anforderungen äußerst streng war, anderseits aber auch bei Fehlern Nachsicht übte und selbst Ver gehen, wenn sie zum ersten Male begangen wurden, schonend beurteilte. Nur bei wiederholten Verstößen gegen militärische Disziplin und Unterordnung war Kapitän Eisenhart von außerordentlicher Strenge; sie ereigneten sich indessen auch nur äußerst selten. Unter einem solchen Kommandanten aber hatte jeder, vom ersten Offizier bis zum letzten Matrosen, stets gern und freudig seine Pflicht getan, mochte deren Er füllung mitunter auch noch so schwer gewesen sein. Nun neigte sich das zweite Jahr dem Ende zu, und bald sollte für die Besatzung der Porck" die Stunde schlagen, in der sie das Schiff, das ihnen zwei Fahre hindurch Haus und Heimat gewesen war, aus dem sie gemeinsam Freud und Leid miteinander getragen hatten, an die neue Besatzung ab-Das letzte Hurra!" 357 geben mußten, um selbst aus einem Dampfer die Heimreise anzutreten. Wissen Sie, Reichard, ich kanrüs Ahnen ja ruhig sagen, es wird mir ordentlich schwer ums Herz bei dem Gedanken, daß ich mein schönes Schiff jetzt abgeben muß und wir nicht mehr gemeinsam weiterstreben können," äußerte Kapitän Eisenhart zu seinem ersten Offizier. Herr Kapitän, ich glaube, es ist niemand an Bord, dem es nicht ebenso ginge," entgegnete Kapitän Reichard. Was mich und die Kameraden in der Messe anbetrisst, so kann ich Herrn Kapitän versichern, wir führen mit dem größten Ver gnügen noch zwei Fahre unter Ahnen. Wir haben schon häufig darüber gesprochen und trösten uns nur immer mit dein Gedanken, daß wir wenigstens alle zusainmen das Schiff verlassen müssen, und daß keiner von uns an Bord bleibt. Haben Herr Kapitän schon genaue Nachricht, wann die Ablösung kommt?" Nein," antwortete der Kommandant. Das Telegramm wird wohl durch den Herrn Gouverneur oder durch den Chef an uns gelangen. Ich werde es Ihnen sofort sagen, wenn es da ist." Nun war das Telegramm eingetroffen, daß der Lloyd- dampfer Prinz Eitel Friedrich" Hongkong verlassen habe, und es handelte sich für die Besatzung der Porck" nur noch um Tage, daß sie auf ihrem Schiff bleiben durfte. Dann lief der Lloyddampfer in den Hafen von Tsingtau ein und machte an der Mole fest. Der neue Kommandant, der neue erste Offizier und der ablösende Navigations- und Artillerieoffizier, der neue Stabs arzt und Stabsingenieur kamen an Bord, um sich die Porck" anzusehen und alles wegen der Übergabe zu besprechen. Wie im Fluge eilten die Stunden dahin, und schließlich war alles bereit. Zum letzten Male ließ Kapitän zur See Eisenhart seine Mannschaft in Musterungsdivisionen antreten, und diesmal standen alle Leute an Deck, auch nicht ein einziger war unten geblieben. An der Maschine arbeitete bereits das neue Personal. Kameraden!" begann Kapitän Eisenhart. Wir sind heute zum letzten Male hier dienstlich an Bord zusammen. Volle zwei Jahre hindurch habe ich die Ehre gehabt, dieses16. Kapitel. Schiff unter meinem Kommando zu führen, und volle zwei Jahre lang habe ich, das mutz ich aussprechen, die Freude ge habt, mit Ihnen zusammen an Bord zu sein. Wir haben zu sammen gelebt und gewirkt, gearbeitet und gestrebt, um vor wärts zu kommen im Dienst, um das zu erreichen, was ich Ihnen einst als unser Ziel vorgehalten habe, das Schwert, das deutsche Schwert scharf und blank zu machen. Nach dem Urteil unserer Vorgesetzten ist es uns gelungen, die Schlag- fertigkeit rmd Kriegsbereitschaft des Panzerkreuzers ,Porck^ auf eine hohe Stufe zu bringen, und wir können uns über dieses Urteil mit Recht freuen und darauf stolz sein. Aber die Freude darüber würde nur eine äußerliche sein und bald vergessen werden, wenn wir unseren Dienst nicht selbst mit innerer Freudigkeit getan hätten, und zwar um seiner selbst willen, und nicht nur, um das Lob der Vorgesetzten zu erringen. Wenn wir etwas erreicht haben, so konnte das nur ge schehen durch einmütiges Zusammenarbeiten aller Kräfte. Wir haben uns gegenseitig darin unterstützt, und ich danke Ihnen allen von dieser Stelle aus, von der ich des öfteren zu Ihnen gesprochen habe, für Ihre Unterstützung. Ich danke be sonders dem ersten Offizier und den übrigen Offizieren für ihren unermüdlichen Diensteifer, die Lust und Liebe, mit der sie jederzeit an den Dienst herangegangen sind. Ich danke den Deckossizieren und Unteroffizieren dafür, daß sie nie ver sagt haben, und daß sie es verstanden haben, mit ihren Unter gebenen in gutem Einvernehmen, in Frieden und Eintracht zusammen zu leben. Ich danke auch ganz besonders der Mannschaft selbst dafür, daß sie immer eifrig und willig bestrebt gewesen ist, den oft schweren Anforderungen des Dienstes zu genügen, daß sie durch ihr musterhaftes Verhalten an Land dem Schiff einen guten Ruf verschafft und dafür gesorgt hat, daß dieser allezeit erhalten geblieben ist. Jetzt naht der Augenblick des Abschieds, Kameraden, wo wir unser Schiff verlassen müssen. In die Heimat zurückgekehrt werden die meisten von uns den Rock des Kaisers, den sie bisher mit Ehren getragen haben, ablegen können. Wir anderen werden ihn weiter tragen und uns weiter bemühen, dem kaiserlichen Dienst gerecht zu werden. Wenn ich nun noch einen Wunsch äußere, so ist es der, bewahren Sie alle demDas letzte Hurra!" 359 Schiff und Ihrer Dienstzeit hier an Bord ein gutes Gedenken, suchen Sie das Schwere zu vergessen und das Schöne in der Erinnerung zu behalten, so daß Sie auch in späten Jahren noch gern an diese Zeit zurückdenken und, wenn Sie Ihr Leben überblicken, mit Freude und Stolz sagen: Eine der schönsten Zeiten in meinem Leben waren die Jahre an Bord S. M. S. ,Porckü And nun rttfen wir zum letzten Male zum Abschied von dieser Stelle: Seine Majestät, unser Allergnädigster Kaiser, König und Herr, Kaiser Wilhelm II. hurra, hurra, hurra!" Brausend klang das dreifache Hurra über Deck hin, und wie Kapitän Eisenharts Blick die Gesichter seiner Leute über flog, da leuchtete mts allen Augen freudige, ehrliche Be geisterung hervor. Wenn auch unter den Verheirateten sich mancher befand, der sich aus die Heimreise und das Wiedersehen mit allen seinen Lieben daheim freute, so wäre doch keiner von Bord gegangen, wenn er unter dem jetzigen Kommandanten und dem Ofsizierkorps noch länger auf der Porck" hätte bleiben können. Diesem allgemein gehegten Gedanken gab Matrose Jensen auch offen Ausdruck mit den Worten: Mientwegen harrn wi ruhig noch een ganze Tied lang hier bliewen kunnt! Dor harr ick gornix gegen hatt! Denn harr ick eenfach kaptuleert, und Mudder harr noch ül Wilen töwen müßt!" Nach wenigen Tagen lag der Prinz Eitel Friedrich" wieder klar zum Auslaufen, und als er aus dem Hafen dampfte, flatterte vom Großmast der lange Heimatswimpel, das Zeichen, daß eine Schiffsbesatzung in die Heimat zurück kehrte. Als die neue Besatzung der Porck" den abgelösten Kameraden drei Hurras hinüberrief, antworteten diese, aber dem Ruf fehlte der helle Klang, und es war keiner unter den Hunderten, dessen Augen nicht bis zum letzten Augen blick auf seinem alten Schiff geruht hätten!Vf t Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart, Berlin, Leipzig. Neue Kriegsbücher für die Jugend. Ich hatt einen Kameraden. Von Max. Kern. Mit 4 Einschaltbildern von Prof. A. Hoffmann. Gebunden 4 Mark 50 Pf. Ein fesselndes Bild von treu- deutschein Zusammenhalten daheim und draußen vor dem Feind. Da heim helfeir opferwillige Beamte und Freunde dem angesehenen Fabri kanten sein durch die Unterbrechung der ausländischen Verbindungen ge fährdetes Unternehmen wieder eine feste Basis zu bringen. Die junge Generation aber die Kriegs freiwilligen! übt sich indessen eifrig im Waffenhandwerk und besiegelt dann dranffen auf den Schlachtfel dern in West und Ost durch ihr für Deutschlands Größe vergossenes Blut den Bund echter Kameradschaft, beit der große Krieg ins Leben rief. Es ist ein Buch, das begeisterungssrohen deut schen Knaben rückhaltlos empfohlen werden kann. 1914 1915. MIMrUige MWleWe. Gesammelt und herausgegeben von Max Felde. (Kamerad-Bibliothek Bd. 25.) Mit einer Anzahl Abbildungen. Gebunden 5 Mark. Keine Erzählung, sondern packende Bilder, ivie sie iir den Kampffronten int Westen, Osten und Süden durch die Lage der Dinge gezeitigt und von tapferen Mitkämpfern unter der Einivirknng des Selbsterlebnisses in gliihenden Farben geschildert wurden. Also Milteilnitgen aus den: Felde, die in der Tat für ewige Zeiten denkwürdig bleiben werden, weil sie beredte Dokumente für den Gang und den Charakter der gewaltigen Kümpfe sind, die Deutschland, die ihm verbündete Donaumonarchie und das Osmanenreich gegen eine Welt von Wider sachern notgedrlmgen führen mußten. Zn haben in allen Buchhandlungen.VI i Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart, Berlin, Leipzig. Stuttgarter Jugendbücher. Eine Sammlung der besten und volkstümlichsten Jugend schriften in neuen, den heutigen Anforderungen ent sprechenden Ausgaben. Verzeichnis der bisher erschienenen Bände: 1. Im Kampf ums Neuland in Südtvest. Eine Erzählung aus dem Herero- ausstand. Von O. Metterhausen. Mit 4 Abbildungen von H. Grobet. Geh. M. 1.-, geb. M. 1.60. 2. Märchen. Von Wilhelm Hauff. Mit 6 Abbildungen von E. Zimmer. Geh. M. 2.50, geh. M. 3.40. 3. Deutsche Volksbücher VonGustav Schwab. I.Band. Mit ö Abbildungen non E. Zimmer. Geh. M. 2. , geb. M. 2.80. 4. Der Mensch denkt und Gott lenkt. Voit Franz Hoffmann. Mit 4 Abbildungen von E. Bachrach-BarSe. Geh. M. 4. , geb. M. 1.60. 5. Ein armer Knabe. Von Franz Hoffmann. Mit 4 Abbildungen von Max Vogel. Geh. M. 1. , geb. M. 1.60. 6. Andreas Hofer und seine Getreuen. Von Julius Renper. Mit 4 Abbildungen. Geh. M. 1.50, geb. M. 2.20. 7. Der Dommeister von Regensburg. Das Bombardement von Schärding. Bon Herman Schmid. Für die Jugend herausgegeben von Ludiv. Bencker. Mit 4 Abbildungen von L. Berwald. Geh. M. 1.50, geb. M. 2.20. 8. Der Iägerwirt Von München. Von Herman Schmid. Für die Jugend herausgegeben von Lndiv. Bencker. Mit 4 Abbildungen. Geh. M. 1.50, geb. M. 2.20. s. Sven v. Hedins abenteuerliche Reise durch Tibet. Aus Grund von Hedins Werk Abenteuer in Tibet" der Jugend und dem Volke erzählt von Gustav Gast. Mit 4 Abbildungen. Geh. M. 1.50, geb. M. 2.20. 10. Deutsche Volksbücher. Von Gustav Schwab. II. Band. Mit 5 Abbil dungen von H. Grobet. Geh. M. 2.50, geb. M. 3.40. 11. James Cook oder Dreimal um die Erde. Von H. Meißner. Reu bearbeitet von Gustav Gast. Mit 43 Abbildungen von F. Bergen. Geh. M. 2.50, geb. M. 3.40. 12. Die Geist et von Nicaragua. Eine Erzählung von Otto Rudert. Mit 4 Einschaltbildern von H. Grobet. Geh. M. 1.50, geb. M. 2.20. 13. Auf der Wacht im Osten. Eine Erzählung aus dein Weltkriege 1014 15 von V. Schultz. Mit 4 Einschaltbildern von A. Roloff. Geh. Ai. 1.80, geb. M. 2.60. Diese neue, von Künstlerhand mit Abbildungen geschmückte Sammlung bester Jugendbücher nimmt in der deutschen Jugendliteratur eine Souder- stellung eilt. Sie enthält in kritischer Auswahl das Schönste und für unsere Kinder am meisten Geeignete, und zwar Bekanntes und Bewährtes, wie auch zahlreiches Neues. Die Bände empfehlen sich schon äußerlich als gediegene Gcschenkbücher. Zn haben in allen Buchhandlungen.VI Union Deutsche Derlagsgesellschaft in Stuttgart, Berlin, Leipzig. Belehrende und unterhaltende Beschäftigungsbücher: WklkW sw KM. 8 ist der lann. 4 mehrfarbigen Beilagen. Eine Anleitung zur Handsertigkeit slir Bastler. Bon Eberhard Schnetzler. 6.-9. Aufl. Mit 409 Abbildungen. Praktisch gebunden 5 Mark. Ein praktisches Buch im Sinne des Handfertigkeitsunterrichts. Es macht mit der Handhabung aller wichtigen Werkzeuge bekannt und zeigt, wie und was man sich alles selbst machen kann. Es leitet zu allen möglichen Herftellungs- arbeiten an und wird der bastelnden Jugend, die sich gern mit der Selbsther- stellnng und Reparatur häuslicher Gegenstände befasst, ein guter Ratgeber sein. Staatsanzeiger, Stuttgart. Ein neues Beschäftigungsbuch bei Sonnenschein und Regenwetler. Von Maximilian !ier . 2. 14. Auslage. Mit 441 Abbildungen und Gebunden 5 Mark. bildungen. Belehrende uitd unterhaltende Experi mente für jung und alt. Von Hans Dominik. 9. 11. Auslage. Mit 21a Ab- Gebunden 4 Mark 50 Ps. AMnnle MeiiMt. MmMier. Eine Sammlung unterhaltender und belehrender pbysi- kalischer Spielereien. Mit zahlreichen Jllnflratioiten. 8. Auslage 17. 21. Tausend). Gebunden 4Mark 50 Pf. Ein sehr amüsantes, dabei nützliches und belehrendes Buch! Die darin ent haltenen physikalischen Spielereien uitd Experimente können ohne umständliche Vorbereitungen und Apparate von jedermann ausgesnhrt werden und bieten für jung und alt nicht allein eine angenehme Unterhaltung, sondern auch mannig fache Anregung zum Nachdenken. glettrotedinifities MmentierM ft Men. Eine Anleitung zur Ausführung elektrotechnischer Experimente unter Ver wendung einfachster, meist selbst herzustellender Hilfsmittel. Von Eberhard Schnetzler. 20. 24., neu bearbeitete Auflage. Mit 250 Abbildungen. Ge bunden 4 Mark. Nichts macht dem gewerkten Jungen so viel Freude, nichts ist so nützlich für ihn, als wenn ihm Unterweisung zu praktischen Experimenten dem Ge biete der Elektrotechnik geboten wird, ein trefflicher Leitfaden dafür ist das vorstehende Buch. Die Woche. MMIWz öteriineiitiecWi lüt Men. (Sine Anleitung zur Ausführung physikalischer Experimente und zur Selbstansertigung der hierzu nötigen Apparate. Von Richard Beiff- tvanger. 2. 6. Aufl. Mit 218 Abbil dungen. Gebunden 4 Mark. Der trockene Ton, der sich vielfach in Physikbüchern findet, ist hier geschickt ver mieden, das Interesse wird geweckt durch Beobachtung, Erklärung und Experi mentieren mit selbstgesertigten und ein fachen Apparaten. Die vielen Anleitun gen zur Selvstaufertigung solcher Appa rate und zur Ausführung von Experi menten und Spielen erhöhen den Wert des Buches. Auch dein neuzeitlichen Bestreben, den Handferligkeitsunterricht in Verbindung zu bringen mit dem Schulunterricht, ist matzvoll und zweck entsprechend Rechnung getragen. Ein galvanischer Apparat. Zu haben in allen Buchhandlungen. Illustrierter tkatalog vortrefflicher Geschenkbücher und Jngendschriften von der Verlagshandlung kostenfrei.H nBorbbes Panzer* Kreuzers yorck rund um die Erbe lern. cm 1 Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz
